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Das bedingungslose Grundeinkommen

Seit Beginn der industriellen Revolution ist die Produktivität immer schneller gesteigert
worden, was zu leistungsfähigeren Volkswirtschaften und zu einem Lebensstandard in den
reicheren Ländern geführt hat, wie ihn die Menschheit nie zuvor kannte. Andererseits
nehmen auch hier seit Jahrzehnten Erwerbslosigkeit, unsichere Erwerbsverhältnisse und
Armut zu. Ängste vor sozialem Abstieg und Zukunftsungewissheit bis in die Mittelschichten
hinein gefährden die Demokratie. Wir haben noch nicht gelernt, die Chancen einer hohen
Produktivität zu nutzen. Das bedingungslose Grundeinkommen kann hierzu einen
wichtigen Beitrag leisten.

Was ist das bedingungslose niedrigere Lohnnebenkosten wegen der Verla-


Grundeinkommen? gerung auf Steuerfinanzierung.
Das bedingungslose Grundeinkommen bezeich- Darüber hinaus stabilisiert das Grundeinkommen
net ein gesellschaftspolitisches Konzept, nach die Kaufkraft und kann somit Konjunkturkrisen
dem jede Bürgerin und jeder Bürger einen abfedern.
gesetzlichen Anspruch auf eine bedingungslose
monetäre Grundabsicherung durch das jeweilige Macht ein bedingungsloses Grundeinkommen
politische Gemeinwesen haben soll. Es sollte als das Sozialsystem überflüssig?
ein weltweites soziales Menschenrecht gedacht In großen Teilen ja. Steuerfinanzierte Leistungen
werden. wie Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II, Grundsiche-
rung im Alter und bei Erwerbsminderung, BAföG,
Welche Grundelemente umfasst ein Kindergeld, Erziehungsgeld, Kinderzuschlag etc.
bedingungsloses Grundeinkommen? werden zum bedingungslosen Grundeinkommen
Es soll zusammengefasst. Dagegen werden Kinder- und
• existenzsichernd sein und gesellschaft- Jugendhilfe ebenso wie die Unterstützung für
liche Mindest-Teilhabe ermöglichen, Menschen in besonders schwierigen Lebens-
• einen individuellen Rechtsanspruch dar- lagen durch das Grundeinkommen nicht über-
stellen, flüssig, sondern müssen ausgebaut werden.
• ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt Unabhängig vom Grundeinkommen ist das
werden und Gemeinwesen dafür verantwortlich, dass
• keinen Zwang zur Arbeit bedeuten. Menschen durch Bildung und Kultur befähigt
werden, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen.

Warum brauchen wir das bedingungslose Sollte man nicht lieber den Bedürftigen gezielt
Grundeinkommen? helfen, statt ein Grundeinkommen bedin-
gungslos an Arm und Reich zu verteilen?
Wir steigern die Produktivität in höherem Maße
Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine
als unsere Nachfrage größer wird. Durch tech-
Unterstützung für besonders Bedürftige, sondern
nischen Fortschritt sind wir heute in der Lage, alle
ein Anrecht auf einen Anteil am gesellschaftlichen
im gegenwärtigen System nachgefragten Güter
Wohlstand, der jedem Bürger und jeder Bürgerin
und Dienstleistungen zu erstellen, ohne dabei auf
zusteht. Die Produktivität unserer Gesellschaft
die volle Arbeitskraft aller „Arbeitsfähigen“
hängt wesentlich ab
zurückgreifen zu müssen.
- von den Gütern der Erde, die allen Menschen
Die Bedrohung durch Armut, menschenver- gehören,
achtend angesichts nie da gewesenen Reich- - von der unbezahlten Arbeit, im privaten und
tums, wird durch das Grundeinkommen für alle bürgerschaftlichen Bereich, die überwiegend
abgeschafft. Das bedingungslose Grundein- von Frauen geleistet wird,
kommen macht Schluss mit der Entwürdigung - vom gesammelten Wissen früherer Genera-
und Gängelung Bedürftiger. tionen und von aktuellen Weiterentwicklungen
Die Freiheit aller Menschen, ihr Leben eigen- von Wissenschaft und Technik.
verantwortlich zu gestalten, wird durch das Diese Werte sollten nicht allein der Erwerbsarbeit
Grundeinkommen gestärkt. Bislang unbezahlte zugeschlagen werden. Es ist Zeit, alle Menschen
Tätigkeiten werden finanziell abgesichert. Auch daran zu beteiligen.
die Unternehmen gewinnen: motivierte Mitar- Die Finanzierung des Grundeinkommens durch
beiter und Mitarbeiterinnen, mehr Risikobereit- Steuern und Abgaben muss so gestaltet werden,
schaft aufgrund der Einkommenssicherheit, dass die Belastung der höchsten Einkommens-
schichten steigt, während das Netto-Einkommen Wegen der Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt
der Geringverdiener und die Versorgung der sollte das Grundeinkommen schrittweise einge-
Erwerbslosen deutlich angehoben wird. führt und seine Höhe zunächst vorsichtig, aber
deutlich über den heutigen Hartz-IV-Standards
Braucht man mit Grundeinkommen noch
angesetzt werden.
Mindestlöhne?
Ja, denn das Grundeinkommen könnte sonst Was ist mit den Arbeiten, die niemand gerne
einen Vorwand bieten, die Löhne zu drücken. tut, die aber für unsere Gesellschaft wichtig
Erwerbsarbeit muss angemessen bezahlt werden sind?
und ein Lebensniveau deutlich über dem Sie müssen besser bezahlt oder attraktiver
Grundeinkommen ermöglichen. Es ist nicht gemacht werden. Tätigkeiten, in denen
Aufgabe des Staates, den Unternehmen einen Menschen keinen Sinn mehr sehen, werden mehr
großen Teil der Kosten abzunehmen. Die meisten und mehr rationalisiert oder ersetzt. Die
europäischen Nachbarländer haben bereits materiellen Voraussetzungen für Sozial- und
Mindestlöhne eingeführt, ohne dass dies der Kulturarbeit haben wir geschaffen.
wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit dieser Staaten Braucht sich der Staat dann nicht mehr um
geschadet hätte. die Schaffung von Arbeitsplätzen zu
Ist es nicht zynisch, Menschen einfach nur kümmern?
„mit Geld nach Hause zu schicken”? Im Gegenteil! Aktive Beschäftigungspolitik ist
Wer Sinn und Erfüllung in seiner Tätigkeit findet, erforderlich, weil das bloße Grundeinkommen für
wird genauso arbeiten wie zuvor – in welchem die meisten Menschen nicht das angestrebte
Tätigkeitsbereich auch immer. Zynisch und falsch Lebensniveau gewährleistet. Erst wenn
ist es hingegen, Menschen zu unterstellen, sie ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen,
wüssten jenseits der Erwerbsarbeit nichts mit sich haben die Menschen Entscheidungsfreiheit,
und ihrer Zeit anzufangen. welche Tätigkeit mit welchem Sinn und welcher
Ausgestaltung sie ausüben wollen.
Ist ein Grundeinkommen finanzierbar?
Ist das bedingungslose Grundeinkommen
Ja! Es gibt zahlreiche von Fachleuten durch-
politisch realistisch?
gerechnete Konzepte für die Finanzierung eines
Ja! Es ist ebenso richtig und gesellschaftlich
bedingungslosen Grundeinkommens. Das ist
anzuerkennen wie z.B. unser Straßenwesen oder
nicht verwunderlich, wenn wir uns vergegen-
unser allgemeines Schulsystem. Zu beidem
wärtigen, dass wir erstens ja auch schon heute
haben alle gleichen Zugang - Arme und Reiche
alle Menschen in unserem Land ernähren und ein
ebenso wie "Fleißige" und "Faule".
großer Überfluss an landwirtschaftlichen und
industriellen Erzeugnissen besteht. Zweitens Wenn die Idee des bedingungslosen Grundein-
fließen alle zur Zahlung eines bedingungslosen kommens von vielen Menschen getragen wird,
Grundeinkommens erforderlichen Geldströme werden die Parteien sie politisch verwirklichen. In
schon heute. Es bleibt aber die Notwendigkeit, allen Parteien - in Deutschland und in vielen
Reichtum stärker zu besteuern. anderen Ländern - gibt es dazu erste Anzeichen.

Weitere Informationen
Im folgenden werden einführende, kürzere Darstellungen zum bedingungslosen Grundeinkommen empfohlen. Weiter-
führende Literatur ist im Netzwerk Grundeinkommen aufgelistet (www.grundeinkommen.de). Umfassende Informa-
tionen zum Grundeinkommen bietet das Archiv Grundeinkommen (www.archiv-grundeinkommen.de): Aktuelles aus
Presse, Funk und Fernsehen sowie eine reichhaltige Dokumentation zu wissenschaftlichen Werken.
Kurzdarstellungen zum Einstieg
1. Dahrendorf, Ralf (1986) 4. Werner, Götz (2006)
Ein garantiertes Mindesteinkommen als konstitutionelles "Das manische Schauen auf Arbeit macht uns alle
Anrecht. In: Thomas Schmid (Hrsg.): Befreiung von krank". Interview im "Stern" 14.05.2006
falscher Arbeit - Thesen zum garantierten www.stern.de/wirtschaft/arbeit-
Mindesteinkommen (6 Seiten) karriere/arbeit/560218.html?nv=ct_cb
www.archiv-grundeinkommen.de/bvfa/dahrendorf.htm 5. Strengmann-Kuhn, Wolfgang (2007)
2. Kumpmann, Ingmar (2007) Armut in Deutschland und Grundeinkommen.
Das bedingungslose Grundeinkommen - Vorteile und (20 Seiten)
Finanzierungsprobleme. In: "Berliner Debatte Initial 18", www.archiv-grundeinkommen.de/strengmann-
Nr. 2, S. 28-37 kuhn/20070225_Armut_und_Grundeinkommen.pdf
www.archiv-grundeinkommen.de/kumpmann/200705-
6. Blaschke, Ronald (2005):
initial.pdf
Warum ein Grundeinkommen? Zwölf Argumente und
3. Schramm, Michael (2007) eine Ergänzung (Dresden; pdf, 2 Seiten)
Trampolin, kein Sofa - Ein „Solidarisches Bürgergeld“ ist www.archiv-grundeinkommen.de/blaschke/warum-ein-
das Gebot der Stunde. In: Herder Korrespondenz 61, grundeinkommen.pdf
2/2007 (5 Seiten) www.uni-hohenheim.de/kath-
theol/Schramm_2007_SB.pdf

ViSdP: Dr. Herbert Wilkens, 14169 Berlin 6. Juni 2007