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Die XII Tafeln und die Magna Graecia

Freiburg i. B.
Joseph Georg Wolf

1. Zum Jahre 462 v. Chr. schreibt Titus Livius, daß der Volkstribun
Terentilius Arsa ein Gesetz forderte, das die Macht und Willkür der
Konsuln beschränkte1. Im Jahre 454 war es soweit, Plebs und Patrizi-
er verständigten sich über die Gesetzgebung, konnten sich aber nicht
über den Gesetzgeber einigen.2 Um Zeit zu gewinnen, wurde eine Ge-
sandtschaft von drei, bei Livius und Dionysius namentlich genannten
Männern nach Athen geschickt, um die Gesetze Solons abzuschreiben
und die Sitten und Rechte anderer griechischer Stadtstaaten zu erkun-
den. Als sie mit den attischen Gesetzen zurückgekehrt waren, wurde,
wie Livius zum Jahre 452 berichtet3, wieder auf Drängen der Volks-
tribunen, eine Gesetzgebungskommission von zehn Männern (decem
viri legibus scribundis) auf ein Jahr gewählt4, ausschließlich Patrizier,
unter ihnen die drei Gesandten5. In der Kommission herrschte unica
concordia, die größte Eintracht, und gegen Dritte zeigten die Männer
größte Unparteilichkeit: summa adversus alios aequitas erat6. Ihre Ar-
beit, die Gesetze7, stellten sie, auf zehn Tafeln geschrieben, öffentlich
mit der Aufforderung aus, die Bürgerschaft möge Vorschläge zu ihrer

1
Liv. 3.9.2, 3-5. Einzelne Vorgänge werden auch von anderen Autoren erwähnt und
in Auswahl in den Anmerkungen angeführt.
2
Liv. 3.31.8.
3
Liv. 3.32.5-7.
4
Unter Suspension aller Magistraturen und auch des Volkstribunats. Stark verkürzt
Cic. rep. 2.36 (61).
5
Liv. 3.33.3-5.
6
Liv. 3.33.8.
7
Der Gesetzgebungsauftrag ist durch die Fasten gesichert: F. Wieacker, Die XII Tafeln in
ihrem Jahrhundert, in Les origines de la republique Romaine, Fondation Hardt, 1967, 294.

7
Verbesserung machen8. Die verbesserten Gesetze wurden von den Cen-
turiatskomitien gebilligt9, den zehn Tafeln aber im nächsten Jahr von
einer zweiten Zehnmännerkommission10, die wieder nur aus Patrizi-
ern bestand11, noch zwei Tafeln hinzugefügt. Auch diese beiden Tafeln
wurden unter den Konsuln L. Valerius und M. Horatius, die bald nach
dem – durch den Virginia-Prozeß veranlaßten – Sturz der Kommission
gewählt wurden12, von den Centuriatskomitien gebilligt – so daß fortan
das Gesetzeswerk ‘die Zwölftafeln’ waren13.
Cicero erwähnt die Gesandtschaft nach Athen weder in den libri de
legibus noch in den libri de re publica, was vermuten lassen könnte,
daß er von ihr nichts wusste. Auch Plutarch, in seinem Kapitel über
Solon, sagt nichts über die Gesandtschaft, obwohl er aus Livius und
Dionysius Halicarnassus von ihr sicher gewußt hat. Nach Pomponius
sollen indessen die zehn Männer von den griechischen Städten Südita-
liens die Gesetze erbeten haben, um auf ihnen das eigene Gemeinwesen
zu gründen14. Auch in den wenigen Fragmenten, die in den Digesten aus
Gaius‘ Schriftwerk über die Zwölftafeln, den libri ad legem duodecim
tabularum, erhalten sind15, findet sich kein Wort über die Gesandtschaft
nach Athen. Dionysius, der von 30 bis 8 v. Chr. in Rom gelehrt hat, be-
richtet dagegen nicht nur von Gesandten, die nach Athen, sondern auch

8
Liv. 3.34.1-5; Dion. Hal. Ant. Rom. 10.57.5.
9
Liv. 3.34.6.
10
B. Kübler, Decemviri, in PWRE 4, 1901, 2258/9.
11
Nach B.G. Niebuhr, Römische Geschichte 2, Berlin 1812, 364 A. 755, sollen un-
ter den Namen der decem viri der zweiten Kommission drei plebejische gewesen sein
und ihr vielleicht sogar fünf Plebejer angehört haben – was allerdimgs zu ihrem tyran-
nischen Verhalten nicht paßt. Vgl. auch B. Kübler, Decemviri, in PWRE. 4, 1901, 2255.
12
Liv. 3.54.5-6; 3.55.1; Dion. Hal. ant. 10.60; 11.46.
13
Liv. 3.34.7-8 zum Jahre 451. Stark verkürzt Tac. ann. 3.27. Siehe auch Plin. ep.
8.24.4. Zur Überlieferung der Zwölftafeln Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhun-
dert cit. (A. 7), 294-296. – Die zweite Kommission verlor alle Macht nach einem Volk-
saufstand, einem Auszug auf den ‘heiligen Berg’ und schließlich dem Virginia-Prozeß,
Ereignisse, die durch Appius Claudius verursacht worden waren, dem übelsten Mit-
glied der Kommission, der sich an der schönen Plebejerin Virginia vergreifen wollte,
von ihrem Vater aber niedergestochen wurde.
14
D. 1.2.2.4 (Pomp. l.s. enchir.).
15
O. Lenel, Palingenesia iuris civilis I, Leipzig 1889, 242-246.

8
von Gesandten, die zu den griechischen Städten in Süditalien geschickt
worden sind16. Noch Augustinus will im ‘Gottesstaat’ wissen, daß die
Römer, bald nach der Gründung ihrer Stadt, ‘von den Athenern die Ge-
setze Solons geliehen haben17.

2. Bei dieser Quellenlage18 kann es nicht wundernehmen, daß die


Meinungen unserer Literatur kontrovers sind. Extrem sind die Inter-
pretationen des italienischen Historikers Pais19 und des französischen
Rechtshistorikers Lambert20. Pais verwirft die überlieferte Entstehungs-
geschichte der Zwölftafeln insgesamt und verlegt ihre Schlußredaktion
in die Zeit des Appius Claudius Caecus, also in die Jahre um 300 v. Chr.
Noch radikaler hält Lambert die Zwölftafeln für eine private Sammlung
von Rechtsregeln, die er, mit Wahrscheinlichkeit, Sextus Aelius Paetus
Catus21 zuschreibt, dem Konsul des Jahres 198 v. Chr. Er war Jurist, des-
sen Bildung und Gelehrsamkeit Ennius rühmt und später, wiederholt,
auch Cicero22. In seinen Tripertita, einer dreigeteilten Darstellung des
Rechts seiner Zeit23, folgt auf den Text der Zwölftafeln dessen philolo-
gische und juristische Interpretation und an dritter Stelle die Vorstellung
der von der Jurisprudenz neu eingeführter Rechtsinstitute, schließlich
eine das ius Flavianum ergänzende Liste der legis actiones24. Pais‘ und

16
Dion. Hal. ant. 10.51.5.
17
Aug. de civ. Dei 2.16.
18
Die zahlreichen Widersprüche gerade auch in Livius verzeichnet Th. Kipp, Ge-
schichte der Quellen des römischen Rechts4,1919, 33/4 A.1. Zur ‘Echtheit der XII Tafeln‘
ausführlich Berger, Tabulae duodecim, in PWRE. 4.A, 1932, 1908-1914 und 1917-1919.
Unergiebig S. Tondo, Profilo di storia costituzionale romana I, Milano 1981, 280-283.
19
E. Pais, Storia di Roma 1, Torino 18981, 572, Torino 18992, 632.
20
Lambert, Le problème de l’origine des XII Tables, in Nouvelle revue historique
de droit 26, 1902, 149. Dazu siehe etwa Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert
cit. (A. 7), 297-299.
21
E. Klebs, Aelius Nr. 105, in PWRE. 1, 1893, 527.
22
Cic. de rep. 1.18.30.
23
D. 1.2.2.38 (Pomp. l.s. enchir.).
24
P. Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts2, Leipzig
1912, 59; Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert cit. (A. 7), 295 hält sie für die
älteste Hauptquelle; Id., Römische Rechtsgeschichte 1, München 1988, 537.

9
Lamberts Thesen haben nur Widerspruch gefunden. Schon Lenel hat
sie entschieden zurückgewiesen und bei dieser Gelegenheit nicht nur
den Gesetzescharakter der Zwölftafeln herausgestellt, sondern auch
ihre Gesetze als ihrer Zeit, dem 5. Jahrhundert, gemäß gewürdigt25. Der
unverkennbar griechische Einfluß könne Zweifel an der Datierung des
Gesetzes ebenfalls nicht begründen.
Indessen verbirgt Lenel nicht seine Zweifel an der “Geschichtser-
zählung“, die wir bei Livius und Dionysius lesen. Auf Einzelheiten geht
er nicht ein; aber daß die Gesandtschaft nach Athen nicht unter seine
Zweifel fällt, ist kaum anzunehmen. Ludwig Mitteis26 räumt ein, daß
man die ‘Erzählung von der Gesandtschaft’ für eine Legende oder doch
für ‘die Entstellung anderer Tatsachen’ halten kann. Für Paul Krüger
liegt auf der Hand, ‘daß man nicht nach Athen zu gehen brauchte, um
die Solonischen Gesetze in Abschrift zu erhalten’. Theodor Kipp27 hält
Livius‘ Darstellung für eine Erzählung von Sagen, in denen die Ge-
sandtschaft nach Athen nicht zu den Tatsachen gehörte, die feststehen.
Für Bernhard Kübler28 sind die Berichte eine ‘Sage’, die Livius und
Dionysius ‘alten Annalisten’ nacherzählt hätten. Leopold Wenger29 da-
gegen mißtraut nicht den ‘einheitlichen Berichten über die Gesandt-
schaft nach Athen’ und sieht keinen Anlaß, der ‘modernen Kritik lieber
zu folgen als den Quellen’. Verstehen wir ihn richtig, so stellt er die
Gesandtschaft nach Athen nicht in Frage. Michel Humbert scheint die-
se Meinung zu teilen30. Max Kaser31 dagegen sieht in den Einzelheiten

25
Geschichte und Quellen des römischen Rechts von C. G. Bruns, neu bearbeitet
von Otto Lenel, in Holtzendorff-Kohler, Enzyclopädie der Rechtswissenschaft7,1915,
324/5; zu Lambert insb. Lenel, Rez. Lambert, La question de l’authenticité des XII.
tables et les annales maximi, SZ 26, 1905, 498-524. Außerdem siehe Kipp, Geschichte
der Quellen des römischen Rechts cit. (A. 18), 35 A. 4.
26
L. Mitteis, Römisches Privatrecht I, Leipzig 1908, 15.
27
Kipp, Geschichte der Quellen des römischen Rechts cit. (A. 18), 33-35.
28
B. Kübler, Geschichte des römischen Rechts, Leipzig 1925, 20.
29
L. Wenger, Die Quellen des römischen Rechts, Wien 1953, 365.
30
M. Humbert (Hg.), Le Dodici Tavole dai Decemviri agli Umanisti, Pavia 2005,
50; 6 A. 8 : “tre decemviri sono inviati ad Atene ..... E queesta idea ci sembra corrispon-
dere esattamente alla storica”.
31
M. Kaser, Römische Rechtsgeschichte, Göttingen 1967, 67.

10
der überlieferten Berichte ‘großenteils Legenden’; insbesondere sei die
‘Glaubwürdigkeit der Gesandtschaft’ umstritten. Gerhard Radke32 spricht
lediglich von ‘bewußter Kontaktaufnahme mit griechischer Gesetzge-
bung’. Für Wieacker33 sind ‘Gesandtschaften der Dezemvirn nach Unter-
italien und dem griechischen Mutterland’ eher begründende Erfindungen
als zutreffende Erinnerung an Vorgänge des 5. Jahrhunderts. Es seien die
Widersprüche der Überlieferung, die diese Annahme nahe legten.

3. Schließlich ist nicht zu übersehen, daß die Überlieferung erst im


letzten republikanischen Jahrhunderte einsetzt, 350 Jahre und mehr,
nachdem die Zwölftafeln Gesetz geworden waren. Als Livius mit 76
Jahren 17 n. Chr. starb, hatte er an seinem Geschichtswerk Ab urbe
condita 40 Jahre gearbeitet. Schanz und Hosius sagen von ihm, daß
ihn Quellenstudium nicht interessierte und “daß er keinen kritischen
Geist besaß“34. Im Jahre 27 v. Chr. oder wenig später veröffentlichte
er die ersten 5 Bücher und damit seine Darstellung der ereignisreichen
Gesetzgebungsgeschichte: mehr als 400 Jahre nach dem wirklichen Ge-
schehen. Der Grieche Dionysius Halicarnassensis veröffentlichte 7 v.
Chr. seine ‘Römische Archäologie’ – ein Jahr, nachdem er Rom, wo er
seit 30 v. Chr. lebte, wieder verlassen hatte – ein Werk der rhetorischen
Geschichtsschreibung, das mit dem 1. Punischen Krieg endete. Nach
heutiger Kritik ist seine Darstellung oftmals ohne klare Kenntnisse
der altrömischen Verhältnisse35 und darum auch für die Geschichte der
Zwölftafeln nicht zuverlässig36. Nach den ‘Fasten‘ konnten, wie gele-

32
G. Radke, Archaisches Latein, Darmstadt 1981, 123.
33
F. Wieacker, Römische Rechtsgeschichte 1 cit. (A. 24), 302.
34
M. Schanz, C. Hosius, Geschichte der römischen Literatur4, München 1935, Nach-
druck 1980, 306-308. Ähnlich G. B. Conte in F. Graf (Herausgeber), Einleitung in die la-
teinische Philologie, Stuttgart-Leipzig 1997, 221-223, 222: “es fehlen ihm Rationalismus
und Skepsis eines Sallust oder Tacitus”, 223: “so konnte historia zu rhetorischer Aktivität
eher als zur Suche nach Wahrheit werden. Nach eigener Aussage stellt Livius die dra-
matische ... Darstellung der Geschichte vor eine Wahrheitssuche um ihrer selbst willen”.
35
E. Schwartz, Dionysios Nr. 113, in PWRE 5, 1903, 934/5; M. von Albrecht, Dio-
nysios Nr. 20, in Der kleine Pauly 2, Stuttgart 1967, 70.
36
Spätere Quellen bei Berger, Tabulae duodecim cit. (A. 18), 1920.

11
gentlich vermutet wurde, Livius und Dionysius die Geschichte des 5.
Jahrhunderts nicht rekonstruieren. Die Fasten oder Annalen, die bis in
die Königszeit hinaufreichten, waren von den pontifices mit wichtigen
politischen und religiösen Ereignissen der Stadt adnotiert und von Pu-
blius Mucius Scaevola, dem berühmten Juristen und pontifex maximus,
im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Buchform (codices) als
annales maximi veröffentlicht worden. Bezeugt allerdings sind die seit
alters in Schriftrollen angelegten annales erst für das Jahr 404 v. Chr.37.
Auch wenn das Datum ihrer Anlage früher anzusetzen wäre: als 387 v.
Chr. Rom von den Galliern eingenommen wurde und die Stadt in Flam-
men aufging, sind die bis dahin geführten annales vernichtet worden.
Überzeugend bleibt aber vor allem, was schon Lenel38 zu bedenken gab
und jetzt auch Wieacker39, daß nach 400 Jahren zuverlässige und “der-
art ins Einzelne gehende Kunde über den Gang einer gesetzgeberischen
Aktion des 5. Jahrhunderts“ nicht mehr vorhanden war.

4. Die Widersprüche in den überlieferten Berichten, vor allem aber


Cicero und Plutarch, Pomponius und Gaius bestimmen uns, der Mehr-
heit der Stimmen beipflichten, daß die Gesandtschaft nach Athen eine
Erfindung sein muß40. Sie ist vermutlich veranlaßt durch die Überein-
stimmung einiger Zwölftafelsätze (auf die wir bald zu sprechen kom-
men) mit solonischen Gesetzen. Daß allerdings diese Zwölftafelsätze
der Ertrag der Gesandtschaft nach Athen gewesen wären, ist auszu-
schließen. Und dies umso mehr, als Rom, wenn auch in Ständekämp-
fen zerrissen, keine unbedeutende Stadt mehr war und gewiß zu den
griechischen – kulturell allemal überlegenen – Kolonien in Süditalien
Verbindungen unterhielt: so zu Kyme, Neapolis oder Poseidonia, zu
Tarentum, Kaulonia, Lokroi oder Rhegion – alles längst etablierte Städ-
te, wo sich der römische Gesetzgeber kundig machen konnte, und die

Cic. de rep. 1.16.25.


37

Lenel, cit. (A. 25), 325.


38

39
Wieacker, Römische Rechtsgeschichte 1 cit. (A. 24), 302/3.
40
Einen vollständigen Überblick bis 1931 gibt Berger, Tabulae duodecim cit. (A. 18),
1920/1. Dort auch zur Gesandtschaft (1921/2), die Berger nicht ausdrücklich ablehnt.

12
vielleicht Roms Bürgerschaft auch dazu vermocht haben, zur Bindung
und Zügelung der patrizischen Herrschaft ein Gesetz zu fordern.

5. Nach diesen Überlegungen halten wir fest: Die Zehnmännerkom-


mission und ihre Machtfülle und auch ihre Datierung41 stehen nicht in
Frage und erst recht nicht ihr Gesetzeswerk. Auch die Nachrichten über
die zweite Kommission des folgenden Jahres, die den zehn Tafeln noch
zwei hinzugefügt hat, und deren Sturz sind kaum zu bezweifeln. Die
Gesandtschaft nach Athen dagegen unterliegt nicht nur härtester Un-
glaubwürdigkeit, man wird sie vielmehr als eine später erfundene Le-
gende ausschließen müssen42. Damit werden griechischer Einfluß und
griechische Vorbilder der Zwölftafelgesetzgebung nicht ausgeschlos-
sen43. Im Gegenteil: es wäre bei der intensiven Ausstrahlung der grie-
chischen religiösen und säkularen Kultur auf Italien auch schon im 5.
Jahrhundert eher verwunderlich, wenn die Zehnmännerkommissionen
auf Konsultation und Rat der griechischer Städte im Süden und auch
Siziliens verzichtet hätten, etwa auf die Konsultation und den Rat von
Neapolis, Tarentum, Croton, Locri oder Syrakus44, die alle ihre Gesetze
hatten und in Gesetzgebung erfahren waren. Den Ertrag dieser Bera-
tung nehmen wir uns jetzt vor.

6. Das Zwölftafelgesetz ist in seiner ursprünglichen Sprache be-


kanntlich nicht überliefert. Cicero mußte noch als Knabe die Zwölf-
tafeln wie ein carmen necessarium auswendig lernen, was nicht mehr
üblich war, als er sich dessen nach 50 Jahren erinnerte45. Natürlich waren
sie nicht mehr die Zwölftafeln in ihrer originalen Sprache; die Sprache

41
Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert cit. (A. 7), 310-314.
42
V. Arangio-Ruiz, Storia del diritto Romano, Napoli 1937, 60/1; M. Kaser, Römi-
sche Rechtsgeschichte2, München 1967, 67; F. Wieacker, Zwölftafelprobleme, in RIDA.
3, 1956, 468; Id., Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert cit. (A. 7), 344: “höchst unwahr-
scheinlich”; Id., Solon und die XII Tafeln, in Studi Volterra 3, Roma 1971, 782-784.
43
Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts cit. (A.
24), 14; F. Schulz, Prinzipien des römischen Rechts, Berlin 1934 (Nachdruck 1954) 5;
Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert cit. (A. 7), 330-332, 333-337.
44
Noch vor 450 gründete Syrakus auf Ischia, Korsika und Elba Niederlassungen.
45
Cic. de leg. 2.23.59.

13
hatte sich in den 350 Jahren, die seit der Gesetzgebung vergangen waren,
enorm entwickelt, und das Gesetz war stufenweise angepaßt worden46.
Ein Exkurs soll die gewünschte Anschauung geben.
In seinen Saturnalia zitiert Macrobius47 den XII-Tafel-Satz: si nox
furtum faxit, si im occisit, iure caesus esto – ‘Wer nächtens einen Dieb-
stahl begangen haben wird, wenn er ihn getötet hat, soll er rechtens getö-
tet worden sein’. Nox heißt ‘nächtens’, im klassischen Sprachgebrauch,
schon seit Cato48, nocte oder, in der späteren Republik, bei Plautus, Ennius
und Naevius auch noctu. Von nocte oder noctu kann nox nicht abgeleitet
sein; das x in nox muß von einem cs kommen. Daher ist nox wahrschein-
lich aus dem allerdings nicht belegten, aber zu erschließendem noctes,
einem archaischen Genetiv Singular durch Synkope entstanden. Die Syn-
kopisierung hat offenbar die beiden Silben noc und tes zu einer Silbe und
die Konsonanten cs zu x vereinigt – so wie ancipes zu anceps, praecipes
zu praeceps, aridus zu ardus und der Genitiv dius, ‘tags’, zu diu. Da die
Synkope erst um 400 v. Chr. beginnt, ist nox nicht dezemviral, könnte
dagegen, wie ich meine, noctes das Wort der XII-Tafeln gewesen sein.
Ein zweites Beispiel aus Macrobius‘ Satz soll im sein. Nach Kontext
und Syntax ist im der Akkusativ eines Demonstrativpronoms: ist im der
Dieb, der nächtens geräubert hat und rechtens getötet werden konnte. Im
steht für das im klassischen Latein übliche eum49. Darum ist bemerkens-
wert, daß Macrobius50 wie nox so auch im nicht seinem Sprachgebrauch
angepaßt hat. Offenbar wollte er den XII-Tafel-Satz so urtümlich wie

46
G. Radke, Archaisches Latein, Darmstadt 1981, 123-135; G. Devoto, Geschichte
der Sprache Roms, 1968, 71-76, 86-90; Wieacker Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert
cit. (A. 7), 316-318. Vgl. auch U. Agnati, Leges Duodecim Tabularum. Le tradizioni
letteraria e giuridica. Tabulae I-VI, Cagliari 2002, 16-19.
47
Macrob. Saturn. 1.4.19 = XII-T. VIII.12. Nach E. Norden, Die antike Kunstprosa
I , München 1958, 163 „die kunstvollste Periode der erhaltenen“ Zwölftafelfragmente.-D.
5

9.2.4.1 (Gai 2 ad ed. prov.); Coll. 7.3.2 (Ulp. 8 ad ed.); Gell. 20.1.7: nocturnum autem
furem ius occidendi tribuit; Cic., pro Tull. 47: quae permittit ut furem noctu liceat occidere.
48
Radke, Archaisches Latein cit. (A. 43), 218 A. 22.
49
Fest. p. 103 M.: I m ponebant pro eum, a nominativo is; p. 47 M: Callim antiqui
dicebant pro clam, ut nis pro nobis, sam pro suam, i m pro eum
50
Ambrosius Theodosius Macrobius: lateinischer Schriftsteller der 1. Hälfte des 5.
Jhs. n. Chr., wahrscheinlich Praefectus praetoriae Italiae des Jahres 430 (CTh. 12. 6. 33).

14
möglich wiedergeben und fügte darum auch hinzu: in quibus verbis id
etiam notandum, quod ab eo quod est is non eum casu accusativo, sed im
dixerunt – „mit diesen Worten muß auch kenntlich gemacht werden, daß
von is nicht eum der Akkusativ ist, sie vielmehr im gesagt haben“. Radke
ordnet im einer Sprachstufe um die Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert v.
Chr. zu. Festus, Paulus-Festus und Charisius haben in der Tat statt eum
noch im verwendet51. Aber das sind keine Belege für Radkes Zuordnung.
Da es offenbar kein ‘Mutterwort’ gibt, kein Wort, aus dem im abgeleitet
sein könnte, möchte man vermuten, daß im ein lateinisches ‘Urwort’ ist
und auch zum Wortschatz der XII-Tafeln gehörte52.
Wir kehren zu unserem Thema zurück. Was wir von den Zwölftafeln
wissen, wissen wir sozusagen aus zweiter Hand, aus Zitaten, die, seltener,
das Gesetz wörtlich wiedergeben oder, so meistens, seine Vorschriften
und Regeln umschreiben. Darum kennen wir weder die Anzahl seiner
Gebote und Verbote53 noch die Folge ihrer Ordnung. Denn nur ausnahms-
weise wird auch die Tafel genannt. So schließen wir aus Cicero, daß die
erste Tafel mit der Ladung vor Gericht, der in ius vocatio begann54; von
Dionysius erfahren wir, daß die Vorschriften über die patria potestas auf
der vierten Tafel55 und, wieder von Cicero, daß die Beschränkungen des

51
Radke, Archaisches Latein cit. (A. 43), 218 A. 22.
52
Weitere Beispiele bei Berger, Tabulae duodecim cit. (A. 18), 1940; M. Leumann,
Lateinische Laut- und Formenlehre5, München 1926/28 (Nachdr. 1977) 466 f. Eine
weitere Sprachstufe war der Rhotazismus, den die oskische Sprache hervorgebracht
und der von der lateinischen seit etwa 350 v. Chr. übernommen wurde (Radke, Ar-
chaisches Latein cit. [A. 43], 46-52): er verwandelte intervokalisches s in r, was viele
Worte des überlieferten XII-Tafel-Textes belegen (Radke, Archaisches Latein cit. [A.
43],126). Ein Beispiel ist iu re , das aus io u e s e d unter dem Einfluß der Anfangsbeto-
nung und dem Rhotazismus entstanden sein soll (Radke 126), oder iusto aus iouestod.
– Mir nicht zugänglich S. Boscherini, La lingua della legge delle XII Tavole, in Società
e diritto nell’epoca decemvirale, Napoli 1988, 45 ff.
53
Nach Berger, Tabulae duodecim cit. (A. 18), 927, sollen es 120 gewesen sein, von
denen etwa ein Drittel ‘in der Fassung von Gesetzesnormen – ein Teil nur in Bruch-
stücken‘ erhalten seien. Rekonstruktionsversuche beginnen am Anfang des 16. Jahr-
hunderts, unter ihnen der von Jakobus Gothofredus von 1616.
54
Cic. de leg. 2.4.9: A parvis enim Quinte didicimus, ‘si in ius vocat’ atque alia eius
modi leges nominare. Siehe auch Gai. 1 ad leg. XII tab. D. 50.16.233 pr.
55
Dion. Hal. 2.16.4.

15
Bestattungsluxus auf der zehnten Tafel standen56.
7. Es sind diese Beschränkungen des Bestattungsluxus, von denen
Cicero sagt, daß sie fere, größtenteils, aus der Gesetzgebung Solons
übernommen worden sind57. Das zeitliche Zusammenspiel paßt durch-
aus58. Die zum Ausgleich der Stände gedachten Reformgesetze Solons
sind zu Beginn des 6. Jahrhunderts ergangen und wurden nach dem
Ende des peloponnesischen Krieges im Jahre 403 v. Chr. durch Volks-
beschluß in ihrer Geltung bestätigt59. Wann sie verfielen, ist offenbar
nicht mehr auszumachen60. In den Städten der Magna Graecia, die sie
in Teilen wahrscheinlich rezipiert hatten, galten sie vermutlich länger
als in den Städten des Mutterlandes.
a) Bei drei Luxusverboten wiederholt Cicero, daß sie aus der solo-
nischen Gesetzgebung übernommen worden sind. Das Verbot, mehr als
drei ricinia der Toten mit ins Grab zu geben61, sollen die decem viri mit
nahezu denselben Worten auf die zehnte Tafel gesetzt haben:
Cic. de leg. 2.25.64: Postea quom, ut scribit Phalereus, sumptuosa fieri
funera et lamentabilia coepissent, Solonis lege sublata sunt, quam le-
gem eisdem prope verbis nostri Xviri in decimam tabulam coniecerunt.
Nam de t r i b u s r e c i n i i s et pleraque illa Solonis sunt.
Später, als die Leichenbegängnisse, wie (Demetrios von) Phaleron62
schreibt, aufwendig und von Wehklagen erfüllt zu werden begannen, ist
durch Solons Gesetz (dieser Aufwand) beseitigt worden. Diese Gesetz
haben, nahezu mit denselben Worten, unsere zehn Männer in die zehnte

56
Cic. de leg. 2.25.64.
57
Cic. de leg. 2.23.59.
58
Solon wurde um 640 v. Chr. geboren und war 594/3 Archon und Schiedsrichter
in Athen.
59
Plut. Solon 25 berichtet, daß Solon seinen Gesetzen Rechtskraft für hundert Jahre
gegeben habe.
60
Indessen siehe W. Aly, Solon, in PWRE 3.A, 1927, 960-961.
61
Plut. Solon 21 i. f. Die Dreizahl spielt auch sonst eine Rolle: Plut. Solon 20: wer
eine Erbin heiratet, muß “ihr jedenfalls dreimal monatlich beiwohnen”; bei sonstigen
Heiraten darf die Braut nur drei Gewänder mitbringen; Plut. Solon 21: eine Frau, die
eine Reise macht, durfte nur drei Kleider bei sich haben.
62
Demetrios von Phalaron, geb. vor 344 v. Chr., gest. deutlich nach 307 n. Chr.:
Staatsmann, Philosoph und Schriftsteller; regierte 317-301 Athen, war dann in Theben
und Alexandreia, wo er schließlich aus dem Land verbannt wurde und verstarb.

16
Tafel versetzt. Denn (die Vorschriften über) die drei recinia und jenes
meiste (andere) stammt von Solon.

Festus63 wollte wissen, daß die Verfasser der Zwölftafeln jedes vier-
eckige Kleidungsstück recinium genannt haben. Wie der Mann das re-
cinium als Toga, hätte die Frau das recinium als Obergewand getragen,
versehen mit einem Purpursaum. An anderem, fast benachbartem Ort64
fügt Cicero den drei recinia noch eine tunicula purpurea hinzu, was
außer Frage stellt, daß mit recinium ein Frauengewand bezeichnet wur-
de65. Der Purpursaum läßt nur den Schluß zu, daß das recinium das
Kleidungsstück einer Frau der Oberschicht, vermutlich einer Frau se-
natorischen Ranges war. Einer Toten durften also nur drei recinia dieser
Art und eine purpurne Tunica mit ins Grab gegeben werden. Zugleich
macht diese Beschränkung aber auch deutlich, daß ihr Adressat nicht
jedermann, sondern gezielt die Frauen der Oberschicht waren66.
b) Im selben Text folgt unmittelbar auf die Beschränkung der Grab-
beigaben das Verbot der Totenklage:
Cic. de leg. 2.25.64: Nam de tribus reciniis et pleraque illa Solonis
sunt; de lamentis vero expressa verbis sunt: Mulieres Genas Ne Radun-
to Neve Lessum Funeris Ergo Habento.
Denn (die Vorschriften über) die drei recinia und jenes meiste (andere)
stammt von Solon. Über die Totenklage ist wahrheitsgemäß wieder-
gegeben worden: ‘Die Frauen sollen die Wangen nicht zerkratzen und
keine Totenklage wegen des Begräbnisses halten.’
Cic. de leg. 2.23.59: Extenuato igitur sumptu tribus ricinis et tunicu-
la purpurea et decem tibicinibus, tollit etiam lamentationem: Mulieres
Genas Ne Radunto Neve Lessum Funeris Ergo Habento. Hoc veteres in-
terpretes Sex. Aelius L. Acilius non satis se intellegere dixerunt, sed

63
Fest. s.v. recinium p. 274 M. (Lindsay 342).
64
Cic. de leg. 2.23.59.
65
Siehe auch Non. Marcell. s.v. ricinium.
66
J. Marquardt, Das Privatleben der Römer2, Leipzig 1886 (Nachdr. 1964) 345:
“Solenne Begräbnisse sind in Rom nur bei hochgestellten Personen und Mitgliedern
vornehmer Familien üblich. Sie wurden schon früh dazu benutzt, den Glanz und das
Ansehen des Hauses dem Volke vor Augen zu stellen und daher mit einer Pracht ausge-
stattet, welche die erste Veranlassung zu den Luxusgesetzen gegeben hat“.

17
suspicari vestimenti aliquod genus funebris, L. Aelius lessum quasi
lugubrem eiulationum, ut vox ipsa significat. Quod eo magis iudicio
verum esse, quia lex Solonis id ipsum vetat. Haec laudabilia et locuple-
tibus fere cum plebe communia. Quod quidem maxime e natura est, tolli
fortunae discrimen in morte.
Nachdem also der Aufwand beschränkt war auf drei recinia, eine pur-
purne Tunica und zehn Flötenspieler, verbietet es auch die Totenklagen:
‘Die Frauen sollen die Wangen nicht zerkratzen und keine Totenklage
wegen des Begräbnisses halten.’ Die alten Interpreten Sextus Aelius67
und Lucius Acilius68 sagten, das verständen sie zu wenig, vermuteten
aber, es sei eine Art Trauergewand, Sextus Aelius (sagte), es sei sozu-
sagen ein trauriges Wehklagen, wie das Wort selbst zu erkennen gibt.
Das ist nach (unserem) Urteil umso mehr wahr, weil Solon eben das
verbietet. Das ist lobenswert und verbindet die Reichen mit dem Volk.
Was auch aufs äußerste der Natur entspricht, daß der Unterschied des
Wohlstands mit dem Tode aufgehoben wird.

Wieder sagt Cicero, daß das Verbot der Totenklage schon ein Gesetz
Solons war69. Die Klageweiber waren keine Verwandten, sie waren sozu-
sagen ‘gemietet’ und wurden für ihr Tun bezahlt. Mulieres genas ne radu-
nto war für Festus70 das Verbot, sich mit den Fingernägeln die Wangen so
aufzukratzen71, daß Blut floß. Und Servius zitiert in seinem Kommentar
zu Vergils Aeneis72 Varro mit der Erklärung, daß mit dem Blut der Klage-
weiber ‘den Göttern der Unterwelt’ Genüge getan werden sollte.
Lessum lesen wir nur bei Cicero73. Eine etymologische Erklärung
des Wortes gibt es nicht74. Lucius Aelius Stilo75, dem Cicero folgte, hat

67
Sextus Aelius Paetus Catus, Konsul 198, Verfasser der Tripertita, dessen dritter
Teil das Ius Aelianum genannt wurde.
68
Lucius Acilius: Cic. de amic. 2.6: quia prudens esse in iure civili putabatur; de
leg. 2.23.59.
69
Plut. Solon 21 i. f.
70
Fest. p. 273 M. (Lindsay 338).
71
Plin. n. h. 11.157; Serv. in Verg. Aen. 12.606; Cic. Tusc. 2.55.
72
Serv. in Verg. Aen. 3.67.
73
Cic. de leg. 2.25.64; 2.23.59.
74
A. Walde, J. B. Hofmann, Lateinisches etymologisches Wörterbuch 14, Heidelberg 1965,
787; A. Ernout, A. Meillet, Dictionnaire étymologique de la langue latine4, Paris 1985, 352.
75
Lucius Aelius Stilo Praeconinus, geb. um 150 v. Chr., gest. um 70 v. Chr., Gram-
matiker, Schriftsteller, Philosoph, Lehrer von Cicero und Varro: Goetz, L. Aelius Nr.

18
lessus als ‘Trauergeheule’ gedeutet76; wir übersetzen das Wort mit ‘To-
tenklage’. Cicero hält auch dieses Verbot für eine lobenswerte Rege-
lung, weil es die Reichen gleichstellt mit der plebs – was wieder nur
den Schluß zuläßt, daß ausschließlich die besser gestellte Oberschicht
Klageweiber anstellen konnte, so wie auch nur sie der Adressat der Be-
schränkungen der Grabbeigaben war.
c) Im selben Zusammenhang berichtet Cicero, daß die Zwölftafeln
mit der Beschränkung des Bestattungsaufwands auf zehn Flötenbläser
auch der Gesetzgebung Solons gefolgt sind77; Cicero sagt hier, was er
später wiederholt, wir aber schon zitiert haben:
Cic. de leg. 2.23.59: Extenuato igitur sumptu tribus ricinis et tunicula
purpurea et d e c e m t i b i c i n i b u s tollit etiam lamentationem: Mulie-
res Genas Ne Radunto Neve Lessum Funeris Ergo Habento.
Nachdem also der Aufwand beschränkt war auf drei recinia, eine pur-
purne Tunica und zehn Flötenspieler, verbietet es auch die Totenklage:
‘Die Frauen sollen die Wangen nicht zerkratzen und keine Wehklagen
wegen des Begräbnisses halten.’

Diese Beschränkung kann keinen anderen Anlaß gehabt haben als


die Einschränkung der Grabbeigaben und das Verbot der Totenklage.
Ihr Adressat ist mithin auch hier nicht der einfache Mann, sondern die
wohlhabende Oberschicht, die mehr als zehn Flötenbläser verpflichten
konnte.

8. Bei den übrigen, verhältnismäßig zahlreichen Verboten der zehn-


ten Tafel wird über ihr Vorbild oder ihre Herkunft nichts gesagt. Verbo-
ten werden nämlich außerdem: den Leichnam in urbe zu bestatten oder
zu verbrennen; die Hölzer für den Scheiterhaufen zu glätten; den Schei-
terhaufen aufwendig zu besprengen; longae coronae dem Toten mit in

144, in PWRE. 1, 1893, 532 f.


76
M. Schanz, C. Hosius, Geschichte der römischen Literatur4, München 1927
(Nachdruck 1979) 232 f.: eher in einem lexikographischen Werk als in einem Kom-
mentar zu den XII Tafeln. Ähnlich Goetz, L. Aelius Nr. 144 cit. (A. 71) 532. H. Blümer,
Die römischen Privataltertümer, München 1911, 490.
77
Weitere Quellen bei Blümer, Die römischen Privataltertümer cit. (A. 72), 491
A. 12.

19
das Grab zu geben (mit Ausnahme durch Leistung erworbener Kränze);
Gold dem Toten mitzugeben (mit Ausnahme von Zahngold: dentes auro
iuncti); den Leichnam gewerbsmäßig von Sklavenhand salben zu lassen;
dem Toten einen Myrrhe-Trunk einzuflößen; vor der Totenbahre in einem
Kästchen Weihrauch zu brennen (acerra ara, quae ante mortuum poni
solebat, in qua odores incendebant78) und, schließlich, einen Umtrunk
zu reichen. Das eine oder andere dieser Verbote könnte aus Solons Ge-
setzgebung übernommen oder einem seiner Gesetze nachgebildet sein.
Cicero bemerkt in de legibus immerhin dreimal, daß die Bestimmungen
der zehnten Tafel , die den Begräbnisluxus einschränken, großenteils
aus der solonischen Gesetzgebung übernommen worden sind79:
Cic. de leg. 2.23.59: Iam c e t e r a i n X I I minuendi sumptus sunt la-
mentationisque funebris, t r a n s l a t a s e S o l o n i s f e r e l e g i b u s .
Das übrige in den XII Tafeln soll den Aufwand und die Totenklage bei
der
Bestattung mindern, meistenteils übernommen von Solon.
Cic. de leg. 2.24.60: C e t e r a quidem funebria quibus luctus augetur
XII sustulerunt.
Die übrigen Totenbräuche, durch die der Bestattungsluxus vermehrt
wurde, haben die XII Tafeln beseitigt.

Cic. de leg. 2.25.64: Nam de tribus reciniis et p l e r a q u e i l l a S o -
lonis sunt.
Denn (die Vorschriften über) die drei recinia und jenes meiste (andere)
stammt von Solon.

Wie Cicero diese Kenntnisse erworben hat, ist nicht ersichtlich. Man
hat erwogen, daß im Nachhinein Parallelen zu den eigenen Gesetzen
in Solons Gesetzgebung entdeckt wurden, im 3. oder 2. Jahrhundert v.
Chr., und diese Entdeckung dazu geführt hat, die Abhängigkeit von den

Fest.-Paul. 18 M.
78

79
Wieacker, Zwölftafelprobleme cit. (A. 39), 474: Das meiste dieser Vorgänge
kennten wir aus den etruskischen Grabkammern insbesondere von Tarquinia, deren
Malereien zwischen 530 und 470 anzusetzen wären. Und da mit dem Sturz der Könige
etruskisches Adelsleben aus Rom nicht verschwand, hätten die decem viri die soloni-
sche Gesetzgebung nicht auszuschreiben brauchen. Auch großgriechische Parallelen
bräuchten nicht bemüht zu werden. Wenige Jahrzehnte später wären diese Verbote nicht
mehr aktuell gewesen.

20
solonischen Vorbildern zu konstruieren. Doch diese Vorstellung zufäl-
ligen Gleichlaufs ist eher eine Zumutung und hat auch keine Gefolg-
schaft gefunden. Vielmehr liegt nahe, daß Cicero sein Wissen aus dem
Zwölftafelkommentar seines Lehrers Lucius Aelius Stilo80 erlangt hat
und Aelius Stilo seine Kenntnisse vermutlich aus den annales maximi.
Wenn eine Überlieferung Wahrscheinlichkeit beanspruchen darf, so ist
es diese – mit der Folge, daß Ciceros Angaben zur Herkunft der Zwölf-
tafelsätze zwar nicht das Ergebnis eigener Nachforschungen, aber doch
einer zuverlässigen Überlieferung sind.
Diese Überlieferung gewinnt alle Glaubwürdigkeit durch den gesell-
schaftlichen Umbruch in den Jahrzehnten nach der Vertreibung der etrus-
kischen Könige. Die Plebs setzte ihre Forderungen durch mit der dauern-
den Abkehr von den hierarchischen etruskischen Gesellschaftsformen,
mit ihrer eigenen definitiven Konstituierung81 und eben den Zwölftafeln,
die die erstrebte Rechtsgleichheit zu einem guten Teil brachte.

9. Ebenso deutlich und für unser Thema noch erheblicher ist die
großgriechische Ausstrahlung auf Rom auch schon in diesen Jahren82:
angeführt von Kyme, nach Strabon der ältesten griechischen Kolonie
in Italien und Sizilien, die Rom das Alphabet gebracht haben soll und
deren sibyllinische Bücher von Rom eingeholt worden sind. Schon 493
v. Chr. haben die tribuni plebis den Kult der drei Gottheiten Ceres, Li-
ber und Libera in Rom eingeführt83; 484 v. Chr. wurde die aedis Ca-
storis geweiht, einer Gottheit zweifellos griechischer Herkunft und in
den griechischen Städten Süditaliens besonders verehrt84, und früher

80
Cic. Brut. 56.205. Daß Aelius einen Zwölftafelkommentar geschrieben hat, bez-
weifelt Goetz, Aelius Nr. 144 cit. (A. 71) 533.
81
Vermutlich in Zusammenhang mit der Einrichtung des Volkstribunates bei der
ersten secessio 494 v. Chr. – was vielfach bestritten wird.
82
Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert cit. (A. 7), 334 f.
83
Auf Anweisung der sibyllinischen Bücher. Das nach den griechischen Gottheiten
benannte und von griechischen Künstlern ausgeschmückte Heiligtum war der sakrale
Mittelpunkt der plebeischen Gemeinde: G. Wissowa, Religion und Kultus der Römer2,
München 1912, 297 f.; K. Latte, Römische Religionsgeschichte, München 1960, 161 f.
84
Wissowa, Religion und Kultus der Römer cit. (A. 79), 268-271; Latte, Römische
Religionsgeschichte cit. (A. 79), 173-176.

21
schon, 495 v. Chr., der Kult des Mercurius gegründet, des Gottes der
Kaufleute85 – vermutlich in Zusammenhang mit der Einrichtung des col-
legium mercatorum, das den von großgriechischen Städten vermittelten
Handel mit dem griechischen Mutterland betreute; nicht zu vergessen
die Beteiligung griechischer Künstler und Handwerker bei dem Bau und
der Ausschmückung römischer Tempel; schließlich die wachsende wirt-
schaftliche Dominanz von Syrakus auch in Latium seit etwa 475 v. Chr.
In diesem Umfeld, einer vielfachen Durchdringung des religiösen,
kulturellen und auch wirtschaftlichen Lebens Italiens und der Stadt
Rom, konnte es nicht ausbleiben, daß auch die Zwölftafelkommission
die Stadtrechte griechischer Städte als Vorbild und auch die Erfahrung
dieser Städte durch Austausch und Ratsuche genutzt hat.
Mit welchen Städten oder welcher Stadt Austausch und Beratung
stattgefunden haben, ist ungewiß. Poena, entlehnt aus dem griechisch-
dorischen poina86, könnte auf Kroton oder Lokroi weisen. Von einer
krotonischen Gesetzgebung ist nichts bekannt, und um die Mitte des 5.
Jahrhunderts war Kroton, nach zermürbenden Kriegen, seit Jahren im
Niedergang. Lokroi dagegen, wohl noch im 8. Jahrhundert gegründet,
eine Kolonie mit gemischter Bevölkerung, aber dorischem Dialekt, könn-
te Roms Ratgeber gewesen sein. Seine Gesetzgebung noch im 7. Jahrhun-
dert soll die erste in Europa gewesen sein87, was, wie sich versteht, nicht
ausschließt, daß sie später korrigiert oder auch ergänzt worden ist – der
Stadtstaat mithin durchaus solonische Gesetze übernommen haben kann.
Diese Hypothese ist indessen äußerst schwach und eher zu vernachlässi-
gen. Die Mitwirkung eines Hermodor bei der Abfassung oder Redaktion
der Zwölftafeln können wir übergehen; sie ist eine Legende88.

85
Religion und Kultus der Römer cit. (A. 79), 304-306; Latte, Römische Religion-
sgeschichte cit. (A. 79), 162/3.
86
Ernout, Meillet, Dictionnaire étymologique, cit. (A. 70), 518.
87
W. Oldfather, Lokroi, in PWRE. 13, 1927, 1318-1324; K. von Fritz, Zaleukos, in
PWRE 9.A, 1967, 2298-2301.
88
F. Münzer, Hermodoros Nr. 3, in PWRE. 8, 1912, 859-861: Wieacker, Zwölftafel-
probleme cit. (A. 39), 468; Id. Wieacker, Die XII Tafeln in ihrem Jahrhundert cit. (A.
7), 343/4. Anders offenbar Tondo, Profilo di storia costituzionale romana cit. (A. 18),
280 f. Offenbar unentschieden Berger, Tabulae duodecim, in PWRE 4.2, 1932, 1922 f.

22
10. Ein starkes und vielleicht das überzeugendste Argument für
griechische Beratung und Übernahme solonischer Gesetze sind Stil
und Grammatik der Zwölftafelsätze. Die Zwölftafeltexte, die uns in
Fragmenten vorliegen, sind nicht die Gesetzestexte in ihrer ursprüng-
lichen Fassung. Sie liegen uns vor “in verjüngter Gestalt“; an ihnen
hat sich “die nationale Grammatik herangebildet“ – Einsichten, die wir
Eduard Norden verdanken89; sie sind “lautlich meist modernisiert, aber
für Formenlehre, Wortgebrauch und Syntax eine reiche Quelle“. Viele
Formeln seien identisch mit griechischen des Rechts von Gortyn; ein
Zusammenhang sei unzweifelhaft. Das unmittelbare Vorbild für die de-
cem viri könnten aber nur die Kodifikationen der griechischen Koloni-
en Süditaliens gewesen sein.
Das griechische Vorbild ist darin unübersehbar, daß die knappe
Klarheit der Zwölftafelsätze der gesamtem späteren römischen Gesetz-
gebung fremd ist. Zweigliedrige Sätze wie Si in ius vocat ito oder Ni
it antestamino oder Patronus si clienti fraudem fecerit sacer esto sind
durch (das nicht mehr parataktische, sondern) hypotaktische Satzgefüge,
durch den bedingenden Nebensatz (si, ni), klare und vor allem auch all-
gemein gültige Normen. Diese fachgerechte Einordnung wird von den
dreigliedrigen Sätzen, deren syntaktisches Gefüge zwei Bedingungen
aufweist, bestätigt: Si membrum rupsit, ni cum eo pacit, talio esto oder Si
nox furtum faxsit, si im occisit, iure caesus esto. Dieser Befund verleiht
dem allgemein gültigen Rechtssatz sprachlich den – bis heute – eindeu-
tigen sinngerechten Ausdruck. Die im Wortlaut überlieferten Zwölfta-
felsätze haben durchweg diese angemessene sprachliche Gestalt – auch
soweit sie unbedingt und darum eingliedrig und, wie die mehrgliederigen
Ausdrucksweisen, von allgemeiner Geltung sind: Igitur en capito oder
Post meridiem praesenti litem addicito oder Adsiduo vindex adsiduus
esto oder Hominem mortuum in urbe ne sepelito neve urito.
Es ist nicht zu übersehen, daß die meisten Zwölftafelsätze syntak-
tisch Bedingungssätze sind, gelegentlich in Verbindung mit Relativsät-
zen, so etwa in dem Gesetz Si volet suo vivito. Ni suo vivit, q u i eum
vinctum habebit, libras farris endo dies dato. Si volet, plus dato. „Wenn

89
E. Norden, Die lateinische Literatur5, Leipzig 1954, 7.

23
er will, soll er von Eigenem leben. Wenn er nicht von Eigenem lebt, soll
der, der ihn gefangen halten wird, ihm ein Pfund Spelt täglich geben.
Wenn er will, soll er mehr geben“. Darum ist oft die Frage gestellt wor-
den, ob die lateinische Sprache, gleich der griechischen, schon in der
Mitte des 5. Jahrhunderts dieser syntaktischen Gestaltung fähig war.
Sie ist mit der Einschränkung beantwortet worden, daß solche gramma-
tische Gestaltung in dieser frühen Zeit ohne das Vorbild und Beispiel
griechischer Rechtsaufzeichnungen kaum möglich gewesen wäre90.

11. Unter dieser Voraussetzung ist auch die Annahme gestattet, daß
nicht nur die Gesetze, deren Herkunft Cicero vermerkt, aus griechischen
Vorgaben übernommen, sondern auch die einschränkenden Verbote,
deren Herkunft nicht ausdrücklich vermerkt wird, griechischen Vorla-
gen entlehnt oder nach griechischem Vorbild verfaßt worden sind. Das
entspräche der wiederholten Anmerkung Ciceros, daß die Einschrän-
kungen des Begräbnisluxus großenteils -über die Magna Graecia, wie
wir meinen – aus der solonischen Gesetzgebung herrühren. Zu denken
wäre an die Verbote, in urbe zu bestatten und zu verbrennen; das Holz
für den Scheiterhaufen mit der Axt zu glätten; oder den Scheiterhaufen
aufwendig zu besprengen.

12. Außerdem wären auch Gesetze zu untersuchen, die wir in unsere


Überlegungen nicht einbezogen haben. Als Beispiel zu nennen wäre
etwa die Satzungsautonomie: das Gesetz, das Gemeinschaften aller Art
– Kollegien, Brüder- und Genossenchaften, Handwerkern und selbst
Tischgenossen – das Recht einräumt, sich verbindliche Regeln zu ge-
ben, die allgemeine Gesetze nicht verletzen. Darüber berichtet Gaius
in seinen libri ad legem duodecim tabularum91 mit dem Hinweis, daß
dieses Gesetz ex lege Solonis in die Zwölftafeln übernommen worden

90
Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts cit. (A. 24),
14 f.; Schulz, Prinzipien des römischen Rechts cit. (A. 40), 5; Wieacker, Zwölftafel-
probleme cit. (A. 39), 487-491.
91
D 47.22.4 (= XII T. 8 Nr. 27). Wieacker, Zwölftafelprobleme cit. (A. 39), 469.

24
ist. – Oder das Zwölftafelgesetz, das wir durch Festus kennen92 und das
jedem erlaubte, mit Zug- und Lasttieren ein fremdes Grundstück be-
liebig zu durchqueren, wenn kein Weg mit Steinen markiert war: Viam
Munito: Ni Suam Delapidassint, Qua Volet Iumento Agito. Und ein letz-
tes Beispiel: Tacitus schreibt in seinen Annalen93, daß ein Gesetz der
Zwölftafeln den Darlehenszins auf 1/12 des Kapitals beschränkte, ein
Verbot, von dem er auch zu Recht bemerkt, daß es gegen die wohlha-
bende Oberschicht gerichtet war: nam primo duodecim tabulis sanc-
tum, ne quis unciario fenore amplius exerceret, cum antea ex libidine
locupletium agitaretur. „Denn zuerst wurde durch das Zwölftafelgesetz
festgelegt, daß niemend gegen einen höheren Zinssatz als eine Unze je
As Geld ausleihen dürfe, während vorher dessen Höhe sich nach dem
Belieben der Reichen richtete“. Die unterschiedlichen Überlieferungs-
wege, den diese Nachrichten genommen haben, verlangen spezifische
Analysen, die hier nicht vorgesehen waren und einer eigenen Untersu-
chung vorbehalten bleiben.

13. Auf den Sturz der etruskischen Herrschaft folgte ein Jahrzehn-
te dauernder Ständekampf, in dem sich die Plebs organisierte und als
Einheit konstituierte94. Ihr Ziel war die Überwindung ihrer Benachtei-
ligung, war Teilhabe an der Ordnung und Führung des Gemeinwesens,
war Isonomie. Die Zwölftafeln sind ein Markstein dieser Bewegung,
und die Gesetze, die den Begräbnisluxus einschränken, ein deutlicher
Ausdruck der erstrebten Gleichberechtigung. Ihre Nachbildung soloni-
scher Gesetze oder gar der solonischen Gesetzgebung ist darum keine
Überraschung95. Denn auch Solons Gesetzgebung war ein „revolutio-
närer Bruch mit dem alten Recht“96 und ihre Absicht war der Ausgleich
der Stände, war die Gleichheit vor dem Gesetz97.

92
Fest. 371 M. (= XII T. 7 Nr. 7). Wieacker, Zwölftafelprobleme cit. (A. 39), 476.
93
Tac. Ann. 6.16.2.
94
A. Alföldi, Zur Struktur des Römerstaates im V. Jahrhundert v. Chr., in Les origi-
nes de la republique Romaine, Fondation Hardt, Paris 1967, 223-278.
95
Cic. de leg. 2.59.64; Liv. 3.31.8.
96
Aly, Solon cit. (A. 56), 958.
97
Aly, Solon cit. (A. 56), 965.

25
26