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EXPERIMENTELLE TYPOGRAFIE

01
EINLEITUNG

EXPERIMENTELLE TYPOGRAFIE
Dieses Heft ist die Zusammenfassung des
Workshops »Experimentelle Typografie« an
der Hochschule Flensburg im Sommersemes-
ter 2017. Es umfasst sowohl die inhaltliche,
als auch die experimentelle, praktische Aus-
einandersetzung mit dem Thema Typografie.
Niels-Jonas Simons

2
01 Einleitung

02 Die Entwicklung der Schrift

03 Experiment: Kalligrafie-Alphabet

04 Anatomie der Schrift

05 Experiment: Kalligrafie-Handsatz

06 Museum der Arbeit

07 Experiment: Rubber Stamp

08 Deutsche und moderne Schriftengestalter

09 Plakatkunst und Soziales Engagement

10 Typografische Intervention

11 Experiment: Typoprotest

12 Experiment: Schriftwahl

13 Schriftarten, -familien und Schriftschnitte

14 Schriften erkennen

15 3D-Typografie

16 Experiment: Typogarten

17 Buchgestaltung und Seitenlayout

18 Lesetypografie

19 Ende: Impressum und Quellennachweis

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02
DIE ENTWICKLUNG DER SCHRIFT

Abb. 2.1: jungpaläolitische Höhlenmalerei mit Handnegativ aus der Höhle von Pech Merle

Abb. 2.2: Griechisches Alphabet

AM ANFANG WAR DAS BILD


Alle Entwicklungsreihen der Schrift beginnen mit Bilderschriften. Bildwerke, Zählzeichen und
Symbole lassen sich bis in die Altsteinzeit zurückdatieren (Abb. 2.1). Eine Vielzahl natürlicher
Materialien (Stein, Knochen, Holz, Leder, Blätter, Ton, Wachs, Holz, Metall, Stoff, Papyrus,
Pergament, Papier, …) dienen den Menschen dabei als Trägermaterial und »Schreibwerkzeug«.
Um 3000 v. Chr. | Die ersten Schreiber verschiedener Völker entwickeln ihre eigenen Schrift-
zeichen. Vorrangig werden diese Schriftzeichen für wirtschaftliche Zwecke genutzt.
Es entstehen erste Schriftsätze mit Bilderzeichen, denen jeweils ein Begriff zugeordnet wird.
Sie zeigten Logogramme (Wortzeichen) bzw. Ideogramme (Begriffszeichen). Diese Symbole
geben vorwiegend oder fast ausschließlich die inhaltliche (semantische) Bedeutung wieder.
Die phonetische Ebene, also den Klang der Worte, wird damit jedoch noch nicht abgebildet.
Durch schnelles Schreiben entwickeln sich erste vereinfachte und abstrakte Zeichen, die sich
durch Hand und Geist der unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Schriften
entwickeln.
- Babylonische Keilschrift
- Ägyptische Hieroglyphen
- Chinesische Pinselschrift
- Griechische Kapitalschrift
1500 v. Chr. | Die Phönizier entwickeln, inspiriert vom ägyptischen Schriftsystems, eine Laut-
zeichenreihe mit 28 Konsonanten. Vokale sind noch nicht enthalten. Sie werden nur mitgespro-
chen
800 v. Chr. | Die Griechen ergänzen dieses Schriftsystem mit Vokalen (Abb. 2.2). Die Ziffern
des griechischen Alphabets basieren auf einfachen geometrischen Grundformen und weisen
ausschließlich Versalien auf. Die Entwicklung von Schriftzeichen auf einem hinterlegten Raster,
wie ein Skelet, gab eine entscheidende Wende in der Schriftentwicklung vor.
700 v. Chr. | Die Römer erweitern das griechische Alphabet durch die Lautzeichen der lateini-
schen Sprache und schaffen das lateinische ABC – das Capitalis Monumentalis, der Grundstein
unseres heutigen Alphabets.

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Abb. 2.9: Schlüssel-Buchstaben zur Differenziertung: Block-Antiqua; Breitfeder-Antiqua; Rustika-Schrift;
Abb. 2.3: Kalligraf der Antike vorbereitend Abb. 2.4: Die Capitalis Monumentalis Mediäval-Schrift; Unziale; Gotische Texturschrift; Gotische Missalschrift; Schwabacher Schrift;
Deutsche Frakturschrift

Abb. 2.5: Capitalis Rustica Abb. 2.6: Uncialis Abb. 2.7: Carolina Abb. 2.8: 42-zeilige Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455.

IN DER WESTLICHEN WELT MITTELALTER


500 v. Chr. | Capitalis Monumentalis: Der Lapis Niger (»schwarzer Stein«), ältestes Zeugnis 12. Jhd. | Die Lesbarkeit rückt durch den Einfluss des gotischen Stils wieder in den Hinter-
der römischen Schrift, ist eine Ansammlung von Marmorplatten auf dem Forum Romanum, grund. Rundungen verschwinden und lange Senkrechten werden eingeführt. Buchstaben
dem ältesten römischen Forum. Unter ihr wurde ein Stelen-Sockel entdeckt, auf dessen werden schmaler. Die Schriftkunst wandelt sich zu einer wahren Bildkunst.
vier Seitenflächen die ältesten erhaltenen lateinischen Steininschriften zu finden sind. Die
1452 | Die Erfindung der bewegten Lettern von Gutenberg (Abb. 2.8) ist der Weg zu einer
Inschrift enthält das vollständige Alphabet (Ausnahme der Buchstabe B).
neuen Epoche, die den Zugang zu Wissen und Bildung revolutioniert. Zwei der bekanntesten
Das daraus abgeleitete lateinische Alphabet besteht vollständig aus Majuskeln. Quadrat, Schriftfamilien gehen daraus hervor. Die Antiquaschriften verbinden die Minuskeln der Caro-
Kreis und Dreieck bilden die Grundformen der Typometrie. Die Capitalis Monumentalis zählt lina und die römischen Majuskeln zu einer Schriftgattung mit Klein- und Großbuchstaben. Die
mit ihren feinen Serifen als Vorbild aller Antiqua-Schriften. Frakturschriften zeigen den gotischen Stil mit gebrochenen Schriftzeichen. (Abb. 2.9)
100 | Römische Schriftkunst: Das Trajanische Alphabet wird als das schönste Beispiel rö- Um 1457 | Aus der Renaissance gehen viele Schriften hervor, die in den Grundzügen noch
mischer Schriftkunst bezeichnet. Die Ziffern der Capitalis Monumentalis wurden mit einem heute bestehen. Neben der Renaissance Antiqua (1475) und der Renaissance-Kursiv (1500) wird
Flachpinsel auf eine Mamortafel vorgezeichnet und anschließend eingemeißelt (Abb. 2.3). die sogenannte Humanistische Handschrift geschaffen. Billiges Papier findet seine Verwendung
Die Tafel befindet sich auf dem Sockel der Trajanssäule in Rom. als Schreibgrund. Die Schreibgeräte, Rohrfeder und Gänsekiel, werden bereits teilweise von der
Metallfeder abgelöst.
Auch heute gibt es noch Schriften, die sich direkt auf die ursprüngliche Inschrift der
Trajansäulen beziehen und ausschließlich Versal-buchstaben aufweisen. Zum Beispiel die 1499 | Garamond: Einer der namhaftesten Schriftkünstler dieser Zeiten ist Claude Garamond
»Trajan«, entworfen 1989 von Carol Twombly, die sich direkt auf dieses antike Vermächtnis (1480–1561). Er entwarf mit der Renaissance Antiqua, ausgestattet mit feinen Serifen und
der Capitalis Monumentalis bezieht. einem leichten und schwungvollen Schriftbild, eine sehr beliebte und immer noch häufig ver-
wendete Schrift.
Aus der Capitalis Monumentalis (Abb. 2.4) entwickelten sich zwei handschriftliche Varian-
ten: Die Capitalis Quadrata, in Verwendung als Pergamentschrift und aufgrund der Außen- Die jeweilig praktizierte Schreib- oder Drucktechnik ist ebenso wie das Trägermaterial bestim-
form der Lettern als Römische Quadratschrift bekannt sowie die Capitalis Rusitca, Schnell- mend für die Ästhetik eines Schreibstils bzw. einer Schriftart. Der Einzug des billigen Papiers
schreibvariante der Quadrata (Abb. 2.5). Durch die Eroberungsfeldzüge der Römer, werden ermöglicht einen alltäglichen Umgang mit Schrift und etabliert das schnelle handschriftliche
diese beiden Varianten stark verbreitet. Schreiben. Die Schreibgeräte, Rohrfeder (15. Jhr.) und Gänsekiel (17. Jhr.), werden bis zum 19.
Jhr. schrittweise von der Metallfeder abgelöst.
300 | Erste Schrift mit runden Formen: Der Einzug glatten Pergaments und handlichem
Federkiel als Schreibutensilien verändertet auch die Schreibtechnik. Es entwickelt sich die Vor der Erfindung der Typographie dienten diverse spitze Ritzwerkzeuge, Meißel, Holzgriffel,
Uncialis (Abb. 2.6), eine Schrift aus Versalien mit vielen Rundbögen. Entwicklungsstränge Rohrpflanzen, Federkiele von Vögeln sowie metallene Griffel und Federn als Schreibinstrumen-
dieser Schrift weisen erste Ober- und Unterlängen auf. Sie gilt als Schrift der christlichen te (siehe auch Kalligraphie).
Tradition.
Mit der Erfindung der Typographie kamen aus Metallen hergestellte Stahlstäbchen, Stichel zum
Ab 800 | Schreibschrift: Im Zuge einer Schreibreform, initiiert durch Karl dem Großen, Gravieren und Stechen (Hoch- und Tiefdruck), sowie Pinsel, Stifte, Lineale und Zirkel (Litho-
entsteht auf der Basis der Unicalis, die Schrift Carolina (Abb. 2.7). Sie soll dem schnellen graphie) hinzu.
Schreiben dienen und wird verbindlich eingeführt.
Die Carolina zeigt, wie sich Schrift in ihrer Funktionalität und vorrangig der Lesbarkeit zum
Positiven verändern kann. Die Einführung der Wortabtrennungen etabliert sich und stellt
einen Meilenstein in der Schriftentwicklung da, die in der Unicalis angedeuteten Ober- und
Unterlängen werden betont und Buchstaben untereinander verbunden. Minuskeln werden
eingesetzt, die Versalien finden als Auszeichnung weiter Verwendung.

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03
EXPERIMENT KALLIGRAFIE-ALPHABET

KALLIGRAFIE-ALPHABET
Die erste Aufgabe war es, ein Alphabet
der Antiqua in Versalien (Großbuchstaben)
und Minuskeln (Kleinbuchstaben) mit einer
Bandzugfeder auf jeweils A3 zu inszenie-
ren. Die Antiqua ist im allgemeinen Sinne
eine Schriftgattung, zu der alle rundbogigen
Druckschriften gehören.
Zunächst wurde mit dem Bleistift geübt.
Hierzu diente eine Vorlage des Alphabets.
Dann wurden die einzelnen Buchstaben
mit einer 2,5 mm dicken Bandzugfeder und
Scriptol-Farbe auf das A3 Blatt aufgetragen.
Um die Schwünge des Antiqua-Alphabets
möglichst genau hinzubekommen, bedarf es
mehrer Testläufe.
Als Linkshänder musste ich leider mehre-
re Versuche starten, da die Feder nicht wie
erhofft mitgeschwungen ist, und die Farbe des
Öfteren verwischte. Insgesamt war es jedoch
spannend, mal mit dieser Feder zu schrei-
ben, auch wenn ich beim nächsten Brief auf
ein anderes Schreibwerkzeug zurückgreifen
werde.

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(Schrift-)Zeichen | Buchstaben in ihrer eigenen Schattenachse | auch Neigungsachse. Ist eine

04 Form
Glyphe | Darstellung eines Zeichens in einer
Schriftart
gedachte Linie, welche für die Schriftklassifika-
tion ein wichtiges Merkmal darstellt. Jene Linie
der Glyphe, die bei Rundungen die Stellen mit
der geringsten Strichstärke verbindet.
Majuskel | Großbuchstabe, auch Versalie ge-
Auf- und Abstrich | diagonale Linien einer
nannt.
Letter. Werden je nach ihrer Richtung Auf- oder
Minuskel | Kleinbuchstabe, auch als Gemeine Abstrich genannt.
bezeichnet.
Scheitel | Wendepunkte beim Wechsel von auf-
Typometrie | Liniensystem zur Beschreibung von nach abwärts.
Gesetzmäßigkeiten und Größenverhältnissen von
ANATOMIE DER SCHRIFT

Bauch | runde Linien, welche Buchstabeninnen-


Schrift.
räume umschließen.
Mittellänge | auch x-Höhe, bezeichnet in der
Taille | Einbuchtung zwischen Bögen, wie sie
Typometrie die von der Grundlinie (auch Schrift-
charakteristisch beim Großbuchstaben B entsteht.
linie) aus gemessene, reguläre Höhe der Klein-
buchstaben einer Schrift, die keine Oberlänge Schulter | obere Rundungen des m, n, a, h.
besitzen, wie beispielsweise beim x.
Beine | kurze Abstriche an K, k, R.
Oberlänge | Teil der Kleinbuchstaben, der die
Schleife | auch Schlinge, bezeichnet die Unter-
Mittellinie nach oben überschreitet. Ermöglicht
länge der Minuskel g. Ihre Form ist ein wichtiges
es, Klein- und Großbuchstaben auf einer Höhe
Indiz zur Unterscheidung und Erkennung einzel-
erscheinen zu lassen. Beispiele hierfür sind d und
ner Schriftarten.
k.
Steg | Verbindende Linie zwischen Schlinge und
Unterlänge | bezeichnet Teile der Kleinbuchsta-
Grundlinie der Minuskel.
ben, welche die Grundlinie nach unten über-
schreiten. Zu sehen bei g, j, p, q und y.Sollte Punze | Buchstabeninnenfläche. Ist Ruhepunkt
idealerweise nicht kürzer als die Oberlänge sein. für das Auge und ein wichtiges Element der
Lesbarkeit. Als optimale Punzenbreite gilt die
Versalhöhe | Höhe der Großbuchstaben [Ma-
Minuskel n.
juskeln]. Die Oberlänge ragt dabei meist etwas
über die Versalhöhe hinaus: optischen Trick um Geschlossene Punze | auch Auge, beschreibt eine
gerade und gekrümmte Buchstaben gleich hoch geschlossene Innenfläche eines Buchstaben.
erscheinen zu lassen.
Offene Punze | beschreibt eine einseitig offene
Akzenthöhe | vertikaler Abstand des oberen Innenflächen.
Scheitelpunktes von Großbuchstaben mit Akzent
Serifen | Linien, welche einen Buchstabenstrich
(z.B. Ê) zur Grundlinie.
als Ausläufer am Ende quer zu seinem Rich-
Schriftbildhöhe | größte vertikale Ausdehnung tungsverlauf abschließen. Variieren in Größe,
einer Schrift. Wird meist als hp-Höhe angegeben, Linienstärke und Rundung.
also der Summe aus Ober-, Mittel- und Unterlän-
Kehlung | oder Serifenrundung. Die abgerundete
ge bzw. aus Ober- und Unterlänge. Gegebenen-
Ecke zwischen dem angrenzenden Strich und der
falls werden auch Versal- oder Akzenthöhe und
Serife.
Unterlänge addiert.
Abstrich | verjüngtes Strichende. Im Allgemei-
Kegelhöhe | Begriff aus der Bleisatzzeit. Bezeich-
nen verbunden mit einer leichten Drehung.
net die Höhe der Bleikegel, die die Buchstaben
einer Schriftart tragen. Da der Kegel etwas höher Anstrich | verjüngter Strichansatz.
ist als der Buchstabe, ist die Kegelhöhe etwas Tropfen | auch Kugelende. Punktförmige Ver-
größer als die Summe aus Ober-, Mittel- und dickung an einem Linienabschluss. Bildet sich
Unterlänge. häufig im Bogen des r, f, j.
Grundlinie | Ausgangsbasis, horizontale Grund- Ohr | Tropfen als dekoratives Mittel. Häufig zu
linie oder Schriftlinie, auf der sich alle Buchsta- finden bei der Minuskel g.
ben aufreihen. Von ihr aus werden alle weiteren
Linien bestimmt. Endstrich | Ende der Linie bei Buchstaben ohne
Serifen.
Unterlinie | auch p-Linie. Erfasst den Bereich,
den die Unterlänge von der Grundlinie ausge- Ligatur | Verschmelzung von zwei oder gelegent-
hend einnimmt. lich drei Buchstaben zu einer Buchstabenver-
bindung und eigenständigem Zeichen, wo sonst
Mittellinie | auch x-Linie. Ist von der Grundlinie Buchstaben zum Beispiel an ihren Oberlängen
um die Mittellänge nach oben versetzt. In diesem zusammenstoßen würden.
Bereich befinden sich die Kleinbuchstaben ohne
Über- und Unterlänge, wie zum Beispiel x, a, o, Schriftgrad | Schriftgröße in Punkt.
u. Punkt | DTP-Punkt (pt) entstammt dem ameri-
Oberlinie | auch k-Linie. Überlängen der Klein- kanischen System des pica-point aus dem 19.
buchstaben befinden sich in diesem Bereich. Da Jahrhundert. 1pt entspricht ungefähr 0,352 mm.
die Überlängen in der Regel höher sind als die Versalziffern | Ziffern, welche der Höhe von
Versalhöhe, ist diese Linie nicht identisch mit Versalien entsprechen.
der Versalhöhe oder H-Linie, sondern liegt etwas
höher. Mediävalziffern | auch Old-Style-Figures. Passen
durch Ober- und Unterlängen zu den Kleinbuch-
Stamm | wichtigster Strich eines Buchstaben. staben.
Baut die Form des Buchstabens auf.
Querstrich | Durchkreuzt einen senkrecht nach
unten führenden Strich.
Haarstrich | dünnste Linie einer Letter.

8
DETAILS MACHEN DEN UNTERSCHIED
Wie erlangen Schriftarten ihren individuellen Charakter? Wer diese Frage beantworten möchte, muss in den meisten Fällen ganz genau hinsehen. In der Typografie machen Details den feinen
Unterschied. Sie entscheiden zwischen schlechter und guter Typografie.
Der Begriff der Detailtypografie oder Mikrotypografie hat sich für diesen Informationszeig etabliert. Um ein geübtes Auge für Detailtypografie und Schriftcharaktere entwickeln zu können hilft
es, zu wissen, wonach man Ausschau halten soll. Bestimmte Bestandteile verschiedener Zeichen geben Aufschluss über mögliche Einsatzgebiete, funktionale Vorzüge und den Charakter der
Schrift. Zu wissen, wie diese Bestandteile heißen und das Vokabular der Anatomie der Buchstaben zu kennen, ermöglicht fachlichen Austausch zwischen und mit Gestaltern und Typografen.

Anatomie 1 Anatomie 2

Anatomie 3 Anatomie 4

Akzenthöhe Kegelhöhe Mittellänge Schriftbild-Höhe

Grundlinie Ligaturen Oberlänge Unterlänge

Kapitälchen Majuskel / Minuskel Punzen Versalhöhe

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05
EXPERIMENT KALLIGRAFIE-HANDSATZ

GLÜCKSKEKS-SPRUCH
Die Aufgabe für das zweite Experiment
bestand darin, einen zufällig ausgewählten
Glückskeksspruch zu inszenieren.
Bei dem Spruch »Der Weise verzeiht den
Anderen das Anderssein« fallen einem nicht
sofort irgendwelche Materialien oder Gegen-
stände ein, die man für die Visualisierung
nutzen könnte, da der Spruch eher geistiger
Natur ist. Da zum Zeitpunkt der Aufgabe
Landtagswahlen in Schleswig-Holstein waren,
passte die Inszenierung des Spruchs, als eine
Art Protest gegen die AfD.
Ich habe den Spruch zunächst in Illustrator in
einer serifenlosen, geometrischen Schrift in
Versalien angeordnet. Die einzelnen Bestand-
teile habe ich dann ausgedruckt und in einem
Plotter-Gerät eingescannt, das mir dann
jeweils Schablonen aus den Worten erstellt
hat. Der Spruch wurde dann auf eine Metall
texturierte Platte aus dem Baumarkt gesprüht.
Zum Schluss habe ich dann den Spruch in
Photoshop zum Teil händisch freigestellt und
auf ein fotografiertes, freistehendes Wahlpla-
kat-Schild der AfD gesetzt.

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06

AUSFLUG
MUSEUM DER ARBEIT

Das Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek


hat die Wandlung des Lebens und der Arbeit in
den letzten 150 Jahren zu seinem Hauptthema
gemacht. Wir waren mit unserem Kurs vor Ort
und durften dort äußerst praxisnah verschiedene
Druckverfahren kennenlernen.
Auf den Fotos rechts sieht man den Vorgang
unserer eigenen kleinen Handsatz-Postkarten-
produktion. Der gewünschte Text wurde mit
den Blei-Lettern aus dem Setzkasten zunächst
in einen Winkelhaken gelegt, und dann mit
Zusatz-Stücken in einen Rahmen gespannt und
nach Wunsch dort ausgerichtet. Der gespannte
Rahmen wird in einer Tiegeldruckpresse befes-
tigt. Der Rahmen bzw. die hervorstehenden Letter
werden dann mit einer rotierenden Walze mit
schwarzer Farbe eingefärbt. Das zu bedruckende
Objekt wird vor den Rahmen befestigt und dann
gegen diesen gepresst.

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07
OPTW?
Das war meine Zeichenausbeute für das
Experiment Rubber Stamp. Es sah vor, eigene
Buchstaben zu entwickeln. Zunächst habe ich
mir grobe Gedanken darüber gemacht, welche
Schriftarten ich mir vorstellen könnte. Diesen
habe ich dann Namen gegeben wie z.B. »der
EXPERIMENT RUBBER STAMP

Pokal« oder »die Abstrakte«. Aus den Beispie-


len habe ich dann die jeweiligen Favoriten
ausgewählt.
Die Vorlagen wurden dann spiegelverkehrt
mit Bleistift auf den Linoleumstempel aufge-
tragen und mit dem dazugehörigem Werkzueg
(s. unten) freigestellt.
Mit den fertigen Stempeln der anderen Grup-
penmitglieder konnten wir nun unsere Ideen
zum Bedrucken eines Beutels o.ä. umsetzen.
Ich habe mich dazu entschieden den Spruch
»My other Bag is Küstenträume« auf einen
Leinenbeutel zu drucken, um ein bisschen
Werbung für meine Schwester zu machen, die
über ihr kleines Label »Küstenträume« Taschen
und andere selbstgenähte Dinge vertreibt.

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08
DEUTSCHE UND MODERNE SCHRIFTENGESTALTER

CLAUDE GARAMOND PETER BEHRENS MAX MIEDINGER


Claude Garamond wurde um 1480 n.Chr. in Peter Behrens wurde am 14.4.1868 in Ham- Max Miedinger wurde 1910 in Zürich ge-
Paris geboren und starb in 1561 in dersel- burg geboren und starb am 27.2.1940 in boren und starb ebenda in 1980. Er war ein
ben Stadt.Zeit seines Lebens arbeitete er als Berlin. Er war ein deutscher Architekt, Maler, schweizer Typograf, der besonders für seine
Schriftgießer, Verleger, Stempelschneider und Typograf und Designer. Er ist insbesondere Schriftart Helvetica bekannt geworden ist.
Schriftentwerfer. Seine Schriftarten gelten bekannt als Mitbegründer des Deutschen 1926-1930 begann er eine Ausbildung als
als einige der bedeutendsten Schriften im 16 Werkbundes und durch seine umfassende Schriftsetzer in Zürich und besuchte abends
Jahrhundert. Besonders seine Schrift Gara- gestalterische Tätigkeit für die AEG vor dem die Kunstgewerbeschule in Zürich. 1936-1946
mond war die führende Schriftart in Europa Ersten Weltkrieg. Er gilt als Prototyp des arbeitete er für die Warenhauskette Globus in
für ca. 250 Jahre und ist die im Buchdruck Industriedesigners und zugleich als Erfinder dessen Werbeabteilung. Danach wechselte er
häufigste verwendete Schriftart. Sie war eine des Corporate Design, indem er bei der AEG 1947 zur Haas’schen Schriftgießerei und fun-
Abwandlung der bisherigen venezianischen vom Briefbogen über die Produkte, wie etwa gierte als Kundenberater und Vertreter. 1956
Renaissance Antiqua und stach heraus durch elektrische Teekessel bis hin zu deren Fab- began er seine Karriere als freiberuflicher
die Kehlungen ihrer Serifen und die der rikbauten, alles in einem einheitlichen Sinne Grafiker und entwickelte zu der Zeit für Edu-
Dachansätze, die wendiger gerundet sind , gestaltete. Behrens war auch für die Schrift- ard Hoffmann, dem Direktor der Haa’schen
und bei der der Innenbalken beim »e« bereits gießerei der Gebrüder Klingspor als Schriftge- Schriftgießerei, eine neue, innovative Schrift
waagerecht ist. Dadurch wirkt sie geradlini- stalter tätig. Zu seinen Entwürfen zählen die namens Haas Grotesk, die 1960 in Helvetica
ger, stabiler und ruhiger als ihre veneziani- Behrens Antiqua und die Behrens-Schrift. Die umbenannt wurde.
sche Vorlage. Behrens Antiqua wurde bei dem Schriftzug
»Dem Deutschen Volke« auf dem deutschen
Reichstagsgebäude verwendet.

Abb. 8.1: Garamond-Schriftart Abb. 8.2: Behrens-Antiqua-Schriftart Abb. 8.3: Helvetica-Schriftart

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MILTON GLASER HERMANN ZAPF ADRIAN FRUTIGER ERIK SPIEKERMANN
Milton Glaser, geboren 1929, ist ein ame- Hermann Zapf war ein deutscher Kalligraph Adrian Frutiger, geboren 1928 in Interlaken Erik Spiekermann wurde 1946 in Stadthagen
rikanischer Grafikdesigner, Typograf und und weltbekannter Schriftentwerfer, der 1918 (Schweiz) und gestorben 2015 in Bremgarten in Deutschland geboren, studierte Kunst-
Illustrator. Er begann seine künstlerische in Nürnberg geboren und 2015 in Darmstadt bei Bern, war ein weltbekannter, schweizer geschichte und Englisch in Berlin und gilt
Ausbildung in der High School of Music and starb. Wegen der politischen Aktivitäten Typograf, der als maßgebender Schöpfer der als einer der bekanntesten Grafikdesigner,
Art, der Kunstschule Cooper Union in New seines Vaters war es ihm in der NS-Zeit Schweizer Typografie bekannt geworden ist. Typografen und Schriftdesigner des 21. Jahr-
York und dank einem Fulbright Stipendium nicht möglich ein Studium zu beginnen. Aus Seine Ausbildung begann er bei der Firma hunderts. In 1979 gründete er die Firma Me-
der Akademie der Feinen Künste in Bologna, diesem Grund begann er eine Ausbildung als Schäfli als Schriftsetzer. Anschließend studiert taDesigns, Deutschlands größtes Design-Un-
Italien. Er gründete mit zwei weiteren Kol- Retuscheur und bildete sich im Selbststudi- Adrian Frutiger von 1948 bis 1951 Bildhau- ternehmen mit Niederlassungen in Berlin,
legen die revolutionären Pushpin Studios in um als Kalligraph aus. Nach dem Abschluss erei, Grafik und Illustration an der Kunst- London und San Francisco. Er entwarf das
1954, die maßgeblich in der Abwendung des seiner Ausbildung in 1938 ging er nach gewerbeschule in Zürich. Ab 1952 arbeitet Corporate-Design für bekannte Firmen wie
europäischen, funktionalen Designs und der Frankfurt, um in der Druckwerkstatt »Haus Adrian Frutiger in Paris für die Schriftgießerei Audi, Skoda, Volkswagen, Lexus, Heidelberg
Etablierung des amerikanischen Grafikdesigns am Fürsteneck« zu arbeiten. 1947 wurde er Deberny & Peignot. Mit André Gürtler und Printing, Bosch sowie das Leitsysteme für
beteiligt waren. 1968 gründete er mit Clay als künstlerischer Leiter der Hausdruckerei Bruno Pfäffli gründet Adrian Frutiger 1962 Berlin Transit und den Düsseldorfer Flugha-
Felker das New York Magazine und etablier- der Schriftgießerei D.Stempel AG in Frank- ein Grafikatelier in Arcueil, einem Vorort fen. 1988 gründete er FontShop, ein Unter-
te 1974 Milton Glaser Inc., seinem eigenen furt am Main engagiert. Gleichzeitig nahm von Paris. Er gestaltete für zahlreiche Firmen nehmen für die Produktion und den Vertrieb
Grafikbüro, und formte 1983 die WBMG, ein er einen Lehrauftrag in der Werkkunstschule als freiberuflicher Typograf und Gestalter digitaler Schriften. 2001 verließ er Meta-
Verlagsstudio für Design. Besdonders bekannt Offenbach an und wurde hielt später gegen Schriften, Logos und Corporate Designs. Seine Design und betreibt nun das Unternehmen
wurde Milton Glaser durch die Entwicklung 1954 bis 1964 Vorträge an der Yale Universi- typografische Arbeit legt besonders wert auf Edenspiekermann mit Niederlassungen in Ber-
des Push-Pin-Stils und des I <3 NY-Logos. ty, Harvard und University of California. Seit die Lesbarkeit der Schrift, des effizienten lin, London, Stuttgart und San Francisco. Im
1960 beschäftigte sich Hermann Zapf mit der Transports von Inhalten und derSchönheit Jahr 2001 überarbeitete er das Magazin The
Computerisierung von Schriftarten und schuf des Schriftbildes. Unter seinen weltbekannten Economist in London. Zu seinen bekanntesten
in Zusammenarbeit mit Formen wie Xerox Schriftarten befinden sich die Frutiger, Avenir Schriftarten gelten FF Meta und ITC Offici-
und IBM das Hermann-Zapf-Programm mit und Univers. na und gelten bereits als moderne Klassiker.
seinen Algorithmen zur computerunterstütz- Zurzeit arbeitet und lebt Erik Spiekermann in
ten Drucktechniken. Zusammen mit Donald San Francisco, Berlin und London.
Knuth arbeitete Zapf an Schriften für Knuths
Satzprogramm TeX, was wiederum zur Ent-
stehung einer Schriftfamilie speziell für die
Mathematik führte, die Euler. Mit Peter Karow
entwickelte er das hz-Programm, ein typog-
rafisches Schriftsatzprogramm, dessen Patent
Adobe erworben hat. Zeit seines Lebens ent-
wickelte Hermann Zapf über 200 Schriftarten,
darunter die weltbekannte Zapfino, Lucinda
vund Optima.

Abb. 8.4: I <3 NY Logo Abb. 8.5: Bekannte Zapf-Fonts Abb. 8.6: Bekannte Frutiger-Fonts Abb. 8.7: Bekannte Spiekermann-Fonts

17
09 PLAKATKUNST
Typografie ist ein wirkungsvoller Transporteur von Meinung. Darüber sollte sich jeder Deisgner
und Typograf im klaren sein, denn es gibt – wie schon der Typograf und Illustrator Hans Peter
Willberg sagte – keine neutrale Typografie. Gestaltung ist also ein wirkungsvolles Instrument.
Dieses Instrument haben z.B. die Guerilla Girls genutzt, um den Sexismus und Rassismus in
der Kunstwelt zu bekämpfen. Ihre Motive sind provozierend und plakativ, werden jedoch von
Fakten unterstützt.
PLAKATKUNST & SOZIALES ENGAGEMENT

Abb. 9.1: Guerrilla Girls Aushang 1990

Abb. 9.2: 1985 vs. 2015

18
10
ZWISCHEN KUNST UND KONTEXT
Typografie findet nicht nur auf einem weißen Blatt Papier statt. Typografie ist überall. Und so kann
man diese auch Eins werden lassen mit der Umwelt. Die Natur kann als Material genutzt werden, um
dort einen Sinnzusammenhang zu verdeutlichen (s. Abb. 10.1). Typografie kann aber auch direkt in
der Natur vorhanden sein (s. Abb. 10.2). Desweiteren kann man auch den Raum und die Perspektive
in der Umwelt nutzen, um seinen Werken Ausdruck zu verleihen (s. Abb 10.3).

TYPOGRAFISCHE INTERVENTION
Abb. 10.1: Natur als Material

Abb. 10.2: Typografie in der Natur

Abb. 10.3: Typografie im Raum

19
11
EXPERIMENT TYPOPROTEST

ICH BIN KEIN TYPOGRAF ABER


Typografen und Designer haben einen
wesentlichen Einfluss auf die Wirkung ihres
Outputs. Die Aufgabe dieses Experiments war
es, bewusst eine Wirkung durch Typografie zu
generieren, und dadurch eine Art Protest zum
Ausdruck zu bringen.
Die hier aufgeführten Plakate behandeln The-
men, die mich persönlich beschäftigen, gerade
auch wegen ihrer Aktualität. Ich habe viel mit
Frakturschriften gearbeitet, da ich diese mit
der NS-Zeit in Deutschland verbinde.

20
21
12 SCHRIFTWAHL
Die Aufgabe dieses Experiments bestand da-
rin, für vorgegebene Bilder eine dem Kontext
entsprechende Schriftart zu finden, und sie
dann in das Bild einzubinden.
Für das Theaterplakat habe ich mich für eine
geometrische Schrift entschieden, und die
Höhe des Schriftbildes manuell erhöht, sodass
EXPERIMENT SCHRIFTWAHL

sie noch einen etwas bedrohlicheren Charak-


ter erhält.
Zum Naturbild passte der Slogan »Work and
Travel«. Um möglichst individuell, weltoffen
und natürlich zu wirken, habe ich mich für
eine Script-Schriftart entschieden.
Der Zeitungsartikel wurde um relativ neutral
zu bleiben mit einer konstruierten geometri-
schen Schrift versehen.
Das Sportplakat hat eine kursive Font mit
breiten Sockeln, wodurch sie einerseits robust,
aber auch dynamisch wirkt.
Die Beauty-Werbung hat eine edel wirkende,

Die Stadt
mit dünner Strichstärke versehende geometri-

DER EINSAME
sche Schrift, ergänzt durch eine »individuelle«

brennt!
Script Font.

Freitag, 02.06.2017
Das erfolgreiche Klassik-Drama kommt
jetzt nach Flensburg – von und mit Hans
Petersen. Karten gibt an allen bekannten
Vorverkaufsstellen 35€ zzgl. Gebühren.

Work and Travel

UNIOR
SEBALL
INALS

Die Stadt
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23
SCHRIFTSCHNITT
13 Die Schriftschnitte oder auch Schriftstile (auf Englisch: Font Style) sind die Varianten einer
Schrift. Die Variationen betreffen, sowohl die Schriftstärke Schriftbreite, Schriftlage und Son-
derformen wie Kontur, Schattierung oder Verzerrungen. Die unterschiedlichen Abstufungen
einer Schrift werden abhängig von der Schrift und dessen Designer mit Namen oder Nummern
gekennzeichnet. Beispielsweise kann der Schriftschnitt Extralight in einer anderen Schriftfami-
lie Thin, Ultra Light oder Extra Light heißen. Weitere Beispiele sind:
Leicht - Mager, Light Abb. 13.1: Frutiger
Normal - Buch, Book, Regular, Roman
Halbfett - Semibold, Medium
SCHRIFTARTEN, -FAMILIEN UND SCHRIFTSCHNITTE

Fett - Bold
Extrafett - Extra Bold, Heavy
Ultrafett - Black

SCHRIFTFAMILIEN
Geht es um die Definition des Wortes Schriftfamilien tauchen zwei unterschiedliche Bedeu-
tungen auf. Die erste Definition betrifft die Gruppe unterschiedlicher Schriftschnitte innerhalb
einer Schrift/Schriftart. Ein Beispiel hierfür ist die Schriftfamilie Helvetica, die Schriftschnitte
hat wie:
Eine Schriftfamilie hat also ein einheitliches Erscheinungsbild, meistens ein und denselben
Schriftgestalter und gemeinsame Formmerkmale, jedoch unterscheiden sich die einzelnen
Schriften in Schriftbreite, Schriftstärke, Schriftlage und weitere Sonderformen. Die meisten
Schriftfamilien haben einen Grundstil, der meistens normal oder auch Buch genannt wird, da
dieser meistens der am besten lesbare ist und sich daher im Fließtext gut eignet. Die anderen
Abb. 13.2: Nur einen Schriftschnitt – oben »Amadeus« – unten »Limelight«
Abstufungen werden meist zur Hervorhebungen genutzt.
Schriftfamilien mit einer ganzen Reihe von gut ausgearbeiteten Schriftschnitten sind besonders
günstig für den Einsatz in wissenschaftlichen Büchern, Zeitschriften und weiteren Gliederun-
gen bei denen viele Hervorhebungen benutzt werden, wie Beispielsweise auch im Corporate
Design von Unternehmen oder Infografiken. Durch den Gebrauch von nur einer Schriftfamilie
lässt sich ein einheitliches Erscheinungsbild mit einem klarem Stil erreichen. Mit den unter-
schiedlichen Schriftschnitten lassen sich dann typografische Informationen, wie Überschriften,
Zitate, Bildunterschriften u.v.m. kenntlich machen ohne die Lesbarkeit und Übersichtlichkeit
negativ zu beeinflussen.
Es gibt Schriftfamilien mit zahlreichen Schriftschnitten (Beispiel: Linotype Syntax von Hans
Eduard oder Frutiger von Adrian Frutiger (s. Abb.12.1)), jedoch gibt es auch sehr viele Schrif-
Abb. 13.3: Was ist kursiv?
ten, und hierzu zählen besonders die vielen Angebote von Free Fonts/kostenfreien Schriften,
die mitunter nur einen Schnitt aufweisen (s. Abb. 12.2) . Die günstigen oder sogar kostenlosen
Schriftarten kommen gerne im kreativen Projekten zum Einsatz, wo ohnehin mit mehreren
Schriftfamilien gearbeitet wird und man deshalb nur einen Schriftschnitt einer Familie be-
nötigt. Denn ändert man zum Beispiel die Schrägstellung einer Schrift selbstständig in einem
Textverarbeitungsprogramm um einen kursiven Schnitt darzustellen, schafft man vielmehr eine
Verzerrung anstatt einer Neigung. Denn bei einem sogenannten unechten Kursivschnitt wird
einzig die Grundschrift schräg gestellt, was verursacht, dass die Proportionen nicht eingehal-
ten werden und eine unstimmige Variation der Schrift entsteht. Auf Abb. 12.3 ist die serifen
Schriftart Minion Pro und die serifenlose Schrift Arial zu sehen. Die oberen beiden Beispiele
zeigen die jeweilige Schrift im Schriftschnitt Regular mit einer künstlichen Neigung von 20°.
Der echte Kursivschnitt befindet sich jeweils darunter (italic). Es ist deutlich zu sehen, wie die
Schrägstellung durch das Anwendungsprogramm eine Verzerrung hervorruft und die karackte-
ristischen Merkmale der Schriftarten verloren gehen.
Wie schon erwähnt taucht der Begriff Schriftfamilie auch in einem anderen Zusammenhang
auf. Beispielsweise definiert Sascha Kersken in seinem Buch Kompendium der Informations- Abb. 13.4: Garamond
technik , dass unter Schriftfamilien, die Gruppen innerhalb der Schriftklassifizierung gemeint
sind. Über die Jahre hinweg gab es verschiedene Normen für die Aufteilung von Schriften.
Sinn dieser Klassifizierungen ist es Schriftarten zu ordnen und zu katalogisieren. Heute hat
man in Deutschland die DIN-Norm DIN 16518 des Deutschen Instituts für Normung um alle
Schriftarten in 11 verschiedene Schriftfamilien/Gruppen zu unterteilen.
Eine weitere Quelle schreibt ebenfalls über Schriftfamilien im Zusammenhang mit der Klassi-
fizierung: »Angesichts der Vielzahl verfügbarer Schriftarten und um das Wesen der Typografie
fassbarer zu machen, haben zwei Typografen Klassifikationen erstellt, die die Schriften zu
Schriftfamilien zusammenfassen.«
Eine Schriftfamilie kann auch mehrere Schriften zusammenfassen, die wiederum mehrere
Schriftschnitte aufweisen. Ein Beispiel wäre Garamond. Neben der »normalen« Garamond gibt
es auch ein Garamond Condensed. Beide Schriften gehören zu einer Familie, bilden jedoch mit
den mehreren Schriftschnitten auch eine eigene Familie (s. Abb. 12.4).
Anmerkung: In Verbindung mit der Veranstaltung ist die erste und letzte Definition des Be-
griffs Schriftfamilie die richtige, jedoch wollten wir alle Variante aufführen.

SCHRIFTART
Schriftfamilie und Schriftart sind zwei Begriffe, die sich in der Bedeutung recht ähnlich sind.
Wo liegt nun also der Unterschied? Eine Schriftfamilie besteht aus einer Schriftart, die mehrere
Schriftschnitte aufweist. Helvetica ist z.B. eine Schriftart und ebenfalls eine Schriftfamilie auf-
grund ihrer Schriftschnitte. Hat eine Schriftart jedoch nur einen Schriftschnitt, kann man kaum
von einer Familie sprechen.

24
WEGE DER SCHRIFTERKENNUNG

14
Serifen und Strichkontrast
Die größten Unterscheidungsmerkmale einer Schrift sind der Serifen- und Strichkontrast. Durch
• Größte Unterscheidungsmerkmale sie ergibt sich eine erste Einteilung in drei Gruppen: Serif (mit Serifen), Sans Serif (ohne Seri-

Antiqua Grotesk
fen) und Slab Serif (starke Serifen). (s. Abb. 13.1)
Darauf folgen drei Formprinzipien nach denen man sie weiter kategorisieren kann:
Serif Sans Serif
Slab Serif Das 1.Formprinzip ist der Rennaissance Charakter. Er ist an die Breitfeder angelehnt, hat eine

Egyptienne
schräge Kontrastachse und dynamische, offene Formen. (s. Abb. 13.2)
Das 2. Formprinzip ist der klassizistische Charakter. Das Prinzip beruht auf der Strichführung
der Spitzfeder. Seine Eigenschaften sind eine senkrechte Kontrastachse und statische, geschlos-
Abb. 14.1: Serif, Sans Serif und Slab Serif sene Formen. (s. Abb. 13.3)

SCHRIFTEN ERKENNEN
Das 3.Formprinzip ist der geometrische Charakter, welcher aus der Redisfeder entstanden ist. Er
hat keinen Kontrast. Seine Formen sind konstruiert. (s. Abb. 13.4)
Eine weitere Unterteilung folgt, wenn man sich einzelne Zeichen genauer anschaut. So ist das
»g« z.B. ein sehr reicher Buchstabe mit vielen Details. Hier könnte man u.a. unterscheiden, ob
der Buchstabe einen geschlossenen Bauch hat oder nicht. An dem »M« könnte man sehen, ob
1. Formprinzip (Renaissance Charakter) die Seiten gebeugt oder senkrecht stehen. Ebenso am »M« sieht man, ob die Mittellinie auf
der Grundlinie liegt oder angehoben ist usw. So könnte man bei vielen Zeichen vorgehen, um
• Breitfeder: schräge Kontrastachse, dynamische, offene Formen näher an die gesuchte Schrift zu kommen. Außerdem gibt es noch die Fälle der dekorativen
Schriften, die speziell angefertigt wurden und keine vollständige Schrift darstellen. Diese kann
man leicht erkennen, wenn derselbe Buchstabe an einer andereren Stelle anders aussieht.

TOOLS/TRICKS DER SCHRIFT ERKENNUNG


»WhatTheFont!« (www.myfonts.com/WhatTheFont) ist eine Website/App, die es ermöglicht,
Bilder mit typografischen Inhalten hochzuladen. Die Schrift wird anschließend vom Programm
Abb. 14.2: Renaissance Charakter
analysiert. Am besten funktioniert sie mit wenigen Zeichen und auf klarem Hintergrund. Nach
dem Hochladen werden verschiedene Schriften mit Beispiel und Namen angezeigt, die der
Eigenen ähnlich sind.
»WhatFontIs« (www.whatfontis.com) ist ähnlich wie »WhatTheFont«. Schwerpunkt liegt aber
auf Free Fonts.
2. Formprinzip (klassizistischer Charakter) Im PDF nachschauen: Es gibt die Möglichkeit im Acrobat Reader unter den Dokumenteigen-
schaften alle Schriften, die im PDF verwendet wurden, anzuzeigen. Unter Datei -> Eigenschaf-
• Spitzfeder: senkrechte Kontrastachse, statische, geschlossene Formen
ten -> Schriften anzeigen.
Identifont (www.identifont.com) ist eine Website auf der man Schriften finden kann, die einer
anderen ähnlich sind. Außerdem kann man auf der Webseite einen sehr spezifischen Fragenka-
talog ausfüllen, um an eine bestimmte Schrift zu gelangen.
Wenn das alles nicht hilft, gibt es die Möglichkeit unter »typografie.info« im Forum nachzufra-
gen.
Abb. 14.3: Klassizistischer Charakter

3. Formprinzip (geometrischer Charakter)


• Redisfeder: kein Kontrast, konstruierte Formen, geometrisch

Abb. 14.4: Geometrischer Charakter

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TYPOGRAFIE IM RAUM
15 3D Typografie und Typografie im Raum trägt unter anderem den Namen Anamorphe Kunst.
Die Anamorphe Kunst wir oft für Kunstwerke, Leitsysteme oder Produktwerbung verwendet. Es
geht darum Schrift oder Objekte im Raum darzustellen. Hierbei kann man das Kunstwerk oft
nur aus einer ganz bestimmten Perspektive erkennen. Aus anderen Perspektiven ist es oft sehr
stark verzerrt.
Diese Perspektivische Verzerrung wird oft mit Hilfe von Projektion erreicht. Hierbei hilft oft
ein Beamer oder sogar ein Tageslichtprojektor. Das vorgehen ist wie folgt: zu Beginn braucht
man einen Ort an dem man sein Kunstwerk anzeichnen möchte. Dann stellt man sein Projektor
auf, hierbei sollte darauf geachtet werden das er etwa auf Augenhöhe steht und eine leichte
3D-TYPOGRAFIE

Neigung nach unten aufweist. Ganz Wichtig: Sobald die beste Position gefunden ist, darf der
Projektor auf keinen Fall bewegt werden. Gut wäre es wenn man ihn vielleicht sogar fest klebt
um auf Nummer sicher zu gehen, kleinste Veränderungen könnten dazu führen das man wieder
von vorne Anfangen muss. Wenn die beste Position gefunden ist und der Beamer eine feste Po-
sition hat kann man mit dem Anzeichnen beginnen. Es bietet sich an die Konturen der Schrift
erstmal mit Bleistift anzuzeichnen, um später sauberer abkleben zu können. Man kann auch
sofort abkleben, dann sollte man darauf achten das man die Äußere Kante der Schrift abklebt,
da es hier sehr wichtig ist das diese eine gerade Kante hat, sonst fällt es dem Betrachter sofort
auf das es per Hand angefertigt wurde. Hat man sein Kunstwerk fertig abgeklebt kann man
je nachdem welches Ziel man verfolgt die Schrift ausmalen oder weiter abkleben oder sogar
ansprühen. Nun sollte das Kunstwerk fertig an die Wand gebracht worden sein. Stellt man sich
nun an die Stelle des Projektors sollte man ohne perspektivische Verzerrung das Kunstwerk
erkennen können.
Es gibt noch eine weitere analoge Methode um eine drei-dimensionale Verzerrung zu erreichen
Hierbei wird zuerst ein Raster erstellt. Dann wird das zu verzerrende Bild mit einem ähnlichen
Raster versehen. Dann überträgt man das Raster des Bildes auf das zu Beginn erstellte Raster,
hierdurch entsteht die perspektivische Verzerrung. Dann kann man noch den Schatten den das
Objekt werfen würde hinzufügen, fertig ist die Schablone. Diese kann man nun zum Beispiel
auf Pflastersteinen oder auf Papier anzeichnen. Dann einfach die Kamera in der gewünschten
Perspektive Aufstellen und man kann den unterschied zur ausgehenden Perspektive kaum noch
erkennen. Bei manchen Kunstwerken ist der unterschied zwischen Original und dem Gezeich-
neten kaum noch zu erkennen.
Es gibt auch nach andere Formen der 3D Typografie, wie z.B Schrift in Form von Gras an
Hauswänden oder einfach nur mit dem Beamer an sich arbeiten und Kunstwerke an Häuser zu
projizieren. Diese Form wird übrigens auch oft von Amnesty International zum Demonstrie-
ren verwendet, da Sie oft Protest an schwer erreichbaren Gebäuden wie z.B Atomkraftwerken
ausüben.

Abb. 15.1: Auf den Blcikwinkel kommt es an

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Abb. 15.2: Anstrahlen und nachzeichnen

Abb. 15.3: Umrisse abkleben


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EMPÖRT EUCH!
Das Experiment Typogarten sah mehrere
Auswahlmöglichkeiten vor. Ich habe mich
gemeinsam mit meinem Kommilitonen Felix
Wolters für 3D-Typografie entschieden.
EXPERIMENT TYPOGARTEN

Über den gesamten Kurs hinweg haben wir


uns viel mit Protest beschäftigt, sodass dieses
Thema irgendwie in unseren Köpfen hängen
geblieben ist. Bei diesem Experiment haben
wir uns dazu entschieden »Protest« nun bild-
lich bzw. räumlich darzustellen. Wir haben
keinen Protest gegen eine bestimmte Sache
dargestellt. Wir wollen mit unserem Experi-
ment einfach nur zeigen, dass es wichtig ist,
Haltung zu zeigen, zu protestieren und auch
auf die Straße zu gehen – gerade in einer
politisch intensiven Zeit wie 2017.
Aus Platz- und Kostengründen haben wir
uns für die Miniatur-Variante unserer Idee
entschieden. Wir haben zunächst die Pro-
test-Schilder aus einem Pappkarton und Holz-
stäbchen aus dem Baumarkt gebastelt. Mit
einem Beamer haben wir dann den Spruch
gegen eine Wand projiziert und die Schilder
dann so angeordnet, dass jeder Buchstabe ab-
gedeckt ist. Den Spruch haben wir dann mit
Bleistift vorgezeichnet und mit einem Edding
finalisiert.
Hinter dem QR-Code verbirgt sich ein Video,
in dem man die perspektivische Verzerrung
erkennen kann.

www.vimeo.com/223453772

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BUCHGESTALTUNG & SEITENLAYOUT

HAUSARBEIT
Aus diesem »Buch« ist mittlerweile eine Art
Zeitung/Heft geworden, das jedoch nicht die
Absicht hat, wie eine Zeitung zu funktionie-
ren. Ich würde es schlichtweg als das letzte
»Experiment« dieses Workshops bezeichnen.
Die Zeitung ist durch ihr relativ großes, hoch-
kantiges Format gut dafür geeignet, Bilder
großflächig darzustelle. Außerdem bietet das
Format genug Platz, um alle Inhalte eines
Kapitels auf maximal eine Doppelseite unter-
zubringen, und dabei noch genug Weißraum
zu lassen.
Das Raster (s. rechts) für dieses Heft habe ich
an ein Objekt angelehnt, das ich im Laufe des
Workshops zum ersten Mal gesehen habe und
einigermaßen spannend fand: ein Setzkasten.
In ihm werden die Bleiletter aufbewahrt, die
ein Schriftsetzer zum Setzen braucht.
Für die Inhalte aus den Vorlesung und Refe-
raten habe ich mich dazu entschieden, diese
in einem etwas breiteren Textrahmen, relativ
strikt angeordnet auf der Seite erscheinen zu
lassen. Die Experimente sollten etwas indi-
vidueller aussehen. Hierfür habe ich mich an
engere Textspalten gehalten und diese etwas
freier auf dem zur Verfügung stehenden Platz
platziert.
Als Schrift habe ich für die Überschriften GT
Pressura gewählt, da sie für mich einen na-
türlichen, handgemachten Charakter besitzt.
Der Fließtext ist in einer eher klassischen
Serifenschrift gehalten: Rotis Serif Std.

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31
18

Abb. 18.2: Leise und laute Auszeichnungen


LESETYPOGRAFIE

Abb. 18.1: Lineares Lesen kommt bei klassischen Romanen zum Einsatz

Abb. 18.3: Zeitungsartikel Abb. 18.4: Lehrbuch

LESETYPOGRAFIE
Um Typografie besonders gut lesbar zu machen, gibt es keine eindeutige Regel. Zunächst muss
gesagt werden, dass immer der Kontext, in dem der Text, Schriftzug oder sonstige Aneinander-
reihung von Buchstaben gelesen wird, betrachtet werden muss. Hierbei wird zwischen verschie-
denen Lese-Arten unterschieden. Für die jeweilige Lese-Art gibt es dann geeignete ästhetische
Eigenschaften, die dann zu einer verbesserten Lesbarkeit führen.

LESE-ART
Das Lineare Lesen (s. Abb. 18.1) ist die wohl häufigste Lese-Art, die meist bei Prosa-Texten
und klassischen Romanen zum Einsatz kommt. Der Leser liest Wort für Wort und möchte dabei
einen hohen Lesekomfort haben, das heißt: nicht gestört werden. Die Schrift wird in 8-12 pt.
gehalten. Pro Zeile gibt es ca. 60-70 Zeichen. Pro Seite 30-40 Zeilen. Auszeichnungen, d. h.
eine Schriftmischung im glatten Satz, innerhalb eines fortlaufenden Textes, werden leise gehal-
ten (s. Abb. 18.2). Das bedeutet, es gibt eine Schriftmischung hin zu kursiv oder Kapitälchen,
jedoch nicht fett. Für den Fließtext bietet sich eine Serifenschrift an, die den Leser durch die
Zeilen führt.
Beim Informierenden Lesen (z.B. Zeitung s. Abb. 18.3) will der Leser meistens den Text über-
fliegen, um möglichst schnell zu den wichtigsten Informationen zu gelangen. Hierbei bietet es
sich an den Text in Abschnitte zu unterteilen. Eine Zeile hat ca. 40-50 Zeichen. Laute Aus-
zeichnungen helfen dabei, den Leser zu den wichtigen Informationen zu leiten. Ziel ist es, den
Text so übersichtlich wie möglich zu gestalten.
Das Differenzierende Lesen kommt bei wissenschaftlichen Arbeiten oder anderen strukturierten
Texten zum Einsatz. Hier wird ein geringer Lesekomfort in Kaufe genommen, da es um inhalt-
lich anspruchsvolle Texte handelt, bei denen Sätze gegebenenfalls wiederholt gelesen werden,
um den Zusammenhang nachvollziehen zu können. Auszeichnungen bieten sich sowohl leise
als auch laut an, Schriftmischung ebenfalls. Es können bis zu 80 Zeichen pro Zeile vorkom-
men. Hier lautet das Ziel, den Text so eindeutig wie möglich zu gestalten.
Das Konsultierende Lesen findet beim Lesen von Nachschlagewerken statt. Hier bietet sich ein
kleiner Schriftgrad mit einem geringen Zeilenabstand an. Das sorgt zwar für einen geringen
Lesekomfort, ist aber hinzunehmen, da der Leser nicht viel auf einmal lesen wird. Der Inhalt
soll so deutlich wie nötig durch die Typografie hervorgehoben werden.
Das Selektierende Lesen findet bei Lehrbüchern statt. (s. Abb. 18.4) Hier bietet es sich an durch
z.B. farbliche Hinterlegungen den Inhalt so deutlich wie möglich hervorzuheben.

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Abb. 18.5: Absatz-Arten Abb. 18.8: ITC Stone

Abb. 18.6: »Unvorteilhafte« Schriftmischung Abb. 18.7: »Gute« Schriftmischung Abb. 18.9: Corporate

ABSÄTZE SCHRIFTMISCHUNG
In Bezug auf Lesetypografie muss auch der Absatz betrachtet werden. Es gibt den Flattersatz, Die Schriftmischung benötigt ein geschultes Auge und auf keinen Fall eine einfache An-
Blocksatz und Rauhsatz. (s. Abb. 18.5) gelegenheit. Es lassen sich allerdings für das Mischen von Schriften folgende Grundregeln
aufstellen.
Der Flattersatz ist das klassische links oder rechtsgebundene Satz. Er hat ein ruhiges Satz-
bild, gleichmäßige Wortabstände und einen ebenfalls gleichmäßigen Grauwert. Der Grauwert 1. Regel: Die Schnitte einer Schriftfamilie dürfen beliebig miteinander kombiniert werden.
bezeichnet einen ästhetischen, durch Strichstärke, Laufweite, Wortabstand, Zeilenlänge und
2. Regel: Beim Kombinieren zweier Schriftarten sollten sich diese möglichst stark im
-abstand bestimmten Eindruck des Textes. Ein guter Grauwert, bedeutet, dass der Leser die
Schriftcharakter unterscheiden. Ähnliche Schriften dürfen nicht gemischt werden.
Worte leicht erfassen kann.
3. Regel: Nicht zu viele Schriften verwenden. Ein Druckprodukt ebenso wie eine Website
Der Blocksatz unterstütz mit seiner rechten Satzkante beim Lesen, da der Leser dadurch leichter
kommt mit zwei oder maximal drei Schriftarten aus.
zur nächsten Zeile findet. Bei kurzen Zeilen im Blocksatz entstehen oft Löcher im Text, was
sich negativ auf die Lesbarkeit auswirkt. Schriften können grob in vier Kategorien aufgeteilt werden und zwar in Serif, Slab, Sans
und Script. In der Gruppe Serif fallen alle Schriften mit Serifen, von der Venezianischen
Der Rauhsatz versucht die einheitliche Zeilenlänge und die hohe Wortdichte eines Blocksatzes
Renaissance-Antiqua bis zur Klassizistischen Antiqua, alle modernen Interpretationen der
und das ruhige Satzbild des Flattersatzes zu erhalten.
Klassiker sowie generell alle Schriften mit nicht betonten Serifen.
Für jede Art von Absatz sollte der sog. Schusterjunge und das Hurenkind vermieden werden.
Slab ist eine gängige, englische und international gebräuchliche Bezeichnung für seifen-
Ein Schusterjunge ist die letzte Zeile einer Seite direkt nach einem Absatz. Das Hurenkind ist
betonte Schriften. Die Gruppe basiert auf dem Schriftentrend des 19. Jahrhunderts und
die erste Zeile einer Seite, direkt vor einem Absatz.
umfasst ebenfalls die Klassiker wie auch Neuinterpretationen und konkrete Neuschöpfungen.
Sans stammt aus dem Französischen, bedeutet ohne und ist eine gängige Bezeichnung für
ZEILENLÄNGE, ZEILENABSTAND UND WORTABSTAND Schriften ohne Serifen. Auch hier sind sowohl klassische Formen als auch moderne Neu-
Lesetypografie beinhaltet auch das Zusammenspiel zwischen Zeilenlänge, Zeilenabstand schöpfungen Teil der Gruppe.
und Wortabstand. Für alle gilt gleichermaßen: wird die Eigenschaft zu klein ausgerichtet, so Während sich die Hauptgruppen gut und relativ klar in die Untergruppen dynamisch,
erschwert es Lesbarkeit. Wird die Eigenschaft zu groß ausgerichtet, muss das Auge zu weite Be- statisch, konstruiert und alternativ einteilen lassen, greift dieses Konzept nicht bei Schrif-
wegungen machen. Es gilt außerdem, jeden Text für sich zu betrachten, und dann die jeweilige ten, die man im weitesten als Script bezeichnen kann. Die Script-Schriften leiten sich vom
Anpassung vorzunehmen, die zu einer verbesserten Lesbarkeit führen. flüssigen Schreiben mit der Hand ab.
Jede Kategorie kann dann ebenfalls in weiter Untergruppen aufgeteilt werden. Hier sind die
wichtigsten Kategorien: dynamisch, statisch konstruiert und alternativ. Stellt man sich nun
eine Tabelle vor in welche die Hauptgruppen die Zeilen bilden und die Unterkategorien die
Spalten, kann man anhand dieser Tabelle weitere Grundregeln zur Schriftmischung festle-
gen. Innerhalb der Spalten kann man einwandfrei die Schriften untereinander mischen (s.
Abb. 18.7).
Innerhalb der Zeilen zu mischen sollte man möglichst vermeiden, da hier keine ausreichen-
der Unterschied im Schriftcharakter entsteht (s. Abb. 18.6). Horizontal in den Spalten und
Zeilen zu mischen sollte man ebenfalls unterlassen, da hier zu große Unterschiede entstehen.
Außer den Grundregeln gibt es noch die Schriftsippen. Beispiele für eine Schriftsippe sind
zum Beispiel die Corporate Sippe (s. Abb. 18.9) oder die ITC Stone (s. Abb. 18.8). Es gilt
also: Man darf innerhalb eine Schriftsippe problemlos mischen.
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19
ENDE

IMPRESSUM
Niels-Jonas Simons
Hochschule Flensburg
Experimentelle Typografie
Dozentin: Nele Kattelmann
Sommersemester 2017
Druck: newspaperclub.com

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QUELLENNACHWEIS
Abb. 2.1: www.tourisme-lot.com/es/las-inevitables/lugares-excepcionales/la-cueva-de-Pech-Merle
Abb. 2.2: pictographe.blogspot.de/2011/11/histoire-de-lalphabet.html
Abb. 2.3: Edward M. Catich, The Origin of the Serif. Verlag: St Ambrose Universtiy. 1991 www.typografie.info/3/artikel.htm/wissen/serifen-meissel-ursprung/?tab=comments
Abb. 2.4: von Wolfgang Beinert: auf typolexikon.de, www.typolexikon.de/capitalis-monumentalis/
Abb. 2.5: homepages.thm.de/~hg54/mmk_2011/script/information/schrift-einfuehrung.htm
Abb. 2.6: homepages.thm.de/~hg54/mmk_2011/script/information/schrift-einfuehrung.htm
Abb. 2.7: homepages.thm.de/~hg54/mmk_2011/script/information/schrift-einfuehrung.htm
Abb. 2.8: New York Public Library, 2009: www.typolexikon.de/formsatz/
Abb. 2.9: https://www.flickr.com/photos/ninastoessinger/5398468360

Kapitel 4:
de.wikipedia.org/wiki/Typometrie
de.wikipedia.org/wiki/Liniensystem_(Typografie)
schriftgestaltung.com/schriftgestaltung/schriftanatomie.html
Williams, Jim und Hildebrandt, Gesine: Schrift Wirkt!. Verlag Hermann Schmidt, Mainz (2013)

Kaptiel 8:
Garamond: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Garamond-claude.png / https://en.wikipedia.org/wiki/File:Garamond_sample.svg
Behrens: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Behrens,_um_1913.jpg / http://www.typografie.info/3/Schriften/fonts.html/behrens-antiqua-r152/
Miedinger: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HelveticaSpecimenCH.svg
Glaser: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Milton_glaser.jpg / https://de.wikipedia.org/wiki/I_Love_New_York_(Werbekampagne)
Zapf: https://no.wikipedia.org/wiki/Fil:ZapfFaces.png / http://www.fontblog.de/wp-content/uploads/2015/06/portrait_zapf_cJuergen_Roehrscheid.jpg
Frutiger: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FrutigerFaces.png
Spiekermann: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MK12290_BeyondTellerand_Erik_Spiekermann.jpg / https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:SpiekermannFaces.png

Abb. 9.1: http://www.tate.org.uk/art/images/work/P/P78/P78815_10.jpg


Abb. 9.2: http://www.dw.com/image/37775088_304.jpg

Abb. 10.1: https://elsafari.files.wordpress.com/2013/12/petra1.jpg?w=350&h=200&crop=1


Abb. 10.2: http://thisiscolossal.com/wp-content/uploads/2010/10/3777d329915c3653d3163703bebf9b7a-500x209.jpg
Abb. 10.3: https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/600x315/7c/0a/0e/7c0a0e9303db512997c60243f88a868a.jpg

Kapitel 13:
Beinert, Wolfgang, „Schriftfamilien“, http://www.typolexikon.de/schriftfamilie/ , 09.04.2017
Beinert, Wolfgang, „Schriftklassifikation“, http://www.typolexikon.de/schriftklassifikation/ , 09.04.2017
Erdmann, Charlotte, „Blutsverwandtschaften: Von Schriftfamilien und -schnitten.“
https://www.viaprinto.de/blog/2016/07/blutsverwandtschaften-von-schriftfamilien-und-schnitten/ , 09.04.2017
Gautier, Damien und Claire: Gestaltung, Typografie etc. Ein Handbuch. Niggli, 2009
Hammer, Norbert: „Mediendesign für Studium und Beruf: Grundlagenwissen und Entwurfssystematik in Layout, Typografie und
Farbgestaltung“. Springer-Verlag, 2008
Kersken, Sascha, „Kompendium der Informationstechnik - Die verschiedenen Schriftfamilien“,
http://openbook.rheinwerk-verlag.de/kit/itkomp09000.htm , 09.04.2017

Kapitel14:
https://www.bischoff-ag.ch/de/schulmaterial/shop/schreiben-zeichnen-und-malen/federhalter-und-federn/federn/redisfeder-2mm-per-stueck-20509-1/
http://www.rau-co.ch/contents/de-ch/d530_Hiro_Kalligrafie_01.html
http://www.kalligraphie.ch/store/product_info.php?info=p386_F--Soennecken-Bonn-Breitfeder-1.html

Abb. 15.1: https://medium.com/@tqvinn/the-secret-to-anamorphic-illusions-853e3674209a


Abb 15.2: https://medium.com/@tqvinn/the-secret-to-anamorphic-illusions-853e3674209a
Abb 15.3: https://medium.com/@tqvinn/the-secret-to-anamorphic-illusions-853e3674209a

Abb. 18.1: http://peter-glaab.de/wp-content/uploads/2011/07/110720_sw_02-1.jpg


Abb. 18.2: Typolexikon http://www.typolexikon.de/wp-content/uploads/2015/01/schriftauszeichnung.png / http://www.typolexikon.de/schriftauszeichnung/
Abb. 18.3: http://www.hobbylauf.de/berichte/gebler/zeitungsbericht_sp_8.9.07_650.jpg
Abb. 18.4, 18.5: http://mtech.uni-koblenz.de/DruckmedienSS2007/Ausarbeitungen/Vortrag02/Ausarbeitung%20V2.pdf
Abb. 18.6 - 18.9: Grafik und Gestaltung: Mediengestaltung von A bis Z verständlich erklärt (Galileo Design) von Markus Wäger

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