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Al Andalus

GGrruunnddssäättzzlliicchheess üübbeerr ddiiee AAll--MMaaqqaamm,, ZZeeiittsscchhrriifftt ffüürr aarraabbiisscchhee KKuunnsstt uunndd KKuullttuurr

Liebe Leserinnen und Leser,

eine Zeitschrift wie die AAll--MMaaqqaamm,, ZZeeiittsscchhrriifftt ffüürr aarraa-- bbiisscchhee KKuunnsstt uunndd KKuullttuurr zu publizieren, ist ein wirt- schaftliches Unterfangen, das unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht attraktiv ist. So machen wir seit der ersten Präsentation unserer Idee die Erfahrung, dass zwar die potentiellen Leser begeistert sind, aber alle, die sich wirtschaftlich und finanziell unterstüt- zend beteiligen sollen, eher abwehrend reagieren. Obwohl uns klar war, dass es auch in der Ausführung diverse Schwierigkeiten geben würde, waren wir von unserer Idee fest überzeugt, eine Zeitschrift zu machen, die mithelfen kann, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und so zu einer unverzichtbaren Vor- aussetzung für den kulturellen Dialog werden kann.

Zur Zeit mangelt es noch an qualifizierten Autoren, die bereit sind, ihre Zeit und ihr Wissen einzusetzen, um fachkundige Artikel zu schreiben. Auch das richti- ge – druckbare – Bildmaterial zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Es gibt zwar eine Menge Bildarchive, andere Zeitschriften und Fotografen, die schöne Fotos liefern könnten, aber leider kosten sie viel Geld. Ohne finanzkräftige Sponsoren müssen wir – bisweilen schweren Herzens – auf manches Material verzichten. Aber wir sind Idealisten und glauben an die Wirkung positiver Nachrichten und besonders an die Stimme der Kunst, die oft keiner Übersetzung bedarf.

Mit der AAll--MMaaqqaamm,, ZZeeiittsscchhrriifftt ffüürr aarraabbiisscchhee KKuunnsstt uunndd KKuullttuurr haben wir ein Medium, mit dem wir ein breite- res, interessiertes Publikum zu erreichen hoffen. Wir bemühen uns, vielfältig, offen und kritisch aus den 22 arabischen Ländern und dem Geschehen bei uns in Deutschland und Europa in Sachen arabische Kultur zu berichten. Die Bandbreite der arabischen Kultur, die über viele Jahrhunderte gewachsen und in allen arabischen Ländern sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, soll im Laufe der Zeit berücksichtigt werden. So wird es in jedem Heft einen Themenschwerpunkt geben, dessen verschiedene Aspekte von mehreren Autoren beleuchtet werden sollen. Im nächsten Heft

wird unser Schwerpunkt SSyyrriieenn sein, das übernächste wird sich mit iirraakkiisscchheerr KKuunnsstt uunndd KKuullttuurr sowie BBüücchheerrnn befassen.

Da wir zur Zeit noch ein ganz kleines Team mit eini- gen freien Mitarbeitern sind, können wir auch von vie- len Veranstaltungen in Deutschland, Europa und erst recht aus dem arabischen Ausland nicht berichten, weil wir nicht über ein Netz von Korrespondenten ver- fügen wie die Großen. Letzten Endes können wir nur über etwas berichten, von dem wir auch Kenntnis haben. Vielleicht haben Sie einen Tipp für uns, einen kleinen Beitrag, eine neue CD oder ein Buch, das Sie für wert befinden, vorgestellt zu werden. Scheuen Sie sich nicht, uns darauf hinzuweisen. Aber haben Sie bitte auch Verständnis, wenn wir nicht auf alle Ihre Wünsche und Anregungen unmittelbar eingehen kön- nen. Manchmal passen Beiträge inhaltlich nicht oder sie kommen einfach zu spät. Die Planung für eine vier- teljährlich erscheinende Zeitschrift ist zum Teil schon Monate vor ihrem Erscheinen weitgehend festgelegt.

Für Terminmitteilungen steht Ihnen der Veranstal- tungskalender der Homepage (die derzeit neu struktu- riert wird) zur Verfügung, für Beiträge, die thematisch gar nicht in der Zeitschrift unterzubringen sind, stel- len wir Ihnen die neue Kategorie OOnnlliinneeaarrttiikkeell zur Verfügung. Darüber hinaus können sich Künstler kostenlos in das Künstlerverzeichnis eintragen lassen. Schicken Sie mir Ihre Daten an Redaktion@Al-Maqam.info

Ich hoffe auf einen regen Austausch!

Ihre

Ulrike-Zeinab Askari

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Editorial Liebe Leserinnen und Leser, Alles dreht sich um den Ball. Jetzt hat das Fußballfieber auch

Alles dreht sich um den Ball. Jetzt hat das Fußballfieber auch mich ergriffen. Meine Lieblingsmannschaft Tunesien ist zwar ausgeschieden. Aber möglicherweise war sie ja schon glücklich, überhaupt dabei zu sein, denn „Dabei sein ist alles!“ Dieser olympische Gedanke begleitet uns durch die gesamte Geschichte. Besonders sport- liche Veranstaltungen haben die Menschen immer zusammengebracht, auch wenn das nicht immer ohne Probleme ging.

Aber auch Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung bringen Menschen aus unter- schiedlichen Kulturen zusammen und vereinen sie im friedlichen und konstruktiven Dialog, selbst wenn so manche Ansichten unterschiedlich bleiben, wie z. B. in Fragen der Religion. Die Geschichte hat gezeigt, dass trotz verschiedener Religionen ein Miteinander doch mög- lich ist.

Inspiriert von dem friedlichen Miteinander beim Fußball, haben wir für diese Ausgabe als Schwerpunktthema eine Epoche in der arabischen Geschichte ausgewählt, die auf die

Entwicklung in der eruopäischen Kultur erheblichen Einfluss genommen hat: ddaass mmaauurriisscchhee

AAnnddaalluussiieenn

den Duft, nicht unähnlich dem von Jasmin verbreiten, der sanfte, etwas süßliche Duft von Weihrauch, der in den Gassen der Altstadt überall präsent ist, Oleanderhecken, Palmen und Kiefern, dazu die Einblicke in manchen Hauseingang in Sevilla versetzen in eine andere Epoche. Wie hat Córdoba wohl vor 500 Jahren ausgesehen oder gar vor 1.000 Jahren in der Blüte der andalusischen Kultur unter den Arabern? Welche MMuussiikk haben sie gespielt, wie haben sie getanzt, was haben sie gegessen?

Blühende Orangenbäume, die gleichzeitig Früchte tragen und einen betören-

Noch weiter in der Geschichte gehen wir zurück mit einem Artikel über die Funde vor der ägyptischen Küste bei Alexandria. Oder folgen Sie uns in die Wüste Negev in ein beduini- sches Zeltlager. Einen Artikel über Fußball haben wir auch für Sie, liebe Leserinnen und Leser, und zwar über arabischen Frauenfußball.

Ich hoffe, dass für jeden von Ihnen etwas auf dieser Reise in eine andere Kultur dabei ist, das Sie anspricht, vielleicht sogar begeistert und zu weiterer, intensiver Beschäftigung anregt.

Über einen regen Austausch mit Ihnen würden wir uns sehr freuen.

Ihre

Ulrike-Zeinab Askari

Chefredakteurin

Leserstimmen

Alles Gute für Al-Maqam! … Persönlichkeiten der Geschichte und des

Zeitgeschehens werden vorgestellt, dazu ein kultureller Kontext hergestellt. Die Artikel sind nicht nur beschrei- bend, sie öffnen einen konkreten Zugang zu den Themen durch Nennung von Firmen, Internetadressen, bis hin zum Abdruck von Noten für die beschriebene Musik. Durch diese Hinwendung zur praktischen Verfügbarkeit des Erfahrenen, öffnet sich diese Zeitschrift dem täglichen

Leben.

A. K., Berlin

Salam liebes Al-Maqam-Team,

ich habe neulich die Zeitschrift abonniert und bin so froh, endlich eine ernste, fachliche Zeitschrift zum Thema OT und orientalische Musik gefunden zu haben. … Ich wün- sche euch viel Glück bei der schwierigen Aufgabe und möchte euch meine Hilfe und Unterstützung anbieten. maa salama

E. E., Bayreuth

Liebe Frau Askari, … Sie sind in Ihren Artikeln sehr fundiert und loyal. Es gibt ja nicht nur den Klassischen Orientaltanz und was alles damit verbunden wird. Über den Ägyptischen Tanz lese ich kaum was. Niemand informiert über Suraya Hilal und ihre Arbeit sowie Claudia Heinle u. v. a. Man lässt in der Regel nicht die Frauen sprechen, die in späteren Jahren, ab 40 und aufwärts in die Tanzszene hineinge- wachsen sind. Ich denke, dass sie eine Menge über die Art und Weise der Unterrichte mitzuteilen haben. Aber auch sehr interessant kann sein, mehr über diese Frauen zu

Es gibt

immer nur die High-live-Welt, Glanz und Glimmer. Die Seite "World of Orient" geht schon wieder in die Richtung. Es gehört mit dazu, ist aber nicht alles. Frauenbeckentanz ist die ganze Frau auf der ganzen Welt. Muss nicht orien- tal davor stehen. Diese Bewegungen machen schon die kleinen Mädchen auf der ganzen Welt. Sie wissen noch nichts von oriental. Ein sehr interessantes umfangreiches Thema, um darüber zu philosophieren. Absolut schön die Kollektion von Djamila Schöller. Da ich Blockflöten- spielerin u. a. bin, spielte ich die Notation von "Fil lail lamma kheli." Das ist mal was anderes. Na gut, ich lass mich weiter überraschen. … Herzliche Grüße, viel Glück, viele gute Ideen, Gedanken, bleiben Sie fundiert: Ich weiß, dass man es nicht jedem recht machen kann. Aber Sie haben die Möglichkeit, mal eine ganz andere Zeitschrift für arabische Musik, Tanz, Theater und Film zu machen:

erfahren: Entwicklung, Veränderung, Vorschläge

eine große Aufgabe mit vielen Möglichkeiten. Die Zeitung muss nicht perfekt sein, auch nicht der Druck und das

Papier. Schön ist, wenn sie einfach nur "griffig" ist und kein Aufkleber auf der vorderen Seite. Das finde ich immer jammerschade. Dann kann man sich das Layout sparen. Vielleicht doch noch ein schöpferischer Gedanke: Nicht jeder weiß, was Al-Maqam heißt, nicht jeder wird sich gleich ein Wörterbuch kaufen. Vielleicht können Sie noch die deutsche Übersetzung auf der Titelseite mit einflech- ten. So ganz klein zwischen der arabischen Schreibweise und der deutschen = ein kleiner Pfiff.

K. T., Karlsruhe

Hallo, Ein GROSSES Kompliment an Euch. Diese Zeitschrift ist ja wirklich Gold wert!

H. S., Schweiz

Habe mir gestern Abend noch eure Zeitschrift durchgele- sen und finde sie großartig.

K. S., Hannover

Liebe Frau Askari, heute erhielt ich die erste Ausgabe und mein erster Eindruck ist sehr gut. Schön, dass es endlich ein Heft gibt, das sich neben Tanz auch mit der sonstigen Kultur beschäftigt. Positiv fällt weiterhin auf, dass dieses Heft nicht von Händler- und Tänzerinnenwerbung überflutet ist.

E. B., Diezenbach

Liebe Ulrike,

Viel Erfolg mit Deiner Zeitschrift! Ich habe auch auf die Website geschaut und einen ersten Eindruck von den Inhalten bekommen - sehr anspruchs-

voll.

G. B., Berlin

KKoorrrreekkttuurr zzuurr AAuussggaabbee 11,, FFeebbrruuaarr 22000066

die korrekte Adresse von Djamila Schöller (Artikel Aufbruch der Wüstentöchter, S. 20) ist DDsshhaammiillaa@@ggmmxx nneett

Inhalt

3

Editorial

5

Impressum/Inhalt

44

Preisrätsel

4

Leserstimmen

Arabische Geschichte

6

Al Andalus

30

Sevilla - ein Spaziergang

26

Geschichte des Flamenco

34

Kongress der Imame und Rabbis für Frieden

36

Final statement

Arabische Musik

16

Nauba und Muwashah

22

CD-Besprechung

20

Abed Azrié

24

Cheikha Rimitti

23

Habibi im Glaskasten

Orientalischer Tanz

38

jomdance

41

Tres - Unter Göttern

45

It’s showtime

47

Mona Okon

25

WoO - Fotoreportage

Literatur

55

Salim Alafenisch

57

Buchbesprechungen

Vermischtes

49

Fussballmeisterschaft der Frauen

53

Die Welt auf Seide

66

Spendenaufruf

62

Karikaturenstreit

64

Nahda - Kulturwoche

48

Nicht alle Scherben bringen Glück

61

Brautsuche in syrischen Gefilden

50

zum Tod von Awni Karoumi

Veranstaltungshinweise

51

Ägyptens versunkene Schätze

67

Tinte und Gold

67

Harmonie - Fes Festival

Institutionen

54

Haus der Kuturen der Welt

Impressum

IISSSSNN

1431-7974

HHeerraauussggeebbeerr

mediaAGENT Houssam Maarouf Wilhelmstr. 42, 10963 Berlin Tel. 030/61 65 96 51 e-mail: u.z.askari@mediaagent.net www.Al-Maqam.info

BBaannkkvveerrbbiinndduunngg

Deutsche Bank Berlin Konto 187 22 33 00 BLZ 100 700 24

RReeddaakkttiioonn

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AAnnnnoonncceenn

Ahmad Raichouni

JJaahhrreessaabboo

inkl. Versandkosten 22 Euro (Dt.) Ausland zzgl. das jeweilige Porto 5,50 Euro zzgl. Porto

EEiinnzzeellhheefftt

MMiittaarrbbeeiitteerr

Mohamed Askari, Sarah Askari,

ddiieesseerr AAuussggaabbee

André Elbing, Sieglinde Geisel, Svetlana Georgieva, Christin M. Jolibois, Veronika Leichs, Dr. Nazar Mahmood, Eva Havva Marklowski, Anja Alice Nelk, Martina Sabra, Katja Schönke, Barbara Schumacher, Anke Sonneborn, Samia Susann Trabolsi

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Fotos über- nimmt der Verlag keine Haftung. Redaktionelle Bearbeitung be- halten wir uns vor. Die Urheberrechte der Artikel, Fotos und Annoncenentwürfe bleiben beim Verlag. Nachdruck auch einzel- ner Teile bedarf der schriftlichen Genehmigung.

TTiitteellbbiilldd Foto: Ulrike-Zeinab Askari

AAll--MMaaqqaamm heißt laut Brockhaus der „Ort, einer Versammlung, wo Musik und Poesie vorgetragen wurden.“ Die arabische “Tonleiter” wird ebenfalls als Maqam bezeichnet. Ferner ist ein Heiligengrab ein Maqam. In früheren Zeiten konnte das Wort Maqam für eine Gedichtsammlung stehen. Heutzutage verbindet man damit u. a. das hohe Ansehen einer Person.

G G e e s s c c h h i i c c h

GGeesscchhiicchhttee

--

KKeelltteenn,, IIbbeerreerr uunndd PPhhöönniizziieerr,, GGrriieecchheenn,, KKaarrtthhaaggeerr,, RRöömmeerr uunndd WWeessttggootteenn -- ssiiee aallllee hhaabbeenn SSppuurreenn iimm hheeuuttiiggeenn AAnnddaalluussiieenn hhiinntteerrllaasssseenn DDoocchh sseeiinnee ggoollddeennee ZZeeiitt eerrlleebbttee ddaass LLaanndd iimm MMiitttteellaalltteerr mmiitt ddeerr HHeerrrrsscchhaafftt ddeerr AArraabbeerr SSiiee kkaammeenn iimm 88 JJaahhrrhhuunnddeerrtt aauuss NNoorrddaaffrriikkaa uunndd eerroobbeerr-- tteenn ffaasstt ddiiee ggeessaammttee IIbbeerriisscchhee HHaallbbiinnsseell FFaasstt 880000 JJaahhrree

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Hauseingang in Sevilla, Foto: U.A.

MMuussii

- - T T a a n n z z D D a a s

--

TTaannzz

DDaass KKöönniiggrreeiicchh CCóórrddoobbaa 995500 nnaacchh CChhrriissttuuss

Gepflasterte Straßen, die nachts beleuch- tet sind, regelmäßige Straßenreinigung und Müllabfuhr, Krankenhäuser, öffentliche Schulen und Bibliotheken sind für uns Europäer längst eine Selbstverständlich- keit. Nicht so im 10. Jahrhundert nach Christus. Während im christlichen Europa nur etwa 5 % der Bevölkerung lesen und schreiben konnten - nämlich die Kleriker -, war Abd al Rahman III. um 950 bestrebt, allen seinen Untertanen im Königreich Córdoba die Segnungen seiner Kultur zugute kommen zu lassen. So reichten ihm die von seinem Vater übernommenen 80 öffentlichen Schulen, 17 höheren Lehr- anstalten und Hochschulen und 20 öffent- liche Bibliotheken noch immer nicht aus. Kurzer Hand ließ er für Kinder von mittel- losen Eltern weitere 27 Schulen einrichten, an denen der Unterricht völlig unentgelt- lich war.

Die Infrastruktur der Stadt Córdoba um 1.000 nach Christus muss einzigartig gewesen sein und zeugt von der Blüte der Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur im arabischen Andalusien der Zeit. So wissen wir auch, dass die Stadt aus privaten 113.000 Wohnhäusern - die Häuser der Wesire und Beamten nicht mitgerechnet - bestand und 600 Moscheen besaß, 300 Bäder, 50 Krankenhäuser, 80.000 Läden, die die Einwohner mit allen nur erdenk- lichen Waren versorgten. Córdoba war damit zur damaligen Zeit die größte Stadt der Welt. Konstantinopel hatte zur glei- chen Zeit etwa 30.000 Einwohner.

Die Araber haben die Landwirtschaft gründlich revolutioniert. Zwar übernahmen sie das römische Erbe und erhielten alles, was sie für sinnvoll erachteten, brachten das Land aber durch Bewässerungstech- niken mit Brunnen, Hebewerken, riesigen Schöpfrädern von bis zu 30 m Durch- messer, Staubecken und ausgeklügelten Bewässerungssystemen mit Kanälen und Wasserleitungen, Staugräben und Beriese- lungsanlagen zu einer nie gekannten Blüte. Die Araber gaben regelrechte Kurse in Ackerbau, über ihre Methoden im Anbau und der Pflege der neuen Obst- und Gemüsesorten wie Granatapfel, Pfirsich, Mandel-, Aprikosen- und Apfelsinen- bäume, Olive, Banane, Dattelpalme, Me- lone, Spargel, Zuckerrohr und Baumwolle. Es war nicht ungewöhnlich, dass im Jahr drei- bis viermal geerntet wurde. Bald gab es kaum einen Flecken Erde, der nicht bebaut war und die Zahl der Siedlungen rund um Córdoba steigerte sich auf mehrere tausend Dörfer.

LLiitteerraattuurr::

Sigrid Hunke: Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe, Frankfurt a. M., Fischer Sachbuch, 1990

Altstadt von Sevillas, Foto: U.A.
Altstadt von Sevillas, Foto: U.A.

Al Andalus

KKuullttuurr,, TTaannzz uunndd MMuussiikk iinn ddeerr MMaauurreennzzeeiitt

Eva Havva Marklowski

DDeerr aallttee,, kkllaassssiisscchhee aarraabbiisscchh--aannddaalluussiisscchhee TTaannzz hhaatt wweeddeerr iinn sseeiinneenn BBeewweegguunnggeenn,, nnoocchh mmiitt sseeiinneenn KKoossttüümmeenn ggeesscchhwweeiiggee ddeennnn iinn sseeiinneerr MMuussiikk

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DDiiee SSttaaddtt ffiieell 11449922 eennddggüüllttiigg

l l 1 1 4 4 9 9 2 2 e e n n d d

altes Manuskript, ca. 17. Jh.

AAll AAnnaaddaalluuss -- ZZeennttrruumm ddeerr WWeellttkkuullttuurr -- ggeesscchhiicchhttlliicchheerr ÜÜbbeerrbblliicckk

Al Andalus war für nahezu 800 Jahre das arabische Zentrum der Welt- kultur. Der Legende nach heißt es, dass RRooddeerriicchh, der letzte König der Westgoten, sich im Jahre 711 n. Chr. an Florinda, der Witwe seines Vorgängers Witiza vergangen habe. Florindas Vater, Graf Julian von Ceuta, habe daraufhin aus Rache den aus dem Osten kommenden Mus- limen Schiffe zur Überfahrt zur Verfügung gestellt. Der erste Vorstoß

des TTaarriiqq iibbnn MMaalliikk NNaacchhii sei so

erfolgreich gewesen, dass der islami- sche Gouverneur von Tanger mit vier Transportschiffen des Grafen Julian über 7.000 Mann in Gibraltar abge-

setzt habe. Gibraltar - DDsscchheebbeell aall

TTaarriiqq, der Berg des Tariq - habe so seinen Namen erhalten. Roderich wurde geschlagen und die Muslime eroberten Spanien ohne nennenswer-

ten Widerstand. Als einer der Gründe hierfür mag gelten, dass die Ur- bevölkerung Spaniens, die Iberer, zu den Berbern Nordafrikas eine größe- re kulturelle Nähe hatten als zu den römisch-indogermanischen Völkern.

Die Muslime nannten ihr neues isla- misches Land aall AAnnddaalluuss, was mögli-

Historische Personen: Tariq ibn Malik Nachi und Begleiter, Foto: Museum in Gibraltar
Historische Personen: Tariq ibn Malik Nachi und Begleiter, Foto: Museum in Gibraltar
cherweise eine Arabisierung des römi- schen "Spania" war. Wahrscheinlicher ist jedoch die These, Andalusien käme

cherweise eine Arabisierung des römi- schen "Spania" war. Wahrscheinlicher ist jedoch die These, Andalusien käme von Vandalusien und stamme aus der Zeit der Völkerwanderung der Van- dalen. Eine weitere Begriffsinter- pretation leitet sich vom gotischen "Landahlauts" ab, was soviel wie "landlos" bedeutet und auf die west- gotischen Eroberer hinweist, die in ihrer Heimat landlos waren.

SScchhmmeellzzttiieeggeell ddeerr RReelliiggiioonneenn uunndd KKuullttuurreenn

Die Muslime hatten von Anfang an eine große Akzeptanz bei der einhei- mischen Bevölkerung und so konnte sich im Laufe der folgenden Jahr-

hunderte

einem

Schmelztiegel der Kulturen entwik- keln. Bei den Juden wurde das bibli- sche SSeepphhaarraadd bereits in alter Zeit mit Spanien gleichgesetzt und die Epoche ihrer Geschichte im Land Sepharad gilt als das goldene Zeitalter. Unter der Herrschaft der Mauren konnten sie frei von Ver- folgung und gesellschaftlichem Druck ihrer Religion und ihren Lebens- gewohnheiten nachgehen. Ebenso gut erging es den Christen. Die damals in Al Andalus lebenden Menschen teilte man in sechs Be- völkerungsgruppen ein. Die Araber in Spanien gliederte man in die im

AAll

AAnnddaalluuss

zu

Lande geborenen und die Syrer. Die aus Afrika herüber gekommenen Berber siedelten hauptsächlich im Süden des Landes als Bauern. Die vierte Gruppe der Bevölkerung bilde- ten die einheimischen Konvertiten zum Islam. Die fünfte Schicht waren

die MMuussttaa''rriibbuunn, die MMoozzaarraabbeerr,

die arabisierten Christen, die Ro- manisch und Arabisch sprachen. Die letzte Bevölkerungsgruppe stellten die Juden.

Nach der islamischen Eroberung war zunächst Sevilla die Residenz, doch bereits wenige Jahre später wechselte die Regierung nach Córdoba. Unter

AAbbdd aall RRaahhmmaann IIII

(822 - 852)

wurde CCóórrddoobbaa (arab. Qurtuba) zur prunkvollen Hauptstadt ausgebaut. Es erhielt einen großen Palast und eine Hallenmoschee nach syrischem Vor-

bild. Auch die Hofhaltung Córdobas ahmte syrisch-omajadische Traditio- nen nach, ohne deshalb die von den AAbbbbaassiiddeenn eingeführten persischen Sitten abzulehnen. Die Abbasiden (750 - 1258) hatten zwischenzeitlich die Herrschaft in Bagdad übernom- men und die Hauptstadt des Kali- fenreiches zum Mittelpunkt der isla- mischen Musikkultur gemacht. Unter

HHaarruunn aall RRaasshhiidd (786 - 809) erleb-

te die Musikpflege in Bagdad ihren Höhepunkt. Dabei kam es auch zu Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des neuen persischen

Stiles IIbbrraahhiimm iibbnn aall MMaahhddii und des

alten

arabisch-hedschasenischen

Stiles IIsshhaaqq aall MMaauussiillii. In der Folge

gingen durch die rein mündlichen Überlieferungen viele alte Musik- traditionen verloren, zumal einer der nachfolgenden Kalifen, aall MMaa''mmuunn, als Sohn einer Perserin dem Ara- bertum nicht sonderlich zugeneigt war.

AArraabbiisscchhee SSeeggeennsssspprrüücchhee ffüürr kkaatthhoolliisscchhee KKiirrcchheenn

Seit in Südeuropa Muslime, Juden und Christen aufeinander trafen, zeigte sich die kulturelle Überlegen- heit der Muslime über die Christen westlich der byzantinischen Grenzen. Deutsche und angelsächsische Könige prägten Münzen nach dem Vorbild der arabischen Dinare. Europas Adel und sein Bürgertum trug orientalische

Bildausschnitt einer Wand im Palast des Reales Alcazares in Sevilla, Foto: U.A.
Bildausschnitt einer Wand im Palast des Reales Alcazares in Sevilla, Foto: U.A.

Seiden und Baumwollstoffe, impor- tierte orientalische Teppiche und setzte kopierte arabische Segens- sprüche auf die Wände ihrer Kirchen. Normannische Könige und deutsche Kaiser trugen bis 1806 mit arabischen Texten bestickte Prunkkleider. Ara- bisch wurde die Sprache der Ge- bildeten und zur Hauptliteratur- sprache. Christen wie Juden sprachen sie, so dass kirchliche Anweisungen ins Arabische übersetzt werden mus- sten, um im Süden verstanden zu werden. Die Mozaraber und die füh- renden Gelehrten der Juden wie zum

Beispiel MMaaiimmoonniiddeess schrieben in

der Sprache des Propheten Mohammed. Die Araber verfassten zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert etwa 260 Werke über Musik. In Europa dage- gen gab es nichts zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert. Es ist nicht ein einziges byzantinisches Werk zwi- schen dem 4. und 10. Jahrhundert nachzuweisen. Zahllose Werke der Medizin, Mathematik, Philosophie, Literatur und Theologie wurden aus dem Arabischen ins Lateinische, Hebräische und Kastilische übertra- gen und waren die Quelle geistiger Befruchtung für Europa. Jahrhunderte lang unterrichteten Europas Univer- sitäten nach in Spanien übersetzten Lehrbüchern der Medizin. 1 Bei die-

Friedrich II. mit seinem Falken

der Medizin. 1 Bei die- Friedrich II. mit seinem Falken sem Sachverhalt ist die Bemerkung über

sem Sachverhalt ist die Bemerkung über eine damalige Form der Urheber- rechtsverletzung des IIbbnn ''AAbbdduunn nicht verwunderlich, dass "wissen- schaftliche Bücher nicht an Juden und Christen verkauft werden sollten, da diese sie übersetzen und als ihr gei- stiges Eigentum ausgeben." 2

Der starke maurische Einfluss ist heute noch in Andalusien zu spüren und zu besichtigen: Neben der Alhambra, der Festung in Granada, ist in Córdoba vor allem die berühm- te vielsäulige Moschee zu bewundern,

allem die berühm- te vielsäulige Moschee zu bewundern, antikes Tintenfass, ca. 15. Jah. d i e

antikes Tintenfass, ca. 15. Jah.

die nach der RReeccoonnqquuiissttaa in eine

Kirche umgewandelt wurde. In abgele- genen Bergdörfern kann man sogar noch auf alte Berbertänze treffen, die überlebt haben. Einst war auch Sizilien eine Hochburg der Toleranz zwischen Christen, Juden und Muslimen, gleichzeitig ein Hort der Künste und der Wissen- schaften. Hier herrschte im Mittel-

alter FFrriieeddrriicchh IIII

,

gest. 1250, be-

kannt für seine Liebe und Bewun- derung allem Arabischen gegenüber. Unter anderem hatte er auch "saraze- nische Ballerinas und Sängerinnen" an seinem Hof beschäftigt. Er selbst verfasste ein Buch über die Falknerei auf Arabisch. Nach seinem Tod wurde er von seinen muslimischen Truppen zu Fuß bis nach Tarent (Süditalien) gebracht, sein Leichnam war in ein weißes, mit goldener arabischer Schrift besticktes Tuch gehüllt.*

* nach muslimische Ritus, Anm. d. Red.

Nach dem Untergang des Kalifats der spanischen Omajaden verlor der maghrebinische Islam in zahlreichen Kämpfen mehr und mehr an Boden. Sizilien und die Balearen wurden von den Christen zurückerobert, das mus- limische Reich in Spanien schrumpfte zusehends, bis schließlich nur noch das Emirat Granada als Vasallenstaat bis 1492 bestehen blieb.

DDaass EEnnddee GGrraannaaddaass -- BBüücchheerrvveerrbbrreennnnuunnggeenn uunndd ZZwwaannggssttaauuffeenn

Das Ende Granadas kam, als sich die christlichen Königreiche Kastilien und Aragon 1479 durch die Heirat von Ferdinand und Isabella vereinigten. Der Erzbischof von Toledo ließ nicht nur die theologischen Werke des Islam verbrennen. In Córdoba fielen 80.000 Bände wissenschaftlicher Arbeiten über Medizin, Astronomie, Mathematik, Musik und Philosophie den Flammen des Fanatismus zum Opfer.

Wer nicht konvertierte, wurde getötet oder musste ins Exil. Oft wurden die Menschen auch noch ihres Hab und Guts beraubt, indem man all ihren Besitz beschlagnahmte. Das galt für Juden genauso wie für Muslime. Doch auch die als unzuverlässig geltenden Christen, die Mozaraber, waren der Inquisition der Reconquista ausge-

setzt. Verdächtig machte sich bereits, wer mit Olivenöl kochte, da sowohl Muslimen als auch Juden die Verwendung von Schweinefett unter- sagt war. 3 Mehr als eine halbe Million Menschen verließ Andalusien und wanderte nach Nordafrika oder bis nach Griechenland aus. Mit den anti- islamischen Gesetzen von 1566 war die islamische Periode in Spanien endgültig vorbei.

weiter auf S. 12

DDiiee mmaauurriisscchheenn DDyynnaassttiieenn ((771111 -- 11449922 nn CChhrr )) Kerstin Eva Dreher Die mehr als
DDiiee mmaauurriisscchheenn DDyynnaassttiieenn ((771111 -- 11449922 nn CChhrr ))
Kerstin Eva Dreher
Die mehr als 700 Jahre andauernde Maurenherrschaft in Andalusien hatte auch ihre chaotischen Seiten, denn die ein-
zelnen Dynastien rivalisierten miteinander. Immer wieder kamen neue Invasoren aus Nordafrika, um die regierenden
Machthaber abzulösen. Historiker teilen die Maurenherrschaft in sechs größere Zeitabschnitte ein:
DDiiee ZZeeiitt ddeerr oommaaiijjaaddiisscchheenn GGoouuvveerrnneeuurree ((771111 -- 775566))
Damals stand das Land unter direkter Herrschaft der Omaijaden. Die Omaijaden waren eine Kalifen-Dynastie, die von
661 - 750 in Damaskus (Syrien) herrschte. Verwaltungssitz war Córdoba. Aus dieser ersten arabischen Zeit sind nur
noch Münzen und ein paar Scherben von Töpferwaren erhalten.
DDaass EEmmiirraatt ddeerr OOmmaaiijjaaddeenn ((775566 -- 992299))
Nachdem das Kalifat in Damaskus gestürzt wurde und das Geschlecht der Omaijaden fast gänzlich ausgerottet war,
gelang es einem jungen überlebenden Spross sich nach Spanien durchzuschlagen und seine Herrschaft in Córdoba
weiterzuführen. Sein Name war Abd al Rahman. Er begann mit dem Bau der Großen Moschee. In seiner Regierungszeit
wurde die andalusisch-arabische Kultur begründet.
DDaass KKaalliiffaatt ddeerr OOmmaaiijjaaddeenn ((992299 -- 11003311))
Abd al Rahman III. erklärte sich 929 selbst zum Kalifen. Unter seiner Herrschaft und der seiner Nachfolger entwickelte
sich al Andalus mit seiner Hauptstadt Córdoba zum Zentrum der islamischen Welt. Der Ausbau der Großen Moschee
und die Palaststadt Medina al-Zahara waren die äußeren Zeichen dieses Reichtums.
DDiiee ZZeeiitt ddeerr TTaaiiffaass ((11003311 -- 11008866))
Das Kalifat von Córdoba zerbrach unter dem Bürgerkrieg zwischen 1010 und 1013. In den verschiedenen Provinzen von
al Andalus erhoben mehrere Familien - die so genannten Taifas - den Machtanspruch und konkurrierten. Politisch war
das Omaijaden-Kalifat zerfallen und auch die Taifas, also die muslimischen Kleinkönigreiche, waren dagegen machtlos.
Dieses Machtvakuum machte es der Reconquista - der christlichen Rückeroberung - leicht, an Boden zu gewinnen.
DDiiee ZZeeiitt ddeerr AAllmmoorraavviiddeenn uunndd AAllmmoohhaaddeenn ((11008888 -- 11223322))
Nach der Niederlage der moslemischen Truppen gegen die Christen bei Toledo (1085) kamen die Almoraviden aus
Nordafrika ihren Glaubensbrüdern zur Hilfe. Ihnen folgten die Almohaden, die aus dem südlichen Maghreb stammten.
Ihre Hauptstadt blieb zunächst Marrakesch in Marokko, später übernahm Sevilla diese Rolle. Eindrucksvolles Dokument
dieser Epoche ist die Giralda, der Glockenturm der Kathedrale von Sevilla.
DDaass KKöönniiggrreeiicchh ddeerr NNaassrriiddeenn ((11223388--11449922))
Im Schatten des bevorstehenden Untergangs lief die maurische Kultur in Granada unter der Herrschaft der Nasriden -
der letzten maurischen Dynastie in Andalusien - noch einmal zur Hochform auf. Ihr schönstes Denkmal ist die
Alhambra, bis heute der größte Publikumsmagnet Andalusiens. Doch die Nasriden standen während ihrer gesamten
Herrschaft unter großem politischen Druck aus den nördlichen, mittlerweile von den Christen zurückeroberten Ländern
der iberischen Halbinsel. Mit der Heirat der katholischen Könige Isabella und Ferdinand waren schließlich auch ihre
Königreiche Kastilien und Aragon vereinigt. Die christliche Übermacht war zu groß, und der letzte nasridische
Herrscher, König Boabdil, gab schließlich auf.
im Reales Alcazares in Sevilla, Foto: U.A.
im Reales Alcazares in Sevilla, Foto: U.A.

KKuunnsstt uunndd KKuullttuurr,, EErroottiikk uunndd SSiinnnneessffrreeuuddeenn iinn ddeenn PPaalläässtteenn

Die Erotik, das Körperbewusstsein und die Genussfreude in Al Andalus waren eng an das Frauenbild des frü- hen Islam gebunden. Erst unter dem Einfluss Persiens entstand jene isla- mische Gesellschaft, welche die Frauen im Harem hielt und ihnen in der Öffentlichkeit das Tragen von Schleiern auferlegte. Jedoch war das Verhältnis der Männer zu den Frauen ambivalent: Je höher die Stilisierung der Frau zum Göttlichen und Reinen auf der einen Seite wurde, desto mehr hatte die Prostitution auf der anderen ihre Blütezeit.

Trotzdem wurden Sklavinnen häufig Konkubinen, die es auch zu gesell- schaftlichem Ansehen brachten. Eine Stufe höher standen die Musik-, Tanz- und Gesangssklavinnen, die oft mit viel Aufwand in den Künsten aus- gebildet waren und dank ihrer Bildung als Kurtisanen bei Hofe oder in Adelskreisen außerordentlich be- gehrt waren. Ihnen wurde nicht nur in Bezug auf ihre Liebesverhältnisse viel Freiheit gelassen. AAll BBaahhaa z. B. gab sogar einer Moschee im Vorort von aall RRuussaaffaa ihren Namen, andere wie

legten auf eigene

MMuu''aammmmaarraa

Kosten einen Friedhof an und waren

für ihre Nächstenliebe bekannt. Manche Emire bauten für ihre Lieb- lingskonkubinen eigene Paläste oder benannten Stadtviertel nach ihnen. Hat- ten sie das Glück, dem Emir einen Sohn zu gebären, dann war ihr Recht auf Freiheit nach seinem Tode gesichert.

MMaannddrraaggoorraa uunndd BBeellllaaddoonnnnaa

Bei der hohen sozialen Bedeutung der Erotik in Al Andalus waren natür- lich auch Aphrodisiaka weit verbrei- tet. Angefangen vom offiziell verbote- nen Wein über die geheimnisvolle MMaannddrraaggoorraa (Alraune), die Tollkir- sche oder Belladonna, dem besonders im maurischen Spanien weit verbreiteten Stechapfel bis zur Muskatnuss und zum Haschisch war alles eine Frage der Dosis, ob es sti- mulierend, einschläfernd oder toxisch wirkte. 4 Die Geschichten von den maurisch- andalusischen Trinkgelagen erinnern gelegentlich an die Bacchusfeste der Römer.

"Al Kattanis Tänzerinnen könnten ebenso gut Bacchantinnen gewesen sein". 5

CChhrriissttlliicchhee PPrrüüddeerriiee

Sinnlicher Genuss, d. h. Genuss mit allen Sinnen, umfasste natürlich nicht

nur Musik und Tanz sondern ebenso Speisen und Getränke, Wohlgerüche und damit verbunden eine ausgepräg- te Bade- und Reinlichkeitskultur. Als zehn Jahre vor der Eroberung Gra- nadas der Badeort AAllhhaammaa (von ara- bisch "Al Hamam" - die "heiße Quelle") einem christlichen Überra- schungsangriff zum Opfer fiel, waren die Mauren von diesem Frontalangriff auf ihre Kultur schwer getroffen. Das Gelübde der katholischen Königin Isabella, bis zur Eroberung Granadas ihr Hemd nicht mehr zu wechseln, bezeugt die konträre, christlich- prüde Einstellung zur Körperlichkeit,

"die Schmutz nunmehr als Vorstufe zur Heiligkeit erhob". 6

MMuussiikk uunndd TTaannzz

Während der Regierungszeit AAbbdd aall RRaahhmmaannss kam der berühmte Sänger und Musiker ZZiirryyaabb an den Hof nach Córdoba und soll dort die persische Musik und die persische Hofmode in Spanien eingeführt haben. AAbbuu

ll''HHaassaann iibbnn NNaaffii, der wegen seiner

dunklen Hautfarbe Ziryab genannt wurde, war in Mesopotamien geboren und vom Kalifen aall MMaahhddii freigelas- sen worden. Als Schüler des berühm-

ten IIsshhaaqq aall MMaauussiillii, der unter HHaarruunn aall RRaasshhiidd wirkte, machte er

sich am Hof in Bagdad schnell einen Namen. Nach Unstimmigkeiten am Hof verließ er Bagdad und kam 822 nach Al Andalus, wo er bis zu seinem Tode 857 blieb. 7

Da AAbbdd aall RRaahhmmaann sich in der

Hofhaltung auch sonst am Beispiel Bagdads orientierte, das tradtions- gemäß Sängerinnen aus Mittelasien und Chorasan bevorzugte, kann man den persisch-zentralasiatischen Ur- sprung des klassischen arabisch- andalusischen Hoftanzes als gesichert betrachten. Die sich in Syrien und Ägypten erhaltenen Überlieferungen von Bewegungen und Kostümen spre- chen ebenfalls für diese Annahme.

MMuuwwaasshhaahhaatt uunndd ZZaajjaall

Der Sänger und Musiker ZZiirryyaabb wurde außerdem dafür bekannt, dass er eine fünfte Saite auf der Laute ((aall OOuudd)) anbringen ließ, eine eigene Musikschule gründete und jene Musik prägte, die noch heute in Nordafrika als andalusische Musik ausgeübt wird. Sie hat auch die Volkskunst Spaniens stark beeinflusst. Zum Ende des 9. Jahrhunderts entstand in QQaabbrraa (bei Córdoba) eine spanisch- islamische Sonderform der Lied- dichtung, die MMuuwwaasshhaahh. Sie fügte an arabische oder hebräische Lieder kurze romanische Schlussverse an.

Der blinde Poet MMuuqqqqaaddaamm

iibbnn

P o e t M M u u q q q q a a d d

Wasserschöpfräder in Hama, Syrien, Foto: www.wikipedia.org

MMuu''aaffa