Sie sind auf Seite 1von 20

DAS ABC DER MINNE

von Torsten Schwanke

ABBILD

Die Ewge Gottheit ist die Schöne Liebe,


Die Vielgeliebte ist der Gottheit Abbild.
Der Philosoph, der fromme Minnesänger
Schaut durch das Abbild durch zum höchsten Urbild.

Wenn schon das Abbild ist von solcher Schönheit,


O Mann, dass du sie hältst für eine Göttin,
Wie schön ist dann doch wohl der Schönheit Urbild,
Urschönheit nannte sie der Theologe.

Abgöttisch ist der Kult an Menschengöttern,


Doch Christus wohl verzeiht den Abgott-Kultus.
Nur meditiere über deinen Abgott
Und finde in dem Abgott Gott den Schöpfer.

Gott Künstler hat gemalt das schönste Abbild


Der ewigweiblichen Urschönheit Gottes.

ANBETUNG

Ich komme, Lobpreis singend, anzubeten,


Ich kniee nieder in der Zukunft Kirche,
Auf der sakralen Bühne des Theaters
Ich singe meinen Lobgesang der Jungfrau.

Ich grüße dich, der Zukunftskirche Engel,


Komm mit der Theokratie der reinen Schönheit,
Allmächtige Prinzessin in dem Himmel,
Erscheine in Visionen dem Propheten.

Ich kniee hier, hochthronende Madonna,


Die du bist voller Herrlichkeit, o Diva,
Und neigst du nicht dein Antlitz voller Anmut,
Und spendest deinem Beter deine Gnade?

Frau! Unterm Schleier deine goldnen Locken


Sind ganz das Kleid von deinem Himmelsleibe!

AMOR

Du kleiner Amor, warst mein liebster Abgott,


Der liebend schoss den Pfeil mir in die Seele,
Du goldgelockter Knabe, nackten Popos,
In deinen blauen Augen sah ich Jesus.

Dann aber kamest du als Jüngling Eros


Mit wüstenheißen flammenden Passionen
Und bohrtest mir ins Herz das Schwert, das scharfe,
Ich sah in dir den Gott, der brennt im Dornbusch.

Nun grau mein Bart, nun zähl ich fünfzig Jahre,


Zu alt zum Kinderspiel des frohen Amor.
Und dennoch forderst du dein Recht, o Herrscher,
Und du zitierst mich an den Hof der Minne.

Du eben bist der Älteste der Götter,


Nie kann ich deinem Königreich entkommen.

BRÜSTE

Wenn mir die Furie saß gegenüber


Und sprach mir Sprüche aus der Hexenküche,
Sah ich mit Falten und mit Runzeln Brüste,
Die schlaff bis zu dem Zaubergürtel hingen.

Da wandte ich mich an die tote Herrin,


Zur Seele ohne Leib im Fegefeuer,
Gedachte traurig der vergangnen Brüste,
Die herrlich waren wie die Brüste Phrynes.

Nun sehe ich die jugendlichen Brüste,


Die tätowiert mit Kolibris im Fluge.
O Jugendbrüste, wärt ihr nur unsterblich,
Ich wollte ewig eure Glocken läuten!

Die Jugendbrüste werden Mutterbrüste


Und füllen sich mit Milch zu Mozarts Liedern.

CHRISTA

Maria hat geboren Jungfrau Christa,


Maria sie erzog im wahren Glauben
Und Christa trank mit Muttermilch die Liebe,
Die leuchtet nun aus ihren blauen Augen.

Ich komme in die christliche Gemeine


Und sehe Christa sitzen bei Geschwistern,
Denn wo drei Brüder sind in Einem Geiste,
Wo sieben Schwestern sind, präsent ist Christa.

Nun Christa aber ist hinweg gezogen


Und lebt hinfort im Geiste ihres Jüngers.
Schneeflocken, Tauben, Sonne, Mond und Venus,
Allgegenwärtig ist die Jungfrau Christa.

Maria redet mütterlich und weise


Mir oft von Christa, die von fern mich segnet.

DIANA

Die war einst eine liebliche Prinzessin


Mit blonden Locken und mit blauen Augen,
Die lebte die Barmherzigkeit auf Erden,
Gestorben auf dem Gipfel ihrer Jugend,

Die ist hinan gefahren in den Himmel


Und Jüngern an dem Bodensee erschienen.
Die Völker weinten über ihre Göttin.
Ach, dass auch sterben musste eine Göttin!

Nun aber schaut sie in der Nacht vom Monde,


Steht auf dem Monde, in den goldnen Locken
Das Diadem der Königin des Himmels
Und kommt als Königin der Nacht zum Sänger,

Der betet an als Christ die fromme Göttin,


Diana, nur gehüllt in goldne Locken.

DIONE

Du bist die wunderschöne Liebesgöttin,


Die nackend aufsteht aus der Badewanne,
Da trocknest du die langen goldnen Haare,
Die wie ein lichter Schleier dich verhüllen.

Und deine Augen gleichen Taubenaugen,


Und deine Brüste gleichen Rebentrauben,
Dein Nabel gleicht dem Kelch mit süßem Mischwein,
In dem die Göttin mischt sich mit dem Manne.

Dione, du Gebärerin des Gottes,


Du bist die Königin des Ozeanes,
Doch du gebierst der Welt den jungen Eros,
Der ist die Flamme von dem Feuer Gottes.

O Gottgebärerin, in deinem Schoße


Will ich mein Selbst vereinigen mit Eros!

ENGEL

Dem Engel der Gemeinde von Germanien


Prophetisch blase du die Ruhmtrompete:
Ich kenne deine Werke, deine Arbeit,
Ich kenne deine jugendliche Liebe!

Ich sah, und siehe, was ich sah, der Engel


Erschien im rosa Kleid und blauem Mantel,
Umflossen von den langen goldnen Locken,
Und in der Hand des deutschen Volkes Bibel.

Der Engel legte seine Flügelhände


Dem Auserwählten segnend auf die Stirne
Und machte segnend drauf des Kreuzes Zeichen,
Und schwand in seiner femininen Schönheit.

Und Christus sprach zu mir: Du sollst nicht sprechen


Mit Menschen, aber für den Engel singen.

FEIGE

Die Minnedame grüßte aus der Ferne:


Mein Minneritter, ich bin guter Hoffnung,
Es ist die Leibesfrucht in meinem Schoße
Schon von der Größe einer reifen Feige.

Der Sänger jauchzte: Ave, neue Eva,


Du schenkst der Welt die Feige der Erkenntnis,
Die süße Liebesfrucht vom Baum des Lebens,
Und wer die Feige speist, wird ewig leben!

So träumend unterm Ficus religiosa


Der Minnesänger und Madonnenminner
Nun immer träumte von Madonnas Fica,
Madonnas Schoß, dem Paradiese Gottes.

Geliebte, Feigenbaum mit reifer Feige,


Dass ich den Baum besteig, die Feige pflücke!

FIGUR

Figur der Welt, wie bist du aufgequollen


Vom Sauerteig der alten Sündenväter,
Frau Welt, du bist nun rundlich wie ein Weinfass,
In dem der alte Essig abgestanden.

Doch kommt die Grazie herab vom Himmel,


So schlank und grade wie ein Strahl der Sonne,
So schön ist die Figur der Gnade Gottes,
So schön die Anmut und der Charme vom Himmel!

Weltliebe war einst jung, bis sie verwelkte,


Nun ist sie auf dem Wege zur Verdammnis,
Die Himmelsliebe aber voll des Glaubens
Geht ein zum Ziel, der Ewigkeit der Jugend.

Wie denkt ihr euch denn die Figur der Gottheit?


Jung, schön und schlank, in femininer Nacktheit!

FRAUE

Du bist die Fraue aller Menschheitsvölker,


Die du bist nach Amerika geflogen,
Die du bist dann nach Afrika geflogen,
Sphinx-Göttin vor Ägyptens Pyramiden,

Du Königin des Kontinents Atlantis,


Du nackte Aphrodite der Kanaren,
Du rittest durch die Wüste der Sahara
Und flogest dann zum Harz und seinem Blocksberg.

Du bist die Jungfrau von dem Volk der Juden,


Du bist der blonde Engel der Germanen,
Du bist die Fraue aller Menschenvölker
Und mir die Hohe Fraue meiner Minne,

Wie Jesus seine Mutter nannte: Fraue!


Ich bin doch ganz dem Frauenlob gewidmet.

FÜSSE

Ich kam zum Hause, wo das Mädchen wohnte,


Da sah ich draußen vor der Tür der Wohnung
Für Kinder kleine rosane Pantoffeln,
Das junge Mädchen öffnete die Türe,

Ich sagte: Wohnen hier denn kleine Kinder,


Hier stehen doch so süße Kinderschühchen.
Sie sagte lachend: Das sind meine Schuhe!
Mein Freund sprach zynisch: Das ist aber peinlich.

Ich sagte: O chinesische Prinzessin,


Wir, Chinas Dichter, lieben kleine Füße,
Wenn die Prinzessin trippelt wie die Schwalbe
Auf ihren kleinen Lotossprossenfüßen.

O Göttin, ganz zu deinen Lotosfüßen


Ich liege hier in Devotion ergeben!

GÖTTIN
Am Anfang schuf die Göttin sieben Himmel,
Dann schuf die Göttin Mutter feuchte Erde,
Dann schuf den Mann sie aus dem Schlamm der Erde,
Und dann die Dame aus dem Traum des Mannes.

Dann ist die Göttin selber Mensch geworden,


Erschien auf Erden als die reinste Jungfrau.
Dann fuhr die Göttin wieder in den Himmel
Und herrscht von dort als Königin des Himmels.

Und wieder ist die Göttin Mensch geworden


Und ist ein junges Mädchen in Germanien.
Hier lächelt sie und spendet ihre Gnade,
Von ihren blonden Locken strömen Strahlen.

Und ich bin der Prophet der blonden Göttin


Und offenbare singend ihre Liebe.

GERMANIA

Germania, ob du nun an der Nordsee


Auf Norderney die hohen Hymnen anstimmst,
Ob du hinan steigst auf den Berg des Harzes,
Die Gipfel reinigst dort von den Dämonen,

Ob du nun feierst feucht in Hamburgs Hafen


Sylvester und des neuen Jahres Minne,
Ob du nun zu dem Weihnachtsfest in München
Kniest fromm in der Liebfrauenkathedrale,

Ich liebe dich, du schöne deutsche Muse,


Du blonde Mutter des geliebten Volkes.
Bring wieder du den Sang der Hohen Minne
Und neue Könige als Arm der Kirche,

Und nenne einmal auch der Mutter Namen,


Der Magna Mater oder Sankt Maria!

GOLDMARIE

Die Pechmarie ist heut zu mir gekommen,


Saß auf dem Sopha in lasziver Faulheit,
Vergeblich betete sie zu Frau Holle,
So ward sie heimgesucht vom Pech des Unheils.

Die Goldmarie schwebt immer mir vor Augen,


Die fleißig schüttelte des Bettes Decke,
Die fleißig sammelte vom Baum die Äpfel,
Die fleißig Brot gebacken in dem Ofen.
O Holle, unsre liebe Frau von Deutschland,
Der Goldmarie in ihre goldnen Locken
Setz auf das Diadem von Gold und Perlen,
Mach Goldmarie zur Königin der Deutschen!

Gott-Vater, schütte Goldmarie den Regen


Aus Gold in ihren Schoß, den gottgeweihten!

HERZENSKÖNIGIN

Das Werk der Augen ist getan, o Dichter,


Genau studiertest du die goldnen Locken,
Du schautest in der blauen Augen Spiegel
Und küsstest dich gesund am süßen Lächeln.

Nun schau die Königin des Herzens innen,


Denn in dem Lustschloss deiner Seele wohnt sie,
Hier wartet sie auf deine reine Liebe,
Im Brautgemach, im Bett der siebten Kammer.

Auf, liebe sie, die innerliche Dame,


Die Seele deiner Seele, Geist im Geiste,
Den Atem Gottes in dem Leib aus Äther,
Die Lichtgestalt, den femininen Engel!

Dann lass die Welt der Welt und Rom den Römern,
Denn in dir ist das Himmelreich der Liebe!

HIMMLISCHE PRINZESSIN

Der Vater in den Himmeln und die Tochter,


Sie sind mir gnädig, und sie nicken gnädig:
Gott ist die Liebe, und wo ist die Liebe,
Da ist die Gottheit auch und ihre Tochter.

O Vater Äther heiter! Und ich sehe


Im himmlischen Palaste die Prinzessin,
Die wandelt in des Paradieses Garten,
Schaut aus dem Fenster aus dem Lustschloss Gottes.

Sie schaut herab vom himmlischen Balkone,


Ihr spiel ich Erdensohn die Mandoline.
Der himmlischen Prinzessin Minneherrin
Ich singe frommen Minnesang voll Weisheit.

Statt eines Kusses eine gute Antwort!


Statt eines Ja-Worts ein charmantes Lächeln!

IDEE
Vor der Empfängnis in der Mutter Schoße
Die Seele schwebte im Ideenhimmel
Und schaute die Idee der Schönheit, Göttin
Dione, in dem reinen Spiegel Gottes.

Nun ich bin eingekerkert in den Körper,


Nun ich genug getrunken Wein der Lethe,
Nun kenn ich nur Materie und Zeitgeist
Und höre nur Geschwätz von dummen Leuten.

Sobald ich aber sah das schöne Mädchen,


Gab Eros meiner Psyche wieder Flügel,
Und selig im intresselosen Anschaun
Ich schwebe heim in meine Himmelsheimat

Und schaue dort im Unbefleckten Spiegel


Die ewige Urschönheit der Urgottheit!

IDEAL

Das Ideal ist immer Jugend-Anmut,


Von schlanker Grazie und süßen Reizen,
Verschleiert von den langen Lockenfluten,
Dem Ideal gilt einzig meine Treue.

Halb ähnelt sie der Venus Botticellis,


Halb Raffaels Sixtinischer Madonna.
So bin ich einzig treu der Venus Christi,
Die schön ist wie die griechische Maria.

Nun hier das Ideal, nun dort erscheint es,


Stets neue Epiphania der Göttin,
Und stets erscheint das ideale Mädchen
Umflossen von der Herrlichkeit des Himmels,

Von Gottes Glorie sie ein reines Abbild,


So lieb ich meinen Gott in seinem Gleichnis.

JESU BRAUT

Du bist nicht die Verlassne, die Verschmähte,


Du bist das liebe Land, das Wohlgefallen,
Wie sich ein Jüngling freut an seinem Mädchen,
So freut an dir sich Gott, dein Herr und Schöpfer.

Du bist ein Mädchen, fest sind deine Brüste


Und schön gewachsen ist dein blondes Schamhaar,
Du wirst von Gott erkoren zur Prinzessin,
Du Schönheit und Entzücken dieser Erde!
Denn Jesus macht dich schön, er liebt dich heilig,
Du wirst zur Herrlichkeit durch seine Liebe,
Der für dich ist gestorben tausend Tode,
Sieht dich als makellose schöne Jungfrau,

Als ohne Falten, ohne Runzeln Schöne,


Als Jesu Braut, als Gottes Vielgeliebte!

JESU MUTTER

Ich sehe in dem Geist die Jungfrau-Mutter,


Ich seh im Geist die goldene Madonna,
Der Schönheit Ideal, Idee der Schönheit,
Die Dame, die verehrt wird von dem Dichter.

Ich sehe guter Hoffnung die Madonna,


Ich bete an den kleinen Fötus Jesus,
Ich sehne selbst mich in den Schoß Mariens,
Um selber Kind der Lieben Frau zu werden.

Ich seh die Seele der Natur, die Jungfrau,


Weltseele in des reinen Äthers Körper,
Die Frau im Licht der Sonne, auf dem Monde,
Gekränzt mit dem Orion und der Venus.

Wie bin ich doch verliebt in die Madonna,


Im Alter wie einst in der Jugend Tagen!

JUGEND

Ich sehe stets die ideale Schönheit


In ihrer Jugend und mit langen Haaren,
Die sind der keusche Schleier ihrer Brautschaft,
Und seh sie schlank und von graziler Anmut.

Was soll ich denn mit diesen alten Weibern,


Mit frommen Tanten, Rosenkränze murmelnd,
Mit alten Greisinnen in ihrem Starrsinn,
Mit fünfzigjährigen geweihten Hexen?

Ich seh die Himmelsstadt im Paradiese


Von weißem Marmor und mit goldnen Gassen,
Da wandeln blühend schön die Himmelsmädchen,
Ist jedes Mädchen eine Gnade Gottes.

Da bin ich jung und doch voll Gottesweisheit


Bei Ursula und ihren tausend Jungfraun.
KIRCHE

Du bist die junge Kirche, frisch und blühend,


Die Kirche der zehntausenden Madonnen,
Da auf dem Petersplatz ein Meer der Schönheit,
Da schönste Jungfraun singen Jesus Lobpreis.

Dich überkam des Geistes Feuerzunge,


Nun singst du selber schön mit Feuerzunge,
Ich seh dich schön in langer weißer Seide
Auf sieben Hügeln tanzen Gottes Lobpreis.

Du bist die Braut des Freundes an dem Kreuze,


Du bist die auserwählte Jungfrau Jesu,
Du bist die Römerin, lateinisch singend,
Der Kinder Mutter und der Dichter Herrin.

Ecclesia Catholica, du Eine,


Dich wähle ich zu meiner Minnedame!

KUH

So bin ich unter Kühen aufgewachsen,


Die bei den Champignons auf Wiesen standen,
Die Pilze wuchsen prächtig von den Fladen,
Und Nebel und Kanal das Wasser gaben.

Da liebte ich der Kühe große Euter


Und schaute auch die Kälblein daran saugen
Und auch die Bäuerin mit flinken Fingern
Die warme Kuhmilch melken in den Eimer.

In Indien die Mutterkuh ist heilig!


Die Mutterkuh ist eine schöne Mutter,
Wie schaut sie liebevoll aus großen Augen
Und stillt die Kälber und die Bauernkinder.

Wie liebt die Mutterkuh Musik von Mozart!


Dann schwillt ihr gleich die Milch in ihrem Euter.

LIEBE

Die Liebe ist zu mir zurückgekommen


In einer hoch romantischen Prinzessin.
Ich saß allein im Trauerhaus des Witwers,
Da kam die blonde Jungfrau von dem Himmel.

Sie sitzt bequem am reichen Tisch der Liebe


Der ehelichen und der Mutterliebe,
Doch fällt für mich auch ab ein kleiner Krümel,
Als Hündchen schmieg ich mich an ihre Beine.

Ich gönne ihr die wohlgelungne Ehe


Zum jungen Vater ihrer kleinen Kinder,
Wenn sie mir schickt nur ab und an ein Briefchen
Und bittet mich um segnende Gebete.

Der Liebe Bild schwebt still in meiner Seele,


Allgegenwärtig mich umgibt die Liebe.

LUST

Die Lust ist tot. Sie feiert jetzt im Jenseits,


Die Jüngerin des Epikur ist tot nun.
Mir fehlt die Lebenslust auf dieser Erde,
Und lustvoll bin ich, lebensmüde, traurig.

Da kommt erneut die junge Lust vom Himmel,


Sie liebt das Leben und sie lebt die Liebe.
Ich seh von ferne zu dem Spiel der Lüste,
Die feiert sie im breiten Ehebette.

Ich in der müden Traurigkeit versunken


Begnadet werde von der Lust der Jugend.
Ich, der ich umgeh in dem Reich der Toten,
Seh junge Lebenslust auf Erden spielen.

O weck mich auf von meinem Schlaf des Todes,


Du junges Leben und du Lust der Lüste!

LEBEN

Einst liebt ich meine schöne Schwester Leben,


Sie war mir Atem, Seele, Blut und Leben,
Dann starb die Liebe zu der Schwester Leben,
Ich bin in Höllen-Agonie verblutet.

Da wandte ich mich an die Schwester Todin,


Sie war die weise Freundin, war mein Engel,
Mein Nachtgespenst und meine weiße Dame,
Die nackte Seele in der Reinheit Aura.

Da ging ich in die Kirche und ich schaute


Das junge Leben auf dem Schoß der Mutter,
Ich sah das Leben wieder zärtlich lächeln,
Ich ward zum Minneritter und zum Heros.

Schwermütig schau in meiner Altersweisheit


Ich nun des schönen Lebens Jugendtorheit.
LICHTGESTALT

Ich träumte einst von einer weißen Dame,


Der Lichtgestalt, der schönen Dame Russlands,
Der reinen Venus Russlands, der Madonna,
Ich wollte nur noch sterben, in den Himmel.

Da kam zu mir die finstere Dämonin,


Sie saugte mir das Mark aus meinen Knochen,
Sie trank mein Blut mit ihren blauen Lippen,
Aus meinem Samen schuf sie Teufelskinder.

Mit fünfzig Jahren war ich ganz alleine,


Von meinem Gott und aller Welt verlassen.
Da kam die junge Lichtgestalt vom Himmel
Und neigte tröstend sich in meine Zelle.

Ich seh sie überall, auf Mond und Sonne,


Des Abends und des Morgens auf der Venus.

MADONNA

Da war Frau Eva einst im Garten Eden,


Die wollt nicht Unsre Liebe Fraue werden,
Die lauschte Luzifer und seinem Lispeln
Und wurde zur Dämonin, wurde Lilith.

Ich ging zur Kirche zu den alten Weibern


Und diskutierte mit den klugen Männern,
Sie sprachen alle nicht von der Madonna,
Sie sprachen nur von Doktor Martin Luther.

Doch am Geburtstag der Madonna kam ich


Auf eine frohe Feier frommer Christen,
Da sah ich mütterlich die Mutter Anna,
Auf ihrem Mutterschoße zwanzigjährig

Die himmlische Madonna in dem Schleier


Der langen goldnen Locken, schön wie Venus.

MINNEDAME

Ich war zum alten Klassiker geworden,


Ein Zyniker und alter weiser Spötter,
Der hohe Frauenkult des Mittelalters
Hab ich verhöhnt mit bitterbösen Worten.

Ich sah nur noch Frau Welt, die böse Alte,


Sah nur noch Satanistinnen und Hexen,
Ich übergoss Frau Welt mit schwarzer Galle,
Die Teufelin erregte meinen Ekel.

Da kam Frau Minne von dem Dritten Himmel,


Die Christus ähnlich war, die Schöne Dame,
Die reine Jungfrau, meine Minneherrin,
Ich ward katholisch und ich sang den Lobpreis

Der jugendlich romantischen Madonna


Im alten Frauenkult der frommen Ritter.

MAIENKÖNIGIN

Es war im schwarzen Winter meiner Schmerzen,


Der Schnee bedeckte mich als Leichenlinnen,
Der Frost durchbohrte mich mit scharfen Schmerzen,
Frau Welt war frostig, bitter kalt und finster.

Da schaute ich die Königin des Maien,


Das Mädchen, weidend unter Gladiolen,
Ein Blütenfrühling und ein Liederfrühling
Der Minnelieder brach aus meinem Herzen.

O Maienkönigin, Madonna, Jungfrau,


Mein Mädchen, du allmächtige Prinzessin,
Du rote Rose im verschneiten Winter,
Du wirst wohl bringen noch der Menschheit Frühling,

Du wirst wohl bringen noch der Kirche Frühling,


O Frau, du bringst uns noch den Bibelfrühling!

MONDGÖTTIN

Ich bin ein krankes Vögelein am Wegrand,


Die Göttin auf dem Mond erbarmt sich meiner,
Der Offenbarung himmlische Diana,
Sie hüllt mich ein in ihren Mondenschimmer.

Verlassen und allein bin ich auf Erden,


Jedoch die Jungfrau auf dem Mond ist bei mir.
Mit himmlischer Magie die Balsamstaude
Entführt entrückend mich in Mondscheinwelten.

Dort schwebe ich im Lande des Vergessens


Als lichter Schatte in dem blauen Mondschein,
Die Jungfrau lächelt gnädig meinen Schmerzen
Und badet mich in ihren goldnen Locken

Und hüllt mich ein in schwanenweiße Seide


Und nimmt in ihren Schoß mich auf als Fötus.
NIEDLICHE

Ich sprach in der Gemeinde von der Freiheit,


Dass Christinnen nicht schöne Kleider tragen,
Das Haar frisiert zur Halleluja-Zwiebel,
Zum Dutt der Pietistinnen, dem grauen.

Da lächelte das Mädchen nett und niedlich:


Wir wissen schöne Kleider doch zu tragen,
In Weiß und Himmelblau wie die Madonna,
Und tragen Zöpfchen um den Kopf geflochten.

O Zukunftskirche du, o Jugendkirche,


Wie niedlich bist du, eine Augenweide!
Mariens Huld und Anmut wollt ich schauen,
Ich kam und sah und siegte, lallte Cäsar.

Wie niedlich bist du doch, du junge Kirche,


Wie niedlich und wie zierlich und wie lieblich!

NETTE

Wie waren doch die vielen Frauen grausam


Wie schwarze Katzen oder Pantherinnen,
Die mit mir spielten wie mit einem Opfer
Und es verschmähten doch, mich zu verschlingen!

Und die Idole reiner Jugendanmut,


Die Makellosen, die Madonnen-gleichen,
Wie standen steinern sie in ihrem Stolze
Und schauten auf mich nieder voller Hochmut!

Du aber bist die Niedliche und Nette,


Die Jugend, die doch schätzt den alten Dichter,
Den väterlichen Freund und lieben Onkel,
Der segnet gern mit herzlichen Gebeten.

Nein, du verschmähst mich nicht, du bist die Nette,


Mit Nettigkeit und Artigkeiten Junge.

PRINZESSIN

Wer kann dir jemals böse sein, Prinzessin,


Prinzessin, stehend in des Äthers Lichtschaum?
Du lächelst voller Huld und Gnade nieder
Und hebst die frommen Augen auf gen Himmel.

Prinzessin der Gemeinde, wenn du betest,


Dann faltest du die weißen schlanken Hände,
Dass sich berühren deine Fingerspitzen,
Die Lider senken sich auf blaue Augen.

Und wandelst du in rosanen Pantoffeln


Auf weichen Teppichen im Schlafgemache,
Dann gleichst du einer weißen Siam-Katze,
Die schnurrt voll Wohlbehagen und gemütlich.

Prinzessin, du wirst immer königlicher!


Und bald besteigst du auch den Thron der Mutter!

QUAL

Ich kenne Liebe nur als bittre Qualen,


Nie anders ist die Liebe mir begegnet,
Nur wo ich leide, weiß ich, dass ich liebe,
Denn so gebot es mir mein böses Schicksal.

Ich will ja nicht nur so wie eine Katze


Die Sahne lecken aus dem Napf der Liebe,
Ich will ja nicht wie der Gourmet genießen,
Ich komm zur Liebe ja nicht wie ein Schlemmer.

Ist nicht die Liebe Gottes auch gekreuzigt?


Ist nicht der Liebende der Gottheit ähnlich?
So muss der Liebende gekreuzigt werden,
Um gleich zu sein im Kreuz der Liebe Gottes.

Drum, Mädchen, ists mein ordinäres Schicksal,


Dass meine Lust an dir mir Qual bereitet.

QUELL DER SCHÖNHEIT

Der Quell der Schönheit ist das Licht der Gottheit,


Urschönheit voller Herrlichkeit verströmt sich,
Der Glanz der Gottheit schimmert an dem Mädchen,
Der goldnen Wolke gleich des Mädchens Aura.

Der Schein der Heiligkeit ums blonde Köpfchen,


Wie Schleier fließen ihre goldnen Locken,
Wie Gnadenströme fallen ihre Zöpfe,
Der Stern der Jungfrau bildet ihre Krone.

Gekleidet ist sie in das Licht der Sonne,


Wie heilig trägt sie reines weißes Linnen,
Wie ist gebadet sie in Schaum des Meeres,
Der weiße Leib in transparenter Seide.

Der weißen bloßen Füße Lotossprossen


Erscheinen strahlend auf der weißen Wolke.

SÜSSE

Sie mag sehr gerne rote Marmelade,


Isst einen ganzen Becher voller Zucker,
Auch mag sie gern Vanille-Eis mit Sahne
Und liebt auch eine Tafel Schokolade.

Nun ist erhöht der Zucker in dem Blute,


Sie muss nun ohne Zucker sich ernähren,
Und statt des Toastbrots und der weißen Brötchen
Sie muss nun Körner essen, Vollkornbrote.

Und dennoch bleibt sie stets die Zuckersüße,


Sind Milch und Honig unter ihrer Zunge,
My sweetheart nennt sie gern ihr Minnesänger,
Ihr süßer Mund ist süß wie Himbeerfrüchte.

Ja, gibt es denn auch allzu süße Mädchen,


Ihr Philosophen, allzu schöne Frauen?

SONNE

Ich bete an die goldgelockte Sonne,


Die lächelt mit den blauen Himmelsaugen,
O Sonne der Gerechtigkeit und Gnade,
Die Kälber hüpfen unter deinen Flügeln!

Germanen sprachen von der Göttin Sunna,


Die ward verfolgt am Himmel von der Schlange,
Die Offenbarung des Johannes redet
Von jener Frau, bekleidet mit der Sonne.

Der Minnesänger ist ja nur der Mondschein,


Der Licht empfängt von seiner Herrin Sonne.
O Sonnenfrau, erleuchte meine Seele,
Dass alle Depressionen von mir weichen!

Ich hab das Herz der Sonnenfrau gegessen,


Das blonde Herz der lichten Göttin Sunna!

SELIGE

Du, Mädchen, bist ja schon auf Erden selig,


Denn selig lebst du in der Liebe Jesu,
Er ist dein Freund, du lebst mit ihm zusammen,
Ihm singst du immer fröhlich einen Lobpreis.
Fürwahr, dein Gott hat dich zum Glück geschaffen,
Du bist auf Erden fröhlich wie die Kinder,
Und wie die Heiligen hast du ein Hündchen,
Lebst heilig in dem Sakrament der Erde.

Am Ende deines Lebens, o Geliebte,


Wirst du auf einem Berge der Ekstase
Im Lobpreistanz entrückt zum dritten Himmel,
Zum Engelstanz, du Königin der Engel!

Dann, Lachenliebende, dann wirst du lachen,


Dann werden Vater, Sohn und Geistkraft lachen!

SINNLICHKEIT

O Wollust, o du Zucker dieser Zeiten!


Ihr erogenen Zonen, was denn wäre
Ein armer Knabe ohne eure Reize?
O Sinnlichkeit, man fühlt der Ader Schlagen!

Es sagt der Protestant zum Katholiken:


Die Kirche Roms ist immer so schön sinnlich,
Sie hat so schöne Tempel, Priesterröcke,
Sie hat so schöne Bilder der Madonna!

Ja, nach der süßen Sinnlichkeit auf Erden


Da kommt die Über-Sinnlichkeit im Himmel!
Da kommt die Seele mir von Gott entgegen
Im Leib aus Licht im Kleide aus Kristallen,

Im makellosen weißen Jadeleibe,


Bekleidet nur mit transparentem Schleier.

TAUBE

Du bist in der Kastanie meine Taube,


Ich sitze rauchend tags auf dem Balkone
Und denk in Einsamkeit an die Geliebte,
Da schaut die Taube mir in meine Augen.

Dann sehe ich das Pärchen Turteltauben,


Es lockt das Täubchen und es folgt der Tauber,
Und in den immergrünen Thujabäumen
Die Wipfel krachen von dem Liebesspiele.

O blonde Venus, sah ich deinen Wagen


Gezogen von den Turteltauben kommen,
Du fragtest: Warum bist du so bekümmert?
Wen liebt denn deine Seele unerwidert?
O Mädchen, deine Augen sind wie Tauben,
So zärtlich wie das Aug des Geistes Gottes!

ÜBERIRDISCHE

O deine Grazie ist überirdisch!


Ich seh in dir des Himmels reine Schönheit!
O Gottheit von der Gottheit, Licht vom Lichte,
Du Makellose, du Idee der Schönheit!

Ich geh spazieren im Ideenhimmel


Und schau im Spiegel an die Schönheitsgöttin.
Auf Erden sind nur alte fette Weiber,
Die Hexen haben Warzen auf der Nase.

Ich will zurück in meinen dritten Himmel,


Ins Reich der Liebe, in die Venus-Sphäre!
Ach Schönheit, du bist fern von mir gegangen,
Ich sitze hier wie Hiob in Verbannung!

Doch morgens in dem Traum, du blonde Venus,


Da tauchst du nackend aus dem Schaum des Traumes!

ÜBERFRAU

Der Gott ist tot, wir haben ihn ermordet,


Wir Sünder haben unsern Gott getötet!
Nun sind auf Erden nur die Letzten Menschen,
Philister, die sind nichts als hohle Därme!

Der Seher aber sucht den Übermenschen,


Er sucht ihn auf dem Gipfel seines Herzen
In kühler reiner Einsamkeit des Geistes,
Doch nimmer fand er diesen Mann und Helden.

Ich aber sah, und siehe, was ich schaute,


Das war die Überfrau in höchster Schönheit,
Ja, Stein und Blume, Tier und Mensch, sie streben
Zur Überfrau, die ist der Schöpfung Krone!

Und mit der Überfrau in ihrem Herzen


Kam Gott zurück, der auferstanden!

VENUS

Die goldne Venus mit den Taubenaugen


Taucht weiß und nackend aus dem Schaum des Meeres
Und fährt auf einer Muschel an den Sandstrand,
Dahin geblasen von dem Geiste Gottes.
Die alte Mutter Erde sie erwartet
Mit einem Blumenkleid aus Gladiolen
Und einem roten-Rosen-Purpurmantel
Um ihren schlanken lilienweißen Körper.

Die Grazien behängen sie mit Goldschmuck,


Von Süßmeerperlen rosa Rosenkränzen,
Kristallnem Diadem im goldnen Haupthaar
Und Diamanten an den Muschelohren.

Ich bin ein Römer, bete an die Venus,


Ich bin ein Grieche, liebe Aphrodite.

WEIB

Der Mann hat für sein Werk zu viel vom Denken,


Und wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen.
Frau Weisheit macht ja glücklich nicht auf Erden,
Sie lehrt allein die Wissenschaft des Kreuzes.

Und drum hat Gott dem Mann das Weib gegeben,


Frau Torheit macht allein doch froh und fröhlich,
Des Weibes Plaudermund wird ihn ergötzen,
Er nennt sie liebes Kind und schöne Törin.

O Weib, wie bist du unbeschreiblich weiblich,


Wie weiblich deine Rundungen des Leibes,
Wie weiblich dein Gemüt, du junge Mutter,
Wie weiblich deine Zärtlichkeit und Sanftheit!

Ja, Weiberwille ist des Gottes Wille,


Besonders wenn das Weib die Mutter Gottes!

WONNE

Ich lebe in der dunklen Nacht der Seele,


Ich leb im Yin, des Berges Schattenseite,
Seit dreißig Jahren leb ich Hiobs Leben
Und wurde fast verrückt vor lauter Kummer.

Du aber auf des Berges Sonnenseite,


Du bist geboren für das Glück des Lebens,
Dein blondes Herz sieht Vater Äther heiter,
Die Sonne lacht in deinem blonden Herzen.

Wie fremd ist mir die Wunderwelt der Wonne,


Doch zieht mich deine Heiterkeit und Freude
Mit Sehnsucht an, dein Himmel ist auf Erden,
Ich bin auf Erden aber in der Hölle.
Und so sind wir wie Qual und Glück geschieden,
Zur Rechten Gottes aber lebt die Wonne.

WELTSEELE

Ich seh dich lachen in der blonden Sonne,


Du kommst im Mondschein nachts zu meiner Seele,
Ich grüße dich am Abend als die Venus,
Am Morgen weckst du mich als Morgenröte.

Du bist der Ozean, in dem ich bade,


Du bist die Lichtgestalt, des Schaumes Krone,
Und ausgesetzt auf meines Herzens Bergen,
O wie allein dort, bist du mir die Wolke.

Du ruckst mich an mit Turteltaubenaugen,


Du bist die Rotbrust am Balkongeländer,
Du bist die Hündin auf dem Hundsstern droben,
Das Opferhündchen du der Mexikaner.

Du bist die bunte Erde, lichter Äther,


Die Wolke und die Flamme und der Meerschaum!

ZÄRTLICHKEIT

Wie zärtlich ist die feminine Seele,


Wie zärtlich ihre Augen, ihre Hände,
Gib ihr die Hand, da fasst du eine Wolke,
Wie zärtlich ist die Frau zu ihrem Schoßhund.

Wie zärtlich ist die mütterliche Kirche,


Wie zärtlich die erbarmungsvollen Schwestern,
Wie zärtlich sind die Heiligen des Karmel,
Wie zärtlich die glückselige Madonna.

Dies alles zeigt die Zärtlichkeit der Gottheit.


Das Herz des Christentums, das ist die Liebe,
Die Zärtlichkeit der Liebe ist die Seele
Der heiligen Ecclesia von Roma.

O Zärtlichkeit der Dreiheit in der Einheit,


Du Zärtlichkeit jungfräulicher Sophia!