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Zwischen Leiden und Leidenschaft Got in den Megastädten Lateinamerikas, in: Misereor / ZASS-

KAB / KEB Deutschland (Hgt): ÜberLebensRaum Stadt, Aachen: MVG 2018, 70-71

Zwischen Leiden und Leidenschaf


Got in den Megastädten Lateinamerikas

„Buenos Aires – todas las pasionest“ Eher unfreiwillig verweist die Internetseite der
Tourismusbehörde der Megastadt Buenos Aires auf die Ambivalenz des Lebens in der Großstadt:
„Pasiones“ lässt sich mit Leidenschafen, aber auch mit Leiden übersetzen: Buenos Aires, die Stadt
die alle Leiden(schafen) zu bieten hatt Das trif zu, auch wenn die Hochglanzseite der
Tourismusindustrie natürlich nur den Tango, das Essen, den Fußball und die Liebe in den
Vordergrund stelltt Gewalt, Sexismus, Rassismus, Ausbeutung, Krankheit und Hunger gehören aber
zu den vielen Leiden, die das Leben der etwa 13 Millionen Menschen in der Metropolregion
mindestens ebenso prägent
Von 2010 bis 2014 wurden in einem Forschungsprojekt an der Universität Osnabrück gemeinsam
mit mehreren lateinamerikanischen Universitäten die Voraussetzungen einer aktuellen
Großstadtpastoral in Lateinamerika untersuchtt In den Forschungsberichten spiegeln sich
zahlreiche Problemanzeigen des Lebens in den lateinamerikanischen Megastädten:
Verteilungsgerechtgkeit, Gewalt, Kriminalität, Rassismus, Benachteiligung von Frauen und Gewalt
gegen sie, Anonymität, Drogenhandel und -konsum uswt Jedes einzelne Problem wirf eine Reihe
von Fragen auf und ruf nach Lösungsstrategient In ihrer Interakton multplizieren sie sich dabei
nocht
Darüber hinaus bestehen in den Städten auch politsche, ökologische und soziale Konfikte, welche
die Problemlage zusätzlich verkomplizierent Viele Menschen werden wegen ihres Geschlechts,
ihrer Herkunf, Kultur oder Haufarbe, aus wirtschaflichen oder machtpolitschen Gründen von
gesellschaflicher Beteiligung ausgeschlossent
Schließlich stellen in Lateinamerika unterschiedliche kulturelle Faktoren die Menschen in den
Städten vor große Herausforderungent Indigene, afroamerikanische und verschiedene
lateinamerikanische Kulturen trefen aufeinander und begegnen Kulturen der Globalisierungt
Dieser kulturelle Reichtum ist Problem und Lösung zugleicht Einerseits führt er ofmals zu
politschem und sozialem Ausschluss von Menschen, zu alltäglichen Konfikten und Gewaltt
Andererseits stärkt die Vielfalt der Kulturen auch den Lebenswillen der Menschen und bewirkt
Überlebensstrategien und neue Formen der Gemeinschaft
Neben diesen vielfältgen Formen des Leidens in der Megastadt können auch die Leidenschafen,
ihre Kreatvität und Buntheit, der rille zum Leben und zum Fest beobachtet werdent Gerade in
Lateinamerika lebt immer noch eine Kultur der Gemeinschaf, der Beziehungen und der Familien –
mit Schaten-, aber eben auch sehr vielen Lichtseiten, in denen der rille zum Ausdruck kommt,
das Leben in der Großstadt menschlich und lebenswert zu gestaltent
„Got lebt in der Stadt, inmiten ihrer Freuden, Sehnsüchte und Hofnungen, aber auch in ihrem
Schmerz und ihrem Leid“, erklären die lateinamerikanischen Bischöfe auf ihrer
Generalversammlung 2007 in Aparecida (Brasilien)t Das zeigte auch unsere theologische
Interpretaton der Forschungsergebnisset Doch Gotes Anwesenheit in der Stadt ist nicht
ofensichtlicht Got ist anwesend, muss aber gesucht werden, denn Got ist verborgen und wird
manchmal auch versteckt, vor allem durch Strukturen von Gewalt und Ausschluss, welche die
Gegenwart der Städte prägent
Doch Got ist gerade bei den Menschen zu inden, die unter diesen Strukturen besonders leident Es
sind die Menschen, die selbst in den Städten unsichtbar gemacht worden sind, die nicht mehr
ausgebeutet werden, sondern ausgeschlossen sindt
Die Vielgestaltgkeit und Komplexität zeitgenössischer Städte bringt es mit sich, dass ihre
gesellschaflichen Bruchlinien of unsichtbar sind und verheimlicht werdent Um Gotes
Anwesenheit in der Stadt zu suchen, reicht es daher of nicht, in einen Slum zu ziehent Vielmehr
müssen auch die ethnischen, geschlechtlichen, kulturellen, intergeneratonalen und andere
unsichtbare Mauern berücksichtgt werdent
Zwischen den Leidenschafen und dem Leiden in der Megastadt, öfnet sich eine bunte,
vielschichtge, komplexe und of komplizierte reltt Es besteht die Gefahr, die Stadt entweder
einseitg nur von ihren Problemanzeigen her zu beurteilen oder andererseits nur als Hofnungsort
zu betrachtent Potenziale und Probleme müssen aber aufeinander bezogen werden und können
nicht miteinander verrechnet werdent
Got lässt sich in all dieser Unübersichtlichkeit indent Aber dieses Finden ist nicht mehr
selbstverständlich, auch nicht für die katholische Kirchet Denn Got muss gesucht, entdeckt,
aufgedeckt, gefunden werdent Dazu muss man die Leiden und die Leidenschafen der Stadt
erlebent

Zum Autor:

Stefan Silber, PD Drt theolt habilt, Pastoralreferent in der Diözese rürzburg, Privatdozent an der
Universität Osnabrückt 1997-2002 theologische Erwachsenenbildung in der Diözese Potosí
(Bolivien), 2011-2013 rissenschaflicher Mitarbeiter des Forschungsprojekts “Großstadtpastoral”
an der Universität Osnabrückt Koordinator der Platorm Theologie der Befreiung in den
deutschsprachigen Ländernt Internet: htp://stefansilbertwordpresstcom

Literatur:

• Aparecida 2007t Schlussdokument der 5t Generalversammlung des Episkopats von Latein-


amerika und der Karibik, hgt vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, (Stmmen
der reltkirche 41), Bonn
• Bravo, Benjamin / Vietmeier, Alfons (Hgt) 2008t Got wohnt in der Stadtt Dokumente des
Internatonalen Kongresses für Großstadtpastoral in Mexiko 2007 (Theologie und Praxis
Abteilung B, Bdt 23), Zürich/Berlin: LIT
• Eckholt, Margit / Silber, Stefan (Hgt) 2014t Glauben in Mega-Cityst Transformatonsprozesse
in lateinamerikanischen Großstädten und ihre Auswirkungen auf die Pastoral (Forum
reltkirche: Entwicklung und Frieden 14), Osfildern: Grünewald
• Saviano, Brigite 2006t Pastoral urbanat Herausforderungen für eine Großstadtpastoral in
Metropolen und Megastädten Lateinamerikas, Berlin: Lit
• Shannahan, Chris 2010t Voices from the Borderlandt Re-imagining Cross-cultural Urban
Theology in the Twenty-irst Century, London

Internet:

Internetseite der Tourismusbehörde von Buenos Aires : htp://wwwtturismotbuenosairestgobtar/es