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ÜBER BEWEISE UND BEWEISARTEN BEI WILHELM OCKHAM

BOCHUMER STUDIEN ZUR PHILOSOPHIE

Herausgegeben von
Kurt Flasch – Ruedi Imbach
Burkhard Mojsisch – Olaf Pluta

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Band 53

HEINZ-HELMUT MÖLLMANN

Über Beweise und Beweisarten


bei Wilhelm Ockham

JOHN BENJAMINS PUBLISHING COMPANY


AMSTERDAM/PHILADELPHIA
Über Beweise und Beweisarten
bei Wilhelm Ockham

HEINZ-HELMUT MÖLLMANN
Ruhr-Universität Bochum

JOHN BENJAMINS PUBLISHING COMPANY


AMSTERDAM/PHILADELPHIA
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of Paper for Printed Library Materials, ansi z39.48-1984.

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data


Möllmann, Heinz-Helmut.
Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham / Heinz-Helmut Möllmann.
p. cm. --  (Bochumer Studien zur Philosophie, ISSN 1384-668X ; Bd. 53)
Includes bibliographical references and index.
1. William, of Ockham, ca. 1285-ca. 1349--Style. 2. William, of Ockham, ca. 1285-
ca. 1349--Criticism and interpretation. 3. Knowledge, Theory of. 4. Science--Methodology.
5. Logic. I. Title.
B765.O34M65   2013
189'.4--dc23 2013000804
isbn 978 90 6032 386 1 (hb; alk. paper)
isbn 978 90 272 7216 4 (eb)

© 2013 – John Benjamins B.V.


No part of this book may be reproduced in any form, by print, photoprint, microfilm, or any
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 Elke Hansen-Möllmann gewidmet
Danksagung

Ich danke Herrn Professor Dr. Burkhard Mojsisch, Ruhr-Universität Bochum und
Herrn Pro­fes­sor Dr. Ruedi Imbach, Paris (Sorbonne) und Fribourg für die bereitwilli-
ge Aufnahme mei­ner Ar­beit in die „Bochumer Studien zur Philosophie“.
Herrn Professor Mojsisch danke ich zu­dem für seine freundliche Anteilnahme
an dem Projekt. Er hat die Phase der Überarbei­tung des Manuskripts für die Druckle-
gung mit seinem beständi­gen Zuspruch begleitet und überhaupt die Veröffentlichung
in die Wege geleitet.
Herrn Pro­fes­sor Dr. Helmut Pulte, Ruhr-Universität Bochum schulde ich Dank
für Kritik und Ratschläge.
Herr Dr. Olaf Pluta, Ruhr-Universität Bochum hat mir bei der Fertig­stel­lung des
Manuskripts noch wertvolle Hinweise gegeben. Auch ihm möchte ich danken.
Meiner Frau Elke danke ich für ihre umfassende technische Hilfe bei der Herstel-
lung des Ma­nuskripts. Ihr widme ich dieses Buch.
Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

kapitel 1
Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 35

kapitel 2
Suppositionslogische Identität und Kontingenz 77

kapitel 3
Zum Verhältnis der Satzformen 121

kapitel 4
Fides et scientia 167

kapitel 5
Aus dem Innern Gottes 211

kapitel 6
Theologie und Logikbegriff 261

kapitel 7
Formbegriff und reale Wahrheit 311

kapitel 8
Glaube und Welt. Im Vorhof der Naturphilosophie 367

kapitel 9
Ontologie und Induktion 419

kapitel 10
Beweis, Satz, Akt 465
 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

kapitel 11
Abstraktion und scholastischer Beweiszweck 507

kapitel 12
Verflechtung und Abgrenzung der Akte 551

kapitel 13
Naturgrund und Realerkenntnis 593

kapitel 14
Widerspruch und accidens 635

Nachwort 681

Literaturverzeichnis 705

Namenregister (Mittelalter) 719


Namenregister (Neuzeit) 721
Sachregister 725
Einleitung

Unter dem Titel Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham stelle ich Ock-
hams Phi­­­losophie im Spiegel seiner Argumentationen dar: Induktion, reprobatio (re-
ductio ad absur­dum) und persuasio, charakterisiere diese noch im Besonderen für
Ockham. Ich will zei­gen, dass alle Doktrinen und Meinungen Ockhams in diese Ar-
gumentationsweisen einge­bet­tet sind und aus ihnen entfaltet werden.
Ich lege für Ockham dies als eine besondere methodologische Struktur dar und
verteidige sie als in sich abgeschlossen (kompakt) und in besonderer Weise leistungs-
fähig. Sie bedingt Re­vi­si­onen gegenüber dem scholastischen Schlussfolgern und
die Verlagerung auf das ‘Ent­schei­den’ der Gültigkeit von Sätzen und consequentiae.
Vereinbarkeit wird wichtiger als Wi­der­spruchsfreiheit. Sätze und Folgerungen wer-
den nicht mehr so ‘vollzogen’, wie man das in der philosophischen Deduktion des
Mittelalters (Duns Scotus) oder der Neuzeit (Spinoza) we­nig­stens der Absicht nach
und näherungsweise, dann aber wieder im 19. Jahrhundert in der ma­thematischen
Deduktion (Mengenlehre, Analysis) kennt, sondern nach von Ockham fest­ge­leg­ten
Kriterien der Zulässigkeit beurteilt. Seine Induktionen richten sich hier nicht auf au­
ßer­sub­jektive Tatsachen, sondern auf die im Verstand durch Abstraktion gegebenen
Akte: die no­titiae, die Satz- und Begriffsformen. Falsche Deutungen des Sinns von
Satz- und Begriffs­ty­­pen, wie Ockham sie der mittelalterlichen Scholastik entnimmt,
werden von ihm repro­biert. Da­runter sind die ontologischen Auslegungen des Be-
griffssinns (ontologischer Realis­mus).
Ockham begründet seine nominalistischen Auffassungen dann mit Überredungs-
beweisen (per­­suasiones) und Induktionen, in denen auf der Basis nicht voll verall-
gemeinerter (kasua­ler) Bestimmungen hypothetische Lehrentscheidungen entstehen.
Theoretisch handelt es sich nach heutiger Terminologie um einen Mentalismus.

. Mit ‘Ockham’ bedingungslos einen Herkunftsort be­zeich­net zu sehen le­gen Ph. Boeh­ner,
1944 (Introductory), W. Köl­mel, 1962, V. Hirvonen, 2004 u. a. nicht zwingend na­he. M. McCord
Adams, Will­iam Ockham, 1987 wählt die­se Schrei­­bung, obwohl sie einen „wahrscheinlichen“
Geburtsort glei­chen Na­mens angibt. A. Pel­­zer, Etu­­­des d’hi­s­to­ire litté­raire sur la scolastique médi­
éva­le, 1964 sagt überall Guil­lau­me Oc­cam, Guil­lau­me und Guil­­lel­mus Ockham, cf. pp. 508–
519: Les 51 ar­tic­les de Gui­l­lau­me Oc­cam cen­­surés, en Avignon, en 1326 (1922). Die Ein­träge von
Ockhams Zeitgenossen in G. Gál, William of Ockham Died „Impen­i­tent“ in April 1347, Fr St 42
1982 lauten aus­nahms­los ‘Guilel­mus (Guil­lel­mus) Okam’ oder ‘G. Oc­­c­ham’ (darauf wies mich
O. Pluta, Bochum hin). Ich möchte den rationalen Charakter in Ockhams Argumenten und Be­
weis­tech­nik, den ich behandle, durch keiner­lei ‘Anonymisierung’ verstellt sehen.
 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Diese Einleitung soll nicht sagen, dass sich in diesem Buch eine Deutung
Ockhams finde, die besser sei als andere oder alle Interpretationen, die er bisher er-
fahren habe. Sie soll viel­mehr ein­zig mitteilen wie meine Deutung aussieht. Die ist
allerdings bisher noch nirgendwo versucht wor­den. In ihr werden von Ockham ge­
führ­te Beweise mit der Fragestel­lung un­ter­sucht, ob sich darin ein bestimmter und
auch eigenständiger Beweistypus (ein Muster) er­ken­nen lasse. Es soll ins­ge­samt ge-
zeigt werden, was Ockham beweistheoretisch ge­leis­tet und im all­ge­­meins­ten Sin­ne
bei­­ge­tra­gen habe. Die praktisch von Ockham geführten Bewei­se, die von ihm zum
Beweisen (Beweismöglichkeiten) direkt vertrete­nen Anschauun­gen, die noch für die­­
se An­schau­ungen selbst wieder geführten Beweise werden be­handelt wer­­den.
Dabei verdient der Gesichtspunkt Beach­tung, dass Ockham seine allgemeinen
Meinungen viel­fach geäußert, sie an den einzelnen Textstellen vornehmlich, ja fast
ausnahmslos be­weis­för­mig vor­getragen und sie so im Beweis begründet hat. Des-
halb müssen Beweise, die darin zu­­tage tretenden Beweis­formen und dazu noch alle
hier kompatiblen oder zweckdienlichen An­­schauungen ihrer Struktur nach so weit
be­zeich­net werden, dass sie nicht nur letzthin ein­sich­tig wer­­­den, sondern auch ihre
Übereinstim­mung zu erkennen geben. An den genannten all­gemeinen Anschauun-
gen Ockhams wird, wo er sie äußert, auch die Satzstruktur sicht­bar, die die Erkennt-
nis trägt. Auf sie sind Ockhams Darlegungen bezogen, an ihr arbeiten sie, sie geht in
die Beweisanlagen ein, die durch diese Übereinstimmung charakterisiert sind.

. Ockham hat Interesse gefunden als mittelalterlicher Rebell, der (a) den ontologischen Rea-
lismus in der Uni­ver­sa­­li­enlehre verworfen, (b) mit erkenntnistheoretisch fragwürdigen Be-
hauptungen skeptizistischer Art dem na­tür­li­chen Glauben an die mensch­liche Erkenntniskraft
widersprochen, (c) mit theologischen Sonderlehren das Ein­- und Ge­mein­verständnis der Scho-
lastik gesprengt, (d) mit kirchenpolitischen Kampfschriften, ur­sprüng­­lich vom fran­zis­kanischen
Armutsstreit ausgehend, ge­gen Papsttum und Kirche aufgetreten sei, schließlich (e) als an­geb­li­
cher Vor­läufer wissenschaftstheoretischer Neue­run­gen mit starker Prägung in logischer Tech-
nik. In den Punk­ten (a) und (b) hat es viele Beschwichtigungen gegeben, in Sonderheit auch von
Vertretern des Franziska­ner­ordens. Sie werden sogar in der vom Orden editierten Ausgabe der
Werke Ockhams als probate oder obli­ga­te Auslegung angeführt. Die in (c) benannten letztlich
nur scheinbaren Sondermeinungen interessieren vor al­lem den protes­tan­tischen Theologen,
wobei ihre eigentliche technische Begründung übersehen wird. Diese Be­grün­dung steht auch
im Gegensatz zu der vermeintlichen logischen Ausrich­tung Ockhams (e), deren Ertrag von vie­
len bestrit­ten, von anderen gleichsam nur im Aperçu unterstellt und noch vor jeder Evidenz
behauptet wird. Dem Punkt (d) werden wir im Verhältnis zu den anderen am wenigsten Au-
genmerk widmen. Zur Ockham in der älteren Litera­tur bedingt zugestandenen wissenschaft-
lichen Geltung s. z. B. W. & M. Knea­le, The Deve­lopment of Logic, 1962, 1966 J. Pinborg, Logik
und Semantik im Mittelalter, 1972. In neueren Beiträgen (D. Per­ler, M. Kauf­mann, J. F. Boler,
M. Liske, A. Goddù u. v. a) wird Ockham unter Teilaspekten mo­derner Wis­sen­schaft und
Erkennt­nistheorie problematisiert und meist bei der Aporie stehen gelas­sen. Die Autoren stel-
len für ge­wöhn­lich fest, dass eine Gesamterschließung Ockhams nach den eingesetzten Mitteln
oder Fragestellun­gen nicht möglich er­schei­ne und halten dann Ockhams Konzeptionen für
fragmentarisch und undurchdacht.
Einleitung 

Ockham setzt sich vom scholastischen Milieu ab­. In ihm hat er sich grundsätz­lich
und weit­ge­hend als Kritiker verhalten, in herausragendem Maß ge­ge­nüber Jo­han­­nes
Duns Sco­­tus, der da­bei als Vorgänger wie Antipode angese­hen werden kann. Das
muss also beweis­theore­tisch zum Ausdruck kommen oder wenigstens ablesbar sein.
Es geht also auch darum zu zei­gen, dass Ockham nicht irgendwelche in irgendeiner
noch unbestimmten Weise ‘begründete’ Mei­­nun­gen, Son­der­meinungen etwa, vertre-
ten habe, sondern eben dies in der (seiner) Bin­dung an die Be­weis­elaboration und
Technik (seine Technik schlechthin) vorgenommen und vollzogen habe und darin
integrierte Standpunkte (Meinungen. ‘Lehrmeinungen’, Problemlö­sun­gen) ver­­­treten
und vorgelegt habe, die diese technische Fixierung nicht überschreiten. Dies alles lässt
sich un­­­ter dem Aspekt seines Mentalismus zusammenfassen, der damit als von ihm
ar­gu­men­tativ be­­grün­det und verteidigt sich ausnimmt.
Ockhams Beweispraxis und seine Ansichten zu Beweis und Be­weisbar­keit sol-
len dann auch im weitergehenden philosophiegeschichtlichen Rahmen verglichen
wer­den. Doch gilt die Ar­­­­beit vorab der Darstellung des technischen Charakters

. Die Differenz von Duns Scotus und Ockham stellt sich hier so dar, dass sie unter metho-
dologischen Ge­sichts­punkten, d. h. über bloße Doxographie hinaus, (nur) von Ockhams Er­
örterungen und Beweisgängen, Ar­gumen­te und Beweistechniken her sich angeben und dar­
stellen lässt. Wenn da die in Ockhams Behandlun­gen der Fra­gen enthaltenen Elemente das
‘Maß’ des Ver­gleichs abge­ben, muss deren inhaltliche und mentale (men­talisti­sche) Qualität in
irgendeiner Hinsicht wenigstens auf ein autonomes Den­ken zielen, dessen Mo­men­te für sich
absolut sein müssen. Die Elemente der Erörterungen Ockhams müssen daher je Kri­tik (et­wa
die an Duns Sco­tus) als ab­so­lute und im Sin­ne der Elemente selbst absolute und positive ent-
halten. Die­se Ele­men­te müs­sen ihre Positivität po­sitiv bedeu­ten: i.e. alles was Ockham rechtferti­
gen will, was die Intelligibi­li­tät seiner Position oder Positionen bedeutet und die Kritik an Duns
Scotus (z. B.) unmittelbar besagt. Das gilt dann für Termini wie Ab­strak­tion, sig­ni­fica­tio, con-
sequentia, subiectum, passio, etc. pp. Alle solchen Elemente be­kom­men einen menta­lis­ti­schen
Cha­­rakter oder Referenzwert. Das gilt auch für significatio. Das Antipodentum des Duns Sco­tus
wird dabei nach dem Vergleich mit Ockham erst und nur eine Folgerung sein. Sie definieren so
die Berufungsgrößen, von de­nen her zugleich Ockhams Erörterung und ihre Bewertung aufge­
baut wird. Da­mit kann dann natürlich be­züglich die­ser ‘An­tipodenrolle’ des Duns Scotus für
Ockham kein his­torischer Erklärungsgrund gemeint sein. Es gibt so ge­se­hen keine Motivation
‘in’ Ockham selbst, wel­che mit­ seiner Dif­ferenz zu Duns Scotus in der Form von Ope­ra­ti­onen
und de­­ren Zerlegbarkeit und Bedin­gun­gen zu­sam­men­hän­gen oder zusammenfallen könnte.
‘Mo­­ti­va­tion’ gibt es vermutlich überhaupt nur derart, dass die Elemente (Mi­ni­mierungen), die
in Ockhams Ope­ra­tionen vor­han­den sein müssen, mit ihr zusamme­nfallen.
. Es wird sich dabei zeigen, dass weitgehend jene Stand- und Gesichtspunkte entfallen müs­
sen, die, sei es neben­her und unter anderem, sei es hauptsächlich, weltanschaulich gedeutet
werden können und so auch Ockham selbst eigentlich als weltanschauliche Meinung unterstellt
werden müssten oder auch nur könnten, sei es dass man glaubt, er habe hier eine Ab­­sicht ge-
hegt, sei es dass man unterstellt, er habe sie nicht wahrhaft oder effektiv ausschlie­ßen können.
Es würde dies wohl immer bedeuten, dass man ihn aus inhaltlichen Gründen, am Ende welt­­­
anschaulich, widerlegen könne. Verfasser glaubt, dass Ockhams Methode und Ar­­­gumentation
 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

von Ockhams Argumenta­ti­ons­­weise. Die so immer technisch abgestützte Origina-


lität Ockhams begrenzt die Zahl ver­gleich­ba­rer Dok­trinen oder Einzelentscheidun-
gen. Hier konnte Ockham selbst durch­aus der Ansicht sein, dass es im Gefolge der
scholastischen Argumen­ta­ti­­ons­­for­men einmal der grund­­legenden Über­prüfung des
Beweismöglichen bedür­fe. Die­ses In­te­resse wird aber nicht nach der Dar­stel­­lung der
Schlüs­­se, Syl­lo­gis­men und falla­ci­ae präsentiert wer­­den, wie wir sie im Kom­pen­di­um
der Sum­­ma Logicae Ockhams (SL) finden, sondern vorwiegend nach dem Sen­ten­zen­
kommentar (SK), ausgehend von dem Pro­lo­gus Ordinationis (Ord. Prol.). Ordinatio
ist das er­ste Buch des SK, der in Ockhams Schlussre­dak­ti­on vorliegt. Das gilt für die
Bü­cher II–IV des SK nicht mehr, die nur als Re­por­tatio oder Re­­­­por­tata, Mitschriften
von Schü­ler­hand, exis­tieren. Als ihr ‘Verfasser’ wird Adam Wod­ham (ge­stor­ben 1358)
angesehen.
Unter beweistheoretischen Gesichtspunkten und beweispraktisch bezieht
Ockham überge­ord­­nete Leitbe­grif­fe (wie notitia intuitiva und notitia abstractiva,
actus, habitus, usw.), Aussa­gen­for­men in gleich­sam mentalistischer (intensionaler)
Auffassung in seine Erörterungen ein. Er behält ein vorrangiges (zentrales) Interesse
an der Untersuchung von Aussagen (Satzty­pen) und den sie bildenden Begriffsar-
ten. Daran schließt sich die Bewertung der Sätze (Aus­sa­gen) nach Wahrheitsgehalt,
Wahrheitsmöglichkeit, Stimmigkeit (Konsistenz) und schließ­lich Taug­­­­­­lichkeit für den
Syllogismus an. In­duk­­tion, persua­sio und reprobatio (= Widerle­gung, in­di­rekter Be-
weis, reductio ad absur­dum) haben bei der Ermittlung der opiniones und soluti­o­nes
Ockhams eine mentalistische Thematik. Es werden Aus­sagen über die Geltung von

ihrer Art nach so konzipiert sei, dass sie das ausschließe: was außerhalb ihrer liegen müs-
ste, kann bei der im Wesentlichen in­duk­­tiven Verfahrensart Ockhams nicht glei­chermaßen
­wirksam geltend gemacht oder sogar nicht einmal er­wo­gen wer­­den.
. Die Arbeit stützt sich also im wesentlichen auf den Kommentar Ockhams (SK) zu den
Senten­zen des Petrus Lom­­­­bar­dus, das sind näher die sogenannte Ordinatio, eine wahrschein-
lich re­digie­rte und autorisierte Fassung der ent­sprechenden Vorlesungen Ockhams, die nur das
ers­te Buch dieses Sentenzenkommentars umfasst, die so­ge­nann­­te Reportatio, das sind knappe
Mit­­­­schrif­ten dieser Vorlesungen, die Bücher II–IV des SK an­gehend, sein zu­­sammenfassendes
Kompendium zur Logik, das unter dem Titel „Summa (Totius) Logi­cae“ be­kannt ist und die
„Quodlibeta“, die wie üblich ausgewählte Fragen be­treffen. Dazu kommt der Sentenzen­kom­
mentar des persön­li­chen Schülers Adam Wodham. Daraus werden zur Illustration nominali-
stischer Ansichten bzw. der Verarbeitung von Ockhams Anregun­gen Buch I–III herangezogen.
Wodham ist die „Sum­ma logicae“ (SL) de­di­ziert. Wie wenig Ockhams Methode von diesem
Schü­­ler und von an­de­ren Spät­scho­­­­las­ti­kern, die mehr oder we­ni­ger als Ock­­hams authentische
Anhänger angesehen wer­den, genuin übernommen wurde, lässt sich in Anbetracht ih­rer Be­son­
derheit und ihrer herausragenden Anlehnung an die Ar­gumentationsweise zeigen. Denn sie
trägt die Leh­­re, die sich nicht von der Struktur der Er­örterung löst, so dass die Diskrepanzen
etwa zu Johannes von Mi­re­court, Ni­­kolaus von Autre­court und auch Gabriel Byel derart beste-
hen, dass jeder Gesichtspunkt der Lehre au­ßer­halb der in der Argumentation hervorgebrach-
ten Struktur und ihrer Effekte und Wertigkeiten gar nicht Bestand haben kann. Das gilt von der
Seite Ockhams aus für ihn und für seine „Anhänger“ oder Op­po­nenten.
Einleitung 

Aus­­­sa­gen, Verwendbarkeit, Eigenart und Tragweite von Be­grif­fen als solchen mittels
In­duk­­ti­on, persua­sio und reprobatio aufgestellt, oftmals Bestreitun­gen, vielfach re-
duktive Be­haup­­tun­­gen. Die Induktion gelangt oft zur persuasio, die sich in einen Syl­
logismus eingliedern kann. Als des­sen Umkehrung könnte nun die Induktion selbst
er­schei­­­nen. Es wür­de dann auf den Ober­­satz (Ma­jor) geschlos­sen, nicht aus Major
und Minor auf die conclusio. So einfach liegen die Din­ge im Falle Ockhams aber
nicht. Da die Maximen, die Ockham verwendet und eben auch beweist oder be-
gründet und jene Be­weise, die er dazu gebraucht, den reellen Effekt einer Er­kennt­nis
oder Kenntnis der res ex­tra animam in se nicht ergeben, bzw. ihn nicht zu­las­sen, kann
die Induktion als Teil oder Ele­ment dieser Beweise nicht auf einer ideellen Setzung
die­ser res ex­tra animam in se und ihrer Bestandteile beruhen bzw. auch nicht auf sie
zurück­zu­füh­­ren sein. Das muss zugleich be­deu­ten, dass Widerlegungen solche ideelle
Setzung aus­schlie­­ßen und mehr noch davon ih­ren Cha­rakter daraus erhalten, dass sie
es tun. Das bedeutet auch, dass analytische Beweis­füh­run­gen mit dem tertium non
datur zur Ermittlung von Be­haup­­­tungen nach Beweisen ex nega­ti­vo aus­geschlossen
(= unmöglich) seien. Auf dieser Un­mög­lichkeit beruht die Induktion; sie nimmt sie
auf, sie berücksichtigt sie, sie setzt sie um in eben jene Maximen, die als reduktive An-
sichten (opiniones) oder solutiones Ockhams dann auftreten, wenn der intensionale
Cha­­rakter von Begriffen und Aussagen bestimmt wird, bei de­nen eben das Verhält-
nis der Begriffe und Begriffsarten oder auch der Aussagen und Aussa­gen­ty­pen eben-
falls nicht als analytisches oder im Beweis analytisch begründetes erscheint, sondern
in diesem Sinne abgelehnt, i.e. re­probiert wird. Dabei werden dann jene Maximen

. Wenn in der nachscholastischen Phase der Syllogismus als ineffizientes Erkenntnisverfah-


ren dif­famiert wurde, so etwa von Descartes, weil man nur gewinne, was man zuvor hineingelegt
habe, so würde hier in unserem Rah­men und mit Bezug auf Ockhams Mentalismus zunächst zu
widersprechen sein. Aber hier genügt die Antwort von R. Arnheim, Anschauliches Den­ken, Zur
Einheit von Bild und Begriff 11972, zuletzt 2001, der Syllogismus selbst be­ruhe auf der Induk-
tion. Sie be­stimme seinen Er­kennt­­­niswert (p. 21): „Bezeichnenderweise wurde im 19. Jahr­hun­
dert der Syl­logismus beschuldigt, dass er auf einem Zirkelschluss beruhe, indem er etwas als
eine neue Er­kennt­nis prä­sen­tiere, das in Wirklichkeit schon im Vordersatz enthalten sei. Diese
Anschul­di­gung setzt voraus, dass der Vor­­der­satz durch Induktion zu­stan­de gekommen sei.“
Ockham klassifiziert Begrif­fe und Sätze, und gewinnt ‘Re­geln’ und ‘Ausle­gun­gen’, die er ihnen
gibt, erst über die Induk­ti­­o­­nen. Er gewinnt also nicht prak­tisch-­em­pi­ri­sche Er­kenntnisse über
Induk­ti­onen, wie es John St. Mill, Spencer, Frazer, eventuell Dilthey, Sche­rer, Helm­­holtz, usw.
vorschwebte: er er­stellt, be­schreibt und bestimmt (erst) Erkennt­nis­for­men. Er kann sie so nur
bedingt be­züg­­­lich der Empirie erzeu­gen. Die Empirie oder empirische Wahrheit ist gegenwärtig,
aber ge­ra­de nicht in sich konsolidierbar. Die hierzu er­forderlichen Beweise kann es nicht geben.
Viel­mehr gibt es Wi­der­le­gun­­gen (re­pro­­ba­tiones). Die res ipsa in se wird nicht nach irgendeiner
für uns prä­sen­ten Realform erforscht oder erörtert. Ent­sprechend gibt es keinen ‘Begriff ’ von
Erfahrung. Zur Stellung der Induktion bei Ch. S. Peirce, auch im Ver­hält­­nis zum Syl­logis­mus, s.
J. v. Kempski, Charles Sanders Peirce und der Pragma­tis­­mus. 1952. Dort p. 93 Anm. 5: „Die Affini-
tät des Induktionsschlusses zur drit­ten Figur hat auch schon F. Überweg, Sy­stem der Lo­­gik, 11857
p. 365, ⁵1882 p. 422 bemerkt“. Nach v. Kempski p. 93 stellt Peirce diese Korrespondenz 1867 fest.
 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

an­derer Scho­lastiker, etwa des Duns Scotus oder der Ockham zeitgenössischen Oxfor-
der Gelehrten, die nur in etwa einen analytischen Charakter haben können oder im Be-
weismodus vorausset­zen, abgelehnt, oft auch durch den Ge­­­­genbeweis in einer instan-
tia: das ist ein Bei­spiel, das in sich kontingent, eben eine Allge­mein­heitsbehauptung
zurückzuweisen gestattet oder verlangt. Diese Allge­meinheitsbehaup­tung (oder all-
gemeine Behauptung) kann dann zu­gleich keinen (definiten!) intensionalen oder men­
talistischen Wert besitzen. Ihn konstruiert Ockham mit sei­nen Beweisen, in seinen
De­fi­ni­tionen und deren Verteidigung durch persu­a­siones, Indukti­o­nen etc.
Bei Ockham ist die Induktion je­weils an ein in sich in­halt­lich ne­­ga­tives Mo­ment
gebun­den, mit dem eine Erfüllung des refle­xi­ven, auf mentalia be­züg­li­chen Aus-
drucks im­plizit ‘aus­ge­setzt’, al­so nicht strikt angenommen oder eingeschlos­sen wird.
Da­rauf erhebt sich dann eine Aus­­sage oder Behauptung, die auch nur beschränkt gilt,

. Da die Kontingenz hier mentale ‘Fakten’ oder actus mentales (mentalia), eben Begriffsarten
und Satztypen, be­trifft, muss die mit ihnen umgehende Induktion unbedingt voraussetzen,
dass analytische Operationen im Ver­hält­­­­nis der Begriffe, der Satzarten und schließlich auch für
(die) separaten Beweise untereinander mit einer An­ord­nung ihrer Begriffe nicht existieren. Es
gibt so im Prinzip nur separate Beweise und deren multiple Verfüg­bar­­keit in allen Diszipli­nen
und an allen möglichen denkbaren Stellen. Diese Beweise erstellen ja wie gesagt auch die Ma-
ximen, die ihrerseits vielverwendbar, allerorten oder durchgängig ‘berufbar’ sein müssen. Den
Be­weis, dass durchgängige Begriffsordnungen nicht existieren, hat Ockham öfter ge­führt: es ist
ein Widerle­gungs­­­beweis, der sich auf kontingente Abweichungen beruft, also auf sogenannte
instantiae. (Die) Begriffe kön­nen damit auch in keine Struktur eingehen, bei der sie im Verhält-
nis solcher Anordnung, wie sie Ockham be­streitet, selbst in ihrem gleich­sam realen, i.e. inten-
tional extramentalen Gehalt und so auch in ihrem Sinn, so­gleich und even­tu­ell ausschließlich
verstanden, also mit extramentalem Bezug, Beweise liefern könnten, so wie sie bei Duns Sco­tus
und Spinoza etwa vorlägen, wenn sie hier denn für gültige Bewei­se denn sollen gehalten wer­­­
den. Hierbei wäre dann noch gesondert zu erörtern, ob da in den Be­weisen resp. Beweisketten,
als welche sie betrachtet wer­den müssten und offenbar nach der Mei­nung der Urheber auch
betrachtet werden können sollen, bei durchweg und vorausset­zungs­los extramentaler Geltung
noch (rein) intensionale Einsprengesel (Inseln ge­wis­­sermaßen) mög­lich oder unentbehrlich
wären. Bei Betrachtung der Scotischen Beweisausgestaltun­gen könnte man solche Einspreng-
sel in der Form im Beweisgang dann neuer ontologischer Prin­zi­pien, ad hoc Anleihen bei
Aristoteles gegeben sehen. Man müsste also sehen, ob sie statthaft seien und ob sie korrekt in
den Beweisgang eingeschleust würden. Nach Ockhams Ab­straktions­leh­­re ist es zu bezweifeln.
Die im Grunde se­man­ti­sche Ordnung der Be­grif­fe, die für solche Beweise à la Duns Scotus
und eben auch Spinoza erfordert ist, sogar wohl pos­tu­liert wird, und namentlich bei Walter
Chatton, Ockhams Kritiker, das A und O bildete, müss­te überhaupt nach aris­totelisch-on­to­
logischen Prinzipien unerfasst erscheinen, so dass demge­mäß auch der in­ten­sionale Charakter
(in der dedukti­ven Verwendung solcher Prinzipen) streitig zu werden hät­­­te. Ockham indes
kor­rigiert den de fac­to ex­­tra­mental und realistisch ausge­rich­­teten Aris­to­­­teles mentalistisch,
intensional, i.e. auf die mentale Struktur und Klassifika­ti­on der Begriffe und Sätze bezogen und
er revoziert den bei Aristoteles po­s­tulierten oder meis­tens un­terstellten Not­wendigkeitsgehalt
in Richtung auf den Kontingenzcharakter, worin Be­grif­fe bzw. Sät­ze und Ge­­­­­­­gen­­stände extra
mentem bei Ockham sich begegnen.
Einleitung 

eine persu­a­sio be­deu­tet, oder gar ne­ga­tiv for­mu­liert ist: Nicht alle (Fälle von) x haben
y oder: Nicht immer wenn ‘x’. gilt auch ‘y’. u. ä. Wenn bei Aristoteles die Indukti­on auf
die sinnliche Erfahrung sich stützt, so bei Da­ten oder Ak­ten, die in den intellectus ra-
gen oder ihm zugrunde liegen, lässt bei Ockham die In­duk­­tion sich noch einmal und
an­ders be­grün­­den: die Intention auf die Realität wird ohne strik­tes­te Erfüllung bzw.
Erfül­lung als einem notwendigen Bestandteil der Forderung für die Gel­tung dieser
Intention gedacht. Auch die no­­­­­titia in­­tu­itiva, die nominell die em­pirische Er­fah­rung
besagt und sie funk­tional ver­tritt, wird nicht als a parte rei zu denken notwendig
erfüllt betrachtet, so dass mit der Benennung einer sol­chen empirischen Erkenntnis
deren ‘Existenz’ behauptet werden könne. Nach ihrer defi­ni­­tio kann sie im Sinne ihrer
ratio von allen akzi­den­tel­len Referen­zen ge­trennt und für eine Viel­­­­zahl von casus,
die heterogene Verursachungssi­tu­a­tionen bedeuten, als nicht auf die ex­tra­­­mentale
Gegenstandsgegebenheit bezogen verstan­den. Auch sie wird so in eine kontingent
gedachte Weltordnung einbezogen. Das accidens, über das sogar vorran­gig die Er­
fah­rung der Welt gedacht wird, ist in sich leer, das heißt: for­mell nicht (notwendig)
als real er­füll­bar und ge­­genständlich betreff­bar gedacht. Die Indukti­on muss von

. Da es für Ockham keinen Begriff von Erfahrung in sich geben kann, kann es auch keinen
Bezug des Begriffs auf Er­fah­rung im Sinne von Wahrheit geben, einmal ganz abgesehen davon,
dass man von Wahrheit vielleicht aus­schließlich bei Sätzen sprechen möchte. Indessen werden
bei Ockham vermöge der notitia intuitiva Be­grif­fe (Prädikationen) bestätigt, nicht Sätze. Wo
die Sätze Zustimmung (assensus, assensio) erhalten, geschieht es in­­ner­halb geeigneter Syllogis-
men und dabei entfällt der Wahrheitsbezug via Realitätsbezug (oder Objektbezug) eben­so wie
die (getrennte) Wahrnehmung der Begriffe als notitia incomplexa. Diese notitia incomplexa
ist aber Vor­aus­setzung für die notitia intuitiva, so wie sie kausalgenetisch dieser sich schon
verdankt. Der Satz, dem wir qua syl­logistischer Beweisführung zustimmen, liegt uns im ac-
tus apprehensivus als notitia complexa vor; er wird selbst complexum genannt. Doch gesteht
Ockham die immanente Präsenz der notitia incomplexa auch beim Syl­logismus zu. Sie ist dann
möglich, wird aber nicht (gleichzeitig) wahrgenommen. Die distinctio realis zwi­schen no­titia
incomplexa und notitia complexa wird nicht in den actus apprehensivus (notitia abstractiva!)
des Satzes übertragen, der damit unabhängig und induktiv möglich wird; er kann per casum
induziert werden. Wir ha­ben Sätze ohne den einzelbegrifflich bestimmten Realbezug und eben
damit überhaupt Sätze, die davon unab­hän­gig sind; wir werden die unbedingte Identität oder
Verwechselbarkeit von notitia intuitiva und notitia ab­strac­ti­va nur so vermeiden können, da
sie bezüglich der Begriffe selbst beide möglich sind und aufeinander fol­gen kön­nen. Erst ihr
fallweise disparates Auftreten sichert ihre Identität und damit den Begriff. Dabei ist (s. o.) er­
kenn­bar, dass diese Disparatheit zwar empirisch gestützt erscheint, aber in der Argumentation
nicht in der aus­schließ­li­chen Parallelität mit empirischen Daten verbleibt: denn wir erkennen
die notitia incomplexa der Begriffe in der notitia incomplexa propositionum nicht oder (ad
libitum) nicht mehr notwendig. Daher die Möglichkeit der Tren­­­nung schlechthin.
. Das accidens, das nicht im Sinne der inhaerentia passionis in subiecto im Satz als diesem
not­wendig verbun­den gedacht werden kann, ist auch im Sinn der ratio oder forma eines Be­
griffs oder einer Erscheinung, auch ei­nes actus oder einer notitia, wenn auf diese bezogen,
nicht deren notwendiger Bestandteil. So werden auch nicht die referentiae der notitiae Teile
 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Akzidenzien, das heißt von den von substantiae oder formae ge­trennt gedachten, i.e.
mit ihnen nicht notwendig ver­bun­de­nen Be­ziehungen ausge­hen. Da sie in sich leer
oder em­pirisch nicht erfüllt sind, kann ihnen eine Ne­gation zugespro­chen werden. Von
ihr gehen Ockhams induktive Operatio­nen, per­su­a­si­o­nes, Schlüsse a for­ti­o­ri aus. Die
Vereinigung des ac­cidens mit dem subiectum im Sinne der realistisch ontolo­gischen
Inhärenz kann nicht ge­grün­det werden; sie wird repro­biert. Diese re­pro­batio (Wider­
le­gung, indirekter Be­weis, re­duc­tio ad absurdum) aber be­schränkt sich auf die Ab-
weisung (re­fu­tatio) von The­sen, Meinun­gen, Maximen oder Begriffs­ver­wendungen,
sie be­gründet nicht wie bei Duns Sco­tus ‘analy­tisch’ dann positiv gemeinte An­sichten.
Diese in ih­­­rer inhaltlichen Begrenzung, reduktiven Be­­deu­tung, liefern die an die re­
pro­batio angefügten vor­genannten In­duk­tionen und persuasio­nes.10 Beider Identität
oder we­nig­stens Nähe zueinan­der soll beschrie­ben werden.11
Für Ockham kann angenommen werden, dass bei ihm weltanschauliche Aspek-
te, wenn sie in irgendeiner Spur vorliegen sollten, doch immer an den tech­ni­schen
Charakter der Ar­­gu­men­­­­­­ta­ti­on gebunden bleiben, als deren Umsetzungen erscheinen
und so dem Willen Ockhams ent­spre­chen, der sich in der Argumentation manife-
stiere und den durch diese erzeug­ten oder mit­ge­geben Strukturen, bzw. Bewertun-
gen.12 Alle Fragen werden in der Fixierung auf die Ar­gu­men­tation vor­ge­tragen und

ihrer Inhaltsbestimmung, ratio usw. Sie liegen akzidentell außerhalb derselben und stören
da­her in bestimmten kontingenten Anordnungen, casus des Vorkommens oder der Wirk­sam­
keit sol­cher notitiae nicht; sie bedingen keine Widersprüche. Infolgedessen verliert das Wider­
spruchs­prinzip seine regu­la­­tive Kraft oder Bedeutung.
10. Widerlegungen tendieren hier zu einer Ersetzung des Widerspruchsprinzips. Denn in ihnen
wird bei Ockham im Sinn der Induktion, eine empirische Funktion oder Relevanz greif­bar.
11. Bei Ockham wird für das accidens keine Ausgestaltungsqualität hinsichtlich der sub­stan­­tia,
for­­ma, des sub­iectum angenommen. Es bedeutet so keinen Gehalt einer passio in Be­zug auf
die substantia, das subiectum etc. Das gilt dann auch für theologische Sätze. Cf. einen sogar
extremen Fall Kap. 2 p. 91ff.
12. J. Zuidema, De Philosophie van Occam in zijn Commen­taar op de Sen­tentién, vol. I, 1936
sah bei Ockham Gnostizismus ohne wirkliche Vermittlung (Austausch) zwischen schlechter
irdisch-menschlicher Welt und irre­le­­­vantem Gott (cf. ab p. 205); die Texte verweisen in der Tat
auf ei­nen beinahe entschiedenen Nesto­ri­­­anismus. Cf. z. B. Ord. d. 2 q. 7 TO II 2 p. 260 lin. 18–21:
„dico quod in­ter na­turam et sup­­po­situm aliquando est dis­­tinctio realis sicut inter suppositum
et naturam assumptam.“ In irdi­schen Verhältnis­sen gilt das nicht eigent­lich: „ali­quan­­­do autem
penitus nulla est distinctio a parte rei.“ Nach Rep. IV q. 6 OT VII p. 99 lin. 7–9 ist die unio
zwi­schen Verbum (= filius) und natura assumpta eine „unio … accidentis ad sub­iec­tum.“ Da
dann das Ver­bum divi­num unbegrenzt (il­limita­tum) und anderswo als die natura assumpta,
näm­lich Christus hie­nie­den, sein kann, kann es über­all sein (ib. lin. 20) „se­­cun­dum potentiam
divinam et non virtute potentia pro­pria.“ Das ist ei­ne in­duk­tive Ver­all­gemeinerung via Om­­­
nipotenzprinzip. Diese tritt der Un­ter­schie­den­­­­heit des verbum (lin. 21) „se­cun­dum quid“ von
des­sen akzidenteller Ver­ei­nigung mit dem corpus humanum bei. Die po­ten­tia divina wirkt
oder fun­giert selbst hier noch bezüglich der di­vi­nitas selbst im Sinne einer abstrakten Unter­
Einleitung 

in dieser Weise quasi noch einmal versachlicht und, ge­­genüber dem scho­las­ti­schen
Mei­nungs­streit mit sei­ner Pluralität von opiniones, gewis­ser­­ma­­­ßen in sich neutrali­
siert. Dass bei Ockham Mei­nungsäußerungen, in Streit­­fra­gen sei­ne so­­lutiones, mit
der argumentativen tech­nischen Form verschweißt sind, in der sie vor­­ge­­­tra­gen und
begründet wer­­­den, wobei ih­nen der Weg argumentativ durch reprobationes und re­­­
fu­­ta­ti­o­nes bereitet wird, soll hier inso­fern bewiesen werden, als Ockhams Argumen­
ta­tio­nen und Operationen in die­­ser Weise be­schrie­­ben und womöglich voll­ständig
gedeutet wer­den.13
Die Argumentation Ockhams überdeckt des­sen Erörterungen, so dass seine Dok-
trin in et­wa we­niger interessant erscheint. Einmal sind sei­ne Standpunkte, wo man
sie für kategorisch hal­ten möchte, in Argumentationen eingebet­tet, also gebunden.
Das Dezisive liegt so bei der Ar­gu­mentation. Dann wieder sind inner­halb der – for-
mal gleichbleibenden – Argumentation, wie die­se erscheint, inhaltliche Aspekte mit
mehr Konzilianz und Variabilität vorgetragen wor­­­­­­­­­­den, als erwartbar wäre, wenn sie
im Denken Ockhams vorrangig wären. Der inhaltli­che As­pekt wird zudem, weil die
Met­hode und Ar­gu­mentation Ockhams selbst pragma­tisch oder in­ten­sional ist, i.e.
wesentlich auf die Akte des Verstandes, die Sätze, Satz- und Be­­­­­griffsarten usw. sich
bezieht, die intra­mentale Spezifi­ka­tion des Denkens betref­fend, in der Methode, al­so
der Argumentation mit­ge­ge­ben sein. Die einzelnen Argumente oder Argumen­ta­ti­ons­
weisen werden, wenn und wo sie er­schei­nen, als in einer freien Systematik auf­tretend
sich ausneh­men, wobei sie immer mit ex­klu­die­render Eigenschaft wirken. Sie werden
gleich­mäßig wie­der­holt. Sie bilden ein Ge­­­rüst, in welchem der methodologische As-
pekt er­scheint.
Wichtig ist, dass Ockham per Induktion nicht etwa naturwissenschaftliche
Fak­­ten erhebt, son­­­dern psychologische und erkenntnistheoretische: er arbeitet
mit der Induktion an der Klas­si­­fi­ka­tion von Satzformen und Satzarten, die er nach
Bestimmun­gen gibt. Diese, intramen­tal auf das Subjekt des denkenden Menschen be-
zogen, spezifizieren dessen Vermögen und Kom­pe­­tenz und schränken sie ein. Tech-
nisch und inhaltlich wird hier wesentlich nicht das ge­nerel­le Gesetz oder die gene­rel­le

schei­­dung von der Em­pi­rie, ohne die­­se Empirie für sich infrage zu stellen. Das Ganze gemahnt
an eine gewisse pa­gane An­schau­­­­ung: Gott bleibt Gott in sich. Sie be­stärkt in der An­nahme,
dass die Erlösung durch den Sohn im Mittelalter ein un­as­si­­mi­­lier­ter Fremd­kör­per hin­sicht­lich
des Chris­ten­tums von jeher war und blieb, daher sogar bei Ockham in der Form der (Revi­si­on
der) Scholastik auftreten konnte und, wie wir meinen, an ihr ursächlich mitge­wirkt ha­ben mag.
Hier geht es um die Be­wältigung eines My­thos, der nicht in die Form und die tenue scholas­ti­
scher Spra­che eingehen oder gar sie völlig bestimmen und de­for­mieren konnte. Ockham zeigt
sich rekalzi­trant. Ockham sprengt die Scholastik mittels der Abstraktion, die auch gegen die
Ontologie greift und durchgreift.
13. Vollständig ist dabei als terminus technicus derart zu sehen, dass inhaltliche Vorstellungen
und begriffliche Auf­fassungen so ausgelegt und berücksichtigt werden, dass gegen sie (inhalt­
liche) Einwände, sei es von seiten der Sache, i.e. der Logik, der Operationen selbst, oder nach
Text­be­legstellen vorderhand nicht leicht möglich sind bzw. entfallen (können).
10 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Behauptung erhoben, sondern das begrenzte ‘Auch noch Mög­­­­li­che’ (zusätzlich Denk-
bare), die kompa­tible Möglichkeit extra sensum communem, die Noch­mög­­lich­keit
ei­ner Erkenntnis, die dann materiell etwa be­züg­lich der divina essentia zur Aus­schlie­­
ßung der faktisch nicht möglichen Erkenntnis neben der hypothetisch noch zulässi-
gen führt. Ockham prüft Sätze (Satzarten) nach ihrer Struktur, klassifiziert Begriffsty-
pen, klärt Be­­­­griffsdefinitio­nen, um danach deren Zulässigkeit oder Zweckmäßigkeit
unter Revision oder Tilgung eines all­­gemeinen Folgerungsbegriffs (und zwar in An-
passung an die Induktion) dar­zu­­stellen.
Dabei bleibt der Begriffsrahmen, von dem Ockham ausgeht und den er strikt ein-
hält, be­grenzt: es sind die notitiae (notitia intuitiva und notitia abstractiva), die actus
(actus ap­pre­­hen­sivus in Sonderheit), die Formeln ‘de potentia divina absoluta’ (ge-
meinhin unbeachtet: in zwei Varianten14), das Ökonomieprinzip (Ockhams „Rasier-
messer“), ‘non est inconveni­ens quod’, ‘non est maior ratio quod (non)’, etc. die alle
der Induktion sich bedienen oder an­ge­nä­hert sind und zu den „Überredungsbewei-
sen“ (persuasiones) führen: ‘Non est impossi­bi­le’ u. ä. Dabei ergibt sich die Analyse
von Trugschlüssen (fallaciae). Sie ist nicht antezedent, wie man nach einer förmlichen
und starren Anwendung von Regeln und Erläuterungen einer ka­no­­nischen mittelal-
terlichen Logik erwarten könnte.15

14. Hier sind Entzerrungen bei den Charakterisierungsdetails unerlässlich. So kann der fol­
gen­­den von D. Per­ler, Nikolaus von Au­tre­court, Briefe, 1988, p. 97 kaum zugestimmt wer­den:
„Gott kann ei­ner­seits mit der „po­­tes­tas or­dinata“ gemäß den natürlichen Ur­sa­chen auf über­na­
türliche Weise wir­ken, an­de­rerseits aber auch unter Miss­­achtung der natür­lichen Ord­nung über­
natürlich-kon­tin­gent han­­­­deln.“ Perler will derart mit Verweis auf K. Ban­nach, Die Lehre von der
dop­pelten Macht Gottes bei Wilhelm von Ockham, 1975 das ganze 14. Jahr­­hun­dert be­zeichnet se­­
hen. Es gilt jedoch für Ockham, dass die po­ten­tia divi­na absoluta nicht der potentia dei or­di­nata
gleich ist, sondern von dieser abge­grenzt wird und sie für Aus­nah­­men übersteigt. Gott wirkt
auch nicht mit ‘na­tür­lichen Ur­sa­chen auf übe­rnatür­li­­che Wei­se’, son­dern er kann hypo­thetisch
die natürliche Ursa­chen­kette, so­weit und weil in ihr die distinc­tio realis zwi­schen Ur­sa­che und
Wirkung besteht, insofern über­sprin­gen, als er selbst sich zur Ursache an­stel­­le der Ursache set-
zen könnte. Er „handelt“ aber nicht ein­mal dann ‘un­ter Miss­­ach­­tung der natür­li­chen Ordnung
übernatürlich-kontin­gent’; beide Fälle wä­ren so nicht recht unter­scheid­­­bar, wie denn auch das
Wirken mit ‘natür­lichen Ur­sa­chen auf über­na­tür­liche Wei­se’ wo­möglich nicht feststell­bar ist, al­so
zu einem un­bemerkbaren Wun­der zu rechnen wäre, wobei es denn als ‘Wun­der’ nach der Inter­
pre­ta­ti­on von H. Blumenberg, Die Le­gitimität der Neuzeit, 1966 zu deuten wäre, gar dazu noch
als ‘un­merk­­­li­­ches’. Die Tex­­te, i.e. das scho­la­s­­ti­­sche Mate­r­i­al, sagen aber: Gott kann dann in der
Tat sogar noch ein zweites Mal qua po­ten­­tia di­vi­na ab­so­lu­ta wir­ken, nun aber qua poten­tia di­vi­
na ab­so­lu­ta su­pra­­na­turali­ter loquendo. Dann ist aber auf den empirischen Bezug an­ders als bei
der po­ten­tia di­vi­­­­na absoluta na­­­tu­­ra­liter lo­quendo Verzicht geleis­tet wor­den. An Perlers zitierter
Cha­rak­terisie­rung des No­mi­nalismus ist nicht ein Minimum verifizierbar: das Ma­te­rial zeigt für
kei­­nen darin ge­nannten Faktor oder Charakterzug eine explizite Verwendung im Sinne der von
Per­­­ler so­gleich hy­­per­bo­lisch gesuchten Ausgriffe bzw. allgemeinen Bezugsstiftungen.
15. H. Schröcker, Das Ver­hält­nis der Allmacht Gottes zum Kontradiktionsprinzip nach Wil-
helm von Ockham, 2003 will das Omnipotenzprinzip (oder dessen Gebrauch) bei Ockham
Einleitung 11

Der actus apprehensivus bezeichnet die Grundposition einer nicht mehr per An-
schauung16 oder über die species, den eigens konzipierten Begriffsgehalt, bestimmten
Erkenntnis, sondern ei­ne Po­sition, bei der der Intellekt mit menschlichen Begriffen
(conceptus als Besonderheit des ter­minus) in einer von allem, obiecta extra men-
tem, sensus, species, essentia, natura usw. un­ter­­schie­­denen Sphäre arbeitet. Mit dieser
steht er, mittelbar oder unmit­telbar, auch unter­halb der Sphäre Gottes. Erkenntnis,
die Gott, die Engel, die Seligen haben kön­­­nen, wird von Ockham im Vergleich über
die Erkenntnis, die der Mensch hat, moduliert und da­ne­ben von den Beweismög-
lichkeiten her bestimmt, welche diese menschlichen Akte selbst in­haltlich ver­­­­­mö­­ge
ihrer Definitionen nach den hier angemessenen Beweisoperationen (Indukti­on, per­
su­asio, Syllogismus) bieten und zulassen; unangemessne Folgerungen werden durch

durch das Widerspruchsprinzip be­grenzt se­hen. Das ist eine bezweifelbare Ansicht, weil der
Wider­spruchsatz bei Ockham einerseits in der Be­grenzung von Inhalten und danach deren
Real­gel­­tung nicht auftritt, andererseits das Allmachtsprinzip selbst über kontin­gen­­ten Inhal­ten,
Sach­verhalten und Sätzen operiert, welche ihrerseits dem Kontradiktionsprinzip schon in sich
nicht Raum geben und auf ihm nicht aufgebaut sind. Sie und ihre Inhalte können daher nicht
über das Kon­tra­dik­ti­­onsprinzip begrenzt und reguliert werden; es geht vielmehr darum, dass
allgemeine oder zu allgemeine An­nah­men (Maximen) von Ockham durch instantiae aufge­
brochen und widerlegt werden, wonach dann das Omni­po­­­tenzprinzip als Induktor einer Ge­
gen­annahme ins Spiel kommt (potentia divina absoluta naturaliter lo­quendo), wenn wir nicht
mit der potentia divina absoluta supranaturaliter loquendo oberhalb empi­ri­scher An­­­nah­­men
und Sätze und einem entsprechenden Bezug des Begriffsgebrauchs auf unsere uns em­­pirisch be­
kannte Wirklichkeit ope­rieren (bei den Sätzen die divina essentia betreffend). Wir haben dann
hier den Wi­der­spruch und die Freiheit vermöge des Allmachtsprinzips (als Mo­dus modo com-
posito gebraucht) dort. Wir müs­sen prin­zi­pi­ell, um zu Be­grif­fen und Be­griffs­verwendungen
zu kommen, die Gott betreffen, (etwa bei Relationsbe­grif­fen für die Bezie­hung zwischen den
personae divinae) die Empirie übersteigen. Das heißt: wo wir hier auf Wi­­der­sprü­­­che stoßen,
müs­sen wir die Begriffsverwendungen oder das Satzverständnis korrigie­ren oder aber, nach
ei­nem naturalen Ver­­­ständ­nis unserer selbst, den dogmatischen Lehrgehalt angreifen und strei-
chen. Auch das tut Ockham ver­mö­­ge der Akzidentalität, die bei unseren actus in anima gilt.
Auch beim accidens, wie bei der ihr ver­wand­ten Kon­tingenz (kontingen­ter Satz) greift nicht
das Wider­spruchs­prinzip, das leniter adiunctum zwar „‘gilt’“, doch keine kon­sti­tutive Funk­tion
hat. Für die intensionale Konstitution der Sätze und der Begriffe spielt es keine Rol­le. Es wird
sodann durch die distinctio realis und die Zweiheit von Identität und Nichtidentität (et­wa in
der re­duc­­tio ad absurdum und bei der Widerlegung der Annahmen des ontologischen Rea-
lismus usf.) ersetzt. Zu wei­te­rer Kritik s. Kap. 13 Anm. 78 Nach Ockham muss man an den
Widerspruchssatz eigens glauben, wenn man danach Seins­un­möglichkeit = Absurdität (Impos-
sibilität) begründet sehen will, cf. Kap. 5 Anm. 138.
16. Vorstellungsbilder, wie sie etwa bei den Modistae, bevor der Aristotelismus siegreich
wur­de, zwischen Den­ken, sprachlichem Ausdruck, Begriff und Begriffsform einerseits und
extra­men­taler Realität andererseits vermit­telt hatten, spielen keine Rolle mehr. Zu diesen s.
zu­nächst H. Roos, Die Modi signficandi des Martinus von Da­cien, Forschungen zur Geschichte
der Sprachlogik im Mittelalter, 1952, dann J. Pinborg, Die Entwick­lung der Sprach­theorie im
Mittelal­ter, 1967.
12 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

em­­­pirisch be­stimm­te instantiae und reductio ad absurdum (indirekte oder Widerle­


gungs­­­be­wei­­se) ausge­schlos­­­sen. Das gilt auch für die realistische Universalienlehre
und be­stimm­­te on­to­logische Auf­­­­­­fas­sungen und wissenschaftstheoretische Lehren auf
der Basis der Begriffs­ty­pen und Satz­mus­ter. Es soll aber dann gezeigt werden, wie on-
tologische Be­grif­fe (for­ma, accidens u. a.) von Ockham in Bezug auf Begriffsgehalte,
nach dem Unter­schied von es­sentia (substan­tia) und accidens dem Objekt und seinen
Umständen oder Aus­wir­kungen zu­geteilt, in die Ar­gu­­men­­­ta­ti­on inte­griert werden
und auch hier sie vorab der persu­a­sio zufüh­ren. Die Kausalität wird da­mit eben­so
wohl erklärt wie zugrundegelegt. Der Er­klärung der In­duk­tionsbasis bei den Argu­
men­tati­onen Ockhams soll besonderes Augen­merk gelten.
Wir haben bei Ockham eine innere Struktur als Prinzip und Basis des Erkennens
im kon­tin­gen­­ten Satz, dessen Begriffe, in der SL vorab auch extrema genannt, im SK
eher subiec­tum und passio, in ihrem Verhältnis zueinander durch die Operationen
(Argu­mentationen, In­dukti­o­nen, Widerlegungen und persuasiones) für ihn über Be-
stimmungen er­fasst werden müs­sen, die dann inhaltlich zusätzlich, wobei weitere Be-
weise von ihnen ausgehen, auch die Dif­ferenz zu allen anderen scho­lastischen Leh­ren,
auf die Ockham stieß, mitenthalten müssen.17 Was zwi­schen dem subiectum und der

17. Ockham erhält den förmlichen empirischen, also kontingenten Satz für die Theologie auf-
recht und verlangt, dass aus ihm nicht geschlossen werde. So versteht er ihn abstrakt. Wir un-
terstellen einen strukturell (for­­­mal) für kontingent gehaltenen Satz, folgern aber aus ihm nicht,
was der Auslegung seiner termini entspräche (Ord. d. 1 q. 5 OT I p. 460 lin. 25 – p. 461 lin. 8):
„frequenter propter so­lam variationem termino­rum potest una propositio es­se no­ta et alia ig-
nota, quantumcumque termini pro eisdem simpliciter supponant, et per consequens significa­
tum unius ter­mini non plus cognosceretur quam significatum al­­terius. Et ita in proposito, quod
divina es­sen­tia et eti­am divi­na per­so­na cognoscitur a philosophis /§ secundum tales conceptus
qui conveni­unt essentiae et perso­nae, §/ quam­­vis om­nem propositionem ignoraverint in qua
prae­di­catur aliquid de hoc termi­no ‘persona di­vi­na’.“ Da­zu die Ab­gren­zung zur consequentia
formalis ib. lin. 18f. Da die distinctio realis zwischen pater und filius an­­ge­­nom­men wird, kann
keine distinctio formalis zwischen den Termini folgerbar sein und auf dem Wi­der­­spruchs­­prin­
zip beruhen oder aus ihm folgen. Für pater und filius wird die distinctio formalis auf der ab­
strak­­ten Stu­fe hin­­wiede­rum angenommen (ib. lin. 13–15): „quamvis Pater et Filius distinguan-
tur realiter, ta­men una res sim­pli­­cissima est Pater et Filius, scilicet divina essentia.“) Es darf
nichts angenommen werden, was einer ana­ly­ti­­schen Definiti­on oder Folger­bar­keit der Termini
im (kontingenten) Satz entspräche. Es gibt keine Folger­bar­­keit aus termini. Ei­ne Fol­ge­rung aus
ei­nem ab­strakt ge­nom­menen kontingenten Satz eben würde die signi­fi­­ca­­tio enthalten oder
bedeu­ten. Der em­pi­ri­­­sche ‘kontingente Satz’ repräsentiert das Denken, den actus apprehensi­
vus schlechthin, aber eben da­mit wie­de­rum nicht die Genesis der Begriffe ex natura. Cf. Ord.
d. 2 q. 7 OT II p. 261 lin. 13–20 „di­co quod natura occulte ope­­ra­tur in uni­ver­­­sali­bus, non quia
producat ipsa universalitas extra ani­mam tamquam alia re­a­lia, sed quia pro­du­­cen­do cog­ni­ti­o­­
nem suam in anima, quasi occulte saltem immediate vel me­di­a­te produ­cit il­lo modo quo nata
sunt pro­du­ci. Et id­eo omnis communitas isto modo est naturalis, et a singu­la­­ritate pro­cedit nec
oportet illud quod isto modo fit a na­tura isto esse extra animam: sed potest esse in anima.“ Wir
müs­sen also kei­ne Verallgemeine­rung der Be­grif­fe akzeptieren, die ihrer determinatio unter
Hinzufügung von Inhalt entsprä­che und zwar auf der ab­strakten Ebe­ne; denn dass der pater
Einleitung 13

passio (oder dem accidens) nicht möglich ist, nämlich ein Aus­druck (der Notwen-
digkeit) ihres Verhältnisses mit einem realen Anspruch in der Rea­li­­tät extra animam
wie/oder in der Verstandeswirklichkeit, wird in die Argumentation Ockhams umge-
setzt und darin gleichsam kompensiert: als Negation der Verbindung qua Im­pli­ka­tion
aus­gedrückt als Nicht-Folgerbarkeit. Dafür kann indessen induktiv argumentiert wer­
den. Die Beweise Ockhams enthalten und statuieren dies als Tatsachenfeststellung
und Tat­­bestand im Sinne von Ma­ximen, die Negationen oder reduzierte (begrenzte)
Verallgemei­ne­run­gen ent­hal­ten: ‘Nicht im­mer…’, ‘Nicht alle…’ etc. Die Implikation
besagt so negativ die Verbindung zwi­­schen s (= subiectum im Satz, aber auch realiter
unmittelbar für Objekte ge­braucht, womit das obiectum als substantia gemeint ist)
und P (= passio, praedicatum im Satz und accidens in der Deutung des Inhalts mit
Bezug auf die Erfahrung). Die Implikation wird da­­rin selbst nega­tiv, d.h. meint die sig­
nificatio als Zielmoment dieser Verbindung. Die signifi­ca­tio ist die res ex­­­tra animam
als die Bedeutung der Begriffe (s und P). Sie werden auch als sub­­stantia und qua­­litas
verstanden. Das accidens kann nie in das subiectum als dessen infor­ma­tio eingehen.
Das gilt für den Ele­men­­tarsatz, d. i. der kontingente Satz, der ein ebensolches Faktum
festhält. Es gilt für die Deu­­­­tung des Elementarsatzes, die Ockham mit der Bestim­
mung der s und P in ihrem (wie ge­sagt nur negativ auszusprechenden) Verhältnis

mit der generatio zu tun habe, kann ja aner­kannt wer­den. Wir kämen damit formell zur Em­pi­­
rie zurück, auf deren Stufe wir aber nicht mehr denken, wenn wir die die divi­na essentia den­
ken; frei­lich müs­sen wir dazu die kontingente Satzstruktur unbedingt an­er­ken­­nen. Doch wir
hät­ten keinen kon­tin­­gen­ten Satz, wenn wir aus dessen termini beliebig, im Sinne ihrer Ausle­
gung fol­gern könn­ten; wir hätten dann nur die Analo­gie oder Identität von Folgerung und
Inhaltlichkeit. Das lie­ße das Fol­­gern pa­ra­dox erscheinen. Es wäre nicht mehr absolut definiert.
Ockham umgeht Aporien durch die Aner­ken­nung des kon­tin­genten Satzes als Grund­struktur
des Denkens. Das ist etwas anderes als dass Ockham grund­sätz­lich nur Kon­tingenz in reali
an­er­­kannt habe. Es „‘folgt’“ vielmehr erst induktiv aus diesem. Da­mit er­läutert Ockham die
Grund­ei­gen­schaft al­ler Philosophie und ihren Fehler: die Gleichheit von Inhalt und Fol­­ge­rung.
Die Fol­­ge­rung ent­spricht dem Inhalt und erläutert und begründet ihn. So typisch im deutschen
Idea­lis­­mus und mit der Ne­ben­folge, dass Re­den über das Denken und in eins damit über die
Welt sogleich auch Re­den über Gott ist. Das gilt auch für alle Kritik am Idea­lis­mus und ebenso
seine Erklärung, wenn man dessen An­spruch oder ‘Ver­fah­­ren’ als ‘Dialektik’ betrachtet oder
„konsequenzenlogisch“ ersetzt oder ergänzt und Sach­lich­­keit und Begrün­dung aus den Ei­gen­
schaf­ten der Ver­mö­gen des Den­­kens sucht. Was uns die sacra scriptura und die sacra ecclesia
lehren, sind in dem Sinne keine Fak­ten, die ‘secun­dum sen­sum intrinsecum alicu­ius obiec­ti
ipsius’ zu denken wä­­ren. Eben das ist auch ausgeschlos­sen (Ord. d. 1 q. 5 OT I p. 460 lin. 22f):
„nullo modo – et­iam a fideli – pot­est cognosci paternitas nisi cognos­catur eodem modo ge-
neratio acti­va…“ er­schei­nen etiam (om. W 1495) und die zusätzliche Heraushebung durch
Parenthese unbegründet. Was Ockham sagt, gilt für den fi­de­lis; doch un­ab­hän­­gig davon wird
die Erkenntnis qua Dignität der Satz­struk­tur erör­tert. Und zwar einzig. Das gilt auch, wenn die
Schrift und die Kirche für sakro­sankt wenigstens er­klärt und die sancti (beatus Augusti­nus)
her­an­ge­zogen werden, wie es ib. p. 461 lin. 22 – p. 462 lin. 9 geschieht. Wie Augustin als ‘Zeu­ge’
herange­zogen wird, wider­spricht er bei Ockham weder den Er­kennt­­nis­strukturen noch der
Erkennt­nis­psychologie.
14 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

vornimmt und zwar auch für die Satztypen, die darüber hinaus im Anschluss an die-
sen kontingenten Satz noch exponiert wer­den können. Dann gilt es schließlich für
jene Argumentationen Ockhams, bei denen zwar for­ma oder sub­­stantia und accidens
(oder wandelbarer empirischer In­halt, wechselnde und fort­schrei­ten­de Wahrneh-
mung) aufeinander bezogen werden können, aber kein Satzinhalt selbst mehr katego­
ri­­ell bestimmt werden muss, wie das für das Verhältnis von s und P (und unge­fähr,
aber nicht ganz und gar gleichwer­tig deren Akte = notitiae) ge­schieht. Gleichwohl wer­
den auch hier die Sach­verhalte, die zur Naturphilosophie gehören und mit Messung,
Dau­er, Zeit, Veränderung usw. zu tun haben, immer noch in Sätzen von dem grund­
legenden Ty­pus (dem kontingenten Satz) ausgesprochen wer­den. Aber das Verhält-
nis von Subjektinhalt (sub­stan­tia, forma) und accidens (wechselnde Wahr­­­nehmung)
wird jetzt, wenn die informatio des ac­ci­dens im subiectum verneint und be­strit­­ten
wird, über Widerle­gun­­­gen ausgelegt, die nicht mehr die Satznatur oder s und P als
kon­­stitutive oder konstruktive Tei­le des wesentlich kon­tin­­­genten Satzes betreffen. Das
acci­dens, das niemals und in keiner Wei­se im subiectum an­hän­gig sein kann, ist im-
mer negativ bestimmt in seinem Verhältnis zum subiectum; es kann niemals und in
nichts in sich als darin anhängig ausgedrückt werden. Zugleich aber ist das sub­­iectum
oder die substantia bzw. die for­­ma von sich aus gesehen in ih­rem Verhältnis zum ac-
cidens ‘negativ’ akzentuiert. Diese negative Akzentuierung bezeichnet aber die Nega-
tion der Implikation genau im Sinne einer Ne­­gation der Realität oder des Be­zugs der
Sätze und Begriffe auf die Realität. Es bezeichnet die Modalisierung der Sätze. Auch
der Elementarsatz ist natürlich als propositio contingens ein modaler Satz. Das aber
hat eine Kon­sequenz: die Be­­griffe (conceptus), die in diesen Sät­zen verwandt werden,
können mit ih­rem implizit ne­ga­ti­­ven Charakter (negativ nach der Be­stim­mung ih-
res Gehalts oder Inhalts, auch ihrer empi­ri­schen Wahrnehmbarkeit ex parte rei) als
bloße und wie leere Zeichen er­schei­­­­­­­nen: terminus. Sie müssen nach diesen beiden
in sich kompatiblen Auslegungen betrach­tet werden (können). Aber die Erklärung
des Erkennens über die Aktlehre (mit notitia intuiti­va und notitia abstrac­ti­va, der
diesen jeweils zukommen­den ratio) kann unter Einverwendung der theologischen,
na­turphilosophischen und psycholo­gi­­schen Erkenntnisse, Aussagen und der diese
betreffen­den Beweise nur mit dem conceptus zu tun haben: nur hier können Wider­le­­
gung und Indukti­on den ‘außerhalb’ Verlautbarungen in den Sätzen und ihren Begrif-
fen lie­gen­den Bezugsmo­men­te und ‘Sachverhalte’ betreffen. Das Beweisen Ockhams,
wo es in­hal­t­l­icher Natur ist, muss mit dem Begriff als conceptus zu tun haben, nicht
mit dem bloßem sig­num und ihm an­ge­­nähert terminus.18
In die von der Argumentation hergestellte und dann gewahrte und fortgesetzte
Abstraktion (via notitia intuitiva und notitia abstractiva) geht für Begriffe und Sätze
ein negatives Mo­ment ein. Es bestimmt die Inhaltlichkeit (Inhalt der Begriffe und
Sätze) und damit auch die men­­ta­lis­­tische oder intensionale (pragmatische, modale)

18. In der SL geht es protologisch um Zeichenordnungen (Ordnungen/Anordnungen von Zei-


chen). Die sup­po­­si­­ti­ons­logische deiktische Identität der Begriffe wird auch für den Satz gefor­
dert, wenn con­­ceptus terminus er­setzt.
Einleitung 15

Struktur der Beweise, Sätze (Aussa­gen) und Begriffe und eben auch der kategorial
verwandten ontologischen Begriffe wie for­ma, sub­stan­­­tia, essentia, natura, species,
quidditas, accidens und schließlich auch der Begriffs­ar­­tenbe­zeich­nungen wie quid-
ditativum für das subiectum und connotativum, denominativum, negati­vum etc. für
die passio. Dieses negative Moment widerstreitet menta­lis­tisch also der in der re­a­
listischen Ontologie noch des Duns Scotus angenommenen natura communis oder
spe­ci­­es als universale in re. Dass sie für Duns Scotus auch konzeptualistisch gedeutet
wurde, soll hier au­ßer Betracht bleiben. Ockham verwendet oder benötigt keine rea-
listische oder kon­zep­tu­ali­s­­ti­sche Deutung der universalia. Für ihn sind universalia die
Begriffe. Damit steht er aber au­­ßerhalb der logischen Begründung oder Verteidigung
der universalia oder Begriffe, au­­­ßer­halb der inhaltlichen Definition der Begriffsge-
halte und deren logischer Verwendung in einem De­duktionsprozess, die indes auch
nicht möglich (definit) ist. In Ockhams Konzept können für dieses selbst genuin lo­gi­
sche Kon­­se­­quenzen nicht gezogen werden können; sie ent­fal­len konstitutiv. Sie kön­
nen auch für in den Sätzen gemeinte Sachverhalte nicht gezogen werden. Es zeigt sich,
dass die Satze falsch werden bzw. unangängig sich ausnehmen, wenn sie im Sin­­ne der
Aus­le­gung des in Sät­zen und Begriffen Gemeinten in der Realität verwendet wer­den
sol­len, so dass was in ihnen gesagt oder niedergelegt ist, in der Realität, i.e. im Sinne
ei­ner fak­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­­on, mit einer strukturalen Entsprechung wiedergefunden
werden sol­l. Hier sehe man insbe­son­­de­re theologische Aussagen, wenn es z. B. um
Gott als den Schö­pfer oder die di­vi­na es­sen­­tia im Verhältnis zu den Relationen (Per-
sonen) gehen soll.19
Mit Ockham bietet sich das Mittelalter exemplarisch in einer Form dar, die von
der Seite des mo­dernen oder neuzeitlichen Denkens her verdunkelt wird. Überall sind
es die Par­ti­kel, die an das thematische Subjekt und dann auch an den Satz ange­fügt
werden müs­sen, die den Aus­griff auf die Realität extra animam in keinem irgendwie
selbst relevanten und wieder be­stimm­­­baren und dann auch bestimmenden Sinn noch
erlauben werden. In der Dar­legung die­­­ses in sich negativen Zusammenhangs besteht
und repetiert sich Ockhams Philosophie. Sie bie­­tet förm­liche transzen­den­tale Kompo-
nenten, die trans­zen­­den­­ter Dignität entbeh­ren. Der par­­­­tikelgemäße Ausdruck erlaubt
die Trans­zen­denz in reali und realibus nicht. Es gibt keine trans­zen­dente Geltung in
rebus. Das be­­sagt nicht schon, dass die Existenz der res ausgeschlos­sen sei. Ockham

19. Die regelrechte inhaltliche Betrachtung theologischer Aussagen oder aber die in­haltliche
Be­trachtung dogma­ti­­scher Fragen ist bei Ockham ausgeschlossen; bezüglich der Erkenntnis­
ver­mögen und ihres Verhältnisses zum Glau­­­­ben als einem hypothetischen (Erkenntnis­-)Ver­
mö­gen unter ihnen (nicht eigentlich logisch) von ihm an­ge­­gan­­gen, bleibt eine Glaubensaus­sa­ge
kompatibel, solange sie nicht zu einem Widerspruch führt, der ihren Sinn löscht. Das ist nicht
mehr des Duns Scotus Denkweise, der Glaubensaussagen für gültig er­­klärt, weil sie noch nie
zu einem Widerspruch geführt hätten. Da steht für Ockham der Be­­­­­weis aus. Für Ockham geht
es da­­­rum, die Va­li­dität des sprachlichen Ausdrucks zu beurteilen. Er nimmt nicht Ge­gen­stand
und Begriff als vor­ab zu­sam­­­men gültig und allgemeingültig an, sondern untersucht den Aus-
druck auf potentielle ‘Erfüllung’ hin.
16 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

kann auch nicht trans­zen­dentalphiloso­phisch in Zweifel gezogen oder vor die Schran­
ken gefordert werden.20 Zu den Parti­keln zählen schon Satzprädikat (passio), Impli­ka­­
ti­on, accidens, jede Referenz. So schließt die Differenz dieses mittelalterlichen Gegen­
stands (Ock­hams Philosophie) zu unseren kommunen Vorstellungen aus, dass wir
ihn je kennten, so­lange wir ihn nach diesen Vorstellungen korrigieren, gleichsam ‘be-
lehren’ wollen.21 Logi­sche Elemente, die genuin Logik zu be­sagen oder auszudrücken
hätten, werden in Bezug auf eine projektive oder projektierte Ge­gen­ständlichkeit un-
ter einem Vorbehalt stehen, bzw. gar einem Gesetz zu weichen haben: The­­­­matisierende
Ausdrücke können nie zu referentiel­len22 wer­den.23 Erkenntnisverlan­gen, das sich da

20. Cf. D. Perler, Ockhams Transformation der Transzen­den­talien, in: Miscellanea Mediae­va­lia
Bd. 30: Die Lo­gik des Transzendentalen, 2003 pp. 304–319, id. Direkte und indirekte Bezeich-
nung: Die metaphy­si­schen Hinter­grün­­­de einer semantischen Debatte im Spätmittelalter, Bochu-
mer Jahrb. f. Antike und Mit­telalter. 1999 (4) pp. 125–152. Das klingt vorkantisch, wobei es auch
darum gehen könnte mit den Transzendentalien auf der Grenze von Subjekt und Objekt eine
vermeintliche Realitätserkenntnis zu sichern, also ein A priori zu instal­lie­ren. Ock­ham ist we­
der Kantianer noch Vorkantianer (wie G. Martin, Wilhelm von Ockham, 1949 meint) oder Anti­
kan­ti­aner. We­­der Metaphysiker noch Rationa­list. Er ist em­piri­s­ti­­scher Agnostizist und men­ta­
listischer Kon­struk­­ti­vist. Der Vergleich mit Kant ist schwierig, weil Ockham über Akte nicht
über Vermögen operiert. Kants Fixierung auf Vermögen ist nach F. Nietz­­sche, Jen­seits von Gut
und Böse, 1886 § 11 obsessiv. Kant definiert sogar Ver­mö­­­­gen, die er nie wieder benötigt noch
er­wähnt, s. W. Bartu­schat, Zum systematischen Ort von Kants Kritik der Ur­teils­kraft, 1972. Ein
Ver­gleich Ockhams mit Maimon liegt näher, weil beide vom (Ele­men­­tar)Satz ausge­hen. Die
Sup­­positi­ons­logik ist dabei Leh­re von der suppositi­ons­logischen Identität, die Perler un­wichtig
ist. Cf. Kap. 2: Supposi­ti­ons­­logi­sche Iden­ti­tät und Kontingenz.
21. Die thematischen (inhaltlichen) Momente (opiniones, solutiones) dependieren bei
Ockham aus struk­tu­ralen, welche die eine Argumentation methodisch (= reprobationsresi-
stent, erfüllungsaffin) aufspannen muss.
22. Hier haben die connotativa die Interpreten angezogen. Cf. A. Goddù, Connotative Con-
cepts and Mathematics in Ockham’s Natural Philosophy, Vivarium XXXI, 1 1993 und Y. Zheng,
Ockham’s Connotation The­o­ry and On­­to­logical Elimination, Journal of Philosophical Research
26, 2001. Connotativa sind Prä­di­kat­ter­me (gram­ma­ti­ka­lisch bei Ockham praedicatum oder
passio genannt), die für das Satzsubjekt (sub­iec­tum) ei­­­ne Beziehung ange­ben, die auf ein sup-
positum verweist, das nicht mit dem im subiectum genannten iden­tisch ist, aber nur für das­
sel­be obiectum supponieren kann wie das subiectum: creator meint die creatura mit, gilt aber
nur von Gott. Nicht von der creatura, die denn auch nicht schafft. Das ist Gott vorbehalten,
wie in der christli­chen Leh­re geläu­fig und bereits sprachlich im Hebräischen vorbereitet. In
Ockhams Naturphilosophie (Phy­sik) wird nun die Rela­ti­on, wie sie für viele Phänomene an-
fällt, beim Licht, bei der magnetischen Anzie­hung, der Gra­vitation usw. aus­drück­lich nicht als
materielle Verbindung zwischen zwei res gedeutet. Damit gleicht sich die Natur­phi­lo­sophie der
The­­ologie, der Demonstrationslehre usw. an.
23. Ob die Sprache so verfasst sein kann, dass sie solche Operationen oder Ausdeutungen nicht
zulasse oder/und nicht erfordere, wissen wir nicht. Wir können es den berühmten Arbeiten
zum menschlichen Sprachbau und sprach­­­l­ich geprägtem Denken nicht entnehmen, wie etwa
Einleitung 17

auf fest gegebene Erkenntnismittel bezöge, wäre stets verfehlt. Wir hätten ge­wisse phi­
losophische Erkenntnis weder in actu noch reflexiv hi­s­to­risch gedacht in poten­tia.24
Ockham stiftet auch einmal die Vernunft: wie von einem archaischen Deside-
rat her defi­niert er sie, so dass damit auch sie für die Scholastik zuständig in einem
Umfang sich findet, der nicht einzig ei­nem engeren scholastischen Vorsatz, laut mit-
telalterlichem Bedürfnis, bei dem Religion (Cre­do) und Vernunft, Christentum und
Wissenschaft sich zu decken hätten, mehr dient, während es intentionell, gemäß dem
mittelalterlichen Interesse, bloß hätte überfasst wer­den können. Er definiert eine Ver-
nunft, die den Menschen appelliert, aber er tut es mit den Mitteln, die er gestaltend
einsetzt: im mentalistischen Konzeptrahmen konstruktiv wir­ken­­­­­­de De­finitionen.25
Die Schrumpfung des Gehalts auf den Begriff, der selbst keinen trägt, be­deu­tet, dass
der Be­griff als Akt mit seinen Verflechtungen zusammen keinen (weiter­ge­hen­den)
Sinn haben kann. Das schlägt zur Reduktion der consequentiae und Ablehnungen
der in fal­schen und re­pro­­bierten consequentiae vorliegenden Sätze aus.26 Da in den

W. v. Humboldt, Über die Verschiedenheit des mensch­­­­lichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die
geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, posth. 1836, E. Sapir, Language, 1922 B. L. Whorf,
Sprache, Denken, Wirklichkeit, dt. 1963, H. G. Gadamer, Wahrheit und Metho­de, 1960, auch
nicht W. O. V. Quine, From a Logical Point of View, 1961 bzw. schon Logic and the Re­­ification of
Universalia, 1953 oder den the­oretisch-philosophischen Entwürfen von L. Witt­genstein, Tracta-
tus lo­­g­i­co-philoso­phi­cus, 1921 und R. Carnap, Einführung in die symbo­li­­sche Logik, 1954 u. 1960.
24. Der hiermit ausgesprochene Agnostizismus bedeutet gerade, dass Satz und Argument eine
(Art) Vermittlung des Satzsubjekts in das Satzprädikat nicht erlauben. Das hatte Ockham so
zum Prinzip gemacht, für den kon­tin­genten Satz bewiesen und in der Form seiner Argu­men­
tatio­nen beweisend sei es ermittelt sei es durch Gegen­bei­spiele, also casus, die instantiae bilden
sollen, widerlegt. S. zunächst Kap. 1: Das Verhältnis der Begriffe.
25. Da der Bogen des Beweisens (nur) bis zur Sprachform gespannt wird und in ihr aufhört,
an­de­­rer­seits die Spra­che mit der Formung (Abstraktion) des Begriffs als abstractum, als univer­
sa­­le, das bloß Begriff (ein mentaler Akt) ist, eine Reduktion der Erkenntnis be­deu­­tet und diese
Erkenntnis auch veranlasst, aber in den rebus extra men­tem nur ei­ne Bedingung hat, die die Be­
din­gung des Erkennens in einem un­be­grenzten Begriff der Realität aufhebt und ab­weist, muss
das Erkennen dort aufhören, wo der Be­griff oder ein mit ihm verbundener Inhalt (Satz) an eine
denk­bare Implikation (conse­quen­­­tia) stößt, so dass eben diese implizit ersetzt wird. Wir zeigen,
dass sie immer (je nach ver­­schiede­nen Fällen) aufge­ho­­ben, negiert, relegiert, umgekehrt oder
reduziert wird.
26. Die Genesis der Begriffe, die im Mittelalter von der Logik verlangt werden musste, kann
schließ­lich im Sin­n der Logik nicht mehr verteidigt werden. Das zeigt Ockham, indem er die
Logik abspaltet und nicht mehr ver­wen­­­­det. Dazu tritt der Begriff als ab­­stractum mentale und
ist darin als universale dreimal zu ne­gieren: es gibt kei­­nen pro­­jektiven realen Gehaltes in der
res extra mentem, keine im Geist abstrakt verfügbare (wieder findbare) = operativ intelligible
Uni­ver­salität des einen eigenen festen Inhalts, als Ent­haltensein anderer Inhalte (Be­grif­­fe) und
dann ei­nes Ge­­flechts, womit wir zur erkennt­nis­ar­ti­gen Bestimmung der Auffas­sung des Satzes
kom­men könn­ten. Wir haben derart die Sätze nicht. Kein funktioneller Satztypus (etwa das
18 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Sätzen ‘Sach­ver­halte’ genannt wer­den, werden diese negiert und die Intention auf
diese bestritten, i.e. aus der Erkenntnis ge­strichen. So wird der (kontingente) Satz
im Zusammenhang und Zu­sam­men­klang mit seinen Weiterungen und Folgerungen
gewissermaßen reduziert, bestritten, negiert und darin quasi um­gekehrt. Wir wissen
weniger und nicht mehr als in einem kontin­gen­ten Satz enthalten, bzw. intendiert ist,
gemeint sein kann. Es gibt konstitutionell so etwas wie den ge­gen-analy­ti­schen Satz
im Sinne des kontingenten. Es gibt darin eine Reduktion des Sprach­­mus­ters (aller
Sprachen), da ja die konstitutionelle Begrenzung, die hier für die Spra­che vor­liegt,
von keiner einzelnen anderen überwunden werden könnte. Die Sprachen sind so
mehr als alle Logik. Die Ockhams reduziert den Bedingungscharakter, der zu einer
ande­ren und hö­heren Abstrakti­on führen könnte, in der das Analytische oder eine
sonstige Allge­meinheit oder Apriorität statt­finden könnte. An die Stelle des ontolo-
gischen Prinzips oder ei­ner er­kennt­­nis­theoretischen Maxime,27 die ei­nen beweislo-
gischen Gedankengang enthalten (kön­nen) soll, aber den Beweis als solchen als Prä-
misse auch immer gleichsam vor­weg­nimmt, i.e. nicht zur Ausführung kommen lässt,
tritt bei Ockham der Block der je glei­chen Argu­men­te, die ein corpus bil­den.28 Diese
je gleichen Elemente, deren Kon­ti­nu­ität selbst nicht be­wiesen werden kann, ver­­weist
auf die In­duktion und kommt ihr gleich: die Elemente müssen dann je­weils induktiv
bewiesen wer­den zumal wenn sie intensionalen Wert ha­ben sollen.29

principium im Syllo­gis­mus) kann ver­stan­den werden, wie wenn die Begriffsarten im Verhältnis
einer Inklusion stünden und auf dieser beruhten.
27. Beides findet sich bei Duns Scotus. Das erkenntnistheoretische Prinzip muss damit inner-
halb der Scotischen Deduktion aber lo­gisch ein ontolo­gi­sches werden. Das erkenntnistheoreti-
sche Prinzip kann logisch gesehen nur in einer ontologischen Maxime grün­den, i.e. muss von
einer solchen abhängen, wenn und weil das ontologische Prinzip ja sonst ohne Implikation
(Fol­ge) wäre und nicht bestehen könn­te. Also muss es im erkenntnistheoreti­schen Prinzip seine
Konsistenz fin­den oder seinen Konsistenzausdruck haben, bzw. sein Konsistenzprinzip. Duns
Scotus könnte ohne die Einheit insgesamt nicht bewiesen haben. Im Gegensatz zu dieser Kon-
sistenz und der Einheitlichkeit ist Duns Scotus da­mit schon auf eine Diskontinuität hin verwie-
sen, hat eine innere laten­te Ten­denz zu dieser, die Ockham de facto realisiert und implizit mit
dem Gegenkonzept aus­drückt und saniert.
28. Die Antizipation des Beweisens, des Beweises, der nicht ausgeführt wird, stellt aber lo-
gisch-inhaltlich eine fal­la­cia dar, die Ockham im Prinzip durch seine Modalisierungen auflöst
und aufhebt, die die Definitheit appro­xi­mie­ren, also auf sie abzielen, einholen, einstellen, er­
rei­chen können sie sie nicht. Die Modalisierung aber muss immer der Fragmentierung kor­res­
pon­dieren: die Elemente eines Beweisganges insgesamt oder einer fortge­setz­ten Überlegung
werden damit je zerspalten, nicht in irgendeinem Sinne vereinheitlicht. Die Definitheit kann
nicht durch irgendeine für kontinuierlich gehaltene Operation (Operationenfolge) ersetzt, er­
langt werden. Wir müss­­­ten sie für sie immer ja voraussetzen.
29. Das Zirkulieren in dem corpus, in welchem die Gedankengänge Ockhams sich organisie­ren,
schließt aus, dass Realität (als Realität) in se gemeint werden könne. Es schließt also nicht nur
den Rückgriff auf das ontolo­gi­sche Prinzip aus oder den erkenntnisthe­o­re­ti­schen Grundsatz
Einleitung 19

Die Nähe der Genesis zum Akt ist derartig und bleibt darin vorderhand proble-
matisch, dass der Akt der De­finition nach und entspre­chend vollkommen darin ein-
geschlossen mit dem Ge­halt (= ratio) per argumentationem d. h. rational oder per
Beweis: persuasio, Induktion begrün­det werden muss, auch dass seine Anschlüsse
und genetisch nicht unerlässlichen Bedingungen (Um­­stän­­de, causae) per instan­tiae
und per reprobationem ausgeschlossen, i.e. in Frage ge­stellt werden kön­nen. Es wer-
den dann referentiae, i.e. passiones als nicht notwendig zugehö­rig relegiert, d. h. als
akzi­den­­tell erklärt, so dass sie nicht ohne Täuschung (fallacia) dem sub­iec­tum nach
des­sen es­sen­tia zuge­rechnet werden können.30 Mit Ockhams Philosophie fin­det auch
eine Be­gradigung statt: di­ver­se strukturale und u. a. ontologische Momente oder Fra­
gen werden auf einen Kern zurückgeführt. Was in der Scholastik von An­fang an und
z. T. tas­tend und ungeschickt erst erörtert werden musste und un­­durchdacht wirken
konnte, wird nun in­ein­an­­dergedrängt und mit einem Schlag beantwor­tet oder ausge­
schie­den und redu­ziert.
Wenn wir nun Ockhams Philosophie betrachten, haben wir einmal ein Bild, bei
wel­chem die Struktur des Konzepts, nämlich das universale als Begriff (und sonst
nichts), der Be­griff als ab­stractum in mente, aus oder gemäß der Realität extra ani-
mam im Sinne (wenig­stens un­ter dem Titel) der ‘Erfahrung’, repräsentiert durch die
notitia intuitiva, gewonnen, dann mit an­­­­­deren Begriffen im Sinne solcher Satzstruk-
turen ‘einher-’ oder zusammengeht, dass dieser Zusammenhang nicht unbegründ-
bare Erkenntnisbedeutungen im Satz meinen darf, oder gar als fallacia indizierbare.
Zum anderen aber geht es um argumentative Zusammenhän­ge und Be­­dingungen,
welche dieselbe ‘Lehre’ „noch einmal“, i.e. ein zweites Mal besagen, in­dem auch durch
die Struktur der Maximen und die Argumentationen, die sie begründen, kei­ne Ge­
genstruktur ge­gen diese Lehre entfaltet wird, d. h. deren Definitheit nicht zweifel-
haft wird. Es ist die Definitheit der Strukturen oder Lösungen, Meinungen, ihrer Be-
standteile und deren Cha­­­rakte­ris­tika, den Begriffsarten, den Satzformen, die bestehen

im Sinne einer Beweisersetzung der­art, dass dieser nicht selbst aliquo­mo­­do bewiesen werden
müsse. Auch die Realität in se direkt oder per Pro­kla­mation wird nicht ge­meint sein können.
Das aber bedeutet die Modalisierung, die bei Ockham stattfin­det. Sie aber kann sich nur auf
Frag­mente beziehen, die, soweit die Argumentation (der Be­weis­gang) für Ockham sich nicht
vereinheitli­chen lässt, damit immer selbst begründbar sein müssen: unter Kappung und Aus-
schließung der Implikation als Be­­­grün­dungs- und Ver­bindungsmodus. Aus der Implikation
wird per Aufhebung (Satz-)Mo­da­lität.
30. Eine christliche Theologie, die bloß auf Sein zielte, aber nicht mit den Ak­­ten grundlegend
beginnen oder rech­nen wollte, wäre lo­­gisch in Bezug auf das menschliche In­stru­mentarium
immer verfehlt. Das Mittelalter hat dies natürlicherweise berücksichtigt, i.e. fühlte sich hier
ursprünglich im Dilemma und hat die Transformation, die bei einer scheinbar souveränen
Begrifflichkeit endete, in Wahrheit nicht störungsfrei und niemals in der Freiheit von allen
Zweifeln er­reichen können. Cf. auch Kap. 6 Anm. 56.
20 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

(bleiben) muss, wenn Ock­hams Ide­en über­haupt signifikant erscheinen sollen;31 die
Konsistenz ist weniger er­klär­­bar. Sie kann so wenig de­­monstriert werden wie das
Konsistenzprinzip in den Beweisen ei­ne funk­ti­onale Be­deutung ha­ben kann. Konsi-
stenz und Wahrheit hören auf Richtgrößen zu sein.32
Ein Letztes ist, dass die Implikation die significatio wiedergibt, ihr entspricht und
nur sie mei­nen kann. Das bedeutet auch, dass sie keine Funktion zwischen subiec­
tum und pas­sio (oder Sät­zen) im gleichen Sinn ausdrücke und meine. Damit wird die
Einheit der Implika­ti­­on,33 die Einhelligkeit der Implikation in allen Verwendungen
ausgesprochen ebenso wie des Kon­sis­tenz­begriffs.34 Wir können danach immer Be-
griffe so kombinieren, dass ihre Ver­wen­dung als Träger (denkbarer) sinnlicher Da-
ten, also als durch die Erfahrung (notitia intuiti­va) er­langt, auch über ihre Verwen-
dung entscheidet, also auch diese einschließt.35 Der Be­griff als Zeichen (gedacht) ist

31. Die beiden Erscheinungsbilder der Ockhamschen Erörterungen, die genannt worden sind,
müssen einan­der decken; sie müssen zusammengeführt werden können. Besser: sie müs­sen
voneinander Licht erhalten. Es kann nur eine Begründung des einen aus dem anderen ge­ben,
bei welchem dieses die Signifikanz von jenem an­ge­ben könne. Das bedeutet dann, dass sie
keine analytische Form haben könne bzw. von einer Formation über­fasst werden könne, wel­­
che sie als analytische meinen könnte, das heißt: eine analytische immerhin noch zulie­ße. Sie
wird ausgeschlossen. Die Beweisform muss also die analytische negativ meinen können, i.e. die
analy­ti­sche Be­weis­form oder Definition der Wahrheit bzw. Geltung im Sinne der Signi­fi­kanz
negieren oder leugnen, dass Sig­ni­fikanz und Analytizität defi­nit zusammenfielen.
32. Da es keine analytische (und) semantische Wahrheit für Sätze und Folgerungen (geben
kann), kann auch das ‘andere’ Bild von den universalia nicht (logisch) begründet werden. Die
Ge­stalt der Argumentation ist derart, dass die analytisch-semantische Begründung nicht be­
grün­­­­det werden könne und nicht begründend sei. Es darf kei­­ne Argumentation geben, bei wel­
cher gleichsam ex negativo nur der Wert analytischer Operationen, deren Vor­aussetzungslo­sig­­­
keit oder scheinbare Unentbehrlichkeit in Rede stünde. Und dies vielleicht sogar nur impli­zit
und verborgen, indem eben Theorien, Konzepte wie die ontologisch-realistischen, wenn auch
nur vielleicht dem Schein nach, analytisch auslegbar wären. Duns Scotus hat diese so in die De­
duk­tion eingeführt.
33. Sie wird als Reflex auf die significatio diese so meinen als sei die significatio ein Umge­kehr­­
tes und die Im­pli­ka­­tion wieder das Umgekehrte davon. Also das Inverse eines Inversen. Die
Implikation meint so aber die signi­fi­ca­tio.
34. Dieser widerstreitet also in Sonderheit nicht (dem Begriff) der Definitheit. Das legiti­miert
auch die conse­quen­tia naturalis.
35. Es ist so erkennbar, dass der Empirismus John Lockes in der Ferne oder Nähe durch
Ockham mitgegeben, durch ihn inauguriert gedacht werden kann. Doch setzt es voraus, dass
man den Folgerungsbegriff selbst tilgt, wie das ja denn auch bei Hume weitgehend gesche­hen
ist und im Mittelalter durch Nikolaus von Autrecourt ge­schieht. Die Implikation, die de­fi­nit
über den naturalen Grund und darin sogar extramental, das heißt: jenseits der Differenz von
Subjekt und Objekt, begründet werden kann, kann nicht sogleich wieder „für“ ein solches Ver­
hält­nis eingeführt und auch gewissermaßen dagegen in Anschlag gebracht werden, so dass
Einleitung 21

demnach leer, so dass er gegenüber der res extra animam auch in keiner Form von ei­
genen sinnlichen Daten in Betracht komme und gedacht werden müsse. Das Zei­chen
(der Be­griff als terminus) und der conceptus als universale solum in mente haben dies
ge­mein­­­­­­sam, dass sie keine sinnlichen Daten als aus der res übertragene und keine
eigenen qua­­si in der Ent­spre­chung zur res eigens aufbauen, wenn dies denn unter-
schieden werden kann. Die Nä­he des Begriffs oder actus zur Naturalität des Men-
schen denkt Ockham frei­lich;36 er nimmt sie nur nicht als Eigenschaft des conceptus
usw. an und sucht eine Eigen­schaft nicht in Bezug des con­ceptus auf die Naturalität.
Die Implikation aber kann, wenn sie begründet sein soll und zu­gleich Inbegriff der
Konsistenz nie den Ausdruck der Folge­mä­ßig­keit in irgendei­nem be­grün­­­­­de­ten Sinn
abgeben, eben auch nicht in dem der Begriffe und der aus ihnen gebil­de­ten Sät­­­ze. Das
führt bei Ockham dazu, dass sein Denkkonzept oder sei­­ne di­­versen parti­el­len Kon­
zep­te von Relationen oder Aussagenverhältnissen auf der Ver­mei­dung (gar Aus­schlie­­
ßung) der Implikation als integralem Moment dieser Relationen und Aussagenverhält­
nis­­se beruhen müs­sen.37

wir, wie Autrecourt es will, einmal kriteriologisch von ihr Gebrauch machen könnten und
so­dann kritisch feststellen, dass sie nicht sein kön­ne, dass es mithin diese Relationen, die sie
lo­gisch ausdrücken soll, gar nicht (i.e. definit) geben kön­ne. Die Re­lation hätte sich da­bei als
ein Momentum zu umfassen, in welchem sie noch nicht Relation gewesen wä­re. Nach Au-
trecourt soll so die Differenz von intellectus und res extra animam intellektiv im Sin­ne der
Impli­ka­tion nie überbrückt werden können. Das ist seine Kritik. Ockham hat in einem Wi­der­
legungsbeweis einen sol­chen ge­ne­rativen Rückgriff einer Größe auf sich selbst abgelehnt. Dabei
wird der Beweismodus selbst als je­der Art von Größen (individua, universalia, Klassen, species,
genus usw.) gegenüber indifferent erscheinen und al­so ih­nen übergeordnet. Ockham sagt nicht,
dass die Implika­ti­­on nicht bestehe, nicht begründet sei oder nicht gelte. Doch er begründet
sie weder als Re­gu­­­la­tiv noch ge­braucht er sie als solches Re­gula­tiv, als welches Autrecourt sie
vor­aus­setzt. Das Atom, das bei Autrecourt wandelbar die Welt trägt, aber nicht bis in unsere
mentale cogni­tio ge­langt, ist in­di­viduum und species. Seinetwegen gibt es nach Autrecourt die
autonome Folgerung nach ab­strakten Begriffen und für ontologische Ausdrücke nicht. Das in-
dividuum als res liegt nur für Ockham unter­halb der Ab­straktion und der Ar­gu­mentation, die
an sie an­knüpft. Das Allgemeine, ge­nus und species, substantia usw. sind so als bloße Begriffe
gesichert. Ein Verdikt ge­gen die ontolo­gi­schen Be­griffe ist un­be­gründet oder sinn­­los. Die Wi­
der­le­gung (reprobatio) ist als Mög­lich­keit dadurch definiert und be­­grün­det, dass spe­cies und
ge­nus gegenüber der Im­plikation als dem Identifikat der significatio (und ihrer Tei­le) an­ge­setzt
wer­den können. Die scholasti­schen Be­­­griffe sind so noch in der Re­a­li­tät gegründet und mit der
Ab­­straktion zu­läs­sig. Die Suppo­si­­ti­onsarten der Suppo­si­tionslogik treten dann nur an die Stel­le
von Be­griffen wie genus, speci­es usw. Bei ihnen wird uniso­no die Impli­ka­­tion an sich ne­giert
(und be­strit­ten); sie werden rein in reprobationes gebraucht.
36. Cf. dazu Kap. 10 Abstraktion und scholastischer Beweiszweck und Kap. 12 dort bes. auch
Anm. 85.
37. Damit hebt er sich von Duns Scotus und Nikolaus von Autrecourt ab. Dessen The­­sen wer-
den am Kon­zept Ock­hams falsifiziert werden können.
22 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Wenn die Ockhamschen Beweisarten in ihrer Wirkung in verschiedenen


Themenbe­rei­chen de­monstriert werden sollen, wird es zuerst darum gehen, mit ihrer
Hilfe die Er­stellung der Satz­gebilde zu beschreiben, die die Erkenntnis, sei es die scho-
lastische, sei es Erkenntnis in genere tragen können, und dabei muss es zuerst um den
ele­men­­ta­ren Satz ge­­hen, der ledig­lich aus einem Subjekt und Prädikat besteht; denn
an ihm muss er­war­tungsgemäß Erkenntnis über­­haupt sich begründen lassen. Eine
nichtsprachliche cognitio rückt zu­nächst nicht in den Blick. Auch nicht eine cognitio,
die aliquomodo defi­niert, auf Sätze (Satzgebilde und dann even­tuell noch Satzarten)
bloß übertragen würde, so dass die Erkennt­nis (auch) außer­sprach­lich definiert sein
könnte. Anstatt der ontologischen Konzepte müssen für Ockham die Be­griffs­arten
gewonnen und distinktiv definiert wer­den. Das geschieht mittels der Induktion, nach­
dem zuvor die Zwansgläufigkeit des Enthalten­seins eines Begriffs in einem anderen
re­pro­­biert (widerlegt) wurde;38 dann muss mit Hilfe von instantiae (Gegenbeispielen)
gezeigt werden, dass nicht alle Sätze gleich sind oder sein kön­­nen; so dass auch nicht
alle intensionale Annahmen ausnahmslos für sie alle gelten kön­nen.39
Dann wird es da­rum gehen, dass die Differenzierung der Satzarten, die so entste-
hen, eine Dif­ferenz hinsichtlich ihrer Beweisfunktion im Syllogismus mit sich bringt.
Über dessen wissen­schaft­liche Bewertung soll hier nicht vorderhand eine Diskussion
geführt werden, sondern nur eine implizite, nämlich angesichts der Unterscheidun-
gen, die Ockham bei seinen Präparati­o­nen selbst vornimmt.40 Da aber der elementare

38. Ockham hat zu Duns Scotus gefragt, wie die notitia unius conceptus als solche die notitia
alterius con­cep­tus enthalten könne, so dass die eine notitia die des/eines anderen sei, d. h. die
Er­kennt­­nis des einen Begriffs auch die mit dem anderen ‘gegebne’ sei es logisch, sei es prak-
tisch (tatsäch­lich) ent­halte, so dass Enthaltensein auch faktische Gleichheit, Identität, Gleich-
zeitigkeit, Koinzidenz bedeuten kön­ne. Das schließt eine Frage nach der De­finitheit bereits ein.
Die Ant­­wort enthält die Ne­ga­ti­on oder Ausschei­dung der Implikation. In der Frage­stel­­­lung
sind weitere nach den klassischen uni­versa­lien­the­o­reti­schen Begriffs­auffas­sun­gen und ihren
Differen­zen, sc. ontologischer Realismus, erkenntnispsychologi­scher Konzeptualismus und ter­
mi­­nis­tischer Nominalis­mus, be­reits eingeschlossen oder neutralisiert. Cf. Kap. 1: Das Verhält­
nis der Begriffe bei Ockham.
39. Ockhams Kritiker W. Chatton schlägt solche Differenzierung aus oder kennt sie nicht. Das
ist, wo alles auf (die) Argumentation sich gründet, dasselbe. Chatton als Opponent Ockhams
wird von Adam Wodham als wort­­reich unkonzis bezeichnet: K. H. Tachau, Vi­si­on and Cer­t­i­tu­
de in the Age of Ockham, 1988 p. 184 Anm. 14.
40. Der Syllogismus ist eine allgemeine leistungsfähige mathematische Darstellungsform nach
H. Wang, A Sur­vey of Ma­­­the­ma­­t­i­cal Lo­gic, 1963, ch. I § 1; Der Syllo­gis­mus er­scheint bei Wang
als Alternative. Ockham bezieht die Syllogistik, besonders in der Annäherung an die von ihm
so genannte demonstra­tio potissima selbst schon auf die Mathematik und ihre Beweise, von
denen er sagt Ord. Prol. q. 5 OT I p. 167 lin. 1–5: „Et quia illae obti­nent primum locum in
demon­stra­­­ti­oni­bus seu in­ter demonstrationes, ideo Philosophus mul­tas condiciones fre­qen­­­ter
attribuit demonstrationi quae sem­per competunt demonstrationibus mathematicis vel semper
vel pro ma­io­ri parte.“ Das klingt nicht so ent­­­­schie­den, dass nicht Eigenart und Eigenständigkeit
Einleitung 23

Satz als kontingenter und die kontingenten Er­­kenntnisse tragender auch suppositi-
onslogisch definiert wurde,41 steht die Suppositionslogik (mit den verschiedenen Sup-
positiosarten) u. a. für die Widerlegung (reprobatio) zur Verfü­gung. Es kann dann
bewiesen werden, dass Sätze nach intensionalem Verständnis keinen Sinn haben. Sie
sind in dem Sinne nicht definit.
Grundsätzlich gilt, dass die für Ockham in kontingenten Gegenständen (res,
ob­iec­ta) vorlie­gen­­­de Realität in­ se von ihm nicht als solche selbst ausgeschöpft oder
erforscht (aus­kul­tiert) wird, sondern dass seine Behandlungsweise vielmehr in der
Abstraktheit, sc.in der ab­strakten (re­flexiven) Betrachtung und Bewertung der Sätze,
die der menschliche Ver­stan­d bildet, ter­mi­­­niert ist; res und realitas extra animam
kommen für den Verstand danach nur noch im Sinne einer weit­­gehend reduzierten
Folgerbarkeit in Betracht, für die nach Ockhams Verfahren ganz und gar argumen-
tiert wer­den kann.42
Ich werde im Anschluss Ockhams Entscheidungen, da die Wissenschaftlichkeit
oder auch nur Rati­o­nalität der Disziplinen, die das Mittelalter kennt, auch der Theo-
logie, auf die so schon charak­terisierten Formen bezogen ist, über das darin enthal-
tene Verhältnis von fides und scientia dar­stel­­­len und es in seinem Sinn begründen.43
Über die reelle Lösungskompe­tenz seines Modell wird man streiten müssen.44 Dabei

von Ockhams syllogis­ti­scher Beweislehre ein eigenes The­ma mit womöglich ei­ge­nem Ergebnis
werden dürfte. Cf. hier Kap. 3: Zum Verhältnis der Satzformen.
41. Hierzu s. die Darstellung Kap. 2: Suppositionslogische Identität und Kontingenz.
42. Wenn R. Dedekind, Was sind und was sollen die Zahlen, 1887 (Vorwort) annimt, dass „für
einen gro­ßen Teil der Wissenschaft vom Raume die Ste­tigkeit seiner Gebilde (in Eu­klids Ele-
menten) gar nicht einmal eine not­wen­di­­ge Vor­aussetzung ist“, sondern über einem unstetigen
Raum entwickelt wer­den kann, dann indi­ziert er Ab­strakt­­­heit an­stelle nicht auszuschöpfender
Konkretheit. Auch Ockham ‘schuf ’ für seine Argumentationen ab­­strak­­­te Begriffe, die nebst ein
paar ontologi­schen Grundbegriffen wie substantia, accidens, forma, qualitas, quan­ti­­­tas, habi-
tus, dazu sub­iect­um und passio, das Feld des rational von der Philosophie Behandelten ab­deck­
en.
43. Kap. 4: Fides et scientia, Kap. 5: Aus dem Inneren Gottes, Kap. 6: Theologie und Logikbe­
griff.
44. Alles hängt hier davon ab, ob man von einer gemeinscholastischen, gemeinchristlichen, ge-
meintheologischen Pro­­blematik ausgehen will oder kann, zu der Ockham eine Lösung gegeben
habe oder eben nicht. Wenn nicht, so ist zu fragen, wozu Ockhams Philosophie eine oder die
Lösung sei. Zum Modell s. hier einmal Anm. 38 zur no­ti­tia conceptuum. Es ist die Erfndung
der Abstraktion, wie Ockham sie gibt und verfolgt, durchführt, an die wir uns halten müs­sen;
sie überspringt das in se Reale, das als Kontinuum Gefasste. Darin wird man an das in Anm. 42
Gesagte er­in­nert Noch einmal R. Dede­kind, op. cit. (Vor­wort): „Die größten und fruchtbars­
ten Fort­schrit­te in der Ma­­­­the­ma­­tik und anderen Wis­senschaften sind vorzugsweise durch die
Schöpfung neuer Be­griffe gemacht (sic!), nachdem die häufige Wie­der­kehr zusammengesetz-
ter Erscheinungen, welche von den alten Begrif­fe nur müh­­­sam beherrscht werden, dazu ge­
drängt hat.“ R. Dede­kind bezieht sich u. a. auf seine ‘Entdeckung’, dass in der mathematischen
24 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

drängt sich aber ein anderes Pro­­­blem auf: für die Ver­teidigung und Begründung des
christlichen Glaubens besteht ei­ne gewisse Dif­fe­renz zwi­schen dem I. und dem II. Ar-
tikel des Confiteor.45 Ockhams Naturphilo­so­­phie, die er über seine Entscheidungen
(solutiones und opiniones) darlegt, weicht von seinen theo­lo­­gi­schen Deutungen nicht
ab, bzw. sie widersprechen sich nicht; sie ha­ben ei­­ne ge­mei­nsame Struktur.46
Wir sehen in der Struktur, die Ockhams Modell darstellt oder hat, komprimiert
die Ant­wort, die Ockham auf alle Fragen bereit hielt, nicht nur auf die universalien-
theoretischen Frage­stel­lun­gen, die darin mehr oder weniger verschwinden.47 In die-
sen weiteren Betrachtun­gen48 wird sich zeigen, dass die fortgesetzte induktive Beweis-
führung und ‘Verknüpfung’ (Ver­net­zung) der einzelnen Entscheidungen Ockhams in

Analysis der Begriff der „Stetigkeit“ aus den Grundkon­zepten sich nicht definieren lasse.
Ockhams Entdeckung wäre die Bestimmung der Formalität un­­ter Negation eines Teils der Ele-
mente oder Be­stim­mungsmerkmale von Operation. Mit T. S. Kuhn, The Structure of Scientific
Revolutions, 1962 dt. 1967 hier die Stiftung eines Paradigmas zu sehen, hieße Ockhams Modell
unterbestimmen, das abstrakt ei­nen exposi­to­ri­schen Charakter hinsichtlich seiner Elemente
(Grundlagen): Begriffsgewinnung, Satzbildung, Implikation, Ne­ga­tion (Über­­gehen) des Wi-
derspruchsprinzips usw. besitzt. Es hat keine naturwissenschaftliche Problem­lö­sungs­kraft.
Es müsste der natürlichen Vernunft zugezählt werden, die Kuhn nicht als Verstandslosigkeit
ab­wertet, ob­wohl sie vorparadigmatisch bleibt. Im Paradigma ist für Kuhn die Erkenntnis
innerhalb ei­ner wis­sen­schaftlichen Disziplin auf bestimmte Zeit gegeben und befangen. Er
apos­tro­­­phie­rt sodann für die Wissen­schaft (welchen Um­fangs, als Kobination von wieviel Dis-
ziplinen?) eine nicht abreiß­ba­re Kette von Indukti­onen. Die Frage, ob real­em­­piri­sche und psy-
chologisch-mentalisti­sche vergleichbar seien, impliziert einen unbekannten Maßstab.
45. Cf. W. Dilthey, Die Jugendgeschichte Hegels, 1906 GS Bd. IV, p. 9: „Wie kam in den Gott, des-
sen unverän­der­­li­ches unendliches Wesen in den Naturgesetzen sich manifestierte, die dunk-
le Unruhe des Strafwillens und dann die Umwandlung zur Versöhnung.“ S. dort auch p. 29:
Klopstock, Herder und Hegel seien der An­sicht ge­wesen, dass die Christianierung die germa-
nische Art verdorben, sie zum Untergang gebracht habe. Auch Nietz­sche war dieser Meinung
(Der Antichrist, 1888/1889).
46. Kap. 7: Formbegriff und reale Wahrheit u. Kap. 8: Glaube und Welt. Im Vorhof der Naur­
philosophie.
47. Viele Autoren hielten es für ausreichend, erkenntnistheoretische bzw. on­­to­logische Fra-
gen zu Ockham zu stel­len, bei denen sich ihnen dann erwies, dass Ockham sie gar nicht oder
unbefriedigend, wenn nicht unzu­läng­lich beantwortete. W. & M. Kneale, The Develop­ment of
Logic, 1962 u. 1966 verspotten sei­nen angeblichen gegen seinen Willen bestehenden Quasi-
Realis­mus, wo er doch den ontologischen Realis­mus verneint habe. An­de­re ver­su­chen einen
‘realistischen Konzeptuali­s­mus’ für ihn zu retten oder ihn für diesen; Duns Scotus fir­miert als
‘kon­­­zep­­tualistischer Realis’. Die Erklärung zu Ockhams Philosophie wird lauten müssen: Was
in den Be­grif­fen ist, kann auch in der Wirklichkeit sein und umge­kehrt; es gibt keinen Grund
(ratio) dagegen, aber es ist nicht ver­­mö­ge des Wider­spruch­sprin­zips gegeben oder beweisbar.
48. Kap. 9: Ontologie und Induktion Kap. 10: Beweis, Satz, Akt Kap. 11: Abstraktion und
scholastischer Be­weiszweck, Kap. 12: Verflechtung und Abgrenzung der Akte.
Einleitung 25

den partikularen Fragen, die in sei­­­­nen Er­ör­te­rungen und beim Gebrauch einer Ter-
minologie entstehen, eine bestimmte Form der Lüc­ken­losigkeit besitzen. Sie spielen
sämtlich auf einer Ebene, in der die Begriffe (Be­griffs­­­­akte) von re­flexiven Begriffen,
den notitiae, eben notitia intuitiva und notitia abstrac­tiva, erfaßt und über­­fasst wer-
den.49 Entscheidungen über ihre Bedeutungen, die sukzessive über die Ermitt­lun­­gen
hinsichtlich ihrer Reichweite erweitert und abgesteckt werden, geschehen mit­tels des
Be­griffs der ratio, der eine ‘jede’ Reichweite und Verfügbarkeit, auch die der Begrif-
fe als sub­­iec­tum oder passio eines Satzes, des obiectum extra animam, der res usw.
‘affizieren’ kann.50 Argumentation und Konzeption können am Ende gleichgesetzt
werden. Sie sind nie­mals äqui­valent den Sachen; sie werden absolut im Verstand ge-
wonnen = angenommen. Aber sie kön­nen vermöge des mentalen Ausdrucks Sachen
nach ihrer Eigenheit und Begren­zung mei­­­­nen. Es ist dann noch möglich den bereits

49. Dieselbe Lückenlosigkeit bestimmt für Ockham den Einsatz der Syllogistik in den wis-
senschaftlichen Dis­zi­pli­nen nicht. Die Syllogistik liefert den Disziplinen keine geschlossenen
Deduktionsgesamtheiten, in denen die Syllo­gis­men ihren unverbrüchlich festen Platz besäßen.
Prol. Ord. q. 1 OT I p. 10 lin. 9–14: „Potest etiam ea­dem ve­ritas esse principium in una scien-
tia et conclusio in alia, et hoc maxime quando aliquid de quo determina­tur in aliqua sci­en­
tia continetur sicut inferius sub aliquo de quo determinatur in alia scientia, sicut de ente, de
quo de­ter­minat me­taphysicus et de Deo, de quo determinat the­ologus.“ Damit wird aber das
‘determinatur’ ein Ele­ment, mit dem ei­ne ununterbrochene Folge (Kette) von Beweisen oder
‘Folgerungen’ nicht auftreten kann. De­ter­­­minatio als terminus technicus erscheint ohne Be­zug
auf eine Implikation oder Implikation des Implikations­be­griffs. Cf. zur Bestätigung ib. p. 11
lin. 6–17. Dass das ab­strakte Moment nicht als auch individuelles wirken dür­­fe, sagt Ockham
ib. p. 13 lin. 22–24: „non est con­ce­den­dum quod homo est populus vel exercitus, nec do­mus
est civitas vel vil­la, ita habitus ille nec est me­ta­phy­sica nec theologia.“ Aus einem habitus kann
nicht eine ganze scientia als da­rin impliziert entwickelt werden. Ed. nennt zu dieser Replik
Ockhams keinen scholasti­schen Adres­­saten. Er müsste ex uno con­cep­­tu seu com­ple­xo die gan-
ze scientia schlussfolgernd entwickeln wol­len. Duns Scotus käme dafür infrage. Da Ockham
eine geschlossene Ordnung der Prädikate in den syllogis­tisch ver­wand­ten Sätzen nachdrück-
lich ausschließt, gibt es die komplexe Einheit in wesentlich syllogistisch aus­ge­­führ­ten scienti­ae
nicht. Hier könnte sich die Grenze für Mathema­ti­sie­rungen von Äußerungen oder Teilaspek­ten
bei Ock­ham ab­zeich­­nen. St. Wolfl, Combinations of Tense and Mo­dality for Predicate Logic,
Journal of Phi­lo­sophi­cal Logic. Ag. 99. 28 (4), pp. 371–398 bezieht sich auf Ockham als Stich-
wortgeber einer Idee von ‘Son­der­­wel­ten’ mit je eigener Zeit. P. Garcia & F. Esteva, On Ockham
Algebras: Concurrence Lattices and Sub­directly Ir­re­du­ci­­ble Al­gebras, Studia Logica: an Internati­
o­nal Journal for Symb. Logic. S 95. 55(2), 1995 pp. 319–346 fassen die syllogistisch relevante
Algebra (Logik) G. Booles und A. De Morgans unter eine Ockham-Algebra.
50. Damit wird je die Inhaltlichkeit (Intensionalität, Mentalität) der Akte, Begriffe usw. so ge­
fasst, dass nur eine Ausschließung, i.e. eine Negation von dem/etwas was als accidentell ihnen
gegenüber gelten muss, nicht mehr ih­nen zu­gehören kann, ausge­drückt wird. Das Akzidentelle
appelliert dabei aber die Beziehung, so dass, da sie negiert wird, durch ratio so etwas wie eine
in sich leere Intensioanlität, der abstrakt oder abstraktiv gemeinte Iden­­titäts­fak­tor angegeben
oder angesprochen wird. Da alle Negationen formell zusammenfallen (können), be­zeich­­net
oder bedeutet ratio schließlich einen terminus.
26 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

in der Form des Satzes gegebenen Begriffen und Inhal­ten eine ratio zuzuschreiben,
die sie interpretiert. Das geschieht häufig in der Theo­lo­­­­gie.51 Kein abstrakter Begriff
lässt die Zuordnung oder Zuschreibung des realempirischen Ge­­haltes per Folgerung
zu, so dass danach eine existente men­tale Gegebenheit, ein Akt oder Ausdruck fol-
gerbar oder unterstellbar res oder Realität extra animam sein könnte/zu sein hät­te.52

51. Diese ratio, als ratio assignata (Ord. d. 30 q. 1 OT IV p. 290 lin. 1–3) bezeichnet, wird nicht aus
‘per expe­ri­en­ti­am’ Gewus­s­tem und nicht als ‘per se notum’ gewonnen und sie er­schließt letztere
auch nicht. Propositio con­tin­gens, proposi­tio im­­mediata, proposi­tio per se no­ta repräsentie­
ren die Genese unseres Wissens und unse­rer Be­griffs­­bildung, aber sie sind un­ent­faltet. Die
Satz­arten selbst kön­nen ihre Bestimmungen (nur) durch sie qualifi­zie­rende Argu­men­­ta­ti­onen
erhalten, die be­züg­lich und ver­möge der no­titiae erfolgen können, wobei die notitiae als ac-
tus hypo­theti­sche Größen sind und ur­sprüng­lich verschiedene Defini­ti­o­nen erhalten können.
Sie werden in­ten­­sional wei­ter er­kundet, indem von ihrer ratio aus fortgesetzt die akzidentel-
len Umstände abgeschieden wer­den. Daneben be­deutet ratio auch Argument (Grund) oder
Verstand. Die allgemeinen ontologischen Begriffe wie essentia, for­ma, accidens, qualitas etc.
werden von Ockham erkenntnistheoretisch verwandt. Überall muss er mit rationes ar­bei­ten,
denen nicht Sät­ze entsprechen, die ihrerseits scitum per ex­pe­rientiam oder notum per se sind.
Generell muss er das Verhältnis von Be­­­griffen auf eine(r) „Bezie­hung“ zwischen ihnen gründen,
die nicht der Implikation entsprechen kann, sondern de­r Inhibition, Umkeh­rung, Aufhebung,
Negation solcher Implika­ti­on. Die Begriffe in ihrem Verhältnis oder (intensional) äquivalent
ei­nem solchen dürfen sich nicht ‘enthalten’, i.e. logisch oder se­­­man­tisch implizieren. Damit un-
terscheidet er sich von Zeitengenossen: denn W. Chat­ton nahm es an. Ni­ko­­laus von Autrecourt
forderte es und sah es für unerfüllbar an. Ein einiger Begriff, wel­cher als empi­risch ge­ne­rier­bar
an­ge­sehen und eben nicht im Sinne des ontologischen Realismus in­ten­sional in­terpretierbar
sein (kön­nen) soll, darf in keinem anderen enthalten sein bzw. nicht identisch einen weiteren
und von ihm ver­schie­­denen enthalten. Denn entweder wären so zwei unterschiedene Begriffe in
einem einzi­gen ent­halten oder um­ge­kehrt ein einziger Begriff in zwei sowohl inhaltlich wie fak-
tisch oder extensional zerlegbar. Ockham hat auch so ar­­gu­­men­tiert. Chatton und Autrecourt
dagegen gingen von einer Gleich­heit von in­ten­si­­o­nal und extensi­o­nal aus. Ockham ak­­­zeptierte
sie nicht, son­dern ­schloss sie per argumentum aus.
52. Es scheint, dass gerade Ockhams Schüler Wodham dieses besondere Moment der Deter-
minatheit der Aus­drücke in mente, aus dem je nicht auf die Realität, i.e. eine in se ausgedehnte
und durchlaufbare ‘Gestalt’ gefol­gert werden kann (nach Ockhams Argumentationen gefolgert
werden können soll) nicht beachtet. Hier zeigt sich, dass am Ende, wie das Folgern überhaupt
suspendiert werden muss, auch die Universalienproblematik aus­geschieden werden kann. Für
Ockham hing sie von nicht zu gebenden Begründungen ab, was er mit reprobati­o­nes (reduc-
tiones ad absurdum) aufwies. Summa: die ‘Lehre’ Ockhams dependiert aus Argumentationen,
i.e. Beweisen mit einem reflexiven (= intensionalen) Charakter. Wir betrachten ihn als pragma-
tisch subjektivis­ti­schen. Das eigentlich neuzeitliche Zerfallen in Subjekt- und Objektmoment
respektive Naturmoment findet sich bei dem argumentativen Charakter des Ockhamschen
Denkens nicht. Der Subjektstandpunkt, besser noch der mentalistische Standpunkt, ergibt sich
aus Notwendigkeiten, die die Argumentation reflexiv als ihre eigenen zei­gen möchte, wenn
sie zwischen Abstraktion (Beweis, Beweismöglichkeit) und Empirie (weltlicher Genese un­­­­­­
serer Begriffe und Sätze) abwägt und vermittelt. Aber eben auch deutlich trennt. Freilich ist
Einleitung 27

Am En­­de kann Ockham auf der Basis der von ihm philosophisch mit Hilfe der ontolo­
gi­schen, hier aber nicht mehr realontologischen Konzepte redigierten Wirklichkeits-
auffassung auch dog­­­matischen Fragen, z. B. der conceptio immaculata und dem pec-
catum originale, be­geg­­­nen und sie gleichsam naturalisieren = über die Ausspa­rung
von Einwänden neu­tra­li­sie­ren. Er wird ein moderner Denker, soweit er, im Gewande
des mit­tel­alterli­chen Be­griffs­apparates, vor allem die mentale (die mentalistisch be-
stimmte) Verfassung des Gei­stes sichert.53
Ockhams Besonderheit ist: Argumentation und Meinung fallen hier einmal
gänz­lich und aus­schließlich und damit auch historisch zusammen, und historisch ist
Ockham mit der Form ei­nes Modells, worin jede Antwort, die er geben konnte, ent-
halten ist.54 Es soll überlegt wer­den, in wel­­cher Weise Ockham historisch hat wirken
können, gerade dann, wenn zuzu­ge­­ben ist, dass seine ‘Lösungen’ empirisch in den
Bereich der Scholastik, deren Ter­mi­nologie er pro for­­­ma übernimmt, (ausschließ-
lich) fallen.55 Ausgangspunkt sind auch da ‘Be­griff ’ und ‘Satz’ bzw. die typologisch

der ‘Übergang’ in die Realität qua Argumentation verlegt, die eben keinem ‘logischen A priori’,
keiner apriorischen Logik ent­spre­chen kann. Der ‘Schnitt’ beruht hier auf deren Negation.
53. Das wird noch einmal in Kap. 13: Naturgrund und Realerkenntnis und Kap. 14: Wider­
spruch und ac­ci­dens gezeigt werden.
54. Wieweit Ockham historisch für seine Zeitgenossen eine reelle ‘Problemlösung’ schaffen
konnte, die der­en Problembewusstsein entsprochen hätte, wird gerade angesichts Ockhams
Mo­dell, dessen Aus­dehnung und Reich­­­­weite, schwer zu sagen sein. Hätte es einen generellen
Verdacht der Scho­las­ti­ker ge­gen das gesamte Mit­­tel­al­ter realisieren oder bei diesem bedingte
(reduktive) Lösungen bieten können und wie, für sie intelligibel, eines im anderen? Anzeichen
dafür treten erst in Ockhams Ge­fol­ge auf, wenn man die Averroisten des 12. Jahrhun­derts nicht
für Gegner des aristotelisch-scholasti­schen Sy­stems halten will wie Nikolaus von Autrecourt
es war. Aber dieses ‘Problem’ wäre erst Ockhams Erörte­run­­­gen der Strukturen zu entnehmen,
in denen es explizit mit Be­zug auf die Strukturen auch nicht genannt wird. Der­­­art wäre die
Pro­­­blem­­­lösung oh­ne antezedentes Pro­blem er­folgt. Ockhams Modell wird in seinen Fi­nes­sen
aber von nieman­dem übernommen. Eine Sonderfrage gilt Ock­hams eigenem bewussten oder
un­be­wuss­tem ‘Pro­­blem’, sei es dass es Mo­tiv gewesen wäre, sei es dass noch ein besonderes
(beinahe undenkbares) Motiv be­standen hät­te, das jedem Problem vorausgegangen wä­re. Beide
wä­ren wahr­schein­lich unun­terscheidbar und nicht ra­tional. Die the­o­retische Ausdrucksform
(Lösung) könnten ih­nen wohl nie nachweislich ent­spre­chen. Das Konzept des His­toris­mus,
worin Mo­tiv und ‘Pro­blem­for­mulierung’ äquivalent sind, ist – wenigstens für das Beispiel
Ockham – nicht zu halten.
55. Der Einfluss Ockhams auf Luther, Ockhams diesbezügliche Vorläufer- oder Wegbereiter-
schaft sind ange­spro­chen und behaup­tet worden. Sie werden von Ockhams Seite nicht inhalt-
lich, von der Luthers nicht struk­­turell bestätigt werden können. Luther zeigt eine Besonderheit.
Cf. W. Dilthey, 1906 p. 10: „Die lu­the­ri­sche Dogmatik beruht auf der Pau­linischen Verbin-
dung des Alten Tes­­­taments mit dem Evangelium Christi ver­mit­tels der Begriffe der Strafge­rech­
tigkeit, Opfer und Versöhnung.“ Diese Besonderheit mag auf einer ‘Ver­mit­tlung be­ruhen’, die
durch das Mittelalter hindurch, insofern dieses hier (bloß) durchlässig war, ihn er­reicht hat. Es
28 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

erfassba­ren Sätze und Begriffe zusammen mit der Kausalität, die sie nach ihren
Umgebun­gen in Überein­stim­mung mit ihren Erschei­nungs­­fo­r­men meinen und
be­sitzen können.56 Ob von ihr eine Ausstrahlung auf die Form der späteren the­o­lo­
gischen Aus­­sa­ge beste­hen konnte, muss gefragt werden.57 Denn es sind bei ihm immer

wäre hier bloß eigentümlich unaffiziert geblieben. Das kann genetisch den Ausdruck und die
For­matio­nen Ockhams ausgemacht, bewirkt oder beeinflusst ha­ben. S. außerdem P. Vignaux,
Luther commentateur des Sentences, 1935.
56. M. Kauf­mann, Be­gri­ffe, Sätze, Dinge: Referenz und Wahrheit bei Wi­l­helm von Ockham,
1994 (cf. H. Jung­­hans, Ockham im Lichte der neueren Forschung. Referenz und Wah­r­heit bei
Wilhelm von Ockham, 1968 !) diskutiert Ockham nach Detailproblemen – in denen er sich
ihm ausschließlich darstellt – unter beständig un­mit­tel­barem Be­zug auf heutige sprachanaly-
tisch vermittelte Wissenschaftstheorie und Philosophie. Die Diskus­si­o­nen werden kon­jektural
geführt und bleiben offen; unbestimmte punktuelle Annahmen werden gleichberechtigt wie
Wissens­fakto­ren geführt. Von da und den beigefügten fragmentarischen Konklusionen, die sie
erhalten, ge­hen Ex­tra­pola­ti­o­nen zur grundsätzlichen Verfasstheit von Ockhams Denken aus, so
dass es deren viele gibt. Sie bleiben auch offen. Zu den solcherart wesenlosen Detail­proble­men
ge­hört der To­pos ‘oratio mentalis’; sie wird technisch in Beweisen, Widerlegungen und In­duk­
ti­o­nen herangezogen. Sie kann womöglich fallweise in­duk­tiv begründet werden. Ihre häufige
Hervorhebung in der Li­te­ratur sieht auch J. Boler, Ockham on Difference in Ca­te­gory, Fr St 56,
1998 pp. 97–113 p. 104 Anm. 27 mit Vor­be­halt. M. Lenz, Mentale Sätze. Wilhelm von Ockhams
Thesen zur Sprach­­­lich­keit des Den­kens. 2001 macht mit ‘men­tale Sätze’ einen Aspekt thematisch,
der in der Par­al­­le­­li­tät von ge­spro­­che­ner, geschriebener und ge­dach­ter Spra­­­­che benannt eine
direkte oder leiten­de Funk­­ti­on nicht hat. So Lenz selbst p. 148. Auch der Aspekt ‘Semantik’ den
J. Pin­borg, 1972 hervorhebt, ist in der mo­­dal = intensional = prag­ma­tisch = men­talistisch zu
se­hen­den Umge­bung von Ock­hams Ope­­ra­ti­­o­nen künst­lich. D. Per­ler, Se­man­­ti­sche und episte­
mo­­lo­gische As­pekte in Ockhams Satzthe­o­­rie, Vi­va­ri­um XXIX, 2, 1991 pp. 85–103, id. The­o­ri­en
der Intenti­o­n­a­lität im Mi­t­tel­al­ter, 2002 führt sie im Titel. In­­­ten­ti­o(n) ist, auf die älte­re im­po­­sitio
fol­gend, ein gemeinscholastischer Begriff. Ihn für Ockham auf die ex­tra­­men­ta­le Sach­mei­nung
be­zie­hen heißt von dessen Argumentation zur vor­greiflichen Wertung übergehen. Zur histori-
schen Ent­wick­lung s. C. Knud­sen, In­te­ntions and Im­positi­ons, 1982, doch cf. vorab: L. Baudry,
Le­xi­que phi­lo­sophi­que de Gui­llau­me d’Ock­ham. Étude des noti­ons fonda­men­ta­les, 1958, G. Leff,
William of Ockham, The Meta­mor­­pho­­sis of scho­­la­stic dis­cour­se, 1975, pp. 128–131, J. Swiniars­ki,
A New Presentation of Ockham’s Theory of Sup­po­si­ti­­on, Fr. St 30, 1970 pp. 181–217 und Ockham
Ord. d. 22 q. unica OT IV p. 48 lin. 5 – p. 49 lin. 5 u. SL I c. 11.
57. Eine ihre Funktionen ist ihre Beweisbarkeit. Hier ist Ockham als Verneiner für Luther
wichtig gewe­sen. Nach M. Lenz, Himmlische Sätze: Die Beweisbarkeit von Glaubens­sät­zen nach
Wilhelm von Ockham. Bochu­mer Phi­los. Jahrb. f. Antike und Mittelalter, 1998, 3 pp. 99–120
ist bei Ockham Beweisabsicht die Darlegung der Be­weis­­bar­keit transzendenter theologischer
Sätze, ob de potentia oder in actu bleibt unerörtert; diese be­weis­ba­ren Sätze, die Sätze und ihre
Beweisbarkeit könnten also existieren oder nicht. Es bleibt zu zeigen, ob das der Auf­fas­sung
Ockhams, dem was er sagt und der Art (und der Schärfe) seiner Beweisführungen Ord. Prol.
q. 1 (und dem Anschluss von q. 2) entspricht (oder nicht). Lenz arbeitet mit einem unbestimm-
ten Begriff von the­­o­lo­gi­­scher Aussage oder Satz. Es fragt sich eher, ob es sie nach Ockham über-
haupt eindeutig geben kann und dies ein sinn­vol­ler ter­minus in Bezug auf seine Darlegungen
Einleitung 29

a parte mentis hu­ma­nae besser intellectus humani zu denkende Aussagen. Für letz­te­­
ren werden sie im Sinn der Intellektivität (Er­kenntnisför­mig­keit), nicht der Beweis-
barkeit bestimmt konstruiert. Der kon­­tin­gente Satz steht im Mittel­punkt; er ist zah-
lenmäßig häufiger als der der natür­li­chen The­­­o­lo­gie an­ge­hörige eventuell beweisbare
Satz. Die als kontingent klas­sifizierten Glau­bens­sät­ze kön­nen nur geglaubt wer­den.
Daneben wer­­den vie­le the­o­lo­gi­sche Sätze von Ockham als kon­tin­gente strukturiert,
doch dabei der Empi­riewertigkeit nach­haltig ent­zo­gen, und dies in er­staun­­lichem
Ausmaß.58 Es ist da eine Frage, ob Luther direkt von Ockhams tech­ni­­­schem Ver­fah­
ren ge­prägt werden konnte.59 Die hermeneutische Aneignung von Philo­so­phie, auch

und Erörterungen ist. Im Text geht es um fol­gendes: wo für den viator keine Erkenntnis der
divina essentia und des von ihr Dependenten Theologischen, wie es den or­­­do sa­lu­tis betrifft,
angenommen werden kann, die bloß in der visio beatifica (inclusive der genannten weiteren
theolo­gi­schen Aussagen) gegeben sind, kann der beatus, der diese evidente (intuitive) Erkennt-
nis von Gott etc. haben kann, per divinam potentiam absolutam auch die notitia abstractiva
des viator von demselben Satz, der hier ein Glaubenssatz ist (und fides gilt ganz naturalistisch
und untheologisch allem, was man nicht weiß) haben oder auf sie schließen und sie beweisen.
Gott schafft ihm neben der Erkenntnis von sich ‘Gott’, die quasi in der res simul­tan als Er-
kenntnismittel besteht, noch die weitere abstraktiv in einem anderen Medium. Also kann Gott
uns die no­­titia abstractiva von solchen Sätzen geben. Denn sie existiert (de potentia divinam
absolutam) als der Er­­kennt­nis des Menschen (und des Seligen) kompatibel zu denkende Er-
kenntnis. Das ist die These. Sie ent­hält ei­ne in­duk­­tiv begründete Abstraktion. So Ockhams Ge-
dankengang. Die Struktur dieser Sätze lässt Ockham weg. Es ist da­her sinnlos, sie grosso modo
als Parallelität himmlischer und irdischer Sätze insgeheim (im­plizit) zu un­terstel­len. Ockham
lässt offen, welche dogmatischen Wahrheiten über Gott hinaus der beatus erkenne.
58. Überhaupt operiert Ockham induktiv immer gegen diese Empiriewertigkeit. Hier gilt zu-
nächst, dass wir die a parte rei bestimmte wirkliche (im Vorlauf klare) Erkenntnis der res extra
animam gar nicht haben (Ord. Prol. q. 1 OT I p. 68 lin. 1–21): „Intellectus autem noster pro statu
isto nihil cognoscit intuitive clare et per­fec­te, et ideo non potest discernere illud a quolibet alio.
Et propter hoc non potest discernere inter actum rec­tum et refle­xum, et sic de aliis, quamvis
possit (sic!) discernere ab aliquibus aliis.“ Aber Ockham induziert direkt aus der Un­ge­wiss­heit
der notitia intuitiva auf die ‘Existenz’ der notitia abstractiva (ib. p. 36 lin. 17 – p. 37 lin. 3): „nulla
res est, saltem in istis inferioribus, nec alia ratio sibi propria (i.e. eine Bestimmung, die solcher
res formell zu­ge­­wie­sen wür­de) sub qua potest res intuitive cognosci quin illa cognita ab intel-
lectu possit intellectus dubitare utrum sit vel non sit, et per consequens possit (sic!) cognosci
abstractive.“ Auch hier also wird auf die Existenz der no­ti­tia ab­strac­tiva wieder besonders in-
duziert (s. o. Anm. 58). „Igitur omne idem et sub eadem ratione quod est ob­iectum in­­tuitivae
notitiae potest esse obiectum abstractivae. Et manifestum est quod quidquid reale potest cog­
nos­ci ab­strac­tive, potest etiam cognosci intuitive.“ Denn die notitia abstractiva folgt ‘mit’ der
notitia in­tuiti­va.
59. Hierzu s. K. Bannach, Relati­o­nen: Ihre The­orie in der spätmittelalterlichen Theologie und bei
Luther, Frei­bur­ger Zeitschr. f. Philos. und The­ol. 47(1–2) 2000, pp. 101–126. Dabei ist a parte
Ockham wichtig, dass die Re­la­ti­onen, die für die sacra theologia und divina essentia gleich-
sam aus dem empirischen Bereich (i.e. aus unserer Erfahrung) übernommen werden, wie es
30 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Ock­hams, muss, da obligatorisch unmethodisch erfolgend, als Kopie von Opera­ti­o­nen


ins Be­wusst­­sein gleich einem eigenen Organ, das von Ockhams Be­mü­­­­hun­­gen und
Er­­geb­nis­sen nicht erfasst wurde, auf eine Kritik stoßen, innerhalb deren ge­ra­de gel-
tend zu ma­chen ist, in wel­chem Maß Ockham auf die christliche Religion im Rah­men
seines Modells und sei­ner Tech­nik rational reagierte.60 Aber es gibt da Fragen: Kann

Ockham prinzipiell für (s)eine Theologie der menschlichen Verständ­lich­keit postuliert, em-
pirische „Erdenreste“ abgestreift werden können. Sie würden zu Ungereimtheiten (‘Kon­tra­­­­­­
diktionen’, fehlgeleiteter Kausation u. ä.) führen. Auf der Ebene Gottes kann dann u. a. mit
dem Begriff ‘for­ma’ operiert werden. Aber es hapert mit der ‘Beweisbarkeit’. Darin ward der
Erdenrest nicht abgetan.
60. Inaugurator einer besonderen Auffassung von Hermeneutik war H. G. Gadamer, 1960. In
ihr wirkt Heideggers Lebensphilosophie mit ihrer reduktiven Anthropolo­gie (im Vorrang gegen
das Wissen­schafts­i­deal) weiter. Her­me­neu­tisch versuchen ‘wir’ Bewusstsein selbst un­mit­tel­bar
‘Be­wusstsein’ berühren zu las­­sen. Wir schweben über den geschichtlichen Phänomenen und
möchten doch glau­­ben sie zu berühren. Es erin­nert an die Praktiken in an­ti­ken, spätantiken,
vielleicht schon ar­chaischen My­ste­rienkulten. Dass sie mit christ­li­chen (schon jüdischen) Auf­
fassungen vergleichbar seien, ha­ben A. Schwei­t­­zer, Die Mystik des Apostels Pau­lus, 1930 und
D. Bonhoef­fer, Widerstand und Ergebung, 1951 p. 226f (Brief vom 27.6.1944) bestritten: „Die
christ­­li­­che Auf­er­­ste­hungs­hoff­nung unterschei­det sich von der mytho­lo­­gischen darin, dass sie
den Men­schen in ganz neu­er und ge­­­genüber dem Alten Testa­ment noch verschärf­ter Weise an
sein Le­­ben auf der Erde ver­weist … Darin blei­ben Neu­­­es und Al­tes Testament ver­bun­den. Er­lö­
sungs­­mythen entstehen aus den menschlichen Grenz­­er­fah­run­­gen.“ Doch wird das Geschehen
um ‘Christus’, den ‘Erlöser’, wie Bonhoeffer es beschreibt, al­le­go­­risch ver­stan­den: Es wird ‘über­
nommen’. Ihm wird ‘nach­ge­lebt’. Damit werden wir aber in das Bewusstsein ver­wie­sen und in
ihm, wie es neuzeitlich zu sein hat, begrenzt bzw. gefangen gehalten. Dabei muss das Bewusst­
sein al­les was es er­greift (er­grei­fen will) als Ge­stalt außerhalb seiner selbst sehen und derart es
immerfort set­zen, um es, da­­mit es ‘be­stehe’, in sich hineinzu­ho­len, wenn denn das geht. Her­
me­neutik à la Gadamer wurde offenbar mög­lich und ‘legitim’, weil da ein Ab­stand empfunden
wur­de. Die besonderen Phänomene (Gegenstände) des Geis­tes ‘in se’, die Be­wusstsein sind,
müs­sen für den Epigonen in solches überführt werden. Er erwirbt darüber eine Lebensform
und wird Adept. Er bedarf da nicht der Methode, sondern der Hal­tung. Nur ist es ge­rade der
eigene besondere Ge­gen­stand, den die Her­me­neu­­tik sich über im Grunde freie und mit wie im­
mer an­thro­pologischen An­­­­­­lei­hen, also mit dem was sie als ‘men­schen­gemäß’ setzt, nochmals
konstituiert. Da­bei wer­den ihr Uni­ver­salia aus allen Ge­gen­stands- und Erfahrungs­be­rei­chen
unentbehrlich, die den Ge­gen­stand eben jeweils ver­stel­len. Die Her­me­neu­tik, die Ga­da­­mer
initiierte, hält sich über Allge­mein­heits­­­­ver­ständ­nis­­­­­se in Gang und ist da­rum auf uni­ver­salia
aus. Das ist dis­pa­rat zur ge­nu­in spe­zifischen Verste­hens­­in­ten­ti­on. Dil­they, den Ga­da­mer mit
der Ver­­en­­gung auf ei­ne Al­ter­na­ti­ve von im­me­di­ater menschlicher Wahr­­­heit und äu­ßer­licher
szientischer Met­­hode ver­stell­te, um sich von ihm spie­gel­fechte­risch abzusetzen, verfügte über
ein Wis­sen, worin se­man­tisch sei­ner argu­men­ta­­­ti­­ven Dar­stel­lung ‘vor­ge­arbeitet’ war, um mit
der ten­den­zi­ell ‘eng­sten’ Ver­knü­­pfung von a­n­t­e­ce­dens und con­se­­quens an je­­dem Punkt der ar­
gu­men­tati­ven Darstellung erst und sogleich den weitesten As­pekt zu er­öff­nen. Da­rin tritt die
Ab­sicht in­duktiven Fort­schrei­­tens zutage, ge­gen das Gadamer Sturm lief. Cf. W. Dilthey, 1906.
Einleitung 31

Ra­­tionali­tät über Ockhams Operatio­nen (in einem absoluten Sinne) hinausgehen?61


Defi­niert sein Mo­­dell selbst Ra­ti­o­na­li­tät?62 Gibt es dafür einen Maßstab in objekti-
ven Pro­blem­stel­lungen, i.e. sol­chen, die als per se ex­tra­mental zu verstehende für das
Subjekt mit sei­­nen men­talen Hand­lun­­gen, For­­men des Ope­rierens, also Techniken,
bzw. bei Ockham mit sei­nem mentalisti­schen Ver­fahren infrage kä­men?63 Wenn man

61. Das bleibt in vielen Arbeiten offen: D. Perler, Analytische Zugänge zu Ockham, Philos.
Rundschau, XL, 2 1995 (Rez. u. a. zu M. Kaufmann, 1994). ‘Ana­ly­tisch’ hier ist ein Verlegen-
heitswort wie ‘seman­tisch’. Deren Gebrauch setzt vor­aus, dass Ockham eine Wissen­schaft
betrieb, die man schon kenne, anerkenne und nun ana­lysieren will. Man wür­de sie da­mit
trotz womög­lich äuße­ren Abbildungsansatzes ‘aus sich’ klären und bes­ser ‘ver­stehen’ wol­len.
Ockham müss­­te als Analyti­ker und im ei­ge­nen Medium Entdecker weiterhin un­­ab­­­hän­gig sein
dürfen. Cf. noch D. Brown, Ana­­lyticity: An Ockhamist Approach, 1997. Nä­he­rungs­weise ana­ly­
ti­sche Sätze be­­trach­­tet Ockham mit Vor­be­halt: sie sind bedingt em­pi­rie­un­ab­hängig und nicht
ganz beweiseffi­zi­ent.
62. Hier ist die Konkurrenz der exakten Wissenschaften zunächst nur eine bedingte. St.
C. Kleene, Introduction to Metamathematics, 1952 pp. 59–65 be­zeich­nete formale Systeme und
metasprachliche Beweis­th­eorien als der In­ter­­pre­­­ta­­tion durch nicht­­­­for­male oder se­mi­forma­le
Theorien bedürftig, sollen sie überhaupt als mathe­ma­­ti­sche Sy­ste­me gelten kön­nen. Diese ‘Ver-
dopplung’ betrifft auch metaphysische oder (vermeintlich) andere Grundvor­aus­set­­zun­­gen for­
ma­ler Sy­steme, z. B. Wahrheit, Apriorität usw. und lässt sie zwischen ‘formal’ und ‘nichtformal’
ste­­hen. Wahr­heit und Apriorität leiten Ockham nicht. Wenn die Rationalität, die Ockham in
seinen Ope­ra­ti­o­nen vorträgt und be­­­züg­lich dieser Ope­ra­tionen begründet, propagiert und sy-
stematisiert, religiöse Wahr­hei­ten oder Dog­­­men tilgt, beim ordo sa­lu­tis etwa oder hin­sichtlich
des mythischen Grun­des der Religi­on, z. B. bei pec­ca­­tum originale und Sündenbegriff in gene-
re, bleibt die Frage nach seinem Motiv notwendig unbe­ant­­wor­tet.
63. Bei Ockham wären das in jedem Fall auch christlich-theologische, damit in einem weite-
ren Sinn religiöse, die wir potentiell als psychologische ansehen könnten. Sie müssten dann
in einer objektiven Technik behandelt wer­den (behandelt worden sein), während wir für die
Themen selbst vielleicht einen höchstens subjektiven, ei­nen viel­leicht sogar (es sei trotz des
‘hölzernen Eisens’ gesagt) irrationalen Sinn annehmen müssten. Ihm stünde die objektive
Technik als absolute gegenüber; sie hätte das Irrationale wegzulassen bzw. zu exterminieren.
Ockhams Identifikation des wie immer religiösen oder auch psychologischen bzw. ethnolo­
gisch-psychologischen Pro­blems, z. B. des peccatum originale und des peccatum mit dem
accidens, das selbst den Widerspruch verkör­pert, eliminiert dieses Problem gleichsam a limi­
ne technisch und löscht seine innersubjektiv psychologische Fi­xie­rung. Dabei fragt sich, ob
Ockham auf ei­nen Wahrheitsbegriff überhaupt noch bezogen werden kann. Wahr­­heit müsste
im gegebenen Fall des peccatum in An­­betracht der innerpsychischen Identifizierung des ‘Pro­
blems’ und seiner Beziehung auf das accidens und erst recht nach der darauf negativ gegebenen
Antwort ausge­schlossen sein; die semantische Auslegung wird des­a­vou­iert, für eine formale
entfällt sie. M. Kauf­mann, Ockham und Davidson über die Wah­rheit, in: G. Meggle/U. Wes­sels
(eds.), Ana­lyomen 1, 1994, pp. 453–463 be­zeich­net da keine abso­lu­te Fragestellung. Es fra­gt
sich, ob es au­ßer­halb der theolo­gi­schen Fra­ge­stel­lun­gen einen objektiven Wahrheits­maß­stab
in re­al­empirischen ‘phy­si­­kali­schen’ Daten oder auch nur ‘Proble­men’ geben kön­ne. Er wird mit
ganz der gleichen Tech­nik von Ockham aus­­geschlossen. In der jüngeren Forschung gibt es oft
32 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

einmal davon absieht, dass die ‘Forschung’ zu Ockham jederzeit punk­tu­elle, parti-
elle und tangentielle Vergleiche zu moderner Wissen­schafts­­the­orie und gar Theo­rie­
bil­dung einführen und anstellen kann, wür­de es schon denkbar sein, Ockham selbst
einmal ge­gen ‘vergleichbare’ Thesen und Erörte­run­gen zu isolieren und seinen Wert
davon abhängig zu machen, dass hier Befunde möglich wä­ren, die danach (erst) den
Vergleich zuließen, bzw. le­gi­timierten. Dabei muss auch nicht ein dann für affin oder
kon­trär gehaltenes Comparatum den absoluten Maßstab abgeben.64 Die exak­ten
Wissen­schaf­ten, die die­ses Pro­blem der Ab­so­­lutheit, der Vollkommenheit (technisch
oder ideell) bereits für ihre Systeme sich stellen, sei es innerhalb fort­lau­fen­der Arbeit,
sei es bei geschichtlichem Rück­blick, haben uns nicht affir­ma­tiv beschieden.65 Es wird
aber bei Ockhams Rationali­tät, wie bei al­len Wissenschaften und deren rationaler
Formation, den wissenschaftlichen oder philosophischen Sprach- und Aus­drucks­ana­
ly­sen, eine Fra­ge sein, wie sie sich zur Ethik ver­hal­te.66

Erörterungen, die wie sie eingelei­tet wer­den, ihres Ertrags nicht sicher sein können; es sei denn
man sähe ihn in den fast stets dubitati­ven Erwä­gun­gen selbst. Zur analogen Behandlung von
Religion und ‘Physik’ cf. auch Kap. 7: Form­be­griff und reale Wahrheit, Kap. 8: Glaube und
Welt. Im Vorhof der Na­tur­philo­so­phie.
64. Ockhams Operationen selbst können, wenn sie systematisiert und vereinheit­licht wurden,
nicht durch den in­nerscholastischen Vergleich ihren absoluten oder idealen Charakter ge­win­
nen oder verlieren, wie wenn sich so ei­ne Klärung über den absoluten oder bedingt absoluten
Wert von Argumenten, Be­weis­­gän­gen usw. gewinnen lie­­ße. Ockhams Argumentationsart wird
passim in dessen nach Ord. d. 4–8 darzustellenden Refutationen der Er­klä­rungen, die Thomas
von Aquin und Duns Scotus den grundlegenden christlichen Glaubenssätzen, die es­sen­tia di-
vina und den darin anzutreffenden Bezie­hun­gen der göttlichen per­so­nae, gewidmet haben,
in Bezug auf ihren scholastischen Kern und die Referenz zur Ontologie deutlich werden. In
manchen Arbeiten wird der scho­lasti­sche, methodologische, philosophische oder einfach ra-
tionale oder intel­lek­tu­el­le Vorteil oft nicht bei Ockham, sondern bei an­deren Scho­la­stikern
gesehen: z. B. E. Karger, William of Ockham, Walter Cha­tton and Adam Wode­ham on the Ob-
jects of Know­led­ge and Be­lief, in Vivarium 33,2, 1995 pp. 171–196. Mit demsel­ben scholas­ti­­­schen
Perso­nal M. Lenz in der Arbeit Anm. 58. F. Amerini, What is Real? A Reply to Ockham’s On­to­lo­
gi­­cal Pro­­gram, in Vi­­va­ri­um 43,1, 2005 pp. 187–212 spricht von einem „reduced realism“ (p. 210),
E. Kar­ger, Men­tal Sen­­tences Ac­cor­­ding to Burleigh and to the Early Ockham, in Vivarium 34,2,
1996, pp. 187–212 sieht Bur­leighs ‘na­tu­ra com­mu­­nis’ und Ockhams unive­r­sa­le als ‘fictum’ als
verwandt an und letz­te­res für die ‘Kon­zep­tion’ oder Idee von men­tal sentence stehen.
65. T. S. Kuhn, 1962 dt. 1967 verneint die Möglichkeit. H. Wang, Sko­­­lem and Gö­del, Nor­dic
Jour­nal of Philo­so­p­hi­cal Lo­gic Vol. 1, No. 2, 1933 pp. 119–132 rekurriert auf „begrün­de­te“ Par­
tikularlösungen.
66. D. Perler, Emotions and Cognitions. Four­teenth-Cen­tu­ry Dis­cus­si­ons on the Passions of
the Soul, in: Vivarium XL,2 2005 pp. 250–274 will den mit­tel­a­lterlichen Menschen direkt und
insgesamt und bezieht sich exempla­risch auf Ockham und Wodham; er referiert für ersteren
gewiss nichts, was dieser tech­nisch un­ab­­hän­gig von sei­­nen Ar­­­gu­mentationen vortrüge, also
gerade nicht als unvorgreifliche Anthropologie. Ob mittelalterlich obligate oder in­­di­vi­­­du­elle
Einleitung 33

Meinungen in seine Beweisdiskurse eingehen, ist zu fragen und ob, gäbe es sie, die Be­weis­
form, da­von affi­ziert, letzt­lich definit oder absolut bestünde. G. J. Etz­korn, Ockham’s View
of the Hu­man Passi­ons in the Light of his Ph­ilo­sophical Anthropology, in: W. Vos­­sen­kuhl u.
R. Schönberger (eds.), Die Gegenwart Ockhams, 1990 pp. 265–287 zielt hypothe­tisch auch auf
Ockhams Wesensart und Nei­gun­gen. Im Übrigen han­delt er von den bei­den Sphä­ren des sen-
sus und des intellectus. Wo Ockham die Argumentation kennzeichnet, ist der Ver­stand betrof-
fen. An Etzkorn knüpft an V. Hirvonen, Passions in William Ockham’s Psychology, 2004. Von
ei­ner tiefen Verflochtenheit von Ockhams Intellektualität und Gesinnung ging sei­nerzeit aus
J. Miethke, Ock­­hams Weg zur Sozialphilosophie, 1969.
kapitel 1

Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham

Denkt man über das Verhältnis der Begriffe im Satz oder in Sätzen nach, sei es um
diese zu klassifizieren, sei es um Erkenntnisarten (deren Legitimation) zu beschrei-
ben, so kommt man nicht umhin, dieses Verhältnis der Begriffe in ‘Parallelität’ zum
Satz zu set­zen, ja es als des­sen Struktur autonom zu machen oder doch wenigstens
partiell so zu verste­hen:­ man macht was man in die Struk­tur ver­­legt förmlich zum
Inhalt des speziellen Satzes. Es ist dann für die­sen Satz zu be­wei­­­sen oder abzulehnen,
was der Satz und mit ihm das Den­ken, wenn es denn da­rin statt­­­­­­finden soll, sein und
vorstellen können soll. Ockham je­den­falls hat ei­nem sol­chen Prin­­­zip gehorcht und in
Johannes Duns Scotus ein Vorbild oder einen Vor­gänger ge­habt, der indes, unbewusst
oder programmatisch, Erkenntnis weidlich als deduk­ti­ve ver­­­stand und hier in der
Form des analytischen Satzes ausprägte, bei dem der Sub­jekt­term, gleich­­­sam das Prä­­
di­­kat ‘ent­hält’ und beide inhaltlich quasi übereinstimmen oder von­ein­an­der ab­­­hän­­gig
sind: das eine wie das andere gewissermaßen in Übereinstimmung miteinan­der.
Ockham hat dazu unter anderem wie folgt negativ, i.e. bestreitend, Stellung bezo-
gen: „… cum dicitur quod subiectum primum continet propositi­ones immediatas,
quia subiectum ea­­rum continet praedicatum, dico, sicut probatum est prius, quod nec
subiectum continet pri­mo praedicatum nec notitia subiecti continet primo notitiam
praedicati, secundum quod ipse ex­po­nit ‘primo continere’, quia ad ista habenda re-
quiruntur distinctae rationes cognos­cen­di, se­cun­dum istum Doctorem.“ Gemeint ist

. Cf. G. Patzig, Bemerkungen über den Begriff der Form, Archiv für Philosophie, 9/1–2, Stutt­
gart 1959. pp. 93–111. Patzig (p. 94) zitiert Kant „von dem der Satz stammt, das Formale in
un­­­­­­­serer Erkenntnis sei das haupt­säch­lich­ste Geschäft der Philosophie.“ Doch soll Ockham in
dieser Arbeit von keinen anderen Philosophen her an­ge­gangen werden, weder von Kant noch
von Aristoteles oder Thomas von Aquin oder Duns Sco­­­­­tus her. Auch nicht von ir­gend­wie oder
sogenannt allgemeinen Fragestellungen der mittel­al­ter­li­chen Philosophie her.
. E. Gilson, La philosophie au moyen âge, De Scot Érigène à G. Occam, Paris 1925 p. 228 sagt,
Duns Scotus hal­­­te am syllogistischen Beweis fest. Im Traktat „De primo principio“ (ed. et comm.
W. Kluxen, 1974) steht die aus­­­sa­gen­lo­gische Beweisart je­doch im Vor­dergrund. Im Gesamtver-
folg seines Be­weisvorhabens nimmt Duns Sco­­­­­­tus schon geführte Be­wei­se je auf (integriert sie
also) und ver­knüpft sie so miteinan­der. Ob dabei das Sco­ti­sche Beweisvorhaben wirklich ganz
einheitlich sein könne, muss diskutiert werden.
. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 262 lin. 5–16.
. Zur Natur der propositi­o immediata s. Kap. 3: Zum Verhältnis der Satzformen.
36 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Duns Scotus. „Si­mi­liter, aliquando praedica­tum est per­fectius quam subiectum, sicut
declaratum est, ideo etc.“ Ein praedicatum, z. B. bea­tifica­bi­lis kann ‘nobilior’ sein als
das subiectum, z. B. homo in dem Satz ‘homo est beatifica­bilis.’ Das Prädikat kann
damit auch nicht aus dem Subjekt deduziert werden. Auch der potentiell em­­­piri­sche
Sachverhalt ist ebenfalls nicht, im Sinne des Begriffsgebrauchs, also förmlich em­pi­
risch, de­du­zier­bar. „Dico etiam, sicut declaratum est, quod non semper ter­mini con-
tinent vir­­tu­aliter no­­­­­ti­t­i­am principii immediati, quia declaratum est prius quod aliqua
principia im­me­di­­a­ta non cog­noscuntur ex terminis cognitis.“ Diese principia sind
also nicht die sogenannten pro­po­siti­o­nes per se notae, bei denen mit der Kenntnis der
termini auch der Satz selbst ein­seh­bar und eben sein Sachverhalt verstanden werden
kann. Anders wäre der Begriff in seinem vollen Sinn gleichsam ‘ausgedehnt’ im Sinn
des Sachverhalts Basis der Induktion, die quasi auf den Satz nach Form und Inhalt
zu führen hätte. Der Sachverhalt fällt so bei Ockham nicht mit dem Satz zusammen,
wenngleich der Satz als obiectum scientiae seu cognitionis zu den­ken ist. Der Satz
muss, wenn er keine Folgerung (Folge) in sich zulässt oder enthält, für den Sach-
verhalt stehen, indem er eben diese Folgerung oder Folge nicht enthält. Das ist die
Grund­­lage der Urteile Ockhams über kontingente Sätze, die empirische Bedeutun-
gen ha­ben und solche, die per Abstraktion über diese Stufe hinausreichen, z. B. die

. Zur propositio per se nota s. näher Kap. 3.


. In der Weise operiert Wodham und legt so seine Entscheidungen an. Das bedeutet u. a.
dass die distinctio re­a­lis ein Modus des Satzes modo composito, i.e. transempirisch werden
(kön­nen) müsste, i.e. als Teil oder Wei­ter­führung der Abstraktion in diese (den actus menta­
lis oder apprehensivus) gehörte, nicht aber die Grund­la­ge der Begriffsbildung per notitiam
in­tuitivam ausschließlich zu bilden hätte. Ockham verwendet die proposi­tio per se nota mo­
dell­haft für eine Widerlegung im Sinn einer engsten Verbindung heterogener termini, die er
für al­le Sät­­ze insgesamt ausschließt. Die nimmt er für die propositio per se nota an, um diese
derart als au­ßerhalb der Be­­gründung der Intensionalität stehend anzusehen. Er geht also von
kei­ner Iden­­tität in reali oder sach- bzw. ge­gen­standsnah für Begriffe in Sätzen aus. Er kann al­so
Sät­ze im Grund auch nur modal apostrophieren. Das schließt die Begründung des Satzes aus
dem re­­alen Sein aus und ebenso ihre Gleichheit damit aus. Will man das als Er­kennt­nis­ziel
oder Er­kennt­nisgrundlage, wie Wodham und dann auch Nikolaus von Autrecourt, ist man
nicht bei Ockhams Operieren, Erklären, Bestimmen und schließlich Beweisen. Distinkte Rea-
lität, Identität, Überein­stim­mung der Begriffe in reali würden einen Vorgriff auf das Be­wei­sen
darstellen (s. auch Anm. 79 u. 80) und der bei Ockham üblichen Indukti­on widerspre­chen.
Falschheit und Absurdität werden von Ockham nicht, wie von Wod­­­ham und Au­tre­court bloß
unterstellt, sondern nach dem intensionalen Standpunkt re­pro­bativ be­wie­­sen. Das ge­schieht
technisch nicht in analytischer Auslegungsform und nicht secundum tertium non datur.
. Diese Abstraktion beginnt bereits, wenn der Satz und Satzgehalt mit der Gewinnung der
Be­griffe und im Sinn der notitia abstractiva (actus apprehensivus) nach der notitia intuitiva,
bei der die Begriffe im Verstand fixiert wer­den, entsteht. Sie lässt sich tendenziell fortsetzen,
et­wa wenn man erklärt, dass man von Sachgehalten spre­che, die allein Gott betreffend über die
Ebene der creaturae hin­aus­gehoben seien, die al­lein in den Prä­di­ka­ten (con­­notativa) des Sat­zes
noch mitgenannt sei­en.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 37

theologi­schen, selbst wenn viele dieser Sätze formell als kontingente erscheinen: ‘Fili-
us est incar­na­tus’ etc. Hier werden sie suppositionslogisch – im Sinne der Abschnei-
dung und Bestreitung von Fol­ge­rungen erscheinen, welche, weil sie implizit einer
Abstraktion über die Empirie (Kontin­genz) hinaus entsprechen, einen allgemeinen
Gehalt über die Natur Christi im Sinn der Inhä­renz beinhalten könnten.
Da Ockham für die Satztypen, die er behandelt und für die er seine Aus­­­sagen
macht, be­wei­­­send operiert, müssen seine Beweisgründe (rationes) für den Zusam-
menhang so­wohl wie sei­nen Gegenstand, i.e. die Sätze, die nach ihrer Art bewertet
werden sollen, syn­the­­tische Qua­li­tät ha­­­­ben. Die Klassifikation bedarf also des Be-
weises und dieser muss so­mit ef­fek­­tiv oder quod est idem definit hinsichtlich seiner
Termini sein, das bedeutet: er muss reali­ter oder nä­he­rungsweise induktiv und dar-
in ausschließend sein; es kann nicht ne­ben ihm eine andere und darin kompatible
Meinung geben. Dies macht der Text auch deut­lich.10 Der Sub­­jekt­be­griff ei­nes Satzes
kann virtualiter den Prädikatsbegriff enthalten, denn die­ser kann ja zu jenem tre­ten;
damit ist aber eine Zwangsläufigkeit des Hervortretens und Hin­zutretens der pas­sio
zum sub­iec­tum – noch – nicht gegeben. Die Beweisart Ockhams muss die Induktion
sein: denn er muss den Inhalt im Verhältnis zu einem anderen In­halt, Begriff oder
‘Ge­­gen­stand’ an­schlie­ßen, ohne diesen aus jenem aufzuschließen.11 „Sub­iec­tum conti-
nere virtu­a­liter no­titiam pas­­si­o­nis non est aliud quam subiectum continere virtua­liter

. Es zeigt sich danach, dass die Suppositionslogik konsequentermaßen für Widerlegungen


gebraucht werden kann; sie drückt somit noch aus, dass sowohl intensional wie intentionell ein
Satz nicht im Sinn der Folgerungen determiniert sein kann, die rein für seinen Inhalt und die­
sen betreffend, aus ihm gezogen werden können sollen. Die Sätze, so ließe sich sagen, müs­­sen
notwendig kontingent(e) sein.
. Was können die Begriffe konstitutionell in ihrem Zusammenhang bieten, um eine Folge-
rung zuzulassen? Dies ist eine Frage, die auf die Analysis als Modus der Erörterung oder Folge­
rung verweist. Was müssen die Begriffe konstitutionell in ihrem Zusammenhang bieten, um
eine Folgerung zuzulassen? Diese Formulierung zielt auf die Synthese ab­. Beide Fragen kön­nen
intensional ‘für die Begriffe’ noch einmal gestellt werden. Was be­sagt dann Ex­­­tension? De­ren
Formulierung wird im Gegensatz zur Intensionalität stehen. Die intensionale Fragestel­lung als
nominalistische sieht notwendig von der Extension ab.
10. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 244 lin. 16–20.
11. Die Induktion schließt den Wahrheitsfaktor explizit nicht ein. Zu­­gleich nimmt sie den
In­halt, auf den sie sich be­­zieht, nicht im Sinne eines medium extrinse­cum auf. Anders H.
Jung­hans, Ockham im Lichte der neueren For­schung. Referenz und Wah­r­heit bei Wilhelm von
Ock­ham. 1968. Für die Induktion als Methode gibt es Wahr­­­heit und Referenz nicht, wie diese
per se in sen­su acciden­ta­li zu gelten, gegeben zu sein hätte. Induktion ist so mit der Ab­strak­ti­
on ver­bunden. Refe­renz, Kon­no­tation, acci­dens u. ä. geben einen ‘Bereich’ an­­, in welchem wir
nicht for­­schen. Methodologisch es definit gar nicht können. Die Induktion zielt auf die Defi­nit­
heit. Es gäbe sie mit der Intention auf ein ‘realiter esse in se’ nicht.
38 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

pas­sionem. Sed sub­­iec­tum potest con­ti­nere virtualiter passionem, quamvis non possit
cau­­sare notitiam pas­­­sio­nis. Er­go etc.“12
Ockham macht deutlich, dass die empirische Wahrnehmung nicht gleich (gleich-
wertig) der ab­­­strak­ten ist:13 „Tertio, dico quod etiam non semper notitia distincta
subiecti et notitia dis­tinc­­­­ta passionis im­mediate continent virtualiter notitiam illius
propositionis immediatae. Quia, secundum istum Doctorem14 ista est immediata: ca-
lor est calefactivus. Nec est quaerenda alia cau­­­­­sa quare calor est calefactivus nisi quia
calor est calor. Et tamen potest cognosci subiectum distincte et similiter passio dis­tinc­
te et non ista propositio: calor est calefactivus. Ergo etc.“ Das Ganze wird gleich­sam
in dop­­pelter Ausführung gegeben. Denn es folgt dort:15 „Assump­­tum patet: quia si
aliquis videret calorem intuitive per intellectum et cog­nosceret quod sol ca­le­­­faceret
ista inferiora, si numquam cognosceret per experientiam quod calor pro­duceret calo­
rem, quia nullum calefactibile esset sibi approximatum, talis non plus cog­nosceret
evidenter quod calor est calefactivus quam quod albedo est productiva albedinis. Et
ita notitia distincta sub­­iecti et passionis non sufficiunt ad notitiam talis propositionis
imme­diatae.“16

12. Die Stelle findet sich Ord. Prol. q. 9 OT I p. 244 lin. 16–20. Ein völlig induktiver Beweis
ib. p. 244, lin. 22 – p. 245, lin. 2: „Secun­do dico quod subiectum non continet semper virtua-
liter passionem, quia fre­quenter passi­o­nes sunt quidam con­cep­tus res­pec­tivi, secundum ali-
quos (Joannes de Rea­ding, zuvor zit. p. 131, lin. 2–19.) vel con­no­ta­tivi, secun­dum alios, (Ed. ib.
Anm. 1: Ut ipse Ockham, supra p. 139, lin. 5–12; cf. Etiam Petrus Aureoli, Scrip­­­­tum, I, I, d. 88,
Sect. 23, nn. 189–195 – ed. E. Buy­taert, II, 1025–1129.) et important aliqua quae non conti­nen­­­tur
virtualiter in subiecto; et ita nec illi conceptus continetur virtualiter in sub­­­iecto.“
13. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 245, lin. 4–10.
14. Duns Scotus, Quaestiones in Metaph. Aristot., I, q. 4, n. 18 – ed. Wad­ding, IV, 534.
15. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 245, lin. 11–18.
16. Mit dem abstrahierten Begriff kann nicht die Idee von Kausalität als realer in Bezug auf das
was das Satzprä­di­­­kat nennt oder konnotiert, was also mit ihm zusammen auftreten kann, ver-
bunden werden. Es wird so auch kei­ne Kausalität als in re geschöpfte ausgedrückt. Aber vermö-
ge zusätzlicher empirischer Erfahrungen, die mithin als hinzutretende immerhin möglich(e)
sind, kann Kausalität unterstellt, zugestanden werden. Das gilt für jeden ab­­strahierten Begriff,
für calor wie für die hier vergleichend genannte albedo. Die Vorstellung, sie bewirke Kau­sa­­
li­tät oder wirke kausal, kann nur als absurd betrachtet werden. An diesen Fall wird also die
Tatsache, dass auch die calor es nicht könne (bzw. die diesbezügliche oder die negierte Tat-
sachenbehauptung) herangebracht. Beide (ca­­lor und albedo) sind natürlich Relationsbegriffe
und die Absurdität ist ein Komplement der Kontingenz. Denn wir können für sie oder ihre
Gegenstände nichts ausdrücken, was als abstractum ihnen konkret gleich wäre. Das ist die
Bedingung der Abstraktion bei Ockham. Es erklärt Widerlegungen und consequentiae falsae,
fallaciae etc. Die Absurdität, die Nikolaus von Autrecourt den scholastischen Sätzen, mit der
Meinung, sie dadurch dis­kre­­­­di­tie­ren zu können, unterstellt oder nachweisen möchte, ist also in
Wahrheit diesen nach ihrer Genesis bereits ein­be­schrieben und nahe: sie ‘entspricht’ ihnen be-
reits in ihrer rudimentären suppositionslogischen Charakteri­sie­­rung mit Hilfe des Begrif­fes als
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 39

Die notitia-Ebene bezeichnet nun diejenige, in welcher die Begriffe gemäß ihrer
Zusammen­fü­­­­gung (compositio, complexio) gewertet werden können. Wenn Einsich-
ten (Erkenntnisse) de­­­­­­klariert werden können sollen, welche mit ihrem Wert genea-
logisch und seiner Dependenz aus der notitia intuitiva festgelegte empirische oder
natürliche Erkenntnis übersteigen können sollen, entweder ‘inhaltlich’ (thematisch
im Sinn ihres Gegenstands, z. B. Gott) oder in dem Sin­­ne pragmatisch, dass sie einen
natürlichen Status des Menschen nicht mehr entsprächen, et­­­wa nach der visio beati-
fica, dann beziehen sie sich auf die Ausgangs- oder Grundlage der Er­­kennt­­­­nis in der
Empirie (notitia intuitiva) bloß noch so, dass sie, wenn die Begriffe unter sich ei­ne
grund­­­le­gen­de Differenz enthalten und begründen, ihrerseits inhaltlich in ihrem Ver­
hält­nis zu­einander durch Induktion be­grün­det werden können.17
Dass aus einem Begriff nicht auf einen anderen gefolgert werden könne, ist bei
Ockham ste­hende Ansicht, etwa wie folgt ausgesprochen:18 „dico quod non est de ra-
tione subiecti con­­­­­­­­­­ti­­ne­re virtualiter passiones, sicut declaratum est.“ Ebenso sind auch
nicht die con­­clusiones der Syl­logismen, die mit dem Aristotelischen Ausdruck ‘scien-
tia’ (ἐπιστήμη) heißen, Teil und ‘Fol­­­­­­­­­ge’ des subiectum se­cun­dum suam rationem. Für
Ockham schließt die virtuelle Kennt­­­nis ei­­nes Prädikats aus dem Subjekt nicht dessen
wirkliche ein. Dieses gehört folglich auch nicht zur ratio subiecti. Sollte das Subjekt

terminus, i.e. wenn wir sie als den res gleich oder nahestehend denken. Die Ab­­surdität steht am
Ende bei der der Schlussfolgerung, die für Ockham ja bei den contingentia nicht katego­risch
aus­geschlossen ist, d. h. für den kontingenten Satz in diesem Sinn nicht ausgeschlossen werden
muss; sie steht beim consequens überhaupt. Denn das consequens ist nicht ohne weiteres oder
gut folgerbar. Das zeigt schon die Konstruktion der demonstratio potissima durch Ockham:
sie ist die am ehesten und meisten intel­lek­­ti­ve intensio­na­le Gestalt des syllogistisch verfassten
Beweisens.
17. Die Argumentation geht vom Status einer Diminution aus, die sie mit einer Behauptung
ausgleicht und in­duk­tiv opti­miert. Es wird eine förm­li­che (ver­bor­­ge­­­ne) Ab­schwächung, an
deren Stelle man eine unangreifbare Po­si­ti­­on gesehen haben mag, die aber nicht auskultiert
war, durch eine Optimierung er­setzt und aus­gegli­chen. Indem diese zugleich ein Ideal aufstellt,
gleicht sie eine Erkenntnis nach ih­rem Mit­tel ab; sie setzt dieses als de­fi­nit und behauptet sie
auch nach ihrem bloßen Cha­rak­ter des Mittels. Mit diesem ge­winnt sie ih­ren Vor­teil. Sie ver­
mag al­­so etwas auf den Mittel­charakter, dessen Wert ergebend, zu redu­zie­ren. Ei­ne solche Statu­
ie­­rung des Mit­tels, den Be­griff, den Satz oder neu­traler, den ac­tus ap­pre­­­hen­sivus betreffend,
bietet Ockham. Den No­mi­­na­lismus be­zeichnet dann nicht die Singularität der Erkenntnisda-
ten in sich (wie U. Eco glaubt). Dort liegt die Minderung (Ab­schwächung). Auch die notitia
intuitiva bei Ockham bezeichnet bereits die im Sinn des Real­be­zugs nicht voll­kommene Adap-
tation, ist also Reduktion. Darüber er­hebt sich kom­pen­sie­rend die no­ti­tia ab­stractiva, wäh­rend
die notitia intuitiva als Minderung das Mini­mum kriterienartig angibt, das nicht unter­schritten
werden darf; sie vertritt die Inkonsistenz. Wo die notitia intuitiva nicht unterstellt werden kann,
wurden die mensch­li­ch empi­ri­­schen Begriffe nicht signi­fi­kant ver­wen­det, jene, die an der von
Gott geschaffenen Welt zu gewinnen waren.
18. Cf. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 246 lin. 5ff (Ib. lin. 4: Quid est de ratione primi subiecti?).
40 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

das Prädikat oder mehr noch die conclusio seu sci­en­tia de facto und real einschließen
können, weil es virtuell zugestanden wird, dann müsste das Virtu­el­­­le das ja wohl in
Einheit mit dem Widerspruchssatz tun, formell also nach dessen Gel­­tung real sein
und reales Enthaltensein bedeuten, das wir an der Realität messen könnten. Wir hät­
ten niemals das Reale (oder reale Enthaltensein). Wir reflektieren aber gar nicht auf
das – for­melle – Enthaltensein der Begriffe ineinander und stützen uns auch nicht
darauf:19 „Nec est de ratione subiecti quod eius notitia prin­cipaliter intendatur in
scientia, quia principa­li­ter in­ten­­ditur notitia totius propositionis. Si­mi­li­ter, aliquan-
do subiectum aeque perfecte prae­cog­nos­citur, sicut luna non per­fectius co­gnoscitur
quia scitur quod eclipsatur, sed aliquid ali­ud cog­noscitur de ea quod prius non co­
gnoscebatur.“20 Ockham muss, wenn unmittelbares Ent­­haltensein der Begriffe (oder
auch Sätze) ineinander von ihm nicht angenommen wird, für deren Charakter wie
Bestimmung „Relationen“ anset­zen, die alsdann, weil sie Bezüge (im Prin­­­­­zip Inhalte,
Effekte, deren Belang usw.) nicht auf glei­cher Ebene bedeuten können, von diesen
Bezügen in einer gewissen Weise getrennt wer­den müssen. Diese werden gemeint,
in­dem sie nicht aus ihnen (als Relationen) entwickelt wer­den können.21 Die Art der
Verknü­p­fung zwischen den verschiedenen Ebenen, also Rela­ti­o­nen und die ‘Gegen-
stände’, Elemente, sin­­gularia, items usw. auf die sie verweisen, könnte die Indukti­on
sein. Dazu müssen aber die Fol­geinhalte der unteren Stufe in der Art präpariert er-
scheinen, dass die Induktion darauf sich als Abstraktion erheben kann: sie müssen
eine Ne­ga­tion, eine Be­schneidung, eine Diminution etc. enthalten. In diesem Sinn
hätten sie als wahr zu gelten.22

19. Ib. p. 247 lin. 6–11.


20. Macht Duns Scotus hier überhaupt Unterschiede zwischen Begriffen, Begriffsarten und
dann Satzarten, bzw. Begriff(en) und Satz? Die Nicht­un­ter­scheidung schließt da wahrschein-
lich die von mental (intensional) und ex­tramental schon ein. Duns Scotus könnte damit jeder
Ar­gu­mentation einen ontolo­gischen Grund geben, der rein in abstractis schon im­mer Grund
für den Gehalt und die Geltung der Begrif­fe wä­re, sie, wo er sie benötigt und wie er sie verwen-
det, für synthe­ti­siert (hergestellt) hal­ten könnte. Ockham leistet dies abstrakt und ar­gu­men­ta­
tiv wirklich, wobei er zwischen den vorder­hand empirischen Begriffen einer ersten Stufe und
so­l­chen, die re­fle­xiv diese Begriffe in ihren Sät­zen betreffen, unterscheidet (no­ti­tia, ha­bi­tus,
cau­satio, ratio, Relationsterme).
21. Das müsste logisch nicht notwendig im Sinn der ‘Folgerung’ aus ‘Inhalten’ geschehen. Es
ließe sich denken, dass eine „Erscheinung“ (‘Präsentation’) in eine andere „operativ“ über­führt
werden könnte. An solche Schema­ta ist im Bereich der Scholastik nicht gut zu denken. ‘Impli­
ka­­tion’ müsste womöglich neu gedeutet werden, etwa wie es für den mathematischen Intuitio-
nismus Brouwers durch Beth, Heyting u. a. geschah.
22. Die Idee schon bei A. N. Kolmogorov, On the Principle of the Excluded Middle, 1925 in:
J. van Hei­­jenoort (Hg.), From Frege to Gödel. A Source Book in Mathe­ma­tical Logic 1897–1931,
2002 pp. 416–437. Wahr sind in diesem Sinn auch al­le kontin­gen­ten Sätze, bei denen das Ver­hält­
nis der Begriffe, subiectum (s) und passio oder Prä­­­­dikat (P), nicht im Sinne einer Verbindung
beschrieben wer­­den kann. Geschähe das nach re­a­lis­tisch gedach­ter inhaerentia accidentis in
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 41

In der Induktion wird die Extra­po­­­la­­tion auf die Major vorgenommen. Es muss
für sie aber auch unterstellt werden, dass die Sätze des Syllogismus, die zur Extrapo-
lation der Major füh­ren, auf Begriffen fußen, die hinsichtlich ihres Inhaltes un­wan­del­
bar sind und einen bzw. ih­ren Gegenstand treffen (können). Sie ‘betreffen’ ihn damit
gänz­­­lich und vollständig. Ist das nicht der Fall, so ändert sich die opinio, die über den
Wert und notwendi­gen Charakter einer das Verhältnis der Begriffe in einem Satz an-
zunehmenden opinio zu lauten hat. Das gibt den Ge­genstand von Ockhams Disputen
und Widerlegungen bezüglich der opi­niones an­de­rer Scho­lastiker ab, eben auch des
Duns Scotus. Es muss sich natürlich dabei um Sätze eines refle­xiven Gehalts (oder
Inhalts) handeln, die wiederum Sätze einer unteren Kategorie von prak­tisch empiri-
schem Gehalt oder Inhalt betreffen und sie kategorisieren oder klassifizieren, frei­lich
in der Form des Prinzips und eben per Beweis zu verteidigen oder anzugreifen. Es
muss allerdings auch bedeuten, dass dann die Begriffe der Sätze der unteren Ordnung
nach ihrer Art zumindest, wenn nicht reell nach ihrem direkten Inhalt, irgendein Ver-
hältnis besitzen, näm­lich dasjenige, das in dem Satz höherer Ordnung für sie reflexiv
ausgesagt wird. Das bedeutet, dass nominalistisch kein Widerspruch zwischen den
Stufen respektive den ihnen zugehörigen Sätzen und Satzarten sein darf.23 Induktive
Schlüsse sind je­doch un­ab­hän­gig von dem realiter faktisch ge­setz­ten Inhalt.24 Es geht

subiecto seu substantia u. ä., so wä­re man un­mittelbar auf ei­ner Stufe der Begriffe und Sätze
und ihres Verhäl­t­nis­­­­ses, bei der was über sie in ei­nem un­echten Sinne formal gesagt würde,
auch em­pirisch in se wahr wäre. Das lehnt Ockham ab.
23. Dabei gibt es indes eine Strukturgleichheit zwischen den beiden Sätzen. Die Satztypen
sind prinzipiell gleich. (Ockham muss schon von der Gleichwertigkeit aller Sätze (Satztypen)
aus­gehen, weil die Be­griffe selbst in sich über ihren Zeichencharakter hinaus, in welchem sie
Definitheit haben sol­len, kei­nen Sinn haben können.) Die Aus­sagen der oberen Stu­fe sind struk­
turell gleich mit de­nen der unteren, die sie intendieren, sei es direkt, et­wa wenn Begriffe wie
causa z. B. ver­wandt werden, sei es so, dass sie reflexiv Begriffe für das ge­brauchen, was die
Begriffe der un­­te­ren Stufe zu sein haben, etwa connotativa, subiectum, passio etc. Der Be­griff
subiectum be­zeich­­net damit nur eine mentale Erscheinung, einen actus mentalis o. ä. Er meint
abstracti­ve nichts anderes, er meint es abstractive. Die Differenz tritt da­bei nur so auf, dass
die unteren Sätze als instantiae der in den oberen ge­troffenen Verallge­mei­nerungen auf­tre­ten
(können). Dann ist eine Widerlegung der Maxime getroffen worden. Das ist nun oft der Fall.
Damit ist das Verhältnis der Begriffe (auch der unteren Stufe) negativ im Sinne der Ex­klu­­sion
einer Ver­­­­­­allgemeinerung, die nicht gelten soll, gegeben, respektive auch im Sinne ei­nes ausge­
schlos­­­se­nen Schlusses – eines Schlusses auf die Empirie. Bzw. ei­nes Schlusses auf die Gege­
ben­heit der empirischen Wahr­heit. Wie solche Wahrheit nicht an­ge­nommen werden kann, ist
am Ende das ‘Schließen’ überhaupt in der Äquivalenz mit der Wahrheit unbegründ­bar. Das
begrenzt auch den Wert von Ontologie. Cf. auch Anm. 44.
24. Cf. Ord. Prol. q. 9 OT I p. 246 lin. 12–18. „Similiter, nobilior est scientia qua scio quod ani-
ma intellectiva est beatificabi­lis, sup­po­si­­to quod hoc sciretur evidenter, quam illa qua scio quod
anima intellectiva est peccabilis, po­si­to etiam quod haec es­set scita scientia proprie dicta.“ D. h.
in einer conclusio, die einen unbedingten Cha­rak­­ter als scien­tia hat, mithin de facto abgeleitet
werden kann, ohne noch in etwa(s) empirisch gestützt oder auch nur em­pirisch denkbar zu
42 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

allein darum, dass im Ver­­hältnis der Teile eine Negation der­­art vorhanden (enthalten)
ist, dass sie intensional den Wert des ei­nen Teils (subiectum) be­grenzt oder beschnei-
det. Ihn also mindert. Damit tritt man an die Stel­le der materiellen Impli­ka­­­tion.25 In
genau dieser Weise ‘folgt’ nichts aus dem subiec­tum als dem einen Begriff oder dem
was wir an seine Stelle setzen: ratio.26
Mit der an sich negativen Feststellung, dass das Subjekt „virtualiter“ sei­ne passio
enthalten kön­­­­ne, ist nicht auf der nächsthöheren abstrakten Stufe auch eine wei­tere
schon gegeben:27 „Non est de ratio­ne subiecti continere virtualiter passiones“, was aber
eben nicht bedeutet, dass nicht das „subiectum con­­ti­ne­at virtualiter passio­nem“.28 Das

sein. Für den weitgehend fiktiven Fall hat Ockham hypothetisch „scientia proprie dic­ta“ an­
genom­men: den Fall des am meisten beweisenden Syllogismus. Hier kann es sich nicht mehr
um rein empiri­sche Sätze han­deln. Aber auch da ist die empirische Geltung nicht ausgeschlos­
sen; sie ist nur nicht not­wen­dig eingeschlos­sen. Sie ist in dem Sinne nicht eingeschlossen, wie
die notitia abstractiva, d. i. der actus ap­pre­hensi­vus, in wel­chem der Satz (oder der Syllogis­mus)
vollzogen wird, seinerseits von der empirischen Wahr­nehmung (notitia intuitiva), in wel­­­­­­cher
die Begriffe gewonnen und verifiziert werden, unabhängig ist. S. Kap. 3.
25. Da hier überall Exklusionen gewirkt werden, muss eine analytische Qualität im Denken
Ockhams ange­nom­­­­men werden (sie ist nicht ausgeschlossen). Indes eine mit syntheti­schem
Effekt. Cf. auch Thesenzusammen­fas­sung am Ende des Kapitels und ebd. Anm. 115: wir haben
eine an einen Schnitt ge­bun­de­ne Exklusion.
26. Dass die Identifikation der ratio subiecti mit dem subiectum zu Fehlschlüssen führe (es
werden darin aber kei­­­­­ne extensionalen Elemente übernommen, die per accidens zukämen und
erst zu fallaciae führen), oder, wie C. Knudsen, Walter Chattons Kritik an Ockhams Wissen-
schaftslehre, 1976, meint, ‘Wis­sen’ vertue, das der Auf­fas­sung des Satzes oder der Be­gründung
der durch den Satz zu leisten­den oder gegeben ‘Erkenntnis’ entspre­che, kann schlussbezogen
nicht behauptet und unterhalten werden. Indem ein Be­griff, in Son­­der­heit einer, der selbst ‘Be-
griffliches’ meint, wie subiectum, durch eine Be­­­­stimmung, z. B. ratio oder notitia, redu­pli­­ziert
werden kann, sind Induktionen möglich, die de facto ei­nen unbedingten Aus­schluss­charakter
ha­ben, wie P. Vig­naux, No­mi­na­lis­me au XIVe siècle, 1958 zu noti­tia intuitiva und notitia ab-
stractiva feststellte. Es geht bei al­len ‘Ope­­ratio­nen’ Ock­hams da­rum, dass der oder ein Ein-
wand nicht möglich ist; er wird so aus­geschlossen, das ent­spricht der mit der Ab­strak­tion zu
(gewähr)leistenden Eindeutig­keit. Fehl­­te es an die­ser, so wä­ren andere Auf­fas­sungen ‘mög­lich’
(für Ockham nicht wirklich); Ockham sucht die zu wi­derle­gen (reprobare) und ab­zu­­wei­­sen
(re­fu­ta­­re). Man steigt vom Be­griff zur opinio über Sätze auf. Die sind nicht als solche in sich
gedach­te Sät­ze. Die pseu­­do-mög­li­chen falschen Auffassungen entlarvt Ockham argumentativ
als pseudo-empirisch. Cf. auch Anm. 36.
27. Ib. p. 246 lin. 5–12.
28. Wir verallgemeinern nicht von einer unteren Stufe im Sinne von deren ‘Negation’ hier ‘vir­
tu­­a­liter’ (als Mo­dus notwendig modo diviso verwandt, da wie der Satz mit ihm zusammen
em­­­­pirisch wahr) derart, dass wir ‘vir­tu­­a­liter’ auf der höheren Stufe übernehmen könnten, wo
‘vir­tu­a­liter’ modo composito verwandt weder induktiv noch analytisch sein kann oder muss.
Die notitiae enthalten sich nicht, wie induktiv über Beispielen klar ist.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 43

Subjekt bestimmt intensio­nal auch nicht die ‘scientia’:29 „Nec etiam quod ab ipso de-
terminetur et spe­­cificetur scien­tia, quia sub­iec­tum potest esse simpliciter idem re et
ratione et tamen scienti­ae esse distinctae prop­­­­­­ter dis­tinc­­tionem passionum.“ Eben­­­­so:
„Nec est de ratione subiecti quod a subiecto scien­tia habeat su­am dignitatem, quia
subiecto ex­sistente eodem, propter maiorem nobilitatem uni­us passio­nis quam alte-
rius pot­est una sci­en­tia esse nobilior30 quam alia.“31 Wir müssten, wenn wir mit dem
Modus ‘virtualiter’ gleichbleibend von der einen Stufe auf die andere gehen woll­­­­­­­­­­­­­ten,
eine fallacia ausführen: wir haben was potentiell essentiell gelten müsste, fak­tisch als
accidens (re­la­ti­onal) gesetzt.32 Das accidens übersteigt hier die essentia.33 Wir haben
also mit Ockhams Vorgehen nicht zwangsläufig die Stufen verwischt und vermischt.34
Der Mo­dus, der modo di­viso in einem Satz auftritt, kann dessen Wahrheit in se nicht
besagen, so wie es für die­sen keine Wahrheit per essentiam und in der Entsprechung
zu essentia gibt. So sind ja die kon­­tingenten Sätze bei Ockham ausgelegt und verstan-
den worden. Der Mo­dus modo diviso ver­standen ist wie der kontingente Satz nach
dem Suppositionspräskript wahr, in­dem die s und P deiktisch (demonstrando idem pro
quo extrema supponunt) dasselbe obiectum mei­nen. Virtualiter hat nun in sich einen
ne­ga­ti­ven Akzent. Wir wissen nicht, was ‘continere vir­tuali­ter’ heißen kann, können

29. Scientia = syllogistica con­clusio. Ein Satz (!) Er trägt als actus ap­pre­hensivus das Wissen.
30. Der Ausdruck ‘nobilitas’, ‘nobilior’ hat eine relationale Komponente, welche die beweisfä­hi­
ge (induktive) Wahr­heit in der Empirie übersteigt und daher nicht innerhalb dieser ausge­wie­
sen werden muss. Er ist rein appel­la­tiv. Der Beweis damit persuasiv. Die Theologie als (Wis­sen
und Wissenschaft) ist nie empirisch, immer nobi­li­or! Das ‘nobilior’ gilt immer, gleich­­gültig ob
die Ordnung der scientiae faktisch wäre, etwa ob es hier eine Stu­fung geben kön­ne oder nicht.
Der Begriff ‘nobilior’ muss nicht ausgewiesen werden. Wir können es nicht! Da­mit ist er in ei-
nem gewissen Sinn analytisch definiert worden! (Wir müssen ihn ja auch nicht ex empiricis re-
bus schö­pfen oder erzeugen, definieren, synthetisch präsentieren und ge­währ­leisten können).
31. Cf. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 236 lin. 17–19.
32. Wir hätten dann entgegen der Abstraktion eine größere Reichweite gesetzt. Es ist nicht un­
wahr­scheinlich, dass Duns Scotus in dieser Weise seine ‘Abstraktionen’, Konzepte und Kom­ple­
xe stiftet. Sie sind dann ebenso onto­lo­­­­­gisch wie diffus erkenntnistheoretisch statuiert wor­den.
33. Mit der forma accidentis nimmt Ockham einen solchen Fall an. Cf. Ord. d. 17 q. 5 OT III
p. 491 lin. 11ff.
34. Wir kommen daher auch nicht notwendig zu Paradoxien (Aporien). Die vermeidet
Ockham mit seinem No­mi­nalismus und zwar schon hinsichtlich der Fragestellung. Bei Wod­
ham kommen wir ihnen (in einem Falle) na­he. Wir haben in Aporien, Antinomien, Parado­xi­en
kei­ne besonders tiefe Einsicht. H. Blu­­men­berg, 1966 ma­chte sie nach dem Widerspiel von la­
ten­ter Ir­ri­ta­ti­on und scheinbar of­­fenem Irrsinn zum Schlüssel der philosophi­schen Ge­gen­­stän­
de und be­griff Phi­loso­phie und Geistesgeschichte als Bekun­dung von Vexation, da be­son­­ders
Ockhams No­­mi­na­­lis­mus. Dieselbe Stellung der Aporie bei Th. W. Adorno, Zur Me­ta­kritik der
Er­kennt­nis­theorie. Studi­en über Husserl und die phä­no­meno­logischen Antino­mi­en. 1956, id
Ne­gative Dialek­tik, 1966.
44 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

die An­nah­me aber wahrheitsbezogen im Sinne des Supposi­ti­ons­prä­skripts machen.


Wir können den­sel­ben Mo­dus aber nicht modo composito von einem hö­­­he­ren Satz
prädiziert und den Satz der unteren Stufe reflexive betreffend – ob­wohl der Modus
mo­do diviso die Wahr­­­­­­­heit des Satzes „ausge­drückt“ (mitge­tra­gen) hat – so annehmen,
dass er die Wahr­heit des Satzes angäbe oder ihn nach seinem Wahrheitsstande definit
zu bezeichnen vermöchte. Da das wider die Induktion ist, muss Fol­ge­rung qua De­
finitheit überhaupt aufge­ge­ben wer­den. Fol­ge­rung und Wahrheit kön­nen nicht mehr
die Qua­li­tät des Satzes sein, we­nig­s­tens, qua De­fi­nit­heit (vermöge und in Be­zug auf
die De­finitheit) nicht, wenn sie zusam­men­stehen sol­len.35 Die Konsistenz muss al­so
außerhalb der materiellen Implikation ange­sie­delt sein oder beste­hen. Die Negation
(Min­de­rung) des em­pirischen Gehalts, der die/eine Ab­strak­tion per Induk­ti­on oder
persuasio er­gibt, be­deu­tet, dass der abstrakte höhere Inhalt mit dem empi­ri­schen un­te­
ren kompatibel sei. Die Ver­wen­dung des Modus modo diviso und die mo­do com­po­­sito
in Be­­­­zug auf die­sel­be Stufenanordnung sind inkom­pa­ti­bel.36 Es ist eindeu­tig, dass eine
solche Un­ter­schei­­dung bei Duns Scotus nicht gemacht oder nicht ein­ge­halten wer­­den
kann. Das muss be­sa­­gen, dass er entweder über keine gültige Ab­straktion ver­fügt
oder diese anders an­ge­legt wer­­den könne. Die so bezüglich der Abstrakti­on auftreten­
de Un­ter­schei­­­­­­­­dung aber geht zu Las­ten der Implikation als einem unanfechtbaren
Verknüp­fungs­­zei­chen oder In­di­kator von Fol­gerung und Konsistenz.
Neben dem Wortgebrauch von scientia als conclusio im Syllogismus steht der-
jenige von sci­en­­­­­­tia als scientia im Sinne der Gesamtheit ei­ner Disziplin. So in der
berühmten Frage der Scho­­­lastiker: „Utrum theologia possit esse scientia.“ Aber auch da
ist bei Ockham das Mo­dell für den theoreti­schen Beweischarakter syllogistisch. Dabei
kann er die un­un­­ter­bro­­chene Kette von Beweisen und Beweisschritten aufgeben und
aufheben, die vielleicht bei Duns Sco­tus Ma­xime war. Ockham erörtert das Beweisen
selbst in einem ausgespro­chen in­­­­ten­­si­­o­na­len Bezug; er thematisiert das Beweismit-
tel des Syllogismus explizit in sol­chem in­ten­sionalen Sinn. Der Rang des Syllogismus
bei Duns Scotus lässt sich wahrschein­lich we­ni­­ger gut aus­ma­chen. Dabei ist auch der
ununterbrochene Beweisfluss, den Duns Sco­tus viel­leicht anstrebt, bei dem in der Ket-
te der Schritte dessen Teile ineinander greifen oder we­nig­­stens auch fürein­an­der je
inhaltlich bedeutend werden, in Wahrheit zumindest dort un­ter­­bro­chen, wo Duns
Sco­­­­tus neue und eigene ontologische Prinzipien einschleust (intermit­tiert), um den
Fortgang der Argumentation zu sichern. Er spaltet oft Teile aus diesen Maxi­men ab,
die er einzig ver­wen­den will, besondere Deutungen, die er etwa Einwänden, die mit
Hilfe eines sol­chen Prin­zips ‘fiktiv’ gemacht wurden, entgegenstellt: Das ist eine pre-
käre Ab­strak­­tion oh­ne theoreti­sche Gestalt und Fundierung. Sie stützt sich auf eine

35. Anders: die materielle Implikation muss nicht mehr (die) Analytizität oder deren Wahr­heit
bedingen oder be­sa­gen können. Ockham kennt natürlich weiterhin die bona et valida conse-
quentia.
36. Für die Sätze a se kommen beide ‘modi’ infrage. Cf. hier Ockhams Exerzitien bezüglich der
Syllogismen in der SL. Anders wären denn auch Sätze und Begriffe nicht definit. Die mentalia
sind da aber nicht realia. Cf. Anm. 26 o.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 45

in sich negative Sig­nifikanz und Empirie und setzt ihr die davon absehende abstrakte
Deutung entgegen, die aber dann gar kei­ne Grund­­­­la­ge mehr hat. Das Postulat be-
ruht auf der Ausrede. Das argumen­tum ad hoc ist von der Verallgemeinerung nicht
geschieden. Die Synthesis der Begriffe und An­­sichten ist damit, wie Kant das nann-
te, ‘er­­­schlichen’. Bei den Intermittenzen werden Onto­lo­gie und die ad hoc be­weis­­the­
o­re­tische Klä­­rung ineinander geschoben (vermengt). In der Sco­tischen Be­weis­praxis
herrscht zugleich in­halt­­­lich die ex­ten­si­onale Intention vor, wenn er sei­nen „Got­tes­be­
weis“ in „De pri­­­mo prin­ci­pii“ un­ter­nimmt und mit der Wahl ge­eigneter Be­grif­fe, die
er im Fort­­gang der De­­­dukti­on in einer Ausgestaltung des Bereichs der Prä­dikate dann
fort­führt, hin­reichend grundgelegt zu haben meint.37
Aristoteles hat man dafür gerühmt, dass er die Theorie der Syl­lo­gis­­men, also
die Syllogistik, in Richtung auf die Aussagenlogik überschreite, jene durch die­­­se er­
weitere.38 In den Ana­ly­ti­ken würden die Cha­rak­tere der Syllogismen aus­sagenlogisch
‘be­wie­­sen’. Ockham (SL) schei­det ungültige Syllogismen durch Evidenz aus. Die logi-
sche Verbindung wird dann be­stritten, nicht selbst behandelt. In Ordinationis Prologus
geht es da­rum, dass ein Prototyp des Syl­lo­­gis­­­mus, der sich nur inhalt­lich aus­zeich­­­­­nen
lässt und somit unterscheidet, die sogenannte de­mon­stra­tio potissima, gegen an­de­
re, für weniger beweiskräftig gehaltene Syllogismen des­sel­­ben grund­legenden Typs
herausgear­bei­­tet wird. Dabei ist das Verfahren dies, dass erst ein­mal (drei) Be­stim­
mungen, die die de­mon­­­­stra­tio po­tis­si­ma charakterisieren sollen, gegeben wer­den, wo­
rauf­­hin die Sätze und Be­griffs­­­arten hin­sicht­lich der Erfüllung dieser Bestimmun­gen
und zwar in ihrer Gesamtheit ver­gli­chen wer­den.39 Der Syllogismus, der demonstratio
po­tis­­si­­ma heißen soll, wird so be­handelt, dass er als unabhängig von der realen Erfül-
lung und der em­pi­ri­­schen Wahrnehmung erschei­nen soll oder kann, was bedeutet,
dass er aus anderen Syl­logis­men nicht durch Steige­rung oder Ab­­­än­de­rung ab­geleitet
werden kann.40 Unbedingt kann der Charakter einer Syllo­gis­mus­art rein ana­­lytisch

37. Ockham erörtert reflexiv die Beweismöglichkeiten bezüglich rein intensional verstande­
ner Begriffe; sie wer­­den so gesehen, wie sie dem Verstand angehö­ren sollen. Daneben will
Ockham in­haltlich die einzelnen Be­weise mit ihrem sachlichen Ge­­halt dann nicht notwendig
einer ein­zigen Disziplin zu­rech­nen, sondern wie sie, secun­dum syllogismum eben, vereinzelte
sind, über die Disziplinen hinweg multipel verwend­bar sehen. Cf. A. Zim­­mer­mann, Metaphy-
sik oder Ontologie, 1965. Ockham ver­neint, dass ein Be­weis, der in einem ‘Ge­fü­ge’ stehe, nur
dort und da­mit in einer be­stimm­ten Wissenschaft al­lein seinen Platz habe. Da­mit kann er auch,
wenn er das, etwa induktiv, beweisen kann, noch­­­­mals quasi a fortiori (induktiv!) fol­gern (po-
stulieren), dass wir uns was die sci­en­tia streng und strikt angehe, nur mit scientiae = conclusio-
nes im Syl­lo­gis­mus beschäf­ti­gen kön­­­nen.
38. Z. B. J. Lukasiewicz, „The Logic of Aristotle“, Oxford 11951.
39. Cf. Kap. 3: Zum Verhältnis der Satzformen.
40. Dabei findet auch nicht einmal eine eigentliche Widerlegung statt. Nach Ph. Boehner, Me-
dieval Logic. 1952 p. 82f leitet Ockham Syllogismusarten qua consequentiae auseinander ab.
Ord. Prol OT I nimmt er in der Ten­­den­z den Weg über die notitiae (intuitiva und abstractiva
46 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

damit gar nicht getroffen wor­den sein. Ari­s­to­te­­les selbst hatte dabei ja ei­gent­­­lich ei­ne
Tren­nung zwi­schen direktem und indirek­tem Be­weis gemacht41 und je­nen für stär­­­ker,
für eigent­lich konstruktiv, d.h. die Sache se­cun­dum quid ge­bend gehalten.42 In der

im Vergleich) und kann kei­ne ana­ly­ti­schen Funk­ti­o­nen, Definitionen und Operationen gel-
tend machen. Der rein intensio­nale Charakter der demonstratio potissima als sol­­­­cher kann mit
seinem Un­­terschied zu anderen, bloß extensional aus­legba­ren oder wenigstens nicht explizit
nicht bloß ex­tensi­o­nal aus­leg­baren Satz- und Schluss­for­men (hier Syllogismen) nicht dargetan
wer­den, nicht für Ockham im Kon­­text und wahr­schein­lich überhaupt nicht. Es sei denn man
woll­te Paradoxien in Kauf nehmen.
41. Zum indirekten Beweis s. zunächst Aristoteles, Analyt. Poster. I, 26. 87 a 6. und Analyt. Pr. I
23. 41 a 23 (nach der Übers. von E. Rolfes): „Immer, wenn man etwas durch die Unmög­lich­­­­­keit
erhärtet, schließt man zwar auf Falsches, weist aber damit das, was ursprünglich zur Erörterung
steht, aus der Vorausset­zung nach, wenn bei Annahme seines kontradiktorischen Gegenteils
etwas Unmögliches folgt.“ Der direkte Beweis hat jedoch Vor­rang s. z. B.: Analyt. Pos­ter. I, 25.
86 b 33. Indes muss auch oder gerade unter der Voraussetzung, dass der direk­te Be­­­­­­weis das ti
esti beweise, gefragt werden, ob dann der – konstruktive – Beweis, der ja zeigt, dass die Sache
de facto ist und diese darin aufweist (herstellt), nicht bereits notwendig an­­de­ren als den bloß
logischen Cha­rakter ha­be. Bezüglich Ockhams ‘Konstruktion’ der de­mon­stra­tio potissima, die
ebenfalls an die definitio quid rei an­ge­schlossen ist, lässt sich zei­gen, dass sie von Ockham nicht
logisch abgeleitet wird (cf. Kap. 3) In der Be­­wer­­tung der Sätze weicht Ockham ohnehin von
Aristoteles ab, auch hinsichtlich der Prä­mis­­sen im Syl­lo­gis­mus (I. Figur). Ockham an­er­kennt
Aris­to­te­les als Leitfor­mat und übernimmt doch nicht des­sen qua­lita­tive Be­­weis­hal­tungen. Er
suszipiert ihn über die Abstrak­ti­on. Er korrigiert oder adaptiert aris­­totelische Lehren (Maxi­
men), in­dem er sie auf Kontin­genz und den kontingenten Satz bezieht, wo Aristo­te­les die Not-
wendigkeit unter­stellt oder pos­­tuliert. Er ist mehr als Duns Scotus die Quelle der Lö­sun­­­gen und
Entscheidungen Ockhams. Phi­loso­phen fin­den Leh­ren, indem sie schon exis­tie­ren­­de Ant­­wor­­
ten als Fragen wie­­der­­­ho­­len. Cf. C. J. Burck­­hardt, Richelieu Bd. 3, 1966 p. 139, dass Kants „trans­­
zen­­­­­dentale Dia­lek­­tik in der Kri­tik der reinen Ver­­­nunft in einem ganz be­­­stimm­­ten Sinn noch das
Pro­­gramm des (sic!) pars specialis der Me­ta­phy­sik des Suarez wie­der­gibt.“ Suárez’ Di­stinkti­on
zwischen metaphysica gene­ra­lis und metaphysica specialis tritt schon im 14 Jahr­hun­dert auf:
A. Zim­mer­mann, Allgemeine Me­ta­phy­sik und Teil­me­taphysik nach einem ano­ny­men Kommen-
tar zur ari­sto­te­­li­schen Ersten Philosophie aus dem 14. Jahr­hu­n­dert. Arch. f. Gesch. d. Philos. Bd.
48 H. 2, 1966 pp. 190–206. Danach (p. 191) leitet seinen Ano­ny­mus nicht „der Wissen­schaft­s­­
begriff Ockhams.“ Zu diesem Wis­senschaftsbegriff s. A. Zim­mer­mann, 1965. Nach E. A. Moo­
dy, The Lo­gic of Willi­am of Ock­­ham, 1935 folgt Ockham Aris­to­­te­les ge­treulich und hebt ihn
keineswegs auf­. Ein met­ho­do­lo­gi­sches Be­­wer­­tungsproblem.
42. Man sieht in intensionaler oder mentalistischer Form oder Auslegung ein konstruktives
Ver­­­fah­ren bei Ock­ham. Wenngleich es über Definitionen vonstatten geht. Die Präferenz für
die definitio se­cun­­dum quid tritt dann auch bei Ockham in der Auszeichnung der demon­stra­
tio potissi­ma noch ein­mal auf. Sie findet sich formell auch bei Hobbes oder Leibniz. Nur wird
bei ihnen der Ausgriff auf die Realität extra animam für konstitutiv ge­hal­ten und eben für
zwingend mitgegeben und eingelöst ausgegeben. Es ist der Gedanke der Einlösung, der bei
Ock­ham fehlt. Er würde seine Argumentationsschemata sprengen und prinzipiell wider­legt
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 47

Aus­sa­gen­logik sind die Formeln, die den indirekten Be­weis (reduc­tio ad absur­dum)
tra­­­­gen, Teil des ei­nen Kanons, in dem die Ableitung mög­lich ist.43
Man könnte überdies, die aristotelische Differenzierung und Stufung von di-
rektem und in­­­di­rektem Beweis beibehaltend, sagen, dass der indirekte Beweis, in-
dem er eine Nichtzuge­hörig­keit und Nichtidentität ermittelt und feststellt, ein aus
der substantia ausgeschiedenes Ak­zi­denz, gewissermaßen vermöge des Be­wei­sens a
posteriori, für die Zone der essentia und ihre Eigenschaf­ten durch den Beweis selbst
aufgibt. Das könnte wie­der als intensionales Moment auch des normalen indirekten
Beweises oder reductio ad absur­dum verstanden werden.44 Für Ockham gilt: Das Ak-
zidenz steht der Wahrnehmung und Kenntnis formell nä­her; es ent­­hält die mit der
Wahr­nehmung des subiectum nicht gegebenen ‘Eigenschaften’, die wir in Sätzen von
ihm aus­sagen:45 „Passiones importantes acci­dentia sunt notiores ipsis subiectis, et fere
uni­­­­v­ersaliter actus et operationes ex quibus sumun­tur pas­si­­ones sunt notiores quam
sub­iec­ta. Similiter, forma quae importatur per passionem ma­teriae est per­fec­tior ipsa
ma­teria. Et ex hoc se­quitur quod non est de ratione subiecti quod sit pri­mum mo­vens,
nec quod sit prima ratio mo­­­­­­­­­­­­­­vendi intellectum ad omnem notitiam ad quam in­clinat
talis habitus.“46

werden können. Bei­des ist äquivalent und begründet Ockhams einheitlich mentalisti­sche, auf
die Abstraktion und die Inten­si­o­na­lität aus­gerichtete und in ihr begrenzte Methode.
43. Hier siehe den Streit zwischen logischen Formalisten (Frege, Whi­te­head-Rus­sell, Hil­bert)
und konstruktivis­ti­schen Intuitionisten (Brouwer), in welchem letztere das tertium non da­tur
nicht an­wenden wollen. P. Lo­ren­zen will ihn durch die operative Begründung von Kalkülen
ent­schärfen. Cf. K. Ebbinghaus, Ein formales Modell der Sy­­llo­gistik des Aristoteles, 1964.
44. Aristoteles arbeitet gegen die antike Atomlehre mit ‘ontologisch abgefassten’ Widerle­
gungen. Onto­lo­gie wird so nicht begründet werden können. Darf sie vorausgesetzt werden?
Laut H. G. Gadamer, Antike Atom­theorie, Z. f. d. ges. Naturwissen­schaft 1, 1935, pp. 81–95 hat
Aristoteles vermöge sei­ner bes­­ser begründeten On­to­­­lo­gie eine zeit­wei­li­ge (sic!) Über­legenheit
über Demo­krit be­ses­­sen. Das heißt der Onto­lo­gie zusätzlich eine prak­ti­sche Be­deu­tung zuspre­
chen, was Äquivokation und petitio prin­cipii bedeutet. E. Schrö­­dinger, Nature and the Greeks,
1954, dt. 1955 p. 151 be­tont Demokrits fundamentale erkenntnistheoretische Problemlösung
und hebt zu­­dem auf den be­­grenz­ten und letzt­lich zwei­­felhaf­ten Be­weis­wert bei antiken und
mo­dernen na­tur­phi­­­lo­so­phi­­­­­­schen und phy­si­­­ka­­li­schen An­sich­­­ten oder Erkennt­nis­sen, ja Na­
tur­gesetzen ab. Wahr­­heit bil­de das In­­te­res­­se wis­­­sen­schaft­li­­cher Be­­­­mü­hung, die doch, wie die
philosophi­schen Lehren, oft, gar meist, in Apo­rien mün­de.
45. Ord. Prol. q. 9 OT I 1 p. 246 lin. 23 – p. 247 lin. 5.
46. Hiermit wird auch der Bereich der empirischen Erkenntnisse (auch in der Naturphiloso-
phie) um­schrieben. Gegen ihn wird der Begriff der forma in dem Sinne postiert, wie darin die
per se em­­pirische Erkenntnis (auch im Sinn der Fragmentierung (augmentatio) von qualita-
tes (ac­ci­den­tia), die präzise nicht möglich ist, sich überstei­gen lässt. Mit der forma wird eine
abstrac­tio bezeichnet, in der die spezifisch beinahe ungreifbare akzidentelle Wan­­del­barkeit der
Er­sche­i­nun­­gen auf der höheren Stufe nicht mehr Gegenstand ist. Die „Nahtstelle“ zwischen
sub­stan­­tia und accidens sei nicht erkennbar, sagt schon Duns Scotus, wie Ockham belegt (ib.
48 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Nun muss die Ebene der Empirie und damit auch der Begriffsbildung, die durch
die notitia in­tu­­i­ti­­va erfolgte, in Richtung auf die höhere Stufe der Abstraktion über-
stiegen werden und da­mit gelangt man auch notwendig zu notitia und ratio, die die
Charaktere der Satzarten und die in diesen lie­genden und inhärenten Erkenntnisse
betreffen:47 „dico quod in fine discursus sta­tur ad unum complexum quod fit notum
per discursum et prius erat ignotum, cuius tamen om­nes ter­mini prius erant noti
notitia incomplexa. Unde cum discursus sit praecise inter comple­xa et nul­lo modo
adquiritur inter in­complexa, per discursum nullo modo adquiritur notitia in­com­­
ple­xa cuiuscumque termini, quia quaelibet talis praesupponitur ad finem discur­sus.
Nec et­iam notitia apprehensiva complexi ad­quiritur, quia illa potest praehaberi; sed
prae­ci­se per dis­­­cur­sum adquiritur notitia iudicativa. Verbi gratia qui vult discurrere
a creaturis ad Deum – secun­dum eorum (sc. Scotus und Skotisten) modum loquen-
di – prae­supponit notitiam incom­ple­xam et Dei et creaturae, puta: quid significatur
per utrumque terminum.“ Dass die notitia in­­­­­­complexa potest praehaberi bedeutet
nicht, dass sie besessen wer­den muss. Das heißt: dass die Induktion des Begriffs aus
der Erfahrung in Ansehung äußerer Gegenstände erfolgte. So ist die eingeschränk-
te allgemeine Formulierung mög­­­lich, die durch das Beispiel kreditiert wird. Es wird
bloß eine Fundierung des actus appre­hensivus, wie er hier als comple­xum, das heißt:
satzförmig bzw. auf Sätze sich stützend, ge­sucht; sie geht nicht aus der notitia incom­
ple­­xa, das heißt: der Wahrnehmung und Kenntnis der Begriffe (in­complexa) hervor.
„Potest et­­iam quaelibet complexio formari ante discursum, et ita omnis notitia in-
complexa et etiam om­­nis actus apprehensivus potest praecedere, et non ad­quiritur.“
Nämlich nicht durch den dis­cur­sus, das heißt: den wissenschaftlichen Beweisvoll­zug
(dis­cursus scientificus). „Sed ad­qui­ri­­tur notitia qua assentitur huic complexo ‘Deus est
ens infinitum’, vel ‘aliquid est ens sum­mum’, vel alicui tali.“48
Die fides, die mit den hier vielfach zitierten Sätzen zu tun hat, ist eine opinio.
Eine Meinung al­­so. Sie ist in dem Sinn ein Dafürhalten:49 „Ista opinio est fides, et non
est opinio secundum quod distinguitur contra fidem.“ Der Inbegriff des (höchsten)

p. 236 lin. 11–14): „Prae­te­rea, ista acci­den­­tia, secundum is­tum, distincte co­gnoscuntur a nobis
pro statu isto, et ta­­men de­­pen­dentia sui ad substantiam non potest cognosci in particulari, sicut
nec substantia ipsa a qua dependet, secundum istum Docto­rem“ (Stelle bei Scotus: Quaestiones
in Metaph. Aristot. VII, q. 3 (ed. Wadding, IV, 677s)).
47. Ord. Prol. q. 7 OT I p. 202 lin. 15 – p. 203 lin. 8.
48. Die Beispiele, die Ockham unter der Hand gibt, müssen nicht strictissi­me als Bei­spie­le
für dasjenige ge­nom­men werden, was stringent erst auf der Höhe des Ideals, die­ses un­bedingt
erfüllend, gelten kann (könnte). Evtl. las­sen sich solche Beispiele über­haupt schwer, nur in sel­
tener Anzahl oder potentiell bzw. de facto gar nicht ge­ben. Sie müssen der Ober­linie des Ide­­a­
len nicht so entsprechend, dass sie dessen Sinn dem Begriff nach völlig er­füllten und wie­der­gä­
ben; gleichwohl ist die Induktion als Ausschluss einer unvorgängigen all­gemeinen An­­nah­me
möglich.
49. Ord. Prol. q. 7 OT I p. 206 lin. 21–22.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 49

menschlichen Er­kennens ist nicht die fides.50 Die fides bezeichnet kein Wissen und
entspricht dem menschengerechten Wis­­­­sen und Erkennen nicht, wie Ockham eben-
da ganz deutlich sagt:51 sie zeugt nicht für die Wahrheit. Es gibt so auch keine Dignität
des Theologen qua Wissen. Wohl weiß der The­o­­lo­ge in der Gesamtbetrachtung der
theo­logischen Materie(n) mehr als der Laie, der den­noch im Ein­zel­fall, bezüglich ge-
wisser credi­bi­lia, mehr wissen mag.52 Die fides begrün­det auch hier keinen (und gar
einen höheren) Wissensbegriff;53 der Theologe und der Laie beziehen sich auf die cre­
dibilia mit einem habitus iudicativus. Es gilt:54 „rationes aliquando generant ipsam (fi­
dem).“ Es handelt sich aber nur um die fides ad­quisita, und die „rationes sunt rati­o­nes
pro­ba­­bi­les adductae pro credibilibus“. Hier mag Ockham fides durch opinio, credere
durch opi­na­­­ri wiedergeben, wobei er den Aristotelischen Satz „Quidam enim credunt
nihil mi­­nus qui­bus opinantur, quam alteri quibus sciunt“ (Niko­machische Ethik, VII,
c. 5) in die­sem, sc. sei­nem Sinne strafft: „aliqui ita firmiter quandocum­que opininatur
sicut alii qui sci­unt.“55 Da­mit steht das Wissen nicht ganz auf der höchsten Stu­fe.56 Es
bringt per se da, wo es den Ge­gen­­stand in den credibilia hat, noch keinen Vorteil;57
erst wo es ihnen entgegen­steht. Zuletzt geht es Ockham um Begrenzung falscher Aus­
legung qua Argumenta­tion.58

50. Ib. p. 206 lin. 2–8.


51. Ib. p. 206 lin. 2–8.
52. Ib. p. 206 lin. 9–11.
53. Der Wissensbegriff bleibt also menschlich fixiert.
54. Ib. p. 206 lin. 19.
55. Ib. p. 206 lin. 20–22.
56. Es kann bezüglich der credibilia nicht notwendig strukturiert werden.
57. Die rationale Wertigkeit der fides adquisita bleibt wie die rationale Struktur der credibilia
unbestimmt. Damit ist auch ihr menschliches Maß unableitbar. Ihre Bedeutung ist ungewiss.
Jedenfalls ist bei Ockham Gott nicht das Maß (mensura) der Dinge, die Konnex mit dem Men­­
schen und damit auch Relevanz für ihn haben. Offenbar folgt die Relevanz aus dem em­pirisch
und induktiv anzusetzenden Konnex. Das macht notwendig die fides infu­sa zu einer gänzlich
unbestimmten Größe resp. Erscheinung.
58. Wenn diese falsche Bestimmung von theologischen Aussagen durch die ontologischen
Mittel bei Duns Scotus und ebenso stark Thomas von Aquin von Ockham refutiert wird, wird
das ontologische Sprachmaterial unter Be­zug auf empirische Vorstellung erst von Ockham re-
duziert und schließlich vermöge der Korrektur per argu­men­tum selbst weidlich abgewiesen.
Cf. Kap. 2: Suppositionslogische Identität und Kontingenz. Theologi­sche Aus­­sage und onto-
logische Explikation werden ex argumento reduziert und erlauben keine Induktion mehr. Das
theologische ‘Wissen’ entspricht der Satzgeltung. Sie kann suppositionslogisch erklärt wer­den.
Die Supposi­ti­ons­­logik kann also mit der Widerlegung weder disparat noch inkonsistent sein.
Sie wird widerlegungsprobat.
50 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Sollte der Subjektbegriff den Prädikatsbegriff eines Satzes enthalten (können), so


wären beide im Sinn der notitiae, die von ihnen möglich wären, zwangsläufig verbun-
den: denn die notitia ei­­nes Begriffs (der dann einen anderen enthält) oder die noti-
tiae der Begriffe muss, wenn der Begriff Einsicht (intellectio) enthalten oder besagen
können soll, dann auch mit dem, was in ihm wahrgenommen oder nach der Bildung
des Begriffs durch notitia intuitiva ausge­drückt und bezeichnet wird, vollumfänglich
identisch sein. Wir hätten sonst einen Gegen­grund ge­gen den Begriff qua Restwert,
nämlich das was nicht in ihm enthalten oder mit ihm wahrge­nom­men worden wäre.
Es würde dem Begriff angehören oder nicht. In beiden Fällen wäre der Begriff in-
haltlich nicht funktionsfähig. Dies verweist auch darauf, dass ihre Verbin­dung (so
wie ihre singuläre Entstehung) nur per Induktion behauptet resp. dargetan oder be­
strit­ten wer­den könnte. Das gilt generell: Die In­duktion, die den Glaubenssatz als
einen su­pra­na­turaliter doch erkennbaren setzt, setzt diesen Glaubenssatz als einen
(formell) empiri­schen für den bea­tus. Damit ist er im Sinne un­se­rer Er­fahrung ausge-
schlossen.59 „(Quinto) ar­guo sic: si subiec­tum sic conti­ne­ret praedica­tum etc., seque-
retur quod cognito aliquo subiec­to quaelibet passio pos­set de eo eviden­ter cog­nosci.
Consequens est simpliciter falsum.“ Davon gilt diese conse­quen­­­­tia: „Consequentia
patet: quia posset haberi notitia passionis vir­tu­te notitiae sub­iec­­­ti, et his habitis pos-
set haberi no­ti­tia praemissarum, et tandem notitia con­clu­si­o­nis. Falsitas con­­se­quentis
pa­tet: quia si sic, omnes tales essent evidenter cognoscibiles: ani­ma intellectiva est
be­­­­atificabi­lis, potest videre divinam essentiam, potest habere caritatem. Quae ta­men
non pos­­sunt cognos­ci na­turaliter sed tantum su­pranaturaliter.“ Ob sie überhaupt
wahr sei­­en, braucht nicht erörtert zu werden.60 Auch die induktive Begründung oder
Wahr­neh­mung eines Sat­zes, ei­ner Prämisse o. ä. schließt nicht deren Wahrheit im
strengsten Sinne ein.61

59. Ord. Prol. q. 9 OT I p. 235 lin. 10–19.


60. Auch ib. p. 236 lin. 21 – p. 237 lin. 2 wird nochmals mit einer solchen consequentia bewie-
sen, deren conse­quens dann sich als falsum herausstelle.
61. Notitia erscheint als ein Sachverhaltsmoment der Abstraktion. Die Induktion entscheidet
da­bei nicht über den Sach­inhalt des Begriffs notitia, i.e. sie schöpft ihn auch nicht aus. Wir ha­
ben bei solchen reflexiven Begriffen, wie notitia, ratio etc., die auch füreinander eintreten, die
al­so fiktiv und partiell, kasual und kontingent einander übergreifen kön­nen, keine im Sin­ne der
ele­­mentaren kontingenten Sätze vorfindliche Struktur von subiectum und passio. Diese wäre
auch widersinnig, weil sie entweder als Kombination von substantia und accidens er­schei­­­nen
müsste oder als empirisch uneinsehbar. Begriffe wie notitia und ratio können nicht em­­pirisch
gefüllt werden. Wir können nur induktiv zeigen, dass sie sind. Was sie sind, kön­­nen wir, wie­
derum induktiv, zeigen, in­dem wir akzidentelle Umstände von ihnen abtren­nen und de­­mon­
strieren, dass sie unter Umständen anders vor­kom­men, als wir es unterstellten. Das ist ei­ne
demonstratio (reprobatio) durch instantia. Das schließt Kausalas­pek­te ein: wir zei­­gen, dass
die causae, auch die notitiae als causae, in variablen Verhältnissen variable, evtl. ge­gen­­sätz­li­
che Wirkungen haben (können). Die Induktion kupiert also den elementaren Satz zwi­­schen
subiectum und passio. Das bedeutet, dass sie auch die Erhebung des elementa­ren Sat­­­zes zur
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 51

Die evidente Kenntnisnahme von actus apprehensivi oder actus mentales kann
diese bloß in se be­­treffen und so, dass deren Auslegung und ihre Bestätigung, bzw. die
Bekräftigung einer An­­­­­­­­­­sicht sie betreffend einzig induktiv erfolgen kann. Sie kann nie-
mals aus inhaltlichen Be­grif­­­­fen deduktiv erfolgen. Wir ge­­­­­hen auf die Em­pirie zu erst
vermöge der Induktion; wir ver­treten nicht von vorn­he­rein skeptizistische Sätze des
Nichtdafürhaltens oder Zweifels. Die no­ti­­­tia subiecti als die no­­titia passionis (omnium
passionum) einschließend würde zu­gleich be­deu­­­­ten, dass die notitia praemissarum
die notitia conclusionis einschlösse. Ockham führt al­so keinen ‘Widerle­gungs­­beweis’,
in welchem gezeigt würde, dass dies (wenn einmal an­­ge­nom­­­­men, dann doch) nicht
sein könnte. Ockham muss auch in genau solch einem Sinn nicht auf die Vorstellung
oder Mutmaßung eingehen, dass das subiectum – als Begriff – die pas­­­­sio als Begriff
in ir­gend­­­­­ei­nem Sinne kausal enthalten könnte:62 „Et quando di­ci­tur quod sub­­iectum
est cau­sa ef­fi­ciens suae passionis, hoc osten­de­tur postea esse falsum.“ Auch in die­sem
Sinn muss er nur em­pi­risch und induktiv dagegenhalten. Denn die veränderliche pas­
sio kann im Sinne des kontingenten Vorkommens ohne das subiectum sein, wie das
accidens oh­ne die sub­stantia. Es gibt ja den kontingenten Satz.63 Dieser kann nicht
aus dem subiectum (oder dem In­halt des entsprechenden Begriffs) in Richtung auf
die passio fortgeführt, erklärt und er­wei­tert werden.
Ockhams Standpunkt gegenüber dem Scotischen lässt sich mit Allgemeinheits­
wert in der un­­­mit­telbaren Zitation des Duns Scotus durch Ockham und seiner Ant-
wort da­rauf bestim­men.64 „Si dicatur, sicut dicit iste Doctor,65 quod anima vel potentia
intellectiva non est nobis na­tu­ra­li­ter cognoscibilis ‘sub illa ratione propria et speciali
sub qua ad talem fi­nem et sub qua est ca­pax gratiae consumma­tae’ et sic de aliis.

Abstraktion verhindert und ver­­bietet, die wir ontologisch vornähmen und für die wir lo­gische
Grund­la­gen haben müssten. Mit den ‘logi­schen Grund­la­gen’ wäre ein abstractum gemeint, das
zu­gleich empirisch zu gel­ten hät­te.
62. Ib. p. 235 lin. 1–2.
63. Der Satz kann insbesondere nicht über die auf der höheren Stufe angesetzten notitiae (sub­
iec­­ti et passionis) be­wiesen werden, die dabei notitiae causae und notitia effectus würden. Cf.
ib. p. 252 lin. 18 – p. 253 lin. 3. und ib. das Résumé p. 253 lin. 1–3: „Et ideo non obstante quod
en­­ti­tas unius esset causa entitatis alterius, non ta­men non oporteret quod notitia esset causa
no­titi­ae.“ Die satzförmig ausgedrückte Erkenntnis/Wahrnehmung (no­titia com­ple­xa) des Ef­fek­
tes müsste für eine Verbindung zwischen causa und effectus als Teil der Begriffe oder Sa­chen
in­telligibel sein können. Nach p. 252 lin. 18–21 wird die causa so Voraus­set­zung ihrer selbst.
Das ist ein Fall von ‘Selbstimplikation’. Die empirische kontingente Erkenntnis von cau­­sa und
effectus begründet keine Im­pli­kation. Solange wir „Selbstimplikati­o­nen“ ha­ben, ist Onto­lo­gie
noch nicht ausgeschlossen. Die Implikation be­­zeichnet so negativ die On­­­to­logie. Die Supposi­
ti­onslogik richtet sich gegen diese „Selbstimplikationen“. Sie hat ent­­spre­­chend ihr Recht durch
Widerlegungen, wie man bei der Deutung der Inhärenz, zur for­ma usw. sieht.
64. Ib. p. 235 lin. 20 – p. 336 lin. 7.
65. Scotus, Ordinatio, I, Prol. q. 1, q. unica, n. 28 (ed. Vaticana, I, 17).
52 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

‘Non enim cognoscitur a nobis anima nec na­tu­­ra nostra pro statu isto nisi sub ratione
aliqua generali, abstrahibili a sensibili­bus’, sub qua non ordinatur ad beatudinem nec
ad visionem divinae essentiae. Et ideo istae pas­siones non pos­sunt a nobis cognosci
virtu­te notitiae subiecti nobis possibilis /§ pro statu is­to. Contra: ani­ma nostra sub
illa ratione est na­­turaliter cognoscibilis vel a se vel ab aliqua na­tu­ra intellectua­li, et
tamen ille finis a nulla natura intellectuali est naturaliter cognosci­bi­lis.§/“66 Ockham
hat da­mit gegenüber Scotus einge­wandt, dass das Verhältnis von subiec­tum (sub­stan­
tia) und pas­sio oder accidens ‘per se’ nicht im Sinne einer zwangsläufigen Re­lation
einseh­bar sei, un­ab­­hän­gig davon, ob und wie­weit die substantia aus empirischer
Wahr­nehmung’ ab­stra­hiert wer­­­den könne oder nicht. Ockham macht für Be­­­­­­griffe
und Aussagen die Induk­ti­­ons­­­vor­aus­set­zung gel­tend. Diese Indukti­ons­­vor­aussetzung
war schon in der Ablehnung der Über­tra­gung der Re­la­ti­on von causa und effectus auf
die Relation von notitia causae und noti­tia ef­fectus mit­­ge­dacht worden: Die Relation
kann nicht auf der höheren Stufe, i.e. als Relati­on, selbst schlüs­sig ge­dacht werden.67
Dabei hat Duns Scotus, wie Ockhams Zitat zeigt, das sub­iec­tum für nicht em­pirisch
gesichert gehalten. Er setzt aber mit sol­chen Begrif­fen (entwe­der) in der De­­duk­tion
an oder wird sie à la fin nicht aus der Deduktion aus­schlie­ßen wollen. Ockham will
diese De­duktion nicht machen. Sie entscheidet also nicht über unser Wissen und be­­
stimmt nicht unser Erkennen. Duns Scotus, der einen abstrakten Wissenszugewinn
sucht oder zulässt, kann, nach Ockham, diesen nicht sichern. Dies wird über die an-
dere Methode Ock­hams sub­stantiiert.68

66. /§…§/ markierte Zeilen fin­den sich nicht in allen Manuskrip­ten.


67. Cf. auch Anm. 61.
68. Duns Scotus kennt weitere ‘nicht beweisbare’, i.e. menschlich (empirisch) nicht in­­telligible
Wahrheiten. Ock­­ham führt sie auf (p. 236 lin. 8–19). Er sieht aber darin nur Scoti­sche Un­ge­­
reimtheit oder Uneinheitlich­keit, da Duns Scotus daneben die Idee der Beweisratio­na­li­tät für
Aussagen aufrecht erhalte, die aus der voraus­ge­­setz­ten Erkenntnis in uns pro sta­tu is­to ent­zo­
genen Medien und Gegenständen nicht abgleitet werden könne. Ock­ham denkt be­­züglich der
Bedeutung und Inhaltsarten von Begriffen und Aussagen mehr als Duns Sco­tus tech­nisch. Er
unterscheidet zwischen der propositio necessaria und der propositio contingens. Pro­positio
neces­sa­­ria ist da der Satz, der aus keinem anderen syllogistisch hergeleitet werden kann.
Ockham kann auf dieser Ba­­sis ei­ne Induktion bezüglich der wissenschaftlichen Er­kenn­barkeit
theologischer Aussagen vorbringen und per­­­su­asiv vortragen (Ord. Prol. q. 7 OT 1 p. 188 lin. 10–
15): „Prae­­terea, non est maior ratio quod necessaria cre­di­­bilia sint scita proprie dicta quam
verita­tes contingentes credibiles sint evidenter notae modo suo. Sed istae non sunt evi­den­­ter
notae; tunc enim posset quilibet scire se esse in caritate, quod corpus Christi est in altari, quae
vi­dentur simpliciter fal­sa.“ Falsch ist, dass wir die (genannten) kontingenten Sätze evident er-
kennen könnten. „Igi­tur ne­ces­saria the­olo­gi­ca non sunt scita sci­en­tia pro­p­rie dic­ta.“ Ockhams
persuasive Formel lautet: ‘Non est ma­­­ior ra­tio quod’. Wir finden in den ‘ne­ces­­­saria’ und den
‘contingentia’ keinen strukturellen Grund für beide Satz­ty­pen einen Un­­­terschied in der Evi-
denz anzunehmen. Dies eben auch bei theologischen Aussagen.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 53

Der Syllogismus wird von Ockham nicht bloß im Sinne des formellen logischen
Voll­­zugs ver­standen, sondern es wird eine besondere intensio­na­le und intellektive
Kompo­nen­­te in ihn ein­geschlos­sen, die eigens angegeben wird.69 Das ist po­­­tentiell ge-
gen die förmliche Syllogis­tik des Aristoteles.70 „Ad argumentum principale dico quod
Philosophus ibi ex­ten­dit demon­stra­­ti­o­nem ad omnem syllogismum ex necessariis et
prioribus. Sed non omnis ta­lis syl­logis­mus est demonstratio quia si conclusio non sit
dubitabilis non est demonstratio. Si­cut e­nim num­­quam est demon­stra­tio mihi nisi
quando scio conclusionem per praemissas, – ali­ter enim sci­rem de­mon­strare multa
quae credo esse falsa, – ita numquam est demonstratio sim­pli­ci­ter nisi quando scio
conclusionem per praemissas; et ideo dicit Philosophus71 quod est ex cau­­sis con­clusio­
nis.“ Der Beweis erfolgt also aus den Prämissen, die die causae conclusionis sind. „Et
ideo si praemissae fuerint verae et pri­­mae et immediatae et notiores et priores, et ta­
men non fu­e­rint cau­sae conclusionis, – hoc est no­­titia praemissarum non fuerit causa
notitiae con­clusio­nis –, non erit demonstratio.“ Nämlich in dem Beweis, in welchem

69. Ockham fasst den species-Begriff intensional auf und akzeptiert ihn derart erst einmal oder
unum­wun­den. Aber über seine Zulässigkeit alias Notwendigkeit/Entbehrlichkeit wird reflexiv,
relational und im Ver­gleich ent­schieden. Cf. Rep. II q. 12–13 OT V p. 309f. Da erscheint die spe-
cies als Größe oder Begriff als geringer als die no­ti­tia intui­ti­­va sensitiva und die notitia intuitiva
intellectualis. Im Verhältnis oder Zusammenhang beider er­scheint sie ent­behr­l­ich (ib. p. 309
lin. 17f): „utra­que cognitio est ita perfecta similitudo obiecti et perfectior quam species.“ Sie
kann nicht gleich­mächtig sein. Dass die cognitio intuitiva sensualis die similitudo obiecto be-
sitze oder beanspruchen könne, er­scheint plausibel. Sie grenzt an sie. Dass die cognitio intuitiva
intellectualis, wenn sie auf der cognitio intuitiva sen­­sualis fußt und von ihr abstammt, genauso
vollkommen sei, ist nicht unbedingt be­streitbar; dass die species voll­­kommener als die cognitio
intuitiva intellectualis sei, ist nicht behauptbar. Benö­ti­gen wir sie? Wir benötigen sie nicht für
den habitus, der in intellectu der notitia intuitiva folgen muss (ib. lin. 19–21): „sed intellectus
est omnia intelligibilia tam per actua­lem quam per habitualem. Unde habitus ita perfecte est
similitudo rei sicut species vel actus.“ Der sen­­­­sus kennt dagegen nur aktuale Erkenntnis, sc.
dasjenige betref­fend, was er wahrnimmt. Was wäre es was ei­gens an der species wahrgenom-
men (= erkannt) werden könnte oder müss­te? Ockham führt einen induktiven Beweis, bei dem
species nicht in eine Relation (in Relationen) ent­wic­kelt werden kann und daher kei­ne Identität
(Existenz) haben soll. Ein solcher Beweis ist ebenso widerle­gen­der Beweis. Es wird gezeigt, dass
die Relation, die die Entität als ihr innerer Anteil zu bestimmen hätte, nicht exi­stie­­ren kann. Da
bei analytischen Be­weisen das Widerspruchsmoment außerhalb der zu ermittelnden Identität
(En­tität) angesetzt erscheint (= es ist nicht Teil des In­halts), wird Ockhams Beweis sogar als den
normalen in­di­rekten Beweis (reductio ad absur­dum) über­dec­kend und ihn negativ charakteri-
sierend angesehen werden kön­nen. Die Frage, ob mit der species als Inbegriff der Inhaltlichkeit
nicht unbedingt bereits Notwendigkeit und All­­ge­mein­heit gegeben sein müssten, erörtern wir
hier nicht, zumal ja auch die Syllogistik vom Satztypus erst einmal absehen kann. Das universa-
le ist bei Duns Sco­tus species oder in der De­duk­ti­on natura communis. S. S. Day, 1947. Zu zwei
Theorien des Duns Sco­­­tus vom universale s. L. Baudry, 1958 p. 278ff.
70. Ord. Prol. q. 6 OT I p. 182 lin. 11–23.
71. Aristoteles, Analyt. Poster. I. c. 2 t. 9 (71 b 22).
54 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

der actus iudica­tivus auf das Schlie­­­­­ßen im Syllogismus verla­gert ist: ‘Ich’ zweifle an der
conclusio; habe aber dann und un­ab­hängig davon die praemissae. Da­nach kann ich
per Vollzug der conclusio zustim­men. Die pro­positio per se (primo modo oder secun-
do modo), eine im Grund empiri­sche Aus­sa­ge, bil­det nicht den Maßstab für die De-
duktion, die selbst evident mache, weder hinsichtlich der Prämis­sen noch hinsichtlich
der conclusio.72 Auf der Ebene der Sätze kann die ‘notitia un­i­­us propo­si­­­ti­onis die causa
notitiae alicuius aliae propositionis’ sehr wohl sein. Die (Kausal­­-) Re­lation, die hier für
die notitiae zweier Sätze besteht (ausdrücklich: der notitiae comple­xae), kann wie­der
empirisch abgestützt werden. Sie ist nach Ockham von der notitia (incom­ple­xa) der
in den Sätzen gegebenen Begriffe unabhängig, bzw. (real) verschieden.
Erkennbar kann eine übernatürliche Erkenntnis Gottes für den Menschen weder
sinn­bild­­lich noch maßstäblich geltend gemacht werden. Sie kann natürlich gesehen
und induktiv begrün­det nur so angenommen werden, dass die menschlichen und
weltlich-empirischen Bedingun­gen des Erkennens, d. h. im Grunde der Welt, hier
nicht mehr stören dürfen: induktiv ge­sehen nicht mehr störend sind. Das ist etwa
bei den Aussagen, die divina essentia betreffen, nach­weis­lich nicht mehr der Fall. Die
potentia Dei absoluta als Regel kann als ein Bestim­mungs­­merk­mal gesehen werden,
das, hypo­thetisch ein­ge­schoben, den Effekt an den Men­schen ‘ver­mit­telbarer’ Er-
kenntnisse und Erkenntnisarten eru­­­ieren und begrenzen hilft. Die po­ten­­tia Dei ab-
soluta als eine Macht (Positi­on), von der aus tatsächlich eine über­weltliche (wis­sen­­
schaftli­che!) Er­kennt­nis denkbar wäre, ohne für den Menschen natürlich mög­­lich zu
sein, wird von Ockham abgelehnt.73 Ockham widerlegt die These, indem er Evi­denz
als auf die pro­po­si­­tio per se nota oder auf die notitia in­­­tuitiva gegründet beschreibt.
Die pro­positio per se no­ta lässt sich ebenso ab­strakt wie intuitiv einsehen.74 Die per

72. Ockhams Erörterungen können nicht auf den Widerspruch und das Widerspruchs­prin­­zip
auslaufen oder ihn bzw. es in Dienst nehmen. Denn be­reits in den beiden unterschie­de­­­­nen
Satzarten propositio per se pri­mo mo­do und pro­positio per se se­cun­do modo werden, wie dar-
in – in beiden – Erfahrungen festgehalten wer­den, kon­tin­­gente Sätze gesehen. Dies wird von
Ockham zum Teil gegen Aristoteles geltend gemacht. (Zur Dis­kussion der aristo­te­lischen Auf-
fassungen von den Sätzen, s. Lukasiewicz, 1951 loc cit.) Der kon­tin­gente Satz kann aber nicht
den Widerspruch verkörpern oder kodi­fi­zie­ren. Über­dies: Die pro­po­­sitio per se primo modo
und pro­po­sitio per se se­cundo modo werden von Ockham nega­tiv für den Be­weis verwandt, wie
der mit der de­­finiten Be­stim­mung der sci­en­tia proprie dicta oder der For­­mel scita per scientia
pro­­prie dicta zu verbindende Satz aus­zu­­sehen habe. Pro­po­si­tio per se primo modo und propo-
sitio per se se­cundo modo bezeichnen Minima, die, wie sie Eigen­schaf­­­­ten für eine ganz gewisse
Satzbestimmtheit zusammenzufügen hätten, nicht genü­gen kön­nen. Er setzt sie eben­­so in der
Refutation ontologischer Auslegungen der sacra theologia ein: Ord. d. 5 q. 1 OT III.
73. Ord. Prol. q. 7 OT I p. 187 lin. 16 – p. 188 lin. 9.
74. Dadurch ist sie definiert oder beschrieben. Notitia intuitiva und notitia abstractiva, die
zwei­te aus der ersten zwangsläufig hervorgehend und argumentativ, unter anderem durch
das Om­ni­po­tenzprinzip von ihr trennbar, wo­mit Kompatibilitäten erzeugt werden, nicht aber
Inkon­sis­­­tenzen entstehen, sind menschliche Erkenntnis­wei­sen. Sie garantieren die für den
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 55

poten­ti­am Dei absolutam bewirkte über­na­­türliche Einsicht in theologische Wahr-


heiten hätte kein mensch­­lich-empiri­sches Fun­da­ment. Entsprechend wird sie von
Ockham abgelehnt.75 Die po­­ten­tia Dei absoluta be­deu­tet kei­­­­­nen Ein­griff und Umsturz
gegenüber der uns bekannten Schö­p­fung, also der uns ge­ge­be­nen empirischen Welt.
Diese bleibt ge­wahrt. Sie dient sogar, die The­se von ei­ner dem Men­schen überlegenen
Einsicht, wel­che per consequen­tiam dem Men­schen (viator) kom­­patibel wä­­re, zu­rück­
zuweisen, wenn nicht zu wi­der­legen.76 Das bedeutet so­­­gleich, dass die Omnipo­tenz
als Prinzip und Idee eben nicht die Funktion hat, die Ver­­­fü­gung des Men­schen über
sich und sei­ne Welt nach den Ge­set­­zen die­ser Welt und Schö­p­­fung zu ku­pie­­ren; das
Om­ni­­potenz­prin­­­zip wird vielmehr so aus­gedrückt, dass es das nicht tue: es steht ne­­­­­
ben der empi­rischen Welt, in­dem die consequentia als Zei­chen der Ver­mit­tel­bar­keit,
sowohl der Kon­sis­tenz wie der Kom­­­­­pa­tibilität ‘ausfällt’. Die reine empi­ri­sche Bedin­
gung des Erken­nens be­wirkt und be­sagt, dass die Vermittlung nicht mög­lich ist; denn

Men­­­schen pro statu isto garantierte Erkenntnis und daneben „Ideen“ bezüglich ei­ner den via-
tor über­­steigen­den Erkenntnisweise; das modellhaft ins se erkennbare Wesen Gottes geht dann
aber nicht in für uns faktische Erkenntnis ein.
75. Das sieht anders M. Lenz, Himmlische Sätze, 1998, Cf. Einleitung Anm. 58. Ockham eta-
bliert nicht in der Nähe zu Thomas von Aquin, den er dem Punkt wi­derlegt (cf. Kap. 4), eine
unbedingte potestas wissenschaftlicher Ein­sicht in Gott bzw. theologi­scher Aussagen, wenn er
die notitia abstractiva theologischer Einsichten des beatus ne­ben den intuitiven, die er in der
seligen Gottschau hat, für möglich hält (secundum potentiam divinam absolu­tam), also für
kompatibel mit der visio be­a­ti­fica er­klärt. Welche Erkenntnisse und wie viele danach der viator
per potentiam divinam absolu­tam über sein jetziges Wissen hinaus qua notitia ab­stractiva erhal-
ten könnte, erscheint Ockham ungewiss. Ei­ni­ge nur kann Gott „forte“ mit­tei­len, an­de­re „forte“
nicht; ebenso ist unklar, ob wir diesel­ben propositiones per notitiam ab­strac­tivam wirklich hät­
ten. Es kann nach dem Omnipotenzprinzip suggeriert (per­suadiert) werden. Wir hätten aber
nach Ockham im­­­­mer noch unsere per notitia abstractiva erworbene notitia incomplexorum
(termi­no­rum). Da­für, dass dann nicht die­selbe propositio (notitia complexi) entstünde, lässt
sich nach Ockham nur schwer eine Be­grün­dung geben. Cf. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 74 lin. 22 –
p. 75 lin. 5. Die Frage, wel­che der „per potenti­am divinam“ uns zugäng­lich gemach­ten ‘vielen
theologischen Wahrheiten’ (i.e. ihre no­ti­tia) im eigentlichen Sinn „sit (sic) sci­entia pro­prie dic-
ta“ stellt sich dann überdies noch. Cf. Einleitung zu Ord. Prol. q. 2 OT I p. 75 lin. 9–12.
76. Daneben schafft Ockham mittels des Omnipotenzprinzips neue abstrakte ‘Bedeutungen’
empirisch ausge­wie­­se­ner Be­griffe zu Zwecken der Theologie. Das Omnipotenzprinzip wirkt
hier im Ver­ein mit einer Ersetzung des Widerspruchssatzes durch ein empi­risches Äquivalent,
das in se unangängig er­­scheint. Er hebt den Be­griff so mit seiner modifizierten Bedeutung in
die Theologie, in der er nur so be­ste­hen kann. Er operiert inten­si­onal, nicht für eine entitas oder
einen conceptus oder actus mentalis. Er hat auch hier eine gewisse Tren­nung oder Spal­­tung in
re benutzt, wie sie ja der Widerspruchssatz voraussetzt oder ap­­pelliert. Das tut er auch bereits,
wenn er die in die Macht Got­tes gelegte conservatio anberaumt. Er geht von empirischen Ge-
halten aus, um Verhältnis­se der sacra theologia in deren Ausle­gung menschengemäß zu stüt-
zen; aber er verlässt diese streng em­pirische Ebe­ne, in der die empiri­schen Vor­stellungsfixa an
sich prekär werden. Dort leisten sie auch nichts mehr für die The­ologie.
56 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

das Er­gebnis, wenn sie ein­­träte, wäre den­noch in­­kom­pa­tibel. Sie würde auf ein per se
falsches con­­se­quens füh­ren.77 Es ist damit klar, dass die Ab­strak­tion, zu deren Sphä­­re
die potentia Dei absoluta ge­hört, in­dem sie darin wei­­te­re Kom­pa­ti­bi­litäten schafft,
aber eben nicht Annahmen, die identisch Em­pirie be­deu­­ten, wenn­­­­gleich mit der Em-
pirie verträglich, nicht auf der Einheit mit der signifi­ca­tio der termi­ni in sen­­su reali be­
ru­hen kann. Eine solche significatio wird dann auch nicht für den Bereich Got­­­­tes, das
Ver­hält­nis der relationes der essentia divina ad extra et ad creaturas an­­genommen.
Wenn das Om­ni­po­tenzprinzip fal­sche Schlüsse ausschließen hilft, die der Em­pi­­rie
zugeordnet blei­ben, kann es mit der Empirie selbst nicht in Widerspruch ste­hen. Das
gilt mehr als dass es dem Wider­spruchs­prinzip nicht widerstreiten dürfe.
Ockham kann oder könnte jedenfalls auch für die divina potentia absoluta in-
duktiv fest­stel­len, i.e. ermitteln, dass von ihr der Bereich der Empirie und einer em-
pirischen Erfülltheit in se fern­zuhalten sei. Gott könnte, als essentia, im Sinn (s)einer
äußeren Wirkung immer nur über eine relatio, die ihn faktisch überschritte und von
accidentia her ‘definierte’, verstanden wer­­den. Es „schlösse“ die Empirie ein und müs-
ste zu einer fallacia führen. Im Kern ist es hier u. a. bereits der Begriff der causa,
der als kategoriell der Empirie zugehörig oder zuzu­wei­­sen zu einer fallacia geführt
hat, die unten angeführt werden wird.78 Das Beispiel ist aber nicht auf die divina es-
sentia oder die potentia Dei absoluta be­schränkt. Entscheidend ist, dass die Be­­­weis­­­­
kapazität nicht aus der causa oder Kausalität ge­schöpft werden kann.79 An der ange­
ge­­be­nen Stelle heißt es bei Ockham: „Et ideo in multis argumentis est fallacia figurae
dic­tio­nis, sub nomine simpliciter ab­soluto accipiendo nomen connotativum. Sicut
sic arguen­do: quid­­­­quid potest Deus mediante causa secunda, pot­est immediate per
se; sed actum merito­ri­um pot­est producere mediante actu voluntatis; ergo si­ne ea“.
Dieser Trugschluss kommt nach Art und Form oft vor, wie Ockham sagt: „in mul­
tis argumentis“. Er muss nicht bloß in Anbe­tracht der Allmacht vorkommen oder
in die Theologie fallen. „Et sic de aliis mul­tis, in qui­­­­­­bus semper est fal­la­cia figurae

77. Die con­sequentia kann da nicht in der aussagenlogischen Auf­fas­sung zugrunde­ge­legt wer-
den. Denn of­fen­bar wird nicht aus den Begriffen inhaltlich gefolgert, um zu einem falschen
Ergebnis zu kommen, son­dern es wird ei­­ne Hypothese aufgestellt, die dann nach Ockhams Re-
geln, die zugleich die empirischen Bedingun­gen des Er­ken­nens für das consequens statuieren,
falsch ist. Siehe die beiden Beispiele Anm. 59 und Anm. 60.
78. Ord. Prol. q. 3 OT I p. 141 lin. 7–14.
79. Sie ist den Beweisen Spinozas fest eingefügt, integraler Bestandteil da­von. Autre­court und
Hu­me sehen Kau­sa­li­tät als in der empirischen Re­a­li­tät nicht distinkt wahrnehmbar an. Das
Ver­langen, dass es anders sein solle, kommt jedoch einer petitio principii gleich, mit der man
jedem Beweis davon vorgriffe. Der könnte also nicht sinn­­voll verstanden worden sein. Eine
Aporie: er wird womöglich gar nicht verstanden. Mit und ohne Kau­sal­in­teresse nicht. Der Be­
weis wür­­­de „leisten“ (liefern), was nach realer Wahrnehmung, die dabei em­pi­risch einem ab­
strakt Ge­ge­benen vorgriffe, gar nicht existieren kann oder könnte, i.e. so nicht definit wäre. Bei
Autre­court wi­der­spre­chen sich mithin seine beiden Gebote: empirische Wahr­nehm­barkeit und
ge­die­gene Be­weis­barkeit.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 57

dictio­nis, quia commutatur ‘quid’ in ‘ad aliquid’, secundum unum modum lo­quen­di,
vel in connota­ti­vum, secundum alium modum loquendi“.80
Es gibt einen Überredungsbeweis dafür, dass die notitia intuitiva im Umkreis em-
pirischer und akzidenteller, kontingenter, also auch we­chsel­nder Verhältnisse sowohl
bezüglich der res exi­s­­­­tens wie der res non existens zu einem ac­tus iudicativus und
damit einem actus assenti­en­di be­­züglich eines kontingenten Satzes füh­ren kann:81 „Et
quando di­­­citur quod illa (sc. notitia in­­tuitiva) habet causare effectum oppositum si
res sit, potest dici quod non est inconveniens quod aliqua causa cum alia causa par-
tiali causet aliquem effectum et tamen quod illa sola sine alia causa partiali causet
oppositum effectum.“ Ockham hat al­so zwei bzw. drei Fälle un­ter­schied­licher Ver-
ursachung unter Beibehaltung wenigstens einer causa partialis, nämlich der no­­­titia
intuitiva, genannt, wobei diese causa in der res extra ani­mam selbst auch eine causa
par­­­­­­tialis hat (neben dem intellectus als anderer), ohne dass diese causae untereinan-
der intensi­o­nal – und das hieße hier extensional – in die definitiones oder rationes,
die von ihnen einzeln gegeben werden, einzudringen hätten. Nur einen der drei Fälle
muss Ockham für den Be­weis­­­zweck verfolgen: notitia intuitiva sola sine alia causa
partiali causet op­po­situm effectum. Die gegenteilige cau­sa, bzw. identisch die Nichte-
xistenz der causa, bewirken den gegenteili­gen Ef­fekt, bzw. las­sen ihn zu; man wird
sa­gen können, dass die Bestimmtheit des terminus no­­­ti­tia intuitiva ange­sichts einer
Nichtexistenz der causa partialis gewahrt bleibt und zugleich äqui­­­­va­lent der Exis­tenz
und der Nichtexistenz bestehen kann, al­so im Sinne eines Gegensat­zes in der res oder
Em­pirie, was bedeuten muss, dass der Ein­wand, auf den Ockham ant­wor­­­­­­­tet, nicht gilt.
„Et ideo notitia intuitiva rei et ipsa res causant iudici­um quod res est, quan­do autem
ipsa res non est tunc ipsa notitia intuitiva sine illa re causabit op­positum iudici­um.“
Die damit statt­findende Induktion besagt also, dass auf der Basis der Nicht­existenz ei-
ner res ex­tra ani­mam sehr wohl (noch) eine notitia intuitiva bestehen kann; sie hängt
ja auch de­finito­risch nicht von der existentia res extra animam ab. „Et ideo concedo
quod non est eadem cau­sa il­lo­rum iudiciorum, quia unius causa est notitia intuitiva
est notitia sine re, alterius cau­sa est noti­tia cum re tamquam cum causa partiali.“
Die notitia intuitiva ist natürlich überhaupt un­­­­ab­hän­gig von ihrer causa, die real von

80. Ockhams Analyse der fallacia secundum figuram dictionis hatte ‘grundsätzlich’ und zwar
für beide, com­pa­rans und comparatum, die falsch kommutiert wurden, so dass die falla­cia
entstand, gezeigt, dass (die) Kausa­li­tät (causa) im Sinn der Kombination von subiectum und
pas­sio in (empirischen oder kontingenten) Sätzen keine Kon­­­­dition hatte. (Der) Satz muss induk­
tiv immer als der empirische oder kontingente Satz gedeutet werden, und der empiri­sche oder
kon­tin­gente Satz ist hier wie öfter bei Ockham als der prototypische überhaupt zu neh­men, in
welchem Sinne auch die propositio per se nota noch einbezogen werden kann, wie ei­ni­ge Be-
weise Ock­hams mit ihrer induktiven refutativen Komponente zeigen werden. Der kon­tingente
Satz bildet dann in der no­mi­­na­lis­ti­schen Stammlinie oder Keimbahn das Modell: er wird später
oft als Kriterium negativer Erkennt­niskri­tik gewen­det und verwendet (Ni­ko­laus von Autre-
court, Berkeley, Hume).
81. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 70 lin. 24 – p. 71 lin. 9.
58 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

ihr unterschieden (realiter distincta) ist: insofern ge­hört es zu ihrer intensional be-
stimmten Reichweite, dass sie von einem nicht existenten Ob­jekt exis­tie­ren könnte,
wie wenn dieses existierte – es ist als rein kompatible Mög­lichkeit in­ten­­­­­sio­nal nicht
ausgeschlossen –, was aber natürlich dann einen in dieser Art un­aufklärbaren Feh­ler
be­sa­gen müsste.82 Ebenso aber kann sie der Feststellung der Nichtexistenz oder Nicht­
prä­­senz eines Ob­jekts dienen. Beide Fälle sind zu unterscheiden, wie sie rein in der
extra­men­­ta­len Em­­­pirie auf­treten und außerhalb des menschlichen Subjekts.83

82. Kausalität, wie sie im Bereich der Empirie empirischen Erfah­rung) sich findet, kann nur als
zu einem kleinen Teile, an der Stelle von Sach­­verhalten, als gleichsam bloß mit­­wir­kend ver­stan­­
den werden. Sie hat aber nicht als re­al aus den Sachen erfasst zu gelten. So geht ihr Ge­­­­brauch
als Prinzip a priori bei Ockham in der Argu­men­ta­ti­on unter: in der Be­trach­tung kon­­tin­gen­ter
Fälle besteht eine bleibende oder ‘durchgängige’ kausale Verbindung zwi­­schen zwei Fak­toren ge­
wöhn­lich nicht. Die Induktion sichert nicht mehr als den Einzel- oder einen gar nur denkbaren
Eventualfall als empirisch in sich bestimmt. Zwei Faktoren wer­den nur im Sin­ne eines begrenzt
gel­ten­den ab­strakten Prinzips zusammen­ge­bracht. Derart ist die Kausali­tät nicht wirklich (voll-
ständig) in der Rea­li­tät enthalten; sie steht nur förmlich und hy­po­thetisch für die ge­ringste
Spanne zwischen zwei Faktoren; sie er­setzt so den Sach­ver­halt und wird ihrerseits ab­strakt und
intensional gefasst. Man kann sie aber nicht einlösen. Mit dem Einzelfall ge­langt man nicht bis
zum Rang ei­ner gene­rell geltenden Hypothese. Stellen wir einen sol­chen in sich begrenz­ten
Fall dar, so ha­ben wir ei­ne Annäherung an den extramentalen Gegenstand (significatio), aber
kein Mo­­­ment, das aus­schlie­ßend zu wirken und zu gelten vermöchte, weder in reali noch in
abstractis.
83. Ein solcher Be­­weis schließt noch nicht ein, dass und wie die notitia intuitiva dabei selbst,
wenn sie doch von der res extra als cau­sa partialis verursacht wurde, ohne diese causa partia­
lis fortdauern und be­wahrt werden konn­­te. Conservatio und causatio werden dann von
Ockham nach ihrem logischen Grund getrennt: Conser­va­tio ist bloß supranaturaliter möglich,
die causatio geschieht naturaliter. Denn es ist ja klar, dass die Momente und Elemente der con­­­­­
servatio nicht und niemals aus der causatio, sprich deren Voraussetzungen, gewonnen oder
über­nommen werden können, zumal wenn sie vergänglich sind, also nicht bestehen bleiben.
Sie fluk­tu­­­ie­ren im Sin­ne ei­ner akzidentellen Bestimmung zu einer essentia, und würden nur
mit dem Wert einer petitio principii oder mit dem Effekt einer fallacia geltend gemacht werden
kön­nen. Es ist klar, dass damit in Richtung auf die con­­servatio und eben deren intensional zu se­
henden Gehalt eine Induktion stattfindet oder: unentbehrlich ist. Sie steht gegen die Folge­rung,
die für einen Gehalt in analytischer Auslegung eines Satzes oder Begriffs nur einen scheinbaren
Wert haben kann. Die notitia intuitiva (perfecta), die von Gott bewahrt werden muss, damit
auch die Nichtexis­tenz einer res festgestellt werden kann, steht als notitia intel­lec­­­­tus in einer
Differenz zu jener no­titia in­tu­i­tiva, die von einer notitia intuitiva sensitiva be­gleitet wird, in der
das extra­mentale obiectum ‘wahrgenommen’ wird. Cf. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 31 lin. 9–16: „Sed
(notitia intuitiva et notitia abstracti­va) distinguuntur per istum modum: quia notitia intui­ti­­va
rei est talis notitia virtute cuius pot­est scire res sit vel non, ita quod si res sit, statim iudi­cat eam
esse et evi­den­ter cog­­noscit eam esse, nisi forte impediatur propter imperfectionem il­li­us no­
titiae. Et eo­dem modo si esset per­fecta ta­lis notitia per potentiam divinam conservata de re non
existente, virtute il­lius no­ti­­tiae in­complexae evi­denter cognosceret illam rem non esse.“
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 59

Ockham argumentiert für unsere Begriffe:84 „Arguo primo quod attributa non
pos­sunt de Deo de­monstrari propter quid, et hoc de Deo dis­tinc­te cognito, quomo-
do lo­qui­tur Doc­­tor iste (näm­lich Duns Scotus). Quia nullus concep­tus communis
quidditativus pot­est de­mon­­strari de­mon­stratione propter quid de illo quod im­medi­
ate continetur sub eo, quia ta­lis pro­­positio est immediata, secundum Philosophum I
Pos­terio­rum,85 et per consequens illa non est altera pri­or.“ Dabei gilt, dass Gott auch
im Be­griff soll deut­lich er­kannt werden kön­nen, wie angenom­men wird, weil die
Transposition der Er­kennt­nis einer Sa­che mittels ei­nes dabei gebildeten Be­­­­griffs in die
Erkenntnis durch den Be­griff, oh­­ne Präsenz der Sache, den Begriff selbst nicht ver-
ändert. Damit, so lässt sich sa­gen, ist die Er­kenntnis als po­tentia­li­ter ab­strakte auf die
In­duk­­tion hin präpariert. Dabei wird von Ockham vorausge­setzt, dass der quiddita­ti­­
ve Begriff Gott und dem Menschen zuge­hört.86 Induk­tiv schließt Ockham, dass die
Attri­bu­te (Gottes) durch quidditative Begriffe bezeich­net wer­­­­den: „Et est conceptus
quid­di­ta­tivus, quia suppono ad praesens, et postea pro­ba­bitur,87 quod inter divinam
essentiam et di­vinum in­tellectum vel vo­lun­tatem nulla est dis­tinctio, nec re­­­alis nec
rationis. Igitur concep­tus boni­ta­tis vel quicum­que talis est quidditativus, et per con­
se­­quens nullus talis potest de Deo demon­stra­ri.“88 Dabei soll der concep­tus denomi­
na­tivus als ein aus der Sache begründbarer und von dem conceptus quid­di­ta­ti­vus zu
unter­schei­dender aus­­­­­­­­­fallen.89 Das wird induktiv ge­schlossen und erschlos­sen. Der
Unterschied zwi­schen Be­griffs­­arten müsste immer a parte rei gemacht wer­den.90 Der
Be­zug auf eine Rela­ti­on für et­was, was außer­halb der divina es­sen­tia läge, schei­det
auch aus, weil es keine Beweis­möglich­keit gibt: „quia conceptus ad ex­tra non po-
test demonstrari de di­vi­na essentia, quia nihil est ta­le medium etc.“91 Desgleichen
kann nichts über und für Begrif­fe be­wie­­sen werden, die Gott und dem Ge­schaffenen
gemein­sam angehö­ren. Es verlangte eine Induktion, die auf eine Ge­­mein­samkeit in
der Sache (in re) ginge (und zurückginge).92
Wo eine Induktion ausgeführt wird, wie es vielfach geschieht, wenn Ockham die
Prä­­di­­­ka­ti­on von Eigenschaften und Begriffen, besser Begriffsarten beschreibt oder
eruiert, be­ruht das im­mer darauf, dass förmlich ein Außenbezug auf die res extra
(oder stellvertretend ei­ne dis­­­tinc­tio in re) vorgenommen wird, der in se negativ ist

84. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 103, lin. 3–10.


85. Aristoteles, Analyt. Poster., I, c. 3, t. 21 (72b 25–27).
86. Ib. q. 2 p. 103 lin. 10–11.
87. Nempe Ord. d. 2 q. 9 OT II p. 315 lin. 3–11.
88. Cf. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 103, lin. 12–16.
89. Cf. ib. p. 103 lin. 17 – p. 104 lin. 2.
90. Cf. Ib. p. 104 lin. 3–5.
91. Ib. p. 104, lin. 25–26.
92. Ib. p. 104 lin. 10–18.
60 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

oder bleibt, also die significatio als nicht ko­­optierbar erweist. Die Induktion ist darin
terminiert und versieht damit eine ab­strac­tio. Es wird ge­wis­­sermaßen eine Relation
(oder Referenz) in die Sache (res extra) hinein nicht ge­stat­tet, son­dern abgeblockt.93
Wenn die notitia und die ratio mit ihrem Füllglied, z. B. dem Be­­­­­­­­­­griff nach seiner Satz-
stellung (z. B. subiectum), induktiv kei­ne Folge im Sinne der Kausali­tät haben müssen,
welche iden­­tisch das Glied ergäbe, welches aus ihm zu folgen hätte, wie­wohl es virtuell
vielleicht mit­ge­ge­ben ist, so gilt dasselbe nicht vom habitus. Der habitus in se er­laubt
den actus oder ha­bi­tus eines Folgegliedes.94 „Probatio istius: quia posi­to quod aliquis
ad­­quirat habitum ex actibus circa principium tantum et post simul cum altero prin-
cipio, quod erat altera praemissa, applicet ad conclusionem, sciet ipsam evidenter, et
non sine habitu prin­cipii. Ergo habitus ille est aliquomodo causa notitiae conclu­si­onis,
mediata vel immediata, per se vel per accidens.“ Die strenge Unterscheidung ist für die
In­­duktion entbehrlich. Dabei darf darauf hingewiesen werden, dass die cau­sa niemals
aus sich, d. i. inhaltlich, den effectus er­schließt. Wie der habitus selbst dem actus zu-
geordnet ist, ist offen, insofern die ac­tus oder das­­­­­­­­­­­­­jenige, dem sie gelten oder aus dem
sie entstehen, de facto nicht im Sinn der Kom­po­sition oder dieser folgend erkannt
werden kann. So gilt denn auch, dass es von Prinzip und conclu­sio gemein­schaft­lich
einen habitus ge­ben kann:95 „dico quod principiorum aliquorum et con­clu­sionum

93. So kann Ockham etwa Duns Scotus antworten (ib. p. 103 lin. 16 – p. 104 lin. 2): „Si dicatur
quod de omnino ea­­dem re, si­ne omni distinctione, possunt esse plures conceptus (gemeint:
Be­­griffsar­ten!), scilicet quid­dita­tivus et denominativus,“ – nach Ed. p. 103 Anm. 4 Reportatio
Paris., I, Prol. q. 1, n. 50 (ed. Wad­ding, XI-1,14) gesagt –, „contra: ‘non est magis ratio quod
(non)’ quandocumque quidquid omnino a parte rei ex­pri­mitur per unum con­cep­­tum et per
alium, non est maior ratio quod unus sit quidditativus quam alius.“ Die For­mel ‘non est maior
ra­tio quod (non)’ leitet die da­rauf folgende induktive Abschöpfung einer in sich begrenzten all­
gemeinen und negat­i­­ven An­sicht intensionalen Charakters ein: „Sed si nul­la penitus sit distinc-
tio a parte rei in­ter divinam essentiam et intellectum et actum in­telligendi, nihil imaginabile
potest exprimi per unum con­cep­tum (ma­gis) quam per ali­um, igitur uter­que erit quidditativus
vel neuter.“ Man kann sa­gen, dass über die Sache noch nicht ent­­schie­den ist. Aber kann Duns
Scotus, der formell von ihr her denken will, seine opinio stüt­­­zen? Die beiden Begriffe oder
rationes ‘quid­ditativum’ und ‘denominativum’ erlöschen hier. Die Kon­struk­ti­on ist hier rein
negativ; sie be­stimmt sich beschränkt intensional.
94. Ord. Prol. q. 8 OT I p. 217 lin. 21ff: „dico primo quod habitus adquisitus ex actu circa princi­
pium tantum est alius ab habitu con­clu­sionis. Primo, quia semper causa distinguitur a suo ef­
fectu.“ Das Argu­ment ist induktiv und syn­thetisch, indem es von einem Ende her operiert, das
nicht mehr effektiv oder spezifisch benannt werden muss. So setzt Ockham denn hinzu: „sive
sit causa per se sive causa per accidens; sed aliquo istorum modo­rum habi­tus prin­ci­pii est causa
respec­tu habitus conclusionis.“ Ockham hat also nicht konstatiert, wel­che. Da­mit ist aber na­tur­­
ge­mäß noch nicht die Kausalität in facto bewiesen. Wird eine solche Kausalität angenom­men,
so er­gibt sich, dass induktiv und synthetisch der habitus con­clu­sionis nicht aus dem ha­bi­tus
principii (kau­sal) fol­gen kann. Die ver­schiedenen ‘Beweise’ sind so sehr subtil vonein­ander
abgesetzt, i.e. in Feinschnitten ge­trennt.
95. Ib. p. 218 lin. 20 – p. 219 lin. 2.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 61

potest esse idem habitus. Hoc probatur: res­pec­­tu quorumcumque est natus esse unus
actus, respectu eorundem potest es­­se unus habitus, quia non repugnat96 syllogismo
com­po­sito ex multis propositionibus intelligi uno actu quam propositioni compositae
ex multis ter­­­­­­­­­­­­­­­minis, sed propositio intelligitur uno ac­tu; ergo etc.“97
Gott kann die natürliche causa ersetzen und eine Verursachung oder Verände-
rung vornehmen, wenn es in den Verhältnissen der Schöpfung kein Hindernis gibt,
er kann es also nicht abso­lut. Er kann es bloß auf der Basis einer distinctio realis, die
bereits zwischen den res in der Schö­­pfung be­steht, womit, induktiv einsehbar, diese
distinctio realis das Wi­der­­spruchs­prinzip selbst vertritt oder ersetzt. Gott kann die
calor unmittelbar bewirken, die sonst, mit glei­cher Stär­­­ke, von ig­nis oder sol ausgehen
mag. Sie durfte aber nirgendwo die Realordnung der Din­ge verletzen oder ‘um­schmel­
zen’. Sie wird auch nur hypothetisch auf der Basis der dis­tinc­­­tio re­­alis oder im Bezug
auf sie apostrophiert, i.e. nicht um eine reale Annahme zu ma­chen oder aufzuhe­ben.
Das ist evident: denn sonst würde auch mit (den) definiten Begriffen nicht mehr ge­­
arbei­tet, eben je­nen, welche, specie distincti, von den Gegenständen der Welt er­hoben
wer­den.98 Ockhams Thesen oder Einreden, was Gott kraft seiner Omnipotenz auf der
Basis der dis­tinc­tio realis und mit ihr korreliert vermöge, i.e. secundum potentiam
divi­nam abso­lut­am na­­tu­raliter loquendo, besagen nicht, dass Gott regellos handle.

96. Die Überre­dung und Induktion sind wieder mit einer Formel verbunden, die Kompatibili-
tät (Vereinbarkeit) be­sagt: ‘non repugnat’: „es widerstreitet (sich) nicht“.
97. Oft wird der Bezug auf die res extra in dem Sinn negiert wie Ockham das Subjekt ak­zen­
tu­iert (ib. p. 219 lin. 7–12): „habitus non respicit obiectum nec in ra­­­tione obiecti nec in ra­­­ti­­one
cau­sae nisi mediante actu. Quod non in ratione obiecti pa­tet, quia non aliter inclinat ad ob­iec­
tum nisi quia inclinat ad actum; nec causatur ab ob­iecto ni­­si mediante actu. Ergo ex iden­­­titate
ob­iecti vel diversitate non debet argui diversitas vel iden­ti­tas ha­bitus ni­si mediante di­­versi­ta­te
vel identitate actus; ergo habitus et actus in diversi­tate et iden­­ti­ta­te semper propor­ti­­­­o­nan­­­­tur.“
Dabei werden der Begriff des habitus und der der notitia in Be­zug auf die Inhalte bzw. Begrif­fe,
de­ren ‘Wahr­neh­­­mung’ sie besagen, im Sinn dieses No­minalismus der Se­­­kun­där­­­­be­grif­fe sich
schlecht nur unterscheiden las­sen (p. 218 lin. 11–19): „Secundo, dico quod dis­tinctarum con-
clusionum sunt distincti habitus: tum quia de­mon­­stratio universalis et par­ti­cu­laris differunt
specie, I Posteri­orum (Aristot., Anal. Poster. I, c. 24, tt. 160–170 (85° 13 – 86° 30); ergo opor­tet
quod vel no­titia praemissarum distinguatur spe­­cie vel notitia con­clu­si­o­num. Sed si­ve sic si­ve
sic, habe­tur propositum, quia oportet quod vel habi­tus principio­rum dis­tinguatur specie vel
conclusi­o­num. Et non est maior ratio quare ha­­bitus prin­cipiorum dis­tin­­guatur specie quam
con­clusio­num. Ergo semper no­­­­­­ti­­­tiae conclusi­o­num dis­tinguuntur spe­cie.“
98. Es gibt auch keine Erkenntnis von Gott, die uns erlauben würde, zu behaupten, dass er die
un­­mittelbare Ursa­che dieser Wirkung sein könne. Es gibt hier keine empirische Basis; aber man
geht von einer solchen formell für die Hypothese der ‘Andersmöglichkeit’ aus. Diese wird da-
mit nicht real und nicht realmöglich. Den Schluss gibt es nicht; man unterbindet viel­mehr das
Schließen auf eine strikte Realempirie überhaupt, für die man die Mittel und Vor­aus­­­­­setzungen
nicht hat und in Bezug auf die man ‘Folgerung’ generell kappt. In dem Sinne hat man kei­ne
Einsicht in das Verhältnis von substantia und accidentia an deren Nahtstelle.
62 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Er handelt nicht wider den or­do huius mundi, wie sie secundum legem communem
besteht. Die Omnipo­tenz als Ar­gu­ment wird zu ei­nem medium, bezeichnet also in-
haltlich einen nachgeordneten Sinn, der re­probativ und re­fu­ta­tiv wirkt. Dies ist in der
Form der Induktion natürlich ebenso wie syllo­gis­tisch aus­drückbar: Quid­quid Deus
potest cum causa secunda, potest sine ea. Sed obiectum est causa se­­cunda no­ti­tiae intui-
tivae intellectivae. Ergo potest facere notitiam intuitivam in­tel­lectivam sine obiecto. Dies
ist ein abstraktes Überredungsargument.99 Die divina potentia absoluta aber ist kein
Fak­­­­­­tor, der analytisch erklärt, ausgelegt oder abgegrenzt werden könnte.100

99. Hier ist immer auch zu sehen, dass wir im Verhältnis von causa und effectus keine wirkli­
che Einsicht haben, i.e. den effectus nicht aus der causa und als darin niedergelegt ablesen kön­­
nen. Cf. auch Anm. 79 und 80. Cf. auch Anm. 97.
100. Wenn Gott ohne eine causa secunda der von ihm geschaffenen Welt durch sich selbst in
Ersetzung dieser cau­­sa secunda dasselbe wie mit der causa secunda bewirken (hervorbringen)
kann, hebt man die Welt auf, wie sie nach unseren Begrif­fen (nicht nach den res) erklärt ist. Es
ist induktiv erklärbar und eingegrenzt, dass man da­mit in ei­ne Welt übergehe, die nicht mehr
nach der lex communis definiert wäre, für die wir dann auch kei­ne Begrif­fe mehr ha­ben kön­
nten. Für Ockham ist aber unbe­weis­bar, dass Gott alles außerhalb seiner selbst oder auch nur
etwas außerhalb seiner selbst ver­ur­sa­che(n könne), also ist Kausalität als Gottes Qualität nicht
beweisbar. Dass Gott causa­tor sei, wobei wir nach empi­ri­schen Begrif­fen zu urteilen hätten,
bei denen wir indes Kausalität strikt nicht erfahren, ist nicht ver­gleich­bar der Fest­stel­lung, dass
er allvermögend sei, die die Gottesvorstellung defi­niert. ‘Deus est omnipotens’ ist für Ockham
ei­ne pro­po­sitio immedi­ata. Wir sind hier, in diesem Fall qua­si, der empirischen Erfahrung
für die Begriffs- und Satz­­bil­dung enthoben, weil wir mit omnipotens unsere na­tür­liche Got­
tesvorstellung beschreiben. Das gilt induk­tiv. Ha­ben wir sie, gilt der Satz quasi empirisch. Sonst
ge­wäh­­ren die propositiones immediatae, da auf die Er­fah­­rung verwiesen, keine unbedingten
Erkenntnisse: es gäbe womög­lich nach einer anderen Welt als der für uns er­fahr­­bar gegebenen
und mit Mitteln, die nicht mehr unseren Begrif­fen entsprächen, eine bessere Sacheinsicht. Da
Ockham die reale Kausali­tätsver­bin­dung in der Welt nach der lex com­mu­nis nicht zu­­gestan­den
hat, kann die analyti­sche Folgerung nicht gezo­gen werden, dass Gott gleichsam ex ac­ci­den­te,
wie es zu geschehen hät­te, die Welt ändern könne; er kann es ab­so­lut, secundum for­mam. Er
kann for­mae prae­ter acci­dentia ändern oder aus­tau­­schen. Gott kann auch in der Welt an einer
für diese etablierten cau­sa se­cun­da vorbei konservieren. Mit der con­ser­vatio sind wir deutlich
im transfiniten göttlichen Be­­­reich. Das Akzidenz oder das Akzidentelle kann be­züglich (in) der
Induktion immer nur eines meinen: dass es bei/in den re­a­lia eine bedingte Negation gebe, die
ei­ne empirische Verallgemeinerung aufhebt, eine ‘begrenzte’ abstrakte oder abstraktive aber
erlaubt. Wir sehen im ‘accidens’ eine genuine ontologische Funktion nicht mehr. Das Ak­zi­denz
bleibt secundum sensum com­­mu­nem unbeschadet, insoweit als es argumentativ gebraucht in
In­duk­­tion und Widerlegung eingeht und für die In­terpretation von Begriffen in Richtung auf
die res extra zusam­men mit dem Substanzbegriff (vermöge der Dis­junk­tion beider) widerle-
gend gebraucht werden kann. J. F. Boler, Acci­dents in Ockham’s Ontological Project, Fr. St. 54,
1994–1997 pp. 79–94 gibt für Ockham eine Tendenz an, die dieser präparativ ausschließt oder
nicht be­nö­tigt. Ihm geht es um die Geltung oder gar Definitheit der Begrif­fe, die natürlich
weiterhin von ihm nach substantia und acci­dens klassifiziert und unterschieden werden, z. B.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 63

So kann Gott eine notitia intuitiva intellectiva, in der definitionsgemäß, die Exi-
stenz oder Prä­senz eines tatsächlichen und vorhandenen Objekts erkannt wird, i.e.
eines kontingenten Ob­jekts, der in einer ebenso kontingenten notitia oder Erkennt­nis
erkannt wird, ohne dass die­se res extra existiert oder präsent ist.101 Das bedeutet dann
keinen Widerspruch, sondern im Ge­gen­teil, dass aus der Definition nicht(s) gefolgert
wird, was nicht aus ihr gefolgert werden kann, wenn sie selbst von dem obiectum
extra animam real geschie­den ist. Dass die Nonexis­tenz aus­­geschlossen sei, gehört
nicht in die Defi­nition, die keinen Truis­mus besagt oder ab­gibt. Je­doch kann Gott
keine notitia intuitiva sensitiva ohne Objekt bewirken, die zwar na­tür­licher­wei­­­­se die
causa (besser: neben dem intellectus eine causa!) der notitia intuiti­va intellec­ti­va ist,
aber selbst auf der Affizierung der Sinne im Verhältnis zur res extra beruht.102 Was
wir physi­o­logisch oder physisch annehmen müssten, um die These ‘empirisch’ (sic!)
zu stüt­zen, steht da­­­hin. Es muss nicht in die Struktur von Ockhams Raisonne­ments
eingehen, also da­­­rin kei­ne Rolle spielen. Wir haben keine Grundlage um einen hypo­
the­tischen Fall einer Ein­­­­­­wirkung Gottes entgegen der Schöpfungsordnung und ihrer
gesetz­mä­ß­igen Verläufe zu sta­­­tu­ieren.103 Wir haben aber auch keine Möglichkeit, ohne

um Bewertungen von Sätzen vorzunehmen, bzw. solche oder einen ordo passionum in der
Syllogistik zu bestreiten.
101. Ockham geht via notitia intuitiva (und seine Aktlehre überhaupt) nur mittelbar von der
res aus. Schon das Wort ‘res’, ebenso das für Ockham problematische ‘ens’, wäre hier schwer
zu definieren. A. Zim­­mer­mann, 1966 p. 197 bemerkt: „‘Ding’ … in dem Sinn gebraucht, der
sich im Anschluss an Avicenna bei den mit­telalter­li­chen Denkern heraus­ge­bildet hat … meint
soviel wie Seiendes, insofern ihm ein Was zukommt, insofern es mög­li­cher Inhalt ei­nes Be­
griffes ist.“ Da­zu Verweis auf E. Gilson, dt. 1959 p. 89ff. Die verschlungene De­fi­ni­tion oder Des­
kription mag Scotus´ schwierigem Bemühen sehr entsprechen. Es wäre am Ende die Frage, ob
das ‘Ding’ einen konsolidierten Begriff haben kann, dem es entspräche. Das ist no­minalistisch
gefragt. Ockham trennt ‘Was’ (es liegt im Be­griff) und res. Es ist so­mit schwer eine realistische
Definition von quiddi­tas, re­alitas usw. zu geben. ‘Res’ wird ein Moment ‘unerreichbarer’ Erfül­
lung in Ockhams reprobationes Kap. 9 u. 10.
102. Wenn man nicht glauben will, i.e. wenn bestritten werden (können) sollte, dass Gott nicht
ein obiectum als cau­­sa der notitia intuitiva sensitiva aufheben, sprich ersetzen könne, so dass
er also auch hier, wie H. Blumen­berg, 1966, generell unterstell­te, im Sinn des Wunders und
der Stif­tung von Verwir­rung, also der Zerstörung und Aufhe­bung der Basis der Erkenntnis
eintreten könn­­te, dann gäbe es auch keine In­dukti­on und so ke­­ine ‘Fol­ge­rung’, welche von
der consequentia materialis (der formalen aus­sa­genlo­gi­schen Schluss­­wei­­se) un­abhängig wä­re,
nicht für Ockham und generell auch nicht. Somit hat Ockham die In­duk­ti­on so­gar methodisch
begründet. Er si­chert Erkennt­nis durch Einklam­me­­rung abso­lu­ter göttlicher Eingriffe wie Des­
car­­tes. Schon Pier­­re Duhem ver­gleicht beide da. Cf. Kap. 4: Fides et scientia, Anm. 52.
103. Ockham verteidigt übrigens noch nicht einmal eine Existenz der notitia intuitiva intellec­
tiva, wenn die sinn­li­che Wahr­­­neh­mung des äußeren Objekts aufgehört hat, sondern er vertei-
digt mit einem Überredungsargu­ment ge­rade, dass je­ne dann ebenfalls aufhöre, wenn diese
erlischt. Er ist also gar nicht, ad minus quoad ar­g­u­mentum, daran inte­res­­siert, dass die notitia
64 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

besondere Anstrengung (Ontolo­gie) das Physi­sche der Einwirkung oder Mitgeltung


‘bedeutungsartig’ zu bezeichnen. Intenti­o­nal nahe zu phy­­si­o­lo­­gischer Mitbedeutung
legte W. Chatton scientia, propositio, conceptus etc. aus.104 Ockham vereinigt hetero-
gene Bereiche über „seine“ Kausalität.105

intuitiva in einer willkürlichen oder wahllosen Absolutheit ohne res extra be­ste­­­hen kön­­ne. Das
beweist a for­tiori, dass er dann, wenn er per potentiam divinam absolutam die notitia intuitiva
si­ne ob­iec­to sich vorstellt oder ansetzt, es auch da secundum argumentum tue. Cf. Ord. Prol.
q. 1 OT I p. 27 lin. 19 – p. 28 lin. 3: „Si di­ca­tur quod notitia intu­i­tiva intellec­tiva non des­truitur ad
cessationem alicuius sen­sa­ti­o­nis exte­ri­o­ris, et ita per con­se­­quens posset aliqua veritas contin-
gens esse evidenter nota de aliquo sen­si­bi­­li sine sen­sati­o­ne illius sensibi­lis, di­co quod sicut non
est inconveniens ad aliquam transmutationem corpora­lem, puta in­firmita­tem vel som­num, ces­
sare omnem actum in­tel­lectus, ita non est inconveniens ad cessationem alicuius sen­sationis
sensus ex­te­ri­oris ces­sa­re no­titiam intellec­ti­vam.“ Ockhams sämtliche Beweise lauten auf die
Ne­ga­tion dessen, was im Sin­­ne von Ab­strakt­heit (Abstraktion) als significatio betrachtet wür-
de: weder be­zeich­net die noti­tia intui­ti­va ab­strakt, so­fern sie per divinam potentiam absolutam
ohne die Objektgegebenheit zu denken sein soll, das Objekt in se noch ist sie genetisch oder
kausalmechanisch mit dem Objekt, von dem sie aus­­geht und da­bei neben dem Ver­­stand als der
anderen notwendigen Ursache der notitia intuitiva gefordert wird, strikt verbun­den; so ge­se­hen
zeugt sie denn nicht für es.
104. Einwendungen gegen Ockham bei seinem Gebrauch des Omnipotenzprinzips und sol-
che Deutungen, die ihn auch lediglich über Einwendungen ‘explizieren’ möchten, i.e. im Sin-
ne der Unangängigkeit, Unverständ­lich­­keit oder Absurdität, was eben logisch kaum möglich
erscheint, weil es zu bedeuten hätte, dass er seine Be­grif­fe oder de­ren Definitionen schlecht
gefasst habe, zumindest nicht anders als dass Logik als Ingrediens der Se­man­tik da­rin möglich
oder unentbehrlich wäre, müssen gleichsam immer in die Sphäre der sinnlichen (physi­schen)
Vorbe­din­gungen des Erkennens (der actus und notitiae) ‘hinabsteigen’, was bereits den genu-
in und unab­hängig logi­schen Austrag infragestellt. Ockham aber fängt die sensuelle Sphäre
(Vorphase) der Er­kennt­nis als Tätigkeit des Verstandes (der anima!) argumentativ ab. Nennen
wir diese Argumentation in­te­n­sional, muss sie in dem Sinn vorder­hand als pragmatisch oder
modal betrachtet werden.
105. Kausalität besteht zwischen den mentalen Akten in eben der Weise wie zwischen den res
extramentales und wird unisono operational und kategorial behandelt. Ockham nimmt eine
unerlässliche causa an, die die imme­diat reale ist und da nicht feh­len darf, und im Grunde nicht
fehlt. Es gibt eine weitere causa, nicht gleicher­ma­ßen wirk­­sam (unmittelbar) wirk­mäch­­­tig. Es
gibt da die Erfahrung nicht, worin sie nicht gegeben wä­re, nicht (ab­strakt) unterstellt werden
könnte. Sie wirkt nicht immediat. Wir brau­chen etwa für einen Akt ein Vermögen, das aber den
Akt nicht so bewirkt, wie etwa ein an­derer Akt, der als uner­läss­lich vorausge­setzt wer­den muss,
oder auch das obiectum extra men­tem. Ein weiterer Unterschied tritt hinzu: die causa (oder
ratio) suf­fi­ciens. Sie ge­hört rein in die Abstraktion, z. B. beim ordo salutis, betrifft aber alle Akte
und habi­tus. So ist die no­titia intuitiva sen­sitiva cau­sa sufficiens der notitia intuitiva intellectiva,
nicht das ob­iec­tum, ob­wohl es causa ef­ficiens der no­ti­­tia intuitiva (intellectiva) ist. Dies sind
Unterschiede, die mit Ockhams Argumentatio­nen sich ergeben und ih­nen immanent (bewei-
simmanent) sind. Sie werden nicht meta­phy­sisch postuliert. Kausalität wird von Ockham zur
Ab­wehr sinnwidriger Vorstellungen, eben auch kausaler, benutzt. Dabei ist die Kausalität, die
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 65

Man wird fragen, wie denn der oben für den Gebrauch des Omnipotenzprinzips
be­zeichnete Syl­­logismus, der induktiv hinsichtlich des Ergebnisses in der conclusio
(‘Deus potest fa­cere no­titiam intuitivam intellectivam videns obiectum sine obiecto exi-
stente vel prae­­sente’) ist, weil ja darin die Minderung des Gehalts gegenüber der De-
finition (und doch) aus dieser fol­gend, d. h. bezüglich des Signifikanzwertes, der leer
bleibt und negativ ist, auch in­duk­tiv hin­sicht­lich des Gewinnens der Major ist. Darauf
ist zu antworten, dass die Major als Abstraktion und Regel über der distinctio realis
gewonnen die Notwendigkeit des Zusam­men­hangs von cau­­­­­sa secunda und effectus
bereits nicht zur Voraussetzung haben kann. Es gibt also eine em­pi­rische Erfahrung,
die, mittels des Omnipotenzprinzips abstrakt aufgefasst und ausgedrückt, doch über
diese, sofern sie ein Verhältnis per accidens meint, nicht hinaus­geht. Es gilt dabei
aber, dass die ‘Abstraktion’, wie bereits nach dem Zielpunkt der Definitheit erforder-
lich, über die empirische Ebene der res, der singularia, hinausgeht. ‘Folgern’ als starrer
Operationsmo­dus und in die Inhalte integrierbar, ist für den Nominalismus mutmaß-
lich nicht denkbar.106

Ockham zu­lässt oder zugesteht, in einfachster Weise induktiv ermittelt. Einwände gegen diese
Ermittlun­gen führen dann zu im­pli­ziter Ablehnung der Kausalität überhaupt. Es gibt so kein
vorherr­schen­­des Interesse Ockhams an ihr. Cf. Ord. d. 6. q. unica OT III p. 92 lin. 14–17: „omne
absolutum, necessario se­cundum cursum na­tu­rae prae­sup­posi­tum ef­fec­tui, est causa illius in
aliquo genere; sed ista volitio necessario praesupponitur ef­fec­tui secun­dum cur­sum na­tu­rae;
igitur est causa in aliquo genere causae.“ So gegen den Ein­wand (ib. lin. 12f), „quod volitio non
est prin­ci­pi­um eliciendi actum exteriorem.“ Ockham übersteigt die Real­e­bene und benutzt sie
zur Abwehr für die Ab­strak­­tion sinnwidriger Vorstellungen, also in dem Sinne falscher Vor­­
stellungen, die auf der abstrakten Ebene als indefinit sich herausstellen müssten. Die gemäß
der causa anzu­set­zende productio oder Bewirkung bleibt be­lie­big: Cf. ib. p. 94 lin. 15: „voluntas
facit unam rem re­alem“ und ist dabei nicht über ei­ne forma sub­stan­tialis oder accidentalis spe-
zifiziert. P. 95 lin. 1 „potest recipe­re principia diversa agendi.“ Wir wer­den bei Ockham kei­­ne
aus sich einsichtigen analytischen Sätze gewinnen und wer­den sie nicht durch die Ein­­flechtung
(Interme­di­a­­tion) scholastischer termini gewinnen – cf. ib. lin. 10–14 –, wie das nach Tho­mas
von Aquin angenommen wer­den könn­­­te, den Ockham d. 6 q. unica behandelt und widerlegt.
Cf. auch Kap. 2.
106. J. Pinborg, 1972 sucht einen Operationsgrund für Ockhams Denken in der gramma­ti­
schen Grundlage der Sprache, die er nach Chomskys TG verstehen will. Er zitiert dazu die
vergleichende Studie R. G. God­frey, Word 21 (1965) pp. 251–256. Pin­borg deutet Choms­kys
aus­drück­lich so genannte syntaktische Struk­­­­tur der TG vor­greif­­lich se­man­­tisch. Bei Ockham
ent­­­schei­det aber ei­ne eigene Ar­­­­­gu­men­ta­ti­on über den in­­­­ten­sio­na­len Be­­lang der Aus­drüc­ke.
De­ren Bedeu­tung will Pinborg ex­pli­zit ex­­ten­­si­­o­nal fixiert sehen. Dies mit dem Argument, dass
sig­­nifica­tio als Be­zugs- und Ap­­pell­mo­ment nicht aus­ge­schlossen wird. In Anbe­tracht des­­sen,
dass Ockham ein­zig Realer­­kenntnis nicht aus­schließt und die res sin­gu­laris sig­ni­­fi­catio nennt,
ist das unbe­grün­det. Die Sprach­struk­­­­tur wird bei Ockham ei­gens in­duk­­­­tiv aus­ge­legt. Rein se­
man­tisch (noch oh­ne Struk­­tur­be­trach­tung + prae­ter ar­gumentum!) wählt Ockham u. U. un­­
ter an­te­ze­den­­ten scho­las­tischen termi­no­­­logi­schen (!) Wort­­be­­deu­tun­­gen aus. In der TG wur­de
66 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

In der Induktion ist, wie oben gesagt wurde, ein inhaltlich ‘negatives’ Moment
Basis der Ope­­­ra­­­­­tion: sie stellt damit eine Art Abstraktion dar oder führt jedenfalls in
diese.107 Weitere Be­leg­­fäl­­le dafür sind:108 „Praeterea, non est maior ratio quod neces-
saria credi­bi­lia sint scita sci­en­tia proprie dicta quam quod veritates contingentes cre-
dibiles sint evidenter notae modo suo. Sed is­tae non sunt evi­denter notae; tunc enim
posset quilibet scire se esse in caritate, quod cor­­­­­pus Christi est in al­tari, quae videntur
simpliciter falsa. Igitur necessaria the­o­­logica non sunt scita sci­entia proprie dicta.“
Hier werden wir von der Basis der notitia intui­ti­va, i.e. der empiri­schen Erkenntnis
oder Gewinnung von Begriffen einschließlich des darin ent­hal­te­nen ac­­­tus iu­di­cativus,
vermöge dessen wir über die ‘Wahrheit’ eines kontingenten Sat­zes ent­schei­den,109 im
Schluss – einem a fortiori Schluss – zu der ‘Annahme’ geführt, dass auch not­wen­­di­ge
Sät­ze, von denen wir eine empirische Evidenz nicht mehr haben können, kei­ne scien­
tia pro­­­prie dic­­­ta sein können, weil wir deren Begriffe für die Evidenz niemals aus
der Empirie ent­neh­men und gewinnen können.110 Ein weiterer Beleg folgt: „arguo
contra hoc quod di­cunt quod fides praesupponitur isti scientiae.“ Denn: „nun­quam
duo habitus iudicativi circa idem ob­­­iectum sic ordinantur quod unus necessario prae­
supponit alium, – patet inductive –, quam­vis respectu unius obiecti praesupponat ha-
bitum respectu alte­ri­us obiecti. Sed ista fides et ista sci­en­tia forent circa idem obiec-
tum, secundum opiniones du­as ultimas. Igitur…“: Wir ha­ben in fi­­­des und scientia,
welche aristotelisch als (zwei) habitus gewertet werden, nicht den­­­­­­­­­­selben Ge­­genstand,

der separat auftretende se­man­­tische Klärungsbedarf einem Hilfsmittel ad hoc („Wö­r­ter­­buch“!)


übertragen.
107. Sc. dann wenn eine Bewertung (analog ihrer Zulassung) von actus (Sätzen) erfolgen soll,
die über die Empi­rie hinausgehend mit dieser doch nicht im Widerstreit (Widerspruch) sein
sol­len, son­­­­dern kompatibel. Das wird im­mer wieder das Thema sein.
108. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 188 lin. 10–15, dann ib. lin. 16–22 (zum 2. Argument s. auch Kap. 4).
109. Das bedeutet: die Gegebenheit des Objekts, über das subiectum und Prädikat (= passio)
des Satzes überein­stim­mend lauten, i.e. suppositionslogisch stehen (= sup­­­­­po­nere).
110. Wir können entsprechend auch keine Prämissen haben, die diese Sätze vermöge eines Syl­
logismus einsehbar und zu­stim­mungsfähig machten, wenn diese Prämissen nicht selbst sol­che
Sätze sind: propositiones immediatae, die nicht eingesehen werden können, wenn sie nicht in­­­­
tuitiv erkannt werden. Zu ihnen gehören viele die Natur be­­treffende Wahrheiten. Scientia prop­
rie dicta aber heißt die conclusio der demonstratio potissima. Für die de­mon­stratio potis­si­­ma
gilt: ihre conclusio, aristotelisch auch scientia (ἐπιστήµη), muss nicht, aber sie kann be­zwei­­­felt
werden. Dann muss der actus iudicativus durch den syllogistischen Voll­zug erfol­gen. Auch
hier regiert in der induktiven Basis weiter die notitia intuitiva. Cf. Kap. 3. Zum Verhältnis der
Satzformen.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 67

das ist: denselben Satz.111 Die negative112 Operationsbasis, aus der wir die in sich be­
grenzte negative Annahme elizitie­ren, muss nicht mehr mit dem Nachweis der de
facto Er­fül­lung belegt werden.113 Mithin besteht hier die Nähe zur persuasio.114
Es lassen sich einige Thesen fest­halten, die hier als Schlussfolgerungen oder auch
nur als Be­haup­tun­gen zu sehen sind und wenn sie bewiesen (belegt) werden sollen,
fallweise so weit zu entwickeln sind, dass sie alles Material so für sich behalten (auf
ihrer Seite haben), dass ihnen nicht mehr definit widersprochen werden könne (was
wiederum dem unten für die Abstrakti­on im Verhältnis zur selbst nicht mehr fassba-
ren Empirie angesetzten Schnitt115 entspricht):

1. Über den actus apprehensivus hinaus kann ein transzendentaler oder tran-
szendenter Gehalt nicht gedacht werden. Gott oder Gottesbegriff, mit dem ac-
tus apprehensivus vereinbar, über­stei­gen diesen nicht und sie füllen ihn nicht.
Gott steht nicht in einer ‘meta­physischen’ Quali­tät über dem (‘jenseits’ des) ac-
tus apprehensivus. Ockham macht kei­­ne An­­­leihen für opi­n­i­o­­nes und solutiones
bei einem solchen Gottesbegriff. Die Satzstruktu­ren wer­den unwandel­bar fest
zu­grun­de­­gelegt, so dass was über Gott geäußert wird, nach deren Cha­rakter ge­
mäß der sie betreffenden Erörterung (Diskussion) und intensional bezogenen
Be­­weis­­führung gilt, nicht da­rüber hinaus.116 Das Omnipotenzprinzip setzt keine

111. Für Ockham ist das obiectum der syllogistischen intellectio express die conclusio.
Ockham betont: Prä­mis­­sen und conclusio ha­ben un­ter­schie­dene ha­bitus. Sie heißen schon bei
Aristoteles ‘sapientia’ und ‘scien­tia’.
112. Cf. (unter Verweis auf Kolmogorov) Anm. 22.
113. Cf. schon Einleitung Anm. 59.
114. Zur Verbindung von persuasio und Induktion s. bes. Kap. 7: Formbegriff und reale
Wahrheit.
115. In der Punktmengenlehre ist beim Schnitt eine ‘Hälfte’ kompakt, die andere of­fen. Kom­­pakt
heißt: die Grenz­punk­te gehören zur „Menge“. Die Empirie ist nicht secun­dum ve­ri­tatem und
secundum rem in sich er­forsch­­bar. Ih­­re Grenzen zum Ver­stand sind nicht be­stimmt. Ockhams
Theorie (Ar­­gumente) sind per Ab­strak­­ti­on kom­pakt. Seine Be­wei­se setzen abstrakt immer wie-
der im Verstand die Grenze zur Empirie. Nach Ockham dringt die ex­tra­­mentale reale Welt
unbe­kannt in das menschliche Subjekt ein und zwar noch vor der sinn­li­chen Wahr­­neh­mung
(notitia), mit der sie dann vom Menschen erst­mals wahr­ge­nom­men und ausge­drückt wird.
Wie­­weit mensch­­liches Subjekt und ex­tra­men­tale reale Welt sich durchdringen (können), i.e.
auch das mensch­­liche Sub­jekt in die ex­­­­tra­mentale reale Welt eindringe und damit womöglich
ihr ‘imponiere’, ist wohl ei­ne andere Fra­ge und zwar eine, die für Ockham in jedem Fall a parte
subiecti the­oretisch entschieden werden müsste. Ockham weiß we­nig über die Prozesse praeter
intellectum. Die ex­tramentale Sache erhält ihren Ausdruck im sub­jek­­tiven mensch­lichen Be-
griff: wie I. quidditativum, connotativum, II. actus, notitia, III. forma, ratio etc.
116. Ockham löst das Problem, wie Begriffe, die den Satz bilden, wenn sie substantia und
accidens im Verhält­nis zueinander ausdrücken (können) sollen und es wahrscheinlich nicht
68 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

solche me­ta­phy­sische Quali­tät. Et­­wa nach einer in ihm enthaltenen ‘logischen’


(argu­men­tati­ven) Bedeutung, in der zu­­­rück­­ge­halten (weggenommen) wer­­­den
könn­­te (wür­de), was von ihm zu­gleich doch ausgege­ben und aus­­ge­drückt würde:
die analy­ti­­sche Folgemä­ßig­keit vereint mit ei­ner darin zugleich ausge­drück­­ten
In­hibition, wel­che Folge und Wider­spruch in einem zu mei­nen hätte und mit
der Ne­ga­­tion der De­­finitheit der termini und Sach­verhalte selbst zur Absurdität
geraten muss.117

können, auch über eine Negation eines un­­­mit­telbaren Verhältnisses noch in einem Verhältnis
begründet sein können. Im Sinn ihres so beschaffenen Ver­­hält­nisses müssen sie operativ (argu-
mentativ) begründet werden (können). Substanz und Akzidenz sind sprach­­­lich (grammatisch)
repräsentiert von als quidditativum und connotativum bezeichneten Begriffsarten. Das con­no­­
tativum suppo­niert für das­selbe ob­iectum wie das quidditativum. Sein Gehalt ist der des acci­
dens, über wel­­­­­­ches wir die res zwar pri­mär apper­zi­pieren, das aber nicht selbst in substantia rei
perzipiert werden kann. Sub­­­stan­­­tia und accidens sind nicht Kategorien, nach denen Erkenntnis
zwangsläufig und unmittelbar bestünde. Inso­fern haben wir keine transzendentalphilosophi-
sche Komponente, die doch bei Kant und Maimon noch ge­meint ist. Erst per argumentum,
wenn wir substantia mit dem Bestehenden, seien es res, Mensch, anima, oder Ver­­­­mögen, iden-
tifizieren und die Veränderung (naturphilosophisch motus, aug­men­­ta­tio) mit dem accidens,
er­gibt sich über deren Trennung und mutuelle Nichtübertragbarkeit die solu­tio bzw. opi­nio
Ockhams. Das gilt auch für die The­o­lo­gie. So ist denn auch unser Sün­den­stand nicht real er­
kenn­bar; aber die connotativa enthalten bereits die relatio, über welche die res und auch wir
als Men­schen be­zo­­gen und verfügt werden, wobei eben real­em­pirische Inkon­sis­tenzen und
na­tür­­liche Kausa­li­täts­ver­mu­tun­gen überstiegen werden müssen. Mit Bezug auf Gott sind wir
Sün­der, weil Gott auf Handlungen (ac­­tus), de­ren Sün­den­träch­tig­keit secundum formam et in
sub­stan­tia nicht ein­seh­bar ist, nach sei­nem freien Will­en als Sün­den be­steht. Gott in­stituiert so
unsere Sündhaftig­keit; unsere Akte sind nicht an für sich böse oder sünd­haft. Das erle­digt am
Ende den Mythos vom Sündenfall. Gegen das peccatum ori­ginale ar­gu­mentiert Ockham in­­duk­
tiv (und entschie­den): keine Spur einer in sich ak­zidentell blei­ben­den Sün­den­tat kann in uns
ge­funden wer­den; kei­ne sol­che hin­terl­ässt einen habitus in uns. Der ha­bitus bezö­ge sich auf
den Akt, der per se nichtsün­dig ist. Gott kann auch keine besseren Begründungen für un­se­ren
Sün­der­sta­tus ha­ben, die er in pec­to­re be­wahr­te und uns vor­ent­­hiel­te. Sie würden nur unseren
begrifflichen Möglich­kei­ten wi­der­spre­­chen. Die bes­se­­re sprich Not­wen­dig­­keits­­­er­kennt­nis bei
physikalischen Phänomenen wie ‘Son­nen­fin­ste­rnis’ oder ‘Blitz und Donner’ er­scheint Ockham
aber möglich. Hier fehlt es uns an Erkennt­nis­mi­tteln. Cf. z. B. Ord. Prol. q. 4 OT I p. 156 lin. 1–10.
Solche, die Gott per di­vi­nam po­ten­tiam su­­am schaf­fen oder – hypothetisch – uns kommunizie-
ren könn­­te, wä­ren als Mit­tel keine ei­­gent­li­chen von uns na­tu­ra­li­ter er­wor­benen Begriffe mehr.
Für die The­ologie wird solche Not­wen­digkeit nicht uni­so­no unter­stellt, wäh­rend sie bedingt
nach Satz­­ty­pen einmal an­fallen kann. Dazu müssen die Begrif­fe in dem Satz de­ter­miniert (de­
ter­mi­­nat) sein; doch muss der The­ologe an seinem Ver­ständ­nis der Be­grif­­fe als dem na­tür­l­i­
chen Be­grei­fen des Men­­schen entstam­mend fest­halten.
117. Das Omnipotenzprinzip übersteigt nie einen mit dem kontingenten Satz ge­ge­be­nen Rah-
men. Und zwar we­der for­mal, noch inhaltlich oder gar gegenständlich. Was im kontingen-
ten Satz für unseren Ver­stand präsent ist, etwa nach substantia und accidens zu be­zeichnen
und unterschieden, vermag Gott mittels seiner Allmacht zu tren­nen. Ebenso alles, was nach
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 69

2. Für das Induzieren kann keine analytische und damit auch keine bloß indirekt
beweisende, i.e. widerlegende Form des Operierens vorbereitend und damit
‘maßgebend’ sein. Es treten bei Ockham Widerlegungen auf, z. T. auch fingierte,
die keine positive Meinung nach dem tertium non datur begründen. Sie he­ben
nicht auf einen affirmativen Gehalt ab. Das bedeutet, dass dieser im Sinn der
Realität in sich, der res strictissime singularis nicht angenommen wer­de und dass
unterhalb der Abstraktion kein Sinn sei. Significatio, die die res extra, das singu­lä­­
re obiectum extra animam in se meint, ist kein konstitutives Moment der Darle-
gungen in und von Beweisen und zwar nach allen Beweisformen.
3. Die Induktionsmethode fängt die Transzendenz oder auch ‘Metaphysik’ ab, wie
sie selbst Aristo­teles nicht gescheut hatte. Es gibt aber die Übertragung von Be-
griffen empirischer Er­kenntnislehre und Psychologie auf Gott, Engel, die Seli-
gen.118
4. Das Omnipotenzprinzip wirkt nicht über von der Induktion begrenzba-
re pro-empirische Ver­­­­­­­hältnisse hinaus.119 Andere Prinzipien (Regeln) wie das

subiectum und passio förmlich getrennt bezeichnet wird oder ihnen getrennt zu­ge­­ordnet wer-
den kann, etwa die forma (motus) dem subiectum oder sich bewegenden Gegen­stand (res)
und die akzidentell von ihm, im Sinne der Messung oder Vergleichsskala, getrenn­te Referenz.
Ebenso diese in sich wan­del­bare Re­fe­renz überhaupt: man kann die Ver­gleichs­s­kala der Zeit-
messung (Tagesumlauf der ‘Sonne’/ Er­de, die Jah­res­bahn der Son­ne, die Bewegungen des Fix-
sternhimmels) zweckhaft in Ausehung der Genauigkeit wechseln.
118. Ebenso kann für einen Begriff (Größe) wie notitia intuitiva nach verschiedenen kausati-
ven Zusammenhän­gen, die als kontingente erhoben werden, induktiv ein einheitlicher abstrak-
ter Sinn verteidigt oder gestiftet werden. Da­­zu s. bes. Kap. 12: Verflechtung und Abgrenzung
der Akte.
119. Für Ockham werden aber z. B. Kausalvorstellungen, wie sie auch für die Akte (notitiae)
relevant sind, die da­mit gleich­sam in der Welt gehalten werden wie normale extramentale res
(distinkte Dinge oder absoluta), des un­um­wun­den realen Sinnes entkleidet, wenn sie in Ab-
straktionen und persuasiones eingehen. Darin werden sie dem Ge­brauch ontologischer Vor-
stellungen und Termini gleich. Diese vermischen sich mit auch mit den Kausal­vor­stel­lun­gen.
Ein Beispiel, das wiederum Ockhams induktive Beweisart erläutert (cf. Einleitung Anm. 58
und 59) findet sich in Ockham Beweis für seine Behauptung (Ord. Prol. q. 1 OT I p. 61 lin. 3f):
(notitia in­tu­i­tiva und notitia ab­strac­ti­­va) „se­ipsis distinguuntur formali­ter“ das Lemma (ib. lin.
18–20): „agens potest esse unum et materia una et tamen effectus plures specifi­ce dis­tinc­ti.“
Der Beweis lautet (ib. lin. 4–17): „causaliter ta­men di­s­tinguuntur (no­­titia in­tu­i­tiva und notitia
ab­strac­­ti­va) – neben dem, dass sie formal unterschieden seien – a suis cau­sis es­sen­tia­li­bus a qui-
bus habent esse. Non ta­men sic quod necessario requirant (sic!) distinctas cau­sas essen­ti­­ales,
quia ab ea­dem causa simplici­ter pos­sunt fieri plura, puta a Deo, et ideo dependent essentiali­ter
ab alio quam a potentia et obiecto. (D. h. ab­strak­tiv wird keine Dependenz ex causis essentia-
libus betrachtet!) Ta­men na­turaliter lo­quen­do istae notitiae ha­bent distinctas causas effectivas,
quia causa effectiva (imme­di­a­ta add W 1495) notitiae in­tu­itivae est ipsa res no­ta, causa autem
effectiva notitiae abstrac­ti­vae est ipsamet notitia in­tu­i­ti­va vel aliquis ha­bi­­tus incli­nans ad no­ti­
ti­am ab­­stractivam. (Die mechanistische Kausalvorstellung, bei der mit der ge­ge­benen cau­sa
70 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

„Ökonomieprinzip“,120 die For­meln ‘non est inconveniens’, ‘non repugnat’ (‘non est
repugnans’), ‘non est magis (maior) ra­tio quod (non)’ stehen im selben Verhältnis
zur Empirie und bedeuten im Sinn der daran an­knü­pfenden Abstraktion eine
Ausweitung ins Reich der Kompatibilität (Vereinbarkeit). Sie die­­­­­­­­­nen der persua-
sio, die den förmlich strengen Beweis ersetzt, oder, da dieser entfällt und un­mög­
lich oder gar unbegründbar ist, ‘Beweis’ schlechthin ist.121 Das Omnipotenzprin-
zip steht mit der Induktionsmethode an der Stelle (Schnitt), wo die Abstraktion
gegenüber dem freien und nicht mehr spezifizierbaren empirischen Gehalt nicht
in Folgerungen übergehen kann. Fol­­­­­gerung erscheint hypothetisch als Aufhebung
im Gegensinn zu jeder analytischen und zwangs­läufigen natürlichen Folgerung.
Sie wird bei Ockham durch diesen Gegensinn zu künstlicher und sekundärer Fol-
gerung. Das bedeutet dann nochmals die Annäherung der Em­­pi­rie (unter dem
Zeichen von Kontingenz) an die Abstraktion (abstrakten Sachverhalte).122

imme­di­ata der Ef­fekt zwangsläufig eintritt, wird auf potentia und obiectum nicht übertra­gen:)
Si­mi­liter, po­­sito quod ita esset quod ac­tus non dependeret (nicht: causatur!) essentialiter nisi a
po­ten­tia et obiec­to (was er nicht tut!), adhuc possent illi actus distin­gui specifice quia non est
inconveniens quod idem agens to­ta­li­ter illimi­ta­tum sim­pliciter vel se­cun­dum quid pro­du­cat
in eodem passo effectus specifice dis­tinc­­­tos.“ Das ob­iec­tum und die potentia lie­fern keine Be­
griffe, aus de­nen wir etwas folgern könn­ten; die­se Fol­ge­rung existiert nicht. Sie wird persuasiv
auf­ge­hoben. Das agens to­­taliter illimitatum ist nicht Gott; es wäre nur au­ßer­halb unse­res ordo
mundi setz­bar, worin die Kausalme­cha­­nik empirisch ist (‘calor calefacit’), aber nicht be­grifflich
(ana­ly­tisch) im Sin­ne der Erkenntnisse in der Form der propositio immediata absolut erschlos­
sen. Mit der distinctio se­cun­dum for­­­mam der notitiae sind wir nicht mehr auf der strikt em-
pirischen Ebene wie bei den cau­sae essentia­les. Für die Unterscheidung der beiden notitiae
wird die Empirie nicht festgehalten; sondern sie werden per persuasi­o­nem tran­s­­­­empirisch un­­­
terschieden; wir verlassen die Stufe des empirischen Ge­brauchs der Be­grif­fe, bei dem sie nicht
gefüllt und ver­bun­den werden können. Wir kennen die Kausalität in se nicht empirisch und
ineins mit der Er­­fah­rung oder sie re­flektierend, sondern nur per potentiam divinam absolu­
tam – supranatu­ra­liter loquendo.
120. Für das Ökonomieprinzip besteht eine Beweisfunktion vorab in Bezug auf die Vermei-
dung von fallaciae, mit der empirische Befunde oder empirische (kontingente) Sätze festgehal-
ten werden.
121. Doch Ockham unterscheidet: ‘non potest pro­ba­ri, sed potest persuaderi’. Cf. Kap. 10: Ab­
straktion und scho­lastischer Beweiszweck.
122. ‘Realempirische’ oder ‘kausalanalytische’ Erkenntnisvorstellungen begründen hier keinen
ausreichenden Ein­wand: K. Jaspers, Nikolaus Cusanus, 1968 p. 213f sah in der modernen ‘Krisis
der Wissenschaften’ eine Be­frei­ung von me­taphysischem Ballast inclusive Kausalitätsprinzip.
Für G. Frege, Begriffs­chrift, 1879 fielen Not­­­wen­dig­keit und Implikation nicht zu­sam­men­, für
G. E. Moore nicht physi­ka­li­sche Kausalität und Im­­plikation oder Not­wendigkeit. Cf. R. R. Am-
merman, Classics of Analy­ti­cal Philosophy, 1965 (zu G. E. Moo­­­­­re): „phy­sics and psy­­­chology are
subject to psychological causal laws; but physical causal laws, at least in tra­di­ti­onal physics,
can only be sta­t­ed in terms of matter, which is both inferred and con­structed, ne­ver a datum.“
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 71

Man nennt Ockham oft Pol gei­­stiger Wenden im abend­ländischen Entwick­lungs­­


gang.123 In­des sind seine Ar­gu­­men­­ta­­ti­on und de­ren Struk­tur unbekannt. Doch
Ockhams Ar­gu­men­ta­­­tion trägt seine „‘Lehren’“. Man kann diese Argum­en­­­ta­tion al-
lenfalls nur im Nach­zug se­man­­­­tisch aus­legen, sie selbst muss inclusive scheinbarer
und wirklicher Varia­bi­li­tä­ten als syn­­tak­tisch und prag­ma­tisch interpretiert werden.
Defi­ni­­tionen und Intensi­o­nen sind hier nicht ganz ‘est’. Das gilt vor­ab für Be­griffe
und Sätze, die die actus mentales refle­xiv betreffen: no­­titia in­tu­i­ti­­va, no­titia ab­strac­
tiva, ha­bi­tus usw. Sie zielen direkt oder indirekt auch auf die unmit­tel­bare em­pi­rische
Er­­kenntnis, die somit darin ‘eingeschlossen’ ist. Es sind keine Be­grif­­­fe der ele­men­­­tar­
sprach­lichen Sätze, deren Realbezug die Suppositions­logik re­gelt.124

5. Die Beweislehre bleibt bei Ockham syllogistisch fixiert.125 Der Syllogismus nimmt
Sät­­­­­­ze (Maior und Minor) auf, die induktiv und persuasiv begründet werden. Die

On­to­lo­­gie ist kein Re­gu­­lativ und Prinzip der Er­kenntnis­si­cherung. Bei H. Blumenberg, 1966
soll sie es für das Mittelalter sein und da­rum hermeneutisch das Argument der Wahl gegen
Ockham.
123. Einmal eben in der Form, dass er für einen vorüber­ge­henden Selbstverlust des Menschen
im Mittelalter und der daran obligat sich anschließenden Selbstwiedergewinnung vermöge ei-
ner Re­ak­­tion auf diesen Tiefpunkt ver­­­­antwortlich bzw. nützlich gewesen sei: H. Blu­menberg,
Die Vorbereitung der Neuzeit, in: Philos. Rund­­schau 9, 1961 pp. 81–133 zu­erst und dann in id.
1966. Blumenberg überfasste A. Mai­­ers Bü­cher zur mit­tel­alterlichen Na­­­turphilosophie und
‘Physik’ und ging über zur De­nunziation Ockhams als ei­­nes unter den Wahn von der All­­macht
und Will­kür Got­tes ge­­beugten Zerstörers des menschli­chen Glaubens an sich selbst und seine
Ver­nunft. Gott wie Ockham wer­den – indiscernibel – Ziel­scheibe. Einer vermöge des an­de­ren.
K. Ban­­­­­­­nach, A. God­dù, J. Beck­mann, W. Vos­sen­­kuhl u. a. äußerten sich zu seinen Thesen un-
gläubig. Uns geht es um den struk­tu­rel­len Stel­­len­­wert des Om­ni­po­tenz­prin­­zips in Ockhams
Argumentatio­nen. Das ist zu­erst Sa­che von Be­ob­ach­tun­gen, dann der Beschrei­bung, zuletzt
der Ana­lyse der Argumenta­ti­ons­­züge Ockhams.
124. Wir sehen in Ockhams Suppositionslogik eine Beitragsfunktion zur Widerlegung und
Entsprechung der Be­­grenzung der Themen und Auslegungen. Wir teilen daher nicht das pri-
mordiale Interesse, das ihr die Auto­ren im Sinne eines fundamentalen Einstiegs in Ockhams
Lehre zumessen, z. B. M. Kaufmann, 1994. G. Martin, Wi­l­helm von Ockham, 1949 p. v sah im
SK Beiträge zur Ontologie, die er in der SL vermisste.
125. Ein und derselbe Folgesatz (conclusio) kann syllogistisch durch verschiedene Media be-
wiesen werden (Prol. Ord. q. 1 OT I p. 10 lin. 5f): „eadem conclusio in distinctis scientiis per
distincta media potest evidenter probari“, wobei der Ausgang von verschiedenen Wissenschaf-
ten genommen werden muss, denn sonst gäbe es in je zweien ein und dieselbe Ord­­­­nung der Be­
griffe, vermöge deren sie auch nur eine Wissenschaft wären. Das besagt, dass ein syllogis­ti­scher
Be­weis je einer (ein intensional bestimmter) dadurch wird, dass in ihm die media ‘unmittelbar
zum Beweis sind’. Das können die Begriffe des zu beweisenden Satzes subiectum und passio
nicht sein, die sonst eben so in einem un­­mit­telbaren Verhältnis stünden, dass ein Beweis nicht
nötig wäre. Was als conclusio des Beweises be­darf, um ein­­gesehen oder gebilligt zu werden, be-
darf seiner als principium nicht. Wenn dann die conclusio wieder Prämis­se wird, tritt folglich
72 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Lehre von den con­se­­quentiae (ihren Abarten) hat nicht vorrangig Beweisfunkti-
on.126 Sie dient der Er­läu­te­­rung und kann so Ausschließungen bewirken, Extra-
polationen zurück­neh­­men, Extensio­nen be­gren­zen, also eigentlich reprobationes
bewirken und fundieren.127 Die Be­­­­weispraxis ruht auf der In­­­duk­tion und der per-
suasio. Beweisnormen selbst können in­duk­­­­tiv be­gründet wer­den. Dann müssen
andere Annahmen zuvor durch Gegenbeispiele (instantiae) diskreditiert wor­­­den
sein. Es macht Ockhams Lo­gi­k aus, dass die logischen Regeln in die Beweisfüh­
rung in­termittierte Exem­pel sind. Au­ßer­halb der Widerlegung haben sie keine
Funktion.128

ein anderer ordo auf, der zweier Wissenschaften, die nicht eine sein können (ib. p. 12 lin. 8–11):
Metaphysik und Theologie „considerant multa sive (besser W 1495 tam) sub­­iec­tum si­ve (W
1495 quam, in Ed. unerwähnt ) passiones non habentia ordinem determinatum (besser W 1495
de­bi­tum) requisitum ad unitatem scientiae (der Ausgang ist von die­sem ordo!), tales non faciunt
unam sci­­en­ti­am“. (Beispiel ib. p. 12 lin. 11–13): „theologia considerat multa tam (sic!) subiecta
quam (!) passi­o­nes quae non per­­­tinent ad metaphysi­cam.“ Wollte man mithin die Me­ta­physik
für die Theologie an­setzen, so würde die ei­ne wo­­mög­lich die andere nicht er­schöpfen, so dass
auch der Beweis für ihre Einheit entfiele. Wir blickten auch nicht auf (ib. lin. 8) „debito (sic!)
modo ordinatas“. Auch die grundlegende Definitheit der Be­grif­­fe (ihr Gehalt quasi) wäre nicht
notwendig ge­si­chert. In Bezug auf die ex­ten­sionale Gesamtgeltung der Begriffe gäbe es einen
Agnos­ti­­zis­mus, der den Aspekt der Ex­tensionalität auszuscheiden u. U. ver­langt. Bei Ockhams
Unterscheidung von probatio und persuasio gilt ebenso agnostizistisch Vorsicht: Begrif­fe, die
per­­­su­asiv verwandt wer­den, sind em­pi­risch und ungesichert, solche, die für die probatio zu
verl­angen wä­­ren, hätten absolut zu sein; sie könn­ten nicht der Schöpfungsordnung, die wir de
facto haben, ent­­stam­men. Der Syllogismus bestimmt so nicht den Be­griffs­in­halt und impliziert
ihn nicht. Das ist nicht un­wich­tig mit Be­zug auf die consequentia formalis.
126. Die pragmatische Operationsstruktur, die wir behandeln, wird nicht durch Ockhams mo-
dale Satzlogik und Syl­logistik (cf. W. Len­zen, Ockhams modale Aussagenlo­gik, Arch. f. Gesch.
d. Philos. 75,2, 1993 pp. 125–159) aus­ge­­schöpft oder ini­tiiert. Ockhams Modallogik erschien
W. & M. Kneale, The Deve­lop­ment of Logic, 1966 bei ihren sonst durchgängigen Vorbe­hal­­ten
gegenüber Ockham eini­germaßen bemer­kens­wert. Da wir Ockham keinen analytisch-seman-
tischen Erörte­rungs- oder Beweis­führungsmodus un­ter­stellen können, muss alles was ei­nem
solchen zugeordnet werden könnte, mit Bezug auf Ockham funktional in einer bloßen Widerle­
gung un­ter­ge­hen; es kann die im Wesentlichen konstruktiven Ermittlungen Ockhams nie lei­
ten. Der mo­­­­da­­len Aussa­gen­lo­gik entspricht nach modernem Verständnis die ‘strict implication’
der mathematischen In­tu­i­tio­nis­ten (Brou­wer und seine Schule). Cf. hier M. McCord Adams,
Did Ockham know of ma­te­ri­­al and strict im­plication? Fr. St. 33, 1973 pp. 5–37. Beide Fol­­gerungsar­
ten sind, auf Kalküle gebracht, al­ge­bra­i­sch aufeinander ab­bildbar und äqui­va­­lent, jedoch in
Ockhams Be­weisoperationen funk­ti­onslos; sie erscheinen so ‘inexistent’.
127. Ockham sichert die Erkenntnis, indem er Annahmen argumentativ negieren kann, worin
sie falsch ausge­legt (gedeutet) wurde. Ihre Formen sind danach sekundär unproblematisch. Das
ist offenbar Ockhams ‘Ziel’.
128. Dabei hat die syllogistische Folgerung Vorrang vor der nicht syllogistischen. cf. Tractatus
de praedestinatio­ne et de praescientia dei et de futuris contingentibus OP II, p. 522 lin. 60–71. Der
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 73

Ockhams Operationen erscheinen als Methode und vereinigen sich zu einem Ge­
samt­­mo­­dell, worin seine Problem­lö­sungen Platz finden.129 Es bezieht sich auf die
antezeden­te Schola­s­tik, wie es scheint bewusst, als Re­vi­si­on. Erkenntniskritik lei-
tet in die Methodologie über.130 Eine met­ho­dische Bindung des Arguments gibt es
schon z. T. bei Duns Scotus.131 Des­­sen Ar­­­­gumentieren ist wo es in ausgebreiteter Form

Syllogismus hat eine klärende Funk­ti­on (ib. 523 lin. 91–93): „Unde mirum non est si ex praemis-
sis incompossibilibus sequitur conclusio impos­si­­bi­lis, quia in syllogismo ex oppositis sequitur
conclusio impossibilis.“ Diese conclusio kann dann ib. lin. 97 ein im­pos­si­bi­le sein ‘Deus fallitur’.
Das ist aber ein Faktum praeter syllogismum. Für einen solchen Satz können die Verwendung
des Modus modo composito und die modo diviso gleichermaßen entfallen. Die Syllogistik der
SL zielt auf Zu­­­lässigkeit von im Verhältnis modal aufzufassender Sätze, nicht etwa auf Not­­
wendigkeit im Ver­hält­nis von Inhalten und danach Erkenntnis. Fundamental sind proposi­tio
contingens und notitia in­tu­i­tiva Erkennt­nis.
129. Hier werden die wissenschaftlichen und gesellschaftspraktischen Regulative der Neu-
zeit wie ‘Richtigkeit’ und ‘Verbindlichkeit’ nicht eigentlich kreditiert werden können. Cf. E. v.
Savigny, Die Philosophie der norma­len Spra­che, 1969 p. 9 sah die neu­zeit­li­che Phi­lo­­sophie un-
mittelbar von der Absicht bestimmt für das Erken­nen nicht nur ‘Richtigkeit’, son­dern sogar
(und mehr) die ‘Verbindlichkeit’ zu si­chern. Doch Ockham wahrt das Mo­­ment tech­nischer Ver­
stan­destätigkeit auch noch, wo vergleichbar L. Witt­­gen­­­stein, Logische Untersuchungen (1947–
1949) und der ‘Phi­losophie der nor­­­malen Sprache’ dem von unwill­kürlichen ir­­rationa­len na­i­ven
Sprachverständ­nis­sen irregeführten „Individuum“ ‘Richtigkeit’ und ‘Ver­bind­­­lich­keit’ letztlich
eher ent­wun­­­den werden. Das In­di­vi­du­um noch ein­mal wie frühneuzeitlich von Vorurteilen
missleitet, die nun die nur geheim regulierte Sprache als Irr­tü­mer, unabdingbares und unent-
wegtes ‘Sich Verrennen’ ihm auferlegt, soll na­i­v-unwillkürliche i.e. phi­lo­so­phi­sche Annahmen
kor­ri­gie­ren, taucht aber nur in eine selbst unstabile, oft in Aporien mündende Kri­tik ein.
130. Wenn diese Methodologie in die Kompendien zur Logik (Summa Logicae, u. a.) ein­geht,
er­scheint sie nicht eigentlich konstruktiv. Dass Ockham mit der Logik die realistische On­to­
logie elimi­nie­­ren wollte, kann man be­haup­ten, weil er es tat. Schwe­rer dürfte es sein, sie als
kon­stitutiven Bestandteil oder pars in­te­gralis seiner er­kennt­nis­the­o­re­­ti­schen oder the­o­lo­gi­­
schen Lösungen zu be­schreiben, außer man sieht ih­ren Wi­der­legungs­charak­ter, etwa bei der
Suppositi­ons­lehre. Sie u. a. suspendiert das Wider­spruchs­prin­zip.
131. Das Verfahren des Duns Scotus lässt sich kompakt und anschaulich studieren in
W. Kluxen (ed. Transl. und comm.), Johannes Duns Scotus Abhandlung über das erste Prin-
zip, 1974 (De Primo Prin­cipio). Hier greifen die de­duktiven Beweise, bedingt oder vermeintlich
in logischer Form verfasst, ineinan­der und nehmen aufeinander in­tegrativ Bezug. Wenn das
Beweisen (potentiell damit auch die An­­wen­dung der Lo­gik) resp. der Gottesbeweis program-
matisch und konzeptuell auf eine unerwartete, indes nur schein­ba­re ‘Hö­he’ gebracht wird,
kann das gleich­­­wohl von Ockham praktisch nicht anerkannt werden. Das de­­pen­diert nicht aus
Ockhams Ablehnung des ontologischen Realismus, die man gern als Signum mit­tel­al­ter­­lichen
Ver­falls sieht. So noch H. Blumenberg, 1966. Ockhams Kri­tik am Sco­tischen Konzept der sci­en­
tia betrifft nicht konstitutionell den Universalienrea­lis­­mus; ihn nur soweit wie er in Ockhams
Ar­gu­men­ta­­ti­o­n für Be­griffs- und Satzfolgen oder -zusammenhänge ana­lo­ge Aktwertigkeiten
zu meinen hätte. Ockham greift in der ‘Sa­che’ Scotische Be­­­haup­­­tun­­gen, Thesen, Be­­­weise auf,
74 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

auftritt na­iv.132 Ockham kann weder alle the­matischen Gegen­stän­de noch alle begriff-
lichen Hilfs­mit­tel der Scotischen Ope­­­­ra­­­tionen und Lö­sun­­gen direkt legitimieren; er
sichert nicht die Ontologie (ontologische Begrif­fe), nicht Gott und des­sen All­­macht, es
sei denn man will Ockhams Operationen in toto für ei­nen in­te­­gra­len Got­tes­be­­­­weis
hal­ten. Inclusive des faktischen Gottesbeweises, den Ockham in der Emen­dation des
Scotischen gibt, lassen sich alle seine Operationen (in toto und einzeln) ihrer wis-
senschaftlichen Relevanz nach als eine ‘Gren­ze’ (terminus inclusivus) bezeichnen, die
das menschliche Subjekt nach seiner vermögendlichen Aktuation statuiert und Gott
als den termi­nus exclusivus dieser Welt ‘beibehält’. Gott steht zu dieser Welt dort und
genau im Sinne von Kompatibili­tät (mit ihr und für sie gegebenen begrifflich nach der
Erfahrung bestimmten Kund­gaben), wo wir den Begriffen und ihren Kompositionen
einen semantischen Sinn nicht ge­ben können.133 Ockham weigert sich der Apologie
wie der In­kul­pation. Er lässt sich auch nicht hermeneutisch inkriminieren. Er ist kein

deren denkbare Reichwei­te da­mit ange­foch­ten, aber nicht explizit erör­tert wird. Wenn die ‘Be­
grif­fe’ dabei oh­­ne ein „intentio­na­les Moment“ zu ver­ste­hen sind (cf. M. T. Lis­ke, Ver­an­lass­te die
Univer­sa­lienlehre Ockham, die Prädikation zu­letzt ohne ein in­ten­ti­o­na­les Mo­ment zu verste­hen?
The­o­lo­gie und Philo­sophie, Vjschr. 69, 1994 pp. 511–536), dann weil die Ver­bin­dung von Be­griff
zu Be­griff und von Satz zu Satz, im Syllo­gis­mus und au­ßerhalb, ohne das logische Moment der
Im­pli­ka­ti­on und so nicht-se­man­tisch zu ver­ste­hen ist.
132. Sein Mangel besteht letztlich in der inakkuraten Bindung der (wenn denn) logischen
Operation oder Argu­men­t­ationsform an den begrifflichen Faktor mit dem impliziten empiri-
schen (also ‘naiven’) Geltungsanspruch. Man muss hier ‘empirisch’ und ‘deduk­tiv’ gleich­­set­­zen;
und das noch­­mals wenn er über das logische Ope­rie­ren disponiert, so wenn er das (bisheri­ge)
Fehlen von Wider­spruchs­­­er­wei­sen als ‘Be­weis’ wertet. Ockham geißelt fast dieses Argument,
das zugleich eine These oder eine Maxime (ein Postulat) ist, nicht anders als das an­dere, das
Duns Scotus mit Thomas von Aquin teilt, dass die Erkenntnis, die ein höheres Wesen anders
als wir von Gott hat, per Postulat unseren Mangel kompensiere und daher prävalent ‘für’ unsere
Erkenntnis genom­men wer­den dür­­fe (stehe). Solche Kritik aber muss natürlich schon dem Sco-
tischen Gebrauch der Adäquatheits­hy­po­these gel­ten, die ebenfalls in Appellform vorgebracht
wird. Ockham refutiert das Adäquatheitsprinzip. Auch sie wird von Duns Scotus per petitio
principii ad hoc in den Deduktionsverlauf eingebracht (eingeschleust) und gilt hier hypothe-
tisch abstrakt und empirisch zugleich. Hier ist die Scotische Deduktionsart nach dem Paradox
von Lö­­wen­­­heim und Skolem zu kritisieren. Was beweisintern gelten ‘können’ soll, fungiert
doch beweisextern.
133. Hier wirken die beiden Aktbegriffe notitia intuitiva und notitia abstractiva kompensierend.
M. Re­­nemann, Ge­danken als Wir­k­­­ur­sa­chen. Francisco Suá­rez zur geistigen Her­vor­­bringung.
2010 p. 52 hebt die formell geringe Dif­ferenz von no­ti­­tia in­tu­­itiva und notitia ab­stractiva her-
vor. Sie ist Ockham bewusst. Denn da­gegen begrün­det er ihre distinctio secundum formam
seu speciem. cf. Anm. 119 o. Erst funk­ti­onell, sc. in der Reichweite, ent­fal­ten die (Definitio­nen
beider) notitiae ihre Qua­lität.
Kapitel 1.  Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham 75

ge­­schicht­­licher Wen­­depunkt mit ne­ga­ti­vem Po­tential, das Reaktionen zum Neu­en


oder auch zum Besseren ausgelöst hätte.134

134. H. Blumenberg, Die Vorbereitung der Neuzeit, in: Philos. Rund­­schau 9, 1961 pp. 81–133
will eine solche Wen­­­­­­­­de mit Tendenz gegen Ockham mit Johannes von Mirecourt beginnen
lassen. Er schreibt ihm p. 104 ei­nen Zwiespalt zwischen hyperbolischer Auslegung der Weltge-
setze secundum poten­ti­am divinam absolu­tam und re­duktiver positivistischer Welterkenntnis
secundum potentiam humanam zu mitsamt einer furchtvollen Ten­denz, von jener zu dieser
sich zu bewegen. Id. 1966 p. 164 weist zu Johannes von Mirecourt darauf hin, dass er die pu­­­­
tativ-skeptizisti­sche Be­­haup­tung, es könne eine no­ti­tia intuitiva ohne Ob­jekt geben als opinio
communis sei­ner Epoche bezeich­net habe. Wenn Johannes von Mi­re­court sie nicht teil­te, so
hätte seine angebliche Furcht wo­möglich auf die gezielt, die sie, die selbst für ketze­risch galt,
ver­tra­ten: potentiell die no­mi­­nales von Paris (cf. ib. p. 164 Anm. 98). Für Ockham selbst gab es
keinen Wider­spruch, sondern nur eine intensionale Divergenz zwi­schen dem ‘puta a Deo’ und
dem ‘se­cundum cursum na­tu­ra­­lem’. Jo­hannes von Mire­court hätte, als Oppo­nent Ock­hams,
gesagt (Blumenberg, 1961 ib.) „quod nullam ac­­tionem causae secun­dae posset deus age­re se so­
lo“, was zu bedeuten hätte, dass die ac­tio causae secun­dae den Inbegriff des Widerspruchssatzes
darzustellen ver­möch­­­­te, den Blumenberg (1966 p. 164) Mirecourt als Notanker gegen Ockhams
nach dem Omnipotenz­prin­­­zip waltenden Willkürgott unwillkürlich entdecken lässt: Gott kön­­­­
ne zu­letzt wenigstens nicht das Geschehe­ne un­ge­sche­­hen ma­chen. Die Ansicht ist Ockham
be­kannt: cf. K. Ban­nach, Relationen. Ihre Theorie in der spätmittelalterlichen Theologie und bei
Luther, Freiburger Zeitschr. f. Philos. und Theol. 2000 (47) pp. 101–126, p. 116 Anm. 45 zitiert
Ockham Tractatus de praedestinatione et de praescientia Dei respectu futurorum contingentium
OP II p. 507 lin. 11f: „secundum Philosophum, VI Ethicorum: ‘Hoc solo privatur Deus, ingenita
facere quae facta sunt’.“ Ebenso Ockham, Quaestiones in Libros Physicorum Aristotelis q. 32 OP
VI p. 476 lin. 3f: „VI Ethicorum dicitur quod hoc solo privatur Deus: ingenita facere facta sunt.’“
Cf. auch Ord. d. 30 q. 2 OT IV p. 323 lin. 17ff: „Si haec sit semel ‘Sortes est’, haec erit postea neces-
saria ‘Sortes fuit’; ita quod etiam secundum theologos Deus non potest facere eam esse falsam.“
Ockham richtet sich implizit gegen den per se theologischen Gebrauch des Omnipotenzprin-
zips. Wir stehen außerhalb der Anwendung des Omnipotenzprinzips, das Ockham den Rai-
sonnements des Aristoteles öfter entgegensetzt. Cf. Quaestiones in Libros Physicorum Aristotelis
q. 32 OP VI p. 480 lin. 103ff: (Deus) „non potest facere quin praeteritum sit praeteritum et quin
illud quod est praeteritum aliquando fuerit.“ Zu Ock­hams allge­mei­ner Hal­tung zu Aris­to­te­les
cf. Bannach ib. p. 118. Die Wirkung einer bestimmten ob­schon exi­sten­ten cau­sa hält Ockham
nun für unbeweisbar – wie er mit­tels des Omnipo­tenz­prinzips dartut. In die­sem Be­weis er­­­lischt
auch das Wider­spruchs­prinzip, wie oft wenn Ockham ähnliche Be­weise führt; selbst wo er sagt:
‘non est con­tra­dic­tio’ etc. Mi­recourt könnte Ockham nach dessen Präventionen gar nicht die
vermeinte Ten­denz­bekundung sachlich inadäquat zuschrei­ben.
kapitel 2

Suppositionslogische Identität 
und Kontingenz

Allgemeine Aussagen lassen sich schwer charakterisieren. Wenn man zudem da-
von ausgeht, dass die bei­­­den Begriffe, die (elementare) Aussagen, wesentlich bilden,
verschie­de­nen Be­griffs­­­ar­ten an­ge­­­­­hö­ren, kann nicht einer der Begriffe (sub­iectum) in
den Aussagen aus­gelegt wer­den. Das besagt deren Kontingenz. Es gibt für Ockham
kein Wis­­sen, das nicht (einzig) die­­sen Begriffen und Aussagen an­­ge­hörte. Ockham­
er­mittelt über die Begriffs- und Satz­struk­tur und be­trach­tet sie selbst als vor­gangs­­
los, we­­nig­stens was die Bestim­mung, Existenz (Ge­ge­benheit) oder Gewiss­heit der Er­
kenntnis an­geht. Er geht von der Kontin­genz der Sachen ex­tra men­tem ebenso wie
von Kon­tingenz als in­ten­si­o­­naler Ei­gentüm­lichkeit der Sätze (kon­tin­­gen­­ten Sät­zen)
aus. Kon­tingente Fälle, zu de­nen kontingente Sät­ze gehören, ent­­schei­den über all-
gemeine Maximen, wenn diese ontologi­sche Aus­legungen zu in kontin­gen­­ten Sätzen
ausgesprochenen Satzgehalten sind. Die allgemei­nen Ma­ximen werden so notwen­dig

. Cf. J. Lukasiewicz, The Logic of Aristotle, 11951, p. 149: „(Aristotle) apparently regards is
as obvious that the pro­po­­sition ‘Man is an animal’ or better ‘Every man is an animal’ so that
the predicate ‘ani­mal’ is contain­ed in the subject ‘man’. Pro­po­sitions in which the predicate is
contained in the sub­ject are call­ed ‘analytic’, and we shall probably be right in supposing that
Aristotle would ha­ve regarded all analytic propositions based on de­fi­ni­ti­ons as apodeictic, since
he says in the Posterior Ana­lytics that essential predicates belong to things necessarily, and es-
sential predi­ca­tes result from defi­ni­ti­ons.“ Nach Erwägungen ib. p. 151: „We are com­pelled to
as­sume that no analytic proposition is ne­ces­sa­ry.“ Cf. auch P. Lorenzen, Normative Logic and
Ethics, 1969.
. Nach Lukasiewicz, op. cit. loc. cit. sollen wir zwischen der Be­ziehung unter terms und der
zwi­schen propositi­ons un­ter­scheiden. Das müssen wir, wenn wir Ockham gestatten wollen,
mittels der Induktion oder sie ein­schlie­ßend, reproba­tiv Beweise zu führen. Ockham ope­riert
nicht über den Wahrheits­wert verschiedener Sät­ze, seien es kontingente oder ‘notwendi­ge’ oder
es­sen­tielle Aussagen, son­­dern über den Erkennt­nis­charakter (und so­mit deren Wert) von Aus­
sa­gen. Er vermengt oder verwechselt also nicht Erkenntniswert und Wahrheitswert. Ent­schei­­­
dend ist die Argumentation: ohne Diskussion über vorausgesetzte (‘ge­dachte’) Eigen­schaften
von Sät­zen. Es werden Widerlegungen auch mit nicht unbe­dingt oder explizit be­stimm­ten,
nicht bis in die letzte Kon­se­quenz unterscheidbaren Sätzen mög­lich. S. Beispiel pro­positio per se
nota und das Beispiel ‘substantia animae est in­tellectus’.
78 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

re­du­ziert (partiell be­strit­­ten) oder überhaupt verneint. Bei­des sind Widerlegun­gen.


Ockhams Met­­­­ho­­de gründet sich darauf, dass er die Bestimmtheit des kon­tin­gen­ten
Sat­zes und dann auch Un­­terschiedenheiten an ihm ausarbeitet­. Er begründet die ex-
akte empirische Erkenntnis und mit ihr den kon­tin­­gen­ten Satz, die er beide nach

. Deren Nähe zur Ontologie kann wahrscheinlich überhaupt nicht bestritten werden. Hier-
mit ist dann grundge­legt, dass wir immer weiter, auch in Ockhams Philosophie, vorab aristote­
li­sche ontologische Grundbegriffe be­nötigen und gebrauchen wie causa finalis usw. usw. On­
tologie und Wi­der­le­gung werden insofern Gegensätze bilden, als Widerlegung, wenn sie auch
ontologische Aus­le­gungen und Grundsätze betrifft, mit der Begründung von Ontolo­gie durch
indirekte Be­weise im Gegensatz stehen muss. Das heißt: die Widerlegung hat am En­de mehr Af­
finität zur Induktion als zur Aussagenlogik. Das bedingt die besondere Form, den Ein­satz der
Widerle­gung in der Suppositionslogik. Der ontologische Grundbegriff kann aber wiederum
seinem Gebrauch nach induktiv begründet werden und durch Induktionen funktionale Bestä-
tigung (qua Einschränkung) erhalten. Er ist so per se und somit überhaupt nicht widerlegbar.
In Widerlegungen wird aber seine reale ‘Erfülltheit’ negiert.
. Wir haben so notwendig keine oder nicht notwendig Sachgehalte oder Inhalte, die den
Sät­zen (als actus appre­hen­sivi) vorausliegen könnten. Sie werden durch die Induktion ausge­
schlos­sen. Keine Induktion begründet sie. Sie müssten die Basis von Induktionen sein, was
ausgeschlossen ist.
. Für die Bestimmung der Erkenntnis stehen dann die Akte notitia intuitiva und notitia ab­
strac­­ti­va. Diese beiden notitiae werden, wenn sie die Kontingenz erfassen sollen, voneinander
dadurch unterschieden, dass sie grosso mo­­do zunächst den Realbezug divergent und different
geben oder ausdrücken. Die eine (notitia intuitiva) be­zeich­­­net den unmittelbaren (= förmlich
er­füll­ten) Realitätsbezug (auf die res extra), die andere (notitia ab­strac­ti­va) ab­­stra­hiert von
ihm und suspendiert ihn. Dass dann die notitia intuitiva ebenfalls eine reelle Er­fül­lung nicht
be­­­dingungslos besitzen können muss, ‘folgt’ aus deren rein mentaler oder in­ten­sio­na­ler Defi­ni­
tion, in welcher sie als res absoluta von dem obiectum extra animam (der res extra men­tem)
im Sinn der sogenannten distinctio rea­lis unterschieden und faktisch ge­trennt ist. Ockham
de­finiert (und operiert) nicht aus dem Status der per se und extensional ge­dach­ten Erfüllung.
(Auch der Begriff ‘folgt’ muss hier mit einem negativen Akzent gedacht wer­­­den, welcher be­
sagt, dass die consequentia, welche die reelle Erfüllung zu gebieten hätte, negiert werden und
de facto nicht gezogen werden kann; in diesem intensionalen (negativen) Sinn oder Akzent
nimmt sich Folge­rung wie andere Größen aus, die auch nicht faktisch schon erfüllt gedacht
wer­den müssen. So etwa accidens (in Son­der­heit bei naturphilosophischen Sät­zen), der Mo­dus,
der einem (kontingenten!) Satz mo­do composito beitritt (cf. Kap. 1, dort zur Be­stim­mung der
Induktionsbasis s. auch Anm. 11) Beide notitiae zusammen erfassen den ge­samten Begriffsge-
brauch der kontingenten Sätze, i.e. innerhalb kontingenter Sätzen, und sie „egali­sie­ren“ so als
intensionale Größen die Wirklichkeit. („Egalisieren“ muss aber so be­reits a parte intellectus
verstanden wer­­den). Die Eindringung in die Wirklichkeit in se wird al­so aufgege­ben (i.e. die
Bestimmung und die Fiktion eines Denkens ex parte rei). Indessen wird intentio­na­liter pro re
in se gedacht. Beide notitiae aber lassen sich auch noch an­ders un­ter­­scheiden (Rep. II q. 13–14,
OT V p. 257 lin. 12–15): „nec formatio complexi nec actus as­sen­­ti­endi complexo est cog­ni­­tio
intuiti­va. Quia utraque cognitio est cognitio complexa, et cognitio intuitiva est in­com­plexa“:
Der Be­griff der noti­tia in­tuitiva ist damit gleichsam rekursiv verwandt worden, insofern er
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 79

Form und Bestimmung für unverwech­sel­bar hält. Wir müs­sen uns aber doch fra-
gen, wie weit da­bei ei­ne näherhin sinnliche Vor­­stel­lung in der Ausle­gung der Be­­griffe
beteiligt ist und sie für die Definition der Begriffe, der Sät­­­­ze und schließ­lich der Er­
kennt­nis, wie Ockham sie handhabt, relevant ist. Wieweit sie noch mit­wirkt, weil
sie nicht getilgt oder ausgeschlossen sei. Hier tritt bei Ockham kom­ple­mentär der
Zeichenbegriff in sein Recht. Dieser er­scheint für die Begriffe (und Sätze) be­reits,

förm­lich in seiner Ge­samt­heit intensional ebenso partikular wie allgemein verwandt worden
ist. Jeder nicht zu­sam­­men­­gesetzte Akt wird in Bezug auf die Definitheit und Nähe zu ihr no­ti­tia
intuiti­va ge­nannt und e converso. Das er­laubt die In­duk­ti­on, womit dann das Ar­gument in der
Nähe zur Wider­le­gung und Ausschließung steht. Die no­ti­tia intuitiva um­fasst actus ap­pre­hensi­
vus und actus iudicativus, wie die notitia abstractiva damit auch über die Kon­tingenz und die
Le­gi­timation durch die notitia intuitiva approbierte Sätze und Erkenntnisse erlaubt.
. Ockham sug­geriert (Rep. II q. 14 OT V p. 351 lin. 3–12), dass der Körper, mit der ani­ma ver­
bunden, für ge­wis­­se ihrer Lei­stun­gen Mit­wirkungscha­rakter ha­be, ohne dass die causa prä­zi­se
angegeben werden könne. Der Kör­per wirkt nicht in ei­­nem ge­nau­er kenn­­baren Sinn von causa
auf unsere anima ein, denn er ist nicht von dieser un­ter­schie­den wahr­­nehm­­­­bar wie die causa in
der äußeren Empirie. Von dieser muss also ab­ge­se­hen wer­­den, ob­wohl Erfahrung doch lei­­tend
ist. Die Erfahrung ist aber nie mit einer Dingidentität identisch. Insofern ist die Kon­­sistenz
gewahrt. Eine Singularität ist nach Ockham sowohl nach forma wie materia gegen eine ande­re
Sin­gu­larität differen­ziert. Aber die materia wird logisch per formam modifiziert. Wir haben es
mit einer Stu­fen­­ver­schie­denheit zu tun. Nicht mit einem Widerspruch infolgedessen. Wenn wir
die Stufen vermengen, bekom­men wir einen Wider­spruch. Es sind solche Widersprüche, die
aus der Stufenvermengung stammen, die Ockham mit seinen Refle­xi­­onen für seine solutiones
bereinigt. Das affiziert den Begriff der Folgerung (Implikati­on). Die Ar­gu­­­mentation, die wir
vorführen, tritt an deren Stelle.
. Der actus apprehensivus nimmt die Begriffe und die Sätze auf, wie sie im Verstande sind.
Hier­in werden sie nach Eigenschaften und Verschiedenheiten per Induktion charakterisiert.
Die Induktion greift dabei implizit über die Mentalsphäre hinaus und bezieht sich auf die Rea­li­
tät extra mentem, i.e. wie die Begriffe reale Bedeutung ha­ben können und das bedeutet grund-
sätzlich die res als singulare und significatio. Daneben wird nichts Inhaltli­ches in diese actus,
die selbst Relationen bedeuten, aufgenommen. Die Frage, die offen bleibt, ist die nach dem
Wis­sen. Hier haben die Zeitgenossen und spätere Historiker Auffassungsschwierigkeiten be-
kundet. Bei Ockham gibt es ein Wissen gleichsam nur alles betreffend, was in actus ap­pre­­­hen­si­
vi im Verstand vorhanden ist und ihm auch selbst dargeboten. Wenn was in diesen actus ap­pre­
hen­si­vi ma­­­­ni­fes­tiert ist, durch species und zu­sätz­liche en­­tia inhaltlich (und das wä­re es) ergänzt
werden sollte, würden wir immer zu Paradoxien, Ungereimt­hei­ten, fal­la­ciae, con­­sequentiae
falsae et simpliciter falsae kommen. Hier an­kert Ockham methodologisch.
. Die SL beginnt bereits mit der Erklärung bzw. Appellation des Zeichenbegriffs. Der reicht
bis in die Erörte­run­gen zur Bestimmung des Begriffs als mentaler Erscheinung. Ockham wider-
spricht der ur-nominalistischen The­s­e Roscellins aus dem 12. Jahrhundert (Ord. d. 2 q. 8 OT II
p. 271 lin. 1f): „posset esse opinio: quod ni­hil est uni­ver­sale ex natura sua, sed tantum ex instituti­
o­ne, il­lo modo quo vox est universalis“, wenn er sagt (ib. lin. 9–12): „Sed haec non videtur vera,
quia tunc nihil ex na­tura sua esset species vel ge­nus nec econ­ver­­so, et tunc ae­qua­­li­ter posset
80 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

wenn Ockham den kontin­gen­ten Satz definiert und ihn als erkennenden über die
sup­po­sitionslo­gi­sche Identi­tät der Be­grif­fe im (kon­tingen­ten) Satz und al­lein über die­­
se bestimmt und erör­tert, dann aber schließ­lich auch in den Wi­derlegungs­be­wei­sen
mittels der ‘Suppositi­ons­logik’ den kontingen­ten Satz, die suppo­si­tions­logische Iden­
ti­tät, ja noch Ab­straktion und In­duktion bewerkstelligt. Da­mit wird die Er­kenntnis
in ei­ner Art forma­li­siert, welche sie von der nor­­ma­­len philoso­phi­­schen Erörte­rung,
gerade auch re­fle­xiv in Er­kenntnisfragen, und zwar der des Mittelalters wie der Neu-
zeit trennt und unter­schei­det.10
In der Suppositionslogik11 müssen, wenn subiectum und passio (prae­­di­ca­tum)
übereinstimmend mit der Bestimmung dieser ‘Be­griffe’ in­halt­liche (intensionale)

Deus et sub­stantia extra animam esse universale sicut quicquid quod est in anima, quod non
vide­tur ve­rum.“ Ockham will aber zur Abstraktion im Verstande gelangen, die den Unterschied
zwischen Ver­stand und Re­alität besagen soll (ib. lin. 14 – p. 272 lin. 3): „Ideo potest aliter dici
pro­ba­biliter: quod uni­­versale non est ali­quid reale habens esse sub­iec­ti­vum, nec in anima, nec
ex­tra animam. sed tantum habet esse obiectivum in ani­ma, et est quoddam fictum habens esse
ta­le in esse obiec­ti­­­vo quale habet res extra in esse sub­iec­ti­vo. Et hoc per is­tum modum quod
intellectus videns ali­quam rem extra animam; fin­git consimilem rem in mente.“ Und deut­lich
(ib. lin. 17–19): „Et ita isto modo universale non est per generationem sed per abstracti­o­nem,
quae non est nisi fictio quaedam.“ Der Verstand ‘bricht’ mit der Abstraktion die unbeding­te
na­tu­ra­le Ob­li­ga­ti­on, nach der Begriff und Begriffsbildung von der res extra animam auszuge-
hen hätten. Cf. ib. q. 7 p. 261 lin. 13–20: „dico quod natura occulte operatur in universalibus,
non quod producat ipsa universa­lia ex­tra ani­mam tamquam aliqua realia, sed quia producendo
cognitionem suam in anima, quasi occulte – sal­tem /§ immediate vel §/ mediate – producit illa
universalia, illo modo quo nata sunt produci. Et ideo om­­nis com­mu­nitas isto modo est natura-
lis, et a singularitate procedit, nec oporteret illud quod isto modo fit a na­tu­ra es­se extra animam,
sed potest esse in anima.“ Nach Ockham (ib. lin. 7–10) meint auch Boe­thi­us nicht, dass der
Begriff als species „sit totum esse individuorum, sed quod dicit to­tum esse individuo­rum, si­cut
quo­dam­­­modo signum quod non est signatum (sic! Cf. o.).“ Doch: ‘universale’ est species.
. Doch bleibt die Formali­sie­rung (Formalität) eine innere des Begriffs und des Sat­zes.
10. Ockham muss gewisse inhaltliche Fragen nicht mehr beantworten, Probleme inhaltlich
nicht mehr stellen. Sie werden nach seiner Technik nicht als in­halt­li­che erscheinen können.
Dabei s. auch Anm. 6 o. Auch hier wird ja sichtbar, dass die relatio inter sensus (corpus) und
anima (intellectus), selbst wo angenommen, nicht distinkt ins Bewusstsein trete, so dass die
Methode sie nicht greifen kann; sie ist nicht präzise bekannt. Aber sie erhebt sich über der Er-
fahrung, der sie nicht widerspricht, wenngleich sie sie nicht ausführt. Das gehört zur Abstrak-
tion, zu den Relationen und schließlich noch zur supranaturalen Deutung solcher Begriffe, die
dem empirischen Ver­ständ­­­­nis entstammen, das Ockham ausdrücklich für seine Erläuterungen
in der sa­cra theologia verwendet, um sie expressis verbis menschennah zu halten. Es scheint
ihm dies ein Vorzug zu sein, weil sonst etwa die Ver­hält­nis­se zwischen den personae, die der
Erfahrung und Konkretion entzogen sind, unverständlich blieben. Wir wer­den zei­­gen müssen,
wie die Abstraktion da vonstatten geht.
11. Die Suppositionslogik erklärt den ‘kontingenten’ Satz. Wäre es anders, müssten alle mögli­
chen Logiken mit­ein­­ander verglichen und ins Gleichgewicht ge­setzt werden; dass die Suppo­si­­
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 81

Qualität haben sollen, die Folgerungen wegfal­len, die das zu be­gründen hätten:12 so­
mit kön­nen nur Folgerungen zugelassen werden, die eine sol­che Be­grün­dung nicht
ent­halten.13 Sie ha­­­­ben dann, im Grunde induktiv, eine Bedeutung für die Begründung
der Aus­­sagen und die Auf­fassun­gen der in­halt­lichen Spezifität der Begriffe. Beispiel:14
„Quam­vis in ista ‘Sortes est ho­mo’, ly homo supponat pro Sorte, non tamen praecise
pro Sorte, quia po­­tenti­a­li­ter – secun­dum modum loquendi Logicorum – supponit pro
quolibet ho­mine, quia in­­fer­tur ex quo­­­li­bet, et terminus semper in talibus supponit pro
eisdem, quia de omnibus de qui­­­­bus veri­fi­­ca­tur. Non ta­­­men verificatur ista ‘Sortes est
homo’, nisi pro Sorte, et ideo non est idem dice­re: ‘Sortes est homo’ et ‘Sortes est Sor-
tes’.“ Für Ockham sup­­poniert der All­ge­mein­­­­be­griff ‘homo’, der für alle Menschen (als
individua) gleichermaßen gilt, nicht ver­mö­ge der Qua­­­li­tät des Mensch­seins, derart
‘ex natura humanitatis in Socrate’ er­schließbar,15 son­dern „pro quolibet homine, quia
in­fer­tur ex quolibet“. Er kann also angesichts eines jeden belie­bi­gen Men­schen gleich
ge­bil­det und erworben werden. Er wird dann auf So­kra­­­tes an­ge­wandt, weil er auf alle
Menschen ange­wandt wird oder werden kann. Es gibt kei­nen Grund da­für, ihn nicht

ti­onslogik mit der aussagenlogi­schen consequentia materialis vereinbar ist, er­weist sich, wenn
Ockham unter Gebrauch der suppositionslogi­schen Funktionen suppositio simplex und sup-
positio personalis widerlegend verfährt: allgemeine Sätze werden als absurde (simpliciter fal-
sae) erwie­sen, was bedeutet, dass sie keine Erfüllung haben können. In dem Sin­n kommt man
zur Kontingenz, die, wie schon die Begründung der Sup­po­siti­ons­logik zeigt, Absur­dität aus­
schließt.
12. Wollten wir es anders ansetzen, so wären je die Begriffe + Bestimmung als Erweite­rung des
Inhalts der Be­grif­­­fe zu denken. Am Ende hätte man den zusätzlichen Inhalt (der Be­grif­fe alias
Bestimmungen) fiktiv als Folge­rung und deren Geltung oder Anberaumung in Äqui­valenz mit
diesem Inhalt. Logik und Ontologie wären eines. Cf. auch Kap. 3 Anm. 83.
13. Es entscheidet dies, wie leicht ersichtlich, über die Lehre von den Folgerungen und deren
Di­versität; man kann sagen: die verschiedenen Folgerungen werden nach ihrer Differenz in­
duk­tiv eingesetzt und begründet. Mit dem ge­­­änderten Fall wird je eine neue Folgerungsart
denk­bar und intensional, i.e. für den Akt des Verstandes inso­weit gerechtfertigt. Mehr muss für
die Suppositonslogik nicht geleistet werden und infolgedessen kann wie­de­rum von ihr mehr
nicht geleistet werden, so dass sie denn auch philosophisch für die Beantwortung aller Fra­
gen nicht ausreicht. Diejenigen Autoren, die in Ockhams Suppositionslogik alle seine Leistun­
gen, Meinun­gen, Be­grün­­dungen usw. ebenso wohl induziert wie begrenzt und über­haupt be­
schlos­sen sehen, implizieren den Fol­ge­rungs­begriff, der auf dem Felde der Suppo­si­ti­­ons­logik
Ockhams schon gerade von ihm exter­mi­niert wird.
14. Ord. d. 2 q. 7 OT II p. 257 lin. 3–9.
15. Cf. ib. p. 256 lin. 9f „nihil a parte rei est univocum quibuscumque individuis.“ Univozität
wird von Begriffen aus­gesagt, nicht kraft einer universalitas in re (oder rebus) „et tamen est
aliquid praedicabile in quid de indivi­du­is.“ Fragt man nach der Be­­gründung, ist die Ant­wort:
durch abgelehnte Folgerungen und entspre­chend zuläs­si­­ge. S. Anm. 13 Ei­ne zu­lässige Konse-
quenz stützt quasi akzidentell die Abstraktion (Allgemein­heit), eine unzu­läs­sige ist insignifi­
kant im Sinne der der Abstraktion widerstreitenden Individualität. S. auch Anm. 18.
82 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

auf die­sen anzuwen­den.16 Nie kann nach dieser Sachlage, beson­ders insofern auch die
in­­­­­tensionale Bestimmung ei­­­nes Satzes nicht per Folgerung oder eine Fol­gerung ent­
sprechend Teil dieses Satzes sein kann,17 Ab­surdität im Bereich der mit kontin­gen­­ten
Aussa­gen befass­ten Suppositionslogik aus­­ge­­drückt, i.e. als Teil und (oder) als Gegen­
stand der Be­stim­mungen von Elementen mit in­­ten­si­­o­na­ler Qualität aufgefasst oder
bezeichnet wer­­den. So ist die Kon­tin­­genz selbst, wie sie denn für Sätze grundlegend
festgestellt wird, Ge­gen­teil der Absurdität, die nicht für den Satz apostrophiert und
nicht als modali­ter in ihn ein­geschlos­sen gese­hen wer­den kann. Es gibt somit wie­­
derum für den Satz, i.e. für den im Kern kontin­gen­­ten Satz und weite­re Sät­ze, die hier
denkbar an­knüp­fen, kei­­­ne Fol­gerung, die positiv oder negativ et­was in ihm er­­mit­telte;
so auch nicht über die Absurdität. Absurdität ist darum erst mit consequen­tiae ver­bun­­
den (gege­ben) = er­mit­tel­­­bar.18 Nicht aber mit dem Satz in sich.19 Die Folgerung kann
nie zur empirisch fundierten Erkenntnis gehören (stimmen).

16. Es ist evident, dass ein Schluss wie dieser: ‘Socrates est homo’, ergo ‘Socra­tes est Socrates’
nicht zugelassen wer­den kann. Damit wird aber auch über die Grundlegungs­qualität von Fol­
ge­rungen in Sachfragen einschließ­lich eben bezüglich der Folgerungen selbst entschieden. Was
u. a. bewiesen wird dadurch, dass der umgekehrte Schluss ‘Socra­tes est So­cra­tes’ ergo ‘Socrates
est homo’ überhaupt gar nicht zulässig wäre. Wir haben überhaupt kei­nen Folge­rungs­begriff,
der dem entspräche, wenn wir denn ‘Socrates est Socrates’ als Satz ak­zeptiert haben. Eben das
sollen wir aber nach Ockham nicht tun. Ockhams Konsequenz beruht also auf einer Kon-
sistenz, wel­che die Reflexion auf (die) Folgerung oder deren Begriff ein­schließt. Dabei kann
natürlich der Einzelfall ei­ner abge­lehn­ten Folgerung, entsprechend ei­ner zugelassenen anderen,
immer als Beispiel und im Sinne einer all­ge­mei­nen Begründungs­qua­lität gelten; dass die Folge-
rungen untereinander eine (‘ihre’) Folge und Reihenfolge be­­sit­zen müssten, ist bereits im Sinn
der multiplen Folgerungsarten (bei Ockham) ausge­schlos­sen, die sonst nicht möglich wäre;
zugleich gilt, dass ja (für Ockham) Sätze immer mul­ti­pel, be­liebig und damit untereinan­der am
Ende independent verwendbar sein müs­sen. Folglich liegt die Definitheit außerhalb der Sätze
nicht ‘in’ ihnen.
17. Dies hat insbesondere zu bedeuten, dass die modalen Bestimmungen eines Satzes modo
com­po­­si­­to, deren Ein­set­zung und Möglichkeit damit erklärt wird, eine Konsequenz bedeuten
und auf einer beruhen. Die modale Be­stim­­mung eines Satzes modo diviso gilt von dem Satz
ganz im Sinn der Bestimmung des kontingenten Satzes, für den in dem Sinne dann auch die
Folge­rung als in ihm angelegte Eigenschaft ausscheidet.
18. Autrecourt sah Kontingenz der Erkenntnis oder wahrheitsfähigen Aussage und Absurdi­tät
(als Widerleg­bar­keit = generelle Bezweifelbarkeit) nebeneinander bestehen.
19. Die mit den Bedingungen der Gewinnung der Begriffe genannte Suspension der Folgerun­
gen (von mehreren Fol­gerungen) muss immer bedeuten, dass in Übereinstimmung mit der
De­finitheit, welchem dem terminus zu­kom­men sollte, ja auch zugesprochen werden kann,
keine Folgerung (Logik) überhaupt existieren möge. Das wird hier induktiv geschlossen, weil
die Be­gründung der termini, wie sie der Erfahrung entstammen soll, die Fol­ge­rung nicht
vor­aus­­setzt und vielfach nicht zulässt. Auch ist erkennbar, dass Autrecourt sie gar nicht bezüg-
lich der als empirisch und abstrakt zu sichernden Erkenntnis verlangen konnte: die Folgerung
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 83

Es gibt den Ein­schluss des einen Ele­ments in dem anderen nicht, der sie zu­sam­
men­­bände:20 „Et ideo in ista propositione: ‘Sorti inest albedo’, melius est di­cere quod
co­pula (significat) sig­­ni­ficet il­lam in­haerentiam (actualem) accidentalem. Et tunc to-
tum complexum ha­bebit es­se ex­tra ani­mam, quia tam ex­trema quam copula. Vel si
complexum habet tantum es­se ob­iec­ti­­ve quod co­pu­la habet conceptum absolutum
per unionem et non per prae­­di­ca­tionem, li­­­­cet il­le con­­­­­ceptus signi­fi­cet respectum (re-
alem) re­alis inhaerentiae.“21 Die suppo­si­ti­ons­lo­gi­­sche Iden­­­­­­­­tität kann weder für die
onto­lo­gische Deu­tung der Sät­­ze secundum inhaeren­ti­am acci­den­tis in substantia
noch natürlich für die in der re­duc­tio ad ab­surdum greifbare Tren­nung zweier ab-
strakter Faktoren geltend ge­macht wer­den. Im Grunde muss das inesse diese Bedin-
gung der Absurdität bezeichnen; das gilt für dessen ab­strak­te Deu­tung, die bejaht und
zugelassen wird, wie für die näherhin onto­logische Ausle­gung, die Ockham repro­
biert. Das bedeutet auch, dass das accidens nicht im Sinn der Impli­ka­tion in­hä­riert.
Die Ablehnung beruht also auch da­rauf, dass eine Implikation so nicht ange­nom­men
wer­den soll. Dass eben hier­bei eine Widerle­gung (reductio ad absur­dum) möglich
ist, bedeutet, dass das inesse nicht exakt ausge­legt wer­den kön­ne, i.e. pro reali. Es gilt
zu­­gleich, dass eine Implikation nicht bestehen könne.22

konn­­te mit einer schon em­pirisch gesicherten Erkenntnis oder Begriffsgewinnung gar nicht
überein­kommen. Die Folgerung konnte kei­ne Bedeutung als Kriterium haben. Auch der Syl-
logismus hat sie nur indirekt. Cf. Summula philosophiae naturalis. Praeambula. OP VI p. 149
311–313. Danach kann die Logik sogar scientia practica heißen.
20. Rep. II q. 1 OT V p. 22 lin. 21 – p. 23 lin. 5 Wir folgen W 1495 (Rep. II q. 1 M) für die fett ge­
druck­ten Vari­anten. Sie drücken aus, dass der Satz keine ontologisch fixierte Wahrheit bezeich-
net. ‘albedo’ ist ein acci­dens; den Zu­sammenhang bezeichnet der Konjunktiv! Die inhaerentia
ist de facto real, nicht förmlich reflexiv.
21. Dem accidens in den elementaren Sätzen entspricht grammatisch die passio (SL I c. 37
OP I p. 104 lin. 3 – p. 105 lin. 11: „(passio) mul­ti­pli­citer accipi pot­est … tamen secundum quod
logicus utitur ‘passione’, passio non est aliqua res extra animam inhaerens illi, cuius dicitur
passio, sed passio est quod­dam praedica­bi­­­le mentale vel vo­cale vel scriptum, praedicabile per
se se­­­cundo modo de sub­iec­to cuius dici­tur passio.“ Wenngleich die vox oder das geschriebene
Zeichen sich auf das prae­dicabile men­­­­­­­­­ta­­le beziehen, was natürlich ebenso für das subiectum
(mit Bezug auf das obiectum als Sub­­­stanz) gilt, sollen sie vom rein mentalistischen Faktum des
Begriffs unter­schie­­­den wer­den: „proprie et stricte lo­quen­do passio non sit nisi tale praedicabile
mentale, et non vocale ne­­que scrip­tum, secundario tamen et impro­prie vox vel scriptum potest
dici pas­sio.“
22. Wenn Autrecourt die scholastischen Gehalte generell ablehnte und für absurd ausgab und
für widerlegbar hielt, mussten alle diese abzu­leh­nenden Ge­hal­te damit im­mer im Sinne des
‘in­esse’ abgelehnt werden. Bei Ock­ham dagegen wird der Kriterien­wert des Fol­gerns im Sinne
der Abstraktion bezweifelt. Die Abstraktion ent­steht und steht bei Ockham auf der Ba­sis der
Kontingenz, die dann im Sinn der ratio etwa der actus und no­ti­ti­ae im Sin­­ne von Fol­­ge­rung
nicht mehr zugelassen, vielmehr kupiert oder ausgeschlossen wird. Ein Bei­spiel: die no­ti­tia
intuitiva, wenn die Gegebenheit (existentia, praesentia) des ob­iec­tum (res extra ani­mam), die
84 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Dass Ockham diese Bedingung verwirft, bedeutet, dass er eine andere Wissen­
schaft be­treibt. Darin gibt es keinen Grund im Abgelehnten und nach dem Sinn der
Ableh­nung oder ab­­ge­lehn­­ten An­nahme. Der Weg der Abstraktion(en), den Ockham
be­schrei­­tet, muss ja auch be­sa­gen, dass die Basis, auf der diese sich erhebt (erheben),
wesentlich negativ und posi­tiv gedeu­tet wer­den muss, also doppeldeutig ist und ja
und nein besagt, damit aber ei­ne Ab­leh­­­­­­nung (Ex­­­klusion) von Exklusivität besagt. Die
Abstraktion und die Kritik der on­to­­­­lo­gi­schen Deu­tung der inhaerentia des accidens
in substantia (denn darum han­delt es sich) ent­spre­­chen sich nicht; sie werden nicht
innerhalb derselben kontinenten Men­ge von Ope­rationen begründet bzw. verworfen.
Refutation und Abstraktion decken sich nicht. Ockham muss da­­mit eine Aus­schlie­
ßung per argu­men­­tum, die er im Sinne der reduc­tio ad absur­dum betreibt, als gegenläu­
fig zur Abstraktion an­sehen, wenn denn diese mit De­fi­nit­­heit zu tun haben kön­nen
soll. Wi­der­legung, reductio ad absur­dum, Abstraktion und In­duk­ti­on ha­ben alle nur
einen po­sitiven Wert. Sie können also nicht aus sich und als solche, sei es ontolo­gisch,
sei es an­thro­pol­ogisch (quasi psychologisch) interpretiert und begründet wer­­den. Da­­
mit gehören sie noch ei­nem no­mi­­­nalisti­schen Zei­chen- oder Begriffsverständnis an
oder ste­hen ihm nahe. Argu­men­­tati­ons­­formen überhaupt noch einmal auf einen sol-
chen oder ir­gend­einen Zeichenbe­griff zu bezie­hen, hieße, dass Zeichen, Inhalt, Logik,
Deduktion zu­sam­men­gesehen werden könn­ten.23 Bei Ockham ist das nicht der Fall.
Schließlich kann auch die qualitative Be­­stim­mung von Akten und notiti­ae nicht im
Sinn von Referen­zen und Effek­ten kausal, kau­sal­ana­ly­tisch oder logisch nach irgend­
einer onto­logischen Deckungs­gleich­heit von substantia und ac­ci­dens ausgelegt wer­­­
den.24 Auch hier ist nicht Deduktion im Sinn von Folgemäßigkeit mög­lich.

in die in­halt­liche Definition der notitia intuitiva einge­gan­­­­gen ist, mit dem extensio­na­len An­
spruch faktischer Gegeben­heit nicht gleichlautend sein müs­sen soll. Widerlegung ist da, wo ‘In-
dividualität’ nicht Abstraktion (Allgemein­heit) sein oder stützen kann. Cf. Anm. 13, 15 und 18.
23. Ockham erörtert die verschiedenen Auslegungen der Begriffsnatur, die oben anklangen,
im Sinne der re­duc­tio ad absurdum, was bedeutet, dass man die­se Aus­­­legungen nicht absolut
nehmen muss oder kann. W. Chat­ton, Rep. sup. Sent. Bd. 1 p. 212 lin. 14 sqq. versucht ebenfalls
Widerlegungen: „Item accipio arti­cu­­lum fi­dei is­­­tum in mente ‘Deus est trinus et unus’ sub-
iectum huius aut im­­mediate rem extra animam, et hoc est propo­si­tum, quia nul­­­la alia res est
trina et una ni­si De­us; aut significat fictum, quale fre­­­­­quenter ponis, saltem sub dis­junc­tione,
et aliquando te­nuisti absolute, et tunc illud fictum es­­­set tri­num et unum, et alia multa absurda
se­que­­ren­tur.“ Bei Ock­­ham ist aber das intramen­ta­­le Verständnis des Satzes, wie der viator ihn
habe, bestimmend.
24. Die­se Bestimmungen, i.e. reflexive Aus­sagen über Begriffe und elemen­tare Sätze, also kon­­
tin­gen­te Sätze und ihnen noch ver­wand­te und naheliegende, denen sie selbst nicht angehö­ren,
bleiben dabei der Kontingenz ver­pflich­­­tet und auf der abstrakten Ebe­ne auf sie bezogen. Die
Kontingenz bezieht sich hier auf die im Sinne ver­schie­dener kau­sale Referenzen mögli­che un­
ter­schiedliche Fälle des Vorkom­mens, des Eintretens und des Be­dingt­­­seins der notitiae und ac­
tus, die man bestimmt und nach ihrer Reichweite und multi­plen Funktionsweise re­flek­­tiert.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 85

Ockham egalisiert den Begriff vom Be­griff (universale) und den Begriff von der
res extra; mit­hin einem Begriff von Sachen:25 „Nulla una res non variata nec multipli-
cata est in pluri­bus vel singularibus. Nec etiam quibus­cumque individuis creatis simul
et semel. Sed ta­lis res si poneretur esset una numero.“ So ist denn auch das universale
nicht Teil der essentia der Din­­­­­­­­ge: „Ergo non esset in pluribus singu­la­ribus nec de es-
sentia il­­lorum…“ Dabei fragte Ock­ham: Utrum aliquid reale pos­­­sit distingui secundum
rationem ab aliquo reali. Für die Sa­che im Sinn der res extra ani­mam gilt dann, dass
eine Abstraktion nicht möglich ist, in wel­­cher die­­­­se Sache gleichsam ver­doppelt wer-
den, so dass Abstraktion von ihr verschie­den sei und ihr angehöre:26 „si eadem res
a se ipsa vel ab alia re differret ratione, hoc non es­set nisi prop­ter di­­ver­sas ra­tiones
fabricatas circa eandem rem vel easdem res, vel quia ali­ter con­ci­pi­tur eas­dem res ab
in­tel­­lectu. Sed primum non sufficit quia sicut in­tel­lectus potest for­ma­re di­­­versas ra­tio­
nes realiter distinctas circa eandem rem, ita causa realis pot­est formare di­­versas res
reali­ter distinctas cir­ca eandem rem; sed non obstante quod circa eandem rem et in
eadem re fiant res diversae rea­li­ter distinctae nunquam dicetur quod illa res realiter
distingui­tur a se ipsa vel (W 1495 statt sed Ed. ) quod illae res fac­tae vel aggregatae
ex illa una et duabus re­bus factis dis­tin­­gui­­­­­­tur rea­li­­ter.“ Dabei ist die Ab­straktion als
Produktion gewissermaßen real (oder ver­gleichs­­wei­se) mit der Verursachung gleich­
ge­setzt worden. Auch Verstand und Vermögen wer­­­­­den, was die Kau­sa­lität angeht und
für die Induktion, mit normalen res extra animam gleich­­gesetzt und von an­de­ren res
getrennt.27 Diese Beweisführung begründet Ockhams The­se:28 „ad quaesti­o­nem re­s­­
pon­­deo … quod nihil reale potest distingui nec esse idem ra­ti­one cum ali­quo reali ita
quod sic dis­­tinctio rationis et identitas rationis se habent ad etiam re­alia et hoc for­­te
non ex­clu­­dendo dis­­­­tinctionem formalem et identitatem ubi debent poni. Ideo di­co
quod nul­­la res nec a se ipsa nec a quacumque alia poterit distingui vel esse ea­dem
ratio­ne.“ Erkenn­bar ist so auch die dis­­tinc­tio formalis (neben der identitas formalis)
von der bloßen Abstrakti­on getrennt, wie es der Mo­dus überhaupt sein muss.29 Dabei
kann die dis­­tinctio formalis, wie Ockham gegen Duns Scotus zeigt, nicht eine Diver-
sität von quidditativum (subiectum) und denomina­ti­vum (als passio) begründen und
so (per Ergebnis oder laut Postulat) Gleich­wer­tigkeit mit der dis­tinc­tio realis haben
und noch die Suppositionsidentität im kontingenten Satz wah­ren.30

25. Ord. d. 2. q. 3 OT II pp. 74–99.


26. Ib. p. 75 lin. 12 – p. 76 lin. 3.
27. Der Verstand ist sowohl immaterialis wie er auch den Kausalverhältnissen unterliegt. Cf.
schon Anm. 8.
28. Ib. p. 75 lin. 4–11.
29. Cf. Anm. 78.
30. Damit will Duns Scotus mehr als kontingente, nämlich notwendige wissenschaftliche Sätze
erhalten. Cf. hier­zu ein praktisches Satzbeispiel in Kap. 4: fides et scientia Anm. 40.
86 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Es gilt dabei, dass das universale kei­ne res extra animam sei:31 „subiectum (propo-
sitionis) non est aliqua res extra animam sed est quidam concep­tus men­tis supponens
praecise pro ip­sis ho­mi­nibus singularibus.“ Dabei kann auch nicht das uni­versale
express als einem Real­ding bzw. als ei­nem realen Ding (extra animam) vergleich-
bar gedacht werden:32 „nec requiri­tur quod prae­­di­cetur de aliqua re universali quia
tunc num­quam talis uni­versalis possit suffici­en­­ter in­du­­­ci ex suis singularibus quod
est contra ve­ram logicam.“ Denn dann wäre der Be­weis, der oben ge­führt wurde, un-
gültig. Aber zugleich wäre die wahre Logik (vera logica), wel­che das ab­sur­dum formal
(innerhalb der refutatio) zwar anerkennt, aber nicht real setzen darf, aus­ge­schlos­sen
und verlassen worden. Die formale Distinktion bzw. die formale Iden­ti­tät, welche von
Duns Scotus vor al­lem bekannt sind, sind nicht im Sinne der Re­a­lität und der induc-
tio ex realibus schon ausgeschlos­sen wor­den, wenn (und wann im­mer) ‘Identität’ und
„Di­versität“ in den Sachen, bzw. zwi­schen ihnen die Beweise Ockhams konstitu­ie­ren
und so auch wie sie Kausalität zulassen (ein­schlie­­ßen) und damit effektive Ansichten
und de­finite (ver­lässli­che) Konzepte ergeben oder verwen­den. Das ‘Verwenden’ und
das ‘Erge­ben’ sind nach Ockhams Methode konvertibel, da über die Begriffe und ih­re
Zu­läs­sigkeit ganz im Sinne der Fest­­­stellung derje­nigen opiniones befunden wird, in
de­nen sie vor­kom­men. Das Ver­fah­ren ist al­so implikativ. Die Begriffe werden nicht
ge­gen­über den Ansichten oder opi­ni­­ones, bzw. den Sachver­hal­ten, die sie betreffen
sollen, ‘un­gebunden’ gebraucht. Wir kön­nen dabei extra­men­­­ta­le (em­piri­sche) Sach­
verhalte denken und zugleich Fest- und Richtigstellun­gen über den Ge­brauch von
concep­tus mit der Formulie­rung von dieserart dann intensionalen Sach­verhal­ten vor-
nehmen.33
Ockham muss für sei­ne Beweise keine Begriffe oder Inhalte mehr spalten, wie
das Duns Sco­­­tus tut, denn einmal op­eriert er ja intensional sich reflexiv auf eine Stu-
fe beziehend, auf der Be­­­grif­fe in Bezug auf die Bezeichnens- und Deutungskapazi-
tät des Denkens ange­nom­­­men und reflektiert werden und zum anderen ist bei der
unmittelbaren Gegebenheit der Objekte und des Objekts im Sinne der verwendeten
reflexiven Begriffe, wie identitas rei, dis­tinctio, di­s­­­­tinc­tio realis, distinctio ra­­­tionis etc.
‘jeder denkbare reale Gegen­stand, Begriff, Be­griffsgel­tung’, auf die man sich be­ziehen
könnte, potentiell mitgegeben, i.e. eindeutig nicht aus­ge­schlos­­­­sen, somit indirekt
gegenwär­tig. Also auch Gott als Gegenstand. Es lässt sich sagen: ‘Non est magis ratio
quod non sit ali­qua res in­ten­ta etiam existens vel praesens ut intenta est’. Das bedeutet,
dass die Wider­le­gung nach dieser Anlage quasi ausgeschlos­sen ist. Duns Sco­­­­tus dage-
gen operiert inten­ti­onell in einem größeren Abstand von der res extra, aber mit dem
Anspruch unmit­tel­bar ge­mäß der onto­logi­schen Aufschließung der Dinge oder nach

31. Ord. d. 2 q. 4 OT II p. 143 lin. 1–3.


32. Ib. lin. 4–7.
33. Generell lässt sich sa­gen: Die Ar­gu­mentation ist intensional und gilt extensio­nal. Letzteres,
sofern die Be­­grif­fe förm­lich generellen Bezeichnungen wie res usw. unterstehen, auf die die
begriffli­chen Ope­rati­ons­mittel, wie dis­tinctio realis, identitas rei usw. bezogen wer­den.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 87

der Geltung seiner Prin­zipien bei der Realität extra animam nach deren in­nerstem
Grund zu sein, nicht bloß nach deren Er­schei­­­­­nung. Seine Prin­zipien gelten ihm real
(realissime), so­bald sie verwandt oder ‘be­grün­­det’ (eventuell seiner Meinung nach
„bewiesen“) werden. Dass die Be­gründungen, Be­wei­se, Prin­zi­­­­pi­en und Sätze nicht
‘gelten’, wenigstens nicht uneinge­schränkt oder unbedingt, zeigt Ockham dann mit
seinen Beweisen, resp. Widerlegungen.
In einem oben zitierten Satz wird die Vorstellung bzw. Hypo­these angeführt, dass
der actus men­­­­talis bloß ein obiecti­vum esse in mente habe; sie bedeutet nach Ockham,
dass der Satz nicht mehr im Sinne der Prä­­di­ka­tion gebildet erscheine, also ent­stan­den
sei. Inesse ist ein con­cep­tus absolutus, der mit den Extrema, also s und P, ver­einigt
wurde, aber nicht mehr im Sin­ne der Einsicht oder Wahrneh­mung. Seinen realen
Sinn aber be­hält er nach dem Wortlaut. Da­­­­­­­­­­­­ge­­gen kann es keinen Ein­wand geben.
Die Hypothese vom obiectivum esse des Satzes oder ac­tus apprehensivus ent­spricht
also mehr dem Charakter der notitia ab­strac­tiva, in welcher der Satz schließlich auch
erscheinen oder angenommen wer­den muss. Grundsätzlich sind actus men­­­­­­­­­talis oder
actus apprehensivus und res voneinander (re­al) ver­schie­­den. Alle Differentia (Dif­­­­­
ferenzierungen) können keine Schlüsse begrün­den. Ockham arbeitet ja stets bei der
Ver­­­­­­­­teidigung seiner An­sichten oder bei der reprobatio ali­arum opini­o­num mit der
Aufhe­bung von für zwangsläufig ge­haltenen Schlüssen und Folge­run­gen und er­setzt
sie durch die in­­stan­ti­­­ae, Ge­genfälle etc. Sie begründen dann andere Be­haup­tungen.34
Die Annahme, dass der actus apprehensivus, wie er in mente35 ist, Ausdruck
oder Inbegriff bzw. Gegenstand des Erkennens sei, mit der notitia abstractiva als
überfassendem Begriff iden­­­tisch, hat darin ihre Grenze, dass der äußere Gegenstand
des Erkennens, wenn er de fac­to nicht mehr empirisch ist oder empirisch grund-
gelegt werden kann, wie es bei Gott selbst­re­dend der Fall ist, nicht durch a priori

34. Auch bezüglich der Quantifizierung und dem Verhältnis von abstrakten und konkreten
Be­­grif­­fen durchkreu­zen sich logische mit universalientheoretischen bzw. onto­logischen Fragen.
Cf. SL I c. 4 O P I p. 15 lin. 17–19: „Un­­­de hoc syncategorema ‘omnis’ non habet ali­quod cer­tum
sig­nifi­ca­tum, sed additum ‘ho­mini’ facit ipsum sta­re seu supponere ac­tu­aliter si­ve con­fuse et
dis­tri­­bu­tive pro omnibus ho­mi­nibus.“ Ib. cap. 5 p. 16 lin. 14 – p. 17 lin. 2: „Quandoque enim
con­cre­­tum ali­quam rem sig­nificat vel connotat sive importat seu dat intelligere, pro qua et­i­am
suppo­nit, quam ab­strac­­tum nullo modo significat, nec per conse­quens aliquo modo supponit
pro ea­dem.“ Ähn­lich zur Diffe­renz konkreter und abstrakter nomina ib. c. 5 – c. 9. De concretis
et abstractis. Sie werden be­schrie­ben c. 5, lin. 4–11, bes. lin. 5–6: Quod con­cre­tum et ab­­stractum
sunt nomina consimile principium se­cun­dum vo­cem ha­ben­tia, sed non consi­mi­li­ter terminan-
tur.“ Beispiel: album und albedo. Dazu lin. 8–10: „Et semper vel frequen­ter ab­­stractum ha­bet
plures syllabas quam concretum, sicut in praedic­tis ex­emplis ap­paret.“ „Con­cre­tum sup­po­nit
pro subiecto pro cui realiter inhaerente for­ma qua­cum­que vel accidente ab­strac­tum sup­po­nit.“
35. Cf. Ord. Prol. q. 3 OT I p. 134 lin. 16: „propositio habet triplex esse sc. in mente, in voce, et
in scripto.“ u. Ord. d. 2 q. 4 OT II p. 134 lin. 11.
88 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

verstandene actus apprehensivi ersetzt werden kann.36 Eher müssen wir den Satz ab-
solut setzen und dann durch Be­wer­­tun­­gen von Schlüssen be­stim­men. Damit ist aber
noch nicht die res extra ani­mam Ob­jekt der Er­­kenntnis oder der Wissen­schaft (sci-
entia), wie denn auch für die notwendi­gen Er­kennt­nisse in syl­logistischer Form die
kontingenten Aussagen ausgeschlossen werden muss­ten. Das Ob­jekt der Erkenntnis
ist für Ockham der Satz, nicht das durch das Satzsubjekt bezeichnete Ob­jekt extra
animam. Der Satz seinerseits entspricht in nichts der res extra. Indem gewisse Schlüs-
se nicht gezogen wer­den (kön­­nen sol­len), werden accidentia gekappt und auf dieser
Ba­sis Induktionen möglich, was wieder be­deu­tet, dass Kontingenzen einbegrif­fen
werden und über diesen Abstraktionen aus­geführt wer­­den. Die­­­se konkludieren mit
den ra­tiones. Die ratio­nes aber bezeichnen die spe­cies und in an­de­ren Fällen (in der
Naturphilo­sophie) die forma.37
Ockham hat bestritten, dass a limine eine Korrespondenz von Erkenntnis und
realgegen­ständ­licher Gegebenheit bestehe, also von notitia intuitiva und res extra
oder ens. Dabei ist fest­zu­halten, dass ens, res und substantia oder quidditas sich
begrifflich entsprechen. „Non po­t­­est a nobis evidenter cognosci quod omne ens est
a nobis cognoscibile intuiti­ve.“38 Die ent­spre­chen­­de Ansicht des Duns Scotus, der
Ockham hier wider­spricht, setzt abstrak­ti­ve Kenn­bar­keit aliquomodo, also unbe-
stimmt und unableitbar, der intu­i­­ti­­ven gleich. Indem hier die Ab­leitbar­keit fehlt, also
am Ende die intuitive Wahrnehmung noch nicht in ei­ne ver­all­ge­mei­nernde fort­­gesetzt
und übersetzt werden kann, gibt es den all­ge­meinen Cha­rak­ter ei­ner Er­kenntnis, die
von jedem ens gälte, nicht. Duns Scotus hatte das für seine Wissen­schaft und Wis­
sen­schafts­lehre in Anspruch genommen; sie war de fac­to auf Allge­mein­begrif­fe ge­
grün­­det, die, in der Analogie zur notitia intuitiva, beliebig gebildet und ange­nom­men

36. Ockham muss nicht Chattons angeblichen Widerlegungsbeweis (cf. Anm. 23) führen; es
reicht für ihn fest­­­zu­stel­len, dass für uns Begriff, Satz oder Ausdruck von Gott, den wir nicht
empirisch wahrnehmen, nicht im Sin­ne realer Erkenntnis gelten können. Er wird auch nicht
menschliche Erkenntnis, wenn Gott eine solche notitia ab­strac­­tiva dem beato neben dessen
visio beatifica erzeugte. Das ist nach Ockham per possibile denkbar.
37. Y. Zheng, 2001 untersucht das Verhältnis der incomplexa zu den complexa und problema-
tisiert es im Sinne von In­­kongruenzen, die die inhaltliche Erkenntnisidentität aporetisch (pa-
radox) erscheinen lassen. Das ist an eine se­man­tische Adäquatheitsregel gebunden, in Bezug
auf die Indefinitheiten festgestellt werden. Damit werden Wi­­der­­sprüche maßgeblich und als
hinderlich ausgegeben, die Ockham argumentativ und konstruktiv für den ac­tus ap­prehensivus
ab­wehrt. Er ist (auch als Satz) eine ‘imaginäre’ Größe, die keine semantische und analytisch-
lo­­gi­sche Bindung haben kann. Innerhalb des actus ap­prehensivus werden complexum und in-
complexum und eben­so außerhalb der oratio mentalis, die Zheng maßgeblich und problema-
tisch macht, vereinigt – per Induktion.
38. Ord. Prol. q. 9 OT I p. 237 lin. 18–20 Ockham zitiert Duns Scotus mit gleicher Meinung ib.
lin. 20: „eti­am se­cun­dum istum Doctorem“, der sich damit äußerlich widerspricht.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 89

wer­­­­den konnten.39 Ockhams Behauptung kommt einer Exklusion gleich. Die Scotische
Be­­­­­haup­tung ‘wi­der­spricht’ dem was beweisbar ist. Die notitia muss, grundsätzlich, re-
alen empiri­schen oder kon­tin­genten Ge­genständen gelten. Wenn das nicht gesichert
ist, kann eine Be­weis­bar­keit für Sach­­verhalte des Erkennens oder aber Beweisens
und Denkens nicht ange­nom­­men (be­haup­tet) werden. Es gibt daher eine all­gemeine
‘Beweisbarkeit’ (Idee da­von), wel­che be­sagte, dass der ‘Be­griff ’ oder die reflexi­ve

39. Die sog. „‘Schlüs­­sel­begriffe’ der Spätscholastik“ notitia intuitiva und notitia ab­strac­­­­ti­­va wur­
den terminolo­gisch wechselnd ge­braucht. Ockham selbst Ord. Prol. Ib. p. 30 lin. 6-11: „dico
er­go quantum ad illum arti­cu­lum: quod incom­ple­xi est/potest esse du­plex notitia, quarum
una potest esse/vocari notitia intuitiva et alia ab­­strac­­tiva. Utrum ta­men alii ve­­lint vo­ca­re ta-
lem notitiam intuitivam non curo: quia hoc so­lum intendo (princi­pa­li­ter) pro­ba­re quod de
ea­dem re in­tel­lec­tus potest habere duplicem notitiam incomple­xam specie distinctam.“ (Im
Zitat stel­len wir den Wiegendruck 1495 neben die Ed.) Ockham betont implizit, dass Argu­
men­­tation (oder das Be­wei­sen) für das Ermitteln der im Grunde intensi­o­nalen ‘Sach­ver­hal­te’
und Bezüge bei ihm Vor­rang hat und die Be­wie­­se daher auch nicht not­wen­dig von ih­ren blo­
ßen Definitionen ab­hän­­gen können. Ein „in verbis si­mus faci­les.“ Vorder­grün­dig ent­spricht es
ei­nem wech­seln­den terminologischen Gebrauch derselben Aus­drüc­ke bei den ver­schie­­denen
Au­to­ren: Duns Sco­tus, Durandus, Johannes von Neapel, Petrus Aureoli, Fran­cis­­­cus von May­­ro,
Adam Wod­ham, Gre­gor von Ri­mi­­ni, Marsili­us von Ing­­hen, Peter von Ail­ly, Al­fonsus Var­gas
Toledanus, u. a. Cf. S. Day, A. Pel­zer, P. Vig­­naux. Variabel (nicht festgefügt) ist oder scheint zu­
nächst auch Ockhams Um­­gang mit diesen beiden Vokabeln: es gibt neben der notitia abstrac-
tiva in­com­plexa von ei­nem con­cep­tus auch die no­titia abstrac­ti­va von ei­nem Satz (complexum).
Ockham spricht von notitia abstracti­va pri­ma und notitia ab­strac­tiva se­cun­da; er definiert ei­ne
no­­­­ti­tia abstractiva von termini und com­­ple­xa im über­tra­­ge­nen Sinn, die nicht wie mensch­lich
empirisch von der antezedenten notitia intuitiva ab­hän­­gen. Aber das ist dann wie­der Ange­le­­
gen­heit der Argu­men­­­ta­tion (persuasio usw.) Es gibt eine notitia intui­t­i­va imperfec­ta, die In-
terpreten wie Boeh­ner Schwie­­­rigkeiten bereitete: Sie betrifft die intuitive Wahrnehmung von
kontingenten Sach­ver­halten, die der Ver­gan­genheit ange­hö­­ren: ‘murus erat a­lbus’. Hier ist die
Verifikation, an sich die Domäne der notitia in­tui­ti­va, in­so­fern nicht mehr mög­lich, als der
Gegenstand der Wahrnehmung nicht mehr präsent ist. Man ist auf die Er­in­ne­­rung (recor­da­­tio)
verwiesen. Als solche notitia intuiti­va imperfecta ist dann u. a. von Ockham auch die noti­tia
ab­­­stractiva gese­hen worden; mit der propositio contingens im Sin­ne der notitia ab­strac­­ti­va,
die einen sol­chen Satz durch recor­da­tio bewahrt und der propo­si­tio per se nota ist man in der
Zone der Abstraktion. Sie setzt Data des Verstandes, im Ver­stande. Ockham setzt ei­nen gewis-
sen gemein­spätscho­las­ti­schen Wortge­brauch vor­aus­ und behan­delt die­sen relativ konziliant,
wenn er auch vielleicht bloß ei­ne bestimmte Les­art oder per de­finitionem ge­­gebene Be­deu­t­ung
als taug­lich oder rational, d. h. definit oder von instantiae be­freit ansehen will und aus­wählt.
Die eine in­haltlich reale Bedeutung eines Terminus wie noti­tia intu­it­iva (oder no­titia abstrac­
ti­va) wird dann doch durch die multifungible hypothetische Verwendung gleichsam er­setzt.
Dabei werden die Be­griffe die­ser notitiae über ver­schie­dene casus, mit denen sie zu zerfallen
und wider­sprüch­lich oder widrig zu werden schei­­­­nen, hin­weg durch persuasiones ge­halten
und gestützt, also widerspruchs­frei gemacht. Sie werden fortlau­fend weiter begründet. Da­bei
werden Ma­ximen reduziert, gar verworfen, die da­wider zu sein schie­­­­­nen: Ockham findet Ver-
gleichsfälle auf, die die Re­duktion, Verwerfung, Be­strei­tung der in den Einwen­dun­gen ge­ne­rell
ver­nei­nend gebrauch­ten Ma­xi­men zulassen. Dazu nochmals bes. Kap. 12.
90 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Annahme über Begriffe empirisch sein müs­se (oder: formell auf Empi­rie ausgerichtet
zu gelten habe). Es gibt also auch keine Theo­lo­gie oder theo­logische Wissen­schaft, die
das beliebig über­­schreiten könnte.40 Es war die Idee des Duns Scotus. Das Verhältnis
der notitiae (abstractiva und intuitiva) zu Begriffen und Aus­sa­­gen, welche sie über­fas­
sen, erlaubt und ergibt niemals (die) Allge­mein­heit, nach der Aus­sa­gen und ihnen ge-
mäß die Erkenntnisse (notitiae) allgemein wären. Immer werden Vergleichs­fäl­le (in-
stantiae) und per­suasiones – unter Einbezug von Differen­zie­rungen, die Mo­difikation
von Kausalrelationen besagen – die inhaltliche Begrenzung der so bloß inter­me­di­ären
Hypo­thesen ergeben können, so dass eine Allgemeinheitsbehauptung unterlaufen
und bestritten wer­­den kann, i.e. am Ende ausgeschlossen werden muss. Damit ist
aber (unbe­dingt oder be­dingt) auch die Logik ausge­schlos­­sen.41 Das Folgern ist nicht
mehr die regie­rende Opera­ti­on.42 Die Abstraktion tritt an die Stelle.43

40. Die Leitfunktion des Beweisens ist bei Ockham syllogistisch verfasst, wie sich stets zei­gt.
Cf. Prol. Ord. q. 1 OT I p. 73 lin. 22 – p. 74 lin. 3: „Et quan­do pro­ba­tur quod ista ‘Deus est trinus
et unus’ non potest fie­ri nota per ali­quam propositionem pri­o­rem et notiorem, dico quod sic,
quia illud praedicatum prius com­petit Deo in se vel ali­cui intentioni impossi­bi­li in­tel­lec­tui via-
toris quam isti concep­tui quem de facto habemus et qui est subiectum in propositione habita
de com­­mu­ni lege.“ Da­mit wird abstrakt eine Möglichkeit zugelassen, die einfach rein per­su­asiv
nicht ausgeschlos­sen ist, da wir die termini oder intentiones, die zur Einsicht nötig und eben
auch möglich wä­re, de fac­­to nicht ha­ben (ib. q. 2 p. 117 lin. 14–18): „Quod omnia praedicabilia
de Deo in se, quae sunt dubita­bi­­lia de con­­­­ceptu com­posito proprio Deo quam nos ha­be­mus de
facto, sunt de illo conceptu demon­stra­­bilia per di­­vinam essentiam in se tamquam per medium,
vel per cog­nitionem distinctam de­­i­tatis.“ Hiermit wird da­rauf an­ge­spielt, dass eine Erkennt-
nis direkt am Ge­gen­stand ‘Gott’, mit die­sem als terminus, er­folgen könne. Die­se Er­kenntnis
hat der viator nicht; sie kann nach Ockham nicht zur Ab­lei­tung hu­ma­ner Er­kenntnis benutzt
werden, die mit menschli­chen Begriffen erfolgen muss, wel­che nie­mals an einem Ge­genstand
Gott gebil­det werden konn­ten. Doch kön­nen unsere Be­griffe von Gott, vor allem in zusam­men­
ge­setzter Form, benutzt wer­den, weil darin die Ein­­zig­keit Got­tes ge­wahrt bleibt und faktisch
nicht ausge­schlos­­sen werden kann, dass es die­ses We­sen ge­be; sonst überschritten wir unsere
Schluss­kompetenz. Davor macht un­se­re ‘Logik’ mit Ockham Halt.
41. Es ist so die Frage, in welcher Weise das aristotelische Schema des Operierens, so­­­­weit es
sich bei Ockham fin­­det, mit der Einführung von instantiae, dem indirekten Be­weis usw. als
logisch gebundenes betrachtet werden könne.
42. Es geht mehr um Bewertung von Schlüssen.
43. Die Allgemeinheit, die mit einer der notitiae etwa veranschlagt werden können sollte,
wenn man das meint, müss­te im Grunde immer einen Relationsbegriff substantial erfüllen, i.e.
eine Er­füllung bedeuten, die substantial zu gelten hätte. Das ist gegen die Induktion gerichtet,
die denn selbst solche Grundlagen nicht hat. Die notitia kann nicht in Begriffe (als Akte) oder
Sät­­ze ‘hinein’ entwickelt werden derart, dass daraus die Bestimmung (Be­stimmt­heit) der noti­
tia sich ergäbe. Es gibt so keine essentielle Qualität (substantia + accidens, proprium). Man
kann sagen, dass in dieser Weise förmlich und künstlich, aber unbegründbar, Duns Scotus
sei­ne Deduktions­tech­nik angesetzt habe. Bei Ockham wird die ratio notitiae, aber auch die
ra­tio eines anderen Funktionsbegriffs, et­­wa subiectum (propositionis), niemals als Ausdruck
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 91

Die Schicht der suppositionslogisch im Wesentlichen für kontingent erklärten


Sätze steht für Sät­ze, bei denen Apostrophierungen im Sinn des Realitätsaspekts (der
realistisch oder uni­ver­sa­lientheoretisch interpretierbaren Geltung) ausscheiden. Es
gibt Folgerung grosso modo nur als Beitrag zu einer intensionalen Deutung von Sät-
zen, bei denen ein vorgreiflicher Bezug auf die Realität alias die Geltungspräsumtion
ausfällt. Folgerungen, die sie auszudrücken hätten, gel­­ten nicht und werden abge-
lehnt.44 Es gibt Folgerungen entsprechend nicht als reale Er­schlie­­­­­ßungen der Welt.45
Das Beweisprinzip entfällt, wenn die Beweisinhalte fehlen. Das gilt ge­ne­rell und kann
in Ein­zel­fällen demonstriert werden. Z. B. wenn Ockham er­klärt:46 „(Un­de) per nul­­
lum ef­­­fec­tum potest probari quod aliquis sit homo, maxime per nullum effec­tum qui
appa­ret in no­bis, quia omnia quae videmus in homine potest angelus incorporatus fa­
ce­re, si­cut come­de­re, bi­be­­re etc. Patet de angelo Tobiae.“ Die Stelle findet sich im Buch
Tobi­as.47 Hier sagt der En­gel, der den jungen Tobias begleitete: „Es schien wohl, als
äße und trän­ke ich mit euch; aber ich brau­che unsichtbarer Speise und eines Trankes,
den kein Mensch se­hen kann.“ Man glaubt fast an einen Kalauer: ‘Essen’ und ‘Trin-
ken’ als Wirkungen sollen nicht auf den Men­schen ver­­weisen, weil diese mit bloßem
Schein auch an einem Engel auf­tre­ten kön­­­­nen; eine an und für sich abstruse Unter-
stellung. An der Substanz des Engels würden sie in der Tat bloß Schein sein, also
nicht real; in dem Sinne könnten die effectus auf den Men­­schen nicht bezo­gen sein
und nicht von ihm zeugen. Anders ausgedrückt: sie könnten es nicht, inso­fern sie gar
nicht exi­stierten und vorhanden waren. Ockham konnte insoweit die effec­tus nicht
empirisch kre­di­tiert haben. Die Sa­che ist aber auch noch anders: Eigen­schaf­ten und
so auch Wirkun­gen er­­halten bei Ockham kein substantielles Fundament, das analog

de­fi­nitions­ge­mäßer Verknüpfung und Verschränkung einer sub­stantia mit einem accidens


(oder propr­ium) angesehen. In dieser Weise blieben die Bestimmungen der notiti­ae und eben-
so aller Funktionsbegriffe (wie subiectum) auf akzidentelle Umstände und kontingente Fälle
bezogen und beschränkt, von denen nicht eine oder einer bevorzugt aus der Bestimmung ent-
wickelt wer­den kann, i.e. ihr analytisch zugehörte. In dieser Art werden bei Ockham alle ‘Supra­
grö­ßen’ etwa forma eben auf bloß kontin­gen­te Fakten, Gegenstände oder Aussagen (Sätze) be­
zogen (s. etwa in der Naturphilosophie). Forma wird derart nicht kausal, kausalanalytisch, oder
gar logisch fest adaptiert. Auch Effekte können so nicht unabänderlich kor­re­­liert wer­den. Cf.
hierzu insbes. Kap. 7: Formbegriff und reale Wahrheit.
44. Daß sie für gewöhnlich auch widerlegt werden (kön­nen), beruht auf einer Struktur, auf ei­
nem Schema, über das im Folgenden noch gesprochen werden soll.
45. Die Suppositionslogik ersetzt, sofern es in ihr um die von ihr gebilligten Auslegungen und
Folgerungen geht, die Ontologie. Diese ist dann, realempirisch oder universalien­the­ore­­tisch
verstanden, als Deutung ab­ge­lehnt wor­den, nicht dem Ausdruck nach. Dieser muss im Sinn
dann approbierter consequentiae zugelassen wer­den. Eine strik­­te Op­position ‘logica versus on-
tologia sive metaphysica’ ist schief.
46. Rep. II, q. 3–4 OT V p. 73 lin. 5–8.
47. Cap. 12 v. 19.
92 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

auch in sich oder als sol­­ches intelligibel wä­re. Derart ist eine Erkenntnis qua Struktur
nicht ge­währ­lei­s­­tet. Äqui­va­­lent ist eine ‘em­pi­rische’ Erkenntnis, die pseudo-em­pirisch
Er­kennt­­nis wäre von dem was der Em­pirie und der Er­kenntnis zugrunde läge, und
von dem was sie ‘aus­ma­chen’ (oder ver­mit­teln) könn­­­te, nicht gegeben. Es gibt keine
Ableitung der qualitas aus der substan­tia, ent­­­spre­chend kei­ne Begründung für sie in
einer logischen Operation.48 Es gibt hier­­­mit ei­ne Fol­­ge, bei der der Engel wirklich die
Nahrung zum Schein neh­­­men kann, die er gleich­wohl als re­­­elle nicht benötigt. Denn
auch die re­el­le Qualität ist schon nicht er­kenn­­bar in der substantia ge­bunden.49 Der

48. Au­tre­court besitzt also zunächst scheinbar jeden Klagegrund. Ockham gegenüber indes
nur, wenn dieser aus diesem Manko die falschen Konsequenzen gezogen hätte, bzw. wenn
Autrecourt es korrekt, determinat und wi­derspruchsfrei exponiert hätte. Ockham kann aber
hier induktive Folgerungen ziehen, die auf einem Mangel an Erkenntnis beruhen, den Autre­
court als entscheidenden Mangel unseres Erkennens und Beleg für die Unwer­tig­keit des scho­
las­tischen Denkens und womöglich auch Beweisens geltend machen will. Das geht nur, falls
Au­tre­court, indem er eine analytische Erkenntnisweise und Folgerung zwi­schen den Begriffen
(zudem als einzig le­gi­tim) ansieht und fordert, diese aber auch zugleich als syntheti­sche denkt
oder unterstellt; denn die Begriffe und ich­re Klassifikationen (nach sub­stantia und qua­litas)
sind ja schon gegeben. Ist das der Fall, so besteht Autre­courts Forde­rung nicht mehr ohne
Selbst­wi­­der­spruch. Es werden vielmehr nur noch Operationen erlaubt sein, die auf ei­­­nen sol-
chen em­­pirischen Beleg nicht mehr rekurrieren, sondern ihn vermieden. Sie hat Ockham ausge­
führt und konzipiert. Es geht um eine Aporienvermeidung, bei der die Operationen an die
Stel­le der Aporie zu tre­ten ha­ben, die sie dann als (‘einzig’) legitime Erkenntnisweisen auch
übertreffen. Diese Aporie wird hier über das nicht ineinander auflösbare Verhältnis von sub­
stan­­tia und qualitas ebenso bezeichnet, wie vermöge der nicht ver­mie­denen Gleichheit von
ana­­lytisch und empi­risch, die jede, auch die scholastische Erkenntnis- und Wissen­schafts­­t­heo­
rie desavouieren muss. Der Gegeneinwand, dass substantia und qualitas, also die scholasti­sche
Termi­no­­logie, ja erst begründet und in ihrer legitimen Intellektivität belegt zu werden hät­te,
zieht nicht, da dies a limi­ne Angelegenheit der Argumentation ist (oder sein kann). Schon der
immediate Gebrauch könnte mit Argu­men­­ta­tion indistinkt zusammenfallen oder ihr angenä-
hert erscheinen. Wir könnten die falsche Setzung nicht an­grei­fen, ohne die darin ent­hal­­­tenen
Operationen zu kennen. Ockham begründet aber keine, ohne die Vereini­gung von substantia
und qualitas (bzw. der primären Begriffe, die kategoriell mit ihnen erfasst werden) selbst als mit
der immediaten Einsicht in rebus unvereinbar darzustellen: es gibt die Identität der kontingen-
ten und der ana­­ly­ti­schen oder universalen, der konkreten und der abstrakten Er­kenntnis nicht.
eben deshalb gibt es die rekti­fi­zierten abstrakten Aussagen oder Maximen. Letz­tere werden auf
die induktiven Feststellungen gegründet. Eine solche lei­tet noch die Urteile zu dem, was der
Engel approximativ gegen den Bereich der Empirie wie au­ßer­halb seiner verbleibend vermöge,
was ihm zu­ge­billigt werden dürfe, was sein könne: nämlich dass er nicht in den Bereich des
accidens oder der qualitas als eine für sich seienden Entität oder ‘Realität’ eintreten und von ihr
de­pen­dent wer­den müsse, womit ja eben auch faktisch und ka­te­gorial identisch werden, also
konkret (in casu) und allge­mein zusammenfallen müssten und das also logisch, ana­lytisch für
die Begriffe, eben in/mit analyti­schen Sätzen.
49. Die Relationsbegriffe lassen sich nicht per se im Sinne ihrer akzidentellen – Zugehörigkeit
zur substantia oder es­sentia werten. Einer von ih­nen ist duratio. Die Dauer ist nicht ein –
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 93

Engel ist zudem einfach, d. h. unzerlegbar, wie ac­ci­dens, for­­ma sub­­stantialis und for­
ma materialis.50
Wir sind mit der Ge­schich­te vom Engel des Tobias in der Sphäre des Glaubens.
Das gilt auch von der fruitio essentiae divinae als Zustand der visio beatifica:51 „de
facto talis frui­tio est po­nen­da. Sed hoc tantum est creditum et non per rationem na-
turalem no­tum est.“ Es gilt für Ock­­­ham auch generell:52 „non est mirabile si non po-
test demonstrari quod aliquid sit cau­sa.“ So ist53 nach Ockham nicht beweisbar „ex
puris naturalibus“, „quod voluntas Dei sicut et essentia est causa immediata omnium
eorum quae fiunt“, „hoc tamen per­suade­ri pot­est…“, was Ockham dann versucht.
Für den „actus fruitionis essentiae divinae“ gilt nach Ockham, dass er perfectissimus
sei und zwar naturaliter loquendo (!), i.e. nach Maß­ga­be der be­griff­li­chen Fi­xie­rung
dieses Begriffs. Vermöge der potentia dei absoluta „for­te … possit com­pati tris­titiam
et anxietatem.“ Denn die Eigenschaften oder actus gehen nicht aus­einander hervor,
sie sind in dem Sinne nicht logisch gebunden und verbunden. Ockham hat also ei­nen
völlig hypotheti­schen Fall, den wir ex fide annehmen, wie er sagt, – er expliziert ihn

de­finites – Element oder pars integralis der es­sentia, et­wa der des Engels. Ob mit der pars inte­
gralis der Anspruch der Definitheit verbunden wer­den könne, lassen wir hier offen. Ockham
(Rep. II q. 8 OT V p. 160 lin. 13–16) sagt: „dico quod Deus potest destruere unum angelum
et eius durationem, et unum sine alio, quia in definitione exprimente quid nominis duratio-
nis an­ge­li po­nitur aliquid distinctum ab an­ge­lo, et ideo potest utrumque vel unum sine alio
destruere.“ Die forma (du­ra­tionis) kann empirisch und gegen­ständ­lich nirgendwo – induk-
tiv – verankert werden. Die De­stru­ierbarkeit des einen ohne das andere folgt der mo­da­len Be-
stimmung der Substanz oder des subiectum, die nicht empirisch be­grün­det sein und praktisch,
im Sinn der Behandlung der Naturphilo­sophie bei Ockham nicht begründet wer­den soll (cf.
die Kapitel 7 und 8). Die di­vina po­ten­­tia absoluta muss entsprechend supranaturaliter loquendo
ver­stan­den werden. Die Mes­sung der Dau­er tritt akzidentell zur Dauer hinzu; das bezieht diese
auf empirische Kon­­stel­la­ti­o­­nen, die in sich wandelbar sind, i.e. keineswegs feststehend und
von Ewigkeitswert. Es gibt für die­sen die Zeitmessung überhaupt nicht (Rep. II q. 11 ib. p. 236
lin. 18–20): „sed loquendo de mensura du­ra­ti­o­­nis di­co quod angeli mensurantur per tempus
et non per aevum. quia ae­vum nihil est.“ Das aevum ist so­­mit kein de­fi­ni­ter Begriff, i.e. für
menschliche Verhältnisse nicht zu brau­chen. Ockham argumentiert in dieser quaestio Utrum
tem­pus sit mensura angelorum (ib. pp. 232–250) gegen Aegidius Romanus.
50. Ontologische Begriffe begründen noch keine Realität in se. Zur Engelwelt cf. R. M. Rilke,
Duineser Elegi­en, 1923 II. El. „Wo­hin sind die Tage To­bi­­ae, /da der Strah­­lend­sten einer stand an
der einfachen Haustür, /zur Rei­se ein wenig ver­klei­­det und schon nicht mehr furcht­bar; /(Jüng­
ling dem Jüngling, wie er neugierig hin­aus­sah).“ Der angelus Tobiae wird auch erwähnt: Rep.
II q. 3–4 OT V p. 73 lin. 5–8: „Unde per nullum effectum pot­est pro­ba­ri quod aliquis sit homo,
maxime per nullum effectum qui apparet in nobis, quia omnia quae videmus in homi­ne pot­­­­­­est
angelus incorporatus facere, sicut comedere, bibere, etc. Patet de angelo Tobiae.“
51. Cf. Ord. d. 1 q. 4 OT I p. 439 lin. 9–11.
52. Rep. II q. 3–4, OT V p. 73 lin. 8f.
53. Ord. d. 45 q. unica OT IV 4 p. 668 lin. 8–10.
94 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

aber mit natürli­chen Be­grif­fen naturaliter loquendo, und gestaltet ihn mit Varianten
aus, von de­nen er sagt, dass sie „forte de potentia dei absoluta“ eintreten können;
sie können aber nach dem Schema der Be­weis­möglichkeiten, die Ockham ansetzt
und zulässt, eintreten, wo­­bei die­­­se (in sich zwei­­fel­los auch negative oder destruktive)
Struk­tur die Konsistenz dar­stellt und si­chert.54
In welchem Maß dies alles grundsätzlich gilt, zeigen verschiedene ausdrückliche
Stellungnah­men Ockhams. So ist die Eigenschaft vom Subjekt trennbar (separabilis)
und damit auch per po­tentiam divinam absolutam getrennt vom Subjekt affizierbar:55
„esset di­cen­dum ad quae­­s­ti­onem quod si charitas non sit separabilis a subiecto quod
potest fieri tanta quod deus non pot­est fa­ce­re maiorem. Si autem sit separabilis sicut
est albedo, non potest fieri tanta quin pos­­sit fi­e­ri (ma­iorem).“ Die albedo (oder albus)
ist eine Eigenschaft, die dem subiectum oder der sub­­­­stan­tia (die selbst gleich sind!)
bloß kontingent zukommen können: ‘non debeo esse al­bus, pos­­sum esse niger’. Es
ist dann die Frage, wie sollen wir es mit der Eigenschaft charitas in An­­­­­betracht der
substantia halten, und hier erwägt Ockham die beiden Möglichkeiten und greift nicht
sofort zu der einen oder der anderen Option. Infolgedessen trifft er keine Entschei­
dung, was eben zu besagen hat, dass die Eigenschaft keinesfalls notwendig aus der
substantia de­pen­­diert. Eben solches gilt in etwas anderer Weise von der Unterschei-
dung und entspre­chend dem Zusammenhang der qualitates, von dem der substantiae
(über ein Verhältnis der qua­­li­ta­tes56) zu schweigen. So siehe denn:57 „unde sciendum
quod proprie loquendo nihil dis­­­­tin­­­gui­tur ab alio nisi per se ipsum vel per aliquid sibi
intrinsecum, quia sicut unumquodque se ipso est unum et non per aliquid sibi addi-
tum, nec per aliquid sibi extrinsecum, ita unum­quod­­que se ipso vel sibi intrinsecum
distinguitur a quocumque distinguitur. Tamen aliquid di­ci­tur dis­tin­gui per aliquid ab
aliquo quando illud est proprium uni et non potest competere al­te­­ri, ita scilicet quod
ex distinctione aliquorum contingit inferre distinctionem aliorum. Sicut sequitur
‘qualitas corporalis et spiritualis distinguuntur, igitur subiecta earum distinguuntur’,
ita non se­­­­­quitur ‘albedo et dulcedo distinguuntur, ergo subiecta earum distinguuntur’.

54. Vergleichbar und doch verschieden hält Ockham es auch für möglich (Ord. Prol. q. 1 OT
I p. 49 lin. 10–13), „quod Deus de po­­ten­tia sua absoluta potest causare notitiam evidentem in
intellectu viatoris ali­­­quarum veritatum theologiae“, die der viator also nicht „ex puris natu-
ralibus“ haben könne, und er setzt hinzu „et forte ali­quarum non.“ Die Struk­tur, von der die
Entscheidung abhängig ist, wird aber immer eine (die) geschaffene sein. Andernfalls wür­­­­­de die
Er­örterung sinnlos. Das heißt, dass die Struktur die Bedin­gung und so auch die Kon­sis­tenz der
Erörte­rung si­chert, und auch dass ‘Bedingung’ mit ‘Konsistenz’ schon gleichnamig sein muss.
55. Ord. d. 17 q. 8 OT III p. 557 lin. 20–23. (Utrum sit dare summam caritatem cui repugnet
augmentari).
56. Über die qualitates gehen oben genannte ‘deductiones’, die nach der von Ockham dar­ge­­
legten Auffassung nicht so möglich sind. Es müsste eine Deduktion per ma­te­rielle Implika­tion
o. ä. geben, die es doch vermöchte und kompensierte.
57. Ord. Prol. q. 11 OT I p. 322 lin. 17 – p. 323 lin. 7.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 95

Et ita improprie pot­est dici quod substantia spiritualis distinguitur a substantia cor-
porea per qualita­tem suam et tamen lac non distinguitur a cigno per albedinem.“58
Ockham sagt, dass wenn es ein universale respektive genus oder species in rebus
gäbe, auch Gott als ein solches genus oder universale gedacht werden könnte. Damit
verweist er auf ei­nen, auf den Gegenstand von absoluter Einzigkeit. Für ihn dürfte da-
mit kein Be­griff mehr ge­­­­­­­­­­braucht werden (können). Hier liegt die Überredungsqualität
darin, dass ja von Gott gene­rell ein Begriff gebraucht werden können müsse; jedenfalls
ist es nicht ausgeschlossen, und von Gott muss in einer Gesamtheit von Begriffen
gesprochen werden. Würde also in ei­nem Kon­text von Begriffen allein von Gott nicht
in einem solchen gesprochen werden, würde ent­weder überhaupt nicht von Gott ge-
sprochen oder eine Gesamtheit von Begriffen stünde nicht in sig­ni­­fi­kativer Form zur
Verfügung. Wir kämen zur allgemeinen Sinnleere von ‘Be­grif­­fen’ oder Wörtern. Um-
gekehrt müssen wir schließen, dass eine wissenschaftliche oder er­ken­nen­de The­o­logie
möglich sei. Das muss Ockham aber ohnehin annehmen, nicht nur aus sup­po­si­ti­ons­
lo­gi­schen Gründen, weil er sonst Sätze hätte, bei denen die suppositions­logi­schen
Be­din­­gun­gen erfüllt sind, nämlich dass die Zeichen oder termini für denselben Ge­gen­
stand ste­­hen (suppo­nie­ren), der Satz also wahr sein können muss (wie ‘deus est crea-
tor’), Ockham sie aber gleich­­­wohl auszuscheiden hätte, sondern auch weil die Begrif-
fe, die wir ne­ben dem Be­­­griff Gott verwenden, empirisch bedingt mög­lich sind. Wir
müssten sonst viele gewis­se Sätze als nicht sinnvolle aus­schlie­ßen, etwa solche, die die
creatura betreffen, hätten dann aber da­für auch kein Kriterium. Ihr Er­kenntniswert
ist damit noch nicht gesichert.59 Gott ist auch und vor allem oder gar nur ein Begriff.

58. Die Gegenstände werden von Ockham im Verhältnis ‘unmittelbar’ dort angesetzt, wo die
Deduktion ver­mö­­ge der qualitates über die substantiae hinweggehen können müsste, um para­
doxerweise sie zu ‘verbinden’, i.e. oh­ne den Abstand und die Dichte der Prädikate bestimmen zu
können. Ockham gibt dabei den Aspekt der Wahr­heit preis, der sonst etwa bei Duns Sco­­tus fik-
tiv mitgedacht und unterstellt werden müsste, vielleicht sogar oft zirkel­för­mig durch bestimmte
ontologische Maximen unter Renormierungen wiederholt. Die im obigen Text ne­­ben­ein­­ander
und wie parallel genannten Bestimmungen oder Beschreibungen, z. B. ‘per se ip­sum’ ‘per aliquid
s­ibi intrinsecum’ und dann dagegengesetzt ‘per aliquid sibi additum’, ‘per aliquid sibi extrinsecum’
erschlie­ßen per se den ‘Gegenstand’, den sie benennen, nicht. Sie schließen ihn nicht ‘auf ’. Sie
nennen ihn nur. Der syllogisti­sche Beweis muss hier keine genetisch-genealogische Bedeutung
der qualitas erschließen. Cf. etwa SL III-2 c. 38 OP I pp. 577ff ebenso c. 39 ib. p. 580: Quomodo
per omnes causas contingit demonstrare (ib. lin. 3: hoc est per nomina vel signa omnium cau­
sarum). Es sind nicht (lin. 20f „verae demonstrationes, sed gratia exemp­li tan­­t­um“, in welchem
wir unsere Vorkenntnisse, nicht genuin gegründete Kenntnisse (Erkenntnisse) haben.
59. Neben dem hier zu skizzierenden und auszuwertenden ‘Beweis’ gilt auch der andere, dass
genus nicht im Sinn der Erkenntnisgewinnung und Begriffsbildung definit als ein die Erkennt-
nis dann leitender und bestimmender Be­­griff gewonnen werden könne: wir müssten sonst
neben dem Vorgang auch dessen Reflexion identisch damit besitzen können. Ockhams Er-
kenntnislehre mit notitia intuitiva und notitia abstractiva ist aber gerade auf­ge­stellt worden,
um dieses, was nach den Beweismodi, die Ockham hat, paradoxe ontologische Verständnis des
Erken­nens auszuschalten: (Ord. d. 2 q. 7 OT II p. 257 lin. 10–12): „dico et concedo … quod res
96 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Man ist damit dann nicht ‘bei Gott’, wie man es inten­ti­o­nell in anderen scholastischen
Systemen (Thomas Aqui­nas, Duns Sco­tus) sein will, aber man reicht in­tentionell auf
der Ebene des Satzes (des ac­­­tus appre­hen­sivus) weit an Gott heran.60

potest intelligi non tan­tum confuse, sed etiam perfecte et dis­tinc­­te, nullo su­periori intellecto.“
‘Superius’ meint den hö­heren (über­ge­ord­­ne­ten) Be­griff (genus). Wir erkennen homo und ca­­­nis
oh­ne ani­mal er­kannt zu haben. Wir beziehen uns dabei nur auf ‘Be­grif­fe’. Aber ge­­nus enthält
den Ge­gen­stand auch (Ord. d. 8 q. 4 OT III p. 227 lin. 5–7): „Dico quod ge­nus impor­tat totam
rem. Et ideo quia im­portat to­tam rem, prae­di­ca­tur sim­pliciter in quid de re, quia dicit totam
quid­ditatem rei.“ Wenn Ockham sagt (Ord. d. 2 q. 9 OT II p. 314 lin. 12–14): „ni­hil pot­est co-
gnosci a nobis ex puris natu­ra­li­bus in conceptu sim­pli­ci si­bi proprio (um den han­delt es sich),
nisi ip­sum in se praecognoscitur“, negiert und re­probiert er doch die on­­to­logisch bestimmte
Natur des ‘uni­ver­sa­le in rebus’. Es wird bei dem Wi­­der­spruchs­be­weis als res gesehen, die mit
der sub­stan­tia, als anderer res, nicht iden­tisch, definit ver­einigt wer­den kann. Der W­i­­­­der­­spruch
enthält die res ex­tra in der Form des univer­sa­­le in re fiktiv und wird darin negiert, i.e. als signifi­
ca­tio intensional bestritten.
60. Natürlich ist es weiterhin so, dass die apologetische Begründung der Dogmatik damit noch
aus­­steht und aus­ge­spart bleibt und eventuell für Ockham eine neue Begründung der zum
Heil notwendigen Wahrheiten Desi­de­­rat bleibt und zugleich unspezifisch erscheint, wenn sie
den Seelengrund, auf den sie bezogen sein müssen, weg­lässt oder: in psychologischen Über­
legungen auflöst. Dafür gibt es Beispiele (beim peccatum u. a.) Es gibt bei Ock­ham die empiri-
sche See­le nicht, für die die not­wen­di­gen Heilswahr­hei­ten gedacht wären und zwar eben auch
so, dass sie den Hiat zwischen dies­sei­ti­gem Leben (via) und jenseitigem (patria) wirklich über­
sprän­gen und nicht bloß an ei­ner Notwendigkeit ‘abgenommen’ würden, die als ratio suffici­ens
(oder causa sufficiens) be­züg­lich her­­kömmli­cher Vorstellungen reduktiv auftritt, und eben der
conditio necessaria in den meisten Verhält­nis­be­­stim­­­mungen auch der Heilslehre eine con­di­­tio
sufficiens gleich­sam sub­stitu­iert. Diese ge­­­nügt dann und kappt da­mit den weiter ge­spann­ten
Kanon der in der Heils­lehre herkömmlich aufgeführten Größen. Es gibt bei Ockham al­so eine
an­de­re Rationalisie­rungs­form in der Heilslehre. Wer soll dann das glauben, was er so ‘erkennt’?
Die Frage bleibt of­fen. Wo die Theologie nicht mehr exquisit betrieben wer­­den kann, wird doch
in einer beson­de­­­ren ra­tiona­len Form- unter Reflexion und mit Ein­schrän­kungen bezüglich
des­­­­sen was als ratio gelten kön­nen soll bzw. hinsichtlich der in ihr ihrer zulässigen Formen
-eben gerade doch nur Theo­logie getrieben. Die Theo­lo­gie kann we­der mit ihren kontingenten
noch mit ihren notwendi­gen Sätzen, Aussagen oder Wahrheiten wissen­schaft­l­iche Evidenz be­
anspru­chen, und zwar, wie Ockham argumentiert, mit den notwendigen nicht, weil mit den
kontin­genten nicht Ord. Prol. q. 7 OT I p. 188 lin. 10–15: „Praeterea, non est ma­ior ratio quod
necessaria cre­dibilia sint sci­ta scientia proprie dicta quam quod veritates con­tingentes credibi-
les sint evi­denter no­tae modo suo. Sed istae non sunt evi­denter notae; tunc enim posset quilibet
scire se esse in ca­ri­tate, quod corpus Christi est in al­tari, quae vi­den­­tur simpliciter falsa. Igitur
neces­saria theo­lo­gica non sunt scita scientia proprie dicta.“ Der Schluss ist ein Schluss a for­ti­o­
ri und damit in­duktiv. Vignaux’ Be­hauptung, Ockham su­che, in echt christli­cher (da­­mit auch
apo­logetischer) Intenti­on, die Sicherung der Not­wen­dig­keit in den Sätzen, bedarf so der Ein­
schrän­­kung. Auch die „ne­ces­­saria theologica“ kön­nen ra­t­io­nal emendiert werden. Sie werden
dann z. B. auf eine causa oder ratio sufficiens re­du­ziert. So werden ‘Glaubenssätze’ korrigiert,
die ihrerseits natürlich scholastischer oder pa­tri­sti­scher Aus­­legung entstammen können.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 97

Der Begriff, der von Gott gebraucht wird, bleibt bei Ockham ein an der Erfah-
rung zu mes­sen­der und danach werden auch die Beweismöglichkeiten in der Theolo-
gie abgeschätzt, et­wa be­züglich der Erschaffung der Welt. Man geht also nicht einen
Weg über die Abstrakti­on und be­­­urteilt danach die Begriffe. Man gibt ihnen auch kei-
nen Sinn, den sie apo­logetisch durch De­­­­­­­­­­­­­fi­nition oder abstrakte Sinnänderung jenseits
der Erfahrung bekommen könnten. Ein streng menschlicher Kontext des Erkennens
wird eingehalten und gesucht.61 So sagt Ockham:62 „Nec credo quod per rationem
posset hoc probari quod pri­ma causa contingenter causat.“ Die em­­pi­­rische Bindung
dieser Behauptung oder Einwendung geht aus dem Text hervor:63 „Pri­mo, quia non
sufficienter probatur quod qui perfecte cognoscit aliquam virtutem perfecte cog­nos­­cit
om­nia ad quae illa virtus se extendit. Nam quia probatum est prius quod illud quod
est cau­sa pot­est per­fecte cognosci nullo effectu cognito. Quia probatum est quod ex
notitia in­com­­­­ple­xa unius rei non habetur sufficienter notitiam incomplexam alterius
rei. Patet etiam de sen­su quod per­­­fecte cognoscit suum obiectum et per consequens
virtutem eius. Quia suum ob­iec­tum et virtus illi­us obiecti nullo modo differunt, et
tamen non oportet sen­sum cognosce­re ali­quid ad quod se ex­tendit illa virtus.“ Der
sensus und der Verstand mit dem Begriff ken­nen nicht die Reichwei­te der empiri-
schen Verwendung, wenn sie die empiri­sche Verwendung (vir­­­­­tus) ken­nen; sie ken­­nen
damit natürlich auch nicht das medium, das für einen Beweis hin­reichend wä­re; denn
sie können die Definition und die Zugehörigkeit ei­ner passio oder eines effectus nicht
bündig benen­nen. Gleichwohl gibt Ockham damit be­reits auch intensionale Wer­­tun­
gen der Be­­weis­­mög­lich­keit, nicht bloß empirische Kriterien.64

61. Natürlich ließe sich dann immer sagen, dass damit der empirische Erkenntnisvorgang oder
Er­kenntnisstand und -wert zum Kriterium gemacht werde, was in sich unsinnig und unange­
messen sei, weil der Gegenstand (sc. Gott und seine Schöpfungstat usw.) nicht empirisch sei
und nur durch rationale Überlegungen (neben dem Glau­bens­bekenntnis) erschlossen werde.
Dagegen lässt sich wieder einwenden, dass dann, wenn man sie auch ändern könne, nicht er­
wiesenermaßen definite Begriffe gebraucht würden: es könnten Inkonsistenzen auftreten, die
dann auch dem Scholastiker auffallen müssten und eventuell nicht mehr ausgeräumt wer­den
könnten. Emendationen und Hypothesen ad hoc wären die Folge. Das wiederum ließe sich
nicht durch die gänzlich hypothetische Vor­aus­setzung vermeiden, dass die Begriffe natürli­cher­
weise in der Vernunft immer gleichmäßig gebraucht würden. Sie wäre ein oktroyiertes Krite-
rium, das im Übrigen von der Erfahrung (heterogener und inkonsistenter Be­­­griffs­ge­­brauch!)
desavouiert werden könnte.
62. Ord. d. 35 q. 2 OT IV p. 440 lin. 8f.
63. Ib. p. 436 lin. 17 – p. 437 lin. 6. Die Stelle ist eine Einlassung gegen Thomas von Aquin.
64. Wir sind im Erkennen nie bei der materia. Anders würden wir aus der Empirie bei übli-
chem Be­griffs­ge­brauch gar nie zur Theologie auf­stei­gen kön­nen. Der Begriff ist so verfasst (de-
finiert), dass er nicht Im­pli­kation (Atom) sein kann. Er ent­springt so. Das bedingt, dass substan-
tia und accidens für alle Be­griffe, für alle Gegenstände ver­wandt werden können. Die Be­griffe
können im ab­strak­ten Sinn gel­ten, wenn­gleich sie selbst auch durch an­de­­re ‘Erkenntnismittel’
er­setzt wer­den könn(t)en. Ihre Ersetzbarkeit ent­spricht ih­rer ei­gent­lichen ab­strak­ten Wer­­­tung,
98 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Auch die weiteren Einwände und Vorbehalte Ockhams gehen auf die Reichweite
von Vor­stel­lungen, aber, wenn man so will, intensional hinsichtlich der schon – u. a.
in Be­weisen ge­brauch­ten – Begriffe und Aussagen.65 Thomas hatte die menschliche
Erkenntnisfä­hig­keit fer­ner appellativ ‘begründet’, indem er die göttliche virtus und
ihr unbegrenztes Aus­maß iden­tisch mit einer Erkenntnisfähigkeit annahm, also auch
der unseren. Ockham reportiert ihn:66 „‘Sed virtus divina se extendit ad omnia’“ mit
dem Zusatz secundum men­tem Tho­mae:67 „Et De­us perfecte cognoscit se ipsum, igi-
tur perfecte cognoscit omnia.“ Ockham geht nicht auf die Verflechtung mit der mens
divina und deren ‘Ideenleben’ ein, son­­­dern entgegnet:68 „est in­sufficiens quia non est
suf­fi­ci­­­enter pro­­­­batum quod Deus est cau­­sa omnium, nec potest suffi­ci­enter probari,
maxime quod sit causa efficiens.“ Nach Ockham ist auch nicht genügend be­weis­bar,
dass jedes ens sich im Kausalkettengeflecht (als efficiens oder effectus) fin­de:69 „non
probatur sufficienter quod omne ens est efficiens vel effectus ali­­cuius ef­fi­cientis.“70 Es

die ja auch bereits mit der Überleitung in eine übersinnliche Ein­griffs­di­men­­sion kom­­­patibel
ist. Wir müssen für Theologie und Empi­rie kein Dilemma an­setzen; denn wir haben die De­
duk­­ti­­on (Argumentationsform) nicht, die es begründen und be­wirken könnte. Wir erkennen
keine Dinge in sich (Ord. d. q. 3 OT II p. 412 lin. 19f): „Nulla sub­­stantia cor­po­rea exterior pot­est
a nobis in se na­turaliter cognosci.“ Wir erken­nen auch nicht die divina essen­tia, nicht ih­re Ei­
genschaften: „ni­hil aliud concur­rat in ratione obiecti.“ (ib. p. 413 lin. 1f). Da­neben s. Argumen­
ta­­ti­onen gegen Duns Sco­tus, die von der Satzstruktur ausge­hen, cf. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 103
lin. 1–16. Generell gilt: Gott, der die Materie ge­schaf­fen hat, wie die Welt insgesamt, aber eben
doch die Materie vorab, kann nicht an der Welt und nicht an der Materie ge­mes­sen werden;
letzteres vorab muss ausscheiden. Das ist ein Di­lem­ma. Es wird vom menschlichen Denken ab-
und vielleicht ausgeglichen, das Gott nicht eingibt und das nicht seines ist. Das ist das Mysteri-
um ‘Mit­telalter’, das nicht aus der Antike stammt. Das begriffliche Denken ist un­ta­delig ebenso
wie ungegründet. Damit steht der Nominalismus kardinal für das Mittelalter; er erneuert und
standar­di­siert dessen Genese.
65. Auch die gerade zitierten Einwendungen Ockhams bezogen sich auf schon geführte Be­
weise, müssen also in dem Sinne als intensionale gelten, was sie selbst und was die in ihnen
ver­wendeten Begriffe angeht.
66. Ord. d. 35 q. 2 OT IV p. 436 lin. 13 f.
67. Ib. lin. 14f.
68. Ib. p. 437 lin. 6–9.
69. Ib. p. 439 lin. 14–16.
70. Da auch persuasio und Induktion auf der Empirie fußen, kann Ockhams Bestreitung der
Be­­weisbarkeit hier als kategorisch und ausschließlich gelten. Nicht einmal eine persuasio kann
es hier geben. Das bedeutet aber auch, dass Induktion und persuasio für suffizient gehal­ten
werden müssen; es müssten sonst insuffiziente Bewei­se zugelassen werden. Der Terminus suf-
fizient wäre nicht definit. Es muss im Grunde festgestellt werden, dass die persuasio so ge­­­­se­hen
kein schwacher Beweis mehr sein kann. Auch wenn sie der einzig mög­liche wäre, müss­­­­­te nach
der der intensionalen Kennzeichnung des Denkens, der Wertung des Materials in­ner­halb der
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 99

gibt al­­­so bezüglich der Nichtbeweisbarkeit gewisser christlicher Vor­stellun­gen, die


wir mit Gott verbinden, nicht bloß oder nicht einmal überhaupt den Ein­wand, dass
wir Gott nicht vor Au­gen hätten und auch empirisch nicht kennten, son­dern dass die
empiri­schen Mittel aus sich und für alle Weltverhältnisse bereits ‘an sich’ uns nicht zur
Ver­fügung ste­­­­­hen, die wir in dem Zusammenhang auf Gott zu applizieren hätten, um
die Brücke zur Welt (Schöpfung) zu schla­gen, die dann als Ergebnis oder effectus sei-
ner Schö­­­pfertätig­keit zu be­trach­ten ist.71 Patholo­gi­­­­en des Denkens sind an Ockhams
Struk­tu­ren nicht sichtbar.72
Ri­­­cardus Campsalis zitiert Duns Scotus: „ni­hil … se­­cundum quam­­cum­que uni-
tatem in re est ta­­­le quod secundum illam unitatem praecise sit in po­tentia proxi­ma …
ut dicatur de quolibet sup­posito praedicatione dicente ‘hoc est hoc’.“73 Die Ar­gu­men­
tation oder Beschreibung des Duns Scotus erscheint nicht plausibel, weil ihre Vor­
aus­set­zung es nicht ist: Die ‘hoc est hoc’ zu bestimmende Identität über zwei Stufen
der Er­schei­nun­­­gen oder actus erscheint nirgendwo als zulässig und definit. Daher
kann das Argu­ment des Duns Scotus nicht gelten, in Sonder­heit nicht, wenn es eine

Struk­tu­ren gesucht werden. Man sagt allgemein, innerhalb der Spät­scho­las­tik sei Beweisen nur
in der Form der per­sua­sio „noch“ für möglich gehalten worden: so bei Pe­ter von Ailly, s. Häg-
glund, 1955 und Vig­naux, 1948. Id. eben­so zu Johannes Ger­son. Cf. aber zur Nä­he von probatio
und persuasio Ockhams Wortlaut Ord. Prol q. 7 OT I p. 170 lin. 20 (pot­est per­sua­de­ri) und
faktisch inhaltlich dasselbe betreffend ib. p. 171 lin. 4 (potest proba­ri). Die probatio zielt auf eine
induktive Allgemeinheit, während die persuasio mit einer Wort­erklärung zu tun hat, die da­mit
in sich noch unsi­cher (indefinit) ist: sie kann nicht per se auf alle Anwendungsfälle bezogen
wer­den, was den Un­­ter­schied ausmachen dürfte. Bei­de Be­weisarten werden noch nach Ord. d.
1 q. 6 OT I pp. 486–507 ver­gli­chen werden, ins­be­son­de­re die Con­clusio­nes (pp. 503–507).
71. Cf. G. Leff, 1957 zum Verhältnis von Glaube und ratio bei Ockham und seinen Zeit­ge­
nossen. Wir nehmen, an­ders als Leff, bei Ockham keinen latenten oder wenigstens denk­­baren
Konflikt zwischen unan­fecht­barer Glaubens­hal­tung (mit oder ohne Ra­ti­onalitätseinschläge)
und ra­ti­o­na­lem Vorbehalt in Gestalt der The­sen zur Nichtbeweisbarkeit von Glaubenswahrhei-
ten an. Die Span­­­­­­­nung (Unter­schei­dung) von Glaube und Ra­tionalität, su­per­natural vs. natural,
sieht G. Leff als grundle­gend in der Spätscho­las­tik an (p. 20): „They were not simp­ly cea­sing to
ar­gue along traditional lines … Theirs was a con­flict in which the specula­ti­ons of rea­son we­re
countered by the as­sertions of dogma, invol­ving as­sump­tions, methods and to­pics ra­dically
dif­­­­ferent from the preceding era … (One) was re­fu­sing to combi­ne the natural with the super­
natural, and, as a re­sult, scholast­i­cism was in the mel­ting-pot.“
72. Anomalität der Struktur im rein technischen Sinn könnte wegen der Kas­sation der Fol­ge­
rung (des Folgerungs­mo­­ments) gesehen werden. Sie erwüchse aus Ockhams em­pi­ris­tischem
Funda­ment. Doch enthielte sie ge­nü­gend allgemeine Einsichten gegenüber anderen Kon­­
zeptionen und wäre mit ihnen stets kompatibel. D. h. bei ih­nen gäbe es Be­grün­dungs­mängel.
Zur vermeintlichen Pa­tho­logie in Ockhams Denken s. H. Blumen­berg, 1966.
73. Doctor Subtilis lb. II d. 3 q. prima (n. A. Pelzer). Zum Text cf. G. Sondag (ed. Übers. comm.),
Joh. Duns Sco­tus De prin­cipio individuatio­nis, 1992, (Réédition) 2005, p. 94. s. auch den Kom-
mentar ib. p. 95 Anm. 1 und 2.
100 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Identität oder unitas in re bestrei­ten können soll. Ohne diesen Zweck wür­de es oder
die Beschreibung aber keinen Sinn ma­chen können. Im Grunde beschreibt oder for-
dert Duns Scotus die Abstraktion. Ab­strak­­tion aber muss nach Ockham außerhalb
der Re­­alität der Dinge in se, praeter rem sin­gu­­larem, wie es sich extra mentem findet,
angenom­men werden; sie setzt so erst ein. Es macht vorab kei­nen Sinn, die Abstrakti-
on ohne Not im­prä­di­ka­tiv zu definieren oder anzusetzen usw. So be­kommt man denn
auch keine distinkten Grö­ßen, auf deren Basis Ockhams Argumen­ta­­tion weitgehend
ruht. Das Argument ‘hoc est hoc’ aber wird bei Ockham nicht ak­zep­tiert, nicht für
den kontingenten empirischen Satz und in Son­derheit nicht für die Abstrak­ti­on, der­
art etwa, dass eine ‘non-distinctio formalis’ auf dieser Ebene als eine solche (i.e. Iden­
ti­tät) auf der empirischen Ebene ausgelegt werden könn­­te. Das wird von Ockham mit
ei­nem Schluss ‘a for­ti­o­ri’ abge­wie­­sen. Die Annahme des Duns Scotus ent­behrt also
schlechthin je­der Grund­la­ge. Sie ist wie wir hier sagen: nicht de­fi­nit. Der Aus­druck
‘Definitheit’ aber be­zieht sich auf den Satz, wenn er genügend auf Be­grif­fe – als deren
Ele­mente – sich beziehen kann. Die Ab­strak­tion – das wird somit, gleichsam über­
re­dend, be­wie­sen –, kann nur auf ei­nem in sich lee­ren Ding- oder Gegenstandsver-
ständnis be­ru­hen.74 Für die Deduktion greift Duns Scotus nun auf die Vorstellung der
natura com­mu­­nis zurück.75 Ock­ham indes­sen wird nicht die un­­­­­absehbare Kette von

74. Hier hat Ricardus Campsalis sogar eine suppositio angenommen, die sich auf Teile des Ge­
gen­stands, als res ex­tra extensa verstanden, beziehen können soll und in Analogie dazu in der
Gotteslehre eine Trennung realer Ei­gen­schaften in Gott angenommen und so als würden sie
re­al in der Intention des Verstandes gefasst. Gegen diese Auf­fassung argumentiert Wodham.
75. Die Vorstellung, dass Duns Scotus mit einer metaphysischen Konzeption, eine scientia de
Deo (W. Kluxen, 1966) habe ermöglichen kön­nen, die mit der Streichung der natu­ra commu-
nis, wie auch P. Vignaux, 1938 und 1948 meinte, unmöglich geworden sei, wird bei Ockham
indis­ku­tabel. Ihm geht es um die Mög­lich­keit der Ver­knü­pfung von s und P und da­mit um
ein Verhältnis, das in­ten­­si­onal den Be­griff im Sinne einer Notwendig­keit zu ver­knüp­fen, alias
verknüpft zu se­hen hät­te, die bei Sco­tus dann auch die formell äußere Not­wen­dig­keit zu sein
hät­te, und bei Ockham, da dies beweisförmig nicht dar­gestellt werden kann, auch im Sinne der
inne­ren Ausle­gung der Sätze, also ontologisch nach dem Scoti­schen Mus­­­ter, nicht zugestanden
wer­den kann. Eine an­de­re Sa­che ist es, dass Scotus daneben stets noch für die „‘De­duktion’“
onto­lo­gische Prin­zi­pien deduk­tiv benö­tigt, die er dann zwischen Ab­straktion und Empirie ka­
sual spal­tet, um sie zu­gleich dann im Sinne beider Felder zu mei­nen, die Verknüpfung und
den in­ten­tionalen Gleich­laut zwi­schen ih­nen aber gerade aufzuheben. Ockham revi­diert aristo­
telische Maximen, und wenn er sie ka­sual spal­tet, werden es wirklich heterogene Fälle und:
un­ter­schie­dene Aussage- oder Satzty­pen. Bei Vignaux dies eben anders op. cit. p. 181 und zu­vor
p. 155. Auch die The­­se von der Uni­vozität der Begriffe gilt bei Ockham nicht im Sinn einer vor­
greiflichen Erkenntnis, wie bei Duns Scotus, (Ord. d. 1 q. 5 OT I p. 458 lin. 25 – p. 459 lin. 3):
„philosophi non habue­runt cog­­ni­ti­o­nem de divina es­­sen­tia nisi ha­ben­do aliquos con­cep­tus
simplices com­munes Deo et cre­aturos, vel com­po­sitos proprios et ne­­ga­ti­­­­vos, vel con­no­tativos
proprios.“ Ockhams An­satz kann auch so gedeutet werden, dass eine Deduktion à la Duns
Scotus genau nach die­sem Ansatz und unter dem Aspekt der De­finitheit nicht gut zugelas­
sen werden kann. Ock­hams Ansatz ist also mit dem Scotischen Verfahren konsistent, was
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 101

Einzelbeweisen imaginieren oder – schein­bar – aus­füh­ren, die wir im Gottesbeweis


des Duns Scotus finden. Er untersucht die Struk­tur von Ein­zel­sätzen und er­kennt in
deren Gestalt womöglich Ansätze von syllogisti­schen Beweisforma­ti­o­nen. Eine aus­sa­
genlogisch bedingte Verknüpfung und, wenn man denn will, ‘Lückenlosig­keit’ nimmt
er nicht für sie an. Er überträgt den vorab menschli­chen Begriff erst auf Gott, wo der
Begriff in der Formation des Satzes, die Ockham näher untersucht, da­von spricht;
nicht vorab nach dem Prinzip der Univozität. Der Begriff erscheint dann, wenn er
sine notitia evid­en­ti auftreten kön­nen soll und seine eigene Linie und Existenz in
mente ohne die ausgrei­fen­de und förmlich um­­wegige Beschrei­bung und Bewertung
über die Vorstellung, den real ge­dach­­ten In­halt usw. be­sitzt, auch von der distinctio
realis befreit, welche die Be­grif­fe und In­halte, for­mell auf die Realwelt hin gliedert
und unterscheiden hilft. Das erscheint nach empi­rischen Geltungskrite­ri­en für den
Begriff und entsprechend für die Sät­ze, in die er ein­gehen muss, nicht schlüssig.76
Von Ockham selbst wird der fol­gende Einwand zi­tiert oder fingiert:77 „Sed cont-
ra istam ra­­ti­­onem potest argui. Primo, quando unum non est de intellectu alterius
non est contradictio unum intelligi sine alio, sed persona di­­vina non est de intellectu
quiddita­ti­vo es­­sentiae; ergo non est contradictio quod intelligatur essentia non in-
tellecta persona.“ Ockham ant­wortet, dass die rela­tio formal nicht von der Essenz
Got­­tes prä­diziert wer­de. Wir sind auf der Stufe der ab­stractio, i.e. derjenigen – der
zweiten (no­­titia ab­stractiva se­cun­da), welche ohne die Beglei­tung der no­­­titia intuitiva
ange­nom­men wird. Mit ihr wird die dis­­tinc­­tio formalis zwischen den Begrif­fen statu-
iert, welche den Ver­zicht auf die Realität ex­tra mentem (viatoris) beinhal­ten muss:78
„quamvis re­latio non sit de intel­lec­tu es­sen­tiae, quia non praedicatur formaliter de
di­vina essentia, est ta­men ea­dem reali­ter cum divi­na essen­tia et ideo non potest in-
telligi divina essentia non intel­lec­ta persona.“ Die dis­tinctio for­malis wird als Mo­­dus
modo composito ver­stan­den, was den Aus­griff auf ein reale in se stor­nie­­ren heißt.
Wie wir ja denn auch von Gott pro statu isto kei­ne Er­kennt­nis, keine Evi­denz (no­titia
in­tuiti­va) ha­ben. Die Vorstellung, dass eine distinctio forma­li­ter, rein auf der Ebe­ne
der be­zeich­ne­ten zwei­­ten, empirisch unab­hängigen Abstraktion und im Sinne ei­ner
Aus­sage be­ste­he, impli­ziert nicht eine distinctio re­alis für die Sach­welt, i.e. secundum
rem et a parte rei. Es müssen auch keine getrennten Be­griffserfahrungen sive Be­
griffsbil­dun­gen für divina es­sentia und re­la­­tio si­ve per­so­na divina un­terstellt werden.
Auch hier nun be­zeich­net das con­se­­quens im Sinn der Nicht­geltung eine – verwehr-
te – Konsequenz. Insofern die­se negativ ist, be­zeich­net sie ein Kri­­terium, bezieht sich
auf die Abstraktion und bezeichnet die darin gege­be­­nen Er­scheinung mit­samt einem

zumindest be­deutet, dass er zu dessen Be­wer­­­tung tauglich ist. Er wi­­­derlegt es unter dem Aspekt
der rei­nen Inhalt­lich­keit (In­ten­siona­lität), für die Sco­tus’ Ontologie (Metaphysik) unnötig ist,
ab­gesehen davon, dass diese wi­der­legt werden kann.
76. Damit hat Adam Wodham Schwierigkeiten. Cf. Kap. 6: Theologie und Logikbegriff.
77. Ord. d. 1 q. 5 OT I p. 456, lin. 4–8.
78. Ib. p. 457 lin. 4–8.
102 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

darin for­mulierten Satz (Aussa­ge) als eine, wel­­che im Ge­samt­sinn der Erörte­run­gen
Konsistenz bedeu­tet und für ihre Ele­men­­te (Be­stand­teile, Begriffe) De­­finit­heit. Definit
erscheinen der Begriff der notitia abstrac­tiva, also abstrac­tio, di­vi­na essen­tia, per­so­na,
distinc­tio formalis, distinctio re­­alis etc.
Die Philosophie Ockhams ist auf eine Konsis­tenz hin an- oder ausgelegt, wel-
che mit den Be­stand­teilen der Erörterungen in den Fragen (quaestiones), also mit
den ac­tus, welche ja als sol­che (actus apprehensivus) gewahrt werden, nicht mehr
zusammenfällt. Die Identität des ac­tus apprehensivus als Meinungsträger (Erkennt­
nissubstrat) und die Supra­struk­tur der Erörte­rung fallen nicht zusammen. Die auf
wenige Ele­mente gegründete und bezogene Struktur der Erörterung macht bei
Ockham ganz die Erörterung aus­ und be­stimmt sie durchgängig.79
Denken wir uns aber nun einen normalen scholastischen Satz, wie etwa den80
„quod intellec­tus sit realiter ipsa substantia animae“. Er gibt einen bedeutenden Lehr-
punkt wieder. Er spie­gelt eine christliche Einstellung.81 Der Satz zielt auf einen syn-
thetische Qualität oder Begrün­dung (a est realiter b), damit auf die Kontingenz und
die Suppositionslogik und so wie diese we­­sent­­lich mit der Widerlegung affin ist, auf
eine reprobatio. So sagt denn Ockham: „(si­cut) po­si­to quod intellectus sit realiter ipsa
substantia animae, … tunc impossibile est quod sub­­­­­stan­­­­tia animae cognoscatur nisi
intellectus cognoscatur. Quia impossibile est quod idem de eo­­­dem ve­re affirmetur
et vere negetur ab eodem. Ergo non potest cognosci substantia animae nisi eo­dem
modo cognoscatur intellectus.“ Derart müsste der Satz tautologisch sein kön­­­­nen.
Ockham aber bezieht ihn einstweilen nur auf eine empirische Qualität, bei der das
Wahr­heits­mo­ment gilt und eben durch das suppositionslogische Wahrheitsprä­skript
sei es er­setzt, sei es egalisiert wird. Der Satz kann also sei­ne abstrakte Höhe nicht
gewin­nen. Damit fällt die Lehre (ihre Begründbarkeit). So denn die Nä­he zur Wi-
derlegung, welche in dem bloßen Bei­spiel­cha­­rakter (sicut) bereits von Ockham an-
geschlagen wird. Die in sich nega­tiv verblei­ben­­de Ab­straktion wird be­schrie­ben und
tendiert zur Widerlegung und Ablehnung: „Et tamen multis is­ta propositio est nota
‘substantia animae est substantia’.“ Der Satz ist denn auch per se un­be­streit­­bar. Er ist
auch auf abstrak­ter Ebene einsichtig, aber, fährt Ockham fort: „et haec (propo­si­tio!)
ignota ‘intellectus est sub­stantia’.“ Wir kennen nämlich nichts vom intellectus per se.

79. Das heißt: an allen Stellen. Die dann je anfallende Erörterung ersetzt Folgemäßigkeit durch
Kompatibilität und fasst so förmlich Abstraktion und Empirie zusammen. Wir wiederholten
je an der Stelle eine Synthesis der Be­grif­­­fe, aber wir vollziehen sie über eine Ableitung, in der
Kon­sequenz(en) suspendiert werden. Wir approximie­ren so die Definitheit und übergehen die
Konsequenz.
80. Cf. Ord. d 1 q. 5 OT I p. 464 lin. 16. Ockham ‘widerlegt’ quasi induktiv ( p. 464 lin. 15 – p. 465
lin. 14) mit Ten­denz gegen Duns Scotus die Annahme, dass dieser Satz naturaliter erkannt wer-
den könne.
81. Cf. Anm. 27 dass der intellectus nach Ockham logisch immaterialis sei und der causali­tas
unterliege.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 103

Wir kennen die actus intellec­ti­­o­nis. Ockham gibt die Begründung empirisch: „Et ra­
tio est quia nescitur a tali pro quo sup­­ponit iste terminus ‘intellectus’.“ Es wird also ein
scho­la­s­ti­scher Glaubenssatz, scheinbar gut begründet, abgelehnt, nicht weil er nicht
deduzierbar wä­re oder aber nicht empirisch veri­fi­­zierbar wäre,82 sondern weil er nach
dem suppositionslo­gi­schen Kri­terium für Wahrheit hin­fäl­lig ist. Er gelangt nicht bis
zur Ab­strak­tion. Ockham zeigt: der Satz ist als abstrakter nicht gültig, weil er nicht
empirisch be­gründbar ist.83
Das Verhältnis intuitiver und abstraktiver Wahrnehmung bzw. Bildung von Sät-
zen oder von de­­­­ren Begriffen jedoch lässt sich für Ockham anhand der Texte hinrei-
chend klären und an­­ge­ben. Die Begriffe für das Satzverständnis werden grundsätzlich
und zunächst durch die no­titia intuitiva erworben:84 „quia quando perfecte apprehen-
do aliqua extrema intuitive, statim pos­­­­sum formare complexum quod ipsa extrema
uniuntur vel non uniuntur; assentire vel dis­sen­ti­re … Et hoc virtute cognitionis intui-
tivae quam habet (intellectus)85 de extremis.“86 Aber die Ka­pa­zität des Verstandes ist

82. Das sind die beiden Kriterien, die Nikolaus von Autrecourt für die aristotelisch-scholas­ti­
sche Erkenntnis lan­ciert; beide werden aber von ihm eigentümlich verschränkt.
83. Der abstrakte Satz ist im Sinne der Induk­ti­­on hier nicht begründbar, wenn er als auf dem
em­­­pi­ri­schen beru­hend ausgedrückt werden können soll. Wir haben keine Begrün­dung der
pas­sio für ein Verhältnis zum subiectum und daher auch kei­nen abstrakten Satz, der davon,
i.e. von dem kontingenten Verhältnis der extrema s und P, un­­­abhängig wäre. Für ei­nen rein
ab­strak­ten Satz ist der Begriff intellectus an sich selbst nicht be­gründbar. Denn wir müssten
ja anneh­men, dass die substantia animae aus oder in sich selbst zum intellectus über­zugehen
ver­möch­­­te. Ein solcher Übergang ist für die theo­logischen Sätze, die die divina es­sentia determi­
nie­ren, be­gründ­bar, aber nicht für das naturale Verhältnis in der anima bzw. im menschlichen
Geist. Wir können hier die empirischen Grund­be­dingungen nicht verlassen, son­dern bleiben
im Be­reich der elementaren Begriffs­genese(n); wir haben kei­­nen Grund dafür in den empiri­
schen Be­­dingungen, den wir aber be­züg­lich der di­vi­na essentia haben, so dass wir die ab­strac­­
tio voll­­­ziehen und gegen die Empirie ge­richtete Satzerklärungen geben kön­nen. Dort ist eine
em­pi­­­­rische „‘Erfüllung’“ nicht denkbar. Sie ist also auch nicht empiristisches Kriterium; das
würde auch den Aspekt der Definitheit vor­wegnehmen. Für rein theologische Sätze wird es
denn auch nicht angenommen. Es lässt sich mit­­­hin sogar sagen, dass der behandelte Satz eben
da­mit als nicht unabdingbar theologischer oder den Glaubens­sät­­zen zuzurechnender erschei­
nen mag. Es ist natürlich eine andere Sache, ob man ihn zu den Lemmata rechnen und hier für
un­ent­behrlich halten will. Würde man aber hier nun Anstände gegen Ockham suchen wol­len,
so müss­­­te man umgekehrt klar machen, dass der Satz im Sinne theologischer Deutun­gen und
Leh­ren nach dem Men­­­­­schenbild der christlichen Kirche unverzichtbar sei. Dessen Stelle über­
nimmt Ockhams Methodologie.
84. Rep. II, q. 12–13 OT V p. 256 lin. 14 – p. 257 lin. 5.
85. Der in­tel­lectus ist dabei schon eingelassen.
86. Hiermit wird bloß eine Bestimmung oder auch Worterklärung empirisch begründet.
104 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

unabhängig von dieser kausalgenetischen Bedingung des Er­werbs der Begriffe:87 „Sed
respectu cognitionis ap­prehensivae per quam formo complexum, non est cognitio in-
tuitiva – nec sensitiva nec intel­lec­tiva – causa partialis quia sine ipsis potest formari
omne complexum quod potest formari cum ipsis.“ Damit wird eine differentia specifi­
ca der Ak­te (oder notitiae) schon festgehalten. Es gilt grundsätzlich:88 Die notitia ab­­­
stractiva, die mit der notitia intuitiva ‘zugleich’ („simul“) eintritt, wobei die notitia
intuitiva ‘Begriffe’ (in­­comple­xa) betrifft, er­möglicht die Wahrneh­mung und Bildung
von complexa, also Sät­zen, die von der notitia intuitiva unab­hän­gig sind: diese Sätze
haben in der no­­titia intuitiva oder der em­­­pi­ri­schen Erkenntnis nach kontingenten
Sätzen kein unbedingtes Kriterium. Der entste­hen­de Satz muss nicht mehr unbedingt
als kontingenter verstanden werden.89
Ein Bereich näherungsweise tautologischer Sätze aber bleibt erhalten, etwa wenn
Ockham sagt:90 „Tamen haec tunc erit vera per se ‘habitus speculativus est in intellectu
speculativo’ non per se primo mo­do nec secundo, de quibus loquitur Philosophus I
Posteriorum, sed dice­tur(!) neces­sa­ria quia nihil hic ponitur quod significet aliquid quod
non est subiectum nec ac­ci­dens re­cep­tum in sub­iecto illo. Sed ista erit per accidens ‘ha-
bitus prac­ti­cus est in intellectu specu­la­tivo’.“91 Bedenkt man, dass hier eine praktische

87. Rep. II, q. 12–13 OT V p. 258 lin. 6–10.


88. Rep. II q. 12–13 OT V p. 262 lin. 10–13: „Si habitus inclinans ad cognitionem imperfectam
generatur ex ali­quo ac­tu cognitivo illa cognitio erit abstractiva et illa erit si­mul cum cognitione
intuitiva perfecta.“ Die notitia intuit­i­va perfecta ist bestimmt durch die Präsenz der Objekte.
Die notitia in­tu­i­ti­va imperfecta be­steht (noch), wenn die Ge­genstände nicht mehr existieren
oder präsent sind, was bedeutet, dass sie erinnert wer­den. Dabei kon­zediert Ockham, sei es für
den Wortge­brauch oder im Sinne der Sacherklärung, dass dann die notitia in­tu­i­ti­va imperfec­ta
notitia ab­stractiva sein oder heißen möge oder umgekehrt.
89. Für die Theologie kommen beide Arten von Sätzen in Betracht. Im Bereich der Christolo-
gie haben wir kon­tin­gente Sätze, bezüglich der divina essentia nicht oder nicht notwendig. Da­
bei erklärt Ockham ausdrücklich, dass unabsehbar und für ihn unentscheidbar sei, ob es von
der es­sentia divina einen einzigen vorrangigen gewis­ser­ma­ßen ‘geschlossenen’ Prä­dikatsbegriff
(passio) geben kön­ne, der dann die anderen in sich enthielte und aus sich – folgerungsweise
oder anders – ergäbe. Ord. Prol. q. 12 OT I p. 342 lin. 20 – p. 343 lin. 5. Wir können die Sache
nicht a parte ex­perientiae nostrae se­cundum sta­tum viatoris entscheiden. Die divinitas ‘enthält’
keine Ei­­gen­­­schaften, die sich per Folge­rung aus ihr ergeben könnten. Wäre es an­­ders, müsste
die Welt aus Gott per Fol­­gerung be­grün­­det wer­den können; beide, Gott und Welt, müssten
derart übereinstimmen. Die Welt wäre so in ei­ner Art be­stimmbar, dass sie mit Gott überein-
stimmen könnte. Was sollte dann ‘Erlösung’ besagen? Warum soll­te aber schon die Existenz
Gottes bewiesen werden kön­nen müssen? Wie könnten Welt und Erlö­sung über­ein­stim­­­men?
Also kann die Welt auch nur als ‘gefallene’ begrifflich erfasst werden. Wer darin ein Pa­ra­dox
sieht, muss das Ver­­ständ­nis der Begriffe und Begriffsgewinnung reformieren. Ockham tut es.
90. Ord. Prol. q. 12 OT I p. 353 lin. 16–22.
91. In diesem Fall kann die Wahrheit per accidens nicht bewiesen, sondern nur hypo­the­tisch
be­hauptet wer­den.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 105

Religiosität auch immer aus dem Be­reich der Einsichten schlechthin in den Bereich
der Handlungen, beispielsweise der Kultaus­ü­bung oder tätigen Nächstenliebe, des Er-
werbs von merita usw. ‘Überträge’ würde erfordern kön­­nen müs­sen, so liegt es nahe,
dass hier Ockham nichts beitragen konnte, was aber viel­leicht aus dem Stande des
Mittelalters selbst auch nicht zu erwarten und möglich war.92 Das Wahrheitspräskript
muss akzentuieren und skandieren, dass der kontingente alias empiri­sche Satz (Witt-
gensteins Elementarsatz) kein analytischer sein kann. Mit Ockhams Wahr­heits­präs­
kript entfällt für den Elementarsatz die homoiousis, die Wittgenstein dafür angenom-
men hat. Ockham will keine Wahr­heits­werte, welche Witt­gen­stein für ana­lytische und
empiri­sche Aus­sa­gen gleichermaßen annahm. Er nimmt auch nicht die adaequatio in-
tellectus ad rem an.93 Da­­bei war, wie festzuhal­ten ist, zwi­schen suppo­ne­re (suppositio)
und significare (signi­fi­catio) zu un­ter­scheiden:94 „Est eti­am scien­dum quod sem­per
passio sup­ponit pro illo eodem pro quo sub­iec­tum supponit, quam­vis ali­quid aliud ab
illo significet ali­quo modo, scilicet in rec­­to et in ob­liquo, vel affirmative vel negative.“
Die sup­positio gibt die Stufe der (in­tensio­na­len) Be­stimm­barkeit des Be­griffs in se,

92. Es erhellt, dass jene Heilswahrheiten, die die ‘Erlösung’ des Men­schen, seine Verdienste, die
Gna­de, die Glo­rie usw. betreffen, wie sie aus Gott dependieren, aber den Menschen be­treffen,
de facto, was ihren Ausdruck an­geht, nicht dem Maßstab der Kon­tingenz unterstehen, aber
eben auch die Verhältnisse der divina essentia in se überschrei­ten. Die Heilswahrheiten be­­­
zeich­nen also womöglich ein eigenes Feld. Es versteht sich, dass ein in­ter­ner Handlungs­raum
des Menschen, wie er seelisch-psychologisch bei Luther oder Kierkegaard bezeichnet wer­den
konn­te, scholastisch nicht in Re­de steht. Wenn es dafür im Mit­telalter Vorbereitun­gen gibt,
in den Sekten und in den Kongregationen, die Heilswahrhei­ten der besonderen An­eig­nung
für bedürftig, ja auch für dieser kon­form zu halten, so bleibt doch die Erörterung Ockhams
selbst davon un­be­­rührt. Diese Tendenz gehört zu­nächst der mystischen Richtung an. Wie es
bei dem späten Ockha­mis­ten Gabriel Byel (Biel) sei, kann hier nicht erörtert wer­­den. Er ist
schon von der Win­­des­heimer Kongregation beeinflusst. In ihr wurden auch Ni­ko­laus Cu­sa­nus
und Erasmus erzogen. Wieweit der nach dem Ab­schluss seines SK in den fran­ziskanischen
Armutsstreit eingelassene Ockham Frömmig­keitsideale teilte, die sich bei Ni­kolaus von Autre-
court durchaus finden, steht da­­hin. Eine sol­che Parteinahme bzw. Einstel­lung wird aus dem
Text des SK vorderhand nicht abgeleitet wer­den kön­nen. Autre­court stellt die Frömmigkeit der
nach seiner Ansicht gescheiterten aristo­te­lisch-scholastischen Wis­­­sen­schaft ent­ge­gen. Das ist
bei Ockham so nicht erkennbar. Es sei denn man will das Zuge­ständ­nis einer ra­­tional unbeweis­
ba­ren, ja nicht einmal rational behandelbaren opinio resp. auch nur (das bleibt unentschieden)
Ver­­lautbarung in fi­de, einer kirchlichen Auslegung usw. dazu zählen, bei denen, wie Ockham
geradezu fest­stellt, oft nicht der Wi­der­­spruchssatz in Anschlag gebracht werden könne. Doch
damit wird die Glaubensaussage dann zugleich dem ‘ad libitum’ nahegerückt. Willent­lich oder
unversehens.
93. K. Lorenz, Elemente der Sprachkritik, 1970 rechnet Wittgenstein die Adäquatheitshypothese
positiv an.
94. SL I c 37 OP I p. 105 lin. 38 – p. 106 lin. 40. Daher gibt es ‘passiones positivae et passiones
negativae’ (ib.).
106 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

i.e. als etwas Mentales vor und an.95 Die sig­nifica­tio be­steht eindeutig nur im Objekt:
sig­nificatio = obiec­tum, was zu bedeuten hat, dass die pas­sio etwas am Objekt oder
in ihm be­deutet oder bezeich­net, was un­ter­halb der Sup­po­si­ti­ons­i­­den­tität, die das
Wahrheits­prä­skript be­nennt und vor­schreibt, nur nicht in dieser, vor­kommt und da-
her für die suppositio und ge­mäß dieser auch nicht in einer Auslegung der Real­din­ge
in se geltend ge­macht wer­den kann. In die­sem Sinn wür­de die Definit­heit der Begriffe
verletzt wer­den, wenn­gleich sie in se nicht er­reicht werden kann. Wir sind mit ihr
auch unter­halb des Wider­spruchs­mo­­­ments, das bei der re­probatio fal­scher Ansichten
zur in­haeren­tia der pas­sio oder des acci­dens in subiecto ja noch greift. Dass bei und
von Ockham eine intensio­na­le Ebene betrachtet und behandelt wird, ist klar:96 „im­mo
ad hoc quod homo sit asinus vel non sit asinus, nihil fa­cit intellectus. Sed quod haec
pro­­positio: homo non est asinus, sit vera, non sufficit quod ho­mo non sit asi­nus. Sed
requiritur quod ista propositio: homo non est asi­nus, sit.“ Eine Er­kennt­nis ‘homo est
asinus’, könnte qua Einsicht (notitia intuitiva) nicht for­miert werden. Doch es gibt den
Satz. Dieser Satz wird dann per notiti­am intu­iti­vam beur­teilt werden. Er müss­­­te so im
Grund als all­gemeiner Satz verstanden wer­den. Damit werden auch elementare Sätze
allgemein.97
Dies scheint aber ein Dilemma bei vielen Erörterungen Ockhams zu Typus und
Charak­ter von Sätzen zu sein, dass Allgemeinheit und Konkretion (Empirie) am Ende
nicht trennscharf be­ste­­hen bleiben können,98 so dass eine Voraussetzung, die mit den
Unter­schei­­dun­­gen von no­­­­titia abstractiva und notitia intuitiva an bis zu denen der
Satztypen hin, die hierauf aufbauen oder damit vereinbar erscheinen, ge­macht worden
ist, nicht mehr (so ganz) festgehalten wer­den könne, so scheint es wenigstens. Das aber
hätte dann zu be­sa­gen, dass die Verlässlichkeit (Eindeutigkeit) der Begriffe, die mit der
notitia intuitiva oder em­­­pi­rischen Wahr­nehmung und Gewinnung veranschlagt und

95. Cf. SL I c. 37 OP I p. 104 lin. 3 – p. 105 lin. 11 (Text s. Anm. 21: „(passio) multipliciter accipi
etc. etc.“
96. Ord. d. 24 q. 1. O. Wir folgen W 1485. Ed. nennt die Textvarianten im Apparat. Text Ed.
Ord. d. 24 q. 1 OT IV p. 88 lin. 17–23 ist nicht so schlüssig: „Similiter, si nullus intellectus esset,
adhuc homo non es­set lapis, et tamen haec non esset vera tunc ‘homo non est lapis’ (sic!), quia
nulla propositio esset tunc (!!). Et hu­ius ratio est quia ex re dependet veritas propositionis,
quamvis non e converso, immo ad hoc quod homo sit asi­nus vel non sit asinus, nihil facit intel-
lectus. Et ita quod haec propositio ‘homo non est asinus’ sit ve­ra vel non sit vera, nihil facit ad
hoc quod homo non sit asinus.“ ‘Wahr’ als Bestimmung des Satzes ist nicht nur Be­stim­mung
des Sat­zes a parte rei. D. Perler, Ockhams Transformation der Transzen­den­talien, in: Miscellanea
Me­­diae­va­lia Bd. 30, 2003 pp. 304–319 sieht verum bloß als a parte rei bestimmt an. ‘Verum’
bekommt bei Ockham einen modalen Wert.
97. Dabei tritt die ontologische Bedeutung von Sätzen nicht auf, wie die Folgerung empirisch
keinen Platz hat. In die­­sem Sinn hat Autrecourt recht. Die Folgerung kann nur kein Regulativ
sein. Das nimmt er aber doch an.
98. Cf. etwa zur propositio per se nota Kap. 3: Zum Verhältnis der Satzformen.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 107

vor­aus­ge­­setzt, ei­gent­lich un­terstellt wur­de, vermöge der All­­ge­mein­­heit nicht mehr


unbedingt gewahrt bleiben muss. Sol­che Formulie­rung des Problems ent­hält aber zu­
gleich dessen Lösung: wo die Allgemeinheit im Sinn der Kon­kretion nicht besteht
und ge­wahrt bleiben kann, da muss sie, argumentativ, im Sinn der Be­hauptung einer
Verbin­dung oder Ableitung, negiert werden. So entsteht die Ar­gu­mentation aus die-
sem Dilemma und be­hebt es; die anscheinende Paradoxie wird mit der grund­legenden
Funktion und Gestalt des Ar­­­­gu­ments, der Revozierung vermeintlicher Schlüs­sig­keit
beseitigt; sie kommt nicht auf. Die Ar­­­gu­mentation approximiert sich dem Beseitigen
oder Vermeiden von fallaciae. Die Ar­gu­­­men­­­­­­­­ta­­­tion (das Beweisen) muss konstitutiv in
der Phi­lo­sophie Ockhams sein, und dabei oder da­­rin die Prävention gegen den Fehl-
schluss, i.e. das Entscheiden, ob eine consequentia als con­­­sequentia bona vel valida zu
gelten habe oder als inferentia fal­sa. Zugleich wird damit aber klar, dass Definitheit der
Begriffe gefordert und vor­aus­­ge­setzt werden könne, aber nicht in sich er­reicht und pro
facto festgestellt. Festgestellt werden die Validität des Schlusses und die Angän­gig­­keit
einer Nebenannahme. Gegen letzte­re sprechen dann nicht ‘Schlüsse’, weil sol­che selbst
nicht gehalten werden können. Sie ha­ben, allgemein gesehen, fal­sche und nicht zwin-
gende kontingente Vor­aus­setzungen, die mit­hin nicht für ge­ne­relle ge­halten werden
kön­nen, so dass mit einer Bedeutungslosigkeit für die generelle An­nah­me oder These
gerechnet werden muss. Bei pre­kärer Kombination von sub­stan­tia und acci­dens droht
die fallacia etc.99
Wenn aber in dieser Weise nun rationes auftreten, die einander nicht einschlie-
ßen, sondern ne­­­­beneinander kompatible Fälle zulassen, also eine Abstraktion erge-
ben, die die Konkretion (sehr wohl) einschließt, dann beinhalten sie das Verhältnis
aus einer potentiell allgemeinen Aus­sage zu einer ganz und gar empirischen, i.e. auf
den Einzelfall bezogenen und beschränk­ten. Für einen solchen ist die Definitheit
abstrakt mitgegeben. Die logische Zwangsläufigkeit wird für sie abgelehnt. Derart
ist dann auch eine nominalistische Universalienlehre (= Ableh­nung der realistischen
Hypothese eines universale in re) für das allgemeine Argumentieren mit­­­­gege­ben,
sie ist darin eingeschlossen. Sie wirkt fort in der allgemeinen Argumentations­pra­­xis
Ockhams beim Erweisen von untereinander kompatiblen Fällen, für die es rationes
gibt, womit ei­ne ratio auf die Nichtschlüssigkeit von ‘bestimmten’ in ihrer Weise nur
kontin­gen­ten oder akzi­den­­tel­len Umständen, also potentiellen Begleitumständen,
negativ ‘festge­legt’ wer­den kann.100 Solch ein Fall liegt vor (wird präpariert), wenn

99. Ord. Prol. q. 4 OT I p. 157 lin. 6–8 nimmt Ockham eine Notwendigkeit secundum intentio-
nem Aristotelis an, die de facto bloß Kontingenz (‘contingens’) bedeuten kann. Diese Tendenz
zur Empirie (Kontingenz, zum kon­tingenten Satz ) be­stimmt dann auch die Widerlegungen
Ockhams. Dieses Moment der Kontingenz kann auch in der Darstellung und Feststellung der
fal­la­ciae niemals überwunden oder überstiegen werden.
100. Dabei gilt, dass die Widerlegung in der Form des in­direkten Beweises nicht eine Tech-
nik des Aufweisens bei Ockham ist oder diese erübrigen könnte. Reprobatio, refutatio oder
auch eine confutatio (i.e. eine mehrfache Wi­­derlegung oder In­fra­gestellung) stellen nicht be­
reits Ockhams eigene opinio dar oder auch nur vor. Die wird durch die per­suasio (Ana­lo­gie,
108 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Ockham in quae­s­tio 1 des Prologs zur Ordinatio feststellt: „non intelligo quaestionem
(nach der Evidenz) praecise de no­ti­­tia evi­­denti scientifica.“101
Die abstractio durch einen Begriff wie genus, i.e. durch genus als ontologischen
Begriff zu kennzeichnen, wäre schwierig und sinnwidrig bzw. zweckwidrig. D. h. so
als ob der abstrakti­ve Begriff in sich ein Moment des genus, also der Ordnung der
Begriffe oder Gegenstände un­­­tereinander enthalten könnte. Ockham zeigt es im Ord.
Prol. Es gibt keine Parallelität von no­titia abstractiva (abstractio)102 und durch das ge-
nus und des­sen Begriff be­zeichneter All­­ge­meinheit. Nicht diese wird gemeint, wenn
abstrahiert wird. Nur so ist ge­nus als Prädikat ver­wendbar (‘animal est genus’). Das
gilt auch für species (‘homo est species’).103 Danach kann der Begriff ‘genus’ nicht ab-
strahiert oder mit abstrahiert werden, also die ent­­sprechende Ei­gen­­schaft auch nicht.
Die essentielle Prädikation ist un­möglich. Die Prä­di­ka­ti­on ist, soweit es um Empirie
sich handelt, wegen der Kon­­tingenz oder, for­mell bzw. intensi­o­nal, überein­stim­mend
mit ihr, von der Zeit nicht un­­ab­hängig. Sätze wie ‘Socrates sedet’ oder ‘Petrus est re­
pro­batus’ sind kontingente Sätze und der Inhalt der passio in­häriert nicht abstrakt in
dem Sub­jekt­term. Der Subjektterm und das Prädi­kat müssen aber bei­­de auf dasselbe
äußere Objekt ver­­weisen, wenn der Satz suppositi­ons­­­­lo­gisch als wahr gel­ten kön­nen
soll, dann wenn es um die supposito personalis geht. Die sup­po­si­tio simplex ‘homo

Vergleich), Induktion (mit dem den negativen Fundie­rungs­zu­sam­menhang, bei dem ein akzi-
denteller Umstand negiert wird, also kei­nen Schluss zulässt) bestimmt.
101. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 15 lin. 5–11. Dabei kann Ockham denn auch sagen, dass notitia
intuitiva und notitia abstractiva sich nach ihrem forma­len Entstehungsgrund gar nicht unter-
schieden. Cf. ib. p. 34 lin. 6–12: „Nec dif­fe­­runt per ratio­nes mo­­­ti­vas formales, quod scilicet in
cognitione intuitiva res in propria exis­ten­­tia est motiva per se obiective; in cog­­nitione abstrac-
tiva est aliquid motivum in quo res ha­bet esse cognoscibile, sive sit causa virtualiter continens
rem ut cognoscibilem, si­ve sit effectus, puta species vel similitudo repraesentati continens ip-
sam rem cuius est si­­mi­li­tu­do. Sicut dicit idem (sc. Scotus) Quodlibet, quaestione 13“. Es gibt
also nicht jenen Argumentations­grund, nach dem Erkennt­nis (Akt) und Wahrheit voneinander
unterschieden oder aneinan­der gebunden wären. Für den Akt steht nicht die Wirklichkeit und
diese kommt nur nach dem Akt in Betracht. Ein bestimmtes emp­i­ri­sches Ent­stehungsmoment
wird also nicht für die ratio der bei­­den notitiae und ihre Unterscheidung angenom­men. Auch
sonst können nach Ockham nicht Unterscheidungen gemacht oder aufrechterhalten werden,
wel­che mit der Defini­ti­­on in ei­­nem ex­­­ten­­sionalen Sinn, i.e. strictissime a parte rei gesehen,
übereinstimmten.
102. Das muss bedeuten, dass Ockham zur Abstraktion (notitia abstractiva) übergeht und dass
er eine Wahl­mög­­lich­keit habe. Es muss einen actus apprehensivus geben, der unabhängig von
der notitia intuitiva sei.
103. Auch bei Duns Scotus ist der actus apprehensivus bereits zentral; er wird indes ontolo-
gisch dimensioniert. Dies geschieht, nicht um Gott denken oder mit­­­­­denken zu können, son­
dern um den Begriff, aus dem gedacht wer­den können soll, zu schaf­fen. Es ist dies die Stelle, an
der der die Kommentatoren des Duns Scotus mit ihren Er­läu­te­rungen eingesetzt haben, die da
auch unentbehr­lich waren. Z. B. zu ‘species’. Cf. S. Day, 1947.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 109

est species’ oder ‘animal est ge­nus’, bei der subiectum und passio ge­­­mein­­sam für einen
‘Begriff ’ (natürlich denselben) sup­po­nie­ren, bezieht sich eben nicht mehr auf eine res
extra mentem, die per notitiam intuiti­vam empirice wahrgenommen und bestätigt
werden kann.104 Gäbe es eine essentielle Prädikation, gä­be es nur ein und denselben
Begriff. Ockham lässt aber eine solche Prädikation eins zu eins nicht zu. In ihr wären
in jedem Fall formell empirische Begriffe verwandt worden.
Ockham hat dann in manchen Fällen widerlegt, indem er zeigt, dass gewisse
kontingente Sät­ze, die von abstrakten Aussagen über­fasst werden, dieselbe Suppo­
sitionsart in subiectum und pas­sio nicht haben – können. Der ab­strak­te Satz wird
so wider­legt. Doch wird er nicht durch ei­ne ‘ge­gen­teilige’ Aussage ersetzt, die damit
als durch indirek­ten Beweis gleichsam er­mit­telt zu gel­ten hätte. Denn wo derart von
Ockham wider­legt wird, soll eben nur ‘wi­der­legt’ wer­den; es wird dann ei­ne ab­strakte
Aussage nach ihrem in­ten­si­onalen Ge­­halt abgewie­sen. Das Er­­­­geb­­­nis dieser Wider-
legung lau­tet: „simpliciter fal­sum“ = absurdum.105 Die persua­sio ist da­bei als eigens
abstrahiert zu den­­ken.106 Die Abstraktion, mit der und innerhalb deren Duns Sco­­­tus
‘de­duktiv’„operiert“, erscheint, selbst wo sie mit überweltlichen Tatbeständen oder
Be­­­zügen befasst ist, als zugleich unge­schie­den von jeder empirischen Ansicht und
eben auch Vorstel­lung.107 Während bei Duns Scotus die abstraktive Behandlung der

104. Es ist klar, dass wenn genus Teil der Abstraktion oder sie bestimmend wäre, dann müs-
sten Sät­ze, die Sätze be­­tref­fen, diese Sätze identisch auffassen, i.e. diese Sätze aliquomodo sein.
So könnten sie nicht der Stufe nach ver­­­­schie­den sein. Es gäbe die erste Stufe der Wahrneh­mung
extramentaler res und der kontingenten Sätze nicht. Umgekehrt kann genus selbst nicht abstra-
hiert werden. Es ‘kann’ und darf kein empirischer oder empiristischer Ter­minus sein. Er meint
aber wie alle ontologischen Begriffe eine widerlegungsprobate Intention auf die realitas.
105. So wie Ockham hier beweist, widerlegt er Duns Scotus nicht und begreift des­sen Kon­zep­
tionen faktisch nicht ein. So sind beider Konzeptionen nicht gegeneinander ausgeschlos­sen.
Sie bleiben mithin kompatibel. Ockham geht allein nicht auf die significatio qua intensionaler
Bestimmung der suppositio und ihrer Bezü­ge im Sprachmaterial zurück und er beweist nicht
von ihr her oder auf sie hin. Von ihr aus zu operieren würde be­deu­ten, hetero­ge­ne Konzepte
gegeneinander setzen zu können, so dass etwa eines ausge­schlos­­sen und das an­de­re zu­ge­­las­
sen werden könnte oder müsste. Es wird genau das nicht den spätscholastischen Aus­trag hier
ausma­chen oder auch nur wiedergeben (‘malen’) können. Wir erkennen, dass was wir zu den
Akten (no­titiae) gesagt haben, nicht die Logik abgibt, eine significatio für die Ab­straktion zum
Regulativ zu machen. Das wird mit den Ontolo­gien ange­nommen. Sie müs­sen im Prinzip Ope-
rationen enthalten oder freistellen, wel­che auf Definitheit nicht ein­­­­zu­gehen oder sie zu sichern
hätten. Ockham sichert die Definitheit und schließt die Logik aus.
106. Die persuasio beruht nicht auf dem ‘tertium non datur’. Es kann zwei oder drei per­­­su­a­­sio­
nes nebeneinander ge­ben. Es gibt also einmal keine empirische Grundlage im Sinne des ‘terti­
um non datur’; dann aber gibt es auch keine analytischen Auflösbarkeit einer persua­sio, wie es
ja denn auch keine solche bei den rationes gibt, wie wir ge­zeigt haben.
107. Nach Ockham Rep. II, q. 12–13 OT V pp. 253 – p. 310 kann die spe­ci­es für den actus in-
telligendi ge­setzt werden, muss es aber nicht (p. 269 lin. 13–15): „Nunc au­tem sine om­ni spe­cie
110 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

ungeschiedenen em­pi­risch re­levanten Begriffe oder ‘In­­halte’ zur absoluten Apostro-


phierung der Akte in Be­zug auf ei­ne ab­­solute Geltung und Ma­­ximenbildung strebt,
wird bei Ockham auch diese anteilige (in­tensionale) Reflexion als Teil der Ausdrucks-
momente des actus apprehensivus ge­­­deutet und zwar so, dass der em­pi­ri­sche Bezug
eindeutig zugelassen und aus­drücklich nicht ausge­schlos­­sen wird.108 Er be­deutet nur,
dass die consequentia, die an einen derart abstrakten Satz­aus­­druck angeschlossen
wird, nie im Sin­­­­ne von dessen Realgeltung, also quasi noch im onto­logi­schen Sinne
uni­versell verstan­den werden dürfte. Damit wird die abstrakte ‘Gel­tung’ der Ter­­mini
und propositiones, und so auch ihre Definitheit hypothetisch erreicht. Wir können
von der Stufe der Abstraktion nirgends zur Reali­tät109 ge­lan­­gen, da Folgerungen in­­

ad prae­sentiam obiecti cum in­tel­lec­tu sequitur actus in­tel­ligendi ita bene si­cut cum illa spe­­cie.“
Kann das als Vorhalt gel­ten, so gibt Ockham auch noch ein Widerlegungs­ar­gu­­­ment, wenn die
species für uner­läss­lich ge­­hal­ten wird (ib. lin. 16–19): „Item si spe­cies po­na­tur necessario re­
qui­ri ad cognitio­nem intuitivam, si­cut cau­sa effi­ci­ens, tunc, cum illa spe­ci­es pos­sit conser­va­ri
in ab­sen­­tia obiecti, possit causare na­­­tu­raliter cog­ni­tionem intuiti­vam in ab­sentia rei, quod est
fal­sum et contra experientiam.“ Da­­­­­mit wird natu­rali­ter implizit negativ mit mechanisch gleich­
gesetzt; die omnipo­ten­tia kann nicht diese me­cha­nische und na­turale Er­­­folgung der Er­kennt­nis
meinen und nicht dort eintre­ten, wo die ex­pe­rientia angeführt wer­den kann. Die con­ser­­­va­tio
notitiae intuitivae in absentia ob­iecti muss al­so einen anderen Fall darstellen und eben­so die
mechanis­ti­sche Auslegung des Erkenntnis­vor­gangs mit seinen Fak­to­ren ausschlie­ßen. Ockham
geht von der Existenz der Ver­­standesope­ra­tio­nen und deren ab­strak­tiver Un­abhän­gig­keit aus.
Die Potenz des Ver­­standes muss nicht eigens gesichert, erklärt oder be­gründet werden. Wenn
sie erklärt wird, ge­schieht es induk­tiv, d. h. durch den prakti­schen Hinweis auf Existenz und
Gege­ben­heit. Sie wird nicht durch das ontologisch realistisch als species gefass­te universale er-
klärt oder gesichert. Zur Anfechtung der These von der ‘species’ s. auch schon Kap. 1 Anm. 69.
Der dortige Beweis, der derselben quaestio entstammt, schließt die re­probatio, die oben unver-
hohlen ge­geben wurde, gleichsam in eine persuasio ein. Dabei wird dort das Beweisen selbst
intensional angegangen und auch selbst gewissermaßen geschildert. Beide beziehen aber die
species auf ei­ne Relation (notwendig oben und perfectius dort), die in der Sachenwelt ‘gegen-
ständlich’ also nicht grundge­legt alias nicht sichtbar ist. Wir überschreiten intensional (und
eben im Beweisen) diese Gegen­stands­welt, wie es denn ja auch mit der conserva­tio der notitia
intuitiva, dem habitus, dem Omnipotenzprinzip und seiner Funktion bei der ‘Ordnung’ der
Akte oder notitiae schon geschieht, wenn die multiple Anordnungs­funk­tion der Akte eben
auch für die Abstraktion an die Kontingenz gebunden bleibt, die Gott mit seiner Macht (con-
servatio) und dann auch Allmacht disponibel häl­t. Beide sind prima facie an die nicht mecha-
nistisch gebun­de­nen absoluta der kon­kre­ten Welt der Schöpfung (lex communis) geknüpft, für
die sie die Kausalität nach dem Verhältnis von conditio (ratio) necessaria und ef­fectus sichern,
indem sie sie in Richtung auf Gottes Macht und Allmacht hypothetisch (wie immer erkennbar
ist) in eine ratio sufficiens überführen und ausweiten, so dass da­nach Kausalverhältnisse unme-
chanistisch er­klärt werden können.
108. Determinative Zusätze des Scotus verwirft Ockham gerade mit Bezug auf die Empirie
suppositionslogisch.
109. Gemeint sein muss die Realität in se.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 111

ten­si­onal äquivalent einer Negation von ‘Folgerung(en)’ aus­gespro­chen werden. Wir


blei­ben so bei der Ab­straktion.110 Allgemein aber wird die Abstraktion durch Moda-
lität ausgedrückt, die sie in­des­sen auch er­setzt: sol­len aus der Ab­strak­tion doch Fol-
gerungen gezogen werden, müssen diese noch einmal qualifi­ziert werden. Denn das
Wissen, wenn es ‘tan­tum ab­strac­­tive’ ist, kann nicht Exi­stenz meinen und nicht den
realen Bezug enthalten. Der wird be­­­kannt­­lich für Ock­­­ham durch die notitia in­tuitiva
gesichert und ausgesprochen.111
Es zeigt sich indessen, dass das Zentrum der Erkenntnis­be­stim­­­mung bei Ockham
Sätze und Be­­­­grif­fe, Satztypen und Begriffsklassen sein müssen, nicht die Akte oder
notitiae. Sie sind im­me­diat gegen die Realität gesetzt; für sie kann die Geltung primär
verteidigt i.e. nicht bestrit­ten werden. Es zeigt sich hier, dass die no­ti­­­tiae als Ausdruck,
der die Begriffs- und Satzakte übergreifen­den Bestimmungen und Klas­si­fi­­kationen
der Erkenntnis oder der Vermögen, die da­rin inbe­grif­fen sind, aber immer auf die
Sät­ze und Be­­­­griffe bezogen werden, bloß eine syn­the­tische Funktion wahrnehmen:
indem sie in Bezug auf die Widerlegung und die Nichtbeleg­bar­keit mit den Wahr­heits­
wer­ten, die Ab­schei­­­dung der akzidentellen Bestimmungen in der For­­­mation der ra­tio
unius notitiae oder uni­us actus nach dem Begriff der forma (der sich auf Natur und
Psy­che vor­zugs­weise bezieht) die potenti­elle Verflechtung und Bewertung der Satz-
und Be­griffsakte enthalten, besagen sie nur etwas, was allein ne­gativ und hypothe-
tisch angenommen werden kann, so die Abstraktion be­trifft und sichert. Sie besagen
nicht den In­halt.112 Der ist in Begrif­fen und Sätzen verankert. Wir kön­nen in ihnen
wesentlich den Zei­chen­charakter113 unterstellen oder aber den Begriffs­cha­­rak­ter, für

110. Cf. dazu auch Kap. 4: Fides et scientia und Kap. 9: Induktion und Ontologie.
111. Hier gibt es auch den Fall, dass die sig­ni­fi­catio in/als Folge bzw. Folgerung tatsächlich
(i.e. erkennbar) nicht prä­sentiert wer­den kann, wäh­rend wir sonst nur un­terstellten, dass es
nicht gefol­gert (in­des auch nicht aus­ge­schlos­­­­sen) wer­den kön­­ne. Mo­da­lität bezeichnet Sätze
bloß in dem Sinne wie Signifi­kanz mit der Aufhebung von Folgerung zusammenfällt. Das wie­­
der macht den Charakter der Abstraktion aus, die so­mit all­gemein nach ih­rem Wesen durch
Mo­da­­lität ausge­spro­chen und gekennzeich­net wird.
112. Für den Inhalt bzw. Begriffe und Sätze wird die unmittelbare Geltung ohne eine jede
Prä­mis­se, welche dann al­­lein immer transzendentalphilosophisch zu begründen, scheinbar zu
eru­i­eren wäre, festgestellt. Ockhams in­tra­men­tale Begriffswissenschaft gelangt nicht bis zu Des­
cartes’ extrovertierter Wissenschaft. Aber auch bei Des­car­tes ist die introspektive Komponente
der Evidenzbildung unverkennbar, die er als methodische Vergewis­se­rung des Sinns von Wor-
ten usw. in der Theologie kennen gelernt hatte.
113. Betont man den Zeichencharakter, kommt man für den Sinn von Aussagen (au­ßerhalb
des Suppositionsprä­skripts) zu den in diesen gelegenen unbegründbaren Ver­bindungen. Die
muss dann die Implikation mit ihrem we­sentlich bestreitbaren (negativen Sinn) über­neh­men.
Die Fol­gerung muss in dem Sinn ‘bestehen’, dass sie nicht vollzogen (performiert, aktu­iert)
wer­den kann, i.e. nicht analytisch ist. sie muss implizit syn­thetisch sein. Das lässt Alter­na­­tiven
zu: Lehre von den notitiae und actus in ihrem reinen oder weitgehenden ad libitum. Ock­ham
hat wo er mit dem conceptus hantiert, den Fol­ge­rungs­charakter zwischen den Sät­zen ver­­ändert
112 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

den wir dann die Akte und die Abstraktion einführen und verhandeln, i.e. in ei­ne
men­talistische Theorienbildung eintre­ten. Die theologischen Inhalte können nicht
über die Zei­chenlehre und die Lehre von den Kon­­­­­sequenzen erfasst werden.114 Eher
sind hier über sie, wie man gesehen hat, Begrenzungen auszudrücken. Darin bleibt
diese Lo­gik mit Ockhams the­o­logischer Deutungspraxis jedoch not­wendigerweise
vereinbar. Sie darf und kann indes auch ge­­gen diese keine Einwände besa­gen oder
ausdrücken.115 Sie ist natür­lich nicht in der The­­­ologie ‘fundiert’. Zwi­schen der

und umge­kehrt, auch redu­ziert, etwa wenn es darum geht, den Operations­be­griff mit dem
Finis und dessen Kenntnis in da­zu eige­nen Sätzen zu verknüpfen. Auch hier ist die direk­te
empirische Erkenntnis bzw. Fundierung das Problem.
114. Die eigene Rationalität des Theologischen kann nur dadurch begründet sein und darauf
sich gründen, dass was die significatio verkörpern könnte, nämlich das Zeichen, sup­po­siti­ons­
logisch eingefasst mit Einrahmung in die consequentiae, nicht im Widerspruch dazu steht. Das
sichert sehr allgemein die Definitheit. Indem die Sup­po­sitions­lo­gik die Konsistenz ver­kör­pert,
sichert sie die Determinatheit der theologischen Inhalte, gerade in­dem sie sie nicht fun­diert
und nicht in sie eindringt. Der Zeichenbegriff darf so leer und nichtig bleiben. Er ver­kör­pert
die significatio leer, inhaltslos ja ohnehin. Die theologi­schen Inhalte, Begriffe oder Sät­ze dür-
fen daher über ihn (und d. h. sup­po­sitionslogisch) nur nicht widerlegt werden kön­nen. Die
Suppositions­lo­gik steht mit der Widerle­gung außerhalb der Rationalität der Theolo­gie. Die
Suppositions­lo­gik begrenzt sich quasi mit der Wider­le­gung, die sie in sich selbst er­fährt. Sie
verkörpert und sichert die Definitheit. Diese bleibt implizit an das Zei­chen­mo­ment gebunden.
Die Begriffswertigkeit kann als aus ihm induktiv sich erhebend gedacht werden.
115. Diese ‘Logik’ steht also den individua nahe, als die wir die Objekte (res extra animam)
fas­sen. Nach Quine, From a Logical Point of View, 1961 oder N. Goodman, The Structure of
Appearance, 1951 und Fact, Fict­ion and Forecast, 1955 denken wir so genuin nominalis­tisch. Um
1800 hat C. G. Bar­dili, zu dessen Lehre K. L. Rein­hold von der Kants ab­fiel, die Logik auf rei­n
indivi­du­el­le Momente gründen wollen. Auch Quine be­zieht sich auf die Dinge als absolute Sin-
gularitäten; er sieht sie als kontingente Gegebenheiten, die kein von den Ausdrucks­struk­­­tu­ren
ab­zu­bildendes Geflecht bilden oder enthalten. Die hier als sprachliche be­trachteten Struk­tu­­ren,
für die Quine alle Sprachtypen heranzieht (s. die Klassifikationen bei E. Sapir, Language, 1922)
geben al­so die Kontin­genz und die Singularität wieder. Dafür treten bei Ockham die von ihm
appretier­ten Argumenta­ti­onsstrukturen ein, mit de­nen quasi noch eine Auswahl der Realge-
sichtspunkte erfolgt. Dabei soll der Be­griff (universale), der die res sin­gu­laris in se ipsa nach
einem Begriff (Begriffsverhältnis) nicht be­trifft, so­fern die­ses darin beweisbar ge­­ge­be­­n zu sein
hätte, sie aber immerhin doch betrifft, sie im Sinne der Ne­gation des Be­tref­­fens der res ipsa in
se doch posi­tiv betreffen, d. h. im Sinne einer intensional negier­ten Ne­gati­on. Alle ontolo­gi­
sche All­­gemeinheit, so­fern sie in der res selbst vorhanden sein sollte, wird per reproba­ti­onem
ne­giert und aus­ge­schie­den. Damit gilt aber der Be­griff nicht etwa nicht, wie die ontologischen
Realisten es postu­lier­ten, wobei sie even­tuell das tertium non datur für sich in Anspruch neh-
men können (aber sie setzen bereits Ontologie als unum­stöß­lich wahr voraus und bewei­sen
sie sei es zusätzlich sei es einzig, indem sie deren Ablehnung wider­le­­gen), son­dern der Begriff
als universale gilt, weil die onto­lo­gische Prä­suppo­si­tion negiert werden muss und aus­­schei­det,
sofern er gilt, näm­lich gültig ge­braucht wird, und die On­to­lo­gie eben nicht gilt. Der Nomina-
lismus ver­steht sich dabei als positiv und als Lö­sung, wo Nikolaus von Autre­court ein Dilemma
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 113

empi­ri­schen Welt (nach der lex com­mu­nis) und der jensei­ti­­gen essentia divina bzw.
der jenseitigen Welt mit Gott, Engeln und be­a­ti muss weiter­hin so ar­­­­gumentativ
vermit­telt wer­den, dass, mit­tels dieser Argumenta­ti­on met­­­ho­disch geregelt, Be­grif­­fe
auch für sie ge­braucht werden kön­nen.116 Deren eher em­pi­ri­­schen Bezug drücken no­ti­
tia in­­tu­itiva und Suppositionslogik nach der Version des kontin­gen­­ten Satzes aus, den
sie (ein­zig) zu­­­­lassen und begründen helfen.117 Ihr abstrakter (abstraktiver) Charakter
oder Ge­brauch drückt sich darin aus, dass der empiri­sche Bezug, indem er nicht aus-
geschlossen ist, son­dern her­­­­angezogen wird, die negativen (mo­­­dalen) Bezeichnun-
gen des Satzes liefert. Diese besagen Nichtintention der significatio.118 Der empirische
kontingente Satz ist in Ockhams System Ba­sis aller Bedeutungsanalysen des in der
humanen Erkenntnis für denkbar = möglich Ge­hal­te­­­nen. Was nicht für den kontin­
gen­ten Satz gesagt werden kann, kann auch nicht in ihn hin­ein­­­­gelegt werden, d. h.
als Eigen­schaft intensional in ihm enthalten sein. Das gilt vorab für die on­tologischen
Anschauungen, für die er als primärer Repräsentant oder Träger von Erkenntnis in
Frage kommt.119 Die in­ten­siona­len Eigenschaften des kontingenten Satzes (und dann

gesehen hat. Der Nomi­na­­­lismus erwächst daraus, dass man Vor­stel­lungen und Erwartungen
ver­­neint, die auch Nikolaus von Autre­court noch ge­teilt hat, wo er sie für unerfüll­bar hält. Der
Nominalismus hält sie aus Argumentationsgründen für irra­tio­nal. Er be­­­trach­tet sie nicht mehr
als sach­haft. Quine geht so von der Semantik zur Prag­matik über. Sie entspricht der Ver­­­­nei­
nung von An­sich­­ten, die er für irrational = unbegründbar hält. Aber die Lösung muss da die
Negation des Negierten im­pli­zieren. Es wird das accidens der Lösung als postulierter Substanz.
Darin ist eine Verschie­bung per argu­mentum.
116. Diese Begriffe (ebenso wie sie betreffende weitere Begriffe und Maximen) können im
Sinn der Suppositions­lo­gik nach dem Suppositionspräskript in der Form von Widerlegungen
be­­handelt und bestritten werden. Das ge­schieht auch im SK. Aber es treten in dem Sinn nicht
Abstraktion und Induktion auf. Diese Induktion ist der in­ferentia aus Sätzen übergeordnet, s.
Ockham SL III – 3. cap. 31–36 OP I pp. 707–721. Zu einer qua­­­li­­ta­tiv veranschlagten ‘quantitativen’
Induktion s. als Beispiel SL I c. 38 lin. 11–32 OT I p. 106f.
117. In mehreren oben analysierten Beispielen war denn auch nur ermittelt oder erhärtet wor-
den, dass ein Satz, der der ab­strakten the­o­logischen Erkenntnis angehören müsste, nicht empi-
risch fun­diert und daher nicht einsich­tig wer­den kann.
118. Darin ist in seinem besonderen bzw. insgleichen allgemeinen ab­strak­ten (abstraktiven)
Cha­­rakter schon der Begriff bezeichnet, wenn bei der Begriffsbildung die notitia abstractiva
aus der no­ti­tia intuitiva zwangsläufig sich ergibt. Derart ist auch die ‘empirische’ Logik, wenn
neben der ab­strakten (abstraktiven) Begriffsverwen­dung heran­ge­zo­gen, mit dieser kompati­
bel.
119. Ein Ausdruck wie ‘ra­tio conceptus uni­­versali­s’ für die natura communis steht wie suppo-
sitio simplex auf ei­ner höheren Stufe als die uni­ver­­salia selbst. Die Frage nach der Legitimi­tät
des Uni­ver­­salienpro­blems wird im­pli­zit von Ockhams Ar­gu­menta­ti­­on auf dieser Stufe aufge-
griffen. Auf ihr äu­ßer­­t sich nicht Fran­ciscus Suárez (Disp. Met. D 6 s. 9 n. 7): (Nomi­na­les)
„om­ni­no ne­gant haec universalia in rebus reperi­ri. Vix au­tem cre­di­bile est opi­ni­o­nem hanc in
mente ali­cu­ius phi­lo­so­phi ve­nisse.“ Da­bei handelt es sich an der Stelle gar noch um ‘ge­nus’ und
114 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

aller an­deren Sätze) sind ne­ga­ti­ve; sie stüt­zen sich auf den realempirischen Bezug,
den sie als sol­chen in­des nicht ausdrücken und da­nach auch nicht verkörpern sollen.
Intensional bedeutet al­­lein auf das Subjekt bezogen (= pragmatisch, mentalistisch)
und eben auch modal.120 Aus dem actus apprehensivus kann nicht auf die Geltung,
i.e. die significatio alias res singularis ge­schlossen werden.121 Ein ac­tus, der aus sich

‘dif­feren­tia spe­ci­fi­ca’, hier als uni­ver­sa­lia be­zeich­net. Sie könnten nach Ockham auf Begriffe, i.e.
nach deren abstrac­tio be­­zo­gen, diese Begriffe nur in ei­ner sup­po­si­tio simplex betreffen, also in
kei­nem Sinne re­a­­ler oder em­pi­ri­scher Im­me­­di­at­heit. Ockham hat aber seiner Ablehnung des
ontologischen Realismus eine Ge­stalt gege­ben, in welcher Operatio­nen (Argumentationen als
Operatio­nen) sy­s­te­matisch dessen Unmöglichkeit ent­halten, soweit und in Identität damit dass
bestimmte Annahmen und Kon­zep­tionen nicht möglich seien; dies er­gibt sich in der Form
denkbarer Konzepte und Auslegungen logischer und ontologischer Termini, wie Unmög­lich­
keit usw. selbst. Für sie gibt es also Kontrafakturen; indes argumen­tati­ons- und beweisstruktu-
rimmanent.
120. Ausgeschlossen ist der Bezug auf den Sinn definierende Extensionen und für sie eintre-
tende fiktive ‘ontolo­gi­­sche’ Repräsentanten zwischen Subjekt und Objektwelt. Etwa mit ratio
(natura) communis und intentio intel­lec­tus bei Thomas von Aquin: „Primum est in rebus, se-
cundum est obiective in intellectu.“ Ockham bestimmt den Be­­griff im (kontingenten) Satz und
diesen ebenso wie weitere Satztypen intensional (= modal); da­mit treten die­se Sätze kraft ihrer
Bestimmung an die Stelle von widerlegten ontologischen (und erkenntnistheoretischen) Aus­­
drücken, die widerlegt werden (können), etwa dass das accidens existens in substan­tia, forma,
sub­iec­tum etc, sei, dass es ein universale in re gebe. Die Widerlegung wird intensional den ef-
fektiven Bestimmun­gen äquiva­lent, wenngleich diese nicht per tertium non datur unmittelbar
angeschlossen (= gefolgert), sondern ei­gens indu­ziert werden. Der kontingente Satz steht an
der Stelle des per Absurdität reprobierten, i.e. unangän­gi­gen ‘Sach­ver­halts’, der abstrakt ver-
möge der Ontologie nicht ausgedrückt werden kann. So besagt die reproba­tio. Der kon­tin­gente
Satz gibt ‘Wahrheit’ als in ihm modal enthaltene.
121. Das Folgern steht au­ßer­halb des (wie immer gedacht) inhaltlichen Kerns. Das be­dingt
zugleich die Kon­sis­tenz in­nerhalb Ockhams ‘System’; sie ist unabhängig von einer zu­gleich
kontinuier­li­­chen Realentspre­chung zu denken. Die argu­men­­tative Ein­zellösung, opinio oder
solutio im gleichsam tech­ni­schen Sinn, muss an ein Kon­­zept gebunden sein, wenn es generell
dem Denkver­mö­gen ver­bunden sein soll, die­ses bindend definie­ren. Es müs­sen jene Teile, die
mit dem Konzept wirklich aus­ge­arbeitet sind, stringente Ob­­ligationen formal für alles Den­ken
besagen und dann in­halt­lich bei dessen An­wen­­dung und Übertragung auf an­dere Konzepte
und The­­o­ri­en. Es werden Mit­tel in der Kooptierung der Sig­­nifikanz definit bezeichnet sein
müs­sen. Für Ockham wur­­­den Ob­­­jekt seines Denkens diese Mittel. Kenn­zei­chen ist, dass alle
denkbaren Ein­wän­de je mit der ‘Implika­ti­on’ und dann deren Negation oder Redukti­on in Rich­
tung auf die significatio zu­sam­­menfallen. Mit diesem ih­rem freien Be­zug auf die signifi­ca­tio ist
die­­ nomi­na­li­s­tische Kon­­­zep­tion (auch ge­schicht­­­lich) unvorhersehbar ge­wesen. Sie konnte auch
ke­ine ra­tionale (phi­lo­so­phi­sche) Prä­for­ma­ti­on haben, die sie hätte veranlassen kön­nen. Wir
müs­sen einen Willen Ockhams uns denken, der in sei­ner Form des Ur­tei­lens und der Struk­
tur- oder Kon­zeptbildung bei sich an­kom­mend hätte Wille sein wol­len. Der Wille will sich na-
türlich selbst. Bei Ockham ist Wille = Verstand. ‘Der Wille als der Ver­stand’: hätte in Ockhams
do­xa sein Exem­pel ge­funden.
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 115

einen Schluss auf einen anderen Akt erlaubte, wäre identisch mit der Impli­ka­ti­on des
accidens in der substantia,122 die definit nicht bewie­sen werden kann, sondern einer
re­probatio (reductio ad absurdum) anheimfällt.123
Ockham bezeichnet und begründet für die demonstratio ei­nen Schnitt ge­gen­
über der empi­ri­schen Welt und den daraus gewonnenen Begriffen. ‘Be­weis­bar­keit’

122. Entsprechend wäre der Gehalt des accidens, das accidens seinem Gehalt nach oder als
Gehalt aus der sub­stantia ableitbar (derivierbar). Das Verfahren der Folgerung von accidentia
aus der substantia war aber, in der Neu­zeit zumal, untilgbar. Spinoza praktizierte es, Chr. Wolff
sah in der Entdeckung des praedicatum im subiec­tum das Zeichen des besonderen Scharfsinns.
Hier liegt aber auch eine Brücke zu barocker Poetik und Äs­thetik: der Dichter stiftet acumine
Metaphern, also durch Beobachtung letztlich. Cf. R. Lach­mann, Rhe­torik und acu­men-Lehre als
Beschreibung poetischer Verfahren, Slav. Stud. z. VII. Int. Slavistenkongreß 1973 pp. 331–335.
123. Ockham hat ‘seine‘ mittelalterliche Aufgabe vielleicht wenig gelöst. Die theologischen
Aussagen struktu­riert er wenig (Ord. Prol. q. 1 OT I p. 7 lin. 12–14): „aliquae veritates naturali­
ter notae seu cognoscibiles sunt the­o­­lo­gicales, sicut quod deus est, quod deus est sa­pi­ens, quod
deus est bonus cum (W et was besser ist) illae sunt necessa­riae ad sa­lu­­tem.“ Die Frage ist, ob sie
auch notwendig not­wen­di­ge Wahrheiten sind. Dafür gibt es An­halts­­­punkte beim er­sten Satz: er
erfüllt Ockhams Definition der Not­­wen­­dig­keit, sc. dass er, wenn er ge­dacht wird, un­mit­tel­bar
be­reits nicht mehr falsch sein könne. Es müss­te für die anderen Sätze ebenfalls gelten, in­so­­fern
sie unbe­weis­bare Prämissen sind. Wir kön­nen eben­so von Gott pro­prie (ausschließlich) zu­kom­
men­den zusam­men­­­ge­setz­ten Be­grif­fen sagen, dass wir, da wir sie ja ha­ben, ihre Le­­gi­ti­mität oder
ihr Zustan­dekommen nicht mehr diskutieren müs­sen. Daneben nennt Ockham eine Reihe von
Sät­zen (ib. lin. 14f): „aliquae (W reliquae hat mehr Logik) sunt su­pranaturaliter cognitae sicut
deus est tri­nus et incarnatus et hu­iusmo­di.“, die er an­derswo als kon­tingente klas­si­fiziert hat-
te. Ge­ne­rell sagt er (ib. p. 11 lin. 2–5): „Eadem veri­tas potest perti­ne­re ad ali­­quam sci­­­entiam
proprie dic­­­tam et ad ali­quam (W aliam ergibt mehr Sinn) scien­ti­am large dictam pro fir­ma
adhaesione, cuiusmodi est the­olo­gia pro ma­­xi­ma sua parte.“ Den genannten kon­tingenten Sät­
zen müssten wir da­­nach nur „fi­de“ ‘anhän­gen’. Sie wären nicht not­wendig und sie wären nicht
zum Heil not­wen­dig. Es müss­te wis­senschaft­li­che (ra­tiona­le) Dog­­ma­tik be­trie­ben werden, um
notwendige zum Heil notwen­di­ge Wahrheiten zu erkennen. Zu­gleich sol­l der schlichte Gläu­bi­
ge, die vetula („Holzweiblein“), auch eine Kennt­nis und Er­kenntnis von the­ol­ogi­schen Wahr­­­
heiten ha­ben kön­nen, wenn auch nicht eine so ge­naue wie der theologus. Sind pro­po­si­ti­o­nes
contin­gen­tes oder proposi­ti­­­o­nes ne­ces­sariae gemeint? Über letztere konnte Ockham Dis­­kurse
füh­­­­ren. Zugleich mag in die Diskussion die andere be­­züglich der Na­tur des Begriffs ‘in ani­ma‘
hin­einspielen. Cf. Ord. d. 3 q. 5 OT II p. 389 lin. 7–22: „Om­nis res, si cog­nos­ca­tur, vel cognosci­
tur in se /§vel cognitione propria sibi vel aequivalenti, §/ vel in ali­­quo con­cep­tu. Sed De­us non
co­g­noscitur a nobis pro statu isto: tum quia Deus non cognoscitur a nobis in parti­cula­ri et in
na­tu­­ra propria; tum quia omnis no­titia rei in se ab­strac­ti­va natu­ra­liter acqui­si­­ta praesupponit
in­­­tu­i­ti­vam./§ Ista argu­men­ta procedunt se­cun­dum opi­ni­onem quae po­nit quod con­­cep­­tus men­­­­
tis dis­­tinguitur ab in­tel­lec­­tione. Si autem po­natur conceptus men­tis seu in­­tentio animae esse
re­ali­­ter in­tel­lec­tio, tunc debet probari quod de­us non cognos­ci­tur cognitione pro­pria sibi nec
aequivalenti, et hoc … quia tunc non pos­set dubitare de­um es­se … Si autem Deus cognosca­tur
in ali­quo con­cep­tu dis­tinc­to ab intel­lectu, ergo ille con­cep­tus est primum obiec­tum illius cogni­
ti­o­nis et per consequens … erit pri­mum ob­­­­iectum pri­mi­tate ge­ne­ra­tio­nis. §/“
116 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

steht, affirma­tiv und ne­ga­tiv, gegen Ableitbarkeit, die nicht gegeben ist. Wollten wir
wie Duns Scotus Ableitbarkeit zum Tenor der demonstratio erheben, so müssten wir
determinate Größen, Begriffe und Aus­sa­gen haben, aus denen unmittelbar gefolgert
werden könnte, d. h. inten­si­o­nal anknüpfend.124 Hier hat Ockham sein anderes Ver-
fahren (inductio, persuasio, intensionale reductio ad ab­sur­­dum, die aber nur persua-
siv sein kann). Wenn Ockham bestreitet, dass innere Eigen­schaf­­ten der divina es­sen­
tia für diese bewiesen werden könnten, wobei un­se­re Be­grif­fe ja oh­ne Real­er­kenntnis
de essentia divina in se sind, führt er einen persuasiven Beweis: potest per­suaderi.
Er widerlegt also zugleich die gegenteilige Behaup­tung, indem er sich auf die ac­tus
mentales be­zieht, hin­ter die nicht zurückgegangen werden kann, zumal wir von Gott
keine Er­kenntnis in se, sondern nur die Be­grif­fe haben. Die dubita­tio kann sich nur
auf unsere cog­ni­tio in ac­­tu be­ziehen. Auch dubitabilis tritt per ac­cidens dem actus
appre­hen­­­si­vus bei und ist ex eo nicht ab­leitbar, also im Sinn der Induktion nur po-
tentiell, nicht immer gege­ben. Auch bei ei­nem pro sta­tu isto beweisbaren Satz, für
den Ockham als eine konstruktive Be­din­gung u. a. an­gibt, dass er bezwei­fel­bar sei,
soll das nicht bedeuten, dass er de facto bezweifelt wer­de(n müs­se) bzw. je be­zwei­­felt
wur­de, son­dern dass es jeman­den geben könne, der an ihm zwei­fle. Auch die notitiae
werden im Sin­ne der ratio­nes auf acciden­tia bezogen, die in Bezug auf sie be­­ste­hen
und nicht in sie eindringen; es wird gezeigt, dass sie es nicht können und/oder dass
sie kooptiert werden können.125 Ein anderer Punkt ist, dass Duns Scotus wie Spinoza

124. Es kann nicht gemeint sein, dass die Scotischen Korrekturen (Reduktionen und Emen-
dationen) ontolo­gi­scher Prin­zipien falsch oder irrational seien. Sie sind nur nicht deduktiv
verwendbar und sie dürfen nicht Deduk­ti­on übernehmen, d. h. als determinat ausgegeben wer-
den. In dem Sinne sind sie nicht begründbar. Die Begründ­bar­keit, die bei Ockham im Zentrum
steht, ist also das eigentlich Relevante. Generell lässt sich z. B. eine Not­wen­­­­dig­keits­annahme
durchaus kontingent abändern, ergänzen oder außer Kraft setzen. E.g.: Die Windstärke spie­­
gelt sich in der Stärke der Schwellung der Segel des Segelboots. Doch wenn der Spinnaker sich
bläht, lässt es nicht auf guten Wind schließen; denn der Segler setzt ihn, wenn der Wind gering
ist, um noch die­sen zu nut­zen. Oder: ‘Mündliche Rede’ scheint ein pleonastischer Ausdruck zu
sein, der aber sekundär durch die literari­sche Fik­­tion von Reden und ihre Stilisierung in der
Geschichtsschreibung (z. B. die von Thukydides überlieferte ‘Re­de des Perikles auf die Gefalle-
nen’) gerechtfertigt werden kann. Item: Was der species als integraler Be­stand­teil zu­kommt,
findet sich ausgeprägt eventuell nicht bei allen Individuen. ‘Begreifen’ („Anfassen“) mit dem
Ziel des Kennenlernens ma­ni­­fes­tiert sich eher bei den kleinen Buben als bei Mädchen. Zen-
traler Aspekt ist: Duns Sco­­­tus arbeitet noch an der in­tern­scho­las­tischen Ausrichtung auf die
christliche Ideologie hin, wo bei Ockham die bloß technische Er­ör­­te­rung nicht mehr bis dahin
gelangt. Dabei naturalisieren sich die Inhalte. Hier muss sich sein Motiv mit der ge­­­­­­schicht­li­
chen Kraft berühren, die wäh­rend der Epoche nicht abwan­delbar in der christ­­li­chen Ära mit
‘Erlö­sung durch Jesus Chris­tus’ benannt nicht plausibel geklärt wer­den kann und zum er­­sten
Ar­ti­kel des Confiteor disparat bleibt. Hier­zu muss­te die Intellektualität kom­pen­sierend sich ver­
hal­ten. Sie de­fi­­niert das Ver­ständ­­­nis Gottes secundum intellectum humanum.
125. Dass ein Satz bezweifelbar ist, bedeutet auch, dass ein ‘Beweis’, der aus einer definitio
quid nominis folgt, un­gül­­­tig sei: Ord. Prol. q. 2 OT I p. 116 lin. 14 – p. 117 lin. 10. Der aus einer
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 117

spä­­ter die causa oder causalitas als formell im Sinne einer realitas extra nos bzw. eine
Äqui­va­lenz mit einer solchen realitas extra nos implizit mitdenken oder explizit de-
monstrieren wol­len.126

definitio quid no­mi­nis sich er­ge­ben­de Satz, dessen prae­­­di­ca­tum dabei definiert würde, könnte
der definitio quid nominis zufolge nicht be­zwei­felt werden, auch nicht be­wiesen: Der Beweis
entspräche einer petitio prin­ci­pii: ib. p. 117 lin. 10–13. Ockham zit­iert Aris­to­te­les: ‘a defi­ni­tione
ad definitum est fallacia petitionis principii’. Da die definitio quid nominis sich aufs prae­dica­
tum be­zieht, nicht aufs subiectum, müsste der Beweis, wie bei Duns Scotus und Spi­no­za, auf
an­de­re prae­dicata sich beziehen und analytisch sein. Zu den Be­griffen, die für Ockham ein­­
zig Gott zu­kom­men und für Ockham so­gar inhalt­lich unmittelbar mit dem Verständnis des
Got­tesbe­griffs über­einstim­men und da­her nicht beweisbar sind, gehö­ren: esse creativum, esse
omnipo­tens, esse ae­ter­num, infi­ni­tum, im­mor­tale u. a. Sie ste­hen für Ockham in kon­tin­­genten
Aussagen. Diese können nicht aus allgemeinen und notwen­di­gen Aus­sa­gen be­wie­­sen wer­den.
Sie kom­men keinem anderen Wesen zu als Gott. Für die Beweise des Duns Scotus und Spi­­no­zas
müss­­­­­te re­­kla­miert werden, dass analytische Beweise sein dürften und wo notwendig auch gültig
sind. Sonst wäre nicht be­wie­sen worden. Wir haben so eine petitio principii. Mit Duns Scotus
und Spinoza definieren wir dann im­mer weitere Prä­­­di­ka­te, ohne je zeigen zu können, dass das
in ihnen Gemeinte existieren könne. Be­reits für den Begriff des ‘Mög­lichen’ („possibilis esse
post non esse“), von dem Duns Scotus beim Gottesbeweis im Traktat De Pri­mo Principio, III.
Kapitel, Prima conclusio (ed. Kluxen, p. 32) ausgeht, und der (ib.)zu­gleich ‘con­tingens’ (sic!)
meinen soll, fehlt der induktive Beweis (Beleg). Ockham sagt, dass der Beweis verlange, dass
das medi­um de­monstrationis eine definitio subiecti sei und nicht passionis. Das praedicatum
wird von der Sei­­te der men­ta­lia und der Sprache her passio genannt. Als Begriff ist die passio
nicht identisch mit dem sub­iec­tum als anderer Be­­griff. Dafür aber wird der Beweis eigens ge-
führt: sie müssten sonst als Begriffe identisch sein, was inhaltlich nicht der Fall ist. Die passio
als connotativum sagt etwas anderes als das subiectum als quid­di­tati­vum; sie bezieht eine Refe-
renz mit ein, bei ‘creator’ oder ‘creativus’ die creatura usw. Sie wird zur Allusion.
126. Ockham sagt (Ord. Prol q. 5 OT I p. 166 lin. 17–22): „dico quando medium est definitio
debet exprimere cau­sam et aliquid ne­ces­­sa­­rio requisitum ad hoc quod passio praedicetur de
subiecto. Sed tale est definitio subiec­ti quia exprimit par­tes sub­iecti sine quibus impossibile
esset passionem illi subiecto competere.“ Die passio kann in­haltlich nicht aus dem subiectum
folgen und nicht in diesem Sinne mit ihm zugleich gegeben sein. Gleichwohl be­wirkt das sub­
iec­tum die ‘praedicatio passionis’, nämlich im Syllogismus und vermöge seiner. Ockham eru­iert
und artikuliert parti­ku­la­re Bestimmun­gen der demonstratio a priori und propter quid usw. Sie
erstellt er. De­ren Gesamtsinn bzw. Kon­text wird und darf na­tür­­lich nicht in einem intensiona-
len Zusammenhang bestehen; denn für diesen hätten wir dann keine Met­ho­­de, der auch die
Definitheit der dabei verwandten Termini zu be­wah­ren vermöchte. Dass die par­tikularen Be­
stim­­mun­­­gen der damit einzelnen demonstrationes und Demonstra­ti­ons­arten von abgestufter
Ef­fi­zi­enz ein ge­bro­che­nes Ge­samt­bild der humanen potentia demonstrativa besagen, die nicht
mehr den Menschen de­­finiert, ver­steht sich. Gleichwohl wird dessen Kapazität unausgesetzt er-
örtert, expli­zit funk­tional per metho­dum gewonnen. Die einzelnen Demonstrationen in ihrer
Struktureigenart werden Be­weis­tei­le bei der Widerle­gung solcher Losun­gen, die den Menschen
grosso modo oder generell nach einer maxi­mier­ten geschlossenen Ka­pazität besagen kön­­­­­nen
soll­ten. Dass eben diese immer angenommen wird oder unter­stellt wer­den kann, wo wir einen
118 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Ontologie bezeichnet bei Ockham keine unbedingt empirische und keine unbe-
dingt welt­li­che Auslegung und ist rein rational ent­sprechend auf die Engel anwend-
bar. Von Gott (und den ihn betreffenden Aussagen) können da nur Begriffsklassifika-
tionen gelten und wirken, vom Men­schen, insofern er ja eine empirische Gegebenheit
ist, bezüglich seines Verhältnisses zur Welt Klassifikationen, in denen die Tatbestände
(als solche seiner Existenz) erklärend je Dis­­so­zi­a­ti­o­nen und Aufhebungen (Bestrei-
tungen, Negationen) besagen.127 Nie wird die Iden­ti­­tät des all­gemeinen Tatbestandes
und der Existenz angestrebt oder ausgesagt. In dem Sinne wer­­den keine Größen ge-
schaffen, so sehr wir intensional bestimmte doch haben. Die onto­lo­gi­schen Prinzipi-
en des Aristoteles indes gelten für Ockham, sofern sie die Identität von All­gemein­heit
und Singularität der res und ihrer Existenz nicht faktisch bedeuten müs­sen/sol­len.128

Begriff oder Inbe­griff von ihr gar nicht haben, setzt Ockham repro­ba­ti­v argumentierend einer
sonst doch eher auf Er­­­mög­li­chung ausgerichteten Scholastik entgegen. Sie weiß damit aber
weni­ger vom Men­schen, kann dessen Ver­­stan­des- und Beweiselemente als partikulare nicht
bewerten und kom­bi­nie­ren. Sie zerfal­len dann auch bei Ockham wieder zu funktionaler Lo-
gik. Die Beweiselemente können da­mit nur wider­legend fungieren. An ei­nem sol­­­chen Element
selbst kann indes keine Induktion mehr ansetzen. So sagt Ock­­ham ib. (p. 174 lin. 6–9): „omnes
per demonstrationes intelligunt syllogismum facientem scire. Sed hoc non potest fie­ri ni­si per
propositi­o­nes ne­ces­­sa­ri­as etc. Et ideo demonstratur quod demonstratio est syllogis­mus ex ve­ris
etc.“ Um dann einzuschrän­ken (ib. lin. 10–24): dass eine Demonstration nicht vollkommen
und all­ge­mein­gül­tig sein kön­ne, wenn in ihr das quid nominis implizit als quid rei ausgege-
ben oder angesetzt werden müsse. Er be­ruft sich (ib. lin. 23f) auf Aris­to­teles: „impossibile est
cognoscere ‘quid est‘ nisi cognoscendo ‘si est’.“ Be­kannt­lich ver­weist die definitio rea­lis auf die
Erzeugung des Gegenstandes; es gibt also ein ‘propter quid’ wie Ock­­ham p. 176 lin. 12–2 be­tont.
Wenn wir nun einen „defectus“ kausal erklären, erhalten wir in dem Zu­sam­men­­hang noch kei­
nen vollkom­me­­nen Be­weis. Er bleibt empirisch (propositio immediata). Wieder stellt sich eine
Erläuterung Ock­hams als bloß par­­­­­­ti­kulare und fragmentierte heraus. Die definitio nominalis
erklärt lediglich den Namen. Mit der Indukti­on set­zen wir bei der Realität an, die auch dort, wo
wir die Eigenart mentaler Akte be­stim­­men, ei­nen realen Be­zugs­­punkt einbeziehen. Wo immer
wir aber auf zu minimierende Fak­to­ren in Ockhams Er­ör­te­run­gen stoßen, eben auch bei den
mentalen Strukturen, neigen wir Widerlegungen zu; in deren Namen schränken wir Behaup­tun­­­
gen ein und nehmen diesen den ver­meint­lichen Allgemein­heitscha­rakter. Die Verwen­dung des
phi­lo­so­phi­schen Ma­te­­rials dient wesentlich solcher Widerlegung (Einschränkung) und mini-
miert es ut ac­cidens.
127. Zur „differentia essentialis“ wie zur „quidditas hominis“ (Ord. d. 8 q. 4 OT III p. 223
lin. 1–5): „est de quid­di­­tate hominis ipsa materia sicut forma, et ita distingui­tur homo ab ali­
quibus per materiam sicut per for­mam.“
128. Gregor von Rimini bestritt das Prinzip ex nihilo nihil fit (G. Leff, 1961, p. 130): „All
Aris­tot­­le’s ar­­guments, says Gre­­gory, are founded upon four un­te­nable assumptions.“ Nr: „40:
That nothing can come from nothing.“ Das Prin­zip gilt bei Ockham für den Schöpfungsakt
wie innerhalb der Schöpfung. Er wahrt de­­­­­­­­­­­­ren ontolo­gisch­-lo­gi­sche Glie­de­rung noch, wenn
er seine positive Theologie bis zum ordo salutis aus­­dehnt, z. B. Gott zu­ge­steht, den actus me­ri­
torius anders festzusetzen, als er es ge­tan. Was Gott än­dern könn­te, fie­­le ins ac­ci­dens cf. Rep. II
Kapitel 2.  Suppositionslogische Identität und Kontingenz 119

Eben das ist bei Duns Scotus ja schon mit der Definition partikularer Konzepte, se­
man­­­­­­ti­­scher Vorver­ständ­nisse vor der Deduktion und dann der Deduktion selbst un-
terstellt und an­­ge­­strebt.129 Ockham ­­­ hebt in der SK die rati­o­na­­le Leis­tung über die
funktionelle Logik hin­aus; die SL als ein damit übereinstim­men­des Kom­pendi­um der
Logik ist als Ap­pen­dix hin­­sicht­lich des Be­griffs der Folgerung (inferentia, im­pli­ca­tio)
zu verstehen; er sucht den rein funktionellen Cha­rakter und hat ihn nur be­­dingt der
stra­te­gi­schen Durch­dringung wis­sen­schaftstheore­tischer und theo­lo­­gi­scher The­men
zuge­führt.130

q. 15 OT V p. 352 lin. 3 – p. 353 lin. 2. Gott würde leicht andere Gebote unter die lex com­mu­­­nis
ein­be­greifen kön­nen. Leff (ib. p. 124) zu scharf: „The un­chan­ging and un­chan­ge­able nature of
the universe (was) thrown into que­­s­­tion.“ Ab­än­der­bar ist aber ‘nur’ die akzidentelle Relation;
über das accidens selbst hat Gott keine Macht. Es stellt so ei­ne ge­minderte, nicht voll bedeu-
tende Identität in der Welt dar; wenn ihr Verhältnis in den Dingen der Welt, also mit Be­zug auf
die substantiae und subiecta wandelbar ist, sind es die Sätze in Bezug auf ihre Rele­vanz, indes
noch nicht Wahr­heit; denn sie bestehen ja fürs erste in der Welt. In einer secundum voluntatem
Dei gewandelten Welt, worin die Sünde nicht mehr Sünde wäre, würde sie nicht mehr so hei-
ßen. Jetzt ist sie Sünde nach ihr ak­zi­den­tel­ler Refe­renz: Gott will sie nicht. Wollte Gott die von
Ockham gern genannten Sünden furtum, mendacium und adul­­­teri­um bil­li­gen, indem er ihre
frei gesetzte Verwerfung (im Sittengesetz) aufhöbe, würden sie nach Ockham ande­re Namen
tragen. Sein Nominalismus ist die Theorie des nicht völlig gesicherten (fe­sten) Be­griffs (no­­
men); er ist ebensowohl und gleichwohl die Theorie der einstweilig sichernden Argumenta­ti­on.
Sie hat die Funk­­tion, die an­derswo neben Operation allgemein an ‘Satzstruktur’, Begleitbe-
wusstsein, Logik fällt.
129. Duns Scotus erklärt so bereits das Realverständnis aller seiner Konzeptionen und Inau-
gurationen, dann aber auch der theologischen Wahrheiten in ihrer unbestrittenen oder noch
nicht widerlegten logisch-deduktiven Wahr­heit. Sie freilich müsste er immer in der Form der
Ableitung geben können. Es müsste also ihre Ableitbarkeit vor­­ausgesetzt werden (können),
etwa in Einheit mit der Ontologie oder sie vertretend bzw. ersetzend. Wir wüss­ten also gar
nicht, ob wir Ontologie wollten oder Logik/Deduktion. Das müsste am Ende bedeuten, dass
wir in­ner­halb der oder für sie deduzierten, ohne sie vorausgeben zu können, also zu haben.
Wir hätten für die Ontolo­gie deduziert, ohne sie in etwa oder als etwas zu haben (besitzen).
Deduktion müsste einer petitio principii ent­spre­chen oder sie benutzen.
130. Ockham muss hier Argumentationsformeln nennen und auf ihre Einhaltung drängen,
um Fehler auszu­schlie­­­ßen, letztlich also fallaciae, die mit dem unmittelbaren Verhältnis der
Begriffe, das den Sinn der Sätze aus­macht und einzig konstituiert, wie er sie im SK behandelt,
(noch) nichts zu tun haben, vielmehr als bloß logische mit die­­­sen in Ableitungszusammenhän-
gen zu tun haben müssten, die Ockham im SK und ebenso in der SL gar nicht untersucht, doch
gleichermaßen bei seinen Problemlösungen (solutiones) benötigt. Er muss sie vielmehr ex­­­press
beiseitelassen. Zu den Formeln gehören das ‘Ökonomieprinzip’, das ‘Omnipotenzprinzip’ und
solche wie ‘non est maior ratio quod (non)’ etc., die Induktion und persuasio begleiten und er-
möglichen. Das tertium non da­tur be­grenzt bei Ockham nicht die Zahl von Thesen oder Bewei­
sen, denn sie wer­den nicht durch einen zu­grun­de­lie­gen­den Aussagensinn fest­ge­­legt, der der
120 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

einzige zu bleiben hätte und dem Prin­zip vom aus­ge­schlos­se­­nen Dritten folgen oder entsprechen
müsste, damit die Gesamtfolge al­ler Beweise de­fi­nit wäre.
kapitel 3

Zum Verhältnis der Satzformen

Ockham denkt sich die Bildung oder Entstehung der Begriffe über die notitia in-
tuitiva und die notitia abstractiva, wobei erstere den actus apprehensivus und den
actus iudicativus um­fasst, letztere bloß im actus apprehensivus ohne actus iudicativus
besteht. Dieser wiederum ent­­­hält den actus apprehensivus und den actus assentien-
di. Die notitia abstractiva, die zwangs­läufig aus der notitia intuitiva entsteht und aus
ihr erfolgt, kann „als“ eine zweite notitia ab­strac­­­tiva gewissermaßen aus dem habitus
verursacht entstehen; weil sich mit jedem actus ein ha­­­­bitus bil­det, ist dies wiederum
zwangsläufig. In dieser notitia abstractiva können comple­xa, also Sätze, angenom-
men werden, die dann unabhängig von der Genese der Begriffe und dem Zerfall der
Sätze (propositiones) in Begriffe, unterschieden und bewertet werden kön­nen. Der
Satz, der nach Ockham faktisch die Erkenntnis trägt, ist, modellhaft bloß als aus

. Da der habitus anders als ein actus empirisch nicht wahrnehmbar ist, könnte Gott (Ord.
Prol. q. 1 OT I p. 69 lin. 10f) ihn von uns unbemerkt ver­ur­sachen; erkennbar ist, dass wir mit
dem habitus be­­reits förmlich der transempi­ri­s­chen Sphä­re na­hestehen und zugleich auf ein
anhand der empi­ri­schen Welt und nur hier relevantes Wider­spruchs­­mo­ment nicht stoßen
werden. Mögli­ches Wi­derspruchsverhältnis und Welt sind formell gleich, wenn auch, was kon­
tra­dik­­torisch er­scheint, in der geschaffenen Welt keinen Platz haben kann. Was secundum le­
gem communem nicht möglich ist, aber doch widerspruchsfrei, könnte per potentiam divi­nam
absolutam ein­tre­ten; es gibt in der Welt keinen Anhaltspunkt, es – im Sinn eines all­ge­meinen
Ur­teils in der Sache – zu bestrei­ten.
. Ihn mit L. Wittgensteins, 1921 ‘Elementarsatz’ gleichzuset­zen, ver­bie­tet sich insofern als in
Ockhams Rudi­men­­tärsatz subiectum und passio über Be­stim­mun­­­gen aneinander vermittelt
werden müs­sen, wobei eine ‘Induk­ti­on’ fungiert, die den Satz und seine Bestandteile intensional
so „ermittelt“, dass man von der Realität extra men­tem aus­ge­hend, doch die Realität in se nicht
wieder erreicht: s und P können nie als zwangs­­­läu­fig aus­ein­an­der hervorgehend, i.e. folgend
und folgerbar, angesehen werden. Nie­­mals ist die pas­sio im Sinn ih­res akziden­tel­len Gehalts
inhaltlich der im subiectum genann­ten substantia gleich und gleichwertig. Suppo­si­tionslo­gi­sche
Identität setzt Ockham freilich. W. Kam­lah u. P. Lorenzen, Logische Propädeutik, 1967 de­finie­
ren mit ihrer Hil­fe den von ihnen deiktisch ge­nann­ten Satz. Ockhams Ausgangssatz ist der
kon­tin­­gen­te Satz. W. Van Orman Qui­ne, 1953, betont die Kontingenz aller Erkennt­nis­se oder
Sach­ver­halte und bezüglich der Rea­lität in se einen no­mi­nalistischen Agnostizismus. Er will
zu­­­dem andere Sprachtypen als den indoeuropäi­schen Sprachtypus für gleich erkenntnisträch­
tig hal­ten. Die Ty­pen ent­deck­ten F. v. Schle­gel, Über die Sprache und Weisheit der Indier, 1808
und W. v. Hum­boldt, 1836: flektierend, agglutinierend, holophrastisch. cf. E. Sapir, Language,
1922 und B. L. Whorf, Lan­gua­ge, Thought and Reality, 1956, dt. 1963. Hum­boldt glaubt an die
122 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

s und P be­­­­ste­hender gedacht, jedoch dann bereits differenzierbar. Dabei treten Pro­
bleme auf.
Bei der propositio per se nota stellt sich ein Problem dann so, dass die Begrif-
fe, die den Satz bilden müssen, wenn sie definitionsgemäß die Einsicht dieses durch
sich selbst ein­sichti­gen Sat­­zes ebenso intuitive wie abstractive gewährleisten sollen,
d. h. gleichsam spontan im Sin­ne des äußeren Augenscheins wie bei bloßer Kenntnis
der Begriffe, die ja de communi lege ver­mö­ge einer intuitiven (und kontingenten)
Erkenntnis generiert werden, aus einer Zwi­schen­stu­fe zwischen abstrakt und intui-
tiv, zwischen fictum (esse) und intellectio (esse), zwi­schen spe­ci­es und obiectum
extramentale nicht befreit werden können; es ist dies ein Mo­ment, an dem aber die
Induktion auch notwendig wird. Anders gesagt, die Definition der pro­po­sitio per se
no­­­­ta ist noch nicht – an sich selbst – einsehbar. So muss (auch) gefragt wer­den, ob
oder wie die Begriffe in der propositio per se nota zusam­men­hängen. Wenn ja, d. h.
wenn sie unter sich zu­sammenhängen, so ist die Beziehung we­nig­stens fiktiv eine
analyti­sche; keiner der Begriffe kann ohne den anderen sein: Infolgedes­sen würde
eine analytische oder not­­wendige Aussage in­­tuitiv und kontingent wahrgenommen
werden können oder müs­sen. Wenn ‘müssen’, dann gibt es ein Problem: die Nähe der
Notwendigkeit und der Wahrheit zur falsitas würde nicht leicht aufgehoben (negiert)
werden können; sie muss der in­tensionalen Begrün­dung die­ser Aus­sage ent­sprechen.
Ockham kann Probleme wie die­ses hier nur durch eher par­­tikulare Be­stim­mun­­gen
der Sätze, ihrer Differenzierungen ge­gen­­einander und schließlich Mo­du­­latio­nen des
Verhältnisses der Begriffe, subiectum und pas­sio, in Bezug auf den Satzty­pus lösen.

Überlegen­heit des Sprach­­ty­­pus der flektierenden Sprachen, re­flektiert dann aber des­sen Eigen­
hei­­ten prak­tisch mit­­tels im­ma­nenter Ver­­schie­­­bungen in Rich­tung auf die ande­ren Sprachtypen,
die ihm die Kat­e­­go­ri­en liefern. Die­­selbe Ten­denz dann u. a. auch bei E. Lewy, Zur Sprache des
alten Goethe, 1913. Sa­pir hält die Klas­­­sifika­ti­o­nen an­ge­sichts der wirk­­li­chen Er­schei­nungs­arten
der Sprachen für approximativ, nicht für strikt grei­fend.
. Sie müssen über induktives ‘Schließen’ behoben werden.
. Beispielsatz: „totum maius est sua par­te“.
. Ockham räumt ebenso ein, dass die species gesetzt werden könne, wenn man es denn wol­
le, was dann aber be­deutet, dass sie in seine Argumentation eingehen und in dieser aufge­hen
müs­­se, beispielsweise im Zusammen­hang mit Aristoteles, pro et contra, oder Aristo­teles mit
Einschränkungen und Kautelen legitimierend, wie Ock­ham denn auch einmal die Fiktion oder
Kon­­­­zeption der species mit Hilfe des Ökonomieprinzips de­savouiert. Da­neben hat species eine
negative immanente Beweisfunktion. Cf. Kap. 10: Beweis, Satz, Akt.
. Die Induktion, so könnte man sagen, wiederholt die Begriffsbildung: die Definition der pro­
po­sitio per se nota fasst und umfasst dann nicht qua Generalität alle ihre (einzelnen) Fälle; das
gilt analog für die propositio imme­di­­ata auch. In dem Sinne wird durch Sätze nicht Realität er­­
kannt, nicht per se oder beweistechnisch begründbar und keinesfalls abschließend erkenn­bar.
Cf. aber auch die Definition in Gestalt einer ‘Funktion’ in Anm. 7.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 123

Zur pro­­positio per se nota sagt Duns Scotus: „dicitur communiter quod propositio
di­ci­tur per se no­ta. Non tamen omnis sed ea quae ex no­ti­tia suorum terminorum est
nota. Un­de dicunt ali­­­qui hoc magis declarantes quod ly per se no­tum non excludit
terminos propositi­o­nis, nulla enim pro­­­­po­­sitio est nota exclusa notitia ter­mi­no­rum
quia principia prima cognos­ci­mus in­quan­tum ter­­minos cognoscimus. Sed excluditur
quaecumque causa et ratio quae est ex­tra per se con­­­­cep­­­­tum terminorum propositio-
nis per se no­tae. Dicitur igitur propositio per se no­­­ta quae ex ter­­­mi­nis propriis quae
sunt aliquid eius et non per aliquid aliud quod sit extra ter­mi­nos pro­po­si­­­tio­nis habet
veritatem evidentem. Addunt tamen aliqui quod simul cum notitia ter­mi­no­rum re­qui­
ritur formatio propositionis ex illis ter­­minis.“ Das ist fast Ockhams Ansicht.

. V. Richter, Studien zum literarischen Werk von Johannes Duns Scotus, 1988, p. 47 Anm. 51+52.
Bei Ockham Ord. Prol. q. 1 OT I p. 6 lin. 15–17: „propositio per se nota est illa quae scitur evi-
denter ex notit­ia incom­plexa terminorum ipsius propositionis, sive abstractiva sive intuitiva.“
und ib. q. 2 p. 81 lin. 20–22: „propositio per se nota pra­e­­cise cog­nos­citur ex no­ti­tia terminorum:
ali­ter enim non esset per se nota. Igitur notitia propositio­nis per se no­ta non est na­ta causari ex
notitia praemissarum.“ Daher ist die propositio per se nota nicht beweisbar und nicht wiß­bar
sci­en­tia proprie dicta.“ Cf. ib. p. 82 lin. 1f. und pp. 86–87. Der Bezugspunkt ist immer der syl­lo­
gis­ti­sche Be­weis. Darin wird ein Satz, der bezweifelbar ist oder es unter be­stimmten Umständen
sein könnte, evi­dent ge­macht und bestä­tigt vermöge der notitia prae­mis­sarum. Der Syllogismus
übt die Funktion des actus iu­di­­ca­­tivus un­ter den Bedin­gun­gen der bloßen notitia abstrac­ti­va,
des actus apprehensivus aus. Der Syllogismus mit­­hin wird nicht sche­ma­tisch angewandt. Der
durch ihn evi­dent gemachte Satz muss de facto bezweifelt wor­den sein oder be­­zweifel­bar sein;
er trägt die Bestimmung ‘bezwei­fel­bar’ hypothetisch und intensio­nal in Be­zug auf Er­­­kennen­de
(= Er­kennt­nisträger, auch fiktive). In einem unbestimmten Sinn von demonstratio („lar­ge et
im­pro­­prie“) kann jeder Satz, auch eine propositio per se nota, syllogistisch bewiesen werden.
cf. ib. p. 81 lin. 10–12. Eingehend zur p. p. s. n. s. Ord. d. 3 q. 4 OT II p. 438 lin. 12 – p. 439 lin. 25.
Dazu vgl. Anm. 8.
. Die Kenntnis der termini durch notitia intuitiva und/oder notitia abstractiva macht die
De­fi­ni­tion aus, mit der die propositio per se no­ta quasi konstruiert wird. Nach Ord. d. 3 q. 4
OT II p. 438 lin. 15–19 ge­nügt eine beliebi­ge Kenntnis der ter­mi­ni, um mit der for­ma­tio pro­
positio­nis, die ebenso wie der Wil­­le sie zu bilden vorausgesetzt werden (der Wille als mittel­ba­
re Ur­sa­che, um die propositio per se no­ta zu ha­ben: „sed cum notitia terminorum requi­ri­tur
for­ma­tio pro­positionis ex illis ter­minis et ita cum (.) notitia propositionis non possit fieri ni­si
me­di­an­te vo­­luntate, ad no­ti­ti­am propositionis per se notae requiritur ipsa voluntas tam­quam
effici­ens causa saltem media­ta … (ib. p. 439 lin. 5–9) oportet quae­cum­que notitia termi­no­rum,
sive sit per­fec­ta sive im­perfecta, sive confusa si­­ve distincta – dummodo illi idem ter­­mi­ni qui
prius appre­hen­duntur et non alii, sive intuitive si­ve abstractive, sit suf­­ficiens cum for­ma­tione
pro­po­si­ti­o­nis ad cau­san­dum notitiam evidentem propositionis.“ Es genügt für die pro­po­­sitio
per se no­ta nicht die notitia in­complexa termino­rum, die wir (auch) mit der no­­­­­ti­tia intuiti­va
haben. Mit der no­ti­tia in­com­­plexa ter­mi­no­­rum und der formatio pro­po­sitionis allein hätten
wir auch die propositio immedia­ta, die rein em­pi­risch bleibt und im Vergleich mit der propo-
sitio per se no­ta von der empirischen Erkenntnis ab­hängt und auf sie beschränkt ist (ib. p. 438
lin. 19 – p. 439 lin. 1): „Non tamen uni­ver­saliter quan­do notitia incom­ple­­­xa terminorum et
formatio propositionis sufficiunt ad notitiam evidentem talis pro­­po­si­ti­onis est illa propositio
124 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

In der propositio immediata ist anders als in der propositio per se nota eine prak-
tische Sach- oder Realitätsnähe gemeint oder sogar gegeben. Es ist aber so, dass der
Schluss aus der Inten­ti­on auf die Erfüllung ausdrücklich nach Ockham selbst nicht
gegeben sein soll. Das bedeu­tet, dass in diesem Satz das Prädikat gegenüber dem Satz­
sub­­­­jekt problematisch sich darstellt. Man muss fragen, wie in oder neben dem Satzsub­
jekt jemals der Prädikatsausdruck als wirk­­lich wahrgenommen und eingesehen er-
scheinen könne. In der propositio im­me­­di­a­­­­­ta kann fak­tisch aus dem Subjekt des
Satzes in dessen Prädikat ‘übergegangen’ werden.10 Die propositio per se nota wäre (in
‘ir­gend­­ei­nem’, i.e. unbe­stimmtem Sinn) eine unwillkür­li­­che allgemeine Er­kenntnis,
die per se nicht be­strit­­­ten wer­den könnte, weil deren Verneinung immer den Wi­der­
spruch ein­schlös­se, was inten­sional gesehen sinnlos sein muss: die Aussa­ge würde
wider­sprüch­lich durch ihre Ver­­neinung.11 Das hieße, es gä­be eine ‘zweite’ analyti­sche
Aus­sa­ge, die zu­­sätz­­lich auch noch falsch sein könnte. Die Definition der propositio

per se nota.“ Die Aussonderung der Fälle, die nicht unter die De­­fi­ni­tion fallen, be­­­­kräftigt diese.
Die no­ti­tia in­com­­­­­­plexa ter­mino­rum wird ausdrücklich nicht (die) cau­­sa suf­fi­ci­ens der pro­po­si­
tio per se nota genannt (ib. p. 438 lin. 13f): „per ly ‘per se’ non ex­cluditur no­ti­tia termi­no­rum,
nec notitia termino­rum est causa suf­ficiens res­pec­tu talis notiti­ae.“ Es gibt auch in der notitia
abstractiva eine no­ti­­tia in­complexa termino­rum. Es ist infolge­des­­­­­sen die komplexe De­fi­nition
der pro­po­sitio per se no­ta, die ins Gewicht fällt. Sie wird mittels der De­­­­fi­ni­tion kon­struiert. Die
bei Ockham ebenfalls rein intramental gesehene Natur des Begriffs (universale) bleibt bei der
Er­örterung der Satzarten weitgehend, nicht gänzlich allerdings, außer Betracht. Auch für einen
anderen in­tra­men­­ta­len Fak­­­­tor, assensus, statuiert Ockham bloß induktiv für alle Satzarten die
Notwen­digkeit auf die no­titia in­complexa terminorum zurückzugreifen: Quaestiones Variae,
q. 5 OT VIII p. 170 pp. 170 lin. 291–299.
. Beispielsatz: „calor calefacit“. Nach Ockham wissen wir das (nur) durch die Erfahrung.
10. Cf. auch Anm. 69 und 71.
11. Ockham selbst sagt Ord. Prol. q. 2 OT I p. 111 lin. 10–14: „impossibile est quod aliqua sint
idem realiter, et intui­tiva vel abstractive – dis­tincte tamen – intelligantur et quod dubitetur de
identitate eorum.“ Die con­se­­­­quentia be­ginnt hier nach zwei Vor­aussetzungen bei „et quod“.
„Quia si aliqua propositio sit per se nota illa erit maxime in qua prae­dicatur idem realiter de
eodem.“ Der reale Bezug wird also mitgedacht und unterstellt und doch sind wir bloß auf
der Stufe der Begriffe (termi­ni), die als solche gefasst werden. Wir haben in der propositio
per se nota kei­­nen kontingenten Satz und keine kontingente (empirische) Erfahrung, wie von
Ockham ausführlich und mit Be­zug auf die nach die­ser Erfahrung geltende Abstraktion gezeigt
wird. (Ord. Prol. q. 2 OT I p. 86 lin. 20 – p. 87 lin. 12). Bei der pro­po­sitio per se nota ist die Ab-
straktion intern im Sinne der Abgrenzung ge­gen die Erfahrung (notitia intuitiva) nicht nötig.
Die Be­grif­fe könnten der Bestimmung der pro­­­positio per se nota nach auch durch die notitia
abstrac­ti­va gefasst sein; inso­fern sind die notiti­ae bezüglich ihrer formell ungeschieden. Für
den kontin­gen­­­ten Satz besteht eine Äquivalenz mit dem inesse der passio oder des accidens im
subiectum oder der von ihm realiter gemein­ten substantia: cf. ib. p. 83 lin. 1–4. Inesse bedeutet
inhaerentia. Cf. hier auch u. Anm. 83.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 125

per se nota gäbe es de fac­to gar nicht. Sie wä­­­­­­re selbst per falsum defi­niert wor­­den.12 Es
kann kei­ne Erkenntnis ge­­­­ben, die auf dem fal­sum unmittelbar aufbaute.13
Wenn die propositio immediata soll gedacht werden können, so muss vorab bei­
seite gesetzt werden, dass sie analytisch sein könne und damit eine Idee enthalte oder
empfangen kön­­­ne, welche sie leitete, so dass sie ein Kriterium für sich selbst enthielte.
So steht sie an der Stel­le, wo über einen Einschub Veränderungen und neue Kon-
zeptionen der Wirklichkeit mög­lich er­scheinen. Ent­sprechend gibt es die Induktion;
denn die propositio immediata ist in ei­nem ge­wis­­­sen Sinn unerschaffen. Es ‘gibt’ sie
nicht. Sie müsste sonst auf der der Kausalität beruhen und sie ausdrücken. Dieser
unmittelbare Ausdruck der Kausalität wird bei Ockham fak­tisch, per se und beweis-
funktional, ausgeschlossen.14 Von Ockham wird das Ver­­­hält­­nis der Inhalte anstelle
des Satzes über das von substantia und accidens aus­gedrückt oder ersetzt.
Für Ockham tre­ten substantia und accidens abstrakt für die Begriffe ein, die als
In­halte dem Satz angehören oder ihn ergeben müssen. Sie betref­fen die Begriffe, sind
aber nicht mit die­sen identisch, we­der nach dem extramentalen Sachge­halt, noch

12. Ockham arbeitet damit, dass der terminus, wenn er apprehendiert wird, also ‘ge­kannt’ wird,
noch nicht er­kannt sein muss. Ebenso muss mit seiner Hilfe noch nicht erkannt wer­den. Cf.
Ord. Prol. q. 1 OT I p. 70 lin. 3–14. Folgt: er kann in Bezug auf die Realität keine Konse­quen­­zen
ha­ben. Jede Kon­zep­ti­on, die das einschlösse, wird ausge­schlossen. Das bezeich­net den No­mi­
nalismus Ockhams auch gerade auf der Stufe der mit ihm in­au­­gu­rier­­ten Ab­straktion. Hier gibt
es eine Generalisierung: Es darf keine zwangsläufige Verbindung eines ter­­minus mit ei­nem an-
deren geben, derart, dass aus der notitia von ersterem die notitia des letz­teren flösse; eben dies
ist auf das Konzept der notitiae überhaupt übertragen worden und be­stimmt deren Abstrakti-
on, bestimmt die Ab­strak­­ti­on. Cf. Kap. 1. Im Sinn der Abstraktion gibt es dann not­wen­dig die
Induktion. Es gibt, wie es sie formell einzig geben kann, die Definitheit der Begrif­fe. Es ‘gibt’
sogar noti­tiae, weil es den vor­­­genannten Fluss nicht gibt, nicht geben kann. Die no­titi­ae er­schei­
nen da­bei in einer ersten Ap­proxima­ti­on leer, eben abstrakt. Sie wer­den dann wi­der­spruchsfrei
auf jenseitsweltliche Bereiche oder Per­sonen über­tragen und ange­wandt. Hier gelten sie nicht
mehr von oder mit Begriffen, die menschlich-empirisch gewonnen wurden. Diese bestimmen
und er­mög­­lichen die pro­­positio per se nota nicht per se, eben nicht als ‘a priori’, sondern „nur“
‘cum generali influen­tia Dei’: die Erkenntnis des Begriffs und im Begriff wird von dessen Erfül­
lung in reali getrennt. Sie ist nicht con­stituens. Es fehlt die Determination des Begriffs und des
Satzes durch die ‘Implikation’ hin zur realen Erfül­lung.
13. Die Definitheit muss gefordert werden, wo das falsum als beziehungs- und bezeich­nungs­los
erscheint, das ve­rum in se aber nicht integraler Bestandteil (intensionaler Faktor) sein kann.
14. Dabei treten dann substantia und accidens als ‘Kategorien’ auf. Mittels Induktion wird be­
wie­sen, dass im Sin­ne des Verhältnisses von substantia und accidens ‘intensionale’ Bestim­mun­­
gen der Begriffe und Aussagen mög­lich sind, i.e. dass ein ‘potest persuaderi’, ein ‘non pot­­est
(sufficienter) probari’, ‘non est inconveniens quod’ oder ein ‘per potentiam divinam ab­solutam
supranaturaliter loquendo’, ein ‘non est maior ratio quod (non)’, o. ä. „bestehen“ oder be­stehen
mögen. Damit wird jeweils bewiesen, bzw. daran angeknüpft, dass eine Inte­gra­­­­­tion ei­­nes rein
indexikalischen Gehalts (quoad accidens) in einen ikonischen (quoad sub­stan­­­tiam) nicht mög-
lich sei oder: unbeweisbar.
126 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

intensional oder intra­men­tal gesehen. Sie er­mög­­­­­lichen die Argumentation und die
Stipu­la­tion derjenigen For­mel oder des Prinzips, das ei­nen realen Zusammenhang
ergibt oder nennt, nicht aber als ana­ly­ti­schen oder per indirekten Beweis ausdrückt.15
Es ist so für Ockham möglich, dass die Be­grif­fe in ih­rem Realsein (im Verstande)
gemeint sind, zugleich aber keine Realität als sol­che intendiert wird, weder die des
im Begriffsinhalt (als solchem) zu Meinenden16 noch eine et­wa­ig identis­che Re­alität
zweier Be­­­­griffe: das Verhältnis von sub­­stantia und accidens, die die Begriffe nach ih­
ren Inhalten mei­­­­­­­­­­nen, wird nicht zu dem der Be­griffe untereinander und nicht im
Sinne einer Realität extra mentem.17 Es bleibt auf die Ar­gu­­men­­tati­on bezogen, die
selbst ei­­nen ab­strakti­ven Charakter annimmt, der durch Wi­der­­le­­gung oder Indukti-
on bestimmt und ge­stützt wird. Da­mit wird auch die Realgeltung von sub­stan­tia und
accidens illusorisch.18

15. Die betreffenden Formeln oder Prinzipien sind Anm. 14 noch einmal genannt worden.
16. Das eröffnet wieder den Ausblick auf den Begriff als bloßes Zeichen. Er ist dies, wird aber
von Ockham nach seiner mentalen Natur erörtert und wechselnd bestimmt.
17. Das ist anders bei Maimon, 1990 p. 189, der ‘behauptet’, „dass die Kategorien als reine
Verstandesbe­griffe, ohne eine Be­din­gung der Anschauung“, womit er sich von Kant abhebt, „er-
klärt wer­den können und müssen, sie betreffen die Denkbarkeit der Dinge, die Wirklichkeit der-
selben und ihre Bedingungen ist ihnen bloß zufäl­lig.“ Eine sol­­­­che „Denkbarkeit“ und gar „der
Dinge“ spricht Ockham nicht an und aus; sie sind in sich nicht er­kenn­­bar und dann auch we­der
erkennbar oder nicht erkennbar nach irgendeiner Ähnlichkeit oder Vergleichbar­keit mit dem
Denken und einer Organisation in diesem. Man könnte meinen, Maimon sei hier, in­nerhalb
oder be­züglich ei­nes Agnostizismus wieder ungenau. Ockham hat die abstrahierten Be­griffe
(universalia), die res ex­tra men­tem quae est singularis, die kategoriell gebrauchten Be­­griffe wie
substantia, accidens, aber auch for­ma, ratio u. a. m. den intellectus, die actus, die notitiae, die
Argumentationen. Das ist insofern noch bemerkens­wert, als Mai­­mon selbst, anders als Kant,
von den bereits in der Wissenschaft geläufigen Operationen und Re­chen­tech­ni­ken aus­geht, sie
als per se gegeben und ohne Erklärung überzeugend annimmt und sie kategoriell ‘be­stim­men’
und al­len­falls so aristotelisierend erklären will, zum Beispiel die In­­finitesimalrechnung, aber
dann auch die ma­the­­ma­­tische Induktion, für die er den zeitgenös­si­schen Mathematiker A. G.
Kästner zitiert. Jene In­duk­tion, die spä­­­­­­ter z. B. R. Dede­kind für wesentlich hält und G. Peano
als fünftes seiner Axiome für die Arith­me­tik auf­führt.
18. Nach E. Hochstetter, 1927 pp. 139–143 hält Ockham für beide an einer realen Geltung in
se fest. Nach p. 140 interpretiert Ockham Rep. IV q. 9 OT VII p. 154 lin. 11 – p. 155 lin. 2 die
Re­la­tion von Substanz und ac­ci­dens rein kausal. Ockham sagt nur (p. 154 lin. 17): „accidens
depen­det a sub­iecto sicut a causa ex­trin­se­ca.“ Das heißt wie stets: das accidens dringt nicht als
res oder qualitas in die Sub­stanz ein. Diese Kausa­lität aber kann Gott sus­pen­dieren. Gott kann
dann qualitas und quanti­tas, als Prädi­kamente gleich, unabhängig von der sub­stan­tia ma­chen,
abstrakt und qua All­macht. Wo ist die Kausali­tät geblie­ben? „Sub­stantia includit ac­ci­dens“ ist
nach Ock­ham p. 156 lin. 6–10 ein „fal­sum“ – i.e. mehr als ein falscher Satz. Substantia und acci­
dens kön­nen da­nach kei­nen unbe­ding­ten realen Sinn haben. Dass wir die substantia nicht in
se, sondern bloß per accidens (acci­den­­tia) wahrnehmen, rettet nichts. Die göttliche Allmacht
und empiri­sche Erkenntnis ziehen gleich. Hoch­stet­ter versuch­te die Grenzziehung: Nach p. 17
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 127

Während neuzeit­li­­­­ch Empirismus und Idealismus mit den Posten der subjek-
tiven Erkenntnis­leistung (oder ihrer Voraussetzung) Kriterien und Legiti­ma­­­­­tionen
zu gewinnen suchten, nennt Ockham als Faktoren Vermö­gen (volun­tas, intellectus),
actus usw., die als solche, qua Be­grün­­­­dung in der Ar­gu­men­­­­­tation, mithin in den Be­
weisen, Teile dieser Argumentationen (pro­ba­tio und persua­sio) blei­ben. Oft sagt er:
sie genügten, an sich oder in Verbindungen, etwa als cau­sae parti­a­les. Da­­­­rin liegt
dann förmlich ein Hinweis, ebenso wie dann wenn eines der Prin­­­­zi­pien angewandt
wird, z. B. das Omnipotenzprinzip (dies explizit wenn es naturaliter lo­quen­­­­do auf die
distinc­tio realis be­zo­gen wird), das Ökonomieprinzip etc. etc., dies auch dann wenn
eine Re­levanz über die Em­pi­rie hinaus angemerkt wird.19 Die dabei anfallende Subjek­
ti­vi­tät, die auch be­nannt wird, ist dann einzig diejenige, die in der Argu­men­­ta­tion
sich ­ spie­­gelt und zu­gleich über­haupt fasst, was das Argu­men­tieren auf dem Fel­de
der Erörterungen Ock­ham sein könne, für ihn und seiner mutmaßlichen Meinung
nach sogar schlechthin.20 Es gibt ei­ne hy­­­potheti­sche Vermittlung an die significatio,
an die Geltung pro re­bus, die nach Ock­hams In­ten­ti­on jedoch offenbar schlüssig (de-
terminat) sein soll. Was von den Dingen her (a parte rei) zur Sub­jek­ti­­vi­tät ge­­­­­­­­­sagt
wer­den könnte, bleibt außer Betracht; es wird auch nicht an­genommen, dass dann
zu dem, was mental existiert, wenn es Reales meint oder wie­der­gibt, mit der Realität,
(man müsste ja wohl sa­gen, in der Form der Re­­­alität) nur noch21 etwas Zu­fäl­liges
zur Idee, zum Ge­dan­­ken, zur ‘Ge­dan­­ken­form’, zur Struk­­tur der Kategorien mit ihrer
Disjunkti­on „hinzutreten“ könne. Das ist in Ockhams Praxis des Ar­gu­­mentierens nicht

hat Ockham Notwendigkeit über die Negation ei­nes inneren Wider­spruchs an­ge­­nommen. Ist
da ein begrifflicher Wi­derspruch ge­meint, also der ana­ly­­ti­sche Satz? Die analyti­schen Ur­tei­­le
sol­­len dem göttlichen Machtbereich entzogen sein (ib.). Nach p. 18 gibt es die „Er­weiterung der
göttli­chen Macht­­sphä­re vermittelst strengerer Inter­pretation des Kon­tra­dik­tionsprinzips.“ Also
neben den ana­­­­ly­ti­schen Sät­zen, die doch Gottes Macht begrenzten?
19. Siehe hierzu besonders das Kap. 7: Formbegriff und reale Wahrheit.
20. Dies ist so zu verstehen, dass die verwandten Elemente (Bausteine), also Begriff, Satz und
Syllogismus, gar kei­­ne andere Verarbeitung zuließen als die Ockhams; das ist so zu verstehen,
dass diese Elemente als forma­le erscheinen und so inhaltsleer in einer negativen Form Folge-
rung verkörpern, die tatsächlich den Inhalt nicht hin­zu­gefügt werden kann; das bezeichnet
die Determinatheit. Ph. Boehner, 1952 p. 82 fand die Partes der Summa Lo­­gicae im Verhält-
nis zueinander disproportioniert und irrelevant; sie begründeten einander nicht. Das hätte be­
deutet: inhaltlich. Doch sie stehen in keinem Ableitungsverhältnis zueinander; sie fundieren
nicht Ableitung, die Boehner schmerzlich bei Ockham vermisst. Doch dieser verwendet nie ein
Element als Äqui­valent von Fol­ge­rung. Ableitung gibt es überhaupt nicht. Ockhams Beweisin-
teresse ist je ein begrenztes und (induktiv) ein­ge­löst nur inso­weit von Interesse für ein an­deres
als nominelle Aspekte aneinander vorbeigeführt werden, mithin nicht sich stören sollen. So
werden indukt­iv (und persuasiv) Einwände abgewehrt. cf. bes. Kap. 12.
21. Für dieses ‘noch’  könnte dann ja wohl nicht mehr argumentiert werden, nicht ableitend
und nicht induktiv. Viel­leicht verweist das auf ein Problem der Definitheit.
128 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

ent­hal­ten. Es würde auf eine quasi realitätsnahe Ableitungsform hinauslaufen, die wir
bei Ockham nicht haben.22 Die grundsätzliche Frage gilt der Sub­jek­­tivität.23
Diese Subjektivität soll nun auch, quasi abstraktiv, Erkenntnis der divi­na essen-
tia besagen (ent­­­halten), im Sinne der Definitheit ex facie divinae essentiae sprechen.
Ockham setzt da den Fall, dass die divina essentia als res selbst die Erkenntnis abzu-
geben und auszumachen hat:24 „To­tum quod dicitur de praedicatione rei in divinis
debet intelligi secundum illam opi­ni­­o­nem quae ponit quod intellectio non est sub-
iectum nec praedicatum propositionis sed ob­iec­­tum in­tellectionis, quam opinionem
reputo probabilem.“ Das wird eingeschränkt. „Secun­dum aliam opinionem, quam
etiam reputo probabilem, scilicet quod omne subiectum proposi­ti­onis in men­­­­­te est
intellectio vel aliqua qualitas inhaerens menti, debet dici quod propositio il­la quam
format intellectus de deitatate distincte non componitur ex re sed ex intellectione dis­
tinc­­­­ta dei­tatis quae non est nobis possibilis. Et secundum hoc proportionaliter dicen-
dum est de illa pro­po­sitione sicut dicitur de propositione si componatur ex re.“25 Hier
muss nämlich der Blick auf die divina essentia ebenfalls nicht verstellt sein. Das wäre
bei der Auffassung des Be­­­­­­­griffs als fictum oder obiectivum esse der Fall. Auch diese
Hypothese ist nach Ockham opi­nio pro­­ba­bilis. Für ihren Vorrang kann, wie gezeigt,
sogar von der Hypothese her, der Be­griff sei in­tel­lectio, gerade in Anbetracht der Be-
ziehung auf die divina essentia in­­duktiv argu­men­tiert wer­den. Bei der Hypothese, der
Begriff sei intellectio, lässt sich eben­falls den­ken, er erfasse ei­ne res simplex. Damit ist
aber die Zahl der Ein­schrän­­kun­gen nicht aus­­ge­schöpft: „hoc debet intelligi quando
illa res est simplex et nulla alia, propter unam opini­o­­nem quam pro­­ba­bi­­lem re­­puto.
Illud tamen hic dicitur secundum ali­am opi­nionem.“26 Die An­­­­zahl der opi­­­­niones ist
nicht durch Oppositionen (Gegensatz­paa­re) bestimmt und festge­legt.27

22. Selbst die consequentia naturalis meint eine solche Ableitungsform nicht.
23. Sie wird bei Ockham technisch behandelt. Damit wird sie weder zum Inhalt, noch ist sie
postuliert Ort der Er­kenntnis. Sie steht nicht für den Topos des Erkennens. Zuletzt wird mit
allen Argumenten nicht für sie, i.e. im Sinn einer Formation gearbeitet, die dann definit wä­re
oder zu sein hätte.
24. Wenn wir die Erkenntnis Gottes (der divina essentia) nicht als Sonderfall an­­erkennen, ha­
ben wir dort, wo wir eine empirische Erkenntnis nicht ohne weiteres mehr an­neh­men können,
überhaupt keine Erkenntnis; d. h. wir hät­­­­­ten eine Lücke bzw. einen Widerspruch, da wir die
Be­griffe und ihre Anwendung ja haben. Wo wir nicht in­du­zieren kön­nen, können wir den dies­
bezüglichen Mangel, d. h. die Gegeben­heit eines mögli­chen Wider­spruchs, nicht aufheben.
25. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 110 lin. 19 – p. 111 lin. 4.
26. Ib. p. 113 lin. 18–25.
27. Denn die Formulierungen der verschiedenen opiniones sind nicht miteinander durch ihre
Glie­derung und ih­ren Aufbau verbunden. Sie können ja im Sinne der Anders- oder Nochmög-
lichkeit qua unterstellter Negativität der anderen formuliert wer­den. Was in diesen nicht gesagt
und nicht verneint worden ist, ist neben ihnen dann fraglos möglich. So eben ‘quod aliqua
res quae est Deus praedicatur oder potest praedi­ca­ri a Deo sive deitate – si est possibile.’ Dass
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 129

Ex habitu aliquarum praemissarum soll die Bestätigung einer con­­­clusio möglich


sein. Damit ist ein actus assentiendi oder actus iudicativus vermöge des Syllogismus
möglich. Dabei fingiert Ockham weidlich das Verhältnis der Sätze28 „Ver­bi gra­­­tia ali-
quis non beatus potest du­bitare istam propositionem ‘Deus est’,“ was also hypo­­the­tisch

Ockham die Hypothese des universale als fictum esse vorgezo­gen habe, ist insofern nicht an­­
zunehmen, als er neben ihr die andere Hypothese des Begriffs als intellectio stets weiterhin zur
Diskussion stell­te, z. B. SL I c. 12 und Ord. d. 2. q. 8 OT II p. 289 lin. 12–15: „Cui non pla­cet ista
opi­­nio de talibus fictis in esse obiectivo, pot­­est tenere, quod conceptus et aliquod universale est
aliqua qua­­litas existens subiec­tive in men­te, quae ex natura sua est signum rei ex­tra.“ Dabei sah
Ockham hier noch Dif­feren­zierungsmögl­ich­kei­ten (ib. p. 291 lin. 7–15: „Verumtamen ista opi-
nio possit diversi­mo­de poni: Uno modo quod ipsa qualitas existens subiecti­ve in anima es­set
ipsamet intellectio … Aliter possit po­ni, quod ista qualitas esset ali­quid aliud ab intellectione et
pos­te­­ri­us ipsa intellectione…“ Ockham hatte den Begriff als sig­num („ex natura sua est signum
rei extra“) mit der vox (dem sprach­lichen Wortzeichen) verglichen: „sicut vox est signum ad
pla­ci­­tum instituentis.“ Das ist ein­sich­tig: ein und das­selbe wird in den verschiedenen Sprachen
mit un­ter­schiedli­chen Lauten bezeichnet: Mensch, ho­mo, anthro­pos etc. Nun fragt Ockham
(SL I c. 12 OP I p. 42 lin. 29 – p. 43 lin. 39): „Sed quid est in ani­ma (sic) id quod est tale signum
(sc. rei extra). Dicendum quod circa istum articu­lum diversae sunt opi­­ni­o­nes. Ali­qui di­cunt
quod non est nisi quoddam fic­tum per animam (wir sind also ‘in’ der anima!). Alii, quod est
quae­dam quali­tas subiective exsis­tens in ani­ma, distincta ab actu intelligendi. Alii di­cunt, quod
est ip­se actus intelligendi.“ Für sie führt Ockham das Öko­no­­­mie­prin­­zip als ­ratio an: „Et pro
istis est ratio illa, ‘quod frustra fit per plura quod pot­­est fieri per paucio­ra’. Om­nia au­tem quae
salvantur ponendo aliquid dis­tinc­tum ab ac­tu intelli­gen­di, pos­sunt salvari sine tali distinc­to,
eo quod sup­po­­nere pro alio et significare aliud ita potest com­pe­te­re actui intel­li­gendi sicut alii
signo. Igitur praeter ac­tum in­­tel­li­gendi non oportet ponere aliquid ali­ud.“ Der ac­­tus aber ist na­
türl­ich ak­­zidentell in der Seele. Auch der Begriff als subiectivum esse ist quali­tas und ac­tus der
substantia ‘in­tel­­lec­tus’ und also ac­cidens. Aber das fic­tum ist es auch. Die akzi­den­tel­le re­la­tio
in men­te (für Akte) ist auch die des Be­zugs zur Re­­­al­welt ex­tra nos; sie fällt mit den nomina an­­
und entspricht der Ab­strak­tion, die er für die rein in­tra­­men­ta­len Ver­hält­­­nis­­­se benötigt.
28. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 118 lin. 1–12. Das beruht darauf, dass zwischen den Sätzen, wie im-
mer gedacht, eine (ma­terielle) Impli­ka­­­­ti­on nicht ange­nom­­­men werden muss, wie sie denn bei
Ockham für die Verbindung der Ge­­dan­ken (und Definitionen) in de­ren intensionaler Quali-
tätsbestimmtheit kei­ne Rolle ha­ben kann; sie müssten auf der Stufe der Reflexion wie auf der
Stufe, auf die diese sich be­zog, gleich sein. Ph. Boehner, 1952 mein­te p. 82f, dass Ockham zwar
die Aus­sa­gen­lo­gik bei Beweisen zur Logik des Syllogismus ge­brau­­­che, sie aber diesem nicht
überordne, was Boehner als Ver­säum­nis sieht. J. Lukasie­wicz, 11951 p. 49 bemerkte das auch
zu Aristote­les. Auch was Ockham ver­schie­de­ner Wei­se, inhaltlich und logisch, als medi­um ex-
trinsecum benannte, bezeichnet für Ockham keinen effizienten Be­weis. In seiner Herlei­tung
bzw. Be­stimmung der syllogi­s­ti­schen demon­stra­­tio potis­si­ma kritisiert er die Annah­me, de­ren
me­di­um könne darin medium ex­trin­se­cum sein. Sei­ne Lö­sung lau­tet: medium intrinse­cum.
Aristoteles bereits will­ Ab­lei­tung und in­­di­rek­­ten Beweis qua­­li­tativ nicht auf eine Stu­fe stel­­len.
Die Wider­le­gung kann eher und viel­leicht einzig der Si­che­rung intensio­na­ler Be­stim­mun­gen
die­nen; dem dient auch die Syl­logistik. Auch sie wird reproba­tiv bei Zwi­schen­schritten der
Ar­gumentation mit er­­kenntnis­the­o­retischer Note. Hier treten syl­lo­gis­ti­sche For­men (Anord­
nungs­möglichkeiten) in Gegenstellung zu Einwänden auf ebenso wie sie ihrerseits u. U. noch
130 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

immer angenommen werden kann, aber eben auch nur hypothetisch, wenn die An­nah­
me definit bleiben können soll, „post­ea potest Deus causare notitiam intuitivam vel
ab­stractivam in illo intellectu. Isto posito, iste poterit facere syllogismum demonstra-
tivum in quo erit ista conclusio ‘Deus est’, quam primo du­bitavit, ita quod in maiori
praedicatum istius propositi­o­nis quam de facto habemus praedi­ca­bitur de ista divina
essentia in se §/ vel de cog­ni­tione dis­tincta essentiae divinae /§ et in se­cun­da ipsa di-
vina essentia in se praedicabitur de is­to subiec­to istius conclusionis, ac si argue­re­tur
sic: ‘essentia divina est’, ‘deus est essentia di­­vina’, ergo ‘Deus est’“. Ockham fügt hin­­
zu: „Verumtamen illae duae praemissae non sunt nobis pos­sibiles, sed tantum possunt
ap­pre­hendi ab intuitive vel abstractive intelli­gen­­te ipsam dei­ta­tem in se.“ Gott kann
also eine Er­kenntnis be­­wirken, die wir doch faktisch, von der empiri­schen Basis un-
seres Erkennens aus­gehend, nicht haben; das ist entweder wi­der­sprüchlich oder reine
Kompatibilität. Diese von Gott prae­ter communem legem oder potenti­am ordinatam
zu ver­ursachende Erkenntnis ist (bloß) kom­pa­­tibel mit unserem tatsächli­chen Er­­
kenntnisstand. Sie ist also möglich oder nicht ausge­schlos­­­­­sen. Das praedicatum würde
aber auch von der cog­­­ni­­tio distincta essentia divina in se prä­diziert werden können,
wenn die Er­kennt­nis der di­vi­na essentia intuitiv wäre oder gar mit der res als sub-
iectum erfolgte. In die­sem Fall frei­lich müsste auch eingesehen werden kön­nen, dass
die essentia divina ‘ist’. Das über­schrei­tet den Fall der cognitio simplex. Und den der
no­ti­tia intuitiva auch; denn sie kann ja nach der res als Erkenntnismittel anstelle des
conceptus nicht mehr einen actus iudicativus oder actus as­sen­ti­en­di beinhalten. Damit
würden wir näm­lich wieder zur notitia abstractiva ge­­­langen. Es müss­­­te, so gesehen,
wenn der Begriff der noti­tia intuitiva auch für den Fall bei­be­halten wer­den soll, dass
anstelle des menschlichen concep­tus eine res stehe, neben der noti­tia intuitiva zwangs-
läufig auch eine notitia abstractiva entste­hen können, mittels deren wir dann auch den
actus iudicativus hätten.29 Aber da­mit ist die Rei­­­­he der Fälle, die sich zuein­an­­der kom­
pa­tibel verhalten, noch nicht abge­schlos­sen, so dass gleichsam ein weiterer Fall immer
inhalt­lich von einem anderen, den wir schon kennen, Gren­zen und impedimenta, er-
halten hätte.30 Die notitia ab­strac­tiva deitatis ‘kann’ oh­ne eine vor­her­­­­ge­hende notitia
intuitiva sein:31 „Tamen Deus potest cau­sare notitiam abstracti­vam dei­ta­­tis et ali­­­arum

refutiert werden. Ockham kann grundsätzlich nicht die Aussa­gen­­logik zur Herlei­tung von
‘Qua­li­tä­ten’ in in­­ten­siona­ler Be­stim­mung (sic!) ver­wenden. Auch nicht die Syllogi­stik.
29. Es besteht also (eine) Konsistenz für den gesamten Gedankengang Ockhams, wie um­fas­­
send und lang auch immer, dann (oder dadurch), wenn (oder dass) deren Fraktionen deter­mi­
nat sind vermöge dessen, dass die Im­pli­ka­tion abgestreift, also ausgeschlossen worden ist.
30. Für einen neuen Fall treten neue Ursachen (oder Ursachenreduktionen) ins Spiel, für die
mit Formeln wie ‘non est maior ratio quod (non)’, ‘non est inconveniens’, Omnipotenz- und
Ökonomieprinzip in Form von Induktio­nen plädiert wer­den kann. Dabei bleibt die notitia
intensional gleich bei variierten reellen (empirisch kontingen­ten) Um­stän­den. Das wird bewie-
sen. Das ist Beweisziel. Cf. Kap. 12: Verflechtung und Abgrenzung der Akte.
31. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 72 lin. 9–11.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 131

rerum sine notitia intuitiva prae­via, et ita no­titia abstractiva est com­mu­ni­cabi­lis via­to­
ri.“ Es ist also zunächst nichts davon ge­sagt, dass die­se notitia abstractiva de facto dem
vi­a­tor verur­sacht werde; es ist somit unbe­kannt, ob sie je schon von Gott unab­hän­gig
von ei­ner vor­­an­­ge­gan­genen notitia in­tu­­i­tiva verur­sacht wor­den ist. Die Ordnung der
Din­ge, in wel­­cher die no­­ti­tia abstractiva der no­­titia intuiti­va folgt, ge­­­hört der potentia
ordinata an. Pro sta­tu isto ist ­­ so eine abstraktive Er­­kenntnis von Gott mög­lich, die
des Erfahrungs­funda­ments, so­wohl in via wie in patria ent­behrt.32 Die Kon­klu­­­si­­on
ist somit: Es gibt von vorn­he­rein kei­nen Grund, für den Men­schen ei­­ne theologi­sche
Er­­kennt­nis auszuschließen, weil sie nicht auf Er­fahrung be­­ru­­hen kön­ne.33 „Dico quod
noti­tia dis­­­tincta dei­ta­tis sub propria ratione de­itatis est pos­sibilis in­­­­tellectui vi­a­to­ris.“
Gegen diese Er­­kennt­nis kann nicht gesagt wer­den, sie er­kenne nicht ihren Ge­gen­stand,
sie ist als dis­tink­te mög­­lich. Gleichwohl ist sie keine em­pi­ri­sche und keine visio be­­a­
tifica: „Ista (notitia) ta­­­men non est beatifica.“ Die visio beati­fi­ca ist eine notitia intui­
tiva. Nicht jede notitia von Gott, die da möglich ist, ist daher seligma­chend, z. B. nicht
die notitia abstracti­va, die auch in patria möglich ist: „Nec omnis no­ti­­­tia ob­iecti infi­
ni­ti beati­fi­­ci sub ra­ti­one be­atifica est beatifica, sed tan­tum intuitiva quae non est in­­
tellectui vi­atoris pos­­si­­­bi­lis.“34 Für diese hypothetische notitia abstractiva war induktiv
operiert worden.
Mit allen diesen Modi heterogener Erkenntnisse, die sich in die divina essentia
bezüglich de­ren Erkenntnis durch einen Erkennenden, der selber nicht Gott ist, ver-

32. Grundsätzlich gilt (ib. p. 48 lin. 2–5): „dico quod Deus, de potentia Dei absoluta, potest
tali duplici notitia cog­­nosci, ita quod una sit intuitiva et alia abstractiva.“ Dies ist aber ebenso
wenig ‘gewiss’ wie alles was bloß hy­pothetisch im Ver­hält­­nis der Möglichkeiten nebeneinander
besteht. „Tamen difficile est hoc probare. Potest ta­men persuaderi.“ Da­mit ist jene Beweisart
bezeichnet, die das Abstrakte und Hypothetische ohnehin näher be­zeich­net und ein­fängt. Was
hier also als bloß ‘per persuasionem „beweisbar“’ angesehen wird, ist somit zu­gleich dasjenige
oder et­was, was förmlich im Sinne einer anderen Möglichkeit oder Kompatibilität und wieder
per po­­ten­tiam di­vi­nam abso­lu­tam auch als möglich anzusehen, durchbrochen und suspendiert
wer­­­den kann.
33. Ib. p. 72 lin. 13–17 (inclusive der beiden folgenden Zitate).
34. Von notitia intuitiva und notitia abstractiva werden von Ockham einige Konsequenzen
als ihnen angehörig und damit im Sinne einer in ihnen anzutreffenden Wesenseigenschaft be­
strit­ten. Wesenseigenschaft und Konse­quenz rücken so noch einmal, wenn auch in negati­ver
Weise, aneinander. Natürlich kann von den beiden notitiae kei­ne quid­ditative Definition ge­
geben werden. Was darin proprium oder accidens wäre, betrifft bereits den Be­zug der no­ti­tiae,
der formell ein Bezug nach außen ist. Die Vielzahl der Fälle, in denen die no­titiae schein­bar
Re­fe­­renz und Charakter wechseln, folgt dem, dass sie weder quidditativ defi­niert sind noch per
Konsequenz be­stimmt noch überhaupt anders als so für sich identisch in den ver­schie­­­denen
Kau­salverhältnissen gedacht werden kön­nen. Über diese alle defi­nie­­ren und be­kräf­ti­gen sie
sich. Sie wer­den für eine Art complexum significabile ein­­­­­­­ge­bracht und wirk­sam. Die Wirksam-
keit hat ihre Reich­wei­te nach verschiedenen und unterteilbaren Kau­­sal­re­la­­ti­o­nen; die­se er­ge­
ben sie, wie sie ih­rer­seits diese wieder spiegeln und überdecken. Cf. auch Anm. 50.
132 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

schieben (wenn man will, vor sie schieben), stellen sich alle erkenntnistheoretischen
Proble­me der zunächst prak­tisch empirischen Erkenntnis secundum legem commu-
nem, d. h. so wie sie der ordo cre­a­tus oder die potentia Dei ordinata uns auferleg-
ten, noch einmal, so dass die lex communis etc. nicht definit ist. Sie ist in Bezug auf
die Gehalte nicht festgelegt, was hei­ßen muss, dass die In­­­­­duktion die Methode ist,
welche die dann bloß bedingten Meinungen ein­­­­­­zel­ner Thesen her­vorbringt, wie sie
hier vorkamen. Sie alle sind in dem Sinne dann konsis­tent, wie sie aus­ein­an­­­der nicht
ableitbar waren. Die Kompatibilität der einzelnen Fälle sprengt also von sich aus die
Ableitbarkeit. Das bedeutet nicht nur eine neue Objektivität, son­­dern daneben noch,
dass die normale Ableitung in se als mit indefiniten Bausteinen behaf­tet er­­scheint.35
Es ging Ock­ham darum, welche Wahrheiten von Gott syllogistisch be­wie­sen wer­den
können, oh­­ne dass noch ein allgemeiner Begriff (aliquod commune) vorläge, der Gott
und creaturae ge­mein­­­­­sam wä­re. „Et ideo soli tali (sc. alicui beato) sunt illae con­clu­­
si­­­o­nes in se demon­stra­bi­­les a priori quae non possunt demonstrari de Deo per ali-
quod commune tamquam per me­­di­um.“36 Das Fa­­­zit ist: dort, wo man mit Ockham
einen praktischen und empi­ri­schen Be­griff von Gott nicht ha­ben kann, der in einen
Beweis einginge und darin zu dienen hätte, hat man hy­pothe­tisch no­ti­tiae,37 welche

35. Zum beweistheoreti­schen Grundbegriff ‘definit’ s. Thoralf Sko­lem, Ei­ni­ge Bemerkungen zur
axiomati­schen Begründung der Men­genlehre, 1923, auf belie­bige Kal­kü­le bezogen P. Lo­renzen,
Einfüh­rung in die ope­ra­tive Lo­­­gik und Mathematik, 1955 u. K. Ebbinghaus, Ein for­ma­les Modell
des Aristoteles der Syllogistik, 1964 p. 14.
36. So Ord. Prol. q. 2 OT I p. 118 lin. 12–15. Der Ausdruck ‘a priori’ bezieht sich nach der aristo-
telischen Be­zeich­­nungs­weise auf die Schlussart, nicht auf erkenntnistheoretischen Erkenntnis-
wert. Die syl­lo­gis­ti­sche Kom­po­nente der Beweisführung ist bei Ockham unübersehbar, sowohl
met­hodisch (argumentativ) wie darin dass der Syllogismus Gegenstand der Erkundung und
Begründung der Standards des Erkennens ist. Der Gebrauch des Syllogismus als forma inte­gra­­lis
der Be­weisführungen, die an der Basis der Begründung von Major oder Minor der In­duk­tion
sich bedienen und am Ende oft bloß überredend sein können, insgesamt und im ein­zel­nen,
sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Beweisinhalt selbst über die Syl­logistik hinaus-
geht, wie die Be­deu­­tung von notitia intuitiva und notitia ab­stractiva und deren ‘unaus­ge­setz­
te’ Dif­ferenzierung mit immer neuen Kompa­ti­bilitätsoptionen lehrt und eben darin auch der
Ge­brauch der Prinzipien, die hier helfend eintreten, allen voran das Omnipotenzprinzip mit
sei­nen beiden Auslegungen. Dabei tritt auch der Fall auf, dass die etablierte und be­grün­­de­te,
et­wa die syllogistische Er­kennt­nisweise, dann die notitia abstractiva beispielsweise, sach­­­lich
und prak­tisch kaum gefüllt werden können. Die Erkenntnisse sind dann möglich, also rein
hy­po­thetisch nicht gänz­lich aus­geschlossen, sie werden aber kaum präsentiert werden kön­­nen.
Sie werden lediglich skizziert.
37. Mit den notitiae schafft Ockham also eine Grunddistinktion und setzt sie förmlich über
die anstelle von in­halt­lichen Qualifikationen und Entwicklungen der den notitiae verliehenen
kom­­­patiblen abstrakten Funktionen fort. Da­von ist oben eine Illustration gegeben worden. Cf.
A. Combes u. P. Vignaux. Jean de Ripa, Quaestio de gra­du supremo, 1964 p. 95: „Nous sa­vons,
notamment par l’exemple d’Occam, l’importance de la théorie des di­s­­tinc­ti­ons au XIVe siècle“,
zugleich (Anm. 223) Verweis auf DTC, art. Nominalisme, col. 742–745.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 133

potentielle Beweise ermöglichten. Es ist also das Fak­tum sol­cher Be­weise bloß nicht
ausgeschlossen. Ockham macht eine schar­­­fe Dis­junkti­on: aliquod commu­ne (con­cep­
tus) vs. notitia im Sinne nur abstrakt verstandener ac­tus apprehensivi.38
Ockhams Beweisart an dieser Stelle besteht insgesamt in einer sukzessiv erfolgen-
den Rei­­he von Ausschließungen, mit denen an einer Stelle jeweils die Negation einer
‘Folgerung’, die der darin unterstellten Signifikanz, vorgenommen wird; so ist die Fol-
ge der Negationen sprich Ausschließungen schließlich der Induktion einer gänzlich hy-
pothetischen Annahme gleich. Die­­­­­se hat mit ihren Bezeichnungen (wie sie als notitia
oder ‘notitiae’ erfolgen) den mensch­li­chen und empirischen Be­griffs­­rahmen überstie-
gen. Hierin sollte man eine Eigenart Ockhams sehen. Sie besteht in der Argumentati-
on.39 Gott wird formell in sie einbezogen, aber weder so dass sie objektiv darin wirkt
und ihn konkret spezifiziert, etwa im Sinn der Idee ei­ner Inter­ven­­­­­tion, noch ihm eine
Majorisierung unserer Erkenntnisvermögen zuschriebe.40 Er bleibt viel­leicht doch
unerreicht, wie er es im Mittelalter im­mer war und sein konnte. Es ist mut­­maß­lich
nicht ganz der Blick Got­tes selbst; wir urteilen mit Ockham nicht de api­ce dei­tatis.
Aber wir haben unse­ren Blick so er­wei­tert, dass wir nicht bloß Begriffe benutzen,
aber auch nicht, so ganz eine Wissenschaft zwi­­schen Of­fenbarung und Er­fahrung
(= menschlichem Be­griff) hät­­­­ten. Wir haben eine argumentativ-met­ho­dische und

38. Ockham erschließt die notitia abstractiva nicht für Gott in Person. Er nimmt keine dis­
kur­­­­si­ve Erkenntnis in Gott an. Gott erkennt bloß per notitiam intuitivam. Cf. zum Vergleich
P. Vignaux, 1962 p. 269: „Il y a en Dieu, pour Francois de Mey­ron­­nes, des vé­­­ri­tés médiates: en
ce sens, tout l’élé­ment discursif n’est pas ex­clu de sa con­nais­­sance in­tuiti­ve, ni de celle des bien-
heureux: sic videtur veritas in se demonstrabilis (denn: Anm. 30: in­tu­iti­va notitia est discursiva
vel potest esse) … beati possunt dici ali­qua­liter dis­cur­­re­­re.“ Für Ockham be­dür­­fen die hö­he­­ren
Intelligenzen (Gott, Engel) des dis­cursus (scien­ti­fi­cus) nicht. Ockham be­­­schränkt seine As­pek­
te auf den Men­­schen und über­trägt sie bloß ver­­gleichs­wei­­se im so an­ge­­nom­me­nen Gehalt dann
auf Gott, En­gel, beati.
39. Deren Bewertung wird gern in einem Motiv gesucht, das in inhaltlicher Einkleidung an
Ockhams Verfah­ren heranreichen und meist, in nuce oder kompakt, seine Argumentati-
onsweise kriteriologisch signalisieren sol­len. Die Abbreviatur geht meistens nicht auf: Nach
Vignaux soll einmal eine Zwischen­schicht des mensch­li­chen Den­­kens zwischen Offen­ba­rung
und menschlich-empiri­scher Erkenntnis ge­dacht wer­den, bei welcher zu­nächst Duns Sco­tus
Ockham zu praelu­die­ren hätte. Cf. Nominalisme au XIVe siècle, 1958 p. 14f: „Entre l’in­tu­i­tion
de l’au-delà, don suprême, et la Révélation, condi­ti­on de l’adhésion de foi à des propo­si­ti­ons
com­posées de ter­mes naturelle­ment accessibles Duns Scot avait dis­cer­né la possibilité de dons
intermédia­ires. Il avait trans­po­­sé une ques­tion classique depuis l’invasion aristo­té­li­­ci­enne: „la
theologie est-elle une scien­ce?“ en cet­te autre, plus radi­ca­le: Dieu comme tel – Deus sub ratione
De­i­ta­tis – est-il un objet possible de scien­ce?“ Dann aber soll die Ein­sicht de potentia Dei
absolu­ta bedeuten (p. 96): „en les pensant sou­mises à une po­ten­­tia absoluta, il (sc. Ockham)
juge les cho­ses comme Dieu les voit.“ Vielleicht gibt es hier so etwas wie eine ‘Determinan­te’
(ib.): „ce no­mi­na­lis­­me est l’uni­vers d’un théolo­gi­en que la Ré­vé­lation a introduit au point de
vue divin.“
40. Selbst diese Idee wird von Ockham augenfällig weggelassen.
134 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

darin hypo­­the­ti­­sche Erwei­te­rung unse­rer Aspekte; so wer­den Fehlmeinungen und


fallaciae aufge­ho­ben.41 Ockham ver­bleibt im Be­reich eines menschli­chen Denkens,
sofern es den Sockel der Erkennens oder sei­ner Be­stim­mun­­­gen be­trifft, aber er muss,
wenn er diesen logisch umranden will, den Be­reich der bloß em­­pirischen Ver­wendun­
gen und Refe­ren­zen übersteigen: er muss etwa auch aufhö­ren, den Be­­­griff als Ve­hi­
kel des Er­kennens zu be­trachten.42 Bei Ockham kann der Bereich der mensch­­­li­chen
Be­grif­fe und Erkenntnisakte, die al­le dem Verstand angehören, zum Au­ßer­­mensch­­­
lichen hin er­weitert werden, ohne dass sie nicht der Verstandeszone mehr zu­zu­rechen
wären.43 Vielmehr sind sie ohne diesen Ausgriff, die­se Erweite­rung, nicht definit.44

41. Nach M. de Gandillac, Nikolaus von Cues, 1953, p. 63 Anm. 4 soll sich das von den Nomi­na­­­­
listen, der via mo­der­na ge­nannten Bewegung in der Spätscholastik ‘immer betonte’ „proba­bile“,
dem der strengste Beweis­wert fehlt, stets auch gegen jeden „protervus“ richten las­­sen, „der sich
anmaßte, einen ande­ren Status für die potentia abso­luta geltend zu machen“. Das ist sicher eine
entscheidende Einschränkung gegenüber jeder unbegrenzten und da­bei rein speku­la­tiven, im
Grund allegorischen Deutung und Indienstnahme des Omnipotenzprinzips. Es steht dem ‘po-
test persuaderi tantum’ Ockhams nahe, für das es ja direkt gebraucht wird. Es ist hierin mit der
mit potentia ordinata verflochten und nähert sich „an die an sich unerfassbare Wirklichkeit“,
wie de Gan­dil­lac sagt, bloß an. Tatsächlich versucht Ockham auch nicht, wie de Gandillac sagt
(p. 63), „auf abstraktivem Wege For­men zu er­fas­­sen, die wirklichen göttlichen Ideen entspre-
chen“. Gottes Allmacht führt Ockham dabei auch nicht ein­­mal zur Idee einer drohenden Auf-
hebung der kontingenten Weltordnung. Cf. K. H. Ta­chau, 1988, p. 269.
42. Wenn Ch. S. Peirce bestritt (1868), dass es „ei­ne intuitive Er­kennt­nis“, i.e. eine notitia intui-
tiva von einer no­titia intui­ti­va nach unver­bunde­nen sinnli­chen Ein­drüc­ken geben könne, so
handelt es sich dabei denn ver­gleichs­weise auch nur um Ockhams notitia intuiti­va sensitiva.
Das gilt auch dann, wenn man an­nimmt, dass be­reits die elementare sinn­li­che Wahrneh­mung,
wenn sie auf ein Kontinuum (Bei­spiel etwa der Vo­ge­l­­­­flug) sich richtet, nur mit­tels integra­ler
Schlussakte des Verstandes her­ge­­­stellt ‘werde, mit denen wir uns der Identität des be­ob­ach­­­­te­­ten
und wahrge­nommenen Gegen­stands (des Vogels) ver­sichern.
43. Ockhams ‘Betonung’ und Verwen­dung der notitia ab­strac­­tiva erinnert hier an nach­ide­a­
lis­ti­sche (atheisti­sche) Metaphysi­ken von Mc­Tag­gart und Brad­ley, denen Ockham ‘auch’ ent-
spricht, wenn er den über­welt­li­chen As­pekt nicht rich­tig­ge­­hend „füllt“. Cf. F. G. Bradley (ed.
J. W. Allard und G. Stock), Writings on Logic and Meta­phy­sics, 1994, J. M. E. Mc Taggart (ed.
S. V. Keeling), Philosophical Studies, 1934.
44. Für die im Syllogismus verwendete Major nimmt auch Ockham gelegentlich an, dass es
zu ihrer be­griff­li­chen Erstellung nach der Erfahrung (notitia intuitiva) vieler Akte und eben
auch Schlüs­se bedürfen könne. Diese Schlüs­­se sind damit Teil der Präparation dieser Prämis­se
(Ord. Prol. q. 2 OT I p. 87 lin. 1–12). So wird dieser Syl­­logismus im Grunde auf die Stufe empi-
rischer Erkennt­nis­se festgelegt. Er ist dann abstrakt nur bezüglich der Bildung der Be­griffe, die
kraft der noti­tiae er­folgt. Aber die notitiae sind nach Ord. Prol. q. 1 OT I pp. 74 lin. 22 – p. 75
lin. 5 noch nicht notwendig per se (= specie) distinkt vermöge der ‘notitiae complexi causatae
ab illis.’
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 135

Ockham hat von der scientia stricte als conclusio eines Syllogismus ver­standen
folgende Be­schreibung gegeben:45 „dico quod propositio scibilis scientia proprie dicta
est pro­­positio ne­cessaria, dubitabilis, nata fieri evidens per propositiones necessarias
evidentes per discursum syllogisticum applicatas ad ipsum.“ Der Syllogismus soll
nicht bloß äußerlich an­­­ge­wandt wer­den. Er ist zwingend nötig, um die Evidenz zu er-
halten.46 Die Be­schreibung ist die dritte, die Ockham gibt; nur sie hält er für vollstän-
dig.47 Wenn man nach der ‘Not­wen­­­digkeit’ der Prä­missen fragt, welche die conclusio
per syllogismum gewiss und intelligibel machen sollen, so kann sie faktisch nicht in
der Abhängigkeit der passio von dem subiectum be­­stehen, da diese in diesem weder
enthalten noch nicht enthalten sein darf. Es muss sich also um eine Eigen­schaft in der
passio handeln, die per definitionem formalem von diesem Subjekt gegeben wird, eben
distinktiv, um deren Charakter zu bestätigen, gegeben wer­den kann. Die Be­­­­­­­­­­­­stim­mung
muss so absolut inhaltlicher Natur sein. Damit werden die Sät­ze in dem Syl­lo­gis­mus,

45. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 76 lin. 13–16.


46. Begriffe wie notitia praemissarum, actus iudicativus, actus apprehensivus, habitus, proposi-
tio, scientia müssen im Verhältnis zueinander und distinkt gesehen werden. Die notitia propo-
sitionis und die propositio sind distinkt. Ockham hat nicht gesagt, dass die notitia (notitia ab-
stractiva) des Satzes ei­nen actus iu­di­ca­­ti­­vus mit ei­nem actus apprehensivus zusammennähme;
das wäre widersinnig und gegen seine Ter­­minolo­gie. Der Syl­logis­mus be­stä­tigt die con­clusio,
de­ren no­titia der notitia prae­missarum syllogis­tisch folgt. Das syl­logisti­sche Schlie­ßen kann
und muss so als fes­te Grö­ße mit­­ge­rechnet wer­den. Der habitus wird bei Ockham, als eigene
Grö­ße gedacht, in einem ei­ge­nen Kausalver­hält­nis zum actus an­genommen, darum von die­
sem getrennt. Er bezieht sich nicht auf die noti­tia pro­po­sitionis. Die notitia abstractiva (beim
Syllogismus) wird nicht notitia intuitiva; sie verlöre ihr Charakte­ri­s­­ti­kum: eine res (singularis)
getrennt von ei­nen jeden an­­de­­ren res wahr­zu­neh­men. Nicht sinnvoll ist, einen blo­ßen Bezugs-
rahmen zu zeichnen, anstelle wirklicher Größen, die der Argumentation verdankt sind; dabei
wird de­ren Distinktion qua variabler Anordnung in casus von kontingenter Kausation induktiv
geschaffen und aufgelöst. Die Induktion schafft differierende Bezüge im Sinn dann induktiver
Wirkungen der Größen, nicht deren Reali­täts­relevanzen, die sie im Zuge der Erörterungen
reprobativ eher verneint.
47. Die vollständige Bestimmung der demonstratio potissima, als Inbegriff des syl­logisti­schen
Schlusses, die Ockham gibt, lautet dann (Ord. Prol. q. 5 OT I p. 165 lin. 10ff): „dico … quod de­
mon­stra­tio potissima est illa quae est propter quid, uni­versalis utraque universalitate – univer­
sal ein­mal dem reinen Begriff nach, der nach sei­­­­­nem gan­zen In­halt, i.e. intensional, verstan­den,
zum anderen aber extensional, d. h. auf alle unter ihn ge­fass­ten Gegen­stän­de bezo­gen wird – …
et affirmativa; et ex hoc sequitur quod sit in prima figura eo ipso quod est prop­ter quid; et
quia est propter quid sequitur quod sit per cau­sam; similiter quia est affirmativa prae­ci­se se­
qui­­­tur quod est os­ten­siva.“ Zu ‘uni­versalis utraque uni­ver­salitate’ cf. Ord. Prol. q. 4 OT I p. 154
lin. 10–19. Ockham run­det ab ib. p. 166 lin. 4–6: „demonstratio potis­si­ma est ex propositionibus
simpliciter in­­­demonstrabiles, maxime a priori.“ cf. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 80 lin. 2–6: „Aristo­te­
les I Pos­teriorum) dicit ‘quod principia cognoscimus in quan­tum ter­mi­nos cognos­ci­mus’. Igitur
omnia cognos­cun­­tur cognitis terminis; igitur nullum principium est du­bitabile. Sed om­­­nis pro­
posi­tio necessaria vel est principium vel conclusio proprie scibilis.“
136 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

der die scientia proprie dicta trägt, noch einmal abstraktiv gegeben oder: abstra­hiert.
Die Prämissen sind also, wenn sie eingesehen werden, i.e. evident sind, auch notwen­
dig, und umgekehrt. Da­­­­mit sind sie abstraktiv und intensional gefasst, sonst wä­ren sie
kontin­gent. Es gibt somit ei­nen insgesamt klaren Aufbau bei Ockham.48
Die Argumente, die Ockham gibt, werden, insofern sie die Grundbedingungen
eröffnen, ih­re Konsequenzen bezüglich und vermöge der Beziehung auf die Realität
haben. Im Ge­folge da­­von darüber hin­aus nicht mehr. Das muss mit der Abstraktion
zusam­men­fal­len, da die­se (die) ‘Notwendigkeit’ mit enthalten muss, nicht unbedingt
vermöge (der) Folgerung, aber hin­sicht­lich ihrer: es darf keine Widerlegungen oder
Indefinitheit geben. Nun hat für die de­mon­­stra­tio potissima, die die Erkenntnis der
scientia proprie dicta facta evidens per syllogis­mum liefert und sichert, die bereits
erwähnte definitio formalis die entsprechende Funktion, rein im Be­reich intensio-
nal zu definierender Begriffe die Abstraktion fortzuführen, nicht an­ders als an­­­derswo
die distinctio formalis, die distinctio ratione usf. So auch:49 „Ad illam de­clara­ti­o­nem
quod de­finitio formalis est medium demonstrandi, dico quod verum est: quando
defini­tio est medi­um in demonstratione universali tunc definitio formalis subiecti est
medium. Sed ista de­finitio non includit praecise formam rei, sed dicitur formalis quia
includit principia es­sen­ti­a­li­a rei … definitio aliquando datur per principia essentialia,
vel per declarantia principia essenti­a­lia, et illa est formalis. Aliquando autem datur
per principia alicuius rei extrinseca, et illa est mate­r­ia­lis. Pri­ma definitio non potest
competere nisi substantiae compositae, et hoc strictissi­me ac­ci­pi­endo definitionem
formalem. Large tamen accipiendo potest competere alicui ha­ben­­­ti dis­tinc­tas partes
eiusdem rationis; et tali definitione definiuntur multa mathematica, si­cut trian­gu­­­­lus,

48. Man könnte meinen, dass Duns Scotus bei seinen Be­weisen des medi­um extrinsecum sich
bediene und damit den Rahmen des scholastischen Syl­logismus als obli­gat­er Beweisart spren-
ge. Un­ter­stellt man, dass Duns Scotus da­bei korrekt, unge­bro­chen und ununterbrochen der
heute mathematisch ko­difizierten Aus­sagenlogik sich be­dient ha­­be, und dass solches einmal
von ihm geschehen sei und, was beinahe mehr ist, tech­­nisch auch tat­säch­lich geschehen konnte,
dann muss man wahrscheinlich die Frage unbehan­delt las­sen, wie Ockham ‘ohne Will­kür’ und
mit wel­chem Recht Duns Scotus ‘widerlegen’ „konnte“. Wenn man denn glau­ben und nicht
vielmehr aus­schlie­­ßen will, dass er es de facto konnte. Ockham, der nach Knea­le& Knea­­­­le und
Pin­borg allenfalls ei­ni­ge aus­sa­gen­lo­­gi­sche Regeln kannte, müss­te, da er sie noch als Beweisen
cum medio extrin­se­co einstuf­te, sich selbst im Wege gestanden haben, wenn es nicht wenigstens
impli­zit die Mög­lichkeit gab, die Stüt­zung des Be­wei­­sens auf das medium extrinsecum als nicht
zwin­gend zu erweisen: Satz­wer­tig­keiten und Be­­griffs­ein­stu­fun­gen muss­ten an­ders gesehen
wer­den können. In Bezug auf sie hat Ockham an­ders er­mittelt und bewiesen. Da­neben s. bei
Sco­­tus den problematischen Gebrauch aristotelischer Prinzipi­en in seinen ‘Be­wei­­­sen’, worin
sie zu­nächst pro­to­ty­pisch em­pi­ri­­sch gedeutet, dann ab­strakt durch bloße Kau­telen zur (selekti-
ven) Allgemeingültigkeit ge­wen­det wer­den. Vielleicht werden in De Primo Principio auch noch
Satzty­pen unkontrolliert gemischt. Dann wäre auch von daher die Einheit des Beweisens und
der Zusammenhang der Prädikate noch problematisch.
49. Ord. Prol. q. 5 OT I p. 169 lin. 22 – p. 170 lin. 19. NB. die definitio formalis ‘gibt’ keine forma
rei!
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 137

quadrupulus et sic de aliis. Unde triangulus definitur quod est ‘figura tribus li­ne­­is
con­tenta’ etc. Istae lineae non sunt alterius rationis inter se. Et sic large intelligit Philo­
so­phus de­fi­­ni­ti­o­nem formalem. Aliae autem definitiones, datae per alias causas, sunt
definiti­o­nes ma­te­ri­­ales; et hoc quia – ut frequenter – dantur tales definiti­o­nes per
materiam, exten­den­­­­do mate­ri­am ad omne receptivum.“50 Es ist unschwer erkennbar,
dass damit die Definiti­o­nen, Be­schrei­bun­gen, Sätze und Erklärungen der philosophia
naturalis weidlich einbezogen sind. Da­bei ist denn auch an ein physisches Medium zu
denken, das eine Wirkung empfängt oder förm­lich an sich ‘herstellt’ oder erscheinen
lässt. In diesem Sinne aber ist an res im um­grenz­ten, de­ter­mi­naten Sinn noch nicht zu
denken. Man denkt nur an die Aussagen. „Et is­tae defi­ni­ti­o­nes – ut in pluribus – sunt
definitiones exprimentes quid nominis, non exprimentes quid rei.“ Die de­­fi­ni­tio for-
malis ist eine definitio quid rei. Nach ihr kann erkannt werden, wie die Sache wirk­­­­lich
aussieht und wie sie hergestellt werden kann. Die Unterscheidung tritt in der Neu­­
zeit bei Hob­bes und ihm folgend Leib­niz auf. Für die philosophia naturalis ist die
pro­po­si­tio im­me­­­diata zu­ständig. Die propo­si­­tio immediata ist bloß necessaria und
dubitabilis, was heißt, dass sie nicht per notitiam ab­strac­­tivam abstrakt durch den
Syllogismus vergewis­sert wer­den kann. Sie bleibt auf die notitia in­tuitiva verwiesen.51

50. In gleicher Weise Ord. Prol. q. 2 OT I p. 157 lin. 18 – p. 158 lin. 7: „patet quod est maior
ratio quod una pas­sio sit de­monstrabilis quam alia, quia aliqua passio praesupponit subiectum
suum habere partes realiter distincta sine qui­bus nullo mo­do posset sibi competere, et per di-
stinctam notitiam illa­rum partium devenitur in notitiam pas­si­o­nis de subiecto, et ideo illa est
demonstrabilis per de­fi­nitionem exprimentem illas partes tamquam per me­di­um. (Die­ses ist
dann kein medium ex­trin­secum!) Aliqua autem passio, quantum est ex se, nullam praesupponit
dis­tinc­­­­tionem parti­um quin simpliciter potest poni quacumque illarum partium circumscripta,
et ideo nihil est ex­pri­mens quaecumque intrinseca suo subiecto cui prius vel notius convenit
quam subiecto et ideo talis non est de­mon­­­strabilis.“ Diese Antwort oder solutio, so wie sie sich
gibt, ist auch bloß ‘ad hoc’. Sie muss nicht in extenso oder geballt das Pro­blem der Prädika-
tionen lösen. Sie bezieht sich auf ein Vergleichscharakteristikum und erhebt es bedingt zum
Kri­terium.
51. Ib. q. 1 p. 78 lin. 1–12. „Verbi gratia, ista propositio ‘calor est calefactivus’ est necessaria et
dubita­bi­lis, quia aliquis in­tellectus apprehenderet calorem intuitive solum per intellectum et
nun­quam videret nec sentiret calorem calefa­ce­re, puta, si nullum calefactibile esset alicui calori
intuitive cognito approximatum, ita posset dubitare an ca­lor posset producere calorem sicut
dubitat an albedo possit producere albedinem, et per consequens est propo­si­tio est dubitabilis.
Et (.) ista propositio per nullas propositiones necessarias, applicabiles ad ipsam per discur­sum
syl­logisticum, potest de non evidente fieri evidens, sed tantum fit evidens per experienti­am
sumptam ex no­ti­tia in­tuitiva, et ideo non est scibilis proprie dicta.“ Dabei wäre auch albe­do
in jedem Sinn, auch im modernen na­­tur­wis­senschaftli­chen, als relatio aufzufassen. Die al­be­do
ist in keiner Weise ‘im’ Gegenstand extra mentem. Im übri­gen aber sind notitia intuitiva und
notitia abstractiva für die propo­si­tio immediata einan­der in einem Maß na­he­gerückt, dass wir
den Schluss selbst von calor zu calefacere nicht defi­nit machen können (oder müssen).
138 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Damit ist die wissenschaft­liche Ba­sis des Denkens und Erkennens selbst­­­verständlich
sehr reduziert worden.52
Es wurde gesagt, dass die kompatibel gesetzten und entworfenen Nebenmöglich-
keiten der Er­kennt­nis, welche womöglich die Begrifflichkeit des Menschen überschrei-
ten, als abstrakter und dabei wahrscheinlich induktiv begründbare, nicht notwendig
gefüllt werden können müs­sen; dennoch bleiben sie determinat. Die ihnen beigege-
benen Folgen erscheinen dann – als förm­­­­li­che Folgerungen – negativ, in­dem sie eine
Verneinung gegenüber einem unbegrenzten Bereich von Erfüllungen besagen und
aussprechen und diesen damit eingrenzen. Dies bedeu­tet nicht, dass sie damit eine
positive Möglichkeit aussprächen. Genau in diesem Sinn werden sie induktiv oder
persuasiv begründet, i.e. bewiesen.53 Sie sind negativ gegenüber einem un­be­­­stimmten
und nicht eingrenzten Bereich von termini, die in eine bestimmte schematische Struk­­
tur wie den Syllogismus nach Ockhams Kritik nicht beliebig einrücken dürfen, wo die
Ver­fertigung von Syllogismen mit kontingenten Aussagen nicht sinnvoll er­scheint.
Die be­rühm­te humanistische und neuzeitliche Kritik (Erasmus von Rotterdam, Des­
cartes), der scho­lastische Syllogismus repetiere bloß, was man ohnehin wis­se, ent­
behrt, an dieser Stel­le wenig­stens, der Grundlage: Nicht ausreichend charakterisierte
Sätze dür­­­­­­­­­­fen bei Ockham nicht als syl­­logistisch bewahrheitende akzeptiert werden.
Dafür ein weite­res Beispiel.54 Ein Satz, bei dem aliquid intrinsecum Deo de divina
essentia bewiesen werden solle, kann nach Ockham nicht wirklich beweisbar heißen.
Von dieser nun tatsächlich begrenzten und in sich in­ten­si­o­nal55 negativen56 These (im
Text: „haec conclusio“) sagt Ockham: ‘potest per­suaderi’. Wie folgt: wenn eine unbe-
dingte Identität von s (subjectum) und P (passio) bei ei­­­nem solchen Satz bestünde,
wie es bei der propositio per se nota der Fall ist, könnte der Satz nicht bezweifelt und

52. M. de Gandillac, Nikolaus von Cues, 1953 p. 61 nennt die via moderna einen „Komplex von
Geisteshaltun­gen, de­ren eigentlich wis­sen­schaftlicher Gehalt hie und da überschätzt worden
ist, die in man­­­­cher Hin­sicht aber die Vor­­aussetzungen ei­ner methodologischen Revolution in
sich schlie­­ßen“. Er meint wohl mehr die Pariser nominales (Buridan) mit naturwis­sen­schaft­li­
chen Hypo­thes­en als Ockhams met­ho­do­logisch exakten Menta­lis­mus.
53. Damit haben sie dann oft einen modalen Charakter.
54. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 111 lin. 6–21. cf. auch noch Anm. 105.
55. Intensional bedeutet schon allein auf Inhalte und die mentale Faktur des Satzes bezogen.
Die These geht über den Inhalt des Satzes, dessen Beweisbarkeit in Rede steht, hinaus.
56. Sie erscheint, indem sie in sich (intensional) negativ ist, begrenzt oder nur von begrenzter
Reichweite zu sein. Indem sie sagt und (mit dem Beweis) besagt, was nicht ist, gibt sie natür­lich
keine genauere tatsächliche Expli­ka­tion von Aussagen, die eine wissenschaftliche theo­logische
Erkenntnisbedingung erfüllen könnten und auch nicht ob es solche theologischen Sät­­ze denn
de facto gebe. Dabei war die Struktur wissenschaftlicher Sätze, der sci­entia pro­prie dicta bereits
zuvor expliziert worden. Es wird also eine Synthesis der tatsächlich vorhan­de­­nen Sät­ze durch
diese negativen Thesen gegeben, wobei der Beweis für die Thesen induktiv oder persuasiv er-
folgt, wie auch hier.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 139

sodann durch den syllogistischen Beweis ‘eingesehen’ und bestätigt wer­den. Es gibt
aber kei­ne engere Verbindung von s und P (identitas realis) als bei der propo­si­tio per
se nota.57 Die propositio per se nota kann aber definitionsgemäß nicht für den Syllo­gis­
mus taugen, i.e. darin ex notitia praemissarum eingesehen und bestätigt (per ac­tum
iudica­ti­vum adveniens ad ali­quem actum apprehensivum) werden. Denn für sie gilt
cog­ni­ta (sive in­tellecta) est ex noti­tia terminorum tantum – vel intuitive vel abstracti-
ve. Ebenso wird sie nicht beweisend als Prä­mis­se oder eine der beiden Prämissen im
Syllogismus ver­wend­­­bar sein.58
Für Ockhams Argumentationen gilt als Bi­lanz: jeder Satz, als in sich kom­pakte
oder deter­mi­nate Satzart, ist bestimmt äquiva­lent dem, dass in ihr und mit ihr eine
andere intensional nicht übereinstimmen könne. Das heißt: letztere, wie sie von no-
titia intuitiva und notitia ab­strac­tiva, oder auch anderen Schritt­ma­cherargumenten,
Regeln, Prinzipien usw. bestimmt wird, ent­spricht nicht nur jener ge­mein­­ten neuen
nicht, sondern sie besagt auch mit sich eine Lee­r­stel­le, ein Vakuum. An dieser Stelle
liegt eine Defizienz vor, ein Mangel an rea­lem Ge­­halt, inten­si­o­nal ausgedrückt. Keine
Satzart besagt das genuine Erreichen der res extra.59 Dieser Mangel wird somit inten­si­
onal aus­gesprochen. So kann etwa die pro­po­­sitio immediata nach ih­rer Er­kenn­barkeit
ver­mö­­ge der no­titia intuitiva und notitia ab­strac­­tiva nicht definit bestimmt wer­den.60

57. Induktion, Widerlegung und persuasio rücken indiscernibel aneinander.


58. Die Prämissen oder Prinzipien des stricte beweisenden Syllogismus werden nach Ockham
ebenfalls ex no­ti­tia terminorum eingesehen. Sie sind unhintergehbar. Das heißt: sie kön­nen ih­
rer­seits nicht, wie es nach Aristote­les in der syllogistisch verfassten Wissenschaft möglich oder
gegeben erscheint, syllogistisch bewiesen werden. Für Ockham steht daher jeder Syl­logismus
für sich; es gibt keine Kette von beweistheoretisch probaten Syllo­gis­men. Diese Ansicht
Ockhams, von A. Zimmermann, 1965 als ex­trem und sin­gu­lär ausgegeben, kann für Ock­ham
und mit ihm begründet, gleichsam bewiesen oder wenigstens ex­pli­ziert wer­den. Denn: Die
‘Ord­nung’ der Be­grif­­­­fe (der Prädikate) ist nicht bruchlos. Sie lässt bedingt Beweisketten zu,
Doppelheit der Beweise je nach Dis­ziplin, Transponierbarkeit von der einen zur anderen, plu-
ralitas von Beweismöglichkeiten für ein und diesel­be con­clu­sio. (Letzteres könnte Indefinitheit
bedeuten.) Auch hier gibt es mithin Kontingenz, diverse ca­sus, und da­­mit in­stan­tiae gegen
rigorose Verallgemeinerungen.
59. Ockham sagt eindeutig (Ord. Prol. q. 1 OT I p. 38 lin. 5f): „ideo dico quod notitia intuitiva
et abstractiva se­ipsis differunt et non penes obiecta et non penes causas suas quascumque“. Es
gibt also beliebige Ursachen nicht, die in ihre Bestimmungen derart ein­gehen könnte, dass die
notitiae davon oder darin in­ten­sional betroffen wären. Natürlich gibt es die damit kon­tin­gent
auftretenden Verweise noch, auch auf die realia extra animam, also den Ef­­fekt der notitiae be-
treffend und sie damit auch un­­­terscheidend. Weder die obiecta extra animam noch die cau­­sae
partiales der notitiae kom­men hier in Betracht (ib. p. 34 lin. 6): „Nec … differunt ‘per rationes
motivas for­ma­­­les’.“ Ob­iec­ta und cau­sae werden also überge­ord­­net durch ‘ratio’ oder ra­ti­o­nes zu
bezeichnen sein.
60. Es ist erkennbar, dass notitia intuitiva und notitia abstractiva hier, wo die Definitheit erman­
gelt, untereinander nicht mehr eine Differenzierung besagen können wie dort, wo die forma
140 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Sie dient dann bei der Bestimmung der scientia = con­clu­sio in der genuinen syllo­gi­s­
tischen Demon­stra­ti­on, der de­mon­stratio potissi­ma, als Ne­­ga­tiv­form, die eben auch
die Impli­ka­tion be­deu­­tet, die von der de­monstratio potis­si­ma bzw. de­ren scientia seu
conclusio aus, nicht er­reicht werden kann. Sie ist Repräsentation jenes Ak­zi­den­tellen,
das in die forma der determi­na­ten Bestimmung oder Er­scheinung des Sat­­zes nicht
mehr eingeht. Sie steht so als Ne­­ga­tiv­form der Wi­der­le­gung (Bezeichnung von Nicht­­
er­fül­lung) und der Induktion na­he. Die Sätze als solche be­stim­men sich als Ap­pro­xi­
ma­ti­on an die in se nicht de facto erreichte em­pi­ri­sche Realität danach, mit einer dar-
aus her­vor­gehen­den Mo­­di­fi­kation (Negation) der Im­plika­ti­on, und zwar gegenüber
dem verglichenen Satztypus, wie an sich, wenn diese beigezo­gene und für untauglich
befundene hetero­ge­­ne Satzart problematisiert werden kann. Die selt­sa­­­me Form der
Ge­samtdarlegung gehört Ockhams in sich ge­bro­che­ner Weise des Argu­men­­­tie­­­rens
ali­­as Kon­­struierens an. Dessen Struktur trägt den Inhalt vollständig.61
Hier sind auch die verschiedenen Disziplinen theoretisch einbegriffen. Ockham
bezieht ge­o­me­trische Sätze oder Sachverhalte in seine demonstratio potissima nach
deren endgültiger und schließlich erreichter De­finition ein. Die­se wird in Etappen
nach der geschilderten Argu­men­ta­­­tionsart gewonnen: das je­weils Auszuschließen-
de wird intensional durch ei­nen Satz­ty­pus ver­­körpert, der die die ge­such­­te Bestim-
mung nicht tragen kann. Der muss darin den Wi­der­­spruch verkörpern. Es gibt da den
Satztypus der propositio immediata mit impliziter relatio, die praktisch und sachlich
nicht – empirisch – ge­füllt werden kann.62

ei­ner Erscheinung als kompatible entfal­tet werden konnte. Da trat nämlich der Fall ein, dass
ei­ne bestehende kausale Brücke gesprengt, aufgehoben, ne­giert werden konnte. Die Geltungs­
funk­­­tion der beiden notitiae nimmt sich also anders im Bereich der forma als in dem des acci­
dens aus. Sie können die Determinatheit fundieren und die Signifikanz einklammern und förm­­
lich negieren.
61. Ockham merkt gelegentlich an, er halte die dort genannten Thesen des Duns Scotus für
richtig, nicht aber die dafür gegebenen Gründe; deshalb wolle er die besseren Argu­men­te lie­
fern. Das muss bedeuten, dass er die The­­­sen selbst als Prinzipien ver­ste­hen und ins Licht set­zen
möchte, und damit sowohl deren Abstraktion und wie die Syn­thesis ihrer Ele­men­te nach­lie­fern
werde. Sie hätten bisher nur falsche Folgen gehabt, über die sie zu be­strei­­­ten wä­ren. Es ergibt
sich damit auch die Bestärkung des intensionalen gegenüber dem extensionalen Aspekt.
62. Implikation und sachlicher Kern entfallen hier gemeinsam. Das ist heute in der Quanten-
theorie genauso: die sig­nificatio, das ‘Ding’ oder gar Ding an sich und eine reduktive Bewer­tung
der Im­­­pli­kation rüc­­ken negativ zu­sammen. Ockham kann also auch a posteriori nicht verpflich­
tet sein, zwi­schen Theologie oder Of­­fen­barung und Empirie oder rationalem Welt­ver­­hal­­ten
und natür­li­cher Weis­­heitslehre eine Wahl zu treffen oder die Vermittlung zu suchen. Oder nach
neuzeitli­chem Ver­gleichszwang zwi­schen den Al­ter­nativen von Ide­a­lismus (oder Aprioris­mus)
und Empirismus (auch Skep­ti­zis­mus). Hier kann niemand verpflichtet sein. H. Freudenthal,
Dialectica 12,1 1958, p. 7–32 meint p. 8, „dass die ma­the­ma­ti­sche Geome­trie weder der Er­fahrung
als Ideal vorangeht noch aus der Er­fahrung induktiv entspringt, son­dern dass sie die Erfahrung
idealisiert.“ Und ebd. p. 10: „Wenn es jemals ge­­lin­gen sollte, Anwendungen der Ma­the­matik
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 141

Ockham hat die propositio proprie scibilis, die in ihrer Unterscheidung gegen
die pro­po­­sitio im­­mediata, für die die reale Ausschöpfbarkeit der Relation, die mit
dem Prädikat ange­spro­chen ist, nicht gilt, und die propositio per se nota, von ihm
angesetzt, verteidigt und be­grün­­­det wurde, indes auch noch rein intensional in sich
bestimmt. „Non est intelligendum quod neces­se sit propositionem proprie scibilem
esse primo dubiam vel apparere falsam cui­cumque ad­dis­­centi eam, sed possibile est
quod sit dubitabilis ab addiscenti vel quod possit ab aliquo du­bi­ta­ri vel apparere fal­
sa.“63 Ockham gibt an anderer Stelle64 diese Erörterung mit Bezug auf die ‘Bestim-
mung’ / Bestimmtheit (‘ratio’) der propositio proprie scibilis: „dico quod de ra­ti­­­one
propositionis scibilis est quod eius notitia possit causari ex notitia principiorum, et ita
quod ha­beat rationem dubitabilis. … illo modo quo est scibilis, est dubitabilis. Quia si
ideo di­­ca­­­tur scibilis ‘quia si non suf­ficeret notitia terminorum tunc posset causari eius
notitia ex prae­­­­mis­sis’, ita dicetur dubita­bi­lis ‘quia si notitia terminorum non sufficeret,
possit dubitari de ea’, pu­ta: si propositio illa ap­pre­henderetur sine propositionibus ex
quibus deberet sciri.“ Auch hier ist das Faktum des Zwei­­fels in die formelle (hypothe-
tische) Unterstellung der Mög­­lich­­­keit, die damit mit ei­ner Negation oder Negativität
behaftet ist, wieder festzustellen.65

logisch zu bearbei­ten, wird man noch in viel höherem Maße in ma­­the­matischen Axiomen-
systemen un­de­finierte Grund­begriffe zulassen müssen, die voneinander logisch nicht un­ab­
hängig sind.“ Grundbegriffe sind bei Ockham über Induktionen kontinuierlich voneinander
abhängig.
63. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 77 lin. 11–14. Der Aspekt Ockhams ist insofern an die Induktion an-
gelehnt, dass er auf empiri­sche Erfüllung (in mente oder extra mentem) nicht setzt, vielmehr
auf eine in sich negative Bestim­mung.
64. Ib. p. 82 lin. 18–26.
65. Vergleichbar damit ist die folgende Stelle, mit Bezug auf die Theologie (Ord. d. 3 q. 4 OT II
p. 441 lin. 1–19): „per alteram ista­rum propo­si­ti­o­num est illa propositio quam nos habe­mus de
facto demonstra­bilis, praedicando in pri­ma pro­po­si­ti­one illud praedicatum quod nos habemus
de ipsa essentia divina in se; secundo, praedi­can­do de illo sub­iecto quod nos ha­be­mus ipsam
divi­nam es­­sentiam in se, et ex his propositio­ni­bus con­­cludendo praedica­tum quod non habe-
mus de subiecto quod nos habemus. Et si quae­ra­tur: cui est ista propositio demonstrabilis, di­co
quod est demonstrabilis vel ipsi videnti es­sen­­ti­am divinam in se vel cog­noscenti ab­strac­tive
ipsam divinam es­­sen­tiam in se. Et si dicatur quod talis propo­si­tio non est sibi du­bitabilis, dico
quod talis manens talis non pos­­set illam pro­­positionem dubita­re, tamen est de­mon­strabilis,
quia ad hoc quod aliqua propositio sit de­monstrabilis, suf­ficit quod pos­­sit dubitari a quocum-
que, et pos­tea per syl­logismum accipien­tem propositiones neces­sarias pos­sit fieri nota. Et ita
est in propo­si­to, quia ali­quis potest istam propositionem du­­bitare; et si postea si vi­deat divi­nam
essentiam potest eandem for­ma­re quam pri­­us, et vir­­tute notitiae praemissarum eam evidenter
cog­nos­cere.“ Wie man sieht, spielt hier der an­dere Fall hin­ein, dass wir im Bereich über-
natürlicher Erkenntnisse, fiktive und per­­­sua­­siv auf die notitia abstractiva über­spielbare
Einsichten haben könnten, die wir noch nicht haben.
142 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Ockham erörtert aber auch noch, dass die Verbindung der Begriffe (conceptus),
wie sie im Satz in subiectum und passio zerfallen, keine per se reale Bedeutung be-
inhalten oder implizie­ren muss, die dem Inhalt der Begriffe zu entsprechen hätte.66
„Patet enim quod non est dicen­dum quod eadem res sub uno conceptu est subiectum
et sub alio conceptu est passio, quia ipsa res nec sub uno conceptu nec sub alio est pas-
sio, sed ipse conceptus est passio.“ Wir sind also bloß auf der Ebene der actus mentalis
und haben es hier mit einem Prädikat (passio) zu tun.67
Ockham kennt wie viele Philosophen die Unterscheidung von ‘notwendigen Sät-
zen’ und ‘kon­­­­­­tingenten Sätzen’. Er untersucht diese Unterscheidung und will sie durch
Definitionen si­chern, deren Einhal­tung dann zu ‘Entscheidungen’ über den Status
und Charakter von be­stimm­­­­­­­ten Aussagen und Aussageinhalten zu führen hat und
damit über den Erkenntniswert und den Wahrheitswert be­finden lässt. Dabei kann
grundsätzlich festgestellt werden: soll die so­­genannte analytische Performanz der Er-
kenntnis (oder der Sätze), welche als notwendige be­­stimmt sein sollen, darin aber
ein besonderes oder ausgesuchtes Verhältnis der dabei ver­wand­ten Begriff, nicht an-
genommen werden, d. i. für nicht bestehend erklärt werden, dann muss die Bestim-
mung derjenigen Sätze, welche nun die notwendigen zu heißen hätten, wenn sie denn
noch einen Realbezug (förmlich ‘unmittelbar’) „ausdrückt“, dadurch dass sie dies in­
ten­sional (also über die Begriffe und damit Begriffsarten) tut, damit aber nur die Sätze
meint, ein­­mal induktiv bestimmt sein, zum anderen aber die Bestimmungs­fak­­toren,
die sie verwen­det, von der direkten Stufe oder Ordnung des Realempirischen ab­zie­
hen. Beispielsweise kann der Faktor der distinctio realis, der für die Kontingenz und
die kon­tin­­genten Einsichten steht, nur negiert sein. Darin ist dann – jeweils – die
induktive Ausgangs­basis gegeben. Es kann selbst­verständlich so viele Verneinungen
und Bestreitungen geben, wie der Gewinnung und Aus­tarierung dessen, was sich
determinat als notwendiger (und dann womöglich noch beweis­ba­rer) Satz ergeben
soll, entspricht. Wir haben dann immer eine in­duk­­­­tive Basis für die je­weils gesuch-
ten Bestimmungen des gesuchten Satztyps (hier der not­wen­­digen Aussage oder Er-
kenntnis), wobei diese Bestimmungen von Ockham oftmals an Beispielen verifiziert
wer­den, aber eben auch im Wesentlichen negativ, das heißt widerle­gend. Auch umge-
kehrt gilt: ist eine Induktionsbasis gegeben, so ist auch – intensional – die nicht mehr
analytische Qua­lität des notwendigen Satzes gegeben.
So lautet Ockhams zusammenfassende und grundlegende Erklärung:68 „dico
quod non opor­tet quod praedicatum distinguatur a subiecto69 nec quod sit effectus

66. Ord. Prol. q. 3 OT I p. 142 lin. 2–5.


67. Es scheint, dass in Ox­ford eine Ansicht, wie sie hier von Ockham zurückgewiesen wird, von
Walter Chat­ton vertreten wurde.
68. Cf. Ord. Prol. q. 3 OT I p. 142 lin. 23 – p. 143 lin. 6.
69. Es ist nicht notwendig geboten, dass man das praedicatum von dem subiectum unterschei-
de (distinguatur, coni.). Grund ist hier, dass das Wesen des Begriffs nach der Hypothese des
ob­iec­ti­vum esse bestimmt werde, es sich also nicht um verschiedene res handeln kann. Deshalb
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 143

realis subiecti, sed suf­­­­­­ficit quod sit causa alicuius quod importatur per praedicatum.
Et, ut communius vel sem­per, quan­do propositio est vere affirmativa et praedicatio
propria et per se secundo modo, sub­iec­tum vel aliquid importatum per subiectum est
causa alicuius importati per praedicatum. Et hoc ex­ten­do causam ad partes integra-
les,70 quae aliquo modo dicuntur causae totius.“71 Da­mit ist die notwendige Aussage
als propositio per se secundo modo erklärt. Sie unterscheidet sich von der propositio
contingens als der propositio per se primo.72 Es ist letztere, auf de­ren Ebe­ne sich die
fallaciae ergeben. Man könnte bei diesen somit auch von einer falschen Ab­­strak­­­­­­­ti­on
sprechen: Es wird etwas unter das subiectum gefasst, was in dieses streng und nach
Ari­s­to­telis Schematik nicht gefasst werden darf. Das in der propositio per se se­cundo
mo­­do unter das sub­­iectum als Begriff Begriffene und damit das subiectum selbst
sind causa und als causa pars integralis des im praedicatum Benannten, welches an
dem(selben) Ge­­gen­stand, den das sub­iec­tum benannte, im weitesten Sinn als Rela-
tion, nicht aber bloß akzi­den­­tell auf­tritt. Was die demonstratio potissima angeht, so
wird sie als definitio formalis und über sie mit­gegeben. Sonst aber gilt als Bestim-
mung der propositio necessaria, dass sie auch wahr ist, wenn sie (mo­­mentan) nicht
durch Erfahrung bestätigt wird oder bestätigt werden kann. Bei­spiel­­sätze sind: ‘lu­na
est ecli­p­sabilis’, ‘homo est risibilis’,‘homo est susceptibilis disciplinae’.73

gilt auch nicht die Alternative distincti realiter – non re­­a­liter distincti. Ib. p. 143. Die Negati­on
der subiectivum esse in der Bestimmung des Begriffs dient verschie­dent­­­lich als Indukti­ons­­
basis. Zugleich aber erklärt Ockham dies genauer als seinen Grund für die Entschei­dung ib.
p. 136 lin. 11 – p. 137 lin. 8, wo es auch um die propositio necessaria im Unterschied zur pro­po­s­
itio con­tin­gens geht. Für diese wird dass inesse angenommen und erklärt. Das bezieht sich auf
accidens als paedicatum (pas­­­­­­sio) des subiectum: „nulla propositio pure de inesse et de prae­
senti est simpliciter necessaria“ (ib. p. 137 lin. 7–8). Ockham unterscheidet zwischen propositio
necessaria und propositio simpliciter necessaria.
70. Die pars integralis gehört weder der Wesensbestimmung an noch aber ist sie bloß akziden­
tell. Doch ist sie grund­­sätzlich von Vorteil oder gar ei­ne Bedingung. Eine Hand zu haben ge­hört
nicht zur Wesensbe­stimmung des Menschseins, ist aber eine Bedingung seines persönli­chen
Selbsterhalts in der Welt oder für die primäre Zu­gäng­­­­­­lichkeit von Erfahrungen.
71. Man hätte so die Bedingungen der propositio immediata und der propositio per se nota
gleichsam natural. Der Verstand und seine Elemente wie Bedingungen werden erst auf der
Stufe des Subjekts Problem und sind ‘nullo mo­­do ex parte rei’ zu denken. Auch nicht fiktiv im
Sinne einer Geltung der mentalistischen Befunde pro rebus. We­der determinieren die realia die
mentalia noch umgekehrt.
72. Zur Unterscheidung zwischen propositio per se primo und propositio per se secundo modo
ausführlich Ord. Prol. q. 6 OT I p. 180 lin. 3 – p. 181 lin. 8.
73. Auch in die propositio immediata sind Momente der Bewegung (= Veränderbarkeit) und
der Kau­­salität einge­schlos­­sen, die doch dafür oder daraus nicht expliziert und ebenso für sie
nicht em­pirisch eruiert wer­den können. Die ana­l­ytische Folgerbarkeit müsste nach Ockham
die zwi­schen subiectum und passio sein, derart, dass das sub­­iec­tum (bzw. seine notitia) die
passio (bzw. deren notitia) ent­­hiel­te oder er­gäbe. Das hätte zu bedeuten, dass die­se analytische
144 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Damit ist hier aber nicht, im Sinne der Kausalität, das reale Wirkverhältnis
ausgedrückt wor­den, wie wir es in der propositio immediata finden; für diese Kau-
salität im Sinne der empiri­schen Erfahrung in sich gibt es dann keine Wahrneh-
mung, gleichwohl eine formelle Zuord­nung zu substantia und accidens. Hierzu sagt
Ockham: „quod substantia est frequenter prin­ci­pium immediatum effectivum actio-
nis et etiam accidens aliquando. Sed quan­­do est et quan­do non: recurrendum est ut
credo ad experientiam.“74 Man kann davon ausgehen, dass, wenn die extramentale re-
ale Materie in se bei dem Gebrauch der propositio immediata er­kannt wer­den könnte,
d. h. wenn solches behauptet werden (können) sollte, so würden damit die Sätze als
Ebene der Erkenntnis, deren intensionale oder Mentalität bzw. Qualität ersetzt wer-
den kön­­­­­nen. Das scheidet für den Nominalismus aus und gibt ihm sein Recht. Es gäbe
die Bewei­se Ockhams nicht und damit auch müssten An­nah­men unterhalten wer­den,
die er eben mit Grund zurückweisen kann: in ihnen hat die Absurdi­tät ihre Rolle als
Faktor (Moment) ei­ner völ­ligen Haltlosigkeit pro re oder ex parte rei. Damit muss die

Fol­gerbarkeit auch em­pirisch zu gelten hätte und empirisch gelten könnte. Das wiederum wür­­­
de ei­ne Ununter­scheid­­barkeit der propositio im­me­diata von der propositio per se nota be­sagen,
wie Ockham mehr­­fach wi­derlegend ausgeführt hat. Es gäbe dann die propositio im­me­­diata
nach ih­rer Bestim­mung nicht ein­mal. Ent­spre­chend wird die propositio immediata de­­terminat,
wenn die Folgerung bezüglich der Referenz (auf en­tia, die nicht im subiectum be­nannt wer­den)
und der Kausalität, die mitgegeben sind, von Ockham also zuge­stan­den wer­­­den, nicht ausge-
schlossen sind; andernfalls müss­ten in dem Sinn fallaciae auftreten. Die not­wen­­dige Aus­sage
kann nicht notwendig als solche erklärt werden; das kann wiederum nur be­deuten, dass die Im­
pli­kation nicht re­gu­­lativ und bezüglich der Definitheit nicht signifikant und definit sein kann.
Zur Erörterung der pro­posi­tio im­me­­­di­a­ta bei Ockham s. zunächst den Ord. Prol. q. 4 und 5,
dann später die naturphilo­so­phi­schen Themen­stel­lun­gen in der Re­porta­tio. Wenn Ockham sagt,
dass die propositio immediata ohne die no­ti­tia intui­ti­va nicht ge­wiss sein könne, schließt das
natürlich ein, dass mit ihr zugleich eine notitia ab­strac­tiva ge­­ge­ben sei. Das ist zunächst nach
dem Erkenntnisaufbau bei Ockham zwangsläu­fig, daneben aber wäre Ockhams For­mu­lierung
nicht schlüs­sig, wenn nicht auch die notitia abstractiva mit­­ge­geben wä­re. Aber zu­gleich muss
damit die notitia abstractiva als akzidentel­ler Aspekt (= Fall­aspekt) der propositio immediata
einmal verifi­ziert werden können. D. h. es muss den Fall geben, wo die propositio immediata im
Sinn der notitia abstrac­ti­va par­tiell aus­zu­legen ist. Cf. hier­zu Ord. Prol. q. 5 OT I p. 175f, insbes.
p. 175 lin. 15–17. Dazu dies: Ve­ri­fikationen ent­ste­hen in je­dem Sinn über ak­zi­dentelle Aspekte.
Die Wahrnehmung ei­nes Ge­gen­stands, einer sub­stantia, ei­nes Ge­gen­­wer­tes zum subiectum pro­
positionis, entsteht nicht als die dieses Ge­gen­stands di­rekt und in sich selbst, son­­dern ver­möge
der accidentia. Das gilt auch auf der Ebe­ne der durch De­fi­nition gegebenen ‘Gegenstände’, der
ac­­tus, no­ti­tiae usw. Nur muss hier der nur argumen­ta­tiv zu vertretende Fall als Fall ge­se­hen wer­­
den, bei dem das acci­dens erst noch zu expo­nie­­ren ist. Dies geschieht vermöge der Argumenta-
tion, welche nicht Fol­gemä­ßig­keit be­­haupten darf oder kann, die zugleich empirisch wäre oder
empi­risch zu gelten hätte; da treten die in­stan­tiae auf. Sie fol­gen da auch einer Struktur, die
onto­logische Begriffe oder er­kenntnis­theo­retische Konzepte inten­si­o­nal verwen­det, aber damit
im­mer auch „Fakto­ren“ ‘abbinden’ kann.
74. Rep. II, q. 23 OT V p. 414 lin. 14–16.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 145

Ab­sur­­di­­tät als das Pendant der Inten­si­o­na­li­tät verstanden werden. Mit den intensio-
nalen Kon­zep­ti­onen und deren Ver­dich­­­tun­gen durch Argumentation / ‘Be­weis’ wird
der Sinn ge­gen die Ab­sur­­dität vertei­digt. Er ko­in­zidiert mit dem actus apprehensivus,
dem ac­tus intelligendi, der no­ti­tia ab­strac­ti­va, dem ac­tus iudicativus, etc. und mit der
Weise, wie sie förmlich alle ineinan­der fallen und zusam­men­­­­­rüc­ken können: per ac­
tum arguendi, per Induk­ti­on, si potest persua­de­ri.75
Natürlich kann gefragt werden, ob ein Vergleich der Klassifikation der Satzarten
bei Ockham und entsprechend auch von deren Begründung, in Sonderheit dann hier
der notwendi­gen Sätze (vor dem Hintergrund der kontingenten zumal), mit deren Be-
deutung und Begrün­dung in an­de­ren Philosophien sich anstellen lasse.76 In besonde-
rem Maße scheint ein Aspekt mensch­li­cher Subjektivität im Denken Ockhams, dem
Anschein nach aber mit der Willkür Gottes als deren vermeintlichem realen Gegen-
wert qua Fiktion verbunden, in dem Gebrauch des soge­nann­ten Omnipotenzprinzips
zu bestehen: Gott, vermöge seiner potentia divina abso­lu­­ta na­turaliter loquendo, kann
eine notitia intu­i­ti­va, die ja secundum legem communem oder de po­tentia Dei ordi-
nata von einem obiectum ex­tra ani­mam als ihrer causa partialis ausgeht, auch ohne
dass dieses Objekt existent (prä­sent) ge­wesen wäre verursachen; denn Gott ver­mag
als causa prima ohne eine causa secun­da was er mit dieser, die zu ihm sich akziden-
tell ver­hält, ver­mag. Zwischen der notitia intuitiva und der res extra, welche als res

75. Man muss Nikolaus von Autrecourts unentwegte Unterstellung von Absurdität für scho­
lastisch-aris­to­te­­­lische Thesen nicht tiefgründig und exakt fin­den. Ob er als Geg­ner Ockhams
begriffen werden muss (J. Klein, RGG, Bd. 4 1960, art. Ockham, col. 1556–1562, col. 1561: „So
war Nikolaus von Autrecourt ein Gegner des Ockham, das wahr­scheinlich ge­gen ihn gerichte­
te Dekret der Pariser Universität von 1340 trat für Ockhams Leh­re ein.“), ist zwei­­felhaft. Un­
ent­schieden gibt sich D. Per­ler Ni­ko­laus von Autre­court, Briefe, 1988. Einl. L Anm. 79. Bei
H. Blu­men­berg heißt er der ‘radikal­ste Nomina­list’, Buridan der ‘kühnste’. Da spricht der ‘Me-
taphorologe’. F. Bot­­­­tin, 1990 in: W. Vos­sen­kuhl und R. Schönberger (eds), 1990 pp. 51–62 p. 55
sieht Autre­court als treuen und be­ken­nen­den Schüler Ockhams, kann es p. 61 aber eingestan-
denermaßen nicht ganz über­zeugend ma­chen.
76. Ockham begründet kein ‘A priori’. Die Verschränkung der ana­ly­tischen Aussage nach ih­
rem inhaltlichen (be­griffl­ichen) Wesen und der Logik kann für Kant, Leib­­niz und Hobbes wohl
angenommen wer­­den. L. Witt­gen­stein, 1921 identifiziert das ‘A priori’ als ‘Aussagenlogik’, wie
G. Frege, Begriffsschrift, 1879 sie schuf. In K. Gödel, Russell‘s Mathematical Logic, 1944 sieht
man nicht, ob der Diskurs nicht auf eine ‘philoso­phi­sche’ Lö­sung mit deren Kriterien und aus­­
ge­wiesenen und gewerteten Mitteln zustrebt. I. Kant, Kri­tik der rei­nen Ver­­nunft, 1781 u. Pro­­­le­go­
me­­na, 1783 ver­­­hielt sich hinsichtlich des Ran­ges der von ihm so­ge­nann­ten ana­lyti­schen Sä­t­ze
a pri­­o­ri und ihres Gegensatzes zu syntheti­schen Sätzen (a priori und a posteriori) un­klar und
met­ho­disch frag­wür­dig. Für sei­ne Er­­ör­te­run­gen und die Satzty­pen, sofern er sie an den Satz
vom Wi­­der­­spruch bin­den will (P. Mit­tel­­stedt, Ph­i­lo­so­phi­sche Pro­ble­me der moder­nen Physik,
³1968, p. 52), mag man an­neh­men, sie sei­en ana­ly­tisch, rein in­ten­­si­o­nal verstanden auch für
die Reich­wei­te der Ver­mögen mit Auswirkung auf Ethik und Psy­cho­­l­ogie grundlegend. Der
lo­gi­sche Po­­si­tivis­mus trennt ana­ly­ti­sche Aus­­sa­­gen (a priori) und synthetische Aus­sa­­gen (a pos­
te­ri­­ori).
146 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

absolu­tae als von­ein­an­­­­der auch res realiter distinctae sind, be­steht kein unwandel-
barer Bedingungs­zu­sammen­hang, obwohl natürlich nach der Ordnung der geschaf-
fenen Welt hier gemein­hin der Zu­sam­men­hang besteht und bestehen bleibt, dem
ent­sprechend wir denn auch die no­ti­tia intu­i­ti­va als aus der Wahrnehmung der res
extra ent­ste­­hend betrachten. Daß der Bedin­gungs­zu­sam­­men­hang nicht unerlässlich
ist, ergibt sich in­duk­­tiv (patet inductive). Denn ohne ihre zwei­te causa partialis kann
die notitia intuitiva im Men­schen nicht entstehen: diese zweite not­wen­di­ge Ur­sa­che
ist der intellectus, i.e. das Ver­mö­­­gen. So gesehen gibt es de communi le­ge keine cau­sa
suf­­ficiens für die notitia intuitiva, wo­­­bei festzustellen ist, dass die causa (auch ra­tio)
suf­ficiens als solche formell einer empirischen Weltordnung ohnehin kaum an­ge­hö­
ren kann. Sie greift vielmehr abstrakt auf einer Stufe, auf der der actus apprehensivus
(oder die no­­­titia ab­stractiva, diese als die notitia abstrac­ti­va secunda begriffen), dem
unmittelbaren em­­pi­ri­schen Verhältnis je entzogen ist, so dass hier Sätze so verstanden
und gegliedert, apo­stro­­­­phiert und begründet wer­den können, dass da­mit, auch im
Sinne der Notwendigkeit oder der ‘Nicht­un­erlässlich­keit’, Entbehrlichkeit inter­pre­­tiert
werden kann, (was unter Um­stän­­­den so­gar Ein­grif­fe/Kor­rek­turen an dogmati­schen
Lehrsätzen und Verständnissen er­gibt). Da­mit kommt man be­reits bei der zwei­ten
Auslegung der potentia Dei absoluta in Be­zug auf die noti­tia intuitiva an.77
Denn Ockham nimmt daneben noch einen weiteren Fall an: Gott kann und
muss, vermöge seiner po­ten­­tia Dei absoluta supranaturaliter loquendo eine notitia
intuitiva erhalten (konser­vieren), obwohl das Objekt nicht mehr besteht, von dem sie
ausgegangen ist. Hier lässt er sie jenseits unserer Erfahrung bestehen. Notitia intui-
tiva und res extra animam verlieren ihre em­pi­rischen Konnex. Sie erweisen sich als
formaliter distinctae, wo­nach sie formell einfach nur nicht aufeinander einwirken
können. Die notitia intuitiva, die for­mal, sc. nach ihrer Definition über Präsenz und

77. Ord. Prol. q. 1 OT I p. 33 lin. 16–19: „notitia intuitiva et abstractiva non differunt quia ab-
stractiva potest in­dif­­fe­­ren­­ter esse exsistentis et non exsistentis, praesentis et non praesentis,
intuitiva autem tantum exsistentis et prae­sentis reali­ter.“ Die noti­ti­ae differieren vielmehr nach
den verschiednen Funktionen, die sie erhalten können, in­des ge­mäß der grund­sätzlichen Kau-
salordnung secundum legem communem erhalten; in diese verschiedenen Funk­­­ti­o­nen rüc­ken
sie schon vermöge der Abstraktion ein. Ihretwegen können gewisse Folgerungen ausge­schlos­­­­
sen wer­­den, weil sie nicht als zwingend erscheinen; sie definieren damit noch keine Konsistenz
für den intensio­na­len Betrag der notitia. Damit erscheinen gewisse Weiterungen als möglich
(kompatibel). Sie verblei­ben damit inner­halb der Ab­straktion als immer noch inhaltlich rele-
vant. Sie bestimmen den Begriff der notitia mit; für die­sen wird die ak­­zidentelle Kompo­nente
in Richtung der Dinge, der res extra ausgeschlossen. Die Ver­wen­dung wei­te­rer, frei ge­­brauchter
Terminologien, wie sie für die Scholastik verfügbar waren, wird damit aber nicht zwin­gend
notwendig oder zulässig. Cf. etwa J. Kürzinger, 1930 p. 125 Anm. 52 mit Lan­­dul­fus Caracciolo:
„Ha­bens notiti­am intu­i­ti­vam alicujus objecti potest cognoscere illud ob­jec­tum actu re­fle­xo ab­
strac­ti­ve.“ Der ac­tus re­flexus, der sich auf einen actus rectus bezieht, wird nicht notwendig ei­
ner no­ti­tia ab­strac­­­­­ti­va ent­sprechen, die bloß ein actus apprehensivus ist. Die Frage, ob hier auch
zu gelten hät­te: „duo ac­tus es­sent si­mul in volun­ta­te“ (Ord. d. 1. q. 1 OT I p. 371 lin. 13f) braucht
da­zu dann nicht mehr er­örtert zu wer­den.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 147

Nichtpräsenz oder existentia oder non-existen­tia rei extra animam entschei­det, ist se-
cundam formam nicht von einem akzidentellen oder ihr äußerlichen Umstand abhän­
gig, der, wenn er ihr angehörte, sie aufhöbe. Sie muss abstrakt ge­se­hen überhaupt
von diesem Umstand unabhängig sein. Er höbe sie nämlich sonst auf; laut ihrer De-
finition und als forma muss sie notwendig auf der Abstraktionsebene liegen und von
der Empirie und dem Bezug auf sie independent sein. Die notitia intuitiva formaliter
dis­tincte a suo obiecto entspricht so­mit eine Bestimmtheit der notitia in­­tu­i­tiva, bei
der sie, ab­strakt ge­fasst, einen empirischen Be­zug nicht in sich einschließt.78 Dabei
ist darauf zu verweisen, dass die notitia intuitiva unius rei extra mentem durch Got-
tes Allmacht, supranaturaliter loquendo, bewahrt werden muss, da­­­mit überhaupt eine
Feststellung hinsichtlich der non-existentia unius rei getroffen werden könne, das wir
vormals als existens und praesens erkannt haben; die notitia intuitiva per deum con-
servata hat also eine Stellung wie sie in Ockhams Erkenntnislehre der habitus ähn-
lich hat. Sie wird hypothetisch als überweltlich angesetzt.79 Entsprechend wird von

78. Der Begriff der notitia intuitiva schließt auch in diesem Sinn die res extra, bzw. deren exis­
ten­tia, nicht ein. Es kann daher operiert werden, d. h. in einer intensionalen Auffassung, ohne
dass das äußere Objekt gegeben und da­rin bedingender Teil der notitia intuitiva und so auch je-
ner Aussagen wäre, bei welchen die notitia intuitiva lei­­tend ist, sc. den kontingenten. Die no­­­­ti­tia
intuitiva besteht hier formell gesehen allein ihrer forma, dem Be­griff, der auf abstrakter Ebene
reflexiv von ihr gegeben, also ihr zugeteilt werden kann. Diese Zuteilung und die An­­wen­­­dung
des Begriffs (bzw. Funktionalbegriffs) forma sind gleich und gleichwertig. Sie recht­­­­fertigt sich
in der Abstraktion, in welcher die Argumentation (Beweisführung) endet.
79. Bei Ockhams Äußerungen zur notitia intuitiva haben die Avigneser Zensoren eingegrif-
fen. H. Blumen­berg, 1966 p. 156f (Anm. 92) nennt den Satz der Irrtumsliste ‘notitia intuitiva
secundum se et ne­ces­sa­rio non plus est exis­tentis quam non-existentis nec plus respicit existentiam
quam non-existentiam’ die „vor­sich­tigste Formulie­rung“ der These Ockhams, die „nur auf das
Fortbestehen einer einmal am rea­len Ob­­jekt gewonnenen Vorstel­lung nach dessen Vernich-
tung abgestellt ist.“ Er ist schlecht­hin die intensionale Definition von no­ti­tia in­tu­i­tiva. Als no-
titia in intellectu ist sie danach als absolu­tum re­­al dis­tinkt vom obiectum extra men­tem und so
von ihm un­ab­hängig; dieses kann daher inexistent sein oder aber nicht mehr exi­stent. Da die
no­ti­­tia in­tuitiva per De­um be­wahrt wird, können wir im zweiten Fall per no­ti­ti­am in­tuitivam
‘urteilen’, dass es eine res ex­tra ani­­mam nicht gibt. Die conservatio ist eine trans­zen­­den­­te Be­din­­
gung oh­ne Rekurs auf Gottes Allmacht oder Willkür für die no­ti­tia intuitiva der Nichtpräsenz
einer res. Gott bewahrt die notitia intui­ti­va viatoris ‘wie’ die Welt. Nach Ockham besteht alles
Verursachte (es wird kon­ser­viert), so­lan­ge wie nichts auf es zer­stö­rend ein­­­­­wirkt. Die res ex­tra
ver­mag das bei der notitia intuitiva nicht. Sie reicht nicht bis zur abstractio in intellectu, der
ne­­­ben der res ex­tra cau­­­sa sine qua non der notitia intuiti­va ist. Dann ib. p. 164: „Die uns schon
be­­­­kann­­te Aus­gangs­­the­se, dass die äu­ßere Wahr­­­neh­­mung durch die Macht Got­­tes auch ohne
ihr Ob­jekt er­zeugt und er­hal­­ten werden könne, be­zeich­­­net Jo­han­­­nes von Mi­re­court als allge­
mei­­ne Ansicht (opinio quae com­­mu­niter te­ne­­tur).“ Zwei se­pa­rate ca­sus wer­den da zu einem.
Cf. Kap. 1 Anm. 134: da hatte Mire­court nur die These, dass Gott eine notitia intuiti­va si­ne exi­
s­tentia rei extra bewirken könne als allgemein akzep­tiert ausgegeben. Für Blumenberg ga­­­­ben
die Zen­so­ren Ockhams The­­­sen öfter in ‘vor­sichti­ge­ren For­­mulierungen’, d. h. Ockham wäre
148 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Ockham mit dem Be­griff der for­­­ma und auf ihn hin, auch argumen­tiert, unter Ein-
bezug der Induktion und eben persuasio­nes erreichend.80 Forma wird ein Be­griff wie
ratio, substantia, essentia etc. von de­nen das ac­ci­­­dens formell als andere Kategorie per
argumentum ‘abgespalten’ wird.81
Als accidens oder als ein äußerer Bezugsteil, der er­löschen kann, darf die res ex-
tra bezüglich der notitia intuitiva nicht ein proprium der notitia intuitiva sein und
sie darf nicht in deren De­finition hineingelassen werden. Andernfalls stieße man auf
Widersprüche, welche die distinc­tio realis und die distinctio formalis, letztere modo

unvor­sich­tig nach Zen­so­ren­mei­nung und folglich, wenn das Prozedere Sinn machen soll, a
fortiori zu missbilli­gen. Nach p. 165 Anm. 99 ver­wer­fen sie, „quod probabili­ter potest sustineri“
dass ani­ma und poten­tiae (vo­luntas, in­tellectus) iden­tisch sei­en. Anima und ac­tus sind es nicht.
Die Zenso­ren be­an­stan­den die For­mel ‘po­t­est – tantum – per­su­a­deri’ (!!). Sie gilt potentiae!!
Die unsichtbare Identität von anima und potentia ist nicht be­weis­­bar; so kann für sie nur eine
per­su­asio eintreten. Anima und ac­tus sind dagegen realiter distinkt. Wodham negiert diese
distinctio re­a­lis (K. H. Ta­chau, 1988 p. 281). Blumen­bergs Exegese beruht auf der Kommutation
von actus und potentia und ist sinnlos.
80. Der fiktive Tatbestand einer notitia intuitiva, die fortbesteht, während ihr Objekt vernich-
tet wor­den ist, kann dann nur angenommen werden, quia potest persuaderi. Dies vermöge
des Be­­­­­­griffs der forma, mit der sie iden­ti­fi­ziert wird. In gewisser Weise wird, mit Induktion
und per­­suasio in einem solchen Falle die Abstraktion wieder­holt. Würde man die notitia in-
tuitiva von Umstand, accidens und Objekt abhängig machen, so hätte man keine for­ma. Also
kann die­­­­se un­abhängig von dem Objekt bestehen, selbst wenn sie förmlich sich auf das Objekt
be­zieht und secundum potentiam divinam ordinatam oder legem communem nicht ohne es
vor­kommt, was aber noch einen Sonderfall, wenigstens als problema ad disputationem aptum,
zu­­­­­­­lässt: die notitia intuitiva stellt eine fal­sitas fest. D. h. es ist wenigstens eine negative Aussa­ge
gegeben, die damit bestätigt wird: ‘hic murus non est al­bus’. Aber diese elementare Aus­sa­ge
kann intuitiv gar nicht gemacht werden. (Es ist nur unbestreitbar, dass wir den Satz haben
und ihn eben bilden können.) Es bedeutet dies aber nur und damit erhält Ockhams Denken
sei­ne Konsistenz, dass mit der notitia intuitiva kein Schlussfolgern verbunden sein kann. Bzw.
kann das Schluss­fol­gern auch nicht integraler Bestandteil der notitia intuitiva sein. Wenn aber
nicht integraler Bestandteil davon, so kann die notitia intuitiva noch keinen determinaten Satz
bzw. keine determinaten Sätze ergeben und enthalten. In­folgedessen kann es solche – in Be­zug
auf die significatio – überhaupt nicht geben. Wir müssen zuletzt die Schlussfolgerung selbst
ausschließen. So aber erlangen wir definite Sätze. (Mit der Ausschließung der Schluss­fol­gerung
muss auch das Widerspruchsprinzip aufhören leitend zu sein.) Die notitia in­tuitiva kann in
nichts von der Erfüllung her gedacht werden. Sie ist damit in nichts von der Erfüllung her auch
nur ‘bestimmt’. Mit Defini­ti­­­on und Logik ist auch das Faktum bereits gesetzt. Derart gibt es
einen Mentalismus bei Ockham. Die Ak­te ge­­­hö­ren der eigenen Sphäre des Verstan­des oder der
anima an. Sie bilden sie (machen sie aus).
81. Im Verhältnis von distinctio realis und distinctio formalis erscheint Ockhams Argumenta­
tion diskontinuier­lich. Die potentia divina absoluta naturaliter lo­­­quen­do und die potentia di-
vina abso­lu­ta supranaturaliter loquen­do haben denselben Abstand wie distinctio realis und di-
stinctio formalis, denen sie ent­­­sprechen.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 149

composito als Modus eines Satzes prädi­ziert, gerade vermeiden helfen.82 Der Wider-
spruch ist zugleich externer ‘Bestandteil’ der forma oder der Bestimmung, die auf sie
zielt. Denn der Wi­der­spruch gehört hier im Nominalismus zu­­gleich dem Bestimm-
ten, das in Bezug auf Wider­sprü­che untersucht und abgesichert werden muss, nicht
an. Es wird zugleich der Begriff der inhaerentia (passionis in subiecto) revidiert wer-
den müssen. Auch das betrifft den kontingen­ten Satz.83 Daß die notitia intuitiva die
kon­tin­­­genten Aussagen betrifft, bezüglich deren sie die Präsenz oder Existenz des
Objekts bzw. die Nichtpräsenz oder non-existentia feststellt, ist gesagt worden.84

82. Die Modi sind in den Kontexten und Beweisen be­züglich der Sätze nötig. Nicht ganz ver­
ständlich W. & M. Knea­le, 1966 p. 369 Anm. 2: „For although medieval lo­gi­cians always defin­
ed pro­positions as com­plex signs of a cer­tain sort, they commonly ap­plied to them adjectives
such as necessaria and impossibilis which are appropri­a­te on­­­ly to pro­positional contexts.“ Der
Satz hat bei Ockham mit seiner Bestimmung Funktion und Funk­ti­ons­be­zeich­­nung in Bezug
auf Kontexte, wel­che die Argumentationen (Beweise) darstellen und herstellen (= intensi­o­­nal
aufzeigen); so hat die propositio per se nota die Funk­tion, in­ten­sional die Identität von s und
P be­züg­lich der res extra zu bedeuten. Sie legiti­miert damit auch andere Sätze, die gleich ihr
not­wen­dig, aber von ihr noch un­­­­ter­schieden sind. Cf. Ockham bei der Kritik an Tho­mas Ord.
Prol. q. 7 OT I p. 187 lin. 16 – p. 188 lin. 2.
83. Ockham korrigiert den ‘metaphysischen’ oder ontologischen Gebrauch des Wor­tes ‘ines­
se’ durch Be­weise, zu­erst (Ord. Prol. q. 3 OT I p. 137 lin. 9–18): „Quando accipitur quod ‘illud
quod sci­tur ne­cessario inesse alicui sub­­­­iec­to, ita quod oppositum includit con­­­tradictionem,
est realiter i­­dem cum illo subiecto’, di­co quod ista propo­si­tio est distin­guen­da. Quia ‘inesse’
uno modo idem est quod in­hae­rere re­a­li­ter, si­cut accidens inest sub­iec­to et for­­ma materiae;
alio modo idem est quod prae­dicari. Pri­­mo modo est propositio impossibi­lis propter falsam
im­pli­cati­o­nem, quia impli­ca­tur aliquid tale in­es­se sic alicui subiecto ne­ces­sa­­­­rio, et ta­men quod
sit idem realiter, quae for­maliter re­pug­nant; quia ex hoc quod sic inest, distinguitur realiter ab
illo.“ Der determinate Satz kann kei­­­­ne Folgerung haben, die ihn selbst besagt. Das gilt real- und
(ib. lin. 18 – p. 138 lin. 4) men­­tal. Denn da kann die pas­sio nicht im sub­iectum sein, ohne dass
beide identisch wären. Bzw. nehmen wir eine em­pi­ri­sche Identität an, was wir beim empiri-
schen Satz tun, darf es reflexiv (auf höherer Stufe) keine suppositionslogische (= forma­le) Ver­
schie­den­heit für die Begriffe (ihre Inhalte nach substantia und accidens) geben; das begründet
die Induktion.
84. Gabriel Byel hat in der notitia intuitiva, sofern sie ein falsum feststelle, ein Problem gese­
hen. Es gibt dann das Objekt; die notitia intuitiva sieht dann ein, dass es der Aussage nicht
ent­spre­che. Als was ist sie im Verhältnis zu den anderen Fällen, welche ja der Definition selbst
nach deren intensionalem Charakter beitreten, d. h. als nicht aus­­zuschließende, indem sie den
ab­strak­ten Charakter der Definition der notitia intuitiva wiederholen und be­kräf­tigen, zu se-
hen? Die notitia intuitiva besteht in Byels Fall schon. Ihre Eigenschaften oder das ihnen Fol­
ge­­gemäße wird per Induktion oder durch ein Prinzip, das Kompatibilität besagt (z. B. ‘non
est inconveniens quod’ u. a.) festgestellt und bedingt eine aktuale, struk­­­­turelle Zweistufigkeit.
Gabriel Byel hat so nicht etwa den gene­tisch blinden Fleck oder den toten Winkel bei Ockhams
Erkenntniskonzept aus­findig ge­macht. ‘Impossibili­tas unius notitiae intuitivae alicuius obiecti
inadaequati’ würde ei­nen ‘Wi­der­spruch’ verlauten. Nicht ‘den’ Wider­spruch per se. Den lässt
150 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Die res extra kann die notitia intuitiva beim ersten Fall nicht nezessitieren. Das
wird mittels der potentia divina absoluta naturaliter loquendo, deren Basis die di-
stinctio realis ist, demon­striert.85 Man kann aber auch abstrakt nicht auf eine solche
zwangsläufige Hervorbringung zu­rückgreifen. Das ermöglicht dann im zweiten Fall
die Anwendung der po­ten­tia Dei absoluta su­­pranaturaliter loquendo,86 deren Ergebnis
oder Äquivalent die distinctio formalis zwischen no­titia intuitiva und res extra ani-
mam im Sinn der rein abstraktiv verstandenen Definition ist: hier wird der Sachbe-
zug, wie er formell in der Definition enthalten ist, formaliter von der for­mel­len empi­
rischen Basis oder Geltung gelöst. Hier ist dann hypothetisch die Schöpfungsord­nung
verlas­sen oder ge­sprengt worden.87 Zwei Dinge, die in ihr zwangs­läu­fig zusammen­ge­

Autrecourt im Faksimile der nach seinem Atomismus a li­mine für unmög­lich erklärten notitia
intuitiva verkörpert sein. Zugleich fordert er sie auch wieder für die wahre (= empirische) Er-
kenntnis.
85. Die distinctio realis überformt und überdeckt den Widerspruchssatz (Ord. d. 8, q. 6 OT III
p. 257 lin. 9–16): „Si esset pos­­sibile ani­mam intellectivam informare immediate materiam pri-
mam vel formam corporeitatis sine ani­ma sen­si­tiva, sicut pot­est esse separata sine anima sen-
sitiva, non esset contradictio quod aliquid esset compo­si­­tum et ra­ti­o­nale, et ta­men quod non
esset sensibile.“ Folglich gilt: „Nec tunc ordinarentur taliter differentiae il­lae nisi secundum
cursum communem naturae“, in welchem sc. beim Menschen intellectus und sensus nicht oh­ne
ein­ander vorkommen. „et quamvis (Ed. hat quod und nennt Var. quamvis des W 1495 im App.)
naturaliter non posset aliter esse, non tamen re­pug­naret divinae poten­tiae aliter facere.“ Die
distinctio realis wird hier sogar nur hypothetisch angenommen; es wird nicht einmal be­haup­
tet, dass sie pro lege communi in der zitierten Weise vor­komme. A fortiori gilt die The­se. Die
logische Wurzel der Argumentationen Ockhams in der genannten quae­s­tio OT III pp. 251–261
ist, dass nicht (ib. p. 256 lin. 18–20) „omne per se inferius includit essentialiter su­um su­pe­ri­us et
additum sibi.“ Dieser Einschluss kann nicht begründet werden. Auch die Widerspruchsfreiheit
kann nicht per se begründet werden; die distinctio realis will Ockham aber beweisen. Sie ergibt
den Nicht-Wi­der­spruch induktiv oder persuasiv.
86. Wenn für Ockham die Erkenntnis der Nicht-Existenz von res, die faktisch der realen Welt
kontingenter Din­ge zugehören, nur vermöge der po­ten­tia Dei absoluta su­­pranaturaliter loquen-
do konservierten notitia intuitiva mög­­­­lich sein kann, so dass Gott hier nolens volens handelt,
also auch die der po­ten­tia Dei absoluta supranatura­liter loquendo hier zwangsläufig und strikt
benötigt wird, so kann es nicht gut angehen, dass vermöge der po­­ten­­tia Dei absoluta naturaliter
loquendo Willkürakte desselben Gottes und derselben po­ten­tia Dei absoluta eintre­ten können,
bei denen notorisch die Inexistenz unius rei in reali in eine Existenz­wahr­­neh­mung eiusdem rei
in ani­ma viatoris umge­fälscht würde. Beide Modi der Allmacht müssten sich widersprechen,
wo sie sich nur un­ter­­schei­­­den und je verschieden induktiv begründet werden bzw. analytische
Folgerungen unterbinden.
87. Gelegentlich wird diese hypothetische Funktion beim Gebrauch des Omnipotenzprin-
zips durch Ockham an­er­kannt oder wenigstens vermutet, resp. nicht ausgeschlossen. So bei
H. Jung­­hans, 1968 p. 238: „Allerdings muss ich ein­schrän­­­kend vorausschicken, dass die Bei­
spiele, die mir in Ockhams Schriften begegneten, nur die Heils­­ord­nung betra­fen. Erst eine spe­­­
zielle Untersuchung, die das gesamte Werk Ockhams danach untersuchte, könn­te fest­stel­len, ob
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 151

hö­­­ren, werden voneinander getrennt: per po­ten­tiam Dei absolutam supranaturaliter


loquendo.88
Der Topos der distinctio formalis findet sich bereits bei Duns Scotus. Er wird
dort gebraucht um die Realdistinktion auf einer rein abstrakten Ebene zu retten,
während ihre empirische Le­gitimation nicht belegt werden kann. Duns Scotus bringt
solcherart gewöhnlich onto­logische Ar­gu­mente zur Geltung, indem er sie von dem
empirisch-praktischen Vergleichsfall abzieht, um eine allgemeinere Bedeutung zu be-
haupten, die aber zugleich gegenüber der em­pi­­­rischen Grundlage ausweichend sich
verhält, so dass diese als eine Art instantia sich darstel­len muss, die aber per Postulat
beiseite gestellt werden soll. Da diese Verfahrensart bei Duns Scotus oft, z. B. unter
Gebrauch und neuer Deutung aristotelischen Prinzipien, auf­tritt, kann an­­­genom­men
werden, dass an dieser Stelle, wo er re­fle­­xive einen re­fle­­xiven neuen Posten ein­­führt,
die nor­male Deduktion, wenn es sie gäbe, unterbrochen und aufgehoben werde.89
Ockham, der die di­stinctio formalis neben der distinctio realis und der distinctio

Ockham auch an eine tatsächliche Änderung der Ordnung der materiellen Dinge dach­te oder
ob das „De­us pot­est“ immer nur als hypothetisches Argument benutzte, um die Meta­physik
auf ganz sichere Grund­la­gen stel­len zu können.“ Die Metaphysik müsste da wohl in abstrakter
Form sub­jektivis­tisch sein, jedoch wieder ihren Beweisgrund in sich selber haben, was schwierig
ist. Abai­lards rudi­men­täres prooemium zum Mit­tel­­al­ter: „Haec autem est dialec­ti­ca, cui qui-
dem omnis veritatis seu fal­si­ta­tis discre­tio ita sub­iec­ta est ut om­nis phi­lo­sophiae prin­cipatum
dux univer­sae doctrinae atque regimen pos­si­de­­at.“ (cf. L. M. de Rijk (ed.) P. A. Dia­lectica, 1956
p. 470) nennt ein Leistungsgebot, dem Ockham nur noch in hypothetischer Weise entspricht.
88. Ein Beweis nach ana­lytischer Beweisart auf aussagenlogischer Basis, wie sie bei Duns
Sco­tus vermutet wer­den könn­­te, ist natürlich immer an die Regel geknüpft, dass erst wenn ein
Be­weis geführt wurde (i.e. existiert), ge­wusst werden kann, ob es ihn gebe. Bevor er nicht ge­
fun­­den wur­­­­de, weiß man das nicht; gleichwohl kann er dann als falsch kritisiert und abgelehnt
werden. Er existiert dann und existiert nicht. Über ein Entscheidungs­ver­­fahren wird eine ein­
deu­­tige Existenz fest­gelegt. Es ist dann zweifelhaft, ob sie noch logischer Natur sein könne. Man
hätte auch hier vielleicht einen gleichsam übernatürlichen ‘Begriff ’ vom Beweisen und müsste
be­zwei­feln, ob es dieses per se und definit überhaupt gegeben habe. Nicht nur Begriffe wie die
notitia intuitiva (als notitia in­tuitiva conservata) und habitus wandern so ins Supranaturale
(Jenseitsweltliche) ab, auch der Beweisbe­griff täte es, wie denn auch Ockham einmal sagt, er
fühle sich ‘insufficiens’ einen bestimmten Beweis zu füh­ren, und das Beweisen selbst überhaupt
für ihn einer antiempirischen Absolutheit zugehört oder wenigstens zuneigt.
89. Ockham kritisiert von der von ihm eruierten Gestaltbasis der Sätze her die Scotischen Ma­­
ximen zur Deduk­ti­onstheorie und zur Erkenntnislehre und verwirft sie. Nach dem Paradox
von Löwen­heim und Skolem kann kei­ne mathematische Lo­gik jenseits der Mathematik sinn-
voll Anwendung finden. Die in De Primo Principio ver­wen­de­­te Aussagenlogik entfällt daher
für die Beweisabsicht. Duns Sco­tus potenziert das Paradox in­­ter­­mit­­­tie­rend aus­drück­lich noch
ein­mal zu­sätz­lich, wenn er in onto­logi­sche Maximen des Aris­to­teles von ihrem um­fäng­­­li­chen
auch empiri­schen Sinn abstra­hie­rend rei­­nigt, um sie speziell und in solcher Recht­fer­tigung und
Be­gren­­zung ver­all­ge­mei­nert gel­ten zu lassen. Postulation und Emen­dation fal­len zusammen.
‘In­halt’ wird unbe­gründ­­bar.
152 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

rationis90 (oder ratione) kennt, hat sie des metaphysischen oder ontologischen An-
spruchs entkleidet; er be­­zieht sie auf Sach­ge­halte, die abstrahierend der empirischen
Relevanz und Bezugnahme ent­­­­­­­­­­­zo­­gen werden kön­nen.91 Nach Vignaux soll dann die
distinctio formalis „auch“ bei Francisus May­ronis und Jo­hannes von Ripa mit der
Apriorität verbunden sein.92
Auch die Auffassung Ockhams von der cognitio supernaturalis bestimmt sich
nicht fak­tisch von einer ‘realen Geltung’ des göttlichen Eingriffs vermöge seiner po-
tentia divina absolu­ta su­pranaturaliter loquendo, sondern bloß technisch:93 „cognitio
supernaturalis dupliciter ac­­­ci­pitur. Uno modo, quia non potest naturaliter adquiri, et
isto modo nulla cognitio superna­tu­ra­lis de communi lege, praeter fidem infusam, est
nobis necessaria. Alio modo dicitur cog­ni­tio su­per­­naturalis, quia est de veritatibus
quae non ex puris naturalibus sed supernaturaliter pos­sunt evidenter cognosci; et isto
modo cognitio supernaturalis est nobis necessaria praeter fi­dem.“ In der zweiten Art
ist die cognitio supernaturalis nicht (notwendig) tatsäch­lich gege­ben, aber not­wendig
wegen des in ihr ausgedrückten Sachverhaltes. Er wird au­ßerhalb des Glaubens
(praeter fidem infusam) erfasst, kann aber derart nicht auf die na­türli­chen empi­ri­
schen Begrif­fe sich stützen. Gleichwohl sind sie als Erkenntnisse uns uner­läss­lich.94

90. Hierbei wird davon ausgegangen, dass die verschiedenen Begriffe nach ihrem Inhalt und
Ge­­­halt, wie und weil empirisch unterschieden gegründet, in jedem Gebrauch unterschieden blei­
ben müs­­sen, auch wenn eine Supposi­ti­onsidentität unterstellt werden muss oder soll. So denn
in der nichtempirischen Anwendung der termini auf Gott, der pro statu isto nicht anders denn
in den Begriffen, die der viator secundum legem communem habe, er­kannt werden kön­ne. Cf.
un­sere Darstellung eines entsprechenden Überredungsbeweises mit dem Argument ‘non est
in­­­conveniens quod’.
91. Ockham gebraucht die distinctio formalis in den Dingen der sacra theologia (Ord. d. 2 q. 1
OT I p. 364 lin. 8–10): „Est ali­quis mo­dus nonidentitatis inter naturam divinam et suppositum,
et potest dici secundum bonum in­tel­­lectum quod dis­tin­guuntur formaliter, quamvis non di-
stinguuntur realiter.“ Der Filius Dei nimmt die mensch­li­che Gestalt im Sin­ne dieser distinc-
tio formalis an. Er ist Gott und Mensch. Der Gebrauch der distinctio formalis ent­spricht für
Ockham vernünftigem Ver­ständnis (bonus intellectus). Realempirisch ist sie nicht.
92. Die Charakterisierung entspricht Vignaux‘ Neigung, in einer gewissen Ab­strakt­heit ge-
nannte und unver­mit­telt auftretende allgemeine Prinzipien bei den Scholastikern für a priori
oder analytisch, ‘notwendig per se’ usw. zu erklären. D. h. ih­nen einen inten­si­onalen Vorrang
vor jeder extensionalen Erklärung ihres Be­langs einzu­räu­­men. Ockhams Bedeutung und Be-
sonderheit be­steht darin, Erklärungen genuin, i.e. kon­stru­ie­rend vorzu­neh­men. Kon­­­struieren
muss besagen, dass die Elemente, bevor sie in einen Rahmen von Operati­o­nen, die sie er­klären
und präsentieren, eingefügt worden sind, nicht als bekannt und charak­te­risie­rend oder zwin­
gend gelten können.
93. Ord. Prol. q. 7 OT I p. 197 lin. 25ff.
94. Ockham verneint, dass es außerhalb des Glaubens keine übernatürliche Er­­kenntnis geben
könne. Sie darf dann nur nicht mit der fides amalgamisiert sein, weil (ib. lin. 21) „sine fide
nullus potest assentire veritatibus cre­di­bili­bus.“ Das ist Kirchenlehre und per se einsichtig (ib.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 153

Aber wie werden sie gewonnen? Durch eine Abstraktion beispielsweise, die das Sach­
verhalt­li­che selbst reduzieren kann, wenn sie die causa oder ratio sufficiens angibt
und somit nicht bei der ratio oder causa necessaria empirischer Sachverhalte bleibt.
Daneben aber auch bezüg­lich der sci­en­­­tia proprie dicta, wenigstens formell:95 „Alia
est opi­nio quae po­nit quod quamvis credibilia possint evi­den­ter sciri, non tamen a
nobis pro statu isto de com­muni lege. Et ideo theologia, se­­­cundum quod communiter
addiscimus eam, non est scientia pro­prie dicta respectu talium cre­dibilium, quamvis
respectu aliquorum possit esse scientia. Et istam opinionem reputo ve­ram.“ Die An­
sicht wird dem Lehrer des Duns Scotus Guilelmus a Guarra zugeschrieben.96 Dies
alles wird bekräftigt:97 „scientia ultra fidem dicit multos alios habitus qui non sunt ha­
bi­tus fidei, ut dic­tum est.“ Die Bestätigung theologischer Wahrheiten kann in großem
Umfang we­der empi­­risch (secun­dum conceptos quos habemus naturaliter pro statu
isto de communi le­ge) noch per discursum erfolgen:98 „habitus veridicus inevidens
potest esse fides, et talis est theologia pro mag­na sua parte. Similiter, respectu talis
veritatis est aliquis habitus qui non est proprie veri­di­cus, quia non est iudicativus sed
tantum apprehensivus, et talis est theologia pro aliqua sui parte.“ Damit kann der
Akzent in Ockhams Erörterungen nicht notwen­dig auf der The­ologie im Sinne der
vorrangigen Glaubensgewissheit liegen.99 Sie kann da­­her auch nicht die Leitidee der

lin. 20f). Doch solche cog­ni­tio supernaturalis praeter fidem muss konstruiert wer­den können =
in be­stimm­ter eigener Weise als ‘menschliche’ de­finiert sein.
95. Ib. p. 193, lin. 5–15.
96. Cf. ib. p. 193 Anm. 3.
97. Ib. p. 205 lin. 22–23.
98. Ib. p. 206 lin. 4–8.
99. Gilson hat bei Ockham bloßen Religionspositivismus sehen wol­len. Das wäre dann viel­
leicht noch von Fi­de­is­mus zu unterscheiden. Cf. Junghans, 1969 p. 212: „Da Ockham in dem
… Sinne (einer ontischen Ana­lo­gie) uni­vo­ke Konzepte kannte, die Schöp­fer und Ge­schöpf
umfassten, kann er nicht als Agnostiker bezeichnet wer­den, der sich aus Ver­zweif­lung in die
Arme des Fideismus warf.“ Dabei werden die Momente der Kon­struk­ti­­on über­se­­hen, z. B. die
vermöge der notitiae intuitiva und abstractiva und der Beweise, die auch auf die Engel über­
tra­gen werden (cf. Rep. II, q. 16 OT V p. 319 lin. 6–22). Ana­log und univok wer­­den gemeinhin
verglei­chend ge­gen­­einander­gestellt. Hie ana­lo­gia entis (sc. Tho­mas Aquinas) – da univocitas
conceptus (Duns Scotus). Ockham grundsätz­lich (Ord. d. 2. q. 9 OT II p. 335 lin. 23 – p. 336
lin. 3): „dico quod Deo et creatu­rae non est aliquid univocum sic quod aliquid essentiale crea-
turae vel ac­ci­dentale habeat perfectam similitudi­nem cum aliquo quod est realiter in deo. Et
talem univocationem negant om­­nes sancti respec­tu deo et creaturae.“ Ana­­l­ogie? Uni­vo­zi­tät?
(cf. aber Kap. 4 Anm. 60). Ockham überträgt Be­­griffe und Vorstellungen nach menschlichem
(Vor-)Verständnis auf Gott und über­welt­liche Ver­­hältnisse, um die Relationsbegriffe oft ei­gens
zu präparieren. Schon in den Ele­men­tar­­sätzen gibt es ‘concep­tus Deo propri’. Sie werden Thema
in der Be­weislehre.
154 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

In­ter­pretation oder historischen Einordnung Ockhams bil­den, schon gar nicht die
einer ihm zu­zuschreibenden antirationalistischen Vormeinung.100
Der Ontologie kann keine Vermittlung zwischen sozusagen theologischer Meta-
physik und Em­­­­­pirie entnommen werden, weil ihre Inhalte nicht (i.e. nirgendwo) nach
dem Verhält­nis von subiectum und passio, bzw. deren Klassifikationen als bündig,
einzig notwendig dar­ge­stellt werden kann, das heißt dann vereinheitlichend notwen-
dig und damit nicht in Bezug auf die einzelnen Satzarten differenzierbar.101 Da genus
oder species nicht eigentlich abstra­hiert wer­den können,102 während sie Leitbegriffe
bleiben und eine Ordnung von Sätzen erlauben ebenso wie sie für die Allgemeinheit
von Aussagen garantieren, wird eine sichere (i.e. ge­währ­­leiste­te) De­duktion in ihrem
Namen entfallen. Natürlich löst Ockham argumentativ jede on­tologisch verfasste oder
signierte Notwendigkeit auf.103 Doch können empirische Mut­ma­­­ßun­gen syllo­gis­tisch

100. Da bei Ockham die divina potentia absoluta durch die distinc­tio re­alis empirisch be-
grenzt und so an den res absolutae der Erfahrung zu mes­sen ist, ist Gott auf ein We­sen fest-
gelegt, das er nicht auf den Menschen hin über­schreitet, von dem er auch nicht ausgeht. Nach
H. Blumen­berg, 1966 würde Gott durch mecha­nis­­tische Hand­lungs­­zwän­ge ent­eig­net wie zuvor
der Mensch durch Gottes Omnipotenzwillkür. Ockhams (Rep. II, q. 15 OT V p. 343 lin. 20–22)
„Deus autem nulli tenetur nec obligatur tam­quam de­bi­tor, et ideo non pot­est fa­­ce­re quid non
de­bet fa­cere nec pot­est non facere quod de­bet face­re“ gilt vorab dem ordo salutis und nicht der
Phy­sik: da Gott nie­man­dem ver­pflich­tet ist, ist er als essentia menschlich-welt­lichen Be­din­gun­
gen erst einmal so entho­ben, dass diese nicht in sei­nen Be­griff ein­­gehen müs­sen. Dann frei­lich
muss (kann) er tun, was ihm se­cundum legem com­munem nicht wi­der­­­spricht. Er kann nicht
den, dem er die Gnade gewährt hat, verdammen. Doch kann/muss er ein me­ri­tum nicht an­­­­­er­
ken­nen: Die acceptio ist ‘logisch’ charitas creata und meritum übergeordnet. Cf. Ord. d. 17 q. 3.
Soll Gott aber die Erwählung ex puris naturalibus in Verwerfung ändern können, müsste die
Inkonsis­tenz als Äquivalent der inexistenten Realität für den Satzausdruck negiert werden, um
diesen möglich erschei­nen zu las­sen. Er geht dann induktiv in dessen Abstraktion nicht ein. Cf.
Quaestiones variae, q. 6 art. 3 OT VIII.
101. W. Chatton, Ockhams Nachfolger in der Oxforder lectura sententiarum und sein Kritiker
hat sich mit Hil­fe der Postulation ontologischer Korrektheit solcher Vereinheitli­chung beflis­
sen. In ihr versagen die Argumenta­ti­­ons­­standards. Nicht nur der Kodex Ockhams.
102. J. Pinborg, 1972 p. 131 glaubt, dass Ockham keine Basis für den Allge­mein­­­heitswert des
universale ge­legt ha­be. Doch Allgemein­heit und Begriff müs­sen nur einfachhin erläuterungs­
wei­­se zu­sam­­men­fallen. Es muss nicht ei­­­ne genetische Erklä­rung gegeben werden, die ebenso
eine funk­­tio­na­­le zu sein hätte. Wir ver­las­sen uns damit auf die Erfahrung: die Funktion ist mit
dem prakti­schen Ge­brauch genug er­schlos­­sen. Dann muss und kann nicht Ontologie sein. Die
Abstraktion der Begriffe liefert die universalia. Da spe­­cies und genus nicht (mit einem Satz) für
einen Satz abstrahiert werden kön­nen, können sie nicht mit dem Wert von Begriffen als univer-
salia definit zusammen­stim­men.
103. Damit kann nicht mehr für Ontologie argumentiert werden. Von Ockhams Seite nicht,
so­dann überhaupt nicht. Es ergibt sich aber auch, dass eine formal neutrale Argumentation
ent­fal­len muss; sie würde der Determi­nat­heit von Annahmen nicht entsprechen. Die ontologi­
schen Annahmen (Maximen) besitzen sie also schwerlich.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 155

angestellt wer­den.104 Ockham hat dies behandelt.105 Es gilt aber auch: Kon­se­quen­zen,
denen keine Ab­stra­ktion von genus und species entspricht, sind un­­zu­läs­­si­g (fal­sch),
wäh­rend je­ne, welche suppositionslogisch gerechtfer­tigt an die Stelle tre­ten, je­den Be­
griff oder Satz ent­hal­ten (einschließen) können, welche über­haupt Gel­tung ha­ben. Sie
sind aber in der Sco­­ti­schen De­duk­­tion nicht erfasst und nicht zu verarbeiten. Damit
er­kennt man noch ein­­mal, wie der Be­­griff der Definitheit unerlässlich ist.106 Damit
ist aber noch nicht ge­sagt, dass die Sco­­ti­sche Deduktion unzulässig sei. Sie wird es,
weil sie keine vernünf­ti­­­ge (zu­­­­lässi­ge) Ab­strak­­ti­on vor­aus­setzt107 und weil reguläre
Abstrakti­on dann seinen aus­sa­­gen­lo­­­gi­schen Im­plika­ti­ons­mo­dus nicht gestattet. Da-
neben arbeitet Duns Scotus innerhalb seiner De­­­­­­duk­ti­ons­­ket­­ten auch mit Syl­lo­gismen,
kann aber mit diesen keinen regulären (gültigen) Ab­strak­ti­ons­­mo­­dus gel­tend ma­
chen. Duns Scotus, De Primo Principio, hat die Abstraktion ent­we­­der mit den er­sten
Lehr­sät­zen (‘propositiones’ bzw. ‘conclusiones’ genannt) vorausge­schickt oder in­ter­­
me­di­är mit dem au­xiliären Gebrauch von aristotelischen Maximen (ontolo­gi­­schen
Prin­­zi­­pi­en oder Ausle­gun­gen), die er mittels Postulationen von prekärer empirischer
Re­levanz be­freit, nach­geholt. Ockhams zulässiger Ab­strak­tion ist seine Sup­po­sitions­lo­­
gik mit allen von ihm ap­probier­ten consequentiae konform. Sie stimmt nicht mit der
all­ge­­­mei­nen Lo­gik über­ein. Ockham verwirft aber nicht den ontologischen Sprachge­
brauch.108 Deren oberste Begriffe, wie Ockham sie verwendet, sind substantia und

104. Die syllogistisch auszuarbeitende Ontologie, die dann für ihre nachgeordneten Diszipli-
nen lei­­tend wäre, könn­­­te mit vernünftigen media nicht ausgeführt und substantiiert wer­den.
Wir kön­nen keine Beweismöglichkei­ten in den nachgeordneten Disziplinen schöpfen. Wir
müss­ten die Argumente aus der Ontologie entlehnen kön­nen. Ockham schätzt Beweise nicht,
die me­cha­­nisch geführt werden kön­nen: z. B. mit Gott als cau­sa extrin­se­ca om­­ni­­­um rerum. Sie
er­scheinen ihm nicht intellektiv.
105. Ockham unterschied essentiell nicht zwischen empirischen und theologischen Sätzen.
Cf. Ord. Prol. q. 2 OT I p. 111 lin. 6–21. Da­nach ist auch beider technische Behandlung a fortiori
möglich und erst schlüssig.
106. Der Begriff der Definitheit ist konform damit, dass consequentiae, wie und weil sie for-
miert worden sind, nicht automatisch gelten. Folglich gibt es auch keine Ablösung der aris­to­
telisch-scho­lastischen Ontologie durch ‘Lo­gik’ (Suppositionslogik à la Ockham). Wir de­fi­nieren
durch diese nicht Defi­nit­heit. Die setzen wir voraus. Mit der formatio propositionis ist nicht
de­ren Geltung alias De­fi­nitheit gegeben. Cf. dieses Kap. zur propo­si­tio per se nota (am An-
fang) und Anm. 8 und 11. Es gibt bei Ockham keine Determinatheit der notitiae über die reale
Erfül­lung in re. Andernfalls wäre nicht einmal die propositio per se nota widerspruchsfrei zu
definieren.
107. Wo Abstraktion ist, kann kein integriert inhaltlich-logischer Beweis sein.
108. Ockhams Suppositionslogik und die in dieser und für sie erst zu erstellenden (i.e. noch zu
be­grün­denden) Geltung muss induktiv gesichert werden. Ist sie so, mitsamt der für sie und ihn
ihr zulässigen consequentiae, er­stellt, so sind diese wie ihre Sätze definit. Die Definitheit wird
156 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

accidens, dann noch for­ma. Was die Akte (notitiae) angeht, setzt Ockham die notitia
abstractiva als zentral an.109
Wir erfahren auf dem Wege und im Sinne der accidentia nichts, was deren An-
hängigkeit und Be­deutung oder Geltung (Existenz) in der essentia oder substantia ent-
spräche und somit ihrer substan­tialen Bedeutung, also auch einen Anteil in der forma
zu mei­nen hätte; diese Verbin­dung entspricht also keiner Erfahrung und Wahrneh­
mung. Zwar erfahren wir zuerst die acci­den­tia und somit die res oder sub­stan­tiae
über die acci­den­­­tia. Aber wir er­fah­ren nichts in den accidentia und so auch eben nicht
diese. Sie definie­ren damit auch nicht die Erfahrung im Sin­ne der Ho­mo­logie mit
dem Ver­stand. Denn sie drücken die substantia nicht aus. Wir erfahren nicht die res
(singularis) in se. Wir müssen annehmen, dass sich die substantia und das sub­iec­­­­tum
quasi ab­straktiv im Ver­­­stande bilden.110 Wir haben somit eine Er­fah­rung, die sich aus
der sinnlichen Wahrnehmung über diese hinaus fortsetzt hat und erst dort zuende
kommt, wo wir den im Verstand gebildeten Begriff haben. Das gilt dann noch einmal
für die sekundären Be­­grif­fe substantia, species, genus usw. selbst. Das hat Einfluss auf
die Deduktions- und Be­weis­­lehre bei Ockham: zunächst einmal so, dass die ontologi-
schen Begriffe oder Verständ­nis­se bzw. Regeln nicht selbst bewiesen werden können
und auch kaum in Beweisen ein­ge­setzt werden können. Wo immer sie von Ockham
discutando und zum Zwecke der refutatio ange­führt werden, kann ihre nicht unwan-
delbare, i.e. bloß kontingente und somit von der Er­fah­­­­rung abhängige Bedeutung und

also nicht für einen Kalkül angenommen und nicht über einen solchen gesichert oder ge­won­
nen.
109. Rep. II, q. 12–13 OT V p. 257 lin. 15–20: „Et tunc, si duo ista, abstractivum et intuitivum,
dividant omnem cog­­ni­ti­onem tam complexam quam incomple­xam, tunc istae cognitiones di-
cerentur cognitiones abstractivae; et om­nis cognitio complexa (diceretur) abstrac­ti­va, sive sit
in praesentia rei stante cognitione intuitiva extremorum si­ve in absentia rei, et non stante co-
gnitione in­tuitiva.“ Eine Synthesis der Begriffe (im Verhältnis zueinander) kann danach auf der
Stufe der notitia abstractiva (logisch) nicht mehr angenommen (‘angesetzt’) werden.
110. Damit können diese Begriffe nicht im Sinn der Abstraktion, die sie ja zu meinen haben,
mit der Erfahrung di­rekt konvertibel sein und diese meinen oder begründen. Ockham hat so
kon­­sequent auch die Abstraktion über die notitia abstractiva, i.e. eine eigene notitia, ausge­
drückt und sie nicht in die genannten Begriffe verlegt, die eben im Sinn der Abstraktion neben
dem Inhalt doppelt aufzufassen wären. Ockham hat auch nicht die Ab­strak­­tion oder notitia
ab­stractiva im Sinn dieser ontologischen Begriffe angereichert oder bestimmt. Sie meinen nicht
diese direkt oder konkomitant. Es kann so vorab dasjenige Argument nicht geben, dass die
ontologischen Begriffe (oder ontologische Begriffe überhaupt) nicht sinnvoll seien (sein könn-
ten), dass sie vielmehr – gar nach­­­weislich – absurd seien. Nicht nur kann dies nicht be­wie­sen
werden. Der Beweis oder das Beweisinteresse sind durch die Problemlage, die zur Abstraktion
führt, bereits überholt. Danach fungieren die ontologischen Begriffe reprobativ. Damit wird
die implicatio negiert, die die extensionale Geltung in einer res per se resp. in multis rebus zu
bedeuten hätte. Cf. Kap. 9–11.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 157

Geltung ins Feld geführt werden.111 Wenn Ockham nun auch an­nimmt, dass Beweise
im Syllogismus per media intrinseca gelten, also zunächst in­halt­­­lich und erst dann
im weiteren Sinne, i.e. non immediate, per media extrinseca,112 also nach lo­gi­schen
Regeln, hat er ei­nfach eine Selbstverständlichkeit be­züglich des Be­­wei­­sens formuliert:
nämlich, dass Beweise, wenn sie denn definierte Beweise sind, nicht falsch wer­den
können.113 Deren notwendige oder mögliche Struktur kennen wir nicht. Ob sie ei­ne
Fol­ge­­rung enthalten, mit ihr behaftet seien, ist da­her notwendig nach­ran­gig. Wir kön-
nen al­­so nicht bei den media ex­­­­trin­seca an­fan­gen. Wir wüss­ten da noch nicht, was ein
Beweis ist. Wir wis­sen es überhaupt nicht notwendig vorab.114
Nach dem was ein Beweis sei, der im Sinne der Abstraktion der termini von
der realen Gel­tungs­­­dimension in der Erfahrung angenommen werden könne, fragt
Ockham ganz deut­lich im Prolog der Ordinatio. Er fragt damit nach einem Beweis in
der abstrakten Geltung seiner Ele­­men­­­­­­­te, der Begriffe und der Sätze und zwar auch in
der Hinsicht, dass die notitia termino­rum und die notitia propositionum außerhalb
und neben deren notitia innerhalb des Beweises und Beweisens anfallen könne: sie ist
dann empirisch oder kontingent außerhalb dieser zu den­ken, ohne doch im Beweis
eben im Sinn der notitia intuitiva und abstractiva definiert zu sein. Also kann auch
der Beweiszug selbst, die Folgerung, die der Syllogismus darstellt, in­duk­­tiv gese­hen,

111. Nämlich gerade von der Seite der Erfüllung her. Diese, die ja ontologisch und semantisch
sup­­poniert (prä­su­miert) wird, würde es dann im Beweis oder mit ihm nicht geben.
112. Cf. W. & M. Kneale 1966 p. 289.
113. Sie dürfen dann nicht derart über die Implikation markiert sein, dass sie falsch sein könn-
ten oder qua Falschheit noch aliquomodo korrigierbar. In dem Sinne sucht Ockham dann kon-
struierend den ab­so­­lu­ten Beweis. Er heißt im Vollsinn demonstratio potissima und stellt darin
ein Modell dar.
114. Will man aber die weitläufigere Beweisart, die Ockham somit zwar zuließe, aber noch
nicht in Händen hät­­te oder präsentierte, auch nur einen Augenblick semantisch oder ontolo­
gisch denken (i.e. in dieser Weise be­grün­det denken), so müsste damit auch für jeden Sach­
ver­halt und schließlich das Beweisen schlechthin ontolo­gi­scher oder semantischer Natur sein.
Sein in dem Sin­ne sachli­cher, sachgerechter und realer (extramentaler) Ge­halt, selbst seine
Wahrheit stün­den damit gerade, entgegen der Absicht und grundlagentheoretischen Meinung
und Vor­mei­nung, noch dahin. Anders: die ganze Anlage der Erörterung (Theorie) müsste zir­
kulä­rer Art sein. Sie ent­spricht so nicht den Intentionen Ockhams. Er hat eine solche Ver­fah­
rensart und Begründung, wie man jetzt er­kennt, mit Grund ausgeschlossen und ver­mie­den
(umgangen). Müssten wir aber erst ontologische Beweise füh­ren, wie Duns Scotus das ver­sucht
oder semantische Grundlagen postulieren wie Walter Chatton, so hätten wir zwar eine Synthe-
sis der begrifflichen und logischen Erkenntnismittel versucht, sie aber noch nicht er­langt. Es ist
al­lerdings auffällig, dass W. & M Kneale sich um diese ontologischen und dann weiterhin die
seman­ti­schen Ba­sislegungen der Logik und Deduktionstheorie beson­ders kümmern und hier
eine Plau­si­­bi­li­tät suchen, die für den engeren und definiten Beweisbe­griff nichts zur Sache tut.
Ockham versagt dann für sie vorab auf die­sem vorder­hand iso­lier­­ten Felde, das, wie man sieht,
in negativer Weise relevant ist.
158 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

nicht über diese quasi empirischen actus der Begriffe und Sätze definiert sein und
dabei die Im­plikation bzw. die Geltung meinen. Insofern ist die empirische Geltung
darin nicht ge­meint und kann sie nicht gemeint sein, i.e. auch nicht im Sinne oder
nach dem Ver­ständ­­nis von Notwendigkeit.115
Ockham geht die Beweistheorie dort konstruierend an. Er geht sie rein men­talis­
tisch für die ac­­tus intellectus an. Er schließt so das fal­­sum aus. Im fal­sum gibt es keine
signifi­ca­tio. Ock­ham tut für den Auf­bau der Scho­­­las­tik, sie si­chernd, was Autrecourt
als für sie zu fordern, aber nicht zu erfüllen ange­se­­hen hat. Aber Ockhams Lehre geht
mit der Emen­dation, die kri­­tisch und im Rahmen der Kritik, die sie enthält, doch
Autrecourts separierte Standpunkte nicht zulässt, sondern sie selbst als absurd er-
weist oder exreguliert, den für epatant gehaltenen The­­sen Autrecourts zeitlich voran.
Sollte Autrecourt seine wenigen scheinbar radikalen, in je­dem Fall aber auch isolier-
ten und in nur wenig Diskussion gekleidete kategorischen Verlaut­ba­­run­­­gen Ockham
entnommen haben und sie von mehr als vom Hörensagen kennen, so be­stün­­de doch
der Widerspruch, dass er sie nicht wie Ockham in dem Ge­­flecht der Er­ör­te­run­gen
und so­­lu­ti­o­nes präsentiert, in welchem sie, wenn sie sich der Abstraktion verdanken
(wie die The­se zur notitia intuitiva, die ohne das Objekt, dessen praesentia sie doch
definitio­ns­ge­mäß wahr­­­nimmt, sein könne u. a.) und eben dadurch den Widerspruch
ausschließen (i.e. nicht ent­­hal­ten), den ihnen die Interpreten gerne zuschreiben,116
Durchgangsstationen (ca­sus117) innerhalb der Argumentation sind und eben nicht
jene scheinbar „kritischen“, schnei­denden Be­findungen, als welche sie bei Autrecourt
auftreten und erratisch werden.118

115. So gesehen kann sich auch die Implikation nicht abstrahierend (abstraktiv) über der Em-
pirie er­heben oder in der Abstraktion enthalten sein.
116. P. Vignaux, 1958 ist eine Ausnahme.
117. Belegfälle für nicht erlaubte consequentiae, die man für zwangsläufig halten möchte, die
aber nach Ockham abzuwehren sind. Wenn sie abgewiesen werden, führen sie nicht auf weitere
consequentiae, die man als Wider­sprüche zu erachten hätte. Das zeigt Ockham oft im Splitting
von casus. Bei diesen treten die Kau­sal­re­fe­renzen und Kausalbedingungen als em­pirisch mo-
difiziert, als mit kontingenter neuer Ausgangslage veränderli­che auf. Das lässt sich dann aber
empirisch aufweisen und induktiv begründen oder verwenden.
118. Ockham hat rational gebunden Kriteri­en auf­ge­stellt und be­rück­sich­tigt, die Au­tre­court
in un­ge­bun­dener Form provokativ wie­derholt und für unerfüll­bar ausgibt. So er­schien ihm das
scho­lasti­sche Er­kennt­nisstreben wert­­los. Er scheint radikaler als Ockham vermöge der in weni­
gen Thesen sich er­schöpfenden Diskussion. Al­so ra­dika­ler, so­fern man denken will, er knüpfe
an Ockham an und tue es zugleich nicht, i.e. per Äquivo­kati­on. Er ver­tritt ei­ne Absurdität, die
auszuschließen Ockham be­strebt sein muss. Sie könnte aber nur auftreten, in Kontradiktion
mit dem Beweisen selbst, wenn sie aus irgendwelchen besonde­ren, allgemeingültigen und um­
fassenden Termini folgte. Also beweisbar wäre. Sie müsste so mit diesen Termi­ni identisch sein.
Danach wäre es sinnlos, Beweise zu fordern, weil bezüglich dieser Sophismen zu gelten hätten.
Das hätte Autrecourt Kritik einen anderen Charak­ter zu geben. Sie könnte gattungstheore-
tisch nicht mehr als na­türliche Skepsis angesehen werden. Über Sophis­men und Logik darin
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 159

Dass Ockham die Strukturen hat, die die Argumentation ausmachen und von ihr
erzeugt wer­den und damit implizit die Implikation als internes oder äußeres Merkmal
der Sätze, der Kon­struk­tionen usw. ausschließt, hat eine bedeutende Folge: Wenn für
eine Anzahl oder alle Klas­si­fi­ka­ti­onen von Sätzen und ihre Rollen im (syllogisti­schen)
Beweis mit Ockham gel­ten soll, dass sie nicht von der Im­­pli­kati­on abhängen (sie auch
erkenntnistheoretisch nicht ge­winnen), dann werden die­se Fälle für sich de­ter­mi­­nat
und unte­r­­­­ein­­an­der kon­sis­­tent erschei­nen. Beides wird iden­tisch. Aber als in se kon­sis­
tent ist Ockhams Kon­­zept ge­­gen den Vor­wurf gesi­chert, die Scho­las­­tik stelle ver­­mö­ge
der Ab­sur­di­tät ihrer Be­grif­fe und ihrer Sätze ei­ne sinnlose Be­schäf­tigung dar.119 So gilt
der Fol­ge­rungs­be­griff indi­rekt doch: im Sinn der De­terminatheit, in Be­zug auf die er
zu besagen hat, dass die Fol­ge­rungen nicht gezogen wer­den können sollen, die nicht
induk­tiv bezüglich der Re­­­ali­tät und Empirizität oder vermöge ih­rer begründet wer­
den können.120 Es ist so aber auch erkennbar, dass die Implikation bei der Konstrukti-
on der demonstratio po­tis­si­ma nicht leitend bzw. unabdingbar sein kann.121 Die fi­des

müssten wir neu und separat nachdenken. Ein solcher Begriff ist Ockhams notitia intuitiva
nun gerade nicht; er könnte es gar nicht sein. Mit ihm muss eine andere Anlage angenommen
wer­den: dass em­pi­ri­sche Wahr­neh­mun­g (+ Be­griffsbil­dung) in der notitia intuitiva, dann die
kontin­gen­­te Aussa­ge in der notitia ab­stractiva, endlich was Beweisfä­hig­keit aus­macht und von
empiri­scher Erkenntnis unterschei­det, ihre media be­stimmt, auf der Differenz von in­ten­­siona­
ler Einsicht (Argument) und primärer Evidenz beruht.
119. Damit werden die Begriffsarten und Begriffsklassifikationen noch einmal zur Entschei-
dung der Frage, über Sinn und Unsinn (Absurdität) relevant werden können (oder müssen).
Das be­reits macht die Position Autrecourts äquivokativ. Die Entscheidung hängt nicht von
den Ter­mi­ni substantia und accidens, deren Trennung oder Be­grün­­dung bzw. gar im­­­mediaten
em­piri­schen Evidenz ab, sondern davon, in welchen begrifflichen Formen sie re­a­­li­siert würde
und be­gründet sein könnte. Hier operiert Ockham mit Induktionen, die dadurch in be­son­de­rer
Wei­se empirisch fixiert sind, dass sie mit Hilfe einer Negation bezüg­lich ihrer Basis kei­ne un­
be­­ding­te Realwer­tig­­keit mehr meinen; diese wird damit intensional und intentionell re­­du­ziert,
aber natürlich nicht bestritten. Es wird nur die unterlegte significa­tio nicht ausge­drückt oder als
in dem Ausdruck enthaltene unterstellt. Auch die Nichter­klär­­bar­­keit des conceptus als Zei­chen
bzw. der fehlende Aufweis eines empirischen (realen) Gegenwerts, würde die Scholastik und
Ockham noch nicht in Misskredit bringen können, sondern wiederum nur besa­gen, dass die
Phi­­lo­so­phie vielleicht zuerst sich mit der Fassung und Erklärung von ihr für zu­träg­lich und hin­
läng­­lich tauglicher Begrif­fe und Sätze zu befassen hätte. Wollte man sagen, dass Ockham nur
dies und quasi bloß in Ge­stalt von Prä­­liminarien getan habe, so ist zu entgeg­nen, ein­mal die
Frage sei prin­zi­pi­el­l und übere­po­chal von Be­deutung, wie mit Begriffen be­grün­det Er­kenntnis
ver­­bunden sein kön­­ne, dann dass dies historisch in der Zeit Ock­hams und Au­tre­courts zu den
scholastischen Begriffsbildungen oder Termi­no­logien ge­fragt wurde.
120. Die Implikation bezeichnet so die Determinatheit: Denn bei ihr entfallen mehrheitlich
Fol­ge­run­gen.
121. Argumentationstheoretisch tritt mit Ockham eine Verschärfung hinsichtlich der Bewer-
tung von Argu­men­ta­­­ti­on ein: Wo Argumentation ist, kann nicht mehr veritas sein. Verum und
160 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

christiana aber kann nicht ver­tei­digt werden.122 Doch stehen fides und scientia oder
doc­tri­na christiana und ratio nicht wirklich in Opposition. Sie werden genau in dem
Sinn vermi­t­telt und abgegrenzt, wie das scholasti­sche Mittel der Rationalität, das Ari-
stoteles’ Philoso­phie entnommen wird, Eingriffe und Re­­du­zie­run­gen erfährt. Im No-
minalismus Ockhams wird die Scholastik, die zu Notwendigkeit und All­gemeinheit
stre­ben musste, wenigstens wenn sie Argumente auftat und erfand, durch Ab­lei­tungen
ersetzt, die zur Kontingenz zurück­führen. In ihr werden Welt und Subjekt vermit­
telt. Doch sie ver­schmel­­zen nicht und können ein­ander auch nicht sub­sti­tu­iert wer-
den. Natür­lich wissen wir auch nichts über die divina es­sen­tia.123 Wir nähern uns mit

falsum rücken aneinander; der Wech­sel zwischen ihnen muss kontingent sein. Daher kann
aber auch nicht theoretisch oder kritisch und weltanschau­lich auf ihn abgehoben werden. Er
muss a parte argumentationis statuiert werden. Die bei Gödels „Un­­ab­leit­bar­keits­­theorem“ (1931)
für axiomatisierte mathematische Sy­s­teme gemachten Voraussetzungen: (1) Wahr­heit = Wi­­­­der­
spruchsfreiheit, (2) dass das System, dessen Wahrheit alias Widerspruchsfreiheit darin un­be­
weis­bar (un­ab­leit­bar) ist, wi­derspruchsfrei (wahr) sei, (3) dass die Aussagenlogik das ‘a priori’
vorstelle und (4) die mathe­ma­ti­sche In­duk­­tion die Deduktion legitimiere (ω-Konsistenz!), teilt
Ockham nicht. Sei­ne Er­ör­­terungen zei­gen dann, dass er es nicht tun muss. Seinem Verfah-
ren kom­mt ‘logisch’ die höhere Allge­mein­­heit und ent­schei­dende Überordnung zu. Denn er
‘beweist’ auf einem engeren Raum grundlegend bezüg­lich der Par­tikel und Ingredienzien des
Beweisens und der Satzbildung. Seine formierten Satz- und Beweistypen ab­sur­di­s­ie­ren die
Meinung, es müsse uns quasi anthropologisch bei Argumenten unabdingbar um ‘Wahr­heit’
ge­hen.
122. Für Ockham ist nur die Frage, ob die theologischen Aussagen oder die sie begleitenden
oder beinhaltenden Ak­te bzw. ha­bitus selbst als rationale zu klassifizieren sind oder in dieser
Hinsicht vorab ausscheiden. Sie kön­nen auch im ersteren Fall nie als wahr bewiesen werden.
Die klassifizierte ratio arguendi (= Beweis) bedeu­tet, dass eine in­tel­lec­tio in den Akten und
vermöge ihrer mit den Begriffen und Sätzen, in der formatio comple­xo­­rum be­züglich ih­rer
stattfinden kann. Auch das ist denkbarerweise bezüglich ihrer nur hypothetisch vorzustel­len,
gar bei ei­nem Wechsel über das menschliche medium in Begriffen und aus ihnen gebildeten
Sätzen hin­aus. Auch da den­ken wir in potentia, nicht in actu. Also nicht im Sinne einer de
facto unterstellten Wahr­heit. Es ist ein mit dem menschlichen Denken und seiner genetischen
Grundlage im empirisch ge­won­ne­nen Begriff kompatibler hypo­the­­­­­­­tischer ‘Fall’. Der dieserart
fiktiv empirische, rational keineswegs suspendierte, jedoch beim Verstandesakt un­­eingelöste
und entfallende Wahr­heitsmaßstab bestimmt dann auch nicht mehr Luthers Verständnis von
der fi­des nach In­halt und Funk­tion. Sie kann denn Wahr­heit in einem rationalen Sinn nicht
mehr sein. Was dann?
123. Ockham geht nicht an die Seiendheit Gottes in se wirklich heran. Cf. Ord. d. 7 q. 2 OT III
p. 142 lin. 3: „ali­­quid in Deo possit sic et aliter accipi“; das betrifft nicht die (ib lin. 4): „distinctio
praedicabilium de Deo, quae non sunt De­us.“ Alle Begriffe müssen an Gott (die essentia divina)
erst herangebracht werden. Das stellt die logischen Pro­­ble­me, die nach Ockham in der beweis-
theoretischen Überformung alles Logischen, bei de­nen das Logische wie das Ontologische, das
Erkenntnistheoretische und das Erkenntnispsychologische je nur in Dienst genommen wer-
den, i.e. in genau dem Sinne wieder ausgeschieden oder relativiert, als bedingt erscheint und
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 161

Ock­hams Met­ho­de den Aus­sagen, die die divina es­sen­­tia betref­fen, so an, dass sie
noch einem bo­nus intellectus (ei­ner ver­ständigen Auf­­­fas­sung) entsprechen. Wir kön­
nen die Strukturbestim­mun­gen der Sät­ze in die divina es­sen­­tia hineintragen und z. B.
über die Beweisbar­keit/­Nicht­­beweisbarkeit der Aus­sagen ent­scheiden, selbst wieder
bewei­send, et­wa mit­tels der persua­sio.124 Denn sie be­­wahrt den von der Im­­plikation
freien Struktur­gesichts­punkt. So entfällt die Implika­ti­on noch dort wo die Ableitung
in die Kontin­genz er­­folgt.125 Hier mag die superbia rationis bei Ockham persönlich
kulminieren; objektiv ist sie hinfällig, da die Methode sie zwar aufbaut doch zugleich
einkreist. Denn gelangen wir mit Ockham bis zu einem jenseits­weltli­chen Raum, so
müssen wir ihn als Auslöschung der ‘conse­quen­tia’ erfahren, an deren Ort wir nicht
mehr begründen und das heißt dann auch: nicht mehr induzie­ren konnten.126
Ockham hat, wie wir sahen, die übernatürliche Erkenntnis von Gott als für uns
bedingt not­wen­dig betrachtet. Er hat unsere Einsicht in Gottes Wesen, sofern dar-
in die tatsächliche Evi­denz enthalten wäre, bestritten oder ausgeschlossen. Er zeigt,
dass wir eine faktische Erkennt­nis von Gott nicht erwerben können evtl. aber schon
haben, wenn wir die Begriffe, die wir von Gott haben, ausgestalten, etwa über die
induktive Begründung der distinctio rationis für die göttlichen Personen und Re-
lationen sichern. Wir können von Gott propositiones per se no­tae haben, die darin
gleichwertig empirisch gelten (müssen): ‘pater prior filio est’. Es kann da keinen Ge-
gengrund geben. Der Satz, als solcher nicht über das Widerspruchsprinzip be­stimmt
und gestaltbar, unterliegt ihm auch nicht.127 Er müsste damit auf Dogmen stoßen,

so­gar dafür er­klärt wird, indem es reprobatio und refutatio gewährleistete. Cf. Kap. 2: Supposi­
tionslogische Iden­ti­tät und Kon­tingenz (zu Ord. d. 4–8).
124. Einen solchen Fall haben wir im in den Anmn. 11, 25,50 insgesamt genannten Text. Cf.
Anm. 126. cf. auch Ord. Prol. q. 2 OT I p. 75 lin. 9–12.
125. Die Widerspruchsfreiheit hört auf ein Maßstab zu sein. Der Widerspruchssatz entfällt
genau in dem Sinne, wie Empirie und empiriefreie Abstraktion zusammengebracht werden
(müssen). In dieser Form (der Verlage­rung) von Notwendigkeit vollendet und destruiert sich
die Scholastik, eben ohne apologetisch zu sein.
126. Könnten wir Ockham oder irgendeinen Philosophen, der von Gott spricht oder Theo-
logie treibt, auf den Wi­derspruchssatz fest­le­gen, so hätten wir in genau dem Sinn formell die
Unterscheidung von abstrakt und kon­kret, allgemeingültig und kontingent, aufgehoben: wir
hätten dort, wo Ockham, etwa qua distinctio rea­lis, we­nigstens die oder eine empirische Opti-
on festhält, diese weggelassen; wir wären über sie hinweggegangen.
127. Ockham zeigt, dass reine Zeichenformationen, welche in dem Sinne signifikativ zu sein
hät­­­ten, nicht per Im­pli­kation behandelt und entwickelt werden können; das ist der Sinn der
SL. Entsprechend kann intensionale Qualität von Ausdrücken, weder unmittelbar (recte) noch
reflexive, per reductionem ad absurdum ‘begründet’ wer­den. Der reductio ad absurdum würde
die fallacia entsprechen. Kein Sinn im Verhältnis (i.e. nach der Kom­bi­nation) von Be­griffen
kann, gleichsam über diese hinausgreifend, reflexiv per argumentum für sie begründet wer-
den. So müssen Begriff und Inhalt identisch sein. Das ist Ockhams Forma­li­sierung. Sinn­lee­re
162 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

nicht aber auf wirkliche oder a limine zu begründenden wissenschaftliche Strukturen


unseres Den­­kens be­­treffende Einsichten.128 Er kann vermöge der divina potentia ab-
soluta die wissen­schaft­­li­che Erkenntnis theologischer Wahr­hei­ten im strengen Sinn
zulassen;129 denn die scien­tia (conclu­sio oder notitia istius conclusionis), wie sie mit
dem Syllogismus (demonstratio po­tis­sima) auf­­­­tritt, ist von der Prämisse oder notitia
praemissarum real verschieden. Das ist die Be­din­gung des Eintretens (hypothetisch
gedachten Wirkens) der divina potentia absoluta; es gilt auch hier:130 „quod non sit se-
cundum communem cursum“. Die weltliche Bedingung gött­li­cher Intermittenz und

(A­b­surdität) entspricht der fallacia und kann also auch re­flexiv für Pri­märsätze begründet wer-
den; sie ver­lie­ren da ih­­ren Sinn (Intension). Dabei greifen die ver­schie­denen Stufen der appre-
hensio ineinander: Ockham kann so widerlegen (Ord. d. 35, q. 2 OT IV p. 441 lin. 3–11), dass es
„de ratione intellectionis est dependere ex suo obiecto.“ Got­­­t als Be­­weger des Himmels sei da
kein (wegen Gottes Unabhängigkeit gar selbstwidersprüchliches) Gegenargu­ment, denn: „hoc
non valet, quia non pot­est pro­bari quod om­nis intel­lec­tio intelligentiae moventis coelum de­pen­
det a coe­lo, et ta­men mo­vet coelum.“ Es gilt dann: „in no­bis non sem­per in­tel­lec­tio cau­­satur ab
obiecto, sed ali­quando cau­sa­tur ab obiecto ali­quan­do non.“ Ähnlich beim Überredungsbeweis
(Rep. II, 4–5 OT IV p. 55 lin. 16 – p. 56 lin. 5) „quod deus sit cau­­­sa libera re­spec­tu omnium.“
Ockham bekräftigt „tenendum est tamquam credi­tum quia non potest demon­stra­ri (sic!) per
aliquam rationem ad quam non responderet unus infidelis.“ Ali­quis nicht om­­nis! Aber: „per­sua­
de­ri tamen pot­est“. Hier entfaltet Ockham den Satz, dass Gott alle Dinge, die er her­­­vor­brin­­gen
könne, mit ei­nem Ma­le (ae­que primo) überblickt (respicit). Dabei muss er, wenn er welche
her­vor­bringt, frei wählen, also ei­ne freie Ur­sache (causa libera) sein, während die causa con-
tingens nicht frei sei. Auch hier ver­­bin­­­­­det Ockham zwei Ebe­nen und lässt sie ge­geneinander
durchgreifen. Es gibt also mehr Be­wei­se als Au­­tre­court glaubte, aber sie be­ru­hen darauf, dass
der Widerspruchssatz nicht im Sinne der unteren (kon­­­kre­ten) für die obe­re (ab­strak­­­te) gültig
oder definiert sein kann. Ockham kämpft mit seinem formalen Kon­­­strukt dafür, dass Be­grif­fe
(und Sätze) nicht sinnleer (absurd) seien. Das nahm Autrecourt in seiner Kritik an, der die
Scholas­tik als Mo­­dell­­be­reich tö­rich­ter Sätze und vergeblicher Erkenntnisbemühungen ansah.
128. Quine hat bestritten, dass die materielle Implikation einen sprachlichen intellektualen
Ausdruck organisieren und zugleich natürlich kategorial leiten und bestimmen könne, der ab-
solute Erkenntnis zu besagen vermöchte. Auch das muss gegen die Intentionen Autrecourts
sprechen.
129. Er widerlegt (Ord. Prol. q. 7 OT I p. 184 lin. 7–12): „quod habita fide primorum princi-
piorum theologiae, respectu quorum non est scientia proprie dicta nec cognitio evidens in
nobis, adquiritur scientia conclusionum sequentium ex illis principiis, ita quod conclusiones
sciuntur scientia proprie dicta, quamvis principia non sint evidenter nota.“ Er erweitert die
These (ib. p. 187 lin. 17 – lin. 20) „de potentia Dei posset esse scientia proprie dicta de veritatibus
theologicis, et forte in aliquibus ita sit de facto quantum ad aliquas veritates.“ Dann zeigt er in-
duktiv (ib. p. 187 lin. 20 – p. 188 lin. 15), dass da keine definite Beweisführung bestehen könnte.
Der Zusatz verstärkt (erweitert) die Induktion und setzt die selbst unexplizierte empirische Ba­
sis gegen die potentia Dei (sic!). Doch das Verhältnis von ‘propositio contingens’ und ‘propositio
per se nota’ zur res extra animam bleibt unerforscht.
130. Ib. lin. 20.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 163

gemeiner Weltlauf sind hier wie immer zu unterscheiden. Über letzte­ren erhebt sich
die Erkenntnis, die sei es dem abstrakten Begriff vertraut, der von Gott und cre­­a­tu­­­­ra
univok gebraucht wer­den kann, sei es mit formalen Anordnungen arbeitet, die ein­
fach nicht ausgeschlossen werden können und damit einen neuen Typus der Standar-
disierung set­zen, der einen „herkömmlichen“ Deduktionsmodus der Scholastik wie
der Neuzeit ersetzen bzw. kompensieren. Ihn finden wir (gebrochen) bei Duns Scotus,
(proble­ma­­tisch) bei Spino­za, (programmatisch) in der „mathematischen Analysis“.131
Letzterer konnte via Konsis­tenz­prin­­­zip die absolute philosophische Erkenntnisform
nicht attestiert werden.132 Ockham be­zeich­­­­net eine Struktur, in der sich Jenseitswelt
und Diesseitigkeit im Sinne der Argu­men­­ta­tion und der für sie benutzten For­meln
und Floskeln weiter durchdringen.133 Seine Philo­so­phie ist mit neuzeitlicher nicht per
se vergleichbar.134 Die Kontin­genz extra animam wird von Ock­ham nicht zur Crux

131. Cf. F. Erwe, Differential- und Integralrechnung I + II, 1962.


132. Cf. K. Gödel, Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwand-
ter Systeme I, 1931.
133. Man denke an das Omnipotenzprinzip auf der einen und das Widerspruchsprinzip auf
der anderen Seite und das Ökonomieprinzip als Ausdruck eines Verbots des bedenkenlosen
Wechsels zwischen Empirie und Ab­strak­­tion. Da Gott selbst ohne allen Widerspruch sein
(können) muss, um überhaupt sein zu können, i.e. um an­ge­nom­­men zu werden, kann er nicht
mehr durch Widersprüche extra se ipsum bestimmt werden. Es scheint eher die Ab­sur­d­ität
schlechthin zu verkörpern, dass er durch etwas begrenzt (reguliert) werden könne, was nichts
mit ihm zu tun hätte. Das er­laubt den Gebrauch der Gottesvorstellung in Beweisoperationen
und insi­nuiert (rechtfer­tigt und in­tegriert) die Induktion; sie muss so wohl nicht analytisch
begründet werden (kön­nen). cf. Rep. II, q. 4 Utrum De­us sit agens naturale vel liberum OT V
pp. 52–79 ib. p. 69 lin. 15f: „hoc est de ratione prioris quod pot­­­­­est esse si­­ne posteriori sine con­
tradictione.“ Das be­gründet für Ockham eine bestimm­te consequentia. Es gibt dann Grenzen
Gottes, die allein in der schon von im emit­tier­ten Schö­pfung be­grün­det sind (ib. p. 66 lin. 13–
18): „Dico universaliter quod omnis forma quae potest produ­ci a Deo per potentiam Dei sine
subiecto (also ohne den Grenzfaktor) simpliciter creatur a Deo de facto. Sed si sint (sic!) ali­ae
formae (statt Ed. forma) – puta re­s­pec­­­tus – quae non pos­sunt creari a Deo si­ne subiecto vel
fun­­da­mento, tales non creantur. Istud tamen secundum di­co si­ne assertione.“ Cf. Rep. II, q. 19
OT V p. 414 lin. 16–20: ‘substantia est causa immediata concurrens cum Deo’! Auf die causatio
a solo accidente hat Gott keinen Einfluss. Bei der der substantia hilft er durch die con­­­ser­vatio.
Ockham nennt auch das universale forma: SL I c. 14 OP I p. 49 lin. 42f und ib. p. 48 lin. 33 – p. 49
lin. 3 mit Zi­tie­rung Avicennas: „est una ex formis quae sunt in intellec­tu.“
134. Man sehe, dass bei Ockham nicht Vermögen Gegenstand der Untersuchung sind, son-
dern Akt­e. Sie wer­den nach ihrer Reichweite bewertet. Noch die göttlichen Vermögen (potentia
absoluta und po­tentia or­di­­nata) werden auf menschliche Akte oder Bedingungen bezogen: Ab-
straktion und Empirie. Von Gott können sie, da sie keine menschlichen Akte sind, sondern nur
argumentativ auf unseren Begriffsgebrauch (z. B. causa usw.) be­zo­gen wer­­­­den, nur äquivokativ
gebraucht werden. K. Bannach, 1975 und J. Goldstein, 1999 verwei­sen da­rauf, dass Ock­­­­­ham
sie in den Quodlibeta als bloße modi loquendi bezeichnet und unter­schie­­den habe und ih­nen
kei­nes­wegs in der divina essentia einen ‘Ort’ (eine Verankerung) zuweisen wollte. Das hätte
164 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

des Denkens gemacht.135 Sie ist inhärentes Moment seiner Operatio­nen, Argumente
und Beweise.136 Beweisbarkeit steht dabei soweit infrage, dass sie schließ­lich nur noch
reflexiv per reprobationem für den scholastischen ‘Kategorienbe­griff ’ auftritt und ihn
ver­­­­­mittelst einer Negation auf die significatio bezieht137 und zu einer eigentümlichen
Begren­zung auf ein je partikulares Beweisziel von Beweis zu Beweis führt. Die dar-
in anhän­gi­gen in­tensional geringen Absichten werden von den Argumentationsfor-
men Induktion, per­su­­a­sio re­pro­batio getragen und realisiert, wie sie auch mit ihren

sein logisches Ope­rie­ren aufhe­ben müssen. Von intellectus und voluntas als Vermögen spricht
Ockham bei Gott und beim Men­schen.
135. Nach Autrecourt ist die Kontingenz (und unabsehbare Wandelbarkeit) in rebus, fiktiv ex
con­ditio­nibus re­­rum, der Grund, dass die Geltung der ontologischen Konzepte zweifelhaft sei,
die so für ihn Gleich­blei­bend­heit, Dau­­er, Stabilität und mentale Voraussetzung von Erkennt-
nisadäquatheit indizieren. Für Ockham dagegen ge­stal­tet sich die Widerlegbarkeit über den
in sich nicht auszuschöpfenden kontingenten Satz, der dem con­se­quens als fal­sa implicatio
gleichkommen kann. Nach Ockham ist ausgeschlossen, dass Folgerungen an Begriffe u. dgl.
anschließen und ihr constituens sein könnten. Es steht gegen eine Grundannahme des Duns
Scotus, die bei Autrecourt zwittrig zu seiner atomistischen Vorstellung tritt. Mit dieser aber
sollen sichere empirische Wahrnehmungen und eine an sie anknüpfende Implikation nach
Autrecourt wenigstens forderungsweise vereinbar sein. Ein ‘A priori’ bleibt so und wird ari-
stotelisch behauptet. Es stünde gegen Autrecourts Meinung von der realiter atomistischen und
nicht verlässlichen ‘Natur der Dinge’. Man hat hier aber auch noch anders über ihn geurteilt: Er
sei ein Vertreter der Konzeption des ‘significatum totale’, das wir hauptsächlich mit Gregor von
Rimini verbinden. Den Begriff des complexe significabile im Sinn der Satzentität und Satziden-
tität schuf nach K. H. Tachau, 1988 p. 278 Adam Wodham. Dann pp. 303–308. Tachau glaubt
p. 354, dass Autrecourts provokante The­sen sich auf die­se Wod­ham­sche Idee des com­ple­xe
signifi­ca­bile wenigstens zum Teil stützten, so dass Autre­court ontologischen Begrif­fen die Be-
deutung absprach, weil er sie als unanwendbar auf das com­ple­xe significa­bi­­le ansah bzw. auch
oh­­­ne com­­ple­­­xe significabile seiend. „There­in lies the real significance of Autre­court’s re­canted
positions.“ Und ei­ne petitio principii (Autrecourts und/oder Tachaus). Tachau hält ihre Deu-
tung p. 355 nicht durch.
136. Dies soweit, dass etwa die Satzarten einen schwankenden Wert bekommen und nicht
vollständig und definit begründet werden können. Darin stehen sie gegenein­an­der und erfah-
ren, wie sich in diesem Kapitel zeigte, an­ein­ander gleichsam intensional Subtraktionen. Wie
aber die Begriffe nicht ineinander übergeleitet werden kön­nen, so auch nicht die Sätze und
Satzarten (d. h. die Sätze nach ihrer Bestimmung). (Ord. Prol. q. 2 OT I p. 83 lin. 11): „non
semper complexum necessarium posterius potest demonstrari per principium primum, et­i­am
si ex ipso posset inferri syllogistice, sed cum hoc requiritur quod notitia principii possit cau-
sare notitiam posterio­ris.“ Aber auch in der notitia sind Begriff und Satz nicht in se angefasst,
erkannt oder gegenständlich, und zwar weder gegenständlich qua gemeinter res extra noch was
den Begriff, Inhalt usw. selbst förmlich in sich angeht.
137. Cf. Kap. 10: Beweis, Satz, Akt.
Kapitel 3.  Zum Verhältnis der Satzformen 165

Verschiebungen, den ein­deu­tigen Satz­cha­­rakter138 nicht zulassen.139 Es entsteht aber


damit eine ‘Ordnung’ der Akte, der Be­weislei­s­tun­gen, der Satztypen, der gewonnenen
und zum Teile eben auf die actus mentales selbst an­ge­wandten Maximen, der Begriffs­
typen, die, wenn sie auf Diskontinuität hinausläuft, indes oh­­­­­ne darauf auch gegrün-
det zu sein, eine bloße Kontrafaktur zu Duns Scotus ebenso wie die reprobatio Scoti
durch den eigenen Ockhamschen Gedankentypus überschreitet. Das Zen­trum, der
Schwerpunkt dieser Operationen liegt darin, dass, wie zwischen Begriffen (und Be­
griffs­ty­pen) keine Implikation bestehen kann, auch zwischen den Sätzen und schließ-
lich for­mell auch zwischen Be­weisen und Syllogismen nicht; damit wird das Fehlen
oder Entfal­len der Im­­plika­ti­­on Signum der Gebilde.140 Sie werden damit intensional
erscheinen.141

138. Er selbst kann in sich nicht wirklich und abschließend begründet werden, gleichsam ar-
gumentativ extrahiert wer­den. Seine Begriffe haben dieses bestimmte Verhältnis nicht; so gese-
hen hat er den festen funktionalen Wert gegenüber anderen Satztypen nicht.
139. Es betrifft auch Be­griff, ‘Sache’ und Sachbezug von scientia, cf. Anm. 133. Anders B.
Hägg­lund, 1955 p. 25: „Unter ‘sci­en­tia’ verstehen die Nominalisten nur die durch Syl­logismen
be­weisbare Er­kennt­nis so­wie diejenigen Prämissen, die die Vernunft un­mit­telbar als wahr
erkennt.“ Scientia meint bei Ockham na­tür­lich auch, nach dem Vor­gang des Aristoteles, die
conclusio im Syllogismus. Gleichwohl sagt auch folgen­des nicht allzu viel (ib.): „Es ist … der
streng aristotelische Wissenschaftsbegriff, der den Occa­mis­mus zwingt, zwi­­schen Theologie
und Wissen­schaft genau zu unterscheiden und daher auch die Wis­sen­­schaf­tlich­keit der The­olo­
gie zu verneinen.“
140. Hierin liegt eine individuelle Form des Denkens wie der Weltaneignung vor. S. P. Valéry,
Léonard et les Phi­­­losophes (1929), Variété III, 1936 p. 149f: „À mon avis, toute philoso­phie est une
affaire de forme. Elle est la forme la plus com­préhensive qu’un certain individu puisse donner à
l’ensemble des ses ex­pé­ri­en­ces internes ou autres – et ceci indépendamment des connaissances
que peut posséder cet homme.“ Und: „Plus il approchera dans la recher­che de cette forme d’une
expression plus in­­di­viduelle et plus convenable pour lui, plus l’acte et plus l’ouvrage d’au­trui lui
seront-ils étranges.“ Va­lé­ry, der so die Erfahrungen des Indivi­du­­ums als Grundlage der Reaktio­
nen und Ent­wick­lun­gen in der Form der Ge­dan­ken des In­di­viduums ansieht, schließt da­von
for­mell die Kennt­nisse aus, die das Individu­um haben kann. Dass alle Kenntnisse zusammenzu­
schießen hät­ten, damit überhaupt eine Kennt­nis oder Erkenntnis sei und schließlich die Welt
in toto ‘bündig’ erkannt worden sein müsse, und eben die Bün­dig­keit mit dieser Erkenntnis
besitzend und stiftend, wird hier nicht reklamiert. Sie ist auch nicht die wissen­schaft­­­liche. Wir
wissen nicht, ob die Welt intelligent angelegt ist und dürfen es nicht qua Gewitztheit kom­pen­
sie­­ren. Valéry jedenfalls kann Partikularvarianten als autonome Denkweisen denken.
141. K. Werner, Die nominalisierende Psychologie der Scholastik des späteren Mittelalters, 1881
Ndr. 1964 stellt p. 89 fest, dass für Ockham „sich das intellektive Wesen der Seele in das Dun-
kel einer unerforschbaren Ver­bor­­gen­­­heit zurückzieht“, aus der sich dann die Akte und nach
Werner ib. auch die Tugenden ‘blitzartig’ erhe­ben. Ock­­­­ham gehe averroistisch beeinflusst von
einem „empiristischen Naturalismus“ aus. Ockhams Ar­gumen­ta­­tion ist in der Tat nur möglich,
wenn diese Voraussetzung gemacht wird. Sie kann ohne sie nicht be­ste­hen.
kapitel 4

Fides et scientia

Thomas von Aquin hatte eine wissenschaftliche Theologie für möglich gehalten, die,
wie Ockham es aus­­drückt, mit einem Schluss (jeweils) de facto dem Muster der sci-
entia proprie dicta entspre­che: das muss bedeu­ten, dass diese scientia, als existent
zu­nächst nur für die Aktebene be­ur­teilt und hier auch nur nach dem Konzept der
scientia proprie dicta zu bewer­ten, bloß per in­duc­tionem begründet werden konnte.
Von vornherein muss da­mit gel­ten, dass wenn Thomas das nicht auch tut, er nur
widerlegt werden kann; also für seine sci­en­tia falsche Prämissen ha­ben wird. Nach
Ockham hat er diese falschen Prämissen, indem er für einen Akt der scientia proprie
dicta geoffenbarte Prämissen annimmt, mithin solche, die in der natür­li­chen Ver-
nunft per se noch keinen Erkenntnisstatus haben oder: nach der notitia ab­­stractiva oh­
ne einen actus iudica­ti­vus bleiben, der sie als wahr beurteilt. Sie müssten, gäbe es hier
die scientia proprie dic­­­ta, per syllogistischen Beweis als richtig und wahr beurteilt wer­­­
den. Das ist nicht ohne Wi­der­spruch möglich. Sie wären dann einem Beweis zufolge
als wahr und rich­tig eingese­hen, während die Prämissen in sich so nicht ein­gese­hen
wer­­­den könn­ten. Diese wären dann auch als falsche möglich, während sie doch unbe­
dingt le­gitimiert und legitimie­rend sein kön­nen sollten. Man käme aus einer Sphäre
nicht ge­netisch menschli­cher Akte und Begriffe zu ei­­­ner Sphäre genuin menschlicher
Ak­te und Begriffe, die so nicht signifi­kant gefasst und be­grün­det sein kann: derartig
kann es auch keinen exak­ten logischen Schluss gege­ben haben.
Ockham stellt die opinio Thomae dar: „Quidam dicunt quod habita fide pri­mo­
rum princi­pi­­orum theologiae, respectu quorum non est scientia proprie dicta nec
cognitio evi­dens in no­bis, adquiritur scientia conclusionum sequentium ex illis pri­
mis principiis, ita quod conclusio­nes sciuntur scientia proprie dicta, quamvis prin-
cipia non sint evidenter nota“. Thomas hat für die­se These Ana­­­­logien angeführt: die
Geometrie liefert Kenntnisse für die Kennt­­nis der Per­spek­­­ti­ve, die Arithmetik für
die Kenntnis der Musik. Die Theologie ken­ne so Prin­zipien, die Gott und die Seligen

. Dass wir so auch genau eine scientia proprie dicta zu haben hätten, wie Ockham sie defi­
nier­te (s. Kap. 3), hät­te auch zu bedeuten, dass sie, wie Ockham sie sehr einschränkend an­gibt,
induktiv, d. h. den Wahrheitswert über­neh­­mend und einbeziehend, für alle scientia zu gel­ten
hätte. Das schließt wieder aus, dass Wahrheit in se und sen­­su extramen­ta­li eine Rolle ha­be. Es
geht bei Ockham um menschliche Akte und deren ex­pli­zite und ver­­­­­­läss­li­che Be­stim­mung. Die
Frage „Utrum theologia sit scientia“ stellte zuerst Alexan­der von Hales.
. Ord. Prol. q. 7 OT I p. 184 lin. 7–12. Dazu s. Ockham mit Bezug auf das Omnipotenzprinzip
Kap. 3 Anm. 129.
168 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

kennten; dabei handelt es sich aber faktisch um den­selben Inhalt, also nicht et­wa um
einen mit dem menschlichen Denkvermögen kongruie­ren­den Unter­schied von an­­te­
ce­dens und consequens in der Folgerung oder beim Syllogismus.
Es ist nun die Frage, wieweit Ockham gegen diese These des Thomas von Aquin
ganz aus dem Stande schon gediegen terminologisch, zum Beispiel bezüglich und
mittels der sci­en­tia pro­prie dicta als Konstrukt und Terminus operieren will. Er
beschränkt sich zunächst auf den Ge­brauch der Induktion, die die Stufendifferenz
zwischen Abstraktion und Em­­pirie wahrt und eben auch herstellt. In diesem Rah-
men und in diesem Sinn treten seine ei­ge­nen Meinungen auf. Die Lehraussage des
Thomas bedeutet, dass Theologie und Wissen­schaft (oder natürliche Er­kenntnis, was
hier noch gleich ist) im Aktbegriff nicht einhellig und schlüssig seien. Dies wird von
Ockham deut­lich ausgesprochen. „arguo contra hoc quod di­­cunt quod fides prae­­­­sup­­
ponitur isti scientiae. Primo sic: numquam duo habitus iudicativi cir­ca idem obiec-
tum sic or­­dinantur quod unus ne­cessario praesupponit alium, – patet inductive –,
quam­vis habitus re­spectu unius obiecti prae­supponat habitum alterius obiecti. Sed
ista fides et ista scientia fo­rent circa idem obiectum se­cundum opiniones duas ulti-
mas. Igitur etc.“ Die In­duktion besagt, dass der (ein) ‘habitus iudi­cativus’ hinsichtlich
bestimmter Akte, hier Sätze, nicht einen an­de­ren ha­bitus iudicativus ‘einschließen’
könne, wenn beide demselben Objekt (das ist der Satz, com­ple­xum) gel­ten. Die Iden-
tität der actus oder Sätze wäre dann de facto nicht gegeben oder ge­­währ­leis­tet. Das
steht induktiv fest. Es bedeutet zugleich, dass die In­duk­­tion förmlich einen Re­albezug
als ihre Basis appel­liert oder hat. Fides und scientia sind ha­­bi­tus iudicativi bezüg­lich
der Sät­ze, die als ‘geglaubt’ oder ‘gewusst’ klassifiziert werden. Die Bezeichnung ‘habi­
tus iudicati­vus’ ist bei die­sem Be­weis und in dieser Erörterung als Funk­ti­ons­begriff
ver­wen­det worden. Mit ihrer Hilfe gelingt die Induktion, insofern es mög­lich ist, von
ihrer Stufe förm­­­lich auf die einer realen Gel­tung oder Identität hinabzusteigen. Ein
sol­­­­­cher Funktions­be­griff ist auch ratio: „Confirma­tur: quia qua ratione unus habitus
re­spec­tu uni­­us obiecti prae­sup­­poneret alium habitum res­pec­tu eius­dem obiecti, ea-
dem ratione ita esset de omnibus aliis; quod non est verum.“ Das ist kein ei­gent­licher
Widerspruchsbe­weis.

. Ib. p. 188 lin. 16ff.


. Ib. p. 188 lin. 23 – p. 189 lin. 2.
. Wo ein Funktionsbegriff eintritt, kann kein Widerspruchsbeweis geführt wer­­den; denn
er müsste ex actu ap­pre­­hen­sivo gelten. Dann aber müsste die Qualität der Gel­tung modal be­
stimmt werden. Das gerade wird durch die Funktionsbegriffe ersetzt; so ist das Omnipotenz­
prinzip im Sinne des Funktionsbegriffs zu verwenden und kann dann eventuell induktiv mit
mo­dal bestimmten Sätzen korrelieren. Dies insofern man eben auf die Realgel­tung in se nicht
rekurriert. Das geschieht bei einem Ge­brauch der Modi secundum compo­sitionem aber nicht
mehr. Nur bei einem Ge­brauch der Modi secundum divisionem gilt es noch; denn hier bleibt
das suppositions­logische Wahr­­­heitspräskript weiter bestehen: dass ein kontingenter Satz ‘wahr’
(förmlich wahr) sei, wenn (nur) die passio pro­positionis supponit pro eo­dem sicut subiec­tum
pro­positionis, demonstrando ‘hoc est hoc’. Modo com­posito vom Satz prädiziert, wird die
Kapitel 4.  Fides et scientia 169

Thomas will einen theologischen, i.e. transempirischen Gehalt oder Charakter der
Aus­sa­­ge in einen wissenschaftlich gewussten umgewandelt sehen, indem der zweite
aus dem er­sten ge­fol­­gert werde. Die Umwandlung müsste also durch die Folgerung,
das ‘Folgern’ in ac­tu, ge­sche­­hen. Das widerlegt Ockham. Er bestreitet also zumindest,
dass die ‘Folgerung’ schon ei­­ner Synthesis von Aussagen und Genesis von Begriffen
vorgreifen könne, bzw. sogar deren Mo­dus einschlösse. In diesem Sinne könnte man
dann wohl auch nicht die Ontologie oder re­a­lis­ti­­­sche Auf­fas­sung in der Universali-
enlehre mit der auf die materielle Implikation zu­­ge­­schnit­­­­­te­­nen Logik gleichsetzen.
Generell könnte man auch nicht eine empirische Er­kennt­­nis in ei­ne theologische und
transempirische umwandeln.
Zuvor aber widerlegt Ockham auch in anderer Form: Dabei hat die propositio
per se nota in die­sem Beweis eine Stellung und Bedeutung, die ihrer Funktion in den
Wi­der­legungen und Re­­­futationen in der Wissenschaftslehre Ockhams überhaupt
entspricht. Die propositio per se nota stellt die Art von Satz dar, der mit seiner Akt-
qualität unent­schieden zwischen notitia in­­tuiti­va (empirischer Wahrnehmung qua
Gewinnung der Begriffe und Bestätigung kontin­gen­­­­­ter Aus­sagen nach der Wahr-
nehmung der Begriffe, die ihn bilden) und der notitia abstrac­ti­va (mit Absehen von
der empirischen Wahrnehmung und Wahrung des reinen actus appre­hen­si­vus der
Begriffe ohne actus iudicativus bezüglich ihrer Richtigkeit und Wahrnehmung ei­­ner
res extra mentem) oszillieren darf. Die propositio per se nota ist einsichtig rein aus

Ebene der Real­geltungen in se nicht (mehr) adaptiert; man operiert auch nicht be­wei­­send ex
negativo, man bleibt aber mit der empirischen Geltung im Einklang, ohne sie direkt in An­
schlag zu bringen. Man macht sie auch nicht per appellationem geltend, so dass man sie denn
immer noch mein­te, ohne sie dem Satztypus nach zu aktuieren. Wir sind auf einer hö­he­ren
Stu­­­fe, auf der, wie der Beweis Ockhams es na­he­legt und enthält, der ac­tus iudicativus und ha­
bitus über die intellectio des Satzes entscheiden muss und nicht die un­mittelbare Evi­denz, die
der beatus usw. haben mag. (Zur Stellung der Funktionsbegriffe im Ar­gu­ment s. besonders auch
Kap. 7, Duns Scotus, vo­litio und Affekte betreffend.)
. Die realistische Auffassung in der Universalienfrage ‘widerlegt’ Ockham, indem er sie als
(bloß) sprach­li­chen Ausdruck aufgreift und dann dessen Absurdität im Sinne der Abbil­dung
auf Realverhältnisse betrachtet: zwei re­al unterschiedene res (substantia und accidens) können
nicht eines werden usw. Damit ist auch eine Grund­lage des Widerlegungsbeweises selbst ge­
streift und insofern unbegrifflich das Widerspruchsprinzip ersetzt worden.
. Die verschiedenen Folgerungsarten, die Ockham annimmt, beruhen stets darauf, dass re­
a­le Beziehungen ge­dacht werden können, die nicht aus einer einsehbaren Ei­gen­­art im Rea­len
ge­schöpft werden können, sondern klassifizierend bloß ein Verhältnis im Äußeren fest­stel­len,
etwa zeitlicher Natur usw. W. & M. Kneale und Pin­borg haben ihr Un­verständnis ge­äußert, in­
so­fern Ockham da nicht die materielle Implikation der Aussa­gen­lo­gik in den Blick genom­men
und zum Zentrum ge­macht habe. Sie würde, wie hier er­kenn­bar ist, seine Be­weis­ar­ten und
Eruierungen nicht tra­gen kön­nen.
. Ib. p. 187 lin. 16 – p. 188 lin. 2. Darauf wird zum Teil schon verwiesen in Kap. 3 p. 112
Anm. 129.
170 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

der Wahr­neh­­mung der Begriffe, wenn man sie erfährt, gleichgültig wie sie denn für
uns in unse­rem Be­wusst­sein und Verstand sich gebildet haben, nämlich ursprünglich
durch no­ti­tia intuiti­va. Die propositio per se nota ist aber auch unmittelbar einsichtig
im Sinn der Wahr­nehmung von Re­al­­verhältnissen. Also etwa, dass das Ganze größer
ist als der Teil. Das gilt in der empi­ri­­schen Wahrnehmung wie aus dem Verständnis
der Begriffe. Ob dabei für die abstrakte Ein­sicht des Sat­zes bereits Schlüsse nötig sind,
wenn sie wirklich abstrakt sein soll, wird von Ock­ham nicht erörtert. Die propositio
per se nota strebt im Prin­zip einem Gebrauch inner­halb von Wi­der­­le­gungen zu, sie
fixiert nir­gend­wo den Aktstandpunkt. Sie gibt auch in ande­ren Fällen das Nega­tiv­
zentrum einer Argumentation ab, in welchem die Bestimmung von Satz­­­charakte­ren
usw. de facto nicht abgeschlossen werden kann. Es ist also nirgendwo ge­sagt, was der
Sta­­­­tus einer pro­positio sei, wenn sie implizit und induktiv noch mit einer propo­s­itio
per se no­ta ver­tauscht oder ‘verwechselt’ werden kann, das heißt von dieser unge­schie­
den und unun­ter­scheid­­bar bleibt. Die propositio per se nota ist per se offen, i.e. unabge­
schlos­­­­­­sen nach ihrer Be­­­­stimmt­heit und entsprechend erscheinen die Sätze, die mit
ihr vergli­chen werden kön­nen, i.e. womöglich noch ‘propositio per se nota’ sind, weil
von ihr de facto ununter­scheid­­bar, eben­­falls als unabgeschlossen und selbst ebenso
wie ihre Termini (subiec­tum und passio) in­de­finit. Ockham erforscht dann an dieser
Stelle nicht Genesis und Syn­the­sis der Be­griffe oder des Sat­­zes. Das bedeutet unter
anderem, dass dieser ‘noch’ nicht auf der Stufe sich be­findet, auf der Satzwert und
‘Wahrheit’ fixiert werden könnten: u. U. als wi­dersprüchlich, als die mo­da­le Bestim-
mung falsum tragend, gar die Bestimmung ‘simpliciter fal­­sum’ (= ab­sur­dum).10
Ockham betrachtet also ausschließlich den Status der Begriffe und Aussagen,11
i.e. deren Cha­­rakter nach den Bestimmungen, die er ihnen nach der synthetischen
Funktion seiner Erör­terun­gen gibt.12 Er erörtert oder bestimmt nicht Inhalte außer-

. Z. B. wenn Ockham beweist, welche Aussagen oder Begriffstypen bezüglich der divina es-
sentia in einem be­stimm­­ten Fall nicht beweisbar seien. (Es handelt sich dann nur um eine Kate-
gorie solcher Begriffe. Der Beweis ist also wirklich auf einen casus ausgerichtet.)
10. Ockham kann also den Satzcharakter und die Wahrheit (bei Begriffen) grosso modo un­be­­
stimmt (sein) las­sen: er nähert sich dann der Unbestimmtheit schlechthin an, der Ab­­­sur­dität,
der Nichtigkeit überhaupt, die mit ih­nen vereinigt gesehen werden kann oder könn­te. Struk­tu­
ren der Sätze, die gelten und das heißt: klassifiziert sein sol­len, werden „ü­ber“ die­ser Nichtig­
keit etabliert, erfunden und ‘ermittelt’ – per inductionem, wenn nicht Wi­der­le­gun­gen voraus­ge­
hen, die die Unqualifiziertheit, falsitas usw. er­ge­­­­ben. Ge­gen­beispiele ha­­ben dieselbe Funk­ti­on:
patet per experimentum. Die Induktion vermeidet so Nich­tig­keit, Falsch­heit, Absurdität.
11. Dass über Aussagen, Begriffe (nach einer Bestimmtheit), actus-Begriffe usw. wie über ex­
tra­mentale Objekte operiert (= „bewiesen“) werden kann, verweist darauf und beruht da­rauf,
dass etwa die Absurdität (oder Inde­fi­nitheit), i.e. die Unerfüllbarkeit und die Unbe­stimmtheit
als in­ten­sionale, modale oder pragmatische Kategorien oder Konzepte bereitste­hen.
12. Cf. G. Leff, Gregory of Rimini, 1961 p. 236: „With Ockham, his logic was that of supposi­
tio; and it brought to the testing of a syllogism the same stringency, insisting in oppo­si­tion to
Duns that both a subject and its proper­ties must be verified independently.“ Das bezeichnet
Kapitel 4.  Fides et scientia 171

halb bzw. ohne diese auf die Struk­­tur bezogene synthetische Komponente der Bestim-
mungen. Nur auf sie beziehen sich die In­duktionen, die darin mit Ausschließungen
und Widerlegungen gleichziehen. Damit gilt auch für ihn, was hier für Duns Scotus
zuvor und nunmehr für Thomas von Aquin dargelegt und behauptet wird: dass die
historische Erscheinungsform einer Lehre nach dieser Argumen­ta­ti­ons­form für die
Scholastiker sich als defiziente analytische Form der Aussage oder Be­weis­­­­­führung
wiederge­ben lässt. Auch Thomas von Aquin hängt erkennbar einem ana­lytischen
Konzept der Darstellung und Begründung an, hier für die scientia selbst, bei wel­chem
die Fol­ge­rung tragende Säule und zugleich, wie Ockham zeigt, uneinlösbar ist. Denn
die Folge­rung kann nicht bestehen, wie die Induktion zeigt, die sie reflexiv aufgreift.
Sie greift auch auf die sig­ni­ficatio unterhalb der Akt­ebene zurück, wenn Ockham sagt,
„inducti­ve patet“ dass ein ha­bi­tus nicht identisch mit ei­nem anderen und anders be-
zeichneten sein kann, der dann noch für dieselben Akte (proposi­tiones = complexa)
gelten können, also ‘ju­dicativ’ (sei­nen) Ge­­halt gel­tend machen können soll.13 Man
könnte auch sagen, dass Ockham immer bei die­­sem ac­tus apprehensivus stehen blei-
ben müsse, so dass er dies hier sogar noch a fortiori und ex­press zu beweisen hätte.
Dem actus apprehensivus schließt sich der habitus unmittelbar an und zwar für die
Begriffe sowohl wie für die Sätze (und beides dabei nicht identisch).
Der Übertrag aus der außer- und übermenschlichen Intelligenz oder intellec-
tio, sei es Gottes oder des Engels, auf die mensch­­­­liche ist damit auszuschließen.14
Ockhams Beweise erlau­ben ihn nicht. Andernfalls wäre Verlässlichkeit der Aussa-
gen oder Bestimmungen usw. nicht ge­ge­­ben. Sie wären potentiell absurd.15 Auch in

kein durch­gängiges und nicht Ockhams einziges Verfahren, wenn­gleich ein nach strukturellen
Kon­texten, die so definiert werden, explizit wiederholbares. Er wi­der­spricht al­­­­­ler­dings der Sco-
tischen Auffassung, Begriffe (subiectum und passio) könn­­ten einander ‘ent­hal­ten’.
13. Der habitus iudicativus aber gilt einzig hinsichtlich von complexa, während der actus iu­
di­ca­tivus incomplexa auf­fassen kann, etwa innerhalb der notitia intuitiva, die aus einem actus
ap­prehensivus und einem actus iudica­ti­vus besteht oder zusammengesetzt ist, also besagt, dass
neben der apprehensio eines Begriffs, etwa ‘puella’, fest­ge­stellt werden, dass der Begriff in An­we­
senheit eines Mädchens gebraucht, demonstrando istam, zutreffend, die Wahrneh­mung ‘haec
est puella’ also richtig oder wahr sei.
14. Das schließt nicht aus, es schließt es vielmehr ‘ein’, dass dieselben Abstraktionsbegriffe, die
für alle Erkenn­t­nis­se, eben so weit wie wir sie uns vermitteln können, auch für Gott und Engel
ver­wandt werden können und müs­­sen: notitia intuitiva und notitia abstractiva. Dasselbe gilt
für alle Aktbegriffe, volitio, intellectio etc. in ge­ne­re. Den Begriff der causa etwa ebenso.
15. Das schließt nicht aus, dass in der umgekehrten Richtung per Abstraktion und Induktion
für Ockham die Sehr­woh­lmöglichkeit (Kompatibilität) von Erkenntnissen ange­nom­men wer­
den kann, die wir nicht haben, die aber auf der Basis derselben Grundbegriffe wie notitia intu­
i­tiva und notitia abstractiva gedacht werden sollen, bei de­nen etwa die divina essentia als ‘res’
das Erkenntnismittel des beatus usw. infrage komme oder ein son­s­ti­ger ter­m­inus, den wir pro
statu isto nicht haben. Davon zu unterscheiden der conceptus, den wir als mensch­li­chen ter­­mi­­
nus quasi haben.
172 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

kei­­nem ordo compossibi­lis, i.e. in einer von der unseren verschiedenen aber ihr noch
ver­gleich­­baren Welt, könnte diese Einsicht, weder für uns noch für andere Wesen,
gegründet wer­den.16 Wir könn­ten aus dieser anderen Welt keine be­­griff­liche causa
immediata für die unsere entnehmen. Die ei­ne über un­se­­ren Teil der Welt, al­so über
die welt­li­che Welt hinausge­hen­de ande­re über­welt­­li­­che Welt kann ent­spre­chend dem
Verfah­ren, das mit Ab­straktion und Induktion ar­­­­­beitet, i.e. we­gen die­ses Ver­fah­ren
von Ab­strak­ti­on und Induktion selbst, abge­trennt wer­den. Werden vor die­sen Mit­teln
der Ab­strak­ti­­­on und der Induktion, die ja von der empirischen Basis aus­geht, kei­ne
Be­­zie­­hungen zur Jen­seits­­welt an­ge­nommen, so werden auch die Ausgrif­fe, die da­nach
mög­­lich sind, nicht als Vor­grif­­­fe auf un­sere Welt ver­standen werden können, die eben
diese im Sinn der Definit­heit und der Empi­rie zu betreffen, zu beschädigen, außer
Kraft zu set­­zen hät­­ten. In diesem Sin­­ne kön­nen Prinzi­pi­en wie ‘non est magis ratio
quod’ und das Om­ni­po­tenz­­prin­zip in die De­batte ein­tre­­­ten. So gilt:17 „non est ma­ior
ratio quod ne­cessa­ria cre­di­bi­lia sint sci­ta sci­en­­tia pro­­prie dic­ta quam quod ve­ri­­tates
contin­gentes credibi­les sint evidenter no­tae mo­­do suo. Sed istae non sunt evi­den­ter
no­tae; tunc enim posset qui­li­bet scire se esse in ca­rita­te, quod cor­pus christi est in al­­­
ta­re, quae videntur simpli­ci­ter falsa. Igi­tur ne­ces­­saria the­o­lo­gi­ca non sunt scita scien-
tia pro­­­p­rie dicta.“ Auch Wahr­­heiten, von denen Ockham zu­gibt, dass sie not­­wen­dige
Wahrhei­ten sei­­en, wer­den als in kei­ner Weise in unsere Welt über­tragbar an­ge­­se­hen,
damit offenbar aber auch nicht als dem Men­schen ein­zu­pflan­zende.
Auch das Omnipotenzprinzip, nominell doch eine erklärte Formel mit Bezug auf
die Über­welt­­­lichkeit, wird von Ockham hier noch gegen Thomas von Aquin gewandt,
wie die­ser die Paral­le­li­tät der Dies- und der Jenseitigkeit, im Sinne einer Folgerung
und Fortsetzbar­keit zu­gleich, be­hauptet. Es wird derart gegen Thomas gerichtet,
dass für die Überweltlichkeit ge­mach­­te Annahmen, bzw. Ide­en und Erkenntnisse,
Gewissheiten usw., die im Geist Gottes z. B. anzusiedeln wären, per Folgerung und
Fortset­zung, zu Schlüssen für den Menschen zu füh­ren hätten, mit de­nen dieser eine
in sich, i.e. welt­lich be­stimmte Gewissheit und Erkenntnis ge­­wönne, so wie ihm die
Gewissheit kraft der hö­he­­ren Des­zendenz für die Prämissen oder Prin­zipien auch ga­
rantiert sei. Eine solche Argu­men­­­­­­­­ta­ti­ons­­struktur bereits steht der Induktion entge­gen
und kann faktisch von Ockham daher nicht akzeptiert werden. Sie wäre gleichsam
noch nicht begrifflich. Wir können uns mit Ockham auf reine Begriffe stützen oder
uns auf sie ausrichten, nicht auf bloße Vorstellungen. Insofern natürlich auch Duns
Scotus in der Ten­denz wenigs­tens Be­griffe benötigt und gebraucht, und Thomas zwei-
fellos rational und somit auch begriff­lich denkt, stellt Ockhams Einspruch wesent-
lich nur eine formative Analyse dar und ist da­mit rein intensional. Sie beantwortet
die Frage: wie können wir Begriffe rational und metho­disch definit gebrauchen?18

16. Die Argumentation bleibt und besteht praeter contradictionem.


17. Ib. p. 188 lin. 10ff.
18. Das kann dann nicht mehr unbedingt unter Abstützung im Widerspruchsprinzip oder – be­
griff geschehen.
Kapitel 4.  Fides et scientia 173

Das Omnipotenz­prinzip stellt dabei einen Funktionsbe­­griff dar, der nicht gegen die
natürliche Erkenntnis greift und nicht in sie eingreift:19 „quod quan­­tum­­cum­que de
potentia Dei absoluta posset esse sci­en­­­­ti­a proprie dicta de veritatibus the­o­lo­gi­cis, et
for­­te in aliquibus ita sit de facto quantum ad ali­­quas veritates, tamen quod non sit
se­cun­­dum commu­nem cur­sum, arguo primo sic: omne quod est evidenter notum
aut est per se no­tum; aut notifi­ca­tum per per se nota; aut per expe­ri­entiam me­diante
notitia intuitiva, et hoc me­diate vel im­me­diate. Sed nullo istorum modorum pos­sunt
ista credibilia esse nota. Quia non sunt per se nota, mani­festum est; tunc enim essent
no­ta in­fi­delibus. Nec notificantur per per se no­ta, quia tunc qui­cum­que infidelis in­
terrogatus de eis as­sentiret, secundum beatum Au­­­­­­gustinum I Re­tra­c­tio­num cap. 8.“
Es gäbe mithin hier eine Befragungsmethode, die dann aber de facto logischen
Charak­ter ha­ben können müsste, und da den propositiones per se notae gälte, und
hier mit dem Auf­bau und Erwerb der propositiones zu tun haben müsste. Die Befra-
gungsmethode müsste vorab schon nach einem logischen Charakter geordnet sein.
Also kann der Status der pro­positio­nes per se notae in sich auch nicht ganz geklärt
sein. Man müsste in diesen ein­grei­fen und in ihm an­­­­ge­siedelt die Erstellung der Aus-
sage oder Erkenntnis betreiben kön­nen. ‘Da­her’ unter­schei­­den sich diese Aussagen
auch von denen, die per notitiam intuitivam allein gelten kön­nen: „Nec sunt nota per
experientiam notitia intuitiva mediante, quia omnem notiti­am intu­iti­vam quam ha-
bet fidelis habet infidelis; et per consequens quidquid potest fidelis sci­re evi­den­ter
me­­­­­­­­­diante notitia intuitiva, et infidelis, et ita infidelis posset evidenter scire ista cre­
dibilia.“ Der infidelis kann aber auch nur nicht im Sinne der Ausgangs­vor­aus­setzung
(Prä­mis­­­se) die­sel­be Er­­kenntnis haben wie der fidelis ex fide. Ockhams Beweis­füh­rung
gilt also im Sinn der Vor­­aus­set­zung bereits und nur induktiv. Ockham gebraucht da-
bei das Omnipo­tenz­prinzip indes bloß partikular, nicht im Sinne eines Durchgriffs,
des octrois ante om­nem cir­cum­­stan­ti­am. Die Umstände, speziell in der dis­tinctio
realis dargelegt, hatten immer zur weltli­chen und in­ner­welt­­lichen Begrenzung die­
ses doch formell überweltlichen Prinzips ge­führt. Auch hier an un­se­­rer Stelle hatte
Ockham das Omnipo­tenz­­­­prinzip bloß partikular ver­wandt oder in An­­­­schlag ge-
bracht; es reicht nicht wei­­­ter als dass es die Definitheit sichert: diese muss Tho­mas
bestrit­ten werden. Der Übertrag zwischen den beiden Weltbereichen wird gekappt. Oh­
ne­hin kann die Kausalität mittels des Om­­­­nipo­tenz­­­prin­zips bloß derartig gesichert
werden, dass induktiv (für die Induktion) von der cau­­sa necessaria zur causa suffici­ens
fort­ge­schrit­ten wird. Die cau­sa sufficiens enthält gleich­sam eine innere consequentia,
die dann de­­ren Ver­hält­nis an­­­­gibt oder darstellt. Die Not­wen­dig­keit wird dann so sta-
tuiert, dass sie nicht mehr zu­gleich ei­ne em­pi­rische ist.20 Die empi­ri­­sche Kau­­salität ist
aber für Ockham keine der unbe­ding­ten und un­mit­telbaren An­­gren­zung von causa

19. Ib. p. 187 lin. 17 – p. 188 lin. 9.


20. Dieser Fall kommt in der Dogmenlehre, bezüglich der Heilsordnung vor. Ockham kor­ri­
giert dann land­läu­fi­­ge dogmatische Vorstellungen oder Auffassungen. Causa sufficiens (oder:
ratio sufficiens) bedeutet dann, dass ein determinater Faktor keine empirische Verbin­dung
174 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

und effectus, wobei die causa als eine einzi­ge und de­finit un­mittelbare die Wir­­­­kung
auslösende, also mechanische, gedacht wä­re. Causa und ef­fectus sind nicht im Bilde
vonein­an­der darstellbar. Wir finden keine inneren Merkzei­chen des effec­tus in der
causa (und umge­kehrt), so dass sie einander zugeord­net sein könnten.21 So greift die
Allmacht Got­tes nach einer kontingenten Ordnung ein, nicht nach ei­ner not­wen­di­
gen im Sinne wesenhaft ver­­­bundener Erscheinungen.22 Als generelle conclusio quoad
no­­mi­na­les kann aber gelten: indem die In­duk­tion mit der Stufendifferenz zwischen
Ab­straktion und Em­pirie zu tun hat, dieses Gefälle wahrt und argumentativ her­­­­­­stellt,
wie hier er­kenn­bar auch die opinio Ockhams selbst, kann sie die Abstraktion über die
Empirie hinaus­he­ben und die­se Em­pi­rie zugleich im Blick be­halten, wie denn wenigs­
tens förmlich hier auch ge­schieht. Denn fi­de­­­lis und infi­delis sind ja auch praktisch
und empirisch ge­schie­­­den, weil die opinio beide Stu­fen oder Ebenen nicht vermischt.
Am Ende redu­zie­ren sich darauf, wie man nach die­ser Dar­stel­lung ver­­muten darf, die
Diffe­renz und der Ge­gen­satz Ockhams zu Thomas.
Was die Differenz zwi­schen Duns Scotus und Ockham angeht, so soll generell
ver­­­mutet wer­­­den, dass eine analytische Funktion zwischen Aus­sagenteilen in den The­
sen des Duns Sco­­­­tus als improbat zurückgewiesen werden kann und entsprechend
‘logisch’ und ‘illogisch’ ein­ander naherücken. Wie die Differenz zwi­schen Ockham
und Duns Scotus sich aus­nimmt, lässt sich leicht zeigen. „Quod autem theo­lo­gia sit

oder Auslegung mehr nötig haben soll; dies wird negiert. So­mit wird eine Abstraktion auch
hier vermöge der Argumentation, die die causa oder ratio sufficiens statuiert, vor­ge­nom­men.
21. Ockham hätte, wenn er den Weltbegriff mittels des hemmungslosen Gebrauchs des Om­ni­
potenzprinzips er­kennt­­nis­­­theo­re­tisch zu ver­unsichern vorhätte, konsequent auch die Psycho­
logie der Akte und Af­fek­­te destabili­sie­­ren müssen, die u. a. die Glaubenslehre und Er­läuterun­
gen des evan­ge­li­schen Gesetzes zu tra­gen ha­ben: die­ser Teil des Christentums könn­te dann
nicht mehr aus­ge­legt und adaptiert, i.e. nicht mehr vermittelt werden. Es gä­be gleich keinen
Maßstab mehr für ihn. Der Vater und der Sohn würden im Wi­derspruch stehen. Wir haben
je­doch in der Psychologie bei Ockham nachweis­lich einen be­­sonders festen Teil der Em­pirie,
der indes, weil hier Kausalver­häl­tnisse, Kontin­genz, Rela­ti­­ons­­be­­griffe vorliegen, bezüg­lich ir­
gendwelcher scheinbaren Not­wen­dig­keitsver­hält­nisse mit­tels der Ar­gu­men­tation Ockhams
revidiert werden kann: Kein Begriff ent­hält fak­tisch einen anderen, keine causa ih­ren effectus
in einer die Auslegung dominieren­den Weise. Das unterwirft auch die Chri­sten­­leh­re der Ratio­
na­­lität. Es fragt sich, ob in ei­nem präg­nan­­ten Sinn auch der Rationalisie­rung. (Der neu­zeitli­che
Ra­tionalismus ist thematisch vor­ab auf den Schö­pfer­­gott fest­ge­legt.)
22. Cf. den Gottesbeweis des Duns Scotus, der eine solche Wesensordnung, zuvor beweisför­
mig dargelegt, zum Aus­gang für den Aufstieg zu Gott nimmt. Die potentia divina absoluta
wird von Ockham allein loquendo na­tu­ra­li­ter für kontingente und empirische Sachverhalte
eingeführt. Das beweist bereits, dass sie diese nicht grund­sätz­lich stö­ren soll. Loquendo supra-
naturaliter wird die potentia divina absoluta dann modales Prädikat von (mo­­da­len) Sät­zen, die,
der empi­ri­schen Obligation entzogen, diesen Modus dann modo composito empfangen, al­so
nicht mehr dem suppositionslogischen Wahrheitspräskript für kontingente Sätze unterliegend.
Da könnte sie nur modo divi­so gelten.
Kapitel 4.  Fides et scientia 175

scientia, probatur, quia illud pot­est sciri de quo scitur quod ad ipsum non sequitur
im­pos­sibile. Sed de quolibet theologico pot­est sciri quod ad ip­sum non sequitur im-
possibile, quia vel erit peccatum in for­ma et potest sol­vi, vel in materia et potest ne-
gari, quia ex hoc ipso quod est falsa, non est per se nota.“23 Wenn Duns Sco­tus sagt,
dass was per se notum sei, nicht falsch sein könne, dann rechtfertigt er, was dem
ac­tus appre­hen­sivus – und sei es per notitiam intuitivam – angehört, durch einen
meta­phy­sisch zu verste­hen­den Wahrheitswert; das enthält oder fordert wohl einen
gewissen Zir­kel­schluss: das per se notum müsste zusätzlich durch die Bestimmung,
dass es nicht falsch sein könne, definiert oder ergänzt werden. Die opinio se­quens
aliquid per se notum, hieße das wo­möglich auch, non pot­est esse sine actibus conclu-
dendis. Es müsste etwas gegen die fal­­si­tas gesichert sein. Wie denn? Das per se notum
müsste so ‘allgemein’ für das Erkennen ste­hen können, worin es nicht ausgewiesen
ist. Bei dem Widerlegungsbe­weis Ockhams ge­gen Tho­­­­­­mas steht es sogar umgekehrt
beschränkt und sehr speziell, nicht für das Erken­nen all­gemein. Nach Duns Scotus’
oben zitierter opinio müsste Wahrheit forderungsweise durch Schließen gesichert
werden können, ohne notwendig durch Schließen bestätigt werden zu müssen. Es
hieße, dass das logische Folgern potentiell, wie Ockham bei Erörterung des Verhält-
nisses und Unterschieds von medium intrinsecum und medium extrinsecum zeigt,
„auch“ außerhalb des Operierens steht. Dieses kann damit logisch sein oder nicht; es
tut nichts zur Sache.24
Für die Lehre von der demonstratio (im Syllogismus) gilt, dass die notitia praemis­
sa­rum cau­sa notitiae conclusionis sei. Nicht aber die praemissae (als Sätze oder Akte)
cau­sa der conclu­sio. Ockham beruft sich dazu auf Aristoteles, der indessen nicht ganz
dasselbe sagt. Die ne­ces­­­­sa­ria sind necessaria nicht notwendig bereits durch den logi-
schen Schluss im Syl­­­logismus, der­art, dass sie damit auch scientia proprie dicta und
„scita scientia proprie dicta“25 wären. Wür­­­­de die Notwendigkeit aus Syllogismus oder
consequentia geschaf­fen, gäbe es die Indukti­on nicht, die, wie man sieht, jede Deduk-
tion oder Nichtdeduktion über­­­­­fas­­sen kann, bzw. eine De­duktion auch als scheinbare
entlarven. Die Scholastik war gezwungen, Not­wen­dig­keiten zu schaffen und sie schei-
terte daran. Bedenkt man, dass damit contingentia als Not­­­wen­digkeiten er­scheinen
und ausgegeben werden könnten, so wäre die An­strengung über­flüs­sig und sinn­los;
man könnte aus contingentia Sätze folgern, „quae vi­den­­tur simpliciter fal­sa“.26 Es gibt
kei­­­ne Mög­lichkeit, kon­­tingente Aussagen so als propositi­o­nes per se notae zu denken,
dass da­mit, wie sie struktu­riert sind, Aus­­sagen als wahre ‘folgen’ könnten – nämlich

23. Ib. p. 186 lin. 8–13 (Bei Duns Scotus Repor­ta­tio Paris., I, Prol. q. 2 nn, 6–12 ed. Wadding,
XI-1, 15b–19b).
24. Duns Scotus’ Programm oder Konzept bzw. Theorie, wie wir es aus seiner Deduktions-
bzw. Beweispraxis kennen, wird hier nicht beachtet. Es erweist sich ‘bezüglich dieser Stelle’ als
gebrochen oder diskontinuierlich
25. Ib. p. 188 lin. 15. Gesamter Textabschnitt s. Angabe Anm. 8.
26. Ib. p. 188 lin. 14. Gesamter Textabschnitt s. Angabe Anm. 8.
176 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

im Sinne des lo­gischen Schlusses –, während aus ihrer Verneinung absurde Aussagen
zu fol­gen hätten, die aber nirgendwo aufträten. (Wenn ja, so könnten sie als falla­ciae
erkannt und emendiert wer­den.) Im Grunde hat Sco­tus, mit seiner These, dass credi-
bilia, in­dem sie ‘non ad impossibile du­­­cunt’, ‘wah­r’ und ‘wissenschaftlich’ erkennbar
seien, ver­sucht zu zei­gen, dass sie propo­si­ti­­­ones per se notae sei­en. Das hat Ockham
mit die­sem Ar­gu­­ment fak­tisch zu­rück­gewiesen. Ob Scotus damit – auch – auf den
Syllogismus re­kur­rieren woll­te,27 oder ob er das Beweis­mit­­tel im Beweis nicht viel-
mehr offen ließ, soll ebenso uner­ör­tert blei­ben wie die Frage, ob nicht Duns Scotus
bereits mit einer großen Men­ge für nicht be­weisbar er­klärter Glau­benssätze in ge­­­­­­­wis­
sem Gegensatz zu der zitierten Stelle stün­de. Bei­de An­sich­ten des Duns Scotus könn­­­­
ten auch kompatibel sein. Duns Scotus ‘beweist’ aber selbst wenig effizient, eigentlich
kaum.
Ei­ne weitere Ansicht, die Scotus näherungsweise behandelt und zurückgewiesen
hat,28 lautet in Ockhams­ Zitierung: „quod theo­logia est vera scientia non solum quan-
tum ad conclusio­nes sed quan­tum ad principia, ita quod habita fide principiorum,
virtute illius fidei et luminis in­­tel­­lectus agentis adquiritur scientia illo­rum eorun-
dem.“29 Wieweit damit vereinbar bzw. kon­­sis­tent noch die andere Mei­­­­­­nung gelten
kann, dass theologische Glaubenssätze mangels für sie be­weisbarer Unge­reimt­­heit
(Falschheit, Absurdität), also wegen dieser Unbewiesenheit oder ‘Unbeweisbarkeit’,
zu gelten hätten, wie das oben wenigstens als partielle Sco­ti­sche Mei­­­­­­­nung sich ergab,
muss un­­­­­erörtert bleiben: es müsste dazu generell gezeigt werden kön­nen, dass (ei­ne)
Folgerung in Bezug auf die Signifikativität bei Duns Scotus wirklich gegeben ist, was
u. a. besagte, dass Sig­nifikanz Definitheit sei. Das müsste, wie Ockhams Beweis für die
Ge­schaf­­fenheit der Welt lehrt, bedeuten, dass determinatio implicatio30 sei oder mit
be­in­halte. Ei­ne explizite Mei­nung im Sonderfall wäre also die allgemeine, die theore-
tisch struk­turierte. All­­gemeinheit und Besonderheit fielen so zusammen, wie es denn
bei Scotus immer der Fall ist und schließ­lich dessen Differenz zu Ockham ausmacht.
Denn für Ockham ist Folge­rung Sa­che der De­finitheit. Könnten die opiniones oder

27. Der Syllogismus hat (wenigstens) für Ockham methodisch Vorrang. Das medium extrin­
secum, das Ock­ham dem Syllo­gis­­­mus bei der consequentia formalis alternativ attachiert, wird
keine Sonderstellung er­lan­gen kön­nen, weil dort, wo der für Ockham beweistheoretisch ent­
schei­dende Syllogismus unmöglich ist, keine con­se­quen­tia ihn formal oder inhaltlich begrün-
den kann. Der Syllogismus hat immer ehestens empirischen Kre­dit.
28. Bei Duns Scotus Repor­ta­tio Paris., I, Prol. q. 2 nn, 6–12 ed. Wadding, XI-1, 15b–19b.
29. Ib. p. 185 lin. 14–18.
30. Ockham lässt hier Quaestiones variae q. 3 OT VIII pp. 59–97 zu, dass Gott widerspruchsfrei
eine ewige Welt ha­be schaffen können, aber (p. 67 lin. 141) nicht ab aeterno die creatura. Die
Widerspruchsfreiheit wird hier für ein­mal dem Begriff angeschlossen, was bedeuten muss, dass
eine Folgerung entfalle; für einen identisch signifi­ka­tiven Begriff kann sie dann nicht unterstellt
(angenommen) werden, was bedeuten muss, dass der Got­tes­be­weis des Duns Scotus entfallen
muss und nicht zum theologischen Lehrgut gehören kann. Cf. auch Anm. 43.
Kapitel 4.  Fides et scientia 177

argumen­ta Sco­ti nicht struktu­riert wer­­­den, so wären sie bloß insig­ni­fikant und mit
denen Ockhams – auch struktural – in­­­­kom­pa­tibel, und so wäre über sie mit dem hier
Gesagten negativ entschieden. Es wäre nicht nö­tig, das ex­plizit auszu­füh­ren: Die Skiz-
ze bereits entscheidet über den Fall. Wer historisch die zu­letzt zi­tierte Meinung, die
Duns Scotus verwarf, vertreten hat, ist nicht klar.31
Für Ockhams Stellung zwischen Averroismus und Thomismus bzw. die Abhän-
gigkeit und Be­einflussung durch einen von beiden (mit Vorrang) oder durch beide
lässt sich eine Stel­­­­­le an­­führen, deren Wortlaut zumindest die Tendenz gegen Tho-
mas und Duns Scotus be­kräftigt: „Quidam, sicut philosophi, tenent quod ad omnem
scientiam nobis possibilem possu­mus na­tu­ra­liter attingere, et ideo nihil est credibile
mere nisi quod potest sciri evidenter.“ Das hie­ße, dass der Bereich der bloßen cre-
dibilia, der nicht der Vernunft zugänglich sei, für den Men­schen keinen Sinn ma-
che. Das ist die averroistische Ansicht, die dann im 12. Jahrhundert an der Pariser
Universität nach dem Bekanntwerden der vollständigen Werke des Aristoteles als die
Meinung des Averroes denn auch adoptiert worden ist. Der berühmteste Vertreter
die­ser da­­­­mals nicht kleinen Bewegung war Siger von Brabant. „Sed ista opinio“, sagt
Ockham, „non potest improbari per rationes naturales sed tantum per auctoritates,
sicut alias pa­tebit.“32 Der Schluss ‘non scibile (per intellectum naturalem), ergo –
tan­tum – credibi­le’ soll also, so muss man entnehmen, nicht gezogen werden. Das
wäre auch ge­gen jeden kor­rekten Ab­­strak­ti­ons­mo­dus.33 Als weitere opinio wird von
Ockham anschließend zitiert: „quod quam­­vis cre­di­bilia possunt evidenter sciri, non
tamen a nobis pro statu isto de communi lege. Et ideo the­o­­lo­gia, se­cun­dum quod
communiter addiscimus eam, non est scientia proprie dicta respectu ta­­lium cre­­dibi­
lium, quamvis respectu aliquorum posset esse scientia.“34 Von dieser Lehr­mei­nung
sagt Ockham:35 „Et istam opinionem reputo veram“.36 Es ist also die seine. Es ist dann

31. Ib. p. 185 Textapparat Ed. Anm. 3.


32. Ib. p. 192 lin. 23 – p. 193 lin. 4. Diese An­sicht wird auch bereits Duns Scotus zugeschrieben.
S. Textapparat p. 193 Anm. 1 unter Verweis auf Ordinatio, I, Prol., p. 1, q. unica, n. 12 (Vatica­na,
I, 9).
33. Die Stelle, die die Herausgeber dann für den Ver­weis „alias patebit“ anführen, sc. p. 202
lin. 1–10 enthält keine Klä­rung oder Erörterung, son­dern bloß (Satz-)Beispiele.
34. Ib. p. 193 lin. 5–9. Diese opinio soll die Wilhelms von Ware sein. Cf. p. 193 Textapparat Ed.
Anm. 3.
35. Ib. p. 193 lin. 11.
36. Ockham wird die unbedingte Trennung zwischen Glauben und Wissen, ratio et fides, den
die Averroisten vor­geben, nicht teilen, aber, wie hier zu betonen ist, aus eigenen strukturalen
Erwägungen nicht, nicht nur, weil sie im abendländisch christlichen Raum inopportun wäre.
Er wird hier ja weidlich angegriffen. Auch in anderen Lehrpunkten stimmt er dem Commenta-
tor nicht zu. Ockham (Rep. II, q. 20 OT V p. 442f) teilt die Leh­re des Averroes vom intellectus
agens und intellectus possibilis nicht. Er weist die Vorstellung zu­rück, sie könnten ‘Mächte’
178 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

die Fra­­ge, wieweit es sich, wenn die credibilia beweisfähig werden, noch um reine
cre­dibilia han­deln kön­ne. Man kann so­gar sagen, die opi­nio Ockhams bewahre für
die gesam­te Scholastik ei­ne gewisse Diskor­danz und betrach­te deren Unterfangen als
gescheitert. Es ent­­halte hin­sicht­­lich des Materials der theologi­schen Untersuchun-
gen insgesamt einen Wi­der­spruch, der allerdings zu bedeuten hätte, dass Ockhams
Untersuchungen doch geführt wer­den könnten (ge­­führt werden müssten). Jeden­falls
wä­ren die Untersuchungen, die Ockham vor­nimmt, nicht vorab, unter der Vorga-
be, sie sei­en unzulässig und sinnlos, auszuschließen. Als schlechthin not­­­­wendig und
legitim sind sie da­mit nicht eigentlich bewiesen.37 Es ist aber festzuhalten, dass als
Basis in der Induktion Mo­­­men­­­te inhaltli­cher Natur auftreten, die als von dem Wider­
spruchsmoment nachweis­lich oder denk­barerweise eben­­­so frei sind wie ein Wider­
spruch für sie nicht erwiesen werden kann: sie sind oder gelten als Elemente oder
Aussagen, bzw. Erfah­run­gen oder Wahr­neh­­mun­gen von ab­­solu­ter prakti­scher Natur.
Der Widerspruchs­satz oder das Wider­spruchs­­­­mo­ment ent­­fallen als Re­gulativ ebenso
wie als Basis der Induktio­nen und der Be­­­gründung der Sätze, die etwa mo­dali­ter als
‘potest persuaderi’ apostrophiert würden usw. Es muss auch nicht an­ge­­nommen wer-
den, dass das Widerspruchsprinzip über die Wertigkeit der Glaubenseinsichten oder
aber der Differenz und Distinktion von Glauben und Wissen ent­schei­de. Ockham
sagt, dass die Akzeptanz (determinatio) von Glaubensaus­sagen nicht von er­wie­se­­ner
oder mut­maß­li­cher Wi­­­­­derspruchsfreiheit abhänge bzw. dass sie nicht trotz eines Wi­
der­spruchs gegeben sei. Es ist nicht das Widerspruchsprinzip, das über die Akzeptanz
von Struk­­­turen (Formen) und schließ­lich In­halten entschiede. Die Inhalte können
mit den oder oh­ne die Strukturen gebilligt wer­den; or­ganisch spielt darin nur das
Wider­spruchs­prinzip keine Rolle.
Nun ist die Basis des Erkennens bei Ockham die Empirie, sc. das obiectum oder
res singu­la­ris extra mentem, deutlicher noch die notitia intuitiva38 und schließlich

(p. 442 lin. 19f „sicut motores corporis“) außerhalb des Menschen sein. Ib. lin. 21f: „(Com­­­men­ta­
tor) in hoc negandus est a christi­a­nis.“ Ockham nennt (lin. 24) intellectus agens und intellec­tus
possibilis „om­ni­no idem re et ratione“, so dass gelte (lin. 23) „non est po­nen­da pluralitas sine
necessitate“ (Öko­nomieprinzip). Doch (lin. 25 – p. 443 lin. 3): „Tamen ista no­mi­na vel concep-
tus bene connotant diversa: quia intellectus agens signi­fi­cat animam connotando intellectio­
nem pro­ce­dent­em a anima active. Possibilis au­tem sig­ni­ficat eandem ani­mam connotando
intellectionem recep­tam in ani­ma. Sed idem omnino est efficiens et re­cipiens intellectio­nem.“
37. Noch einmal wird damit nachgewiesen, dass Ockhams Verfahren (und Anlage der scien-
tia) nicht einem lo­gisch-analytischen Deduktionsmodus entsprechen kann, weder theoretisch
(in der Fragestellung) noch praktisch (in der Beantwortung der Frage). Zwischen credibilia
und scibilia muss kein ‘Widerspruch’ existieren. Ockham ten­diert ohnehin zu compatibilia, er
stützt solche Entscheidungen aber durch strukturale Exegesen ab. Hier ist der Fo­l­ge­rungs­mo­
dus nicht eminent und leitend. Eben auch nicht für die Relation der compatibilia selbst.
38. Es ist erkennbar, dass Determinatheit unabhängig von Definitheit gesichert werden kön-
nen muss und ent­spre­chend keine entbehrliche topologische Grundgröße ist: die notitia intuiti-
va be­­züglich der Feststellung der Nichte­xis­tenz und Nichtpräsenz muss, um gegenüber einem
Kapitel 4.  Fides et scientia 179

aber grund­sätz­­­lich der kon­­­tingente Satz.39 In diesem ist das Widerspruchsprinzip


untergegangen, nicht nur weil er ein nicht-analytischer Satz ist, sondern weil schon
das suppositionslogische Wahr­heits­­­prä­skript es ersetzt hat. Dabei ist immer zu be-
rücksichtigen und einzuschließen, dass die reali­sti­sche Universaliendeutung rein
dem sprachlichen Ausdruck und allen dessen Ausle­gun­­gen nach von Ockham aus-
geschieden wird: reprobiert in Form von reductio ad absur­dum. Die re­a­listische Uni-
versaliendeutung erreicht danach kein obiectum extra mentem, ist so nicht defi­nit.
Die dann im Sinn der persuasio und der Abstraktion sich erhebenden und denk­ba­
ren opi­ni­ones Ockhams sind, wie sie von ihm aufgestellt und verteidigt werden, auf­
grund der Be­gren­zungen (Negationen) in der Induktionsbasis begrenzte Auskünfte.
Sie kön­­­­nen kombi­niert werden, wie sie jeweils nicht extensiv, nicht extensional und
nicht mit dem All­­­gemein­heits­wert versehen gelten können oder sollen. Die Ansich-
ten sind also relevant nach der Be­stimmt­heit der Art und Abart von Begriffen und
deren Kombination als s und P.40 Der Inhalt verliert sei­ne Unterordnung unter das

ob­­­­iec­tum extra mentem unanhängig (vor-)gegeben sein zu können, wo sie nicht verursacht
sein kann, weil das obiectum ja nicht existiert, dem der Urteilsakt mit der nega­ti­ven Feststel­
lung ent­sprechen soll, nach der Erzeugung angesichts eines empirischen Objekt außerhalb des
Sub­jekts für diesen Urteilsakt bewahrt (konserviert) werden sein. Conservator praeter omnem
cau­­sationem aber ist Gott. Er ist, wo er hervorbringt, in seiner Weise also schafft, stets auch der
conservator und umgekehrt. Er „er­hält“ (= bewahrt) eine notitia intuitiva, die damit al­s solche
definit bleibt. Sie bleibt – nur so – jene Instanz, die se­cundum definitionem über Prä­senz (oder
existentia) und Nichtpräsenz des kontingenten Objekts entscheidet. Es gibt also ei­ne einge-
schränkte Vergleichbarkeit mit der Erkenntnislehre Berkeleys, der zufolge Gott selbst in uns die
empirische Erkenntnis bewirken muss, freilich die des dabei geforderten realen Ge­gen­­­stands,
der von existentia, nicht von Nichtexistenz, was bei Berkeley ja geradezu widersin­nig zu sein
hätte.
39. Vignaux meinte, für uns als Betrachter müsse es gleichsam natürlicherweise naheliegen,
mit der notitia ab­strac­­tiva dann die Notwendigkeitswertigkeit von Sätzen zusammenzulegen,
also zu vermuten, dass die notitia ab­strac­tiva notwendig und einzig solche notwendigen Sät­zen
Raum zu geben und sie zu tragen habe. Doch ist er­kenn­­bar, dass die Qualifikation von Sät­­zen,
auch die notwendiger Sätze ebenso wie die derjenigen Sätze, die aus der propositio con­­­tin­gens
sich ergeben, allein aus der Betrachtung des Verhältnisses von s und P entwickelt wird: per ar-
gumentationem ad locum. Sie sichert die Signifikanz, die nicht absolut ist und nicht per se der
Ab­strak­­tion angehört, der sie nur durch petitio principii zugeschlagen würde.
40. „dico quamquam…tamen (= gleichwohl)…“ oder „Nego istam consequentiam“ sagt
Ockham dann wohl. Eine consequentia negiert auch Duns Scotus: „Sed nonne sequitur, a et b
non sunt idem formaliter, ergo sunt for­ma­li­ter dis­tincta? Respondeo quod non oportet sequi,
quia formali­tas in an­tecedente negatur, et in con­sequente affir­ma­tur“ (nach L. Hon­ne­felder,
1979 p. 378). Sollte er das tertium non datur damit bestritten oder negiert ha­ben (wollen), hätte
er es über die Ablehnung einer consequentia getan. Das ist kompliziert: Diese Negation muss
da­mit zugleich die distinctio formalis (formalitas) definieren, wenn diese Allgemeinheitswert
haben = allgemein­gül­­tig sein können soll. Die distinc­tio for­­malis könnte dann kaum mit Fug in
eine Deduktion eintreten, wie wir sie Scotus zuschreiben; nach H. Scholz, Abriss der Geschichte
180 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Widerspruchsprinzip, indem er es faktisch e­r­­­setzt. Dem ent­spricht, wie gerade noch


einmal angedeutet, die Induktion. Sie hat es hier mit men­talen Fak­­­to­ren zu tun. Der
begrenzte Begriffswert im Satz zählt dazu, ebenso wie die re­du­­­zier­te All­­ge­mein­­­­heit41
der Auskunft in einer opinio oder solutio Ockhams. Aus dem Be­reich der Notwen­dig­
keit, als welchen wir die essentia divina wohl ansehen können, lässt sich nicht in die
Empi­rie und die kontingente Weltgestalt übertragen, etwa noch so, dass wir beide
dann wei­­­ter im Sinn von Analogien, nach Folgen und Folgerungen etc. zu betrachten
hätten.42 Es gibt aber mit unserer Erkenntnis kompatible Fälle von Akten, die diese
Erkenntnis über­stei­­­­­­gen. Wo Fol­­gerung per Omnipotenzprinzip gekappt wird, sind sie
nicht aus­ge­schlos­sen.43
Fides und scientia sind also bei Ockham nicht eigentliche Ge­gensätze: sie werden
nicht über eine solche Struk­­turdifferenz derart entwickelt, dass dies eine Wertung ent-
hielte und den Un­ter­­schied von meta­phy­sisch-theologischer Wer­tung und empirisch-
menschlichem Erkennt­nis­­stand fixieren könnte.44 Vignaux45 sieht mit G. de La­gar­de
bei Ockham eine „coïn­ci­­den­­ce d’in­­­té­rêts philosophiques et d’intérêts religieux sans

der Logik, 1931 p. 20 in Anm. 26 liegt sie ­ideal­typisch bei Spinoza vor. Scholz berücksichtigt
noch nicht das Paradox von Löwenheim und Skolem.
41. Hier scheiden die Tautologien aus, in deren Nähe Vignaux Ockham bei seinen Ex­egesen
gesehen hat. Die per­su­asio kreiert die strikt nicht-tautologische Aus­­­­­sage (die eingegrenzt gül­ti­
ge Devise) oder Struktur. Dazu ins­bes. Kap. 7.
42. Damit wird bis in die Struktur und Auflösung der fallaciae hinein der Unterschied von
sub­stan­tia und accidens wirksam. Es ist insbeson­de­re auch noch zu zeigen, wie die Unter­schei­
dung für die Erörterungen der Naturphilo­so­­­phie gilt und hier zur Duplizität von forma und
ak­zi­dentell bestimmter Veränderlichkeit und eben Unbe­stimmt­­­­heit bei physischen Vor­gän­gen
führt und darin zur Beweisform der persuasio, um den Begriffsgehalt fest­zu­stellen und eben
bezüglich einer gewissen Einheitlichkeit zu klären, was stets der Abstrak­ti­on gleich­kommt.
43. Auch hier ist die (negierte) Folgerung Teil des Inhalts. Das bestimmt die Determinatheit.
Z. B.: Gott kann me­di­­um cognitionis in einer notitia beatorum sein, es kann eine notitia ab­
strac­tiva sine notitia intuitiva praecedenti ge­ben und schließlich noch eine notitia abstractiva,
die ein eigenes Medium hätte und neben der notitia intuitiva in der visio beatifica, die notitia
intuitiva ist, anfiele.
44. Könnte es geschehen, so gäbe es vermutlich ein Problem der Definitheit. Denn es könnten
nicht dieselben ele­men­taren Bestandteile oder Richtgrößen, wie etwa die notitiae, aber auch
al­le Argumentformeln und -begriffe, wie etwa forma, ratio, usw. auftreten. Argumentformeln
und Argumentbestandteile hätten keine vergleichbaren ‘Gegenstände’ und Bezüge, womit je­de
Argumentationsart à la Ockham entfiele. Man müsste a parte praedi­ca­ti vorgehen und ana­­­
lytisch operieren (begründen) = Tautologien oder Trivialitäten angeben; man wüsste nicht, wie
es bei Ockham der Fall ist, ob die strukturell verwendeten reflexiven Begriffe gefasst hätten.
45. P. Vignaux, 1938 und 1948 p. 185. Vignaux’ Interpretationen besagen immer, dass notorische
Im­plikations­bestand­tei­le bei Abstraktionen wegfallen können sollen und sollten, weil dies zu
deren methodologischer Tech­nik gehö­re. Nicht nur bei Ockham. Auch bei der Met­hode der
Kapitel 4.  Fides et scientia 181

aucune origine commune“. Das Om­­­­­ni­po­tenz­­prin­­zip bedeute im Ge­brauch Ockhams


keine Beschneidung der Allge­meinheit und Not­­wen­­digkeit von Erkenntnissen, i.e. der
Begriffe, welche in die Überfassung durch das Om­­­­­­ni­po­­tenzprinzip ein­gingen. „Elle
(sc. die puis­sance divine) n’implique point par son ‘no­mi­­­­­­­na­lis­me’ … de scepticisme
à l’égard du con­cept, de l’universel, du nécessaire.“46 Auch wenn wir die empirische
Welt übersteigen, haben wir es wei­ter formal mit Zeichen und Ak­ten zu tun (der Ver-
schiedenheit von erkennen­dem Subjekt und erkannter Sache oder Sach­­welt.47 Als kon­­
stitutionelle muss sie durch die Argumenta­tion ausgefüllt und ero­bert wer­den.48
Ockham hat nicht unterstellt, dass jene Möglichkeiten von Sätzen, die wir nicht
haben, die mit­­­­hin als kompatible anzusehen seien, auch existent seien. Sie sind gewis-
sermaßen nur auch noch denkbare; er nennt sie „propositiones ad minus possibiles“;
aber „nobis non sunt possi­bi­­­les“. Das ist der Unterschied. Sie sind, wenn sie auf der
Wahrnehmung der divina es­sen­­tia be­ruhen ‘propositiones per se notae’. Die ‘propo-
sitio per se nota’ ist aber die per se ein­seh­­ba­re Aussage, gleichgültig, ob ihre Begriffe
intuitiv uns vermittelt wurden oder uns ab­strak­tiv ge­­­­geben sind. Daraus ‘folgt’, dass
wenn der beatus von der divina essentia eine intui­ti­ve Er­kenn­t­nis hat, er nebenher
noch eine weitere Erkenntnis in einem anderen Medium ha­ben kann, in welcher nicht
mehr Gott als res selbst den terminus (nicht: conceptus) der Er­kennt­nis ab­gibt. Sie ist
dann notitia abstractiva.49 Auch sie erscheint hier, mit ihrer Trennung von der no­ti­­­­tia

longuitudines oder latitudines. Es wird der An­schein ei­ner „per se“ bestehenden Plausibilität
darin appelliert.
46. Akzentuierungen, die den äußeren Anschein zum Ausgang nehmen, verfehlen die Sache,
z. B. bei Vignaux die we­nigstens partielle Deutung des Omnipotenzprinzips als theologisch aus­­­
zulegender Inspiration. Das Omnipo­tenz­­­­prinzip hilft nur dabei, die intensionale (in­halt­li­che)
Qualität der notitiae zu stützen und, sodann, deren ar­gu­men­tative Referenz und Re­le­vanz zu
sichern, ihre Mächtigkeit und ihre Begründung zugleich festzulegen. Auch liegt in Ockhams
Gebrauch des Omnipotenzprinzips nicht bloß eine abstrakte Siche­rung der Not­wen­dig­keit und
Befesti­gung gegen die empirische Akzidentalität vor: weder das dem Wort­laut nach theologisch
an­gehauch­te Prin­­­zip noch der natürlich empirische Er­kennt­nisstand ha­ben andere als funktio­n­
a­le und inte­gra­tive Be­­deutung vermittelst der Argu­men­tation. Das be­grenzt und bestimmt die
Art der Ar­gu­mentation bei Ockham. Die Empi­rie kann aber ab­strak­tiv überschritten werden;
Abstraktion und Empirie sind dann miteinander kompatibel.
47. Die bloß technische Behandlung geht bis zum Begriff der creatio: wobei erörtert wird, nach
welchen als kor­rekt zuzulassenden Sätzen ein Verhältnis von substantia (divina essentia) und
göttlichem actus bzw. der creatura als Produkt seines Handelns und wie zu deuten ange­nom­
men werden kann. Cf. Kap. 5 Aus dem Innern Gottes.
48. Das Urteil gilt auch, wenn man mit R. De Guelluy, 1947 p. 14 urteilt: „sa théorie de la con­­
nais­sance … pa­raît bi­en l’apport le plus originel et le plus décisif de son œuvre“.
49. Cf. Ord. d. 3 q. 4 OT II p. 440 lin. 8–10: „aliquis alius terminus (ein anderer terminus als
jene, der in der in­tu­i­­ti­ven Erkenntnis des be­atus vor­liegt, der in der visio beatifica per notiti-
am intuitivam als res quae est ipsa Deus auf­­­tritt) est in illa propositione quam potest talis (sc.
182 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

in­tui­tiva, die in den empirischen menschlichen Verhältnissen der notitia ab­strac­tiva


vor­aus­­­­­­geht, als mit der notitia intuitiva deitatis, in der deus ipse als res supponit, ver­ein­
bar: potest per­sua­deri quod possit esse. Für die empirisch-menschlichen Verhältnisse
wird die Gleichheit von ter­­minus und res ausgeschlossen.50 Wo aber (wie oben) die
adverbiellen Be­stimmungen zum Modus ‘possibilis’ hinzutreten, sc. ‘ad minus possi-
bilis’ (= immerhin mög­­lich) und ‘no­bis non possibilis’ (indes für uns nicht möglich)
wird die Realität einge­klam­mert. Possibilis ist möglich, nicht in oder nach der Realität,
sondern von dieser abgegrenzt. Das Adverb hat in die­­ser Funktion, mit der es zum
Modus hinzutritt, negative Be­­deu­tung.51

beatus) formare paedicando illud idem quod nos praedica­mus de aliqua essentia.“ Denn wir
ha­ben eine notitia abstractiva auch von der divina essentia. Aber wir haben damit nicht jene
notitia abstracti­va, die der beatus neben sei­ner visio beatifica seu notitia intuitiva deitatis hat,
wenn in dem entsprechenden Satz, deus ut res supponit pro seipso. Cf. ib. lin. 10–15: „ita quod
sint ibi (sc. in pa­tria) duae propositiones ad minus possi­bi­les quae no­bis non sunt possibiles.
Secundum hoc dico: quod illa propo­si­tio quam de facto habemus, non est per se nota. Sed
propo­si­­tio utraque quam format beatus, sive paedicando es­­­se quod est deus de divina essentia,
sive illud quod nos prae­­dicamus, est per se nota.“ Der Satz, der in der no­­ti­tia abstractiva des
beatus propositio per se no­ta wäre, ist es nicht in der auf den menschlichen Begriff ge­stütz­ten
notitia abstractiva ‘mit demselben Inhalt’. Es han­delt sich also um reine Vereinbarkeiten auf der
Akte­be­ne.
50. Cf. SL I c 37 lin. 13–14: „res extra animam non est signum praedicabile.“ Das spricht ge­­gen
Hochstetters Be­haup­­tung, Ockham habe nicht nur für den Begriff ‘terminus’ die Be­deu­tung res
zugelassen, sondern auch an­fäng­lich für die Natur des menschlichen conceptus ei­ne Deutung
als res veranschlagt. E. Hochstetter, 1927 p. 80f nennt die Konzeption und Bestimmung des con­­­­­­
ceptus als ‘res’ als ältere und später aufgegebene Vorstellung bei Ockham. Das ist unbegründ-
bar: zwar bemerkt Ockham Ord. d. 23 q. unica OT IV p. 65 lin. 4f: „intentio pri­­ma vo­­­catur
res realiter exsistens“, aber sein Text ib. lin. 5 – p. 67 lin. 6 geht nicht im Sinn einer Auffassung
des Be­griffs (pri­ma intentio) als realiter existens extra ani­mam fort. Cf. p. 65 lin. 15–19: „Quia
lo­gicus praecise habet di­cere quod in ista pro­positione ‘homo est species’ subiectum supponit
pro uno communi et non pro aliquo signi­fi­­­ca­­to suo.“ ‘Significatum’ muss zunächst auf beide,
intentio prima und intentio secun­da, bezogen sein. Also auch auf ho­mo als inten­tio pri­­ma. Das
‘commune’ fie­le also mit dem Begriff zusammenfal­len, sofern oder wenn ‘species’ prä­diziert
wird: „Utrum autem illud com­mu­ne sit aliquid reale vel non sit reale, ni­hil ad eum, sed ad me­­­
taphysi­cum.“ In der suppositio simplex wird der Begriff aber nicht bezeich­net; er ist da kein
significatum. Als sol­ches käme ihm die sup­positio personalis zu. Ein ‘Zeichen’ kann nicht als
conceptus und als res benannt wer­den. So denn ganz klar (ib. lin. 5–7): „Intentio autem secun-
da vocatur aliquid in anima rebus applicabile, praedi­ca­bile de nomi­ni­bus rerum quan­do non
habent suppositionem personalem, sed simplicem.“
51. Es ist klar, dass die propositio ad minus possibilis in nichts eine propositio, die uns nicht
möglich ist, ein­schlie­­­­ßen (implizieren, in welcher Form nach welchem Konzept von Implikati-
on auch immer) kann. Gerade das soll sie aber bei Thomas von Aquin tun, wenn man sie denn
nicht, wie sie den beatus zukommt, nicht bloß als mög­­­lich, sondern als real zu betrachten hat.
Insofern hat Ockham eine ganz andere Intention als Tho­mas. Cf. Ein­leitung Anm. 58, Kap. 1:
Kapitel 4.  Fides et scientia 183

Die Verbindung des Omnipotenzprinzips mit einer exzessiven, planmäßigen und


abundanten Sprengung der Weltwirklichkeit, ihres ordo creatus, darin als Wunder be-
zeichnet (sei es dass solche Aussetzung der lex communis in Gottes Geist, angeblich
zur Willkür gestimmt, ver­legt wird, sei es dass sie bloß im menschlichen Verstand
zu geistern hätte, der Gott fürchtend nicht zu sich selbst zu finden vermöchte,52 wie-
wohl es auch dabei von der psychophysischen Basis her noch um zwei Dinge sich
han­deln müsste, da es um zweierlei Verwirrtheit gehen könn­te), hät­­te sehr untypisch
mit einem Wunder, nämlich ohne jeden sichtbaren und für alle of­fen­kun­di­gen und
ver­pflichtenden Zeichencharakter, zu tun.53 Gott müsste gleichsam unbe­merk­liche
‘Wun­der’ tun, die im Übrigen zu bloß privater Desorientierung wo­mög­lich ohne al­le
weitere Fol­gen zu füh­ren hät­ten, die einem dabei geschädigten Individuum meistens
gar nicht aufzu­fal­len hätten, also auch nicht einmal dieses schädigten, es sei denn sie
könnten zu ei­­ner neuen Welt­ord­­nung führen, wo­mit sie auf­ge­hört hätten Wunder
zu sein. Allenfalls träte man da in ei­­nen or­do com­pos­sibi­lis ein, sei es mit dem einen
‘Wunder’, sei es mit der Kette der neu­­­­­­­en Ver­hält­­nisse, in denen das „Wun­der“ Platz
hätte; schließlich könnte das Wunder aus der hiesi­gen Welt in die dort­ige verpflanzt
dort auch ein bloßer Schat­­ten, ein blinder Fleck, ei­ne Leer­stel­­­le in reiner exis­tentia
inexistenti sein. Ockham aber begrenzt die Zahl der Wun­der aus­drück­­lich auf die
überlieferten und lässt nicht ak­tual zu vermehrende zu.54
Wir steigen aber mit Ockham nicht notwendig in die Sphäre der Akte oder noti-
tiae auf, die auch als Zeichen oder Anzeichen eines darin nicht mehr metaphysisch in
sich, in seiner Na­tur zu denkenden Gottes erscheinen; wir können daher logisch dort,
wo es um die (Be-)Wertung ei­­nes Satzes geht, der entweder als solcher für sinnvoll
erklärt werden soll oder gar als po­­­­ten­­ti­­ell eine Erkenntnis darstellend, bereits mit den
alten logischen Techniken, etwa nach der The­o­rie der fallaciae, operieren: auch hier
stellen wir Identitäten her oder stellen sie fest, der­­art, dass Nichtidentität, bzw. de-
ren Nichtgegebenheit den Mangel bedeutet. Wir errei­chen, was in anderen Fällen, in
der Aktlehre oder wenn wir Sätze modal erklären, bzw. sie be­richti­gen, zum Beispiel

Das Verhältnis der Begriffe bei Ockham Anm. 75 und Kap. 7: Form­be­griff und reale Wahrheit
Anm. 116.
52. Für Ockham hatte Gott dem menschlichen Geist kein Hindernis entgegen­setzt, wenn der
Mensch dachte. Das heißt: in seinem Medium blieb. Das ist ein Moment mensch­licher Frei­heit
im Rahmen und Namen des Mit­telal­ters. Duhem sieht eine Vergleich­barkeit von Ockham mit
Descartes. Etudes II, p. 193.
53. Zum Wunder im antiken Glau­ben cf. F. Rosen­zweig, Der Stern der Erlösung, 1921.
54. Cf. Ord. d. 26 q. 1 OT IV p. 157 lin. 21–23: „Nec po­nen­da sunt plura miracula quae vi­den­tur
ra­ti­o­ni naturali re­pugnare, sine auc­to­ritate Scripturae vel Sanctorum.“ Ockham tastet we­der die
psychi­sche noch die intellek­tu­­el­­le Basis der Ver­nunft an. Das tun erst auf ihn projizierend die
Deuter. Ockham beruft sich auch hier auf das Ökonomieprinzip (ib. lin. 20f). Es soll also nicht
mehr Wunder geben als ‘nötig’. Nötig sind die geoffenbar­ten und die von den Kirchenvätern
angenommenen. Cf. auch noch einmal Nachwort Anm. 73.
184 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

indem wir die distinctio formalis55 einführen oder die distinctio ratio­nis er­klä­­­­­­ren bzw.
die distinctio realis negierend gebrauchen, erlangt wurde, indem es mit der Nega­ti­­­
on eines sol­chen Schlus­­ses übereinkommt, der für eine Abstraktion die significatio
falsch, un­zu­lässig oder un­er­wünscht ergäbe, dann gleich direkt: nämlich die Aus-
merzung eines fal­schen Be­zugs. Wir steigen damit auch gerade nicht in die Sphäre
den Menschen nach dem Ob­­­jekt oder dem Sub­­jekt der Erkenntnis übertreffender
Aktdeutungen auf, für die wir mit un­se­­­ren Be­griffen und Ak­ten nur noch Analogien
kennen, womit wir das Univozitätsprinzip für Be­­­­­­­­­griffe nicht mehr streng bindend
ansehen können. Wir treffen da auf termini, die wir de fac­to nicht haben, die aber
den conceptus, die wir pro sta­tu isto besitzen, analog sind.56 Ockham re­guliert das
Sprechen auch unmittelbar mit Hilfe der Feststellung von fallaciae, die er dabei als
häufig auftretende bezeichnet.57 „Et ideo in multis argumentis est fallacia figu­rae dic­­­
tionis, sub nomine simpliciter absoluto accipiendo nomen connotativum. Sicut sic
argu­en­do: quid­quid potest Deus mediante causa secunda, potest immediate per se;
sed actum meri­to­rium pot­est producere mediante actu voluntatis, ergo sine ea. Et sic
de aliis multis, in quibus sem­per est fallacia figurae dictionis, quia commutatur ‘quid’
in ‘ad aliquid’, secundum unum mo­dum lo­quendi, vel in connotativum, secundum
alium modum loquendi.“58 Die Grund­struk­­­­­­­­­tur des Ar­­guments ist, wie man sieht, syl-
logistisch.59 Wahrscheinlich ist es die aller Ar­gu­men­te, wenn man unterstellt, dass

55. Hierzu Rep. II, q. 2 OT V p. 41 lin. 13: „Non pono distinctionem formalem in creaturis.“
Dazu auch: Quae­sti­o­­nes variae q. 6 art. 3 OT VIII p. 222 lin. 37f: „creatio dicit cau­sam crean­tem
et effectum creatam et connotat ne­ga­tionem immediate prae­cedentem.“ Die Negation wäre die
Stüt­­­ze der Re­lation. Die fällt mit der creatio als actio zusammen. Diese ist inhaltlich nicht ex
creaturis bestimmt.
56. Cf. auch Kap. 3 Anm. 99.
57. Ord. Prol. q. 3 OT I p. 141 lin. 6–14. Deutungen also, die, hermeneutisch als Erkenntnisse
gemeint, auf einen willkürlichen oder be­liebigen Zusatz gegründet sind, gehören zu dem, was
Ockham als fal­lacia secundum fi­gu­ram dictionis er­klärt. Man kann auch sagen, man mengt so
das accidens in die substantia ein.
58. H. Blumenberg, 1966 p. 164 sieht das Allmachtsprinzip devaluiert, weil ‘Gott nicht einen
nicht zurechenbaren Akt schaffen könne’. ‘Zurechenbar’ innerhalb des Aktes ergäbe eine falla-
cia. ‘Zurechenbar’ außerhalb des Aktes wäre eine Relation, die ihre eigene ‘Logik’ mitbrächte,
so dass auf die Identität oder Widerspruchsfreiheit des Aktes weder unmittelbar geschlossen
noch von ihr folgernd ausgegangen werden könnte. Dabei wird ib. p. 165 Anm. 99 schon proble-
matisch genug der Unterschied von actus und potentia bei Ockham verkannt. Er hält auch den
actus als accidens in der anima (substantia) habituell für nicht zurechenbar. Siehe die Sünden­
lehre (sic!).
59. Das Omnipotenzprinzip selbst liegt abstrakt oberhalb der propositio per se primo modo
und der fallacia. Es ist auch ausgeschlossen, dass Gott per Omnipotenz in sich selbst ver­
bleibend – doch – aus sich herausträte. Cf. Ord. Prol. q. 3 OT I p. 141 lin. 7–14. Ockham schreibt
Gott nicht mittels des Omnipotenzprinzips gegen den empirischen Sachverhalt (den kontin­
Kapitel 4.  Fides et scientia 185

allein eine consequentia, wenn sie widerlegt wird, inhaltlich be­trach­­tet, kei­ne syllogi-
stische Form haben kann, sonst aber mit der consequentia formalis über­ein­kommt.
In diesem Sinne lässt sich die Struktur des Ockhamschen Denkens stark ver­ein­fa­­chen
und im Ver­gleich mit diesem als Koordinate alles scholastische Denken.
Wenn Ockham von Gott spricht und damit die menschlichen Begriffe von ihm
gebraucht, in denen allein von Gott gesprochen werden und in denen einzig er für uns
zu verstehen ist, so muss doch ein Unterschied gemacht werden: es muss immer etwas
weggenommen werden, da­­­­mit die Rede Gott faktisch betreffe.60 In derselben Weise
negiert Ockham ‘Schlüsse’, in de­nen Gott gleichsam auf diese Identität mit Weltver-
hältnissen kategorial zurückgeführt wer­den würde.61 Es heißt dies aber nichts anderes

genten Sachverhalt, von dem wir auszugehen haben!) eine schlechthinnige Überlegenheit und
unbeschränkte mechanische Eingriffsqualität + Berechtigung dazu, zu. Das wäre, wie Ockham
sagte (!), gegen die vera und bona logica gewesen und desgleichen (sic!) gegen die wahre und
vernünftige Theologie. Die absolute Überlegenheit oder Verfügungsgewalt Gottes kann in An-
betracht der realen Welt (potentia ordinata, lex communis), in Angrenzung an die sie förmlich
geäußert wird, praktisch und ohne Widerspruch, der so mit der Welt identisch wird, gar nicht
auftreten. Gottes Allmacht könnte als Begriff (Vorstellung) nicht bestehen. Die „bohrenden
Allmachtsspekulationen“, die H. Blumenberg, 1966 p. 542 unterstellt, zeigt Ockham nicht.
60. Paradoxerweise für Ockham (Ord. d. 2 q. 9 OT II p. 333 lin. 3–16) Gott und creatura, bei
denen (ib. lin. 6f) „nihil quod est in creatura habet paritatem cum aliquo quod est in Deo“, (ib.
lin. 9) „in aliquo parifi­can­tur“, für das doch (ib. lin. 10) etwas „non est intrinsecum Deo nec
creaturae.“ Das wird vergleichweise (ib. lin. 11f) auf einen sprach­lichen Begriff (vox) bezogen:
„si­cut non est inconveniens Deum et creaturam pari­fi­cari in ali­­qua voce quae aeque primo
Deum et creaturam significante“ und von da nochmals (lin. 13–15) auf den Be­griff (als ‘con-
ceptus univocus’): „ita non est inconveniens Deum et creaturam parificari in aliquo con­cep­tu
uni­voco.“ Das gilt (lin. 13) „quia illa vox non est aliquid de essentia Dei vel creaturae“ und
(lin. 15f) „quia ille con­­­ceptus univocus nec est de essentia Dei nec creaturae.“ Ockham spricht
eine ‘direkte Geltung’ indirekt aus; er recht­fer­tigt das, indem er die unbestimmt direkte Geltung
ablehnt und ausschließt. Ebenso ib. p. 335 lin. 23 – p. 336 lin. 5: „dico quod deo et creaturae non
est aliquid uni­vo­­cum sic quod ali­quid essentialer creaturae vel acci­den­­­tale habeat perfectam
similitudinem cum aliquo quod est realiter in Deo.“ Das verneinen auch die Kirchenvä­ter, die
gleichwohl die „univocatio (.) conceptus praedicabilis … in quid et per primo modo“ zugeste-
hen (lin. 3f: „non … negant“). Ockham betont (p. 336 lin. 11–15) mit Aristote­les, dass bei der
Ab­strak­tion „ab omnibus de qui­­­bus di­citur illud nomen (sic!)“ keine „definitio proprie dicta“
zu­grunde liege, so auch schon nicht bei ‘ens’. Naive Ontologie scheidet so aus. Cf. Kap. 10 Anm.
135. Uni­vo­zi­tät und praedicatio in quid und per se primo mo­do wer­den nicht nur auf Gott und
die creaturae bezogen, son­dern ebenso (cf. ib. d. 2 q. 7 OT II p. 256 lin. 9f): „ni­hil a par­te rei est
univocum qui­buscumque individuis, et tamen est ali­quid praedicabile in quid de individuis.“
61. Cf. Ord. d. 20 q. unica: Utrum personae divinae sint secundum magnitudinem perfecte
aequales OT IV pp. 3–38. Ib. p. 35 lin. 16 – p. 36 lin. 3: „Et si dicatur quod secundum beatum
Augustinum, si Pater non potest generare Filium sibi aequalem, igitur est impotens, igitur pos-
se generare est simpliciter posse (was man ja denn wohl noch einen indirekten Beweis nen-
nen könnte), dico quod consequentia est bona quod ‘si Pater non potest genera­re Fi­li­um sibi
186 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

als den Begriff wie er als Zeichen instituiert ist durch die negierte Konsequenz deter-
minieren.62 Ockham vermeidet so Äquivokationen. Denn wenn wir von Gott nach
einem Begriff sprechen, der in dem Vergleich zwischen crea­tura und Gott, als Brücke
zwischen ihnen gebraucht, kategorial würde, wäre er simpliciter ver­standen äqui­vok
gebraucht worden. Eben das vermeidet Ockham durch die Negation der im­pli­catio,
die den Begriff aber zum Zeichen ‘senkt’ (herabsetzt).63 In derselben Weise ver­wen­den

aequalem, est impotens’ (freilich impotens im kategorialen Sinn), sed ex hoc non sequitur quod
posse ge­ne­­ra­­re est posse, sicut modo loquimur (es ist also nur eine Redeweise, die nicht streng
begrifflich ist). Sicut bene sequitur ‘Pater non est Deus, igitur est impotens’, vel ‘igitur non est
omnipotens’ (was gemeint ist!) et ta­men ex hoc non sequitur quod Deus est quoddam posse.“
Dabei auch der bezeichnende Hinweis, dass Gott mit seiner omnipotentia und sie definierend
und durch sie Gott selbst, denn ‘Deus est omnipotens’ ist ein Satz der na­­türlichen Theologie,
mit dem wir angeben oder in dem enthalten ist, was wir unter Gott verstehen, wobei der Satz
von Ockham als propositio immediata klassifiziert wird, nicht Einhalt am Widerspruchsprin-
zip geboten wer­de, wie frenetisch gesagt wurde (H. Blumenberg, 1966, H. Schröc­ker 2003) cf.
ib. p. 36 lin. 4–10. Dort auch (lin. 8ff): Gottes Allmacht werde begrenzt dadurch, dass er nicht
ein „aliud a Deo“ schaffen kön­nen, das einen Wi­derspruch einschließe. Potentia divina abso-
luta und potentia di­vi­na ordinata werden so gleich­namig oder je­denfalls konsistent. Dazu sehr
einleuchtend (Hinweis Ed. Anm. 1) L. Baudry, Le Tractatus De Prin­cipiis Theolo­giae attribué à
G. Occam, Études de Philosophie Médiévale XXIII, 1936 mit dem Textbe­leg, dass der Satz ‘ip­
sum fit, non sequitur contradictionem’ zu gelten habe. So begrenzt sich die Allmacht Got­tes:
es scheidet wie im Text erläutert, ein falscher Satz oder Schluss aus. Kein Faktum. Ein solches
meint der Wider­spruch oder Wi­der­spruchssatz weder affirmativ, indem es mittels seiner ermit-
telt zu werden hätte, noch negativ, indem er es aus­schlösse. Es ist ohnehin ungeklärt, wie beides
zusammenzugehen hät­te und wie wir lo­gisch durch Fol­ge­rung oder Ableitung von einem zu
anderen kommen könnten. In dem Sinn hat Ockham so­wohl das Be­wei­s­führen er­setzt wie die
Bestimmung des Wahrheitswertes. Er erscheint als kontingenter Satz, als dis­tinc­tio rea­lis u. ä.
62. Siehe diesen Ausdruck bei Ockham in genau diesem Sinn. Ein Begriff, der in Bezug auf
zwei andere (‘vor­aus­gehende’) negativ wird, determiniert diese. Sie können in seinem Sinne
nicht empirisch und logisch ausgelegt wer­den. Genau im Sinn dieser Negation, d. h. der als
realempirisch folgerungsweise eventuell behaupteten und zu widerlegenden Verbindung gelten
sie dann in einem indirekten und intensionalen Sinn doch von der Rea­lität. So bleiben die on-
tologischen termini im Gebrauch, förmlich auch in Geltung, wenngleich sie nicht a parte rei zu
bestimmende Geltung besagen können sollen; ihr Gebrauch in Induktion und Widerlegung ist
unangefoch­ten. Auf sie hin kann induziert werden, in derselben Weise wie sie in Widerlegun-
gen eingehen können, mit denen die Definitheit von Termini und Sätzen, auf die sie angewandt
werden, bestritten werden kann. So gesehen steht die Determinatheit gegen die Definitheit.
Diese darf nicht beschädigt und aufgehoben, jene kann erreicht und sank­ti­oniert werden. So
lässt sich Ockhams Beweisverfahren schildern.
63. Wir haben das als eigentliche Tendenz der SL dargestellt, nicht dass sie die realistische
Ontologie vermeiden wol­le. Wollte man die realistische Ontologie in der Logik verwenden und
bestehen lasse oder sogar, wie Duns Sco­tus nach E. A. Moody, 1935, für sie express als Funda-
ment instituieren, so hätte man fallaciae und Äquivo­ka­tionen ge­schaf­fen. Man hätte in Wahr-
heit den Schluss nicht so sehr negiert wie getilgt. Bei Ockham wird er nur in­ten­si­o­­nal negiert.
Kapitel 4.  Fides et scientia 187

wir aber auch die Suppositionslogik in Bezug auf die Bestimmungen der Begriffs­na­
tur:64 wir ver­mei­­­­den die Äquivokation. Wir könnten den Begriff ‘ens’ nicht von Gott
ver­wen­den, wenn wir den Begriff, alle Begriffe, wenn als intellectio oder intentio ipsa
verstan­den, nicht auch als ens be­trachteten; dann wird dieser Begriff in die suppositio
simplex ver­setzt werden müssen, nicht in die sup­po­sitio personalis. Dann entstände
eine falsa implicatio; wir induzieren den (univo­ken) Ge­brauch des Begriffes ens von
Gott. Wir müssen umgekehrt aber auch alle Begriffe, die wir von Gott (ebenfalls)
gebrauchen wollen, der empirischen Fun­die­rung entziehen;65 das heißt aber fordern,
dass alle Begriffe, die von Gott gebraucht werden, in diesem Gebrauch und für ihn
induktiv fundiert seien und in diesem Sinn von Gott und crea­tu­ra oder Welt univok,
näm­­lich im Sinn der Negation der implicatio, nicht aber äquivokativ, d. h. im Sinne
ihrer Nicht­­ne­ga­tion, gebraucht werden. Auch in diesem Sinne gibt es also keine Spra-
che oder Er­kennt­nis, die aus der höheren Einsicht der beati oder angeli usw. abgeleitet
wer­den könnte. Aber sie kann auch nicht im Sinne eines freien, i.e. ungebundenen Ge­
brauchs der Ontologie ver­stan­den und interpretiert werden, also im Sinne einer Ver-
wendung, bei denen die onto­lo­gi­schen Termini nicht bloß in der Argumentation (und
somit aus­schließ­lich in deren Sinn und durch sie gebunden definit) gebraucht würden
und das bedingte: für Widerlegungen und re­pro­bat­i­o­­nes. Aber dabei verlieren diese
ontologischen Termini in ei­nem zweiten Zug auch noch je­de Bedeutung im Sinne
der signifi­ca­tio (res); sie werden in die­sem Sinne negiert; denn sie wä­ren indefinit.
Ockham ficht be­weisend ihre empirische Gel­tung (durch instantiae) an; er be­streitet
ihre empirische Fundie­rung.66 Dies ist an Ockhams Auseinandersetzung wieder mit

Der Satzausdruck wird modalisiert und dem Geltungsbereich eines bei analytischer Satz­form
anzu­neh­menden Widerspruchssatzes entzogen.
64. Ord. d. 3 q. 8 OT II pp. 524–542: Utrum ens commune sit obiectum primum et adaequatum
intellectus nostri. Dort s. p. 533 lin. 15 – p. 534 lin. 9 besonders p. 234 lin. 8ff: „in propositionibus
in quibus passiones supponunt simpliciter vere praedicatur ens de eis per se primo modo, non
quando supponunt personaliter.“ Der Satz ist ein notwendiger Satz. Er begründet aber nicht die
Notwendigkeit der Ontologie oder irgendwelche ontologischen Im­­­plikationen von ens. So gilt
auch noch (ib. p. 535 lin. 15–22), dass die „entia rationis sunt per se intelligibilia, immo tantum
sunt per se intelligibilia quod non est impossibile ipsa intelligi nullo ente reali intellecto, et tunc
erit actus cognoscendi realis, et tamen nullum obiectum habebit praeter ens rationis, igitur ens
rationis erit per se cognoscibile illo actu. (Aber das ist rein hypothetisch.) Sed hoc non potest
fieri naturaliter, vel saltem non pot­­­­­est fieri naturaliter nisi mediante habitu post apprehensio-
nem alicuius entis realis.“
65. Cf. Anm. 62.
66. Die perseitas des Empirischen kann nicht ontologisch ausgedrückt werden, so wie die
Ontologie angesichts der res singularis keine perseitas a priori oder simpliciter meinen kann.
Was hier ontologisch zu bezeichnen wä­re, wür­­de per suppositionem simplicem nicht ausge-
drückt werden können; also wird es widerlegt und refutiert. Das eigentlich Erstaunliche ist,
dass eine solche Anschauung beweisförmig ausgedrückt i.e. weiterverfolgt wer­den kann. Sie
wird so quasi exekutiert und a posteriori auch begründet. Das ‘sine significatione’ ist oder gilt
188 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Tho­mas von Aquin und Duns Sco­tus bezüglich der Ausle­gung von Glaubenssätzen zu
zei­gen, die das Ver­hältnis der göttli­chen Per­sonen der divina es­sen­tia betreffen.67
Die Trennung des accidens von der substantia (insgleichen des connotativum
vom quiddita­ti­vum) – und umgekehrt der substantia vom accidens – vermeidet (um-
geht) den Widerspruch, der mit ihrer beider Identifikation einherginge. Also entsteht
eine widerspruchsfreie Annah­me, die in diesem Sinne einem Satz entspricht und
danach Definitheit besitzt. Dieser Satz ist damit analytisch; aber er wurde induziert,
nämlich insofern die Bedingungen, die ihn verhin­dert hätten, ausgeräumt wurden.
Sie gelten auch für die Theologie: Christus kann per potenti­am divinam absolutam an
verschiedenen Orten sein, aber er ist dabei eben nicht von den ver­schie­denen Orten
als den Inbegriffen der Existenz oder Präsenz abhängig, wie sie für uns als creaturae

lo­gisch. Die Identifikation des ontologischen Ausdrucks mit der significatio entfällt und dies
eben auch für die Na­turphi­lo­sophie. Auch in der Naturphi­lo­sophie kann dann gleichnamig
damit, dass die Phänomene ontologisch nicht schlie­ßen, Kausalität nicht ausgedrückt werden.
In der nicht glückenden Auslegung der theologischen Sät­ze be­treffend die divina essentia und
die Verhältnisse der göttlichen Personen (in der Erläuterung ihrer Relatio­nen), die Ockham
Thomas von Aquin und Duns Scotus streitig macht, kann was nach Ockhams Beweisen für
den ontologischen Ausdruck in Bezug auf die dogmatischen Sätze nicht angeht, dann auch
in Bezug auf die Em­pi­rie, in welcher die Ontologie gestürzt und begründet sein sollte, nicht
gelten. Darin ist die Kausalität be­trof­fen; sie wird in den instantiae kassiert, mit denen Ockham
die ontologischen Maximen und Vorstellun­gen ‘an sich’ re­futiert, d. h. um ihre grundsätzliche
und absolute Akzep­tanz (Geltung) zu bringen bemüht ist. Es geht da­bei im­mer darum, dass das
accidens nicht in die substantia gebracht werden kann und dass eben das durch die re­proba­tio
oder instantiae be­weis­bar ist. ‘Perseitas’ ist ein Ausdruck Ockhams. Cf. Ord. d. 7 q. 2 OT III 3
p. 143f.
67. Hierbei sind bei Duns Scotus die universalientheoretischen Grundsätze in und außerhalb
der Deduktion gleich; sie können nur noch als Argumente direkt in seine Ableitungen einge-
hen. Sie werden nicht qua Argu­men­­tation be­stimmt wie bei Ockham. Duns Scotus hat auch ein-
fachhin abstrakt und konkret (empirisch) zu­sam­menge­scho­ben und ineinan­der ver­schränkt,
um stipulativ über Gott raisonnieren zu können; was er bewe­isend dann vortra­gen will, soll
ab­strakt im Sinne der Zergliederung und Komposition der essentia bzw. ihrer Tei­le sein, kon­
kret aber im Sinne des vom Fak­tum und Gegenstand (singulare) her bestimmten Wahrheitsa-
spekt. So gibt Ockham Duns Scotus mit Be­­zug auf die Behauptung (Ord. d. 3 q. 7 OT II p. 521
lin. 16–18) „quod notitia dis­tinc­ta sin­gu­la­ris non requirit notiti­am distinctam necessario cui-
uscumque universali“ so wie­der, dass dieser di­rekt wie­der in die Postulation eines un­abdingbar
Allgemeinen einschwenke (ib. p. 522 lin. 2–7): die von Ockham po­stu­lierte Er­kenntnis („quia
si sic“) könne nicht sein („hoc non esset“) „nisi quia quidlibet potest distinc­te cog­nos­ci sine
il­lo quod non est de eius essentia; sed omne tale distincte cognitum est comprehensum si nihil
rei lateat quod re­qui­ritur ad notitiam ipsius distinctam; igitur De­us posset comprehendi ab
intellectu creato.“ Um diese Er­kenntnis geht es schließlich in abstracto und als abstrakte Er-
kenntnis. Die in Ed. ib. Anm. 1 angegebene Textstel­le aus Duns Scotus Theore­ma­ta, theorema
VIII, n. 4: „Omne illud, et solum illud, perfecte concipitur, cu­ius nihil la­tet.“ (ed. Wadding, III,
273) scheint mir Ockhams Referat der ‘Scotischen Denkweise’ nicht ab­zu­decken.
Kapitel 4.  Fides et scientia 189

gelten.68 Die Widerspruchsfreiheit ist also Charakter (oder ‘Gehalt’) der Annahme,
der Aussage selbst, sie kommt ihr nicht zusätzlich (akzidentell) zu, was nicht gin-
ge und einen Widerspruch darstellte. Genau in diesem Sinne ist die Erkenntnislehre
schon konstruiert. Man sieht also wie die Widerspruchsfreiheit bei Ockham angelegt
ist und wie sie eben nicht ei­nem Aufbau aus einer naturalistisch ausgelegten Erkennt-
nis entsprechen kann, wie das in der neu­zeit­lichen Philosophie der Fall wäre. Das ist
das eine. Das andere, dass keine Apologie be­trie­ben wird, bei der der Inhalt auf eine
Stufe gehoben würde, bei der er mangels Fixierung (Kenn­­­zeichnung) einer Struktur
nicht mehr in irgendeinem Sinn dauerhaft und unangreifbar be­stehen könnte, son-
dern gleichsam unwirklich sich ausnehmen müsste: er wäre in einer Sphä­re relevant
und gültig, in welcher wir als Erdenpilger eben nicht leben oder Erkenntnis voll­zie­­­­
hen. So wenn wir gleichsam eine forma oder species einsähen.69
Dabei bestehen für Ockham religiöse oder erkenntnistheoretische Zweifel inso-
fern nicht, als er die falsche Struktu­rie­rung der dogmatischen Aussagen nach ihrer
sprachbezogenen Aus­­le­gung ablehnen kann. So ausdrücklich bei Behandlung der
quaestio Utrum haec sit con­ceden­da ‘Deus generat De­um’.70 Es geht darum, ob die-
se Aussage als propositio zuzulassen sei; ihr Inhalt oder Gehalt wird eindeutig von
Ockham zugestanden:71 „In ista quaestione sup­ponen­da est veritas, quod sunt tres
personae in una essentia quae est realiter eadem cum qualibet ea­rum personarum, et
quod Pater vere generat Filium. Sed difficultas, quantum ad istam quaesti­o­nem, est
de proprietate locutionis, an sicut ista conceditur de virtute sermonis ‘Pater generat
Fi­lium’,72 ita sit haec concedenda de virtute sermonis ‘Deus generat De­um’. Et est diffi-
cultas de suppositione istius termini ‘Deus’.“73 Natürlich kann man sagen, das Dogma
sei von Ock­ham mit der Ausdrucksform akzeptiert worden, die er der christlichen

68. Die Erörterung findet sich Rep. IV, q. 6 OT VII p. 97 lin. 7 – p. 98 lin. 9.
69. Das lehnt Ockham mittels seiner Suppositionslehre ab, die er in der Form darlegt, dass er
für sie Schlüsse ab­lehnt, die er als gegen ihre Konstitution gerichtet betrachtet. Zu dem Verfah-
ren cf. ib. p. 7 lin. 11 – p. 13 lin. 13.
70. Ord. d. 4, q. 1 OT III pp. 4–17.
71. Ib. p. 4 lin. 10–16.
72. Was übrigens einen natürlichen empirischen Satz darstellt, wie man zugeben wird, ebenso
wie ‘pater prior fi­lio’ eine propositio per se nota ist, die wir abstrakt (per notitiam abstractivam)
und konkret (per notitiam intui­ti­vam) einsehen. Ihre Gewinnung mag gleichwohl „schlusslo­
gisch“ problematisch und ‘unbekannt’ sein.
73. Der Satz ‘Deus est Deus’, den man ja auch noch einer originären Bekundung, wenngleich
in archaischer Em­pha­se und vielleicht Ekstase, in der der Mensch sich selbst noch nicht, schon
gar nicht rational, ergriffen hätte, zurechnen möchte, würde von Ockham ‘suppositionslogisch’
abgelehnt werden. Solche Selbstbekundungen möchte aber E. Gilson noch für die Scholastik,
genauer für Duns Scotus, geltend machen und W. Kluxen (ed.), 1974, p. 136 folgt ihm hier.
Der Scholastiker sähe sich im Em­blem einer Irrationalität und althebräischen For­mel:‘ Ich bin
der ich bin.’ Der darin beschlossene und auch ein­geschlossene Gott wäre unerkundbar, was er
190 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Grund­lehre hier gebe, die er vielleicht bloß nach dieser und damit ausweichend und
in ihrer dürren Förmlichkeit ver­ste­he; es wäre dies aber eine petitio principii des Deu-
ters und sie würde den Selbstbekun­dun­gen an­de­rer Nominalisten74 widersprechen,
bzw. zu ihnen disparat sein, dass eben das Dogma nach sei­ner positiven Gestalt in fide
zu akzeptieren sei; denn jetzt hätte ein Nominalist, sc. Ock­­­­­ham, mit seiner eigenen po-
sitiven Formulierung des ‘Dogmas’ dessen positiven Gehalt (erst und zu­gleich schon)
etabliert. All dies aber hieße, Quisquilien in Um­lauf bringen, zumal damit, wie es bei
Ockham einen Standard ausmacht, Dogma und Rationalität identisch wä­­­­ren, d. h. un­
un­terscheidbar ge­worden wären.75 Ockham erscheint keines­wegs als jemand oder der­
jenige schlechthin, der die Glaubensstücke als irrational und eben nur zu glauben aus
der rationalen Erörterung bzw. Darlegung ausgeschieden hätte.76 Er kritisiert Thomas
von Aquin aber suppositionslogisch und macht gegen ihn den Grundsatz geltend:77
„quando ali­quid supponit pro aliquo prae­ci­se ratione adiuncti, non supponit pro eo
ex modo suo sig­ni­fi­can­di.“ Nach dieser Beschreibung könnten subiectum und passio,
i.e. De­us in der Funktion als essentia (subiectum) und Deus als relatio oder persona
nicht secundum suppositionem per­so­nalem identisch für dasselbe äußere (extramen-
tale) Objekt stehen (sup­po­ne­re). Diese res ist hier Gott. Er unterscheidet sich da von
keiner anderen res, auf die wir uns mit unseren Aussa­gen beziehen können. Ockham
hält Thomas ei­nen Wi­der­spruch vor.78 Denn Thomas hatte nach Ockham mit der For-
mel79 „Quidam dixerunt quod hoc no­men ‘De­us’ et similia proprie se­­cundum suam

se­cun­dum Duns Scotum vermöge der Deduktion nicht sein soll, mit Ockham aber qua Ver-
werfung eben dieser Erkundungsform wieder wird.
74. Wie etwa des Petrus von Alliaco, cf. Kap. 2 Anm. 70 zu B. Hägglund, 1955.
75. Er würde sich vom neuzeitlichen theologischen Rationalismus der altlutherischen Ortho-
doxie, deren Be­deu­tung Kierkegaard hervorhob, dadurch unterscheiden, dass er in der christli-
chen Lehre nicht gleichsam einen ra­ti­o­nalen Kern hervorzuheben, zu entwickeln, abzugrenzen
und zu verteidigen suchte, der dann auch allein inner­halb der christlichen Apologie verbliebe
und damit (‘ausschließlich’) dem christlich-theologischen Selbstver­ständ­­nis zu dienen hätte
und einzig ihm dienen könnte. Kierkegaards eigene Strategie, dem Christentum einen wenig-
stens approximativen rationalen Charakter oder Zu­gang zu eröff­nen, wäre da noch nicht legi-
timiert.
76. Ockham (ib. p. 6f) wirft indessen Thomas von Aquin vor, bei der Erörterung unserer quae-
stio, soweit es um dessen Aus­legung des Dogmas nach der Deutung von Formeln geht, die
Ockham wiederum suppositions­lo­gisch aufnimmt, Quisquilien zu treiben: „Et ita dicta sua
vana sunt, nullam penitus habentia apparentiam“.
77. Ord. d. 4 q. 1 OT III p. 5 lin. 12f.
78. Ib. p. 5 lin. 16f: „Et ita in eadem quaestione idem concedit et ne­gat.“ Der Widerspruch be-
deutet, dass Thomas die suppositionslogische Identität des einen terminus ‘Deus’ durch zwei
Auslegungen aufhebt. Derselbe Vorwurf nochmals p. 6 lin. 3f: „Ecce quam manifeste idem ne-
gat et concedit.“
79. Ib. p. 5 lin. 19–22.
Kapitel 4.  Fides et scientia 191

naturam supponunt pro essentia, sed ex adiunc­to no­ti­onali trahitur ad suppo­nen­dum


pro persona“ und deren Erläuterung:80 „sed in propri­e­ta­tibus locutionum non tan­tum
at­­ten­denda est res significata sed etiam modus significandi“81 dem Ter­minus Gott ne-
ben der Funktion in der suppositio personalis, in der er für die res steht, auch die sup-
positio sim­plex auf ihn angewandt, in der man auf den Terminus selbst als ein prius
signum sich beziehe.82 Der Widerspruch, den Ockham Thomas von Aquin an­krei­det,
ist also Sache mangelnder Iden­tität; die Nichtübereinstimmung ist oder fußt auf der
Nichti­den­tität der Referenz. In dem Sinn widerlegt Ockham in genere und eben auch
mit­tels der Suppositionslogik. Diese legt er in die­sem Sinne, also praktisch schon
funktional, ge­gen Bur­le­­us alias Walter Burleigh dar. Die Ab­leh­nung einer Implikation
oder Schlussfol­ge­rung be­zieht sich auf eine solche Nichtiden­tität der Referenz.83 Da-
bei hatte Thomas selbst nach Ockhams Zitierungen den Ausdruck sup­po­ne­re immer
benutzt84 und war dem älteren sup­positionslogischen Verständnis gefolgt.85

80. Ib. lin. 22f.


81. Wenn Thomas nach Ord. d. 5, q. 2 OT III p. 28 lin. 5–7 feststellt, dass die Unterschei­dun­gen,
die den göttli­chen Personen zugehören („attribui“) und worin sie voneinander unter­schie­­den
werden, nicht der essentia zu­kom­­­men können, ist das eine petitio principii: um die divina
essentia ein­heit­lich zu haben, nennt er sie (‘per se’) einheit­lich. Ockham setzt dagegen: „die di-
stinctio fällt ebenso in die es­­sentia wie in ein sup­po­si­tum (eine gött­li­che Person), „ni­si aliud ob-
staret“. Der Widerspruch, den Ockham vor­greiflich ausschließen will, müsste eben­so abstrakt
wie empirisch sein. Das begrenzt die Funktion der Impli­ka­ti­on. Sie müsste zwei Ele­mente (Be­
grif­fe, Fak­­toren, Größen o. ä.) verbinden können. Der Widerspruch ist einer der sprachlichen
Auffassung oder des Ar­gu­ments, nicht der Sa­che. Ockham kann die opinio des Thomas (p. 5
lin. 5) „vera“ nennen und deren Be­grün­dung an­grei­­fen, so wie er sich auch Duns Scotus in ganz
derselben Form entgegensetzt. Duns Scotus ar­gu­men­­tiert, dass essentia und relatio verschiede-
ne Bestimmungen haben müs­sen, weil sie sonst als Be­grif­fe kei­ne ver­schie­denen In­halte hätten.
Auch das ist eine petitio principii. Cf. ib. lin. 16 – p. 29 lin. 9.
82. Cf. p. 8 lin. 17–19: „Quia tamen conceptus est prius signum, ideo ratione adiuncti potest
supponere pro ipso conceptu.“
83. Ockham verteidigt seine historisch späten suppositionslogischen Klassifikationen als ab-
solute, un­ver­rück­ba­re, z. B. gegen Walter Burleigh. Er muss also die Denkakte, wie sie denn
in notitia abstractiva und no­ti­tia intu­i­ti­va, habitus und iudicium erkennbar sind, als absolut
erfasst betrachten.
84. Cf. p. 4 lin. 18 – p. 6 lin. 7.
85. Es wird historisch durch Wilhelm von Shyreswood, Lambert von Auxerre und Petrus Hi-
spanus repräsentiert. In Ockhams Entgegnung steht W. Burleigh dafür. Er ist in dem Sinn Tra-
ditionalist. In dieser traditionellen Sup­positionslogik vertritt die suppositio simplex die onto-
logisch realistische Universali­en­leh­­re, nach der man mit den Begriffen zunächst sich auf die
species oder auch forma bezieht und erst danach auf die einzelnen Ob­jek­te, die so per addita-
mentum getroffen werden. Darin liegt für Ockham ein oder der Wi­der­spruch: wenn ‘ich’ mich
auf eine res zweimal und verschieden beziehe, beziehe ‘ich’ mich nicht iden­tisch (was der Realist
zu­ge­ben wird) auf denselben Gegenstand. Aber der Nominalist Ockhamscher Prä­gung hat das
192 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Ockham operiert mit einer gegen-ontologischen Funktion: in einer ratio (Bestim­


mung), die für Akte und dann auch Satzelemente gegeben wird, muss eine Impli-
kation einge­schlos­sen sein, die besagt, dass bestimmte Konsequenzen nicht gezogen
werden müssen oder können. Abstrakt und empirisch dürfen in der Argumentation
nicht identisch sein (ko­in­zi­die­ren), weil wir damit die (Ebene der) Argumentation ver-
lassen, wie Ockham auch mit der prak­tischen Dif­ferenzierung von notitia abstractiva
und notitia intuitiva ausdrück­lich zeigt.86 Er nimmt da­­bei die erkenntnistheoretisch
genealogische Erörterung wieder auf, die er in zwei berühm­ten Quästionen führt.87
Es ist aber auch die Frage, ob man eine solche Ko­­inzi­denz von ab­strakt und konkret
nicht auch in der modernen Naturwis­sen­schaft als wi­drig an­sieht und, weil man hier
zu­­letzt auch zwischen mathematischem Ausdruck und Experi­ment zu dif­fe­renzieren
gedrängt wird, die Implikation wenn nicht aufgeben, so doch jeden­falls für nicht mehr
für wirk­­lich trag­­fähig bzw. nicht erschließend hal­ten will.88 Man käme so noch zu ei­
nem Zusam­men­klang von Theologie und Physik, wenngleich er instrumentell über
die Ne­ga­­­ti­on eines ab­so­luten Elementes sich ergäbe. Dabei kann Ockham im Grunde
die Akt­lehre und die Lehre der Satzformen und darin eingeschlossen der Bedeutung
einzelner Sät­­­ze in Be­zug auf ver­schie­­­­dene Disziplinen, denen sie zum Teil gemeinsam,
angehören, par­al­lelisieren, weil er die Formen explizit theologischer Aussagen wie em-
pirische behandeln kann, was er so­­wohl an sich89 wie in seinen Auseinandersetzun-
gen mit Thomas von Aquin und seinen Ab­grenzungen ihm gegenüber tut.90 Auf der

Wider­spruchs­prinzip durch das Identitätsprinzip und die Logik durch die Suppositionslogik
ersetzt. Das kenn­zeichnet Ockhams Beweis gegen Tho­­mas, eben dessen Widerlegung. Sonst
müsste ein analyti­scher Be­weis für die Identität oder gegen sie geführt werden. Das ersparen wir
uns mit Ockham. Wir operie­ren im­mer noch oder nur ex iden­­titate rei; die setzen wir ebenso
wie die res extra mentem voraus. Das mag man für (auch) eine on­to­logische Voraus­setzung
halten. Doch kann das nur gelten, weil man die realistische Ontologie zuvor abgelehnt hat. Al­so
per addita­men­tum.
86. Und zwar wieder gegen Thomas von Aquin und Duns Scotus.
87. Ord. Prol. q. 1 OT I pp. 3–75 und Rep. II, q. 12–13 OT V pp. 251–310.
88. In der Quantentheorie wird das nicht mehr wirklich vorhersehbare Er­eig­nis oder Ergebnis
auch nicht mehr ge­fol­gert werden können.
89. Cf. dazu bereits die Einleitung.
90. Wenn Ockham sagt (Rep. II, q. 12–13, OT V p. 309 lin. 19f): „Sed intellectus est omnia in-
telligibilia tam per actualem quam per habitualem“, hat er auch den Bereich der per se empi-
rischen Erkenntnis verlassen (über­stie­gen). Denn der ha­bi­tus ist in der empirischen Welt und
in der Referenz auf sie nicht mehr greifbar. So müs­sen denn auch die Begriffe ‘einheitlich’ auf
empirische und jenseitsweltliche (also die divina essentia und Ver­wand­tes betreffende Sach-
verhalte bezogen werden können; hiermit aber kann das iudicium über die Rechtmä­ßig­keit
oder Akzepta­bi­li­­­tät eines Satzes nicht mehr empirischer Wahrnehmung verdankt werden oder
auf sie bezo­gen sein. Es erfolgt in Demonstrationen. Wo wir nicht deduzieren können, z. B. in
der Syllogistik selbst (cf. Ord. Prol.), ziehen wir ‘habitus’ zur ‘Herleitung’ und Widerlegung der
Kapitel 4.  Fides et scientia 193

Ebene der Aktlehre haben wir eine doppelte Wahr­neh­mung der Aussagen, sc. durch
notitia abstractiva und notitia intuitiva, wo­bei etwa die pro­po­sitiones per se primo modo
necessariae und propositiones per se secundo mo­­­do neces­sari­ae auch der em­pi­ri­schen
Wahrnehmung angehören.91 Die Satzinhalte aber wer­den nach den Be­­griffsfunkti­o­
nen oder Begriffsarten in Bezug auf die hypothetische Besei­tigung eines po­ten­­­­­­­tiellen
Wider­spruchs­moments auch suppositionslogisch bewertet. Die Sätze haben so keine
analytische Qua­­­­­­lität, wie sie denn auch prototypisch nur empirische sind.92

intensionalen Auslegung im Grunde ‘kontingenter’ Sätze (formal auch theologischer) heran; es


ist ein reiner und unerfüllter (negativer) Referenzbegriff.
91. Die Ununterschiedenheit der Bereiche hat auch damit zu tun, dass wir uns nicht wie bei
Duns Scotus für den Begriffssinn (Begriffswert oder überhaupt Begriffsinhalt) auf eine spe-
cies stützen müssen. Der Zurückweisung der Lehre von der species dient wesentlich die ganze
quaestio, wie sie denn auch die notitia intuitiva und notitia ab­stractiva womöglich in einer frü-
hen, wo­mög­lich der ersten Redaktion gibt. Ib. lin. 20f: „Unde habi­tus ita per­fec­te est similitudo
rei sicut species vel actus.“ In der notitia intuitiva ist das Objekt (res) gegeben = prae­­sens (Ib.
p. 310 lin. 4): „in se, in abstractiva est praesens in habitu.“ Die eigentliche Gestalt des Begriffes
in se, die entitas, der Begriff als ens oder entitas bleibt unerörtert. Ockham gibt nur Bestim-
mungen, die förm­­­­li­che Referen­zen, Mo­­­­di des Bezugs ad rem extra, besagen, so in der Form der
Erklärung der universalia als fic­tum (esse) usw.
92. Duns Scotus führt nach Ockham (Ord. d. 5 q. 1 OT III p. 28 lin. 16 – p. 30 lin. 15) einen
scheinbaren ana­lyti­schen (repro­ba­ti­­ven) für die inhaltliche Ablehnung eines Satzes, sc. ‘es­sentia
(divina) generat’, indem er zu­nächst behauptet, das praedicatum könne hier vom subiectum
nur ‘formaliter’ prädiziert werden (und wie Ock­ham ins Ar­gu­ment ib. p. 30 lin. 4 einfügt: „et
modo inhaerentis“) und dann erklärt, der Satz könne ein wahrer Satz nur sein, wenn er eine
proposi­tio per se primo modo sei. Bei dieser muss also das prae­dicatum dem subiect­um inhä-
rieren. Diese in­haerentia wird aber – bei Ockham – von empirischen (kontingenten) Sätzen
angenom­men. Duns Scotus fol­gert indessen: Der Satz sei aber keine propositio per se primo
modo, also sei der Satz ‘es­sentia (di­­vina) gene­rat’ abzulehnen (p. 28 lin. 16: „non concedenda“),
weil er mithin nicht wahr sei. Dieser Be­weis des Duns Scotus erscheint zu­nächst umrissen p. 28
lin. 17 – p. 29 lin. 9. Duns Scotus will zeigen, wie Ockham ihn zi­­­tiert, dass (ib. lin. 6f) das „prae­
dicatum non est de per se intellectu subiecti“ oder mit den Worten des Augusti­nus (ib. zitiert
lin. 7–9): „‘om­ne enim quod dicitur ad aliud, est aliquid praeter relationem’ VII De Trinti­ate 2,
‘ita quod relatio non est in­tra conceptum illiud absoluti’.“ Ockham kritisiert oder widerlegt
(p. 30 lin. 17 – p. 31 lin. 2) Duns Scotus und eben seinen Beweis (sic!), indem er zwei Sco­ti­sche
Beispiele für theologische Aussa­gen, die sacra divinitas betreffend, von abstrakter, au­ßer­em­pi­
ri­scher Natur anführt, bei denen Duns Scotus so­wohl die ‘prae­dicatio formalis’ unterstellt wie
den Charakter der propositio per se primo modo bestreitet. Ockham ne­giert also die auch nur
akzidentelle Brücke zwischen praedi­ca­tio for­ma­lis und propositio per se primo modo, in­dem
er zeigt, dass Duns Scotum sie ‘secundum eum ip­sum’ nicht ge­ne­rell behaupte und darum auch
nicht akzi­den­tell be­­­haupten könne; das ist ein induktiver Gegen­beweis. Indukti­on und Wi-
derlegung werden gleich. Bei Duns Sco­tus wäre es eine petitio principii ad hoc. Duns Scotus
aber hat­te, wie Ockham (p. 30 lin. 8) sagt, „die maior“ des oben geschilderten Beweises und
diesen selbst „re­petiert“, wenn er nach Ockham (p. 30 lin. 8–15) sagte: „Quia illud praedicatum
praecise natum est prae­di­ca­­ri formali­ter, ideo non potest salvari veri­tas propter iden­titatem
194 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

Für die consequentia formalis gibt Ockham zwei Beschreibungen oder Definitio-
nen: ein­mal setzt er sie mit jedem gültigen Syllogismus gleich, zum anderen definiert
er sie aus dem Zu­sam­menstehen der Begriffe.93 Indem er sie für die Theologie tauglich
macht, benutzt er sie als Gegengewicht gegen jede Art von Widerspruch, demgemäß
Syllogismen nicht angehen oder be­stehen können. Der Widerspruch liegt also außer-
halb der consequentiae (beider Arten von consequentia formalis94). Sofern wir einen

tan­tum, – et quia subiectum est summa abstrac­ti­one ab­strac­tum, non potest stare pro ali­quo
qualiter­cum­que alio a se sed praecise pro se formaliter, et ideo opor­te­ret quod sua ratio praecise
formaliter es­set idem illi praedicato, quod non posset nisi ista ratio praecise in­clu­deret il­lud
praedicatum.“ Es soll auf der ab­­strak­ten Ebe­ne von Begriffen und Sätzen eine identi­tas formalis
die Inhärenz oder Impli­ka­ti­on (der Begriffe des Sat­zes) ein­schlie­­ßen, also wie­de­rum ein ab­strak­
ter Satz analog ein empiri­scher sein. Ockham hatte für die Bestimmung des Verhältnisses von
Be­griffen im kon­tin­genten Satz (!) die iden­titas formalis generell abgelehnt und sie noch ein­mal
speziell ge­gen Duns Sco­tus bei dessen Begründung ei­nes immediaten Verhältnisses von sub­­­
iectum und denominativum im Satz verwor­fen. Das Scotische analyti­sche Be­weisen ist immer
dasselbe: ein abstrakter Ge­halt im Satz wird über ‘im­ma­­nen­te’ kategorielle Bestim­mun­gen und
anteilige (für wesentlich er­klär­­te) Ingredien­zien zum empiriewertigen, po­stu­­la­tiv wahren und
zu­gleich nur ana­lytisch unumstößlichen er­klärt. Duns Scotus argumentiert in einer supra­lo­­
gischen Form. Ockham begegnet dem suppositionslogisch und induzierend und re­probativ.
93. Ord. d. 4. q. 1 OT III p. 15 lin. 1–20: „consequentia formalis est duplex. Aliquando tenet ra-
tione complexorum, et talis consequentia est syllogismus“ Alle gültigen Syllogismen ‘tenent’ da-
nach consequentia formali. „Et ta­lis syl­­­lo­gismus tenet in omnibus terminis “ Aber (lin. 8–20):
„Aliquando consequentia est formalis praecise ra­ti­o­ne terminorum, quia scilicet termini ipsi se
habent sic ad invicem vel sic. Et isto modo ab universali ad sin­gu­­la­rem est bona consequentia,
non ad quamcumque, sed quia terminus unus continetur sub alio. Unde bene se­qui­tur ‘om­­nis
homo currit, igitur iste homo currit’, demonstrando Sortem qui vere est homo.“ Damit ist der
Satz em­pi­risch und die consequentia auf empirische Sätze fixiert. „Sed non sequitur ‘omnis
homo currit, igitur iste ho­­mo cur­rit’, demonstrando asinum. Et ratio est quia omnis consequen-
tia tenet per medium unum intrinsecum in quo unus terminus verificatur vel negatur ab alio.
Et ideo quando talis propositio per quam consequentia deberet re­du­­ci in syllogismum est vera,
tunc est bona consequentia, et quando non est vera, non valet.“
94. Beide Arten der consequentia formalis sind so auf den Syllogismus bezogen. Technisch
wird für die zweite Art der con­se­quen­tia formalis (oder deren Erklärung) zur Syl­lo­gi­s­tik eine
weitere Regel hinzugenommen; will man sie für konsistent oder kompatibel mit der traditio-
nellen Syl­logistik halten, muss man annehmen, dass sie al­lein noch nicht intellektiv oder definit
sei. Wir gehen mit Ockham tatsächlich davon aus, dass von ihr aus über die theologischen
Aussagen und transzendenten Wahrheiten (noch) nicht entschieden werden kann. Es kann in­­
fol­­ge­dessen über ihre Wahrheit überhaupt nicht entschieden werden, wie sich auch daran zeigt,
dass wir pecca­ta ex materia und ex forma haben können, über die wir nur ex fide befinden.
Wir müssen ja von der Einheit der Be­griffe ausgehen und haben insofern eine rationale Basis,
nicht für die (analytische) Deduktion der dogmatischen Wahrheiten oder Aussagen, sondern
für deren Bewertung. Paradoxerweise ist es die Bewertung ihrer inten­si­­ona­len Qualität. Das
bedeutet die Ausschließung einer Implikation, die äquivalent empirisch gelten könnte. Die Sup­
po­sitionslogik soll dort eintreten, wo sie angenommen werden müsste und nicht angenommen
Kapitel 4.  Fides et scientia 195

Typus des Erkennens im Spannungsfeld von The­o­lo­gie und natürlichem Erkennen


hiermit umreißen, stellt er sich als ein menschlicher dar, der aber weder intentionell
noch formal als bloß menschlich determiniert erscheinen kann.95 Die Salvierung der
theologischen Wahrheiten, die Ockham gibt, ist die des Denkens über­haupt, insofern
es formell auf der Basis von Aussagen Erken­nen sein können soll.96
So zeigt sich, dass überall, wo Beweise geführt oder begründet werden sollen, der
Faktor der Im­­plikation außerhalb des Inhaltsmoments stehen muss, und dass dort,
wo Beweise geführt wur­­den, bei denen dies nicht beachtet wurde, wie generell bei
den Scotischen, eine Wider­le­gung möglich ist, bei der genau dieses Ergebnis sich her-
stellt. Mit dieser ergibt die Induktion sich als Basis des Begründens oder Beweisens.
Und dasselbe Ergebnis ist analytisch nicht zu er­langen, es ist so nicht möglich.97 An

werden kann. Des Ni­­kolaus von Autrecourt hyperbolische Programmatik bzw. Kritik ist daher
beweislogisch sinnlos. An an­de­ren Stel­len beziehen wir uns via Ockham auf seine Expertisen
erkenntnistheoretisch bzw. mittels der Akt­leh­re. Die em­­pirische Erkenntnis hatte Ockham im-
mer vorausgesetzt. Sie wird nur nicht ex parte rei be­stimmt.
95. Die Idealisten der Neuzeit haben eine menschliche Form des Erkennens, die wir einzig
für uns zu reklamieren hätten, sei es beschrieben, sei es gesucht. Ockham gibt ein Erkennen
von äußerster und absoluter Allgemein­heit, das nicht spezifisch das des Menschen ist, obwohl
es von ihm in Sonderheit zwar ermittelt und unterhalten wird. Es muss aber nicht die Spuren
dieses Menschen tragen. In der Weise wie es seine Richtigkeit ermittelt und vor­trägt, wie es
Richtigkeit überhaupt über seine Form hinaus anstrebt, ist es nach Intention und Einlösung
nicht mehr nur menschlich, das heißt nicht mit dem Vorzeichen versehen, dass es menschlich
sei und den Menschen ent­weder in den Rang Gottes hebe oder zu seinem erklärten Gegner ma-
chen könnte, der davon das Mal an der Stirn trüge. Es ist logisch qua Feststellung des Verhält-
nisses von Implikation und intensionalem Gehalt. Da­rin hebt es die Ontologie auf. cf. Kap. 9:
Ontologie und Induktion
96. Das bedeutet aber auch, dass das Erkennen nach seiner Qualität oder seiner Effizienz (evtl.
eines im anderen, wenn denn das möglich ist, was unwahrscheinlich ist), nicht durch indirekte
Beweise ermittelt und festgesetzt werden kann. Effizienz und Qualität können aber mutmaß-
lich nicht zugleich oder neben- bzw. nacheinander fest­gesetzt und durch indirekte Beweise
ermittelt werden, weil sie dazu, als Begriffe nicht auf derselben Stufe an­­ge­siedelt doch zugleich
so angesetzt werden muss, bzw. die Erkenntnis schon definiert und gewonnen noch ein­mal (als
dieselbe?) ermittelt werden müsste. Man müsste zu minderen Bedingungen (Erfüllun­gen) des
Be­griffs hinuntersteigen (können), die womöglich doch noch nicht die Erkenntnis ‘sind’ und
beinhalten; wie dann kön­nen sie sie fundieren?
97. Hier kann aber auch das Gegenteil nicht bewiesen werden und es gibt keine Reklamation
von Beweisen, die als solche, wenn sie auch nur gefordert werden, noch als ex se gültige er-
scheinen könnten. Damit gibt es letztlich kei­ne Basis für die Vorstellungen des Nikolaus von
Autrecourt, worin wenigstens idealiter der Begriff sei­ner Iden­­­tität nach soll unterstellt werden
können. Ockham geht von Begriffen aus und er substantiiert diese; aber er kann die Implika-
tion als in­ter­nes oder immanentes Ingrediens im Medium der Sätze und Schlüsse nicht hal­ten;
er kann derartig auch keine wei­teren Kategorien oder Satzpartikel wie distinctio formalis oder
identitas for­malis zulassen, wenn denn noch Beweise geführt werden können sollen.
196 Über Beweise und Beweisarten bei Wilhelm Ockham

ihrem fernen98 Ort treffen Duns Scotus und Ockham als Protagonisten aufeinander
und treten als Antagonisten zusammen: sie zeigen ver­eint, dass ‘Be­­griffe’ nach ihrer
wesentlich abstrakten Bedeutung99 wesentlich theologisch ver­­wendbare Be­griffe sein
können müssen. Mit Ockham ist dieses nicht ausgeschlossen, weil die Impli­ka­­­­ti­­on aus
der ‘Verknüpfung’ der Begriffe und Sätze weggenommen werden muss. Dass vie­le
Wahr­heiten über Gott nicht zu beweisen sind, ist gemeinsam das Ergebnis von Duns
Sco­­tus und Ockham. Aber Ockham gewinnt es in einem theoretischen Wider­stand
gegen das ihm vor­­­liegende scholastische Beweisen, das er aus dem Grund und zwar
wie aus dem na­tu­ra­len Grund, der vor und von unterhalb der Begriffe liegt, für die
Begriffe als na­­­­­tu­ra­le Phä­no­me­­ne ge­winnt. Gleichwohl sind sie dabei wie bei Duns
Scotus (wenigstens pro for­ma) in in­tel­lectu und in der anima intellectiva.100 In der
Suppositionslogik aber wird das Zeichen101 sei­ner selbst inhaltlich (intensional) und

98. Man denke an den berühmten Buchtitel von B. Tuchman, Der ferne Spiegel, 1980, bei dem
wir uns selbst qua­si wie in einer Verkleinerung und dennoch deswegen präziser sollen an-
schauen dürfen.
99. Auch Duns Scotus nimmt oder gibt diese mit seinen Formeln – cf. Text Anm. 92 p. 28
lin. 18: „subiectum sua abstractum ul­ti­ma­ta abstractione“ und p. 29 lin. 10 „in substantiis est
tantum una abstractio“ (quidditatis, wie Ock­­ham er­gänzt) und p. 30 lin. 10f: „subiectum est
summa abstractione abstractum“ und sagt p. 30 lin. 13–16: (‘ideo’ wie Ockham ergänzt) „illud
ut sic concep­tum, est praecise ipsum, quia cuilibet alii extraneum, – sicut di­cit Avicen­na V Me-
taphysicae“ quod ‘equinitas est tantum equinitas’ et nihil aliud.“ Das ist der berühmte Sco­ti­sche
Aus­gang von Avicenna mit eben der berühmten Formel des Avicenna selbst.
100. Hier hat Ockham entweder kein Motiv gehabt um gegen Duns Scotus anzutreten oder
eben das der Na­tu­­ra­li­tät an sich und ohne Bezug auf Duns Scotus. Aus ihr wäre das mythische
Material des Chri­s­ten­tums nicht ab­zu­lei­ten: die Gotte