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EF Philo: Einstieg

Selber denken und anderes Denken:


Erbsünde
Ein Einstieg

In einer Ihrer Emails findet sich die folgende Frage:

Gibt es eine Erbschuld für einen einzelnen Menschen für das, was seine Vorfahren
verbrochen haben?

Diese Frage ist eine philosophische, denn es gibt keine (wissenschaftliche)


Methode, mit der wir uns einer solchen Frage nähern, wir können Ihre Antwort
nicht berechnen oder ihr empirisch durch Experimente nahekommen, auch eine
Meinungsumfrage oder eine Statistik kann uns nicht weiterhelfen.

Es bleiben also zwei Zugänge:

uns durch das Nachdenken über die verwendeten Begriffe und


Zusammenhänge ein eigenes Urteil bilden
nachlesen, was in der philosophischen Tradition schon zu dieser Frage
gesagt worden ist.

Diskutieren Sie zunächst in einer kleinen Gruppe:

1. Was meinen die Begriffe »Schuld«, »erben«, »Mensch« und »Vorfahre«?


2. Angenommen, Sie könnten die Frage auf die eine oder andere Weise (also
mit ja oder nein) beantworten: Was könnte diese Antwort erklären? Welche
Probleme entstünden durch so eine Antwort?
3. Wie könnte man »Schuld« »erben«? Was ist genau damit gemeint?
4. Was müssen wir in diesem Zusammenhang unter »etwas
verbrechen« verstehen?

Vertiefen Sie sich dann in die folgenden Texte zum Thema.

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Lexikoneintrag

Erbsünde, Sünde des Menschengeschlechtes, peccatum hereditarium originale


oder naturae, nennt man den Antheil, welchen jeder einzelne Mensch an der
ersten Sünde unserer Stammeltern trägt und mit zur Welt bringt. Weil Gott aus
Einem Blute das ganze Menschengeschlecht gemacht hat, deßhalb war Adams
Sünde die aller seiner Nachkommen, von denen jeder als ein todeswürdiger
Sünder geboren wird (Apg. 17, 26–30 und Röm. 5, 12). Die Folgen der E. sind der
Verlust der heiligmachenden Gnade Gottes und der übernatürlichen ewigen
Seligkeit, die Empörung der Natur gegen den Menschen und zwar der Natur in
ihm, der Kampf des Fleisches gegen den Geist, und der Natur außer ihm, endlich
der Tod. Ueber die Natur der E. sowie über die Art und Weise, wie dieselbe in uns
sei, hat die Kirche nichts festgesetzt, obwohl die E. eine Hauptlehre des
Christenthums ist, Adam und Christus als Hauptangelpunkte des
Entwicklungsganges der Menschheit betrachtet werden und die E. ihren Ausdruck
im uralten Gebrauche der Kindertaufe und der damit verbundenen Exorcismen
fand. Pelagius leugnete die E., erklärte die menschliche Natur für rein u. den Tod
für naturnothwendig. Gegen ihn trat Augustinus auf und schrieb: »Nicht ich habe
die E. erfunden, sie ist vielmehr Gegenstand des kathol. Glaubens von Alters
her!« – Dem Pelagianismus trat 416 die Kirche durch die Synoden von Mileve in
Afrika und die 2. von Arausio (Orange) in Gallien 529 entgegen und die
Bestimmungen der letztern hielt das Tridentinerconcil fast wörtlich fest. Die E. ist
eigentliche, innewohnende Sünde, aber nur hinsichtlich der ersten Menschen
Thatsünde, ein Akt persönlicher Freiheit, weßhalb die Kirche von uns keine
eigentliche Reue über die E. fordert und den Zustand derselben mit dem
Aufkommen einer natürlichen Erkenntniß u. natürlichen Liebe zu Gott verträglich
hält. Der Protestantismus hingegen entwickelte, den hl. Augustin mißverstehend,
dessen Grundlehren in schroffster Form bis zur Prädestinationstheorie, welche
wesentlich beitrug, den protestant. Lehrbegriff in tausendköpfige Meinungen zu
zersplittern.

Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 2, S. 587.

Augustins Begriff der Erbsünde

Erbsünde besagt, daß Sünde sich vererbt. Kann Gott das wollen? Wie kam es
überhaupt zu dem Begriff. Augustinus von Hippo, (354-430), der große Theologe
der Westkirche, von dem Luther sich inspirieren ließt, entwickelte die Vorstellung
der Erbsünde.

Der „geistigen Vater“ der Erbsündenlehre war zuerst Anhänger der Manichäer,
ehe er sich zum Christentum bekehrte. Seine Mutter Monika, selbst Christin, hatte
Jahre für die Bekehrung des Sohnes gebet. Augistinus stammte aus Nordafrika
und wurde Bischof von Hippo, wo er u.a. den Sturm der Vandalen erlebte.

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Am Anfang seiner Lehre steht nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – eine
abstrakte Überlegung über die Sündhaftigkeit der ganzen Menschheit o.ä. im
Mittelpunkt, sondern ein ganz konkretes exegetisches Problem: die Auslegung
von Röm. 9,10-13

„[10] So war es aber nicht nur bei ihr [Sara], sondern auch bei Rebecca: Sie hatte
von einem einzigen Mann empfangen, von unserem Vater Isaak, [11] und ihre
Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan;
damit aber Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung gültig bleibe, [12] nicht
abhängig von Werken, sondern von ihm, der beruft, wurde ihr gesagt: Der Ältere
muß dem Jüngern dienen; [13] denn es steht in der Schrift: Jakob habe ich geliebt,
Esau aber gehaßt.“

Die entscheidende Frage in Bezug auf Röm 9,10-13 war für Augustinus, wie man
erklären könne, dass Gott von zwei Ungeborenen den einen liebe, den anderen
aber hasse, ohne Gott vorwerfen zu müssen, er sei ungerecht, was in Augustins
Augen selbstverständlich absurd wäre. In seiner Schrift „Expositio quarundam
propositionum ex epistola ad Romanos“ (394) löst der Kirchenvater das Problem
dadurch, dass er als Grund für die Erwählung des Jakob und die Verwerfung des
Esau Gottes Vorherwissen, wie beide einmal beschaffen sein werden, angibt. Fest
steht für den Kirchenvater, dass es ein Unterscheidungskriterium zwischen beiden
geben müsse, sonst könne es keine gerechtfertigte Erwählung bzw. Verwerfung
geben. Fragt man nun, was konkret Gott erwähle, so lautet die Antwort, nicht
bestimmte Werke (vgl. Röm. 9,12), sondern den vorausgewussten Glauben, denn
dieser sei das Verdienst des Menschen. Gott wusste also voraus, dass Jakob
glauben würde, deshalb erwählte und liebte Gott ihn, genauso, wie er
vorauswusste, dass Esau nicht glauben würde, weshalb er diesen verwarf und
hasste. Es ist somit letztlich der Mensch selbst, der über sein Heil oder Unheil
entscheidet, denn er ist frei zu Glauben oder nicht zu glauben.

Circa zwei Jahre später in seiner Schrift „Ad Simplicianum“ (396) beschäftigt sich
Augustinus erneut mit Röm 9,10-13 und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass auch
der Glaube des Menschen nicht als dessen Verdienst betrachtet werden dürfe, da
der Mensch alles der zuvorkommenden Gnade Gottes verdanke. Wenn aber der
Mensch somit überhaupt keine Verdienstmöglichkeit mehr besitzt und deshalb
alle Menschen gleich sind, dann stellt sich erneut die Frage nach dem Grund der
Erwählung Jakobs. Diese lässt sich noch relativ leicht als reines und absolut freies
Gnadengeschenk Gottes erklären, allem Tun und Wollen des Menschen
zuvorkommend, wodurch Augustinus die Souveränität und Größe Gottes
gebührend gewürdigt sieht. Schwieriger verhält es sich jedoch bei Esau. Wie lässt
sich dessen Verwerfung einsichtig machen, ohne Gott den Vorwurf der
Ungerechtigkeit aussetzten zu müssen? Naheliegend wäre nun der
Erklärungsversuch, Esau habe das freie Gnadenangebot Gottes abgelehnt und
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deshalb seine Verwerfung verdient. Augustinus erkennt aber, dass eine solche
Argumentation nicht greift, da der Text explizit von Ungeborenen spricht, die
weder etwas wollen, noch etwas nicht wollen konnten, als der eine bereits
erwählt, der andere schon verworfen war. Der Kirchenvater sah sich somit dem
Dilemma ausgesetzt, einerseits einen (gerechten) Grund für die Verwerfung des
ungeborenen Esau finden zu müssen, andererseits aber bereits erklärt zu haben,
dass die Gnadenwahl Gottes völlig frei und unabhängig von allem Tun und Wollen
des Menschen erfolge.

Um dieses Dilemma lösen zu können entwickelt er sukzessive die Lehre von der
Erbsünde, die besagt, dass die ganze Menschheit eine „einzige Sündenmasse“
(massa peccati) darstelle. Begründet sieht Augustinus dies in Röm 5,12 („in quo
omnes peccaverunt“), was er fälschlich mit „in dem (= in Adam) alle sündigten“
übersetzt, anstatt korrekt mit „weil alle sündigten“, wie aus der griechischen
Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, hervorgeht. Alle Menschen
haben „in Adam“, dem Stammvater der ganzen Menschheit gesündigt und
verdienen damit als gerechte Strafe die ewige Verdammnis. Es steht dabei Gott
selbstverständlich frei, diese Strafe den einen nachzulassen, sie aber von den
anderen einzufordern. Das eine ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit, das andere ist
Ausdruck seiner Gerechtigkeit. Stellt man nun die Frage, warum Gott aus der
großen Sündenmasse der Menschheit nur einige wenige zum Heil erwählt und
vorherbestimmt, während er dem größten Teil seine rechtfertigende Gnade
verweigert – wovon der Kirchenvater überzeugt ist – dann könne nach Augustinus
nur geantwortet werden, dass der Mensch dies nicht einsehen könne, sondern
darauf vertrauen müsse, dass dies einer nur Gott einsichtigen Gerechtigkeit
entspreche.

„Es bilden also alle Menschen – zumal da nach dem Wort des Apostels ‚in Adam
alle sterben’ (1Kor 15,22), von dem sich für das gesamte Menschengeschlecht
der Ursprung der Beleidigung Gottes herleitet – eine einzige Sündenmasse, die
der höchsten, göttlichen Gerechtigkeit Strafe schuldet. Wenn sie eingetrieben
oder nachgelassen wird, so bedeutet beides kein Unrecht.“

[Augustinus, Simpl. 1,2,16; Aurelius Augustinus. Der Lehrer der Gnade.


Gesamtausgabe seiner antipelagianischen Schriften. Prolegomena 3 (Lateinisch-
Deutsch). Eingel., übertr. und erl. von Thomas Gerhard Ring (=ALG 3), Würzburg
1991]

„Ist Gott nicht ungerecht, wenn er trotz seiner Allmacht nur einige erwählt?
Ausgehend von dem unerschütterlichen Axiom, daß es in Gott keinerlei
Ungerechtigkeit gibt, kann Augustinus eine Lösung nur darin finden, daß er den
Menschen völlig rechtlos macht. Das Instrument zur Entmündigung des Menschen
ist ein – von ihm neu geschaffenes – biologisches Verständnis der Erbsünde und
eine krasse Schlußfolgerung daraus: Die Menschen sind ein Masse der Sünde, die
rechtens einzig und allein Verdammung verdient.“

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[Georg Kraus, Gnadenlehre – Das Heil als Gnade, in: Wolfgang Beinert (Hg.),
Glaubenszugänge. Lehrbuch der katholischen Dogmatik (Bd. 3), Paderborn 1995,
157-305]

„Der tragende Gedankengang, den Augustinus in „Ad Simplicianum“ ausführt, ist


daher der: Wenn alles Positive, Berufung und Erwählung, von Gott abhängen, und
wenn zudem nicht alle erwählt werden, so muß der Grund hierfür in der
Menschheit selber liegen, denn sonst müßte gegen Gott der Vorwurf der
Ungerechtigkeit erhoben werden. So wenig aber ein Gläubiger ungerecht ist,
wenn er dem einen Schuldner seine Schuld erläßt aus Gnade, dem anderen aber
nicht, so wenig kann Gott ein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er nicht alle
rechtfertigt und nicht allen das Heil gibt. […] Wenn Gott den einen erwählen, den
anderen aber verwerfen wollte, er aber dabei nicht auf Verdienstunterschiede
sehen konnte, weil sie ja letztlich von Gott kommen, dann blieb offensichtlich nur
die Möglichkeit der Annahme, daß alle Menschen von Anfang an, und das heißt:
durch Adams Sünde der Verwerfung schuldig sind – so daß Gott nun dadurch
seine Gnade zeigen könne, daß er aus dieser „massa“ einige zum Heile erwählte,
andere nicht“.

[Walter Simonis, Heilsnotwendigkeit der Kirche und Erbsünde bei Augustinus, in:
Carl Andresen (Hg.), Zum Augustin-Gespräch der Gegenwart (WdF 327),
Darmstadt 1981, 301-328]

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Klassiker der Philosophie

Kant

Schopenhauer

Der Mittelpunkt und das Herz des Christenthums ist die Lehre vom Sündenfall,
von der Erbsünde, von der Heillosigkeit unsers natürlichen Zustandes und der
Verderbtheit des natürlichen Menschen, verbunden mit der Vertretung und
Versöhnung durch den Erlöser, deren man theilhaft wird durch den Glauben an
ihn. Dadurch nun aber zeigt dasselbe sich als Pessimismus, ist also dem
Optimismus des Judenthums, wie auch des ächten Kindes desselben, des Islams,
gerade entgegengesetzt, hingegen dem Brahmanismus und Buddhaismus
verwandt. - Dadurch, daß im Adam Alle gesündigt haben und verdammt sind, im
Heiland hingegen Alle erlöst werden, ist auch ausgedrückt, daß das eigentliche
Wesen und die wahre Wurzel des Menschen nicht im Individuo liegt, sondern in
der Species, welche die (platonische) IDEE des Menschen ist, deren
auseinandergezogene Erscheinung in der Zeit die Individuen sind.

Der Grundunterschied der Religionen liegt darin, ob sie Optimismus oder


Pessimismus sind; keineswegs darin, ob Monotheismus, Polytheismus, Trimurti,
Dreieinigkeit, Pantheismus, oder Atheismus (wie der Buddhaismus). Dieserwegen
sind A.T. und N.T. einander diametral entgegengesetzt und ihre Vereinigung
bildet einen wunderlichen Kentauren. Das A.T. nämlich ist Optimismus, das N.T.
Pessimismus. […]

Die, welche wähnen, daß die Wissenschaften immer weiter fortschreiten und
immer mehr sich verbreiten können, ohne daß Dies die Religion hindere,
immerfort zu bestehn und zu floriren, - sind in einem großen Irrthum befangen.
Religionen sind Kinder der Unwissenheit, die ihre Mutter nicht lange überleben.
Omar, Omar hat es verstanden, als er die Alexandrinische Bibliothek verbrannte:
sein Grund dazu, daß der Inhalt der Bücher entweder im Koran enthalten, oder
aber überflüssig wäre, gilt für albern, ist aber sehr gescheut, wenn nur cum grano
salis verstanden, wo er alsdann besagt, daß die Wissenschaften, wenn sie über
den Koran hinausgehn, Feinde der Religionen und daher nicht zu dulden seien. Es
stände viel besser um das Christenthum, wenn die Christlichen Herrscher so klug
gewesen wären, wie Omar. Jetzt aber ist es etwas spät, alle Bücher zu
verbrennen, die Akademien aufzuheben, den Universitäten das pro ratione
voluntas durch Mark und Bein dringen zu lassen, - um die Menschheit dahin
zurückzuführen, wo sie im Mittelalter stand. Und mit einer Handvoll Obskuranten
ist da nichts auszurichten: man sieht diese heut zu Tage an, wie Leute, die das
Licht auslöschen wollen, um zu stehlen. So ist es denn augenscheinlich, daß
nachgerade die Völker schon damit umgehn, das Joch des Glaubens
abzuschütteln: die Symptome davon zeigen sich überall, wiewohl in jedem Lande
anders modifizirt. Die Ursache ist das zu viele Wissen, welches unter sie
gekommen ist. Denn Glauben und Wissen vertragen sich nicht wohl im selben
Kopfe: sie sind darin wie Wolf und Schaaf in Einem Käfig; und zwar ist das Wissen
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der Wolf, der den Nachbar aufzufressen droht. - In ihren Todesnöthen sieht man
die Religion sich an die Moral anklammern, für deren Mutter sie sich ausgeben
möchte: - aber mit Nichten! Aechte Moral und Moralität ist von keiner Religion
abhängig; wiewohl jede sie sanktionirt und ihr dadurch eine Stütze gewährt.

Eine aktuelle Debatte: Schnädelbach, Spaemann und die Theologie

Mit dem abwesenden Gott leben.

Herbert Schnädelbach im Streitgespräch mit dem evangelischen Bischof Horst


Hirschler

Hirschler: Früher habe ich auch gedacht, das ist alles Unsinn, wenn da am Anfang
der Bibel in der Geschichte vom Sündenfall steht: Adam und Eva essen vom Baum
der Erkenntnis, und danach sehen sie nur, dass sie nackt sind. Mehr nicht, das
war doch lachhaft. Später habe ich begriffen: Die Schlange sagt, ihr werdet
wissen, was gut und böse ist, das heißt: Ihr werdet alles wissen. Dadurch haben
die Menschen ihre Arglosigkeit verloren, die selbstverständliche Einheit mit der
Welt, wie sie das Tier hat. Die sind dadurch in der Entfremdung. Der Mensch weiß
nicht, warum er auf der Welt ist.

Schnädelbach: Auch ich finde die Sündenfallgeschichte ausgesprochen


faszinierend. Aber diese Geschichte hat nichts mit der christlichen Lehre von der
Erbsünde zu tun. Dass man als Mensch schuldig werden kann, ja unweigerlich
werden muss, ist unbestritten. Aber es gibt doch einen Unterschied
zwischenSchuldfähigkeit und Schuld. Die Behauptung, dass alle Menschen als
Sünder geboren werden, und zwar als Sünder im Sinne von Schuldigen, halte ich
für eine verhängnisvolle Weichenstellung des frühen Christentums.

Hirschler: Das ist es aber nicht. Sünde heißt: von Gott getrennt sein. So
verstanden, in dieser Bedeutung, kann man durchaus sagen, dass die Menschen
in die Sünde hinein geboren werden. Das heißt nicht, dass wir mit persönlicher
Schuld beladen in die Welt kämen, sondern dass wir von Anfang an Menschen
ohne Gottvertrauen sind. In Sünde geboren werden heißt also nichts anderes, als
dass wir Menschen das ursprüngliche Gottvertrauen verloren haben.

Schnädelbach: Einspruch! Bei Ihrer Deutung der Erbsündenlehre fällt das


Entscheidende weg. In einem breiten Strom christlicher Tradition heißt Sünde
eben nicht einfach nur Schuldfähigkeit oder Trennung von Gott, sondern Sünde
heißt schuldig sein. Und schuldig sein heißt, diese Schuld muss bezahlt werden.

Hirschler: Warum scheuen Sie denn so das Schuldigsein? Sie wissen doch, dass
wir alle immer wieder anderen etwas schuldig bleiben. Warum wollen Sie das
nicht zugeben?

Schnädelbach: Das gebe ich gerne zu! Aber Schuld gibt es doch nur unter
Menschen. Jemandem etwas zu schulden ist doch etwas anderes, als sich schuldig

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gemacht zu haben. Sie sagen, Sünde heißt nach christlichem Verständnis


Getrenntsein von Gott. Was hat das mit Schuld zu tun?

Hirschler: Wenn ich über mich nachdenke, dann stelle ich doch eine Distanz fest
zwischen mir und der Welt. Ich muss fragen, warum ist etwas und nicht nichts. Ich
muss mir Gewissheit verschaffen in der Welt, weil ich Angst um mich selbst habe.
Deshalb sagt die christlich-jüdische Tradition: Du sollst zuerst auf Gott vertrauen.
Das aber gelingt dem Menschen nicht, weil er zuviel Angst um sich hat.

Schnädelbach: Jetzt weichen Sie aus. Schuld heißt doch immer, dass man
jemandem konkret etwas vorwirft. Ich sehe nicht ein, warum ich mir dauernd
Adams Fall vorwerfen lassen soll.

Hirschler: Es geht bei der Erbsünde auch um die Schuld von Mensch zu Mensch,
aber keinesfalls zuerst. Sie selbst werden doch auch humanistische Prinzipien für
ihr Leben haben. Auch denen gegenüber werden sie dauernd schuldig, weil Sie
sich nicht dran halten. Sie werden nicht nur an Menschen schuldig, sondern auch
an ihren Prinzipien. Da steckt schon mehr dahinter als nur die jeweils konkrete
Schuld gegenüber dem anderen Menschen.

Schnädelbach: Dass Menschen automatisch schuldig sein sollen, ist für mich ein
menschenverachtender Gedanke.

Hirschler: Aber was ist denn menschenverachtend daran, wenn die christliche
Lehre von der Erbsünde sagt: Du bekommst es nicht hin, auf Gott zu Vertrauen?

Schnädelbach: Das ist doch keine Schuld! Ich nehme einmal an, es gäbe Gott,
und er sagte zu mir: Du sollst mir Vertrauen. Ich würde antworten: Ich kann das
aber nicht. Wieso wäre ich dann schuldig? Wir haben ein Problem mit den
Begriffen.

Hirschler: Ja, Sie wollen mich im Zusam-menhang mit Schuld und Sühne auf ein
moralisches Verständnis festlegen. Eine vererbbare konkrete Schuld des
Einzelnen ist mit Erbsünde nicht gemeint. Es geht um das ganze Sein des
Menschen in der Entfremdung, das sich in seinen Taten zeigt. Die Gedanken, die
sich in der Erbsündenlehre ausdrücken, vermitteln ein sehr realistisches
Menschenbild. Und zwar in dem Sinne, wie es der Theologe Paul Tillich gesagt hat:
Wenn du das mit der Erbsündenlehre verstehen willst, dann musst du über die
Entfremdung des Menschen nachdenken.

Schnädelbach: Meine Perspektive ist die des Philosophen und des Nichtchristen.
Dass es immer wieder Theologen gegeben hat und wohl auch noch geben wird,
die all diesen schrecklichen Dingen einen vernünftigen Sinn abgewinnen können,
mag ja sein. Aber ich meine, der Begriff der Erbsünde hat sich kulturgeschichtlich
verheerend ausgewirkt. Ich halte mich da an die Volksfrömmigkeit, die man gut
an den furchtbaren protestantischen Passionschorälen studieren kann. Die hab ich
in meiner Jugend als Kirchenorganist zur Genüge kennen gelernt. Zum Beispiel

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aus der Matthäuspassion: "Ich bin's, ich sollte büßen, an Händen und an Füßen,
gebunden in der Höll'...."

Hirschler: Glauben Sie wirklich, dass die Menschen, die das gedichtet oder
gesungen haben, sich vorstellten, sie müssten in der Hölle braten? Und wenn
wirklich, dann ist das doch nur ein Bild, dass sie verinnerlicht haben, um zu
zeigen, was es heißt, ewig von Gott getrennt zu sein.

Schnädelbach: Also ich kann weder mit Erbsünde noch mit der so genannten
Rechtfertigungsbedürftigkeit des Menschen vor Gott etwas anfangen. Für mich
gibt es Gott nicht!

Hirschler: Ich finde es auch von der Warte des Philosophen völlig unsachgemäß,
wenn Sie sagen: Ich kann mit Gott nichts anfangen. Wenn Sie nicht nach Gott
fragen, dann leben Sie unter Niveau. Sie müssen ja als Antwort nicht das
Christentum haben. Aber so etwas wie Gott, also eine Antwort auf die Sinnfrage,
das müssen Sie doch haben! Wofür sind Sie denn sonst da? Was ist das für eine
Eintagsfliege, lieber Herr Philosoph?

Schnädelbach: Sie können mir wirklich glauben, dass ich weiß, was Religiosität ist
und dass ich als Philosoph sehr wohl weiß, was Sinnfragen sind. Ich bin auch der
Ansicht, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens, die ich für eine entscheidende
Frage halte, nur beantwortet werden kann, wenn man sie in einen größeren
Zusammenhang stellt. Aber ich muss zurückweisen, dass ich die Gottesfrage nur
in christlichen Denkmustern behandeln muss.

Hirschler: Das müssen Sie auch nicht. Ich habe gesagt, ,,so etwas wie Gott".

Schnädelbach: So etwas wie Gott! Was ist denn das? Da würde ja sogar ich sagen:
Das ist fast schon Gotteslästerung. Also entweder Gott oder gar nicht! Glauben
Sie mir, ich habe ein Verständnis für diese Fragen. Aber das bedeutet nicht, eine
Antwort zu haben. Sie sagen, Sie haben als Christ eine. Na gut. Ich als Nichtchrist
habe keine.

Hirschler: Das nehme ich Ihnen nicht ab. Sie können doch nicht nur Fragen
stellen. Vor allen Dingen nicht in Ihrem ganz alltäglichen Verhalten. Jeder Mensch
lebt in Antworten. Wenn Sie sagen, das mache ich jetzt, das lohnt sich, geben Sie
eine Antwort auf die Sinnfrage.