Sie sind auf Seite 1von 1

Mittwoch, 6. Oktober 2010 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr.

231 / Seite 5
POLITIK
Mappus stoppt Abriss des Stuttgarter Hauptbahnhofs
Baden-Württembergs Ministerpräsident will mit „deutlichem Signal der Befriedung“ Projektgegner beruhigen – die restlichen Bauarbeiten gehen aber weiter
Von Dagmar Deckstein stimmung herbeizuführen zu lassen, lehn- ser habe durch den Polzeieinsatz „Blut se-
te der CDU-Politiker aber ab. Ein Gut- hen“ wollen, sich aber kurz darauf ent-
Stuttgart – Der baden-württembergi- achten zweier Verfassungrechtler (siehe schuldigt.
sche Ministerpräsident Stefan Mappus Bericht unten) habe ergeben, dass dieser Mit den Ausschreitungen am vergange-
(CDU) will die Wogen im immer erbitter- Weg zum Plebiszit nicht gangbar sei. nen Donnerstag wollte sich am Dienstag-
ter geführten Streit um das Bahnprojekt Trotz seiner anfänglichen Skepsis habe abend auch der Landtags-Innenaus-
Stuttgart 21 glätten und die weiteren Ab- er eine juristische Prüfung befürwortet. schuss in Stuttgart befassen. Zuvor hatte
riss- und Baumfällarbeiten am Haupt- Unterdessen haben die Gegner des die Polizei ihren massiven Einsatz im
bahnhof erst einmal stoppen. „Wir ste- Bahnprojekts damit begonnen, Unter- Schlossgarten damit gerechtfertigt, dass
hen an einem Punkt, da es nicht mehr so schriften zur Auflösung des baden-würt- die Beamten vom teilweise aggressiven
sehr um den Bahnhof geht, sondern um tembergischen Landtags zu sammeln. Widerstand der Demonstranten zum Ein-
Befriedung und darum, den Dialog zwi- „Für uns ist wichtig zu zeigen, dass die satz von Pfefferspray, Schlagstöcken
schen beiden Seiten zu befördern“, sagte Bürger handeln, wenn die Politik hand-
Mappus am Dienstag. So solle der Südflü- lungsunfähig ist“, erläuterte Fritz Mie-
gel des Bahnhofs vorerst nicht abgeris- lert, Sprecher der „Parkschützer“ im Ak- Der Polizeipräsident
tionsbündnis der Gegner. Zudem gehe es verteidigt den harten Einsatz
darum, die Regierung unter Ministerprä- seiner Beamten.
Das Aktionsbündnis will sident Mappus abzulösen. Bei der De-
die Auflösung des Landtags monstration am Montagabend seien
erzwingen. 2500 von zunächst 10 000 notwendigen und Wasserwerfern gezwungen gewesen
Unterschriften gesammelt worden. Da- seien. „Mit derartigen Blockaden haben
nach kann beim Innenministerium ein wir nicht gerechnet, und das gab es in
sen werden, die restlichen Bäume im „Antrag auf Einleitung eines Volksbegeh- Stuttgart bei unserer bewährten Deeska-
Schlosspark würden nicht vor nächstem rens zur Auflösung des Landtags“ einge- lationsstrategie auch noch nie“, sagte
Frühjahr fallen. Als generellen Baustopp reicht werden. der Stuttgarter Polizeipräsident Sieg-
wollte Mappus das nicht verstanden wis- Wie Mappus schlug auch Grü- fried Stumpf. Auch die Polizei sei sehr be-
sen, aber als „klares und deutliches Si- nen-Chef Cem Özdemir deutlich modera- troffen über die Eskalation und werde al-
gnal“ an die Projektgegner. tere Töne an als bisher und sieht im ange- les dafür tun, dass sich solche Bilder nie
Am Mittwoch will Mappus eine Regie- kündigten Teil-Stopp der Abrissarbeiten mehr zeigten. Stumpf wies Mutmaßun-
rungserklärung zu Stuttgart 21 abgeben, einen möglichen ersten Schritt zu Ge- gen zurück, dass das Stuttgarter Innemi-
für die er bereits „weitere starke Signa- Einen Baustopp, wie auf Plakaten vor Stuttgarts Hauptbahnhof gefordert, will die Landesregierung nicht erlassen. dpa sprächen. Jetzt sei eine Gelegenheit, nisterium oder die Staatskanzlei die Fä-
le“ und ein „Maßnahmenbündel“ ankün- „nicht einfach weiterzumachen in die Es- den beim Einsatz gezogen habe. „Mir hat
digte, mit der er für Deeskalation und Be- kalation, sondern die ausgestreckte noch nie jemand in die Polizeitaktik hin-
wegung der verhärteten Fronten sorgen ten verletzt wurden. Entschuldigen woll- Mappus, „aber dafür liegen mir bisher dass Menschen zu Schaden kommen. Das Hand zum Gespräch anzunehmen“, sag- eingeredet“, sagte Stumpf, „für den Ein-
will. Zu diesen hatte nicht zuletzt der te sich Mappus für diese Vorfälle, wie keine Hinweise vor.“ Er hege aber „tiefes gelte vor allem für die, die friedlich pro- te Özdemir. „Und dazu ist natürlich Vor- satz bin ich allein verantwortlich.“ Auf
massive Polizeieinsatz vom vergangenen von den Gegnern gefordert, jedoch nicht: Bedauern“ darüber, dass es zur Eskala- testieren, und für die Polizeibeamten. aussetzung, dass es zu einem Baustopp Videos vom Donnerstag zeigte die Poli-
Donnerstag im Schlosspark beigetragen, „Entschuldigen kann man sich nur, tion vor dem Fällen der ersten Bäume im Den Vorschlag der SPD, zur Befrie- kommt“, fügte er hinzu. Vor wenigen Ta- zei, wie Beamte zum Teil massiv angegrif-
bei dem mehrere hundert Demonstran- wenn man zuvor Fehler gemacht hat“, so Park gekommen sei. Niemand wolle, dung der Lage den Landtag eine Volksab- gen erst hatte er Mappus bezichtigt, die- fen wurden. (Seite 4)

Zweifel an Volksabstimmung
Verfassungsrechtler halten Referendum für unmöglich
Stuttgart – Eine Volksabstimmung über dig, sondern der Bund. Außerdem sehe
Stuttgart 21 ist laut einem Gutachten der die Landesverfassung ausdrücklich kei-
Verfassungsrechtler Paul Kirchhof und ne Volksabstimmung über Haushaltsge-
Klaus-Peter Dolde auf dem von der Land- setze vor, die aber durch die Finanzie-
tags-SPD vorgeschlagenen Weg nicht rungszusagen des Landes berührt wür-
möglich. Die Sozialdemokraten hatten den. Zudem sei eine Volksabstimmung,
angeregt, ein solches Referendum über der es nur darum gehe, den politischen
das umstrittene Bahnprojekt nach Arti- Willen der Landesregierung und der
kel 60 der Landesverfassung auf den Mehrheit des Landtags durch eine plebis-
Weg zu bringen. Danach sollte die zitäre Zustimmungsgeste bestätigen zu
schwarz-gelbe Regierungskoalition ein lassen, in der Verfassung nicht vorgese-
„Ausstiegsgesetz“ einbringen, das von hen. Es liege ja, so die beiden Gutachter,
der Mehrheit der Parlamentarier abge- gar kein richtiger, sondern nur ein fin-
lehnt werden müsste. Dann könnte das gierter Konflikt vor. „Es wäre verfas-
Gesetz dem Volk zur Abstimmung vorge- sungswidrig, wenn die Landesregierung
legt werden. den Entwurf eines Ausstiegsgesetzes ein-
Die beiden Verfassungsrechtler Kirch- bringt, der ihren erklärten politischen
hof und Dolde begutachteten den Vor- Zielen widerspricht“, so Dolde. Kirchhof
schlag im Auftrag der CDU/FDP-Lan- fügte hinzu: „Das ganze Unterfangen
desregierung und kommen zum Schluss, kann nur in einer Enttäuschung enden.“
dass ein Plebiszit auf diese Art nicht mög- Die SPD wehrte sich gegen diese Ein-
lich sei. Denn nicht das Land sei für den schätzung und verwies auf ein Gegengut-
Bau von Schienen und Bahnhöfen zustän- achten. dad

„Bürgerwillen missachtet“
Tübingens grüner OB Boris Palmer über Stuttgart 21
Tübingens Oberbürgermeister Boris Pal- SZ: Dem stehen Verträge gegenüber.
mer zählt zu den profiliertesten Politikern Palmer: Ein Ausstiegsgesetz wäre hö-
der Grünen in Baden-Württemberg. Der herrangiges Recht. Die Verträge hätten
38-Jährige kämpft bereits seit Jahren ge- keine weitere Gültigkeit mehr, weil sie
gen den Bau von Stuttgart 21. sehr schwach formuliert sind. In der ent-
scheidenden Passage steht lediglich, dass
SZ: Der Verfassungsrechtler Paul sich das Land bereit erklärt, die finanziel-
Kirchhof hält es für unzulässig, die Bür- le Beteiligung zu erbringen. Eine Ver-
ger über Stuttgart 21 abstimmen zu las- pflichtung oder eine Schadenersatzforde-
sen. Warum fordern Sie trotzdem weiter- rung sind nirgendwo definiert.
hin eine landesweite Volksabstimmung?
Boris Palmer: Herr Kirchhof hat nur SZ: Trotzdem muss Baden-Württem-
den von der SPD vorgeschlagenen Weg berg mit Schadenersatzforderungen rech-
zu einem Volksentscheid für unzulässig nen. Die Bahn spricht von bis zu 1,4 Mil-
erklärt – nämlich, dass die Regierung ein liarden Euro Kosten für den Ausstieg.
Gesetz einbringt, das sie dann selbst ab- Palmer: Nehmen wir diese Zahl ernst,
lehnt. Von der SPD beauftragte Verfas- dann sind darin auch 700 Millionen Euro
sungsrechtler sehen das anders. Entschei- enthalten, die Stuttgart von der Bahn we-
dend ist aber vielmehr die Frage, ob die gen eines Grundstücksgeschäfts zurück
erhalten würde. Das sind keine Ausstiegs-
kosten, hier wird das Geld nur von der
linken in die rechte Tasche gesteckt. Es
bleiben 700 Millionen Euro echte Kosten
übrig; das ist eine Milliarde weniger als
das Land Baden-Württemberg bisher für
das Projekt zugesagt hat. Selbst wenn
der komplette Schaden ersetzt werden
müsste, hätte Baden-Württemberg noch
eine Milliarde Euro übrig.

SZ: Wäre das nicht ein groteskes Ende


nach 15 Jahren Planung?
Palmer: So etwas kommt vor. Auch die
Wiederaufbereitungsanlage Wackers-
dorf und der Schnelle Brüter Kalkar wa-
ren milliardenteure Fehlinvestitionen,
weil man den Bürgerwillen missachtet
Der Tübinger Oberbürgermeister hat. Die Verantwortung dafür tragen
Boris Palmer. Foto: dpa nicht diejenigen, die den Bürgerwillen ar-
tikulieren, sondern diejenigen, die Pro-
Regierung überhaupt dazu bereit wäre, jekte initiieren, ohne Rücksicht auf die
das Volk abstimmen zu lassen. Bevölkerung zu nehmen.
SZ: Es gibt aber auch die Möglichkeit,
ein Volksbegehren einzuleiten. Dafür SZ: Bahn-Chef Grube befürchtet, dass
braucht man den Landtag nicht. kein Großprojekt mehr durchsetzbar
Palmer: Leider gab es in der Geschich- sein wird, wenn Stuttgart 21 scheitert.
te des Landes kein solches Volksbegeh- Palmer: Das Argument gehört zur Ka-
ren, weil die Hürde von einem Sechstel tegorie, wonach Stuttgart 21 angeblich
der Wahlberechtigten normalerweise der Grabstein für die repräsentative De-
viel zu hoch ist. In dieser besonderen Si- mokratie sei. Das Projekt wird in einer
tuation ist ein Volksbegehren aber die Weise überhöht, dass es mit einem Bahn-
letzte Hoffnung, wenn die Regierung an- hof nichts mehr zu tun hat. Natürlich
ders nicht zur Vernunft kommt. Ich will kann man weiterhin Großprojekte durch-
jedenfalls nicht, dass Menschen nur bei setzen, wenn sie gut begründet und in der
der Landtagswahl über Stuttgart 21 ab- Bevölkerung verankert sind. Auch nach
stimmen dürfen. Gegen das Projekt zu dem Scheitern des Schnellen Brüters
sein bedeutet nicht automatisch für oder des Transrapid wurde noch in
Grün zu sein. Deutschland investiert.

SZ: Für beide Varianten wäre ein Vor- SZ: Nach einem Ausstieg stünde Stutt-
schlag für ein Ausstiegsgesetz erforder- gart mit einer Baustelle da. Der Bahnhof
lich. Wie könnte er lauten? muss aber saniert werden. Alle Reisen beginnen in Afrika.
Palmer: Es würde genügen, ein kurzes Palmer: Das könnte viel schneller ge- Ali und Bono tragen Edun und Ali zudem die gemeinsame Vuitton/Edun Tasche.
Gesetz zur Abstimmung zu bringen, in hen als Stuttgart 21 zu bauen. Es laufen
dem die finanzielle Beteiligung des Lan- ohnehin schon Vorarbeiten im Gleisbe-
Der Ertrag aus den Verkäufen dieser Tasche sowie die Gagen von Ali und Bono gehen an die
des untersagt wird. Da geht es um immer- reich. In fünf Jahren könnte ein moderni-
hin 1,7 Milliarden Euro an freien Haus- sierter Bahnhof samt Überdachung ein- Conservation Cotton Initiative Uganda. Folgen Sie Ali und Bono auf louisvuittonjourneys.com
haltsmitteln, die man auch für Bildung geweiht werden.
einsetzen könnte. Ohne dieses Geld wäre
das Projekt am Ende. Interview: Sebastian Beck