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Patrick Hofmann

Phänomen
und Beschreibung
Zu Edmund Husserls
Logischen Untersuchungen

Wilhelm Fink Verlag


Umschlagabbildung:
Sörn Walther, Scherenschnitte (Collage), 1996

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der


Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Zugl. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, 2002

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Bayerisch«
Staatsbibliothek
MOnchan

ISBN 3-7705-4044-1
© 2004 Wilhelm Fink Verlag, München
Gesamterstellung: Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn

pM fAf
INHALT

I. Einführung 9
1. Das alltagssprachliche Verständnis 12
Das Phänomen! 15
Die Beschreibung 20
Vorbegriff des Zusammenhangs 25

2. Die Rettungen der Phänomene 28


Husserls Vorläufer 34
Brentano 36
Dilthey 38
Husserls Wesensbeschreibungen 41
3. Rezeption und Aufgabenstellung 45
Kuypers' Problemaufriß 46
Orths Apologie phänomenologischer Beschreibung 48
Schnädelbachs deskriptiver Diskurstyp 52
Die Aufgaben der Arbeit 59
Zur Methode 62

II. Zu den >Logischen Untersuchungen 67


4. Der psychologische Ansatz 70
Psychologische Beschreibungen konkreter Phänomene 70
Begriffsbeschreibungen und Symbolisierungen 75
Die leitenden Gegensätze 80

5. Der Weg in die Phänomenologie 83


Psychische Phänomene und Psychologismuskritik 85
Die Einteilung der Wissenschaften 89
Vage und exakte Beschreibungen 92
Wahrheit als Erlebnis und die Ideation 95
Begriffsfixierungen und das Aquivokationsproblem 103
6. Gegenstand und Methode der Phänomenologie 108
Von der logischen Propädeutik zur Phänomenologie der
Denkerlebnisse 109
Schwierigkeiten der phänomenologischen Methode 116
Phänomenologie und deskriptive Psychologie 126

7. Wahrnehmungen und Phänomene 129


Die gewöhnlichen Wahrnehmungsbegriffe 133
Die erkenntnistheoretische Gegenüberstellung 139
Physische und psychische Phänomene 142
Phänomene in der adäquaten Wahrnehmung 146

8. Ausdrucks-und Bedeutungserlebnisse 156


Phänomenologie der Bedeutung 156
Strukturschema der Bedeutung 162
Subjektiver und objektiver Sinn der Erlebnisinhalte 167
Bedeutung als Gegenstand 174

9. Die Pole des Phänomenalen 180


Die fundierende Erscheinung 182
Phänomenologie der Abstraktion 188
Die Materie intentionaler Erlebnisse 191
Kategoriale Anschauung 201
10. Die Arbeit der Beschreibung 207
Beschreibung des Deskriptiven 208
Beschreibung als operativer Begriff 213
Äquivokationen des Beschreibungsbegriffs 223

11. Zusammenfassung: Arbeit am Phänomen 231

Sachregister 235
Namensregister 237
!
I. EINFÜHRUNG

Phänomen und Beschreibung sind nicht willkürlich zueinander in Be-


ziehung gesetzt. Sie stehen von sich aus in einem Zusammenhang,
dessen Eigenart näher untersucht werden soll. Ihr Verhältnis ist durch
Unterschiede und Gegensätze, aber auch durch wesentliche Entspre-
chungen gekennzeichnet. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob
lediglich die Beschreibung auf etwas wie ein Phänomen angewiesen
ist. Die Abhängigkeit scheint einseitig, ein Phänomen ein Phänomen
auch ohne Beschreibung zu sein. Es wird sich zeigen, daß dieser Schein
trügt, wenngleich er nicht von ungefähr besteht.
Das Phänomen ruft die Beschreibung auf den Plan. Wenn es sich
dabei spröde gibt, so kokettiert es mit seiner Unbeschreiblichkeit.
Wiederum hält sich die Beschreibung ihre Unbeholfenheit als Unmit-
telbarkeit zugute, die sie als Treue ihrer Darstellung ausgibt, als ob
Stottern das authentische Sprechen wäre. Um ihre Unangemessenheit
dem Phänomen gegenüber zu kompensieren, steigert sich die außen-
vorstehende Beschreibung nur zu gern in eine Pedanterie hinein, die
unter ihren Protokollen das Phänomen begräbt. Aus der Bescheiden-
heit geht ein Exzeß der Beflissenheit hervor.
Die Beschreibung scheint weder für Phänomene verantwortlich,
noch in der Lage zu sein, selbst welche hervorzubringen. Beide sind
nicht von der gleichen Art, so daß eins aus dem anderen hervorgehen
könnte. Phänomene und Beschreibungen sind Vertreter unterschiedli-
cher Bereiche der Gegebenheit und Auffassung von Welt. Dem Phä-
nomen als besonderer Erscheinung und als Erlebnis stehen mit der
Beschreibung allgemeine Wörter und Zeichen gegenüber. Die bezie-
hen sich zwar auf die Erscheinung, doch gibt es keine Verbindungs-
stelle, wo die Bereiche ineinandergehen. Außer bei gewissen laut-
lichen Nachahmungen, den Onomatopoetika, deren Lautmalerei sie
innerhalb der sprachlichen Ausdrücke zu Besonderheiten und in die-
sem Sinn zu Phänomenen macht, bleiben sowohl der Bereich der
Phänomene als auch derjenige der Sprache jeweils für sich.
Zum Ausgangspunkt weiterer Analysen können folgende Thesen
genommen werden: Phänomene sprechen nicht, sie erscheinen. Sie
sind nichts Sprachliches und sie werden es auch nicht durch ihre Be-
schreibung. Es gibt nur einen, einseitigen Übergang, von den Phäno-
10 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

menen zu den Beschreibungen, und diese Übersetzung leistet allein


die Sprache. Beschreibungen sind erste, primitive sprachliche Betäti-
gungen an den Phänomenen. Von den Beschreibungen gibt es keinen
Weg zurück zu den Phänomenen.
Das Phänomen scheint ganz im optischen Bereich zu Hause und
nur mit Verlusten beschreibbar zu sein. Diese naive Trennung des Er-
scheinungs- und des Sprachbereichs sowie das allgemeine und er-
kenntnistheoretische Primat der Optik zu hinterfragen, war seit je die
Aufgabe kritischen Sprachdenkens. Einer ihrer frühesten Vertreter,
Johann Georg Hamann, machte die Welt der Erscheinungen von der
Sprache abhängig. Für ihn war der Gedanke: „Rede, daß ich dich se-
he!"1 geradezu derjenige der Schöpfung. Hier deutet sich an, daß, so-
bald es um Verstehen geht, das Sehen nicht unabhängig vom Sprechen
besteht.
Offenbar vermag das Phänomen die Grenze vom Erscheinenden
zum Verständlichen zu überschreiten, ohne auf sprachliche Vermitt-
lung angewiesen zu sein, und zwar so, daß im Verweis auf Phänome-
ne Einverständnis ohne Erklärung erreicht wird. In Anlehnung an Marx
läßt sich angesichts dieser Übereinkunft vom Fetischcharakter des
Phänomens sprechen. Sein Geheimnis besteht wie bei dem der Ware
darin, den Menschen ihre individuelle Leistung und ihren Anteil am
Zustandekommen allgemeiner Anschauungs-, Denk- und Sprachfor-
men zu verschleiern.2 Im Phänomen zeigt sich die Gleichheit der in-
dividuellen menschlichen Wahrnehmung und Empfindung auf eine
Weise, die Kommunikation zu erübrigen scheint.
Wenn aber auf Phänomene verwiesen, so wie auf Gegenstände ge-
zeigt werden kann, so ist das Verständnis, das darüber erzielt wird,
doch keineswegs vorsprachlich. Ein Ziel der Arbeit ist es zu zeigen,
daß Phänomene nicht durch sich selbst verständlich sind, welchen
Glauben Husserl im Bereich der Wahrnehmung und Erkenntnis durch
Analysen der subjektiven Konstitutionsprozesse in ihren lebenswelt-
lichen Einbettungen zerstört hat. Ein anderes Ziel ist es, die Beschrei-
bung aus ihrer devoten Stellung zum Phänomen zu befreien. Sie ist
niemals bloße, reine Beschreibung, sondern gerade hinsichtlich ihres
interpretativen Charakters aufzuwerten.

J. G. Hamann, Aestetica in nuce. In: SW, Bd. II, Wien 1950, 195-217, S. 196.
In methodischer Hinsicht hat Paul Ricceur (L originaire et la question-en-retour
dans la Krisis de Husserl. In: P. Ricceur, A l ecole de la Phänomenologie. Paris
1986, 285-295.) Marx' Praxis- und Husserls Lebensweltbegriff zusammengerückt
und zu zeigen versucht, daß es beiden Denkern darum geht, die Selbstverdunke-
lung des ökonomisch-praktischen bzw. des geistigen Leistens in seinen Produkten
aufzudecken.
EINFÜHRUNG 11

Schon in den ersten kritischen Ansatzpunkten wird die Bedeutung


und die Tragweite des Themas erkennbar. Sowohl eine allgemein phi-
losophische, als auch eine speziell phänomenologische Aufklärung
des Zusammenhangs von Phänomen und Beschreibung steht nach wie
vor aus. Sie ist bislang jeweils nur in Ansätzen geleistet. Das ist um
so erstaunlicher, als es sich dabei nicht nur in der Phänomenologie
um nachgerade allgegenwärtige Begriffe, sondern auch um eine er-
kenntnistheoretische Schlüsselbeziehung handelt, die unsere Auffas-
sung der Welt maßgeblich bestimmt.
Einleitend werden Phänomene und Beschreibungen im Spektrum
ihres alltagssprachlichen Gebrauchs als außergewöhnliche oder merk-
würdige Ereignisse und Erlebnisse betrachtet. Damit einher geht die
Kritik der Aufblähung des Phänomenbegriffs als Grundzug einer mo-
dernen Idolatrie. Die Analyse der alltagssprachlichen Bedeutungen des
Phänomen- und des Beschreibungsbegriffs ist die erste Stufe der Auf-
klärung ihres Beziehungsgeflechts. Sie gibt wichtige Anhaltspunkte
für die philosophische Bestimmung der Begriffe. Darauf folgt eine In-
terpretation markanter philosophie- und wissenschaftsgeschichtlicher
Formulierungen des Phänomen- und Beschreibungsbegriffs. Aus die-
ser Perspektive ergibt sich die allgemeine, aus der Betrachtung der un-
mittelbaren Vorläufer der phänomenologischen Beschreibungstheorie
die spezielle Fragestellung, welche die Analyse der Husserlschen Be-
schreibungstheorie als der methodisch und erkenntnistheoretisch an-
spruchsvollsten Formulierung des Verhältnisses von Phänomen und
Beschreibung im Hauptteil der Arbeit leiten.
Die Eigenart des phänomenologischen Phänomenbegriffs und der
phänomenologischen Beschreibungsmethode, sowie der Charakter
und die Formen des Zusammenhangs von Phänomen und Beschrei-
bung werden an den beiden ersten Werken Husserls, der >Philosophie
der Arithmetik<, vor allem aber den >Logischen Untersuchungen,
thematisiert. Hier liegt der Schwerpunkt der Arbeit, die so als ein
hermeneutischer Forschungsbeitrag zu zwei wesentlichen Grundbe-
griffen und darüber zur Methode der Phänomenologie gelesen werden
kann. Die Betrachtung der phänomenologischen Gestalt von Phäno-
menbeschreibungen verspricht eine Aufklärung der philosophischen
Problemstellung und eine Erweiterung des alltagssprachlichen Ver-
ständnisses, so daß zum Schluß der Untersuchung die unterschiedenen
Momente von Phänomenen und Beschreibungen in ihrer wesentlichen
Verhältnismäßigkeit bestimmt werden können. Dabei soll gezeigt wer-
den, daß, so wie Phänomene mit ihren Beschreibungen notwendig zu-
sammenhängen, auch Phänomenologie stets schon von der auf ihre
Auslegung wartenden Alltagssprache unterlaufen ist.
1. Das alltagssprachliche Verständnis

Als deutsches Fremdwort beginnt sich Phänomen in der zweiten


Hälfte des 17. Jahrhunderts, wohl vermittelt über das französische
phenomene, von den bis dahin gebräuchlichen griechisch-lateinischen
Formen abzusetzen, die gleichwohl noch bis zum Ende des 18. Jahr-
hunderts, zum Beispiel bei Kant, in Verwendung bleiben. Das latini-
sierte phaenomenon, das neben der lateinischen Übersetzung appa-
rentio besteht, geht auf das griechische Wort (paivöpevov zurück,
welches Erscheinung meinte und von (pat'vco - sichtbar machen, ans
Licht bringen, zeigen - abgeleitet ist. Das Fremdwort findet sich seit
dem frühen 18. Jahrhundert als Erscheinung ins Deutsche übersetzt.
Als Fremdwort behauptet es sich gleichwohl im deutschen Sprachge-
brauch, weil der mit ihm zunehmend verbundene Sinn der Besonder-
heit darin selbst hörbar ist, wohingegen dieser Sinn nur ausnahms-
weise mit Erscheinung verbunden wird.
Ursprünglich bezeichneten die Griechen mit rä (paivöpeva allge-
mein das sichtbare Seiende, später speziell die Himmels- und Lufter-
scheinungen. Deren Höhe oder Abgehobenheit brachte es mit sich,
daß sie oft ins Wunderbare oder Bedeutungsvolle gesteigert wurden.
In dem auf Himmelserscheinungen eingeschränkten Sinn wanderte
das Wort in die lateinischen Sprachen. Dort verbreitete es sich in der
Alltagssprache wiederum derart, daß damit nicht nur Himmelserschei-
nungen, sondern neuartige oder außerordentliche Naturerscheinungen,
schließlich allgemein oder wegen spezieller Begabungen hervorra-
gende Menschen und überhaupt jegliche Besonderheiten bezeichnet
werden konnten. Dadurch vollzog sich eine Rückverwandlung des
Sinns unter anderen Vorzeichen. Aus den allenthalben begegnenden
Phänomenen der Griechen, von denen weiter kein Aufhebens ge-
macht zu werden brauchte, wurden Besonderheiten in ganz gleich
welcher Hinsicht. Die lateinische Sinnverwandlung erfuhr Mitte des
19. Jahrhunderts eine Popularisierung. Im Deutschen ist Phänomen
seitdem als Schlag- und Zeitungswort belegt.1
Auf das Phänomen braucht gewöhnlich nicht extra hingewiesen zu
werden. Es muß beschrieben werden, um seinen Bann, das Erschei-
nen selbst, zu brechen. Die Beschreibung ist kein Zeigen. Nur in ei-

Deutsches Fremdwörterbuch. Bd. II, Berlin 1942, S. 486.


DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 13

nem übertragenen Sinn läßt sich behaupten, die Beschreibung habe


„immer auch eine deiktische Funktion"2. Die Beschreibung verwandelt
das Zeigen, welches sich letztlich unsprachlich vollzieht, in Sprache.
Sie bringt es dadurch auf ein ungleich höher entwickeltes kommunika-
tives Niveau. Die Beschreibung schafft von sich her eine Anschaulich-
keit oder besser gesagt eine Verständlichkeit. Das Zeigen hingegen
verweist direkt auf Anschauliches und ist auf etwas Zeigbares ange-
wiesen.
Beschreibungen erzeugen Vorstellungen oder geben, in einer nicht-
mentalistischen Formulierung, Anleitungen zur Identifikation von
Gegenständen, die nicht unbedingt gezeigt werden müssen oder im-
mer gezeigt werden können. Daß die Beschreibung einer Sache ge-
lungen ist, wenn sie anderen ermöglicht, die beschriebene Sache zu
identifizieren bzw. wiederzuerkennen, erinnert an die Leistung des Zei-
gens. Das Zeigen ist die primitive, ursprüngliche Tätigkeit des Identi-
fizierens. So wie Beschreibungen etwas vorstellig machen, erweitert
sich nicht lediglich der Bereich des Identifizierbaren, sondern er ver-
wandelt sich. Beschreiben ist kein elaboriertes Zeigen, sondern etwas
anderes als Zeigen. Beschreiben und Zeigen sind nicht von gleicher
Art. Deswegen läßt sich nicht alles, was sich zeigt oder zeigen läßt,
vor allem nicht so, wie es sich zeigt oder zeigen läßt, beschreiben.
Umgekehrt läßt sich nicht alles Beschriebene oder Beschreibbare auch
zeigen.
In einem ursprünglichen Sinn heißt beschreiben: etwas auf etwas
schreiben, beispielsweise ein Wort auf ein Blatt Papier. Entweder
kann auf die Art etwas festgehalten oder die verlockende, sogar auf-
reizende Unbeschriebenheit einer Fläche getilgt werden, wie es in
dem Spruch heißt: Torenhände / beschreiben (schärfer: beschmieren)
Tisch und Wände. Weil beschreiben ganz selbstverständlich meint,
etwas mit Schrift bedecken, ging diese Bedeutung weitestgehend an
das Verb beschriften über und findet sich dementsprechend im Sub-
stantiv Beschriftung wieder. Durch die Aufteilung des Sinns wird die
Doppeldeutigkeit von Beschreibung vermieden, die Untergrund und
Vorlage dessen, was beschrieben wird, ungeschieden nennt. Heutzu-
tage gilt es deshalb als gekünstelt, Beschreibung im Sinne von Be-
schriftung zu gebrauchen, es sei denn, man legt es gerade darauf an.3

2
E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie Edmund Husserls. In: Perspek-
tiven und Probleme der Husserlschen Phänomenologie. Beiträge zur neueren Hus-
serl-Forschung. Hrsg. v. E. W. Orth, Freiburg; München 1991, 8-45, S. 17 f. Das
deiktische gilt hier sogar als das ursprüngliche Moment der Beschreibung. Diese
Auffassung ist beeinflußt von Heideggers Bestimmung des Logos als Sehenlassen.
3
Siehe Jochen Gerz, Die Beschreibung des Papiers. Darmstadt; Neuwied 1973.
14 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

In der ebenfalls zunehmend veraltenden Bedeutung von


ben als dem gestischen Nachvollzug einer bestimmten Bahn oder Fi-
gur erscheint ein weiterer Reflex der ursprünglichen Bindung an die
Schrift. So wie im Schreiben ein ums andere Mal die Figuren der
Buchstaben und Zeichen eines Alphabets nachgezogen und im Zu-
sammenhang ganzer Wörter und Sätze verständlich werden, können
Bögen, Kurven, Kreise und andere geometrische oder freie Figuren
durch Bewegungen der Gliedmaßen beschrieben werden. Die theatra-
lische, figürlich-gestische Beschreibung ist nicht wörtlich vermittelt,
sondern vollzieht sich als eine Körpersprache. Der Körper oder seine
Glieder sind keine Oberfläche, auf der etwas lesbar wird, sondern in
der Bewegung das Instrument eines Beschreibens.4
In dem Maße, wie sich die Aspekte der Schrift aus der Bedeutung
von beschreiben verselbständigten bzw. in die Hoch- oder Kunstspra-
che zurückzogen, gewann das Substantiv Beschreibung die allgemeine
Bedeutung von Darstellung, die gleichermaßen mündlich wie schrift-
lich erfolgen kann. Beschreibung ist im Zuge dieser Entwicklung nicht
länger auf die Schrift beschränkt, wie es im Wort nach wie vor an-
klingt, sondern der Sprache, noch allgemeiner der Kommunikation,
überhaupt verpflichtet.
Etymologisch kann die Bedeutungsbreite und -fülle des Wortes
weiter aufgeklärt werden. Das lateinische Wort descriptio war zum
einen in der Bedeutung von Abschrift, zum andern in der von
lung gebräuchlich und hier im übertragenen Sinn von Bestimmung
und Abgrenzung so weit faßbar, das damit juristisch die Verteilung
von Rechten und Besitz, sowie topographisch und strategisch die Ein-
teilung, Ordnung, Gliederung oder geregelte Einrichtung beispiels-
weise von Regionen, Städten oder Streitkräften bezeichnet werden
konnte. Der letztere Sinn, der dem Wort discriptio ausschließlich zu-
kam, ging bei der im späten 15. Jahrhundert erfolgenden Entlehnung
des Fremdworts Deskription mit in dessen Bedeutung ein, die sich so
weitgehend mit der von Beschreibung deckt. Gerade im wissenschaft-
lichen Gebrauch der Begriffe Deskription und Beschreibung ist dieser
spezielle Ordnungssinn lebendig geblieben.
Durch seine Herkunft aus dem Lateinischen erlangte Deskription
schon früh terminologische Bedeutung in verschiedenen Bereichen
der Wissenschaft, beispielsweise der Philosophie, Mathematik, Psycho-

Diese Momente hat Friedrich Kaulbach ausführlich am philosophischen Beschrei-


bungsbegriff herausgearbeitet. Sein Werk ^Philosophie als Beschreibungi (Köln;
Graz 1968) und die darin vorgenommene Unterscheidung eines empiristischen und
eines ontologischen Beschreibungsbegriffs sind sogar recht einseitig auf die figür-
lich-mimetischen Momente der Beschreibung fixiert.
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 15

logie und Sprachwissenschaft. Seitdem wird der Begriff immer wie-


der auch abwertend verwendet als bloße oder reine Beschreibung,
welche die über Beobachtung hinausgehende theoretische Behandlung
und Erkenntnis eines Gegenstands eher verschleppt als voranbringt.
Da eine Hauptaufgabe jeglicher Deskription in der Unterscheidung,
Aufzählung und Benennung der Elemente des zu Beschreibenden be-
steht, verwundert es nicht, daß der Begriff im 17. und 18. Jahrhundert
vereinzelt für Volkszählung belegt ist.5
Das alltagssprachliche Verständnis von Phänomen und Beschrei-
bung, wird im folgenden anhand von Beispielen untersucht. Die Be-
sinnung auf unser Vorverständnis und dessen Auslegung führt in die
philosophische Problematik ein. Sowohl mit dem Phänomen- als auch
mit dem Beschreibungsbegriff sind in der Alltagssprache Bedeutun-
gen verbunden, die im Zusammenhang eine urwüchsige Weltanschau-
ung ergeben, welche kenntlich gemacht und kritisiert werden muß.
Gerade in der langatmigen Zeit der Erlebnis- und Ereigniskultur, die
das Staunen industriell forciert und mit einem globalen Apparat popu-
larisiert, werden immer mehr Phänomene produziert und medial aus-
gebeutet. Beschreibungen werden zuhauf hinterhergeschickt, ohne aus
ihrem subalternen Verhältnis zum Phänomen herauszukommen und
dieses zu hinterfragen. Vor allem Phänomene, aber auch Beschreibun-
gen sind so zu Instanzen unkritischen Denkens geworden.

Das Phänomen!

GERD MÜLLER bestritt zwischen 1966 und 1974 62 Länderspiele,


erzielte 68 Tore (auf dem Foto das 2:1 im WM-Finale 1974 gegen Hol-
land). Netzer: „Da gibt's nur ein Wort: Phänomen. Seine Tore aus den
unmöglichsten Situationen sind nicht greifbar, nicht zu erklären. Ein
Paradebeispiel für Intuition und Instinkt."*
Die Präsentation eines deutschen Fußballidols, dazu der Kommentar
des Fußballexperten Günther Netzer - seinerzeit selbst ein Ausnah-
mefußballer und für seine spielgestaltenden Pässe in die Tiefe und
den dazugehörigen Blick berühmt - sind ein gutes Beispiel dafür, was
als Phänomen gilt, wie es dargestellt und beschrieben wird. Die Ma-
juskeln des Namens sind bezeichnend für Phänomene. Sie könnten
nachgerade als Akronym (G. E. R. D. M. Ü. L. L. E. R.) von etwas

5
Deutsches Fremdwörterbuch. Bd. IV, Berlin; New York 19992, S. 374.
6
Sport-Bild. 27. Januar 1999, S. 8.
16 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

angesehen werden, das sich hinter jedem einzelnen Buchstaben des


Namens verbirgt.
Über den zitierten Text aus einer Statistik der erfolgreichsten Tor-
jäger in der Geschichte der deutschen Fußballnationalmannschaft ist
ein Bild gesetzt. Es zeigt Gerd Müller - langärmeliges weißes Jersey
mit schwarzen Hals- und Ärmelbündchen, schwarze Hose, weiße
Stutzen - in technisch vorbildlicher Haltung, den Oberkörper über
gestrecktem Bein und Spann, beim Torschuß und einen gleichfalls
langhaarigen holländischen Verteidiger - kurzärmelig, orange, weiß,
orange -, durch dessen langen Schritt offenbar der Ball am linken
Bildrand gegangen ist, auf grünem Rasen vor einer mit Menschen
dichtbesetzten Stadionkulisse. Nicht das Tor, weder das stehende Ge-
häuse der Holländer, noch das mit dem Ball dahinein fallende der
Deutschen, ist zu sehen, nur der Torschuß Müllers. Ebenfalls und ge-
wissermaßen grundlegend nicht zu sehen, nämlich als notwendige
Bedingung eben dafür, daß es das Foto gibt, ist der Fotograph, der das
Foto aus einem bestimmten Winkel und unter bestimmten Umständen
seinerseits geschossen hat.
Es ist von einem Fußballspieler die Rede. Ein einzelnes Bild zeigt
ihn in einem „historischen" Moment: dem WM-Finale von 1974 im
Münchner Olympiastadion. Das Bild ist dominant in der Zeitschrift.
Daneben steht eine knappe Bilanz seines sportlichen Wirkens sowie
die Bemerkung eines Experten, die, statt Erklärungen zu geben, hilf-
los begeistert auf die Phänomenalität, die Intuition und den Instinkt je-
nes Fußballers verweist. Das Phänomen, abgebildet, sachlich in Zahlen
beschrieben, ist schwer zu fassen. Das Bild, selbst wenn es den Fuß-
ballspieler in Aktion zeigt, verschafft da nur wenig Abhilfe.
Die Rede vom Phänomen scheint eine Ausrede dafür zu sein, daß
sich etwas der Beschreibung entzieht.7 Daß sie sich nicht greifen und
erklären lassen, jene „Tore aus den unmöglichsten Situationen", wird
zum Markenzeichen des Phänomens. Demnach kommen in dem Bild-
kommentar zwei Arten von Beschreibung vor: die nüchterne Statistik,
die direkt die Auswirkungen des Phänomens bilanziert, sowie die in-
direkte Beschreibung, die mit dem Zursprachebringen der eigenen
Sprachlosigkeit im Ausweichen einen Bogen um das Phänomen zieht,
der Aussagekraft gewinnt. Das hat zur paradoxen Folge, daß das Phä-
nomen gewissermaßen als Paradebeispiel der eigenen Unerklärlich-

Diesen eigenartigen Entzug nimmt Alexander Haardt zum Ausgangspunkt seines


Plädoyers für einen phänomenologischen Beschreibungspluralismus: Von den blo-
ßen Worten zu den Sachen selbst - und wieder zurück. Zum Beschreibungsplura-
lismus in der Phänomenologie. In: Rechtstheorie, 20/3 (1989), 323-341, S. 323.
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 17

keit dient. Derart wird es im Handumdrehen zum Muster, zum Vor-


oder Urbild und also potentiell klassenbildend.
mas. Bonn, 4. Dezember. In einer Dichtung eines Castor-Behälters sind
kleine Wassertropfen gefunden worden. „Wir nehmen das Phänomen
ernst." Mit diesen Worten kommentierte ein Sprecher der Bundesan-
stalt für Strahlenschutz die Erkenntnisse der Bundesanstalt für Materi-
alforschung und -prüfung. Man werde ihm nachgehen. Es sei jedoch
offen, welche Konsequenzen daraus zu ziehen seien. Für die nächste
Woche habe man die Aufsichtsbehörden und die Betroffenen zu einem
klärenden Gespräch eingeladen. Das niedersächsische Umweltministe-
rium sprach am Freitag von einem „nachdenkenswerten" Vorfall. Auf
dem Treffen des Länderausschusses Atomenergie, der zur Zeit routine-
mäßig in Eltville zusammengekommen ist, wurde das Thema angespro-
chen. Das Phänomen ist bei einem Versuch in Greifswald aufgetreten.
Zur Schulung des Personals habe man einen der zwölf üblichen Castor-
Behälter ohne aktive Brennstäbe im Wasserbecken geschlossen, be-
richteten die Energiewerke Nord. Anschließend habe man die Dichtung
aufgeschnitten. Auf fünf Meter Länge habe man fünf Wassertropfen
von jeweils 0,1 Millimeter Größe gefunden.8
Selbst Wassertropfen können ein Phänomen sein, am ehesten dort, wo
Trockenheit herrscht oder verlangt ist. Für das Phänomen gibt es an-
fangs keine Erklärung; es wird als Vorkommnis und Tatsache nur erst
bestätigt. Ebensowenig können schon Konsequenzen gezogen wer-
den. Die Anerkennung des Phänomens fällt mit dem Eingeständnis
der eigenen Ratlosigkeit zusammen. Dabei demonstrieren die Anstalts-
und Ministeriensprecher begütigend Verantwortungswillen.
Das Phänomen ist ein Phänomen durch die Verschiedenheit zu sei-
ner Umgebung, bzw. durch den Gegensatz zu einer bestimmten Er-
wartung. Aus seiner Beiläufigkeit, seiner Epiphänomenalität, rückt es
ins Zentrum des Interesses. Das Phänomen erregt Aufmerksamkeit, es
wird ernst genommen, ihm wird nachgegangen, um es zu ergründen.
Bevor es aufgeklärt werden kann, was durchaus fraglich ist, muß erst
einmal akribisch beschrieben werden, wo, unter welchen Umständen,
in welchen Dimensionen es auftritt. Das ist die Aufgabe von Wissen-
schaftlern, die das Phänomen systematisch erforschen. Sie versuchen,
das Phänomen unter normalen Umständen zu beobachten und es im
weiteren unter künstlichen Bedingungen zu erzeugen und zu simulie-
ren, um auf gewisse Zusammenhänge und Regelmäßigkeiten zu sto-
ßen, die sie kausal formulieren können. Solche Gesetze haben als
Ableitungen von Beobachtungen und Messungen erst nur wahrschein-
lichen, nicht zwingenden Charakter. Von schlichten Folgerungen sind

Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. Dezember 1998, S. 2


18 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

sie nur graduell unterschieden, je nach dem wissenschaftlich betrie-


benen Aufwand. Im weiteren kann es zur Formulierung von Gesetzen
kommen, welche die Bedingungen, unter denen bestimmte Phänomene
idealerweise auftreten, angeben.
Einerseits ändert sich im Zuge der wissenschaftlichen Behandlung
die Stellung der Phänomene. Die aufgefundenen Gesetzmäßigkeiten
ordnen die Phänomene unter sich. Diese dienen nunmehr als deren
Bestätigungen, die über deren engere oder weitere Geltung entschei-
den. Da die Gesetz- und Regelmäßigkeiten wiederum eine Normalität
von Erscheinungen festlegen, können neuartige Phänomene, die von
den bekannten Erscheinungsmustern abweichen, deren Geltung in
Frage stellen. Hier zeichnet sich ein gewisser Kreislauf wissenschaft-
licher Theoriebildung ab, in dem Phänomene die Umschlagspunkte
markieren. Andererseits wandelt sich in der Wissenschaft der Charak-
ter der Beschreibung. Aus der passiven Beschreibung, die in der prak-
tischen Arbeit der Sammlung und Ordnung der Erscheinungsbilder
des Phänomens bestand, geht ein aktives Prinzip der Beschreibung
hervor, das Phänomene in Versuchsanordnungen hervorzurufen und
deren Verhalten in induktiven Gesetzen zu formulieren sucht.
Nahezu jedes Phänomen ist eine Schlagzeile wert; es ist wie von
sich aus schon mit einem Ausrufezeichen versehen. Phänomene sind
ein gefundenes Fressen für Massenmedien. Wenn die einmal nichts
zu beschreiben finden, beschreien sie selbst Phänomene. Dabei spielt
es keine Rolle, unter welchem Vorzeichen ein Phänomen präsentiert
wird, ob voll Bewunder- und Begeisterung, ob voll Häme oder Ent-
setzen. Auf das Bild oder die Schlagzeile folgt die Beschreibung,
welche recht eigentlich erst in der Lage wäre, Ausrufezeichen zu set-
zen. Wie sehr sie sich damit auch zurückhält, wie sehr sie sich um
Sachlichkeit bemüht, die Perspektive, in der ein Phänomen gesehen
wird, färbt auf den Stil der Beschreibung ab. Sie gibt sich im Umgang
mit den Details in einer gewissen Freudigkeit, Besessenheit, Selig-
keit, Müdigkeit oder Nüchternheit zu erkennen.
Die Jagd nach Sensationen und Phänomenen ordnet sich in den
neuzeitlichen Prozeß der Säkularisierung ein, der mit Max Weber als
einer der Entzauberung verstanden werden kann. Das Phänomen ist
die verweltlichte Form des Wunders, das ursprünglich geheim und
gehütet war. Im Gegensatz dazu ist die Wunderbarkeit des Phäno-
mens einerseits durch seinen unverhohlenen Erscheinungscharakter,
andererseits durch seine Vervielfältigung in einem Maße verkleinert,
daß von ihm fast gar keine Kraft zur Bekehrung mehr ausgeht und
sich die Frage des Glaubens lediglich als diejenige möglichen Irrtums
stellt. In der ausgeleuchteten Bildlichkeit des glänzenden Phänomens
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 19

verblaßt jeder Zauber. Gleichwohl ist das Phänomen nicht lediglich


die Verfallsform des Wunders.
Die beiden Beispiele aus der Alltags- und Zeitungssprache führten
von Phänomenen jeweils auf die Schwierigkeiten der Beschreibung.
Das Phänomen trat als Ausnahme hervor. Es zog in dem Maße Auf-
merksamkeit auf sich, wie sich seine Beschreibung und Erklärung als
schwierig erwies. Die betont sachliche Beschreibung hielt sich fern
von Erklärungen an Zahlen, die das Phänomen gerade nicht in seiner
Erscheinung, sondern seiner Wirkung darstellte. Die individuelle Be-
schreibung hingegen, die ihr eigenes Unvermögen, das Phänomen zu
fassen, zum Ausdruck zu bringen versuchte, fing über dieses Aus-
weichmanöver gerade etwas Phänomenspezifisches ein.
Das Phänomen als etwas Besonderes erscheint so vor aller Augen,
daß im ersten Moment die Worte dafür fehlen. Das Phänomen be-
sticht durch seine Offensichtlichkeit. Es widersetzt sich, wie sein
Name schon sagt, kein bißchen dem Erscheinen, sondern geht darin,
im Gegensatz zum altehrwürdigen Wunder, auf. So direkt wie es sich
darbietet, scheint es über seine eigene verblüffende Selbstverständ-
lichkeit zu grinsen, als müßte es gerade so etwas geben, als hätte so
etwas gerade noch gefehlt und gäbe es solch ein Phänomen nicht,
müßte es sich glattweg selbst erfinden. Es ist in seinem Gegensatz
zum Bekannten und Gewöhnlichen schwer zu erklären; leichter läßt
es sich beschreiben. Beschreibung und Erklärung werden durch das
Phänomen herausgefordert, ohne daß sich das Phänomen dabei etwas
vergibt. Es kann auf geradezu selbstgenügsame Weise exzentrisch
sein, wie im Wissen um die neuen oder anderen Maßstäbe, die es
setzt. Es kann die Unbeholfenheit der Beschreibung genießen und al-
les mit sich geschehen lassen.
Wer sieht die Phänomene als solche an? Wer versieht sie mit Aus-
rufezeichen? Offenbar diejenigen, die ihre Besonderheit ermessen kön-
nen. So wie der zum Experten avancierte einstige Fußballstar von ei-
nem anderen Fußballidol schwärmt, wundern sich die Sicherheitsex-
perten über ein paar Wassertropfen. Je spezieller oder wissenschaftli-
cher Phänomene sind, um so weniger Menschen werden davon über-
haupt als von Phänomenen sprechen. Die Laien und die Unerfahrenen,
wenn sie etwas von solchen Phänomenen mitbekommen, übergehen
sie allzuleicht oder schätzen sie gering. Wo der Fachmann staunt, wun-
dert sich der Laie höchstens über den Fachmann.
Nur dem kann ein Phänomen die Sprache verschlagen, der etwas
davon versteht. Das Phänomen, so wie es bislang auftrat, ist die in ih-
rer Eigenart gesehene, im Maße dieses Sehens verstandene und für
gewichtig erachtete Sache. In dieses ersichtliche Verständnis ist das
20 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Phänomen eingebettet. Das Einverständnis ist still; es staunt über das


Phänomen und sich selbst. Nicht allein das Phänomen verschlägt uns
die Sprache, sondern das damit notwendig verbundene und eröffnete
Verständnis der Sache. Das aber, weil das Verständnis tatsächlich zu
einem gut Teil durch das Phänomen befördert und scheinbar nicht auf
die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Sprechen angewie-
sen ist, die das erblickte Verständnis einholt und -löst.
Die verschlagene Sprache bedeutet erst einmal nur, daß einem, wie
es heißt, die Spucke wegbleibt, ohne die man nicht sprechen kann.
Die „Redensart, daß es einem die Sprache verschlägt" ist aber gerade,
wie Gadamer bemerkt hat, „eine solche, mit der man seine Rede nicht
beendet, sondern beginnt." Die Verschlagenheit der Sprache besteht
wiederum darin, im Eingeständnis ihres Versagens Spucke zu sam-
meln und flüssig zu werden, um aus sich herauszukommen, erst mit
gestotterten Worten, dann mit gefügigen Sätzen. „Das Versagen der
Sprache bezeugt ihr Vermögen, für alles Ausdruck zu suchen"9. Auf
dieser Suche geht die Sprache beschreibend vor.

Die Beschreibung...

Das entsprechende Gegenstück zu aufgeschossenen Phänomenen, die


einem unter Umständen den Atem stocken lassen, sind bodenständi-
ge, mitunter ausufernde Beschreibungen. Das Phänomen schießt in
die Höhe, es sticht ins Auge. Beschreibungen gehen in die Breite. Die
Vertikalität des Phänomens ist singulär, die Horizontalität der Be-
schreibungen plural. Jenes vom Wunder Abgekommene wird hier
schwarz auf weiß festgehalten und bestenfalls mit Zahlen belegt. Die
lange Weile ist konstitutives Prinzip der Beschreibung. Neben dem
leuchtenden Phänomen sehen Beschreibungen blaß aus. Das bewahrt
sie jedoch nicht immer vor der Selbstgefälligkeit.
Von einem Phänomen zu sprechen erwies sich gelegentlich als
Verlegenheitslösung, sei es, daß es keinen Namen, keinen Begriff oder
keine angemessenen Worte dafür gab. Ganz ähnlich verhält es sich
mit Beschreibungen, die in diese Lücke einspringen und eine erste
Brücke zwischen dem Phänomen und dem sprachlichen Verstehen
schlagen. In diesem Sinn sind Beschreibungen zuallererst Pionierlei-
stungen und Behelfslösungen der Sprache. Andererseits können Be-
schreibungen auch dort auf die Sprünge helfen, wo sich das passende

9
H.-G. Gadamer, Sprache und Verstehen. In: GfV, Bd. II, Tübingen 19932, 184-198,
S. 185.
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 21

Wort nicht einstellt. So beschreiben Kinder, denen die Namen der


Dinge und Personen oftmals fehlen, allenthalben mit plumpen, lusti-
gen Wörtern. Beschreibungen sind häufig erste Reaktionen auf Be-
zeichnungs- und Erklärungsnotstände. Diese Charakterisierung des all-
tagssprachlichen Beschreibungsbegriffs kann durch Beispiele weiter
ausgeführt werden.
„Richtige Zigeuner sind richtig schön. Das ist wahr, ich sage es,
wie es ist. Beschreiben allerdings kann man Zigeuner nicht."10 In dem
Roman von Johannes Bobrowski aus den sechziger Jahren des letzten
Jahrhunderts über die einstmals von Polen, Deutschen und Juden ge-
meinsam bewohnten und geprägten Gebiete Osteuropas, ist unter an-
derem von Zigeunern die Rede, die es so, nämlich richtig und schön,
nicht mehr gibt, weil sie „zusammengetrieben und erschlagen"" wur-
den. Das heißt nicht, daß man Zigeuner nicht beschreiben kann, weil
es sie nicht mehr gibt, sondern weil sie Phänomene im Sinne von
Ausnahmen sind.
Als es noch Zigeuner gab, tauchten sie mal hier, mal dort einzeln
oder in kleinen Gruppen auf und verschwanden wieder, so wie sie
gekommen waren.'2 Woher sie kamen, war zumeist fraglich, ebenso
was sie taten und trieben. In dem Roman kommen sie vereinzelt als
fahrende Zirkusleute oder als ein in einer Stadt sitzengebliebener gei-
genspielender Trinker vor. Obwohl sie damit mehr oder weniger dem
Klischee entsprechen, daß man sich gemeinhin von ihnen macht, sol-
len sie nicht zu beschreiben sein. Das Klischee wird nicht weiter be-
dient, sondern auf einen knappen Punkt gebracht.
Das Klischee ist das nur allzubekannte Phänomen, das nicht mehr
überraschen oder verwundern, vielmehr geradezu ausgerechnet und
deshalb abgetan werden kann. Das Klischee ist der Verriß und der
Ausverkauf des Phänomens. Jedes Phänomen steht in der Gefahr, zum
Klischee zu verkommen. Sobald sich jedoch das Phänomen davor hü-
tet, beschrieben zu werden, um dem Klischee zu entgehen, ist es um
seine Phänomenalität geschehen. Die Scheu vor dem in Erscheinung
treten ist das gerade Gegenteil zum dabei Grinsen. Sobald die Aus-

10
J. Bobrowski, Levins Mühle 34 Sätze über meinen Großvater. Berlin 1964, S. 75.
11
Ebd.
12
Bei Husserl ist unschwer ein verbreiteter abschätziger Ton herauszuhören, wenn er
in dem beschwörerischen Wiener Vortrag von 1935 >Die Krisis des europäischen
Menschentums und die Philosophie< (In: Die Krisis der europäischen
schaften und die transzendentale Phänomenologie Eine Einleitung in die
menologische Philosophie. Husserliana, Bd. VI, Den Haag 19762. 314-348, S. 318
f.) „die Zigeuner, die dauernd in Europa herumvagabundieren" genauso wie „die
Eskimos oder Indianer der Jahrmarktsmenagerien" „im geistigen Sinn" nicht zu
Europa gehörig erklärt.
22 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Strahlung eines Phänomens geschützt und im Sinne altehrwürdiger


Wunder verborgen wird, ist es damit vorüber. Es gibt keine blassen
Phänomene.
Das Klischee als Nachahmung oder Wiederholung des Phänomens
läßt sich indessen viel leichter beschreiben als dieses selbst. Denn es
ahmt das nach, worauf es anzukommen, das, was das Phänomen aus-
zumachen scheint, etwas vermeintlich Feststehendes, Unerläßliches,
das dadurch noch bekräftigt wird. Es sind diese starren, fratzenhafte
Züge, die bei der Nachahmung hervortreten und das Klischee kenn-
zeichnen. Die Rettung der Phänomene, von der in der Geschichte der
Wissenschaft oft die Rede ist, bekommt im gewöhnlichen Leben, das
heißt in der Alltagssprache, den Sinn, die Phänomene von ihrem Ab-
klatsch zu unterscheiden. Es kommt darauf an, im Klischee das zu-
grundeliegende Phänomen zu erkennen und zu beschreiben.
Bei Bobrowski handelt es sich um einen solchen Versuch, das
Phänomen von seinem Klischee abzusetzen. Zuerst heißt es, richtige
Zigeuner seien schön, was durchaus als eine Beschreibung gelten
kann. Die Wahrheit der Behauptung, die keine bloße Meinung ist,
wird ihrerseits behauptet und noch dadurch betont, daß es so gesagt
sei, wie es tatsächlich ist. Darauf heißt es jedoch, daß man Zigeuner
nicht beschreiben kann. Faßt man den Vordersatz als Beschreibung
auf, so stehen beide Sätze zueinander im Widerspruch: die Möglich-
keit des gerade vorher Ausgesprochenen, wird im Nachsatz bestritten.
Der Widerspruch läßt sich zwar nicht auflösen, er ist aber vielsa-
gend und verrät etwas über Klischees und Beschreibungen. Dort, wo
das Klischee sich beherrschend über die Phänomene gelegt hat, kommt
die Beschreibung kaum noch aus ihrem Bann heraus. Deshalb be-
schränkt sich Bobrowski auf die denkbar knappste Beschreibung, die
fast nur ein Empfinden zum Ausdruck bringt und sich auf keine Er-
klärung einläßt. Indem er die Beschreibung der Zigeuner auf parado-
xe Weise für unmöglich erklärt, macht er auf den Unterschied von
Phänomen und Klischee aufmerksam. Die verweigerte oder versagen-
de Beschreibung bewahrt den Zigeunern keine scheinbare Phänome-
nalität. Immerhin werden so die Zigeuner, bzw. die Erinnerung an sie
nicht ans Klischee ausgeliefert. Im Verschweigen wird die eigentüm-
liche Ungreifbarkeit der Zigeuner, ihre Schönheit und Widerständig-
keit dem Klischee gegenüber bezeichnet.
Das deskriptive Schweigen geht bei Bobrowski aus einer ethischen
Haltung hervor. Bobrowski erzählt in seinem Roman eine Vorge-
schichte zu den nationalsozialistischen Verbrechen, dem Holocaust
an den Juden sowie der systematischen Verfolgung und Vernichtung
der Sinti und Roma. Die nationalsozialistische Rassenideologie berief
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 23

sich auf die Wissenschaften der Erbbiologie und der Rassenhygiene.


Auf der Auswertung vor allem anthropo- und kraniometrischer Daten
beruhte die Bestimmung der Erscheinungsbilder einer höher- und ei-
ner minderwertigen Rasse, die zur Ermöglichung und Rechtfertigung
der sogenannten Endlösung der Judenfrage, zur massenhaften Ver-
nichtung unwerten Lebens beitrug, von der ebenso die Zigeuner be-
troffen waren.
Wer in Auschwitz und anderen Vernichtungslager nicht gleich von
der Rampe in die Gaskammer geschickt oder vorher noch als Arbeits-
kraft verbraucht wurde, diente unter Umständen als Proband diverser
medizinischer Untersuchungen. Auf der Rampe standen ausgebildete
Ärzte. „Ihre Aufgabe war, wie ihre Methodik, deskriptiv: Sie selek-
tierten. Sie sammelten und sortierten und sonderten aus."13 In den La-
gern wurde die wissenschaftliche Methode der Beschreibung unmit-
telbar mörderisch. Die vorurteilslose empirische Beschreibung verlor
nicht nur ihre Unschuld, sie fiel in den Abgrund des Bösen. Die Be-
schreibung wurde schuldig und angesichts ihrer Schuld bei Bo-
browski mit einem Bann belegt.
Wo Beschreibung unschuldig weiter betrieben wird, gilt es die Ei-
genheiten des Gegenstands so umfassend wie möglich herauszustel-
len, um die Sache, um die es geht, verständlich und nachvollziehbar
zu machen. Ein Beispiel für den bewußten Einsatz von Beschreibun-
gen findet sich im Vorwort und den einleitenden Bemerkungen zum
Handbuch des Datenverarbeitungsprogramms SAP, welches der de-
taillierten Erfassung und Steuerung betriebswirtschaftlicher Prozesse
dient.
Wir beschreiben den betriebswirtschaftlichen Funktionsumfang von
R/3, die wesentlichen Aspekte der R/3-Technologie sowie die unter-
stützenden SAP-Produkte und Dienstleistungen aus unserer Sicht. Das
Ziel der Autoren ist es, die wesentlichen Funktionen und Potentiale
von R/3 aus einer zukunftsgerichteten Perspektive heraus zu beschrei-
ben. In einigen Bereichen tun sie dies sehr detailliert, um dem mit dem
System R/3 vertrauten Leser Anregungen anzubieten, andererseits grob-
kömiger formuliert, um dem mit dem Thema noch nicht vertrauten Le-
ser einen rein betriebswirtschaftlichen Einstieg zu ermöglichen. [...]
Um die mächtigen betriebswirtschaftlichen Funktionen der R/3-Soft-
ware überhaupt beschreiben zu können, mußten wir zusammenfassen,
Schwerpunkte setzen und vergröbern. Aus diesen Gründen können wir
Ihnen nicht zusichern, daß das vorliegende Buch eine komplette und in

J. Riedl, Labor Auschwitz. Von der Datensammlung über Aussonderung zum


senmord: Der Sündenfall einer politisierten Wissenschafi. In: Die Zeit. Nr. 40, 27.
9. 1985, 33-36, S. 35.
24 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

allen Fällen eindeutige Beschreibung darstellt. [...] Unser Erfahrungs-


hintergrund hat uns in die Lage versetzt, auf die hinterlegten betriebs-
wirtschaftlich-organisatorischen Konzepte einzugehen und die R/3-
Funktionalität gezielt zu beschreiben. Gezielt beschreiben hieß für uns,
Schwerpunkte zu setzen und auch die Detaillierung der Funktionen un-
terschiedlich zu handhaben.14
Das methodische Bewußtsein der Autoren des Handbuchs ist erstaun-
lich hoch. Sie beschreiben nicht allein ihre eigene Beschreibungsme-
thode, sondern weisen noch dazu die Perspektive und ihre positive
Grundstimmung aus, in der sie vorgingen. Darüber hinaus belegen sie
ihre Kompetenz einzeln durch dem Buch beigelegte Biographien und
durch die in gemeinsamer, langjähriger Arbeit mit dem hauseigenen
Computerprogramm gesammelten Erfahrungen, die ihnen auch Ver-
gleiche mit anderen Betriebswirtschaftsdatenverarbeitungssystemen
erlauben. Desweiteren fühlen sie sich verpflichtet, den Gebrauch von
Anglizismen und amerikanischen Fachausdrücke als den gelegentlich
treffendsten und am wenigsten umständlichsten zu rechtfertigen.
Einerseits verlangt der Umfang und die enorme Komplexität des
Gegenstandes von der Beschreibung eine Beschränkung auf das We-
sentliche, wobei die Grenzziehung zwischen mehr oder weniger wich-
tigen Eigenschaften von Willkür letztlich nie frei ist. Andererseits ist
das Ziel der Beschreibung die Anleitung zum selbständigen Gebrauch
der Software anhand von Beispielen. Die Beschreibungen fallen je
nach dem einmal gröber, ein andermal detaillierter aus. Zusammen-
fassungen und Pointierungen durch Beschreibungen gehen auf Kosten
ihrer Vollständig- und Eindeutigkeit. Beschreibungen lassen verschie-
dene Schärfegrade zu. Die gezielte Beschreibung, von der die Rede
ist, stellt sich als die aufgrund von Erfahrungen mit der Unterweisung
und Vermittlung unterschiedlich gehandhabte Beschreibung dar.
Daß immerzu von Beschreibung die Rede ist und nicht auch gele-
gentlich von Erklärung, bringt die Autoren in einen größeren Abstand
zu ihrem Gegenstand. Einerseits wird damit dessen Umfang und
Komplexität, andererseits das Bemühen um Objektivität betont. Beide
Aspekte sind etwas anheischig und auf eine dezente Weise verkaufs-
orientiert, die mit jenem Ausrufungscharakter des eminenten Phäno-
mens in Verbindung steht. Die Frage ist, ob es dieser Aspekt allein
rechtfertigt, von der Sache, die hier beschrieben wird, als einem Phä-
nomen zu sprechen.
Nicht alles, was beschrieben wird, ist ein Phänomen. Zumindest
muß unterschieden werden zwischen ausgezeichneten Phänomenen,

14
R. Möhrlen; F. Kokot, SAP R/5-Kompendium. Haarb. München 1998, S. 21 a 31
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 25

bei denen sich Beschreibungen gerade schwer tun, und Phänomenen,


die lediglich durch Beschreibungen von den übrigen Erscheinungen
abgesondert werden. Bei ersteren läßt sich, wie es der Volksmund tut,
von außerordentlichen, bei letzteren von Spezial-Phänomenen spre-
chen, wie sie vor allem die Wissenschaft behandelt. Bei dem Compu-
terprogramm spielen beide Seiten eine Rolle; im einzelnen handelt es
sich um einen Gegenstand, der detailliert beschrieben, insgesamt um
ein Produkt, dessen Verwendung in der Einleitung angepriesen wird.

Vorbegriff des Zusammenhangs

Bei der Bestimmung der Herkunft und der Bedeutungen der alltags-
sprachlich gebrauchten Begriffe von Phänomen und Beschreibung
gaben sich die gegenseitigen Bezüge deutlich zu erkennen. Im Sinne
der eingangs aufgestellten Behauptung vom wesentlichen Zusammen-
hang zwischen Phänomenen und Beschreibungen, können die üblichen
Begriffsbedeutungen nunmehr selbst ins Verhältnis gebracht werden.
Von Phänomenen wird in einem nachdrücklichen Sinn als von et-
was Außerordentlichem oder Besonderem geredet. Das Spektrum der
Betonungen reicht hier vom Ans-Wunder-Grenzenden bis zum ledig-
lich Eigenartigen. Mit der Bezeichnung des Phänomens als einer ei-
genartigen Sache, ist fast noch gar nichts gesagt. In diesem schwachen
Sinn läßt sich von Phänomenen als bloß bestimmten Erscheinungen
nahezu beliebig sprechen. Der Minimalbegriff der eigenartigen Sache
ist das X, das Etwas, das irgendwie bestimmt ist. Dieses X ist auch
noch für den Maximalbegriff der ganz besonderen Sache maßgeblich,
der nichts beliebiges mehr, sondern in ihrer Unvergleichlichkeit sogar
etwas Mysteriöses anhaftet. Seine Eigenart allein reicht also nicht aus,
ein Phänomen als Phänomen zu qualifizieren. Es kommt darauf an,
wie sie festgestellt und aufgefaßt wird.
Wenn es hieß, das Phänomen sei die in ihrer Eigenart gesehene
und im Maße dieses Sehens verstandene und für gewichtig erachtete
Sache, so stand das Sehen einerseits für die entwickeltste Form sinn-
licher Erfahrung. Es korrespondierte andererseits mit dem ursprüng-
lichen Sinn von Phänomen als Erscheinung. Obwohl sich der Phäno-
menbegriff im gleichen Maße aus der Bindung an den Gesichtssinn
löst, wie sich sein Gebrauch und seine Bedeutung erweitern, bleibt
die visuelle Erscheinung das Paradigma des Phänomens. Das Phäno-
men kann im erweiterten Sinn als die in ihrer Eigenart erfahrene, im
zulässigen Maße dieser Erfahrung verstandene und für gewichtig er-
achtete Sache gelten.
26 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Alle drei Parameter des Phänomens, die Erfahrung, das Verständ-


nis und die Gewichtung, können unterschiedlich stark auftreten. Da-
bei ergeben sich systematisch diejenigen charakteristischen Formen
des Phänomens, die bislang in der Alltagssprache aufgespürt wurden,
sowie alle unerwähnt gebliebenen Misch- und Zwischenformen. Beim
Phänomen im außerordentlichen Sinn ist sowohl die Erfahrung die in-
tensivste als auch die Gewichtung die höchste. Das Verständnis aller-
dings ist davon geblendet und vermag kaum, der Erfahrung hinterher-
zukommen. Je schwächer im Gegensatz dazu die sinnliche Erfahrung
eines Phänomens ist, desto mehr kann das Verstehen in den Vorder-
grund treten und dem Phänomen ihrerseits Gewicht verleihen. Das Phä-
nomen wird dabei zur Erscheinung abgewertet.
Worauf es bei Phänomenen ankommt, sind die Übergänge vom
Sinnlichen zum Intelligiblen. Weil bei den optischen Phänomenen die
ausgeprägteste Form unserer Sinnlichkeit zum Zuge kommt und Er-
fahrung und Verständnis hier mitunter am weitesten auseinander-
klaffen, gelten sie als Muster von außerordentlichen Phänomenen.
Gleichwohl ist die Erfahrung selbst des ungewöhnlichsten Phäno-
mens immer schon eine Art des Verstehens. Nur hat das Verstehen
Mühe, sich vom phänomenalen Eindruck zu lösen und zu erklären.
Daß die alltagssprachliche Rede von Phänomenen mit einem verding-
lichten Erfahrungsbegriff zusammengeht, liegt genau an dieser Be-
fangenheit des Verstehens.
Die Erfahrung außerordentlicher Phänomene fordert von der Be-
schreibung des Phänomens zuallererst die Beschreibung des Sinnli-
chen. Damit fängt alle Beschreibung solcher Phänomen an, weil das
Verständige in der phänomenalen Erfahrung selbst noch sinnlich fixiert
ist. Der Verstand ist vom Phänomen beeindruckt und hält sich, um zu
sich zu finden, erst einmal an diesen Eindruck. Der Weg der Beschrei-
bung geht von den sensiblen zu den intelligiblen Momenten des Phä-
nomens den Weg der Verallgemeinerung, der von der Aufzählung der
sinnlichen und gestalthaften Momente zur Formulierung von Regel-
und Gesetzmäßigkeiten mit dem Ziel führt, jene unter diese zu ord-
nen.
Die phänomenale Beschreibung ist nicht ein Sonderfall der Be-
schreibung - denn dabei geht es stets um Registrierung, Einordnung
und Verstehen. Vielmehr ist das Phänomen der Sonderfall eines Be-
schreibungsgegenstandes. Beschreibung ist verlangt, um die durch die
Erscheinung hervorgebrachte und doch gebannte Intelligibilität frei-
zusetzen. Damit erweist sich die Abhängigkeit des Phänomens von der
Beschreibung als eine spezifische, wohingegen die Beschreibung le-
DAS ALLTAGSSPRACHLICHE VERSTÄNDNIS 27

diglich allgemein auf irgendeinen Gegenstand angewiesen ist, der


auch ein Phänomen in dem nachdrücklichen Sinn sein kann.
Der Zusammenhang von Phänomen und Beschreibung kann als ein
umgekehrtes Wechselverhältnis aufgefaßt werden. Auf die Abstufun
gen, die an Phänomenen deutlich wurden, reagieren Beschreibungen
jeweils gegensätzlich. Man kann sagen, daß das Phänomen und die
Beschreibung stets um die Herrschaft in ihrem Verhältnis ringen. Ent
weder ist das Phänomen oder die Beschreibung dominant in dem je
weiligen Bezug aufeinander. Das Phänomen im starken Sinn macht es
der Beschreibung schwer, ihm nahezukommen; es beweist sich gera
de an seiner Unbeschreiblichkeit. Die sich ausbreitende Beschreibung
ihrerseits verringert die Phänomenalität; sie macht das Phänomen zu
einer bloßen Erscheinung. Bei harten, schillernden Phänomene sehen
Beschreibung schwach aus. Bei weichen Phänomenen trumpfen Be
schreibungen auf.
2. Die Rettungen der Phänomene

Was sich unter der Hand der alltagssprachlichen Begriffe von Phäno-
men und Beschreibung als naturwüchsige Ideologie verbreitet, offen-
bart sich und seine Bedingungen im Streit philosophischer Positionen
und der Geschichte dieses Streits. Als philosophische Termini erfahren
sie erkenntnistheoretische und methodische Begründung. Dabei er-
langen gewisse Aspekte einzeln oder im Zusammenhang Bedeutsam-
keit. Die kritische Arbeit, die philosophisch an den beiden Begriffen
geleistet wird, geht aus dem alltagssprachlichen Konfliktstoff hervor,
wirkt darauf zurück und muß auch darauf zurückbezogen werden,
wenn Wissenschaft verständlich bleiben soll.
Nicht nur hat der Verweis auf Phänomene eine lange philoso-
phisch-wissenschaftliche Tradition, sondern die Rettung der Phänome-
ne kann seit den Anfängen antiker Wissenschaft bis in die Gegenwart
als ein allgemeines wissenschaftliches Programm angesehen werden.
Der Sinn der Rettung und die Definition der Phänomene verwandelt
sich in der Geschichte der Wissenschaft mehrfach. Alltagssprachlich
und philosophisch stehen der Phänomen- und der Beschreibungsbe-
griff zumeist in einem Gegensatz oder sind deutlich voneinander ge-
trennt. In Husserls Phänomenologie und den psychologisch-deskrip-
tiven Ansätzen seiner Vorgänger verschwindet dieser Gegensatz. Das
macht gerade Husserl so interessant für eine philosophische Untersu-
chung des Zusammenhangs.
Seit sich Philosophen und Naturforscher auf Phänomene berufen,
wird über deren Scheinbarkeit und Verläßlichkeit gestritten. Steht die
Rettung der Phänomene auf den Fahnen, geht es darum, die Phäno-
mene aus ihrem Schattendasein herauszuholen und ins rechte Licht zu
rücken. Sind die Phänomene gerettet, besteht das Problem des Scheins
nicht mehr. Über die Berge des Scheins gelangen die Phänomene in
die fruchtbaren Ebenen der Beschreibung. Wo die Rettung von Phä-
nomenen verkündet wird, kommt im Namen des Bewahrens die Er-
neuerung zum Zuge. Die Rettung spielt sich verwandelnd die Figuren
der Hegeischen Aufliebung durch.
Id)^eiv rd <paivö[ieva- die Phänomene zu retten, ist nicht nur die
Losung der antiken Astronomen im Umkreis von Piaton, die die beo-
bachteten ungleichförmigen Bewegungen der Planeten weder in der
Dunkelheit des Mythos von der göttlichen Willkür belassen, noch aus
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 29

der kosmischen Ordnung als Störungen oder Täuschungen ausschlie-


ßen, sondern als Erscheinungen der wahren Bewegungen erkennen
und in einem mathematischen Modell gleichförmiger Kreisbewegun-
gen darstellen wollten. Die Rettung der Phänomene ist die Ursprungs-
szene jeder Wissenschaft. Damit behauptet sie sich selbst und zwar
zuerst gegenüber dem Glauben und dem Vorurteil. Sofern sich eine
Disziplin mit ursprünglich geretteten Phänomenen etablieren kann
und allgemein Anerkennung und Erklärungsmacht erwirbt, verliert das
Programm seine kritische Spitze.
Wo Erscheinungen nicht länger Gefahr laufen, unterschlagen zu
werden, müssen sie nicht gerettet, sondern können sie, der Rettungs-
methode folgend, beschrieben, ausgelegt und in umfassendere Zu-
sammenhänge gebracht werden. Rettung der Phänomene ist das
Programm in Krisen- und Gründerzeiten der Wissenschaft, breitflä-
chige Beschreibung das Alltagsprogramm. Anfangs heißt Rettung der
Phänomene die Eroberung eines neuartigen Zugangsbereichs der
Wissenschaft. Die Rettung wird Methode und bestimmt zusammen
mit den gewonnenen Phänomenen die neue Wissenschaft. Indem eine
Wissenschaft sich und ihre Phänomene methodisch verteidigt, wird
sie tendenziell dogmatisch. Rettung der Phänomene erfordert nun-
mehr Rettung vor der eigenen wissenschaftlichen Versteifung.
Die Athener Astronomen mochten die Rettungsparole zuerst nur
zaghaft im Munde geführt und ihre Ansprüche auf eine mathematisch-
modellhafte Naturerklärung in ein religiöses Weltverständnis gebettet
haben. Die Phänomene sollten durch und für die Theorie gerettet wer-
den. Einerseits konnte sich die Theorie selbst, die Entsprechung von
kosmischer Ordnung und der als vollkommen angesehenen Kreisbe-
wegung, auf einen althergebrachten Glauben berufen. Der wissen-
schaftlichen Intention lag ein platonischer Ordnungs- und Idealitäts-
glaube zugrunde.1 Noch Kopernikus, der das geozentrische Weltbild
des Ptolomäus auf die Sonne verschob, ließ die überkommene antike
Himmelsmechanik unangetastet. Andererseits unterlagen die zu ret-
tenden Phänomene einer Auswahl, an der sich die Wissenschaft selbst
bekräftigte. Gerade jenen Phänomenen widerfuhr Aufmerksamkeit,
deren offensichtliche Anomalien so erklärt werden konnte, daß sie die
darauf aufbauenden wissenschaftlichen Theorien unter Beweis stell-

Zum Einfluß Piatons auf die Entstehung der antiken Astronomie vgl. einerseits J.
Mittelstraß, Die Reitung der Phänomene. Ursprung und Geschichte eines antiken
Forschungsprinzips. Berlin 1962, S. 142 ff., andererseits G. E. R. Lloyd, Saving
the Appearances. In: ders., Methods and Problems in Greek Science. Cambridge;
New York u. a. 1991, 248-277. S. 252 u. 274 f.
30 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

ten.2 Das hat zur Folge, daß die Phänomene schließlich wieder hinter
den sie erklärenden Gesetzen verschwinden.
In der wissenschaftlichen Perspektive finden die Phänomene nicht
um ihrer selbst willen Beachtung, sondern wegen der theoretischen
Einsichten, die sie versprechen. In diesem Sinn muß sich das Ver-
hältnis von Phänomenen und theoretischen Modellen oder Gesetzen
stets als problematisch erweisen. Es besteht die Gefahr, daß die Phä-
nomene nach den Theorien, die sie erklären sollen, ausgerichtet wer-
den und mit ihrer Rettung eine Verzerrung einhergeht. Die Verein-
nahmung der Phänomene durch die Theorie erweist sich einerseits als
ein allgemeines Problem der Wissenschaft. Sie ist andererseits die
Kehrseite des wissenschaftlichen Strebens, sich gegenüber mythischen
Erklärungen zu behaupten.
Als die mathematisch-experimentelle Wissenschaft in der Neuzeit
die Wege der Erkenntnis zu beherrschen begann, stand die Rettungs-
parole für die unbedingte Freiheit der Wissenschaft ein, die danach
strebte, sich aller religiösen und scholastischen Vorgaben zu entledi-
gen. In ihrem universalen Anspruch auf Erkenntnis eroberte sie sich
immer weitere Erfahrungsbereiche. Die Methode der Beschreibung
gewann in diesem Zuge ihre grundlegende wissenschaftliche Bedeu-
tung. Sie versprach einen vorurteilslosen und selbst vortheoretischen
Zugang zu allen möglichen Erscheinungen, die die neue Wissenschaft
mit zunehmender Energie ihrer Auffassung unterwarf. Das Buch der
Natur wurde wissenschaftlich aufgearbeitet.
Die Dominanz der Naturwissenschaft verwandelte den Sinn der Pa-
role abermals. In dem Moment, wo das wissenschaftliche Erkenntnis-
streben die Trägheitsgesetze ihrer eigenen Dynamik entdeckte, mußte
sie sich selbst gegenüber kritisch werden. Die Phänomene waren im-
mer wieder aus etablierten Interpretationszusammenhängen zu befrei-
en, um sich ihrer „ursprünglichen" Erscheinung zu versichern. Dies
geschah in kleineren revisionistischen und größeren revolutionären
Zyklen der Wissenschaft. Alternative wissenschaftliche Zugänge auf
alte und neue Phänomene wurden im Namen der Unvoreingenommen-
heit immer wieder eröffnet. Die verwandelte Losung der kritischen
Wissenschaft, in dem das Programm der antiken Astronomie aufge-
hoben wurde, lautet seitdem: Zu den Sachen selbst!
Da die neuzeitliche im Unterschied zur antiken Wissenschaft sich
nicht nur kritisch gegen überkommene mystische oder religiöse, son-

A. M. Smith, Saving the Appearances of the Appearances: The Foundation of


Classical Geometrical Optics. In: Archive for History of Exact Sciences, 24
(1981), 73-99, S. 80.
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 31

dem grundsätzlich selbstkritisch gegen herrschende wissenschaftliche


Ansichten behaupten muß, steht ihrer Maxime mehr oder weniger
deutlich oft ein „Zurück" voran, das mit der antiken Parole unverein-
bar ist. In einem insgesamt wissenschaftskritischen Sinn wird das
erstmals durch Rousseaus Parole Zurück zur Natur! zur Geltung ge-
bracht. Dabei ist Natur das Andere der Wissenschaft, ihr Gegenstück.
In diesem Sinn wird sie genauso vom Standpunkt der Wissenschaft
aus aufgefaßt, nur daß sie nicht so behandelt, sondern so belassen sein
soll. Rousseaus Leitspruch ist zutiefst von der Wissenschaft abhängig
und markiert gerade das Stadium der Wissenschaft, in dem es kein
Zurück mehr von der Wissenschaft gibt, es sei denn ins Unwissen-
schaftliche.
In der selbstkritischen Phase der Wissenschaft verlieren Beschrei-
bungen den Status vorurteilsloser Behandlungen der Sachen. Sie un-
terliegen selbst stets einer theoretischen Perspektive und sind von
wissenschaftlichen Vorentscheidungen geprägt, auf die es zu achten
gilt. Auf dieser Einsicht besteht eine jede kritische Philosophie so-
wohl gegenüber naiven, in erster Linie empirischen Wissenschaften,
die „ursprüngliche" Erscheinungen auf unreflektierte Weise beschrei-
ben, als auch gegenüber sich selbst. Jede Beschreibung eröffnet und
verstellt das Phänomen gleichermaßen. Wie sich Beschreibungen im
Fortgang einer Wissenschaft zu Theorien auswachsen, zeigt, daß sie
immer schon theoretisch durchwirkt sind. So wie der Erkenntnisge-
winn Perspektivdominanzen hervorbringt, werden alternative Phäno-
menzugänge verschüttet und verdrängt. Dabei muß die Rede von ur-
sprünglichen, unverschatteten Erscheinungen und in diesem Sinn von
der Sache selbst als Illusion zurückgewiesen werden.
Der wissenschaftliche Impuls, zu den Sachen selbst vorzudringen,
ist entschieden weltlich. Die Erscheinungen selbst sind Ausgangs-
punkt und Prüfstein der Forschung, ihre ersten und letzten Gegeben-
heiten. Hinter ihnen steht nichts anderes, auf das verwiesen werden
könnte, das sich entdecken ließe. Die wissenschaftlichen Gesetz- und
Regelmäßigkeiten sind von den Phänomenen abgeleitete theoretische
Verallgemeinerungen. Die von ihren Beschreibungen ausgehende Er-
kenntnis der theoretischen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten
bleibt an den Erscheinungen überprüfbar.
Die Erscheinung zu beschreiben, allein darauf Erkenntnis zu be-
gründen und sich stets wieder der Sachen zu versichern, kann als das
Leitmotiv der konkret empirischen Wissenschaften gelten. Ihm fühlen
sich genauso philosophische Richtungen verpflichtet. An der Auf-
bruchsparole: Zu den Sachen selbst, eben als kritische und immer
wieder neu geforderte Freilegung eines Zugangs, kann das erste Wort
32 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

betont werden. Es kommt dann nicht so sehr auf die Sachen, als viel-
mehr darauf an, den Weg dahin immer wieder zu eröffnen. Die Sa-
chen selbst werden durch den kritischen, vorurteilslosen Weg der
Forschung bestimmt und deshalb auch nie etwas Festes, Stehendes,
ein für alle Mal Gewonnenes. In diesem Sinn gilt Beschreibung als
eine Methode ursprünglicher, fortgesetzter Vergewisserung.
In dem Maße, wie aus dem allgemeinwissenschaftlichen Rahmen
der Philosophie thematisch und methodisch bestimmte Einzelwissen-
schaften hervorgehen, entziehen sich die empirischen Phänomenbe-
reiche und ihre konkreten Beschreibungen der Philosophie. Ihrerseits
mag die Philosophie kaum noch empirische Zweige unter ihrem Dach
und Namen dulden. Deswegen schrumpft sie jedoch nicht zur Ethik
und Wissenschaftstheorie, im übrigen aber zur Bedeutungslosigkeit
zusammen. Ihre übergeordnete wissenschaftliche Rolle behauptet sie,
indem sie als Erkenntnistheorie, Fundamentalontologie, Hermeneutik
oder Sprachphilosophie etc. die Vor- und Hinterhöfe der Erkenntnis,
der Erfahrung, des Verstehens, Sprechens und Handelns erschließt.
Daß die impliziten, selbstverständlich schon in Anspruch genom-
menen Bedingungen der Grundweisen menschlichen Seins selbst in ei-
nem herkömmlichen Sinn erfahren werden, daß sie in irgendwie selbst
als Phänomene gegeben sein könnten, ist zuerst einmal überhaupt nicht
einzusehen, genauso wenig wie die Rolle, welche die so eng mit den
empirischen Wissenschaften verknüpften Beschreibungen im Rahmen
philosophischer Grundlagenfragen spielen sollten. Den Nachweis, daß
Phänomenen der inneren Wahrnehmung und ihrer Beschreibung bei
der Grundlegung der Wissenschaften eine ausgezeichnete Rolle zu-
kommt, versuchten Brentano, Dilthey und dann vor allem Husserl im
Rahmen einer Fundamentalpsychologie zu erbringen.
Daß gerade die phänomenologische Philosophie zur Rettung nicht
nur der Phänomene, sondern, mit der Erneuerung ihres rationalen
Fundaments, zur Rettung der europäischen Menschheit insgesamt be-
rufen sei, diesen übersteigerten Gedanken trug Husserl in seinem Spät-
werk vor. Bei aller vorherrschenden Nüchternheit des sich auf einen
langen und sogar unvollendbaren Weg der Forschung begebenden
Phänomenologen finden sich mit Blick auf die zu gewinnende For-
schergemeinschaft bei Husserl schon früh gelegentlich verheißungs-
volle Worte, die von einem rationalistischen und universalistischen
Selbstverständnis getragen sind. Die idealistisch-humanistische Ver-
klärung der Wissenschaft am Vorabend der totalitären Katastrophe ist
der verzweifelte Ausläufer seiner Wissenschaftsgläubigkeit.
Die schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wahrgenommene, nach
dem Ersten Weltkrieg allgemein empfundene Krise der europäischen
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 33

Kultur versuchte Husserl nicht als gesellschaftliche Verfallserscheinung,


sondern aus einem Versagen der wissenschaftlichen Rationalität zu
erklären.3 Die im antiken Griechenland wurzelnde und zu allgemeiner
Herrschaft gelangende wissenschaftlich-technische Weltauffassung
und -gestaltung bringt seiner Meinung nach eine Europäisierung der
Menschheit mit sich. Gegenüber der unbändigen Produktivität der tech-
nischen Wissenschaften, die immer tiefer in die menschlichen Le-
bensvollzüge eingreifen, führt Husserl die dabei wachsenden Sinnde-
fizite des modernen Lebens auf ein Versagen der Philosophie zurück,
„den Emanzipationsprozeß der Wissenschaften angemessen zu reflek-
tieren und kritisch auf seine Bedingungen hin zu befragen."4
Insofern die Philosophie nicht kritisch die Leistungen der Wissen-
schaften als subjektive Leistungen der Weltkonstitution einzuholen
und theoretisch aufzuklären vermag, muß die „Wissenschaftsmüdig-
keit"5, die Entfremdung von den Wissenschaften und damit von der
europäischen Leitidee zunehmen. Der oberflächliche Ausdruck davon
ist für Husserl das allgemeine Krisenbewußtsein. Gerade in der Phä-
nomenologie sollen die Phänomene als subjektive Konstitutions- oder
Leistungsgebilde verständlich gemacht, bzw. die konstitutive Subjek-
tivität vor der vermeintlichen Objektivität der wissenschaftlichen Phä-
nomene gerettet werden. Inwiefern die Rolle der Subjektivität in jeg-

Diesen wissenschaftsfixierten Ansatz kontrastiert Gerard Granel in der Vorrede zu


seiner Übersetzung der Krisis-Schriften (In: E. Husserl, La crise des sciences eu-
ropeennes et la Phänomenologie transcendantale. Paris 1976, S. I-IX.) scharf mit
der Marxschen Analyse der wissenschaftlich-technischen Produktivität der kapita-
listischen Warengesellschaft. Vor der sich im Hintergrund formierenden Realität
des europäischen Faschismus erscheint Husserls Rettungsentwurf in der Linie des
neuzeitlichen philosophischen Diskurses der transzendentalen Egologie als eine
Verklärung der tatsächlichen Geschichte.
4
E. Ströker, Rationale Kultur durch Wissenschaft Kritik und Krise Europas in Hus-
serls Phänomenologie. In: Wechselwirkungen: Zum Verhältnis von Kulturalismus,
Phänomenologie und Methode. Hrsg. v. P. Janich, Würzburg 1999, 1-13, S. 9. Zur
Entwicklung von Husserls Krisenwahrnehmung, seines kulturellen Weltbilds, auch
seines Deutschtums siehe Chr. Möckel, Krisisdiagnosen: Husserl und Spengler.
In: Phänomenologische Forschungen, 3 (1998), S. 34-60. Im Vergleich treten die
geistes- und kulturgeschichtlichen Hintergründe, nicht zuletzt die sprachlichen
Muster und Kontexte von Husserls Denken der europäischen Krisis deutlich her-
vor. Zwar beeinflussen Husserls kulturphilosophische Ansichten seinen Entwurf
der Phänomenologie stark. Die Feststellung von Parallelen, Gemeinsamkeiten und
Gegensätzen zwischen Husserlscher Phänomenologie und Spenglerscher Lebens-
philosophie reicht jedoch nicht aus, um den die Krise „endgültig überwindenden
Heroismus der Vernunft" (Husserliana. Bd. VI, a.a.O., S. 348) als Projekt einer ra-
dikalsubjektivistischen Philosophie verständlich zu machen.
5
E. Husserl, Aufsätze und Vorträge (1922-1957). Husserliana, Bd. XXVII, Dor-
drecht; Boston; London 1989, S. 112.
34 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

lichem sinnhaften Weltbezug selbst Intersubjektivität zur Bedingung


hat, ist dabei seit Husserl eine philosophische Schlüsselfrage.
Die Philosophie als Phänomenologie soll der sich in ihrem Sieg
verlierenden Wissenschaft und damit dem rationalen Leitbild Europas
neuen Halt geben. Die Krise der Wissenschaft verlangt eine rettende
Wissenschaft oder eine Ethik, deren Grundzüge Husserl Anfang der
20er Jahre im Umkreis der Artikel für die japanische Zeitschrift >The
Kaizo< entwarf. Wie Religionen folgsamem Glauben Seelenheil ver-
heißen, verspricht als weltlich-rationales Gegenstück die Rettungswis-
senschaft Sinnstiftung durch Analyse der subjektiven Konstitutions-
und Geltungsschichten. Dieses hehre Ziel hat Husserl nie aufgegeben,
auch nicht in seinen letzten Jahren, in denen er nicht nur die bittere
Erfahrung philosophischer Vereinsamung, sondern auch die viel de-
mütigendere Erfahrung rassischer Ächtung machte. Gegen alle Wid-
rigkeiten hielt er an seinem rationalen Rettungsglauben fest und
richtete daran seine philosophische Hoffnung auf.
Seit Husserl ist die Entwicklung der Wissenschaft, der Technik
und der Gesellschaft in einem Maße fortgeschritten, daß das Krisen-
bewußtsein selbst zur konstitutiven Mentalität wurde, die sich nur
noch gelegentlich und dann oft atavistisch gebärdet. Wo die rationali-
stische Utopie der Rettung durch Wissenschaft seitdem nicht schlicht-
weg als unzumutbar zurückgewiesen wird, sieht sie sich meist schar-
fer Kritik ausgesetzt. Sie verschwindet deswegen jedoch nicht völlig.
Der Gedanke an eine rationale Einrichtung der Welt taucht als Glücks-
oder Horrorszenarium einerseits in wüsten technizistischen Wissen-
schaftsphantasien, andererseits in der Habermaschen Diskurstheorie
auf. Im Rahmen der folgenden Untersuchung gilt es gegenüber einer
allenthalben massiven Kritik an den erkenntnistheoretischen Grund-
lagen und der Methode der Phänomenologie Husserls zu fragen, was
sich an dessen Phänomen- und Beschreibungstheorie retten läßt.

Husserls Vorläufer

Die wichtigsten Vorarbeiten für die Herausbildung des Husserlschen


Phänomen- und Beschreibungsbegriffs wurden von Franz Brentano,
Wilhelm Dilthey und William James geleistet. Die Bedeutung ihres
Werkes ist allgemein anerkannt. Der Einfluß, den sie auf Husserl
ausübten, ist seiner Stärke entsprechend in unterschiedlichem Maße
erforscht und gewürdigt worden. Die wissenschaftlichen Beiträge
zum Verhältnis von Brentano und Husserl sind zahlreich und thema-
tisch umfassend, in geringerem Maße sind es schon diejenigen zum
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 35

Verhältnis von Dilthey und Husserl. Die Untersuchungen gar zu den


Bezügen von James und Husserl sind ausgesprochen spärlich.6 Hier
hat die Forschung noch das meiste aufzuarbeiten, um James als drit-
ten großen Wegbereiter der Phänomenologie ins philosophiegeschicht-
liche Bewußtsein zu rücken. Diese Arbeit kann hier selbst nicht im
engeren Rahmen der Beschreibungsthematik geleistet werden. Wir be-
schränken uns auf einige Andeutungen.
James' phänomenologische Psychologie nahm wesentliche Ent-
deckungen der Husserlschen Phänomenologie vorweg und blieb ge-
rade nach deren transzendentaler Wende wichtig für eine Reihe von
Phänomenologen, die auf Distanz zu Husserl gingen. Die Bekannt-
schaft mit James' Werk wurde Husserl durch Stumpf vermittelt, der
eine enge intellektuelle Beziehung zu James unterhielt. Abgesehen
von James' Lehre von den fringes, die Husserl später zur Lehre der
Horizontintentionalität gestaltete, sowie der Lehre vom Bewußtseins-
strom, verweist er in einer Fußnote der >Logischen Untersuchungen
explizit auf die „Förderung", die er „diesem ausgezeichneten Forscher
in der deskriptiven Analyse verdanke"7. James seinerseits war zwar
mit den von Brentano, Stumpf, Bergson und Mach ausgehenden Er-
neuerungsbestrebungen in der europäischen Psychologie, viel weniger
allerdings mit Husserl selbst vertraut.8
Einen Anstoß für seine deskriptiven Analysen erfuhr Husserl vor
allem durch James'„radikalempiristische" Einstellung, wonach nicht
mehr aber auch nicht weniger als das direkt Erfahrene die Grundlage
der Psychologie abgibt. Diese Einstellung teilt auch die Phänomeno-
logie, wenn sie sich auf die Anschauung der Sachen selbst, bzw. auf
das intuitiv und evident in der Erfahrung Gegebene beruft und dessen
Beschreibung fordert. Die hierfür maßgebliche Formulierung findet
sich im sogenannten Prinzip aller Prinzipien der >Ideen I<9.

6
Eine größere Untersuchung liegt vor von R. Stevens, James and Husserl: The
Foundation ofMeaning. Den Haag, 1974.
E. Husserl, Logische Untersuchungen. Zweiter Band: Untersuchungen zur Phä-
nomenologie und Theorie der Erkenntnis. Erster Teil. Husserliana, Bd. XIX/1, Den
Haag 1984, S. 211. Dieser Husserlianateilband wird mit seiner Nummer und der
jeweiliger Seitenzahl fortan in Klammem im laufenden Text ausgewiesen, also:
(XDC/1,211).
8
Vgl. hierzu M. Herzog, William James and the Development of Phenomenological
Psycholog}- in Europe. In: History of Human Sciences, 8/1 (1995), S. 29-46. Das
Hauptaugenmerk dieses Artikels gilt Husserl.
9
E. Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Phi-
losophie. Erstes Buch. Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. Hus-
serliana, Bd. m / 1 , Den Haag 1976, S. 51.
36 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Brentano

Den zweifellos größten Einfluß auf Husserl übte Brentano aus. Von
ihm greift er unter anderem den Phänomen- sowie den Beschrei-
bungsbegriff auf. Brentano steht durch seinen Lehrer Trendelenburg
in einer neoaristotelischen Tradition.10 Der von ihm in die Philosophie
wiedereingeführte Intentionalitätsbegriff hat nicht allein mittelalterli-
che Ursprünge. Er verweist ebenfalls auf Aristoteles' Lehre von der
„mentalen Inexistenz des Objektes"." Husserl selbst würdigte die Lei-
stung seines Lehrers gebührend:
Unter den Reaktionen gegen die physikalistische und physiologische
Psychologie, die die innere Erfahrung möglichst herabzudrücken such-
te und doch Psychologie sein wollte und sogar die exakte, war von be-
sonderer Bedeutung der geniale und energische Versuch einer Reform
der Psychologie durch Brentano, eine Psychologie ernstlich auf dem
Grunde innerer Erfahrung, zunächst innerer Wahrnehmung beruhend,
also auf dem Grund einer rein deskriptiven Analyse der seelischen In-
nerlichkeit. Geradezu epochemachend war die Einführung des scholasti-
schen Begriffs der Intentionalität als Wesensmerkmal des Psychischen.
Es war jedenfalls evident, daß alle von außen her zustande kommenden
psychophysischen Feststellungen psychologischen Sinn erst gewinnen
aufgrund einer innengewendeten, aus der Selbstbefragung der Seele
gewonnenen Deskription.12
In Brentanos >Psychologie vom empirischen Standpunkt kommen
vielfältige Methoden zum Zug. Diejenige der Beschreibung gewinnt
erst im Fragment gebliebenen dritten Teil >Über die Eigentümlichkeit
und Gesetze der Vorstellungen ein deutliches Profil. Der Titel weist
bereits auf die zweifache Behandlung der Vorstellungen hin. Sie sind

10
Über Trendelenburgs Philosophieverständnis als Fundamentalwissenschaft und als
Theorie der Wissenschaft, sowie Lotzes Ansätze zu einer Phänomenologie als de-
skriptiver Psychologie siehe E. W. Orth, Metaphysische Implikationen der Inten-
tionalität. Trendelenburg. Lotze. Brentano. In: Brentano Studien, Bd. VII (1997),
S. 15-30. Zur Vorbildung einer deskriptiven Philosophie bei Lotze und dessen Ein-
fluß auf Brentano und Dilthey siehe E. W. Orth, Brentanos und Ddtheys Konzepti-
on einer beschreibenden Psychologie in ihrer Beziehung auf Lotze. In: Brentano
Studien, Bd. VI (1995/96), S. 13-29.
1
' Diesen Hinweis gibt Oskar Kraus in seiner Einleitung zu F. Brentano, Psychologie
vom empirischen Standpunkt. Bd. I, Leipzig, 1924, XV-XCIII, S. XXIV. Zu den
Philosophie- und wissenschaftsgeschichtlichen, gerade auch aristotelischen Kon-
texten von Brentanos Denken siehe K. Hedwig, Deskription. Die historischen Vor-
aussetzungen und die Rezeption Brentanos. In: Brentano Studien, Bd. I (1988), 31-
45, S. 31 ff.
12
E. Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale
Phänomenologie Ergänzungsband: Texte aus dem Nachlaß 1934-1937. Husserl-
iana, Bd. XXIX, Dordrecht; Boston; London 1993, S. 124.
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 37

zum einen innerpsychisch vermeinte Phänomene, deren eigentümli-


che Undeutlichkeit gerade die Beschreibung, bzw. eine deskriptive
Psychologie auf den Plan ruft. Sie sind zum anderen vermeint als äu-
ßere physische Phänomene und werden in ihrer Entstehung und ihrem
Verlauf von der genetisch-erklärenden Psychologie untersucht. In
Anlehnung an die zeitgenössische Unterscheidung von deskriptiver
Geognosie und genetisch-erklärender Geologie trägt die deskriptive
Psychologie bei Brentano auch den Titel einer Psychognosie, oder ge-
legentlich den einer deskriptiven Phänomenologie.
Daß die deskriptive Psychologie die Grundlage der genetischen
Psychologie ist, führt bei Brentano gerade nicht zu ihrer traditionellen
Geringschätzung als bloßer Hilfswissenschaft. Er räumte der deskrip-
tiven vielmehr einen systematischen Vorrang gegenüber der kausal
erklärenden Psychologie ein. Damit vollzieht er die entscheidende Auf-
wertung der Beschreibung als philosophischer Methode. Brentano sah
sich dazu einerseits durch die besagte Undeutlichkeit, bzw. Komple-
xität der Bewußtseinsakte veranlaßt. Andererseits eröffnete gerade
die „quasi-reflexive Struktur"13 des Bewußtseins die Möglichkeit, die
nebenherlaufende innere Wahrnehmung der Akte explizit zu machen.
In dem impliziten bzw. sekundären Bewußtsein finden sich die psy-
chischen Phänomene, die die Objekte einer deskriptiven Psychologie
abgeben. Beschreibungen bringen deren rein psychische Evidenz zur
Geltung, ohne auf physische oder physiologische Erklärungen ange-
wiesen zu sein. Sie decken das im Bewußtsein mitgegebene auf.
Psychologische Deskription ist kein einfältiges Verfahren, sondern
vollzieht sich in mehreren Schritten, die ebenso in anderen Wissen-
schaften Anwendung finden.14 Dem psychischen Erleben folgt das
explizite Bemerken des Erlebten. Dem versammelnden Fixieren des
Bemerkten wiederum fällt die sprachkritische Aufgabe zu, der „Man-
gelhaftigkeit der Volkssprache"15 zu begegnen. Die darauf folgenden
induzierenden Verallgemeinerungen und Klassifikationen, die sich „de-
duktiv verwerten"16 lassen, werfen das Problem auf, inwiefern die von
empirischen Bewußtseinserlebnissen ausgehende deskriptive Psycho-
logie Brentanos eine apriorische Gestalt gewinnen kann.

" Vgl. K. Hedwig, a.a.O., S. 36.


14
Siehe hierzu J. Chr. Marek, Psychognosie - Geognosie. Apriorisches und Empiri-
sches in der deskriptiven Psychologie Brentanos. In: Brentano Studien, Bd. II
(1989), 53-61, S. 54 f.
15
O. Kraus, a.a.O., S. XXXV, s. a. LV1.
16
F. Brentano, Deskriptive Psychologie. Hamburg 1982, S. 74.
38 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Für Brentano kann „die deskriptive Psychologie auf ein Minimum


an Metaphysik nicht verzichten"17. Den in den Naturwissenschaften
längst gestürzten aristotelischen Substanzbegriff bringt er in den neu-
zeitlichen Zusammenhang des Bewußtseins. Dem empiristischen Prin-
zip der Beschreibung eröffnet sich mit den Bewußtseinsakten ein Feld
evidenter Selbst-Erfahrung. Dabei kommt es ihm nicht wie später
Husserl auf systematische Wesenserkenntnis im Rückgang auf phä-
nomenale Bewußtseinsinhalte, sondern auf eine kategoriale Analyse
der Struktur des Bewußtseins an.18
Unter denjenigen Schülern Brentanos, die dessen deskriptive Me-
thode zu einer experimentellen weiterentwickelten und vor der Meß-
barkeit des Psychischen nicht Halt machten, war Carl Stumpf nicht
nur der älteste, sondern auch einer der einflußreichsten. Indem er mit
der Unterscheidung von psychischen Erscheinungen und Funktionen,
die gleichermaßen im Bewußtsein gegeben waren, an der intentiona-
len Ausrichtung der Psychologie festhielt, blieb er Brentano stets ver-
pflichtet.19 Dieser konnte Husserl mit gutem Grund empfehlen, bei
Stumpf in Halle zu habilitieren. Die >Logischen Untersuchungen
sind Stumpf gewidmet und enthalten eine Reihe von Bezügen zu des-
sen Werk. Die Bedeutung Stumpfs für die Ausbildung von Husserls
Denken bislang wenig erforscht. Diesbezüglich stehen genauere Ein-
zelanalysen noch aus.

Dilthey

Aus einer anderen philosophischen Tradition herkommend als Bren-


tano, hatte sich ebenfalls Dilthey schon seit den 70er Jahren des 19.
Jahrhunderts mit Entwürfen zu einer deskriptiven Psychologie befaßt,
von der er sich die Analyse und terminologische Feststellung der
Grundbegriffe des Seelenlebens versprach. 1894 veröffentlichte er die
>Ideen zu einer beschreibenden und zergliedernden Psychologien
Darin geht er über das propädeutische Programm einer deskriptiven
Psychologie, das in seiner klassifikatorischen und terminologischen
Ausrichtung gleichwohl noch eine wichtige Rolle spielt, deutlich hin-
aus. Die Schrift war als Teil einer systematischen und umfassenden
Einleitung in die Geisteswissenschaften angelegt. Obwohl Dilthey

17
E. W. Orth. Brentanos undDilthevs Konzeption.. , a.a.O., S. 26, s. a. 20 f.
18
K. Hedwig, a.a.O., S. 38.
19
Eine umfassende Würdigung seines Werkes findet sich bei M. Kaiser-El-Safti
Carl Stumpfs Wirken für die deskriptive Psychologie. In: Brentano Studien, Bd
VI, (1995/96), S. 67-102. Zu Stumpfs Einfluß auf Husserl siehe ebd., S. 81 ff.
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 39

diesen Plan nie verwirklichen konnte, ergibt sich daraus die allgemeine
Zielstellung seiner >Ideen<, das Gebiet und insbesondere die Methode
der Geisteswissenschaft gegenüber derjenigen der Naturwissenschaf-
ten zu bestimmen.
Bei Dilthey gerät der Beschreibungsbegriff erstmals in eine kriti-
sche Position zu denjenigen Wissenschaften, aus denen er stammt
und die sich seiner traditionellerweise bedienen. Daß Dilthey ver-
sucht, die deskriptive Methode von der kausal-erklärenden abzuset-
zen, ist zwar nicht neu, wohl aber, daß er die Unterscheidung der
Methode mit der Einteilung der Wissenschaften in Natur- und Gei-
steswissenschaften verbindet. Obwohl einerseits in der phänomenali-
stischen sowie positivistischen Tradition des Empirismus selbst eine
nachhaltige Kritik am Kausalitätsprinzip geübt und der Beschrei-
bungsbegriff methodisch beansprucht wird, andererseits die Psycho-
logie sich selbst auch der erklärenden Methode bedient, weist Dilthey
das kausale Erklärungsprinzip den Naturwissenschaften zu und stellt
ihm das deskriptiv-nachvollziehende Verstehen als Grundprinzip der
so von ihm erstmals unterschiedenen Geisteswissenschaften gegen-
über. „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir."20
Die Übertragung der methodischen Verfahren zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften ist Dilthey zufolge unstatthaft. Er räumt zwar
ein, daß in den Naturwissenschaften der Gegensatz von erklärendem
und deskriptivem Verfahren traditionell eine Rolle spielt, macht jedoch
geltend, daß das beschreibende Verfahren durch den Verstehenscharak-
ter inneren Erlebens in der Psychologie und den so begründeten Gei-
steswissenschaften einen viel tieferen Sinn erfährt. Gegenstand der
gleichermaßen beschreibenden wie zergliedernden, betrachtend ver-
gleichenden wie experimentierenden Psychologie sind die „gleichför-
mig auftretenden Bestandteile und Zusammenhänge [...] des inneren
Lebens in einem typischen Menschen"21.
Erst durch den Verweis auf die Eigenart des Geistig-Seelischen
und der darauf bezogenen Untersuchungen rechtfertigt Dilthey die Ver-
einnahmung des Beschreibungsbegriffs für die Geisteswissenschaften.
Damit ist ein Wendepunkt in der wissenschaftlichen Geschichte des
Beschreibungsbegriffs markiert. In der mit Dilthey enger faßbaren na-
turwissenschaftlichen Handhabung blieb Beschreibung immer bloße
Beschreibung. Selbst auf dem phänomenalistisch-positivistischen Gip-
felpunkt war Beschreibung das Prinzip kritischer Bescheidenheit der

20
W. Dilthey, Ideen über eine beschreibende und eine zergliedernde Psychologie. In:
GS, Bd. V, Leipzig; Berlin 1924, 139-240, S. 144.
21
Ebd., S. :52.
40 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Wissenschaft und somit ein Eingeständnis in die prinzipielle Unzu-


länglichkeit menschlicher Erkenntnis, der Wesenseinsichten verwehrt
waren. Nunmehr eröffnet sich dem Beschreibungsbegriff eine neue
Perspektive: die Aussicht auf unbezweifelbare Erkenntnis.
Man sprach vorher immer von äußeren und inneren Phänomenen in
Nachfolge des Griechischen rä (paivößeva. Dadurch aber daß Dilthey
und auch Brentano der Ansicht waren, daß die psychischen Phänomene
ganz anderer Art wären als die physischen und nun als Forderung stell-
ten, sich diese Eigenart durch eine eingehende Beschreibung und Ana-
lyse bewußt zu machen, konnten die inneren Phänomene die Bedeutung
erhalten, die Phänomene schlechthin zu sein. Die Eigenart der inneren
sollte ja gerade darin bestehen, daß sie nur Phänomene seien, welche
schlechthin das seien, als was sie sich zeigten, also ohne Trennung von
Erscheinung und Sein, wie bei Dingerscheinungen der äußeren Erfah-
rung. [...] Die Deskription dient nicht zur Materialbeschaffung für die
Erklärung, ist also nicht eine Vor- oder Unterstufe davon, sondern be-
stimmt die Erlebnisse und das Seelische selbst, weil diese unmittelbar
selbst gegeben sind.22
Das Verstehen ist für Dilthey durch ein künstlerisches Moment aus-
gezeichnet, die Beziehung des einzelnen Analysegliedes auf den le-
bendigen Struktur- und Entwicklungszusammenhang der Seele her-
zustellen. Die Struktur des Seelenlebens im Wechsel seiner Zustände
ist wesentlich durch das Verhältnis zur Außenwelt bestimmt. Dilthey
hatte diesbezüglich früher schon den im Positivismus zum erkenntnis-
theoretischen Prinzip erhobenen Korrelativismus von Selbst- und Welt-
bewußtsein aufgegriffen, und einen >Satz der Phänomenalität< als
oberstes Prinzip der Philosophie formuliert. Danach „steht alles, was
für mich da ist, unter der allgemeinsten Bedingung, Tatsache meines
Bewußtseins zu sein"23.
In dem Bemühen, die grundsätzlichen Ansprüche einer psycholo-
gisch fundierten Geisteswissenschaft zu rechtfertigen, beruft sich Dil-
they auf den in der inneren Wahrnehmung gegebenen Strukturzusam-
menhang des Seelenlebens. Dessen Gewißheit, die Intelligibilität des
inneren Erlebens selbst, trägt jedoch nur soweit, wie die Realität des
Menschen in seiner Individualität und Geschichtlichkeit eben im Zu-
sammenhang des Seelenlebens beschrieben wird. Von der psycholo-
gisch-deskriptiven Methode innerer Wahrnehmung entfernt sich die

K. Kuypers, Ursprung und Bedeutung der deskriptiven Methode in der Phänome-


nologie. In: Actes du XT"" congres international de philosophie. Bruxelles. 20-26
aoüt 1953. Bd. XIII, Louvain; Amsterdam 1953, 229-236, S. 232 f.
W. Dilthey, Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an
die Realität der Außenwelt und seinem Recht. In: GS, Bd. V, a.a.O., 90-138, S. 90.
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 41

historisch-anthropologische Methode und Perspektive des Verstehens.


Zwar werden bei der Beschreibung der Entwicklungsgesetze des See-
lenlebens, seiner Altersstufen und Übergangsphasen kausale Hypo-
thesen vermieden. Doch die Psychologie, die „erzählt, was sie findet"24,
breitet sich als Geisteswissenschaft aus, die nicht mehr unvermittelt
auf die Phänomene innerer Wahrnehmung Bezug nimmt.
Dilthey übte durch seine Bestimmung der Psychologie sowie die
Formulierung des Phänomenalitätsprinzips großen Einfluß auf Hus-
serl aus. Die erkenntnistheoretische Ausgestaltung der angelegten Fra-
gestellung bei Husserl hat Dilthey seinerseits deutlich wahrgenommen
und hoch geschätzt. Er verwies nicht nur in seinen Schriften auf die
„in der Verwertung der Deskription für die Erkenntnistheorie epo-
chemachenden >Logischen Untersuchungen von Husserl"25, sondern
hielt 1904/05 auch ein Seminar dazu ab.

Husserls Wesensbeschreibungen

Im seinem Phänomen- und Beschreibungsbegriff verarbeitet Husserl


nicht nur die psychologischen und erkenntnistheoretischen Ansätze
seiner Zeitgenossen. Auf dem Boden eines radikalisierten Empirismus
bringt er zugleich einen transzendentalen Idealismus zur Geltung.
Aus dieser synthetischen Grundfigur ergibt sich die besondere Bedeu-
tung der Beschreibungsthematik im Rahmen der Phänomenologie. Sie
treibt das Programm und die Methode der empiristischen Psychologie
auf die Spitze einer Wesenswissenschaft und verspricht einen wissen-
schaftlich strengen, nachmetaphysischen Idealismus.
Nicht nur in der Psychologie, auch in anderen Wissenschaften wa-
ren Phänomene und ihre Beschreibungen in eine ausgezeichnete er-
kenntnistheoretische Position gerückt. Husserl geht auf diesem Weg
konsequent weiter. Er bekräftigt Brentanos und Diltheys Unterschei-
dung einer deskriptiven von einer genetisch erklärenden Psychologie,
ebenso die Bevorzugung und allgemeine Aufwertung der deskriptiven
Methode. Die zu einer allgemeinen Grundlagenwissenschaft aufge-
rückte deskriptive Psychologie gestaltet Husserl allerdings im Zuge
seiner Psychologismuskritik zur Phänomenologie um. Weder der
Phänomen- noch der Beschreibungsbegriff verlieren dabei an Bedeu-
tung. Ihre Wertschätzung erfährt vielmehr einen philosophie-geschicht-

24
W. Dilthey, Ideen..., a.a.O., S. 221.
25
W. Dilthey, Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften. In: GS, Bd. VII,
Leipzig; Berlin 1927, 1-75, S. 14.
42 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

liehen Höhepunkt. Phänomene und Beschreibungen treten mit den


höchsten philosophischen Ansprüchen hinsichtlich Wahrheit und Ur
sprünglichkeit auf.
Im allgemeinen ist es schon schwer einzusehen, wie eine Beschrei
bung, auch wenn sie unmittelbar das bestimmt, was ihr vorgegeben ist,
ohne weiteres als wissenschaftliche Erkenntnis und Erfüllung der Auf
gabe der Wissenschaft betrachtet werden soll. Hier setzt nun das ganze
Bemühen von Husserl ein [...,] die deskriptive Methode umzuformen
und auszugestalten zu einer Analyse und Beschreibung von Wesen,
Wesenszusammenhängen und Wesensgesetzen.26
Tatsächlich muß eine deskriptive philosophische Theorie mit ihren
Ansprüchen auf Stringenz und mehr noch Apriorizität „vor dem Hin
tergrund der philosophischen Tradition zunächst Überraschung auslö
sen."27 Mit Brentanos Intentionalitätsbegriff eröffnet sich Husserl je
doch die Möglichkeit, das erkenntnistheoretische Feld der Akte, ihrer
Inhalte und Strukturen systematisch zu erforschen. In der Reflexion
auf das Erleben des Bewußtseins bieten sich ihm neue wissenschaftli
che, sogar evidente Phänomenbereiche und Beschreibungsfelder. Die
Phänomenologie gibt sich als ein höherer Empirismus aus, der nicht
von den gewöhnlichen Tatsachen der Alltagserfahrung, sondern allein
von den tatsächlichen Erlebnissen des Bewußtseins ausgeht.
Die Ausgestaltung der phänomenologischen Methode zur Theorie
der inoxi) hält alle objektiven Existenzsetzungen von den psychi
schen Phänomenen fern, so daß, wohlverstanden, „die »Fiktion« das
Lebenselement der Phänomenologie, wie aller eidetischen Wissen
schaft, ausmacht"28. In dieser zugespitzten Formulierung streicht Husserl
die Andersartigkeit der phänomenologischen Einstellung heraus, die
sämtliche Phänomene der Einzelwissenschaften auf ihre subjektiven
Bedingungen untersucht. Damit wird ein Kantisches Erbe zur Geltung
gebracht. Der transzendentaltheoretische Ansatz soll in der Phänome
nologie wirkliche Ausweisung erlangen.
Husserl beruft sich auf reine Phänomene, die unmittelbar und abso
lut gewiß gegeben und in ihrer Wesenhaftigkeit beschreibbar sind.
Wenn er, über die empiristische Haltung konkreter, einzelner Beob
achtung und Beschreibung weit hinausgehend, allgemeinste Wesens
einsichten aus den Phänomenen selbst zu ziehen verspricht, steht er in

26
K. Kuypers, a.a.O., S. 234.
27
K. Rosen, Evidenz in Husserls deskriptiver Transzendentalphilosophie. Meisen
heim a. Glan 1977, S. 153.
28
Husserliana Bd. HI/1, a.a.O., S. 163. Siehe hierzu E. W. Orth, Edmund Husserls
>Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenolo
gier Vernunft und Kultur. Darmstadt 1999, S. 26.
DIE RETTUNGEN DER PHÄNOMENE 43

einer von Brentano vermittelten aristotelischen Tradition. Das Ziel


der Phänomenologie besteht darin, ihren material-empirischen Boden
vollständig hin auf eine transzendentale Wissenschaft vom Bewußt-
sein zu übersteigen, die zum Fundament aller übrigen Wissenschaften
wird. Husserl selbst kennzeichnet die Phänomenologie in dem >Ency-
clopaedia Britannica<-Artikel von 1927 als
eine an der Jahrhundertwende in der Philosophie zum Durchbruch ge-
kommene neuartige deskriptive Methode und eine aus ihr hervor-
gegangene apriorische Wissenschaft, welche dazu bestimmt ist, das
prinzipielle Organon für eine streng wissenschaftliche Philosophie zu
liefern und in konsequenter Auswirkung eine methodische Reform al-
ler Wissenschaften zu ermöglichen.29
Hier wird die Phänomenologie nicht nur aufs engste mit der Be-
schreibung verknüpft, sondern mehr noch der deskriptiven Methode
eine Originalität zugesprochen, aus der die Phänomenologie allererst
hervorgeht. So wie Husserl die Herausbildung der Methode datiert,
muß sie schon in den >Logischen Untersuchungen< von 1900/01 nach-
weisbar sein. Daß sich die neuartige deskriptive Methode nur im Zu-
sammenhang mit ebenso neuartigen Phänomenen herausbilden konn-
te und untersuchen läßt, steht nach den bisherigen Ausführungen fest.
Was genau für Phänomene die Phänomenologie und wie sie sie be-
schreibt, soll im Hauptteil der Arbeit untersucht werden.
Phänomenologie und Deskription bzw. deskriptives Vorgehen wer-
den häufig als gleichbedeutend angesehen.30 Das betrifft sowohl die
Phänomenologie im Sinn einer allgemeinen, keineswegs auf die Phi-
losophie beschränkten vorurteilslosen Herangehensweise an neuartige
Phänomene, als auch im besonderen die Phänomenologie, wie sie Hus-
serl entwarf. In seinem Werk gibt es eine Vielzahl Stellen, wo das rein
Deskriptive als das Phänomenologische schlechthin auftritt. Damit ist
angezeigt, welchen grundlegenden Stellenwert die Methode für dieses
Denken hat. Es läßt sich geradezu von einem Primat der Methode in
der Phänomenologie sprechen. Dahinter steht die Hoffnung auf eine
philosophische Erkenntnistechnik, wie sie in den >Prolegomena zu ei-
ner reinen Logik< ins Auge gefaßt wird.
Das Merkwürdige ist ja, daß die Phänomenologie als eine bestimmte
Methode und aus bestimmten methodischen Voraussetzungen entstan-
den ist und diesen Charakter nie verleugnet hat, auch nicht als sie bei
Husserl ausgewachsen war zu einer universalen Philosophie, ja als die

E. Husserl, Phänomenologische Psychologie. Vorlesungen Sommersemester 1925.


Husserliana. Bd. IX, Den Haag 1962, S. 277.
Vgl. E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie..., a.a.O., S. 8.
44 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Philosophie, welche sogar prätendierte, alle philosophischen Probleme


lösen zu können.3'
Nicht allein die Phänomene, deren Untersuchung sie verheißt, son
dern gleichermaßen das deskriptive Verfahren, das dabei angewendet
wird, definieren die Phänomenologie. Angesichts eines solchen Ent
sprechungsverhältnisses von Phänomenen und Beschreibungen in der
Phänomenologie ist es geboten, beide auch im Zusammenhang zu be
trachten und darüber das philosophische Unternehmen Husserls zu
erklären. Für die Phänomenologie Husserls sind Phänomene und Be
schreibungen nicht nur gleich wichtig, sie sind in einem gewissen
Sinn auch gleichursprünglich, indem sie beide aus einer Reflexion auf
Bewußtseinserlebnisse hervorgehen.
Die phänomenologische Reflexion ist nur in dem übertragenen
Sinn ein Sehenlassen, in dem auch das Phänomen selbst auf ein Er
scheinen weist. Der visuelle Sinn von evidenter Erfahrung wird gleich
wohl stark von der Phänomenologie beansprucht. Aus der Einengung
der reflexiven Grundbewegung auf ein Sehen, dem die Deskription
des so Gegebenen nachgeordnet ist, ergeben sich enorme Spannungen
zwischen beiden Momenten der phänomenologischen Meditation. Die
Phänomenologie gewinnt ihre Phänomene und Beschreibungen aus
einer Reflexion, die sie als innere, adäquate Wahrnehmung bestimmt.
Später baut Husserl die ursprünglich psychologische Theorie innerer
Wahrnehmung zur Methode der Reduktion aus, an der er trotz aller Zu
rückweisung, die sie erfährt, stets festhält. Das Modell innerer Wahr
nehmung erlaubt es ihm, die Gegenstände der Rettexion als die Sa
chen selbst aufzufassen und ihnen Wesenhaftigkeit zuzusprechen.

K. Kuypers, a.a.O., S. 229.


3. Rezeption und Aufgabenstellung

Die bisherigen Betrachtungen zum alltäglichen und vorphänomeno-


logischen Verständnis der Begriffe von Phänomen und Beschreibung
stellte die Fruchtbarkeit ihres Zusammenhangs und die diesbezügli-
che philosophische Sonderstellung der Phänomenologie Husserls her-
aus. Damit ist eine Untersuchung der Thematik in der Phänomenologie
allgemein hinreichend gerechtfertigt.
Die hier auf das Frühwerk Husserls beschränkte Untersuchung der
Beziehung von Phänomen und Beschreibung in der Phänomenologie
soll nunmehr in der speziellen Fragestellung vorbereitet werden. Da
sich die wenigen Forschungsbeiträge, die sich mit unserem Thema
näher befassen, keineswegs auf das Frühwerk Husserls beschränken,
ziehen wir ihre Betrachtung vor, um sie für unsere Untersuchung
fruchtbar zu machen.1

F. Kaulbach geht in seinem schon erwähnten monumentalen Werk >Philosophie


als Beschreibung* nur sehr knapp auf Husserl ein und kommt hinsichtlich des phä-
nomenologischen Beschreibungsbegriffs über einige Vermutungen nicht hinaus.
Das hat seinen tieferen Grund darin, daß die Gegenüberstellung von empiristi-
schem und ontologischem Beschreibungsbegriff, sowie der auf Husserl applizierte
ontologische Beschreibungsbegriff selbst sich als ungeeignet erweisen, bezüglich
der phänomenologischen Methode einige Aufklärung zu geben. Dabei ließe sich
der Auffassung, daß die Phänomenologie Husserls in die Richtung eines „an der
Morphe orientierten Beschreibungsbegriffes weist", sowie dem Vergleich des Hus-
serlschen Phänomenbegriffs mit dem. was Kaulbach »freies Phänomen« oder „Ge-
bilde der freien Natur" nennt (a.a.O., S. 392 ff.), in einer radikal-empiristischen
Beschreibungsperspektive durchaus etwas abgewinnen. Vgl. hierzu R. A. Mall,
Phenomenology - essentialistic or descriptive? In: Husserl Studies, 10/1 (1993)
13-30, S. 21: „Phenomenology as a foundational discipline cannot just remain sat-
isfied by being formal, traditional and nomological; it has to be morphological be-
cause of its commitment to description without presupposition." Das Morpholo-
gische erweist sich in dieser Perspektive gerade als der von allen ontologischen,
metaphysischen, religiösen oder erkenntnistheoretischen Interpretationen, Recht-
fertigungen, Idealisierungen und Theorien freie Rest, der phänomenologisch zur
Grundlage der Beschreibung genommen werden soll. Kaulbachs Darstellung des
phänomenologischen Beschreibungsbegriffs hingegen weisen auch K. Rosen, a.a.O.,
S. 155 und E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie.... a.a.O., S. 15 zurück.
46 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Kuypers' Problemaufriß

Die beste und dichteste Darstellung unserer Thematik findet sich in


dem Artikel Karel Kuypers über >Ursprung und Bedeutung der de-
skriptiven Methode in der Phänomenologien Kuypers hat in aller nur
wünschenswerten Deutlichkeit auf den wesentlichen Zusammenhang
von Phänomen und Beschreibung hingewiesen.
Das Entstehen der Phänomenologie und der Vorzug, welchen darin die
Analyse und Deskription hat, hängen [...] engstens zusammen mit dem
Gegensatz, welcher von Dilthey, Brentano und Husserl selbst gemacht
wird zwischen der Sphäre des Physischen und des Psychischen, zwi-
schen äußerer und innerer Erfahrung. Ohne Einsicht von der Herkunft
und Begründung der prägnanten Bedeutung des Begriffs Phänomen ist
nicht klar, warum in der Phänomenologie soviel Aufhebens gemacht
wird von den Phänomenen und noch weniger, warum sie nur durch
Deskription gefaßt werden können.2
Kuypers unterscheidet bei Husserl scharf zwischen zwei Phänomen-
begriffen. Beim ersten wird in der Nachfolge Brentanos und Diltheys
mit der erkenntnistheoretischen Sonderstellung der inneren Wahrneh-
mung allererst die Methode der Beschreibung verschwistert. Der zwei-
te Begriff erwächst aus der Reduktionstheorie Husserls, mit der die
Phänomenologie einen universalen Anspruch als transzendentale Wis-
senschaft erhebt.
Die ganze Welt und alle Wissenschaften werden nur Phänomen, inso-
weit alle Welt und alle Erkenntnis als korrelat mit dem reinen Bewußt-
sein betrachtet werden kann. Die Reduktion erschließt die eigenstän-
dige transzendentale Erfahrung. Die Deskription und Analyse wird als
Methode konsequent aufrechterhalten. Dennoch hat die Beschreibung
einen neuen Sinn bekommen: sie ist jetzt Auslegung des Sinnes der
Welt aus den Ursprüngen, das heißt aus der Anschauung. Die Welt der
Wissenschaft und der Kultur ist hervorgegangen aus der Lebenswelt.
Es kommt darauf an, diese Konstitution der Welt aus Leistungen des
Bewußtseins verständlich zu machen.3
Insofern der zweite Phänomen- und Beschreibungsbegriff nicht nur
aufs engste mit der Reduktions-, sondern auch mit Konstitutionstheo-
rie verbunden ist, nimmt er nicht, wie Kuypers es darstellt, erst in den
mittleren Werken Husserls klare Konturen an und wird von da an für
die Gestaltung der phänomenologischen Theorie beherrschend. Das
Konzept der Fundierung spielt schon in Husserls frühestem Versuch

2
K. Kuypers, a.a.O., S. 232
3
Ebd., S. 235.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 47

einer psychologischen Grundlegung arithmetischer Grundbegriffe ei-


ne entscheidende Rolle. Die Theorie der Fundierung oder Konstituti-
on erhält in den >Logischen Untersuchungen< mit dem Programm des
Rückgangs auf die Sachen selbst ihre entscheidende phänomenologi-
sche Bestimmung. Auch der später geprägte Begriff der Lebenswelt
entspringt dieser Forschungsperspektive, die Husserl schrittweise er-
weiterte und radikalisierte. In diesem Sinn lassen sich die zwei Phä-
nomen- und Beschreibungsbegriffe nicht scharf trennen. Beide stehen
von Beginn an in engstem Zusammenhang. Grundlegend bleibt für
die gesamte Phänomenologie Husserls die Selbstwahrnehmung eben
als Beschreibung des Bewußtseins.
Die Berufung Husserls auf eine rein phänomenologische Erfahrung
bzw. vortheoretische Anschaulichkeit hält Kuypers für eine Illusion.
In gleicher Weise kam Adorno zu dem Schluß, Phänomenologie sei
der „paradoxe Versuch einer theoriefreien Theorie"4. Kuypers kritisiert
die einseitige „Verabsolutierung der Anschauung"5 in der klassischen
Wissenschaftsauffassung von Piaton über Descartes und Kant bis zu
Husserl. Als deren Basis greift er in Übereinstimmung mit den mo-
dernen Erfahrungswissenschaften den Begriff theoriefreier Erfahrung
an. Da von dieser Kritik gleichermaßen Deskription und Analyse be-
troffen sind, die als adäquate direkt von der absoluten Bedeutung der
Anschauung abhängen, „ist es fraglich geworden, was die philosophi-
sche Grundlage der deskriptiven Methode heute noch ist."6
Gegenüber dieser Kritik ist darauf hinzuweisen, daß die innere
Wahrnehmung und ihre Beschreibung auf einer reflexiven Methode
beruhen, bzw. aus einer besonderen phänomenologischen Einstellung
hervorgehen. Der Zusammenhang von phänomenologischer Reflexi-
on, Anschauung und Beschreibung muß bei Husserl genauer unter-
sucht werden. Auf die Ansprüche und Leistungen philosophischer
und zumal phänomenologischer Reflexion und Beschreibung werden
wir in Auseinandersetzung mit Herbert Schnädelbachs Unterschei-
dung von Reflexions- und Diskurstypen näher eingehen.
Die phänomenale Grundlage und die deskriptive Methode der Phä-
nomenologie sind so deutlich wie bei Kuypers nur noch vereinzelt im
Zusammenhang betrachtet worden, bspw. von Klaus Rosen in seiner
Untersuchung der >Evidenz in Husserls deskriptiver Transzendental-
philosophie<. Kuypers selbst sah den phänomenologischen Entwurf der

4
Th. W. Adorno, Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und
die phänomenologischen Antinomien. In: GS, Bd. V, Frankfurt a. M. 1971, 7-245,
S. 131.
5
K. Kuypers, a.a.O., S. 236.
6
Ebd.
48 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Philosophie als wissenschaftlich überholt an und verfolgte seinen An-


satz im Einzelnen nicht weiter. Seine Perspektive fand in der Folge-
zeit kaum Beachtung. Beschreibungen genau wie Phänomene wurden
in philosophischer und speziell phänomenologischer Hinsicht zumeist
unabhängig voneinander untersucht.

Orths Apologie phänomenologischer Beschreibung

Anders als zu erwarten gewesen wäre, hat der Beschreibungsbegriff


in der phänomenologischen Philosophie und Forschung zwar eine
breite Anwendung, lange Zeit aber keine angemessene methodische
Erläuterung gefunden. Seine Erörterung stand weit hinter Themen
wie der Reduktion, dem Korrelationsapriori, der Intentionalität, Intui-
tion, Evidenz, Intersubjektivität, Zeitlichkeit oder der Lebenswelt zu-
rück. Die Vernachlässigung des Beschreibungsbegriffs gründete nicht
zuletzt auf der Selbstverständlichkeit, mit der Husserl selbst ihn über
weite Strecken handhabte, bzw. auf seinem Versäumnis, den Begriff
methodisch oder historisch explizit auszuweisen. Daß sich hier ent-
scheidende Linien der phänomenologischen Theorie schnitten, wurde
in der Regel übersehen.
Beschreibung als Methode der Phänomenologie Husserls, insbe-
sondere deren sprachlich-literarische Verfaßtheit wurde das philoso-
phische Hauptthema von Ernst Wolfgang Orth. Seit den siebziger
Jahren verfolgt er in zahlreichen Texten die Geschichte des Aufstiegs
deskriptiver Methoden in der deutschen Philosophie des 19. und 20.
Jahrhunderts von Lotze und Trendelenburg über Brentano und Dilthey
bis zu Heinrich Rickert. In seinen Aufsätzen wies Orth immer wieder
daraufhin, daß die Phänomenologie Husserls, im Unterschied zur weit-
verbreiteten Variante der Phänomenologie als einer Protowissenschaft,
keineswegs betrieben werden kann „von Talenten der Unbefangenheit
und Harmlosigkeit, die aus ihrer Naivität eine Tugend, eben die unarti-
fizielle Kunst des Beschreibens"7 machen. Die im Phänomen- sowie im
Beschreibungsbegriff angelegten Spannungen untersuchte er detailliert
in erkenntnistheoretischer, sprachtheoretischer und ontologisch-meta-
physischer Hinsicht. Für die vorliegende Untersuchung sind die Arbei-
ten Orths der wichtigste Bezugspunkt.
Angesichts des Mangels einer Definition oder ausführlichen Recht-
fertigung der deskriptiven Methode hat Orth Husserls >Prinzip aller
Prinzipien< als eine Formel phänomenologischer Beschreibung he-

E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie:.., a.a.O., S. 8


REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 49

rangezogen. Mit Bezug auf eine weitere Stelle aus den >Ideen I<, wo-
nach die Aufgabe der rein deskriptiven Wesenswissenschaft darin be-
steht, „den einsichtigen Wesenszusammenhängen nachzugehen, das
jeweils Geschaute in getreu begriffliche Ausdrücke zu fassen, die sich
ihren Sinn rein durch das Geschaute, bzw. generell Eingesehene vor-
schreiben lassen"8, schlußfolgert Orth: „beschreiben beruht auf einem
Vorschreiben'"9. Der Beschreibung ist durch das Phänomen, genauer
gesagt, durch das in der reflexiven phänomenologischen Einstellung
Geschaute, nicht nur vorgegeben, sondern vorgeschrieben, was zu be-
schreiben ist. In diesem Sinn versteht Orth das Vorschreiben nicht al-
lein als strenge, sondern selbst schon als literarische Vorgabe, wie den
Wesensphänomenen „durch bloße Explikation und genau sich anmes-
sende Bedeutungen Ausdruck zu verleihen"10 ist. Der Vorgang der lite-
rarischen Anmessung wird von ihm gleichwohl kritisch betrachtet."
Es gilt hinsichtlich des Zusammenhangs von Phänomen und Be-
schreibung, Vorgeschriebenem und Angemessenem zu prüfen, inwie-
fern die phänomenale Vorschrift selbst schon sprachlich verfaßt ist,
bzw. in welchem Maße Beschreibung allererst Übersetzung ist. Geht
die Vorschrift lediglich auf ein Was, oder auch auf ein Wie? Stellt die
Wahrnehmung das Gegebene gewissermaßen schon unausdrücklich
dar, so daß die explizite Beschreibung daran anschließen kann? Läßt
sich hier mit Orth von einer anonymen, elementaren Ausdrücklichkeit
sprechen'2, die der eigentlichen Beschreibung jeweils zugrunde liegt?
Wenn hingegen von Vorschrift nur in einem übertragenen Sinn die
Rede ist, bleibt die geforderte Bedeutungsanmessung Aufgabe und
Leistung allein der Beschreibung. Ihr wäre dadurch nicht nur eine
größere Unabhängigkeit vom reflexiven Erleben zuzugestehen. Ihre
Position müßte gegenüber der reflexiven Einsicht deutlich aufgewer-
tet und im Gegenzug das phänomenologische Ideal der Evidenz rela-
tiviert werden.
Neben den Hinweisen auf ein literarisches Moment in der Vorge-
gebenheit des Phänomens hat Orth die viel näher liegende literarische
Struktur der Beschreibung selbst untersucht. Angesichts der Wirksam-
keit der Phänomenologie in der hermeneutischen und der neueren fran-
zösischen Philosophie sowie der an Roman Ingardens phänomenolo-
gisches Werk anschließenden Rezeptionsästhetik bemühte er sich, die
Aufgaben einer Sprachphänomenologie, einer Phänomenologie vor al-

8
Husserliana Bd. HI/1, a.a.O., S. 138.
9
E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie.., a.a.O., S. 30.
10
Husserliana, Bd. Dl/1, a.a.O., S. 51.
11
Siehe E. W. Orth, EdmundHusserls >Krisis<... a.a.O., S. 23 ff.
12
E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie:.., a.a.O., S. 36.
50 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

lern der philosophischen Sprache und Texte, näher zu bestimmen.


„Dem Umstand, daß Beschreibung ansatzweise selbst schon Literatur
ist, sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, wenn das
Phänomen der Literatur und das der Literaturgebundenheit der Philo-
sophie »beschrieben« wird."13
Obwohl sie logischen und erkenntnistheoretischen Untersuchungen
des Sprachgebrauchs einen breiten Raum gewährt, tritt die Phänome-
nologie in ihrem sachlichen Forschungsideal „zunächst [...] eher anti-
literarisch" auf. Von der etwas abschätzigen Auffassung der Sprache
als bloßem Instrument der Erkenntnis rückt, Orth zufolge, Husserl
später ab, so daß in seiner Phänomenologie „doch mehr und mehr die
Sprache positiv zur Geltung kommt."14
Im >Prinzip aller Prinzipien< formuliert Husserl die Aufgabe der
Beschreibung, dem intuitiv Gegebenen, den unmittelbar geschauten
Wesen durch Wesensbegriffe angemessenen Ausdruck zu verleihen.
Orth fragt: „Was ist das für eine Sprache, deren sich diese ursprüngli-
che Beschreibung bedient"?15 Jacques Derrida hatte den von Eugen
Fink erhobenen Vorwurf aufgegriffen, Husserl habe das Verhältnis
der phänomenologischen Sprache weder zum metaphysischen Erbe
des transzendentalen Logos noch zur Alltagssprache jemals aufge-
klärt.16 Konsequent fragte Derrida nach der Sprache als Möglichkeits-
bedingung objektiver Erkenntnis und insbesondere des phänomeno-
logischen Diskurses.17 Demgegenüber macht Orth geltend, es gäbe
„keine phänomenologische Sprache, der man dies »äußerlich« - an
Zeichen - ansehen könnte. Phänomenologisch wird eine Sprache
durch die »Einstellung«, mit der sie gesprochen und vernommen
wird", was ihn an Hegels Gebrauch spekulativer Sätze erinnert.18
Obwohl Orth selbst immer wieder auf das Sprach- gerade als Be-
schreibungsproblem der Phänomenologie hingewiesen hat, als ob im

13
E. W. Orth, Zur Phänomenologie des philosophischen Textes. In: Zur Phänomeno-
logie des philosophischen Textes. Hrsg. v. E. W. Orth, Freiburg; München 1982, 7-
20, S. 14.
14
Ebd., S. 14 f.
15
Ebd., S. 16.
16
J. Derrida, La voix et le phenomene Introduction au probleme du signe dans la
Phänomenologie de Husserl. Paris 1967, S. 6.
17
Siehe hierzu J.-Cl. Höfliger, Jacques Derridas Husserl-Lektüren. Würzburg 1995,
S. 11 ff.
18
E. W. Orth, Das Phänomen der Sprache und die Sprachlichkeit des Phänomens.
In: Studien zur Sprachphänomenologie. Hrsg. v. E. W. Orth, München; Freiburg
1979, 7-30, S. 12. Auf „das Problem einer Verwandlung des Sagens im spekulati-
ven Satz" verweist aber gerade auch E. Fink, Operative Begriffe in Husserls Phä-
nomenologie. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 11 (1957), 321-337, S.
334.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 51

intentionalen Bewußtsein immer schon alles Gegenständliche gege-


ben wäre, gehen seine Bemerkungen nicht mit der transzendentalen
Sprachfragestellung zusammen. Abgesehen von Spezialausdrücken,
der Ausprägung einer spezifischen Terminologie, bleibt die Phäno-
menologie in ihrem wissenschaftlichen Anspruch auf die Alltagsspra-
che angewiesen. Die stets herausgestrichene Besonderheit der Ein-
stellung der Phänomenologie weist jedoch auf das problematische
Verhältnis von Bewußtsein, Erkenntnis und Sprache in der Phänome-
nologie hin. Von hier aus muß dem Versuch Derridas sein Recht ein-
geräumt werden, die metaphysischen Ursprünge des Husserlschen
Denkens, d.h. vor allem die Zurücksetzung der Sprache, der Schrift
und des Diskurses gegenüber dem Sehen und Anschauen, zu dekon-
struieren. Dabei heißt Dekonstruktion, auch zu berücksichtigen, daß
ein Bruch mit der Metaphysik niemals radikal, also auf eine Weise
vollbracht werden kann, daß man nicht noch von ihr, ihrer Sprache
und ihrem Diskurs abhinge.
Orth betont, daß phänomenologische Beschreibungen nur in einer
gewissen phänomenologischen Sphäre bzw. Einstellung stattfinden
können. Er versucht deutlich zu machen, daß die phänomenologische
Sphäre durchaus nicht uniform ist, sondern sich darin verschiedene
Typen und Stufen von Reduktion, Intuition und Beschreibung unter-
scheiden lassen, die einander jeweils entsprechen. Orth interpretiert
nicht nur die in der Phänomenologie unterschiedenen Reduktionsty-
pen als verschiedene Wissenschaftstypen, sondern erweitert den Be-
schreibungsbegriff dahingehend, daß schon die schlichte Wahrneh-
mung als anonyme Beschreibungsstufe gilt.
Was also Beschreibung immer sein mag, bei Husserl gewinnt sie ihren
Sinn erst im Hinblick auf Reflexion und Reduktion. [...] Von Beschrei-
bung kann man gar nicht sprechen, wenn man nicht den Rahmen, d.h.
den Reduktionstyp, angibt, innerhalb dessen beschrieben wird. Be-
schreibung kann also je nach Rahmentypik sehr Unterschiedliches be-
deuten.19
Sofern in der ersten Auflage der > Logischen Untersuchungen explizit
noch keine Reduktions- wohl aber eine Reflex ionstheorie entwickelt
ist, lassen sich der Kern und die Grundgestalt der phänomenologischen
Methode sowie der grundlegende Zusammenhang von Reflexion und
Beschreibung untersuchen. Den Behauptungen Orths folgend muß ge-
prüft werden, ob sich verschiedene Typen oder Stufen von Reflexion
und Beschreibung unterscheiden und in einen Zusammenhang brin-

E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie..., a.a.O., S. 15 u. 40, s. a. 38 f.


52 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

gen lassen. In welcher Breite findet das Verfahren der Beschreibung


tatsächlich Anwendung und inwiefern ist diese Breite oder Vielfalt
von Husserl begrifflich eingeholt bzw. angelegt?
Das Husserlsche Ideal der Selbstgebung wird gerade durch die De-
vise der Beschreibung auf die Probe gestellt. Bereits in Diltheys Auf-
fassung des Beschreibens als Sehenlassens ist Orth zufolge „die Dop-
peldeutigkeit des späteren phänomenologischen Ideals der Intuition
und Reduktion - als einfachen Zusehens und als bewußten Arrangie-
rens solchen Zusehens - [...] vorprogrammiert."20 Diese Zweideutig-
keit wird im Husserlschen Werk auch daran deutlich, daß Husserl
sowohl vom Auseinanderlegen als auch vom Auslegen spricht. Beide
Verfahren können in den >Logischen Untersuchungen als Varianten
des Beschreibens nachgewiesen werden. Mit dem Auslegen, dessen
Bedeutung in seinem Werk kontinuierlich zunimmt, klingt bei Hus-
serl ein Thema an, das einige seiner Schüler konsequent entfalteten.
In der Hermeneutik vollzieht sich eine Wende, wonach Erkenntnis
nicht mehr am Modell und in der Metaphorik der sinnlichen Wahr-
nehmung, sondern des Verstehens von Texten entwickelt wird.21

Schnädelbachs deskriptiver Diskurstyp

Herbert Schnadelbach versuchte Ende der siebziger Jahre, mit dem für
die neuzeitliche Philosophie zentralen Reflexions- auch den Beschrei-
bungs- als grundlegenden philosophischen Methodenbegriff sprach-

20
Ebd., S. 28.
21
Ebd., S. 41 f. - Hinsichtlich der hermeneutischen Transformation der Phänomeno-
logie sei hier zumindest auf einige Forschungsbeiträge verwiesen, die sich explizit
mit der Beschreibungsthematik befassen. In seiner leider nie als Buch veröffent-
lichten Dissertation >Deskription und Auslegung in der phänomenologischen Phi-
losophie< (Göttingen 1950) ging Harald Delius der Frage nach, wie phänomeno-
logische Deskription als Auslegung zu vollziehen und zu rechtfertigen sei. Er kam
zu dem negativen Schluß, daß deskriptive Auslegung nur durch eine Modifikation
der schlicht deskriptiven Einstellung möglich ist (ebd., S. 263 f.). Zur Kritik von
Delius siehe K. Rosen, a.a.O., S. 156. - Zwischen Phänomenologie und Herme-
neutik, deskriptiver und interpretativer Methode zu vermitteln versucht J. N. Mo-
hanty, Beschreibung und Auslegung als Möglichkeiten für die Phänomenologie.
In: Sprache. Wirklichkeit, Bewußtsein. Studien zum Sprachproblem in der
menologie. Hrsg. v. E. W. Orth, Freiburg; München 1988. S. 11-30. Er unterschei-
det zwischen beschreibender und hermeneutischer Phänomenologie und stellt ihre
gegenseitige Durchdringung und Komplementarität heraus (S. 24). Die hermeneu-
tische Kritik an Husserls Phänomenologie und den Stellenwert, den die Interpreta-
tion darin hat. bespricht umfassender Antonio F. Aguirre, Die Phänomenologie
Husserls im Licht ihrer gegenwärtigen Interpretation und Kritik. Darmstadt 1982,
insbesondere S. 49-85.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 53

analytisch neu zu bestimmen. In dieser Perspektive legte er die tief


gehendste Analyse der Beschreibungsmethode der letzten Jahrzehnte
vor. An seiner typologischen Unterscheidung von phänomenologischer,
geltungstheoretischer und sinnexplikativer Reflexion interessiert uns
vor allem die Strukturanalyse des deskriptiven Typs, sowie die damit
verbundenen Probleme der Typenvermengung, des Reduktionismus
und der Gegenstandsbestimmung phänomenologischer Reflexionen
bzw. Diskurse.
Wie überhaupt im phänomenologischen Typ das Deskriptive mit
dem Reflexiven übereinkommt, wird im Hinblick auf Lockes Theorie
innerer Gegenstände behandelt. Der Begriff phänomenologischer Re
flexion wird dabei als eine bestimmte Gegenstandstheorie eingeführt,
die den natürlichen Bereich der Gegenstände der intentio recta auf
den der inneren Gegenstände erweitert. Phänomenologische Reflexi
on wird so herkömmlicherweise im Empirismus als psychologische
Beschreibung innerer Gegenstände betrieben. „Die Beschränkung auf
Beschreibung im Medium von reflection"22 verhilft aber auch im Ra
tionalismus zur Erfassung idealer als gleichsam eingeborener Gegen
stände.
Obgleich sich sowohl die empirische als auch die logische Refle
xion der Beschreibung bedient, sind Descartes', Lockes und Leibniz'
Reflexionen über die Grenzen und den Umfang der menschlichen Er
kenntnis letztlich geltungstheoretischer Art. Schon bei Locke stellt sich
das Problem, das Übereinkommen von beschreibendem Vollzug und
geltungstheoretischem Interesse der Reflexion zu erklären.
Diese Verschränkung von Deskription und Begründung, von phänome
nologischer und geltungstheoretischer Reflexion, die für die gesamte
empiristische und positivistische Tradition der Erkenntnistheorie kenn
zeichnend ist, bezieht ihre Plausibilität daher, daß für den zu beschrei
benden Bereich selbst schon implizit ein normativer Status in Anspruch
genommen wird: es handelt sich hier um die „Natur" des menschlichen
Verstandes, die durch Reduktion des Bewußtseins auf seinen „Naturzu
stand" als Vermögen bloßer Rezeptivität für explizierbar gehalten wird.
Daraus erklärt sich auch, daß der offenbare Widerspruch zwischen dem
deskriptiven Ideal dieser Philosophie und ihrer reduktionistischen Pra
xis gar nicht registriert wird. Weil schon im vorhinein feststeht, was nor
mativ als Naturzustand des Bewußtseins zu gelten hat, erscheinen die
in Wahrheit reduktiven Analysen des Bewußtseinsinhalts als reine De
skription [...].23

22
H. Schnädelbach, Reflexion und Diskurs Fragen einer Logik der Philosophie.
Frankfurt a. M. 1977, S. 104.
23
Ebd., S. 107 f.
54 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Selbst Husserls Phänomenologie „als der »reine Typus« phänomeno-


logischer Reflexion im mentalistischen Paradigma"24 verfolgt ein gel-
tungstheoretisches und transzendentales Interesse. Dadurch stellt sich
die Frage, einerseits, ob phänomenologische Reflexion überhaupt un-
abhängig von geltungstheoretischer Reflexion auftreten, andererseits,
ob die geltungstheoretische Reflexion überhaupt nichtphänomenolo-
gisch vollzogen werden kann. Diesbezüglich müssen die Gegenstände,
auf die sich phänomenologische und geltungstheoretische Reflexion
beziehen, näher untersucht werden. Für die phänomenologische Re-
flexion heißt das, den normativen Status oder die ausgezeichnete Phä-
nomenalität ihrer Gegenstände aufzuklären.
Was den Reduktionismus betrifft, den Schnädelbach der phäno-
menologischen Beschreibung vorhält, so muß die Normativität der
phänomenologischen Gegenstände nicht auf einen fragwürdigen Na-
turzustand des Bewußtseins zurückgeführt werden. Die in der phä-
nomenologischen Reflexion zugänglichen Inhalte sollen vielmehr
erkenntnistheoretisch durch Evidenz ausgezeichnet sein. Der phänome-
nologische Gegenstandsbereich wird durch eine streng an der Evidenz
orientierte Reduktion gewonnen. Die Beschreibung hält sich genau an
die Evidenz der Phänomene. Reduktion und Deskription geraten nicht
in einen Konflikt miteinander, sondern bilden eine komplementäre
methodische Einheit. Ihre Komplementarität läßt sich nicht koordi-
nieren, so daß etwa die Reduktion der Deskription notwendig vorher-
ginge. In diesem Sinne gibt es keine Hierarchie der Reflexionstypen.25
Phänomenologische Reflexion ist extern Reduktion und intern De-
skription. Was als gewiß gegeben ist und beschrieben werden kann,
sind reflexive Phänomene. Reflexion, Reduktion und Deskription bil-
den phänomenologisch eine Einheit. Der Reduktionismus ist also kein
Problem für die phänomenologische Beschreibung und bei Husserl
auch nicht uneingestanden. Schnädelbachs diesbezügliche Kritik am
Typ phänomenologischer Reflexion kann also zurückgewiesen werden.
Welche Gegenstände werden nun aber in phänomenologischen Re-
flexionen bzw. Diskursen, als sprachlichen Aufklärungsunternehmen
des in der Kommunikation implizierten Metakommunikativen, be-
schrieben? Schnädelbach setzt sich mit den beiden einschlägigen

24
Ebd., S. 105.
25
Eine nichtkomplementäre Unterscheidung von Reduktion und Deskription würde
das mentalistische Problem verstärken, wie der reflexiv-reduzierte Gegenstandsbe-
reich als Vorstellungsinhalt vorliegt, um hernach beschrieben werden zu können.
Die Beschreibung würde so von der Reflexion abgesondert. Die Frage wäre dann,
was vom Typ phänomenologischer Reflexion übrig bliebe, wenn die Beschreibung
nur sprachliche Darstellung bereits gewonnener Gegenstände wäre.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 55

mentalistischen Begründungsverfahren auseinander, philosophisch-


reflexive Deskriptionen von gewöhnlichen Beschreibungen zu unter-
scheiden: zum einen durch Berufung auf eine bestimmte Bereichs-,
zum andern durch Berufung auf eine bestimmte Strukturdifferenz.
Die erste Strategie untersucht er an Husserls Theorie der £Jrox?j, die
die besondere phänomenologische Einstellung begründen und einen
bestimmten Gegenstandsbereich auszeichnen sollte. Schnädelbach
erörtert „die EJTOXT} auf der Grundlage einer sprachanalytischen Para-
phrase" als „Suspendierung aller Existenzannahmen im beschreibenden
Gebrauch prädikativer Ausdrücke" und erläutert diese als „Virtualisie-
rung von Existenzpräsuppositionen, die bei der beschreibenden Prädi-
kation im Kontext primären kommunikativen Handelns in Anspruch
genommen werden"26.
Seine Argumentation beruht auf drei Voraussetzungen: erstens,
daß mit jeder deskriptiven Rede Wahrheitsansprüche vertreten wer-
den, zweitens, „daß alle Beschreibungen ihrer Möglichkeit nach auf
impliziten Existenzannahmen bezüglich des zu Beschreibenden be-
ruhen"27, und drittens, daß es nur einen Sinn von Existenz, bzw. nur
eine Seinsweise geben kann. Gelten diese Annahmen auch für die phä-
nomenologische Deskription, führt die inoxtf zu widersprüchlichen
Konsequenzen. Entweder bleibt nach einer vollständigen EJTOXTJ nichts
mehr zu beschreiben übrig, oder sie ist unvollständig vollzogen, so
daß es noch etwas gibt, was sich beschreiben läßt, etwas, was auf an-
dere Weise existiert. In diesem Fall erhebt sich die Frage, wie die
Einschränkung der EJIOXTJ und eine damit gewonnene Existenzdiffe-
renz gerechtfertigt werden kann.
Um die phänomenologische Reflexionsbewegung zu verteidigen,
was hier nur andeutungsweise erfolgen kann, wäre vor allem die
zweite und dritte Voraussetzung Schnädelbachs aus phänomenologi-
scher Perspektive zu überprüfen. Sollen phänomenologisch gerade die
Bewußtseinserlebnisse und -Vollzüge aufgeklärt werden, die allererst
subjektive und objektive Existenzannahmen konstituieren, erweist sich
die Rede von impliziten Existenzannahmen als zu oberflächlich. Wei-
ter wäre der Beispielcharakter der Phänomene, von denen die Phäno-
menologie ausgeht, zu erläutern. Die Möglichkeit ihrer imaginativen,
freien Variation, die Husserl in der Theorie eidetischer Variation for-
muliert, steht in engstem Zusammenhang zur Theorie der ejroxtj und
relativiert ebenfalls jene implizite Existenzannahme. Schließlich macht
Husserls Auffassung der Phänomenologie als Wesenswissenschaft deut-

H. Schnädelbach, Reflexion und Diskurs. a.a.O., S. 189 ff.


Ebd., S. 193.
56 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

lieh, daß es sich bei seiner Beschreibungstheorie nicht um eine einfa-


che Gegenstandstheorie handeln kann, daß vielmehr von Gegenstän-
den im weitesten Sinne die Rede ist, sofern sie eben Gegenstände einer
Beschreibung sind. Ebensoweit müßte der Seinsbegriff gefaßt und die
Unterscheidung von Seinsweisen, von realobjektivem, phänomenalem
sowie idealem Sein, zugelassen werden.
In der Folge einer wirklich ausgeführten Analyse der Ansprüche,
die Husserl mit der ejroxrj verbindet, dürfte wohl Umfang und Gel-
tung der EJTOXTJ, sowie ihre Interpretation als Substituierung aller Exi-
stenzannahmen eingeschränkt werden. Durch die EJioxrf wären dann
lediglich gewisse Existenzansprüche virtualisiert. Genau das ist Hus-
serls Strategie eines methodischen Solipsismus, die im Bereich inne-
rer Wahrnehmung, bzw. evidenten Erlebens den naiven Existenzglau-
ben mit seinen dinglich-objektiven Auffassungsmustern einklammert
und die Beschränkung der Beschreibung auf das phänomenal rein Ge-
gebene im Zusammenhang mit der Aufklärung seiner subjektiven Lei-
stungsstruktur fordert.
Die ejroxij betrifft also nicht jegliche Existenzannahme, sondern
lediglich die der natürlichen Einstellung. Mit diesem Terminus be-
zeichnet Husserl die Gesamtheit der gewohnheitsmäßigen Existenz-
unterstellungen, die fraglos unserem natürlichen Leben in der Welt
zugrunde liegen und dafür verantwortlich sind, daß wir mit der Gege-
benheit von Welt in der Regel ohne weiteres zurechtkommen. In der
Reflexion thematisiert die Phänomenologie deren Selbstverständlich-
keit und ist so allererst in der Lage, die natürliche Einstellung näher
zu bestimmen. Die ejioxtj trägt schrittweise alle Deutungsschichten
ab und schreibt so die subjektive Konstitutionsgeschichte des Phäno-
mens.
Schnädelbach zufolge führt weder die erste Strategie einer Bereichs-
differenzierung durch ejroxJ], noch die zweite Strategie einer Struk-
turdifferenzierung zu „einer Abgrenzung des deskriptiven Diskurses
von anderen Formen deskriptiver Kommunikation"28. Er bemüht sich
deshalb darum, die Möglichkeit deskriptiver Diskurse gegenüber
primär-kommunikativen Beschreibungen durch eine Bereichsdiffe-
renz zu rechtfertigen, die nicht mehr wie in der ejroxtj onüsch, son-
dern lediglich regional eingeführt wird. Sein Begründungsversuch
tritt somit als Synthese der beiden zurückgewiesenen Strategien auf.
Dadurch erweist sich im Nachhinein die Trennung beider Strategien,
gerade in Bezug auf die Diskussion der Husserlschen Methode, als
einseitig.

28
Ebd., S. 207
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 57

An den reflections Lockes unterscheidet Schnädelbach im Rück-


griff auf eine Husserlsche Terminologie den rein noetischen Aspekt
der Beschreibung der intentio recta, d.h. der Operationen des eigenen
Bewußtseins, von ihrem noematischen Aspekt, der Beschreibung von
ideas of Sensation oder ideas ofreflection. Die Beschreibung in noeti-
scher Hinsicht wird erläutert als reflektierte Deskription, „weil die
tentio recta äußerer Wahrnehmung es selbst ist, die in ihr wahr-
genommen und beschrieben wird", die Beschreibung in noematischer
Hinsicht als deskriptive Reflexion, „weil in ihr die Operationen und
Gegenstände des eigenen Bewußtseins analog zur intentio recta äuße-
rer Wahrnehmung untersucht werden"29. Indem Schnädelbach die bei-
den Aspekte Lockescher reflections unterscheidet, kann er sich erstens
der traditionellen Kritik an der Reflexion auf solche ideas und ihrer
Beschreibung anschließen, die Kritik zweitens auf Reflexion in no-
ematischer Hinsicht beschränken, drittens die noetische Perspektive
bewahren und sie schließlich viertens in einen deskriptiven Diskurs
verwandeln.
Von den primär-kommunikativen Beschreibungen und Sprachhand-
lungen sondert Schnädelbach den Bereich ab, der die Weise oder die
Methode des Beschreibens selbst zum Gegenstand eines deskriptiven
Diskurses macht. Der deskriptive Diskurs wird als Konstitutionsana-
lyse deskriptiver Kommunikation aufgefaßt. Insofern der deskriptive
Diskurs wiederum konstituiert ist, deutet sich ein gewisses Iterations-
problem der Reflexion an, das Schnädelbach jedoch erst bei höheren
Reflexionsstufen als trivial kennzeichnet. Wie die reflexive Analyse
der Konstitutionsbedingungen deskriptiver Kommunikation selber des-
kriptiv sein kann, ist kein Problem, wenn wir erst einmal ein diskursi-
ves Interesse haben.
Die metakommunikativen Gegenstände: Sprecher, Sprachverhal-
ten, Sprechakte, Sprechsituationen und die Regeln, die sich aus deren
Verhältnissen ergeben, werden in einem denkbar weiten Sinn beschrie-
ben oder analysiert. Mit den diskursiven Analysen, Beschreibungen
und Verallgemeinerungen wird ein Anspruch auf Wahrheit erhoben,
dessen Einlösbarkeit komplizierter ist als bei primär-kommunikativen
Deskriptionen, weil die diskursiven Gegenstände sich erst reflexiv er-
geben. Sie werden im Diskurs selbst produziert. Der produktive oder
operative Charakter diskursiver Beschreibungen ist ein Moment ihrer
Reflexivität. In diesem Sinne versteht Schnädelbach den deskriptiven
Diskurs als operative Aufklärung der apriorischen Sprechhandlungen
im exemplarischen Sprechen.

29
Ebd.,S. 199.
58 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Obwohl Schnädelbach die in der EJioxij vollzogene „Selbstdistan-


zierung vom naiven Überzeugtsein hinsichtlich der Existenz von
Redegegenständen" als einen „Reflexionsakt im strengen Sinne" an-
erkannte, in dem „die Tätigkeit des beschreibenden Prädizierens selbst"
problematisiert wird30, behandelt er sie nicht weiter. Wie nahe seine
Diskursmethode dem Husserlschen Programm phänomenologischer
Reflexion und Beschreibung bleibt, wird dadurch übersehen.
Was die jeweilige Ausführung als Konstitutionsanalyse, als Auf-
klärung des Unthematischen der Kommunikation oder des Bewußt-
seins, was den operativen Charakter sowie die exemplarische Grund-
lage angeht, stimmen Diskurstheorie und Phänomenologie überein.
Der phänomenologische Reflexionstyp ist jedoch bei Husserl weiter
angelegt, insofern er nicht auf die noetischen Aspekte der Bewußt-
seinsakte beschränkt ist, deren sprachanalytische Äquivalente Schnä-
delbach als Sprechakte auffaßt. Anders als bei Locke versteht Husserl
den noematischen Aspekt phänomenologischer Reflexion nicht als
Beschreibung von Ideen, sondern konsequent von Wesen auf der
Grundlage exemplarischer Bewußtseinserlebnisse. Tatsächlich werden
erst im Zusammenhang von noetischer und noematischer Hinsicht die
phänomenologischen Konstitutionsanalysen zu wirklichen Verhält-
nisanalysen von Gegenstand und sprachlicher oder psychischer Ge-
gebenheitsweise.
Stellte Kuypers die Frage, was nach der Kritik an der vorgeblich
adäquaten Anschauung die Grundlage der deskriptiven Methode ab-
geben soll, so zeichnet Schnädelbach, der an einer deskriptiven Re-
flexionsmethode festhält, keinen besonderen Erfahrungs-, sondern
einen besonderen Sprechtyp, den Diskurs über die impliziten, konsti-
tutiven Bedingungen der Kommunikation, aus. Der Gegenstand dis-
kursiver Beschreibung und Analyse gewinnt erst im Diskurs seine
operative, pragmatische Gestalt als Regel. Beschreibung, die lange
Zeit als unmittelbarste Darstellung von Gegebenen gehandhabt wur-
de, behält bei allen Veränderungen auch auf dem Diskursniveau ihren
kritischen Nimbus der Schlichtheit. Beschrieben wird, was sich im
diskursiven Sprechen an konstitutiv Regelhaftem findet, wobei sich
Beschreibung im methodologisch-sprachpragmatischen Gebrauch ra-
dikal von jeder Bildlichkeit entfernt.

30
Ebd., S. 192.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 59

Die Aufgaben der Arbeit

Bei Kuypers findet sich der allgemeine Aufriß unserer Problematik


und Themenstellung. Der Ansatz selbst ist systematisch nie ausge-
führt und am Husserlschen Werk im Einzelnen nachgeprüft worden.
Es ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, den Zusammenhang von Phä-
nomen und Beschreibung in den > Logischen Untersuchungen und
dabei ihre methodisch fundamentale Rolle für die Phänomenologie
darzustellen.
Die bisher gewonnenen kritischen Ansatzpunkte leiten als Fragen
unsere Untersuchung: Gibt es verschiedene Formen von phänomena-
ler Gegebenheit und entsprechende Stufen der Beschreibung? Läßt
sich die Beziehung zwischen Phänomen und Beschreibung in der ei-
nen Richtung als Vorgabe oder sogar Vorschrift, in der anderen Rich-
tung als Anmessung auffassen? Wie abhängig ist die Beschreibung
vom Phänomen? Ist die deskriptive Anmessung ans Phänomen eine
Übersetzung? Welche Rolle spielt die Schrift für die Beschreibung?
Geht mit den phänomenologischen Beschreibungen und der dabei be-
anspruchten Evidenz ein kritischer Prozeß der Vergewisserung ein-
her? Handelt es sich bei der Beschreibung im Rahmen der >Logischen
Untersuchungen um einen operativen Begriff?
„AH of what may be considered under the general rubric of »phe-
nomena« of course most emphatically does not manifest possible can-
didates for phenomenological description."31 Der alltagssprachlich-
emphatische Gebrauch des Phänomenbegriffs richtet sich auf ein direkt
Gegebenes, bzw. Erscheinendes, also auf ein Was. Diesem Phänomen-
begriff steht der phänomenologische Begriff gegenüber, der sich
vielmehr auf das Wie der Gegebenheit eines Gegenstands bezieht. In
diesem Sinn verbindet sich gleichwohl mit dem phänomenologischen
Phänomenbegriff eine philosophische Auszeichnung. Aufsehenerre-
gende Phänomene können zwar auch den Gegenstand philosophisch-
phänomenologischer Analysen und Beschreibungen abgeben. Worauf
es dabei aber ankommt, ist nicht die Beschreibung der augenfälligen
Erscheinung, sondern in methodischer Hinsicht die Beschreibung des
Unscheinbaren, das ihm notwendig zugrunde liegt.
Die polemische Behauptung, daß von der Phänomenologie metho-
dologisch „in der Regel dem Unscheinbaren der Vorrang eingeräumt
wird, während sich die konkreten Untersuchungen dann doch meist

B. C. Hopkins. Phenomenological self-chtique ofits descriptive method. In: Hus-


serl Studies, 8 (2), 1991, 129-150, S. 132.
60 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

auf das Aufsehenerregende stürzen"32, ist unzutreffend. Raymond


Aron konnte 1932 Sartre mit dem Verweis auf sein Glas Aprikosen-
cocktail eben dadurch vom dem neuartigen phänomenologischen An-
satz begeistern, daß der Gegenstand der nächstbeste war, von dem aus
sich phänomenologisch philosophieren lassen sollte.33
Mit dem Aufsehenerregenden und dem Unscheinbaren sind jedoch
der alltagssprachliche und der philosophische Pol des Phänomenbe-
griffs bezeichnet. Dort ist das Phänomen oft mit Ausrufezeichen ver-
sehen, so wie es sich als es selbst präsentiert. Hier wird seine Gege-
benheitsweise phänomenal in einer reflexiven Fundamentalanalyse
allererst aufgedeckt und beschrieben. Als Reflex des populären Phä-
nomenbegriffs kann gleichwohl noch die Auszeichnung des phäno-
menologischen Phänomenbegriffs durch Evidenz aufgefaßt werden.
Alltagssprachliche und phänomenologische Phänomene stehen sich
nicht lediglich als die beiden Enden eines breiten Begriffs gegenüber,
so daß der Übergang kontinuierlich wäre. Sie sind vielmehr strikt
durch eine unterschiedliche Auffassungsweise voneinander getrennt.
Es muß gezeigt werden, daß phänomenologische Phänomene reflexi-
ve Phänomene sind. Davon ist ihre Evidenz geprägt, deren Besonder-
heit als reflexive Evidenz herausgestellt werden muß. Hier zeichnet
sich die Möglichkeit ab, den grundlegenden Bezug der Phänomeno-
logie auf Wahrnehmung vom dabei dominanten optischen Modell zu
lösen. Die Optik des Erscheinens, die bezeichnenderweise abweisend

J. Soentgen, Das Unscheinbare: Phänomenologische Beschreibungen von Stoffen,


Dingen und fraktalen Gebilden. Berlin 1997, S. 11. Soentgen setzt sich das Ziel,
„die Natur da aufzusuchen, wo sie sich ohne Lärm artikuliert" (ebd.). Es kommt
ihm vor allem darauf an, „aus den Dingen und den Stoffen und aus ihrer Natür-
lichkeit kein Spektakel zu machen, sondern sie in ihrer Unscheinbarkeit und wohl-
tuenden Banalität zu belassen und gerade von daher zu verstehen" (S. 12). Wenn er
Krümel, Staubflussen oder Marmeladenkleckse als fraktale Gebilde beschreibt,
dann geraten seine Naturstudien jedoch in den Verdacht, mikroskopische Idyllen
zu zeichnen. Soentgen faßt noch die unscheinbarsten Phänomene dinglich auf und
bleibt so vom alltagssprachlichen Begriff abhängig, den er verächtlich abtut. Hus-
serl hingegen untersucht Phänomene als konstitutive Bewußtseinserlebnisse.
Soentgen übersieht diesen Unterschied und wirft Husserl statt dessen „die recht
spärlichen konkreten Resultate der auf dieser Grundlage entstandenen Phänomeno-
logie" vor. „Entsprechend sind Husserls Werke auch eher von ausgedachten, ste-
reotypen Phänomenen bevölkert, von »Kentauren«, »Puppen« und ähnlichem; von
konkreten Phänomenen ist selten die Rede, am häufigsten noch vom Schreibtisch,
und gelegentlich von einem Apfelbaum." (S. 43) Indem er Husserls transzenden-
talphilosophischen Ansatz gerade in Bezug auf die Lebenswelt kritisiert und dem-
gegenüber einen „rüstigen Realismus" (S. 44) ausruft, geht seinen Beschreibungen
eine philosophisch-methodologische Bedeutung weitgehend ab. Seine Phänomeno-
logie bringt es so höchstens auf eine naturalistische Erscheinungstypologie.
S. de Beauvoir, In den besten Jahren. Reinbek b. Hamburg 1995. S. 128 f.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 61

und steif gegenüber den argumentativen und kommunikativen An-


sprüchen der Philosophie bleibt, wird durch die phänomenologische
Beschreibungsdevise durchbrochen. Dabei ist die Phänomenologie ge-
fordert, ihre behaupteten Evidenzen auch verständlich zu machen.
Gewöhnlich stehen Phänomene, so wie sie erscheinen, außerhalb
der Kritik und werfen Beschreibungen, die sich vielmehr um eine ge-
naue Darstellung ihrer Gegenstände bemühen, ihrerseits kaum ein kri-
tisches Licht darauf. Demgegenüber gilt es philosophisch nicht nur das
Zustandekommen von Phänomenen, sondern auch ihrer Beschreibun-
gen, d.h. die verschiedenen rezeptiven, vorprädikativ-impressionalen,
interpretativen und sprachlichen Leistungen des Subjekts zu verfol-
gen. Gerade in der Phänomenologie Husserls kann der problematische
Übergang von einer auf optischen Metaphern beruhenden phänome-
nalen Evidenztheorie zu einer auf Ausdrücklichkeit und Schriftlich-
keit beruhenden Beschreibungstheorie verfolgt werden. Hier läßt sich
untersuchen, wie die Distanz von erscheinendem Phänomen und be-
schriebener Erscheinung überschritten wird und der Prozeß der Be-
schreibung als einer der Versprachlichung des Phänomens verstanden
werden kann.
Die „Selbstgenügsamkeit aller Philosophen des Sehens"34 wird von
Husserl dadurch gebrochen, daß einerseits die Eigenart der von ihm
geltend gemachten Phänomene keine starre Bildlichkeit zuläßt. Der
durch die phänomenologischen Beschreibungen geforderte und be-
förderte sprachlich-kommunikative Zugang auf die Phänomene, steht
andererseits selbst vor der Aufgabe, die Phänomene nicht zu objek-
tivieren. Diese sind, geprägt von der Perspektive der ersten Person,
in ihrem Erscheinen weder objektive Gebilde, auf die sich zeigen lie-
ße, noch Erkenntnisse, von denen sich ohne weiteres sprechen ließe.
Gleichwohl sollen sie phänomenologisch expliziert, d.h. beschrieben
und ausgelegt werden. An diesem Prozeß kann gezeigt werden, wie
der in der Phänomenologie vollzogene Schulterschluß von phänome-
naler Einsicht und expliziter Beschreibung der Dominanz der Optik in
der Philosophie und in der Phänomenologie selbst entgegenwirkt.
Dabei ist herauszuarbeiten, inwieweit Husserl sich in den >Logischen
Untersuchungen dieser Bewegung sperrt oder fugt.
Wird die Gewißheit der phänomenologischen Reflexionserfahrung
in Anlehnung an das Modell der Wahrnehmung betont, kann die Be-
schreibung daran zwar partizipieren. Sie muß gleichwohl als defizitä-
rer Modus phänomenologischer Einsicht gelten. Lenkt die Reflexion
weniger auf höhere, evidente Gegebenheiten hin, wird sie vielmehr

34
L. Althusser; E. Balibar, Das Kapital lesen. Bd. I, Reinbek b. Hamburg 1972, S. 46.
62 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

als ein Bewußtmachen des Impliziten aufgefaßt, kann die explizie-


rende Leistung der Beschreibung stärker hervortreten. Der Kritik des
Modells innerer Wahrnehmung muß die Gewißheit phänomenologi-
scher Einsichten deswegen nicht zwangsläufig zum Opfer fallen. Es
kann auf diesem Weg jedoch die sprachlich-kommunikative Verfaßt-
heit des Bewußtseins und der argumentative Status von Beschreibun-
gen herausgestellt werden.
Mit der Anerkennung des Auslegungscharakters der Beschreibung
muß auch der Evidenzcharakter der Phänomene als eine interpretato-
rische Leistung aufgefaßt werden. Der Intuition des Phänomens steht
die Kommunikation der Beschreibung gegenüber. Die allgemeine
Frage lautet, wie sich über Phänomene sprechen läßt. Die produktive
Eigenständigkeit der Beschreibung, gewissermaßen ihre sprachliche
Beschreibungskraft, muß gegenüber der phänomenalen Gegebenheit
herausgearbeitet werden. Da Beschreibungen die Schnittstelle inner-
halb der Phänomenologie markieren, wo Intuition und Ausdruck auf-
einandertreffen, ist deren Untersuchung besonders geeignet, sowohl
Fragen methodischer, als auch hermeneutischer und sprachphiloso-
phischer Natur zu behandeln.
Husserls allgemeine Bemerkungen zum wissenschaftlichen Sprach-
gebrauch weisen auf tiefgehende Probleme seiner deskriptiven Me-
thode hin. Durch sein Sprachverständnis werden wesentliche Aufgaben
phänomenologischer Beschreibungen vorbestimmt sowie Konflikte,
in die sich die Phänomenologie verstrickt. Die Auffassung der Spra-
che als Werkzeug des Denkens gesteht dem Denken eine Unabhän-
gigkeit zu, selbst wenn es um den sprachlichen Ausdruck nicht herum
kommt. Der Zusammenhang von Denken und Sprache läßt sich gera-
de an der Praxis der Beschreibung näher erläutern.

Zur Methode

Die > Logischen Untersuchungen Husserls gehören zu den bedeu-


tendsten philosophischen Texten des 20. Jahrhunderts. Das wird am
Rang der darin auf neuartige oder radikalisierte Weise behandelten
philosophische Probleme deutlich, sowie durch den Einfluß, der von
ihnen ausging. Die >Logischen Untersuchungen wurden zum Aus-
gangspunkt einer breiten und dynamischen philosophische Strömung,
die sich naturgemäß mehr und mehr von Husserl und den von ihm ge-
schaffenen Grundlagen entfernte.
In philosophiegeschichtlicher Perspektive erscheint die Phänomeno-
logie gerade wegen ihrer vielen Ausläufer und Verwandlungen als die
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 63

neben der sprachanalytischen Philosophie wirkungsmächtigste philo-


sophische Strömung des letzten Jahrhunderts. Die Zuordnung jener
Richtung auf den kontinentaleuropäischen und dieser auf den anglo-
amerikanischen Sprachraum ist in den letzten Jahrzehnten immer
durchlässiger und mittlerweile hinfällig geworden. Die immer wieder
unternommenen Versuche, beide Richtungen mit einander in Verbin-
dung zu bringen und ihre Grundsätze und Ansprüche miteinander zu
vereinbaren, konnten gerade auf die frühen >Logischen Untersuchun-
gen Bezug nehmen, in denen Husserl Logik, Sprachanalyse und Phä-
nomenologie gleichermaßen betreibt.
Auf die einhundertjährige Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte
der >Logischen Untersuchungen soll nicht genauer eingegangen wer-
den, denn für die Methode der vorliegenden Untersuchung ist sie wei-
ter nicht von Bedeutung. Im Mittelpunkt steht der Text, dessen
Lektüre sowie die Interpretation eines bestimmten Themenbereichs.
Dabei stellt sich die Frage nach dem Charakter und dem Stil des Hus-
serlschen Werkes wegen dem unter Philosophen verbreiteten Unbe-
hagen bei seiner Lektüre. Husserl erscheint vielen Philosophen als ein
besessener und dabei metaphysisch verfangener deutscher Denkmei-
ster, dessen Werke schwer zugänglich sind, zumal keineswegs klar
ist, warum man die Strapazen der Lektüre auf sich nehmen soll.35
Die Trockenheit, die Fülle terminologischer Unterscheidungen so-
wie der beachtliche Umfang der >Logischen Untersuchungen mögen
Insignien „gediegener Forscherarbeit"36 sein. Zusammen mit der Ab-
straktheit des Themas behalten sie die Lektüre zumeist dem Speziali-
sten vor. Husserl blieb weitgehend ein Philosoph für Philosophen.
Lediglich in kleineren Texten, etwa der Streitschrift >Philosophie als
strenge Wissenschaft oder den aus Vorträgen an der Pariser Sorbon-
ne hervorgegangenen >Cartesianischen Meditationen, in manchen Auf-
sätzen, Zeitungsartikeln und eben in öffentlichen Vorträgen vermoch-
te er, sein Denken sowohl einem breiteren Publikum, als auch einem
allgemeineren Bereich von Fragen, beispielsweise nach der Rolle der
neuzeitlichen Wissenschaft in der abendländischen Kultur und Zivilisa-

Edith Stein (Mein erstes Göttinger Semester. Heroldsberg b. Nürnberg 1979, S.


18) fand sich zum Sommersemester 1913 als Neuling in einer Vorbesprechung bei
Husserl zur Aufnahme in sein Philosophisches Seminar ein: „Nach den allgemei-
nen Besprechungen rief er die Neuen einzeln zu sich heran. Als ich meinen Namen
nannte, sagte er: »Herr Dr. Reinach hat mir von Ihnen gesprochen. Haben Sie
schon etwas von meinen Sachen gelesen?« - »Die Logischen Untersuchungen.« -
»Die ganzen Logischen Untersuchungen?« - »Den II. Band ganz.« - »Den ganzen
II. Band? Nun, das ist eine Heldentat«, sagte er lächelnd. Damit war ich aufge-
nommen."
Th. W. Adorno, a.a.O., S. 56.
64 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

tion, zu öffnen. Immerhin hielt er 1931 in Berlin vor 1.600 Zuhörern


einen Vortrag über Phänomenologie und Anthropologie^ in dem er
sein Denken von demjenigen Schelers und Heideggers abgrenzte.
Husserl kam sehr viel auf die Wissenschaftlichkeit seines Denkens
an, das er sogar als streng wissenschaftliches zu profilieren suchte.
Niemand erwartet von der akademischen Philosophie Unterhaltsam-
keit. Aber selbst Erbaulichkeit und Tiefsinn lassen sich kaum bei Hus-
serl finden, letzteren höchstens in einem, dem gebräuchlichen gerade
entgegengesetzten Sinn einer Fundamentalphilosophie oder Erkennt-
nistheorie. Gleichwohl sind die >Logischen Untersuchungen und die
meisten anderen Werke Husserls nicht schlecht geschrieben. Trotz sei-
nes kunst- und kritikfeindlichen Szientismus spricht ihm selbst Ador-
no eine „bedeutende Kraft zur sprachlichen Darstellung" zu.37
Wird der Rang eines Denkens fast dadurch bestimmbar, wie weit es die
Versteinerungen aufzubrechen vermag, die der überlieferte philosophi-
sche Sprachgebrauch darstellt, [so bestimmt sich] auch Husserls Rang
gegenüber dem zeitgenössischen und älteren Neukantianismus gerade
dadurch, daß seine geistige Anschauungskraft überlieferte Kunstaus-
drücke und die deskriptive Geschmeidigkeit seines sprachlichen Voka-
bulars zur Einheit eines Stils verschmolz.38
Manchmal trägt Husserl in den >Logischen Untersuchungen ein biß-
chen preußisch-deutsche Gesinnung zur Schau, wenn er in logischen,
grammatischen oder phänomenologischen Beispielen die Kriege von
1866 und 1870, Bismarck, das Berliner Schloß sowie den deutschen
Kaiser erwähnt, oder den normativen Urteilscharakter des Satzes »Ein
Krieger soll tapfer sein«39 untersucht. Mit solchen wilhelminischen
Ausschmückungen poltert Husserl jedoch nicht herum. Dem Text läßt
sich auch nicht nachsagen, er wäre steif oder schwerfällig. Stellen-
weise formuliert Husserl sehr lebendig, wenn er etwa vom „antischo-
lastische(n) Kesseltreiben" (XVIII, 52) zu Leibniz' Zeiten oder von den
„Brillen überlieferter Vorurteile" (XIX/1, 186) spricht. Sein Sinn für
Humor reicht so weit, den seinerzeit bekannten Panoptikumsscherz,
„auf der Treppe einer liebenswürdig winkenden, fremden Dame" zu
begegnen (XIX/1, 458 f.), als konkretes Beispiel einer Wahrneh-
mungsanalyse heranzuziehen. Weitaus stärker ist sein polemischer
Sinn ausgeprägt, gerade in den >Prolegomena<, wenn er bspw. die

37
Ebd., S. 55.
38
H.-G. Gadamer, Selbstdarstellung. In: GW, Bd. II, a.a.O., 479-508, S. 506.
39
E. Husserl, Logische Untersuchungen. Erster Band. Prolegomena zur reinen
gik. Husserliana, Bd. XVIII, Den Haag 1975, S. 53. Dieser Husserlianaband wird
ebenfalls mit seiner Nummer und der jeweiliger Seitenzahl fortan im laufenden
Text ausgewiesen.
REZEPTION UND AUFGABENSTELLUNG 65

„Überzeugungsfreudigkeit der psychologistischen Lehre" angreift, an


der „selbst die klarsten Widerlegungen" (XVIII, 111) abprallen. Aus
diesem Grund lassen sich die >Prolegomena< auch besser lesen als die
darauf folgenden sechs logischen Einzeluntersuchungen, die recht ei-
gentlich erst den Boden der Phänomenologie betreten.
Geduld und Genauigkeit charakterisieren die Phänomenologie ins-
gesamt.40 Sie sind gleichermaßen die Bedingungen einer angemesse-
nen Lektüre. Die >Logischen Untersuchungen sind ein dichter und
anspruchsvoller Text und verlangen intensive Lektüre. Sie lohnen
diese Mühe allein schon in dem Sinn, daß man sie sehr genau lesen
kann. Der Text verwirrt sich nicht unter einem strengen Blick, er wird
nicht schwach oder brüchig wie überanspruchtes Gewebe, sondern
vielmehr einsichtig und verständig selbst in seiner Unstimmigkeit.
Das genaue Lesen kann in der Hoffnung betrieben werden, daß es die
Schwierigkeiten des Verstehens, die dabei erst recht entstehen, selbst
aufzuklären imstande ist, daß gerade das der Text hergibt und ver-
trägt. Auf die Qualität und Solidität des Textes beruft sich die Metho-
de der vorliegenden Untersuchung, die in der Hauptsache eine genaue
Lektüre der >Logischen Untersuchungen sein möchte. Dazu gehört
die Begrenzung des Untersuchungsgegenstandes, die Auswahl und
der gewichtende Bezug von Textstellen und dabei im allgemeinen
und besonderen jeweils Interpretation.
Die interpretatorische Lektüre ist bemüht, alle Aspekte zu ver-
sammeln, die mit Phänomenen und Beschreibung zu tun haben. Dabei
nimmt die Rede von Methode fast den Mund zu voll. Das Bemühen
um eine genaue Lektüre kann höchstens als das Minimalprogramm
einer Methode gelten. Diese bescheidene Einstellung trifft sich in ih-
rer Zurückweisung diverser methodischer, philosophiehistorischer
oder theoretischer Grundannahmen, welche die Lektüre schon mit
gewissen Interpretationen verschwistern und die Perspektive ausrich-
ten, mit dem phänomenologischen Gestus der vorurteilslosen Heran-
gehensweise, Analyse und Beschreibung, die das Thema der Arbeit
ist. Die Vorurteilslosigkeit wäre jedoch als vorgebliche Unbefangen-
heit einfachen Hinsehens einfältig und selber als Vorurteil verdächtig.
Vom bloßen Hinblicken und unmittelbaren Erfassen unterscheidet
sich das Lesen dadurch, daß es erstens ein wiederholtes und zweitens
ein Zusammenlesen und Vereinen ist.
Die Intention, den Text selber zum Sprechen zu bringen, unter-
scheidet sich maßgeblich von derjenigen, der Sachen selbst ansichtig
zu werden. Weil der Text immer schon selbst und zwar in ganz unter-

J. Derrida, Randgänge der Philosophie. Wien 1988, S. 163


66 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

schiedlichem Sinn spricht, ist die Rede vom Text selbst, in Anleh-
nung an die von der Sache selbst, höchst fragwürdig, wenn nicht ge-
radezu paradox. Anders als bei der Erscheinung der Sache selbst, die
auf ihrer Einzigartigkeit besteht, spricht der Text nur in einem Ge-
spräch. Ein solches Gespräch muß vom Lesenden selbst dort entwik-
kelt werden, wo der Text sich den strengen Bedingungen
wissenschaftlicher Argumentation unterwirft.
Das Gebiet, in dem wir zu tun haben, ist der philosophische Text,
als „der langnachrollende Donner" blitzhafter Erkenntnis41, wie sie
auch von der Phänomenologie behauptet wird. Aus dem genauen Le-
sen, das ein Gespräch im Stillen entfaltet, geht ein ausführliches, das
heißt schriftliches Erklären hervor. Über philosophische Texte läßt
sich nicht einfach huschen; sie ergeben sich nur langsam. Gerade die
Eindring- und Nachdrücklichkeit des Denkens, die Husserls Werk
(ganz gegen die Bedeutung seines Namens: kleiner Huscher42) aus-
zeichnet, soll im Ausrollen und -legen seines Texte überprüft werden.
Wenn Blitz und Donner, Erkenntnis und Text sich auch mit unter-
schiedlicher Geschwindigkeit und Intensität ausbreiten und einprägen,
so sind sie doch gleichursprünglich wie Phänomen und Beschreibung.
Der point d exclamation, den das Ausrufezeichen aus der Vertikalen
setzt, ist der erste Punkt der sich horizontal entrollenden Beschrei-
bung.

41
W. Benjamin, Das Passagen-Werk. In: GS, Bd. V/1, Frankfurt a. M. 1982, S. 570.
42
Vgl. N. Wagner, Der Familienname von Edmund Husserl. In: Husserl Studien, 9
(3), 1992, S. 217-218.
II. ZU DEN >LOGISCHEN UNTERSUCHUNGEN

Die vorliegende Arbeit ist auf die erste Auflage der >Logischen Un-
tersuchungen konzentriert. Die Auflage von 1900/1901 wird für sich
betrachtet, fast ohne daß Bezüge zur zweiten Auflage von 1913 her-
gestellt werden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Abgesehen von der
gebotenen Beschränkung des Untersuchungsfeldes, enthält die erste
Auflage den Stoff für eine Untersuchung der Phänomenologie in ihrer
Anfangsphase als deskriptive Psychologie. Die Änderungen, die Hus-
serl mehr als ein Jahrzehnt später in der zweiten Auflage vornahm,
stehen im Zeichen des transzendentalen Umbaus der phänomenologi-
schen Theorie.
Die beiden Auflagen unterscheiden sich deutlich gerade hinsicht-
lich der Theorie phänomenaler Beschreibung. Husserl sah sich bei der
Revision der ersten Auflage allenthalben dem Problem gegenüber, die
Neuausrichtung der Phänomenologie in dem alten Text zur Geltung zu
bringen und dabei dessen ursprüngliche Gestalt zu bewahren. Die
zweite Auflage der >Logischen Untersuchungen, auf die in der Regel
Bezug genommen wird, stellt somit einen von Husserl selbst einge-
standenen Kompromiß dar, was oftmals übersehen wird.
Wegen der rasanten Entwicklung, die die Phänomenologie seit
dem Erscheinen der >Logischen Untersuchungen nahm, unterbleibt
im Rahmen unserer Untersuchung ein Vergleich der Phänomen- und
Beschreibungsthematik in der ersten und zweiten Auflagen. Es würde
dafür nicht ausreichen, die beiden Auflagen gegenüberzustellen. Um
die Veränderungen zu erklären und die Auswirkungen zu verstehen,
welche die Ausgestaltung der Phänomenologie zu einer transzenden-
tal-idealistischen Wissenschaft auf den Phänomenbegriff und die Be-
schreibungsmethode haben, müßte zumindest auf einige relevante
Stellen in den Husserlschen Schriften und Vorlesungen der Zwischen-
zeit eingegangen werden: auf die Rezension von 1903 im > Archiv für
systematische Philosophie^ auf die Vorlesung im Wintersemester
1902/03 über >Erkenntnistheorie< sowie diejenige vom Sommerseme-
ster 1904 über >Hauptstücke der deskriptiven Psychologie der Er-
kenntnis^ auf die kleine Programmschrift von 1911 >Philosophie als
strenge Wissenschaft und vor allem auf das erste Buch der >Ideen
zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Wissen-
68 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

schaft<, das kurz vor der zweiten Auflage der >Logischen Untersu-
chungen erschien.
Statt die erste Entwicklungsetappe der Phänomenologie bis zur
zweiten Auflage der > Logischen Untersuchungen in Hinsicht auf den
Phänomen- und Beschreibungsbegriff zu untersuchen, gehen wir
vielmehr auf das Frühwerk Husserls zurück. Indem wir im Anschluß
daran konsequent die erste Auflage der >Logischen Untersuchungen
für sich betrachten, wird auch nahegelegt, die beiden Auflagen kon-
sequenter als es gemeinhin geschieht, auseinanderzuhalten. Ob die er-
ste Auflage gegenüber der zweiten tatsächlich aufgewertet und jeweils,
wie es etwa bei Kants >Kritik der reinen Vernunft< üblich ist, für sich
oder im Vergleich betrachtet werde sollte, kann hier nicht beantwortet
werden, eben weil wir einen solchen Vergleich nicht anstellen und
uns zudem thematisch sehr beschränken.
Das Vorgehen im Hauptteil der vorliegenden Untersuchung hält
sich in etwa an den Aufbau der >Logischen Untersuchungen. Vor den
>Prolegomena zur reinen Logik< wird Husserls Erstlingswerk, die
>Philosophie der Arithmetik<, betrachtet (Kapitel 4). Hinsichtlich des
Phänomen- und Beschreibungsbegriffs lassen sich hier die psycholo-
gischen Ursprünge seines Denkens aufweisen. Gerade insofern diese
Ansätze in der >Prolegomena< fortgeschrieben werden, ist es geboten,
näher darauf einzugehen.
Die >Prolegomena zur reinen Logik<, der von Husserl gleicherma-
ßen grundsätzlich wie vorbereitend angelegte erste Teil der l o g i -
schen Untersuchungen, bietet selbst noch keine phänomenologischen
Analysen (Kapitel 5). Phänomene und Beschreibungen spielen darin
sogar eine geringere Rolle als in der >Philosophie der Arithmetik<. In
beiden Abhandlungen ist noch kein echter phänomenologischer Phä-
nomen- und Beschreibungsbegriff entfaltet. Es finden sich dazu je-
doch einige Ansätze.
In der >Einleitung< des zweiten Teils der >Logischen Untersuchun-
gen endlich wird ein dezidiert phänomenologisches Programm vor-
gestellt (Kapitel 6). Nunmehr werden als die Gegenstände der Phäno-
menologie die Denk- und Erkenntniserlebnisse gekennzeichnet und
wird die deskriptiv-psychologische Methode gerechtfertigt. Der ein-
leitende Entwurf der Phänomenologie ist durch ein hohes methodi-
sches Problembewußtsein, gleichzeitig aber auch durch eine traditio-
nelle metaphysische Auffassung der Sprache gekennzeichnet.
Der Phänomenbegriff selbst wird im Zusammenhang mit der
Wahrnehmung ausführlich in der >Beilage< ganz am Ende der l o g i -
schen Untersuchungen behandelt (Kapitel 7). In der Auseinander-
setzung mit natürlichen, philosophischen und psychologischen Phä-
ZU DEN LOGISCHEN UNTERSUCHUNGEN 69

nomenbegriffen entwickelt Husserl einen engen und einen weiten


Phänomenbegriff, der als der eigentlich phänomenologisch fruchtbare
anzusehen ist. Damit einher geht die Ausformung der phänomenolo-
gischen als einer reflexiv-deskriptiven Methode.
In der >Einleitung< und der >Beilage< sind die methodischen Grund-
lagen des phänomenologischen Ansatzes zusammengefaßt. Die da-
zwischen liegenden Einzeluntersuchungen bringen das methodische
Grundkonzept jedoch unterschiedlich zur Geltung. Es wird im einzel-
nen untersucht, welche Anwendung der Phänomen- und der Beschrei-
bungsbegriff finden. Kann dabei von den gegebenen Bestimmungen
des Phänomens relativ bequem ausgegangen werden, muß eine phä-
nomenologische Theorie der Beschreibung allererst über die Zusam-
menstellung relevanter Textpassagen vorstellig gemacht werden. Wie
von Phänomenen gilt es von Beschreibungen die tatsächlichen Äqui-
vokationen und Verwendungsweisen aufzudecken und als Momente
in einem differenzierten Begriff möglichst zu vereinen.
In den ersten Paragraphen der 1. LU verfolgen wir die deskriptive
Analyse des Ausdrucksbegriffs, insofern sie sich als Phänomenologie
der Bedeutung vollzieht (Kapitel 8). Diese Analyse als Ganzes, selbst
wenn sie in der 1. LU nicht zum Abschluß kommt, sondern in der 2.
und 5. Untersuchung weitergetrieben wird, stellen wir als Muster ei-
ner phänomenologischen Beschreibung und Begriffsaufklärung her-
aus. Die Untersuchung von Ausdruck und Bedeutung führt auf eine
doppelstrangige Aktstruktur, deren Inhaltsmomente in subjektiver
und objektiver Hinsicht um so mehr der Erläuterung bedürfen, als ge-
rade die Idealität der Bedeutung erwiesen werden soll. Diesbezüglich
gehen wir zuletzt auf die Kritik der Husserlschen Bedeutungs- als ei-
ner Gegenstandstheorie ein.
Der für die Phänomenologie maßgebliche Begriff von Erscheinung
erfährt seine eigentliche Bestimmung in der 2. und 5. LU aus dem
Begriff der Fundierung. Demnach kann alles, was zur Fundierung von
intentionalen Erlebnissen dient, phänomenologisch als Phänomen
angesehen werden. Die Unterschiede des Phänomenalen sind gleich-
wohl beträchtlich. Sie reichen von schlichten anschaulichen Erschei-
nungen bis zu Kategorien. Deren besondere, reflexive Anschauung
versucht Husserl in der 6. LU zu rechtfertigen (Kapitel 9).
Nachdem das Spektrum des Phänomenalen aufgewiesen ist, werden
die Aufgaben und Probleme der Beschreibung in der Phänomenologie
erörtert (Kapitel 10). Die in den vorangegangenen Kapiteln unterschie-
denen Bedeutungen werden für eine Äquivokationsanalyse des Be-
schreibungsbegriffs herangezogen. Schließlich werden die Einsichten
der gesamten Untersuchung pointiert zusammengefaßt (Kapitel 11).
4. Der psychologische Ansatz

Husserl studierte von 1876 bis 1881 zuerst in Leipzig dann in Berlin
die klassischen Naturwissenschaften Physik, Mathematik und Astro-
nomie, deren strenge Gesetze allen übrigen Wissenschaften ein Vor-
bild abgaben, sowie Philosophie. Sein starkes erkenntnistheoretisches
Interesse ging von der logischen Mathematik aus und richtete sich un-
ter dem Einfluß Brentanos auf die Psychologie, die zu seiner Zeit all-
gemein als Grundlage jeglicher Theorie der Erkenntnis galt. Husserls
philosophische Bemühungen zielten darauf ab, dem naturwissen-
schaftlichen ein ebenso strenges philosophisches Erkenntnisideal zur
Seite zu stellen.
1887 habilitierte er sich mit einer Arbeit >Über den Begriff der
Zahl<. Daraus ging im Jahre 1891 seine erste Buchveröffentlichung,
die Brentano gewidmete >Philosophie der Arithmetik<, hervor. War
im Untertitel der Habilitationsschrift lediglich von psychologischen
Analysen die Rede, so lautete der Untertitel des Buches alsbald > Lo-
gische und psychologische Analysen<, was einen Richtungswandel
der Husserlschen Bemühungen um eine philosophische Begründung
der Arithmetik andeutet. Im ersten Teil der Abhandlung geht es um
die Analyse und Aufklärung der arithmetischen Grundbegriffe Zahl
bzw. Anzahl, Einheit und Vielheit, die als „Fundamentalbegriffe der
menschlichen Erkenntnis überhaupt"1 geltend gemacht werden, im
zweiten Teil allein um den symbolischen Anzahlbegriff.

Psychologische Beschreibungen konkreter Phänomene

Als Grundlage der Begriffsanalyse dienen, wie häufig betont wird,


konkrete Phänomene, das heißt Gegenstände, bzw. Inhalte des Be-
wußtseins. Die Analyse des Zahlbegriffs geht von konkreten psychi-
schen Vorkommen der Zahlen Zwei, Drei, Vier etc. aus. Diese Phä-
nomene faßt Husserl als Inbegriffe von der jeweiligen Vielheit be-
stimmter Objekte auf, die ihrerseits ganz willkürlich hergenommen
werden. Ob es sich um einen Übergang von den konkreten Phänome-

E. Husserl, Philosophie der Arithmetik. Mit ergänzenden Texten (1890-1901).


Husserliana, Bd. XII, Den Haag 1970, S. 13. Mit Bandnummer und Seitenzahl
fortan im laufenden Text ausgewiesen.
DER PSYCHOLOGISCHE ANSATZ 71

nen zu den Inbegriffen handelt, um eine begriffliche Vorstufe oder


ein regelrechtes Mittelglied zwischen konkreten Phänomenen und ab-
strakten Begriffen, wird bei Husserl nicht klar. Die Inbegriffe der
konkreten Zahlphänomene bilden jedenfalls die Grundlage für die Ab-
straktion allgemeiner Begriffe und spielen damit eine entscheidende
Rolle für die Abstraktionstheorie, die Husserl ausarbeitet.
Husserl unterscheidet zwischen einer physischen Objekt-, einer
konkreten psychischen Phänomen- bzw. Inbegriffs- und einer allge-
meinen Begriffsebene. In Hinsicht auf die physische Objektebene
stellen die konkreten Zahlphänomene nicht selbst schon Abstraktio-
nen erster Stufe dar, denn als physische Vorkommnisse gibt es Zahlen
gar nicht. Zahlen lassen sich nicht wie Dinge sehen oder finden, son-
dern höchstens Zahlsymbole. Konkret sind Zahlen nur als psychische
Phänomene. Das konkrete Phänomen vermittelt zwischen der physi-
schen Objekt- und der allgemeinen Begriffsebene bzw. den Ideen. Der
mit Zahlphänomenen verbundene Inbegriff weist auf die allgemeinere
Begriffsebene.
Zuerst versucht Husserl, eine psychologische Charakterisierung
konkreter Zahlphänomene bzw. ihres Inbegriffs zu geben, um davon
ausgehend zu den allgemeinen Begriffen der Zahl und der Vielheit zu
gelangen. Die auf die Beschreibung folgende Abstraktion soll durch
„die Reflexion auf die besondere und in ihrer Besonderheit wohlbe-
merkte Einigungsweise von Inhalten, wie sie jeder konkrete Inbegriff
aufweist", (XII, 20) ermöglicht werden.
Auf die Frage nach der Art der Einigung, welche im Inbegriffe vor-
liegt, ist die kürzeste Antwort der direkte Hinweis auf die Phänomene.
Und wirklich handelt es sich hier um letzte Tatsachen. Hiermit sind wir
aber nicht der Aufgabe enthoben, diese Verbindungsart genauer zu be-
trachten, ihre charakteristischen Verschiedenheiten von anderen hervor-
zuheben, zumal falsche Charakteristik und Verwechslungen mit ande-
ren Relationsgattungen häufig genug vorgekommen sind. (XII, 22)
Die letzten Tatsachen, von denen Husserl ausgeht, sind psychisch kon-
kret gegebene Gegenstände. Im Verweis darauf ist jedoch erst der Bo-
den für weitere Erklärungen gewonnen. Es reicht nicht aus, auf die
Phänomene direkt hinzuweisen, weil von einem Zeigen dabei nicht
gesprochen werden kann und also die kürzeste Antwort so gut wie al-
le Fragen offen läßt. Die Phänomene können nicht gezeigt, sie müssen
in ihrer Eigenart charakterisiert und von anderen Phänomenen unter-
schieden werden. Genau in diesem Sinn gewinnen die Begriffe des
Inbegriffs und der Beschreibung ihre Bedeutung. Die Aufgabe der Be-
schreibung ist es, das Hinweisen auf die Phänomene zu stabilisieren
und darüber zu einem konkreten Inbegriff zu gelangen.
72 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Die psychischen Phänomene sind Tatsachen, Vorgänge bzw. be-


sondere Akte des Bewußtseins. Sie in ihrer Charakteristik genauer zu
bestimmen, heißt für Husserl zuerst, ihr Entstehen und ihre Verlaufs-
formen psychologisch zu untersuchen. Im Bereich der Zahlphänome-
ne darf die Vielheitsbildung Husserl zufolge, „nicht als ein zeitliches
zugleich beschrieben werden" (XII, 24). Diese Auffassung, die auf das
Thema der Subjektivität des Zählens und eine Auseinandersetzung
mit Kant über die Rolle des Subjekts in der Mathematik und Logik
verweist, beschäftige Husserl sein ganzes Leben. Die Vorstellung von
Vielheit soll nicht durch die Vorstellung der Gleichzeitigkeit bzw. der
zeitlichen Aufeinanderfolge hervorgebracht sein. Selbst wenn sie ge-
legentlich in Verbindung damit auftritt, soll sie im Kern unabhängig
davon bestehen.
Würde es sich bloß darum handeln, das Phänomen zu beschreiben,
welches vorliegt, wenn wir eine Vielheit vorstellen, dann mußten wir
der zeitlichen Modifikation, welche die einzelnen Inhalte erleiden,
Erwähnung tun, obgleich sie in der Regel nicht besonders beachtet
werden. Aber abgesehen davon, daß ebendasselbe für jedes zusam-
mengesetzte Ganze gilt, so muß doch überhaupt unterschieden werden
zwischen dem Phänomen als solchen und dem, wozu es uns dient oder
was es uns bedeutet, und dem gemäß auch zwischen der psychologi-
schen Beschreibung eines Phänomens und der Angabe seiner Bedeu-
tung. Das Phänomen ist die Grundlage für die Bedeutung, nicht aber
sie selbst. (XII, 31)2
Die Beschreibung des Phänomens ist bloße, auf die psychischen Vor-
gänge beschränkte Beschreibung. Über die konkret beschreibbaren
psychologischen Aspekte des Bewußtseinsaktes und damit über das
psychische Phänomen hinaus reicht dessen Bedeutung. Die Beschrei-
bung dient der Vorbereitung einer Bedeutungsanalyse; genauso soll
die Psychologie der Logik dienen. Obwohl die Bedeutung sowie der
Gebrauch eines Phänomens an ein „wir" und „uns" gebunden sind, ist
ein Fingerzeig auf die ideale Geltung gegeben, die Husserl später der
Logik zusprechen wird.
Die Bedeutung erscheint als das logische Element des Phänomens
und wird dessen psychologischer Analyse gegenübergestellt. In die-
sem Sinn ist auch der Titel des ersten Teils der >Philosophie der

Diese Passage wird als eine der frühesten, wo Husserl von Phänomenen spricht,
von Wolfgang Kienzier in seiner chronologischen Stellenkommentierung erwähnt,
ohne daß mehr zu erfahren wäre, als daß der Begriff des Phänomens hier als psy-
chologischer terminus technicus auftritt (What Is a Phenomenon? The Concept of
Phenomenon in Husserl 's Phenomenology. In: Analecta Husserliana, Bd. XXXIV
(1991), 517-528, S. 518.).
DER PSYCHOLOGISCHE ANSATZ 73

Arithmetik^ zu verstehen: >Die eigentlichen Begriffe von Vielheit,


Einheit und Anzahh. Das Logische und das Eigentliche treten hier als
Synonyme der Bedeutung auf. Die logische Bedeutung, von den ihr
zugrundeliegenden Bewußtseinsakten und deren deskriptiver Psycho
logie emanzipiert, ist der eigentliche Begriff. Die Frage ist jedoch,
wie die Bedeutung des Phänomens und das Logische angegeben wer
den können.
Die Aufgabe der Beschreibung schwankt in der >Philosophie der
Arithmetik< beständig zwischen der genauen Beschreibung der Cha
rakteristik und der Beschreibung der Entstehung eines Phänomens.
Deutlicher noch läßt sich sagen, daß Husserl wegen der Schwierigkei
ten der Charakterisierung stets auf die Beschreibung der Entstehung
eines Phänomens ausweicht. Die Bemühungen, den Ursprung der
Phänomene aufzuklären, richten sich auf die elementaren Akte, die
mit Phänomene einhergehen. So wird der Allgemeinbegriff der Zahl
auf die konkreten Zahlphänomene und den speziellen Inbegriff ge
lenkt und weiter auf den psychischen Akt des Zählens.
Offenbar kann es sich hier nur um die elementaren Akte handeln, wel
che fähig sind, alle und jede Inhalte, seien sie noch so disparat, zu um
fassen. Eine aufmerksame Betrachtung der Phänomene lehrt nun fol
gendes: Ein Inbegriff entsteht, indem ein einheitliches Interesse und in
und mit ihm zugleich ein einheitliches Bemerken verschiedene Inhalte
für sich heraushebt und umfaßt. Es kann also die kollektive Verbindung
auch nur erfaßt werden durch Reflexion auf den psychischen Akt,
durch welchen der Inbegriff zustandekommt. (XII, 74)
Ein solcher Inbegriffsbegriff ist der allerweiteste. Husserls Definition
dreht sich im Kreise. Die fragliche Verbindungsleistung des Inbe
griffs von Vielheiten wird mit dem hervorhebenden und umfassenden
Einheitsinteresse eines psychischen Aktes erklärt. Damit ist der Sache
aber nur ein anderer Name gegeben. Mit Umfassung ist unter der
Hand gerade die Leistung vorausgesetzt, die aufgeklärt werden soll.
Husserls beständiger Verweis auf die Phänomene und psychischen
Akte wirft als Erklärung nur wenig ab. Die Unterscheidungen der
Bewußtseinsakte spiegeln die tatsächlichen Leistungen des Bewußt
seins wider, ohne die verhießenen eigentlichen Bedeutungen wirklich
aufzuklären. Dadurch kommt es zu einer unergiebigen Verdopplung
von logischen und psychologischen Funktionen.
Die Unterstellung psychischer Akte und ihrer Beschreibung bringt
das Verständnis der Grundbegriffe der Arithmetik nicht weiter. Doch
gerade die weitestgehend entleerte Inbegriffsbestimmung bietet einen
Anknüpfungspunkt für die logische Bedeutungsanalyse. Durch be
wußte inhaltliche Abstraktion gelangt Husserl zu einem gehaltvollen
74 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Begriff von Verbindung bzw. Vielheit. Danach ist Vielheit „ganz ein
fach und ohne jede Umschreibung" nichts weiter als etwas und etwas
und etwas usw. (XII, 80). Husserl versucht auch hier wieder, Inhalt
und Entstehung des Begriffs der Vielheit psychologisch zu erläutern.
Mit der Beschreibung von Phänomenen ist die Reflexion auf Vor
stellungen verbunden. Husserl gelangt darüber zu der Einsicht, daß
die Inhaltslosigkeit des Begriffs des Etwas dem Vielheitsbegriff ent
scheidend zu seiner Allgemeinheit verhilft. Im gleichen Zuge werden
die Begriffe Etwas, Eins, Vielheit, Anzahl als inhaltsleere und allge
meinste, mithin als Formbegriffe oder Kategorien dargestellt. Damit
vollzieht Husserl einen wichtigen Schritt weg von der psychologi
schen hin auf eine rein logische Fundierung der Mathematik.
Weil Husserl den von Brentano übernommenen Phänomenbegriff
so erweitert, daß damit auch abstrakte Momente des Denkens und der
Anschauung erfaßbar werden, muß er die Korrespondenz von physi
schen und psychischen Phänomenen aufgeben, von der Brentano im
Rahmen eines eingeschränkten Phänomenbegriffs ausging (vgl. hier
zu Fußnote XII, 70). Wenn nicht mehr nur eine Ähnlichkeitsanschau
ung, sondern Ähnlichkeit selbst ein psychisches Phänomen darstellt,
kann der Ähnlichkeit kein physisches Phänomen mehr entsprechen.
Bei Husserl zeichnet sich so eine Klasse höherer, abstrakter psychi
scher Phänomene ab, die als Reflexionsphänomene bezeichnet werden
können. In solchen Reflexionsphänomenen finden selbst die logischen
Bedeutungen eine phänomenale Grundlage.
Beispielhaft für Husserls Erweiterung des Phänomenbegriffs ist die
Bestimmung der Relation als ,jenes komplexe Phänomen, welches die
Grundlage für die Bildung der relativen Attribute bildet." (XII, 67)
Relationen unterscheidet er nicht über den Umweg ihrer Inhalte, ei
nerseits primären Inhalten bzw. physischen Phänomenen, andererseits
psychischen Akten und Phänomenen. Anders als Brentano klassifi
ziert er Relationen direkt „nach ihrem eigenen phänomenalen Charak
ter" (XII, 68). Im ersten Fall ist das Relationsphänomen im Inhalt der
Vorstellung selbst bewußt, weshalb von einer Primärrelation gespro
chen werden kann. Im zweiten Fall stellt sich eine Verbindung nicht
in der Vorstellung, sondern erst in der Reflexion darauf her.
In Husserls frühem Ansatz zur philosophischen Begründung der
arithmetischen Grundbegriffe verbinden sich mit dem Verweis auf
konkrete Phänomene und deren Charakterisierung auf eine noch recht
vage Weise psychologische Reflexionen sowohl auf psychische Akte,
als auch auf Inbegriffe. Die konkreten Phänomene werden sowohl
psychologisch hinsichtlich ihrer Entstehung, als auch logisch hin
sichtlich ihrer Bedeutung beschrieben. Hierbei spielt der Begriff des
DER PSYCHOLOGISCHE ANSATZ 75

Inbegriffs die maßgebliche Rolle. Wie die konkreten Phänomene den


Ausgangspunkt für psychologisch-genetische Charakterisierungen ab-
geben, so gehen die Bedeutungsanalysen und Begriffsabstraktionen
von den Inbegriffen aus. Der Inbegriff scheint damit die Vorlage für
Husserls spätere Konzeption der Wesensschau zu liefern.3

Begriffsbeschreibungen und Symbolisierungen

Die Betrachtungen des zweiten Teils der >Philosophie der Arithmetik<


zum symbolischen Anzahlbegriff richten sich einerseits stärker auf
die logischen Quellen der Arithmetik, so daß die Rolle psychologi-
scher Analysen zugunsten der Betrachtung von Begriffsbildungen, die
„allein der Logik der Sache" (XII, 235) verpflichtet sind, zurückgeht.
Hier liegen wichtige Anknüpfungspunkte für seine spätere antipsycho-
logistische Grundlegung der reinen Logik. Andererseits finden sich im
breiten Rahmen psychologisch-anthropologische, historische und auch
ethnologische Betrachtungen zur Entstehung der Zahlen, der Zahlbe-
griffe und des Zahlensystems, wobei Beschreibungen gelegentlich Er-
zählcharakter gewinnen.
Nachdem die arithmetischen Grundbegriffe definiert sind, widmet
sich Husserl den Zahlenrelationen von Mehr und Weniger. Er beginnt
die psychologische Analyse wieder bei konkreten Phänomenen, in die-
sem Fall bei Vorstellungen von mehr oder weniger Kugeln, um ver-
schiedene Ordnungsstufen davon ausgehender psychischer Akte zu
unterscheiden und zu beschreiben. Gegenüber der rein formalen De-
finition des Anzahlbegriffs und einer darauf aufbauenden formalen
Arithmetik in Freges 1884 veröffentlichten >Grundlagen der Arithme-

Ohne Bezug auf Husserls frühe Begriffsverwendung, hat Haardt dessen Rede von
Wesen zu relativieren versucht, indem er das Wesen einer Sache als „Inbegriff der
für sie wesentlichen Eigenschaften" (Von den bloßen Worten , a.a.O., S. 326) in-
terpretierte. Er bemühte sich ebenso darum. Husserls Konzept der Wesensschau im
Ausgang von Sprachanalysen und in maßgeblicher Verbindung mit dem Verfahren
der freien Variation der Bestimmungen und Eigenschaften einer Sache den gemä-
ßigten, hermeneutischen Sinn eines möglicherweise unabschließbaren Analysepro-
zesses zu geben (siehe ebd., S. 330). Husserl selbst kommt auf den Inbegriffs-
begriff in der 3. LU zurück und definiert ihn im Unterschied zum Begriff des in-
haltlich bestimmten Ganzen als bloßes, nichteinheitlich fundiertes, gleichgültiges
Zusammensein von Inhalten als Teilen, bzw. als kategoriale Einheitsform des
Denkens. Mit den jeweiligen Inbegriffen ist „das Fundament für eine systemati-
sche Theorie der Verhältnisse von Ganzen und Teilen nach ihren reinen Formen
gegeben, nach ihren kategorial definierbaren und von der »sinnlichen« Materie der
Ganzen abstrahierenden Typen." (XIX/1, 290)
76 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

tik< versucht Husserl, seinen psychologischen Begründungsansatz zu


rechtfertigen.
Definieren kann man doch nur das logisch Zusammengesetzte. Sobald
wir auf die letzten, elementaren Begriffe stoßen, hat alles Definieren
ein Ende. Begriffe wie Qualität, Intensität, Ort, Zeit u. dgl. kann nie-
mand definieren. Und dasselbe gilt von den elementaren Relationen
und den auf sie gegründeten Begriffen. Gleichheit, Ähnlichkeit, Steige-
rung, Ganzes und Teil, Vielheit und Einheit usw. sind Begriffe, die ei-
ner formal-logischen Definition gänzlich unfähig sind. Was man in
solchen Fällen tun kann, besteht nur darin, daß man die konkreten Phä-
nomene aufweist, aus oder an denen sie abstrahiert sind, und die Art
dieses Abstraktionsvorganges klarlegt; man kann, wo es sich notwen-
dig erweist, durch verschiedene Umschreibungen die bezüglichen Be-
griffe scharf umgrenzen und so Verwechslungen derselben mit ver-
wandten Begriffen vorbeugen. Was man von der sprachlichen Darlegung
eines solchen Begriffes [...], vernünftigerweise verlangen kann, wäre
demgemäß so zu fixieren: sie muß wohlgeeignet sein, uns in die richti-
ge Disposition zu versetzen, daß wir diejenigen abstrakten Momente in
der inneren und äußeren Anschauung, welche gemeint sind, selbst he-
rausheben bzw. jene psychischen Prozesse, welche zur Bildung des
Begriffes erforderlich sind, in uns nacherzeugen können. Nützlich und
notwendig wird dergleichen freilich nur dann sein, wenn der den Be-
griffbezeichnende Name allein zum Verständnis nicht hinreicht, sei es
vermöge vorhandener Äquivokationen, sei es vermöge irgendwelcher
Mißdeutungen, zu denen der Begriff Anlaß gibt. Ein solcher Fall liegt
gerade bei den Zahlbegriffen vor, und so können wir es an sich gar
nicht tadelnswert finden, wenn Mathematiker an der Spitze ihres Sy-
stems anstatt eine logische Definition der Zahlbegriffe zu geben, „die
Weise beschreiben, wie man zu diesen Begriffen kommt"; nur müßten
diese Beschreibungen richtige sein, die ihren Zweck auch erfüllen. (XII,
119)
Diese Passage kann als methodisches Herzstück von Husserls früher
Abhandlung angesehen werden. Husserl wirft Frege, mit dem in der
>Philosophie der Arithmetik< überhaupt die meisten Auseinanderset-
zungen geführt werden, vor, einer Chimäre nachzujagen und sich „in
unfruchtbare Hypersubtilitäten" (XII, 120) zu verlaufen, wenn er als
letzte Grundlage der Begriffe nichts Psychologisches, sondern For-
males namhaft machen will. „Daß die Begriffe Vielheit und Einheit
unmittelbar auf letzten, elementaren psychischen Daten beruhen und
somit zu den in dem angegebenen Sinne undefinierbaren Begriffen
gehören" (XII, 119) verlangt die Beschreibung dieser Daten.
Husserls gemäßigter Psychologismus besteht darin, die logischen
Elementarbegriffen noch mit psychischen Daten zu verknüpfen. Eine
solche schwache psychologistische Position läßt offen, ob psychische
DER PSYCHOLOGISCHE ANSATZ 77

Daten für die Gesetze der Logik selbst eine Rolle spielen. Den logi
schen Elementarbegriffen sollen ebenso elementare psychische Daten
entsprechen. Durch eine strikte Zuordnung beansprucht die Psycho
logie die logischen Grundbegriffe aufzuklären. Aber selbst wenn sie
diese Entsprechung nachweisen kann, bleibt fraglich, welchen Beitrag
zur Bedeutungsbestimmung der logischen Begriffe sie damit leistet.
Die psychologischen Analysen und Darstellungen sind auf die Bil
dung, weniger auf die Bedeutung der Begriffe gerichtet, und so lange
beides nicht verwechselt wird, wäre der Psychologismus nicht pro
blematisch.
Psychologische Beschreibung soll angesichts der Undefinierbarkeit
des logisch Elementaren die Aufgabe einer Elementardefinition erfül
len. Die Beschreibung bietet sich als Ausweg an, solchen Begriffen
immerhin einen psychologischen Ausweis zu verschaffen. Wo logisch
nicht mehr weiterzukommen ist, soll wenigstens die psychologische
Grundlage des Logischen beschrieben werden. Zwischen dem Begriffs
logischen und dem Psychologischen wird eine Verbindung hergestellt,
ohne deren kausalen Charakter explizit zu kennzeichnen. Konkrete
Phänomene bilden die Grundlage für die logischen Begriffsabstrak
tionen. Aus diesem Grundsatz ergibt sich für die psychologische Be
schreibung eine zweifache Aufgabe.
Erstens sollen die konkreten Phänomene selbst beschrieben wer
den. Beschreibung tritt dabei als bloße Beschreibung auf. Sie ist lo
gisch allerdings solange ohne Bedeutung, wie die psychologische
Verbindung zwischen den konkreten Phänomenen, den psychischen
Daten, und den Begriffen unberücksichtigt bleibt. Die bloße Beschrei
bung der psychischen Phänomene kann allein keinen Beitrag zur
Aufklärung logischer Begriffe leisten. Die Verbindung zwischen psy
chischen Daten und logischen Begriffen ist hier ganz lose und der
psychologistische Ansatz ebenso schwach wie logisch unerheblich.
Zweitens kommt deshalb der Beschreibungen die Aufgabe zu, die
Art des Abstraktionsvorgangs klarzulegen, in der die logischen Be
griffe aus konkreten Phänomenen hervorgehen. Die Abstraktion selbst,
d.h. die Begriffsbildung im psychologistischen Sinne, soll beschrie
ben werden. Diese Aufgabe reicht über die bloße Beschreibung so
weit hinaus, daß es als fraglich gelten muß, inwiefern sie überhaupt
von der Beschreibung bewältigt werden kann. Husserl selbst spricht
vage genug von „klarlegen". Die Antwort, die Husserl im ersten Teil
seiner Schrift anhand des Inbegriffsbegriffs entwickelte, läßt sich nun
so verstehen, daß es bei der Beschreibung des Abstraktionsvorgangs
um Beschreibungen von Reflexionen auf psychische Akte geht. Die
psychologische Beschreibung ist auf diesem Niveau an die Reflexion
^8 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

gebunden. Inwiefern sich die Gegebenheit der Akte, auf die reflektiert
wird, und damit ihre Beschreibung von derjenigen konkreter Phäno-
mene unterscheidet, bleibt unklar.
Dem Versuch, die logischen Begriffe im Verweis auf Phänomene
und abstraktive Akte zu begründen, stellt Husserl sprachliche Bemü-
hungen zur Seite, die vom Namen des Begriffs ausgehen, sofern er
dessen Bedeutung nicht eindeutig zum Ausdruck bringt. Name und
Begriff treten hier als Ausdruck und Bedeutung auf. Entweder ist der
Begriff mehrdeutig, so daß mit dem Namen allein nicht geklärt ist,
welche von seinen Bedeutungen gemeint ist. In diesem Fall spricht
Husserl von Äquivokation. Oder der Begriff ist überhaupt mißver-
ständlich und verlangt allererst eine Ausdeutung. In beiden Fällen
hält Husserl eine sprachliche Aufklärung für sinnvoll.
„Verschiedene Umschreibungen" der Begriffe zu geben und so ih-
re Grenzen schärfer zu bestimmen, heißt für Husserl nicht lediglich,
genauere Begriffe einzuführen. Von der „sprachlichen Darlegung" ei-
nes Begriffs als einer erläuternden Beschreibung wird die Aufklärung
des Abstraktionsvorgangs verlangt. Die Umschreibungen gehen über
bloße Ausdrucksverfeinerungen und psychologische Erklärungen hin-
aus. Sie zielen darauf ab und werden daran gemessen, daß sie den
Nachvollzug der Begriffsabstraktion selbst ermöglichen.
Begriffsbeschreibung wird als Begriffsbildung verstanden. Tat-
sächlich erweist sich eine Begriffsdefinition dann als gelungen, wenn
sie die eigenständige Erzeugung erlaubt. Erzeugung aber wozu? Hus-
serl antwortet: zum Verständnis des Begriffs, wenn dazu dessen Na-
me nicht hinreicht. Aufgrund von Äquivokationen und Mißdeutungen
des Begriffs wird aber der Name nicht nur falsch verstanden, sondern
vor allem falsch gebraucht. Husserl heißt es gut, „wenn Mathematiker
an der Spitze ihres Systems anstatt eine logische Definition der Zahl-
begriffe zu geben, »die Weise beschreiben, wie man zu diesen Begrif-
fen kommt«". Die richtigen Beschreibungen, „die ihren Zweck auch
erfüllen", wären dann aber diejenigen, die angäben, wie Begriffe rich-
tig gebraucht werden.
Daß sich ein richtiges oder falsches Verständnis gar nicht anders
zeigt, als am richtigen oder falschen Gebrauch der Wörter, hat erst
Wittgenstein zum Grundsatz seiner pragmatischen Theorie der Be-
deutung gemacht. Er kürzte konsequent die ganze Psychologie als
unüberprüfbar und als genauso selbstverständlich wie überflüssig aus
der Begriffsverwendung heraus. So ließ sich der Lernerfolg einer Be-
griffsvermittlung behavioristisch allein am richtigen Wortgebrauch
bemessen und überprüfen. Im Gegensatz dazu verklärt Husserl seine
Rede vom rechten Begriffsverständnis immer wieder durch den Ver-
DER PSYCHOLOGISCHE ANSATZ 79

weis auf die psychischen Dispositionen und Abstraktionsvorgänge.


Das Nacherzeugen psychischer Prozesse bzw. der Verweis auf die in-
nere oder äußere Anschauung bleibt so das unausgewiesene Gegen-
stück zum pragmatischen Nachmachen. Dabei steht Husserl selbst an
der Schwelle zu einer anderen Bedeutungstheorie, wenn er „zwischen
dem Phänomen als solchen und dem, wozu es uns dient oder was es
uns bedeutet" (XII, 31) unterscheidet.
In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Definitionen der
Zahlen, allen voran der Zahl 1, stellt Husserl fest: „Im übrigen ist mit
solchen Definitionen wenig getan; die Schwierigkeit liegt in den Phä-
nomenen, ihrer richtigen Beschreibung, Analyse und Deutung; nur im
Hinblick auf sie ist Einsicht in das Wesen der Zahlbegriffe zu gewin-
nen." (XII, 129) Die Trias von Beschreibung, Analyse und Deutung
der psychischen Phänomene in Hinsicht auf das Wesen von Begriffen
kennzeichnet Husserls Denkansatz von Beginn an. Beschreibung, Ana-
lyse und Deutung gehören zusammen, sie folgen nicht geregelt auf-
einander. Beschreibung ist selbst auch Analyse und Deutung, so wie
Analyse selbst auch Beschreibung und Deutung und diese wiederum
Beschreibung und Analyse ist.
„Wir werden uns häufig in scheinbar sprachliche Untersuchungen
verlieren müssen über die Bedeutungen der Namen", um durch Syn-
onyme und Äquivokationen verursachte „Unklarheiten und Mißdeu-
tungen der uns interessierenden Begriffe" (XII, 135 f.) auszuräumen.
Um dabei die Hypersubtilitäten, die er Frege ankreidet, selbst zu
vermeiden, verbindet Husserl die sprachlichen Untersuchungen stets
mit psychischen Anschauungen. So bringt Husserl am Begriff Eins
bzw. Einheit insgesamt acht Äquivokationen zur Unterscheidung. Die
Verbindung von Begriff und Anschauung wird jedoch dann proble-
matisch, wenn die Begriffe nicht mehr abstrakt, sondern symbolisch
sind. Das Symbol selbst tritt an die Stelle einer dem Begriff korre-
spondierenden Anschauung.
In der Arithmetik wird fast durchweg mit symbolischen Zahlenbe-
griffen operiert, weil die eigentlichen Zahlbegriffe als konkrete Viel-
heiten lediglich bei dem ersten Dutzend Zahlen anschaulich vergegen-
wärtigt werden können. Diese im ersten Moment verblüffende Be-
hauptung hatte Husserl für die Disputation seiner Habilitationsschrift
an der Universität Halle sogar zu der These zugespitzt: „Im eigentli-
chen Sinne kann man kaum über drei hinaus zählen." (XII, 339) Die
Unterscheidung eigentlicher von uneigentlichen, symbolisch-zeichen-
haften Vorstellungen übernimmt Husserl ausdrücklich von Brentano,
der sie in der Psychologie allererst zur Geltung gebracht hatte. Eigent-
liche Vorstellungen sind mit Anschauungen verbunden, symbolische
80 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Vorstellungen hingegen vertreten nichtanschauliche Gegenstände. Be-


schreibungen stellen für Husserl ein Bindeglied zwischen Anschau-
ungen und Symbolisierungen dar.
Jede Beschreibung eines anschaulichen Objekts hat die Tendenz, die
wirkliche Vorstellung derselben durch eine stellvertretende Zeichen-
vorstellung zu ersetzen. Charakteristische Merkmale kennzeichnen den
Gegenstand in einer Weise, daß er gegebenenfalls wiedererkannt wer-
den kann, und so können alle Urteile, die an die symbolische Vorstel-
lung angeknüpft werden, nachher auf ihn selbst übertragen werden.
Demgemäß dient uns die symbolische Vorstellung als vorläufiges, in
Fällen, wo das eigentliche Objekt unzugänglich ist, sogar als dauerndes
Surrogat für die wirkliche Vorstellung. (XII, 194)
Die Beschreibung ist der Übergang vom Anschaulichen zum Zeichen.
Im Symbol verschmelzen schließlich die beschreibenden Ersetzungen
des Anschaulichen zu einem einzigen Zeichen. Dabei gewinnt das
Symbol eine neuartige, gewissermaßen ideale Anschaulichkeit. Die
Beschreibung vermittelt nur in eine Richtung; zumindest ist hier nicht
die Rede, wie die an Symbolen gewonnenen Einsichten wiederum auf
eine Objektebene übertragen und so anschaulich gemacht werden.4
Der Begriff symbolischer Vorstellungen erlaubt Husserl, das Zählen
und Operieren mit Zahlen zu erklären. Sein Bemühen, „die Rolle,
welche den Gleichheitsrelationen bei der Zahlvorstellung zugeteilt ist,
psychologisch korrekt zu charakterisieren" (XII, 142), wobei sich das
Zählen als Verbinden inhaltlich ganz unbestimmter Etwas erweist,
läuft schließlich darauf hinaus, das Vergleichen, Unterscheiden und
eben Zählen als unterschiedene Geistestätigkeiten zu kennzeichnen.
Damit ist arithmetisch und logisch aber nichts gewonnen, vielmehr
nur die Dürftigkeit des psychologischen Ansatzes erwiesen.

Die leitenden Gegensätze

In der >Philosophie der Arithmetik< finden sich wesentliche Ansätze


einer phänomenologischen Philosophie. Es sind darin aber auch grund-
legende Widersprüche angelegt. Der Verweis auf die konkreten Phä-
nomene mathematischer Grundbegriffe und ihre Beschreibung selbst
ist zwiespältig. Sofern Phänomene die logischen Begriffe begründen

Daß in dieser Richtung, als Resultat von Husserls frühen semiotischen Überlegun-
gen gerade zu den uneigentlichen Vorstellungen, ein Grundmotiv von Husserls
späterem phänomenologischen Programm liegt, auf die Sachen selbst zurückzuge-
hen, merkt Tobias Trappe an: Zur Vorgeschichte der transzendentalen Erfahrung.
In: Archiv für Begriffsgeschichte, 39 (1995), 178-200, S. 193.
DER PSYCHOLOGISCHE ANSATZ 81

sollen, steckt der Ansatz noch tief im Psychologismus, bzw. in der


genetischen Psychologie.5 Er geht deswegen aber nicht völlig im Psy-
chologismus auf. Sofern mit dem Rückgang auf Phänomene die An-
schaulichkeit des Begrifflichen zur Geltung gebracht wird, schlägt
Husserl schon den Weg der Phänomenologie zwischen Psychologie
und Logik ein. Diesbezüglich kann das oben zitierte methodische
Herzstück des Werkes durchaus als eine Vorform des > Prinzips aller
Prinzipien< aufgefaßt werden.6
Das Bemühen, den definitorisch erschöpften Grundbegriffen der
Arithmetik in der inneren Wahrnehmung gleichwohl noch eine an-
schauliche Grundlage zu verschaffen, dient nicht der Begründung, son-
dern der Fundierung der Mathematik.7 Das im Anschluß an Brentanos
Unterscheidung eigentlich-anschaulicher von uneigentlich-symboli-
schen Vorstellungen entwickelte Konzept der Fundierung ist in der
>Philosophie der Arithmetik< jedoch nicht von der kausal-erklärenden
Psychologie abgesetzt. Da Husserl noch nicht zwischen einer geneti-
schen und einer deskriptiven Psychologie unterscheidet, schwankt die
Beschreibung stark zwischen einem genetischen und einem reflexiven
Aufgabenbereich. Oft tritt sie als bloße Beschreibung auf, ohne daß
ihre Bedeutung für die Begriffsbestimmung ersichtlich wird, oft er-
scheint sie auch unter einem anderen Namen.
Die Methode der Beschreibung gewinnt ihre eigentliche Bedeu-
tung erst dadurch, daß Husserl in den Folgejahren eine Neubestim-
mung der erkenntnistheoretischen Rolle der Psychologie vornimmt.
Mit der Theorie des Inbegriffs und der darauf aufbauenden Abstrak-
tion allgemeinerer Begriffe entwickelt Husserl ein Abstraktions- und
Reflexionsmodell, in dem der Beschreibung eine neuartige Aufgabe
als Beschreibung höherer Bewußtseinsfunktionen zuwächst. In die-
sem Modell liegen die Ursprünge für die später entwickelte Theorie
adäquater Wahrnehmung und eines phänomenologischen Begriffs des
Phänomens.
Bei Husserl ist von Beginn an die psychologische Analyse von
Vorstellungen mit der Bedeutungsanalyse verbunden. Dieser Ansatz

5
„Thus we can say that the subject-matter of the descriptive-psychological analysis
in Philosophie der Arithmetik is consciousness as empirical psyche, i.e., as a cer-
tain part of nature. Accordingly the description itself is to be defined as that de-
scription appropriate to empirical theory: the simple expression is a notion of the
factual matters as they are." (T. Sodeika, Psychologism and Description in Husserl's
Phenomenology. In: Analecta Husserliana, Bd. XXXIV (1991), 219-230, S. 222.)
6
Siehe E. W. Orth, Beschreibung in der Phänomenologie..., a.a.O., S. 31.
7
E. W. Orth, Zu Husserls Wahrnehmungsbegriff. In: Paragrana, 4 (1995) 1, 104-
119, S. 108.
82 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

kennzeichnet sein Denken und die Phänomenologie. Wenn Husserl


später den Gegensatz von Psychologie und Logik viel stärker betont,
so bleibt sein Bemühen gleichwohl darauf gerichtet, ihn fruchtbar zu
machen. Der philosophischen Bestimmung der arithmetischen Grund-
begriffe dienen schon in dem Frühwerk phänomenale und sprachliche
Analysen. Die Bedeutung der Begriffe soll sowohl von der anschau-
lichen Seite gewisser konzeptueller Phänomene, als auch von der
sprachlichen Seite des Namens aufgeklärt werden. In dieser Stellung
des abstrakten Begriffs zu den konkreten Phänomenen einerseits, zum
Namen andererseits ist die phänomenologische Konstellation von Aus-
druck, Bedeutung und Anschauung der 1. LU angelegt.
In der Folgezeit arbeitet sich Husserl zu einem klareren Standpunkt
durch, der sowohl seinen mathematisch-logischen Idealen, als auch
dem empirisch-psychologischen Gedanken tatsächlicher Aufweisung
Rechnung trägt. Er versucht, eine formale Theorie der Erkenntnis zu
entwickeln, die den Ideen einen wirklich idealen Charakter beläßt und
gleichwohl den Bezug darauf in der Erfahrung herausstellt. Diese
Theorie nennt er, in Anlehnung an Brentano, Phänomenologie. Die
Begründung einer formalen Wissenschaftstheorie, um die sich Hus-
serl seit seiner Habilitationsschrift bemühte, findet sich im ersten
Band der >Logischen Untersuchungen^
5. Der Weg in die Phänomenologie

Seit seiner Habilitation war Husserl in Halle als Privatdozent tätig.


Zehn Jahre lang blieb die Habilitationsschrift sein einziges Buch.
Husserl hatte große Mühe, die in zahlreichen Manuskripten und Vor-
lesungen behandelten Themen zusammenzufassen. Seine Lehrer und
Kollegen drängten ihn zur Fertigstellung eines größeren Werkes. Eben-
so wünschte sich seine Frau Malwine1, die Bescheidenheit ihres Pri-
vatdozentendaseins leid, eine angesehenere und gesichertere Position
ihres Gatten. Bei diesem selbst durchkreuzten sich die Motive des
wissenschaftlichen Ehrgeizes, einerseits sich mitzuteilen und in den
philosophischen Auseinandersetzungen seiner Zeit hervorzutun, an-
dererseits weiter in die Problemstellungen vorzudringen, seine Er-
kenntnisse zu überarbeiten und in ausgereifter Gestalt zu präsentieren.
Das Erscheinen eines zweiten Werkes schob sich hinaus. Husserl
stieß immer wieder auf Unzulänglichkeiten in den Darstellungen des
Manuskripts, das er nur notgedrungen aus den Händen gab. Selbst an
den Druckfahnen versuchte er bis zuletzt weiterzuarbeiten. Daraus
entstehende Unstimmigkeiten mit dem Leipziger Verlag Veit&Comp.
führten noch während der Drucklegung zu einem Verlagswechsel, so
daß der erste Band der >Logischen Untersuchungen zur Jahrhundert-
wende schließlich bei Max Niemeyer in Halle erschien. Es bezeichnet
Husserls eigene Erfahrung, wenn er in den >Prolegomena< in patheti-
scher Weise schreibt: „Wie vieles Leiden der einseitig überspannte
Erkenntnistrieb dem einzelnen Forscher, und gar nicht selten, bringen
mag: schließlich kommen die Früchte, kommen die Schätze der Wis-
senschaft der ganzen Menschheit doch zugute." (XVIII, 199)
1901 folgte der zweite Band mit sechs >Untersuchungen zur Phä-
nomenologie und Theorie der Erkenntnis< in zwei Teilen. Die letzte
Untersuchung erschien wegen ihres Umfangs und ihres Anspruchs,
>Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis< zu
liefern, separat. Im Rahmen einer allgemeinen Theorie des Gegen-
standes überhaupt und idealer Gegenstände im besonderen sind die
einzelnen Untersuchungen diversen sprachphilosophischen, bewußt-
seins- und erkenntnistheoretischen Problemen gewidmet. Sie stehen
in keinem strengen systematischen Zusammenhang, bauen teilweise

E. Stein, a.a.O., S. 20.


S4 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

aber aufeinander auf. So vertiefen die zweite, dritte und vierte Unter-
suchung das Thema jeweils der vorangehenden Untersuchung in einer
bestimmten Hinsicht. Die zweite Untersuchung nimmt die Rede von
den idealen Einheiten der Bedeutung aus der ersten Untersuchung auf
und diskutiert deren Eigenständigkeit. Die dritte behandelt die idealen
Bedeutungen und abstrakten Momente des Bewußtseins unter dem
Gesichtspunkt der Teil-Ganze-Beziehung, die vierte wiederum diese
Beziehung als eine von selbständigen und unselbständigen Bedeutun-
gen.
Rechnet man die vielfältigen philosophiegeschichtlichen Bezüge
und Auseinandersetzungen in der zweiten Untersuchung ab, läßt sich
im Zuge der Themeneinengung die beständige Abnahme des Umfangs
der ersten vier Untersuchungen feststellen. In Anbetracht ihrer thema-
tischen und äußerlichen Beziehungen bilden diese Untersuchungen
eine Einheit. Die 5. und die 6. LU heben sich davon deutlich sowohl
durch die relative Eigenständigkeit ihres Themas als auch ihres grö-
ßeren Umfangs wegen ab. Sie beanspruchen fast die Hälfte des Ge-
samtwerkes. Die ersten vier Untersuchungen erscheinen ihnen gegen-
über als Vorarbeiten. Die Bedeutungsanalyse der ersten Untersuchung
wird in der fünften für eine allgemeine Bewußtseinsanalyse fruchtbar
gemacht, die in der sechsten wiederum als Erkenntnistheorie ausge-
formt wird.
Daß Husserl insgesamt fast tausend Seiten vorlegte, ist weniger ein
Zeichen dafür, daß er sich bei seinem zweiten, lange erwarteten Buch
nicht hatte lumpen lassen wollen, als dafür, daß er sich mit dem The-
ma schwer tat. Sein aufgewühltes Denken widersetzte sich der ge-
bündelten Darstellung. Daran sollte sich in seinem späteren Schaffen
wenig ändern. Nur ausnahmsweise gelang ihm wie mit den >Ideen I<
1913, oder der >Formalen und transzendentalen Logik< 1929 die Nie-
derschrift und Veröffentlichung eines Werkes binnen kurzer Zeit. Mit
dem universalen Anspruch auf Begründung der Wissenschaften ei-
nerseits und der sich ständig verfeinernden Praxis der Analyse und
Beschreibung andererseits war ein Forschungsunternehmen entfes-
selt, das Husserl kaum zu bändigen wußte.
Die >Prolegomena zur reinen Logik< stellte Husserl bewußt in die
Tradition Kants, der mit seinen 1783 erschienenen >Prolegomena zu
einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten
können< die zwei Jahre zuvor erschienene >Kritik der reinen Vernunft*
erläutern und den apriorischen Ursprung der Naturwissenschaften in
den reinen Verstandesbegriffen erweisen wollte. Ebenso wollte Hus-
serl, die idealen Grundlagen der Logik beweisen und darüber zu einer
allgemeinen Wissenschaftstheorie gelangen. Den Großteil seiner Zeit-
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 85

genossen, welche die Logik auf Psychologie und der von ihr unter-
suchten Gesetzmäßigkeiten des Denkens aufbauten, bezichtigte er des
Psychologismus. Der Vorwurf, Psychologie am falschen Ort zu trei-
ben, war gegen ihn selbst in Freges Rezension seines ersten Buches
erhoben worden. Seitdem hatte sich Husserl um eine alternative Be-
gründung der Logik und damit des ganzen Systems der Wissenschaf-
ten bemüht.2
Im folgenden soll gezeigt werden, in welchem Sinn in den >Prole-
gomena< von Phänomenen gesprochen wird, welche Rolle sie in dem
Entwurf einer reinen Logik spielen, und inwiefern dabei von Beschrei-
bung die Rede ist. Darauf wird die Evidenztheorie genauer unter-
sucht, in der am deutlichsten zum Ausdruck kommt, welche Phäno-
mene in einer reinen Logik und wie sie behandelt werden. Schließlich
wird das Programm der Aufklärung und Fixierung von Kategorien mit
dem Programmentwurf der >Philosophie der Arithmetik< verglichen.

Psychische Phänomene und Psychologismuskritik

Als Phänomene werden in den >Prolegomena< ausschließlich psychi-


sche Phänomene im Sinne Brentanos bezeichnet, die Gegenstand ei-
ner empirischen Wissenschaft sind. Mit solchen psychischen Phäno-
menen ist Existenz immer mitgesagt. Die Erscheinungen der inneren
Erfahrung, deren Zusammenhänge untereinander sowie die Bedin-
gungen ihres psychischen Auftretens behandelt die Psychologie. Neben
psychischen Phänomenen des Denkens wie Vorstellungen, Urteilen,
Schlüssen, gibt es psychische Phänomene der Sinnlichkeit wie Emp-
findungen, Wahrnehmungen, Stimmungen, denen allen ihr flüchtiger
Charakter im Strom des Erlebens gemeinsam ist.
In der Auseinandersetzung mit dem Psychologismus ist die Bestim-
mung des Charakters der Gesetze, die die Psychologie von psychi-

2
Der Einfluß Freges auf Husserls Psychologismuskritik ist allgemein anerkannt. Im
Gegensatz zu den meisten Interpreten wirft jedoch, Manfred Sommer zufolge, Fre-
ge Husserl nicht direkt einen Psychologismus vor, sondern diagnostiziert einen
psychologischen Idealismus, welche Diagnose Husserl in einem Maße beeindruck-
te, daß er fortan das Getadelte im vollen Bewußtsein tat: „die Überführung des
Wirklichen ins Vorgestellte und die Deskription dessen, was sich an diesem Vor-
gestellten - den Phänomenen - ablesen läßt." (Husserl und derfrühePositivismus.
Frankfurt a. M. 1985, S. 101) Diese Interpretation ist keineswegs abwegig. Husserl
hält jedoch über die Unterscheidung einer genetischen von einer rein deskriptiven
Psychologie in den >Logischen Untersuchungen von 1900/01 hinaus nicht am prä-
zisierten Psychologie-, wohl aber am Beschreibungsbegriff fest und steuert darüber
auf einen transzendentalen Idealismus zu.
86 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

sehen Phänomenen aufstellt, von größter Bedeutung. Hier entscheidet


sich, ob die Logik auf Psychologie gegründet werden kann oder nicht.
Husserl macht deutlich, daß es sich bei psychologischen Gesetzen um
Gesetze von beobachteten Tatsachen handelt, die den Charakter em-
pirischer Verallgemeinerungen haben, bei logischen Gesetze hinge-
gen um ideale, nicht-empirische Zusammenhänge.
Die Aufgabe und Eigenart seines philosophischen Ansatzes disku-
tiert Husserl anfangs im Rahmen der Logik unter den traditionellen
Titeln Wissenschaftslehre oder formale Kunstlehre. Deren Idee deutet
er als Wissenschaft der wissenschaftlichen Methodik und Form, die
auf rein begrifflichen Erkenntnissen beruht. Der Aufbau einer forma-
len Wissenschaft hat in praktischer Hinsicht zum Ziel, eine „Techno-
logie des wissenschaftlichen Erkennens" (XVIII, 214) zu ermöglichen.
Dieser technisch-methodische Aspekt bleibt grundlegend für die ge-
samte Phänomenologie und findet sich bspw. in der 3. und 4. LU als
Skizze einer Theorie der Erkenntnisformen wieder.
Wissenschaft wird nicht als historisch vorgegebenes Phänomen be-
trachtet, sondern als idealer Gegenstand. Wie in der >Philosophie der
Arithmetik< sollen die konstitutiven Grundbegriffe der Wissenschaft
allgemein: „Wahrheit, Satz, Subjekt, Prädikat, Gegenstand, Beschaf-
fenheit, Grund und Folge, Beziehungspunkt und Beziehung und der-
gleichen" (XVIII, 164) aufklärt werden. Das „dergleichen" macht auf
das Problem aufmerksam, wie das Vokabular der Wissenschaft zu
begrenzen ist.
Die Hauptstoßrichtung der >Prolegomena<, die strikte Trennung
des Realen vom Idealen, wirft im Rahmen der Erkenntnistheorie die
Frage auf, in welchem Zusammenhang die Wahrheiten der Sätze über
Reales und über Ideales stehen. Husserl betont, daß die apriorischen
logischen Gesetze von sich aus in keinerlei Beziehung zu empirischen
Tatsachen stehen, die sich ihrerseits danach richten oder nicht. Zwar
wurden die logischen Gesetze traditionell als Normen oder Regeln
des Denkens interpretiert, doch bestreitet Husserl nunmehr vehement,
daß psychische Phänomene daraus abgeleitet werden können. Die lo-
gischen Gesetze sind nicht, wie es im Psychologismus erscheint, Na-
turgesetze, die den Vollzug des richtigen Denkens bestimmen. Die
Übereinstimmung tatsächlicher Urteile mit logischen Schlußformen
besagt weder, daß die Logik für die Psychologie bindend wäre, noch
umgekehrt, daß die Psychologie die Grundlage für die Logik abgibt.
Nicht die psychologische Seite an psychischen Phänomenen inter-
essiert Husserl, sondern die rein logische. In den >Prolegomena< al-
lerdings setzt er die logischen Aspekte kaum in Beziehung zu den
Phänomenen. Er identifiziert Phänomene so sehr mit ihrer psycholo-
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 87

gischen Behandlung, daß sie in seinem Ansatz fast keine Rolle spie-
len. Die einsichtige Gegebenheit und Erfaßbarkeit logischer Gesetze
wird zwar in einer Theorie der Evidenz reflektiert. Daß die Erlebnis-
haftigkeit der Evidenz etwas einzigartig Phänomenales sein könnte,
wird in der Auseinandersetzung mit dem Psychologismus noch nicht
deutlich.
Die >Prolegomena< stellen eine heftige Reaktion auf den Psycholo-
gismus dar. Insofern sich Husserl entschieden vom Psychologismus
abzusetzen sucht, der sein eigenes Denken maßgeblich geleitet hatte,
geraten selbst die psychischen Phänomene in Mißkredit. Dabei läuft
sein Logizismus stellenweise Gefahr, das Kind mit dem Bade auszu-
schütten. Nach Husserls Widerlegung des Psychologismus finden in
den letzten Kapiteln der >Prolegomena< Phänomene keine weitere Be-
achtung. Die Logik wird strikt von der Psychologie abgegrenzt. Die-
sem Unternehmen den Titel Phänomenologie zu geben, muß Husserl
anfangs gänzlich ferngelegen haben. Von Phänomenologie ist in den
>Prolegomena< überhaupt nur an einer einzigen Stelle die Rede. In ei-
ner Fußnote, deren rückblickender Charakter sie als eine späte An-
merkung, bzw. einen Nachtrag ausweist, wird kurz auf „die deskriptive
Phänomenologie der inneren Erfahrung" verwiesen, „welche der em-
pirischen Psychologie und, in ganz anderer Weise, zugleich der Er-
kenntniskritik zugrunde liegt" (XVIII, 215).
Vom Phänomen her lassen sich die logischen Fundamentalbetrach-
tungen der >Prolegomena< nicht nur nicht verstehen, sie treten gera-
dezu in einem Gegensatz dazu auf. Am Beispiel der Vorstellungen
wird ausgeführt, daß es in der Logik nicht auf die psychologischen,
erlebnishaften oder phänomenalen, sondern auf die formalen oder spe-
zifischen Momente ankommt. „Die bezüglichen Analysen sind Bedeu-
tungsanalysen, also nichts weniger als psychologische Analysen. Nicht
individuelle Phänomene, sondern Formen intentionaler Einheiten wer-
den analysiert, nicht Erlebnisse des Schließens, sondern Schlüsse."
(XVIII, 178) Daß sich dieses logisch-ideale Projekt gleichwohl zu ei-
ner Phänomenologie ausformt, hängt zusammen mit Husserls Ziel-
stellung, Erkenntnistheorie nicht abstrakt, sondern auf der Grundlage
ausweisbarer Tatsachen zu betreiben, womit eine Vertiefung des Phä-
nomen- und Beschreibungsbegriffs einhergeht.
In der Auseinandersetzung mit der psychologistischen Begründung
der Logik prägt Husserl in den >Prolegomena< keinen eigenen, positiv
besetzten Begriff des Phänomens aus. Ebensowenig stellt er eine Be-
ziehung zwischen dem psychologischen Begriff des Phänomens und
denjenigen Begriffen her, welche die Gegenstände einer reinen Logik
bezeichnen. Hier macht Husserl vor allem vom Begriff des Wesens
88 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

einen ausgiebigen und weiten Gebrauch. Er bezieht sich damit einer-


seits auf Lebewesen, welche Bedeutung hier nicht von Interesse ist,
andererseits auf grundlegende theoretische, gedankliche Gegenstände.
In diesem substantiellen Sinn ist nicht nur immer wieder von dem
idealen Wesen eines Gegenstandes die Rede, sondern das Ideale und
das Wesentliche werden oft auch synonym gebraucht.
Im Vergleich mit dem Begriff des Wesens spielt derjenige der Sa-
che eine viel geringere Rolle. Von Sachen ist in den >Prolegomena< in
dem weiten und allgemeinen, manchmal beiläufigen, manchmal be-
tonten Sinn von Gegenständen die Rede. Die Betonung, die gelegent-
lich auch in der Rede von der „Sache selbst" zum Ausdruck kommt,
meint einen Gegenstand, so wie er gegeben ist. Es deutet sich in die-
sem Gebrauch erst schwach an, was später zur Losung der phänome-
nologischen Schule wurde. Mit der Berufung auf die Sachen soll wie
im Empirismus vorurteilslose Erkenntnis begründet werden. Dabei
macht Husserl die Sachlichkeit der Forschung auch für die allgemei-
neren, abstrakteren Zusammenhänge der Wissenschaftstheorie geltend.
„Die Systematik, die der Wissenschaft eignet, natürlich der echten und
rechten Wissenschaft, erfinden wir nicht, sondern sie liegt in den Sa-
chen, wo wir sie einfach vorfinden, entdecken." (XVIII, 30 f.) Wenn-
gleich die Direkt- und Einfachheit empirischer Forschung noch das
Vorbild für den wissenschaftstheoretischen Ansatz abgibt, wird hier
doch ein höherer Sachbegriff ausgeprägt, der sich nicht mehr durch
schlichte Beobachtung, sondern durch eine bestimmte innere Erfah-
rung ergibt.
Der Auseinandersetzung mit dem Psychologismus gehen zwei
Vorentscheidungen voraus, die Husserl selber nur ungenügend recht-
fertigt. Zum einen steht für ihn die Bedeutung der logischen Gesetze
unwandelbar fest und braucht nicht erst bewiesen zu werden. Damit
entledigt er sich gerade der Aufgabe, die er den Psychologisten hin-
sichtlich ihrer Gesetzmäßigkeiten abverlangt. Zum anderen stellt er
hierbei Anforderungen an die Begründung, die in ihrer Strenge von
den Empiristen gerade zurückgewiesen werden. Husserls Versuch,
die Widersprüchlichkeit der psychologistischen Auslegung der logi-
schen Gesetze nachzuweisen, ist teils zirkulär, teils erfüllt sie selbst
nicht den strengen Charakter eines Beweises. Seine Klage über die em-
piristische Verwässerung idealer Gesetzmäßigkeiten malt das Gespenst
des skeptischen Relativismus an die Wand. Sie gibt damit indirekt zu
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 89

erkennen, daß der Psychologismus selbst in seiner solipsistischen Kon-


sequenz widerspruchsfrei vertretbar, wenngleich unannehmbar ist.3

Die Einteilung der Wissenschaften

Von Beschreibung ist in den >Prolegomena< nur beiläufig die Rede.


Husserl hatte den überlieferten Begriff des Phänomens, über den die
Psychologie ihren Gegenstand bestimmte, scharf attackiert und zu-
rückgewiesen, um den Bereich des Logischen davon abzusetzen.
Dem anderen Erbteil der empiristischen Psychologie, dem Begriff der
Beschreibung gegenüber verhält er sich weniger kritisch. Beschrei-
bungen erscheinen in den >Prolegomena< im Umfeld zweier unter-
schiedlicher wissenschaftlicher Projekte. Auf der einen Seite wird die
Rolle der Beschreibung innerhalb der empirischen Wissenschaften
und hierbei speziell der Psychologie behandelt, wobei verschiedene
wissenschaftliche Niveaus unscharf voneinander abgehoben werden
können. Auf der anderen Seite deutet sich ihre Aufgabe im Entwurf
einer idealen Wissenschaft an.
Auf einem niedrigen wissenschaftlichen Niveau sind Beschreibun-
gen Darstellungen empirischer Tatsachen. Im Rahmen der Psycholo-
gie ist von Beschreibung als einem Verfahren die Rede, bestimmte
Erscheinungen des Denkens, Fühlens und Wahrnehmens in Worte zu
fassen. Der Anspruch, die psychischen Tatsachen so zu beschreiben,
wie sie sich darstellen, ist hierbei noch denkbar niedrig. Beschreibung
ist auf dieser Stufe „bloße Beschreibung" der „an sich »blinden« Tat-
sachen" (XVIII, 209). Sie steht für Abbildung in einem durchaus
engen Sinn, der Husserl beispielsweise die mögliche Beschreibung an-
dersartiger denkender Wesen und fiktiver naturwissenschaftlicher Spe-
zies mit Böcklins Gemälden von Fabelwesen vergleichen läßt (XVIII,
150).
So wie sich die Beschreibung an das Sich-Darstellende hält, kön-
nen die Tatsachen im weiteren Gang der Wissenschaft auch als das
„deskriptiv Gegebene" (XVIII, 207) angesehen werden. Beschrei-
bung und Tatsache gehen in dieser zweideutigen Bezeichnung eine
solch innige Verbindung ein, daß das Gegebene selbst sich als etwas
Deskriptives darstellt, bzw. die Beschreibung die Tatsache vertritt.4
Als psychologische Methode, deren unrechtmäßige Übertragung auf

3
Vgl. hierzu M. Sukale, Denken. Sprechen und Wissen. Logische Untersuchungen
zu Husserl undQuine. Tübingen: Mohr, 1988, S. 160 ff. u. 221 ff.
4
Siehe hierzu weiter unten S. 208 ff.
90 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

die Logik Husserl anprangert, bereitet die Beschreibung gleichwohl


die Rückführung der Erscheinungen des Bewußtseins auf einfache
Gesetze vor (XVIII, 185).
Über bloße Beschreibung hinaus geht die Erklärung, die die
„»blinden« Tatsachen (zunächst die eines begrifflich umschriebenen
Gebietes) unter möglichst allgemeine Gesetze ordnet und in diesem
Sinne möglichst rationell zusammenfaßt." (XVIII, 209) Die Beschrei-
bung erfüllt auf höherem wissenschaftlichen Niveau selbst solche Er-
klärungsleistungen. Sie stellt so die charakteristische Methode einer
Gruppe von Wissenschaften dar, zu der u. a. Geographie, Geschichte,
Astronomie und Anatomie gehören. Die Sätze und Beschreibungen
dieser als konkret oder eben deskriptiv bezeichneten Wissenschaften
stehen in einem sachlich-inhaltlichen Zusammenhang. Mit der Ein-
heit ihres Gegenstandes geht die Einheit der Beschreibungen einher.
Ihre Erklärungen jedoch beziehen sich auf theoretische Gesetze.
Wird die Bezeichnung „deskriptive Wissenschaften" nicht so ver-
standen, als ob diese „es auf bloße Beschreibung abgesehen hätten"
(XVIII, 237), dann muß es dabei über Beschreibung hinaus um Erklä-
rung gehen. Bloße Beschreibung wird als allgemeines Verfahren an-
genommen, einen Gegenstand abzubilden, ihm einen angemessen Aus-
druck zu verschaffen, indem sich die Sprache an die Sache anmißt.
Bloße Beschreibung ist auch dadurch charakterisiert, daß sich die Fra-
ge, wie solche sprachliche Abbildung überhaupt zu denken ist, nicht
stellt. Erklärung hingegen ist darum bemüht, das beschriebene Gege-
bene auf theoretische Grundverhältnisse zurückzuführen. Begriff und
Methode der Beschreibung bleiben auf dem unteren wissenschaftlichen
Niveau in einer zwiespältigen Stellung. Das Feld der Beschreibung
erstreckt sich von bloßer Beschreibung bis zur Übernahme erster Er-
klärungsleistungen, wo es zu einem höheren Begriffs- und Metho-
denverständnis überleitet.
Die deskriptiven Wissenschaften stehen im Gegensatz zu den theo-
retischen Wissenschaften, deren abstrakte Grundgesetze nicht nur ihre
Einheit verbürgen, sondern zu Erklärungsprinzipien aller möglichen
Tatsachen dienen. Insofern verwirklichen diese die Idee der Wissen-
schaft in Reinform, während jene mit dem Gewicht des Empirischen
beschwert sind. Der Vorrang der Sache macht die begründende Erklä-
rung im Rahmen der konkret-beschreibenden Wissenschaften zu et-
was Äußerlichem. In diesem Sinn unterscheidet Husserl im § 64 der
>Prolegomena< >Die wesentlichen und außerwesentlichen Prinzipien,
die der Wissenschaft Einheit geben< und gelangt darüber zu einer
Einteilung der Wissenschaften.
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 91

Die Argumentation Husserls ist an dieser Stelle jedoch etwas irre-


führend. Wenn bei den deskriptiven Wissenschaften die Erklärung
tatsächlich „in weit auseinanderliegende oder gar heterogene Theori-
en oder theoretische Wissenschaften fuhrt" (XVIII, 237), verschafft sie
diesen Wissenschaften und ihren empirischen Gegenständen schwer-
lich eine theoretische Einheit. Die Erklärung muß in den deskriptiven
Wissenschaften vielmehr um ihre eigene Einheitlichkeit bemüht sein,
was hier nur heißen kann, die verschiedenen Theorieanleihen mit den
konkreten Wahrheiten zu verschmelzen. Demnach ist es die theoreti-
sche Erklärung selbst, die sich im Rahmen der konkreten Wissen-
schaften als eine außerwesentliche erweist, nicht aber die deskriptive
Einheit dieser Wissenschaften.
Es gilt daran festzuhalten, daß die konkreten Wissenschaften ihre
Einheit allein in ihrem bestimmten Gegenstandsbereich haben. Es gibt
nicht so etwas wie eine Grundgesetzlichkeit bspw. der Geographie oder
der Geschichte, weil es auch keine theoretisch-ideale Geographie oder
Geschichte gibt. Deshalb sind Erklärungen und Begründungen in den
deskriptiven Wissenschaften niemals so einheitlich wie in den abstrakt-
theoretischen Wissenschaften. Husserl hat Recht, den wesentlichen Un-
terschied zwischen beiden Arten von Wissenschaft herauszustellen,
ebenso damit, die Einheit der Erklärung zum theoretischen Maß der
Wissenschaftlichkeit zu erklären. In seiner radikalen Front gegen die
Psychologisten ist er stets bemüht, die nichtempirischen Seiten der em-
pirischen Wahrheiten herauszustreichen.5 Das verleitet ihn an dieser
Stelle jedoch dazu, die konkreten Wissenschaften nach den abstrakten
Wissenschaften auszurichten und damit teilweise zu entstellen.
Husserl gibt zu, daß neben dem theoretischen Interesse noch ande-
re Gesichtspunkte den Wert einer Wissenschaft bestimmen. In seiner
Theorieverstiegenheit entwirft er gleichwohl eine Rangordnung der
Wissenschaften, an deren Spitze die reine Logik thront. Die konkre-
ten Wissenschaften sollen sich am theoretischen Erklärungsbestand
der abstrakten Wissenschaften bedienen und versuchen, mit ihren Be-
schreibungen an die untersten Gesetze der theoretischen Wissenschaf-
ten anzuknüpfen. Das genügt, daß die deskriptiven Wissenschaften
über bloße Beschreibungen hinauskommen und sich den Titel Wis-
senschaft verdienen. Die Bezugnahme der deskriptiven auf die theo-
retischen Wissenschaften ist einseitig. Sie führt nicht dazu, daß die

5
Vgl. M. Sukale, a.a.O., S. XIII. Ins andere Extrem der Entwertung des Idealen ver-
fällt die Gegenseite ebenso notorisch, nicht nur Quine, wie Sukale zeigt, sondern
auch der späte Wittgenstein. Siehe hierzu P. M. S. Hacker, Einsicht und Täuschung
Wittgenstein über Philosophie und die Metaphysik der Erfahrung. Frankfurt a. M.
1978, S. 237.
92 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

gegenüber den Psychologisten geltend gemachten „grundwesentli-


chen und ewig unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Idealgesetz
und Realgesetz" (XVIII, 79 f.) aufgeweicht würden.
Daß den vom theoretischen Standpunkt verächtlich behandelten
deskriptiven Wissenschaften die Anknüpfung an die Erklärungsprin-
zipien der theoretischen Wissenschaften gelingt, läßt Husserl nicht als
eine Vermittlung gelten. Die theoretischen Wissenschaften haben
nichts damit zu tun, wenn sich nomologisch minderwertige Wissen-
schaften an ihre Gesetze halten. In dieser von der Theorie bestimmten
Ordnung wird schroff zwischen den Wissenschaften unterscheiden.
Die Frage, welche Anwendung die reinlogischen Gesetze überhaupt
finden und wodurch die Ausrichtung an ihnen praktisch motiviert ist,
erklärt Husserl allein mit der formalen Widerspruchslosigkeit, die em-
pirische Sätze dadurch gewinnen, daß sie diesen Gesetzen als prakti-
schen Normen folgen.

Vage und exakte Beschreibungen

Beim Versuch, die Psychologie mit ihren eigenen Waffen auf dem
fremden Feld der Logik zu schlagen, werden die empirisch-psycholo-
gischen Beschreibungen ansatzweise in Werkzeuge einer ideal-apo-
diktischen Wissenschaft verwandelt. Die Gültigkeit der Aussagen und
Gesetzmäßigkeiten der Psychologie soll auf den Bereich der Empirie
beschränkt, die Gesetze der reinen Logik hingegen durch apodikti-
sche Evidenz und absolute Exaktheit charakterisiert und grundsätzlich
davon unterschieden werden. Bei Beschreibungen kommt es Husserl
auf Exaktheit an, selbst wenn diese, wie im Fall der Beschreibung der
Übergänge zwischen allgemeinem Wissen und individuellen Wissens-
akten, mit Weitläufigkeiten einhergeht (XVIII, 28).
Der unterschiedliche Gebrauch, der von Beschreibung gemacht
werden kann, kommt bei der Diskussion des Charakters des Satzes
vom Widerspruch als eines Naturgesetzes zum Vorschein. Husserl
wirft den „verschiedenen gelegentlichen Formulierungen des vermeint-
lichen Gesetzes" vor, nur „sehr nachlässige Ausdrücke" (XVIII, 104)
der psychologischen Tatsachen, beispielsweise der Unverträglichkeit
sich widersprechender Urteile, zu sein. Statt dessen müßte die Kritik
des Gesetzescharakters psychischer Phänomene anhand „einer begriff-
lich genauen Beschreibung und Umgrenzung der uns wohl vertrauten
Erfahrung unternommen" werden. Ohne diese „streng wissenschaftli-
che Haltung" bleiben die empirischen Verallgemeinerung „mit einer
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 93

des Genaueren überhaupt nicht fixierbaren Unbestimmtheitssphäre


behaftet'" (XVIII, 104).
Auf dem von der Psychologie besetzten Gebiet der Erkenntnistheo-
rie und Logik kämpft Husserl gegen die Folgen begrifflicher Nachläs-
sigkeit, beispielsweise den Begriff des Gesetzes in einem vagen Sinn
zu gebrauchen und dadurch den Unterschied zwischen psychologi-
schen und logischen Gesetzen einzuebnen. Beschreibung, wie sie Hus-
serl fordert, steht in einem Gegensatz zur Vagheit. Sie vollzieht sich
in dem besonderen Fall als „Achtsamkeit auf den schlichten Bedeu-
tungsgehalt des logischen Gesetzes" (XVIII, 105) vom Widerspruch.
Darin ist die allgemeine Tendenz angedeutet, die Gesetze der Logik
überhaupt durch rein begriffliche Beschreibung aufzuklären, wobei
jeglicher Bezug auf die Empirie entfällt.
Den Gebrauch, den Husserl vom Begriff Genauigkeit und vom Be-
griff Exaktheit, als der jeweils höchsten Genauigkeit, macht, stellt ei-
ne Übertragung des Begriffsgebrauchs von den Naturwissenschaften
auf die Logik und Erkenntnistheorie dar. Im Bereich der mathema-
tisch-empirischen Naturwissenschaften spielt numerisch-rechnerische
Genauigkeit eine herausragende und allgemein anerkannte Rolle. Sie
findet sich hier nicht nur jeweils in einem bestimmten Grad, von ihr
ist gerade deshalb die Rede, weil dieser Grad fast beliebig erhöht
werden kann. Die Exaktheit in den Naturwissenschaften ist zwar nie
absolut, sie läßt sich als absolute aber idealerweise unterstellen. Im
Bereich der Logik allerdings verwandelt sich der Begriff dadurch,
daß die Exaktheit der logischen Erkenntnis aus dem Formalbegriff-
lichen erwächst, in welchem Bereich es keine mehr oder weniger
große, sondern nur absolut exakte Erkenntnis gibt.
Die Interpretation des Idealen als begrifflich absolut Exaktes macht
das Ideale jedoch von seiner begrifflichen Darstellung abhängig. Der
Begriff der Exaktheit gewinnt unter der Hand die charakteristische
Spielbreite der Genauigkeit zurück, dadurch daß Husserl das Projekt
einer reinen Logik zu dem Projekt einer Wissenschaft von den reinen
Bedeutungen ausweitet. Hierbei genügt es nicht, daß deren Evidenz
aufscheint - sie will auch beschrieben sein. In der Kombination mit
Beschreibung, so wie Husserl von einer „exakt zu beschreibenden Wei-
se" (XVIII, 28) oder „exakt umschriebenen Verhältnissen" (XVIII, 72)
spricht, wird der Begriff der Exaktheit aufgeweicht. Denn obwohl die
exakten Beschreibungen strikt den „empirischen Vagheiten" (XVIII,
73) gegenüberstellt werden, muß er einräumen, daß sie mit Weitläufig-
keiten verbunden sind, die der exakten Beschreibung vor allem durch
Äquivokationen entstehen.
94 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Exaktheit der Beschreibung als reine Begriffsdefinition läßt sich


nur im engen Rahmen des Logischen verwirklichen. Solche Defini-
tionen geben sich kaum noch als Beschreibungen zu erkennen und
werden auch nicht eigens als Beschreibung ausgewiesen. So analysiert
Husserl beispielsweise bei der Bestimmung des Begriffs der normati-
ven Wissenschaft die „wesentlichen Formen allgemeiner normativer
Sätze" (XVIII, 55). Da die Allgemeinheit der normativen Wissen-
schaft und ihrer Sätze „»rein begrifflicher« Art" ist, spricht er ihnen
„den Charakter von Gesetzen im echten Sinne des Wortes" (XVIII,
55) zu. Im Zuge einer solchen Analyse gelangt Husserl bspw. zur De-
finition des Begriffs des normativen Urteils:
Mit Beziehung auf eine zugrunde liegende Werthaltung und den hier-
durch bestimmten Inhalt des zugehörigen Paares von Wertprädikaten
heißt jeder Satz ein normativer, der irgendwelche notwendige oder hin-
reichende, oder notwendige und hinreichende Bedingungen für den Be-
sitz eines solchen Prädikates ausspricht. (XVIII, 56)
In die kompakte Definition gehen die vorangehenden Analysen ein,
die wieder herausgelöst werden müssen, um die Verständlichkeit der
Definition zu sichern. Auf diesem Weg kommt die Beschreibung
recht eigentlich zum Zuge. Bei normativen Urteilen handelt es sich
um Sätze, die ein Sollen, Dürfen, Müssen oder Genügen usw. beja-
hend oder verneinend zum Ausdruck bringen. Die verschiedenen
Hilfsverben regeln die Stärke des normativen Anspruchs. Dem nor-
mativen Satz, beispielsweise »Ein Krieger soll tapfer sein«, liegt eine
Werthaltung zugrunde, die sich in positiver oder negativer Weise
(Billigung - Mißbilligung, Hochschätzung - Geringschätzung, etc.)
auf den Gegenstand bezieht, d.h. in Bezug auf das Beispiel zwischen
guten oder schlechten Kriegern zu unterscheiden weiß.
Durch die spezifische Werthaltung ist von dem Gegenstand ein po-
sitiver bzw. negativer Begriff gewonnen, ungeachtet dessen subjekti-
ven oder objektiven Geltungsanspruchs. Anhand des Begriffs des
Guten und Schlechten eines bestimmten Gegenstands lassen sich die
Bedingungen formulieren, die die Anwendung der Wertprädikate auf
den Gegenstand erlauben bzw. rechtfertigen. Normative Urteile spre-
chen die Bedingungen aus, die das Gut- oder Schlechtsein eines Ge-
genstandes verbürgen. Ein guter Krieger muß demzufolge tapfer, er
darf nicht feige sein.
Die Definition normativer Urteile hat den Charakter einer reinen
Begriffsbestimmung. Im Bereich des rein Begrifflichen, der dem Be-
reich psychologischer Erfahrung gegenübersteht, ist Einsicht in eine
ideale Gesetzlichkeit möglich. „Die apodiktische Evidenz erstreckt
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 95

sich dann auch auf eine psychologische Nutzanwendung" (XVIII,


100). In der Begriffsdefinition stößt die Beschreibung an die Grenze
des Exakten und Formalapodiktischen. Von Phänomenen ist die Be-
schreibung dabei am weitesten entfernt. Die Trias von Beschreibung,
Analyse und Deutung schrumpft auf eine formale Begriffsauslegung
zusammen. Die Beschreibung bekommt in der reinen Logik den glei-
chen Sinn von bloßer Beschreibung wie am anderen Ende der reinen
Empirie, nur daß sie sich als Begriffsdefinition kaum noch selbst er-
kennt.
Die Beschreibung richtet sich auf Gegenstände in einem weit-
gefaßten Sinn, der genauso empirische Erscheinungen wie logische
Begriffe umfaßt. Sie hat den Gegenstand so wiederzugeben, wie er
sich gibt bzw. im Bewußtsein gegeben ist. Wegen ihrer mimetischen
Aufgabe findet die Art und Weise der deskriptiven Behandlung des
Gegenstands meist nur wenig Beachtung. Diesbezüglich stimmen
bloße Beschreibung empirisch-psychologischer und reine Beschrei-
bung logisch-begrifflicher Gegenstände überein, daß sie ihren jewei-
ligen Gegenstand geradehin darstellen und sich ihm angleichen.
Beschreibung hat dabei den Anschein eines einfachen Verfahrens der
Darstellung, wie unterschiedlich die Gegenstände auch sind. Das ab-
wertende „Bloße" ist eine Erscheinung des Einfachen genau wie das
aufwertende „Reine". In dem Maße, wie im Rahmen der Logik das
Interesse den formalen Begriffen und ihren Verbindungen gilt und die
Ansprüche an die Begrifflichkeit die höchsten sind, werden Beschrei-
bung zu formal-exakten Definitionen. Nicht nur ihre Inhalte verän-
dern sich, auch ihre Form wandelt sich mit den Gegenständen.

Wahrheit als Erlebnis und die Ideation

Das zwiespältige Anliegen der >Prolegomena< ist es, die völlige Un-
abhängigkeit der Wahrheiten der Logik von der Psychologie zu er-
weisen und ihnen gleichwohl eine Grundlage in einer speziellen
Erfahrung zu verschaffen. Hiermit befindet sich Husserl im Wider-
spruch zur Mehrzahl seiner Zeitgenossen. Die Kritik von deren Auf-
fassungen bleibt jedoch solange negativ, bis der Beweis erbracht ist,
daß die Idealität der logischen Wahrheiten auf spezifische Weise er-
fahrbar ist. Den konkreten phänomenologischen Beweis diesbezüglich
tritt Husserl erst in der 6. LU mit der Theorie kategorialer Erfahrung
an. Die Argumentation wird in den >Prolegomena< vorbereitet, wo
Husserl versucht, die mögliche Erfahrbarkeit des Idealtheoretischen
durch eine Evidenztheorie der Wahrheit zu erweisen.
96 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Die Evidenztheorie ist von doppeltem Interesse für die vorliegende


Untersuchung. Einerseits rücken mit ihr die phänomenologischen
Gegenstände ins Blickfeld und wird gleichermaßen ihre phänomeno-
logische Behandlung gerechtfertigt. Andererseits korrespondiert der
Evidenz- die Beschreibungstheorie. Sie stellt das Bindeglied dar zwi-
schen den neuartigen Phänomenen und deren reinen Beschreibungen.
Husserl selbst geht auf die Zusammenhänge von Evidenztheorie, phä-
nomenologischem Phänomenbegriff und Beschreibungstheorie kaum
ein. Gerade was letztere betrifft, werden die gegenseitigen methodi-
schen Beziehungen von Husserl in den gesamten >Logischen Unter-
suchungen nie klar gefaßt. Die Vernachlässigung der Beschreibungs-
gegenüber der Evidenztheorie ist eklatant.
Das Ideale, um das es Husserl in der logischen Grundlagendebatte
geht, soll keine bloße Abstraktion von psychischen Phänomenen, son-
dern ein Begriffliches sein, das in rein-logischen Zusammenhängen
auftritt. Dabei soll es in einer ausgezeichneten Evidenz erfaßbar sein,
nicht wie in der >Philosophie der Arithmetik< als abstrakter Begriff,
sondern als Idee selbst. Deren Wahrheit soll als evidentes Erlebnis
ausgewiesen werden. Da sie weder zeitlich noch individuell ist, ent-
geht sie der empirischen Erfahrung. Wahrheiten sind Husserl zufolge
keine empirischen Gesetzen unterworfene Tatsachen. Er spricht von
ihnen als einer Art Verkörperung des Idealen.
Die Wahrheit „erfassen" wir nicht wie einen empirischen Inhalt, der im
Flusse psychischer Erlebnisse auftaucht und wieder verschwindet; sie
ist nicht Phänomen unter Phänomenen, sondern sie ist Erlebnis in je-
nem total geänderten Sinn, in dem ein Allgemeines, eine Idee ein Er-
lebnis ist. (XVIII, 134 f.)
Das mit der Wahrheit gleichgesetzte Ideale ist nicht nur überempi-
risch und überzeitlich (XVIII, 134), sondern auch überphänomenal.
An Beispielen versucht Husserl deutlich zu machen, wie im Unter-
schied zu realen Gegenständen ideale Einheiten erfaßt werden. Er
führt zu diesem Zweck den Begriff der Ideation ein. Sie vollbringt die
Leistung, „im Einzelnen das Allgemeine, in der empirischen Vorstel-
lung den Begriff zu erfassen" (XVIII, 109 (A 101 )6). Die wiederholte

Da die vorliegende Arbeit auf die erste Auflage der >Logischen Untersuchungen
beschränkt ist, beziehen sich auch alle Zitate auf diese Ausgabe. Einen Hinweis
darauf, daß eine zitierte Stelle von der zweiten und den ihr, von einigen Druckfeh-
lerkorrekturen abgesehen, folgenden beiden zu Husserls Lebzeiten erschienenen
deutschen Ausgaben abweicht, geben die in diesen Fällen neben dem Stellennach-
weis der Husserliana-Ausgabe zusätzlich vemierkten Seitennachweise der ersten
Auflage (in diesem Fall: A 101). In den wenigen Fällen, wo wir auf die zweite
Auflage verweisen, wird dies ebenfalls kenntlich gemacht.
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 91

Ideation vermittelt „die evidente Erkenntnis von der Idealität dieser


idealen, in den einzelnen Akten gemeinten Einheiten" (XVIII, 135)
sowie die Einsicht in die Identität des Idealen, unter die das mannig-
faltige Einzelne der Möglichkeit nach fällt.
Husserl sagt an dieser Stelle deutlich, „daß wir im Hinblick auf
mehrere Akte solcher Ideation" evidente Erkenntnis gewinnen. Das
relativiert Adornos Interpretation, wonach „der späte Husserl, der als
Transzendentalphilosoph die grob dualistische, »deskriptive« These
von der im isolierten Akt bewußt werdenden idealen Einheit der Spe-
zies nicht mehr verteidigen mochte, sie in einer sehr subtilen Theorie,
der der »eidetischen« Variation", abgewandelt hat. „Ihr zufolge ist
das Individuelle vorweg »Beispiel« für sein ELÖOC;."7
Das Individuelle und Konkrete ist aber von Beginn an der Aus-
gangspunkt der Phänomenologie als Fundamental- oder Wesenswis-
senschaft und die »deskriptive« Konzeption der Wesenserfassung zu-
mindest nicht in der Hinsicht grob, daß sie von einzelnen Aktanalysen
letztgültige Einsicht erwartet. Es wird an dieser Stelle der >Prolego-
mena< vielmehr deutlich, daß Ideation die Vorlage für Husserls späte-
re Theorie der eidetischen Variation abgibt. Was aus dieser Methode
für Husserls Wesenskonzeption folgt, kann demzufolge schon für sei-
nen frühen Ideenbegriff Geltung beanspruchen.
Sind Wesen als konstituierte Gegenstände eidetischer Variation trans-
zendent gegenüber der Aktmannigfaltigkeit des Variierens, so teilen
sie, unbeschadet ihrer Idealität, mit aller transzendenten Gegenständ-
lichkeit die phänomenologische Grundeigentümlichkeit, niemals ad-
äquat gegeben zu sein. Zwar schatten sie sich nicht ab wie weltliche
Erfahrungsgegenstände. Doch resultiert aus dem Hergang der eideti-
schen Variation, daß sie niemals endgültig bestimmbar sind. Husserls
häufig in Anspruch genommene Wesensevidenz bleibt mithin, wenn
auch in anderer Weise als Erfahrungsevidenz, ebenfalls grundsätzlich
„Evidenz unter Präsumtion".8
Der Wiederholungs- bzw. Variationscharakter der Ideation stellt eine
Relativierung der phänomenologischen Möglichkeiten dar, Wesen zu
erforschen. Wird die Ideation dadurch zu einem empirischem Verfah-

7
Th. W. Adorno, a.a.O., S. 123.
8
E. Ströker; P. Jansen, Phänomenologische Philosophie. Freiburg (Breisgau); Mün-
chen 1989, S. 86 f. Das Binnenzitat stammt aus E. Husserl, Erste Philosophie
(1923/4) Zweiter Teil: Theorie der phänomenologischen Reduktion. Husserliana,
Bd. VIII. Den Haag 1959, S. 383. - An Haardts Relativierung des Wesens zum In-
begriff wesentlicher Eigenschaften einer Sache, auf die weiter oben hingewiesen
wurde, ist bezeichnend, daß das Verfahren freier Variation, das zur Ermittlung sol-
cher Eigenschaften herangezogen wird, den eidetischen Charakter des Husserl-
schen Vorbildes preisgibt. _ .

StMtebibttottwk |
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98 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

ren der Begriffskonstruktion? In welcher Beziehung steht die Ideation


zu den Ideen? Liegt hier ein Begründungsverhältnis der Ideen durch
Ideationen vor, so daß doch von einem Psychologismus gesprochen
werden müßte? Tatsächlich wird am Konzept der Ideation deutlich,
daß die Frage des Psychologismus nicht mit der kategorischen Unter-
scheidung der Geltungsansprüche des Realen und Idealen entschieden
ist. Es kommt immer noch darauf an, wie wir zur Erkenntnis des Rea-
len und des Idealen gelangen und welche Geltung diese Erkenntnisse
beanspruchen dürfen.
Ist es für eine erkenntnistheoretische Ausweisung idealen Seins ideal
notwendig, dessen reale psychologische Gegebenheit zu beschreiben,
so werden wir von neuem mit dem Grundproblem des Psychologismus
konfrontiert. Wer behauptet, das ideale Sein rein logischer Gegenstände,
d.h. ihre ideale Geltung habe ihren erkenntnistheoretischen „Ursprung"
im empirisch-psychologischen Akte der „Ideation", der begründet idea-
les Sein durch reale Tatsachen und ist somit ein echter Psychologist. Es
ist also nicht genügend, die Erfassung des Idealen von der Erfassung
des Realen abzuheben (vgl. Husserliana, Bd. XVIII, 134 f.), um dem
Psychologismus zu entgehen. Es bedarf des weiteren einer nicht-empiri-
schen Beschreibung der Ideation. Es bedarf einer Beschreibung, welche
die Ideation nicht als ein reales Faktum, nicht als eine psychologische
Tatsache in Anspruch nimmt.9
Offenbar wird hier die erkenntnistheoretische Ausweisung mit der
Geltung idealen Seins verwechselt. Husserl betont jedoch ausdrück-
lich, daß die Geltung der logischen Gesetze und Begriffe als idealer
Einheiten nicht von der Möglichkeit der Ideation abhängt (XVIII,
109). Daraufstützt sich seine ganze Psychologismuskritik, die den
Ideen Sein und Geltung unabhängig von allem Denken, aller Existenz
und Realität zuerkennt.
Insofern Husserl die Geltung strikt von der erkenntnistheoretischen
Ausweisung idealen Seins in der Ideation unterscheidet, kann ihm
selbst kein Psychologismus nachgesagt werden. Daß für eine solche
Ausweisung die Beschreibung realer psychischer Gegebenheiten
notwendig sei, hat nichts mit der idealen Geltung eben dieser Gesetze
zu tun. Was es heißen soll, daß ein solcher Bezug „ideal notwendig"
wäre, wenn ideal nicht unbedingt meinen soll, ist fraglich. Weil für
Husserl keineswegs „das ideale Sein rein logischer Gegenstände, d.h.
ihre ideale Geltung", sondern höchstens dessen Ausweisung „ihren er-
kenntnistheoretischen »Ursprung« im empirisch-psychologischen Ak-
te der »Ideation«" hat, ist es keineswegs gerechtfertigt, ihm hier die

9
R. Bernet; I. Kern; E. Marbach, Edmund Husserl. Darstellung seines Denkens
Hamburg 19962, S. 39.
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 99

Begründung idealen Seins durch reale Tatsachen und damit einen


Psychologismus reinsten Wassers anzuhängen.
Wenn bei idealen gegenüber real-psychologischen Geltungsansprü-
chen Husserls Position keinerlei Zweifel erlaubt, so ist doch fraglich,
welchen Charakter die phänomenologische Ausweisung idealen Seins
durch Ideation hat. Ist also die Forderung berechtigt, auch „die Erfas-
sung des Idealen von der Erfassung des Realen abzuheben, um dem
Psychologismus zu entgehen", und die Ideation nicht-empirisch zu
beschreiben? Entspricht dem Geltungsgegensatz des Idealen und Rea-
len ein Gegensatz ihrer möglichen Erfassung? Das sind Fragen, die
über die in den >Prolegomena< dominante Problematik der Geltung
und Berechtigung einer reinen Logik hinausgehen. Genau ihnen ge-
genüber entdeckt Husserl die Möglichkeit einer neuen Fundamental-
und Wesenswissenschaft, die er als deskriptive Psychologie, Phäno-
menologie, reine Psychologie und transzendentale Phänomenologie in
der Entwicklung seines Denkens immer schärfer zu fassen sucht.10
Husserl ist der Meinung, daß das Ideale tatsächlich anders erfaßt
wird als das Reale. Zeitlebens versucht er, die Besonderheit der Er-
fassung des Idealen gegenüber derjenigen des Realen kenntlich zu
machen und als Verfahren der Ideation, Wesensschau, eidetischen
Variation oder EJTOXJ] zu profilieren. Dabei bemüht er sich, das Idea-
le nicht nur als ein Abstraktes, sondern gerade als ein Anschauliches
aufzuweisen. Mit einer nicht-empirischen, nicht-psychologischen Be-
schreibung der Ideation ist natürlich nicht gemeint, daß die phänome-
nologische Einsicht sich nicht in einem psychischen Prozeß ergeben
solle, was unerläßlich und mithin trivial ist. Gemeint ist, daß die Idea-
tion nicht als Ableitung aus realen, empirischen Tatsachen beschrie-
ben werden darf, weil sie dann lediglich als eine empirische Verallge-
meinerung gelten kann. Als eine nichtempirische Verallgemeinerung
muß die Ideation von Einzelfällen ausgehen, deren Existenz dahinge-
stellt sein kann. Das ist der Weg, den Husserl in der Folgezeit mit
dem Verfahren der phänomenologischen Reduktion einschlägt.
In den >Logischen Untersuchungen ist die Bestimmung der Ideati-
on noch schwankend. Zum einen wird der besondere, neuartige Cha-
rakter der Wesenserfassung in der Ideation betont. Zum anderen stellt
sich die Ideation gelegentlich noch als empirisches und damit psycho-
logistisches Verfahren dar, von einzelnen Tatsachen zu allgemeinen
Ideen zu kommen. Die in der Ideation erfaßten Ideen werden dadurch
von den zugrundeliegenden Tatsachen in einer Weise abhängig, die

Vgl. U. Melle, Husserls Kritik und Reform der Psvchologie. In: Brentano Studien,
Bd. VI, 103-123, S. 108.
100 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

die betonte ideale Geltung der Ideen selbst relativiert. Solche psycho-
logistischen Züge der Ideation bleiben nicht ohne Einfluß auf Hus-
serls Bestimmung des Phänomens, worauf wir bei der Betrachtung
der phänomenologischen Fundierungskonzeption im Kapitel 9 genau-
er eingehen.
Am Beispiel der Zahl Fünf unterscheidet Husserl in den >Prolego-
mena< die empirischen Tatsachen des Zählens, Rechnens und Operie-
rens, die als psychische Akte in den Bereich der Psychologie fallen,
von der idealen Spezies. Bei dieser strikten Trennung bleibt Husserl
jedoch nicht stehen. Er versucht darüber hinaus, das Bewußtsein der
Idee selbst auszuweisen. Die Beschreibung, wie wir zu idealen Ge-
genständen gelangen, ist jedoch selbst keine Beschreibung eines idea-
len Gegenstandes. Es geht hier darum, wie die Ideation zu vollziehen
ist.
Vergegenwärtigen wir uns voll und ganz, was die Zahl Fünf eigentlich
ist, erzeugen wir also eine adäquate Vorstellung von der Fünf, so wer-
den wir zunächst einen gegliederten Akt kollektiver Vorstellung von
irgendwelchen fünf Objekten bilden. In ihm ist, als seine Gliederungs-
form, ein Einzelfall der genannten Zahlenspezies anschaulich gegeben.
In Hinblick auf dieses anschauliche Einzelne vollführen wir nun eine
„Abstraktion", d.h. wir heben nicht nur das Einzelne, das unselbständi-
ge Moment der Kollektionsform heraus, sondern wir erfassen in ihm
die Idee: Die Zahl Fünf als Spezies tritt in das meinende Bewußtsein.
Das jetzt Gemeinte ist nicht dieser Einzelfall, es ist nicht die kollektive
Vorstellung als Ganzes, noch die ihr innewohnende, obschon für sich
nicht lostrennbare Form; gemeint ist vielmehr die ideale Spezies, die
im Sinne der Arithmetik schlechthin eine ist, in welchen Akten sie
auch gegenständlich werden mag, und die somit ohne jeden Anteil ist
an der individuellen Einzelheit des Realen mit seiner Zeitlichkeit und
Vergänglichkeit. (XVIII, 174 f.)
Einzelfall und Idee stehen sich gegenüber; beide werden in realen
Bewußtseinsakten erfaßt. Die Auffassung der Idee hat ihre psycholo-
gischen Grundlagen; sie baut auf Einzelerfahrungen auf. Aber dieser
Zusammenhang und die abstraktive Grundlage sind nicht wesentlich
für die Idee als solche. Es kommt Husserl zuerst darauf an, zu zeigen,
daß tatsächlich die Idee gemeint ist, nicht bloß ein Begriff, der sie
vertritt.
Verhilft die Ideation im empirischen Bereich lediglich zu einem
Ideal der Erkenntnis, so realisiert sie sich im mathematisch-logischen
Bereich rein begrifflicher Erkenntnis. Dieser beschränkte Bereich, in
dem Begriffe wie Wahrheit, Satz, Gegenstand, Beschaffenheit, Be-
ziehung, Verknüpfung, Gesetz und Tatsache eine entscheidende Rolle
spielen, erlaubt die Einsicht in allgemeingültige Zusammenhänge und
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 101

Beziehungen, die einzig aus den Begriffen selbst entspringen. Hier


finden sich die reinen Gegenstände, um die es Husserl geht, in einer
logischen Ordnung. Er weist die logischen Ideen in zweifacher Weise
aus. Zum einen versucht er ihren idealen Charakter durch den Ver-
gleich zu empirisch-psychischen Tatsachen zu bestimmen. Zum ande-
ren umreißt er ihren Bereich, indem er die Weise beschreibt, in denen
sie erfahrbar sind. Der ausgezeichnete Zugang zu den Ideen ist eine
spezifische Evidenz, die von derjenigen empirischer Erfahrung quali-
tativ verschieden ist.
Von evidenter Erfahrung des Idealen ist in den >Prolegomena<
wiederholt die Rede. Die Erfahrung der Evidenz wird beschrieben als
die „lichtvolle Gewißheit" (XVIII, 28, 119), im Besitz der Wahrheit
selbst zu sein. Husserl räumt zwar ein, daß über das Erlebnis der Evi-
denz nur ein kleiner und primitiver Teil der logischen Wahrheiten,
der überwiegende Teil hingegen durch Begründungen anhand symbo-
lischer Operationen, deren Regeln und Zusammenhänge festgelegt
sind, erschlossen wird. Trotzdem setzt er alles daran, Evidenz als Er-
fahrung von Idealem auszuweisen und darüber seinen logischen Idea-
lismus zu rechtfertigen. Gegenüber der psychologischen Interpretation
der Evidenz als eines besonderen Gefühls, das mit wahren Urteilen
mehr oder weniger zufällig einhergeht, oder zu ihnen hinzukommt,
erklärt Husserl Evidenz als Erlebnis der Wahrheit.
Erlebt ist die Wahrheit natürlich in keinem andern Sinne, als in welchem
überhaupt ein Ideales im realen Akt erlebt sein kann. Mit anderen Wor-
ten: Wahrheit ist eine Idee, deren Einzelfall im evidenten Urteil aktuel-
les Erlebnis ist. (XVIII, 193)
Diese Definition der Wahrheit zeichnet aus, daß zwischen Wahrheit
und Evidenz nicht allein ein Verhältnis von Allgemeinem und Ein-
zelnem, Idealem und Realem hergestellt, sondern dieses Verhältnis
erlebt wird. Die Rede von Evidenzerlebnis leistet hier mehr, als die
Aktualität eines wahren Urteilsvollzugs zu bezeichnen. Husserls eigene
Erläuterung des Evidenzerlebnisses als „Erlebnis der Zusammenstim-
mung zwischen der Meinung und dem Gegenwärtigen, Erlebten, das
sie meint" (XVIII, 193 f.) schmälert dessen Bedeutung. Hier wird die
Wahrheit zur bloßen Idee dieser Zusammenstimmung, wodurch sich
Husserls Theorie der Wahrheit einer Adäquationstheorie der Wahr-
heit angleicht. In einem starken Sinne jedoch verbürgt das Erlebnis
der Evidenz die Wahrheit und macht sie gleichermaßen im Bewußt-
sein auffindbar. Durch Evidenz ist dann gerade derjenige Erlebnistyp
ausgezeichnet, der mit wahrer Erkenntnis als solcher verbunden ist
(XVIII, 239).
102 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Sofern die in der Evidenz erlebte Wahrheit mehr sein will als phä-
nomenale Wahrheit, sofern sie faktische Wahrheit zu sein vorgibt,
sind ihre radikalen Ansprüche berechtigterweise als phantastisch zu-
rückzuweisen." „Daß der Vollzug der identifizierenden Deckung noch
keine aktuelle Wahrnehmung der gegenständlichen Übereinstimmung
ist, sondern daß sie dazu erst wird durch einen eigenen Akt objekti-
vierender Auffassung, durch ein eigenes Hinsehen auf die vorhandene
Wahrheit"12, sieht Husserl selbst.
Zum einen kann die Unterscheidung von vier Wahrheitsbegriffen
im § 39 der 6. LU die in den >Prolegomena< vertretene Evidenztheo-
rie der Wahrheit entscheidend vertiefen. Zum anderen kann diese
Wahrheitstheorie ihre Geltung dort behaupten, wo phänomenale und
reale Ebene zusammenfallen, bzw. neben der phänomenalen Ebene die
reale Ebene wegfällt, an der sich sonst alles Phänomale, insbesondere
alle phänomenal erlebte Evidenz ausweisen müßte.
In diesem Grenzfall, wo der intendierte Gegenstand zum reellen Inhalt
des Erlebnisses selbst gehört, tritt zugleich auch die Evidenz der „in-
neren Wahrnehmung" in Aktion, wir haben nicht nur die Evidenz der
Unterschiedenheit der intendierten Data, sondern auch die von ihrem
wirklichen Dasein. (XIX/1, 203 (A 197))
Es handelt sich dabei um in der Reflexion auf Bewußtseinserlebnisse
zum Gegenstand gemachte Phänomene und die Evidenz bei ihrer Be-
stimmung. Bei den Bewußtseinserlebnissen, die sich als Reflexions-
phänomene des Bewußtseins bezeichnen lassen, kann mit der Evidenz
Wahrheit im absoluten Sinn beansprucht werden. Hier ist das eigent-
liche Feld der Phänomenologie, das Husserl durch die Methode der
phänomenologischen Reflexion und später derjenigen der Reduktion
systematisch erschließt. Die Methode kündigt sich in den >Logischen
Untersuchungen an, wenn Husserl bei der Analyse der Bewußtseins-
erscheinungen und Empfindungsinhalte davon spricht, willkürlich
von jeder Deutung abzusehen (XIX/1, 203).

G. Patzig, Kritische Bemerkungen zu Husserls Thesen über das Verhältnis von


Wahrheit und Evidenz. In: Neue Hefte fiir Philosophie, 1 (1971), 12-32, S. 28 f.
E. Husserl, Logische Untersuchungen. Zweiter Band: Untersuchungen zur
nomenologie und Theorie der Erkenntnis. Zweiter Teil. Husserliana, Bd. XIX/2,
Den Haag 1984, S. 652. Fortan mit Band- und Seitenangabe im Text ausgewiesen.
DER WEG [N DIE PHÄNOMENOLOGIE 103

Begriffsfixierungen und das Äquivokationsproblem

Wie wenig erst die Beschreibung als phänomenologische Grundauf-


gabe herausgestellt und ihr Begriff terminologisch gefaßt ist, zeigt
sich daran, daß Husserl genau wie in der >Philosophie der Arithmetik<
oft noch von Umschreibung in einem vergleichbaren Sinn spricht. So
ist von exakter bzw. äquivalenter Umschreibung psychologischer Ver-
hältnisse, logischer Prinzipien oder Gesetze ebenso die Rede wie von
begrifflicher Gebietsumschreibung (XVIII, 72, 98, 146, 209), also in
Bereichen, die Husserl bemüht ist, strikt auseinanderzuhalten. Die ge-
ringe terminologische Bestimmtheit des Beschreibungsbegriffs erweist
sich auch daran, daß Husserl das Prinzip dessen, was später als phä-
nomenologische Beschreibung auftritt, im § 67 als die Aufgabe der
Fixierung der reinen Bedeutungs- und Gegenstandskategorien erklärt.
Hier, in den letzten Paragraphen der >Prolegomena<, findet sich das
Programm einer apriorischen Disziplin, das ebenso das vorläufige
Programm der künftigen Phänomenologie wie die methodische Auf-
gabe der Beschreibung umreißt.
Die Aufgabe der ins Auge gefaßten rein logischen Wissenschaft
besteht zuerst darin, „die wichtigeren und zumal die sämtlichen pri-
mitiven Begriffe festzustellen bzw. wissenschaftlich zu klären, die
den Zusammenhang der Erkenntnis in objektiver Beziehung und ins-
besondere den theoretischen Zusammenhang »möglich machen«."
(XVIII, 244) Hierzu gehören zum einen die Klasse derjenigen Begrif-
fe, die Kategorien von Bedeutungen sind: Begriff, Satz und Wahrheit
usw., im weiteren die Begriffe ihrer Verknüpfung, zum andern die
Klasse derjenigen rein formalen Begriffe, die Kategorien von Gegen-
ständen sind: Gegenstand, Sachverhalt, Einheit, Vielheit, Anzahl, Be-
ziehung, Verknüpfung usf.
Alle diese Begriffe sind nun zu fixieren, ihr „Ursprung" ist einzelweise
zu erforschen. Nicht als ob die psychologische Frage nach der Entste-
hung der bezüglichen begrifflichen Vorstellungen oder Vorstellungs-
dispositionen für die fragliche Disziplin das geringste Interesse hätte.
Um diese Frage handelt es sich nicht; sondern um den logischen Ur-
sprung, oder - wenn wir es vorziehen, die unpassende und aus Unklar-
heit erwachsende Rede vom Ursprung ganz zu beseitigen - es handelt
sich um Einsicht in das Wesen der bezüglichen Begriffe und in metho-
dologischer Hinsicht um Fixierung eindeutiger, scharf unterschiedener
Wortbedeutungen. Zu diesem Ziele können wir nur durch Vergegen-
wärtigung des Wesens oder bei komplizierten Begriffen durch Erkennt-
nis der Wesenhaftigkeit der ihnen einwohnenden Elementarbegriffe
und der Begriffe ihrer Verknüpfungsformen gelangen. All das sind nur
vorbereitende und scheinbar geringfügige Aufgaben. Sie kleiden sich
104 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

in erheblichem Maße notwendig in die Form terminologischer Erörte


rungen und erscheinen Unkundigen gar leicht als kleinliche und öde
Wortklaubereien. Aber so lange die Begriffe nicht unterschieden und
geklärt sind, ist alle weitere Bemühung hoffnungslos. In keinem Er
kenntnisgebiet zeigt sich die Äquivokation verhängnisvoller, in keinem
hat die Verworrenheit der Begriffe den Fortschritt der Erkenntnis so
sehr gehemmt, ja schon in ihrem Anfang, die Einsicht in die wahren
Ziele, so sehr unterbunden, wie im Gebiet der reinen Logik. Die kriti
schen Analysen dieser Prolegomena haben dies überall gezeigt. Man
kann die Bedeutung der Probleme dieser ersten Gruppe kaum zu hoch
anschlagen, und es ist fraglich, ob nicht gerade bei ihnen die größten
Schwierigkeiten der ganzen Disziplin liegen. (XVIII, 246)
Die Passage steht in einem deutlichen Bezug zu dem methodischen
Programm der >Philosophie der Arithmetik^ Jeweils geht es um Be
griffsdefinition. Anstelle des früher verfolgten psychologischen Ver
weises auf Phänomene und begriffliche Abstraktionsvorgänge wird
nun ein nichtpsychologischer Begriffsursprung geltend gemacht. Die
Theorie psychologischer Dispositionierung wird ausdrücklich zurück
gewiesen. Das Interesse richtet sich jetzt auf den logischen Ursprung
oder das Wesen der Begriffe. Die Distanzierung vom Begriff des Ur
sprungs ist jedoch halbherzig; Husserl versucht daran festzuhalten,
indem er ihm eine logische Bedeutung gibt, so daß sich von einer ge
netischen Logik sprechen ließe. Dadurch, daß er noch nicht klar zwi
schen einer genetischen und deskriptiven Psychologie unterscheidet,
bleibt der Beschreibungsbegriff weiterhin in der Reserve bzw. unter
bestimmt. Das Fixieren und Klären sind zwar Namen für die Analyse
und Beschreibung. Die Beschreibung tritt aber noch nicht selbst pro
grammatisch auf. Aller Fixierung voran gehen die Wesenseinsichten,
die Husserl durch die Theorien der Ideation und der Evidenz zu recht
fertigen sucht.
Ebenso bedeutungsvoll wie die Skizze der Aufgabe einer reinen
Logik, die die Keimzelle der künftigen Phänomenologie bildet, ist die
Einschätzung der damit verbundenen sprachlichen Schwierigkeiten.
Wurde schon in der >Philosophie der Arithmetik< mit der Begriffsauf
klärung die sprachliche Darlegung engstens verbunden, so werden die
Sprachprobleme nun sehr viel drastischer dargestellt. Wenn Husserl
soweit geht, hier die größten Schwierigkeiten der ganzen Disziplin zu
vermuten, so steht er kurz vor der Frage, ob hier nicht ein grundsätz
liches Problem liegt. Diese Frage liegt um so näher, als sowohl die
psychologische als auch die logische Begriffsaufklärung offenbar das
selbe Problem haben.
Daß sowohl dem Psychologen in der inneren und äußeren An
schauung, als auch dem Logiker in der Wesenseinsicht die abstrakten
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 105

oder wesentlichen begrifflichen Momente schon gegeben sind, macht


die sprachliche Fixierung zu etwas Nachträglichem. In der Psycholo-
gie genau wie in der Logik geht es um eine Aufklärung der selbst
nicht begrifflichen oder sprachlichen Ursprünge des Begrifflichen.
Demgegenüber erscheint die Sprache als etwas Nichtursprüngliches.
Sobald die Psychologie oder Logik eine ursprüngliche Anschauung
oder Einsicht behaupten, ziehen sie das Sprach- als Anpassungspro-
blem nach sich. Daß das Sprachproblem zwangsläufig entsteht, wo
Einsicht der Sprache vorausgeht, sieht Husserl nicht. Nicht der phä-
nomenologische Erkenntnisansatz, sondern die Sprache erscheint als
problematisch. Selbst wenn die damit verbundenen Schwierigkeiten
alles andere als geringfügig sind, bleibt deren Auflösung lediglich
Vorbereitung oder Nebensache der eigentlichen Aufgabe, das Wesen,
bzw. die ideale Bedeutung der logischen Begriffe einzusehen.
Neben der Fixierung auf die elementaren Bedeutungs- und Gegen-
standskategorien stellt sich der rein logischen Wissenschaft weiter die
Aufgabe, die darauf aufbauenden Gesetze und Theorien der rein logi-
schen Wissenschaft aufzusuchen und ihre objektive Geltung zu er-
weisen. Daraus entwickelt sich perspektivisch eine „Wissenschaft von
den Bedingungen der Möglichkeit von Theorie überhaupt" (XVIII,
248). Sie gipfelt in einer Theorie der Theorieformen, die Husserl als
reine Mannigfaltigkeitslehre darstellt. Hierbei handelt es sich nicht
mehr um Analyse und Beschreibung, sondern um die Ausgestaltung
eines Ordnungssystems der Begriffsformen.
Auf den idealen, rein begrifflichen Zusammenhang, aus dem sich
die logischen Erkenntnisse ergeben, weist Husserl immer wieder hin.
Es geht ihm um die Analyse der idealen Bedeutungen nicht nur im
Gegensatz zu psychologisch-phänomenalen, sondern auch zu gram-
matischen Analysen (XVIII, 178 f.). Er weist daraufhin, daß die zu-
grundeliegenden Termini „insgesamt äquivok" sind (XVIII, 176 f.),
weswegen sie in empirisch-psychologischen Zusammenhängen eben-
so vorkommen wie in ideal-logischen. „Die Äquivokationen [...] er-
klären den trügerischen Schein" (XVIII, 177), der die Psychologen
veranlaßt, auch die rein-logischen Bedeutungen und Gesetze im
Rahmen ihrer Wissenschaft abzuhandeln. Sie sind „als Quellen der
Täuschung" verantwortlich für die „schillernden Fassungen" (XVIII
96 f.) psychologischer Interpretationen der logischen Gesetze.
Der zwangsläufige, bzw. fundamentale (XVIII, 220) Charakter
terminologischer Äquivokationen macht die Unterscheidung und Be-
tonung des jeweiligen Gebrauchs und Geltungsbereichs eines Begriffs
zu einer unerläßlichen Aufgabe. Hier sind die Schwierigkeiten vor-
weggenommen, die Husserl später bei der Einhaltung der phänome-
106 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

nologischen Einstellung verstärkt begegnen. Diese Übereinstimmung


macht deutlich, daß dem Problem der Äquivokation eine grundlegen-
de Rolle für die sich herausbildende Phänomenologie zukommt. Es
bezeichnet die Schnittstelle zwischen Husserls Auffassung der Spra-
che und seiner Theorie der Beschreibung.
Die Sprache ist für Husserl ein Mittel zum Ausdruck von Gedan-
ken, dessen natürliche Unvollkommenheit sich in der strengen For-
schung offenbart (XVIII, 38). Für wissenschaftliche Zwecke ist sie
nicht genau genug. Die sprachlichen Ausdrücke bergen, bei genaue-
rem Hinsehen vereinzelt, in der reflexiven Einstellung systematisch,
zahlreiche Äquivokationen und damit die Gefahr von Irrtümern und
Täuschungen. Dagegen werden, in gut aristotelischer Tradition, de-
skriptiv-terminologische Unterscheidungen empfohlen, die den Begrif-
fen eindeutige Bedeutungen zuweisen und das wissenschaftliche Vor-
gehen absichern. Im engeren Sinn betrachtet Husserl das Definieren
und Beschreiben als „ein methodisches Hilfsverfahren zur Sicherung
der Begründungen, dieser primär und eigentlich theoretischen Proze-
duren." (XVIII, 38) Daß sich der Begriffsfixierung nicht nur sprachli-
che, sondern auch methodische Schwierigkeiten in den Weg stellen,
legt Husserl selbst mit der Vermutung nahe, daß hier möglicherweise
„die größten Schwierigkeiten der ganzen Disziplin" steckten.
Die Probleme der Sprache und Beschreibung werden in den >Pro-
legomena< zwar als systematisch und schwerwiegend anerkannt, aber
als propädeutisch eingeschätzt. Sie spielen sich im Vorfeld der Logik
ab und berühren nicht deren Kern. Durch die gelegentlich angedeute-
ten oder vorgeführten Umständlichkeiten einer genauen wissenschaft-
lichen Sprache, auf die Husserl immer wieder verweist (XIX/1, 36, 47,
61), wird das Unternehmen einer begrifflichen Wesensaufklärung der
Logik nicht grundsätzlich in Frage gestellt.
Von Husserls allgemeinem Verständnis der Sprache und Beschrei-
bung als Hilfsmittel, Gedanken und Begriffe klarzulegen, muß seine
spezielle Theorie der Beschreibung phänomenologischer Phänomene
unterschieden werden, die sich in den >Prolegomena< allererst andeu-
tet. In allgemeiner Hinsicht sind Beschreibungen stets nachträgliche
sprachliche, im Bereich der Logik begriffsfixierende Leistungen. In
der Phänomenologie nähern sie sich dem, was sie beschreibend unter-
scheiden, so stark an, daß zwischen dem Beschriebenen und dem Ge-
gebenen nicht mehr unterschieden werden kann.
Indem die Beschreibung die ursprüngliche Gegebenheit des Be-
schriebenen vermittelt, ist sie selber ursprünglich. Beschreibung und
Gegenstand fallen zusammen. In diesem Sinn scheint zumindest in
den >Prolegomena< von deskriptiv Gegebenem (XVIII, 207) oder de-
DER WEG IN DIE PHÄNOMENOLOGIE 107

skriptiv Bestimmtem (in „deskriptiv bestimmten Beziehung stehen"


(XVIII, 180)) die Rede zu sein. Hier vollzieht sich eine mimetische
Angleichung der Beschreibung an ihre Gegenstände, die einerseits of-
fen läßt, wie stark die Beschreibung das Beschriebene verwandelt,
inwiefern in der Beschreibung das Beschriebene aufgeht und ver-
schwindet. Andererseits erscheint die Beschreibung als etwas, was
immer schon mit der Gegebenheit von Gegenständen einhergeht. Die
gegenständliche Reichweite der Phänomenologie scheint so unmittel-
bar von ihrem Beschreibungsvermögen abzuhängen, ihr Wissen so
weit wie ihre Sprache zu reichen. Sie kann alles das behandeln, was
sie als Phänomen vorfindet.13
Insgesamt kommt der Beschreibung in den >Prolegomena< nur eine
geringe Bedeutung zu. Die Unterscheidung von genetischer und de-
skriptiver Psychologie steht noch aus. Husserls Gebrauch des Beschrei-
bungsbegriffs ist schwankend und weitgehend intuitiv bestimmt. Er
ist noch so unentwickelt, daß gerade dort das Prinzip der Beschrei-
bung ansatzweise entwickelt wird, wo der Begriff selbst nicht fällt,
sondern statt dessen von Fixierung die Rede ist. Wenngleich Be-
schreibung weder als Methode erläutert, noch überhaupt erst als me-
thodisches Prinzip seines Ansatzes geltend gemacht wird, deutet sich
deren Rolle schon an. In dieser Hinsicht verhält es sich mit dem Be-
schreibungsbegriff wie mit dem phänomenologischen Ansatz selbst.

Als „Erinnerung aus zweiter Hand" berichtet Hans Jonas, Philosophie. Rückschau
und Vorschau am Ende des Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 1993. S. 12: „Jemand -
ein Außenstehender - fragte einmal Husserl persönlich, ob die Phänomenologie
auch etwas über Gott zu sagen habe. Die Antwort soll gewesen sein: »Wenn wir
ihn als Datum im Bewußtsein antreffen, werden wir ihn eben beschreiben.«"
6. Gegenstand und Methode der Phänomenologie

Im Gegensatz zu allen anderen Untersuchungen, beginnt die erste nicht


mit einer speziellen Einleitung, die ihren Gegenstand und die Haupt-
linien seiner Behandlung vorstellt. Ihr steht eine >Einleitung< allge-
meineren Charakters voran, die einen Bogen von den >Prolegomena<
zu den Einzeluntersuchungen schlägt. In gebündelter Form werden
die Themen und die methodischen Hauptschritte der nachfolgenden
Untersuchungen sowie damit verbundene grundsätzliche Probleme
benannt und erläutert. Die >Einleitung< des zweiten Bandes kann des-
halb als eine gleichermaßen programmatische wie kritische Einfüh-
rung in die >Logischen Untersuchungen gelten. Ihre methodische
Ausrichtung macht sie für die Untersuchung der phänomenologischen
Schlüsselbegriffe Phänomen und Beschreibung besonders geeignet.
Anknüpfend an das Programm einer reinen Logik und der Aufklä-
rung ihrer Grundbegriffe, betont Husserl in der >Einleitung< zuerst die
Notwendigkeit von Sprachanalysen. Die dabei vorgenommenen Un-
terscheidungen können als Vorstufe phänomenologischer Beschrei-
bungen gelten. Die Methode phänomenologischer Beschreibung geht
von der grammatischen Analyse des Begriffs über zur Beschreibung
von Denk- und Erkenntniserlebnissen. Durch Beschreibung soll in der
Phänomenologie nicht nur dem logisch Evidenten zu sprachlicher
Darstellung verholfen, sondern darüber hinaus dem rein Begrifflichen
Anschaulichkeit verschafft werden. In diesem Spannungsfeld von Lo-
gik und Grammatik, Evidenz und Sprache bewegt sich die phänome-
nologische Beschreibung.
Unsere Leitfrage, was und wie in den >Logischen Untersuchungen*
beschrieben wird, gibt nicht nur der vorliegenden Abhandlung eine
inhaltliche und eine methodische Ausrichtung, sondern sie umfaßt die
Eckpunkte der phänomenologischen Methode selbst. Gegenstand und
Methode der Phänomenologie lassen sich nicht voneinander trennen.
Sie müssen jeweils in ihrer gegenseitigen Bedingtheit dargestellt
werden. Mit der Bestimmung und Abgrenzung des Gegenstands der
Phänomenologie entfaltet sich eben die phänomenologische Methode.
Es handelt sich dabei um die spezielle Aufweisung apriorischer Mo-
mente von Bewußtseinserlebnissen. Daraus leitet die Phänomenologie
ihren Anspruch als Grundlagenwissenschaft ab.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 109

Von der logischen Propädeutik zur Phänomenologie der


Denkerlebnisse

Husserl hatte sich in den >Prolegomena< um die „Rettung des idealen


Seins vor seiner empirischen und naturalistischen Reduktion auf sei
es physische, sei es psychische Naturtatsachen"1 bemüht. Das magere
Programm einer reinen Logik versucht er im zweiten Teil der l o g i -
schen Untersuchungen als Phänomenologie aufzupäppeln. Mit dem
trockenen Geschäft einer analytischen Begriffskritik will sich die Phä-
nomenologie nicht begnügen.
Gerade gegen eine solche in der philosophischen Diskussion seit der
Jahrhundertwende bis heute immer wieder geforderte Reduzierung der
Philosophie auf Erkenntnistheorie bzw. Wissenschaftslogik wendet sich
Husserl mit seiner Devise, „zu den Sachen selber" zurückzukehren.
Denn in ihr ist auch die Aufforderung enthalten, in der Begriffsklärung
über eine bloße Analyse des einzelwissenschaftlichen Sprachgebrauchs
hinauszugehen, um im Lichte einer Einsicht „in die Sachen selbst" jene
Begriffe zu klären. Daß die Philosophie dabei eine eigene, von den
Einzelwissenschaften unabhängige Wesenserkenntnis jener Sachen ge-
winnen könne und damit einen eigenen auch von der Wissenschaftslo-
gik abgrenzbaren Forschungsbereich, ist das Neue an Husserls Devise
in der philosophischen Diskussion der Jahrhundertwende.2
Die Phänomenologie weist den Doppelcharakter auf, die reine Logik
einerseits vorzubereiten und ihr andererseits Anschaulichkeit zu ver-
schaffen. Sie bemüht sich, der Logik sowohl durch reine Deskriptio-
nen, als auch dadurch gerecht zu werden, daß sie sich auf die Sphäre
der Denk- und Erkenntniserlebnisse richtet. Inwieweit die Einführung
der Phänomenologie im Zusammenhang des Programms einer reinen
Logik prägend für die phänomenologischen Anfänge Husserls ist,
kann an den Vorbestimmungen der Phänomenologie als vorbereiten-
der, anschaulicher und rein deskriptiver Wissenschaft von Denk- und
Erkenntniserlebnissen im einzelnen aufgewiesen werden.
An dem Bezug auf Denk- und Erkenntniserlebnisse sind vor allem
drei Aspekte bedeutsam: der Bezug überhaupt auf Erlebnisse, die Ein-
schränkung auf eine spezielle Art von Erlebnissen und weiter die Fi-
xierung besonderer Erlebnismomente. Daß sich die Phänomenologie
allgemein auf Bewußtseinserlebnisse richtet und die Phänomenologie
der Denk- und Erkenntniserlebnisse demgegenüber eine Beschränkung
darstellt, deutet sich allererst dadurch an, daß Husserl diese spezielle

1
U.Melle, a.a.O., S. 106.
2
A. Haardt, Von den bloßen Worten..., a.a.O., S. 326.
110 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Phänomenologie durch die logische, bzw. erkenntnistheoretische Aus-


richtung seines Werkes rechtfertigt. Husserl, der in den >Logischen
Untersuchungen aus dem Programm einer reinen Logik dasjenige ei-
ner Phänomenologie zu formen beginnt, ist sich kaum schon über de-
ren ganze Tragweite im klaren. Die Phänomenologie steckt noch in
den Kinderschuhen, aus denen sie sich in mehreren Jahrzehnten zu
einer Phänomenologie der Lebenswelt auswächst.
Warum sich die Phänomenologie überhaupt auf Erlebnisse und im
speziellen Fall einer Phänomenologie der Erkenntnis auf Erkenntnis-
erlebnisse bezieht, hängt wesentlich mit ihrem Anspruch auf An-
schaulichkeit zusammen. Im Unterschied zur vorbereitenden Sprach-
und Begriffsanalyse stellt die konkrete Aufweisung des Logischen im
Erlebnis die eigentlich positive Aufgabe der Phänomenologie dar. Ob-
wohl die Gesetze der reinen Logik, wie Husserl in der >Prolegomena<
zu zeigen bemüht war, nichts mit den psychischen Erlebnissen zu tun
haben, in denen sie vorkommen, wird nunmehr der Wert ihrer kon-
kreten Anschaulichkeit hervorgehoben. Indem Husserl die phänome-
nologische Analyse als Ergänzung an die Seite der logischen Analyse
stellt und die Phänomenologie neben der reinen Logik zu etablieren
versucht, rückt er vom Programm einer rein formalen Begriffsanalyse
ab. Er muß bei dieser Erweiterung des Programms der reinen Logik
dem Verdacht entgegentreten, daß es sich um eine psychologische Auf-
weichung handelt.
Zwischen Logik und Psychologie beansprucht die Phänomenologie
keine Vermittlerrolle, sondern ein eigenes Terrain, das sowohl für die
Logik als auch die Psychologie grundlegend ist. In dem Bemühen, die
Phänomenologie gegenüber der Psychologie zu profilieren, unterschei-
det Husserl zwischen dem rein deskriptiven Bezug der Phänomenolo-
gie auf Erlebnisse und den genetischen Erklärungen der Psychologie.
Die phänomenologische Analyse und Deskription will nicht das Zu-
standekommen logischer Denkprozesse erforschen, sondern das im
Denken, im Bewußtsein jeweils Gegebene festhalten und in seiner
Gegebenheit aufklären. Die phänomenologische Analyse tritt als Kor-
rektiv der logischen Erkenntnis auf, sofern sie die Verwirrungen und
Täuschungen verhindern möchte, denen ein verselbständigtes Operie-
ren mit den abstrakten logischen Ideen und Begriffen stets Gefahr
läuft aufzusitzen.
Das abstrakte Interesse der Logik am Allgemeinen und Idealgesetz-
lichen, verläßt sich in seiner unvollkommenen Form, wie sie Husserl
vereinfachend zeichnet, auf Begriffe. Es ist damit Schwankungen der
Wortbedeutung bzw. Mißverständnissen ausgesetzt. Demgegenüber
wird eine ursprüngliche Anschaulichkeit alles Begrifflichen im Er-
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 111

kenntniszusammenhang geltend gemacht. In diesem Sinne fordert Hus-


serl den Rückgang auf die „Sachen selbst" (XIX/1, 10), worunter er
das in den eigentlichen Bedeutungen der logischen Ideen und Begrif-
fe wirklich Gemeinte versteht. Damit rückt die Phänomenologie nicht
allein in jene kritisch-empiristische Tradition ein, der sich schon Kant
verpflichtet fühlte, als er der >Kritik der reinen Vernunft< die Worte
Bacons voranstellte, wonach es von sich zu schweigen und der Sache
selbst Gehör zu verschaffen gilt. Sie steht ebenfalls durch das Bestre-
ben, der Einheit von Begriff und Anschauung in der Erkenntnis Gel-
tung zu verschaffen, ganz in der Nähe von Kants Diktum: „Gedanken
ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind."3 Ge-
nauso spricht Husserl selbst an einer Stelle von „gedankenleeren"
Anschauungen (XIX/1, 173).4
Indem Husserl die Parole Zu den Sachen selbst! für die Phänome-
nologie beansprucht, bekennt er sich doch nicht geradewegs zum Em-
pirismus. Erst im Lauf der >Logischen Untersuchungen erhält die Rede
von den Sachen selbst einen bestimmteren Sinn und wird deutlich,
„daß gerade und spezifisch Husserls Phänomenologie ihre »Sachen«
nirgendwo anders als in den Akten der Erkenntnis, in prinzipieller
Allgemeinheit also in den intentionalen Bewußtseinserlebnissen, fin-
det"5. In der >Einleitung< hingegen erscheint als die Sache selbst das
subjektiv anschaulich Gemeinte, das als Gegebenes regelrecht objek-
tiviert wird. Husserl geht so weit, diesen Anschauungen einen Expe-
rimentalcharakter, wie er in Naturwissenschaften maßgeblich ist, zu-
zumuten, wenn er „die Bedeutungen durch hinreichend wiederholte
Messung an der reproduziblen Anschauung in ihrer unverrückbaren
Identität festzuhalten" (XIX/1, 10) verspricht.6 Hier gefällt sich die

3
I. Kant, KrV. AA, Bd. III, Berlin 1904, S. 75 (A/B 75).
4
Trappe weist in seinem Aufsatz >Zur Vorgeschichte der transzendentalen Erfah-
rung< (a.a.O., S. 193) daraufhin, daß Husserls Forderung „Zu den Sachen selbst"
mit Brentanos Kritik an sogenannten „Surrogatphilosophien-' und Fichtes Postulat
„Weg mit Zeichen und Wort" zusammengeht, wobei die Kantische Formel von
den anschauungslosen Begriffen gegen gewisse mythisch-spekulative Konstruk-
tionen Kants selbst gewendet wird.
5
E. Ströker; P. Jansen, a.a.O., S. 39.
6
Die Solidität der Phänomenologie streicht Husserl auch später heraus. „Hat man
die rechte Einstellung gewonnen und durch Übung befestigt, vor allem aber, hat
man den Mut gewonnen, in radikaler Vorurteilslosigkeit, um alle umlaufenden und
angelernten Theorien unbekümmert, den klaren Wesensgegebenheiten Folge zu
leisten, so ergeben sich alsbald feste Resultate, und bei allen gleich Eingestellten
die gleichen; es ergeben sich feste Möglichkeiten, das selbst Gesehene anderen zu
vermitteln, ihre Deskriptionen nachzuprüfen, die unbemerkten Einmengungen von
leeren Wortmeinungen zur Abhebung zu bringen, Irrtümer, die auch hier, wie in
112 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Phänomenologie im „Schein der Konkretion"7, der Geistiges allein


durch geistige Anstrengung zu einem Gegenstand strenger Forschung
machen möchte. In Hinsicht auf Bewußtseinserlebnisse gilt es jedoch
zu unterscheiden zwischen einer schlicht deskriptiv-phänomenologi-
schen und einer viel stärker experimentell-psychologischen Haltung,
die sich in der objektivistischen Formulierung geradezu schon neu-
roszientistisch ausnimmt.
An der zitierten Formulierung lassen sich deutlich die frühen, von
Brentano und Stumpf beeinflußten experimentalpsychologischen Am-
bitionen Husserls ablesen. Gegen das deskriptive, rein intellektuelle
Programm, das sich in der Phänomenologie Husserls durchsetzen
sollte, hat nicht erst die analytische Philosophie als „armchair psycho-
logy" polemisiert. Brentanos und mehr noch Husserls reine Bewußt-
seinspsychologie konnten schon „manche Vertreter der zeitgenössi-
schen experimentell-physiologischen Richtung" der Psychologie „als
»Schreibtischpsychologie« verspotten"8. Ursprünglich handelt es sich
jedoch bei der deskriptiven und der experimentellen Psychologie gar
nicht um Konkurrenzunternehmen. Die experimentelle Psychologie
erfuhr wesentliche Impulse und Förderung von den erkenntnistheore-
tischen Ansätzen Brentanos sowie Husserls. In einen Gegensatz zur
Experimentalpsychologie gerät allererst Husserl nach der transzen-
dentalen Wende seiner Phänomenologie.9
Der Vorwurf gegen die rein deskriptive Psychologie oder Phäno-
menologie, es sich am Schreibtisch, bzw. im Lehnstuhl bequem zu
machen, hat mehrere Aspekte. Von Seiten der Experimentalpsycho-
logie besteht er nicht bloß darin, daß die Schreibtischpsychologie die
praktische, experimentelle Arbeit scheut, sondern daß sie empirisch-
praktisch gar nicht ausweisbar ist, also spekulativ und papiern bleibt.
Es läßt sich ihr gelegentlich zur Schau getragenes empiristisches Ge-
tue kritisieren, als handelte es sich bei den Bewußtseinstatsachen, die
sie untersucht, bei den apriorischen Wesen, die sie zu entdecken vor-
gibt, um ähnliche Tatsachen wie in den Naturwissenschaften. Die

jeder Geltungssphäre möglich sind, durch Nachmessung an der Intuition kenntlich


zu machen und auszumerzen." (Husserliana, Bd. HI/1, a.a.O., S. 201)
7
Th. W. Adorno, a.a.O., S. 43.
8
A. Messer, Psychologie. Stuttgart; Berlin 19202, S. 23.
9
Siehe hierzu D. Münch, Edmund Husserl und die Würzburger Schule. In: Brentano
Studien, Bd. VII (1997). S. 89-122. Münchs >Wissenschaftssoziologische Bemer-
kungen zum Verhältnis Husserls zur Würzbürger Schule< (103-113) geben einen
tiefen Einblick in das geistig-akademische Umfeld, in dem sich die Phänomenolo-
gie profilierte. Durch das akademisch bzw. politisch aufgeladene Verhältnis zur
Experimentalpsychologie und zum Katholizismus unterlag die Phänomenologie in
ihrer theoretischen Ausgestaltung selbst verschiedenen äußeren Einflüssen.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 113

mildeste Form des Vorwurfs unterscheidet lediglich zwischen einer


Psychologie, deren Gegenstände physiologisch oder äußerlich sind
und sich zeigen lassen, und einer Psychologie, deren Gegenstände
sich nicht in Versuchsanordnungen stellen lassen. Weitergetrieben
besteht der Vorwurf darin, nicht allein die besonderen Gegenstände,
sondern das Konzept der Erfahrung zu kritisieren, das der rein de-
skriptiven Psychologie zugrunde liegt.
„Die Sonderrolle der inneren Wahrnehmung war bereits von
Wundt bestritten worden"10, einem der namhaften Lehrer Husserls in
seiner Leipziger Studienzeit. Husserl selbst hat die Rolle der inneren
Wahrnehmung bei Brentano kritisiert und sie im Rahmen seiner Phä-
nomenologie so bestimmt, daß es auf die Innerlichkeit dabei nicht
mehr ankommt.
Die Kritik an der Introspektion erhält eine entschieden sprachliche
Ausrichtung in der sprachanalytischen Philosophie, vor allem nach
dem sogenannten semantic ascent Quines. In der Überzeugung, daß
es keinen epistemischen Zugang zu Phänomenen unabhängig von
Sätzen gibt, wird hier der methodische Schritt (zurück) von den Phä-
nomenen zu Sätzen von Phänomenen vollzogen." Wenngleich die
sprachanalytische Kritik in das metaphysische Herz gerade auch der
Phänomenologie trifft, büßt die Rede von armchair-psychology doch
hier ihren polemischen Sinn ein. Wird die sprachliche, intersubjektiv-
verbindliche Ausweisungspraxis selbst von Eingebungen im Lehn-
stuhl anerkannt, so wäre gegen kontemplative Erkenntnisse kaum et-
was einzuwenden. Werden Ontologie und Erkenntnistheorie jeweils
auch semantisch betrieben, dann sind doch deswegen keine gramma-
tischen Feldstudien verlangt. „Bei der Erkenntnistheorie handelt es
sich um eine Disziplin, die man im Lehnstuhl betreiben kann, nicht
jedoch bei der Psychologie."12 Der Schreibtisch kann also epistemo-
logisch rehabilitiert werden.
Die Phänomenologie setzt sich zum Ziel, durch einerseits gramma-
tisch-begriffliche Analysen und Bedeutungsentflechtungen, anderer-
seits reine Beschreibungen des in den Denkerlebnissen anschaulich
Gegebenen, „allen logischen Fundamentalbegriffen feste Bedeutun-
gen zu geben" (XIX/1, 10). Wenngleich in den >Logischen Untersu-
chungen formal-grammatische Fragen eine große Rolle spielen, sind

10
Ebd., S. 117. Münch verweist hier auf W. Wundt, Grundriß der Psychologie.
Leipzig 1896, §§ 1 u. 2.
'' Vgl. P. Bieri, Generelle Einfiihrung. In: Analytische Philosophie des Geistes. Hrsg.
v. P. Bieri. Bodenheim 19932, 1-28, S. 13.
12
R. Rorty, Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt a. M.
1981, S. 278.
114 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

die grammatischen Analysen der Phänomenologie keine semanti-


schen Satz-, sondern logisch-psychologische Begriffsanalysen. Darin
besteht der entscheidende Unterschied zu den Beschreibungstheorien
der analytischen Philosophie.
Indem die Phänomenologie das subjektiv Anschauliche den be-
grifflichen Momenten logischer Erkenntnis zuordnet, erlangt sie „ein
weitreichendes deskriptives (nicht etwa genetisch-psychologisches)
Verständnis dieser psychischen Erlebnisse" (XIX/1, 10 (A 8)). In die-
ser Formulierung beruht das phänomenologische Verständnis glei-
chermaßen auf dem analytischen wie dem anschaulichen Moment der
Beschreibung.13 Die anspruchsvollste, man könnte auch sagen ver-
messenste Variante dieses Programms sieht es auf eine allgemeine
Ordnung, gewissermaßen einen Katalog der Bedeutungen sämtlicher
logischer Ideen und Begriffe ab. Darin kommt nicht zuletzt ein zu-
mindest tendenziell dogmatisches Bestreben der Phänomenologie zum
Vorschein.
Gibt sich die Phänomenologie in der Regel bescheiden als Beitrag
zur Vorbereitung der Begründung der Logik und Erkenntnistheorie
aus, so schwebt ihr doch das Ideal einer letztgültigen Fassung der
Grundlagen der Erkenntnis und des Denkens vor. In den >Prolegome-
na< kam dieser Gedanke deutlich zum Ausdruck. Mit der strengen
Unterscheidung der Erkenntnis des Idealen von der des Realen ver-
bindet Husserl die Hoffnung, „ein Kleines beizutragen", Jene ein-
sichtige Klärung anzubahnen, welche die Voraussetzung für eine
endgültige Fundamentierung der Philosophie ist." (XVIII, 213) Diese
Hoffnung verbindet wissenschaftliche Bescheidenheit mit teleologi-
scher Bestimmtheit und ist in ihrem Gestus des resoluten Understa-
tements nicht ohne Komik. Auf die endgültige Fundamentierung der
Philosophie auszugehen, ist aber selbst dann vermessen, wenn nur von
einem kleinen Beitrag zur Anbahnung der dafür vorausgesetzten Ein-
sicht die Rede ist.
Das Beitragen legt den Gedanken nahe, daß immer mehr hinzu-
kommt, sich immer mehr in den Grenzen der Philosophie ansammelt,
ablagert und so verdichtet, daß endlich die Fundamente festgefügt,
verschüttet und kaum noch zu erschüttern sind. Husserl geht es aber

13
Wenn es später heißt, „daß die Aufmerksamkeit eine auszeichnende Funktion ist,
die zu Akten in dem oben präzisierten Sinne von intentionalen Erlebnissen gehört,
und daß somit von ihrem deskriptiven Verständnis so lange keine Rede sein kann,
als man das Erlebtsein, im Sinne des schlichten Daseins eines Inhaltes im Bewußt-
sein, mit der intentionalen Gegenständlichkeit vermengt." (XLX/1, 423), so geht
das deskriptive Verständnis noch deutlicher aus der fortgeschrittenen Analyse und
Unterscheidung der Erlebnismomente hervor.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 1 15

nicht lediglich um kleine erkenntnistheoretische Beiträge. Bei der


Frage nach der Grundlage der Logik versucht er in der Auseinander-
setzung mit psychologistischen Begründungsversuchen eine grund-
sätzliche Entscheidung herbeizuführen. Im Einzelnen bemüht er sich
darum, den logischen Grundbegriffen feste Bedeutungen zu geben.
Sofern das logische bzw. philosophisch-erkenntnistheoretische Fun-
damentierungsstreben auf Endgültigkeit ausgeht, ist es als dogmatisch
zurückzuweisen. Sofern es sich kritisch als Rückgang auf die Sachen
selbst versteht, als Vergewisserung, die jeweils neu zu leisten, zu über-
prüfen und zu bestätigen ist, kann es als legitimes wissenschaftliches
Erkenntnisprinzip gelten. Bei Husserl jedoch bleibt wissenschaftliche
Bescheidenheit stets mit dem metaphysischen Fundamentalanspruch
verbunden. Dieser Zwiespalt kennzeichnet die Arbeit „an der phäno-
menologischen Fundamentierung der reinen Logik" (XIX/2, 643),
wenn es in der Einleitung zur abschließenden 6. LU heißt:
Auch in der Erkenntniskritik heißt es jene Selbstbescheidung üben,
welche im Wesen aller streng wissenschaftlichen Forschung liegt.
Richtet sich ihr Absehen auf wirkliche und endgültige Erledigung der
Sachen, täuscht sie sich nicht mehr vor, die großen Erkenntnisproble-
me durch bloße Kritik überlieferter Philosopheme und probables Rai-
sonnement lösen zu können; ist sie sich dessen endlich bewußt, daß die
Sachen nur in handanlegender Arbeit von der Stelle gebracht und ge-
staltet werden: so muß sie sich auch darein finden, die Erkenntnispro-
bleme vorerst nicht in ihren höheren und höchsten Ausgestaltungen
anzufassen, in denen sie am interessantesten sind, sondern in ihren re-
lativ einfachsten Formen, in den niedrigsten der ihr zugänglichen Bil-
dungsstufen. (XIX/2, 543)
Beschreibung erscheint in der >Einleitung< immer wieder in einem
Zusammenhang mit Analyse. Beschreiben heißt, begriffliche Unter-
scheidungen und Ordnungen vorzunehmen. Das kann als erste und
grundlegende Bestimmung der Deskription festgehalten werden. Phä-
nomenologische Beschreibung unterscheidet und strukturiert Begriffe
unter Berufung auf Phänomene, auf Bewußtseinserlebnisse. Ihre Auf-
gabe besteht in der Freilegung und Beschreibung der Anschauungs-
und Erfullungsmomente der Begriffe. Phänomenologische Beschrei-
bung partizipiert an der ursprünglichen Anschaulichkeit der „Sachen
selbst", die sie allererst aufweisen muß. Ihr Recht und ihre eigentliche
phänomenologische Bestimmung erhält die Beschreibung von den
Phänomenen, die in einer bestimmten reflexiven Einstellung aufge-
deckt werden.
116 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Schwierigkeiten der phänomenologischen Methode

Nachdem Husserl den Gegenstand und die Methode der Phänomeno-


logie skizziert hat, geht er auf die Schwierigkeiten der Durchführung
seines Programms ein. Sie erwachsen aus der besonderen Einstellung,
die nötig ist, um zu den phänomenalen Gegenständen zu gelangen,
sowie ihrer Beschreibung, das heißt ihrer Darstellung und Übermitt-
lung. Die Problembereiche lassen sich als das Reflexions- und das
Sprachproblem der Phänomenologie bezeichnen.
Die Phänomenologie nimmt sich vor, die Erfullungsmomente von
Begriffen bzw. von Bedeutungen in konkreten Denk- und Erkenntnis-
erlebnissen aufzuweisen. Mit dieser Aufgabe geht die Untersuchung
der ungegenständlichen Vollzugsakte dieser Erlebnisse einher. Auf
diese Akte soll reflektiert werden, um sie als Gegenstände analysieren
und beschreiben zu können. Der Begriff der Reflexion, den Husserl
wie unter Vorbehalt in Anführungszeichen einführt, setzt sich berech-
tigterweise zur Charakterisierung der phänomenologischen Einstel-
lung durch.
Die reflexive Einstellung der Phänomenologie ist mit zahlreichen
Schwierigkeiten verbunden. Husserl versteht unter Reflexion das ge-
dankliche zum Gegenstand machen von etwas. Sowohl der Begriff
der Reflexion als auch der des Gegenstands sind dabei weit gefaßt.
Die phänomenologische Reflexion ist jedoch nicht lediglich eine be-
stimmte Blickausrichtung auf, oder ein eigens in den Blick nehmen
von etwas - die Unterscheidung der Reflexion von der Analyse wäre
sonst kaum gerechtfertigt. Die Eigenart der phänomenologischen Re-
flexion erwächst aus ihrer Ausrichtung eben auf das ungegenständlich
Bewußte, auf die psychischen Akte des Meinens, Erkennens, Bedeu-
tens etc. Der springende Punkt und zugleich die Hauptschwierigkeit
dabei ist, daß mit der Reflexion auf die Akte zum Gegenstand wird,
was allererst ermöglicht, daß es Gegenstände gibt. Die Reflexion voll-
zieht sich selbst in sekundären Reflexionsakten auf einen Gegenstand,
der ein primär unthematischer Akt eines Bewußtseinserlebnisses ist.
Die Rückbezüglichkeit, die sich hier als uneinholbare Verstrickung
erweist, ist im Begriff der Reflexion ausdrücklich.
Indem die Phänomenologie die Aktvollzüge des Bewußtseins selbst
zu explizitem Bewußtsein zu bringen versucht, will sie eine funda-
mentale Bewußtseinsebene freilegen. Die phänomenologische Refle-
xion kennzeichnet Husserl als einen sekundären Akt, der sich auf
einen primären Akt bezieht und aufpflanzt. Mit dem Problem, das
Adorno in vielen Varianten der Phänomenologie zum Vorwurf mach-
te, daß die reflexive als vermeintlich bloß „schauende" Methode das
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 117

Geschaute selbst affiziert14, setzt sich Husserl von Beginn an ausein-


ander. Er macht frühzeitig darauf aufmerksam, daß die sekundären
Akte der Reflexion das Vordringen zu den primären Akten erschwe-
ren und störend wirken, „wobei die eintretenden Veränderungen von
den minder Geübten leicht zu übersehen, aber auch von dem Erfahre-
nen schwer einzuschätzen sind." (XIX/1, 15 (A 11)) Damit gesteht er
das Problem der reflexiven Verfälschung ein, das durch tertiäre Re-
flexionsakte lediglich in einen unendlichen Regreß geführt würde.
Die Untersuchung der primären Akte wird Husserl zufolge noch
dadurch erschwert, daß die natürlichen Gegenstände dieser ungegen-
ständlichen Akte mitbeachtet werden müssen." Der reflexive Salto
der Phänomenologie, der ihr mit der höheren Warte den Gegenstand
sichert, braucht den Grund der primären Gegenstände, um sich alle-
rerst davon abzustoßen. Es kennzeichnet die reflexive Einstellung,
daß sich ihre Gegenstände in der natürlichen Einstellung gar nicht
finden, daß sich bspw. Akte der Wahrnehmung oder Phantasie, daß
sich gegenstandskonstituierende Bewußtseinsfunktionen hier gar nicht
thematisieren lassen. In ihrer reflexiven Thematisierung müssen die
primären Akte selbst unterhalten werden. Dadurch wird ein Etagen-
modell des Erkennens nahegelegt.
Die phänomenologische Einstellung ist jedoch nicht lediglich eine
aufgesetzte Reflexion; Husserl stellt sie geradezu als widernatürliche
Denkrichtung (XIX/1, 14) dar, die unseren Gewohnheiten entgegen-
läuft. Er erklärt damit die Gefahr der phänomenologischen Reflexion,
in die natürliche Einstellung zurückzufallen. Fink hat diesbezüglich
von „methodischer »Schizophrenie«"16 gesprochen und zu zeigen ver-
sucht, welche systematischen Konsequenzen der Einsteilungswechsel
für den phänomenologischen Begriffsgebrauch und für das phänome-
nologische Sprechen überhaupt hat.17 Die phänomenologische Refle-
xion auf die Bewußtseinserlebnisse nimmt mit der Ausweitung der
phänomenologischen gegenüber der natürlichen Einstellung folgerich-
tig die Form einer Phänomenologie der Lebenswelt an. Dadurch dehnt
sie ihr erkenntnistheoretisches Interesse, auf die allgemeinen Lebens-
vollzüge insgesamt aus.
Das Interesse der Phänomenologie an den stets im Schatten blei-
benden Bewußtseins- und Lebensvollzügen mag im Rahmen einer

14
Th. W. Adorno. a.a.O., S. 119.
15
Der Unmöglichkeit, die gegenständlichen Momente aus der Reflexion auf die Akte
ganz auszuklammern, trägt Husserl später mit der reduktiven Methode der ijioxi)
als einer Einklammerung Rechnung.
16
E. Fmk, a.a.O., S. 329.
17
Vgl. hierzu weiter unten S. 217 f.
118 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Erkenntnistheorie gar nicht so sehr verwundern. Gegenüber anderen


Theorien muß sich Erkenntnistheorie nicht unbedingt widernatürlich
ausnehmen. Es gibt für die phänomenologische Fragerichtung philo-
sophische Vorläufer. Mit Heidegger läßt sich die Reduktion selbst als
eine immanente menschliche Möglichkeit festhalten.18 Es reicht aber
nicht aus, zu sagen, daß die phänomenologische Erkenntnis nur sehr
viel seltener als gewöhnliche Erkenntnis, bzw., daß die Epoche „inner-
halb der Natürlichen Einstellung gewissermaßen ein seltenes Vor-
kommnis ist"19. Die Phänomenologie erscheint so lediglich als philo-
sophische Spezialwissenschaft, wie die Entomologie innerhalb der
Zoologie. Das phänomenologische Interesse gilt aber nicht lediglich
speziellen und eigenartigen Gegenständen, die sich schwer finden und
nachweisen lassen.
Die Phänomenologie ist nicht bloß eine Reflexion auf bestimmte
Begriffe oder Gegenstände, aus deren Bereichsbegrenzung ihr gewis-
se terminologische oder kontemplative Probleme erwachsen. Sie be-
ansprucht vielmehr den Rang einer Fundamentalwissenschaft, was
tatsächlich mit der Widernatur ihrer Denkrichtung zusammenhängt.
Sie ist Reflexion auf die geistigen Leistungen, die unserem Leben
zugrunde liegen und in der Regel gerade nicht thematisiert werden.
Obwohl nun der Versuch, diesen Fundamentalbereich phänomenolo-
gisch aufzuklären, systematisch gegen zahlreiche Denk- und Sprach-
gewohnheiten steht, ergibt sich hier die Möglichkeit einer ausgezeich-
neten, evidenten Erkenntnis.
Der Übergang also vom naiven Vollzug der Akte in die Einstellung der
Reflexion verändert die ersteren notwendig. Der Übergang ist dann
derart, daß er die Aktvollzüge, die er verläßt, zugleich verändert, daß
also die Reflexion in der Deskription eben das nicht mehr vor sich hat,
was sie deskribieren will und zu diesem Zweck verlassen hat. Indem
der Phänomenologe die psychischen Erlebnisse, die er beschreiben
will, verläßt und eine neue andere psychische Haltung, eine wider-
natürliche einnimmt, ändert er diese Akte, diese seelischen Prozesse
selbst. Er trifft hier auf sein eigenes Werk, seine ändernde Aktivität.
Die phänomenologische Einstellung ist so eine neue seelische Haltung
und Wirklichkeit, die von der anderen, nämlich naiven scheidet. Naivi-
tät wäre nie von der Reflexion her erreichbar. Insofern als die Reflexi-
on die Naivität hinter sich hat, wäre ihr diese auch grundsätzlich
unerreichbar. Damit wäre dann die phänomenologische Analyse gleich-
sam mit anderem beschäftigt, nicht mit Akten, sondern mit der Her-

18
Siehe R. Cristin, Die Phänomenologie zwischen Husserl und Heidegger. In: E. Hus-
serl; M. Heidegger, Phänomenologie (1927). Hrsg. v. R. Cristin, Berlin 1999, 7-32,
S. 18.
19
E. Fink, a.a.O., S. 332.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 119

vorbringung eben jener Wesen und Wesenheiten, die sie den Akten zu
entnehmen meint, oder mit jenen Objektivierungen, die jene Akte her-
vorgebracht haben. Die Phänomenologie als aktive Veränderung der
seelischen Innerlichkeit ist die Gegenthese zu ihrem Anspruch, hin-
nehmende, hinschauende Wesensbetrachtung zu sein. [...] Indem die
Phänomenologie den Akt überschreitet, die Einstellung ändert, verliert
sie nicht das aktive seelische Leben, beendet es nicht - sondern macht
es erst zum Inhalt, gewinnt es erst in seinem Wesen. Etwas in seinem
Wesen fassen, heißt dann, es in seinem Akt-sein fassen, es reflexiv be-
trachten, außer ihm sein. Das Wesen des Aktes, bestimmter Akte gibt
sich erst frei dem meditativen und distanzierten Blick. [...] Indem diese
Einstellung des Denkens sich ereignet, wird das Wesen erblickt. Die
Phänomenologie ist das Ereignis einer geistigen Änderung, die aber
eben das Ganze des seelischen intentionalen Lebens unverändert als ihr
eigen gewinnen will.20
Enger als Husserl meint, ist mit dem Problem der phänomenologi-
schen Einstellung dasjenige der Darstellung und Übermittlung der
phänomenologischen Einsichten verbunden. Bei deren Diskussion
kommen, im Unterschied zum Reflexionsproblem, stärker die sprach-
lich-kommunikativen, deskriptiven Probleme der Phänomenologie zum
Vorschein. Husserl stellt die Probleme nicht in einen inneren Zusam-
menhang. Er rückt sie vielmehr auseinander, indem er phänomenolo-
gisch evidente Einsicht als haltbare und wiederholt identifizierbare
anstrebt, die der Sprache vorhergeht. Die Evidenz der Analyse wird
dadurch zu einer frei schwebenden ungreifbaren Denkleistung, die nur
auf sich selbst verweisen kann. Sucht sie außer sich Halt in sprachli-
cher Darstellung und Vermittlung, untergräbt sie ihren Evidenzcha-
rakter.
Für Husserl ist nicht die Trennung reflexiver Einsichten von ihrer
ausdrücklichen Darstellung das Problem, sondern lediglich die An-
gemessenheit der letzteren. Hierbei werden zwei Seiten unterschieden.
Einerseits seien alle verfügbaren Ausdrücke der „primären Objektivi-
tät" (XIX/1, 15 (A 11)) angepaßt, die der Phänomenologe auf ihre in-
tentionalen Aktleistungen hin untersucht. Der Bereich der subjektiven
Erlebnisse hingegen kann demzufolge „direkt nur mittels ein paar
sehr vieldeutiger Worte wie Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung
u. dgl. bezeichnet werden" (XIX/1, 15). Andererseits räumt Husserl
ein, daß die meinenden Akte unmöglich beschrieben werden können,
ohne im Ausdruck auf die gemeinten Sachen zu rekurrieren. Wir be-
dürfen der uns geläufigen Ausdrücke für das Gegenständliche zur Her-

H. Hülsmann, Zur Theorie der Sprache bei Edmund Husserl. München 1964, S
57.
120 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Stellung umschreibender Ausdrücke, in welchen wir sehr indirekte Hin-


deutungen auf die entsprechenden Akte und ihre deskriptiven Unter-
schiede vollziehen. (XIX/1, 16 (A 11)).
Der Phänomenologe muß zur Bezeichnung der Akte auf herkömmli-
che Ausdrücke mit ihrem irritierenden gegenständlichen Sinn Bezug
nehmen. Die Notwendigkeit, die Akte, auf die sich das phänomeno-
logische Interesse richtet, im Zusammenhang mit ihren intentionalen
Gegenständen zu sehen, ist sprachlich begründet. Durch die Verwen-
dung herkömmlicher Ausdrücke entstehen der Phänomenologie bei
der Darstellung der Akte genau jene Schwierigkeiten, die schon als
Erschwerungen und Störungen der reflexiven Einstellung auftraten.
Die bei deren Erörterung eingeräumte Schwierigkeit, daß sich die Ak-
te der Denk- und Erkenntniserlebnisse nicht ohne ihre Gegenstände be-
trachten lassen, wiederholt sich als Schwierigkeit der Darstellung, die
Wörter nicht ohne ihren gewöhnlichen Sinn gebrauchen zu können.
Damit tritt der Zusammenhang von Reflexion und Darstellung deut-
lich zu Tage.
Der strikten Trennung von natürlicher und phänomenologischer
Einstellung erwachsen massive Darstellungsprobleme. Die Metho-
denprobleme holen die Phänomenologie als Sprachprobleme ein. Die
Möglichkeit einer streng phänomenologischen Denkhaltung wird durch
den Gebrauch herkömmlicher Ausdrücke beeinträchtigt. Die an der
natürlichen Objektivität ausgerichtete Sprache vermag die vermeintli-
che Widernatur der phänomenologischen Einstellung kaum wieder-
zugeben. Die Sprache selbst droht das Forschungsprogramm der Phä-
nomenologie zu verwässern, wenn nicht gar zu einer Sisyphusarbeit
zu verdammen.21

Durch die transzendentale Radikalisierung der konstitutiven Fragestellung ver-


schärft sich das phänomenologische Sprachproblem noch. So berichtet Roman In-
garden (in: E. Husserl, Briefe an Roman Ingarden. Den Haag 1968, S. 154) von
einem Besuch bei Husserl im Jahre 1927. bei welcher Gelegenheit der ihm ein
Manuskript über das zeitkonstituierende Bewußtsein mit der Bitte vorlegte, es für
den Druck vorzubereiten. Angesichts der absehbaren Schwierigkeiten einerseits im
Nachvollzugs der Husserlschen Einsichten, d.h. „in der intuitiven Erfassung auf
einem Gebiet, wo die reflektive Einstellung immer mit Fälschungen und Verschie-
bungen dessen, was sich im schlichten Erleben vollzieht, droht, und andererseits
im Hinblick auf die Möglichkeit einer sprachlichen Wiedergabe dessen, was in dem
ursprünglichen Erleben zum Bewußtsein gebracht wird, da die Sprache als solche
in ihrer formalen Struktur und in den kategorialen Formungen, die sie mit sich
führt, an die konstituierte Welt angepaßt ist und irgendwie wesentlich umgebaut
sein müßte, damit sie zur Wiedergabe des ursprünglich Erlebten und der ursprüng-
lichen, erst Zeit konstituierenden Erlebnisse ohne jede Verfälschung fähig wäre",
weist Ingarden die ihm angetragene Aufgabe zurück. Schon in einem Brief von
1924 an Ingarden seufzte Husserl: „Ich bin noch - allzusehr - productiv, ich sehe.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 121

Eine weitere Schwierigkeiten stellt die Übermittlung der phäno-


menologischen Einsichten anderen gegenüber dar. Hier wendet sich
das Problem der Darstellung gewissermaßen nach außen. Es betrifft
nun die Möglichkeiten der Aufnahme, Prüfung und Bestätigung phä-
nomenologischer Einsichten. Deren übermittelndes Verständlichma-
chen ist für Husserl wesentlich an die Bedingung gebunden, jene
reflexive Einstellung einzunehmen, die allein Einblick in phänomeno-
logische Verhältnisse gewährt. Da sich mit dieser Bedingung der An-
spruch verbindet, darin eine „wohlgeübte Befähigung" (XIX/1, 16) zu
erlangen, läuft die Übermittlung auf aktiven Nachvollzug hinaus. Die
Phänomenologie kommt dadurch in den Geruch, zur esoterischen
Wissenschaft einer „der großen Sache ganz hingegebenen Forscher-

da ich hoch hinaufgeklettert bin u. nach 3-4 Jahrzehnten steter Arbeit zu den lich-
ten Höhen emporgedrungen, zu viel. Ich kann nicht glauben, daß ich abberufen wer-
den soll, so ich viel zu sagen habe, u. gerade das, was zu sagen meine Mission war."
(ebd., S. 31 f.) Eine Seite dieses Problems des alten Husserls und seiner Phänome-
nologie hat Edith Stein in einem Brief von 1926 ebenfalls an Ingarden beschrieben.
Zwar „hat sich alles bei ihm zu einer großartigen Einheit zusammengeschlossen,
alle einzelnen Untersuchungen, die ich früher kannte, fügen sich hinein und haben
darin ihren teleologischen Sinn. Aber - nun kommt das wirklich Tragische an der
Sache - dieses Ganze lebt wohl in ihm und er kann in guten Stunden davon spre-
chen, doch ich bezweifle, daß er es je zu Papier, geschweige denn in den Druck
bringen wird, und er hat schlechterdings keinen Schüler, der ganz in seinem Sinne
arbeitet." (ebd., S. 149) Abgesehen von der persönlichen Tragik des Philosophen,
der zu viel sieht, besteht das andere, im Entwurf der Phänomenologie selbst ange-
legte Problem in der systematischen Bevorzugung des Sehens vor dem Sprechen.
Husserl sah sich jedenfalls dem Darstellungsproblem bis zuletzt gegenüber. In den
späten, aus dem Nachlaß bekannten Schriften zur >Krisis<-Abhandlung (Husserlia-
na, Bd. XXIX, a.a.O., S. 193 f.) schreibt er, daß sich ,jeder Versuch, die Lebens-
welt [...] systematisch zur deskriptiven Auslegung zu bringen - als eine Systematik
von Selbstverständlichkeiten - sehr bald in ungewohnte und unbehagliche Um-
ständlichkeiten verwickelt und daß sehr bald auch die alltägliche Allgemeinspra-
che versagt, deren vorwissenschaftliche Begrifflichkeit eben nicht weiter reicht als
ein allgemeines Bedürfnis besteht, auf das subjektive Leben, in dem Welt für uns
seinsgewiß ist, und auf die subjektiven Modi, in denen sie sich jeweils darin dar-
stellt, zu reflektieren. [...] Schließlich wird sogar das Verständnis der Beschreibungen
schwierig, gerade, weil es sich um anschauendes Erfassen handelt - von solchem,
was eben nie thematisch herausgehoben, nie für sich beachtet, zur Abhebung ge-
bracht worden war. Aber ich darf diese Unbequemlichkeiten und Schwierigkeiten
dem Leser nicht ersparen." Die sprachlichen Schwierigkeiten betreffen sowohl den
phänomenologischen Forscher als auch den Leser. Das phänomenologische
Sprachproblem ist also gleichermaßen eines der Darstellung, Übermittlung und des
Nachvollzugs. Wird es indessen als systematische Form derjenigen „Sprachnot"
angesehen, die das philosophischen Denken „angesichts der verfügbaren sprachli-
chen Ausdrucksmöglichkeiten" stets empfindet (H.-G. Gadamer, Begriffsgeschichte
als Philosophie. In: GW, Bd. II, a.a.O., 77-91, S. 85.), dann muß die phänomeno-
logische Erkenntnis selbst aus dieser Not eine Tugend machen und immer auch
Phänomenologie der Sprache sein. Siehe hierzu weiter unten S. 220 ff.
122 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

generation" (XIX/1, 17) zu werden, die weite Verbreitung kaum er-


hoffen kann.
Die phänomenologische Einstellung, die deskriptiv arbeitet, vollzieht
sich auch in Worten, vor allem bei der Übermittlung an andere. Die
Sprache ist es also, in welcher sich der phänomenologische Habitus,
die neue Einstellung dieses Bewußtseins sowohl zeigt als auch in eine
bestimmte objektive Form bringt. Wie Sprache und Phänomenologie
zusammenhängen, bleibt somit eine unerledigte Frage. Daß sich die
Phänomenologie sprachlich vollzieht und von Husserl dauernd in
sprachlicher Arbeit zur Klarheit gebracht werden soll, ist wohl nicht
nur eine Sache der Übermittlung. Der Übergang, von dem hier die Re-
de ist, Wechsel aus einem gewohnten Bewußtsein in einen widernatür-
lichen Habitus, betrifft gerade auch die Sprache. Insbesondere sie muß
ja jene „Sinnesmodifikation" annehmen, die sich den Gegenständlich-
keiten in der phänomenologischen Sphäre mitteilt. [...] Was ist hier
unter Modifikation des Sinnes zu verstehen? Die Gegenstände, die
phänomenologisch gedacht werden, sind nicht mehr naiv gemeinte,
sind nicht mehr solche des direkten Gegenüber, sondern vielmehr durch
und in den Akten vermittelt, also in Akten gegebene. [...] Alle Worte
erlangen so eine phänomenologische Modifikation, wenn sie in die De-
skription und Reflexion aufgenommen werden. Die Deskription ist also
gerade das Geschehnis, daß in der Reflexion die Naivität destruiert
wird und so in den Intentionalitäten das Wesen frei wird, sichtbar wird.
Die Deskription ist die reflexive Selbstaufhebung der sprachlichen
Naivität.22
Wie verhält sich das Einstellungsproblem, in der Reflexion auf die
subjektiven Akte nicht von deren objektiven Gegenständen absehen
zu können, zum Darstellungsproblem, die Akte durch vage oder ge-
genständlich geprägte Ausdrücke bezeichnen zu müssen? Ist zwischen
beiden Problemen mehr als ein gewisser Parallelismus nachweisbar,
nämlich ein innerer Zusammenhang? Kann sogar eines der Probleme
auf das andere zurückgeführt werden?
Die Frage nach dem Verhältnis von Reflexions- und Darstellungs-
problem der Phänomenologie läßt sich auf das Verhältnis von ge-
danklicher Einsicht und sprachlichem Ausdruck übertragen. Einerseits
scheint Husserl den reflexiven Einsichten in der immer wieder gefor-
derten Evidenz des Phänomenologischen eine weitgehende Eigen-
ständigkeit einzuräumen. Insofern beanspruchen die phänomenolo-
gischen Einsichten eine Evidenz vor ihrer Darstellung. Andererseits
betont gerade die Phänomenologie von Beginn an die Notwendigkeit
von Sprach- und Begriffsanalysen und läßt sich dabei auf eine lang-
wierige Auseinandersetzung mit der Sprache ein. Sie ist hierbei dar-

H. Hülsmann, a.a.O., S. 58
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 123

um bemüht, sich ein wissenschaftliches Vokabular und eine Termino-


logie zu erarbeiten, um ihren neuartigen Gegenständen angemessenen
Ausdruck zu verschaffen. Gegen eine rein gedankliche Ausübung der
Phänomenologie spricht ebenfalls ihre deskriptive Methode, die das
phänomenologisch Gegenständliche mit dem deskriptiv Gegebenen
identifiziert.
Im § 4 der >Einleitung< wird das Verhältnis von Gedanken- und
Wertformen und darüber das Sprachverständnis der Phänomenologie
genauer dargelegt. Das Programm der Phänomenologie wird hier von
Seiten der Sprache aus skizziert. Husserl, der von einem „gewissen
Parallelismus zwischen Denken und Sprechen" (XIX/1, 18) ausgeht,
macht der Phänomenologie zur Aufgabe, zwischen logischen und
grammatischen Momenten der Denkerlebnisse zu unterscheiden. Ei-
nerseits soll der Phänomenologe die grammatische Seite logischer
Erlebnisse nicht unberücksichtigt lassen, da die sprachlichen Unter-
scheidungen auf logische Unterschiede hinweisen können. Anderer-
seits soll der Phänomenologe sich davor hüten, die Bedeutungsanalyse
durch die grammatische Analyse „gängeln zu lassen" (XIX/1, 17).23
Keineswegs alle grammatischen Unterschiede spiegeln auch welche
der Bedeutung wider. Sie können ebenso in kommunikativer, ästheti-
scher oder anderer Hinsicht ausgebildet sein.
Der Phänomenologe bemüht sich um eine präzise wissenschaftli-
che Sprache. Er versucht die natürliche Sprache soweit zu differen-
zieren, daß sich die einzelnen intentionalen Charaktere beschreiben
lassen. Dabei bildet er eine geschärfte Sensibilität für Äquivokationen
aus. Im Rückgang auf die erfüllende Anschauung, d.h. auf das Erlebnis
selbst, kommt es ihm darauf an, die gegenständlichen und intentiona-
len, konkreten und idealen Momente von Denk- und Erkenntniserleb-
nissen aufzuspüren und auseinanderzuhalten. Der hohe analytische, vor
allem aber sprachliche Aufwand, der hierfür betrieben werden muß,
stabilisiert und destabilisiert die Phänomenologie gleichermaßen.
Das Ideal einer wissenschaftlichen Sprache kann der Phänomeno-
loge nur bedingt verwirklichen. Einerseits muß er ein beständiges Miß-
trauen der natürlichen Sprache gegenüber wachhalten, andererseits ein
kritisches Verhältnis zu seiner eigenen, von der natürlichen kaum ent-
fernten wissenschaftlichen Sprache und Terminologie pflegen. Der in-
tern ausgeprägte Sprachvorbehalt der Phänomenologie reagiert auf das

Auf die Tradition dieser sprachkritischen Haltung von Aristoteles über Locke zu
Kant weist Schnädelbach hin, um sie in sprachanalytischer Perspektive als Menta-
lismus zu kritisieren. Siehe Phänomenologie und Sprachanalyse. In: ders.,
sophie in der modernen Kultur. Vorträge und Abhandlungen. Bd. III, Frankfurt a.
M. 2000, 230-255, S. 235 ff.
124 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Mißverhältnis von Anspruch und Wirklichkeit phänomenologischen


Sprechens. Er kann positiv als phänomenologische Instanz sprachli-
cher Selbstkritik angesehen werden.
Letztlich prüft der Phänomenologe sowohl die grammatischen Un-
terschiede und Wortformen als auch die Bedeutungsunterschiede und
Gedankenformen „im Rückgang [...] auf die erfüllende Anschauung"
(XIX/1, 19 (A 14)). Er ist dabei bestrebt, grammatische Täuschungen
zu beseitigen und Bedeutungsstrukturen aufzuklären. Die Sprache in
ihrem hilfreich-täuschenden, hinweisend-verfälschenden Doppelcha-
rakter wird in den Dienst der Logik gestellt. Hier wie sonst kennt die
Phänomenologie die Sprache nur als Werkzeug des Denkens. Die aus-
drückliche bzw. literarische Seite des Denkens und Erkennens wird
zwar nicht gänzlich vernachlässigt, aber den eigentlichen Denk- und
Erkenntnisleistungen strikt nachgeordnet. Daß diese selbst grundle-
gend sprachlicher Natur sein könnten, ist kein phänomenologischer
Gedanke. Ebensowenig wird die Möglichkeit erwogen, die Instabilität
der phänomenologischen Einstellung sprachlich zu erklären.
Die Sprache spielt in der Phänomenologie zwar eine große Rolle,
aber niemals die erste. Selbst wenn die systematische Entfaltung der
reinen Logik oft von vorgreifenden Begriffsaufklärungen durchbro-
chen wird, geht der letzte Grund und der erste Gedanke immer auf die
Sache und deren Anschauung. Hier bleibt die Phänomenologie inso-
fern empiristisch, als sie sich auf etwas im eigenen Erleben gegebenes
beruft.24 Daß die phänomenologischen Untersuchungen nicht nur in
systematischer Hinsicht einem „Zickzack"-Kurs (XIX/1, 22) folgen,
sondern daß sich hierin ihre methodischen Schwierigkeiten zu erken-
nen geben, sagt Husserl nicht explizit.25 Sowohl der Sachen als auch
der Begriffe, sowohl ihrer Einsichten als auch ihrer Ausdrücke muß

„Der wichtigste Ertrag von Husserls frühen Analysen der Urteilswahrheit ist wohl
der Hinweis auf die notwendige Fundierung sprachlicher Erkenntnisakte durch
nicht-sprachliche kognitive Leistungen. [...] Es ist zwar richtig, daß diese vor-
sprachlichen Akte nur im Medium der Sprache wissenschaftlich erforscht werden
können, doch Husserl weigert sich (im Gegensatz zu einer breiten Strömung des
heutigen philosophischen Denkens), daraus zu folgern, daß alle kognitiven Lei-
stungen wesensmäßig die Sprache bereits voraussetzen und somit als sprachliche
Leistungen zu bezeichnen sind. Eine Überprüfung dieser Hypothese unter Berück-
sichtigung der neueren Ergebnisse der kognitiven Psychologie ist ein wichtiges
Desiderat der Aktualisierungen von Husserls erkenntnistheoretischer Problemstel-
lung." (R. Bernet; I. Kern; E. Marbach, a.a.O., S. 179 f.)
In seinen späteren Schriften führt Husserl im Sinne seiner Theorie der Horizontin-
tentionalität für die Reflexion und die Evidenz, damit aber auch für die Beschrei-
bung Stufen ein, die ihre Gültigkeit begrenzen. „Damit wird auch der phänomeno-
logische Wesensbegriff bemerkenswert verflüssigt." E. W. Orth, Beschreibungen
in der Phänomenologie.. a.a.O., S. 33.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 12 5

sich die Phänomenologie im Fortgang ihrer Untersuchungen stets von


neuem versichern. Dieses Hin und Her leisten die phänomenologi-
schen Analysen und Beschreibungen.
Auf die im § 3 der >Einleitung< behandelten „außerordentlichen
Schwierigkeiten der streng phänomenologischen Analyse" (XIX/1,
13) kommt Husserl am Ende von § 10 der 1. LU zurück. Hier zeich-
nen sich zwei Stufen des phänomenologischen Sprachproblems ab.
Auf der ersten Stufen ergeben sich Schwierigkeiten beim Unterschei-
den und Auseinanderhalten der verschiedenen Erlebnismomente, in
der 1. LU solcher des Ausdrucks und der Bedeutung. Sie werden auf
die sprachlich-diskriminatorischen Schwierigkeiten der Äquivokati-
onsauflösung und Terminologisierung zurückgeführt. Durch eine ela-
borierte Sprache sollen die wissenschaftlichen Gegenstände genauer
bezeichnet und Engpässe der natürlichen Sprache beseitigt werden.
Umständlichkeiten werden hier, wo es auf genaue Bezeichnungen an-
kommt, in Kauf genommen. Von der natürlichen Sprache unterschei-
det sich die wissenschaftliche, bzw. phänomenologische Sprache auf
dieser Stufe nur durch ihren höheren Differenzierungsgrad, wobei der
Phänomenologe die normalerweise zureichende Leistungsfähigkeit der
natürlichen Sprache anerkennt.
Auf der zweiten Stufe werden die Schwierigkeiten der phänomeno-
logischen Sprache und Beschreibung auf den für die Phänomenologie
fundamentalen Unterschied zurückgeführt, der zwischen dem Sein
der Gegenstände und den Akten des Vermeinens besteht, in denen uns
die Gegenstände gegeben sind. Die Probleme sind nicht sporadischer,
sondern systematischer Art. Sie entstehen durch die phänomenologi-
sche Einstellung. Das naiv-gegenständliche Interesse kennt die Um-
ständlichkeiten nicht, die sich dem Phänomenologen in den Weg stel-
len. Es lebt in den intentionalen Akten, die dieser eigens zum Thema
seiner Reflexionen macht, und verfügt über „alle Rede schlicht und klar
und ohne Umschweife", die der Phänomenologe nur vorbehaltlich
gebrauchen kann. Der steht vor der
Schwierigkeit, phänomenologische Verhältnisse beschreiben zu sollen,
die zwar unzählige Male erlebt, aber normalerweise nicht gegenständ-
lich bewußt sind, und sie mittels Ausdrücken beschreiben zu müssen,
die auf die Sphäre des normalen Interesses, auf die erscheinenden Ge-
genständlichkeiten abgestimmt sind. (XIX/1, 48)
126 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Phänomenologie und deskriptive Psychologie

Husserls Ziel in den >Prolegomena< bestand darin, der Logik die Psy-
chologie auszutreiben. Sofern er der reinen Logik nur mit ebenso rei-
nen Begriffsanalysen beizustehen gedachte, kam er sich mit der Psy-
chologie nicht ins Gehege. Konsequent ist sie in den >Prolegomena<
der reinen Logik entgegengesetzt. In der Skizze der Idee einer reinen
Logik am Schluß der kritischen Betrachtungen der >Prolegomena<
wird deren Unabhängigkeit von jeglicher empirischen und damit auch
psychologischen Wissenschaft erklärt. Sofern nun in den logischen
Untersuchungen über bloße Begriffsanalyse hinausgegangen und der
phänomenologische Weg konkret anschaulicher Aufweisung beschrit-
ten wird, gerät die Phänomenologie mit dem Empirischen unweiger-
lich in einen Bezug zur Psychologie. Indem sich die Phänomenologie
herausbildet, muß sie ihr gespanntes Verhältnis zur Psychologie er-
klären. Die Frage dabei ist, ob diese Spannung die Phänomenologie
charakterisiert oder nicht.
Zwischen dem Erscheinen der >Prolegomena< und den logischen
Einzeluntersuchungen veröffentlicht Husserl 1900 in der >Vierteljah-
resschrift für wissenschaftliche Philosophie< eine >Selbstanzeige< des
ersten Teils seiner >Logischen Untersuchungen^ Darin beruft er sich
auf Brentanos Unterscheidung einer genetischen von einer rein de-
skriptiven Psychologie. Als solche wird die Phänomenologie vorge-
stellt, von deren erkenntnistheoretischen Untersuchungen er die Auf-
klärung der reinen Logik verspricht. Unter einem rein beschreibenden
Vorgehen im Bereich der Logik versteht Husserl die Beschreibung
„ihrer wesentlichen Begriffe und Theorien, ihrer Beziehung zu allen
anderen Wissenschaften und der Art, wie sie diese regelt" (XVIII,
262). Damit bleibt die deskriptive Psychologie weitgehend im Schat-
ten des Programms begrifflicher Fixierungen. Erst in der >Einleitung<
des zweiten Teils der >Logischen Untersuchungen< geht Husserl einen
entscheidenden Schritt weiter, indem er den Rückgang auf die Sachen
selbst zur Aufgabe der Phänomenologie macht. Prompt fällt auf die
Phänomenologie der Verdacht des Psychologismus.26
Im >3. Zusatz< der >Einleitung< kommt Husserl auf den Einwand zu
sprechen, die Phänomenologie würde als deskriptive Psychologie ih-
rer eigenen Psychologismuskritik unterliegen. Sein Versuch, von der

Zu Husserls Auseinandersetzung mit dem gegenüber den >Logischen Untersu-


chungen erhobenen Psychologismusvorwurf und seine fortgesetzten Bemühun-
gen, die Phänomenologie von der Psychologie zu unterscheiden, siehe U. Melle,
a.a.O., S. 107 ff.
GEGENSTAND UND METHODE DER PHÄNOMENOLOGIE 127

herkömmlichen Psychologie die Phänomenologie zu unterscheiden


und dieser ein eigenes Profil zu geben, ist noch recht unentschlossen
und zwiespältig. Er beruft sich dabei auf zwei Beschränkungen. Zum
einen wird die streng deskriptive Haltung der Phänomenologie her-
ausgestellt. Zum andern schränkt er ein, daß „nicht die Psychologie
als volle Wissenschaft", sondern lediglich „gewisse Klassen von De-
skriptionen [...] die Vorstufe für die theoretischen Forschungen der
Psychologie" und „zugleich die Unterlage" für die Abstraktionen des
Logikers bilden sollen. „Reine Deskription ist bloße Vorstufe für die
Theorie, nicht aber Theorie selbst." (XIX/1, 24 (A 18))
Durch den vortheoretischen Status sollen die Deskriptionen den
Angriffen der Kritik entzogen sein. Damit die theoretische Abwer-
tung der Deskription nicht auf die Phänomenologie selbst zurückfällt,
die so nur als Vorwissenschaft oder logische Propädeutik anzusehen
wäre, versucht Husserl sie als Grundlagenwissenschaft sowohl für die
Psychologie als auch die Logik darzustellen. Obwohl die Gegenüber-
stellung zur Psychologie insgesamt nahelegt, daß es sich bei den ge-
wissen Deskriptionsklassen um besondere psychologische handelt,
räumt ihnen Husserl einen Platz nicht innerhalb, sondern vor der Psy-
chologie ein. Dadurch entgeht er der methodischen Verstrickung,
innerhalb der Psychologie gewisse Elemente als für die ganze psy-
chologische Theorie grundlegend zu behaupten.
Die Bemühungen, jeglichen Psychologismusverdacht zu entkräf-
ten, droht die Behauptung der Notwendigkeit einer streng deskripti-
ven „psychologischen Fundierung der reinen Logik" (ebd.) zunichte
zu machen. Der Begriff von psychologischer Fundierung ist ausge-
sprochen anrüchig und klärungsbedürftig.27 Die Formulierung bringt
die Phänomenologie einerseits in eine gefährliche Nähe zu den psy-
chologistischen, d.h. genetischen Fundierungsansätzen. In der Ziel-
stellung der Fundierung läßt sich andererseits das Streben der Phä-
nomenologie erkennen, nicht nur über eine deskriptive Psychologie,
sondern auch über das Programm einer logischen Hilfswissenschaft
hinauszukommen.
Bei der Behauptung einer psychologischen Fundierung der Logik
muß Psychologie in dem auf strenge Deskription eingeschränkten
Sinn verstanden werden. Streng deskriptive Psychologie ist dann
gleichbedeutend mit Phänomenologie, so daß hier von einer rein de-
skriptiven Fundierung der Logik gesprochen werden kann. Husserl
beharrt nicht auf dem von Brentano übernommen Terminus der de-
skriptiven Psychologie; gleichwohl verteidigt er ihn der Sache nach.

Vgl. hierzu M. Sommer, a.a.O., S. 103.


128 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Um Mißverständnissen aus dem Weg zu gehen und sicherlich auch


um der Phänomenologie die Brust zu stärken, empfiehlt er schon in
der ersten Auflage der >Logischen Untersuchungen^ „anstatt von de-
skriptiver Psychologie vielmehr von Phänomenologie zu sprechen"
(ebd.).
Ist die Phänomenologie in ihrer Anfangsphase methodisch nur von
der genetischen Psychologie geschieden, so distanziert sie Husserl mit
ihrer eidetisch-transzendentalen Ausgestaltung später auch entschie-
den von der deskriptiven Psychologie. Die Absonderung der Phäno-
menologie von jeder Psychologie geht einher mit der Neubewertung
des Status der Denk- und Erkenntniserlebnisse, auf die sich die Phä-
nomenologie nicht länger wie die Psychologie als auf empirische Tat-
sachen bezieht.28 Als Wesenswissenschaft wird die Phänomenologie
jeden empirischen Charakter ihrer Wissenschaft zurückweisen.
Die Aufgabe der Fundierung der Logik stimmt mit dem Anspruch
der Phänomenologie, sich als Grundlagenwissenschaft zu etablieren,
ebenso überein, wie mit dem Programm, auf die Sachen selbst zu-
rückzugehen. Der Begriff der Fundierung muß dabei strikt in einem
deskriptiven, nicht kausal-erklärenden Sinn festgehalten werden. Das
gilt genauso, wenn Husserl von den phänomenologischen Deskriptio-
nen als der „Unterlage für jene fundamentalen Abstraktionen, in wel-
chen der Logiker das Wesen seiner idealen Gegenstände und Zu-
sammenhänge mit Evidenz erfaßt" (ebd.) spricht. Mit der Rede von
Fundierung der Logik wird die Phänomenologie auf die Tatsache
ausgerichtet, daß sich selbst die logischen Gesetze, welch idealer Sta-
tus ihnen auch zuerkannt weiden muß, nur in konkreten Abstraktio-
nen nachvollziehen lassen. Diesen psychologischen Grundsatz, der in
den >Prolegomena< oft als Trivialität gekennzeichnet wurde, macht
die Phänomenologie nicht in kausal-erklärender, sondern in rein de-
skriptiver Weise geltend. Mit der Rede von Grundlage sieht sie es auf
die Anschaulichkeit der logischen Bedeutungen ab. Dieses Verhältnis
des konkret anschaulichen Untergrunds zu den idealen Einheiten der
Bedeutung wird in der zweiten logischen Untersuchung eingehend
behandelt.

Siehe hierzu E. Holenstein, Einleitung des Herausgebers. Husserliana, Bd. XVIII,


a.a.O., XI-LIV, S. XLVII f.
7. Wahrnehmungen und Phänomene

Ganz am Schluß der > Logischen Untersuchungen findet sich eine


>Beilage< über >Äußere und innere Wahrnehmung. Physische und
psychische Phänomenen Das Verfahren, seinen phänomenologischen
Schriften kleinere, relativ abgeschlossene Betrachtungen beizulegen,
findet nicht nur in vielen Schriften Husserls Anwendung, es charakte-
risiert auch seine Arbeitsweise. Die Beilagen, wenn sie überhaupt ei-
nen deutlicheren thematischen Zusammenhang erkennen lassen, stel-
len das zuvor Behandelte meist aus einer besonderen Perspektive dar.
So dienen sie der Erläuterung und Vertiefung der Fragestellung oder
der Übertragung der Einsichten auf andere Themenbereiche und Wis-
sensgebiete. Durch die veränderte Perspektive, sie mag beschränkter
oder weiter, auf nebensächliche oder grundsätzliche Themen ausgerich-
tet sein, beanspruchen die Beilagen als durchgeführte Einzelbetrach-
tungen zumeist Eigenständigkeit.
Husserl kam viel auf das philosophische Handwerk an. Er achtete
auf das wissenschaftliche Kleingeld und mißtraute, wie er sich ge-
genüber seinen Studenten auszudrücken liebte, den großen Scheinen.1
Darin kommt eine erzieherische Haltung zum Vorschein, die sich an
der Methode empirischer Wissenschaften orientierte und von spekula-
tiven Systembauten Abstand hielt, deren beeindruckende Fassaden nur
die eigene Haltlosigkeit kaschierten. Diese Einstellung widersetzte sich
der Inflation philosophischer Erkenntnis in zeitgenössischen Weltan-
schauungslehren, die ihrerseits auf die Krisenhaftigkeit der Epoche
reagierten. Husserl fühlt sich demgegenüber dem Motiv Lockes ver-
pflichtet, mit kleinen Schritten in der Philosophie voranzukommen.
Er unterstreicht damit den Arbeits- und Werkcharakter der Phänome-
nologie. In diesem Sinne stehen gerade auch die Beilagen für ein Phi-
losophieren, das sich ohne große theoretische Vorgaben und Rück-
sichten auf die Sachen selbst einzulassen versucht.
Die Praxis, beständig Gedankenanalyse zu treiben und psychologi-
sche, philosophiegeschichtliche, logische oder eben phänomenologi-
sche Einzelanalysen anzufertigen, ist kennzeichnend für Husserls For-
schungsbesessenheit. Sie geht zusammen mit einer stenographischen

Siehe H.-G. Gadamer, Die phänomenologische Bewegung. In: GW, Bd. III, Tübin-
gen 1987, 105-146, S. 107.
130 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Schreibpraxis, die Husserl auch eine höhere Denkgeschwindigkeit er-


möglicht haben mag. Längst bevor die Stenographie aus der Mode
kam, war die spezielle Gabelsberger Methode, der er sich bediente,
nur für wenige Kundige lesbar.
Husserl betrieb sein Denken schreibend.2 Dabei konnte er vom Hun-
dertsten ins Tausendste kommen, was zum Teil die Schwierigkeiten
erklärt, die er mit der Fertigstellung größerer Werke hatte. So ist es
kein Wunder, daß das Prinzip der Beilage ein Charakteristikum gera-
de auch der in der kritischen Ausgabe posthum veröffentlichten Texte
wurde. Wiederum erklären sich hieraus zu einem Teil die Schwierig-
keiten und Mühseligkeiten, die ein Studium der Schriften Husserls
mit sich bringt. Auf ein strenges philologisches Studium der Phäno-
menologie kam es Husserl jedoch viel weniger an als auf lebendigen
Nachvollzug der phänomenologischen Einstellung in der Analyse und
Beschreibung. In diesem Sinne verstand er Phänomenologie selbst im-
mer als eine Übung.
Fernab von aller bislang gewohnten Rezipierung und Kommentierung
tradierter Philosopheme, [...] wollte die Phänomenologie nach Husserls
Grundmaxime der Kultivierung aller Kräfte des Sehens und Anschauens
nicht mehr, aber auch nicht weniger sein als eine Art philosophischen
Handwerks [...]. Die phänomenologische Methode schien lernbar, im
Probieren und Üben erwerbbar - und sollte es sein. Denn auch dies war

2
Auf die Formulierung Iso Kerns in seiner Einleitung zum Husserliana-Band XIII
vom denkenden Schreiben Husserls geht Natalie Depraz näher ein: Ecrire en
Phänomenologie «Une autre epoque de l'ecriture». Versanne 1999, S. 21, s. a. 62
f. Sie weist auf die Kluft zwischen der traditionellen logischen Konzeption einer
sinntransparenten Sprache in der Phänomenologie Husserls und seinem gedanken-
und sinnproduzierendem Sprachgebrauch hin. Ausgehend von Derridas Frage nach
der transzendentalen Sprache und der Schrift gilt ihr Interesse der Praxis und dem
Prozeß des Schreibens bei Husserl. Depraz gelingt es durch Bestimmung ver-
schiedener Schreibweisen Husserls, einer gewissen Verklärung des Denkens und
Schreibens zu begegnen, die „Husserl, der seine Gedanken mitzuschreiben pflegte"
(W. Künne, Edmund Husserl - Intentionalitäl. In: Grundprobleme der großen Phi-
losophen. Bd. IV: Philosophie der Neuzeit. Hrsg. v. J. Speck, Göttingen 1986, 165-
215, S. 172), quasi in die Nähe einer surrealistischen ecriture automatique rückt.
Die Frage, was es heißt, denkend zu schreiben, bezeichnet, wie wir gesehen haben,
gerade ein Problem der phänomenologischen Methode reflexiver Deskrip-tion. -
Die Formulierung Kerns findet sich mit Bezug auf Husserls Nachlaß wieder in
dem Gemeinschaftswerk von R. Bernet, I. Kern und E. Marbach, a.a.O., S. 225:
„Husserl hat relativ wenig veröffentlicht, aber er hat sehr viel geschrieben, so daß
sein philosophischer Nachlaß über 40.000, meist in Gabelsberger Stenographie
verfaßte Manuskriptseiten umfaßt. Diese Fülle ist zu ihrem wesentlichen Teil da-
durch entstanden, daß Husserl schreibend Probleme durchdachte. Seine Nachlaß-
manuskripte sind also größtenteils nicht für ein Publikum geschrieben, sondern
bilden »Selbstgespräche«, in denen er um Lösungen von philosophischen Proble-
men rang."
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 131

ein Novum der Husserlschen Phänomenologie: sie wurde, wenn über-


haupt, nicht für Leser geschrieben. Sie kannte nur Mitarbeiter.3
Die Beilage am Ende der > Logischen Untersuchungen unterscheidet
sich von den Beilagen, die sich in anderen Werken Husserls finden,
beträchtlich. Sie hat nicht nur einen allgemeinen, sondern für die Ein-
zeluntersuchungen so grundlegenden Charakter, daß sie besser in der
>Einleitung< zum zweiten Teil des Werkes denn als Anhang hätte er-
scheinen sollen. Bei der Erläuterung sowohl der phänomenologischen
Bezugnahme auf Phänomene, als auch des phänomenologischen Sinns
des Phänomenbegriffs kommen methodische, bzw. programmatische
Gesichtspunkte zur Geltung, die nicht nur für das Verständnis des Wer-
kes entscheidend sind, sondern es von vornherein erleichtert hätten.
Innerhalb der Einzeluntersuchungen finden sich zwar zahlreiche Be-
merkungen über den phänomenologischen Sinn und Gebrauch des
Phänomenbegriffs. Die angehängte Aufklärung kommt deshalb für das
Verständnis des Werkes nicht zu spät. Sie weist gleichwohl auf eine
architektonische Schwäche des Werkes hin.
Wegen ihrer Bedeutung für den Entwurf einer Phänomenologie ist
die Beilage über Wahrnehmung und Phänomene mehr als eine Beila-
ge. Daß Husserl sie so zurückstellt, ist nicht damit zu erklären, daß
sich erst im Blick aufs Ganze die Unterscheidung der Äquivokationen
des Phänomen- bzw. Erscheinungsbegriffs ergeben hätten. Es kann
auch nicht mit ihrem teilweise historisch-referierenden Charakter er-
klärt werden, der nicht recht in den Gang der >Logischen Untersu-
chungen paßte. Denn es gibt darin auch sonst philosophiegeschicht-
liche Auseinandersetzungen und gerade in der 2. LU längere Referate.
Das fünfte Kapitel dort über Humes Abstraktionstheorie, das seiner-
seits ein Anhang über >Modernen Humeanismus< beschließt, stellt eine
gelungen ins Ganze der Untersuchung eingearbeitete phänomenologi-
sche Einzelstudie dar. Wie dieses Kapitel sind die auf philosophiege-
schichtliche Positionen Bezug nehmenden Beilagen in der Regel
kritisch und dienen zur Überprüfung und Bestätigung des phänome-
nologischen Standpunktes. In diesem Sinn verstärkt bspw. die Beilage
am Ende des zweiten Kapitels der 5. LU die Kritik an der Bildertheo-
rie des Geistes und der irreführenden Rede von immanenten Gegen-
ständen.
Der Grund dafür, daß Husserl die Wahrnehmungs-Beilage den l o -
gischen Untersuchungen anfügte, anstatt ihre fundamentalen Erörte-
rungen zumindest dem zweiten Band voranzustellen, scheint mit der

E. Ströker; P. Jansen, a.a.O., S. 58.


132 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

logischen Grundausrichtung des Werks zusammenzuhängen. Die Er-


örterung der diversen Wahrnehmungs- und Phänomenbegriffe in der
Einleitung zu den Einzeluntersuchungen wäre einem Neuaufriß des
ganzen Untersuchungsfeldes gleichkommen. Die >Logischen Unter-
suchungen wären so noch stärker in eine Grundlagenkritik der Logik
und Psychologie einerseits und in diverse Begriffs- und Bewußtseins-
analysen andererseits zerfallen.
Daß „Husserls berühmt gewordene Widerlegung des logischen
»Psychologismus« [...] von ihrem positiven Gegenstück", der im zwei-
ten Band entwickelten „neuartigen, eidetisch-deskriptiven »Psycho-
logie« der Denk- und Erkenntniserlebnisse, [...] nicht zu trennen" ist4,
heißt keineswegs, daß die Kritik im ersten Band „can only be proper-
ly understood when we take into account his discovery and analysis
of intentionality in the second volume."5 Als Kritik der Geltungsbe-
reiche und -ansprüche der Logik und Psychologie sind die Analysen
der >Prolegomena< weitgehend negativ. Die strikte Unterscheidung
logischer Gesetze von psychologischen Gesetzen und die Zurückwei-
sung jeglicher psychologischen Begründung der Logik beansprucht
Gültigkeit, ohne daß die phänomenologische Alternative, die Husserl
im Anschluß entwickelt, für diese Beweisführung eine Rolle spielt.
Nicht die >Prolegomena< werden durch die Bewußtseinsanalysen
der Einzeluntersuchungen erläutert oder bekräftigt, sondern diese
Analysen versuchen, das durch die Kritik freigeräumte Feld zwischen
Logik und Psychologie auf neue Weise zu bestellen. So bemüht sich
Husserl in der >Einleitung< zum zweiten Band, eine Brücke zwischen
beiden Teilen zu bauen. Durch die dem Werk angefügte Beilage deu-
tet er unter Wahrung seines logischen Grundplans gleichwohl an, daß
die >Logischen Untersuchungen auch von ihrem Ende her lesbar sind.
Die Pointe dabei ist, daß sich beide Enden, die reine Idee, wie sie in
der Logik zur Geltung kommt, und das reine Phänomen, eben in der
Phänomenologie verbinden.
In der Beilage werden im Ausgang von den populären, den tradi-
tionell philosophischen sowie den psychologischen Wahrnehmungs-
begriffen die phänomenologisch relevanten Begriffe adäquater Wahr-
nehmung und selbstgegebener Phänomene herausgearbeitet. Obwohl
Husserl in der Folgezeit die Phänomenologie in Hinsicht auf eine
transzendentale Wesenswissenschaft radikalisierte, sind die hier vor-
genommenen Unterscheidungen nicht nur für die frühe Etappe der
Phänomenologie von grundlegendem Interesse. Ihre Gültigkeit bleibt

4
R. Bernet; I. Kern; E. Marbach, a.a.O., S. 3.
1
R.A.Mali, a.a.O., S. 19.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 133

bei allen Erweiterungen und Vertiefungen der Methode erhalten. Des-


halb verdient die Beilage am Ende der >Logischen Untersuchungen^
zumal in der begrifflich-methodischen Ausrichtung der vorliegenden
Arbeit, einen entscheidenden Vorzug.
Den zwar späten, immerhin aber expliziten Analysen zum Begriff
des Phänomens läßt sich bezüglich der Beschreibung nichts entspre-
chendes zur Seite stellen. Die deskriptive Methode findet in der Phä-
nomenologie Husserls keine ausfuhrliche und angemessene Erörter-
ung.6 Es liegt also nahe, die Betrachtung der beiden Begriffe in Hus-
serls frühem Hauptwerk mit den Bestimmung des Phänomens zu be-
ginnen. Ist davon erst einmal ein klarer Begriff gewonnen, kann die
Verbindung zum Beschreibungsbegriff hergestellt werden.

Die gewöhnlichen Wahrnehmungsbegriffe

Husserl geht in seiner Erörterung von den paarweisen Unterscheidun-


gen der Wahrnehmung einerseits in äußere und Selbstwahrnehmung,
andererseits in sinnliche und innere Wahrnehmung aus. Er versucht
zuerst anzugeben, welchen Sinn diese Begriffe „für den naiven Men-
schen" (XIX/2, 751) haben. Ungeachtet der pejorativen Konnotation
und des genau in diesem Sinne fragwürdigen Ausdrucksgebrauchs,
spricht Husserl auch in späteren Werken vom Naiven im Unterschied
zum Reflektierten. Der Gebrauch der Kennzeichnung geht dabei so
weit, Naivitäten selbst der herkömmlichen Philosophie oder Wissen-
schaft nachzuweisen.7 In diesem Fall wird der pejorative Sinn der Be-
zeichnung von Husserl bewußt polemisch ausgespielt. Gewöhnlich
jedoch wird die Bezeichnung keineswegs abwertend verwendet. Mit
dem Naiven und Natürlichen ist vielmehr ein Feld des Selbstverständ-
lichen umschrieben, dessen Verständlichkeit die Phänomenologie, wie
Husserl in mehreren Werken verkündet, eigens erweisen will. Es ist
somit ein echter und sogar notwendiger8 Ausgangspunkt phänomeno-
logischen Forschens, der später im Begriff der Lebenswelt seinen ad-
äquaten Ausdruck findet.
Abgesehen von der unterschwelligen Abwertung scheint der An-
satzpunkt beim gewöhnlichen Sprachgebrauch eine unverfängliche An-

6
Siehe hierzu weiter unten S. 213 ff. sowie B. C. Hopkins, a.a.O., S. 129.
Von Heideggers Begriff des Vulgären ließe sich ähnliches sagen, wenngleich des-
sen pejorativer Sinn ungleich stärker ist. Mit seinen wiederholten Beteuerungen,
derlei Kennzeichnungen nicht wertend zu meinen, hielt Heidegger ein negatives
Verständnis der jeweiligen Sachen kaum zurück.
8
Husserliana, Bd. XXIX, a.a.O., S. 268.
134 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

näherung an den Gegenstand zu sein. Es ist jedoch nicht ersichtlich,


worauf Husserl die Anordnung der Begriffe zu Paaren gründet. Daß
ihre Zusammenstellung einem allgemeinen Sprachgebrauch folgt, wä-
re im Sinne eines natürlichen Ansatzes der Erörterung naheliegend. Da-
für gibt es allerdings keine Anhaltspunkte, so daß die Willkürlichkeit
der Zusammenstellung auf Husserl zurückfällt. Offensichtlich korre-
spondiert dem Begriff der äußeren nicht der Begriff der Selbstwahr-
nehmung, genauso wenig dem der inneren derjenige der sinnlichen
Wahrnehmung, sondern bilden vielmehr innere und äußere Wahrneh-
mung ein Begriffspaar. Selbstwahrnehmung korrespondiert deshalb
nicht notgedrungen mit sinnlicher Wahrnehmung, sondern beide bil-
den eigene Begriffspaare mit zum einen der Fremdwahrnehmung und
zum andern der intellektuellen Wahrnehmung.
Die Anführung der beiden letzten Wahrnehmungsweisen erklärt
teilweise, warum Husserl andere, willkürliche Begriffspaare bildet.
Fremdwahrnehmung und mehr noch intellektuelle Wahrnehmung
sind unschwer als philosophische Begriffe zu erkennen, die kein po-
pulärer Sinn stützt. Wenn Husserl die populären Begriffe der Wahr-
nehmung paarweise aufführen will, kann er das nur von den Begriffen
der inneren und äußeren Wahrnehmung. Die beiden anderen von ihm
genannten populären Wahrnehmungsbegriffe, sinnliche Wahrnehmung
und Selbstwahrnehmung, sperren sich noch mehr als die von ihm an-
geführten Paare einer intuitiven Zuordnung.
Warum biegt sich Husserl zwei ungleichförmige Begriffspaare zu-
recht? Warum beläßt er es nicht bei dem einen unstrittigen Paar von
innerer und äußerer Wahrnehmung und klärt die Überschneidungen
und Unterschiede der ihnen beigeordneten Begriffe von Wahrnehmung
im populären Sinne auf? Bevor diese Fragen behandelt werden kön-
nen, muß geklärt werden, wie Husserl die einzelnen Begriffe im po-
pulären Sinn bestimmt.
Die äußere Wahrnehmung geht auf die Dinge so wie sie sich vor-
finden. In diesem unbefangenen Sinn ist der Begriff tatsächlich so
unkontrovers, daß er im Alltagsgebrauch für Wahrnehmung schlecht-
hin, ohne weitere Erklärung steht. Wenn die gewöhnliche Wahrneh-
mung näher erklärt und bspw. jemand, der ein Haus sieht, gefragt wird,
was er genauer für eine Wahrnehmung habe, könnte er antworten, daß
es eine äußere sei, daß er das Haus als dort so und so seiendes sähe.
Die im ersten Begriffspaar der äußeren Wahrnehmung zugeordnete
Selbst- oder Ichwahrnehmung greift Husserl in einem weiten Sinne
auf. Sie betrifft nicht nur die Wahrnehmung, die jeder hat, wenn er
bspw. sich im Spiegel, oder an sich herunter seine Beine sieht. Sie um-
faßt ebenso die Wahrnehmung der Zustände und Erlebnisse des Ich.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 135

Es ist offensichtlich, daß in der Selbstwahrnehmung unterschiedli-


che Aspekte des Ich zusammenkommen. Die innere und äußere Aus-
richtung der Selbstwahrnehmung wird durch die Analogie zu den
Möglichkeiten der äußeren Wahrnehmung, das Innere und Äußere bei-
spielsweise eines Hauses zu sehen, erklärt, aber dadurch keineswegs
verständlicher. Zwar kann die Wahrnehmung von Erlebnissen des Ich
genauso wie seine körperliche Erscheinung als Selbstwahrnehmung
gelten. Doch der Vergleich zur Wahrnehmung des Inneren eines äu-
ßeren Dings in der äußeren Wahrnehmung ist irreführend durch die
damit einhergehende dingliche Auffassung des Ich.
Das sogenannte Innere des Ich, das in der Selbstwahrnehmung als
Zustand, Erlebnis, Gefühl, Wunsch etc. erscheint, hat kein Außen. Es
müßte also bei der Selbstwahrnehmung wiederum streng zwischen
innerer und äußerer Wahrnehmung unterschieden werden. Wäre man
allerdings so weit, käme man bald auch dahin, in der äußeren Wahr-
nehmung ein inneres Erlebnismoment aufzuweisen. Auf die Unter-
scheidungen des Inneren und Äußeren sowohl der äußeren Wahrneh-
mung als auch der Selbstwahrnehmung geht Husserl im Bereich der
gewöhnlichen Wahrnehmungsbegriffe nicht ein. Das ist insofern be-
rechtigt, als der gewöhnliche Wahrnehmungsbegriff tatsächlich kaum
sehr differenziert gebraucht wird.
Durch den Vergleich zur Wahrnehmung eines Hauses in der Au-
ßen- oder Innenperspektive wird die Selbstwahrnehmung an die äuße-
re Wahrnehmung angeschlossen. Die Selbstwahrnehmung versteht
sich als Verlängerung der äußeren Wahrnehmung. Beide Wahrneh-
mungen unterscheiden sich durch ihren Gegenstand, der im Falle der
Selbstwahrnehmung ein ganz besonderer, einzelner ist, demgegen-
über die äußere Wahrnehmung auf den Rest alles Wahrnehmbaren
geht. Die Konsequenz der Ausrichtung der Selbstwahrnehmung an
der äußeren Wahrnehmung ist eine Verdinglichung ihrer Gegenstän-
de. Durch die gegenständlichen Unterschiede und die gemeinsame
dingliche Auffassung ist die Begriffspaarung der äußeren und der
Selbstwahrnehmung gerechtfertigt. Obwohl bei ihrer Gleichstellung
wiederum auf das Begriffspaar von Innen und Außen zurückgegriffen
wird, findet die angemessenere Paarung von innerer und äußerer Wahr-
nehmung im Rahmen der Darstellung der populären Auffassung keine
Erwähnung. Husserl beläßt es bei der groben Charakterisierung und
den damit zusammenhängenden Unstimmigkeiten.
Mit der Betrachtung des zweiten von Husserl der populären Auf-
fassung zugeschriebenen Begriffspaares vermehren sich nicht nur die
Überschneidungen der Wahrnehmungsbegriffe, sondern auch die Be-
denken der Husserlschen Darstellung gegenüber. Sinnliche Wahrneh-
136 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

mung umfaßt dem allgemeinen Verständnis nach jegliche Wahrneh-


mung durch die Sinnesorgane. In ihren Bereich fällt nicht nur die
Wahrnehmung der äußeren Dinge, sondern auch des eigenen Leibes
und seiner Aktivitäten, sofern sie eben sinnlich wahrgenommen und
nicht etwa bspw. vorgestellt sind. Als Beispiele sinnlicher Wahrneh-
mung leiblicher Betätigungen führt Husserl jedoch neben dem Gehen
und Essen auch das Sehen und Hören an. Diese Zusammenstellung ist
verwunderlich. Im Gegensatz zu den ersten beiden Aktivitäten, die ich
im Vollzug selbst sehe, höre oder anders sinnlich wahrnehme, kann
ich das bei den letzten beiden nicht.
Daß ich mein Sehen sehen oder mein Hören hören, also darauf ex-
tra sinnlich als auf etwas Objektives Bezug nehmen könnte, würde
Husserls „naiver Mensch" wohl kaum behaupten. Und daß er das Se-
hen oder Hören anders sinnlich wahrnimmt, etwa das Sehen hört oder
das Hören schmeckt, ist geradezu absurd. Sich im nahen Spiegel in die
Augen zu sehen und selbst ausgeklügelte Experimentieranordnungen
dürften wohl eher als schlichte Selbstbeobachtung denn als ein Sehen
des Sehens gelten.9 Solche optischen Versuche, denen in Bezug auf
die übrigen Sinnesorgane bei aller Phantasie kaum Entsprechendes zur
Seite zu stellen ist, schießen freilich über das Ziel hinaus, den Sinn der
alltäglichen Wahrnehmungsbegriffe aufzuklären.
Das Gehen und Essen sowie das Sehen und Hören können als Be-
tätigungen auch nicht gemeinsam dadurch der sinnlichen Wahrneh-
mung zugeordnet werden, daß zu dieser das bezeichnenderweise vage
Gespür oder Gefühl gerechnet wird. Denn erstens wäre die Rede, daß
wir unser Gehen durch muskuläre Bewegungen und körperliche Emp-
findungen, wie Erschütterungen oder Druckempfindungen, spüren, gar
nicht ohne weiteres auf das Sehen oder Hören übertragbar. Wenn
nicht gerade Blitze oder schnelle Bildfolgen uns blenden bzw. den
Gesichtsinn überreizen, oder uns schrille Töne ins Mark, dumpfe Tö-
ne in den Bauch fahren bzw. einfach die Lautstärke unsere Aufnah-
mefähigkeit strapaziert, haben wir in der sinnlichen Wahrnehmung
nicht noch ein inneres Gefühl der Wahrnehmung. Zweitens wäre da-
mit die sinnliche Wahrnehmung der äußeren Dinge unvereinbar, die
bezeichnenderweise kein Gefühl dieser Dinge vermittelt. Und drittens
würde sich diese Rede von der inneren Sinnlichkeit der äußeren sinn-
lichen Wahrnehmung gerade mit dem Sinn von Wahrnehmung über-
schneiden, der ihr gegenübergestellt ist.

9
Vgl. J.-P. Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen On
tologie. Reinbek b. Hamburg 1990, S. 399.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 137

Husserls Darstellung der populären Auffassung sinnlicher Wahr-


nehmung muß folglich zurückgewiesen werden. Das Sehen, Hören
und die anderen äußeren Sinne fallen nicht selbst in den Bereich der
sinnlichen Wahrnehmung. Dieser Rückkopplung kann kein Sinn zu-
erkannt werden. Die sinnliche Wahrnehmung erstreckt sich zwar über
den gesamten Bereich der äußeren Wahrnehmung, erfaßt aber ledig-
lich Teile der Selbst- und der inneren Wahrnehmung. Der Begriff
schließlich der inneren Wahrnehmung umfaßt im gewöhnlichen Ver-
ständnis vor allem die geistigen Betätigungen des Ich, sein Denken,
Wollen und Wünschen, aber auch das Fühlen. Durch letzteres ist die
innere Wahrnehmung nicht auf einen intellektuellen Bereich be-
schränkt, sondern hat Beziehung auf innerkörperliche Erlebnisse, die
als Gespür oder eben Gefühl schon erwähnt wurden. Zur inneren
Wahrnehmung in diesem Sinn kann beispielsweise die Wahrnehmung
der eigenen Verdauung gehören. Es wird hier eine spezifische innere
Sinnlichkeit geltend gemacht wird, die über kein besonderes Wahr-
nehmungsorgan verfügt, bzw. über kein anderes als den eigenen Kör-
per selbst.

äußere Selbst-

sinnliche innere Wahrnehmung

Nach diesem Schema können und müssen die gebräuchlichen Wahr-


nehmungsbegriffe anders als bei Husserl in Beziehung gesetzt wer-
den. Tatsächlich bilden, wie es der Sprachgebrauch nahelegt, äußere
und innere Wahrnehmung ein Gegensatzpaar. Die äußere, die immer
sinnliche Wahrnehmung ist, umfaßt dabei genauso Teile der Selbst-
wahrnehmung, wie die innere, die immer Selbstwahrnehmung ist, Tei-
le der sinnlichen Wahrnehmung. Die Überlagerung von Selbstwahr-
nehmung und sinnlicher Wahrnehmung erweist sich hingegen als zu
groß, als daß die Begriffe sinnvoll in einem Paar gegenübergestellt
werden könnten.
Der Bereich der inneren sinnlichen Wahrnehmung verdient wegen
der häufig damit verbundenen irrtümlichen Ansichten besondere Auf-
merksamkeit. Er ist als derjenige der Empfindungen und Gefühle zu
klassifizieren. Dabei ist die mögliche oder unmögliche Lokalisierbar-
keit bestimmter Empfindungen, bspw. von Zahnschmerzen oder Heim-
weh, nicht mit innerer sinnlicher Wahrnehmung gemeint ist. Es ist
zwar nicht so, daß im Zahnschmerz nur der Schmerz und nicht auch
138 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

der Zahn wahrgenommen wird, denn zu der Schmerzwahrnehmung


gehört die Deutung als Zahn-Schmerz. Es läßt sich hier jedoch zwi-
schen dem reinen Schmerzempfinden und seiner Deutung unterschei-
den. Wir gehen mit Zahnschmerzen zwar nicht zum Zahnarzt wegen
unserer Zähne, sondern wegen unserer Schmerzen. Wir gehen aber
doch zu einem Arzt, der unsere Zähne behandelt. Daß der uns zum
Hals-Nasen-Ohren-Arzt weiterschickt, weil er kein Zahnleiden ent-
deckt, wohl aber eine verschleppte Mittelohrentzündung vermutet,
kommt genauso vor, wie daß wir den Schmerz im gesunden benach-
barten Zahn lokalisieren.
Die Lokalisierung eines Schmerzes durch den Patienten, ob zutref-
fend oder nicht, ist für den Arzt ein wichtiges Indiz seiner Diagnose.
Gleichwohl bleibt der Schmerz, der beseitigt werden kann, selbst un-
auffindbar. Der Arzt findet und behandelt lediglich verletzte oder ge-
reizte Körperteile. Niemand hat je einen Schmerz oder eine Lust etc.
anders zeigen können als durch sein Verhalten. Daß gewisse Empfin-
dungen von ganz bestimmten Körperteilen ausgehen, heißt nicht, daß
sie durch diese äußerlichen Aspekte unter die äußere Wahrnehmung
oder unter die äußere Selbstwahrnehmung fallen.
Andere Empfindungen, wie die des Glücks oder der Trauer, weisen
diese Äußerlichkeit, bzw. Lokalisierbarkeit sehr viel weniger oder gar
nicht auf. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie den ganzen Men-
schen ergreifen und durchdringen, ohne daß er in Bezug auf seinen
Körper sagen könnte, wo genau sie steckten. Das Ausgebreitet- oder
Durchdrungensein, sei es vorder- oder hintergründiger, stärker oder
schwächer, ist als Grundzug aller Gefühle und Empfindungen anzu-
sehen. Es ist als solches zwar ein äußerlicher, jedoch kein dinglicher
Zug. Bei heftigen, plötzlichen Empfindungen kann er sich so steigern,
daß die Empfindungen mehr oder weniger genau lokalisierbar wer-
den. In diesem Sinne können beispielsweise gewöhnlich eher stille
Glücksempfindungen aus dem Bauch heraus empfunden werden.
Die Unterschiede innerhalb des Bereichs innerer sinnlicher Wahr-
nehmungen bezüglich ihrer Erscheinungsweise können durch eine
terminologisch bewußte Trennung zwischen Gefühlen und Empfin-
dungen aufgegriffen werden. Dabei werden die sich alltagssprachlich
auf eine typisch undeutliche Weise abzeichnenden Unterschiede im
Wortgebrauch fruchtbar gemacht. Die inneren sinnlichen Wahrneh-
mungen mit einer gewissen äußeren Erscheinungsweise wären als
Empfindungen zu bezeichnen. Diese begriffliche Fassung wird von
dem Wort, das auf ein Finden hinweist, auf etwas, worauf man stößt,
natürlich getragen. Die inneren sinnlichen Wahrnehmungen ohne eine
ausgeprägte Äußerlichkeit werden demgegenüber als reine Gefühle
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 139

aufgefaßt. Die Grenzen zwischen beiden Termini sind allerdings flie-


ßend.
Gegenüber diesen schlichten Bestimmungen von Empfindungen
und Gefühlen als Weisen körperlich-sinnlicher Wahrnehmung wer-
den Empfindungen in den >Logischen Untersuchungen in einem viel
breiteren Sinn aufgefaßt. Ihnen kommt darin eine bedeutende Rolle
zu. Die Erlebnisklasse speziell der Gefühle und die Frage ihrer Inten-
tionalität wird eingehend im § 15 der 5. LU diskutiert, wo sich die
Skizze einer Phänomenologie der Gefühle findet.
Die Erörterungen des Sinns und des Zusammenhangs der gewöhn-
lichen Wahrnehmungsbegriffe haben die Unstimmigkeiten der Hus-
serlschen Darstellung noch vermehrt. Abgesehen von der für ihn unge-
wöhnlich nachlässigen Behandlung, erfahren die populären Begriffe
zugegebenermaßen nur eine sehr geringe Aufmerksamkeit. Das erklärt
teilweise die ihm unterlaufenen Irrtümer. Husserl steuert, ohne sich
ernsthaft beim gewöhnlichen Sprachgebrauch aufzuhalten, auf die
philosophischen Bestimmungen der Wahrnehmung zu. Zwar machte
er später die Lebenswelt zum Hauptthema der Phänomenologie und
legte auf sprachliche Erörterungen von jeher Wert, doch findet sich
bei ihm hier als Geringschätzung der Alltagsbegriffe wieder, was in
der Kenzeichnung des Naiven zum Ausdruck kam.

Die erkenntnistheoretische Gegenüberstellung

Husserl geht es in der >Beilage< vor allem um die Aufklärung der phi-
losophischen und speziell der psychologischen Wahrnehmungsbegriffe
Brentanos. Die Erwähnung der populären Wahrnehmungsbegriffe dient
ihm als passender Einstieg, ohne daß er sich genauer darauf einläßt und
damit philosophischen Bestimmungen vorgreift.
In Bezug auf die Geltungsbereiche der gewöhnlichen Wahrnehmungs-
begriffe und deren schematischer Darstellung stellt die philosophische
Gegenüberstellung von einerseits äußerer oder sinnlicher, andererseits
innerer oder reflexiver Wahrnehmung eine radikale Vereinfachung dar.
Descartes' Unterscheidung zwischen mens und corpus greift Locke
im Bereich der Wahrnehmung mit derjenigen von reflection und
sation auf. (Daß Husserl bei Locke fehlerhaft von reflexion anstatt
von reflection (XIX/2, 752) spricht, ist ein weiteres Indiz für die
nachlässige Art, in der Husserl in der Beilage vorgeht und von der al-
so nicht allein die alltagssprachlichen, sondern auch die traditionellen
philosophischen Begriffe betroffen sind.)
140 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Indem die Überschneidungen der Wahrnehmungsbegriffe in der Er-


kenntnistheorie konsequent beseitigt werden, verschieben sich die
Begriffsumfänge enorm. Die innere Wahrnehmung wird auf rein in-
tellektuelle Betätigungen beschränkt. Sie umfaßt damit denjenigen
Bereich, der von den landläufigen Wahrnehmungsbegriffen zwar er-
faßt aber nicht eigens benannt wird. Es ist der Bereich der inneren
bzw. Selbstwahrnehmung, der keine äußere Selbstwahrnehmung und
keine innere sinnliche Wahrnehmung ist. Die innere Wahrnehmung
im philosophischen Sinn meint eine interne Reflexion auf die Betäti-
gungen des Geistes selbst. Um den Unterschied zwischen natürlicher
und philosophischer Auffassung innerer Wahrnehmung zu kennzeich-
nen, sollte bei dieser besser von intellektueller Wahrnehmung oder
schlicht von Reflexion gesprochen werden.
Für die alltagssprachlichen Verwendungen des Wahmehmungsbe-
griffs ist die äußere, dingliche Wahrnehmung prägend. Nach ihrem
Vorbild versucht der Alltags verstand den Wahrnehmungsbegriff auf
die innere Wahrnehmung auszudehnen. Reine innere Wahrnehmung
wird von diesem Verständnis kaum erfaßt und bleibt folgerichtig be-
grifflich unausgewiesen. Nur in einem uneigentlichen Sinne fällt die
reine innere Wahrnehmung alltagssprachlich unter Wahrnehmung. Ih-
ren rechtmäßigen Titel Reflexion führt sie jedoch bei Locke, der im
Sinne Descartes das alltagssprachliche Verständnis von Wahrneh-
mung auf den Kopf stellt, so daß die reflexive innere Wahrnehmung
nunmehr als die eigentliche Wahrnehmung gilt.
Bei Descartes und Locke wird die Reflexion Wahrnehmung. Es
handelt sich um eine folgenreiche philosophische Umwertung. Die
Gewißheit reflexiver Wahrnehmung wird zum unbezweifelbaren Fun-
dament der Erkenntnis, im Gegenzug die natürliche Gewißheit äuße-
rer Wahrnehmung zu etwas allgemein zweifelhaftem. Das an der äu-
ßeren Wahrnehmung orientierte natürliche Modell der Wahrnehmung
wird so versetzt, daß die reine innere Wahrnehmung nicht mehr linear
aus der äußeren, sinnlichen und Selbstwahrnehmung folgt, sondern
aller äußerlichen Wahrnehmung bei- bzw. übergeordnet wird. Die
philosophische Umwertung der Wahrnehmung trennt also nicht allein
die verschiedenen Wahrnehmungsbegriffe schärfer, als es in der ge-
wöhnlichen Einteilung der Fall ist, sondern setzt die innere und die
äußere Wahrnehmung in ein neues Verhältnis.
Die philosophische Zweiteilung der Wahrnehmung und die Auf-
fassung der Reflexion als eigentlicher Wahrnehmung bringt tendenzi-
ell im Bereich der inneren Wahrnehmung einen Solipsismus hervor.
Die Gewißheit der äußeren Wahrnehmung und der inneren Sinnlich-
keit kann den erkenntnistheoretischen Ansprüchen nicht mehr genü-
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 141

gen. Durch die intellektuelle Ausrichtung der Wahrnehmung werden


die im alltäglichen Verständnis bestehenden Unterschiede der Wahr-
nehmung eingeebnet.
Normalerweise kann sich das Ich der Identifizierung mit dem Kör-
per, welcher Schmerz empfindet oder müde wird, nicht ebenso ent-
ziehen, wie es sich in der äußeren Wahrnehmung von bspw. der Hand
als einem Körperteil distanziert. Die Gefühle des Ich sind ebensowe-
nig im Körper wie die Gedanken im Kopf und trotzdem anders als
Gedanken. Doch die eigenartige Gewißheit innerer sinnlicher Wahr-
nehmung, die sich im Rahmen der gewöhnlichen Wahrnehmungs-
begriffe zumindest bestimmen ließ, verschlägt nichts gegen den So-
lipsismus des cartesianischen ego. Zusammen mit der Wahrnehmung
ist die Gewißheit im Cartesianismus strikt intellektuell ausgelegt. Der
Anspruch der Erlebnisse innerer sinnlicher Wahrnehmung auf genau-
so sinnliche wie intellektuelle Evidenz, hält der Prüfung durch den
Cartesianischen Zweifel nicht stand. Dieser läßt letztendlich nur sich
selbst gelten und gleicht darin zwangsläufig dem solipsistischen Geist,
der allein ihn beschwört. Die innersinnlichen Wahrnehmungen wer-
den durch den Zweifelfilter auf Vorstellungen reduziert.
Was bleibt von einem Zahnschmerz, wenn er dem erkenntnistheo-
retischen Zweifel ausgesetzt wird? Der Einwurf, daß es sich dabei um
eine philosophisch konstruierte Frage handelt, die ein tatsächlicher
Schmerz gar nicht zuließe, ist philosophisch unerheblich. Es läßt sich
durchaus fragen, was an einem Zahnschmerz unbezwei feibar gewiß
ist. Ob dem Zahnschmerz, den ich habe, wirklich ein kranker Zahn in
meinem Mund entspricht, darüber kann ich mich täuschen. Ich kann
den Zahnschmerz auch bloß halluzinieren. Ich kann ihn aber nicht
bloß vorstellen, ohne ihn seiner charakteristischen Gegebenheitsweise
zu entkleiden. Die Halluzination halluziniert Schmerz, selbst wenn
sie einer Täuschung aufsitzt. Ob der Schmerz tatsächlich oder einge-
bildet, ob es ein Schmerz, oder vielleicht ein Erschrecken ist - daß
ich ein Erlebnis habe, steht außer Zweifel. Daß ich mich immerhin
täusche, daß immerhin eine solche Täuschung meine Vorstellung wä-
re, daran läßt sich Descartes zufolge nicht rütteln.
Der Schmerz als Erlebnis, das Schmerzen, geht allerdings in der
cartesianischen Zweifelsbetrachtung verloren; es findet sich in der re-
flexiven Restvorstellung nicht wieder. Auf die sich daraus ergebende
cartesianische Grundfeste des ego cogito cogitatum stützt sich später
auch Husserl in seinem Versuch, die Idee der Phänomenologie carte-
sianisch zu entfalten. Das Thema der Phänomenologie ist aus dieser
Perspektive die Untersuchung der Korrelationsverhältnisse von cogito
und cogitatum. Ihr Ziel jedoch besteht darin, das völlig abgezehrte
142 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

cartesianische Grundgerüst phänomenologisch mit erlebten Inhalten


anzufuttern und so gewissermaßen den Zahnschmerz philosophisch
zu retten.

Physische und psychische Phänomene

Die philosophische Einteilung der Wahrnehmung durch Locke wurde


in der Folgezeit vor allem für die sich herausbildende Psychologie
maßgeblich. Um den Naturwissenschaften gegenüber das eigene For-
schungsfeld zu behaupten und darüber hinaus ihre für alle Wissen-
schaft fundamentale Bedeutung unter Beweis zu stellen, bedurfte die
Psychologie mehr als eine erkenntnistheoretische Unterscheidung von
Körper und Seele. Sie konnte und wollte sich als empirische Wissen-
schaft nicht mit erkenntnistheoretischen Reflexionen zufrieden geben,
sondern mußte die psychischen Erscheinungen konkret beschreiben
und dabei den allgemeinen Charakter der psychischen Wahrnehmung
aufklären.
Im Ausgang von Descartes' Reflexion über den Zweifel referiert
Husserl die Selbstbestimmungsversuche der Psychologie hauptsäch-
lich im Blick auf Brentano. Wie sich die äußere Wahrnehmung ge-
genüber dem radikalen Zweifel als unverläßlich erweist, so die innere
als gewiß. Die Bestimmung der Wahrnehmungen nach ihrer Gewiß-
heit erübrigt sowohl den metaphysischen Bezug auf Körper und Geist
als auch die Unterscheidung sinnlicher von reflexiver Wahrnehmung.
Die Evidenz wird zu einem in den Wahrnehmungen selbst vorfindli-
chen Kriterium ihrer Einteilung. Demnach beschränkt sich die innere
Wahrnehmung auf den Bereich des evident Wahrnehmbaren und fällt
der äußeren Wahrnehmung der ganze Rest zu.
Täuschend ist die äußere Wahrnehmung in Hinsicht auf die Exi-
stenz der Gegenstände, die in ihr als äußere erscheinen. Der über die
phänomenale Existenz hinausgehende Existenzanspruch dieser Ge-
genstände, kann von den Wahrnehmungen nicht eingeholt werden.
Die Existenz der äußeren Gegenstände ist in der äußeren Wahrneh-
mung lediglich intentional vermeint. Die Phänomene der äußeren
Wahrnehmung weisen Sinnesqualitäten auf, die sich zu allgemeineren
und spezielleren Typen, wie Räumlichkeit, Farbigkeit, Festigkeit etc.
ordnen lassen. Dadurch ergibt sich ein positiver Zugang auf die Phä-
nomene der äußeren Wahrnehmung.
Das entscheidende Kennzeichen der inneren Wahrnehmungen ist
ihre Gewißheit. Die Phänomene der inneren Wahrnehmung können
als nicht-sinnlich bestimmt werden. Inwiefern weiterhin Brentanos
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 143

Begriff der »intentionalen Inexistenz« (XIX/2, 756) als ein positives


Merkmal dieser Phänomene anzusehen ist, erklärt Husserl nicht. Ge-
meint ist damit jedenfalls nicht, daß die Phänomene der inneren
Wahrnehmung der Intentionalität entgehen, sondern, daß sie im Be-
wußtsein nicht anders vorhanden sind denn als vermeinte Gegenstän-
de, was Brentano auch ihre immanente Gegenständlichkeit nennt.10
Auf die deskriptive Charakterisierung der Erlebnisse der inneren und
äußeren Wahrnehmung stützt Brentano nicht allein die Einteilung der
psychischen und physischen Phänomene, sondern auch seine Eintei-
lung der Wissenschaften in Psychologie und Naturwissenschaften.
Brentano wies auf die Eigenheit psychischer Phänomene hin, nicht
allein inneres Erleben, sondern dabei auch bewußter, wahrgenommener
Inhalt zu sein. Die Subtilität seiner Lehre vom inneren Bewußtsein
besteht darin, diese Unterscheidung nicht als Trennung verschiedener
Momente oder Verselbständigung verschiedener Akte der inneren
Wahrnehmung, sondern als Beschreibung der Eigenart des inneren
Bewußtseins aufzufassen. Durch die Behauptung der Gleichzeitigkeit
von innerem Erlebnis und innerer Wahrnehmung wird ein Kaska-
denmodell des Bewußtseins und damit ein uneinholbarer Regreß ver-
mieden. Doch die Lehre von der Mehrfältigkeit des inneren Bewußt-
seins, die die Einheit des Bewußtseins wahrt, kann Husserl zufolge
„durch keine Erfahrung" (XIX/2, 759 (A 703)) begründet werden. So
wird das klassische Problem des Selbstbezugs des Bewußtseins tat-
sächlich nur beschrieben, ohne daß Brentano darauf abzielte, es aufzu-
klären.
Brentanos Einteilung der Wahrnehmung aus einer psychologischen
Perspektive entspricht der erkenntnistheoretischen Einteilung durch
Descartes und Locke. Deren schematischen Parallelismus führte Bren-
tano fort, indem er der evidenten inneren und der nicht-evidenten
äußeren Wahrnehmung als Gegenstände einerseits die psychischen,
andererseits die physischen Phänomene zuordnet. Gegen diese Zu-
ordnung und Entsprechung wendet sich Husserl. Er kritisiert die Be-
stimmungen Brentanos dadurch, daß er die in den psychologischen
Begriffen unterlaufenden Mehrdeutigkeiten und daraus folgenden
Verwechslungen aufdeckt. Dabei beruft er sich sowohl auf den dieser
Einteilung widerstreitenden Sinn der natürlichen Wahrnehmungsbe-
griffe, als auch die Evidenz als einziges voraussetzungsloses Kriteri-
um der Unterscheidung.

10
Vgl. H. Ineichen, Intentionalität und Sprache: Psychologische oder sprachliche
Charakterisierung der intentionalen Beziehung? In: Grazer Philosophische
en, 15(1982), 21-42, S. 25.
144 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Wie Husserl nunmehr das naturgemäße Verständnis der Termini


von jedermann ins Felde führt (XIX/2, 760 f.), unterscheidet sich be-
trächtlich von der vorangegangenen Behandlung als naiv gebrauchter
Begriffe. Es offenbart sich hierbei eine bezeichnende Strategie der
>Beilage<, alltagssprachliche und philosophische Begriffe gegenein-
ander auszuspielen. Die Aufschlüsselung der alltagssprachlichen Be-
griffe hat sich Husserl gewissermaßen aufgespart, bzw. der Phäno-
menologie vorbehalten. Dabei machen sich die Überschneidungen der
alltagssprachlichen Wahrnehmungsbegriffe und Äquivokationen des
Wahrnehmungsbegriffs nicht erst bei Brentano, sondern eben vorher
schon bei Husserl selbst nachteilig bemerkbar.
Husserl greift die gewöhnlichen Wahrnehmungsbegriffe auf und
stellt die äußere Wahrnehmung in einem genauso schlichten empiri-
schen Sinne dar wie die innere. Hierbei stützt er sich auf die Breite
des populären Begriffs der Selbstwahrnehmung. Mit Brentanos Un-
terscheidung innerer und äußerer Wahrnehmung hat das wenig zu
tun. Diese Einteilung beruht bei Brentano genauso wie die Zuordnung
der psychischen und physischen Phänomene auf einer intentionalen
Charakterisierung. Wenn Husserl hingegen der inneren und der äuße-
ren Wahrnehmung den gleichen erkenntnistheoretischen Charakter zu-
spricht, macht er sich die Überschneidungen der alltagssprachlichen
Begriffe zunutze. Nur durch diesen weiten Begriffsgebrauch gelingt
es ihm zu zeigen, daß der erkenntnistheoretische Unterschied zwischen
Evidenz und Nicht-Evidenz durch die äußere genauso wie die innere
Wahrnehmung geht.
Im Bereich der alltagssprachlichen Wahrnehmungsbegriffe ist Hus-
serls Kritik der Gewißheitsansprüche von innerer und äußerer Wahr-
nehmung berechtigt. Die philosophische Einteilung der Wahrnehmung
wird von dieser allgemeinen Argumentation jedoch nicht, wie Husserl
vorgibt, betroffen. Sie unterscheiden sich von der alltagssprachlichen
Einteilung ja gerade dadurch, daß sie am Evidenzkriterium ausgerich-
tet sind. Hier rächt sich das anfängliche Versäumnis, die alltags-
sprachlichen Wahrnehmungsbegriffe einer genaueren Untersuchung
zu würdigen. Husserl läßt sich zumindest in seinem ersten Angriff auf
Brentano die philosophische Naivität zuschulden kommen, dessen
Begriffe mit den alltagssprachlichen zu identifizieren und in diesem
Zuge zu kritisieren.
Bei der Zuordnung von innerer Wahrnehmung und psychischen
Phänomenen, äußerer Wahrnehmung und physischen Phänomenen,
sind die Charaktere der Wahrnehmung und der Phänomene streng als
intentionale aufzufassen. Dadurch gelingt Brentano zum einen unter
dem Oberbegriff der Wahrnehmung die Vereinheitlichung des Ge-
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 145

Sichtspunktes. Zum andern vermeidet er die Austauschbarkeit der Be-


griffe des Inneren und Psychischen, Äußeren und Physischen. Bei
Descartes und Locke galt die innere genauso als psychische, wie die
äußere als physische Wahrnehmung. Bei Brentano hingegen läßt sich
streng genommen nicht mehr von psychischer oder physischer Wahr-
nehmung, inneren oder äußeren Phänomenen sprechen.
Ähnlich bemüht sich Husserl durch die Unterscheidung eines en-
gen und weiten Wahrnehmungsbegriffs sowie zahlreichen alternativen
Begriffen, wie Perzeption, Apperzeption, Auffassung, Interpretation
und Anschauung um eine philosophische Öffnung und Verbreiterung
des Wahrnehmungsbegriffs. Zwangsläufig muß bei ihm die Vielzahl
von Wahrnehmungsbegriffen verwirren. Entscheidend ist jedoch, daß
Husserl an der prinzipiellen Unterscheidung der Wahrnehmungen in
evidente und nichtevidente festhält, wenngleich er dabei vorbehaltlich
Evidenzstufen einräumt."
Evidenz ist auch für Husserl derjenige Charakter der Wahrneh-
mung, auf den es philosophisch ankommt, weil er die Einteilung der
Wahrnehmung in zwei erkenntnistheoretische Klassen erlaubt. Dem-
gegenüber erweisen sich alle Differenzen zu Brentano als zweitran-
gig. Die glückliche deutsche Übersetzung beim Wort nehmend, kann
Husserl genau wie sein Lehrer sagen, die innere sei „die einzige Wahr-
nehmung, die ihren Namen verdient" (XIX/2, 753, vgl. a. 769), ob-
wohl er den Bereich innerer Wahrnehmung anders begrenzt. Damit
wird Descartes' und Lockes reflexive Vereinnahmung der Wahrneh-
mung fortgeschrieben. Letztlich läßt sich dieser ganzen Linie neuzeit-
licher Erkenntnistheorie der Vorwurf machen, den Wahrnehmungs-
ais Reflexionsbegriff übermäßig zu strapazieren.
„Daß bei Husserl die innere Wahrnehmung ihre Bedeutung ver-
liert"12, läßt sich nicht allgemeinerweise sagen. Zwar kritisiert er den
gewöhnlichen sowie den traditionellen philosophischen Verweis auf
innere Wahrnehmung, insbesondere den Gebrauch, den Brentano da-
von macht. In diesem Sinne heißt es: „Vor allem darf man die mythi-
sche »innere Reflexion« nicht ernst nehmen." (XIX/1, 200, s. a. 365

Von Evidenz- und Beschreibungsstufen und dem im reflexiven Rückfragen unend-


lichen Fortschreiten der Phänomenologie zu immer neuen, korrigierten Evidenzen
und Beschreibungen ist in Husserls späteren Schriften oft die Rede. Vgl. Formale
und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft. Husser-
liana, Bd. XVII, Den Haag 1974, S. 130. Hier spricht Husserl, wie schon in der
>Einleitung< der >Logischen Untersuchungen^ vom wissenschaftlichen Zickzack
der Vergewisserung und Kritik. Zu den Evidenzstufen siehe auch Husserliana, Bd.
XXIX, a.a.O., S. 152 f.
D. Münch, Edmund Husserl und die Würzburger Schule. a.a.O., S. 93.
146 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

f.)- Deswegen verabschiedet sich Husserl jedoch keineswegs von der


Konzeption innerer Wahrnehmung oder Reflexion, sondern bringt viel-
mehr sein eigenes Verständnis davon zur Geltung. Seine Rede von
immanentem Gegenstand oder immanenter Erfüllung (XIX/2, 770 f.)
zeigt an, daß er nicht ohne einen Begriff von innerer Wahrnehmung
auskommt, den er ja auch weiter verwendet.13 Sofern sich dieser mit
dem Begriff von adäquater Wahrnehmung deckt, wird daran fest-
gehalten. Wenn Husserl in späteren Schriften von innerer Wahrneh-
mung in Anführungszeichen spricht, so gilt dieser Vorbehalt dem
gewöhnlichen sowie dem psychologischen Sinn, demgegenüber die
Phänomenologie gerade den echten Sinn innerer Erfahrung zu erfas-
sen vorgibt.14

Phänomene in der adäquaten Wahrnehmung

Erst mit der Analyse des Erscheinungsbegriffs und der Auflösung


seiner Bedeutungsüberlagerungen entfernt sich Husserl von der ober-
flächlichen Kritik der philosophischen Wahrnehmungsbegriffe. Hier
legt er den Grund für die phänomenologische Bestimmung der Wahr-
nehmung und damit für einen wesentlichen Teil der phänomenologi-
schen Theorie, wie er beispielsweise in der Auseinandersetzung mit
Lockes Ideenbegriff zum tragen kommt (XIX/1, 134 ff.). Husserl un-
terscheidet nicht nur verschiedene Bedeutungen von Erscheinung,
sondern erklärt sie als Momente der Wahrnehmung. Sein Ziel dabei
ist es, „to establish the primacy of the given - given not so much in
the sense of the data in our naively day-to-day immediacy but as
those given through a higher level of reflection."15
Als erste Äquivokation von Erscheinung führt Husserl „das kon-
krete Erlebnis der Anschauung" (XIX/2, 763) bzw. Vergegenwärti-
gung vor. Diese Erlebnismaterie der Wahrnehmung bezeichnet er
auch als Repräsentation. Das konkrete Erlebnis wird dabei zugleich
als Akt aufgefaßt. Als zweite Bedeutung wird die Erscheinung als er-

13
Daß Husserl die von ihm kritisierte Unterscheidung innerer von äußerer Wahr-
nehmung und die daraus entstehenden Probleme in der vieldeutigen Rede von
Transzendenz in der Immanenz weiter mitfuhrt, daß er auf den terminologischen
Unterschied von Immanenz und Transzendenz, den er mit der Methode transzen-
dentaler Reduktion zu unterlaufen sucht, angewiesen bleibt und deren Verhältnis
weiter kritisch bedenkt, zeigt E. W. Orth, Zu Husserls Wahrnehmungsbegriff, a.a.
O., S. 110 f.
14
Husserliana, Bd. XXIX, a.a.O., S. 129 f.
15
R. A. Mall, a.a.O., S. 15.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 147

scheinender Gegenstand, wie er jeweils im Vollzug der Wahrneh-


mung gegeben ist, abgesondert. In der dritten Bedeutung werden „die
reellen Bestandstücke" (XIX/2, 763) des ersten Erscheinungsbegriffs,
vor allem die präsentierenden Empfindungen (XIX/2, 763), als Er-
scheinungen herausgehoben. Das Anschauungserlebnis (Akt, Empfin-
dung) wird also zum einen in seiner nichtqualitativen, zum anderen
gerade in seiner qualitativen Bestimmtheit als Erscheinung aufgefaßt.
In der ersten Aquivokation wird der Empfindung selbst die Bedeu-
tung einer Erscheinung gegeben. In der dritten Aquivokation erhalten
bestimmte qualitative Momente eine Ausdeutung als Erscheinung.
Die zweite Aquivokation hingegen trifft den echten, bzw. verbreiteten
Sinn von gegenständlicher Erscheinung. Husserls Unterscheidungen,
die in den Einzeluntersuchungen immer wieder zur Geltung gebracht
werden (bspw. XIX/1, 198, 234), sind an dieser Stelle der >Beilage<
gleichwohl nicht leicht nachzuvollziehen.16 In einer schematischen
Darstellung lassen sich die drei Äquivokationen deutlicher als Mo-
mente bzw. Schichten der Wahrnehmung darstellen.

Gegenstand bewußtseinstranszendent

angeschauter Gegenstand / thematisch


Aquivokation 2 Erscheinung / Phänomen

Aquivokation 3 präsentierende Empfindung thematisch

Anschauungserlebnis / un thematisch
Aquivokation 1
Repräsentation / (Akt)

Auf die dritte Bedeutung von Erscheinung als präsentierender


findung richtet sich Husserls Interesse, sofern auf ihm die erkenntnis-
theoretische Interpretation der erscheinenden äußeren Dinge als Emp-

Es ist jedoch überzogen, gegenüber einer ganz ähnlichen Unterscheidungen in


einer späteren Vorlesung zu behaupten: „to Husserl phenomenon can be almost
anything, he is content to not confuse the different meanings of the word, and he
does not try to further clarify how the different meanings and uses of the term in-
terconnect" (W. Kienzier, What is a phenomenon? a.a.O., S. 520.). Folgerichtig
gilt auf diesem Niveau der Auseinandersetzung der Titel Phänomenologie als eine
Verlegenheitslösung für die Wissenschaft, die Husserl zwischen Naturwissenschaft,
insbesondere Psychologie, und zeitgenössischer Philosophie, von der er keine gute
Meinung gehabt haben soll, treiben wollte, ohne daß er vermochte, sie tatsächlich
auf Phänomene zu fundieren, bzw. ein klares Phänomenkonzept zu entwickeln (S.
517 ff).
148 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

findungskomplexionen beruht. Die Empfindungserlebnisse der Farbe,


der Härte etc. werden als Eigenschaften dem Gegenstand zugeschrie-
ben, d.h. als seine Färbung, Massivität etc. Gegen die irrtümlichen Aus-
wüchse der zum Teil ganz natürlichen und berechtigten Übertragung
wendet sich Husserl, indem er darauf weist, daß die Eigenschaften der
außerhalb vermeinten Dinge als Komplexionen eben vermeint und
nicht empfunden sind.17
Wenngleich zwischen Empfindung und gegenständlicher Deutung
eine Analogie besteht (XIX/2, 770), und Husserl an anderer Stelle so-
gar von erlebten Empfindungskomplexionen als einem analogischen
Baumaterial von Gegenstandsvorstellungen (XIX/1, 80 f.) spricht, sind
„die Empfindungen im Bewußtsein vorhanden" (XIX/2, 764) und ha-
ben allein dort ihren Platz. Diese Unterscheidungen finden Anwen-
dung auch in der 2. LU im Rahmen der Diskussion des Begriffs und
der Leistung der Aufmerksamkeit (XIX/1, 164 ff.). Ähnlich wie in
Wittgensteins Käferbeispiel heißt es dort bei der Unterscheidung von
Gegenstand und psychischem Inhalt, „daß die Gegenstände, die uns
»bewußt« werden, nicht im Bewußtsein als wie in einer Schachtel ein-
fach da sind, daß man sie darin bloß vorfinden und nach ihnen greifen
könnte". (XIX/1, 169 (A 164))
Husserl bemüht sich nicht nur darum, die bloßen Empfindungen
vor ihrer reellen, sondern vor jeglicher gegenständlichen Ausdeutung
zu bewahren. Im Zuge der Absonderung aller gegenständlichen Mo-
mente wird der reinen Empfindung in der zuerst unterschiedenen Be-
deutung der Titel Erscheinung abgesprochen. Die Empfindung als
konkretes Erlebnis versteht Husserl als Nicht-Akt, der nicht gegen-
ständlich, bzw. inhaltlich im Bewußtsein gegeben ist.18 Sofern Phä-
nomensein mit inhaltlichem Bewußtsein zusammenfällt, können „Emp-
findungen nicht selbst als Erscheinungen gelten" (XIX/2, 766 (A 707)).
Daß Empfindungen im gleichen Atemzug als „eingewobene" (ebd.)
charakterisiert werden, gibt einen Hinweis darauf, wie sie im Be-
wußtsein vorhanden sind. Das Bild vom Bewußtsein als Gewebe ist
in den gesamten >Logischen Untersuchungen< präsent. Gewebe ist ei-
ne phänomenologische Grundmetapher.
Hatte Husserl die Empfindung zuerst noch im Sinne eines „konkre-
ten Erscheinungs- oder Anschauungsaktes" (XIX/2, 763) aufgefaßt,
so stellt er sie später als Nicht-Akte heraus (XIX/2, 766 (A 707)). In

Zu Husserls Begriff des Meinens siehe weiter unten S. 177 ff.


Auf Husserls aristotelische Bestimmung der Empfindung als „eine intentional
nicht geformte sensuelle Hyle" hingewiesen hat W. Künne, Edmund Husserl - In-
tentionalität a.a.O., S. 210.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 149

ihrer schlichten Rezeptivitat und Passivität werden die Empfindungen


als konkrete Erlebnisse angesehen, die „den Erscheinungsakt konsti-
tuieren" (XIX/2, 773), ohne selbst gegenständlich wahrgenommen zu
werden. Ihnen kommt primär keine Aktintentionalität und Phänome-
nalität zu. So geraten sie in die Rolle eines subjektiv Ersten, auf dem
sich die jeweilige Intentionalität und Gegenständlichkeit der Wahr-
nehmung allererst aufbaut.
Die Empfindung, das ursprüngliche Erlebnis gewinnt erst eine Ge-
stalt, wenn es sich zu einer Wahrnehmungserscheinung vergegen-
ständlicht. Die Empfindungen selbst können zu Gegenständen nur in
reflexiven Akten gemacht werden. Darin besteht sogar eine vornehm-
liche Aufgabe der Phänomenologie. In diesem Sinn hat Husserl die
Gegenüberstellung von Empfindungen als subjektiven Erlebnissen
und eigentlichen objektiv-intentionalen Erscheinungen in der zweiten
Auflage der >Logischen Untersuchungen< durch eine allgemeinere
methodische Betrachtung ersetzt, die die Phänomenologie sehr viel
klarer als eine spezielle Erlebnislehre bestimmt.
Die konkreten Empfindungen sind als Erlebnisse auf eine nichtge-
genständliche, nichtinhaltliche Weise bewußt. Husserl distanziert sich
von dem Erscheinungsbegriff in der ersten unterschiedenen Bedeu-
tung als Empfindung, weil damit die Gefahr einhergeht, „daß man
schließlich alles Psychische überhaupt, alle Erlebnisse in der Erleb-
niseinheit des Ich als Phänomene ansieht." (XIX/2, 766 (A 708)) Die-
se Gleichsetzung der Phänomene bzw. des inhaltlich Wahrnehmbaren
mit Erlebnissen schlechthin kann als vierte, von Husserl nicht eigens
gekennzeichnete, Äquivokation des Erscheinungsbegriffs angesehen
werden. Sie stellt eine Aufblähung der ersten unterschiedenen Bedeu-
tung dar. Das Psychische, das Erlebte ist für Husserl jedoch keines-
wegs umfangsgleich mit dem Phänomenalen.
Daß die Gleichsetzung der Erscheinungen mit inhaltlich Gegen-
ständlichem und davon die Unterscheidung der Empfindungen und
Erlebnisse in einem strengen Sinne gerechtfertigt ist, wird auch sprach-
lich nahegelegt. Der reine Sinn von Erlebnis, das Erleben selbst, wird
nämlich vom Begriff der Erscheinung höchstens dadurch abgedeckt,
daß die Erscheinung als Erlebnis des Erscheinens aufgefaßt wird. Als
solches ließe sich zwar auch das Phänomen in zumindest einer seiner
Bedeutungen auffassen. Dieser Tätigkeitssinn wird jedoch kaum vom
Wort Erscheinung, erst recht nicht vom Wort Phänomen getragen. Nur
dadurch, daß in den psychischen Erlebnissen die phänomenalen In-
halte ganz natürlich eine ausgezeichnete Rolle spielen, ist es möglich,
die Erlebnisse insgesamt als Phänomene aufzufassen.
150 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Das Hauptaugenmerk von Husserls Äquivokationsanalysen des Er-


scheinungsbegriffs gilt Brentanos Begriffen von innerer und äußerer
Wahrnehmung und ihren Objekten, den psychischen und physischen
Phänomenen. Die Parallelisierung von Wahrnehmungsart und -gegen-
ständ ist ein Kritikpunkt Husserls. Speziell wirft er Brentano vor: er-
stens, den uneigentlichen und eigentlichen Wahrnehmungsbegriff zu
verwechseln, damit zusammenhängend zweitens, den Doppelsinn, der
im Begriff des physischen ebenso wie in dem des psychischen Phä-
nomens steckt, zu übersehen, und drittens, den Begriff der Wahrneh-
mung unterschiedlich für die innere und die äußere Wahrnehmung zu
gebrauchen, bzw. das entscheidende Einteilungskriterium der Evidenz
hinsichtlich der Wahrnehmungen nicht konsequent zu handhaben.
(1) Gegenüber Brentano versucht Husserl den „eigentlichen und al-
lein zulässigen Sinn des Wortes wahrgenommen'' (XIX/2, 767) auf
den Bereich physischer Dingwahrnehmung einzuschränken." Die be-
rechtigte Unterscheidung eines eigentlichen und uneigentlichen Wahr-
nehmungsbegriffs schießt allerdings über ihr Ziel hinaus, wenn sie
die Zulässigkeit des Begriffsgebrauchs festlegen will. Dem Sprach-
gebrauch läßt sich, wo es nicht ausdrücklich auf eine bestimmte ter-
minologische Verwendungsweise ankommt, mit Dekreten schwerlich
beikommen. Husserl selbst bedient sich des Begriffs der Wahrneh-
mung in dem uneigentlichen Sinn, der auch die konkreten Erlebnisse
zu Gegenständen der Wahrnehmung macht, obwohl hier die Rede
von Reflexion viel passender wäre. Das zeigt, daß es nicht auf den
Ausschluß des weiten Sinns ankommt, sondern darauf, die Verwechs-
lung mit dem eigentlichen Sinn zu vermeiden.
Daß Brentano einen uneigentlichen Wahrnehmungsbegriff ge-
braucht, kann von vornherein nicht als philosophisch unzulässig zu-
rückgewiesen werden. Die Kritik ist jedoch berechtigt, insofern der
eigentliche und uneigentliche Wahrnehmungsbegriff miteinander ver-
tauscht und die Bestimmungen des einen auf den anderen übertragen
werden. So besteht Husserls Vorwurf gegenüber Brentano weniger
darin, daß die äußere Wahrnehmung und damit zusammenhängend
die physischen Phänomene, die eigentlich Phänomene des Physischen

9
Wegen dieser Äußerung, als „a very interesting kind of argument that shows
Husserl as a philosopher practicing the analysis oflanguage to clear up conceptual
confusion!" (W. Kienzier, What is aphenomenon? a.a.O., S. 525.), muß man Hus-
serl nicht gleich Wittgenstein an die Brust drücken. Husserl betreibt von Beginn an
Begriffsanalysen mit mehr oder weniger Rücksicht auf den philosophischen und
alltäglichen Sprachgebrauch. Den Ausschlag gibt bei ihm jedoch stets ursprüngli-
che, selbst auch Sprache fundierende Erfahrung, in welcher Reinheitsform immer
sie phänomenologisch bestimmt wird.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 151

sind, aus ihren natürlichen Bezügen auf die physischen Dinge heraus-
gelöst werden, als vielmehr darin, daß ihr Sinn auf die in der psy-
chologischen Analyse der Wahrnehmung gewonnenen Gegenstände
übertragen wird.
(2) Mit dem Gebrauch eines engen und eines weiten Wahrneh-
mungsbegriffs geht ein enger und ein weiter Sinn von physischem
Phänomen einher. Im engen Begriffsgebrauch wird das äußere Ding
als physisches Phänomen aufgefaßt. Das physische Phänomen ist hier
Erscheinung in dem eigentlichen Sinn der zweiten von Husserl unter-
schiedenen Äquivokation. Im weiten Begriffsgebrauch werden auch
die Anschauungserlebnisse, die Erscheinungen vor allem im Sinn der
dritten Äquivokation, als physische Phänomene aufgefaßt.
Weil Brentano die Äquivokation zwischen angeschautem Gegen-
stand einerseits, Repräsentation, bzw. präsentierender Empfindung
andererseits als Erscheinung übersieht, erweisen sich ihm beide Er-
scheinungen im Lichte der äußeren Wahrnehmung unterschiedslos als
trügerisch. Husserl zufolge entgeht ihm, daß aus der äußeren Wahrneh-
mung psychologische Reflexion wird, wenn nicht mehr das physische
Ding, sondern das konkrete Erlebnis selbst Gegenstand der Wahrneh-
mung ist. Die Reflexion auf die konstitutiven Erlebnisse der äußeren
Wahrnehmung wird zwar Wahrnehmung in einem uneigentlichen
Sinn, kann für sich jedoch eine ausgezeichnete Evidenz beanspru-
chen.
Ausgehend von der natürlichen Wahrnehmung eines äußeren Ge-
genstandes, eines Hauses bspw., unterscheidet Husserl zwischen dem
wahrgenommenen Haus und den präsentierenden Empfindungen, die
dabei erlebt aber selbst nicht wahrgenommenen sind. Sofern sie als
Inhalte eigens betrachtet werden, wird von dem natürlichen Gegen-
stand, dem Haus, abgesehen. Die Wahrnehmung der reinen Erlebnis-
inhalte ist nicht mehr wie die Wahrnehmung des äußeren Gegen-
stands trügerisch, sondern evident. Die Evidenz der Reflexion auf den
erlebten Inhalt einer sogenannten äußeren Wahrnehmung veranlaßt
Husserl, die herkömmliche Unterscheidung von äußerer und innerer
Wahrnehmung ebenso wie diejenige von physischen und psychischen
Phänomenen in Frage zu stellen. Indem er die Phänomene anders als
Brentano einteilt, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, deskriptive Psy-
chologie als Phänomenologie schlechthin zu betreiben.
Brentanos Unterscheidung von physischen und psychischen Phä-
nomenen ist Husserl zu grobschlächtig. Den Bereich der psychischen
Phänomene schränkt Brentano auf die reellen Akterlebnisse ein, die
in der inneren Wahrnehmung so wahrgenommen werden, wie sie da
sind. Er greift damit die von Husserl gekennzeichnete erste Äquivo-
152 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

kation des Erscheinungsbegriffs heraus und behält sie der inneren


Wahrnehmung vor, wie er die dritte Äquivokation der äußeren Wahr-
nehmung zugeschlagen hatte. Dabei wird aus der Wahrnehmung unter
der Hand adäquate Wahrnehmung, die im Bereich der bezeichneten
physischen Phänomene jedoch genauso zu handhaben wäre. Husserl
wendet sich gegen eine Beschränkung der psychischen Phänomene
auf die Akterlebnisse und plädiert für eine Ausweitung der inneren
Wahrnehmung auf das ganze Bewußtsein.
(3) Mit der Kritik an Brentanos Abgrenzung von physischen und
psychischen Phänomenen hängt aufs engste der Vorwurf zusammen,
daß er sich dabei eines je verschiedenen Wahrnehmungsbegriffs be-
dient. Es hat sich gezeigt, daß Brentano bei den Anschauungserleb-
nissen die präsentierenden Empfindungen als physische Phänomene
im Lichte der äußeren Wahrnehmung ansieht, die reellen Akterlebnis-
se hingegen als psychische Phänomene im Lichte der adäquaten inne-
ren Wahrnehmung. Dadurch verschiebt er die Einteilung der Wahr-
nehmung in innere und äußere auf eine Weise, daß sie sich nicht mit
der Einteilung in evidente und nicht-evidente Wahrnehmungen deckt.
Von Husserls Modell der Wahrnehmung, der Unterscheidung ihrer
thematischen und unthematischen, erlebten und gegenständlich be-
wußten Momente, ist die grundsätzliche erkenntnistheoretische Ein-
teilung der Wahrnehmung durch Descartes und Locke nicht betroffen.
Auf der Grundlage der Analyse des Erscheinungsbegriffs und seiner
Äquivokationen trifft Husserls Kritik Brentano gerade darin, daß des-
sen Unterscheidungen von innerer und äußerer Wahrnehmung sowie
ihrer Objekte, der physischen und psychischen Phänomene, die an der
Evidenz ausgerichtete Einteilung verfehlen.
Mit der Analyse der Äquivokationen des Erscheinungsbegriffs und
der Bestimmung der im Wahrnehmungsvollzug angeschauten Gegen-
stände als Erscheinungen im echten Sinn ist noch kein ausgezeichne-
ter Wahrnehmungsbegriff gewonnen. In der Auseinandersetzung mit
Brentano skizziert Husserl seinen Begriff adäquater Wahrnehmung.
Das Modell dafür gibt die auf psychische Phänomene gerichtete innere
Wahrnehmung ab, die Husserl durch die strenge Beachtung des Evi-
denzkriteriums von den Beschränkungen Brentanos befreit.
Die bloße Empfindung, die Erlebnismaterie, ist noch keine Erschei-
nung. Sie ist als Akterlebnis ein reeller Bestandteil der Wahrnehmung,
der im Bewußtsein lediglich unthematisch gegeben ist. Wird dieses
Moment der Wahrnehmung seinerseits zum Gegenstand einer Wahr-
nehmung gemacht, gewinnt es einen einzigartigen erkenntnistheoreti-
schen Charakter. Diese Wendung der Wahrnehmung auf ihre eigenen
konstitutiven Momente vollzieht Husserl ganz im Sinne der cartesia-
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 153

nischen Tradition. Dabei fallen wahrgenommener Gegenstand und


Empfindung nicht wie in der gewöhnlichen, inadäquaten Wahrneh-
mung auseinander, sondern auf eine Weise zusammen, die adäquate
Wahrnehmung geradezu definiert. In der adäquaten Wahrnehmung
„der eigenen wirklichen Erlebnisse" (XIX/2, 770), sofern wir es „ein-
fach hinnehmen, statt deutend" (XIX/2, 771 (A 712)) darüber hinaus-
zugehen, ist der wahrgenommene Gegenstand etwas, was ihr als Emp-
findung „selbst wahr und wirklich einwohnt" (XIX/2, 770).20
Das Ideal der adäquaten Wahrnehmung ist zweideutig, insofern
das einfache Hinnehmen des Erlebnisses sowohl in der natürlichen als
auch in einer besonderen phänomenologischen Wahrnehmung voll-
zogen werden kann. Wenn wir uns aller Deutungen enthalten, neh-
men wir das Erlebte selbst wahr und erleben das Wahrgenommene.
Mit dieser genauen wechselseitigen Überschneidung wird die Evi-
denz der philosophisch herausgehobenen Wahrnehmung begründet.
Doch die sekundäre Wahrnehmung richtet sich nicht bloß auf die
konkreten, unthematischen Bewußtseinsmomente der primären Wahr-
nehmung. Nicht „allein die in phänomenologischer Reflexion gege-
benen intentionalen Akte"21 werden so wahrgenommen, welche Be-
schränkung Husserl Brentano gerade zum Vorwurf machte. Auch die
reinen Empfindungen werden zu Gegenständen der immanenten
Wahrnehmung, wovon sich Husserl eine Verlebendigung des cartesi-
schen Ansatzes versprach. Hier liegt der Ursprung für die beträchtli-
che Ausweitung des phänomenologischen Beschreibungsprogramms.
Tendenziell können alle Bewußtseinsgegebenheiten zu Phänomenen
der Phänomenologie werden. Die sekundäre Wahrnehmung möchte
die reellen Bewußtseinserlebnisse, so wie sie erlebt sind, zu ihren
Gegenständen machen und sie dabei als Erlebnisse oder Daten unbe-
rührt lassen. Erscheinung und Erlebnis sollen in der Reflexion zu-
sammenfallen. Daß die sekundäre Wahrnehmung keine andere Emp-
findungsgrundlage hat, liegt jedoch daran, daß sie nur in einem wei-
ten Sinn Wahrnehmung, eigentlich aber Reflexion ist.
In der >Beilage< zeichnet sich die Unterscheidung zweier allgemei-
ner Phänomenbegriffe ab. Das ursprüngliche Phänomen ist das in der
Wahrnehmung rein Geschaute ohne weitere Deutung. Es ist als rei-
ner, selbstgegebener Gehalt das Korrelat eines schauenden Aktes,
gleich ob es sich dabei um eine Wahrnehmung oder Phantasievorstel-
lung etc. handelt {Phänomen 1). In einem viel weiteren Sinne kann
jedes im Bewußtsein Vorfindliche als Phänomen, das heißt nun als rei-

Vgl. die Unterscheidungen am Beispiel des Zahnschmerzes weiter oben S. 137 ff.
R. Bernet; I. Kern; E. Marbach, a.a.O., S. 53.
154 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

nes Korrelat des phänomenologischen, immanenten Wahrnehmungs-


bzw. Reflexionsaktes aufgefaßt werden (Phänomen 2).
Unvermerkt handelt es sich nun um ein ganz anderes Schauen als zu-
vor und korrelativ um eine andere Art von Phänomen. Es ist nicht mehr
das Schauen des Aktes, sondern ein Schauen auf den Akt, gewisser-
maßen ein Schauen zweiter Stufe - und zwar ohne daß es nun noch
irgendwie wichtig wäre, ob der so zum Gegenstand eines Schauers
gemachte Akt selbst ein schauender ist oder nicht.22
Adäquate Wahrnehmung kann sich nach Husserl an allen erlebten
Bewußtseinsinhalten vollziehen, sofern sie so aufgefaßt werden, wie
sie erlebt bzw. gegeben sind. Er wertet dadurch die zuerst geschmähte
vierte Äquivokation des Erscheinungsbegriffs, die aufs engste mit dem
Erlebnisbegriff verbunden ist, als die für die Phänomenologie entschei-
dende auf. Dieser Erscheinungsbegriff erhebt zwar den Anspruch auf
echte Anschaulichkeit. Insofern diese aber wesentlich sinnliche, äuße-
re Wahrnehmung ist und mit dem angeschauten Gegenstand genau-
so wesentlich eine transzendente Ausdeutung einhergeht, bleibt echte
Wahrnehmung phänomenologisch zumeist eine bloße Prätention.
Einen Druckfehler der Kritischen Ausgabe der >Logischen Unter-
suchungen aufgreifend, ließe sich tatsächlich von einem reflexiven
„Verkauf [anstatt: Verlauf] sinnlicher Inhalte" (XIX/2, 772) in der
Phänomenologie sprechen. So wie sich der auf Reflexion beruhende
phänomenologische Erscheinungsbegriff das Gewand der äußeren
Wahrnehmung borgt, die er als unzuverlässige gleichzeitig zurück-
setzt, verleugnet er auch seine Intellektualität, die ihm doch Evidenz
versichert. Sofern sich also die philosophische Reflexion als Wahr-
nehmung ausgibt, gerät sie in einen doppelten Zwiespalt.

H. U. Asemissen, Strukturanalytische Probleme der Wahrnehmung in der


menologie Husserls. Kantstudien, Ergänzungsheft 73, Köln 1957, S. 75. Asemis-
sens kritische Auseinandersetzung hatte das gesamte seinerzeit zugängliche Werk
Husserls und die darin zur Entfaltung kommende Wahrnehmungstheorie zum Ge-
genstand. Mit deren metaphysischen Voraussetzungen werden die grundsätzlichen
Aporien phänomenologischer Wahrnehmung im Spannungsfeld von Immanenz
und Transzendenz aufgedeckt. Hinsichtlich der beiden Phänomenbegriffe wies
Asemissen v.a. auf den Zusammenhang zu den unterschiedlichen phänomenologi-
schen Reduktionstypen hin. Die erst in einer mittleren Phase der Husserlschen
Phänomenologie explizit ausgearbeitete Reduktionstheorie deutet sich in den l o -
gischen Untersuchungen in den zwei unterschiedlichen Phänomenbegriffen an.
Der erste Begriff ist enger in seinem strengen Bezug auf das rein Geschaute schau-
ender Akte. Der zweite Begriff ist weiter. Lediglich von ihm läßt sich mit Recht
behaupten, wir dürften „nur von Phänomenen bei solchen Erscheinungen reden,
wo die Reflexion mit zum Bestand der »Erscheinung« gehört." (W. Szilasi,
wort. In: E. Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft. Frankfurt a. M. 1965,
S. 90.) Das Phänomen ist hier ein abgeleitetes oder sekundäres Phänomen.
WAHRNEHMUNGEN UND PHÄNOMENE 155

Nicht nur die beiden anderen von Husserl ausgewiesenen Äquivo-


kationen von Erscheinung als bloße Repräsentation und präsentierende
Empfindung werden zu gegenständlichen Inhalten der Wahrnehmung,
sondern auch die Akterlebnisse und überhaupt alle Bewußtseinsgege-
benheiten. Sie werden in der adäquaten Wahrnehmung zu Phänomenen
gemacht. Nur in der phänomenologischen Reflexion ist es gerecht-
fertigt, „schließlich alle Erlebnisse überhaupt als Phänomene zu be-
zeichnen" (XIX/2, 773). Auf der zuerst kritisierten Ausweitung des
Empfindungsbegriffs, das heißt auf der vierten Äquivokation des Er-
scheinungsbegriffs, baut schließlich die Phänomenologie als Lehre
von den Bewußtseinserlebnissen auf, was Husserl in aller Deutlich-
keit erst in der zweiten Auflage bekennt. In der >Beilage< hält ihn zu-
erst noch Brentanos psychologische Einteilung der Erlebnisse in Akte
und Nichtakte, die mit der Einteilung der Phänomene in psychische
und physische zusammenhängt, davon ab, den Erlebnis- tatsächlich als
Phänomenbegriff zu profilieren.
So wie die innere Wahrnehmung Brentanos nicht mehr im Rahmen
des von ihm beschriebenen inneren Bewußtseins vollzogen werden
kann, so muß auch die adäquate Wahrnehmung Husserls als Reflexi-
on, bzw. sekundäre Wahrnehmung gekennzeichnet werden. Damit wird
„die unendliche Verwicklung" (XIX/2 759) des auf sich selbst bezo-
genen Bewußtseins fortgetrieben, die Brentano gerade zu vermeiden
dachte. Es ist nur ein schwacher Trost, vielmehr aber eine Verschleie-
rung des Reflexionsmodells phänomenologischer Wahrnehmung, wenn
Husserl mit Phänomenen wie Vorstellen, Urteilen, Vermuten, Wün-
schen, Hoffen usw. vorgibt: „Wir treten hier sozusagen in eine andere
Welt." (XIX/2, 755 f.).
Erst aus der Konzeption adäquater Wahrnehmung wird klar, daß
die Sachen selbst Bewußtseinserlebnisse sind, zu denen die Phänome-
nologie reflexiv einen ausgezeichneten Zugang bahnt. Das Programm
der Phänomenologie, der Rückgang auf die Sachen selbst, steht in ei-
ner Tradition von Descartes, Locke und Brentano. Das wird in der
Wahrnehmungsbeilage trotz aller Kritik, die an ihnen im einzelnen
geübt wird, deutlich. Rückgang heißt also tatsächlich Reflexion. Das
phänomenologische Phänomen als das Selbstgegebene kann deshalb
nur im weitesten Sinn als Sache gekennzeichnet werden.
8. Ausdrucks- und Bedeutungserlebnisse

Die erste phänomenologische Einzeluntersuchung ist dem grammati-


schen, phänomenologischen und logischen Spannungsfeld von Aus-
druck und Bedeutung gewidmet. Husserls Ziel ist, die Äquivoka-
tionen des Ausdrucks- und Bedeutungsbegriffs zu unterscheiden und
das Wesen der Bedeutung zu bestimmen. Es geht um eine Aufklärung
der allgemeinen Strukturmomente der Denk- und Erkenntniserlebnis-
se des Ausdrückens und Bedeutens. Husserls Analysen erlauben es,
die verschiedenen inhaltlichen Momente des Ausdrucks- und Bedeu-
tungsgeschehens zu ordnen und schematisch darzustellen. Unser Ziel
ist es, „die Phänomenologie der Bedeutungen" (XIX/1, 187), von der
Husserl allererst in der 2. LU spricht, in ihrer Entfaltung zu verfolgen,
um die Arbeit phänomenologischer Analyse und Beschreibung exem-
plarisch aufzuweisen.

Phänomenologie der Bedeutung

Die erste Untersuchung beginnt mit der Unterscheidung der Termini


Ausdruck und Zeichen. Zeichen sind stets Zeichen für etwas und kön-
nen darüber hinaus Ausdruck von etwas sein. Erfüllt ein Zeichen al-
lein die erste Funktion, ist es ein bloßes Anzeichen. Die Weise des
Anzeigens besteht darin, ein bloßer Hinweis auf etwas zu sein. Das
Anzeichen kann diese Funktion durch natürliche oder dezisiv-willkür-
liche Bestimmung erfüllen und dabei entweder an der angezeigten
Sache teilhaben oder nicht. In der natürlichen Bestimmung tritt es
demzufolge entweder als Merkmal oder Kennzeichen, in der willkür-
lichen Bestimmung entweder als Merkzeichen oder Erinnerungszei-
chen auf.1 Weiter erfüllt das Anzeichen keine Aufgabe; es hat keine
Bedeutung. So soll der Knoten im Taschentuch lediglich an etwas er-
innern, was ganz unterschiedliche und von Mal zu Mal wechselnde
Sachen sein können. Der Knoten stört im Taschentuch und macht so
auf eine Mutwilligkeit aufmerksam, die als Anzeichen allererst zu er-
kennen ist. Er selbst ist weiter nicht von Interesse. Werde ich gefragt,

Vgl. M. Sukale, a.a.O., S. 34. Sukales „Kreuzzerlegung" des Anzeichenbegriffs ist


an Husserls Terminologie angelehnt, aber sowohl durch ihren umfassenderen Cha-
rakter als auch durch größere Klarheit ausgezeichnet.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 157

was der Knoten in meinem Taschentuch bedeutet, kann ich antwor-


ten, daß er mich an etwas erinnern soll und gegebenenfalls hinzufü-
gen, woran. Am Knoten selbst ist jedoch durchaus nicht ersichtlich,
woran er mich erinnern soll. Das ist ja oft das Problem, daß man sehr
genau weiß, daß gewisse Zeichen auf etwas hindeuten, ohne daß man
an ihnen selbst ersehen könnte, auf was.
Wie der Knoten auf etwas hinweist ist unbestimmt-willkürlich.
Vom Anzeichen auf das Angezeigte zu kommen, geschieht ohne Ein-
sicht aber doch motiviert. In diesem Motivierungszusammenhang als
einer besonderen »Gestaltqualität« (XIX/1, 32 (A 25)) sieht Husserl
im § 2 das Wesen der Anzeige. Zu der Wesensbestimmung gelangt
Husserl dadurch, daß er in allgemeiner Weise von Gegenständen bzw.
Sachverhalten spricht, zwischen denen in besonderen Urteilsakten
eben die deskriptive Einheit der Anzeige hergestellt wird. Die Ur-
teilsmotivierung der Anzeige erweist sich als eine deskriptiv eigen-
tümliche Form des Urteilens, die unter die grammatische Form des
Weil fällt. „Die phänomenologische Sachlage ist hiermit aber so all-
gemein geschildert" (XIX/1, 32), daß Husserl von der Anzeige-Moti-
vierung im § 3 Beweisverfahren, wie sie im Folgern und Begründen
bestehen, sowie Wahrscheinlichkeitserwägungen unterscheidet. Im Ge-
gensatz zu diesen Urteilen bringt das Weil der Anzeige einen unein-
sichtigen Zusammenhang zum Ausdruck, der auf nichts weiter als auf
das Anzeichen verweisen kann und durch nichts anderes motiviert ist.
Die Anzeige beschreibt Husserl als grundlegende Funktion des
Zeichens. In einem Exkurs geht er auf ihre Entstehung aus der Asso-
ziation ein (§ 4). Daß er hier „die psychischen Tatsachen, in welchen
der Begriff des Anzeichens seinen »psychologischen Ursprung« hat,
d.h. in denen er abstraktiv zu erfassen ist" (XIX/1, 35 (A 29)), be-
trachtet, ist kein Rückfall in den Psychologismus. Husserl beschreibt
lediglich die psychischen Tatsachen und Funktionen, die psycholo-
gisch als Assoziation aufgefaßt werden. Er versucht nicht, deren Ge-
setze aufzuklären. In der Assoziation ist ein Motivierungszusammen-
hang psychisch erlebt, d.h. „unmittelbar fühlbar" (XIX/1, 37). Die
phänomenal erlebte Einheit bleibt nicht subjektiv bloß erlebter Inhalt,
sondern wird gegenständlich erscheinender, vermeinter Inhalt da-
durch, „daß die Erfahrung den Inhalten einen neuen psychischen Cha-
rakter verleiht, indem sie nicht mehr für sich gelten, sondern einen
von ihnen verschiedenen Gegenstand vorstellig machen." (XIX/1, 37
(A 30)) In den Bereich der Assoziation fällt nach Husserl auch die
Motivation der Anzeige.
Die Analyse des Ausdrucksbegriffs setzt Husserl im § 5 fort, in-
dem er von den Zeichen ohne Bedeutung, den Anzeichen, die bedeut-
158 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

samen Zeichen, die Ausdrücke, unterscheidet. Diesen Terminus be-


schränkt er auf die Rede und Redeteile, sowie gleichartige Zeichen.
Das Mienenspiel und die Geste werden, sofern sie die Rede unwill-
kürlich begleiten, davon abgesondert. Die Einschränkung des Aus-
drucksterminus' verteidigt Husserl allgemein mit dem Zwang, den man
der Sprache antun muß, wenn man Äquivokationen auflösen und in
verschiedenen Begriffen fixieren will. Insofern liegt die Bindung des
Ausdrucksterminus einzig an die bedeutsamen Zeichen in der Linie
der ganzen Untersuchung, den verschiedenen Ausdrucksmomenten
eigene Termini zuzuweisen.
Die Absonderung mimisch-gestischer Äußerungen von Ausdrük-
ken, wie sie in der Rede vorkommen, versucht Husserl phänomenal,
im Verweis auf die sich unterscheidenden Bewußtseinserlebnisse zu
begründen. Mimisch-gestische Ausdrücke sind im Unterschied zu be-
deutungsvollen Ausdrücken im Bewußtsein nicht mit den geäußerten
Erlebnissen verbunden. Der phänomenologische Befund ist nicht über-
raschend, insofern Husserl vom Minenspiel und von Gesten gerade
als unwillkürlichen Äußerungen spricht. Seine Intention besteht of-
fensichtlich darin, diesen Äußerungen höchstens eine Anzeichenfunk-
tion einzuräumen. Mit unwillkürlichen körperlichen Gesten und mimi-
schen Regungen wird eben gerade nichts vermeint oder ausdrücklich
bedeutet, sondern höchstens etwas unausdrücklich angezeigt. Die Fra-
ge ist, ob das für alle mimisch-gestischen Zeichen gilt. Wie verhält es
sich mit dezisiv-willkürlichen mimisch-gestischen Äußerungen, etwa
dem Nicken, Kopfschütteln, Zwinkern oder dem Sich-Verbeugen?
Ein zustimmendes Nicken wird manchmal unwillkürlich und dabei
selbst unbemerkt oder fast unmerklich, in der Regel jedoch deutlich
bejahend und dabei bedeutungsvoll gegeben. Entsprechendes gilt für
das Kopfschütteln in unwillkürlichem Zweifel oder bestimmter Ab-
lehnung, in einer subtileren Weise auch für das Zwinkern. Der dezi-
siv-willkürliche Gebrauch macht mimische Zeichen zu Ausdrücken.
Dabei kommen bezeichnenderweise gewisse konventionelle oder kul-
turelle Eigenheiten ins Spiel. So gilt ein einmaliges Nicken nach oben
in Griechenland bspw. als abschlägiger Bescheid. Es muß also jeweils
zwischen dezisiv-willkürlichen und unwillkürlichen mimischen Äu-
ßerungen unterschieden werden. Das gleiche gilt für die Gesten. Eine
Verbeugung ist kein bloßes Anzeichen, sondern selbst der Ausdruck
einer Ehrenbezeugung.
Die Bedeutung des Nickens unterscheidet sich nicht von der Be-
deutung des Ausdrucks Ja. Mit mimisch-gestischen Äußerungen, erst
recht bspw. mit der hochentwickelten Zeichensprache von Taubstum-
men, wird nicht bloß etwas angezeigt, sondern anderen etwas bedeutet
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 159

und mitgeteilt. Husserl geht auf den dezisiv-willkürlichen Gebrauch


gestisch-mimischer Äußerungen nicht ein. Sein Versuch, unwillkürli-
che mimisch-gestische Ausdrücke von dem bedeutungsfixierten Aus-
drucksterminus abzusondern, ist berechtigt aber tautologisch, insofern
hier das Unwillkürliche genauso das Unausdrückliche meint. Indem
sich Husserl der Betrachtung der Gesten im Rahmen seiner Aus-
drucks- und Bedeutungsanalyse kurzerhand entledigt, wird die meta-
physische Tendenz erkennbar, die Ausdrücke zu entmaterialisieren,
das heißt von ihrer Zeichenhaftigkeit als einem bloßen Kleid des Ge-
dankens abzusehen und im einsamen Seelenleben nurmehr ihre reinen
Bedeutungen zu berühren.2
Die herkömmliche Unterscheidung einer physischen und einer
psychischen Seite an Ausdrücken, zwischen sinnlichen Zeichen und
Sinn bzw. Bedeutung, weist Husserl im § 6 als unzureichend zurück.
An den Ausdrücken in kommunikativer Funktion versucht Husserl im
§ 7 die Momente des Begriffs genauer zu fassen. Zuerst hebt er die
Funktion aller Ausdrücke als Anzeichen hervor. Das besagt, daß un-
abhängig von ihren Inhalten Ausdrücke allererst als Mitteilungen von
Inhalten erkannt werden müssen, damit sich eine Kommunikationssi-
tuation herstellt. Husserl spricht diesbezüglich von einer Korrelation
des Kundgebens im Sprechen und Schreiben und des zur Kenntnis
Nehmens im Hören und Lesen. Von der allgemeinen Kundgabefunk-
tion der Ausdrücke, unter die alle Akte des Sprechenden fallen, die
ihn als Sprechenden ausweisen, läßt sich wiederum ein enger, auf In-
halt und Sinn fixierter Begriff des Kundgebens unterscheiden.
Den Ausdrücken in kommunikativer Funktion stellt Husserl im § 8
die „Ausdrücke im einsamen Seelenleben" bzw. „in der einsamen
Rede" gegenüber, bei denen die allgemeine Kundgabefunktion ent-
fällt. Die Rede vom einsamen Seelenleben erscheint heutzutage reich-
lich anheimelnd. Husserl geht es jedoch nicht um die Untersuchung
einer Privatsprache. Der soziale, kommunikative Charakter der Spra-
che bleibt dahingestellt. Dieser prinzipielle Hinweis erübrigt die Un-
tersuchung des solitären Ausdrucksgebrauchs, dessen Gebiet durch die
Rede vom „einsamen Seelenleben" durchaus korrekt bezeichnet wird,
nicht. Die Ausdrücke müssen hier nicht wirklich ausgesprochen oder
vernommene oder als interne Mitteilungen aufgefaßt werden, um als
Ausdrücke, d.h. als Zeichen für Bedeutungen zu fungieren.3 Ebenso-

2
Vgl. J. Derrida, La voix et lephenomene. a.a.O., S. 37.
3
Sukale hingegen, a.a.O., S. 37 f., hält an der Auffassung fest, daß sich der Sprach-
gebrauch im Denken als interne Mitteilung vollzieht. Zur Kritik an Husserls Kon-
zept des Ausdrucksgebrauchs im „einsamen Seelenleben" vgl. R. Bernet; I. Kern;
E. Marbach, a.a.O., S. 157: „Die Behauptung, daß das Wesen des bedeutsamen
160 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

wenig treten sie, Husserl zufolge, vermittelnd als Anzeichen eigener


psychischer Erlebnisse auf. Ihr Sinn ist unmittelbar mit ihnen erlebt.
Die Ausdrücke werden „im einsamen Seelenleben" nicht erst als
bedeutsam wahrgenommen, mit ihnen geht Sinnhaftigkeit implizit
schon einher. Weil es „in der monologischen Rede" (XIX/1, 43) nicht
auf Mitteilung ankommt, müssen die Ausdrücke keine wahrnehmbare
Gestalt annehmen, an der ihre Bedeutsamkeit ersichtlich würde. Es ge-
nügt, die Ausdrücke zu denken oder vorzustellen, sie eben im Stillen
zu gebrauchen. Die Ausdrücke existieren so als Gedanken oder Vor-
stellungen nicht als Wortklänge oder Schriftzüge.
Daß den Ausdrücken im einsamen Seelenleben nichts Kundgeben-
des anhaftet, berührt nicht die Frage ihrer Zeichenhaftigkeit. Die Zei-
chen und Worte büßen ihre für die Kundgabe unerläßliche materielle
Existenz ein. Sie existieren jedoch als Zeichen- oder Wortvorstellun-
gen und fungieren weiter als Zeichen oder Worte. Durch die Entmate-
rialisierung schrumpfen die Ausdrücke keineswegs auf ihre Sinn- und
Bedeutungsfunktion zusammen. Die Ausdrücke behalten ihre Er-
scheinung als Zeichen. „Als Zeichen fungieren die Worte hier wie
überall; und überall können wir sogar geradezu von einem Hinzeigen
sprechen." (XIX/1, 42) Aber dieses Hinzeigen des Zeichens möchte
Husserl von dem Anzeigen des Anzeichens strikt unterscheiden.

Sprechens in der »einsamen Rede« am reinsten zum Ausdruck komme, stützt sich
[...] auf die Überzeugung, das sprachliche Zeichen sei ein bloß sekundär mit der
Bedeutung verknüpftes, äußerliches Kleid, die ideale Bedeutung hingegen der We-
senskern eines sprachlichen Ausdrucks. Das Wesen der Sprache besteht dieser
Auffassung zufolge also darin, sich mit solcher Wirksamkeit in den Dienst des
Denkens zu stellen, daß man sie gar nicht bemerkt bzw. ihre vermittelnde Funktion
vergißt". Sie sehen Husserls Bedeutungs- und Zeichentheorie auf dem Hintergrund
einer Philosophie der Präsenz und verweisen in ihrer Kritik auf Derridas Infrage-
stellung des traditionellen, metaphysischen Vorzugs der Identität/Anwesenheit vor
der Differenz/Abwesenheit. „Die eigentlichen Denkakte, von denen der Wahrheits-
wert der Erkenntnis wesentlich abhängt, sind vorsprachlich, und sprachliche Er-
kenntnisakte sind nur insofern möglicherweise gültig, als sie diesen vorsprachli-
chen anschaulichen Denkakten »getreulich nachfolgen« bzw. sie zu »eindeutigem
Ausdruck« bringen (§ 63 [der 6. LU]). Diese Forderung eines Verhältnisses ein-
deutiger Repräsentation der Akte vorsprachlichen Denkens durch das »System der
sie ausdrückenden ... Bedeutungen« (ebenda) ist sprachphilosophisch insofern be-
denklich, als es höchstens für die als »Kleid« des Denkens fungierende ideale
Sprache zutrifft und dem bedeutungsstiftenden normalsprachlichen Umgang mit
sprachlichen Zeichen somit nicht Rechnung zu tragen vermag. Die Ansetzung ei-
nes vorsprachlichen Wahrheitskriteriums hat auch eine gewisse Privatisierung die-
ses Kriteriums zur Folge und zwar insofern, als der Vollzug eines eigentlichen
Denkaktes bzw. einer Erfüllungssynthese ein innersubjektives Erlebnis ist. das der
intersubjektiven Sprachgemeinschaft der wissenschaftlich Forschenden erst sekun-
där zugänglich gemacht werden kann." (ebd., S. 177)
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 161

Durch die Betrachtung der von der Anzeichen- bzw. Kundgabe-


funktion befreiten, bzw. diese Funktion erübrigenden Ausdrücke „im
einsamen Seelenleben" stößt Husserl im § 9 zum Kern des Aus-
drucksbegriffs vor, der genauso für die Ausdrücke in kommunikativer
Hinsicht gilt. Die Worterscheinung tritt im verständnisvollen Aus-
druckserlebnis hinter die gemeinte Bedeutung zurück; sie erweist sich
der Bedeutung gegenüber als an sich gleichgültig. Die wesentliche
Funktion des Ausdrucks ist es, auf eine Bedeutung hinzuzeigen. Die
Akte, welche die Bedeutung des Ausdrucks konstituieren, werden als
bedeutungsverleihende Akte oder Bedeutungsintentionen bezeichnet.
Mit ihnen sind im Fall der Erkenntnis bedeutungserfüllende Akte
verbunden, welche die Beziehung auf einen Gegenstand durch aktuell
begleitende Anschauung oder Vergegenwärtigung herstellen. Die ge-
genstandsvermittelnden Akte sind dem Ausdruck jedoch außerwe-
sentlich. Ein Ausdruck kann eine Bedeutung haben, ohne daß diese
Bedeutung sich in irgendeinem Gegenstand, in irgendeiner Anschau-
ung erfüllt oder erfüllen läßt. Den Unterschied beider Akte und deren
Einheit in der Erkenntnis stellt Husserl im § 10 dar.
Nach der Unterscheidung der Akte, die bei Ausdruckserlebnissen
eine Rolle spielen, werden die Gegenstände oder Inhalte des bedeu-
tungsintendierenden und -erfüllenden Akts untersucht. Husserl geht
es im § 11 vor allem darum, die Objektivität bzw. Idealität dieser In-
halte herauszustellen. Am Ausdruck, der selbst im Bewußtseinser-
lebnis vergegenwärtigt bzw. als Inhalt aufweisbar ist, unterscheidet
Husserl schließlich in § 14 drei verschiedene Inhalte: die intendierte
Bedeutung, den erfüllenden Sinn und den Gegenstand. Die intendierte
Bedeutung des Ausdrucks „eine Opernsängerin aus Athen" bei-
spielsweise ist das identisch oder ideal mit diesem Ausdruck Gemein-
te: eine Frau aus Athen, die Opern singt. Der erfüllende Sinn umfaßt
das ideal Identische der Bedeutungserfüllungen, also das Identische
aller derjenigen Gegenstände, die eine Opernsängerin aus Athen sind.
Der Gegenstand ist eine aktuelle begleitende Anschauung oder Ver-
gegenwärtigung der Bedeutung, beispielsweise Maria Callas.
Die drei Inhaltsmomente des Ausdrucks werden als Äquivokatio-
nen des Sinns bzw. der Bedeutung eines Ausdrucks kenntlich ge-
macht. Sinn und Bedeutung sind, dem allgemeinen Sprachgebrauch
nach, weitgehend synonyme Begriffe. Ihre Bedeutungsparallelität be-
zeichnet Husserl der Abwechslung halber als „sehr angenehm" (XIX/1,
58). Die Synonymie wird allerdings von der dreifachen Äquivokation
der Ausdrucksinhalte durchkreuzt. Deswegen entscheidet sich Husserl
im § 15 dazu, dem Fregeschen Vorbild der Bedeutungsdifferenzierung
von Sinn (vereinfacht als Gedanke oder Beschreibung der Gegeben-
162 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

heitsweise) und Bedeutung (als Gegenstandsbezug oder Wahrheits-


wert bei Sätzen) in umgekehrter und in einer weniger strengen Weise
zu folgen. Ohne sich die parallele Verwendung gänzlich zu verbieten,
weist er dem Bedeutungsbegriff die Bezeichnung des ideal-intentio-
nalen, dem Sinnbegriff die Bezeichnung des ideal-gegenständlichen
Ausdrucksmoments zu.
Der explizit kundgebende bzw. der davon abgezogene bedeutungs-
verleihende Ausdrucksakt konstituiert eine ideale Bedeutungseinheit.
Sie ist der für den Ausdruck wesentliche Inhalt. Die Idealität der Be-
deutung wird dadurch gekennzeichnet und bewiesen, daß sie dieselbe
bleibt, wer immer sie zum Ausdruck bringt. Im Fall der Bedeutungser-
füllung korrespondiert der Bedeutung auf der gegenständlichen Seite
des Ausdrucks ein idealer Erfüllungssinn. Mit ihm sollen die identi-
schen gegenständlichen Inhalte möglicher Anschauungen oder Ver-
gegenwärtigungen eines Ausdrucks gemeint sein. Der Sinn bringt die
Anschauung eines Gegenstands über bloße Anschauung hinaus. Er ist
mit der Wahrnehmung eines Gegenstandes verbunden, wenn dessen
Anschauung eben die Erfüllung eines Ausdrucks ist. Durch zahlreiche
Beispiele wird die Unterscheidung von Bedeutung und Gegenstand
veranschaulicht und gerechtfertigt. Allerdings bringen andere als Na-
mensbeispiele die Schwierigkeit mit sich, das Gegenständliche in ei-
nem weiten Sinn zu verstehen.
Mit § 14 ist Husserls Analyse die Grundstruktur der Ausdrucks-
und Bedeutungserlebnisse abgeschlossen. Die restlichen Paragraphen
und Kapitel der 1. LU dienen der Erläuterung und Rechtfertigung sei-
ner Unterscheidungen und Terminologie, sowie der Auseinanderset-
zung mit alternativen Ausdrucks- und Bedeutungstheorien. Erst in der
5. LU wird mit der Theorie der intentionalen Erlebnisse auch die
phänomenologische Strukturanalyse der Ausdrucks- und Bedeutungs-
erlebnisse vertieft.

Strukturschema der Bedeutung

Bei den unterschiedenen Momente des Ausdrucks und der Bedeutung


handelt es sich um eine komplexe Erlebnisstruktur, die aus der einfa-
chen Struktur von Wahrnehmungserlebnissen hervorgeht. Die einzel-
nen Strukturmomente können meist durch mehrere Begriffe bezeichnet
und so zusätzlich erläutert werden. Die Grundstruktur stellt schema-
tisch einen Komplex realer, subjektiver und ideal-logischer Inhalte,
Schichten und Beziehungen dar, die sich fundieren, durchdringen und
überlagern.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 163

Ausdruck / Zeichen Gegenstand objektiver Inhalt

A usdruckserscheinung Gegenstandserscheinung subjektiv erschei-


1 1 nender Inhalt
1 1
Bedeutungserfiillung subjektiv erleb-
Bedeutungsintention
(Akt der Gegenstands- ter Inhalt
(-Verleihung, sinn-
anschauung)
gebendes Akterlebnis)
Bedeutung (ideal ge- erfüllender Sinn (ideal idealer Inhalt
meinter Inhalt, Sinn) anschauliche Erfüllung)

Das Schema gliedert sich in zwei Stränge und vier Ebenen. Auf der
oberen Ebene sind die transzendenten real-objektiven Korrelate vom
psychischen Erlebnis abgesondert. Daß Ausdrücke und Zeichen wie
Gegenstände als transzendent dem Bewußtseinserleben gegenüberge-
stellt werden können, ist durch die oben erläuterte Unterscheidung
des kommunikativen und einsamen Ausdrucksgebrauchs, bzw. die Un-
terscheidung der materiellen Existenz von Wortklängen und Schrift-
zügen und der Existenz bloßer Wortvorstellungen gerechtfertigt. Das
Bewußtseinserlebnis selbst nimmt die beiden mittleren Ebenen ein.
Alle hier unterschiedenen Momente lassen sich im Bewußtsein in der
jeweiligen Einheit symbolischer oder erfüllter Ausdruckserlebnisse
finden: die konkret-erscheinenden Momente, einerseits des Ausdrucks,
andererseits des Gegenstands, die anschaulich oder in sonst einer Wei-
se vergegenwärtigt sind, darunter die konstitutiven Akte, die in der
phänomenologischen Reflexion allererst gegenständlich werden. Auf
der untersten Ebene sind deren ideale Bedeutungs- bzw. Sinnkorrelate
angeordnet. Der rein symbolische ist als der wesentliche Ausdrucks-
strang hervorgehoben. Im Fall der Anschauung korrespondieren den
eigentlichen Ausdrucksmomenten gegenständliche Momente, die mit
der Bedeutungsintention innig verschmelzen (XIX/1, 45, 103). Die bei-
den Aktstränge werden also nicht der Reihe nach vollzogen, sie bilden
vielmehr eine konkrete Erlebniseinheit, deren Momente allererst in der
phänomenologischen Reflexion und Analyse unterschieden werden.
Im Vergleich mit der Struktur einfacher Gegenstandswahrnehmung,
die im vorangegangenen Kapitel aufgewiesen wurde, indem zwischen
transzendentem Gegenstand, Erscheinung und dem Anschauungser-
lebnis als Akt und Empfindung unterschieden wurde, erweist sich die
Ausdrucks- und Bedeutungsstruktur als komplexer. Im Doppelstrang
von Intention und Erfüllung der Ausdrucksbedeutung findet sich ver-
tikal das phänomenologische Grundschema von Erlebnis - Akt - Er-
164 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

scheinung zweifach wieder, horizontal kommt die Bedeutungs- bzw.


Sinnebene hinzu. Zwar läßt sich ein Zeichen als Figur, ein „Wort als
bloßes Lautgebilde" (XIX/ 41 f.) wahrnehmen, ohne damit eine Be-
deutung zu verknüpfen. Das Zeichen ist in einer solchen Perspektive
aber noch nicht einmal als Anzeichen erkannt. Ein Zeichen läßt sich
als Zeichen nicht lediglich wahrnehmen. Es als Zeichen wahrzuneh-
men heißt, es als bedeutungsvollen Ausdruck aufzufassen, ob die Be-
deutung dabei verstanden wird oder nicht.
Die Auffassung eines Ausdrucks allein in seiner bedeurungstra-
genden Funktion weist immer schon zwei Momente auf, die Präsen-
tation des Zeichens in seiner Gestalt als Ausdruckskörper und die
Vermeinung seiner Bedeutung als der Ausdrucksseele. Tatsächlich
kann nach einigen Bemerkungen Husserls die Bedeutung als die See-
le des Ausdrucks aufgefaßt werden (XIX/1, 17 u. 111). So spricht er
vom Aktcharakter, „der den Wortlaut und das illustrierende Bild al-
lererst gedanklich beseelt" (XIX/1, 175), an anderer Stelle heißt es
vom sich bildenden Wort: „erst dem fertigen fliegt der Gedanke zu."
(XIX/1, 316, s. a. XIX/2, 562) Die beiden Momente der Zeichenauf-
fassung sind nicht voneinander abtrennbar.
Die Bedeutung, die einem Zeichen als Zeichen zuerkannt werden
muß, besteht bei den bloßen Anzeichen allein darin, auf einen Gegen-
stand oder Sachverhalt zu verweisen. Wiederum kann eine Bedeutung
nicht allein als Bedeutung ohne Ausdruck erfaßt werden, weil wir auf
eine Bedeutung als idealer Einheit jeweils Bezug nehmen müssen und
sich diese Bezugnahme im Denken und Ausdrücken vollzieht (vgl.
XIX/1, 109 f.).
Wird der Ausdruck nicht lediglich in seiner Bedeutsamkeit, sondern
zudem anschaulich erfaßt, kommt auch der zweite Strang der Aus-
drucksstruktur zur Geltung. Korrespondiert der Zeichen- eine Gegen-
standserscheinung, sind also Bedeutungs- und Sinnkorrelate mitein-
ander verbunden, kann phänomenologisch gefragt werden, inwiefern
sich diese idealen Korrelate im Erleben phänomenal ausweisen lassen.
Sinn und Bedeutung gehören als ideale Einheiten nicht zum reellen
Bewußtsein. Sie sind bewußtseinstranszendent wie die objektiv-realen
Korrelate der Zeichen- und Gegenstandserscheinung. Im Bewußtsein
gegeben sind Bedeutungs- und Sinnerscheinungen und ein damit ver-
bundenes ideales Meinen. Phänomenal beschreiben lassen sich die
Erscheinungen, wovon sich Husserl durch das besondere phänomeno-
logische Verfahren sogar Wesenseinsichten verspricht.
Der Gang der phänomenologischen Analyse und Beschreibung in
der 1. LU kann folgendermaßen nachgezeichnet werden. Husserl be-
zieht sich in seiner allgemeinen Strukturanalyse auf einzelne Bewußt-
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 165

seinserlebnisse des Ausdrückens und Bedeutens nur exemplarisch.4


Aus solchen Einzelanalysen und Beschreibungen erwächst die Gesamt-
beschreibung als Strukturaufklärung von Ausdrucks- und Bedeutungs-
erlebnissen, die in der 1. LU nicht zum Abschluß kommt, sondern in
den darauf folgenden Untersuchungen weiter vertieft wird. Phänome-
nologische Beschreibung erschöpft sich also nicht in der vereinzelten
Anführung von Erlebnisbeständen, sondern kommt von Einzelfällen
zur Aufklärung von Erlebnisstrukturen, die durch diverse Begriffe be-
zeichnet werden.
Bemerkenswerterweise ist in der 1. LU viel mehr von Erlebnissen,
Akterlebnissen oder -inhalten die Rede als von Phänomenen. Von den
phänomenologisch, das heißt in der Reflexion auf Bewußtseinsinhalte
nachweisbaren Gegenständen gelangt Husserl abstraktiv zu allgemei-
nen Struktur- bzw. Wesensaussagen. Die phänomenologische Analyse
und Beschreibung erfolgt stufen- bzw. schichtweise; später ist explizit
von deskriptiven Schichten (XIX/1, 411) die Rede.
Husserl untersucht zuerst die naheliegenden konkret erscheinenden
Momente, das Anzeichen und den Gegenstand in der primitiven An-
zeigerelation und die damit zusammenhängenden psychischen Lei-
stungen. Darauf erweitert er die Untersuchung, indem er die Zeichen
mit Bedeutung betrachtet und hier die psychischen Leistungen und
Inhaltsmomente aufklärt. Durch die schrittweise Erweiterung des Un-
tersuchungsfeldes haftet seinen Analysen jeweils ein vorläufiger Cha-
rakter an. Die getroffenen Unterscheidungen werden immer noch wei-
ter präzisiert. Husserl nimmt dabei Wiederholungen in Kauf sowie je-
nen Zickzack-Kurs, in dem die ursprünglichen Analysen stets an den
neuen zu bewähren sind. Das Zentrum des Bedeutungsbegriffs bleibt
dadurch lange im Unklaren; was als Kern des Begriffs herausgestellt
wird, verschiebt sich im Laufe der Untersuchung.
Wird die Bedeutung am Ende des § 18 noch in den sinngebenden
Aktcharakter gelegt, so wird am Ende der 1. LU bestritten, daß dieser
„selbst schon die Bedeutung sei" (XIX/1, 104). Die unterschiedenen
Momente des Begriffs laufen im Fortschreiten der Analyse Gefahr,
wieder unter dessen äquivoke Oberfläche zu tauchen. Erst am Schluß
finden sie zu einer Ordnung. Zu einem die Einheit der Momente des
Ausdrucks- und Bedeutungsgeschehens veranschaulichenden Struk-
turschema, das zugegebenermaßen verfänglich und in seiner Starrheit
auch hinderlich sein kann, führt Husserl seine Analyse jedoch nicht.

Von Beginn an sollen in der Phänomenologie „reale Erlebnisse lediglich in der


Rolle eines »exemplarischen Grundes« für Wesenseinsichten in die Struktur des
Bewußtsein zu Rate" gezogen werden (E. Ströker; P. Jansen, a.a.O., S. 41).
166 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Husserls Leistung bei der Analyse des Ausdrucks- und Bedeutungs-


begriffs besteht in sieben Punkten. Er weist erstens den intentionalen
Akt, der zwischen Ausdruck und Bedeutung vermittelt, auf. Er stellt
zweitens die Intentionalität dieses Aktes als ein Vermeinen von Idea-
lem heraus. Drittens kennzeichnet er dieses Vermeinen als das we-
sentliche Moment des Bedeutungsgeschehens. Er unterscheidet davon
viertens deutlich sowohl die Bedeutung selbst als eine ideale Einheit,
als auch fünftens ihre gegenständliche Erfüllung. Durch seine Analy-
se der Äquivokationen des Ausdrucks- und Bedeutungsbegriffs ge-
langt er sechstens dazu, die den Redeweisen von bedeutungs- oder
sinnlosen Ausdrücken aufzuklären (siehe XIX/1, 59 f.).
Schließlich siebtens erlaubt die phänomenologische Analyse der
Ausdrucksstruktur, die Theorie, wonach das Ausdrucksverstehen durch
die Bedeutung begleitende Phantasiebilder bewirkt wird, als „ein Zeug-
nis für den zurückgebliebenen Stand der deskriptiven Psychologie"
(XIX/1, 67) zu kritisieren. Der Auseinandersetzung mit dieser Theo-
rie ist das zweite Kapitel der 1. LU gewidmet. Da sich solche Phanta-
siebilder deskriptiv nur sporadisch nachweisen lassen, kann es auf sie
beim Ausdrucksverstehen nicht in der Hauptsache ankommen. Ihre
charakteristische Unmerklichkeit und Flüchtigkeit, die ihrerseits sehr
wohl beschrieben werden kann, legt es vielmehr nahe, sie „als bloße
Verständnishilfen und nicht selbst als Bedeutungen oder Bedeutungs-
träger" (XIX/1, 71) aufzufassen. Demgegenüber weist Husserl auf das
„Bedeutungs- bzw. Verständnisbewußtsein" hin, das als „ein deskrip-
tiver Zug im Erlebnis des anschauungslosen und doch verstandenen
Zeichens" (XIX/1, 73) nachweisbar ist.
Angesichts des anschauungslosen oder symbolischen Denkens von
einer „stellvertretenden Funktion der Zeichen" zu sprechen, nennt
Husserl „eine sehr unangemessene Beschreibung dieser Sachlage"
(XIX/1, 73). Die Zeichen haben für Husserl lediglich den Wert von
„Spielmarken" (XIX/1, 74). Die Einsicht, „daß wir mit dem Laut- und
Schriftzeichen dies und jenes meinen, und daß dieses Meinen ein de-
skriptiver Charakter des verstehenden, obschon rein symbolischen Re-
dens und Hörens ist" (XIX/1, 76), bringt Husserl immer wieder gegen
die Lehre von begleitenden Veranschaulichungen vor. Nicht aber „dies
und jenes" selbst gehört als Charakter zum Ausdruck, sondern das
Meinen, die Intentionalität. Und so soll auch nicht dies und jenes
phänomenologisch beschrieben werden, sondern die Intentionalität
als allgemeiner Charakter in seinen wesentlichen Formen.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 167

Subjektiver und objektiver Sinn der Erlebnisinhalte

Der Phänomenologe reflektiert auf Bewußtseinserlebnisse, in der 1.


LU auf die des Ausdrucks und Bedeutens. Er analysiert und be-
schreibt die verschiedenen Momente solcher Erlebnisse, die in einem
weiten Sinn, als Ganzes auch Akte genannt werden. „Für die deskrip-
tiv-psychologische (rein phänomenologische) Betrachtungsweise gibt
es nichts als Gewebe solcher intentionaler Akte." (XIX/1, 48 (A 42))
Der Phänomenologe beruft sich grundsätzlich auf subjektive Erleb-
nisse und dabei erlebte Inhalte, deren Sinn er als den „phänomenolo-
gischen, deskriptiv-psychologischen, empirisch-realen Sinn" (XIX/1,
57 (A 52)) darstellt. Diese Berufung ist die schlichte Bedeutung der
Parole, auf die Sachen selbst zurückzugehen.
„All das, woraus sich das individuelle »erlebende« Bewußtsein
reell konstituiert, ist erlebter Inhalt." (XIX/1, 36) Auf einer ersten
Stufe werden diese Inhalte mit dem Fühlbaren gleichgesetzt (XIX/1,
36 f.) und wiederholt durch ihre Flüchtigkeit gekennzeichnet. In der
3. LU wird so auch der Unterschied zwischen selbständigen und un-
selbständigen Inhalten als „ein unmittelbar fühlbarer Unterschied" be-
zeichnet (XIX/1, 246 (A 237)).
Wenn die erlebten Inhalte „von erscheinenden, vermeinten Gegen-
ständen oder Vorgängen" unterschieden werden und „das individuelle
»erlebende« Bewußtsein" davon, „was es wahrnimmt, erinnert, vor-
stellt u. dgl." (XIX/1, 36), so wird dem Erleben das Erscheinen ge-
genübergestellt. Das Erleben wird als etwas Ursprüngliches angesehen,
auf dem die intentionalen Charaktere aufbauen. Allen intentionalen
Gegenständen und Vorgängen und damit auch allen aufgewiesenen
Momenten der Ausdrucks- und Bedeutungsstruktur entsprechen Mo-
mente im subjektiven Erlebnis, wenngleich von sehr verschiedener Art.
Nur so werden sie phänomenologisch ausweisbar, wenn es auf die
subjektiven Inhalte auch weiter nicht ankommt.
Das Bestreben der Phänomenologie ist es, das subjektive Erleben
nicht im Vollzug aufgehen, d.h. verschwinden zu lassen, sondern das
Aktgewebe als subjektives Leistungsgefüge aufzuklären. Die phäno-
menologische Analyse bleibt nicht bei den jeweils gegebenen subjek-
tiven Inhalten stehen, sondern geht weiter auf deren Objektivierung
und „ideale Fassung" (XIX/1, 57) und damit über das jeweils Erlebte
hinaus. „Wir nehmen also die Wendung von der realen Beziehung der
Akte zur idealen Beziehung ihrer Gegenstände, bzw. Inhalte. Die sub-
jektive Betrachtung weicht der objektiven." (XIX/1, 48)
Die Einteilung der Inhalte nach ihrem subjektiven und objektiven
Sinn ist in mehrerer Hinsicht problematisch. Inhalte im subjektiven
168 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Sinn werden als reine Erlebnisse aufgefaßt, in denen keine Gegen-


stände erscheinen oder vermeint sind und die in diesem Sinne noch
gar keinen Inhalt haben. Als Inhalte im objektiven Sinn gelten die
vermeinten Gegenstände, die als objektiv vermeinte nicht erlebt sind.
Als objektive inhaltliche Momente des Ausdrucks kennzeichnet
Husserl die Bedeutung und, im Fall der Bedeutungserfüllung, den er-
füllenden Sinn und den Gegenstand. Den objektiven Sinn erklärt
Husserl näher als „logischen, intentionalen, idealen" (XIX/1, 57 (A
52)). Die objektiven Inhalte sind nicht subjektiv-real gegeben, sie
sind nicht erlebt, sondern vermeint. Den Inhalten im objektiven Sinn
wird ein Sein außerhalb des Bewußtseins als transzendenten Gegen-
ständen oder Ideen zugesprochen. Die Bedeutungen bilden in der lo-
gischen Perspektive „einen ideal geschlossenen Inbegriff von gene-
rellen Gegenständen, denen das Gedacht- und Ausgedrücktwerden
zufällig ist." (XIX/1, 110) Erlebt und im Bewußtsein gegeben sind
stets nur Erscheinungen des Objektiven mit den dazugehörigen inten-
tionalen Charakteren. Die Bedeutung kann dabei nicht anders er-
scheinen als im Ausdruck. Das Meinen realisiert sich subjektiv, aber
das Gemeinte ist nichts Subjektives. Als identisch Gemeintes eines
Ausdrucks heißt die Bedeutung gleichermaßen idealer Inhalt, Spezies
oder allgemeiner Gegenstand.
Der objektive Sinn der Ausdrucksinhalte läßt sich noch dadurch
näher bestimmen, daß zwischen Objektivität und Idealität unterschie-
den wird. Als objektiv können individuelle Gegenstände gelten, als
ideal allgemeine Gegenstände. Jene finden sich auf der obersten Ebe-
ne des Strukturschemas des Ausdrucks, diese auf der untersten je-
weils vom Ausdruckserlebnis abgesondert wieder. Als individueller
objektiver Gegenstand kann auch das Zeichen des Ausdrucks gelten.
Weder die objektiven individuellen, noch die idealen allgemeinen Ge-
genstände, weder Dinge noch Ideen finden sich im Bewußtsein. Dies-
bezüglich ist der Inhaltsbegriff mißverständlich, der Gebrauch eines
weiten Gegenstandsbegriffs indessen kaum vorzuziehen.
Das transzendente Objekt und die inexistente Idee sind nicht phä-
nomenal, sie sind im subjektiven Erleben objektiv vermeint. Das
Meinen einer Bedeutungsintention geht durch das Subjektive auf ein
Ideal-Objektives, das letztlich unabhängig von jedem Meinen besteht.
In diesem Sinne bleibt die Idee im Hintergrund des Bedeutens, selbst
wenn sie intentional angepeilt bzw. vermeint wird. Ebenso stellt die
intendierte Bedeutung als Idee des Logikers lediglich eine „ideale
Fassung des intentionalen Wesens des bedeutungverleihenden Aktes"
(XIX/1, 57) dar.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 169

Wie das Wesen und dessen ideale Fassung noch vom subjektiv-
realen, phänomenologischen Ausgangspunkt der Analyse getragen
werden, bleibt in der 1. LU weitgehend unklar. Darauf geht Husserl
in den folgenden Untersuchungen ein. Klar ist, daß auch der Logiker
das Reich der Ideen nur vom subjektiven Boden aus leuchten sieht.
Seine ideale Auffassung ist dabei jedoch nicht bloß abstrakt, sondern
kann sich auf die objektive Intentionalitat des Meinens der Bedeutung
berufen. Der ideale Charakter solcher Intentionen soll wiederum phä-
nomenal ausgewiesen werden können, nicht im Verweis auf sinnliches
Erleben wie bei schlichten Phänomenen, sondern auf die logischen
Gehalte der Aktcharaktere. Somit zeichnet sich neben dem schlichten,
sinnlichen Phänomen ein zweiter Phänomenbegriff, etwas wie ein lo-
gisches Phänomen ab.
Die Bewegung von den sinnlich erlebten zu den logischen, idealen
Inhalten kennzeichnet die Phänomenologie, die den konkreten Grund
des Logischen selbst aufzudecken sucht. Wenngleich Gehalt und Ge-
setzlichkeit des Logischen strikt von empirisch-psychologischen Tat-
sachen und Gesetzmäßigkeiten unterschieden werden, so geht es Hus-
serl doch darum, eine Erlebnisgrundlage des Logischen und das Logi-
sche als Moment des Erlebens nachzuweisen. Ihren Ausgangspunkt
nimmt die Phänomenologie von sinnlichen Erlebnissen, schlichten
Phänomenen. Im Fortgang der Analyse treten die subjektiv-sinnlichen
Erlebnismomente jedoch immer mehr hinter den Strukturen und lo-
gisch-idealen Momenten zurück, die aus den Erlebniszusammenhän-
gen herausgelöst und in ihrer Eigenständigkeit idealisiert werden.
Die Frage ist, wie eine Bedeutung erscheinen, wie eine Idee Inhalt
eines Erlebnisses sein und beschrieben werden kann. Die Frage nach
dem idealen Inhalt von Bedeutungserlebnissen, im vierten Kapitel der
1. LU dem phänomenologischen, bzw. psychologischen Inhalt des
realen Akterlebnisses gegenübergestellt, ist gleichermaßen die nach
ihrer Gegenständlichkeit. Der ideale Inhalt wird im letzten Kapitel
der 1. LU als das Wesen der Bedeutung und näher als „eine identi-
sche intentionale Einheit" (XIX/1, 102), als ein bestimmtes Inhalts-
moment eines Aktes dargestellt. Darauf heißt es, daß dieser logische
Inhalt kein sinnlicher Teil des realen Akts ist, der als sinnliches Er-
lebnis niemals identisch ist. Ebensowenig ist damit irgendeine Veran-
schaulichung des Intendierten, erst recht kein Gegenstand in einem
engen Sinn gemeint. Ein und derselben Bedeutung entspricht jeweils
„in den zugehörigen Akten wirklich etwas Bestimmtes" (XIX/1, 104),
eine bestimmte Bedeutungsintention, ein gleichbestimmter psychischer
Charakter. „Durch ihn werden die in ihrem psychologischen Gehalt
170 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

so stark differierenden Ausdruckserlebnisse allererst zu Erlebnissen


von derselben Bedeutung." (XIX/1, 104)
Die Bedeutung ist als logischer Inhalt und Teil von Akten aber
nicht lediglich durch einen „konstanten psychischen Charakter des Be-
deutens", sondern durch Identität gekennzeichnet (XIX/1, 105). Daß
Husserl die Bedeutung „als »Akt des Bedeutens« bestimmt und somit
auf das Meinen des Subjekts reduziert"5, ist eine ganz unzureichende
Auffassung. Husserl geht es gerade darum, die Differenz der Aus-
drucksakte „zwischen ihrem psychologischen und logischem Gehalt"
(XIX/1, 104 (A 99)) kenntlich zu machen. Die Identität der Bedeu-
tung wird evident, wenn wir auf unsere Akte des Meinens reflektieren
und einsehen, daß das Gemeinte als ein Identisches gemeint ist. Das
identisch Gemeinte, das gemeinte Identische ist die Bedeutung. Hus-
serl bestimmt diese Identität als die „Identität der Spezies" (XIX/1,
105), d.h. als die der allgemeinen Art, im Gegensatz zu den Beson-
derheiten der jeweiligen Akte, und in diesem Sinn die Bedeutung
weiter als allgemeinen Gegenstand.
Im dritten Kapitel der 1. LU geht Husserl speziell auf die Schwan-
kungen ein, denen die Wortbedeutungen ausgesetzt sind. Er versucht,
die Idealität der Bedeutungseinheiten herauszustellen, zwischen de-
nen die Bedeutungsakte schwanken. Die Unterscheidung objektiver
Ausdrücke, deren Bedeutung durch ihre Erscheinung gewährleistet
ist, von subjektiv-okkasionellen Ausdrücken, die ihre Bedeutung alle-
rerst durch die jeweiligen Äußerungsumstände gewinnen, schließt
Äquivokationen bei den objektiven Ausdrücken keineswegs aus. Hin-
gegen werden die Vieldeutigkeiten bei den wesentlich okkasionellen
Ausdrücken als unvermeidlich anerkannt. Das Schwanken der Bedeu-
tung von Ausdrücken kann weiterhin die Folge ihrer Unvollständig-
keit, Anomalität oder Vagheit sein.
Mit der Gegenüberstellung von vagen und exakten Ausdrücken
greift Husserl im § 28 der 1. LU das Problem einer wissenschaftlichen
Sprache wieder auf. Diese stellt sich nunmehr als die von Schwan-
kungen befreite objektive natürliche Sprache dar, die sich strengge-
nommen nur exakter Ausdrücke bedient. Zwar muß die ideale Mög-
lichkeit, jeden subjektiven durch einen festen objektiven Ausdruck zu
ersetzen, eingeräumt werden. Dazu findet sich in der ersten Auflage
eine später getilgte Passage, in der Husserl im Rahmen idealer Mög-
lichkeiten erklärt, wie subjektive Bestimmungen, auch die besonders

A. Ulfig, Lebenswelt, Reflexion und Sprache: Zur reflexiven Thematisierung der


Lebenswelt in Phänomenologie, Existenzialontologie und Diskurstheorie. Würz-
burg 1997, S. 118.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBN1SSE 171

mangelhaften Orts- und Zeitbestimmungen, feste Bedeutung und fe-


sten Ausdruck erlangen können. Er geht dabei davon aus, daß eine
Vorstellung, „welche direkt (und nicht in umschreibender Weise und
gar in Relation zu einer vorgegebenen Individualität) die mit sich
identische Qualität meint; [...] mit fortgesetzter Identifizierung ihrer
Meinung" wiederholt werden kann und „endlich die Anknüpfung die-
ser identischen Meinung als Bedeutung an einen Ausdruck a priori
denkbar ist" (XIX/1, 96 (A 91)).
Jedoch schätzt Husserl diese Möglichkeit insgesamt nicht nur we-
gen der praktischen Umständlichkeiten der Beschreibung, sondern fak-
tisch und aufs Ganze gesehen als unausführbar ein. Das begründet er
mit dem Mangel an exakten Ausdrücken und „der nötigen Zahl wohl-
unterschiedener Wortzeichen" (XIX/1, 95) „für alle theoretisch in Fra-
ge kommenden Bedeutungen" (XDC/1, 96). Seinen Vorbehalt, den er
an den Zeit- und Ortsbestimmungen veranschaulicht, treibt er auf die
Spitze, wenn er jeden Versuch als vergeblich bezeichnet, ohne die
wesentlich okkasionellen Worte der Sprache „irgendein subjektives
Erlebnis in eindeutiger und objektiv fester Weise zu beschreiben."
(XIX/1, 96)
Was das Verhältnis von subjektiven Ausdrücken und idealen Be-
deutungen angeht, so lautet das Fazit der Betrachtung der okkasionel-
len Ausdrücke, daß nicht einmal die in einem einzigen subjektiven
Erlebnis versammelten subjektiven Ausdrücke in objektive verwan-
delt werden können. Folglich ist jeder phänomenologische Versuch
vergeblich, Bewußtseinserlebnisse in eindeutiger und objektiver Wei-
se zu beschreiben. Der Atomismus der Bedeutung kann in der Sprache
nicht eingeholt werden. Damit ist eine kategorische Grenze zwischen
der phänomenologischen Beschreibung und dem Ideal einer wissen-
schaftlich eindeutigen Sprache gezogen. Vom Ideal, jedem subjekti-
ven Bedeutungsakt einen objektiven Ausdruck zuzuweisen, sind wir
„unendlich weit entfernt" (XIX/1, 96). Um die Phänomenologie nicht
zu einem vergeblichen wissenschaftlichen Unternehmen abzustempeln,
sondern ihr mit den mühevollen, unabschließbaren Beschreibungen
gleichwohl eine lohnende Perspektive zu eröffnen, verweist Husserl
immer wieder auf die apriorischen Vorstellungen, die ihre Gegen-
stände direkt meinen und innehaben.
Die Bedeutungen sind von allen realen, empirischen Gegenständen
unterschieden und als Gegenstände lediglich durch ihre ideale Ein-
heitlichkeit, Identität und Identifizierbarkeit bestimmt. Die Bedeutung
soll kein handgreifliches, sondern ein ideales Etwas, ein bestimmtes
Ideales und ideal Bestimmtes sein. Wenn der § 34 der 1. LU über-
schrieben ist: >Im Akte des Bedeutens wird die Bedeutung nicht ge-
172 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

genständlich bewußt<, so heißt das nur, daß im meinenden Aktvollzug


gewöhnlich die Bedeutung nicht eigens als identische Gegenständ-
lichkeit bewußt wird. Erst indem wir gewisse Ausdrucks- und Bedeu-
tungsakte nicht lediglich vollziehen, sondern darauf reflektieren, soll
die gemeinte Bedeutung als Gegenständlichkeit bewußt werden.
Die logisch-phänomenologische Reflexion auf die Aktinhalte und
das dabei bestimmende theoretische Interesse hält Husserl nicht mehr
wie in der >Einleitung< für widernatürlich oder künstlich, sondern im
Rahmen der Logik für ganz normal. Sie wird als Abstraktion bzw.
Ideation näher gekennzeichnet. Die Leistung der logischen Reflexion
besteht in der Vergegenständlichung der Bedeutung als einer idealen
Einheit. „Irgend etwas gegenständlich, es zum Subjekt von Prädika-
tionen und Attributionen zu machen, ist aber nur ein anderer Aus-
druck für Vorstellen" (XlX/1, 145). Die idealen Bedeutungen sind als
allgemeine Gegenstände in der Logik genauso allgemeine Vorstel-
lungen.
Am Ende des vierten Kapitels der 2. LU, § 31, kommt Husserl auf
seine Auffassung der Bedeutung zurück. Er versucht dort, „die Haupt-
quelle [...] der erkenntnistheoretischen Irrtümer und Unklarheiten"
(XIX/1, 185 f.) von Lockes und Berkeleys Abstraktions- und Reprä-
sentationstheorien aufzudecken. Der Paragraph ist um so bemerkens-
werter, als Husserl darin deren Phänomenologie von seiner eigenen
„Phänomenologie der Bedeutungen" (XIX/1, 187) unterscheidet, wo-
bei er sich auf einen besonderen Phänomenbegriff stützt. Er wirft ih-
nen vor,
daß sie sich bei der phänomenologischen Analyse fast ausschließlich
an das anschauliche Einzelne, sozusagen an das Greifbare des Denker-
lebnisses halten, an die Namen und die exemplifizierenden Anschau-
ungen, während sie mit den Aktcharakteren, eben weil sie nichts Greif-
bares sind, nichts anzufangen wissen. Immerfort suchen sie daher nach
irgendwelchen weiteren sinnlichen Einzelheiten und irgendwelchen sinn-
lich vorstellbaren Hantierungen an denselben, um dem Denken die Art
der Realität zu geben, für die sie voreingenommen sind und die es im
schlichten Phänomen nun einmal nicht zeigen will. Man bringt es nicht
über sich, die Denkakte als das zu nehmen, als was sie sich rein phä-
nomenal darstellen, sie somit als völlig neuartige Aktcharaktere gelten
zu lassen, als neue „Bewußtseinsweisen" gegenüber der direkten An-
schauung. Man sieht nicht, was für den, der die Sachlage ohne die Bril-
len überlieferter Vorurteile betrachtet, das Offenkundigste ist, nämlich
daß diese Aktcharaktere Weisen des Meinens, Bedeutens sind, hinter
denen man schlechterdings nichts suchen darf, was anderes wäre und
anderes sein könnte als eben Meinen oder Bedeuten. Was „Bedeutung"
ist, das wissen wir so unmittelbar, wie wir wissen, was Farbe und Ton
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 173

ist. Es läßt sich nicht weiter definieren, es ist ein deskriptiv Letztes.
(XIX/1, 186 f. (A 181))
Husserl besteht auf dem Unterschied von Bewußtseinsweisen. Neben
die sinnlichen Bewußtseinsweisen des Sehens und Hörens stellt er die
Bewußtseinsweise des Meinens, d.h. hier des Bedeutens. Bedeutung
als nichtsinnliches Bewußtsein läßt sich weder sehen noch hören, sie
wird gemeint. Der allgemeine Begriff der Bedeutung liegt der Bewußt-
seinsweise des Meinens gattungsmäßig als ein Letztes zugrunde, wie
Farbe und Ton den Bewußtseinsweisen des Sehens und Hörens. Hus-
serls Behauptung, wir wüßten unmittelbar, was Bedeutung sei, ist so
zu verstehen, daß wir unmittelbar wissen, daß wir Bedeutung meinen
und nicht sehen oder hören, wie Farben und Töne. Dieses Wissen ist
immer auch ein Differenzwissen. Wir wissen was Bedeutung ist, weil
wir wissen, was nicht Bedeutung ist. Diesem differentiellen Aspekt
schenkt Husserl jedoch zu geringe Aufmerksamkeit.
Husserl geht es gegenüber Locke und Berkeley um eine neue An-
schauungsform und einen neuen Phänomenbegriff. Indem sich die
Analyse nicht länger auf das Anschaulich-Einzelne der schlichten Phä-
nomene, sondern auf die Bewußtseinsweise der Bedeutung richtet,
fängt die Phänomenologie in Husserls Sinn erst an. Die intentionalen
Charaktere der Akte, als nichtsinnliche, logische Phänomene aufgefaßt,
ergeben einen neuen Phänomenbereich. Darin werden nicht die Bedeu-
tungen selbst beschrieben, sondern die Bedeutungsarten und -formen.
Die Phänomenologie der Bedeutung verwandelt sich in eine Phäno-
menologie der Intentionalitäten, die in der 6. LU mit der Theorie ka-
tegorialer Anschauung unter Beweis gestellt wird.6
In der 1. und 2. LU zeigte sich, daß Husserl einzelne Bedeutungen
höchst selten als Gegenständlichkeiten des Bewußtseins beschreibt,
wobei er stets nur auf einen identischen Rest in diversen intentionalen
Erlebnissen verweist. Im einzelnen tritt die vielbeschworene Wesens-
schau der Phänomenologie, gerade in ihrer letzten Gestalt als Theorie
der eidetischen Variation, gewissermaßen als eine Residualtheorie der
Bedeutung auf. Um Einzelbeschreibungen ist es Husserl in den l o -
gischen Untersuchungen gar nicht zu tun. Als Erkenntnistheorie rich-
tet sich die phänomenologische Reflexion vielmehr auf die Akte von
Bedeutungserlebnissen, also auf allgemeine Strukturmomente des Be-
deutungsgeschehens.

6
Siehe hierzu weiter unten S. 201 ff.
174 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Bedeutung als Gegenstand

Husserls Bedeutungstheorie fand in der sprachanalytischen Philosophie


bis zu Dagfinn Follesdals Rekonstruktion des Husserlschen Noema-
begriffs kaum Beachtung. Seitdem ist die kognitionswissenschaftlich
gewandelte sprachanalytische Philosophie in eine fruchtbare Phase
der Auseinandersetzung mit der Phänomenologie nicht nur Husserls
getreten, wobei sie nicht wenige psychologistische Tendenzen wie-
derbelebte, die Husserl selbst bekämpfte. Demgegenüber wurde die Be-
deutungstheorie Husserls in einem anderen sprachanalytischen Lager,
und zwar maßgeblich von Tugendhat, als Gegenstandstheorie kriti-
siert.7 Nicht allein Husserls Bedeutungstheorie konnte so als philoso-
phisch erledigt gelten, sondern die Phänomenologie überhaupt als ob-
skurer Mentalismus abgetan werden. Eine Auseinandersetzung damit
schien von sprachanalytischer Seite bestenfalls noch den Sinn zu ha-
ben, die Phänomenologie anständig zu begraben.8
An der Kritik von Husserls Bedeutungs- als Gegenstandstheorie soll
im folgenden überprüft werden, inwiefern die Bedeutung als Phäno-
men angesehen werden kann. Es kommt uns nicht so sehr auf die
Kontroverse um Husserls Bedeutungstheorie an, als auf seinen Phä-
nomenbegriff. Bei der Diskussion der Bedeutung als Gegenstand ist
die Frage entscheidend, was unter Gegenstand verstanden wird. In sei-
ner plattesten Form würde der Vorwurf besagen, daß als Bedeutung
eines Ausdrucks der Gegenstand gilt, der ihn veranschaulicht. Diese
Darstellung träfe Husserls Bedeutungstheorie allerdings nicht. Sie wird
von den vorangehenden Analysen der 1. LU und nicht zuletzt dem
daraus ableitbaren Strukturschema des Ausdrucksbedeutens zur Ge-
nüge widerlegt. Husserl selbst kritisiert vehement eine gegenständli-
che Auffassung der Bedeutung als veranschaulichendes Phantasiebild
im zweiten Kapitel der 1. LU, oder als Bildertheorie des Geistes in
der Beilage am Ende des zweiten Kapitels der 5. LU.
Die Kritik Tugendhats gilt jedoch nicht nur der Phänomenologie
als Bewußtseinsphilosophie, sondern überhaupt einer Reflexions- als

Zu einer detaillierten Auseinandersetzung mit Tugendhat und einer umfassenden


Verteidigung der Bedeutungstheorie Husserls, hierbei gerade auch einer Zurück-
weisung ihrer Darstellung als Gegenstandstheorie, siehe G. Soldati, Bedeutungen
und Gegenständlichkeiten Zu Tugendhats sprachanalytischer Kritik von Husserls
früher Phänomenologie. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 50, 3
(1996), 410-441, v. a. §§ 5 u. 7.
Siehe E. Tugendhat, Description as the Method of Philosophy A Reply to Mr
Pettit. In: ders., Philosophische Aufsätze. Frankfurt a. M. 1992,414-425, S. 414.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 175

Gegenstandstheorie.9 Sie läuft auf die allgemeine Feststellung hinaus,


daß wir, wenn wir unser Interesse auf die Bedeutung eines Ausdrucks
bzw. auf das Verstehen selbst richten, anstatt den Ausdruck verständ-
nisvoll zu gebrauchen, „unwillkürlich auch das nichtgegenständliche
Verstehen sprachlicher Ausdrücke gegenständlich umdeuten"10. Hier
zeichnet sich ein weiter Gegenstandsbegriff ab, wonach ein Gegen-
stand eben etwas ist, wovon wir sprechen. Nicht allein, daß Husserl
von Bedeutungen als Gegenständen nur in diesem weiten Sinn spricht.
Er versucht selbst den reflexiven Weg, wie Bedeutungsakte und deren
Aktinhalte als Bewußtseinsgegenstände zugänglich werden, metho-
disch zu bahnen. Tugendhat hingegen stößt sich an dem weiten Be-
griff des Gegenstands, den er für einen uneigentlichen Begriff nimmt.
Indem er jede Vergegenständlichung der Bedeutung zu vermeiden
sucht, muß er tendenziell die Rede von Bedeutung insgesamt aufge-
ben."
Der Vorwurf einer Gegenstandsfixierung der Bedeutungstheorie
erweist sich bei der Auffassung des Gegenstands im engen Sinn als
unberechtigt. Bei der Auffassung im weiten Sinn hebt er sich selbst
auf, indem er zum Verdikt einer Bedeutungstheorie überhaupt als un-
vermeidlicher Vergegenständlichung des Verstehens wird. Die sprach-
analytische Kritik an der vermeintlich gegenstandsorientierten Bedeu-
tungstheorie der herkömmlichen Bewußtseinsphilosophie und hierbei
Husserls als des letzten originellen Vertreters, besteht in einer ernst-
zunehmenden Form jedoch darin, daß die Bezugnahme auf Gegen-
stände zum Modell der Bezugnahme auf Bedeutungen gemacht wird.
Obwohl sich die sprachanalytische genau wie die bewußtseinsphilo-
sophische Rede von Bedeutung einer Reflexion verdankt, lautet der
Vorwurf nun, daß die Bewußtseinsphilosophie „die Idee einer vor-
sprachlichen Bezugnahme auf Gegenstände"12 verfolgt, die in der car-

9
Damit scheint Tugendhat in der Tradition einer Kantisch-Hegelschen Kontroverse,
„ob und inwieweit die Reflexion auf die Mannigfaltigkeit gegenstandskonstituie-
render Erlebnisse und schließlich auf das transzendentale Subjekt den Charakter
einer illegitimen Vergegenständlichung besitzt", auf der Seite Kants zu stehen.
Husserl hingegen „wird - in kritischem Rückgriff auf Brentanos Lehre von der
»inneren Wahrnehmung« sowie in einiger Nähe zu Hegels Kant-Kritik - eben die-
se Frage verneinen, um durch Präzisierung und Differenzierung des Gegenstands-
und (korrelativ dazu) des Erfahrungsbegriffs gerade das Anliegen der alten »Trans-
cendentalpsychologie« gegenüber Kants »mythischen« »Konstruktionen« zu ver-
teidigen". (T. Trappe, a.a.O., S. 192 f.)
10
E. Tugendhat, Vorlesungen zu Einführung in die sprachanalytische Philosophie.
Frankfurt a. M. 1976, S. 51.
1
' Zu welchen Konsequenzen das führt, hat Sukale bei Quine, gerade in der Gegen-
überstellung zu Husserl, gezeigt. Vgl. M. Sukale, a.a.O., S. XIII f., 221 f.
12
E. Tugendhat, Vorlesungen... a.a.O., S. 86.
176 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

tesianischen Tradition wesentlich als Vorstellung verstanden und auf


das Bedeutungsverstehen ausgeweitet wird. Sprachanalytisch wird bei
der Bezugnahme auf Gegenstände hingegen explizit auf die logische
Satzstruktur reflektiert, in denen sie ausgesagt werden.
Was Husserl angeht, so muß genau zwischen den beiden Seiten des
Ausdrucksgeschehens unterschieden werden, die nach dem Struktur-
schema als die Ausdrucks- oder Bedeutungs- und als die Gegenstands-
oder Sinnseite zu bezeichnen sind. Um zuerst die Gegenstands- oder
Sinnseite des Ausdrucks zu betrachten, die dem Vorwurf zufolge das
allgemeine Modell der Bezugnahme abgibt, so verschmilzt sie im Fall
der Anschauung mit der Bedeutungsintention. (Husserls Rede von Ver-
schmelzung bezeichnet gegenüber seiner Rede von Verwebung eine
höhere Stufe der Einheit im Bewußtseinserlebnis, deren Momente die
phänomenologische Analyse zu beschreiben versucht.) Abgesehen von
Ausdrücken und Bedeutungsintentionen kann es durchaus auch sepa-
rate bzw. unsprachliche Bezüge auf Gegenstände geben.13
Daß in jede Wahrnehmung immer schon Sprache eingegangen ist,
dieser Leitspruch aller Sprachkritik, ist nicht so leicht unter Beweis
zu stellen, zumal dadurch gleich der Mensch in seiner Ganzheitlich-
keit ins Spiel gebracht wird. Wenn Gegenstände auch nicht anders als
sprachlich oder zeichenhaft bedeutet sein können, so sind sie doch
nicht immer bedeutet, bzw. zeichenhaft gemeint. Gegenstände können

1J
In den >ldeen I< unterscheidet Husserl bspw. am Wahrnehmungsprozeß verschie-
dene Schichten: „Wir vollziehen, wie sich dergleichen normalerweise an die erste,
schlichte Wahrnehmungserfassung ohne weiteres anzuschließen pflegt, ein Expli-
zieren des Gegebenen und ein beziehendes In-eins-setzen der herausgehobenen
Teile oder Momente: etwa nach dem Schema »Dies ist weiß«. Dieser Prozeß er-
fordert nicht das mindeste von »Ausdruck«, weder von Ausdruck im Sinne von
Wortlaut, noch von dergleichen wie Wortbedeuten". (Husserliana HI/1, a.a.O., S.
285) „Mit dem rein wahrnehmungsmäßig »Gemeinten als solchem«" (ebd., S. 286)
kann durchaus eine sensuelle Wahrnehmungsschicht bezeichnet werden. Wie al-
lerdings auf der nächsten Schicht ein unausdrückliches Explizieren nach dem Sub-
jekt-Prädikat-Schema ganz ohne Zeichen und Bedeutungsintentionen möglich sein
soll, ist äußerst fraglich. E. W. Orth (Beschreibung in der Phänomenologie..., a.a.
O., S. 36) hat die Stelle so interpretiert, daß es sich bei dieser Schicht um eine
„elementare Ausdrücklichkeit oder Ausdrückbarkeit" handelt, die „die Vorausset-
zung jeder entwickelteren Beschreibung" ist. Verallgemeinernd überträgt er diesen
Gedanken auf die phänomenologische Konstitutionsthematik. „Konstitution scheint
als ein Kontinuum verstanden werden zu müssen, an dessen Anfang das anonyme
und an dessen Ende das bewußte Beschreiben steht". Damit ist zwar eine wesentli-
che Aufgabe der Phänomenologie erfaßt, die Anonymität der geistigen Vollzüge
deskriptiv aufzuklären. Es bleibt jedoch das Problem bestehen (siehe hierzu weiter
oben S. 49), wie die Übergänge des rein Wahrnehmungsmäßigen zum elementar
oder anonym Ausdrücklichen beschaffen sind, bzw. ob es sich bei letzterem Be-
griff nicht um ein hölzernes Eisen handelt.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 177

eben auch anders, bspw. schlicht sinnlich erfaßt sein. Das Meinen, das
Husserl in den gesamten >Logischen Untersuchungen synonym für
Intentionalität, bzw. das Intendieren, gebraucht, erlangt dadurch eine
enorme Bedeutungsbreite. Insofern der terminologische Akzent auf
der Intentionalität liegt und das Meinen daneben ein geradezu un-
scheinbares Synonym abgibt, ist dessen Gebrauch in den >Logischen
Untersuchungen< stets auch kolossal äquivok. Was mit Meinen alles
gemeint ist, wird nie aufgeklärt.
Das Spektrum des Meinens deckt sich mit dem von Husserl unter-
schiedenen Spektrum intentionaler Erlebnisse, bzw. Akte. Schlichte
Wahrnehmungen bspw., oder Phantasien müssen nicht unbedingt mit
signitiven Akten in Verbindung stehen. Die Behauptung, „daß es sach-
lich angemessen und zur Klärung sogar notwendig ist, die These von
der Intentionalität durch sprachliche Kriterien zu erläutern, denn diese
verweist selbst auf Sprache"14, ist mindestens, was den letzten Punkt
der Selbstverweisung angeht, zweifelhaft. Die bei Wahrnehmungen
oder Phantasien maßgeblichen objektivierenden oder intuitiven Akte15
werden vielmehr von einer vorsprachlichen Intentionalität getragen.
Das heißt weder, daß sie ihre Gegenstände nicht auf ihre Weise inter-
pretativ auffassen, noch, daß sie nicht mit signitiven Intentionen ver-
bunden sind und diese Verbindung gerade charakteristisch für ver-
nunftbegabte Wesen ist.
Jedes Meinen läßt sich nur im Rückgriff auf Sprache, also kom-
munikativ ausweisen und aufklären. Daß sich die Bewußtseinsphilo-
sophie jedoch zumeist in einem intuitiven Sinn auf Gegenstände als auf
vorsprachliche Bewußtseinsgegebenheiten und mithin Vorstellungen
bezieht, wäre nicht unbedingt anstoßerregend, wenn mit der maßgeb-
lichen Orientierung am Bewußtsein nicht die schwerwiegenden men-
talistischen Probleme hinsichtlich dessen repräsentativen Charakters
einhergingen.
Auf der Bedeutungsseite, die Husserl immer wieder als die für den
Ausdruck wesentliche herausstellt, vollzieht sich das Bedeuten oder
die Bedeutungsintention als Meinen. Dieses Meinen kann nicht als
vorsprachlicher Bezug auf etwas, was im weiten Sinn ein Gegenstand
ist, aufgefaßt werden. Es gibt hier kein unsprachliches Meinen. In der

14
H. Ineichen, a.a.O., S. 21. Ineichen sitzt in seiner Interpretation der Husserlschen
Unterscheidung signitiver von intuitiven Akten jener Äquivokation des Meinens
auf. wenn er aus der Zeichengebundenheit signitiver Akte, die kaum verwundern
sollte, allgemeinerweise „einen tiefen Zusammenhang zwischen Sprache und In-
tentionalität" (S. 31) schlußfolgert. Ihm gelingt es nicht, die psychologische Akt-
analyse der Intentionalität durch eine Analyse sprachlicher Ausdrücke zu ersetzen.
15
Siehe weiter unten S. 200.
178 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Frage nach der Zugänglichkeit der Bedeutung als eines idealen Ge-
genstands steckt wohlverstanden das eigentliche Problem der Kontro-
verse um die Gegenständlichkeit der Bedeutung.
Wenn das Meinen stets als eine Relation aufgefaßt werden muß,
weil wir jeweils etwas mit etwas meinen, und das Meinen im speziel-
len Fall stets eine sprachliche Bezugnahme auf Bedeutungen darstellt,
dann müßten die Bedeutungen anders als gemeint sein, um vorsprach-
lich gegeben zu sein. Die Bedeutungen müßten schon irgendwie be-
wußt sein, bevor und daß sie überhaupt gemeint sein könnten. Sie
müßten im Bewußtsein als Vorstellungen sein. In den Vorstellungen
wären die Bedeutungen selbst nicht wiederum gemeint, sondern eben
bewußt und zwar so, wie uns bspw. Gegenstände der Wahrnehmung
bewußt sind. Das Bewußtsein der Bedeutungen könnte schließlich wie
das der Gegenstände nachträglich zum Ausdruck gebracht werden.
Solch eine überaus problematische Theorie der Bedeutung und der
Bedeutungsintentionalität vertritt Husserl keineswegs. Er faßt in ei-
nem jeweils weiten Sinn die Bedeutung als allgemeinen Gegenstand
und die Bezugnahme als sprachliches Vorstellen auf. Mit einem Aus-
druck wird etwas gemeint, ob sich das Gemeinte gegenständlich an-
schaulich machen läßt oder nicht. Hierbei müßte dann näher erläutert
werden, was als sinnvoller Ausdruck gelten kann, ob Namen, Sätze
oder selbst einzelne Wörter jeweils eine Bedeutung zum Ausdruck
bringen. Husserl ist diesbezüglich eine gewisse Nachlässigkeit, wenn
nicht gar Unklarheit vorzuhalten.
Daß mit einem Ausdruck etwas gemeint, daß ihm eine Bedeutung
beigelegt ist, bestimmt allererst, welche Gegenstände ihn anschaulich
erfüllen. Die Bedeutungsintention ist bei Husserl streng von der Bedeu-
tungserfüllung getrennt. Nicht die Gegenstände bestimmen die Bedeu-
tungen, es ist vielmehr so, „daß die Gegenstände durch die Bedeutung
aufgesogen werden."16 Die Bedeutungen sind für Husserl nur insofern
gegenständlich, als sie vermeint sind und zwar dezidiert in sprachlichen
Akten des Bedeutens. Als Aktinhalte können sie abstraktiv-ideativ re-
konstruiert werden. Zwar erweckt Husserl dadurch, daß er die Zahlen
im idealen Sinn als „bloß mögliche Bedeutungen" auffaßt, „denen das
Gedacht- und Ausgedrücktwerden zufällig ist", den Eindruck, es han-
delte sich bei Bedeutungen insgesamt um einen festen Bestand, „den
niemand vermehren und vermindern kann" (XIX/1, 110). In dieser
Ansicht steckt zweifellos ein Piatonismus, der an ein Reich der Ideen
denken läßt, das unabhängig davon besteht, ob Ideen als Bedeutungen
realisiert werden. So ist in den >Logischen Untersuchungen auch ein-

16
M. Sukale, a.a.O., S. 54.
AUSDRUCKS- UND BEDEUTUNGSERLEBNISSE 179

mal von einem „Reich der Bedeutungen" (XIX/1, 329) die Rede. Die
Idealität der Bedeutung wird von Husserl jedoch nicht ontologisiert.
Husserl verwahrt sich gegen die „metaphysische Hypostasierung"
der Bedeutung, die den Ideen irgendeinen Ort zuzuweisen sucht. „Die
Bedeutungen bilden [...] eine Klasse von Begriffen im Sinne von »all-
gemeinen Gegenständen«." (XIX/1, 106) Von allgemeinen Gegen-
ständen zu reden, faßt er „einfach als Anzeigen für die Geltung (sei es
nur für die supponierte Geltung) gewisser Urteile [...] über Zahlen,
Sätze, geometrische Gebilde u. dgl." (XIX/1, 106) auf.17 Die Idealität
der Bedeutung ist für Husserl durch nichts anderes als die semanti-
sche Möglichkeit gewährleistet, identisch auf etwas Spezifisches, et-
was, was nur gemeint, nicht aber gezeigt werden kann und allein in
diesem weiten Sinn als Gegenstand gilt, Bezug zu nehmen. Genau
dieses Moment des Meinens gilt es für Husserl in der Bewußtseins-
analyse nachzuweisen, um dadurch die Bedeurungs- als Ideenanalyse
zu fundieren. Dabei kommt es ihm auf die linguistischen oder kom-
munikativen psychologischen Momente der Ausdrucks- und Bedeu-
tungserlebnisse nicht an.

Indem dieses Geltungsmoment der Bedeutung in einem pragmatischen Sinn ver-


stärkt wird, kann Bedeutung als eine kommunikative Idealsupposition oder als
Hypothese interpretiert werden. Vgl. M. Sukale, ebd., S. 90.
9. Die Pole des Phänomenalen

In den >Prolegomena< war von Phänomenologie lediglich in einer


Fußnote die Rede. In der erkenntnistheoretischen Auseinandersetzung
um die Fundamente der Logik und die Geltung ihrer Gesetze spielte
das Projekt einer Phänomenologie noch keine Rolle, selbst daß es
sich in der logischen Grundsatzdiskussion vorbereitete, läßt sich nur
bedingt sagen. Die Phänomene gehörten in den Bereich der Psycho-
logie und waren vom eigentlichen Bereich der Logik ausgeschlossen.
Erst im zweiten Band der >Logischen Untersuchungen spricht Hus-
serl von Phänomenologie. Nunmehr versucht er, einen Bezug zu Phä-
nomenen aufzuweisen, der nicht allein mit den idealen Grundlagen der
Logik verträglich ist, sondern deren Ideen, Begriffe und Gesetze car-
tesianisch allererst „zu erkenntnistheoretischer Klarheit und Deutlich-
keit" bringt (XIX/1, 9).
Der Phänomenologie geht es nicht um die Beachtung beiläufiger
subjektiver Erlebnismomente. Phänomene als etwas Privates, das je-
der auf seine Weise bei Bewußtseinserlebnissen hat (XIX/1, 105), als
Privaterscheinungen und im bescheidensten Fall lediglich als „meine
individuellen Eigenheiten" (XIX/1, 103) bei diversen Erlebnissen sind
phänomenologisch irrelevant. Sie gehören nicht zu den Inhalten im
psychologischen Sinn, deren „mannigfache und deskriptiv nicht immer
leicht zu fassende Unterschiede" (ebd.) die phänomenologische Auf-
klärung von Bedeutungseinheiten voranbringen.
Phänomene im bloß subjektiven Sinn sind für das Bedeutungsver-
stehen „völlig gleichgültig" (ebd.). Phänomenologisch kommt es auf
eine grundlegende Analyse der für die theoretische, wissenschaftliche
Erkenntnis konstitutiven Erlebnisse an, die allererst reflexiv zugäng-
lich werden. Die Phänomenologie beschäftigt sich mit den Phänome-
nen keineswegs um ihrer selbst willen, sondern aus einem bestimmten
erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Interesse: „it aims the dis-
covery of the essences and essential structures in phenomena [...] it is
the description of a particular sort of phenomena, namely of essences."1

R. A. Mall, a.a.O., S. 16. Neben dem deskriptiv-essentialistischen Motiv hebt Mall


als zweites, dem ersten widerstreitendes Motiv der Phänomenologie hervor: „it al-
so Stands for an endless process of clarification of meaning which are constituted
in the rieh life of human consciousness. If the first motive is more original, the
second one is more persisting. If the essentialist version of the Husserlian phe-
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 181

Daß mit den Phänomenen nicht neuerlich psychologisch Bewußt-


seinserlebnisse ins Zentrum des philosophischen Interesses rücken,
sondern die konkreten Wesensgrundlagen der Erkenntnis aufgedeckt
werden, diesen Nachweis hat die Phänomenologie allererst zu erbrin-
gen. Das Konzept phänomenaler Fundierung jeglicher Erkenntnis steht
dabei im Verdacht eines Psychologismus, der erklärenden Rückfüh-
rung idealer auf psychische Zusammenhänge. Um diesbezüglich alle
Bedenken zu zerstreuen, muß sowohl der Begriff der Fundierung als
auch derjenige der fundierenden Erscheinung genau untersucht wer-
den. Gefordert ist ein nichtempirischer Phänomen- und damit verbun-
den ein nichtempirischer Fundierungs-, Ideations- und Konstitutions-
begriff.
Die Phänomenologie hat enorme intuitive Hindernisse zu überwin-
den, die Sachen selbst nichtpsychologisch aufzufassen, insofern sie
den Rückgang auf das Lebendige und Konkrete zum Prinzip erhebt.
Mit der Rede von Fundierung hat sie ihre eigene Methode des Rück-
gangs auf die Sachen selbst zu erklären und zu rechtfertigen. Welche
Phänomene sind konstitutiv für das Denken idealer Einheiten und
werden nicht von der Psychologie und der naturalistisch-objektivie-
renden Naturwissenschaft erfaßt? Aufweiche Momente des Bewußt-
seins kann sich Husserl bei der Aufklärung des Denkens, Vorstellens
und Meinens idealer Gegenstände stützen?
Mit dem Fundierungs- bzw. Konstitutionskonzept steht und fällt der
Anspruch der Phänomenologie, Fundamentalwissenschaft zu sein. Die
Analyse intentionaler Erlebnisse und ihrer Inhalte, das ganze Interesse
der Phänomenologie an den Phänomenen ist vom Konstitutionsgedan-
ken beherrscht. Weil der Phänomenbegriff hieraus seine eigentliche
Bestimmung gewinnt, muß geklärt werden, was genau phänomenale
Konstitution heißt, gerade in Bezug auf die Logik und ideale Gesetze.
Dabei ist das Verhältnis von deskriptiver Konstitutionsanalyse und ab-
straktiver Ideation zu bestimmen.

nomenology is nearer to the classical idealistic and rationalistic tradition, its con-
cern with meaning brings it closer to the empiricist tradition. The radically empi-
ricist concern of Husserlian phenomenology is on the whole more dominating."
(ebd.) Das radikal-empirizistische Motiv verweist auf James (siehe hierzu weiter
oben S. 34 f.). Mall beruft sich in seiner Skizze einer phänomenologischen Herme-
neutik der noetisch-noematischen Bedeutungskonstitution maßgeblich auf das zwei-
te Motiv. Demgegenüber kritisiert er das Motiv der Wesensbeschreibung als von
einem ontologischen Wesensbegriff verleitet. - Was die >Logischen Untersuchun-
gen angeht, so deutet sich der phänomenologische Essentialismus hier erst an. Das
Motiv der Begriffs- und Bedeutungsaufklärung spielt eine um so größere Rolle, als
der exemplarische Rückgang auf die konstitutiven Erlebnisse noch nicht durch die
Methode der Epoche als essentialistische Reinigung aufgefaßt wird.
182 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Die fundierende Erscheinung

Die Bedeutungen, die sich in der 1. LU als ideale Momente von Aus-
drücken erwiesen, werden in der 2. LU weiter als Spezies, das heißt
als allgemeine Gegenstände des Denkens behandelt. Mit dem ontolo-
gischen steht zugleich der gegenständliche Status der Spezies in Frage.
Husserl diskutiert diese Fragen in Auseinandersetzung mit den neu-
zeitlichen Abstraktionstheorien Lockes, Berkeleys und Humes sowie
daran anknüpfenden Theorien seiner Zeitgenossen. Er will die Ge-
genständlichkeit der idealen Spezies phänomenologisch unter Beweis
stellen, ohne ihre ideale Einheit ontologisch zu substantialisieren. Den
platonischen Realismus, der das Allgemeine hypostasiert, insofern er
den Spezies reale Existenz außerhalb des Denkens zuspricht, läßt er
„als längst erledigt, auf sich beruhen" (XIX/1, 128). Nicht so leicht
läßt sich dem auf Aristoteles zurückgehenden gemäßigten Realismus
begegnen, wie ihn maßgeblich Locke als psychologischen Realismus,
der den Spezies eine reale Existenz im Denken zuerkennt, ausarbeite-
te. Demgegenüber kommt in den nominalistischen Ansichten Berke-
leys und Humes allein dem individuell Einzelnen reale Existenz zu,
dem Allgemeinen jedoch ein davon abgeleiteter fiktiver oder uneigent-
licher Charakter.
Den Streit zwischen psychologischer und nominalistischer Position
um die Gegenständlichkeit der Spezies möchte Husserl im Ausgang
von erfüllten Vorstellungen spezifischer und individueller Gegenstände
aufklären.' Prinzipiell unterscheidet er individuell-empirische Einzel-
heiten (der Mensch Sokrates) von spezifischen, d.h. abstrakten Ein-
zelheiten (die Zahl 2) und dementsprechend individuelle Allgemein-,

In Husserls Handexemplar der > Logischen Untersuchungen findet sich im An-


schluß an die mittelalterliche Realienproblematik eine Skizze der grundsätzlichen
Fragestellung nach der Gegenständlichkeit des Allgemeinen im Denken im Ver-
hältnis zum real Individuellen. Zwischen den philosophiegeschichtlichen Positio-
nen eines extremen oder gemäßigten Realismus oder Nominalismus zeichnet sich
ein deskriptiver und ein genetischer Weg ab. die Probleme zu behandeln. Jener
fordert, zu beschreiben, „was vorliegt im allgemeinen Ausdrücken und Meinen",
d.h. die „phänomenologische Analyse des Bewußtseins im Falle der verständnis-
vollen Funktion allgemeiner Ausdrücke im Unterschied von den individuellen."
(XIX/2, 820) Dabei kommt es vor allem auf einen Vergleich der intuitiven und
symbolischen Bewußtseinszustände, sowie auf die „Unterscheidung der verschie-
denen logischen Formen, in denen die allgemeinen Namen fungieren und entspre-
chende Deskriptionen für die Akte des Bedeutens und Einsehens" (XIX/2, 821) an.
Diesem Plan, der die methodische Linie der ersten Untersuchung fortsetzt, folgt
Husserl in der 2. LU. Die genetischen Fragen, „wie individuelle Zeichen allgemei-
ne Bedeutung gewinnen" und „wie aus den individuellen Anschauungen allgemei-
ne Vorstellungen erwachsen" (XIX/2, 820 f.) überläßt er der Psychologie.
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 183

bzw. Gesamtheiten (alle Menschen) von spezifischen Allgemeinhei-


ten (alle Zahlen) (XIX/1, 115 f.). Die phänomenologische Aufgabe
besteht darin, die vierfache Unterscheidung als Charakteristik oder
Typologie in jeweiligen konkreten Denkvollzügen und -inhalten nach-
zuweisen. Gerade was die philosophisch kontroverse Rede von Spe-
zies angeht, muß phänomenologisch dargelegt werden, „wie solche
Gegenstände vorstellig werden" (XIX/1, 128), „wie und in welchem
Sinne das Allgemeine im einzelnen Denkakt zu subjektivem Bewußt-
sein kommen und wie es zur unbegrenzten (und daher durch keine
angemessene Bildlichkeit vorstellbaren) Sphäre ihm untergeordneter
Einzelheiten Beziehung gewinnen könne." (XIX/1, 146).
An die Ausführungen der >Prolegomena< und der 1. LU anschlie-
ßend, erklärt Husserl den Sinn der Gegenständlichkeit der Spezies im
Denken durch die Identität der Bedeutungen der Sätze und Urteile
über Spezies. Ausgehend von anschaulichen Bedeutungserfüllungen
in konkreten Erscheinungen konzentriert sich die Phänomenologie
auf die unterschiedlichen Akte des Vorstellens und Meinens von In-
dividuellem und Spezifischem. Wie auf dem „Untergrund" konkreter
Erlebnisse und Gegenstandserscheinungen „die Bedeutung als Spezies
erwächst" (XIX/1, 112), ist das Thema der Abstraktionstheorie. Schon
im § 4 der 1. LU war vom psychologisch-abstraktiven Ursprung des
Anzeichenbegriffs in psychischen Tatsachen die Rede und später da-
von, daß die ideale Beziehung von Bedeutung und Bedeutungserfül-
lung „abstraktiv im Akte faktischer Erfüllungseinheit" (XIX/1, 61 (A
56)) erfaßt wird. Der an diesen Stellen aufkommende Psychologis-
musverdacht gegenüber der abstraktiven Leistung wird noch dadurch
verstärkt, daß Husserl von der Erscheinung eines Gegenstands oder
dem erscheinenden Konkretum schlicht als dem Sinnlichen spricht.
Husserls Untersuchung der Abstraktionsthematik setzt mit der Be-
hauptung ein, daß sowohl in individuellen als auch in allgemeinen
Vorstellungen „eine gewisse phänomenale Gemeinsamkeit" besteht,
insofern jeweils „dasselbe Konkretum" erscheint und damit „dieselben
sinnlichen Inhalte in derselben Auffassungsweise gegeben" (XIX/1,
113 f.) sind. Die Behauptung bezieht sich auf die in der Wahrneh-
mungs-Beilage unterschiedene zweite, allgemein maßgebliche Äqui-
vokation des Phänomenbegriffs als erscheinendem Gegenstand, wie
er jeweils im Vollzug der Wahrnehmung gegeben ist. Diese Erschei-
nung gilt als gemeinsame „Vorstellungsgrundlage" (XIX/1, 114) je
verschiedener meinender Akte. Das individuelle Meinen meint das
Erscheinende als dieses Hier und Jetzt, bspw. die Röte eines Hauses,
das spezifische Meinen die allgemeine Idee des Erscheinenden, bspw.
das Rot.
184 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Die Behauptung einer gemeinsamen Vorstellungsgrundlage für


verschiedene Akte des Meinens dient Husserl anfangs dazu, die Ver-
schiedenheit darauf bauender Aktcharaktere kenntlich zu machen.
Die anschauliche Erscheinung ist „in derselben Auffassungsweise ge-
geben", insofern sie sinnlich aufgefaßt ist. Bedeutungsmäßig wird die
Erscheinung unterschiedlich aufgefaßt. Die Formen individuellen und
spezifischen Meinens bezeichnet Husserl ebenfalls als Auffassungs-
weisen (XDC/1, 137), wobei Auffassungsweise ein terminologisch we-
niger bestimmter Begriff für Aktcharakter ist. Jeder Akt hat seinen
Charakter oder seine Auffassungsweise sowie seinen Gegenstand, In-
halt. Erfüllt sich individuelles oder spezifisches Meinen in einer an-
schaulichen Erscheinung, verbindet sich also ein Meinens- mit einem
Anschauungsakt bzw. eine bedeutungsmäßige mit einer sinnlichen
Auffassungsweise, so ist die sinnliche Auffassungsweise der Erschei-
nung bzw. der Charakter des sinnlichen Aktes jeweils derselbe. Dabei
ist die anschauliche Erfüllung für das Meinen eines Gegenstandes so-
wie für den Aktcharakter dieses Meinens selbst nicht wesentlich:
Das allgemeine Vorstellen in dem Sinne des allgemeinen Bedeutens
[...] ist ohne jede aktuelle Anschauungsgrundlage möglich. Tritt aber
gegebenenfalls eine Erfüllung ein, so ist [...] nicht etwa das sinnlich-
anschauliche Bild die Bedeutungserfullung selbst, sondern es ist die
bloße Grundlage dieses erfüllenden Aktes. Dem nur „symbolisch" voll-
zogenen allgemeinen Gedanken, d. i. der bloßen Bedeutung des allge-
meinen Wortes, entspricht dann der „eigentlich" vollzogene Gedanke,
welcher seinerseits in einem Akte sinnlicher Anschauung fundiert, aber
nicht mit ihm identisch ist. (XIX/1, 137)

Der Ausgangspunkt der Rede von anschaulicher Grundlage ist leicht


nachvollziehbar: ein und derselbe anschauliche Gegenstand kann un-
terschiedlich gemeint sein. Insofern das anschaulich Erscheinende stets
ein Sinnliches, Einzelnes ist, erweist es sich als trivial, die Gemeinsam-
keit der Grundlage herauszustellen, auf der allein Bedeutungen eine
anschauliche Gegenständlichkeit finden können. Es kann dafür gar
keine andere Grundlage geben. Husserls Rede von Fundierung und
synonym von Grundlage kann hier jedoch leicht mißverstanden wer-
den, nicht, weil sie sich mit der Rede von Erfüllung kreuzt, das tut sie
in der Regel, sondern weil es sich um eine Doppel fundierung handelt.
Das sinnlich-anschauliche Bild ist die Grundlage eines sinnlich-
anschaulichen Aktes, der das Bild und gleichzeitig die Bedeutung er-
füllt. Husserl macht hinreichend deutlich, daß das Bild nur der Grund
der Erfüllung, diese selbst aber ein Akt, eine Leistung ist. Nur so
kann das Sinnlich-Anschauliche die gemeinsame Grundlage verschie-
dener Akte sich erfüllenden Meinens bilden, daß es jeweils anders ge-
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 185

meint ist und die Erfüllungsakte als sich erfüllende Akte des Meinens
demnach ganz unterschiedliche sind. Folgerichtig kann das Sinnlich-
Anschauliche nur noch als bloße Grundlage gelten, auf welcher sich
das abstrahierende Erfassen der Bedeutungseinheiten maßgeblich an
den Aktcharakteren der Bedeutungserfüllung und damit an einer hö-
heren Stufe der Fundierung orientieren muß.
Als bloße Grundlage sekundär ganz verschiedener Auffassungs-
weisen verliert das Sinnlich-Anschauliche seine Bedeutung für die
phänomenologische Wesensanalyse. Deren Interesse richtet sich dar-
auf, die Aktcharaktere näher zu bestimmen, ihre strukturelle und ma-
terielle Eigenart im Rückgang auf die phänomenalen Gegebenheiten
des Bewußtseins aufzuklären. Nicht um das Sinnlich-Anschauliche,
„sozusagen [...] das Greifbare des Denkerlebnisses", geht es, sondern
darum, die ungreifbaren Aktcharaktere, die sich „im schlichten Phä-
nomen nun einmal nicht zeigen", „rein phänomenal" darzustellen und
„als neue »Bewußtseinsweisen« gegenüber der direkten Anschauung"
zur Geltung zu bringen (XIX/1, 186). Das ist der Weg, den Husserl
von der Strukturanalyse der Bedeutung bis zur 6. LU als phänomeno-
logischen bahnt und theoretisch gegenüber dem realpsychologischen
Weg rechtfertigt.
Erst indem der Begriff des Phänomens als Inhalt intentionaler Er-
lebnisse in der 5. LU seine eigentliche phänomenologische Bestim-
mung erfährt, ist die Verwandlung der Abstraktionsproblematik voll-
zogen. Als bloße Grundlage tritt das Sinnlich-Anschauliche schon in
der 2. LU in den Hintergrund des Abstraktionsgeschehen. Abstraktion
vollzieht sich nicht länger im Ausgang vom Sinnlich-Anschaulichen -
das gilt nunmehr als psychologischer Kurzschluß oder nominalistische
Verwechslung der „Grundlage der Abstraktion mit dem Abstrahier-
ten" (XIX/1, 160) -, sondern im reflexiven Blick auf die sich allererst
daraufbauenden Akte und deren jeweilige phänomenalen Inhalte, die
die allgemeinen Gegenstände konstituieren. Schließlich läßt Husserl
ganz von der Ausgangsthese einer gemeinsamen Anschauungsgrund-
lage ab. Nicht nur, daß „unter Umständen eine und dieselbe Anschau-
ung als Grundlage" ganz verschiedener Auffassungsweisen fungieren
(XIX/1, 137) bzw. bei „wechselnden Aktcharakteren, die sich als ge-
dankliche darauf bauen", „Identität der Anschauungsgrundlage" be-
stehen kann (XIX/1, 136), sondern daß sogar „die fundierende Er-
scheinung ganz fortfallen kann" (XIX/1, 176), wirft die Frage auf,
welche Rolle das Sinnlich-Anschauliche tatsächlich für das jeweils
aufbauende Gedankliche spielt. Wodurch ist es überhaupt noch ge-
rechtfertigt, von der Anschauung als Grundlage zu sprechen? Wie
hängt das Sinnliche mit dem Phänomenologischen zusammen?
186 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Alle Schwierigkeiten, die Husserls Begriff der Fundierung selbst in


der 6. LU (siehe XIX/2, 554) noch aufwirft, hängen damit zusammen,
daß das Logische wieder in Bedingungs- oder Abhängigkeitsverhält-
nisse zu geraten scheint. Wenn Husserl sagt, daß das sinnlich-anschau-
liche Bild die Grundlage des sinnlichen Aktes ist, der wiederum die
Bedeutungserfüllung fundiert, dann scheint sich sogar eine Kette kau-
saler Bedingtheit zu bilden. In der 3. LU definiert Husserl Fundierung
näher als Verhältnis von unselbständigen Teilen (XIX/1, 268, 271), im
Unterschied zu selbständigen Teilen eines Ganzen. Die vielfältigen
Teil- als Fundierungsverhältnisse werden dort weiter nach ihrer Ein-
oder Wechselseitigkeit, Mittel- oder Unmittelbarkeit bestimmt und
komplexe Fundierungen als Verkettungen definiert (XIX/1, 280). Als
eine solche Verkettung kann die weiter oben angeführte Fundierung
der Bedeutungserfüllung im Anschauungsakt des sinnlichen Bildes an-
gesehen und durch die Kriterien der MitteL/Unmittelbarkeit und Ein-
AVechselseitigkeit nunmehr sogar in dreifacher Hinsicht bestimmt
werden.
Als unmittelbar-wechselseitig stellt sich die Fundierung von sinn-
lich-anschaulichem Bild und sinnlichem Akt dar, denn es gibt keine
Anschauung ohne Anschauungsakt und keinen Anschauungsakt ohne
Anschauung. Als mittelbar-einseitige Fundierung ist das Verhältnis
des Akts sinnlicher Anschauung zur Bedeutungserfüllung anzusehen,
denn der Akt sinnlicher Anschauung kann sehr wohl vollzogen wer-
den, ohne daß er eine Bedeutung erfüllt. Das sinnlich-anschauliche
Bild3 fundiert die Bedeutungserfüllung nur mittelbar-einseitig. Die

Einige Bemerkungen Husserls scheinen in die Richtung eines sinnlichen Daten-


objektivismus zu laufen, wenn er das Anschauliche geradezu als Bild, abwertend
sogar als „bloßes Bild" (XIX71, 178), oder die anschauliche Vorstellung als Er-
scheinung oder „vorschwebendes »Bild«" (XIX/1, 134) bezeichnet, von Aktuali-
sierung der erfüllten Bedeutungsintention „durch Herbeiholung passender Verbild-
lichung" (XIX/1, 124 (A 120)), oder davon spricht, „wie das individuelle Bild als
Bewußtseinsgrundlage fungiert, je nachdem die Intention auf Individuelles oder
auf Spezifisches geht" (XIX/1, 146 (A 140)). Der Ausdruck „Bild" wird dabei je-
doch uneigentlich gebraucht, was durch Anführungszeichen auch gelegentlich kennt-
lich gemacht ist. Im eigentlichen Sinn behandelt Husserl die Bildlichkeit oder
„verbildlichende Auffassung" als „eine wesentlich neue Weise der Intention Er-
lebnis" (XIX/1, 399) in der 5. LU, wo er nachdrücklich alle Bilder- und Container-
theorien des Geistes kritisiert (XLX/1, 384 ff., 436 ff.). Dieser Auffassung schloß
sich später Sartre an: „Es gibt keine Bilder im Bewußtsein, und es kann auch keine
geben, sondern das Bild ist ein bestimmter Bewußtseinstyp." (J.-P. Sartre, Die
Imagination. In: ders.. Die Transzendenz des Ego Philosophische Essays 1931-
1939. Reinbek b. Hamburg 1982, 97-254, S. 242.) - In der 5. LU wird zudem die
Einheit der fundierenden Empfindungserlebnisse mit den auffassenden Akten un-
terstrichen (XIX/1, 378 f.). Wenngleich die eigentliche Erfüllung die Akte leisten,
gerinnt die fundierende Erscheinung oder Empfindung nicht zu einem unveränder-
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 187

logische Vorstellung hingegen wird weder davon, noch vom Akt


sinnlicher Anschauung fundiert. Sie besteht in der Bedeutungserfül-
lung als selbständiger Teil und Inhalt, wenngleich verschmolzen in
dieser Einheit. Die Fundierungsleistungen weder der sinnlich-anschau-
lichen Erscheinung, noch des Anschauungsaktes erstrecken sich über
den Aktstrang der Bedeutungserfüllung hinaus auf denjenigen der
Bedeutungsintention. Das ganze Bemühen Husserls ist gleichwohl da-
rauf gerichtet, auch für die logische Vorstellung fundierende Bewußt-
seinsmomente zur Geltung zu bringen.
Die behauptete „Identität der Anschauungsgrundlage" (XIX/1, 136)
im Sinnlichen erweist sich als Arbeitsthese, die Husserl aufgibt, so-
bald er die Abstraktionsthematik auf die Verschiedenheit darauf bau-
ender Akte des Meinens und damit auf ein höheres phänomenales
Bewußtsein geführt hat. Indem sich der phänomenologische Sinn der
Rede vom abstrahierendem Erfassen allgemeiner Gegenstände auf dem
Untergrund sinnlicher Anschauung als auch das Fundierungskonzept
im Verlauf von Husserls Analyse klären, zerstreut sich der Psycholo-
gismusverdacht. So ähnelt die Entfaltung der Abstraktionsthematik in
der 2. LU derjenigen der Bedeutungsthematik in der 1. LU. Husserl
ging dort vom Anzeichen und der Kundgabe als Grundlage des Aus-
drucks aus. Im Fortgang der Untersuchung traten die konkret-sinnli-
chen Momente hinter die ideal-wesentlichen Momente des Ausdrucks
zurück. Ebenso ergeht es den sinnlich-anschaulichen Erscheinungen.
Dabei wird klar, daß es in der phänomenologischen Analyse nicht um
die Beschreibung der sinnlich-anschaulichen Grundschicht des Den-
kens und die in dieser Sphäre vorfindlichen Erscheinungen geht, son-
dern darum, die verschiedenen Auffassungsweisen bzw. Aktcharaktere
selbst phänomenal, als Bewußtseinsinhalte zur Ausweisung zu brin-
gen. In diesem Sinn spricht Husserl in der 2. LU von Bedeutungsana-
lyse (XIX/1, 115), Begriffsforschung anstelle von Psychologie (XIX/1,
123), „Analyse der »Begriffe«" (XIX/1, 124 (A 120)), „Analyse des
Denkens" (XIX/1, 148) oder „Phänomenologie der Bedeutungen"
(XIX/1, 187).

liehen Bild. Sie ist vielmehr vom Charakter des Aktes wesentlich geprägt. Husserl
betont, daß nicht nur jedes Anschauen mit einem bestimmten Meinen verbunden,
sondern das Anschauen selbst davon so durchdrungen, daß es nicht davon unab-
hängig lediglich sinnliche Daten liefert, die objektiv für sich Bestand hätten. Aus
genau diesen Gründen ist reine Anschauung oder Wahrnehmung als ein Mythos
anzusehen. Nicht allein das Gemeintsein des Anschaulichen ist unterschiedlich und
damit die Weise, in der die Anschauung als Grundlage eines Aktes fungiert, son-
dern eben die Anschauung eines Gegenstandes selbst je nach Art des Meinens.
188 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Phänomenologie der Abstraktion

Zur Analyse abstrakter Gegenstände können sinnliche Anschauungs-


inhalte nicht herangezogen werden. Die Spezies sollen vielmehr durch
Reflexion auf die sich auf dem sinnlich-anschaulichen Grund aufbau-
enden unterschiedlichen Erfüllungsakte phänomenologisch aufgeklärt
werden. Dieses Vorgehen ist nicht selbst abstrahierend. Ihrem deskrip-
tiv-analytischen Ideal folgend schafft die Phänomenologie nicht selbst
die Gegenstände, die sie untersucht. Sie reflektiert auf die Inhalte der
Erfüllungsakte spezifischen Meinens, um damit das konstitutive Ma-
terial der Wesen der Spezies zu gewinnen. Sie bildet deswegen auch
keine eigene phänomenologische Abstraktionstheorie aus, obwohl es
sich bei Husserl gelegentlich so anhört (XIX/1, 125). Indem beschrie-
ben wird, was „der wesentliche Kern des Allgemeinheitsbewußtseins"
(XIX/1, 125 (A 120)) ist, wird eine Phänomenologie der Abstraktion
(XIX/1, 148) betrieben. Ähnlich spricht Husserl an anderer Stelle auch
von einer Phänomenologie der Aufmerksamkeit (XIX/1, 164).
Der Forschungsbereich der erkenntniskritisch-aufklärenden, rein
deskriptiven Bewußtseinsanalyse hinsichtlich der Spezies ist „das Feld
des gelegentlich jeder aktuellen Abstraktion im Bewußtsein Vorfind-
lichen" (XIX/1, 125 (A 120)). Damit ist erst einmal nicht mehr ge-
sagt, als daß eine phänomenologische Abstraktionstheorie dasjenige
zu beschreiben hat, was bei Abstraktionsvorgängen bewußt ist. Die
offensichtliche explikatorische Dürftigkeit ist die Kehrseite des de-
skriptiven Ansatzes, der gar nicht vorgibt, schöpfer- oder erfinderisch
zu sein. Husserl warnt darüber hinaus vor einer „Verwechslung zwi-
schen phänomenologischer und objektiver Analyse: Das, was die Ak-
te des Bedeutens ihren Gegenständen eben nur zudeuten, wird nun
den Akten selbst als reelles Konstituens beigemessen." (XIX/1, 125)
Als solche intentionalen Zudeutungen konnten ja die Bedeutungen im
Bewußtseinsleben als Erlebnismomente aufgefunden und beschrieben
werden, ohne ihre ideale Gegenständlichkeit zu objektivieren. Denn
nicht die Bedeutungen oder Ideen, sondern die Phänomene sind im
Bewußtsein (XIX/1, 37), oder, wie es an anderer Stelle heißt: „Phä-
nomenologisch existieren jedenfalls die Akte, nicht immer die Ge-
genstände." (XIX/2, 567)
Husserl wirft dem Nominalismus, der auf der Anschaulichkeit al-
lein des Individuellen besteht und demgegenüber Ideen und Bedeu-
tungen als bloße Namen auffaßt, vor, daß er
das eigentümliche Bewußtsein übersieht, welches sich einerseits im le-
bendig empfundenen Sinn der Zeichen, in ihrem aktuellen Verstehen,
in dem verständigen Sinn des Aussagens bekundet und andererseits in
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 189

den korrelaten Akten der Erfüllung, welche das „eigentliche" Vorstel-


len des Allgemeinen ausmachen, mit anderen Worten in der aktuellen
Abstraktion, in der uns das Allgemeine „selbst" gegeben ist. (XIX/1,
149 (A 144))
Er geht davon aus, daß sich das eigentümliche Allgemeinheitsbewußt-
sein sowohl im reinen Bedeutungsverstehen der Zeichen, als auch in
der abstrahierenden Bedeutungserfüllung in der Anschauung nach-
weisen läßt. Ebenso reicht der Sinn der Rede von Aufmerken „über
die Sphäre der Anschauung hinaus" und umfaßt „die gesamte Sphäre
des Denkens" (XIX/1, 167), ob sie rein symbolisch oder anschaulich
fundiert ist.
Husserl betont den schon in der >Philosophie der Arithmetik< her-
ausgestellten Unterschied von uneigentlich-symbolischem und eigent-
lich-anschaulichem Vollzug des Denkens allenthalben (bspw. XIX/1,
137, 145, 175). Daß er das Allgemeinheitsbewußtsein vorzugsweise
in seiner anschaulichen Funktion untersucht, hängt damit zusammen,
daß hier die Bedeutung in einer Erkenntnisfunktion steht und die In-
tention des Denkens „befriedigt" (XIX/1, 172) ist. Gleichzeitig ist da-
mit die Absicht verbunden, das anschauliche Allgemeinheitsbewußt-
seins mit der traditionellen psychologischen Auffassung der Spezies
als Abstraktionen von konkreten Anschauungen zu kontrastieren. Die
sinnliche Anschauung hatte Husserl als bloße Grundlage der Abstrak-
tion entwertet. Nicht auf das Objekt der Anschauung, dessen Teile
oder bestimmte Merkmale achten wir in der Abstraktion, sondern auf
die Idee im Sinne der spezifischen Einheit. Sie ist das Abstraktum im
logischen Sinne; und demgemäß ist logisch oder erkenntnistheoretisch
als Abstraktion nicht das bloße Hervorheben eines Teilinhalts, sondern
das eigenartige Bewußtsein zu bezeichnen, das die spezifische Einheit
auf dem intuitiven Grunde direkt erfaßt. (XIX/1, 161 (A 156))
Die Kritik am Nominalismus ist Kritik an der genetischen Psycholo-
gie, die, anstatt den phänomenologischen Sachverhalt, das heißt die
Unterschiede im deskriptiven Gehalt der Erlebnisse aufzuweisen,
dessen Ursachen und Folgen nachgeht. Die allgemeinen, bzw. idealen
Momente der Zeichen und Bedeutungen erklärt sie durch die psycho-
logische Leistung des Aufmerkens, die diese Momente immer mit
denselben gegenständlichen Momenten assoziiert und so generalisiert.
Husserl versucht dagegen erstens zu zeigen, daß die Allgemeinheit
bspw. der Ausdrücke: ein A, alle A und das A überhaupt „zur logi-
schen Funktion der Prädikate" gehört und „als logische Möglichkeit
von Sätzen gewisser Art" (XIX/1, 152) besteht, deren Verschieden-
heit „keine »bloß grammatische«" (XIX/1, 153) ist. Zweitens kommt
190 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

es ihm auf den Nachweis an, daß sich die logischen Funktionen und
Formen als abstrakte, eigentümliche Bewußtseinsinhalte verwirkli-
chen, daß sie „nichts weiter sind als diese ins Einheitsbewußtsein er-
hobenen, also selbst wieder zu idealen Spezies objektivierten Formen
der Bedeutungsintention" (XIX/1, 154) und eben so erfaßt und be-
schrieben werden können.
Der Unterschied zwischen allgemeinen und anschaulichen Einzel-
vorstellungen besteht nicht in unterschiedlichen Funktionen psy-
chologischer Repräsentation (XIX/1, 174), sondern in dem jeweils
„phänomenal eigentümlichen Charakter" (XIX/1, 175) der Akte, den
es phänomenologisch aufzuweisen gilt. Die Akteigentümlichkeit der
Allgemeinvorstellungen darf nicht „wie eine geringfügige Beigabe
zur individuellen Anschauung behandelt" werden, „die am deskripti-
ven Inhalt des Erlebnisses nichts Erhebliches ändere." Husserl weist
vielmehr nachdrücklich darauf hin, „daß in diesem und ähnlichen
Aktcharakteren alles Logische beschlossen ist" (XIX/1, 175).
Wie die Aktcharaktere und mit ihnen das Logische wirklich phä-
nomenal ausgewiesen werden können, dazu macht Husserl in der 2.
LU nur geringe Ausführungen. Er kündigt allerdings an, „den Unter-
schied zwischen Denken und Anschauen, uneigentlichem und eigent-
lichem Vorstellen" durch umfassende Analysen in der letzten Unter-
suchung „aufzuklären, wobei sich ein neuer Anschauungsbegriff von
dem gewöhnlichen, dem der sinnlichen Anschauung, abheben wird"
(XIX/1, 178, s. a. 179). Mit dem neuen Anschauungsbegriff verbindet
sich gerade auch die Erwartung, daß der phänomenologisch maßgeb-
liche Phänomenbegriff zu seiner eigentlichen Bestimmung findet.
Husserls Kritik richtet sich nicht nur gegen die psychologische,
sondern auch gegen eine gewisse logische Behandlung der Abstrakti-
on, des Allgemeinheitsbewußtseins bzw. der Bedeutungen. Anstatt
„die Bedeutungen phänomenologisch zu analysieren" (XIX/1, 187),
erforscht die logische Bedeutungs- oder rein-logische Begriffsanaly-
se, was in gegenständlicher Hinsicht mit Bedeutungen intendiert ist
oder darunter überhaupt gedacht werden kann. Die Phänomenologie
der Bedeutung hingegen sucht das Gemeinte nicht reell in den Akten,
noch gibt es den Bedeutungen eine objektiv-gegenständliche Ausdeu-
tung. In der phänomenologischen Bedeutungsanalyse wird, ohne die
reflexive Haltung auf die aktuellen Akte zu verlassen, „nach ihren
wirklichen Teilen und Formen gefragt und nicht nach dem, was für
ihre Gegenstände gilt." (XIX/1, 188) Das Einzelne, Sachliche ist für
die Phänomenologie dabei nur ein Beispiel, auf dessen Grundlage sie
die allgemeinen „Zusammenhangsgesetze" (XIX/1, 272) von Teilen
erforscht.
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 191

Im Anschluß an die Phänomenologie der Abstraktion im ersten


Kapitel der 3. LU versucht Husserl im zweiten Kapitel die >Theorie
der reinen Formen von Ganzen und Teilen< zu skizzieren. Die rein
kategorialen Formen der Zusammenhangsgesetze leitet er aus den
rein kategorialen, „von der »sinnlichen« Materie der Ganzen abstra-
hierenden Typen" (XIX/1, 290) der Fundierung bzw. des Inbegriffs
ab. Die formalisierten Fundierungsverhältnisse von Teilen eines Gan-
zes bilden den Grundstock einer apriorischen Theorie. Sie finden in
der 4. LU Anwendung auf Bedeutungen und gestalten sich zu apriori-
schen Gesetzmäßigkeiten der Bedeutungsverknüpfung (XIX/1, 325),
bzw. einer »Formenlehre der Bedeutungen« (XIX/1, 329). Im 8. Ka-
pitel der 6. LU werden sie auf kategoriale Anschauungen bezogen
und ergeben „die reinen Gesetze des »eigentlichen Denkens«" (XIX/2,
720). Husserl räumt freimütig ein, daß wir uns damit „Trivialitäten
zum formulierten Bewußtsein bringen" (XIX/1, 340 (A 315 f.)), an
denen lediglich ein theoretisches Interesse haftet. Dagegen ist die Un-
tersuchung von Fundierungsverhältnissen der Akte in der 5. LU kei-
neswegs formal, wenngleich auch der hierbei maßgebliche § 18 auf
eine systematische Kombinationsanalytik hinausläuft.
Über weite Strecken der 3. und 4., teilweise auch der 6. LU wird
mit den apriorischen Denk- und Bedeutungsformen die Fundierung
bzw. Konstitution von Bewußtseinserlebnissen im rein Logischen,
Grammatischen oder Kategorialen untersucht. Die Formverhältnisse
werden ohne jeden Rückgang auf Sinnliches oder Erlebtes aufgewie-
sen. Diese Untersuchungen führen die Phänomenologie an eine Gren-
ze. Von Beschreibung ist bei den analytischen Gesetzen keine Rede.
Neben einer apriorischen Theorie der Formen verfolgt die Phänome-
nologie im eigentlichen Sinne jedoch die Ausweisung des Kategoria-
len im Erleben, v.a. mit der Theorie kategorialer Anschauung in der
6. LU. Dort wird dem phänomenologischen Grundsatz Geltung ver-
schafft, daß selbst das Kategoriale phänomenal bezeugt sein muß, um
einsichtig beschrieben werden zu können.

Die Materie intentionaler Erlebnisse

Der verhießene Rückgang auf die Sachen selbst vollzieht sich als ein
Rückgang auf das Lebendige oder Erlebte, seien das lebendige Be-
wußtseinsfunktionen oder erlebte Bewußtseinsinhalte. Lebendig par
excellence ist das Erlebnis. Husserl unterscheidet deutlich die erlebten
Inhalte „von erscheinenden, vermeinten Gegenständen und Vorgängen.
All das, woraus sich das individuelle »erlebende« Bewußtsein reell
192 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

konstituiert, ist erlebter Inhalt. Was es wahrnimmt, erinnert, vorstellt


u. dgl., ist vermeinter (intentionaler) Gegenstand. Nur ausnahmsweise
koinzidiert beides." (XIX/1, 36 (A 30)) Die Unterscheidung von Er-
leben und Erscheinen, die schon in der 1. LU eine wichtige Rolle
spielte, bekommt in der 5. LU noch mehr Gewicht (XIX/1, 360, 401).
Vom Erlebnis ist das schlichte Phänomen unterschieden, zumindest als
Wahrnehmungs-, Erinnerungs- oder Vorstellungserscheinung. Das Be-
mühen der Phänomenologie ist es, die konstitutiven Bewußtseinser-
lebnisse zugänglich zu machen und dabei einen lebendigen Phänomen-
begriff zu gestalten.
Zu weiten Teilen folgen die 3. und 4. LU in ihrer formalgesetzli-
chen Ausrichtung dem logischen Programm der >Prolegomena< und
stecken den apriorischen Rahmen der Denk- und Erkenntniserlebnisse
ab, ohne diese selbst phänomenologisch zu analysieren. In der 5. LU
jedoch rückt der Erlebnisbegriff ins Zentrum. Gegenüber den mannig-
fachen Begriffs- und Wesensanalysen, die darin vorgenommen werden,
müssen die 3. und 4. LU als ausgesprochen trocken und geradezu lo-
gizistisch, und selbst die 1. und 2. LU als bescheidene phänomenolo-
gische Ansätze gelten.
Um die Betrachtung der Bedeutungsintentionen und -erfullungen
zu vertiefen, widmet sich die 5. LU den intentionalen Akten, die Er-
lebnisse von Bedeutungen sind, sowie den Charakteren und Inhalten
dieser Akte. Im Zusammenhang damit stehen Analysen der Äquivo-
kationen des Vorstellungs- und des Bewußtseinsbegriffs. Aufklärung
verspricht sich Husserl dabei von der „Scheidung der sich ineinander
mengenden Phänomene, welche den Äquivokationen hier zugrunde
liegen" (XIX/1, 354). Indem wir diese Äquivokationsanalysen verfol-
gen, erhalten wir nicht nur einen Einblick in die Phänomenologie der
Akte, der Vorstellungen und des Bewußtseins, sondern auch in die
phänomenologische Methode, auf die Phänomene zurückzugehen. Der
Begriff des Phänomens kann von dem des Akts und seines Inhalts,
der Vorstellung und des Bewußtseins gar nicht getrennt werden.
Husserl unterscheidet fürs erste drei Begriffe von Bewußtsein: „1.
Bewußtsein als der gesamte phänomenologische Bestand des geisti-
gen Ich. (Bewußtsein = das phänomenologische Ich, als »Bündel« oder
Verwebung der psychischen Erlebnisse.) 2. Bewußtsein als inneres
Gewahrwerden von eigenen psychischen Erlebnissen. 3. Bewußtsein
als zusammenfassende Bezeichnung für jederlei »psychische Akte«
oder »intentionale Erlebnisse«." (XIX/1, 356 (A 325)) Der Erklärung
der ersten beiden Bewußtseinsbegriffe ist das erste Kapitel, der des
dritten Begriffs das sehr viel umfangreichere zweite Kapitel der 5. LU
gewidmet.
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 193

Der erste Bewußtseinsbegriff als der phänomenologische Gesamt-


bestand an Erlebnissen in der Einheit eines Ich ist der weiteste. Unter
ihn fallen alle Erlebnisse eines Ich: Wahrnehmungen, Vorstellungen,
Abstraktionen, Vermutungen, Hoffnungen, Befürchtungen, Wünsche,
Wollungen, Zweifel, Freuden, Schmerzen und dgl. (XLX/1, 357), eben-
so ihre Teile und Momente. Dabei ist der phänomenologische Sinn
von Erlebnis vom populären zu unterscheiden. Im populären Sinn wer-
den Erlebnisse von etwas gemacht und als Wissen behalten, ohne daß
dabei die Bewußtseinstätigkeit selbst thematisch ist.
Wie Husserl in der Beilage über >Äußere und innere Wahrneh-
mung< im speziellen darlegt, was in der Wahrnehmung erlebt und was
als erscheinend gemeint, selbst aber nicht erlebt ist, so unterscheidet
er nun, was im Bewußtsein erlebt und was gemeint ist. Die Probleme
der Analyse speziell des Wahrnehmungsbegriffs sind denjenigen des
allgemeineren Bewußtseinsbegriffs ganz ähnlich, ebenso die Beispie-
le, die Husserl anführt, um die reellen Erlebnisbestandteile von den
objektivierenden Auffassungen, bzw. die Empfindungskomplexionen
von den vermeinten Dingeigenschaften zu unterscheiden.
Der zweite Begriff des Bewußtseins, >Das »innere« Bewußtsein als
innere Wahrnehmung< (§ 5), steht in noch deutlicherem Bezug zur
Wahrnehmungsthematik und den in der >Beilage< vorgenommenen
Unterscheidungen, auf die auch verwiesen wird. Erneut kritisiert Hus-
serl den traditionellen Begriff der inneren Wahrnehmung und ersetzt
ihn durch denjenigen adäquater Wahrnehmung. Anhand dieses Be-
griffs rekonstruiert Husserl die Cartesische Evidenz des cogito. ergo
sum (XIX/1, 367 f.). Darüber gelangt er zu einer Erörterung des rei-
nen Ich als bloßer Verknüpfungseinheit der Bewußtseinserlebnisse.4

Husserls frühe Auffassung des Ichs steht bemerkenswerterweise in engstem Bezug


zur Reflexions- und Beschreibungstheorie: „In der Beschreibung ist die Beziehung
auf das erlebende Ich natürlich nicht zu umgehen; aber das jeweilige Erlebnis
selbst besteht nicht in einer Komplexion, welche die Ichvorstellung als Teilerlebnis
enthielte. Die Beschreibung vollzieht sich aufgrund einer objektivierenden Refle-
xion; in ihr verknüpft sich die Reflexion auf das Ich mit der Reflexion auf das Akt-
erlebnis zu einem beziehenden Akte, in dem das Ich selbst als sich mittelst seines
Aktes auf dessen Gegenstand beziehendes erscheint. Offenbar hat sich damit eine
wesentliche deskriptive Änderung vollzogen. Zumal ist der ursprüngliche Akt nicht
mehr bloß einfach da, in ihm leben wir nicht mehr, sondern auf ihn achten und
über ihn urteilen wir." (XIX/1, 391 (A 356 f.)) Schon in der zweiten Auflage der
>Logischen Untersuchungen revidiert Husserl die Theorie vom Ich als ein ledig-
lich durch Reflexion und Beschreibung hinzukommendes Erlebnismoment. Genau
darüber hätte nun eine Theorie der phänomenologischen Meditation Rechenschaft
zu geben, wie sich die Intuition in der Beschreibung verwandelt, was dabei verlo-
ren geht, was gewonnen wird und was sich dabei nicht umgehen läßt. Als Theorie
der Beschreibung dürfte sie jedoch nicht so naiv sein, zu demonstrieren, was alles
194 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Die adäquate Wahrnehmung erhält durch die intentionalen Erlebnisse


einen ausgezeichneten phänomenologischen Gegenstandsbereich, wel-
cher eingehend in der 5. LU betrachtet wird.
Die Untersuchung des dritten Begriffs von Bewußtsein als psy-
chischer Akt oder intentionales Erlebnis geht kritisch von Brentanos
Begriff psychischer Phänomene aus. Als das Wesen psychischer Phä-
nomene wird ihre spezifische Intentionalität als Gegenstandsbeziehung
festgehalten. Die Intentionen jeweiliger psychischer Phänomene kön-
nen deskriptiv auf die Gattungscharaktere der Akte, bzw. die Aktcha-
raktere, wie Urteil, Vorstellung, Wunsch etc., zurückgeführt werden.
Husserl weist Brentanos Begriff der psychischen Phänomene zu-
rück, zum einen weil „nicht alle Erlebnisse »psychische Phänomene«
in dieser Wortbedeutung sind" (XIX/1, 382 (A 349)), bzw. nicht mit
allen Inhalten ein Gegenstand gemeint ist. Zum anderen faßt Brentano
das psychische Phänomen selbst wieder als Gegenstand gewisser in-
tentionaler Erlebnisse (XIX/1, 384) auf. Husserl kritisiert weiter die
vergegenständlichenden Redeweisen vom Bewußtsein als einer Art
Behältnis, sowie von immanenter Gegenständlichkeit, die jeweils die
Vorstellung einer realen Beziehung von einem Akt und dessen Objekt
erzeugen. Diese Kritik verstärkt er in der Beilage am Ende des zwei-
ten Kapitels (XIX/1, 436 ff.). Obwohl Husserl einräumt, daß sich „die
Rede von einer Beziehung hier nie vermeiden lassen" (XIX/1, 385)
wird, bemüht er sich doch um einen weniger irreführenden Sprach-
gebrauch. In diesem Sinne geht er so weit zu raten, weder von psy-
chischen Phänomenen noch überhaupt von Phänomenen (XIX/1, 384,
391), statt dessen von intentionalen Erlebnissen und intentionalen Ge-
genständen zu sprechen.
Der Begriff intentionales Erlebnis wird hinsichtlich des Erlebnis-
ses „einfach als reelles, konstitutives Stück oder Moment in der Ein-
heit des psychischen Individuums" bestimmt, wobei diese Einheit als
Bewußtsein zu verstehen ist. Das Beiwort „intentional" bezeichnet den
gemeinsamen „Charakter der abzugrenzenden Erlebnisklasse [...,] sich
in der Weise der Meinung oder in einer irgend analogen Weise auf ein

mit Beschreibung hinzu kommt, was dadurch dem Gegenstand zugedeutet wird.
Eine solche Konzeption ist irreführend gerade in dem Sinn, daß der Gegenstand
vermeintlich schon ungedeutet besteht. Die Theorie müßte vielmehr zeigen, wie
die Beschreibung selbst die Auffassung des Gegenstands ist. Sie müßte also selbst-
kritisch oder hermeneutisch in dem Sinn sein, daß sie den grundlegenden interpre-
tativen Rahmen markierte, in dem sie sich notwendig vollzieht, und das Apriori
der Interpretation selbst zur Geltung brächte. Eine solche Beschreibungstheorie
sucht man bei Husserl vergeblich und auch wir gelangen diesbezüglich lediglich
bis zu der Skizze einer Phänomenologie, die immer auch Sprachphänomenologie
sei (siehe hierzu weiter unten S. 221 f.).
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 195

Gegenständliches" zu beziehen (XIX/1, 392 (A 357)). Als kürzeren


Ausdruck für intentionales Erlebnis gebraucht Husserl auch das Wort
Akt, wobei der im ursprünglichen Wortsinn anklingende „Gedanke der
Betätigung [...] schlechterdings ausgeschlossen bleiben" muß (XIX/1,
393, ebenso 469). Im weiteren versucht Husserl, intentionale Erleb-
nisse, ihre wesentlichen Teile, Momente und Beziehungen deskriptiv,
im exemplarischen Bezug auf konkrete Erlebnisse, deren Komplexio-
nen (XIX/1, 391, 374) das Bewußtsein selbst sind (XIX/1, 400), zur
Ausweisung zu bringen.
Durch das Intentionale ist nicht bloß eine Klasse von Erlebnissen
neben anderen Klassen, sondern eine für das Erleben und die realen
erlebenden Wesen insgesamt unerläßliche Klasse bezeichnet. Ohne in
intentionalen Erlebnisse die reinen Empfindungserlebnisse „gegen-
ständlich zu interpretieren oder sonstwie durch sie Gegenstände vor-
stellig zu machen", würden wir „von Erleben nicht mehr sprechen".
Ebenso würde ein rein empfindsames Wesen „niemand mehr ein psy-
chisches Wesen" nennen (XIX/1, 378 f. (A 345)). So wie Husserl durch
das Intentionale den Charakter einer Klasse von Erlebnissen bezeich-
net und parallel zum Ausdruck Intention den Ausdruck Aktcharakter
gebraucht (XIX/1, 393), ist mit der Phänomenologie der Akte die
Verbindung zur Phänomenologie der Abstraktion hergestellt und das
Thema der Fundierung der Akte in Empfindungen oder fundierenden
Inhalten wieder aufgenommen.
Die in der 2. LU vorgenommene Unterscheidung der fundierenden
Erscheinungen von den erfüllenden Akten in ihrem jeweiligen Charak-
ter als allgemeines Bewußtsein schlägt sich im § 16 der 5. LU in der
allgemeineren Unterscheidung zwischen deskriptivem und intentio-
nalem Inhalt< nieder. Der deskriptive, reelle oder phänomenologische
Inhalt eines Aktes umfaßt alle „ihn reell konstituierenden Teilerleb-
nisse" und wird in der „rein deskriptiven psychologischen Analyse"
(XIX/1, 411 (A 374)) aufgewiesen. Demgegenüber unterscheidet Hus-
serl am Begriff des intentionalen Inhalts dreierlei: „den intentionalen
Gegenstand des Aktes, seine Materie (im Gegensatz zu seiner Quali-
tät), endlich sein intentionales Wesen" (XIX/1, 413 (A 375)). Wir
finden hier die Unterscheidungen am Wahrnehmungsbegriff wieder,
ohne daß es noch einen transzendenten Gegenstand gibt. Wie lassen
sich jedoch die intentionalen Inhaltsmomente phänomenal ausweisen,
ohne sie als deskriptive Inhalte aufzufassen?
Der erste Begriff des intentionalen Inhalts als des Gegenstands, auf
den sich der Akt bezieht, bringt die schon hinreichend erörterte Ein-
sicht zur Geltung, daß zu jedem intentionalem Akt eben ein Gegen-
stand oder eine Gegenständlichkeit gehört, auf den oder die er sich
196 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

bezieht. Insofern die Intentionalität des Aktes nicht selbst Inhalt ist,
bemüht sich Husserl, den intentionalen Gegenstand vom intentionalen
Inhalt im engeren Sinn auszuschließen (XIX/1, 416).
Dem zweiten Begriff des intentionalen Inhalts als Materie des Ak-
tes widmet Husserl um so mehr Aufmerksamkeit, als er in den frühe-
ren Untersuchungen jeweils nur vom Aktcharakter, oder von der
Aktqualität gesprochen hatte und es die Materialität der Akte, ihre ei-
gene Inhaltlichkeit allererst zu erweisen gilt. Von den selbstverständ-
lichen Unterschieden der Aktcharaktere geht er denn auch aus. Es
bereitet jedoch keine geringe Mühe, die daran anschließenden Unter-
scheidungen und Bestimmungen im § 20 der 5. LU zu verfolgen. Die-
ser Paragraph über den unterschied der Qualität und der Materie
eines Aktes< kann überhaupt und gleichermaßen als einer der wichtig-
sten und schwierigsten der > Logischen Untersuchungen < gelten. Die
Vielzahl der vorgenommenen Unterscheidungen und ihre Überschnei-
dungen sind nicht leicht auseinanderzuhalten, zumal sie schon fixierte
Unterschiede wieder aufzuheben scheinen.
Wie bei der Unterscheidung der fundierenden Erscheinungen von
den wechselnden Aktcharakteren in der 3. LU, macht Husserl den
Sinn der Rede von Aktmaterie zuerst durch die Identität der Inhalte
gegenüber wechselnden Aktqualitäten deutlich (XIX/1, 426). Inhalt
scheint in diesem Sinn aber nichts anderes zu sein als der intentionale
Gegenstand und sich also mit dem ersten Begriff des intentionalen
Inhalts zu treffen, der ausgeschlossen bleiben sollte. Die Frage ist für
Husserl, wie solch ein Gegenstand im Akt, der sich qualitativ spezi-
fisch auf ihn bezieht, oder wie die Bezogenheit des Aktes selbst In-
halt sein kann. Genau auf diesen Punkt richteten sich die prinzipiellen
>Bedenken gegen die Annahme von Akten als einer deskriptiv fun-
dierten Erlebnisklasse<, denen Husserl im § 14 zu begegnen suchte.
Seine Antwort lautet: „Das sich auf den Gegenstand Beziehen ist eine
erlebbare Eigentümlichkeit, und die Erlebnisse, die sie zeigen, heißen
(nach Definition) intentionale Erlebnis oder Akte." (XIX/1, 427 (A
388)) Damit behauptet er nicht weniger, als daß Intentionalität selbst
erlebt und als Erlebnis ausgewiesen und beschrieben, daß sie als Phä-
nomen aufgefaßt werden kann. Die eigentümliche Erlebnishaftigkeit
und Phänomenalität der Intentionalität bemüht er sich im folgenden
zu erläutern.
Wenn es im unmittelbaren Anschluß an die gerade zitierte Stelle
heißt: „Alle Unterschiede in der Weise der gegenständlichen Bezie-
hung sind deskriptive Unterschiede der bezüglichen intentionalen Er-
lebnisse", so wird die eingangs getroffene Unterscheidung zwischen
deskriptiven und intentionalen Inhalten hinfällig. Indem die Intentio-
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 197

nalität selbst zum Inhalt wird, erfährt die Auffassung der deskriptiven
als der reellen, phänomenologischen Inhalte eine entscheidende Er-
weiterung. Die Materie der Akte faßt Husserl als das neben der Akt-
qualität und dem intentionalen Gegenstand dritte Element auf, das für
die Identifizierung intentionaler Erlebnisse nötig ist (XIX/1, 428 f.).
Die Materie [...] ist die im phänomenologischen Inhalt des Aktes liegen-
de Eigenheit desselben, die es bestimmt, als was der Akt die jeweilige
Gegenständlichkeit auffaßt, welche Merkmale, Formen, Beziehungen
er ihr zumißt. An der Materie des Aktes liegt es, daß der Gegenstand
dem Akte als dieser und kein anderer gilt, sie ist gewissermaßen der
die Qualität fundierende (aber gegen deren Unterschied gleichgültige)
Sinn der gegenständlichen Auffassung. (XIX/1, 430)
Sowohl die Aktqualität als auch die Aktmaterie bestimmt Husserl als
abstrakte Momente des Aktes, die nicht allein, sondern nur im Verein
vorkommen können (XIX/1, 430). Die Frage, ob Aktqualität und -
materie zusammen ohne intentionalen Gegenstand bestehen können
und ob sie in dieser gegenseitig abgestützten Abstraktheit gerade den
Akt der Bedeutungsintention ausmachen, beantwortet Husserl im § 21
positiv. Die Einheit von Aktqualität und -materie definiert er als das
intentionale Wesen des Aktes, und damit als den dritten Begriff des
intentionalen Inhalts. Diese Einheit nennt er im engeren Rahmen von
bedeutungsverleihenden Akten das bedeutungsmäßige Wesen des Ak-
tes. „Seine ideierende Abstraktion ergibt die Bedeutung in unserem
idealen Sinn." (XIX/1, 431) Damit ist ein wesentlicher Punkt der
Phänomenologie der Bedeutung berührt, wie nämlich die Bedeutung
unabhängig von gegenständlicher Erfüllung gerade als ideal vermein-
te zu erfassen ist.5

Siehe hierzu weiter oben S. 178 ff. Was Husserl in den >Logischen Untersuchun-
gen als Materie der Bedeutungsakte behandelte, faßte er später als Noema auf.
Die Interpretation des Noemas und seines Verhältnisses zur Bedeutung als einer
idealen Entität ist eines der schwierigsten Kapitels Husserls. In der sprachanalyti-
schen Philosophie versuchte zuerst Fallesdal im Verweis auf entsprechende Stellen
bei Husserl zu zeigen, wie das Noema als intensionale und gleichwohl abstrakte
Entität nicht durch irgendeine sinnliche Wahrnehmung, sondern eben durch eine
besondere phänomenologische Reflexion erfaßt wird. (Siehe D. Fallesdal, Noema
and Meaning in Husserl. In: Husserl. Intentionality and Cognilive Science. Hrsg.
v. H. L. Dreyfus, Cambridge, Ma. 1982. S. 73-80.) Hatte Tugendhat versucht, im-
merhin die reflexiv-deskriptive Methode der Phänomenologie philosophisch zu
retten, so leuchtete mit Fallesdal neuerlich die Möglichkeit auf, die phänomenolo-
gische Analyse von Bewußtseinserlebnissen als Beitrag zur Bedeutungsanalyse zu
verstehen. Im Anschluß an Fallesdal und in Bezug auf Husserls frühe Konzeption
der Aktmaterie hat Soldati >Bedeutung als phänomenale Qualität psychischer Ak-
te< dargestellt (siehe G. Soldati, a.a.O., S. 436 ff, § 8.2.) und die Frage diskutiert,
ob es nicht-intentionale Erlebnisse, nicht-intentionales Bewußtsein gibt. In seiner
198 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Das Bedeutungsmäßige in den bedeutungsverleihenden Akten,


„d.h. das in ihnen, was das phänomenologische Korrelat der idealen
Bedeutung bildet, (fällt) mit ihrem intentionalen Wesen zusammen"
(XIX/1, 435 (A 395)). Das bedeutungsmäßige Wesen kann jedoch
nicht wie die schlichten Phänomene einfach im Erleben vorgefunden
und beschrieben, sondern allererst durch Ideation und Abstraktion er-
faßt werden. Um die Profilierung jedoch der Wesensschau und über-
haupt der Phänomenologie als Wesenswissenschaft bemüht sich Hus-
serl eingehender erst in späteren Jahren.
Die Unterscheidung von Aktmaterie und -qualität nimmt Husserl
im 3. Kapitel der 5. LU wieder auf, um der Frage nach der allgemei-
nen Fundierung der Akte in Vorstellungen nachzugehen. Bei der Dis-
kussion der Frage, als was wir „den vom intendierten Gegenstand zu
unterscheidenden und der Vorstellung selbst einwohnenden »Inhalt«"
fassen, „als was wir ihn verstehen sollen" (XIX/1, 450), weist Husserl
die Theorie zurück, wonach die „letzt-differenzierte Vorstellung" sich
„bloß vermöge ihrer so und so differenzierten Vorstellungsqualität"
auf ihren Gegenstand bezieht (XIX/1, 451), anders gesagt, wonach
bloße Vorstellungen als selbständige, letzte Erlebnisse „in allen Ak-
ten die intentionale Gegenständlichkeit vorstellig" machen (XIX/1,
471). Er hält demgegenüber daran fest, daß das intentionale und im
besonderen das bedeutungsmäßige Wesen „etwas wesentlich Kom-
plexes ist, das sich in zwei abstrakte Momente zerfallen läßt" (XIX/1,
451), die Aktqualität und die Aktmaterie. Die Aktmaterie tritt zur
Qualität ergänzend hinzu, sie komplettiert die volle Wesensbedeutung
(XIX/1, 451 f.), indem sie als unselbständiges Erlebnis dem abstrak-
ten Aktcharakter einen Gegenstandsbezug verschafft (XIX/1, 471).
Husserls Kritik der Theorie bloßer Vorstellungen als Aktfundamente
wendet sich gegen die Verselbständigung solcher Vorstellungen, ihre

positiven Antwort stützt er sich maßgeblich auf den Empfindungsbegriff. In der


Konsequenz seines Ansatzes müßte die phänomenale Aktmaterie als eine Art Be-
deutungsempfindung aufgefaßt werden können. Ob damit ein ernstzunehmender
Beitrag zur Aufklärung von Bedeutungen geleistet werden kann, bleibt zumindest
in dem Aufsatz von Soldati offen. Diesbezüglich ist zu überprüfen, ob die grund-
sätzlichen sprachanalytischen Einwände gegen eine Rückführung der Bedeutung
auf intentionale Erlebnisse als ein Weg in den Rücken der Sprache nicht um so
mehr für nichtintentionale Erlebnisse gelten. (Siehe hierzu H. Schnädelbach,
nomenologie und Sprachanalyse. a.a.O., S. 236 f. einerseits, andererseits aber auch
252 f., wo mit dem Empfindungsbegriff die Phänomenologie insgesamt eine Auf-
wertung erfährt.) Sowohl Fellesdal als auch Soldati versuchen im Anschluß an
Husserl abstrakte Entitäten bzw. nichtgegenständliche Erlebnisse im Bewußtsein
nachzuweisen, die in einem ausgezeichneten Verhältnis zur idealen Bedeutung
stehen und damit die Methode der speziellen phänomenologischen Reflexion zu
rechtfertigen, die solche Analysen ermöglicht.
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 199

Auffassung als konkrete Erlebnissubstrate, das heißt ihre Verdingli-


chung. So könnte es „als möglich erscheinen, daß eben dieselben In-
halte, die in Akten, also in ergänzender Verwebung mit Aktcharakteren
auftreten, unter anderen Umständen auch für sich bzw. in konkreten
Erlebnissen, die von allen Aktcharakteren frei sind, auftreten." (XIX/1,
472 (A 426)) Indem Husserl diese Möglichkeit zumindest für die Ma-
terien intentionaler Akte ausschließt, ist einerseits gesagt, daß selbst
„bloße Vorstellungen" immer in einer gewissen Gegenstandsbezüg-
lichkeit, bzw. als Gegenstandsauffassung auftreten. Es bedeutet ande-
rerseits für die phänomenologische Analyse und Beschreibung der
intentionalen Inhalte, daß sie nie gänzlich aus dem Aktkomplex her-
auszulösen sind, worauf Husserl als methodisches Problem schon in
der >Einleitung< zu den Einzeluntersuchungen hingewiesen hatte.
Husserl unterscheidet im 4. Kapitel zwischen Vorstellungen als
selbständigen Akten und Vorstellungen als unselbständigen, abstrak-
ten Aktmaterien. Die anschließenden Analysen der 5. LU führen zur
Unterscheidung weiterer Vorstellungsbegriffe. Von der fundamenta-
len Unterscheidung von Aktqualität und Materie ausgehend, spielen
diese Vorstellungsbegriffe vor allem im Zusammenhang mit Überle-
gungen zur Urteils- und Namenstheorie eine Rolle. Sie brauchen hier
nicht weiter verfolgt werden, da sie jeweils auf die „ursprünglich
konstituierende Materie", das „ursprünglich konstituierende Bewußt-
sein »zurück«" weisen (XIX/1, 501 f.). Mit der Bestimmung der
Aktmaterie ist der tiefste Punkt der Analyse intentionaler Erlebnisse
erreicht. Die systematische Untersuchung der Rückbezüglichkeiten
komplexer Vorstellungen auf die einfältigen Materien (XIX/1, 502),
sowie die Untersuchung „der Stufenfolge der Rückdeutungen" (XIX/1,
503) braucht uns nicht weiter interessieren, sofern sie sich an der
formalen Theorie der 4. LU orientiert.
Zwei Punkte sind jedoch noch von Interesse. Zum einen die nähere
Bestimmung der intentionalen Erlebnisse als objektivierender Akte in
§ 41 der 5. LU. Die objektivierenden Akte werden dadurch als die in-
tentionalen Grundakte, bzw. als Grundlage aller anderen damit ver-
bundener Akte definiert und Intentionalität selbst als Objektivierung
erläutert. Der objektivierende Akt wird „als primärer Träger der Ma-
terie" (XIX/1, 514) bezeichnet. „Eine Materie (ist) überhaupt nicht
realisierbar, es sei denn als Materie eines objektivierenden Aktes.
Qualitäten anderer Gattung sind folglich immer in objektivierenden
Qualitäten fundiert; niemals können sie mit einer Materie unmittelbar
und für sich allein verknüpft sein." (XDC/1, 516)
Zum andern wird am Ende von § 42 eine Erweiterung des Begriffs
der Materie zum Begriff der Repräsentation vorgenommen. Jener ist
200 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

als „das bloße abstrakte Moment des intentionalen Wesens zu verste-


hen", dieser als „das Ganze des Aktes, nur unter Abstraktion von der
Qualität" (XIX/1, 518). Mit der Auflassung der Materie als Repräsen-
tation wird ein anschaulicher Sinn selbst im Bereich intentionaler Ma-
terien zur Geltung gebracht.
Die Materie sagt gleichsam, als was der Gegenstand im Akte gemeint
ist, welche Bestimmtheiten ihm zugedeutet werden sollen; die Reprä-
sentation aber zieht überdies die Momente heran, die außerhalb des in-
tentionalen Wesens liegen und die (in ihrer Auffassung durch die
Materie) es machen, daß der Gegenstand gerade in der Weise der per-
zeptiven oder imaginativen Anschauung oder des bloßen symbolischen
Bedeutens gemeint ist. (XIX/1, 520 f. (A 464))
Auf das Thema der Qualität, Materie und Repräsentation von Akten
kommt Husserl im 3. Kapitel der 6. LU zurück. Er untersucht dort
den Grad der Erfüllung, den signitive Akte, das sind Akte der Bedeu-
tungsintention, sowie intuitive Akte, das sind Akte, bspw. der Wahr-
nehmung, in denen der Gegenstand des Aktes „selbst" dargestellt
erscheint, finden können. In der 5. LU hatte Husserl die Einheit der
abstrakten Aktqualität und -materie das intentionale oder enger das
bedeutungsmäßige Wesen von Akten genannt, das ohne Gegenstands-
bezug ideativ-abstraktiv erfaßt werden kann. Im Unterschied dazu
bildet der rein signitive Akt, „als eine bloße Komplexion von Qualität
und Materie", für sich keine konkrete Erlebniseinheit (XIX/2, 619).
Der signitive Akt bedarf einer fundierenden Anschauung, eines re-
präsentierenden Inhalts, der „dem signitiven Akte wesentlich die Stütze
verleiht." (XIX/2, 619) „Die Bedeutung kann sozusagen nicht in der
Luft hängen, aber für das, was sie bedeutet, ist das Zeichen, dessen
Bedeutung wir sie nennen, völlig gleichgültig." (XIX/2, 622) Ebenso
besteht ein intuitiver Akt nicht allein aus seinem intentionalen Wesen,
sondern bedarf „einer notwendigen Ergänzung" (XIX/2, 620), eines
repräsentierenden Inhalts, um als konkreter Akt bestehen zu können.
Demnach hat Jeder vollständige Akt [...] drei Komponenten: die Qua-
lität, die Materie und den repräsentierenden Inhalt" (XIX/2, 620). Die
signitiv oder intuitiv repräsentierenden Inhalte werden als die Grenz-
fälle gegenständlicher Erfüllung von gegenstandsvermeinenden Ak-
ten bestimmt, die sich in der Regel mischen. Gegenüber der Arbitra-
rität des Zeichens und seiner Repräsentation besteht bei der intuitiven
Repräsentation „ein innerer, notwendiger Zusammenhang zwischen der
Materie und dem Repräsentanten" (XIX/2, 622 f.), der uns im folgen-
den noch beschäftigen wird.
DI E POLE DES PHÄNOMENALEN 201

Kategoriale Anschauung

Als kritische Fundamentalwissenschaft nimmt die Phänomenologie


ihren Ausgangspunkt vom Erlebnis, genauer von den Erlebnisgehal-
ten, die nicht sinnvoll bis zur letzten Konsequenz bezweifelt werden
können. Das Bewußtsein ist selbst normalerweise nicht bewußt, nicht
Gegenstand, sondern geht in seinem Vollzug auf, es verschwindet hin-
ter seinen Inhalten. Seine Teile, Momente, Inhalte, Formen, Schichten,
Vollzüge und Leistungen werden zum Gegenstand erst durch verschie-
dene Wissenschaften, die Psychologie, Neurologie, die Kognitionswis-
senschaft oder eben die Phänomenologie. Deren Besonderheit besteht
darin, daß sie sich von empirisch-psychologischen Herangehenswei-
sen abzusetzen sucht und einen idealen, apriorischen Anspruch mit
ihren Erkenntnissen erhebt bzw. von Wesenserkenntnissen spricht.
Diesen problematischen Anspruch versucht Husserl in der Theorie
kategorialer Anschauung unter Beweis zu stellen.
Die Phänomenologie analysiert und beschreibt einfache und kom-
plexe, sinnlich-anschauliche und abstrakte Bewußtseinserlebnisse, die
schlichte Wahrnehmung bspw. oder die logische Erkenntnis. Die Ana-
lyse, von Husserl oft als ein Auseinanderlegen erläutert, welches mit
dem Auseinanderhalten entsprechender Äquivokationen (XIX/1, 57)
verbunden ist, kann als Strukturanalyse bezeichnet werden. Sie richtet
sich auf grundsätzliche logische und erkenntnistheoretische Begriffe.6
Der Begriff des Phänomens umfaßt in der phänomenologischen
Analyse nicht mehr bloß Erscheinungen im beschränkten Bereich der
Wahrnehmung. Er wird auf alle unterscheidbaren Momente des Be-
wußtseinslebens ausgedehnt. Phänomen ist alles, was sich in der Ana-
lyse vorfinden läßt, was darin zur Abhebung kommt als konkretes
oder abstraktes, selbständiges oder unselbständiges, konstitutives oder

6
Husserl selbst verwendet gelegentlich den Strukturbegriff. So bezeichnet er es als
„die große, für die Logik und Grammatik gleich fundamentale Arbeit, [...] das
apriorische System der formalen, d.i. alle sachhaltige Besonderheit der Bedeutun-
gen offenlassenden Strukturen in einer »Formenlehre der Bedeutungen« zu erfor-
schen." (XIX/1, 329) In der zweiten Auflage spricht er deutlicher von „einer Phä-
nomenologie, die [...] auf die Wesensstrukturen der »reinen« Erlebnisse und der zu
ihnen gehörigen Sinnesbestände gerichtet ist." (XIX/1, 27 (B 21)) In diesem Sinn
definierte Sartre die Phänomenologie als „eine Deskription der Strukturen des
transzendentalen Bewußtseins, gegründet auf der Wesenserschauung dieser Struk-
turen." (J.-P. Sartre, Die Imagination. a.a.O., S. 223.) Vor ihm hatte schon Emma-
nuel Levinas die Aufgabe der Phänomenologie nicht darin gesehen, „ausgehend
von irgendeinem Axiom das Wesen eines beliebigen Bewußtseinszustandes abzu-
leiten, sondern seine notwendige Struktur zu beschreiben." (E. Levinas, Über die
>Ideen< Edmund Husserh. In: Husserl. Hrsg. v. H. Noack, Darmstadt 1973, 87-
128, S. 110.)
202 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

fundiertes Stück, Teil oder Moment. Die weite Rede von Phänomen
wird dabei nicht uneigentlich, denn von Erscheinung kann selbst im
engen Sinn bei anschaulicher Gegenstandsauffassung nur in einem
metaphorischen Sinn gesprochen werden. Die phänomenologische
Analyse, indem sie sich eigens dem Bewußtseinsleben und seinen
Vollzügen zuwendet, ist reflexiv. Ebenso sind die in ihrem Zuge her-
ausgestellten Erlebnismomente reflexive Phänomene.
Bei der Analyse der Bewußtseinsinhalte und -Vollzüge geht es um
die Fundierungsformen, -stufen und -Verhältnisse. Die programmati-
sche Rede von Anschaulichkeit meint Fundierung im Phänomenalen.
In Hinsicht auf die Ansätze zu einer reinen Theorie der apriorischen
Denk- und Bedeutungsformen in der 3. und 4. LU bleibt zu zeigen,
inwiefern sich Allgemeines oder Formales phänomenal bekundet, oh-
ne daß es psychologisch aufgefaßt wird. Maßgeblich hierfür ist die
Theorie kategorialer Anschauung im 2. Abschnitt der 6. LU. Er-
kenntnis wird im 1. Abschnitt als ein besonderes Erfüllungsverhältnis
von Intention und Anschauung bestimmt. „In Rekurs auf die Erfül-
lungsphänomene" wird eine „für die Klärung der Erkenntnis funda-
mentale Analyse der verschiedenen Arten von Anschauung" durch-
geführt. Sie bildet die Grundlage einer „Phänomenologie der Erkennt-
nisstufen" (XIX/2, 539, 596 ff.), die mit einer Phänomenologie der Er-
füllungsstufen vom bloß Signitiven bis zum Intuitiven, sowie der
Fundierungsstufen des Kategorialen im Sinnlichen-Realen einhergeht.
Die „durchaus unentbehrliche Erweiterung der ursprünglich sinnli-
chen Begriffe, Anschauung und Wahrnehmung, [...] welche es gestat-
tet, von kategorialer und speziell von allgemeiner Anschauung zu
sprechen" (XIX/2, 541), führt zur Erweiterung des Phänomenbegriffs.
Ausgangspunkt für die Theorie der kategorialen Anschauung ist die
Frage, was sich bspw. von der Bedeutungsintention in einer sinnlichen
Anschauung erfüllt und was davon unerfüllt und sogar notwendig
unerfüllbar bleibt. Welche Erfüllung finden bspw. die Bedeutungsmo-
mente der allgemeinen Satzform oder anderer grammatischer Formen,
welche die Bedeutungsmomente der Kopula oder des Seinsprädikats?
„Die Erfüllungsleistung der schlichten Wahrnehmung kann an solche
Formen offenbar nicht hinanreichen." (XIX/2, 660)
In den >Prolegomena< hatte Husserl gelegentlich von evidenter Er-
fahrung des Idealen gesprochen, wenngleich er einräumte, daß der
überwiegende Teil der logischen Wahrheiten nicht durch Anschauung,
sondern durch Begründung anhand symbolischer Operationen zur
Einsicht gelangt. In der 6. LU kommt er zurück auf Brentanos Unter-
scheidung eigentlicher von symbolischen Vorstellungen, die ihn schon
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 203

in der >Philosophie der Arithmetik^ beschäftigt hatte7, wenn er zuge-


steht, daß von den „generellen Aussagen [...] nur ein verschwindender
Teil (auch der wahren und begründeten) einer vollen Durchleuchtung
mit Anschauung zugänglich ist und bleibt." (XIX/2, 662) Wie die
nichtanschaulichen Momente, idealen Erfahrungen oder generellen
Sätze gleichwohl als echte Erkenntnisse fungieren und in einen Bezug
zu Gegenständen gebracht werden können, glaubt Husserl nunmehr
im Anschluß an die in der 2. LU entwickelte Theorie der Aktfundie-
rung und ideativen Abstraktion erweisen zu können.
Wo generelle Gedanken in Anschauung ihre Erfüllung finden, da bau-
en sich auf den Wahrnehmungen oder sonstigen Erscheinungen glei-
cher Ordnung gewisse neue Akte auf, und zwar Akte, welche sich auf
den erscheinenden Gegenstand in ganz anderer Weise beziehen, als
diese ihn jeweils konstituierenden Anschauungen. Die Verschiedenheit
der Beziehungsweise spricht sich in der selbstverständlichen [...] Wen-
dung aus, daß hier der anschauliche Gegenstand nicht selbst als der
gemeinte dastehe, sondern nur als klärendes Beispiel für die eigentli-
che, generelle Meinung fungiere. Indem nun die ausdrückenden Akte
diesen Unterschieden folgen, geht auch ihre signifikative Intention statt
auf ein anschaulich Vorzustellendes vielmehr auf ein Allgemeines,
durch Anschauung nur zu Belegendes. Und wo sich die neue Intention
durch unterliegende Anschauung adäquat erfüllt, erweist sie ihre objek-
tive Möglichkeit bzw. die Möglichkeit oder „Realität" des Allgemei-
nen. (XIX/2, 662 f. (A 606))
Es handelt sich hier um eine Schlüsselstelle der phänomenologischen
Theorie. Generellen Gedanken wird Erfüllung in der Anschauung ein-
geräumt, indem sie als höhere Aktstufen angesehen werden, die sich
auf zugrundeliegende Anschauung aufbauen. Insofern die Gegenstän-
de solcher konstituierenden Anschauung nur als Beispiele und Belege
auftreten, ist die Erfüllung selbst nur uneigentlich oder symbolisch,
als Erfüllung von Allgemeinem im Einzelnen jedoch die einzig mög-
liche Art anschaulicher Erfüllung. Dadurch, daß sich die „Verschie-
denheit der Beziehungsweise" (ebd.) nur durch die Uneigentlichkeit
der anschaulichen Erfüllung erweist, gerät die ganze Bemühung um
Anschaulichkeit des Allgemeinen in den Verdacht, erborgt zu sein.
Daß „die ausdrückenden Akte diesen Unterschieden folgen" ist inso-
fern verkehrt, als die Unterschiede der ausdrückenden Akte und aus-
gedrückten Bedeutungen gerade den Ausgangspunkt der ganzen
Theorie abgaben.
Im Gegensatz zu psychologischen Begriffen wie Wahrnehmung,
Urteil, Bejahung, Verneinung, Kolligieren, Zählen, Voraussetzen und

7
Vgl. weiter oben S. 75 ff.
204 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Folgern usw., die allesamt durch Reflexion auf die Wahrnehmung


bzw. psychische Akte entspringen, haben, Husserl zufolge, „die logi-
schen Kategorien, wie Sein und Nichtsein, Einheit, Mehrheit, Allheit,
Anzahl, Grund, Folge usw." ihren Ursprung „nicht im Gebiete der in-
neren Wahrnehmung" (XIX/2, 667 f.). Psychische Akte sind lediglich
die Bedingung dafür, daß sich die logisch kategorialen Begriffe reali-
sieren. Deren Abstraktionsfiindament (XIX/2, 670) bilden indessen
die Gegenstände jener Akte. Auf den Gegensatz zwischen den in der
Reflexion auf Akte gewonnenen psychologischen Begriffen und den
in der Abstraktion von Gegenständen gewonnenen logisch kategoria-
len Begriffen kommt Husserl später zurück, wenn er zwischen sinnli-
cher und kategorialer Abstraktion und ihren Mischformen unterschei-
det (vgl. XIX/2, 707, 713).
Die Erweiterung des Wahrnehmungs- und Anschauungs-, sowie
damit einhergehend des Gegenstandsbegriffs versucht Husserl phäno-
menologisch durch die Aufklärung der jeweiligen Fundierungsverhält-
nisse, d.h. bezeichnenderweise durch die Aufklärung „des deskriptiven
Unterbaus", bzw. „tieferliegende deskriptive Charakteristiken" (XIX/2,
673) zu sichern. In diesem Sinn erklärt er die schlichte sinnliche Wahr-
nehmung realer Gegenstände als einfache, nichtfundierte, die katego-
rialen Wahrnehmung als höhere, konstituierte Stufe der Wahrnehmung.
In den sinnlichen Wahrnehmungsakten sind die Wahrnehmungsge-
genstände „direkt erfaßt oder selbst gegenwärtig" (XIX/2, 674), wo-
hingegen sich der kategorialen Wahrnehmung Gegenstände allererst
über mehrere Akt- und Fundierungsstufen ergeben. Dabei knüpfen
die kategorialen Akte nicht lediglich an die einfachen Akte bspw. der
Wahrnehmung an. Husserl betont, daß sie „neue Objektivitäten kon-
stituieren" (XIX/2, 675).
Es erstehen Akte, in denen etwas als wirklich und als selbst gegeben
erscheint, derart, daß dasselbe, als was es hier erscheint, in den fundie-
renden Akten allein noch nicht gegeben war und gegeben sein konnte.
Andererseits aber gründet die neue oder in neuer Weise erscheinende
Gegenständlichkeit in der alten; sie hat zu der in den Grundakten er-
scheinenden gegenständliche Beziehung und ihre Erscheinungsweise
ist durch diese Beziehung wesentlich bestimmt. Es handelt sich hier um
eine Sphäre von Objektivitäten, die nur in fundierten Akten „selbst"
zur Erscheinung kommen können. (XIX/2, 675)
Die eigenartige Erscheinungsweise der kategorialen Gegenständlich-
keit soll in einer „übersinnlichen (d. i. über Sinnlichkeit sich erbauen-
den oder kategorialen)" (XIX/2, 672) Wahrnehmung gegeben werden.
Husserls Anliegen ist es, diese Wahrnehmung und ihre Gegenstände
von den sinnlichen Akten und deren Gegenständen zu isolieren und
DIE POLE DES PHÄNOMENALEN 205

„das Kategoriale des Anschauens und Erkennens" in den fundierten


Akten (XIX/2, 675) selbst aufzuweisen. Trotz der Erweiterung des
Wahrnehmungsbegriffs wird so an deren charakteristischer Selbstauf-
weisung festgehalten, wenngleich diese ihren Sinn verändert.
Der 5. LU folgend unterscheidet Husserl auch bei den fundierten
Akten kategonaler Anschauung ihre Qualität, intentionale Materie und
ihre Repräsentanten. Dabei stellt sich das Problem, was als Materie
bzw. Auffassungssinn, vor allem was als Repräsentant kategorialer
Akte verstanden werden, ob es Repräsentanten kategorialer Akte über-
haupt geben kann. Was kann bspw. als Repräsentant der kategorialen
Kollektionsform und auftreten? Wie kann das Und in einer möglichen
Anschauung repräsentiert und die kategoriale Form gegenständlich
erfüllt werden? Husserl beruft sich hierbei auf den Gegensatz von rein
signitiver und intuitiver Gegenstandsauffassung, also auf
den Gegensatz zwischen objektivierenden Akten, welche eine katego-
riale Gegenständlichkeit signitiv meinen, und parallelen Akten, welche
dieselbe Gegenständlichkeit in demselben Auffassungssinn intuitiv
vergegenwärtigen, sei es nun „im Bilde" oder „selbst". (XIX/2, 700)
Die Frage ist, ob eine solche intuitive Vergegenwärtigung gelingen
kann, die tatsächlich einen Repräsentanten einer kategorialen Gegen-
ständlichkeit als erlebten Inhalt und damit „als Analogon oder als das
Selbst des Gegenstandes auffaßt." (XIX/2, 700) Husserls Argument
für die Annahme von Repräsentanten kategorialer Formen und d.h.
für intuitive Vergegenwärtigungen von Kategorien besteht darin, daß
z.B. bei intuitiven Identifizierungen die Identität der Gegenstände
nicht wie bei rein signitiven, symbolischen Identifizierungen bloß ver-
meint, sondern in anderer Weise erlebt ist (XIX/2, 701).
Das psychische Band, das im aktuellen Identifizieren oder Kolligieren
u. dgl. erlebt ist (im „aktuellen", d.i. im eigentlichen, intuitiven), glau-
ben wir in der Weise der oben erwogenen Möglichkeit auf ein überall
Gemeinsames reduzieren zu können, das von Qualität und Auffas-
sungssinn abgesondert zu denken ist und in dieser Reduktion denjeni-
gen Repräsentanten ergibt, der speziell zum Moment der kategorialen
Form gehört. (XIX/2, 702)
Durch die Rückführung der kategorialen Formen auf gewisse identi-
sche Erlebnismomente finden selbst die Kategorien bei Husserl eine
Grundlage in den Akten, die im erweiterten Sinne als eine phänome-
nale Grundlage anzusehen ist. Von den anschaulichen Dingen bis zu
den unanschaulichen Kategorien wird demzufolge allen Gegenstän-
den in der phänomenologischen Analyse ein „Analogon" im Erleben
zugewiesen, wenngleich auf verschiedener Stufe und durch verschie-
206 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

dene Vermittlung. Das Spektrum des Phänomenalen reicht somit von


den „Büdern" schlichter Erscheinungen bis zu gewissen allgemeinen
psychischen Funktions-Erlebnissen.
Das Psychische, das Husserl bei der Und-Kategorie als Band nam-
haft macht, überhaupt die Momente des Bewußtseinslebens und -
erlebens, die den Kategorien in der Verallgemeinerung zugesprochen
werden, sind die denkbar allgemeinsten und unbestimmtesten. Das
kann bei Kategorien nun zwar kaum verwundern, doch ist der Sinn
solcher psychischen Analoga und damit der Wert der ganzen Reprä-
sentationstheorie höchst zweifelhaft.8 Die Konsequenz dieser Theorie
wäre, für jedes einzelne Wort einen Repräsentanten im Erleben zu un-
terstellen, wobei überhaupt nicht einsichtig wäre, in welcher Bezie-
hung dieser Repräsentant zur Bedeutung des Wortes steht, d.h. wie
die Analogie tatsächlich aufgeklärt und beschrieben werden könnte.
Es scheint dann auch naheliegend, jedem Zeichen und Ausdruck mit
einem Repräsentanten eine singulare Bedeutung zuzusprechen. Damit
findet sich in der Theorie kategorialer Repräsentation jene Verdopp-
lung von logischen und psychologischen Funktionen wieder, die wir
schon in der >Philosophie der Arithmetik< beim Inbegriff der Einheit
als unergiebig zurückwiesen.9 In der Repräsentationstheorie scheint ein
Mentalismus hervor, dem durch die Psychologismuskritik keineswegs
der Einfluß auf die Phänomenologie verwehrt ist. Die Wahrheit des
Phänomens ist aber weder das Bild, noch ein Band, das erlebt ist, son-
dern allererst die Beschreibung, die das Psychische ausweisbar macht.

Tugendhats sprachanalytische Kritik der Husserlschen Phänomenologie, daß sie


als Repräsentationstheorie des Geistes zur Aufklärung des verständnisvollen Zei-
chengebrauchs keinen Beitrag leistet, stellt sich gerade in der Auseinandersetzung
um die Bedeutung des Wortes „und" eindrucksvoll unter Beweis, siehe § 17 seiner
Vorlesungen..., a.a.O., S. 291 ff.
Siehe hierzu weiter oben S. 73 und S. 76.
10. Die Arbeit der Beschreibung

Das Thema der Beschreibung lief im Gang der Untersuchung stets


nebenher, ohne daß jeweils klar war, was Beschreibung, was Unter-
scheidung, was bloß grammatische und was phänomenologische Be-
griffsanalyse, was Erlebnis- oder Aktanalyse oder -beschreibung, was
Erklärung und Deutung, was also eigentlich phänomenologische Be-
schreibung ist. Oft diente Husserl der Hinweis auf deskriptive Gehalte
und Gegebenheiten als Ausgangs- oder Anhaltspunkt der phänomeno-
logischen Analyse. Über weite Strecken ist in den >Logischen Unter-
suchungen von Beschreibung keine Rede und unklar, ob sie nur kei-
ne Erwähnung findet oder gar keine Rolle spielt.
In der Phänomenologie der Bedeutung, der Spezies, Akte und Ka-
tegorien in der 1., 2., 5. und 6. LU erwies sich die Beschreibung im
phänomenologisch fundierenden Rückgang auf Bewußtseinsmomente
als Methode des Unterscheidens, des Auseinanderlegens und -haltens
und dabei der Begriffsbestimmung. Zwar bekundeten sich auch die
idealen Momente des Bedeutungsbewußtseins und der Erkenntnis in
der deskriptiven Analyse der Denk- und Erkenntniserlebnisse. Die Ge-
staltung einer Theorie der reinen Formen des Denkens und ihrer Ge-
setzmäßigkeiten überschritt jedoch den phänomenologischen Zustän-
digkeitsbereich. Beschreibung hatte hier keinen Platz mehr. Sie blieb
wesentlich an Erlebnisse, d.h. an Phänomene gebunden.
Die Auffassung der Phänomene nicht als psychische, empirisch-
reale Erlebnisse, sondern lediglich als Fundierungsbelege für Wesens-
unterschiede gelangt in den >Logischen Untersuchungen zwar noch
nicht zu durchgängig fester Bestimmtheit. Gleichwohl stand das In-
teresse der Phänomenologie an den Phänomenen und ihr Bezug darauf
jeweils im Zeichen der Konstitution von Erkenntnis, ob diese schlicht
als erfüllte Anschauung oder als intuitive kategoriale Gegenständlich-
keit erschien. Gerade jedoch die Theorie kategorialer Anschauung und
Repräsentation erwies sich vom deskriptiven Gesichtspunkt aus als
ausgesprochen dürftig.
Die vorangegangenen Bestimmungen zum Begriff und zur Methode
phänomenologischer Beschreibung müssen nunmehr gebündelt wer-
den. Es ist zu zeigen, inwiefern es sich beim Rückgangs auf die Sa-
chen selbst um ein deskriptives Programm handelt. Dabei soll das
Verhältnis von Reflexion, Analyse und Beschreibung näher bestimmt
208 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

werden. Gerade im Hinblick darauf, wie wenig sich das ganze phä-
nomenologische Unternehmen von der Beschreibung trennen läßt,
kann geklärt werden, warum die Theorie der Beschreibung in der me-
thodischen Reflexion der Phänomenologie von Husserl selbst weitge-
hend vernachlässigt wird. In diesem Zusammenhang diskutieren wir
Beschreibung als operativen Begriff der Phänomenologie. Hierbei er-
fährt Beschreibung und Sprache im Rahmen der Phänomenologie eine
entschiedene Aufwertung, die in die Skizze eines sprachphänomeno-
logischen Ansatzes ausläuft. Die Betrachtungen zum Beschreibungs-
begriff münden in eine Äquivokationsanalyse. Dabei wird die Frage
beantwortet, inwiefern phänomenologische Beschreibung jeweils Be-
schreibung von Phänomenen ist. Auf die Vieldeutigkeit des Begriffs,
bzw. die Verschiedenheit seines Gebrauchs kann dessen Fruchtbarkeit
gerade auch in der Phänomenologie zurückgeführt werden.

Beschreibung des Deskriptiven

Bei der Betrachtung der >Prolegomena< hatten wir auf Husserls zwei-
deutige Rede vom deskriptiv Gegebenen (XVIII, 207) hingewiesen,
die die Gegenstände der Phänomenologie mit dem Beschreibbaren
identifiziert.1 Der Gleichsetzung von Gegebenem und Beschreibba-
rem konnte jedoch allenfalls der Sinn einer mimetischen Angleichung
der Beschreibung an ihre Gegenstände zugestanden werden. In den
Äquivokationsanalysen des Erscheinungsbegriffs in der Beilage über
>Äußere und innere Wahrnehmung< wurde das phänomenologische
Phänomen als ein Reflexionsphänomen bestimmt.2 In der Reflexion
wird das konstitutive Erleben der Wahrnehmung selbst adäquat wahr-
genommen. Die reflexive Grundfigur phänomenologischer Analyse
erklärt zwar, wie das reflexiv Gegebene auch das adäquat Gegebene
und in diesem Sinne das phänomenologisch zu beschreibende sein
kann. Wenn aber das reflexiv Gegebene auch das zu beschreibende
ist, heißt das doch nicht, daß das Gegebene selbst schon deskriptiv ist.
Die Rede vom deskriptiv Gegebenen bleibt fragwürdig. Wie kann das
Phänomenale gleichermaßen des Deskriptive sein?
Offenbar kann das Phänomen mit seiner Beschreibung nur dann
zusammenfallen, wenn das Phänomen nicht von seiner Erscheinung
oder Wahrnehmung, sondern gleichursprünglich von seiner Beschrei-
bung her aufgefaßt wird, wenn also Reflexions- und Denkphänomene

1
Vgl. weiter oben S. 89 und S. 106
2
Siehe weiter oben S. 154 f.
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 209

gleichermaßen Sprachphänomene sind. Die Phänomene wären in die-


sem Sinn nur so weit gedacht, wie sie auch sprachlich gefaßt und dar-
gestellt wären. Einer solchen Auffassung böte sich gerade das refle-
xive phänomenologische Verfahren an, wenn dieses auf den Anspruch
verzichtet, Wahrnehmung im echten Sinn zu sein, ein Anspruch, der
den natürlichen Sinn und Bereich der Wahrnehmung gerade verkehrt.
Das deskriptiv Gegebene wäre dann tatsächlich das in der Reflexion
allererst Beschriebene.
In der Reflexion könnte das Gegebene nicht selbst schon als ge-
genständlich gelten, wie Husserl es darstellt, indem er hier den Be-
reich adäquater Wahrnehmung ausmacht. Wenn wir nicht auf solch
einen klassischen mentalistischen Standpunkt zurückfallen und einen
uneigentlichen Sinn von Erscheinung und Wahrnehmung strapazieren,
sondern dem reflexiven Erscheinen einen wirklich ausweisbaren Sinn
verschaffen wollen, dann müssen wir ihm einen sprachlich-expliziten
Sinn, d.h. den Sinn der Beschreibung geben.
Den Zwiespalt zwischen phänomenaler und deskriptiver Gegeben-
heit, zwischen gedanklicher Einsicht und sprachlichem Ausdruck hat
Husserl in der >Einleitung< zum 2. Band der >Logischen Untersu-
chungen selbst behandelt.3 Dem Erlebnis und der Intuition räumt er
gegenüber der Sprache und dem Ausdruck stets den Vorrang ein. In-
dem die Phänomenologie auf einer vorsprachlichen Evidenz beharrt,
handelt sie sich ein massives Sprach- bzw. Übersetzungsproblem ein,
das sie durch die wiederholten Beteuerungen der Angemessenheit oder
Anmessung der Sprache an das evident Erschaute möglichst klein zu
halten sich bemüht. In genau diesem Sinn legt die Rede vom deskrip-
tiv Gegebenen ein mimetisches Modell der Sprache nahe.
Die Unstimmigkeiten im Verhältnis von phänomenaler und deskrip-
tiver Gegebenheit werden noch offensichtlicher, wenn Husserl gele-
gentlich sogar von der Beschreibung der deskriptiven Sachlage spricht
(XIX/1, 125, 208). Die Anstrengungen, Phänomen und Beschreibung
phänomenologisch zu verschmelzen, steigern sich in dieser Formulie-
rung ins Redundante.4 Von deskriptiver Sachlage ist in den >Logischen
Untersuchungen häufig die Rede, von Sachlagen überhaupt allent-
halben, scheint hier doch der Bezug zu den Sachen selbst deutlich
hervor, bereichert zumal um den Sinn eines ergebenen Liegens oder
Vorliegens.

3
Siehe weiter oben S. 119 ff.
4
Genauso spricht Husserl in seinen Vorlesungen vom Sommersemester 1925 von
Begriffsinhalten, die „zu Gesicht gebracht und in getreuen Beschreibungen be-
schrieben werden" sollen (Husserliana, Bd. IX, a.a.O., S. 29, zitiert bei E. W. Orth,
Beschreibung in der Phänomenologie..., a.a.O., S. 32.).
210 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Die Rede von deskriptiver Sachlage gleicht derjenigen von de-


skriptiver Gegebenheit und ist ebenso erläuterungsbedürftig. Was die
Beschreibung deskriptiver Sachlagen besagen soll, wird durch die Re-
dundanz erst recht fraglich. Die Redundanz ließe sich kurzerhand da-
durch beseitigen, daß man Husserl bei diesen beiden Formulierungen
Nachlässigkeit zugute hält, die attributive Kennzeichnung der Sach-
lage mit Stillschweigen übergeht und nur von der Beschreibung von
Sachlagen ausgeht. Diese leichtfertige Korrektur verbietet sich jedoch
aus zwei Gründen.
Erstens ist die Rede von deskriptiven Gegebenheiten, Sachlagen,
Gehalten oder Inhalten in den >Logischen Untersuchungen weit ver-
breitet. Häufiger spricht er nur von deskriptiven Analysen oder de-
skriptiven Unterschieden. Es scheint also durchaus auf diese nähere
Bestimmung der Sachlagen anzukommen. Dies um so mehr, als sich,
zweitens, angesichts der verkürzten Rede von Sachlagenbeschreibung
sofort die Frage stellt, welche Sachlagen denn beschrieben werden
sollen. Die Antwort, das eben deskriptive Sachlagen zu beschreiben
seien, ist jedoch gerade nicht verständlich. Die Unverständlichkeit be-
trifft hauptsächlich den Begriff der deskriptiven Sachlage, in gleicher
Weise, den der deskriptiven Gegebenheit, des deskriptiven Inhalts oder
Gehalts. Erst wenn diese Redeweisen aufgeklärt sind, kann bestimmt
werden, was es heißt, solche Sachlagen etc. zu beschreiben.
Es kommt also darauf an, den Begriff der deskriptiven Sachlage
durch passende Ersetzungen der attributiven Kennzeichnung zu erläu-
tern. Nach den vorangegangenen Überlegungen zur Bestimmung des
phänomenologischen Phänomens als Reflexionsphänomen, kann die
Ersetzung geeigneterweise durch das Reflexive erfolgen. Substitutiv
wäre also von reflexiver Sachlage und reflexiven Gegebenheiten, In-
halten oder Gehalten zu sprechen. Es könnte ebenso von evidenten
oder unmittelbaren Sachlagen gesprochen und dabei auf Husserl ver-
weisen werden, der an einer Stelle von der Beschreibung der wirkli-
chen Sachlage (XIX/1, 497) spricht. Alle diese Kennzeichnungen sind
in der phänomenologischen Auszeichnung der Reflexionsphänomene
aufgehoben. Im Bereich der Reflexion findet die Phänomenologie ih-
re Gegenstände; hier ist sie in ihrem Element.
Wenn wir statt von deskriptiven, von reflexiven, unmittelbaren oder
evidenten Sachlagen sprechen, wirft deren Beschreibung kein Pro-
blem mehr auf. Wir hätten phänomenologisch das zu beschreiben,
was in der Reflexion, oder in unmittelbarer Evidenz gegeben, d.h.
aber schon gegeben ist, womit die Beschreibung eben die undankbare
Aufgabe der Übersetzung und die ganze Problematik von deren An-
gemessenheit übernimmt. Dem will Husserl offenbar gerade auswei-
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 211

chen, indem er jene Sachlagen, Inhalte und Gehalte selbst schon als
deskriptive Gegenstände der Phänomenologie darstellt. Da sie gleich-
wohl noch zu beschreiben sind, kann es sich gewissermaßen nur um
die explizite Darstellung ihrer implizit immer schon deskriptiven Ge-
halte handeln.
Wenn die Unterscheidung impliziter und expliziter Beschreibung
in der phänomenologischen Reflexion sich nicht um den Gegensatz
von Reflexion und Deskription, von gedanklicher Einsicht und sprach-
lichem Ausdruck schummeln, sondern ihn wirklich aufheben will, dann
muß das reflexive Phänomen in dem oben erläuterten Sinn gleichur-
sprünglich von seiner Beschreibung her, bzw. als Sprachphänomen auf-
gefaßt werden. In Husserls Phänomenologie, die primär und wesent-
lich auf einer Theorie intuitiver Erkenntnis beruht, kommt eine solche
Auffassung nicht zur Geltung. Es deutet sich jedoch in den Formulie-
rungen von deskriptiven Gegebenheiten, Sachverhalten, Inhalten und
Gehalten an, daß die Beschreibung grundlegend für die Gegebenheit
der phänomenologischen Gegenstände ist.
Die eigentliche Arbeit im phänomenologischen Haushalt der Er-
kenntnis leisten Beschreibungen. Ist die Intuition die Legislative der
Phänomenologie, so ist die Beschreibung ihre Exekutive. Was nun
Beschreibung, gerade solcher deskriptiven Sachlagen, heißt, wird in
der Betrachtung weiterer Stellen deutlich. So entsteht gelegentlich der
Frage nach der Rolle der Anschauungen beim Ausdrucksverstehen
die Schwierigkeit, „die deskriptive Sachlage nach den hier nicht be-
rücksichtigten feineren Abstufungen und Verzweigungen zu analysie-
ren." (XIX/1, 81) Wenig später heißt es, daß die deskriptive Sachlage
„ein breites Feld für die phänomenologische Analyse" (XIX/1, 82)
abgibt. Bedenkt man, daß sich eine deskriptive Sachlage erst reflexiv
ergibt, so gehen in der phänomenologischen Einstellung Reflexion,
Beschreibung und Analyse innig zusammen. In der Reflexion voll-
zieht sich die Beschreibung als Analyse oder die Analyse beschreibend
„in schrittweisen Reflexionen auf die Inhalte der eben vollzogenen
Denkakte" (XIX/1, 109).
Die deskriptive Analyse kann in der phänomenologischen Einstel-
lung offenbar verschiedene Stufen erlangen. Es gibt rohe Beschrei-
bungen deskriptiver Sachlagen (XIX/1, 208), die deren wesentliche
Unterschiede verfehlen, indem sie nicht die Umständlichkeiten auf
sich nehmen, deren es „bedarf, wenn man die phänomenologische
Sachlage richtig beschreiben will." (XIX/1, 47) Wenn es in der 5. LU
bei der Analyse der Intentionalität zustimmender Urteile heißt, „nur
ein Teil der Sachlage" sei durch die Unterscheidung eines zugrun-
deliegenden Vorstellungsaktes und eines hinzukommenden Urteils-
212 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Charakters „einigermaßen beschrieben", so versucht Husserl in einer


„sorgsameren Deskription" weiterer Beispiele, tiefer in die Sachlage
zu dringen (XIX/1, 464). Diese Stelle läßt sich so verstehen, daß eine
deskriptive Sachlage nie erschöpfend beschrieben ist.
„Nicht ausreichend beschrieben" sind intentionale Verhältnisse aber
nicht nur in rohen oder oberflächlichen phänomenologischen Analy-
sen, sondern auch insofern solche Beschreibungen bspw. „das Ver-
hältnis zwischen fundierender Vorstellung und fundiertem Akt" so
auffassen, als ob „das eine das andere bewirke." (XIX/1, 404 (A 368
f.)) Dieses Beispiel ist interessant, weil die Beschreibung eines Sach-
verhalts hier mit einer kausalen Deutung zusammenbesteht, also auf
das Niveau psychologisch-erklärender Beschreibung gelangt und nicht
auf der phänomenologischen Stufe reiner Beschreibung verbleibt.
Es werden also nicht, wenn die Beschreibung einer deskriptiven
Sachlage gefordert ist, offene Türen eingerannt, sondern tatsächlich
durchschritten und dabei immer weitere Türen geöffnet. Die Rede
von deskriptiver Sachlage konnte sinnvoll durch diejenige von refle-
xiver Sachlage ersetzt, ebenso die redundante Rede von Beschreibung
deskriptiver Sachlagen durch diejenige von Analyse deskriptiver
Sachlagen erläutert werden. Die Beschreibung deskriptiver Sachlagen
erweist sich als Analyse reflexiver Sachlagen.
Was Analyse in der reflexiven Einstellung heißt, haben wir im 8.
und 9. Kapitel zu zeigen versucht, indem wir den Gang phänomeno-
logischer Einzeluntersuchungen verfolgten. Dabei erhielt der Struktur-
begriff, als eine Diltheysche Erbschaft der Phänomenologie, in unse-
rer Interpretation des phänomenologischen Verfahrens ein größeres
Gewicht als bei Husserl selbst. Dilthey bemühte sich in seiner Skizze
einer deskriptiven Psychologie als methodische Grundlage einer all-
gemeinen Geisteswissenschaft um die Aufklärung der Strukturen des
Seelenlebens. Husserl bemüht sich in seiner Phänomenologie als all-
gemeiner Bewußtseinslehre um die Aufklärung der Strukturen der
Erkenntnis. Dabei ist der durch Brentanos Intentionalitätsbegriff er-
öffnete Erlebnisbereich der Akte für ihn grundlegend. Phänomenolo-
gie ist deskriptive Analyse solcher intentionalen Erlebnisse oder Akte
in der Reflexion.
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 213

Beschreibung als operativer Begriff

Der phänomenologische Beschreibungsbegriff steht in einem innigen


Verhältnis zum Reflexions- und Analysebegriff. Dieser ist ihm näher,
insofern er das deskriptive Verfahren erläutert, jener steckt davon den
Rahmen ab. Heißt das, daß der Beschreibungsbegriff erst in der ge-
genseitigen Verweisung festere Bestimmtheit erlangt und diese Ver-
weisung also unerläßlich für seine Erklärung ist? Oder heißt es, daß
er wegen der Verweisungs- und Ersetzungsmöglichkeiten eigentlich
gar nicht bestimmt werden kann? Handelt es sich bei Beschreibungen
um einen jener operativen Begriffe in der Phänomenologie Husserls,
denen Eugen Fink eine bekannte Betrachtung widmete? Dies ist gele-
gentlich behauptet worden. So hat Orth bemerkt, daß Beschreibung
„bei Husserl eher ein operativer Begriff' ist, der im Gegensatz etwa
zum Wahrnehmungs- oder Phänomenbegriff nicht ausführlich erörtert
wird.5
Husserls Beschreibungskonzept wird ebenfalls von Viktor Moltcha-
nov in Bezug zu Finks Fragestellung gebracht: „Husserl proklamiert
Deskription als einen Kern der phänomenologischen Methode, aber er
thematisiert die Deskription selbst überhaupt nicht."6 Moltchanov führt
die Unbestimmtheit des Beschreibungsbegriffs auf die Unbestimmtheit
einerseits der Beschreibungsgegenstände, andererseits der ursprüngli-
chen Beschreibungserfahrung zurück. Beschreibung als Erfahrung ver-
sucht er als Modifikation einer ursprünglichen Unterscheidenserfah-
rung, die das Bewußtsein selbst ist, zu erweisen.7
Abgesehen von seinem Hinweis auf die Erfahrung, die dem Be-
wußtseins- und damit auch dem Beschreibungsbegriff zu Grunde
liegt, hält sich Moltchanov nicht weiter bei letzterem auf. Die Be-
hauptung, daß es sich dabei um einen operativen Begriff handelt,
bleibt auch bei ihm im Raum stehen. Um die These zu überprüfen
und um festzustellen, in welchem Verhältnis sie zu den Fragen steht,
die sich aus der gegenseitigen Verweisung von Beschreibung, Analy-

E. W. Orth, Zu Husserls Wahrnehmungsbegriff. a.a.O., S. 104. Explizit verweist


Orth auf Fink in dem Aufsatz Beschreibung in der Phänomenologie Edmund Hus-
serls< (a.a.O., S. 29).
V. Moltchanov, Bewußtsein, Erfahrung und Unterscheidungsleistung. In: prima
philosophia, 10/1 (1997), 3-22, S. 16.
Mit dem Begriff der Unterscheidenserfahrung gibt Moltchanov eine funktionalisti-
sche Definition des Bewußtseins, deren Wert allerdings im umgekehrten Verhält-
nis zu ihrer Allgemeinheit steht. Husserl kam es auf solche Definitionen nicht an.
Erklärungen, was intentionale Erlebnisse, Akte, was das Bewußtsein für sich seien,
überließ er der Psychologie. Ihm ging es vielmehr um das in der Reflexion rein
Gegebene und dessen deskriptive Analyse.
214 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

se und Reflexion ergeben, müssen wir auf Finks Überlegungen selbst


zurückgehen.
Fink führt in seinem Vortrag über >Operative Begriffe in Husserls
Phänomenologie< den Terminus operativer Begriff'in Gegenüberstel-
lung zum Terminus thematischer Begriff em, darin „das Denken sein
Gedachtes fixiert und verwahrt."8 Als Beispiele für thematische Be-
griffe nennt Fink u.a. die Idea bei Piaton, die Monade bei Leibniz
oder die transzendentale Subjektivität bei Husserl an. Welche Begrif-
fe bei der Bildung der thematischen Grundbegriffe eines Denkens ge-
braucht, welche Denkmodelle dabei in Anspruch genommen werden,
in welchen Begriffsfeldern sich die thematische Fixierung umgängig
schon bewegt, bleibt jeweils im „Denk-Schatten" einer Philosophie,
die gerade ihren „produktiven Schwung im unbedenklichen Gebrauch
von verschatteten Begriffen" hat.9 Als Beispiele führt Fink u.a. die
Rolle handwerklicher, gärtnerischer oder landwirtschaftlicher Meta-
phern im allgemeinen Gebrauch des Erziehungsbegriffs, die Rolle des
Bewegungsbegriffs für die Thematisierung der Zeit oder das Verhält-
nis des Seienden und des Einen in Piatons Dialog >Parmenides< an,
wobei das letzte Beispiel zeigt, wie das Verhältnis zwischen themati-
schem und operativem Begriff wechseln kann.
Die Besonderheit der Phänomenologie Husserls sieht Fink darin,
daß die Spannung des Operativen und Thematischen selbst thematisiert
wird. Er interpretiert die Phänomenologie mit ihrer reduktiven Grund-
methode als Versuch, „den Spannungsgegensatz zwischen Thema und
Verstehens-Medium"10 menschlichen Lebens aufzuklären. Gleichwohl
stellt sich die Frage, ob nicht auch Husserl noch schlicht operative
Begriffe gebraucht. Fink beantwortet sie zuerst allgemein im Verweis
darauf, daß ein schattenfreies, völlig transparentes Denken unmöglich
ist. Durch die Einführung des Gegensatzes von thematischen und ope-
rativen Begriffen sind operative Begriffsrückstände im thematischen
Denken zwangsläufig. Mit dem Begriffspaar entwirft Fink erst einmal
nur ein allgemeines hermeneutisches Schema in Bezug auf das Den-
ken. Inwiefern sein Ansatz selbst unter das darin formulierte Prinzip
fällt, macht er allerdings nicht kenntlich.

8
E. Fink, a.a.O., S. 324.
9
Ebd., S. 325. Auf die philosophische Frage nach dem Schatten und dem Unvor-
denklichen der Philosophie bei Schelling, Kierkegaard, Heidegger und Merleau-
Ponty verweist K. Kyung Cho, Anonymes Subjekt und phänomenologische
schreibung. In: Zur Phänomenologie des philosophischen Textes. Hrsg. v. E. W.
Orth, Freiburg; München 1982, 21-56, S. 26.
10
E. Fink, a.a.O., S. 328.
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 215

Auf die Frage nach den operativen Resten in Husserls Philosophie


beläßt es Fink nicht bei einem allgemeinen Bescheid. Er behauptet
vielmehr, daß Husserl „mit den zentralen Begriffen seines Denkens
im Zwielicht" verbleibt. Wenn es im Anschluß daran heißt, „die Be-
griffe des Phänomens, der Epoche, der Konstitution, der Leistung und
der transzendentalen Logik sind weitaus mehr operativ gebraucht, als
thematisch geklärt"" - welche Handhabe bietet dann noch das be-
griffliche Werkzeug Finks? Sein Ansatz baut ja darauf auf, von den
thematischen Grundbegriffen eines Denkens andere Begriffe zu un-
terscheiden, die jene allererst ins Licht setzten. Wenn aber ein und
derselbe Begriff sowohl eine operative, als auch eine thematische Rol-
le spielen kann, dann erübrigt sich die terminologische Unterscheidung.
Daß thematische Zentralbegriffe einer Philosophie niemals restlos
geklärt sind, ist der Ausgangspunkt von Finks Betrachtung. Die Er-
klärung davon und der mögliche Einstieg in ein ursprüngliches Nach-
denken einer Philosophie besteht darin, die unausgewiesenen und
vom Grundthema verdeckten konzeptuellen Vermittlungen aufzuklä-
ren. So trivial also nach Finks eigener Begriffseinführung die Fest-
stellung ist, daß die thematischen Grundbegriffe bei Husserl nicht
vollständig geklärt sind, so unverständlich ist die Feststellung, daß sie
selbst operativ gebraucht werden. Mit der Zusammenführung von
operativem Gebrauch und thematischer Klärung ein und desselben
Begriffs verwischt Fink die Grenzen seiner Terminologie und macht
sie weitgehend unbrauchbar. Denn operativer Gebrauch eines Be-
griffs bedeutet nunmehr eben nur noch, daß er nicht vollständig auf-
geklärt, gleichwohl aber in Gebrauch ist, was sich von den allermeisten
philosophischen Begriffen sagen läßt.
Bevor wir auf die Frage zurückkommen, inwiefern Finks Termino-
logie die Rolle des Beschreibungsbegriffs in der Phänomenologie er-
hellt, wollen wir seine Auseinandersetzung mit der Phänomenologie
am Beispiel des Phänomenbegriffs verfolgen. Dies empfiehlt sich um
so mehr, als Fink auf diesen Begriff ausführlich eingeht. Unsere Au-
genmerk gilt dabei dem Zusammenhang, der möglicherweise zwischen
den operativen Schatten des Phänomen- und denjenigen des Beschrei-
bungsbegriffs hergestellt werden kann.
Fink stellt fest, „daß der Begriff des Phänomens bei Husserl merk-
würdig schillert" und begründet das damit, daß „die Konstitution der
mundanen Charaktere des Subjekts, in denen es seine weltvorgängige
Ursprünglichkeit verhüllt, [...] nicht explizit und überzeugend genug

Ebd., S. 336.
216 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

durchgeführt worden"12 ist. Diese Begründung holt sehr weit aus. Sie
verweist darauf, daß der Begriff der transzendentalen Subjektivität,
den Fink als den thematischen Zentralbegriff Husserls ansieht, enor-
me operative Schatten wirft, die sich als Spannungen durch alle ande-
ren Begriffe ziehen.
Wenn gewissermaßen alle Begriffe der Phänomenologie im Schat-
ten des Begriffs transzendentaler Subjektivität stehen, dann können
jeweils besondere operative Untergründe nicht für sich, d.h. ohne den
Zusammenhang zum primären thematischen Begriff zu beachten, auf-
geklärt werden. Das heißt nun nichts anderes, als daß das thematische
Nachdenken eines Denkens, welches selbst noch die scheinbar selbst-
verständlichen Grundlagen dieses Denkens kritisch aufzuklären be-
strebt ist, sich nur systematisch treiben läßt. Die Hoffnung, daß sich
im Hinblick auf bestimmte Grundbegriffe eines Denkens, von dem
ganzen Denkgebäude absehen und vielmehr nur der unthematische,
operative Untergrund betrachten ließe, erweist sich als naiv. Das phi-
losophische Nachdenken sieht sich unvermeidlich einem Denken in
seiner Gänze gegenüber und kann nicht vermeintliche Grundgedan-
ken herauslösen und einzeln auf ihre Bedeutung und ihre Grundlagen
befragen. Was heißt das für den Phänomenbegriff?
Im Horizont der „natürlichen Einstellung" begreift der Begriff des
Phänomens mindestens fünf Bedeutung in sich ein [...]: 1. das Ding im
Erscheinen überhaupt, 2. das Ding im Bereich des menschlichen Vor-
stellens, 3. das Ding, ausgelegt als Korrelat eines subjektiven Vorstel-
lungssystems (also unter Ausschaltung des „Dings an sich"), 4.
Phänomen als der intentionale Gegenstandssinn - abgesehen von den
thetischen Charakteren, 5. Phänomen als der Gegenstandssinn bei me-
thodisch geübter Neutralisierung der thetischen Charaktere. Indem
Husserl nun die fünfte Bedeutung als methodisches Leitmodell ge-
braucht, um die ganze „Natürliche Einstellung" aus den Angeln zu
heben, muß er doch offenbar diese fünfte Bedeutung spekulativ ver-
wandeln, damit sie alle anderen Bedeutungen umgreifen, ja sogar sich
selbst in ihrer naiven Form umfassen kann.13

Fink bringt in seiner Aquivokationsanalyse explizit mehr Bedeutungen


des Phänomenbegriffs zur Abhebung als Husserl in den >Logischen
Untersuchungen^ Das bedeutet nicht, daß Husserl diese Unterschiede
übersah. Die Unterscheidung dreier Äquivokationen des Phänomen-
begriffs in der Beilage im Anschluß an die 6. LU bspw. geht nur so
weit, wie sie durch die Diskussion der traditionellen Problematik in-
nerer und äußerer Wahrnehmung motiviert ist. Schon in dieser Beila-

12
Ebd., S. 331
13
Ebd., S. 333
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 217

ge hob sich eine vierte Aquivokation ab, die Husserl nicht als solche
kennzeichnet, obwohl sie für seinen Ansatz von entscheidender Be-
deutung ist.14 Ähnliches gilt für diejenigen Äquivokationen des Phä-
nomenbegriffs, welche sich in den intentionalen Erlebnisanalysen vor
allem der 5. LU ergeben.
Um eine Zuordnung der expliziten oder impliziten Phänomenäqui-
vokationen der >Logischen Untersuchungen zu denjenigen Finks brau-
chen wir uns nicht im Einzelnen bemühen. Immerhin läßt sich noch
die vierte von Fink unterschiedene Phänomenbedeutung als Aktmate-
rie auffassen, die fünfte hingegen, obwohl sie ansonsten der vierten
gleicht, erfährt eine methodische Behandlung und allgemeine Aufwer-
tung, die sich so noch nicht in Husserls phänomenologischem Durch-
bruchswerk15 findet.
Nicht die internen Bedeutungsunterschiede des Phänomenbegriffs,
etwa zwischen dem Ding als sich Zeigenden und dem Gegenstand als
Korrelat einer Vorstellung, stellen für Fink das Hauptproblem dar, son-
dern daß sich „auch mehrere Denk-Ebenen"16 des Phänomens unter-
scheiden lassen. Damit meint Fink nichts anderes als die Einnahme
einer reflexiven oder transzendentalen Einstellung gegenüber der na-
türlichen Einstellung, die als grundlegender methodischer Schritt der
Phänomenologie allererst ihren Forschungsbereich eröffnet.
Indem Fink den Begriff des Phänomens im Zusammenhang mit
methodischen Einstellungsunterschieden betrachtet, stellt er die Ver-

14
Siehe weiter oben S. 149.
" Im >Vorwort zur zweiten Auflage< schreibt Husserl: „Die >Logischen Untersuchen<
waren für mich ein Werk des Durchbruchs, und somit nicht ein Ende, sondern ein
Anfang." (XVIII, 8 (B VIII)) Vgl. dazu auch E. Holenstein, a.a.O., S. XIII f. In ei-
ner, gerade für die Beschreibungsthematik, methodisch wichtigen Fußnote spricht
Husserl in der zweiten Auflage ebenso die notwendigen Erweiterungen der in der
5. LU „zum Durchbruch kommenden Problemsphären" (XIX/1, 411 (B 397)) an.
Vgl. hierzu U. Panzer, Einleitung der Herausgeberin. In: Husserliana, Bd. XIX/1,
a.a.O., XIX-LXV, S. LIV f. Zum „Durchbruch" kam Husserl zufolge in den l o g i -
schen Untersuchungen die Betrachtung des Gegenstandes im Verhältnis zu seiner
Gegebenheitsweise und damit die Idee dessen, was er später als Korrelationsapriori
auffaßte und in engsten Zusammenhang zur Methode der Reduktion brachte (vgl.
Husserliana, Bd. VI, a.a.O., S. 169 f.). Zu den sich in der Durchbruchsmetapher
aussprechenden psychologischen Motiven von Husserls Forschungstrieb siehe M.
Sommer, a.a.O., S. 164 f. - Mit den >Logischen Untersuchungen< gelang Husserl
nicht nur wissenschaftlich der Durchbruch, sondern auch akademisch. Im Septem-
ber 1901 wurde er als außerordentlicher Professor an die Universität Göttingen be-
rufen. Daß er damit noch nicht am Ziel seiner Wünsche war, vielmehr der außer-
ordentliche Charakter der Professur sein Ansehen unter den Kollegen schmälerte,
dazu siehe D. Münch, Edmund Husserl und die Würzburger Schule. a.a.O., S. 106,
der sich hierbei u.a. auf den weiter oben angeführten Bericht Edith Steins stützt.
16
E. Fink, a.a.O., S. 331.
218 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

bindung zu dem vorrangigen Spannungsfeld des thematischen Be-


griffs der transzendentalen Subjektivität her. Wenn Husserl in den
>Logischen Untersuchungen auch noch nicht den transzendentalen
Standpunkt der Phänomenologie einnimmt, so kann in der ersten Auf-
lage doch die Reflexionsebene als eigene, besondere Denk-Ebene an-
gesehen und die Problematik der transzendentalen Subjektivität, auf
die es Fink ankommt, in einem Vorstadium betrachtet werden.
Finks Augenmerk auf die begrifflichen Sinn- und Horizontverwand-
lungen, die zwangsläufig zwischen verschiedenen Denk-Ebenen statt-
finden, läuft auf eine radikale Kritik der phänomenologischen Sprache
hinaus. Wie kann im Rahmen einer transzendental-konstitutiven Fra-
gestellung phänomenologische Deskription in der herkömmlichen
Sprache vollzogen werden? Die Probleme, die durch den Begriffsge-
brauch auf unterschiedlichen Denk-Ebenen entstehen, lassen sich
durch Äquivokationsanalysen nicht ausräumen. Solche Analysen prä-
zisieren allenfalls den Sinn der Wörter und Begriffe, um sie den theo-
retischen Bedürfnissen anzupassen.
Nicht lediglich die internen Bedeutungsunterschiede eines Begriffs
werden von einem Einstellungswandel betroffen, sondern der Begriff
insgesamt. Durch die phänomenologische Thematisierung der natürli-
chen Einstellung aus der Perspektive der konstitutiven oder transzen-
dentalen Subjektivität vollzieht sich ein radikaler Ebenenwechsel.
Der Phänomenbegriff und andere Hauptbegriffe überschreiten dabei
den Horizont ihres angestammten Sinns. Für Fink stellt sich dadurch
allgemein „das Problem einer »transzendentalen Sprache«"17
Weil der Phänomenologe, abgesehen von einer Reihe terminologi-
scher Bestimmungen, keine andere Sprache als die natürliche hat, um
auf die spezielle Einstellung seiner Rede hinzuweisen, kann er sich
kaum anders als mit „beständigen Anführungszeichen"18 behelfen. Das
Sprachproblem ist für die Phänomenologie in reflexiver oder in trans-
zendentaler Einstellung weitgehend dasselbe. Da es nur eine Sprache
gibt, ist das Problem einer »transzendentalen Sprache« gerade, daß es
so eine Sprache genausowenig gibt wie eine reflexive Sprache. Es
gibt nur verschiedene Einstellungen und das Problem, diese Einstel-
lung sprachlich zur Geltung zu bringen. Mit diesem Einstellungs- als
Sprachproblem hatte sich Husserl in der >Einleitung< zum zweiten Teil

17
Ebd., S. 335. Vgl. hierzu auch weiter oben S. 50 f.
18
E. Husserl, Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Husserliana, Bd. 1,
Den Haag 1950, S. 129. Siehe auch Husserliana, Bd. XXVII, a.a.O., S. 153. M.
Sommer, a.a.O., 62 f., hat gezeigt, daß sich solchen konstitutiven Sprachschwie-
rigkeiten nicht erst Husserl, sondern schon der frühe Positivismus, insbesondere
der Empiriokritizist Avenarius gegenübersah.
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 219

der >Logischen Untersuchungen auseinandergesetzt.19 Seine Bemer-


kungen zur Darstellung und Übermittlung der reflexiven Einsichten
lassen sich auf Einsichten in der transzendentalen Einstellung über-
tragen. Insofern ist Finks Vorwurf: „der Zusammenhang von trans-
cendental-phänomenologischem Seinsverständnis und Sprache bleibt
im Dunkel"20, nur teilweise berechtigt.21
Die Ansätze zu einer grundsätzlichen Sprachkritik, die sich bei Hus-
serl vor wie nach den >Logischen Untersuchungen finden, zeichnen
sich in der Regel durch eine negative Einschätzung des Vermögens
der Sprache aus, den wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen.22
Daß es charakteristisch sei „für Husserls zunächst bloß rein-logischen
Zwecken dienende - negativ kritische - Sprachbetrachtung, daß dabei
doch mehr und mehr die Sprache positiv zur Geltung kommt", wird
nur unzureichend dadurch bewiesen, daß Husserl die „Unvermeidlich-
keit des sprachlichen Ausdrucks"" an verschiedener Stelle anerkannte.

19
Siehe weiter oben S. 119 ff.
20
E. Fink, a.a.O., S. 336.
21
A. I hiari.lt (Husserl in Rußland Phänomenologie der Sprache und der Kunst bei
Gustav Spet und Aleksej Losev. München 1992, S. 37) weist daraufhin, daß Spra-
che und Beschreibung Thema der Phänomenologie Husserls sind einerseits in
mehr oder weniger deutlicher hermeneutischer Hinsicht auf die Vieldeutigkeit der
Begriffe, andererseits angesichts der für phänomenologische Wesensbeschreibun-
gen bestehenden Gefahr, „im Horizont der natürlichen Einstellung bzw. im Lichte
traditioneller Denkgewohnheiten umgedeutet zu werden, so daß die von ihm origi-
när erschauten und in der Beschreibung eigentlich gemeinten Strukturen gar nicht
in den Blick des Rezipienten gelangen. So erscheint Sprache in Husserls Schriften
zwischen 1900 und 1913 nicht nur als Thema eines Spezialbereiches der Phäno-
menologie - wie in den >Logischen Untersuchungen - sondern auch als Aus-
gangspunkt und begriffliches Medium aller phänomenologischer Beschreibungen,
welches der Phänomenologe in der Reflexion auf seine Ausdrucksmittel thema-
tisch macht." Mit dieser Schlußfolgerung stimmen wir aus zwei Gründen nicht
überein. Erstens wird Sprache schon in den »Logischen Untersuchungen in beiden
Hinsichten thematisiert. Zweitens ist Fink in seiner Einschätzung zuzustimmen,
daß das Sprach- als Einstellungsproblem stets unterbelichtet bleibt. Was neben ei-
ner phänomenologischen Sprach- im besonderen eine phänomenologische Beschrei-
bungstheorie angeht, so sind in den >Ideen I< zwar einige Paragraphen (Husserlia-
na, Bd. HI/1, a.a.O., §§ 71 ff.) dem »Problem der Möglichkeit einer deskriptiven
Eidetik< gewidmet. Die Probleme, v.a. im Verhältnis von beschreibenden und er-
klärenden Wissenschaften, werden darin aber lediglich aufgeworfen, ihre eigentli-
che Klärung indessen aufgeschoben. Auch in den durch die Husserliana zugänglich
gemachten nachgelassenen Texten finden sich Bemerkungen zur Begründung der
Möglichkeit phänomenologischer Beschreibung einerseits, ihrer Handhabung an-
dererseits nur verstreut (z.B. Husserliana, Bd. XXDC, a.a.O., S. 22 f.).
22
Vgl. hierzu weiter oben sowohl S. 105 f., als auch die Kritik an Husserls Konzept
des Ausdrucksgebrauchs im „einsamen Seelenleben" S. 159, Fußnote 3.
23
E. W. Orth, Zur Phänomenologie des philosophischen Textes. a.a.O., S. 15 f. Er-
hellend ist jedoch Orths Erläuterung zu der Bemerkung Husserls, wir könnten nach
220 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

An Husserls Einschätzung des Vermögens der Sprache ändert sich


nur wenig dadurch, daß er „in seiner Spätphilosophie [...] den Fragen
der literarischen Verarbeitung und Dokumentation des Denkens und
der Wissenschaften Untersuchungsansätze widmet" und den Wert
von »Sinnauslegungen« „selbst für die engere logische Forschung"
anerkennt.24 Indem Husserl das Sprachproblem lediglich als eines der
literarischen Verarbeitung und Dokumentation des Denkens stellt,
schleppt er den ganzen Sack metaphysischer Aporien mit, die von
Beginn an aus der Gegenüberstellung von Evidenz und Ausdruck,
Erkenntnis und Sprache erwachsen. Schon in den >Logischen Unter-
suchungen heißt es in genau diesem Ton:
Alle theoretische Forschung, obschon sie sich keineswegs bloß in aus-
drücklichen Akten oder gar in kompletten Aussagen bewegt, terminiert
doch zuletzt in Aussagen. Nur in dieser Form wird die Wahrheit und
speziell die Theorie zum bleibenden Besitztum der Wissenschaft, sie
wird zum urkundlich verzeichneten und allzeit verfügbaren Schatz des
Wissens und des weiterstrebenden Forschens. (XIX/1, 7)
Bezeichnenderweise läuft die Thematisierung der phänomenologischen
Einstellung, bzw. der transzendentalen Denkebene bei Husserl in der
>Einleitung< und, entschieden deutlicher, bei Fink auf das Problem
der phänomenologischen Sprache hinaus. Ergibt sich aus dem Wech-
sel von der natürlichen zur transzendental-subjektiven Einstellung für
Fink eine prinzipielle Verschattung der Begriffe der Phänomenologie,
so ist der transzendentale Begriffsgebrauch um so schwerer aufzuklä-
ren, als die Sprache auf die natürliche Einstellung eingeschworen
bleibt. Da sich die transzendentale Einstellung sprachlich kaum stabi-
lisieren läßt, erweist sich das phänomenologische Einstellungspro-
blem tatsächlich genauso als Sprachproblem. Alle Sprachprobleme sind
aber in der Phänomenologie Beschreibungsprobleme. Es ist also gar
nicht die Frage, ob auch Beschreibung als ein operativer Begriff aufge-
faßt werden kann. Finks Problematisierung steuert vielmehr konse-
quent auf den Beschreibungsbegriff zu.
Erstaunlicherweise fuhrt Fink jedoch den Beschreibungsbegriff
nicht als Beispiel eines operativen Begriffs an. Das hat zweifellos da-

der Reduktion „ruhig fortfahren [...] als natürliche Menschen zu sprechen" (Hus-
serliana, Bd. III, a.a.O., S. 137): „Husserl will die unvermeidliche sprachliche Ver-
arbeitung, die eine noematische Intentionalitat ist (d.h. eine Fassung mittels so
oder so konstituierter Ausdrücke als Medien), lediglich nicht voreilig auf bestimm-
te etablierte Formen der Ausdrücklichkeit festlegen, sondern bis in den Ursprung
der beschreibenden und erkennenden Aktivität zurück" verfolgen (E. W. Orth, Zur
Phänomenologie des philosophischen Textes. a.a.O., S. 17).
24
Ebd.,S. 19.
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 221

mit zu tun, daß er wie Husserl vom Primat der selbstgegebenen Sache,
dem Phänomen in seiner phänomenologisch maßgeblichen Bedeutung
ausgeht und aus einer Äquivokation des Phänomenbegriffs die Mög-
lichkeit der phänomenologischen Methode entfaltet. Es muß aber auch
als eine Seite derjenigen Sprachvergessenheit angesehen werden, die
Fink selbst Husserl vorwirft. Insofern ist die Vernachlässigung des Be-
schreibungsbegriffs, der nicht bloß ein Begriff unter anderen phäno-
menologisch wichtigen Begriffen ist, durchaus symptomatisch.
Beschreibung, als in der phänomenologischen Einstellung vielmehr
nur gebrauchter denn thematisch in seiner Möglichkeit aufgeklärter
Begriff, erweist sich bei Husserl wie bei Fink als der eigentliche ope-
rative Begriff. Phänomenologisch jeweils thematisch sind Phänomene,
operativ sind Beschreibungen. Als allgemeines phänomenologisches
Medium steht Beschreibung auch begrifflich im Schatten des Phäno-
mens. Zwar wird bei Fink deutlich, daß operative Schatten zwangs-
läufig aus dem phänomenologischen EinStellungswechsel entstehen,
der sprachlich kaum abgesichert werden kann. Daß gerade phänome-
nologische Beschreibung nur im Rahmen der reflexiven Einstellung
stattfindet und sich hier zuerst das Sprachproblem stellt, kommt bei
ihm jedoch nicht heraus. Wegen der gegenseitigen Verweisung von Be-
schreibung und Reflexion, d.h. von rein deskriptiver und reflexiver
Einstellung, kann der Beschreibungsbegriff als ausgezeichneter und er-
ster operativer Begriff in der Phänomenologie angesehen werden.
Daß Beschreibung der grundlegende operative Begriff der Phäno-
menologie ist, zeigt sich daran, daß der operative Schatten, den Fink
am transzendentalen Phänomenbegriff selbst aufweist, sich gerade dort
einstellt, wo der allgemeine Operator der Phänomenologie, die Be-
schreibung, versagt. Solange die Beschreibung ihre Aufgabe erfüllt
und sich sprachlich alle Äquivokationen eines Begriffs einholen las-
sen, hat die Phänomenologie die Höhe ihrer Einstellung noch gar
nicht erreicht.
Die Tragweite operativ-begrifflicher Schatten, die Fink in einem
Denken aufweist, führt auf eine allgemeine Äquivokation nicht bloß
einzelner Begriffe, sondern des ganzen begrifflichen Vokabulars ei-
nes Denkens. In diesem Sinn zeichnen Sprach- und Beschreibungs-
probleme die Phänomenologie tatsächlich aus, d.h. sie bezeichnen den
Ort, den diese sich erobert. Dort, wo mit der Sprache und Beschrei-
bung ihre ganze Einstellung prekär wird, ist die Phänomenologie erst
in ihrem Element. Hier findet sie ihre Phänomene. Gerade in diesem
reflexiven oder transzendentalen Bereich der Wesen ist sie gezwun-
gen, ihr Beschreibungsmedium zu thematisieren, um darüber allererst
zu ihrem jeweiligen Thema zu finden. Die Beschreibung ist nunmehr
222 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

an der phänomenologischen Einsicht selbst beteiligt. Als operativer


Begriff wird sie unausweichlich zum Thema der Phänomenologie.
Daß die Phänomenologie in ihrer radikalen Fragestellung nach den
Bedingungen der Weltkonstitution gerade auf die konstitutive Rolle
der Sprache stößt, wird bei Fink hinlänglich deutlich.25 Daß sich die
Problematik der Phänomenologie selbst aus der Sprachfragestellung er-
gibt und von dort her entfaltet werden muß, läßt sich bei Fink immer-
hin ahnen. Berechtigterweise wirft er Husserl vor, dieser Fragestellung
viel zu fern zu stehen. Bei Husserl bleiben Sprache und Beschreibung
die längste Zeit ein bloßes Medium der phänomenologischen Erkennt-
nis. Sie kommen gegenüber der phänomenologisch geübten Einstel-
lung aus ihrer subalternen Stellung kaum heraus. Demgegenüber käme
es aber darauf an, in der phänomenologischen Meditation, in der phi-
losophischen Reflexion auf die Bedingungen unseres Welt- und Selbst-
verständnisses die Beschreibung selbst als Experiment aufzufassen.
Zur phänomenologischen Einsicht gehört immer auch das Experi-
ment der Sprache. Beschreibungen leisten hier Pionierarbeit.26 Sie
machen in dem transzendental-reflexiven Grenzgebiet der Erfahrung
den Weg zu den Sachen selbst gangbar durch wörtliche Absicherung
der intuitiven Leuchtspur blitzhafter Erkenntnis. Husserl legte den
Gang zu den Sachen selbst als Einbahnstraße des Gedankens an.
Doch Beschreibungen sichern nicht lediglich den Rückweg zur Spra-
che ab.27 Sie bilden nicht bloß die Nachhut des Denkens, sondern ge-
hören wesentlich zur Vorhut phänomenologischer Erkenntnis.

Ebenso legt Orth (Das Phänomen der Sprache..., a.a.O., S. 11) nahe, „das Phäno-
men der Sprache in einem ganz eminenten Sinne als ein Phänomen der Phänome-
nologie zu reklamieren", Sprache „als Inbegriff von Tatsachen und Tatbeständen"
und gleichzeitig als „Medium und Instanz der Sinngebung, Ort von Evidenzen und
Vollzug der Intentionalität." Er verweist darauf, daß in diesem Sinn „bereits Sche-
ler von dem Wort als Urphänomen, als »Erlebnisübergang«, »als Anfangs- und
Endpunkt einer intentionalen Bewegung«" (Die Idee des Menschen. GW, Bd. III,
Bern 19725, S. 180) spricht. Orth warnt jedoch davor, nunmehr die Sprache anstel-
le des Bewußtseins zur „Zentralinstanz" der Weltkonstitution zu machen (Das Phä-
nomen der Sprache.., a.a.O., S. 19).
Bemet, Kern und Marbach (a.a.O., S. 104) machen auf die letzten Dinge aufmerk-
sam, die die Phänomenologie entdeckt: das Jetzt des Flusses, die absolute Subjek-
tivität, der Urquellpunkt des Erlebens: „Für all das haben wir keine Namen", heißt
es bei Husserl (Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins (1893-1917).
Husserliana, Bd. X, Den Haag 1969, S. 371). Vgl. hierzu auch M. Sommer, a.a.O.,
S. 234 f., für den sich aus den phänomenologischen Schwierigkeiten, das ursprüng-
lich Geschaute „dem beschreibenden Blick zugänglich zu machen", der Gang ins
Gleichnishafte ergibt.
Siehe A. Haardts Vortragstitel >Von den bloßen Worten zu den Sachen selbst -
und wieder zurück< (a.a.O.).
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 223

Äquivokationen des Beschreibungsbegriffs

In den >Logischen Untersuchungen ist sowohl von Beschreibung als


auch von Deskription die Rede. Bevor wir daran gehen können, die
verschiedenen Gebrauchsweisen aufzuweisen, die der Beschreibungs-
begriff in den >Logischen Untersuchungen< findet, müssen wir über-
prüfen, ob beide Begriffe synonym verwendet werden. Indem wir die
lexikalischen Formen der beiden Wortfamilien von Beschreibung und
Deskription statistisch erfassen, können wir sowohl allgemeine gram-
matische Gebrauchsweisen bzw. schlichte syntaktische Regelmäßig-
keiten, als auch gewisse stilistische Vorzüge aufzeigen.
Wortformen des Verbs beschreiben, des Substantivs Beschreibung
sowie verwandte Wortbildungen und -kompositionen {Umschreibung,
das Unbeschreibliche, mitbeschreiben) kommen mehr als 50 mal in
der ersten Auflage der >Logischen Untersuchungen vor, Wortformen
des Substantivs Deskription und des Adjektivs deskriptiv hingegen
fast drei mal sooft. Im Rahmen der untersuchten Begrifflichkeit am
häufigsten gebraucht Husserl das Wort deskriptiv. Fast 140 mal taucht
es auf, meist als Attribut zu verschiedenen Substantiven (vor allem:
Unterschied, Analyse, Psychologie, Inhalt, Sachlage, Gehalt). Seine
Verwendungsweise ist so ubiquitär, daß dabei auch manche auf den
ersten Blick fragwürdige Wortverbindung entsteht, wie bspw. „deskrip-
tive Frage" (XIX/1, 69), die als deskriptive Frage- oder Aufgabenstel-
lung erklärt werden kann.
Zur Bezeichnung der deskriptiven Tätigkeit des Phänomenologen
gebraucht Husserl ausschließlich das Verb beschreiben. Er bedient
sich, obwohl er artifizielle und erudierte Wörter gerade für die eigene
Terminologie sonst nicht scheut, nicht des Verbs deskribieren. Dabei
hätte dieses Lehnwort in einem wissenschaftlichen Gebrauch noch zu
seiner Zeit weniger gelehrt geklungen als heutzutage.
Die Synonymie von Beschreibung und Deskription belegen zwei
Stellen, wo ganz im gleichen Sinn von „Analyse und Beschreibung"
(XIX/1, 398) und von , Analysen und Deskriptionen" (XIX/1, 440) die
Rede ist. Ein gewisser stilistischer Unterschied in der Verwendung
beider Begriffe ist jedoch insofern feststellbar, als der Deskriptions-
begriff ein terminologisch stärkeres Profil aufweist, d.h. von sich aus
eine stärkere terminologische Betonung zuläßt. Diese Nuance kann den
Vorzug erklären, den in stärker methodisch-technischen, bzw. termi-
nologischen Kontexten das Fremdwort bei Husserl genießt.28

In diesem Sinn spricht Husserl in den neu hinzukommenden Passagen der zweiten
Auflage der >Logischen Untersuchungen häufiger von Deskriptionen als von Be-
224 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Was den Gebrauch des Beschreibungsbegriffs angeht, so lassen sich


in den >Logischen Untersuchungen vier Äquivokationen unterschei-
den. Die Bedeutungen der Beschreibung zu beschreiben, wirft dabei
kein methodisches Problem auf. Wir wollen keine Phänomenologie
der Beschreibung treiben und das Wesen der Beschreibung im Rück-
gang auf gewisse Bewußtseinserlebnisse erschauen. Es sollen lediglich
die wichtigsten Gebrauchszusammenhänge des Begriffs herausgestellt
werden. Indem wir im Anschluß daran versuchen, den Beschreibungs-
begriff wiederum als Ganzes zu betrachten, werden die Äquivokatio-
nen nicht in der Einheit des Begriffs totalisiert. Der Sinn unserer Be-
griffs- als Äquivokationsanalyse besteht vielmehr darin, zu zeigen,
wie es in der Einheit und unter der Oberfläche des Begriffs arbeitet
und wie gerade dieses verdeckte, von Husserl selbst nicht im gering-
sten aufgeklärte Kräftespiel der Bedeutungen den Beschreibungsbe-
griff zu einem der fruchtbarsten Begriffe der Phänomenologie macht.
Eine erste Äquivokation der Beschreibung betrifft ihre semantische
Leistung im Rahmen von Äquivokationsanalysen. Beschreibung als
Begriffskritik durch Bedeutungsfixierung spielt sich im Vorfeld der
psychologischen oder phänomenologischen Begriffsfundierung ab, um
die es Husserl eigentlich geht. Sie bleibt in diesem Aufgabenbereich
weitgehend unterbestimmt. So ist es nicht verwunderlich, daß der Be-
schreibungsbegriff selbst keine konsequente Anwendung findet, son-
dern in der >Philosophie der Arithmetik< ebenso wie in den >Prolego-
mena< dabei vor allem von Begriffsumschreibung oder -fixierung die
Rede ist. Die erste Äquivokation ist begrifflich zu recht unscheinbar,
denn sie vollbringt lediglich die allgemeine sprachliche Leistung der
Benennung.
In einer zweiten Äquivokation gewinnt der Beschreibungsbegriff
phänomenologisch eine deutlichere Kontur über die Gegenstandsseite
der Beschreibung. Bei der Analyse arithmetischer, logischer oder er-
kenntnistheoretischer Begriffe verfolgt die Phänomenologie das Prin-
zip, auf die Sachen selbst zurückzugehen. Allen begrifflichen Unter-
scheidungen sollen in der speziellen phänomenologischen Einstellung
sachliche Unterschiede entsprechen. Als Bewußtseins- oder Erlebnis-
deskriptionen verschmilzt die Beschreibung hier tendenziell mit ih-
rem Gegenstand, einem bestimmten Bewußtseinsinhalt bzw. Erlebnis.

Schreibungen, gerade wo er sich um die Präzisierung seiner deskriptiven Methode,


als auch um die Absetzung der Phänomenologie von der deskriptiven Psychologie
bemüht. Auch bei den vereinzelten Verbesserungen, die Husserl in der zweiten
Auflage vornimmt, benutzt er zumeist das Wort Deskription. Damit wird die Syn-
onymie von Beschreibung und Deskription nicht aufgehoben, vielmehr das phä-
nomenologisch Methodische betont.
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 225

Wenn Husserl bspw. den Begriff der Bedeutung „nach dem psychi-
schen Charakter orientiert, welcher dem Ausdruck als solchem wesent-
lich ist und ihn im Bewußtsein, also deskriptiv, vom bloßen Wortlaut
unterscheidet" (XIX/1, 67), so deckt sich das im Bewußtsein vorfind-
liche mit dem Deskriptiven. Das Deskriptive steht hier viel mehr auf
Seiten des Bewußtseins als auf Seiten der Sprache. Indem es sich am
Inhaltlichen orientiert, zieht es doch die Sprache mit sich, ohne das
Husserl je aufklärte, wie genau das geschieht.
In ihrer Sachorientierung ist die Beschreibung bestrebt, der Sache
angemessenen Ausdruck zu verschaffen und den Ausdrucksbereich
durch Beschreibung zu erweitern. Die Beschreibung wird deswegen
nicht zu einer Sache, sondern die Sache zu etwas Deskriptivem. Diese
Angleichungstendenz wird deutlich in der Rede von deskriptiven
Sachlagen, Inhalten und Gehalten oder vom deskriptiv Gegebenen.
Von deskriptiven Sachen ist jedoch nie die Rede. So rückt auch die
Beschreibung nie ganz an die Stelle der Sache und deren intuitiver
Erfassung.
Durch Angemessenheit des Ausdrucks versucht die Beschreibung
dem Erlebnis so nah wie möglich zu kommen. Hierbei zeichnet sich
jedoch eine unüberwindliche Differenz zur Intuition ab. Ihre Angemes-
senheit, die niemals die Evidenz der Erkenntnis erreicht, steht durch
die entschiedene Bevorzugung der Intuition phänomenologisch im-
mer in Zweifel. Von den lebendigen inneren Erlebnissen und evidenten
Wahrnehmungsurteilen heißt es einerseits, sie lassen „sich ohne sprach-
lichen Ausdruck nicht vollziehen" (XIX/1, 8 (A 5)), andererseits, „sie
sind begrifflich nicht vollkommen faßbar und ausdrückbar, sie sind nur
in ihrer lebendigen, aber durch Worte nicht angemessen mitteilbaren
Intentionen evident." (XIX/1, 368) „Ob die Verbindung von Sprechen
und Denken [...] eine absolut notwendige ist oder nicht" (XIX/1, 7 f.
(A 5)) bleibt bei Husserl offen. Rückgang auf die Sachen selbst heißt
in erster Linie evidente Anschauung und erst in zweiter Linie Be-
schreibung solcher Sachen.29

Im »Vorwort zu zweiten Auflage< rechnet es Husserl den »Logischen Untersuchun-


gen zum Verdienst an, „daß sie sich selbst da, wo sie kritisch verfahren, nicht in
Standpunktserörterungen verlieren, vielmehr den Sachen selbst und der Arbeit an
ihnen das letzte Wort belassen." (XVIII, 9 (B X)) Mit Standpunktserörterungen
sind Interpretationen gemeint, die gerade nicht über ihren Standpunkt hinauskom-
men. Die Phänomenologie hingegen dringt bis zur Sache selbst vor. Wenn das
letzte Wort bei Husserl kein Wort mehr, sondern die Sache ist, so darf doch die
Arbeit an den Sachen, gerade wo von Worten die Rede ist, mit gutem Grund als
Beschreibung angesehen werden. Das letzte Wort der Sache wäre in der Phänome-
nologie schon das tatsächlich erste Wort der Beschreibung. - Sommer (a.a.O., S.
235) hat einige aporetische Konsequenzen des phänomenologischen Rückgangs
226 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Eine dritte Äquivokation der Beschreibung betrifft ihre analytische


Seite bzw. ihren Vollzugssinn. Die Beschreibung geht mit der phäno-
menologischen Analyse bspw. der Ausdrucks- und Bedeutungserleb-
nisse einher.30 Die analytische Bestimmung der Beschreibung herrscht
in den >Logischen Untersuchungen vor. Bezeichnenderweise ist im
Zusammenhang mit Beschreibung am häufigsten von deskriptiven
Unterschieden und am zweithäufigsten von deskriptiver Analyse die
Rede.31
Schon Dilthey hatte bei der grundlegenden Strukturuntersuchung
des Seelenlebens das beschreibende Verfahren der Psychologie mit
dem zergliedernden Verfahren verbunden. Husserl bezeichnet die Auf-
gabe der deskriptiven Analyse selbst gelegentlich als Zergliedern, öf-
ter als Auseinanderlegen. Bei der Aufklärung der Äquivokationen
von Sinn und Bedeutung bspw., bzw. sinn- oder bedeutungsloser
Ausdrücke, bemüht er sich, „die sich mengenden Begriffe" „genau
auseinander zu legen" (XIX/1, 59). Das genaue Auseinanderlegen
versteht Husserl ganz vorhermeneutisch als ein Sondern, Auseinan-
derhalten und Ordnen (XIX/1, 57) unterschiedlicher Sinnmomente.
Unter dem reellen oder phänomenologischen Inhalt eines Aktes verste-
hen wir den Gesamtinbegriffseiner, gleichgültig ob konkreten oder ab-
strakten Teile, mit anderen Worten, den Gesamtinbegriff der ihn reell
konstituierenden Teilerlebnisse. Solche Teile aufzuzeigen und zu be-
schreiben, ist die Aufgabe der rein deskriptiven psychologischen Ana-
lyse. Diese geht ja auch sonst und überhaupt darauf aus, die innerlich
wahrgenommenen Erlebnisse an und für sich, sowie sie in der Wahr-
nehmung reell gegeben sind, zu zergliedern, und zwar ohne Rücksicht
auf genetische Zusammenhänge, aber auch ohne Rücksicht auf das, was
sie außer sich selbst bedeuten und wofür sie gelten mögen. (XIX/1, 411
f. (A 374 f.))

auf die Sachen selbst aufgewiesen, denen sich Husserl gegenübersah: „Im Erlebnis
reinster Evidenz hat es »mit allem Aussagen ein Ende«. »Für all das haben wir
keine Namen«, klagt Husserl; »Man kann da nichts weiter sagen als: Siehe!« (Hus-
serliana, Bd. X, a.a.O., S. 342, 371, 374) Trost dafür, daß es ständig mißlingt,
»dem schauenden Auge das Wort zu lassen« - welch glückliche Formel! -, sucht
Husserl bei der Unaussagbarkeit mystischer Erfahrung: »Wir werden«, so endet
1907 die vierte Vorlesung, »in der Tat an die Rede der Mystiker erinnert, wenn sie
das intellektuelle Schauen ... beschreiben« (E. Husserl, Die Idee der
logie. Fünf Vorlesungen Husserliana, Bd. II, Den Haag 1973, S. 62)."
Vgl. hierzu weiter oben S. 164 f. und S. 211 f.
Die Verbindung des Beschreibungs- mit dem Analysebegriff, bzw. die Auffassung
der Beschreibung als Unterscheidung verweist auf Moltchanovs Bestimmung des
Bewußtseins und, davon abgeleitet, der Beschreibung als Unterscheidenserfahrung
(siehe oben S. 213).
DIE ARBEIT DER BESCHREIBUNG 227

Die phänomenologische Analyse geht auf die einfachsten Teile zu-


rück, die sich selbst weiter „nicht in eine Mehrheit von Teilen »aus-
einanderlegen«" lassen (XIX/1, 229). Mit dem Rückgang auf „ein
deskriptiv Letztes", das „sich nicht weiter definieren" läßt, hat bspw.
„die Phänomenologie der Bedeutung aber nicht ihr Ende erreicht, son-
dern hiermit fängt sie an." (XIX/1, 187 (A 181)). Die Beschreibung
konkreter Phänomene als letzter Tatsachen bezeichnete schon den Aus-
gangspunkt von Husserls vorphänomenologischer Grundlagendiskus-
sion der Arithmetik (XII, 22). Solche Beschreibungen sollten den selbst
undefinierbaren arithmetischen, logischen Grundbegriffen zumindest
eine psychologische Grundlage verschaffen.
Obwohl Husserl den Psychologismus nicht zuletzt seines eigenen
Fundierungsansatzes der Arithmetik in den >Prolegomena< auf schärf-
ste kritisiert, hält er an einer phänomenologisch gewandelten Auffas-
sung von Fundierung stets fest. In dem Maße, wie er Phänomenologie
immer stärker als Wesensanalyse begreift, verlieren die Bewußtseins-
und Erlebnisanalysen zwar ihren empirischen Charakter, sie gehen
aber weiterhin auf „schlichte, weiterer Beschreibung nicht fähige"
Teile (XIX/1, 169) aus.
Eine vierte Äquivokation der Beschreibung, die sich in den l o g i -
schen Untersuchungen allerdings nur geringe Geltung verschafft,
betrifft ihre interpretative Seite. Beschreibung gibt sich als Interpreta-
tion, Deutung oder Auslegung von Sachverhalten nur hinter dem
Rücken der Phänomenologie oder in einem unmaßgeblichen Sinn zu
erkennen. Vordergründig stellt Husserl sie in einen strikten Gegensatz
zu jeglicher Deutung. Der Rückgang auf die Sache selbst soll durch
alle Deutungsschichten hindurch auf ein ursprünglich und evident
Gegebenes führen.32 „Wo wir z.B. unser analysierendes Interesse statt
der erscheinenden Kugel vielmehr der Kugelerscheinung zuwenden
und an ihr Teile und Seiten unterscheiden und dabei von dem, was
uns die empfundenen Inhalte bedeuten, willkürlich absehen" (XIX/1,
203), da können evidente gleichermaßen als wirklich seiende Inhalte
beschrieben werden.
„Das Absehen von der Deutung" (XIX/, 203) geht mit dem phä-
nomenologischen EinStellungswechsel einher. Mag solches Absehen
und die dabei vollzogene Analyse auch „nicht überall gelingen", weil
sich hier die schon erörterten Schwierigkeiten der reflexiven Einstel-

lm >Vorwort zur zweiten Auflage< der >Logischen Untersuchungen< betont Hus-


serl. daß von der phänomenologischen Deskription „alle transzendierenden Deu-
tungen der immanenten Gegebenheiten [...] völlig ausgeschlossen bleiben" (XVIII,
13 (B XIII f.)).
230 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Haardt ist zuzustimmen, daß sich phänomenologische Beschreibung


zwischen Phänomenbeschreibung und Wortinterpretation bewegt, in-
sofern bei der Wortinterpretation stets auch die Sache geltend gemacht
wird, und insofern die Sachbeschreibung nicht ohne Wortinterpretati-
on auskommt. Dabei ist zu betonen, erstens, daß die Phänomen- bzw.
Sachbeschreibung (Aquivokation 2) in der Phänomenologie eindeutig
Vorrang genießt und die Wortinterpretation in deren Dienst steht,
zweitens, daß, wenn das Wort nicht selbst als Schelersches „Urphä-
nomen" behandelt wird, Interpretation nicht erst mit den Worten, son-
dern schon gegenüber den Sachen stattfindet, zumal, wenn „ihnen das
letzte Wort belassen" (XVIII, 9 (B X)) werden soll.
11. Zusammenfassung: Arbeit am Phänomen

In der Betrachtung des Husserlschen Frühwerks erweist sich die Ana-


lyse fundamentaler ErkenntnisbegrifTe durch die Beschreibung ihrer
konstitutiven Erlebnismomente, bzw. ihre deskriptive Fundierung, als
ein durchgängiges Motiv. Fundierung erscheint in der >Philosophie der
Arithmetik< noch in einer psychologischen Perspektive, doch es geht
dabei nicht mehr darum, kausal-genetische Zusammenhänge aufzu-
decken. Der Fundierungsbegriff bietet eben dazu von Beginn an eine
alternative Möglichkeit der Begründung.
Mit der Psychologismuskritik der >Prolegomena< werden die Be-
griffe und Ideen in ihrem ontologischen Status und in ihrer theoreti-
schen Geltung entschieden von empirisch-realen Erlebnissen getrennt,
deren fundierende Rolle untersucht wird. In den >Logischen Untersu-
chungen erfolgt mit der generellen Kritik an psychologischen Begrün-
dungsansätzen des logischen Denkens eine Abwendung von einem
psychologischen Fundierungsbegriff. Das Erlebnis wird in intentiona-
le Schichten auseinandergelegt und beschrieben. Phänomenologische
Arbeit am Phänomen ist, im Rahmen von Reflexion, exemplarische
Erlebnisanalyse und -beschreibung in Hinsicht auf Wesenseinsichten
aus den phänomenalen Strukturzusammenhängen.
Arbeit am Phänomen ist Arbeit am Erlebnis. Solange dem Erleb-
nisbegriff, der Rede von Denk- und Erkenntniserlebnissen oder von
adäquater Wahrnehmung der Sinn anhaftet, daß dem Erlebnis objek-
tiv etwas entspricht, wird er noch in einem naiven Sinn aufgefaßt.
Schon in den >Logischen Untersuchungen werden Erlebnisse als Be-
lege und Exempel für Wesensverhalte behandelt. Daraus hervor geht
später der Gedanke von der Fiktion als Lebenselement der Phäno-
menologie.' Das heißt, ob die Erlebnisse, die phänomenologisch be-
schrieben werden, Erlebnisse von sinnlichen Wahrnehmungen oder
von Fiktionen sind, ändert nichts an den deskriptiv-eidetischen Mög-
lichkeiten der Phänomenologie.
Die Beschreibung von Fiktionen bleibt Beschreibung. Im Zusam-
menhang mit der Fiktionalität entwickelt sich später auch der Gedanke
von der Variabilität der phänomenalen Grundlage phänomenologischer
Analyse und Beschreibung, der sich in der Theorie der eidetischen

Siehe weiter oben S. 42.


232 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Variation niederschlägt. Fiktion und Variation werden zu Instrumen-


ten der Arbeit an den Phänomenen mit dem Ziel der Wesensbeschrei-
bung.
Arbeit am Phänomen ist Arbeit an der Sprache. Dieser Seite der
phänomenologischen Arbeit wird Husserl nur zum Teil gerecht. Zwar
spielen begriffliche Erörterungen in seinem Denken von Beginn an
eine große Rolle. Wenn es bei Levinas heißt, „die große Entdeckung
Husserls war die Existenz der inexakten »Begriffe«"2, so fordern die-
se gerade die Phänomenologie mit ihrer Analyse- und Beschreibungs-
methode heraus. Hier, bei der Auflösung von Begriffsäquivokationen,
konnte sich die Phänomenologie in ihrem Rückgang auf die Sachen
selbst tatsächlich durch die Unterscheidung verschiedener Konstituti-
onsstufen und deren Strukturmomente beweisen.
Das Problem der Aquivokationen macht jedoch auf die Einseitig-
keit von Husserls Sprachdenken aufmerksam. Bei ihm scheint das
Denken mehr oder weniger notgedrungen auf die Sprache verwiesen
und Sprache in dieser Perspektive lediglich ein Kleid des Gedankens
zu sein, das ihm eine gewisse Festigkeit verleiht und ihn vermittelbar
macht. Daß die Vermittlung wesentlich und sogar grundlegend für
das Denken selbst ist, kommt bei Husserl kaum heraus. Sprache und
Vermittlung sind jeweils auf einen Raum der Interpretation angewie-
sen, den nicht zuletzt Aquivokationen bieten. Statt sie lediglich als
Behinderung strenger Wissenschaft zu betrachten, sollte die Arbeit an
der Sprache vielmehr positiv bewertet werden. Von der Sprache bleibt
Wissenschaft nicht nur in dem schlechten Sinn abhängig, daß sie ihre
strengen Begriffe gegenüber der Umgangssprache verteidigen muß.
Die Sprache verschafft der Wissenschaft einen Gutteil ihrer Arbeit.
Gerade die Phänomenologie lebt von dem Abstand, den sie als
Konstitutionsforschung zu den natürlichen Lebensvollzügen und zur
natürlichen Sprache schafft und deskriptiv-explikativ zu füllen hat.
Der Abstand muß aber gerade auch sprachlich in irgendeiner Weise
kenntlich und so bestenfalls fruchtbar gemacht werden. In einem ge-
mäßigten Selbstverständnis würde phänomenologische Begriffsanaly-
se nicht länger darin bestehen, Aquivokationen auszumerzen, sondern
das Bedeutungsfeld der Aquivokationen der natürlichen Sprache so
auszuspannen, daß dabei selbst die Kluft der Einstellungen bezeichnet
wird.
Die Äquivokation ist das Dilemma der Sprache, in dem diese sich
gleichsam sich selber entzieht. Aber dieser Entzug ist zugleich das Ins-
Spiel-bringen der Sprache selber; denn sie zwingt auf diese Weise zur

2
E. Levinas, a.a.O., S. 109
ZUSAMMENFASSUNG: ARBEIT AM PHÄNOMEN 233

Reflexion. Indem sie das tut, läßt sie ihr eigenes Wesen, sofern es re-
flektiv ist, hervorkommen. [...] Die Äquivokation ist damit nichts ande-
res als die Selbstenthüllung der Sprache. Diese Selbstenthüllung erweist
sich allerdings selber als Äquivokation. Die Sprache als Sprache ist die
universale und umfassende Äquivokation überhaupt. Mit anderen Wor-
ten besagt das, daß die Sprache notwendig als äquivokes Feld, als die
Dynamik und Statik des Äquivoken selbst geschieht.3
Offenbart sich schon bei gewöhnlichen, vereinzelten Aquivokationen
das enge Sprachverständnis Husserls, so erst recht, wenn in der phä-
nomenologischen Einstellung der Begriffsgebrauch systematisch äqui-
vok wird. Zwar geht Husserl auf das Einstellungs- als Sprachproblem
ein und erkennt die hier entstehenden systematischen Schwierigkeiten
zumindest als Umständlichkeiten der Darstellung und Übermittlung,
d.h. der Beschreibung der phänomenologischen Einsichten an. Er
steht diesem Problem aber weitgehend hilflos gegenüber. Weder weiß
er es methodisch einzuholen, noch es fruchtbar zu machen in dem
Sinn, daß mit dem Rückgang auf die Sache selbst ein Rückgang auf
die Sprache einhergeht, so daß der Sache stets noch etwas ent-spricht.
Das Unvermögen der Phänomenologie, ihrer eigenen radikalen Ein-
stellung sprachtheoretisch gerecht zu werden, erweist sich gerade an
der Vernachlässigung, die die Beschreibungsmethode erfährt. Dabei
heben die phänomenologischen Beschreibungen die unzureichende
Sprachtheorie der Phänomenologie praktisch auf. Beschreibung, als
der eigentliche operative Begriff der Phänomenologie, vermittelt be-
ständig zwischen natürlicher und phänomenologischer Einstellung. Sie
versucht, die von der Intuition ausgestellten Wechsel auf Wesenser-
kenntnis einzulösen, gerade indem sie sie sprachlich ummünzt. Phä-
nomenologie zahlt sich allererst in dieser deskriptiven Münze aus.
Beschreibungen sind das Kleingeld der Phänomenologie.

3
H. Hülsmann, a.a.O., S. 156 f.
Sachregister

Alltagssprache llf, 15, 21-28, Fixierung 26, 37, 85, 93, 103-
50f, 59f, 138-140, 144 109, 126, 158, 196,214,224
Äquivokation 69, 76-79, 93, Fundierung 40, 46, 69, 74f, 81,
103-106, 123, 125, 131, 144- 100, 124, 127f, 181-205,212,
158, 161, 165f, 170, 177, 183, 224,227,231
192,201,208,216-233 Gegebenheit 9, 31, 56, 59, 61f,
Auseinanderlegen 52, 201, 207, 78, 87, 98, 106, HOf, 185,
226-231 207-211,227
Auslegung 11, 15, 29, 46, 52, -sweise 58,60, 141, 162,217
61f, 88, 95, 121, 141, 216, Geltung 18, 53-56, 72, 98-105,
220,227,229 179f, 231
Benennung 15,224,229 Genauigkeit 49, 54, 61, 65, 72f,
Beobachtung 15, 17,42,88, 136 78,92f, 106, 125,226
Bild, Abbildung 16-18, 23, 58, Gestik 14, 158
61, 89f, 131, 136, 148, 164, Hermeneutik 11, 32, 49, 52, 62,
166,174, 183-187, 205f 75, 181, 194, 214, 219, 226,
Daten 23, 76f, 153, 187 228
Definition 76-78, 94f, 104, 173, Ideation 95-100, 104, 172, 178,
227 181, 198,200,203
Deutung 56, 76-79, 95, 102, Identifizierung 13, 102, 171,
138, 148, 153f, 199, 207,212, 197,205
227f Inbegriff 70-77, 81, 97, 168,
Diskurs 33f, 47, 50-58 191,206,222
Einstellung 35, 42, 47-51, 55f, Interpretation lOf, 30, 52, 56,
65, 106, 111, 115-125, 130, 61-65, 105, 145, 177, 194,
21 lf, 216-233 212,225-232
Epoche, Reduktion 42-58, 99, InterSubjektivität 34, 48, 113,
102, 109, 117f, 146, 154, 181, 160
205,214-217,220 Intuition 15f, 35, 48-52, 62,
Erklärung 10, 16-24, 29f, 37-40, 107, 112, 120, 134, 177, 181f,
71, 78, 90-92, 110, 192, 207, 189, 193, 200-211, 222, 225,
213 233
Evidenz 35-49, 54-62, 85, 87, Kategorie 38, 69, 74f, 85, 95,
92-97, 101-104, 108, 118- 103, 120, 173, 191,201-207
124, 128, 141-145, 150-154, Kausalität 17,37-41,77,81,86,
170, 193,202, 209f, 220-227 128,186,212,231
Exaktheit 36,92-95, 103, 170 Klassifikation 37f, 74, 137
Explikation 49, 53, 62, 232 Klischee 21 f
Figur 14, 28, 164 Kommunikation 10, 13f, 54-62,
119, 123, 159-163, 177, 179
236 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Konstitution 10, 33f, 46f, 56-58, Sprachtheorie 48,233


149, 176, 181, 191,207,215, Struktur 37-42, 49, 120, 162-
222, 228, 232 165, 176, 185,201,212,219,
Lebenswelt 10, 46-48, 60, 110, 231
117, 121, 133, 139 -analyse 53, 162, 164, 185,
Mentalismus 13, 54f, 174, 177, 201
206, 209 Subjektivität 33, 72, 214-218,
Metaphysik 38, 45, 48-51, 63, 222
68, 84, 113, 115, 142, 154, Symbol 70, 75, 79-81, 101, 163,
159f, 179,220 166, 182, 184, 189,200-205
Mimesis 14, 95, 107, 208f Tatsache 17, 40, 42, 71f, 86-
Name 15, 19f, 28-32, 66, 73, 100, 112, 128, 157, 169, 183,
76-79,82, 172,178, 182, 188, 222, 227
222, 226 Übersetzung 10, 12, 49, 59, 210
Objektivität 24, 33, 119f, 161, Umschreibung 74-78, 93, 103,
168 120, 171,223,229
Ontologie 14,45,48, 113, 181 f, Umständlichkeit 24, 106, 121,
231 125,171,211,233
operativ 57-59, 208, 213-216, Unbeschreiblichkeit 9, 27, 223
220f, 233 Unmittelbarkeit 9, 40, 42, 50,
Optik 10, 26, 60f, 136 58, 65, 76, 107, 157, 160,
Ordnung 14, 18,26,29,75, 105, 167, 172f, 186, 199,210
114f, 156, 165,203,226 Ursprung 46, 73, 84, 98, 103f,
Positivismus 39f, 53,218 153, 157, 183,204,220
Pragmatik 58,78, 106, 179 Vagheit 74, 77, 93, 122, 136,
Sache 13, 19-25, 31 f, 73, 75, 88, 170,228
90, 97, 109, 111, 115, 119, Variation 55, 75, 97, 99, 173,
124, 127, 155f, 225-233 232
S. selbst 30f, 35, 44, 47, 65f, Vermittlung 10, 24, 92, 119,
80,88, 109, 111, 115, 126- 160,206,232
129, 155, 167, 181, 191, Verstehen lOf, 19f, 26, 32, 39-
207,209,221-233 41, 45, 52, 65, 73-78, 114,
Sachlage 157, 166, 172, 209, 144, 175, 188,214,228
210-212,223,225 Vorsprachlichkeit 10, 160, 175-
Sachlichkeit 16-19, 50, 88, 90, 178, 209
177,224 Wahrheit 22, 42, 53-57, 86, 91,
Schein 9,28, 105, 112 95-103, 162,202,206,220
unscheinbar 59, 177,224 Wesensschau 50, 75, 99, 173,
Schrift 13f, 51, 59,61,66, 160, 198
163, 166 Wunder 12, 18-25
Vor- 49, 59 Zeigen 12f, 61, 71, 113, 160,
Sprachanalyse 53-58, 63, 75, 217
108, 113, 122f, 174f, 197,206 Zergliederung 38f, 226
Sprachkritik 37, 123, 176,219
Sprachphanomenologie 49, 194,
208
Namensregister

Adorno, Th. W. 47, 63f, 97, Hacker, P. M. S. 91


112,116f Hamann, J. G. 10
Aguirre, A. F. 52 Hedwig, K. 36-38
Althusser, L. 61 Hegel, G. W. F. 28,50, 175
Aristoteles 36, 38, 43, 106, 123, Heidegger, M. 13,64, 118, 133,
148, 182 214
Aron, R. 60 Herzog, M. 35
Asemissen, H. U. 154 Höfliger, J.-Cl. 50
Avenarius, R. 218 Holenstein, E. 128,217
Balibar, E. 61 Hopkins, B.C. 59, 133
Beauvoir, S. de 60 Hülsmann, H. 119, 122,233
Benjamin, W. 66 Hume, D. 131, 182
Bergson, H. 35 Ineichen, H. 143, 177
Berkeley, G. 172f, 182 Ingarden, R. 49, 120
Bernet, R. 98, 124, 130, 132, James, W. 34f, 181
153, 159,222 Janich, P. 33
Bieri, P. 113 Jansen, P. 97, 111, 131, 165
Bobrowski, J. 21-23 Jonas, H. 107
Brentano, F. 32-48, 70, 74, 79- Kaiser-El-Safti, M. 38
85, 111-113, 126f, 139, 142- Kant, I. 12, 42, 47, 68, 72, 84,
145, 150-155, 175, 194, 202, 111, 123, 175
212 Kaulbach, F. 14,45
Cristin, R. 118 Kern, I. 98, 124, 130, 132, 153,
Delius, H. 52 159,222
Depraz,N. 130 Kienzier, W. 72, 147, 150
Derrida,J. 50f, 65, 130, 159f Kierkegaard, S. 214
Descartes, R. 47, 53, 139-145, Kokot,F. 24
152-155, 176, 180 Kopernikus 29
Dilthey, W. 32-41, 46, 48, 52, Kraus, O. 36f
212,226 Künne, W. 130, 148
Fichte, J. G. 111 Kuypers, K. 40-47, 58f
Fink, E. 50, 117f, 213-222 KyungCho, K. 214
Follesdal.D. 174, 197 Leibniz,G. W. 53,64,214
Frege, G. 75f, 79, 85 Levinas, E. 201,232
Gadamer, H.-G. 20, 64, 121, Lloyd, G. E. R. 29
129 Locke, J. 53, 57f, 123, 129, 139-
GerzJ. 13 146, 152, 155, 172f, 182
Granel, G. 33 Lotzes, H. 36,48
Haardt, A. 16,75,97, 109,219, Mach, E. 35
222,229f Mall.R.A. 45, 132, 146, 180f
Habermas, J. 34
238 PHÄNOMEN UND BESCHREIBUNG

Marbach, E. 98, 124, 130, 132, Rosen, K. 42,45,47,52


153, 159,222 Sartre, J.-P. 60, 136, 186,201
Marek, J. Chr. 37 Scheler, M. 64,222
Marx, K. 10,33 Schelling, F. W. J. 214
Melle, U. 99, 109, 126 Schnädelbach, H. 47, 52-58,
Merleau-Ponty, M. 214 123, 198
Messer, A. 112 Smith, A. M. 30
Mittelstraß, J. 29 Sodeika,T. 81
Möckel, Chr. 33 Soentgen, J. 60
Mohanty, J. N. 52 Soldati, G. 174, 197
Möhrlen, R. 24 Sommer, M. 85, 127, 217f, 222,
Moltchanov, V. 213,226 225
Müller, G. 15f Stein, E. 63, 83, 121, 217
Münch,D. 112f, 145,217 Stevens, R. 35
Netzer, G. 15 Ströker, E. 33,97, 111, 131, 165
Orth, E. W. 13, 36, 38, 42-45, Stumpf,C. 35,38, 112
48-52,81, 124, 146, 176,209, Sukale, M. 89, 91, 156, 159,
213,219,222 175, 178f
Panzer, U. 217,228 Szilasi, W. 154
Patzig, G. 102 Trappe, T. 80, 111, 175
Piaton 28f,47, 178, 182,214 Trendelenburg, F. A. 36, 48
Ptolomäus 29 Tugendhat, E. 174f, 197, 206
Quine, W. v. O. 91, 113, 175 Ulfig, A. 170
Reinach, A. 63 Wagner, N. 66
Rickert, H. 48 Weber, M. 18
Ricceur, P. 10 Wittgenstein, L. 78, 91, 148,
Riedl, J. 23 150
Rorty, R. 113 Wundt, W. 113
Ich danke meiner Frau Marita Tatari, mei
nen Eltern, Annerose & Werner Hofmann,

Professor Herbert Schnädelbach, Professor


Viktor Moltchanov, Dr. Christian Möckel,
Dr. Andreas Luckner, Dr. Dieter Münch
sowie meinen Freunden Steffen Herrmann,
Edward Kanterian und Thomas Weise.

D
^ Bayerische
Staatsbibliothek
München