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HIDEO AKIYAMA, TOKYO

NIETZSCHES IDEE DES „GROSSEN STILS"

1. Halkyoniscbe Elemente im Wesen Nietzsches

Es ist merkwürdig festzustellen, daß Nietzsche trotz seines revolu-


tionären Charakters im Grunde doch ein Bewahrer der klassischen Tradi-
tion war. Als Schriftsteller war er zwar ein Freund des fortissimo; aber
auch das pianissimo war ihm in seinem innersten Kern nicht fremd. Das ver-
anschaulichen z. B. seine „Dionysos-Dithyramben", die Monologe in seiner
,siebenten Einsamkeit' darstellen. Angesichts des „totenstillen Lärms"1 und
des „ehernen Schweigens"2 kann er denn auch nicht umhin zu sagen: „Still!
Meine Wahrheit redet!"3 Seine Wahrheit, nämlich seine Grundanschauung
von der ,Ewigen Wiederkunft', war ein Produkt der „stillsten Stunde". Es
ist sehr charakteristisch für Nietzsche, wenn er sich einmal so ausdrückt:
„Die größten Ereignisse, — das sind nicht unsere lautesten, sondern unsre
stillsten Stunden"4, oder „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm
bringen"5. Schon in „Menschliches, Allzumenschliches" findet man die fol-
gende Tagebuchnotiz Goethes vom 13. Mai 1780 zitiert: „Das Beste ist die
tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse, und gewinne, was sie
mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können."6
Der Sturmbringer Nietzsche, der die ,Umwertung aller Werte* vollzog,
hatte also doch etwas Halkyonisches in sich. Er wußte das schöpferische
otium, die edle Muße, zu schätzen7, was unter anderem daraus hervorgeht,
daß er einmal sagte, wer sich völlig gegen die Langeweile verschanze, ver-

1
DD, Ruhm und Ewigkeit 3; VIII, 435. — Zitiert wird nach der „Kleinoktav-Ausgabe"
(KA) unter Angabe von Band- und Seitenzahl.
2
Nadilaß; VIII, 405.
3
DD, Von der Armut der Reichsten; VIII, 439.
4
Za II, Von großen Ereignissen; VI, 193.
5
Za II, Die stillste Stunde; VI, 217.
6
MA I, 626; II, 401.
7
Die „Götzendämmerung" sollte ursprünglich den Titel „Müßiggang eines Psychologen"
führen, wie aus Nietzsches Brief an Peter Gast vom 12. September 1888 hervorgeht.
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sdianze sich auch gegen sich selber8. Auf dasselbe laufen seine Aussprüche
hinaus: „Für den Denker... ist Langeweile jene unangenehme , Windstille'
der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht;
er muß sie ertragen, muß ihre Wirkung bei sich abwarten"*, oder „Langsam
ist das Erleben aller tiefen Brunnen: lange müssen sie warten, bis sie wissen,
was in ihre Tiefe fiel"10.
Nietzsche, der Dichter des Scherzliedes „Der Halkyonier", gebraucht
in der Tat das Wort ,halkyonisdic sehr oft.11 Nach „Der Fall Wagner"
zeichnen sich die als „wir Anderen,... wir Halkyonier" apostrophierten,
im Gegensatz zu den Wagnerianern, durch folgende Eigenschaften aus: „la
gaya scienza; die leichten Füße; Witz, Feuer, Anmuth; die große Logik; den
Tanz der Sterne; die übermüthige Geistigkeit; die Lichtschauer des Südens;
das glatte Meer12 — Vollkommenheit.. .<<13. Ferner gehören nach der Er-
klärung des ,Typus Zarathustrac im „Ecce homo" „das Halkyonische, die
leichten Füße, die Allgegenwart von Bosheit und Übermuth"14 zum Wesen
der Größe. Im Nachlaß vom Herbst 1887 findet sich eine Aufzeichnung
Nietzsches, die als Buchtitel entworfen worden sein dürfte:
„Halkyonia.
Nachmittage eines Glücklichen.
Von
Friedrich Nietzsche."15
Das Fragment erinnert an den Aphorismus „Epikur" in der „Fröh-
lichen Wissenschaft": „Ja, ich bin stolz darauf,... bei allem, was ich von
ihm (Epikur) höre und lese, das Glück des Nachmittags des Alterthums zu
genießen ..., das Glück eines Auges, vor dem das Meer des Daseins stille ge-
worden ist.. ."16. Man kann in dieser Epikur-Gestalt wohl eine etwas
idealisierte Maske des mittleren Nietzsche selbst erblicken. Nietzsche be-
kennt im „Ecce homo" in nur geringer Variation: Ich sehe „auf meine
Zukunft... wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich

8
WS 200; III, 303.
9
FW 42; V, 79.
10
Za I, Von den Fliegen des Marktes; VI, 74.
11
Vgl. z.B.: „ein Tag von so viel Stille und halkyonisdiem Glück" (Nachlaß; XIV, 391;
aus dem Vorreden-Material zu MA); „unter dem halkyonischen Himmel Nizza's" (EH,
Also sprach Zarathustra 4; XV, 92); „Die Fröhliche Wissenschaft ,la gaya scienza'
müssen Sie jedenfalls lesen: es ist mein mittelstes Buch, — sehr viel feines Glück, sehr
viel Halkyonismus ..." (Brief an Carl Fuchs vom 29. Juli 1888).
12
„Glattes Meer" ist hier positiv gemeint.
18
WA 10; VIII, 34.
14
EH, Also sprach Zarathustra 6; XV, 95.
15
Nachlaß Nr. 10 [1]; KGW VIII 2, 119.
16
FW45;V, 81.
Nietzsches Idee des „großen Stils" 107

auf ihm"17, und in einem Dithyrambus singt er sogar mit einem gewissen
Gefühl der Erlösung:
„Wunsdi und Hoffen ertrank,
glatt liegt Seele und Meer."18
Im Grunde genommen sind die „Halkyonier" und das „glatte Meer"
bei ihm immer doppelsinnig. Sie bedeuten einerseits das Nichtstun im hohen
Stil, d. i. „jene schwer zu erringende Meeresstille der Seele, die der apolli-
nische Grieche Sophrosyne nannte"19, andererseits bedeuten sie aber ein
dekadentes Nichts-mehr- Wollen, die Mentalität der „an der Verarmung des
Lebens Leidenden, die Ruhe, Stille, glattes Meer20, Erlösung von sich . . .
suchen"21.
Das ,Phänomen Nietzsche* ist in seiner Verwirklichung Romantisch*,
wie Joel nachgewiesen hat. Aber seiner Intention nach war Nietzsche eine
Art Klassiker, wie aus dem eben zitierten Aphorismus hervorgeht, wo es
weiter heißt, daß die Ahnung und Vision eines „classischen" Pessimismus zu
ihm gehöre, als unablöslich von ihm, als sein proprium und ipsissimum22.
Was aus dieser klassischen Tendenz Nietzsches entstanden ist, ist die Idee
des „großen Stils". Sie war ein Entwurf und ein Traum des späteren — in
einem gewissen Sinne „apollinischen"23 Halkyoniers — Nietzsche.

2. Prototyp des „großen Stils*: die griechische Tragödie

Die Idee des „großen Stils" taucht erst im Nachlaß der achtziger Jahre
ausdrücklich als einer der Grundbegriffe von Nietzsches Ästhetik und Kul-
turpolitik auf. Aber schon der junge Nietzsche hat in der „Geburt der
Tragödie" die Erscheinung und Wirklichkeit des „großen Stils" behandelt,
u. z. im Zusammenhang seiner Erörterung der attischen Tragödie, besonders
des „Prometheus" von Aeschylus und des „Oedipus" von Sophokles. Seine
Auffassung von „Prometheus", wie sie im Abschnitt 9 der „Geburt der
Tragödie" ausgesprochen ist, hat Nietzsche in einem späten Nachlaß-
Fragment kurz zusammengefaßt: „Die Idealisierung des großen Frevlers

17
EH, Warum idi so klug bin 9; XV, 45.
18
DD, Die Sonne sinkt 3; VIII, 427.
19
GT 15; 1,107.
20
Hier ist „glattes Meer" negativ gemeint.
21
FW 370; V, 325.
22
Ebd.; V, 327.
23
Nietzsche selbst charakterisiert im oben erwähnten Aphorismus (FW 370) den ,klas-
sisdien Pessimismus* als „dionysisch". Das dürfte aber wohl eine kühne Vertausdiung
der Termini sein. M. A. Saleski schreibt in ihrem Buch „Goethe als Erzieher Nietzsches"
(Leipzig 1929) zu Recht: „Apollo wurde zeitweise zur Maske des Dionysos" (S. 47).
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(der Sinn für seine Größe) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleum-
den, Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich."24 Nach Nietzsches
Auffassung stellt Sophokles in ,Oedipusc den Typ des ,edlen Menschen' dar,
der auch dann nicht sündigt, wenn er sich seiner Weisheit zum Trotz als
Verbrecher an der Natur erweist. Deshalb kommt „ein Zug von überlegener
Heiterkeit über das ganze Werk"25. In der Tragödie wird auf diese Weise
selbst die Klage zu einem Preislied des Daseins26. „Der Hellene i s t . . . we-
sentlich Mann, der das Schreckliche wirklich schaut und es sich nicht ver-
hehlt."27 Da aber das Schreckliche „in der Maske des Schönen" geschaut
wird, erweist sich das Hellenentum als „die einzige Form, in der gelebt
werden kann"28.
Hier ist auf die Bedeutung von jgroß^ in Nietzsches Sprachgebrauch
hinzuweisen. Wie er gern die Vorsilbe „über-" verwendet, ebenso gern ge-
braucht er das Wort „groß", etwa in Wendungen wie: „die große Gesund-
heit", „der große Mittag", „die große Politik". Er gebraucht das Adjektiv
nicht im Sinne von ,bigc, sondern von ,great*. Er meint nämlich damit nicht
ein Übermaß, sondern eine synthetische Einheit verschiedener Gegensätze.
Die ,große Gesundheit* beispielsweise ist potenzierte Gesundheit in dem
Sinn, daß sie durch die Krankheit hindurchgegangen ist und diese in sich
,aufgehoben' hat. Der ,große Mittag' bezeichnet den Zustand, in dem „der
Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht zwischen Thier und Übermensch"29.
Ähnlich heißt es: „Der große Mittag als Wendepunkt, — die zwei Wege."30
Was die ,große Politik' anbelangt, so ist sie nicht nur der Gegenbegriff zur
Kleinstaaterei', sondern vielmehr die Politik, welche die ,Herren der Erde'
nach dem harten Prinzip von „Zucht und Züchtung" treiben sollten, um das
menschliche Niveau zu erhöhen.
Der Stil der Moderne ist für Nietzsche in ästhetischer Hinsicht nicht
,groß', sondern nur ,großartig', d. h. gigantisch, kolossal, ungeheuer. Im
Gegensatz dazu entsteht der ,große Stil', „wenn das Schöne den Sieg über
das Ungeheure davonträgt"31. Es ist wohl anzunehmen, daß diese Defini-
tion eine Umschreibung der schon in der „Geburt der Tragödie" ausge-
sprochenen Einsicht ist, die apollinische Kultur habe „immer erst ein
Titanenreich zu stürzen und Ungethüme zu tödten" und müsse „durch

24
Nachlaß, WM 845; XVI, 262.
25
GT9;I, 66.
26
GT3;I, 32.
27
Nadilaß; IX, 79.
28
Nadilaß, IX, 80.
29
Za I, Von der schenkenden Tugend 3; VI, 115.
30
Nachlaß; XII, 394.
31
WS 96; III, 253.
Nietzsches Idee des „großen Stils" 109

kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über eine schreck-


liche Tiefe der Weltbetrachtung ... Sieger geworden sein."32 Aufschluß-
reich ist in Nietzsches Erstlingswerk die Lehre, daß es keine wahrhaft
schöne Fläche gebe ohne eine schreckliche Tiefe.33 Diese originelle Theorie,
ja diese Intuition des jungen Nietzsche war nichts anderes als eine Wider-
spiegelung und Ausstrahlung seiner eigenen Konstitution. Hier äußerte er
sich nicht als Philologe, sondern als Dichter bzw. Künstler-Philosoph.
Zarathustra-Nietzsdie meint von sich selbst: „Still ist der Grund meines
Meeres: wer erriethe wohl, daß er scherzhafte Ungeheuer birgt!"34 Der
Dithyrambiker Nietzsche äußert sich über seine Wahrheit so:
„Purpurn lauert ein Drache
im Abgrund ihres Mäddienblicks"35.
Nur ein solcher Nietzsche war imstande, einen so unheimlichen Apho-
rismus zu schreiben wie diesen: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zu-
sehen, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in
einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."36
r Es war diese konstitutionelle Existenzgrundlage Nietzsches, die seinem
schöpferischen Blick vorausgesetzt war und ohne die er das Dionysische nicht
i hätte entdecken können. „Die Geburt der Tragödie", welche die Doppel-
schichtigkeit der „stillen Größe" in den hellenischen Kulturerscheinungen
entdeckte, scheint wahrhaftig die Tradition der humanistischen Auffassung
von den Griechen, die Winckelmann-Goethesche Sicht von ihnen, zerstört
zu haben. Darin muß man sicher eine bahnbrechende Leistung des jungen
Nietzsche sehen. Aber es wäre zu einseitig, wenn man das ,Phänomen
Nietzsche" nur als Dionysisch" kennzeichnete und die Doppelstruktur seines
Erstlingswerkes außer acht ließe. Nietzsches Definition der attischen Tra-
gödie: „das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk"37, muß stets im
Auge behalten werden. Denn er vertritt in seinem Werk nicht den Stand-
punkt der Dualität, sondern den der Duplizität, und die Wendung „ebenso
— als" zeigt eindeutig genug das klassische Gepräge im Sinne Goethes.38
Dieser läßt Werther in dem Brief vom 8. August im Ersten Buch sagen: „In
der Welt ist es sehr selten mit dem Entweder — Oder getan."

82
GT3;I, 33.
33
Nachlaß; IX, 139.
84
Za II, Von den Erhabenen; VI, 170.
85
DD, Von der Armut der Reichsten; VIII, 439.
86
JGB 146; VII, 105.
37
GT l; I, 20 — Hervorhebungen vom Vf.
38
Die Struktur „sowohl—als auch" findet sich bei Goethe sehr häufig. Vgl. z.B.: „Nichts
ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen, das ist außen (Epirrhema); „Klein das
Große, groß das Kleine, Alles nach der eignen Art" (Parabase); „Alles muß in Nichts
zerfallen, Wenn es im Sein beharren will" (Eins und Alles); „Kein Wesen kann zu
Nichts zerfallen!" (Vermächtnis) usw.
110 Hideo Akiyama

3. Nietzsche contra Wagner: der ,große StiV gegen den ^großartigen Stil'

Man könnte Nietzsche einen ,Hintergründlerc nennen, da seine Philo-


sophie immer nur der Vordergrund eines unergründlichen Abgrundes ist.
Er selbst bringt das beispielsweise in dem Aphorismus „Positiv und negativ"
so zum Ausdruck: „Dieser Denker braucht Niemanden, der ihn widerlegt:
er genügt sich dazu selber"39. Als Jünger des Dionysos, „jene(s) große(n)
Zweideutige(n)"40, ist denn auch Nietzsche überall zweideutig und doppel-
schichtig. Er ist ja „ein Doppelgänger"41, ein decadent und dessen Gegen-
satz zugleich. Sein liebender Kampf gegen Wagner ist eben deshalb böse und
bissig geworden, weil er Wagner herzlich liebte; oder, anders ausgedrückt,
weil Wagner nichts anderes war als die eine Hälfte seines Wesens. Es war
damit genau so, wie es Kleist einmal beschreibt: „Küsse, Bisse, das reimt
sich." Nichts kann symbolischer sein als die folgende Tatsache: als Nietzsche
1869 zum erstenmal Wagner in Tribschen besuchte, kam dem jungen Pro-
fessor die Melodie des „Siegfried" entgegen:
„Verwundet hat midi,
der midi erweckt!"
Und als er im Jahre 1887 Bizets „Carmen" als Antithese zum Wagnerschen
Werk begeistert pries42, da erschütterte diesen liebenden Kämpfer besonders
der letzte Schrei Don Joses:
„Ja! Ich habe sie getödtet,
ich — meine angebetete Carmen!"43
p Nietzsches Idee des ,großen Stilsc war letzten Endes eine Stellung-
\ nähme zu Wagner bzw. eine Antithese zu Wagners großartigem Stilf. In
einer der ersten Aufzeichnungen zu „Der Fall Wagner" werden die beiden
Stilarten besonders deutlich gegeneinander gestellt: „Vom großen Stile steht
Wagner am fernsten: das Ausschweifende und Heroisch-Prahlerische seiner
Kunstmittel steht geradezu im Gegensatz zum großen Stile"44.
Nietzsches Sicht von Wagners Technik soll hier nicht direkt analysiert,
sondern sie soll mittelbar, in Abhebung von seinem Verhältnis zu Bizet

30
WS 249; III, 327.
40
JGB295; VII, 272.
41
EH, Warum ich so weise bin 3; XV, 13.
42
Ob er sich damals wirklich begeisterte oder nur so tat, das wäre eine Frage für sich.
Denn Nietzsche schreibt an Carl Fuchs unter dem Datum vom 27. Dezember 1888:
„Das, was ich über Bizet sage, dürfen Sie nicht ernst nehmen; so wie ich bin, kommt
Bizet tausendmal für mich nicht in Betracht. Aber als ironische Antithese gegen Wagner
wirkt es sehr stark."
43
WA 2; VIII, 10.
44
Nachlaß; XIV, 154.
Nietzsches Idee des „großen Stils" 111

sowie zu Goethe und Stifter, erhellt werden. Bizet wird von Nietzsche vor
allem als eine Art Klassiker aufgefaßt, wie z. B. das folgende Zitat deutlich
macht. Bizets Musik „ist präcis. Sie baut, organisiert, wird fertig: damit
macht sie den Gegensatz zum Polypen in der Musik, zur ,unendlichen
r*MelodieVi45 Hier kommt es auf die Wendung „sie baut" an: Bizets Musik
( wird mit einem Bauwerk verglichen. Über die Architektur im allgemeinen
schreibt Nietzsche in der „Götzendämmerung": „Im Bauwerk soll sich der
Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren ... Das
höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck,
was großen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nöthig hat; die
es verschmäht, zu gefallen; ... die in sid) ruht, fatalistisch, ein Gesetz unter
Gesetzen; das redet als großer Stil von sich. —"46 Dieselbe Charakterisie-
( rung findet sich im übrigen auch im Nachlaß: Der große Stil „verschmäht,
l zu gefallen ..., er befiehlt; ... er will...; Über das Chaos Herr werden,
v
das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch, einfach, un-
zweideutig, Mathematik, Gesetz werden — das ist hier die große Ambi-
tion."47 August Wilhelm von Schlegel charakterisierte den Geist der antiken
V Kunst und Poesie als plastisch, den der modernen als pittoresk*3 Nietzsche
bedient sich einer ähnlichen Unterscheidung, wobei er mit dem ,Pittoreskenc
deutlich auf Wagner anspielt. „Das Pathos der Attitüde gehört nicht zur
Größe; wer Attitüden überhaupt nöthig hat, ist falsch ... Vorsicht vor allen
pittoresken Menschen!"49
Was Nietzsches Verständnis von Goethe und Stifter betrifft, so ist zu-
erst sein Brief an Peter Gast vom 19. April 1887 hervorzuheben: „Ich will
dahinter kommen, warum Ihre ,Löwenmusik' mir in dem Maße erquicklich,
heilkräftig, innig, heiter, verklärt erscheint, wie — nun zum Beispiel wie
Goethes Löwennovelle oder wie Stifters jNadisommer'. In dieser Richtung
liegt noch eine ganze Welt der Schönheit." Mit der Wendung „in dieser
^Richtung" dürfte Nietzsche wohl die Richtung zum ,großen Stil* meinen.
Führt doch von Goethe aus mancher Weg in die Dichtung der Zukunft50,
wie in dem Aphorismus aus den „Vermischten Meinungen und Sprüchen"
angedeutet wird, der nach E. Bertram eine Stifter-Interpretation Nietzsches
darstellt. Der Klassiker Goethe hat keine reizende, spannungsvolle, patho-
logische Wirklichkeit geschildert, sondern nur „eine allegorische Allgemein-

45
WA l; VIII, 8.
4
« GD, Streifzüge 11; VIII, 126.
47
Nachlaß, WM 842; XVI, 260. — Vgl. Nachlaß; XIV, 145.
48
Vgl. A. W. v. Schlegel, Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. Erste Vor-
lesung; Kritische Ausgabe von G. V. Amoretti, Bd. I, Bonn und Leipzig 1923, S. 8.
49
EH, Warum ich so klug bin 10; XV, 47.
60
In „Menschliches, Allzumenschliches" heißt es, man könnte „behaupten, Goethe habe
noch gar nicht gewirkt und seine Zeit werde erst kommen" (MA I, 221; II, 205).
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heit"51. Gerade deshalb hat er eine „weit größer(e) Macht, als die jetzigen
Dichter, das heißt die unbedenklichen Darsteller... der mit Kraft und
Matur verwechselten Unreife und Unmäßigkeit, besitzen."52 Was Nietzsche
unter ,Kraftc verstand, zeigt eine Aufzeichnung aus der Zeit der „Morgen-
röte": „Dashes Kraft giebt in der Milde und Stille, das glauben sie (sc. di^
Deutschen) nicht leicht. Sie vermissen an Goethe Kraft und meinen,
Beethoven habe mehr: und darin irren sie!!"53
Nietzsches Ansicht über Stifter ist im folgenden Fragment klar aus-
gesprochen: „Unter Dichtern ist z. B. Stifter und Gottfried Keller Zeichen
von mehr Stärke, ... als —"54. Wie wesentlich dieser Stifter selbst sich mit
Goethe verwandt fühlte, ist seinem Brief vom 11. Februar 1858 an Hecken-
ast zu entnehmen: „Mein Werk ist weit entfernt von einem goetheschen, von
der Großartigkeit des Inhaltes und der schönen, klaren Fassung: aber mit
goethescher Liebe zur Kunst ist es geschrieben, mit inniger Hingebung an
stille reine Schönheit ist es empfangen und gedacht worden. Das sind Dinge,
welche der heutigen Dichtkunst fast abhanden kommen, und nur mehr in
alten Meistern zu finden sind. Heute wird wilde Lust gezeichnet, die die
Welt bewegt, oder Leidenschaften und Erregungen. Das halten sie für
Kraft, was nur klägliche Schwäche ist.. ."55.

4. Der ,große Stil( und die ,große Politik'

In kunstsoziologischer Hinsicht unterscheidet Nietzsche drei Arten der


Kunst voneinander: 1. monologische, 2. gesellschaftliche, 3. demagogische
Kunst (z. B. Wagner, Victor Hugo).56 Für ihn war Wagner der „Zauberer",
„das erstaunlichste Theater-Genie, das die Deutschen gehabt haben"57. Er
durchschaut, daß Wagner „nichts als die Wirkung" will58. Es entgeht
Nietzsches Scharfblick nicht, worauf Wagner abzielt: „Es ist kein Zweifel,
daß die Wagner'sche Kunst heute auf die Massen wirkt... Für drei gute
Dinge in der Kunst haben ,Massen' niemals Sinn gehabt, für Vornehmheit,
für Logik und für Schönheit. ..: um nicht von einem noch besseren Dinge,

51
MAI, 221; II, 205.
52
VM 99; III, 58.
53
Nachlaß; XI, 363 f.
54
Nachlaß, WM 1021; XVI, 374.
55
Zitat nach: Ernst Bertram, Nietzsche, die Briefe Stifters lesend, in: Möglichkeiten,
Pfullingen 1958, S. 214.
56
Vgl. Nachlaß; XIV, 137.
57
WAS; VIII, 26.
58
Ebd.; VIII, 27. — Mit Recht und ganz „vernünftig" konnte Hitler Wagners Musik als
Betäubungsmittel für das Volk benutzen.
Nietzsches Idee des „großen Stils" 113

vom großen Stile zu reden."59 Wagner geht es um die Masse, die etwas an-
deres will als diese guten Dinge: „Wozu... Schönheit? Warum nicht
lieber... das Gigantische, Das, was die Massen bewegt? — ...: es ist leich-
ter, gigantisch zu sein als schön"60. Kurz: Wagner war nicht ,großc, sondern
nur ,großartigc.
Für Nietzsche war Wagner auch in stilistischer Hinsicht ein typischer
decadent. Denn in Wagners Musik wurde das Kleine, d. h. das Motiv,
Herr über das Ganze. Der Dramatiker Wagner war bloß ein Szeniker, sein
,Gesamtkunstwerke in Wahrheit nur ein ,Artefaktc. Das Abhandenkommen
des Ganzen ist nach Nietzsche das entscheidende Kennzeichen der deca-
dence. „Womit kennzeichnet sich jede litterarische decadence? Damit, daß
das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt... das Ganze ist kein Ganzes
mehr. Aber das ist das Gleidmiß für jeden Stil der decadence: jedes Mal
Anarchie der Atome, Disgregation des Willens,... — zu einer politischen
Theorie erweiten .gleiche Rechte für Alle'."61 Es stellt sich für Nietzsche
somit heraus, daß Wagners ,großartigec demagogische Kunst und das demo-
kratische Zeitalter zusammengehören. Dagegen entspricht der ,große Stilc, in
dem das Ganze über die Teile herrscht, der „baut, organisiert, ... fertig"
wird62, der schließlich Ausdruck des „Willens zur Macht" selbst ist63, den
Gewaltmenschen der ,großen Politik". ,Große Politik" war ja Nietzsches
Traum, wie es auch seine Idee des ,großen Stils4 war. — Auf Grund des Ge-
sagten läßt sich Nietzsches Gedankenfolge im Nachlaß der achtziger Jahre
etwa so zusammenfassen64:
Aufsteigendes Leben = ,große Politik* = Herrenmoral = klassische
Kunst = ,großer Stil'
Absteigendes Leben = Demokratie = Herdenmoral = d£cadence-Kunst
= großartiger Stil*.
Zum Schluß sei noch daran erinnert, daß für Nietzsche die Haltung
des „amor fati" — d. h.: „das Nothwendige an den Dingen als das Schöne
sehen"65 — die Grundlage des ,großen Stils" ausmacht. In einem Aphorismus
der „Morgenröte" träumte Nietzsche von den „Astronomen des Ideals",
von „purpurglühenden Sternbildern und ganzen Milchstraßen des

59
Nadilaß; XIV, 154.
60
WA 6; VIII, 19.
61
WA 7; VIII, 23.
62
WA1; VIII, 8.
83
Nachlaß, WM 341; XV, 389.
64
Vgl. Peter Gasts Resümee von „Der Fall Wagner".
85
FW 276; V, 209.
114 Hideo Akiyama

Schönen"66. Als ein solcher Astronom konnte Nietzsche selbst zuletzt


schreiben:

„Höchstes Gestirn des Seins!


Ewiger Bildwerke Tafel!

deine stumme Schönheit —

Schild der Nothwendigkeit!


Ewiger Bildwerke Tafel!

Meine Liebe entzündet


sich ewig nur an der Notwendigkeit."87

551; IV, 361.


67
DD, Ruhm und Ewigkeit 4; VIII, 435 f.