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1.

DIE EIGENE BERUFUNG FINDEN


Bock (2012) geht davon aus, dass der Prozess, die eigene Berufung zu finden, in drei
Phasen unterteilt werden kann: das Suchen, das Finden und das Anfangen.

1.1.Suchen

Die erste Phase bezeichnet Bock auch als „Vorbereitungsphase“, in der wir unsere innere
Welt als Landkarte entwerfen. Seine Berufung zu finden heißt sich selbst zu entdecken,
seine ureigenen Wünsche, Sehnsüchte, Träume, Talente und grundlegenden Bedürfnisse.
Dafür muss man sich auf Entdeckungsreise machen, eine Reise, die die eigene
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinschließt. Drei große Fragen sind dabei zu
beantworten: Wo komme ich her? Wo stehe ich jetzt? Wo will ich hin? (vgl. Bock 2012, S.
80).
1.1.1. Vergangenheit
Unsere Kindheit stellt, so könnte man sagen, eine Schatzkiste bei der Suche nach
unserem wahren Selbst dar. Die Schätze darin sind die Dinge und Fähigkeiten, die uns
von klein auf fasziniert haben, die jedoch mit der Zeit möglicherweise in Vergessenheit
geraten sind aufgrund der Erwartungen unserer Umwelt. Es ist gut möglich, dass wir beim
Blick in die Vergangenheit mit Überraschung feststellen, dass wir bereits einmal wussten
oder zumindest eine Ahnung hatten, was unsere Berufung sein könnte. Barbara Sher
behauptet, alles was wir richtig gerne tun und lieben, sei ein Hinweis auf Talente, welche
uns in die Wiege gelegt wurden. Talente können demnach als Geschenke der Natur
bezeichnet werden, die unserem wahren Selbst entsprechen. „Das Leben zu führen, das
Sie lieben werden, bedeutet, möglichst viele dieser Geschenke zum Einsatz zu bringen
und aus den wichtigsten alles herauszuholen“ (Sher 2012, S. 109).
Im Coaching wären daher folgende Fragen interessant: Was tun Sie gerne? Warum tun
Sie es gerne? Was haben Sie als Kind/Jugendliche/junge Erwachsene von Herzen gerne
gemacht? Was hat Ihnen am besten daran gefallen? Durch das Hinterfragen der Gründe
und Motive für eine Beschäftigung, die einem Spaß macht, wird deutlich, dass hinter
allem, was man jemals gerne getan hat, ein sehr persönlicher und sehr starker
Beweggrund steckt. Die ureigenen essenziellen Bedürfnisse treten zum Vorschein (vgl.
Sher 2012, S. 114).
Sher empfiehlt, diese Übung fortzusetzen (etwa als Hausaufgabe anhand eines
Arbeitsblattes) und damit die eigene Fantasie anzuregen:

Übung: Meine sagenhafte Karriere (vgl. Sher 2012, S. 115ff.)


Der Kunde stellt sich vor, er hätte seine Lieblingsbeschäftigungen zum Beruf gemacht und
wäre sehr erfolgreich darin. Dabei soll er für sich die Fragen beantworten „Wie sähe mein
Leben dann aus?“ „Was hätte ich alles erreicht?“ und die Antworten schriftlich festhalten.
Anschließend notiert er, was ihm an der jeweiligen Fantasie am meisten gefällt. Dabei wird
deutlich, dass manche Themen bzw. Bedürfnisse sich wiederholen, aber auch neue
auftauchen. Nun wird einen Schritt weitergegangen, indem der Kunde in seiner Fantasie
seine sagenhafte Karriere noch weitere fünf Jahre in die Zukunft treibt und beschreibt, wo
der Erfolg ihn hingeführt hat. Zuletzt geht er noch weitere fünf Jahre weiter und überlegt,
womit er seine Zeit nun am liebsten verbringen würde. Möchten Sie weiterhin das tun, was
Sie tun, oder lieber etwas anderes daran anschließen? Diese Übung braucht viel Zeit und
ist auch nicht leicht, da sie das gesamte Vorstellungsvermögen des Kunden in einem
hohen Maße herausfordert. Doch sie lohnt sich, da dabei oft die wahren und tiefsten
Sehnsüchte ans Licht kommen. Sher begründet das damit, dass die wichtigsten Dinge
sich erst dann offenbaren, wenn man das, was man will, erreicht hat: „Unsere
vordergründigen Träume dienen in der Regel dazu, unsere dringendsten Bedürfnisse zu
befriedigen. Und wenn diese Bedürfnisse befriedigt sind – sei es auch nur in unserer
Fantasie – haben wir Raum für die Träume, die unserem wahren Selbst entsprechen“
(Sher 2012, S. 121).

1.1.2. Gegenwart
Ein weiteres wichtiges Puzzlestück für das Bild von unserer Berufung liegt in unserer
gegenwärtigen Situation, im Hier und Jetzt. Es geht darum, herauszufinden, was uns
heute gut tut, bei welchen Tätigkeiten wir im „Flow“ sind und die Zeit vergessen und in
welchen Situationen wir das Gefühl haben, unseren Werten entsprechend zu leben. Dazu
kann im Coaching das sog. „Energiedreieck“ als Werkzeug eingesetzt werden, um diese
Fragen zu beantworten. Die Idee hinter diesem Tool stammt ursprünglich aus der positiven
Psychologie (Kim Cameron) und wurde von Ruth Seliger in ihrem Buch „Positive
Leadership“ weiterentwickelt. Das Energiedreieck drückt die Prinzipien aus, die Menschen
Energie geben bzw. energiestiftend wirken, nämlich: Sinn (Werte), Zuversicht (Stärken)
und Einfluss (Gestalten).
Im Coaching werden diese Prinzipien durch gezielte Fragen erarbeitet (siehe Abb.):
Sinn Gestalten
Welchen Sinn vermittelt mir Welchen Gestaltungsraum
meine Arbeit?
Wofür tue ich das? Prinzipien habe ich in meiner
Arbeit/meinem Leben?
Was gewinne ich durch Wo und wie kann ich
meine Tätigkeit? Einfluss nehmen?
Welche Werte leiten mich? Wie viel davon ist mir
Was gibt mir Wert XY? wichtig?
Welche Erkenntnisse
ergeben sich daraus?

Stärken/Zuversicht
Ressourcen erkennen; aus Erfolgen lernen
Was hat früher in ähnlichen Situationen
geholfen?
Was steht jetzt zur Verfügung?
Welche Stärken könnten in dieser Situation
hilfreich sein?

Abb. 1: Energiedreieck (aus: Skript Coaching-Lehrgang, BFI Wien)

1.1.3. Zukunft
Das letzte Puzzlestück bilden unsere Wünsche und Träume und die Frage „Wie würde ich
am liebsten leben?“. Die Antworten darauf sind der Wegweiser dafür, was bzw. wo wir
heute beginnen sollten, um morgen dort zu sein, wo wir sein möchten. Unsere Wünsche
und Sehnsüchte sind also der Wegbereiter für konkrete Ziele. Bock empfiehlt an dieser
Stelle die folgenden Fragen im Coaching (vgl. Bock 2012, S. 99ff.):

Die Lottofrage: „Was würden Sie tun, wenn Sie heute einen so großen Lottogewinn
machen würden, dass Sie sich für den Rest Ihres Lebens keine Sorgen mehr um Ihren
Lebensunterhalt machen müssten?“

Viele Klienten greifen hier zuerst auf ihre „Urlaubsfantasie“ zurück und träumen davon, „in
die Karibik abzudampfen“ oder um die Welt zu reisen. Die Wirkung der Lottofrage entfaltet
sich jedoch dann, wenn der Coach jede Urlaubsantwort mit einem „Und dann?“ hinterfragt.
Darauf folgen häufig die sog. „Gebefantasien“: Die Kunden fragen sich, wem sie etwas
geben können, welchen Beitrag sie mit dem eigenen Leben leisten möchten. Durch
unablässiges Weiterfragen seitens des Coach („Und dann?“) treten nach meist längeren
Denkpausen die tiefgründigen Wünsche an die Oberfläche, die bisher von
Existenzängsten oder fremden Wertvorstellungen unterdrückt worden waren. Diese
„Erfüllungsfantasien“ stellen noch nicht unbedingt die endgültige Berufung dar, aber sie
geben wichtige Hinweise darauf, wie der Kunde sich ein gelungenes Leben vorstellt.

Frage nach dem nahen Tod: „Stellen Sie sich vor, Sie würden heute erfahren, dass Sie nur
noch ein Jahr zu leben haben. Was würden Sie tun?“

Die Antworten auf diese Frage lassen die grundlegenden und dringendsten Themen, die
den Kunden beschäftigen, deutlich werden. Die Vorstellung, nicht mehr lange zu leben,
bringt die meisten Menschen in einen Zustand, in dem sie über die Essenz ihres Lebens
nachdenken: „Was ist mir wirklich wichtig?“ Dieser Zustand erlaubt unserem Inneren uns
mitzuteilen, was in uns schlummert.

Frage der Alterweisheit: „Stellen Sie sich vor, Sie sind nun ein alter Mensch und haben ein
erfülltes Leben fast zu Ende gelebt. Worauf werden Sie mit Freude und Stolz
zurückblicken? Was werden Sie der Welt hinterlassen?“

Diese Fragen lassen sich meist in nur einem Satz beantworten, wie z.B. „Herzen öffnen“,
„Gerechtigkeit herstellen“, „Heilen“ usw., dem wiederum eine Vielzahl von Tätigkeiten
zugeordnet werden kann. Darin drückt sich die entscheidende Qualität von Berufung aus,
dass sie sich nicht auf eine einzige Berufsbezeichnung beschränken lässt sondern
vielmehr eine innere Aufgabe ist, die uns in unserem gesamten Handeln leitet. Diese
Frage kann auch mit der Übung „Zeitreise zum 90. Geburtstag“ verbunden werden:

Übung: Der 90. Geburtstag (vgl. Richthofen u.a. 2013, S. 134 ff.)

Bei dieser Übung stellt sich der Kunde seinen 90. Geburtstag vor, wodurch im Rückblick
auf das eigene Leben Wünsche und Vorstellungen von einem gelungenen Leben bewusst
werden. Das Ziel ist es, mithilfe der Vorstellungskraft ein Bild für die Zukunft zu finden, die
dem Kunden Kraft und Motivation gibt. Diese Übung eignet sich auch als Hausaufgabe.
Der Kunde hat die Aufgabe, eine Rede zu schreiben, in der er und sein Leben gelobt
werden. Als Anleitung kann der Coach dabei folgende Fragen stellen:
Was soll über Sie gesagt werden? (Beruf, Familie, soziale Kontakte, Interessen/Hobbies,
Engagement)
Welchen Stellenwert haben diese Bereiche im Lebensrückblick?
Welche Eigenschaften, Haltungen und Lebensleistungen sollten besonders gewürdigt
werden?
Gibt es Höhepunkte, die erwähnt werden sollten?
Wer hält die Rede und warum?
Wer ist anwesend? Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Runde?
Die Erkenntnisse, die der Kunde aus diesem Lebensrückblick zieht, werden schließlich im
Coaching besprochen.

1.2.Finden
In der Phase des Findens geht es nun darum, die bisher gesammelten Erkenntnisse auf
sich wirken zu lassen und Raum zu schaffen für Intuition und Inspiration. Was in der
ersten Phase vorbereitet wurde, arbeitet jetzt im Unterbewusstsein weiter und bereitet den
Moment der Eingebung vor, in dem wir die Antwort auf unsere Frage erhalten. Der
Schlüssel zu wichtigen Erkenntnissen liegt dabei im Loslassen und der absichtslosen
Aufmerksamkeit: „Das Geheimnis des Findens ist, sich nach der Beschäftigung mit dem
Berufungsthema treiben zu lassen und absichtslos offen zu sein. Die Sinne ohne Zweck
und Ziel für das zu öffnen, was uns begegnen mag, erfordert die Fähigkeit, loszulassen
[…] und mit offenem Blick durch den Alltag zu gehen. […] Im Grunde hören wir auf zu
suchen und öffnen uns für das Finden.“ (Bock 2012, S. 107f.)
Wie kann man nun diese Phase des „Abwartens“ im Coaching sinnvoll unterstützen?
Imaginative Techniken wie Fantasiereisen, geführte Meditationen und/oder
hypnosystemische Werkzeuge wären hier mögliche Ansatzpunkte, um den Klienten zu
helfen, sich für ihre ureigene innere Welt zu öffnen und Zugang zur Intuition zu finden.

Übung: Imagination zum exzellenten Beruf (vgl. Richthofen u.a. 2013, S. 131 ff.)

Das Ziel dieser Übung ist es, die Intuition des Kunden durch innere Bilder sprechen zu
lassen. Mithilfe der Imagination ist es möglich, über innere Bilder, die im Unbewussten
gespeichert sind, Zugang zur eigenen Intuition zu erhalten. Wichtig dabei sind eine
entspannte und ungestörte Atmosphäre. Der Kunde soll alle Bilder und Begriffe, die sich
ihm zum Thema „Mein exzellenter Beruf“ zeigen laut aussprechen, der Coach notiert
diese. Bei der Nachbesprechung werden die Gefühle, die bei der Imagination auftauchten
besprochen, ebenso die Wirkung der Bilder und Begriffe auf den Kunden. Der Coach kann
anschließend einzelne Bilder/Begriffe aufgreifen und den Kunden dazu frei assoziieren
lassen, damit dieser auf Ideen kommen kann, die normalerweise vom inneren Zensor
ausgefiltert werden. Aus der Beobachtung und Rückmeldung von Mimik und Gestik
ergeben sich wichtige Indizien, z.B. leuchtende Augen bei Begeisterung.

1.3.Anfangen
Nach dem Finden der Berufung folgt nun die Phase des Gestaltens, der Planung und der
Umsetzung.
Die Disney-Strategie kann an dieser Stelle im Coaching beispielsweise gut eingesetzt
werden:

Übung: Disney-Methode

Diese auf Walt Disney zurückgeführte Methode wird im Coaching vorrangig zur
Entscheidungsfindung bzw. Erarbeitung von Alternativen eingesetzt, sie eignet sich aber
auch gut, um Ideen zu generieren für die Entwicklung der persönlichen Vision. Sie ist also
als möglicher zweiter Schritt nach dem Finden und Benennen der Berufung denkbar. Ein
weiterer Vorteil bei dieser Methode ist die Trennung von kritischem Denken und Träumen,
wodurch der Kunde die Möglichkeit hat, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen und sie von
einschränkenden Gedanken bewusst fernzuhalten.

Der Vorgang gliedert sich in drei Teile bzw. Denkprozesse, die von dem Kunden im Raum
gekennzeichnet werden, nämlich: das Träumen, das Machen und das Kritisieren. Weiters
empfiehlt es sich, einen vierten Punkt als Metaposition aus der Sicht des Beobachters
aufzustellen.
Aus der Position des Träumers heraus könnte der Kunde z.B. seine ideale (berufliche)
Zukunft beschreiben. Der Coach versucht hier durch Nachfragen ein möglichst
umfassendes Bild dieser Vision zu bekommen („Was würde Ihnen besonders gefallen?“
„Wie würden Sie sich fühlen?“ etc.)
Auf der Position des Machers soll der Kunde anschließend erarbeiten, wie genau dieser
Traum umzusetzen wäre. „Wenn es möglich wäre, was genau würden Sie tun, um dorthin
zu gelangen? Welche Ressourcen brauchen Sie? Skizieren Sie wichtige Meilensteine!“
Nun nimmt der Kunde die Haltung des Kritikers ein und unterzieht die Ideen einem
Realitäts-Check: „Was gilt es zu bedenken? Wie muss es sein, damit es machbar ist? Was
sind die Schwachstellen oder Hindernisse auf diesem Weg?“
Die Disney-Methode ermöglicht, Hindernisse auf dem Weg, seine Berufung umzusetzen,
zu umgehen, wie das ängstliche Verharren in alten Denk- und Verhaltensmustern aber
auch das Bauen von Luftschlössern, die an der Realität scheitern.

2. BERUFUNGSCOACHINGWAVE®
Prof. Dr. Alexander Kaiser vom Coachinginstitut WaVe in Wien entwickelte das sog.
„BerufungscoachingWaVe®“. Dieses Prozessmodell baut auf dem systemisch-
konstruktivistischen Coachingansatz auf und wird mit Techniken und Methoden aus den
Bereichen Spiritualität, Ganzheitlichkeit sowie Ziel-, Zeit- und Wissensmanagement
ergänzt.

2.1.Grundannahmen
Berufungscoaching baut auf der Annahme auf, dass jedem Menschen eine (Lebens-)
Aufgabe gegeben ist, zu der er sich berufen fühlt und die nur er auf seine individuelle Art
und Weise erfüllen kann. Dabei geht man davon aus, dass diese Berufung bereits in
jedem Menschen als implizites, also zumeist nicht bewusstes Wissen angelegt ist, und
lediglich entdeckt und ins Bewusstsein geholt werden muss. Aufgabe des Coaches ist es
daher, den Klienten durch gezielte Fragetechniken und Übungen dabei zu unterstützen,
dieses Wissen, das möglicherweise bereits als Ahnung oder Gefühl erfahrbar ist, explizit
und kommunizierbar zu machen. Da systemisches Coaching in großem Maße
ressourcenorientiert arbeitet, stellt diese Beratungsform eine ideale Möglichkeit dar, diesen
Prozess zu begleiten.
Berufungscoaching vertritt dabei die Hypothese, dass Menschen, die ihrer Berufung und
ihrer „inneren Stimme“ folgen, nicht nur glücklich und erfüllt, sondern auch erfolgreich
leben bzw. sind (vgl. Kaiser 2010, S. 17). Dieser Zustand wirkt sich zugleich positiv auf
das Umfeld und die Umwelt, in der diese Menschen leben und arbeiten aus, denn aus
systemtheoretischer Sicht bewirkt jede Veränderung im System (z.B. Individuum) eine
Veränderung des (Gesamt-)Systems (z.B. Gruppe, Familie, Gesellschaft). Damit kann
behauptet werden, dass je mehr Menschen ihrer Berufung folgen desto glücklicher und
zufriedener wird die Gesamtgesellschaft oder anders formuliert: Menschen, die ihrer
Berufung folgen tragen durch ihr Glück und ihre Erfüllung zu einer „besseren Welt“ bei,
indem sie diese um ein Stück reicher, bunter und schöner machen (vgl. Kaiser 2010, S.
24).

2.2.Zielgruppe
Die Beschäftigung mit der eigenen Berufung tritt häufig in Phasen der Neuorientierung auf,
also an Wendepunkten im Leben. Dabei kann zwischen einer freiwilligen und einer
erzwungenen Neuorientierung unterschieden werden, wobei in beiden Fällen ein
Berufungscoaching sinnvoll angewendet werden kann. Eine erzwungene Neuorientierung
kann sowohl von außen herbeigeführt sein (z.B. Entlassung) oder aufgrund physischer
und/oder psychischer Beschwerden notwendig werden (z.B. Burnout), sie kann sich aber
auch natürlich ergeben (z.B. Schulabbruch, Wiedereinstieg nach Karenz). Die freiwillige
Neuorientierung tritt ebenfalls in unterschiedlichen Kontexten auf, so z.B. bei
Unzufriedenheit mit dem Beruf oder der Lebensform, Entscheidung zwischen mehreren
Optionen und unter dem Aspekt der Selbsterfahrung und –Entwicklung.
Damit wird deutlich, dass Coaching als Begleitungsform bei der Suche nach der eigenen
Berufung ein breites Anwendungsfeld findet und Zielgruppen unterschiedlichen Alters
dienen kann.

2.3.Nutzen
„Die größte Angst des Menschen besteht darin, ein sinnloses Leben gelebt zu haben.
Seine Mission zu finden und sie zu erfüllen, ist vielleicht die sinnvollste Beschäftigung, der
sich ein Mensch widmen kann“ (Jones 1998, S. 8).
Ein sinnerfülltes Leben ist also eng mit dem Leben der eigenen Berufung verbunden.
Daraus ergibt sich der Nutzen für das Individuum, durch das Finden einer Lebensaufgabe
Gründe für ein lebenswertes, erfülltes und freudvolles Leben zu haben. Gleichzeitig ergibt
sich durch die Betrachtung des Berufungsgedankens, nämlich dass niemand anderer als
der Träger der Berufung die sich daraus ergebenden Aufgaben und Tätigkeiten besser
erfüllen kann, auch der Nutzen für das Gesamtsystem (vgl. Kaiser 2005, S. 349). Durch
die Verbindung mit anderen Systemelementen (Menschen) ermöglichen Individuen, die
ihrer Berufung folgen, diesen ebenfalls ihre Berufung zu finden oder wirken sich durch ihre
„Vorbildfunktion“ zumindest begünstigend auf diesen Prozess aus (vgl. ebenda). Covey
nennt vier menschliche Grundbedürfnisse: leben, lieben, lernen und ein Lebenswerk
schaffen, worunter die Berufung fällt (vgl. Covey 2014, S. 43f.). Jedes dieser Bedürfnisse
sei von wesentlicher Bedeutung. Bleibt eines unerfüllt, mindert dies die Lebensqualität. Die
eigene Berufung zu finden und zu leben stellt damit eine Voraussetzung für ein erfülltes
und glückliches Leben dar.

2.4.Wege, die eigene Berufung zu leben


Die Berufung kann auch als Mission oder Lebensaufgabe verstanden werden, diese zu
erkennen bzw. bewusst zu machen ist jedoch nur der erste Schritt auf dem Weg in ein
sinnerfülltes Leben. Der nächste Schritt, die Umsetzung dieser in eine konkrete Tätigkeit
oder Lebensform wird als Vision bezeichnet (etwa bei Jones 1998 oder Cerny 2002).
Wichtig ist, dass die Umsetzung der Lebensaufgabe nicht nur auf den Beruf zu
beschränken ist, sondern auch im Privatleben, Familie, Gemeinschaft etc. erfolgen sollte.
Visionen können sich je nach Lebensphasen ändern, die grundlegende Berufung bleibt
jedoch immer konstant (vgl. Kaiser 2005, S. 350). Aus der Vision heraus ergeben sich
wiederum Ziele, die notwendig sind, um die Vision zu erreichen bzw. sie im alltäglichen
Leben gut umsetzen zu können. Im Berufungscoaching werden alle drei Ebenen –
Berufung, Vision und Ziele – behandelt, wie nachfolgend beschrieben wird.

2.5.Vorgehensweise
Das Berufungscoaching wird als ein Prozess verstanden, der in drei Phasen unterteilt
werden kann, nämlich:
–Ent-Decken
–Stärken
–Umsetzen
Diese drei Phasen beinhalten zugleich die folgenden drei Schritte im Coachingprozess
(vgl. auch Jones 1998):
–Berufung
–Vision
–Ziel

Diese Phasen sind jedoch als Grobstruktur zu verstehen, innerhalb derer genügend
Freiraum für das individuelle Eingehen auf den jeweiligen Kunden bleiben muss (vgl.
Kaiser 2005, S. 350f.).

2.5.1. Ent-decken (Berufung)

In der ersten Phase des Berufungscoachings geht es um das Finden bzw. Ent-decken der
eigenen Berufung.

Kaiser gibt aus seiner langjährigen Erfahrung an, dass die meisten Klienten bereits mit
einem bestimmten Ziel zum Berufungscoaching kommen, nämlich Ihre Berufung bzw.
Lebensaufgabe zu finden und zu benennen und daraus ableitend konkrete berufliche Ziele
herauszuarbeiten. Im Gegensatz zum klassischen systemischen Coaching sind hier das
große Ziel des Coachingprozesses und damit auch der Coachingauftrag sehr schnell
definiert. Dennoch räumt er ein, dass dem Klienten genügend Zeit und Raum einzuräumen
ist, sein Anliegen zu schildern und seine derzeitige Ist-Situation zu beschreiben.
Entsprechend der Grundannahme, dass die Berufung eines jeden Menschen bereits in
ihm vorhanden ist und lediglich bewusst gemacht werden muss, ist die Aufgabe des
Coaches die Aufmerksamkeit des Klienten durch gezieltes Fragen behutsam auf die
eigene Intuition, die Gefühle und die eigene „innere Stimme“ zu lenken. Es werden
Situationen aus der Vergangenheit ins Bewusstsein geholt, bei denen der Klient mit einem
guten Gefühl aus seiner Mitte heraus gehandelt hat bzw. eine Entscheidung getroffen hat,
die für ihn „stimmig“ war. Dieses gute Gefühl aus früheren Erfahrungen soll neu geankert
und damit für den Klienten jederzeit abrufbar sein (vgl. Kaiser 2005, S. 352).
Eine Möglichkeit diese Phase der Ent-Deckung gut zu unterstützen bietet die Formulierung
eines sog. Mission Statements bzw. Berufungsauftrags (vgl. Jones 1998).

Übung: Mission Statement

Bei dieser Übung werden zunächst aus einer Reihe von Verben intuitiv, also möglichst
ohne Überlegen aus dem Bauch heraus 10 bis 15 Begriffe ausgewählt, die den Kunden
am stärksten ansprechen. Aus dieser Auswahl werden daraufhin die drei Begriffe gewählt,
die einem am besten gefallen. Im zweiten Schritt entscheidet sich der Kunde für einen
oder gegebenenfalls mehrere Werte, die ihm am meisten bedeuten. Mögliche Fragen
wären hier: „Wofür treten Sie ein? Was stellt für Sie den höchsten Wert im Leben dar?
Was ist Ihnen so wichtig, dass Sie es bis zum Tod verteidigen würden?“
Im dritten Schritt überlegt sich der Kunde, wem er am liebsten helfen würde, mit wem er
zusammen sein und arbeiten möchte und wen er positiv beeinflussen möchte. Je genauer
er diese Fragen für sich beantworten kann, desto konkreter kann er sein Mission
Statement formulieren und daraus eine Vision für die Zukunft entwickeln (vgl. Jones 1998,
S. 74). Aus einer Liste von Tätigkeitsbereichen wählt er zunächst jene drei aus, die ihn am
meisten interessieren und anschließend entscheidet er sich für jenen Begriff, der ihn am
stärksten anspricht.
Mit diesen drei Puzzlesteinen erhält man die Formel für sein Mission Statement (Jones
1998, S. 78):

Es ist meine Mission:

______________________ (Ihre wichtigsten Werte z.B.: Toleranz)

______________________

(Ihr bevorzugter Tätigkeitsbereich)


(z.B.: Randgruppen)

zu __________________, _________________ und zu ___________________.

(Ihre drei Verben)


(z.B.: aufzubauen, zu leben, vermitteln)

Ein Beispiel für ein Mission Statement: Es ist meine Mission, Toleranz gegenüber
Randgruppen aufzubauen, zu leben und zu vermitteln.

An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass eine Mission nicht gleichgesetzt werden
kann mit einer beruflichen Tätigkeit, vielmehr ist es als ein Auftrag oder innere Aufgabe zu
verstehen, die im Sinne der Ganzheitlichkeit sowohl im beruflichen als auch im privaten
Bereich (z.B. Beziehungen, Hobbies) umzusetzen ist. Sie kann als eine Leitlinie gesehen
werden, die unserem Handeln Sinn gibt.

Der Klient hat bis zur nächsten Coachingsitzung Zeit, sein formuliertes Mission Statement
nachwirken zu lassen und seine Reaktionen darauf zu beobachten. Es geht hier vor allem
darum, in sich hinein zu hören und zu spüren, welche Bedeutung dieser Berufungsauftrag
für den Klienten hat, was er in ihm selbst und ggf. in seinem Umfeld auslöst. Die
wesentliche Aufgabe des Coaches in der ersten Phase des Berufungscoachings ist es,
den Kunden bereit zu machen, verstärkt auf Intuition, Gefühle und Körperwahrnehmung zu
vertrauen.
Eine zentrale Rolle in der Phase des „Ent-Deckens“ spielt das Explizitmachen der
wesentlichen und substanziellen Bedürfnisse. Der Coach unterstützt dabei die
Kommunikation des Unbewussten des Kunden mit dem Bewussten. Kaiser spricht in
diesem Zusammenhang von Generierung des „Bedürfnis-Wissens“ (vgl. Kaiser 2010 S.
27). Der Klient kann für sich die Fragen beantworten: Was brauche ich, um erfüllt und
glücklich zu sein? Wie kann ich Sinn in meiner Arbeit und meinem Leben finden?

Ergebnis dieser Phase ist eine konkret benennbare und schriftlich festgehaltene
Berufung.

2.5.2. Stärken (Vision)

In der zweiten Phase des Berufungscoachings geht es um das Stärken des Klienten durch
Herausarbeiten von Ressourcen, Talenten und Fähigkeiten. Zuerst soll jedoch das
Ergebnis aus der ersten Sitzung auf Stimmigkeit und Korrektheit überprüft und ggf.
umformuliert und adaptiert werden.

Aufgabe des Coaches in dieser 2. Phase ist es, durch systemische Fragetechniken wie
z.B. zirkuläre und ressourcenorientierte Fragen, den Klienten dabei zu unterstützen, seine
vorhandenen Ressourcen und Talente zu erkennen, sie bewusst zu machen und in Bezug
auf seine Berufung zu betrachten. Auch die Arbeit mit Metaphern, Bildern und
Systembrett-Aufstellungen eignen sich hier gut.
Als Coachingfragen bieten sich z.B. folgende an:
Ausnahmefragen: „In welchen Situationen in der Vergangenheit haben Sie das Gefühl
gehabt, Ihrer Berufung bzw. Lebensaufgabe entsprechend zu handeln? Was war in
diesen Situationen anders?“
Zirkuläre Fragen zu Erfolgsgeschichten: „Wenn ich X fragen würde, welche Fähigkeiten
nötig sind, damit jemand Erfolg Y hat, was würde er/sie mir dann sagen?“
Adaptierte Form der Wunderfrage bei Visionsentwicklung: ohne die Wunderfrage explizit
anzuwenden wird an der Vision als „eingetretenes Wunder“ weitergearbeitet. Es besteht
auch die Möglichkeit, die Visionsentwicklung in der Coachingsitzung gemeinsam mit dem
Klienten durch den Einsatz der Wunderfrage zu unterstützen (vgl. Kaiser 2005, S. 357).
Ein wesentlicher Aspekt in dieser Phase des Coachings ist das Explizit-Machen von
implizit vorhandenem Wissen, Fähigkeiten und Begabungen. Aus dem
Wissensmanagement ist bekannt, dass die Umwandlung von implizitem Wissen in
explizites Wissen ein wichtiger Faktor einer funktionierenden und gleichzeitig sowohl
effektiven als auch effizienten Weitergabe von Wissen in Systemen ist (Kaiser 2010, S. 28
nach Nonaka et al. 1997). Überträgt man diese Erkenntnisse aus dem systemischen
Wissensmanagement auf die individuelle Ebene, so stellt der einzelne Kunde ein in sich
wiederum sehr komplexes System dar. Explizit gemachtes, bereits vorhandenes implizites
Wissen kann in vielen Fällen auch in anderen beziehungsweise neuen (beruflichen)
Kontexten sinnvoll eingesetzt werden, ohne dass es unbedingt zu einem Neuerwerb von
Wissen oder Fähigkeiten kommen muss. Vielen Kunden wird im Rahmen dieser Phase
nach langer Zeit wieder einmal richtig bewusst, wie viele Ressourcen und Fähigkeiten
bereits vorhanden sind und gleichsam nur zielgerichtet aktiviert werden müssen. Dieser
Aspekt steigert im Allgemeinen das Selbstwertgefühl der Betroffenen, was gerade in
Phasen der Neuorientierung äußerst hilfreich ist (vgl. ebenda).

Übung: Kernkompetenzen-Analyse
Eine mögliche Methode, um Kompetenzen umfassend zu identifizieren stellt die Übung der
„Kernkompetenzen-Analyse“ anhand der persönlichen Erfolgsgeschichten dar (vgl.
Richthofen u.a. 2013, S. 110 ff.). Der Kunde wird gebeten, Erlebnisse, in denen er eine
Herausforderung erfolgreich gemeistert hat (im beruflichen wie im privaten Bereich)
anhand strukturierter Fragen zu erarbeiten. Diese Übung kann sowohl in der Sitzung
gemeinsam mit dem Coach als auch als Hausaufgabe angewendet werden. Die folgenden
Fragen dienen dabei als Orientierungshilfe (vgl. ebenda, S. 111):
–Was war die Herausforderung bzw. das Problem, das überwunden werden musste?
–Was haben Sie ganz konkret getan oder veranlasst? (Aufzählung von Tätigkeiten)
–Was haben Sie dabei erreicht? Was war der Beweis Ihres Erfolges?
–Welches Wissen und Fähigkeiten haben Sie dabei eingesetzt? Welche
Eigenschaften haben dabei geholfen, das Problem auf genau diese Art und Weise
zu lösen?
–Wie können diese Fähigkeiten in der Arbeitswelt helfen? (Problemlösung)
Nach dem Sammeln mehrerer Erfolgsgeschichten geht es um die Suche nach
Gemeinsamkeiten bzw. Kompetenzen, die wiederholt auftreten. Es wird besprochen, wo
der rote Faden in diesen Geschichten liegt, herausgearbeitete Stärken werden in
Überbegriffe zusammengefasst. Diese bilden die sog. „Kernkompetenzen“.
Ergebnis dieser Phase ist eine konkret benennbare Berufung ergänzt um persönliche
Ressourcen, Talente und Fähigkeiten, die dem Klienten helfen, diese Berufung zu
entfalten und umzusetzen.

Am Ende der Sitzung erhält der Klient die Hausaufgabe, eine möglichst konkrete und
detaillierte Vision der Umsetzung seiner Berufung zu erstellen. Dabei soll sich der Kunde
vorstellen, dass er seine Berufung bereits lebt und den typischen Tagesablauf seines
beruflichen und privaten Alltags so genau wie möglich beschreiben. Eine Vision ist somit
ein bewusst gewordener Wunschtraum einer veränderten Um- und Innenwelt und hat im
Gegensatz zur Mission einen Zeitcharakter. Anders ausgedrückt, beschreibt die Mission
das „Sein“ und die Vision das „Werden“ (vgl. Cerny 2002, S. 136f). Jones bezeichnet diese
Übung als Formulierung eines Vision Statement, das folgende Elemente enthalten soll
(vgl. Jones 1998, S. 88ff.):

1.Es ist schriftlich festgehalten

2.Es ist in der Gegenwart verfasst, so als wäre es bereits eingetreten


3.Es deckt möglichst viele Bereiche ab, also auch Freizeit, Familie/Beziehungen,
Hobbies etc.
4.Es enthält detaillierte Beschreibungen mit plastischen Bildern (Farben, Geräusche,
Gerüche), die es in der Realität verankern.

Damit diese Aufgabe gut gelingt empfiehlt Kaiser, den Klienten mit Hilfe von Fragen,
insbesondere zirkulären Fragen, auf die Rollen zu sensibilisieren, die er in seinem
derzeitigen Leben einnimmt. Dabei ergibt sich ganz natürlich auch die Überlegung, welche
dieser Rollen auch in Zukunft eingenommen werden sollen, welche Rollen abgegeben
werden sollen und welche eventuell neu hinzukommen sollen.

2.5.3. Umsetzen (Ziele)

In der dritten und letzten Phase des Berufungscoachings geht es schließlich um das
konkrete Umsetzen der Berufung durch Erarbeitung von (Teil-) Zielen und Schritten
ausgehend von der erstellten Vision.

Dabei sollen folgende Fragen beantwortet werden (vgl. Kaiser 2005, S. 353):

–Welche Möglichkeiten der Realisierung gibt es?

–Wie realistisch sind die einzelnen Varianten?

–Was sind konkrete erste Schritte auf diesem Weg?


–Welche Schritte bin ich schon gegangen?

Durch die Formulierung der Vision ist der Kunde im Geiste schon einmal am Ziel gewesen
und aus dieser Erfahrung heraus ist es dann auch gut möglich, realistische Teilziele
festzulegen.

Als Werkzeuge in dieser Phase eignen sich z.B. folgende Übungen:

Übung: Time-line

Mit der Zeitlinie ist es möglich, die Ziele des Kunden und seinen Weg dorthin sowie seine
Erfahrungen und Ressourcen zu veranschaulichen.

Zunächst wird die Time-line am Boden visualisiert – der Kunde markiert (z.B. mit Zettel) in
Hinblick auf sein Thema die drei Zeiträume Vergangenheit, Gegenwart und Ziel/Zukunft im
Raum.

Steht der Kunde in der Gegenwart, überprüft er die Dimensionen: Passt die Entfernung
zum Ziel, zur Vergangenheit? Der Kunde wird eingeladen, die Zeitlinie im Hin-und
Hergehen zu erfahren: Was ist spürbar? Ist das Ziel lohnend bzw. richtig gewählt?

Anschließend fragt der Coach den Klienten nach den nächsten Schritten zum Ziel. Diese
werden mithilfe von Bausteinen oder Karten auf der Zeitlinie markiert und schrittweise
überprüft. Der Coach achtet darauf, dass die Schritte realistisch, möglich und klein genug
sind.

Nun geht der Coach mit dem Klienten in die Vergangenheit und erarbeitet mit ihm
mögliche Ressourcen, die für das Ziel-Anliegen hilfreich sein können. Diese werden
schriftlich festgehalten und an der Zeitlinie aufgelegt. Angereichert mit diesen Ressourcen
wendet sich der Kunde wieder zum Ziel und achtet darauf, welche Ressourcen besonders
nützlich sind und ihn bei der Zielerreichung unterstützen können.

Übung: Backcasting-Methode

Die Backcasting-Methode stammt aus dem Projektmanagement und meint die


Rückwärtsplanung von Projekten. Ausgehend vom Ziel wird der Weg zur Zielerreichung
„von hinten nach vorne“ geplant bis zur Gegenwart. Diese Vorgehensweise hat den Vorteil,
dass einzelne Schritte nicht so leicht übersehen werden, da der Fokus auf den
Voraussetzungen liegt, die gegeben sein müssen, um weitere Schritte in der Zukunft
planmäßig zu realisieren. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass die Aufmerksamkeit weg
vom Problem hin zur Lösung gelenkt wird, wodurch man den eingeengten „Tunnelblick“
und den Eindruck „Ich weiß nicht was ich tun oder wo ich anfangen soll“ umgehen kann.
Übung: Zeitmanagement der 4. Generation

Covey beschreibt in seinem Ansatz des Zeitmanagement der 4. Generation die Trennung
zwischen wichtigen und dringlichen Zielen. Probleme entstehen, wenn Dringlichkeit zum
beherrschenden Faktor in unserem Leben wird. Wichtige Aufgaben bzw. Ziele hingegen
tragen zu unserer Vision bei und verleihen unserem Leben Sinn. Entscheidend bei dieser
Art der Zeitplanung sind nicht die konkreten Schritte und Ziele sondern das Denken,
welches sich an der Wichtigkeit orientiert, wodurch sich auch unser Verständnis der
Zeitgestaltung ändert. Mithilfe dieser Methode gewinnen wir die Kraft und die Befähigung,
den wichtigen Dingen in unserem Leben Vorrang einzuräumen (vgl. Covey 2014, S. 99).

Schritt 1: Was ist am wichtigsten? Was gibt meinem Leben Sinn? Was will ich in meinem
Leben sein und tun? (= Vision)

Schritt 2: Rollen definieren und überdenken (evtl. anders lagern)

Schritt 3: Ziele zuordnen: Was ist das Wichtigste, was ich diese Woche/Monat/Jahr in
jeder Rolle tun könnte, um die größte positive Wirkung zu erzielen? Konzentration auf das
Wichtige statt auf das Dringende!

Schritt 4: Entscheidungsrahmen schaffen, Termine festlegen, dabei wichtigsten Zielen


Priorität einräumen (siehe Schritt 1)

Schritt 5: Bewerten (z.B. am Ende der Woche) Welche Ziele habe ich erreicht? Was ist mir
gut gelungen?

Covey empfiehlt weiters die Zieldefinition nach dem Was/Warum/Wie-Format (vgl. ebenda,
S. 136f.):

Was möchte ich erreichen in meiner Rolle XY? Welchen Beitrag möchte ich leisten?

Warum möchte ich das? Was ist mir wichtig daran?

Wie werde ich das tun? Welche Strategien kann ich anwenden?

Ergebnis der letzten Phase ist der Beginn der konkreten Umsetzung des ersten
Schritts im Alltag, z.B. durch Montagsfrage.
LITERATUR

Balz, Hans-Jürgen/Plöger, Peter (2015): Systemisches Karrierecoaching. Berufsbiografien


neu gedacht. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Bock, Petra (2012): Die Kunst, seine Berufung zu finden. 4. Auflage. Frankfurt/M.: Fischer

Cerny, Thomas (2002): Talente nutzen – erfolgreich sein. München: Hanser


Covey, Stephen (2014): Der Weg zum Wesentlichen. 7. Auflage. Frankfurt/M.: Campus
Jones, Laurie Beth (1998): Mission Statement. Vom Lebenstraum zum Traumleben. Wien:
Signum
Kaiser, Alexander (2010): Der eigenen Berufung folgen. In: Fuchs/Kaiser (Hrsg.): Der
Ausbruch aus dem Hamsterrad. Wien: Böhlau. S. 17-36
Kaiser, Alexander (2005): Berufungscoaching. Systemisches Coaching in Phasen der
(beruflichen) Neuorientierung. In: OSC – Organisationsberatung Supervision Coaching,
Heft 4/2005, S. 345-358
http://www.wave.co.at/download/publikationen/osc-paper-original.pdf
Richthofen von, C./Kugele, J./Vitzthum, N. (2013): Handbuch Karriereberatung.
Weinheim/Basel: Beltz
Sher, Barbara (2012): Lebe das Leben, von dem du träumst. 2. Auflage. München:
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)
Skript Diplomlehrgang Coach, BFI Wien

Internetquellen:
http://www.coarma.de/coaching-magazin/arbeit-mit-der-time-line/ [abgerufen am
02.05.2017]
http://www.umsetzungsberatung.de/projekt-management/projektplanung.php [abgerufen
am 02.05.2017]
http://www.coaching-globe.net/detail/article/walt-disney-strategie-im-coaching.html
[abgerufen am 18.04.2017]