Sie sind auf Seite 1von 4

URWORTE ORPHISCH

von Torsten Schwanke

ERSTE HYMNE
DIE SCHÖPFUNG

Dies steht in den heiligen Reden der alten Rhapsoden,


Dies hat Damaskios wiedergegeben, man redet von daher
Von der rhapsodischen Kosmogonie der orphischen Kirche.
In der Überlieferung ist erschienen der Chronos,
Gott der Zeit, das Prinzip, das den Ursprung bildet von allem.
Chronos erzeugt zwei Prinzipien, nämlich Äther und Chaos.
Diese zweite Phase der kosmischen Schöpfungsgeschichte
Nimmt ihren Anfang mit der Erschaffung des silbrigen Welteis,
Welches Chronos im Äther erschafft. Aus dem silbernen Weltei
Wird geboren der geflügelte Lichtergott Phanes.
Phanes ist eine Hauptgottheit dieser orphischen Kirche,
Außerhalb orphischer Kreise wird ihm wenig gehuldigt.
Phanes wird in der spätantiken orphischen Kirche
Gleichgesetzt mit Eros. Seine Gefährtin ist Nyx, die
Heilige Mutter Nacht, ihr schenkt er sein göttliches Zepter.
Nyx, die heilige Mutter Nacht, den Uranos zeugte,
Der als Gott des Himmels den ganzen Kosmos regierte.
Dies ist die dritte Phase der orphischen Schöpfungsgeschichte.
Aber Uranos ward gestürzt von Kronos, dem Sohne,
Dieser Machtwechsel leitet die vierte Phase der Welt ein.
Aber auf Kronos folgte Zeus, der Vater im Himmel,
Dessen Regierung die fünfte Phase der Weltschöpfung bildet.
Zeus verschlang den Phanes und eignete sich seine Kraft an.
Zeus nun zeugte mit seiner Mutter, er schlief mit der Mutter,
Tochter Persephone. Zeus dann zeugt mit der eigenen Tochter
Den Dionysos. Zeus überlässt seine Herrschaft dem Knaben,
Mit der Herrschaft des Knaben Dionysos hatte begonnen
In der Schöpfung die sechste Phase des werdenden Kosmos.
Gegen Dionysosa stachelt die lilienarmige Hera,
Schwester und Gattin des Zeus, die Titanen auf zu dem Kriege.
Die Titanen lockten Dionysos in eine Falle,
Töten und zerstückeln den göttlichen Heiland des Weines,
Kochen seinen Leichnahm, um den Gott zu verspeisen,
Dadurch nehmen sie in sich auf sein göttliches Wesen.
Zeus aber überraschte die Mörder, die er verbrannte
Mit dem Blitz des Gerichts zu Asche. Und aus der Asche,
Darin Titanisches sich mit Dionysischem mischte,
Steigt ein Rauch, es bildet sich Ruß, und aus diesem Ruß schafft
Zeus das Menschengeschlecht. Und so sind die Kinder der Menschen
Doppelter Art, zerstörerisch und titanisch zum einen
Und zum anderen dionysisch, strebend zur Gottheit.
Aber Apollon sammelte ein den Leichnam des Weingotts,
Und Athene, die Jungfraungöttin der ewigen Weisheit,
Bringt das heilige Herz des lieben Heilands der Reben
Zu dem Vater Zeus, der ihn vom Tode erweckte.

ZWEITE HYMNE
DIE UNSTERBLICHE SEELE

Über die Seele teilen die Lehrer der orphischen Kirche


Die gewisse Idee, dass die Seele das Leben des Leibes
Ist und mit dem Tode des Körpers nicht im Nichtsein verflattert.
Dieses Konzept verbanden sie mit der Vorstellung einer
Seelenwanderung, pythagoräischen Metempsychose,
Die besagt, dass die Seele nach einander in Körper
Von verschiedner Gestaltung eingeht und mehrere Leben
Durechmacht auf Erden. Indem die Lehrer der orphischen Kirche
Zusprachen schon der Seele ein eigenständiges Dasein
Vor der Entstehung des Körpers im empfangenden Schoße,
Gaben sie auf die Annahme einer natürlichen Bindung
Einer unsterblichen Seele an Einen sterblichen Körper.
Dadurch erhielt die geistige Seele eine zuvor nicht
Von den Menschen gekannte Autonomie ihres Daseins.
Ihre Verbindung mit einem sterblichen Körper erschien nicht
Länger als Erfordernis ihres unsterblichen Wesens,
Sondern als bloße Episode im Dasein der Seele.
Nun galt die Seele nicht nur als unsterbliches Wesen,
Sondern ihr Dasein war unabhängig vom Dasein des Körpers.
Dadurch wurde ihr eine naturgegebene Gottheit
Zugesprochen und eine gott-ursprüngliche Freiheit.
Mit der Annahme über die Natur der göttlichen Seele
Kontrastierte ihr irdisches Dasein, ihre Verbindung
Mit dem vergänglichen Körper, in den sie nach orphischer Lehre
Eintritt von außen. Dadurch kommt sie mit Leiden und Sterben
In Berührung und hat entsprechende Lebenserfahrung.
Eine solche Weise des Daseins in Leiden und Sterben
Ist nach der orphischen Lehre nicht die Gottesbestimmung
Der gottähnlichen Seele, sondern ein nichtiger Zustand,
Nicht von den Göttern gewollt und vorübergehender Weise.
Daher bezeichnen die orphischen Lehrer, wie Platon bezeugte,
Dass der Körper der Kerker ist der gefangenen Seele.
Nach der orphischen Lehre kann die geistige Seele
Nach dem Tode des Körpers, den sie von innen bewohnt hat,
Nicht auf einfache Weise in ihre Heimat im Jenseits
Heimkehren, sondern muss sich erneut mit Körpern verbinden.
So kommts zum Kreislauf aufeinander folgender Leben,
Aufeinander folgender Tode, nämlich der Metempsychose.
Dafür die Ursache sind die Vergehen, die müssen gebüßt sein,
Das führt dazu, dass die Seele verbleibt in dem Kreislauf.
Worin die Vergehen bestehen, das wird nicht deutlich
In den orphischen Quellen. Doch der Lehre zufolge
Muss nicht ewig dauern der Zustand im Kerker des Körpers.
Sondern die Seele kann die Körperwelt endlich verlassen,
Wenn sie beschreitet einen bestimmten Weg der Erlösung.
Dann ist ihr Ziel ein Dauerhaftes glückseliges Dasein
In der Heimat der Seele, in dem himmlischen Jenseits.
Das entspricht ihrer eigentlichen ursprünglichen Gottheit.
Darum glaubt auch die orphische Kirche an die Erlösung.
Darum vertrat die Gemeinde ein optimistisches Weltbild,
Das sich unterscheidet vom Pessimismus der Griechen,
Wie sie sich findet in den Epen des blinden Homeros.
Die erforderliche Belehrung, wie man erlöst wird
Aus dem Elend des irdischen Daseins, das dankt die Menschheit
Dem Propheten Orpheus. Er stieg in den Hades hinunter,
Um im Totenreich seine verstorbene Gattin zu finden,
Sie zurückzuführen in die Sphäre des Lebens.
Er erhielt von den dortigen Göttern aus Huld die Erlaubnis,
Seine Geliebte mitzunehmen ins Licht auf der Erde,
Doch missglückte der gemeinsame Aufstieg, die Gattin
Und Geliebte Euridike musste zurück zu den Toten.
Dadurch wurde Orpheus aus Sicht der orphischen Kirche
Eine Autorität, die Auskünfte konnte erteilen
Über die Toten und das religiöse Geheimnis
Der Erlösung vom Tod. So ward er der Stifter der Kirche.

DRITTE HYMNE
DIE HEILIGUNG

Weithin bekannt für ihre Lehre die Pythagoräer,


Für die Lebensweise und ihren Plan der Ernährung,
Die ihre Ethik bildeten. Auch schon Platon bezeugte,
Dass es auch orphische Regeln des Lebens gab, Platon erwähnte
Eine Vergangenheit, in der die Regeln befolgt wurden. Dazu
Aber gehörte, wie bei den alten Pythagoräern,
Mindestens was den engeren Kreis betrifft dieser Kirche,
Auch bei der orphischen Kirche ein ethisch begründetes Fasten,
Nämlich Verzicht auf Fleischgenuss und tierische Nahrung,
Was sie begründeten mit der Lehre der Metempsychose
Und der dadurch entstandenen Wertschätzung tierischen Lebens,
Da ja das Tier sein konnte Verkörperung menschlicher Seelen.
Aus dem toten Tierleib gewonnene Nahrungsprodukte
Waren verpönt wie auch die üblichen Tieropfer auf den
Opferaltären der Götter im Glauben des griechischen Volkes.
Blutige Opfer und Fleischverzehr und tierische Nahrung
Nämlich führten zum Verlust der kultischen Reinheit.
Ob nun die orphische Kirche außer dem Vegetarismus
Oder veganer Ernährung andere Regeln der Sitte
Und der Heiligung anerkannten, kann ich nicht sagen.
Ihre Einschränkung in der Weise der besten Ernährung
War nicht allein begründet mit der Metempsychose,
Sondern auch mit der Kosmologie der orphischen Kirche,
Denn weil sie von dem Weltei sprachen, das Eros bewohnte,
Darum aßen die orphischen Heiligen keinerlei Eier,
Wie Plutarch uns berichtet. Aber in älteren Zeiten
Hatte man Eier gegessen, aber die strenge Askese
Hatte zugenommen mit der Entwicklung der Kirche.
Wein aber oder scharfer Rauschtrank wurde getrunken,
Was man begründete mit dem Opfer-Dionysos-Kulte.
Unklar ist, ob man Glied sein musste der orphischen Kirche,
Um zu beschreiten den angebotenen Weg der Erlösung.
Jedenfalls galt die kultische Reinigung, Heiligung, Tugend
Unerlässlich für die Erlösung der heiligen Seele.
Aber die Wanderprediger jüngerer orphischer Sekten,
Die die Reinigung anboten gegen Geld und Bezahlung,
Waren eine Verfallserscheinung der orphischen Kirche.