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Psychologie. Hirnforschung. Medizin.

Nr. 12/2017  € 7,90 · 15,40 sFr. · www.gehirn-und-geist.de

Neue Serie
Wie funktioniert
das Gedächtnis?

Das
kreative
Gehir
s
nchöpfe r is
Oliver Sacks über das n uns steckt
che Pote n zial,
das in jedem vo
D 5752 5

Das Island-Experiment Ehrfurcht Chip im Gehirn


Erfolgsprogramm Hinter den Kulissen So können Gelähmte
gegen Drogensucht des tiefsten Gefühls wieder Kaffee trinken
Ab 17. 11. 2017 bei Ihrem
Zeitschriftenhändler!

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RYANJANE3 / STOCK.ADOBE.COM

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EDITORIAL

Ausgezeichnet!
I N D I E S E R AU S G A B E

GETTY IMAGES / KEYSTONE / HULTON ARCHIVE


W
arum sollten wir es nicht zugeben? Als Oliver Sacks 2003
seinen »Fall Anna H.« in »Gehirn&Geist« aufrollte, waren
wir schon ein wenig stolz: der berühmteste Neurologe der
Welt als Autor in unserem damals knapp ein Jahr alten Magazin! Die
Geschichte einer Pianistin, die auf Grund einer fortschreitenden
Alexie zunächst keine Noten und später auch keine Briefe mehr lesen
konnte, war ein typisches Beispiel für Sacks’
unverwechselbare Prosa: einfühlsam geschrie- Der Nobelpreisträger Roger Wolcott
ben und dabei wissenschaftlich fundiert – ein Sperry (1913–1994) wurde durch
seine Split-Brain-Experimente berühmt.
Stück Literatur, nicht nur eine Patientenstory.
Doch auch auf anderen Forschungs­
Es war diese unnachahmliche Auseinan- gebieten leistete der Neurobiologe
dersetzung mit Schicksalen und neurowissen- ­Pionierarbeit (S. 52).
schaftlichen Phänomenen, die Oliver Sacks
zum international geachteten Sachbuchautor
und Publizisten gemacht hat. Als er im
­August 2015 verstarb, trauerten Leser weltweit
Carsten Könneker um ihn. Bis zuletzt hatte er noch an einem
Chefredakteur neuen Band über die schöpferische Gabe des
koenneker@spektrum.de Gehirns geschrieben. Nachdem seine engsten
Mitarbeiter das Buch aus Sacks’ Nachlass nun
fertig gestellt haben, erscheint es demnächst unter dem Titel »Der
Strom des Bewusstseins« auch auf Deutsch. In diesem Heft legen wir
Oliver Sacks’ Gedanken über die kreative Kraft des Gehirns als ex­
klusiven Vorabdruck vor (ab S. 12) – unsere Würdigung dieses großen
Wissenschaftsautors, der 82 Jahre alt wurde.

S
tolz sind wir auch auf einen unserer
jüngsten Autoren, Theodor Schaar-
schmidt. Der Psychologe, der 2014 seine
Wie lässt sich Autismus früher erkennen?
ersten journalistischen Erfahrungen als Re-
Die Arbeiten der italienischen Neuro­
daktionspraktikant bei uns sammelte, wurde wissenschaftler Orsola Rosa-Salva,
am 19. Oktober in Berlin mit dem Georg Elisa Di Giorgio (unten) und Giorgio
von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjour- ­Vallortigara könnten hier helfen (S. 68).
nalismus in der Kategorie Nachwuchs
­ausgezeichnet. Regelmäßige Leserinnen und
Leser kennen seine hervorragend recherchierten Artikel. Erst im
letzten Heft hatte er kritisch über die Auswirkungen der Antipsychiatrie-
Bewegung der 1970er Jahre berichtet. Der renommierte Preis wurde
ihm verliehen für seine »Gehirn&Geist«-Texte über methodische
Schwächen in Hirnforschungsstudien zu Geschlechtsunterschieden
(Heft 12/2015), die Folgen von rechtem Hass im Internet (Heft 5/2016)
sowie über die Auswirkungen von Macht (Heft 8/2016).

Herzlich grüßt Sie Die Psychologinnen Moïra Mikolajczak


Ihr und Isabelle Roskam (rechts)
begleiten seit 2011 rund 3000 Eltern. Ab
S. 74 erklären sie, wie sich ein Burnout-­
Syndrom bei Müttern und Vätern äußert.

GEHIRN&GEIST 3 12_2017
IN DIESER AUSGABE

LINKS: IMAGINEGOLF / GETTY IMAGES / ISTOCK


MITTE: ISTOCK / SASHKINW
RECHTS: ANDY SPEARS
Psychologie Hirnforschung Medizin
Serie Gedächtnisforschung
Teil 1
Wunder Der Stoff, aus dem Bewegung per
des Alltags Erinnerungen sind Gedanken
20 Wann sind Sie das letzte Mal
ehrfürchtig gewesen? Und
hat Sie das eher beglückt oder
40 Manche Erlebnisse brennen
sich geradezu in unser
Gedächtnis ein. Doch was passiert
60 Ian Burkhart ist quer-
schnittsgelähmt. Aber dank
eines Computerchips in seinem
eingeschüchtert? Neuerdings loten dabei genau im Gehirn? Der erste Gehirn, der die motorischen Befeh-
Forscher das geheime Potenzial Teil der neuen Serie zur Gedächtnis­ le des Patienten aufzeichnet,
solcher Erfahrungen für Gesund- forschung beleuchtet die physiolo- und einer Manschette mit Elektro-
heit und Wohlbefinden aus. gischen Grundlagen unserer Erin- den an einem Arm kann er diesen
Von Patricia Thivissen nerungen. wieder willentlich bewegen.
Von Martin Korte Von Yudhijit Bhattacharjee
26 Das Island-Experiment
Wie man Jugendliche am wirk- 48 Gute Frage 68 Gespür für Lebendiges
samsten vor Drogenmissbrauch Fördert Hypnose ver- Schon Neugeborene besitzen ein
bewahrt, ist eine strittige Frage. schüttete Erinnerungen verblüffendes Talent, Lebewesen
zu Tage?
Verbote und Drohbotschaften anhand bestimmter Signale von
entfalten jedenfalls meist nicht die Der Psychologe Dirk Revenstorf unbelebten Objekten zu unterschei-
gewünschte Wirkung. Island ging über die Macht und die den. Bei Babys mit erhöhtem
daher einen anderen, radikalen Grenzen hypnotischer Trance. Autismusrisiko scheint diese Fähig-
Weg – mit durchschlagendem keit jedoch schwächer ausgeprägt
Erfolg. 52 Scharfsinniger zu sein.
Hirnspalter
Von Emma Young Von Orsola Rosa-Salva, Elisa Di Giorgio
Der Neurobiologe und Nobelpreis- und Giorgio Vallortigara
34  Interview träger Roger Wolcott Sperry galt als
»Die Angehörigen ebenso feinsinniger wie kritischer 74 Eltern am Ende
­entscheiden, wie viel sie Geist. Dass die beiden Hirnhälften ihrer Kräfte
wissen wollen« jeweils auf bestimmte Aufgaben Nicht nur Stress am Arbeitsplatz
Die Hamburger Psychologin spezialisiert sind, gehört zu seinen macht krank: Auch Eltern können
­Angélique Mundt hat eine heikle bekanntesten Erkenntnissen. Aller- ein Burnout-Syndrom entwickeln.
Aufgabe: Gemeinsam mit Poli- dings verdankt die Neurowissen- »Gehirn&Geist« verrät, wie Be­
zisten überbringt sie Eltern, schaft dem Multitalent noch manch troffene die ersten Warnzeichen
­Kindern und anderen Verwandten weitere Einsicht. Ein Porträt. er­kennen.
Todesnachrichten. Von Christian Wolf Von Moïra Mikolajczak und
Isabelle Roskam

GEHIRN&GEIST 4 12_2017
Editorial  3
Geistesblitze
u. a. mit diesen Themen: Musik
macht Männer sexy / Stamm­
zellen helfen gegen Parkinson /
Schon Kleinkinder schauen sich
Hartnäckigkeit bei Erwachsenen
ab / Über Blau und Grün lässt
sich streiten  6
Therapie kompakt
Die eingebildete Demenz /
Borderline als Reaktion auf
Schmerzen? / Mit Interventionen
gegen Ärger und Wut58
Bücher und mehr
u. a. mit Hans-Werner Wahl: Die
neue Psychologie des Alterns /
Julian Strauß: Der Doppelgän-
ger / ­Emily Witt: Future Sex /
Katrin Rönicke: Sex. 100 Seiten /
Sven J. Matten, Markus J. Pausch:
DIRK REINARTZ; MIT FRDL. GEN. VOM ROWOHLT VERLAG

Angst- und Panikstörungen im


Beruf​80
TV- & Radiotipps 86
Impressum87
Vorschau89

Titelthema: Kreativität

FRANK EIDEL; MIT FRDL. GEN. VON


ECKART VON HIRSCHHAUSEN
Das kreative Selbst
12 Der berühmte Neurologe Oliver Sacks starb 2015 im Alter
von 82 Jahren. Nun erscheint das letzte von ihm selbst konzi­
pierte Werk. In dem hier exklusiv vorab veröffentlichten Auszug
aus der deutschen Ausgabe »Der Strom des Bewusstseins« widmet sich Hirschhausens Hirnschmalz
der Meister der medizinischen Fallgeschichte der faszinierenden Spaziere um dein Leben!90
menschlichen Fähigkeit, Neues zu schaffen.
Von Oliver Sacks

Gehirn&Geist
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TITELBILD: GEHIRN: SLJUBISA / STOCK.ADOBE.COM; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST;
OLIVER SACKS: DIRK REINARTZ; MIT FRDL. GEN. VOM ROWOHLT VERLAG

GEHIRN&GEIST 5 12_2017
GEISTESBLITZE

EVGENYATAMANENKO / GETTY IMAGES / ISTOCK


Wahrnehmung
Musik macht Männer sexy

W
enn Frauen Musik hören, finden sie kom­plexe und als »stimulierend« eingestufte Klavier­
Männergesichter im Anschluss attraktiver, stücke gehört hatten. Auf Männer hatte die Musik
berichtet ein Team um Manuela M. Marin dagegen keinen Einfluss. Sie bewerteten Frauengesich­
von der Universität Wien. Die Wissenschaftler ter unter beiden Versuchsbedingungen in etwa als
spielten heterosexuellen Männern und Frauen mit gleich attraktiv.
gleichem Beziehungsstatus und ähnlichen Musik­ Die Wissenschaftler sehen die Studie als Hinweis
präferenzen verschiedene kurze Klavierstücke vor. darauf, dass Musik beim Menschen eine gewisse Rolle
Nach jedem Musikstück sollten die Teilnehmer bei der Partnerwahl spielen könnte. Sie ziehen hier
dann Gesichter von Personen des jeweils anderen zum Beispiel den Vergleich zu Singvögeln, bei denen
Geschlechts bewerten. die Männchen versuchen, weibliche Tiere unter
Frauen, die den Pianoklängen gelauscht hatten, so anderem durch ihren Gesang für sich zu gewinnen. In
das Ergebnis der Untersuchung, fanden die gezeigten Zukunft wollen Marin und ihre Kollegen das Experi­
Männergesichter anschließend im Durchschnitt ment mit einer größeren Anzahl an Versuchspersonen
schöner als die Teilnehmerinnen einer Kontrollgruppe, wiederholen und dabei herausfinden, ob Männer
die keine Musik gehört hatten. Zudem konnten sich entsprechend dem Klischee des sexy Rockstars auch
die betreffenden Probandinnen eher vorstellen, durch eigenes musikalisches Talent ihren Erfolg bei
mit den abgebildeten Männern auszugehen. Besonders Frauen steigern können.
ausgeprägt war dieser Effekt, wenn die Frauen sehr PLoS One 12, e0183531, 2017

GEHIRN&GEIST 6 12_2017
Scheitern
Nimm’s persönlich

U
nter Fehlschlägen zu leiden, motiviert viel Dabei legten sich jene Versuchspersonen, die sich
stärker zur Korrektur eines Fehlers, als nur emotional mit ihrem Fehlschlag auseinandergesetzt
darüber nachzudenken, was schieflief. Zu hatten, deutlich mehr ins Zeug und arbeiteten messbar
diesem Schluss kommt eine Arbeitsgruppe um Noelle länger als die andere Gruppe. Das liege vermutlich
Nelson von der University of Kansas. Die Forscher daran, dass es bei einer rationalen Betrachtungsweise
rekrutierten 98 Studenten und ließen sie online nach viel leichter falle, das Versagen kleinzureden oder
dem billigsten Küchenmixer suchen – eine Aufgabe, an äußeren Faktoren zuzuschreiben, so die Wissenschaft­
der alle Probanden scheiterten. Zuvor gab die Forsche­ ler. Der Trick mit den Gefühlen funktionierte aller­
rin ihnen Anweisungen für den Umgang mit dem dings nur, wenn die Teilnehmer sich anschließend
Ergebnis: Die Hälfte von ihnen sollte sich auf ihre noch einmal an etwas Ähnlichem versuchen sollten.
Emotionen konzentrieren, die andere Hälfte darüber Bekamen sie eine völlig andere Aufgabe gestellt,
nachdenken, was sie falsch beziehungsweise richtig profitierten sie weder von der einen noch von der
gemacht hatte. Anschließend baten Nelson und ihre anderen Bewältigungsstrategie stärker.
Kollegen die Teilnehmer, ein billiges Buch zu suchen. J. Behav. Decis. Mak. 10.1002/bdm.2042, 2017

Gedächtnis
Nager spielen schlimme Erinnerungen im Schlaf durch

W
enn Ratten tagsüber in ihrem Käfig schlech­ Verknüpfung der entsprechenden Zellen des Hippo­
te Erfahrungen machen, beispielsweise campus mit Zellen der Amygdala nieder.
weil sie an einer Stelle immer einen unange­ Das zeigte sich, als sich die Versuchstiere zur Ruhe
nehmen Luftstoß abbekommen, scheint ihr Gehirn begaben. Bekannt ist, dass Ratten im Schlaf die so
diese Erlebnisse im Schlaf erneut abzuspielen. Forscher genannten Ortszellen des Hippocampus in der gleichen
um György Buzsáki von der New York University Reihenfolge aktivieren wie während ihrer Streiftour
zeichneten in ihrer Studie die elektrischen Signale von durch den Käfig. Es wirkt darum so, als liefen die Tiere
Nervenzellen in zwei wichtigen Hirn­arealen mit die Strecken im Traum erneut ab. Vor allem aber
implantierten Elektroden auf: in der Amygdala, die stellten Buzsáki und Kollegen fest, dass die Amygdala­
Emotionen wie Angst verarbeitet, und im Hippo­ neurone immer dann wieder aktiv wurden, wenn jene
campus, der zentralen Schaltstelle für die Gedächtnis­ Nervenzellen feuerten, die die »gefährliche« Stelle im
bildung, in der sich auch das »neuronale Navigations­ Käfig repräsentierten. Auf diese Weise aktivierte das
system« befindet. Hirnzellen repräsentieren dabei Gehirn der Ratten vielfach die Verknüpfung zwischen
einzelne Stellen im Raum – ähnlich wie bei einer Land- den beiden Regionen und sorgte damit wohl dafür,
karte. Lernt eine Ratte, dass sie an einem bestimmten dass sie dauerhaft abgespeichert werden konnte.
Ort einen Luftstoß erhält, schlägt sich dies in einer Wie es sich für die Ratten anfühlt, wenn im Schlaf
der Hippocampus dergestalt aktiv wird, lässt sich
freilich nicht sagen. Vielleicht geht das Feuern der
Ortszellen, das sich beim Menschen ebenfalls beobach­
ten lässt, gar nicht mit entsprechenden Erlebnissen
einher. Gut möglich wäre es allerdings auch, dass eine
solche Aktivierung von Amygdalaneuronen als ähnlich
CRISSY1982 / GETTY IMAGES / ISTOCK

unangenehm empfunden wird wie das entsprechende


Erlebnis im Wachzustand. Die Notwendigkeit, Erinne­
rungen für die langfristige Speicherung wieder und
wieder zu aktivieren, könnte uns möglicherweise den
einen oder anderen Albtraum bescheren.
Nat. Neurosci. 10.1038/nn.4637, 2017

GEHIRN&GEIST 7 12_2017
Forschungspolitik
Weiteres Neuro-Großprojekt geht an den Start

U
nter dem Namen International Brain Lab (IBL) Im Zentrum des Interesses steht beim IBL die Frage,
haben sich 21 führende neurowissenschaftliche wie Verbünde von Nervenzellen im Gehirn Informa­
Forschungseinrichtungen zusammengeschlos­ tionen verarbeiten, etwa bei einfachen Entscheidungs­
sen. Die Teams aus Europa und den USA wollen problemen, die sich an Nagern untersuchen lassen. Die
künftig bei Experimenten und theoretischer Modellie­ Forscher nutzen dazu unter anderem implantierbare
rung an einem Strang ziehen. Vorbild sind ähnliche Chips, welche die Signale der Neurone erfassen,
Großprojekte in der Physik, beispielsweise am LHC bei während sich die Tiere durch ein Labyrinth bewegen.
Genf. Dort arbeiten Wissenschaftler aus hunderten Flache Hierarchien und Meetings über das Internet
Labors gemeinsam an den Beschleunigern und den sollen die gemeinsame Arbeit an Experiment und
dort produzierten Daten. Auswertung möglich machen. Die Simons Foundation
Ein wichtiges Bestreben des IBL ist es, die gemein­ in Washington und der Wellcome Trust in London
samen Experimente zu standardisieren. Seit Jahren stellen eine Anschubfinanzierung in Höhe von mehr
leidet die Hirnforschung darunter, dass Neurowissen­ als zehn Millionen Euro bereit.
schaftler zwar eine Unmenge an Daten produzieren, Das IBL reiht sich in eine Hand voll weiterer Hirn-
die Labors dabei aber zumeist eigenen Protokollen forschungsgroßprojekte ein: darunter das Human
folgen. Das erschwert die Interpretation der Resultate Brain Project, die Brain Initiative und die Brain Obser-
erheblich. Zudem ist geplant, IBL-Experimente immer vatories des Allen Institute for Brain Sciences in Seattle.
von einer weiteren Forschungsgruppe replizieren Sie alle haben als Ziel, die Ergebnisse der Labors
zu lassen, bevor sie veröffentlicht werden. Dies soll weltweit vergleichbar zu machen und in ein »Standard­
Qualität und Aussagekraft der Studien erhöhen. modell« der Hirnforschung münden zu lassen.

Parkinson
Stammzellen gegen Schüttellähmung

M
it Hilfe von Stammzellen ist es Wissenschaft­ Durch umfangreiche Tests konnte das Forscherteam
lern um Jun Takahashi von der Universität zudem belegen, dass sich die Dopaminneurone
Kyoto in Japan gelungen, Symptome der langfristig im Hirn der Tiere ansiedelten. Sie riefen
Parkinsonkrankheit bei Affen zu lindern. Dazu entnah­ dabei lediglich eine moderate Immunreaktion hervor.
men sie menschlichen Spendern ausgereifte Zellen, Und auch zwei Jahre später hatten die Affen keine
die sie zu induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) Hirntumoren entwickelt – eine von manchen Experten
umprogrammierten. iPS besitzen die Fähigkeit, sich befürchtete Spätfolge der Stammzelltransplantation.
wieder zu Zellen verschiedenster Gewebetypen Wie viele dopaminerge Neurone sich im Gehirn am
auszudifferenzieren. Aus ihnen ließen Takahashi und Schluss noch nachweisen ließen, war von Tier zu Tier
seine Kollegen Neurone entstehen, die den Neurotrans­ verschieden. Die Wissenschaftler konnten aber spezi-
mitter Dopamin produzieren. Diese Zellen sterben in elle genetische Marker ausmachen, die das Überleben
der Substantia nigra im Mittelhirn von Parkinson­ der Zellen zu beeinflussen scheinen und vielleicht eines
patienten ab. Da Dopamin an der Bewegungssteuerung Tages Aufschluss darüber geben könnten, welche
beteiligt ist, führt ein Mangel daran zu den typischen Spenderzellen sich am besten für eine Therapie eignen.
Symptomen wie Muskelstarre oder -zittern. »Die Arbeit kommt der Situation beim Menschen
Im nächsten Schritt pflanzten die Forscher die Neu- sehr nahe und besitzt durch die Verwendung repro­
rone aus der Petrischale Javaneraffen ein, bei denen sie grammierter Zellen besonderen Charme«, sagt der
zuvor die dopaminergen Nervenzellen im Gehirn Stammzellforscher Oliver Brüstle vom Uniklinikum
zerstört hatten. Nach der Behandlung verbesserte sich Bonn, der nicht an der Studie beteiligt war. Als Nächs-
die Beweglichkeit der Tiere wieder. Ob die Stammzel­ tes müssten klinische Tests zeigen, ob menschliche
len ursprünglich von gesunden Menschen oder Parkin- Patienten ähnlich gut auf die Behandlung ansprechen.
sonpatienten stammten, machte keinen Unterschied. Nature 548, S. 592–596, 2017

GEHIRN&GEIST 8 12_2017
GEISTESBLITZE

SPLENDENS / GETTY IMAGES / ISTOCK


Durchhaltevermögen
Kinder schauen sich Hartnäckigkeit von Erwachsenen ab

W
enn Kleinkinder beobachten, dass Erwach­ zählten bei jedem Kind nach, wie oft es den Knopf
sene beharrlich bei etwas bleiben, werfen sie während des zweiminütigen Experiments drückte.
anschließend auch selbst weniger schnell die Das Ergebnis war eindeutig: Hatten Kinder die
Flinte ins Korn. Das entdeckten Forscherinnen um Versuchsleiterin zunächst herumprobieren sehen,
Julia Leonard vom Massachusetts Institute of Techno­ blieben sie bei ihrer eigenen Aufgabe ebenfalls länger
logy. Sie teilten rund 100 Kinder im Alter von 13 bis am Ball als die Teilnehmer der beiden anderen Grup­
18 Monaten per Zufall in eine von drei Gruppen ein. pen. Außerdem hielten sie länger durch, bis sie ihrer
Probanden der ersten Gruppe beobachteten, wie eine Frustration Luft machten und das Spielzeug zum
Versuchsleiterin sich bemühte, eine Kiste zu öffnen Beispiel zu Boden pfefferten. Ein zweiter Versuch unter
und einen Schlüsselanhänger von einem Karabiner zu ähnlichen Bedingungen bestätigte den Effekt.
entfernen. Das gelang ihr jedoch nicht auf Anhieb: Für Leonard und ihre Kolleginnen deuten dies als
jede der Aufgaben brauchte sie mehrere Anläufe, erst Hinweis darauf, dass sich offenbar schon Kleinkinder
nach jeweils 30 Sekunden schaffte sie es schließlich. eine gewisse Beharrlichkeit von Erwachsenen abschau­
Kinder der zweiten Gruppe wurden mit derselben en. Allerdings lernten die Kleinen nur dann, am Ball zu
Szene konfrontiert – allerdings konnte die Versuchs­ bleiben, wenn die Vorführung der Versuchsleiterin mit
leiterin in diesem Fall beide Aufgaben mühelos nach gewissen »pädagogischen Schlüsselsignalen« verknüpft
etwa jeweils zehn Sekunden bewältigen. Die dritte war – wenn sie die Kinder also zu Beginn des Versuchs
Gruppe fungierte als Kontrollgruppe und bekam gar mit ihrem Namen ansprach, ihnen ihr Vorhaben
nichts vorgeführt. erklärte (»Schau mal, in der Kiste ist etwas drin! Ich
Im Anschluss mussten alle Kleinkinder selbst eine möchte es herausholen. Wie ich das wohl am besten
Aufgabe lösen: Die Forscherinnen zeigten ihnen eine mache?«) und während des Experiments immer wieder
Musikbox, die sich vorgeblich ganz einfach per Knopf­ Augenkontakt hielt. In einem zweiten Experiment, in
druck aktivieren ließ. In Wirklichkeit war der Knopf dem all diese Reize fehlten, hoben sich die Kinder aus
aber kaputt, so dass die kleinen Probanden so lange der »Beharrlichkeitsgruppe« nur schwach von den
darauf herumdrücken konnten, wie sie wollten, es er- anderen Probanden ab.
tönte einfach keine Musik. Die Wissenschaftlerinnen Science 357, S. 1290–1294, 2017

GEHIRN&GEIST 9 12_2017
Farbensehen
Des einen Grün, des anderen Blau

Ü
ber Farben lässt sich trefflich streiten. Bei Rot Farben bezeichneten. Schließlich entdeckten sie auch
und Gelb sind wir uns jedoch über die Be­ in den Daten des World Color Survey bei mehr als
zeichnung des Farbtons eher einig als bei Blau 100 Kulturen dasselbe Muster. Die Menschen stimmten
und Grün. Das berichtet ein Team um Edward Gibson bei warmen Tönen eher darin überein, um welche
vom Massachusetts Institute of Technology. Gibson Farbe es sich handelte. Der Grund dafür, so vermuten
hatte bei einem bolivianischen Amazonasvolk, den die Autoren: Für solche Farbschattierungen gab es
Tsimane, zufällig beobachtet, dass die Stammesmitglie­ mehr Wörter, obwohl das »warme« Lichtspektrum rein
der über Schwarz, Weiß und Rot am ähnlichsten physikalisch nicht breiter ist als das »kalte«.
urteilten. Daraufhin untersuchten er und seine Kolle- Auch dafür machten die Wissenschaftler eine
gen, wie englisch- und spanischsprachige Probanden mögliche Ursache aus. Sie analysierten rund 20 000
Englisch
Bilder aus einer Datenbank, die mit Farblabels versehen
Spanisch
waren. Warme Rot-, Gelb- und Orangetöne kennzeich­
neten zumeist nah gelegene Gegenstände; Blau- und
Grüntöne hingegen fanden sie eher im Hintergrund.
»Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Sprachen
Farbkategorien entsprechend ihrer Nützlichkeit
bilden«, schlussfolgern die Forscher. Als Nächstes will
Gibson überprüfen, ob das ebenfalls bei jenen Spra­
Sprachen

chen gilt, die in Wüstenregionen oder vereisten


Landschaften verbreitet sind.
PNAS 10.1073/pnas.1619666114, 2017
Tsimane
RICHARD FUTRELL, MIT

Während es Menschen gelingt, die links im Bild darge-


stellten Farbtöne ziemlich übereinstimmend zu be-
nennen, klaffen die Antworten bei den Farben auf der
Farben rechten Seite auseinander. Jede waagerechte Reihe steht
1 80
hohe niedrige für eine von mehr als 100 verschiedenen Sprachen, bei
Übereinstimmung Übereinstimmung denen die Forscher dieses Phänomen untersuchten.

Erziehung dem die Kinder schummeln konnten, lobten die


Experimentatoren manche für ihre Leistung und
Falsches Lob andere für ihre Klugheit. Eine Kontrollgruppe erhielt

hat Konsequenzen gar kein Lob. Die für ihre Leistung gelobten Kinder
schummelten etwa genauso oft wie die Kontrollgruppe,
nämlich in zirka 40 Prozent der Fälle. Die »klugen«

A
nerkennung durch ihre Bezugspersonen ist für Kinder dagegen sahen sich in rund 60 Prozent der
Kinder die wichtigste Belohnung. Aber Eltern Fälle die zu erratende Karte vorher heimlich an.
sollten aufpassen, wofür sie ihre Kinder loben, Das Ergebnis steht im Einklang mit früheren Studi-
mahnt eine Arbeitsgruppe um Kang Lee von der en, denen zufolge Lob für Eigenschaften negative Aus-
University of Toronto. Offenbar schummeln Kinder wirkungen auf Kinder hat. Fachleute vermuten, dass
eher, wenn man sie für ihre Klugheit lobt, als wenn derart gelobte Sprösslinge mehr Druck verspüren – ein
man ihre gute Arbeit herausstellt. In der Studie spielten Scheitern könnte die positive Einschätzung wieder
insgesamt 300 chinesische Kinder von drei bis fünf revidieren. Das Alter der Kinder spielt dabei keine
Jahren ein Spiel. Die Probanden sollten dabei erraten, große Rolle, wohl aber das Geschlecht: Jungen schum­
ob die Zahl auf einer verborgenen Karte höher oder melten häufiger, unabhängig davon, wie man sie lobte.
niedriger als sechs ist. Vor dem zweiten Versuchsteil, in Psychol. Sci. 10.1177/0956797617721529, 2017

GEHIRN&GEIST 10 1 2 _ 2 0 1 7
GEISTESBLITZE

Demenz
Wie APOE4 das Alzheimerrisiko erhöht

M
enschen, die das APOE4-Gen tragen, haben Nach neun Monaten hatte sich im Gehirn aller
im Vergleich zu Personen mit den Varianten Mäuse mit den APOE-Gen-Varianten Tau abgelagert,
APOE2 oder APOE3 ein deutlich höheres und die Tiere hatten Nervengewebe verloren. Am
Risiko, im Alter an Alzheimerdemenz zu erkranken. deutlichsten trat dieser Effekt bei den Tieren mit APOE4
Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Gen die zu Tage. Nager, die gar kein APOE-Gen besaßen, zeigten
Ansammlung von schädlichen Beta-Amyloid-Plaques dagegen kaum Schäden. Eine Analyse der Immunzellen
im Gehirn begünstigt. Ob es einen ähnlichen Effekt auf im Gehirn der Mäuse offenbarte zudem, dass diese in
Tau hat – das zweite Protein, das oft in großen Mengen Anwesenheit von APOE4 besonders aggressiv auf
im Gehirn von Alzheimerpatienten zu finden ist –, war Tau-Proteine reagierten. Die Abwehrzellen lösten in
bislang nicht abschließend geklärt. dem Fall besonders heftige Entzündungsreaktionen
Eine Studie von Wissenschaftlern um David aus, die zum Tod zahlreicher Neurone führten.
Holtzman von der Washington University in St. Louis Für Holtzman und seine Kollegen sind die Ergeb­
weist nun genau in diese Richtung. Die Forscher nisse der Studie ein Zeichen dafür, dass APOE4
untersuchten genetisch veränderte Mäuse, die eine die schädliche Wirkung sowohl von Beta-Amyloid als
ähnliche Version des Tau-Proteins produzierten wie auch von Tau auf das Gehirn zu verstärken scheint.
jene, die sich auch im Gehirn von menschlichen Sollte das beim Menschen ebenfalls gelten, könnte das
Alzheimerpatienten ansammelt. Außerdem trugen die Gen – und das gleichnamige Protein, für das es
Nager jeweils unterschiedliche Varianten des menschli­ kodiert – vielleicht zu einem Ansatzpunkt für neue
chen APOE-Gens; bei manchen fehlte es ganz. Therapien werden.

LIEFERBARE »GEHIRN&GEIST«-AUSGABEN

Gehirn&Geist 11/2017: Gehirn&Geist 10/2017: Gehirn&Geist 09/2017: Gehirn&Geist 08/2017:


Resilienz: Was die Psyche Die Denkfehler der Homöo- Empathie: Wann Mitgefühl Die Sinn-Formel: Zufrieden
wachsen lässt • Andropause: pathie • Psychotests per unmoralisch ist • Armut: So ist das neue Glücklich •
Gibt es männliche Wechsel- Ferndiagnose? • Intersexua- verändert Geldnot das Hirnforschung: Nächtliche
jahre? • Neue ALS-Therapie: lität: Leben zwischen den Gehirn • Alzheimer: Kann Gehirnwäsche • Serie Be-
Cocktail statt Wunderdroge • Geschlechtern • Babygehirn: Hormonersatz die Demenz wusstsein: Denkfallen der
Infografi k: Psychologie Neue Einblicke ins erwachen- auslösen? • Serie Bewusst- Skeptiker • Isolation: Mein
im Gerichtssaal • € 7,90 de Denken • € 7,90 sein: Ich wie Du • € 7,90 Jahr auf dem Mars • € 7,90

A L L E L I E F E R BA R E N AU S G A B E N VON
» G E H I R N & G E I S T « F I N DE N SI E I M I N T E R N E T:
www.gehirn-und-geist.de/archiv
GEHIRN&GEIST 11 1 2 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA

Das
kreative
Selbst
Seine einfühlsamen Fa
llgeschichten

SLJUBISA / STOCK.ADOBE.COM; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST


KREATIVITÄT
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machten den 2015 em le tzten Werk widmet
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GEHIRN&GEIST 12 1 2 _ 2 0 1 7
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Oliver Sacks war fraglo e Forschung
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einem breiten Publiku n von einer
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geprägt war. »Viele Un
schweren Erkrankung ed nische
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h zwangsläufig um m
bei Tisch drehten sic htete der 1933 in
nie um ›Fälle‹«, beric
­Themen, es ging aber seine Kindheit.
hn zweier Ärzte über
London geborene So en Fälle immer
en meiner Eltern wurd
»(…) in den Gespräch n n Menschen,
vo
ichten über das Lebe
zu Biografien, Gesch d Unglück
d Verletzung, Stress un
die auf Krankheit un lich, dass auch ich
vielleicht unvermeid
­reagierten. So war es
erzähler wurde.«
Arzt und Geschichten iert vom menschliche
n Gehirn
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Sacks wa rategien. Ihm
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SLJUBISA / STOCK.ADOBE.COM; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

an ne nd und
ngen anschaulich, sp
eigentümlichen Störu de n Fa ll eines
darzustellen. Etwa
gleichzeitig einfühlsam au mit einem Hu t ve rwechselte
fes so rs, de r sei ne Fr
Musikpro ielende Kinder
elte, weil er sie für sp
oder Hydranten tätsch
hielt. cher und
sts ellera ut or ve rö ffentlichte dutzende Bü
Der Be »Gehirn&
Te xte , da ru nt er au ch mehrere Artikel in
unzählige , Heft 5/2006,
»Brücken ins Leben«
Geist« (zum Beispiel tru m.de/artikel/
ar unter: www.spek
PDF kostenfrei abrufb ni ch t nur von
en gab Sacks aber
835838). In seinen Werk bs t viel preis –
ern auch von sich sel
seinen Patienten, sond ns be richtete, in
omenten seines Lebe
indem er von jenen M ein em Kinobesuch
sel bs t zu m Pa tient en wurde: Bei
denen er und Farben,
merkwürdige Muster
etwa sah er plötzlich tigen Tumor im rechten Auge.
t du rch ein en bö sar
verursach w York
d im August 2015 in Ne
Bis kurz vor seinem To rin wi dm ete sich
m letzten Buch. Da
schrieb Sacks an seine en jen seits der
h stets auch für Frag
der Neurologe, der sic eativen Poten zia l de s mensch-
int ere ssi ert e, de m kr
Medizin .
nst und Wissenschaft
lichen Gehirns in Ku

GEHIRN&GEIST 13 1 2 _ 2 0 1 7
A
lle Kinder spielen leidenschaftlich gern, Die unersättliche Aneignung und Nachahmung un-
wobei sie teils Bekanntes wiederholen terschiedlicher Vorbilder mögen an sich nicht kreativ
und nachahmen, teils Neues erfinden sein, sind aber oft Vorboten künftiger Kreativität. Kunst,
und erkunden. Vertrautes wie Unge- Musik, Film und Literatur können  – in nicht geringe-
wöhnliches fasziniert sie gleicherma- rem Maße als Fakten und Informationen – für eine be-
ßen – das, was bekannt und gefahrlos sondere Form der Bildung sorgen. Arnold Weinstein
ist, gibt ihnen Sicherheit und Halt, und Neues, das sie spricht in diesem Zusammenhang vom »stellvertreten-
noch nie erlebt haben, erforschen sie. Kinder haben ein den Eintauchen in das Leben anderer, das uns neue Au-
elementares Verlangen nach Wissen und Verstehen, sie gen und Ohren verleiht«.
brauchen geistige Nahrung und Anregung. Zum Entde- In meiner Generation erfolgte dieses Eintauchen fast
cken oder Spielen müssen wir sie nicht auffordern oder ausschließlich durch Lesen. 2002 berichtete die bekann-
»motivieren«, denn Spielen ist – wie alle kreativen oder te Autorin Susan Sontag auf einer Konferenz, wie ihr
»proto-kreativen« Tätigkeiten – intrinsische Lust, reines das Lesen in sehr jungen Jahren die ganze Welt er-
Vergnügen. schloss und ihr ermöglichte, in ihrer Fantasie und ih-
Am Fantasiespiel sind sowohl innovative wie nach­ rem Gedächtnis die Grenzen der realen, unmittelbaren
ahmende Impulse beteiligt. Dabei werden oft Spielzeu- Erfahrung zu überschreiten. Sie erinnerte sich:
ge, Puppen oder kleine Nachbildungen realer Objekte Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, las ich Ève Curies
benutzt, um neue Konstellationen darzustellen oder be- Biografie ihrer Mutter. Ich hatte wahllos und mit großer
reits bekannte zu wiederholen. Kinder lieben Geschich- Freude Comicbücher, Wörterbücher und Enzyklopädien
ten, wobei sie sich diese nicht nur von anderen erzählen gelesen. … Es war, als würde ich selbst stärker und die
lassen, sondern sich auch selbst welche ausdenken. Ge- Welt größer, je mehr ich in mich aufnahm. … Ich glaube,
schichtenerzählen und Mythenbildung sind fundamen- ich war schon sehr früh eine unglaublich begabte Schüle-
tale menschliche Tätigkeiten, uralte Strategien, um die rin, mit einem unglaublichen Talent fürs Lernen, eine
Welt zu verstehen. meisterhafte kleine Autodidaktin. … Ist das kreativ? Nein,
Intelligenz, Fantasie, Talent und Kreativität werden es war nicht kreativ … aber es war auch kein Hindernis
ohne Wissen und bestimmte Fertigkeiten ins Leere lau- für die spätere Entwicklung von Kreativität … Statt etwas
fen. Aus diesem Grund muss Bildung ausreichend zu erschaffen, stopfte ich alles in mich hinein. Ich war eine
strukturiert und fokussiert sein. Aber eine zu strenge, geistige Reisende, ein geistiger Vielfraß … Meine Kindheit
zu formelhafte Erziehung, die das narrative Element war, abgesehen von meinem eigentlichen erbärmlichen
ausklammern will, wird den aktiven und neugierigen Leben, die reine Ekstase.
Verstand des Kindes verkümmern lassen. Bildung muss Was in Susan Sontags Bericht besonders auffällt (wie
ein Gleichgewicht zwischen Struktur und Freiheit schaf- in vielen ähnlichen Berichten über Proto-Kreativität),
fen und auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder, ist die Energie, die alles verschlingende Leidenschaft,
die sehr unterschiedlich sein können, Rücksicht neh- der Enthusiasmus und die Liebe, mit der sich der junge
men. Die Talente mancher Kinder entfalten sich am Verstand allem zuwendet, was ihm Nahrung gibt, mit
ehesten unter dem Einfluss guten Unterrichts. Andere der er sich intellektuelle oder andere Vorbilder sucht
Jungen und Mädchen (nicht selten sind es die kreativs- und seine Fertigkeiten durch Nachahmung verfeinert.
ten) verweigern sich dem formalen Unterricht; sie blei- Sontag hatte sich einen reichen Vorrat an Wissen aus
ben im Wesentlichen Autodidakten, von dem Drang anderen Zeiten und anderen Orten angelegt, aus der
beseelt, allein zu lernen und zu forschen. Die meisten Vielfalt menschlicher Naturen und Erfahrungen – lauter
Kinder durchlaufen in diesem Prozess viele verschiede- Dinge, die entscheidend waren für ihren Wunsch, selbst
ne Stadien und brauchen zu unterschiedlichen Zeiten zu schreiben:
mal mehr, mal weniger Struktur, mal mehr, mal weniger Ich war sieben, als ich mit dem Schreiben begann. Im
Freiheit. Alter von acht hatte ich meine eigene Zeitung, die ich mit

Auf einen Blick: Oliver Sacks’ Vermächtnis

1 2 3
In seinem letzten Buch befasste Um aus den vielen Eindrücken, Reifungsprozesse spielen
sich der 2015 verstorbene denen wir täglich ausgesetzt nicht nur für die Kreativität,
­Mediziner Oliver Sacks mit den sind, tatsächlich etwas Neues sondern auch bei wissen­
großen Fragen der Naturwissen- zu schaffen, bedarf es Sacks’ An- schaftlichen Entdeckungen eine
schaften, beispielsweise: Wie sicht nach einer Inku­bationszeit Rolle. Dem Mathematiker Henri
­entsteht Bewusstsein? Was ist und des Prozesses des Vergessens. Poincaré etwa kam die Lösung
kreativ? Warum ist unser Gedächt- für ein schwieriges fachliches Pro-
nis fehleranfällig? blem auf einer Reise.

GEHIRN&GEIST 14 1 2 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA / KREATIVITÄT

Geschichten, Gedichten und Artikeln füllte. Ich verkaufte Dieser Artikel ist ein exklusiver
sie den Nachbarn für fünf Cent. Ich bin sicher, dass sie ba- Vorabdruck aus »Der Strom
des Bewusstseins« von Oliver
nal und sehr konventionell war und in erster Linie aus Sacks. Das Buch erscheint am
Elementen bestand oder zumindest von ihnen beeinflusst 17. November 2017 im Rowohlt
war, die ich gelesen hatte. … Es gab natürlich Vorbilder, Verlag.
da war ein ganzes Pantheon solcher Menschen. … Wenn
ich Geschichten von Poe gelesen hatte, dann schrieb ich
Geschichten wie Poe. … Als ich zehn Jahre alt war, fiel mir
ein lang vergessenes Stück von Karel Čapek über Roboter
in die Hände, R.U.R., also schrieb ich ein Stück über Ro-
boter. Aber im Grunde war es eine Kopie. Alles, was ich
las, faszinierte mich, und alles, was mich faszinierte, woll-
te ich nachahmen – das mag nicht der Königsweg zu wah-
rer Originalität oder Kreativität sein; doch ich fand, dass
es sie auch nicht ausschließt. … Mit 13 wurde ich eine
richtige Schriftstellerin. Menschen von einem anderen exakt reproduziert oder
Dank extremer frühreifer Intelligenz und Kreativität der Gesang eines Vogels von einem Papagei exakt nachge-
gelang Sontag der Sprung ins »echte« Schreiben bereits als bildet wird, handelt es sich folglich um Formen der Mimi-
Teenager; meist dauert diese Phase der Nachahmung kry … Imitation ist nicht so exakt wie Mimikry; das Kind,
und des Lernens sehr viel länger. Sie dient dem Bemühen, das das Verhalten eines Elternteils kopiert, imitiert, aber
die eigenen Stärken zu entdecken, den eigenen Ton zu liefert keine exakte Reproduktion des elterlichen Verhal-
finden. Es ist eine Zeit des Übens, des Wiederholens und tens  … Mimesis fügt der Imitation eine darstellerische
der Verfeinerung bestimmter Fertigkeiten und Techniken. Komponente hinzu. Dabei werden sowohl Mimikry als
auch Imitation für ein höheres Ziel eingesetzt: und zwar
Was unterscheidet innovative Ideen der nachträglichen Darbietung oder Wiedergabe eines Er-
von bloßer Mimikry? eignisses oder einer Beziehung.
Manche Menschen verharren nach einer solchen Lern- Mimikry kommt nach Donald bei vielen Tieren vor,
phase auf einem Niveau technischer Perfektion, ohne es Imitation bei Affen und Menschenaffen, und Mimesis
zu wirklicher Kreativität zu bringen. Und selbst aus ei- gibt es nur bei uns Menschen. Aber bei uns können alle
nem gewissen zeitlichen Abstand lässt sich manchmal diese Formen nebeneinander existieren und sich über-
kaum entscheiden, wann der Übergang von talentierten, schneiden  – eine Darbietung, eine Inszenierung kann
aber immer noch weitgehend nachempfundenen Er- alle drei Elemente beinhalten.
zeugnissen zu überwiegend innovativen Hervorbrin- Bei bestimmten neurologischen Erkrankungen neh-
gungen stattgefunden hat. Wo liegt die Grenze zwi- men Mimikry und Nachahmung manchmal übertrie-
schen Einfluss und Nachahmung? Was unterscheidet bene oder sogar enthemmte Züge an. So können Tou-
die kreative Assimilierung, eine komplexe Verbindung retter, Autisten oder Patienten mit bestimmten Schädi-
aus Aneignung und Erfahrung, von bloßer Mimikry? gungen des Frontallappens gelegentlich nicht den
Der Begriff »Mimikry« mag einen gewissen Grad an Impuls unterdrücken, die Äußerungen oder Handlun-
Bewusstheit oder Absicht implizieren, aber Nachahmen, gen anderer nachzuäffen oder widerzuspiegeln. Manch-
Nachbilden oder Widerspiegeln sind universelle psy- mal geben sie auch Geräusche – sogar bedeutungslose –
chologische (und physiologische) Neigungen, die jeder in ihrer Umwelt wieder. In »Der Mann, der seine Frau
Mensch besitzt, genauso wie viele Tiere (daher sprechen mit einem Hut verwechselte« beschreibe ich eine Frau
wir auch davon, dass man etwas »nachäfft« oder »nach- mit Tourette-Syndrom, die, während sie eine Straße
plappert wie ein Papagei«). Wenn man einem Säugling entlangging, einfach alles imitierte: das »Grinsen« der
die Zunge herausstreckt, wird er dieses Verhalten wi- Autokühler, die Gestalt einer Straßenlaterne, die an ei-
derspiegeln, bevor er noch sein Körperbild oder die nen Gehenkten erinnerte, sowie Gesten und Gangarten
Kontrolle über seine Gliedmaßen erworben hat; dieses jedes anderen Menschen, der ihr begegnete, wobei das
Widerspiegeln bleibt unser Leben lang ein wichtiger As- oft in übertriebener Weise geschah, als wollte sie sich
pekt des Lernens. über die Menschen lustig machen.
Merlin Donald beschreibt in seinem Buch »Origins Einige autistische Inselbegabte (»Savants«) besitzen
of the Modern Mind« die »mimetische Kultur« als ent- ein außergewöhnliches visuelles Vorstellungs- und Re-
scheidende Phase in der Entwicklung von Kultur und produktionsvermögen. Das zeigt der Fall von Stephen
Bewusstsein. Dabei unterscheidet er konsequent zwi- Wiltshire, den ich in dem Buch »Eine Anthropologin
schen den Begriffen Mimikry, Imitation und Mimesis: auf dem Mars« beschrieben habe.
Mimikry ist der Versuch, ein so genaues Duplikat wie Stephen ist ein Inselbegabter mit einer großen Bega-
möglich zu schaffen. Wenn der Gesichtsausdruck eines bung für das Erfassen visueller Ähnlichkeiten. Dabei

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Gehirn&Geist Dossier 1/ 2017
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Hirn in Hochform
Gehirn&Geist
DOSSIER
Hirnstimulation
Genial oder gefährlich?
M E H R W I S S E N AU F unterschieden und erkannt werden, ebenso wie Eigen-
Ernährung
Besser denken dank Fasten »SPEKTRUM.DE« heiten des Sprechens, charakteristische Gesten und so
Klarträumen
Trainieren im Schlaf

Meditieren
So verändert es das Gehirn
Konzentriert, kreativ, gelassen: Was weiter. Doch bis zu einem gewissen Grad werden ihre
Hirn in den Geist wirklich stärkt, lesen »Bedeutungen« nicht komplett integriert, und dadurch
Hochform
Konzentriert, kreativ, gelassen:
Sie im Gehirn&Geist-Dossier 1/2017 erscheint uns das Gedächtnis eines Savants oft als ver-
Was den Geist wirklich stärkt
»Hirn in Hochform«:
gleichsweise mechanisch.
www.spektrum.de/shop Imitation spielt eine zentrale Rolle in den darstellen-
den Künsten, denn dort ist pausenloses Üben, Wieder-
holen und Proben unentbehrlich; aber nicht nur dort, in
der Malerei, beim Komponieren und in der Literatur ist
spielt es keine Rolle, ob er nach der Natur vor Ort oder Imitation genauso wichtig. Alle jungen Künstler suchen
nach längerer Zeit aus der Erinnerung zeichnet – Wahr- sich in ihren Lehrjahren Vorbilder, deren Stil, techni-
nehmung und Gedächtnis scheinen untrennbar mitein- sche Meisterschaft und künstlerische Neuerungen ih-
ander verbunden zu sein. Er hat auch ein verblüffendes nen weiterhelfen können. Junge Maler gehen in Kunst-
Gehör; als Kind konnte er Geräusche und Wörter exakt museen wie Met oder Louvre ein und aus; junge Kom-
nachahmen, anscheinend ohne es zu beabsichtigen ponisten besuchen Konzerte und studieren Partituren.
oder zu bemerken. Als Jugendlicher besuchte er Japan; Insofern beginnt alle Kunst mit »Epigonalem« – Werken,
nach seiner Rückkehr machte er »japanische« Geräu- die in hohem Maße von den bewunderten und nach-
sche, plapperte pseudojapanisch und kopierte sogar »ja- empfundenen Vorlagen beeinflusst sind, wenn sie nicht
panische« Gesten. Er kann den Laut jedes Instruments sogar deren direkte Imitationen oder Paraphrasen sind.
nachahmen, wenn er es einmal gehört hat, und er hat
ein sehr genaues musikalisches Gedächtnis. Ich war Nachahmung geht der Kreativität voraus
sehr angetan, als er einmal im Alter von 16 den Song Als Alexander Pope 13 war, bat er William Walsh, einen
»It’s Not Unusual« sang und Tom Jones dabei imitierte, älteren Dichter, um Rat. Walsh riet ihm, »korrekt« zu
einschließlich des Hüftschwungs, der Tanzschritte, der sein. Pope verstand das dahingehend, dass er zuerst die
Gestik und des imaginären Mikrofons, das er sich an dichterischen Formen und Techniken meistern müsse.
die Lippen hielt. In diesem Alter zeigte Stephen für ge- Zu diesem Zweck begann er, in seinen »Imitations of
wöhnlich wenig Gefühle und wies viele klassische Ma- English Poets« zunächst Walsh nachzuahmen, dann
nifestationen des Autismus auf: Er hielt den Kopf schräg, Cowley, den Earl of Rochester und bedeutendere Auto-
hatte viele Tics, und sein Blick war nie direkt. Doch all ren wie Chaucer und Spenser; außerdem verfasste er
das verschwand, als er den Tom-Jones-Song imitierte – »Paraphrasen«, wie er sie nannte, lateinischer Dichter.
und zwar so gründlich, dass ich mich fragte, ob er auf Mit 17 beherrschte er das »Heroic Couplet« – das heroi-
eine unheimliche Weise über die Grenze der Mimikry sche Reimpaar – und begann mit der Arbeit an den
hinausgegangen und tatsächlich in die Gefühle und »Pastorals« und anderen Gedichten, in denen er seinen
Empfindungen des Songs eingetaucht war. Das erinner- persönlichen Stil vervollkommnete, sich aber inhaltlich
te mich an einen autistischen Jungen, den ich in Kanada mit den abgeschmacktesten Klischees begnügte. Erst als
kennen gelernt hatte, der eine ganze Fernseh­serie aus- er selbst seinen stilistischen und formalen Ansprüchen
wendig kannte, sie Dutzende Male am Tag »wiederhol- genügte, begann er die anspruchsvolleren und manch-
te«, einschließlich aller Stimmen und Gesten, und sogar mal auch erschreckenderen Inhalte seiner eigenen Fan-
den Applaus des Publikums lautmalend wiedergab. tasie zu verarbeiten. Bei den meisten Künstlern dürften
Dies hielt ich für eine Form des Automatismus oder sich diese Stadien oder Prozesse weitgehend überlagern,
eine oberflächliche Reproduktion. Doch Stephens Vor- aber Nachahmung und Beherrschung von Form oder
führung machte mich nachdenklich. War er, anders als Fertigkeit müssen stets jeder nennenswerten Kreativität
der kanadische Junge, von der Mimikry zu Kreativität vorausgehen. Doch selbst nach Jahren der Vorbereitung
oder Kunst vorgedrungen? Versetzte er sich bewusst und bewusster Meisterschaft werden große Talente
und absichtlich in die Gefühle und Regungen des Songs, nicht immer den Hoffnungen gerecht, die sie einst zu
oder aber reproduzierte er sie nur  – oder war es viel- wecken schienen. Viele schöpferische Menschen – egal
leicht eine Mischung aus beidem? ob Künstler, Wissenschaftler, Köche, Lehrer oder Inge-
Ein weiterer autistischer Savant, José (den ich eben- nieure – geben sich mit einem gewissen Maß an Meis-
falls in »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut ver- terschaft zufrieden und bleiben den Rest ihres Lebens
wechselte« beschrieb), wurde vom Personal des Kran- bei einer einzigen Form oder innerhalb bestimmter
kenhauses oft als eine Art Kopiermaschine beschrieben. Grenzen, ohne sich jemals an etwas radikal Neuem zu
Das war unfair und beleidigend. Auch stimmt es nicht, versuchen. Auch wenn ihr Werk die Grenze zur »gro-
denn die Fähigkeit eines Savants, Dinge zu behalten, ist ßen« Kreativität nicht überschreitet, kann es meister-
nicht im Entferntesten mit einem mechanischen Pro- haft oder sogar virtuos sein und den Bewunderern gro-
zess zu vergleichen; optische Besonderheiten müssen ßes Vergnügen bereiten.

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TITELTHEMA / KREATIVITÄT

Es gibt viele Beispiele für die »kleine« Kreativität, arbeiten, nur eine Hand voll der Studenten später nen-
die sich nach ihren ersten Manifestationen nicht mehr nenswerte Kompositionen zu Stande bringen oder wis-
sonderlich zu verändern scheint. 1887 vollbrachte Ar- senschaftliche Entdeckungen von Bedeutung machen?
thur Conan Doyle mit »A Study in Scarlet« (deutsch: Fehlt den meisten trotz ihrer Begabung der entscheiden-
»Eine Studie in Scharlachrot«), dem ersten der Sher- de schöpferische Funke? Ermangeln sie ungeachtet ihrer
lock-Holmes-Romane, eine bemerkenswerte Leistung, Kreativität anderer Eigenschaften, die für kreative Leis-
denn solche »Detektivgeschichten« hatte es noch nie zu- tungen von entscheidender Bedeutung sind – Kühnheit,
vor gegeben. (Zwar gab es Poes Dupin-Geschichten, Selbstvertrauen, geistige Unabhängigkeit?
zum Beispiel »Der Doppelmord in der Rue Morgue«, Es bedarf neben dem kreativen Vermögen noch einer
aber seine Protagonisten blieben blass neben den in­ besonderen Energie, einer ganz eigenen Kühnheit oder
dividuell und farbig gezeichneten Charakteren von subversiven Mentalität, um eine andere als die allge-
­Holmes und Watson.) »Die Abenteuer von Sherlock mein anerkannte Richtung einzuschlagen. Es ist ein
Holmes«, die fünf Jahre später erschienen, waren ein Glücksspiel, wie es alle kreativen Projekte sind, denn die
Riesenerfolg, und Conan Doyle war plötzlich der gefei- neue Richtung kann sich auch als absolut unproduktiv
erte Autor einer potenziell unendlichen Romanserie. erweisen.
Darüber war er zwar hocherfreut, aber auch verärgert, Kreativität verlangt nicht nur Jahre bewusster Vorbe-
denn er wollte daneben noch historische Romane schrei­ reitung und Ausbildung, sondern auch eine frühzeitige
ben, doch die Leser brachten wenig Interesse dafür auf. Beteiligung des Unbewussten. Diese Inkubationszeit ist
Sie wollten Holmes und immer nur Holmes, und er notwendig, um die unterbewusste Assimilierung und

Viele schöpferische Menschen wie der


­Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle
OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK

bleiben bei einer einzigen Form, ohne sich


­jemals an etwas radikal Neuem zu versuchen

musste liefern. Selbst nachdem er Holmes in »Das letzte Einbeziehung aller Einflüsse und Quellen zu ermögli-
Problem« den Garaus gemacht hatte, indem er ihn in ei- chen, um sie neu zu organisieren und zu etwas Eigenem
nem Kampf auf Leben und Tod zusammen mit Moriar- zusammenzufassen. In Wagners Ouvertüre zu »Rienzi«
ty die Reichenbachfälle hinabstürzen ließ, zwangen ihn kann man diese Emergenz fast greifen. Da gibt es Echos,
seine Leser, den Detektiv wiederauferstehen zu lassen. Imitationen, Paraphrasen, Pastiches von Rossini, Mey-
So kam es 1905 zur »Rückkehr von Sherlock Holmes«. erbeer, Schumann und anderen – von all den musikali-
Viel Entwicklung findet bei Holmes weder in der Me- schen Einflüssen seiner Lehrzeit. Und dann plötzlich,
thode noch im Denken oder im Charakter statt; offen- verblüffend, hört man Wagners eigene Stimme: kraft-
bar altert er nicht. Zwischen den Fällen scheint Holmes voll, außergewöhnlich (wenn auch, für mein Empfin-
kaum zu existieren  – oder nur in einem sehr einge- den, schrecklich), die Stimme eines Genies, ohne Bei-
schränkten Zustand: Er kratzt auf seiner Geige, jagt sich spiel und Vorbild. Die entscheidenden Aspekte dieses
Kokain ins Blut, führt übel riechende chemische Expe­ Gegensatzes zwischen Merken und Aneignen auf der ei-
rimente durch  – bis ihn der nächste Fall zum Leben nen Seite sowie Assimilieren und Einbeziehen auf der
­erweckt. Die Geschichten aus den 1920er Jahren hätten anderen sind Tiefe, Bedeutung, aktive und persönliche
genauso gut in den 1890er Jahren geschrieben werden Beteiligung.
können, und die Romane, die in den 1890er Jahren er- Anfang 1982 erhielt ich überraschend ein Päckchen
schienen, hätten auch in späterer Zeit nicht deplatziert aus London. Darin fand sich ein Brief von Harold Pinter
gewirkt. Holmes’ London verändert sich genauso wenig und das Manuskript seines neuen Stücks, »Eine Art
wie der Mann selbst. Beide wurden glänzend und ein Alaska«. Einer meiner Fälle in »Zeit des Erwachens«
für alle Mal in den 1890er Jahren porträtiert. Doyle hätte ihn dazu inspiriert, schrieb er, als er das Buch zum
selbst schreibt 1928 im Vorwort zu »Sherlock Holmes: Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung 1973 las. Sofort
The Complete Short Stories«, die Geschichten ließen hatte er darüber nachzudenken begonnen, welche Pro-
sich »in jeder beliebigen Reihenfolge« lesen. bleme sich bei der Adaption fürs Theater stellen würden.
Wie kommt es, dass von 100 hoch begabten jungen Doch er fand keine Lösungen für diese Probleme, und
Leuten, die an der Juilliard School studieren, oder von so hatte er es schnell aufgegeben. Acht Jahre später war
100 brillanten jungen Naturwissenschaftlern, die in her- er, schrieb Pinter, aufgewacht und hatte das erste Bild
vorragenden Instituten unter weltbekannten Koryphäen und die ersten Worte (»Etwas passiert«) ganz klar und

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nachdrücklich im Kopf. Das Stück hätte sich dann in nissen eine Rolle. Der namhafte Mathematiker Henri
den folgenden Tagen und Wochen »wie von selbst ge- Poincaré berichtet in seiner Autobiografie, wie er mit ei-
schrieben«. nem besonders schwierigen mathematischen Problem
Ich konnte nicht umhin, Pinters Stück mit einem rang und unendlich frustriert darüber war, dass er nicht
­anderen (vom gleichen Fall inspirierten) Schauspiel zu weiterkam. Er beschloss, sich bei einem geologischen
vergleichen, das mir vier Jahre zuvor geschickt worden Exkurs zu entspannen. Diese Reise lenkte ihn tatsäch-
war. Der Autor schrieb in einem beigelegten Brief, es sei lich von seinem mathematischen Problem ab. Doch
zwei Monate her, dass er »Zeit des Erwachens« gelesen dann berichtet er:
habe, und er sei davon so »beeinflusst«, so besessen, Eines Tages unternahmen wir einen Ausflug mit dem
dass er sich sofort hingesetzt und ein Stück geschrieben Bus. In dem Augenblick, da ich meinen Fuß auf das Tritt-
habe. Pinters Stück gefiel mir ausnehmend gut – nicht brett setzte, kam mir, ohne dass irgendetwas in meinen

Wir alle leben bis zu einem gewissen Grad


auf Pump – von anderen, von der Kultur, die uns
ILBUSCA / GETTY IMAGES / ISTOCK

­umgibt. Es geht darum, wie stark wir dem


­Geborgten einen neuen Ausdruck verleihen

zuletzt, weil er meinen Bericht einer umfassenden vorausgehenden Gedanken darauf hingedeutet hätte, die
Transformation, einer »Pinterisierung« unterzogen Idee, dass die Transformationen, die ich zur Definition
habe. Das Stück aus dem Jahr 1978 hingegen erschien der Fuchs’schen Funktionen benutzt hatte, mit denen der
mir eher eine Kopie meines Buchs  – teilweise waren nichteuklidischen Geometrie identisch waren. Ich verifi-
ganze Sätze ohne Umwandlung abgeschrieben worden. zierte diese Idee nicht; dazu hatte ich auch keine Zeit,
Für mich war es kein originelles Stück, sondern viel- denn  … ich setzte eine bereits begonnene Unterhaltung
mehr ein Plagiat oder eine Parodie (obwohl ich keinen fort, doch ich war mir vollkommen sicher. Um mein Ge-
Zweifel an der guten Absicht des Autors hegte). wissen zu beruhigen, verifizierte ich das Ergebnis nach
Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. meiner Rückkehr nach Caen in aller Muße.
War der Autor zu faul, oder besaß er zu wenig Talent Kurze Zeit darauf war er so »angewidert« von seiner
und Originalität, um an meinem Buch die erforderli- Unfähigkeit, ein anderes Problem zu lösen, dass er ans
chen Veränderungen vorzunehmen? Oder lag das Prob- Meer fuhr. Er schreibt:
lem vielmehr an der mangelnden Inkubationszeit, daran, Eines Morgens, als ich auf dem Kliff spazieren ging,
dass er sich nicht genug Zeit gelassen hatte, um die Er- kam mir innerhalb kürzester Zeit mit einer ungeheuren
fahrung seiner Lektüre zu verarbeiten? Im Gegensatz zu Plötzlichkeit und sofortigen Gewissheit der Gedanke, dass
Pinter hatte er auch nicht abgewartet, bis der Stoff in sein die arithmetischen Transformationen unbestimmter qua-
Unbewusstes abgesunken war, wo er sich mit anderen dratischer Formen mit den Formen der nichteuklidischen
Erfahrungen und Gedanken hätte vermischen können. Geometrie identisch waren.
Wir alle leben bis zu einem gewissen Grad auf Pump, Es scheine festzustehen, schrieb Poincaré, dass selbst
von anderen, von der Kultur, die uns umgibt. Ideen lie- in Phasen, in denen das Problem im bewussten Denken
gen in der Luft, und manchmal eignen wir uns, ohne nicht mehr präsent und in denen der Verstand leer oder
dass wir uns dessen bewusst sind, die Sprache der Zeit von anderen Dingen abgelenkt sei, eine aktive und
an. Wir borgen uns Sprache; wir haben sie nicht erfun- ­intensive unbewusste (oder unterbewusste beziehungs-
den. Wir haben sie vorgefunden, wir sind in sie hinein- weise vorbewusste) Aktivität stattfinden müsse. Das ist
gewachsen, obwohl wir sie auf sehr individuelle Art be- weder das dynamische oder »freudsche« Unbewusste,
nutzen und interpretieren. Es geht nicht darum, dass in dem verdrängte Ängste und Begierden ihren wilden
wir »borgen« oder »imitieren«, dass wir »plagiieren« Tanz aufführen, noch das »kognitive« Unbewusste, das
oder uns »beeinflussen« lassen, sondern um die Frage, uns gestattet, ein Auto zu fahren oder einen gramma-
wie stark wir uns das Geborgte einverleiben, es in uns tisch korrekten Satz zu äußern, ohne uns bewusst zu
aufnehmen, es mit unseren eigenen Erfahrungen, Ge- überlegen, wie wir das machen. Vielmehr ist es die Rei-
danken und Gefühlen verbinden, es auf uns selbst be- fung eines riesigen, komplexen Problems, die von ei-
ziehen und ihm schließlich einen neuen Ausdruck ver- nem vollkommen verborgenen, kreativen Selbst voran-
leihen, unseren eigenen. getrieben wird. Poincaré preist dieses unbewusste
Zeit, »Vergessen« und Reifungsprozess spielen auch Selbst: »Es ist nicht rein automatisch, es ist urteilsfä-
bei wissenschaftlichen oder mathematischen Erkennt- hig … es weiß zu entscheiden, es weiß zu ahnen … Es

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TITELTHEMA / KREATIVITÄT

weiß besser zu ahnen als das bewusste Ich, denn ihm ge- chen auf einen Umschlag gekritzelt. Den Umschlag gibt
lingt, woran jenes gescheitert ist.« es, und auch der Bericht mag so, wie erzählt wird, stim-
Manchmal ergibt sich die Lösung eines lange reifen- men. Aber er vermittelt den Eindruck, die Erkenntnis
den Problems ganz unvermittelt in Träumen oder in sei aus heiterem Himmel gekommen, während sich
Zuständen eines partiell eingeschränkten Bewusstseins, Mendelejew tatsächlich seit mindestens neun Jahren,
wie wir sie gelegentlich unmittelbar vor dem Einschla- seit der Karlsruher Konferenz im Jahr 1860, bewusst
fen oder nach dem Aufwachen erleben  – mit jener und unbewusst mit dem Problem herumschlug. Ohne
eigen­artigen Freiheit des Denkens und halluzinatori- Zweifel war er von der Frage besessen und beschäftigte
schen Vorstellungstätigkeit, die für solche Phasen cha- sich auf seinen langen Zugreisen quer durch Russland
rakteristisch sind. Poincaré berichtet, eines Nachts habe stundenlang mit einem Stoß Karten, auf die er jedes
er in einem solchen Dämmerzustand den Eindruck ge- Element mit seinem Atomgewicht geschrieben hatte.
habt, Ideen in Bewegung zu erblicken, die wie die Mole- »Chemisches Solitär« nannte er das Spiel, bei dem er die
küle eines Gases kollidierten, sich zu Paaren vereinigten Elemente hin und her schob und sie ständig umordnete.
und sich zusammenschlossen, um komplexere Ideen zu Doch als ihm die Lösung dann plötzlich vor Augen
bilden – ein seltener Blick auf das gewöhnlich unsicht- stand, geschah es zu einem Zeitpunkt, als er sich be-
bare Unbewusste (wenngleich auch andere Beobachter wusst überhaupt nicht mit dem Problem beschäftigte.
von ähnlichen – besonders unter Drogeneinfluss auftre- Könnte man mit einer noch zu erfindenden Technik
tenden – Erlebnissen berichten). der bildgebenden Darstellung des Gehirns die Mimikry
oder Nachahmung eines autistischen Savants von den
Plötzliche Einfälle und Entdeckungen tief bewussten und den unbewussten Umgestaltungen ei-
Sehr lebhaft schildert Wagner, wie er in einem seltsa- nes Richard Wagner unterscheiden? Bietet das oberfläch-
men, fast halluzinatorischen Dämmerzustand den Ein- liche wörtliche Gedächtnis neurologisch einen anderen
fall zum Orchestervorspiel des »Rheingolds« hatte: Anblick als das fest in der Psyche verwurzelte proustsche
Nach einer in Fieber und Schlaflosigkeit verbrachten Gedächtnis? Könnte man nachweisen, dass einige Erin-
Nacht zwang ich mich des andren Tages zu weiteren Fuß- nerungen kaum Auswirkungen auf die Entwicklung
wanderungen durch die hügelige, von Pinienwäldern be- und Konnektivität des Gehirns haben, dass sich manche
deckte Umgegend.  … Am Nachmittage heimkehrend, traumatischen Erinnerungen als sehr hartnäckig, aber
streckte ich mich todmüde auf ein hartes Ruhebett aus, … in ihrer Wirkung als unveränderlich erweisen, während
[ich versank] in eine Art von somnambulem Zustand, in wieder andere integriert werden und tief reichende und
welchem ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark kreative Entwicklungen im Gehirn auslösen?
fließendes Wasser versänke, erhielt. Das Rauschen dessel- Kreativität – dieser Zustand, in dem sich die Gedan-
ben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es- ken zu einem raschen, dichten Strom zu organisieren
Dur-Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Bre- scheinen, der uns das Gefühl einer wunderbaren Klar-
chung dahinwogte; diese Brechungen zeigten sich als melo- heit und Sinnhaftigkeit vermittelt – scheint mir physio-
dische Figurationen von zunehmender Bewegung, nie aber logisch unverwechselbare Merkmale zu besitzen. Sollten
veränderte sich der reine Dreiklang von Es-Dur, welcher wir eines Tages Hirnbilder von ausreichender Auflösung
durch seine Andauer dem Elemente, darin ich versank, eine anfertigen können, würden diese meiner Meinung nach
unendliche Bedeutung geben zu wollen schien … Sogleich eine ungewöhnliche und weit verteilte Aktivität mit un-
erkannte ich, dass das Orchester-Vorspiel zum »Rheingold«, zähligen Verbindungen und Synchronisationen zeigen.
wie ich es in mir herumtrug … mir aufgegangen war. Wenn ich in einer solchen Verfassung schreibe, schei-
Es gibt viele ähnliche Geschichten über plötzliche nen sich meine Gedanken von allein zu einer spontanen
wissenschaftliche Entdeckungen, die im Traum ge- Reihenfolge zu organisieren und sich augenblicklich in
macht wurden. Einige sind bekannt und verbürgt, bei die passenden Worte zu kleiden. Ich habe das Empfin-
anderen wurde dem Mythos wohl etwas auf die Sprün- den, dass ich einen Großteil meiner Persönlichkeit und
ge geholfen. Es heißt, der bedeutende russische Chemi- meiner Neurosen hinter mir lassen kann. Ich bin zu-
ker Mendelejew habe das Periodensystem in einem gleich nicht mehr ich und der innerste Teil meiner
Traum entdeckt und es unmittelbar nach dem Aufwa- selbst – sicherlich der beste Teil meiner selbst.  H

L I T E R AT U RT I P P S

Sacks, O.: On the Move: Mein Leben. Rowohlt, Berlin 2015


Die packende Biografie eines außergewöhnlichen Mediziners und Autors
Sacks, O.: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Rowohlt, Berlin 1990
Ein Klassiker: Oliver Sacks berichtet von Fällen aus seiner Praxis​.
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508509

GEHIRN&GEIST 19 1 2 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE

EHRFURCHT ist ein zweischneidiges Schwert: Sie kann uns beglücken


und die Verbundenheit mit anderen stärken, aber auch Angst
und Unbehagen auslösen. Wie staunt man, ohne zu erschaudern?

Wunder
des Alltags
V O N PAT R I C I A T H I V I S S E N

SMILEUS / GETTY IMAGES / ISTOCK

Ein Spaziergang im sonnendurchfluteten Herbstwald


lehrt so manchen das Staunen.

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SMILEUS / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST
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Auf einen Blick: Das »Ah!« und »Oh!« der Welt

1 2 3
Ehrfurcht ist ein ambivalentes Im Kern beschreibt Ehrfurcht Um positive Ehrfurchtserfah­
Gefühl. Wir empfinden sie einen Zustand, in dem man rungen zu fördern, sollten wir
oft als positiv und bereichernd. das eigene Ich weniger wichtig vermehrt auf die »kleinen
Da sie uns selbst klein erscheinen nimmt und es in einen größeren, Wunder« des Alltags achten. Davon
lässt, kann sie aber auch auf die meist sozialen Rahmen stellt. Das profitierten Gesundheit und Wohl­
Stimmung drücken. stärkt häufig den Gemeinsinn. befinden.

E
s gibt sie, diese ganz besonderen Momente. fühlen wir uns gewissermaßen erleuchtet; andernfalls
Jeder von uns hat sie schon einmal erlebt. kann die Ehrfurcht zu Angst und Unwohlsein führen.
Damals etwa, als das Herzchen des eige­ Sie ist also durchaus ambivalent.
nen Babys im Bauch auf dem Bildschirm Laut einer Untersuchung von 2016 messen Menschen
des Ultraschallgeräts pulsierte. Oder als ei­ aus unterschiedlichen Kulturen der Ehrfurcht einen
nem die todkranke Großmutter noch ein­ ­hohen Stellenwert bei. Forscher um den Psychologen
mal fest die Hand drückte und lächelte. Oder auch an Pooya Razavi von der University of Oregon verglichen
jenem Herbsttag, als die Sonnenstrahlen majestätisch das Auftreten und die Bewertung ehrfürchtiger Reak­
durch das Laubdach des Waldes brachen. In solchen tionen bei insgesamt knapp 1200 Amerikanern, Iranern,
Augenblicken schrumpft das Ich, und wir fühlen uns Malaysiern und Polen. Am stärksten neigten demnach
mit etwas Größerem, Bedeutenderem verbunden – die US-Bürger dazu, die schwächste Ausprägung zeig­
kurz: Wir empfinden Ehrfurcht. ten die Iraner. Den Wert der Ehrfurcht schätzten indes
In diesem Wort steckt einerseits Furcht, andererseits alle Befragten ähnlich hoch ein.
hat es auch eine besinnliche, fast feierliche Komponen­
te. Ehrfurcht erleben wir bei ganz verschiedenen Gele­ Vom Ich zum Wir
genheiten. Das kann eine einschneidende Erfahrung Wirksam wird dies offenbar vor allem im zwischen­
ebenso wie ein Naturerlebnis sein, eine spirituelle menschlichen Bereich. »Ehrfurcht verbindet«, sagt Paul
Offen­barung oder einfach die Begegnung mit einem Piff, Psychologieprofessor an der University of Califor­
charismatischen Menschen. Das schier unmögliche Tor nia in Irvine. Er sieht darin eine Art Kollektivgefühl.
in der Nachspielzeit gibt manchem Fußballfan zu die­ »Ehrfurcht kommt häufig bei gemeinschaftlichen Er­
sem Gefühl Anlass, und selbst banale Beobachtungen fahrungen auf, bei Musik oder Tanz, beim Gebet oder
können Ehrfurcht wecken: zum Beispiel, wenn wir ei­ bei sportlichen Wettkämpfen. Sie hat hier meist zur Fol­
nem Kind dabei zusehen, wie es ganz in sein Spiel ver­ ge, dass sich das Individuum in einen übergeordneten
tieft ist. sozialen Zusammenhang stellt und die Aufmerksam­
Für forschende Psychologen ist diese komplexe Emo­ keit weg vom Ich auf ein größeres Ganzes lenkt.«
tion erst seit relativ kurzer Zeit ein Thema. Im Jahr 2003 Laut Piff fördert Ehrfurcht zudem selbstloses Ver­
stellten Dacher Keltner von der kalifornischen Univer­ halten, weil wir durch sie mehr auf das Gemeinwohl
sity of Berkeley und sein Kollege Jonathan Haidt eine achten. Dieser Hypothese ging der Forscher 2015 mit
Theorie der Ehrfurcht vor, die zwei Aspekte umfasst: Kollegen aus Berkeley, New York und Toronto nach.
Größe (englisch: »vastness«) und Akkommodation. In insgesamt fünf Studien untersuchte das Team den
Größe bedeutet, dass wir etwas erleben, was uns be­ Zusammenhang zwischen Ehrfurcht und prosozialem
deutender oder mächtiger erscheint als wir selbst und Handeln. Zunächst maß man die Neigung von Proban­
unsere Existenz. Mit dem Begriff der Akkommodation den, verschiedene Emotionen zu empfinden – neben
beschrieb einst der Entwicklungspsychologe Jean Piaget Ehrfurcht auch Enthusiasmus, Mitgefühl, Liebe oder
(1896–1980) jenen Prozess, mit dem schon kleine Kin­ Stolz. Sodann spielten die Probanden ein Gemein­
der ihre kognitiven Schemata auf die Realität abstim­ schaftsspiel: Sie erhielten zehn Lose (mal lag der mögli­
men: Begegnen sie beispielsweise einem Tier  – s­agen che Gewinn bei 10  Dollar, mal bei 500  Dollar) und
wir einer Katze –, welches nicht so recht in ein ­bereits
gelerntes Konzept wie »Wauwau« (Hund) hineinpasst,
so bilden sie meist rasch eine neue Kategorie – etwa
»Miau«.
Analog hierzu beschreibt die Akkommodation nach U N S E R E AU TO R I N
Keltner und Haidt einen Drang zur mentalen Anpas­ Patricia Thivissen arbeitet als
sung. Wir wollen dem, was uns groß oder bedeutsam Wissenschaftsjournalistin in Berlin.
erscheint, einen Sinn geben, es in unsere persönliche Ehrfurcht empfand sie zuletzt am
Denk- und Erfahrungswelt integrieren. Gelingt das, rauen Nordseestrand in Dänemark.

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PSYCHOLO GIE / EHRFURCHT

KEVRON2001 / GETTY IMAGES / ISTOCK

Auch dies ist ein Ehrfurcht gebietendes Bild: Ungebändigte Naturgewalt lässt den Menschen
klein und machtlos erscheinen.

konnten entscheiden, ob und wie viel davon sie einem verbunden zu sein. Dies wiederum war ausschlagge­
anderen Teilnehmer abgeben wollten. Daran maßen die bend für die Bereitschaft, mit anderen zu teilen.
Forscher die soziale Ader. Wie sich zeigte, waren jene, Auch in einer vierten Studie ließ sich das prosoziale
die besonders oft Ehrfurcht empfanden, auch großzügi­ Verhalten von Testpersonen mittels Ehrfurcht steigern.
ger beim Verteilen der 500-Dollar-Lose, unabhängig Dazu genügten bereits Videos von Vulkanausbrüchen,
von Variablen wie Alter und Geschlecht. Dieser Effekt Tornados oder von bunten Wassertropfen, die in Zeit­
blieb selbst dann bestehen, als Piff und seine Kollegen lupe wundersame Schlieren in einem Gefäß voll Milch
andere Emotionen wie Liebe oder Mitgefühl statistisch hinterließen. Offenbar helfen wir anderen eher, so Piff,
kontrollierten. »wenn wir das Gefühl haben, unser eigenes Dasein und
Solche korrelativen Zusammenhänge allein sagen individuelle Ziele seien eher weniger bedeutend«.
­allerdings wenig aus. Daher versuchte Piffs Team im Doch lassen sich Ehrfurchtserfahrungen im Labor
nächsten Schritt, das Gefühl der Ehrfurcht bei den Teil­ mit denen im wirklichen Leben vergleichen? »Natürlich
nehmern aktiv zu beeinflussen. Diese sollten etwa ein kann man vor allem transformative Ehrfurchtserfah­
Erlebnis beschreiben, bei dem sie Ehrfurcht oder Stolz rungen, wie die Geburt eines Kindes, im Labor kaum
empfunden hatten. Ob das tatsächlich das entspre­ imitieren«, räumt der Forscher ein. Wichtig sei es, sol­
chende Gefühl von damals weckte, prüften die Forscher che Tests mit Feldstudien zu kombinieren. »Bringen wir
mit Hilfe eines Fragebogens. Anschließend lasen die Menschen zum Beispiel an Ehrfurcht weckende Orte,
Probanden verschiedene Szenarios, in denen es um mo­ sehen wir ähnliche Effekte wie im Labor.«
ralische Normen ging – beispielsweise was man tun
würde, wenn man an der Kasse einer Kaffeebar zu viel Bäume anschauen macht hilfsbereiter
Wechselgeld erhielte. In einem weiteren Test sahen die Hierfür machten es sich die Psychologen zu Nutze, dass
Teilnehmer entweder einen beeindruckenden Natur­ nahe dem Campus in Berkeley ein Eukalyptuswald mit
film oder ein neutrales Video, ehe sie Fragen nach ­ihrem stattlichen, bis zu 60 Metern hohen Bäumen steht. Die
Selbstbild beantworten oder im besagten Spiel Großzü­ Forscher teilten 90 Versuchspersonen in zwei Gruppen
gigkeit beweisen sollten. Erneut zeigte sich: Ehrfürchti­ auf: Die einen sollte eine Minute lang zu den Baum­
ge Probanden waren spendabler – und offenbarten ein wipfeln aufschauen, die anderen standen wenige Meter
»kleineres Selbst«, das Gefühl also, mit etwas Größerem entfernt, betrachteten aber ein wenig spektakuläres

GEHIRN&GEIST 23 1 2 _ 2 0 1 7
Eine kurze Geschichte der Ehrfucht
Staunen, Respekt, Demut, Erleuchtung – das sind Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde die
nur einige der Dinge, die wir heute mit dem schil- ­ hrfurcht immer mehr als eine säkulare, nicht (nur)
E
lernden Begriff der Ehrfurcht verbinden. Als religiös gefärbte Erfahrung gedeutet. Die Bewunde-
»höchsten Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der rung für die Natur oder die Leistungen großer Künst-
Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als ler charakterisierte für den irisch-britischen Auf-
sich selbst« definierte sie schon Brockhaus’ Konver- klärer Edmund Burke (1729–1797) unser ästhetisches
sationslexikon von 1896. Das damit beschriebene Empfinden. In seinen »Philosophischen Unter­
Empfinden spielte in der Kulturgeschichte des suchungen über den Ursprung unserer Ideen vom
Menschen von jeher eine besondere Rolle. Erhabenen und Schönen« erklärte er, dass wir ange-
Für viele Gelehrte und Forscher stellt das Stau- sichts der Unermesslichkeit und Unerreichbarkeit
nen über die eigene Existenz, über das Universum grandioser Schöpfungen stets auch einen wohltuenden
und das Leben den Ausgangspunkt schlechthin für Schrecken empfänden.
Philosophie, Wissenschaft und Kunst dar. So be- Der aus dem Elsass stammende Theologe, Arzt und
kannte beispielsweise der deutsche Idealist Imma- Philosoph Albert Schweitzer (1875–1965) stellte ein
nuel Kant (1724–1804) in seiner »Kritik der prakti- ähnliches Konzept ins Zentrum seiner Ethik. In der
schen Vernunft«, zwei Dinge erfüllten ihn mit »Ehrfurcht vor dem Leben« sah Schweitzer den ent-
»immer neuer und zunehmender« Ehrfurcht: »der scheidenden Impuls nicht nur für Bescheidenheit und
gestirnte Himmel über mir und das moralische Güte, sondern auch für die Verantwortung gegenüber
Gesetz in mir.« anderen. Schweitzer erhielt unter anderem für sein
Vor allem im religiösen Kontext nimmt die Engagement als »Urwalddoktor« im westafrikanischen
Ehrfurcht traditionell breiten Raum ein. In fast Gabun 1953 den Friedensnobelpreis. Er gilt zudem
allen großen Glaubenslehren findet sich ein mehr als ein Pionier des Vegetarismus, da er im späteren
oder weniger expliziter Appell zur Gottesfurcht, Lebensalter aus Respekt vor der Kreatur auf tierische
also der Anerkennung und Verehrung einer höheren Kost verzichtete.
Macht. Ihr verdanke der Mensch nicht nur sein Ob als Akt religiöser Demut, als ästhetische Erfah-
Dasein, sondern sie richte auch über sein Schicksal. rung oder als moralischer Wegweiser – Ehrfurcht
Das Moment der Ohnmacht, ja der Angst ange- bildet, wie es Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
sichts einer überirdischen Autorität ist hier domi- formulierte, wohl tatsächlich einen »Angelpunkt der
nierend – was spätere, religionskritische Denker Welt«. Ohne sie wären wir jedenfalls um ein höchst
teils scharf ablehnten. faccettenreiches Gefühl ärmer.

Universitätsgebäude. Als die Minute um war, näherte Stellar bestätigt. Die Psychologinnen untersuchten die
sich der Versuchsleiter, bepackt mit Fragebogen und ei­ Frage, wie sich die »dunkle Seite« der Ehrfurcht auf
ner Box voll Stiften, die er – vermeintlich aus Verse­ das Befinden oder das Stresserleben der Betreffenden
hen – vor dem jeweiligen Probanden fallen ließ. (Das auswirkt. Zunächst baten sie gut 200 Probanden, Situa­
Ganze war vorab ausgiebig geprobt worden, damit es tionen in ihrem Leben zu beschreiben, in denen sie ehr­
möglichst ­natürlich wirkte.) Das Resultat: Ehrfürchtige fürchtig gewesen waren. Etwa jeder fünfte skizzierte
Bäume-Gucker sammelten im Schnitt mehr Stifte auf. ­dabei auch Bedrohliches wie die Terroranschläge des
Zudem stellten sie in einem Fragebogentest, bei dem je­ 11.  September 2001 oder das Unglück der »Challenger«-
der sein »Ich« und »die anderen« durch verschieden Raumfähre 1986. Solche Erlebnisse kennzeichnete vor
große Kreise symbolisieren sollte, sich selbst kleiner dar. allem ein Gefühl des Kontrollverlustes – die Teilnehmer
Auch stimmten sie Aussagen wie »Ich glaube, mir steht hatten den Eindruck, selbst nichts ausrichten zu kön­
mehr zu als anderen« weniger zu, erhoben also nicht so nen, und empfanden entsprechend große Unsicherheit.
hohe Ansprüche wie die Gebäudebetrachter. Physiologisch machte sich das in typischen Stresssigna­
»Ehrfurcht verändert unser Selbstkonzept und damit len wie beschleunigtem Puls und erhöhter Hautleitfä­
unser Handeln«, resümieren Piff und seine Kollegen. higkeit – zu Deutsch: Schwitzen – bemerkbar.
Im Angesicht schierer Größe nehmen wir uns selbst we­ In einem weiteren Versuch teilten Stellar und Gor­
niger wichtig. Doch das muss sich nicht unbedingt gut don rund 600 Probanden in vier Gruppen auf. Die
anfühlen. Denn Ehrfurcht kann auch unangenehme ­einen sahen Videos, die entweder positiv oder negativ
Zustände auslösen, wie eine 2017 erschienene Studie gefärbte Ehrfurcht hervorrufen sollten (beeindrucken­
von Amie Gordon von der University of California in de Naturszenen versus Tornados), die anderen sollten
San Francisco und ihrer Torontoer Kollegin Jennifer Angst bekommen (diese sahen eine Szene aus dem Gru­

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PSYCHOLO GIE / EHRFURCHT

Ehrfurchtserfahrungen wie die


Geburt eines Kindes lassen
sich im Labor kaum imitieren
DAMIRCUDIC / GETTY IMAGES / ISTOCK

selklassiker »The Shining«) oder gar keine besonderen genannter Zytokine, einhergeht. Das Gefühl der Ver­
Emotionen empfinden. Eine Voruntersuchung hatte er­ bundenheit mit anderen könnte also durchaus der Ge­
geben, dass die Filmausschnitte die gewünschten Reak­ sundheit förderlich sein.
tionen tatsächlich hervorriefen. Im Anschluss füllten Paul Piff geht noch einen Schritt weiter: Für ihn
die Teilnehmer Fragebogen zu ihrer aktuellen Gefühls­ ­stiftet Ehrfurcht einen wichtigen Zusammenhalt in der
lage und zu ihrem Selbstwertgefühl aus. Gesellschaft. Umgekehrt dürfte der wachsende Indi­
vidualismus unserer Zeit mit dem Rückgang solcher
Auf dem Weg zu einer »Gänsehaut-Therapie«? ­Erfahrungen im Alltag zusammenhängen. »Die Men­
Wie zu erwarten, fühlten sich die Teilnehmer aus der schen tendieren heute dazu, Ehrfurcht weniger wichtig
Angst-Gruppe am unwohlsten in ihrer Haut. Aber auch zu nehmen. Sie wollen vielleicht einen tollen Trip durch
negativ dominierte Ehrfurcht schlug aufs Wohlbefin­ den Grand Canyon machen, doch sie erblicken darin
den, während etwa das Staunen über die Schönheit der keinen größeren Rahmen für ihr Leben.«
Natur dieses eher erhöhte. Den entscheidenden Unter­ Der Forscher plädiert dafür, Ehrfurcht aktiv zu kulti­
schied machte wiederum vor allem das Wahrnehmen vieren – etwa in Form kleiner Gänsehaut­momente, die
der eigenen Machtlosigkeit: In beiden Ehrfurchtsbedin­ schon der nächtliche Sternenhimmel oder Musik auslö­
gungen fühlten sich die Teilnehmer zwar klein, doch sen können. Vielleicht lassen sich die guten Seiten der
nur bei negativer Ehrfurcht kam das Empfinden von Ehrfurcht sogar therapeutisch nutzen, spekuliert er.
Ohnmacht hinzu. »Nach unseren Ergebnissen sind bis Fundierte Ansätze für eine solche »Gänsehaut-Thera­
zu ein Viertel aller Ehrfurchtserfahrungen negativ ge­ pie« gibt es bislang zwar noch nicht. »Aber wir wissen«,
tönt«, schreiben Stellar und Gordon. Diese seien dem so Piff, »dass bereits kurze Interventionen das prosozia­
Wohlbefinden oft abträglich. Die Schattenseiten der le Verhalten steigern. Dieser Effekt hält nicht unbedingt
Ehrfurcht müssten jedoch erst in weiteren Studien ge­ an. Doch wenn man zum Beispiel einmal am Tag einen
nauer bemessen werden. Ehrfurchtsspaziergang unternimmt, kann das dem eige­
Andererseits heißt das auch: Die Mehrzahl der Ehr­ nen Wohlbefinden und den Beziehungen zu anderen
furchtserfahrungen sind schön, bisweilen sogar berau­ durchaus helfen.«
schend. Und das birgt womöglich medizinisches Poten­ Die gute Nachricht lautet: Um Ehrfurcht zu empfin­
zial. Bereits 2015 zeigte Stellar zusammen mit anderen den, braucht es oft gar nicht viel. Manchmal genügt es
Forschern, dass positive Ehrfurcht mit verminderten dafür schon, Dingen, die wir sonst für selbstverständ­
Werten bestimmter Entzündungsmarker im Körper, so lich halten, etwas mehr Augenmerk zu schenken. H

QUELLEN

Gordon, A. M. et al.: The Dark Side of the Sublime: Distinguishing a Threat-Based Variant of Awe.
In: Journal of Personality and Social Psychology 113, S. 310–328, 2017
Keltner, D., Haidt, J.: Approaching Awe, a Moral, Spiritual, and Aesthetic Emotion.
In: Cognition and Emotion 17, S. 297–314, 2003
Piff, P. et al.: Awe, the Small Self, and Prosocial Behavior.
In: Journal of Personality and Social Psychology 108, S. 883–899, 2015
Razavi, P. et al.: Cross-Cultural Similarities and Differences in the Experience of Awe.
In: Emotion 16, S. 1097–1101, 2016
Stellar, J. E. et al.: Positive Affect and Markers of Inflammation: Discrete Positive Emotions
Predict Lower Levels of Inflammatory Cytokines. In: Emotion 15, S. 129–133, 2015
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508511

GEHIRN&GEIST 25 1 2 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE

SUCHTPRÄVENTION Ob Tabak, Alkohol oder andere Drogen –


nirgendwo in Europa konsumieren Jugendliche so
wenig ­Suchtmittel wie in Island. Dafür gibt es einen Grund.

Das Island-
Experiment VON EMMA YOUNG

FÜR MOSAIC SCIENCE


DAVE IMMS

GEHIRN&GEIST 26 1 2 _ 2 0 1 7
Nach der Schule ab zum Sport –
in Island ist das für viele Kinder ganz normal.
FÜR MOSAIC SCIENCE
DAVE IMMS

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Auf einen Blick: Islands Plan gegen Sucht

1 2 3
Um den grassierenden Alkohol- Die Regierung verschärfte ver- Alle Jugendlichen nehmen
und Drogenkonsum zu be- schiedene Jugendschutzgesetze. regelmäßig an Befragungen teil.
kämpfen, führte der isländische Teenager und ihre Eltern 2016 betranken sich nur noch
Staat Ende der 1990er Jahre landes- wurden dazu animiert, den weitaus fünf Prozent der 15- und 16-Jähri-
weit das Präventionsprogramm größten Teil der Freizeit mit Sinn gen einmal im Monat; lediglich drei
»Jugendliche in Island« ein. stiftenden Aktivitäten als Familie Prozent rauchten täglich.
oder im Verein zu verbringen.

D
ie Uhr zeigt kurz vor drei; der Schul- bei einer Tasse Tee in seiner Wohnung in Reykjavik.
unterricht ist längst aus an diesem Das war Anfang der 70er Jahre, er machte gerade als
sonnigen Freitagnachmittag. Doch Student ein Praktikum an der psychiatrischen Klinik
der Laugardalur-Park nahe dem Bellevue in New York City. LSD war bereits in Mode,
Stadtzentrum von Reykjavik erscheint viele rauchten Marihuana, und die Heroinsucht erreich-
menschenleer. Nur hin und wieder te ihren ersten Höhepunkt. In seiner Doktorarbeit kam
sieht man einen Erwachsenen mit einem Buggy. Dabei Milkman zu dem Schluss, dass die Entscheidung für
liegt der Park inmitten von Wohnblocks und Mehrfa- Heroin oder Amphetamine vom individuellen Umgang
milienhäusern. Wo sind all die Kinder? mit Stress abhing. Wer Heroin nahm, wollte sich betäu-
Auf meinem Spaziergang begleiten mich der Psycho- ben. Wer dagegen Amphetamin konsumierte, tat dies,
loge Gudberg Jónsson von der Universität Island sowie um sich aktiv mit dem Stress auseinanderzusetzen.
der amerikanische Psychologieprofessor Harvey Milk- Nachdem er seine Arbeit veröffentlicht hatte, sollte
man, der einen Teil des Jahres ebenfalls in der isländi- sich Milkman im Auftrag der US-Drogenbehörde zu-
schen Hauptstadt lehrt. Vor 20 Jahren gehörten die is- sammen mit anderen Wissenschaftlern weiteren Fragen
ländischen Teenager zu den trinkfreudigsten in ganz widmen: Warum greifen Menschen überhaupt das erste
Europa, erzählt Jónsson, und Milkman fügt hinzu: »Da Mal zu Suchtmitteln? Weshalb machen sie weiter?
konnten Sie freitags abends nicht zu Fuß durch Reykja- Wann hören sie auf? Und aus welchen Gründen werden
viks Innenstadt gehen. Ganze Horden von Jugendlichen sie rückfällig?
betranken sich auf offener Straße!«
Heute weist die europäische Statistik die isländischen Drogen zur Stressbewältigung
Teenager als diejenigen mit dem vorbildlichsten Lebens­ Jeder Erstsemesterstudent könne beantworten, warum
wandel aus. Der Anteil der 15- und 16-Jährigen, die im jemand Drogen ausprobiere, meint Milkman. Da sind
letzten Monat betrunken waren, fiel von 1988 bis 2016 zum einen die Verfügbarkeit, zum anderen die Risiko­
von 42 auf fünf Prozent. Statt vormals 17 Prozent haben freude, manchmal Entfremdungsgefühle, vielleicht so-
heute nur noch sieben Prozent von ihnen jemals Can- gar eine Depression. »Aber warum kommen viele nicht
nabis probiert, und lediglich drei Prozent rauchen täg- mehr davon los?« Milkman vermutete, dass die Betrof-
lich Zigaretten. fenen bereits vor ihrem ersten Drogenkonsum gefähr-
Wir nähern uns einem großen Gebäude. »Hier ist det waren, weil der Suchtmittelmissbrauch ihrer indivi-
das Eislaufstadion«, erklärt Jónsson. Kurz zuvor haben duellen Strategie zur Stressbewältigung entsprach.
wir eine Badminton- und eine Tischtennishalle passiert. Der Psychologe entwickelte seine Ideen an der US-
Nun kommen wir an einem Sportplatz und einem geo- amerikanischen Metropolitan State University of Den-
thermisch beheizten Schwimmbad vorbei. Endlich tref- ver weiter. Konfrontationsfreudige Jugendliche brau-
fen wir auch auf einige Kinder und Jugendliche, die be- chen den Kick, so lautete seine Hypothese. Den holten
geistert auf einem Kunstrasenfeld Fußball spielen. Laut sie sich, indem sie Radkappen, Radios und später ganze
Jónsson sieht man kaum junge Leute im Park herum- Autos stehlen – oder eben, indem sie stimulierende
lungern, weil sie stattdessen schulische Nachmittags­ Drogen nehmen. »Letztlich können Menschen von Al-
angebote nutzen. Oder in Musik-, Tanz- oder Kunstver-
eine gehen. Oder gerade einen Ausflug mit ihren Eltern
machen.
Den Umschwung im Lebenswandel der Jugendli- U N S E R E AU TO R I N
chen hat das Land durch drastische Maßnahmen her-
Emma Young war als Redakteurin
beigeführt – indem es eine »vernünftige« Lebensgestal- beim »New Scientist« tätig und lebt in
tung mit Nachdruck durchsetzte. Aber wie kam es Sheffield (UK). Heute schreibt die
dazu? »Zur Zeit der psychedelischen Drogenbewegung ­Wissenschaftsjournalistin unter anderem
befand ich mich im Auge des Orkans«, erzählt Milkman Wissenschaftskrimis für Kinder.

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PSYCHOLO GIE / SUCHTPR ÄVENTION

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Alkoholisierte Jugendliche sucht man im Laugardalur-Park in Reykjavik inzwischen vergeblich.

kohol, Autos, Geld, Sex, Kalorien, Kokain und von al- mehr wertzuschätzen und besser mit anderen zurecht-
lem Möglichen abhängig werden«, so Milkman. »Wir zukommen. Drei Monate sollten die Kinder dabeiblei-
betrachteten damals Drogenabhängigkeit als Verhal- ben; bei einigen wurden daraus fünf Jahre.
tenssucht – das war unser Markenzeichen.« Und daran Schon 1991 hatte Milkman eine Einladung nach Is-
entzündete sich auch ihre nächste Idee: Warum nicht land erhalten, um über seine Arbeit zu sprechen. Er be-
eine Initiative gründen, die Jugendlichen die Gelegen- riet auch das erste i­sländische stationäre Drogenthera-
heit gibt, auf natürliche Weise »high« zu werden – aber piezentrum für Jugendliche in der Stadt Tindar, wo man
ohne zerstörerische Drogen? seine Ideen guthieß. Hier traf er auf Jónsson, der damals
Bis 1992 hatte Milkmans Team in Denver Fördergel- als Psychologiestudent ein Praktikum an der Einrich-
der in Höhe von 1,2 Millionen US-Dollar für das Projekt tung absolvierte. Seitdem sind sie befreundet.
Self-Discovery (Sich selbst entdecken) beschafft. Es soll-
te ­
Jugendlichen helfen, ohne Suchtmittelkonsum in Vorbeugen statt therapieren
­Hochstimmung zu kommen. Aufgenommen wurden Danach kam Milkman regelmäßig zu Vortragsreisen
Teenager ab 14 Jahren. Die Kinder sahen sich selbst nach Island. Seine Vorträge und die neue Herangehens-
nicht als hilfebedürftig; ihre Lehrer oder die Schulkran- weise des Therapiezentrums inspirierten schließlich eine
kenschwester hatten sie wegen Problemen mit Drogen junge Soziologin an der Universität Island, Inga Dóra
oder Kleinkriminalität hingeschickt. Sigfúsdóttir. Sie fragte sich: Könnte man den Ansatz,
»Wir erzählten den Kids nichts von einer Behand- Kinder sinnvoll zu beschäftigen, nicht für ein umfassen-
lung. Stattdessen boten wir ihnen an: ›Wir bringen euch des Präventionsprogramm nutzen, also nicht nur Ju-
alles bei, was ihr lernen wollt: Musik, Tanz, Hiphop, gendliche mit Suchtproblemen ansprechen, sondern alle
Malen, Kampfkunst.‹« Die Idee war, den Jugendlichen Kids, damit diese gar nicht erst mit Drogen anfangen?
­zu geben, was sie brauchten, um besser mit ihrem Le- »Hast du schon mal Alkohol probiert? Wenn ja,
ben klarzukommen – ob sie nun von ihren Ängsten los- wann hast du zum letzten Mal getrunken? Warst du
kommen wollten oder einfach nur den Kick suchten. schon mal betrunken? Hast du schon mal geraucht?
Gleichzeitig erhielten sie eine Art Lebensschulung. Hier Wenn ja, wie oft? Wie viel Zeit verbringst du mit deinen
ging es darum zu lernen, sich selbst und das Leben Eltern? Hast du eine enge Beziehung zu ihnen? An wel-

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M E H R W I S S E N AU F die Werbung für beides wurde verboten. Außerdem
»SPEKTRUM.DE« mussten alle Schulen Elternorganisationen einrichten,
Wie Kinder und Jugendliche am und im Schulrat saßen fortan auch Eltern. Diese ermu-
besten vom Unterricht profitieren, tigte man ausdrücklich, möglichst viel Zeit mit dem
lesen Sie in unserem digitalen Nachwuchs zu verbringen – ab und zu gemeinsame
Spektrum Kompakt: »Lernen im
Wandel«
»quality time« reiche nicht. Es geht darum, mit den Kin-
dern über ihr Leben zu sprechen, zu wissen, mit wem
www.spektrum.de/shop sie ihre Zeit verbringen, und letztlich darum, dass sie
abends zu Hause bleiben. Aus dieser Zeit stammt auch
ein weiteres Aufsehen erregendes Gesetz: Jugendlichen
chen Aktivitäten nimmst du teil?« 1992 beantworteten zwischen 13 und 16 Jahren wurde es in Island untersagt,
sämtliche 14-, 15- und 16-Jährigen in Island erstmals sich im Winter nach 22 Uhr und im Sommer nach Mit-
­solche und weitere Fragen, dann noch einmal 1995 und ternacht draußen aufzuhalten.
1997. Die Ergebnisse waren alarmierend: Fast 25 Prozent Der nationale Dachverband der Elternorganisatio-
der Teenager rauchten jeden Tag Zigaretten, und mehr nen »Zuhause und Schule« gibt schriftliche Vereinba-
als 40 Prozent hatten sich im Monat zuvor betrunken. rungen heraus, welche die Eltern unterschreiben kön-
Als das Team die Daten weiter aufschlüsselte, konnte nen. Darin verpflichten sie sich beispielsweise, den
es Schulen mit den größten und die mit den geringsten Teenagern keine Partys ohne Aufsicht zu erlauben, kei-
Problemen identifizieren. Dabei zeigten sich deutliche nen Alkohol für die Minderjährigen zu kaufen oder bei
Unterschiede zwischen Jugendlichen, die sich auf den Festen auch andere Kinder im Auge zu behalten. Die
Konsum von Alkohol, Tabak und Drogen einließen, Vereinbarungen verleihen den Empfehlungen erzieheri-
und denen, die es nicht taten. Als besonders schützend schen Nachdruck und stärken die elterliche Autorität,
erwies sich: häufig (drei- bis viermal wöchentlich) an argumentiert Hrefna Sigurjónsdóttir, Direktorin des
Gruppenaktivitäten (insbesondere Sport) teilzunehmen, Dachverbands. Das Argument »Aber alle anderen dür-
kontinuierlich viel Zeit mit den Eltern zu verbringen, fen das!« zieht dann nicht mehr.
das Gefühl, in der Schule ernst genommen zu werden,
und: sich spät abends nicht mehr auf der Straße herum- Sport treiben, musizieren, malen
zutreiben. Zudem erhöhte der Staat die Fördergelder für Sport-,
Zu diesem Zeitpunkt hatten die isländischen Behör- Musik-, Kunst-, Tanz- und andere Vereine. Sie sollen
den bereits alle möglichen Anstrengungen gegen Dro- ­Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten bieten, sich
genmissbrauch unternommen, berichtet Inga Dóra als Teil einer Gruppe gut zu fühlen, ohne Alkohol oder
­Sigfúsdóttir, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an ­andere Drogen. Kinder aus einkommensschwachen Fa-
der Befragung mitwirkte. Die meisten hatten Bildungs- milien werden bei der Teilnahme finanziell unterstützt.
charakter: Die Jugendlichen wurden vor den Gefahren So erhalten Familien in Reykjavik (hier lebt etwa ein
von Alkohol und Drogen gewarnt. Was aber weitge- Drittel der isländischen Bevölkerung) über eine »Frei-
hend wirkungslos war, wie Milkman schon in den USA zeitkarte« pro Kind jährlich einen Zuschuss von etwa
beobachtet hatte. »Wir brauchten etwas anderes.« 300 Euro.
Für eine neue Herangehensweise interessierte sich Die Befragungen an Islands Teenagern werden fort-
auch Reykjaviks Bürgermeister. Sowie viele Eltern, er- gesetzt. Bis zu 20 000 Jugendliche füllen jährlich einen
gänzt Jón Sigfússon, Inga Dóras Bruder und Kollege am Fragebogen aus: 1997 verbrachten nur 23 Prozent der 15-
1999 neu gegründeten Isländischen Zentrum für Sozial- und 16-Jährigen häufig oder an fast allen Wochentagen
forschung und -analyse (ICSRA). »Die Lage war ernst«, Zeit mit ihren Eltern. Bis 2012 hatte sich der Anteil auf
erklärt der zweifache Familienvater: »Es war klar, dass 46 Prozent verdoppelt. Die Zahl derjenigen, die mindes-
etwas geschehen musste.« tens viermal pro Woche Sport treiben, stieg von 24 auf
Ein interdisziplinäres Team machte sich daran, 42 Prozent. Gleichzeitig sank die Anzahl derer, die Ziga-
schrittweise den landesweiten Plan »Jugend in Island« retten rauchen, trinken oder Cannabis konsumieren.
einzuführen. Sogar Gesetze wurden geändert: Tabak Zwar lasse sich auf diese Weise kein ursächlicher Zu-
durfte fortan nur noch an Personen über 18 Jahre, Alko- sammenhang beweisen, räumt Álfgeir Kristjánsson ein,
hol nur noch an über 20-Jährige ausgegeben werden, der die Daten analysierte und jetzt an der US-amerika-

1997 verbrachten nur 23 Prozent der 15- und 16-Jährigen


­häufig oder an fast allen Wochentagen Zeit mit ihren Eltern.
Bis 2012 hatte sich der Anteil auf 46 Prozent verdoppelt

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PSYCHOLO GIE / SUCHTPR ÄVENTION

Sucht bei Jugendlichen in Deutschland


Die gute Nachricht vorweg: Auch Cannabis hingegen wird offen- Bildung und Informationen über
bei uns rauchen und trinken Ju- bar beliebter. Nachdem der Anteil die Gefahren der jeweiligen Subs-
gendliche heute weniger als früher. der Jugendlichen, die in den zwölf tanz. Dabei zeigt eine Metaanalyse
Griffen 2001 rund 28 Prozent der Monaten vor der Befragung gekifft der Expertin für Gesundheits­
12- bis 17-Jährigen regelmäßig zur hatten, zwischen 2004 und 2011 kommunikation Kim Witte von der
Kippe, taten das 2015 laut der gesunken war, stieg er zuletzt von Michigan State University, dass
Drogenaffinitätsstudie der Bundes- fünf auf sieben Prozent an. Abschreckung allein nicht beson-
zentrale für gesundheitliche Auf- Noch stärker wächst die Zahl der­ ders effektiv ist, um Menschen von
klärung nur noch knapp acht Pro- Online- und Videospielabhängigen. gesundheitsschädlichem Verhalten
zent – ein historischer Tiefstand. Mittlerweile gelten 600 000 Ju- abzuhalten.
Die Erhebung zeigt außerdem, dass gendliche und junge Erwachsene Schon seit den 1950er Jahren ist
jeder zehnte Jugendliche schon als internet­abhängig. Die Betroffe- erforscht, dass reine Furchtappelle,
einmal E-Zigaretten ausprobiert nen haben ihre Computernutzung wenn überhaupt, nur kurzfristige
hat. Seit April 2016 sind diese aller­- nicht mehr im Griff, vernach­ Effekte haben. Botschaften, die uns
dings für Minderjährige verboten. lässigen andere Lebensbereiche und nicht passen oder die im Kontrast
Auch das gefährliche Rausch- entwickeln Entzugssymptome, zu unserem bisherigen Verhalten
trinken ist rückläufig. Während wenn sie nicht vor dem Bildschirm stehen, blenden wir nämlich nur zu
2004 rund 23 Prozent der Jugendli- sitzen. Von 2011 bis 2015 hat sich gerne aus. Folgt auf die Angst
chen angaben, mindestens einmal diese Verhaltenssucht stark ver­ machende Botschaft keine konkrete
im vergangenen Monat mehr als breitet, bei den Mädchen sogar Handlungsanweisung, können
vier bis fünf Gläser Alkohol getrun- verdoppelt. Die Folgen sind mitun- Präventionsmaßnahmen sogar den
ken zu haben, waren es 2015 noch ter Schlafprobleme, Hyper­aktivität, gegenteiligen Effekt erzielen. Des-
14 Prozent. Jeder Zehnte zwischen Konzentrationsschwierigkeiten und halb brauchen Jugendliche eine
12 und 17 Jahren trinkt einmal pro Sprachstörungen. Alternative, wie sie ihren Alltag
Woche ein alkoholisches Getränk Staatliche Präventionspro­ positiv und drogenfrei gestalten
oder sogar mehrere. Das sind halb gramme setzen in Deutschland können. Hier bieten freizeitpädago-
so viele wie elf Jahre zuvor. immer noch hauptsächlich auf gische Ansätze eine Chance.

Aktuelle Drogentrends (12- bis 17-Jährige)


40
Anteil der Jugendlichen in Prozent

30 Cannabiskonsum
2015
Onlinesucht zirka 7 %
2015
20 Alkoholkonsum zirka 6 %

Zigarettenkonsum
2011
10 zirka 5 %
GEHIRN&GEIST

2011
zirka 3 %
0
01 03 04 05 07 08 10 11 12
20 20 20
14 15
20 20
20 20 20 20 20 20 »Drogen- und Suchtbericht« der Bundesregierung 2017

Innovative Präventionsprojekte
Die in Island erfolgreiche Idee, Teenagern natürliche »Highs« zu verschaffen – offline und ganz ohne Drogen –,
verfolgen auch in Deutschland einige gemeinnützige Initiativen:

▶ Mountain Activity Club ▶ Podcast »HiLights« ▶ KMDD –


Ermöglicht ehemaligen Drogen­ Prominente, Experten und Betrof- Keine Macht den Drogen
abhängigen unter dem Motto »Kick fene erzählen, was sie persönlich Bietet und unterstützt zahlreiche
durch Klettern« Bouldertrainings »high« macht – ohne Drogen und Präventionsprojekte, darunter
und Bergtouren in den Alpen. Suchtmittel. dreitägige Abenteuercamps.

GEHIRN&GEIST 31 1 2 _ 2 0 1 7
nen ersten Ergebnisbericht sowie Vergleichswerte von
anderen teilnehmenden Regionen. »Wir sagen immer,
Informationen müssen frisch sein, genau wie Gemüse«,
meint Sigfússon. »Präsentiert man die Ergebnisse später,
sagen die Leute: Ach, das ist ja lange her und hat sich
vielleicht schon wieder geändert …« Wenn sich die Da-
GETTY IMAGES / NBC / DOUGLAS GORENSTEIN

ten direkt auf den betroffenen Ort beziehen, können


Schulen, Eltern und die Verwaltung genau sehen, wel-
che Probleme bei ihnen existieren.
99 000 Fragebogen von so weit entfernten Orten wie
den Färöer-Inseln, Malta, Rumänien und Südkorea hat
das Team bereits ausgewertet. Kürzlich kamen Nairobi
und Guinea-Bissau hinzu. Im Prinzip wirken hinsicht-
lich des Drogenkonsums von Jugendlichen überall
Die Indie-Folk-Pop-Band »Of Monsters and Men« ist die gleichen Schutz- und Risikofaktoren. Mit wenigen
ein »Kind« von Islands Präventionsprogramm. Ausnahmen: An einem Ort an der Ostsee erwies sich
erstaunlicherweise die Teilnahme an organisierten
­
Sportangeboten als Risikofaktor. Es stellte sich heraus,
nischen West Virginia University School of Public dass junge Exsoldaten diese Gruppen leiteten, und die
Health forscht: Der Trend sei allerdings sehr klar er- hatten eine Vorliebe für muskelaufbauende Substanzen,
kennbar. »Die Schutzfaktoren sind gestiegen, die Risi- Alkohol und Nikotin. Hier gab es also ein klar definier-
kofaktoren gesunken, der Drogenmissbrauch ging zu- tes lokales Problem, das man angehen konnte.
rück. In Island ist das deutlicher als in jedem anderen Was die einzelnen Kommunen angesichts ihrer indi-
europäischen Land.« viduellen Ergebnisse unternehmen, bleibt ihnen selbst
Jón Sigfússon entschuldigt sich für seine Verspätung: überlassen. Gelegentlich unternehmen sie gar nichts.
»Es gab einen Notruf!« Er möchte nicht sagen, von wem, Ein überwiegend muslimisches Land etwa, das Sigfús-
aber es ging um eine der Städte irgendwo auf der Welt, son nicht nennen möchte, zog sich aus dem Projekt zu-
die Ideen von »Jugend in Island« übernommen haben. rück, nachdem die Daten einen unangenehm hohen Al-
Sigfússon leitet das Projekt »Youth in Europe« (Jugend koholkonsum offenbart hatten. In manchen Städten –
in Europa), das 2006 startete, nachdem man die be­ wie jener, aus der der »Notruf« kam – steht man den
merkenswerten Daten aus Island bei einem Treffen der Ergebnissen zwar offen gegenüber. Aber mitunter sind
Organisation »Europäische Städte gegen Drogen« prä- Gelder für die gesundheitliche Prävention offenbar un-
sentiert hatte. Es spielt sich mehr auf städtischer als gleich schwieriger zu erlangen als für nachträgliche
auf nationaler Ebene ab. Im ersten Jahr hatten sich Therapien.
acht Stadtverwaltungen gemeldet, inzwischen nehmen
35 Bezirke aus 17 Ländern teil. Das Vorgehen ist immer Kostenlose Erziehungsberatung
gleich: Sigfússon und sein Team sprechen mit Vertre- In ganz Europa ist der Alkohol- und Drogenmissbrauch
tern der örtlichen Verwaltung und entwerfen einen Er- bei Jugendlichen in den letzten 20 Jahren zurückgegan-
hebungsbogen mit im Kern den gleichen Fragen, wie sie gen, nirgends jedoch so dramatisch wie in Island. In
in Island gestellt werden. Dabei wird er nur etwas an­ Großbritannien könnte die Tatsache, dass Jugendliche
gepasst: In einigen Orten etwa wurden in letzter Zeit sich inzwischen eher online als persönlich austauschen,
Onlineglücksspiele zu einem Problem. Hier wollte man einer der Hauptgründe für den gesunkenen Alkohol-
wissen, ob ein Zusammenhang mit weiterem Risiko­ konsum sein. Kaunas in Litauen dagegen ist ein Beispiel
verhalten besteht. dafür, was man mit aktiver Intervention erreichen kann:
Zwei Monate nachdem die Fragebogen wieder in Is- Schulen, Eltern, Gesundheitsorganisationen, Kirchen,
land eingetroffen sind, verschickt das Team bereits ei- Polizei und Sozialdienste setzten sich im Kampf gegen
Drogenmissbrauch zusammen. Seither erhalten Eltern
acht- oder neunmal im Jahr eine kostenlose Erziehungs­
beratung, und es gibt Sondermittel für öffentliche
Wie das Beispiel Bukarest ­Einrichtungen oder gemeinnützige Organisationen, die
mit seinen ­großen sozialen sich dem Erhalt der psychischen Gesundheit widmen.
Seit 2015 bietet die Stadt zudem dreimal die Woche
­Problemen zeigt, greift das gratis Sportkurse an. Für Familien mit geringem Ein-
­isländische Modell auch unter kommen soll ein kostenloser Fahrdienst für Kinder ein-
gerichtet werden, die weiter entfernt wohnen. Darauf-
­ganz anderen Bedingungen hin fiel zwischen 2006 und 2014 die Zahl der 15- und

GEHIRN&GEIST 32 1 2 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / SUCHTPR ÄVENTION

16-Jährigen in Kaunas, die sich laut eigener Aussage im Inga Dóra Sigfúsdóttir augenzwinkernd: »Wir sind
vorangegangenen Monat betrunken hatten, um ein auch musikalisch erfolgreich, etwa mit ›Monsters and
Viertel; der Anteil derjenigen, die täglich rauchten, sank Men‹«. Das sind junge Menschen, die man quasi zum
um mehr als 30 Prozent. Musikmachen drängte, erklärt sie. Einige hätten sich
Das Team in Island ist klein. Ginge es nach Sigfússon, später bedankt. Kinder und Jugendliche brauchen keine
sollte sich eine zentrale Institution mit eigenen Förder- Drogen, wenn ihnen das Leben Spaß macht, ist sich die
geldern des Projekts »Youth in Europe« annehmen: Soziologin sicher.
»Wir machen das zwar schon seit zehn Jahren, aber es In Bukarest nahm nach der Einführung von »Youth
ist ja nicht unsere Hauptbeschäftigung. Es wäre schön, in Europe« neben dem Alkohol- und Nikotinkonsum
wenn wir Mitstreiter fänden.« auch die Selbstmordrate unter Jugendlichen ab. In Kau-
nas ist die Zahl der straffälligen Kinder innerhalb eines
Gemeinsam Schafe hüten Jahres um ein Drittel gesunken. Harvey Milkman denkt
Nach unserem Spaziergang durch den Laugardalur- angesichts der Erfolge an sein eigenes Land, die USA.
Park nimmt uns Gudberg Jónsson mit zu sich nach Könnte das Modell dort ebenfalls funktionieren? 325
Hause. Draußen im Garten plaudere ich mit seinen bei- Millionen Menschen in den USA, 330 000 in Island.
den älteren Söhnen, dem 21-jährigen Jón und dem 33 000 Banden dort, praktisch keine hier. Und etwa 1,3
15-jährigen Birgir. Jón, der seit Kurzem an der Universi- Millionen obdachlosen amerikanischen Jugendlichen
tät Island Wirtschaft studiert, trinkt Alkohol, doch sein stehen auf der Insel nur eine Hand voll gegenüber. An-
jüngerer Bruder meint, er kenne niemanden an seiner dererseits zeigt das Beispiel Bukarest mit seinen großen
Schule, der raucht oder trinkt. Wir unterhalten uns sozialen Problemen und starker relativer Armut, dass
auch über Fußball: Birgir spielt fünf- bis sechsmal, das isländische Modell auch unter ganz anderen Bedin-
Jón fünfmal die Woche. Beide begannen im Alter von gungen greift. Dennoch habe ein nationales, langfristi-
sechs Jahren mit dem regelmäßigen Training nach der ges Unterfangen ähnlich »Jugend in Island« in den USA
Schule.»Musstet ihr trainieren, obwohl ihr lieber etwas wohl kaum eine Chance, vermutet Milkman: »Mit ›Self-
anderes getan hättet?« »Nein, es hat uns einfach Spaß Discovery‹ schienen wir das beste Programm der Welt
gemacht«, meint Birgir. Jón fügt hinzu: »Wir haben es zu haben. Ich wurde zweimal ins Weiße Haus eingela-
ausprobiert und uns daran gewöhnt, also sind wir da- den. Wir gewannen nationale Preise. Ich dachte: Das
beigeblieben.« Fußball ist nicht ihre einzige Freizeitbe- wird in jeder Stadt und in jedem Dorf eingeführt. Wur-
schäftigung. Jónsson und seine Frau Thórunn planen de es aber nicht.«
zwar nicht bewusst eine bestimmte Anzahl von Stun- Der Psychologe geht davon aus, dass Islands Modell
den pro Woche für Familienausflüge ein, doch sie ver- in etlichen Ländern an mangelndem Engagement schei-
suchen regelmäßig zusammen mit ihren Kindern ins tert. Hinzu kommen grundsätzliche Vorbehalte: »Wie
Kino, ins Theater, zum Essen, zum Wandern oder zum viel Kontrolle können wir dem Staat über unsere Kinder
Angeln zu gehen. Und jeden September, wenn die islän- einräumen?« und »Darf sich die Regierung überhaupt
dischen Schafe aus dem Hochland herunterkommen, so stark in die individuelle Lebensgestaltung einmi-
gehen sie gemeinsam Schafe hüten. schen?« In Island hat sie es getan – und nicht bereut. H
Jón wurde ein Fußballstipendium an der US-ameri-
kanischen Metropolitan State University of Denver an- Von »Gehirn&Geist« übersetzte und bearbeitete Fassung von
geboten, Birgir hat man inzwischen in die isländische Young, E.: Iceland knows how to stop teen substance abuse
U17-Nationalmannschaft berufen. Könnte das Pro- but the rest of the world isn’t listening. In: Mosaic (https://
mosaicscience.com/story/iceland-prevent-teen-substance-
gramm womöglich einer der Gründe sein, warum Is- abuse) / CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/
land England bei der Fußball-Europameisterschaft 2016 by/4.0/legalcode). Mosaic ist eine Publikation der Wellcome-
vernichtend geschlagen hat? Auf diese Frage antwortet Stiftung (https://wellcome.ac.uk).

L I T E R AT U RT I P P

Milkman, H. B., Wanberg, K. W.: Pathways to Self-Discovery and Change: A Guide for Responsible Living.
The Participant’s Workbook. SAGE Publications, Inc., Thousands Oaks, California, 2. Auflage 2012
Ein Arbeitsbuch für die jugendlichen Teilnehmer des in den USA angewandten Programms Self-Discovery and Change
QUELLEN

Kristjánsson, A. L. et al.: Data Collection Procedures for School-Based Surveys among Adolescents:
The Youth in Europe Study. In: Journal of School Health 83, S. 662–667, 2013
Kristjánsson, A. L. et al.: Population Trends in Smoking, Alcohol Use and Primary Prevention Variables among
Adolescents in Iceland, 1997–2014. In: Addiction 111, S. 645–652, 2016
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508513

GEHIRN&GEIST 33 1 2 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE

KRISENINTERVENTION Die Hamburger Psychologin Angélique Mundt


überbringt gemeinsam mit Polizisten Todesnachrichten. Sie empfiehlt:
wahrheitsgemäß informieren – aber Zeit zum Luftholen lassen.

»Die Angehörigen
entscheiden, wie viel
sie wissen wollen«
Frau Dr. Mundt, wie teilt man einem Menschen mit, auf schreckliche Weise getötet wurde. Natürlich fragen
dass sein Kind oder sein Partner gerade gestorben ist? die Eltern: »Wie ist unsere Tochter gestorben?« Dann
Es gibt keine Standardformulierung, nur eine klare antworte ich: »Durch Messerstiche.« – »Hat sie sich ge-
Maßgabe: die Nachricht sofort überbringen, ohne grau- wehrt?« – »Ja.« – »Wie viele Messerstiche?« Wenn ich es
sam zu sein. Das ist eine Gratwanderung. Man fragt an sicher weiß und die Polizei mir diese Angaben erlaubt,
der Tür, ob man eintreten darf, tritt ein und kommt sage ich die Zahl. Wenn sie immer noch mehr wissen
dann zügig zum Thema. Ich übe das mit den Polizisten wollen, würde ich irgendwann fragen: »Wollen Sie das
direkt vor dem Einsatz: Wer wird sprechen, was wollen wirklich wissen?« Oder ich sage: »Es fällt mir schwer,
sie sagen? Zwei Sätze genügen: »Es geht um Ihren Sohn ­Ihnen zu antworten, weil das ein unwichtiges Detail ist
Daniel. Er ist vor einer Stunde bei einem Verkehrsunfall und das für Sie auch gar nichts mehr ändert.«
gestorben.«
Aber Sie beschönigen nichts?
So schnell, ohne Vorwarnung? Soweit ich mich erinnere, habe ich in dieser Situation
Es muss so schnell gehen. Wenn bei Ihnen zwei Polizis- noch nie jemanden belogen. Ich kann und will einer
ten und ein Zivilist vor der Tür stehen, dann wissen Sie, Mutter nicht vorschreiben, was sie über ihr Kind wissen
dass es nicht um einen Strafzettel geht. Man darf keine darf. Sie hat ein Recht auf die Wahrheit. Nur gebe ich
langen Geschichten von Rettungsversuchen erzählen, die Informationen so sukzessive, dass die Mutter nach
sonst schalten die Angehörigen nach den ersten Worten jeder Information Luft holen und entscheiden kann, ob
innerlich auf Abwehr und hören die eigentliche Todes- sie noch mehr wissen will.
nachricht nicht mehr. Natürlich sollte man auch nicht
grausam sein und sagen: »Ihr Kind ist vor einen ICE ge- Handhaben das auch andere Institutionen so, etwa
sprungen und wird gerade in Einzelteilen von den Glei- die Polizei?
sen gesammelt«, sondern: »Ihr Sohn ist tot, er hat sich Die Familie kann über ihren Anwalt Akteneinsicht be-
das Leben genommen.« kommen, und wenn sie den Verstorbenen selbst noch
einmal sehen will, dann wird niemand Nein sagen.
Und wenn jemand Details wissen will? Zum Beispiel
ob es ein schneller Tod war oder ob der Betroffene Würde man in manchen Fällen nicht empfehlen,
leiden musste? darauf zu verzichten?
Die Angehörigen entscheiden, wie viel sie wissen wollen. Wenn der Anblick schrecklich ist, sage ich das auch und
Nehmen wir als Beispiel ein Elternpaar, dessen Tochter rate ab: »Es hat ein Feuer gegeben, Ihr Sohn ist ver-

GEHIRN&GEIST 34 12_2017
MICHAEL HOLZ STUDIO; MIT FRDL. GEN. VOM BTB-VERLAG

ANGÉLIQUE MUNDT

ist promovierte Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in Hamburg. Nach ihrem Studium
arbeitete sie zunächst in der Erwachsenenpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
2005 ließ sie sich in eigener Praxis nieder. Seit 2009 arbeitet sie ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam
des Hamburger Deutschen Roten Kreuzes; seit 2011 als fachliche Leiterin von rund 40 Ehrenamtlichen.
Sie selbst ist im Jahr bei etwa 20 bis 30 Fällen im Einsatz. Daneben schreibt sie Romane.

brannt. Es gibt nichts mehr zu sehen. Was Sie sehen Wie reagieren Menschen typischerweise auf eine
können, ist so verrußt, Sie werden darin niemanden er- Todesnachricht?
kennen.« Wir hatten auch schon Angehörige, die sich In unserem Kulturkreis sind die Hinterbliebenen am
von ihren komplett abgedeckten Verwandten verab- ehesten geschockt und überfordert, fangen an zu wei-
schiedet haben. Sie wollen zumindest noch einmal in nen oder können es gar nicht glauben. Aber wir erleben
ihrer Nähe sein. Was wir nicht aushalten können, wol- viele verschiedene Reaktionen, auch Versteinerung,
len wir nicht sehen oder wissen. Ungläubigkeit, tiefste Verzweiflung, Wut. Dazu kom-
men Abwehrreaktionen: »Ich bin gerade am Fenster-
Und wenn Sie Kindern die Nachricht vom Tod der putzen, kommen Sie später wieder.« Dann bleibt man
Mutter überbringen? erst mal stehen und fragt, ob man helfen kann. Nach ei-
Gerade Kinder und Jugendliche sind gut darin, sich die ner Minute dreht sich der Angehörige um und fragt:
Informationen zu holen, die sie brauchen. Man sagt zu- »Wer sind Sie, was machen Sie hier?« Dann fängt man
nächst: »Deine Mama ist tot.« Dann schlucken sie und wieder von vorne an, bis die Nachricht wirklich ange-
weinen, es vergehen vielleicht 20 Minuten. Schließlich kommen ist. Das ist normal. Im Schock halten wir uns
fragen sie: »Hat sie sich das Leben genommen?« – »Ja, an bekannten Tätigkeiten fest. In anderen Kulturkreisen
wie kommst du darauf?« – »Die Mama hat das schon kann das anders aussehen. Vor allem Muslime können
mal probiert.« 20 Minuten später: »Wie hat sie es ge- sehr expressiv reagieren, sehr laut und klagend schreien.
macht?« – »Sie ist von einem Hochhaus gesprungen.« Nicht unbedingt, weil sie so betroffen sind – das kann

GEHIRN&GEIST 35 1 2 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / KRISENINTERVENTION

sein, muss aber nicht. Sondern um dem Toten Respekt oder bade, ziehe frische Kleidung an, schreibe sofort
zu erweisen, die Totenklage. meinen Einsatzbericht, notiere Gedanken dazu. Jeder
hat seine Rituale; ein Kollege geht dann erst mal mit sei-
Wann endet Ihr Einsatz, was ist das vorrangige Ziel? nem Hund spazieren. Das hilft, eigene Gefühle zu be-
Unser Einsatz endet, wenn sich die psychische Verfas- nennen, zu sortieren und zu etwas Distanz zu gelangen,
sung der Betroffenen stabilisiert hat und Angehörige was manchmal ganz schön schwer ist. Aber ich träume
eingetroffen sind. Kurzfristig geht es zunächst darum, nie davon.
dass die Betroffenen die Gewissheit haben: Es ist vorbei.
Fühlen sie sich in ihrer eigenen Wohnung sicher, möch- Erkennen Sie vorab, wie gut ein neuer ­Kollege damit
ten sie jemanden bei sich haben? Kann ich ein Telefonat klarkommen wird?
vermitteln? Das gilt es früh zu klären, weil die Anreise Wir haben keine hundertprozentige Treffgenauigkeit
von Angehörigen vielleicht Zeit braucht. Und es ist für beim ersten Auswahlgespräch. Grundsätzlich behauptet
die Betroffenen gut zu wissen, dass jemand unterwegs jeder von sich, er würde es schaffen, sonst würde er sich
zu ihnen ist. auch gar nicht bewerben. Ich gucke mir als Erstes an, ob
Bewerber überhaupt zu Empathie fähig sind. Manche
Wie geht es dann weiter? sind so kopfgesteuert, dass sie sich nicht einfühlen kön-
Die nächste Frage ist: Was brauchen Betroffene, um zu nen. Schwierig ist es auch, wenn jemand nur eine Rolle
verstehen, was geschehen ist? Waren sie selbst Zeuge, erfüllt. Manche können gut trösten, sind aber nicht in
speichern sie womöglich nur fragmentarisch ab, was der Lage, im nächsten Moment in die Rolle des Anwalts
passiert ist. Kann ich helfen, die Dinge einzusortieren, der Hinterbliebenen zu wechseln, um deren Bedürfnis-
oder ist das Ereignis noch gar nicht besprechbar? Meist se zu vertreten.
hilft es zu erklären, wo sie gerade sind, was um sie her-
um geschieht. Auch Alltagshandlungen beruhigen. Ich Was kann der Mitarbeiter bei der Krisenintervention
möchte, dass sie etwas essen und trinken, lasse sie selbst in diesem Moment falsch machen?
das Glas Wasser einschenken, denn so machen sie et- Falsch wäre auf jeden Fall, den Betroffenen nicht zur
was, was ihnen vertraut ist. Kinder schauen sich gerne Seite zu stehen. Zum Beispiel, wenn sich Eltern im
sofort Fotos der Verstorbenen an. Ein Junge fragte mal: Krankenhaus von ihrem Kind verabschieden wollen,
»Und wer kocht mir jetzt mittags mein Mittagessen?« das bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.
Sein ganzer Schmerz lag in diesem Satz. Dann wandte Und eine Krankenschwester sagt nach einer Stunde:
er sich erst einmal wieder etwas anderem zu. Erst später »Wir müssen das Zimmer jetzt für den nächsten Patien-
wollte er mehr wissen. ten vorbereiten.« Dann gilt es, die Interessen der Ange-
hörigen zu schützen: »Diese Mutter braucht noch viel
Wissen Sie vor einem Einsatz, was Sie erwartet? mehr Zeit. Wenn das ein Problem ist, holen Sie bitte den
Nein, manches entpuppt sich erst vor Ort als besonders Oberarzt.« Man kann natürlich auch andere Dinge
schlimm. Ein Einsatz kann zwei oder zwölf Stunden falsch machen. Aber glücklicherweise wehrt sich der
dauern, belastend oder weniger belastend sein – das Betroffene in der Regel instinktiv. Angenommen, man
weiß man vorher nicht. möchte ihn umarmen und trösten, doch er will das
nicht, dann wird er es nicht zulassen. Manche sagen di-
Was belastet Sie persönlich besonders? rekt: »Sie können gehen, ich komme ohne Sie zurecht.«
Wenn ich höre, dass kleine Kinder oder überhaupt Kin-
der betroffen sind, zum Beispiel wenn ein Säugling bei In welchen Fällen verarbeiten die Hinterbliebenen
einem Unfall ums Leben gekommen ist und ich die El- den Tod traumatisch?
tern betreuen soll – dann bin ich bei der Anfahrt sehr So genannte »man-made disasters« sind nicht nur für
nervös. Das bedeutet aber nicht, dass es zwangsläufig die überlebenden Opfer selbst, sondern auch für Zeu-
ein schwieriger Einsatz wird. Manche Fälle, die mich gen und Angehörige am schlimmsten. Dazu gehören
sehr bewegt haben, sind mir heute noch sehr präsent, Amokläufe, Terrorismus oder Mord, also alles, wo je-
beispielsweise die Begleitung der schon erwähnten El- mand absichtlich Schaden herbeiführt. Allerdings ist es
tern des getöteten Mädchens vor vielen Jahren. Es war offenbar leichter, das Geschehene zu verarbeiten, wenn
so berührend zu sehen, wie diese liebevollen und zu- eine Gruppe zum Opfer wurde. Nicht der Einzige zu
tiefst erschütterten Eltern mit ganz viel Respekt von ih- sein, ist traurig, aber tröstlich, weil man sonst das Ge-
rem Kind Abschied nahmen. fühl hat, dass es allen anderen gut geht und nur man
selbst betroffen ist. Des Weiteren ist es schwieriger,
Verfolgt Sie ein solches Erlebnis noch im Schlaf? wenn es überhaupt keine Erklärung gibt, also der Getö-
Wenn ich tagsüber einen Einsatz habe, kann ich abends tete einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war.
ganz normal schlafen. Aber wenn ich nachts zurück- Oder wenn kein Abschied möglich ist, zum Beispiel,
komme, gehe ich nicht gleich schlafen, sondern dusche wenn Kinder verschwinden und nie wieder gefunden

GEHIRN&GEIST 36 12_2017
Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch
»Erste Hilfe für die Seele. Einsatz im Kriseninterventionsteam«
von Angélique Mundt, 2016 im Verlag btb erschienen.

Abschied nehmen: Letzte Stunden mit dem Verstorbenen


Wenn jemand die Nachricht vom In diesem Fall ist die Polizei nicht Wieder oben im Wartebereich
plötzlichen Tod eines wichtigen zuständig, und die Angehörigen angekommen, versuche ich die
Menschen von der Polizei bekom­ können in aller Ruhe und in ver­ Angst der Angehörigen zu mildern,
men hat, setzt erst ganz langsam trauter Umgebung letzte Stunden indem ich ihnen erkläre, was sie
ein Prozess des wahren Begreifens mit dem Verstorbenen verbringen, erwartet. Ich beschreibe kurz den
ein. Die Nachricht selbst scheint bevor ein Bestattungsinstitut ihn Raum und den Anblick des Ver­
häufig so unwirklich, dass die abholt. storbenen. Ich erkläre, welche
Betroffenen sie zunächst nicht Wird durch den Arzt jedoch Verletzungen zu sehen sind und ob
glauben können. Sie müssen sich eine ungeklärte Todesart, ein nicht ein Tubus oder Infusionszugänge
mit eigenen Augen davon überzeu­ natürlicher Tod bescheinigt oder ist liegen. Wenn sich die Angehörigen
gen, dass die Person wirklich tot ist. der Tote unbekannt, wird automa­ vorher ein wenig auf den Anblick
Die Betroffenen reagieren in den tisch die Polizei verständigt. Das gefasst machen können, lenken sie
Abschiednahmen unterschiedlich. trifft auf ungefähr fünf Prozent der diese äußeren Details später nicht
Eines ist ihnen gemeinsam: Sie Todesfälle zu. Der Schutzpolizist mehr ab. Sie sehen in erster Linie
brauchen die Zeit, den Verlust des vor Ort sichert den »Tatort« und ihren lieben Menschen – nicht die
geliebten Familienmitglieds oder alarmiert das Fachkommissariat Hautabschürfungen oder Leichen­
Partners tatsächlich zu begreifen. für Tötungsdelikte und Todeser­ flecken.
Erst der konkrete Anblick, das mittlungen im LKA, welches dann In diesen ersten Momenten des
Anfassen, Ansprechen und die die weiteren Ermittlungen über­ Begreifens braucht jeder Raum und
fehlende Reaktion des anderen lässt nimmt. Die Verstorbenen werden Zeit für seine Gefühle. Ich helfe
sie die Realität sicher verstehen. in das Institut für Rechtsmedizin ihnen dabei, diese Gefühle erst
Auch die Bedingungen für der Universitätsklinik überführt, einmal zuzulassen, denn sie kom­
dieses letzte Zusammentreffen sind wo die Todesursache ermittelt wird. men nicht um sie herum. Sie sollen
sehr unterschiedlich. Wenn ein Nun können die Angehörigen nicht ihre Gefühle nicht verstecken
Mensch in Deutschland stirbt, stellt mehr ohne Weiteres zu den Ver­ müssen. Auch wenn das vielleicht
ein Arzt einen Totenschein aus. ­ storbenen. unbequem für die Umwelt ist,
Bei einem plötzlichen und uner­ Das Kriseninterventionsteam verunsichern oder hilflos machen
warteten Tod kommt diesem versucht daher für die Angehöri­ kann. Das macht nichts. Das kön­
Totenschein eine besondere Bedeu­ gen, die wir nach einem plötzlichen nen wir aushalten. Gefühle sind wie
tung zu. Er entscheidet darüber, ob Todesfall einer Person betreuen, Wellen, die alles mit sich reißen,
infolge des Todes dieser Person die eine Verabschiedung in der Rechts­ die heranrollen, sich auftürmen,
Polizei eingeschaltet wird oder medizin zu initiieren. Bevor ich die brechen und schließlich an ein
nicht. Stirbt jemand im häuslichen mit den Angehörigen zu den Ver­ Ufer branden. Manchmal kommt
Umfeld und bescheinigt der Arzt, storbenen gehe, schaue ich mir den dann schon die nächste Welle, aber
der Hausarzt beispielsweise, eine Leichnam erst einmal allein an. irgendwann nimmt jedes Gefühl an
natürliche Todesart, weil er den Ich gehe vom Wartebereich des Intensität ab – und sei es aus Er­
Verstorbenen lange als Patienten Instituts über eine Treppe direkt in schöpfung. Manchmal brauchen
kannte und eine Vorerkrankung den Abschiedsraum. Dieses kleine Menschen Hilfe, um ihre Gefühle
ihn das Leben gekostet hat, dann Zimmer ist in einem warmen zu spüren, auszudrücken und so
darf der Verstorbene laut Bestat­ Orangeton gestrichen, und in der weit abebben zu lassen, dass sie
tungsgesetz 36 Stunden in der Mitte wird der Verstorbene aufge­ damit umgehen können. Seien wir
Obhut seiner Angehörigen bleiben. bahrt. Es ist ein friedlicher Raum. der Fels in der Brandung.

GEHIRN&GEIST 37 1 2 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / KRISENINTERVENTION

Erste Hilfe für Hinterbliebene wenn sie auf diese Weise lernen könnten, mit den
Schicksalsschlägen besser umzugehen. Auch Journalis-
Das Kriseninterventionsteam (KIT) des Deutschen ten nehmen sich lieber der Themen an, die in guter Di-
Roten Kreuzes in Hamburg betreut Menschen in stanz zu ihnen liegen. Über die Tat und die Täter kön-
den Stunden nach einem stark belastenden Erlebnis, nen sie schreiben, mit denen hat man schließlich nichts
darunter Angehörige bei einem plötzlichen Todes­ gemein.
fall. Es begleitet die Polizei oder Rettungsdienste,
wenn diese die Nachricht vom Tod eines Angehöri­ Es ist emotional weniger anstrengend, sich mit den
gen überbringen, zum Beispiel nach Suiziden, Tätern zu befassen?
Tötungsdelikten oder Verkehrsunfällen. Daneben ist Genau. Aber die wichtigste Botschaft lautet doch: Den
das Team bei »Großschadenslagen« im Einsatz, etwa Umgang mit dem Thema kann man lernen. Wir müssen
nach Amokläufen, bei Geiselnahmen oder Natur­ nicht mutlos darauf warten, dass uns eine solche Nach-
katastrophen. richt ereilt. Und das ist gut, denn die meisten von uns
Kriseninterventionsteams arbeiten bundesweit werden das erleben, und wir alle kennen jemanden,
ehrenamtlich. Voraussetzung ist neben der persönli­ dem ein plötzlicher Verlust passiert ist.
chen Eignung eine mehrmonatige Ausbildung in
Krisenintervention, darunter in erster Hilfe, Psycho­ Wie sollten wir uns verhalten, wie können wir
traumatologie und interkultureller Psycho­logie. Ein helfen, wenn ein Freund oder Verwandter einen
Mitglied muss bereit sein, an mindestens zwei Tagen geliebten Menschen verliert?
im Monat einen 24-stündigen Bereitschaftsdienst zu Ganz wichtig ist: Sie müssen nichts Besonderes können,
leisten. Das Hamburger Team betreut im Jahr mehr Sie müssen nicht die richtigen Worte haben, Sie brau-
als 1000 Menschen. chen nur da zu sein. Oft gibt es gar nichts zu sagen, weil
es so unvorstellbar ist. Allein die physische Nähe, das
Gefühl, nicht alleingelassen zu werden, ist schon heil-
sam und tröstlich. Und das kann eigentlich jeder ver-
werden. Wir wollen Dinge gerne erklären und verste- mitteln. Es braucht auch nicht zwangsläufig eine Umar-
hen, und das ist in diesen Fällen nicht möglich. So grau- mung oder Handhalten. Man darf sich Auszeiten neh-
sam es ist, aber wenn der Expartner die Tochter um- men und erklären: »Das ist so schwer, ich muss mal
bringt, hat man eine Erklärung. Fehlt diese, ist es viel frische Luft schnappen.« Oder: »Ich muss mich zu Hau-
schwerer zu verkraften. Natürlich steigt das Trauma­ se um den Hund kümmern, ich bin in zwei Stunden
risiko auch bei psychischen Vorerkrankungen der Be- wieder da.«
troffenen und bei ungünstigen Bewältigungsstrategien
wie Alkohol- oder Drogenkonsum und vor allem bei Wie sollte man sich gegenüber guten Kollegen
fehlendem sozialem Rückhalt. Wenn Menschen Anteil oder Bekannten verhalten, die einen Angehörigen
nehmen, ist das ein Schutzfaktor. verloren haben?
Sofort bei ihnen melden! Zumindest schreiben: »Ich bin
Was wollen Sie mit der Krisenintervention erreichen? sprachlos vor Entsetzen, ich denke an dich.« Und am
Wir wollen ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung nächsten Tag: »Kann ich etwas für dich tun?« Und wenn
vermitteln, Verstehen fördern, soziale Ressourcen akti- der Kollege wieder da ist: »Darf ich eigentlich mit dir
vieren und das Erleben von eigener Handlungsfähigkeit darüber reden? Was möchtest du?« Die Betroffenen sa-
fördern – all das beugt laut Forschungsbefunden einer gen dann schon, was sie wollen. Das Schlimmste ist,
traumatischen Verarbeitung vor. Randomisierte Stu­ dass die Menschen oft Abstand halten, weil sie nichts
dien, die die Arbeit von Kriseninterventionsteams eva­ falsch machen wollen.
luieren, gibt es nicht. Es wäre ethisch für uns nicht
­vertretbar, randomisierte Studien durchzuführen und Was sagen Sie selbst in so einem Fall?
einer Gruppe Hilfe anzubieten und einer weiteren nicht. Mir fallen auch nicht immer die richtigen Worte ein.
Sicher ist außerdem: Tabuisierung, also darüber zu Ich sage dann: »Das ist so unfassbar. Wenn Sie nichts
schweigen, hat noch nie geholfen. Wir finden heraus, dagegen haben, bleib ich einfach noch ein bisschen bei
was die Betroffenen in dem Moment brauchen. Ihnen.« Ich halte es mit ihnen aus. Das ist das, was die
Menschen Jahre später noch wissen: Damals in den ers­
Haben Sie den Eindruck, dass das Thema weiterhin ten Stunden saß da eine Frau bei mir; wenn die nicht ge-
ein Tabu ist? wesen wäre, wäre ich verrückt geworden. Was sie gesagt
Ich glaube, dass es viele Menschen direkt oder indirekt hat, weiß ich nicht mehr. Aber sie war da. H
betrifft und daher auch emotional fordert. Das wollen
die meisten lieber vermeiden, statt sich mit den Gefüh- Die Fragen stellte Christiane Gelitz, Psychologin und
len von Trauer und Verlust auseinanderzusetzen – selbst ­Redakteurin bei »Spektrum.de«.

GEHIRN&GEIST 38 12_2017
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W W W.PS YCHOLOGENVERL AG.DE


HIRNFORSCHUNG

GEDÄCHTNIS Manche Erlebnisse sind unvergesslich, sie brennen sich


geradezu in das Gehirn ein. Doch wie geschieht das? Der
erste Teil der neuen »Gehirn&Geist«-Serie »Gedächtnisforschung«
geht den zellulären Mechanismen auf den Grund.

Der Stoff,
aus dem
Erinnerungen sind
VON MARTIN KORTE

YNGSA / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST 40 1 2 _ 2 0 1 7
YNGSA / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST
41 1 2 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Zelluläre Gedächtnisagenten

1 2 3
Ein Teil unserer Erinnerungen Das geschieht, indem sowohl Dieser Vorgang wiederum
wird in jenen Regionen des die Funktion als auch die kann einen weiteren in Gang
Gehirns abgelegt, die auch am Struktur von Synapsen verän- setzen, bei dem sich die
ursprünglichen Erleben beteiligt dert wird. Ein Prozess namens ­Synapsen teilen, wodurch neue
waren – darunter Emotionszentren Langzeitpotenzierung etwa erhöht ­Verknüpfungen entstehen.
sowie sensorische Areale. ihre Übertragungsstärke.

W
ie kann sich etwas Immaterielles gedächtnis werden die Informationen neuronal in Netz-
wie eine Idee oder etwas Gelern- werken abgelegt, die auch an der Wahrnehmung und
tes in unseren Köpfen derart Ausführung der entsprechenden Handlung beteiligt
verfangen, dass wir es noch Jah- waren, also in den motorischen und sensorischen
­
re später abrufen können? Auf ­Arealen. Dies geschieht jeweils in Zusammenarbeit mit
welcher materiellen Basis stehen den Basalganglien. Hier werden nun – an den Lern­orten
unsere Erinnerungen organisch? Und wie also können selbst – die Synapsen zur Gedächtnisbildung verstärkt,
Geist und Materie – wenn es denn getrennte Entitäten abgeschwächt oder neu gebildet beziehungsweise ab­
sind – interagieren? Die Frage ist weder neu – sie wurde gebaut.
bereits von griechischen Philosophen aufgeworfen  –
noch besonders originell. Und trotzdem lässt sie sich Soft- und Hardware-Update im Gehirn
nach wie vor nicht beantworten. Leider. Aber wir wer- Dies verändert dann auch die Verarbeitung von sensori-
den versuchen zu ergründen, was die zellulären Gründe schen Wahrnehmungen ebenso wie die Verschaltung
dafür sind, warum bestimmte Erinnerungen so flüchtig unserer motorischen Zentren und unserer automati-
sind, warum wir uns manchmal nur schwer erinnern sierten Handlungen. Entscheidungen und Gewohnhei-
können und manches erinnert wird, obwohl es nie statt- ten werden so angelegt. Bildlich gesprochen: Software
gefunden hat. Alles Erfahrungen, die auch Sie sicher und Hardware haben sich gleichzeitig verändert. Diese
schon mit Ihrem Gedächtnis gemacht haben. veränderte neuronale Informationsverarbeitung be-
Schauen wir uns zunächst an, wie Nervensysteme wirkt, dass der Verlauf des Inputs durch die sensori-
­Informationen speichern. Versuchen Sie zum Beispiel, schen Areale ebenso verändert wird wie die Handlungs-
sich Ihren letzten Urlaub in Erinnerung zu rufen. Die- planung und Ausführung von Tätigkeiten. Beim be-
ses Bemühen um eine Rekonstruktion Ihrer damaligen wussten, expliziten Langzeitgedächtnis durchlaufen die
Erlebnisse erfordert sowohl den Abruf von Fakten Gedächtnisinhalte eine zusätzliche Informationsschlei-
(Wann und wo war ich? Wie sind wir dort hingekom- fe. Neben den sensorischen und motorischen Arealen
men? Wie war das Hotel  / das Ferienhaus  / der Cam- werden noch der Hippocampus, der mediale Schläfen-
pingplatz?) als auch von autobiografischen Erlebnissen lappen und Strukturen im präfrontalen Kortex mit ein-
(Was haben wir unternommen? Was habe ich erlebt? bezogen.
War es entspannend, ereignisreich, lehrreich?). Ein Teil Man könnte jetzt vermuten, dass auf Grund der Tat-
dieser Informationen wird in den motorischen, sensori- sache, dass andere Gehirnstrukturen bei den verschie-
schen und emotionalen Zentren des Gehirns gespei- denen Gedächtnissystemen (deklarativ und prozedural)
chert, die auch bei der ursprünglichen Kodierung der involviert sind, auch das Speichersubstrat selbst ein an-
Information beteiligt waren. Die Informationen werden deres ist – also die zellulären Mechanismen des Lernens
assoziativ in neuronalen Schaltkreisen abgelegt, indem unterschiedlich sein müssten. Doch das ist nicht der
sich die Struktur und die Funktion der Kontaktstellen Fall. Alle Gedächtnissysteme, von der Meeresschnecke
(Synapsen) zwischen Neuronen verändern  – egal in Aplysia über Mäuse bis hin zum Menschen, scheinen
welchem Gedächtnissystem. Beim impliziten Langzeit- die gleichen molekularen Tricks der Kodierung von In-
formation in ihren Gedächtnisstrukturen zu nutzen. Sie
alle bedienen sich der Informationsspeicherung durch
Veränderungen an den Kontaktstellen zwischen Ner-
Die neue Gehirn&Geist-Serie venzellen, den so genannten Synapsen. Und dies unab-
»Gedächtnisforschung« im Überblick: hängig von der Spezies, dem Gehirnareal und dem Ge-
Teil 1: Der Stoff, aus dem Erinnerungen sind (dieses Heft) dächtnissystem.
Teil 2: Die molekulare Wurzel der Gedächtnis­bildung Kommt ein bekannter Reiz in unserem Gehirn an,
(Gehirn&Geist 1/2018) erkennen ihn die neuronalen Zellverbünde in Form ei-
Teil 3: Das Gedächtnis für die Zukunft (Gehirn&Geist nes abstrakten raum-zeitlichen Musters wieder. Auch
2/2017) wenn nur ein Teil dieses Musters auftaucht, aktiviert

GEHIRN&GEIST 42 1 2 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG / GEDÄCHTNIS

es das gesamte Netzwerk. Stellt sich das Reizmuster mit Bei diesem Beitrag handelt es
einem neuen, zeitlich oder inhaltlich verwandten Er­ sich um einen leicht gekürzten
eignis ein, so genießt auch dieses Erlebnis Vorfahrts- Auszug aus dem neuen Buch
von Martin Korte: »Wir sind
recht – man bezeichnet es als assoziatives Lernen. Erin- Gedächtnis. Wie unsere Erinne-
nerungen sind somit weit verzweigte Aktivierungen rungen bestimmen, wer wir
verschiedener neuronaler Strukturen und deren Ver- sind«, das am 16. Oktober 2017
knüpfung zu einem Netzwerk. bei DVA erschien.
Dabei stellen verstärkte oder auch neue Synapsen die
Kontakte zwischen den Lern- und Erlebnisereignissen
her. Der entscheidende Parameter, der hier reguliert
wird, ist die Synapse. Sie hat hoch spezialisierte vor­
geschaltete präsynaptische Endigungen, die in einen
­ultradünnen Spalt münden, der 20 Nanometer breit ist –
also gerade mal 0,00002 Millimeter. Auf der nach­
geschalteten Seite befinden sich die spezialisierten
Strukturen der Postsynapse, die die chemischen Signale scheinlicher gemacht, steigt die Tendenz der an einem
aus der vorgeschalteten Zelle mit ihren Antennen, den Netzwerk beteiligten Neurone, auch künftig gemeinsam
Rezeptoren, empfängt. Der Spalt selbst wird durch che- aktiv zu sein. Je häufiger dies nun geschieht, desto fester
mische Botenstoffe – die Neurotransmitter – überwun- und stabiler werden die synaptischen Verbindungen
den. In der Komposition des Erinnerns betreiben die ­innerhalb dieses Netzwerks. Die Nervenzellen werden
Synapsen mit ihrer regulierbaren Stärke die Kommuni- sensibler für die Aktivität der dabei beteiligten Zellen.
kation zwischen den neuronalen Agenten: Synapsen Bald reicht die Aktivität einiger weniger Nervenzellen
können stärker oder schwächer ausgeprägt sein, sie aus, um auch die anderen aus der Gruppe anzuregen,
können sich vermehren oder abgebaut werden, aber mehr Aktionspotenziale zu generieren – und so das Er-
egal was sie tun, all diesen Vorgängen ist gemein, dass lebte erneut abzurufen. Dafür reicht dann häufig schon
sie die Informationsverarbeitung in einem Netzwerk ein kleiner Hinweisreiz aus. Wir erkennen ein vertrau-
verändern. tes Gesicht bereits, wenn wir nur Augen und Haaran-
Aber es sind weder einzelne Moleküle noch einzelne satz sehen. Wenige optische Reize regen einen Teil eines
Synapsen oder Neurone, die Informationen speichern. neuronalen Netzes an. Eine Nervenzelle im Ruhezu-
Erlebnisse, Fakten oder prozedurale Abläufe werden stand überträgt dagegen keine Reize; erst wenn Akti-
im Gehirn durch eine synchrone Aktivierung ganzer onspotenziale entstehen, wird ein Signal an nachge-
Gruppen von Nervenzellen verankert. Jede einzelne schaltete Zellen weitergegeben.
Nervenzelle steht mit bis zu 10 000 anderen in einem
ständigen Informationsaustausch. Wenn Gedächtnis­ Ein Fußballfeld voller LEDs
inhalte abgespeichert werden, verändern die Netzwerke Ein solches Netzwerk von Nervenzellen kann man sich
ihre Kommunikation untereinander  – sowohl zeitlich vorstellen wie einen Teppich in der Größe eines Fuß-
wie auch räumlich. Neuronale Aktivität ist immer ein- ballfelds, der aus lauter kleinen Leuchtdioden (= Ner-
gebettet in eine Gruppenaktivität, die in bestimmten venzellen) besteht. Von jeder Lampe gehen 1000 bis
Rhythmen erfolgt. Neurowissenschaftler bezeichnen 10 000 Drähte zu anderen LEDs. Zwischen den Leuch-
die schnellen, explosionsartigen elektrischen Entladun- ten sind verstellbare Widerstände (Synapsen) eingebaut.
gen an Nervenzellen als »Feuern« oder auch als Akti- Hat ein Strom von ausreichender Stärke diese Stelle ein-
onspotenziale. Erfolgt diese Aktivität von Neuronen mal passiert, so bleibt der Widerstand für eine Weile
synchron, wird so die Effektivität der Synapsen zwi- niedrig. Werden aber von vielen Eingabestellen aus
schen diesen Nervenzellen gesteigert, ähnlich wie ein elektrische Impulse in diesen Riesenteppich geschickt,
Kanal für Schiffe, bei dem die Fahrrinne vertieft und kann man den Weg jedes einzelnen verfolgen: Es bildet
verbreitert wurde. Werden die elektrischen Entladun- sich eine Spur aufleuchtender LED-Lampen, die be-
gen auf Grund stärker werdender Synapsen wahr- stimmt ist durch den Weg, den sie nimmt, und die Fre-
quenz des Aufleuchtens der Leuchtdioden. Die Höhe
der Widerstände zwischen den Lampen legt fest, wohin
D E R AU TO R der Impuls weiterfließt, das heißt, die Widerstände ka-
nalisieren den Weg einer bestimmten Erregung. Ein
Martin Korte ist Professor für Neuro­ einmal gegangener Pfad wird für Signale gleichen Typs
biologie an der TU Braunschweig.
Er erforscht die zellulären Grundlagen
(zum Beispiel der Beginn einer Melodie) in Zukunft er-
von Lernen und Erinnern und be- leichtert – er bleibt im Teppich eingeschrieben.
schäftigt sich mit der Frage, wie das Heute geht man davon aus, dass Gedächtnisprozesse
Gehirn Gelerntes wieder vergisst. nicht Eigenschaften einzelner Moleküle, sondern eine

GEHIRN&GEIST 43 1 2 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG / GEDÄCHTNIS

Netzwerkeigenschaft einer zusammengeschalteten das aussieht, kann jeder nur für sich selbst definieren,
Gruppe von Nervenzellen sind. Die Einspeicherung er- denn nichts ist individueller als Lernen).
folgt durch die Regulation der Stärke und der Anzahl Die zellulären Prozesse des Erinnerns sind alles an-
der synaptischen Kontakte. Aber damit nicht genug, dere als passiv, sie erfordern ein hohes Maß an aktiver
Gedächtnisprozesse sind auf allen Ebenen sehr mobile Assoziationskraft. Die Prozesse, von denen wir auf der
Prozesse, denen nichts Statisches anhaftet: So vermuten Ebene der Neurone nichts mitbekommen, lassen sich
Lernforscher, dass sich das Langzeitgedächtnis für ein gut vergleichen mit einem Musikstück. Zunächst erin-
bestimmtes Ereignis nicht an einem bestimmten Ort nert man sich nur schwach, so wie ein erster leiser Ton
befindet, an dem alle Informationen, die zu diesem Er- eines Instruments, mit dem ein Musikstück beginnt, ehe
eignis gehören, zusammengeführt werden, sondern andere Instrumente und Töne des Orchesters hinzu-
nach dem Prinzip der Aufgabenteilung durch so ge- kommen. Langsam entsteht ein Rhythmus, der sich zu
nannte »multiple Repräsentationen« über die Groß- einer ganzen Melodie ausbaut. Erst dann setzt die wun-
hirnrinde verstreut ist. dersame Sinfonie des Erinnerns ein. Beim deklarativen
Die eine Gedächtnisspur, die etwa alles zum Begriff Gedächtnis könnte man sich den Hippocampus als Diri-
Kaffeetasse gespeichert hat, gibt es nicht; vielmehr sind genten des Konzerts vorstellen, denn nichts wird ohne
die überlappenden Aspekte einer Erinnerung in ver- ihn eingeübt. Das nichtdeklarative Gedächtnis hingegen
schiedenen Netzwerken abgelegt. Je mehr wir im Zu- scheint ohne Dirigent auszukommen, hier synchroni-
sammenhang mit einer Person oder mit bestimmten sieren sich die neuronalen Instrumente von selbst.
Begrifflichkeiten, Fakten und Abläufen erleben, desto
mehr dieser multiplen Repräsentationen existieren. Sinfonie des Erinnerns
Und je mehr dieser Repräsentationen vorhanden sind, Kernelemente des Gedächtnisses sind also die Nerven-
desto sicherer sind sie gegen Verlust geschützt. Diesem zellen als nimmersatte Input-Output-Generatoren, die
Modell folgend, gibt es für den Begriff Kaffeetasse ein sich in ihren Eingangs- und Ausgangsstärken und in ih-
semantisches, auditorisches und motorisches Sprach­ rer Struktur auf Grund neuronaler Aktivität an Verän-
gedächtnis. Wir wissen, in welchem grammatikalischen derungen in ihrer lokalen Umgebung anpassen. Dafür
Zusammenhang man den Begriff einsetzt, wir wissen, müssen sie plastisch sein.
wie der Begriff klingt, wie eine Kaffeetasse aussieht und Die mechanistische Grundlage für die Idee, dass Sy-
welches unsere Lieblingstasse ist. Genauso wissen wir napsen ihre Effektivität ändern können, formulierte der
aber, wie sie sich anfühlt, wie frisch gebrühter Kaffee in kanadische Psychologe Donald O. Hebb. Er machte sich
dieser Tasse riecht, und wir haben eine unendliche Zahl bereits 1949 Gedanken darüber, welchen Algorithmus
an Erlebnissen mit Kaffeetassen abgespeichert, und eine bestimmte Kombination von Reizen haben muss,
zwar nicht an einem Ort im Gehirn, sondern verteilt um zu spezifischen Veränderungen an Synapsen zu füh-
über nahezu beliebig viele Orte. ren. Gemäß diesem heute als »hebbsche Regel« bezeich-
Erinnerungen lassen sich nicht abspielen wie ein neten Modell wird eine Synapse dann verstärkt, wenn
Film. Jede Erinnerung wird beim Vorgang des Erin- vor- und nachgeschaltete Nervenzellen in einem glei-
nerns neu zusammengestellt und aus den vielen Einzel- chen, sehr engen Zeitfenster aktiv sind (Assoziativitäts-
netzwerken, die Teilaspekte abgespeichert haben, neu regel). Besonders viele Nervenzellen, die nach dieser
rekonstruiert. Und da es zu jedem Teilaspekt verschie- Regel ihre Verbindungsstärke ändern, gibt es im Hippo-
dene, parallel aktive Netzwerke gibt, kann sich der aktu- campus. Diese Form der Gedächtnisspeicherung an Sy-
elle Informationsabruf im Detail von der letzten Erin- napsen bezeichnet man als Langzeitpotenzierung, kurz
nerung unterscheiden. Entsprechend wichtig ist es, sich LTP. Wie bereits erwähnt, weiß man heute, dass der
beim Abrufen von Erinnerungen, egal ob es um das Hippocampus entscheidend an bestimmten Lern- und
Lernen in Schule, Beruf oder im Volkshochschulkurs Gedächtnisvorgängen beteiligt ist, die vor allem auf den
geht, die richtige Atmosphäre zu schaffen: Sie sollte so- synaptischen Mechanismen einer solchen Langzeitpo-
wohl entspannen als auch positiv motivieren (wie genau tenzierung beruhen. Verhindert man mit pharmakolo-
gischen Substanzen eine Langzeitpotenzierung im Hip-
pocampus, führt dies zu einer anterograden Amnesie:
Das heißt, es können keine neuen Informationen im
Langzeitgedächtnis abgelegt werden; bestehende Erin-
M E H R W I S S E N AU F
»SPEKTRUM.DE« nerungen, die bereits im Langzeitgedächtnis konsoli-
diert wurden, sind aber nicht betroffen.
Wie wir uns erinnern und Aus diesen zellulären Grundlagen von Lern- und Ge-
warum wir vergessen, lesen Sie
auch in unserem digitalen
dächtnisvorgängen folgt: Neues wird am einfachsten
Spektrum Kompakt »Gedächtnis« ­gelernt, wenn man es mit Bekanntem (Fakten, Ereignis-
sen, Erfahrungen, Beobachtungen) verknüpft. Das heißt,
www.spektrum.de/shop
wer auf einem bestimmten Gebiet schon viel weiß, kann

GEHIRN&GEIST 44 1 2 _ 2 0 1 7
So funktioniert Langzeitpotenzierung
normale synaptische gleichzeitige prä- und verbesserte synaptische
Übertragung postsynaptische Aktivität Übertragung

Präsynapse
MEDIZINISCHE FORSCHUNG / SPRENGEL; HEIL: ART FOR BIOMED

Glutamat
YOUSUN KOH, NACH: MAX-PLANCK INSTITUT FÜR

Kalzium Natrium

Magnesium

NMDA- AMPA-
Rezeptor Rezeptor
Depolarisation

Postsynapse

Das Gehirn speichert Ereignisse, Normalerweise sind die Trifft zur selben Zeit ein
indem es die Synapsen zwischen NMDA-Rezeptoren jedoch durch neues Aktionspotenzial in der
aktivierten Nervenzellen verstärkt. Mag­nesiumionen »blockiert«. ­Präsynapse ein und wird erneut
Bei der normalen synaptischen Aus diesem Grund aktiviert das Glutamat freigesetzt, aktiviert
Übertragung (links) bewirkt ein Glutamat nur die AMPA-Rezepto- das jetzt sowohl die AMPA- als
ankommendes Aktionspotenzial ren. Es strömen Natriumionen in auch die NMDA-Rezeptoren.
die Freisetzung von Neurotrans- die Zelle ein, wodurch die post­ Die nun einströmenden Kalzium­
mittern – hier Glutamat – in den synaptische Membran depolarisiert ionen bewirken, dass mehr
synaptischen Spalt. In der post­ wird und ein neues Aktionspoten- ­AMPA-­Rezeptoren in die postsyn-
synaptischen Membran befinden zial entsteht. Die Depolarisation aptische Membran eingebaut
sich so genannte AMPA- und löst aber auch die Magnesium-­ werden (rechts). Das erhöht auf
NMDA-Rezeptoren, die durch das ionen aus den NMDA-Rezeptoren Dauer die Übertragungsstärke der
Glutamat aktiviert werden können. (Mitte). Synapse.

neues Wissen leichter abspeichern und in bestehende darstellen, so ist diese Art des Speicherns nicht ortsge-
Wissensnetze einbauen. Neue Aktivitätsmuster (neues bunden im Gehirn. Genau genommen ist das, was wir
Wissen) sind dann am leichtesten zu integrieren, wenn wissen, was wir erinnern, ein gewebtes Muster im Netz-
sie mit bestehenden Netzwerkbestandteilen in Kontakt werkteppich der neuronalen Kontaktknoten. Dieses
treten – etwa so wie eine Spinne, die ihr Netz konstru- Aktivitätsmuster ist die Summe all unseres Wissens. Da
iert, indem sie neue Verstrebungen zwischen bereits das Gehirn aber immer sowohl über intern generierte
vorhandenen Fäden einbaut. In zeitlicher Hinsicht lau- Rhythmen als auch externe Reize, sowohl über interne
fen die Lernprozesse in n ­ euronalen Netzen viel schnel- Gedankengänge als auch Signale aus dem Körper Akti-
ler ab als das Lernen in Echtzeit. Um sich für eine Prü- vitätsmuster generiert, besteht die Gefahr, dass alles mit
fung etwas zu merken, müssen wir das zu Lernende allem verknüpft wird und selbst bei kleinen, unwichti-
üben, wiederholen und Zusammenhänge verstehen; das gen Begebenheiten große Assoziationsketten ausgelöst
dauert (mindestens) Minuten, während die neuronalen werden. Das aber wäre fatal.
Entscheidungen, ob es gespeichert wird, in Sekunden- Deshalb müssen unsere Gedächtnissysteme von Ge-
prozessen ablaufen. Wie diese verschiedenen Zeitschie- burt an selektive Filter anlegen, um Wichtiges von Un-
nen miteinander in Verbindung stehen und wie neuro- wichtigem zu trennen. Zum Teil erledigen das die Sin-
nale Prozesse es schaffen, die zeitlichen Abläufe so zu nesorgane selbst, zum Teil muss das Problem über un-
komprimieren, als würden sie in 100-facher Geschwin- sere selektive Aufmerksamkeit und unser Bewusstsein
digkeit ablaufen, ist eines der großen Rätsel unserer Zeit. aktiv angegangen werden. Das Filtern und Sieben sorgt
Auch wenn Neurone Kontaktbörsen für den Über- dafür, dass nur ein Bruchteil dessen, was unsere neuro-
gang vom Lernen über das Speichern bis zum Erinnern nalen Netze aktiviert, auch zu längeren Veränderungen

GEHIRN&GEIST 45 1 2 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG / GEDÄCHTNIS

Wenn neue Synapsen sprießen

Bildung neuer Vergrößerung Bildung neuer präsynaptische


Rezeptoren in der der Postsynapse Spines Anpassungen
Präsynapse Postsynapse

YOUSUN KOH, NACH: BERND WIEDEMANN; AUS KORTE, M.: WIR SIND GEDÄCHTNIS.
neuer
Rezeptor
Post-
synapse

DVA SACHBUCH, MÜNCHEN 2017


Lernereignis

0 10 Minuten 30 Minuten 60 Minuten > 60 Minuten

Synapsen werden beim Lernen nicht nur verstärkt, dieser Teil der Synapse an, um sich schließlich zwei­
sondern können sich anschließend auch strukturell zuteilen. Anschließend spaltet sich auch der präsynap-
verändern. Nachdem neue Rezeptoren in die post­ tische Teil auf – eine neue Synapse entsteht. Der
synaptische Membran eingebaut wurden, schwillt ­gesamte Vorgang dauert etwas mehr als 60 Minuten.

an Synapsen führt, mit anderen Worten, in unser Lang- zu lassen. Insofern spielt die Produktion von neuen Ei-
zeitgedächtnis überführt wird. weißmolekülen eine Rolle fürs Lernen, nur dass nicht
Aber was genau bringt die Synapsen, oder besser die die Moleküle die Informationsspeicher sind, sondern
neuronalen Netze, dazu, die Pforten und Tore des Lang- das neuronale Netz, das durch die veränderte Stärke der
zeitgedächtnisses zu öffnen? Oder anders ausgedrückt, Synapsen neue Verschaltungseigenschaften erhält. Hin-
wie wird ein Gedächtnisinhalt konsolidiert, also dauer- zu kommen noch strukturelle Veränderungen an den
haft, manchmal ein Leben lang als Erinnerung verfüg- Synapsen selbst (sie werden größer und damit wirk-
bar gehalten? Wie kann eine Kindheitserinnerung 30, mächtiger, oder kleiner, schmächtiger und können an
50 oder gar 80 Jahre in unseren Köpfen überdauern? Einfluss verlieren); mitunter wachsen sogar neue Syn-
Auf der zellulären Ebene hat auch der Übergang apsen (siehe »Wenn neue Synapsen sprießen«, oben).
vom Kurz- zum Langzeitgedächtnis wieder etwas mit All das bewirkt, dass die Muster der Informationsverar-
der synaptischen Langzeitpotenzierung zu tun. Bei der beitung sich in diesen neuronalen Verbundsystemen
Langzeitpotenzierung werden mehrere zeitliche Phasen dauerhaft verändern. Es ist der Prozess, der Vergange-
unterschieden: eine frühe Phase, die nur Minuten an- nes in neuronalen Spuren (Engrammen) festhält,
dauert, zum Beispiel wenn man sich im Lauf eines Ge- manchmal geradezu »einbrennt«.
sprächs den Namen eines Kunden merkt, und eine Die neue Synthese von Proteinen beinhaltet auch,
zweite Phase, die Stunden, Tage, ja sogar Jahre, manch- dass bestimmte Gene auf der DNA des entsprechenden
mal ein Leben lang andauern kann. Neurons abgelesen werden (Genexpression). Wie diese
Die erste, kurze Phase besteht in der chemischen für die langfristige Speicherung von synaptischen Ver-
Veränderung bestehender Proteine  – dies geht schnell, änderungen benötigte Genexpression genau reguliert
ist aber nicht sehr nachhaltig. Die lang anhaltende zwei- wird, ist noch nicht vollständig klar, einige molekulare
te Phase der synaptischen Verstärkung benötigt dage- Mitspieler konnten aber identifiziert werden: So ist eine
gen die neue Produktion von Proteinen, um die Verän- dauerhafte Aktivierung bestimmter Eiweißkatalysato-
derungen an den Synapsen dauerhaft wirksam werden ren (Enzyme) notwendig, die geladene, kurzkettige

GEHIRN&GEIST 46 1 2 _ 2 0 1 7
Phosphatgruppen an Proteine anheften können und da-
mit deren Konformation (räumliche Anordnung) ver-
ändern.
Diese molekularen Mechanismen scheinen evolutiv
konserviert zu sein, denn der molekulare Gedächtnis-
baukasten lässt sich bei so unterschiedlichen Tieren wie
der Maus, der Fruchtfliege Drosophila, der Meeres-
schnecke Aplysia (Seehase) und uns Menschen finden.
mit

Book
Sie ist essenziell, damit Erlebnisse in einen Langzeit-
speicher umgeschrieben werden können. Einige der so
veränderten Proteine können dann sogar in den Zell-
kern wandern und dort zu einer Aktivierung von Fakto-
ren führen, die langfristig das Ablesen von Genen, die
für die Aufrechterhaltung der synaptischen Verstär-
kung notwendig sind, verstärken.
Kilian Mehl, Hrsg.
Filmriss im Futterlabyrinth Erfahrungsorientierte Therapie
Integrative Psychotherapie und
Eine wichtige Rolle kommt hier dem Transkriptionsfak- moderne Psychosomatik
tor CREB-1 zu (mehr dazu in der nächsten »Gehirn& 1. Aufl. 2017, XI, 181 S. Softcover
Geist«-Ausgabe; Anm. der Red.). Dieser Faktor aktiviert Buch und eBook | Springer Verlag
eine ganze Gruppe von Genen, die in Proteine übersetzt
werden und am Ende dieses Signalwegs den funktionel-
len und strukturellen Umbau an der Synapse manifes- Integrative Psychotherapie
tieren. Diese Genaktivierung leitet auch die Entwick-
lung neuer synaptischer Strukturen ein. Mäuse, bei de- und moderne Psychosomatik
nen CREB-1 mittels gentechnischer Methoden
inaktiviert wurde, weisen zwar ein normales Kurzzeit- > Basiskompetenzen stärken durch
gedächtnis auf, können aber kein Langzeitgedächtnis erfahrungsorientierte Therapie
für Gelerntes bilden. Sie finden das Futter in einem La- > Evaluiertes Therapieverfahren
byrinth nach einer Pause von mehreren Stunden nicht
mehr, während Kontrolltiere sich noch nach Tagen dar- > Ganzheitliche Methode als Fundament für
an erinnern, wo die Futterquelle ist. die persönliche Selbstorganisation
Wie bereits angedeutet, konnte auch gezeigt werden,
dass sich die Anzahl der Synapsen bei der Einspeiche- Warum erfahrungsorientierte Therapie?
rung neuer Information ändert. Unser Gehirn baut Mit diesem ganzheitlichen und integrativen Konzept
sich um, wenn wir Neues lernen. Bei Experimenten, in können bei psychisch oder psychosomatisch Erkrankten
denen der für das deklarative Gedächtnis so wichtige dysfunktionale Störungen durch korrigierende Erfah-
Hippocampus im Einsatz ist, konnten Forscher die Eta- rungen in funktionale Muster umgewandelt werden.
blierung einer lang anhaltenden synaptischen Verän­ Bei professioneller Begleitung kann vielen Patienten,
derung beobachten. Man kann also mittlerweile direkt
denen es angesichts des rasanten Biotopwandels an
sehen, dass funktionelle Veränderungen (Verstärkung
wichtigen Basiskompetenzen für die Anpassung
einer Synapse) in strukturelle Veränderungen (Anzahl
mangelt, durch EOT geholfen werden, was auch mit
der Synapsen) übersetzt werden. Neben den funktio­
nellen sind die strukturellen Veränderungen wohl not- einer Stärkung ihrer Resilienz einhergeht.
wendig, um die implementierten Veränderungen des Anhand neuester neurobiologischer Erkenntnisse,
Netzwerks abzusichern. Durch diesen Mechanismus internationaler Forschungsergebnisse und anschau-
verbessern die neuen Synapsen die Verbindungen zwi- licher Praxisbeispiele wird gezeigt, wie EOT dazu
schen bestehenden Nervenzellen, so dass bereits ein beitragen kann, nachhaltige Therapieerfolge für die
Teil eines neuronalen Musters die Erkennung des Ge- ganze Systemkonzeption Mensch zu erzielen.
samtzusammenhangs erlaubt. Man muss nur die ersten
Töne einer Sinfonie oder eines Lieds hören, um es ein-
ordnen zu können, und es reicht, einen Teil eines Ob-
jekts zu sehen, um zu wissen, was es ist. H

Dieser Artikel im Internet:


www.spektrum.de/artikel/1508515 Fachkrankenhaus für
Psychosomatische Medizin / Privatklinik
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GEHIRN&GEIST 47 12_2017
GU TE FRAGE

Fördert Hypnose
verschüttete Erinnerungen
zu Tage?

PHOTOCASE / RADU BERCAN

Haben Sie auch eine Frage an unsere Experten?


Dann schreiben Sie mit dem Betreff »Gute Frage« an:
gehirn-und-geist@spektrum.de

GEHIRN&GEIST 48 1 2 _ 2 0 1 7
UNSER EXPERTE
K E N N T D I E A N T W O R T.

Dirk Revenstorf war bis 2004 Professor für klinische Psychologie an der Eberhard Karls
Universität Tübingen. Inzwischen leitet er die Regionalstelle Tübingen der Milton H.
Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose. Das Institut führt Fortbildungen durch und
beschäftigt sich mit den Forschungsfragen und der wissenschaftlichen Anerkennung von
Hypnose.

D
er Mensch vergisst ständig: Wichtiges, Unwich- gleiche Gefühl miteinander verknüpft. Eine solche
tiges, Namen, Telefonnummern, Termine. Doch ­ ffektbrücke taucht mitunter von allein auf: Ist ein
A
nicht nur bei alltäglichen Erinnerungen lässt ­bestimmter Reiz, etwa ein Geruch oder ein Geräusch,
uns unser Gedächtnis im Stich. So versteckte eine mei- traumatisch verankert, kann er als Trigger wirken.
ner Klientinnen vor zehn Jahren einmal 10 000 Euro – Plötzlich überwältigen den Patienten die gleichen Ge-
und vergaß wo. Diese einfache Form des Vergessens fühle wie in der vergangenen traumatischen Situation.
kann gelegentlich durch eine hypnotische Trance rück- In einer Therapie kann die Brücke dann als Instrument
gängig gemacht werden. dienen, das Trauma zu bewältigen.
Während einer Hypnose schläft der Patient nicht, er Eine weitere Methode, um sich das Trauma-Erlebnis
befindet sich vielmehr in einem Zustand entspannten zu vergegenwärtigen, funktioniert über Imagination.
Wachseins und wechselt dabei zwischen bewussten und Nach Hervorrufen einer Trance führt der Psychologe
unbewussten Momenten. Dabei sind häufig gerade sol- den Patienten mental an einen imaginären, sicheren
che Gehirnareale aktiv, die es einem ermöglichen, sich Ort. Dazu stellt sich der Patient zum Beispiel eine Tür
Dinge vorzustellen oder Erinnerungen abzurufen. Die vor, die zum »Vorzimmer des Gedächtnisses« führt. In
erwähnte Patientin konnte das Versteck ihres Geldes diesem Raum kontrolliert ein Wächter die Erinnerun-
auf diese Weise allerdings zunächst nicht finden  – sie gen. Durch den Wächter kann die Tür zu einem be-
entdeckte die Scheine jedoch kurz darauf zufällig in ei- stimmten Tag geöffnet und ein Ereignis ins Gedächtnis
nem Buch. gerufen werden  – jedoch nur als subjektive Wahrheit.
Neben der alltäglichen Art des Vergessens existieren Wie viel dies mit der real erlebten Situation zu tun hat,
auch schwere Formen. Beispielsweise erinnern sich ei- lässt sich kaum beurteilen. Klinisch ist diese Vorstel-
nige Patienten nicht an bestimmte Handlungen, weil lung dennoch relevant. Sie hilft häufig, die emotionale
diese sich nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren lassen. Belastung zu verringern. Allerdings ist ein solches Zu-
Manchmal vergessen sie dadurch sogar einen Teil ihrer rückschauen ein komplexer Vorgang, in dem Fakten,
Identität, wie ein Klient von mir, der ganze Vormittage Selbstbild und Schutzblockaden zusammenwirken.
in der Spielhalle verbrachte, aber abends ein braver Fa- Die durch Hypnose wiedererlangten Erinnerungen
milienvater war, ohne sich an das Kasino oder seine können verzerrt sein und sind dadurch unzuverlässig.
Spielsucht erinnern zu können. Deshalb haben durch Hypnose geweckte Erinnerungen
Manchmal hat Vergessen auch eine Schutzfunktion. vor Gericht keine Beweiskraft. Beispielsweise erinnerte
Wenn es etwa um sehr schreckliche Erfahrungen geht, sich ein Zeuge durch Hypnose an Buchstaben und Zah-
nutzt das Gehirn einen Mechanismus zur »Abspal- len, die er auf dem Kfz-Kennzeichen eines Autos gese-
tung«: Der Abruf der Erinnerung ist blockiert, und sie hen haben wollte, dessen Halter Fahrerflucht begangen
tritt nur bruchstückhaft als Flashback auf. Damit der hatte. Später stellte sich dann heraus, dass diese im eige-
Hypnotiseur das Trauma therapeutisch bearbeiten kann, nen Nummernschild des Zeugen vorkamen. Hypno-
muss das Erlebte wieder an die Oberfläche des Bewusst- tisch ermittelte Erinnerungen liefern bei forensischer
seins gebracht werden. Dabei kann eine »Affektbrücke« Anwendung also nur eine Spur, die durch andere Indizi-
helfen. Der Hypnotiseur bittet den Betroffenen, sich en bestätigt werden muss.
eine aktuelle Situation vorzustellen. So sollte sich eine Massive Erinnerungslücken können noch eine weitere
Patientin mit einer Autobahnphobie in Trance vorstel- Ursache haben: Alkohol. Durch einen Rausch verursach­
len, wie sie auf der Autobahn fährt. Über das Gefühl der te Blackouts lassen sich allerdings nicht durch Hypnose
Angst konnte ich erfragen, wann diese Empfindung aufklären – der Alkohol verhindert, dass überhaupt Er-
zum ersten Mal entstanden ist – es diente als eine Art innerungen gebildet werden.  H
Brücke in die Vergangenheit. In dem Fall konnte sich
die Patientin erinnern, dass sie drei Jahre zuvor in einen
Schneesturm gefahren war und seitdem Angst hatte, QUELLE
von hinten von einem Laster überfahren zu werden. Die Lynn, S. J., McConkey, K. M. (Hg.): Truth in Memory.
­aktuelle und die vergangene Situation waren über das Guilford, New York 1998

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HIRNFORSCHUNG

PORTRÄT Schon als junger Neurowissenschaftler ersann ­Roger Sperry


ungewöhnliche Experimente, mit denen er die Th ­ eorien etablierter
Kollegen auf den Prüfstand stellte. Sein kritischer Geist und unstillbare
Neugier brachten ihm den Nobelpreis ein.

Scharfsinniger
Hirnspalter VON CHRISTIAN WOLF

E
in Operationssaal Anfang der 1960er Sein Vater war jedoch Banker und legte viel Wert auf
Jahre. Mit einer Säge öffnet der Chirurg Belesenheit und akademische Leistungen. Und er spiel-
die Schädeldecke des Mannes. Dann ar- te wohl auch eine wichtige Rolle bei der Begegnung des
beitet er sich mit der Pinzette nach und kleinen Roger mit der experimentellen Psychologie. So
nach vor zur Furche zwischen den beiden brachte Sperry senior ihm einmal aus der Bibliothek ein
Hirnhälften. Sein Ziel ist der Balken – die Buch des großen amerikanischen Psychologen und
Verbindung zwischen den beiden Hirnhemisphären, Physiologen William James mit – ein Werk, das den
die er schließlich durchtrennt. Nachdem sich der Epi- Jungen tief beeindruckte.
lepsiepatient von dem dramatischen Eingriff erholt hat, Dennoch sah es zunächst nicht danach aus, als wür-
­gewinnt der Neurobiologe Roger Sperry ihn für eine de Sperry den Weg eines Wissenschaftlers einschlagen.
Reihe von Tests. Als »Split-Brain-Experimente« gehen Als Jugendlicher lagen seine Interessen auf einem ganz
sie in die Wissenschaftsgeschichte ein. Für seine bahn- anderen Gebiet: dem Sport. Nach dem frühen Tod des
brechenden Resultate erhält er 1981 den Nobelpreis, die Vaters (da war Roger elf Jahre alt) zog die Familie nach
Krönung einer Forscherkarriere mit zahlreichen Höhe- West Hartford um, wo Sperry an der Highschool sogar
punkten. einen Landesrekord im Speerwerfen aufstellte. Auch als
Roger Wolcott Sperry kam am 20. August 1913 in er sich am Oberlin College in Ohio bewarb, gab er als
Hartford, Connecticut zur Welt. Er verbrachte seine ers- Hauptziel sportliche Ambitionen an; erst an zweiter
ten Lebensjahre auf einer Farm außerhalb Hartfords. Stelle nannte er die medizinische Forschung. Weil sich
aber schon zu dieser Zeit auch seine intellektuelle Be­
gabung offenbarte, erhielt er ein volles Stipendium für
vier Jahre.
Während sich sein Bruder am selben College dem
Studium der Chemie widmete, frönte Sperry in Oberlin
zunächst seiner zweiten Leidenschaft neben dem Sport:
U N S E R AU TO R der englischen Lyrik aus dem 17. Jahrhundert. 1935
Christian Wolf ist promovierter Philosoph machte er seinen Bachelor in Englisch. Erst danach
und Wissenschaftsjournalist in Berlin. hängte er ein zweijähriges Psychologiestudium an und

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GETTY IMAGES / KEYSTONE / HULTON ARCHIVE

Roger Sperry mit der Nobelpreis-Urkunde,


die ihm 1981 für seine Erkenntnisse zur Spezialisierung
der Hirnhälften verliehen wurde.

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Auf einen Blick: Von der Nervenfaser bis zum Bewusstsein

1 2 3
Roger Wolcott Sperry (1913– Nach zahlreichen Versuchen Berühmt wurde Sperry mit
1994) gilt als einer der einfluss- zur Nervenregeneration bei seinen »Split-Brain-Experi-
reichsten Neuropsychologen Fröschen, Salamandern und menten«: An Tieren und
des 20. Jahrhunderts. Er leistete Fischen formulierte er 1963 die Menschen mit durchtrenntem
Pionierarbeit gleich auf mehreren Chemoaffinitätshypothese, wonach Balken wies er in den 1960er Jahren
Gebieten – von der (Selbst-)Orga- sich das Nervensystem auf Grund die unterschiedliche Spezialisie-
nisation des Nervensystems über chemischer Anziehungskräfte ziel- rung der beiden Großhirnhemi-
die neuronale Basis des Verhaltens gerichtet verschaltet. sphären nach. Im Jahr 1981 erhielt
bis hin zur Bewusstseinsforschung. er dafür den Nobelpreis für Physio-
logie oder Medizin.

besuchte dabei einen Einführungskurs bei dem Psycho- senkten die Tiere das Bein in dem Moment, wo sie es
logen Raymond Herbert Stetson. Das gab seiner beruf- hätten heben sollen, und umgekehrt. Selbst nach etli-
lichen Karriere die entscheidende Richtung. In Stetsons chen Trainingsstunden konnten sie die Stiegen nicht er-
Kurs begegnete er William James’ Ideen wieder, und klimmen.
Sperry stellte sich hier erstmals jene grundlegenden Andere Experimente führten zu ähnlichen Ergebnis-
Fragen, die sich fortan wie ein roter Faden durch sein sen. So verpflanzte Sperry bei Ratten Hautnerven von
Forscherleben zogen: »Woher stammt das Verhalten?« einem Fuß an den anderen, woraufhin die Tiere falsche
und »Was ist Bewusstsein?« notierte er gleich auf der Sinnesempfindungen zeigten. Reizte er ihren rechten
ersten Seite seiner Mitschriften. Fuß, hoben sie den linken. Hier offenbarte also weder
Letztlich machte Sperry nicht nur seinen Master­ das motorische noch das sensorische Nervensystem
abschluss in Psychologie unter Stetson, er blieb auch Plastizität. Sperry demonstrierte damit, dass die grund-
noch ein weiteres Jahr am Oberlin College, um sich auf legende Schaltanordnung des Säugetiernervensystems
einen Wechsel in die Zoologie vorzubereiten. Dann in vielen Bereichen fest »verdrahtet« ist.
ging er an die University of Chicago und studierte bei
Paul Alfred Weiss (1898–1989), einem renommierten Frösche, Salamander und Fische
österreichischen Biologen. Doch bald begann der junge Nicht nur die Forschung, auch die Karriere des ambitio-
Forscher, die Ideen seines Mentors hartnäckig zu hin- nierten Jungwissenschaftlers machte indes weiterhin
terfragen. Den wissenschaftlichen Status quo anzu­ Fortschritte. Nachdem er 1941 seinen Doktortitel in
zweifeln wurde bei ihm geradezu eine Gewohnheit. Zoologie bei Paul Weiss erlangt hatte, wechselte Sperry
»Besonders gut war Sperry darin, Wege zu erkennen,
wie er die Ideen und Experimente ande­rer testen konn-
te«, charakterisierte der klinische Psychologe Antonio
Puente von der University of North Carolina in Wil­

SPERRY, R.W.: HEMISPHERE DECONNECTION AND UNITY IN CONSCIOUS AWARENESS.


min­ gton 2002 seinen Kollegen. Beispielsweise trieb
IN: AMERICAN PSYCHOLOGIST 23, S. 723-733, 1968, FIG. 1; MIT FRDL. GEN. DER
Sperry die Frage um, wie sich Neurone im Nervensys-
tem miteinander verknüpfen. Sein Mentor Weiss und
andere Forscher gingen davon aus, dass die jewei­lige
spezifische Aufgabe der Nervenfasern steuert, wohin sie
wachsen und wie sie sich verbinden. Letztlich sollte also
der Gebrauch darüber entscheiden, welche Verknüp-
AMERICAN PSYCHOLOGICAL ASSOCIATION

fungen angelegt werden; das Nervensystem wäre damit


flexibel und formbar – mit anderen Worten »plastisch«.
Ab 1938 begann Roger Sperry mit einer Reihe von
cleveren Experimenten an Ratten, die These auf den
Prüfstand zu stellen. Bei seinen Versuchen kamen ihm
seine hervorragenden neurochirurgischen und anato-
mischen Fertigkeiten zugute. So vertauschte er etwa
die Nervenstränge zwischen den Beuge- und Streck-
muskeln des Hinterbeins von Ratten. Sollte Weiss Recht Illustration des Split-Brain-Versuchs aus Sperrys
­haben mit seiner »funktionalen Plastizität«, müssten Originalpublikation: Kurzzeitig im linken Gesichtsfeld
die Nager eigentlich den Gebrauch des Hinterbeins wie- eingeblendete Bilder verarbeitete der Patient mit durch-
der neu erlernen. Doch beim Erklettern einer Leiter trenntem Balken nur noch in der rechten Hirnhälfte.

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HIR NFORSCHUNG / PORTR ÄT

W. W. GIRDNER / CALIFORNIA INSTITUTE OF TECHNOLOGY

Der 41-jährige Roger Sperry am California Institute of Technology (Caltech), wo er die folgenden
30 Jahre bis 1984 forschte. Hier führte er nicht nur die meisten seiner Split-Brain-­Experimente durch,
sondern beschäftigte sich auch intensiv mit dem Phänomen Bewusstsein.

als Postdoc zu dem US-amerikanischen Psychologen ­ afür liegt in der neuronalen Verknüpfung zwischen
d
Karl Lashley (1890–1958) an die Harvard University. der Retina und dem so genannten Tektum begründet.
Aus dieser Zeit stammen seine in Forscherkreisen gut Dieses Zentrum der visuellen Wahrnehmung im Mittel-
bekannten Experimente mit Fröschen, Salamandern hirn erhält Signale von den Augen, wobei benachbarte
und Fischen. Sie drehten sich ebenfalls um die Frage, Stellen der Retina auch nebeneinanderliegende Regio-
wodurch die Nervenverbindungen festgelegt werden. nen auf der Oberfläche des Tektums aktivieren. Trotz
Der Vorteil dieser Tiere lag für ihn auf der Hand: ­Anders der Tatsache, dass Sperry die Fasern im Sehnerv durch-
als bei Säugetieren wachsen bei ihnen Nervenfasern einandergebracht hatte, wuchsen die durchtrennten
­relativ schnell nach, wenn man sie durchtrennt. Genau Nervenzellfortsätze (Axone) zu exakt denselben Stel-
das tat Sperry, wenig zimperlich – er kappte bei Frö- len im Tektum wie zuvor, statt Gebiete anzusteuern,
schen den Sehnerv und drehte die Augen in der Augen- die nun die Drehung der Augen hätten kompensieren
höhle der Tiere um 180 Grad. Wollten die Frösche an- können. Zwischen wachsenden Axonen und Zielort
schließend eine Fliege fangen, schnappte ihre Zunge existierte also offensichtlich eine festgelegte biologische
nun in die falsche Richtung. Sie verhielten sich so, als Anziehung.
würden sie die Welt auf dem Kopf stehend sehen und Sperry stellte daraufhin seine bekannte »Chemoaffi-
als wäre bei ihnen links und rechts vertauscht. nitätshypothese« auf: Ihr zufolge passen chemische
Auch nach Monaten des Trainings änderte sich daran Marker an wachsenden Nervenzellfortsätzen zu ent-
nichts. Die rotierten Augen vermittelten dem Gehirn sprechenden Molekülen ihrer Ziele und ermöglichen so
der Tiere ein Spiegelbild der Realität. Die Erklärung präzise Verbindungen. Die Theorie hat zwar im Detail

GEHIRN&GEIST 55 1 2 _ 2 0 1 7
rin, mit der er zwei Kinder bekam. Weniger erfreulich:
Bei einer ärztlichen Routineuntersuchung fanden sich
bei dem Mittdreißiger Anzeichen einer Tuberkulose.
In Absprache mit seinen Ärzten erholte er sich sechs
Monate lang auf seine eigene Weise – mit Wandern,
Schwimmen und Schreiben. Hier beschäftigte sich der
IN: AMERICAN PSYCHOLOGIST 23, S. 723-733, 1968, FIG. 3; MIT FRDL. GEN. DER AMERICAN PSYCHOLOGICAL ASSOCIATION

Neurobiologe erstmals intensiver mit eher philosophi-


schen Fragen zum Verhältnis von Gehirn und Geist, die
ihn auch in den späten Lebensjahren nicht losließen.
Überhaupt genoss Sperry eher die Ruhe und Schönheit
einsamer Plätze als den Rummel großer Menschen­
massen. Nichtsdestotrotz gab er mit seiner Frau Anfang
SPERRY, R.W.: HEMISPHERE DECONNECTION AND UNITY IN CONSCIOUS AWARENESS.

der 1960er Jahre ausgelassene Partys, bei denen er sei-


nen »Split-Brain-Punsch« ausschenkte, benannt nach
seinen später berühmten Experimenten.

Wozu dient das Corpus callosum?


Seine ersten Versuche dieser Art führte er übrigens an
Tieren durch, zunächst an der University of Chicago als
Professor für Psychologie und ab 1954 als Professor am
California Institute of Technology. Man kann es sich
heute kaum vorstellen, aber: Vor Sperry war es voll-
kommen unklar, wozu das Corpus callosum, der Bal-
ken, der die beiden Hirnhemisphären über 200 Millio-
nen Nervenfasern miteinander verbindet, überhaupt
gut ist. Karl Lashley soll einmal scherzhaft gesagt haben,
der Balken diene dazu, epileptische Anfälle von einer
Aus Verhaltenstests mit Split-Brain-Patienten Hemisphäre zur anderen weiterzuleiten. Andere mut-
leitete Roger Sperry ab, wie sich die beiden Hirnhäften maßten, er solle das Zusammenfallen der beiden Hälf-
die Arbeit aufteilen (Skizze aus dem Jahr 1968). ten verhindern. Indem er den Balken von Katzen, Affen
und Ratten durchtrennte, bewies Sperry, dass die bei-
den Hemisphären über den Balken miteinander kom-
einige Veränderungen erfahren, im Kern ist sie aber munizieren: Wissen oder Fähigkeiten, die man der ei-
noch heute in Lehrbüchern zu finden. Allerdings weiß nen Hirnhälfte vermittelt, werden nach dem chirurgi-
man inzwischen, dass die Verdrahtung im Gehirn in schen Eingriff nicht mehr an die andere weitergegeben,
­gewisser Hinsicht selbst bei Erwachsenen durchaus fle- und die geteilten Gehirne lernen fortan getrennt.
xibel bleibt. »Wachstum und Verbindungen von Neuro- Ab 1960 ergab sich dann für Sperry die Gelegenheit,
nen werden eben doch auch durch ihre tatsächliche Split-Brain-Experimente am Menschen durchzuführen.
Aktivität und ihre Lernerfahrung bestimmt«, betont
­ Joseph Bogen, Neurochirurg am White Memorial Hos-
Sperrys langjähriger Mitarbeiter Michael Gazzaniga pital in Los Angeles, hatte bei einem Patienten mit
2012 in seinem Buch »Die Ich-Illusion«. schweren epileptischen Anfällen eine Durchtrennung
Als Postdoc kannte Sperry ebenfalls keine Angst vor des Balkens angeordnet. Die Idee dahinter war, den
Autoritäten. Nun widerlegte er die Theorien seines Men- Sturm im Gehirn, der die Anfälle auslöste, am Über-
tors Lashley. Später, im Jahr 1979, würde ihm der Neuro­ greifen von einer zur anderen Hirnhemisphäre zu hin-
embryologe Viktor Hamburger (1900–2001) einen Preis dern. Wie Roger Sperry auch später immer wieder
der Society of Neuroscience mit den Worten überrei- beobach­tete, konnten die Patienten mit dem halbierten
chen: »Ich weiß von keinem anderen, der sowohl wäh- Gehirn nach den Operationen endlich ohne die mitun-
rend seiner Promotion als auch als Postdoc die Ideen ter lebens­bedrohlichen Anfälle leben. Im Großen und
seiner jeweiligen Mentoren aus der Welt geschafft hätte, Ganzen merkte man ihnen keine Beeinträchtigung
beide zu der Zeit anerkannte und führende Autoritäten durch den Eingriff an. Doch manchmal verhielten sie
auf ihrem Gebiet.« sich seltsam. Bei einem Patienten wollte etwa die rechte
Nach seiner Postdoc-Zeit erhielt Roger Sperry 1946 Hand die Hose hochziehen, während die linke ver­
zunächst eine Assistenzprofessur an der University of suchte, dieselbe herunterzuschieben. Ein anderer Pati-
Chicago. Privat war dann für ihn besonders das Jahr ent ärgerte sich über seine Frau und attackierte sie mit
1949 einschneidend. Einerseits im Guten – er heiratete der linken Hand, während er mit der rechten zugleich
Norma Deupree, seine spätere langjährige Mitarbeite- versuchte, sie zu schützen.

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HIR NFORSCHUNG / PORTR ÄT

Erst Sperry und sein Mitarbeiter Michael Gazzaniga M E H R W I S S E N AU F


förderten durch Experimente zu Tage, was die Tren- »SPEKTRUM.DE«
nung der Hirnhälften wirklich bedeutet. Sie setzten die Wie zuverlässig sind die Erkennt-
Probanden vor zwei Bildschirme. Anschließend sahen nisse, die Wissenschaftler aus
diese dann beispielsweise auf dem rechten Monitor ihren Daten ableiten? Das lesen
Sie in unserem digitalen
ganz kurz das Bild einer Tasse, was sie auch kundtaten.
Spektrum Kompakt »Fakten«:
Als jedoch auf dem linken Bildschirm das Bild einer
­Gabel auftauchte, konnten sie diese nicht benennen. www.spektrum.de/shop
Die Forscher folgerten daraus: Die Hirnhemisphären
sind außerordentlich spezialisiert. Die linke Seite sei
eher für Analytisches und Sprachliches zuständig, die Forschung erhielt er nur eine Hälfte des Preises. Den an-
rechte dagegen zeige sich überlegen hinsichtlich der deren Teil bekamen David Hubel und Torsten Wiesel
räumlichen Wahrnehmungsfähigkeit. Heute ist allge- für ihre Erforschung des visuellen Systems. »Das große
mein bekannt, dass die zwei Hirnhälften bis zu einem Vergnügen und das Gefühl in meinem rechten Hirn
gewissen Grad unterschiedliche Funktionen überneh- übertreffen die Worte, die mein linkes Hirn finden kann,
men und im Gehirn vieles über Kreuz läuft. So werden um Ihnen das mitzuteilen«, hieß es in Sperrys Nobel-
etwa die Inhalte des linken Gesichtsfelds in der rechten preisrede. Er ließ sie allerdings von einem Kollegen hal-
Hemisphäre verarbeitet. Bei den Split-Brain-Patienten ten, weil er aus ­gesundheitlichen Gründen nicht bei der
konnten sich die beiden Hirnhälften jedoch nicht mehr Preisübergabe in Schweden dabei sein konnte.
austauschen. Die Informationen aus dem linken Ge- Sperry ruhte sich auch nach dieser großen Ehrung
sichtsfeld gelangten daher nur in die sprachlich weniger nicht auf seinen Lorbeeren aus. Vielmehr widmete er
»begabte« rechte Hirnhemisphäre, weshalb die Ver- sich der Frage, die ihn schon so lange begleitet hatte:
suchspersonen das Wort »Gabel« nicht aussprechen Wie entsteht das Bewusstsein? Er glaubte zwar, dass die-
konnten. Gleichwohl schafften sie es, mit der von der ses mit dem Gehirn eng verwoben sei, und distanzierte
rechten Hälfte gesteuerten linken Hand nach dem Ess- sich damit von den behavioristischen Traditionen. Den-
werkzeug zu greifen. noch könne man das Bewusstsein nicht auf neuronale
Aktivitäten reduzieren, denn es weise letztlich »emer-
Hang zur Akribie gente« Eigenschaften auf, die man nicht allein durch
Als Forscher ging Sperry geduldig und beharrlich vor, isolierte Eigenschaften des Gehirns erklären könne.
ja geradezu akribisch. Viele seiner Studien schlummer- Als er sich zunehmend durch eine seltene neurodege-
ten jahrelang in der Schublade, bis er sie veröffentlichte. nerative Erkrankung beeinträchtigt fühlte, widmete
Immer wieder führte er neue Tests durch, um seine Sperry sich fast ausschließlich dem philosophischen
­Annahmen zu untermauern. Der Neurochirurg Joseph Schreiben. Mit Ende 60 hatte er bereits aufgehört, Vor-
Bogen berichtet, sein Kollege habe oft in seinem Büro lesungen zu halten, da er nur noch schwerfällig und
gesessen, die Beine auf dem Tisch, tief in Gedanken ver- langsam sprechen konnte. 1984 setzte er sich zur Ruhe,
sunken oder in sein Notizbuch kritzelnd. arbeitete aber bis zuletzt unermüdlich an einem Manu-
Sperrys Beharrlichkeit und seine großartigen Ideen skript. Zehn Jahre später, am 17. April 1994, verstarb
wurden 1981 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder ­Roger Wolcott Sperry im Alter von 80 Jahren. Doch
Medizin belohnt, »für seine Entdeckung der funktio­ vermutlich nicht nur für Michael Gazzaniga bleibt er
nalen Spezialisierung der Hirnhemisphären«. Genauer ­darüber hinaus der »vielleicht größte Hirnforscher aller
gesagt und fast schon passend zu seiner Split-Brain- Zeiten«. H

QUELLEN

Bogen, J. E.: Roger Wolcott Sperry (20 August 1913–17 April 1994).
In: Proceedings of the American Philosophical Society 143, S. 491–500, 1999
Puente, A. E.: Roger W. Sperry: From Neuro-Science to Neuro-Philosophy.
In: Stringer, A. Y., Cooley, E. L. (Hg.): Pathways to Prominence:
Reflections of 20th Century Neuropsychologists. Psychology Press, Hove (UK) 2002, S. 63–75
Sperry, R. W.: Chemoaffinity in the Orderly Growth of Nerve Fiber Patterns and Connections.
In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 50, S. 703–710, 1963
Voneida, T. J.: Roger Wolcott Sperry. 20 August 1913–17 April 1994: Elected For.Mem.R.S. 1976.
In: Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society 43, S. 463–470, 1997
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508521

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THERAPIE KOMPAKT

SIMARIK / GETTY IMAGES / ISTOCK


Stress und Gedächtnis
Die »eingebildete Demenz«

I
n Deutschland leiden rund 1,6 Millionen Menschen Blut erhöht gewesen war, waren es 24 Prozent. Die
an einer Demenz wie der Alzheimerkrankheit. stärkste Vorhersagekraft hatte es, wenn zu Beginn der
Mögliche Vorboten der Erkrankung sind kognitive Studie tatsächlich eine »leichte kognitive Beeinträchti­
Beeinträchtigungen – das ist mittlerweile auch der gung« diagnostiziert wurde. In dieser Gruppe, die
Allgemeinheit bekannt. Forscher der Universität rund ein Drittel der Probanden umfasste, entwickelte
Göteborg weisen in einer aktuellen Studie jedoch die Hälfte im Beobachtungszeitraum eine Demenz.
darauf hin, dass subjektive Gedächtnisprobleme Allein das Gefühl, das eigene Gedächtnis lasse einen
keineswegs immer auf einen beginnenden geistigen im Stich, sei daher nicht besonders aussagekräftig,
Verfall hindeuten. schlussfolgern Eckerström und Kollegen. Stattdessen
Die Psychiater und Neurologen um Marie Ecker­ verursache bei der Mehrzahl der Menschen, die sich
ström beobachteten die Entwicklung von 235 Patienten, um ihre geistigen Fähigkeiten sorgten, eher Stress die
die wegen Gedächtnisschwierigkeiten in die Univer­­ Symptome – insbesondere, wenn sie jünger als 60
sitäts­klinik gekommen waren. Bei der ersten Untersu­ Jahre sind. So belegte etwa eine Studie der Forscher­
chung waren die Probanden im Schnitt 63 Jahre alt, gruppe aus dem Jahr 2016, dass psychosozialer Stress
und ihre Symptome dauerten bereits länger als sechs das Gedächtnis ebenfalls stark beeinträchtigt. Im
Monate an. Zum überwiegenden Teil hatte der Haus­ Gegensatz zur Alzheimerkrankheit lässt sich dieser
arzt sie überwiesen. Neben einer umfassenden Beur- Effekt jedoch mit therapeutischer Hilfe umkehren.
teilung der kognitiven Fähigkeiten maßen die Forscher Die Rate von zehn Prozent, mit der die sonst
auch bestimmte Blutwerte, die auf eine beginnende unauffälligen Teilnehmer in dieser Studie eine Demenz
Alzheimerdemenz hindeuten können, vor allem die entwickelten, sei zwar höher als in dieser Alters-
Konzentration von Beta-Amyloid 42 und Tau-Protei­ gruppe allgemein üblich, sagt Eckerström. Dabei
nen. Nach ein bis zwölf Jahren wurde der Gesundheits­ müsse man aber bedenken, dass die Versuchspersonen
zustand der Teilnehmer erneut dokumentiert. ihre Erinnerungslücken als so gravierend eingeschätzt
Bei zwei Dritteln der Patienten ließ sich durch hatten, dass sie deswegen einen Arzt aufsuchten.
neurologische Tests in der Erstuntersuchung objektiv Dieser Prozentsatz gelte daher keineswegs für alle
keine kognitive Beeinträchtigung feststellen. Von alternden Menschen, die sich Sorgen um ihr Gedächt­
diesen Probanden waren zum Zeitpunkt der zweiten nis machten. Solange Mediziner nicht tatsächlich
Untersuchung rund zehn Prozent an einer Demenz ein kognitives Defizit konstatieren, bestehe kein Grund
erkrankt. Unter den Teilnehmern, bei denen zusätzlich zur Beunruhigung.
die Konzentration beider Biomarker für Alzheimer im Alzheimers Dement. (Amst.) 8, S. 96–107, 2017

GEHIRN&GEIST 58 1 2 _ 2 0 1 7
Autor dieser Rubrik: Joachim Retzbach

Persönlichkeitsstörungen
Borderline als Reaktion auf Schmerzen?

K
örperliche Schmerzen spielen im Zusammen­ zudem die Kriterien einer klinischen Schmerzstörung.
hang mit dem Borderline-Syndrom bisher Dabei erlebt eine Person so starke Schmerzen, dass
keine große Rolle. Zu Unrecht, wie nun eine sie den Alltag, soziale Beziehungen und die Leistungs­
kleine Bestandsaufnahme US-amerikanischer Psycho­ fähigkeit bei der Arbeit beeinträchtigen.
logen unter betroffenen Probanden zeigt. Die Forscher Schon aus früheren Untersuchungen war bekannt,
um Laura Heath von der kanadischen McGill Uni­ dass unter chronischen Schmerzpatienten die Border­
versity in Montreal werteten Anamnese-Gespräche mit line-Persönlichkeitsstörung besonders häufig auftritt –
65 Borderline-Patienten aus, zum überwiegenden Teil mit einer Rate von etwa 30 Prozent. Je stärker der
Frauen. körperliche Schmerz, desto ausgeprägter fällt die
Ganze 89 Prozent hatten am Tag der Befragung Symptomatik im Schnitt aus. Diesem Aspekt sollte
Schmerzen erlebt – darunter allgemeine Muskel­ man daher in der Therapie künftig größere Aufmerk­
schmerzen, Rücken-, Kopf- oder Kieferschmerzen. samkeit widmen, schreiben die Forscher. Denn mit
Jeder fünfte Teilnehmer wertete die Stärke dieser unbehandelten chronischen Schmerzen steige unter
Symptome als »mild«, die anderen jedoch als »unange­ anderem das Risiko für ungeeignete Gegenmaßnah­
nehm« oder »quälend«, in zwei Fällen sogar als men wie Alkohol- oder Tablettenmissbrauch.
»unerträglich«. Zwei Drittel aller Befragten erfüllten J. Pers. Disord. 10.1521/pedi_2017_31_302, 2017

Aggressionsbewältigung
Mit Interventionen gegen Ärger und Wut

E
ine Vielzahl von Programmen zielt darauf ab, Bei Trainings gegen Aggressionen – also dagegen,
Ärger und Aggressivität zu mindern, etwa dass Menschen ihrem Ärger durch entsprechende
bei Strafgefangenen. Doch wirken solche Inter­- Handlungen Luft machen – war die Datenlage etwas
ventionen? Diese Frage untersuchten Amy Lee und weniger einheitlich. Im Durchschnitt zeigte sich auch
Raymond DiGiuseppe von der St. John’s Univer­sity in hier eine gute Wirksamkeit, in einigen Analysen
New York in einer neuen Übersichtsarbeit. fanden sich jedoch nur geringe Effekte.
Die Psychologen werteten 21 Studien aus, in denen Problematisch sei vor allem, dass meist nur verhal­
die Effektivität von Ärger- und Aggressionsbewälti­ tenstherapeutische Angebote evaluiert würden,
gungstrainings untersucht wurde. Dabei handelte es schreiben die Autoren. Über die Wirksamkeit familien­
sich jeweils um Metaanalysen – um Zusammenfassun­ therapeutischer oder psychodynamischer Ansätze
gen vieler vorheriger Untersuchungen. Insgesamt wisse man demnach bislang zu wenig. Zudem hätten
zeigten die Interventionen eine gute Wirksamkeit. Das sich die einzelnen Studien zum überwiegenden Teil
galt vor allem für Programme, die auf Ärger oder Wut mit Einzel- und Gruppentherapien befasst. Zu Kursen
abzielten, also auf die rein emotionale Komponente. in Beratungszentren, zu denen Gerichte in den USA
Dabei kamen meistens kognitiv-verhaltenstherapeuti­ Straftäter häufig verdonnern, gebe es dagegen kaum
sche Methoden zum Einsatz; vor allem Entspannungs­ Daten.
übungen scheinen förderlich zu sein. Curr. Opin. Psychol. 10.1016/j.copsyc.2017.04.004, 2017

Psychosen Menschen mit Schizophrenie


1001NIGHTS / GETTY IMAGES / ISTOCK

sterben in den USA im Schnitt acht


Jahre früher als Gesunde. Experten vermuten,
dass es in Deutschland ähnlich ist.
CMAJ, E1177, 2017

GEHIRN&GEIST 59 1 2 _ 2 0 1 7
MEDIZIN

GEHIRN-COMPUTER-SCHNITTSTELLE Ian Burkhart


ist querschnittsgelähmt. Doch dank eines Computerchips
in seinem ­Gehirn kann er wieder einen Arm bewegen.

Bewegung
per Gedanken VO N Y U D H I J I T B HAT TA C HA R J E E

A
n einem sonnigen Nachmittag im Jahr wusstsein; ein Hubschrauber flog ihn in die nächste Un-
2010 sprang Ian Burkhart unbe- fallklinik.
schwert und voller Freude in die Bran- In einer knapp neunstündigen Operation platzierten
dung des ­Atlantiks. Nach Abschluss Chirurgen in Ians Wirbelsäule zwei Stäbe zur Stabilisie-
seines ersten College-Jahres genoss rung. Am folgenden Tag erhielt er von den Ärzten die
der damals 19-jährige US-Amerikaner düstere Diagnose: Zwei Wirbel im Hals waren gebro-
mit seinen Freunden seinen Urlaub an einem Strand in chen, das Rückenmark war durchtrennt. Ian könne nie
den Outer Banks, einer Inselkette vor der Küste North wieder gehen, und seine Arme werde er kaum noch be-
Carolinas. wegen können. Bei allen Dingen, die ein 19-Jähriger
Plötzlich warf ihn eine Welle um und schleuderte ihn ohne nachzudenken automatisch erledigt, wie essen,
unter Wasser auf eine Sandbank. Ian spürte in seinem auf die Toilette gehen, Zähne putzen oder das Radio
Nacken einen extrem starken Ruck – so etwas hatte er in einschalten, sei er für immer auf Hilfe angewiesen.
seinem Leben noch nie zuvor erlebt. Mit dem Gesicht Diese Aussicht stürzte den jungen Mann in tiefe Ver-
nach unten liegend, bemühte er sich verzweifelt, wieder zweiflung. Schon als Kind hatte er ein eigenständiges
an die Wasseroberfläche zu kommen, doch seine Glie- Leben angestrebt. Er trieb Sport und ging zu den Pfad-
der gehorchten ihm nicht mehr. Glücklicherweise war findern. Als 13-Jähriger verdiente er sich etwas Geld mit
das Meer an dieser Stelle nur knapp einen Meter tief, so dem Austragen von Zeitungen. In der Highschool grün-
dass seine Freunde ihn aus dem Wasser ziehen konnten. dete er zusammen mit seinem Bruder eine Firma, um
Als er dann flach auf dem Sand lag, konnte er sich im- Rasenmähen als Dienstleistung anzubieten. Und jetzt,
mer noch nicht bewegen. Schließlich verlor er das Be- frisch an der Uni, sollte ihn eine Zukunft im Rollstuhl

U N S E R AU TO R

Yudhijit Bhattacharjee ist preisgekrönter Wissenschaftsautor in New York. Seine


Beiträge über Medizin, Internetkriminalität und Spionage veröffentlicht er in
verschiedenen US-Magazinen wie »New Yorker«, »New York Times Magazine«,
»National Geographic«, »Wired« und »Science«.

GEHIRN&GEIST 60 1 2 _ 2 0 1 7
Nach einem Badeunfall vor
sieben Jahren kann der
26-jährige Ian Burkhart
seine Arme nur noch
eingeschränkt und seine
Beine überhaupt nicht
mehr bewegen.
ANDY SPEARS

GEHIRN&GEIST 61 1 2 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Lähmung überwinden

1 2 3
Gehirn-Computer-Schnittstellen Ein im Gehirn implantierter Dank dieser Technik kann Ian
sollen Patienten wie dem quer- Chip zeichnet die motorischen Burkhart wieder einen Arm
schnittsgelähmten Ian Burkhart Befehle des Patienten auf; bewegen. Bislang lässt sie sich
ihre Bewegungsfähigkeit zurück­ diese Signale werden in elektrische jedoch nur im Labor an­wenden. Bis
geben. Stimulationen der Muskulatur zur Einsatzfähigkeit im Alltag ist es
umgewandelt. noch ein ­weiter Weg.

erwarten – sein Leben lang abhängig von einer Rund- Während der darauf folgenden Jahre wurde die Tech-
um-die-Uhr-Betreuung. Langsam wurde Ian die Trag- nik weiter verfeinert. So gelang es immer besser, Sig­nale
weite seines Schicksals klar: »Ich dachte: ›Oh Mist, das einzelner Hirnzellen oder kleiner Neuronengruppen
ist wirklich ernst.‹ Ich war wie benommen und völlig präzise herauszufiltern. Optimierte Lernalgorithmen,
sprachlos.« welche die aufgezeichneten Hirnsignale interpretieren,
Doch sechs Jahre darauf schafft Ian etwas, was weder ermöglichten komplexere Bewegungen. Unter der Lei-
er selbst noch seine Ärzte sich anfangs hätten vorstellen tung von John Donoghue und Leigh Hochberg von
können: In einem Universitätslabor in Columbus sitzt der Brown University entwickelte eine Forschergruppe
er in seinem Rollstuhl und gießt sich – nur kraft seiner die aus zahlreichen Elektroden bestehende Schnitt-
Gedanken – Kaffee ein, rührt ihn um und zieht eine stelle »BrainGate«, mit der querschnittsgelähmte Pati-
Kreditkarte durch ein Lesegerät. Ein Chip in Ians Ge- enten nur über ihre Gedanken einen Cursor zielgenau
hirn macht das Unmögliche möglich. steuerten.
Nach seiner Rückenmarksoperation war Ian wieder 2008 brachten Andrew Schwartz von der Univer­sity
in seinen Heimatort Columbus zurückgekehrt und mel- of Pittsburgh und seine Kollegen einem Affen mit ei-
dete sich für ein ambulantes Rehabilitationsprogramm nem im Gehirn implantierten Chip bei, sich selbst
an der Ohio State University an. Als optimistischer per mental gesteuertem Roboterarm Leckerbissen ziel-
Mensch interessierte er sich für wissenschaftliche Fort- sicher ins Maul zu schieben. Beide Forschergruppen
schritte, die Patienten wie ihm vielleicht einmal helfen ­haben inzwischen gezeigt, dass auch Menschen mit sol-
werden. chen Gehirn-Computer-Schnittstellen anspruchsvolle
Roboterbewegungen kontrollieren können.
Verkabelt mit einem Computer Einen Roboterarm zu manövrieren, ist für gelähmte
Zu dieser Zeit arbeiteten Forscher der Ohio State Uni- Menschen jedoch nichts im Vergleich dazu, die eigenen
versity mit Ingenieuren des Battelle Memorial Institute Gliedmaßen wieder bewegen zu können. Das Forscher-
zusammen, um so genannte Gehirn-Computer-Schnitt- team in Columbus hatte die Idee, die Armmuskulatur,
stellen zu entwickeln. Die dahintersteckende Idee, das die keine Befehle vom Gehirn mehr empfängt, mit einer
Gehirn mit einem Computer zu verbinden, um neuro- Manschette zu stimulieren. Darin sitzen kleine Elektro-
nale Signale in körperliche Reaktionen zu übersetzen, den, die durch winzige Stromstöße die Muskeln reizen
ist bereits mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Doch erst und damit eine Bewegung auslösen.
in den vergangenen 20 Jahren gelang es, einen funktio- Für Ian Burkharts Arzt Jerry Mysiw, der seit Jahr-
nierenden Ansatz zu finden, der sich zunächst in Tier- zehnten als Rehabilitationsmediziner Rückenmarksver-
versuchen bewähren musste. letzte betreut, ergab sich nun die Gelegenheit, diese
1998 implantierten der Neurologe Philip Kennedy Manschette zu testen. Er fragte seinen Patienten, ob er
und der Neurochirurg Roy Bakay von der Emory Uni- an einer entsprechenden Studie teilnehmen möchte –
versity zum ersten Mal in das Gehirn eines vollständig und Ian stimmte gern zu.
gelähmten Locked-in-Patienten eine Elektrode, um die Im September 2013 begann das Forschungsprojekt;
von ihr abgegriffenen Signale in Computerbefehle um- jede Woche kam der Proband ins Labor. Die Wissen-
zuwandeln. Dadurch konnte der Patient wieder kom- schaftler befestigten die Manschette an seinem rechten
munizieren: Er bewegte den Cursor auf einem Compu- Unterarm und verbanden sie über ein Kabel mit einem
terbildschirm von Buchstabe zu Buchstabe und schrieb Computer. »Tatsächlich gelang es damit, meine Hand
so langsam Wörter. Etwa zur gleichen Zeit maßen For- zu bewegen, etwa die Finger zu beugen oder eine
scher um Miguel Nicolelis von der Duke University Faust zu machen«, erinnert sich Ian. »Das war richtig
mittels einer eingepflanzten Gehirn-Computer-Schnitt- spannend.«
stelle die neuronalen Signale von Affen und ließen da- Diese Bewegungen kontrollierte aber nicht Ian, son-
mit einen weit entfernten Roboterarm sich wie von dern der Computer. Am Ende der Studie erklärte My­siw
Geisterhand bewegen. seinem Probanden das eigentliche Ziel des Projekts: die

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MEDIZIN / GEHIRN-C OMPU TER-SCHNIT T STELLE

ANDY SPEARS
ANDY SPEARS

Forscher der Ohio State University bereiten Ian Burkhart für ihre Labortests vor. Am Schädel des
Probanden ist die verschraubte Steckerverbindung der Gehirn-Computer-Schnittstelle deutlich
zu erkennen (oben). Damit wird Ians Gehirn mit einem Computer verkabelt, der die motorischen
Befehle des Kortex auswertet (unten).

GEHIRN&GEIST 63 1 2 _ 2 0 1 7
»In einem langen Hin und te. »Am Anfang musste ich mein Kopfkissen so hinle-
gen, dass es nicht auf die Stelle drückte«, erzählt er. Aber
Her lernte das System mich mit der Zeit störte es ihn immer weniger.
kennen und ich das System« Nach der Operation unterzieht sich Ian regelmäßig
einer anspruchsvollen Routine: Zwei- bis dreimal pro
Ian Burkhart Woche trainiert er im Labor stundenlang seine Hand,
das zu tun, was sie nicht mehr automatisch kann. Das
Prozedere sieht immer gleich aus: Das Kabel an seinem
Kopf leitet seine Nervenimpulse zum Computer, wäh-
rend Ian sich vorstellt, einen Finger zu beugen oder eine
Manschette über das Gehirn zu steuern. Falls Ian auch Faust zu machen. Zur Unterstützung sieht er auf dem
bei diesem Vorhaben mitmachen wollte, müsste er sich Computerbildschirm eine virtuelle Hand, die seine ge-
mindestens zwei Hirnoperationen unterziehen – ein- dachten Bewegungen ausführt (siehe »Mit festem Griff«,
mal, um eine Gehirn-Computer-Schnittstelle zu im- rechts).
plantieren, und einmal, um sie wieder zu entfernen. Bei Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Computer
beiden Eingriffen gäbe es ein Infektionsrisiko. Ians Ge- die aus Ians Gedanken erzeugten neuronalen Signal-
hirn könne geschädigt werden; und selbst wenn alles muster korrekt interpretieren muss. Bei jeder beabsich-
gut ginge, hätte er persönlich nichts davon, weil die For- tigten Bewegung feuern in Ians Motorkortex Millionen
scher das Implantat nicht dauerhaft in seinem Gehirn von Neuronen, doch der Chip erfasst nur einen Bruch-
lassen dürften. teil dieser Signale. Mit einer Abtastrate von 30 000 Mes-
Für Ian überwogen die Vorteile. Eine solche Gele- sungen pro Sekunde an allen 96 Elektroden fällt den-
genheit, Menschen wie ihm zu helfen, ungenutzt ver- noch eine große Datenmenge an. Sie muss zunächst
streichen zu lassen, hielt er für unverantwortlich, und komprimiert werden, ohne dass dabei der Informations­
außerdem wollte er »sich mal wieder selbst an der Nase gehalt verloren geht. Algorithmen verarbeiten dann die
kratzen«, erzählt Mysiw. Ian war klar, dass es wohl noch so aufbereiteten Signale und wandeln sie in elektrische
sehr lange dauern dürfte, bis eine solche Neuroprothe- Befehle für die Armmanschette um. Die stimulierten
se richtig funktioniert, doch »zu wissen, dass es eine Muskeln bringen schließlich Ians Hand dazu, die Bewe-
Chance gibt, irgendwann so etwas in meinem Alltag gungen auszuführen, die er sich mental ausmalt.
nutzen zu können, und die Möglichkeit, hierfür mei-
nen Beitrag zu leisten – das hat mich wirklich über- Jeden Tag eine neue Lektion
zeugt«, sagt er. Das Computerprogramm vergleicht die im Gehirn
Am 22. April 2014 implantierten Chirurgen um den entstehenden Aktivitäten mit zuvor aufgezeichneten
­
Neurologen Ali Rezai von der Ohio State University ei- Mustern, die verschiedenen Armbewegungen oder
nen tablettengroßen Computer­ chip in Ians motori- Ruhe­zuständen entsprechen. Dadurch kann der Rech-
schen Kortex an die Stelle, die für die Bewegung seiner ner abschätzen, welche Bewegung Ian am wahrschein-
rechten Hand verantwortlich ist. Der Chip besteht aus lichsten ausführen möchte. Über Rückkopplung erfährt
96 Mikroelektroden; jede einzelne von ihnen erfasst die das System, ob es das Aktivitätsmuster korrekt interpre-
elektrische Aktivität von einigen hundert in der Nähe tiert hat, und lernt so, Ians Hirnaktivitäten immer bes-
liegenden Neuronen. Über ein Kabel ist er mit einer ser zu verstehen.
münzgroßen Scheibe verbunden, die in Ians Schädel­ Auf Grund täglicher Variationen verändern sich al-
decke verschraubt ist. Die an einen Flaschenverschluss lerdings immer wieder die neuronalen Impulsfolgen,
erinnernde Konstruktion stellt den Stecker dar, mit die der gleichen Bewegung zu Grunde liegen, erklärt
dem Ians Gehirn an einen Computer angeschlossen Projektleiter Gaurav Sharma vom Battelle Memorial In-
wird. Es dauerte eine Weile, bis sich der junge Mann an stitute. »Ian kann zum Beispiel an einem Tag glücklich
den kleinen Metallvorsprung auf seinem Kopf gewöhn- und an einem anderen traurig sein, er kann müde oder
hungrig sein, ihm ist kalt oder warm«, sagt der Neuro-
technologe. Der Rechner muss folglich Tag für Tag neu
lernen, das für jede gedachte Handbewegung passende
Aktivitätsmuster zu erkennen.
M E H R W I S S E N AU F Ian durchlief einen anstrengenden Lernprozess. Zu
»SPEKTRUM.DE« Beginn hatte er überhaupt keine Ahnung, wie er sich
Wie Hirnforscher und Computerspe- bewusst Bewegungen vorstellen sollte, die er vor seinem
zialisten zusammenarbeiten, lesen Unfall ganz automatisch ausgeführt hatte. »In den ers-
Sie im Gehirn&Geist-Dossier 1/2015 ten Monaten war ich nach dem Laborbesuch geistig im-
»Digitale Revolution«: mer so erschöpft wie nach einer ganztägigen Prüfung«,
www.spektrum.de/shop erzählt er.

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MEDIZIN / GEHIRN-C OMPU TER-SCHNIT T STELLE

Mit festem Griff


Eine Gehirn-Computer-Schnittstelle ermöglicht es, gelähmte Extremitäten wieder zu
­bewegen. Der im Gehirn implantierte Chip nimmt im Motorkortex neuronale Signale auf,
die per Kabel an einen Computer weitergeleitet werden. Der Rechner verwandelt
die Information dann in eine elektrische Stimulation des betreffenden Körperteils.

1. Ein erbsengroßes Raster mit 96 Mikroelek­troden 3. Ein Algorithmus filtert und dekodiert die Hirnsignale,
sitzt in einer Region des Motorkortex, welche die um zu errechnen, welche Bewegung der Proband am
Bewegung des rechten Arms kontrolliert. Dort wahrscheinlichsten ausführen möchte. Anschließend
erfassen die Elektroden Signale einzelner Neurone sendet der Computer Befehle an eine am Arm des
oder kleiner Neuronengruppen. Probanden befestigte Elektrodenmanschette.

 ber eine im Schädel­


2. Ü
knochen fixierte Stecker­ 4. Während der Proband sich vorstellt,
verbindung übermittelt seinen Arm zu bewegen, sieht er
ein Kabel die mit der beab­ zur Kontrolle auf dem Computerbild­
sichtigten Armbewegung schirm einen virtuellen Arm, der
assoziierten Hirnsignale an die geplante Bewegung nachvoll­
einen Computer. zieht.
TAMI TOLPA / SCIENTIFIC AMERICAN MIND MAI-JUNI 2017

6. Der Arm bewegt


sich – der Proband
kann so zum
Beispiel eine Tasse
greifen.

5. Die auf der Haut liegenden Elektroden in der


Manschette stimulieren die Armmuskeln des
Probanden.

An einem Tag im Juni 2014, nach knapp sechs Mona- karte nicht richtig greifen«, sagt er. »Also fingen wir an,
ten Training, schaffte es Ian zum ersten Mal, per Gedan- mit verschiedenen Gegenständen zu trainieren: Kann
kenkraft seine Hand um einen Löffel zu schließen und ich einen Telefonhörer an mein Ohr halten? Kann ich
wieder zu öffnen. »Alle im Labor waren ganz aufgeregt«, Essen aus einer Schüssel mit einem Löffel zum Mund
erinnert er sich an diesen Moment. Er wollte jedoch führen?«
gleich weitermachen. »Jetzt geht die Arbeit erst richtig Der Unterschied zwischen einfachen Aktionen wie
los«, dachte er. »Das funktioniert zwar – aber wie geht einen Finger zu krümmen und komplexen Aufgaben
es weiter?« wie einen Löffel zu greifen und ihn an einer anderen
Die Wissenschaftler wollten zu komplexeren und Stelle wieder hinzulegen, wurde recht bald deutlich.
­feineren Bewegungen übergehen. Ian schlug vor, all­ »Ich konnte den Löffel zwar nehmen, doch sobald ich
tägliche Tätigkeiten zu üben, wie zum Beispiel eine Kre- meinen Arm bewegte, fiel er mir aus der Hand«, erzählt
ditkarte durch ein Lesegerät zu ziehen. »Ich kann zwar Ian. »Es war sehr schwer, ihn auch während der Bewe-
ziemlich selbstständig einkaufen, aber meine Kredit­ gung festzuhalten.«

GEHIRN&GEIST 65 1 2 _ 2 0 1 7
1 2

3 4

ANDY SPEARS
Solch komplexe Manöver bedürfen eines präzisen noch ein weiteres Jahr in Ians Gehirn zu belassen. Die
Zusammenspiels zwischen Mensch und Maschine. Ians Forscher hatten ursprünglich angenommen, dass der
Gehirn und der Rechner mussten erst lernen, miteinan- Chip nach ungefähr einem Jahr nicht mehr richtig funk-
der zu kommunizieren und sich durch Versuch und Irr- tionieren würde, da die zunehmende Vernarbung des
tum aufeinander einzustellen. »In einem langen Hin Hirngewebes an der Implantationsstelle die Signalstär-
und Her lernte das System mich kennen und ich das ke allmählich beeinträchtigt. »Aber die Signale sind im-
System«, so Ian. Anfang 2016 konnte er schließlich fein- mer noch verwertbar – es ist unglaublich«, äußert sich
motorische Bewegungen ausführen, die vorher unmög- Rezai begeistert zu Beginn des dritten Jahres der Studie.
lich schienen: eine Kreditkarte durch ein Lesegerät zie- Allerdings seien die Signale schwächer geworden, fügt
hen, einen Kaffee umrühren und sogar das Videospiel er hinzu.
»Guitar Hero« spielen. Niemand freute sich über die Verlängerung des Pro-
jekts mehr als Ian. »Ich bin wirklich froh zu sehen, was
Durchbruch mit Grenzen ich schon alles machen kann«, sagt er und erwähnt stolz,
2016 veröffentlichten die Forscher von der Ohio State dass er mittlerweile sieben verschiedene Bewegungen
University und dem Battelle Memorial Institute in ausführen kann.
Columbus ihren Durchbruch in der Fachzeitschrift
­ Der von den Wissenschaftlern aus Columbus ver-
»Nature«. Für die Wissenschaftler stellen Ians neu er- folgte Ansatz stößt jedoch an seine Grenzen. Wie An-
rungene Fähigkeiten einen Triumph der Wissenschaft drew Schwartz betont, werden die verschiedenen Mus-
und des menschlichen Erfindergeistes dar, der ahnen keln in Ians Arm nicht einzeln von seinen Gedanken
lässt, welche Möglichkeiten hier noch schlummern. gesteuert. Stattdessen wählt das System aus einer gan-
Auch wenn Ian bislang nur im Labor einfache Hand­ zen Reihe von neuronalen Impulsfolgen eine passende
bewegungen auszuführen vermag, könnte die Technik aus – »wie eine bestimmte Notenrolle für ein mechani-
eines Tages Querschnittsgelähmten wieder ein selbstbe- sches Klavier«.
stimmtes Leben ermöglichen. Auch wenn Schwartz’ Probanden lediglich einen Ro-
Einige Wochen nach der Veröffentlichung gestattete boterarm bewegen, steuern sie dabei Arm, Handgelenk
die US-amerikanische Lebensmittelüberwachungs- und und Finger separat. Ian dagegen kann seine Muskeln
Arzneimittelbehörde FDA, das Elektrodenimplantat nur ­ begrenzt kontrollieren, weil die stimulierenden

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MEDIZIN / GEHIRN-C OMPU TER-SCHNIT T STELLE

5 Ein mühsamer Weg zum Gitarrenspiel: In Ian


Burkharts Schädeldecke steckt der Anschluss der
Gehirn-Computer-Schnittstelle (1). Ein ­Techniker
schließt das Kabel an, welches das ­Implantat mit
dem Computer verbindet (2). An Ians rechtem
Unterarm wird eine Manschette befestigt, die über
Elektroden die Muskulatur stimuliert (3). Ian kann
so eine Spielkonsole des Videospiels »Guitar Hero«
halten (4). Auf dem ­Bildschirm sieht er ein virtuel-
les Gitarrengriffbrett, so dass er sich auf seine Griffe
konzentrieren kann (5).

Das Team aus Columbus will derweil das Training


mit Ian weiter verfeinern. »Auch bei ganz normalen Be-
wegungen spielt die Kraft eine wichtige Rolle«, erklärt
der Informatiker David Friedenberg vom Battelle Me-
morial Institute. »Greift man nach einem leeren Papp-
becher zu fest, wird er zerdrückt. Einen vollen Becher
hingegen kann man mit zu wenig Kraft gar nicht erst
hochheben. Und beim Trinken passt man die einzuset-
zende Kraft laufend an.«
Die Wissenschaftler versuchen zudem, den Algorith-
mus weiter zu optimieren, so dass er mit bestimmten
ANDY SPEARS

Bewegungen assoziierte Hirnsignale auch ohne um-


fangreichen Lernprozess korrekt interpretiert. Inzwi-
schen verbesserten die Ingenieure die Technik zur Mus-
kelstimulation: Sie bauten in die Manschette Sensoren
ein, um die Elektrodenpositionen zu messen, die sich
Elek­troden außen auf der Haut seines Arms liegen. Bei verändern, während Ian seinen Arm bewegt.
Pa­tienten mit noch schwereren Lähmungen dürfte eine Auch andernorts geht die Arbeit weiter: Forscher der
solche externe Stimulation wahrscheinlich kaum funk- Brown University entwickelten ein kabelloses Hirnim-
tionieren. plantat. Und einem Team der University of Pittsburgh
Statt den Umweg über eine Armmanschette zu neh- gelang es 2016, bei einem gelähmten Patienten den Tast-
men, stimulierten US-Wissenschaftler den gelähmten sinn teilweise wiederherzustellen, indem sie sein Ge-
Arm eines Patienten direkt über implantierte Elektro- hirn elektrisch stimulierten.
den. Tatsächlich gelang es damit dem Probanden, der »Wir sind noch weit von unserem eigentlichen Ziel
das von John Donoghue entwickelte Hirnimplantat entfernt«, gibt Ali Rezai zu bedenken. »Ian sollte die
BrainGate trug, grobmotorische Arm- und Handbewe- Technik nach Hause mitnehmen können. Wenn er mor-
gungen zu vollziehen, wie die Wissenschaftler um Bolu gens aufsteht, könnte er die Manschette einfach wie ein
Ajiboye von der Case Western Reserve University in T-Shirt anziehen, sich dann in den Garten setzen und in
Cleveland 2017 berichteten. Ruhe ein Croissant mit einer Tasse Kaffee genießen.«H

QUELLEN

Bouton, C. H. et al.: Restoring Cortical Control of Functional Movement in a Human


with Quadriplegia. In: Nature 533, S. 247–250, 2016
Friedenberg, D. A. et al.: Neuroprosthetic-Enabled Control of Graded Arm Muscle Contraction
in a Paralyzed Human. In: Scientific Reports7, 8386, 2017
Hochberg, L. R. et al.: Neuronal Ensemble Control of Prosthetic Devices by a Human with Tetraplegia.
In: Nature 442, S. 164–171, 2006
Velliste, M. et al.: Cortical Control of a Prosthetic Arm for Self-Feeding.
In: Nature 453, S. 1098–1101, 2008
Weitere Quellen sowie ein Video mit Ian Burkhart im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508523

GEHIRN&GEIST 67 1 2 _ 2 0 1 7
MEDIZIN

Forscher entschlüsseln, wie unser Gehirn


AUTISMUS
Lebewesen von unbelebten Objekten unterscheidet. Das könnte
neue Wege bei der Früherkennung von Autismus eröffnen.

Gespür
für Lebendiges
V O N O R S O L A R O S A - S A L VA , E L I S A D I G I O R G I O
U N D G I O R G I O VA L L O R T I G A R A

H
aben Sie schon einmal in einer Wolke Bereits in den 1970er Jahren erkundeten Wissen-
am Himmel oder in einem Fleck an schaftler an der englischen University of Cambridge die
der Wand ein Gesicht erkannt? Oder Grundlagen des sozialen Gehirns. Die Forscher unter
erschien Ihnen ein Gegenstand, etwa Leitung des Neurobiologen Gabriel Horn verwendeten
ein im Wind baumelndes Wäsche- dabei ein Modell aus dem Tierreich: die Prägung von
stück, irgendwie lebendig, obwohl Sie Hühnerküken. Als Prägung bezeichnet man eine beson-
natürlich wussten, dass das nicht stimmte? Unser Wahr- dere Form des Lernens, die sich sehr gut an Enten oder
nehmungsapparat reagiert hochsensibel auf Signale, die Hühnern beobachten lässt. Die Nestflüchter bewegen
uns Belebtes zu erkennen helfen. Schließlich war es für sich schon kurz nach dem Schlüpfen selbstständig in
unsere Vorfahren entscheidend, andere Wesen – ob der Umwelt, und das erste Objekt, dem sie dabei begeg-
Raub- oder Beutetiere, wohlgesinnte oder feindliche nen, wird im Gedächtnis als fester »Sozialpartner« ge-
Artgenossen – zielsicher auszumachen und ihre Absich- speichert. Das muss freilich kein Artgenosse sein, son-
ten zu entschlüsseln. Folglich entwickelte ihr Gehirn dern die Prägung kann auch einen Menschen und selbst
hoch spezialisierte Mechanismen, die es uns bis heute irgendwelche unbelebten Objekte betreffen, wie Horns
ermöglichen, Lebendiges rasch zu erkennen. Experimente zeigten.
Manchmal, wie in den genannten Beispielen, schie- Sein Team beschrieb zudem eine Hirnregion namens
ßen diese Mechanismen zwar über das Ziel hinaus. IMM (von englisch: intermediate medial mesopallium),
Doch weit gravierender ist es, wenn sie auf Grund einer die hier eine entscheidende Rolle zu spielen schien. War
Hirnverletzung oder einer angeborenen Entwicklungs- sie geschädigt, behandelten die Küken das jeweilige Ob-
störung versagen. jekt ihrer Prägung, beispielsweise eine rote Schachtel,

UNSERE EXPERTEN

Orsola Rosa-Salva (ganz links) und Elisa Di Giorgio sind wissen-


schaftliche Mitarbeiterinnen am Zentrum für Kognitions- und
­Hirnforschung (CIMeC) der Universität Trento, Italien. Gemeinsam
mit Giorgio Vallortigara, der dort als Professor für Neurowissen-
schaften arbeitet, erforschen sie die Grundlagen unserer sozialen
und geistigen Fähigkeiten.

GEHIRN&GEIST 68 1 2 _ 2 0 1 7
O_LYPA / GETTY IMAGES / ISTOCK (AGENTURFOTO. MIT MODEL GESTELLT.)

GEHIRN&GEIST
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Auf einen Blick: Was Babys Blick verrät

1 2 3
Menschen und auch andere Neugeborene aus Familien, in Die Untersuchung des Blick-
höhere Wirbeltiere wie etwa denen bereits ein Fall von verhaltens von Säuglingen
Hühner besitzen ein ange­bo­ Autismus diagnostiziert wurde, könnte es in Zukunft ermögli-
renes Talent, anhand visueller achten im Schnitt jedoch weniger chen, bereits vor dem dritten
Merkmale lebendige Wesen von auf solche Kennzeichen als andere Lebensjahr Hinweise auf autistische
Gegenständen zu unterschieden. Altersgenossen. Störungen zu entdecken.

genauso wie etwa einen blauen Zylinder, den sie noch fluss der Gesichterwahrnehmung ausschließen, die sich
nie zuvor gesehen hatten. Präsentierte man den Küken bereits in den ersten Lebensmonaten entwickelt. In Ex-
an Stelle der künstlichen Objekte jedoch eine naturalis- perimenten mit Hühnerküken kann man, anders als bei
tische Hennen-Attrappe, so gaben sie dieser den Vor- Säuglingen, tatsächlich sicherstellen, dass sie noch nie
zug. Die Vorliebe für Lebendiges war offenbar nicht er- zuvor ein Gesicht gesehen haben. So entdeckten wir
lernt, sondern angeboren. Sie zeigte sich auch bei frisch eine klare, genetisch bedingte Präferenz der Tiere für
geschlüpften Tieren, die noch über keinerlei visuelle Er- Gesichter oder gesichtsähnliche Figuren (siehe »Soziale
fahrung verfügten. Vorlieben erforschen«, rechts).
Ungefähr zur selben Zeit beobachtete die Kinderärz- Sodann versuchten wir herauszufinden, welche wei-
tin Carolyn Goren an der University of South Carolina, teren Merkmale Küken und Kindern Lebendigkeit sig­
dass Neugeborene bevorzugt solchen Figuren mit dem nalisieren. Wir platzierten an verschiedenen Stellen am
Blick folgen, die an ein auf dem Kopf stehendes Dreieck Körper eines Huhns Leuchtpunkte, um das natür­liche
erinnern. Gab es womöglich beim Menschen ebenfalls Bewegungsmuster zu filmen. Als wir frisch geschlüpfte
eine angeborene Neigung, auf Stimuli zu achten, die  – Küken ohne jede visuelle Erfahrung wählen ließen zwi-
wenn auch nur grob – einem Gesicht ähneln? Wer sich schen Sequenzen dieser Art sowie anderen, in denen
daran orientierte, dürfte schließlich mit größerer Wahr- sich die gleiche Anzahl von Punkten mit ähnlichem
scheinlichkeit die Mutter (oder Glucke) wieder­ Tempo, jedoch rein zufällig bewegten, stellten wir fest:
erkennen, statt sich von irrelevanten Umweltreizen ab- Die Küken zeigten eine Vorliebe für natürliche Bewe-
lenken zu lassen. gungen.
Wenn es einen solchen angeborenen Mechanismus
gab, sollte er neuroanatomisch unterhalb der Großhirn- Attraktive Hennen, belanglose Steine
rinde angesiedelt sein, da diese erst im späteren Alter Das galt nicht nur für die eigenen Spezies. So waren
heranreift. Um von einem angeborenen Mechanismus Punkte, die den Gang einer Katze abbildeten, für die
sprechen zu können, müsste man allerdings den Ein- Küken ebenso »attraktiv« wie das Bewegungsmuster ei-
ner Henne. Die Küken sind also nicht auf ein spezifi-
sches Bewegungsmodell getrimmt, was ja den Prozess
der Prägung letztlich überflüssig machen würde. Da
sich viele Dinge auf der Welt bewegen, sollte die Prä-
gung sich auf jene Objekte richten, die mit größerer
Wahrscheinlichkeit belebt sind, und nicht etwa auf ei-
nen rollenden Stein oder sich im Wind wiegendes Laub.
Francesca Simion und ihr Team an der Universität
in Padua präsentierten unsere Stimuli rund drei Tage
­alten Neugeborenen. Die Säuglinge gaben, genau wie
MIT FRDL. GEN. VON GIORGIO VALLORTIGARA

die Küken, der natürlichen Bewegung den Vorzug.


Unter­suchungen an Erwachsenen legen nahe, dass be-
stimmte Variationen von Tempo, Be- und Entschleuni-
gung für die Bewegung von Lebewesen typisch sind.
Man könnte meinen, diese Charakteristika würden ge-
lernt; schließlich haben bereits kleine Kinder reichlich
Gelegenheit, verschiedene Arten von Bewegungen zu
beobachten. Doch auch Küken ohne jede visuelle Vor-
Eine junge Mutter hält behutsam ihr Baby, erfahrung interessierten sich in Experimenten beson-
während es verschiedene Punktmuster auf dem ders für Objekte, die sich in wechselndem statt gleich-
Bildschirm betrachtet. mäßigem Tempo bewegen.

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MEDIZIN / AU TISMUS

MIT FRDL. GEN. VON GIORGIO VALLORTIGARA


1 2 3

4 5

Soziale Vorlieben erforschen


Die angeborene Präferenz für soziale Stimuli lässt eine Vorliebe für schematische Gesichter (4, links)
sich im Labor relativ leicht studieren. So präsentieren statt für solche, die auf dem Kopf stehen (4, rechts).
Forscher Neugeborenen zum Beispiel zwei sich ver­ Die Küken nähern sich außerdem vorzugsweise jenen
ändernde Punktmuster nebeneinander, die eine Punkt­mustern, die sich auf für ihre Artgenossen
natürliche sowie eine zufällige Bewegung etwa eines typische Weise bewegen, und erkennen die Richtung,
Huhns darstellen (jeweils oben links in Bildreihe 1–3). in die eine Henne sich wendet. Allerdings versagen sie
Hierbei achten die Kleinen vermehrt auf das »echte« ebenso wie Menschenkinder, sobald die Bewegung
Vorbild. Hühnerküken betrachten in ähnlichen »kopfüber« gezeigt wird. (Die Leuchtpunkte auf dem
Versuchen ebenfalls je zwei unterschiedliche Stimuli. Körper der Henne wurden in den Experimenten ohne
Genau wie die neugeborenen Kinder zeigen die Tiere Konturen gezeigt, Bild 5.)

Eine weitere Eigenart von Lebewesen besteht darin, Neben der Kontrolle vorheriger Erfahrungen bietet
dass sie sich autonom fortbewegen. In einigen unserer ein Modelltier wie das Huhn zudem die Möglichkeit,
Experimenten sahen Küken entweder einen Gegen- die zu Grunde liegenden Hirnmechanismen zu ent-
stand, der »von selbst« über einen Bildschirm wanderte schlüsseln. Indem wir die Genexpression von c-Fos
oder aber infolge eines offensichtlichen Zusammen- sichtbar machten – ein Erbfaktor, der in aktiven Neuro-
pralls. Vor die Wahl gestellt, entschieden sich die Küken nen deutlich vermehrt abgelesen wird  –, konnten wir
eher für das erstere Objekt. Ebenso betrachten bereits zusammen mit Uwe Mayer und Elena Lorenzi eine für
wenige Stunden alte Säuglinge lieber Gegenstände, die die Prädisposition entscheidende Region ausmachen:
sich von allein bewegen, als solche, die bloß angestoßen das Septum (siehe Bild S. 72). Diese Struktur ist sowohl
werden. im Hirn von Säugetieren als auch von Vögeln zu finden
Bemerkenswert ist hierbei, dass nicht allein das und übernimmt eine Schlüsselfunktion im sozialen
wechselnde Tempo als Indiz herangezogen wird, son- Verhaltensnetzwerk, das außerdem die Amygdala, Teile
dern exakt der Moment, in dem das Objekt schneller des Hypothalamus, des präoptischen Areals sowie des
oder langsamer wird. Wird der Auslöser des Tempo- Mes­encephalons umfasst.
wechsels etwa durch einen anderen Gegenstand ver- In künftigen Experimenten wollen wir die Aktivität
deckt, tritt der besagte Effekt nicht auf. Auch hier ent- einzelner Neurone im Septum und mit ihm verknüpfter
sprechen die Vorlieben frisch geschlüpfter Küken denen Areale erfassen, während die Versuchstiere Anzeichen
von Neugeborenen. von Lebendigkeit beobachten. Unterscheiden sich die

GEHIRN&GEIST 71 1 2 _ 2 0 1 7
MIT FRDL. GEN. VON GIORGIO VALLORTIGARA
Septum

In dieser Schemazeichnung des linken Telencephalons (Endhirns) eines Huhns ist das Septum mit
einem roten Pfeil markiert. Rechts eine mikroskopische Aufnahme des Nervengewebes in dieser
Region, die für das Sozialverhalten besonders wichtig ist (Zellkörper hellblau, Zellkerne dunkel).

Tiere, je nach genetischer Ausstattung, in der Sensibili- Vorfahren: ein urzeitliches Reptil, das am Beginn der
tät für solche Reize? Und wie sieht es mit der Genaktivi- vor etwa 280 Millionen Jahren sich trennenden Ent-
tät in den betreffenden Nervenzellen aus? Zur Vorberei- wicklungslinien von Vögeln und Säugetieren stand. Das
tung dieser Arbeit zog Elisabetta Versace in unserem Erkennen von Lebewesen ist eine zentrale Funktion des
Labor spezielle Hühnerrassen heran, die nach geneti- sozialen Gehirns, das sich damals zu entwickeln begann.
schen Kriterien ausgewählt und über viele Generatio- Die Aufmerksamkeit für Gesichter sowie für natürliche,
nen hinweg isoliert sowie unter ähnlichen Bedingungen selbstständige Bewegungen sind allesamt Anzeichen für
gehalten worden waren. Die Tiere zeigen eine beson- die Präsenz eines anderen Wesens – von dem man viel
ders ausgeprägte Vorliebe für Lebendiges und sollen Nützliches lernen kann. Umgekehrt könnte ein Versa-
helfen, in weiteren molekularbiologischen Studien die gen dieser Fähigkeit verantwortlich sein für die typi-
beteiligten Gene zu bestimmen. schen Defizite etwa bei Autisten.
Doch welchen Nutzen hat all das für den Menschen? Störungen aus dem Autismus-Spektrum sind durch
So erstaunlich es klingen mag: Unsere Untersuchungen mehr oder weniger starke Schwierigkeiten dabei ge-
an Hühnerküken könnten wichtige Erkenntnisse für kennzeichnet, soziale Umweltreize zu erkennen und
die medizinische und klinische Anwendung liefern. Im einzuordnen. Wie Studien mittels funktioneller
Grunde haben Küken und Babys einen gemeinsamen Magnet­ resonanztomografe (fMRT) ergaben, ist der
Gyrus fusiformis im Schläfenlappen normalerweise
auf die Ver­arbeitung von Gesichtern spezialisiert. Bei
Autisten wird diese Region aber auch dann aktiv, wenn
KURZ ERKL ÄRT sie Gegenstände betrachten. Offenbar macht ihr Ge-
hirn keinen Unterschied zwischen sozialen und ande-
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) stellen ren Stimuli.
eine heterogene Gruppe von Anomalien der
­Hirnentwicklung dar. Sie gehen in der Regel mit Das Blickverhalten von Risikobabys
stark verminderten sozialen Fähigkeiten, Um dies näher zu ergründen, untersuchten wir Neu­
eng ­beschränkten Interessen sowie repetitiven geborene mit erhöhtem Autismusrisiko. Dieses exakt
­Verhaltensmustern einher. Laut epidemiologischen zu bemessen, ist heute zwar noch nicht möglich. Aller-
Studien aus den USA ist etwa eines von 88 Kindern dings entwickeln Kinder mit älteren Geschwistern, bei
betroffen – Jungen häufiger als Mädchen. Zu den denen eine solche Störung diagnostiziert wurde, mit
Warnzeichen in den ersten Lebensjahren zählen vor größerer Wahrscheinlichkeit ebenfalls derartige Proble-
allem eine verzögerte Sprachentwicklung, me. Wir analysierten das Blickverhalten der Risiko­
wenig oder unbeständiger Blickkontakt sowie säuglinge und verglichen es mit dem von Babys aus
kaum I­ nteresse an anderen Menschen. ­Familien ohne Autismus-Vorgeschichte.

GEHIRN&GEIST 72 1 2 _ 2 0 1 7
MEDIZIN / AU TISMUS

Beide Gruppen absolvierten in den ersten zehn Le- Sollten sich diese Befunde bei einer größeren Zahl an
benstagen eine Reihe von Tests in unserem Labor. So Neugeborenen bestätigen lassen, könnte dies ein wichti-
präsentierten wir den Kleinen beispielsweise je zwei Bil- ger Schritt hin zu einem Screening für die Autismus-
der – die schematische Darstellung eines Gesichts sowie Früherkennung sein. Die Störung kann bislang erst im
das gleiche Bild auf den Kopf gestellt – und maßen, wie Alter von etwa drei Jahren verlässlich diagnostiziert
lange sie diese jeweils fixierten (siehe Bild 4 auf S.  71 werden (siehe »Kurz erklärt«, links unten). Gäbe es be-
oben). Neugeborene mit erhöhtem Autismusrisiko be- reits bei jüngeren Kindern sichere Indikatoren, könnte
trachteten solche sozialen Stimuli deutlich kürzer; das man sensible Phasen der Hirnreifung gezielt für Trai-
Gleiche galt für natürliche Bewegungen eines Tiers. Die nings und Therapiemaßnahmen nutzen. Im Licht un­
betreffenden Säuglinge zeigten außerdem im Schnitt serer bisherigen Ergebnisse stellt das Erkennen von
mehr Interesse an nichtsozialen Reizen wie dem umge- ­Lebendigem einen möglichen Ausgangspunkt dar, um
drehten Schema eines Gesichts und zufälligen Bewe- die tückische Hirnentwicklungsstörung frühzeitig zu
gungsmustern. erkennen. H

QUELLEN

Di Giorgio, E. et al.: Filial Responses as Predisposed and Learned Preferences: Early Attachment
in Chicks and Babies. In: Behavioural Brain Research 325, S. 90–104, 2017
Di Giorgio, E. et al.: Difference in Visual Social Predispositions between Newborns at Low- and High-Risk for Autism.
In: Scientific Reports 6, 26395, 2016
Rosa-Salva, O., Vallortigara, G.: Spontaneous Preference for Visual Cues of Animacy in Naïve Domestic Chicks:
the Case of Speed Changes. In: Cognition 157, S. 49–60, 2016
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508525

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MEDIZIN

BURNOUT Völlig erschöpft und ausgebrannt: Für manche Väter


und Mütter wird das Elternsein zur Qual. Fehlt ihnen die
nötige Unterstützung, kann das in ein Burnout-Syndrom münden.

Eltern am
Ende ihrer Kräfte
VON MOÏRA MIKOLAJCZAK UND ISABELLE ROSKAM

NULLPLUS / GETTY IMAGES / ISTOCK (AGENTURFOTO. MIT MODELS GESTELLT.)

GEHIRN&GEIST 74 1 2 _ 2 0 1 7
UNSERE EXPERTINNEN

Moïra Mikolajczak (links) ist Professorin für Emotions- und Gesundheits-


psychologie an der Université catholique de Louvain in Belgien. Ihre Kollegin
Isabelle Roskam ist dort Professorin für Entwicklungspsychologie.

A
ls Judith nach einem langen Arbeitstag Diese Lücke wollen wir mit unserer Arbeit schließen.
nach Hause kommt, setzt sie direkt Seit 2011 begleiten wir 3000 Eltern und stellten inzwi-
den sechsjährigen Theo in die Bade- schen fest, dass die charakteristischen Symptome eines
wanne und beginnt zu kochen. Ihre Burnouts in allen Arten von Familien auftreten können.
Mutter ist heute zu Besuch und wird Nicht nur die Erkrankung eines Kindes ist ein Risiko-
mit ihnen zu Abend essen. Eine Vier- faktor, sondern auch mangelnde Fähigkeiten im Um-
telstunde später bittet sie ihren Sohn, aus dem Bad zu gang mit Stress, die Trennung vom Partner und das Feh-
kommen und sich einen Schlafanzug anzuziehen. Aber len von Freunden, denen man sich anvertrauen kann.
er weigert sich. Sie lässt ihm weitere fünf Minuten, doch In Frankreich leiden nach unseren jüngsten Erhe-
auch dann will er nicht. Die 37-Jährige versucht ihn zu bungen fünf Prozent der Mütter oder Väter unter einem
überzeugen. Sie verstehe, dass er weiter baden möchte, elterlichen Burnout, und weitere acht Prozent tragen
aber es sei schon spät, das Essen fast fertig, und wenn er ein erhöhtes Risiko, im Lauf des folgenden Jahres daran
länger aufbleibe, werde er am nächsten Morgen müde zu erkranken. Das heißt: 13 Prozent quält ihr Eltern­
sein. Es nutzt nichts. Im Gegenteil, auch Theo ist nun dasein. Mit dem so genannten Baby-Blues hat das nichts
ungehalten und wirft ihr vor: »Nie lässt du mir in der zu tun: Er beruht auf hormonellen Schwankungen in
Badewanne Zeit zum Spielen!« Judith ärgert sich, wird den ersten Tagen nach der Geburt. Ein Burnout-Syn-
laut. Schließlich holt sie ihren Sohn mit Gewalt aus dem drom kann unabhängig davon einsetzen, egal wie alt die
Wasser. Theo fängt an zu weinen, und ihre Mutter kom- Kinder gerade sind; auch Eltern von Teenagern können
mentiert: »Zu meiner Zeit hätte es so etwas nicht gege- betroffen sein und selbst jene, deren Nachwuchs bereits
ben. Da haben Kinder noch gehorcht!« 30 Jahre alt ist, wie unsere Erhebung zeigt. Von einer
Judith fühlt sich wie eine Versagerin. Sie schläft Depression unterscheidet es sich insofern, als die Lust-
schlecht, quält sich mit Selbstzweifeln und Schuldge- losigkeit nur das Familienleben und die Erziehung der
fühlen. Weshalb kann sie sich nicht durchsetzen? War- Kinder betrifft.
um machen die Kinder es ihr so schwer? Ihre Teenager-
Tochter tut ohnehin nur, was sie will, und seitdem ihr Innerlich leer
Mann beruflich viel im Ausland unterwegs ist, muss Wie beim beruflichen Burnout liegen auch hier typi-
auch Theo stets seinen Dickkopf durchsetzen. Im Alltag scherweise drei Symptome vor. Zuerst kommt die Er-
weiß sie häufig weder ein noch aus. Sie fühlt sich er- schöpfung. Die Betroffenen fühlen sich leer, am Ende
schöpft und leer. Immer öfter wünscht sie sich, woan- ihrer Kräfte. Als Nächstes folgt die emotionale Distan-
ders zu sein, alles hinter sich zu lassen. Sie hat keine zierung. Es fehlt an Energie, um sich in der Beziehung
Freude mehr daran, sich um ihre Kinder zu kümmern. zum Kind zu engagieren. Man ist weniger aufmerksam,
Leidet Judith an einem Burnout? legt nicht mehr so viel Wert darauf, was das Kind erlebt
Psychologen verwendeten den Begriff Burnout erst- und empfindet. Und dann – eventuell auch schon vor-
mals Ende der 1960er Jahre, um die Folgen von chro­ her oder gleichzeitig – schwindet die Leistungsfähigkeit
nischem Stress bei der Arbeit zu beschreiben. Die For- und die Identifikation mit der Elternrolle. Man geht
schung zeigte, dass vor allem jene Menschen davon be- nicht mehr darin auf, fühlt sich nicht mehr als guter
troffen waren, die sich beruflich um andere kümmerten, ­Vater oder gute Mutter. Zwei dieser drei Symptome ge-
etwa in der Pflege von Alten und Kranken. Typische nügen, um von einem Burnout zu sprechen.
Kennzeichen waren Erschöpfung, Gleichgültigkeit, ge- Umstritten ist, welche Rolle chronischer Stress dabei
ringe Leistungsfähigkeit sowie sinkende Identifikation spielt. Auch wenn das Elterndasein oft wunderbar ist,
mit der Arbeit. Meist traf es gerade jene, die sich zuvor kann es durchaus eine Belastung sein. Eltern müssen
am stärksten engagiert hatten. In den 1980er Jahren er- das Familienleben organisieren, den Alltag managen,
wogen einige Wissenschaftler erstmals, dass auch Eltern eigene Aktivitäten zu Gunsten des Nachwuchses hint-
unter einem Burnout leiden können. Allerdings unter- anstellen – aber das ist nicht für jeden und in jedem
suchten sie zunächst nur Mütter und Väter von chro- Moment gleichermaßen belastend. Von akutem Stress
nisch kranken Kindern und ließen die Allgemeinbevöl- spricht man, wenn es einen eindeutigen, zeitlich be-
kerung weitgehend unbeachtet. grenzten Auslöser gibt, zum Beispiel eine kurzfristige

GEHIRN&GEIST 75 1 2 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Wenn alles zu viel wird

1 2 3
Der Begriff Burnout beschreibt Ein Eltern-Burnout hat oft Um ein Burnout-Syndrom zu
ursprünglich die Folgen von gravierende Folgen für Part- vermeiden, raten Experten
chronischem Stress bei der Ar- nerschaft und Gesundheit, dazu, die Ansprüche an sich
beit. Aber auch die Rolle als Mutter im schlimmsten Fall kann es in selbst herunterzuschrauben. Ge-
oder Vater kann dafür sorgen, dass Suizidgedanken münden. Manche stresste Mütter und Väter sollten
sich manche Menschen erschöpft Betroffenen vernachlässigen oder häufiger auf Unterstützung durch
und überlastet fühlen. misshandeln sogar ihre Kinder. andere zurückgreifen und Freizeit-
aktivitäten des Nachwuchses auf
ein vertretbares Maß beschränken.

Erkrankung des Kindes. Chronisch wird er, wenn die dern.« Eheprobleme und Streitereien nehmen zu, und
Situation anhält oder eine akute Belastung auf die die Libido kann ebenfalls unter einem Burnout leiden.
nächste folgt, ohne Erholungspausen dazwischen. Einige Betroffene vernachlässigen ihre Kinder, wa-
So war es zum Beispiel bei Marie. Einer ihrer beiden schen sie nicht mehr, passen nicht genug auf sie auf
Zwillingssöhne erlitt bei einem Fahrradunfall ein Schä- oder vergessen, ihnen etwas zu essen zu machen. Man-
del-Hirn-Trauma. Niemand wusste, ob er dauerhafte che beschimpfen oder schlagen sie auch. Derzeit ist uns
Schäden davontragen würde. Noch drei Wochen nach zwar keine Studie bekannt, die belegt hätte, dass Burn-
dem Sturz war der Bruder des Verunglückten unruhig out zwangsläufig mit Vernachlässigung, verbaler oder
und litt jede Nacht unter Albträumen. Marie besuchte körperlicher Misshandlung einhergeht. Aber alle von
den kranken Sohn jeden Tag nach der Arbeit im Kran- uns befragten Personen haben uns von solchen Verhal-
kenhaus. Ihre Kräfte erschöpften sich zunehmend. tensweisen berichtet.
Das Burnout-Syndrom kann außerdem Süchte för-
Zwischen Perfektionismus und Schuldgefühlen dern oder bereits vorhandene verstärken, wie unsere
Hinter einem Burnout steckt jedoch nicht immer ein Daten nahelegen. Koffein etwa hilft den Betroffenen
dramatisches Erlebnis. Der ganz normale Alltag ist durchzuhalten; pathologisches Glücksspiel oder zwei,
manchmal Herausforderung genug: Eltern wollen ih- drei Gläser Wein pro Abend sollen von der eigenen
rem Nachwuchs möglichst viel Gutes tun; er soll gesund ­Misere ablenken und entspannen. Einen Zusammen-
und glücklich sein und sich optimal entwickeln. Den- hang zwischen Sucht und dem beruflichen Burnout-
noch kommt man ab und an einfach zu müde von Syndrom bestätigten Kirsi Ahola vom Finnischen Insti-
der Arbeit, um sich noch aufmerksam seinem Kind zu tut für Arbeitsmedizin in Helsinki und seine Kollegen
widmen. Dann fehlt es an Zeit, Lust und Geduld, um bereits 2006. Die Forscher zeigten bei einer Befragung
zuzuhören, zu loben oder zu helfen. Stattdessen ist man von mehr als 3000 Angestellten, dass jeder zusätzliche
schnell genervt oder regt sich über Kleinigkeiten auf, Punkt auf einer Burnout-Skala das Risiko einer Alkohol­
obwohl man eigentlich Autonomie fördern und mit Be- abhängigkeit bei Männern um 51 Prozent und bei Frau-
dacht urteilen wollte. Manchmal möchte man auch et- en um 80 Prozent steigerte.
was für sich tun, obwohl man die Kinder den ganzen Derzeit untersuchen wir, ob sich Eltern mit Burnout
Tag nicht gesehen hat. Ein legitimes Anliegen, doch häufiger das Leben nehmen. Bis dato haben uns alle Be-
schon kommen die Schuldgefühle hoch. troffenen von Suizidgedanken berichtet, wie sie auch im
Das Idealbild der Familie und seine Folgen – zu viel Rahmen einer Depression auftreten. Einige Eltern sagen,
Einsatz, Perfektionismus – tragen entscheidend zum el- sie wollten »alles aufgeben, verschwinden«, um sich
terlichen Burnout bei. Etwa bei einem Paar, das Vollzeit nicht länger um ihre Kinder kümmern zu müssen. In
arbeitet und trotzdem drei Kinder täglich mit biolo- anderen Lebensbereichen hingegen fühlten sie sich gut.
gisch wertvollem Essen versorgen und zum Sport, zum Das Leiden wirkt sich zudem auf die Gesundheit aus.
Musikunterricht oder zur Theatergruppe bringen will. Der chronische Stress kann auf Immunsystem, Herz
Ist der Burnout erst einmal da, folgen weitere Pro­ und Magen schlagen. Das gilt jedenfalls für beruflichen
bleme: »Wenn ich nur einen Moment mit dem Baby Burnout: Danielle Mohren und ihre Kollegen von der
­verbringen wollte, verlangte meine Älteste permanent Universität Maastricht stellten anhand von Daten von
nach Aufmerksamkeit. Ich war unglaublich genervt 12 000 Angestellten fest, dass es im Fall eines Burnouts
und musste mich ständig zusammenreißen«, berichtet auch häufiger zu viralen Infektionen kommt; so ver­
Elisabeth, die Mutter von zwei Kindern ist. »Wenn dann doppelte sich die Wahrscheinlichkeit, an einer Magen-
mein Mann nach Hause kam, bin ich explodiert. Ich Darm-Grippe zu erkranken. Und das Risiko einer
habe lieber alles an ihm ausgelassen als an den Kin- ­Herz-Kreislauf-Erkrankung stieg um 80 Prozent, wie

GEHIRN&GEIST 76 1 2 _ 2 0 1 7
MEDIZIN / BURNOU T

ein Team um Sharon Toker von der Universität Tel Aviv vernünftiges Maß zu reduzieren, das Essen notfalls auch
zeigte. Die Forscher hatten den Gesundheitszustand mal aus der Tiefkühltruhe zu holen – kurz: öfter alle
von rund 8800 Berufstätigen in Israel über drei Jahre fünfe grade sein zu lassen.
hinweg verfolgt. Den betroffenen Müttern und Vätern fehlt es häufig
Wie können Eltern also einem Burnout vorbeugen? an konkreter Hilfe seitens des Partners, bedingt durch
Zunächst einmal gilt es, auf erste Anzeichen zu achten: dessen Arbeit oder ein traditionelles Rollenverständnis.
ob man sich erschöpft oder leer fühlt; ob die Lust Ebenso oft mangelt es an emotionalem Beistand: Die
schwindet, sich im Alltag mit den Kindern zu befassen; ­Eltern bilden dann kein Team und widersprechen ein-
ob es schwerfällt, ihnen zuzuhören; ob man sich ihnen ander in Erziehungsfragen. Das ist nicht nur für die Be-
innerlich fern fühlt; ob man zu schnell genervt ist, über- troffenen selbst, sondern auch für das Kind schwierig.
reagiert oder im Gegenteil gleichgültig bleibt. Wenn Familientherapeuten können dem Paar helfen, eine ge-
viele dieser Punkte zutreffen, sollten die Betroffenen meinsame Linie zu finden.
­einen Burnout in Betracht ziehen (siehe »Leiden Sie un- Widersprüche und inkonsequentes Verhalten lassen
ter einem Eltern-Burnout?«, S. 78/79). sich nicht immer vermeiden. Wenn ein Elternteil auf ei-
ner Autofahrt droht, das Kind am Straßenrand auszu-
Das Tabu brechen setzen, wenn es nicht brav ist, so sollte diese Drohung
Danach gilt es, eine Reihe von Dingen zu ändern. Wich- natürlich nicht wahr gemacht werden. Aber wer immer
tig ist vor allem, darüber zu reden. Unter dem Eltern­ wieder Konsequenzen androht und nicht umsetzt,
dasein zu leiden, unterliegt einem Tabu. Dennoch soll- macht sich unglaubwürdig. Das Kind lernt auf diese
ten Mütter und Väter, die sich quälen, einen Arzt oder Weise, dass es den Aussagen der Eltern keine Bedeutung
einen Psychologen um Hilfe bitten. Medikamente kön- beimessen muss.
nen die Probleme zwar nicht einfach beseitigen, aber Nicht zuletzt geht es darum, die gemeinsame Zeit gut
womöglich unterstützend wirken, wenn der Burnout zu verbringen. Das bedeutet nicht, dass sich Eltern oder
weit fortgeschritten ist oder der Betroffene an Suizid Kinder zu etwas zwingen sollten, was ihnen eigentlich
denkt. Der größte Teil der Arbeit ist allerdings psycho- keine Freude bereitet. Vielmehr sollte die Familie Akti-
logischer Natur. Es gilt herauszufinden, wie es so weit vitäten suchen, die allen Beteiligten Spaß machen. Und
kommen konnte und welche Belastungen besonders diese müssen nicht immer pädagogisch wertvoll sein.
schwer wiegen. Das kann von Fall zu Fall unterschied- Anders als erwartet hängt die Wahrscheinlichkeit, als
lich sein. Mutter oder Vater einen Burnout zu erleiden, weder
Unsere Erfahrung zeigt, dass bestimmte Faktoren vom Alter der Kinder noch von dem der Eltern oder
häufig eine Rolle spielen: die Qualität der Partnerschaft, von deren Einkommen ab. Patchwork-Eltern leiden
die Erziehungspraktiken, die Persönlichkeiten der Be- ebenfalls nicht häufiger oder seltener darunter. Und
troffenen. Oft sind sie perfektionistisch, tun sich aber selbst ein schwieriges, dickköpfiges Kind allein genügt
schwer, mit ihren eigenen Emotionen umzugehen und nicht, um einen Burnout auszulösen. Das bedeutet je-
die Gefühle ihrer Kinder zu erkennen und zu verstehen. doch auch: Kein Elternteil ist grundsätzlich davor gefeit.
So können sie zum Beispiel nicht einordnen, ob ein Wer unter einem solchen Burnout leidet, sollte die
Wutanfall gerade echtes Leid widerspiegelt oder ob dem Hoffnung nicht aufgeben. Es mag schwierig erscheinen,
Kind klare Grenzen fehlen. Genau das sind jedoch aus dem Tief herauszukommen, wenn man für nichts
wichtige elterliche Kompetenzen. Außerdem gilt es, mehr Kraft hat. Aber ein Burnout dauert nicht ein Le-
Stress frühzeitig zu erkennen und ihm vorzubeugen, ben lang. Manchmal sind es zwei Wochen, manchmal
zum Beispiel, indem der Alltag optimiert wird. Es kann vier Monate oder zwei Jahre. Doch wenn er überwun-
helfen, Unterstützung von den Großeltern einzuholen, den ist, gelangt man zu neuen Kräften und kann die
Aufgaben klarer zu verteilen, Freizeitaktivitäten auf ein Freuden des Elterndaseins wieder genießen. H

QUELLEN

Ahola, K. et al.: Alcohol Dependence in Relation to Burnout


among the Finnish Working Population. In: Addiction 101, S. 1438–1443, 2006
Mohren, D. C. L. et al.: Common Infections and the Role of Burnout in a Dutch Working Population.
In: Journal of Psychosomatic Research 55, S. 201–208, 2003
Roskam, I. et al.: Exhausted Parents: Development and Preliminary Validation of the Parental Burnout Inventory.
In: Frontiers in Psychology 10.3389/fpsyg.2017.00163, 2017
Toker, S. et al.: Burnout and Risk of Coronary Heart Disease: A Prospective Study of 8838 Employees.
In: Psychosomatic Medicine 74, S. 840–847, 2012
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1508527

GEHIRN&GEIST 77 1 2 _ 2 0 1 7
Leiden Sie unter einem Eltern-Burnout?
Kreuzen Sie so ehrlich wie möglich an, welche Antwort am ehesten auf Sie zutrifft. Dem Lesefluss zuliebe wird
stets von Kindern in der Mehrzahl gesprochen; die Aussagen gelten jedoch ebenso für Ein-Kind-Familien.

mehr- mehr- einmal mehr-


einmal im
nie mals im mals im pro mals pro täglich
Monat
Jahr Monat Woche Woche
In meiner Rolle als Elternteil fühle ich mich
0 1 2 3 4 5 6
emotional leer.
Nach einem Tag mit meinen Kindern fühle
0 1 2 3 4 5 6
ich mich müde.
Wenn ich einen Tag mit meinen Kindern
vor mir habe, fühle ich mich schon beim 0 1 2 3 4 5 6
Aufstehen müde.
Es fällt mir leicht, im Umgang mit meinen
Kindern eine entspannte Atmosphäre zu 6 5 4 3 2 1 0
schaffen.
Mich um meine Kinder zu kümmern, ist für
0 1 2 3 4 5 6
mich eine Quelle der Anspannung.
Wenn ich an meine Rolle als Vater/Mutter
denke, habe ich das Gefühl, völlig am Ende 0 1 2 3 4 5 6
zu sein.
Es fällt mir leicht zu verstehen, was meine
6 5 4 3 2 1 0
Kinder empfinden.
Ich fühle mich in meiner Rolle als Elternteil
0 1 2 3 4 5 6
körperlich ausgelaugt.
Ich schaffe es nicht mehr, meinen Kindern
0 1 2 3 4 5 6
zu zeigen, wie sehr ich sie liebe.
Ich kümmere mich sehr effizient um die
6 5 4 3 2 1 0
Probleme meiner Kinder.
Ich tue für meine Kinder nur, was nötig ist,
0 1 2 3 4 5 6
aber nicht mehr.
Ich habe den Eindruck, dass es mir nicht
mehr gelingt, mich jenseits der Routine­
0 1 2 3 4 5 6
aufgaben (Fahrten, Essen, Zubettbringen)
für meine Kinder zu engagieren.
In meiner elterlichen Rolle stehe ich emo­
6 5 4 3 2 1 0
tionalen Problemen sehr ruhig gegenüber.
Ich setze mich immer weniger in der Erzie­
0 1 2 3 4 5 6
hung meiner Kinder ein.
Ich habe das Gefühl, mich beim Versorgen
der Kinder in einem Autopilot-Modus zu 0 1 2 3 4 5 6
befinden.
Ich höre meinen Kindern nicht richtig zu,
0 1 2 3 4 5 6
wenn sie mir etwas erzählen.
Ich bin weniger aufmerksam gegenüber
0 1 2 3 4 5 6
den Gefühlen meiner Kinder als früher.
Ich habe das Gefühl, dass das Elternsein zu
0 1 2 3 4 5 6
viel von mir fordert.
Ich glaube als Elternteil einen positiven
Einfluss auf das Leben meiner Kinder zu 6 5 4 3 2 1 0
nehmen.
Täglich meine elterliche Rolle zu erfüllen,
0 1 2 3 4 5 6
ist für mich wirklich anstrengend.

GEHIRN&GEIST 78 1 2 _ 2 0 1 7
MEDIZIN / BURNOU T

Bilden Sie nun die Summe aus den angekreuzten Punkten. Im Folgenden finden Sie eine
grobe Einschätzung Ihres aktuellen Burnout-Risikos:

27 Punkte oder weniger: aber Sie fangen an, die Geduld oder die Nerven zu
Sie riskieren derzeit nicht, einen Burnout zu entwi- verlieren. Das könnte Ihre Gesundheit in Mitleiden-
ckeln. Das gilt jedoch nicht zwangsläufig auch für die schaft ziehen. Vielleicht trinken Sie auch zunehmend
Vergangenheit oder Zukunft. Sie verfügen aktuell Kaffee, Tee oder Alkohol, oder Sie rauchen mehr. Sie
über die Energie und Ressourcen, um etwaige Schwie- sind wahrscheinlich empfindlicher und leichter
rigkeiten zu bewältigen; Sie setzen sich für Ihre reizbar, und das wirkt sich auf die Beziehung zu
Kinder ein und haben eine gute Beziehung zu ihnen. Ihrem Partner oder Ihren Kindern aus. Sie regen
Sie gehen in Ihrer Rolle als Vater oder Mutter auf. sich schneller auf und finden kaum Ruhe. Sie lieben
Ihre Kinder, aber manchmal haben Sie einfach Lust,
28 bis 40 Punkte: eine Auszeit von der Elternrolle zu nehmen. Sie
Ihr Burnout-Risiko ist zurzeit gering. Auch wenn Sie würden gerne mehr Zeit für sich haben. In diesem
sich manchmal müde fühlen, haben Sie genug Ener- Stadium ist es wichtig, dass Sie sich diese Zeit neh-
gie und Ressourcen, um den Alltag und seine Proble- men, sowohl für sich selbst als auch für Ihre Partner-
me zu bewältigen. In der Erziehung sind Sie enga- schaft.
giert, auch wenn Sie manchmal gerne noch mehr
machen würden. Insgesamt haben Sie das Gefühl, ein 67 Punkte und mehr:
guter Vater oder eine gute Mutter zu sein. Sie leiden unter einem Eltern-Burnout. Sie sind
übermüdet, erschöpft, völlig am Ende. Manchmal
41 bis 54 Punkte: erscheint Ihnen schon der Gedanke an einen weite-
Sie tragen ein moderates Risiko, einen Burnout zu ren Tag mit Ihren Kindern unerträglich. Sie versu-
erleiden. Im Großen und Ganzen sind Sie engagiert; chen trotzdem durchzuhalten, haben aber nur noch
Sie sorgen sich stets um die Erziehung Ihrer Kinder, wenig Kraft, so dass Sie Ihren Alltag oft rein mecha-
und Ihre Beziehung zu ihnen liegt Ihnen am Herzen. nisch erledigen: Fahrdienst für die Kinder, Essen
Sie füllen Ihre Rolle noch gut aus. Aber Sie verspü- machen und ab ins Bett. Mit halbem Ohr zuhören,
ren eine Müdigkeit, die Sie manchmal daran hindert, nur noch für das Nötigste sorgen. Einen weiteren Tag
sich so einzubringen, wie Sie eigentlich gerne wür- hinter sich bringen. Nur noch darauf warten, dass
den. Bisweilen werfen Sie sich auch vor, nicht der alle im Bett sind. Und dann kommen die Schuldge-
Vater oder die Mutter zu sein, der oder die Sie gerne fühle, weil Sie nicht genug oder nicht wirklich da
sein würden, und es kann vorkommen, dass Sie in waren, weil Sie schnell genervt waren oder sich zu
Ihrer Elternrolle nicht mehr aufgehen. Es wird Zeit, sehr aufgeregt haben. Sie wollen am liebsten ganz
dass Sie sich mehr um sich kümmern. woanders sein. Sie quälen sich weiter, um dennoch
klarzukommen, aber Sie sind dabei so müde, dass
55 bis 67 Punkte: man Sie kaum wiedererkennen kann. Sie erkennen
Ihr Burnout-Risiko ist hoch; Sie stecken schon keine Aussicht auf Besserung. An diesem Punkt ist es
mit einem Fuß darin. Das Hauptproblem scheinen wichtig, dass Sie eine echte Pause einlegen und Ihr
Müdigkeit und Erschöpfung zu sein. Zuweilen Leben wieder in Ordnung bringen, sowohl für Ihre
fühlen Sie sich völlig ausgelaugt. Sie versuchen etwas eigene geistige Gesundheit als auch für das Wohler-
daran zu ändern, für Ihre Kinder durchzuhalten, gehen Ihrer Kinder.

Wenn Sie glauben, unter einem Burnout zu leiden oder Ihr Leben nicht mehr bewältigen
zu können, suchen Sie sich Hilfe bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten.
Kurzfristig können Sie sich auch an Ihren Hausarzt oder an die Notfallseelsorge wenden:

Beratung kostenfrei unter 0800 / 111 0 111 oder 111 0 222


www.telefonseelsorge.de

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BÜCHER UND MEHR

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Die gute Nachricht: Wir werden nicht
nur älter, sondern bleiben auch länger fit.

Unterschätzte Opis Altern – letzteres gelingt momentan nur etwa einem


Fünftel der über 65-Jährigen. Der Autor hält diese Zahl
Psychologe Hans-Werner Wahl berichtet über mit den richtigen Strategien jedoch für ausbaufähig.
die positiven Seiten des Alterns Dafür sei zum einen ein neues Konzept von
Gesundheit im Alter nötig. Der Wissenschaftler fordert

B
eim Gedanken an das Altern dominieren oft von den Medien und der Gesellschaft mehr Aufmerk-
Ängste und Negativbilder: Krankheit, Gebrech- samkeit für das normale Altern jenseits von Krankheit.
lichkeit, Einsamkeit, Depression, Demenz. Daher Denn negative Altersstereotype haben nachweislich
gehört die Beschäftigung mit unserem »Lebensabend« eine schädliche Wirkung – sowohl auf das Selbstver-
für viele sicher nicht zu den angenehmsten Tätigkeiten. trauen und die Motivation der Älteren als auch auf die
Hans-Werner Wahl hingegen beschreibt mit einem Alternswahrnehmung der Jüngeren.
positiven Grundtenor, wie die Neue Alternspsycholo- Eine positivere Sichtweise könne dagegen die
gie (kurz NAP) dank zahlreicher Studien inzwischen Wahrscheinlichkeit erhöhen, selbst das so genannte
zu einem differenzierteren Bild des Alterns gelangt Wohlbefindensparadox zu erleben: S0gar wenn die
ist. Der Autor leitet die Abteilung für Psychologische Gesundheit nachlässt und die Zahl der Entwicklungs-
Alternsforschung der Universität Heidelberg und möglichkeiten sinkt, schaffen es erfolgreiche Alte, diese
möchte die Erkenntnisse seines Fachgebiets für jeder- Verluste zu kompensieren, und sind mit ihrem Leben
mann nutzbar machen. zufrieden. So können sie zwar möglicherweise keine
Inzwischen verbringen wir etwa ein Viertel des
Lebens in der nachberuflichen Phase – ein wichtiger

TIPP
Grund, sich rechtzeitig auf diesen längsten, aber auch
ambivalentesten Lebensabschnitt einzustellen und ihn
sinnvoll zu gestalten. Die gute Nachricht: Wir leben DES MONATS

nicht nur länger, sondern bleiben dabei auch länger fit.


Heute 65-Jährige sind genauso gesund und rüstig wie HHHHH
die 55-Jährigen vor 20 Jahren. Hans-Werner Wahl
Die NAP sei »kein Freund des chronologischen
Alterns«, erklärt Wahl, sondern stelle stattdessen das DIE NEUE PSYCHOLOGIE
subjektive Alter in den Vordergrund. Zu ihren neun DES ALTERNS
wichtigsten Prinzipien gehört es, auf individuelle Überraschende Erkenntnisse
Unterschiede einzugehen und den alternden Menschen über unsere längste Lebens-
in seinem Kontext zu sehen. Zudem unterscheidet sie phase
zwischen normalem, krankhaftem und erfolgreichem Kösel, München 2017, 223 S., € 19,99

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Gehirn&Geist-Bestseller
Fernreisen mehr unternehmen, konzentrieren sich Die aktuellen Spitzentitel aus den Bereichen
stattdessen jedoch auf ihr näheres Umfeld. Oder sie Psychologie, Hirnforschung ­und Gesellschaft
pflegen weniger, aber dafür intensivere Beziehungen zu
ihren Mitmenschen.
Der Autor hofft, dass »Gero-Technologien« ältere
Menschen in Zukunft immer besser unterstützen
können, beispielsweise in Form von Smart Homes, die
1 
C HRISTIAN PETER DOGS,
NINA POELCHAU
Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie
bei einer eigenständigen Lebensführung helfen. Das brauchen und wie sie uns zufrieden machen
Internet, WhatsApp und Fortschritte in der Robotik Ullstein, Berlin 2017, 230 S., € 20,–
hätten den Alltag und die Pflege bereits verändert,
doch »Technik und Alter werden eine neue Liaison
eingehen«, prophezeit Wahl.
Das in optimistischem Ton geschriebene Buch ist
2 YAEL ADLER
Haut nah. Alles über unser größtes Organ
Droemer Knaur, München 2016, 336 S., € 16,99
nicht nur für Ältere lohnenswert. Gelegentliche
Wiederholungen sind verzeihlich, dafür liefert Hans-
Werner Wahl viele Beispiele und hilfreiche tabellari-
sche Zusammenfassungen; zudem bindet er Erkennt-
3 MARTIN WEHRLE
Der Klügere denkt nach: Von der Kunst, auf die
ruhige Art erfolgreich zu sein
nisse aus seiner eigenen Forschung überzeugend ein. Mosaik, München 2017, 432 S., € 15,–
Insgesamt zeigt das Buch die vielschichtigen und
manchmal widersprüchlichen Facetten des Alterns auf.
Eine Kernbotschaft des Autors lautet: Alle Lebenspha-
sen sind gleich wertvoll und bringen jeweils eigene
4 JAN BECKER
Du kannst schaffen, was du willst
Piper Paperback, Müchen, Berlin, Zürich 2015, 324 S., € 14,99
Gewinne und Verluste mit sich. Für ein erfolgreiches
Altern gilt es also, die Verluste möglichst gut zu
kompensieren und die Gewinne zu schätzen. 5 REMO H. LARGO
Das passende Leben
S. Fischer, Frankfurt am Main 2017, 240 S., € 24,–
Fenja De Silva-Schmidt ist Journalistin und Kommunikationswissen-
schaftlerin in Hamburg.

6 JOE NAVARRO
Menschen lesen. Ein FBI-Agent erklärt, wie
man Körpersprache entschlüsselt
MVG, München 2010, 272 S., € 16,95

HHHHH 7 TIM BAUERSCHMIDT, RAMIE LIDDLE


Driving Miss Norma
Heyne, München 2010, 272 S., € 18,–
Julian Strauß
DER DOPPELGÄNGER
Psychiatrische
Kurzgeschichten
8  ARS AMEND, SVEN GOTTSCHLING
L
Schmerz Los Werden: Warum so viele
­Menschen unnötig leiden und was wirklich hilft
Springer, Berlin 2017, 197 S., € 14,99 Fischer, Frankfurt am Main, 6. Auflage 2016, 272 S., € 16,99

Der normale Wahnsinn 9 MARSHALL B. ROSENBERG


Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des
Lebens
Aufschlussreiche Fallgeschichten aus dem
Junfermann, Paderborn 2016, 224 S., € 24,–
Alltag in der Psychiatrie

K 10
eine Frage, Julian Strauß hat ein schweres Erbe HANS-JOACHIM MAAZ
angetreten. Denn populärwissenschaftliche Das falsche Leben: Ursachen und Folgen
Fallgeschichten waren das Spezialgebiet des unserer normopathischen Gesellschaft
2015 verstorbenen Neurologen und Bestsellerautors C.H.Beck, München 2017, 256 S., € 16,95
Oliver Sacks (siehe S. 12). Wie Sacks richtet sich Strauß
an Leser, die sich für »psychologische und psychiatri-
sche Phänomene und Erkrankungen nicht nur interes- Nach Verkaufszahlen von media control
sieren, sondern diese auch verstehen wollen«. In zwölf gelistet (Zeitraum: 7. 9.–3. 10. 2017)

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Kurzgeschichten möchte der Chefarzt einer Privatkli-


nik für Psychiatrie und Psychotherapie an ganz
unterschiedliche, bisweilen auch außergewöhn­liche HHHHH
Erkrankungen heranführen. Denn, so betont er zu Thomas Köhler-Saretzki
Recht, konkrete Fälle könne man sich besser merken (Autor), Anika Merten
als Lehrbuchwissen. Etwa die Geschichte von Johanna, ­(Ilustratorin)
die sich weder erinnern kann, warum sie im ICE nach WO IST WILMA?
Bremen saß, noch, weshalb sie versucht hat, sich dort Ein Bilderbuch über
umzubringen – und der schon des Öfteren »die Zeit ­Bindungsmuster
verloren ging«. Oder die von Rita, die durch einen
Balance, Köln 2017, 36 S., € 14,95
Trick entdeckt, dass sie mit einem Fremden zusam-
menlebt, der sich nur als ihr Mann ausgibt.
Jeder Fall endet mit einem ausführlichen Epilog, Fachliteratur im
in dem der Autor die Symptomatik einordnet. Neben
bekannten Krankheitsbildern wie Depressionen
Kinderbuchgewand
schildert er auch eher unbekannte und seltene wie das Bindungsstile prägnant erklärt
Capgras-Syndrom, Chorea Huntington oder die

A
dissoziative Identitätsstörung. uf den ersten Blick ist der von dem Psycholo-
Leider merkt man den Geschichten immer wieder gen und systemischen Familientherapeuten
an, dass Strauß sie, wie er im Vorwort erwähnt, frei Thomas Köhler-Saretzki verfasste und von der
erfunden hat. Sie wirken an der ein oder anderen Stelle Illustratorin Anika Merten bebilderte Band ein
doch sehr konstruiert. Außerdem irritiert, dass immer Kinderbuch. Die großformatigen Szenen und die zum
wieder die Perspektive wechselt: Eigentlich zeigen die Vorlesen geeignete, einfache Sprache sprechen ganz
Fallgeschichten vor allem die subjektive Sicht des klar dafür. Nur das Thema scheint nicht recht zu
Betroffenen auf; das macht den Reiz des Buchs aus. Ab passen: Es geht um kindliche Beziehungsmuster. Am
und zu streut der Autor dann jedoch wieder die Beispiel der fiktiven Kindergartenkinder Fabienne,
Gedanken und Gefühle des behandelnden Arztes ein, Klaus, Lilith und Karl-Heinz erklärt der Autor die vier
vermutlich, um über die hohe Arbeitsbelastung und Bindungsstile »sicher«, »vermeidend«, »ambivalent«
Mängel im Gesundheits­system berichten zu können. und »desorganisiert«, die auf der Bindungstheorie des
An anderer Stelle lehnt sich Strauß mit seinen britischen Psychiaters John Bowlby beruhen. In bunten
Pauschalisierungen weit aus dem Fenster. Etwa wenn er Bildern porträtieren Köhler-Saretzki und Merten den
im Bezug auf frühere Traumata in der Kindheit typischen Familienalltag der Kleinen und die Folgen
behauptet: »Kleine Kinder haben nicht die Möglichkeit, dieser frühen Erfahrungen. So war Klaus von Anfang
Ereignisse sprachlich zu äußern und zu bewerten und an häufig allein und musste schon als Baby lernen,
in einem anderen Gesamtkontext zu betrachten. (…) dass manchmal niemand da ist, um ihn zu beruhigen.
Die Abspaltung bleibt hier die einzige Möglichkeit.« Heute hat er einen vermeidenden Bindungsstil. In
Ebenso bescheinigt er Menschen mit einer dissozialen der Kindertagesstätte spielt er meist für sich, wendet
Persönlichkeitsstörung einen »Mangel an Empathie«. sich selten an die Betreuer und zeigt wenig Gefühle,
Doch genau diese landläufige Erklärung zweifeln wenn seine Mutter ihn abholt. Die neue Erzieherin
Wissenschaftler wie der Kognitionsforscher Fritz Friederike müsse Klaus nun Zeit geben, sich auf sie
Breithaupt inzwischen an. Viele Psychopathen litten einzulassen, und regelmäßig von selbst Interesse an
nicht unter zu wenig Empathie, sondern an einer dem Jungen zeigen, auch wenn dieser von sich aus
krankhaften Sucht danach. Mancher labe sich regel- nicht nach Zuwendung verlangt, erklärt Familien­
recht am Leiden seines Opfers, weil er sich so gut in therapeut Köhler-Saretzki. Laut der Angabe auf dem
dieses einfühlen könne. Cover richtet sich das Buch an Eltern und Fachkräfte.
Trotz solcher Schwächen sind die Fallgeschichten Am ehesten ist es wohl für junge Erzieher und Berufs­
interessant und zeigen auf, wie komplex psychische anfänger in sozialpädagogischen Berufen geeignet,
Störungen sind, welche Belastung sie für die Betroffe- die auf unterschiedliche Kinder optimal eingehen und
nen und deren Umfeld darstellen und wie wenig wir die Hintergründe eines bestimmten Verhaltens
mitunter über die Erkrankungen wissen. Und sie verstehen möchten. Allerdings irritiert der kindliche
machen deutlich: Es gibt keine klare Grenze zwischen Ton des Fachbuchs, richtet es sich doch ganz eindeutig
gesund und krank. an Erwachsene.
Liesa Klotzbücher ist Diplompsychologin und Redakteurin bei Corinna Hartmann hat einen Bachelorabschluss in Psychologie und ist
»Gehirn&Geist«. Volontärin bei »Gehirn&Geist«.

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Ein
Geschenk,
HHHHH
Emily Witt
das ankommt!
FUTURE SEX
Wie wir heute lieben – ein
Selbstversuch
Suhrkamp Nova, Berlin 2017,
233 S., € 14,95

HHHHH
Katrin Rönicke
SEX. 100 SEITEN
Reclam, Stuttgart 2017, 100 S.,
€ 10,–

Von USB-Vibratoren
und freier Liebe
Zwei Neuerscheinungen über unseren
Umgang mit Sexualität

D
ie beiden Bücher haben nicht nur das Thema
Sex gemein: Beide Autorinnen wurden im
Jahr 2000 volljährig und gehören zu einer
Gene­ration, die sich als Pubertierende mit dem
rasanten Aufstieg des Internets konfrontiert sahen.
Seitdem verändert sich die Welt rings um die Sexu­
alität rasch. So »gibt es inzwischen auch USB-­
Vibratoren«, bemerkt die deutsche Journalistin Katrin
Rönicke, »die eine Verknüpfung mit einem eigens
dafür entwickelten Spiel oder Porno ermöglichen:
Visuelles und vaginales/anales Erleben lassen sich so
miteinander verbinden.« Das Internet macht Porno- Mit einem Spektrum-Geschenkgutschein
grafie leichter zugänglich, die zudem keine Männer-
domäne bleibt. Beide Autorinnen verteidigen die hat der Beschenkte die freie Wahl: ob
Pornografie vor feministischen Anfeindungen, Abonnement, Einzelhefte oder Kalender,
Rönicke auch die Prostitution. ob Print- oder Digitalprodukte. In unserem
Das Smartphone beschleunigt das Onlinedating.
Eine Frau müsse nachts nicht mehr die letzte Frau in Onlineshop www.spektrum.de/shop
der Bar sein – so die Autorin Emily Witt –, um ein bieten wir eine große Auswahl an.
FLOYDINE / STOCK.ADOBE.COM

sexuelles Erlebnis zeitnah zu befördern. Heute erfahre


man online schon am frühen Abend, dass am Nach-
­bartisch jemand ähnliche Ziele hat. Das ändere spektrum.de/aktion/gutscheine
BÜCHER UND MEHR

aller­dings nichts an den zwischenmenschlichen


Problemen: Die Technologie »brachte uns Menschen,
sagte aber nicht, was wir mit ihnen anfangen sollten«. HHHHH
So befassen sich die Bücher weniger mit den Sven J. Matten, Markus J. Pausch
technologisch veränderten Liebesverhältnissen. ANGST- UND
Vielmehr setzen sich beide Autorinnen mit einer Welt PANIKSTÖRUNGEN
auseinander, in der die traditionelle Ehe seit den IM BERUF
sechziger Jahren erschüttert wurde und außerehelicher
Kohlhammer, Stuttgart 2017, 177 S.,
Sex inzwischen weder verboten noch verpönt ist. € 19,–
Rönickes kleines 100-seitiges Heft plädiert weder
für die Ehe noch für die freie Liebe, stattdessen
jedoch für einen freien Umgang mit Sex und Liebe, Angst am Arbeitsplatz
bei dem alle Modelle des Liebeslebens erlaubt sein
sollen – jedenfalls soweit sie andere nicht diskriminie-
Von der Paniksstörung bis zur Hypochondrie

W
ren. Doch das Büchlein wirkt mit seinem didakti- oody Allen, Madonna, Michael Jackson
schen Aufbau, seinen Grafiken, erläuternden Bildern und Hildegard Knef teilen mehr als ein
und hervorgehobenen Thesen belehrend. Wer aber Leben im Rampenlicht: Allen vieren sagt
braucht heute noch eine Aufklärung im Stil Oswalt man Angst- und Panikstörungen nach. Herzrasen,
Kolles? Atemnot, Grübeln und Co spielen auf den Bühnen der
Davon hebt sich das Buch von Emily Witt wohl­ Welt offenbar eine größere Rolle als gedacht. Gerade
tuend ab. Die US-amerikanische Journalistin reflek- Menschen in »exponierten« Berufen, erklären Coach
tiert die Lage ihrer Generation – und zwar aus einer Sven Matten und Psychiater und Psychotherapeut
sehr subjektiven, autobiografischen Perspektive. Markus Pausch, laufen Gefahr, eine Angststörung zu
Sexuell eher zurückhaltend, sucht sie in einer freizügi- entwickeln. Aus ihren jeweiligen beruflichen Experti-
gen Welt nach jenem Mann, mit dem sie eine Familie sen heraus haben die Autoren ein Buch geschrieben,
gründen möchte. Dabei durchlebt sie viele Dimensio- das sich keinem Genre so recht zuordnen lässt: Es ist
nen der Liebe im Zeitalter von Internet und Emanzi- gleichermaßen klinisches Repetitorium, Ratgeber,
pation: Sie probiert meditativen Sex, konsumiert Literatur- und Medienanalyse.
Internetpornografie, verfolgt Live-Webcams, begibt Weite Strecken sind der Biologie und Entstehung,
sich auf wilde Festivals mit Sex und Drogen. Sie wech- dem Verlauf und den multiplen Erscheinungsformen
selt ihre Männer und führt gleichzeitig mehrere von Angst gewidmet. Sie kann sich beispielsweise in
Beziehungen, aber eher, weil ihr der passende Partner Fahrstühlen, auf Geschäftsreisen oder bei Gesprächen
für die Monogamie fehlt. Am Ende reflektiert sie mit dem Chef äußern. Von der Panikstörung bis zur
darüber, ob sie selbst nicht attraktiv genug ist oder ob Hypochondrie gelingt Matten und Pausch ein guter
sie schlicht den Sex der Zukunft erlebt. Überblick, der durch Drehbuchausschnitte und
»Future Sex« ist ein sehr kluges und empfehlens- literarische O-Töne ergänzt wird. Doch beim Lesen
wertes Buch mit leicht pornografischem Charakter wird deutlich, dass mit dem Wort »Beruf« im Titel
und so manchen Einsichten, etwa der, futuristischer eigentlich eine ausgewählte Berufsgruppe gemeint
Sex sei keine neue Art der Sexualität, sondern ist – das »mittlere und gehobene Management« und
lediglich eine neue Art, darüber zu sprechen. Auf die »allgemein in der Öffentlichkeit stehende Persönlich-
100 Seiten »Sex« kann man dagegen eher verzichten, keiten«. Es ist eine der Schwachstellen des insgesamt
obgleich man selbst in unserem sexuell aufgeklärten unterhaltsamen und facettenreichen Werks: Buchtitel
Zeitalter auch hier noch die eine oder andere Neuig- und Kapitelüberschriften sind mitunter unglücklich
keit erfährt. gewählt. Der Leser erwartet nicht nur einmal etwas
Hans-Martin Schönherr-Mann ist Professor für politische Philosophie anderes, als er findet – und läuft Gefahr, den roten
an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Faden zu verlieren. Um das Titelversprechen zu
erfüllen, wäre der Blick auf andere, verbreitetere
Berufsgruppen nötig gewesen. Und auch die enge
Verzahnung zwischen Angststörungen und
»Gehirn&Geist« und Springer Science+Business Media gehören den steigenden Anforderungen im Beruf hätten die
beide zur Verlagsgruppe Springer Nature. Dies hat jedoch keinen Autoren stärker in den Fokus nehmen können.
Einfluss auf die Auswahl der besprochenen Bücher oder die
Inhalte der Rezensionen. »Gehirn&Geist« behandelt Titel aus Die Psychologin Sarah Zimmermann arbeitet in einer psycho­
dem Springer-Verlag mit demselben Anspruch und nach densel- therapeutischen Praxis sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an
ben Kriterien wie Titel aus anderen Verlagen. der Universität Siegen.

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Herausgegeben von Wulf Bertram
Herausgegeben von Wulf Bertram

Wahnsinns-Typen! Die besten Strategien


Waren Vincent van Gogh und Ludwig II. wirklich schizo- individueller Schlagfertigkeit
phren? Ist das Werk Ernest Hemingways ein Resultat seiner Bei manchen Zeitgenossen kann es einem schon mal die
affektiven Störung? Und inwiefern waren psychische Erkran- Sprache verschlagen. Fällt Ihnen auch oft erst Stunden
kungen richtungsgebend für das Leben vieler bekannter später die richtige Antwort ein? Ärgern Sie sich noch Tage
Persönlichkeiten? danach vor allem über sich selbst? Dieses Buch zeigt Ihnen,
Thomas Köhler beschreibt die unterschiedlichen psychischen wie Schlagfertigkeit wirklich gelingt, nämlich mit einer kräf-
Irrtum und Preisänderungen vorbehalten. Abb.: © shutterstock.com

Störungen – von Bipolarität bis Schizophrenie – detailreich tigen Prise Humor.


und anschaulich anhand von Beispielen zahlreicher berühm- Michael Titze, ein Pionier des therapeutischen Humors
ter Menschen aus Politik, Musik, Kunst und Literatur. und prominenter Vertreter der „Lachforschung“ (vornehm-
Gespickt mit vielen Anekdoten und Zeitzeugenberichten ge- wissenschaftlich „Gelotologie“ genannt), erklärt, wie Sie
währt dieses Buch äußerst interessante und überraschende persönlichkeitsadäquat und humorvoll mit Kränkungen,
Einblicke. Entwertungen und Beleidigungen umgehen können.
2017. 216 Seiten, 15 Abb., kart. 2017. 176 Seiten, 31 Abb., kart.
€ 19,99 (D) / € 20,60 (A) | ISBN 978-3-7945-3270-4 € 19,99 (D) / € 20,60 (A) | ISBN 978-3-7945-3293-3

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T V- & RADIOTIPPS

TIPP
DES MONATS

MEINZAHN / GETTY IMAGES / ISTOCK


Umwelthormone – Verlieren wir den Verstand?
Samstag, 11. November
Dokumentation, arte, 21.55 Uhr

Viele Pestizide, Kosmetika, Kunststoffe und Arznei­ heit und Hirnentwicklung auswirken kann. Manche
mittel enthalten hormonähnliche Substanzen. Sie Forscher geben den Schadstoffen sogar die Schuld
stören als »endokrine Disruptoren« das körpereigene an einer Zunahme von Autismus sowie Lern- und
Hormon­system, was sich verheerend auf Gesund- Verhaltensstörungen.

TV durch Lebenskrisen
bedingt? Können sie
Samstag, 11. November
Hemmungslos shoppen
missbraucht. Die Spuren-
suche führt zu noch
auch durch Infektionen Wie wir manipuliert lebenden Betroffenen.
Sonntag, 5. November und falsche Ernährung werden, W wie Wissen,
Über dem Abgrund entstehen? Die beiden Magazin, ARD, 16 Uhr Samstag, 18. November
Dokumentation, 3sat, Sendungen beschäftigen Verkaufsstrategen nutzen Das Rätsel des
19.10 Uhr sich mit Ursachen und immer subtilere Mittel, künstlichen Hirns
Ein Film über Todessehn- Therapien der Volks- etwa »Influencer«, die Dokumentation, arte,
sucht, Schuldgefühle und krankheit. uns online über die 6.55 Uhr
das (Weiter-)Leben nach sozialen Netzwerke Eine genaue Kartografie
einem Suizidversuch – Freitag, 10. November beeinflussen sollen. des Gehirns soll dabei
aus Sicht von Betroffenen Halbmondwahrheiten helfen, künstliche Intelli­­‑
und ihren Angehörigen. Dokumentarfilm, Montag, 13. November genzen zu erschaffen.
ARD-alpha, 21 Uhr Vergessene Seelen
Die Wahrheit über Viele türkischstämmige Wie Kinder zu Versuchs­ Sonntag, 19. November
Depression / Neue Männer in Deutschland objekten wurden, Reportage, Darwin und die
Hoffnung identifizieren sich nicht NDR, 22.45 Uhr Evolutionstheorie
Dokumentationen, mehr mit den Rollenbil- Am Landeskrankenhaus Kindersendung, arte,
tagesschau24, 20.15 Uhr dern in ihrem Herkunfts- Schleswig wurden bis in 8.15 Uhr
und 21.30 Uhr land. Ein Porträt der ers‑ die 1970er Jahre hinein Charles Darwin war erst
Sind depressive Erkran- ten Selbsthilfegruppe in Heimkinder für Versuche 22 Jahre alt, als er 1831
kungen erblich oder Berlin. der Pharmaforschung auf der »Beagle« Richtung

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Gehirn&Geist
Südamerika in See stach. und der Mediziner Volker Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A.
(verantwortlich)
Auf seiner Reise sammelte Reissner vom LVR-Klini- Artdirector: Karsten Kramarczik
Redaktionsleitung: Dr. Hartwig Hanser
er viele Belege für seine kum Essen. Hörertelefon: Redaktion: Steve Ayan (stv. Redaktionsleitung, Ressortleitung Psycho-
logie), Dr. Katja Gaschler (Koordination Sonderhefte), Dr. Anna
Theorie »Über die Entste­- 00800 44644464 von Hopffgarten (Ressortleitung Hirnforschung), Dr. Andreas Jahn
hung der Arten«. (Ressortleitung Medizin), Dipl.-Psych. Liesa Klotzbücher,
B. A. Wiss.-Journ. Daniela Zeibig
Dienstag, 21. November Freie Mitarbeit: Dr. Joachim Retzbach
Assistentin des Chefredakteurs, Redaktionsassistenz: Lena Baunacke
Donnerstag, Kribbeln, Taubheit, Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
23. November brennender Schmerz Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
Layout: Karsten Kramarczik, Sibylle Franz, Oliver Gabriel,
Baukasten Mensch Sprechstunde, Deutsch- Anke Heinzelmann, Claus Schäfer, Natalie Schäfer

scobel, Wissenschafts­ landfunk, 10.10 Uhr Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Manfred Cierpka, Institut für
Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie,
gespräch, 3sat, 21 Uhr Die Neurologin Claudia Universität Heidelberg; Prof. Dr. Angela D. Friederici, Max-Planck-Institut
für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig; Prof. Dr. Jürgen
Künftig werden sich Sommer von der Univer- Margraf, Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie,
immer mehr Organe sität Würzburg beantwor- Ruhr-Universität Bochum; Prof. Dr. Michael Pauen, Institut für
Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Frank Rösler,
durch künstliche ersetzen tet Fragen rund um das Institut für Psychologie, Universität Hamburg; Prof. Dr. Gerhard Roth,
Institut für Hirnforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. Henning Scheich,
lassen. Welche Folgen Thema Polyneuropathie. Leibniz-Institut für Neurobiologie, Magdeburg; Prof. Dr. Wolf Singer, ­
Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main;
haben solche Transplan- Hörertelefon: 00800 Prof. Dr. Elsbeth Stern, Institut für Lehr- und Lernforschung, ETH Zürich
tationen für die Psyche? 4464 4464 Übersetzung: Alexandra Bakowski, Christiane Gelitz, Anja Nattefort
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Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel.: 06221 9126-741,
Mittwoch, 6. Dezember »Weinen hilft dir jetzt E-Mail: service@spektrum.de
Schöne neue auch nicht!« Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel.: 06221 9126-744
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S
­ hoppingwelt Feature, Deutschlandfunk, Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Hausanschrift: Tiergartenstraße 15–17,
69121 Heidelberg, Tel.: 06221 9126-600, Fax: 06221 9126-751,
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Pelz und Federn 20.03 Uhr Die Mitglieder der DGPPN, des VBio, der GNP, der DGNC, der GfG,
der DGPs, der DPG, des DPTV, des BDP, der GkeV, der DGPT, der DGSL,
rbb kulturradio, 19.04 Uhr Was die Zunahme an der DGKJP, der Turm der Sinne gGmbH, der NOS (Neurofeedback Orga­
nisation Schweiz) sowie von Mensa in Deutschland erhalten die Zeitschrift
In einem Projekt der ame- Amokläufen und Terror- »Gehirn&Geist« zum gesonderten Mitgliedsbezugspreis.

rikanischen Psychologin anschlägen über unsere Anzeigen/Druckunterlagen: Karin Schmidt, Tel.: 06826 5240-315,
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gehen wollen? Rede und Sie ab dem 8. 12. 2017 in kürzen.

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Psychotherapie bei Trauer und Sorgen • Selbstwert: Wer sich mag, hat’s leichter • Neuro-Gadgets: Hightech für Selbst-
Wie Yoga, Achtsamkeit und Hypnose Mythos Geld: Warum wir Reichtum optimierer • Tagträumen: Flieg, Gedan-
wirken • Konfrontation bei Furcht vor überschätzen • Fotografie: Knips dich ke, flieg! • Macht Kreatin nicht nur
Prüfungen oder Zahnarzt • Suizidrisi- glücklich • Zufriedenheit: Das Geheim- stark, sondern auch schlau? • Physiolo-
ken einschätzen und richtig reagieren • nis eines erfüllten Lebens • Serendipität: gie: Schlaf drüber! • Mentales Training:
€ 8,90; 2. Auflage Eine Formel für Glückspilze • € 8,90 Mehr Mitgefühl • € 8,90

Irrt euch! Warum Illusionen sinnvoll Einschulung: Wann ist ein Kind schul- Lärmschäden: Versteckter Hörverlust •
sind • Bilder im Kopf: Wie Metaphern reif? • Naturerfahrung: Warum sie die Magnetsinn: Biologische Kompassnadel
beflügeln • Wahre Worte: Was Erklä- Konzentration verbessert • Inklusion: entdeckt? • Gleichgewichtssinn: Zurück
rungen sexy macht • Linguistik: Ein Vorteil für alle? • Keine Lust auf zur Balance • Synästhesie: Mit den
Gedacht wie gesprochen • € 8,90; Hausaufgaben? Das können Eltern tun • Ohren sehen • Wahrnehmung im Schlaf:
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GEHIRN&GEIST 88 0 5 _ 2 0 1 7
VORSCHAU

Gehirn&Geist 1/2018 erscheint am 8. Dezember

Süchtig nach
Zucker?
Weil sich ihre Wirkungen
auf Gehirn und Verhalten
verblüffend ähneln,
­vergleichen inzwischen
immer mehr Wissen-
schaftler stark gezuckerte
Lebensmittel mit Drogen
wie Heroin und Kokain.
Doch können Schokolade,
Kuchen, Eis und Co.
uns wirklich abhängig
­machen?

Die erste Kopf-


transplantation
A-POSELENOV / GETTY IMAGES / ISTOCK

Todkranken Patienten am
Hals den gesunden Körper
eines Spenders annähen?
Von einem solchen Ein-
griff träumen manche
Mediziner schon seit mehr
als einem Jahrhundert.
Die wichtigsten Experimente der Psychologie Was nach Sciencefiction
klingt, soll nun wahr
Die wissenschaftliche Seelenkunde spaltete sich vor rund 150 Jahren von der
werden: Der italienische
Philosophie ab. Dass die Psychologie zu einer eigenständigen Disziplin heran-
Neurochirurg Sergio
wuchs, verdankte sie dabei vor allem der experimentellen Methode: Statt durch
Canavero hat den ersten
bloße Spekulation sollten exakte Denk- und Verhaltenstests Aufschluss über die
Versuch am Menschen für
Prozesse im Kopf geben. Und dieser Anspruch gilt bis heute. Zum Auftakt der
Dezember 2017 angekün-
neuen »Gehirn&Geist«-Rubrik »Die besten Experimente der Psychologie« stellen
digt. Viele seiner Kollegen
wir drei der berühmtesten und meistdiskutierten Versuche vor.
bezweifeln jedoch, dass
sein Plan aufgeht.

Afantasie – auf dem


inneren Auge blind Newsletter
Manche Menschen können vertraute
Orte und Personen nicht visualisieren. Lassen Sie sich jeden
Das Phänomen, das über Jahrhunderte Monat über Themen
in Vergessenheit geriet, wird heute von und Autoren des neuen
MARCO_PIUNTI / GETTY IMAGES / ISTOCK

Hefts informieren! Wir


(AGENTURFOTO. MIT MODEL GESTELLT.)

Neurowissenschaftlern wieder ver-


mehrt erforscht. Dabei erfahren viele halten Sie gern per E-Mail
Betroffene erst durch Zufall, dass es auf dem Laufenden –
eine bildliche Vorstellungskraft gibt. natürlich kostenlos.
Registrierung unter:
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gug-newsletter

GEHIRN&GEIST 89 1 2 _ 2 0 1 7
HIRSCHHAUSENS HIRNSCHMALZ
FRANK EIDEL; MIT FRDL. GEN. VON ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Psychotest:
oder schwimmen
Eine Stunde joggen, radfahren
in der Woche finde ich …
A) zu anstrengend!
Woche?
B) Moment, alles in derselben
C) – gilt auch Schachsport?
D) zu wenig.

Spaziere um dein Leben!


D R . E C K A RT VO N H I R S C H HAU S E N chen auf Trab bringen, können wir bis zu zwölf Prozent
ist Mediziner und Moderator – und geht gemäß den neuesten
der häufigsten seelischen und einer der fatalsten Erkran­
Erkenntnissen nur noch zu Fuß auf Tournee. kungen überhaupt vorbeugen. Das entspräche allein in
Deutschland Pi mal Daumen einer halben Million Men-
schen, denen es klinisch so viel besser ginge, dass sie

J ede Woche eine neue Meldung, dass psychische Er-


krankungen zunehmen und wie viel Lebensqualität,
Arbeitszeit und Geld uns das kostet. Wo bleibt da das
weder Medikamente noch Psychotherapie bräuchten.
Nur wer sagt’s denen? Oder lesen die alle »Gehirn&
Geist«? Gut, dass ich nicht für »Herz&Hoden« schreibe,
Positive? Hier ist es: Man kann der Depression davon- denn die Dosis Sport, die vor Herzinfarkt schützt, ist lo-
laufen. Dafür muss man noch nicht mal »Ironman« cker doppelt bis dreimal so hoch wie die für den Geist.
oder Eisenfrau sein. Eine Depression kommt eher Und für Hoden fällt mir keine gender-neutrale Pointe
schleichend, deshalb reicht es, im Schritttempo vor ihr ein. Egal. Viele Risikofaktoren sind ja nur schwer zu be-
herzugehen. einflussen: die Gene, falsche Freunde und einfach Pech.
Die Schwester der Schwermut ist die Schwerkraft, die Aber wenn wir uns in den letzten Jahrzehnten kollektiv
dich am Boden hält, da wo die emotionale Nulllinie ver- immer weniger bewegen, wundert es nicht, dass De-
läuft. Dann dauert es oft lange, bis du wieder auf die pressionen auf dem Vormarsch sind.
Beine kommst – also mach dir vorher selbst welche. Ge- Eine nicht ganz neue, doch wieder hochaktuelle For-
nug metaphorisiert, hier die Zahlen aus einer aktuellen derung lautet deshalb: Ärzte sollten, ehe sie zum Re-
Untersuchung, die darauf hinweist, wie effektiv sportli- zeptblock für Psychopharmaka greifen, einen Hund
che Betätigung gesunde Erwachsene davor schützt, de- verordnen! Der eignet sich bestens, um den inneren
pressiv zu werden. Denn dass sich die Betroffenen zu Schweinehund in Schach zu halten. Denn wenn du
nichts aufraffen können, ist ja bereits Teil des Problems. morgens im Bett rumgammelst, macht der mit dir eine
Die Studienteilnehmer waren fast 34 000 Menschen Verhaltenstherapie: Entweder du stehst jetzt auf, oder
aus der norwegischen Pampa, die zunächst keine seeli- ich kack dir den Teppich voll! Hundebesitzer kriegen
schen Beeinträchtigungen zeigten. Ihr Befinden und automatisch jeden Tag Bewegung, Licht und sozialen
ihre Lebensgewohnheiten wurden über elf Jahre hinweg Kontakt. Alles nachgewiesene Antidepressiva. Mehr
beobachtet. Siehe da: Regelmäßige Bewegung in der noch: Gassigehen gibt Struktur, Sinn und Halt im Le-
Größenordnung von einer Stunde pro Woche wirkte be- ben – und wenn es nur die Leine ist. Aber die zieht nach
reits präventiv. Dabei war nicht die Intensität entschei- draußen, nach vorne, und hält dich im Leben. Nein, lie-
dend. Wer also durch kleine Sporteinheiten (den Gang be Frauen, Katzen gelten nicht.  H
vom Sofa in die Küche jetzt mal nicht mitgerechnet) auf
60 Minuten in der Woche kam, blieb mental obenauf.
Ja, ich weiß auch, dass solche Beobachtungsstudien QUELLE
keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen. Aber der
Harvey, S. B. et al.: Exercise and the Prevention of
Verdacht liegt statistisch schon recht nahe – und vor al- Depression: Results of the HUNT Cohort Study.
lem birgt die Sache eine Ermutigung mit riesigem Po- American Journal of Psychiatry 10.1176/appi.ajp.2017.
tenzial: Wenn wir unseren Schweinehund nur ein biss- 16111223, 3. Oktober 2017

GEHIRN&GEIST 90 1 2 _ 2 0 17
DIE WOCHE DAS WÖCHENTLICHE WISSENSCHAFTSMAGAZIN

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