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PETER HELLER

NIETZSCHES KAMPF MIT DEM ROMANTISCHEN PESSIMISMUS

Als undezidierter Nichtphilosoph, Philologe, Literat, vergleichsweise Weltkind auf dem Philosophenkongreß, meinte ich zunächst am sichersten zu fahren, indem ich eine, für Nietzsche charakteristische dialektische Denkbe- wegung (Kehre, Umkehr, Schleife, Spirale) nur genauer, womöglich ele- ganter, beschriebe, als ich dies in einem langwierigen Exkurs zu dem Apho- rismus. „Reaktion als Fortschritt" von Menschliches, Allzumenschliches schon getan hatte 1 ; und zwar in Hinblick auf Renaissance und Reformation, wie auch auf die Aufklärung und insbesondere auf die Romantik, unter der ja der spätere Nietzsche — mit Recht — eine, die Aufklärung ablösende, den Rousseauismus, auch der Stürmer und Dränger, weiterführende, in wesent- lichen Belangen die weimarische, nostalgische Klassizistik —wenn auch nicht den ganzen, über sie hinausgewachsenen Goethe — miteinbegreifende, in Schopenhauer, Wagner, dem romantischen Pessimismus kulminierende, sich vielfach mit realistischen, szientistischen Bestrebungen überschneidende, tief ins 19. Jahrhundert weiterwirkende gesamteuropäische Bewegung verstand; so daß auch für ihn, wie für fast alle bedeutenden westlichen Autoren des späteren 19. Jahrhunderts, die Auseinandersetzung mit der Romantik — die Überwindung der Romantik —ein Hauptthema war, oder sein Hauptthema implizierte. — Ich sagte: eine dialektische Bewegung. Ich hielt eine solche weder für die einzige, noch die beste, noch die wahre oder die der Wahrheit (sie war ja oft genug eine fehlgehende, und man bedurfte zur Beurteilung ihres Erkenntniswertes Kriterien, die durchaus außerhalb ihrer selbst lagen), wohl aber für eine, die im Verlauf eines Jahrhunderts, in dem sich das Denken immer mehr selbst reflektierte, charakteristischerweise ins Selbst- bewußtsein getreten war und die als dynamisch imponierte, zudem sie sich bei Nietzsche, der ja keine neutralisierten Denkvorgänge bot, immer voll

1 Siehe Peter Heller: Von den ersten und letzten Dingen. Studien und Kommentar zu einer Aphorismenreihe von F. Nietzsche (Berlin: 1973), S. 268-358, insbes. 299-345. Der erste Teil des folgenden Essays faßt u. a. ebda, ausführlicher dokumentierte Auffassungen zu- sammen. NB: Ich zitiere Nietzsches Werke gemäß Titel und Abschnitt oder Aphorismus, mit Ausnahme der Nachlaß-Notizen, die entweder nach Kröners Taschenausgabe, Bde 9—11 zitiert werden, oder nach der Kritischen Gesamtausgabe.

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affektiv orchestriert, mithin auch als Bewegung der Emotionen dramatisch darstellte. Bei dem Wort dialektisch dachte ich an'das, was ich für die landläufige Bedeutung hielt: eine Denkbewegung, bei der sich die zunächst oft polemisch abgegrenzte Position zu ihrer eigenen Gegenposition hin entwickelt, von dieser her ergriffen, zersetzt, aufgezehrt, vernichtet wird,

aber so, daß ein Drittes entsteht oder entstehen soll, in dem beide — Position

und

Umarmung und Agon, Verzehr und Assimilation, Aufhebung und Wandlung enthalten sind. Nietzsche, meinte ich, stellt Bewegungen des Denkens dar. Die transzendierende Perspektive setzt jeweils die transzendierte voraus und weist zugleich über sich selbst hinaus auf künftige Wendungen. Von weitem sah man oft nur die antithetische Kehre: es kehren sich gegen sich selber Aufklärung, Sokratismus, Wahrheitsstreben und, nicht bloß weil dieses als Abkömmling des Christentums gilt, also auch das Christentum und damit dessen letzter, oder vorletzter Ausläufer: die Romantik, der romantische Pessimismus. Sah man aber näher hin, so ergaben sich übergreifende Zu- sammenhänge, Phasen und Phasen von Phasen, begannen die Gegensätze sich auseinander zu entwickeln Reaktion als Fortschritt — das bedeutete nicht nur Umfunktionierung der reaktionären Bewegungen der Reformation und der Romantik, sondern der sie umfassenden des Christentums, das als Gegenschlag zur antiken Kultur, als Sklavenaufstand, Nietzsche als die reaktionäre Katastrophe galt — zugleich aber — wie fast jede decadence-Bewegung — Gewinn an Ver- geistigung, Vertiefung, Verfeinerung, Erweiterung der menschlichen Psyche

bedeutete, wenn nur die Überwindung — mit dem späteren Nietzsche zu reden: die Nutzbarmachung der Krankheit für die höhere Gesundheit gelang. Und aus all dem ergab sich nun, daß in dem von Nietzsche intendierten Prozeß auch die mit positiven Vorzeichen versehenen Bewegungen:

Renaissance, Aufklärung, ja auch das umfassendere Leitbild der (entmetaphy- sizierten) Antike umfunktioniert und transzendiert werden ^sollten. Ich vergegenwärtige, was ich damals als ein, von seiner sensiblen Denk-Kunst, Gottseidank, auch immer wieder überspieltes, pauschales Dogma des späten Nietzsche zusammenfaßte: Romantik — wie Sokrates: Wirbel und Wende- punkt — bereitet den Nihilismus vor, dessen allauflösende Macht zum Untergang — oder zu der Umkehrung und Aufhebung des passiven, deka- denten Nihilismus in den aktiven und schöpferischen führt, wie dies das Evangelium vom Übermenschen fordert. Die Romantik, mit dem Rousseauis- mus und dessen Abkömmlingen (Demokratismus, Sozialismus) verbunden, ist, wie diese, Spätprodukt und Ausläufer des Christentums; der die westliche Geschichte — wie in der Reformation — in den Dienst der Krankheit und Lebensverneinung zwingenden decadence-Bewegung(deren östliches Pendant

Gegenposition

— aufgehoben sind; also eine Denkbewegung, in der

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der Buddhismus ist). Ihre Überwindung bedeutet Überwindung der zwei- tausendjährigen — nur sporadisch, in Episoden, in wenigen Glücksfällen aufgehobenen —Dominanz der decadence. —Das Christentum ist der Versuch der Schlechtweggekommenen, Schwachen, Kranken, von Ressentiment gegen das sich entfaltende Leben Beherrschten durch eine moralische, metaphy- sisch-religiöse Interpretation ihr Mißbehagen am Leben zu rechtfertigen, indem sie die Welt für schlecht erklären. Es ist der Versuch, Leben und Welt durch Moral und ein postuliertes moralisch-metaphysisches Jenseits —d. h. im Namen einer Fiktion, eines ,Nichts* —zu überwinden, zu entwerten, zu negieren. Daher führt das Christentum notwendig zur Romantik als Aus- druck des Ungenügens am Wirklichen und zum weltflüchtigen, weltfeind- lichen romantischen Pessimismus. Und auch der im romantischen Pessimis- mus noch etwas verschleierte Nihilismus ist Folge des Christentums: die Offenbarung des essentiellen negierenden Impulses, der im Laufe seiner Entwicklung erst alle Hüllen durchdringen muß, bis er zuletzt unverhüllt darstellt, was von Anfang an sein Wesen war. (Hier wird in umfassendster Umkehrstruktur das bisher Gott zugeschriebene Prinzip als das quasi me-

phistophelisch verneinende, das bisher als das teuflisch böse Prinzip ver- schriene als das positive, schöpferische statuiert.) Zuletzt muß sich die nihi- listisch weltfeindliche Moralität und die nihilistisch radikale, den vitalen Illusionen feindliche Wahrhaftigkeit gegen die christliche Fiktion selbst — i.e. gegen moralische Absoluta, das Jenseits, den moralisch-metaphysischen Gott

— kehren und sich so in selbstzerstörerischer Konsequenz durch die Ent-

wertung aller Werte (inklusive auch der Wahrheit und Wahrhaftigkeit selbst) vollenden und als reine Verneinung erweisen. Aus der Romantik einen Fort-

schritt machen hieße also im weitesten Sinn: Die Entwicklung der letzten zwei Jahrtausende vom spätantiken Christentum bis zum dekadenten Nihi- lismus des 19. Jahrhunderts umkehren und damit alles, was durch eine Jahr- tausende währende Krankheit gewonnen wurde, in den Dienst des aufsteigen- den, bejahenden Lebens zwingen. Wie hat man sich die Überwindung der Romantik vorzustellen? Im Bereich produktiver Tat und großer Politik offenbar durch die starke und wohlgeratene Art Mensch, welche die großen Affekte noch ungebrochen hat:

den Willen zur Macht; den Willen zum Genuß und das Vermögen zu kommandieren, — antizipiert durch jenen Unmenschen und Übermenschen

— Gegenstück zu dem verlogenen Rousseau, antik, Menschenverächter —, der

gegen den Schauspieler (die Künstler, Diplomaten, Juden, Frauen), für den Mann spricht, der in Europa wieder Herr über den Kaufmann und Philister zu werden hat; jenes Stück Granit und antiken Wesens, den Initiator des klassischen Zeitalters der Kriege, von dem zu hoffen steht, daß es ein paar Jahrhunderte dauern werde; den Feind der Zivilisation, der das eine Europa

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wollte und dies als Herrin der Erde: kurz durch Napoleon. 2

hier etwa ins falsche Zitatenfahrwasser geraten?

Halten wir uns lieber an die, dem Kompetenzbereich Nietzsches näher liegende Frage nach der geistigen Überwindung der Romantik. Hier scheint es zunächst, als stelle er bloße Antithesen auf: So, wenn er etwa, im Gegensatz zu dem romantischen Pessimismus der Entbehrenden, Mißglück- ten, Überwundenen, den Willen zum Tragischen und zum Pessimismus als

Zeichen der Stärke des Intellekts, vor allem aber: des Geschmacks, Gefühls,

Gewissens,

hinter dem Mut, Stolz, Verlangen nach einem großen Feinde stehen, — als seine antiromantische Perspektive behauptet 3 ; oder scharf unterscheidet: Die an der Überfülle des Lebens Leidenden wollen eine dionysische Kunst und eine tragische Ansicht und Einsicht in das Leben; die an der Verarmung des

Lebens Leidenden suchen Ruhe, Stille, glattes Meer, Erlösung von sich durch Kunst und Erkenntnis; oder aber den Rausch, den Krämpf, die Betäubung, den Wahnsinn. Dem Doppelbedürfnis der letzteren entspricht alle Romantik in Künsten und Erkenntnissen; ihnen entsprach und entspricht ebenso Schopenhauer wie Wagner. Daher gibt es auch ein dionysisches Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden als Ausdruck der übervollen, zukunfts- schwangeren Kraft und ein Verlangen nach Zerstörung aus Ressentiment, aus Haß des Mißratenen, Entbehrenden, der zerstören muß, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein empört und aufreizt (Beispiel: die Anarchisten). Und so gibt es auch einen Willen zum Verewigen aus Dankbar- keit und Liebe, eine Apotheosenkunst —dithyrambisch: Rubens, selig-spöt- tisch: Hafis, hell-gütig: Goethe, Licht und Glorienschein: Homer — und einen Willen zum Verewigen aus Ressentiment, den „tyrannischen Willen eines Schwerleidenden, Kämpfenden, Torturierten, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen Gesetz und Zwang stempeln möchte und der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch, daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist der romantische Pes- simismus in seiner ausdrucksvollsten Form, sei es als Schopenhauersche Willens-Philosophie, sei es als Wagnersche Musik: —der romantische Pessi- mismus, das letzte große Ereignis im Schicksal unserer Kultur" 4 . Aber wenn Nietzsche hier nun wieder seinen, den klassischen, den dionysischen Pessi- mismus als den zukünftigen hinzufügt, von dem er doch anderwärts auch zugegeben hat, daß er an ihm nicht nur für sich, sondern auch gegen sich —

Oder bin ich

,

j

— der das Furchtbare,

Fragwürdige des Daseins nicht fürchtet,

2 Die Belege zu den, in dem Absatz kombinierten Zitaten finden sich in KTA 9, 73; GM, 1. Abhandlung, Abschnitt 16 (Ende); KTA 11,407f.; FW, Aphorismen 361, 362.
3

4 FW, Aphorismus 370.

MA II, Vorrede, 7. Abschnitt.

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mithin also gegen den eigenen romantischen Pessimismus der Schwäche —fest- halte 5 , und wir bei der Schilderung des Torturierten nicht umhin konnten an Nietzsche selbst zu denken, mag uns der Verdacht kommen, daß hier viel- leicht doch nicht nur eine simple Antithese, ein unverbundener, bloßer Gegensatz postuliert wird. In analoger Weise könnte man etwa das, immer noch nahe, polemische Verhältnis auch des späten Nietzsche zu Schopenhauer durch bloße Anti- thesen oder antithetische Umkehrungen charakterisieren: Der Eine, allzu robust, an der Erde klammernd, triebhaft, kämpft an gegen triebhafte, lust- leidvolle Verhaftung in der Welt; fordert asketische Weltverneinung; der Andere, vom Selbstmordwunsch Versuchte, kämpft an gegen romantisch asketische Weltverneinung, will triebhafte, leid-lustvolle Weltbejahung be- jahen. Der eine predigt Erkenntnis der Illusion, um die Illusion aufzuheben; der andere die Illusion der Erkenntnis, um Illusion zu bejahen; der eine postuliert Omnipräsenz, Allmacht des Willens, um sie —durch dessen Selbst- verneinung — mystisch zu verneinen; der andere Allmacht des Willens, um sie ekstatisch zu bejahen. — Und ebenso ließe sich das immer noch nahe, polemische Verhältnis des späten Nietzsche zu Wagner behandeln, indem man etwa moralistisch-kulinarischen Genuß der Sinnlichkeit in einem, gegen die Sinnlichkeit gerichteten Pathos bei dem einen kontrastiert mit amoralisch asketisch-gymnastischer Hingabe an Erkenntnis in einer, gegen diese gerich- teten Erkenntnis der Erkenntnis bei dem ändern; oder .die Glorifizierung eines, von Schuld erlösten Endes bei dem einen mit der Verherrlichung eines, von Schuld befreiten Beginns beim ändern. Daß aber diese Beziehungen zu

des romantischen Pessimismus intimere sind als die

der bloßen antithetischen Umkehr, ergibt sich, selbst wenn man sie bloß von den, vom späteren Nietzsche desavouierten Meistern des jungen Nietzsche her ansieht: da denn etwa der Wagnerianer meinen könnte, Nietzsche, der mit Tristan begann, sei eben nur bis zum Siegfried, aber nicht bis zum Parsifal gekommen, gegen den er im Namen des Siegfriedideals auftrete; wie auch der Schopenhauerianer sagen könnte, Nietzsche beginne mit der kontem- plativen ästhetischen Erfahrung des, sich als Schauspiel repräsentierenden Lust- Qual-Charakters der Willensweit 6 und komme bis zu der Einsicht in die temporale — mit der Zeit selbst ko-extensive — Ewigkeit des Willens, aber nicht bis zu dessen Verneinung oder Selbstaufhebung im Heiligen, gegen den er — man denke an Schopenhauers Vergleich zwischen dem vital verzierten griechischen Sarkophag und dem christlichen Sarg —im Namen der, auch bei

den Hauptrepräsentanten

5 MA II, Vorrede, 7. Abschnitt. 6 Siehe GT.

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Schopenhauer, durch die Griechen repräsentierten Bejahung des Willens auftritt. Von Nietzsche aus aber sieht es so aus, als befreite er das, schon bei Schopenhauer und Wagner —mithin im romantischen Pessimismus selbst— vorhandene transromantische Potential; ja als befreie er Schopenhauer zu sich selbst, als erlöse er Wagner vom Fluch des- Kreuzes. — Nietzsche nähert — scheinbar unkritisch —den, ins Undifferenzierte, Naive stilisierten Wagner- schen Siegfried dem eigenen Übermensch-Ideal an, obschon er sich doch des modern alexandrinischen Exotismus der Epoche romantischer Eckensteher und ihres, dem Mangel an eigenem Stil komplementären Geschmacks an viel- facher Kostümierung in Hinblick selbst auf Winckelmanns und Goethes Griechen, wie auch auf Hugos Orientalen, Scotts Engländer des 13. Jahr- hunderts und namentlich der Eddä-Personagen Wagners bewußt war 7 . — Er findet ferner eine — zunächst notwendig mit desillusionierter Verdüsterung und pessimistischer Färbung verbundene — Annäherung an die, dem Men- schen eigene, unmoralische Natur durchaus schon in Schopenhauers Aner-

kennung der Allmacht des bösen, blinden Triebes (des Willens) vor 8 , aus der

die richtige Konsequenz — den Verzicht auf jede, auf

traditionellen moralischen Wertungen beruhende, metaphysisch-religiöse !|

Fehlinterpretation — zu ziehen unterläßt. Es gibt nicht nur einen ,reak-

tionären*, halb deutsch, halb christlich der Moral und Metaphysik verhafteten |

Schopenhauer nur

?

;

Schopenhauer —und einen Voltairianer, Europäer und freien Moralisten (d.h. r| Beobachter der mores und moralia) 9 ; sondern gerade in der scheinbar nur |j reaktionären Perspektive der moralischen Verneinung steckt — eben infolge !« ihrer Anerkennung der blind-egoistischen, vital-bösen Triebnatur —, ver- puppt, schon die befreiende. Die Reaktion entwickelt quasi aus sich heraus, als konsequente Radikalisierung ihrer selbst, eine Steigerungsform, in der sie sich gegen sich selbst kehrt, womit sie zugleich schon einer ändern, positiven Macht dionysischer Bejahung dient, zu der es Schopenhauer gleichwohl nicht bringt: gewinnt bei ihm im Endeffekt doch die reaktionäre Tendenz als solche noch einmal die Oberhand. Er beschreibt die Hälfte oder zwei Drittel jener Schleife, die in der Rückbewegung zum Alten — einem reculer pour mieux sauter — doch dazu bestimmt ist, dies Alte aufzuheben und die neue Gesinnung zu etablieren, was Nietzsche zufolge, jedoch erst ihm selbst als dem Nachfolger, Fortsetzer, Überwinder Schopenhauers gelingt, indes dieser, trotz richtigem Ansatz, den entscheidenden Sprung noch nicht wagt. Schon bei Schopenhauer führt die manifest reaktionäre —metaphysisch-moralische

7

8

9

KTA 9,557 f.

KTA 9,65, 88; KGW IV 3, 404, 407.

KTA 10, 240. FW, Aphorismus 99; vgl. ferner zu dem Obigen und dem Folgenden die Be- lege in Heller, op. dt., 320—345.

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— Gesinnung (die ihrerseits Nachschößling der religiös christlichen ist) zur wissenschaftlichen —als ihrer Konsequenz und Antithese, ihrer Steigerungs- form und ihrem Gegensatz. Die wissenschaftliche Gesinnung aber deckt nun, als Sinn für Wahrheit, das irrtümliche („unlogische") Fundament aller Moral auf; hebt mithin auch die alte Vorstellung der Sündhaftigkeit (mithin der Schuld) auf; obschon sie selbst Effloreszenz des moralischen Sinnes ist und eine Art von nihilistischer Askese darstellt, als deren sublim spielerische Form der Schwebezustand freigeisterhafter Ataraxie erscheint 10 . Zuletzt jedoch ist auch die wissenschaftliche Gesinnung dazu bestimmt, zur dritten Macht zu führen, die nun sowohl der metaphysischen wie der kritisch negierenden als die wahrhaft positive vital amoralischer Bejahung entgegentritt, welche den

Willen vergöttlicht — und nun ihrerseits

transzendierende Moral der Amoral und anti-metaphysische Metaphysik er-

öffnen

Nietzsche, tat einen wesentlichen Schritt zur Anerkennung der Ungöttlichkeit und Sinnlosigkeit des Daseins im Sinne einer sittlichen Weltordnung; aber statt nun, kraft dieser Anerkennung, das transmoralisch vitale, quasi schöpferisch göttliche Willenspotential im Menschen zu aktivieren, fällt er— der der Entdeckung der Moral als Notlüge so nah kam —nur wieder zurück, bleibt stehen und stecken in ebenden christlich-asketischen Moralperspek- tiven, welchen mit dem Glauben an Gott doch der Glaube gekündigt war 11 . — Aber: Metaphysik und Mitleidsmoral, die diese Welt und ihre Natur zugunsten einer ändern, von Schopenhauer ja gewissermaßen schon als Nichts erkannten, nun seinserseits zu verneinen: das hieße die Negation — das Christentum, bzw. die Romantik, den romantischen Pessimismus — dazu zwingen, sich selber zu annihilieren; das wäre die Negation der Negation, der Durchbruch, der das Positive freisetzt.

wieder auch den Ausblick auf eine

lasse.

— Schopenhauer,

meint

mag,

was

ich

aber

hier

beiseite

Statt an dem Trugbild des illusionistisch, melioristisch, moralinisch ver- fälschten jNaturmenschen* des Rousseauismus zu haften, hatte das 19. Jahrhundert, in seinen stärksten Repräsentanten, die Kraft dazu, mutig illu- sionslos, die ganzere Bestie, die umfassendere, bösere Natur und Animalität zu sehen, aber nicht den Mut, sie gutzuheißen. Man hatte nicht gewagt, das Wachstum der Furchtbarkeit als Kondition auch für das Wachstum der Kultur zu begreifen; blieb bei der Falschmünzerei der Geschichte zugunsten des , guten* Menschen und beim sozialistischen Ideal als dem Residuum des Christentums und Rousseaus in der entchristlichten Welt. Schopenhauer war nicht stark genug zu einem neuen Ja. Aber er, wie Wagner, hatten schon alles beigebracht und bereitet an Explosivstoffen und an Spannung von Bedürf-

10 Vgl. KGW IV 2, 555, 415 und MAI, Aphorismus 34.

11

FW, Aphorismus 357; GM, 3. Abhandlung, Abschnitt 27.

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nissen für Neubedürftige, die, ihrer selbst noch unbewußt, an den alten Werten leiden mithin für die epochale Krisensituation, in der allein eine Umwertung der Werte erreicht werden kann 12 . Vergegenwärtigen wir uns nun in einem weiteren europäischen Rahmen in Hinblick auf Wagner und die mit ihm, gemäß Nietzsches Auffassung, aufs engste und innigste zusammengehörigen französischen Spätromantiker jene Bewegung der Selbstvernichtung und Selbstüberwindung der Romantik. Nietzsche nennt diese „letzten großen Suchenden" Vermischer der Künste, Fanatiker des Ausdrucks (wie Delacroix), Entdecker im Reiche des Er- habenen, Häßlichen, Gräßlichen, im Effekte, in der Schaustellung; nennt sie Virtuosen, Feinde der Logik, Exotiker, begehrlich nach dem Ungeheuren, Krummen, Sichwidersprechenden; Tantalusse des Willens, heraufgekommene Plebejer, unfähig ein vornehmes leüto zu wahren, Selbstzerstörer durch Arbeit (wie Balzac), Antinomisten, Aüfrührer in den Sitten, Ehrgeizige, Unersättliche ohne Gleichgewicht und Genuß; allesamt zuletzt an dem christ- lichen Kreuze zerbrechend und niedersinkend — wie Wagner, aus dessen Parsifal Roms Glaube ohne Worte ertönt. Diese Revolutionäre gegen deut- sches Muckertum, diese Artisten mit ihrer Delicatesse, ihrem Sinn für Nuance — diese decadents (Prototyp: Baudelaire) — mit ihrem fond von

Krankheit, von Unheilbarkeit —· diese „im ganzen

verwegen wagende,

prachtvoll gewaltsame, hochfliegende und hochemporreißende Art höherer Menschen, welche ihrem Jahrhundert — und es ist das Jahrhundert der Mengel *- den Begriff ,höherer Mensch' erst zu lehren hatte", die — wie Wagners Tristan —Wollust der Hölle, Gegengift gegen alles Deutsche boten

— Gift: aber „wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nötig" 13 — lehnt Nietzsche sie nur ab? Keineswegs. Er identifiziert sich mit der decadence, deren Antipode er zugleich sein will, und im besonderen mit der pessimistisch-nihilistischen Bewegung, die zwar als romantischer Pessimismus die Romantik vollendet, sich aber sogleich dialek- tisch als antiromantischer Pessimismus oder als rein artistischer Nihilismus gegen die Romantik kehrt, und die er selbst nur noch radikaler, bis zur Umwertung aller Werte vorantreiben will, um unter dem Vorzeichen einer bejahenden Vitalität, den romantischen Pessimismus in einen dionysischen zu verwandeln, den passiven Nihilismus - Symptom für Niedergang und Rück- gang der Macht des Geistes — in den aktiven Nihilismus — das Zeichen der gesteigerten Macht des Geistes *- umzukehren 14 . Romantik — Wagners Nibelungenschluß — ist Vorbereitung des Nihi-

lismus

im Bereich der Kunst. Typisch ist die Verwandlung von 1830 in 1850,

12 KTA 9, 666, 661; JGB, Abschnitt 257.

13 JGB, Abschnitt 256; EH, Warum ich so klug bin, Abschnitte 5 und 6. 14 KTA 9, 20.

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die Wagner und Flaubert illustrieren, indem sie Beispiele dafür liefern, wie der romantische Glaube an die Liebe und die Zukunft in das Verlangen zum Nichts sich verwandelt. Aber auch in dem Gegenschlag zur Romantik, der Gegenbewegung, geführt von gegen jeden „Inhalt" gleichgültigen, „reinen" Artisten, meint Nietzsche, macht sich der passiv nihilistische Zug geltend. Auch sie ist nur reaktiv, produktiv aus Widerwille gegen die romantischen

Ideale und Lügen; moralistisch, als Sinn größerer Wahrhaftigkeit, aber pessi- mistisch; tut die Beichtvater- und Puritaner-Psychologie, d. h. die zwei

Formen

romantischer

Psychologie

ab,

aber auch ihr Versuch, sich rein

artistisch

zum Menschen zu stellen, ist nicht deren wahre Überwindung.

Auch da wird die umgekehrte Wertschätzung noch nicht gewagt 15 . Die Vergegenwärtigungeiner dialektischen Entwicklung, in der die roman-

tische, die pessimistisch-fast-nihilistisch-spätromantische, die artistisch-ästhe- tizistisch-ganz-nihilistische nach-und-anti-romantische decadence-Bewegung jeweils selbst die Voraussetzung für ihre Umkehrung und Selbstüberwin- dung schaffen, löst scheinbare Widersprüche in Nietzsches Urteilen auf. Insofern sie die dialektische Bewegung intensivierend und radikalisierend ihren eigenen Untergang und die Aufhebung der Romantik vorbereiten, darf Nietzsche-Zarathustra die höheren Menschen — die hochfliegende Weise der Spätromantiker, zu denen Nietzsche ja auch selbst gehört — schätzen: Aber so nah ein Wagner in der Gestalt des „sehr freien", „harten", wohlgeratenen Siegfried dem eignen Wunschbild kam, es geschah ihm und den ändern Spätromantikern mit Fug und Recht, daß sie am Kreuz zerbrachen:

Keiner war tief und ursprünglich genug zu einer

Und fast ebenso kann Nietzsche von der „geistreichsten und skeptischsten Bande" Pariser Geister der sechziger Jahre, die sich zu den „diners chez Magny"

zusammenfanden, —Sainte-Beuve, Flaubert, Gautier, Taine, Renan, die Gon- courts, gelegentlich Turgenev, etc. — urteilen: „exasperierter Pessimismus, Cynismus, Nihilismus, mit viel Ausgelassenheit und gutem Humor abwech- selnd; ich selbst gehörte gar nicht übel hinein" ; aber auch: „ich kenne diese Herren auswendig, so sehr, daß ich sie eigentlich bereits satt habe. Man muß radikaler sein: im Grunde fehlt es bei allen an der Hauptsache — Jaforce'" 16 . Er meinte, er hätte in seinem Frühwerk deutsche Musik und Philosophie, zumal Schopenhauer und Wagner, als Symptom der Kraft, Tapferkeit, Fülle, kurz: des dionysischen Pessimismus mißverstanden, obschon sie doch dessen Gegenteil: nämlich Romantik waren. Aber das Mißverständnis ist, gemäß Nietzsches Auffassung, daraus zu erklären, daß sich die Gegensätze ausein- ander entwickeln; es nur einer — allerdings der bedeutsamsten — dialek-

„Philosophie des Antichrist".

15 KTA9, 79, 56 f. 16 JGB, Abschnitt 256; GBr IV, 337f.

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tischen Umkehr bedarf, um romantischen Pessimismus in dionysischen umzuwerten. Und es ist anderseits auch zu bedenken; idaß die Wunschbilder einer, aus Sehnsucht nach Kraft produktiv gewordenen Schwäche die Täu- schung und Selbsttäuschung begünstigen, sie seien nicht Symptom des Mangels, sondern der Fülle. Wie auch wiederum der Vitalste, der dionysische Gott und Mensch, sich nicht nur den Anblick des Fürchterlichen und Frag- würdigen gönnen kann, sondern selbst die fürchterlichste Tat, jeden Luxus von Zerstörung, Zersetzung, Verneinung; ihm ist das Böse, Unsinnige, Häßliche gleichsam erlaubt, infolge eines Überschusses von zeugenden, befruchtenden Kräften, die aus jeder Wüste Fruchtland schaffen können 17 . Schön: das ist der klassische, dionysische Pessimismus der Kraft, dem die Zukunft gehören soll, Nietzsches proprium und ipsissimum: nur sieht der, wie Nietzsche wohl weiß, dem ändern, dem Pessimismus der Schwäche mitunter zum Verwechseln ähnlich, weshalb denn bei dem so schwierigen

Rückschluß vom Werk auf den Schöpfer alles wieder auf die „furchtbare Frage" hinausläuft, ob Fülle oder Entbehrung, ob Gesundheit oder Krankheit da produktiv geworden sind 18 .Und die gleiche Frage erhebt sich auch bei den Gegensatzphänömenen: 18. Jahrhundert der Revolution und Napoleon; Epoche der Empfindsamkeit und Goethe. Napoleon: Fortsetzer der* von der Schwäche, dem Rousseauismus inspirierten Revolution, die ihn erst ermöglicht hat, kehrt die Revolution um, verwandelt sie, dank seiner Kraft, ins Gegenteil: in Überwindung des 18. Jahrhunderts. Goethe: Schöpfer, nicht des zerstörend-vitalen dionysischen Pessimismus, aber einer dionysisch be- jahenden, auf Verewigung des Menschenbildes gerichteten Apotheosenkunst, trug 18. Jahrhundert — Gefühlsamkeit, rousseauistische Naturidolatrie, das Antihistorische, Idealistische, Unreale und Revolutionäre (das nur eine Form

aber durch eine, im umgekehrten Sinn als der

Rousseauismus verlaufende Rückkehr, vielmehr ein Hinaufkommen zur Natürlichkeit der Renaissance, zur Antike, zu praktischer Tätigkeit, zum Realismus, zur Totalität, überwand er in sich das 18. Jahrhundert, bildete er

sich zur Toleranz aus Stärke, zum dionysischen Allbejaher 19 . So will Nietzsche selbst — in Hinblick auf Napoleon und Goethe — Umkehrer, Uberwinder der Romantik sein und dekretiert: „Es ist zuletzt eine Sache der Kraft: diese ganze romantische Kunst könnte von einem über- reichen und wiltensmächtigen Künstler ganz ins Antiromantische . , . Diony- sische umgebogen werden, wie jede Art Pessimismus und Nihilismus in der Hand des Stärksten nur ein Hammer und Werkzeug wird, mit dem eine neue

des Unrealen ist) — in sich;

17 FW, Aphorismus 370.

18 Ebda.; KTA 10, 166.

19 GD, Streifzüge, Aphorismen 44 und 49; KTA 9, 78.

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Treppe zum Glück gebaut wird" 20 . Daß ihm dabei die Frage, ob ihn Fülle oder Entbehrung, Gesundheit oder Krankheit inspiriert, keine Ruhe läßt, ist weniger verwunderlich, als daß er, der so offenbar Kranke, monoman nach Gesundheit Verlangende —vielleicht gerade weil er, als ein nach Gesundheit

Süchtiger, Verdurstender sich nur noch des Wunschbildes der Stillung bewußt sein will —diesen, in seinem Sinne ja doch romantischen Notstand, sich oder jedenfalls seinen Lesern zu verbergen weiß; mögen sich e contrario auch aus den Werken und Notizen, direkter aus den Briefen, Nietzsches fortwährende Selbstzweifel ablesen lassen; wie übrigens sein Zweifel mitunter auch an den Objekten seiner Verehrung nagt: selbst an dem, im Kampf um die Macht korrumpierten Napoleon, mehr noch an Goethes „angeblichem Olympier-

tum" 21 .

So ungefähr also sieht sie aus — diese Schleife, die Nietzsche, indem er versucht sie zu beschreiben, selbst zu beschreiben versucht: von einem quasi naiven romantischen Optimismus, der seiner eigenen Negativität noch nicht

auf die Spur gekommen ist, zu einem, durch Enttäuschungen ent-täuschten, durch Desillusionierung klüger und verzweifelter gewordenen romantischen Pessimismus, welcher umschlägt in den antiromantischen, asketisch desillu- sionierten Pessimismus und Nihilismus, der hinwiederum — nicht nur aus

sich selbst, aber doch auch aus sich selbst heraus —und durch sich selbst — herausfordert zu seiner Überwindung — über die prekäre Indifferenz eines kaum verneinenden und kaum bejahenden, resigniert und spielerisch losge- lösten Schwebezustands hinaus — zu einem bejahenden dionysischen Pessi- mismus und heroisch aktiven Nihilismus und endlich zur dionysischen Allbe- jahung des schöpferisch und zerstörerisch spielenden Weltkindes, des aus sich rollenden Rades, die gewissermaßen auch den Nihilismus hinter sich läßt, indem sie ihn in sich aufnimmt und aufhebt, obschon er dennoch ihre Voraussetzung ist, ja mehr als das: ihr Grund, Ungrund, Element, so daß sie durchaus in ihm weiter besteht, mag sie ihn auch in einem fort durch ihre Strahlkraft auflösen.

Schleife — nicht nur Bezwingung einer Krankheit sondern ihr

Umschlag in Gesundheit, wobei Gift zu Heilstoff wird — dies annähernde Wunder von Heilung, Wandlung, Transsubstantation —was haben wir davon zu halten? Aber indem ich diese Frage, die ich nicht beantworten werde, auch nur stelle, ja sie reduziere auf die Frage, was uns die von Nietzsche beschrie- bene Bewegung bedeutet, verdirbt sie mir mein anfängliches Konzept der neutralen Deskriptiön. Und es ist wohl nicht nur Kleinmut angesichts der Größe der philologischen Aufgabe oder Bescheidenheit angesichts der mir

Diese

20 KTA 10, 166.

21 KTA 11, 417; KTA 9, 9.

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unzugänglichen, echt philosophischen Fragestellung, wenn ich, des bloß gelehrten Tons satt, statt nur näher und immer unparteiischer auf das Detail von Nietzsches Bewegung einzugehen, drei, den Modi der Zeit entsprechende Momente dieser Bewegung hervorhebe: ein vergleichsweise konservativ auf Vergangenheit^ ein kritisch auf Gegenwart, ein postulierend projektierend auf Zukunft bezogenes; eben weil diese mir auch für uns und die akademische Beschäftigung mit Literatur, die sich seit Jahrzehnten ja vielfach im Fahr- wasser von Nietzsches Bewegung bewegt, relevant zu sein scheint. Romantischem Pessimismus* ja einer, ihres Pessimismus noch halb un- bewußten Romantik, die sich wegsehnt aus gegenwärtiger Welt in eine andre, ferne, oder vergangene, aus aktueller Unordnung und akutem Unglauben in die ordo, den Glauben, aus kranker, reflektierender, schizophrener Moderne

in pure, gesunde, vitale Renaissance, und weiter: in die Antike — solcher Romantik eng verwandt ist eine elegisch konservative, elegisch pessimistische Kulturkritik, die allerdings sofern sie, das regressive Pathos radikälisiefend, ihren etwas museal kulturwahrenden Charakter aufgibt, in ihr Gegenteil um- schlägt, den traditionellen Zivilisations- und Kulturrahmen sprengt, um etwa als Sehnsucht nach einem primitiv utopischen* -repressiv vitalen Natur- zustand —sagen wir: der Südseeinsulaner, oder Willi Reichs Tobriandern,— starke Affinitäten zu einer revolutionären Zukunftsutopie zu entwickeln; ehe sie, bei weiterer Intensivierung, jenseits der Inseln sich ins Meer selbst ver-

liert,

Schleim. — Solange sie nicht dermaßen umschlägt, sondern als elegisch- konservativ pessimistische Kulturkritik sich selber treu bleibt, scheint sie mir am besten repräsentiert durch das, beim frühen Nietzsche nur deut- licher hervortretende, beim späten und spätesten Nietzsche nachwirkende Element Burckhardt, den 22 Nietzsche als rückgewandten, historisierenden und doch wahrhaft gebildeten Gelehrten der alten Kultur, die ihr Bestes hinter sich hat, zu schildern nicht müde wird 23 : Durch Burckhardt, der schon als Jüngling in Abscheu vor merkantiler Hast, Versklavung; politischem Geschrei und „Begehrlichkeit der Massen" davon träumt, versenkt im tyrrhenischen Meer, in stillster Grabesgrotte, Konservator zu werden („Dann freßt euch auf, ihr Lumpenpack / Daß wieder Stille wird auf Erden"). Und exquisit im Sinne dieser Mentalität scheint mir jene Basler Episode: als in tiefer Erschütterung bei der Falschmeldung von dem Brand des Louvre in der

mit

Benn von

thalassaler

Regression

träumt bis zum Klümpchen

22 Übrigens zunächst mit polemischer Spitze gegen die Romantik, deren zumal Schopen- hauer ausschließenden Begriff Nietzsche im Frühwerk enger faßte (vgl. DS, Abschnitt 2; KTA 10, 35, 72; auch Heller, op. dt., 300, 322) als - zumeist - in seinen späteren Schriften. 23 Vgl. MA I, Aphorismus 24; GD, Streifzüge, Aphorismus 5; und zum Thema Nietzsche und Burckhardt Heller, op. cit., 41-54, 232-246, wo sich auch Belege und Literatur zu dem Fol- genden finden.

Nietzsches Kampf mit dem romantischen Pessimismus

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Pariser Kommune (Mai 71) Burckhardt und Nietzsche sich gegenseitig in ihren Wohnungen suchen, dann schweigend Hand in Hand die Treppe zu Nietzsche hinaufgehen, um den gewiß unvermeidlichen Untergang ihrer Welt in Trauer zu begehen: „Was ist ihre wissenschaftliche Existenz, wenn ein einziger Tag die herrlichsten Kunstwerke, an die sie als das allein Ewige und den höchsten Sinn der Geschichte geglaubt haben, vernichten kann; wenn die Gegenwart, aus der Burckhardt in sein Reich der Kunst und Betrachtung floh, jeden Augenblick sinnlos ihre Pranke über die vermeintliche Mauer

werfen kann" 24 . Ich zitiere das, nicht weil ich es besonders schön, sondern weil ich es charakteristisch finde. Der epigonal-museal anmutende, zusam- menfassende, liebevoll kritische Eklektizismus schließt Selbstkritik nicht aus sondern ein: Burckhardt genießt Nietzsches polemische Analyse des Histo- rismus als Kulturkrankheit des modernen Alexandrinismus, wie anderseits Nietzsche mit Burckhardt darin übereinstimmt, daß die auszeichnende Be- gabung der Epoche —seiner und Burckhardts —in dem umfassend gerechten, ubiquitären historischen Sinn liege, der allerdings nur als second-best, als Schwundstufe kompensatorisch an die Stelle der eigentlichen kulturellen

Kreativität tritt

schon in Richtung auf die, aus dem Befund des unabwendbaren abendlän- dischen Untergangs zu ziehende Konsequenz eines technologisch armierten, caesaristischen Imperialismus. —Durchaus gehört hierher bei Nietzsche der, seiner selbst überdrüssige, späte Sokratismus des Faust der Geburt der Tragödie, der sich nach den Ufern Griechenlands und der ästhetischen Helena sehnt; aber auch der Freigeist von Menschliches, Allzumenschliches, in dem Beethovens Neunte Symphonie noch einmal die längst im Verklingen begriffene metaphysische Saite in Schwingung versetzt; der nur zu gut die große Kunst begreift, die allein der Glaube ermöglichte, der nicht mehr mög- lich ist; nur zu gut versteht, daß die Menschheit ihr Bestes den metaphysi- schen Irrtümern verdankt, deren Erinnerung er, der diese Irrtumer durch- schaut, nun dankbar festzuhalten entschlossen ist 26 . Nicht nur der frühe und mittlere, auch der späte Nietzsche bietet — selbst, dort, wo seine manifeste Haltung die entgegengesetzte ist — Zusammenfassungen, fast (wie er das selbst von Platos Dialogen behauptet) 27 eine Art von Arche Noah des abend- ländischen Erbes, in die er einzelne schöne specimens in Lebensgröße auf-

nimmt, andere in aphoristische Quintessenzen einpökelt, um sie en minia-

25

— wie im Schema des Nachfahrs Spengler, allerdings da

24 Zitiert nach dem Nachwort von Rudolf Marx zu Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Be- trachtungen, Stuttgart, o. D., 287. 25 "Vgl. etwa Burckhardt, op. dt., 212f., auch 69f; Nietzsche, VM, Aphorismus 179; KGW IV 2, 505, 559.

26 MA I, Aphorismen 153, 220, 20; KTA 10, 406.

27 Wenn auch in wenig schmeichelhaftem Sinne; siehe GT, 14. Abschnitt.

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Peter Heller

ture zu bewahren: —eine Arche, bestimmt dazu, manches hinüberzuretten in die Epoche nach der Flut. - Aber er hat auch seine Absurditäten: dieser elegisch konservative Nihilismus, der selber gerne glauben möchte, woran er, ach, selbst nicht mehr glaubt; mit seiner Klage um tote Götter, den toten Gott, die, wenn es sie je gegeben hätte, wohl kaum gestorben sein könnten; um die, wenn es sie nicht gab und nicht gibt, man endlos zu klagen am Ende keinen Grund hat. Sie haben ihre Absurditäten: die schönen, fast zu schönen Jeremiaden des enterbten Erben, das Edelgejammer humanistischer Nostalgie; diese Tantaliden —arme Reiche, reiche Arme —zwischen dem Nicht-mehr und dem Noch-nicht die Vorteile umfassendster Perspektiven auf Erfüllungs- möglichkeiten — Traubengirlanden, kühlende Quellwasserspiegel — genie- ßend, die allerdings den, von Durst Gequälten sich ständig entziehen. Und so mag ihnen als Steigerungsform, Selbstüberwindung, Transfiguration jener Schwebezustand erscheinen, von dein.Burckhardt sagt: Welch „wunderbares

Schauspiel

., dem Geist der Menschheit erkennend nachzugehen, der

über allen

Erscheinungen [unsrer Krisen- und Ubergangsepoche]

schwebend und doch mit allen verflochten, sich eine neue Wohnung baut. Wer hievon eine Ahnung hätte, würde des Glücks und Unglücks völlig ver- gessen und in lauter Sehnsucht nach dieser Erkenntnis dahinleben" 28 . —Ein wunderbares Schauspiel — Burckhardt fügt zwar hinzu: „freilich nicht für zeitgenössische, irdische Wesen" —; aber wir sind, offenbar selbst von einer psychologischen Möglichkeit verführt, dem Bereich elegisch pessimistischer Kulturkritik entschwebt in einen, schon fast zukunftsfreudigen Bereich der Kontemplation, der seinerseits wieder nah verwandt ist dem von Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches entwickelten Ideal des heiter asketischen Freigeists, der, kaum noch 'ans Leben gebunden, allein um der Erkenntnis willen weiterlebt und dabei doch, in losgelöstem Schweben über Menschen, Sitten, Gesetzen, Schätzungen, wohl auch auf die Illusion der Erkenntnis zu verzichten genötigt wird 29 . Damit aber sind wir schon mitten in der Pro- blematik des zweiten, nicht romantisch auf Vergangenheit/ sondern im wesentlichen kritisch auf Gegenwart bezogenen Moments. Die Haltung des kritischen Freigeists entwickelt sich bei Nietzsche vor- nehmlich als Mut zum Häßlichen, zum Krötenfressen, in Affinität zu anti- idealistischen, anti-metaphysischen, ,niedrigen e Perspektiven — zumal einer, niedrige materielle Interessen und Triebregungen betonenden Psychologie (und Soziologie), die in allem den — allerdings bald auf- und umgewerteten, aus seiner vorgeblichen bloßen Niedrigkeit emanzipierten — Egoismus als trei- bendes Motiv gelten läßt. Es entstehen Spielarten der, asketisch, sich Glauben

28 Burckhardt, op.dt., 273f. 29 MA I, Aphorismus 34.

Nietzsches Kampf mit dem romantischen Pessimismus

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und Romantik, Glaube als Romantik verbietenden, Atheismus gebietenden Attitüde, wie etwa auch bei Flaubert oder im Niels Lyhne: E. g. ein ,reiner c — von moralisch-metaphysischer Interpretation befreiter, von Flammen und Aschen hingeopferter Metaphysik und Moral noch glühender, in leuchten- derer Vergänglichkeit erstrahlender —Ästhetizismus (es ist Glanz, gewonnen aus der Hingabe der, nun als illusionär geltenden, ewigen Güter —fast ebenso wie aus der Heiligung des ephemeren schönen Augenblicks —, der nun der perfekten Geste, dem vollendeten Satz als dem einzig noch Wahren, Gültigen zuwächst); oder die ,reine c , d. h. moralinfreie, antimetaphysische wissen- schaftliche Haltung — bis zum streng desillusionierenden Neopositivismus und darüber hinaus: zu, mit Mitteln der Logik Logik zersetzendem Fiktio- nalismus. Wobei man sich zugleich —von Flaubert bis Mann, Jacobsen bis Musil — immer auch sehr deutlich des Verlusts an vitalen Illusionen stolz, leidend, beschämt bewußt wird, — zu denen nun durchaus auch die reli- giösen, moralischen, dem Leben Sinn verleihenden gehören: — mithin der decadence, die vielfach als Komplement des radikal desillusionierenden Geistes erscheint. Aber hier wäre nun auch an nahezu alles zu erinnern, was Nietzsche auszeichnet; der nicht bloß den Intellekt, sondern den Weisen einem alles verzehrenden stillen Feuerstürm vergleicht; der groß, der dionysisch ist vor allem als Entwurzler, Um-und-Umkehrer, Zerstörer, Vernichter, kurz: als zersetzender Geist, Protagonist des großartig destruktiven, alle scheinbare Gewißheit in Frage stellenden, verheerenden Zweifels und eines kühn und bewußt experimentierenden Fiktionalismus und Perspektivismus, so daß sein Werk am Ende im Geistigen ein Analogon bietet zu jenem, von ihm anti- zipierten Schlachtfeld- und Werkstättencharakter der Epoche, von der etwa der Nietzscheaner Ernst Jünger, übrigens auch und gerade in seiner faschi- stischen Phase (dem „Arbeiter") schwärmte. — .Unerschöpflich interessant ist dieser Zerstörergeist Nietzsches — besonders so lange man die Last alter hemmender Bindungen spürt, sich fragte: wovon komme ich damit los?, sich frei werden fühlt —und auch wiederum, wenn man sich fragt: wohin komme ich damit?, und sich eines Wozu der gewonnenen Freiheit bewußt zu werden meint. Aber wie monoton in seiner endlosen Ambivalenz, der Wellenbewe- gung, in der auch der Aufbau nur dem Zusammenfallen des Schaumszu dienen scheint, ist zugleich dies Spiel der Oszillation um den, in allem Wechsel doch nur immer als perennierendes Non-Resultat vergegenwärtigten Nullpunkt! Es bestehen doch wohl direkte Verbindungen zwischen dem, sei es ver- zweifelten, sei es ironisch resignierten Asketismus strenger Antimetaphysiker, die überall das Scheinproblem aufzudecken wissen, und dem, auch von Nietzsche unternommenen, paradox anmutenden Versuch als zwecklosen Zweck der, für unmöglich erklärten Erkenntnis das Durchschauen jener Welt

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Peter Heller

von Illusionen zu statuieren, in der zu leben wir genötigt sind. Und ebenso zum Bereich einer, zu allem und nichts bereiten Inteliektualartistik (— wie sagte doch der spätere Nietzsche? es fehlt la force! —) im akademischen Zirkus von, mit dem Spiel immer nur spielenden, irrelevanten, feixenden, traurigen clowns, einer Sphäre des Schwindels, der sophisticated blague des Deconstructeurs, der sich konsequenterweise längst hätte selbst dekonstru- ieren müssen, jener scheinbar nichts und alles gelten lassenden Kritik, die als anonymes Impersonal über allen Schätzungen zu schweben vorgibt, als lebe sie — die doch das hochgespielte Produkt einer betriebsamen Clique ist — in ihrem reinen Eskapismus durchaus nur hoch da droben in und von der Luft. Immer wieder hört man von daher die Auskunft: es sei alles nur Spiel. Aber einerseits ist ein, durch Statuierung des Spielcharakters (des Daseins, der menschlichen Belange, des Universums) modifiziertes Engagement nicht bloß aufgrund eines Nihilismus, sondern ebenso aufgrund eines religiösen oder metaphysischen Fürwahrhaltens, bzw. eines Glaubens an eine, rein immanent jede jeweilige Position transzendierende Bewegung möglich. Andrerseits hebt, wo man den Spielcharakter — Welt-, Denk- und Sprachspiel absichts- voll miteinander konfundierend —autonom setzt und allzu fest eine Art von ,dogmatic fUtility" behauptet, das Spiel sich durch Einsicht in den Spiel- charakter auf und ruiniert sich selbst: eben weil es sich für autonom hält; was Nietzsche besser verstand als seine Nachbeter, die übrigens selbst auch Beziehungen zu ändern Attitüden unterhalten: zumal des romantischen Pessi- mismus und des, an mythologisierte Historie anknüpfenden Bewußtseins der decadence und des Untergangs. Denn, ,fiddling while Rome burns% sagten sie immer noch gern ihr ,qualis artifex pereo% freilich auch nur in ihrer Fiktion von Fiktionen, denn in Wirklichkeit sind's harmlose Pedanten . , . Es war hier die Rede vom großen europäischen Thema des 19. Jahr- hunderts: des desillusionement, der Enttäuschung im Doppelsinn des Worts. Läßt sich das — siehe Flaubert, Jacobsen, etc. — rein aufspalten in ein positives Bestreben loszukommen von romantischen Täuschungen und an- drerseits: in die Bitterkeit des Enttäuschten, der die Illusion verloren hat, und seine Einsamkeit und Nüchternheit? Aber die geht nun auch mit dem Stolz der Mündigkeit (des Mündiggewordenseins), mit einem neuen Gefühl der Freiheit, der Kraft — auch im amoralischen Abwerfen moralischer Schranken — einher. Und hier wäre ein Ansatzpunkt für den dionysischen Pessimismus und den heroischen Nihilismus der Spielfreude: bis zur Ver- wegenheit der Maxime: nichts ist wahr, alles ist erlaubt; die gleichwohl eng benachbart ist dem kafkaschen: es ist alles Lüge, alles verboten; noch näher aber der Meinung, es sei, da nichts wahr ist, auch sowohl alles wie auch nichts erlaubt: nämlich alles indifferentes Spiel fiktiver Differenzen. Merk- würdig, wie das, Nietzsche so gemäße, zerstörende Spiel des Nihilismus im

Nietzsches Kampf mit dem romantischen Pessimismus

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Perspektivismus, im Fiktionalismus auch wieder Formen des Eskapismus ent- wickelt: in fin-de-siecle-Esoterik derer, die an nichts mehr glauben in ihren elfenbeinernen Türmen und unterirdischen Palästen, fern der blöden, noch illusionsgläubigen Menge; aber vielleicht auch in Beziehung zu der etwas absurden Esoterik mancher, seit den zwanziger Jahren florierenden, links- kritizistisch-avantgardistischen Elite-Intellektuellen in ihrer Entschlossenheit zu wirkungsloser Radikalität; sowie — auch gegenwärtig — in Ausflüchten vor den, nur noch in Gänsefüßchen gesetzten Realitäten, die sich allerdings — einem on dit zufolge — davon, daß man sie — Nietzsches Sprachkritik und epistemologische Apercus auswalzend — nur noch als sprachliche Fiktionen unter ändern anerkennt, bisher nicht verflüchtigen lassen haben sollen. Aber was habe ich eigentlich gegen jene Kritiker, die zwischen dem anti-

aber romantischem Idiom und romantischem Pessimismus

noch halb verfallenen Nihilismus Flauberts und einem, zur eigenen Selbst-

genügsamkeit und Serenität sich beredenden Nihilismus fluktuieren; deren Attitüde suggeriert, daß sie aus einem verzweifelten in einen heiter resignier- ten, spielerischen Nihilismus hinüberwollen; weshalb sie jedem Text, der ihnen wert ist, ihren Nihilismus vindizieren oder unterschieben; was eben beweisen soll, daß ein Autor, der was taugt, nie etwas Bestimmteszu sagen hat; daß ein Text, der was taugt, ausschließlich ein, sich selbst genügendes Spiel mit fiktiven Perspektiven treibt, die einander aufheben; und daß ebendies das einzig Gute-Wahre-Schöne sei, das an die Stelle der ehemaligen Wirklichkeit und des abgedankten Guten-Wahren-Schönen zu treten habe? Man sagt von manchen dieser Kritiker, sie hätten in den Abgrund geschaut und seien lächelnd wiedergekommen: Das charakterisiert sie gut, wenn man nämlich bedenkt, daß diese lächelnden Revenants oder feixenden Schälke in ihrer defensiven Schlauheit auch leugnen, daß es überhaupt einen Abgrund gibt, in den man schauen könnte, da ja vielmehr das, in sich selbst genügsame, Spiel der mit sich spielenden Philologen — will sagen: der Texte, der Sprachfik-

tionen — das Ein und Alles sein soll

Sieht man ab von der, bei

romantischen,

Philologen verständlichen, wenn auch etwas schwachsinnigen Illusion, daß durch Erweiterung der Sprachmetapher —e. g. durch Bezeichnungaller Erfah- rungsgebiete als Texte — die ja die Nötigung zur Unterscheidung zwischen diesen (wenn auch nun innerhalb des Textmetapher) nicht aufhebt —etwas wesentliches gewonnen sei; so ergibt sich deutlich wiederum die Nähe zu dem, schon erwähnten Freigeistideal des mittleren Nietzsche, der im sehr bewußten, von Affekten weitgehend entlasteten Kreisen über als fiktiv er- kannten Schätzungen sein Genüge finden wollte; wobei allerdings nachdenk- lich stimmen mag, daß der spätere Nietzsche in dieser Vorstellung, in dieser Entfernung von jedem vitalen Engagement, ein pathologisch defensives, bestenfalls aber ein Rekonvaleszenten-Ideal sieht —härter: die Weisheit jener

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Weisen, die nur „Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst", von passiv vegetierender und schattenhafter Geistigkeit sind, da ihm ihr Versuch über die perspektivistischen Schätzungen hinwegzukommen ein „lebensfeind- liches und auflösendes" Prinzip zu repräsentieren scheint 30 . Immerhin, geben wir zu: man kann die Werke Nietzsches infolge ihres reichhaltig fragmentierten und desintegrierten Charakters und seines, mit Perspektiven immer wieder auch spielenden Denkens so lesen, daß dabei nichts andres herauskommt als eben dies, sich selber konstruierende und de- konstruierende, aufbauende und verschlingende Perspektivenspiel; ja man kann auch mit Nietzsche das Universum (inklusive Texte) als ein solches Spiel betrachten. Und warum sollte eine derartige analytisch-kontemplative Be- trachtung nicht den Lebensstil von Intellektuellen bestimmen? Aber das heißt weder, daß diese Kontemplation nun im Sinne Nietzsches die Aufgabe hätte, die einzelnen Gegenstände der Betrachtung der eigenen, quasi neutralisierten Haltung anzugleichen, da das große, sich aufhebende, zu betrachtende Spiel erst aus dem Widerspruch der spezifisch dezidierten und engagierten Per- spektiven sich ergibt; noch daß jener neutralisierte, quasi aperspektivische Perspektivismus für Nietzsche nicht auch ein illusionärer ist oder wird. Die da oben hocken und immer nur den Spielcharakter betrachten —sind das nicht diejenigen, die nicht mitspielen, deren Enthaltsamkeit nur defensiv die Kondition verleugnet, die sie selbst als die allgemeine behaupten? Gehört der Entschluß zum Einsatz, zum Mitspielen, am Ende zu jener zwingenderen Perspektive, in der für den späteren Nietzsche allein die Wahrheit bestehen soll? Das Genügen am Aushängen des Willens, der Schwebezustand — wenn er mehr sein will als Rekonvaleszenz und Übergang, nämlich: Beharren in der ,reinen* Dekonstruktion, —erweist sich nicht nur als Illusion der Desillusio- nierten, sondern als Symptom, u. z. nicht nur dem späteren Nietzsche zufolge. Unser modernster, mit sich spielender Nihilismus illustriert ebendies: er hat den Charakter des Eskapismus in Anbetracht einer Situation, die man im Grunde für aussichtslos hält. Die Haltung der, sich im Perspektivenspiel ge- nügen wollenden Virtuosen der Dekonstruktion empfiehlt sich, wenn man an die Möglichkeit einer konstruktiven Weltgestaltung nicht glaubt; die dem Menschengeschlecht oder der eigenen Gesellschaft zugemuteten Probleme (Aufgaben) nicht für lösbar hält; sich aber über die Aussichtslosigkeit trösten (sich etwas vormachen) will, indem man sie zur universalen Kondition erhebt und ihr einen sich genügenden Spielcharakter vindiziert. Es ist eine Naivität der, bei der Intellektualität der zwanziger Jahre stehenbleibenden Mentalität, die aus der Erfahrung des Faschismus nichts gelernt hat, obschon oder eben

30 Za, Vorrede, 3. Abschnitt; KTA 9, 416.

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weil sie von ihr noch immer immobilisiert und quasi okkupiert ist, —eine Naivi- tät so mancher Kritiker französisch-strukturalistischer Observanz, — zu glau- ben, daß man der Nötigkeit zur Eindeutigkeit, zur Festlegung der Wünschbar- keiten, zu einem, mehr als zum Spiel schlechthin sich bekennenden Pro- gramm entgehen könne. Wo die längst nicht mehr latente, sondern mani- feste Bedrohung unserer Zivilisation durch die, von ihr geschaffenen Mittel und Zustände anerkannt wurde und wird (und das war schon zu Nietzsches Zeit der Fall), kann und konnte die zukunftsträchtige Antwort nur eine sein, die sich zu einer, für richtig, ersprießlich, der Situation gerecht werdenden, mithin auch Wahrheitsgehalt in sich bergenden Lösung, Arbeit, zu einem positiven Versuch entschließt und nicht in reinem Spielcharakter zu ver- harren wünscht. Die sich aus dem verzweifelten in einen heiteren Nihilismus bewegende, den Spielcharakter aller Standpunkte, Erkenntnisse, Bemühungen betonende Bewegung, die alles relativiert nur nicht ihren eigenen Relativis- mus, alles als perspektivistische Illusion durchschaut, nur nicht ihre eigene Verfallenheit an den Perspektivismus, ist zumindest auch Symptom mangeln- den Entschlusses und Willens, dem was realiter offensichtlich droht, mit einer Bemühung zu seiner Bewältigung zu begegnen. Nietzsche war sich darüber im Klaren; und wenn er in seiner späteren Phase hinter seine These oder Einsicht in den fiktionalen Spielcharakter des Daseins, der Erkenntnis, usf. zurückzugehen scheint, indem er dogmatisch, apodiktisch, Imperativisch fordert, so nur darum, weil er aus seiner These oder Einsicht — an sich und formaliter berechtigte, wenngleich in ihrem konkreten Gehalt vielfach unberechtigte und unbesonnene —Konsequenzen zieht. ' Ich sprach von zwei — immerhin legitimen —Modi: dem bewahrenden, elegisch auf Vergangenheit als Gegenwart, Gegenwart als Glied der Vergangen- heit basierenden, gegen den der antimetaphysische Affekt sich richtet; und dem kritisch auflösenden, in dem es schließlich we^er Vergangenheit noch Zu- kunft gibt, sondern (obschon man oft das Gegenteil behauptet) nur Gegen- wart als Spiel der sich auffächernden, ständig im Wechsel begriffenen differance. Bleibt der dritte, der projektierende (reformatorische, revolutio- näre, utopische), der planend auf Zukunft gerichtete Modus als der uns ge- rnaßeste. (Denn mangels einer Offenbarung, die eine metaphysische Erfüllung erschließen könnte, steht wohl nichts andres zur Wahl als Planung, Entschei- dung, u. z. auch für den, der glaubt, daß selbst der eigene Entschluß noch Antwort ist auf das, was uns hält, erhält, nötigt.) Ein Vorteil der von Nietzsche eingeführten Betrachtungsweise liegt im Bewußtsein des inkohativ perspektivistischen, vorläufigen, interpretativen Charakters unsres Selbst- und Weltbildes; einer Ansicht, der gegenüber etwa der ältere Marxismus mit seinem dogmatischen Aberglauben an, durch kon-

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stante Interessen und Interessenkonflikte in ihrem vorherwißbaren Verlauf bestimmte Abläufe der , Geschichte', wie auch die, zur universalen Fatalität erhobene, individualhistorisch biopsychische Mythologie mancher ortho- doxen Freudianer und ihre starre Auffassung von dem Verhältnis zwischen einer als objektiv statuierten Realität und einer subjektiv psychischen quasi im 19. Jahrhundert zurückgeblieben sind. Aber mag Nietzsches Prozedur für die, an einer Vorstellung metaphysi- scher Absoluta — e. g. des Guten, Wahren, Schönen — Haftenden auch Schockwirkung haben: wenn er etwa das Schöne und Gute nun nur als vor- nehmste und vitalste Perspektiven gelten läßt, so liegt es ihm fern alles in einen nivellierenden, relativistischen Topf zu werfen. Vielmehr proklamiert er die, im Sinne seiner Postulate gemäßen Kriterien, Steigerungsformen, Hier- archien. Das Wahre soll fortan nur als zwingendste, umfassendste Perspektive gelten — samt zugehörigen Hierarchien von mehr und weniger zwingend umfassenden. Aber abgerechnet die Prätention auf Absoluta: —wie weit ist man mit dieser Umbenennung von älteren Auffassungen entfernt? — Zwar mag man an einer durchgehenden Leistung der Relatiyierung aller intellek- tuellen, wie aller emotioneilen Perspektiven dennoch festhalten: Die Behaup- tung der zwingenderen und zwingendsten, umfassendereil und umfassendsten Perspektive mag nicht dasselbe sein, wie die apodiktische Behauptung eines unveränderlich Absoluten; der Spielcharakter mag nicht verloren gehen: —Es ist wie bei sportlichen Wettbewerben: daß einer schneller läuft als der andre, ist nicht abzuleugnen; beweist die Überlegenheit des einen über den ändern; aber auch die bisher schnellste Zeit ist nicht als Absolutum der Schnelligkeit

festzulegen, zu behaupten, zu glauben

Perspektiven, auch keine einzig absolut wahre anerkennen will, zieht

Nietzsche —mit Recht — aus der, von ihm

charakter des Daseins die Konsequenz des Postulats intensiv-vitalen Engage- ments im Kontest der Perspektiven; und legt auf dieses Postulat und die ihm dienenden Hypothesen und Postulate zusehends immer größeren Wert, — größeren auch als auf seinen Pan-Perspektivismus. Nicht in diesem sieht er seinen entscheidenden Beitrag: Auch die Hypothese der ewigen Wiederkehr akzentuiert er nur, insofern sie, die Kranken erschütternd, daß sie vor Unlust

vergehen, die wenigen Ändern zum stärksten Engagement provoziert: zur höchsten schöpferischen Leistung, Bejahung, Selbstrealisierung. Und auch den Willen zur Macht, scheint mir, will Nietzsche nicht primär als erklärende Hypothese propagieren, sondern er drängt auf seine möglichst konkrete Auf- fassung in der Gestaltung der Kultur, des Staates, der Mentalität, der Physis des zu erzielenden, nur noch als Postulat utopischen Engagementsfungieren- den Übermenschen. Durchaus im Gegensatz zu jenem modernen Vorurteil:

es käme nicht auf Antworten, sondern nur aufs Fragenstellen, auf das In-

Grade weil er kein Jenseits der

geforderten Einsicht in den Spiel-

Nietzsches Kampf mit dem romantischen Pessimismus

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Frage-Stellen, an, fordert ,the postmodern Nietzsche* Eindeutigkeit, Ant- wort, wenngleich als Tat, Verwirklichung, Gestalt. Wie stellt sich von hier aus nun die, im Sinne eines antimetaphysischen Perspektivismus auch nur illu- sionäre — , aperspektivische' — Perspektive der Losgelöstheit dar? Nur als eine unter ändern? Oder — da jede Erkenntnisperspektive nun als Funktion und Symptom einer vitalen, eines vitalen Interesses, zu gelten hat —als eine, die noch der alten metaphysischen Illusion verpflichtet bleibt: als gäbe es den, der allgemeinen Verflochtenheit in die Irrtümer der Welt enthobenen, rein geistigen und darum dem absoluten An-sich der Dinge näheren Zustand; der doch, da kein An-sich, keine vita contemplativa, die sich durch Askese ihm annähern könnte, anerkannt wird — nun selbst eher als Schwundstufe der Vitalität, wohl kaum als im Sinne des Vitalideals privilegiert, erscheint. Erst das auf konkrete Gestalt bezogene kreative Engagement überwindet die Problematik des, aufs Jenseits sehnsüchtig weltflüchtig bezogenen, roman- tisch metaphysischen Bedürfnisses. — Oder weiß sich bei all dem in Nietzsches Spätphase dieses metaphysische Bedürfnis doch auch immer wieder durchzusetzen und feiert, eben gerade da es für endgültig überwunden und abgetan erklärt wird — transfigurierte Wiederkehr des Verdrängten, Totgesagten — eine Wiederauferstehung als Metaphysik des Willens zur Macht, der in seinem temporalen Modus der ewigen Wiederkehr dem Werden den Stempel des Seins aufdrückt? Auf diese Frage, wie auch auf die Frage, ob solche Metaphysik, wenn sie vorhanden wäre, als weitere ,Transzendenz*

Rückfall aufzufassen sei, — gehe ich hier nicht

ein. Ich begnüge mich damit, die Schleife bis in die Phase des Projekts, des als Postulat proklamierten Programms zu verfolgen.

Wir wissen: die Befähigung zur Realisierung der schöpferisch engagierten Perspektiven —des Kindes —des aus sich rollenden Rades —gilt dem späteren Nietzsche als entscheidend. Dennoch, meine ich, versagt er hier —und zwar offenbar, insofern er den romantischen Pessimismus eben nicht überwunden hat, sondern ihn nur überschreit. Nicht in Frage gestellt wird hier: die prinzipielle Berechtigung der intendierten Bewegung aus dem romantischen Pessimismus zum Pessimismus der Stärke, aus verzweifeltem zu aperspektivistisch spielerisch auflösendem, endlich heroischem Nihilismus, der, seiner selbst überdrüssig, sich über- winden soll zur autonom illusionslos bejahenden Kreativität; und damit wohl auch: die Berechtigung einer Bewegung vom skeptisch analytischen Stil zum utopisch proklamierenden, postulierenden, sei es auch Imperativischen, des Nicht-mehr- und Uber-Nihilisten. Anerkannt wird die Einsicht in die Not- wendigkeit des Engagements, der Wendung zum positiven Projekt, zumal jene, von Nietzsche geforderte Arbeit^ an ökumenischen Zielen, die sich die Menschheit nunmehr selbst zwecks bewußter Gestaltung der Kultur zu geben

oder aber als Regression, als

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habe 31 . Auch will ich hier - obschon er mich so wenig überzeugt, wieder feierlich jugendstilartige, parodistische Bibelton des tZarathustra — nicht Anstoß nehmen an Nietzsches Versuch, das zur Heiterkeit geläuterte Diony- siertum im Sinne einer nicht mehr defensiven Klassik zu stilisieren, wie sie sich mitunter beim späteren Goethe findet, zumal aber bei den Griechen; wie denn überhaupt Nietzsches Geschmack und Prophetie in der Hoffnung auf Erneuerung einer, von Metaphysik gereinigten Superantike zu kulminieren scheint. Aber ich gehe nicht mehr mit, wenn nun, in engem Anschluß an diese Antike, den langen Atem, die Klassizität, Latinität des großen, quasi römisch imperialen Stils aere perennius, der Machttraum cäesaristisch diktato- rischer Weltherrschaft und großer Politik sich auftut 32 ; Nietzsche, in Hin- blick auf den, auf breitester Basis (infolge des gerade dazu nützlichen Demo- kratismus, i. e. der Verfalls- und Versklavungsform des Menschen, seiner Vermittelmäßigung und Werterniedrigung 33 ) geschaffenen, durchaus nötigen, massenhaften Sklavenstand, in Distanzgefühlen luxurierend, das Lob der, nur den Wenigen zustehenden Herrenmoral, der vornehmen Rassen anstimmt, auf deren Grund die prachtvoll nach Beute und Sieg lüstern schweifende Bestie nicht zu verkennen ist 34 ; seine Phantasie schwelgen läßt im sadomaso- chistischen Eros, der das Rudel der blonden Raubtiere, den staatenbildenden Männerbund zusammenhält, aber auch innerhalb der, nach außen und unten sich austobenden Eliten, jeden mit jedem das Spiel tyrannisierenden Wett> bewerbs und der Unterjochung genießen und erleiden läßt, bis hinauf zur einsamen Spitze des Supertyrannen. Was dalosgelassen wird —inklusive die, | übrigens absichtsvoll, raffiniert zubereiteten Brutalitäten, Atrozitäten, nicht 's zuletzt pour epäter les bourgeois —: es ist zugleich doch echte Phantasie und Utopie; Gegenbild zur Existenz des Einzelgängers, des in sich gekehrten Gelehrten; zur Sekurität und aus der bourgeoisen Sekurität des 19. Jahrhun- derts, des bourgeois anti-bourgeois, durchaus wie bei Flaubert: gerichtet gegen den flöt de merde der Bourgeoisie und der Masse, freilich auch in Haß gegen und aus Angst vor dem heraufkommenden, fordernden Pöbel: Gegen- bild — auch darin Flaubert ähnlich — zur, als unabwendbar empfundenen decadence, dem Gefühl der Gewißheit, selbst ein decadent zu sein; und zur eigenen Krankheit, der Nietzsche, je rettungsloser er ihr verfällt, um so unent- wegter, eine überhitzte, e contrario von der Pathologie inspirierte, im Kampf gegen das eigene Leiden, das taedium vitae, die Todessüchtigkeit forcierte,

j

31 Vgl. MA I, Aphorismus 25.

32 Vgl. zu dem Folgenden die Begründungen und Belege in Heller, o/?, at., 220—227 (Nietz- sches Machttraum), 258—261, 284-287 (Antisozialismus), 262-269 (Konzept der Vornehm- heit); ferner etwa die Stichworte „Herr" (Herrenmoral) und „Sklave" in Oehlers Nietzsche- register (KTA 12).

33 JGB, Aphorismen 202, 203.

34 GM, 1. Abhandlung, Abschnitt 11.

Nietzsches Kampf mit dem romantischen Pessimismus

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krasse Utopie von hybrider Gesundheit abgewinnt: Die Utopie eines Leiden- den, Lebensmüden, der sich und aller Welt das Ideal superabundanter Vitalität einbrennen muß, das eben darum symptomatisch wird für das eigene, engste Leid des Torturierten; der sich am Rande des Irreseins megaloman in den Wahn der mehr als königlichen, eigenen Vollkommenheit steigert: Ecce homo — „Müßiggang eines Gottes am Po entlang" Dieser hybride Kranke, vor allem: dieser Protofaschist, den man — Nietzsche im Sinne des heute Akzeptablen entschärfend —gern eskamotiert, womit man ihn in umgekehrtem Sinn verfälscht als die Nazis, die gerade den Protofaschisten für, allerdings in seinem Sinn allzu plebejische Zwecke als ihren Propheten ausschlachteten: —dieser kranke Nietzsche mit seiner Super- Gesundheit, dieser von Ressentiments Geplagte mit seiner exzedierenden Vornehmheit, dieser durchaus echte Protofaschist, der ja gerade dann zutage tritt, wenn man nach dem »Positiven* fragt, ist, scheint mir, weitgehend ein Produkt des romantischen Pessimismus: des Wunsches von dem Eigenen — sei's der Zeit und Welt, in der man lebt, sei's von sich selbst, dem eigensten, physisch-psychischen Leiden — weg- und loszukommen in ein phantasiertes Jenseits: mag dieses auch eine klassizistische Utopie der Stärke und Gewalt in einem phantasierten Diesseits sein, in dem sich nicht bloß allzuviel wagneri- anisch Siegfriedhaftes, zuviel Delacroix, zuviel Baudelairemäßiges findet, sondern das am Ende e contrario von den Zügen der eigenen Krankheit, die Nietzsche so überreichlich ,kompensiert c , verzerrt wird. Ich meine, daß es hier, in der, für Nietzsche entscheidenden letzten Wendung, jenerBewegung aus dem romantischen Pessimismus — in der Vision engagiert positiver Produktivität, des schöpferischen Kindes, des auf den Übermenschen bezo-

3S

genen Uberkulturprogramms, der

ähnlich ergeht wie Thomas Manns Aschenbach: die Bewegung sich zum Krampf verzerrt, in Auflösung gerät, er in wesentlichen Stücken in ein aus dem romantischen Pessimismus geborenes Wunschbild, ein Negativ zur eignen Misere regrediert: daß er mithin in seinen positivsten Positiva am unverläßlichsten, wohl selten irrelevant, aber auch fast nie beim Wort zu nehmen ist; weshalb man ihm übrigens auch seine Ambiguität zugute gehalten hat, als wäre Unklarheit im Fordern, im Befehlen ein Vorzug Die Bewegung der Schleife, der Spirale, von der hier die Rede war, wird von Nietzsche nicht rein vollzogen. Er kommt nicht völlig und in Wahrheit zu der Gestalt, die das Problem erledigt, weshalb auch keine der soi-disant ,über- wundenen* Phasen der, immer wieder von neuem —wenn auch immer mehr im Sinne der letzten Schritte — vollzogenen Bewegung verschwindet. Ein Beispiel dafür ist der Antichrist und Eiferer gegen Wagner, der das Vorspiel

wiedergewonnenen Unschuld — Nietzsche

35 EH, „Götzendämmerung", 3. Abschnitt.

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Peter Heller

zum Parsifal als größte Wohltat bezeichnet, die ihm seit langem erwiesen wurde, und zwar in Anbetracht der unbeschreiblichen flacht und Strenge des Gefühls, die, wie sonst nichts, das Christentum „in der Tiefe" nehme und „zum Mitgefühl" bringe 36 . Das Bedenkenswerte und Bedenkliche dieser Er- schütterung, die vielleicht einem Literaten gemäß wäre und ihm nur Ehre machte, wird einem deutlich, wenn man sich-den Anspruch des späten Nietz- sche darauf, Stifter der, die Millennia der Metaphysik und zumal des Chri- stentums ablösenden, sie im höchsten Sinne aufhebenden Über-Religion der nächsten Jahrtausende zu sein. Man stelle sich den Gründer eines neuen Glaubens im Zustande schwermütiger Nostalgie im Andenken an den alten vor, den er anderwärts als pures Gift verdammt: —wenn nicht Moses ange- sichts der Götter Ägyptens, so Luther, der immerhin mit dem Papst noch

Aber offenbar ist hier jeder Vergleich absurd, und zwar

Dogmen teilte

auch in Anbetracht des, von Nietzsche explizite dramatisierten Agons und Eros, wobei einem allerdings der Verdacht kommen könnte, daß vielleicht jene Denkbewegungen, die sich als exquisit dialektisch darstellen, die noch im Fluß befindlichen, ungelösten, unerledigten sein mögen. Das Dialek- tische — heißt das vielleicht: das Unerledigte? Und eben weil bei Nietzsche die, hier in Rede stehende Bewegung und ihre Phasen nicht bis zur Vollen- dung und Erledigung gebracht wurden, gibt es immer auch die Möglichkeit, ihn im Sinne dieser unerledigten einzelnen Phasen zu lesen: also etwa des ele- gischen Nicht-mehr, der Sehnsucht nach verlorner Geborgenheit; oder aber im Sinne des, sich jede Illusion verbietenden, wissenschaftlerisch gesinnten, sokratischen, endlich aber auch die Wahrheitssuche als Illusion sich unter- sagenden, asketisch skeptischen Freigeists; im Sinne des, in und über den, als Illusion erkannten Sphären illusorischer differences heiter schwebenden oder heiter grimassierenden Nihilismus; im Sinne eines heroisch destruktiven, ' aktiven, tragisch dionysischen Pessimismus; im Sinne eines, neue Welt- und Selbstschöpfungen spielerisch entwerfenden, den Nihilismus bejahend trans- zendierenden Projekts; usf. Denn alle diese Möglichkeiten, sowie die verbin- denden und transzendierenden Stufen, bleiben als Möglichkeiten in Nietz- sches Texten angelegt, was sowohl eine Stärke wie eine Schwäche dieses viel- deutigen und uns, wohl auch in dieser Vieldeutigkeit und Ambiguität noch nahestehenden Schriftstellers ausmacht. Ich aber gehöre zu den Lesern, denen am Ende bei Nietzsche die heiter, leidenschaftlich, rastlos, alles und sich selbst verzehrende Aktivität und Passion der Erkenntnis imponiert, die sich am reinsten dort darstellt, wo sie ihre eigene, menschlich allzumenschliche Bedingtheit und Vorläufigkeit, ihren inkohativen, experimentierenden Cha- rakter nicht mehr und noch nicht verleugnet.

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36 KGW VIII l, 202f.

DISKUSSION

Müller-Lauter: Sie haben, Herr Heller, uns einen Vortrag in geradezu kaskadenhafter Form dargeboten. Die Vielfalt dessen, was bei Nietzsche zur Sprache kommt, tauchte eigentümlich ineinander verschlungen und zugleich auseinanderstrebend auf. Zum Schluß deuteten Sie noch an, daß bei aller Des- integration, von der Sie gesprochen haben, offensichtlich die Möglichkeit bleibt, daß gewissermaßen unter den vielen Nietzsches, die wir finden, sich jeder doch seinen herausziehen könne. Es wurde deutlich, welche Wahl Sie selber getroffen haben.

Gründer: Wenn es erlaubt ist, eine Hommage in eine paradoxe Metapher zu bringen, dann möchte ich Herrn Müller-Lauters Wendung von den Kas- kaden überbieten und von einem Katarakt reden, sowie die Vermutung wagen, daß man zu einem Katarakt keine Diskussion, sondern nur eine zag- hafte Masora anbieten kann. Das Verhältnis Nietzsches zur Romantik, von dem Sie ja ausgegangen sind, um dann sehr viel weitere Perspektiven anzudeuten, braucht doch immer noch, so viele Studien es dazu schon gibt, weitere Detailforschung. Das Dionysische, das große, gängige und trotzdem stimmende Etikett für Nietzsche, ist ja gerade auch in der Paarbildung mit dem Apollinischen nicht von ihm erfunden worden. Sie findet sich schon bei Görres, Creuzer vor seiner Symbolik, der ein ganzes Buch über Dionysos geschrieben hat, Ritschi u. a. (vgl. Hist. Wb. d. Philos. I, 441/5). Man müßte sich auch um Nietzsches eigentümlich idiosynkratisches Ver- hältnis zu Byron kümmern. Dazu erlaube ich mir den Hinweis auf eine merk- würdige , Vorstufe* zu Nietzsches Geburt der Tragödie aus einem geistigen Umkreis, wo man das nicht vermutet. Der Breslauer Taubstummenlehrer und Professor der Homiletik Carl Adolph Suckow hat eine Einleitung geschrieben zu einer Afanfred-Obersetzung seines Freundes, des Philosöphieprofessors Christlieb Julius Braniß (Posgaru [Pyseudonym, d. i. Carl Adolph Suckow] Byron*s Manfred. Einleitung, Übersetzung und Anmerkungen. Ein Beitrag zur Kritik der gegenwärtigen deutschen dramatischen Kunst und Poesie, Breslau 1839), der seine Bedeutung hat als Lehrer des Grafen Yorck von Wartenburg. Diese Einleitung ist eine Antizipation sowohl des Wagnerschen Gesamtkunstwerks wie auch des Nietzscheschen Buches über die Tragödie. Suckow fordert Braniß und den ihni persönlich bekannten Mendelssohn-

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Bartholdy auf, den Byronschen Manfred in der Branißschen Übersetzung zu vertonen: dann werde man das Gesamtkunstwerk haben. Und was in dieser Einleitung über das Tragische gesagt wird —das Buch ist 1839 erschienen — entspricht dem, was Nietzsche dreißig Jahre später geschrieben hat, natürlich mit der Differenz der schriftstellerischen Potenz.

Heller: Mich hat der Beitrag von Herrn Gründer sehr interessiert. Daß Nietzsche sehr vieles in seinen Begriff des Dionysischen mit hereinnimmt, was aus der Romantik kommt, bezweifle ich nicht. Mir ging es aber primär darum, die Problematik des romantischen Pessimismus in den Zusammen- hang zu bringen, in den auch Nietzsche selbst sie bringt. Meine Gedanken- bewegung war durchaus nicht so konfus, wie sie Ihnen, Herr Müller-Lauter, erschienen ist. Ich habe gewisse Stufen hervorgehoben und zwar habe ich mit einer kommentierten Collage von Zitaten begonnen, die aufzeigen, wie Nietzsche selbst die Progression darstellt: aus einer noch optimistischen Romantik Zu einer ihres Pessimismus sich bewußt werdenden, von da aus zu einer antiromantischen, nihilistischen Bewegung, die aber der Romantik noch verhaftet ist; dann erst erfolgt der Umschlag. Ich habe eine dialektische

von Dialektik zu

Grunde legte: eine Position grenzt sich polemisch gegen eine andere ab, bewegt sich dann zu ihrer Gegenposition hinüber, wird quasi von dieser aufgezehrt, aber so, daß ein Drittes entsteht, das quasi transzendiert. — Daß Nietzsches Beziehung zu den Romantikern weiter untersucht werden soll, leuchtet mir ein. Übrigens ist Max L. Baeumer der Frage nach dem Dionysi-

schen weiter nächgegangen. Nietzsches Verhältnis zu Byron hat mich interes- siert, darüber habe ich sogar schön ein wenig gearbeitet, ich bin für die Hinweise sehr dankbar.

Bewegung beschrieben, wobei ich einen allgemeinen Begriff

Kaufmann: Zunächst hat mir natürlich Ihr Gefühl, Herr Heller, für die Vielseitigkeit von Nietzsche viel Freude gemacht. Aufgefallen ist mir dabei, was ich zunächst für nebensächlich, dann doch für vielleicht symptomatisch hielt, daß Sie Heinrich Heine ausgelassen haben. Man kann das vielleicht her- ausgreifen als einen Brennpunkt von dem, was mir an Ihrer Deutung als verfehlt erscheint. Daß Heine für Nietzsche ein Held ist, einer, den er bewundert, wenn auch vorher nicht so vorbehaltlos wie zuletzt im Ecce homOy zeigt doch, daß das, was Sie über Nietzsches Verständnis von Gesund- heit gesagt haben, nicht stimmt. Heine war, wie Nietzsche wohl gewußt hat, auf der Matratzengruft so krank, wie man nur krank sein kann. Es stimmt auch nicht, daß Nietzsche „die blonde Bestie" verherrlicht, die kommt im ganzen dreimal vor, und wenn man auf den Zusammenhang achtet, so kann man nicht von Verherrlichung sprechen. Man braucht nur im

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Zarathustra nachzulesen, um zu sehen: es gibt drei Stadien, und die blonde Bestie» der Löwe, ist das zweite Stadium. Das spielende Kind steht darüber. Heine ist für Nietzsche in Ecce bomo das spielende Kind, die Idealgestalt 9 der er selbst ähnlich ist: „Heine und ich", heißt es ausdrücklich* Das haben Sie ganz beiseite gelassen. Und das ist wichtig für Ihre letzte und meiner Ansicht nach entscheidend falsche Aussage, Nietzsche sei eben doch Protofaschist gewesen. Ich glaube, ich habe wohl das Wort »Protonazi* eingeführt in meiner Nietzsche-Deutung, indem ich es zugleich zurückgewiesen habe* Sie sagen, damit verfälscht man Nietzsche genauso, wie die Nazis das getan haben — nun, da stimme ich natürlich nicht mit Ihnen überein. Daß die letzte Wendung von Nietzsche zum Protofaschismus führte, das läßt sich meiner Ansicht nach nur in eingehender Analyse und nicht in einem Diskussions- beitrag von fünf Minuten widerlegen. Es läßt sich zeigen, daß Nietzsche gerade in den letzten Schriften, also im Fall Wagner, in der Götzendämme- rung und im Ecce bomo Angriffe gegen die Deutschen richtet, die man, wenn man sie kritisieren will, doch nur in dem Sinne kritisieren kann, daß sie zu weit gehen, aber doch keineswegs so kritisieren kann, daß da eben doch eine Sympathie für das deutsche Reich, für den Militarismus und für die faschisti- schen Tendenzen liegen. Nietzsche ist kein Protofaschist gewesen.

Bebler: Herr Gründer verlangte detailliertere Untersuchungen, um das komplexe Verhältnis Nietzsches zur Romantik zu erhellen, und verwies unter anderem auf Lord Byron. Herr Kaufmann wies auf Heinrich Heine hin. So ließen sich viele Themen nennen. Ein anderer Zugangsweg, um Nietzsches komplexes Verhältnis zur Romantik zu erschließen, wäre der chronologische, indem man sich überlegt, wie Nietzsche in den verschiedenen Stadien seiner Entwicklung über die Romantik gedacht hat. Und in einem ganz großen Umriß scheint es mir, daß er in seiner Frühzeit von der Antithese der Klassik und Romantik ausging, wobei er hauptsächlich die Romantik der 30er Jahre ins Auge faßt, in die er eigentümlicherweise Feuerbach mit einbezieht — wohl unter dem Aspekt ,gesunde Sinnlichkeit* und so weiter; dann, im fünften Buch der Fröhlichen Wissenschaft** die Antithese von Romantik und Dionysischem aufstellt, womit eine Intensivierung seines Kampfes gegen die Romantik eintritt; dann, nach der Lektüre von Paul Bourgets Essay über Baudelaire, wird Romantik für Nietzsche beinahe synonym mit Dekadenz. In Nietzsches gelungenstem Porträt der Dekadenz tauchen die Namen auf, die Sie, bzw. die Diskussionsredner aufgeführt haben, und zwar handelt es sich dabei um den Aphorismus 256 aus Jenseits von Gut und Böse (Völker und Vaterländer), in dem die dort genannten Gestalten unter die großen Europäer gerechnet werden. Und diese Zeichnung literarischer Dekadenz ist meiner Ansicht nach vielleicht das stärkste Argument für Ihre These, Herr

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Heller, daß Nietzsche sich der Romantik nie völlig entwunden hat. Freilich, hier stimme ich nun mit Herrn Kaufmann überein, sprioht dieses Bild literari- scher und geistiger Dekadenz durchaus gegen jede Art von protofaschistischer Haltung bei ihm.

Müller-Lauter: Angesichts der Fülle der Anspielungen, die Ihr Vortag geboten hat, ist es schwierig, auf einzelnes einzugehen. Zum Beispiel meine ich, daß Nietzsches Perspektivismus durchaus eine in sich geschlossene und tragfähige erkenntnistheoretische Position darstellt. Diese kann man, wie ich meine, aus seinem Verständnis von Interpretation ableiten. Viel stärker aber beschäftigt mich hinsichtlich Ihres Vortrages die Frage, ob nicht ein solches Ineinanderweben der verschiedenartigen Gedankenzüge uns einen Nietzsche präsentiert, der verwirrender wirkt, als er eigentlich ist. Damit will ich am allerwenigsten die verschiedenen Stränge, die auch gegeneinander laufenden Gedankenführungen dieses Philosophen leugnen. Ich meine aber, daß man diese einzelnen Stränge jeweils auch in ihrer immanenten Kontinuität verfol- gen sollte und dabei doch zu konsistenteren Denkgebilden kommt, als man nach Ihrem Vortrag meint kommen zu können. Auch ist es mir fraglich, ob wir den Begriff der decadence, den Sie ja auf Nietzsche selbst gerade im Zusammenhang seines Nichtüberwindens des romantischen Pessimismus angewandt haben, so reduzieren dürfen, wie es bei Ihnen geschieht. Handelt es sich bei Nietzsche wirklich um ein Steckenbleiben in der Spätromäntik, wobei die Ausbruchsversuche als Schein oder protofaschistisch, oder wie auch immer disqualifiziert werden können? Das experimentierende Suchen dieses Philosophen nach Möglichkeiten, seiner Zeit und den Aufgaben, die ihm in ihr gestellt waren, gerecht zu werden, 'wird damit nicht ernst genug genommen. Die von Ihnen nur angeschnittene Thematik, Nietzsches Verständnis der französischen Spätromäntik, sein Verständnis von Hugo, Flaubert, den Goncourts und anderen könnte zumindest zu einer Vertiefung seines späten Romantikverständnissen führen. Dabei verdient Beachtung, daß Nietzsche bei Wagner das gleiche Syndrom von decadence-Phänomenen findet wie im französischen romantischen Pessimismus; Wagner wird ja für ihn geradezu zum Franzosen. Zu fragen bleibt, was der spätromantische Pessimismus für Nietzsche denn eigentlich war und ob nicht gerade seineAuseinandersetzung mit der Romantik —vor allem die von 1888 eine deutliche Abhebung der eigenen philosophischen Position Nietzsches ermöglicht.

Gründer: Haben Sie nicht mit Ihrer Interpretation, Herr Heller, die den escapism so stark betonte, ein wenig Ihrer anderen Pointe aus Ecce bomo widersprochen? Escapism ist, wie die Psychoanalytiker sagen wurden: funk-

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tionierender Abwehrmechanismus. Aber Nietzsche hat sich ja doch als Experiment verstanden, ganz ähnlich wie Kierkegaard, und hat sich in einen weltgeschichtlichen Abgrund zu werfen vermeint. Er war von sich selbst der Meinung, daß er etwas austrüge in dem Maße, daß er ein Buch Ecce homo überschreiben konnte. Er war von der weltgeschichtlichen Repräsentativität seiner Existenz überzeugt. Ist das zusammenzubringen mit escapism? Man darf sich dieses Enden im Opfer nicht scharf genug vorstellen, weil es nicht in der passio magna endigte, in einer Kreuzigung, die zum großen Zeichen werden konnte. Joachim Ritters Großvater Leopold Witte war Rektor von Schulpforte und wurde in den neunziger Jahren manchmal von den Nietz- sches aus Naumburg besucht. Ritters Mutter, noch Kind, hatte dem kranken Professor aus Basel, der in der Kutsche warten mußte, dann immer ein Stück Kuchen zu bringen, über das er sich stets sehr freute. Ecce homo.

Ulmer: Als ich Ihren Vortrag hörte, Herr Heller, habe ich zunächst gedacht: so kann man Nietzsche auch darstellen. Aber ich möchte es positiver wenden: so muß man ihn auch darstellen und in seiner gesamten Komplexität und Vielschichtigkeit sehen. Man kann auch sagen: Nietzsche sei im Grunde genommen ein Kind des romantischen Pessimismus geblieben und habe ihn nicht überwunden, obwohl es seine Intention war. Man muß dann auch sagen — und damit schließe ich mich an das an, was Herr Gründer meinte —, daß Nietzsche doch die Vorstellung hatte, einen wirklichen Auftrag zu haben. Sie, Herr Heller, haben angedeutet, daß er diese Aufgabe nicht bewältigt hat. Darin stimme ich Ihnen zu, möchte nur ergänzend zu bedenken geben, daß Nietzsches Schaffen mit 44Jahren beendet war, und das ist für eine so große Aufgabe keine Zeit.^Er stand in einer Vorbereitungsphase, und in dem letzten Jahr, das ist ganz deutlich aus den Schriften zu sehen, als er versuchte, zu Entscheidungen zu kommen, da muß er sich in einer Situation von großem psychischen Druck befunden haben. Ich versuche, mir von dorther seine Vieldeutigkeit, aber auch das Psychotische, das in dieser letzten Phase liegt, zu erklären. Wenn wir das Positive in ihm suchen, so sollten wir sein Werk als einen Versuch ansehen.

Gilman: Herr Heller hat am Anfang seines Vortrags das Interpretations- modell der Spirale herangezogen. Ich finde das sehr interessant. Als ich über den Begriff der Parodie bei Nietzsche arbeitete, habe auch ich überlegt, ob die Spirale vielleicht eine Rolle spielen könnte. Es gibt ein sozusagen ,klassisches ModelP der Spirale, das sich bei Schiller findet in den Briefen über die ästhetische Erziehung. Ich bin schließlich zu dem Ergebnis gekommen, daß sich das Modell der Spirale doch nicht auf Nietzsches Denken anwenden läßt, weil zur Spirale das Wiederzurückgehen innerhalb des Argumentations-

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ganges gehört. Wenn man zur Interpretation von Nietzsches Denken ein Modell heranziehen will, dann sollte man lieber ein zeitgenössisches nehmen:

das der Doppel-Helix, mit dessen Hilfe man alles durcheinander und überein- ander sehen kann.

Heller: Der Aufbau meines Vortrags ist vielleicht verwirrend, z. T., weil zuviel nur kurz erwähnt wird. Einmal kommt das Wort Spirale vor, aber nur einmal, und ob man Nietzsches Denkbewegung als Schleife oder als Spirale sehen soll, das weiß ich eigentlich nicht. Ich habe vorwiegend das Wort Schleife gebraucht, um eine kontinuierliche Bewegung damit anzudeuten. Aber wie stichhaltig die Metapher ist, kann ich nicht sagen. Ich nehme diese Inte retationsmetaphem überhaupt nicht so ernst, wie das jetzt manchmal geschieht, nehme sie nur in einem approximativen Sinn. Ich weiß aber, daß es da Unterschiede in der Grundeinstellung gibt. Nun zum Escapismus. Ich meinte, daß im Hinblick auf eine gewisse Nietzsche-Position — nämlich die von ihm später durchaus als Übergang aufgefaßte, spielerisch schwebende, nicht-engagiert nihilistische — derzeit sehr viel escapistische literarische Kritik entsteht; und meine Polemik galt da eigentlich nicht Nietzsche, sondern dem, was mir entgegenkommt* und zwar —ich will nicht einmal sagen, von den großen Namen der französischen kritischen Strukturalisten und Poststrükturalisten — aber von ihren An- hängern, die immer wieder alles ins Nichts auflösen und darin ihre Beruhi- gung finden, indes bei Nietzsche ja dieser losgelöste Schwebezustand eigent- lich nur eine Übergangsphase zu einem positiven Engagement ist. Nun zu Heine. Der frühe Nietzsche lehnt Heine durchaus ab. Ein wenig hat die Aufwertung Heines bei dem späten Nietzsche etwas von der Aufwer- tung Bizets. Ich meine, er wird für Nietzsche zum buffoon, zum Clown, der sich über alles lustig macht. Allerdings: die Buffonerie gilt ihm unter anderem als geistreichste Form des Geistreichen. Dennoch liegt in der superlativischen Aufwertung Heines auch ein polemisches Element. Weiter. Ich glaube, Sie, Herr Ulmer, sagten, daß Nietzsche sein eigenes Tun als Auftrag empfand und daß man seinen eigenen Versuch auch als Auftrag auffassen könnte und sollte. Das ist eine Ansicht, die meiner nicht fern steht. Ich war in Anbetracht der großen Komplexität der Positionen und Gegenpositionen, die bei Nietzsche zu finden sind, nicht genötigt, hier den Protofaschisten wieder hervorzukehren. Es schien mir nur, weil das eine ganze Zeit lang verschwiegen wurde, nachdem es vorher über Gebühr heraus- gestellt wurde, gerecht zu sein, wenn man das jetzt einmal wieder nicht ver- schwiege. Denn das Verschweigen ist nicht mehr nötig. Man soll auch diesen Mann nicht zu sehr im Sinne einer Heldenverehrung umstilisieren. Man sieht sowieso vieles nicht, aber man muß es nicht noch ärger machen dadurch, daß

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man absichtsvoll wegsieht. Im übrigen gebraucht man das Wort Faschismus oft zu roh, als ob das nur eine Bewegung gewesen wäre. Es ist zum Beispiel eine Grobheit zu meinen, daß der Faschismus nur Nationalismus war. Als eine elitäre, esoterisch-nihilistisch-supranationale Haltung finden wir ihn bei manchen von den Raffinierteren, bei den nicht im Populärstil wie Hans Grimm Schreibenden, bei den nicht auf ,Volk-ohne-Raum* Abzielenden, sondern zum Beispiel bei Ernst Jünger. Dort finden wir z. B. auch das gute Europäer- tum, die Sympathie mit Frankreich. Derartiges schließt faschistische Tenden- zen nicht aus. — Was Herr Kaufmann sagt, daß man Nietzsche als Proto- faschisten einfach abschreiben kann, daß das eine Fälschung ist, daß das miß- verstandene Stellen sind, das halte ich für milde gesagt, komisch. Sein Proto- faschismus läßt sich an unzähligen Stellen nachweisen; ich brauche die Stellen in der Genealogie, die Stellen mit der blonden Bestie, nicht. Ich habe auch nie sagen wollen, daß der späte Nietzsche nur ein Protofaschist ist. Ich sage, es sind wesentliche Verzerrungen in dieser Richtung festzustellen. Die Ver- suche, das alles zu verharmlosen, halte ich einfach für schlechte Philologie.

Kaufmann:

gern zurück.

Das Kompliment mit der schlechten Philologie geben wir

Maurer: Das Wort von Nietzsche als Protofaschisten ist wohl nur ein Nebenaspekt der Ausführungen von Herrn Heller, freilich ein brisanter, wie die Diskussion zeigt. Als solcher verdiente er prinzipiellere Aufmerksamkeit, als sie im Rahmen eines feuilletonistischen, alles kurz berührenden und wieder beiseite legenden Stils möglich ist. Auf diese Weise werden die Probleme, die Nietzsche aufgegriffen hat, nur in verdünnter Form noch einmal aufgerührt. Eine solche Beschäftigung mit Nietzsche scheint mir weder angemessen, noch sinnvoll. Sinnvoll könnte es dagegen sein, wenn man sein Werk als die Aufforderung nimmt, die Ordnung zu suchen, die er selbst nicht gefunden hat, indem er Probleme unserer Wirklichkeit aufgriff und zugespitzt formulierte. Den Faschismus kaiin man dann als einen schlechten und fehlgeschlagenen Versuch verstehen, einige der realen Probleme, die Nietzsche bewußt gemacht hat, vorschnell durch eine gewaltsame und verbre- cherische Ordnung zu lösen. Das liegt hinter uns und dürfte sich in der Form eines zur Macht kommenden deutschen oder europäischen Rechtsfaschismus kaum wiederholen. Eher gibt es, und zwar nicht nur in Europa, Ansätze zu einer ähnlich üblen linksfaschistischen Lösung. Sie rechtzeitig, d. h. bereits im ideologischen Vorfeld abzuwehren, könnte Nietzsche heute dienlich sein. Doch darüber hinausgehend stellt sich für alle, die Nietzsche als Diagnostiker unserer Zeit schätzen, die Frage nach der Therapie, zu der er nur Andeutun- gen machen konnte.

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Heller: Ich habe versucht, die Bewegung zu zeigen, in der diese Forde- rung steht. Ich habe gesagt, man kann weder bei der blegisch-nostalgischen Phase stehenbleiben, noch kann man bei der Spielphase des Nihilismus stehenbleiben, man muß die Wendung zu dem positiven Projekt der Form- gebung mitmachen. Aber die Lösungsvorschläge, die Nietzsche zu dieser Wendung beigebracht hat, stellen eine Art von Rückfall in die Romantik dar.

Saß: Nur ein Hinweis zum Protofaschismusvorwürf, der den amerikani^ sehen Kollegen besonders einleuchten dürfte. Das Konzept des Willens zur Macht ist ja der Versuch, die Wahrheitsfrage zu beantworten. Wenn man nun sagt, es ist protofaschistisch, auf diese Art die Wahrheitsfrage anzugehen, dann müßte man auch sagen, der Pragmatismus ist protofaschistisch. Aber ebensowenig wie das Konzept der Wahrheitsbegründung des Pragmatismus , Yankeephilosophie' oder protofaschistisch ist, ebensowenig ist Nietzsches Konzept des Willens zur Macht protofaschistisch. Analysekategorien dürfen nicht zu Diffamierungskategorien werden. Der Protofaschismusvorwurf arbeitet zudem noch mit einem alten, veralteten Konzept von Ideen- geschichte.

Heller: Ich habe aber nun nicht die epistemologische Seite des Willens zur Macht als Versuch zur Lösung der Währheitsfrage betont, sondern habe gesagt, daß Nietzsche immer wieder darauf dringt, den Willen zur Macht in einer ganz konkreten Weise, — nicht rein epistemologisch, nicht theo- retisch —, sondern ganz konkret, im Hinblick auf den Staat, im Hinblick auf Züchtung, auf das Verhältnis des Sklavenstandes und der Herrenrasse hin auszulegen. Und diese Auslegungen, die nicht notwendig aus dem Konzept der Wahrheit als Form des Willens zur Macht oder des Perspektivismus folgen, diese habe ich mir erlaubt als protofaschistisch zu bezeichnen, weil sie es sind.