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Daniel Schubbe / Matthias Koßler (Hg.

Schopenhauer
Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
2. Auflage
Daniel Schubbe / Matthias Koßler (Hg.)

Schopenhauer-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

J. B. Metzler Verlag
Die Herausgeber
Daniel Schubbe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter
an der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
der FernUniversität in Hagen, Vorstandsmitglied
der Schopenhauer-Gesellschaft.
Matthias Koßler ist apl. Professor für Philosophie
an der Universität Mainz, Leiter der
Schopenhauer-Forschungsstelle, geschäftsführender
Herausgeber des Schopenhauer-Jahrbuchs und Präsident
der Schopenhauer-Gesellschaft.

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Inhalt

Vorwort zur zweiten Auflage  VII 9 Parerga und Paralipomena  120


Vorwort zur ersten Auflage  VIII 9.1 »Skitze einer Geschichte der Lehre vom
Idealen und Realen«  Valentin Pluder  120
9.2 »Fragmente zur Geschichte der ­Philosophie« 
I Leben Konstantin Alogas  124
9.3 »Ueber die Universitäts-Philosophie« 
1 Die Familie Schopenhauer  Robert Zimmer  2 Matthias Koßler  128
2 ›Europäische Erziehung‹ und das Leiden 9.4 »Transscendente Spekulation über die
an der Welt  Robert Zimmer  8 anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal
3 Akademische Karriere und das Verhältnis zur des Einzelnen«  Stephan Atzert  132
akademischen ­Philosophie  Robert Zimmer  13 9.5 »Versuch über das Geistersehn und
was damit zusammenhängt« 
Damir Barbarić  134
II Werk 9.6 »Aphorismen zur Lebensweisheit« 
Heinz Gerd Ingenkamp  136
4 Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom 9.7 Der zweite Band der Parerga und
zureichenden Grunde  Paralipomena 
Matteo Vincenzo d’Alfonso  20 Matteo Vincenzo d’Alfonso  140
5 Ueber das Sehn und die Farben  10 Spätwerk und Nachgelassenes  150
Olaf Breidbach  33 10.1 Der handschriftliche Nachlass und der junge
6 Die Welt als Wille und Vorstellung  40 Schopenhauer  Yasuo Kamata  150
6.1 Zur Entwicklung des Hauptwerks  10.2 Logik und »Eristische Dialektik« 
Matthias Koßler / Maurizio Morini  40 Jens Lemanski  160
6.2 Konzeptionelle Probleme und Interpreta­ 10.3 Die Berliner Vorlesungen: Schopenhauer
tionsansätze der Welt als Wille und Vor- als Dozent  Thomas Regehly  169
stellung  Jens Lemanski / Daniel Schubbe  43 10.4 Briefe  Domenico M. Fazio / 
6.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie  Matthias Koßler  179
Dieter Birnbacher  51 10.5 Die Übersetzung von Graciáns ­
6.4 Metaphysik  Friedhelm Decher  60 Handorakel  Elena Cantarino  181
6.5 Ästhetik  Brigitte Scheer  68
6.6 Ethik  Oliver Hallich  80
6.7 »Kritik der Kantischen Philosophie«  III Einflüsse und Kontext
Margit Ruffing  92
7 Ueber den Willen in der Natur  11 Asiatische Philosophien und Religionen 
Martin Morgenstern  98 Urs App  186
8 Die beiden Grundprobleme der Ethik  106 12 Platon  Heinz Gerd Ingenkamp  192
8.1 »Preisschrift über die Freiheit des Willens«  13 Philosophie des Mittelalters 
Dieter Birnbacher  106 Matthias Koßler  196
8.2 »Preisschrift über die Grundlage der Moral«  14 Christentum und Mystik  Jens Lemanski  200
Dieter Birnbacher  113 15 Moralistik  Robert Zimmer  207
16 Baruch de Spinoza  Ortrun Schulz  210
VI Inhalt

17 Immanuel Kant  Matthias Koßler /  37 Phänomenologie  Daniel Schmicking  339
Margit Ruffing  215 38 Analytische Philosophie  Wolfgang Weimer  345
18 Jakob Friedrich Fries, Gottlob Ernst Schulze, 39 Existenzphilosophie  Daniel Schubbe  350
Friedrich Heinrich Jacobi  Valentin Pluder  221 40 Hermeneutik  Daniel Schubbe  357
19 Johann Wolfgang von Goethe  41 Philosophische Anthropologie 
Theda Rehbock  226 Gabriele Neuhäuser  362
20 Johann Gottlieb Fichte  42 Kritische Theorie  Michael Jeske  368
Alessandro Novembre  231 43 Neurophilosophie  Dirk Göhmann  375
21 Georg Wilhelm Friedrich Hegel  44 Tierethik  Dieter Birnbacher  379
Matthias Koßler  238
22 Friedrich Wilhelm Joseph Schelling  C Kunst
Sebastian Schwenzfeuer  242 45 Literatur  Søren R. Fauth / 
23 Medizin: Naturphilosophie und Experimental- Børge Kristiansen  384
physiologie  Jürgen Brunner  248 46 Bildende Kunst  Martina Koniczek  398
24 Romantik  Søren R. Fauth  256 47 Musik  Günter Zöller  404

D Rezeption in einzelnen Ländern


IV Wirkung 48 USA  Christa Buschendorf  409
49 Italien  Fabio Ciracì  414
A Personen 50 Großbritannien  David Woods  421
25 Ludwig Feuerbach  Michael Jeske  264 51 Frankreich  Arnaud François  427
26 Søren Kierkegaard  Philipp Schwab  271 52 Indien  Michael Gerhard  433
27 Die ›Schopenhauer-Schule‹ 
Domenico M. Fazio  276
28 Voluntarismus im Anschluss an Schopenhauer: V Hilfsmittel
Philipp Mainländer, Julius Bahnsen, Eduard von
Hartmann  Winfried H. Müller-Seyfarth  282 53 Werkausgaben (Auswahl)  438
29 Wilhelm Dilthey  Sarah Kohl /  54 Auswahlbibliographie  439
Daniel Schubbe  288 55 Institutionen der Schopenhauer-Forschung  440
30 Friedrich Nietzsche  Barbara Neymeyr  293 56 Seitenkonkordanzen für die Werkausgaben 
31 Sigmund Freud  Günter Gödde  305 Stefan Kirschke  441
32 Georg Simmel  Sarah Kohl  314
33 Henri Bergson  Arnaud François  318
34 Carl Gustav Jung  Martin Liebscher  324 VI Anhang

B Philosophische Strömungen / Wissenschaften Zitierweise  468


35 Geometrie  Jens Lemanski  329 Autorinnen und Autoren  469
36 ›Evolutionstheorie‹  Jens Lemanski  334 Personenregister  472
Vorwort zur zweiten Auflage

Das Schopenhauer-Handbuch erscheint in einer ak- erweitert wurden und infolgedessen neue Titel erhal-
tualisierten und erweiterten Auflage. Wir freuen uns, ten haben, nämlich »Logik und ›Eristische Dialektik‹«
dass dieses Handbuch eine derart große Resonanz er- (Jens Lemanski) sowie »Medizin: Naturphilosophie
fährt und als hilfreiche Unterstützung bei der Beschäf- und Experimentalphysiologie« (Jürgen Brunner).
tigung mit der Philosophie Schopenhauers angenom- Auch der Beitrag zu »Nietzsche« (Barbara Neymeyr)
men wird – einer Philosophie, deren Bedeutung nicht wurde um einen interessanten Abschnitt erweitert.
nur in systematischer Perspektive, sondern auch für Die vielfältigen Aktualisierungen und Ergänzungen
die Philosophie- und allgemeine Ideen- und Geistes- der Bibliographien zeigen, dass die Schopenhauerfor-
geschichte gerne unterschätzt wurde und wird. schung derzeit sehr lebendig ist und immer wieder
Für die vorliegende zweite Auflage sind nicht nur neue Felder eröffnet.
Fehler korrigiert sowie Aktualisierungen und Ergän- Wir danken den Autorinnen und Autoren für das
zungen vorgenommen, sondern auch vier neue Bei- Engagement, mit dem sie durch die Prüfung, Über-
träge hinzugefügt worden. Mit den Artikeln zur »An- arbeitung oder Neufassung der Artikel die Entstehung
thropologie« (Gabriele Neuhäuser), »Evolutionstheo- der zweiten Auflage unterstützt haben. Ein besonderer
rie« (Jens Lemanski), »Geometrie« (Jens Lemanski) Dank gilt Franziska Remeika und Ferdinand Pöhl-
und »Tierethik« (Dieter Birnbacher) ist es gelungen, mann vom Verlag J. B. Metzler für das hervorragende
insbesondere den Blick auf die Wirkungsgeschichte Lektorat und die Betreuung der Herstellung.
Schopenhauers zu vertiefen. Hervorzuheben ist auch,
dass die Kapitel 10.2 und 23 im Vergleich zu den ur- Mainz und Hagen im Oktober 2017
sprünglichen Artikeln der ersten Auflage beträchtlich Matthias Koßler und Daniel Schubbe
Vorwort zur ersten Auflage

Es liegt in der Natur eines Handbuchs, dass es zwar die oder Bezugspunkt gewürdigt oder er wird systema-
größtmögliche Breite und Tiefe eines Themas wieder- tisch auch dort übergangen, wo Anknüpfungen nahe-
geben möchte, dies aber immer unter dem Vorbehalt liegen. Es findet sich daher im vierten Kapitel auch ei-
pragmatisch schneller und nützlicher Handhabung, ne Vielzahl an ›verpassten Gesprächen‹, die zwar kei-
das heißt erforderlicher Kürze, tun muss. Dies führt ne direkte Wirkung zur Grundlage haben, aber den-
dazu, dass Themen notwendigerweise auf der Strecke noch deutlich machen, dass eine Auseinandersetzung
bleiben. Die Herausgeber des vorliegenden Schopen- mit Schopenhauer hätte fruchtbar sein können.
hauer-Handbuchs hoffen, dieses Problem auf zweierlei Das fünfte Kapitel bietet abschließend Hilfsmittel
Weise abgemildert zu haben: Zum einen durch eine für die Forschung, wobei insbesondere die Konkor-
sinnvolle Auswahl der Themen, die sowohl dem Laien danz von Stefan Kirschke hervorgehoben werden soll.
als auch dem Kenner einen guten Überblick über die Da es nach wie vor keine Kritische Gesamtausgabe der
Philosophie Schopenhauers geben sollen, zum ande- Werke Schopenhauers gibt, ist die Forschung auf eine
ren durch die Bereitstellung von geeigneten ›Sprung- Vielzahl verschiedener Ausgaben angewiesen, die
brettern‹, die jeweils schnell Anknüpfungspunkte für letztlich alle ihre Mängel haben. Die hier vorgelegte
weitergehende Lektüre und Forschung ermöglichen. Konkordanz hilft daher zumindest, die unterschiedli-
Besonders das dritte und vierte Kapitel (»Einflüsse chen Werke zu vergleichen.
und Kontext« und »Wirkung«) erforderten die Aus- Wir danken den beteiligten Autorinnen und Auto-
wahl von Schwerpunkten. Die Lektüre Schopenhau- ren ausdrücklich für ihr Engagement und die Ausdau-
ers ist historisch, systematisch und kulturell breit an- er, die sie diesem Projekt entgegengebracht haben.
gelegt gewesen, entsprechend vielfältig sind die jewei- Frau Hechtfischer und Frau Remeika danken wir
ligen Einflüsse. Auf der anderen Seite gehört Schopen- herzlich für das ausgezeichnete Lektorat und die kom-
hauer auch zu den wirkungsmächtigen Vertretern petente Begleitung der Fertigstellung.
seines Faches, die nicht nur in die Philosophie, son-
dern auch in viele andere Disziplinen hinein gewirkt Mainz und Hagen im Juni 2014
haben. Interessanterweise wird Schopenhauer aber Matthias Koßler und Daniel Schubbe
nicht immer als entsprechende Inspirationsquelle
I Leben
1 Die Familie Schopenhauer Die Schopenhauers sind im Danziger Umland als
Ackerbauern bereits im 15. Jahrhundert nachweisbar.
Herkunft und Stand
Arthur Schopenhauers Urgroßvater väterlicherseits,
Arthur Schopenhauer war ein Patriziersohn: Er ent- Johann Schopenhauer aus Petershagen (geb. 1670),
stammt dem gebildeten, politisch eigenständigen und war der erste gelernte Kaufmann der Familie. Er wur-
finanziell unabhängigen Stadtbürgertum. Das hieraus de im Jahr 1695 Danziger Bürger und pachtete 1708
erwachsene Selbstbewusstsein, von niemandem ab- bis 1724 zusammen mit seinem Bruder Simon die
hängig und niemandem untertan zu sein, war Teil sei- Stadtdomäne Stutthof. Sein Sohn Andreas, der
ner Familienkultur und prägte sowohl sein soziales Großvater Arthur Schopenhauers (geb. 1720), be-
Auftreten als auch den Gestus seiner Schriften. gründete den Wohlstand der Familie und erwarb den
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 Ruf eines »Danziger Fuggers«. Er besaß u. a. zwei
als Sohn des Kaufmanns Heinrich Floris Schopenhau- Stadthäuser in Danzig und ein Landgut in Ohra. Auch
er und seiner Frau Johanna Schopenhauer, geb. Tro- als Mäzen der Künste machte er sich in der Stadt einen
siener, in Danzig geboren. Eine lange Geschichte bür- Namen. 1745 heiratete er Anna Renata Soermanns,
gerlichen Freiheitsstrebens prägte die Geschichte sei- die Tochter des niederländischen Gesandten in Dan-
ner Geburtsstadt. Danzig war von 1454 bis zur Anne- zig. Schopenhauers Großmutter väterlicherseits
xion durch Preußen 1793 eine Freie Stadt unter brachte in die Ehe ein erhebliches Vermögen, aber
Oberhoheit der polnischen Krone und genoss weit- auch eine Neigung zur psychischen Instabilität,
gehende Autonomie. Über Jahrhunderte der Hanse Angstzuständen und Depression ein, die sich bei
zugehörig und ein Drehkreuz des Ostseehandels, hat- mehreren ihrer Nachkommen, auch bei Schopenhau-
te sie sich im Verlauf ihrer Geschichte eine republika- ers Vater und bei Schopenhauer selbst bemerkbar ma-
nische Verfassung gegeben und auch das Recht erhal- chen sollte. Auf die Großmutter gründet sich aber
ten, eigene diplomatische Vertretungen zu entsenden. auch der mehrfach von Arthur Schopenhauer
Danzig war eine offene, kosmopolitische und multi- geäußerte Stolz, von niederländischen Vorfahren ab-
ethnische Stadt, doch beherrscht wurde sie von einem zustammen.
deutschsprachigen Patriziat. Ihm gehörten auch die Von den, zum Teil früh verstorbenen, fünfzehn
Familie und die Vorfahren Schopenhauers an. Beide Kindern des Andreas und der Anna Renata Schopen-
Eltern entstammten alteingesessenen und angesehe- hauer war Heinrich Floris (geb. 1747), der spätere Va-
nen Danziger Kaufmannsfamilien, waren jedoch in ih- ter Schopenhauers, der zweitälteste. Ab 1770 über-
rem sozialen Rang nicht ganz gleichwertig. Heinrich nahm er zusammen mit seinem ein Jahr jüngeren
Floris Schopenhauer, dessen Vorfahren schon seit dem Bruder Johann Friedrich gemeinsam das väterliche
17. Jahrhundert in Danzig ansässig waren, gehörte Unternehmen. Als der langjährige Junggeselle mit
dem zahlenmäßig eng begrenzten Ratsherrenkollegi- knapp vierzig Jahren ans Heiraten denkt, ist er einer
um, dem eigentlichen Machtzentrum, an und besaß der ersten Handelsherren der Stadt, ein geschäftstüch-
überdies den vom polnischen König verliehenen Hof- tiger Kaufmann mit Kontakten nach West- und Ost-
rattitel. Neben den Ratsherren und dem Schöffenkolle- europa, ein stolzer Republikaner und ein gebildeter
gium gab es aber auch noch eine Vertretung für den Mann, bei dem sich pietistische Strenge mit aus-
etwas weniger einflussreichen Mittelstand, die so- gesprochener Weltoffenheit verbindet. Er besaß meh-
genannte »Dritte Ordnung«. Sie repräsentierte die in- rere Schiffe, eine Stadtwohnung in der Danziger Hei-
nerstädtische Opposition gegen das alteingesessene ligengeistgasse, sowie als Landgut einen der großen
Patriziat. In ihr hatte auch Johanna Schopenhauers Va- Pelonker Höfe in Oliva, nordwestlich von Danzig.
ter, Christian Heinrich Trosiener, einen Sitz. Erst Später fielen ihm noch Einnahmen aus dem von sei-
durch eine 1761 durchgeführte politische Reform hat- nem Vater hinterlassenen Landgut in Ohra zu.
ten die Mitglieder der »Dritten Ordnung« Zugang zum Politisch gehörte der Voltaire-Leser Heinrich Floris
Stadtrat erhalten, wodurch auch Schopenhauers zu den Unterstützern einer aufklärerischen Reform-
Schwiegervater die Stellung eines Ratsherrn erhielt. politik. Gegenüber Preußen und seinem König Fried-
1  Die Familie Schopenhauer 3

rich II., der schon früh ein Auge auf Danzig geworfen
Die engere Familie bis zum Tod des Vaters 1805
hatte, hegte er wie sein Vater eine ausgesprochene Ab-
neigung. Als Friedrich II. ihm anlässlich eines Besuchs Schopenhauers Eltern, Heinrich Floris Schopenhauer
1773 in Berlin die preußische Staatsbürgerschaft und und Johanna Trosiener, heirateten am 16. Mai 1785 in
unbegrenzte Niederlassungsfreiheit in Preußen anbot, der Danziger Kirche »Aller Gottes Engel«. Es war eine
machte er davon keinen Gebrauch. Für ihn war der standesgemäße Vernunftehe, der keine tiefe emotio-
Wappenspruch der Familie Schopenhauer verpflich- nale Bindung zugrunde lag. Republikanischer Bürger-
tend: »Point de bonheur sans liberté« – »Kein Glück stolz und eine der Aufklärung verpflichtete fortschritt-
ohne Freiheit«. Als Heinrich Floris Schopenhauer liche politische Grundhaltung prägte die Gesinnung
1785 um die Hand der zwanzig Jahre jüngeren Johanna beider Eltern. So weigerte sich Johanna bei einem Auf-
Trosiener anhielt, wurde dies von der Familie Trosie- enthalt der Schopenhauers in Bad Pyrmont im Jahr
ner durchaus als Ehre und als Möglichkeit zum weite- 1787, die Bekanntschaft der Herzogin von Braun-
ren sozialen Aufstieg angesehen. Heinrich Floris Scho- schweig zu machen, weil von ihr als bürgerlicher Frau
penhauer galt als einer der besten Partien der Stadt. der Kniefall erwartet wurde. Der Ausbruch der Fran-
Christian Heinrich Trosiener (geb. 1730), Schopen- zösischen Revolution wurde in der Familie begrüßt,
hauers Großvater mütterlicherseits, hatte bereits einen das preußische Annexionsstreben dagegen mit
sozialen Aufstieg hinter sich. Er war der erste Kauf- großem Misstrauen betrachtet. Als politisches Vorbild
mann der Familie und der erste, der sich in Danzig an- galt sowohl Heinrich Floris als auch seiner Frau der
gesiedelt hatte. Auch sein Haus befand sich in der Hei- britische Parlamentarismus.
ligengeistgasse. Sein Vater, der Schuhmacher Christian Der weltanschaulichen Harmonie zwischen den El-
Trosiener, war in dem Dorf Altschottland im Danziger tern standen Disharmonien im Alltag und in den ge-
Umland ansässig. Dessen Vater wiederum hatte sich sellschaftlichen Lebensbedürfnissen gegenüber. Dies
aus Ostpreußen hier angesiedelt. Seine um fünfzehn war einerseits dem unterschiedlichen Alter der beiden
Jahre jüngere Frau Elisabeth Trosiener (geb. 1745) war Ehepartner geschuldet, aber auch unterschiedlichen
die Tochter des Apothekers Georg Lehmann und des- persönlichen Interessen und Mentalitäten. Heinrich
sen Frau Susanna Concordia Lehmann, geborene Neu- Floris konzentrierte sich auf seine Geschäftstätigkei-
mann. 1788, im Geburtsjahr Arthur Schopenhauers, ten und deren standesgemäßer Repräsentation. Er
pachtete Christian Heinrich Trosiener den Gutshof neigte, vor allem in späteren Jahren, zu Depressionen
Stutthof, den bereits Schopenhauers Urgroßvater vä- und privater Isolation. Seine junge Frau dagegen sehn-
terlicherseits in Pacht gehabt hatte. Auch er gehörte zu te sich nach einem interessanten, abwechslungsrei-
den angesehenen Bürgern Danzigs. Zeitweise übte er chen und kulturell befruchtenden Gesellschaftsleben.
die Funktion des Fischereiquartiermeisters und Vor- In den ersten, noch in Danzig verbrachten Jahren der
stehers der Johanniskirche aus. Ehe hielt sich Johanna mit ihrem 1788 geborenen
Schopenhauers Mutter, Johanna Trosiener, wurde Sohn Arthur häufig in den Landgütern Oliva und
1766 als ältestes überlebendes Kind geboren. Ihr folg- Stutthof auf. Gäste waren selten. Häusliche Pflichten
ten noch drei weitere Schwestern, Elisabeth Charlotte, und Erziehungsaufgaben füllten sie nicht aus. Als Hö-
Anna und Julia Dorothea. Johanna erhielt eine für die hepunkte empfand sie lediglich die gemeinsam unter-
damalige Zeit sehr gründliche und vielseitige Bildung nommenen Reisen, wie die, die sie während ihrer ers-
und erwarb u. a. umfassende Kenntnisse in Kunst und ten Schwangerschaft 1787 nach England unternah-
Literatur. Dies betraf auch das Erlernen von Fremd- men. Johanna langweilte sich in ihrer Ehe.
sprachen. Über ihr Kindermädchen lernte sie Pol- Kurz vor der Einnahme Danzigs durch preußische
nisch, in der Kinderschule der Familie Chodowiecki Truppen siedelten die Schopenhauers 1793 nach
Französisch. Dr. Jameson, ein aus Edinburgh zugezo- Hamburg über. Das Haus in der Heiligengeistgasse
gener Geistlicher, der die englische Gemeinde in Dan- wurde verkauft. Verwandte beider Seiten sowie ein
zig betreute, vermittelte ihr ausgezeichnete Kenntnis- Teil der Vermögenswerte blieben jedoch in Danzig.
se im Englischen und führte sie in die englische Lite- 1797 wurde in Hamburg die Tochter Louise Adelaide
ratur ein. Ihr Wunsch, Malerin zu werden, wurde ihr Lavinia geboren, im Familien- und Bekanntenkreis
als Mädchen allerdings verwehrt. Dennoch blieb Jo- »Adele« genannt. In Hamburg wurde deutlich, dass
hanna Schopenhauer ihr Leben lang den Künsten und sich die beiden Eheleute zunehmend auseinander ent-
der Literatur eng verbunden und gab diese Verbun- wickelten. Heinrich Floris Schopenhauer durchlebte
denheit auch an ihren Sohn weiter. eine Periode des geistigen und körperlichen Verfalls,
4 I Leben

während Johanna ein offenes Haus hielt, Verbindun- nungspotential aufgebaut hatte. Vor allem zwischen
gen zum Kulturleben knüpfte und bestrebt war, in die Mutter und Sohn entstand ein Graben. Während Ar-
gute Gesellschaft Hamburgs Eingang zu finden. thur zuvor unter der Strenge und emotionalen Distanz
Die elterliche Erziehung vermittelte dem Sohn, des Vaters gelitten hatte, sprach er fortan von ihm nur
durch Reisen, soziale Kontakte und ausgedehnte Lek- noch voller Hochachtung als dem Mann, dem er die
türe, einen über die standesgemäßen Fähigkeiten weit Grundlagen für seine spätere Philosophenexistenz
hinausgehenden kulturellen Horizont (s. Kap. 2). Doch verdanke. Der Mutter warf er nun vor, den Vater an
es mangelte ihr an emotionaler Wärme. Auch wurde den seinem Lebensende im Stich gelassen zu haben: »Mei-
geistigen Neigungen Arthurs nur bedingt Rechnung ge- ne Mutter«, so äußerte er in späteren Jahren, »gab Ge-
tragen. Der Vater beabsichtigte von Anfang an, seinen sellschaften, während er in Einsamkeit verging, und
Sohn zu seinem Nachfolger zu erziehen. Er schickte ihn amüsierte sich, während er bittere Qualen litt« (Gespr,
in die für Kaufmannskinder eingerichteten Schulen 152). Das entstandene Ressentiment gegen die Mutter
und ließ ihn im Kontor befreundeter Kaufleute ausbil- sollte das Verhältnis beider bis zum Tode Johanna
den. Er wachte auch streng über den Erwerb gesell- Schopenhauers bestimmen.
schaftlicher Fähigkeiten, die diesem Ziel dienten, so die
Vervollkommnung der Handschrift, eine gerade Kör-
Die Geschichte der Familie 1805–1838
perhaltung und die Fähigkeit, gesellschaftlichen Um-
gang in einer angenehmen und verbindlichen Form zu Während zu Lebzeiten des Vaters sich das Leben der Fa-
pflegen. Dabei litt der Sohn unter der Strenge des Vaters. milie noch ganz im bürgerlich kaufmännischen Milieu
Zu den positiv prägenden Erfahrungen seiner Kind- abspielte, traten nach dessen Tod die intellektuellen und
heit und Jugend gehörten für den jungen Schopenhau- künstlerischen Interessen der verbliebenen Schopen-
er die Auslandsaufenthalte. Dazu zählen nicht nur die hauers in den Mittelpunkt. Dabei zeigt sich das Bild ei-
gemeinsam mit den Eltern unternommenen Reisen, ner Familie von schwierigen und zugleich hochbegab-
sondern auch der beinahe zweijährige Aufenthalt bei ten Charakteren, die alle, zu unterschiedlichen Zeiten
Geschäftsfreunden des Vaters, der Familie Grégoire de und mit unterschiedlicher Nachhaltigkeit, durch intel-
Blésimaire im französischen Le Havre, von 1797 bis lektuelle Leistungen hervortraten, sich aber auch im
1799. Hier liegt auch eine wichtige Komponente der Strudel persönlicher und finanzieller Zwistigkeiten das
europäischen Erziehung Schopenhauers (s. Kap. 2). Leben gegenseitig schwer machten. Insgesamt liest sich
Die Teilnahme an der großen, von den Eltern unter- die Familiengeschichte nach 1805 »wie die eines kata-
nommenen Europareise 1803 bis 1804 verknüpfte der strophalen Zerfalls« (Lütkehaus 1998, 11).
Vater allerdings mit der Bedingung, dass Arthur sich Johanna Schopenhauer begann nach dem Tode ih-
nun endgültig für die Kaufmannslehre entscheiden res Mannes ein neues Leben. Sie strebte nun eine Exis-
sollte. Der junge Arthur Schopenhauer ging darauf ein, tenz an, in der sie ihre künstlerischen und gesellschaft-
doch seine Wünsche entsprachen nicht denen des Va- lichen Bedürfnisse verwirklichen konnte. Sie ließ das
ters. Er fühlte sich in die falsche Richtung gedrängt und Haus der Familie in Hamburg verkaufen und das Scho-
entwickelte schon sehr früh das Bedürfnis, die Gelehr- penhauersche Unternehmen aus dem Handelsregister
tenlaufbahn einzuschlagen. Auch in seinem öffent- löschen. Sie erkundete mögliche neue Wohnorte und
lichen Auftreten entsprach er nicht den elterlichen Er- zog schließlich 1806 nach Weimar, wo die befriedi-
wartungen. Von heftigem und aufbrausendem Charak- gendste und erfolgreichste Zeit ihres Lebens begann.
ter, neigte er dazu, apodiktische Urteile zu fällen und Johanna, die nun den Hofratstitel ihres Mannes führte,
Auseinandersetzungen zu provozieren. wurde Gastgeberin eines Salons, in dem sich regel-
Im Jahr 1805 riss der Tod des Vaters die Familie aus- mäßig die Elite der Weimarer Kultur traf und dessen
einander. Heinrich Floris Schopenhauer, krank, de- Mittelpunkt Goethe wurde. Auch machte sie sich in
pressiv und isoliert, stürzte sich aus einem Speicher- den kommenden Jahren einen Namen als Reiseschrift-
fenster seines Hauses. Sein Freitod wurde nach außen stellerin und Romanautorin. Ihr bedeutendster, auch
als Unfall hingestellt, seine Tochter Adele erfuhr erst heute noch gedruckter Roman Gabriele (1819/20) ist
im Erwachsenenalter die wahre Todesursache. Der von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre inspiriert.
Tod des Vaters setzte eine Zäsur in der Familien- Die damals erst neunjährige Adele Schopenhauer
geschichte und beendete mehrere Generationen der lebte weiterhin im Haushalt der Mutter. Für sie wurde
Schopenhauerschen Kaufmanns- und Patrizierdynas- Weimar zur eigentlichen Heimat. Sie befreundete sich
tie. Er hinterließ eine Familie, in der sich viel Span- eng mit Ottilie von Pogwisch, der späteren Schwieger-
1  Die Familie Schopenhauer 5

tochter Goethes, und sah Goethe wie einen Ersatz- Am 22. Mai 1814 verließ Arthur Schopenhauer
vater an. Weimar und siedelte für vier Jahre nach Dresden über,
Arthur Schopenhauer blieb zunächst in Hamburg wo sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung
und setzte zähneknirschend seine Kaufmannsausbil- entstand. Im September 1818 begab er sich auf seine
dung fort. Er fühlte sich durch sein Versprechen ge- erste Italienreise, die er allerdings im Frühjahr 1819
genüber dem Vater gebunden. Erst 1807 bricht er mit abbrechen musste, weil die Familie von der Insolvenz
Einverständnis der Mutter die Lehre ab, um das Abitur des Danziger Handelshauses Muhl erschüttert wurde.
nachzuholen und sich auf die lange gewünschte Ge- Die unterschiedlichen Reaktionen der Familienmit-
lehrtenlaufbahn hin zu orientieren. Er besucht einige glieder auf diese finanzielle Katastrophe vertieften den
Monate das Gymnasium in Gotha, das er nach einem Riss innerhalb der Familie.
Konflikt mit dem Lehrkörper jedoch verlässt. Auf die Mutter und Tochter hatten bei Muhl ihr gesamtes
1809 abgelegte Gymnasialprüfung wird er von nun an verbliebenes Kapitalvermögen angelegt, wobei es sich
in Weimar durch Privatlehrer vorbereitet. in Wahrheit nur noch um Adeles Anteil handelte, da
Aus Heinrich Floris’ Vermögen erbten Johanna der mütterliche Teil bereits verbraucht war. Arthur
und jedes ihrer Kinder jeweils ein Drittel. Johanna war lediglich mit einem Drittel seines Kapitals betrof-
verwaltete das Erbe bis zur Volljährigkeit der Kinder fen. Während sich Mutter und Tochter auf einen Ver-
treuhänderisch. Dazu gehörten auch Zinseinkünfte gleich einließen, bei dem sie 70 % ihres Vermögens
von ererbten Landgütern in Danzig. Querelen um Jo- verloren, verweigerte Arthur den Vergleich und konn-
hannas Umgang mit dem Vermögen, um die Danziger te schließlich seinen Anteil vollständig retten. Obwohl
Verwalter und das bei dortigen Geschäftsfreunden an- Mutter und Tochter bei Muhl noch eine kleine Leib-
gelegte Geld sollten die Familienbeziehungen über rente aushandeln konnten, bedeutete die Muhlsche
Jahrzehnte bestimmen. Insolvenz für sie einen finanziellen Absturz und ein
Mit Erreichen der Volljährigkeit 1809 erhielt Arthur erhebliches Absinken ihres Lebensstandards.
Schopenhauer von seiner Mutter die Verfügung über Zu diesem Zeitpunkt lief der innerfamiliäre Kon-
seinen Vermögensanteil. Die Zinseinkünfte aus den takt nur noch über einen Briefwechsel zwischen Bru-
Danziger Gütern wurden zunächst weiterhin über sie der und Schwester. Adele Schopenhauer, intellektuell
abgewickelt. Ebenso behielt sie noch die Verfügung über ebenso begabt wie Mutter und Bruder und mit großen
den Anteil ihrer Tochter. Zu diesem Zeitpunkt lebte die künstlerischen Fähigkeiten ausgestattet, ist die eigent-
Mutter bereits über ihre Verhältnisse und hatte einen lich tragische Figur der Familie. Zerrieben zwischen
großen Teil ihres eigenen Vermögensanteils ausgege- einer Mutter, die auf Pump lebte, das Vermögen ihrer
ben. Im Gegensatz zu seiner Schwester Adele hat Arthur Tochter und damit deren Mitgift verschleuderte, und
Schopenhauer dem Umgang der Mutter mit dem Ver- einem Bruder, der die Schwester misstrauisch auf Dis-
mögen von Anfang an misstraut und sich hartnäckig tanz hielt, vermochte sie nicht, ein selbstbestimmtes
für seine eigenen finanziellen Interessen eingesetzt. Leben zu führen und einen Platz in der Gesellschaft
Nach vierjährigem Studium in Göttingen und Ber- einzunehmen, der ihren Fähigkeiten und Bedürfnis-
lin und anschließender Promotion an der Universität sen entsprach. Wie dieser, neigte sie zu psychischer In-
Jena (s. Kap. 3) kehrt Arthur Schopenhauer im Herbst stabilität und Depressionen.
1813 nach Weimar zurück und nimmt, auf Bitten der Adele war im Streit zwischen Mutter und Bruder an
Mutter, Wohnung in deren Haus. Dort brechen die der Seite der Mutter geblieben, versuchte aber, auch
schwelenden Konflikte zwischen Mutter und Sohn of- ohne Wissen der Mutter, mit dem Bruder in Kontakt
fen aus. Streitpunkte sind vor allem die Anwesenheit zu bleiben. Während der ersten Italienreise kam es zur
des Schriftstellers und Weimarer Regierungsrats Mül- brieflichen Annäherung zwischen den beiden Ge-
ler von Gerstenbergk im Hause der Mutter und der schwistern. Adele, die Italienisch gelernt hatte, eine ei-
von Arthur erhobene Vorwurf, die Mutter veruntreue gene Reise aus finanziellen Gründen aber nicht unter-
das väterliche Erbe. Nach einer heftigen persönlichen nehmen konnte, war an Arthurs Erfahrungen mit der
Auseinandersetzung kommt es im Mai 1814 zum end- Kunst und Kultur des Landes leidenschaftlich interes-
gültigen Bruch zwischen Mutter und Sohn, die sich siert. 1820 besuchte sie ihren Bruder in Berlin. Durch
beide nie mehr wiedersehen sollten. Bis 1818 und Arthurs Misstrauen jedoch, geschürt von der Annah-
dann wieder in den frühen 1830er Jahren gab es zwi- me, sie stehe mit ihren finanziellen Interessen mit der
schen beiden noch Briefverkehr, in dem es jedoch Mutter im Einvernehmen, fühlte sie sich gekränkt und
meist um Vermögensfragen ging. zog sich wieder zurück.
6 I Leben

Aber auch in den frühen 1820er Jahren, als der Bru- führte Adele den Haushalt der Mutter und hatte die
der in Berlin vergeblich versuchte, den Weg einer aka- Kontrolle über die täglichen Ausgaben. Ihre Haltung
demischen Karriere einzuschlagen, um sich ein weiteres zur Mutter war in dem Maße kritischer geworden, in
finanzielles Standbein zu schaffen (s. Kap. 3), und auch dem sie Einblick in deren finanzielle Haushaltsfüh-
nach seiner zweiten Italienreise, die zwischen Mai 1822 rung gewonnen hatte. Ihre ›Scheinwohlhabenheit‹,
und Mai 1823 stattfand, versuchte Adele immer wieder, d. h. der nach außen demonstrierte Anschein von
ihrem Bruder näher zu kommen und ein Treffen zu ar- Wohlstand bei gleichzeitiger Armut, bedrückte ihr Le-
rangieren. Arthur Schopenhauer hat diese Bemühun- ben ebenso wie die Tatsache, dass der Bruder jede
gen seiner Schwester regelmäßig abgewehrt. Zwischen menschliche Annäherung verweigerte. Durch kleine-
1824 und 1831, für Arthur Schopenhauer eine Zeit ge- re Publikationen, Übersetzungsarbeiten und den Ver-
prägt von zahlreichen Ortswechseln, öffentlicher Miss- kauf von Wertgegenständen versuchte Adele, die von
achtung, akademischer Erfolglosigkeit, Liebesenttäu- der Mutter angehäuften Schulden abzubauen. Auch
schungen und Depressionen, ist kein Briefverkehr mehr in dem zwischen 1832 und 1835 wieder aufgenom-
zwischen den Geschwistern nachgewiesen. menen Briefverkehr zwischen Mutter und Sohn ste-
Der Kontakt zwischen Arthur Schopenhauer und hen die Vermögenseinnahmen, insbesondere die Ein-
seiner Familie wurde erst wieder aufgenommen, künfte aus den Danziger Besitzungen, im Mittelpunkt.
nachdem Johanna und Adele Schopenhauer von Thü- Arthur Schopenhauer hat hartnäckig, und häufig zu
ringen an den Rhein gezogen waren und Arthur sich Recht, sowohl an der Korrektheit der Mutter als auch
seinerseits in Frankfurt niedergelassen hatte. Finan- an der der Danziger Vermögensverwalter gezweifelt.
zielle Gründe hatten Mutter und Schwester 1829 be- In den gesamten 1830er Jahren überschattete Geld-
wogen, den Weimarer Haushalt aufzugeben. Adeles not die Lage von Mutter und Schwester, bis beide
Verbindung zu der vermögenden Kunstsammlerin schließlich vor dem finanziellen Bankrott standen. Die
Sybille Mertens-Schaaffhausen eröffnete die Möglich- Wohnung in Bonn war zu teuer geworden. Johanna
keit, im Sommer das Landhaus von Sybille Mertens in und Adele Schopenhauer vermissten Weimar. Für Jo-
Unkel am Rhein, den »Zehnthof«, zu beziehen. Den hanna war dies der Ort ihrer gesellschaftlich glänzends-
Winter verbrachte man jeweils in Bonn. ten Zeit und für Adele die eigentliche Heimat. Bereits
Im September 1831 war Arthur Schopenhauer in 1835 hatte Adele an ihren Bruder geschrieben: »Ich
Frankfurt eingetroffen. Kurz darauf nahm er wieder muß in Thüringen leben, nur dort ist mir wohl« (Lütke-
brieflichen Kontakt zur Schwester auf, deren erster haus 1998, 369). Auf Johannas Bitten hin gewährte ih-
nachgewiesener Brief aus Bonn von Oktober 1831 da- nen der Weimarer Großherzog 1837 eine kleine Pensi-
tiert. Geplagt von alten und neuen Krankheiten, von on, offenbar jedoch mit der Auflage, dass sie sich in Jena
dem Bewusstsein, dass seine akademische Karriere und nicht in Weimar ansiedeln sollten. Im Herbst 1837
gescheitert (s. Kap. 3) und sein Werk unbeachtet ge- siedeln die beiden Frauen nach Jena um. Adele Scho-
blieben war, teilte Arthur Adele seine verzweifelte La- penhauer blieb, ungeachtet aller emotionalen Distanz,
ge mit. Diese hatte ihrerseits mit der Möglichkeit eines bis zum Tod der Mutter an deren Seite. Als Johanna
glücklichen Lebens abgeschlossen. Sie litt am Leben nach einem Schlaganfall gebrechlicher wurde, pflegte
und fühlte sich, wie sie es selbst formulierte, ›unbe- sie sie. Johanna Schopenhauer starb am 16. April 1838.
nutzt‹: »Ich lebe ungern, scheue das Alter, scheue die Als späten Versuch der Wiedergutmachung gegenüber
mir gewiß bestimmte Lebenseinsamkeit« (Lütkehaus Adele hatte sie ihr gesamtes Restvermögen ihrer Toch-
1998, 319) schrieb sie 1831 an ihren Bruder. In An- ter vermacht und damit ihren Sohn enterbt. Doch sie
betracht ihrer prekären finanziellen Lage hatte sie mit hinterließ nur Schulden. Arthur Schopenhauer kam
34 Jahren kaum noch Heiratschancen. Versuche und nicht zur Beerdigung, doch bewahrte er in seiner
Angebote der Schwester, man könne sich treffen, um Frankfurter Wohnung ein Ölbild seiner Mutter sowie
vielleicht sogar ein gemeinsames Leben ins Auge zu zwei ihrer Bücher aus der Zeit vor ihrem Zerwürfnis.
fassen, blockte Arthur wiederum ab.
Im Gegensatz dazu stand Johanna Schopenhauer
Das Ende der Familie Schopenhauer: 1838–1860
Anfang der dreißiger Jahre auf der Höhe ihres literari-
schen Ruhms. Ihre Werke wurden 1831 im Verlag Wie der Tod des Vaters für die Mutter, so war der Tod
Brockhaus in 24 Bänden veröffentlicht. Die Einnah- der Mutter für die Tochter eine Befreiung. Adele trug
men aus dem Verkauf konnten jedoch die finanzielle in den folgenden Jahren die Schulden der Mutter ab
Lage der beiden Frauen kaum verbessern. Inzwischen und trat zunehmend mit eigenen literarischen Arbei-
1  Die Familie Schopenhauer 7

ten an die Öffentlichkeit. Ihre Begabung war vielfältig. tens. Obwohl Arthur Schopenhauer an dem Begräb-
Schon in Weimar war sie als eine Meisterin des Sche- nis seiner Schwester nicht teilnahm, hat er ihren Tod
renschnitts anerkannt. Nun veröffentlichte sie zahlrei- bedauert. Sie war diejenige in der Familie, die ihm
che Aufsätze zur Kunst, Opernlibrettos, Novellen, Ro- letztlich am nächsten stand, auch wenn er sie auf Dis-
mane sowie eine Sammlung von Haus-, Wald- und tanz gehalten hatte.
Feldmärchen (1844). 1845 erschien ihr Roman Anna. Arthur Schopenhauers grandioses philosophisches
An den literarischen Erfolg der Mutter, deren nicht Werk ist auf den Trümmern einer zerrütteten Familie
vollendete Memoiren sie herausgab, konnte sie jedoch entstanden, die mit seinem Tod 1860 endgültig erlosch.
nicht heranreichen. Auch von den näheren Danziger Verwandten lebte kei-
Mit Sybille Mertens hatte sie endlich auch jenen ner mehr. »Du wirst der letzte der Abenceragen« (Lüt-
Menschen gefunden, von dem sie voll angenommen kehaus 1998, 430), hatte ihm schon die Schwester in
wurde. Bei ihr legte sie auch den kleinen Rest von Ver- Anspielung auf Chateaubriand prophezeit. Die eigenen
mögen an, der ihr nach Abbau der mütterlichen Schul- Erfahrungen waren eine Ursache dafür, dass Schopen-
den geblieben war. Überschattet wurden ihre letzten hauer die Gründung einer Familie für eine Form der
Jahre durch einen sich verschlimmernden Unterleibs- Fremdbestimmung und für unvereinbar mit einer phi-
krebs. Als die Krankheit 1844 endgültig ausbrach, gab losophischen Existenz hielt: »Zu dem, was einer hat«,
sie ihre Wohnung in Jena auf und zog für drei Jahre schreibt er in den »Aphorismen zur Lebensweisheit«,
nach Italien, wo sich auch Sybille die meiste Zeit auf- »habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da er von
hielt. In der dortigen deutschen Gelehrten- und Intel- diesen vielmehr gehabt wird« (P I, 374).
lektuellenszene wurde sie eine bekannte Figur. Die Be-
schäftigung mit Kunst wurde ihr Hauptanliegen. Literatur
Adele und Arthur Schopenhauer blieben in den Bergmann, Ulrike: Johanna Schopenhauer – »Lebe und sei so
1840er Jahren brieflich in Verbindung. Neben dem glücklich als Du kannst«. Leipzig 2004.
Büch, Gabriele: Alles Leben ist Traum – Adele Schopenhauer.
unvermeidlichen Thema der familiären Vermögens- Berlin 2002.
verwaltung wurde nun auch Adeles Krankheit zum Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. New York
Thema. Arthur Schopenhauer hat dennoch seine 2010.
Schwester nie zu nah an sich herangelassen, obwohl Detemple, Siegfried u. a.: Die Schopenhauer-Welt. Ausstel-
diese großes Verständnis für das Werk des Bruders lungskatalog der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz.
Frankfurt a. M. 1988.
entwickelte, den sie als »tiefen, heiligen Denker« (Lüt-
Hübscher, Arthur: Adele an Arthur Schopenhauer. Unbe-
kehaus 1998, 458 f.) bezeichnete und dessen Mitleids- kannte Briefe I. In: Schopenhauer-Jahrbuch 58 (1977),
ethik sie unterstützte. Sie besuchte ihn 1842 in Frank- 133–186.
furt, wo er sich, nach einem Jahr in Mannheim, seit Hübscher, Arthur: Adele an Arthur Schopenhauer. Unbe-
1833 endgültig und für den Rest seines Lebens nieder- kannte Briefe II. In: Schopenhauer-Jahrbuch 59 (1978),
gelassen hatte. Es sollte einer von zwei Besuchen im 110–165.
Lütkehaus, Ludger (Hg.): Die Schopenhauers. Der Familien-
letzten Lebensjahrzehnt der Schwester bleiben. 1849, briefwechsel von Adele, Arthur, Heinrich Floris und
kurz vor ihrem Tod, hat sie den Bruder noch einmal Johanna Schopenhauer [1991]. München 1998.
besucht und mit ihm Testamentarisches besprochen. Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der
Arthur hatte sich ganz auf das Leben eines vom eige- Philosophie. Eine Biographie. München 1987.
nen Vermögen lebenden Privatiers eingestellt. Eine zu Schopenhauer, Adele: Tagebuch einer Einsamen. München
1985.
enge räumliche Nähe zur Schwester betrachtete er als
Schopenhauer, Johanna: Im Wechsel der Zeiten, im Gedränge
Störung. Sein vorrangiges Lebensinteresse war sein der Welt. Jugenderinnerungen, Tagebücher, Briefe [Ihr
Werk und dessen finanzielle Absicherung – mensch- glücklichen Augen. Jugenderinnerungen, Tagebücher,
liche Bindungen standen dahinter zurück. Briefe. Berlin (DDR) 1979]. Düsseldorf/Zürich 2000.
Adele Schopenhauer zog in den letzten beiden Jah- Siegler, Hans Georg: Der heimatlose Arthur Schopenhauer.
ren ihres Lebens wieder nach Bonn und wurde dort Jugendjahre zwischen Danzig, Hamburg, Weimar. Düssel-
dorf 1994.
von Sybille Mertens gepflegt. Sie starb am 25. August
Steidele, Angela: Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer
1849. Ihr Begräbnis in Bonn fiel auf den 100. Geburts- und Sybille Mertens. Berlin/Frankfurt a. M. 2010.
tag Goethes. Adele vermachte ihrem Bruder verschie- Zimmer, Robert: Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer
dene Gegenstände aus dem Familieneigentum und Weltbürger. München 2010.
Teile ihres Geldvermögens. Die Abwicklung ihrer
Robert Zimmer
Erbschaftsangelegenheiten übernahm Sybille Mer-
8 I Leben

2 ›Europäische Erziehung‹ und das lektuellen, auf eine theoretische, akademische Ausbil-
Leiden an der Welt dung ausgerichtet war. Verbunden mit der Absicht, den
Sohn zum Erben und Nachfolger des Schopenhauer-
schen Handelshauses zu erziehen, war es zunächst das
Die elterliche und schulische Erziehung
Bemühen des Vaters, ihn zu einem gewandten und ge-
Der junge Arthur Schopenhauer besaß zum einen­ bildeten Gesellschaftsmenschen zu machen. Dem ang-
eine außerordentlich ausgeprägte Sensibilität für lophilen Vater schwebte das Bild des erfolgreichen Ge-
menschliche Leiderfahrung, die noch verstärkt wurde schäftsmanns mit dem Profil eines englischen Gentle-
durch eine von väterlicher Seite ererbte Disposition zu man vor. Der Sohn sollte ein Mann von Welt werden.
Angstzuständen und Depressionen. Der junge Arthur Schopenhauer lernte Reiten,
Zum anderen erlebte der junge Schopenhauer im Tanzen, Fechten, Schwimmen und das Musizieren auf
Elternhaus eine große Offenheit gegenüber kulturel- der Flöte, dazu die Umgangsformen der höheren
len Einflüssen aus Westeuropa, die auch seine eigene Stände. Er wurde vom Vater ermahnt, sich bei Tisch
Einstellung prägen sollte. Anders als die meisten zeit- gerade zu halten, um nicht als »verkleideter Schuster
genössischen Philosophen in Deutschland hat Arthur oder Schneider« zu gelten (Lütkehaus 1998, 64), sich
Schopenhauer eine Erziehung genossen, die, begüns- sprachlich vollendet auszudrücken und eine korrekte
tigt durch mehrere Reisen und Ortswechsel, weit über Handschrift einzuüben. Auf Reisen sollte er Tagebuch
den nationalen kulturellen Horizont hinausging und führen und den Eltern brieflich Bericht erstatten.
ihm Erfahrungen zugänglich machte, die nicht auf das Aber auch Literatur, Kunst und Theater gehörten früh
beschränkt blieben, was in einer normalen schu- zum elterlichen Erziehungsprogramm. Allerdings
lischen und häuslichen Erziehung vermittelt werden wurde der junge Arthur Schopenhauer immer wieder
konnte. Der junge Schopenhauer wurde früh mit der ermahnt, der schönen Literatur nicht zu viel Gewicht
Welt konfrontiert – mit dem Leben und der Kultur der beizumessen. Kunsterfahrung war standesgemäßer
europäischen Nachbarn ebenso wie mit den Schatten- Dekor und sollte als Repertoire in der gesellschaftli-
seiten des Lebens. Er verdankte dies nicht zuletzt der chen Konversation zur Verfügung stehen. Doch nicht
kulturellen Aufgeschlossenheit seiner Eltern. Gelehrsamkeit war gewünscht, sondern Weltläufig-
Schopenhauers Eltern, beide aus begüterten Danzi- keit, Gewandtheit und Sinn für Nützlichkeit.
ger Kaufmannsfamilien stammend (s. Kap. 1), sym- Die europäische Ausrichtung dieser Erziehung
pathisierten mit dem Denken der Aufklärung und wa- wird vor allem über kulturelle Erfahrungen, über
ren kulturell nach Westeuropa, insbesondere nach Fremdsprachen und über Reisen vermittelt. Bereits
England hin orientiert. Sie öffneten ihrem Sohn schon zur Zeit der ersten Schwangerschaft seiner Frau hatte
sehr früh den Blick für die gesamteuropäische Kultur. das Ehepaar Schopenhauer von November 1887 bis
Andererseits machten sich in der Erziehung des Va- Februar 1888 eine Englandreise unternommen. Hein-
ters, in der Schule, aber auch in der Lektüreerfahrung rich Floris Schopenhauer erwog ernsthaft den Gedan-
pietistische Einflüsse geltend, die einem pessimisti- ken, seinen Sohn in England zur Welt bringen zu las-
schen und resignativen Weltbild Vorschub leisteten sen, damit er die dortige Staatsbürgerschaft erhalten
und die Empfänglichkeit für Leiderfahrung förderten. könne. Dass er sich schließlich anders entschied und
Philosophisch bestätigt wurde dies in späteren Jahren noch rechtzeitig vor der Geburt nach Danzig zurück-
noch durch die Bekanntschaft mit indischem Denken, kehrte, hat sein Sohn später immer bedauert.
die Arthur Schopenhauer in jenen Jahren machte, als Beide Eltern verfolgten die politischen und literari-
er bereits an seinem Hauptwerk arbeitete und seinem schen Entwicklungen des späten 18. Jahrhunderts mit
Denken eine systematische Form gab. All dies führte Aufmerksamkeit. Sie sympathisierten mit den Errun-
dazu, dass Schopenhauers intellektuelles Profil eine genschaften der konstitutionellen Monarchie in Eng-
doppelte Prägung erfuhr: Sein metaphysischer Pessi- land ebenso wie mit der Französischen Revolution.
mismus war zeit seines Lebens von einem kulturellen Heinrich Floris Schopenhauer, der Vater, galt als pas-
Kosmopolitismus begleitet. sionierter Voltaire-Leser, die Mutter, Johanna Scho-
Grundlage der Weltläufigkeit Schopenhauers war ei- penhauer, war in ihrer Kindheit früh mit der zeitge-
ne, wie seine Mutter es in einem Brief von 1807 formu- nössischen englischen Literatur, darunter Swift und
lierte, »elegante Erziehung« (Lütkehaus 1998, 149), die Sterne, vertraut geworden. Sie besaß besonders gute
auf Standesbewusstsein und Lebenstüchtigkeit, und Kenntnisse des Englischen, da sie als junges Mädchen
nicht, wie bei vielen zeitgenössischen deutschen Intel- vom Prediger der Danziger englischen Gemeinde,
2  ›Europäische Erziehung‹ und das Leiden an der Welt 9

Dr. Jameson, in dessen Muttersprache und in eng- Arthur Schopenhauer lernt auf dieser Reise die
lischer Literatur unterrichtet worden war. großen europäischen Metropolen wie Amsterdam,
Der junge Arthur Schopenhauer konnte auch erste London, Paris und Wien nicht nur mit ihrem Kunst-
Fremdsprachenkenntnisse bereits von seinen Eltern und Kulturleben, sondern auch in ihrer Alltagskultur
erhalten. Französisch, die damalige lingua franca der kennen. Von besonderer Bedeutung für seine Be-
gebildeten Stände, sprachen und schrieben beide El- kanntschaft mit der englischen Gesellschaft und Kul-
tern. So waren es für den jungen Arthur Schopenhau- tur war dabei der dreimonatige Besuch eines eng-
er nicht die Grundsprachen der akademischen Welt, lischen Internats, dem »Eagle House« des Reverend
Griechisch und Latein, die er zuerst erlernt, sondern Lancaster in Wimbledon. Wie das Französische lernt
die lebenden Sprachen der europäischen Nachbarn, er bei dieser Gelegenheit auch das Englische im Land
Französisch und Englisch. Auch seine Lesegewohn- selbst perfekt sprechen und schreiben, eine damals
heiten wurden auf diese Art bereits in jungen Jahren keineswegs selbstverständliche Fähigkeit, die sich
europäisch ausgerichtet. Er verfolgte noch viele Jahre Schopenhauer in späteren Jahren immer wieder zu-
später das Projekt, Laurence Sterne ins Deutsche zu nutze machte. So wurde er zu einem regelmäßigen Le-
übersetzen. ser der englischen Presse, las englische Bücher im Ori-
Dass Schopenhauer Englisch und Französisch flie­ ginal und bot sich bei Verlagen als Übersetzer an.
ßend sprechen und schreiben lernte, verdankt er je- Noch wichtiger jedoch war eine grundlegende anglo-
doch vor allem ausgedehnten Auslandsaufenthalten. phile kulturelle Orientierung, die er sein Leben lang
1797 nahm Heinrich Floris seinen Sohn auf eine nach beibehielt. Arthur Schopenhauer suchte, sowohl auf
Frankreich und England führende Geschäftsreise mit Reisen als auch in Deutschland selbst, immer die
und setzte ihn bei französischen Geschäftsfreunden in Kommunikation mit Engländern und beurteilte auch
Le Havre ab, der Familie Grégoire de Blésimaire. Hier die kulturelle Landschaft in Deutschland von einer
bleibt der junge Arthur Schopenhauer zwei Jahre lang, den englischen Erfahrungen entnommenen Außen-
taucht in die französische Zivilisation ein, wird auf perspektive her.
Französisch unterrichtet und liest französische Litera- Nach Beendigung des Internatsbesuchs setzte der
tur. Auf diese Weise lernt er die Sprache perfekt. Zu- junge Arthur Schopenhauer die große Europareise ge-
dem macht er, trotz der Wirren der napoleonischen meinsam mit seinen Eltern fort, wobei er auch mehr-
Kriege, positive Erfahrungen mit der französischen fach Zeuge von Armut, Grausamkeit und Leid wurde
Zivilisation. Die französische Gastfamilie vermittelt – in einem Europa, dessen Unterschichten Lebens-
ihm jene emotionale Wärme, die er im eigenen Eltern- bedingungen unterworfen waren, die den Verhältnis-
haus nicht erlebt hatte. Mit dem gleichaltrigen Sohn sen in der Dritten Welt zu Beginn des 21. Jahrhun-
der Familie, Anthime, liest er gemeinsam französische derts entsprachen. Hier machte er Erfahrungen, die
Autoren und knüpft mit ihm eine Freundschaft, die dazu beitrugen, sein späteres pessimistisches Weltbild
bis ins Alter halten sollte. zu grundieren. In London wird er Zeuge einer Hin-
Es war die erste längere Auslandserfahrung, die Ar- richtung, das Amphitheater von Nîmes ruft in ihm
thur Schopenhauer schon in sehr frühem Alter mach- »den Gedanken an die Tausende längst verwester
te, aber es war keineswegs die letzte. Nach seiner Menschen herbey« (Schopenhauer 1987, 133), die
Rückkehr unternahmen die Eltern mit dem Sohn eine diese Ruinen in der Vergangenheit betreten haben. Im
vergleichsweise kleinere Reise, die sie von Juli bis Ok- südfranzösischen Toulon prägt sich ihm das Bild der
tober 1800 nach Mitteldeutschland und Böhmen angeketteten Galeerensträflinge ein. Gerade dieses Er-
führte. Die für Schopenhauer prägendste und längste lebnis wird Schopenhauer nie vergessen und Jahre
Reise ging von März 1803 bis August 1804 wiederum später zur Geburtsstunde seines metaphysischen Pes-
ins westeuropäische Ausland. Sie führte über die Nie- simismus ausdeuten: »In meinem 17ten Jahre, ohne
derlande zu einem längeren Aufenthalt in England alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des
und von dort wieder nach Kontinentaleuropa, über Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als
Frankreich, die Schweiz, Österreich, Böhmen zurück er Alter, Krankheit, Schmerz und Tod erblickte [...]
nach Deutschland. Um an ihr teilnehmen zu können, und mein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines
hatte der Sohn seinem Vater versprechen müssen, den allgütigen Wesens seyn könnte, wohl aber die eines
Kaufmannsberuf zu erlernen und auf sein Vorhaben, Teufels, der Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um am
sich auf ein akademisches Studium vorzubereiten, zu Anblick ihrer Qual sich zu weiden [...]« (HN IV (1),
verzichten. 96). Ob der damals 17-Jährige sich tatsächlich schon
10 I Leben

in der Nachfolge Buddhas sah, ist im Nachhinein Da lieg ich in Fesseln« (HN I, 1) deutet er Sexualität
schwer zu entscheiden. Tatsache ist jedoch, dass der bereits als im Gewand der Lust erfahrenes Leiden, als
junge Arthur Schopenhauer, im Gegensatz zu seiner eine Form der existentiellen Abhängigkeit, die in sei-
Mutter, seine Aufmerksamkeit während der Reise im- ner Willensmetaphysik philosophischen Ausdruck
mer wieder auf die menschliche Leidenserfahrung finden sollte.
und auf das Thema ›Vergänglichkeit‹ lenkt.
Nachdem die Familie 1793 von Danzig nach Ham-
Reisen und Bildungserfahrungen nach 1807
burg gezogen war, wird Arthur Schopenhauer von sei-
nem Vater in die Hamburger Privatschule des Dr. Run- Das Jahr 1807 markiert auf Schopenhauers Erzie-
ge geschickt, ein wohlhabenden Kaufmannssöhnen hungsweg eine Zäsur. Es ist das Jahr, in dem ihm end-
vorbehaltenes Erziehungsinstitut. Johann Heinrich lich erlaubt wird, die ungeliebte Kaufmannsausbil-
Christian Runge war im Geiste des Franckeschen Pie- dung abzubrechen und einen akademischen Ausbil-
tismus in Halle ausgebildet worden und brachte an dungsweg einzuschlagen. Erst in seinem 19. Lebens-
seine Hamburger Schule den Geist einer aufgeklärten jahr kann er sich diesen lange gehegten Wunsch mit
Volksbildung mit, verbunden mit einem pietistischen Zustimmung seiner Mutter erfüllen (s. Kap. 3). Inner-
Humanismus, der Religion als praktisches Moralbe- halb von zwei Jahren holt er das Abitur nach. 1809
wusstsein verstand. schreibt er sich zum Studium der Medizin und Natur-
Eine Verbindung von praktischer Moralität und wissenschaften an der Universität Göttingen ein. Von
gleichzeitiger Weltdistanz kommt auch beispielhaft im 1811 bis 1813 studiert er Philosophie an der Berliner
Werk des »Wandsbeker Boten« Matthias Claudius Universität und schließt 1813 mit einer an der Univer-
zum Ausdruck, den Arthur Schopenhauer über seinen sität Jena eingereichten Dissertation ab. In dieser Zeit
Vater kennenlernt. Dieser schenkt ihm die kleine 1799 holt er die klassische Bildung, insbesondere die Kennt-
erschienene Broschüre An meinen Sohn J., die Matthias nis des Griechischen und Lateinischen, so gründlich
Claudius für seinen Sohn Johannes geschrieben hatte, nach, dass er sich in den alten Sprachen vollendet
ein kleines Brevier von Lebensregeln im pietistischen schriftlich ausdrücken konnte.
Geist, das sich noch in Schopenhauers Nachlass fand. Dabei hat er seine naturwissenschaftlichen und an-
Auch ein Bild des Matthias Claudius hing in der Frank- thropologischen Studien auch durch außerakademi-
furter Wohnung des alten Schopenhauer. sche Erfahrungen zu ergänzen versucht. So besuchte
Claudius wird für den jungen Schopenhauer in ei- er im Winter 1812/13 mehrfach die Berliner Charité,
ner Phase wichtig, in der er befürchten muss, dass sei- um sich ein Bild von psychiatrischen Patienten in der
ne geistigen Interessen und seine Sehnsucht nach ei- damaligen »melancholischen Station« zu machen.
ner intellektuellen Existenz den Wünschen des Vaters Wie im Falle der Touloner Galeerensträflinge war er
zum Opfer fallen werden, der ihn als Nachfolger in der vom Los dieser Menschen tief betroffen, die sich teil-
Leitung seines Handelshauses vorgesehen hatte. Er ist weise ihrer Situation voll bewusst waren und auch
in keiner Weise mit sich im Reinen und spiegelt sein schriftliche Aufzeichnungen hinterließen. Er nahm zu
Leiden an der Welt in der Literaturerfahrung. In die- einzelnen von ihnen persönlich Kontakt auf, wie zu
sem Zusammenhang steht auch seine intensive Lektü- dem Patienten Haefner, dem er eine Bibel schenkte.
re der Romantiker, insbesondere Tiecks und Wacken- Für den Studenten Schopenhauer hatte diese Erfah-
roders. So wird Weltdistanz vermischt mit romanti- rung durchaus auch eine persönliche Komponente, da
schem Weltschmerz zu einem Grundgefühl des ju- er in seiner väterlichen Familie den Ausbruch psy-
gendlichen Arthur Schopenhauer: »Nichts soll Stand chischer Krankheiten und Depressionen in jeder Ge-
halten im vergänglichen Leben [...] Alles löst sich auf neration beobachten konnte. Anknüpfend an solche
im Strohm der Zeit [...] Es wird mit nichts Ernst im Erfahrungen rückte das menschliche Leiden ins Zen-
Leben: weil der Staub es nicht werth ist« (Lütkehaus trum seiner Metaphysik und Ethik.
1998, 115), schreibt der 18-Jährige 1806 an seine Mut- Sensibilität und Leidensanschauung hatten also die
ter in Weimar. Fundamente einer pessimistischen philosophischen
Die pessimistische Grundstimmung wird durch die Weltdeutung längst gelegt, als Schopenhauers Welt-
ersten sexuellen Erfahrungen nicht korrigiert, son- distanz noch vor Erscheinen seines Hauptwerkes Die
dern verstärkt. Schopenhauer erlebt sie als Kontroll- Welt als Wille und Vorstellung 1818 eine entscheidende
verlust und als Herabsinken in kreatürliche Ohn- Fundierung in der Begegnung mit ostasiatischer Phi-
macht. In dem frühen Gedicht »O Wollust, o Hölle [...] losophie und Religion erfuhr.
2  ›Europäische Erziehung‹ und das Leiden an der Welt 11

Schopenhauer hatte bereits während seines Studi- Ausdruck der Erkenntnis der metaphysischen Ein-
ums erste Kenntnisse der indischen Kultur erhalten heit des Willens.
(s. Kap. 3; 11). Nach Abschluss seiner Promotion, wäh- Schopenhauer hat auch nach Fertigstellung von Die
rend seines Aufenthalts in Weimar 1813/14, begann er, Welt als Wille und Vorstellung sowohl seine kosmopoli-
u. a. durch Anregung des Reußischen Rats Friedrich tische ›europäische‹ Orientierung als auch seine pessi-
Majer, sich intensiver mit indischer Religion und ins- mistische Weltsicht fortlaufend mit neuen Bildungs-
besondere mit dem sogenannten Oupnek’hat, der von erfahrungen, u. a. durch Reisen, das Erlernen von
dem Franzosen Anquetil-Duperron vorgelegten latei- Sprachen und durch Lektüre, komplementiert. Seinen
nischen Übersetzung der Upanischaden, zu beschäfti- europäischen Bildungshorizont erweitert er durch die
gen. Es handelte sich um eine Übersetzung, die sich intensive Beschäftigung mit zwei weiteren europäi-
selbst wieder auf eine persische Übertragung des ur- schen Kulturen: Das Italienische erlernt er auf zwei
sprünglichen Sanskrit-Textes stützte und die Upa- ausgedehnten Italienreisen, die er jeweils zwischen
nischaden in buddhistischem Gewand präsentierte. 1818 und 1819 und zwischen 1822 und 1823 unter-
Auf diesem Weg wurde Schopenhauer mit Grund- nahm. Neben dem Besuch der antiken Stätten wurde
gedanken des Hinduismus und des Buddhismus be- dabei vor allem die Begegnung mit dem Werk Giaco-
kannt, deren Kern für ihn die moralische Deutung der mo Leopardis wichtig, den er als einen der großen eu-
Welt als einen erlösungsbedürftigen Ort des Leidens ropäischen Pessimisten neben sich selbst gelten ließ.
und ihre erkenntnistheoretische Deutung als ein Ort 1825, als Schopenhauer in Berlin lebte und vergeb-
der Täuschung war. Diese pessimistische Deutung lich eine akademische Karriere anstrebte (s. Kap. 3),
floss ebenso in seine Philosophie ein wie die Forde- begann er außerdem, Spanisch zu lernen. Grund da-
rung, durch Kontemplation, Weltdistanz, Mitleid und für war, dass er die wichtigen Autoren des spanischen
Askese den Zirkel des Leidens zu überwinden, den Siglo de Oro im Original lesen wollte, so u. a. Calderón,
Schleier der Individuation zu lüften und zur Einheit al- der sowohl im Kreis der Jenenser Frühromantiker als
ler Lebewesen vorzudringen. auch im Weimar Goethes hoch geschätzt wurde und
Über das Studium von Fachzeitschriften, u. a. der den er als Pessimisten im christlichen Gewand las.
Asiatic Researches, und Fachliteratur erweitert Scho- Noch folgenreicher war allerdings die Begegnung mit
penhauer in den kommenden Jahren seine Kenntnis dem Pessimismus Baltasar Graciáns, den er zum Lieb-
östlicher Weisheitslehren, insbesondere des Buddhis- lingsautor erkor. Schopenhauer übersetzte in den fol-
mus. Im Alter hat er sich selbst als »Buddhaist« be- genden Jahren Graciáns Oráculo manual und Teile des
zeichnet und eine vergoldete Buddhastatue für seine allegorischen Romans El Criticón. Gracián wurde für
Wohnung erworben. In den Augen der Zeitgenossen Schopenhauer nicht nur wegen seiner pessimistischen
galt er als der »Buddha von Frankfurt«. In der Aus- Weltsicht, sondern auch als Vertreter der Tradition
einandersetzung mit den östlichen Weisheitslehren der Moralistik wichtig, der ihn zur Entwicklung einer
findet Schopenhauers »Leiden an der Welt« ihre end- pragmatischen Klugheitslehre in den Aphorismen zur
gültige ideologische Grundierung, die durch das Stu- Lebensweisheit anregte (s. Kap. 9.6; 15).
dium europäischer Mystiker wie Madame de Guyon, Schopenhauer bewegte sich gleichermaßen in der
Meister Eckhart oder des »Franckforters«, des Autors englischen, französischen, spanischen und italie-
der Theologia Deutsch, ergänzt wurde. Schopenhauer nischen Literatur und Philosophie. Dabei blieben
nahm für sich in Anspruch, den rationalen Kern Mystik, Moralistik und Aufklärung auf europäischer
der u. a. im Buddhismus und der christlichen Mys- Ebene drei der für ihn einflussreichsten ideen-
tik formulierten pessimistischen Weltdeutung erst- geschichtlichen Entwicklungen. Unter den Aufklärern
mals philosophisch zur Klarheit gebracht zu haben: waren es in England Hume, in Frankreich Voltaire
»Buddha, Eckhardt und ich«, so schrieb er 1856, und Rousseau, die er am höchsten schätzte. In seiner
»lehren im Wesentlichen das Selbe, Eckhardt in den Berliner Zeit verfolgte er u. a. das Projekt, englische
Fesseln der christlichen Mythologie. Im Buddhais- Werke wie Sternes Tristram Shandy und religionsphi-
mus liegen die selben Gedanken, unverkümmert losophische Schriften Humes zu übersetzen. Als regel-
durch solche Mythologie, daher einfach und klar, so- mäßiger Leser der europäischen Presse wie der Times
weit eine Religion klar sein kann. Bei mir ist volle blieb er kulturell ein Europäer, der die deutsche kul-
Klarheit« (HN IV (2), 29). Die im Tat twam asi turelle Szene mit der Distanz des Kosmopoliten be-
(»Dies bist du«) ausgedrückte Grundeinheit aller Le- trachtete. Er lese »wenig deutsches« (GBr, 413) be-
bewesen war für ihn wie die Seelenwanderungslehre schied er noch in einem Brief von 1857.
12 I Leben

Seine in Kindheit und Jugend erfahrene »elegante Tier mit Leiden verbunden waren. Sein ganzes Er-
Erziehung« hatte zudem zur Folge, dass Schopenhauer wachsenenleben hindurch hielt er Pudel. Jedem davon
sich auch in seinem Lebensstil von der professoralen gab er den Beinamen »Atman« und betonte dadurch
Existenz der meisten deutschen Philosophen abhob. dessen enge Beziehung zur buddhistischen Weltseele.
Er wurde nie ein reiner Stubengelehrter, sondern blieb, Schopenhauer gehörte auch zu den Mitbegründern
ästhetisch vielseitig interessiert, immer Teil einer urba- des Frankfurter Tierschutzvereins und unterstützte
nen, kunst- und kulturrezipierenden Öffentlichkeit. andere Tierschutzvereine im In- und Ausland. Sein
Sein Auftreten war immer das eines Mannes aus dem Leiden an der Welt und deren philosophische Aus-
gehobenen Bürgertum. Zwar fiel es ihm von früher Ju- deutung machten ihn zu einem auf Weltüberwindung,
gend an schwer, sein cholerisches Temperament zu zü- aber auch auf Leidenslinderung ausgerichteten Weis-
geln und zuweilen den Rahmen der Höflichkeit zu heitslehrer, der damit auch zu einem Anreger ökologi-
wahren. Doch noch im Alter wird Schopenhauer von schen Denkens wurde.
Zeitgenossen und Besuchern als ein, wenn auch etwas
altmodischer, »Herr« wahrgenommen, der perfekt im Literatur
Stile des späten 18. Jahrhundert gekleidet ist und die App, Urs: Schopenhauers Begegnung mit dem Buddhismus.
Kunst der Konversation beherrscht. In der Philosophie In: Schopenhauer-Jahrbuch 79 (1998), 35–58.
App, Urs: Schopenhauer’s Initial Encounter with Indian
seiner Zeit war Schopenhauer ein Solitär, in seiner kul- Thought. In: Schopenhauer-Jahrbuch 87 (2006), 35–76.
turellen Orientierung und seinem sozialen Auftreten Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. Cam-
blieb er ein Mann von Welt. bridge 2010.
Doch auch seine pessimistische Weltdeutung hatte Hübscher, Arthur: Jugendjahre in Hamburg. In: Schopen-
lebenspraktische Konsequenzen. So einzelgängerisch hauer-Jahrbuch 51 (1970), 3–21.
Hübscher, Arthur: Denker gegen den Strom. Schopenhauer:
seine Existenz auf den ersten Blick erscheinen mag, so
Gestern – Heute – Morgen. Bonn 31987.
führte die Anschauung des Leides doch zu einer um- Klamp, Gerhard: Schopenhauer als Europäer und Weltbür-
fassenden und auch tätigen Solidarität mit anderen ger. In: Schopenhauer-Jahrbuch 34 (1951/52), 48–54.
Lebewesen. Lütkehaus, Ludger (Hg.): Die Schopenhauers. Der Familien-
Aus der Überzeugung, dass alle Wesen miteinander briefwechsel von Adele, Arthur, Heinrich Floris und
in einer tieferen Einheit verbunden sind, alle Wesen Johanna Schopenhauer [1991]. München 1998.
Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der
im Leiden vereint und jede moralisch gute oder
Philosophie. Eine Biographie. München 1987.
schlechte Handlung jedes andere Wesen mitbetrifft, Schopenhauer, Arthur: Reise-Tagebücher. Hg. von Ludger
hat Schopenhauer ein enges Verhältnis zu Tieren und Lütkehaus. Zürich 1987.
zum Tierschutz entwickelt. Im Zusammenhang mit Schopenhauer, Johanna: Reise durch England und Schott-
seiner Beschäftigung mit indischer Philosophie no- land. Frankfurt a. M. 1980.
tierte er bereits 1826: »Das Thier, das du jetzt tödtest Schopenhauer, Johanna: Promenaden unter südlicher Sonne.
Die Reise durch Frankreich 1804. Wien 1993.
bist du selbst, bist es jetzt« (HN III, 281). Die christli- Stollberg, Jochen (Hg.): »das Tier, das du jetzt tötest, bist du
che Auffassung, der Mensch sei zur Herrschaft über selbst...«. Arthur Schopenhauer und Indien. Begleitbuch zur
die Natur bestimmt und Tiere müssten als vernunft- Ausstellung anlässlich der Buchmesse 2006. Frankfurt a. M.
lose Wesen zweiter Klasse angesehen werden, lehnte 2006.
er strikt ab. Tiere waren für ihn Mitleidende an der Zimmer, Robert: Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer
Weltbürger. München 2010.
Welt. Deshalb wandte er sich vehement gegen alle
Handlungen und Tierversuche, die für das betreffende Robert Zimmer
3  Akademische Karriere und das Verhältnis zur akademischen ­Philosophie 13

3 Akademische Karriere und das demischen Welt ignoriert wurde, begann seine Hal-
Verhältnis zur akademischen ­ tung gegenüber der Universitätsphilosophie eine radi-
kale und polemische Form anzunehmen.
Philosophie
Akademisches Studium
Arthur Schopenhauer hat, von seiner Dissertation ab-
gesehen, sein Werk außerhalb der akademischen Insti- Schopenhauer war von seinem Vater ursprünglich für
tutionen und weitgehend unbeachtet von ihnen ge- den Kaufmannsberuf bestimmt worden (s. Kap. 1).
schaffen. Die Bedeutung der akademischen Welt für Seine in Hamburg auf der Privatschule des Johann
die Verbreitung von Philosophie konnte aber in einem Heinrich Christian Runge (s. Kap. 2) erworbene
Land, in dem es bis 1871 kein nationales kulturelles Schulbildung war auf praktische Fähigkeiten hin ori-
Zentrum und keine in nationalen Medien gebündelte entiert. So waren kaufmännisches Rechnen und neue-
kritische Öffentlichkeit gab, kaum überschätzt werden. re Fremdsprachen Teil des Schulcurriculums, nicht je-
Die weitaus überwiegende Zahl der bedeutenden doch die klassischen Bildungssprachen Griechisch
deutschen Philosophen des späten 18. und des 19. Jahr- und Latein. Der junge Schopenhauer hatte jedoch
hunderts waren Professoren im akademischen Dienst. schon sehr früh seinen Eltern gegenüber den Wunsch
Dies trifft insbesondere auf Kant, die Vertreter des geäußert, die Gelehrtenlaufbahn einschlagen zu dür-
Deutschen Idealismus, Fichte, Schelling, Hegel und fen, musste aber zunächst eine Kaufmannslehre be-
deren Schüler zu, also Vertreter jener philosophischen ginnen. Erst nach dem Tode des Vaters wurde dem
Richtungen, die die öffentlichen Debatten bestimm- 19-Jährigen mit Hilfe der inzwischen von Hamburg
ten. Die akademische Welt war in Deutschland das Fo- nach Weimar umgesiedelten Mutter die Möglichkeit
rum, das die Rezeption von Philosophie maßgeblich gegeben, den gewünschten akademischen Weg ein-
bestimmte. zuschlagen. Von 1807 bis 1809 hat Schopenhauer, in
Arthur Schopenhauer hingegen gilt als der Philo- einem nach kurzer Zeit abgebrochenen Aufenthalt am
soph, der wie kein anderer die akademische Philoso- Gymnasium in Gotha, vor allem aber mit Hilfe von
phie und ihre Vertreter aggressiv attackiert und diskre- Privatlehrern in Gotha und Weimar, die Grundlagen
ditiert hat. In einer Zeit, in der Staat und Kirche noch für ein aufzunehmendes Studium nachgeholt.
nicht getrennt waren und die christlichen Konfessio- Er folgte zunächst der mütterlichen Empfehlung,
nen und Landeskirchen noch großen Einfluss auf die entweder Medizin oder Jura zu studieren, um später
ideologische Ausrichtung der staatlichen Bildungs- einen Brotberuf ergreifen zu können. Zum Winter-
institutionen ausübten, sah Schopenhauer, der den jü- semester 1809/1810 schrieb er sich im Fach Medizin
disch-christlichen Monotheismus radikal ablehnte, die an der Universität Göttingen ein. Die 1734 gegründete
akademische Philosophie in einem unauflösbaren Di- Georgia Augusta galt als eine der fortschrittlichsten
lemma. Kern des Schopenhauerschen Vorwurfs, wie Universitäten im deutschsprachigen Raum und hatte
er ihn u. a. in seiner berühmten Abhandlung »Ueber vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften ei-
die Universitäts-Philosophie« (s. Kap. 9.3) formulierte, nen hervorragenden Ruf. Hier lehrte u. a. Johann
war, die akademische Philosophie sei ab ovo korrum- Friedrich Blumenbach, der »Praeceptor Germaniae«
piert. Sie könne nicht der ihr eigenen Aufgabe der un- der Naturwissenschaften, Professor für Medizin und
bestechlichen Wahrheitssuche nachgehen, weil sie Mitglied der britischen Royal Society, der auch als der
vom Staat finanziert werde und sich dadurch an die Er- Begründer der Zoologie und Anthropologie gilt, aber
wartung der Obrigkeit verkauft habe, die christliche auch der Philosoph Gottlob Ernst Schulze, einer der
Lehrmeinung rational zu stützen. »In Folge hievon wichtigsten Kritiker des philosophischen Idealismus.
wird«, so Schopenhauer, »so lange die Kirche besteht, Schulze hatte mit seinem 1792 erschienenen Aeneside-
auf den Universitäten stets nur eine solche Philosophie mus eine viel beachtete Auseinandersetzung mit dem
gelehrt werden dürfen, welche [...] doch im Grunde transzendentalen Idealismus Kants vorgelegt. Fichtes
und in der Hauptsache nichts Anderes, als eine Para- Rezension dieses Buches wurde zu einer der Initial-
phrase und Apologie der Landesreligion ist« (P I, zündungen des Deutschen Idealismus.
150 f.). Dennoch hat Schopenhauer, vor allem aus Schopenhauer absolvierte in den vier Göttinger Se-
Gründen der Existenzsicherung, zeitweise selbst ernst- mestern ein naturwissenschaftliches Studium Ge-
haft versucht, an der Universität Fuß zu fassen. Erst als nerale, besuchte aber auch Veranstaltungen zur Phi-
dies scheiterte und sein Werk weiterhin von der aka- losophie und Geschichte. Für die Entwicklung der
14 I Leben

Schopenhauerschen Philosophie ist entscheidend, denen Fichte seine Philosophie präsentierte. Er ver-
dass sie auf einem intensiven Studium der empiri- sieht die Kollegmitschrift mit zahlreichen Randbe-
schen Wissenschaften aufbaut und sich nicht, wie u. a. merkungen, in denen seine zunehmende Distanz zu
bei Schelling oder Hegel, aus theologischen Denk- Fichte sichtbar wird. Er hört zwar auch Veranstaltun-
mustern entwickelt hat. Im Wintersemester 1809/10 gen zu Platon und zur Nordischen Poesie, doch es sind
hörte er u. a. »Naturgeschichte und Mineralogie« bei weiterhin die empirischen Wissenschaften, denen er
Johann Friedrich Blumenbach, »Anatomie« bei Adolf viel Zeit widmet. Er hört Experimentalchemie bei
Friedrich Hempel und »Geschichte der Kreuzzüge« Martin Heinrich Klaproth, über Elektromagnetismus
bei dem Historiker und Ethnographen Arnold Her- bei Paul Ermann und Ornithologie bei Martin Hin-
mann Ludwig Heeren. Im Sommersemester 1810 rich Lichtenstein. Spätestens seit diesem Zeitpunkt
folgten »Chemie« bei Friedrich Strohmeyer, »Physik« datiert Schopenhauers Beschäftigung mit Galvanis-
bei Johann Tobias Mayer und »Botanik« bei Schrader. mus und Magnetismus, mit denen er sich auch später
Im Wintersemester 1810/11 kamen »Physische Astro- im Zusammenhang mit seinem Willensbegriff aus-
nomie und Metereologie« bei Mayer und »Verglei- einandersetzte.
chende Anatomie« bei Blumenbach hinzu. Im Sommersemester 1812 setzt Schopenhauer ei-
Ab dem Wintersemester 1810/11 begann Schopen- nen geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt. Er be-
hauer, bei Gottlob Ernst Schulze Vorlesungen über sucht mehrere Veranstaltungen Friedrich August
Metaphysik und Psychologie zu hören. Schulze weckte Wolfs zur griechischen und römischen Literatur sowie
endgültig Schopenhauers Interesse an der Philoso- eine Vorlesung »Zur Geschichte der Philosophie wäh-
phie. Er empfahl ihm, mit dem Studium Platons und rend der Zeit des Christenthums« bei Schleiermacher.
Kants zu beginnen und prägte damit Schopenhauers Auch August Boeckhs Kolleg über Platon hat er, wenn
Blick auf die Philosophiegeschichte nachhaltig. Auch auch nicht regelmäßig, besucht. Zu den nachgewiese-
ist Schopenhauer über Schulze auf Fichte aufmerksam nen naturwissenschaftlichen Veranstaltungen dieses
geworden. Im Sommersemester 1811, seinem letzten Semesters gehören die Vorlesung über »Geognosie«
Göttinger Semester, hört Schopenhauer Schulzes bei Christian Samuel Weiß sowie »Zoologie« und
»Grundsätze der allgemeinen Logik«. Er belegt außer- »Entomologie« bei Lichtenstein.
dem »Physiologie« bei Blumenbach, »Reichsgeschich- Mit Fichte als akademischem Lehrer hatte er inzwi-
te« bei Lüder und »Ethnographie« bei Arnold Heeren. schen abgeschlossen. Für das Wintersemester 1812/13
Heeren war ein in Deutschland anerkannter Fach- ist noch einmal eine von einem Kommilitonen über-
mann für asiatische Kulturen. In seinem Ethnogra- nommene Kollegnachschrift zu Fichtes Rechts- und
phiekurs hat Schopenhauer erste Kenntnisse über die Sittenlehre erhalten, die mit Schopenhauers sarkas-
indische Gesellschaft erhalten, wenn auch indische tischen Randglossen versehen ist. Schopenhauer hat
Philosophie und Religion nicht im Mittelpunkt stan- zu diesem Zeitpunkt sowohl mit einer optimistischen
den (s. Kap. 2). Sicht der menschlichen Entwicklung und der Mensch-
Nach vier Semestern entschloss sich Schopenhauer, heitsgeschichte, als auch mit der christlichen Gottes-
Philosophie zum Hauptstudium zu machen. Angeregt vorstellung gebrochen. Fichte wird für ihn ein Beispiel
durch die Reputation Fichtes, der damals im Zenith jener von ihm geschmähten akademischen Philoso-
seines Ruhms stand, wechselte er zum Wintersemes- phen bleiben, die die Philosophie dazu benutzen, der
ter 1811/12 auf die noch junge, 1809 gegründete Berli- Religion ein rationales Mäntelchen umzuhängen.
ner Universität, deren Rektor Fichte inzwischen ge- Die einzige geisteswissenschaftliche Veranstaltung,
worden war. Schopenhauer betrieb aber auch hier die Schopenhauer im Wintersemester 1812/13 be-
seine Studien auf einer thematisch sehr breiten Basis sucht, ist die über »Griechische Alterthümer« bei
und nutzte das von renommierten, an die neue Uni- Wolf. Ansonsten widmet er sich wieder ganz den Na-
versität berufenen Fachgelehrten wie dem Zoologen turwissenschaften: »Physik« bei Ernst Gottfried Fi-
Martin Hinrich Lichtenstein, dem Altertumsforscher scher, »Astronomie« bei Johann Elert Bode und »All-
Friedrich August Wolf oder dem Theologen Friedrich gemeine Physiologie« bei Johann Horkel.
Schleiermacher vorgelegte Lehrangebot. Schopenhauers Studium fällt in die politisch turbu-
Im Wintersemester 1811/12 beginnt er sein Studi- lente Zeit der napoleonischen Kriege und der politi-
um der Fichteschen Wissenschaftslehre mit dem Kol- schen Neuordnung in Deutschland, in der auch die
leg »Ueber die Thatsachen des Bewußtseyns und die Universitäten politisiert wurden. Doch Schopenhauer
Wissenschaftslehre«, eine der vielen Variationen, in betrachtete diese Ereignisse, sowohl während seines
3  Akademische Karriere und das Verhältnis zur akademischen ­Philosophie 15

Studiums als auch nachher, als Zaungast. Es gibt keine und Vorstellung. Im Mai 1818 schließt er bei Brock-
Zeugnisse dafür, dass er an diesen Ereignissen aktiv haus einen Vertrag über 800 Exemplare des Buches ab
teilnahm. Er war ein fleißiger und politisch in keiner und bricht im September 1818 zu einer Italienreise
Weise engagierter Student, der in einer Zeit, die durch auf. Die finanziellen Turbulenzen, in die die Familie
nationale Emotionen aufgeladen war, sich ganz der 1819 durch die Insolvenz des Danziger Handelshauses
Lektüre und dem Studium widmete. An antifranzösi- Muhl gestürzt wurde (s. Kap. 1), veranlassten ihn al-
schen Kundgebungen der Studenten in Göttingen, da- lerdings, Pläne für eine bürgerliche Existenz als Hoch-
mals Teil des von Napoleon geschaffenen Königreichs schullehrer zu schmieden, um sich zusätzliche Ein-
Westphalen, beteiligte er sich ebenso wenig wie an der nahmequellen zu verschaffen. Dass er nun den Kon-
nationalen Begeisterung, die an der Berliner Univer- takt zur Universität eher gezwungenermaßen und aus
sität den Befreiungskriegen voranging. rein pekuniären Gründen sucht, wird in einem Brief
Es waren jedoch genau diese politischen Ereignisse, an Muhl klar, in dem er dessen Zahlungsunfähigkeit
die Schopenhauers Besuch von Lehrveranstaltungen für die Lage verantwortlich macht, die ihn zwinge,
an der Universität nicht nur unterbrachen, sondern Philosophie gegen Bezahlung zu lehren: »Ihre Sto-
beendeten. Bereits das Sommersemester 1813 konnte ckung«, so Schopenhauer an Muhl am 28. Februar
nicht mehr ordnungsgemäß durchgeführt werden, so 1820, »zwingt mich mit meinem Wissen Handel zu
dass das Wintersemester 1812/13 das letzte Semester treiben« (GBr, 61).
wurde, in dem Schopenhauer Veranstaltungen an der Bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr nach
Universität besuchte. Deutschland zieht er im Juni 1819 über Ernst Anton
Im März 1813 war in Preußen bereits der Land- Lewald, einen alten Studienfreund, der inzwischen in
sturm einberufen worden, um die aus Russland heim- Heidelberg lehrte, Erkundigungen über die Möglich-
kehrenden Truppen Napoleons zu bekämpfen. Im keit ein, sich an der dortigen Universität als Privatdo-
Mai 1813 flieht Schopenhauer die politisch aufgelade- zent zu etablieren. Ebenso wendet er sich an seinen al-
ne Situation in Berlin, geht zunächst nach Dresden, ten akademischen Lehrer Blumenbach in Göttingen
kurze Zeit später zur Mutter nach Weimar und quar- und an Lichtenstein in Berlin. Letzteren hatte er auch
tiert sich schließlich im Juni 1813 im Gasthaus »Zum in Weimar in privatem Rahmen kennengelernt. Lich-
Ritter« in Rudolstadt ein. Dort, versorgt mit Büchern tensteins Antwort ermutigt ihn, einen Versuch in Ber-
aus der Herzoglichen Weimarischen Bibliothek, ver- lin zu machen, wo, anders als z. B. in Heidelberg, keine
fasst er in wenigen Monaten seine Dissertation Ueber zusätzliche Habilitationsarbeit gefordert wurde, son-
die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden dern lediglich eine Probevorlesung, die in einer dis-
Grunde. Wegen der kriegerischen Auseinanderset- putatio pro venia legendi verteidigt werden musste.
zungen auf dem Weg nach Berlin und der dortigen Am 31. Dezember 1819 richtete Schopenhauer ein
unsicheren politischen Lage sendet er am 24. Septem- Habilitationsgesuch mit beigefügtem Lebenslauf an
ber 1813 die Dissertation an Heinrich Abraham Karl den Dekan der Berliner philosophischen Fakultät, Au-
Eichstätt, den Dekan der nahen Universität Jena. Von gust Boeckh. Er bittet diesen außerdem, ihn bereits für
dort erhält er am 13. Oktober 1813 das Doktordiplom das Sommersemester 1820 in den Vorlesungskatalog
mit der Bewertung »magna cum laude«. Die Disserta- aufzunehmen und seine Veranstaltung genau zu jener
tion ließ er in der Rudolstädter Druckerei Juncker in Zeit anzusetzen, in der Hegel auch seine Hauptvor-
500 Exemplaren drucken. lesung hielt – eine Forderung, die sich als unklug und
für seine akademische Karriere hinderlich erweisen
sollte.
Versuch einer akademischen Karriere
Schopenhauers Probevorlesung wurde für den
Im Anschluss an die Promotion unterbrach Schopen- 23. März 1820, 13 Uhr angesetzt. Thema waren die
hauer für einige Jahre den unmittelbaren Kontakt zur vier Arten von Ursachen, die auch im Mittelpunkt sei-
Universität. Finanziell war er inzwischen von den Ein- ner Dissertation gestanden hatten. Dem Habilitati-
künften einer akademischen Lehrtätigkeit unabhän- onsausschuss unter Vorsitz von Boeckh gehörten u. a.
gig, da er seit 1809 von seiner Mutter die Verfügung auch Hegel und Lichtenstein an. Mit Hegel kam es zu
über seinen Anteil des väterlichen Erbes erhalten hat- einem kleineren Disput über den Begriff des »Motivs«
te. So siedelte er nach dem endgültigen Zerwürfnis und der »animalischen Funktionen«, bei dem Scho-
mit der Mutter (s. Kap. 1) 1814 nach Dresden über penhauer durch Lichtenstein unterstützt wurde. Trotz
und verfasste dort sein großes Werk Die Welt als Wille des Disputs wurde ihm die venia legendi erteilt, vor-
16 I Leben

behaltlich einer weiteren von Schopenhauer diesmal schlugen ebenfalls fehl. 1827 erkundigte sich Scho-
öffentlich zu haltenden Probevorlesung, die noch im penhauer, zunächst über Friedrich Wilhelm Tiersch,
März 1820 stattfand. dann auf eigene Faust, nach Möglichkeiten einer Do-
Schopenhauer durfte nun an der Universität leh- zentur in Würzburg. Die von der Würzburger Univer-
ren, musste aber Zuhörer finden, die bereit waren, für sität eingeholten Informationen über ihn waren je-
die Teilnahme an seinen Veranstaltungen zu bezahlen. doch ungünstig. Sowohl der bayrische Gesandte in
Für das Sommersemester 1820 kündigte er im Lekti- Berlin, der Graf von Luxburg, als auch Karl von Savig-
onskatalog an, »universam philosophiam seu doctri- ny, der Schopenhauer noch aus seiner Berliner Zeit
nam de essentia mundi et mente humana« zu behan- kannte, vermittelten negative Eindrücke seiner Per-
deln. Die Veranstaltung fand, vor lediglich fünf Zuhö- son, wenn sie auch nichts über Schopenhauers Phi-
rern, an sechs Wochentagen statt. Im folgenden Win- losophie sagen konnten. Auch das in einem Schreiben
tersemester kündigte er eine Veranstaltung unter dem an Georg Friedrich Creutzer 1828 geäußerte Ansin-
gleichen Titel, diesmal fünfstündig an. Sie kam wegen nen, die Chancen in Heidelberg noch einmal zu son-
mangelnder Zuhörerschaft nicht zustande. Ebenso er- dieren, führte zu nichts. Schopenhauer blieb noch drei
ging es den angekündigten Veranstaltungen für die Jahre in Berlin, bis ihn die Cholera 1831 endgültig aus
folgenden drei Semester. Formal gehörte Schopen- der Stadt vertrieb.
hauer 24 Semester lang der Berliner Universität an.
Doch die vom Wintersemester 1826/27 bis zum Win-
Die Abwendung von der Universität und der Uni-
tersemester 1831/32 angekündigte Vorlesung über
versitätsphilosophie
»Die Grundlegung der Philosophie oder die Theorie
der gesammten Erkenntnis« kam nie mehr zustande. Schopenhauers akademische Karriere war nicht nur
So war sein erster Anlauf an der Berliner Universität daran gescheitert, dass eine hegelianisch dominierte
trotz erfolgreicher Habilitation gescheitert. Arthur Universitätsphilosophie ihn ignorierte. Auf seiner Seite
Schopenhauer hat in den 1820er Jahren noch mehr- trugen auch fehlende soziale Netzwerke und ein sozial
fach versucht, auch außerhalb Berlins akademisch Fuß ungeschicktes Auftreten dazu bei. Der ehemalige Hege-
zu fassen, auch nachdem sich seine finanzielle Lage lianer Karl Fortlage, selbst bestallter Philosophiepro-
wieder so gefestigt hatte, dass er auf ein zusätzliches fessor, hat später die Unwilligkeit der akademischen
Einkommen nicht mehr angewiesen war. Im Herbst Philosophie zugegeben, sich mit dem »Kernbeißer«
1821 stand er kurz vor einer Berufung in Gießen, doch Schopenhauer auseinanderzusetzen (GBr, 583).
diese ging an Joseph Hillebrand. 1823 bewarb sich Mit der endgültigen Übersiedlung nach Frankfurt
Schopenhauer mit Unterstützung Goethes, aber den- am Main 1833 hatte Schopenhauer die Hoffnung auf
noch vergeblich, in Jena, wo man Jakob Friedrich Fries eine akademische Karriere endgültig aufgegeben, zu-
aus politischen Gründen suspendiert hatte. Nach dem mal auch sein Werk nur sehr wenige Rezensionen
Vorlesungsdebakel in Berlin hatte er beschlossen, die hervorgerufen hatte. Die andauernde Nichtbeach-
Stadt für einige Zeit zu verlassen. Bereits im Januar tung seines Werks in der akademischen Öffentlich-
1822 kündigt er seiner Schwester an, er werde den keit verbitterte ihn zusehends und färbte auch seinen
Sommer in Dresden verbringen, »denn hier habe ich Blick auf die akademische Philosophie. In Erwartung
doch keine Zuhörer und habe seit 1 1/2 Jahren nicht einer baldigen zweiten und ergänzten Auflage seines
gelesen« (Lütkehaus 1998, 316). Im Mai 1822 bricht er Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung hatte
zu seiner zweiten Italienreise auf. Nach weiteren mehr- Schopenhauer bereits seit 1821 Entwürfe für eine
monatigen, von Krankheit geprägten Aufenthalten neue Vorrede verfasst, in denen der Ton gegen die
u. a. in München und Bad Gastein kehrt Schopenhauer akademische Philosophie zunehmend schärfer wird.
1825 nach Berlin zurück, um noch einmal den Versuch 1825 beklagt er sich, er sei der einzige Leser seines
zu unternehmen, sich als Dozent an der Universität Werks gewesen, »denn die Leutchen vom Fach auf
zu etablieren. Vom Wintersemester 1826/27 bis zum den Universitäten sind nicht für Leser zu rechnen«
Wintersemester 1831/32 hat Schopenhauer, immer ge- (HN III, 199).
nau zu der Zeit, in der Hegel sein Hauptkolleg las, re- Ab 1832 fokussiert sich Schopenhauers Polemik
gelmäßige Vorlesungen über die »prima philosophia« zusehends und explizit auf den Stand der Philosophie-
angeboten. Keine davon fand statt. professoren. Den Tenor seiner Haltung gegenüber der
Mehrfache Versuche in den späten 1820er Jahren akademischen Philosophie, die sich in seiner zweiten
einen Ruf an eine deutsche Universität zu erhalten, Lebenshälfte verfestigte, formulierte er in seinem
3  Akademische Karriere und das Verhältnis zur akademischen ­Philosophie 17

Cholerabuch: »Man wird schon ein Mal einsehn, ten. Beiden hatte er in den Jahren 1837/38 jeweils eine
welch ein radikaler Unterschied ist zwischen einem Preisschrift zur Moralphilosophie (Ȇber die Frei-
Philosophen, dessen letzter Zweck die Wahrheit, und heit des Willens«/»Über die Grundlage der Moral«,
einem, dessen letzter Zweck die Professur ist« (HN IV s. Kap. 8) zukommen lassen. Die norwegische Aka-
(1), 97). Schopenhauer sieht sich auf der Seite der un- demie zeichnete ihn aus und verlieh ihm die Mitglied-
korrumpierten Wahrheitssucher gegenüber einer schaft, während die dänische seinen Beitrag u. a. mit
Phalanx bezahlter Lohndiener, die »von« der Philoso- dem Hinweis ablehnte, er habe »summos philoso-
phie, aber nicht »für« die Philosophie lebt. Es ist die phos« – gemeint sind die Vertreter des Deutschen
Philosophie Hegels und seiner Nachfolger, in der sich Idealismus – abschätzig behandelt. Während er nie
für ihn eine akademisch korrumpierte Philosophie im versäumte, die norwegische Sozietät zu rühmen und
Dienste der Staatsideologie idealtypisch verkörpert, seine Mitgliedschaft plakativ herauszustellen, warf er
während er sich selbst, als der in seinen Augen bedeu- der dänischen vor, die Wahrheit unterdrückt und dem
tendste Philosoph der Zeit und legitime Nachfolger »Ruhm der Windbeutel und Scharlatane« (E, XL) ge-
Kants, von der akademischen Welt bewusst ignoriert dient zu haben. Akademische Reaktionen auf sein
und verfolgt fühlt. In der schließlich 1844 veröffent- Werk waren ihm keineswegs gleichgültig.
lichten Vorrede zur zweiten Auflage der Welt als Wille
und Vorstellung fasst er die Gründe für seine ableh-
Späte Würdigungen
nende Haltung gegenüber der akademischen Philoso-
phie noch einmal zusammen: »Machen nun die Re- Schopenhauers Philosophie hat nie die Universitäten
gierungen die Philosophie zum Staatszwecke; so sehn dominiert. Doch wurde er im letzten Jahrzehnt seines
andererseits die Gelehrten in philosophischen Profes- Lebens, seit dem Erscheinen der Parerga und Paralipo-
suren ein Gewerbe« (W I, XVIII). Seine eigene Phi- mena 1851, zunehmend auch von der akademischen
losophie sei hingegen explizit nicht darauf eingerich- Welt wahrgenommen. Diejenigen, die dem Deutschen
tet, »daß man von ihr leben könne« (W I, XXVII). Es Idealismus nahestanden, blieben allerdings kritisch.
ist dies der Grundton, der auch Essays wie »Ueber die So kritisierte ihn Rosenkranz 1854 in dem in der Deut-
Universitäts-Philosophie« (s. Kap. 9.3) und »Ueber schen Wochenschrift erschienenen Aufsatz »Zur Cha-
Gelehrsamkeit und Gelehrte« beherrscht. rakteristik Schopenhauers«. Ludwig Noack, ein junger
Dennoch hat Schopenhauer auch in der Frankfur- Gießener Privatdozent, der zwischen Theologie und
ter Zeit den Kontakt mit Hegelianern nicht ganz ge- Philosophie hin- und herpendelte, sah in seinem zwei-
mieden und er blieb auch für akademische Anerken- bändigen Schelling und die Philosophie der Romantik
nungen keineswegs unempfänglich. 1837 wendet er von 1859 Schopenhauer weiterhin in der direkten
sich an die Königsberger Herausgeber einer geplanten Nachfolge Fichtes und Schellings. Doch das Schweige-
neuen Kant-Ausgabe, Karl Rosenkranz und Wilhelm kartell war gebrochen. Schopenhauer wurde zuneh-
Schubert, und fordert sie auf, die erste, nach Schopen- mend zum Gegenstand der Lehre und zum Thema von
hauers Meinung unverfälschte Version der Kritik der Preisschriften und Philosophiegeschichten. Karl Fort-
reinen Vernunft abzudrucken und kenntlich zu ma- lage, Lehrstuhlinhaber in Heidelberg, diskutierte ihn
chen. Als Rosenkranz seine Vorschläge weitgehend ausführlich in seiner 1852 erschienenen Genetischen
berücksichtigt, fühlt Schopenhauer sich seit Jahren Geschichte der Philosophie seit Kant. 1856 schrieb die
zum ersten Mal von der akademischen Community Universität Leipzig einen Essaywettbewerb über die
anerkannt und spricht dem »Geehrtesten Herrn Pro- Philosophie Schopenhauers aus, den der Theologiestu-
fessor« artig seinen »herzlichen Dank« aus – auch dent Rudolf Seydel gewann. Während Schopenhauer
wenn er sich in einem Brief vom 25. September 1837 Seydels Beitrag als ›Machwerk‹ ablehnte, gewann er in
die Bemerkung nicht hatte verkneifen können, er hof- dem Autor eines anderen Beitrags mit dem Titel Die
fe, dass Rosenkranz »das wankende Gebäude der He- Schopenhauersche Philosophie in ihren Grundzügen
gelei verlassen« (GBr, 169) werde. dargestellt und beleuchtet, dem jungen Jurastudenten
Exemplarisch für Schopenhauers Schwanken zwi- Carl Georg Bähr, einen seiner treuesten und von ihm
schen einer aggressiven Polemik gegen die hegelia- hoch geschätzten Anhänger (s. Kap. 27). Er lobte die
nisch dominierte Universitätsphilosophie einerseits Schrift als »die erste gründliche Diskussion meiner
und einem Streben nach akademischer Anerkennung Lehre« (GBr, 409). 1857 schließlich wurden sowohl in
andererseits ist sein Verhalten gegenüber der norwe- Bonn als auch in Breslau Lehrveranstaltungen über die
gischen bzw. der dänischen Sozietät der Wissenschaf- Schopenhauersche Philosophie abgehalten.
18 I Leben

Dennoch hat Schopenhauer bis zum Ende seines Hübscher, Arthur: Schopenhauer als Hochschullehrer. In:
Lebens aus seiner Verachtung für die von Staat und Schopenhauer-Jahrbuch 39 (1958), 172–175.
Kirche domestizierten Professoren keinen Hehl ge- Hübscher, Arthur: Denker gegen den Strom. Bonn 31987.
Jimenez, Camillo: Tagebuch eines Ehrgeizigen. Arthur Scho-
macht und sich über deren Versorgungsmentalität penhauers Studienjahre in Berlin (11.8.2006). In: http://
mokiert, die er als ›Stallfütterung‹ bezeichnet. »Blicke www.avinus-magazin.eu/2006/08/11/jimenez-schopen
ich zurück«, so schrieb er am 21. März 1856 an den hauers-studienjahre/ (9.7.2014).
»Erzevangelisten« unter seinen Anhängern, Julius Koßler, Matthias: Philosophie im Auftrage der Natur und
Frauenstädt, »so sehe ich, wie meine Philosophie ganz Philosophie im Auftrage der Regierung – Schopenhauers
Kritik der Universitätsphilosophie. In: Schopenhauer-Jahr-
allein durch Nicht-Professoren dem Publiko bekannt
buch 94 (2013), 217–228.
geworden und mein Ruhm durch sie entstanden ist« Lütkehaus, Ludger (Hg.): Die Schopenhauers. Der Familien-
(GBr, 389). Entsprechend rekrutiert sich die Mehrzahl briefwechsel von Adele, Arthur, Heinrich Floris und
seiner Anhängerschaft bis heute aus der außerakade- Johanna Schopenhauer [1991]. München 1998.
mischen Leserschaft. Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der
Philosophie. Eine Biographie. München 1987.
Segala, Marco: Einführung: Auf den Schultern eines Riesen.
Literatur
Arthur Schopenhauer als Student Johann Friedrich Blu-
Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. New York
menbachs. In: Jochen Stollberg/Böker, Wolfgang (Hg.):
2010.
»... die Kunst zu sehn«. Arthur Schopenhauers Mitschriften
d’Alfonso, Matteo Vincenzo: Schopenhauers Kollegnach-
der Vorlesungen Johann Friedrich Blumenbachs (1809–
schriften der Metaphysik- und Psychologievorlesungen von
1811) (= Schriften zur Göttinger Universitätsgeschichte,
G. E. Schulze (Göttingen 1810–11). Würzburg 2008.
Bd. 3). Göttingen 2013, 13–40.
Estermann, Alfred: Arthur Schopenhauer. Szenen aus der
Umgebung seiner Philosophie. Frankfurt a. M./Leipzig Robert Zimmer
2000.
II Werk
4 Ueber die vierfache Wurzel des 1813 (vgl. HN I, 55–67). Andere Materialien befinden
Satzes vom zureichenden Grunde sich in den zeitgenössischen Kommentarheften zu
den Werken Schellings und Kants. Er brachte die Ar-
beit innerhalb weniger Monate zu Ende und legte sie
Die Studienjahre
der Universität Jena mit dem Titel Ueber die vierfache
Schopenhauers Dissertation Ueber die vierfache Wur- Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde vor. Am
zel des Satzes vom zureichenden Grunde ist der Schluss- 2. Oktober 1813 erlangte er so den Doktortitel in ab-
akt im Studium des jungen Philosophen. Schopen- sentia, und der Text wurde – mit dem Datum des vo-
hauer schrieb sich 1809 an der medizinischen Fakultät rigen Jahres – im Januar 1814 veröffentlicht. Das Ma-
der Universität Göttingen ein, entschied sich aber sehr nuskript der Dissertation und eventuelle vorbereiten-
bald – auch unter dem Einfluss des Professors für Me- de Fassungen sind verlorengegangen.
taphysik, empirische Psychologie und Logik Gottlob Unter den Bekannten, welchen er eine Kopie seiner
Ernst Schulze (1761–1833) – für die Philosophie. 1811 Arbeit zukommen ließ, befinden sich Schulze – wel-
beschloss Schopenhauer, nach Berlin zu ziehen, um cher das Buch rezensierte – und Goethe. Zusätzlich zu
die Vorlesungen von Johann Gottlieb Fichte (1762– dieser Rezension entstanden zwei weitere (vgl. Piper
1814), der Spitzenfigur der neugegründeten Univer- 1916, 167–186). Goethe war seinerseits dermaßen be-
sität in der preußischen Hauptstadt, zu hören. eindruckt von der Dissertation des Sohnes seiner
Schopenhauer war ein guter Kenner des Fichte- Freundin Johanna Schopenhauer – deren literari-
schen Denkens, hatte fast alle seine Werke gelesen und schen Salon er seit Jahren regelmäßig frequentierte –,
kannte sogar in groben Zügen den Inhalt der Berliner dass er wünschte, sich privat mit dem jungen Philoso-
Lehrveranstaltungen; diese hatte Schulze auf der Basis phen unterhalten zu können. Daraus entstanden re-
der Wissenschaftslehre in ihrem allgemeinen Umrisse gelmäßige Treffen von Schopenhauer und Goethe, im
(1810), ein Büchlein, welches die Schlussvorlesung Zuge derer Goethe dem jungen Freund auch seine Ex-
aus Fichtes erstem Berliner Kurs wiedergab, in seinem perimente zur Farbenlehre zeigte (s. Kap. 19), und
Metaphysikkurs vorgestellt. Nach einer ersten Phase welche sich über den ganzen Winter 1813/14 hinzo-
gebündelter Aufmerksamkeit für die Vorlesungs- gen. Aus diesen Gesprächen entstand, nachdem Scho-
inhalte zeigt Schopenhauer eine wachsende Enttäu- penhauer infolge eines letzten heftigen Streits mit sei-
schung, die in Hohnsprüche auf dem Rand der Vor- ner Mutter nach Dresden gezogen war, seine Studie
lesungsnotizen mündet. Ueber das Sehn und die Farben (1816) (s. Kap. 5).
Neben den Vorlesungen Fichtes nahm Schopen-
hauer an verschiedenen Kursen teil, sowohl bei Na-
Die beiden Ausgaben (1813 und 1847)
turwissenschaftlern als auch bei Geisteswissenschaft-
lern und insbesondere beim Philosophen und Religi- Es existieren zwei Fassungen der Schrift Ueber die
onswissenschaftler Friedrich Schleiermacher (1768– vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde,
1834). In dieser Zeit hatte er darüber hinaus die die inhaltlich weitgehend miteinander übereinstim-
Möglichkeit, seine Kenntnisse der kantischen Phi- men und sich trotzdem in vielerlei Hinsicht voneinan-
losophie zu vertiefen und sowohl die Philosophie von der unterscheiden. Drei Jahre nachdem er die zweite
dessen beiden idealistischen Erben Fichte und Schel- Fassung von Die Welt als Wille und Vorstellung (1844)
ling, als auch jene von deren Gegnern Jakob Friedrich in Druck gegeben hatte, legte sich der sechzigjährige
Fries (1773–1843) und Friedrich Heinrich Jacobi Schopenhauer – der damals schon seit über fünfzehn
(1743–1819) zu kritisieren. Bei Kriegsausbruch zog er Jahren in Frankfurt lebt – seine Dissertation abermals
sich in den kleinen Ort Rudolstadt zurück, um die für vor, um sie mit weitreichenden Umarbeitungen und in
den Erwerb des Doktortitels der Philosophie notwen- verdoppeltem Umfang erneut zu veröffentlichen. Er
dige Dissertation zu verfassen. Eine erste kohärente selbst kommentierte den eigenen Umgang mit seinem
Reihe von Reflexionen über das Thema der Disserta- Jugendtext mit folgenden Worten: »Mancher [wird
tion findet man im letzten Berliner Heft, Bogen L, von vielleicht] den Eindruck davon erhalten [...], wie wenn
4  Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 21

ein Alter das Buch eines jungen Mannes vorliest, je-


Die Entstehung der Dissertation
doch es öfter sinken läßt, um sich in eigenen Exkursen
über das Thema zu ergehn« (G, VI). Seit der Veröffentlichung der Manuskripte der Berliner
Seitdem zirkulierte sowohl in Deutschland als auch und Dresdner Periode – zunächst durch Frauenstädt
im Ausland vor allem diese zweite Fassung und erst und später durch Hübscher – interpretierte man in der
1912 wurde die erste Niederschrift, dank der Werk- Forschung die Jahre unmittelbar vor und nach der Dis-
ausgabe von Paul Deussen, wieder veröffentlicht. Am sertation als jenen Zeitraum, in dem Schopenhauer ei-
Ende des Kapitels wird noch auf die Unterschiede zwi- ne erste Form von »Erlösungslehre« ausarbeitet, die
schen den beiden Versionen in einem Absatz ein- um den – anschließend fallengelassenen – Begriff des
gegangen werden, der der vergleichenden Analyse ›besseren Bewusstseins‹ kreist. Zeitlich gesehen stellt
beider Texte gewidmet ist, um so die Auswirkungen die Dissertation den Abschluss dieser ersten Schaf-
des schon vollendeten Systems auf die in der Vierfa- fensphase dar. Trotzdem wird in dieser Arbeit nur ein
chen Wurzel dargestellten methodologischen Prämis- Teil der vielen Themen behandelt, die für den jungen
sen deutlich zu machen. Philosophen wichtig waren, und zwar der auf das ›em-
In diesem Kapitel wird die Darstellung der The- pirische Bewusstsein‹ bezogene, während all das posi-
men der Dissertation vorzugsweise nach der ersten tive Potential, das die Theorie des ›besseren Bewusst-
Ausgabe durchgeführt, und zwar aus zwei verschiede- seins‹ bot und das das Subjekt mit dem Schönen und
nen Gründen: einem historischen und einem syste- Guten verbindet, hier absichtlich ausgeschlossen wird.
matischen. Vom historischen Standpunkt aus muss ›Besseres Bewusstsein‹ ist wahrscheinlich ein Ter-
man nämlich bedenken, dass Schopenhauer mehr als minus, der dem Begriff des ›höheren Bewusstseins‹
dreißig Jahre lang eine Veränderung der Inhalte des nachempfunden ist, wie ihn Fichte in der Sittenlehre
Werkes nicht für nötig hielt, das er schon in der ersten und in seinen Vorlesungen über die »Tatsachen des
Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung als Bewusstseins« (vgl. HN II, 26, 348) verwendet. Aber
Pflichtlektüre für das richtige Verständnis des eige- im Gegensatz zum Fichteschen ›höheren Bewusst-
nen Systems empfohlen hatte. In systematischer Hin- sein‹ ist das ›bessere Bewusstsein‹ in keiner Weise mit
sicht ist die Tatsache bedeutsam, dass Schopenhauer der theoretischen Tätigkeit verknüpft, denn es offen-
weder sein System noch seine Theorie des Willens bart sich nur in der ästhetischen Kontemplation oder
ausformuliert hatte, als er seine Dissertation verfasste. in der moralischen Handlung. Es handelt sich um ein
Da seine Überarbeitung von 1847 mit dem spezifi- Vermögen, durch welches das Subjekt das Übersinn-
schen Ziel durchgeführt wurde, die epistemologi- liche in seinen weltlichen Ausprägungen erfassen
schen Grundlagen des Systems angesichts der Theorie kann. Dieses ist dem ›empirischen Bewusstsein‹ ent-
des Willens zu aktualisieren, erscheint es besser, zu- gegengesetzt, das sich auf den Bereich bezieht, in dem
erst die Reflexion über das Prinzip vom zureichenden wir unsere theoretischen Vermögen – Sinnlichkeit,
Grunde in Angriff zu nehmen, wobei man von den Verstand und Vernunft – ausüben; letztere binden uns
Inhalten des Systems zunächst absieht, um erst in ei- an die phänomenale Welt von Raum und Zeit, indem
nem zweiten Schritt zu überprüfen, in welchem Maße sie die Vorstellungen vom Objekt bilden und verwal-
diese Grundlagen von einer Neuinterpretation berei- ten. Der Begriff des ›besseren Bewusstseins‹ ver-
chert werden können, welche die Willensmetaphysik schwindet aus Schopenhauers Notizen gegen Ende
mitberücksichtigt. Die Darstellung der ersten Aus- 1814, und obwohl Schopenhauer den erlösenden
gabe ermöglicht es also, den Wert zu betrachten, den Wert bewahrt, den Kunst und Moralität für den
die Untersuchung des Prinzips vom zureichenden Mensch besitzen, ist er in Die Welt als Wille und Vor-
Grunde für die Genese des Systems innehat, somit stellung nicht mehr zu finden.
auch ihre Rolle als Einführung in das System. Einer Man hat daraus gefolgert (vgl. Kamata 1988), dass
Analyse der zweiten Ausgabe käme dagegen eher die Schopenhauer sich eben anlässlich der Niederschrift
Funktion zu, darzustellen, wie das System die alte Ab- der Dissertation – in der die Formulierung nicht auf-
handlung über das Prinzip vom zureichenden Grun- taucht – von diesem Begriff distanziert hat. Umge-
de bestätigt oder widerruft. kehrt hat man aber auch die Hypothese aufgestellt,
dass Schopenhauer während seiner Arbeit an der Dis-
sertation den Begriff des ›besseren Bewusstseins‹
nicht ablegt, sondern sich eher für eine tiefgehende
Untersuchung von dessen Pendant – dem ›empiri-
22 II Werk

schen Bewusstsein‹ – entscheidet, um in erster Instanz bau in Schwierigkeiten geriet. Das hatte schließlich
die epistemologischen Strukturen der Empirie zu ana- Aenesidemus-Schulze – der Göttinger Lehrer Scho-
lysieren (vgl. De Cian 2002). Die Dissertation würde penhauers – in seiner Kritik an Kant und Reinhold ans
nämlich noch vollständig zu einer gespaltenen Sicht Licht gebracht. Aber bereits Maimon und Jacobi hat-
auf die Welt gehören, deretwegen Schopenhauer ge- ten – zusammen mit der Problematik des Begriffs vom
zwungen ist »das Beste im Menschen, ja dasjenige wo- Ding an sich – in verschiedenen Hinsichten auf die
gegen die ganze übrige Welt sich verhält wie ein Schat- zweideutige Rolle aufmerksam gemacht, die die Kate-
ten im Traum« (Diss, 132) momentan von seiner Un- gorie der Kausalität bei Kant spielt. Diese Debatte hat-
tersuchung auszuschließen. Für die beim Verfassen te gut zwanzig Jahre zuvor den Fichteschen Idealismus
der Dissertation verwendete Methode gilt also die und somit schließlich die Systeme von Schelling und
Vorgabe, die er im Berliner Kommentar der Fichte- Hegel mit angestoßen. Es erscheint daher fast sicher,
Lektüre notiert hatte: »So wird der wahre Kriticismus dass Schopenhauers Ablehnung der idealistischen
das beßre Bewußtseyn trennen von dem empirischen, Wendung des Kritizismus – dessen Geburtsstunde ge-
wie das Gold aus dem Erz, wird es rein hinstellen ohne nau die Verneinung des Dings an sich und die Deduk-
alle Beimengung von Sinnlichkeit oder Verstand [...]: tion der Kategorien aus der Aktualität des Ichs war –
dann wird er das empirische auch rein erhalten, nach ihn dazu zwingt, die Kategorie der Kausalität und ihre
seinen Verschiedenheiten klassifiziren« (HN II, 360). für die Welt der Vorstellung konstitutive Funktion neu
Deshalb wird Schopenhauer den Begriff des ›bes- zu definieren. In den Reflexionen, die die Nieder-
seren Bewusstseins‹ erst ungefähr ein Jahr nach der schrift der Dissertation vorbereiten und begleiten, ist
Veröffentlichung der Dissertation definitiv ad acta le- ein klares Anzeichen dafür die Tatsache, dass die ers-
gen, zu einer Zeit, in der er im Willen den metaphysi- ten Notizen über die begriffliche Verwechslung des
schen Grund der Welt erkennt und die Gleichwertig- kausalen Verhältnisses mit dem Verhältnis zwischen
keit von Wille und Ding an sich formuliert (vgl. HN I, Grund und Folge genau in den Kommentaren zu den
§ 278, 169; De Cian 2002). Dies wird der theoretische Werken von Kant und Schelling auftreten (vgl. HN II,
Angelpunkt sein, der dem noch auszuarbeitenden 272–273, 317–318, 336).
System Einheit verleihen wird (vgl. Decher 1996). Weniger voraussehbar ist die Radikalität, mit der
Trotz der berühmten Notiz von 1813 – einer der letz- sich Schopenhauer entscheidet, das Problem in An-
ten aus Berlin –, die seine ›Schwangerschaft‹ mit ei- griff zu nehmen, und die zur eindeutigen Originalität
nem System ankündigt (vgl. HN I, § 92, 55), ist dessen der gefundenen Lösungen führt. Er zeigt in der Dis-
Geburt noch weit entfernt. Einstweilen muss sich der sertation in der Tat eine außergewöhnliche ana-
junge Schopenhauer mit der Niederschrift einer »Ele- lytisch-systematische Begabung, deren Hauptergeb-
mentarphilosophie« begnügen (vgl. G, V), in der er nisse folgende sind: die Neubestimmung der kanti-
die erkenntnistheoretische Struktur der Welt als bloße schen Kausalitätskategorie, die Erneuerung der For-
Vorstellung darstellt. men des logischen Vernunftbegriffs, eine Reihe
unerwarteter Folgen auf der Ebene der Geometrie
und der Arithmetik und schließlich die ebenso ori-
Die Wahl des Themas
ginelle wie radikale Formulierung einer neuen Theo-
Dass Schopenhauer – der sich schon in den Jahren an rie der Motivation als Grundlage des menschlichen
der Universität deutlich in Richtung einer Wiederauf- Handelns. Die Tatsache, dass er die produktive Fähig-
nahme und Vertiefung der transzendentalen Perspek- keit des gesamten Spektrums der menschlichen Ver-
tive Kants orientiert hat – dem Problem der Kausalität mögen – Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft und Wol-
seine Abschlussarbeit widmet, ist nicht wirklich über- len – vollständig auf vier Aspekte eines einzigen, ka-
raschend. Kant war von der Kausalität ausgegangen tegorialen Prinzips zurückführen konnte, stellt eine
mit dem Ziel, ihren Wert als a priori gültigen gegen die Vorgehensweise dar, die die Schrift Ueber die vierfa-
empiristische Kritik Humes zu verteidigen und damit che Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde auf-
die Geltung der modernen Wissenschaften zu retten. grund ihres innovativen Potentials in epistemologi-
Und es war wiederum aufgrund der Kausalität, und scher Hinsicht in die Nähe der kantischen Dissertatio
zwar besonders im Falle der transzendenten Anwen- de mundi sensibilis atque intelligibilis forma et princi-
dung, die Kant davon in der Bestimmung des Verhält- piis rückt. Es ist nicht überraschend, dass Schopen-
nisses zwischen Ding an sich und Erscheinung ge- hauer genau auf diesen Boden seine systematische
macht zu haben schien, dass der kantische Systemauf- Sicht gründen kann, ebenso wie Kant die Kritik der
4  Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 23

reinen Vernunft (1781) auf der Basis der Dissertatio erlaubt, welche Schopenhauer als »Mutter aller Wis-
von 1770 entwickeln konnte. senschaften« (Diss, 7) bezeichnet. Nur der Satz vom
zureichenden Grunde gewährleistet, dass die Verbin-
dung unserer Erkenntnisse die Form eines wissen-
Die Struktur des Textes
schaftlichen Systems aufweist, so dass umgekehrt der
In der ursprünglichen Fassung von 1813 ist die Vierfa- Mangel an Strenge in seiner Anwendung unmittelbar
che Wurzel ein handliches Bändchen, das in acht Kapi- zu einem Mangel an Wissenschaftlichkeit führt.
tel unterteilt ist, die 59 Paragraphen enthalten. Das Um von einer provisorischen Bestimmung dieses
Werk setzt sich aus drei Teilen zusammen: einem ein- Gesetzes auszugehen, wählt Schopenhauer die Formel
leitenden Abschnitt (Kap. 1–3, §§ 1–17), bestehend aus des Leibnizianers Wolff: »Nihil est sine ratione cur poti-
Problemstellung sowie Darstellung und Kritik bisheri- us sit quam non sit. Nichts ist ohne Grund warum es
ger Abhandlungen des Themas durch andere Philoso- sey« (Diss, 7). Für den Satz vom Grund kann außer-
phen; einem zentralen Abschnitt (Kap. 4–7, §§ 18–49), dem nach Schopenhauer kein Beweis vorgebracht
in dem die Untersuchung des Themas im eigentlichen werden, da die Gültigkeit jedes Beweises auf ihm be-
Sinne durchgeführt wird, das heißt die Abhandlung ruht, so dass dieser die Voraussetzung der Beweisbar-
der vier Wurzeln des Satzes vom zureichenden Grun- keit ist und seinerseits nicht bewiesen werden kann.
de, von denen jede als zuständig für die Verbindung Schopenhauer lässt dann die verschiedenen Ansätze
einer bestimmten Klasse von Vorstellungen dargestellt Revue passieren, in denen man von diesem Gesetz in
wird; und aus einem abschließenden Kapitel (Kap. 8, der gesamten philosophischen Tradition Gebrauch ge-
§§ 50–59), in dem Schopenhauer eine Reihe von Meta- macht oder es explizit behandelt hat. Seine schon kurz
reflexionen über die durchgeführte Untersuchung so- gehaltenen Argumente zusammenzufassend, lässt sich
wie die daraus folgenden Resultate präsentiert. sagen: Die aristotelische Unterscheidung der Gründe
oder Prinzipien (archai) hält Schopenhauer für voll-
ends willkürlich; als richtig aufgestellt beurteilt er hin-
Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes,
gegen dasjenige Axiom der scholastischen Philoso-
Erkundung der historischen Tradition und ihrer
phie, nach dem Nichts ohne Ursache sei, dieses bleibe
Mängel
aber in seinen Gründen unerforscht; er bemerkt, dass
Die Dissertation beginnt mit einer Erinnerung an die Descartes und Spinoza den Begriff der Ursache nicht
methodologischen Empfehlungen der beiden Haupt- deutlich von jenem des Grundes unterschieden haben,
leitfiguren Schopenhauers, Platon und Kant, in der obwohl sie beide häufig benutzen; bis schließlich durch
Philosophie nach den Gesetzen der Homogenität – Leibniz der Satz vom zureichenden Grunde deutlich
entia praeter necessitatem non sunt multiplicanda als »Grundsatz aller Erkenntniß« definiert werde.
(›man darf die Anzahl der seienden Wesenheiten Leibniz führe außerdem als erster eine klare Unter-
nicht unnötigerweise vergrößern‹ [Übers. nach Lud- scheidung zwischen zwei Anwendungen des Satzes
ger Lütkehaus]) – und der Spezifikation – entium va- ein: dem Verhältnis von Ursache und Wirkung und
rietates non temere esse minuendas (›man darf die dem Verhältnis von Grund und Folge. Wolff, der sei-
Mannigfaltigkeit der seienden Wesenheiten nicht nerseits nach Schopenhauer auch einiges verwechselt,
grundlos vermindern‹ [Übers. nach Ludger Lütke- übernimmt die Leibnizsche Unterteilung und unter-
haus]) – vorzugehen. Diese stellt Schopenhauer gleich scheidet – anhand der Analyse des Begriffs von princi-
als transzendentale Regeln des Erkennens dar. Ins- pium als id quod in se continet rationem alterius, d. h.
besondere sei das Gesetz der Spezifikation nicht er- etwas, das in sich den Grund eines anderen hat – drei
schöpfend auf den Satz vom zureichenden Grunde an- Prinzipien: die eigentliche sogenannte Ursache, das
gewendet worden. Es sei nämlich weder bemerkt wor- principium fiendi, das Prinzip des logischen Schlusses,
den, in welchem Maße die verschiedenen Bereiche der auch principium cognoscendi genannt, und schließlich
Anwendung dieses Satzes zur Bestimmung seiner be- ein drittes Prinzip, das für die bestimmten Eigenschaf-
sonderen Formen beitragen, noch die Tatsache, dass ten der Dinge verantwortlich ist und deshalb als princi-
diese Formen von Mal zu Mal von einem jeweils ande- pium essendi gilt. Diese Analyse bleibt für Schopen-
ren Erkenntnisvermögen geleitet werden. Und das hauer trotzdem ungenügend, da Wolff einerseits das
trotz der besonderen Bedeutung des Satzes vom zurei- Motiv einer Handlung, das er causa impulsiva oder ra-
chenden Grunde, die darin liegt, dass nur seine richti- tio voluntatem determinans nennt, nicht von der physi-
ge Anwendung eine Antwort auf die Frage ›Warum‹ schen Ursache unterscheidet, während er andererseits
24 II Werk

unter dem Namen des principium essendi etwas iso- ner bestimmten Handlung. Als Antwort bringt man
liert, was hingegen zur Welt der physischen Eigen- Gründe vor, welche genau genommen weder mit me-
schaften der Objekte gehört und somit mit vollem chanischen Ursachen noch mit einem Erkenntnis-
Recht in den Bereich der Kausalität fallen sollte. Ande- grund identifizierbar sind: Einerseits kann man aus
re Überlegungen wie die von Baumgarten, Lambert, keiner vorgebrachten Ursache einfach auf mecha-
Reimarus und Platner nehmen bisherige Unterschei- nische Weise irgendeine Entscheidung folgen lassen,
dungen ohne Erneuerung auf, bzw. tragen für Scho- andererseits haben aber die Entscheidungen ihren
penhauer mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung bei. Wert nicht im Bereich des Erkennens, sondern in dem
Kant schließlich, dem Schopenhauer hier das Ver- der Realität. Diese zwei Beispiele sollen zeigen, dass
dienst zuerkennt, die formale Logik von der Metaphy- der Satz der Spezifikation bislang nur unzureichend
sik (d. h. der Transzendentalen Logik) getrennt zu ha- auf den Satz vom Grunde angewendet wurde.
ben, unterscheide nur implizit die Anwendungen des Die Vorzüge und die Grenzen dieser historiographi-
Satzes vom zureichenden Grunde. Denn in der Logik schen Erkundung hat Rudolf Laun sehr gut gezeigt.
bestimme er den Satz vom zureichenden Grunde als Insbesondere hat er auf eine gewisse Einseitigkeit in
»Kriterium der äußern logischen Wahrheit oder der der Abhandlung des aristotelischen Standpunkts, so-
Rationabilität der Erkenntniß« (Diss, 18), während er wie auf die Übergehung von Crusius’ Entwurf der Noth-
in der Transzendentalen Logik den Satz als »Princip wendigen Veernunftwahrheiten (1745 und 1766) auf-
der Kausalität« (ebd.) auftreten lässt. Obwohl also merksam gemacht: »[Diese] fällt umso mehr ins Ge-
Kant den Unterschied beider Aspekte anerkenne, ver- wicht, als gerade dasjenige, was Schopenhauer in erster
wirre er sie durch die Art seiner Analyse wieder. Es Linie als Neues in seiner Arbeit betrachtet, die Lehre
handele sich übrigens um eine Ungenauigkeit, auf die vom Grunde des Seins, sich in ähnlicher Weise bereits
schon Schulze und Maimon hingewiesen hätten und bei Crusius findet« (Laun 1956, 36). Ein Mangel, für
die erst in den Logiklehrbüchern der kantischen Schü- den auch die Tatsache eine Rolle spielt, dass Schopen-
ler korrigiert wurde, vor allem in dem von Kiesewet- hauer seltsamerweise die Habilitationsschrift Kants
ter, der den ersten als logischen und den zweiten als Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova
realen Grund bestimme. dilucidatio von 1755 nicht zur Kenntnis genommen
Das Ergebnis dieser historischen Übersicht ist, dass hat, in der Kant bereits Crusius’ Standpunkt lobte.
im besten Fall allein zwei Formen des Satzes vom zu- Aber der Wert der Dissertation geht weit über die
reichenden Grunde richtig erkannt wurden – Er- einfache Unterscheidung der vier Formen oder über
kenntnisgrund und Ursache. Dazu meint Schopenhau- ihre Neubestimmung hinaus. Er besteht in der Dar-
er zwei weitere Fälle erkannt zu haben, in denen die stellung der transzendentalen Funktion des Satzes
Frage ›Warum?‹ berechtigterweise gestellt werden vom zureichenden Grunde und dessen Fähigkeit,
könne, ohne dass man auf diese durch Anführen eines dank seiner vier Wurzeln die ganze Welt der Erfah-
Erkenntnisgrundes oder durch Vorbringen einer Ursa- rung des erkennenden Subjekts zu begründen und
che antworten könne. Zum Beispiel kann der Grund, ausführlich zu gliedern. Nur innerhalb der vom Kriti-
aus dem in einem Dreieck auf die Gleichwinkligkeit zismus eröffneten transzendentalen Perspektive erhält
notwendigerweise die Gleichseitigkeit folgt, nicht diese Unterscheidung ihr ganzes Gewicht. Und so
mithilfe der Kausalität beschrieben werden: Denn, da kann Schopenhauer, als er zwölf Jahre nach der Ver-
im reinen Raum keine Veränderung stattfindet, kann öffentlichung seiner Abhandlung Kenntnis von Crusi-
man in ihm auch kein Verhältnis von Ursache und us’ Text erhält, diesbezüglich in seinem Manuskript-
Wirkung auffinden. Aber auch vor einem Erkenntnis- buch »Foliant« die Worte des Aelius Donatus notie-
grund steht man hier nicht, denn es geht gar nicht um ren: »Pereant qui ante nos nostra dixerunt« (›es mögen
einen rein begrifflichen Zusammenhang. Die notwen- wohl diejenigen sterben, die vor uns das, was wir sa-
dige Verbindung zwischen Gleichwinkligkeit und gen, schon mal sagten‹) (HN III, Foliant II, 297–298).
Gleichseitigkeit muss daher an anderer Stelle gesucht
werden, und zwar in der Seinsmodalität des Dreiecks.
Die vierfache Wurzel des Satzes vom
Nur weil das Dreieck genau so und nicht anders ist,
zureichenden Grunde
besteht ein bestimmtes Verhältnis zwischen Winkeln
und Seiten, und dieses Verhältnis betrifft diese selbst, »Unser Bewußtseyn, so weit es als Sinnlichkeit, Ver-
ihr reines Existieren im Raum. stand, Vernunft erscheint, zerfällt in Subjekt und Ob-
Ein wiederum anderer Fall betrifft das ›Warum‹ ei- jekt, und enthält, bis dahin, nichts außerdem. Objekt
4  Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 25

für das Subjekt seyn, und unsre Vorstellung seyn, ist welche die physische Welt darstellen und Kants De-
dasselbe. [...] Aber nichts für sich Bestehendes und Un- finition zufolge »sowohl das Materiale als [auch] das
abhängiges, auch nichts Einzelnes und Abgerissenes, Formale der sinnlichen Erscheinung [begreifen]. [...]
kann Objekt für uns werden: sondern alle unsre Vor- Sie sind, was die objektive reale Welt genannt wird«
stellungen stehn in einer gesetzmäßigen und der Form (ebd.). Form dieser Gegenstände sind Raum und Zeit:
nach a priori bestimmbaren Verbindung. Diese Verbin- Raum, da nur in diesem die Gleichzeitigkeit und dann
dung ist diejenige Art der Relation, welche der Satz auch die Dauer möglich ist; Zeit, weil nur in dieser die
vom zureichenden Grund allgemein genommen aus- Veränderung und daher auch die Abfolge der Zustän-
drückt« (Diss, 18). de stattfindet. Das Vermögen, das solch eine Synthese
von Raum und Zeit als radikal heterogener Elemente
Mit diesen Worten resümiert Schopenhauer sowohl erlaubt, ist der Verstand. Dank ihm, der allein den Ob-
die grundlegenden Annahmen als auch die These sei- jekten Existenz verleihe, herrsche in dieser Klasse von
ner Dissertation. Die erste erkenntnistheoretische Vorstellungen das Prinzip vom zureichenden Grunde
Annahme ist die des transzendentalen Idealismus: In des Werdens, die eigentliche Kausalität. Schopenhau-
seiner Formulierung klingt noch die Reinholdsche er bemerkt, dass die kausale Reihenfolge nicht zwi-
Definition der Vorstellung als jene elementare Tatsa- schen einzelnen Objekten gilt, sondern zwischen Zu-
che des Bewusstseins mit, in welchem Subjekt und ständen, das heißt zwischen Konfigurationen komple-
Objekt sich gleichzeitig voneinander unterscheiden xer Vorstellungen (in Bezug auf neuere Ansätze vgl.
und miteinander in Verbindung treten. In der Formu- Brunner 2008, 47 ff.), betont aber die Veränderung,
lierung der folgenden Annahmen aber zeigt Schopen- ein Zusammentreffen bestimmter Voraussetzungen.
hauer, dass er sich dem Idealismus viel weitergehen- Eine Verbrennung beispielsweise geschieht im Zuge
der als Reinhold anschließt. Die zweite lautet nämlich, des Zusammentreffens bestimmter Voraussetzungen,
dass die Welt der Objekte völlig mit der Welt der Vor- welche den Übergang von einem Zustand A in einen
stellungen übereinstimmt: Das Objekt ist die Vorstel- Zustand B herbeiführen: Hierunter fallen u. a. die An-
lung. Die dritte negiert, dass es Vorstellungen vom wesenheit von Sauerstoff und einer Wärmequelle –
Ganzen geben kann, losgelöst von einer Kette von aber keines dieser beiden Elemente kann für sich al-
Verbindungen mit anderen Vorstellungen. Schopen- lein genommen als Ursache der Verbrennung gelten,
hauer behauptet somit, dass jedes Objekt – egal wel- da nach Schopenhauer nur der ganze Zustand A ins-
cher Art – immer mit einem anderen Objekt durch ei- gesamt die Verbrennung als seine notwendige Wir-
ne Relation verbunden ist, die vom Satz vom zurei- kung bestimmt.
chenden Grunde in einer seiner Formen bestimmt Die Tatsache, dass Vorstellungen dieser Klasse für
wird. Der Begriff eines Absoluten, als etwas, was voll- das Subjekt reale Objekte sind und nicht bloße Phan-
ständig von jeder kausalen oder logischen Kette los- tasmen, d. h. rein aus unserer Einbildungskraft ge-
gelöst wäre, ist insofern absurd. Schließlich bestimmt schöpfte Bilder, hängt ihrerseits auch von der Anwen-
Schopenhauer auf der Basis der traditionellen Unter- dung des Kausalitätsprinzips ab. Vollständige Vorstel-
teilung unseres Erkenntnisvermögens in Sinnlichkeit, lungen stehen nämlich in einem kausalen Verhält-
Verstand und Vernunft, drei verschiedene Klassen nis zu einer besonderen Vorstellung – der unseres
von Vorstellungen, oder Objekten, die in Verbindung Leibes, den Schopenhauer als unmittelbares Objekt
gesetzt werden dank jeweils einer besonderen Form beschreibt. Im Wachsein ist nämlich der Leib für un-
des principium rationis sufficientis. Eine vierte Klasse ser Bewusstsein unmittelbar anwesend, jede andere
besteht allein aus dem wollenden Subjekt, dessen Ent- Vorstellung hingegen ist dies nur in vermittelter Wei-
scheidungen wiederum einer vierten Wurzel des Sat- se, also in einer irgendwie gearteten Verbindung zum
zes vom Grunde unterworfen sind. Leib. Der Verstand schreibt also einer Vorstellung ob-
jektive Existenz in Raum und Zeit zu, indem er unbe-
wusst das Prinzip vom zureichenden Grunde des
Das Prinzip vom zureichenden Grunde des
Werdens auf die Beziehung zwischen dieser Vorstel-
Werdens. Die objektive Welt unserer Erfahrung
lung und der unmittelbaren Vorstellung unseres Lei-
und der Verstand
bes anwendet. Dementsprechend werden auch die
Die erste Klasse von Objekten ist die »der vollständi- Veränderungen der Sinne – wobei die Vorstellungen
gen, das Ganze einer Erfahrung ausmachenden Vor- in Zusammenhang mit diesen auftreten – als Wirkun-
stellungen« (Diss, 21). Das sind jene Vorstellungen, gen einer äußerlichen Ursache auf den ›eigenen‹ Leib
26 II Werk

interpretiert. Dank dieser ständigen Anwendung des leiten kann; dies kann gleichermaßen sowohl durch
Kausalitätsprinzips nehmen wir eine uns äußerliche einen Blick vom Dach bis zur Grundmauer als auch
Welt als Ansammlung realer Gegenstände wahr, an- umgekehrt geschehen. Diese Operationen rufen zwei
statt nur Veränderungen eines einzigen Objekts – un- Reihenfolgen von Vorstellungen ins Leben, die die
seres Leibes – festzustellen. Es ist schließlich das Be- gleiche Erfahrung betreffen, einen gleichen Wert an
wusstsein jener kausalen Verbindung zwischen dem Realität haben, aber umgekehrt verlaufen und daher
Leib und den anderen Vorstellungen, das es uns er- für Kant in einer willkürlichen Weise gebildet sein
laubt, auch das Wachsein vom Traum zu unterschei- müssen. Die objektive Apprehension erläuterte Kant
den. Der Fluss von Vorstellungen in diesen beiden Zu- hingegen durch die Beobachtung eines Schiffes, wel-
ständen würde sich nämlich in der Art und Weise des ches vom Strom eines Flusses getragen wird. Hier ver-
einfachen Aufeinanderfolgens der Vorstellungen im läuft die Reihe der Vorstellungen ausschließlich vom
Bewusstsein gar nicht unterscheiden. Das Einzige, höheren Punkt des Flusses zum niedrigeren und nur
was sich dabei verändert, ist die Möglichkeit, eine kau- in der Phantasie kann man die Objektivität dieser Rei-
sale Verbindung zwischen den einzelnen Vorstellun- henfolge umkehren, d. h. das Schiff aufwärts fahren
gen und dem Leib zu stiften; denn im Wachsein kön- lassen. Die Objektivität der Folge wäre nämlich nach
nen wir uns diese Verbindung stets wieder ins Be- Kant durch den Beitrag der Kategorie der Kausalität
wusstsein rufen, im Schlaf jedoch nicht. abgesichert, die die jeweiligen Vorstellungen in einer
Analog zum Traum erzeugt auch die absichtliche festen Folge aneinander reiht, während die Reihenfol-
Wiedergabe der Vorstellungen durch die Einbildungs- ge bezüglich der Apprehension des Hauses das Ergeb-
kraft einen Fluss von Vorstellungen, die mit unserem nis einer willkürlich vom Subjekt durchführten Syn-
Leib nicht in kausaler Verbindung stehen: die Phan- these sei. Schopenhauer hält diesen von Kant gemach-
tasmen. Da es sich um willkürliche Erzeugnisse han- ten Unterschied für falsch. Denn in beiden Beispielen
delt, ist ihr Auftreten und Aufeinanderfolgen dennoch wäre eine objektive Veränderung zu beobachten, mit
nicht der Kausalität unterworfen, sondern einer ande- dem einzigen Unterschied, dass im Fall des Schiffes
ren Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, die auf dem Fluss, diese Veränderung zwischen zwei ver-
Schopenhauer später darlegt, nämlich der Motivation. mittelten Objekten – Schiff und Strom – besteht, wäh-
Schließlich widmet sich ein langer Paragraph aus rend sie im Fall des Hauses zwischen einem vermittel-
dem Kapitel über den Satz des zureichenden Grundes ten Objekt, dem Haus, und dem unmittelbaren Ob-
des Werdens einer gründlichen Kritik der kantischen jekt, dem Auge, das es beobachtet, stattfindet. Diese
Kategorie der Kausalität. Es handelt sich dabei um ei- beiden Folgen haben daher denselben objektiven
ne erste Reihe von Einwänden gegen die Kategorien- Wert und die Kausalität spielt keine Rolle in der Be-
lehre Kants, die Schopenhauer innerhalb weniger Jah- stimmung der Reihenfolge ihrer Apprehension.
re im berühmten Anhang mit dem Titel »Kritik der Die falsche Einschätzung Kants beruht, wie Scho-
Kantischen Philosophie« von Die Welt als Wille und penhauer darlegt, auf der unkorrekten Annahme, dass
Vorstellung erarbeiten wird (s. Kap. 6.7). die Reihenfolge der Vorstellungen ausschließlich in
Hier beschränkt er sich darauf, Kants Beweis der zwei Weisen stattfinden könne: entweder nach einer
Apriorität der Kausalität anzugreifen, der in der Kritik objektiven Regel, der Kausalität, oder nach einer sub-
der reinen Vernunft als einziges Kriterium a priori fun- jektiven, bzw. rein willkürlichen. Schopenhauer er-
giert, um eine bestimmte Folge festzulegen. Schopen- gänzt hingegen, dass es auch eine dritte Möglichkeit
hauer kritisiert Kant, weil dieser einerseits die Kausa- gibt, die Kant nicht in Betracht zieht, nämlich die zu-
lität zu sehr intellektualisiert habe und weil er ande- fällige Reihenfolge zweier Ereignisse. Es handelt sich
rerseits geschlossen habe, dass in jeder vom zeitlichen um unsere zeitlich aufeinanderfolgende objektive
Gesichtspunkt her objektiv bestimmten Folge die Vor- Wahrnehmung objektiv unabhängiger Ereignisse.
stellungen mit der Kategorie der Ursache in Verbin- Schopenhauer nennt als Beispiel die Apprehension
dung stehen müssten. Man kann die Kritik Schopen- der Reihenfolge des Sich-Lösens eines Dachziegels
hauers am besten verstehen, wenn man sie an dem und meines Heraustretens aus der Tür, so dass dieser
Beispiel betrachtet, das Kant vorbringt, um die objekti- meinen Kopf trifft. Zwischen dem Lösen des Ziegels
ve Apprehension der Reihe der Vorstellungen von der und meinem Heraustreten aus der Tür gibt es eindeu-
subjektiven zu unterscheiden. Die subjektive Appre- tig keine kausale Verbindung, dennoch bleibt die Rei-
hension wird durch die Abfolge der Vorstellungen er- henfolge der Vorstellungen nicht subjektiv, d. h., sie ist
läutert, die man aus der Beobachtung eines Hauses ab- nicht durch einen willkürlichen Willensakt von mir
4  Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 27

erzeugt worden, denn sonst hätte ich sie gerne ganz wird ein fragliches auf ein unumstrittenes Urteil zu-
anders bestimmt und dabei meinen Kopf gerettet. rückgeführt, das den zureichenden Grund der Wahr-
heit des ersteren darstellt. Schopenhauer, der sich auf
seine Logikstudien bei Schulze und auf die Lehr-
Das Prinzip vom zureichenden Grunde des
bücher der kantischen Logik stützt, stellt hier in nuce
Erkennens. Die Begriffe und die Vernunft
seine Theorie des Schlusses dar, die er in Die Welt als
Die zweite Klasse der Vorstellungen ist die der Begrif- Wille und Vorstellung detaillierter ausführen wird.
fe. Diese werden durch Abstraktion von den vollstän- Diese Theorie beruht auf der Interpretation des Be-
digen, empirischen Vorstellungen gewonnen, indem griffs als diejenige Menge von Vorstellungen, die eine
deren individuelle Eigenschaften fallengelassen wer- bestimmte Eigenschaft aufweisen. Die Zurückfüh-
den, um nur ihre allgemeinen Züge zu bewahren. rung von einem Urteil auf ein anderes hängt für Scho-
Schopenhauer bezeichnet sie als Vorstellungen von penhauer mit der ›Subsumption‹ der entsprechenden
Vorstellungen, weil sie in der Lage sind, individuelle Begriffe untereinander zusammen.
Vorstellungen zu repräsentieren, indem sie deren Empirische Wahrheit besitzt hingegen das Urteil,
Platz im Gedankengang übernehmen. Die Begriffe wenn sein Fundament die Erfahrung ist. Dazu muss
können anschließend zu Urteilen verknüpft, und letz- man sich versichern, dass die zwischen den Begriffen
tere können ihrerseits zu Schlüssen verkettet werden. ausgedrückten Verhältnisse mit den zwischen den Ge-
Darin besteht das Denken, und die Vernunft ist das genständen existierenden Verbindungen überein-
Vermögen, das sowohl für die Erschaffung der Begrif- stimmen. Daher müssen nach Schopenhauer ebenso
fe, als auch für ihre Verbindung zu Urteilen bis hin zu viele Arten der Verknüpfung zwischen Begriffen wie
Schlüssen zuständig ist. Diese kommt nur dem Men- zwischen Vorstellungen existieren, die bei Kant durch
schen zu, während der Verstand – wenngleich weniger die Kategorien und ihren Zusammenhang mit der Ur-
entwickelt – auch bei Tieren zu finden ist. Um Begriffe teilstafel zum Ausdruck gebracht werden.
zu verbinden und aufzubewahren, bedient sich die Man kann hier den Unterschied zwischen der kanti-
Vernunft der Sprache, die daher ihr direkter Ausdruck schen Kategorie der Kausalität und dem Prinzip vom
ist. Zwar ist es aufgrund ihrer geringeren Menge an zureichenden Grunde des Werdens bei Schopenhauer
Merkmalen viel leichter, im Denken anstatt vollstän- deutlich erkennen. Die kantische Kategorie der Kausa-
diger Vorstellungen Begriffe zu verarbeiten, aber diese lität wird nach Schopenhauer tatsächlich nur zu einer
sind nie in der Lage, unsere Erkenntnis zu bereichern, begrifflichen Kopie der Kausalität als Prinzip vom zu-
da sie nur Derivate der intuitiven Verstandeserkennt- reichenden Grunde des Werdens. Letzteres stellt Ver-
nis sind. Schließlich ist der richtige Umgang mit den bindungen zwischen vollständigen, dem Ganzen der
Begriffen die Grundlage der Wissenschaften, welche Erfahrung zugehörigen Vorstellungen her und verleiht
aus ihnen und aus der Wiedergabe ihrer korrekten diesen Verbindungen außerdem durch die Herstellung
Verknüpfungen bestehen. einer kausalen Verbindung zwischen ihnen und unse-
Ziel der Wissenschaften ist es, zwischen Begriffen rem Leib die Existenz als Objekte in der realen Welt;
notwendige Verbindungen herzustellen, wodurch wah- die Kategorie der Kausalität verbindet dagegen nur Be-
re Urteile formuliert werden können. Die Wahrheit ei- griffe, das heißt abstrakte Vorstellungen in der Welt
nes Urteils hängt nun von einer besonderen Form des der Erkenntnis. Was diesen Punkt angeht, wird Scho-
Prinzips vom zureichenden Grunde ab, welche die penhauer in der Revision von 1847 eine tiefgreifende
richtige Verbindung zwischen Begriffen gewährleistet: Veränderung vornehmen, indem er die gesamte kanti-
Es ist das Prinzip vom zureichenden Grunde des Erken- sche Kategorientafel abwerten und die Kausalität als
nens, welches es erlaubt, diese Notwendigkeit zu stiften einzige wahre Kategorie bewahren wird. Für eine aus-
und die Frage zu beantworten, warum ein gewisses Ur- führliche Darstellung der Kritik an der kantischen
teil wahr ist. Je nachdem, ob die Antwort auf ein ande- Auffassung der Kategorien, die in der Dissertation nur
res Urteil oder auf einen empirischen Zustand oder auf implizit vorgetragen wird, muss man aber bis 1819
die Prinzipien der Logik oder schließlich auf das meta- zum besagten Anhang von Die Welt als Wille und Vor-
physische Prinzip des zureichenden Grundes verweist, stellung warten.
definiert Schopenhauer die Wahrheit jenes Urteils als Als dritten möglichen Grund eines wahren Urteils
logisch, empirisch, metalogisch oder metaphysisch. führt Schopenhauer die Voraussetzungen jeder mög-
Logisch oder formell ist die Wahrheit eines Urteils, lichen Erfahrung an. Es handelt sich um die einzigen
wenn sie auf einem Schluss beruht. In diesem Fall synthetischen Urteile a priori, wie die Axiome der
28 II Werk

Geometrie und die Urteile der Arithmetik, oder auch sieren, in der die Geometrie seit Euklid praktiziert
die Urteile »[n]ichts geschieht ohne Ursache« oder und gelehrt wurde. Da sie mit Gegenständen der rei-
»[z]wischen Ruhe und Bewegung ist kein Mittel- nen Anschauung zu tun hat, sollte das Ziel dieser Wis-
zustand« (Diss, 57). In Schopenhauers Klassifizierung senschaft in der anschaulichen Darstellung der not-
haben diese Urteile metaphysische Wahrheit. wendigen Verbindungen zwischen Teilen des Raumes
Schließlich können auch die Gesetze, die die Vo- bestehen, weshalb auch die Demonstration der Eigen-
raussetzungen des Denkens bilden, als Grund der schaften ihrer Figuren ohne Begriffe und allein mit-
Wahrheit eines Urteils gelten und stellen somit die me- hilfe der Anschauung durchgeführt werden sollte. Da-
talogische Wahrheit dar. Schopenhauer listet vier Ge- gegen sind die Sätze der Geometrie – also die Theo-
setze auf, die historisch zwar induktiv gewonnen wor- reme –, von den Axiomen abgesehen, traditionell de-
den sind, aber wider die man unmöglich denken kann: duziert, also in begrifflicher Weise bewiesen. Damit
stützt sich allerdings diese Wissenschaft auf den Satz
»1) ein Subjekt ist gleich der Summe seiner Prädikate, vom zureichenden Grunde des Erkennens und stellt
oder a = a; 2) Keinem Subjekt kommt ein Prädikat zu, eher eine Verbindung zwischen geometrischen Be-
welches ihm widerspricht, oder a = –a = 0; 3) Von jeden griffen dar, als eine Anschauung der wirklichen Eigen-
zwei kontradiktorisch entgegengesetzten Prädikaten schaften geometrischer Körper. In der Geometrie
muß jedem Subjekt eines zukommen; 4) Die Wahrheit führt dies nach Schopenhauer aber dazu, dass man
ist die Beziehung eines Urtheils auf etwas außer ihm. zwar die Überzeugung hat, dass sich etwas so verhält,
Dieses letztere ist eben der Satz vom zureichenden nicht aber die Einsicht, warum. Letzteres bewirkt nur
Grunde des Erkennens« (Diss, 57). die Erkenntnis des »Seynsgrundes« über die Anschau-
ung. Es war diese allgemeine Aufwertung der An-
schauung – für Schopenhauer die einzige Quelle wah-
Das Prinzip vom zureichenden Grunde des Seins.
rer Erkenntnis, auf die in jedem Fall das begriffliche
Die reinen Anschauungen von Raum und Zeit, die
Element zurückzuführen sei – die Goethe so positiv
Mathematik und die Geometrie
beeindruckte.
Als dritte Klasse der für das Subjekt bestehenden Ob-
jekte identifiziert Schopenhauer den formalen Teil der
Das Prinzip vom zureichenden Grunde des
vollständigen Vorstellungen, d. h. »die a priori gegebe-
Handelns. Motiv, Charakter und Wollen
nen Anschauungen der Formen des äußern und in-
nern Sinnes, des Raums und der Zeit« (Diss, 62). In Die letzte Klasse von Objekten wird nur durch ein ein-
der Zeit ist jeder Augenblick durch die Reihenfolge al- ziges Element gebildet – das Subjekt des Wollens. Das
ler vorherigen bestimmt und trägt dazu bei, alle fol- erkennende Subjekt selbst, insofern es nicht erkenn-
genden zu bestimmen. Gleichfalls bestimmt im Raum bar ist, denn es kann in keiner Weise zum Objekt ge-
die Lage jedes seiner Teile – Punkte, Linien, Flächen, macht werden, kann sich selbst nur als wollendes er-
Volumen – eindeutig jeglichen anderen Teil und wird kennen. Schopenhauer erklärt, dass der Satz ›Ich er-
von diesen aufgrund eines Analogons der Reziprozität kenne‹ analytisch sei und über das bloße ›Ich‹ hinaus
bestimmt. Aus diesem Grund hängen die Eigenschaf- nichts aussage. Auch die Tatsache, dass man in unse-
ten der räumlichen Figuren ausschließlich davon ab, rem erkennenden Ich verschiedene Vermögen wie
dass sie so und nicht anders aussehen. Schopenhauer Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft unterscheiden
bezeichnet den Satz, der die gegenseitigen Verhältnis- kann, stellt keine Ausnahme dar. Solche Vermögen
se der Teile der Zeit und des Raumes regelt, als Satz sind das bloß subjektive Korrelat bestimmter Klassen
vom Grunde des Seins. von Objekten, die durch Induktion erkannt werden
Genau darauf gründen sich die beiden Wissen- und keine Qualitäten des vom erkannten Objekt un-
schaften der Arithmetik und der Geometrie. Wenn er abhängig gedachten Ichs sind.
auf die zeitliche Reihenfolge angewendet wird, ruft Im Gegensatz dazu ist der Satz ›Ich will‹ synthe-
der Satz vom Grunde des Seins die Reihenfolge der tisch a posteriori, denn er wird formuliert dank der
Zahlen und die Arithmetik als Disziplin ihrer Verbin- inneren Erfahrung, die wir über die willentlichen Be-
dungen ins Leben, während aus seiner Anwendung wegungen unseres Leibes machen. Nun wirken die
auf räumliche Objekte die Geometrie als Wissenschaft Willensakte auf die Gegenstände der äußerlichen
von deren Eigenschaften entsteht. Schopenhauer hat Welt durch die willkürlichen (d. h. vom Willen voll-
hier Gelegenheit, gegen die Art und Weise zu polemi- zogenen) Bewegungen unseres Leibes ein und erzeu-
4  Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 29

gen so Wirkungen, die sich in die von der Kausalität ums immer in fragmentarischer Art und Weise und
beherrschte Vorstellungskette eingliedern. Dies ist nie als kontinuierlicher Fluss erscheinen:
aber nicht der Fall für unser Wollen a parte priori, d. h.
den Grund der Entscheidung, so und nicht anders zu »Das Motiv ist also dem empirischen Charakter zurei-
handeln. Denn wenn wir jemanden fragen, warum er chender Grund des Handelns. Doch sind die Umstände,
eine bestimmte Handlung vollzogen hat, wird uns sei- welche eben Motive zum Handeln werden, nicht Ursa-
ne einfache Darstellung eines der Handlung voraus- che dieses als ihrer Wirkung, weil die Handlung nicht
gehenden Zustands wohl nicht reichen: Diese kann aus ihnen, sondern aus dem von ihnen sollicitirten em-
nämlich nicht in eindeutiger Weise seinen Entschluss pirischen Charakter erfolgt, welcher selbst nichts un-
begründen, so und nicht anders zu handeln. Vielmehr mittelbar Wahrnehmbares, sondern eben nur wieder
bleibt bei jeder Entscheidung – mit irgendeinem ihr aus den Handlungen zu Erschließendes und unvoll-
vorangehenden Stand der Dinge – die Gewissheit, kommen Zusammenzusetzendes ist« (Diss, 78).
dass er anders hätte handeln können, wenn er es nur
gewollt hätte. Für unsere willentlichen Handlungen Um dieses Phänomen zu veranschaulichen, verwendet
erklärt also die Beschreibung des vorausgehenden Schopenhauer eine Analogie zum Brechungsgesetz der
Zustands nicht die Entscheidung, eine gewisse Hand- Optik. Das Treffen eines gewissen Motivs auf den Cha-
lung tatsächlich zu vollbringen, sondern vielleicht rakter erzeugt eine Wirkung, welche gleich der Wir-
bestenfalls den Wunsch, sie zu unternehmen. Der kung ist, die ein Lichtstrahl erzeugt, wenn er einen
Grund einer willentlichen Handlung muss also an- bunten Körper trifft und von diesem nur partiell reflek-
ders bestimmt werden, es muss ein besonderes Prin- tiert wird, so dass dieser nur das Spektrum wiedergibt,
zip vom zureichenden Grunde des Handelns geben, das mit seiner Farbe übereinstimmt. Wenn wir tatsäch-
welches als Gesetz der Motivation gilt. lich den Charakter eines Subjekts genau erkennen
Um dann zu erklären, wie das Motiv in spezifischer könnten, dann wären wir im Falle der Kenntnis der auf
Weise auf das individuelle Wollen wirkt, greift Scho- dieses einwirkenden Motive in der Lage, jede seiner
penhauer zur kantischen Charaktertheorie, die ur- Handlungen einwandfrei und mit der gleichen Gesetz-
sprünglich in der Kritik der reinen Vernunft dargelegt mäßigkeit vorauszusehen, mit der wir in der Welt der
und schon von Schelling in seiner Freiheitsschrift Objekte anhand bestimmter Ursachen das Auftreten
(1809) wieder aufgenommen wurde. Kant definierte bestimmter Wirkungen unfehlbar voraussehen.
als intelligiblen Charakter die Bestimmung des Cha- Diese Analogie hat aber nur einen partiellen Wert, da
rakters eines jeden Individuums an sich, außerhalb wir beim menschlichen Handeln keine Phänomene be-
der Zeit und des Raumes, und bezeichnete als empiri- obachten, die in die Welt der Gesetzmäßigkeit fallen,
schen Charakter die Manifestation des ersteren Cha- sondern den Bereich der Freiheit berühren, die ein Fak-
rakters in Raum und Zeit, das heißt jene Reihe von tum ohne Grund darstellt. Die einzige Orientierung, die
Handlungen, die jeder im Anschluss an bestimmte wir besitzen, beschränkt sich daher auf die allgemeinen
Gründe von Mal zu Mal vollzieht. Es ist aber die Inter- Hinweise, die die empirische Psychologie uns bietet, ei-
pretation Schellings (und Fries’) dieser Theorie Kants, ne Sammlung von Informationen über die gemein-
die für Schopenhauer besonders wichtig war, denn sie samen charakterlichen Züge verschiedener Subjekte.
erlaubte ihm, dem intelligiblen Charakter eine stärke- Ihr Nutzen ist aber nicht epistemologischer, sondern le-
re ontologische Färbung in Form »[eines] außer der diglich pragmatischer Art, sie hilft uns, die Handlungen
Zeit liegende[n] universale[n] Willensakt[s]« (Diss, eines bestimmten Menschen in nur allgemeiner Weise
76) zu geben (vgl. Koßler 1995; Hühn 1998). Infolge- vorauszusehen, basierend darauf, wie dieser – oder an-
dessen besitzt jedes Individuum einen eindeutig be- dere, die mit ähnlichen Eigenschaften ausgestattet sind
stimmten Charakter, der – wenn ein bestimmtes Mo- – in der Vergangenheit schon gehandelt hat.
tiv vorliegt – es dazu führt, unweigerlich in einer be- Schließlich behandelt Schopenhauer die Kausalität,
stimmten Weise zu handeln. Wenn man ein zweites die das Wollen auch auf das erkennende Subjekt in der
Mal vor denselben Voraussetzungen stehen würde, Form von willentlicher Reproduktion von Vorstellun-
würde deshalb auch jeder wiederum genau dieselben gen und Gedankenreihen ausübt. Hier wirkt das Ge-
Entscheidungen treffen. Der empirische Charakter ist setz der Motivation in Gestalt der Ideenassoziation.
nur aus der Handlungsweise eines jeden erkennbar, er Man könnte zwar den Eindruck gewinnen, dass das
zeigt sich nicht dem inneren Sinn und bleibt etwas Erscheinen solcher phantastischer Vorstellungen los-
Unerkennbares, da die Handlungen eines Individu- gelöst von jeglicher Verbindung auftritt, sofern wir
30 II Werk

nicht auf den Willensakt achten, der ihrem Wiederauf- Möglichkeit, die Begriffe von Grund-Folge und Prin-
treten unterliegt. Aber die Ideenassoziation beruht ih- cip-Principiat in einem weiterhin unbestimmten bis
rerseits auf der Tatsache, dass jede Vorstellung in unse- transzendenten Sinne zu benutzen.
rem Geist in uns den Wunsch hervorruft, vergangene, Aus diesem ersten Ergebnis folgert Schopenhauer
ihr ähnliche Vorstellungen zurückzurufen, um unsere das zweite, wesentlich wichtigere: dass man nicht mehr
Erkenntnis zu bereichern. Diese »Uebungsfähigkeit« vom Grund schlechthin sprechen darf, außer im abs-
der zunehmend einfacheren »Vergegenwärtigung von trakten Sinne. Somit sollte einer der Schlüsselbegriffe
Vorstellungen« (Diss, 84 f.) nennt Schopenhauer Ge- der idealistischen Philosophie, zusammen mit dem
dächtnis. Dieses sorgt nicht etwa dafür, dass in unseren Begriff des Absoluten, dessen Verwendung Schopen-
Geist jedes Mal wieder die gleiche Vorstellung zurück- hauer in seinen nachfolgenden Schriften überaus bis-
gerufen wird; das Gedächtnis ist vielmehr die Fähig- sig ironisieren wird, aus dem philosophischen, wissen-
keit, diese Vorstellung jedes Mal im Ganzen nochmals schaftlich begründeten Gespräch verbannt werden.
zu erzeugen. Das wird im Übrigen durch die Tatsache
bestätigt, dass die vom Gedächtnis reproduzierten
Die zweite Auflage der Dissertation
Vorstellungen sich voneinander leicht unterscheiden
im Jahre 1847
und ein erinnertes Bild auf lange Sicht vom Original
sehr verschieden sein kann. Die zweite Auflage der Vierfachen Wurzel wird erst
Die letzten Objekte, die Schopenhauer behandelt, vierunddreißig Jahre nach der ersten veröffentlicht, zu
sind die Gefühle, die Zuneigungen und die Leiden- einer Zeit, als Schopenhauer sich nach Frankfurt zu-
schaften, die von ihm auf zwei Bereiche zurückgeführt rückgezogen hatte und dort ein geregeltes Leben als
werden: körperliche Gefühle, wie Schmerz und Lust, Privatgelehrter führte. Der Umfang des Werks ver-
und Willensakte, wie »Begierde, Furcht, Haß, Zorn, doppelt sich im Vergleich zur ersten Ausgabe, und ob-
Betrübniß, Freude und alle ähnlichen [...] [die] ein wohl sich die Hauptbegriffe anscheinend nicht ge-
heftiges Wollen, daß etwas geschehe oder nicht ge- ändert haben, zeigt der Vergleich der beiden Fas-
schehe, sind« (Diss, 83). Von Leidenschaften redet sungen – ebenso wie die einfache Durchsicht von
man schließlich, wenn das wollende Subjekt beim Schopenhauers persönlicher Kopie der Erstausgabe –
Empfinden eines Gefühls nicht in der Lage ist, es eine große Menge an Korrekturen und Eingriffen. De-
durch das Heraufbeschwören seines Gegenteils zu ren Hauptzweck ist die Rechtfertigung der Vierfachen
kontrollieren, und sich aufgrund dessen sein Wille als Wurzel als Einleitung zu Die Welt als Wille und Vorstel-
völlig dem Gefühl unterworfen erweist. lung und somit die Herstellung der Kompatibilität von
Schopenhauers »Elementarphilosophie« mit der Me-
taphysik des Willens sowie mit der »Erlösungslehre«,
Zwei Hauptresultate
die im System dargestellt werden.
Im abschließenden Paragraphen, in dem die beiden Die Änderungen kann man in vier Bereiche unter-
Hauptresultate der Dissertation dargestellt werden, teilen. Eine erste Serie von Ergänzungen muss auf die
zeigt sich insbesondere die polemische Absicht seiner persönliche Biographie des Philosophen zurück-
Arbeit gegenüber den zeitgenössischen Idealisten, vor geführt werden, unter anderem auf die tiefe Enttäu-
allem Fichte und Schelling. Tatsächlich ist es sein schung, die er in Bezug auf die Intellektuellen seiner
Wunsch, dass von nun an die Philosophen erklären, Zeit entwickelte und auf die ›Philosophieprofessoren‹
welchen der vier Typen sie meinen, wenn sie über Ver- insbesondere. Dies beruht auf dem Scheitern seiner
hältnisse der Abhängigkeit, Ursache oder Grund spre- akademischen Bemühungen in Berlin, auf der
chen; so würden sie dann diese Begriffe nur in deren Schmach, dass seine »Preisschrift über die Grundlage
Zuständigkeitsbereich benutzen. Alle vier Formen des der Moral« nicht mit einem Preis ausgezeichnet wur-
Satzes vom zureichenden Grunde finden nämlich ihre de (obwohl er als einziger an der Ausschreibung teil-
Anwendung ausschließlich innerhalb der phänome- genommen hatte), sowie auf der seiner Meinung nach
nalen Welt der Vorstellungen, und außerhalb dieses verschwörungsartigen Nichtbeachtung, die seine Phi-
Bereichs ist die Verwendung dieses Prinzips transzen- losophie erfuhr. Auf diese Sachverhalte gründen sich
dent und daher sinnwidrig. Bereits Kant beging – wie die heftigen – und in der ersten Ausgabe überhaupt
schon Aenesidemus-Schulze gezeigt hatte – diesen nicht vorkommenden – Schmähreden, die er an die
Fehler, indem er von dem Ding an sich als Grund der auf Kant folgenden Philosophen Fichte, Schelling und
Erscheinung sprach. Dies eröffnete den Idealisten die Hegel sowie allgemein an alle professionellen Philoso-
4  Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 31

phen richtet, die er ohne Ausnahme als Söldner der Schopenhauer die Theorie der ›Steigerung‹ in die Dis-
staatlichen Macht und Diener der religiösen Ideologie sertation ein, die er auf die Arten anwendet, in denen
darstellt. 1813 beschränkte sich die Polemik – wenn- sich die Kausalität offenbart. Diese wird übrigens jetzt
gleich durchzogen von subtilem Sarkasmus – auf den auch zur eigentlichen Form des Satzes vom zureichen-
Bereich der Lehre, während sie nun in persönliche Be- den Grunde, so dass sie stellenweise fast ein Synonym
leidigungen ausufert, deren Übermaß Schopenhauer für diesen zu sein scheint: In der mechanischen Welt
so bewusst war, dass er vor der Veröffentlichung einen ist sie bloß mechanische Kausalität, im Pflanzenreich
Rechtsanwalt konsultierte, um keine rechtlichen Kon- erscheint sie als Reiz, in der Tierwelt als Erregung und
sequenzen zu riskieren. erhebt sich schließlich in der Menschenwelt – die mit
Eine zweite Gruppe von Ergänzungen stammt aus Vernunft versehen ist – zum Motiv. Somit verliert al-
den Untersuchungen, die Schopenhauer in diesen lerdings der Satz vom zureichenden Grunde still-
Jahren durchgeführt hatte und die ihm erlaubten, die schweigend eine seiner vier Wurzeln.
historische Darstellung des Satzes vom zureichenden Weiter übernimmt Schopenhauer aus Die beiden
Grunde zu vervollständigen. Es erscheint ein ganzer Grundprobleme der Ethik (1841) die strenge Determi-
Paragraph über Hume, der Spinoza gewidmete Para- niertheit des Handelns, während er sich im § 46 der
graph wird vertieft, und schließlich überarbeitet Scho- ersten Auflage darüber nur in einer Anspielung und
penhauer teilweise sein Urteil über Leibniz und Wolff; im Grunde zweideutig geäußert hatte. 1813 wurde
nach wie vor fehlt jedoch die Erwähnung Crusius’, ob- über die Notwendigkeit der empirischen Handlung
wohl Schopenhauer 1826 dessen Entwurf der noth- gesprochen und zwar mittels der Verortung der Frei-
wendigen Vernunftwahrheiten, wiefern sie den zufäl- heit in einer besonderen Sphäre – die dennoch nicht
ligen entgegengesetzt werden (vgl. HN III, Foliant II, die Sphäre des Dinges an sich ist. In der zweiten Aus-
297–298) gelesen hatte und dies auch am Rande seines gabe verweist Schopenhauer diesbezüglich hingegen
Handexemplars notierte. auf seine »Preisschrift über die Freiheit des Willens«.
Eine dritte Kategorie der Änderungen und Verbes- Die vierte, und vielleicht wichtigste Art von Ein-
serungen entspringt aus der Vertiefung einiger be- griffen schließlich betrifft speziell die Neuinterpretati-
sonderer Aspekte der Theorie von der Entstehung der on der Bedeutung des Satzes vom zureichenden Grun-
Vorstellungen, die er in verschiedenen Werken um- de in Bezug auf die Theorie des Willens, insbesondere
formuliert hatte. Aus der Schrift Ueber das Sehn und was seine vierte Wurzel angeht – dem Gesetz der Mo-
die Farben (1816) nimmt er die physiologisch-trans- tivation in seinem Verhältnis zum empirischen Cha-
zendentale Analyse des Auftretens der Bilder im Ge- rakter. Die Tatsache, dass es sich hier um den Satz vom
hirn wieder auf, die es ihm erlaubt, seine Theorie des zureichenden Grunde hinsichtlich des menschlichen
Verstandesschlusses erfolgreich zu erläutern, um die Willens handelt – das heißt um jene Ausprägung, in
Welt der Erfahrung darzulegen. Der Verstand mache welcher der Wille, die metaphysische Grundlage der
schon dann einen unbewussten Gebrauch vom Satz Welt, sich ohne Schleier erkennt –, ermöglicht es
vom zureichenden Grunde des Werdens, wenn er die Schopenhauer nun, den Wert des Motivs umzuinter-
Vorstellungen eines stehenden Objekts aus dem Bild pretieren. An dieser Stelle liegt das Gesetz der Motiva-
aufbaut, das im Auge spiegelverkehrt auf die Netz- tion nicht mehr auf der gleichen Ebene wie die ande-
haut projiziert wird. Darüber hinaus werden in der ren drei Formen des Satzes vom zureichenden Grun-
Ausgabe von 1847 alle Kategorien bis auf die der de, sondern es wird neu bestimmt als »von innen ge-
Kausalität verworfen; eine Kritik, die sich schon in sehn[e]« (G, 145) Kausalität. Wenngleich das Motiv
den Manuskripten von 1814 ankündigte. Dement- als autonome Wurzel verschwindet, wird es anderer-
sprechend kommt in Ueber das Sehn und die Farben seits diejenige Form des zureichenden Grundes, die
nur die Kausalität vor, und in der »Kritik der Kanti- uns im eigentlichen Sinne den Mechanismus des Wil-
schen Philosophie« (1818) wurde allen Kategorien lens offenbart (vgl. Koßler 2008).
bis auf die Kausalität jegliche Funktion ausdrücklich
abgesprochen. Inzwischen hat sich auch die Bedeu- Literatur
tung der Materie verändert: 1813 war sie die »Wahr- Boll, Karl F.: Das Verhältnis der ersten und zweiten Auflage
nehmbarkeit« von Raum und Zeit (Diss, 21), wäh- der Schopenhauerschen Dissertation »Über die vierfache
Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde«. Ein Beitrag
rend sie 1847 zur »Kausalität überhaupt und sonst zur Entwicklungsgeschichte der Schopenhauerschen Phi-
nichts« wird (G, 82). losophie. Diss. Rostock 1924.
Aus Ueber den Willen in der Natur (1836) führt
32 II Werk

Brunner, Jürgen: Schopenhauers Kausalitätstheorie. Teil I: hauer. In: European Journal of Philosophy 16/2 (2008),
Empirische Ereigniskausalität und transzendentale 230–250.
Akteurskausalität. In: Schopenhauer-Jahrbuch 89 (2008), Laun, Rudolf: Der Satz vom Grunde. Ein System der Erkennt-
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d’Alfonso, Matteo V.: Schopenhauers Kollegnachschriften der Novembre, Alessandro: Die Dissertation 1813 als Einleitung
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Decher, Friedhelm: Das »bessere Bewusstsein«. Zur Funk- 133–146.
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De Cian, Nicoletta: Redenzione, colpa, salvezza. All’origine Schopenhauer-Gesellschaft 5 (1916), 167–186.
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Hühn, Lore: Die intelligible Tat. Zu einer Gemeinsamkeit raison suffisante. Édition complète (1813–1847). Textes
Schellings und Schopenhauers. In: Christian Iber/ traduits et annotés par F.-X. Chenet. Introduits et com-
Romano Pocai (Hg.): Selbstbesinnung der philosophischen mentés par F.-X. Chenet et M. Piclin. Paris 1991.
Moderne. Beiträge zur kritischen Hermeneutik ihrer Tielsch, Elfriede: Vergleich der ersten mit der zweiten Auf-
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München 1988. White, Frank C.: The Fourfold Root. In: Christopher Jana-
Koßler, Matthias: Empirischer und intelligibler Charakter: way (Hg.): The Cambridge Companion to Schopenhauer.
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Koßler, Matthias: Life is but a Mirror: On the Connection Matteo Vincenzo d’Alfonso
between Ethics, Metaphysics and Character in Schopen- (aus dem Italienischen übersetzt von Ilaria Massari)
5  Ueber das Sehn und die Farben 33

5 Ueber das Sehn und die Farben sein Studium der Medizin. Ausgewiesen sind – allein
im Bereich des Naturwissens – Besuche der Vorlesun-
Schopenhauers Farbenlehre steht in der Nachfolge gen zur Medizin, Anatomie und Physik; er hört bei
Goethes (s. Kap. 19). Von Goethe selbst in dessen Ge- Blumenbach Naturgeschichte und Mineralogie, bei
dankengebäude eingeführt, beginnt dessen Schüler Thibaut Mathematik. Weiter hört er Chemie, Botanik,
Schopenhauer allerdings nur zu bald – und zum Ver- vergleichende Anatomie, physische Astronomie, Phy-
druss seines Lehrmeisters – den Goetheschen Ansatz sik und Physiologie und wechselt dann 1811 nach
in einem Punkt konsequent weiterzuverfolgen. Die Berlin, wo aber die Philosophie seinen Studienplan
Subjektivität des Betrachtens, die bei Goethe noch in bestimmt. Schopenhauer stand also auf dem natur-
Koinzidenz eines Naturwesens mit einer Natur ge- wissenschaftlichen Niveau seiner Zeit. Er führt denn
dacht ist, löst sich bei Schopenhauer aber in das Na- auch ein Verfahren der Farbanalyse an, das mittels der
turale des die Natur betrachtenden Wesens auf: »Könn- Demonstration, im Experiment, im expliziten Sinne
te man«, schreibt er, »nur solchen Herren begreiflich vor Augen geführt wird. Seine Vorstellung, über Farb-
machen, daß zwischen ihnen und dem wirklichen We- expositionen die Komplementärfarben zu besehen,
sen der Dinge ihr Gehirn steht, wie eine Mauer, wes- setzt er für seine darauffolgenden theoretischen
halb es weiter Umwege bedarf, um nur einigermaaßen Schlussfolgerungen voraus: Er demonstriert im Expe-
dahinter zu kommen« (F, VI). Diese Grundthese gibt riment und nutzt die Pathologie, um so in der Analyse
den Ansatz und die Essenz der Schopenhauerschen des Effekts der Fehlfunktionen ein Funktionsver-
Farbenlehre. Hier ist von Schopenhauer, vor dem Hin- ständnis zu erarbeiten. Das Licht in seiner Farbigkeit
tergrund der Physiologie der Jahre um 1818, die Idee ist demnach – nach all diesen Demonstrationen – für
einer vom Gehirn bedienten Interpretation dessen, ihn nicht an sich, sondern nach den Funktionswerten
was uns die Sinnesorgane zeigen, ausformuliert. Scho- des dieses Licht erfahrenden Organs, der Retina, dar-
penhauer steht dabei in der expliziten Tradition einer zustellen. Das Nachbild, das, was erscheint, wenn wir
wissenschaftlichen Anthropologie, wie sie die Medizi- über Minuten auf eine Farbfläche gestarrt haben, die
ner seiner Zeit ausweisen: der Idee, ein physikalisches uns dann entzogen wird, demonstriert, dass das, was
Prinzip des Wahrnehmens und, darüber, der Hirn- wir sehen, nicht einfach ein Spiegel dessen ist, was uns
funktionen annehmen zu können. In diesem wird umgibt. Vielmehr ist das, was wir sehen, Resultat einer
dann erfahrbar, was es bedeutet, zu erfahren, und was Verarbeitungsfunktion, die durch solch intelligente
ein aus der Erfahrung getragenes Denken auszeichnet, Experimente, wie sie Schopenhauer ansetzt, als solche
das ja an einen Leib gebunden ist und sich in seiner Ra- demaskiert und in ihrer Funktionalität entschlüsselt
tionalität eben nach den hierdurch vorgegebenen zu werden vermag. Das, was wir sehen, ist – so Scho-
Strukturierungen auszeichnet. Person, Emotion und penhauer – zunächst das, was wir im Kopfe haben. In-
Kognition schienen so vor aller Einsicht in die zellular- soweit wird die Farbenlehre zu einer aussagekräftigen
physiologische Organisation der Verrechnungseigen- Präambel seines Generalkonzepts von einer Welt als
heiten des Gehirns ausbuchstabierbar zu werden. Die Wille und Vorstellung.
zelluläre Organisation des Hirngewebes war noch un- Entsprechend wird seine Naturlehre aus der Dar-
bekannt. Ganglienkörper wurden zwar schon in den stellung des in den Sinnen dem Verstand Offerierten
ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts beschrieben, bestimmt und ist so nicht einfach nach Maßgabe der
so bei Carl Gustav Carus und Jan E. Purkinje, ein Ver- ›äußeren‹ Natur, sondern nach Maßgabe der Natur des
ständnis der Zellfunktionen erwuchs aber erst sehr viel Geistes vorgestellt. Damit ist die fundamentale Diffe-
später. Damit war eine funktionelle Interpretation der renz zu Goethe offenkundig: Nicht das Phänomen,
neuronalen Gewebeorganisation und ein Verständnis sondern das sich phänomenal imaginierende Ich gibt
der Organisation der Reizaufnahme im Auge begrenzt die Natur, die nach Schopenhauer für uns einsichtig
auf eine präzise Darstellung der optischen Eigenschaf- ist. So steht dann in der Tat das Gehirn nicht nur zwi-
ten des lichtbrechenden Organs, dessen Okulomoto- schen der Anschauung und der Welt, sondern auch
rik, Fragen der topologischen Repräsentation von zwischen Schopenhauer und Goethe.
Bildprojektionen auf dem Augenhintergrund und et- Schopenhauer sieht das Subjektive der Farben –
waige Darstellungen der Konsequenzen von Schädi- und hierin gibt er Goethe gegen Newton recht. Farbe
gungen dieses Organs. – so folgt Schopenhauer Goethe – ist in ihrer ihr eige-
Schopenhauer war in diesem Bereich wohlaus- nen Qualität zunächst ein Erfahrungsphänomen.
gebildet. Am 9. Oktober 1809 begann er in Göttingen Schließlich ist sie auch nach Goethe in ihrem ihr eige-
34 II Werk

nen Wert erst im Auge abgebildet. Dabei ist sie dann ner Farbenlehre bekannt machte. Schon Anfang 1814
aber nach Goethe etwas, das an sich dem Auge vor- entstanden, etwa in einer Diskussion um die Darstel-
gesetzt ist. Farbe ist damit für ihn so zwar etwas, das lung des Weißen, inhaltliche Differenzen, die das Ver-
nach der Abbildung im Auge zu erfassen ist – damit hältnis von Lehrer und Schüler zerrütteten. Schon am
aber für dieses die Welt in der ihr eigenen, derart un- 9. Januar 1814 wird Goethe in seinen Tagebucheintra-
serem Erfahren vermittelten Phänomenologie verfüg- gungen deutlich: Bezogen auf Schopenhauer schreibt
bar macht. Insoweit ist die Farbe als das, was sie nach er: »als Jüngling anmaßlich und stutzig«. So musste es
dem Erfahrungswert ist, in dem wir sie finden und aus Goethe wohl sehen. Denn Schopenhauer moder-
dem heraus wir sie bewerten, an sich darzustellen. nisierte die Idee des von Goethe noch umfassend um-
Diese Einsicht interpretiert Schopenhauer nun aber in griffenen Subjekts zum Subjektiven im Sinne der wis-
sehr eigener Weise. Das Subjektive, in dem sich nach senschaftlichen Anthropologie und begriff den Bezug
Goethe das Ich als Teil der Welt zu dieser Welt als et- von Subjekt und Welt schlicht auf der Ebene einer
was, in dem es sich befindet, verhält, und so in sich Physiologie.
das, was ist, widerspiegelt, kocht Schopenhauer ein. Schopenhauer selbst war die damit getroffene Ein-
Das Subjektive ist ihm schlicht die physiologisch ver- grenzung und der damit aufgeworfene Graben wohl
ortete Erfahrungsbestimmtheit der Species Mensch kaum einsichtig. Im Tunnelblick der eigenen Theorie-
im Gefüge der diesen affizierenden, aber an sich gar folgerungen befangen, schreibt er am 11. November
nicht zugänglichen Elemente eines Außenraums. Die- 1815 an Goethe:
ser wird nach Schopenhauer erst im Erfahrungskon-
text des Ichs zu einer Welt. Insoweit ist Welt eben als »Meine Theorie verhält sich zu Ihrem Werke völlig wie
Wille und Vorstellung. Auch das Farbige ist demnach die Frucht zum Baum. – Was aber diese Theorie beitra-
nicht an sich, als Phänomen der Welt, sondern nur als gen kann Ihrer Farbenlehre Gültigkeit und Anerken-
Produkt, als Vorstellung von der Welt, zu beschreiben. nung zu verschaffen, das möchte nicht wenig seyn [...].
Soweit streicht Schopenhauer das ›Urphänomen‹ Jene alte Burg [die Lehre Newtons] haben Sie von allen
Goethes. Das Farbige, das in seiner Materialität die Ar- Seiten berannt und stark angegriffen: der Kundige
beit eines Künstler bestimmt oder den Designer an Re- sieht sie wanken und weiß daß sie fallen muß: aber die
zepturen bindet, mittels derer er die Färbung eines Ge- Invaliden drinnen wollen nicht kapituliren« (GBr, 21).
webes ebenso wie die Wirkung einer Glasur vorab zu
bestimmen vermag, interessiert ihn nicht. Es war aber Goethe bekommt folglich auch das Manuskript der
diese ›Natur‹ der Farbe, von der Goethe ausging und in von Schopenhauer fortentwickelten Farbenlehre zuge-
der er an einen ganzen Kanon von Schriften zum Um- sandt, doch bleibt eine weitergehende Reaktion zu-
gang und zur Bewertung der Farben anschloss. Für uns nächst aus: Schopenhauers Schrift erscheint im Mai
heute ist dieser Kontext, der von Goethe in seiner Aus- 1816 bei Hartknoch in Leipzig. Sie blieb – so Schopen-
einandersetzung mit Newton selbst kaum eingehender hauer selbst – zunächst weitgehend unbeachtet, doch
expliziert wurde, eingehender zu rekonstruieren, um konnte Schopenhauer in seinen letzten Lebensjahren,
den Goetheschen Ansatz neu verständlich zu machen. in denen die Öffentlichkeit überhaupt erst auf seine
Schließlich zeigt sich Goethe als Sachwalter einer eige- Philosophie reagierte, auch diese inzwischen fast ver-
nen Tradition der Farberfahrungen, mit der er selbst gessene Farbenlehre noch einmal edieren. 1854 schrieb
durch seine Studien der Mineralien und deren Nut- er: »Inzwischen habe ich vierzig Jahre Zeit gehabt,
zung bestens vertraut war. Das Kolorit eben nicht nur meine Farbentheorie auf alle Weise und bei mannigfal-
einer Malerei, sondern auch der Proben der von ihm tigen Anlässen zu prüfen« (F, IV). Schon zuvor hatte
untersuchten Natur, war ihm schon lange – und immer Schopenhauer versucht – zuerst in seiner 1830 erschie-
wieder neu – Thema. Die erste, in Jena erarbeitete mi- nenen erweiterten Übersetzung ins Lateinische, die er
neralogische Handreichung des von ihm protegierten in der Hoffnung auf eine internationale Rezeption sei-
Johann G. Lenz, in der die Mineralien nach ihren Far- ner Ideen unternahm (Theoria colorum physiologica
ben klassifiziert sind, exemplifiziert, wie hier an Goe- eademque primaria), dann 1851 im zweiten Band sei-
thes Universität diese Phänomene systematisiert und ner Parerga und Paralipomena – seine Ideen zur Far-
expliziert wurden. benlehre noch weiter zu konsolidieren. Und, wie bei
Schopenhauer kam, nach seinen Studien, im No- ihm üblich, erschien das, was er vormals gedacht hatte,
vember 1813 zu näherer Bekanntschaft mit Goethe, ihm nunmehr auch nach reiflicher Überlegung schlicht
der ihn selbst in einer Art Exklusivunterricht mit sei- approbiert, und so offerierte er 1854 eine durch Ergän-
5  Ueber das Sehn und die Farben 35

zungen, nicht aber durch umfassende Exkurse oder nach, dass es für die Farbwahrnehmung verschiedene
Korrekturen erweiterte zweite Auflage seines Werkes. Typen mit der für jeden Sensorentyp charakteristi-
Das Auge, das hier, wie bei Goethe, zu dem Organ schen Spektralwertfunktion gibt, deren Maximum je-
wird, in dem sich die Welt abbildet, ist Schopenhauer weils in einem bestimmten Spektralbereich liegt. Da-
aber nicht einfach sonnenhaft, sondern als ein physio- bei gab dann – ganz wie dies im vorliegenden Text
logisch zu kennzeichnendes Organ begriffen. Die für auch Schopenhauer unternimmt – die Darstellung von
die Bildperzeption sensible Schicht, die Retina, ist in Farbfehlsichten das Material zu einer Identifikation
der Naturkunde um 1820 aber noch nicht eingehender und Darstellung der Extensität etwaiger Farbsicht-
verstanden. Die für die funktionale Interpretation tie- komponenten.
rischer Gewebe zentrale Zelltheorie erwächst erst En- Gegen die Helmholtzsche Vorstellung setzte Ewald
de der 1830er Jahre und ist letztlich erst mit der Rezep- Hering in den 1870er Jahren seine Vierfarbentheorie,
tion von Virchows Zellularpathologie Ende der 1850er nach der jeweils eine der miteinander verkoppelten
Jahre wirklich akzeptiert. Insofern ist denn auch die Gegenfarben Rot-Grün, Blau-Gelb und Weiß-Schwarz
Rolle der Nervenzelle unverstanden. Weiterhin exis- registriert und ans Hirn vermittelt wurde. Dazwischen
tieren keine Vorstellungen über die funktionelle Orga- stand Johannes Müllers Theorie der spezifischen Sin-
nisation des Reiz aufnehmenden Gewebes. Allerdings nesenergien, der zufolge die verschiedenen Sinnesqua-
formulierte Thomas Young schon 1811 die Hypothese, litäten als solche in unterschiedlicher Kennung ins
dass das Auge drei verschiedene Typen von Reiz auf- Hirn vermittelt würden. Vor einer eingehenden Ana-
nehmenden Strukturen besitze, von denen jede auf ei- lyse der Zellularphysiologie der Rezeptoren und der
ne der drei Primärfarben Blau, Grün und Rot reagiert, deren Erregung weiterleitenden Nervenzellen war hier
und dass die übrigen Farbqualitäten durch additive ein physiologisch basiertes Verständnis auf eine exakte
Mischung unterschiedlicher Primärfarben erzeugt Darstellung der Phänomenologie des Wahrnehmens,
werden. Schopenhauer erwähnt diese Vorstellungen speziell auch auf eine entsprechende Analyse der Sin-
nicht. Allerdings entspricht dieser Vorstellung zumin- neserfahrungen selbst, angewiesen.
dest vom Ansatz her die Goethesche Auffassung der Die von Schopenhauer so eindringlich an den Be-
drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau, aus denen durch ginn seiner Darlegungen gestellte Forderung, die Er-
Mischung jede weitere Farbe hergestellt werden kann. fahrung der Nachbilder nicht nur theoretisch zu rezi-
Abgestuft über die Bildung der Mischfarben zwischen pieren, sondern selbst zu erfahren, um so die Intensi-
zwei dieser Grundfarben, die sich dann zur dritten je- tät eines entsprechenden Eigenlebens der physiologi-
weils als Komplementärfarbe verhalten, erhält Goethe schen Reaktion sich selbst explizit vor Augen zu
einen Farbkreis, in dem die Verhältnisse der Farben führen, zeigt, dass sich Schopenhauer dieser Forde-
zueinander bestimmt sind. Damit entwickelt Goethe rung selbst stellt. Es ist diese Erfahrung einer nach
eine umfassende Phänomenologie der Farbe, in der er Wegfall des Reizes zu registrierenden Reaktion, die
nun Farbwahrnehmung und Farbqualitäten nicht ein- abgestimmt auf den Eingangsreiz erscheint, ihn aber
fach nur als Fragmentierungen eines Lichtteilchenge- nicht reproduziert, sondern nunmehr nach dessen
füges, sondern als in sich stehende Qualitäten begreift. Wegfall eine spezifische Komplementärreaktion er-
Das ist denn auch der Ansatz seines massiven Vor- kennen lässt, die Schopenhauer die Physiologie des
gehens gegen die Newtonsche Theorie, in der Farbe – Farbempfindens selbst empfindbar macht. Schopen-
seiner Auffassung nach – letztlich nur als Resultat ei- hauer registriert eine Reaktion, die die Physiologie des
ner Entmischung einer an sich dann nicht weiter inte- Rezeptors erfahrbar macht. Er deutet das Nachbild als
ressierenden Qualität nebeneinandergesetzter Qualia Resultat einer Anstrengung. Wie für ihn Licht und das
(der Lichtkorpuskeln), aber eben nicht als der den in ihm gesehene Weiße als maximale Intensivierung
Wahrnehmungsforscher interessierende Farbwert ge- einer Lichtempfindung gedeutet und entsprechend
sehen wurde. Im Sinne einer Darstellung optischer Ge- das Schwarze als Fehlen einer Aktivierung des Auges
setzmäßigkeiten bleibt so auch die faktisch mögliche beschrieben wird, so sind die Farbwerte in ihrer jewei-
Analyse auf der Ebene von Strahlengangsdarstellun- ligen Helligkeit als relative Wahrnehmungsintensitä-
gen und – ganz auch im Sinne der Goetheschen und ten zu verstehen. Wenn auf das helle Gelb im Nachbild
späteren Schopenhauerschen Versuche – anzusetzen- das dunkle Violett folgt, so wird im Violett deutlich,
den Darlegungen über Spektralempfindlichkeiten und dass die um einen Wert x gegenüber dem Maximum
dadurch verständlich zu machenden Reaktionen des (mit 100 %) einer möglichen Aktivierung geschwäch-
Auges. Helmholtz wies dann in den 1850er Jahren te Wahrnehmungskraft des Auges so ermüdet ist, dass
36 II Werk

es nunmehr in einem weiteren Aufmerken zunächst ten Datensätze zu einem Bild zusammensetzt, dass
nur noch den Restbestand der ihm verfügbaren Ener- erst der Verstand – d. h. die physiologisch zu begrei-
gie – das heißt den Wert 100 minus x – zu aktivieren fende Interaktion der Reize verrechnenden Elemente
vermag. Die anderen in der vorigen Wahrnehmung – aus den angereichten Sinnesdaten ein Bild der Welt
verbrauchten Energiebestände müssen sich erst wie- konstruiert. So ist auch die Welt der Sinne eine Welt
der aufbauen. So lange bleibt das Nachbild bestehen. der Vor-Stellungen. Entsprechend ist die Farbe zu-
Im Extrem der Hell-Dunkel-Kontraste haben wir nächst nichts als eine »besonders modificirte Thätig-
denn auch eine Inversion eines schwarz-weißen Bildes keit« (F, 19) der Retina. »›Der Körper ist roth‹« – so
im Nachbild, das sich in seinem dunklen Teil gegebe- schreibt er – »bedeutet, daß er im Auge die rothe Farbe
nenfalls dann sogar über eine Folge vom Schwarzen bewirkt« (F, 20). Schließlich, so Schopenhauer weiter,
und Violetten in helle Farbnachwirkungen auflöst. sind die Sinne »bloß die Ausgangspunkte dieser An-
Damit stehen die Farbwerte in einer eben auch quanti- schauung der Welt. Ihre Modifikationen sind daher
tativen Beziehung zueinander, und der Farbkreis Goe- vor aller Anschauung gegeben« (F, 19). Das Auge rea-
thes, der sich nach den Mischungsverhältnissen be- giert – so Schopenhauer – in Bipartitionen. Es sieht
stimmt sah, ist nunmehr in der von Schopenhauer das volle Licht und blickt ins Weiße, oder es sieht gar
dargelegten physiologischen Gesetzmäßigkeit auch nichts, bleibt demnach auch ohne jede Affektion und
quantitativ zu beschreiben. Darauf ist noch einmal zu- verbleibt so in Finsternis. Farbe ist dann ein relativer
rückzukommen. Wert solchen Affiziert-Werdens, nicht in der vollen
Farben sind für Schopenhauer also Empfindungs- Intensität des Lichtes, aber in einer bestimmten Quali-
werte, die nach Maßgabe der Funktion des physiologi- tät dieses Ganzen, das Auge maximal Affizierenden.
schen Apparates definiert sind und so die Welt nach Farbe ist damit zu beschreiben als ein Ansprechen des
Maßgabe von deren intrinsischen Reaktionsvorgaben Auges auf diesen Teil des Lichtes, der im Auge immer
des Reiz aufnehmenden Apparates als Anschauung wieder auf das Ganze hin ergänzt, und in dieser so in
konstituieren, und dabei gilt: »Alle Anschauung ist ei- Blick auf das mögliche Ganze festzustellenden Partiti-
ne intellektuelle« (F, 7). D. h. nach Schopenhauer: on als in sich bestimmter Wert erkannt ist. Farbe in
ihrer so zu findenden Bestimmtheit gewinnt ihren
»Zur Anschauung, d. i. zum Erkennen eines Objekts, Farbwert in solcher Differenz als das Komplement ei-
kommt es allererst dadurch, daß der Verstand jeden nes Ganzen. Aus der so möglichen Ergänzbarkeit auf
Eindruck, den der Leib erhält, auf seine Ursache be- dieses Ganze gewinnt es einen quantitativen Wert, der
zieht, diese im a priori angeschaueten Raum dahin ver- die Farbe dann auch als Farbwert in ein Empfindungs-
setzt, von wo die Wirkung ausgeht, und so die Ursache gefüge einordnet: »Das die volle Einwirkung des
als wirkend, als wirklich, d. h. als eine Vorstellung der Lichts empfangende Auge äußert also die volle Thätig-
selben Art und Klasse, wie der Leib ist, anerkennt« (F, 7). keit der Retina«: Das Auge sieht entweder eine flirren-
de, spiegelnde Oberfläche, oder, wenn die das Licht re-
Und damit gilt dann: »Die Anschauung also, die Er- flektierenden Körper dieses klare Glänzende leicht
kenntniß von Objekten, von einer objektiven Welt, ist dispergieren lassen, so entsteht Weiß – als Farbein-
das Werk des Verstandes« (F, 8). Entsprechend kon- druck. »Mit Abwesenheit des Lichtes, oder Finsterniß,
statiert er: »Demnach könnte auch der Gehörnerv tritt [dagegen] Unthätigkeit der Retina ein« (F, 23).
sehn und der Augennerv hören, sobald der äußere Diesem Funktionswert korrespondiert das Schwarze.
Apparat beider seine Stelle vertauschte« (F, 9). Womit Schopenhauer unterscheidet Abstufungen in der
er sich 1854 explizit gegen die Auffassung von Johan- Intensität solcher Aktivierung und kommt so zu der
nes Müller stellt: Schließlich sei »die Modifikation, Darstellung der »intensiv geteilten Thätigkeit der Reti-
welche die Sinne durch solche Einwirkung erleiden, na« (F, 24), in der er die Abstufungen der Aktivierung
noch keine Anschauung, sondern [es] ist erst der Stoff, vom Weißen zum Schwarzen über das Graue (in ver-
den der Verstand in Anschauung umwandelt« (F, 9). schiedener Intensität) beschreibt, wobei nun das
Und so gibt es denn auch ohne Verstand nur die Emp- Nachbild einer solchen Reizung zeigt, dass nicht ein-
findung »einer sehr mannigfaltigen Affektion seiner fach eine Intensität des Außenraumes aufgenommen
Retina« (F, 9). Diese ist nach Maßgabe der ihr eigenen und ins Zentralhirn weitergeleitet wird. Die Nachbil-
Verrechnungsmöglichkeiten zu erfassen. Für Scho- der deutet Schopenhauer schließlich als Resultat der
penhauer zeigt sich so etwa in der Raumwahrneh- physiologischen Tätigkeit der Retina. Das durch ein
mung, in der das Hirn die aus zwei Augen übermittel- längeres Ansprechen erschöpfte, vorab gereizte Feld
5  Ueber das Sehn und die Farben 37

der Retina ist bei einer neuen Bildwahrnehmung zu- nicht irre machen, daß Violett, da es zwischen Roth,
nächst nur insoweit zu reizen, wie es noch Energien das 1/2 ist, und Blau, das 1/3 ist, in der Mitte liegt,
verfügbar hat. Das Nachbild entspricht also in einem doch nur 1/4 seyn soll: es ist hier wie in der Chemie:
umgekehrt proportionalen Verhältnis der vormaligen aus den Bestandtheilen läßt sich die Qualität der Zu-
Abbildungsintensität. Die maximal gereizte Retina er- sammensetzung nicht vorhersagen« (F, 30 f.). »Violett«
scheint denn auch im ersten Moment des Nachbildes – so Schopenhauer – »ist die dunkelste aller Farben,
als Schwarz. Sie ist durch ihre vorherige Tätigkeit ma- obgleich es aus zwei hellern, als es selbst ist, entsteht;
ximal erschöpft und kann nun nicht mehr in neue Tä- daher es auch, sobald es nach einer oder der andern
tigkeit versetzt werden. Sie ist für den Moment not- Seite sich neigt, heller wird. Dies gilt von keiner andern
wendig untätig. Übertrage ich diese Idee nun auch auf Farbe: Orange wird heller, wenn es zum Gelben, dunk-
die Qualitäten der verschiedenen Erregungszustände, ler, wenn es zum Rothen sich neigt; Grün, heller nach
so gewinnt sich die Farbwahrnehmung insgesamt als der gelben, dunkler nach der blauen Seite; Gelb, als die
eine Darstellung von Verhältnisbestimmungen der hellste aller Farben, thut umgekehrt das Selbe, was
das Auge erreichenden Reizungen, die nach Maßgabe sein Komplement, das Violett: es wird nämlich dunkler,
der ihm vorgegebenen Reaktionsräume dann nicht es mag sich zur orangen oder zur grünen Seite neigen.
nur einen Eindruck, sondern gleichsam eine Art von – Aus der Annahme eines solchen, in ganzen und den
Relationalität des möglichen Bildeindruckes im Sinne ersten Zahlen ausdrückbaren Verhältnisses, und zwar
einer Bestimmtheit des ihm möglichen sensorischen allein daraus, erklärt es sich vollkommen, warum Gelb,
Ansprechens darzustellen erlaubt. Mit dieser Darstel- Orange, Roth, Grün, Blau, Violett feste und ausgezeich-
lung sind wir so im Kern der Schopenhauerschen Far- nete Punkte im sonst völlig stetigen und unendlich nü-
benlehre, die nur deshalb so komplex erscheint, da er ancirten Farbenkreise, wie ihn der Aequator der Run-
sie aus der bloßen Darstellung der Phänomenologie ge’schen Farbenkugel darstellt, sind« (F, 31).
des Erfahrens und nicht aufgrund einer weder ihm
noch seinen Zeitgenossen möglichen Einsicht in die Entsprechend sind diese in einen Ordnungszusam-
Funktionsmorphologie der Retina aufzubauen suchte. menhang einzubinden; dabei erlaubt es die Beobach-
Er verbleibt denn auch in Bildern und beschreibt an- tung, die Zuordnung der Farbwerte aufzuweisen und
hand der Empfindungen, die z. B. ein auf einer Hand sie in ihrem relativen Verhältnis zueinander zu bestim-
verdampfender Tropfen von Schwefeläther induziert, men, so »daß in ihnen die Bipartition der Thätigkeit
wie die Hand eben nur an der Stelle abkühlt, an der der Retina sich in den einfachsten Brüchen darstellt.
dieser Tropfen aufliegt. Gerade so, wie auf der Tonleiter [...] als Prime, Sekun-
Das Rationale der so darzulegenden Ansicht ent- de, Terz u. s. w.« (F, 31). Die Farbe ist demnach also
spricht dabei dem je vorhergehenden physiologischen »qualitativ getheilte Thätigkeit der Retina. [...] die Zahl
Prozess. Dieser ist nur mittels der Erfahrung aufzulö- der möglichen Farben [ist dabei hinsichtlich ihrer
sen, d. h. hier speziell aus der Anschauung der Farb- möglichen Mischungsverhältnisse] unendlich«, wobei
wahrnehmung. Dabei zeigt sich für ihn in der Darstel- aber jede »nach ihrer Erscheinung, ihr im Auge zu-
lung des Komplementärkontrastes eine relative Bezie- rückgebliebenes Komplement zur vollen Thätigkeit der
hung der Farbwerte aufeinander, die gegebenenfalls Retina« (F, 32) bringt. Damit gibt die Zuordnung des
noch um einen je zuzugebenden Grauwert zu ergän- Weißen und des Schwarzen das Funktionsmodell für
zen sind, nach denen sich dann die Farbwerte ganz im die Ordnung der verschiedenen Farbwerte. Diese sind
Sinne der Rungeschen Farbkugeln ordnen lassen. Da- nach dem Wert ihrer relativen Abstimmung auf ihr je-
bei werden in dieser Zuordnung die Farben in ihrem weiliges Komplement in eine Ordnung zu bringen. In-
jeweiligen Verhältnis zueinander auch bemessbar: soweit sind diese Farbwerte auch nicht abgeleitet, son-
Der Schattenwert der Farben ist bei Rot und Grün dern als gegebene Grundlagen einer Farbdarstellung
identisch – das expliziert Schopenhauer anhand der durch das Auge »gewissermaaßen a priori erkannt« (F,
Analyse der Rot-Grün-Blindheit. 33). Dieses Apriori besteht nun aber in der angebore-
nen Verrechnungseigenschaft des Organs, das eben in
»Wie nämlich Roth und Grün die beiden völlig gleichen seiner im Komplementärkontrast darstellbaren Ab-
qualitativen Hälften der Thätigkeit der Retina sind, so stimmung nicht nur die Farbe überhaupt, sondern die
ist Orange 2/3 dieser Thätigkeit, und sein Komplement einzelne Farbe in ihrer Zuordnung und dabei als eine
Blau nur 1/3; Gelb ist 3/4 der vollen Thätigkeit, und quantitativ bestimmbare Zuordnung in einen Erfah-
sein Komplement Violett nur 1/4. Es darf uns hiebei rungsordnungszusammenhang der Farbintensitäten
38 II Werk

einbindet. Diesen bestimmt Schopenhauer als ein so Schopenhauer daraus, dass die chemischen Farben in
auch quantitativ darzustellendes Verhältnis. Es ist da- ihrer materiellen Bindung etwas wesentlich Trübes an-
bei das relative Helle einer Farbe, in dem diese in der genommen haben, und so können sie sich denn auch
Zuordnung zur anderen Farbe steht. Dadurch, dass nicht zum Weißen, sondern nur zu einem eingetrüb-
sich die Komplementärfarben in einer derart quantifi- ten Weißen überlagern. Zu gewinnen wäre so besten-
zierbaren Hinsicht zueinander und miteinander ver- falls ein Grauwert. Dieses ›Trübe‹ der chemischen Far-
halten, gewinnt Schopenhauer für sie eine auch relative ben erklärt sich Schopenhauer wie folgt:
Ordnung. Grün und Rot – das zeigt ihm auch die Pa-
thologie des Rot-Grün-Blinden – sind in ihrem Hellig- »Eine allgemeine Erklärung der chemischen Farben
keitswert einander entsprechend. Sie verhalten sich wie scheint mir in Folgendem zu liegen. Licht und Wärme
1 zu 1, und sind demnach bezogen auf das Maximum sind Metamorphosen von einander. Die Sonnenstrah-
des möglichen Farbeindruckes, des Weißen, jeweils als len sind kalt, so lange sie leuchten: erst wann sie, auf
1/2 der maximal insgesamt zu erfahrenden Farbinten- undurchsichtige Körper treffend, zu leuchten aufhören,
sität zu bewerten. Blau und Orange stehen in ihrem verwandelt sich ihr Licht in Wärme [...]. Die, nach Be-
Dunkel- respektive Helligkeitswert zwischen Grün schaffenheit eines Körpers, speciell modificirte Weise,
und Violett zum einen, und Rot und Gelb zum ande- wie er das auf ihn fallende Licht in Wärme verwandelt,
ren, wohingegen Violett und Gelb jeweils den maxima- ist, für unser Auge, seine chemische Farbe« (F, 76 f.).
len Farbgegensatz im Bereich der zueinander komple-
mentären Farben darstellen. Entsprechend unterteilt Chemische Farben sind ihm denn auch »eine eigen­
Schopenhauer sein Schema der Tätigkeit der Retina in thümliche Modifikation der Oberfläche der Körper«
drei Farbenpaare (s. Tabelle unten). (F, 74). Diese sei so fein, dass sie nur in der Farbver-
Er beschreibt in dieser Bipartition der Farben eine änderung zu registrieren sei: So werde Zinnober nach
diesen eigene Polarität, die nun nicht ein prinzipielles Sublimation feuerrot. Und es zeigen sich für Schopen-
Naturverhältnis, sondern die jeweils aus der Erfah- hauer in den so rasch wechselnden Farben von Indi-
rung abzuleitende Bestimmtheit des physiologischen katorflüssigkeiten oder in den Farbwechseln bei Pflan-
Verhältnisses der die Farbe abbildenden Verrech- ze und Tier solch feine Variationen der Farbverände-
nungsstruktur darstellt. Diese relative Farbintensität, rungen eingefangen.
die von Schopenhauer so genannte »schattige Natur Schließlich führt er in einer längeren Passage Be-
der Farbe«, beschreibt derart die Tätigkeit der Retina funde zu pathologischen Farbwahrnehmungen an,
»der Intensität nach« (F, 37). Insoweit ist für ihn die um von daher seine Darstellung zur Physiologie der
Farbe dann wesentlich ein »Schattenartiges« (F, 38). Farbwahrnehmung zu unterstützen. Dabei lässt sich
Der Bezug oder besser die Abgrenzung zu Newton das in solcher Farbblindheit erhaltene Bild für ihn
ist damit eindeutig. Es ist nicht die Auftrennung eines auch noch einmal direkt, in einem technischen Ver-
physikalisch in seiner Farbigkeit darzustellenden fahren, vor Augen führen: Die Daguerrotypie, so
Lichtes, es ist vielmehr die relative Perzeptibilität des Schopenhauer, ist jenes technische Verfahren einer
Lichtes, über die sich die Farbordnung und damit die bloß quantitativen Registratur von Lichtdifferenzen;
relative Bestimmung der Farbwerte erschließt. Damit sie zeigt dann auch direkt augenfällig »alles Sichtbare
ergibt sich nun aber auch ein spezielles Problem, die [...] nur nicht die Farbe« (F, 65) und belegt so für ihn
Frage der Herstellung des Weißen aus Farbe. Nach auch noch einmal indirekt, dass die Bestimmtheit des
Schopenhauer werden die jeweils polaren Bereiche perzipierenden Organs die relative Farbintensität des
der Farbe sich immer zum Weißen ergänzen. Es ist Beobachtbaren als physiologisch nachzuzeichnende
nicht einfach die Facette der prismatischen Vielfalt, es Reaktion interpretiert.
ist immer das Komplement der bipartierten Farben in Der Farbwert ist also ein physiologisch qualifizier-
seiner Gesamtintensität, auf 100 % seiner Intensität ter Schattenwert. Das, was sich hier relativ bestimmt,
und damit zum Weißen ergänzt. ist damit an ein die Sensorik Ansprechendes gebun-
Nun wird solch ein Weiß in der Mischung der che- den, das dann von dieser aber nach dessen Maßgabe
mischen Farben nicht erreicht. Dies erklärt sich nach als Farbe identifiziert, das heißt im Kontinuum der

Schwarz Violett Blau Grün Roth Orange Gelb Weiß


0 1/4 1/3 1/2 1/2 2/3 3/4 1
5  Ueber das Sehn und die Farben 39

möglichen relativen Retinatätigkeiten als Intensität Chance, mit der Physiologie über die Details des so
wahrgenommen und darin als Farbe bestimmt ist. Der möglichen Bildes der Erfahrung zu ringen, hat Scho-
Farbwert erscheint als Schattenwert. Das Blaue in sei- penhauer nicht genutzt – und vielleicht auch nicht
nem Verhältnis zum Gelb bestimmt sich nicht mehr nutzen wollen. Ist ihm doch das Exemplum einer
aus der Polarität einer grundsätzlichen Anlage der der Welt, die sich in dieser Form nach den uns eigenen
Farbe eigenen Materialität, sondern überführt sich Vorstellbarkeiten konstituiert, auch in ihrer Abstrakti-
nach Schopenhauer in der qualitativen Abstufung der on zureichend, um nun von den Sinnen zu der Frage
dem Rezeptor möglichen Bestimmungsverhältnisse der Konstitution und der Objektivierung des Vorstel-
in eine objektivierbare Farbordnung. Die Farbe wird lens überhaupt vorzustoßen.
darin zu einer Vorstellung, die in ihrer Intensität zwar
durch das Sonnenhafte des Auges, d. h. für Schopen- Literatur
hauer dessen physiologische Prädisposition, bestimmt Breidbach, Olaf: Goethes Naturverständnis. München 2011.
ist. Das Hirn steht so in der Tat vor der Welt. Die Kon- Burwick, Frederick: The Damnation of Newton: Goethe’s
Color Theory and Romantic Perception. Berlin 1986.
sequenz dieser Bestimmung einer Welt als Vorstellung Elie, Maurice: Sur la lumière et les couleurs. In: Schopen-
ist die Konsequenz einer neurophysiologischen Dar- hauer-Jahrbuch 53 (1972), 114–123.
stellung der Wahrnehmung, die das, was die Sinne an Finger, Stanley: Origins of Neuroscience. New York 1994.
das Verrechnungsgefüge herantragen, als Komposit Grigenti, Fabio: Natura e rappresentazione. Genesi e struttura
der dem Organ eigenen Möglichkeiten bestimmt. Das della natura in Arthur Schopenhauer. Napoli 2000.
Hübscher, Arthur: Um Schopenhauers Farbenlehre. Ein
Weltbild mit seinen Qualifizierungen und den erfah-
Brief und ein Bericht. In: Schopenhauer-Jahrbuch 31
rungsbezogenen Zuordnungen ist insoweit eine Pro- (1944), 83–90.
jektion nach Maßgabe der Affektionen, aber in den Hübscher, Arthur: Arthur Schopenhauer. Ein Lebensbild.
Formen des physiologisch verstandenen inneren Sin- In: Arthur Schopenhauer: Sämtliche Werke. Bd. 1. Hg. von
nes. Die Farbe wird mit ihrer greifbaren Pathophysio- Arthur Hübscher. Wiesbaden 1966, 29–142.
logie für Schopenhauer so zum Testfall seiner Philoso- Regenspurger, Katja/van Zantwijk, Temilo (Hg.): Wissen-
schaftliche Anthropologie um 1800? Stuttgart 2005.
phie, die den Erfahrungswert als Resultat der ein-
Sachs-Hombach, Klaus: Philosophische Psychologie im
fachen Grundbestimmtheit des Erfahrenden ausweist. 19. Jahrhundert. Ihre Entstehung und Problemgeschichte.
Ganz im Sinne Goethes bleibt der Erfahrende dabei in Freiburg 1993.
seiner Natur, die für Schopenhauer dann aber schlicht Wagner, Karl: Goethes Farbenlehre und Schopenhauers
immer seine physiologische ist. Farbentheorie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 22 (1935),
Der Grundansatz, den Schopenhauer in seiner Far- 92–176.
benlehre offeriert, ist 1816 formuliert, die weiteren Olaf Breidbach
Jahrzehnte werden für Verdeutlichungen genutzt. Die
40 II Werk

6 Die Welt als Wille und Vorstellung Schopenhauers, denn dort – besonders bei den Par-
erga und Paralipomena – sind die Unterschiede zwi-
6.1 Zur Entwicklung des Hauptwerks schen der Ausgabe letzter Hand und den posthumen
Ausgaben mit den Zusätzen meist noch gravierender.
Die Welt als Wille und Vorstellung entstand in den Jah- Die Welt als Wille und Vorstellung wurde immerhin
ren 1814 bis 1818 in Dresden und erschien im Dezem- 1919 einmal in einer vorbildlichen Edition von Otto
ber 1818 mit der Jahreszahl 1819 bei Brockhaus in Weiß vorgelegt, der nicht nur die Varianten der ver-
Leipzig. Unmittelbar nachdem das Hauptwerk er- schiedenen Auflagen genau verzeichnete, sondern
schienen war, habilitierte sich Schopenhauer mit sei- auch alle Zusätze aus den Handexemplaren Schopen-
nem Buch an der Berliner Universität und wurde dort hauers verwendete und kenntlich machte. Diese Aus-
Privatdozent. Für seine Vorlesungen arbeitete er die gabe, die als Teil einer niemals fertiggestellten Ge-
darin niedergelegte Philosophie didaktisch und auch samtausgabe der Werke Schopenhauers konzipiert
inhaltlich aus (s. Kap. 10.3). Schon bald zog er eine war, fand zwar seinerzeit Anerkennung, aber weder
zweite Auflage des Werks in Erwägung, doch auf- gingen die Resultate der Editionsarbeit in die nachfol-
grund der fehlenden Resonanz war der Verleger abge- genden Editionen ein und wurden in diesem Zusam-
neigt, und das Vorhaben musste immer wieder ver- menhang überprüft (vgl. Lütkehaus 2006, 26; Hüb-
schoben werden. Von 1821 an finden sich im Nachlass scher 1946, 383) noch wurden sie philosophisch aus-
Entwürfe zu Vorreden zu einer zweiten Auflage des gewertet. Eine partielle Überprüfung ergab indessen,
Hauptwerks – sieben allein bis zur Ankunft in Frank- dass auch diese Ausgabe unvollständig ist. Die Hand-
furt 1833 –, die zum einen die zunehmende Verbitte- exemplare sind übrigens heute noch erhalten und
rung gegenüber den ihn ignorierenden Zeitgenossen werden in sechs Bänden an der Fondation Bodmer in
dokumentieren, zum anderen die immer wieder ent- Cologny in der Schweiz aufbewahrt.
täuschte, aber ungebrochen bleibende Erwartung ei- Aufgrund dieser unbefriedigenden Editionslage
ner breiten Wirkung seiner Philosophie. In diesem existiert bis heute keine vergleichende Untersuchung
Vertrauen hat Schopenhauer in seinen Manuskript- zu den drei Auflagen von Schopenhauers Hauptwerk.
büchern Reflexionen, Beobachtungen, Exkurse ge- Im Folgenden können daher nur allgemeine Aussagen
sammelt, die viel später in die zweite Auflage der Welt getroffen werden, deren Überprüfung im Einzelnen
als Wille und Vorstellung als deren zweiter Band ein- noch aussteht. Um die Entwicklung des Hauptwerks
gehen sollten. Erst 1844 war es so weit, und die um detailliert nachzeichnen zu können, müssen neben
diesen Band erweiterte und auch im ersten Band er- den drei Auflagen auch Schopenhauers Handexempla-
heblich überarbeitete zweite Auflage erschien. Noch re, die Vorlesungsmanuskripte und der handschriftli-
einmal erweitert wurde die Welt als Wille und Vorstel- che Nachlass berücksichtigt werden. Die auffälligste
lung schließlich in dritter Auflage 1859 – von Scho- Veränderung besteht zweifellos darin, dass die zweite
penhauer noch selbst veröffentlicht. Auflage einen zweiten Band erhalten hat, der, wie ge-
Alle heute im Umlauf befindlichen Ausgaben ge- sagt, aus den Notizen und Entwürfen der seit der ers-
ben den Text der dritten Auflage wieder, häufig auch ten Auflage verstrichenen 25 Jahre hervorgegangen ist.
mit den Zusätzen, die Julius Frauenstädt in seiner Schopenhauer selbst hat sich in den Vorreden zu
posthumen Gesamtausgabe aus Schopenhauers Hand- den späteren Auflagen zu Veränderungen geäußert.
exemplar und Notizen hinzugefügt hatte. Für die wis- Zur zweiten Auflage schreibt er, die Modifikationen im
senschaftliche Bearbeitung der Welt als Wille und Vor- ersten Band, der den Text des ursprünglichen ganzen
stellung ist das von großem Nachteil, zumal die erheb- Werks enthält, beträfen »theils nur Nebendinge« (W I,
lichen Veränderungen in den späteren Auflagen nicht XXI), meist bestünden sie aber in kurzen erläuternden
kenntlich gemacht sind und Variantenverzeichnisse – Zusätzen. Lediglich der die »Kritik der Kantischen
wenn überhaupt vorhanden – unvollständig sind. Philosophie« enthaltende Anhang habe »bedeutende
Wenn die erste Auflage von Die Welt als Wille und Vor- Berichtigungen und ausführliche Zusätze erhalten«
stellung nicht noch vorhanden wäre (sie wurde 1988 (ebd.). Wenn Schopenhauer betont, dass die Verände-
von Rudolf Malter als Faksimile herausgegeben, auch rungen im Haupttext des ersten Bandes nur unwesent-
dieses ist aber längst vergriffen), wäre der ursprüng- lich seien, so ist seine Begründung für die Zugabe eines
liche Text nicht rekonstruierbar. Es fehlt immer noch zweiten Bandes mitzubedenken. Er bezieht sich dabei
eine zuverlässige historisch-kritische Ausgabe. Das auf Unterschiede im Stil, in der »Darstellungsweise
gilt übrigens noch mehr von den übrigen Werken und im Ton des Vortrags« (ebd.), die sich seit der Ab-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 41

fassung in der Jugendzeit so stark geändert hätten, dass lisches Handeln, also auf die Tugenden der Gerechtig-
durch Umarbeitung kein einheitlicher Text mehr ent- keit und Menschenliebe bezogen waren, durch »Mo-
stehen könne. Soweit es möglich war, hat er den ur- ral« und »moralisch« ersetzte (vgl. Koßler 1999, 391).
sprünglichen Wortlaut beibehalten wollen, auch wenn Die Änderungen, die Schopenhauer an dem An-
er nun manches »ganz anders ausdrücken würde« hang »Kritik der Kantischen Philosophie« vorgenom-
(W I, XXII). Es ist klar, dass sich ›ganz anders aus- men hat, sind zum Teil darauf zurückzuführen, dass er
zudrücken‹ in philosophischen Texten durchaus gra- frühestens im Jahr 1826 die erste Auflage von Kants
vierendere Folgen haben kann, als es hier den Ein- Kritik der reinen Vernunft kennengelernt hatte. Da für
druck erweckt. Schopenhauer ist indessen davon über- ihn die Überarbeitung Kants »einen verstümmelten,
zeugt, dass sich die nötigen Klarstellungen dem Leser verdorbenen, gewissermaaßen unächten Text« (W I,
durch die Lektüre des zweiten Bandes von selbst er- 516) hervorgebracht hatte, musste die Entdeckung des
geben. Umgekehrt bezieht sich der zweite Band mit ursprünglichen Textes zu Modifikationen seiner Kri-
seinen einzelnen Kapiteln als Ergänzung unmittelbar tik an Kant führen, die an anderer Stelle behandelt
auf bestimmte Teile des ersten, der aus diesem Grunde werden (s. Kap. 6.7; 17).
auch eine neue Einteilung in Paragraphen erhielt. Einen Hinweis darauf, dass möglicherweise Teile
Demnach verhalten sich beide Bände derart ergänzend aus dem zweiten Band mehr enthalten als bloße Aus-
zueinander, »daß nicht bloß jeder Band Das enthält, führungen und gründlichere Durcharbeitungen des
was der andere nicht hat, sondern auch, daß die Vor- im ersten Band Dargelegten, könnte man in dem Um-
züge des einen gerade in Dem bestehn, was dem ande- stand erblicken, dass bei manchen Kapiteln kein Ver-
ren abgeht« (ebd.). Dabei kommt dem ersten Band der weis auf entsprechende Paragraphen des ersten Ban-
Entwurf des Ganzen in seinem systematischen Zusam- des zu finden sind. Das betrifft die Kapitel »Von den
menhang zu, dem zweiten dagegen die ausführlichere wesentlichen Unvollkommenheiten des Intellekts«,
Begründung und Entwicklung der einzelnen Teile. »Von der Materie«, »Transzendente Betrachtungen
Wie man diese Zuordnung zu bewerten hat, hängt mit über den Willen als Ding an sich«, »Vom Instinkt und
dem schwierigen Problem der Methodologie Scho- Kunsttrieb«, »Leben der Gattung«, »Erblichkeit der
penhauers zusammen (s. Kap. 6.2). Er selbst gibt im- Eigenschaften«, »Metaphysik der Geschlechtsliebe«,
merhin doch einen Hinweis auf den Vorrang des ers- »Die Heilsordnung« und »Epiphilosophie«. Cum gra-
ten Bandes, wenn er empfiehlt, ihn wenigstens einmal no salis lässt sich aus diesen Themen ersehen, dass
gelesen zu haben, bevor man an die Lektüre des zwei- Schopenhauer das Verhältnis zwischen seiner Phi-
ten geht (vgl. W I, XXIII). Andererseits hebt er – aus losophie und den Naturwissenschaften zumindest in
verständlichen Gründen – in seinem Gesuch an den besonderem Maße beschäftigt hat. Schon in der
Verleger Brockhaus um den Druck einer zweiten Auf- Schrift Ueber den Willen in der Natur von 1836, die
lage die »bedeutende[n] Vorzüge« des zweiten Bandes zwischen der ersten und der zweiten Auflage des
vor dem ersten hervor, zu dem sich jener verhalte, »wie Hauptwerks erschienen war, war es ihm ein Anliegen,
das ausgemalte Bild zur bloßen Skitze« (GBr, 195). In die Übereinstimmung seiner Lehre mit den rasant
der Vorrede zur dritten Auflage schließlich betont fortschreitenden naturwissenschaftlichen Erkennt-
Schopenhauer, er habe die zweite nur um weitere Zu- nissen nachzuweisen (s. Kap. 7). Zugleich zeigen die
sätze bereichert, zu denen eigentlich die Gedanken ge- im Vergleich mit der ersten Auflage wesentlich präzi-
hörten, die zuvor im zweiten Band der Parerga und Pa- seren Ausführungen über seine philosophische Me-
ralipomena veröffentlicht worden waren. thode mit dem Anspruch auf eine ›immanente‹ Meta-
Freilich sind diese Ausführungen des Autors nicht physik in den Kapiteln »Ueber das metaphysische Be-
ausschlaggebend für die Frage nach den tatsächlichen dürfniß des Menschen« und »Epiphilosophie« des
Entwicklungen und Modifikationen innerhalb des zweiten Bandes des Hauptwerks, dass sich Schopen-
Hauptwerks. Eine in der Forschung seit langem beste- hauer um eine genauere Bestimmung des Anspruchs
hende Diskussion betrifft mögliche Veränderungen in der Philosophie gegenüber und dennoch im Einklang
Schopenhauers Materiebegriff und in seiner Stellung mit den Naturwissenschaften bemühte.
zum Materialismus (vgl. Cornill 1856, 60 ff.; Volkelt Sieht man von der »Kritik der Kantischen Philoso-
1923, 84 ff.; Schmidt 2004, 129 f.). Als eine bemerkens- phie« ab, so lassen sich drei Bereiche festhalten, in de-
werte Modifikation wurde auch festgestellt, dass Scho- nen die Modifikationen der späteren Auflagen über ei-
penhauer ab der zweiten Auflage die Begriffe »Ethik« ne bloße Ergänzung bzw. ausführlichere Darstellung
und »ethisch« an allen Stellen, an denen sie auf mora- des in der ersten Auflage Vorgebrachten hinauszuge-
42 II Werk

hen scheinen: (1) der Vorstellungsbegriff, (2) das Ver- Richtigkeit sich durch den überall hervortretenden
hältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft und Zusammenhang bewährt« (W II, 202 f.).
(3) die Behandlung der Materie. 3) In Bezug auf die Auffassung der Materie findet
1) Das Wort ›Vorstellung‹, das Kant eher unspezi- sich ihre grundlegende Bestimmung als die Verknüp-
fisch verwendet, spielt in Schopenhauers System eine fung von Raum und Zeit durch den Verstand schon in
zentrale Rolle in verschiedenen Teilen seiner Lehre. der ersten Auflage von 1819. Allerdings scheint es, als
Im Hinblick darauf hat er in der zweiten Auflage sei- ob damit die Erörterung des Materiebegriffs noch
nes Hauptwerks bei der Bestimmung der Vorstellung nicht abgeschlossen war, denn es finden sich zu dieser
vieles vertieft und erläutert. Ausführlichere Behand- Zeit auch abweichende Fassungen. Erst in der zweiten
lung in diesem Zusammenhang erhielten das Verhält- Auflage werden diese verschiedenen Ansätze klarer
nis der anschauenden zur abstrakten Erkenntnis, die differenziert und in einen umfassenden metaphysi-
Bestimmung von Vernunft und Verstand, die Lehre schen Rahmen gestellt. »Die Lehre von der Materie ist
von der empirischen Anschauung und die Funktions- ein besonders schwieriges und dunkles Stück der
weise der Vernunft (z. B. spielt der Syllogismus in der Schopenhauerschen Erkenntnistheorie. Die Materie
ersten Auflage eine geringere Rolle; s. Kap. 10.2). bietet bei Schopenhauer mehrere Anblicke dar je
Im Allgemeinen kann man sagen, dass Schopen- nach dem Gesichtswinkel, unter dem man sich ihr
hauer, obwohl er betont, die kantische Unterscheidung nähert« (Volkelt 1984, 382). Diese Schwierigkeit und
zwischen Erscheinung und Ding an sich beizubehal- Dunkelheit hängt nicht nur damit zusammen, dass
ten, eine radikale Veränderung der transzendentalen Schopenhauer das Thema im Lauf der Jahre aus ver-
Methode vornimmt, die in der zweiten Auflage akzen- schiedenen Perspektiven betrachtet, sondern auch
tuiert wird. Diese Neufassung des Transzendentalis- damit, dass er auf verschiedene Quellen zurückgegrif-
mus kann man als »physiologische Orientierung« fen hat. Letzteres zeigt sich sowohl in den vielen Be-
(Mandelbaum 1980) des Philosophieverständnisses zugnahmen auf die klassisch-aristotelische Lehre als
Schopenhauers kennzeichnen, die bereits in dem Werk auch auf die Lehren über die Materie bei Giordano
Ueber den Willen in der Natur bemerkbar ist. Bruno und Plotin. Das Problem der Materie ist in den
Es ist bezeichnend, dass das zweite Buch im zweiten Kapiteln 1 (»Die Lehre von der anschaulichen Vor-
Band des Hauptwerks (»Die Objektivation des Wil- stellung«) und 4 (»Von der Erkenntnis a priori«) der
lens«, d. h. die ausgebildete Willensmetaphysik) den zweiten Auflage behandelt, besonders ausführlich
Teil der Lehre ausmacht, der am stärksten verändert und gründlich aber im Kapitel  24 (»Von der Mate-
wurde. Das Problem, das Schopenhauer hier zu lösen rie«), das nicht auf bestimmte Teile des ersten Bandes
hat, ist eine neue Begründung der Naturphilosophie, referiert. Das deutet darauf hin, dass die Materie in
nachdem er Schellings Projekt derselben für un- Schopenhauers System immer wichtiger wird, bis zu
zulänglich erklärt hatte (vgl. Segala 2009, 258–348). dem Punkt, an dem sie zum Anknüpfungspunkt des
2) In diesem Zusammenhang stellt sich auch die empirischen Teils unserer Erkenntnis an den der rei-
Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissenschaft nen und der apriorischen wird:
und Philosophie. Dieses Problem wird besonders im
Kapitel  17 »Ueber das metaphysische Bedürfniß des »Demzufolge ist die Materie Dasjenige, wodurch der
Menschen« behandelt. Einerseits wird die Forderung Wille, der das innere Wesen der Dinge ausmacht, in die
erhoben, die wissenschaftlichen Erkenntnisse seien Wahrnehmbarkeit tritt, anschaulich, sichtbar wird. In
die »berichtigte Darlegung des Problems der Metaphy- diesem Sinne ist also die Materie die bloße Sichtbar-
sik, [...] daher soll Keiner sich an diese wagen, ohne keit des Willens, oder das Band der Welt als Wille mit
zuvor eine, wenn auch nur allgemeine, doch gründli- der Welt als Vorstellung« (W II, 349).
che, klare und zusammenhängende Kenntniß aller
Zweige der Naturwissenschaft sich erworben zu ha- Die Auseinandersetzung mit dem Materialismus ist
ben« (W II, 198). Andererseits ist die Aufgabe der Phi- ein weiterer Aspekt in Schopenhauers Behandlung
losophie die Entzifferung der Welt, und die Metaphy- der Materie. Er verwarf schon in der ersten Auflage
sik soll ihr Kriterium der Wahrheit im Hinblick auf ei- den Materialismus, d. h. die Auffassung von der Mate-
nen Zusammenhang, den die Wissenschaften nicht rie als ontologische Struktur der Wirklichkeit. Man
gewährleisten, haben (vgl. Mollowitz 1989): »Das muss bei all dem daran erinnern, dass die Verände-
Ganze der Erfahrung gleiche einer Geheimschrift, rung in den späteren Auflagen nicht nur in den Zusät-
und die Philosophie der Entzifferung derselben, deren zen im zweiten Band bestehen, sondern dass auch vie-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 43

le Formulierungen des ersten Bandes erst in den nach- 6.2 Konzeptionelle Probleme und Inter-
folgenden Auflagen hinzugefügt wurden. Die Ent- pretationsansätze der Welt als Wille und
wicklung der Naturwissenschaften und der Physik, Vorstellung
die vor allem in den 1820er und 30er Jahren des neun-
zehnten Jahrhunderts aufgetreten ist, führt bei Scho- Nicht nur der Inhalt und die Argumentation des ers-
penhauer zu einer starken Reaktion gegen das reduk- ten Bandes von Schopenhauers Hauptwerk Die Welt
tionistische Denken. Die Widerlegung des Materialis- als Wille und Vorstellung (= WWV) sind ausschlag-
mus, unter welchem Schopenhauer den mechanis- gebend für ein Verständnis des Werks, sondern auch
tischen Materialismus versteht, zeigt sich in den der Aufbau, die Gliederung, die Argumentationsform
späteren Auflagen in der Ablehnung der Atomtheorie. und die Systematisierung. Allerdings herrscht in der
Ein Teil der Sekundärliteratur sieht Schopenhauer Forschung hinsichtlich der strukturellen Interpretati-
aber als einen Denker mit starken materialistischen on kein Einvernehmen. Im Wesentlichen drehen sich
Tendenzen an (vgl. Schmidt 2004), so dass sein Platz die Diskussionen um vier Fragen oder Konfliktfelder:
in der philosophiehistorischen Entwicklung noch ge- (1) Wie ist Schopenhauers Hinweis zu verstehen, dass
nauer zu bestimmen ist. sein Werk einen einzigen Gedanken mitteilt? Welche
Rolle spielt dieser für das Werk? (2) Wie hängen die
Literatur einzelnen Bücher der WWV zusammen? Architekto-
Cornill, Adolph: Arthur Schopenhauer als Übergangsform nisch, systematisch, organisch? (3) In welchem Ver-
von einer idealistischen in eine realistische Weltanschau- hältnis steht das Werk zum Leser und zur Welt? Nor-
ung. Heidelberg 1856.
Hübscher, Arthur: Die kritische Schopenhauer-Ausgabe. In:
mativ in Bezug auf den Leser oder deskriptiv in Bezug
Zeitschrift für philosophische Forschung 1 (1946), 380–387. auf die Welt? (4) Wie verhält es sich mit den oft bean-
Koßler, Matthias: Empirische Ethik und christliche Moral. standeten Widersprüchen und Aporien im Werk? Fol-
Zur Differenz einer areligiösen und einer religiösen Grund- gen Sie einem Konzept oder sind sie Denkfehler?
legung der Ethik am Beispiel der Gegenüberstellung Scho- Die folgenden Darstellungen sollen die verschiede-
penhauers mit Augustinus, der Scholastik und Luther.
nen Positionen, die in den Diskussionen aufgetaucht
Würzburg 1999.
Lütkehaus, Ludger: Einleitung zu Schopenhauers Werken sind, konturieren und einen Überblick über zum Teil
nach den Ausgaben letzter Hand. In: Arthur Schopen- alte, aber nach wie vor ungelöste Probleme der Scho-
hauer: Werke in fünf Bänden. Beibuch. Hg. von Ludger penhauer-Forschung geben.
Lütkehaus. Frankfurt a. M. 2006, 7–34.
Mandelbaum, Maurice: The Physiological Orientation of
Schopenhauer’s Epistemology. In: Michael Fox (Hg.): Der eine Gedanke
Schopenhauer. His Philosophical Achievement. Sussex
1980, 50–67. Gleich im zweiten Satz der Vorrede zur ersten Auflage
Mollowitz, Gerhard: Bewährung aus-sich-selbst als Krite- der WWV findet sich eine Formulierung, die eine brei-
rium der philosophischen Wahrheit. In: Schopenhauer- te Kontroverse bestimmt: »Was durch dasselbe [das
Jahrbuch 70 (1989), 205–225. Buch; J. L./D. S.] mitgetheilt werden soll, ist ein ein-
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Natur-
ziger Gedanke« (W 1, V). Obgleich das Werk nur einen
wissenschaft. Bonn 1985.
Morini, Maurizio: Trascendentalismo e immantismo nelle tre Gedanken artikuliere – so Schopenhauer weiter –, las-
edizioni del Mondo come volontà e rappresentazione di se sich dieser nur mittels Zergliederung in vier Teile –
Arthur Schopenhauer. Macerata 2017. die vier »Bücher« des ersten Bandes – mitteilen; aller-
Schmidt, Alfred: Schopenhauer und der Materialismus. In: dings habe man sich nach Schopenhauer »zu hüten,
Ders.: Tugend und Weltlauf. Vorträge und Aufsätze über nicht über die nothwendig abzuhandelnden Einzelhei-
die Philosophie Schopenhauers (1960–2003). Frankfurt
ten den Hauptgedanken dem sie angehören und die
a. M. 2004, 105–149.
Segala, Marco: Schopenhauer, la filosofia, le scienze. Pisa Fortschreitung der ganzen Darstellung aus den Augen
2009. zu verlieren« (W 1, VIII; vgl. auch HN I, 386 f.). Da
Volkelt, Johannes: Arthur Schopenhauer. Seine Persönlich- Schopenhauer nirgends eine explizite Formulierung
keit, seine Lehre, sein Glaube. Stuttgart 51923. derart anbietet, dass der eine Gedanke dieses oder
Volkelt, Johannes: Korrelativismus und Materialismus. In: jenes sei (vgl. Atwell 1995, 18; Janaway 1999, 4), so
Volker Spierling (Hg.): Materialien zu Schopenhauers »Die
Welt als Wille und Vorstellung«. Frankfurt a. M. 1984, 371–
scheint es eine in der Forschung allerdings umstrittene
386. Interpretationsleistung zu bleiben, diesen Gedanken
zu finden und als solchen zu erläutern. Dabei könnte es
Matthias Koßler / Maurizio Morini – wie Rudolf Malter vermerkt – nicht unwichtig sein,
44 II Werk

zwischen Sätzen und Gedanken zu unterscheiden; der menfassung einzufangen, aber, inwiefern sie Stellen
eine Gedanke sei »obzwar selber kein Satz, nur in Sät- im Werk Schopenhauers integrieren kann, die beto-
zen, bestehend aus abstrakten Vorstellungen, präsent« nen, dass zwischen den mitgeteilten Gedanken als Tei-
(Malter 1991, 47). Im Wesentlichen lassen sich in der le des einen Gedankens und dem einen Gedanken
Forschung drei Positionen voneinander unterscheiden selbst zu unterscheiden ist (vgl. HN I, 387). Zu fragen
(zur Diskussion des »einen Gedankens« im franzö- wäre also, ob die Annahmen der erwähnten Autoren
sischsprachigen Raum s. Kap. 51): zutreffen, dass erstens der eine Gedanke abstrakt und
direkt mitteilbar ist und zweitens in der Zusammen-
1) Eine weit verbreitete Lesart versteht den einen Ge- fassung der einzelnen Werkteile besteht (vgl. Schubbe
danken als eine Art inhaltliches Extrakt der zentralen 2010, 51 f.).
Lehrstücke der WWV, dem sich über eine pointierte
Zusammenfassung nahekommen lässt. So versteht 2) Einer anderen Lesart zufolge ist die Mitteilung eines
Rudolf Malter den einen Gedanken über den Satz: einzigen Gedankens zwar ebenfalls zentrales Ziel der
»[D]ie Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens« WWV, allerdings leugnet diese Lesart die Möglich-
(W I, 526 (Lü); vgl. Malter 2010, 32). Dieser Satz lässt keit, den einen Gedanken in einem Satz zusammen-
sich auf eine Äußerung Schopenhauers zurückbezie- zufassen oder aus der WWV zu extrahieren. Vielmehr
hen, die sich auf 1817 datiert in seinen Manuskripten verweise das Werk auf den einen Gedanken: Dem
finden lässt (»Meine ganze Ph[ilosophie] läßt sich zu- Werk ist somit gleichsam ein performativer Zug zu ei-
sammenfassen in dem einen Ausdruck: die Welt ist gen. So betont beispielsweise Matthias Koßler mit
die Selbsterkenntniß des Willens«, HN I, 462) und Blick auf die »Thebenmetapher« (s. u.), dass der eine
schließlich – wie zitiert – auch Eingang in das Haupt- Gedanke »im Mittelpunkt der sich kreuzenden, je-
werk gefunden hat. Wolfgang Weimer erweitert diese doch nicht ineinanderlaufenden Richtungen zu su-
Bestimmung des einen Gedankens noch um den Zu- chen ist« (2006, 375). Von einer explizit performativen
satz: »Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens Deutung des einen Gedankens spricht Daniel Schub-
von seiner Leidhaftigkeit. Dieses Leiden kann in Stu- be. Die Vorgabe des einen Gedankens hat in seiner
fen aufgehoben werden« (Weimer 1995, 17). Volker Aussprache selbst die Aufgabe, die vier Perspektiven
Spierling sieht den einen Gedanken in der Formulie- des Werkes, die sich in den vier Büchern bieten, zu
rung ausgedrückt, dass »diese Welt, in der wir leben bündeln. Demzufolge verbürgt der eine Gedanke
und sind, ihrem ganzen Wesen nach, durch und durch nicht einen Inhalt, sondern die Einheit des Werks
Wille und zugleich durch und durch Vorstellung ist« selbst. Die verschiedenen Perspektiven der vier Bü-
(W I, 227 (Lü); vgl. Spierling 1998, 63). Einen anderen cher der WWV auf die Mensch-Welt-Bezogenheit
Kandidaten für den einen Gedanken sieht beispiels- werden durch den einen Gedanken derart zusammen-
weise Jochem Hennigfeld (2006, 465) in dem als gehalten, dass dieser vielmehr die »Gemeinsamkeit
Grundsatz interpretierten Schopenhauerschen Lem- der verschiedenen Perspektiven oder Wirklichkeits-
ma: »Der Wille als das Ding an sich macht das innere, bereiche« verbürgt (Schubbe 2010, 195). Der eine Ge-
wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus« danke ist somit auf theoretischer Ebene eine Art Pa-
(W II, 232 (Lü)). rallelbegriff zur Welt, in der ebenfalls die einzelnen
John Atwell merkt hinsichtlich des Versuchs einer auszulegenden und zu beschreibenden Gehalte ge-
Formulierung des einen Gedankens an, dass auch die meinsam vorliegen.
entscheidenden Erkenntnisse des dritten und vierten
Buches berücksichtigt werden müssen (vgl. Atwell 3) Eine dritte Lesart lokalisiert dagegen die von Scho-
1995, 30; Janaway 1999, 5). Nachdem er einige Kandi- penhauer vorgegebene und für die Erfassung des ei-
daten und deren Konsequenzen diskutiert hat, kommt nen Gedankens maßgebende Zielsetzung der WWV
er schließlich zu der Formulierung: »The double-si- nicht in der Vorrede, sondern erst am Ende von § 15.
ded world is the striving of the will to become fully Die Vorrede stellt mit dem »einen Gedanken« nur ein
conscious of itself so that, recoiling in horror at its in- Traditionsargument dar, das zum einen aus der bis-
ner, self-divisive nature, it may annul itself and thereby lang noch ungenügend erforschten Ideengeschichte
its self-affirmation, and then reach salvation« (Atwell des einen Gedankens von beispielsweise Descartes,
1995, 31). Spinoza, Jacobi oder Fichte übernommen wurde (vgl.
Fraglich ist bei dieser ersten Lesart, die versucht Lemanski 2011, 316; Koßler 2006) und das zum ande-
den einen Gedanken über eine inhaltliche Zusam- ren nur für die Beantwortung der Frage, wie das Buch
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 45

zu lesen ist, instrumentalisiert wird. Die eigentliche chen, in welchem immer ein Theil den andern trägt,
Zielsetzung Schopenhauers finde man dagegen in nicht aber dieser auch jenen, der Grundstein endlich
§ 15: Schopenhauer erklärt dort, dass es die Aufgabe alle, ohne von ihnen getragen zu werden, der Gipfel ge-
seiner Philosophie sei, »alles Mannigfaltige der Welt tragen wird, ohne zu tragen. Hingegen ein einziger Ge-
überhaupt, seinem Wesen nach, in wenige abstrakte danke muß, so umfassend er auch seyn mag, die voll-
Begriffe zusammengefaßt, dem Wissen zu überlie- kommenste Einheit bewahren. Läßt er dennoch, zum
fern« (W I, 131 (Lü)). Er beruft sich dabei, wie auch Behuf seiner Mittheilung, sich in Theile zerlegen; so
bei der Parallelstelle in der Ethik (vgl. W I, 494 (Lü)), muß doch wieder der Zusammenhang dieser Theile
auf Francis Bacon und bekennt sich somit sowohl zu ein organischer, d. h. ein solcher seyn, wo jeder Theil
einem empirischen Ansatz (vgl. Koßler 1999) als auch ebenso sehr das Ganze erhält, als er vom Ganzen ge-
zu einer neuzeitlich-aufklärerischen Tradition, die das halten wird [...]« (W I, 7).
philosophische Buch über die Welt an die Stelle der Bi-
bel setzt (vgl. Blumenberg 1986, bes. Kap. VIII). Obgleich es kontrovers ist, ob Schopenhauer den Be-
Die Zielsetzung, d. h. die »vollständige Wieder- griff ›System‹ synonym zu ›architektonisch‹ und als
holung, gleichsam Abspiegelung der Welt in abstrak- Gegenbegriff zu ›organisch‹ (vgl. Schubbe 2010, 50)
ten Begriffen« (W I, 131 (Lü)), verdeutlicht sich in ei- oder ob er ›System‹ als Oberbegriff für die beiden kon-
ner Analogie: Wenn der »Erkenntnißgrund« für die trären Teilbegriffe ›architektonisch‹ oder ›organisch‹
philosophischen Urteile »unmittelbar die Welt selbst« verwendet (vgl. Strub 2011, 106; ferner Bloch 1985,
(W I, 131) sei und diese durch die WWV abgespiegelt 369), lässt sich festhalten, dass in beiden Fällen ›archi-
werde, dann umfasst »Welt« als höchster Begriff (con- tektonisch‹ die Gegenmetapher zu ›organisch‹ bleibt,
ceptus summus) alle anderen Begriffe der WWV (con- so dass wir im Folgenden nur diese Dichotomie ver-
ceptus inferiores) ebenso wie auch die reale-unmittel- wenden. Somit lässt sich generell sagen: Schopenhau-
bare Welt alle anderen Entitäten in sich umfasst (vgl. er möchte sein Werk explizit nicht als Architektur ver-
Lemanski 2017). Ähnlich bringt für Arthur Hübscher standen wissen, sondern als Organismus. Der Unter-
auch schon der Titel »Die Welt als Wille und Vorstel- schied: Während die Architektur nach Schopenhauer
lung« den einen Gedanken »auf eine kurze Formel«: linear konstruiert ist, trägt in einem Organismus jeder
Er »kommt, in jeder Zeile gegenwärtig, in vier Bü- Teil den anderen, sie sind aufeinander verwiesen.
chern wie in vier symphonischen Sätzen zur allseiti- Schopenhauer versteht sein Werk also so, dass der
gen Entfaltung« (Hübscher 1952, 69). Sieht man auf letzte Teil ebenso den ersten trägt, wie der erste den
die letzten Sätze von § 15, so findet man eine Verbin- letzten. Die Zergliederung des Werks in vier Teile liegt
dung der beiden zuletzt genannten Ansätze: Wille und nach Schopenhauer somit nicht in der Sache, sondern
Vorstellung inklusive der darunter enthaltenen Glie- in der Problematik ihrer Mitteilung: Da nach ihm ein
der sind allesamt Teilbegriffe des Begriffs ›Welt‹, d. h. Buch eben eine erste und letzte Zeile haben müsse,
in dessen Begriffsumfang enthalten. Als höchster Be- bliebe kein anderer Weg, aber dies dürfe nicht mit
griff soll somit hier der Weltbegriff zwischen den an dem Gegenstand, mit dem einen Gedanken selbst ver-
sich widersprüchlichen Dichotomien vermitteln; »ih- wechselt werden. Dadurch kommt es nach Schopen-
re Harmonie zu einander, vermöge welcher sie sogar hauer zwangsläufig zu einem Widerspruch zwischen
zur Einheit eines Gedankens zusammenfließen, [...] Inhalt und Form (vgl. W I, 8 (Lü)), der aber mit einer
entspringt aus der Harmonie und Einheit der an- (mindestens) zweimaligen Lektüre des Buches be-
schaulichen Welt selbst« (W I, 132 (Lü)). hoben werden könne.
Allerdings wird in der neueren Forschung dis-
kutiert, ob der Widerspruch zwischen Inhalt und Form
Architektonik, System oder Organismus?
nicht weitreichendere Konsequenzen hat, als Schopen-
Die Forschungskontroverse, wie der Zusammenhang hauer einzugestehen bereit ist. So hebt Martin Booms
der vier Bücher der WWV zu verstehen ist, eröffnet (vgl. Booms 2003, 141–146) hervor, dass es bei Scho-
sich an den drei Metaphern ›Architektur‹, ›System‹ penhauer zwei unterschiedliche Selbsteinschätzungen
und ›Organismus‹, die im Kontext des einen Gedan- bezüglich der Anfangsproblematik gibt: Zum einen ist
kens auftauchen: dies die berühmte Thebenanalogie aus dem Jahr 1841
(vgl. E, 327 f. (Lü), häufig auch »Thebenmetapher«),
»Ein System von Gedanken muß allemal einen archi- derzufolge der Einstieg in Schopenhauers Philosophie
tektonischen Zusammenhang haben, d. h. einen sol- beliebig sei, da man von überall zum Mittelpunkt kom-
46 II Werk

men könne; zum anderen ist dies der im zweiten Band Begriff wie ›Welt‹ bis beispielsweise zu den konkreten
der Parerga und Paralipomena formulierte Gedanke, Vernunftdefinitionen von ›Lachen‹, ›Witz‹ und ›Narr-
dass »jede Philosophie anzuheben [hat] mit Unter- heit‹ (vgl. W I, 102 f. (Lü)) reicht. Aufgrund dieser stu-
suchung des Erkenntnißvermögens, seiner Formen fenförmigen Begriffsstruktur, die sich durch die ganze
und Gesetze, wie auch der Gültigkeit und der Schran- WWV hindurchzieht, ist es ratsam, anhand einschlä-
ken derselben« (P II, 24 f. (Lü)). Nach Booms kommt es giger Stellen zu verfolgen, dass Schopenhauer mit der
damit bereits am Anfang zu einer antinomischen Ver- Architekturmetapher eine aus Allgemeinbegriffen
wicklung – er spricht von einer Methodenantinomie –, und Prinzipien nur ableitende Philosophie kritisiert
da die eine Bestimmung die andere ausschließt. Mehr (vgl. W I, 130 (Lü)), wie er sie exemplarisch für die
noch: Nach Booms ist die Form inhaltsprägend, so dass Neuzeit bei Spinoza oder Wolff sieht (vgl. Strub 2011,
der Beginn mit der Erkenntnislehre – die er transzen- 106 f.). Die Begriffsstruktur der WWV ist somit eine
dentalistisch interpretiert – derart theorieinitiierend der bedeutenden Leistungen des Werks, aber sie kann
wirkt, dass Schopenhauers Philosophie insgesamt zu nur ein Gesamtresultat und nicht die Methode der
einer Transzendentalphilosophie wird. Die Primärstel- WWV sein, da Schopenhauer sonst wiederum an Spi-
lung der Erkenntnislehre werde damit zu einer Fun- noza und Wolff anknüpfen würde. Die genaue Struk-
damentalstellung. Für Booms trägt die Anfangsproble- tur ist in der gegenwärtigen Forschung noch nicht
matik entscheidend zur Frage nach einer Charakteri- ausgearbeitet (vgl. Lemanski 2017).
sierung des Werks insgesamt bei. b) Die Forschung hat sich hingegen bislang intensi-
Angesichts der gegenseitigen Abhängigkeit von ver mit der Themenstruktur beschäftigt, die einerseits
Form und Inhalt fragt Schubbe gegenüber Booms zu- für die noch genauer zu untersuchende Linearität von
nächst danach, was denn bei Schopenhauer über- Bedeutung ist, andererseits sich teilweise der Archi-
haupt als Inhalt und Form bestimmt werden soll (vgl. tekturmetapher dadurch annähert, dass sie die Positi-
Schubbe 2010, 25–31). Indem Schubbe den deskripti- on bestimmter Themen innerhalb des Werks festsetzt:
ven Charakter der Erkenntnislehre und den von Scho- Wie am Beispiel von Booms bereits gezeigt, steht von
penhauer herausgestellten didaktischen Sinn des Be- einigen Interpreten die Behauptung im Raum, dass
ginns mit der Erkenntnislehre betont, versucht er zu der Anfang der WWV mit der Erkenntnislehre nicht
zeigen, dass der Erkenntnislehre weder ein Begrün- ohne weiteres beliebig sei, da »[j]eder transzendente
dungsstatus zukommt, noch diese die Form des Werks Dogmatismus [...] vermieden werden« soll (Spierling
festlegt; vielmehr müsse die Gesamtform des Werks 1998, 49), bzw. weil sie »das Teilstück der Darstellung
als die Form angesehen werden, von der der Inhalt des prozessualen Geschehens [ist], wodurch dieses
nicht abstrahiert werden kann. Da Schubbe zwischen Geschehen eröffnet wird« (Malter 1991, 53). Ebenso
dem performativ-indirekten einen Gedanken und festgesetzt erscheint für viele Interpreten der Schluss
vielen direkten Gedanken unterscheidet, liegen für der WWV. Besonders einschlägig für diese Position
ihn die Thebenanalogie und die Anfangsbestimmtheit war Franz Rosenzweigs Rede von der Schopenhauer-
schlicht auf verschiedenen Ebenen: Die Thebenanalo- schen Innovation eines »systemerzeugten Heiligen
gie bezieht sich auf den einen Gedanken, die didak- des Schlußteils«, der »den Systembogen schloß, wirk-
tisch verstandene Anfangsbestimmtheit auf die direk- lich als Schlußstein schloß, nicht etwa als ethisches
ten Gedanken, durch die hindurch der eine Gedanke Schmuckstück oder Anhängsel ergänzte« (Rosen-
im günstigen Fall provoziert wird. zweig 1921, 8 f.). Eduard von Hartmann spricht eben-
Doch zurück zur Frage, was für die Metapher der falls von einer Hervorhebung des Nichts, die von
Architektonik (1) oder des Organismus (2) spricht. Schopenhauer »wiederholentlich und mit Nachdruck
als der Gipfel nicht nur seiner Ethik, sondern auch sei-
1) Trotz der expliziten Vereinnahmung der Organis- nes ganzen philosophischen Systems bezeichnet wor-
musmetapher für sein Werk findet man (a) bei Scho- den« ist (Hartmann 1924, 54). Schopenhauers Religi-
penhauer selbst (vgl. z. B. W II, 420 (Lü)) und (b) in onsphilosophie, der Heilige und das Nichts werden, so
der Forschung eine Annäherung an die Architektur- Hans Zint, somit zum »leuchtenden Schlußpunkt sei-
metapher. ner ganz Philosophie« (Zint 1930, 63). Insofern weist
a) Die meisten gesperrt gesetzten Allgemeinbegrif- auch Gerhard Klamp darauf hin, dass das dritte Buch
fe in der WWV bilden eine der klassischen Begriffs- nur eine »Vorschule« für die »eindrucksvolle[n]
logik entsprechende hierarchische Struktur (vgl. z. B. Schlusspartien« (Klamp 1960, 83) des vierten Buchs
W II, 76 (Lü); VN I, 259–276), die vom abstraktesten sein könne. Das feste Themenarrangement ausgehend
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 47

von der Erkenntnistheorie bis hin zur ›mystischen und dessen Flucht ins Nichts beschreibt, so war es für
Ontologie‹ geht bei den meisten Forschern mit einem viele Interpreten naheliegend, dass der Autor seinem
linearen Verständnis des Aufbaus der WWV einher. Leser »zumuthe[.], den Willen zum Leben [...] zu ver-
Ein anderes architektonisches Bild, das die Position neinen« (Weigelt 1855, 156). Daher erklärt auch Paul
der Ethik festsetzt, kann aber auch mit der Theben­ Deussen, dass Schopenhauers Ethik zuletzt doch »ei-
analogie erreicht werden, wenn man auf das Verhältnis ne Imperativische Form hat. Sie liegt für ihn darin,
von Peripherie und Zentrum rekurriert: Johann Au- dass er die Verneinung des Willens zum Leben der Be-
gust Becker (vgl. Becker 1883, 4) und Karl Werner Wil- jahung durchweg als das Höhere, Bessere gegenüber-
helm (vgl. Wilhelm 1994, 10) interpretieren die The­ stellt« (Deussen 1917, 555). Allerdings wird in diesem
ben­analogie so, dass die ersten drei Bücher der WWV Zitat eine Differenz verwischt, die anderen Interpre-
periphere Zugangswege bilden, alle Zugänge aber zum ten zufolge einen »Zwischenweg« zwischen einer nor-
zentralen Kern führen, welcher die Ethik im letzten mativen oder deskriptiven Lesart aufzeigen kann: Es
Buch sei. ist durchaus möglich, einzuräumen, dass Schopen-
hauer sein Werk deskriptiv verstanden wissen will,
2) An die Vereinnahmung der Organismusmetapher aber dennoch den Figuren der Weltüberwindung ei-
für sein Werk halten sich sowohl (a) Schopenhauer nen wertvolleren, höheren Status einräumt als den Le-
selbst an vielen Stellen als auch (b) in jüngerer Zeit im- bensbejahern. Eine solche axiologische Lesart ist wer-
mer mehr Forscher. tend, aber nicht präskriptiv. Eine deskriptive Lesart ist
a) Schopenhauer selbst hebt hervor: Wenn man hingegen weder normativ noch axiologisch. Da sich
den einen Gedanken »von verschiedenen Seiten be- die drei Lesarten am deutlichsten in der Interpretation
trachtet, zeigt er sich als Das, was man Metaphysik, der Schopenhauerschen Willensverneinung zeigen,
Das, was man Ethik und Das, was man Aesthetik ge- kann man orientierungsweise festhalten:
nannt hat« (W I, 7 (Lü)).
b) Aus diesem Grund, meint Robert Jan Berg, gebe (1) Normative Interpretation: Schopenhauer will sei-
es »prinzipiell beliebige Zugangswege« (Berg 2003, 99) nen Leser von der Willensverneinung überzeu-
in den Organismus des Werks. Obwohl Schopenhauer gen, so dass dieser sie praktisch umsetzt.
im ersten Buch der WWV die Welt als Wille aus der (2) Axiologische Interpretation: Schopenhauer be-
Welt als Vorstellung argumentativ entwickelt, könnte schreibt die Willensverneinung nur, bewertet sie
ein Leser doch ebenso gut mit dem zweiten Buch be- aber als besser im Vergleich zur Lebensbejahung.
ginnen, da Schopenhauer dort anders herum auch die (3) Deskriptive Interpretation: Schopenhauer be-
Welt als Vorstellung aus der Welt als Wille genetisch schreibt Willensverneinung und -bejahung nur
erklärt und beide Bücher sich somit wechselseitig er- und zwar beide gleichwertig.
gänzen, also die Priorität der jeweiligen ›Welt‹ nur
durch die Methodik des Themas – Erkenntnistheorie Das von Schopenhauer nicht verwendete, aber in der
oder Naturphilosophie – entschieden wird. Die belie- Forschung intensiv diskutierte Reizwort ›Soteriologie‹
bige Stellung der Schlusspassagen wird zudem durch (bzw. Erlösungslehre, ferner: Befreiungslehre) fällt in
die Neuformulierung der WWV in den Vorlesungen den Bereich der Willensverneinung und kann daher
Schopenhauers deutlich, in der Schopenhauer nicht (1) normativ, (2) axiologisch oder aber (3) deskriptiv
mit »Nichts«, sondern mit einem metaphilosophi- interpretiert werden. Prinzipiell divergieren aber alle
schen Thema endet (vgl. VN IV, 271 ff.). Innerhalb der drei Lesarten auch an anderen Fragestellungen, bei-
organischen Lesart wäre somit auch eine alternative spielsweise an der Interpretation von Idealismus und
Fassung der WWV denkbar, die nicht mit der Vernei- Empirismus im ersten Buch der WWV.
nung, sondern mit der Bejahung des Willens endet. Zu den Vertretern einer axiologischen Interpretati-
on der Soteriologie könnte man Malter zählen, dem-
zufolge das Hauptwerk als ein vom Autor beschriebe-
Die WWV: Normatives, axiologisches oder
ner Prozess der Befreiung zu verstehen ist: »Die for-
deskriptives Gedankengebäude?
melhafte Nennung des einen Gedankens indiziert ei-
Sehr früh hat die architektonische Festsetzung und nen Prozeß: den Prozeß, in welchem die Befreiung des
Fokussierung auf das Ende der WWV die lineare In- Subjekts von seiner negativen Befindlichkeit stattfin-
terpretation mit einer normativen gekoppelt: Wenn det« (Malter 1991, 52). Der Fortgang erfolgt nach
Schopenhauer am Ende seines Werks den Asketen Malter über verschiedene Krisen bis zur Erlösung:
48 II Werk

»Die Philosophie Schopenhauers kann sich nur deswe- covery of what the world is, disclosure of the world’s
gen als Soteriologie [...] artikulieren, weil das befrei- essence« (De Cian/Segala 2002, 31). Jens Lemanski
end-erlösende Moment schon ursprünglich im Subjekt versucht in diesem Zusammenhang zu zeigen, dass
angelegt ist. Nachzuzeichnen, wie es zu seiner Aktivie- die normative Interpretation, die die WWV auch im
rung kommt und wie der Wille – trotz seiner ihm eige- deutschen Sprachraum als negatives, pessimistisches
nen Substantialität – das Subjekt nicht mehr be- und lebensverneinendes Werk deutet, selbst durch
stimmt, ist das Ziel, auf das hin sich das Schopenhau- Schopenhauers Spätschriften und Überarbeitungen
ersche System dank des Transzendentalismus, der es begünstigt wurde und sich aufgrund der Fehlinterpre-
leitet, bewegt« (Malter 1991, 55). tationen Mainländers, Hartmanns und besonders
Nietzsches in der Philosophiegeschichte etablieren
Hieran sieht man, dass der Zusammenhang zwischen konnte. Deutlich wird dies Lemanski zufolge an der
›Transzendentalismus‹ (Leitgedanke) und ›Erlösungs- sogenannten »Weigelt-Becker-Kontroverse«, in der
lehre‹ (Ziel) zu einer linearen Interpretation des Schopenhauer und seine engsten Schüler in den
Werks führt. Die zielgerichtete Interpretation Malters 1850er Jahren sich selbst gegen die linear-normative
schränkt den Ausdruck ›Soteriologie‹ auf eine norma- Lesart wehren und zur Deutlichkeit der Erstauflage
tive oder axiologische Interpretation ein, da auch Mal- der WWV zurückfinden, in der die Abspiegelung der
ter zwischen den beiden Interpretationsrichtungen Welt stärker heraussticht als im Spätwerk (vgl. Le-
schwankt. Entsprechende Konnotationen finden sich manski 2013, 153–161).
auch bei Alfred Schmidt: »Resignation ist die schwer Einen weiteren Gegenpart findet die linear-soterio-
beschreibbare Grundstimmung, in die Schopenhau- logische Interpretation in einer morphologischen Les-
ers Denken einmündet« (Schmidt 1986, 75). Die Me- art (vgl. Schubbe 2010 und 2012). Nach dieser sind die
tapher des »Einmündens« drückt hier eben diese Ziel- in den vier Büchern der WWV explizierten Erkennt-
gerichtetheit aus, die entweder eine Prävalenz der nisformen und Mensch-Welt-Beziehungen erkennt-
Willensverneinung ausdrücken kann (axiologisch) nistheoretisch und ontologisch als gleichrangig zu be-
oder eine Lenkung zu derselben bewirken soll (nor- trachten (vgl. Schubbe 2012).
mativ). Ein Verständnis des Werks im Zeichen einer Allerdings könnte es sein, dass die Rede von einer
Linearität und Normativität oder Axiologie speist sich reinen Deskriptivität der WWV noch von einer ande-
somit vor allem aus einer spezifischen Interpretation ren Seite als der einer normativen oder axiologischen
des Stils, des Kontextes der Schlusspasssagen und aus Lesart eingeschränkt werden muss: Da Schopenhauer
späteren Selbstaussagen Schopenhauers. Komple- in Bezug auf seine Metaphysik nicht nur von einer Be-
mentär zur axiologischen oder normativen Soteriolo- schreibung der Welt spricht, sondern auch von ihrer
gie in der Ethik, die besonders in der deutschsprachi- Auslegung (s. Kap. 40), knüpft sich hier die schließlich
gen Forschung diskutiert wird (Stichwort: ›Erlösung auch im Kontext der Phänomenologie und Herme-
durch Erkenntnis‹), wird in der spanisch- und beson- neutik viel diskutierte Frage an, inwiefern ›Beschrei-
ders in der englischsprachigen Forschung eine axiolo- bung‹ und ›Auslegung‹ sich gegenseitig ausschließen
gische oder normative Befreiungslehre in der Ästhetik oder aufeinander verweisen.
diskutiert (Stichwort: ›art as liberation‹).
Vertreter einer rein deskriptiven Lesart berufen
Widersprüche und Aporien in der WWV
sich dagegen vor allem auf die Anfangspassagen des
vierten Buchs der WWV, in denen Schopenhauer er- Sehr früh – so bereits 1819 von einem anonymen Re-
klärt, dass auch seine Ethik nur theoretisch-betrach- zensenten – wurde in der Schopenhauer-Rezeption
tend bleibt und nichts vorzuschreiben empfiehlt (W I, auf Aporien oder Widersprüche in der WWV auf-
357 f. (Lü)). Für Koßler ist dies der Grund von einer merksam gemacht. Diese Diskussion durchzieht die
»empirischen Ethik« zu sprechen und mehrfach zu Schopenhauer-Forschung bis in die Gegenwart, wobei
betonen, dass Schopenhauer auch »Ethik nicht prae- auffällt, dass weder Einigkeit darüber herrscht, welche
skriptiv, sondern ›deskriptiv‹ versteht« (1999, 434). Sachverhalte denn als ›Widersprüche‹ anerkannt wer-
Nicoletta De Cian und Marco Segala behaupten, dass den sollen, noch wie diesbezüglich terminologisch
besonders die englischsprachige Schopenhauer-For- verfahren werden soll – so ist beispielsweise von Wi-
schung eine simplifizierte und verzerrte Interpretati- dersprüchen, Aporien, Antinomien und Zirkeln die
on und Rezeptionsgeschichte beschworen hat, wäh- Rede. Zudem lassen sich verschiedene Einschätzun-
rend Schopenhauers hauptsächliches Ziel lautet: »dis- gen und Bewertungen der Problematik finden, die
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 49

sich grob in vier Gruppen einteilen lassen (zu einer er ein Philosoph, »der besonnen reflektiert, der der
Zusammenstellung von Autoren, die sich zu dem The- Differenz von Begriff und Sache methodisch ein-
ma geäußert haben vgl. Malter 1991, 48, Anm. 25; zur gedenk bleibt, der dem apriorisch-idealistischen Iden-
folgenden Systematisierung vgl. auch Booms 2003, titätsdenken Einhalt gebietet« (Spierling 1998, 240).
23 f.): Während einige Interpreten die ›Widersprüche‹ Im Anschluss an die Rede von der »vergessenen
bei Schopenhauer als Missverständnisse der Ankläger Dialektik« hat Matthias Koßler den Versuch unter-
zu entlarven versuchen bzw. diese wohlwollend hinter nommen, anhand eines Vergleichs mit Hegels Phäno-
den Leistungen Schopenhauers zurücktreten sehen menologie des Geistes eine implizite, durch die Wider-
(z. B. Hübscher 1988, 254–265), lesen andere Interpre- sprüche hindurchgehende spekulativ-dialektische
ten die ›Widersprüche‹ als Ausdruck einer misslun- Entwicklung in der WWV nachzuweisen, die in der
genen Theorie (z. B. Booms 2003; Hösle 2002, 78). »Erfahrung des Charakters« kulminiert (vgl. Koßler
Während diese beiden Gruppen trotz ihrer Divergen- 1990 und 2002).
zen die ›Widersprüche‹ einheitlich als negativ oder In neuerer Zeit ist das Problem der Aporien ins-
problematisch erachten, lässt sich eine dritte Gruppe besondere von Booms, Kai Haucke und Schubbe auf-
identifizieren, die diese als konstitutiven, positiven gegriffen worden (zu den folgenden Ausführungen
Bestandteil des Denkens Schopenhauers versteht vgl. Bernardy/Schubbe 2011, 250 ff.). Martin Booms
(vgl. z. B. Spierling 1998, 223–240; Schubbe 2010). Ei- (vgl. Booms 2003) radikalisiert die transzendentalisti-
ne vierte Gruppe bilden diejenigen, die die begriff- sche Lesart Rudolf Malters, indem er die verschiede-
lichen Widersprüche in der WWV als Abbild einer nen transzendentalen Ebenen, die Malter bei Scho-
realen Widersprüchlichkeit in der Welt auffassen (vgl. penhauer ausgemacht hat, zu einem Transzendentalis-
Haucke 2007; Lemanski 2013, 170 ff.). mus verbindet. Allerdings handelt es sich nach Booms
Die jüngere Forschung ist wesentlich durch den Zu- – darin wird seine pejorative Bewertung der Aporetik
gang zu diesem Problem geprägt, den Volker Spierling sichtbar – um einen fehlerhaften Transzendentalis-
1977 mit seiner Dissertation Schopenhauers transzen- mus, der sich aus einem Missverständnis der Philoso-
dentalidealistisches Selbstmißverständnis in die Diskus- phie Kants seitens Schopenhauers ergibt. Aus einer
sion eingebracht und nachfolgend wiederholt auf- falschen Konzeption des Transzendentalismus im ers-
gegriffen und präzisiert hat. Im Kern dieses Ansatzes, ten Buch ergibt sich eine Aporetik zwischen subjekti-
der zugleich einen Blick auf die Gesamtkonzeption der vistischen und materialistischen Aspekten. Die drei
WWV eröffnet, macht Spierling auf sich wiederholen- folgenden Bücher des Hauptwerks versuchen nach
de Stellen im Gesamtwerk Schopenhauers aufmerk- Booms nichts anderes als den jeweiligen Bruch im
sam, an denen dieser davon spricht, dass jeder Gedan- nächsten Buch wieder aufzuheben. Da der Fehler sich
ke in der Philosophie gleichsam durch einen Perspek- aber auf jeder Ebene wiederhole, erzeuge jedes Buch
tivenwechsel in seiner Einseitigkeit kompensiert wer- einen neuen Versuch, bis das Werk – derart in sich
den müsse (vgl. z. B. P II, 39 (Lü)). Mit diesem Hinweis selbst verwickelt – schließlich im Nichts endend sich
versucht Spierling zu zeigen, dass das Werk Schopen- selbst erlöse (vgl. Booms 2003, 153).
hauers an drei entscheidenden Stellen eben jene Form Der zweite hier vorzustellende Versuch, sich der
der Kompensation – die von Spierling sogenannten Aporetik in Schopenhauers Hauptwerk im Sinne einer
»Kopernikanischen Drehwenden« – aufweist, und die Gesamtinterpretation des Werks zu nähern, ist der
›Widersprüche‹ vielmehr methodologisch als »Stand- von Kai Haucke (vgl. Haucke 2007). Wie Haucke zu
punktwechsel« im Sinne einer »vergessenen Dialektik« zeigen versucht, ist die grundlegende Aporie bei Scho-
(so ein Teil des Untertitels von Spierling 1977) zu ver- penhauer in seinem Pessimismus zu suchen. Dieser ist
stehen sind. Die Wechsel zwischen Materialismus und nur zu verstehen, wenn man seine beiden Bestandteile
Idealismus, zwischen metaphysischer und hermeneu- – nämlich einen Maximalismus und einen Aktivismus
tischer Betrachtung des Dinges an sich und des Lebens – berücksichtige: Überzogene Erwartungshaltung
als zu bejahend und verneinend – so die drei »Dreh- kombiniert mit dem Anspruch, diese auch erreichen
wenden« nach Spierling – lassen sich damit als kon- zu können. Gerade aber weil diese Kombination fak-
zeptionelle Figuren des Aufbaus der WWV verstehen. tisch nicht gelingen kann, komme es bei Schopenhau-
Der konstitutiv-positive Sinn der Drehwenden besteht er zu einem Umschlag von Allmacht in Ohnmacht,
für Spierling darin, dass diese einer Ambivalenz Rech- aus dem sich die einzelnen Aporien ergeben. Ihren
nung tragen, die es vermeiden hilft, einen absoluten Sinn erhalten die Aporien in der »Wunschlogik«
Standpunkt zu postulieren. Vielmehr sei Schopenhau- (Haucke 2007, 109) des Pessimismus.
50 II Werk

Wie bereits erwähnt, versucht Schubbe im An- digen und allgemeiner Metaphysik. Betrachtungen in kri-
schluss an Spierling den Aporien einen systemati- tischem Anschluss an Schopenhauer. In: Ders. (Hg.):
schen Status zu verleihen (vgl. Schubbe 2010). Im Metaphysik. Herausforderungen und Möglichkeiten. Stutt-
gart-Bad Cannstatt 2002, 59–97.
Zentrum seiner Auslegung steht der Versuch, Scho- Hübscher, Arthur: Schopenhauer. Biographie eines Weltbil-
penhauers Philosophie nicht von den in den einzelnen des. Stuttgart 1952.
Büchern explizierten Polen (Subjekt, Objekt; Selbst- Hübscher, Arthur: Denker gegen den Strom. Schopenhauer:
bewusstsein/Leib, Ding an sich; reines Subjekt des Er- Gestern – Heute – Morgen. Bonn 1988.
kennens, Idee; Mitleidender, Leidender) her zu lesen, Janaway, Christopher: Introduction. In: Ders. (Hg.): The
Cambridge Companion to Schopenhauer. Cambridge 1999,
sondern von den Beziehungen zwischen diesen Polen:
1–17.
Korrelation, Analogie, Kontemplation und Mitleid. Klamp, Gerhard: Die Architektonik im Gesamtwerk Scho-
Im Mittelpunkt steht somit ein »Zwischen«, aus dem penhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch 41 (1960), 82–97.
die einzelnen Pole erwachsen. Die Aporien zeigen sich Koßler, Matthias: Substantielles Wissen und subjektives Han-
schließlich als Figuren, die dieses Zwischen deutlich deln, dargestellt in einem Vergleich von Hegel und Schopen-
werden lassen sollen. Indem die Aporien Grenzen der hauer. Frankfurt a. M. 1990.
Koßler, Matthias: Empirische Ethik und christliche Moral.
jeweiligen Position aufzeigen, weisen sie über diese hi- Zur Differenz einer areligiösen und einer religiösen Grund-
naus in einen Bereich, der sich sprachlich-begrifflich legung der Ethik am Beispiel der Gegenüberstellung Scho-
oder propositional nicht oder nur eingeschränkt ver- penhauers mit Augustinus, der Scholastik und Luther.
deutlichen lässt. Wie bei Spierling werden die Aporien Würzburg 1999.
so zu einem Bestandteil der Explikationsform des Koßler, Matthias: Die Philosophie Schopenhauers als Erfah-
rung des Charakters. In: Dieter Birnbacher/Andreas
Werks.
Lorenz/Leon Miodonski (Hg.): Schopenhauer im Kontext.
Deutsch-polnisches Schopenhauer-Symposium 2000. Würz-
Literatur burg 2002, 91–110.
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Becker, Johann Karl: Briefwechsel zwischen Arthur Schopen- und Schopenhauer. Rezeptionsphänomene der Wendezei-
hauer und Johann August Becker. Leipzig 1883. ten. Leipzig 2006, 365–379.
Berg, Robert Jan: Objektiver Idealismus und Voluntarismus Koßler, Matthias: Die eine Anschauung – der eine Gedanke.
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burg 2003. Hühn (Hg.): Die Ethik Arthur Schopenhauers im Ausgang
Bernardy, Jörg/Schubbe, Daniel: Aktuelle Ansätze und The- vom Deutschen Idealismus (Fichte/Schelling). Würzburg
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6  Die Welt als Wille und Vorstellung 51

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Spierling, Volker: Schopenhauers transzendentalidealistisches heitsgehalt zu beurteilen sind. Aber diese Wahrheit
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Leben und Werk. Leipzig 1998. nen es um propositionale Wahrheit geht, bedient sich
Strub, Christian: Weltzusammenhänge. Kettenkonzepte in Schopenhauer – wie die moderne Erkenntnistheorie –
der europäischen Philosophie. Würzburg 2011. vorwiegend einer normativen Sprache. Die Frage lau-
Weigelt, G[eorg Christian]: Zur Geschichte der neueren Phi- tet hier: An welchen Maßstäben müssen sich Erkennt-
losophie. Populäre Vorträge. Hamburg 1855.
Weimer, Wolfgang: Ist eine Deutung der Welt als Wille und
nisansprüche messen lassen? Sobald es um Erkenntnis
Vorstellung heute noch möglich? In: Schopenhauer-Jahr- als Erlösung geht, bedient sich Schopenhauer einer
buch 76 (1995), 11–51. vorwiegend psychologischen Sprache: Wie stellen sich
Wilhelm, Karl Werner: Zwischen Allwissenheitslehre und die zu erreichenden Erkenntniszustände dar und wie
Verzweiflung. Der Ort der Religion in der Philosophie Scho- kommen sie zustande? Wie Kant und die Philosophie
penhauers. Hildesheim 1994.
seiner Zeit generell trennt Schopenhauer dabei nicht
Zint, Hans: Das Religiöse bei Schopenhauer. In: Jahrbuch
der Schopenhauer-Gesellschaft 17 (1930), 3–76. ganz konsequent zwischen den normativen und den
psychologischen Aufgabenstellungen der Erkenntnis-
Jens Lemanski / Daniel Schubbe theorie. Die Frage nach den Maßstäben der Erkenntnis
wird nicht immer unterschieden von der Frage, wie Er-
kenntnis – in ihren verschiedenen Arten – de facto
6.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie funktioniert. Und noch in einem weiteren Punkt, der
die Darstellung seiner Erkenntnistheorie erschwert, la-
Schopenhauers Erkenntnis- und Wissenschaftstheo- boriert Schopenhauers Erkenntnistheorie an einer Hy-
rie ist kein einheitlicher und zusammenhängender pothek seines Lehrmeisters Kant, der engen Verzah-
Entwurf. Wie seine Philosophie insgesamt weist sie nung von Erkenntnistheorie und Metaphysik. Auch
Ambivalenzen und Unentschiedenheiten auf, begrün- bei Schopenhauer wird Erkenntnis von vornherein in
det in der Mittlerstellung dieser Philosophie zwischen einen metaphysischen Rahmen gestellt und mit Über-
der kantischen Transzendentalphilosophie und einem legungen zum metaphysischen Verhältnis zwischen
neuen Typus von Philosophie, dem einer auf die Exis- Ich, Welt und Wesen der Welt verbunden.
tenzphilosophie vorausweisenden Welt-Hermeneu- Im Folgenden seien zunächst die Züge von Scho-
tik. Auf der einen Seite übernimmt Schopenhauer von penhauers Erkenntniskonzeption genannt, die er von
Kant den transzendentalphilosophischen Rahmen Kant – zumeist leicht modifiziert – übernimmt. Im
und stellt die a priori und unabhängig von der Erfah- Anschluss wende ich mich dann den für Schopen-
rung zu erkennenden »Bedingungen der Möglich- hauer eigentümlichen Aspekten seiner Erkenntnis-
keit« der Erfahrung in den Mittelpunkt. Auf der ande- theorie sowie seiner Wissenschaftstheorie zu. Gerade
ren Seite erweitert er diesen Rahmen um weitere Er- mit der letzteren macht Schopenhauer einen großen
kenntnisarten intuitiver Art, auf die er zur Begrün- Schritt über Kant hinaus und kommt zu Einsichten,
dung der Willensmetaphysik nicht verzichten kann: die gemeinhin erst späteren Denkern zugeschrieben
die Selbsterkenntnis des Subjekts als Wille, die Er- werden.
kenntnis der Welt als Ausprägung (»Objektivierung«)
des »Willens«, nicht zuletzt diejenigen Formen der Er-
Das Erbe Kants
kenntnis, von denen er die Erlösung aus der Tretmüh-
le des Willens erhofft. Für Schopenhauer wie für Hume und Kant unter-
Die Vielfalt der »Erkenntnisformen« in Schopen- scheiden sich die Kriterien, aber auch die Quellen und
hauers Philosophie (vgl. Schubbe 2012, 364 ff.) bedingt Verfahrensweisen der einzelnen Erkenntnisarten, und
eine entsprechende Vielgestaltigkeit seiner Theorie der zwar nach ihren Gegenständen und den Arten von
52 II Werk

Wahrheit und Wissen, auf die sie jeweils zielen. Das Logik auf Aussagen beliebiger Art anwendbar, vor al-
heißt nicht, dass es nicht auch einige allgemeine Merk- lem auch auf aus der Anschauung gewonnene empiri-
male der Erkenntnis gibt. Diese Gemeinsamkeiten sche Aussagen. Die Axiome, von denen sie ausgeht,
sind allerdings mehr oder weniger formal. So geht sind nicht notwendig ihrerseits apriorischer Art.
Schopenhauer wie Kant davon aus, dass Erkenntnis Schopenhauer geht sogar so weit, das axiomatische
eine Bewusstseinsleistung ist und dass das Subjekt der System, bei dem eine Vielzahl von Aussagen aus einer
Erkenntnis (die Person, das Ich) notwendig bewusst begrenzten Zahl von Prämissen abgeleitet wird, zum
ist. Eine unbewusste Erkenntnis lässt auch Schopen- schlechthinnigen Modell und Ideal der empirischen
hauer, der Philosoph des Unbewussten, nicht zu. Au- Wissenschaft zu erklären. Erst in ihrer abstrakten Ge-
ßerdem teilt Schopenhauer die Annahme seiner Vor- stalt, als System, in dem das Einzelne und Konkrete
gänger, dass Erkenntnis jedes Mal eine Relation zwi- aus »obersten Sätzen« (W I, 75) abgeleitet werden
schen einem Erkenntnissubjekt und einem Erkennt- kann, erreichen wissenschaftliche Theorien die Voll-
nisobjekt ist, wobei sich dieses Verhältnis allerdings ständigkeit, die sie über das stets bruchstückhafte All-
verschieden darstellt, je nachdem, ob es sich bei den tagswissen erhebt: »Die Vollkommenheit einer Wis-
Objekten um analytische Sachverhalte handelt (wie in senschaft als solcher, d. h. der Form nach, besteht da-
der Logik), um transzendentale (wie in der nach den rin, dass so viel wie möglich Subordination und wenig
Bedingungen der Erfahrung überhaupt fragenden Koordination der Sätze sei« (W I, 75 f.). Die Folge da-
Transzendentalphilosophie) oder um empirische (wie von ist, dass Schopenhauer Wissenschaften wie die
in den Wissenschaften). Physik, die eine solche axiomatische Behandlung zu-
Die auffälligsten Übereinstimmungen mit Kant lassen, deutlich höher bewertet als Wissenschaften
zeigen sich bei Schopenhauer in drei Punkten: in dem, wie die Geschichtswissenschaft, die überwiegend Ein-
was er über die für die Logik und für die Transzenden- zeltatsachen und ihre Hintergründe erforschen und
talphilosophie zuständigen Erkenntnisarten zu sagen insofern hinter dem Ideal des durchstrukturierten
hat sowie in seiner konstruktivistischen Theorie der Systems zurückbleiben. Zwar betont Schopenhauer
Wahrnehmung empirischer Sachverhalte. immer wieder den unersetzlichen Wert der Anschau-
Die Logik hat es für Schopenhauer mit analytischen ung, sowohl bei den a priori erkennbaren Wahrheiten
Relationen zwischen Aussagen zu tun, und zwar mit- der Mathematik als auch bei den empirischen Wahr-
hilfe deduktiver Ableitungs- und Schlussregeln. Inso- heiten der Naturwissenschaften (»Die ganze Welt der
fern sei die Logik nicht nur gänzlich a priori, sondern Reflexion ruht auf der anschaulichen als ihrem Grun-
sogar »abgeschlossen«, »in sich vollendet« und »voll- de des Erkennens«, W I, 48 f.). Aber seine Forderung,
kommen sicher« (W I, 55). Allerdings führe eine Ab- mathematische Begründungen so weit wie möglich
leitung, auch wenn sie gültig ist, nur dann zu wahren durch anschauliche Begründungen zu ersetzen, be-
Aussagen, wenn auch die Voraussetzungen, mit denen zieht sich, sieht man genauer hin, durchweg auf den
sie operiert, wahr sind. Eine logisch gültige Schluss- Aspekt der Vermittlung und nicht auf die systemati-
folgerung ist insofern nur dann ein Beweis, wenn un- sche Begründung. So sollen etwa die Wahrheiten der
abhängig die Wahrheit der Prämissen gesichert ist. Geometrie im Unterricht vorzugsweise nicht mithilfe
Dass die Logik »vollkommen sicher« ist, heißt aller- ihrer Ableitung aus der euklidischen Axiomatik, son-
dings auch, dass sie keinerlei neuen Gehalte hervor- dern aus der unmittelbaren Anschauung erklärt wer-
bringt. Sie arbeitet stets nur das heraus, was an Gehal- den, oder die Fallgesetze aus der anschaulichen De-
ten in den Prämissen – möglicherweise verborgen – monstration ihrer konkreten Erscheinungsformen
enthalten ist. Sie erweitert die Erkenntnis über die Er- statt durch ihre Ableitung aus den Newtonschen Axio-
kenntnis der Prämissen hinaus nur in dem Sinne, dass men. Zu einem wirklichen Verständnis eines Lehrsat-
sie explizit macht, was vorher implizit war. zes bedürfen wir in der Regel einer anschaulicheren
Daraus ergeben sich zwei wichtige und von Scho- Erklärung, als sie eine logische Ableitung aus den
penhauer immer wieder betonte Folgerungen: Erstens Axiomen bieten kann. Diese bleibt eine »Krücke für
kann die Logik, da ihre Erkenntnis stets nur Relatio- gesunde Beine« (W I, 86). Das durch wie immer über-
nen betrifft, nicht selbst die Voraussetzungen begrün- zeugende Einzelbefunde erreichte Wissen ist jedoch
den, von denen sie ausgehen muss. Diese müssen an- noch kein eigentliches wissenschaftliches Wissen.
derweitig begründet sein, etwa, wie in der Logik Dieses erfordert für Schopenhauer zwingend die logi-
selbst, in unmittelbar evidenten Sätzen wie dem Satz sche Zurückführung des Einzelnen auf die obersten
vom ausgeschlossenen Widerspruch. Zweitens ist die Grundsätze.
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 53

Kant ist Schopenhauer auch in seiner Darstellung rerseits folgt, dass, soweit das Kausalprinzip auf die
des transzendentalen Wissens verpflichtet. Transzen- Welt der Erfahrung begrenzt ist, eine Metaphysik, die
dentales Wissen bezieht sich auf a priori erkennbare die Erfahrungswelt übersteigen will, auf kausale Er-
Wahrheiten, die gleichzeitig synthetisch sind, insofern klärungen verzichten muss. Soweit sie darauf zielt,
sich bei ihnen die Folgerungen nicht aus den implizi- die Existenz und Beschaffenheit der Erfahrungswelt
ten Gehalten ihrer Voraussetzungen ergeben, sondern als Ganzer zu erklären, muss sie sich anderer, nicht-
diesen Gehalt erweitern und etwas über die Erfah- kausaler Formen der Erklärung bedienen. Auch die
rungswelt aussagen. Als Aussagen über die grund- Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und
legenden Strukturen der Erfahrungswelt sind sie zu- seinen Gegenständen kann nicht als ein Kausalver-
gleich für jede Art von empirischem Wissen verbind- hältnis gedacht werden, schon deshalb, weil das Sub-
lich. Dazu gehören für Schopenhauer sowohl die jekt der Erkenntnis notwendig außerhalb der Welt
raumzeitliche Struktur der Erfahrungswelt (das »prin- der »Vorstellungen« und damit außerhalb des An-
cipium individuationis«) als auch das Kausalprinzip, wendungsbereichs der Kausalität liegt: »Das erken-
verstanden als das Prinzip, dass jede Veränderung ei- nende und bewußte Ich [...] hat [...] nur eine beding-
ne Ursache hat, aus der sie mit Notwendigkeit folgt te, ja eigentlich bloß scheinbare Realität« (W II,
(wobei »Veränderung« bei Schopenhauer so zu ver- 314 f.). Wir müssen es aus logischen Gründen anneh-
stehen ist, dass ausnahmsweise die gleichförmige Be- men, da es eine formale Voraussetzung jeder Er-
wegung eines Körpers im Raum keine Veränderung, kenntnis ist. Aber seinem Wesen nach ist es un-
sondern lediglich die Änderung seiner Bewegungsart erkennbar. Ebenso wenig lässt es eine Erkenntnis da-
oder -richtung eine Veränderung bedeutet). Erkannt rüber zu, in welcher Weise es am Prozess der Er-
werden diese Prinzipien nach Schopenhauer auf- kenntnis beteiligt ist.
grund ihrer Evidenz: »Die Apriorität eines Theils der An Kants theoretische Philosophie knüpft auch
menschlichen Erkenntniß wird von ihr [der Metaphy- Schopenhauers kausale Theorie der Wahrnehmung an,
sik] als eine gegebene Thatsache aufgefasst« (W II, nach der das von uns scheinbar unmittelbar Wahr-
201). Ebenso wenig, wie wir eine unräumliche und genommene auf unbewusst vollzogene Kausalschlüs-
unzeitliche Erfahrungswelt denken können, sollen wir se zurückgeht. Wie für Kant ist das, was sich in der
uns auch eine Welt ohne die universale Geltung des Anschauung darbietet, das Ergebnis von komplexen
Kausalprinzips denken können. Zur Erklärung greift Konstruktionsleistungen (»Synthesis«), mit denen der
Schopenhauer auf den kantischen transzendentalen Verstand (für Schopenhauer weniger das Vermögen
Idealismus zurück: Die Sicherheit darüber, dass die des Urteilens als des Wahrnehmens) das Material der
Grundstruktur der Erfahrungswelt nicht anders sein unmittelbar gegebenen Empfindungen zu einer ge-
kann, als wir sie vorfinden, liege in ihrem »subjektiven ordneten und verständlichen Welt formt. Insofern
Ursprung« (ebd.), darin, dass die Formen der Welt in spricht Schopenhauer von der »Intellektualität der
uns selbst, in unserem Erkenntnisapparat angelegt empirischen Anschauung«. Anders als Kant deutet
sind und wir diese in den Strukturen der Welt ledig- Schopenhauer diesen Prozess jedoch als dem wissen-
lich widergespiegelt finden. schaftlichen Verfahren analog, mit dem von den Wir-
Die Reichweite der transzendentalen Erkenntnis kungen (den Symptomen, den Phänomenen, den In-
ist bei Schopenhauer wie bei Kant auf die formalen dizien) auf die zugrundeliegende Ursache geschlossen
Aspekte der Erfahrungswelt beschränkt. Aus den wird. So »schließt« der Verstand aus dem auf der Reti-
transzendentalen Wahrheiten lassen sich weder em- na umgekehrten Bild der Gegenstände auf ihre tat-
pirische Erkenntnisse im Einzelnen noch Folgerun- sächliche Lage, von dem zweidimensionalen Abbild
gen für den Bereich der Transzendenz ziehen. Den- der Gegenstände im Auge auf ihre dreidimensionale
noch wirkt sich die transzendentale Geltung des Kau- Gestalt, von den sich aus verschiedenen Perspektiven
salprinzips gravierend sowohl auf das empirische bietenden Ansichten eines Gegenstands auf dessen
Wissen wie auf etwaige metaphysische Überlegungen Einheit und von seiner scheinbaren Größe auf seine
aus. So herrscht für Schopenhauer in der gesamten wirkliche Größe bzw. seine Entfernung vom Wahr-
Erfahrungswelt ein strenger Determinismus. Jedes nehmenden (vgl. G, 58 ff.). Daraus, dass sich der Ver-
Ereignis der Erfahrungswelt einschließlich der Welt stand bei der Konstitution der Anschauung – obgleich
der psychischen Phänomene lässt sich im Prinzip auf unbewusst – kausaler Schlüsse bedient, glaubt Scho-
eine vorangehende Ursache zurückführen, aus der sie penhauer im Übrigen – fälschlicherweise – eine zu-
nach Naturgesetzen folgt. Für die Metaphysik ande- sätzliche Begründung für die Apriorität des Kausal-
54 II Werk

prinzips ableiten zu können: Da wir die Gegenstände Die Leistungen des Verstands in diesem Sinn erfolgen
bereits mithilfe von Kausalschlüssen wahrnehmen, weitgehend unbewusst. In unserem Bewusstsein fin-
könnten diese gar nicht anders als durchgängig kausal den wir von Anfang an das vom Gehirn zugerichtete
geordnet sein (vgl. G, 52). Produkt vor. Entsprechend besteht das Ausgangs-
material der Synthesis nicht mehr – wie bei Kant – aus
ungeordneten »Empfindungen«, sondern aus den
Über den Transzendentalismus hinaus
physischen Reizungen der Sinnesorgane. Der Ver-
Kant hatte den Verstand als das Vermögen definiert, stand »erschafft« die Welt der materiellen Gegenstän-
auf das in der Anschauung Gegebene Begriffe an- de, indem er die empfangenen Sinnesreizungen kausal
zuwenden und diese zu Urteilen zu verbinden. Scho- interpretiert und die verursachenden Gegenstände
penhauer definiert den Begriff des Verstands radikal aus ihren Wirkungen erschließt. Die Beteiligung leib-
um, nicht nur dadurch, dass er ihn als die Fähigkeit licher Faktoren geht bei Schopenhauer aber noch ei-
erklärt, Gegenstände in der Welt wahrzunehmen, nen Schritt weiter. Der jeweils eigene Körper ist an je-
sondern auch durch eine im Rahmen von Kants der Sinneswahrnehmung nicht nur als »Schaltstelle«
Transzendentalphilosophie undenkbare Naturalisie- zwischen Sinnesreizung und Gegenstandswahrneh-
rung. Indem Schopenhauer den kantischen Begriff mung beteiligt, sondern auch als »unmittelbares Ob-
des Verstands naturalisiert, überführt er die Trans- jekt« (W I, 13). Zumindest teilweise sollen die mit der
zendentalphilosophie in etwas mit ihr radikal Unver- Wahrnehmung erfolgenden Veränderungen des Lei-
einbares, eine durch und durch naturalistische Er- bes auch zum Gegenstand eines »unmittelbaren Be-
kenntnistheorie. Zwar behält Schopenhauer die wußtseyns« (W I, 23) werden können, so dass wir bei
grundlegende Intuition Kants bei, dass die raumzeit- allen oder zumindest einigen Wahrnehmungsakten –
lich und kausal geordnete Erscheinungswelt erst auch bei denen, die sich auf unsere inneren Erlebnisse
durch eine Reihe von »synthetischen« Leistungen des richten (vgl. W I, 121) – die damit einhergehenden
Subjekts zustande kommt. Aber während Kant diese leiblichen Vollzüge als Hintergrundphänomene mit-
Leistungen einem mysteriösen »transzendentalen empfinden. Auf diese Weise übernimmt der Leib nicht
Subjekt« zuschreibt, das, da es allererst Raum und nur in Schopenhauers Anthropologie, sondern auch
Zeit konstituiert, außerhalb von Raum und Zeit ge- in seiner Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie ei-
dacht werden muss, schreibt Schopenhauer die für ne Schlüsselrolle (vgl. Dörpinghaus 2000).
die Wahrnehmung erforderlichen synthetischen Schopenhauers Erkenntnistheorie vollzieht mit der
Leistungen dem empirischen Gehirn als natural-phy- Naturalisierung der kantischen Synthesis einen ent-
siologische Vorgänge zu (s. Kap. 43). Das »Subjekt« schiedenen, wenn auch von ihm niemals vollständig
der transzendentalen Leistungen ist für Schopenhau- reflektierten Schritt vom Idealismus zum Realismus.
er nichts anderes als das Gehirn, d. h. ein Teil des Innerhalb einer idealistischen Metaphysik und Er-
leibhaftigen Menschen. In diesem Sinn kommt »Ver- kenntnistheorie führt die Idee, die Konstitution der
stand«, da er nicht mehr an die Fähigkeit zu begriff- Wahrnehmungswelt dem Gehirn zuzuweisen, zwangs-
lichem Denken gebunden ist, auch Tieren zu, die läufig zum »Gehirnparadox« – dem Paradox, dass ein
zwar über Wahrnehmungen, aber nicht über Begriffe Teil der Erfahrungswelt, das Gehirn, zugleich als Be-
verfügen (vgl. W I, 24 ff.). Nicht das Bewusstsein oder dingung der Möglichkeit der gesamten Erfahrungs-
ein wie immer geartetes hinter dem Bewusstsein ste- welt fungieren soll. Die Naturalisierung des Verstands
hendes transzendentales Subjekt verarbeitet die gege- geht bei Schopenhauer dabei Hand in Hand mit einer
benen Daten zu artikulierter Anschauung, sondern funktional-biologischen Erklärung seiner Entstehung:
das Gehirn: Der Verstand (»Intellekt«) sei eine »Frucht, ein Pro-
dukt, ja, insofern ein Parasit des übrigen Organismus«,
»Alles Objektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles der »dem Zweck der Selbsterhaltung bloß dadurch
Materielle [...] ist ein nur höchst mittelbar und beding- dient, dass es die Verhältnisse desselben zur Außen-
terweise Gegebenes, demnach nur relativ Vorhande- welt regulirt« (W II, 224).
nes: denn es ist durchgegangen durch die Maschinerie Eine ähnlich naturalistisch-funktionalistische Um-
und Fabrikation des Gehirns und also eingegangen in deutung wie das Vermögen des Verstands erfährt bei
deren Formen, Zeit, Raum und Kausalität, vermöge Schopenhauer das Vermögen der Vernunft, ein Ver-
welcher allererst es sich darstellt als ausgedehnt im mögen, das Schopenhauer – wie zuvor Hume – zur
Raum und wirkend in der Zeit« (W I, 33). Gänze auf die analytische Erkenntnis beschränkt. Ab-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 55

weichend von der gesamten rationalistischen wie auch vernünftige sowohl als bloß anschauliche, geht [...] ur-
von der kantischen Philosophie ordnet Schopenhauer sprünglich aus dem Willen selbst hervor, gehört zum
der Vernunft nicht nur eine sehr begrenzte Reichwei- Wesen der höhern Stufen seiner Objektivation, als ei-
te, sondern auch einen zutiefst unselbständigen und ne bloße mechané, ein Mittel zur Erhaltung des Indivi-
lediglich abgeleiteten Status zu. Schopenhauers na- duums und der Art, so gut wie jedes Organ des Lei-
turalistische Sicht der Vernunft erinnert nicht von un- bes« (W I, 181). Dieses Mittel bleibt unauslöschlich
gefähr an die Ansätze der modernen evolutionären mit den Spuren seiner Entstehung behaftet: »Ur-
Erkenntnistheorie. Unter dem Einfluss der französi- sprünglich also zum Dienste des Willens, zur Voll-
schen Materialisten nähert sich Schopenhauer der bringung seiner Zwecke bestimmt, bleibt sie ihm auch
darwinistischen Sichtweise von der Emergenz der fast durchgängig gänzlich dienstbar« (ebd.). Noch die
Vernunft als Ergebnis der Rivalität um knappe Über- scheinbar kältesten und reifsten Erkenntnisprozesse
lebensressourcen und Fortpflanzungschancen. Nicht sind imprägniert von – zumeist unbewussten – Wil-
anders als die physischen Fähigkeiten sei die Vernunft lensregungen und Gefühlen, etwa als Wunschdenken,
ein Mittel der blinden Natur zur Gewährleistung der Vorurteile und Ideologien (vgl. Birnbacher 1996). Ob-
Erhaltung und Fortpflanzung ihrer Wesen. Unter ähn- jektivität – die vollständige Befreiung des Kognitiven
lich funktionalen Aspekten sieht Schopenhauer die vom Emotionalen – ist eine seltene Ausnahmeerschei-
Emergenz des Bewusstseins. Auch das Bewusstsein nung. Die Fähigkeit, den Willen – die Affekte – mit-
und die gesamte Vorstellungswelt sei nur deshalb ent- hilfe der Vernunft in Schach zu halten ist »die ganz ex-
standen, weil sie auf einer bestimmten Entwicklungs- ceptionelle [...], die man als Genie bezeichnet« (W II,
stufe der Natur zur Erhaltung des Individuums und 247). In diesem Zitat deutet sich bereits etwas für
der Gattung unerlässlich waren (vgl. W I, 179). Schopenhauers Philosophie hochgradig Bezeichnen-
Einen bloß sekundären Status verleiht Schopen- des an: Für ihn fällt die Ehre der Objektivität am ehes-
hauer der Vernunft aber auch hinsichtlich ihrer Leis- ten der ästhetischen und philosophischen Kontempla-
tungsfähigkeit als Erkenntnisorgan. Als Vermögen tion zu – nicht, wie für viele Erkenntnistheoretiker
der Erfassung der logischen Beziehungen zwischen nach ihm, der Wissenschaft.
Begriffen und Urteilen ist sie zur Gewinnung ihres
Materials auf die Anschauung angewiesen. Sie ist
Aufgaben und Grenzen der Wissenschaft
»weiblicher Natur: Sie kann nur geben, nachdem sie
empfangen hat« (W I, 59). Aussagen über eine mögli- Auch wenn Schopenhauer dem Rang nach die Er-
che Welt jenseits der Erfahrung liegen ebenso jenseits kenntnisleistungen der Wissenschaft denen der Phi-
ihres Horizonts wie die Kenntnis oder Konstitution ei- losophie und Kunst nachordnet, wertet er sie doch als
nes »Sittengesetzes«. Aber auch in ihrem angestamm- unerlässliche Vorstufe und Eingangsbedingung zur
ten Bereich vermag sie sich nur in höchst begrenztem Philosophie: Niemand solle sich an die Metaphysik
Maße Respekt zu verschaffen. Als evolutionäres Pro- wagen, »ohne zuvor eine, wenn auch nur allgemeine,
dukt des »Willens« ist sie auch dann noch Werkzeug doch gründliche, klare und zusammenhängende
unbewusster Willensstrebungen, wenn sie sich über Kenntniß aller Zweige der Naturwissenschaft sich er-
die Anfechtungen des Bedürfnisses erhaben dünkt. worben zu haben« (W II, 198). Der naturwissen-
Nicht die Vernunft steuert unsere Gefühle, sondern schaftlich gebildete Schopenhauer schätzt dabei nicht
die Gefühle haben die Vernunft im Griff – erkennbar nur die Naturwissenschaften insgesamt höher als die
an der Gewalt, die wir uns antun müssen, wenn wir ei- Geisteswissenschaften (und insbesondere die Ge-
nen Affekt durch Erkenntnis korrigieren wollen (vgl. schichtswissenschaft, die »zwar ein Wissen, aber keine
W II, 236). Das späteste Produkt der Evolution ist Wissenschaft«, W I, 75, sei). Auch seine Wissen-
auch das schwächste. Affekte und Wille verhalten sich, schaftstheorie ist eindeutig am Modell der Naturwis-
so Schopenhauer in einem einprägsamen Bild, zur senschaften orientiert. Das zeigt sich bereits daran,
Vernunft wie »der starke Blinde, der den sehenden dass er zwar die Aufgabenstellung der Wissenschaft
Gelähmten auf den Schultern trägt« (W II, 233). sowohl in der Beschreibung als auch in der Erklärung
Diese funktional-anthropologische Sichtweise der anschaulich gegebenen Phänomene sieht, die we-
wendet Schopenhauer auch auf die Erkenntnis als sentlichere Funktion dessen, was er »induktive Me-
Ganze an. Wie die Vernunft ist die Erkenntnis ins- thode« nennt, jedoch allein in der Erklärung der Ein-
gesamt ein Notbehelf der Evolution, das Überleben ih- zelbeobachtungen durch allgemeine Gesetzeshypo-
rer Geschöpfe zu sichern: »Die Erkenntniß überhaupt, thesen. Wie sich bereits in seiner Bevorzugung der
56 II Werk

axiomatischen Methode in den Wissenschaften an- ist die Wahrheit hier auch nie unbedingt gewiß« (W I,
deutet, ist für ihn das Paradigma der Wissenschaft die 92). Andererseits können sie durch einen einzigen
nomologische Wissenschaft, die Naturgesetze (Scho- Fall, der ihnen nicht entspricht, widerlegt werden: »So
penhauer spricht zumeist von »Naturkräften«) ermit- sehr viel leichter ist widerlegen, als beweisen, umwer-
telt und diese auf die Erklärung und Prognose von fen, als aufstellen« (W II, 117; vgl. Morgenstern 1985,
konkreten Phänomenen anwendet. Naturerkenntnis 159). Schopenhauer sieht allerdings richtig, dass ein
ist für Schopenhauer primär Gesetzeserkenntnis und negatives Ergebnis nicht in jedem Fall zur Aufgabe
die Zurückführung des Einzelnen aufs Allgemeine, der überprüften Gesetzeshypothese zwingt. Bei jeder
des Einzelfalls aufs Prinzip und in diesem Sinne der scheinbaren Falsifikation einer Gesetzeshypothese
Folge auf ihren Grund: »Alle empirische Anschauung bleibt der Ausweg, eine falsche Prognose auf die »Ver-
und der größte Theil aller Erfahrung [geht] [...] von schiedenheit der Umstände« zurückzuführen und an-
der Folge zum Grunde« (W I, 92). zunehmen, dass nicht alle im Vordersatz der Gesetzes-
In seiner Theorie der induktiven Methode verwen- hypothese aufgeführten Faktoren realisiert waren. Es
det Schopenhauer den Ausdruck »Induktion« in zwei- sei Aufgabe der wissenschaftlichen Urteilskraft zu ent-
facher Weise (vgl. W I, 79; Morgenstern 1985, 160): scheiden, »ob eine Verschiedenheit der Erscheinung
Induktion besteht zunächst in der Erzeugung von Ge- von einer Verschiedenheit der Kraft [der Gesetze],
setzeshypothesen auf dem Hintergrund der Beobach- oder nur von Verschiedenheit der Umstände, unter
tung von Einzeltatsachen. Dies erfolgt auf zweierlei denen die Kraft sich äußert, herrührt« (W I, 166).
Weise, einerseits durch die Verallgemeinerung der Schopenhauers Wissenschaftstheorie nimmt zahl-
stets begrenzten Zahl von Einzelbeobachtungen zu ei- reiche Elemente der modernen, insbesondere durch
ner allgemeinen Gesetzeshypothese (also durch einen den Falsifikationismus Poppers geprägten Wissen-
»Induktionsschluss«, der »Zusammenfassung des in schaftstheorie vorweg. So sieht Schopenhauer wie
vielen Anschauungen Gegebenen in ein richtiges un- Popper den Prozess der Wissenschaft als sukzessive
mittelbar begründetes Urtheil«, W I, 79), andererseits Annäherung an die Wahrheit, paradigmatisch in der
durch »Versuch und Irrtum«: durch den Versuch, eine sukzessiven Verbesserung und Vereinheitlichung der
Reihe von zunächst unklar zusammenhängenden Theorien der Planetenbewegung von Kopernikus bis
Einzelbeobachtungen durch eine einheitliche, typi- Newton (vgl. W I, 80). Erstaunlicher noch ist Schopen-
scherweise mathematische Konstruktion abzubilden, hauers Vorwegnahme vieler Details der modernen
so wie es Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton in Theorie der kausalen Erklärung. Dazu gehört erstens,
Bezug auf die Planetenbewegungen getan haben (vgl. dass Schopenhauer ausschließlich Ereignisse (genau-
W I, 80). »Induktion« nennt Schopenhauer aber auch er: Veränderungen) als kausale Relata gelten lässt,
den zweiten Schritt: die gezielte Überprüfung der auf- während Kant (ähnlich wie Hume) den Kausalitäts-
gestellten Gesetzeshypothesen an weiteren Erfahrun- begriff unterschiedslos auf Veränderungen, Dinge,
gen als denen, die zu ihrer Formulierung geführt ha- Handlungen und Zustände angewendet hatte (vgl.
ben, wobei Schopenhauer wie die moderne Wissen- Brunner 2008, 47). Kausalgesetze (»Naturkräfte«) sind
schaftstheorie von »Bestätigung« (W I, 79) spricht. Es zwar für kausale Erklärungen unabdingbar, überneh-
reicht nicht, Gesetzeshypothesen aufzustellen, die die men selbst aber keine kausale Funktion. Ursächlich für
verfügbaren Beobachtungen zutreffend beschreiben. ein Wirkungsereignis sind stets nur die vorangehen-
Wenn Gesetzeshypothesen ihrer Aufgabe genügen den Veränderungen, nicht die Gesetze, nach denen sie
sollen, über die Beschreibung hinaus Erklärungen für wirken. Zweitens ist Kausalität für Schopenhauer an
die beobachteten Phänomene zu liefern sowie verläss- Gesetzlichkeit gebunden. Sobald zwei Einzelereignisse
liche Prognosen über erst in der Zukunft liegende Er- kausal aufeinander bezogen werden, wird implizit das
eignisse und Beobachtungen, bedürfen sie weiterer Bestehen eines naturgesetzlichen Zusammenhangs be-
Überprüfung. Dabei verlieren gut bestätigte Gesetzes- hauptet (vgl. ebd., 46). Drittens konzipiert Schopen-
aussagen, auch dann, wenn sie »in der Praxis die Stelle hauer die kausale Erklärung unverkennbar im Sinne
der Gewißheit einnehmen« (W I, 92) nicht ihren des später so genannten Hempel-Oppenheim-Mo-
grundsätzlich hypothetischen Charakter. Schon des- dells: Jede kausale Erklärung bedarf zweier Elemente,
halb, weil sie so allgemein formuliert sind, dass sie einer Aussage über ein ursächliches Ereignis und eines
auch für zukünftige Fälle Geltung beanspruchen, las- Kausalgesetzes, das die Beziehung zwischen Ursache
sen sie sich niemals vollständig verifizieren: »Da die und Wirkung formuliert. Erst aus beiden Elementen
Fälle [...] nie vollständig beisammen seyn können, so zusammen folgt eine entsprechende Aussage über das
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 57

zu erklärende oder zu prognostizierende Folgeereig- zugleich physisch erklärbar und auch wieder nicht
nis. Entsprechend versteht Schopenhauer – allerdings physisch erklärbar sei (vgl. W II, 193). Selbst noch das
nicht immer ganz konsequent – »Ursache« als das, was Denken sei einerseits physikalisch erklärbar, da es
John Stuart Mill später »complete cause« oder »Ge- nach Schopenhauer mit einem Gehirnprozess zusam-
samtursache« genannt hat, als kausal hinreichende – menfällt. Aber andererseits bleibe letztlich auch das,
aber nicht notwendig auch kausal notwendige – Ge- was derartige physikalische Erklärungen voraussetzen
samtheit der zusammen das Wirkungsereignis herbei- (z. B. Expansion, Undurchdringlichkeit, Beweglich-
führenden Bedingungen (vgl. G, 35). keit, Härte) »dunkel« (ebd.), eine »qualitas occulta«
Historische Bedeutsamkeit kommt Schopenhauers (W I, 96). Auch hinsichtlich ihrer Motivationen beste-
Wissenschaftstheorie vor allem dadurch zu, dass er hen zwischen Wissenschaft und Metaphysik keine
die induktive Methode über den Bereich der Wissen- tiefgreifenden Differenzen. In der Metaphysik ist das-
schaft hinaus erweitert und das Modell einer Meta- selbe Bemühen um Aufhellung des Woher und Wa-
physik entwirft, die sich wissenschaftsanaloger Me- rum der Erscheinungen am Werk, das sich auch in den
thoden bedient. Was eine solche Metaphysik mit der Wissenschaften betätigt, nur dass es sich in der Meta-
Wissenschaft verbindet, ist ihr hypothetischer, nie- physik in größerem Umfang intuitiver und spekula-
mals in Gewissheit übergehender und zwangsläufig tiver Mittel bedient. Die methodologischen Bedin-
vorläufiger Charakter. Dieses Modell einer »indukti- gungen, denen eine derartige »Vermutungsmetaphy-
ven Metaphysik«, wie Oswald Külpe es später genannt sik« genügen muss, hat Schopenhauer in Kapitel I des
hat, finden wir auch bei späteren Denkern des 19. Jahr- zweiten Bands der Parerga und Paralipomena, »Ueber
hunderts wie Hermann Lotze, Gustav Theodor Fech- Philosophie und ihre Methode« (P II, 10 ff.; vgl. Birn-
ner und Eduard von Hartmann (vgl. Morgenstern bacher 1988, 9 ff.), entwickelt. Es sind dies Mitteilbar-
1987, 606 ff.), später dann u. a. bei Alfred N. White- keit, Rationalität, Hypothetizität, Revidierbarkeit und
head (vgl. Birnbacher 2018) und Karl R. Popper. Auch Unvollständigkeit (eine in vielem ähnliche Liste findet
in diesem Punkt macht Schopenhauer einen mutigen sich später bei Whitehead, 1974, 55 ff.). Ebenso wenig
Schritt über Kant hinaus. Für Kant war die Metaphy- wie die Wissenschaft vermag die Metaphysik Letzt-
sik vom Begriff her eine apriorische Disziplin und an erklärungen zu liefern, die keine Frage offen lassen:
apodiktische Gewissheit gebunden. Die Grundfrage
seiner theoretischen Philosophie war, wie eine Meta- »Welche Fackel wir auch anzünden und welchen Raum
physik als Wissenschaft möglich sein könne. Scho- sie auch erleuchten mag; stets wird unser Horizont
penhauers Idee einer »induktiven« Metaphysik zufol- von tiefer Nacht umgränzt bleiben. Denn die letzte Lö-
ge fallen die Grenzen der Wissenschaft nicht notwen- sung des Räthsels der Welt müßte nothwendig bloß
dig mit den Grenzen der (methodisch verfahrenden) von den Dingen an sich, nicht mehr von den Erschei-
Metaphysik zusammen. Während die Wissenschaft nungen reden. Aber gerade auf diese allein sind alle
die innerweltlichen, natürlichen Bedingungen der unsere Erkenntnißformen angelegt« (W II, 206).
Phänomene aufsucht, zielt die Metaphysik auf die
Strukturen jenseits der erfahrbaren Welt, durch die
»Philosophische Wahrheit«
die natürlichen Bedingungen ihrerseits bedingt sind.
Wie die Wissenschaft hat die Metaphysik die Aufgabe, Schopenhauer liegt es fern, die Kriterien, die er für ei-
Erklärungen zu liefern, die Phänomene verständlich ne induktive Metaphysik fordert, uneingeschränkt
zu machen. Im Unterschied zur Wissenschaft setzen auch für seine eigene Willensmetaphysik gelten zu las-
ihre Erklärungsbemühungen aber erst da ein, wo die sen. Hierin liegt eine der zentralen erkenntnistheo-
Erklärungen der Wissenschaft aufhören. Die Meta- retischen Ambivalenzen seiner Philosophie. Es ist
physik soll die Wissenschaft ergänzen, indem sie sich nicht zu verkennen, dass der Grad der Gewissheit, den
diejenigen Fragen vornimmt, die die Wissenschaft er für seine Deutung der Welt als Ganzer als Ausfor-
notwendig unbeantwortet lässt, u. a. die Frage nach mung eines übergreifenden »Willens« beansprucht,
dem Ursprung und Wesen der Welt als Ganzer sowie die von seiner Konzeption einer »Vermutungsmeta-
die Frage nach Wesen und Ursprung der Naturgesetze physik« vorgesehenen Grenzen der Erkennbarkeit
(der »Naturkräfte«), die zwar in allen wissenschaftli- deutlich überschreitet. In der Tat soll es neben der lo-
chen Erklärungen vorausgesetzt werden, aber ihrer- gischen, der transzendentalen und der empirischen
seits von der Wissenschaft nicht erklärt werden. Inso- Wahrheit eine weitere Art von Wahrheit geben, die sui
fern meint Schopenhauer sagen zu können, dass alles generis ist und von Schopenhauer mit dem Namen
58 II Werk

»philosophische Wahrheit« (W I, 122) belegt wird. Annäherung ausdrücklich: Die Methode der Meta-
Die Erkenntnis, die zu dieser Wahrheit führt, soll physik sei »der Kunst fast so sehr als der Wissenschaft
»ganz eigener Art« sein: eine unmittelbare, weder verwandt« (W II, 140). Wie beim Künstler zeigt sich
durch logisch noch durch empirisch begründete die Genialität des Philosophen für Schopenhauer
Schlussfolgerungen vermittelte Form von Intuition nicht in diskursiven, sondern in intuitiven Fähigkei-
(vgl. ebd.). Unter diese Form von Erkenntnis fallen so ten: »Nicht dem Warum gehe der Philosoph nach, wie
gut wie alle Kernthesen seiner Metaphysik: die These, der Physiker, Historiker und Mathematiker, sondern
dass wir, wenn wir introspektiv in uns hineinsehen, er betrachte bloß das Was, lege es in Begriffen nieder
wir uns unserer selbst am unmittelbarsten als Wollen- (die ihm sind wie der Marmor dem Bildner), indem er
de, als Willenssubjekte gewahr werden; die These von es sondert und ordnet, jedes nach seiner treu die Welt
der Identität der Willensregungen mit leiblichen Pro- wiederholend, in Begriffen, wie der Maler auf der
zessen; schließlich die kühne Deutung der Gesamtheit Leinwand« (HN I, 154 Anm.). Die richtige Deutung
der Erfahrungswelt als Manifestation (»Objektivati- der Phänomene misst sich daran, dass sich aus ihnen
on«) desselben Willens, den wir in uns spüren, mit der ein Sinn – ein positiver oder ein negativer – ablesen
Folge, dass sich so unser – typischerweise »romanti- lässt. Ihr Kriterium ist nicht die Korrespondenz mit
sches« – Gefühl erklärt, mit dem Ganzen der Welt ver- den Tatsachen, sondern die adäquate Wiedergabe des
traut zu sein und mit allen Wesen, zumindest den le- Eindrucks, den ein moralisch und ästhetisch sensibler
benden, eine basale Wesensgleichheit zu empfinden. Beobachter von der Welt empfängt, wie die Welt auf
Bei Schopenhauer finden sich nur wenige Erläute- ihn wirkt. Entscheidend ist, dass die auf die »philoso-
rungen zu der Methode, derer er sich bei der Begrün- phische Wahrheit« zielende Intuition dasjenige in den
dung der Willensmetaphysik bedient. Eindeutig ist Erscheinungen erfasst, was »mächtig«, »bedeutend«
allerdings, dass diese Methode weder mit der der und »deutlich« ist (W I, 149), d. h. was den Menschen
Transzendentalphilosophie noch mit der der Wissen- beeindruckt, ihn interessiert, ihn nicht nur kognitiv,
schaften zusammenfällt. Während es in der Transzen- sondern auch affektiv anspricht. Ein weiteres Kriteri-
dentalphilosophie um die Formen der Erfahrungs- um – das die so verstandene Metaphysik mit der Wis-
welt geht, geht es der Willensmetaphysik um den In- senschaft teilt – ist Kohärenz. Wie die Kunst soll die
halt der Erfahrung (vgl. W I, 144). Und bereits der Metaphysik danach trachten, die Phänomene in einer
Name, den Schopenhauer dem »Willen« gibt, näm- einheitlichen, zusammenhängenden Weise zu be-
lich »Ding an sich«, zeigt, dass es sich hier um etwas schreiben, sie auf ein zentrales Organisationsprinzip
handelt, das für die Erkenntnismethoden der Wissen- als ihren Kern zurückzuführen. Die verwirrende und
schaft unzugänglich ist. Auch unterscheidet sich diese rätselhafte Vielfalt der Phänomene, die uns in der Welt
Art metaphysischer Erkenntnis sowohl von der logi- begegnen, ist für Schopenhauer ein Rätsel, eine Ge-
schen als auch der empirischen Erkenntnisart da- heimschrift (vgl. W II, 202), die entziffert werden
durch, dass sie weder deduktiv noch kausal verfährt muss, wenn sie in ihrer Bedeutung erfasst und ver-
(keiner Variante des »Satzes vom Grunde« folgt). Ihre ständlich gemacht werden soll. Kohärenz ist der Maß-
Verfahrensweise ist am ehesten als hermeneutisch zu stab, der darüber entscheidet, welcher Schlüssel das
kennzeichnen (vgl. Schubbe 2010, 43 ff.; s. Kap. 40). Rätsel am besten auflöst: »Das gefundene Wort eines
Worauf sie zielt, ist keine propositionale Wahrheit, Räthsels erweist sich als das rechte dadurch, daß alle
sondern Sinnverstehen. Ziel der Metaphysik ist nicht Aussagen desselben zu ihm passen« (W II, 206).
die Ermittlung von Tatsachen, sondern die Erfassung
des »Sinnes und Gehaltes« (W II, 204) der Welt. Inso-
Erkenntnis als Zustand und Vollzug
fern gehe diese »nie eigentlich über die Erfahrung hi-
naus, sondern eröffnet nur das wahre Verständniß Außer der hermeneutischen Erkenntnisform der Me-
der in ihr vorliegenden Welt« (ebd.), wobei Schopen- taphysik kennt Schopenhauer noch zwei weitere For-
hauer sogar so weit geht, sie kurzerhand als »Erfah- men der Erkenntnis, die über die dem »Satz vom
rungswissenschaft« zu charakterisieren – Erfahrung Grund« folgende logische und kausale Erkenntnis hi-
dabei allerdings nicht als einzelne Erfahrung, son- nausgehen: die Erkenntnis der platonischen Ideen in
dern als »das Ganze und Allgemeine aller Erfahrung« der ästhetischen Kontemplation und die mit der
(ebd.) verstanden. Selbstverneinung des Willens einhergehende Er-
Damit nähert sich die Erkenntnisart der Metaphy- kenntnis der letztlichen All-Einheit aller Wesen. Beide
sik der der Kunst an. Schopenhauer bestätigt diese Erkenntnisformen haben gemeinsam, dass sie nicht
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 59

wie die Logik und die kausale Erklärung lediglich Re- wird von sich selbst und dem Gedanken an das eigene
lationen zu erkennen erlauben und »nichts weiter, als Ich weggezogen, »verliert« (W I, 210) sich an den Ge-
das Verhältniß einer Vorstellung zur anderen kennen« genstand, überwindet auf diese Weise die Spaltung
(W I, 34) lehren. Beiden ist eigentümlich, dass sie sich zwischen Subjekt und Objekt und erlebt diesen Zu-
auf das Wesen der Dinge selbst richten. Eine weitere stand als »Ekstase, Entrückung, Erleuchtung, Vereini-
Gemeinsamkeit ist, dass es sich bei ihnen beiden um gung mit Gott« (W I, 485). Da mit dem Subjekt zu-
nicht-propositionale Erkenntnisformen handelt und gleich das Objekt verschwindet, ist dieses nicht mehr
dass ihr Sinn und Wert nicht in dem Erwerb von Wis- eindeutig zu charakterisieren. Deshalb schwankt
sen über Sachverhalte, d. h. in ihren Ergebnissen liegt, Schopenhauer auch, ob er diesen Zustand überhaupt
sondern in ihrer inhärenten Qualität als Zustände und noch Erkenntnis nennen soll. Einerseits ist er Er-
Vollzüge. Darin sind sie (wie bereits Schopenhauers kenntnis insofern, als die Erlösung bzw. die Begeg-
Benennung »platonische Idee« nahelegt) sowohl der nung mit der Idee nicht mehr von der »überlegten
platonischen Ideenschau als auch der aristotelischen Willkür«, dem intentionalen Handeln, religiös ge-
theoria verwandt, der Betrachtung der ewigen Wahr- sprochen: von den »Werken« abhängt (W I, 482). An-
heiten um ihrer selbst (und nicht um eines irgendwie dererseits ist er, indem die Subjekt-Objekt-Differenz
gearteten Ergebnisses) willen (vgl. Hamlyn 1999, 56). aufgehoben (und der Gehalt dieser Erfahrung nicht
Mit der Erkenntnis der platonischen Ideen und der mehr mitteilbar) ist, »nicht eigentlich Erkenntniß zu
Erkenntnis der All-Einheit der Welt als Wille zeichnet nennen« (W I, 485). Als eine Form visionärer Er-
Schopenhauer insofern zwei Formen von Erkenntnis kenntnis geht er über das, was üblicherweise Erkennt-
aus, bei denen es – mit Russell gesprochen – eher um nis genannt wird, ein Stück weit hinaus.
ein knowledge by acquaintance als um ein knowledge
by description geht (vgl. Schubbe 2012, 374 f.). Aus- Literatur
schlaggebend bei dem ersteren ist die Bekanntschaft Birnbacher, Dieter: Induktion oder Expression? Zu Scho-
mit etwas, bei dem letzteren das Wissen über etwas. penhauers Metaphilosophie. In: Schopenhauer-Jahrbuch
69 (1988), 7–19.
Beide sind weitgehend unabhängig voneinander. Man Birnbacher, Dieter: Schopenhauer als Ideologiekritiker. In:
kann mit etwas gut bekannt sein, ohne viel über es zu Ders. (Hg.): Schopenhauer in der Philosophie der Gegen-
wissen. Andererseits kann man viel über etwas wissen, wart. Würzburg 1996, 45–58.
ohne mit ihm bekannt zu sein. Wesentlich für die Birnbacher, Dieter: Whitehead und die Tradition der induk-
nicht-propositionalen Wissensformen ist die Präsenz tiven Metaphysik. In: Christoph Kann/Dennis Sölch
(Hg.): Whitehead und Russell. Freiburg/München 2018
des Gegenstands, die konkrete Begegnung mit ihm in
(im Erscheinen).
der Erfahrung. Die Kenntnis des Gegenstands muss Brunner, Jürgen: Schopenhauers Kausalitätstheorie. Teil I:
unmittelbar sein. Sie muss auf einer konkreten Wahr- Empirische Ereigniskausalität und transzendentale
nehmung beruhen und nicht nur auf Hörensagen. Das Akteurskausalität. In: Schopenhauer-Jahrbuch 89 (2008),
bedeutet allerdings nicht, dass diese Kenntnis nicht 41–64.
durchaus in anderer Hinsicht vermittelt sein kann Dörpinghaus, Andreas: Der Leib als Schlüssel zur Welt. Zur
Bedeutung und Funktion des Leibes in der Philosophie
oder sogar muss. So ist die Erkenntnis der plato-
Arthur Schopenhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch 81
nischen Ideen – der idealisierten Prototypen des (2000), 15–32.
Wirklichen als Gegenstände der Kunst – nicht denk- Hamlyn, David: Schopenhauer and knowledge. In: Christo-
bar ohne die Kenntnis des Mediums (etwa der bild- pher Janaway (Hg.): The Cambridge Companion to Scho-
lichen Darstellungen), in denen diese Idealisierungen penhauer. Cambridge 1999, 44–62.
jeweils – mehr oder minder vollkommen – zur Er- Langnickel, Robert: Schopenhauers Theorie der empiri-
schen Vorstellung: Eine zu Unrecht vergessene Wahrneh-
scheinung kommen. Der vollkommene Körper von mungstheorie? In: Schopenhauer-Jahrbuch 93 (2012),
Michelangelos David bedarf des Marmors, aus dem er 221–238.
geformt ist, um Wirklichkeit zu werden. Auch die Ein- Malter, Rudolf: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphi-
sicht in die Nichtigkeit der Welt im Zustand der Wil- losophie und Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cann-
lensverneinung, in der das »Rad des Ixion« (W I, 231) statt 1991.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Natur-
stillstellenden Kontemplation, ist in gewisser Weise
wissenschaft. Aprioritätslehre und Methodenlehre als
vermittelt, nämlich durch die intensive Bekanntschaft Grenzziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Bonn
mit der Welt als Unheilszusammenhang. Obwohl Vo- 1985.
raussetzungen dieser Erkenntnisformen, rücken diese Morgenstern, Martin: Schopenhauers Begriff der Metaphy-
doch beide Male in den Hintergrund: Das Subjekt sik und seine Bedeutung für die Philosophie des 19. Jahr-
60 II Werk

hunderts. In: Zeitschrift für Philosophische Forschung 41 existiert nur als meine Vorstellung; eine anderweitige
(1987), 592–612. Realität kann ihr nicht zugesprochen werden. Dieser
Schubbe, Daniel: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik mögliche Einwand ist von Schopenhauer nicht unbe-
und Aporetik bei Schopenhauer. Würzburg 2010.
Schubbe, Daniel: Formen der (Er-)Kenntnis. Ein morpholo-
rücksichtigt gelassen worden. Er führt zwei Argumen-
gischer Blick auf Schopenhauer. In: Günter Gödde/ te gegen ihn ins Feld.
Michael B. Buchholz (Hg.): Der Besen, mit dem die Hexe Erstens sieht er die Welt als Vorstellung als durch-
fliegt. Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten. gängig relativ an. Diese »Relativität« (W I, 41) zeigt
Bd. 1: Psychologie als Wissenschaft der Komplementarität. sich ihm in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist die vor-
Gießen 2012, 359–385.
gestellte Welt relativ auf ein erkennendes Subjekt. Zum
Whitehead, Alfred N.: Die Funktion der Vernunft [1929].
Stuttgart 1974. anderen unterliegt die Welt als Objekt dem Satz vom
Grunde: Für jede Erscheinung, die in der Vorstellung
Dieter Birnbacher gegeben ist, muss sich ein Grund angeben lassen, wa-
rum sie ist. Die in diesen zwei Hinsichten deutlich wer-
dende Relativität soll laut Schopenhauer nun darauf
6.4 Metaphysik hinweisen, dass die Welt als Vorstellung gleichsam nur
die »äußere Seite der Welt« (W I, 36) ist und dass ihr
Schopenhauer bekennt sich im ersten Buch der Welt innerster Kern etwas von der Vorstellung grundsätz-
als Wille und Vorstellung zu der idealistischen Grund- lich Verschiedenes sein muss. Dieses Argument ist je-
ansicht, der zufolge die Welt meine Vorstellung, also doch nicht sonderlich stichhaltig, denn es setzt schon
Objekt in Beziehung auf ein sie erkennendes Subjekt das voraus, wohin erst noch geführt werden soll: näm-
ist. Zu Beginn des zweiten Buchs akzentuiert er nun, lich dass es ein Ansich der Welt gibt, dessen Erschei-
diese »erste Thatsache des Bewußtseyns« (W I, 40) nung in der Anschauung als Vorstellung gegeben ist.
deute auf ein Problem hin. Denn wenn die Welt nichts Zweitens: Dass die Welt noch mehr sein muss als
anderes als meine Vorstellung ist, dann drängt sich mein bloßes Vorstellungsprodukt, legt sich für Scho-
doch der Verdacht auf, dass sie nur Schein, dass sie ein penhauer allein schon deswegen nahe, weil wir ein
bloßes Phantasma, ein leeres Phantomgebilde sein »Interesse« an unseren Vorstellungen nehmen und
könnte. Wodurch unterschiede sich das erkennende ihre »Bedeutung« fühlen. Denn, wie er hervorhebt,
Subjekt dann von einem Träumenden, dem im Traum die uns in der Vorstellung gegebenen »Bilder« ziehen
Phantasiegestalten und Chimären vorgegaukelt wer- nicht »völlig fremd und nichtssagend« an uns vorü-
den? Dieses Problem wird Schopenhauer zum Anlass, ber, sondern sprechen uns »unmittelbar« an (W I,
der Frage nachzugehen, ob die Welt, außer dass sie 113). Bloß die Frage ist: Wie gelangt man über die
Vorstellung ist, nicht noch etwas anderes, von der Vor- »gefühlte Bedeutung« der Vorstellungen (ebd.) zu de-
stellung Verschiedenes ist. Hierbei ist für ihn die An- ren realem Inhalt? Wie kommt man von den Erschei-
nahme leitend, dass die Dinge, die uns in der An- nungen zur Welt an sich? Ein Weg ist von vornherein
schauung als Vorstellungen gegeben sind, über sich versperrt: Wie die Dinge an sich selbst beschaffen
hinausweisen zu dem, was sie an sich selbst, das heißt sind, kann nicht am Leitfaden des Satzes vom Grunde
unabhängig davon, dass das Subjekt sie vorstellt, sind. aufgefunden werden, denn dieser ist auf den Bereich
Diese Annahme hat ihre Wurzel in der kantischen Un- der Erscheinungen eingeschränkt und kann infol-
terscheidung von Ding an sich und Erscheinung. Kant gedessen nicht herangezogen werden, wenn Auf-
verneinte bekanntlich die Möglichkeit der Erkenntnis schluss erlangt werden soll über das, was außerhalb
der Dinge an sich. Schopenhauer hingegen nimmt für dieses Bereichs liegt.
sich in Anspruch, in Die Welt als Wille und Vorstellung Also wendet sich Schopenhauer der philosophi-
das Ding an sich »in seinem Verhältniß zur Erschei- schen Tradition sowie der Mathematik und den Natur-
nung« (GBr, 291; zu dieser Einschränkung vgl. auch wissenschaften zu und befragt sie daraufhin, ob sie
W II, 228) bestimmt und bezeichnet zu haben. In die- Aufschluss geben können über die Bedeutung der Vor-
sem Sinne versteht er seine Philosophie als Fortfüh- stellungen. Was nun zunächst die Philosophie an-
rung der kantischen. betrifft, so räumt Schopenhauer ein, dass die verschie-
Ein Idealist Berkeleyscher Prägung könnte gegen denen Schulen – von einigen wenigen Ausnahmen ab-
Schopenhauers Auffassung die Frage stellen: Wieso gesehen – darin übereinkommen, dass sie ein Objekt
weisen die Vorstellungen über sich hinaus zu etwas, annehmen, das der Vorstellung zugrunde liegen soll,
was von der Vorstellung verschieden ist? Die Welt ihr aber doch ähnlich ist. Für Schopenhauer jedoch
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 61

sind ›Objekt‹ und ›Vorstellung‹ austauschbare Begriffe, Objekt unter Objekten. Als solcher unterliegt er, wie
setzt doch jedes Objekt ein Subjekt voraus und bleibt alle Objekte, den Gesetzen der phänomenalen Welt,
somit Vorstellung. Folglich ist der erhoffte Aufschluss allem voran dem Satz vom Grunde. Darüber hinaus
von der traditionellen Philosophie nicht zu erlangen. erfahre, erlebe ich meinen Leib andererseits auf eine
Auch die Mathematik vermag nicht weiterzuhelfen, noch ganz andere Weise: nämlich als »Wille«, der, wie
denn sie betrachtet die Vorstellungen nur insofern, als Schopenhauer meint, das »Jedem unmittelbar Be-
sie Raum und Zeit füllen, das heißt insofern sie Grö- kannte« ist (W I, 119). Schopenhauer gelangt zu dieser
ßen sind. Die Mathematik setzt lediglich Größen mit- Einsicht im Ausgang von den »willkürlichen Bewe-
einander in Beziehung; sie stellt aber nicht einmal die gungen dieses Leibes«. Diese sind für ihn nichts ande-
Frage, ob es etwas von den Vorstellungen Verschiede- res als die »Sichtbarkeit der einzelnen Willensakte«
nes geben könne. (W I, 126), in denen sich »mein Wille selbst überhaupt
Eben so wenig wie die Mathematik vermögen die und im Ganzen« ausspricht (W I, 127).
Naturwissenschaften den gesuchten Aufschluss über Mit dem Gegebensein des Leibes als Wille gibt
die Bedeutung der Vorstellung zu liefern. Schopenhau- Schopenhauer also zu verstehen: Die einzelnen Bewe-
er unterscheidet zwei große Gattungen der Naturwis- gungen des Leibes sind Erscheinungen, sind Aus-
senschaften: die Morphologie und die Ätiologie. Der druck von einzelnen Willensakten. Diese Willensakte
Morphologie (gr. morphé: Form, Gestalt) geht es um ihrerseits sind nun keine bloß subjektiven Phantas-
die Beschreibung von Formen und Gestalten, die Ätio- men, sondern müssen als in den Bewegungen des Lei-
logie (gr. aitia: Grund, Ursache) betreibt Ursachenfor- bes in die Erscheinung tretende Akte meines Willens
schung und versucht die Veränderungen zu erklären, überhaupt angesehen werden. Was mir so in der Vor-
die sich in der Natur antreffen lassen. Sie ist auf die Re- stellung als leibliche Bewegung gegeben ist, enthüllt
gel aus, gemäß der auf einen Zustand der Materie not- sich demzufolge seiner inneren Seite nach als Wille.
wendig ein bestimmter anderer erfolgt. Sie unter- Daher kann Schopenhauer mit gutem Grund von ei-
nimmt es mithin, Kausalerklärungen der Natur zu ge- ner »Identität« (W I, 121) von Leib und Wille spre-
ben und Naturgesetze aufzustellen. Nun zeigt sich für chen, einer Identität, die er in vierfacher Hinsicht ent-
Schopenhauer, dass die Morphologie den erhofften faltet (vgl. W I, 119 ff.). Erstens ist jeder Willensakt so-
Aufschluss nicht zu geben vermag, denn sie führt in ih- fort und unausbleiblich auch eine Bewegung des Lei-
ren genealogischen Aufzählungen, also in ihrer Auf- bes. Man kann den Akt, wie Schopenhauer festhält,
stellung von Stammbäumen der Lebewesen, immer »nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzuneh-
nur Vorstellungen vor. Auch die Befragung der Ätiolo- men, daß er als Bewegung des Leibes erscheint« (W I,
gie führt zu einem negativen Ergebnis: Sie legt dar, wie 119). Schopenhauer unterscheidet streng zwischen
ein bestimmter Zustand der Materie einen anderen Wünschen und Wollen. Umgekehrt ist zweitens jede
herbeiführt und sieht damit ihre Aufgabe als beendet Einwirkung auf den Leib sofort und unmittelbar auch
an. Folglich gibt auch sie keinen Aufschluss über das Einwirkung auf den Willen. Ist sie dem Willen zu-
Wesen und die Bedeutung der vorgestellten Erschei- wider, erlebt man sie als »Schmerz«; ist sie ihm hin-
nungen. Sie hat zwar einen Namen für das, was die ma- gegen gemäß, als »Wohlbehagen« und »Wollust« (W I,
teriellen Veränderungen bewirkt – nämlich ›Natur- 120). Zudem wirkt drittens jede heftige und über-
kraft‹; diese zu erklären liegt allerdings außerhalb ihres mäßige Bewegung des Willens ganz unmittelbar auf
Gebiets und wird von ihr auch gar nicht versucht. den Leib und seine vitalen Funktionen ein. Und vier-
Um dennoch die Frage nach der Bedeutung der tens schließlich ist die Erkenntnis, die ich von meinem
Vorstellungen beantworten zu können, schlägt Scho- Willen habe, von der meines Leibes gar nicht zu tren-
penhauer einen bis dato völlig neuartigen Weg ein. nen. Mein Leib, sagt Schopenhauer, ist die Bedingung
Dieser Weg führt bei ihm über den Leib (vgl. Schön- der Erkenntnis meines Willens, denn ich kann diesen
dorf 1982; Tiemersma 1995; Dörpinghaus 2000; Dörf- Willen ohne meinen Leib doch eigentlich gar nicht
linger 2002; Jeske/Koßler 2012). Damit rückt er eine vorstellen.
Entität ins Zentrum der Betrachtung, die in der Was in der Vorstellung als Bewegung des Leibes ge-
abendländischen Philosophie bislang mehr als stief- geben ist, enthüllt sich mithin seiner inneren Seite
mütterlich behandelt worden ist. Der Leib, so betont nach als Wille. Mein Leib als ganzer ist »mein sichtbar
Schopenhauer, ist auf zweifache Weise gegeben; wir gewordener Wille«, ist »mein Wille selbst« (W I, 128).
haben eine zweifache Erfahrung von ihm. Einerseits Oder wie Schopenhauer mit einem von ihm geprägten
nämlich ist er mir gegeben als Vorstellung, also als Begriff auch sagt: Der Leib ist die »Objektität des Wil-
62 II Werk

lens« (W I, 120), ist das Sichtbarwerden oder Sichdar- hat, was gar nicht Vorstellung ist, sondern ein von die-
stellen des Willens in der Erscheinungswelt. Aus dieser ser toto genere Verschiedenes: Wille«. Aufgrund ihrer
so verstandenen Identität von Leib und Wille leitet Sonderstellung nennt Schopenhauer sie daher »ϰατ’
Schopenhauer ab, die Teile des Leibes müssten den εξοχην philosophische Wahrheit« (W I, 122).
»Hauptbegehrungen, durch welche der Wille sich ma- Offensichtlich ist sich Schopenhauer des Sachver-
nifestiert, vollkommen entsprechen, müssen der sicht- halts bewusst gewesen, dass er hiermit das aufgezeigte
bare Ausdruck derselben seyn« (W I, 129). Als Bei- Problem nicht gelöst, sondern nur mit einem Begriff
spiele führt er an: Zähne, Schlund und Darmkanal sei- zugedeckt hat. Denn anders wäre es kaum zu erklären,
en der objektivierte Hunger, die Genitalien der objekti- dass er in Kap. 18 des zweiten Bandes der Welt als Wille
vierte Geschlechtstrieb, und die greifenden Hände und und Vorstellung erneut darauf zu sprechen kommt und
die raschen Füße entsprächen dem schon mehr mittel- eine etwas modifizierte Antwort anbietet. Dort stimmt
baren Streben des Willens, welches sie darstellen. er insoweit mit Kant überein, als er es als unmöglich
Schopenhauers Vorgehen, den Leib zur Erkennt- ansieht, das Ding an sich objektiv erkennen zu können,
nisbedingung des Willens zu machen, wirft ein Pro- denn das hieße »etwas Widersprechendes verlangen.
blem auf. Zu der Erkenntnis des Willens gelangt das Alles Objektive ist Vorstellung, mithin Erscheinung, ja
Subjekt Schopenhauer zufolge unmittelbar, betont er bloßes Gehirnphänomen«. Folglich, schließt Schopen-
doch, der Wille sei das »Jedem unmittelbar Bekannte« hauer, kann das Ding an sich »nur ganz unmittelbar ins
(W I, 119). Hiermit stellt er darauf ab, die Erkenntnis Bewußtseyn kommen, nämlich dadurch, daß es selbst
des Willens sei nicht durch Anschauung vermittelt. sich seiner bewußt wird« (W II, 219). Die innere Er-
Vielmehr, so seine Überlegung, wird die Identität von kenntnis ist zwar frei von den Formen des Raumes und
Leib und Wille im unmittelbaren Bewusstwerden des der Kausalität, nicht jedoch von der der Zeit. Deshalb
Willens erfasst. Dieser Akt des Bewusstwerdens des ist der Wille dem Subjekt immer nur in der Sukzession
Willens ist ein unmittelbares, gleichsam ›inneres‹ Er- der einzelnen Willensakte gegeben. Insofern stimmt
kennen, das die Entgegensetzung von Subjekt und Schopenhauer hier noch mit der vorhin skizzierten,
Objekt von sich ausschließt, ist die unmittelbare Ge- von ihm ursprünglich vertretenen Auffassung überein.
wissheit, welche jeder von seinem Willen hat. Die so Sprach er jedoch im ersten Band vom Willen aus-
verstandene Erkenntnis des Willens kann nach Scho- drücklich als dem jeden unmittelbar Bekannten, so
penhauer immer nur nachgewiesen, im Sinne von nimmt er im zweiten Band eine Einschränkung vor,
›aufgezeigt‹ werden. Niemals jedoch, so hebt er her- wenn er statt von ›unmittelbar‹ von ›unmittelbarer‹
vor, könne man sie beweisen, »d. h. als unmittelbare spricht. Zwar gibt die innere Wahrnehmung, wie er
Erkenntniß aus einer andern unmittelbarern« (W I, festhält, keine »erschöpfende und adäquate Erkennt-
122) ableiten. Damit stellt sich die Frage nach ihrem niß des Dinges an sich« (W II, 220). Gleichwohl aber
Wahrheitsgehalt. ist diese Wahrnehmung, »in der wir die Regungen und
Dem Schopenhauerschen Wahrheitsbegriff liegt Akte des eigenen Willens erkennen«, so betont er nun,
das Verständnis von Wahrheit als »Beziehung eines »bei Weitem unmittelbarer, als jede andere: sie ist der
Urtheils auf etwas von ihm Verschiedenes, das sein Punkt, wo das Ding an sich am unmittelbarsten in die
Grund genannt wird« (G, 105), zugrunde. Die Bezie- Erscheinung tritt, und in größter Nähe vom erkennen-
hung eines Urteils auf seinen zureichenden Grund den Subjekt beleuchtet wird« (W II, 220 f.).
teilt sich nach Schopenhauer in vier Arten auf. Diesen Der erkannten Identität von Leib und Wille kommt
vier Arten entsprechend verzweigt sich Wahrheit vier- für den Fortgang der Schopenhauerschen Überlegun-
fach in logische, empirische, transzendentale und me- gen eine heuristische Funktion zu, soll sie doch dazu
talogische Wahrheit (vgl. G, §§ 30–33). Diesen vier- verhelfen, eine Antwort auf die Frage zu finden: Was
fach entfalteten Wahrheitsbegriff nun kann die Er- ist die Welt, außer dass sie meine Vorstellung ist?
kenntnis des Willens nicht für sich in Anspruch neh- Schopenhauers Überlegungen schlagen folgenden
men, »denn sie ist nicht [...] die Beziehung einer Weg ein. Die anhand des Leibes gewonnene Erkennt-
abstrakten Vorstellung auf eine andere Vorstellung, nis des Willens will er als einen »Schlüssel« zum We-
oder auf die nothwendige Form des intuitiven, oder sen aller uns in der Welt begegnenden Erscheinungen
des abstrakten Vorstellens«. Vielmehr wird die Er- gebrauchen. Das besagt nichts weniger, als dass Scho-
kenntnis des Willens von Schopenhauer begriffen als penhauer alle – streng genommen wirklich alle – Ob-
»die Beziehung eines Urtheils auf das Verhältnis, wel- jekte, die uns als unsere Vorstellungen gegeben, aber
ches eine anschauliche Vorstellung, der Leib, zu dem nicht unser Leib sind, »nach Analogie« des Leibes be-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 63

urteilen will (W I, 125). Auch wenn Schopenhauer Einzig im Ausgang vom Menschen erschließt sich uns
hier von einer Analogie spricht, so hat diese analogi- die Natur, erschließt sich uns die Welt. »Seit den ältes-
sche Beurteilung bei ihm doch keineswegs den Cha- ten Zeiten«, hält Schopenhauer fest, hatte man »den
rakter eines bloßen ›Als-ob‹. Vielmehr will er die da- Menschen als Mikrokosmos angesprochen. Ich«,
mit vorgenommene Übertragung und Ausdehnung fährt er fort, »habe den Satz umgekehrt und die Welt
des Willensbegriffs auf die Welt insgesamt als notwen- als Makranthropos nachgewiesen; sofern Wille und
dige Annahme verstanden wissen. Vom Ansatz seines Vorstellung ihr wie sein Wesen erschöpft« (W II, 739;
Konzepts her kann das ja auch gar nicht anders sein, vgl. Decher 1992).
denn über die Vorstellung und den Willen hinaus ist Aufgrund ihrer methodischen Vorgehensweise füh-
uns ja nichts außerdem gegeben! »Außer dem Willen ren die Naturwissenschaften laut Schopenhauer nie
und der Vorstellung«, schreibt Schopenhauer, »ist uns zum letzten Grund ihrer Forschungsobjekte (vgl. Mor-
gar nichts bekannt noch denkbar. [...] Wir können da- genstern 1985). So versucht beispielsweise die Physik
her eine anderweitige Realität, um sie der Körperwelt die Erscheinungen zu erklären anhand des Kausalitäts-
beizulegen, nirgends finden« (ebd.). gesetzes. In der Kette der Ursachen und Wirkungen
Diese Übertragung der Erkenntnis des Willens aber ist – soll das Gesetz der Kausalität sich nicht selbst
vom Menschen auf die Welt insgesamt soll durch aufheben – ein erster Anfang dieser Kette nie zu errei-
»fortgesetzte Reflexion« (W I, 131) geleistet werden. chen, so dass die naturwissenschaftlichen Erklärungs-
Die fortgesetzte Reflexion bringt die Erkenntnis der versuche auf einen unendlichen Regress hinauslaufen
Erscheinungen und die unmittelbare Gewissheit, wel- (vgl. W II, 191). Dazu kommt für Schopenhauer: Alle
che jeder von seinem Willen hat, zusammen und er- Erklärungen aus Ursachen beruhen letztlich auf einem
öffnet damit die Möglichkeit, zu erkennen, dass eben- Unerklärbaren. Denn die Tatsache, dass eine Ursache
so wie in den Bewegungen des Leibes auch in der Viel- eine Wirkung zeitigt, wird »zurückgeführt auf ein Na-
zahl der Naturerscheinungen es der eine und selbe turgesetz und dieses endlich auf eine Naturkraft, wel-
Wille ist, der erscheint. Zwar tritt der Wille im Selbst- che nun als das schlechthin Unerklärliche stehn bleibt«
bewusstsein am deutlichsten zutage, aber durch die (W II, 195; ähnlich W I, 145 ff.; N, 4). Über dieses
fortgesetzte Reflexion wird das erkennende Subjekt schlechthin Unerklärliche führt die naturwissen-
dahin geführt, »auch die Kraft, welche in der Pflanze schaftliche Erklärung nicht hinaus. Sie muss es als un-
treibt und vegetirt, ja die Kraft, durch welche der Krys­ erklärbar hinnehmen und sich dabei bescheiden, denn
tall anschießt, die, welche den Magnet zum Nordpol auch wenn es den Naturwissenschaften im Laufe der
wendet, die, deren Schlag ihm aus der Berührung he- Zeit gelungen ist, eine Vielzahl von Naturkräften auf
terogener Metalle entgegenfährt, die, welche in den einige wenige zurückzuführen, kann das nach Scho-
Wahlverwandtschaften der Stoffe als Fliehn und Su- penhauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese
chen, Trennen und Vereinen erscheint, ja zuletzt sogar ›Urkräfte‹ letztlich als qualitates occultae stehen blei-
die Schwere, welche in aller Materie so gewaltig strebt, ben müssen (vgl. W I, 149; W II, 191). Daher bildet die
den Stein zur Erde und die Erde zur Sonne zieht« Deutung der Welt im Ausgang vom Willen als dem un-
(ebd.), als identisch anzusehen mit dem Willen, der mittelbar Bekannten für Schopenhauer die »einzige
dem erkennenden Subjekt unmittelbar bekannt ist. enge Pforte zur Wahrheit« (W II, 219). Da die Natur-
Demnach sind alle Erscheinungen, die das erkennen- wissenschaften diese Pforte nicht durchschreiten, ge-
de Subjekt vorstellt, verschieden nur qua Erscheinun- langen sie nicht auf den Weg, der zur letztgültigen
gen; ihr inneres Wesen hingegen ist in allen das eine Deutung und Erklärung der Welt führt, derzufolge
und selbe: Wille. Oder anders gesagt: Die Welt mit der sich die Kräfte der Natur als Wille enthüllen. Diese von
Vielzahl ihrer Erscheinungen ist die Sichtbarwerdung Schopenhauer gelieferte Erklärung geht, indem sie,
oder Objektivation des Willens. ausgehend vom Menschen, Aufschluss gibt über das
Mittels dieser Leib-Welt-Analogie kommt Scho- innere Wesen der Dinge und der Welt, über die physi-
penhauer seiner Forderung nach, wir müssten die kalische Erklärung der Erscheinungen hinaus. Für
Natur verstehen lernen aus uns selbst und nicht um- Schopenhauer ist dies eine metaphysische Erklärung
gekehrt uns selbst aus der Natur (vgl. W II, 219). (vgl. W I, 167; Morgenstern 1986; 1987; 1988; Malter
Nicht aufgrund der Erkenntnis der Naturerscheinun- 1988; Zöller 1996; Dürr 2003).
gen, die uns die Naturwissenschaft liefert, können wir Der Metaphysik weist er als Aufgabe die Zusam-
Erkenntnisse über das Wesen des Menschen gewin- menfügung von äußerer und innerer Erfahrung sowie
nen. Vielmehr gilt für ihn gerade das Umgekehrte. die Deutung des so verstandenen Ganzen zu. Damit
64 II Werk

ist Metaphysik, wie er sie versteht und konzipiert, »ein jektiviert. Ist demnach die Einheit des Willens zu ver-
Wissen, geschöpft aus der Anschauung der äußern, stehen als ein aus der Vielheit abgezogenes Abstrak-
wirklichen Welt und dem Aufschluß, welchen über tum? Eine so verstandene Einheit des Willens weist
diese die intimste Thatsache des Selbstbewußtseyns Schopenhauer zurück. Der Wille ist einer, weil er
liefert, niedergelegt in deutliche Begriffe« (W II, 204). außerhalb von Raum und Zeit, mithin außerhalb des
Eine so verstandene Metaphysik, schreibt er, »bleibt principium individuationis, also außerhalb der Mög-
daher immanent und wird nicht transzendent. Denn lichkeit der Vielheit liegt. »Er selbst ist Einer«, schreibt
sie reißt sich von der Erfahrung nie ganz los, sondern Schopenhauer, »jedoch nicht«, wie er sogleich hervor-
bleibt die bloße Deutung und Auslegung derselben« hebt, »wie ein Objekt Eines ist, dessen Einheit nur im
(W II, 203; zu Interpretationen der Metaphysik Scho- Gegensatz der möglichen Vielheit erkannt wird: noch
penhauers, die diese methodologisch als »herme- auch, wie ein Begriff Eins ist, der nur durch Abstrakti-
neutisch« auffassen, vgl. u. a. Schubbe 2010; s. auch on von der Vielheit entstanden ist: sondern er ist Eines
Kap. 40). Die Metaphysik reißt sich von der Erfahrung als das, was außer Zeit und Raum, dem principio in-
nie ganz los, sofern sie in der inneren und äußeren Er- dividuationis, d. i. der Möglichkeit der Vielheit, liegt«
fahrung fundiert ist. Sie geht gleichzeitig aber über die (W I, 134).
Erfahrung hinaus, indem sie diese nach Analogie des Mit der Einheit des Willens ist für Schopenhauer
Leibes deutet und den Willen als »das Ansich der ge- zugleich dessen Unteilbarkeit gegeben. Weil alle Viel-
sammten Natur« erkennt (W I, 155). Während Kant in heit nur in Raum und Zeit liegt, der Wille an sich da-
der Kritik der reinen Vernunft die Erkennbarkeit der von aber nicht berührt wird, bleibt er der Vielheit un-
Dinge an sich abstritt (vgl. KrV, A 190), nimmt Scho- geachtet unteilbar. »Nicht ist etwan«, führt Schopen-
penhauer demgegenüber für sich in Anspruch, das hauer aus, »ein kleinerer Theil von ihm im Stein, ein
Ding an sich mit der erwähnten Einschränkung er- größerer im Menschen: da das Verhältniß von Theil
kannt und bezeichnet zu haben. Geradezu lapidar er- und Ganzem ausschließlich dem Raume angehört
klärt er: »Kanten war es = x, mir Wille« (P II, 96). Und und keinen Sinn mehr hat, sobald man von dieser An-
der Wille allein ist das Ding an sich (vgl. W I, 131). schauungsform abgegangen ist; sondern auch das
Schopenhauer schließt also die Möglichkeit, dass in Mehr und Minder trifft nur die Erscheinung; d. i. die
den Erscheinungen etwas anderes erscheinen könne Sichtbarkeit, die Objektivation: von dieser ist ein hö-
als der Wille, dezidiert aus. herer Grad in der Pflanze, als im Stein; im Thier ein
Als das Ding an sich, als das Ansich der gesamten höherer als in der Pflanze« (W I, 152). Demzufolge
Natur nun unterscheidet sich der Wille von seiner Er- manifestiert sich der Wille in jeder seiner Erscheinun-
scheinung und ist völlig frei von deren Formen (vgl. gen ganz und ungeteilt. Infolgedessen kann Schopen-
W I, 134). Dies bedeutet zunächst, dass er nicht von hauer von der »numerischen Identität des innern We-
dem Auseinanderfallen in Subjekt und Objekt berührt sens alles Lebenden« (W II, 700) sprechen. Der Wille
wird. Das besagt für Schopenhauer insbesondere: Er als das Ansich der Welt ist numerisch einer. Deshalb
kann nicht erkannt werden als ein dem Subjekt ent- vermag er sich »eben so ganz und eben so sehr in einer
gegenstehendes Objekt. Es bedeutet ferner, dass der Eiche wie in Millionen« (W I, 153) zu offenbaren.
Wille nicht in Raum und Zeit ist und nicht am Leitfa- Wenn es dergestalt ein Wille ist, der in allen Teilen
den des Kausalitätsprinzips erkannt werden kann. Für der Natur erscheint, dann resultiert daraus die Über-
den Willen als Ding an sich lässt sich demnach kein einstimmung aller Objektivationen (vgl. W I, 190 ff.),
Grund angeben, warum er ist. Insofern ist er »grund- und diese macht für Schopenhauer sowohl die innere
los« (W I, 162). Grundlossein ist für Schopenhauer ei- als auch die äußere Zweckmäßigkeit aller Naturwesen
ne Bedeutung von Freiheit (vgl. z. B. W I, 337). Der unleugbar (vgl. W I, 184; W II, 372 ff.). »Angemessen
Wille als Ding an sich ist daher als frei zu bezeichnen darum«, hält er fest, »ist jede Pflanze ihrem Boden
(zu dem sich damit stellenden Problem der mensch- und Himmelsstrich, jedes Thier seinem Element und
lichen Willensfreiheit s. Kap. 8.1). Verschiedensein der Beute, die seine Nahrung werden soll, ist auch ir-
von seiner Erscheinung bedeutet schließlich, dass der gendwie einigermaßen geschützt gegen seinen natür-
Wille an sich jegliche Vielheit von sich abweist. Folg- lichen Verfolger; [...] und so bis auf die speciellsten
lich muss er gedacht werden als »einer« (W I, 152). und erstaunlichsten äußeren Zweckmäßigkeiten he-
Wie indessen ist diese Einheit des Willens zu ver- rab« (W I, 190). Was so von dem Verhältnis der an-
stehen? Vorgestellt werden doch immer nur die vielen organischen Teile der Natur zu den organischen bzw.
einzelnen Erscheinungen, in denen sich der Wille ob- von dem der organischen zueinander gilt, nämlich
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 65

dass durch dieses Verhältnis »die Erhaltung der ge- jegliche Erkenntnis seiner selbst. Auf der nächsthöhe-
sammten organischen Natur oder auch einzelner ren Stufe stellt sich der Wille dar »im stummen und
Thiergattungen« ermöglicht wird »und daher als Mit- stillen Leben einer bloßen Pflanzenwelt« (P II, 152).
tel zu diesem Zweck unserer Beurtheilung entgegen- Auch hier ist er lediglich als blinder und dumpfer
tritt« (W I, 184), gilt nach Schopenhauer in gleichem Drang aktiv, »noch völlig erkenntnisloß, als finstere
Maße von dem Verhältnis der Teile im einzelnen Or- treibende Kraft« (W I, 178). Gleiches gilt vom »vegeta-
ganismus: Aus der »Uebereinstimmung aller Theile tiven Theil« animalischen Lebens, welches die dritte
eines einzelnen Organismus« geht »die Erhaltung des- große Objektivationsstufe darstellt. Und die vierte
selben und seiner Gattung« hervor, welches »als Stufe seiner Objektivation erreicht der Wille im Men-
Zweck jener Anordnung sich darstellt« (ebd.). Innere schen. Auf diese Weise, so könnte man sagen, arbeitet
und äußere Zweckmäßigkeit in der Natur resultieren sich der Wille gleichsam Stufe um Stufe empor: Aus
so gesehen aus der Identität des Willens in allen seinen dem blinden, dumpfen, erkenntnis- und bewusstlosen
Erscheinungen. Weil es in allen Naturprodukten der Willen wird am Ende ein von Erkenntnis und Be-
eine und selbe Wille ist, der in ihnen sich objektiviert, wusstsein begleiteter Wille. Im Menschen als der
stimmen alle Teile der organischen Wesen überein, höchsten Stufe hat sich der Wille gleichsam »ein Licht
sind alle Naturprodukte aufeinander ausgerichtet, angezündet« (W I, 179), das heißt differenzierte Er-
passen sie sich gegenseitig an und kommen sie sich so kenntnisorgane und -kräfte geschaffen.
weit wie möglich entgegen. Allerdings haben solche Die Herausbildung dieser Erkenntniskräfte ergibt
Zweckmäßigkeiten für Schopenhauer nur insoweit sich für Schopenhauer aus ihrer primären Funktion,
Geltung, als es für die Erhaltung der Welt und der in die Erhaltung des Menschen sicherzustellen. Sie sind
ihr lebenden Wesen vonnöten ist. Jene Harmonie, so demnach biologisch bedingt, weil nämlich überlebens-
stellt er nämlich klar, gehe nur so weit, dass sie den Be- notwendig. In den unteren Bereichen der scala naturae
stand der Welt und ihrer Wesen möglich macht, wel- erhalten sich die Lebewesen, indem sie sich, auf Reize
che ohne sie längst untergegangen wären. Folglich er- reagierend, die notwendige Nahrung einverleiben. Im
streckt sie sich nur auf den Bestand der Spezies und Zuge der Ausbildung höherer Stufen tritt die Indivi-
der allgemeinen Lebensbedingungen, nicht hingegen dualität der Lebewesen immer deutlicher hervor, bis
auf den der Individuen (vgl. W I, 192). sie im Menschen ihren höchsten Ausprägungsgrad er-
Bei all dem ist sich Schopenhauer darüber im Kla- reicht. Dabei wird auch die zur Selbsterhaltung un-
ren, dass er eine Erweiterung des Begriffs ›Wille‹ vor- abdingbare Nahrung eine speziellere. Zudem kann auf
genommen hat (vgl. W I, 132), wenn er etwa den Kris- dieser hohen Entwicklungsstufe der Eintritt eines Rei-
tall oder den Magneten, anorganische Erscheinungen zes nicht abgewartet werden – die Häufigkeit der auf
also, als Erscheinungen des Willens deutet. Für ge- Reize erfolgenden Nahrungsaufnahme wäre nämlich
wöhnlich nämlich wird, wie Schopenhauer keines- zu gering. Also muss das höher entwickelte Lebewesen
wegs verkennt, unter ›Wille‹ der von Erkenntnis gelei- seine Nahrung selbst aufsuchen und auswählen. Zu
tete, nach Motiven und unter Leitung der Vernunft diesem Zweck hat der Wille differenzierte Erkenntnis-
sich äußernde Wille verstanden. Für Schopenhauer strukturen hervorgebracht, hat er sich im Laufe der
jedoch ist dies »nur die deutlichste Erscheinung des höherstufigen Entwicklung einen »Intellekt« geschaf-
Willens« (ebd.). fen. Von dieser Warte aus betrachtet ist der Intellekt
Was die von Schopenhauer vorgenommene Erwei- zunächst einmal ein bloßes Hilfsmittel zur Erhaltung
terung des Willensbegriffs konkret bedeutet, lässt sich des Individuums und der Art wie jedes andere Körper-
am besten durch eine Betrachtung der Art und Weise, organ auch (vgl. W I, 181).
wie der Wille sich in der Welt objektiviert, veranschau- Aber der Wille hat es nicht bei dieser lebenserhal-
lichen. Und zwar objektiviert er sich in der Welt auf tenden Funktion der Erkenntnis und der Erkenntnis-
vier großen Stufen, die Schopenhauer auch im Sinne organe belassen. Vielmehr hat er zudem im Menschen
einer zeitlichen Aufeinanderfolge begreift (vgl. P II, über die anschauliche Erkenntnis hinaus eine abstrak-
151 ff.), so dass man – nebenbei angemerkt – bei ihm te, das ist die Vernunft, erzeugt, um ihn durch eine
Ansätze eines evolutionären Denkens findet. Die ers- »doppelte Erkenntniß« (W I, 180) zu erleuchten. Die-
te, unterste Stufe der Objektivation des Willens bilden se abstrakte Erkenntnis begreift Schopenhauer als ei-
die Kräfte der anorganischen Natur. Hier wirkt der ne »höhere Potenz« der anschaulichen, als eine »Re-
Wille »blind, dumpf, einseitig und unveränderlich« flexion« jener, als »das Vermögen abstrakter Begriffe«
(W I, 141), hier fehlt ihm also jegliches Bewusstsein, (ebd.). Mit Hilfe dieser abstrakten Erkenntnis wird
66 II Werk

der Mensch zur Besonnenheit befähigt, das heißt mit jedoch so, dass sie das Wesen der niedrigeren auf eine
Hilfe der Vernunft vermag er, sich die Vergangenheit untergeordnete Weise bestehen lässt, indem sie »ein
präsent zu halten, für die Zukunft zu planen, sich von höher potenzirtes Analogon« (W I, 173) davon in sich
der Gegenwart zu lösen, die Sorge für seine Existenz aufnimmt. Die jeweils niedrigere Stufe wäre dann in
zu übernehmen und sich der eigenen Willensent- der nächst höheren aufgehoben. Auf dieser höheren
scheidungen als solcher deutlich bewusst zu werden Stufe wiederholt sich der Streit der Erscheinungen un-
(vgl. ebd.). tereinander von Neuem, so dass aufs Ganze gesehen
Allerdings hat das Licht, das der Wille sich mittels ein Streben nach immer höherer Objektivation er-
dieser Erkenntniskräfte angezündet hat, auch Schat- kennbar wird, bis am Ende im Menschen die ›Spitze
tenseiten, wird doch mit der Vernunft der Irrtum der Pyramide‹ (W I, 182) erreicht wird.
möglich. Mit dem Eintritt der Vernunft, so legt Scho- Dieses Streben nach immer höherer Objektivation
penhauer dar, geht die Sicherheit und Untrüglichkeit begreift Schopenhauer als Kampf, denn der Wille ver-
der Willensäußerungen fast ganz verloren: Der In- mag auf einer höheren Stufe nur durch Übermächti-
stinkt tritt mehr und mehr zurück, und die Über- gung der niedrigeren in Erscheinung zu treten. So er-
legung, die abstrakte Denktätigkeit, die ihn ersetzen weist sich der Stufenbau der Natur von seiner dyna-
soll, gebiert »Schwanken und Unsicherheit«, wodurch mischen Seite her als Resultat eines Kampfes um
in vielen Fällen die adäquate Objektivation des Wil- Übermächtigung und Überwältigung, mithin eines
lens durch Taten verhindert wird (vgl. ebd., 180 f.). Kampfes um Macht (hieran konnte Nietzsche mit sei-
Dergestalt wertet Schopenhauer die Herausbildung ner Konzeption des Willens zur Macht anschließen;
von Intellekt und Vernunft durchaus ambivalent. Ei- vgl. Decher 1984; s. Kap. 30). Dazu kommt: Wenn die
nerseits sind sie unabdingbar zum Überleben des jeweils höhere Stufe ein Analogon der überwältigten
Menschen. Andererseits bringen sie die unerwünsch- in sich aufgehoben hat, dann bleibt die Eigenart der
te Begleiterscheinung mit sich, dass Hand in Hand mit übermächtigten erhalten. Auch sie strebt nach wie vor
ihnen der Irrtum heraufkommt, wodurch der Mensch danach, ihr Wesen adäquat zu äußern. Das lässt sich
anfällig wird für Täuschung, Manipulation und Ver- beispielsweise am menschlichen Organismus studie-
führung (vgl. Decher 2011, 154 ff.). ren, denn in diesem findet ein dauernder Kampf ge-
Gleichwohl gilt es zu sehen: Mit Hilfe dieser Er- gen die vielen physischen und chemischen Kräfte
kenntniskräfte vermag sich der Wille sein eigenes We- statt, die als niedrigere Stufen ein früheres Recht auf
sen zum deutlichsten Bewusstsein zu bringen und zu jene Materie haben. Indem so die höheren Objektiva-
erkennen, was dasjenige ist, das er will. Dieses ist die tionsstufen nur sind durch Übermächtigung und
Welt, ist das Leben. Anders gewendet: Die Welt oder Überwältigung der niedrigeren und schwächeren,
das Leben ist der sich in den Formen aller Erschei- gleichwohl aber im Tod eben diese schwächeren Ob-
nung, Raum und Zeit, objektivierende eine Wille. Die jektivationen, die physischen und chemischen Kräfte,
Welt ist so gleichsam der »Spiegel«, in den der Wille wieder die Oberhand gewinnen, wird deutlich, dass
blickt und in dem er in den unzähligen Erscheinungen die Welt als Wille nichts anderes ist als eine ständige
immer nur sich selbst gespiegelt findet. Daher ist es, Selbstentzweiung, ja streng genommen Selbstzerflei-
wie Schopenhauer festhält, »einerlei und nur ein Pleo- schung des Willens (vgl. May 1949/50). Der Wille,
nasmus, wenn wir, statt schlechthin zu sagen ›der Wil- stellt Schopenhauer in lakonischer Kürze klar, zehrt
le‹, sagen ›der Wille zum Leben‹« (W I, 323 f.). »durchgängig an sich selber« und ist »in verschiede-
Die mit der Willensobjektivation gegebene vierfa- nen Gestalten seine eigene Nahrung« (W I, 173).
che Stufung der Welt erfolgt für Schopenhauer mit In seinen 1820 in Berlin gehaltenen Vorlesungen
Notwendigkeit, denn sie entspringt daraus, »daß der hat Schopenhauer diesen Sachverhalt mit einer Reihe
Wille an sich selber zehren muß, weil außer ihm nichts von instruktiven, der Natur entnommenen Beispielen
daist und er ein hungriger Wille ist« (W I, 183), das zu illustrieren versucht. Pars pro toto sei das folgende
heißt ein steter Drang, ein unermüdliches Streben angeführt: »Sie wissen«, trägt Schopenhauer vor,
nach Dasein. Dieser Sachverhalt lässt sich bereits auf
der Ebene des Anorganischen feststellen, denn schon »daß die Fortpflanzung der Armpolypen so geschieht,
hier geraten die Erscheinungen des Willens miteinan- daß das Junge als Zweig aus dem Alten hervorwächst
der in Konflikt, indem jede sich der vorhandenen Ma- und nachher sich von ihm absondert. Aber während es
terie bemächtigen will. Aus diesem Streit geht als Re- noch auf dem Alten als Sprößling festsitzt, hascht es
sultat die Erscheinung einer höheren Stufe hervor – schon nach Beute mit seinen Armen und da geräth es
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 67

oft mit dem Alten in Streit über die Beute, so sehr, daß 118). Je nachdem, wie man hier den Schwerpunkt
eines sie dem andern aus dem Maule reißt. Ein ein- setzt, ergibt sich ein anderes Bild der Metaphysik: als
faches deutliches Beispiel des Widerstreites der Er- Fundament oder Ergänzung der Betrachtung der Welt
scheinungen des Willens zum Leben gegen einander! als Vorstellung.
So ists in der ganzen Natur« (VN II, 175 f.).
Literatur
Dieser an sich selber zehrende Wille kennt kein end- Decher, Friedhelm: Wille zum Leben – Wille zur Macht. Eine
gültiges Ziel, ist »ein endloses Streben« (W I, 195), Untersuchung zu Schopenhauer und Nietzsche. Würzburg/
Amsterdam 1984.
dem eine dauernde, letztgültige Befriedigung versagt Decher, Friedhelm: Arthur Schopenhauer. Die Welt als
bleiben muss. Durchaus kennt er vorläufige Ziele; aber »Makranthropos«. In: Ders./Jochem Hennigfeld (Hg.):
jedes, das er erreicht hat, ist ihm »stets nur der Aus- Philosophische Anthropologie im 19. Jahrhundert. Würz-
gangspunkt eines neuen Strebens« (W I, 365). Wo ihn burg 1992, 95–108.
Erkenntnis beleuchtet, weiß der Wille, was er jetzt und Decher, Friedhelm: Die rosarote Brille. Warum unsere Wahr-
nehmung von der Welt trügt. Darmstadt 22011.
hier will. Nie aber weiß er, was er überhaupt will: »je-
Dörflinger, Bernd: Schopenhauers Philosophie des Leibes.
der einzelne Akt hat einen Zweck; das gesamte Wollen In: Schopenhauer-Jahrbuch 83 (2002), 43–85.
keinen« (W I, 196). Da nun auch wir Menschen in den Dörpinghaus, Andreas: Der Leib als Schlüssel zur Welt. Zur
Stufengang der Objektivationen des Willens einbezo- Bedeutung der Funktion des Leibes in der Philosophie
gen sind, müssen auch wir wohl oder übel damit le- Schopenhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch 81 (2000),
ben, dass auch in uns dessen nie endgültig zu befriedi- 15–32.
Dürr, Thomas: Schopenhauers Grundlegung der Willens-
gende Daseinsgier nicht zur Ruhe kommt. Die daraus
metaphysik. In: Schopenhauer-Jahrbuch 84 (2003),
resultierende Dramatik und Tragik menschlichen Da- 91–119.
seins entfaltet Schopenhauer im vierten Buch der Welt Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft [1781]. In: Ders.:
als Wille und Vorstellung (s. Kap. 6.6). Werke in sechs Bänden. Bd. II. Hg. von Wilhelm Weische-
Schopenhauers Metaphysik ist von einer Reihe von del. Darmstadt 1983 [KrV].
Problemen begleitet. So hat beispielsweise Volker Kisner, Manja: Der Wille und das Ding an sich. Schopenhau-
ers Willensmetaphysik in ihrem Bezug zu Kants kritischer
Spierling darauf hingewiesen (vgl. u. a. Spierling 1998, Philosophie und dem nachkantischen Idealismus. Würz-
230 f.), dass es in Bezug auf die Bestimmung des »Din- burg 2016.
ges an sich« bei Schopenhauer zu einem Standpunkt- Jeske, Michael/Koßler, Matthias: Philosophie des Leibes. Die
wechsel kommt, insofern er zum einen dieses als un- Anfänge bei Schopenhauer und Feuerbach. Würzburg
erkennbar und den Willen nur näherungsweise als 2012.
Malter, Rudolf: Wesen und Grund. Schopenhauers Konzep-
Entzifferung desselben versteht, zum anderen aber
tion eines neuen Typs von Metaphysik. In: Schopenhauer-
auch den Willen in einem absoluten Sinn als Ding an Jahrbuch 69 (1988), 29–40.
sich bezeichnet. Dieser »Standpunktwechsel« hat zu Malter, Rudolf: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphilo­
einer Vielzahl von Interpretationen geführt, die vom sophie und Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cann-
Vorwurf des Widerspruchs über terminologische Dif- statt 1990.
ferenzierungen bis hin zu einer systematischen oder May, Eduard: Schopenhauers Lehre von der Selbstentzwei-
ung des Willens. In: Schopenhauer-Jahrbuch 33 (1949/50),
methodologischen Rollenzuweisung innerhalb des 1–9.
Werks reichen (s. Kap. 6.2). Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Natur-
Eine weitere Frage, die in der Forschung umstritten wissenschaft. Bonn 1985.
ist, bezieht sich darauf, ob die Differenz zwischen der Morgenstern, Martin: Die Grenzen der Naturwissenschaft
Welt als Vorstellung und der Welt als Wille als eine und die Aufgabe der Metaphysik bei Schopenhauer. In:
Schopenhauer-Jahrbuch 67 (1986), 71–93.
Zwei-Welten- oder Zwei-Aspekte-Lehre zu verstehen
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Begriff der Metaphy-
ist (vgl. Schubbe 2010a, 195, Anm. 554). Diese Proble- sik und seine Bedeutung für die Philosophie des 19. Jahr-
matik speist sich u. a. aus Schopenhauers nicht ein- hunderts. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 41/4
deutiger Selbstcharakterisierung seiner Metaphysik: (1987), 592–612.
So finden sich Stellen, die die Metaphysik als ein Un- Morgenstern, Martin: Schopenhauers Grundlegung der
ternehmen kennzeichnen, herauszufinden, was »hin- Metaphysik. In: Schopenhauer-Jahrbuch 69 (1988), 57–66.
Schöndorf, Harald: Der Leib im Denken Schopenhauers und
ter« der Welt steckt (vgl. u. a. W II, 180). Einen ande- Fichtes. München 1982.
ren Akzent setzen hingegen Stellen, mit denen Scho- Schubbe, Daniel: Der doppelte Bruch mit der philosophi-
penhauer die Metaphysik unter die Leitfrage stellt, »ob schen Tradition – Schopenhauers Metaphysik. In: Michael
diese Welt nichts weiter, als Vorstellung sei« (W I, Fleiter (Hg.): Die Wahrheit ist nackt am Schönsten. Arthur
68 II Werk

Schopenhauers philosophische Provokation. Frankfurt a. M. Beiträge. In Hinsicht auf den metaphysischen Ansatz
2010, 119–127. erweist sich Schopenhauer als ein Spätberufener in-
Schubbe, Daniel: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik mitten der arbeitsteiligen wissenschaftlichen For-
und Aporetik bei Schopenhauer. Würzburg 2010a.
Spierling, Volker: Arthur Schopenhauer. Eine Einführung in
schung des 19. Jahrhunderts. Das heißt aber nicht,
Leben und Werk. Frankfurt a. M. 1998. dass Schopenhauer die einzelwissenschaftliche For-
Tiemersma, Douwe: Der Leib als Wille und Vorstellung. schung in ihrer Bedeutung unterschätzt. Er sieht ihre
Struktur und Grenzen der Schopenhauerschen Philoso- Fruchtbarkeit vor allem dann, wenn sie sich der Erfas-
phie des Leibes. In: Schopenhauer-Studien 5 (1995), 163– sung der Wirklichkeit auf dem Weg der Anschauung
172.
nähert, wie dies bei Goethe der Fall war (s. Kap. 19).
Zöller, Günter: Schopenhauer und das Problem der Meta-
physik. Kritische Überlegungen zu Rudolf Malters Deu- Unter Anschauung versteht Schopenhauer mehr als
tung. In: Schopenhauer-Jahrbuch 77 (1996), 51–64. die bloße Wahrnehmung. Er unterstellt einen an-
schauenden Verstand, der die Wahrnehmung bereits
Friedhelm Decher deutend verarbeitet (s. Kap. 6.3). Die Wissenschaften
tun dies gemäß den Varianten des Satzes vom Grund
und gelangen dabei zur Feststellung der Relationen
6.5 Ästhetik unter den Erscheinungen bzw. den Dingen, nicht aber
zur Einsicht in das Wesen der Dinge, um die sich die
Der besondere Status der ›Ästhetik‹ in
Metaphysik bemüht. Mit den Konzepten einer Meta-
Schopenhauers System
physik des Schönen, bzw. einer Metaphysik der Kunst,
Einen philosophischen Diskurs über die Künste, die behandelt Schopenhauer, strukturell betrachtet, die
Künstler und besondere sinnliche Eigenschaften wie Mitte seines Systems, von der aus sowohl neue zusätz-
z. B. das Schöne und das Erhabene nennen wir für ge- liche Einsichten in der Rückschau auf seine Erkennt-
wöhnlich eine Ästhetik, vor allem dann, wenn dieser nislehre als auch in der Vorausschau auf seine Ethik
Diskurs Teil eines systematisch aufgebauten Philoso- möglich werden. Die Stimmigkeit des Systems hängt
phems ist. Arthur Schopenhauer hat zwar im dritten wesentlich von diesen Bezügen ab, denn Schopenhau-
Buch seines Hauptwerks und in den späteren Ergän- er vertritt eine organismische Konzeption seines Sys-
zungen hierzu, also in einem umfangreichen Teil sei- tems, für die eigentlich nur eine ganzheitliche Be-
nes Systems, die Kunst behandelt – die Künstlerper- trachtung angemessen wäre (s. Kap. 6.2). In der Vor-
sönlichkeit und die ästhetischen Eigenschaften –, aber rede zur 1. Auflage seines Hauptwerks erklärt er, dass
der herkömmliche Name ›Ästhetik‹ für die Behand- in diesem Werk in Wahrheit nur »ein einziger Gedan-
lung dieser Gegenstände will in diesem Fall nicht ke« entwickelt werde, dessen Darstellung in Buchform
recht passen. Anders nämlich als in den meisten phi- allerdings notgedrungen die Reihung von Teilen er-
losophischen Systemen wird hier die ›Ästhetik‹ nicht fordere, obwohl diese sich allesamt gegenseitig be-
allein durch Hinwendung zu einem bestimmten wei- dingten (vgl. W I, VIII).
teren Gegenstandsbereich motiviert, dessen Behand- Trotz dieser selbstkritischen Überlegungen Scho-
lung auch fehlen könnte, weil er lediglich in einem ad- penhauers scheint doch die Mittelstellung der ›Ästhe-
ditiven Verhältnis zum übrigen System steht und die- tik‹ mit der Darlegung der eigentlichen, tiefsten und
ses nicht modifiziert. Die uneigentlich so genannte wahrhaftesten Erkenntnis, nämlich der Schau der Ide-
›Ästhetik‹ in Schopenhauers Werk ist aus der Sicht des en, überzeugend gewählt, denn von hier aus gibt es die
Autors vielmehr eine »Metaphysik des Schönen« (VN stärksten Ausstrahlungen in alle Richtungen des Sys-
III, 37; W II, 331 u. ö.), die kein Additum des übrigen tems, das ja auf der Überzeugung ruht, dass der vorzu-
Systems ist, sondern dessen integraler, unabdingbarer tragende »einzige Gedanke« inhaltlich lauten kann:
Bestandteil, ohne den weder die Erkenntnislehre noch »Die Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens« (W I,
die Ethik dieses Philosophen hinreichend verstanden 485). Es geht also überall um die Formen und Grade
werden können. der Erkenntnisweisen der Welt. Dieses systematische
Schopenhauers Metaphysik des Schönen unter- Interesse ist auch in Schopenhauers ›Ästhetik‹ vorherr-
steht, wie das Werk insgesamt, der totalisierenden, schend, ohne eine Geringachtung der vielen ästheti-
systembildenden Fragestellung: Was ist diese Welt? schen Einzelbeobachtungen daraus folgern zu müssen.
Was ist das Wesen der Welt? Durch die Beantwortung Schopenhauers Philosophie ist durch eine beson-
dieser Frage von Seiten der Kunst und des Schönen er- dere Hochschätzung der Anschauung gekennzeich-
wartet sich Schopenhauer authentische, folgenreiche net. Im Begriff ›Anschauung‹ zielt sie sowohl auf die
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 69

Methode des Anschauungserwerbs wie auch auf den tik‹, d. h. der Metaphysik des Schönen. Schopenhauer
gewonnenen Gegenstand, das Anschauliche oder das selbst weist darauf hin, dass auch seine Ethik von der
zur Anschauung Gebrachte. Es versteht sich, dass das hier maßgeblich entwickelten Konzeption der An-
Konzept der Anschauung für die ›Ästhetik‹ von be- schauung ausgeht und betont, dass »die Erkenntniß,
sonderer Bedeutung ist, und so sind schon Schopen- aus welcher die Verneinung des Willens hervorgeht,
hauers Äußerungen hierzu in seiner Erkenntnis- und eine intuitive ist und keine abstrakte« (W I, 453). Nur
Wissenschaftslehre aufschlussreich für die später in eine solche sei auch in der Lage, unmittelbar die ent-
der ›Ästhetik‹ zu erörternde Funktion der ›reinen An- sprechende Tat oder Verhaltensweise auszulösen (vgl.
schauung‹. Es ist wichtig, dass die als fundamental an- W II, 83). Auch das ethisch so bedeutsame Gefühl des
zusetzende Tätigkeit der Anschauung, schon als em- Mitleids gründet in der Anschauung, d. h. in der intui-
pirische Anschauung, nicht in der bloßen Hinnahme tiven Erkenntnis des Leidens der Kreaturen, nicht in
des Angeschauten liegt, sondern bereits in der An- begrifflicher Argumentation über ihren Zustand oder
wendung von und der Sensibilität für die Strukturen in Regeln der Moral.
des Wirklichen. Es geht dabei um das Erkennen eines Der Vorrang der Anschauung vor dem begriff-
an ihm selbst nicht sinnlichen Gestaltungsmoments, lichen Denken, wie ihn Schopenhauer in seiner Er-
nämlich der Kausalität, deren Auffassung die An- kenntnislehre und Ethik vertritt, erhält seine Bekräfti-
schauung, d. h. der anschauende Verstand, a priori gung und Bewährung im vollen Sinne in der ›Ästhe-
mächtig ist. Dies führt Schopenhauer zu dem Grund- tik‹, denn hier wird das Schöne als eine ›Erkenntnis-
satz: »Alle Anschauung« ist »intellektual« (W I, 13) art‹ bestimmt, aber nicht als irgendeine Form der
und bereitet darauf vor, in der Metaphysik des Schö- Erkenntnis, sondern als die tiefste Art des Erkennens,
nen von der Erkenntnis der Ideen durch die reine An- nämlich als reine Anschauung des Wesens oder der
schauung zu erfahren. Auch die Ideen können als Idee der Dinge. Damit kommt der ›Ästhetik‹ im Sys-
strukturbildende Faktoren der Wirklichkeit verstan- temganzen eine ungewöhnlich hohe Bedeutung zu,
den werden und sich Schopenhauer zufolge in der rei- denn sie findet Schopenhauer zufolge auf dem Weg ei-
nen Kontemplation zeigen. nes anschauungsbezogenen Philosophierens den
Im ersten Buch seines Hauptwerks betont Schopen- Schlüssel zum gesuchten Wesen der Dinge.
hauer den originären, authentischen und verlässlichen
Charakter der Anschauung und kontrastiert ihn mit
Die Idee als ›Hauptgegenstand‹ von
der Abkünftigkeit der Begriffe, die jeden möglichen
Schopenhauers ›Ästhetik‹
Gehalt aus der Anschauung herleiten müssten (vgl.
W I, 41). Während dies hier noch klingt wie die An- Aus Schopenhauers Willensmetaphysik (s. Kap. 6.4)
erkennung der Anschauung als Fundament wissen- geht hervor, dass der natürlicherweise vom Willen be-
schaftlicher Redlichkeit, wie sie der Empirist David stimmte Mensch kaum eine Chance hat, der Anschau-
Hume gefordert hat, weisen andere Äußerungen schon ung um ihrer selbst willen nachzugehen. Er verharrt
deutlich auf den Selbstwert der Anschauung und die für gewöhnlich nur so lange bei der Anschauung, als es
Überlegenheit der Anschauung über die Reflexion hin. ihm um die Auswahl der Gegenstände seines Begeh-
In der Vorwegnahme des emphatischen Konzepts der rens geht oder um die Feststellung der Relationen un-
Anschauung, das Schopenhauer in der Metaphysik des ter den Dingen. Ein rein objektives Interesse an dem in
Schönen entwickelt, erklärt er in seiner Erkenntnisleh- der Anschauung Gegebenen liegt fast allen Menschen
re: »Die Anschauung ist sich selber genug; daher was fern, »weil ihr Erkennen immer an den Dienst des Wil-
rein aus ihr entsprungen und ihr treu geblieben ist, wie lens gebunden bleibt« (VN III, 95 f.). Diese Abhängig-
das ächte Kunstwerk, niemals falsch seyn, noch durch keit des Intellekts von den Willensregungen des Men-
irgend eine Zeit widerlegt werden kann denn es giebt schen führt Schopenhauer darauf zurück, dass ent-
keine Meinung, sondern die Sache selbst« (W I, 41 f.). wicklungsgeschichtlich betrachtet der Intellekt als ein
Die Anschauung soll also nicht nur die Quelle aller Er- Instrument des Willens aus diesem selbst hervor-
kenntnis, sondern, als reine Anschauung, sogar selbst gegangen sei, um die Bedürfnisse des Willens leichter
die Erkenntnis schlechthin sein (vgl. W II, 83), wie zu befriedigen. Eine der Schwierigkeiten in Schopen-
Schopenhauer in dem späteren Zusatz zum ersten hauers System liegt darin zu verstehen, dass sich in be-
Buch seines Hauptwerks ausführt. sonderen Fällen der Intellekt dennoch vom Willen
Damit erfährt der emphatische Begriff der An- emanzipieren kann. Schopenhauer erklärt dies mit der
schauung seine Bewährung wesentlich in der ›Ästhe- Vorstellung eines Überschussphänomens: Bestimmte
70 II Werk

Individuen sind von Natur aus mit einem solchen Schopenhauer nimmt für seine Ausdeutung der
Grad an Intellekt, bzw. ›Gehirnkraft‹, ausgestattet, dass platonischen Idee in Anspruch, sie nicht zu mystifizie-
nur ein Teil davon zur Dienstbarkeit am Willen benö- ren und sie nicht auf dogmatische Weise als eine trans-
tigt wird. Ein »Ueberschuß der Erkenntniß wird nun zendente Entität zu veranschlagen. Sie ist vielmehr
frei« (VN III, 68) und ermöglicht die Abwendung vom Vorstellung, wenngleich das empirische Wissen über-
willensbestimmten Ich und die völlige Hingabe an das schreitend. Wenn man Schopenhauers metaphysi-
zu erkennende Objekt. Schopenhauer sieht hierin das scher Hypothese folgt, der Weltprozess sei die Selbst-
Kennzeichen der Genialität. Er nennt sie »die Fähig- erkenntnis des Willens, so stellen die Ideen einen ers-
keit, sich rein anschauend zu verhalten, sich in die An- ten Ansatz des Willens dar, sich selbst Objekt werden
schauung zu verlieren und die Erkenntniß, welche ur- zu können, dies aber noch, ohne sich in Raum und
sprünglich nur zum Dienste des Willens da ist, diesem Zeit auslegen zu müssen, sondern nur in unbewegte
Dienste zu entziehn« (W I, 218 f.). Diese geniale Bega- Prägeformen, die je für bestimmte Stufen der Objekti-
bung beobachtet Schopenhauer bei den Künstlern und vation des Willens maßgeblich sein sollen. Die Ent-
den großen Philosophen. Trotz der unterschiedlichen äußerung des Willens bleibt also hier noch im Forma-
Darstellungsmittel von Kunst und Philosophie unter- len, Ungegenständlichen. Schopenhauer nennt sie die
stellt Schopenhauer ein beide Disziplinen auszeich- adäquate Objektität des Willens je nach den Stufen
nendes Erkenntnisverfahren. Er erklärt, dass »die Fä- seiner Bewusstwerdung. Diesen objektiven Gesichts-
higkeit zur Philosophie eben darin besteht, worein Pla- punkt der Idee entwickelt Schopenhauer in seiner Me-
to sie setzte, im Erkennen des Einen im Vielen und des taphysik des Willens. Da aber in jeder Erkenntnis eine
Vielen im Einen« (W I, 98) und dies bei Schopenhauer Korrelation von Subjekt und Objekt herrschen muss
wie bei Platon mit deutlichem Vorrang des Einen vor und die Ideen erkannt werden, wenn auch nur von
dem Vielen. den genialischen Menschen, so bedarf es einer Auffas-
Es zeigt sich in Schopenhauers ›Ästhetik‹, dass die sungsmöglichkeit des Subjekts für diese anschauli-
hier beschriebene »Fähigkeit zur Philosophie« auch chen, aber nicht unmittelbar sinnlichen Formen, die
die Fähigkeit der Kunst ist; nur verfolgt sie das ge- Schopenhauer als die platonischen Ideen bezeichnet.
meinsame Ziel mit anderen Methoden. Auch der Phi- Diese Auffassung nennt Schopenhauer die reine
losoph muss wie der Künstler in der Lage sein, einen oder ästhetische Kontemplation. Gemeint ist eine sol-
Reichtum an Anschauungswissen zu erwerben und in che Steigerung und Intensivierung der Anschauung
der reinen Anschauung das Eine (die Idee) im Vielen bei der Betrachtung von Naturdingen, dass das Objekt
zu erkennen. Sowohl das Eine wie das Viele überträgt das Bewusstsein so völlig einnimmt, dass das Subjekt
er als Philosoph in abstrakte Begriffe, während der mit ihm in geradezu mystische Vereinigung gelangt,
Künstler dazu fähig ist, die in reiner Anschauung er- mit ihm Eins wird und sein Selbst, d. h. seinen Willen,
fasste Idee in einem sinnlichen Gebilde zur Darstel- darüber vergisst. Der Motor für diese Intensivierung
lung zu bringen. Dies kann aus Schopenhauers Sicht der Anschauung ist Schopenhauer zufolge das rein
umso eher gelingen, als in seinem Konzept der Idee objektive Interesse, eine Erkenntnisintensität, die den
ein anschauliches Allgemeines gedacht ist, das im pla- genialen oder zumindest kongenialen Menschen vor-
tonischen Sinn das Urbild vieler möglicher Abbilder behalten ist und stets nur auf Augenblicke gelingt, in
ist. Daher fügt Schopenhauer dem Begriff der Idee fast denen alles subjektive Interesse und das willentliche
überall das Prädikat ›Platonisch‹ bei und vertraut da- Verfolgen eines Ziels verabschiedet ist. In diesen Au-
bei auf das rechte, d. h. ursprüngliche Verständnis von genblicken entspricht das rein erkennende Subjekt,
idea und eidos als schaubare Gestalt. Damit wird die das seinen Willen aufkündigt und sein Erkennen nicht
umgangssprachliche Verflachung des Ausdrucks mehr nach dem Satz vom Grund ausrichtet, indem es
›Idee‹ abgewehrt, aber auch jegliche Nähe der Idee der Idee gewahr wird, nicht mehr dem Individuum,
zum Begriff vermieden. Die hohe Bedeutung des Ide- sondern »ist reines, willenloses, schmerzloses, zeitlo-
enkonzepts betont Schopenhauer, wenn er erklärt: ses Subjekt der Erkenntniß« (W I, 210 f.). Dies ist Scho-
»Die Platonische Idee« mache den »Hauptgegenstand penhauer zufolge nur dadurch möglich, dass »durch
des dritten Buchs« (W I, 48), also der ›Ästhetik‹ aus. die Kraft des Geistes gehoben«, der in reiner Kontem-
Mit diesen Worten weist Schopenhauer schon im ers- plation Befindliche »die ganze Macht seines Geistes
ten Buch auf den Gegenstand voraus, durch den sein der Anschauung hingiebt« (W I, 210). Die Ausfüh-
Argument über die Sonderstellung der Anschauung rungen Schopenhauers zu diesem außergewöhnli-
erst völlig eingelöst werden soll. chen Ereignis der Selbstüberwindung und des Sich-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 71

Offenbarens der Idee oder des Typus einer Klasse von Schönen, wenn er erklärt: »Der Zustand des reinen völ-
Dingen sind von solcher stilistischer Eindringlichkeit, lig willenlosen Erkennens ist es auch ganz allein, der
dass sie sich von selbst als die Schlüsselpassage der uns ein Beispiel giebt, von der Möglichkeit eines Da-
›Ästhetik‹ darbieten und den Vorrang des metaphysi- seyns, das nicht im Wollen besteht, wie unser jetziges«
schen vor dem ästhetischen Interesse des Autors be- (VN III, 96).
zeugen. Zugleich bewährt sich die früher schon be-
hauptete Vorrangstellung der Anschauung vor der Be-
Der Doppelaspekt des Schönen und das ­
griffsarbeit, indem die in der Erkenntnislehre fest-
Verhältnis von ›Ästhetik‹ und Hermeneutik
gestellte Intellektualisierung der Anschauung hier zur
Vergeistigung der Anschauung im Sinne mystischer Der in jeder philosophischen Ästhetik zentrale Begriff
Schau gesteigert wird. des Schönen lässt sich in Schopenhauers ›Ästhetik‹
Schopenhauers Metaphysik (und seine Lebens- erst im Anschluss an seine Ideenlehre terminologisch
erfahrung) lehrt die strikte Korrelation von Willens- genau entwickeln. So ist auch Schopenhauers Ent-
bestimmtheit und Leiden. Wenn in der ästhetischen scheidung, das dritte Buch seines Hauptwerks wie
Kontemplation wenigstens auf Zeit eine Aufhebung auch die zugehörige Vorlesung als »Metaphysik des
der Willensherrschaft über den Menschen erreicht Schönen« zu bezeichnen, wohl begründet, denn zu-
werden kann, so erfährt sich das rein erkennende Sub- nächst muss die Möglichkeit der reinen ästhetischen
jekt zugleich als »schmerzlos« und ohne Bedingtheit Betrachtung mit der in ihr ermöglichten Schau der
durch die Zeit. Dieser, einer Erlösung gleichkommen- Ideen vorgetragen werden, wenn Schopenhauers Be-
de Zustand, in dem sich die Idee als Wesen des Dinges stimmung des Schönen verständlich werden soll.
»offenbart«, hat mit seinen Momenten der Befreiung Schopenhauer lässt nicht nur in seiner Erkenntnis-
und des Heilbringens eher Verwandtschaft mit religiö- lehre, sondern auch in seiner ›Ästhetik‹ die Position
ser Erfahrung als mit der traditionellen Vorstellung der kritischen Transzendentalphilosophie Kants wirk-
von ästhetischem Genuss an der gegebenen sinnlichen sam werden. Eine Bestimmung des Schönen ›an sich‹
Qualität der Dinge. In der Tat führt Schopenhauer die ist daher unmöglich geworden. Sowohl Kant wie
aus der ästhetischen Kontemplation hervorgehende Schopenhauer sehen im Schönen oder in der Schön-
»Freude« auch primär auf die Entlastung vom Willens- heit nicht länger eine Zuschreibung von dogmatisch
druck zurück und auf die befreiende Erkenntnis der bestimmbaren Eigenschaften an Produkte der Kunst
Ideen, die das wahrhaft Seiende bedeuten. Unter dieser oder der Natur. Vielmehr muss die Fähigkeit des Sub-
Entlastung tritt »Ruhe im Anschauen, Befriedigung in jekts zur Empfindung und Wertung des Schönen mit
der Gegenwart« ein (W I, 411), also ein Zustand, der veranschlagt werden. In dieser Forderung vereinen
normalerweise durch die Begehrungen und das Stre- sich aus Schopenhauers Sicht transzendentale und
beverhalten des Willens vereitelt wird. Schopenhauer hermeneutische Voraussetzungen für die Schönheits-
weist auf das Außergewöhnliche der ästhetischen Kon- erfahrung. Kant hatte die Subjektivierung des Schö-
templation hin, das darin besteht, dass ein vom Willen nen schon so weit vorangetrieben, dass er in seiner
Abkünftiges, der Intellekt (das Akzidenz), die Herr- Kritik der Urteilskraft sagen konnte: »Schönheit ist
schaft über das Grundständige, den Willen (die Sub- kein Begriff vom Objekt« (KdU, § 38, 152 Anm.). Für
stanz) gewinnt. Das Ungewöhnliche dieser Begeben- Schopenhauer hat das Schöne dagegen sowohl eine
heit erklärt ihre Seltenheit. Systematisch hoch bedeut- subjektive wie auch eine objektive Voraussetzung.
sam ist Schopenhauers Feststellung, dass der Zustand Während Kant das Schöne als Ausweis des begriffs-
der ästhetischen Kontemplation eine »Analogie und losen Wohlgefallens anlässlich reflektierender Beur-
sogar Verwandtschaft« mit der »Verneinung des Wil- teilung und Schätzung von Dingen der Natur und der
lens« (W II, 422) aufweist. Hier ergibt sich ein Erklä- Kunst dargelegt hatte, bei denen allenfalls eine Vorstu-
rungsmoment für das in Schopenhauers Ethik behan- fe der Erkenntnis, nämlich deren subjektive Kom-
delte Verhältnis von Erkenntnis und Resignation und ponenten als eine »Erkenntnis überhaupt« zutage trat,
für die außergewöhnlichen Existenzen des Asketen erklärt Schopenhauer das Schöne als eine »ganz be-
und des Heiligen (s. Kap. 6.6), die sich in der Vernei- sondere Erkenntnißart« (VN III, 38). Zu deren sub-
nung des Willens üben. Die hohe ethische und genauer jektiver Bedingung erläutert Schopenhauer: »Indem
soteriologische Bedeutung der Möglichkeit willensrei- wir einen Gegenstand schön nennen, sprechen wir da-
ner ästhetischer Betrachtung betont Schopenhauer im durch aus, daß er Objekt unserer ästhetischen Be-
Rahmen seiner Vorlesung über Die Metaphysik des trachtung ist« (W I, 247). Zu dieser ästhetischen Kon-
72 II Werk

templation gehört, wie dargelegt, dass das Subjekt sich Naturprozess ein Darstellungsgeschehen ist, einsich-
nicht mehr als Individuum bewusst wird, sondern tig für diejenigen, die ihn in rein kontemplativer An-
sich zum willenlosen reinen Subjekt des Erkennens schauung betrachten. Am Beispiel der rein objektiven
verändert. Zugleich wandelt sich auch das Objekt die- Betrachtung der Natur durch die genialen Land-
ses Erkenntnisprozesses in der Weise, »daß wir im Ge- schaftsmaler und die Maler der Stillleben setzt Scho-
genstande nicht das einzelne Ding, sondern eine Idee penhauer deren absichtslose Hinwendung zu den Na-
erkennen. [...] Denn die Idee und das reine Subjekt des turdingen mit dem Verhalten der Liebe, dem bedin-
Erkennens treten als nothwendige Korrelata immer gungslosen Seinlassen des Gegenübers, gleich (vgl.
zugleich ins Bewußtseyn« (W I, 247). W I, 257 ff.). In dieser Betrachtung ›sprechen‹ die Din-
Wenn Schopenhauer in seiner Vorlesung erklärt: ge und geben die ihnen zugrundeliegenden Ideen
»Wir betrachten [...] das Schöne als eine Erkenntniß preis. Der Typus einer Gattung von Dingen, d. h. das
in uns, eine ganz besondere Erkenntnißart« (VN III, Charakteristische, wird dabei gestalthaft deutlich.
38), so ist nun deutlich geworden, dass die Erkennt- Diese Anschaubarkeit des Wahren, nämlich des Typi-
nisart eine intuitive, ganzheitliche Auffassung von et- schen der Entäußerung des Willens auf einer be-
was sinnlich Gegebenem ist, das aber nicht selbst stimmten Stufe, ist für den Schauenden die Erkennt-
schon das erkannte Objekt ist, sondern in der reinen nis der Ideen, bzw. des Schönen. Bei Erfüllung des
ästhetischen Anschauung quasi transparent wird hin- subjektiv-objektiven Doppelaspekts des Schönen
sichtlich des im äußeren Objekt sich auswirkenden können alle Dinge prinzipiell schön sein, »denn in je-
Wesens oder der Idee. Die Erkenntnisart ist also, kurz dem Falle ist das Objekt der ästhetischen Betrachtung
gefasst, ein Schauen der Ideen, und eben dies, die nicht das einzelne Ding, sondern die in demselben zur
Schaubarkeit der Idee, ist das Schöne. Das Schauen Offenbarung strebende Idee« (W I, 246).
selbst ist der Modus des Erkennens der Idee. Schopenhauers Auffassung des Schönen lehnt sich
Schopenhauer betont in solchem Kontext, dass die deutlich an die große Tradition neuplatonischer
Idee, von Zeit und Raum völlig enthoben, gleichwohl Schönheitslehre an, wie sie durch Plotin schon in der
aber anschaulich sei, »denn nicht die mir vorschwe- Antike einsetzte, im christlichen Mittelalter mit der
bende räumliche Gestalt, sondern der Ausdruck, die Theologie kompatibel gemacht wurde und in der ita-
reine Bedeutung derselben, ihr innerstes Wesen, das lienischen Renaissance einen Höhepunkt durch die
sich mir aufschließt und mich anspricht, ist eigentlich Verbindung mit der Kunsttheorie erreichte. Wenn
die Idee« (W II, 247). Nach dieser Erläuterung wird Schopenhauer annimmt, dass die Schönheit der Din-
Schopenhauers Charakterisierung der ästhetischen ge im Bereich von Natur und Kunst durch den mög-
Erkenntnis als »Erkenntniß in uns« besser verständ- lichst reinen Ausdruck ihres Wesens, also der Idee, ge-
lich. Die Rede vom »Ausdruck« der Idee, von ihrem steigert werde, so folgt er mit dieser Bestimmung der
Sich-Aufschließen und ihrem Anspruch weist darauf Schönheit genau der neu-platonischen Idea-Lehre des
hin, dass es sich bei dieser »Erkenntniß in uns« we- Marsilio Ficino, eines führenden Vertreters des Neu-
sentlich um einen Verstehensprozess, weniger um ei- Platonismus der Renaissance. Ficino formuliert in
ne punktuelle Einsicht handeln muss. klarer Anlehnung an Plotin, die Schönheit sei die
Generell lässt sich in Schopenhauers Werk eine en- »deutlichere Ähnlichkeit der Körper mit den Ideen«
ge Beziehung zwischen Ästhetik und Hermeneutik (zit. nach Panofsky 1960, 28, 92). Analog erklärt Scho-
beobachten. Auch wurde mit Bezug auf Schopenhauer penhauer diejenigen Dinge für besonders schön er-
mit Recht von einer »hermeneutischen Verschiebung scheinend, die ihre zugrundeliegende Idee klar zum
der Philosophie« (Schubbe 2010, 43–49 und passim) Ausdruck bringen, ihr also möglichst ähnlich werden.
überhaupt gesprochen (s. Kap. 40). Trotz der von Daher kann er auch sagen, das Schöne sei eine »Er-
Schopenhauer vollzogenen transzendentalphiloso- kenntnißart« (VN III, 38), denn die als schön wahr-
phischen Wende ist die Erkenntnis nicht in dem Maße genommenen Dinge geben in reiner ästhetischer An-
als Konstruktion gedacht wie bei Kant, sondern weit- schauung ihr Wesen, d. h. die Idee, zu erkennen.
gehend als Prozess des Deutens, Verstehens und Sein- Schopenhauers Metaphysik des Schönen lässt deut-
lassens auf der Grundlage empirischer und reiner An- lich werden, dass das Schöne keinen im engeren Sinn
schauung. In ausdrücklicher Anlehnung an den Mys- ästhetischen Eigenwert besitzt. Es hat seine hohe Be-
tiker Jakob Böhme, der eine Art Natursprache ver- deutung vielmehr durch sein Erscheinen-Lassen der
anschlagt, in der die Dinge ihre innere Gestalt Idee. So wird auch bei Schopenhauers Einzelbeobach-
offenbaren, geht Schopenhauer davon aus, dass der tungen über Kunstwerke einsichtig, dass er ihre Schön-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 73

heit nach dem Grad des Ausdrucks der in ihnen jeweils unkünstlerisch ab. Ein Schlüsselbegriff für die Bewer-
zur Darstellung gebrachten Ideen bemisst, nicht nach tung des Sinnlichen ist bei Schopenhauer das ›Bedeut-
Kunst- oder Schönheitsregeln irgendeiner Art. Scho- same‹ an dem sinnlichen Material. Nur dort, wo sein
penhauer verfährt bei der Konzeption des Schönen Ausdruck durch Artikulation Bedeutung gewinnt, ist
zwar undogmatisch, und auch in diesem Sinn nicht-äs- es auch in der Lage, die Idee zur Darstellung zu brin-
thetisch, aber nicht kriterienlos, denn das Kriterium gen. Das Ausdrucksverstehen sowohl an Produkten
des Schönen ist die Anschaubarkeit des Wahren, des der Natur wie an denen der Kunst verankert Schopen-
Wesens bzw. der Idee der Dinge in Natur und Kunst. hauer letztlich in seiner Metaphysik des Willens: So-
Schön sind die Dinge, deren Wesen klar hervortritt. wohl der Naturbetrachter wie der Kunstkenner haben
Die große Kunst kann die Offenbarung des Wesens ein Gegenüber, das Objektivation des Willens ist, so
durch die ihr je eigenen Verfahren und Materialien be- wie sie selbst »das Ansich der Natur, der sich objekti-
fördern, über die aber allein das künstlerische Genie vierende Wille, selbst sind« (W I, 262). Mit Bezug auf
und nicht der Philosoph oder ›Kunstrichter‹ zu befin- Empedokles weist Schopenhauer darauf hin, dass hier
den hat. Nach Schopenhauers eigenen Kriterien für das Gleiches von Gleichem erkannt werde, ein Prinzip,
metaphysisch gedeutete Schöne könnte Picassos Guer- das Schopenhauer von seinem metaphysischen An-
nica als schön bezeichnet werden, weil es das Grauen satz her teilt, da er den Weltprozess als einen Prozess
des Krieges unmittelbar zur Anschauung bringt und des Sich-selbst-Begreifens des Willens ansieht.
damit das Wesen der Kriege überhaupt erkennen lässt. Für die Verschränkung von ›Ästhetik‹ und Herme-
Dem Kriegerischen schlechthin als einer Naturmacht neutik gibt Schopenhauer ein eindrucksvolles Beispiel
kann im Sinne Schopenhauers eine Idee zugesprochen im Rahmen seiner Wissenschaftslehre. Den Verste-
werden als Wesensausdruck des mit sich selbst ent- hens- und Deutungscharakter anschauungsgebunde-
zweiten Willens oder als »unvergängliche Gestalt« ner Erkenntnis, wie sie in ästhetischer Betrachtung
(W I, 578 f.) des als tragisch konzipierten Weltlaufs. vorliegt, erläutert Schopenhauer unter anderem an
Nicht zuletzt bei der Vergegenwärtigung dieses dem Verfahren der Physiognomik. Er behandelt sie im
oder ähnlicher Beispiele lässt sich fragen, was es mit Kontext seiner Kritik an der spezifischen Beschrän-
der ›ästhetischen Freude‹ oder sogar dem ›Genuss‹ bei kung begrifflicher Erkenntnis, die er vom Erkennen
der reinen ästhetischen Kontemplation auf sich hat. durch Anschauung absetzt, bei dem es um die Er-
Mancher Interpret der Philosophie Schopenhauers kenntnis der »signatura rerum« und um »die feinen
sieht in der Freude am Schönen, die Schopenhauer Modifikationen des Anschaulichen« (W I, 67) gehe.
hervorhebt, einen Widerspruch zu seiner pessimisti- Am Beispiel der Deutung des Ausdrucks eines
schen Grundhaltung, die doch eigentlich jede Affir- menschlichen Antlitzes wird Schopenhauers Gewich-
mation des Bestehenden ausschließe (vgl. Schmidt tung nichtbegrifflichen Erkennens, hier des Aus-
2005, 11, 17). Schopenhauer erklärt, dass die »ästheti- druck-Verstehens, deutlich. Die Physiognomik liefert
sche Freude [...] der Hauptsache nach, ganz im subjek- wie die ›Ästhetik‹ Beispiele für die enge Beziehung
tiven Grunde des ästhetischen Wohlgefallens wurzelt von Schönheit und Erkenntnis. In einer Anmerkung,
und Freude über das reine Erkennen und seine Wege die Schopenhauer über den Erkenntnisgewinn der
ist« (W I, 236). Diese Erkenntnisfreude ist eine intel- Physiognomik macht, die für ihn eine Mittelstellung
lektualisierte Freude, bei der man kaum mehr von zwischen Wissenschaft und Metaphysik einnimmt,
Empfindung sprechen kann, denn das reine Subjekt charakterisiert er die in einem menschlichen Antlitz
der ästhetischen Kontemplation ist sich seines Leibes aufscheinende Schönheit »als Angemessenheit zu
nicht mehr bewusst. Schopenhauer konzipiert offen- dem Typus der Menschheit« (W I, 68 Anm.). Hier be-
sichtlich einen Intellekt, der nicht in purer Ratio auf- stätigt sich für Schopenhauer die Konzeption des
geht, sondern so etwas wie ein Selbstgefühl besitzt. Schönen als Anschaubarkeit des Wahren, hier des
Entscheidend ist für Schopenhauer, dass es bei der äs- wahren, alle menschlichen Individuen prägenden Ty-
thetischen Freude um die Freude an der Erkenntnis, pus. Das Schöne erweist sich als Anschauung eines
nicht um die Freude an sinnlicher Brillanz oder tech- Allgemeinen mit Hilfe einer individuellen Erschei-
nischer Perfektion als solcher geht, wie unter anderem nung, die zum Repräsentanten der Idee geworden ist
aus seinen Bemerkungen über gewisse Auswüchse der und damit als schön empfunden wird.
Stilllebenmalerei der Niederländer hervorgeht. Wo Schopenhauers terminologisch erarbeiteter Begriff
die Opulenz des Sinnlichen einen Eigenwert präten- des Schönen ist allein anzuwenden auf die in reiner äs-
diert, lehnt Schopenhauer das entsprechende Werk als thetischer Kontemplation sich offenbarende Idee, d. h.
74 II Werk

auf die Schaubarkeit des Wahren, auf die sich selbst im des Lichts und Schattens und der Ton des ganzen Bil-
willensfreien Schauen anschaulich präsentierende Er- des« (W II, 481 f.). In anderen Kunstgattungen lassen
kenntnis. Damit wird ausgesprochen, dass die ent- sich Äquivalente für diese Mittel zur Entfaltung des
scheidende Erkenntnis, nämlich die des Wesens der empirisch Schönen finden. Ihr Effekt ist »nicht das
Dinge, nicht aus einer willentlichen Anstrengung, Wesentliche, aber das zuerst und unmittelbar Wirken-
sondern aus der intensivierten Aufnahmebereitschaft de« (W II, 482). Indem Schopenhauer dem empirisch
und Hingabe des Menschen hervorgeht, in deren Ge- Schönen eine propädeutische Funktion zuerkennt – es
folge sich das Schöne plötzlich, »mit Einem Schlage« erleichtert das Hineinfinden in die reine ästhetische
(W I, 211), von ihm selbst her auftut. Der Gedanke, Kontemplation –, hat er einen theoretisch plausiblen
dass das Schöne sich wesentlich von ihm selbst her Bezug zwischen dem metaphysisch-apriorisch Schö-
zeigt, ist eine wichtige Annahme in Platons Dialog nen und dem Schönen der Erfahrung hergestellt.
Phaidros, auf den Schopenhauer des Öfteren in sei- Der späte Schopenhauer hat sich nicht gescheut, an
nem Werk hinweist. In diesem Dialog wird ein My- die Etymologie des Ausdrucks ›schön‹ eine metaphy-
thos von der Ideenschau der menschlichen Seele vor sische Spekulation im Sinne seiner eigenen Theorie
ihrer Inkarnation erzählt. In dem Reigen der Ideen, anzuschließen: »›Schön‹ ist, ohne Zweifel, verwandt
dem die Seele zuschaut, wird die Idee der Schönheit mit dem Englischen to shew und wäre demnach
als die »Hervorleuchtendste« (250c–e) bezeichnet, shewy, schaulich, what shews well, was sich gut zeigt,
wodurch auch in allen schönheitlichen Gebilden das sich gut ausnimmt, also das deutlich hervortretende
Schöne »durch den deutlichsten unserer Sinne« Anschauliche, mithin der deutliche Ausdruck bedeut-
[durch das Auge] vermittelt werde (ebd.). Das Schöne samer (Platonischer) Ideen« (P II, 451).
befördert also offensichtlich die Schau der Ideen, so- Die zweite üblicherweise zentrale Kategorie der Äs-
fern es um die sichtbaren Dinge geht. Die Überzeu- thetik, das Erhabene, erfährt im Vergleich zum Schö-
gung, dass das empirisch Schöne den Weg zur Erfas- nen bei Schopenhauer eine recht knappe Behandlung.
sung der Ideen erleichtert, findet sich auch in anderen Das liegt nicht an einer Geringschätzung dieser Emp-
Dialogen Platons, nicht zuletzt im Symposion. Für findung im Gefolge der reinen ästhetischen Betrach-
Schopenhauer ist dieser Gedanke in dem Moment tung als vielmehr an der weitgehenden systemati-
ausschlaggebend, in dem man sich fragen muss, in schen Äquivalenz der subjektiven Seite dieses Zu-
welchem Verhältnis der strenge, apriorische Begriff stands sowohl beim Schönen wie beim Erhabenen. In
des Schönen zum ästhetischen Prädikat ›schön‹ bzw. beiden Fällen kommt es bei der reinen ästhetischen
zu den umgangssprachlichen Gebrauchsweisen von Kontemplation zu einer Selbstüberwindung, d. h. zu
›schön‹ steht. In Schopenhauers Einzelbeobachtungen einem Ausschalten jeder Bedrängung durch den Wil-
über Naturerscheinungen oder Kunstwerke werden len und zu der vollen Konzentration auf das rein Ob-
diese gebräuchlichen Versionen von ›schön‹ reichlich jektive bei der Betrachtung des Gegenstands. Eine
angewandt. Es ist offensichtlich, dass die Macht der Differenz bei den beiden Empfindungsqualitäten tritt
Umgangssprache auch in den ästhetischen Diskurs hi- jedoch dadurch ein, dass es sich beim Erhabenen um
neinreicht. Schopenhauer belässt es jedoch nicht bei solche Gegenstände handelt, die das Wollen bzw. das
einem beziehungslosen Nebeneinander von termino- Nicht-Wollen unmittelbar herausfordern, sei es durch
logisch bestimmtem Schönheitsbegriff und den vor- Bedrohung der leiblichen Unversehrtheit oder starker
theoretisch verwandten Begriffen des Schönen. Am Einwirkung auf das Affektleben des Menschen, wie es
Beispiel der Malerei erörtert er eine »untergeordnete beim Trauerspiel der Fall sein kann. Es muss also bei
Art der Schönheit« (W II, 482), die dazu geeignet sei, scheinbar überwältigenden Natureindrücken wie
den Betrachter durch spezifische Mittel der Malkunst auch Darstellungen der Kunst die ästhetische Distanz
leichter in den Zustand der reinen willenlosen Kon- gewahrt werden können, was beim Erhabenen einer
templation gelangen zu lassen. Wenngleich Schopen- gewissen Anstrengung und stärkerer Selbstkontrolle
hauer hier von einer »untergeordneten Art« des Schö- bedarf, bei der der allgemeine Willensanspruch, dem
nen spricht, weil es nicht schon Resultat der Ideen- der Mensch qua leiblichem Wesen ausgesetzt ist, stets
schau ist, so billigt er diesen künstlerischen Mitteln im Bewusstsein bleibt, während beim Schönen die
der Malerei durchaus »eine davon unabhängige und »untergeordnete Art« des empirisch wahrgenom-
für sich gehende Schönheit zu« (W II, 481). Beispiel- menen Schönen den Betrachter fast »unmerklich« in
haft sind ihm die »Harmonie der Farben, das Wohl- den Zustand ästhetischer Betrachtung hinüberleitet
gefällige der Gruppierung, die günstige Vertheilung und der Willensdruck völlig aus dem Bewusstsein
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 75

weicht (vgl. W I, 238). Schopenhauer beschränkt sich und der Kunstproduzenten erkennen und behaupten.
auf eine relativ kurze Erörterung des Erhabenen, weil Schopenhauer selbst traut sich diese genialische Re-
dasjenige, was ihn aus systematischen Gründen inte- konstruktion zu und ist durch intuitives Erkennen da-
ressiert, nämlich die Möglichkeit der reinen ästheti- von überzeugt, dass der sich selbst bewusst werdende
schen Kontemplation, bei beiden Empfindungen Wille im Künstler und dessen Kreationen eine ent-
gleichartig begründet werden kann. Entscheidend ist scheidende hohe Stufe seiner Objektivation oder
in beiden Fällen das Sich-über-den-Willen-Erheben- Selbsterkenntnis erreicht, weil es hier um die Erkennt-
Können, das einmal fast unbewusst, das andere Mal nis und Darstellung (oder Mitteilung) der unmittel-
bewusst vollzogen wird. In der ästhetischen Literatur baren Objektität des Willens, nämlich der Ideen geht.
vor Schopenhauer, vor allem im angelsächsischen Be- Das oben so rigoros, weil ausschließlich auf diese
reich (Burke, Hutcheson, Hume) und auch bei Kant Weise bestimmte Ziel der Kunst scheint sie auf die im-
hat man sich noch viel mehr für die psychologische mer gleiche Aufgabe, nämlich die Darstellung der
Differenz beider ästhetischer Gefühle interessiert, ins- selbst zeitlosen Ideen zu verpflichten. Kann die Kunst
besondere auch für die zwiespältige Gefühlslage beim dann überhaupt etwas anderes als Traditionspflege
Erhabenen. sein? Kann das Neue, das uns im Leben begegnet,
überhaupt für sie zum Gegenstand werden? Schopen-
hauers Antwort hierauf könnte lauten, dass es bei den
Die Kunst und die Künstlerpersönlichkeit
eigentlichen Gegenständen der künstlerischen Dar-
Unter Schopenhauers zahlreichen Charakterisierun- stellung, die ja zeitenthoben sind, in der Tat kein Neu-
gen der Kunst findet sich eine Bestimmung geradezu es geben kann, wohl aber bei den Darstellungsmitteln
rigoristischer Art. Ihr voran steht nicht von ungefähr und Methoden, die das Schauen der Idee ermöglichen
ein knappes Resümee über die Erkenntnismöglichkeit und erleichtern sollen. Vor allem bei der Auswahl des
der Wissenschaften mit dem Fazit, dass sämtliche ih- empirisch Schönen, das als idealer Repräsentant sei-
rer Disziplinen mit den verschiedenen Gestaltungen ner Gattung die Idee aufscheinen lassen soll, ist eine
des Satzes vom Grunde operieren und hierbei allein größtmögliche Vielfalt denkbar.
bei den Erscheinungen und deren Relationen verblei- In Schopenhauers Definitionsversuch wird die
ben. Zum Wesentlichen der Welt, den Ideen, finden Kunst als »Werk des Genius« bezeichnet. Was aber ist
sie mit ihrem Erkenntnisverfahren keinen Zugang. Genialität abgesehen davon, dass sie angeboren ist?
Gegen dieses Versagen der Wissenschaften stellt Zur weiteren Erläuterung führt Schopenhauer aus,
Schopenhauer die als höherrangig erachtete Erkennt- Genialität sei »nichts Anderes, als die vollkommenste
nisart, die zur Betrachtung des wahren Gehalts der Er- Objektivität« (W I, 218). Das »rein objektive Interes-
scheinungen, dem Wesentlichen der Welt vordringt se« wurde von Schopenhauer schon zur Erklärung der
und es zur Darstellung bringt: »Es ist die Kunst, das Möglichkeit der reinen ästhetischen Kontemplation
Werk des Genius [...] Ihr einziger Ursprung ist die Er- vorgestellt und als außergewöhnliche und seltene Ei-
kenntniß der Ideen; ihr einziges Ziel Mittheilung die- genschaft der Menschen bezeichnet. Das völlige Auf-
ser Erkenntniß« (W I, 217). Zum einen verleiht die Ge- gehen des Subjekts in der Betrachtung seines Gegen-
genstellung zur Wissenschaft der Kunst ein Moment stands, das völlige Vergessenkönnen der Willens-
des Reaktiven, das ihre Selbständigkeit einschränkt, bestimmtheit des Menschen waren ebenso plötzlich
zum andern schaltet Schopenhauers rigoristische De- wie selten sich ereignende Zustände, die nicht unbe-
finition von Ursprung und Ziel jede Bedeutung der dingt zu kreativen Handlungen führten. Das Genie
Geschichtlichkeit der Kunst aus. Selbstverständlich ist dagegen sieht Schopenhauer dadurch ausgezeichnet,
sich Schopenhauer bewusst, dass dasjenige, was in der dass es »eben in der überwiegenden Fähigkeit zu sol-
Neuzeit Kunst genannt wird, auch andere Funktionen cher Kontemplation« (W I, 218) besteht. Es löst die
erfüllt hat als die in seiner Definition dekretierte. Die Erkenntnis völlig vom Dienst des Willens ab, ist sich
geschichtliche Entwicklung erreicht aus Schopenhau- seiner Persönlichkeit nicht mehr bewusst, sondern
ers Sicht jedoch nur eine ›äußere Bedeutsamkeit‹ und wird zum »rein erkennenden Subjekt«, bzw. »klaren
bleibt den Zufällen unterworfen. Eine verbindliche Be- Weltauge«. Was aber für den Künstler, bzw. das Genie,
gründung der Möglichkeit und Wirklichkeit der Kunst das Entscheidende ist: Dies geschieht »nicht auf Au-
ist nur von ihren genialen Schöpfern und der genia- genblicke: sondern so anhaltend und mit so viel Be-
lischen Rekonstruktion ihres Schaffens zu erwarten. sonnenheit, als nöthig ist, um das Aufgefaßte durch
Nur dies lässt die ›innere Bedeutsamkeit‹ der Kunst überlegte Kunst zu wiederholen« (W I, 219). Es wird
76 II Werk

deutlich, dass beim Genie schon in der ästhetischen Schopenhauer wie zuvor schon Kant den Künstlern
Kontemplation ein kreativer Impuls ausgelöst wird, Genialität zusprechen, folgert Schopenhauer nicht
der danach verlangt, die reine Anschauung bis zur ebenso wie Kant hieraus die völlige Ablehnung des Mi-
Reife einer, wenn auch noch vagen, Vorstellung der mesis-Konzepts für die künstlerische Produktion.
Wiedergabe des Geschauten auszudehnen. Kant hatte erklärt: »Darin ist jedermann einig, daß Ge-
Der von Schopenhauer reklamierte »einzige Ur- nie dem Nachahmungsgeiste gänzlich entgegenzuset-
sprung« der Kunst liegt in dieser genialischen Kon- zen sei« (KdU, § 47, 161). Sofern es bei der Nach-
templation mit der Erkenntnis der Ideen. Zum ein- ahmung um imitatio geht, ist Schopenhauer gleicher
zigen Ziel der Kunst erklärt Schopenhauer die »Mit­ Meinung. Seinen Unmut hierüber drückt er durch die
theilung« dieser Erkenntnis. Bei der Verfolgung dieses Kritik an der Wachsbildnerei aus. Das pure Nachbil-
Ziels stellen sich jedoch etliche Probleme ein, die dem den der individuellen äußeren Form führt im Effekt
Rezipienten von Schopenhauers Kunsttheorie Ver- zum Grauen über die leichenhaften Figuren, die aus
ständnisschwierigkeiten bereiten können. Es stellt diesem Prozess hervorgehen. Schopenhauer kennt je-
sich die Frage, mit welcher Art künstlerischer Tätig- doch eine Nachahmung höherer Ordnung, die sich
keit der Schritt von der kontemplativen Auffassung nicht auf die individuelle Erscheinung der Naturdinge
der Ideen zu ihrer ›Übertragung‹ (dies sei eine mög- oder Artefakte bezieht, sondern auf die gestaltbilden-
lichst neutrale Bezeichnung) in das Kunstwerk voll- den Ideen in den Gattungen des Seienden, deren Dar-
zogen wird. Schopenhauer benutzt einen ganzen Ka- stellung Schopenhauer als den Zweck der Künste an-
talog von Ausdrücken, die diese Arbeit des Künstlers sieht. Das tiefere Verständnis der künstlerischen Mi-
bezeichnen sollen. Es ist unter anderem die Rede vom mesis, wie es sich bei Aristoteles und Thomas von
Wiederholen der zuvor aufgefassten Ideen, vom Spie- Aquin findet, hatte das ars imitatur naturam ohnehin
geln, vom Mitteilen, vom Abbilden und vom Darstel- nicht als bloße Nachbildung von Naturgegenständen
len. Die künstlerische Antwort auf das Erlebnis der äs- verstanden, sondern als methodische Anleitung, so zu
thetischen Kontemplation, zu der das Genie sich he- verfahren wie die Natur, die gewisse Mittel zum Errei-
rausgefordert fühlt, steht unter der Bedingung, im chen eines Zwecks einsetzt (vgl. Panofsky 1960, 22). In
Medium der Anschauung zu verbleiben, denn »die der Kunsttheorie des Mittelalters wurde das Prinzip
Ideen [...] sind wesentlich ein Anschauliches und da- des ars imitatur naturam als Nachahmung des Produk-
her, in seinen nähern Bestimmungen, Unerschöpf- tionsverfahrens der Natur und nicht als Nachahmung
liches. Die Mittheilung eines solchen kann daher nur von individuellen Gegebenheiten verstanden. Fasst
auf dem Wege der Anschauung geschehen, welches man die Ideen bei Schopenhauer einmal als generative
der der Kunst ist« (W II, 466). Kräfte für die Erzeugung und Erkennbarkeit von Indi-
Unter den von Schopenhauer angebotenen Begrif- viduen einer bestimmten Gattung auf (Schopenhauer
fen zur Bezeichnung der künstlerischen Produktion, spricht vom Urbild-Abbild-Verhältnis), so nimmt er
die eine Konsequenz aus der ästhetischen Kontempla- das letztlich auf Aristoteles zurückgehende Prinzip in
tion ist, scheint der Begriff der Darstellung am ehesten einer platonistischen Variante auf. Das Modell einer
tauglich. Es geht darum, dem Geschauten in einem Erkenntnis durch Abbildlichkeit verwendet Schopen-
selbst geschaffenen Anschauungskontext eine erkenn- hauer in der Konsequenz seiner Hochschätzung der
bare Existenz zu verschaffen, mit andern Worten: sol- Anschauung nicht nur für die Künste, mit Ausnahme
che sinnlichen Gebilde zu schaffen, die den zuvor ge- der Musik, sondern auch für die Philosophie: »Das
schauten Idealtypus klar zum Ausdruck bringen. Aus ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich
Schopenhauers Sicht führt dies zu einer leichteren Auf- in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflektiertes
fassung der Ideen als dies unter äußeren Naturbedin- Abbild in bleibenden und stets bereit liegenden Begrif-
gungen der Fall wäre. Dass damit bereits das Kunst- fen der Vernunft niederzulegen; dieses und nichts an-
schöne bei Schopenhauer einen höheren Rang einnäh- deres ist Philosophie« (W I, 453).
me als das Naturschöne, sei hier nicht behauptet, denn Auch der Philosoph muss sich zunächst der An-
es gibt in seinem Werk Schilderungen des Naturschö- schauung hingeben, um das Wesen (die Ideen) der
nen, die geradezu das vollkommen Schöne feiern. Weltinhalte zu erfassen, muss aber dann, anders als
Mit der Aufgabe des Künstlers zur Darstellung der der Künstler, die Transponierung des Geschauten in
Ideen ergibt sich für den Interpreten das Problem, den Begriff leisten. Die Kategorie des »reflektierten
Schopenhauers Position in Bezug auf die traditionelle Abbilds«, mit dem der Philosoph sich des Wirklich-
Mimesis-Konzeption zu klären. Obgleich sowohl keitsbezugs seines Denkens versichert, könnte auch
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 77

für den Künstler eine Hilfsvorstellung für die Mög- nischen Idee klarmacht, dass es hier um eine ganz
lichkeit sein, das in der reinen Kontemplation Ge- grundsätzliche Strukturbestimmung der Idee gehen
schaute zunächst zu bewahren und dann in eigener soll. Das anschauliche Moment ist durch die Phantasie
Produktion anschaulich zu machen. Das »reflektierte abgedeckt. Sie vertritt auch das potentiell Viele, in
Abbild« kann aus der von Schopenhauer immer wie- dem die Idee sich verkörpern und ausdrücken kann;
der hervorgehobenen notwendigen Besonnenheit des die Vernunft, als Vermögen der Vereinheitlichung im
Künstlers hervorgehen. Unter ›Besonnenheit des Begriff, vertritt dagegen das Eins-Sein der Idee, wobei
Künstlers‹ versteht Schopenhauer unter anderem die die Vernunft offensichtlich auch das Einheitliche der
Fähigkeit, »das Aufgefaßte durch überlegte Kunst zu Gestalt, nicht nur der Zahl, schätzen kann.
wiederholen« (W I, 219), wobei der Begriff »wieder- Schopenhauers grundsätzliche Äußerung über die
holen« zu inhaltsleer und blass bleibt, um die Leistung platonische Idee spielt auch auf sein Konzept der um-
des Künstlers zu würdigen. Das »reflektierte Abbild«, fassenden gemeinsamen Aufgabe von Philosophie
das gewissermaßen zwischenzeitlich stillgestellt wird, und Kunst an, die darin besteht, die wahren Verhält-
muss sich dann in der künstlerischen Darstellung der nisse zwischen Einheit und Vielheit zu erkennen. Das
Idee wieder verflüssigen, denn die Idee ist »un- Eine, das bedeutsam wird für das Viele, bezeichnet die
erschöpflich« und voller Lebendigkeit, weil sie in un- Denkbewegung der Philosophie, es bezeichnet aber
endlich vielen Verkörperungen auftreten kann. Diese auch das Anschauungsgeschehen zwischen apriori-
ihre Möglichkeit wird der Phantasie des Künstlers und scher und empirischer Anschauung.
des Betrachters bewusst und gehört notwendig zur Er- Schopenhauers Satz über die Möglichkeit der plato-
kenntnis der Ideen wie auch zur Sensibilisierung für nischen Ideen ist auch eine Hilfe für die Abwehr von
die Kunst. Für die Darstellungsweise des Künstlers be- Missverständnissen hinsichtlich des Status der Ideen.
deutet das, dass sein anschauliches Gebilde nicht pla- Werden sie als transzendente Entitäten missinterpre-
kativ und mit quasi behauptendem Gestus daher tiert, so ist die ›Sperre‹ des heutigen Lesers gegenüber
kommen darf, sondern genügend Raum für die Phan- der ›Ästhetik‹ Schopenhauers nicht zu überwinden.
tasie lassen muss, mit der man sich stets auch andere Was Schopenhauer selbst anbietet, sind die plato-
Verwirklichungen der Idee soll vorstellen können. nischen Ideen als Vorstellungen einer rein anschauli-
Die Phantasie ist für den Künstler von höchster Be- chen und damit künstlerisch fruchtbaren Auslegung
deutung, denn die vorrangige Erkenntnisweise der der Welt. Zu einer vorurteilsfreien Lektüre ermutigen
Anschauung scheint das Genie allein auf die Ideen die zahlreichen Beispiele der sehr produktiven Rezep-
von augenblicklich Gegenwärtigem festzulegen. Diese tion dieser Ästhetik durch Künstler aller Kunstgattun-
vermeintliche Einschränkung wird durch die Kraft gen, die den durch Thomas Mann vergebenen Ehren-
der Phantasie aufgehoben. Sie erweitert den Horizont titel einer »Künstlerästhetik« rechtfertige (s. Kap. IV.C).
»weit über die Wirklichkeit« hinaus auf das Mögliche,
das in imaginären Bildern ins Bewusstsein tritt (W I,
Die Sonderstellung der Musik
219). Die herausragende Bedeutung, die Schopenhau-
er der Phantasie zuspricht, wird nicht erst bei der Dar- Die stärkste Zustimmung erfuhr Schopenhauers Phi-
stellungsproblematik der Ideen offenbar, sondern ist losophie der Kunst von Seiten der Komponisten und
schon mit der grundsätzlichen Konzeption der Idee Musiker, die sich durch Schopenhauers Metaphysik
verbunden. Schopenhauer spricht von der plato- der Musik in ihrer eigenen Musikerfahrung bestätigt
nischen Idee im Sinne einer Vorstellung, »welche sahen (s. Kap. 47), vielleicht aber auch der Verführung
durch den Verein von Phantasie und Vernunft mög- durch Schopenhauers Apotheose der Musik erlagen
lich wird« (W I, 48). Mit der Phantasie als dem Bild- (vgl. Adamy 1980, 72). Er nannte die Musik eine
vermögen und dem Vermögen des Imaginierens hat- »überaus herrliche Kunst« (W I, 302) und eine »wun-
ten die meisten Interpreten Schopenhauers hier kein derbare Kunst« (W I, 303). Dabei erweist sich Scho-
Problem, wohl aber mit dem Erfordernis der Ver- penhauers ›Ästhetik‹ zunächst als ungenügend für die
nunft, um die platonische Idee zu konzipieren, nach- philosophische Deutung des Wesens der Musik, denn
dem in Schopenhauers Erkenntnis- und Wissen- in ihrer Sprache der Töne geht es gar nicht um die
schaftslehre die Vernunft fast bis auf das Niveau ihrer Darstellung der Ideen bestimmter Erscheinungen in
Unterbewertung durch die Empiristen herabgewür- der Welt. Das Urbild-Abbild-Paradigma, welches das
digt worden ist. Es ist jedoch hilfreich, wenn man sich Verfahren der übrigen Künste begründet, scheint die-
bei der obigen Definition der Möglichkeit der plato- ser ›ungegenständlichen‹ Kunst nicht gemäß zu sein.
78 II Werk

Ein ähnliches Problem hatte sich auch schon bei mungen, wie sie das Erleben der konkreten Ereignisse
Schopenhauers Behandlung der Architektur ergeben, und Dinge der Welt begleiten. Sie sind vertraut, ohne
deren Produktionen er nur sehr bedingt als Darstel- bezeichnet werden zu können. Diese Vorstellungen,
lung von Ideen bestimmter Gegenstandsbereiche an- die Schopenhauer andernorts auch »primäre« Vor-
sehen konnte. Schopenhauer half sich mit der Feststel- stellungen nennt (W II, 76), verbleiben im Fall der
lung, hier würden statt der Ideen von Gegenständen Musikrezeption ganz im Modus des sinnlichen Nach-
die Ideen der wesentlichen Qualitäten der Materie, al- empfindens und der unbestimmten Bilder. Der ideale
so der Naturkräfte, zur Darstellung kommen. Im Fall Musikhörer erzeugt dabei nicht in sich selbst die Af-
der schönen Baukunst nämlich Schwere und Starrheit, fekte und Leidenschaften, deren Ausdruck ihm die
deren widersprüchliche Energien dort zu einem au- Musik vermittelt, sondern bleibt ein rein Erkennen-
genscheinlichen Ausgleich im Verhältnis von Stütze der, der quasi die »Quintessenz« der jeweiligen Ge-
und Last gelangen müssten. fühlslagen sich bildhaft vergegenwärtigt (vgl. W II,
Während Schopenhauer in der Architektur die Er- 516). In der Musik wird so etwas wie die Grundierung
fahrung der Schönheit mit der reinen Anschauung der bestimmter Gefühle ausgedrückt. Diese Möglichkeit
Ideen von Naturkräften begründet, die auch schon im der Musik, das Wesen der bewegten Innerlichkeit zu
rohen Material herrschen, muss er einräumen, dass gestalten, nähert sich dem Verfahren der übrigen
die Musik in ihrem tonalen Material keine Ideen zur Künste, die Ideen darzustellen. Im Erkennen der Ge-
Darstellung bringt. Damit kommt ihr unmittelbar ei- fühle als solcher durch die Musik Hörenden wird das
ne Sonderstellung zu. Schopenhauer betont, dass »im Individuationsprinzip überwunden, eine wichtige Vo-
systematischen Zusammenhang« seiner bisherigen raussetzung für alles ethische Handeln.
Darstellung »gar keine Stelle für sie passend war« Die musikalischen Vorstellungen werden vom Ver-
(W I, 302; vgl. VN III, 214), ein erstaunliches Ein- stand nicht vergegenständlicht und erlauben keine
geständnis für einen Philosophen, dem so viel an der Übersetzung in den abstrakten Begriff. Bei der Musik
Einheitlichkeit des Systems liegt. Es wird sich erwei- sind daher der Philosophie deutlichere Grenzen der
sen, dass nur im Analogieverfahren oder im Paralle- theoretischen Bearbeitung gesetzt als bei den bilden-
lismus zu den anderen Künsten und schließlich durch den Künsten, philosophisch kann sie von der Musik
Bezugnahme auf den grundlegenden »einen Gedan- nur als Metaphysik handeln (vgl. W I, 312 f.), denn an-
ken« (s. Kap. 6.2) die auffallende Sonderstellung der stelle gegenständlicher Erfahrung ist der Musik Hö-
Musik begründet werden kann. Auch versucht Scho- rende auf seine innere Empfindung verwiesen. In die-
penhauer die systembedingte Lücke zwischen der ser inneren Wahrnehmung löst sich zugleich mit dem
Tonkunst und den anderen Künsten durch einen Be- Fluss der Töne die Begrenzung eines bestimmbaren
richt über sein eigenes exzeptionelles Musikverstehen Objektiven auf. Ähnlich wie in dem Prozess des füh-
zu schließen (vgl. W I, 303 f.): Aus einem in völliger lenden Erkennens, in dem Schopenhauer zufolge das
Hingabe verlaufenen Musikhören, bei dem offenbar Innere des Menschen als Wille zum Bewusstsein
alles Individuelle des Hörenden aus dem Bewusstsein kommt (vgl. W I, 121 f.), wird in einer empfindenden
verschwunden war, kehrt dieser zur Reflexion zurück Rezeption der Musik deren Dynamik und universale
und gewinnt, noch unter dem Eindruck des völligen Ausdruckskraft zum Erfühlen der Gestimmtheit des
Aufgegangenseins in der Musik, die Überzeugung, Willens schlechthin. In der Musik verleiht der Wille
dass auch sie ein nachbildliches Verhältnis zur Welt Schopenhauer zufolge noch vor aller Objektivation
habe, aber zu ihr nicht als Summe von Erscheinungen, sich selbst unmittelbaren Ausdruck. In dieser Unge-
sondern zu ihrem Ansich, das heißt zum Willen. Es teiltheit ist er zugleich Ausdruck oder Abbild der Welt.
geht also um »ein Verhältniß der Musik, als einer Vor- Mit der Musik thematisiert Schopenhauer den
stellung, zu Dem, was wesentlich nie Vorstellung seyn Ausdruck der unerschöpflichen Quelle aller Transfor-
kann« (ebd., 303). Diese Konstellation scheint selbst mationen der Willensenergie selbst, aus der die Ideen
Schopenhauers transzendentalphilosophische Ein- als adäquate Objektivationen des Willens erst hervor-
sicht außer Kraft setzen zu wollen. Wie lässt sich gehen sollen. Somit vereinigt er in seiner Metaphysik
gleichwohl Schopenhauers Intention nachvollziehen? der Künste ein statisches Konzept des wahrhaft Seien-
Die sinnlichen Eindrücke der Musik erzeugen im den (die Idee) mit einem bewegten, ursprünglicheren
Rezipienten unmittelbar Vorstellungen, jedoch nicht des Energieflusses. Letzteres ist eine Vorstellung eher
Vorstellungen von Objekten, sondern von den we- der asiatischen (vor allem chinesischen) Metaphysik,
sentlichen Atmosphären, Gefühlslagen und Stim- während die alteuropäische, griechische Metaphysik
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 79

die Vorstellung der zeitlosen Idee als ratio essendi des springen der Ideen, hin zum Willen selbst zu ermögli-
Seienden und der Kunst im Besonderen favorisiert chen. Schopenhauer warnt allerdings davor, diese
(vgl. Jullien 2012 passim). So gewinnt Schopenhauer und andere Analogien zwischen den bildenden Küns-
einen doppelten Begriff des Schönen, zum einen das ten und der Musik als zu direkt einzuschätzen, »da sie
Schöne der Form, das sich anschaulich veräußern lässt nie die Erscheinung, sondern allein das innere We-
und zum andern das Schöne des Miteinanders der Be- sen, das Ansich aller Erscheinung, den Willen selbst,
wegungsimpulse, das im inneren Gefühl aufgenom- ausspricht« (W I, 308).
men und wohl verstanden wird, aber unsagbar bleibt. Gemessen an dem einen Gedanken, der Schopen-
Unter diesen Voraussetzungen nennt Schopenhauer hauers gesamte Metaphysik bestimmen und entfalten
auch die Musik trotz ihrer Sonderstellung »eine schö- soll, nämlich die Überzeugung: »Die Welt ist die
ne Kunst« (W I, 302), das heißt, es muss mit ihr die Selbsterkenntnis des Willens« (W I, 485), lässt sich sa-
Möglichkeit gegeben sein, ein Erkennen im Modus gen, dass in der Musik ein erstes Zu-sich-selbst-Kom-
der Anschauung zu erlangen. Inwiefern geben Töne, men des kosmischen Willens in seinem irrationalen
Rhythmus und Melodien der Musik zwar keine Ideen, Streben ausgedrückt sei und zwar in einem perma-
aber gleichwohl ein Inhaltliches, das nicht Erschei- nenten Bewegtwerden zwischen den Polen von Wohl
nung ist, als Selbstausdruck des Willens zu erkennen? und Wehe, wie es auch der individuelle Wille erlebt.
Schopenhauer sucht den Verstehensprozess bei der Der geniale Komponist leistet es, diese gesamte Ge-
Musikrezeption wie bei der Aufnahme anderer Kunst- fühlswelt in eine musikalische Ordnung, das heißt in
werke durch eine Analogie mit verbalsprachlichem eine nicht-signifizierende Sprache, zu versetzen und
Verstehen zu erläutern. Während in Schopenhauers sie damit für sich selbst und die Rezipienten erkenn-
Einschätzung »Worte [...] für die Musik eine fremde bar zu machen. Dieses Erkennen beschreibt Schopen-
Zugabe« (W II, 512) sind, kommen die nicht-signifi- hauer wie ein Wiedererkennen, weil der Ausdruck
kativen Momente der Sprache, also vor allem Laut-, vertrauter Gefühle im Medium der Töne keine Ver-
Bewegungs- und Ausdruckqualitäten, in der Musik fremdung durch Diskursivität erfährt, sondern der
voll zum Tragen. Der späte Schopenhauer resümiert Gefühlsausdruck der inneren Willensnatur bleibt.
nochmals die schon im Hauptwerk herausgestellten Schopenhauers Philosophie der Musik ist wesent-
Momente der Allgemeinverständlichkeit der Musik lich Metaphysik der Musik, womit auch gesagt werden
und hebt hervor, dass dieses Verstehen ganz und gar soll, dass der doktrinäre Teil seiner Musiktheorie eher
auf der Ansprechbarkeit und Empfindsamkeit des Ge- unwesentlich, das heißt zeitgebunden, dogmatisch
fühls eines jeden Menschen beruht: und übermäßig bemüht ist, die metaphysische Aus-
legung der Musik als anschlussfähig an gängige Mu-
»Die Musik ist die wahre allgemeine Sprache, die man siklehren zu erweisen.
überall versteht. [...] Jedoch redet sie nicht von Dingen,
sondern von lauter Wohl und Wehe, als welche die al- Literatur
leinigen Realitäten für den Willen sind: darum spricht Adamy, Bernhard: Schopenhauer und einige Komponisten.
sie so sehr zum Herzen, während sie dem Kopfe unmit- In: Schopenhauer Jahrbuch 61 (1980), 70–89.
Baum, Günther/Birnbacher, Dieter (Hg.): Schopenhauer und
telbar nichts zu sagen hat« (P II, 457).
die Künste. Göttingen 2005.
Jacquette, Dale (Hg.): Schopenhauer, philosophy, and the arts.
Schopenhauer hatte schon im Hauptwerk betont, dass Cambridge 1996.
die Menschen in der Musik »das tiefste Innere unsers Jullien, Francois: Die fremdartige Idee des Schönen. Wien
Wesens zur Sprache gebracht sehn« (W I, 302). Das 2012 (frz. 2010).
Jung, Joachim: Die Bewertungskriterien in der Ästhetik Scho-
tiefste Innere der Menschen, ihr Wesen, ist erklärter-
penhauers. Diss. Mainz 1985.
maßen der Wille. Korfmacher, Wolfgang: Ideen und Ideenerkenntnis in der
Schopenhauer hatte diejenigen Werke der bilden- ästhetischen Theorie Arthur Schopenhauers. Pfaffenweiler
den Kunst als besonders schön angesehen, deren 1992.
sinnliche Gestalt eine Art Durchlässigkeit zur Idee, Koßler, Matthias: Zur Rolle der Besonnenheit in der Ästhe-
zum Wesen des dargestellten Gegenstandes gewährte, tik Arthur Schopenhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch 83
(2002), 119–133.
aber mehr noch scheint die Musik durch ihren Rück- Koßler, Matthias (Hg.): Musik als Wille und Welt. Schopen-
zug aus dem Raum und durch das monistische Mate- hauers Philosophie der Musik. Würzburg 2011.
rial der Töne eine vergleichbare, wenn nicht stärkere Malter, Rudolf: Der eine Gedanke. Hinführung zur Philoso-
Durchlässigkeit hin zum Wesen, nämlich im Über- phie Arthur Schopenhauers. Darmstadt 1988.
80 II Werk

Neymeyr, Barbara: Ästhetische Autonomie als Abnormität. auf den Ursprung einer als gegeben vorausgesetzten
Kritische Analysen zu Schopenhauers Ästhetik im Horizont moralischen Handlung – sofern damit gesagt ist, dass
seiner Willensmetaphysik. Berlin/New York 1996. eine Handlung dann und nur dann als moralische gel-
Panofsky, Erwin: Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der
älteren Kunsttheorie [1924]. Berlin 21960.
ten kann, wenn sie diesen Ursprung aufweist – eine
Pothast, Ulrich: Die eigentlich metaphysische Tätigkeit. Über notwendige und hinreichende Bedingung für die Mo-
Schopenhauers Ästhetik und ihre Anwendung durch ralität der Handlung und somit ein Kriterium mora-
Samuel Beckett. Frankfurt a. M. 1982. lischen Handelns benannt. So ist für Schopenhauer
Schmidt, Alfred: Wesen, Ort und Funktion der Kunst in der Mitleid nicht nur der Entstehungsgrund moralischer
Philosophie Schopenhauers. In: Baum/Birnbacher 2005,
Handlungen, sondern auch Kriterium der Moralität.
11–55.
Schubbe, Daniel: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik Es erstaunt daher nicht, dass Schopenhauers Ethik,
und Aporetik bei Schopenhauer. Würzburg 2010. seiner programmatisch verkündeten normativen Abs-
Wilhelm, Karl Werner: Zwischen Allwissenheitslehre und tinenz zum Trotz, von häufig hochgradig emotional
Verzweiflung. Der Ort der Religion in der Philosophie Scho- gefärbten moralischen Stellungnahmen wertender
penhauers. Hildesheim 1994. oder normativer Art durchzogen ist: Da der von der
Brigitte Scheer Ethik zu erklärende und zu deutende Phänomen-
bereich sich nicht anders als mittels inhaltlicher mora-
lischer Aussagen erfassen lässt, ist – und hierüber soll-
te die Bezeichnung der Schopenhauerschen Ethik als
6.6 Ethik deskriptiv nicht hinwegtäuschen – eine Beschreibung
der Erfahrungswelt für Schopenhauer notwendig
Schopenhauers Ethikverständnis
auch expressiv, d. h. Ausdruck moralischer Wertun-
In genauer Entsprechung zu dem für die Willensmeta- gen und normativer Überzeugungen.
physik grundlegenden Ansatz einer hermeneutischen
– also die Erfahrungswelt als Text deutenden und sie
Freiheit und Notwendigkeit
erklärenden – Metaphysik charakterisiert Schopen-
hauer auch sein Vorgehen im Bereich der Ethik als Eine vorherrschende moralische Intuition besagt, dass
deutend und erklärend (vgl. W I, 321): Aufgabe der moralische Verantwortlichkeit Freiheit voraussetzt.
Ethik ist es demnach nicht, moralische Sollensforde- Daraus ergibt sich als eine zentrale Frage einer jeden
rungen zu formulieren, sondern vielmehr, das als gege- Ethik diejenige, ob der Mensch frei ist oder seine
ben vorausgesetzte Phänomen der Moral zu rekon- Handlungen determiniert sind. Schopenhauer beant-
struieren und zu systematisieren, es durch Rückfüh- wortet diese Frage in Die Welt als Wille und Vorstel-
rung auf seine Ursprünge moralpsychologisch zu er- lung, ausführlicher dann in der »Preisschrift über die
klären und im Kontext der Willensmetaphysik auf Freiheit des Willens« (s. Kap. 8.1), im Sinne einer Ver-
seine metaphysische Bedeutung hin zu befragen. Scho- einbarkeitstheorie, behauptet also die Möglichkeit des
penhauers Ethik wird daher häufig als eine deskriptive Zusammenbestehens von Freiheit und Notwendig-
Ethik eingestuft (vgl. z. B. Malter 1991, 393) und als sol- keit. Anders als Hume, der in seiner klassischen Vari-
che sowohl von der deontologischen Ethik Kants als ante des Kompatibilismus zu zeigen versucht, dass die
auch von konsequentialistischen, insbesondere utilita- Notwendigkeit der Willensakte mit Handlungsfrei-
ristischen Ethiken als den beiden wichtigsten Theorie- heit, also der Abwesenheit von Zwängen, kompatibel
strängen der normativen Ethik abgegrenzt. ist (vgl. Hume 1984, Abschn. VII und VIII), lokalisiert
Auch für eine Ethik, die ihre Aufgabe in der Deu- Schopenhauer jedoch Freiheit und Notwendigkeit auf
tung und Erklärung des Moralphänomens sieht, ist je- verschiedenen Ebenen: Der metaphysische Wille ist,
doch die Frage nach den Kriterien moralischen Han- als außerhalb von Raum und Zeit stehend und dem
delns, die gemeinhin der normativen Ethik zugeord- Satz vom Grunde nicht unterworfen, frei; der in den
net wird, unabweisbar. Zum einen nämlich gilt, dass, Erscheinungen objektivierte Wille hingegen befindet
wenn das Phänomen der Moral als gegeben voraus- sich in Kausalrelationen und ist determiniert. Jede
gesetzt werden soll, moralische Handlungen zunächst menschliche Handlung findet mit naturgesetzlicher
einmal spezifiziert und von nicht-moralischen abge- Notwendigkeit statt.
grenzt werden müssen; das aber erfordert eine Aus- Als handlungsdeterminierende Faktoren setzt
sage darüber, ›was das Moralische ist‹, die als solche Schopenhauer dabei die auf den Menschen einwir-
nicht wertfrei ist. Zum anderen ist mit dem Hinweis kenden Motive und seinen Charakter an, aus deren
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 81

Zusammentreffen die Handlung »ganz nothwendig und infolgedessen Verantwortungszuschreibungen


hervorgeht« (W I, 340). Unter »Motiven« versteht ›instrumentalistisch‹, also als soziale Regulations-
Schopenhauer also nicht – wie in der jüngeren Hand- mechanismen auffassen, hält Schopenhauer damit am
lungstheorie üblich – Erklärungsmuster für Handlun- stärkeren Verständnis menschlicher Verantwortlich-
gen, sondern Gegenstände, die als (anschauliche oder keit fest: Diese liegt nur vor, wenn Handlungen Per-
abstrakte) Vorstellungen gegeben sind. In Bezug auf sonen als ihre eigenen und freien Handlungen zu-
den Charakterbegriff unterscheidet er, an Kant an- geschrieben werden können. Um diese Verantwort-
knüpfend, zwischen dem empirischen und dem intel- lichkeit im intelligiblen Charakter verankern zu kön-
ligiblen Charakter. Der empirische Charakter ist der- nen, muss dieser als – vorpersonal – gewählt aufgefasst
jenige, der sich uns durch Erfahrung enthüllt; der in- werden (vgl. E, 96). Die Schwierigkeit dieser Kon-
telligible Charakter hingegen, dessen determinierte struktion besteht – abgesehen von ihrer Bindung an
Erscheinung der empirische ist, wird als Ausdruck des kontroverse willensmetaphysische Prämissen – darin,
metaphysischen Willens, also eines »außerzeitliche[n] dass unklar ist, wer als Subjekt dieses Wahlaktes nam-
Willensaktes« (W I, 355) aufgefasst; er legt fest, »was haft gemacht werden kann. Offensichtlich kann es sich
der Mensch eigentlich und überhaupt will« (W I, 347). dabei nicht um das empirische Subjekt handeln. Ver-
Während in der aristotelischen, in jüngerer Zeit z. B. mutlich wird man, analog zur Figur der ›Wendung des
von Ryle (vgl. Ryle 1969) fortgeführten Tradition der Willens gegen sich selbst‹ bei der Willensverneinung,
Charakterbegriff als bloße Abstraktion aus Hand- diese vorpersonale Wahl als eine Art Selbstobjektivie-
lungsbeschreibungen interpretiert und angenommen rung des metaphysischen Willens auffassen müssen
wird, dass Charaktereigenschaften vollständig von (s. Kap. 8.1) – womit dann aber personale Verantwort-
Handlungen abhängen (»esse sequitur operari«), fasst lichkeit gerade nicht begründet wäre.
Schopenhauer den intelligiblen Charakter als hand- Für die Determiniertheit des Willens im Bereich
lungsvorgelagert auf: Was der Mensch tut, lässt sich der Erscheinungen, also der willentlichen mensch-
aus dem erklären, was er ist (»operari sequitur esse«). lichen Handlungen, führt Schopenhauer im Haupt-
Anders als der empirische und der intelligible Charak- werk drei Argumente an:
ter ist die dritte von Schopenhauer angesetzte Form
des Charakters, der erworbene Charakter, keine 1) Der Wille im Bereich der Erscheinungen steht not-
Handlungsdisposition und erklärt keine Handlungen; wendig in Kausalrelationen. »Verursacht sein« und
es handelt sich vielmehr um die Kenntnis des eigenen »notwendig sein« aber sind nach Schopenhauer
empirischen Charakters: Wer einen erworbenen Cha- »durchaus identisch« und »Wechselbegriffe« (W I,
rakter hat, ein ›Mensch von Charakter‹ ist, ›weiß, was 338); daher sei alles, was verursacht ist, auch notwen-
er will‹, ist sich über seine Neigungen, Stärken und dig. Diese Gleichsetzung von »verursacht sein« und
Schwächen bewusst und wird sich entsprechend zu »notwendig sein« ist keinesfalls selbstverständlich;
verhalten wissen. gerade in der jüngeren Diskussion zur Willensfreiheit
Warum schreibt Schopenhauer dem Menschen ei- wird zunehmend die Möglichkeit erwogen, dass es
nen intelligiblen Charakter zu? Der Grund hierfür nicht-determinierende Handlungsursachen geben
wird im Hauptwerk nur angedeutet, in der »Preis- könnte (vgl. hierzu Keil 2007, 39–42); insbesonde-
schrift« (E, 93 f.) hingegen ausführlich erläutert: Er re Handlungsgründe scheinen Kandidaten hierfür
liegt im Bewusstsein der Verantwortlichkeit für eigene zu sein.
Taten, welches voraussetzt, dass wir »jede einzelne
That [der Person] dem freien Willen zuschreiben« 2) Den »Schein einer empirischen Freiheit des Wil-
(W I, 340) können. Der intelligible Charakter ver- lens« (W I, 342) erklärt Schopenhauer damit, dass uns
bürgt diese Möglichkeit: Er ist frei, weil der Wille als unser Charakter als determinierender Faktor unseres
Ding an sich, dessen Ausdruck der intelligible Cha- Handelns entweder gar nicht oder erst nach der Hand-
rakter ist, frei ist. Für Schopenhauer ist also das lung epistemisch zugänglich ist. Der intelligible Cha-
Sprachspiel der Verantwortlichkeit an Freiheitsunter- rakter tritt, weil er der in einem Individuum erschei-
stellungen gebunden: Soll jenes aufrechterhalten wer- nende Wille als Ding an sich ist, überhaupt nicht in
den, muss auch an diesen festgehalten werden. Anders den Erkenntnisbereich des Intellekts (W I, 342 f.). Der
als in den auf Hume zurückgehenden kompatibilisti- empirische Charakter andererseits ist uns erst a poste-
schen Theorien, die fast durchweg für eine Entkoppe- riori, d. h. nach unseren Entscheidungen, epistemisch
lung von Verantwortlichkeit und Freiheit plädieren zugänglich. So könnten wir im Januar darüber nach-
82 II Werk

denken, ob wir uns im Juli für eine Urlaubsreise in die Charakter für angeboren und unveränderlich: Velle
Berge oder für eine Großstadtreise entscheiden wer- non discitur. Scheinbare Änderungen des Charakters
den. Wie wir uns im Juli tatsächlich entscheiden wer- werden von ihm auf Änderungen der Motive zurück-
den, hängt von unserem intelligiblen Charakter ab, geführt, die durch das Medium der Erkenntnis auf
der uns aber grundsätzlich nicht zugänglich ist. Unse- den Menschen einwirken: Nicht das Wollen ändert
ren empirischen Charakter werden wir erst nach der sich, sondern, bedingt durch die Einwirkung anderer
Entscheidung im Juli kennen, da wir erst an unseren Motive, das Handeln. So könnte jemand einen Mord
Taten erkennen, was wir wollen. Weil uns also zum begehen wollen, sich aber hiervon durch den Gedan-
früheren Zeitpunkt weder intelligibler noch empiri- ken abhalten lassen, dass ihm eine empfindliche Strafe
scher Charakter zugänglich sind, werden wir uns, so droht. Die Tatsache, dass er unter dem Eindruck sei-
Schopenhauer, zu diesem Zeitpunkt (fälschlich) für ner möglichen Bestrafung von seinem Plan Abstand
frei halten. Damit ist sicherlich kein zwingendes Ar- nimmt, ließe nach Schopenhauer nicht den Schluss
gument für den Determinismus formuliert, aber ei- darauf zu, dass er diesen nicht mehr ausführen will,
nes, dass geeignet ist, ein allzu naives Vertrauen in un- sondern nur darauf, dass sein Handeln sich unter dem
sere vorphilosophische Unterstellung menschlicher Eindruck des neuen Motivs (der vorgestellten Strafe)
Willensfreiheit zu untergraben: Es könnte sein, dass geändert hat. Da beim Menschen – anders als beim
die determinierenden Faktoren unseres Handelns uns Tier, auf das nur anschauliche Vorstellungen als Moti-
aus prinzipiellen Gründen epistemisch nicht zugäng- ve wirken können – auch abstrakte Vorstellungen als
lich sind. Motive wirken können, ist sein Handeln ungleich
komplexer und schwerer berechenbar als das des Tie-
3) Angedeutet wird auch ein drittes, für die sprach- res; dies ändert nichts daran, dass »was der Mensch ei-
analytische Debatte um Willensfreiheit im 20. Jahr- gentlich und überhaupt will« (W I, 347) konstant
hundert zentrales Argument (vgl. W I, 343; ausführ- bleibt. Schopenhauers Festhalten an der These von der
licher E, 41–44): Selbst wenn die Überzeugung, dass Unveränderlichkeit des Charakters führt jedoch auch
wir anders hätten handeln können – auf die wir uns im zu einigen Forcierungen, wie insbesondere seine
Alltagsverständnis zu berufen pflegen, um Willens- kaum überzeugende Erklärung des Phänomens der
freiheit zu begründen – wahr ist, heißt das nicht, dass Reue zeigt: Während wir Reue im Allgemeinen gerade
wir frei gehandelt hätten, denn es könnte sein, dass das als Indikator für eine Veränderung des Wollens auf-
›Können‹ in dem Satz »Ich hätte anders handeln kön- fassen – der reuige Täter ist jemand, der jetzt etwas
nen« ›falls-gebunden‹ ist, d. h. dass dieser Satz aus- fundamental anderes will als der Täter und der ent-
zubuchstabieren ist als »Ich hätte anders handeln kön- sprechend andere Handlungsdispositionen hat als die
nen, falls X der Fall gewesen wäre«, und die im Kon- frühere Person –, bestimmt Schopenhauer sie als Ein-
ditionalsatz genannten Bedingungen können ihrer- sicht darin, dass ich »etwas Anderes that, als meinem
seits determiniert sein. Schopenhauer plädiert, eine Willen gemäß war« (W I, 349). Damit werden be-
spätere Debatte zwischen G. E. Moore und Austin stimmte Formen des Bedauerns darüber, dass man ei-
(vgl. hierzu Pothast 1978, 137–200) andeutungsweise gentlich Gewolltes nicht getan hat, erfasst, aber das
antizipierend, für eine konditionale Analyse von Phänomen der Reue wird verfehlt, da der Reuige er-
›Können‹, um zu zeigen, dass die auf die Wahrheit des kennt, dass das, was er einst getan hat, seinem frühe-
Satzes »Ich hätte anders handeln können« insistieren- ren Willen durchaus gemäß war, sich aber jetzt von
de Auffassung des Alltagsverstandes nicht ausrei- diesem distanziert.
chend ist, um Freiheit zu beweisen; sie lässt außer So eindeutig deterministisch die Argumentation
Acht, dass diese Aussage wahr sein, aber das ›Können‹ Schopenhauers in Bezug auf menschliche Handlun-
selbst durch Faktoren, die ihrerseits determiniert sind, gen auch ist, scheint er doch an mindestens zwei Stel-
restringiert sein könnte. len diesen Determinismus einzuschränken. Zum ei-
nen billigt er dem Menschen, der im Gegensatz zum
Wenn der Charakter gemäß dem Prinzip operari se- Tiere auch von abstrakten Vorstellungen als Motiven
quitur esse Handlungen gesetzesmäßig erklären soll, geleitet werden kann, eine Wahlentscheidung zwi-
kann er nicht in Abhängigkeit von Handlungen variie- schen den Motiven zu. Allerdings ist der Stellenwert
ren, sondern muss konstant sein (vgl. Koßler 2002, dieser »Wahlentscheidung« unklar. Wenn es sich um
93). Schopenhauer, dessen Charakterlehre eine aus- eine genuine Wahl, also eine Vorzugsentscheidung
geprägt nativistische Tendenz hat, erklärt daher den zwischen mindestens zwei Alternativen, handeln soll,
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 83

wird damit ein Freiheitsspielraum zugestanden, der mus – notwendig eintretenden Handlung führen. Die
mit einem Determinismus schwer in Einklang zu Determination unserer Handlungen ändert also
bringen ist. Es fragt sich dann, ob diese Wahl nicht – nichts daran, dass wir uns notwendig für frei halten
im Rahmen des Determinismus konsequent – ihrer- müssen, weil wir uns entscheiden müssen, eben diese
seits als determiniert zu gelten hat, so dass der Ein- Handlungen herbeizuführen.
druck, dass wir zwischen verschiedenen Motiven
wählen könnten, als ebenso illusionär einzustufen ist
Philosophischer Pessimismus
wie derjenige der Willensfreiheit. Wenn andererseits
kein Freiheitsspielraum zugestanden werden soll, son- Dem Etikett ›philosophischer Pessimismus‹ verdankt
dern der Mensch lediglich »Kampfplatz des Konflikts Schopenhauers Philosophie einen Großteil ihrer Po-
der Motive ist« (W I, 355), »davon das stärkere ihn pularität. Schopenhauers Pessimismus formuliert eine
dann mit Nothwendigkeit bestimmt« (W I, 351), Antwort auf die Frage nach dem Wert des Lebens (vgl.
scheint der Ausdruck »Wahlentscheidung« zur Be- Janaway 1999a, 318). Er besagt im Kern, dass das Le-
zeichnung dieses Motivkonflikts irreführend. Mögli- ben »etwas ist, das besser nicht wäre« (W II, 662), und
cherweise lässt sich Schopenhauers Hinweis auf die dass das Nichtsein dem Dasein vorzuziehen ist (W II,
Möglichkeit einer Wahlentscheidung wie folgt verste- 661). Zur Begründung dieser Ansicht, die auch in der
hen: Spezifikum des Menschen ist, dass er durch Ur- jüngeren philosophischen Diskussion Anhänger fin-
sachen einer bestimmten Art, nämlich durch »Grün- det (vgl. z. B. Benatar 2006), werden im Wesentlichen
de« (W I, 351), die er als besser oder schlechter, mehr die folgenden Behauptungen angeführt:
oder weniger überzeugend einstufen kann, bestimmt
werden kann, und dies rechtfertigt es, ihm die Mög- (1) Alles Leben ist Leiden.
lichkeit einer »Wahlentscheidung« zuzusprechen. Um (2) Individuelles Glück ist unmöglich.
von einer (eingeschränkten) Freiheit im Bereich (3) Die Nutzenbilanz eines jeden Lebens ist negativ.
menschlichen Handelns sprechen zu können, wäre (4) Angesichts der bloßen Existenz von Übel und
demnach weder Akausalität noch eine spezifische Ak- Leiden ist das Dasein abzulehnen.
teurskausalität erforderlich, sondern lediglich, dass
bestimmte Kausalfaktoren – eben Gründe – eine Die erste These wird aus der schon im zweiten Buch
Handlung determinieren (vgl. hierzu auch E, 33–36). des Hauptwerks fixierten Bedeutung der Ausdrücke
Noch in anderer Hinsicht schränkt Schopenhauer »Wille« und »Leiden« abgeleitet. Der Anwendungs-
einen strengen Determinismus ein. Er streitet ab, dass bereich des Ausdrucks »Wille« war mit dem Analo-
die Unveränderlichkeit des Charakters es überflüssig gieschluss in § 19 über den Bereich der mit Bewusst-
mache, sich um dessen Besserung zu bemühen: Man sein ausgestatteten und zu intentionalen Akten be-
müsse sich um die Besserung des eigenen Charakters fähigten Wesen hinaus auf die gesamte Vorstellungs-
bemühen, weil die Tatsache, dass man dies tue, eben welt ausgedehnt worden, so dass »die Welt« – nicht
Teil der Ursachen dafür sei, dass die Handlung als Pro- nur die bewusstseinsfähigen Wesen in ihr – als Wille
dukt von Motiv und Charakter dann notwendig statt- aufgefasst werden konnte. Gilt aber die Welt als Wille
finde. Da wir unseren Charakter erst a posteriori, aus und gilt weiterhin, wie Schopenhauer definitorisch
unseren Handlungen, erkennen, können wir ihm festsetzt, jede »Hemmung des Willens durch ein Hin-
auch nicht »vorgreifen«, sondern müssen genau das dernis, welches sich zwischen ihn und sein einstwei-
tun, was wir später als Teil einer notwendig zur Hand- liges Ziel stellt« (W I, 365), als Leiden, so ist auch Lei-
lung führenden Ursachenkette erkennen werden. In den nicht notwendig empfundenes Leiden. Schopen-
diesen Ausführungen kann man ein Argument ange- hauers Ethik ist eine Leidensethik in dem Sinne, dass
deutet sehen, das im 20. Jahrhundert von Vertretern sie die Welt als Leidensgeschehen auffasst. Ebenso wie
des epistemischen Indeterminismus formuliert wird die Welt auch dort Wille ist, wo keinerlei Intentionali-
(vgl. bes. MacKay 1978): Wenn, wie der Determinis- tät oder Bewusstsein vorliegt, ist das Dasein auch dort
mus behauptet, unsere Handlungen determiniert Leiden, wo dieses nicht als solches empfunden wird.
sind, ändert dies nichts daran, dass diese Handlungen Allerdings bedeutet dies – worüber Schopenhauers
von unseren Entscheidungen abhängen und wir diese suggestive Verwendung des Leidensbegriffs leicht
nicht an eine Schicksalsmacht »delegieren« können. hinwegtäuscht –, dass die Frage, wieso dieses Leidens-
Die Entscheidungen sind Teil der Kausalkette, die geschehen nicht sein soll, als eine offene, d. h. nicht-
dann zu der – unter Voraussetzung des Determinis- triviale und nicht bereits durch die Bedeutung des
84 II Werk

Ausdrucks ›Leiden‹ beantwortete Frage anzusehen ist. den kann, streitet Schopenhauer nicht ab (vgl. W I,
Aus der Annahme, dass alles Leben Leiden ist, folgt, 376). Damit provoziert er den Einwand, dass indivi-
setzt man Schopenhauers weiten Leidensbegriff vo- duelles Lebensglück statt von der Anzahl und Dauer
raus, weder, dass Leben nicht sein sollte, noch auch von Glücksmomenten von deren Intensität abhängen
nur, dass Leiden beseitigt oder gelindert werden sollte. und dass eine kurzzeitige Glücksempfindung derma-
Sie ist kompatibel mit einer trotzigen Lebens- und Lei- ßen intensiv sein könnte, dass das vorhergehende Lei-
densbejahung, etwa im Sinne von Nietzsches »Jasagen den durch sie kompensiert wird. Zweitens beruht
ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, Schopenhauers Analyse auf der Annahme, dass wir,
zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins wenn wir etwas erstreben, notwendig der intellektua-
selbst« (Geburt der Tragödie, § 2; KSA 6, 311). Ein phi- listischen Illusion anheimfallen würden, dass wir es
losophischer Pessimismus wird also durch (1) allein erstreben würden, weil es von unserem Wollen un-
nicht begründet. abhängige Werteigenschaften besitzt. Es ist aber nicht
Das Argument für These (2) entwickelt Schopen- ersichtlich, warum wir dieser Illusion anheimfallen
hauer konsequent aus seiner Anthropologie, ins- müssten. Häufig empfinden wir das Streben selbst als
besondere der Behauptung eines Primats des Wollens positiv und beglückend (vgl. Janaway 1999a, 333;
gegenüber dem Erkennen (vgl. W II, Kap. 19). Es lässt Birnbacher 2009, 106 f.; Soll 2012, 303; kritisch hierzu
sich wie folgt rekonstruieren: Da der Mensch ein pri- in Anknüpfung an Schopenhauer: Benatar 2006, 76–
mär wollendes, erst sekundär erkennendes Wesen ist, 81). Jemand kann z. B. illusionslos der Tatsache ins
liegt der Grund dafür, dass wir bestimmte Dinge an- Auge blicken, dass die Erreichung eines lang erstreb-
streben, nicht darin, dass wir zunächst erkennen wür- ten beruflichen Ziels ihm kein langandauerndes Glück
den, dass sie Werteigenschaften hätten, die ihnen un- bescheren wird, aber das Erstreben dieses Ziels und
abhängig von unserem Wollen zukämen; vielmehr gilt die Überwindung von Hindernissen auf dem Weg zu
umgekehrt, dass sie uns wertvoll erscheinen, weil wir seiner Erreichung als beglückend empfinden. Drittens
sie wollen, also ihren Besitz wünschen. Wenn aber ein nimmt Schopenhauer an, dass Güter und Vorteile –
begehrtes Objekt erlangt wird, entschwindet damit etwa Jugend, Gesundheit und Freiheit – uns, solange
auch das Begehren. Ein Wunsch, der erfüllt wird, hört sie präsent sind, nicht bewusst sind, sondern nur,
auf zu existieren, weil wir diesen Wunsch nur solange wenn wir ihrer ermangeln, d. h. wenn wir sie entweder
besitzen, wie er nicht erfüllt wird. Also entschwindet erstreben, also noch nicht besitzen, oder wenn wir sie
mit der Erfüllung eines Wunsches auch genau das, was verloren haben, also nicht mehr besitzen. Glück, so
das gewünschte Objekt wertvoll erscheinen ließ. Wo drückt es Schopenhauer aus, ist wesentlich negativ
wir erreichen, was wir erstrebten, verliert dieses Ob- (vgl. W I, 376). Gegenstand einer Glücksempfindung
jekt seinen Reiz, denn es erschien uns nur deswegen könne nur die Aufhebung eines Mangels sein, aber
wertvoll, weil wir es erstrebten, und nur solange, wie nicht das Gut selbst, dessen wir ermangeln. Das
wir es begehrten: »Das Ziel war nur scheinbar: der Be- stimmt jedoch nur eingeschränkt: Selbst wenn wir be-
sitz nimmt den Reiz weg« (WI, 370). Statt einer stimmte Güter, sofern wir sie besitzen, nicht aktual
Glücksempfindung kann daher nach der Erfüllung ei- wahrnehmen, können wir uns ihrer dennoch – zu-
nes Wunsches nur entweder ein neues Wollen ent- mindest dispositional – bewusst sein. Der Gesunde
stehen oder aber Langeweile eintreten; letztere be- nimmt zwar im Allgemeinen seine Gesundheit nicht
schreibt Schopenhauer eindringlich als einen Zu- in gleicher Weise wahr wie deren Einschränkung oder
stand, in dem die Dinge uns farblos und uninteressant Verlust, aber er kann sich des Besitzes dieses Gutes
erscheinen, eben weil wir sie nicht mehr erstreben. So durchaus in dem Sinne bewusst sein, dass ihn Stim-
ist das Leben des Menschen, das mit Glücksverspre- mungen wie Dankbarkeit oder Zufriedenheit mit der
chungen lockt, die es nicht einhalten kann, ein »Pen- eigenen Lebenssituation auch dann begleiten, wenn er
deln zwischen Schmerz und Langeweile« (W I, 368), das fragliche Gut nicht aktual wahrnimmt.
ein »fortgesetzter Betrug« (W II, 657). These (3) wird als »Bestätigung a posteriori« (W I,
Schopenhauers Leugnung von Glück ist mit min- 382) der in (2) aufgestellten Behauptung über die Un-
destens drei Problemen konfrontiert: Erstens zeigt er möglichkeit des Glücks aufgefasst. »Das Leben«, so
keinesfalls die Unmöglichkeit von Glück, sondern al- Schopenhauer, sei auch für den Einzelnen »ein Ge-
lenfalls die Unmöglichkeit andauernden Glücks (vgl. schäft, das nicht die Kosten deckt« (W II, 658), und
Soll 2012, 304–306). Dass die Erfüllung eines Begeh- wohl niemand würde am Ende seines Lebens aufrich-
rens zumindest kurzzeitig als Glück empfunden wer- tig wünschen können, es noch einmal durchzuma-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 85

chen (W I, 382). Dies ist eine empirische Behauptung, rische Verneinung der Optimismusthese zu einer
und sie ist, in dieser Allgemeinheit – auf jedes Leben konträren verschärft. Die Annahme, dass die Welt die
bezogen – formuliert, empirisch sehr unplausibel. Ih- schlechteste aller möglichen Welten sei, ist allerdings
re Begründung würde erfordern, die Selbstauskunft – wenngleich Schopenhauer sie durch kosmologische
zumindest einiger Individuen, die von ihrem Leben und biologische Erwägungen zu stützen versucht (vgl.
behaupten würden, dass es eine positive Nutzenbilanz W II, 669–671) – intuitiv ebenso wenig einleuchtend
aufweist, als irrig nachzuweisen. Zudem wird mit ihr wie diejenige, dass sie die beste aller möglichen sei, da
ausgeblendet, dass der Wert des Lebens sich an ande- zu jedem Weltzustand sowohl ein besserer als auch ein
ren Faktoren bemessen könnte als der individuellen schlechterer zumindest denkbar ist. Die Mahnung,
Nutzenbilanz. Auch ein Leben mit einer negativen das Leiden in der Welt ernstzunehmen, kann daher
Nutzenbilanz könnte insgesamt als positiv eingestuft schwerlich die Hauptthese des philosophischen Pessi-
werden, etwa weil in ihm von der Empfindung des mismus begründen, dass die Welt schlechthin nicht
Subjekts ganz unabhängige Werte – z. B. Erkenntnis sein sollte.
oder die Produktion eines Kunstwerks – realisiert
wurden. Schopenhauers Eudämonismus, d. h. die he-
Unvergänglichkeit
donistische Wertbasis seiner Ethik (vgl. Janaway
1999a, 334; Birnbacher 2009, 93), die erstmals von Die pessimistische Stoßrichtung der Ethik Schopen-
Nietzsche kritisiert wurde (vgl. Gemes/Janaway 2012, hauers wird nicht dadurch abgeschwächt, dass diese
290 f.), lässt ihn die Möglichkeit ignorieren, dass ein auch eine Lehre der »Unzerstörbarkeit unseres We-
Leben als Ganzes auch dann als glücklich eingestuft sens« durch den Tod beinhaltet. Deren Kernaussage
werden könnte, wenn in ihm die Momente subjekti- ist, dass der Tod nur dem Bereich der Erscheinungen
ven Unglücks diejenigen des Glücks überwiegen. zugehört, der Wille als Ding an sich hiervon jedoch
Die in (4) ausgedrückte Überzeugung, dass die unberührt bleibt. Zwar ist das Leben des Individuums
Welt angesichts der bloßen Existenz des Übels nicht als »stetes Sterben« auf den Tod als dessen Ziel- und
gerechtfertigt sei, richtet sich, mit polemischem Bezug Endpunkt bezogen (W I, 367). Der Tod des Individu-
vor allem auf Leibnizens Theodizee, gegen den Ver- ums steht jedoch in zeitlichen Relationen, ist also dem
such, vorhandenes Leiden als notwendig zur För- Bereich der Erscheinungen zugeordnet. Der Wille als
derung eines überindividuellen Gesamtglücks zu Ding an sich hingegen steht außerhalb von Zeit und
rechtfertigen. Solche leidensquantifizierenden Argu- Raum und ist insofern »ewig«. Er wird vom Tod nicht
mente lehnt Schopenhauer ab, denn »dass Tausende berührt: Unser Wesenskern, der metaphysische Wille,
in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe ja nie die ist unvergänglich (vgl. hierzu z. B. Jacquette 1999,
Angst und Todesmarter eines Einzigen auf« (W II, 293–300).
661). Den Versuch, vorhandenes Leiden dadurch zu Aus zwei Gründen ist diese Unvergänglichkeitsthe-
relativieren, dass es als einem Gesamtglück zuträglich se mit keinerlei Trostfunktion verbunden. Zum einen
nachgewiesen wird, sieht er als kennzeichnend für geht mit ihr kein Gedanke an individuelle Seelen-
den philosophischen Optimismus an, den er eben unsterblichkeit einher, weshalb Schopenhauer den
deswegen als eine »wahrhaft ruchlose Denkungsart« »prahlerischen Namen der Unsterblichkeit« (W II,
(W I, 385), als einen Zynismus gegenüber individuel- 551) zur Bezeichnung dieses Theoriebestandteils ab-
lem Leiden, brandmarkt. So verstanden, läuft These lehnt. Die Unvergänglichkeit des Willens als Ding an
(4) auf einen Appell hinaus, das vorhandene Leiden sich fällt für das Individuum mit der Fortdauer der
der Welt nüchtern und illusionslos zur Kenntnis zu Außenwelt zusammen, und aus der Einsicht hierin
nehmen (vgl. Birnbacher 2009, 92 f.). lässt sich keine Hoffnung auf individuelles Fortleben
Allerdings ist damit nicht gezeigt, dass die Welt gewinnen. Sie bietet auch keinen Trost für den Ego-
grundsätzlich nicht sein sollte, sondern allenfalls, dass ismus des Individuums, da sie nichts daran ändert,
sie so, wie sie ist – angesichts des in ihr vorhandenen dass die Erfüllung individueller Interessen und Wün-
Leidens –, nicht sein sollte. Es kennzeichnet Schopen- sche mit dem Tod des Individuums unterbunden wird
hauers Neigung zu rhetorischer Überspitzung, dass er (vgl. W I, 333). Zudem bietet Schopenhauers Unver-
von der Verneinung der Leibnizschen These, die Welt gänglichkeitslehre keinen Ansatzpunkt dafür, gerade
sei die beste aller möglichen Welten, recht umstands- in der Auflösung der Individualität durch den Tod
los zu derjenigen übergeht, dass sie die schlechteste al- und dem Überdauern des überindividuellen Wesens-
ler möglichen Welten sei, und damit die kontradikto- kerns, des Willens als Ding an sich, einen Trost zu er-
86 II Werk

blicken. Da der Wille als Ding an sich bei Schopen- nach die Tendenz, sein Wollen auf Kosten des Wohl-
hauer als ziel- und zweckloses Streben negativ kon- ergehens der anderen durchzusetzen und in deren
notiert und als Urgrund des Leidensgeschehens gera- Willensbestrebungen einzugreifen. Grundlage dieser
de zu verneinen ist, ist sein Überdauern frei von jeder sozialanthropologischen Annahme ist die erkenntnis-
Heilsversprechung. Das Fortbestehen des Wesens- theoretische These, dass dem Individuum die anderen
kerns des Menschen angesichts seines individuellen Individuen im Normalfall nur Erscheinungen, Objek-
Untergangs enthält daher nichts Hoffnungsvolles. te unter anderen Objekten sind und deren Wohlerge-
hen und Leiden daher für das eigene Handeln stets ge-
ringere Bedeutung haben als das eigene. Nur in dem
Bejahung des Willens und Staatsphilosophie
Ausmaß, in dem das Individuationsprinzip durch-
Die Ausdrücke »Bejahung des Willens zum Leben« schaut wird und die anderen Individuen nicht mehr
und »Verneinung des Willens zum Leben« werden nur als Erscheinungen, sondern als ›Ich noch einmal‹
von Schopenhauer in einem sehr eigenwilligen Sinne wahrgenommen werden, kann der Egoismus über-
verwendet. Während man intuitiv dazu neigt, den da- wunden werden.
mit bezeichneten Gegensatz als konträren aufzufassen Die These, dass der Mensch von Natur aus ein ego-
– also einen Zwischenbereich anzusetzen, in dem man istisches, auf die Förderung des eigenen Wohls auch
dem Willen zum Leben weder bejahend noch vernei- auf Kosten des Wohls der anderen bedachtes Wesen
nend, sondern z. B. in der Haltung der Indifferenz ist, erinnert an die pessimistische Sozialanthropolo-
oder der Ironie gegenübertreten kann –, wird er bei gie, die Hobbes – auf den sich Schopenhauer in die-
Schopenhauer als kontradiktorischer verstanden, so sem Zusammenhang zustimmend beruft (W I, 393,
dass gilt, dass wir den Willen zum Leben notwendig 408) – seiner Staatsphilosophie zugrunde legt. Auch
entweder bejahen oder verneinen: tertium non datur. die im § 62 dargestellte Staats- und Rechtsphilosophie
Diese strikte Dichotomisierung ergibt sich aus den Schopenhauers bewegt sich weitgehend in den Spuren
willensmetaphysischen Prämissen der Schopenhauer- der von Hobbes entwickelten kontraktualistischen
schen Ethik, da es auch hier zu Wollen oder Nicht- Theorie, wenngleich die Rechtfertigungsfigur des Ver-
Wollen keine Alternative gibt. Zudem versteht man trags bei Schopenhauer nicht die gleiche zentrale Rol-
unter »Bejahung« im Allgemeinen eine – mehr oder le spielt wie im klassischen Kontraktualismus. Das
minder reflektierte – Einstellung oder Haltung zu Grundanliegen des Kontraktualismus ist es nach-
dem, was bejaht wird. Schopenhauer hingegen fasst zuweisen, dass die Einrichtung eines Staates und sei-
Willensbejahung, wenngleich er sie gelegentlich auch ner Institutionen im aufgeklärten Eigeninteresse des
als »Haltung« bezeichnet, im Allgemeinen und primär Individuums liegt. Dieser Idee folgt Schopenhauer:
gerade nicht als Haltung, geschweige denn als eine re- Ihm zufolge liegt die Aufgabe des positiven Rechts
flektierte Haltung zum Wollen auf, sondern identifi- nicht etwa darin, den Egoismus der Menschen zu
ziert sie mit dem Wollen: »Die Bejahung des Willens überwinden – was eine illusionäre Zielvorgabe wäre –,
ist das von keiner Erkenntniß gestörte beständige sondern darin, das wohlverstandene Eigeninteresse
Wollen selbst« (W I, 385). Unmittelbarer Ausdruck des Individuums zu schützen, indem es die negativen
der Willensbejahung ist nicht etwa ein positiv werten- Folgen eines unbegrenzten Egoismus unterbindet.
des Urteil über das Wollen, sondern das Wollen selbst, Bliebe der individuelle Egoismus ungezügelt, müssten
wie es sich für Schopenhauer am deutlichsten im Ge- Individuen, ähnlich wie es im Hobbesschen Ur-
schlechtstrieb kundtut, dessen eingehender Erörte- zustand des bellum omnium contra omnes der Fall ist,
rung er das berühmte Kapitel »Metaphysik der Ge- stets mit Übergriffen anderer Individuen in ihre Wil-
schlechtsliebe« im zweiten Band der Welt als Wille und lensbestrebungen rechnen. Das egoistische Interesse
Vorstellung widmet. der Individuen daran, dass solche Übergriffe vermie-
Der Mensch ist, so die grundlegende These Scho- den werden, kann am effektivsten geschützt werden,
penhauers, als Objektivation des Willens ein durch wenn jeder bereit ist, sich selbst Restriktionen bei der
und durch wollendes, also (normalerweise) den Wil- Verfolgung eigener Willensbestrebungen aufzuerle-
len zum Leben bejahendes Wesen. Darüber hinaus gen, und dafür der Etablierung einer mit Sanktions-
vertritt er die weitergehende Ansicht, dass die Beja- macht ausgestatteten Gewalt, des Staates und seiner
hung des Willens beim Menschen normalerweise, Institutionen, zustimmt, die sicherstellt, dass auch an-
d. h. sofern er im Individuationsprinzip verharrt, die dere sich diesen Restriktionen zu unterwerfen haben.
Form des Egoismus annimmt. Der Mensch hat dem- Positives Recht hat es also – anders als Recht und Un-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 87

recht als moralische Kategorien – nicht mit den Ge- Willensgeschehens in den Blick. Unter der Perspektive
sinnungen der Menschen, sondern ausschließlich mit eines Willensmonismus muss das gesamte Leidens-
den Auswirkungen ihrer Handlungen auf andere zu geschehen als Ausprägung dieses einen metaphysi-
tun. Der Staat hat nicht zur Moral zu erziehen, son- schen Prinzips, des Willens, gesehen werden. Meta-
dern als ›Nachtwächterstaat‹ die vitalen Interessen des physisch betrachtet besteht daher zwischen dem Lei-
Einzelnen zu schützen. Er ist ein Instrument des auf- den Zufügenden und dem es Erleidenden kein Unter-
geklärten Egoismus. schied: »Der Quäler und der Gequälte sind Eines«
Auch die Rechtfertigung einzelner staatlicher Insti- (W I, 419). Jede Zufügung von Leiden ist demnach ein
tutionen orientiert sich bei Schopenhauer an der Idee Zeichen dessen, dass der Wille »die Zähne in sein ei-
des Schutzes individueller Interessen vor den Über- genes Fleisch schlägt, nicht wissend, daß er immer nur
griffen anderer. Die staatliche Institution des Strafens sich selbst verletzt« (W I, 418). Es herrscht metaphysi-
rechtfertigt er – in Abgrenzung zur Vergeltungstheorie sche Gerechtigkeit, so dass aus dieser Perspektive über
der Strafe, welche die Strafe als eine angemessene Re- das Geschehen »von keiner Seite weiter eine Klage zu
aktion auf ein bereits geschehenes Übel legitimiert – erheben ist« (W I, 390).
durch eine Theorie der negativen Generalprävention Irritierend ist die Lehre von der ewigen Gerechtig-
(vgl. hierzu Hoerster 1972). Ihr zufolge liegt die Recht- keit, weil sie die Annahme nahelegt, Schopenhauer
fertigung der Strafe in dem Ausmaß, in dem sie durch wolle jegliches Leiden als selbstverschuldet und vom
Abschreckung (›negativ‹) zukünftige Straftaten nicht Leidenden verdient kennzeichnen (vgl. Hauskeller
nur des bestraften Täters, sondern jedes potentiellen 1998, 69–82). Dieser Eindruck täuscht jedoch. Für
zukünftigen Täters (›generell‹) zu verhindern oder un- den Bereich der Erscheinungen, in dem der Unter-
wahrscheinlich zu machen geeignet ist. Die Leidens- schied zwischen dem Leiden Zufügenden und dem es
zufügung durch die Strafe wird dabei als ein in Kauf zu Erleidenden gewahrt bleibt, und die in diesem Bereich
nehmendes Übel angesehen, das notwendig ist, um das stattfindenden Zuschreibungen von Schuld und Ver-
Interesse der Bürger daran, in Zukunft keine Opfer von dienst hat die These von der metaphysischen Gerech-
Straftaten zu werden, bestmöglich zu schützen. Scho- tigkeit keine Konsequenzen und ist nicht schuldent-
penhauer geht so weit zu sagen, dass, »wo möglich, das lastend. Nur aus der Perspektive dessen, der das Indi-
scheinbare Leiden [der Strafe] das wirkliche überwie- viduationsprinzip durchschaut, der sich also nicht
gen sollte« (W II, 686), so dass, wenn eine fingierte mehr auf den Bereich der Erscheinungen und Indivi-
Strafvollstreckung den gewünschten Abschreckungs- duationen des Willens bezieht, wird das Leidens-
effekt zeitigt, auf deren faktische Vollstreckung ver- geschehen sich als eines enthüllen, in dem zwischen
zichtet werden kann. Im Hintergrund dieser Straftheo- Quäler und Gequältem nicht mehr unterschieden
rie steht Schopenhauers Willensdeterminismus: Wenn werden kann und in dem daher keinerlei Anhalts-
der Charakter eines Menschen, seine Disposition, auf punkte dafür bestehen, individuelle Schuld zu-
Motive auf eine bestimmte Weise zu reagieren, und zuschreiben. Zudem sollte ›Gerechtigkeit‹ im Kontext
sein charakterbedingtes Wollen unveränderlich sind, der Lehre von der ewigen Gerechtigkeit eher als ein
kann eine Strafe niemals im strengen Sinne als verdient quasi-ästhetischer denn als ein normativer Ausdruck
gelten, weil der Straftäter ja nicht anders konnte, als die aufgefasst werden. Er hat keinerlei präskriptive Impli-
Straftat zu begehen. Darum kann die Strafe nicht ei- kationen, besagt also nicht, dass das in dieser Weise als
gentlich auf die Person, die ja zu ihrem Handeln deter- gerecht Bezeichnete sein soll. Vielmehr akzentuiert
miniert war, sondern nur auf deren beobachtbare Ta- der Ausdruck hier das sich in metaphysischer Hin-
ten gerichtet und der Täter »bloß der Stoff [sein], an sicht einstellende Gleichgewicht zwischen zugefüg-
dem die That gestraft wird; damit dem Gesetze, wel- tem und erlittenem Leiden. Die Affinität zur Ästhetik
chem zu Folge die Strafe eintritt, die Kraft abzuschre- wird auch dadurch unterstrichen, dass die Erkenntnis
cken bleibe« (W II, 685). ewiger Gerechtigkeit mit der Schau der Ideen gleich-
gesetzt, also mit ästhetischer Kontemplation analogi-
siert wird (vgl. W I, 418).
Ewige Gerechtigkeit
Die Lehre von der ewigen Gerechtigkeit verweist
Während der Staat für die zeitliche Gerechtigkeit zu- auf ein wesentliches Element der Lehre von der Wil-
ständig ist, betrifft die Lehre von der ›ewigen Gerech- lensverneinung: Indem sie das Leidensgeschehen
tigkeit‹ die Betrachtung des Leidens sub specie aeterni- über Individuengrenzen hinweg als Ausprägung eines
tatis. In ihr kommt das Leiden als Ausprägung eines metaphysischen Willens in den Blick nimmt, macht
88 II Werk

sie deutlich, dass eine Überwindung dieses Leidens Erkenntnisbegriff bei Schopenhauer auf problemati-
nur durch eine Verneinung des Willens als Ganzem sche Weise unterbestimmt; es lässt sich hierüber je-
möglich ist (vgl. Malter 1991, 375). Sie verweist auf die doch immerhin so viel sagen: (1) Die dem tugendhaf-
Beschränktheit der Rolle der zeitlichen Gerechtigkeit ten Handeln zugrunde liegende Erkenntnis ist intuitiv.
bei der Überwindung des Leidens: Wer das Leidens- Das bedeutet nicht, dass zu ihrer Erklärung ein beson-
geschehen durchbrechen will, kann dies angesichts deres Erkenntnisvermögen der Intuition in Anspruch
der metaphysischen Identität von Quäler und Gequäl- genommen werden müsste, sondern zum einen, dass
tem nicht durch die Verneinung des Individualwillens es sich um eine anschauliche, d. h. nicht abstrakt-dis-
des Täters tun, sondern nur durch die Verneinung des kursive Erkenntnis, zum anderen, dass es sich um eine
metaphysischen Willens selbst. nicht-inferentielle, also nicht aus anderen Erkenntnis-
sen abgeleitete und insofern »unmittelbare« Erkennt-
nis handelt. (2) Schopenhauer glaubt, mit dem Hin-
Schopenhauers Tugendlehre
weis auf Mitleid – anders als Kant, der eben dies ver-
Ein wesentlicher Bestandteil der Ethik Schopenhauers säumt habe – eine Motivationsquelle der Moral nach-
ist seine Tugendlehre, in deren Zentrum die Fragen gewiesen zu haben. Die Erkenntnis, auf der Mitleid
nach dem Ursprung moralischen Handelns und den als »kognitives Gefühl« (Hauskeller 1998, 46) basiert,
Kriterien der Moralität stehen. Sie ist aufs engste mit muss daher selbst als handlungsmotivierend gedacht
seiner Metaphysik verknüpft, denn der moralische werden. Sie kann nicht ein rein propositionales Wis-
Wert einer Handlung wird nach dem Ausmaß bemes- sen, dass jemand anders leidet, sein (da dieses nicht
sen, in dem der Handelnde zur Durchschauung des handlungsmotivierend wäre), sondern muss eo ipso
Individuationsprinzips gelangt und die metaphysi- mit einer Handlungstendenz in Form des Bestrebens,
sche Einheit aller Wesen als Willensobjektivationen Leiden zu minimieren, verbunden sein. Eine genauere
zu erkennen vermag. Der »böse Wille« ist, nebst sei- Explikation des Erkenntnisbegriffes hätte zu erläu-
ner Heftigkeit, durch seine Befangenheit im Indivi- tern, wie dies möglich ist.
duationsprinzip gekennzeichnet; die anderen Indivi- Zwar ist es angesichts der prozessualen Darstellung
duen sind ihm bloße Erscheinungen. Der tugendhafte der Abfolge von Gerechtigkeit, Menschenliebe und
Charakter hingegen wird dadurch charakterisiert, Mitleid im Hauptwerk exegetisch unklar, ob Scho-
dass er »weniger, als sonst geschieht, einen Unter- penhauer hier ebenso wie in der »Preisschrift« auch
schied macht zwischen Sich und Andern« (W I, 439), Gerechtigkeit auf Mitleid zurückführen möchte, aber
also das Individuationsprinzip als scheinhaft erkennt. der Sache nach besteht kein Zweifel, dass auch ge-
Da das Leben essentiell Leiden ist, wird ihm damit rechtes Handeln – als Handeln, das uneigennützig ist
auch der Unterschied zwischen eigenem und frem- und vom Leiden des anderen, auf dessen Vermeidung
dem Leiden weniger bedeutsam. Der das Individuati- es abzielt, motiviert ist – als mitleidsbasiert verstan-
onsprinzip Durchschauende wird, anders als der da- den wird. Dies wirkt intuitiv unplausibel, würde man
rin Befangene, vom Leiden der anderen in gleicher doch z. B. die Handlungen des Gerechtigkeit aus-
Weise motiviert werden wie sonst nur von seinem ei- übenden Richters gerade nicht als Handlungen aus
genen. Darum identifiziert Schopenhauer echte Men- Mitleid einstufen. Der Anschein der Kontraintuitivi-
schenliebe mit Mitleid und erhebt – in Die Welt als tät verschwindet jedoch, wenn man berücksichtigt,
Wille und Vorstellung nur in einem Paragraphen, aus- dass Mitleid für Schopenhauer kein bloßes Gefühl,
führlicher und weitgehend unabhängig von willens- sondern in dem Sinne universalisierbar ist, dass es
metaphysischen Prämissen dann in der »Preisschrift sich nicht nur auf aktuell wahrnehmbare Leidens-
über die Grundlage der Moral« (s. Kap. 8.2) – Mitleid zustände, sondern auch auf antizipiertes oder vergan-
zum Zentralbegriff seiner Ethik. Seine Tugendlehre ist genes, also nicht unmittelbar wahrgenommenes Lei-
also gesinnungsethischer Natur; der moralische Wert den beziehen kann (vgl. Birnbacher 1990, 30 f.). Auch
einer Handlung bemisst sich ihr zufolge nicht etwa an das Handeln des Richters kann daher insofern als
ihren Folgen, sondern einzig an der Motivlage, aus der mitleidsbasiert verstanden werden, als er bei seiner
heraus sie vollzogen wird. Verurteilung die Leidensfähigkeit potentieller weite-
Indem Schopenhauer als Grundlage der Tugend- rer Opfer des zu verurteilenden Täters berücksichtigt.
haftigkeit die Erkenntnis der Scheinhaftigkeit des In- Dass Mitleid für Schopenhauer nicht an unmittel-
dividuationsprinzips ansetzt, akzentuiert er die kogni- bares affektives Betroffensein gebunden ist, zeigen ei-
tive Komponente moralischen Handelns. Zwar ist der nige der von ihm gewählten Beispiele, etwa der Ver-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 89

weis auf Fälle von Selbstaufopferung zugunsten des- ihr wird die Verneinung des Willens, das Aufhören al-
sen, »was der gesammten Menschheit zum Wohle ge- len Wollens als Kulminationspunkt und als »der letzte
reicht« (W I, 443). Der von Tugendhat (vgl. Tugendhat Zweck« (W II, 698) des menschlichen Daseins dar-
1993, 177–196) gegen die Mitleidsethik erhobene gestellt. Für Schopenhauer ist also nicht Moralität der
Vorwurf, Mitleid sei als ein bloß punktuelles Gefühl höchstmögliche zu erreichende Zustand des Men-
nicht universalisierbar, geht daher an der Konzeption schen, sondern Willensverneinung. Exemplifiziert
Schopenhauers vorbei. Der universalistische An- wird Willensverneinung durch die Lebensweise der
spruch der Mitleidsethik zeigt sich auch in der Ein- Asketen und Heiligen, deren Zustand Schopenhauer
beziehung der Tiere, die nach Schopenhauer – der als als einen hedonisch eindeutig positiv getönten be-
einer der Pioniere der Tierethik gilt – als leidensfähi- schreibt, als »unerschütterliche[n] Friede[n], [...] tiefe
ge Wesen ebenso als Objekte der moralischen Rück- Ruhe und innige Heiterkeit« (W I, 461).
sichtnahme zu gelten haben wie Menschen. Hieran Auch das Verhältnis der Ethik im engeren zur Ethik
knüpft in neuerer Zeit z. B. Ursula Wolf in ihrer Kon- im weiteren Sinne ist nicht frei von Spannungen. Die
zeption des generalisierten Mitleids an (vgl. Wolf Lehre von der Willensverneinung geht aus der Tu-
1990, Kap. III. 6, 7). gendlehre einerseits zwanglos hervor, denn Willens-
Auch für die gegenwärtige moralphilosophische verneinung wird als eine weitergehende Folge jener
Diskussion ist Schopenhauers Tugendlehre noch von Durchschauung des Individuationsprinzips verstan-
Interesse. Dabei bemüht man sich, ihre Grundideen den, die schon die Möglichkeit des Mitleids erklärt
so zu formulieren, dass sie auch unabhängig von wil- hatte. Sie ist insofern eine Steigerung der Moralität:
lensmetaphysischen Prämissen akzeptabel sind. Die Werden jemandem die Grenzen zwischen Ich und
These, dass gutes Handeln sich an dem Ausmaß be- Nicht-Ich nicht nur teilweise, sondern vollkommen
misst, in dem der Handelnde das Individuationsprin- durchsichtig, so »folgt« nach Schopenhauer »von
zip zu durchschauen vermag, kann z. B. im Sinne des selbst«, dass er nicht nur Mitleid empfinden, sondern
metaethischen Prinzips verstanden werden, dass mo- den Willen verneinen wird (vgl. W I, 447). Anderer-
ralische Urteile aus begriffslogischen Gründen uni- seits besteht zwischen Mitleid und Willensverneinung
versalisierbar sind und ihre Gültigkeit daher un- ein Gegensatz: Während der Mitleidige das Leiden des
abhängig von individuellen Rollenverteilungen ist. anderen zu mildern bemüht ist, gilt dies für den den
Für Konzeptionen, die sich auf ein solches Prinzip be- Willen verneinenden Asketen nicht. Vielmehr verhält
rufen, spielt auch der von Schopenhauer als Mitleid er sich, da er gar nichts mehr will, indifferent gegen-
beschriebene Empathievorgang eine bedeutende Rol- über dem Leiden des anderen und ist – hierin dem
le. Anders als bei Schopenhauer wird dieser jedoch Egoisten verwandt – auf seinen eigenen Zustand bezo-
meist nicht als Identifikationsvorgang im wörtlichen gen, da er, Genüsse verabscheuend, einen Zustand der
Sinne, also als Übernahme der Leiden des anderen – Freiheit von allem Wollen, der mit einem Zustand der
der dann mit dem Mitleidenden metaphysisch iden- Leidensfreiheit zusammenfällt, anstrebt.
tisch sein muss – aufgefasst, sondern so, dass wir, um Das Verständnis der Willensverneinungslehre wird
Zugang zu den Leidenszuständen des anderen zu fin- dadurch erschwert, dass mit »Willensverneinung« bei
den, in propria persona Präferenzen ausbilden müs- Schopenhauer kein einheitliches Phänomen bezeich-
sen, die denen des anderen an Intensität entsprechen net wird (vgl. Koßler 2014). Der Ausdruck bezeichnet
(vgl. Hare 1992, Kap. 5). Darüber hinaus ist Schopen- sowohl – und dies primär – einen Zustand, in dem al-
hauers Mitleidsethik für Probleme der modernen Me- les Wollen überwunden ist, als auch eine Praxis der
dizinethik fruchtbar gemacht und mit neueren rekon- Willensverneinung. Zum Zustand der Willensvernei-
struktivistischen Ansätzen verbunden worden (vgl. nung führen nach Schopenhauer zwei Wege: erstens
Birnbacher 1990). die aus der Durchschauung des Individuationsprin-
zips resultierende reine Erkenntnis des Leidens (vgl.
W I, 447) und zweitens – weit häufiger – die Erfah-
Willensverneinung
rung eigenen Leidens (vgl. W I, 463 f.). In Bezug auf
Schopenhauers praktische Philosophie umfasst eine den ersten Weg behauptet Schopenhauer, dass der das
»Ethik im engeren« und eine »Ethik im weiteren Sin- Individuationsprinzip gänzlich Durchschauende alle
ne« (vgl. Cartwright 1999, 252 f.). Erstere ist identisch Lebewesen als Objektivationen des Willens, somit als
mit der Tugendlehre, letztere umfasst die in den leidend erkennen wird, so dass er die Leiden der ande-
§§ 68–71 des Hauptwerks entfaltete Soteriologie. In ren als seine eigenen betrachten und den Willen zum
90 II Werk

Leben verneinen wird. Zur Plausibilisierung der The- Zu fragen ist auch, wie sich der Freiheitsspielraum,
se, dass dieser Übergang »von selbst folgt«, wäre aller- der in der Willensverneinung zum Ausdruck zu kom-
dings auch hier eine genauere Explikation des Er- men scheint, mit der Lehre von der Totaldeterminati-
kenntnisbegriffs erforderlich. Ohne den Nachweis, on des Willens im Bereich der Erscheinungen verein-
dass und wie diese Erkenntnis handlungsmotivierend baren lässt. Wieso können wir überhaupt den Willen
sein kann, liegt folgender Einwand nahe: Weder muss, verneinen, wo doch Schopenhauer für die These plä-
wer erkennt, dass die anderen leiden, sich deren Lei- diert, dass jede Handlung ein notwendiges Produkt
den notwendig zu eigen machen – er könnte sie wei- von Motiv und Charakter ist? Schopenhauer beant-
terhin als Erscheinungen und ihre Leiden als ihm wortet diese Frage mit dem Hinweis darauf, dass es im
selbst nicht zugehörig betrachten –, noch muss, wer Falle der Willensverneinung nicht zu einer Änderung,
sich die Leiden der anderen zu eigen macht, diese des- sondern zu einer »gänzlichen Aufhebung des Charak-
wegen verneinen, denn auch die Übernahme der Lei- ters« (W I, 477) käme. Damit ist gemeint, dass Wil-
den des anderen schließt keinesfalls eine Bejahung des lensverneinung nicht auf die Wirkung bestimmter
Leidens und damit des Lebens aus (vgl. Hallich 1998, Motive, sondern darauf zurückzuführen ist, dass ein
32–34). Auch der zweite geschilderte Übergang zum Zustand erreicht wird, in dem Motive grundsätzlich
Zustand der Willensverneinung beruht auf psycho- nicht mehr wirksam werden. Das ›Quietiv‹, als das die
logischen Kontingenzen und hat, wie Schopenhauer Einsicht in das Leiden oder dessen Erfahrung wirken
selbst betont, nicht den Charakter eines notwendigen soll, ist kein Motiv einer bestimmten Art, sondern gar
Übergangs (vgl. W I, 467): Infolge des eigenen Leidens kein Motiv. Diese Aufhebung des Charakters aber geht
kann eine Willensverneinung (die dann gar nicht auf nicht vom Willen des Individuums aus, sondern viel-
Tugendhaftigkeit als vorhergehende Stufe angewiesen mehr von einer veränderten Erkenntnisweise, eben
ist) erreicht werden, muss es aber nicht. der Durchschauung des Individuationsprinzips. Da-
Bezieht man sich auf Willensverneinung nicht als her ist die Möglichkeit der Willensverneinung mit der
Zustand, sondern als Praxis der Askese, so fällt auf, deterministischen Annahme der Unausweichlichkeit
dass diese von Schopenhauer als ein durchaus aktiver der Handlungen bei gegebenem Motiv und Charakter
Prozess geschildert wird, als eine »vorsätzliche Bre- kompatibel: Kommt es zur Willensverneinung, ist die
chung des Willens« (W I, 463), bei der der Asket seine Voraussetzung dafür, dass Motive überhaupt wirken
eigenen Begierden »absichtlich« (W I, 451) unter- können, aufgehoben.
drückt und einen »beständigen Kampf mit dem Wil- Allerdings wird das Problem, wie Willensvernei-
len zum Leben« (W I, 463) zu führen hat. Dies zieht nung möglich ist, damit nur auf die Frage verschoben,
das Problem eines Widerspruchs zwischen Willenlo- wie jene veränderte Erkenntnisweise möglich ist, in de-
sigkeit und Motivation nach sich: Wieso kann der As- ren Folge es zur Aufhebung des Charakters als Ganzem
ket – da er nichts mehr will – dieses Nicht-mehr-Wol- kommt. Zur Beantwortung dieser Frage greift Scho-
len wollen? Schopenhauer reagiert hierauf, indem er penhauer auf religiöse, aus dem Fundament christli-
das in der Askesis zum Ausdruck kommende Wollen cher Erlösungslehre geschöpfte Topoi zurück. Die Ver-
entindividualisiert: Im Wollen des den Willen Vernei- änderung der Erkenntnisweise sei nur als eine »Wie-
nenden zeige sich die Freiheit des metaphysischen dergeburt« und eine Art der »Gnadenwirkung« ver-
Willens, des Dings an sich, welche hier ausnahmswei- stehbar, analog dazu, dass in der christlichen Heilslehre
se in die Erscheinung trete (vgl. W I, 467, 476). In der der die Erlösung ermöglichende Glaube als »Werk der
Willensverneinung wendet sich demnach der meta- Gnade« (W I, 477 f.) aufgefasst würde. Entgegen Scho-
physische Wille gegen sich selbst. Auch diese Kon- penhauers eigenen abschwächenden Bemerkungen hat
struktion ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, die Inanspruchnahme theologischer Motive, insbeson-
denn dass der Wille sich gegen sich selbst wendet, un- dere des Motivs der Gnade, im Rahmen der Lehre von
terstellt zum einen eine Intentionalität des metaphysi- der Willensverneinung nicht nur illustrative Funktion
schen Willens, die seiner Charakterisierung als nicht und geht über eine bloße Analogie hinaus (vgl. Malter
intentional gerichtet widerspricht; zum anderen wird 1991, 414 f.). Ohne den Bezug auf die Gnadenwirkung
der Widerspruch zwischen der Willenlosigkeit des wäre die Möglichkeit einer veränderten Erkenntnis-
Asketen und seinem Wollen dadurch kaum aufgeho- weise, somit auch die der Willensverneinung, über-
ben, denn es ist immer noch das Individuum, nicht haupt nicht verständlich. In der Angewiesenheit der
der Wille als Ding an sich, das den »beständigen philosophischen Soteriologie Schopenhauers auf die
Kampf der Verneinung« zu kämpfen hat. theologische Kategorie der Gnadenwirkung kann man
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 91

ein Indiz dafür sehen, dass Schopenhauers Erlösungs- dass, was nach der Aufhebung der Welt der Erschei-
lehre mit der christlichen konvergiert, zumindest mit nungen übrig bleibt, für den den Willen Bejahenden
ihr kompatibel ist (zu Differenzen zwischen der Scho- ›nichts‹ sei, zweitens, dass die Welt der Erscheinungen
penhauerschen und der christlichen Ethik und ihren für den den Willen Verneinenden ›nichts‹, d. h. nicht
Gemeinsamkeiten vgl. grundlegend Koßler 1999; zum mehr von Bedeutung, kein Objekt seines Willens mehr
Erlösungsbegriff bei Schopenhauer vgl. auch Sauter- sei. Keine dieser Verwendungsweisen rechtfertigt es
Ackermann 1994). Verlangt man allerdings, dass die aber, Schopenhauer als einen Nihilisten zu bezeich-
Lehre von der Willensverneinung auch ohne Rekurs nen, jedenfalls dann nicht, wenn man etwa die später
auf Bestandteile der christlichen Erlösungslehre kon- von Nietzsche formulierte Bestimmung von ›Nihilis-
sistent erläuterbar sein muss, so wird man hierin einen mus‹ zugrunde legt, der zufolge Nihilismus bedeutet,
Ausdruck der Aporie sehen, in den die Willensvernei- dass »die obersten Werthe sich entwerthen« (KSA 12,
nungslehre schließlich gerät. 350): »es fehlt das Ziel. Es fehlt die Antwort auf das
Eine weitere Schwierigkeit der Willensverneinungs- ›Warum?‹« (ebd.). Da die Aufhebung des Willens bei
lehre betrifft die Frage, ob diese sich mit Schopenhau- Schopenhauer als letzte und höchste Stufe eines Erlö-
ers Ablehnung des Suizids (vgl. W I, § 69) in Einklang sungsprozesses verstanden wird und die Willensver-
bringen lässt oder letztere nicht vielmehr als der Ver- neinungslehre insofern gerade eine Antwort auf das
such angesehen werden muss, der letzten Konsequenz ›Warum?‹ formuliert, ist Schopenhauer zumindest in
des eigenen Systems, nämlich einer Empfehlung des diesem Sinne von ›Nihilismus‹ kein Nihilist.
Suizids, auszuweichen. Zwar übernimmt Schopenhau-
er Humes Zurückweisung der traditionellen metaphy- Literatur
sisch-theologischen Argumente gegen den Suizid, Benatar, David: Better never to Have Been. The Harm of
lehnt aber die Selbsttötung aus willensmetaphysischen Coming into Existence. Oxford 2006.
Birnbacher, Dieter: Schopenhauers Idee einer rekonstrukti-
Gründen ab: Da der Suizident, verzweifelt über seine ven Ethik (mit Anwendungen auf die moderne Medizin-
Lebensumstände, sich vom Bild eines glücklichen Le- Ethik). In: Schopenhauer-Jahrbuch 71 (1990), 26–44.
bens, das ihm allerdings unerreichbar sei, leiten lasse, Birnbacher, Dieter: Schopenhauer. Stuttgart 2009.
sei seine Handlung – weit entfernt davon, das Leben zu Cartwright, David E.: Schopenhauer’s Narrower Sense of
verneinen – gerade ein Ausdruck der Willensbeja- Morality. In: Janaway 1999, 252–292.
Gemes, Ken/Janaway, Christopher: Schopenhauer and
hung. Diese Ausgrenzung suizidaler Handlungen aus
Nietzsche on Pessimism and Asceticism. In: Vandenabeele
dem Bereich der Willensverneinung ermöglicht es 2012, 280–299.
zwar, die Lehre von der Willensverneinung aufrecht- Hallich, Oliver: Mitleid und Moral. Schopenhauers Leidens-
zuerhalten, ohne hieraus eine Empfehlung des Suizids ethik und die moderne Moralphilosophie. Würzburg 1998.
ableiten zu müssen, ist aber mit dem Preis erkauft, dass Hare, Richard: Moralisches Denken: seine Ebenen, seine
Schopenhauer nur einen Teilbereich suizidaler Hand- Methode, sein Witz. Frankfurt a. M. 1992.
Hauskeller, Michael: Vom Jammer des Lebens. Einführung in
lungen erfasst, da er dem Suizidenten eine Motivlage Schopenhauers Ethik. München 1998.
unterstellen muss, die dieser zwar haben kann und Hoerster, Norbert: Zur Verteidigung von Schopenhauers
häufig haben wird, aber keinesfalls notwendig haben Straftheorie der Generalprävention. In: Schopenhauer-
muss: Warum eine Suizidhandlung nicht z. B. aus einer Jahrbuch 53 (1972), 101–113.
bloßen Einsicht in die Vergeblichkeit menschlichen Hume, David: Eine Untersuchung über den menschlichen
Verstand. Hamburg 1984 (engl. 1748).
Strebens oder als Bilanzsuizid begangen werden kann,
Jacquette, Dale: Schopenhauer on Death. In: Janaway 1999,
bleibt unklar. 293–317.
Angesichts der teleologischen Struktur der Lehre Janaway, Christopher (Hg.): The Cambridge Companion to
von der Willensverneinung – die diese als Zweck und Schopenhauer. Cambridge 1999.
Kulminationspunkt des menschlichen Daseins auffasst Janaway, Christopher: Schopenhauer’s Pessimism. In: Ders.
– ist Zurückhaltung gegenüber der Bezeichnung Scho- 1999, 318–343 [1999a].
Keil, Geert: Willensfreiheit. Berlin/New York 2007.
penhauers als eines ›Nihilisten‹ angebracht. Diese Ein-
Koßler, Matthias: Empirische Ethik und christliche Moral.
stufung wird durch den Abschlussparagraphen des Zur Differenz einer areligiösen und einer religiösen Grund-
Hauptwerks, in dem das Wort ›Nichts‹ eine prominen- legung der Ethik am Beispiel der Gegenüberstellung Scho-
te Rolle spielt, durchaus nahegelegt. Nachdem Scho- penhauers mit Augustinus, der Scholastik und Luther.
penhauer hier an die Relativität des Ausdrucks ›nichts‹ Würzburg 1999.
erinnert hat (vgl. hierzu Lütkehaus 1999, 627–635), Koßler, Matthias: Die Philosophie Schopenhauers als Erfah-
rung des Charakters. In: Dieter Birnbacher/Andreas
formuliert er mit dessen Hilfe zwei Thesen: erstens,
92 II Werk

Lorenz/Leon Miodonski (Hg.): Schopenhauer im Kontext. dersetzung mit der kantischen vorausgesetzt wird,
Deutsch-polnisches Schopenhauer-Symposion 2000. Würz- aber auch deren »bedeutende Fehler« (W I, XI) be-
burg 2002, 91–110. rücksichtigt werden müssen, wird die Lektüre des An-
Koßler, Matthias: Schopenhauers Soteriologie (WI §§ 68–­
71). In: Matthias Koßler/Oliver Hallich (Hg.): Arthur
hangs sogar vor derjenigen der Welt als Wille und Vor-
Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung stellung nahegelegt. Diese Vorgehensweise lässt kei-
(= Klassiker Auslegen, Bd. 42). Berlin 2014. nen Zweifel daran, dass Kants Philosophie Schopen-
Lütkehaus, Ludger: Nichts. Abschied vom Sein. Ende der hauer entscheidend geprägt hat (s. auch Kap. 17) – ob
Angst. Zürich 1999. sein eigenes Denken nun von ihr aus- oder über sie
MacKay, Donald M.: Freiheit des Handelns in einem mecha-
hinausgeht, auf ihr aufbaut oder sie widerlegt.
nistischen Universum. In: Pothast 1978, 303–321.
Malter, Rudolf: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphi- In den ersten einleitenden Bemerkungen des An-
losophie und Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cann- hangs behauptet Schopenhauer, »unmittelbar an ihn
statt 1991. [Kant] anknüpfen« zu müssen, weil die »wirkliche
Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Kritische Studienaus- und ernstliche Philosophie noch da steht, wo Kant sie
gabe in 15 Bänden [1967 ff.]. Hg. von Giorgio Colli und gelassen hat« (vgl. W I, 493), es seither also keine
Mazzino Montinari. München 1999 [KSA].
Pothast, Ulrich (Hg.): Seminar: Freies Handeln und Determi-
ernstzunehmende Entwicklung des Denkens gegeben
nismus. Frankfurt a. M. 1978. habe. Die Tatsache, dass der junge Denker sich selbst
Ryle, Gilbert: Der Begriff des Geistes. Stuttgart 1969 (engl. als den Philosophen betrachtet, der den ›großen‹ Kant
1949). zu Ende denkt – ungeachtet des vergleichbaren An-
Sauter-Ackermann, Gisela: Erlösung durch Erkenntnis? Stu- spruchs der berühmten Kollegen des deutschen Idea-
dien zu einem Grundproblem der Philosophie Schopenhau-
lismus, Fichte und Hegel –, bildet den Hintergrund
ers. Cuxhaven 1994.
Soll, Ivan: Schopenhauer on the Inevitability of Unhappi- dieses ungewöhnlichen Rahmens seines Hauptwer-
ness. In: Vandenabeele 2012, 300–313. kes. Allein dadurch werden die in allen Schriften auf-
Tugendhat, Ernst: Vorlesungen über Ethik. Frankfurt a. M. zufindenden Lobpreisungen der Leistungen Kants re-
1993. lativiert, auch wenn die »Kritik der Kantischen Phi-
Vandenabeele, Bart (Hg.): A Companion to Schopenhauer. losophie« noch vom »größten Verdienst« (W I, 494)
Oxford 2012.
im Bereich der Erkenntnistheorie ausgeht. Der größte
Wolf, Ursula: Das Tier in der Moral. Frankfurt a. M. 1990.
Teil der Schopenhauerschen »Kritik« bezieht sich in-
Oliver Hallich folgedessen auf Kants Kritik der reinen Vernunft, in
der zwar bahnbrechende Einsichten vorgelegt worden
seien, diese aber entscheidender Korrekturen bedürf-
6.7 »Kritik der Kantischen Philosophie« ten. Richtigstellungen und kritische Kommentare be-
zogen auf die beiden weiteren Kritiken Kants, die der
Schopenhauer schließt sein Hauptwerk Die Welt als praktischen Vernunft und der Urteilskraft, nehmen
Wille und Vorstellung (= WWV) mit einem Anhang nur ein knappes Fünftel des Anhangs ein. Schopen-
ab, der »Kritik der Kantischen Philosophie«, den er hauers detaillierte kritisch-polemische Auseinander-
bereits in der »Vorrede« zur ersten Auflage der WWV setzung mit Kants Ethik findet erst in der moralphi-
von 1818 ankündigt. Dort werden von dem jungen losophischen Schrift »Preisschrift über die Grundlage
selbstbewussten Autor drei Forderungen an die Leser der Moral« statt (s. Kap. 8.2).
erörtert: erstens, das vorliegende Werk zwei Mal zu le- Auf wenigen Seiten zu Beginn erörtert Schopen-
sen, zweitens, die Dissertation Ueber die vierfache hauer Kants Verdienste, beginnend mit dem größten,
Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde und drit- der erkenntnistheoretischen Einsicht, dass die Er-
tens, Kants Hauptschriften gründlich studiert zu ha- scheinung vom Ding an sich zu unterscheiden ist (vgl.
ben. Dass Schopenhauer der Auseinandersetzung mit W I, 494), und schließend mit der Konsequenz dieser
der kantischen Philosophie im Anschluss an die Prä- Unterscheidung für die praktische Philosophie, die
sentation des eigenen philosophischen Systems ein in »ethische Bedeutsamkeit der Handlungen« von der
sich beschlossenes Schriftstück von mehr als 100 Sei- Erscheinung und der naturgesetzlichen Kausalität zu
ten widmet, begründet er in der »Vorrede« damit, trennen (vgl. W I, 503). Es wird sich im weiteren Ver-
»nicht [die] eigene Darstellung durch häufige Polemik lauf des Anhangs zeigen, dass sich nahezu alle Kritik-
gegen Kant zu unterbrechen und zu verwirren« (W I, punkte auf – aus Schopenhauers Sicht – falsche Folge-
XII). Insofern von Schopenhauer zum Verständnis rungen Kants aus dieser grundlegenden transzenden-
seiner eigenen Philosophie die intensive Auseinan- talphilosophischen Einsicht zurückführen lassen. Der
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 93

Text selbst ist in nicht weiter gekennzeichnete, unbe- auf die Kant zurückgreifen konnte. Doch neu und ori-
titelte Abschnitte gegliedert, im Überblick ergibt sich ginell sei der Nachweis aus der Analyse der Erkennt-
folgende Struktur: Auf eine kurze Einleitung (W I, nisvermögen selbst, dass aus den Gesetzen der Erfah-
491–494) folgt das Hervorheben der Verdienste Kants, rung das Dasein weder abgeleitet noch erklärt werden
der sich nach einer kurzen Überleitung zu den Fehlern kann, dass diese Gesetze und die aus ihnen verstande-
die Kritik des Grundgedankens, bzw. der falschen ne natürliche Welt vielmehr »als durch die Erkennt-
Schlussfolgerungen daraus, nach systematischen As- nißweise des Subjects bedingt« verstanden werden
pekten geordnet anschließt. Die Durchführung der müssen (W I, 498). Damit ist das Fundament gelegt
Kritik erfolgt danach mit Bezugnahme auf die Kritik für die kritische, bzw. Transzendentalphilosophie, de-
der reinen Vernunft, geordnet nach deren Schwer- ren Untersuchung die dogmatischen Prinzipien der
punkten. Schopenhauer beginnt mit dem ihm zufolge traditionellen Philosophie, d. h. die veritates aeternas,
gelungenen Teil, der Transzendentalen Ästhetik, kom- als Ausdruck subjektiver Formen des Erkennens ent-
mentiert dann die Irrtümer der Analytik, sich konzen- larvt und über diese hinausführt: Das, was wir für die
trierend auf die Kategorientafel und die Deduktion objektive Welt halten, erkennen wir, bedingt durch die
der reinen Verstandesbegriffe insgesamt; zusammen apriorischen Formen unseres Verstandes, nur wie sie
mit einem kleineren Absatz zur Beharrlichkeit der uns erscheint, nicht wie sie an sich ist. Soweit das
Substanz bildet dieser Abschnitt den Schwerpunkt des »größte Verdienst«.
Anhangs. Es folgt ein systematischer Einschub zu den Auch wenn Kant, so Schopenhauer weiter, nicht
Formen des Denkens, wodurch Schopenhauer zu sei- zur Erkenntnis gelangt sei, »daß die Erscheinung die
ner Analyse der »Transzendentalen Dialektik« in der Welt als Vorstellung und das Ding an sich der Wille
Kritik der reinen Vernunft überleitet. Er kritisiert in sei« (W I, 499), habe er die Moralität des Menschen als
verhältnismäßig kurzen Abschnitten Kants unbeding- von der erscheinungshaften Welt zu trennen dar-
ten Vernunftbegriff, seine Ideenkonzeption, die Anti- gestellt, »als etwas, welches das Ding an sich unmittel-
nomien sowie das transzendentale Ideal und kom- bar berühre« (W I, 500). Das wird als zweiter Aspekt
mentiert kurz die kantische Widerlegung der spekula- der verdienstvollen Einsicht gewürdigt. Der dritte be-
tiven Theologie. Der Anhang wird beschlossen mit steht nach Schopenhauer darin, durch den Verzicht
Schopenhauers kritischen Bemerkungen zum Begriff auf »ewige Wahrheiten« der spekulativen Theologie
der praktischen Vernunft, wie ihn Kant in der Kritik und der rationalen Psychologie jegliche Grundlage
der praktischen Vernunft entwickelt, zur Ethik, ins- entzogen zu haben; Kants Lehre der Unterscheidung
besondere der Rechtslehre, die Kant in der Metaphysik von Erscheinung und Ding an sich habe einem in
der Sitten vorstellt, und schließlich einem kurzen der Philosophie verbreiteten, jahrhundertelang wirk-
Kommentar zur Kritik der Urteilskraft. – Die folgende samen wahnhaften und falschen Realismus erfolg-
Darstellung einzelner Aspekte und Argumente der reich eine »idealistische Grundansicht« entgegen-
»Kritik der Kantischen Philosophie« orientiert sich an gesetzt, der zufolge die Dogmen der traditionellen
dieser Struktur. Metaphysik als unhaltbar und unbeweisbar anzuse-
Auf den ersten Seiten erläutert Schopenhauer die hen sind. Das impliziert auch die Entwertung meta-
Absichten, die er mit dem Anhang verfolgt, der »ei- physischer Begriffe, die im Rahmen der Ethik verwen-
gentlich nur eine Rechtfertigung« der eigenen Lehre det wurden (insbesondere den der Vollkommenheit),
sei, insofern diese »in vielen Punkten« zu Kants Phi- als »Gerede« und »gedankenleere Worte« (W I, 503).
losophie im Widerspruch steht (vgl. W I, 492). Um Ebenso wenig wie die Gesetze der Erscheinungswelt
nicht undankbar oder gar bösartig zu erscheinen, zu metaphysischen Wahrheiten erhoben werden kön-
schicke er der durchaus notwendigen, da ernsthafter nen, darf die Bedeutung moralischen Handelns nach
und angestrengter Wahrheitssuche geschuldeten »Po- Maßgabe der Erscheinung und ihrer Gesetze beurteilt
lemik gegen Kant« eine Würdigung der Verdienste des werden. Damit erneut auf das zweite Verdienst Bezug
»Riesengeistes« (W I, 493) voraus. nehmend schließt Schopenhauer seine Darstellung
Die »Unterscheidung der Erscheinung vom Dinge der positiven Aspekte der kantischen Transzendental-
an sich« aufgrund der Unterscheidung der Erkenntnis philosophie ab – um sich mit der ihm eigenen Polemik
a priori von derjenigen a posteriori wird zwar als ihren Mängeln und Fehlern zuzuwenden. Diese lassen
»Kants größtes Verdienst« bezeichnet (W I, 494), zu- sich in formaler Hinsicht kurz zusammenfassen: Da
gleich aber auch relativiert als eine Bestätigung und Kant kein vollständiges System entwickelt habe, muss-
Erweiterung von Erkenntnissen Lockes und Humes, te seine Philosophie »negativ und einseitig« bleiben
94 II Werk

und »die größte Revolution in der Philosophie« letzt- den 4 × 3 Kategorien abgeleitet. Die Symmetrie dieser
lich scheitern, was die Philosophiegeschichte deutlich Tafel wiederholt sich auf verschiedenen Ebenen: Die
belege (W I, 505 f.). Tätigkeit des Verstandes, seine Begriffe (die ihn struk-
Inhaltlich besteht der grundlegende Fehler Kants turierenden apriorischen Kategorien) auf die Sinn-
darin, die Metaphysik, die das Wesen der Welt erken- lichkeit anzuwenden, soll die Erfahrung und deren
nen und verständlich machen will, kategorisch von Grundsätze a priori erklären. Die Tätigkeit der Ver-
der Erfahrung, d. h. der Weise unseres Zugangs zur nunft, ihre Schlüsse auf die Verstandesbegriffe an-
Welt, zu trennen. Schopenhauer folgert, dass die Er- zuwenden, bringt Vernunftbegriffe oder Ideen hervor,
kenntnis der Welt und des Daseins aus etwas von die- den drei Modi des relationalen Schließens entspre-
sen Verschiedenem hervorgehen muss, wenn sie nicht chen die drei transzendentalen (traditionell metaphy-
aus empirischen Quellen stammt; ein derart gewon- sischen) Ideen Seele, Welt und Gott. Gemäß den vier
nenes Selbst- und Weltverständnis ist damit nicht un- Titeln der Kategorien lassen sich vier Thesen über die
mittelbar und gewiss, sondern mittelbar und aus abge- Welt und die jeweiligen Antithesen aufstellen.
leiteten Begriffen erschlossen. Schopenhauer zufolge Die polemisch vorgestellten Ableitungen beruhen
ist gerade »die innere und äußere Erfahrung«, die auf Kants Konzeption von Verstand und Vernunft –
Kant aus der Metaphysik ausschließt, die »Hauptquel- Schopenhauer fasst zusammen: Beide sind Denk- und
le aller Erkenntniß« (W I, 507). Eine »Lösung des Urteilsvermögen. Ist der Grund des Urteils empirisch,
Räthsels der Welt« ist daher nicht von einer Metaphy- transzendental oder metalogisch, ist es vom Verstand
sik zu erwarten, die mit Erkenntnis a priori gleichge- hervorgebracht; ein rein logisches Urteil – so die De-
setzt wird, sondern es bedarf vielmehr einer Philoso- finition des Schlusses – ist Sache der Vernunft. Der Ver-
phie, die erklären kann, wie äußere und innere Erfah- stand verfährt nach Regeln, die Vernunft nach Prinzi-
rung verknüpft sind, d. h. wie aus der formalen Struk- pien. All diese Bestimmungen, die durch zahlreiche Zi-
tur unseres Erkenntnisapparates und dem der äußeren tate aus der Kritik der reinen Vernunft belegt werden,
Erfahrung zugänglichen ›Material‹ das ›richtige‹ Ver- hält Schopenhauer für irreführend, die Sache verdun-
ständnis der Welt erlangt werden kann. Was Schopen- kelnd, ja, willkürlich; denn ihre Bedeutung ist rein be-
hauer fordert, ist eine neue Auffassung von ›Metaphy- grifflich, besteht in Worten und Wortverbindungen.
sik‹ als erfahrungsbasierter philosophischer Weltdeu- Darüber, »wie [...] die empirische Anschauung ins Be-
tung. Diesem Anspruch kann Kants Konzeption der wußtseyn kommt« (W I, 511), wird nichts ausgesagt.
Metaphysik als ›reine‹, rationale Philosophie, die per Die Hauptabschnitte der Schopenhauerschen »Kri-
definitionem erfahrungsunabhängig sein muss, nicht tik an der Kantischen Philosophie« sind daher der
genügen. Es scheint für Schopenhauer nicht nachvoll- »Transscendentalen Ästhetik« und der »Transscen-
ziehbar, wieso Kant trotz der Unterscheidung von We- dentalen Analytik« gewidmet, wobei die Lehre von
sentlichem und Erscheinungshaftem, Ding an sich den apriorischen Anschauungsformen gewürdigt
und Erscheinung, übersieht, dass der Zugang zum in- wird, auch wenn die Ableitung des Dinges an sich
nersten Wesen des Daseins nur über die (nicht über nach Schopenhauer fehlerhaft ist. Die Analytik der
der) Welt, die wir wahrnehmen, nicht jenseits der Er- Verstandesbegriffe sowie ihre Deduktion, die Katego-
fahrung zu suchen ist. rienlehre, finden vor ihm keine Gnade. Seinem eige-
Daraus ergeben sich für die Vorgehensweise ebenso nen philosophischen Anspruch nach müssten die
wie für die daraus folgende Argumentationsstruktur Wahrnehmungslehre und die Begriffsanalytik ver-
notwendige Konsequenzen, die Kant ignoriere: Die bunden werden, und wie im ersten Buch der WWV
Fragen nach der Eigenart von Anschauung und Refle- dargelegt, ist die Kausalitätskategorie (als die einzig
xion, nach den Funktionen von Verstand und Ver- sachlich begründete) in die Lehre von den reinen An-
nunft wurden nicht gestellt, die Untersuchung und schauungsformen Zeit und Raum zu integrieren, um
Abgrenzung von intuitiver und abstrakter Erkenntnis das Entstehen der materialen empirischen Anschau-
nicht vorgenommen. Stattdessen, so Schopenhauers ung zu erklären. Dass Kant die Genese der Wahrneh-
Deutung, folgt Kant zum Teil unbesonnen – man mung, das heißt die Verbindung von äußerer und in-
möchte sagen: unbewusst – seiner Vorliebe zur Sym- nerer Erfahrung, gar nicht thematisiert, sondern mit
metrie, eine »ganz individuelle Eigenthümlichkeit des der Aussage übergeht, der empirische Inhalt der An-
Geistes Kant« (W I, 509). Einem formalen Ordnungs- schauung sei »gegeben«, wird wiederholt moniert. So
streben ist die Urteilstafel, die »logische Grundlage ist für Schopenhauer schon die Trennung einer Wahr-
seiner ganzen Philosophie«, geschuldet, von ihr wer- nehmungslehre, wie sie in der »Transzendentalen Äs-
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 95

thetik« dargelegt wird, von einer Begriffslehre wie die ben keinen Zweck; als reine (formale, also inhaltslose)
der »Transzendentalen Analytik« ein fataler Irrtum – Verstandesbegriffe können sie die eigentliche Funk-
ist es doch die Kausalitätserkenntnis des Verstandes, tion von Schemata nicht erfüllen, den materialen In-
die eine Erklärung der Entstehung von Wahrneh- halt von Begriffen denkend zu strukturieren, wozu sie
mung bzw. Erfahrung im Ausgang vom unmittelbaren von der empirischen Anschauung abstrahiert werden
Bewusstsein einer Gegenstandswelt ermöglichen soll. müssten.
Der Schwerpunkt der Kritik, die Schopenhauer an Insofern Kant die völlige Unabhängigkeit der Kate-
der Transzendentalen Ästhetik übt, setzt genau dort gorien von erfahrbaren Objekten fordert, ist aus Scho-
an: Es ist Kant vorzuwerfen, dass er die Intellektualität penhauers Perspektive grundsätzlich nicht nachvoll-
der Anschauung leugnet. Bereits in der Anschauung – ziehbar, dass die Annahme von derartigen Schemata
und nicht durch etwas zu ihr hinzu Gedachtes – sind – die etwas anderes sein sollen als »Repräsentanten
die Gegenstände gegeben, die Kant dem Denken zu- unserer wirklichen Begriffe durch die Phantasie«
schreibt (vgl. W I, 524 f.). Kants Aussage wird zitiert, (W I, 534) – irgendeinen Nutzen für die Erfahrungs-
dass etwas »wenn gleich nicht angeschauet, dennoch erkenntnis haben könnte. In folgendem Satz, dessen
als Gegenstand überhaupt gedacht« (KrV, B 125) wer- Anfang berühmt ist und oft zitiert wird, fasst Scho-
den könne; für Schopenhauer zeigt sich in der Annah- penhauer als Konsequenz seiner Kritik an Kant den
me eines solchen »absoluten Objekts«, das durch den eigenen Standpunkt zusammen:
denkenden Verstand erst konstituiert wird und durch
die Hinzufügung der apriorischen, begrifflichen Kate- »Ich verlange demnach, daß wir von den Kategorien elf
gorien die objektive Welt bedingt, »ein altes, eingewur- zum Fenster hinauswerfen und allein die Kausalität
zeltes, aller Untersuchung abgestorbenes Vorurtheil in behalten, jedoch einsehn, daß ihre Thätigkeit schon
Kant« (WI, 524). die Bedingung der empirschen Anschauung ist, wel-
Die empirische Realität oder Erfahrung entsteht che sonach nicht bloß sensual, sondern intellektual ist,
nach Schopenhauer dadurch, dass die Verstandes- und daß der so angeschaute Gegenstand, das Objekt
erkenntnis von Ursache-Wirkungsverhältnissen, also der Erfahrung, Eins sei mit der Vorstellung, von wel-
von Kausalität, schon auf die Sinnesempfindung ange- cher nur noch das Ding an sich zu unterscheiden ist«
wendet wird. Daraus ergibt sich auch die richtige Be- (W I, 531).
weisführung der (von Kant richtig erkannten, aber
falsch bewiesenen) Apriorität des Kausalitätsgesetzes, Die grundsätzliche Ablehnung der kantischen Wahr-
nämlich »aus der Möglichkeit der objektiven empiri- nehmungstheorie wird ausgedehnt zu einer umfas-
schen Anschauung selbst« (W I, 527). Durch seine senden Fehleranalyse, die die gesamte Erkenntnis-
Funktion der Kausalitätserkenntnis macht der Ver- theorie betrifft: Schopenhauer sieht als Quelle zahlrei-
stand aus dumpfen Empfindungen für uns verständli- cher Widersprüche der Transzendentalen Logik eine
che oder begreifbare Anschauung und konstituiert die unzulässige »Vermischung« der Erkenntnisarten,
Wirklichkeit, nicht indem er unter Anwendung von nämlich der anschaulichen und der abstrakten, oder
12 Kategorien die »in der Anschauung gegebenen« anders ausgedrückt, eine mangelnde Differenzierung
Dinge denkt, wodurch sie uns zu »Erfahrung« wer- der Vermögen und Funktionen von Verstand und
den. Der Gegenstand der Kategorien, in concreto das Vernunft, was entsprechend falsche Ableitungen und
angeschaute Einzelding, wird in abstracto als »absolu- die Verdunkelung von einfachen philosophischen
tes Objekt« oder »Objekt an sich« (nicht gleichzuset- Sachverhalten nach sich zieht. Vorgeführt wird das
zen mit dem Ding an sich) vorgestellt, das nicht An- z. B. an der »synthetischen Einheit der Apperception«,
schauung, also nicht in Zeit und Raum, aber auch kein die sich in dem kantischen Diktum »Das ›Ich denke‹
Begriff ist. Statt der begründeten Unterscheidung der muß alle meine Vorstellungen begleiten können« aus-
Vorstellung – anschaulich oder abstrakt – vom Ding drückt, und eine irreführende Identität von Vorstellen
an sich, werde, so Schopenhauers Vorwurf, von Kant und Denken, Anschauung und Begriff nahelege. Die
unberechtigterweise ein Drittes eingeschoben, und kategoriale Bestimmung von Urteilen durch Quanti-
Vorstellung, Gegenstand der Vorstellung und Ding an tät, Qualität, Relation und Modalität lehnt Schopen-
sich unterschieden. Der Grund dafür liegt nicht in der hauer mit detaillierten Argumenten als überflüssig
Sache, sondern in der – im Wortsinne gegenstands- und grundlos ab: All diese »Kategorien« lägen in der
losen und ebenfalls sachlich unbegründeten – Katego- Natur der abstrakten Begriffe, und die vorgenom-
rienlehre: Schemata der reinen Verstandesbegriffe ha- menen Differenzierungen der Begriffs- und Urteils-
96 II Werk

eigenschaften seien nur im Rückgriff auf die intuitive unmittelbare Wirklichkeitserkenntnis gewonnen wer-
Erkenntnis möglich, nicht aber umgekehrt ein Begrei- den kann.
fen der Erfahrung von der abstrakten Erkenntnis aus, Ein weiterer Ausdruck des kantischen Irrtums ist
wie Kant glaubte vorgehen zu müssen. Die angebli- die in der »Transzendentalen Dialektik« der Kritik der
chen Verstandesbegriffe beschreiben entweder als reinen Vernunft dargestellte Suche nach dem Unbe-
»Qualität« das völlige Getrenntsein der Begriffssphä- dingten, das dem »Vernunftprincip« folgend in syn-
ren durch Bejahung und Verneinung oder das partiel- thetischen Sätzen a priori erfassbar sein soll: Schopen-
le Getrenntsein und Ineinandergreifen der Begriffs- hauer bestreitet als »Unding«, dass die Vernunft in der
sphären als »Quantität«. Und die Formen der Urteile, Lage sein soll, erkenntniserweiternde Aussagen über
die Kant unter der Kategorie der Modalität anführt – etwas zu machen, das nicht erfahrbar ist. So wird aus
wie die problematische, assertorische oder apodikti- der transzendentalphilosophischen Reflexion über
sche Urteilsform – seien zweifelsohne von den jewei- die Vollständigkeit aller Bedingungen die Idee des Un-
ligen Begriffen des Möglichen, Wirklichen und Not- bedingten, die Idee Gottes, erklärt, aus der Totalität
wendigen hervorgebracht; in keinem der genannten der Erscheinungen die Idee der Welt mit den ihr eige-
Fälle handle es sich aber um apriorische Erkenntnis- nen Antinomien und aus der falschen Forderung nach
formen des Verstandes, sondern um Beschaffenheiten einem unbedingten Substanzbegriff die Idee der Seele.
von Begriffen, der »Hauptform« aller reflexiven, abs- Die kantische Vernunftkritik endet also wieder bei
trakten Erkenntnis der Vernunft. Besonderen Wert den traditionellen metaphysischen Disziplinen, der
legt Schopenhauer auf die kritische Analyse der Rela- Theologie, Kosmologie – und der (rationalen) Psycho-
tionskategorie, unter der drei völlig heterogene Be- logie, und ihren Gegenständen Gott, Welt und Ich
stimmungen von Urteilen zusammengefasst worden oder Seele, die zudem noch als »Ideen« bezeichnet
seien, die aber nichts anderes als »metalogische Prin- werden, verstanden als Produkte der Vernunft, die als
cipien« oder Denkgesetze zum Ausdruck brächten – solche mit Schopenhauers Ideenbegriff, dem von Pla-
das kategorische Urteil die Sätze der Identität und des ton entlehnten ›Original‹, völlig unvereinbar sind.
Widerspruchs, das disjunktive den Satz des Ausge­ Schopenhauer würdigt zwar in diesem Zusammen-
schlossenen Dritten und das hypothetische die »all- hang, dass Kant die rationale Psychologie auf einen
gemeinste Form aller unserer Erkenntnisse«, den Satz Fehlschluss (»Paralogismus«) der Vernunft zurück-
vom Grund selbst. Schopenhauer verweist in diesem führt und damit widerlegt, nimmt aber gerade diesen
Kontext darauf, dass seine Dissertation »als eine Abschnitt auch zum Anlass, zum wiederholten Mal
gründliche Erörterung der Bedeutung der hypotheti- auf den Qualitätsverlust in der zweiten Auflage der
schen Urtheilsform anzusehn« sei (W I, 542). Kritik der reinen Vernunft von 1787 im Vergleich zur
Schopenhauers Auseinandersetzung mit den von ersten von 1781 hinzuweisen (s. auch Kap. 17).
Kant als Kategorien des Verstandes falsch verstande- Den Abschluss der auf die Kritik der reinen Ver-
nen und zu einer Tafel systematisierten Aspekten einer nunft bezogenen Kommentare bildet die Problematik
rationalen Metalogik oder Abstraktionstheorie nimmt des Freiheitsbegriffes, dessen Ursprung Schopenhau-
in der »Kritik der Kantischen Philosophie« eine zen- er im Willen und dessen unmittelbarer Präsenz im
trale Stelle ein: Es liegt nun nämlich auf der Hand, dass menschlichen Bewusstsein sieht; Kant dagegen habe
die »grundlose« Kategorientafel nicht auch noch auf auch die Freiheit unnötigerweise zunächst als Idee der
die Naturwissenschaft und deren Grundsätze hätte an- spekulativen, dann der praktischen Vernunft er-
gewendet, oder gar deren Erkenntnisstruktur auf die schlossen, vergeblich zu beweisen versucht und letzt-
dialektisch verfahrende Vernunft hätte übertragen lich als notwendige Bedingung der Moralität gesetzt.
werden dürfen. Kants bereits für Verfahrensfehler ver- Bei aller Dankbarkeit für die Einsichten in die Un-
antwortlich gemachte Liebe zur Symmetrie lässt ihn – terscheidung von Ding an sich und Erscheinung sowie
so Schopenhauer – undifferenziert alle Dinge, ob phy- die Apriorität des Kausalitätsgesetzes – den Schwer-
sische oder moralische, durch die Brille der Katego- punkt der Schopenhauerschen Kritik bilden ungnädi-
rientafel sehen. Das führt nicht nur in der theoreti- ge Analysen von Kants Fehlern in Ableitungen und
schen, sondern auch in der praktischen Philosophie bis Beweisführung, die falschen Voraussetzungen und
hin zur Theorie des Geschmacksurteils in der Kritik der Prämissen geschuldet sind: »Er setzt nicht, wie es die
Urteilskraft zu falschen Ergebnissen als Konsequenz Wahrheit verlangte, einfach und schlechthin das Ob-
aus der falschen Grundannahme, dass aus abstrakten jekt als bedingt durch das Subjekt, und umgekehrt;
Verstandesbegriffen und abgeleiteten Denkgesetzen sondern nur die Art und Weise der Erscheinung des
6  Die Welt als Wille und Vorstellung 97

Objekts als bedingt durch die Erkenntnißformen des Literatur


Subjekts [...]« (W I, 596). Statt die unmittelbar erkann- Bäschlin, Daniel Lukas: Schopenhauers Einwand gegen Kants
te, in Zeit und Raum kausal geordnete Materie als Transzendentale Deduktion der Kategorien (= Zeitschrift
für philosophische Forschung, Beiheft 19). Meisenheim
wahr und wirklich zu akzeptieren, und den Willen als 1968 (Diss. Bern 1967).
das unmittelbar dem menschlichen Bewusstsein be- Baum, Günther: Ding an sich und Erscheinung. Einige
kannte Ding an sich auszumachen, entwickelt Kant Bemerkungen zu Schopenhauers Kritik der Kantischen
wirklichkeitsfremde abstrakte Begriffssysteme, seien Philosophie. In: Wolfgang Schirmacher (Hg.): Zeit der
es die Kategorien des Verstandes, die Ideen der Ver- Ernte. Festschrift für Arthur Hübscher. Stuttgart-Bad
Cannstatt 1982, 201–211.
nunft oder deren praktische Postulate und kategori-
Bozickovic, Vojislav: Schopenhauer and Kant on Objectivity.
sches Moralgesetz – und verstellt sich den Weg in eine In: International Studies in Philosophy 28 (1996), 35–42.
neue, erfahrungsbasierte Philosophie, die das Welträt- Dotzer, Wilhelm Josep: Über Schopenhauers Kritik der
sel zu lösen im Stande ist. Kant’schen Analytik. Diss. Erlangen 1891.
In diesem Sinne wurde Schopenhauers Kant-Kritik Fleischer, Margot: Schopenhauer als Kritiker der Kantischen
Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auch rezi- Ethik. Würzburg 2003.
Friedlaender, Salomo: Versuch einer Kritik der Stellung Scho-
piert und ins eigene Denken integriert – von Geistes-
penhauer’s zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der
wissenschaftlern, die die Auseinandersetzung mit »Kritik der reinen Vernunft«. Diss. Jena 1902.
Kant zur Entwicklung und Ausbildung einer eigenen Königshausen, Johann-Heinrich: Schopenhauers »Kritik der
Position suchten, und die von der Philosophie, ver- Kantischen Philosophie«. In: Perspektiven der Philosophie
gleichbar mit Schopenhauer, einen deutlichen Welt- 3 (1977) [erschienen 1978], 187–203.
und Lebensbezug erwarteten, oder ihr sogar soziolo- Koßler, Matthias: »Ein kühner Unsinn« – Anschauung und
Begriff in Schopenhauers Kant-Kritik. In: Stefano Bacin/
gische oder politische Funktionen zusprachen. Der Alfredo Ferrarin/Claudio La Rocca/Margit Ruffing (Hg.):
bekannteste von Schopenhauer inspirierte Kant-Kriti- Kant und die Philosophie in weltbürgerlicher Absicht. Akten
ker ist sicher Friedrich Nietzsche (s. Kap. 30). Aber des XI. Internationalen Kant-Kongresses Pisa 2010. Bd. 5.
auch der Neukantianer Hermann Cohen ist hier zu Boston/Berlin 2013, 569–578.
nennen, der mit dem Ziel der »Neubegründung des Nussbaum, Charles: Schopenhauer’s Rejection of Kant’s
Analysis of Cause and Effect. In: Auslegung 11 (1985),
kritischen Idealismus« u. a. über Kants Theorie der Er-
33–44.
fahrung (1871) arbeitet, in der er Schopenhauers Kri- Philonenko, Alexis: Schopenhauer critique de Kant. In:
tik folgend eine veritable Wahrnehmungstheorie ver- Revue International de Philosophie 42 (1988), 37–70.
misst; oder etwa Cohens jüngerer Zeitgenosse Georg Philonenko, Alexis: Schopenhauer critique de Kant. Paris
Simmel, der 1881 mit Über das Wesen der Materie 2005.
nach Kants Physischer Monadologie promoviert, sein Richter, Raoul: Schopenhauer’s Verhältnis zu Kant in seinen
Grundzügen. Leipzig 1893.
philosophisches Schaffen 1907 aber mit Schopenhauer Ruffing, Margit: »Muss ich wissen wollen?« ‒ Schopenhauers
und Nietzsche abschließt, bevor er sich der Soziologie Kant-Kritik. In: Norbert Fischer (Hg.): Kants Metaphysik
zuwendet (s. Kap. 32). Ebenso widmet sich Salomo und Religionsphilosophie. Hamburg 2004, 561–582.
Friedlaender Schopenhauers Analysen, was seine Dis- Salaquarda, Jörg: Schopenhauers kritisches Gespräch mit
sertation von 1902 belegt: Versuch einer Kritik der Stel- Kant und die gegenwärtige Diskussion. In: Schopenhauer-
Jahrbuch 56 (1975), 51–69.
lung Schopenhauers zu den erkenntnistheoretischen
Schweppenhäuser, Hermann: Schopenhauers Kritik der
Grundlagen der »Kritik der reinen Vernunft«. Er be- Kantischen Moralphilosophie. In: Ders.: Tractanda. Bei-
fasst sich als Philosoph und literarischer Schriftsteller träge zur kritischen Theorie der Kultur und Gesellschaft.
immer wieder mit den konfligierenden Positionen Frankfurt a. M. 1972, 22–33 (Nachdr. in: Schopenhauer-
Schopenhauers, Kants und Nietzsches. Bis heute ist Jahrbuch 69 [1988], 409–416).
Schopenhauers »Kritik der Kantischen Philosophie« Tsanoff, Radolslev Andrea: Schopenhauer’s Criticism of
Kant’s Theory of Experience (= Cornell studies in philoso-
ein Schlüsseltext der kritischen Kant-Rezeption, der
phy, Bd. 9). New York 1911.
nicht nur in unnachahmlicher Weise die Schwächen Wartenberg, Mścisław: Der Begriff des »transscendentalen
der transzendentalphilosophischen Erkenntnistheo- Gegenstandes« bei Kant – und Schopenhauers Kritik des-
rie und die spezifische Manier kantischen Argumen- selben (I). In: Kant-Studien 4 (1900), 202–231; (II) in:
tierens darstellt, sondern einen ganz besonderen Zu- Kant-Studien 5 (1901), 145–176.
gang zum System der WWV anbietet, den jeder Scho- Weimer, Wolfgang: Schopenhauer. Darmstadt 1982.
penhauer-Leser nutzen sollte. Margit Ruffing
98 II Werk

7 Ueber den Willen in der Natur Empirisch-wissenschaftliche Bestätigungen glaubt


Schopenhauer in erster Linie für die metaphysische
Die Entstehung der Schrift
Grundthese vom Willen als Ding an sich liefern zu
Mit der 1836 erschienenen Schrift Ueber den Willen in können. Die Zeugnisse unabhängiger empirischer
der Natur bricht Schopenhauer, wie er in der 1835 ge- Forscher betrachtet er als den denkbar größten Beweis,
schriebenen Einleitung erläutert, sein 17-jähriges den ein philosophisches System überhaupt erfahren
Schweigen. Seit der Veröffentlichung des Hauptwerks kann. Diese Bestätigungen werden von ihm in ver-
Die Welt als Wille und Vorstellung im Jahr 1818 hatte er schiedener Weise umschrieben. Metaphorisch spricht
vergeblich auf eine öffentliche Resonanz und Würdi- er von dem »Berührungspunkt zwischen Physik und
gung seiner Philosophie gewartet, und in der Hoff- Metaphysik« (N, 5), dem beide sich unabhängig von-
nung, bei einer anstehenden zweiten Auflage des einander annähern – ähnlich wie zwei Bergleute, die
Hauptwerks weitere Erläuterungen und Ergänzungen von verschiedenen Seiten Stollen in einen Berg graben
vornehmen zu können, hatte er jahrelang Material ge- und sich schließlich treffen (vgl. N, 2, 5). Eine mehr
sammelt. Als er sich im April 1835 bei seinem Verleger wissenschaftstheoretische Auslegung liefert er, wenn
Brockhaus nach dem Verkauf seines Hauptwerks in er die Naturkräfte als den Grenzpunkt zwischen Meta-
den letzten Jahren erkundigte, erhielt er die desillusio- physik und Naturwissenschaft herausstellt. Alle empi-
nierende Antwort, dass von einer Nachfrage über- rischen Wissenschaften gelangen demnach bei der Er-
haupt keine Rede mehr sein könne (vgl. GBr, 141, forschung der Welt zuletzt zu bestimmten Naturkräf-
523). Nachdem damit die Perspektive für eine zweite ten, die sie in ihren Erklärungen verwenden, aber
Auflage des Hauptwerks in unbestimmte Ferne ge- selbst nicht mehr weiter erklären können. Diese ur-
rückt war, entschloss er sich, den Teil des angesam- sprünglichen Naturkräfte sind daher, eben weil sie wis-
melten Materials, der sich als Ergänzung seiner Meta- senschaftlich unerklärbar sind, das Thema der Meta-
physik eignete, in einem eigenen Buch zu veröffent- physik (vgl. N, 4).
lichen. Da er offenbar nicht damit rechnete, dass Vor dem Hintergrund dieser Grenzbestimmung
Brockhaus Interesse an einer weiteren Publikation des der Naturwissenschaften lassen sich zwei Aspekte der
bislang erfolglosen Autors haben würde, ließ Scho- von Schopenhauer zusammengetragenen empirisch-
penhauer die Schrift bei dem Frankfurter Buchhänd- wissenschaftlichen Bestätigungen seiner Metaphysik
ler Siegmund Schmelder erscheinen. differenzieren. Einerseits versucht er zu zeigen, dass
empirische Wissenschaften wie Biologie und Physik
jeweils Naturkräfte voraussetzen, die der Metaphysik
Die Intention der Schrift
als Themen zugewiesen werden und von dieser als
Angesichts der weitgehend ausgebliebenen Rezeption Wille gedeutet werden (müssen). Zu diesem Nach-
seines Hauptwerks verfolgt Schopenhauer in der weis gehört auch, dass die von den Wissenschaften
Schrift Ueber den Willen in der Natur das Ziel, den vorausgesetzten Naturkräfte Stufen der Natur bilden,
Zeitgenossen die Vorzüge seiner Philosophie zu de- die sich metaphysisch als verschiedene Objektivatio-
monstrieren. Dazu liefert er Erläuterungen und Ergän- nen des Willens deuten lassen. Soweit liefern die Wis-
zungen seines metaphysischen Systems, wozu ins- senschaften also Vorarbeiten für die Metaphysik. An-
besondere Ausführungen zum Willensbegriff gehören. dererseits will Schopenhauer aber auch zeigen, dass
Den entscheidenden Vorzug sieht er jedoch in den Be- Wissenschaftler an den von ihnen erreichten Grenzen
stätigungen, die seine Metaphysik durch die empiri- der Erkenntnis nicht immer stehenbleiben, sondern
schen Wissenschaften erhalten hat. Durch diese empi- hin und wieder auch Blicke über diese Grenzen ins
rischen Bestätigungen soll sich seine metaphysische Reich der Metaphysik werfen, indem sie selber bereits
Position positiv von den metaphysischen Spekulatio- die Naturkräfte als Willen interpretieren (vgl. N, 4).
nen Hegels und Schellings unterscheiden. Anstatt wie Es ist dieser zweite, engere Sinn von Bestätigung, auf
letztere in das Gebiet der Wissenschaften hineinzure- den seine Ausführungen vor allem abzielen.
den und dadurch die entschiedene Ablehnung der em- Die Art von Bestätigung, die Schopenhauer in den
pirischen Forscher herauszufordern, will Schopenhau- Naturwissenschaften für seine Metaphysik sucht, sollte
er nicht nur die Unabhängigkeit der Wissenschaften mit Bestätigung im Sinne moderner Wissenschafts-
unangetastet lassen, sondern er will auch zeigen, dass theorie nicht verwechselt werden. Wenn Wissen-
die empirischen Wissenschaften sich seiner Metaphy- schaftler von ›Bestätigungen‹ reden, dann geht es um
sik angenähert haben. Beobachtungen und Experimente, die eine (empiri-
7  Ueber den Willen in der Natur 99

sche) Theorie stützen, wobei freilich das Risiko be- von den Stufen der Natur. Wie im zweiten Buch des
steht, dass andere Erfahrungen die Theorie auch er- Hauptwerks befasst sich Schopenhauer ferner mit der
schüttern oder widerlegen können. Im Gegensatz dazu Unterscheidung der drei Formen der Kausalität und
hält Schopenhauer jedoch eine empirische Korrektur mit der teleologischen Deutung der Natur.
seiner Metaphysik durch den weiteren wissenschaftli- Zu den metaphysischen Themen des zweiten
chen Fortschritt für ausgeschlossen (vgl. W I, 167; Buchs, die in der Schrift nicht oder nur beiläufig vor-
GBr, 378). Die Fortschritte der Naturwissenschaft füh- kommen, gehören die Lehre von dem (auf der Selbst-
ren nach seiner Ansicht lediglich dazu, dass die Natur- entzweiung des Willens beruhenden) Streit der Natur-
kräfte als wissenschaftlich nicht erklärbare Grund- wesen und die Theorie der Leib-Seele-Identität. Eben-
prinzipien offengelegt und damit der Metaphysik zur falls keine besondere Rolle spielt die anthropologisch
weiteren Deutung überlassen werden. Diese Metaphy- akzentuierte Lehre vom Primat des Willens und die
sikkonzeption schließt allerdings aus, dass auch die Betonung der Macht der Sexualität, die im zweiten
Naturkräfte – im Zuge einer radikalen positivistischen Band des Hauptwerks von 1844 eine zentrale Rolle er-
Eliminierung aller metaphysischen Elemente – aus halten. Auch metaphysische Themen mit ethischem
den Basisannahmen der Wissenschaften verschwin- oder religiösem Einschlag, die zum Themenkomplex
den könnten. Metaphysik als interpretatorische Ergän- des vierten Buchs gehören, wie das Problem der Wil-
zung der Naturwissenschaften bleibt daher von den lensfreiheit, die Fragen nach Tod und Unvergänglich-
wissenschaftlich vorgegebenen Naturkräften zwar ab- keit des Ich und die ganze Thematik von Leid und Er-
hängig, doch hat sie, weil Schopenhauer die Naturkräf- lösung, spielen so gut wie keine Rolle. Daher fehlt
te gerade als wissenschaftlich irreduzibel betrachtet, auch der pessimistische Grundton in dieser primär
einen partiell unabhängigen Status. naturphilosophischen Schrift fast völlig.

Aufbau und Themen der Schrift Der unbewusste Wille in den vegetativen Lebens-
funktionen
Die Schrift besteht aus einer für die zweite Auflage von
1854 verfassten Vorrede, einer (die Intention des Buchs In dem Kapitel »Physiologie und Pathologie« (N,
erklärenden) Einleitung, einer Schlussbemerkung so- 9–33) sammelt und zitiert Schopenhauer Zeugnisse
wie aus acht unterschiedlich umfangreichen Kapiteln, einiger, heute meist unbekannter zeitgenössischer
in denen Schopenhauer sich mit den empirischen Be- Wissenschaftler, die einen unbewussten Willen als Ur-
stätigungen befasst, die seine Metaphysik in verschie- quelle der Lebensfunktionen annehmen (vgl. N, 9 ff.,
denen Bereichen erfahren hat. Die einzelnen Kapitel 29 ff.). Im Kontext dieser Zeugnisse liefert er auch Er-
heißen: »Physiologie und Pathologie«, »Vergleichende läuterungen seines Willensbegriffs und seiner Wil-
Anatomie«, »Pflanzen-Physiologie«, »Physische Astro- lensmetaphysik.
nomie«, »Linguistik«, »Animalischer Magnetismus Zunächst weist Schopenhauer daraufhin, dass Fort-
und Magie«, »Sinologie« und »Hinweisung auf die schritte der Physiologie im Verständnis der Lebens-
Ethik«. funktionen lange Zeit durch den alten Begriff der Seele
Wie den Kapitelüberschriften zu entnehmen ist, behindert wurden. Nach traditioneller Auffassung, die
befasst sich Schopenhauer nicht nur mit Bestätigun- er noch in Kants Vernunft-Idee der Seele findet, ist die
gen seiner Metaphysik durch die Naturwissenschaf- Seele die Instanz, die den Körper mittels des Willens
ten, sondern er geht auch auf Phänomene wie Sprache beherrscht und steuert; Bewusstsein und Wille sind
und Religion ein, um seine metaphysische Konzepti- demnach untrennbar verknüpft. Gegen diese traditio-
on durch kulturelle Zeugnisse zu stützen. Daraus er- nelle Konzeption versucht Schopenhauer zu zeigen,
klärt sich zum Teil der etwas heterogene Charakter dass die Seele nicht etwas Einfaches ist, sondern aus
dieser Schrift. zwei heterogenen Bestandteilen besteht, nämlich aus
Als Erläuterung und Ergänzung seiner Metaphysik Bewusstsein (Intellekt) und Wille. Durch die Tren-
befasst sich die Schrift vor allem mit Themen, die be- nung dieser beiden Komponenten wird es nach seiner
reits im zweiten Buch der Welt als Wille und Vorstellung Ansicht möglich, einen vom Bewusstsein unabhängi-
behandelt werden. Thematisiert werden insbesondere gen Willen anzunehmen. Die Tätigkeit des Willens ist
die Naturkräfte als Grenze der Naturwissenschaft und daher nicht auf die bewusst-absichtlich agierende
die metaphysische Grundthese vom Willen als Ding an Willkür des Menschen beschränkt. Diesen Begriff ei-
sich sowie die Ausdeutung dieser These in der Lehre nes unbewussten Willens betrachtet Schopenhauer als
100 II Werk

eine große Errungenschaft seiner Metaphysik, ja er verdeutlicht Schopenhauer das Verhältnis von Physio-
sieht darin geradezu eine begriffliche Revolution von logie, Psychologie und Metaphysik. Die Physiologie
eminenter metaphysischer und wissenschaftlicher Be- gelangt nur bis zur Annahme von Lebenskräften, die
deutung. Denn einerseits setzt dieser Willensbegriff, sie unerklärt stehen lassen muss. Doch bereits die (für
wie er ausdrücklich betont, bereits seine ganze Phi- die Alltagspsychologie charakteristische) Konzeption
losophie voraus, und andererseits eröffnet er nach sei- eines Willens, der den menschlichen Körper bewegt,
ner Ansicht auch neue Perspektiven für die Wissen- liegt nach seiner Ansicht außerhalb des Kompetenz-
schaften (vgl. N, 21). Entgegen seiner programmati- bereichs der Physiologie. Der Willensbegriff ist daher
schen Idee, die darauf abzielt, Bestätigungen seiner nicht das Ergebnis von wissenschaftlichen Experi-
Metaphysik durch die empirischen Wissenschaften menten, sondern von menschlicher Selbstbeobach-
aufzuzeigen, ist es hier also umgekehrt so, dass die Me- tung (vgl. N, 28). Analog lassen sich nach seiner An-
taphysik durch eine begriffliche Neuerung den Wis- sicht auch die wissenschaftlich unerklärbaren Lebens-
senschaften bei der theoretischen Klärung ihrer empi- kräfte metaphysisch nur verständlich machen, wenn
rischen Phänomene helfen soll. man sie von innen versteht und auf den Willen zu-
Mit der Anerkennung eines unbewussten Willens rückführt (vgl. N, 31).
erhält die Physiologie nach Schopenhauer die Mög-
lichkeit, einen unbewusst agierenden Willen bei vege-
Die Zweckmäßigkeit der organischen Natur
tativen Lebensfunktionen wie Herzschlag oder Ver-
dauung anzunehmen (vgl. N, 19 ff., 24 f.). Im Lichte In dem Kapitel »Vergleichende Anatomie« (N, 34–58)
dieser Konzeption erläutert er seine Lehre von den befasst sich Schopenhauer mit dem Problem der Te-
drei Formen der Kausalität und betont, dass bei Ur- leologie. Er führt zahlreiche Beispiele für das Phäno-
sache, Reiz und Motivation der Wille jeweils das ei- men der zweckmäßigen Organisation und Anpassung
gentliche Agens ist, obgleich nur die Motivation mit der Lebewesen an und betont besonders die zweck-
Bewusstsein verbunden ist (vgl. N, 22 f.). Die Auffas- mäßige Abstimmung zwischen der Gestalt und den
sung, dass auch unbewusst erfolgende Körperprozes- Organen eines Tieres und seiner Lebensweise. Ziel
se durch einen Willen erfolgen, versucht er durch ver- seiner Ausführungen ist es zu zeigen, dass seine meta-
schiedene Argumente zu stützen. So beruft er sich auf physische Auffassung der Zweckmäßigkeit der orga-
bekannte Beispiele mentaler Beeinflussung vegetati- nischen Natur ebenfalls wissenschaftlich bestätigt
ver Körperfunktionen, wie etwa die Verengung oder worden ist (vgl. N, 34 f.).
Erweiterung der Pupillen oder das Herzklopfen bei Um den Weg zum richtigen Verständnis der
Furcht oder Freude (vgl. N, 26 f., 28 f.). Zweckmäßigkeit zu ebnen, geht Schopenhauer auch
Im Kontext dieser Ausführungen zum Willens- auf den physikotheologischen Gottesbeweis ein, der
begriff nimmt Schopenhauer eine metaphysische Deu- von der Zweckmäßigkeit der Natur auf Gott als ihren
tung des Intellekts vor, die eine ausgesprochen mate- Urheber schließt (vgl. N, 37 f.). Schopenhauer stimmt
rialistische Tendenz aufweist. Unter Berufung auf den zunächst zu, dass die Zweckmäßigkeit nicht zufällig
französischen Physiologen Pierre Jean Georges Caba- und planlos entstanden sein kann, doch mit Berufung
nis (s. Kap. 23) entwickelt er hier erstmals die für sein auf die Kritiken Humes und Kants bestreitet er, dass
späteres Werk charakteristische Auffassung vom Intel- zur Erklärung der Zweckmäßigkeit ein bewusst-pla-
lekt als »Gehirnfunktion«. Während der Wille das me- nender, übernatürlicher Geist angenommen werden
taphysisch Ursprüngliche ist und als Ding an sich dem muss. Dagegen stellt er die These, dass nicht ein Intel-
Organismus zugrunde liegt, ist der Intellekt Produkt lekt die Welt geschaffen hat, sondern dass umgekehrt
oder Funktion des Organismus und hat damit sogar die Natur Geist und Bewusstsein hervorgebracht hat.
tertiären Charakter (vgl. N, 20). Schopenhauer beeilt Geist ist daher ein untergeordnetes Prinzip und au-
sich jedoch hinzuzufügen, dass damit die idealistische ßerdem, wie er in einem Zusatz von 1854 sagt, ein
Grundansicht von der »Welt als Vorstellung« keines- »Produkt spätesten Ursprungs« (N, 39). Eine bewusst-
wegs aufgehoben wird, weil die ganze objektiv-mate- planende Intelligenz kommt daher zur Erklärung der
rielle Welt stets durch ein Subjekt bedingt bleibt. Der Zweckmäßigkeit der Natur nicht infrage. Wie er mit
damit drohende zirkuläre Charakter seiner Konzepti- Verweis auf das instinktive Verhalten von Tieren, z. B.
on (s. Kap. 6.3; 43) wird von ihm an dieser Stelle jedoch den Nestbau von Vögeln, zeigt, ist für die Entstehung
nicht weiter kommentiert (vgl. N, 20 f.). zweckmäßiger Produkte eine intelligente Planung
In einer wissenschaftstheoretischen Bemerkung auch gar nicht erforderlich (vgl. N, 39).
7  Ueber den Willen in der Natur 101

Die geeignete wissenschaftliche Erklärung der Auffassung, dass sich die Gestalten und Organe der
Zweckmäßigkeit findet Schopenhauer in der Auffas- Tiere erst im Laufe der Zeit gebildet haben, nicht zu-
sung, dass die Gestalten und Organe von Tieren sich letzt mit dem transzendentalphilosophisch-metaphy-
nach ihrer Lebensweise, d. h. nach ihren Neigungen sischen Argument ablehnt, dass der die Organisation
und Begierden richten (vgl. N, 35, 40 ff., 45 ff.). Gemäß bestimmende Wille ein außerzeitlicher Akt ist (vgl. N,
dieser Auffassung erfolgt nach einer Veränderung der 44). An dieser Stelle zeigt sich, wie die metaphysische
Umwelt zuerst eine Veränderung der Lebensweise These von der Einheit des Willens die weitere Entfal-
und der Bedürfnisse der Tiere, bevor infolge des ver- tung des evolutionären Denkens bei Schopenhauer
änderten Gebrauchs der Organe die Organe selbst behindert. Ansätze evolutionären Denkens zeigen
sich verändern. Er bezieht sich auf Lamarck als Kron- sich vor allem in den Zusätzen zur zweiten Auflage
zeugen dieser Auffassung, ohne freilich dessen Lehre von 1854, und zwar z. B. in der (älteren) These vom In-
von der Vererbung individuell erworbener Eigen- tellekt als Werkzeug des Willens (vgl. N, 48), sodann
schaften zu erwähnen (vgl. N, 43). Als empirischen in den Erläuterungen der verschiedenen Ausprägun-
Beleg der Annahme, dass das Verhalten der Tiere stets gen der Intelligenz bei Tieren (vgl. N, 49 ff.) und in der
der Veränderung ihrer Organe vorhergeht, verweist er Hypothese, dass die gleiche Anzahl von Knochen bei
unter anderem auf heranwachsende Tiere wie junge Wirbeltieren durch ihre Abstammung von einem ge-
Stiere oder Böcke, die bereits ein (instinktives) Stoß- meinsamen Vorfahr (»Grundtypus«) erklärt werden
Verhalten zeigen, bevor die dafür notwendigen Hör- kann (vgl. N, 54).
ner ausgebildet sind (vgl. N, 42).
In der auf Lamarck zurückgehenden wissenschaft-
Der Wille in der Pflanzenwelt und die Stufen der
lichen Erklärung der Zweckmäßigkeit sieht Schopen-
Natur
hauer eine Bestätigung seiner Metaphysik. Die Erklä-
rung der Zweckmäßigkeit durch Neigungen und Be- Das Kapitel »Pflanzen-Physiologie« (N, 59–79) be-
gierden läuft nach seiner Ansicht auf die Annahme hi- fasst sich mit Belegen für Willensäußerungen bei
naus, dass ein Tier »so ist, weil es so will« (N, 35). Pflanzen. Schopenhauer beruft sich vor allem auf
Gestalt und Organe einer Tierspezies sind also Aus- französische Forscher wie Geoffroy Saint-Hilaire und
druck oder Abbild ihrer Willensbestrebungen (vgl. N, Georges Cuvier, die das Wachstum und die Bewegun-
45). Die Zurückführung der Zweckmäßigkeit der Or- gen von Pflanzen mithilfe von Begriffen wie »Empfin-
ganisation von Lebewesen auf einen (unbewusst agie- dungen« und »Willen« beschreiben (vgl. N, 59 ff.).
renden) Lebenswillen ist der erste, einleitende Teil Schopenhauer gesteht jedoch zu, dass die diesbezüg-
von Schopenhauers metaphysischer Deutung. Eine lichen Formulierungen der französischen Wissen-
weitergehende metaphysische Deutung nimmt er vor, schaftler häufig nicht mit der nötigen Klarheit erfolgt
wenn er die Zweckmäßigkeit der organischen Natur seien, wofür er deren empiristische Ausrichtung und
durch die (außer Raum und Zeit zu denkende) Einheit Befangenheit im alten Willensbegriff verantwortlich
des Willens erklärt. Danach drückt sich der außerzeit- macht. Nehme man dagegen eine klare Trennung der
liche Willensakt einer Tierspezies empirisch als Begriffe von Bewusstsein und Willen vor, dann lässt
Zweckmäßigkeit ihrer Organisation aus. Die Objekti- sich nach seiner Ansicht klar formulieren, dass Pflan-
vierung des Willens bringt gleichsam als Erbe der me- zen zwar Willensäußerungen zeigen, aber kein Be-
taphysischen Einheit die Zweckmäßigkeit der (organi- wusstsein haben. Da Pflanzen ohne Bewusstsein re­
schen) Natur mit sich. Auf diese Weise erklärt sich agieren, handelt es sich bei der sogenannten »Wahr-
nach seiner Ansicht die ausnahmslose Zweckmäßig- nehmung« von Pflanzen nur um einen metaphori-
keit und Harmonie aller Organe. Diese strengere me- schen Ausdruck oder um ein Analogon von Be­
taphysische Deutung schließt, wie er ausdrücklich be- wusstsein. Tatsächlich erfolgen die Bewegungen von
tont, die Möglichkeit überflüssiger oder funktionslos Pflanzen als Reaktionen auf Reize, im Unterschied zu
gewordener Organe aus, womit er aus heutiger Sicht dem durch (bewusste) Motive erfolgenden Verhalten
allerdings zu viel erklärt (vgl. N, 34, 40 f., 45, 54, 57 f.). von Tieren (vgl. N, 56, 67 ff., 70). Seine Feststellung ei-
In Schopenhauers Ausführungen zum evolutions- nes unbewussten Willens bei Pflanzen nimmt Scho-
biologischen Thema der Zweckmäßigkeit stehen tra- penhauer zum Anlass, die Stellung des Bewusstseins
ditionelle und vorwärtsweisende Momente neben- in den Stufen der Natur insgesamt zu verdeutlichen.
einander. Der traditionellen Ansicht von der Kon- Er beschreibt die zunehmende Entfaltung des Be-
stanz der Arten bleibt er verhaftet, wenn er Lamarcks wusstseins, beginnend bei rudimentären Formen von
102 II Werk

Bewusstsein bei niederen Tieren bis zu seiner höchs- mit der für seine Metaphysik zentralen Auffassung der
ten Ausprägung im Menschen (vgl. N, 67 f., 74 ff.). umgekehrten Proportionalität von Apriorität (Ratio-
Im Kontext dieser Erläuterungen zur Stellung des nalität) und Realität. Danach sind die apriorischen
Bewusstseins im Stufenbau der Natur reflektiert Scho- Bestandteile der Erkenntnis zwar klar und verständ-
penhauer auch den systematischen Status des Intel- lich, aber als (im Subjekt angelegte) apriorische For-
lekts im Rahmen seiner Philosophie insgesamt (vgl. men haben sie keine metaphysische Bedeutung für
N, 70 ff.). Er betont, dass die Beschreibung des Intel- das Ding an sich; umgekehrt zeigt sich in den empiri-
lekts als Teil (oder Produkt) der Natur auf einem em- schen Bestandteilen der Erkenntnis zwar ein solcher
pirisch- oder objektiv-realistischen Standpunkt er- metaphysischer Bezug zum Ding an sich, doch geht
folgt, im Unterschied zum transzendental- oder sub- dies auf Kosten der Verständlichkeit (vgl. N, 87 ff.).
jektiv-idealistischen Standpunkt Kants, von dem aus Auch die drei Formen der Kausalität analysiert
die Welt als Vorstellung thematisiert wird. Beide Schopenhauer hier noch einmal unter dem Aspekt der
Standpunkte betrachtet er als einander ergänzend und Verständlichkeit. Die mechanische Kausalität ist am
vereinbar, und zwar vor allem deshalb, weil beide zu verständlichsten, da hier das Verhältnis von Ursache
demselben Resultat führen, nämlich zur Begrenzung und Wirkung gleichartig und außerdem mathematisch
menschlicher Erkenntnis auf die Erscheinungswelt. exakt fassbar ist. Demgegenüber geht die Verständlich-
Bei Kant folgt diese These aus den (im Subjekt ange- keit bei den beiden anderen Formen der Kausalität
legten) apriorischen Anteilen der Erkenntnis; die em- (Reiz, Motiv) mehr und mehr verloren, weil hier Ursa-
pirisch-physiologischen Betrachtungen führen da- che und Wirkung immer heterogener werden und der
gegen zu derselben These, indem sie den Intellekt als Zusammenhang zwischen Reiz und Reaktion bzw.
ein Produkt der Natur nachweisen, das ursprünglich zwischen Motiv und Handlung zunehmend undurch-
nur als Werkzeug des Lebenswillens entstanden ist sichtiger wird. Von außen gesehen erscheint das durch
und als ein auf praktische Zwecke angelegtes Werk- abstrakte Motive erfolgende menschliche Handeln ge-
zeug zur Erkenntnis des Wesens der Welt gar nicht fä- radezu als grundlos oder frei (vgl. N, 90). Doch wäh-
hig ist (vgl. N, 72 f.). rend die Kausalität auf der Stufenleiter der Natur zu-
nehmend unverständlicher wird, tritt der Wille im ›In-
nern der Natur‹ zunehmend deutlicher hervor, bis er
Der Wille in der anorganischen Natur und die drei
im menschlichen Selbstbewusstsein als das wahre
Formen der Kausalität
Agens am deutlichsten erfasst wird. Zum Schluss sei-
In dem Kapitel »Physische Astronomie« (N, 80–94) ner Ausführungen erläutert Schopenhauer noch ein-
geht es Schopenhauer um Belege für Willensäußerun- mal seine Grundidee, dass in der richtigen Verknüp-
gen in der anorganischen Natur. Dabei betont er fung von äußerer und innerer Erfahrung der Schlüssel
gleich zu Anfang, dass für diesen Teil am wenigsten zum metaphysischen Verständnis der Natur liegt (vgl.
mit wissenschaftlichen Zeugnissen zu rechnen gewe- N, 91 f.). Dieses Kapitel betrachtete Schopenhauer
sen sei. Umso mehr ist er erfreut, ein solches Zeugnis selbst als die gelungenste Darstellung seines metaphy-
bei dem Astronomen John Herschel gefunden zu ha- sischen Ansatzes (vgl. WII, 213).
ben. Bei dem Versuch, die Naturkraft der Gravitation
verständlich zu machen, habe Herschel sie als eine Art
Die magische Wirkung des Willens
von Willen gedeutet (vgl. N, 81). Dieser Beleg bleibt
freilich der einzige in diesem Kapitel. In dem umfangreichen Kapitel »Animalischer Mag-
Nach dem Verweis auf Herschel verteidigt Scho- netismus und Magie« (N, 99–127) sucht Schopenhau-
penhauer noch einmal seine metaphysische Grund- er nach Bestätigungen seiner Metaphysik auf einem
these, indem er betont, dass auch das »Streben« in der Gebiet, das heute zur Parapsychologie gerechnet wird.
anorganischen Natur nur als Willensäußerung ver- Er bezieht sich auf den von Franz Anton Mesmer im
standen werden kann, ohne damit die feste Grenze 18. Jahrhundert begründeten animalischen Magnetis-
zwischen belebter und unbelebter Natur auflösen zu mus, wobei er, für den heutigen Leser etwas über-
wollen (vgl. N, 83 f.). Daran anschließend erläutert er raschend, die Kenntnis dieser Lehre weitgehend vo-
seine Auffassung, dass Bewegungen nicht nur eine raussetzt. Seine Ausführungen gehen davon aus, dass
(äußere) Ursache haben, sondern zugleich durch ei- es sich dabei um eine Behandlungsmethode von
nen (inneren) Willen erfolgen (vgl. N, 84 ff.). In den Krankheiten handelt, die Mesmer anfangs durch Ver-
weiteren Ausführungen dieses Kapitels befasst er sich wendung von Magneten und später durch Handauf-
7  Ueber den Willen in der Natur 103

legen und Suggestion praktizierte. Eine besondere auch in Zeiten größten Aberglaubens tiefersehende
Rolle in Schopenhauers Ausführungen spielen Fälle Denker wie Paracelsus oder Jakob Böhme gab, die zur
von Hypnose, wobei er in einem Zusatz von 1854 ei- Einsicht in die magische Wirksamkeit des Willens ge-
nen Fall aus eigener Erfahrung berichtet (vgl. N, 102). langten und damit seine Metaphysik antizipierten.
Dass es sich bei diesen Phänomenen im Wesentlichen Schopenhauers Auseinandersetzung mit okkulten
um Tatsachen handelt, steht für ihn fest. Phänomenen, die er vor allem in den Kapiteln »Ver-
Im Zentrum von Schopenhauers weiteren Über- such über das Geistersehn und was damit zusammen-
legungen steht die Frage, wie sich diese Phänomene hängt« (s. Kap. 9.5) und »Transscendente Spekulation
erklären lassen und worauf insbesondere der (hypno- über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale
tische) Einfluss eines »Magnetisieurs« auf andere Per- des Einzelnen« (s. Kap. 9.4) im ersten Band der Parerga
sonen beruht. Er verweist auf frühere physische Erklä- und Paralipomena fortgesetzt hat, zeichnen sich durch
rungen, zu denen er auch Mesmers Erklärung durch eine aufgeklärte Grundhaltung und ein wissenschaftli-
einen Weltäther zählt (vgl. N, 99). Er betrachtet solche ches Interesse aus. Dennoch macht sich in ihnen auch
Erklärungen als verfehlt, da äußerliche Hilfsmittel wie sein metaphysisches Interesse geltend, wenn er die ok-
Magnete oder Hände, aber auch die Manipulation kulten Phänomene als Bestätigungen seiner Metaphy-
durch Worte nach seiner Ansicht für die jeweils erziel- sik zu verstehen versucht. Daher zeigt Schopenhauer
ten Wirkungen ganz unwesentlich sind. Unter Beru- neben seiner Aufgeschlossenheit für das Okkulte bis-
fung auf Selbstzeugnisse erfolgreicher Magnetiseure weilen auch eine gewisse Leichtgläubigkeit, wenn er
setzt er dagegen die These, dass das entscheidend Berichte über rätselhafte Phänomene wiedergibt.
Wirksame allein der Wille des Magnetiseurs ist (vgl.
N, 109). Weil die verwendeten äußerlichen Hilfsmittel
Sprachliche und kulturelle Bestätigungen der
unwesentlich und verzichtbar sind, handelt es sich bei
Willensmetaphysik
der magnetisierenden Wirkung, durch die z. B. eine
Person in der Hypnose einer anderen Person ihren In den restlichen, vergleichsweise kurzen Kapiteln be-
Willen aufzwingt, um einen unmittelbaren – den fasst sich Schopenhauer mit kulturellen und geistes-
Raum zwischen beiden Individuen ohne materielle wissenschaftlichen Zeugnissen, die die Übereinstim-
Hilfe überwindenden – Einfluss auf einen fremden mung seiner Lehre mit Sprache und Religion anderer
Willen. Schopenhauer glaubt, dass magnetisierende Völker und Kulturen zeigen sollen. In dem Kapitel
(oder hypnotische) Wirkungen die gewöhnlichen Na- »Linguistik« (N, 95–98) weist er daraufhin, dass in fast
turgesetze aufheben und spricht daher ausdrücklich allen Sprachen das Wirken in der unbelebten Natur als
von »übernatürlicher« und »magischer Wirkung«. In Wollen begriffen wird, worin er eine Bestätigung für
diesen Phänomenen handelt es sich nach seiner An- seine Auffassung sieht, dass es gar keine andere Mög-
sicht um Fälle, wo der Wille seine natürliche Wir- lichkeit gibt, um die inneren Triebe und Bestrebungen
kungsform überspringt und unmittelbar als Ding an der Natur zu verstehen. Das Kapitel »Sinologie« (N,
sich wirkt. Daher bezeichnet er den animalischen 128–139) geht auf kulturwissenschaftliche Studien zu
Magnetismus auch als »praktische Metaphysik« und China ein, um zu zeigen, dass die Religionen des Tao-
sieht darin eine bedeutende empirische Bestätigung ismus, Konfuzianismus und Buddhismus in zentralen
seiner Metaphysik (vgl. N, 104 f., 115). Punkten wie Idealismus, Pessimismus und (offenem
Mit der Anerkennung magischer Wirkung distan- oder latentem) Atheismus mit seiner Philosophie
ziert Schopenhauer sich auch vorsichtig von der rein übereinstimmen. In dem Kapitel »Hinweis auf die
negativen Einstellung der Aufklärung zur Magie. Er Ethik« (N, 144–144) geht es ihm schließlich um den
gesteht zwar zu, dass das, was in der Geschichte als Nachweis, dass seine Metaphysik – in Übereinstim-
Magie gelehrt und praktiziert wurde, großenteils mung mit allen Religionen, aber im Gegensatz zum
Aberglauben gewesen ist, aber er sieht darin eben Materialismus – eine moralische Bedeutung des Le-
nicht nur Aberglauben. Die mit der traditionellen Ma- bens annimmt und daher auch und vor allem eine
gie häufig verknüpften Vorstellungen von Göttern, Stütze der Ethik ist. In dem Kapitel »Schluss« (N, 145–
Dämonen oder Teufeln betrachtet er allerdings als 147) äußert Schopenhauer die Hoffnung, dass seiner
verfehlte metaphysische Ausdeutungen, die mit den Philosophie die Zukunft gehören wird, womit er eine
magischen Wirkungen selbst nichts zu tun haben (vgl. Polemik gegen die Philosophieprofessoren verbindet,
N, 108 f., 113 ff.). In ausführlichen Nachweisen (N, die er für das Verschweigen seiner Philosophie verant-
117–126) versucht er schließlich zu zeigen, dass es wortlich macht.
104 II Werk

Die Vorrede der zweiten Auflage Die Stellung der Schrift in Schopenhauers Werk
Ein wichtiges Dokument für das Selbstverständnis Um die Stellung der Schrift Ueber den Willen in der
des späten Schopenhauer ist die Vorrede zur zweiten Natur in Schopenhauers Werk und philosophischer
Auflage der Schrift von 1854. Während er in der ers- Entwicklung bestimmen zu können, muss vor allem
ten Auflage den Zeitgenossen die Vorzüge seiner geklärt werden, welche Auffassungen eine besondere
Philosophie demonstrieren will und dabei seine Betonung oder Akzentuierung erhalten und welche in
Hoffnung noch ganz auf die Zukunft setzt, stellt er der Schrift überhaupt neu vertreten werden.
nun mit Blick auf die beginnende Rezeption seines Einen neuen Akzent gibt Schopenhauer in der
Werks voller Stolz fest: »man hat angefangen, mich Schrift seiner Auffassung vom unbewussten Willen.
zu lesen, – und wird nun nicht wieder aufhören« (N, Stand vorher die These vom Willen als Ding an sich im
XIII). Er beschreibt sich als den »Kaspar Hauser« Vordergrund, so betont er nun stärker den unbewuss-
der Philosophie, dem es nach jahrzehntelangem Ver- ten Charakter des Willens und die philosophische und
schwiegenwerden endlich gelungen sei, Gehör zu wissenschaftliche Bedeutung dieser Konzeption. Auch
finden, und verbindet damit eine scharfe Polemik das Verhältnis von Wille und Ursachen wird nun im
gegen die Philosophieprofessoren, denen er man- Licht der Lehre von der umgekehrten Proportionalität
gelnde Wahrheitsliebe und »Zeitdienerei« vorwirft, von Rationalität und Realität weiter ausgedeutet.
da sie aus persönlichen Interessen an ihrer akademi- Eine neue Thematik der Schrift besteht in biogra-
schen Karriere ihre Lehren der jeweiligen Landes- phisch-rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht darin, dass
religion anpassen und die Philosophie damit kor- Schopenhauer bei der Suche nach Bestätigungen seiner
rumpieren (vgl. N, 6 f., 16 ff.). Indem er den Vorrang Metaphysik auf frühe Spuren seines Wirkens trifft, die
der Wahrheit vor allen Interessen betont, bekennt er bewusst verschwiegen wurden. Einen Plagiatsvorwurf
sich ganz als Aufklärer und bedauert, dass das Wort erhebt er gegen den österreichischen Mediziner Anton
»Aufklärung« zu einem Schimpfwort geworden ist Rosas und gegen den dänischen Arzt Joachim Dietrich
(vgl. N, 16). Brandis. Letzteren hatte Schopenhauer in der ersten
Schopenhauer liefert auch eine passende Erklärung Auflage noch als Bestätigung seiner Auffassungen zi-
für die beginnende Wirkung seines Werks, indem er tiert, bevor er ihn dann, nach genaueren Nachfor-
behauptet, dass seine Metaphysik geeignet sei, das Be- schungen, zuerst 1844 im zweiten Band des Haupt-
dürfnis nach »ernstlicher Philosophie« zu befriedi- werks (vgl. W II, 295 f.) und sodann in der zweiten Auf-
gen, das durch den wissenschaftlichen Fortschritt ei- lage von 1854 des Plagiats beschuldigt (vgl. N, 13 f.).
nerseits und den allgemeinen Glaubensverlust ande- Einer neuen Thematik von besonderer systemati-
rerseits entstanden sei. Der neue Materialismus, den scher Tragweite wendet sich Schopenhauer zu, wenn
er wegen seines naiven Realismus und seiner (ver- er sich in der Schrift erstmals mit okkulten Phänome-
meintlichen) fragwürdigen moralischen Folgen direkt nen befasst, um seine Metaphysik zu untermauern.
attackiert, ist dazu seiner Ansicht nach nicht in der La- Wie die zahlreichen Zusätze zum Kapitel »Anima-
ge (vgl. N, IX ff.). lischer Magnetismus und Magie« von 1854 (vor allem
Den sachlichen Grund der Misere der zeitgenössi- N, 100–113) und die bereits genannten beiden Kapitel
schen deutschen Philosophie sieht Schopenhauer in in den Parerga und Paralipomena deutlich machen,
der Vernachlässigung der Errungenschaften der Phi- hat sein Interesse an dieser Thematik von da an fort-
losophie Kants, zu denen er insbesondere die Lehre gedauert.
des transzendentalen Idealismus rechnet. Der größte Die wichtigste systematische Neuerung der Schrift
Teil der Vorrede ist dem Nachweis gewidmet, dass geht auf die Rezeption der zeitgenössischen Physiolo-
die philosophische Fehlentwicklung seit Kant vor al- gie zurück. Mit Bezugnahme auf Cabanis entwickelt
lem auf die Unkenntnis der kantischen Philosophie Schopenhauer hier erstmals seine physiologische
zurückzuführen ist. Diese Ausführungen sind nicht Deutung des Intellekts als Gehirnfunktion und seine
nur von Schopenhauers Anspruch getragen, der ei- darauf sich stützende metaphysische These vom ter-
gentliche Nachfolger Kants zu sein, sondern sie ent- tiären Charakter des Intellekts (vgl. N, 20). Zugleich
halten auch die implizite Aufforderung »Zurück zu zeigt sich in dieser Schrift, dass er ungeachtet dieser
Kant!«. Damit dürfte er den beginnenden Neukan- materialistischen Wendung an der idealistischen
tianismus mit angestoßen haben (vgl. N, XVI– Grundansicht festhält und auch weiterhin den Mate-
XXIX). rialismus ablehnt (vgl. N, X, 44).
7  Ueber den Willen in der Natur 105

Schopenhauers Ueber den Willen in der Natur steht ge Wirkung der Schrift auf die Diskussion metaphy-
zwar zeitlich zwischen dem frühen Hauptwerk und sisch-naturphilosophischer Fragen kaum gegeben.
den späteren Schriften, doch kann man die Schrift we-
gen der genannten inhaltlichen und systematischen Literatur
Ergänzungen seiner metaphysischen Position bereits Bender, Hans: Telepathie und Hellsehen als wissenschaftli-
zum Spätwerk zählen. che Grenzfrage. In: Schopenhauer-Jahrbuch 48 (1967),
36–52.
Birnbacher, Dieter: Schopenhauer und die moderne Neuro-
Die Wirkung der Schrift philosophie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 86 (2005), 133–
148.
Mit seiner Metaphysik hat Schopenhauer die Strö- Birnbacher, Dieter: Schopenhauer. Stuttgart 2009.
mungen der Willensmetaphysik und Lebensphiloso- Brann, Henry Walter: C. G. Jung und Schopenhauer. In:
Schopenhauer-Jahrbuch 46 (1965), 76–87.
phie, aber auch die philosophische Anthropologie
Brun, Jean: Schopenhauer et le Magnétisme. In: Schopen-
und Tiefenpsychologie maßgeblich beeinflusst und hauer-Jahrbuch 69 (1988), 155–167.
insbesondere Denkern wie Eduard von Hartmann, Driesch, Hans: Schopenhauers Stellung zur Parapsycho-
Nietzsche, Bergson, Scheler und Freud entscheidende logie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 23 (1936), 15–99.
Anstöße gegeben (s. die entsprechenden Kapitel in Gödde, Günter: Traditionslinien des Unbewußten. Schopen-
Teil IV). Der Einfluss der Schrift Ueber den Willen in hauer, Nietzsche, Freud. Tübingen 1999.
Malter, Rudolf: Schopenhauer und die Biologie. Metaphysik
der Natur lässt sich jedoch von der allgemeinen Scho- der Lebenskraft auf empirischer Grundlage. In: Berichte
penhauer-Rezeption und der Rezeption seines Haupt- zur Wissenschaftsgeschichte 6 (1983), 41–58.
werks im Besonderen nur schwer trennen. Malter, Rudolf: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphi-
Zunächst wurde die Schrift ebenso wie das Haupt- losophie und Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cann-
werk kaum beachtet. Als nach der Veröffentlichung statt 1991.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Natur-
der Parerga und Paralipomena (1851) die große Scho-
wissenschaft. Aprioritätslehre und Methodenlehre als
penhauer-Rezeption begann, wurde auch Ueber den Grenzziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Bonn
Willen der Natur als Ergänzung und Erläuterung sei- 1985.
ner Metaphysik zur Kenntnis genommen. Im Unter- Morgenstern, Martin: Die Grenzen der Naturwissenschaft
schied zu den beiden Abhandlungen über die »Freiheit und die Aufgabe der Metaphysik bei Schopenhauer. In:
des Willens« und über die »Grundlage der Moral«, die Schopenhauer-Jahrbuch 67 (1986), 71–93.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Grundlegung der
in ethischen Diskussionen der Moderne immer Beach-
Metaphysik. In: Schopenhauer-Jahrbuch 69 (1988), 57–66.
tung gefunden haben, wurde die Schrift nur selten als Schmidt, Alfred: Schopenhauer und der Materialismus. In:
eigenständiges Werk neben dem Hauptwerk wahr- Ders.: Drei Studien über den Materialismus. München
genommen. Von einer selbständigen Rezeption kann 1977, 21–79.
am ehesten bezüglich Schopenhauers Auseinanderset- Schmidt, Alfred: Physiologie und Transzendentalphiloso-
zung mit der Thematik des Okkulten gesprochen wer- phie bei Schopenhauer. In: Schopenhauer-Jahrbuch 70
(1989), 43–53.
den, und zwar insbesondere bei dem Naturphiloso- Schmidt, Alfred: Schopenhauers subjektive und objektive
phen Hans Driesch, dem Tiefenpsychologen C. G. Betrachtungsweise des Intellekts. In: Schopenhauer-Jahr-
Jung und dem Parapsychologen Hans Bender. Von sol- buch 86 (2005), 105–132.
chen vereinzelten Anknüpfungen einmal abgesehen,
Martin Morgenstern
hat es eine eigenständige, vom Hauptwerk unabhängi-
106 II Werk

8 Die beiden Grundprobleme der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts auf. Mit
Ethik Aristoteles verbindet Schopenhauer, dass er sich in die-
ser Schrift als scharfer Begriffsanalytiker betätigt, mit
der analytischen Philosophie, dass er sich als Sprach-
8.1 »Preisschrift über die Freiheit des kritiker zeigt – als Kritiker von gezielten oder schlicht
Willens« nachlässigen philosophischen Missdeutungen der
Sprache. Anlass dafür besteht genug, denn wie Scho-
Schopenhauers »Preisschrift über die Freiheit des Wil- penhauer richtig sieht, gehört nicht nur der Begriff der
lens« ist eine der wenigen Einsendungen zu einem Freiheit, sondern besonders auch der Begriff der Wil-
Wettbewerb, die nachhaltige Berühmtheit erlangt ha- lensfreiheit zu den mehrdeutigsten der philosophi-
ben. Die Norwegische Sozietät der Wissenschaften in schen Tradition. In diesem Punkt hatte insbesondere
Trondheim hatte 1839 die Preisfrage gestellt »Lässt sich Kant für Verwirrung gesorgt, indem er den Ausdruck
die Freiheit des menschlichen Willens aus dem Selbst- ›Freiheit‹ sowohl als Gegenbegriff zur kausalen Be-
bewusstsein beweisen?«, und Schopenhauers anonym stimmtheit des Willens, wie sie der Determinismus be-
eingesandte Abhandlung – die einzige – bekam den hauptet, als auch als Gegenbegriff zur Abhängigkeit des
Preis zugesprochen. Zusammen mit der zweiten Preis- Willens von sinnlichen Auslösern (den »Neigungen«)
schrift, der »Preisschrift über die Grundlage der Mo- gebraucht hatte. Daraus hatte sich in Kants Moralphi-
ral« aus dem darauffolgenden Jahr, eingereicht bei der losophie das Paradox ergeben, dass jeder, der frei han-
Königlich Dänischen Sozietät der Wissenschaften, ver- delt, damit auch schon moralisch richtig (nämlich nach
öffentlichte er beide Schriften zusammen in erster Auf- moralischen Grundsätzen statt nach seinen »Neigun-
lage im Jahr 1841, in zweiter, mit einer neuen Vorrede gen«) handelt, und jeder, der moralisch falsch handelt,
und zahlreichen Ergänzungen versehenen Auflage im unfrei handelt und dementsprechend für sein Handeln
Todesjahr 1860, unter dem zusammenfassenden und nicht getadelt werden dürfte. Vor einer Prüfung, ob
seitdem eingebürgerten Titel Die beiden Grundproble- bzw. wie weit dem Menschen Freiheit zugesprochen
me der Ethik. Beide Preisschriften verraten deutlich die werden kann, muss also zunächst zwischen den sehr
Handschrift ihres Autors, zugleich aber auch, dass er verschiedenen mit dem vieldeutigen Wort ›Freiheit‹
sich bemühte, als Autor des in Die Welt als Wille und bezeichneten Begriffen unterschieden werden. In ei-
Vorstellung präsentierten und auf Kritik gestoßenen nem zweiten Schritt kann dann untersucht werden, wie
metaphysischen Systems unerkannt zu bleiben. Die weit sich die eine oder andere behauptete Lösung des
Folge ist, dass beide Schriften weitgehend auf eigenen Freiheitsproblems dadurch als Scheinlösung entpuppt,
Füßen stehen und unabhängig vom Hauptwerk gelesen dass sie sich auf eine Konfusion zwischen diesen ver-
und gewürdigt werden können. Indem sie so wenig wie schiedenen Begriffen zurückführen lässt.
möglich auf die eigenwillige Terminologie des Haupt- Nach Schopenhauer hat es die Philosophie primär
werks und das darauf errichtete Theoriegebäude zu- mit der anschaulichen Erfahrung und deren Deutung
rückgreifen, sprechen sie auch Leser an, die der Wil- und nicht mit Begriffen und deren Analyse zu tun.
lensmetaphysik skeptisch gegenüberstehen. Nicht nur Aber die Preisschrift zur Willensfreiheit zeigt, dass er
die Sprache Schopenhauers ist in den Preisschriften auch auf diesem Feld Beachtliches zu leisten imstande
durchweg eingängiger als im Hauptwerk. Auch der Sa- war und die scharfe Waffe der Kritik nicht nur de-
che nach versucht Schopenhauer, sich so weit wie mög- struktiv, in Angriffen auf seine intellektuellen Wider-
lich auf allgemein akzeptierte Voraussetzungen zu be- sacher, sondern auch konstruktiv, zur Klärung von
rufen. Gänzlich hat Schopenhauer allerdings auf die Sachfragen, einzusetzen verstand. Statt die Frage der
Herstellung eines Nexus zwischen dem in diesen Ab- Norwegischen Akademie nach den Möglichkeiten ei-
handlungen, wie er meinte, rein »analytisch und a pos- nes introspektiven Zugangs zur Willensfreiheit un-
teriori« (E, V) Entwickelten und seiner ureigenen Me- mittelbar aufzugreifen, diskutiert er zunächst zwei
taphysik nicht verzichtet. Beide Abhandlungen kul- Vorfragen: ›Wie verhält sich Willensfreiheit zu ande-
minieren in Ausblicken auf eine Fundierung und Ab- ren Formen von Freiheit?‹ und ›Welche Art von Frei-
rundung im Rahmen der Willensmetaphysik. heit lässt sich dem Menschen begründet zusprechen?‹
Nicht nur mit ihrer Anknüpfung an geläufige Be- Sollte der Mensch über Willensfreiheit gar nicht ver-
griffe und Vorstellungen weist die »Preisschrift über fügen – das wird Schopenhauers Ergebnis sein –, lässt
die Freiheit des Willens« Affinitäten einerseits zur Me- sie sich a fortiori auch nicht erkennen, weder durch
thode der aristotelischen Philosophie, andererseits zur das Selbstbewusstsein noch anderweitig.
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 107

Dem folgt die Gliederung der Preisschrift, indem tiv: die Abwesenheit eines Hindernisses. Je nachdem,
sie in einem ersten Kapitel mit dem Titel »Begriffs- worin dieses Hindernis jeweils besteht, unterscheidet
bestimmungen« zunächst sowohl eine allgemeine Schopenhauer zwischen der »physischen« Freiheit, der
Charakterisierung der Begriffe »Freiheit« und »Selbst- Abwesenheit eines die Ausführung des Gewollten ver-
bewusstsein« gibt sowie eine Unterteilung des Frei- hindernden physischen Hindernisses, der »intellek-
heitsbegriffs in drei »Unterarten«, die »physische«, die tuellen« Freiheit, der Abwesenheit eines Mangels an
»intellektuelle« und die »moralische«. Dabei fällt die Wissen bzw. eines Mangels an geistiger Steuerungs-
letztere mit dem zusammen, was herkömmlich als fähigkeit, und der »moralischen« Freiheit, der Abwe-
»Willensfreiheit« diskutiert worden ist. Daraufhin senheit einer Ursache, aus der das jeweilige Wollen mit
wird in weiteren Kapiteln untersucht, was der Blick kausaler Notwendigkeit folgt. So erhellend diese Un-
nach innen (»Der Wille vor dem Selbstbewusstsein«) terscheidungen sind, so unglücklich sind die Benen-
und der Blick nach außen (»Der Wille vor dem Be- nungen, die Schopenhauer für die einzelnen Varianten
wusstsein anderer Dinge«) über das Bestehen und der Freiheit wählt. Was Schopenhauer mit »physi-
Nicht-Bestehen von Willensfreiheit aussagen. Scho- scher« Freiheit meint, ist in erster Linie Handlungs-
penhauer scheint auch erwogen zu haben, das mehr- freiheit, die Freiheit, das, was man will, im Handeln zu
deutige Wort conscientia in der lateinisch formulier- verwirklichen. Diese kann jedoch nicht nur durch
ten Preisfrage im Sinne von ›Gewissen‹ zu verstehen, äußere oder innere physische Hindernisse wie Ketten
sieht aber von dieser Deutung, die auf Kants Begrün- oder Lähmung beschränkt sein, sondern auch durch
dung des Freiheitspostulats zielen würde, bewusst ab, psychische, etwa neurotische Zwänge. Wer einen
da er sich von ihr nichts verspricht (vgl. E, 10). Die Waschzwang hat, ist ähnlich wie der in Ketten Liegen-
weiteren Abschnitte dieses Kapitels dienen der Vertie- de oder Gelähmte daran gehindert, das, was er will, in
fung der gegebenen Antworten, wobei explizit oder Handlungen umzusetzen. Der innere Zwang schränkt
implizit weitere Differenzierungen eingeführt werden. ihn in seiner Handlungsfreiheit möglicherweise in
Explizit fügt Schopenhauer den drei anfänglich unter- demselben Maße ein wie äußere Freiheitsbeschrän-
schiedenen Begriffen zwei weitere Freiheitsbegriffe kungen. Zwang (etwa auch durch Gesetze und Straf-
hinzu: den der »relativen Freiheit« und den der »trans- androhungen) kann die Freiheit des Handelns aber
zendentalen Freiheit«, implizit – in Zusammenhang auch durch anderweitige nicht-physische Mittel be-
mit seiner Charakterlehre – einen weiteren, den man schränken, nämlich durch die Androhung von Übeln,
mit ›innerer Freiheit‹ bezeichnen könnte. Es schließt physischen wie psychischen. Hier ist dann der Akteur
sich ein doxographischer Durchgang durch die »Vor- nicht nur in seinem Handeln unfrei, sondern in einer
gänger« an, aus dem erhellt, dass die große Mehrzahl bestimmten Hinsicht auch in seinem Wollen. Wer un-
der Philosophen die Annahme der Willensfreiheit ab- ter einer Drohung etwas tut, was er nicht will, macht
gelehnt hat, sowie ein die Hauptthese der Preisschrift die Erfahrung einer Unfreiheit nicht nur seines Han-
teilweise relativierender metaphysischer Ausblick auf delns, sondern auch seines Wollens. Wer – unter den
die »transzendentale Freiheit«, eine Hypothese, die gegebenen Umständen – etwas will, was er unter nor-
Schopenhauer in erster Linie mit der Gegebenheit des malen Umständen niemals wollen würde, kann unter
Schuldgefühls bei Moralverstößen motiviert. den gegebenen Bedingungen nicht nur nicht tun, was
In der Lehre von der transzendentalen Freiheit wie er will, sondern auch nicht wollen, was er wollen will.
auch in der Charakterlehre greift Schopenhauer am Auch wer »intellektuell« unfrei ist, will und tut nicht
deutlichsten auf Gedanken seines Hauptwerks zu- das, was er eigentlich will, weil er nicht weiß, was er tut,
rück. Von ihnen lässt sich noch am ehesten sagen, was oder (aufgrund eines Irrtums oder einer Falschinfor-
Schopenhauer in der Vorrede zur ersten Auflage be- mation) die Folgen seines Handelns falsch einschätzt.
hauptet: dass beide Abhandlungen zur Ethik »als Er- Aber auch hier beruht das Unwissen nicht notwendig
gänzung des vierten Buches meines Hauptwerks an- auf einem intellektuellen Defizit, etwa einem Mangel
zusehen« (E, VI) sind. an Kenntnissen oder Intelligenz. Es kann auch durch
ein Übermaß an Emotionalität, durch Voreiligkeit
oder Impulsivität bedingt sein. Auch die »moralische«
Drei Arten von Freiheit und Unfreiheit
Freiheit ist in gewisser Weise ein misnomer, wenn sie,
Was ist die Grundbedeutung von »Freiheit«, die alle wie Schopenhauer meint, die Willensfreiheit bezeich-
einzelnen Freiheitsbegriffe miteinander verbindet? nen soll. Denn zwar ist herkömmlich Willensfreiheit
Nach Schopenhauer ist diese Grundbedeutung nega- vor allem in moralischen Zusammenhängen von Inte-
108 II Werk

resse, vor allem bei der Zuschreibung von Verantwort- Fernrohr: kein Satz a priori erhellt die Nacht seines ei-
lichkeit und Schuld bei moralwidrigen Handlungen. genen Innern; sondern diese Leuchtthürme strahlen
Aber es fragt sich, ob Willensfreiheit, falls sie besteht, nur nach außen« (E, 22). Der Blick nach innen kann
nur für moralisch bewertete oder bewertbare Hand- uns weder zeigen, dass das Wollen verursacht ist,
lungen oder überhaupt nur im Zusammenhang mit noch dass es unverursacht ist. Und selbst wenn er uns
moralischen Bewertungen und Zuschreibungen gilt. zeigen könnte, dass er verursacht ist, könnte er uns
Falls sie besteht, sollte sie für alle Handlungen gelten, nicht zeigen, welches die Ursachen im Einzelnen sind.
die bestimmte Anforderungen an Selbsttätigkeit erfül- Das einzige, was sich dem Selbstbewusstsein entneh-
len, auch in Kontexten, in denen es nicht primär um men lässt, sind zwei Arten von Daten: erstens die Fak-
moralische Bewertungen geht, z. B. für künstlerische tizität unseres Wollens, die Tatsache, dass wir etwas
oder anderweitig kreative Handlungen. wollen; zweitens bestimmte Überzeugungen über
Eine wichtige Einsicht, die in Schopenhauers an- dieses Wollen, insbesondere die Überzeugung, dass
fänglicher Aufreihung der Freiheitsbegriffe enthalten wir das, was wir wollen, ausführen können, also die
ist, ist der abgeleitete Status der Idee der Willensfrei- Überzeugung ›Ich kann tun, was ich will‹; und die
heit: Willensfreiheit ist eine hochgradig abstrakte und Überzeugung, dass wir vollständig frei sind, zwischen
dem in der Alltagspraxis vorherrschenden Freiheits- zwei entgegengesetzten Willensregungen zu wählen –
verständnis weit entrückte Idee. Sie ist ein typisch phi- eine Überzeugung, die wir typischerweise aus Situa-
losophisches Konstrukt. Die ursprüngliche und psy- tionen kennen, in denen zwei alternative Handlungs-
chologisch am leichtesten zu fassende Idee der Frei- möglichkeiten unseren Zwecken ebenso gut ent-
heit ist die Idee der physischen Freiheit: ›Ich kann tun, gegenkommen und es lediglich an unserer willkürli-
was ich will.‹ Für diese Art von Freiheit ist das Hinder- chen Wahlentscheidung zu liegen scheint, zu welcher
nis, das die Freiheit beschränkt oder nicht beschränkt, Seite sich die Waage neigt.
am unmittelbarsten greifbar. Bei der ›moralischen‹ Diese Daten sind, so Schopenhauer, ungeeignet,
Freiheit ist viel weniger evident, wo hier das ›Hinder- über Determinismus oder Indeterminismus zu ent-
nis‹ liegt. Ist Kausalität ein Hindernis? Kann ein Wol- scheiden. Die Kenntnis, die wir davon haben, dass wir
len dadurch, dass es durch Motive verursacht ist, ein- etwas wollen, verrät uns nichts über die Ursachen
geschränkt sein? Bereits an dieser Stelle kündigt sich (oder über die Ursachenlosigkeit) des Wollens. Und
an, dass Schopenhauer – ähnlich wie sein Vorgänger auch die beiden Überzeugungen, die wir regelmäßig
Hume – den Determinismus des Willens in der Preis- oder unter bestimmten Bedingungen über dieses
schrift zwar als einzig gangbare Option, aber nicht als Wollen haben, sind in dieser Hinsicht wenig ergiebig.
metaphysisches oder ethisches Desaster beschreibt. Die Überzeugung, tun zu können, was wir wollen,
Auch wenn dem Mensch Willensfreiheit aberkannt könnte, wenn sie wahr wäre, allenfalls etwas über das
werden muss, erfordert das keine dramatische Ände- Bestehen von Handlungsfreiheit, nicht aber über das
rung der menschlichen Praxis. Verantwortlichkeit, Bestehen von Willensfreiheit aussagen. Allerdings ist
Lob und Tadel, Belohnung und Strafe müssen nicht diese Überzeugung nicht selbstverifizierend. Dass wir
abgeschafft werden. Sie müssen lediglich auf eine neue diese Überzeugung üblicherweise haben, sagt nichts
Grundlage gestellt werden. darüber, ob sie zutrifft. Wir könnten uns über die Fä-
higkeit, unseren Willen im Handeln auszuführen,
auch täuschen. Auch die Überzeugung, dass wir in ty-
Innen- versus Außenperspektive
pischen ›Buridans Esel‹-Situationen völlig frei wählen
Angesichts der Tatsache, dass die Preisschrift als Gan- können, könnte eine Illusion sein. Das Selbstbewusst-
ze die von der Norwegischen Akademie gestellte Fra- sein zeigt uns stets nur das Ergebnis unserer Wahl,
ge beantworten will, macht Schopenhauer mit dieser nämlich die ausgeführte Handlung; es sagt nichts über
Frage erstaunlich kurzen Prozess. Seine Antwort ist die kausalen Prozesse, die zu dieser Handlung geführt
ein lapidares Nein: Das Selbstbewusstsein kann uns haben, oder über deren Abwesenheit.
nichts zu den Ursachen unseres Wollens sagen. Wenn Die Frage nach Determiniertheit und Indetermi-
es um Auskünfte über die kausalen Bedingungen un- niertheit des Willens durch vorhergehende Ursachen
seres Wollens geht, ist das Selbstbewusstsein schlicht lässt sich also nicht introspektiv entscheiden. Ent-
die falsche Instanz: »Da draußen liegt vor seinen [des scheiden lässt sie sich ausschließlich mittels Über-
Selbstbewusstseins; D. B.] Blicken große helle Klar- legungen, die sich auf die kausale Struktur der Welt
heit. Aber innen ist es finster, wie ein gut geschwärztes insgesamt beziehen. Dazu müssen wir uns nach Scho-
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 109

penhauer den Phänomenen der äußeren Welt zuwen- laufende Kausalketten schneiden und ein sich lo-
den – vorausgesetzt, dieser Weg ist für die Frage nach ckernder Dachziegel einem aus dem Haus tretenden
den kausalen Bedingungen von Willensregungen rele- Mann auf den Kopf fällt (vgl. G, 88; s. Kap. 4). Auch
vant. Dies ist nicht selbstverständlich, denn es ist ja wenn jedes einzelne der Ereignisse, die im Augenblick
nicht ausgemacht, dass etwaige zwischen Ereignissen des Unfalls zusammentreffen, in auf Naturgesetzen
der Außenwelt bestehende Kausalbeziehungen auch beruhende Kausalketten eingebettet ist, ist doch die
für psychische Vorgänge, wie es Willensregungen zeitliche Abfolge des Herunterfallens des Ziegels und
sind, gelten. des Heraustreten des Manns zufällig. Aber trotz seiner
Diese Voraussetzung ist nach Schopenhauer aller- Kritik an Kants These, dass der Determinismus eine
dings erfüllt. Für ihn steht fest, dass der Wille wie auch notwendige Bedingung für die Erkennbarkeit der Na-
alle übrigen psychischen Phänomene nicht nur an das turordnung sei, geht Schopenhauer weiterhin davon
Gehirn als Teil der physischen Welt gebunden sind, aus, dass Kausalität ein notwendiges Konstruktions-
sondern dass sie auch in einem bestimmten Sinn mit prinzip der erfahrbaren Welt und eine notwendige Be-
Gehirnprozessen identisch sind. In den Willensregun- dingung der Erkennbarkeit der Natur ist. Der Begriff
gen wie in allen anderen psychischen Phänomenen, eines absolut Zufälligen ist für ihn sogar nachgerade
derer wir uns im Selbstbewusstsein vergewissern kön- undenkbar, es handele sich um einen Begriff, bei dem
nen, manifestieren sich Gehirnprozesse. Was sich im »ganz eigentlich der Verstand stille steht« (E, 46).
Selbstbewusstsein zeigt, ist für Schopenhauer ledig- Die Quelle, aus der Schopenhauer seine Sicherheit
lich die »Innenansicht« eines Gehirnvorgangs. Des- über die durchgängige kausale Strukturiertheit der
halb ist das Gehirn als physiologisches Substrat des äußeren – und indirekt der inneren – Welt schöpft,
Bewusstseins auch an der kausalen Genese unseres bleibt an dieser Stelle offen. Zu vermuten ist, dass er sie
Willens beteiligt, und nicht nur als einer von mehre- aus seiner bereits in der Dissertation entwickelten
ren, sondern als der einzige Akteur. Entscheidend für kausalen Wahrnehmungstheorie bezieht, nach der die
die Frage der kausalen Bedingungen des Willens ist al- Erkenntnis äußerer Gegenstände einen (zumeist un-
lein, ob die den Willensphänomenen zugrunde lie- bewusst vollzogenen) Kausalschluss beinhaltet, mit-
genden Gehirnvorgänge kausal miteinander ver- tels dessen wir aus den uns gegebenen Empfindungen
knüpft sind. Falls die Naturphilosophie besagt, dass von äußeren Gegenständen auf deren Existenz und
alle Ereignisse in der Natur durch vorgängige Ursa- Beschaffenheit schließen (vgl. G, 52 f.). Diese Theorie
chen bedingt sind und durch diese erklärt werden kann allerdings, auch wenn sie zutreffen würde, die
können, muss dies auch für den menschlichen Willen universale kausale Bedingtheit der Erscheinungswelt
gelten. Anders als Kant annahm, kommt dem Men- kaum begründen. Dass zwischen den Gegenständen
schen in Schopenhauers Sicht keine metaphysische der Erkenntnis und der Erkenntnis notwendig eine
Sonderstellung zu. Er ist vielmehr ebenso Teil der Na- kausale Beziehung besteht, impliziert nicht, dass auch
tur wie die Tiere und die übrigen Lebewesen und den- zwischen den Gegenständen selbst notwendig eine
selben Naturgesetzen unterworfen. kausale Beziehung besteht.
Für Schopenhauer hat diese Überlegung die Kon- Das menschliche Wollen unterscheidet sich damit
sequenz, dass auch der menschliche Wille durch die in seiner Determiniertheit nicht von anderen Natur-
ihm jeweils vorhergehenden Ereignisse lückenlos de- vorgängen. Es unterscheidet sich jedoch in der Art
terminiert ist. Insofern ist Willensfreiheit eine schlich- und Weise der Determination. Es ist nicht nur durch
te Illusion. mechanische Ursachen und biologische Reize be-
Dass Schopenhauer diese Konsequenz zieht, könn- stimmt, sondern u. a. auch durch bewusste Wahrneh-
te allerdings zunächst überraschen. Denn in seiner mungen (»Motive«) und gedankliche Inhalte. Wäh-
Dissertation über den Satz vom Grund hatte er die Be- rend das Tier im Augenblick lebt und außer seinen In-
gründung, die Kant für die Unausweichlichkeit des stinkten allein der vom unmittelbar Gegebenen aus-
Determinismus (sowohl in der äußeren Natur als auch gehenden Kausalität unterworfen ist, bestimmt sich
im Bereich der Bewusstseinsphänomene) gegeben der Wille des Menschen u. a. nach gedanklichen Vor-
hatte, erfolgreich kritisiert: Eine zeitliche Aufeinan- stellungen wie Erinnerungen und nach gegenwarts-
derfolge von Erfahrungsinhalten ist sehr wohl zu den- übergreifenden und unanschaulichen Vorstellungen
ken ohne eine kausale Verknüpfung. Jeder kenne Bei- wie Grundsätzen und Maximen. Diese Möglichkeit,
spiele für zufällige Sukzessionen ohne gesetzmäßigen sich vom hic et nunc Gegebenen zu distanzieren,
Zusammenhang, etwa wenn sich zwei getrennt ver- macht das eigentlich Spezifische des Menschen aus.
110 II Werk

Wenn der Mensch über einen freien Willen verfügt, wir gewöhnlicherweise ausgehen, schlecht vereinbar.
dann nicht in Gestalt der absoluten Freiheit eines un- Die Voraussetzung des Determinismus, so Schopen-
verursachten Willens, sondern in Gestalt einer in die- hauer, »befolgt Jeder, so lange er nach außen blickt, es
sem Sinn »relativen Freiheit« (E, 35). mit Andern zu thun hat und praktische Zwecke ver-
folgt« (E, 41). Lediglich in Bezug auf die eigene Person
hängen wir an der Hypothese der Willensfreiheit.
Woher kommt der Glaube an die Willensfreiheit?
Wenn die Überzeugung von der Willensfreiheit eine 3) Fehldeutungen der inneren Erfahrung, insbesonde-
Illusion ist – das ist sie nach Schopenhauer –, stellt sich re der Erfahrung der Unentschlossenheit in Situatio-
die Frage, warum diese Illusion so weit verbreitet ist nen, in denen uns mehrere Möglichkeiten offenstehen
und warum sie sich nicht nur in den Köpfen von (vgl. E, 42), und des Konflikts zwischen zwei oder
Durchschnittsmenschen findet, sondern, wie Scho- mehreren unvereinbaren Motiven (vgl. E, 36). Beide
penhauer feststellt, auch unter »gebildeten, aber nicht Zustände werden nach Schopenhauer fehlgedeutet,
tief denkenden Leuten« (E, 35). Nach Schopenhauer wenn sie als Belege für einen unverursachten Willen
handelt es sich insofern um eine »natürliche« Illusion, verstanden werden. Solange die Unentschiedenheit
eine »natürliche Täuschung« (E, 25), die wie alle natür- anhält, betätigt sich der Wille nicht – allenfalls wird
lichen Phänomene eine Ursache haben muss. Scho- eine bestimmte Willensentscheidung vorgestellt oder
penhauer meint in der Tat, diese Ursachen angeben zu gedacht. Sobald er sich jedoch betätigt, haben wir
können, und seine Hypothesen dazu gehören nicht Grund, eine Ursache für die Entscheidung anzuneh-
nur zu den für ihn charakteristischsten, sondern auch men: im ersten Fall das Motiv, den Zustand der Un-
zu den interessantesten Partien seines Essays. entschiedenheit zu beenden, im zweiten Fall das aus
Nach Schopenhauer sind für die Entstehung und dem Kampf der Motive als Sieger hervorgehende stär-
Aufrechterhaltung der Freiheitsillusion im Wesentli- kere Motiv.
chen vier Faktoren verantwortlich:
4) Interessengetriebene Verfälschungen. In dieser Er-
1) Begriffliche Konfusionen, insbesondere die Ver- klärung zeigt sich eine für Schopenhauer insgesamt
wechslung der Willensfreiheit mit einer der beiden charakteristische ideologiekritische Stoßrichtung sei-
anderen von Schopenhauer unterschiedenen Arten ner Philosophie (vgl. Birnbacher 1996). In der Traditi-
von Freiheit, der Handlungsfreiheit und der dem on der »Priestertrugstheorien« der französischen
Menschen eigentümlichen »relativen Freiheit«. Das Aufklärer unterstellt Schopenhauer den philosophi-
unbefangene Denken unterscheidet nicht hinreichend schen und theologischen Apologeten der Willensfrei-
zwischen dem in der Regel zutreffenden Gedanken heit, dass sie diese als pia fraus bewusst in Umlauf set-
»Ich kann tun, was ich will« und dem in der Regel zen, und zwar zur höheren Ehre Gottes: »Wenn näm-
nicht zutreffenden Gedanken »Ich kann wollen, was lich eine schlechte Handlung aus der Natur, d. i. der
ich will«; und es neigt dazu, die Freiheit zur Distanzie- angeborenen Beschaffenheit, des Menschen ent-
rung vom hier und jetzt anschaulich Gegebenen (die springt, so liegt die Schuld offenbar am Urheber dieser
»relative Freiheit«) mit Willensfreiheit zu verwech- Natur. Deshalb hat man den freien Willen erfunden«
seln. Beide Male ist jedoch die Determination des (E, 72). Andernfalls müsste das gesamte von Men-
Willens nicht aufgehoben. Sie verläuft nur über einen schen wissentlich und willentlich verursachte mora-
komplizierten Umweg: Der die Kausalität vermitteln- lische und außermoralische Übel dem Schöpfer zur
de »Leitungsdraht« (E, 36) ist länger. Last gelegt werden.

2) Das Versäumnis, sich die wenig annehmbaren Kon-


»Innere Freiheit«: Der »erworbene Charakter«
sequenzen der Willensfreiheit klarzumachen, vor al-
lem die Konsequenz, dass jede menschliche Handlung Die von Schopenhauer im dritten Kapitel vorgestellte
ein »unerklärliches Wunder« (E, 45) wäre. Jede Hand- Charakterlehre – eine Weiterentwicklung der Charak-
lung wäre ein aus dem Augenblick heraus entstandenes terlehre des Hauptwerks (vgl. W I, 339 ff.) – hat eine
Ereignis, ohne Verbindung mit dem Charakter und ausgeprägt nativistische Tendenz: Der Charakter des
den überdauernden Motiven des Akteurs. Auch wäre Individuums sei von Geburt an konstant und unabän-
die Annahme der Willensfreiheit mit der weitgehen- derlich. »Empirisch« nennt ihn Schopenhauer deswe-
den Voraussehbarkeit der Reaktionen anderer, von der gen, weil wir und andere ihn erst durch den Vollzug des
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 111

Lebens kennenlernen. Erst im Laufe unseres Lebens er- sche, »transzendentale« Freiheit, die mit der Unfrei-
kennen wir, wie wir auf neue Situationen reagieren. heit des Menschen auf der Ebene der Handlungen zu-
Deshalb werden wir des Öfteren von uns selbst über- sammenbestehen können soll. Damit entspricht die
rascht – im Positiven wie im Negativen (vgl. E, 49). »höhere Ansicht«, die Schopenhauer im letzten Kapi-
Trotz der für ihn beanspruchten Unveränderlich- tel eröffnet, in gewisser Weise der kantischen Frei-
keit ist der empirische Charakter dennoch offen für heitsantinomie, allerdings mit dem Unterschied, dass
Korrekturen und Anpassungen. Indem das Individu- Schopenhauer eine echte Antinomie zu vermeiden
um seine ihm eigenen Motive und Verhaltensbereit- sucht. Bei Kant kommt es zu einer Antinomie durch
schaften kennenlernt, verschafft es sich einen be- das Zusammentreffen der theoretisch notwendigen
grenzten, aber deshalb um nichts weniger zu schät- Annahme universaler empirischer Kausalität mit der
zenden Raum innerer Autonomie. Da der Einzelne praktisch notwendigen Annahme von Willensfreiheit.
weiß, »was er sich zutrauen und zumuthen darf« (E, Schopenhauer geht zwar ebenso wie Kant von einer
50), vermag er die Ziele, die er sich zu erreichen vor- unaufhebbaren Spannung zwischen theoretischem
nimmt, seinen individuellen Möglichkeiten und Ge- Determinismus und praktischer Freiheitsüberzeu-
fährdungen anzupassen. Auf der individuellen Ebene gung aus, versucht diese Spannung aber mithilfe einer
wiederholt sich die dialektische Dynamik von Scho- Ebenenunterscheidung aufzulösen: Auf der Ebene der
penhauers Willensmetaphysik: »Der blinde Wille« des Handlung herrscht Determinismus, nicht aber auf der
empirischen Charakters wird sehend, indem er, seiner Ebene des Charakters. Während unsere Handlungen
selbst ansichtig, sich selbst transzendiert und sich auf durch unseren Charakter determiniert sind, ist der
höherer Stufe mit sich selbst versöhnt. In der Auffas- Charakter selbst frei gewählt.
sung von Selbsterkenntnis als Selbstbefreiung trifft Die Frage ist freilich, wie weit sich eine derartige
sich Schopenhauers Konzeption der inneren Freiheit »transzendentale Freiheit« konsistent denken lässt.
mit den Konzeptionen Spinozas und Freuds, dezidier- Wer ist das Subjekt dieser Charakterwahl? Offenbar
ten psychologischen Deterministen wie Schopenhau- kann dieses nicht mit dem empirischen Subjekt, das
er (vgl. Birnbacher 1993; s. Kap. 16; 31). Träger des einmal gewählten Charakters ist, identisch
sein. Im Rahmen von Schopenhauers Metaphysik
kann es nicht einmal individuell gedacht werden, da
Transzendentale Freiheit
lediglich das empirische Subjekt in der Zeitordnung
Mit der metaphysischen Lehre vom transzendentalen existiert, das »transzendentale Subjekt« aber unzeit-
Charakter weicht Schopenhauer ein gutes Stück weit lich sein soll, »außer aller Zeit« (E, 96). Letztlich muss
von der Grundlinie der Preisschrift und der auf die es mit dem metaphysischen Willen als überzeitlicher
Preisfrage gegebenen Antwort ab. Während uns der Entität zusammenfallen. Damit werden auf diese
introspektive Blick nach innen nach Schopenhauer Strukturen übertragen, die wir aus der christlichen
keine Hinweise auf das Ob und Wie der Verursachung Prädestinationslehre kennen: Der Wille »wählt« für
unserer Handlungen geben kann, soll er uns doch sehr jeden Menschen einen Charakter, so wie in der Prä-
wohl Hinweise auf das Ob und Wie der Verursachung destinationslehre Gott für jeden Menschen ein Le-
unseres Charakters geben können. Der Schlüssel dazu bensschicksal wählt. Allerdings kann diese Analogie
soll die Erfahrung der spontanen Selbstzuschreibung so nicht gelten: Von einem als personal gedachten
von Verantwortlichkeit sein. Während uns das Frei- Gott lassen sich Handlungen wie Wahlakte ohne be-
heitsbewusstsein in Bezug auf unsere Handlungen griffliche Probleme aussagen, nicht aber von einem
über die wahren Verhältnisse täuscht, weist uns das apersonalen Subjekt wie Schopenhauers metaphysi-
Gefühl der Verantwortlichkeit in Bezug auf den Cha- schen Willen.
rakter, aus dem sich unsere Handlungen notwendig
und unausweichlich ergeben, den richtigen Weg: »Ei-
Rezeption
ne Thatsache des Bewußtseins [...] ist das völlig deutli-
che und sichere Gefühl der Verantwortlichkeit für Das Schopenhauers Versuch der Herleitung einer »trans-
was wir thun, der Zurechnungsfähigkeit für unsere zendentalen Freiheit« aus dem Faktum des Schuldbe-
Handlungen, beruhend auf der unerschütterlichen wusstseins ist bei späteren Denkern nicht nur auf Ab-
Gewißheit, daß wir selbst die Thäter unserer Thaten lehnung, sondern teilweise auch auf Anerkennung ge-
sind« (E, 93). Das Gefühl der Verantwortlichkeit ist stoßen – im Sinne der Anerkennung einer letzten und
für Schopenhauer ein Hinweis auf eine überempiri- unaufhebbaren Dialektik zwischen dem Determinis-
112 II Werk

mus des naturwissenschaftlichen Weltbilds und der Indem wir sie verstehen, erfahren wir aber zugleich et-
Unleugbarkeit der Überzeugung eines ›Ich hätte an- was über ihre Bedingtheit (vgl. Bieri 2001, 295 ff.).
ders handeln können‹. In diesem Sinn hat sich etwa Auch wenn wir auf diese Weise die Reihe der Ursa-
Johannes Volkelt mit Bezug auf Kant und Schopen- chen, die unserem Wollen zugrunde liegen, nicht im
hauer geäußert: Einzelnen erfassen, verfügen wir damit doch über ei-
nen Anhaltspunkt dafür, dass unser Wollen durch
»Besonders [...] erblicke ich ein Verdienst beider darin, übergreifende Zwecksetzungen, Planungen und Mo-
dass sie die Freiheit, zu deren Annahme sie durch das tivzusammenhänge bedingt ist.
Verantwortlichkeitsgefühl getrieben werden, nicht Eine gewisse Bestätigung hat Schopenhauers Sicht
nach der üblichen Verhüllungs- und Abschwächungs- des Willensfreiheitsproblems insbesondere durch die
methode als notwendige Entwicklung aus inneren Trie- einschlägigen Beiträge der neueren Neurophilosophie
ben und Bedingungen heraus, nicht als ein innerlich erfahren (vgl. Walter 1998; s. Kap. 43). Eine Reihe von
notwendiges Wollen aus Einsicht und Selbstbewusst- neuropsychologischen Experimenten haben bestätigt,
sein ansehen, sondern dass sie den Mut des Irrationa- dass scheinbar spontane Willensentscheidungen zu
lismus besitzen und Verantwortung und Moralität nur Körperbewegungen bereits einige Zeit vor dem be-
auf Grundlage einer Freiheit, die ganz ernsthaft das wussten Willensakt im Gehirn vorbereitet werden, der
Freisein von aller Notwendigkeit, auch von innerer Ge- Willensakt also nur ein Durchgangspunkt eines Pro-
bundenheit bedeutet, für möglich halten. Freilich be- zesses ist, der mit neuronalen Ereignissen beginnt und
treten sie dadurch den Boden des transzendenten Ge- in anderen neuronalen Ereignissen terminiert, die ih-
heimnisses« (Volkelt 1900, 332 f.). rerseits Körperbewegungen auslösen (vgl. Libet 1983;
Haggard/Eimer 1999). Damit ist keineswegs gezeigt,
Analytischer gesonnene Kommentatoren waren aller- dass der Mensch in jeder Hinsicht unfrei und für sein
dings weniger bereit, Schopenhauer derartige »Irra- Handeln nicht verantwortlich ist – vor einem derarti-
tionalismen« zuzugestehen und haben viele seiner gen Kurzschluss kann gerade Schopenhauers differen-
Annahmen als allzu dogmatisch kritisiert, insbeson- zierte Diskussion bewahren. Solange der Mensch über
dere seinen Anspruch, über einen Beweis für die uni- die »relative Freiheit« verfügt, sein Verhalten durch
versale kausale Determiniertheit aller Ereignisse (ein- Überlegung und insbesondere durch Klugheits-, mo-
schließlich der Willensereignisse) zu verfügen (vgl. et- ralische oder strafrechtliche Normen zu steuern, bleibt
wa Vollmer 1987, 173). es ganz unabhängig von der Frage nach Determiniert-
Insgesamt sehr viel positiver sind seine begriff- heit oder Indeterminiertheit des Willens sinnvoll, ihm
lichen Unterscheidungen und seine phänomenologi- Verantwortung für sein Handeln zuzuschreiben (vgl.
sche Analyse des subjektiven Freiheitsbewusstseins E, 99). Leugnung von Willensfreiheit bedeutet nicht
aufgenommen worden (vgl. z. B. Gehlen 1965). Es die Leugnung der für das Sprachspiel der Zuweisung
sind allerdings auch Zweifel an der Vollständigkeit sei- von Verantwortlichkeit notwendigen, aber auch aus-
ner Analyse des introspektiven Zugangs zur Willens- reichenden »Ellbogenfreiheit« (Dennett 1986).
freiheit angemeldet worden (vgl. Voigt 1966, 75; Birn- Andere in der neueren Neurophilosophie intensiv
bacher 2010, 483 f.). Offensichtlich unterschätzt Scho- diskutierte Befunde werfen aus heutiger Sicht die Fra-
penhauer das Ausmaß, in dem bereits der Blick nach ge auf, ob Schopenhauers Antwort auf die Preisfrage
innen uns nicht nur Aufschlüsse über die Faktizität der Norwegischen Akademie bei aller Entschiedenheit
unseres Wollens, sondern auch über deren kausale entschieden genug war. Denn zwar bezweifelt Scho-
Einbettung vermittelt. Unsere Willensregungen sind penhauer, dass uns das Selbstbewusstsein Aufschlüsse
in der Mehrzahl nicht aus dem Augenblick entsprun- über die Ursachen unserer Willensregungen geben
gen, sondern ordnen sich als Glieder einer Kette in kann. Er zweifelt aber nicht daran, dass es uns Aus-
übergreifende Zwecksetzungen und Handlungsstrate- kunft über die kausalen Beziehungen zwischen Wil-
gien ein. Was wir wollen, geht zu einem großen Teil lensregungen und Körperbewegungen geben kann.
auf Überlegungen, Gründe und Motive zurück, die, Auch wenn uns das Selbstbewusstsein nicht sagen
weil sie zu Routinen oder Automatismen geworden kann, woher unsere Willensregungen kommen, soll es
sind, uns nicht mehr als solche bewusst werden. Kraft uns doch zumindest sagen können, wohin sie führen,
dieser Einbettung in umfassendere motivationale Zu- nämlich zu Handlungen in Gestalt von Körperbewe-
sammenhänge finden wir unsere Willensregungen gungen: »Die Abhängigkeit unsers Thuns, d. h. unserer
überwiegend nicht einfach vor, sondern verstehen sie. körperlicher Aktionen, von unserm Willen, [wird
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 113

durch] das Selbstbewußtsein allerdings aus[ge]sagt« ments. In: Experimental Brain Research 126 (1999), 128–
(E, 16). Hinsichtlich der Kausalität des Bewusstseins 133.
auf Körperbewegungen bei (äußeren) Handlungen Libet, Benjamin u. a.: Time of Conscious Intention to Act in
Relation to Onset of Cerebral Activities (Readiness-poten-
hält Schopenhauer das Selbstbewusstsein als Erkennt- tial); the Unconscious Initiation of a Freely Voluntary Act.
nisquelle für mehr oder weniger untrüglich. Aller- In: Brain 106 (1983), 623–642.
dings passt dieses Vertrauen nur wenig zu Schopen- Voigt, Hans: Zur Preisschrift über die Freiheit des Willens.
hauers ansonsten bewiesener Skepsis hinsichtlich der In: Schopenhauer-Jahrbuch 47 (1966), 72–84.
Auskünfte des Selbstbewusstseins. Zusätzlich passt es Volkelt, Johannes: Schopenhauer. Seine Persönlichkeit, seine
Lehre, sein Glaube. Stuttgart 1900.
nur wenig zu seiner ansonsten sorgfältig beachteten
Vollmer, Gerhard: Schopenhauer als Determinist. In: Volker
Unterscheidung zwischen Sukzession und Kausalität. Spierling (Hg.): Schopenhauer im Denken der Gegenwart.
Das Selbstbewusstsein lässt uns lediglich erkennen, 25 Beiträge zu seiner Aktualität. München 1987, 165–178.
dass zwischen bewussten Willensregungen und Kör- Walter, Henrik: Neurophilosophie der Willensfreiheit. Von
perbewegungen (als Vorgänge verstanden) eine Bezie- libertarischen Illusionen zum Konzept natürlicher Auto-
hung der regelmäßigen Aufeinanderfolge besteht, dass nomie. Paderborn 1998.
also immer dann, wenn wir den Arm heben wollen, Dieter Birnbacher
der Arm tatsächlich hochgeht. Diese Korrelation ist je-
doch kein schlüssiges Indiz für eine kausale Bezie-
hung. Wie Schopenhauer selbst in seiner Kritik an
Kants Argumenten für eine universale Kausalität ge- 8.2 »Preisschrift über die Grundlage der
zeigt hatte, lässt sich aus dem post hoc einer regel- Moral«
mäßigen Abfolge nicht ohne weitere Voraussetzungen
auf das propter hoc einer Verursachungsbeziehung Schopenhauers »Preisschrift über die Grundlage der
schließen. Eine regelmäßige Aufeinanderfolge kann Moral« ist wie die »Preisschrift zur Freiheit des Wil-
auch so aufgefasst werden, dass beide Phänomene, die lens« die Einsendung (wiederum die einzige) zu ei-
bewusste Willensregung wie die Körperbewegung, nem Wettbewerb, diesmal der Königlich Dänischen
zeitlich versetzte Folgen einer gemeinsamen dritten Sozietät der Wissenschaften, wurde anders als die ers-
Ursache sind – eine Auffassung, die auch mit Schopen- te allerdings des Preises nicht für würdig befunden.
hauers ausdrücklicher Ablehnung einer Kausalbezie- Zur Begründung führte die Akademie mehrere Grün-
hung zwischen Willensakt und leiblicher Aktion (vgl. de an, vor allem, dass der Einsender dem Zusammen-
G, 79, 145; W II, 42) besser harmoniert. hang zwischen Moralprinzip und Metaphysik zu we-
nig Raum gegeben habe, aber auch, dass er mit den
Literatur darin enthaltenen Ausfälligkeiten gegen »mehrere
Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung hervorragende Philosophen der Neuzeit« (gedacht ist
des eigenen Willens. München 2001. wohl vor allem an Hegel) Anstoß errege. Möglicher-
Birnbacher, Dieter: Freiheit durch Selbsterkenntnis: Spinoza
– Schopenhauer – Freud. In: Schopenhauer-Jahrbuch 74
weise hatte die dänische Akademie aber auch nicht ak-
(1993), 87–102. zeptieren wollen, dass Schopenhauer in seiner Ant-
Birnbacher, Dieter: Schopenhauer als Ideologiekritiker. In: wort eine wesentliche Voraussetzung der von ihr 1837
Ders. (Hg.): Schopenhauer in der Philosophie der Gegen- gestellten Preisfrage geleugnet hatte. Die Preisfrage
wart. Würzburg 1996, 45–58. hatte gelautet, ob die Grundlage der Moral »in einer
Birnbacher, Dieter: Arthur Schopenhauer – Freiheit und
unmittelbar im Bewusstsein liegenden Idee der Mora-
Unfreiheit des Willens. In: Ansgar Beckermann/Dominik
Perler (Hg.): Klassiker der Philosophie heute. Stuttgart lität« oder »in einem andern Erkennißgrunde« zu se-
22010, 478–496. hen sei. Schopenhauer bestreitet, dass es diesen von
Dennett, Daniel C.: Ellenbogenfreiheit. Die wünschenswerten der Akademie vorausgesetzten »Erkenntnisgrund«
Formen von freiem Willen. Meisenheim 1986. gibt oder geben kann.
Ebeling, Hans: Schopenhauers Theorie der Freiheit. In: Die »Preisschrift zur Grundlage der Moral« ist die
Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Freiheit des
Willens. Hg. von Hans Ebeling. Hamburg 1978, VII–XXII.
erste und wichtigste Quelle für das geworden, was man
Gehlen, Arnold: Theorie der Willensfreiheit. In: Ders.: Theo- herkömmlich Schopenhauers »Mitleidsethik« nennt.
rie der Willensfreiheit und frühe philosophische Schriften. Zwar findet sich der Kernsatz »Alle Liebe [...] ist Mit-
Neuwied 1965, 54–238. leid« (W I, 443) auch bereits im vierten Buch von Die
Haggard, Patrick/Eimer, Martin: On the Relation Between Welt als Wille und Vorstellung, aber dort lediglich im
Brain Potentials and the Awareness of Voluntary Move-
Rahmen eines Exkurses – Schopenhauer spricht von
114 II Werk

»Abschweifung« (W I, 446) –, der die Idee der Mit- lichkeit einer »imperativischen« oder im engeren Sinn
leidsethik entwirft, aber nicht ausbuchstabiert. Die normativen Ethik, die bestimmte – begründete – For-
Preisschrift führt diese Idee nicht nur näher aus, sie derungen an das menschliche Handeln stellt; zweitens
zieht aus ihr auch eine Reihe für die individuelle wie in der These der Unmöglichkeit des Bestehens einer
die gesellschaftliche Praxis bedeutsame Konsequen- wie immer gearteten objektiv gültigen Instanz, in deren
zen. Veröffentlicht hat Schopenhauer die Schrift zu- Autorität diese Forderungen fundiert sein könnten.
sammen mit der »Preisschrift über die Freiheit des Nach der ersten These übersteigt es die Grenzen der
Willens« in erster Auflage 1841, in zweiter, mit einer Philosophie, ein normatives Prinzip wie den kanti-
neuen Vorrede und Ergänzungen versehenen Auflage schen kategorischen Imperativ aufzustellen und damit
im Todesjahr 1860 unter dem zusammenfassenden Ti- zu beanspruchen, dem Menschen ein Pflichtprinzip
tel Die beiden Grundprobleme der Ethik. In der Tat sind vorzugeben, das ihm verbindlich sagt, wie er sich zu
die beiden Schriften in formaler Hinsicht eng mit- verhalten hat. Jedes solche Prinzip wäre eine auf Selbst-
einander ›verschwistert‹. Auch die zweite Preisschrift überschätzung beruhende Anmaßung. Nach der zwei-
bedient sich einer »analytischen« Methode (E, 110), ten erliegt die Ethik einer schlichten Illusion, wenn sie
die ihren Ausgang von gängigen Begriffen, Vorstellun- sich bei der Begründung ihrer Imperative auf ein ver-
gen und Erfahrungen nimmt. Wie die erste hält sie sich meintliches »Sittengesetz« beruft, das vergleichbar den
mit metaphysischen Postulaten zurück und zieht erst Naturgesetzen unabhängig vom menschlichen Wollen
in einer Art Anhang (Kap. IV) Verbindungslinien zwi- besteht und diesem als objektiv vorgegebene Autorität
schen Mitleidsethik und Willensmetaphysik. Gleich- dienen kann. Eine solche Autorität gibt es für Schopen-
zeitig fallen zwei signifikante Unterschiede auf. Erstens hauer nicht. Auch die von Kant zu diesem Zweck ein-
ist sie deutlicher als die erste konstruktiv angelegt. Aus gesetzte praktische Vernunft kann nach Schopenhauer
der Kritik an vorherrschenden Anschauungen ent- diese Aufgabe nicht erfüllen. So wenig es ein objektiv
wickelt sie weitergehend als die Preisschrift zur Wil- existierendes moralisches Gesetz gibt, so wenig ist des-
lensfreiheit eine eigenständige Theorie. Zweitens kon- sen Inhalt a priori, d. h. mit den Mitteln der reinen Ver-
zentriert sie ihre Kritik nahezu ausschließlich (bis auf nunft einsehbar. Die Vernunft könne – hier folgt Scho-
einen Exkurs zu Fichte, vgl. E, 179 ff.) auf eine einzige penhauer Hume – stets nur hypothetische Imperative
philosophische Konzeption, die Moralphilosophie begründen, also für gegebene Zwecke die geeigneten
Kants. Schopenhauer hat dafür vor allem zwei Gründe: Mittel aufzeigen, nicht aber zwischen mehreren ver-
Ihn stört, dass man sich »seit mehr als einem halben schiedenen Zwecken eine begründete Auswahl treffen.
Jahrhundert« auf dem »bequemen Ruhepolster« der Von Schopenhauers Argumenten für diese Unmög-
kantischen Ethik ausgeruht habe, ohne, wie es seiner lichkeitsthesen (zur kritischen Würdigung im Einzel-
Ansicht nach erfordert wäre, deren Grundlagen zu nen vgl. Hallich 2006) verdienen vor allem zwei her-
hinterfragen (E, 115). Andererseits ist Schopenhauer vorgehoben zu werden, die auch in der Ethik der Ge-
davon überzeugt, dass die Ethik Kants – bei aller Wert- genwart eine Schlüsselrolle gespielt haben. Das erste ist
schätzung von dessen theoretischer Philosophie – so- das Argument, dass die Begriffe »Sollen«, »Gesetz«,
wohl in den Grundlagen wie in der konkreten Ausfüh- »Gebot«, »Pflicht« usw. aus der theologischen Ethik
rung unrettbar verfehlt, wenn nicht gar eine »intellek- stammen und von daher Hintergrundüberzeugungen
tuelle Katastrophe« (Cartwright 1999, 254) ist, die über das Bestehen eines göttlichen Gesetzgebers oder
dringend danach verlangt, ihr ein radikal anderes Mo- einer vergleichbaren normativen Instanz voraussetzen,
dell von Ethik und Moral entgegenzusetzen. Die Kritik die spätestens seit der Aufklärung nicht mehr von allen,
an der Ethik Kants ist der sich durchhaltende cantus an die sich die entsprechenden Sollensnormen richten,
firmus dieser Preisschrift. Die einzelnen Punkte, an de- geteilt werden (vgl. E, 120). Mit einer ähnlichen These
nen Schopenhauer von Kant abweicht, liefern, was die ist später G. E. M. Anscombe bekannt geworden (vgl.
Darstellung ihres Inhalts betrifft, das naheliegendste Anscombe 1958). Schopenhauer geht davon aus, dass
Gliederungsprinzip. diese Begriffe gar nicht sinnvoll und verständlich sind
außerhalb eines objektivistischen Denkrahmens, nach
dem normative Forderungen in irgendeiner Form von
Jenseits der Sollensethik
außermenschlicher Realität verankert sind. Zwar hatte
Schopenhauers grundlegende Abkehr von Kants prak- Kant versucht, die menschliche Vernunft – unter dem
tischer Philosophie zeigt sich in zwei zentralen metae- Titel »praktische Vernunft« – ersatzweise mit dieser
thischen Thesen: erstens in der These von der Unmög- Funktion zu betrauen. Aber damit hatte er Schopen-
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 115

hauer zufolge die Möglichkeiten der Vernunft weit gen oder Imperative aufzustellen, könne sie stets nur –
überschätzt. Wie Schopenhauer im weiteren Verlauf im Sinne der empirischen Ethik des 18. Jahrhunderts
der Preisschrift im Einzelnen zeigt, gelingt es Kant des- (Smith, Hutcheson, Hume) – das tatsächliche mora-
halb in der Durchführung seiner Ethik auch nicht, lische Bewusstsein rekonstruieren. Entsprechend ver-
nachzuweisen, dass das Zuwiderhandeln gegen das schiebt sich die Bedeutung, in der bei Schopenhauer
von ihm aufgestellte »Sittengesetz« in irgendeiner Wei- von einer »Begründung« der Moral die Rede ist. Die
se selbstwidersprüchlich oder in anderer Weise ver- Frage nach der »Begründung« der Moral ist nicht
nunftwidrig und deshalb moralisch unzulässig ist. mehr die Frage nach der Begründung der Gültigkeit
Zielscheibe der Kritik ist vor allem Kants Postulat, dass oder der Wahrheit bestimmter moralischer Forderun-
bei den Rechtspflichten (den vollkommenen Pflichten) gen, sondern die nach der psychologischen Grundlage
es unmöglich sei, eine ihnen entgegengesetzte Maxime der Befolgung dieser Forderungen, die Frage nach der
nicht nur verallgemeinert wollen, sondern sogar verall- moralischen Motivation. Nicht um die Berechtigung
gemeinert denken zu können. Eine allgemeine Unge- oder Nicht-Berechtigung von Geltungsansprüchen
rechtigkeit sei alles andere als undenkbar, sie sei »ei- geht es bei dieser »Begründung«, sondern um den
gentlich das wirklich und faktisch in der Natur herr- Aufweis der der moralischen Motivation zugrundelie-
schende Gesetz [...], nicht etwan nur in der Thierwelt, genden psychischen Kräfte (vgl. E, 195).
sondern auch in der Menschenwelt« (E, 159). Ein zwei- Die Lösung dieser selbstgesetzten Aufgabe erleich-
tes vielfach wiederaufgegriffenes Argument, mit dem tert sich Schopenhauer dadurch, dass er die inhalt-
Schopenhauer die Idee einer »imperativischen« Ethik liche Komplexität der geltenden Moral holzschnitt-
ablehnt, ist, dass normative Forderungen immer nur in artig auf nicht mehr als zwei Prinzipien reduziert, von
Beziehung auf Sanktionen verstanden werden können. denen das erste in allen Fällen Vorrang vor dem letzte-
Sie können deshalb ein bestimmtes Verhalten lediglich ren haben soll: das Prinzip der »Gerechtigkeit«: »ne-
in Hinblick auf bestimmte Zwecke fordern, die der Ad- minem laede« (Verletze niemanden) und das Prinzip
ressat der Forderung verfolgt. Dadurch appellieren sie der »Menschenliebe«: »omnes, quantum potes, iuva«
jedoch letztlich an das Interesse des jeweiligen Adres- (Hilf allen, soweit du kannst). Von diesen beiden Prin-
saten an der Verwirklichung seiner wie immer gearte- zipien meint Schopenhauer nicht nur, dass sie so »all-
ten Zwecke. Das Motiv zu ihrer Befolgung ist bloße gemein anerkannt« seien, dass sie keiner besonderen
Klugheit, eine egoistische Motivation. Damit sei ihre Diskussion bedürften, er lässt auch erkennen, dass er
Befolgung gerade nicht der Moral gemäß, denn diese – weit entfernt davon, sich als Moralpsychologe in ei-
verlange ein selbstloses Motiv: »Eine gebietende Stim- ne reine Beobachterposition zu begeben – diese Prin-
me, sie mag nun von Innen, oder von Außen kommen, zipien voll und ganz teilt. In der Tat macht er sie sich
ist es schlechterdings unmöglich, sich anders, als dro- so weit zu eigen, dass er wichtige Teilstücke seiner
hend, oder versprechend zu denken: Dann aber wird praktischen Ethik, etwa seine Ethik des Umgangs mit
der Gehorsam gegen sie zwar, nach Umständen, klug Tieren, unmittelbar auf diese Prinzipien gründet.
oder dumm, jedoch stets eigennützig, mithin ohne mo- Mit der These, dass der Kern der Moral in den bei-
ralischen Werth sein« (E, 123). An dieser Stelle zeigt den altruistischen Prinzipien der Gerechtigkeit und
sich bereits, dass Schopenhauer – wie Kant – gesin- der Menschenliebe zu sehen ist, widerspricht Scho-
nungsethisch denkt: Kennzeichnend für das spezifisch penhauer einem weiteren charakteristischen Zug der
Moralische der Moral ist nicht die faktische Befolgung kantischen Ethik: dem Primat der selbstbezogenen
von Geboten, sondern die Motivation, aus denen diese Pflichten. Pflichten sind für Kant letztlich sämtlich
Befolgung entspringt. Während dieses genuin mora- »Pflichten gegen sich selbst«, insofern sie gegenüber
lische Motiv für Kant das Pflichtbewusstsein war (das der praktischen Vernunft bestehen, die jeder Mensch
Tun der Pflicht »aus Pflicht«), ist es bei Schopenhauer in sich selbst vorfindet. Die göttliche Autorität der
das Motiv der Selbstlosigkeit, des Altruismus (des theologischen Ethik wird bei Kant gewissermaßen –
»Mitleids«). unter dem Namen »Würde« – ins Innere des Men-
schen verlegt. Für Schopenhauer stellt Kant damit die
wirklichen Verhältnisse auf den Kopf: In Wirklichkeit
Ethik als moralische Anthropologie
richten sich alle moralischen Pflichten auf andere, und
Schopenhauer zieht aus dieser Kritik die radikale Kon- weder eine Pflicht zur Selbsterhaltung (mit der Kon-
sequenz, dass eine Ethik niemals normativ, sondern al- sequenz eines Verbots der Selbsttötung) noch ein
lein deskriptiv verfahren könne. Statt Sollensforderun- »Verbot widernatürlicher Wollust«, also von Onanie,
116 II Werk

Päderastie und Sodomie haben Bestand. Pflichten ge- res Eigentums und ihres guten Rufs, anderseits durch
gen sich selbst könne es schon deshalb nicht geben, die Leistung von Hilfe und Unterstützung bei Bedürf-
weil sich diese weder als Rechtspflichten noch als tigkeit und in Notlagen. In seiner anderen Bedeutung
Liebespflichten begründen lassen. Rechtspflichten bezeichnet »Altruismus« das Motiv, aus dem diese
(Pflichten, denen Rechte gegenüberstehen) können Normen befolgt werden, sei es im Sinn einer länger-
sie nicht sein, da wir uns selbst kein Unrecht tun kön- fristigen Einstellung und Handlungsbereitschaft, sei
nen. Unrecht setzt stets Unfreiwilligkeit voraus. Wenn es im Sinn einer akuten Emotion. Schopenhauer ist
wir uns selbst schaden oder mit unserem Leben leicht- sich sicher – erstaunlich sicher –, dass es diese Form
sinnig umgehen, tun wir das jedoch in der Regel frei- von Altruismus ist, die die Moral im Kern ausmacht.
willig. Liebespflichten (unvollkommene Pflichten, de- Wie Kant ist auch Schopenhauer bedeutend mehr an
nen keine Rechte gegenüber stehen) können sie eben- den Motiven – an den Gesinnungen – interessiert als
so wenig sein, da ein moralisches Gebot der Selbstlie- an ihren äußeren Manifestationen: Als eigentlich
be widersinnig wäre. Die Moral soll die Selbstliebe »moralisch« soll nur dasjenige Handeln gelten kön-
gerade einschränken. Außerdem seien wir von Natur nen, das sich – ausschließlich oder zu wesentlichen
aus bereits so durchgehend egoistisch motiviert, dass Anteilen – genuin altruistischen Motiven verdankt,
eine Forderung, uns noch mehr zu lieben, als wir uns d. h. Motiven, die unmittelbar oder mittelbar auf das
ohnehin lieben, ins Leere liefe. Wohl anderer zielen statt auf das eigene Wohl.
Noch in zwei weiteren Punkten widerspricht Scho- Implizit verwendet Schopenhauer zwei Kriterien,
penhauer ausdrücklich und emphatisch Thesen, die um das gesuchte moralische Motiv von anderen Moti-
Kant seinerseits mit einem besonderen Pathos vertre- ven (mit denen es zumeist in einem gewissen Maße
ten hatte: die Selbstzweckhaftigheit des Menschen vermischt ist) zu unterscheiden: (1) Es muss intrin-
(»Menschenwürde«) und das apodiktische Lügenver- sisch gut sein; (2) Es muss unter Realbedingungen
bot. »Selbstzweck« und »Menschenwürde« sind in motivierende Kraft haben. Das erste Kriterium ent-
Schopenhauers Augen das, was sie auch für viele spä- spricht Kants Kriterium des »unbedingt Guten«, das
tere Skeptiker gewesen sind: »Leerformeln«, die es er- für Kant ausschließlich der »gute Wille« erfüllt – das
lauben, mehr oder weniger beliebige Wertungen mit Motiv, das Gute um seiner selbst willen zu tun. Und
dem Nimbus eines unangreifbaren Tabus zu umgeben wie Kant ist Schopenhauer zutiefst skeptisch, was den
(vgl. W I, 412; Birnbacher 2013; Brandhorst 2013). Anteil der äußerlich moralisch richtigen Handlungen
Den Menschen, wie Kant es tut, als »Selbstzweck« zu betrifft, die durch genuin moralische Motive bedingt
bezeichnen, sei nicht nur ungrammatisch und sogar sind. Es wäre ein »großer und jugendlicher Irrthum«
ein »Ungedanke« (E, 161), sondern werde insbeson- zu meinen, dass »alle gerechten und legalen Handlun-
dere auch den leidensfähigen Tieren nicht gerecht, die gen der Menschen moralischen Ursprungs wären« (E,
nach Kant eben deshalb, weil sie keine Selbstzwecke 187). Sehr viel häufiger spielen die Einhaltung der »ge-
sind, bloße Mittel zum Nutzen des Menschen sein sol- setzlichen Ordnung« und die »erkannte Nothwendig-
len. Auch gegenüber der Lüge ist Schopenhauer sehr keit des guten Namens« die Hauptrolle (ebd.). Diese
viel lässlicher als Kant (vgl. J.-C. Wolf 1988). Jeder ha- Motive können allerdings nicht als intrinsisch gut gel-
be sogar ein »Recht zur Lüge« (E, 222), wenn er sich ten. Sie sind pervertierbar und können – je nachdem,
nicht anders gegen die Neugier oder Zudringlichkeit was Gesetze und Konventionen vorschreiben – zum
anderer wehren kann: Ich bin nicht verpflichtet, dem, genauen Gegenteil von Moral verleiten. Soweit folgt
»der unbefugt in meine Privatverhältnisse späht, Rede Schopenhauer Kant, aber nicht weiter. In seinen Au-
zu stehen« (E, 223). gen kann das von Kant formulierte »Sittengesetz«, der
Schopenhauers Rekonstruktion der Moral verbin- kategorische Imperativ, zwar das erste, nicht aber das
det in gewisser Weise die beiden wohlunterschiede- zweite Kriterium einlösen. Es ist zu abstrakt und – als
nen Bedeutungen, in denen – mit einem von Comte a priori, d. h. mithilfe der reinen Vernunft einzusehen-
eingeführten Begriff – von »Altruismus« gesprochen de Wahrheit – zu rationalistisch, um psychologisch
werden kann: Als Norm entspricht Altruismus den wirksam zu sein. Kants Behauptung, dass es mittels
beiden Prinzipien der Nichtschädigung (»Gerechtig- des Gefühls der Achtung verhaltenswirksam werden
keit«) und der Fürsorge (»Menschenliebe«). Diesen kann, ist aus Schopenhauers Sicht weltfremd:
Prinzipien genügt man durch ein entsprechendes Ver-
halten – einerseits durch die Respektierung ihres Le- »Die moralische Triebfeder muss schlechterdings, wie
bens, ihrer körperlichen Integrität, ihrer Freiheit, ih- jedes den Willen bewegende Motiv, eine sich von selbst
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 117

ankündigende, deshalb positiv wirkende, folglich reale [...] geht in edlen Gemüthern die Maxime neminem
seyn; [...] muß die moralische Triebfeder [...] von selbst laede hervor« (E, 214). Zweitens ist »Mitleid« nicht ge-
auf uns eindringen, und dies mit solcher Gewalt, daß bunden an die anschauliche Gegebenheit fremden Lei-
sie die entgegenstehenden, riesenstarken, egoisti- dens (vgl. Birnbacher 2006). »Mitleid« richtet sich
schen Motive wenigstens möglicherweise überwinden auch auf entferntes und lediglich gewusstes Leiden.
kann. Denn die Moral hat es mit dem wirklichen Han- Anders als der Ausdruck »Mitleidsethik« nahelegt,
deln und nicht mit apriorischem Kartenhäuserbau zu stuft diese Ethik nicht nach Dimensionen ab, nach de-
thun, an dessen Ergebnisse sich im Ernste und Drange nen das üblicherweise sogenannte Gefühl abstuft: An-
des Lebens kein Mensch kehren würde« (E, 143). schaulichkeit und Unanschaulichkeit, raumzeitliche
Nähe und Ferne, psychische und soziale Distanz.
Als intrinsisch gutes und zugleich wirksames Motiv »Mitleid« geht insofern bei Schopenhauer über in das,
kommt für Schopenhauer nur eins in Frage: das was er »Herzensgüte« nennt, das »universelle Mitleid
Mitleid. mit Allem was Leben hat, zunächst aber mit dem
Menschen« (E, 253). Dafür, dass die Dimension der
Anschaulichkeit für Schopenhauer beim Mitleid kei-
Was heißt »Mitleid«?
ne entscheidende Rolle spielt, spricht vor allem, dass
Auch wenn sie keine Imperative aufstellt, verzichtet er bereits bei der ersten Einführung des Begriffs in der
Schopenhauers Ethik nicht darauf, menschliches Preisschrift neben der Aufhebung des Leidens eines
Handeln zu bewerten. Wenn Schopenhauer behaup- anderen auch die Verhinderung des Leidens eines an-
tet, dass Mitleid als Motiv das einzige ist, was Hand- deren nennt. Mitleid sei über die Anteilnahme am Lei-
lungen einen moralischen Wert verleiht (vgl. E, 227), den eines anderen hinaus auch die Anteilnahme an
ist diese Redeweise von »moralischem Wert« keines- der »Verhinderung [...] dieses Leidens« (E, 208). Mit-
wegs in einem bloß beschreibenden Sinn, als eine mo- leid bezieht sich demnach nicht nur auf das anschau-
ralsoziologische These, sondern durchaus im Sinne ei- lich gegebene und bereits eingetretene Leiden, son-
ner Bewertung zu verstehen. Schopenhauer stellt da- dern auch auf das lediglich mögliche und gedachte
bei insbesondere Handlungen (wie die Befreiung der Leiden anderer.
Sklaven, vgl. E, 230) als moralisch verdienstvoll he- Wie Schopenhauer in der »Preisschrift über die
raus, die nicht nur in hohem Maße Gutes bewirken, Freiheit des Willens« der Willensfreiheit unter dem
sondern zugleich auch über die zu ihrer Zeit geltenden Namen »transzendentale Freiheit« am Ende eine me-
Moralnormen hinausgehen, also gewissermaßen mo- taphysische Fundierung zu geben versucht, versucht er
ralische Pionierleistungen darstellen. in dieser Preisschrift dem Mitleid eine Erklärung im
Was ist bei Schopenhauer mit »Mitleid« gemeint? Rahmen der Willensmetaphysik zu geben, indem er es
Dieser Begriff wird – ähnlich wie Schopenhauers Be- als einen Akt der Identifikation des Mitleidenden mit
griff des »Willens« – leicht missverstanden. Zunächst dem Bemitleideten auffasst, mit dem die Grenzen des
ist klar, dass »Mitleid« mehr ist als das, was die All- principium individuationis – die Trennung der Indivi-
tagssprache zumeist als solches bezeichnet – der Zu- duen in Raum und Zeit – überwunden werden. Mit-
stand gefühlsmäßiger Anteilnahme an fremdem Leid. leid setzt voraus, »daß ich bei seinem Wehe als solchem
Es ist eher ein bestimmtes Motiv, d. h. eine auf ein geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur mei-
Handeln bezogene Willensrichtung. Es hat über die nes, und deshalb sein Wohl unmittelbar will, wie sonst
kognitive und affektive Dimension hinaus eine voliti- nur meines. Dies erfordert aber, daß ich auf irgendeine
ve Dimension. Noch in zwei weiteren wichtigen Hin- Weise mit ihm identifiziert sei, d. h. daß jener gänzliche
sichten weicht Schopenhauers »Mitleid« vom alltags- Unterschied zwischen mir und jedem Andern, auf wel-
sprachlichen Begriff ab. Erstens darf »Mitleid« im chem gerade mein Egoismus beruht, wenigstens in ei-
Rahmen der »Mitleidsethik« nicht im Sinne einer akut nem gewissen Grade aufgehoben sei« (E, 208). Das
erlebten Emotion verstanden werden. »Mitleid« soll setzt voraus, dass Mitleid ein außergewöhnliches Mo-
vielmehr eine längerfristige Haltung oder Einstellung tiv ist, das in der Normalität des menschlichen Lebens
sein. Es ist »keineswegs erforderlich, daß in jedem ein- nur selten vorkommt. Das ist nach Schopenhauer in
zelnen Fall das Mitleid wirklich erregt werde; wo es der Tat der Fall. Mitleid sei nicht nur ein zutiefst selte-
auch oft zu spät käme: sondern aus der Ein für alle Mal nes (vgl. E, 191), es sei auch ein zutiefst »mysteriöses«
erlangten Kenntniß von dem Leiden, welches jede un- (E, 209) Phänomen. Es ist in der Einrichtung der Welt
gerechte Handlung nothwendig über Andere bringt, nicht vorgesehen. Dominant sind vielmehr die »anti-
118 II Werk

moralischen Triebfedern« (E, 196): einerseits der Ego- spiel ist das Interview, das Hans Jonas auf dem Höhe-
ismus, der eigenes Leben, Überleben und Wohlleben punkt der sogenannten Singer-Affäre, in der es um die
will (»Der Egoismus ist kolossal: er überragt die Welt«, Frage nach Zulässigkeit oder Unzulässigkeit aktiver
E, 197), anderseits die Boshaftigkeit in ihren Ausprä- Sterbehilfe an schwerstbehinderten Säuglingen ging,
gungen als Grausamkeit, Übelwollen, Rache, Neid, den damaligen ZEIT-Redakteuren Marion Gräfin
Schadenfreude usw., die das fremde Wehe auch dann Dönhoff und Reinhard Merkel gab. Einer der Kernsät-
will, wenn für das eigene Selbst kein Gewinn oder so- ze Hans Jonas’, mit dem er gegen die von Peter Singer
gar Schaden zu erwarten ist. Insofern kommt dem behauptete Zulässigkeit einer aktiven Tötung (statt ei-
Mitleid nach Schopenhauer unter den Motiven eine nes passiven Sterbenlassen) dieser Säuglinge argumen-
absolute Sonderstellung zu. Es könne nur als eine tierte, lautete: »Man darf sich nicht vom Gesichtspunkt
Form der Erkenntnis der metaphysischen Wesens- einer Mitleidsethik bestimmen lassen, sondern nur
identität alles Seienden – zumindest aller leidensfähi- von der Verantwortung für die Folgen, die aus unserer
gen Wesen – verstanden werden: Der Mitleidende er- Einstellung resultieren, aus unserer Bereitschaft, unse-
kennt, dass der Unterschied zwischen ihm und dem re Willigkeit zu erwägen, hier und da das Mittel des Tö-
anderen ein scheinbarer ist. Als das »Ansich« seiner ei- tens zu gebrauchen. Damit soll man und darf man gar
genen und der fremden Erscheinung erkennt er beider nicht anfangen« (Jonas 1989, 7). Dieser Art von Fol-
Identität als Verkörperungen ein- und desselben meta- genüberlegung hätte Schopenhauer zweifellos zu-
physischen Prinzips, des »Willens« (E, 270). gestimmt: Spontanes Mitleid ist, was die längerfristi-
gen und über die konkrete Situation hinausgehenden
Folgen betrifft, keineswegs immer der beste Ratgeber.
Wirkung
Bei näherem Hinsehen ähnelt Schopenhauers Ethik je-
Schopenhauers Ethik war nicht nur in der Zeit seines doch weniger einer Situationsethik des spontanen Mit-
größten kulturellen Einflusses, also von 1850 bis zum leids als vielmehr dem u. a. von Karl R. Popper (1957,
Ende des Ersten Weltkriegs, für die Philosophen die- 387) vertretenen negativen Utilitarismus. Nicht nur
ser Periode häufiger und mehr oder weniger selbstver- die beiden von Schopenhauer als Kern der Moral re-
ständlicher positiver oder negativer Bezugspunkt. konstruierten Prinzipien des Nicht-Schadens (»Ge-
Man denke etwa an den Anti-Schopenhauerianer rechtigkeit«) und der Fürsorge (»Menschenliebe«),
Nietzsche, der für das Mitleid hauptsächlich Verach- sondern gerade auch sein als eine Einstellung univer-
tung übrig hatte; an Simmels Schopenhauer und Nietz- salisierter Leidensvermeidung und -minderung ver-
sche, an Schelers Auseinandersetzung mit Schopen- standenes »Mitleid« rücken Schopenhauers Ethik in
hauers Mitleidsbegriff in Wesen und Formen der Sym- die Nähe einer Konzeption, für die neben dem unmit-
pathie oder auch an Schlick, der seinen eigenen empi- telbar gegebenen und akuten Leiden auch räumlich
rischen Ansatz in der Ethik bei Schopenhauer und zeitlich entferntere Erscheinungsformen von Lei-
vorgezeichnet sah. Auch auf spätere Denker hat die den zu berücksichtigen sind sowie auch lediglich mehr
»Preisschrift über die Grundlage der Moral« einen in- oder weniger wahrscheinliches zukünftiges Leiden,
tensiven und nachhaltigen Eindruck gemacht (so etwa soweit es durch gegenwärtiges Handeln oder Unterlas-
auf Richard Taylor, vgl. Taylor 1970, XIII). sen zu beeinflussen ist. Ein so verstandenes Mitleids-
Insgesamt ist Schopenhauers Mitleidsethik jedoch prinzip hat bedeutend mehr Ähnlichkeit mit einem
sehr viel weniger rezipiert worden als seine Willens- komplexen Kalkül der Leidensvermeidung und -min-
metaphysik, seine Lehre von der Selbsterlösung durch derung auf lange Sicht als mit dem spontanen Samari-
Willensverneinung und die Aphorismen zur Lebens- tertum, an das der Begriff »Mitleidsethik« zunächst
weisheit. Das mag nicht zuletzt an einem Missver- denken lässt. Das erklärt, dass die gegen diese Variante
ständnis liegen. Schopenhauers Ethik ist immer wie- des Utilitarismus gerichtete Kritik – etwa, dass sie die
der und bis in unsere Tage hinein als eine Situations- Leidensvermeidung über das Tötungsverbot stellt (von
ethik des spontanen Mitleids verstanden und entspre- Seiten der christlichen Ethik), dass sie über der Lei-
chend kritisiert worden. So verstanden, ist der densminderung Rechte und Gerechtigkeitsaspekte
Mitleidsbegriff in der Tat offensichtlich unzureichend, vernachlässigt (von Seiten der Vertreter des Primats
Schopenhauers Ziel zu erreichen, »die in moralischer von Rechten) oder dass sie, konsequent verstanden,
Hinsicht höchst verschiedene Handlungsweise der zur schnellen schmerzlosen Tötung aller leidensfähi-
Menschen zu deuten, zu erklären und auf ihren letzten gen Wesen zwingt (vgl. Smart 1958, 542) – regelmäßig
Grund zurückzuführen« (E, 195). Ein bekanntes Bei- Schopenhauers Ethik unbeachtet gelassen hat.
8  Die beiden Grundprobleme der Ethik 119

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120 II Werk

9 Parerga und Paralipomena ren, zeitigt Widersprüche, türmt unüberwindliche


Schwierigkeiten auf« (Heisler 1903, 51).
9.1 »Skitze einer Geschichte der Lehre vom Die »Skitze« ist der erste Text im ersten Band der
Idealen und Realen« Parerga und Paralipomena und bildet zusammen mit
den auf die »Skitze« folgenden »Fragmenten zur Ge-
Kernthema der »Skitze einer Geschichte der Lehre schichte der Philosophie« eine Einheit zur Philoso-
vom Idealen und Realen« (= »Skitze«) ist die an- phiegeschichte.
gemessene Verortung und Bestimmung des Realen. Am Beginn seiner »Skitze« definiert Schopenhauer
Dieses Vorhaben ist durchaus komplex und an- vorläufig das Ideale und das Reale, um sich im An-
spruchsvoll wegen der Doppeldeutigkeit des Wortes schluss mittels der Geschichte der Philosophie an die-
›real‹: Es kann sich auf das ausgedehnte und physi- sen Definitionen abzuarbeiten. Insbesondere das Rea-
sche Reale innerhalb der Vorstellung beziehen. Es le wird sich am Ende der »Skitze« als etwas anderes als
kann aber auch etwas vermeintlich jenseits der Vor- zunächst ausgegeben herausstellen.
stellung Bestehendes und die Vorstellung gegebenen- In der Ausgangsbestimmung ist das Ideale dasjeni-
falls Bedingendes bezeichnen. Schopenhauer entfal- ge, was in unserer Erkenntnis subjektiv und damit uns
tet das Thema durch die Konstruktion einer histori- selbst zuzuschreiben und unmittelbar sowie unbe-
schen Debatte, die – nicht immer chronologisch – dingt gegeben ist (P I, 3 f.). Analog dazu ist in der Aus-
von Descartes über Malebranche, Leibniz, Spinoza, gangsbestimmung das Reale dasjenige, was in unserer
Berkeley, Locke, Hume und Kant zu Schopenhauer Erkenntnis objektiv ist. So gefasst ist das Reale aller-
selbst führt. An den Haupttext der »Skitze« schließt dings an das erkennende Subjekt gebunden. Zu fragen
sich ein »Anhang« an, der etwa ein Drittel des gesam- wäre, anhand welcher Kriterien und auf welcher
ten Textes einnimmt und in dem Schopenhauer dar- Grundlage sich das in der Erkenntnis beheimatete
legt, warum weder Fichte noch Schelling oder Hegel Reale von dem ebenfalls in der Erkenntnis beheimate-
Eingang in seine Geschichte haben finden können. ten Idealen unterscheiden soll. Dieses Differenzie-
Der Haupttext der »Skitze« ist von dem Grundton an- rungsproblem zwischen ›ideal‹ und ›real‹ innerhalb
erkennender Kritik, der Anhang dagegen von Pole- der Vorstellung kennzeichnet die eine Seite des Pro-
mik bestimmt. blems der Bestimmung des Idealen und Realen.
Ob die Beschreibungen, die Schopenhauer von den Eine Strategie, dieses Problem zu lösen, ist der
einzelnen Philosophien gibt, immer zutreffen, ist Rückgriff auf eine Instanz, die jenseits des Subjekts
nicht Gegenstand der folgenden Ausführungen. Dem- oder der Vorstellung liegen soll. Das in der Erkenntnis
gemäß wird auf den Gebrauch des Konjunktives beim Objektive erschöpft sich dann nicht darin, in der Er-
Referat der Aussagen Schopenhauers verzichtet. Es kenntnis zu sein. Es korrespondiert darüber hinaus
soll lediglich darum gehen, die mittels der histori- mit subjektexternen Instanzen. Schopenhauer kon-
schen Betrachtung gezogene Argumentationslinie kretisiert diese Strategie anhand eines Abbildmodells
Schopenhauers nachzuzeichnen. der Erkenntnis: Vom Subjekt völlig gesondert und un-
Methodisch setzt Schopenhauer weder mit der abhängig existierende Dinge verursachen Abbilder ih-
Aufklärung der Ambiguität des Begriffs ›real‹ respek- rer selbst innerhalb des Subjekts. Diese Abbilder der
tive ›objektiv‹ ein noch greift er auf das Ergebnis sei- Dinge sind dem Subjekt als seine Vorstellungen un-
ner Untersuchung vor. Er lässt den Leser vielmehr die mittelbar zugänglich und bekannt, wohingegen die
Reihe historischer (Fehl-)Versuche selbst nachvollzie- Vorbilder jenseits des Subjekts – wenn überhaupt –
hen. Der Text ist also weniger auf Fakten, als auf den nur vermittelt zugänglich wären. Dieses Vermitt-
Prozess des Verstehens beim Leser ausgerichtet. Diese lungsproblem kennzeichnet die andere Seite der Be-
Vorgehensweise ermöglicht auf wenigen Seiten einen stimmung des Idealen und Realen.
tiefen Einblick in die Problematik der Bestimmung Anhand der Abbildtheorie wird die Ambiguität der
des Realen. Bedingt durch dieses Vorgehen werden Bestimmung des Realen bzw. Objektiven deutlich: Es
die Bestimmungen ›real‹ und ›ideal‹ jedoch laufend gibt das in der Erkenntnis Reale, d. h. das vorgestellte,
revidiert und in neue Kontexte gesetzt, wodurch der insbesondere ausgedehnte Reale – wie die Körper
Text durchaus anspruchsvoll wird. »Diese schwanken- oder den Leib. Es gibt daneben – vermeintlich – das
de Fassung der Begriffe ›ideal‹ und ›real‹ erschwert Reale jenseits des Subjekts oder der Vorstellung. Scho-
nicht nur das Verständnis ausserordentlich, sondern penhauer nennt dieses Reale das absolut Reale oder, in
lässt auch ihr Verhältnis zu einander ganz im Unkla- Anlehnung an Kant, das an sich Reale (P I, 20). Als
9  Parerga und Paralipomena 121

Gegenbegriff muss die Bestimmung des Idealen der Descartes’ »cogito ergo sum« weist das Bewusstsein
jeweiligen Verortung des Realen – entweder innerhalb seiner selbst als unmittelbar und unbedingt gewiss aus.
oder jenseits der Vorstellung – entsprechen. In der Die unmittelbare Gewissheit seiner selbst im Akt des
»Skitze« fragt Schopenhauer daher die jeweiligen Phi- Denkens lässt sich zwanglos ausweiten auf die unmit-
losophen nach dem Ort der »Durchschnittslinie« (P I, telbare Gewissheit der eigenen Vorstellungen als sol-
12) zwischen Idealem und Realem. Sofern von dem cher: Ob und was sich ein Subjekt aktuell vorstellt, weiß
vorgestellten und ausgedehnten Realen die Rede ist, unbestreitbar das Subjekt selbst am besten, da es un-
liegt die Durchschnittslinie insgesamt innerhalb der mittelbar seine eigenen Vorstellungen sind. Es gibt je-
Sphäre der Vorstellung. Sofern von dem an sich oder doch eine Kehrseite: Im Licht der Gewissheit der un-
absolut Realen die Rede ist, entspricht die Durch- mittelbaren Selbstreferenz wird auch die Ungewissheit
schnittslinie der Grenze der Vorstellung. alles nicht unmittelbar Zugänglichen deutlich. All jene
Das Reale, auf das Schopenhauer in seiner »Skitze« vorstellungsinternen Bestimmungen, die nicht aus-
letztlich abzielt, ist das absolute Reale jenseits der schließlich aus dem unmittelbaren Verhältnis zum Sub-
Vorstellung, das »Sein und Wesen an sich selbst« (P I, jekt fließen sollen, werden zweifelhaft. Ob und wie die
29). Nichtsdestoweniger oder gerade deshalb kon- vorgestellte Wirklichkeit auf eine Wirklichkeit jenseits
frontiert er die Abbildtheorie, kaum dass sie vor- der Vorstellung verweist, ist die Frage, an der sich –
gestellt ist, mit drei Fragen. Die ontologische Frage ist, nach Schopenhauer – die Philosophie die nächsten 200
ob die Existenz vollkommen vom Subjekt getrennter Jahre abarbeitet. Es ist schließlich denkbar, dass ein
und unabhängiger Dinge als gewiss angenommen »genius malignus« uns fortwährend über eine tatsäch-
werden kann. Die epistemologische Frage ist, ob die liche Wirklichkeit jenseits der Vorstellungen täuscht.
Vorstellungen als Abbilder Auskunft über die Be- Alles vermeintlich Subjektexterne ist dementspre-
schaffenheit subjektexterner Dinge geben können. chend problematisch. Sofern die unmittelbare Bin-
Die dritte Frage schließlich ist, ob der vermeintliche dung an das Subjekt die einzige Quelle der Gewissheit
Vermittlungsgang von subjektexternen Dingen zu de- bleibt, gilt daher, dass die Welt nur Vorstellung ist, im
ren Abbildern ein Kausalverhältnis darstellt. Alle drei Sinne von Erscheinung oder sogar von bloßem Schein.
Fragen wird Schopenhauer im Laufe seines Textes Indem Schopenhauer diese Konsequenz aus dem car-
verneinen. tesischen »cogito« zieht, kann er seine eigene Philoso-
phie – insbesondere die Auffassung, dass die Welt Vor-
Descartes: Historisch beginnt Schopenhauers »Skit- stellung des jeweiligen Subjekts ist – als dessen Pendant
ze« mit Descartes, und zwar in zweierlei Hinsicht: zu- ausweisen (P I, 4).
nächst und vor allem mit dem von Descartes ange- Zwischen dem subjektgebundenen Idealen und ei-
stoßenen Außenweltzweifel, d. i. der Zweifel an Exis- nem Realen, das an sich etwa als Außenwelt jenseits
tenz und Bestimmungsmöglichkeit einer jenseits der des Subjekts liegt, besteht also eine Kluft. Denn ein
Vorstellungen, an sich bestehenden Realität. Die an- solches Reales – sofern es existiert – kann im Gegen-
gemessene Auffassung einer vorstellungsexternen satz zu Bewusstseinsinhalten immer nur vermittelt ge-
Wirklichkeit ist nach Schopenhauer der eigentliche geben sein. Damit steht das Tor für die Außenwelt-
Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung um skepsis weit offen. Descartes’ historisches Verdienst ist
das Ideale und das Reale. Um einen produktiven Ab- das Aufdecken dieser Kluft, das Erzeugen eines fun-
weg von der eigentlichen Kernfrage handelt es sich damentalen Zweifels, mit dem er die Debatte um das
dagegen bei der zweiten Auseinandersetzung, die Ideale und Reale initiiert. Ungenügend ist nach Scho-
ebenfalls von Descartes ihren Ausgang nimmt: die penhauer dagegen Descartes’ Lösungsversuch, d. i.
Frage nach dem Verhältnis von Mentalem zu Physi- der Verweis auf den gütigen, uns daher nicht täu-
schem, d. i. das Leib-Seele-Problem. Explizit stellt schenden Gott. Allerdings – so lobt Schopenhauer –
Schopenhauer anhand von Leibniz und Spinoza klar, bringt dieser umgekehrte Kosmologische Beweis, der
dass die Gleichsetzung des physisch Ausgedehnten aus der Existenz Gottes die Existenz der Welt schließt,
mit dem Realen und des Mentalen mit dem Idealen in seinem Ungenügen die Tiefe des aufgeworfenen
an der eigentlichen Fragestellung vorbeigeht, also Problems zum Ausdruck.
kein Lösungspotential beinhaltet. Die Begründung
dafür liefert im Prinzip bereits Descartes, der in den Malebranche: Auch Malebranche greift zur Überbrü-
Augen Schopenhauers, wenn auch implizit, alles Aus- ckung der Kluft zwischen Idealem und Realem auf Gott
gedehnte innerhalb der Vorstellung ansiedelt. zurück. Dieser fungiert hier jedoch nicht nur als Ver-
122 II Werk

sicherung, sondern übernimmt die Funktion der ak- Dinge sichtbar. Dieser an Malebranche erinnernde
tuellen Vermittlung. Diese Vermittlung hat zwei Sei- Ansatz erhält bei Spinoza eine besondere Wendung:
ten: Zum einen sehen wir nach Malebranche alle Dinge Gott und Welt werden gleichgesetzt, wodurch nach
nur in Gott. Damit ist das Verhältnis von Subjekt zu Schopenhauer allerdings zugleich jeder Erklärungs-
Gott bestimmt. Zum andern ist Gott die eigentliche Ur- gehalt verloren geht.
sache in den Dingen. Damit ist das Verhältnis von den Spinoza meint nun, mit der Aufhebung des Unter-
Objekten zu Gott bestimmt. Ein unmittelbares Ver- schieds zwischen Gott und Welt sowie Leib und Seele
hältnis von Subjekt und Objekt besteht dagegen nicht. auch den Unterschied zwischen dem Idealen und dem
Vermeintlich seitens des Subjekts verursachte Än- Realen aufgehoben zu haben (vgl. P I, 27 f.). Letztere
derungen in der Objektwelt sind tatsächlich causes oc- Auffassung beruht jedoch – hier setzt die Kritik Scho-
casionelles. Die mentalen Ereignisse nimmt Gott le- penhauers ein – auf einer restlosen Identifikation des
diglich zur Gelegenheit, selbst Ursache der Verände- eigentlich Realen mit dem anschaulichen und aus-
rung in den physischen Objekten zu sein. Für Scho- gedehnten Realen. Ein von der Vorstellung unterschie-
penhauer bedeutet diese Inanspruchnahme Gottes, denes, an sich Reales wird bei Spinoza nicht thema-
ein Unbekanntes durch ein noch Unbekannteres zu tisch. Angenommen wird vielmehr, die Dinge seien an
erklären. sich, wie sie vorgestellt sind. Folglich hält Spinoza die
ausgedehnten Dinge für unabhängig von der Vorstel-
Leibniz: Bereits mit Malebranche gerät die Kernfrage lung. Tatsächlich jedoch – so wendet Schopenhauer ein
nach dem an sich Realen jenseits der Vorstellung in – liegt alles Ausgedehnte innerhalb der Vorstellung.
den Hintergrund. Zum Thema wird dagegen das Ver- »Denn allerdings sind die Dinge nur als Vorgestellte
hältnis von Leib zu Seele oder von ausgedehnt Physi- ausgedehnt und nur als Ausgedehnte vorstellbar« (P I,
schem zu Mentalem. Malebranche lässt Gott die Kluft 13). Wenn Spinoza also meint, von dem Realem zu
zwischen beiden Seiten aktuell bei Gelegenheit über- sprechen, spricht er von ausgedehnten Dingen. Er er-
brücken. Leibniz dagegen fasst beide Seiten als un- fasst tatsächlich nur Entitäten, die innerhalb der Sphä-
überbrückbar getrennt und unabhängig. Dennoch re der Vorstellung liegen und damit tatsächlich ideal
stimmen beide Welten augenscheinlich überein. Dies sind. Die ›Durchschnittslinie‹ zwischen dem Idealen
führt Leibniz darauf zurück, dass die Abläufe inner- und dem Realen verläuft bei Spinoza also falsch, denn
halb beider Welten bereits bei ihrer Schöpfung voll- sie liegt insgesamt innerhalb des Reichs des Idealen.
kommen aufeinander abgestimmt wurden. Beide Die von Spinoza proklamierte Identität von Idealem
Welten laufen daher vollkommen synchron oder pa- und Realem ergibt sich allein aus ihrer gemeinsamen
rallel, befinden sich also in einer prästabilierten Har- Beheimatung innerhalb der subjektiven Sphäre. Diese
monie. Für Schopenhauer ist nicht nur diese Lösung Identität erkannt zu haben ist verdienstvoll. Sie ent-
absurd, sondern die ganze Problemstellung fehlgelei- spricht der Einsicht Schopenhauers, dass die Welt – zu-
tet. Sie ist lediglich Produkt des Dogmas zweier ge- mindest in einer der beiden Schopenhauerschen Hin-
trennt voneinander existierender Welten (vgl. P I, 9). sichten – Vorstellung sei. Das eigentliche Problem ver-
fehlt Spinoza jedoch: Es geht um den Aspekt der Welt,
Spinoza: Erst nach Leibniz thematisiert Schopenhauer der insofern real ist, als er nicht Vorstellung ist.
die Philosophie Spinozas. Dieser verfehlt das eigentli-
che Problem nicht weniger als seine Vorgänger. Er er- Berkeley: Die an Spinoza geübte Kritik setzt Berkeley,
möglicht aber über die Radikalität seines Lösungs- zu dem Schopenhauer von Spinoza aus springt, um: Er
ansatzes, die Frage nach einem vorstellungsexternen, verortet explizit alles Ausgedehnte innerhalb der Vor-
an sich Realen klarer zu fassen und abzugrenzen von stellung. Zugleich bestreitet Berkeley die Existenz ei-
der Frage nach dem ausgedehnten und vorstellungs- ner der Vorstellung jenseitigen, insbesondere mate-
internen Realen. Spinoza identifiziert Leib und Seele, riellen Außenwelt. Er ist damit der Urheber des ei-
bzw. erklärt sie als substantia extensa und substantia gentlichen und wahren Idealismus (vgl. P I, 14).
cogitans zu zwei Aspekten einer Substanz. Der genaue Während Berkeley die Natur des Idealen damit ge-
Parallelismus zwischen ausgedehnter und vorgestell- troffen hat, vernachlässigt er das Reale, im Sinne einer
ter Welt beruht also nicht auf einer prästabilierten der Vorstellung jenseitigen Instanz. Allerdings ent-
Harmonie, sondern schlicht auf der Identität beider deckt Schopenhauer auch bei Berkeley zumindest An-
Welten. Begründet liegt die Identität beider Welten in sätze eines derartigen Realen und findet damit Aspek-
ihrer Gleichheit in Gott und nur in Gott werden alle te seiner eigenen Philosophie vorweggenommen: Die
9  Parerga und Paralipomena 123

wollenden und vorstellenden Wesen selbst, das sind Hume: Ebenfalls mit Hinblick auf Kant streift Scho-
die einzelnen Subjekte, insbesondere aber Gott, des- penhauer im Anschluss kurz Hume. Im Angesicht des
sen Willen und Allmacht ganz unmittelbar Ursache Unvermögens, strenge Kausalität zu konstatieren, wird
aller Vorstellungen sein soll, machen nach Schopen- auf die Begrenztheit des Empirismus hingewiesen.
hauer bei Berkeley das eigentlich Reale jenseits der
Vorstellung aus. Wiederum verstellt der Gottesgedan- Kant: Dieser Konsequenz entgeht Kant, indem er die
ke jedoch eher die Einsicht, als dass er sie beförderte. Kausalität, wie letztlich alle Eigenschaften der vor-
gestellten Wirklichkeit in der Erkenntnisweise des
Locke: Angekommen bei dem Idealismus Berkeleys Subjekts verankert. Die damit gewonnene Möglich-
springt Schopenhauer zurück zu einer anderen Tradi- keit, etwa kausale Gesetzmäßigkeiten als ausnahmslos
tionslinie, die er von Bacon über Hobbes zu Locke allgemeingültig aufzufassen, wird durch deren Ver-
zieht. Unter strikter Ablehnung des Gedankens ein- ortung im Bereich des Idealen konterkariert. Primäre
geborener Ideen lässt Locke seine Philosophie auf der wie sekundäre Eigenschaften beschreiben Vorstellun-
Erfahrung fußen. Ganz im Gegensatz zu dem späte- gen. Das eigentlich Reale, das ›Ding an sich‹ jenseits
ren Berkeley verortete er das eigentliche Sein jedoch der Vorstellung soll zwar einerseits mit der Vorstel-
nicht in der ideellen Sphäre der Erfahrung bzw. der lung korrespondieren, kann seinem Wesen nach an-
Vorstellung. Er nimmt vielmehr an, die Vorstellungen dererseits aber nicht mittels Eigenschaften beschrie-
seien durch Impuls oder Stoß seitens eines subjekt- ben werden, die lediglich dem subjektiven Erkennen
externen materiellen Seins kausal verursacht. Diese geschuldet sind. Das an sich Reale ist damit nicht nur
Abbildtheorie fußt auf einem erkenntnistheoreti- der Bestimmung durch die Kategorie der Kausalität,
schen und ontologischen Realismus, der nicht nur in sondern letztlich aller Bestimmungen entkleidet und
Berkeley, sondern auch in Schopenhauer einen Kriti- muss als unerkennbar ein bloßes X bleiben (vgl. P I,
ker findet. In Anlehnung an Kant verweist Schopen- 20). Mit diesem Konzept hat Kant die von Descartes
hauer darauf, dass nicht nur die Ausdehnung, son- aufgeworfene Frage nach dem Idealen und Realen
dern auch die Kausalität innerhalb der Sphäre der maximal zugespitzt und bis an den Rand ihrer Beant-
Vorstellungen zu verorten sei, und er geht noch einen wortung geführt, die nun durch Schopenhauer selbst
Schritt weiter, wenn er die Materie als Reifikation geliefert wird.
kausaler Verhältnisse begreift (vgl. P I, 19). Als vor-
stellungsinterne Bestimmung ist die Kausalität also Schopenhauer: Das Ding an sich respektive das absolut
nicht geeignet, das Band zu einer vorstellungsexter- Reale kann nicht vermittelt über die Vorstellung oder
nen Wirklichkeit zu knüpfen. die Kategorien der Vorstellung erschlossen werden,
Auch Locke selbst ist nicht frei von Zweifeln gegen- denn auf diese Weise bliebe es innerhalb der Sphäre
über seinem Realismus. Er sichert seine Erkenntnis- des Idealen verortet und wäre damit selbst ideal. Scho-
theorie zum einen durch den Verweis auf die gelin- penhauer bemerkt jedoch, dass wir selbst uns den-
gende Praxis ab. In den Augen Schopenhauers ist dies noch unzweifelhaft und unmittelbar real sind (der Be-
ein den Empirismus insgesamt diskreditierender Ver- griff ›Leib‹ fällt in diesem Zusammenhang nicht).
such. Zum anderen differenziert Locke zwischen pri- Demnach kann unmittelbar aus uns selbst heraus
mären und sekundären Eigenschaften. Primäre Eigen- auch die Erkenntnis des an sich Realen geschöpft wer-
schaften sollen den Dingen unabhängig vom Subjekt den. Dies unmittelbar einsichtig Reale ist als genuin
zukommen wie etwa Ausdehnung und Gestalt. Sekun­ andersartige Instanz neben dem Idealen der Vorstel-
däre Eigenschaften dagegen sind sinnlich vermittelt lung der Wille. Schopenhauer löst also das cartesische
und subjektgebunden wie etwa Farbe und Geschmack. Problem, indem er Sein und Erkennen, d. i. das an sich
Ein Kriterium zur Differenzierung von primären und Reale und das Ideale auf die beiden Elemente zurück-
sekundären Eigenschaften gibt Locke nicht. Schopen- führt, die dem Selbstbewusstsein unmittelbar zugäng-
hauer arbeitet heraus, dass die primären Eigenschaf- lich sind: der Wille und die Vorstellung (vgl. P I, 21).
ten die nicht wegdenkbaren Eigenschaften sind (vgl.
P I, 19). Er findet darin jedoch nicht Lockes Differen- Im auf den Haupttext der »Skitze« folgenden »An-
zierung bestätigt, sondern vielmehr einen Verweis auf hang« erläutert Schopenhauer, warum Schelling, Fich-
die von Kant gezogene Konsequenz, dass letztlich aus- te und Hegel keinen Platz in der Geschichte des Idealen
nahmslos alle Eigenschaften der vorgestellten Dinge und Realen eingeräumt bekommen haben. Zunächst
subjektgebunden sind. bestimmt Schopenhauer dazu das von den Dreien ver-
124 II Werk

fehlte Wesen der Philosophie, um anschließend auf die Schmidt, Alfred: Schopenhauer und der Materialismus. In:
Denker im Einzelnen einzugehen. Ders.: Tugend und Weltlauf. Vorträge und Aufsätze über
Nach Schopenhauer bedarf die Philosophie des die Philosophie Schopenhauers (1960–2003). Frankfurt
a. M. 2004, 105–149.
freien Intellekts. Dessen ureigenstes Motiv ist die Su-
che nach der Wahrheit nur um der Wahrheit willen Valentin Pluder
und allem andren zum Trotz. Ein ernsthaft und redlich
philosophierender Intellekt darf also nicht dem Wil-
len, d. h. insbesondere den Zwecken der Person, 9.2 »Fragmente zur Geschichte der ­
dienstbar sein. Damit sind Schelling, Fichte und Hegel Philosophie«
als Philosophen disqualifiziert, denn sie sind Opportu-
nisten, die nicht im Dienst der Wahrheit stehen, son- Die »Fragmente zur Geschichte der Philosophie« wur-
dern willentlich zu ihrem eigenen Nutzen täuschen den 1851 im ersten Band der Parerga und Paralipome-
und mystifizieren: »Das Interesse der Person wird be- na publiziert. Schopenhauers Stellung zur Geschichte
friedigt, das der Wahrheit ist verrathen« (P I, 24). im Allgemeinen lässt sich besonders anhand von W I,
Einzig hinsichtlich Schelling schränkt Schopenhau- § 51, W II, Kap. 38, und G, § 51, erläutern. Geschichte
er sein Urteil etwas ein. In dessen Naturphilosophie – kann demnach als Summe der phänomenalen Ereig-
und nur dort – erweist Schelling sich als nützlicher nisse in der Welt charakterisiert werden, die aber stets
Eklektiker, indem er die Philosophie Spinozas mit dem ewigen Wesen der Dinge gegenübergestellt ist.
Kenntnissen um die Naturwissenschaften anreichert Was das bedeutet, zeigt Schopenhauers Bestimmung
(s. Kap. 22). Doch schon mit seiner Identitätsphiloso- des Verhältnisses von Geschichte und Poesie: Die Ge-
phie, in der das Ideale und Reale wiederum unter An- schichte habe ihre Wahrheit in der einzelnen Erschei-
lehnung an Spinoza miteinander identifiziert werden, nung, wohingegen die Poesie ihre Wahrheit in der Idee
fällt Schelling hinter die Entwicklung der Philosophie habe, die aus allen Einzeldingen spreche (vgl. W II,
seit Descartes zurück und appelliert letztlich nur an 288). Alfred Schmidt hat diesbezüglich festgehalten,
den gefundenen, d. h. rohen Verstand (vgl. P I, 28). Schopenhauer »betrachtet die Geschichte als solche,
Nur wenige Worte widmet Schopenhauer Fichte. modern gesprochen, als eine überbauhaft-oberflächli-
Denn indem dieser die Vorstellungen ausschließlich che Struktur, die auf einer unbewußten, philosophisch
als das Produkt des erkennenden Ich auffasst, liefert er zu enthüllenden Tiefenstruktur beruht: auf dem Wil-
lediglich eine Karikatur der kantischen Philosophie len« (Schmidt 2002, 199 f.). Dieser Standpunkt doku-
(vgl. P I, 27). mentiert sich ebenfalls in den »Fragmenten«: Es geht
Bei Hegel schließlich – so hebt Schopenhauer her- Schopenhauer nicht um eine erschöpfende historische
vor – fallen Logik und Metaphysik zusammen, weil das Darstellung der Philosophiegeschichte, sondern um
Wesen der Dinge und ihr Begriff gleichgesetzt werden. die Darlegung persönlicher »Gedanken, veranlaßt
Die Erkenntnis dieser Einheit von Sein und Denken durch das eigene Studium der Originalwerke« (P I,
ermöglicht die Selbstbewegung des Begriffs im Den- 36). Daher erfolgt die Abhandlung unter ständiger
ken, der es sich zu überlassen gilt. Nach Schopenhauer Maßgabe seines eigenen Werks und erhält eine deutli-
ist dieser Ansatz lediglich geeignet zur nachhaltigen che historisch-genetische Akzentuierung, in deren
Vernichtung der Denkfähigkeit (vgl. P I, 25 Anm.). Verlauf seine Philosophie sich – durch das Medium
historischer Systeme hindurch – ›synthetisiert‹.
Literatur Methodisch lässt sich das Werk nach der Einleitung
Campioni, Giuliano: Der französische Nietzsche. Berlin 2009. (§ 1) zweiteilen: Die Darstellungen der wichtigsten
Cornill, Adolph: Arthur Schopenhauer als Übergangsform Positionen der westlichen Philosophie (§ 2–11) expo-
von einer idealistischen in eine realistische Weltanschau-
ung. Heidelberg 1856.
nieren in jedem Paragraphen einen für die Philoso-
Fischer, Kuno: Schopenhauers Leben, Werke und Lehre phie Schopenhauers selbst konstitutiven Aspekt (hier
[21898]. Heidelberg 41934 (Neudr.: Nendeln/Lichtenstein jeweils in Klammern gesetzt). Der zweite Teil (§ 12–
1973). 14) enthält Abgrenzungen und Auseinandersetzun-
Frauenstädt, Julius: Briefe über die Schopenhauer’sche Phi- gen mit der Philosophie der Neuzeit (§ 12) und Kant
losophie. Zwölfter Brief. Leipzig 1894.
(§ 13), während im letzten Paragraphen (§ 14) einige
Heisler, Otto: Schopenhauers Satz vom Subjekt-Objekt.
Königsberg 1903. konzise Anmerkungen zu seiner eigenen Philosophie
Papousado, Denis: Der Schnitt zwischen dem Idealen und gemacht werden (eine andere Aufteilung wird von
dem Realen. Schopenhauers Erkenntnistheorie. Bonn 1999. Neymeyr 2008, 1142, vorgeschlagen).
9  Parerga und Paralipomena 125

§ 5/11: Aristoteles (Induktivismus/Deduktivismus): In-


Erster Teil: § 2–11
haltlich bildet dieser Paragraph einen Komplex mit
§ 2: Vorsokratiker (Transzendentale Ästhetik, Ästhetik § 11, da in beiden die historischen Positionen von
der Musik): Unter den Vorsokratikern sind es die Aristoteles und Bacon einander gegenübergestellt wer-
Eleaten, denen Schopenhauer das Verdienst zu- den (vgl. P I, 54 und 71 f.). Systematisch erfüllt diese
spricht, als erste die Unterscheidung von Phainome- Gegenüberstellung den Zweck einer wissenschafts-
non und Noumenon getroffen zu haben, welches letz- theoretischen Differenzierung zwischen Deduktivis-
tere er mit dem ὄντως ὄν identifiziert (vgl. P I, 36). mus und Induktivismus. Dabei gibt Schopenhauer
Eine besondere Betonung erfahren daneben Anaxa- dem Induktivismus (freilich wegen seiner eigenen Me-
goras und Empedokles (vgl. P I, 38 ff.), da Schopen- thode) den Vorzug vor dem Deduktivismus des Aris-
hauer im Verhältnis des νοῦς des Anaxagoras zu φιλία toteles (vgl. P I, 72). Schopenhauers Kritik des Deduk-
(Liebe) und νεῖκος (Haß) bei Empedokles die bedeut- tivismus bezieht sich explizit auf die Apodiktizität der
same Entwicklung von einem rationalen (Intellekt) zugrundeliegenden Allgemeinaussagen (vgl. ebd.).
zu einem irrationalen Ordnungsprinzip (Willen) der
Welt vorliegen sieht (vgl. P I, 38). Zudem werden wie § 6: Stoiker (Willensverneinung): Da Schopenhauer in
bereits in E II, 271 f., φιλία und νεῖκος von Schopen- diesem Paragraphen hauptsächlich auf die mangelhaf-
hauer als Ausdruck der Differenzierung zwischen te Quellenlage hinsichtlich der stoischen Ethik zu spre-
Wesenseinheit und empirischer Vielheit gemäß dem chen kommt, sind zum Verständnis seiner Haltung zur
principium individuationis betrachtet (vgl. P I, 39). Stoa die Ausführungen in W I, § 16, und W II, Kap. 16,
Besondere Erwähnung findet ferner die Philosophie notwendig, auf die er auch selbst verweist (zum Ver-
des Pythagoras, in dessen Zahlenlehre Schopenhauer hältnis von Schopenhauer zur Stoa vgl. Neymeyr
die Basis seiner »Metaphysik der Musik« sieht (vgl. 2008). Stoa und Kynismus seien gleichermaßen durch
P I, 42 ff.). einen immanenten Eudaimonismus geprägt, der auf
die leidensfreie Existenz abziele (vgl. W II, 166 f.). Ob-
§ 3: Sokrates (Metaphysik und Empirie): Schopenhauer schon auf diese Weise die jeweils eine Form von Entsa-
stellt Sokrates neben Kant, da beide den Dogmatismus gung lehrenden Maximen von Stoa/Kynismus und
verworfen und sich jeder metaphysischen Spekulation Christentum/Indische Philosophie oftmals zusam-
enthalten hätten (vgl. P I, 46). Seinen eigenen Stand- menträfen, so grenzt Schopenhauer doch anhand ihrer
punkt grenzt er dabei insofern ab, als er die über die Grundsätze beide deutlich voneinander ab. Demzufol-
Erfahrung hinausgehende Erkenntnis gleichermaßen ge gehen letztere von der Unmöglichkeit einer leidens-
verleugne, jedoch die der Auslegung fähige Welt »wie freien Existenz aus, was sich im Christentum sowie
eine Schrift entzifferte« (P I, 46). Diese methodologi- beim Asketen als Streben nach Weltüberwindung arti-
sche Anmerkung gehört zu einer Vielzahl über das kuliere (vgl. W II, 174 f.). Diese auch für Schopenhau-
Werk verteilter Stellen, die eine hermeneutische Les- ers Philosophie charakteristische Disjunktion von
art Schopenhauers nahezulegen scheinen, wie sie in weltlicher Existenz und Leidensfreiheit dokumentiert
der neueren Forschung des Öfteren vertreten wurde sich später erneut in der Konzeption einer ›Eudai-
(s. Kap. 40). monologie‹ in den »Aphorismen zur Lebensweisheit«
(P I, 331–530; s. Kap. 9.6), welche aus diesem Grunde
§ 4: Platon (Sinnlichkeit und Verstand): Der Fokus die- auch keine ›klassische‹, sondern eine ›Sonderform‹ des
ses Paragraphen liegt auf der Differenzierung von Er- Eudaimonismus darstellt (vgl. Alogas 2014).
kenntnisform und -inhalt (vgl. P I, 48 ff.), welche erst
durch das Konzept der beiden kantischen Erkennt- § 7: Neuplatoniker (Indische Philosophie): In den Leh-
nisstämme Sinnlichkeit und Verstand im transzen- ren der Neuplatoniker liegt nach Schopenhauer keine
dentalen Idealismus synthetisiert worden seien (vgl. eigenständige Philosophie vor, sondern der Versuch,
P I, 50). Damit verbindet Schopenhauer umgekehrt Weisheiten in die westliche Philosophie einzuführen,
eine dezidierte Kritik an der leibbefreiten Erkenntnis die originär ›indo-ägyptisch‹ (vgl. P I, 63) seien. Zu
(wie Platons Seelenlehre im Phaidon; vgl. P I, 47 f.) so- diesem Zweck instrumentalisieren die Neuplatoniker
wie andererseits einer ins Extrem getriebenen empi- das Denken Platons, insofern dessen mystische As-
ristischen Position, die in eine materialistisch ausfor- pekte als Verbindungsglied zwischen der indischen
mulierte Metaphysik (wie bei Condillac) einmünde und der westlichen Philosophie dienen. Schopenhau-
(vgl. P I, 50). er stützt diese Auffassung im Anschluss mit Betrach-
126 II Werk

tungen zu Plotin (vgl. ebd.; zu Schopenhauers Plotin- lismus, eine Auffassung, die sich bereits bei den eng-
Lektüre vgl. Kiefer 1941) und Iamblichos von Chalkis lischen Empiristen findet. Der Realismus sei dem-
(vgl. P I, 64). gegenüber die »Erweiterung« (P I, 70) der plato-
nischen Ideenlehre. Zumindest an dieser Stelle gibt
§ 8: Gnosis (Theodizee): Was die Gnostiker anbelangt, Schopenhauer allerdings keiner der beiden Positionen
so vertritt Schopenhauer den Standpunkt, dass diese einen eindeutigen Vorzug. Eine differenziertere Ver-
Systeme lediglich zur Vermittlung bzw. Vereinbarung ortung Schopenhauers in der Kontroverse ließe sich
der Allmacht und Allgüte des christlichen Gottes mit etwa anhand von W II, 68 f., vornehmen (vgl. dazu
der empirischen Faktizität des Übels dienen. Dies be- auch Aby 1930, § 8).
werkstellige man durch verschiedene Stufenfolgen im
Sinne eines normativen Abstiegs von Gott bis zur Welt
Zweiter Teil: § 12–14
(vgl. P I, 65). Diese sehr knappe Kennzeichnung der
gnostischen Philosophie erhält auch im übrigen Werk § 12: Die Philosophie der Neueren: Schopenhauer be-
kein ausführlicheres Komplement. Dennoch ließen handelt über den Großteil des Paragraphen hinweg
sich als Ergänzungen zu den Aussagen über die Gno- die neuzeitliche Philosophie (nacheinander Des-
sis die Erwähnungen in W II, Kap. 48, anführen, wo er cartes, Malebranche, Leibniz und Spinoza) im Hin-
sie im Hinblick auf Pessimismus und Metempsychose blick auf die Problematik des Substanzbegriffes, wobei
zur Geltung bringt. er bei allen historischen Positionen einen »Rest« (P I,
72) feststellt, der in der jeweiligen Systematik nicht
§ 9: Scotus Eriugena (Ewige Gerechtigkeit): Schopen- aufgehe. Der entscheidende Schritt zur Entschlüsse-
hauer zählt Scotus Eriugena als Pantheisten nicht zur lung der Welt, d. h. der einzig »wahre Eingang des La-
eigentlichen Scholastik (vgl. Koßler 1999, 172; zu Sco- byrinthes« (P I, 73) sei die Erhebung des Willens zum
tus Eriugena vgl. auch HN III, 461–469). Er sieht das inneren Gehalt der Welt. Diesen (eben seinen) Punkt
punctum saliens in der Auffassung, das endliche Leben wiederum leitet Schopenhauer anhand einer kurzen
habe als Zweck die Erlösung in der Rückkehr zu Gott. Entwicklungsgeschichte her, die zunächst auf Berke-
Die dabei entstehende Erklärungsnot hinsichtlich ley verweist. Dessen entscheidende Subjektivierung
Sünde und Übel resultiere aus dem im Christentum des Denkens mache ihn zum »Vater des Idealismus«
verwurzelten, originär jüdischen Optimismus, der (P I, 82). Berkeleys Denken sei die Grundlage für die
aber dem eigentlich indischen Motiv der Welterlö- kantische Sonderung des Subjektiven vom Objektiven
sung widerspreche (vgl. P I, 66). Dieser Widerspruch durch die Verortung der Substanz als Verstandeskate-
werde nur dadurch aufgelöst, dass die Welt als genuin gorie. Das Objektive verbleibe durch diese Subjekti-
von übler Beschaffenheit erkannt wird (vgl. ebd.). Da- vierung als »ganz dunkler Punkt« (P I, 83), als Ding an
bei verweist Schopenhauer explizit auf E I, implizit je- sich. Sich selbst spricht Schopenhauer den Abschluss
doch vor allem auf das Motiv der ewigen Gerechtigkeit dieser Entwicklung zu, nämlich hier noch weiter in
in W I, § 63. Demnach führt das Vorhandensein des das Subjektive, d. h. in Relation zum Objektiven Un-
Übels nicht – wie eben u. a. bei Scotus Eriugena – auf mittelbarere, vorgedrungen zu sein und das im Selbst-
die Imputabilität des Menschen aufgrund seiner Frei- bewusstsein erkennbare Ding an sich mit dem Willen
heit zurück. Vielmehr spricht sich der Wille grund- identifiziert zu haben (vgl. ebd.).
sätzlich durch die Handlungen der (im principium in-
dividuationis befangenen) Individuen in der Vorstel- § 13: Einige Anmerkungen zur Kantischen Philosophie:
lungswelt als Übel aus (vgl. P I, 68 f.). Der Mensch hat Dass Schopenhauer in den Fragmenten stets seine ei-
durch seine metaphysisch determinierte Urheberrolle gene Philosophie als Schablone anlegt, dokumentiert
als Willenswesen das Übel zu verantworten und auf- sich in diesem Paragraphen dahingehend, dass er nicht
grund dieser »Verschuldung« (W I, 419) gerechter- ausschließlich auf Kant, sondern auf eine Transzen-
weise zu erdulden. dentalphilosophie überhaupt abhebt (vgl. P I, 88). Vor
allem im weiteren Verlauf der Darstellung und Aus-
§ 10: Scholastik (Ideenlehre): Schopenhauer definiert einandersetzung mit Kants Philosophie wird deutlich,
die Scholastik hier in erster Linie über den Univer- dass Schopenhauer stets den transzendentalen Idealis-
salienstreit (vgl. P I, 69; zu Schopenhauers Stellung mus eigener Prägung zur Geltung bringt. Formal lässt
zur Scholastik vgl. auch Koßler 1999, 170 ff.; Aby sich dieser Paragraph in zwei Teile gliedern: Der erste
1930). Dabei führe der Nominalismus zum Materia- Teil (P I, 84–103) behandelt die Transzendentalphi-
9  Parerga und Paralipomena 127

losophie im Allgemeinen sowie die transzendentale ein »Scheinkampf« (W I, 585). In der Auflösung der
Ästhetik. Im zweiten Teil (P I, 103–145) thematisiert Antinomie (wie bei allen kantischen Antinomien, vgl.
Schopenhauer die transzendentale Dialektik. dazu auch W I, Anhang, 585) behauptet Schopenhau-
er die »Wahrheit der ›Antithese‹« und nimmt so den
a) Transzendentale Ästhetik: Bedeutsam sind in die- Standpunkt eines (wie Kant schreibt) dogmatischen
sem Hinblick besonders die Abhandlung des Verstan- Empirismus (vgl. KrV, B 499) ein.
des als eines anschauenden Vermögens und die Sub- Die Gottesbeweise der rationalen Theologie
sumierung der Kausalität unter die apriorischen An- schließlich beruhen nach Schopenhauer auf zwei For-
schauungsformen, welche Modifikationen genuin men des Satzes vom Grunde: Der kosmologische (mit
Schopenhauerscher Provenienz darstellen (vgl. P I, dem lediglich als dessen Zusatz definierten physiko-
90, 92). Auch Kants Ableitung des Dings an sich pro- theologischen) Beweis verfolge demnach den Satz
blematisiert Schopenhauer stets durch eine Kontras- vom Grunde des Werdens (vgl. P I, 113). Schopen-
tierung mit seiner eigenen Philosophie, in welcher er hauers Kritik daran speist sich aus der Auffassung,
diese Ableitung durch das Kausalitätsprinzip als An- dass er auf einer fälschlichen Anwendung des Kausa-
schauungsform vornimmt: litätsprinzips auf das Verhältnis zwischen Welt und
einer Ursache außerhalb der Welt beruhe. Der onto-
»Auf jene empfundene Veränderung im Sinnesorgane logische Beweis hingegen verfahre nach dem Satz
nämlich wird zunächst, mittelst einer nothwendigen vom Grunde des Erkennens (vgl. ebd.). Der Fehler re-
und unausbleiblichen Verstandesfunktion a priori, das sultiere dabei aus einer Verwechslung der beiden ers-
Gesetz der Kausalität angewandt: dieses leitet, mit sei- ten Formen des Satzes vom Grunde (vgl. P I, 116; G,
ner apriorischen Sicherheit und Gewißheit, auf eine § 7). Die Prädikation der Existenz beruhe prinzipiell
Ursache jener Veränderung, [...] wodurch nun also jene auf der ersten Form (Kausalität), wohingegen der Be-
nothwendig vorauszusetzende Ursache sich sofort an- weis lediglich einen logischen Grund (d. h. Erkennt-
schaulich darstellt, als ein Objekt im Raume, welches nisgrund) angebe.
die von ihr in unsern Sinnesorganen bewirkten Ver- Seine dezidierte Gegnerschaft mit jeder Vermi­
änderungen als seine Eigenschaften an sich trägt« (P I, schung von Philosophie und Religion (vgl. W II, 185)
98 f.; vgl. dazu auch G, § 21). so wie auch der Idee einer theologia naturalis (Scho-
penhauer ›akzeptiert‹ nur die Offenbarungsreligion,
Anschließend werde analog auf den Willen als meta- vgl. dazu z. B. P I, 138) macht Schopenhauer im Zuge
physisches Seinsprinzip geschlossen, so dass diese Er- dieses letzten Punktes noch anhand einer Kritik des
kenntnis zum »Ausleger des Bewußtseyns anderer Theismus deutlich. Diese besteht in dem Versuch, die
Dinge« (P I, 100) wird. ›Zugeständnisse‹ Kants an die Religion gegen jede ar-
gumentative Nutzbarmachung durch den Theismus
b) Transzendentale Dialektik: Schopenhauer behan- abzuschirmen. So dürfe die Einführung Gottes als ei-
delt die transzendentale Dialektik grob nach dem von nes regulativen Prinzips (vgl. KdU, § 87) nicht theis-
Kant vorgenommenen Aufteilungsschema der trans- tisch beerbt werden, da hierbei die Attribute des An-
zendentalen Ideen: Seele, Welt, Gott. thropomorphismus, der Intellektualität und der Per-
Zunächst konzentriert sich Schopenhauer hierbei sonalität fehlten, welche konstitutiv für Gott seien (vgl.
auf den Paralogismus der Persönlichkeit (vgl. KrV, A P I, 122 ff.): »Ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott,
361 f.; bereits vorher findet sich die Auseinanderset- sondern bloß ein mißbrauchtes Wort« (P I, 122). Die
zung in W I, 559 ff.): Die Beharrlichkeit der Seele zu zweite Stütze des Theismus in der kantischen Philoso-
denken sei nicht möglich, da Fortdauer, Vergehen und phie sei dessen Auffassung von der Unwiderlegbarkeit
Beharrlichkeit nur in Bezug auf die Anschauungswelt Gottes (vgl. P I, 128 f.). Schopenhauer führt daraufhin
(die Kombination aus Zeit, Raum und Kausalität) gel- drei Argumente gegen eine Annahme Gottes ins Feld,
ten, während deren Anwendung auf immaterielle wobei alle mit der Prämisse der Geschöpflichkeit von
Dinge (wie die Seele) eine ›Amphibolie‹ darstelle (vgl. Mensch und Welt arbeiten: (1) die Theodizee-Pro-
P I, 108 f.). blematik (vgl. P I, 129); (2) die Unmöglichkeit mora-
Hinsichtlich der rationalen Kosmologie themati- lischer Zurechnungsfähigkeit angesichts der geschöpf-
siert Schopenhauer die erste kantische Antinomie lichen Determiniertheit des Menschen (vgl. P I, 129 ff.)
(KrV, A 424 ff.). Wie er bereits in W I zu erkennen ge- und (3) die Fortdauer des Menschen nach dem Tode,
geben hat, ist die Annahme der Antinomien für ihn die nur im Falle menschlicher ›Aseität‹ plausibel denk-
128 II Werk

bar sei und daher wiederum mit dessen Geschöpflich- 9.3 »Ueber die Universitäts-Philosophie«
keit kollidiere (vgl. P I, 131 ff.).
Die berühmt-berüchtigte Abrechnung Schopenhau-
§ 15: Einige Bemerkungen über meine eigene Philoso- ers mit der »Universitäts-Philosophie« (ein Ausdruck,
phie: Der Schlussparagraph enthält zunächst einen der vermutlich von ihm selbst geprägt wurde, vgl.
konzisen methodischen Abriss hinsichtlich Schopen- Schneider 1998, 5) wurde im ersten Band der Parerga
hauers eigener Philosophie. Diese könne man als »im- und Paralipomena veröffentlicht, in dem im Unter-
manenten Dogmatismus« (P I, 139) bezeichnen, inso- schied zum zweiten Band längere, in sich geschlossene
fern sie zwar dogmatische Lehrsätze enthalte, jedoch Aufsätze ihren Platz haben. Gleich zu Beginn der
keine transzendente Welt beschreibe. Es komme ihm Schrift stellt Schopenhauer »die Philosophie als Pro-
darauf an, die Phänomenwelt auf ihren letzten erfass- fession der Philosophie als freier Wahrheitsforschung,
baren Gehalt hin zu verfolgen. Sein Verfahren sei inso- oder die Philosophie im Auftrage der Regierung der
fern nicht synthetisch, sondern analytisch (vgl. P I, Philosophie im Auftrage der Natur und der Mensch-
140). Im Gegensatz zu den anderen neuzeitlichen Po- heit« (P I, 149) gegenüber. Diese Konfrontation zieht
sitionen sei der Wille nichts den Dingen äußerliches, sich durch die ganze Abhandlung hindurch, die zu
sondern wirke vielmehr in ihnen (vgl. P I, 141 f.). Auf dem Schluss kommt, dass der Unterricht in Philoso-
diesem Gedanken beruhe auch die Identität von Täter phie an den Universitäten derselben eher abträglich ist
und Dulder (vgl. ebd.), womit Schopenhauer erneut und daher »streng zu beschränken« sei »auf den Vor-
auf das Konzept der ewigen Gerechtigkeit in W I, § 63, trag der Logik, als einer abgeschlossenen und streng
anspielt. Die Unzeitgemäßheit der sich aus diesem Ge- beweisbaren Wissenschaft, und auf eine ganz succinte
danken speisenden, pessimistischen Perspektive ist vorzutragende und durchaus in Einem Semester von
ihm dabei durchaus bewusst. Er merkt jedoch an, dass Thales bis Kant zu absolvirende Geschichte der Phi-
das Leben ihn vor die »Wahl gestellt [habe; K. A.], ent- losophie, damit sie, in Folge ihrer Kürze und Ueber-
weder die Wahrheit zu erkennen, aber mit ihr Nieman- sichtlichkeit, den eigenen Ansichten des Herrn Pro-
den zu gefallen; oder aber, mit den Andern das Falsche fessors möglich wenig Spielraum gestatte« (P I, 208).
zu lehren, unter Anhang und Beifall« (P I, 144). Den Grund für die Schädlichkeit der Universitäts-
philosophie sieht Schopenhauer zum einen in der Ab-
Literatur hängigkeit der »Kathederphilosophen« von der sie be-
Aby, Heinrich: Schopenhauer und die Scholastik. Heidelberg soldenden Regierung, durch die sie gezwungen sind
1930. ihre Lehre nach deren Zwecken auszurichten und ins-
Alogas, Konstantin: Enthält Schopenhauers Philosophie
einen Eudaimonia-Begriff? In: Schopenhauer-Jahrbuch 95
besondere »mit durchgängiger Rücksicht auf die Lan-
(2014), 71–89. desreligion« (P I, 150) vorzutragen. Zum anderen ist
Kant, Immanuel: Werke in sechs Bänden. Hg. von Wilhelm es überhaupt der Umstand, dass die Universitätslehrer
Weischedel. Darmstadt 1983 [KrV: Kritik der reinen Ver- die Philosophie zu ihrem »Brodgewerbe« (P I, 164)
nunft. Bd. II; KdU: Kritik der Urteilskraft. Bd. V]. machen, was – wie Schopenhauer mit einer Reihe von
Kiefer, Otto: Schopenhauer und Plotin. In: Schopenhauer-
Zitaten antiker Philosophen, angefangen mit Platons
Jahrbuch 28 (1941), 247–257.
Koßler, Matthias: Empirische Ethik und christliche Moral. Kritik an den Sophisten, belegt – der wahren Philoso-
Würzburg 1999. phie nicht ziemt. Seine eigene Kritik ist allerdings un-
Neymeyr, Barbara: Ataraxie und Rigorismus. Schopenhau- gleich schärfer, wenn er von »jenen zu Staatszwecken
ers ambivalentes Verhältnis zur stoischen Philosophie. In: gedungenen Geschäftsmännern der Katheder, die mit
Dies./Jochen Schmidt/Bernhard Zimmermann (Hg.): Weib und Kind von der Philosophie zu leben haben«
Stoizismus in der europäischen Philosophie, Literatur,
(P I, 158) spricht oder von den »Herren der lukrativen
Kunst und Politik. Bd. 2. Berlin 2008, 1141–1164.
Schmidt, Alfred: Arthur Schopenhauer und die Geschichte. Philosophie« (P I, 159). Immer wieder kommt er auf
In: Schopenhauer-Jahrbuch 83 (2002), 189–203. den Punkt zurück, dass diejenigen, »die von der Phi-
losophie leben wollen, höchst selten eben Die seyn
Konstantin Alogas werden, welche eigentlich für sie leben« (P I, 192) weil
»die Einsichten bald genug aus dem Felde geschlagen
sind, wenn man Absichten gegen sie aufmarschieren
läßt« (P I, 178).
Wahre Philosophie aber muss von allen Absichten
und Zielsetzungen frei sein: »Nie wird man in der Lö-
9  Parerga und Paralipomena 129

sung der Probleme, welche unser so unendlich räth- sigkeit unter leeren Phrasen und Worten und die Be-
selhaftes Daseyn uns von allen Seiten entgegenhält, mächtigung der Publikationsorgane. Diese auch heute
auch nur einen Schritt weiter kommen, wenn man noch durchaus aktuellen Erscheinungen des Wissen-
nach einem vorgesteckten Ziel philosophirt« (P I, schaftsbetriebs fasst Schopenhauer unter dem Aus-
204). Diese Auffassung von der Philosophie als Selbst- druck »Spaaßphilosophie« (P I, 167) zusammen, der er
zweck greift nicht nur die klassische Autonomie der den »furchtbaren Ernst, mit welchem das Problem des
Wahrheitssuche auf, sondern ist insbesondere auch Daseyns den Denker ergreift und sein Innerstes er-
aus Schopenhauers eigener Lehre zu verstehen. Nach schüttert« (P I, 169) gegenüberstellt.
ihr steht das Erkennen normalerweise im Dienst des Wenn die Polemik Schopenhauers gegen die Uni-
Willens, d. h. es ist von Absichten und Zwecken gelei- versitätsphilosophie somit auch sachliche und prinzi-
tet. Nur in seltenen Ausnahmefällen, beim künstleri- pielle Argumente enthält, so hat ihre Schärfe doch
schen Genie, beim heiligen Asketen und beim echten persönliche und zeitgebundene Hintergründe; freilich
Philosophen geschieht es, dass das Erkennen sich vom ist Schopenhauer bekannt für seinen beißenden Spott
Willen löst und dadurch eine »willensfreie Aktivität und die sprachlich ausgefeilten Grobheiten, aber die
des Intellekts« möglich wird, die »die Bedingung der Schrift gegen die Universitätsphilosophie ragt in die-
reinen Objektivität und dadurch aller großer Leistun- ser Hinsicht noch heraus; sie liest sich über weite Stre-
gen ist« (P I, 189). Ihnen steht die große Masse der cken wie eine bloße Schmähschrift gegen die Philoso-
»normalen« Menschen gegenüber, die »Fabrikwaare phen des Deutschen Idealismus, insbesondere gegen
der Natur«, die Schopenhauer drastisch charakteri- den »plumpe[n] und ekelhafte[n] Scharlatan Hegel«
siert: »so Einer mit der normalen Ration von drei (P I, 179) und dessen »Afterphilosophie« (P I, 173).
Pfund groben Gehirns, hübsch fester Textur, in zoll- Selbst wo der Name Hegel nicht fällt, etwa bei der
dicker Hirnschaale wohl verwahrt, beim Gesichtswin- oben angeführten Beschreibung des ›Normalmen-
kel von 70 °, dem matten Herzschlag, den trüben, spä- schen‹, ist der Bezug auf ihn deutlich. Hinzu kommt,
henden Augen, den stark entwickelten Freßwerkzeu- dass Schopenhauer nicht immer derart ablehnend ge-
gen, der stockenden Rede und dem schwerfälligen genüber der Universitätsphilosophie eingestellt war.
Gange, als welcher Takt hält mit der Krötenagilität sei- Als er seine Kaufmannslehre abgebrochen hatte und
ner Gedanken« (P I, 209). Philosophie zu betreiben sich auf die lang ersehnten Studien am Gymnasium
erfordert besondere, seltene Anlagen: Es ist die »Aris- und an den Universitäten warf, war es natürlich nicht
tokratie der Natur«, die »den hohen Beruf des Nach- sein Ziel, Privatgelehrter zu bleiben, sondern er wollte
denkens über sie« nur wenigen erteilt (P I, 189). an der Universität lehren, und zwar an der neuen, füh-
Die Universität kann dieser Auffassung von einer renden Universität in Berlin, an der Fichte gelehrt hat-
»Philosophie im Auftrage der Natur« nicht entspre- te und Hegel gerade lehrte. Auch wenn er bald keine
chen. Die Bezahlung von Professoren durch den Staat Vorlesungen mehr hielt, so blieb Schopenhauer doch
ist gerade im Fall der Philosophie mit Erwartungen 12 Jahre lang dort Privatdozent. Später versuchte er
und Absichten verknüpft, weil »kein Lehrfach auf die ohne Erfolg, sich nach Würzburg und Heidelberg um-
innere Gesinnung der künftigen gelehrten, also den zuhabilitieren (s. Kap. 3). Erst Ende der 1820er Jahre
Staat und die Gesellschaft eigentlich lenkenden Klasse finden sich die ersten Angriffe auf die Universitätsphi-
so viel Einfluß habe, wie gerade dieses« (P I, 205 f.). losophie (vgl. HN III, 585), die nach dem Tode Hegels,
Gegen diese Absichten ist nach Schopenhauer im vor allem im Zusammenhang mit den zahlreichen
Grunde auch nichts einzuwenden (vgl. P I, 157), aber Entwürfen von Vorreden für eine zweite Auflage des
für die Philosophie hat das nicht nur zur Folge, dass sie Hauptwerks, zahlreicher werden und teilweise später
durch unfähige oder mittelmäßige Denker öffentlich in die veröffentlichte Schrift eingehen (vgl. HN IV (1),
repräsentiert wird, sondern dass die Taktiken, ihres- 128, 158, 172).
gleichen Bedeutung zu verschaffen, und der Eifer, den Es liegt nahe, die Wendung gegen die Universitäts-
Interessen des Staats zuwiderlaufende Wahrheiten zu philosophie und die Wut auf die Professoren aus dem
unterdrücken, die wenigen zur Philosophie Befähigten Umkreis des Deutschen Idealismus mit Schopenhau-
behindern. Zu diesen Taktiken zählt Schopenhauer die ers eigenem Misserfolg und dem Scheitern seiner aka-
Bildung von Cliquen und Koalitionen, innerhalb derer demischen Karriere zu erklären. Bei seinem Antritt an
man sich gegenseitig zitiert und hochjubelt, die Aus- der Berliner Universität hatte er sich als »Rächer« (VN
bildung eines schwierig und gelehrt klingenden »Jar- I, 58) der Philosophie angekündigt, der ihr wieder zu
gons« (P I, 169), das Verbergen der Inhalts- und Ratlo- Glanz und Ansehen verhilft; doch der geplante große
130 II Werk

Auftritt fiel ins Wasser: Seine zeitgleich mit dem und was könnte den anfechten in den Jahren, die er
Hauptkolleg Hegels gelegte Vorlesung wurde nicht be- noch zu athmen hat?« (HN IV (2), 109)
sucht und sein Hauptwerk in der akademischen Öf-
fentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen. Dass sei- Sicher wird auch die unter selbständigen Unterneh-
ne Abneigung gegen die Universitätsphilosophen von mern verbreitete Verachtung gegen Staatsdiener und
der Verbitterung über dieses Scheitern genährt wurde, deren Abhängigkeit einen Einfluss auf Schopenhauers
wird von Schopenhauer auch gar nicht verhohlen: Urteil gehabt haben, bedenkt man, dass sein Vater sei-
ner unternehmerischen Freiheit zuliebe das Angebot
»Der Spaaß bei der Sache ist, daß diese Leute sich Phi- des preußischen Königs auf die Staatsbürgerschaft
losophen nennen, als solche auch über mich urtheilen, ausschlug und die Stadt Danzig verließ; diese Haltung,
und zwar mit der Miene der Superiorität, ja, gegen die in dem Wappenspruch der Familie »Kein Glück
mich vornehm thun und vierzig Jahre lang gar nicht ohne Freiheit« (s. Kap. 1) Ausdruck fand, kehrt auch
würdigten auf mich herabzusehn, mich keiner Beach- in Schopenhauers Forderung wieder, dass der Wahr-
tung werth haltend« (P I, 152). heit »die Atmosphäre der Freiheit unentbehrlich« (P I,
161) sei, die das Besoldungsverhältnis des Philoso-
Es wäre jedoch falsch, die Abneigung Schopenhauers phie-Professors ausschließe. In einer geplanten Wid-
gegen die Universitätsphilosophie allein auf Verbitte- mung der zweiten Auflage des Hauptwerks dankt er
rung oder gar Neid zurückzuführen. Bereits geraume seinem Vater für die Erbschaft, die ihn davor bewahrt
Zeit vor den enttäuschenden Ereignissen, als er im An- habe, »wetteifernd mit médiocre & rampant vor Mi-
schluss an seine Promotion zu einer Vorlesungstätig- nistern und Räthen zu kriechen« (HN III, 379 f., vgl.
keit in Jena angeregt wurde, betrachtete er es eher als 538). Darüber hinaus sind jedoch auch die histori-
eine auferlegte »Pflicht [...] eine Akademische Lauf- schen Verhältnisse an den Universitäten zu berück-
bahn anzutreten« (GBr, 10), und später in Briefen, in sichtigen. Die Parerga und Paralipomena erschienen
denen er sich an verschiedenen Universitäten nach der ein Jahr nach dem Materialismusstreit, auf den Scho-
Möglichkeit einer Habilitation erkundigte, ließ er die penhauer auch implizit Bezug nimmt, wenn er den
Empfänger wissen, dass er »ganz außerordentlich ge- damaligen philosophischen und literarischen Zustand
ring« von den Philosophen denke, die »unmittelbar in beschreibt:
und auf ihre Zeitgenossen eine Wirkungssphäre su-
chen«, während das »Streben des eigentlichen Gelehr- »Unwissenheit mit Unverschämtheit verbrüdert an
ten auf die Menschheit im Ganzen zu allen Zeiten und der Spitze, Kamaraderie an der Stelle der Verdienste,
in allen Ländern gerichtet sein müsse« (GBr, 44 f.). Wie völlige Verworrenheit aller Grundbegriffe, gänzliche
später in der Schrift über die Universitätsphilosophie, Desorientation und Desorganisation der Philosophie,
so wird auch hier schon dem geschriebenen Werk der Plattköpfe als Reformatoren der Religion, freches Auf-
Vorrang vor der akademischen Tätigkeit gegeben (vgl. treten des Materialismus und Bestialismus, Unkennt-
Koßler 2013, 220; Schneider 1998, 43). Letztlich war niß der alten Sprachen und Verhunzen der eigenen«
Schopenhauers Einstellung zur akademischen An- (P I, 187).
erkennung zwiespältig, wie er in einer Aufzeichnung
nach zwei erfolglosen Jahren an der Universität selbst Die Zeit, in der Schopenhauer seine Vorwürfe gegen
feststellt: die Philosophie-Professoren erhebt, ist eine, in der
sich in Deutschland die Universitäten und ihr Verhält-
»Wenn ich zu Zeiten mich unglücklich gefühlt, so ist nis zu Staat und Kirche stark veränderten. 1810 war
dies mehr nur vermöge einer méprise, eines Irrthums unter der Ägide von Wilhelm von Humboldt in Berlin
in der Person geschehen, ich habe mich dann für einen die erste Universität eines neuen Typus gegründet
Andern gehalten, als ich bin, und nun dessen Jammer worden, die bald weitere Gründungen nach sich zog.
beklagt: z. B. für einen Privatdocenten, der nicht Profes- Die neuen Universitäten waren größer und weniger
sor wird und keine Zuhörer hat [...] Wer aber bin ich auf Ausbildung zu Berufen als auf Bildung und Erzie-
denn? Der, welcher die Welt als Wille und Vorstellung hung des ganzen Menschen ausgerichtet (vgl. Paulsen
geschrieben und vom großen Problem des Daseyns ei- 1921, 238 f.). Dadurch wurden die unteren Fakultäten
ne Lösung gegeben hat, welche vielleicht die bisheri- aufgewertet, und da das Bildungsideal sich am klassi-
gen antiquiren, jedenfalls aber die Denker der kom- schen Griechentum orientierte, gelangten Philoso-
menden Jahrhunderte beschäftigen wird. Der bin ich, phie und die klassischen Philologien in eine führende
9  Parerga und Paralipomena 131

Stellung an der Universität. Die Philosophie erhob Ende des 19. Jahrhunderts kamen in der Tat die we-
den Anspruch, anstelle der durch die Aufklärung zu- sentlichen Impulse für die Philosophie von Denkern,
rückgedrängten Offenbarungsreligion die Welt zu die außerhalb der Universität standen (vgl. Kopper
deuten und zu erklären. Damit wurde das Prinzip der 1988, 21), wie neben Schopenhauer selbst etwa Feuer-
Wahrheit, unter dem die unteren Fakultäten standen, bach, Marx und Kierkegaard.
mit dem den oberen Fakultäten (Theologie, Jurispru- Schopenhauers Haltung zu diesen Entwicklungen
denz und Medizin) obliegenden gesellschaftlichen In- an den Universitäten ist nicht frei von Vereinfachun-
teresse vermengt (vgl. Kopper 1988, 22 f.). Nicht zufäl- gen und Widersprüchlichkeiten. So werden von ihm
lig waren Fichte und Hegel, die mit einer »Wissen- unterschiedslos alle negativen Begleiterscheinungen
schaftslehre« oder einem »System der Wissenschaft« und Folgen für die Philosophie dem Deutschen Idea-
die Totalität der öffentlichen Vernunft repräsentieren lismus und insbesondere der »Hegelei« (P I, 177 ff.)
wollten, Rektoren der Berliner Universität (vgl. angelastet. Hegel ist für ihn paradigmatisch, weil er
Schneider 1998, 19; Mehring 2008, 271 f.). Die Blüte- zum einen die Universität im Sinne der neuen Rolle
zeit der neuhumanistischen Universität währte indes- der Philosophie geradezu unumschränkt beherrschte,
sen nicht lange. Als Schopenhauer Privatdozent wur- und zum anderen, weil er mit seiner »empörenden
de, lagen die Karlsbader Beschlüsse, mit denen der Lehre [...] daß die Bestimmung des Menschen im
Staat restriktiv in das Bildungswesen eingriff, gerade Staat aufgehe, – etwan wie die der Biene im Bienen-
ein Jahr zurück. In der Folgezeit, und verstärkt nach stock« (P I, 164) eine »Apotheose des ›Staats‹« (P I,
dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. (1840) 205) betrieben habe, die genau zu einer Philosophie
wurde versucht, die klassische Bildung zugunsten ei- im Auftrag der Regierung passt. Dabei übersieht er,
ner wieder stärker an der Religion ausgerichteten Leh- dass die Vormachtstellung der Philosophie den Refor-
re zurückzudrängen, was schließlich nach der ge- men zu verdanken war, die von der konservativen Re-
scheiterten Revolution von 1848 in eine reaktionäre gierung gerade zurückgenommen wurden, und ver-
Bildungspolitik mündete. Bei der dominanten Rolle schweigt, dass die Philosophie Hegels auch religions-
der Philosophie geriet sie natürlich in besonderem kritische Momente hat, die im Linkshegelianismus
Maße unter den staatlichen Druck, diese Entwicklung weitergeführt wurden; Schopenhauer wusste sehr
zu tragen und zu befördern. wohl, dass auch Hegelianer unter den Repressionen
Schopenhauer sieht die Gefahren, die entstehen, des Staates zu leiden hatten (vgl. P I, 155).
wenn die Philosophie eine so herausgehobene Stel- Trotz seiner Kritik an den Folgen, die ihre heraus-
lung an der Universität erlangt hat, dass sie für den ragende Rolle nach der Universitätsreform mit sich
Staat und seine Zwecke interessant wird (vgl. Schnei- bringt, stimmt Schopenhauer aber grundsätzlich dem
der 1998, 21). Als freies Denken des Einzelnen kann Anspruch der Philosophie auf Deutungshoheit zu und
sie die Erwartungen der Regierung nicht erfüllen, und unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von Hegel
in vermeintlich unbeschränkter Macht auf dem Ge- (s. Kap. 21): Indem ihr Problem »das selbe ist, worüber
biet des Wissens den Interessen des Staates dienend auch die Religion, in ihrer Weise, Aufschluß ertheilt«
droht sie zur Scharlatanerie zu werden, wie sie Scho- (P I, 150), begründet die Philosophie »die Denkungs-
penhauer Hegel vorwirft (vgl. Kopper 1988, 26 f.). Da- art des Zeitalters« (P I, 166). Aber Schopenhauer sieht
rin liegt der tiefere Grund für Schopenhauers Forde- dies noch als eine Aufgabe an, die, wenn überhaupt,
rung nach einer Beschränkung der Lehrtätigkeit von nicht an der Universität erfüllt werden kann, weil den
Philosophie-Professoren auf Logik und Philosophie- Beruf dazu »nur die Natur, nicht aber das Ministerium
geschichte, die mit der sich im 19. Jahrhundert voll- des öffentlichen Unterrichts ertheilen kann« (P I, 193).
ziehenden »Historisierung der Vernunft« (vgl. Schnei- Zugleich schränkt er – und das unterscheidet ihn von
der 1998) gewissermaßen erfüllt wird. Auch die Ein- Hegel – den Anspruch der Philosophie auch aufgrund
schätzung Schopenhauers, dass echte Philosophie seiner vernunftkritischen Konzeption wieder ein,
nicht an den Universitäten, sondern privat betrieben wenn er als weiteres Argument gegen die Universitäts-
wird, dass »von jeher sehr wenige Philosophen Profes- philosophie anführt: »Aber eine Wissenschaft, die
soren der Philosophie gewesen sind, und verhältnis- noch gar nicht existirt, die ihr Ziel noch nicht erreicht
mäßig noch weniger Professoren der Philosophie Phi- hat, nicht einmal ihren Weg sicher kennt, ja deren
losophen« (P I, 161) erhält eine Bestätigung durch die Möglichkeit noch bestritten wird, eine solche Wissen-
Folgen der reaktionären Bildungspolitik: Nach dem schaft durch Professoren lehren zu lassen ist eigentlich
Zusammenbruch des Deutschen Idealismus bis zum absurd« (ebd.).
132 II Werk

Wenn trotz dieser Skepsis die Philosophie die ein- Standpunkt zugunsten einer, so Schopenhauer, »me-
heitsstiftende Funktion der Religion übernehmen soll, taphysischen Phantasie« (P I, 203 (Lü)) aufgegeben
nicht im Auftrag der Regierung in Form einer »speku- wird. Doch wäre es verfehlt, aus dem für Sigmund
lativen Theologie« (P I, 196) oder des »Kentauren« Freuds »Jenseits des Lustprinzips« maßgeblichen
(P I, 153) Religionsphilosophie, sondern indem sie Aufsatz (vgl. Atzert 2005) einen unkritischen Hang
»keinen anderen Zweck als die Wahrheit« (P I, 158) Schopenhauers zur Esoterik herauszulesen. In der
kennt, dann sollte der Staat sich ganz heraushalten, die Betonung der Vermeintlichkeit der Absichtlichkeit
Philosophie gewähren lassen, »ohne Beihülfe, aber äußert sich die Skepsis, mit der er nicht erst seiner Er-
auch ohne Hindernisse« (P I, 208). Dass dann einmal klärung, sondern bereits der Themenstellung begeg-
eine Universitätsphilosophie möglich wäre, die anders net. Hinter dem, was nur scheinbar Absicht ist, eine
zu beurteilen wäre als der Zustand, den Schopenhauer übernatürliche Lenkung zu vermuten, sei nichts als
zu seiner Zeit geißelt, schließt er nicht aus, wenn er in »das Kind unsrer Bedürftigkeit« (P I, 203 (Lü)). Tat-
der Vorrede zum Hauptwerk schreibt: »Damit aber sächlich werde die Welt vom Zufall regiert, wobei al-
meine Philosophie selbst kathederfähig würde, müß- lerdings zu berücksichtigen sei, dass der Mensch Si-
ten erst ganz andere Zeiten heraufgezogen seyn« (W I, tuationen, in denen sich ein Unglück erst im Nach-
XXVIII). hinein als Glück herausstelle, als Irrtümer auffasse,
wodurch dieser zum Mitregenten des Weltherrschers
Literatur Zufall werde (vgl. P I, 204 (Lü)).
Kopper, Joachim: Ist Schopenhauers Philosophie katheder- Nach diesen einführenden apodiktischen Spitzen
fähig? In: Schopenhauer-Jahrbuch 69 (1988), 21–28. verfolgt Schopenhauer umso schlüssiger den nach ei-
Koßler, Matthias: Philosophie im Auftrage der Natur und
Philosophie im Auftrage der Regierung – Schopenhauers
gener Aussage verwegensten aller Gedanken, dem Zu-
Kritik der Universitätsphilosophie. In: Schopenhauer-Jahr- fall eine Absicht zu unterstellen. Zur philosophischen
buch 94 (2013), 217–228. Begründung zieht er zuerst seine Theorie des demons-
Mehring, Reinhard: Die Berliner Universitätsphilosophie als trablen Fatalismus heran und entwickelt dann den so-
Geschichte und als Mythos. In: István M. Fehér/Peter L. genannten transzendenten Fatalismus. Ersterer be-
Oesterreich (Hg.): Philosophie und Gestalt der Europäi-
deutet, dass alles Geschehen strenger Notwendigkeit
schen Universität. Stuttgart-Bad Cannstatt 2008, 253–283.
Paulsen, Friedrich: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf folge. Der sogenannte freie Wille sei ja deshalb unfrei,
deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des weil er, wie aus dem Satz vom Grunde hervorgehe, an
Mittelalters bis zur Gegenwart. Bd. 2. Berlin/Leipzig 31921. Ursachen gebunden sei. Ein tatsächlich freier Wille
Schneider, Ulrich Johannes: Philosophie und Universität. wäre zwar nicht durch Ursachen bestimmt, aber »bei
Historisierung der Vernunft im 19. Jahrhundert. Hamburg diesem Begriff geht das deutliche Denken uns deshalb
1998.
aus, weil der Satz vom Grunde, in allen seinen Bedeu-
Matthias Koßler tungen, die wesentliche Form unseres Erkenntnißver-
mögens ist, hier aber aufgegeben werden soll« (E, 48
(Lü)). Insofern sei alles vorherbestimmt, wenn auch
9.4 »Transscendente Spekulation über die aufgrund der Vielzahl der regelförmig ablaufenden
anscheinende Absichtlichkeit im Kausalverkettungen nicht überschaubar. Hierzu ist
Schicksal des Einzelnen« anzumerken, dass der demonstrable Fatalismus keine
Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Schicksals
Im ersten Band der Parerga und Paralipomena folgt für das Individuum bietet, er dient nur als propädeuti-
dem hier besprochenen vierten Kapitel der »Versuch sche Vorbemerkung für die Ausführungen Schopen-
über das Geistersehn und was damit zusammen- hauers zum transzendenten Fatalismus, der die ei-
hängt« (s. Kap. 9.5). In beiden Kapiteln bezieht Scho- gentliche metaphysische Begründung für das Schick-
penhauer auch prophetische Träume, Hellsehen und sal des Einzelnen liefert.
verwandte Phänomene in seine Überlegungen ein. Der transzendente Fatalismus ergebe sich nicht
Während der »Versuch« stärker auf empirische Bele- aus theoretischer Erkenntnis, sondern aus der Erfah-
ge zugreift und eine physiologische Traumtheorie rung außergewöhnlicher Situationen und Umstände,
entwickelt, hebt Schopenhauer bereits im Titel des deren Außergewöhnlichkeit vom Individuum des-
hier besprochenen Kapitels den spekulativen Charak- halb bemerkt wird, weil sie ihm förderlich sind und
ter der Abhandlung über die »anscheinende Absicht- daher von moralischer oder innerer Notwendigkeit
lichkeit« hervor, in der der immanente, empirische gekennzeichnet scheinen, aber auch ganz zufällig
9  Parerga und Paralipomena 133

sind (vgl. P I, 206 (Lü)). Im Rückblick sehe es aus, als Der Traum dient auch in der »Spekulation« als Beispiel
habe eine »fremde Macht« (P I, 210 (Lü)) den Einzel- zur Erhärtung der These vom transzendenten Fatalis-
nen mittels der Umstände gelenkt. Dies sei ein Erfah- mus. Am Beispiel des Traums werde ersichtlich, dass
rungswert, der nicht der ordnenden Phantasie zu- der Wille dem Individuum als der »heimliche Theater-
geschrieben werden könne, denn ein projizierendes direktor seiner Träume« (P I, 219 (Lü)) eine Inszenie-
Denken wäre nicht in der Lage, sich die ganz beson- rung vorführe, aber auch in der Wirklichkeit des Wa-
deren, individuell angepassten Umstände einfallen chens als Schicksal auftrete. Schopenhauer wählt für
zu lassen: Das Verwunderliche sei doch, dass Inneres Traum und Wachen ähnliche Formulierungen. Wie im
und Äußeres ineinandergriffen, »durch eine im tiefs- obigen Zitat aus dem Handschriftlichen Nachlaß
ten Grunde der Dinge liegende Einheit des Zufäl- schreibt er über den Traum, dass der Wille ihn insze-
ligen und Nothwendigen« (P I, 209 (Lü)). Die Ein- niere, und zwar »von einer Region aus, die weit über
heit von Notwendigkeit und Zufall erkennt Scho- das vorstellende Bewußtseyn im Traume hinausliegt
penhauer darin wieder, dass sich die »eigenthümli- und daher in diesem als unerbittliches Schicksal auf-
che Individualität jedes Menschen in physischer, tritt« (P I, 239 (Lü)). Gleiches könne ebenfalls auf den
moralischer und intellektueller Hinsicht« aus der Wachzustand zutreffen, nämlich dass »auch jenes
Verbindung des »moralischen Charakters des Va- Schicksal welches unsern wirklichen Lebenslauf be-
ters« und »der intellektuellen Fähigkeit der Mutter« herrscht, irgendwie zuletzt von jenem Willen ausgehe,
ergebe, »die Verbindung dieser Eltern nun aber, in der unser eigener ist, welcher jedoch hier, wo er als
der Regel, durch augenscheinlich zufällige Umstände Schicksal aufträte, von einer Region aus wirkte, die weit
herbeigeführt worden ist. Hier also drängt sich uns über unser vorstellendes, individuelles Bewußtseyn hi-
die Forderung, oder das metaphysisch-moralische nausliegt [...]« (P I, 219 (Lü)). Dadurch, dass der Wille
Postulat, einer letzten Einheit der Nothwendigkeit von einer Region jenseits des individuellen Wachbe-
und Zufälligkeit unwiderstehlich auf« (P I, 211 (Lü)). wusstseins wirkt, ergeben sich Konflikte mit dessen
So ist »das Zufälligste [...] nur ein auf entfernterem Zielen und dem ihm verbundenen Eigenwillen, der
Wege herangekommenes Nothwendiges« (P I, 215 sich verbissen aber aussichtslos gegen das übermächti-
(Lü)), jedoch nicht »durch Erkenntniß geleitet, son- ge Schicksal stemmt. Das Schicksal wird vom Willen
dern vermöge einer aller Möglichkeit der Erkenntniß bestimmt, als »unserm leitenden Genius, [...] welcher
vorhergängigen Nothwendigkeit höherer Art« (P I, das individuelle Bewußtseyn weit übersieht und daher,
214 (Lü)). unerbittlich gegen dasselbe, als äußern Zwang Das ver-
Die Überlegungen, die in der »Spekulation« ver- anstaltet und feststellt, was herauszufinden er demsel-
öffentlicht wurden, stehen zum Teil im 1828 begonne- ben nicht überlassen durfte und doch nicht verfehlt
nen Band »Adversaria« des Handschriftlichen Nachlaß. wissen will« (P I, 219 f. (Lü)). Dies bedeutet nicht die
Dort lesen wir, dass neben dem objektiven Zusam- Umwertung des Willens zu einem Ersatz göttlicher
menhang der natürlichen Bedingungen (dem de- Vorsehung, sondern lediglich, dass sich der Wille der
monstrablen Fatalismus) auch ein subjektiver Zusam- Vergänglichkeit und Endlichkeit der Individualität be-
menhang (der transzendente Fatalismus) bestehe, wusst ist. Die Endlichkeit wird hierbei nicht abgewer-
tet, es geht nicht um den großen Gegensatz zwischen
»der nur in Bezug auf das sie [d. h. die jeweiligen Um- Scheinbarkeit und Wirklichkeit, sondern darum, dass
stände; S. A.] erlebende Individuum vorhanden ist, und die große Wahrheit der Vergänglichkeit vom Individu-
so subjektiv als dessen eigene Träume, in welchen je- um gelernt werden soll. Sinn der schicksalhaften Fü-
doch ihre Succession und Inhalt ebenfalls nothwendig gung ist somit nicht in den spezifischen Umständen
bestimmt ist, grade so wie der dramatische Dichter die und Begebenheiten zu suchen:
Succession der Scenen willkürlich bestimmt: in diesem
Fall aber ist der dramatische Dichter der eigene Wille »Bleiben wir bei den einzelnen Fällen stehn; so scheint
eines Jeden auf einem Standpunkt, der nicht in sein es oft, daß sie nur unser zeitliches, einstweiliges Wohl
Bewußtsein fällt. Daß nun jene beiden Arten des Zu- im Auge habe. Dieses jedoch kann, wegen seiner Ge-
sammenhangs zugleich bestehn und dieselbe indivi- ringfügigkeit, Unvollkommenheit, Futilität und Ver-
duelle Begebenheit, als ein Glied zweier ganz verschie- gänglichkeit, nicht im Ernst ihr letztes Ziel seyn: also
dener Ketten, stets in beiden zugleich genau paßt, ist haben wir dieses in unserm ewigen, über das indivi-
ein Wunder aller Wunder, und die wahre harmonia duelle Leben hinausgehenden Daseyn zu suchen« (P I,
praestabilita« (HN III, 580; vgl. P I, 220 f. (Lü)). 223 (Lü)).
134 II Werk

Das Ziel ist weder der Erhalt der harmonia praestabili- on« eine philosophische Gratwanderung, mit der er
ta, noch die Voraussagung des Zukünftigen, die Scho- sich dem Unsagbaren annähert, ähnlich wie es Freud
penhauer aufgrund des demonstrablen Fatalismus für später mit der Annahme der Todestriebe tat, um all die
durchaus möglich, aber nur in Ausnahmefällen ver- Ereignisse des Seelenlebens, die dem Lustprinzip ent-
wirklicht, erachtet. Laut Schopenhauers Philosophem gegenstehen, zu erklären (vgl. Freud 1999, 60). Die
vom Quietiv des Willens liegt die Absicht des »ewigen, Idee der Steuerung durch ein intelligentes Unbewuss-
über das individuelle Leben hinausgehenden Da- tes wurde zur Grundlage der metaphysischen Kon-
seyns« darin, die angesichts des Todes geforderte in- struktionen sowohl Eduard von Hartmanns in Philoso-
nere Entsagung zu fördern: »Da wir nun [...] das Ab- phie des Unbewußten als auch Paul Deussens in Phi-
wenden des Willens vom Leben als das letzte Ziel des losophie der Bibel.
zeitlichen Daseyns erkannt haben; so müssen wir an-
nehmen, daß dahin ein Jeder, auf die ihm ganz indivi- Literatur
duell angemessene Art, also auch oft auf weiten Um- Atzert, Stephan: Zwei Aufsätze über Leben und Tod: Sig-
wegen, allmälig geleitet werde« (P I, 224 (Lü)). Der als mund Freuds »Jenseits des Lustprinzips« und Arthur
Schopenhauers »Transscendente Spekulation über die
Schicksal auftretende Wille stellt sicher, dass das Indi- anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal des Einzel-
viduum die von Schopenhauer erkannte Verneinung nen«. In: Schopenhauer Jahrbuch 86 (2005), 179–194.
des Willens erlernt, wozu hauptsächlich die wieder- Atzert, Stephan: Im Schatten Schopenhauers. Nietzsche,
holte Begegnung mit dem Leiden dient: »Da nun fer- Deussen und Freud. Würzburg 2015.
ner Glück und Genuß diesem Zwecke eigentlich ent- Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips. In: Ders.: Gesam-
melte Werke. Bd. XIII. Frankfurt a. M. 1999, 1–69.
gegenarbeiten; so sehn wir, Diesem entsprechend, je-
dem Lebenslauf Unglück und Leiden unausbleiblich Stephan Atzert
eingewebt, wiewohl in sehr ungleichem Maaße« (P I,
224 (Lü)). Es lässt sich hinzufügen, dass auch Glück
und Genuss dem Leiden verwandt sind, da sie unwei- 9.5 »Versuch über das Geistersehn und was
gerlich als endlich erfahren werden müssen, da hinter damit zusammenhängt«
allem der Tod lauert: »So geleitet dann jene unsicht-
bare und nur in zweifelhaftem Scheine sich kund ge- Wie bei Kant, Fichte, Friedrich Schlegel, Schelling und
bende Lenkung uns bis zum Tode, diesem eigentli- Hegel sowie bei beinahe allen prominenten Vertretern
chen Resultat und insofern Zweck des Lebens« (P I, der literarischen deutschen Romantik fanden auch bei
224 (Lü)). Der Tod ist nicht das Ziel, sondern der Schopenhauer die unter dem gemeinsamen Namen
Zweck des Lebens, er strahlt dadurch, im Sinne Scho- »animalischer Magnetismus« zusammengefassten
penhauers, in das Leben ein, schafft die notwendige Phänomene starke Beachtung (vgl. Ellenberger 1981,
Distanz zu Leid und Glück. 159). Erstaunt und zutiefst berührt soll er beim An-
Die »Spekulation« ist eine Anwendung der Philoso- blick der »wundervollen Beispiele magischer Kraft«
phie Schopenhauers, die außerhalb des eigentlichen (Schröder 1957) gewesen sein, wenn der bekannte ita-
Systems steht. Für Schopenhauers Denken gilt grund- lienische Magnetiseur Regazzoni »die unmittelbare,
sätzlich, was er im Handschriftlichen Nachlaß schrieb: also magische Gewalt seines Willens über andere« (N,
»Wenn ich mich besinne; so ist es der Weltgeist der zur 427 f. (Lö); vgl. Cartwright 2010, 445 ff.) ausübte.
Besinnung kommen will, die Natur, die sich selbst er- Schopenhauer war überzeugt, dass die in seinem
kennen und ergründen will. Es sind nicht Gedanken Hauptwerk systematisch dargelegte Philosophie gera-
eines andern Geistes, denen ich auf die Spur kommen de in diesen rätselhaften, höchst befremdlichen und
will: sondern das was ist will ich zu einem Erkannten, kaum zu erklärenden Phänomenen ihre glaubwür-
Gedachten umwandeln, was es außerdem nicht ist, digste Bestätigung findet, wie auch umgekehrt diese
noch wird« (HN III, 402). Und doch bietet die spekula- Phänomene nur vor dem Hintergrund seiner Philoso-
tive Auseinandersetzung mit dem Willen einen berei- phie verständlich werden. Wie er nicht nur in der Ab-
chernden Wechsel der Perspektive, um von der Todes- handlung »Versuch über das Geistersehn« in Parerga
verbundenheit alles Lebenden zu sprechen. Unter Ein- und Paralipomena I, sondern auch im Kapitel »Ani-
beziehung des Todes lässt sich die Notwendigkeit der malischer Magnetismus und Magie« seines Werks Ue-
wechselhaften Glücksumstände des Daseins verste- ber den Willen in der Natur ausführt (s. Kap. 7), zeugen
hen, die Akzeptanz und Lösung vom Eigenwillen er- solche Phänomene augenscheinlich davon, dass die
fordern. Schopenhauer unternimmt in der »Spekulati- sogenannte objektive Welt nichts anderes sei als die
9  Parerga und Paralipomena 135

Erscheinung, d. h. die zusammenhängende Reihe der Der grundsätzliche Unterschied zwischen Hell-
auf den Bedingungen von Individuation, Zeit, Raum sehen und Traum besteht darin, dass das dem Hell-
und Kausalität beruhenden Vorstellungen. Sowohl im sehenden Erscheinende nicht bloß die anzuschauen-
somnambulen Hell- bzw. Geistersehen wie auch im den Bilder sind, sondern die wirklichen, genauer: als
magischen Rapport zwischen dem Magnetiseur und wirklich wahrgenommenen Dinge: »Es ist nicht an-
seinem Medium verlässt der Wille als Ding an sich ders, als ob alsdann unser Schädel durchsichtig ge-
den natürlichen Umweg seines vermittelten Manifes- worden wäre, so daß die Außenwelt nunmehr statt
tierens und tritt unmittelbar und als solcher hervor. durch den Umweg und die enge Pforte der Sinne gera-
Die natürlichen, die Individuen trennenden Schran- dezu und unmittelbar ins Gehirn käme« (P I, 289
ken der Zeit und des Raumes zeigen sich in diesen (Lö)). Um diesen Unterschied hervorzuheben und
übernatürlichen Phänomenen als durchbrochen, so diese andere, ganz eigenartige Wahrnehmung von der,
dass die räumliche Trennung zwischen Magnetiseur die durch die Sinnesorgane vollzogen wird, möglichst
und Somnambule durch die durchgängige Gemein- scharf zu unterscheiden, bestimmt Schopenhauer das
schaft ihrer Gedanken und Willensbewegungen über- Hellsehen des Näheren als »Wahrträumen«, und das
wunden und »im gewissen Grade beseitigt« (P I, 318 Organ, durch das diese seltsame Wahrnehmung ge-
(Lö)) wird. Der Hellsehende wird in seinem über- schieht, als »Traumorgan«.
natürlichen Zustand »über die der bloßen Erschei- Die Frage nach dem Wesen und der wahren Natur
nung angehörenden, durch Raum und Zeit bedingten dieses Traumorgans führt ihn weiter zum Versuch ei-
Verhältnisse, Nähe und Ferne, Gegenwart und Zu- ner metaphysischen Erklärung der Möglichkeit von
kunft, hinaus« (N, 429 (Lö)) gesetzt. Magnetismus. Demzufolge entsteht das Hellsehen
Das Geistersehen und alle anderen damit zusam- dann, wenn die natürliche Weise des Wahrnehmens
menhängenden übernatürlichen Phänomene, wie et- und Erkennens ihren natürlichen Gang umwendet, so
wa somnambules Wahrnehmen, Hellsehen, Vision dass die Reize und Einflüsse nicht mehr von außen
und zweites Gesicht, können nach Schopenhauer nur über die Sinnesorgane unserem Inneren übermittelt
unter der Bedingung zustande kommen, dass der er- werden, sondern die Erregungen und Schwingungen
kennende Intellekt und das normale Bewusstsein, umgekehrt vom Inneren her ins Gehirn eindringen,
samt den dazu gehörenden Formen von Zeit, Raum, wo sie die ›Gehirnfiebern‹ in die entsprechende Bewe-
Individualität und Kausalität, einmal außer Kraft ge- gung bringen und diese Bewegungen dann auf diesem
setzt werden. Auf natürliche Weise geschieht dies im umgekehrten Weg an die äußerlichen Sinne liefern,
Zustand des Schlafs und in den darin vorkommenden wo sie zuletzt in die diesen Sinnen und dem Intellekt
Träumen. Der magnetische Zustand ist, obwohl er mit eigentümliche Sprache der Bilder, Gestalten und Sym-
dem Traum eine beträchtliche Verwandtschaft hat, bole übersetzt werden.
doch von ihm wesentlich verschieden, und könnte Bei dem Versuch der metaphysischen Erklärung
eher als die »Steigerung« und die »höhere Potenz des- dieser seltsamen Vorgänge beschränkt sich Schopen-
selben« angesehen werden, ebenso wie das Hellsehen hauer ausdrücklich auf eine Vermutung. Nach dieser
»eine Steigerung des Träumens«, oder genauer »ein Vermutung – die wohl mit der alten parodistischen
beständiges Wahrträumen« (P I, 311 (Lö)) ist. ›Erklärung‹ der Mantik in Platons Timaeus (71 f.) ih-
Im Unterschied zum freien Spiel der Einbildungs- rer Skurrilität nach wetteifern darf – wirft das »allwis-
kraft im wachen Zustand, wo wir ständig unserer ei- sende, dagegen aber gar nicht ins gewöhnliche Be-
genen darin produktiven Tätigkeit gewahr bleiben, wusstsein fallende, sondern für uns verschleierte Er-
erscheinen sowohl die dem Hellsehen entspringen- kenntnisvermögen« im magnetischen Hellsehen und
den Visionen als auch die im Traum sich zeigenden den ihm verwandten Zuständen seinen Schleier ab,
Gesichter als etwas uns Fremdes, was ohne unser ei- und das Ansichsein bricht unmittelbar und unverhüllt
genes Zutun da ist und sich uns sogar wider unseren hervor. Dies geschieht dann, wenn dieses Vermögen
Willen aufdrängt. Im Unterschied zu der durch die
Außensinne wahrgenommenen Wirklichkeit aber »etwas dem Individuo sehr Interessantes erspäht hat,
fehlt beiden, sowohl den Gesichtern des Hellsehens von welchem nun der Wille, der ja der Kern des ganzen
wie den Traumbildern, der Zusammenhang mit dem Menschen ist, dem zerebralen Erkennen gern Kunde
Ganzen unserer Erfahrung und die Fähigkeit zur be- geben möchte, was dann aber nur durch die ihm selten
sonnenen Rückerinnerung, was sie in die Nähe zum gelingende Operation möglich wird, daß er einmal das
Wahnsinn bringt. Traumorgan im wachen Zustande aufgehn läßt und so
136 II Werk

dem zerebralen Bewußtsein in anschaulichen Gestal- Schopenhauer. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft
ten entweder von direkter oder von allegorischer Be- 21 (1934), 106–116.
deutung jene seine Entdeckung mitteilt« (P I, 327 (Lö)). Florschütz, Gottlieb: Arthur Schopenhauer und das
Okkulte. Swedenborgs Sehergabe und Kants Morallehre
im Rahmen von Schopenhauers Willensmetaphysik. In:
Über die Tragfähigkeit dieser Erklärung scheint sich Schopenhauer-Jahrbuch 77 (1996), 241–254.
Schopenhauer keine Illusionen gemacht zu haben. Kant, Immanuel: Träume eines Geistersehers, erläutert durch
Die Abhandlung lässt er mit der enthaltsamen Ver- Träume der Metaphysik. Werke. Bd. 1. Hg. von Wilhelm
sicherung schließen, ihr Zweck war kein anderer, als Weischedel. Wiesbaden 1960.
Mesmer, Friedrich Anton: Mesmerimus oder System der
»auch nur ein schwaches Licht auf eine sehr wichtige
Wechselwirkungen. Theorie und Anwendung des thieri-
und interessante Sache zu werfen« (P I, 336 (Lö)). In schen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Erhal-
der Tat bleibt es zu fragen, ob die angestrebte metaphy- tung des Menschen. Hg. von Karl Christian Koch. Berlin
sische Erklärung überhaupt gelingen könnte unter der 1814.
unbefragten Voraussetzung der physiologisch zu ver- Meyer, Christoph: An der Schwelle des inneren Seins. In:
stehenden ›Gehirn- und Nervenfiebern‹ und ihrer Schopenhauer-Jahrbuch 41 (1960), 16–43.
Noorden, Hans von: Das Rätsel des Hellsehens. Probleme
Schwingungen und Erschütterungen, womit Scho- von Kant bis zu C. G. Jung. In: Schopenhauer-Jahrbuch 52
penhauer offensichtlich – übrigens wie bereits Kant, (1971), 9–39.
der im selben Zusammenhang von der »Erschütte- Schröder, William von: Der Frankfurter Skandal um den
rung und Bebung des feinen Elements« (Kant 1960, Magnétiseur Regazzoni. In: Frankfurter Allgemeine Zei-
957) spricht – letztlich auf Mesmers Lehre von den tung, 31.12.1957, Nr. 302.
Segala, Marco: I Omi, il cervello, l’anima. Schopenhauer,
»tonische[n] Bewegungen der feinen Flut, mit der die
l’occulto e la scienza. Firenze 1998.
Nervensubstanz geschwängert ist« (Mesmer 1814, Urban, Peter: Schopenhauer und der gegenwärtige Stand der
119) zurückzugreifen scheint. Parapsychologie. Diss. Wien 1965.
Die besondere Wirkung der kurzen Abhandlung Wolf, Hermann: Schopenhauers Verhältnis zur Romantik
auf die nachkommende Philosophie oder Psychologie und Mystik. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft 3
ist nicht unabhängig vom Ganzen der Schopenhauer- (1914), 277–280.
Zint, Hans: Schopenhauers Philosophie des doppelten
schen Philosophie zu ermitteln. In diesem Rahmen Bewusstseins. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft
haben seine Ansichten über die sogenannten parapsy- 10 (1921), 3–45.
chologischen Phänomene eine beträchtliche Wirkung
vor allem auf Eduard von Hartmanns Philosophie des Damir Barbarić
Unbewussten, auf Nietzsches Trieblehre, auf Freuds
Psychoanalyse und das Wiener Fin de Siècle im Gan-
zen sowie auf C. G