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Skript zur Lehrveranstaltung

Grundgebiete der Elektrotechnik III


Einführung in die Elektromagnetischen Felder

Prof. Dr.–Ing. C. Jungemann

ITHE — Institut für


Theoretische Elektrotechnik

RWTH Aachen University

17. Januar 2017


Vorwort
Das vorliegende Skript zur Vorlesung Grundgebiete der Elektrotechnik III“ soll den

Hörern der Vorlesung das Kopieren von Formeln und Abbildungen ersparen, damit
mehr Zeit für die Konzentration auf die gedankliche Darlegung des Gegenstandes
der Vorlesung zur Verfügung steht.

Ich danke Herrn D. Kahlen für die Erstellung von Abbildungen und Herrn T.
Platzbecker für die Unterstützung bei der Entwicklung der Mathematica-Beispiele.

Eventuelle Fehler teilen Sie mir bitte mit (sekretariat@ithe.rwth-aachen.de).

C. Jungemann

ii
Thema der Vorlesung
In dieser Vorlesung werden die statischen, stationären und quasistationären elektromagne-
tischen Felder behandelt, wobei die elektromagnetischen Wellen Gegenstand der Vorlesung
Elektromagnetische Felder I“ sind. Die Grundlage der Elektrodynamik sind die Maxwell-

schen Gleichungen, die James Clerk Maxwell 1864 erstmals der Öffentlickeit vorstellte. Die
Theorie beschrieb er dann ausführlich in dem Werk A Treatise on Electricity and Magne-

tism“, dessen Einleitung folgendermaßen beginnt:

PREFACE TO THE FIRST EDITION

The fact that certain bodies, after being rubbed, appear to attract other bodies,
was known to the ancients. In modern times, a great variety of other phenomena
have been observed, and have been found to be related to these phenomena of
attraction. They have been classed under the name of Electric phenomena, amber,
ηλκτ ρoν, having been the substance in which they were first described.
Other bodies, particularly the loadstone, and pieces of iron and steel which have
been subjected to certain processes, have also been long known to exhibit phe-
nomena of action at a distance. These phenomena, with others related to them,
were found to differ from the electric phenomena, and have been classed under
the name of Magnetic phenomena, the loadstone, µαγνης, being found in the
Thessalian Magnesia.
These two classes of phenomena have since been found to be related to each other,
and the relations between the various phenomena of both classes, so far as they
are known, constitute the science of Electromagnetism.

In den letzten 150 Jahren konnte gezeigt werden, dass die Maxwellsche Theorie die klassischen
elektromagnetischen Phänomene vollständig erfasst und praktisch alle Anwendungen der elek-
tromagnetischen Felder in der Elektrotechnik mit ausreichender Genauigkeit beschreibt.

iii
iv
Inhaltsverzeichnis

Literatur zur Vorlesung vii

Liste der Symbole ix

1 Einführung in die mathematischen Grundlagen 1


1.1 Vektoralgebra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Skalar- und Vektorfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.3 Der Gradient und Kurvenintegrale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
1.4 Divergenz und Gaussscher Satz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.5 Rotation und Stokesscher Satz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.6 Rechnen mit dem Nabla-Operator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
1.7 Krummlinige Koordinatensysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
1.7.1 Zylinderkoordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.7.2 Kugelkoordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

2 Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen 37


2.1 Experimentelle Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
2.2 Die elektrische Feldstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.3 Feldgleichung, Skalarpotenzial, Grenzbedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.4 Die elektrische Flussdichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2.5 Feldgleichung, Grenzbedingung der Flussdichte . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.6 Die Materialgleichung für das elektrische Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.7 Die Potenzialgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.8 Lösungen einfacher Potenzialprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.9 Integraldarstellung des elektrischen Felds . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.10 Das Fernfeld einer beliebigen Ladungsverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.11 Kräfte im elektrostatischen Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.12 Allgemeine Materialgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
2.13 Die Spiegelungsmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.14 Kapazitätskoeffizienten für ein Leitersystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.15 Die Energie eines elektrostatischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
2.16 Die elektrische Doppelschicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

3 Stationäre Felder 97
3.1 Experimentelle Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
3.2 Stromdichte und Kontinuitätsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
3.3 Die Materialgleichung der Stromdichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
3.4 Die elektrische Leistungsdichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

v
3.5 Potenzialgleichung für das Strömungsfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
3.6 Dualität der Feldgleichungen der Elektrostatik und des stationären
Strömungsfelds . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.7 Die magnetische Flussdichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
3.8 Die Feldgleichung und Grenzbedingung der magnetischen Flussdichte . . . . . 117
3.9 Die magnetische Feldstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
3.10 Die Feldgleichung und Grenzbedingung der magnetischen Feldstärke . . . . . 120
3.11 Die Materialgleichung für das magnetische Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.12 Magnetische Felder einfacher Strömungsfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
3.13 Das Biot-Savartsche Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
3.14 Das magnetische Skalarpotenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
3.15 Kraftwirkung des Magnetfelds . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
3.16 Die allgemeine Materialgleichung für das magnetische Feld . . . . . . . . . . . 143

4 Quasistationäre Felder 149


4.1 Das Lorentzsche Kraftgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
4.2 Das Faradaysche Induktionsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
4.3 Die magnetische Feldenergie und Induktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . 159

5 Der allgemeine Feldfall 171


5.1 Die Kontinuitätsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
5.2 Die erste Maxwellsche Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
5.3 Die vollständigen Maxwellschen Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178

6 Anhang: Formelsammlung 183


6.1 Kartesische Koordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
6.2 Zylinderkoordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
6.3 Kugelkoordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
6.4 Vektoridentitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
6.5 Integralsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185

vi
Literatur zur Vorlesung

[1] Lehner, Günther


Elektromagnetische Feldtheorie für Ingenieure und Physiker“

Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York
[2] Simonyi, Károly
Theoretische Elektrotechnik“

Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, Heidelberg
[3] Griffiths, David J.
Introduction to Electrodynamics:“

Teubner Verlag, Stuttgart
[4] Becker; Sauter
Theorie der Elektrizität:

Band 1: Einführung in die Maxwell’sche Theorie,
Elektronentheorie und Relativitätstheorie“
Teubner Verlag, Stuttgart
[5] Sommerfeld, Arnold
Vorlesung über theoretische Physik

Band III: Elektrodynamik“
Verlag Harri Deutsch
[6] Jackson, John David
Klassische Elektrodynamik“

Walter de Gruyter Verlag, Berlin, New York
[7] Plonsey, Robert; Collin, Robert E.
”Principles and Applications of Electromagnetic Fields”
McGraw-Hill Book Company, New York, Toronto, London
[8] Küpfmüller, Karl; Kohn, Gerhard
Elektromagnetische Feldtheorie für Ingenieure und Physiker“

Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York
[9] Wolff, Ingo
Maxwellsche Theorie, Band 1: Elektrostatik“

Verlagsbuchhandlung Dr. Wolff
[10] Wolff, Ingo
Maxwellsche Theorie, Band 2: Strömungsfelder, Magnetfelder, Wellenfelder“

Verlagsbuchhandlung Dr. Wolff

vii
Weiterführende Literatur

[1] Meetz, Kurt; Engl, Walter L.


Elektromagnetische Felder“

Springer-Verlag, Berlin, 1980

[2] Hehl, Friedrich; Obukhov, Yuri N.


”Foundations of Classical Electrodynamics”
Birkhäuser, Boston, 2003

viii
Liste der Symbole

x Reelle Zahl

~x Vektor

~e Einheitsvektor (z. B.: ~ex , |~e| = 1)

~n Normalenvektor (steht senkrecht auf einer Fläche)

~x · ~y Skalarprodukt

~x × ~y Kreuzprodukt

|x| Betrag der reellen Zahl x

|~x| Betrag (Länge) des reellen Vektors ~x

∇ Nabla-Operator (∇ = ~ex ∂/∂x + ~ey ∂/∂y + ~ez ∂/∂z)

grad Gradient (grad f = ∇f )

div Divergenz (div f~ = ∇ · f~)

rot Rotation (rot f~ = ∇ × f~)

Div Flächendivergenz (Div f~ = ~n12 · (f~2 − f~1 ))

Rot Flächenrotation (Rot f~ = ~n12 × (f~2 − f~1 ))

∆ Laplace-Operator (∆f = div grad f )

~ Magnetisches Vektorpotenzial
A
~ Magnetische Flussdichte
B

C Kurve

C Kapazität

Cij Kapazitätkoeffizient

c0 Lichtgeschwindigkeit im Vakuum

ix
χ Elektrische Suszeptibilität

χm Magnetische Suszeptibilität
~ Elektrische Flussdichte
D
~ Elektrische Feldstärke
E
~ (e) Eingeprägte Feldstärke
E

ε Permittivität (Dielektrizitätskonstante)

ε0 Elektrische Feldkonstante (Permittivität des Vakuums)

F Fläche

Gij Leitfähigkeitskoeffizient
~ Magnetische Feldstärke
H

I Strom

J~ Elektrische (wahre) Stromdichte

J~F Flächenstromdichte
~k Kraftdichte

~ Kraft
K

Kij Teilkapazität

κ Leitfähigkeit

m
~ Magnetisches Dipolmoment

mF Magnetische Dipolflächendichte
~ Magnetisierung
M
~ Drehmoment
M

µ Permeabilität

µ0 Magnetische Feldkonstante (Permeabilität des Vakuums)

p~ Elektrisches Dipolmoment

P~ Elektrische Polarisation

pel Joulsche Wärme (elektrische Leitungsdichte)

ϕ Elektrisches Skalarpotenzial

ϕm Magnetisches Skalarpotenzial

Q Ladungsmenge

q Ladung einer Punktladung

x
U Elektrische Spannung

~r Ortsvektor

% Raumladungsdichte

%L Linienladungsdichte

σ Flächenladungsdichte

t Zeit

V Volumen

wel Elektrische Energiedichte

wmag Magnetische Energiedichte

Wel Elektrische Energie

O.B.D.A. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit

xi
xii
Kapitel 1

Einführung in die mathematischen


Grundlagen

In diesem Kapitel werden die mathematischen Grundlagen der Vektoralgebra und Vektor-
analysis, soweit sie benötigt werden, kurz wiederholt, wobei nur dreidimensionale reelle
Vektorräume und Felder betrachtet werden.

1.1 Vektoralgebra
Zuerst werden nur kartesische Koordinaten und Komponenten betrachtet. Die drei ortsun-
abhängigen Basisvektoren ~ex , ~ey und ~ez der kartesischen Koordinaten x, y und z bilden
eine rechtshändige, orthonormale dreidimensionale Basis (Abb. 1.1).

1 ~ez
~ey
y
1 1 2 3
~ex
2
3
x

Abbildung 1.1: Kartesisches Koordinatensystem mit einer rechtshändigen, orthonormalen


dreidimensionalen Basis.
Die Basisvektoren sind normiert (haben die Länge eins) und stehen senkrecht aufeinander,
so dass das Skalarprodukt zweier unterschiedlicher Basisvektoren verschwindet
~ex · ~ex = 1 ~ey · ~ex = 0 ~ez · ~ex = 0
~ex · ~ey = 0 ~ey · ~ey = 1 ~ez · ~ey = 0 (1.1)
~ex · ~ez = 0 ~ey · ~ez = 0 ~ez · ~ez = 1

1
2 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

Aufgrund der Orthogonalität führt das Kreuzprodukt zweier unterschiedlicher Basisvektoren


auf den dritten, während das Kreuzprodukt zweier gleicher Basisvektoren verschwindet

~ex × ~ex = ~0 ~ey × ~ex = −~ez ~ez × ~ex = ~ey


~ex × ~ey = ~ez ~ey × ~ey = ~0 ~ez × ~ey = −~ex (1.2)
~ex × ~ez = −~ey ~ey × ~ez = ~ex ~ez × ~ez = ~0

In dieser Basis kann ein beliebiger Vektor ~a durch die drei kartesischen Komponenten
ax , ay und az dargestellt werden

~a = ax~ex + ay~ey + az~ez (1.3)

Multiplikation mit einem Skalar: Die Multiplikation des Vektors ~a mit einem reellen
Skalar f ergibt
f~a = f ax~ex + f ay~ey + f az~ez . (1.4)

Diese Multiplikation ist kommutativ


f~a = ~af , (1.5)

assoziativ bzgl. zweier reeller Skalare f und g

f (g~a) = g (f~a) = (f g) ~a (1.6)

und distributiv
(f + g)~a = f~a + g~a . (1.7)

Gleiches gilt mit zwei Vektoren ~a und ~b


 
f ~a + ~b = f~a + f~b . (1.8)

Addition: Die Addition zweier beliebiger Vektoren ist kommutativ

~a + ~b = ~b + ~a (1.9)

und assoziativ (Abb. 1.2)


   
~a + ~b + ~c = ~a + ~b + ~c = (~a + ~c) + ~b . (1.10)

Mit kartesischen Komponenten gilt

~a + ~b = (ax~ex + ay~ey + az~ez ) + (bx~ex + by~ey + bz~ez )

und somit
~a + ~b = (ax + bx )~ex + (ay + by )~ey + (az + bz )~ez (1.11)
1.1. Vektoralgebra 3

~b

~c
~b + ~c
~a
~a + ~b ~c
~a + ~b + ~c

~b
~a + ~c

Abbildung 1.2: Die Summe dreier Vektoren ist assoziativ: (~a +~b)+~c = ~a +(~b+~c) = (~a +~c)+~b.

Skalarprodukt: Das Skalarprodukt zweier beliebiger Vektoren ist kommutativ

~a · ~b = ~b · ~a (1.12)

und distributiv  
~a · ~b + ~c = ~a · ~b + ~a · ~c . (1.13)

Multiplikation mit einem Skalar f kann auf drei Arten dargestellt werden
   
f ~a · ~b = (f~a) · ~b = ~a · f~b . (1.14)

Das Skalarprodukt kann nun für zwei Vektoren mit deren kartesischen Komponenten be-
stimmt werden

~a · ~b = (ax~ex + ay~ey + az~ez ) · (bx~ex + by~ey + bz~ez )


=ax bx ~ex · ~ex +ax by ~ex · ~ey +ax bz ~ex · ~ez
| {z } | {z } | {z }
=1 =0 =0

+ay bx ~ey · ~ex +ay by ~ey · ~ey +ay bz ~ey · ~ez


| {z } | {z } | {z }
=0 =1 =0
+az bx ~ez · ~ex +az by ~ez · ~ey +az bz ~ez · ~ez .
| {z } | {z } | {z }
=0 =0 =1

Aufgrund der Normiertheit und Orthogonalität (1.1) der Basisvektoren ergibt sich für karte-
sische Komponenten
~a · ~b = ax bx + ay by + az bz (1.15)

Insbesondere gilt für die kartesischen Komponenten

ax = ~a · ~ex , ay = ~a · ~ey , az = ~a · ~ez (1.16)

Mit dieser Projektion kann man jeden beliebigen Vektor in kartesische Komponenten zerle-
gen und ihn dann mit (1.3) darstellen. Man beachte, dass das Zahlentripel (ax , ay , az ) nur
zusammen mit seiner Basis (~ex ,~ey ,~ez ) einen Vektor darstellt. Dreht man z. B. das Koordina-
tensystem im Raum, verändern sich das Zahlentripel (ax , ay , az ) und seine Basis (~ex ,~ey ,~ez ),
während sich der Vektor selbst nicht ändert (Abb. 1.3). Ein Vektor ist unabhängig vom
4 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

y
0
y ay

0
0
x
ay ~a 0
ax

x
ax

Abbildung 1.3: Eine Drehung des Koordinatensystems ändert nicht den Vektor ~a = ax~ex +
ay~ey + az~ez = ax0~ex0 + ay0~ey0 + az 0~ez 0 , aber seine Komponenten.

Koordinatensystem und damit auch das Skalarprodukt zweier Vektoren.1 Die Berechnung
des Skalarprodukts über Komponenten (1.15) ist nur möglich, wenn beide Vektoren mit den
selben Basisvektoren dargestellt werden.
Die Länge (Betrag) eines Vektors kann mit seinen kartesischen Komponenten bestimmt
werden
√ q
|~a| = a = ~a · ~a = a2x + a2y + a2z ≥ 0 (1.17)

Man kann jedem Vektor, der nicht die Länge null hat, einen Einheitsvektor zuordnen

~a
~ea = (1.18)
|~a|

mit
|~ea | = 1 .
Der Einheitsvektor ~ea ist parallel zum Vektor ~a und ~a = |~a|~ea .
Das Skalarprodukt kann mit dem Winkel ]~a, ~b zwischen den beiden Vektoren folgender-
maßen dargestellt werden  
~a · ~b = |~a||~b| cos ]~a, ~b ,
wobei üblicherweise ein Winkel im Intervall[0, π] angenommen
  wird (Abb.
 1.4), wasaber keine

Auswirkung auf das Ergebnis hat, da cos ]~a, b = cos 2π − ]~a, b gilt. |~a| cos ]~a, ~b ist
~ ~
die Projektion des Vektors ~a auf den Vektor ~b und umgekehrt.
Das Produkt der beiden Einheitsvektoren ergibt somit den Kosinus des Winkels
 
cos ]~a, ~b = ~ea · ~eb . (1.19)

Zwei Vektoren ~a und ~b gelten als parallel, wenn für das Produkt ihrer Einheitsvektoren gilt
~ea · ~eb = 1 (]~a, ~b = 0) .
Ist das Ergebnis −1, spricht man von antiparallelen Vektoren (]~a, ~b = π).
1
Maxwell hat seine Gleichung noch in kartesischen Komponenten und Koordinaten formuliert. Erst Oliver
Heaviside hat sie mit der Vektoranalysis koordinatensystemfrei formuliert und sie damit auf die noch heute
gebräuchliche Form gebracht. Dadurch wurden die Gleichungen deutlich kompakter und die mathematischen
Zusammenhänge viel verständlicher.
1.1. Vektoralgebra 5

~a
~a ~a

· ]~a, ~b
]~a, ~b
   
|~ a, ~
a| cos ]~ b ~b ~b |~ a, ~
a| cos ]~ b ~b

~a · ~b > 0 ~a · ~b = 0 ~a · ~b < 0
 
Abbildung 1.4: Skalarprodukt ~a · ~b = |~a||~b| cos ]~a, ~b .

Kreuzprodukt: Das Kreuzprodukt ist im Gegensatz zum Skalarprodukt antikommutativ

~a × ~b = −~b × ~a , (1.20)

und damit
~a × ~a = −~a × ~a = ~0 .
Es ist ebenfalls distributiv  
~a × ~b + ~c = ~a × ~b + ~a × ~c (1.21)

und für die Multiplikation mit einem Skalar f gilt


   
f ~a × ~b = (f~a) × ~b = ~a × f~b . (1.22)

Das Kreuzprodukt kann nun mit den kartesischen Komponenten und (1.2) bestimmt werden

~a × ~b = (ax~ex + ay~ey + az~ez ) × (bx~ex + by~ey + bz~ez )


=ax bx ~ex × ~ex +ax by ~ex × ~ey +ax bz ~ex × ~ez
| {z } | {z } | {z }
=~0 =~ez =−~ey

+ay bx ~ey × ~ex +ay by ~ey × ~ey +ay bz ~ey × ~ez


| {z } | {z } | {z }
=−~ez =~0 =~ex

+az bx ~ez × ~ex +az by ~ez × ~ey +az bz ~ez × ~ez .


| {z } | {z } | {z }
=~ey =−~ex =~0

Insgesamt erhält man für kartesische Komponenten

~a × ~b = (ay bz − az by )~ex + (az bx − ax bz )~ey + (ax by − ay bx )~ez (1.23)

Die Produkte auf der rechten Seite ergeben sich durch zyklisches Vertauschen der Indizes x, y
und z (Abb. 1.5) mit positiven Vorzeichen und bei antizyklischem Vertauschen mit negativen
Vorzeichen. Insgesamt gibt es sechs Permutationen der drei Koordinaten.
Wenn keiner der drei Vektoren dem Nullvektor entspricht, steht der Vektor ~a × ~b senkrecht
auf den beiden Vektoren ~a und ~b, wie man leicht nachrechnet (~a · (~a × ~b) = ~b · (~a × ~b) = 0).
Die beiden Vektoren ~a und ~b spannen dann eine Ebene auf und sie bilden zusammen mit
dem Vektor ~a × ~b ein Rechtssystem, wobei die Vektoren in der Reihenfolge ~a, ~b und ~a × ~b
angeordnet sein müssen (Abb. 1.6). Man wählt wieder den kleineren Winkel zwischen den
beiden Vektoren ~a und ~b. Die Richtung von ~a × ~b ist dann über die Rechtsschraubenregel
geben, wenn man den Vektor ~a in der Ebene in Richtung des kleiner werdenden Winkels
6 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

z y

Abbildung 1.5: Zyklische Reihenfolge der Koordinaten.

dreht. Der Betrag des Kreuzprodukts |~a × ~b| ergibt den Flächeninhalt des von den beiden
Vektoren ~a und ~b aufgespannten Parallelogramms (Abb. 1.6)
 
~a × ~b = |~a| ~b sin ]~a, ~b .

Mit dem Kreuzprodukt kann man somit im dreidimensionalen Raum ebene Flächenstücke
charakterisieren. Die Länge des Vektors gibt die Größe der Fläche an und seine Richtung
die Orientierung. Da das Ergebnis des Kreuzprodukts ein Vektor ist, ist es unabhängig vom
Koordinatensystem.

~a × ~b

~a  
· · |~a| · sin ]~a, ~b
]~a, ~b ~b

]~a, ~b
~a ~b
 
Abbildung 1.6: Kreuzprodukt ~a × ~b = |~a| ~b sin ]~a, ~b .

Spatprodukt: Drei paarweise nicht kollineare Vektoren ~a, ~b, ~c spannen ein Parallelepiped
(Spat) auf (Abb. 1.7). Das Volumen dieses Parallelepipeds ist über das Spatprodukt gegeben

  ax bx cx
V = ~a · ~b × ~c = det ay by cy ,

az bz cz

wobei die drei Vektoren ~a, ~b, ~c ein Rechtssytem bilden müssen, damit das Volumen positiv
ist. Die drei Vektoren können zyklisch vertauscht werden, ohne dass das Spatprodukt seinen
Wert ändert
   
~a · ~b × ~c = ~c · ~a × ~b = ~b · (~c × ~a) (1.24)
1.2. Skalar- und Vektorfelder 7

~a

V
~c

~b

 
Abbildung 1.7: Spatprodukt V = ~a · ~b × ~c .

Doppeltes Kreuzprodukt: Mit drei Vektoren kann man ein doppeltes Kreuzprodukt bil-
den    
~a × ~b × ~c = ~b (~a · ~c) − ~c ~a · ~b (1.25)

was man auch als bac-cab-Regel bezeichnet. Die Klammern auf der linken Seite sind not-
wendig, weil das Kreuzprodukt nicht assoziativ ist.

1.2 Skalar- und Vektorfelder


In einem kartesischen Koordinatensystem wird jedem Punkt P im Raum ein Zahlentripel x,
y, z (kartesische Koordinaten) zugeordnet. Der Ortsvektor

~r = ~rOP = x~ex + y~ey + z~ez (1.26)

zeigt dann vom Ursprung O zum Punkt P (Abb. 1.8).

~rP 0 P

~rOP

P0

~rOP 0

Abbildung 1.8: Ortsvektoren ~rOP , ~rOP 0 .


8 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

Sein Betrag p
r= x2 + y 2 + z 2
gibt die Distanz zwischen dem Ursprung O und dem Punkt P an. Mit dem Einheitsvektor
des Ortsvektors ~er gilt ~r = r~er . Der Vektor

~rP 0 P = ~rOP − ~rOP 0 = (x − x0 )~ex + (y − y 0 )~ey + (z − z 0 )~ez = rP 0 P ~eP 0 P

zeigt vom Punkt P 0 nach P , und er hängt nicht von der Wahl des Koordinatenursprungs O
ab. Seine Länge p
rP 0 P = (x − x0 )2 + (y − y 0 )2 + (z − z 0 )2 (1.27)
gibt den Abstand dieser beiden Punkte an.
Ein Skalarfeld ist eine Abbildung f (~r), die jedem Raumpunkt ~r einen Skalar f zuordnet.
Dies kann zum Beispiel der Luftdruck in der Atmosphäre sein. Das Definitionsgebiet kann
endlich oder unendlich sein. Das Skalarfeld hängt nicht von der Wahl des Koordinatensy-
stems ab. Der Verlauf eines Skalarfelds wird oft über Flächen mit konstantem Funktionswert
dargestellt (z. B. Isobaren)
f (~rc ) = c . (1.28)
Die Punkte ~rc , die diese Gleichung erfüllen, bilden eine Fläche. Im Fall eines Potenzialfelds
spricht man von Äquipotenzialflächen. Als Beispiel soll nun ein Zentralpotenzial betrachtet
werden
1 1
f (~r) = − = − p . (1.29)
r x2 + y 2 + z 2
Dieses Potenzial ist kugelsymmetrisch um den Ursprung und die Äquipotenzialflächen sind
Kugelflächen, die um den Ursprung zentriert sind (Abb. 1.9).

y
z=0
2

1 f = −1
2

f = −1

1 2 x

Abbildung 1.9: Äquipotenzialflächen eines Zentralpotenzials im Schnitt für z = 0.

Ein Vektorfeld ist eine Abbildung f~(~r), die jedem Raumpunkt ~r einen dreidimensio-
nalen Vektor f~ zuordnet. Dies kann zum Beispiel die Stromdichte in einem elektronischen
Bauelement sein. Das Definitionsgebiet kann wieder endlich oder unendlich sein, und das
Vektorfeld hängt nicht von der Wahl des Koordinatensystems ab. Ein Vektorfeld wird oft
über Feldlinien dargestellt. Dabei handelt es sich um diejenigen Raumkurven

~rFl (t) = xFl (t)~ex + yFl (t)~ey + zFl (t)~ez ,


1.2. Skalar- und Vektorfelder 9

d~
rFl
dt k f~
~rFl (t)

Abbildung 1.10: Feldlinie mit Tangentialvektor.

deren Tangentialvektor
d~rFl dxFl dyFl dzFl
|t = |t~ex + |t~ey + |t~ez (1.30)
dt dt dt dt
parallel zum Feldvektor ist (Abb. 1.10)
d~rFl
f~(~r (t)) |
Fl = dt t , (1.31)
~ d~rFl
f (~rFl (t)) dt |t

wobei t eine Größe ist, mit der die Kurve parametrisiert werden kann (z. B. die Länge der
Kurve). Als Beispiel soll ein Zentralfeld betrachtet werden
~r ~er x y z
f~(~r) = 3 = 2 = 3~ex + 3~ey + 3~ez . (1.32)
r r (x2 + y 2 + z 2 ) 2 (x2 + y 2 + z 2 ) 2 (x2 + y 2 + z 2 ) 2
Dieses Vektorfeld ist kugelsymmetrisch und die Feldlinien sind Strahlen, die vom Ursprung
aus weglaufen (Abb. 1.11)
~rFl (t) = t~er .

y
z=0

Abbildung 1.11: Feldlinien des Zentralfelds im Schnitt für z = 0.

Die hier betrachteten Skalar- und Vektorfelder sind im Allgemeinen stetig und hinrei-
chend oft differenzierbar im Definitionsgebiet. Ausnahmen bilden Grenz- und Randflächen
10 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

sowie bestimmte Linien oder Punkte des Definitionsgebiets, auf denen Singularitäten oder
Unstetigkeiten auftreten können. Zum Beispiel wird das Zentralfeld im Ursprung unendlich
groß und man muss diesen Punkt aus dem Definitionsgebiet ausschließen.

1.3 Der Gradient und Kurvenintegrale über Gradientenfelder


Es sei mit
~rC (t) = xC (t)~ex + yC (t)~ey + zC (t)~ez
eine Kurve im Ortsraum und mit f (x, y, z) ein Skalarfeld als Funktion der kartesischen Kom-
ponenten des Ortsvektors gegeben. Der Verlauf des Skalarfelds entlang der Kurve C ist durch
f (xC (t), yC (t), zC (t)) gegeben. Die Ableitung von f nach dem Kurvenparameter t an der
Stelle t0 kann man mit der Kettenregel bestimmen
df df (xC (t), yC (t), zC (t))
|t0 = |t0
dt dt
∂f dxC
= |xC (t0 ),yC (t0 ),zC (t0 ) |t
∂x dt 0
∂f dyC
+ |xC (t0 ),yC (t0 ),zC (t0 ) |t
∂y dt 0
∂f dzC
+ |xC (t0 ),yC (t0 ),zC (t0 ) |t .
∂z dt 0
Mit dem Tangentialvektor der Kurve
d~rC dxC dyC dzC
= ~ex + ~ey + ~ez
dt dt dt dt
und dem Gradienten
∂f ∂f ∂f
grad f := ~ex + ~ey + ~ez (1.33)
∂x ∂y ∂z
kann man die obige Ableitung am Punkt ~rC (t0 ) auf das Skalarprodukt dieser beiden Vektoren
zurückführen
df d~rC
|t0 = grad f |xC (t0 ),yC (t0 ),zC (t0 ) · |t . (1.34)
dt dt 0
Man beachte, dass der Gradient nur eine Funktion des Orts ist, und nicht von der Richtung
der Kurve abhängt. Er ist somit eine Eigenschaft des Skalarfelds und nicht der Kurve. Die
Ableitung ist maximal, wenn der Gradient und der Tangentialvektor parallel sind. Stehen
die Vektoren senkrecht aufeinander, verschwindet die Ableitung. Der Gradient zeigt somit in
Richtung des maximalen Anstiegs des Skalarfelds und sein Betrag gibt die maximale Ände-
rung pro Länge an. Er steht senkrecht auf den Äquipotenzialflächen, auf denen sich das
Skalarfeld nicht ändert. Der Gradient ordnet dem Skalarfeld ein Vektorfeld zu, das man auch
als Gradientenfeld bezeichnet und das unabhängig vom Koordinatensystem ist.
Es wird nun ein Pfadintegral über die Kurve C mit dem Anfangspunkt ~rC (t1 ) und dem
Endpunkt ~rC (t2 ) betrachtet
Z Z t2
d~rC
grad f · d~r := grad f |xC (t),yC (t),zC (t) · |t dt
C t1 |dt{z }
d~
r
Z t2
df
= |t dt
t1 dt
=f (xC (t2 ), yC (t2 ), zC (t2 )) − f (xC (t1 ), yC (t1 ), zC (t1 )) . (1.35)
1.3. Der Gradient und Kurvenintegrale 11

Der Wert dieses Kurvenintegrals hängt damit nur von dem Anfangs- und Endpunkt ab
und nicht von dem exakten Verlauf der Kurve (Abb. 1.12). Kurvenintegrale über Gradi-

~rC (t2 )

d~r
C1 d~r
C2 d~r
C3

~rC (t1 )

Abbildung 1.12: Verschiedene Pfade mit dem gleichen Anfangs- und Endpunkt.

entenfelder werden daher als wegunabhängig bezeichnet. Fallen Anfangs- und Endpunkt
zusammen, ist die Kurve C geschlossen und das Integral wird als i Ringintegral bezeichnet.
Ein Ringintegral über ein Gradientenfeld hat immer den Wert null
I
grad f · d~r = 0 , (1.36)
C

weil das Skalarfeld am Anfangs- und Endpunkt den gleichen Wert annimmt.
Mit dem Nabla-Operator, einem Pseudovektor, der in kartesischen Koordinaten und
Komponenten durch
∂ ∂ ∂
∇ := ~ex + ~ey + ~ez (1.37)
∂x ∂y ∂z
gegeben ist, lassen sich viele Beziehungen der Vektoranalysis elegant ableiten. Z. B. erhält
man den Gradienten, wenn man den Nabla-Opertor auf ein Skalarfeld anwendet

grad f = ∇f (1.38)

Als Beispiel soll wieder das Zentralpotenzial (1.29) mit f (~r) = −1/r betrachtet werden.
Das zugehörige Gradientenfeld ist durch
1 1 1
∂(x2 + y 2 + z 2 )− 2 ∂(x2 + y 2 + z 2 )− 2 ∂(x2 + y 2 + z 2 )− 2
 
1 ~r
grad − =− ~ex − ~ey − ~ez = 3
r ∂x ∂y ∂z r
(1.39)
gegeben und es ergibt sich das Zentralfeld (1.32). Äquipotenzialflächen und Feldlinien sind
in Abb. 1.13 dargestellt. Da die Feldlinien parallel zum Gradientenfeld sind, stehen sie senk-
recht auf den Äquipotenzialflächen. Ausnahmen sind nur möglich, wenn das Gradientenfeld
verschwindet, weil der Nullvektor keine Richtung hat. Dies ist in Abb. 1.14 dargestellt für die
Funktion (Sattelfläche)
f (x, y) = x2 − y 2 ,
deren Gradient
∇f = 2x~ex − 2y~ey
12 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

y
z=0
2

1 f = −1
2

f = −1

1 2 x

Abbildung 1.13: Äquipotenzialflächen (Kreise) und Feldlinien (Linien mit Pfeilen) für das
Zentralpotenzial und -feld.

y
1

−1 1
x

−1

Abbildung 1.14: Die linke Abbildung zeigt die Potenzialfunktion (Farbe: rot = ˆ +1, blau =
ˆ
-1) und das Gradientenfeld (Pfeile) der Funktion x2 − y 2 . Die Pfeile geben die Richtung des
Felds an und ihre Länge ist proportional zum Feld. Die mittlere Abbildung gibt Potenzial-
und Feldlinien wieder. In der rechten Abbildung ist die Sattelfläche in 3D dargestellt.

im Ursprung verschwindet. Im Ursprung schneiden sich die beiden Äquipotenziallinien für


f = 0 (y = x und y = −x) und die beiden Feldlinien, die auf der x- und y-Achse liegen.
Vergleicht man die linke und rechte Darstellung des Problems in Abb. 1.14, stellt man fest,
dass die Darstellung des Felds durch Feldlinien unvollständig ist. Die Feldlinien hängen stark
von dem verwendeten Programm ab und geben nur die Richtung des Felds an. Falls zusätzlich
Äquipotenziallinien, deren Potenzialwert sich von Linie zu Linie um den gleichen Wert ändert,
gegeben sind, kann man aus deren Abstand grob die Feldstärke abschätzen. Je dichter die
Äquipotenziallinien sind, umso größer ist der Gradient.

Hängt das Skalarfeld von mehreren unabhängigen Variablen ab, wobei nur nach einem
bestimmten Satz von Koordinaten differenziert werden soll, so muss man diese explizit an-
geben. Das Skalarfeld 1/|~r − ~r 0 | hängt von den beiden unabhängigen Vektoren ~r und ~r 0 ab.
1.4. Divergenz und Gaussscher Satz 13

Der Gradient nach ~r ist


1 1 ~r − ~r 0 1
grad~r 0
= ∇~r = − 0
= − grad~r 0 .
3 |~r − ~r 0 |
p
|~r − ~r | (x − x0 )2 + (y − y 0 )2 + (z − z 0 )2 |~r − ~r |
(1.40)
Dieses Ergebnis kann auch leicht mit der Kettenregel bestimmt werden. Für den einfachen
Fall der Koordinatenverschiebung ~r 00 = ~r −~r 0 gilt z. B. für die x-Komponente des Gradienten
mit x = x00 + x0
∂ ∂ dx ∂ dy ∂ dz ∂
00
= 00
+ 00
+ 00
=
∂x ∂x |{z}
dx ∂y |{z}
dx ∂z |{z}
dx ∂x
=1 =0 =0
und, da sich die Basisvektoren des kartesischen Koordinatensystems bei einer Verschiebung
nicht ändern,
grad~r = grad~r 00 .
Mit (1.39) ergibt sich dann
1 1 ~r 00 ~r − ~r 0
grad~r = grad~
r 00 = − = − .
|~r − ~r 0 | r00 r00 3 |~r − ~r 0 |3
Der Gradient kann auch nach ~r 0 berechnet werden. Mit x0 = x − x00 und
∂ ∂ dx0 ∂ dy 0 ∂ dz 0 ∂
00
= 0 00
+ 0 00
+ 0 00
=− 0
∂x ∂x |{z}
dx ∂y |{z}
dx ∂z |{z}
dx ∂x
=−1 =0 =0

ergibt sich für ~r 00 = ~r − ~r 0 und ein beliebiges Skalarfeld f (~r − ~r 0 )

∇~r f (~r − ~r 0 ) = ∇~r 00 f (~r 00 ) = −∇~r 0 f (~r − ~r 0 ) .

Dies rechtfertigt die Beziehung auf der rechten Seite von (1.40).

1.4 Divergenz und Gaußscher Satz


Als Fluss Φ eines Vektorfelds f~(~r) durch eine Fläche F bezeichnet man das Integral
Z
Φ= f~ · dF~ .
F

Das Flächenelement dF~ setzt sich aus einer infinitesimalen Fläche dF und einem Norma-
lenvektor ~n, der senkrecht auf der Fläche F steht und normiert (|~n| = 1) ist, zusammen
(dF~ = ~n dF , Abb. 1.15). Der Normalenvektor selektiert durch das Skalarprodukt den Teil
des Vektorfelds, der senkrecht auf der Grenzfläche steht und damit durch die Grenzfläche
fließt. Z. B. ergibt das Integral der Stromdichte über die Querschnittsfläche eines Leiters den
durch den Leiter fließenden Strom.
Schließt die Fläche F ein Volumen V vollständig ein, so ergibt das Hüllintegral über die
geschlossene Oberfläche F des Volumens V den aus dem Volumen herausfließenden Fluss
I
Φ= f~ · dF~ .
F

Das infinitesimale vektorielle Flächenelement dF~ ist dabei so orientiert, dass es aus dem Vo-
lumen herauszeigt (Abb. 1.16). Ein aus dem Volumen fließender Fluss ist damit positiv.
14 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

dF~ = ~n dF dF

~n

Abbildung 1.15: Infinitesimales vektorielles Flächenelement im Querschnitt eines Leiters.

f~

dF~

Abbildung 1.16: Fluss durch eine geschlossene Hüllfläche.

Erwärmt man z. B. mit einem Laserstrahl ein kleines Gebiet in einem Material kontinuier-
lich, so ergibt das Hüllintegral der Wärmeflussdichte über die Oberfläche des Gebiets die
aus dem erhitzten Volumen abfließende Wärme pro Zeit (Abb. 1.17). Diese muss aufgrund
der Energieerhaltung mit der durch den Laserstrahl eingebrachten Energiemenge pro Zeit
(Leistung) übereinstimmen. Die durch den Laserstahl eingestrahlte Energie ist die Quelle des
Wärmeflusses.
Wenn ein entsprechendes Erhaltungsgesetz gilt, gibt es einen Zusammenhang zwischen
dem Fluss des Vektorfelds f~(~r) und der Quelle mit der Dichte g(~r)

I Z
f~ · dF~ = g dV . (1.41)
F V

Es soll nun gezeigt werden, dass man jedem Vektorfeld f~(~r) eine Quellendichte g(~r) zuordnen
kann, sodass (1.41) gilt. Es sei ein Quader gegeben durch die Bedingungen x0 ≤ x ≤ x0 + ∆x,
y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y und z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z (Abb. 1.18). Der Quader hat sechs Oberflächen F1
1.4. Divergenz und Gaussscher Satz 15

Wärmefluss

Lichtfluss

Abbildung 1.17: Generation von Wärme durch Licht in einem Volumen V und der aus dem
Volumen durch die Oberfläche F abfließende Wärmestrom.

bis F6 , die zusammen eine geschlossene Hüllfläche für den Quader bilden

F1 : (x0 , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y , z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) ~n1 dF = −~ex dy dz


F2 : (x0 + ∆x , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y , z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) ~n2 dF = ~ex dy dz
F3 : (x0 ≤ x ≤ x0 + ∆x , y0 , z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) ~n3 dF = −~ey dx dz
F4 : (x0 ≤ x ≤ x0 + ∆x , y0 + ∆y , z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) ~n4 dF = ~ey dx dz
F5 : (x0 ≤ x ≤ x0 + ∆x , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y , z0 ) ~n5 dF = −~ez dx dy
F6 : (x0 ≤ x ≤ x0 + ∆x , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y , z0 + ∆z ) ~n6 dF = ~ez dx dy

F1 , F2 stehen senkrecht auf der x-Achse, F3 , F4 senkrecht auf der y-Achse und F5 , F6 senkrecht
auf der z-Achse.
In diesem Fall gilt
I X6 Z
f~ · dF~ = f~ · ~ni dF .
F i=1 Fi

Für das Integral über F1 ergibt sich

Z z0Z+∆z y0Z+∆y Z∆zZ∆y


f~ · ~n1 dF = − fx (x0 , y, z) dy dz = − fx (x0 , y0 + y 0 , z0 + z 0 ) dy 0 dz 0
F1 z0 y0 0 0

und für F2
Z Z∆zZ∆y
f~ · ~n2 dF = fx (x0 + ∆x, y0 + y 0 , z0 + z 0 ) dy 0 dz 0 .
F2 0 0

Addition der beiden Integrale liefert

Z Z Z∆zZ∆y
f~ · ~n1 dF + f~ · ~n2 dF = fx (x0 + ∆x, y0 + y 0 , z0 + z 0 ) − fx (x0 , y0 + y 0 , z0 + z 0 ) dy 0 dz 0 .
F1 F2 0 0
16 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

f~
f~
~n4
(x0 , y0 + ∆y, z0 ) ∆x

∆z F4

F1 F2
~n2
~n1
∆y (x0 , y0 , z0 )
(x0 + ∆x, y0 , z0 )
F3
y

(x0 , y0 , z0 + ∆z) x
~n3
z

Abbildung 1.18: Fluss durch die Oberfläche des Quaders. Die Flächen F5 und F6 wurden
wegen der Übersichtlichkeit nicht eingezeichnet.

Es wird nun angenommen, dass ∆x, ∆y und ∆z so klein sind, dass sich das Vektorfeld
nur wenig über diese Distanzen ändert. Die Komponenten des Vektorfelds können dann in
eine Taylorreihe erster Ordnung um den Punkt (x0 , y0 , z0 ) entwickelt werden, und für die
x-Komponente erhält man

fx (x0 + x0 , y0 + y 0 , z0 + z 0 ) ≈fx (x0 , y0 , z0 ) + ~r 0 · ∇ fx |x0 ,y0 ,z0




∂fx ∂fx ∂fx


=fx (x0 , y0 , z0 ) + |x0 ,y0 ,z0 x0 + |x0 ,y0 ,z0 y 0 + |x ,y ,z z 0 .
∂x ∂y ∂z 0 0 0
Den Integranden der obigen Formel kann man mit der Taylorentwicklung bis erster Ordnung
vereinfachen

fx (x0 + ∆x, y0 + y 0 , z0 + z 0 ) − fx (x0 , y0 + y 0 , z0 + z 0 ) ≈


∂fx ∂fx ∂fx
fx (x0 , y0 , z0 ) + |x0 ,y0 ,z0 ∆x + |x0 ,y0 ,z0 y 0 + |x ,y ,z z 0
∂x ∂y ∂z 0 0 0
 
∂fx ∂fx
− fx (x0 , y0 , z0 ) + |x0 ,y0 ,z0 y 0 + |x0 ,y0 ,z0 z 0
∂y ∂z
∂fx
= |x ,y ,z ∆x .
∂x 0 0 0
Für die Summe der beiden Integrale ergibt sich damit bis erster Ordnung in ∆x, ∆y und ∆z

Z Z Z∆zZ∆y
∂fx ∂fx
f~ · ~n1 dF + f~ · ~n2 dF ≈ |x0 ,y0 ,z0 ∆x dy 0 dz 0 = |x ,y ,z ∆x∆y∆z .
∂x ∂x 0 0 0
F1 F2 0 0

Für die Flächenpaare F3 , F4 und F5 , F6 ergeben sich analoge Ausdrücke und insgesamt erhält
1.4. Divergenz und Gaussscher Satz 17

man
I 6 Z
X
f~ · dF~ = f~ · ~ni dF
F i=1 Fi
 
∂fx ∂fy ∂fz
≈ |x ,y ,z + |x ,y ,z + |x ,y ,z ∆x∆y∆z .
∂x 0 0 0 ∂y 0 0 0 ∂z 0 0 0
Für die rechte Seite von (1.41) ergibt sich bis erster Ordnung in ∆x, ∆y, und ∆z

Z Z∆zZ∆yZ∆x
g dV = g(x0 + x0 , y0 + y 0 , z0 + z 0 ) dx0 dy 0 dz 0 ≈ g(x0 , y0 , z0 )∆x∆y∆z
V
0 0 0

und somit
 
∂fx ∂fy ∂fz
|x ,y ,z + |x ,y ,z + |x ,y ,z ∆x∆y∆z = g(x0 , y0 , z0 )∆x∆y∆z .
∂x 0 0 0 ∂y 0 0 0 ∂z 0 0 0
Teilt man durch das Volumen ∆x∆y∆z des Quaders, ergibt sich der Ausdruck für die Quelle
∂fx ∂fy ∂fz
|x0 ,y0 ,z0 + |x0 ,y0 ,z0 + |x ,y ,z = g(x0 , y0 , z0 ) .
∂x ∂y ∂z 0 0 0
Der Ausdruck auf der rechten Seite kann mit dem Nabla-Operator bestimmt werden

∂fx ∂fy ∂fz


div f~ := ∇ · f~ = + + (1.42)
∂x ∂y ∂z

und definiert die Divergenz. Die Divergenz ordnet einem Vektorfeld ein Skalarfeld zu, das
die Quelle des Vektorfelds ist. In manchen Fällen bezeichnet man eine negative Divergenz
als Senke und nur die positive als Quelle. Verschwindet die Divergenz div f~ = 0, wird das
Vektorfeld als quellenfrei bezeichnet. Die Divergenz eines Vektorfelds ist unabhängig vom
Koordinatensystem.
Mit einem beliebigen Volumen V mit der Oberfläche F kann man die Divergenz allgemein
definieren I
1
lim f~ · dF~ = div f~ , (1.43)
V →0 V F

wobei das Volumen auf einen Punkt zusammengezogen werden muss. Integriert man diesen
Ausdruck über ein endliches Volumen, ergibt sich der Gaußsche Satz
I Z
~ ~
f · dF = div f~ dV (1.44)
F V

wobei F die gesamte Oberfläche des Volumens V ist. Weder die Oberfläche noch das Volumen
müssen zusammenhängend sein und können aus mehreren Teilen bestehen (Abb. 1.19). Das
Vektorfeld f~ muss im gesamten Volumen differenzierbar sein.
In Abb. 1.20 ist ein sehr einfaches Beispiel mit

f~ = x~ex

dargestellt. Das Feld wächst für positive x von links nach rechts an mit

div f~ = 1
18 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

dF~
F1

dF~
V

F2

Abbildung 1.19: Volumen mit einer Oberfläche, die aus zwei Teilen F1 und F2 besteht.

und ist somit nicht quellenfrei. Dies erkennt man in der linken Abbildung sehr gut daran,
dass die Feldpfeile von links nach rechts auf ganzer Breite länger werden. Bei allgemeinen
Feldern ist die Beurteilung der Divergenz schwieriger, da es sich um dreidimensionale Proble-
me handelt, die sich in einem zweidimensionalen Schnitt nur unzureichend beurteilen lassen.
Die Darstellung mit Feldlinien (rechts) ist in diesem Fall wenig hilfreich.

y
1

x
0 1

Abbildung 1.20: Darstellung des Vektorfelds x~ex durch Pfeile (links) und Feldlinien (rechts).

Die Divergenz eines Gradientenfelds grad f verknüpft dieses mit seinen Quellen g

div (grad f ) = g . (1.45)

Diese Gleichung bezeichnet man als Poisson-Gleichung und sie ist in der Elektrostatik von
besonderer Bedeutung. Für den Spezialfall, dass die Quelle g überall verschwindet (g = 0),
bezeichnet man die Gleichung als Laplace-Gleichung. Der Ausdruck auf der linken Seite
definiert den Laplace-Operator

∂2f ∂2f ∂2f


∆f := div (grad f ) = ∇ · (∇f ) = + + (1.46)
∂x2 ∂y 2 ∂z 2

Als Beispiel soll wieder das Zentralfeld 1.32 mit f~ = ~r/r3 = − grad 1/r betrachtet werden.
Die Divergenz ist durch
 
1 ~r ∂ x ∂ y ∂ z
div grad − = div 3 = + + =0
r r ∂x (x2 + y 2 + z 2 ) 23 ∂y (x2 + y 2 + z 2 ) 32 ∂z (x2 + y 2 + z 2 ) 32
1.5. Rotation und Stokesscher Satz 19

gegeben. Das Vektorfeld dieses Zentralfelds ist quellenfrei. Man beachte jedoch, dass die
Divergenz für den Ursprung ~r = ~0 nicht definiert ist, weil das Zentralfeld dort singulär wird.
Singularitäten und Grenzflächen werden in einem folgenden Kapitel noch genauer behandelt.
In Abb. 1.21 ist das Feld für z = 0 in der x, y-Ebene dargestellt. Dass die Divergenz abgesehen
vom Ursprung überall verschwindet, ist in diesem Schnitt durch das dreidimensionale Problem
schwer zu erkennen.
y

Abbildung 1.21: Darstellung des Vektorfelds ~r/r3 durch Pfeile in der Ebene z = 0.

1.5 Rotation und Stokesscher Satz


Ein Pfadintegral über eine geschlossene Kurve C bezeichnet man als Ringintegral.2 In der
Elektrodynamik gibt es entsprechende Erhaltungssätze, die Ringintegrale mit Integralen über
Flächen verknüpfen I Z
~
f · d~r = ~g · dF~ , (1.47)
C F
wobei die Kurve C der Rand der Fläche F ist und im Sinne einer Rechtsschraube mit der
Fläche orientiert ist (Abb. 1.22). Rührt man z. B. Wasser, so entstehen Wirbel, deren Stärke
durch ein solches Ringintegral bestimmt werden kann.
Es soll nun eine spezielle Fläche Fx betrachtet werden, die senkrecht auf der x-Achse
steht und durch die Punkte (x0 , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y, z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) gegeben ist. Die
Orientierung der Randkurve Cx wird so gewählt, dass der Normalenvektor des infinitesimalen
Flächenelements dem Basisvektor in x-Richtung entspricht: dF~ = ~ex dy dz (Abb. 1.23). Die
Kurve Cx besteht aus den vier Rändern des Rechtecks Fx
2
In Anlehnung an den im Englischen gebräuchlichen Ausdruck könnte man das Ringintegral auch als Zir-
kulation bezeichnen, wobei die Zirkulation eine ähnliche Bedeutung hat wie der Fluss durch eine geschlossene
Hüllfläche.
20 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

~g

F
dF~ d~r

f~
C

Abbildung 1.22: Ringintegral und entsprechendes Flächenintegral.

Cx,1 : (x0 , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y , z0 ) d~r = ~ey dy


Cx,2 : (x0 , y0 + ∆y , z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) d~r = ~ez dz
Cx,3 : (x0 , y0 ≤ y ≤ y0 + ∆y , z0 + ∆z ) d~r = −~ey dy
Cx,4 : (x0 , y0 , z0 ≤ z ≤ z0 + ∆z) d~r = −~ez dz

Das Ringintegral über die Kurve Cx lautet nun

I 4 Z
X
f~ · d~r = f~ · d~r
Cx i=1 C
x,i

y0Z+∆y

= fy (x0 , y, z0 ) dy
y0
z0Z+∆z

+ fz (x0 , y0 + ∆y, z) dz
z0
y0Z+∆y

− fy (x0 , y, z0 + ∆z) dy
y0
z0Z+∆z

− fz (x0 , y0 , z) dz .
z0

Es wird wieder angenommen, dass die Distanzen ∆y und ∆z so klein sind, dass sich das Vek-
torfeld f~ nur wenig über sie ändert und eine Taylorentwicklung erster Ordnung ausreichend
1.5. Rotation und Stokesscher Satz 21

(x0 , y0 , z0 + ∆z) Cx,3 (x0 , y0 + ∆y, z0 + ∆z)

Cx,4 dF~ Cx,2

Fx

z
(x0 , y0 , z0 ) Cx,1 (x0 , y0 + ∆y, z0 )

x y

Abbildung 1.23: Fläche Fx mit dem vierteiligen Rand Cx .

ist

f~(x0 + x0 , y0 + y 0 , z0 + z 0 ) ≈f~(x0 , y0 , z0 ) + ~r 0 · ∇ f~|x0 ,y0 ,z0




=f~(x0 , y0 , z0 )
 
∂fx ∂fx ∂fx
+ |x0 ,y0 ,z0 x0 + |x0 ,y0 ,z0 y 0 + |x0 ,y0 ,z0 z 0 ~ex
∂x ∂y ∂z
 
∂fy 0 ∂fy 0 ∂fy 0
+ |x ,y ,z x + |x ,y ,z y + |x ,y ,z z ~ey
∂x 0 0 0 ∂y 0 0 0 ∂z 0 0 0
 
∂fz 0 ∂fz 0 ∂fz 0
+ |x ,y ,z x + |x ,y ,z y + |x ,y ,z z ~ez (. 1.48)
∂x 0 0 0 ∂y 0 0 0 ∂z 0 0 0

Setzt man diese in das Ringintegral ein, vereinfacht es sich

I Z∆y
∂fy
f~ · d~r ≈ fy (x0 , y0 , z0 ) + |x ,y ,z y 0 dy 0
∂y 0 0 0
Cx 0
Z∆z
∂fz ∂fz
+ fz (x0 , y0 , z0 ) + |x0 ,y0 ,z0 ∆y + |x ,y ,z z 0 dz 0
∂y ∂z 0 0 0
0
Z∆y
∂fy ∂fy
− fy (x0 , y0 , z0 ) + |x0 ,y0 ,z0 ∆z + |x ,y ,z y 0 dy 0
∂z ∂y 0 0 0
0
Z∆z
∂fz
− fz (x0 , y0 , z0 ) + |x ,y ,z z 0 dz 0
∂z 0 0 0
0
 
∂fz ∂fy
= |x ,y ,z − |x ,y ,z ∆y∆z .
∂y 0 0 0 ∂z 0 0 0
22 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

Die rechte Seite des Ringintegrals (1.47) ergibt in diesem Fall in erster Ordnung
  I Z
∂fz ∂fy ~
|x ,y ,z − |x ,y ,z ∆y∆z ≈ f · d~r = ~g · ~ex dF ≈ gx (x0 , y0 , z0 )∆y∆z ,
∂y 0 0 0 ∂z 0 0 0
Cx Fx

und man kann auf beiden Seiten der Gleichung durch die Fläche ∆y∆z des Rechtecks teilen.
Auf analoge Weise kann man Beziehungen für gy und gz ableiten und man erhält insgesamt
     
∂fz ∂fy ∂fx ∂fz ∂fy ∂fx
~g = − ~ex + − ~ey + − ~ez .
∂y ∂z ∂z ∂x ∂x ∂y

Die rechte Seite wird als Rotation eines Vektorfelds bezeichnet und kann mit dem Nabla-
Operator kompakt ausgedrückt werden
     
∂fz ∂fy ∂fx ∂fz ∂fy ∂fx
rot f~ := ∇ × f~ = − ~ex + − ~ey + − ~ez (1.49)
∂y ∂z ∂z ∂x ∂x ∂y

Die Rotation bildet ein Vektorfeld auf ein Vektorfeld ab und ist damit unabhängig vom Koor-
dinatensystem. Verschwindet die Rotation eines Vektorfelds, so bezeichnet man das Vektorfeld
als wirbelfrei oder konservativ (rot f~ = ~0).
Mit der beliebigen Fläche Fx , deren Rand Cx in der y, z-Ebene liegt, kann man folgende
Beziehung allgemein ableiten
I
1
lim f~ · d~r = rot f~ · ~ex ,
Fx →0 Fx
Cx

wobei die Fläche auf einen Punkt zusammengezogen werden muss. Für die beiden anderen
Komponenten der Rotation ergeben sich analoge Ausdrücke.
Aus dem Ringintegral (1.47) folgt mit ~g = rot f~ der Stokessche Satz
I Z
f~ · d~r = rot f~ · dF~ (1.50)
C F

Die geschlossene Randkurve C der Fläche F muss doppelpunktfrei sein und das Vektorfeld
muss auf der gesamten Fläche differenzierbar sein.
Der Stokessche Satz kann mit einem beliebigen ortsunabhängigen Vektor ~c leicht umge-
formt werden. Für f~ = ~c × ~g lautet der Stokessche Satz

I Z Z   
(~c × ~g ) · d~r = rot (~c × ~g ) · dF~ = ∇ × ~c × ~g · dF~ .
C F F

Man beachte, dass der Nabla-Operator nur auf das Vektorfeld ~g (~r) wirkt, was durch den Pfeil
angezeigt wird. Mit den Vertauschungsregeln für das Spatprodukt ergibt sich
  ↓  ↓
I Z   Z 
~c · ~g × d~r = ~
dF × ∇ · ~c × ~g = −~c · dF~ × ∇ × ~g .
C F F

Da diese Beziehung für beliebige konstante Vektoren ~c gelten muss, ergibt sich
I Z ↓  
~g × d~r = − ~g × ∇ × dF~ . (1.51)
C F
1.5. Rotation und Stokesscher Satz 23

Für das Vektorfeld f~ = ~cg mit einem wieder beliebigen konstanten Vektor ~c und dem Skalar-
feld g(~r) kann der Stokessche Satz analog auf die Form
I Z
g d~r = − grad g × dF~ (1.52)
C F

gebracht werden.
Als Beispiel soll eine Scheibe betrachtet werden, die in der x, y-Ebene liegt, den Radius R
hat und um die z-Achse mit konstanter Winkelgeschwindigkeit ω = 2π/T rotiert (Abb. 1.24).
Eine Umdrehung dauert T und in dieser Zeit legt ein Punkt auf dem Rand der Scheibe die
Strecke 2πR zurück. Die Geschwindigkeit des Randpunkts ist v = 2πR/T = ωR. Da die

y y
R
R

z x −R R x

−R

Abbildung 1.24: Eine um die z-Achse rotierende Scheibe mit der Winkelgeschwindigkeit ω
~
(links) und die Geschwindigkeit als Vektorfeld dargestellt durch Pfeile (rechts).

Scheibe um die z-Achse rotiert, kann man der Winkelgeschwindigkeit einen Vektor parallel
zur z-Achse zuordnen ω
~ = ω~ez . Die Geschwindigkeit eines beliebigen Punkts am Ort ~r auf
der Scheibe ist dann
~ × ~r .
~v = ω
Die Geschwindigkeit steht senkrecht auf der Rotationsachse und dem Ortsvektor des Punkts,
wobei |~eω × ~r| der Abstand des Punkts von der Achse ist und die Rotationsachse durch den
Koordinatenursprung gehen muss. Die Rotation der Geschwindigkeit ergibt
rot ~v = 2~
ω,
und ist unabhängig vom Ort, an dem sie bestimmt wurde. Verschiebt man den Mittelpunkt
der Scheibe in den Punkt ~rM , so ist die Geschwindigkeit ω ~ × (~r − ~rM ) und die Rotation
rot ~v = 2~ω . Ihr Wert ändert sich durch die Verschiebung nicht. Für ein starres System,
das sich um eine Rotationsachse dreht, ergibt die Rotation der Geschwindigkeit an einem
beliebigen Ort die entsprechende Winkelgeschwindigkeit, die parallel zur Rotationsachse ist.
In einer Flüssigkeit gibt die Rotation der Geschwindigkeit die lokale Winkelgeschwindigkeit
der Wirbel an.
Als weiteres Beispiel soll das Zentralfeld ~r/r3 betrachtet werden
~r
rot = ~0 ,
r3
welches wirbelfrei ist. Dies ist eine allgemeine Eigenschaft von Gradientenfeldern

rot (grad f ) = ∇ × (∇f ) = ~0 (1.53)


24 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

wie man leicht nachrechnet. Dies entspricht dem Ringintegral (1.36). Umgekehrt kann man
zeigen, dass alle wirbelfreien Vektorfelder Gradientenfelder sind und auf ein Skalarfeld zurück-
geführt werden können. Das Gradientenfeld ist damit die allgemeinste Darstellung eines wir-
belfreien Felds.
Die Divergenz der Rotation verschwindet ebenfalls
   
div rot f~ = ∇ · ∇ × f~ = 0 (1.54)

Ein reines Wirbelfeld ~g = rot f~ ist damit quellenfrei.


Das Theorem von Helmholtz besagt, dass man ein Vektorfeld immer in einen wirbel-
und quellenfreien Anteil zerlegen kann,

f~ = grad h + rot ~g (1.55)

wobei h das Skalarpotenzial und ~g das Vektorpotenzial ist. Die Quellen sind nur mit dem
Skalarpotenzial verknüpft
div f~ = div (grad h)
und die Wirbel nur mit dem Vektorpotenzial

rot f~ = rot (rot ~g ) .

Man beachte, dass das Theorem von Helmholtz das Vektorpotenzial nicht eindeutig definiert.
Mit einem beliebigen Skalarpotenzial c und ~g 0 = ~g + grad c gilt

rot ~g 0 = rot (~g + grad c) = rot ~g = f~ − grad h .

Dies macht Sinn, da das Vektorfeld f~ nur drei Komponenten hat, für deren Darstellung drei
Funktionen ausreichend sein sollten. Da das Vektorpotenzial auch drei Komponenten hat
und noch das Skalarpotenzial hinzukommt, sind dies insgesamt vier Funktionen, die durch
das Theorem von Helmholtz unterbestimmt sind. Daraus ergibt sich der Freiheitsgrad für das
Vektorpotenzial.
Mit der Rotation kann man einen Laplace-Operator für Vektorfelder definieren. Wendet
man die Rotation zweimal auf ein Vektorfeld an, ergibt sich ein doppeltes Kreuzprodukt, das
man mit der bac-cab-Regel umformen kann
       
rot rot f = ∇ × ∇ × f = ∇ ∇ · f − (∇ · ∇) f = grad div f − ∆f~ .
~ ~ ~ ~ ~ (1.56)

Damit ergibt sich für den Laplace-Operator angewendet auf ein Vektorfeld
   
∆f~ := grad div f~ − rot rot f~ (1.57)

Nur im Fall von kartesischen Komponenten ergibt sich ein Ausdruck, der sich auf den skalaren
Laplace-Operator zurückführen lässt

∆f~ = ∆fx~ex + ∆fy~ey + ∆fz~ez . (1.58)

In krummlinigen Koordinatensystemen ist dies nicht der Fall.


1.6. Rechnen mit dem Nabla-Operator 25

1.6 Rechnen mit dem Nabla-Operator


Es seien zwei Skalarfelder f (~r) und g(~r) gegeben. Für den Gradienten des Produkts der beiden
Skalarfelder gilt

grad (f g) =∇ (f g)
∂(f g) ∂(f g) ∂(f g)
= ~ex + ~ey + ~ez
∂x ∂y ∂z
     
∂f ∂g ∂f ∂g ∂f ∂g
= g+f ~ex + g+f ~ey + g+f ~ez
∂x ∂x ∂y ∂y ∂z ∂z
= (∇f ) g + f (∇g)
=g grad f + f grad g . (1.59)

Dieses Ergebnis kann man auch schneller erhalten. Die Produktregel der Differenziation kann
auch beim Nabla-Operator angewendet werden

↓ ↓
∇ (f g) = ∇(f g) + ∇(f g) ,

wobei der Pfeil angibt, auf welchen Faktor des Produkts der Nabla-Operator angewendet
wird. Wird f differenziert, kann man g aus dem Gradienten ziehen und umgekehrt

↓ ↓
∇(f g) + ∇(f g) = (∇f ) g + f (∇g)

und man erhält das obige Ergebnis.


Es sei jetzt f (~r) ein Skalarfeld und ~g (~r) ein Vektorfeld. Mit (1.14) kann man den folgenden
Ausdruck umformen

div(f~g ) =∇ · (f~g )
↓ ↓
=∇ · (f~g ) + ∇ · (f ~g )
= (∇f ) · ~g + f (∇ · ~g )
=~g · grad f + f div ~g . (1.60)

Verwendet man statt der Divergenz die Rotation ergibt sich analog mit (1.22)

rot(f~g ) =∇ × (f~g )
↓ ↓
=∇ × (f~g ) + ∇ × (f ~g )
= (∇f ) × ~g + f (∇ × ~g )
=f rot ~g − ~g × grad f . (1.61)

Es seien nun f~(~r) und ~g (~r) Vektorfelder. Dann gilt


 
div ~g × f~ = f~ · rot ~g − ~g · rot f~ , (1.62)

wie man leicht mit (1.24) nachrechnet.


26 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

1.7 Krummlinige Koordinatensysteme


Neben den kartesischen Koordinatensystemen kann man auch krummlinige Koordinatensyste-
me definieren (z. B. Kugelkoordinaten oder Zylinderkoordinaten). Diese haben bei Problemen
mit entsprechender Symmetrie Vorteile. Es wird einem jeden Raumpunkt (x, y, z) über die
Funktionen ū1 , ū2 und ū3 ein neues Zahlentripel (u1 , u2 , u3 ) zugeordnet, das die krummlinigen
Koordinaten darstellt
u1 = ū1 (x, y, z)
u2 = ū2 (x, y, z) .
u3 = ū3 (x, y, z)
Die Abbildung sei eindeutig und umkehrbar. Die ebenfalls eindeutige Umkehrung sei gegeben
durch
x = x̄(u1 , u2 , u3 )
y = ȳ(u1 , u2 , u3 ) .
z = z̄(u1 , u2 , u3 )
Im kartesischen Koordinatensystem sind die Achsen durch Geraden gegeben und die Basis-
vektoren hängen nicht vom Ort ab. Im Fall der krummlinigen Koordinatensysteme sind die
Koordinatenlinien Raumkurven, die man erhält, indem man eine Koordinate variiert und
die beiden anderen festhält. Es werden jetzt Koordinatenlinien betrachtet, die durch den
Punkt P0 = (x0 , y0 , z0 ) (in krummlinigen Koordinaten (u1,0 , u2,0 , u3.0 )) gehen. Die Linie der
Koordinate 1 ist gegeben durch
x = x̄(u1 , u2,0 , u3,0 )
y = ȳ(u1 , u2,0 , u3,0 ) .
z = z̄(u1 , u2,0 , u3,0 )
Die anderen beiden Koordinatenlinien lassen sich analog definieren. Ein entsprechender Tan-
gentialvektor im Punkt P0 ergibt sich durch Ableiten der i-ten Koordinatenlinie nach der
entsprechenden Koordinate mit i = 1, 2, 3

~ti (P0 ) = ∂x̄ |P0~ex + ∂ȳ |P0~ey + ∂z̄ |P0~ez .


∂ui ∂ui ∂ui
Man kann jedem Tangentialvektor einen Basisvektor zuordnen
~ti (P0 )
~ei (P0 ) =
ti (P0 )

mit dem Maßstabsfaktor ti (P0 ) = |~ti (P0 )|. Es werden nur Koordinatensysteme betrachtet,
für die die drei Basisvektoren eine orthonormale rechtshändige Basis bilden mit

~e1 (P0 ) × ~e2 (P0 ) = ~e3 (P0 ) .

Diese Basisvektoren hängen im Gegensatz zu den Basisvektoren der kartesischen Koordi-


naten von dem Raumpunkt ab (Abb. 1.25).
Mit den Basisvektoren kann man ein Vektorfeld f~ am Ort P0 folgendermaßen darstellen

f~(P0 ) = f1 (P0 )~e1 (P0 ) + f2 (P0 )~e2 (P0 ) + f3 (P0 )~e3 (P0 ) (1.63)

wobei f1 , f2 und f3 die dem krummlinigen Koordinatensystem entsprechenden Komponenten


des Vektors sind
fi (P0 ) = f~(P0 ) · ~ei (P0 ) (1.64)
1.7. Krummlinige Koordinatensysteme 27

u1

u2
~e2
~e1
P0

Abbildung 1.25: Basisvektoren der Koordinaten u1 und u2 in einer Fläche mit konstantem
u3 am Punkt P0 und die entsprechenden Koordinatenlinien.

Für das Skalarprodukt zweier Vektoren f~ und ~g ergibt sich

f~ · ~g = f1 (P0 )g1 (P0 ) + f2 (P0 )g2 (P0 ) + f3 (P0 )g3 (P0 ) (1.65)

wobei die Komponenten der beiden Vektoren am selben Ort P0 bestimmt werden müssen.
Gleiches gilt für das Kreuzprodukt

f~ × ~g = [f2 (P0 )g3 (P0 ) − f3 (P0 )g2 (P0 )]~e1 (P0 )


+ [f3 (P0 )g1 (P0 ) − f1 (P0 )g3 (P0 )]~e2 (P0 ) (1.66)
+ [f1 (P0 )g2 (P0 ) − f2 (P0 )g1 (P0 )]~e3 (P0 )

Die sechs Summanden auf der rechten Seite der Gleichung ergeben sich wieder aus den sechs
Permutationen der Indizes 1, 2 und 3 analog zu den kartesischen Koordinaten (Abb. 1.5).
Integriert man entlang einer Koordinatenlinie über die Koordinate ui , so ist die Länge
des infinitesimalen Kurvenstücks gegeben über

dri = ti dui .

Integriert man auf einer Fläche mit konstantem uk über die Koordinaten ui und uj , wobei
i 6= j, i 6= k, j 6= k und ~ek = ~ei × ~ej gelten muss, so ist das infinitesimale Flächenstück durch
das entsprechende Kreuzprodukt gegeben durch (Abb. 1.26)

dF~k = (dri~ei ) × (drj~ej ) = ti tj dui duj~ek .

Für das infinitesimale Volumenelement erhält man analog mit dem entsprechenden Spatpro-
dukt
dV = dr1~e1 · (dr2~e2 × dr3~e3 ) = t1 t2 t3 du1 du2 du3
und somit Z ZZZ ZZZ
f dV = f dx dy dz = f t1 t2 t3 du1 du2 du3 ,

wobei t1 t2 t3 die entsprechende Jacobi-Determinante ist. Diese einfache Form der Jacobi-
Determinante ist durch die Orthogonalität der Tangentialvektoren der Koordinaten bedingt.
Mit den Tangentialvektoren der Koordinatenlinien ~ti und (1.34) ist die Ableitung eines
Skalarfelds f nach der Koordinate ui gegeben durch
df ∂f
|P = |P = grad f |P0 · ~ti (P0 ) .
dui 0 ∂ui 0
28 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

u2

u2,0 + du2

dF3
dr2 = t2 du2

u2,0 P0
dr1 = t1 du1 u1

u1,0
u1,0 + du1

Abbildung 1.26: Das zur Koordinate u3 senkrechte Flächenstück dF3 = t1 t2 du1 du2 .

Das totale und partielle Differenzial sind in diesem Fall gleich, da die beiden anderen Ko-
ordinaten konstant gehalten werden. Teilt man durch den Maßstabsfaktor ti , ergibt sich die
Projektion des Gradienten auf den Basisvektor ~ei

1 ∂f
grad f |P0 · ~ei (P0 ) = |P
ti (P0 ) ∂ui 0

und damit der Gradient für krummlinige Koordinaten

1 ∂f 1 ∂f 1 ∂f
grad f = ~e1 + ~e2 + ~e3 (1.67)
t1 ∂u1 t2 ∂u2 t3 ∂u3

Alle Größen in dieser Gleichung müssen für den selben Ort berechnet werden. Man beachte,
dass der Nabla-Operator in krummlinigen Koordinaten keine so triviale Darstellung wie in
kartesischen Koordinaten (1.37) hat, und deswegen an dieser Stelle nicht explizit verwendet
wird.
Führt man eine zu Kapitel 1.4 analoge Rechnung in krummlinigen Koordinaten durch,
erhält man für die Divergenz eines Vektorfelds f~

 
1 ∂(f1 t2 t3 ) ∂(f2 t3 t1 ) ∂(f3 t1 t2 )
div f~ = + + (1.68)
t1 t2 t3 ∂u1 ∂u2 ∂u3

Wieder müssen alle Größen in dieser und den beiden folgenden Gleichungen am selben Ort
berechnet werden.
1.7. Krummlinige Koordinatensysteme 29

Für die Rotation ergibt die Transformation auf krummlinige Koordinaten


 
∂(f3 t3 ) ∂(f2 t2 ) ~e1
rot f~ = −
∂u2 ∂u3 t3 t2
 
∂(f1 t1 ) ∂(f3 t3 ) ~e2
+ − (1.69)
∂u3 ∂u1 t1 t3
 
∂(f2 t2 ) ∂(f1 t1 ) ~e3
+ −
∂u1 ∂u2 t2 t1

Setzt man (1.67) in (1.68) ein, erhält man für den Laplace-Operator
      
1 ∂ t2 t3 ∂f ∂ t3 t1 ∂f ∂ t1 t2 ∂f
∆f = + + (1.70)
t1 t2 t3 ∂u1 t1 ∂u1 ∂u2 t2 ∂u2 ∂u3 t3 ∂u3

1.7.1 Zylinderkoordinaten
Es sollen nun Zylinderkoordinaten betrachtet werden (Abb. 1.27). Mit

z
z

~ez

~eφ
P

~eρ

φ
ρ

x y

Abbildung 1.27: Zylinderkoordinaten.

u1 = ρ , u2 = φ , u3 = z

sind die Koordinaten gegeben durch


p
ρ =ū1 (x, y, z) = x2 + y 2 (1.71)

y
arctan x

 , x ≥ 0, x2 + y 2 > 0
y
φ =ū2 (x, y, z) = π − arctan |x| , y ≥ 0, x < 0 (1.72)
−π + arctan |y|

, y < 0, x < 0

|x|

z =ū3 (x, y, z) = z . (1.73)


30 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

Die Umkehrung ist gegeben durch

x =x̄(ρ, φ, z) = ρ cos φ (1.74)


y =ȳ(ρ, φ, z) = ρ sin φ (1.75)
z =z̄(ρ, φ, z) = z . (1.76)

Die Basisvektoren lauten

~eρ (φ) = cos φ~ex + sin φ~ey (1.77)


~eφ (φ) = − sin φ~ex + cos φ~ey (1.78)
~ez = ~ez (1.79)

mit den Maßstabsfaktoren


tρ = 1 , tφ = ρ , tz = 1 .
Das Skalarprodukt lautet
f~ · ~g = fρ gρ + fφ gφ + fz gz (1.80)
und das Kreuzprodukt

f~ × ~g = (fφ gz − fz gφ )~eρ + (fz gρ − fρ gz )~eφ + (fρ gφ − fφ gρ )~ez . (1.81)

Für die Differenzialoperatoren erhält man

∂f 1 ∂f ∂f
grad f = ~eρ + ~eφ + ~ez (1.82)
∂ρ ρ ∂φ ∂z

1 ∂(ρfρ ) 1 ∂fφ ∂fz


div f~ = + + (1.83)
ρ ∂ρ ρ ∂φ ∂z
     
1 ∂fz ∂fφ ∂fρ ∂fz 1 ∂(ρfφ ) ∂fρ
rot f~ = − ~eρ + − ~eφ + − ~ez (1.84)
ρ ∂φ ∂z ∂z ∂ρ ρ ∂ρ ∂φ

1 ∂2f ∂2f
 
1 ∂ ∂f
∆f = ρ + 2 2+ 2 . (1.85)
ρ ∂ρ ∂ρ ρ ∂φ ∂z

Die infinitesimalen Kurvenstücke sind

drρ = dρ , drφ = ρ dφ , drz = dz , (1.86)

die Flächen
dFρ = ρ dφ dz , dFφ = dρ dz , dFz = ρ dρ dφ , (1.87)
und das Volumen (Abb. 1.28)
dV = ρ dρ dφ dz . (1.88)

Es soll folgendes Beispiel für ein Ringintegral in Zylinderkoordinaten und -komponenten


betrachtet werden (Abb. 1.29). Es wird die Funktion

f~(~r) = fρ (ρ, φ, z)~eρ (φ) + fφ (ρ, φ, z)~eφ (φ) + fz (ρ, φ, z)~ez


1.7. Krummlinige Koordinatensysteme 31

~z = ~
dF ez ρ dρ dφ
dz
ρ dφ dρ
~φ = ~
dF eφ dρ dz

dV = ρ dρ dφ dz

~ρ = ~
dF eρ ρ dφ dz

O y
φ ρ

dρ ρ dφ

Abbildung 1.28: Infinitesimales Volumenelement der Zylinderkoordinaten.

x
C3
w

C4 C2

z
0 C1 l

Abbildung 1.29: Beispiel für ein Ringintegral in Zylinderkoordinaten und -komponenten.


32 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

über die geschlossene Kurve C, die sich aus 4 Teilstücken zusammensetzt,


I 4 Z
X
f~ · d~r = f~ · d~r
C i=1 Ci

integriert. Für das in positive z-Richtung orientierte Kurvenstück C1 ergibt sich mit d~r =
dz ~ez und ρ = 0, φ = 0
Z Z l Z l
f~ · d~r = f~ · dz ~ez = fz (0, 0, z) dz
C1 0 0

und für das in die entgegengesetzte Richtung


Z Z l
~
f · d~r = − fz (w, 0, z) dz .
C3 0

Für das in positive ρ-Richtung orientierte Kurvenstück C2 ergibt sich mit d~r = dρ~eρ (0) und
φ = 0, z = l Z Z w
f~ · d~r = fρ (ρ, 0, l) dρ
C2 0
und für das in die entgegengesetzte Richtung
Z Z w
~
f · d~r = − fρ (ρ, 0, 0) dρ .
C4 0

Insgesamt erhält man


I Z l Z w
f~ · d~r = [fz (0, 0, z) − fz (w, 0, z)] dz + [fρ (ρ, 0, l) − fρ (ρ, 0, 0)] dρ .
C 0 0

1.7.2 Kugelkoordinaten
Es sollen nun Kugelkoordinaten betrachtet werden (Abb. 1.30). Mit

u1 = r , u2 = ϑ , u3 = φ

sind die Koordinaten gegeben durch


p
r =ū1 (x, y, z) = x2 + y 2 + z 2 (1.89)
z
ϑ =ū2 (x, y, z) = arccos p , x2 + y 2 + z 2 > 0 (1.90)
x2 + y 2 + z 2

y
arctan x

 , x ≥ 0, x2 + y 2 > 0
y
φ =ū3 (x, y, z) = π − arctan |x| , y ≥ 0, x < 0 . (1.91)
|y|

−π + arctan

, y < 0, x < 0
|x|

Die Umkehrung ist gegeben durch

x =x̄(r, ϑ, φ) = r sin ϑ cos φ (1.92)


y =ȳ(r, ϑ, φ) = r sin ϑ sin φ (1.93)
z =z̄(r, ϑ, φ) = r cos ϑ . (1.94)
1.7. Krummlinige Koordinatensysteme 33

~er

P ~eφ
ϑ

r ~eϑ

x y

Abbildung 1.30: Kugelkoordinaten.

Die Koordinatenlinien der r-Koordinate sind durch Strahlen gegeben, die vom Ursprung
ausgehen. Die Koordinatenlinien der ϑ-Koordinate entsprechen den Längenkreisen auf um
den Ursprung zentrierten Kugelflächen und die φ-Koordinatenlinien sind die entsprechenden
Breitenkreise. Die Basisvektoren lauten

~er (ϑ, φ) = sin ϑ cos φ~ex + sin ϑ sin φ~ey + cos ϑ~ez (1.95)
~eϑ (ϑ, φ) = cos ϑ cos φ~ex + cos ϑ sin φ~ey − sin ϑ~ez (1.96)
~eφ ( φ) = − sin φ~ex + cos φ~ey (1.97)

mit den Maßstabsfaktoren

tr = 1 , tϑ = r , tφ = r sin ϑ .

Das Skalarprodukt lautet

f~ · ~g = fr gr + fϑ gϑ + fφ gφ (1.98)

und das Kreuzprodukt

f~ × ~g = (fϑ gφ − fφ gϑ )~er + (fφ gr − fr gφ )~eϑ + (fr gϑ − fϑ gr )~eφ . (1.99)


34 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen

Für die Differenzialoperatoren erhält man


∂f 1 ∂f 1 ∂f
grad f = ~er + ~eϑ + ~eφ (1.100)
∂r r ∂ϑ r sin ϑ ∂φ

1 ∂(r2 fr ) 1 ∂(fϑ sin ϑ) 1 ∂fφ


div f~ = + + (1.101)
r2 ∂r r sin ϑ ∂ϑ r sin ϑ ∂φ
 
~ 1 ∂(fφ sin ϑ) ∂fϑ
rot f = − ~er
r sin ϑ ∂ϑ ∂φ
 
1 1 ∂fr ∂(rfφ )
+ − ~eϑ
r sin ϑ ∂φ ∂r
 
1 ∂(rfϑ ) ∂fr
+ − ~eφ (1.102)
r ∂r ∂ϑ

∂2f
   
1 ∂ 2 ∂f 1 ∂ ∂f 1
∆f = 2 r + 2 sin ϑ + . (1.103)
r ∂r ∂r r sin ϑ ∂ϑ ∂ϑ (r sin ϑ)2 ∂φ2
Die infinitesimalen Kurvenstücke sind
drr = dr , drϑ = r dϑ , drφ = r sin ϑ dφ , (1.104)
die Flächen
dFr = r2 sin ϑ dϑ dφ , dFϑ = r sin ϑ dr dφ , dFφ = r dr dϑ , (1.105)
und das Volumen (Abb. 1.31)
dV = r2 sin ϑ dr dϑ dφ . (1.106)

z
drφ

dV = r 2 sin ϑ dr dϑ dφ

drr

drϑ
r

ϑ

O y
φ dφ

Abbildung 1.31: Infinitesimales Volumenelement der Kugelkoordinaten.

Als Beispiel soll wieder das Zentralpotenzial betrachtet werden. In kartesischen Koordi-
naten hängt es von allen drei Koordinaten ab
1
f (~r) = − p ,
x + y2 + z2
2
1.7. Krummlinige Koordinatensysteme 35

während die Kugelkoordinaten die Symmetrie des Problems abbilden und das Potenzial hängt
nur von einer Koordinate ab
1
f (~r) = − .
r
Dies vereinfacht die folgenden Berechnungen. Der Gradient hat nur eine r-Komponente

∂r−1 1 ~r
~g = grad f = − ~er = 2 ~er = 3 ,
∂r r r
da die Ableitungen nach den anderen Koordinaten verschwinden. Diese Berechnung ist deut-
lich kürzer als die in (1.39). Die Berechnung der Divergenz ist ebenfalls einfacher mit gr = r−2 ,
gϑ = 0 und gφ = 0
1 ∂(r2 r−2 )
 
1
div ~g = div ~
e r = =0.
r2 r2 ∂r
Gleiches gilt für die Rotation des Zentralfelds

1 ∂r−2 1 ∂r−2
 
1
rot ~g = rot 2 ~er = ~eϑ − ~eφ = ~0 .
r r sin ϑ ∂φ r ∂ϑ

Als weiteres Beispiel soll ein Hüllintegral über das Zentralfeld in Kugelkoordinaten be-
rechnet werden. Als Hüllfläche wird eine um den Ursprung zentrierte Kugelfläche mit dem
Radius rb verwendet. Das infinitesimale Flächenelement ist dann durch dF~ = ~er dFr gegeben

I Z2π Zπ
~er ~er
· dF~ = · ~er rb2 sin ϑ dϑ dφ = 4π .
r2 rb2
F 0 0

Es ergibt sich unabhängig vom Radius rb der Wert 4π. Dies scheint dem Gaußschen Satz
(1.44) zu widersprechen
I Z  
~er ~ 1
· dF = 4π = div ~er dV ,
r2 r2
F V | {z }
=0?

weil das Volumenintegral über die verschwindende Divergenz null ergibt. Der Fehler liegt
darin, dass die Divergenz für den Punkt ~r = ~0 singulär ist, da das Zentralfeld an dieser
Stelle singulär wird. Man muss aufgrund der Singularität den Ursprung im Volumenintegral
ausnehmen, und dann gilt der Gaußsche Satz wieder. Man kann z. B. als Oberfläche zwei
Kugelschalen mit unterschiedlichen Radien mit rb > ra > 0 wählen, wobei rb der Radius der
äußeren Kugelschale ist und ra der Radius der inneren. Die Oberfläche des Volumens besteht
dann wie in Abb. 1.19 aus zwei Teilflächen. Der Normalenvektor der inneren Kugelschale
zeigt in die negative Richtung von ~er und das Integral lautet

I Z2π Zπ Z2π Zπ
~er ~er ~er
· dF~ = · ~er rb2 sin ϑ dϑ dφ + · (−~er )ra2 sin ϑ dϑ dφ = 0 ,
r2 rb2 ra2
F 0 0 0 0

wobei ra beliebig klein aber nicht null werden darf.


36 Kapitel 1. Einführung in die mathematischen Grundlagen
Kapitel 2

Elektrostatik: Das Feld ruhender


Ladungen

In diesem Kapitel wird angenommen, dass alle elektrischen Ladungen ruhen. Es gibt somit
keinen Stromfluss und magnetische Felder bleiben unberücksichtigt. Alle Kurven und Flächen
ruhen im Raum.

2.1 Experimentelle Grundlagen


1) Die elektrische Ladung ist eine unabhängige, skalare Größe, die nicht aus mechanischen
Größen abgeleitet werden kann.

2) Durch Reibung zweier Körper kann ein Reservoir an Ladung geschaffen werden.

3) Die Ladung äußert sich durch die Kraftwirkung zwischen geladenen Körpern bzw. zwi-
schen geladenen und ungeladenen Körpern. Dabei treten Anziehung und Abstoßung
auf, was durch die Existenz zweier Ladungsarten erklärt wird:

a) positive Ladung (Glas-Elektrizität),


b) negative Ladung (Harz-Elektrizität, Bernstein-Elektrizität).

4) Ladung ist durch Berührung übertragbar (Mengencharakter).

5) Die Fähigkeit verschiedener Körper, Ladung zu übertragen, ist unterschiedlich.


Leiter: Die Ladungen sind beweglich.
Isolator: Die Ladungen sind unbeweglich.
Ein Leiter stellt ein praktisch unerschöpfliches Reservoir an positiven und negativen
Ladungen dar (Influenzversuch).

6) Es gilt der Erhaltungssatz für elektrische Ladungen:


Die Gesamtladung ist in einem abgeschlossenen System stets konstant.

7) Ladungen können gemessen werden.


Die Einheit der Ladung ist das Coulomb: [Q] = 1 C = 1 As

37
38 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

2.2 Die elektrische Feldstärke


Werden Ladungen ins Vakuum eingebracht, so entsteht ein elektrisches Feld. Zur Definition
des elektrischen Felds bietet sich die Kraft an, die in der Umgebung ruhender, geladener
Körper auf einen ebenfalls ruhenden und geladenen Probekörper ausgeübt wird. Hier hat die
Ladung also eine Doppelrolle. Einerseits existiert das elektrische Feld nur aufgrund der ins
Vakuum eingebrachten Ladungen und andererseits wird die Kraftwirkung auf eine Probela-
dung benutzt, um das elektrische Feld zu messen.

∆d

~l

q>0

0 K>0

~
Abbildung 2.1: Gedankenexperiment zur Definition der elektrischen Feldstärke E.

Wir nehmen an, dass die Abmessung ∆d des Probekörpers sehr klein ist gegenüber den
Abmessungen der felderzeugenden Körper und deren Abstand von der Probeladung. Ferner
sei q sehr klein gegenüber der Ladung der felderzeugenden Körper. Der Probekörper soll
reibungsfrei auf einer isolierenden Gleitstange der Länge l beweglich sein und von einer ela-
stischen Feder gehalten werden. Wir bringen die Anordnung an einen beliebigen Punkt mit
dem Ortsvektor ~r und messen bei beliebiger Stellung der Gleitstange eine Kraft K durch
die Auslenkung der Feder. Die Verabredung, nur positive Probeladungen zuzulassen, macht
die Zuordnung einer Orientierung der Gleitstange ~l zur Auslenkung der Feder eindeutig.
Wiederholen wir den Versuch bei festgehaltener Gleitstange mit einem anders geformten
Probekörper, der eine andere Probeladung trägt, so stellen wir die Proportionalität von K
und q, sowie die Unabhängigkeit von der Geometrie solange fest, wie die Anordnung klein“

im Sinne unserer obigen Annahmen ist. Ändern wir bei festgehaltenem ~r die Richtung der
Gleitstange ~l/l, so finden wir, dass K/q als Funktion von ~l/l ein Maximum hat, das von q
unabhängig ist, solange q und die Messanordnung klein genug sind. Somit können wir also
für jeden Punkt ~r ein von der Messanordnung unabhängiges Vektorfeld definieren über

~
~ := lim Kmax lmax
E (2.1)
∆d→0 q l
q→0

Das Vektorfeld E ~ wird dabei elektrische Feldstärke genannt und alle Größen müssen am
~ ebenso wie K
selben Ort ~r bestimmt werden. Da q ein Skalar ist, ist E ~ ein Vektor, der in die
gleiche Richtung wie die maximale Kraft zeigt. Liegt nun eine andere Richtung als die der
maximalen Kraft vor, so stellt man ferner fest, dass für hinreichend kleines q und ∆d gilt
!
~l ~
~ · l = qE cos ]~l, ~lmax .
 
K = qE
l l
2.2. Die elektrische Feldstärke 39

Dabei ist ]~l, ~lmax der Winkel, den die Vektoren ~l und ~lmax einschließen (Abb. 2.2). Die Kraft
in Richtung der Gleitstange ergibt sich durch das Skalarprodukt des Richtungsvektors der
Gleitstange ~l und der elektrischen Feldstärke E.
~ Dies ist eine weitere Bestätigung dafür, dass
die elektrische Feldstärke ein Vektor ist.

~lmax , E
~
~l, K
~

]~l, ~lmax

Abbildung 2.2: Definition des Winkels ]~l, ~lmax .

Durch den Grenzübergang in (2.1) wird die Probeladung q kleiner als die Elementarladung
e = 1.602 · 10−19 C, was in der Realität nicht und in einem Gedankenexperiment sehr wohl
möglich ist.
Nach (2.1) hat das elektrische Feld E~ die Einheiten

~ = V .
h i
E
m
Aus der Definition folgt weiterhin, dass auf eine in Ausdehnung und Betrag infinitesimale
Ladung δq die Kraft
~ δq (~r) = δq E(~
K ~ r) (2.2)
~ r) die Feldstärke am Ort ~r ist, die vor dem Einbringen von δq in das Feldgebiet
wirkt, wobei E(~
dort bereits wirksam war.

q d ~
E
dl

~ in Materie.
Abbildung 2.3: Definition von E

Um die Messvorschrift für E ~ auch auf Felder in materiellen Medien zu verallgemeinern,


wird die Materie aus einem hinreichend kleinen Röhrchen entfernt, so dass sich E ~ über dessen
Länge nicht wesentlich ändert. Die Kraft, die auf eine Probeladung q im Röhrchen in Richtung
40 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

der Rohrachse wirkt, hängt von der Orientierung des Röhrchens ab und hat in einer eindeutig
bestimmten Richtung ein Maximum K ~ max (~r). E
~ wird mit dieser Anordnung wieder wie in
(2.1) vorgeschrieben gemessen.

2.3 Die Feldgleichung, das Skalarpotenzial und die Grenzbe-


dingung des elektrischen Felds
Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die vom statischen elektrischen Feld an einer infini-
tesimalen Ladung δq geleistete Arbeit bei einer quasistatischen Bewegung1 entlang einer
geschlossenen Kurve C durch beliebige Materie verschwindet (Abb. 2.4)
I I
~
Kδq · d~r = δq E~ · d~r = 0 .
C C

~ δq d~r
K
δq

Abbildung 2.4: Integral der Kraft über eine geschlossene Kurve.

Somit gilt für jede geschlossene Kurve C die folgende integrale Form der Feldgleichung
~ (zweite Maxwellsche Gleichung für den statischen
für das statische elektrische Feld E
Fall)
I
~ · d~r = 0
E (2.3)
C

Nach dem in Abschnitt 1.3 Gesagten folgt somit die Wegunabhängigkeit von Kurvenintegralen
~ zwischen zwei Punkten P0 und P1 , und die elektrische Feldstärke muss ein Gradi-
über E
entenfeld sein (siehe auch Bemerkungen nach (1.53)), das auf ein Skalarpotenzial ϕ(x, y, z)
mit
E~ = − grad ϕ (2.4)
zurückgeführt werden kann. Umgekehrt kann nach dem in Abschnitt 1.3 Gezeigten ein ent-
sprechendes Skalarpotenzial ϕ bei festgehaltenem Punkt P0 und variablem Punkt P mit den
Koordinaten (x, y, z) über ein Pfadintegral
Z P Z P0
ϕ(x, y, z) = − ~ · d~r =
E ~ · d~r
E (2.5)
P0 P

dem statischen elektrischen Feld zugeordnet werden. Das Minuszeichen in (2.5) bewirkt, dass
die Differenz der Skalarpotenziale an den Punkten P und P0 bis auf den Faktor 1/δq gerade
1
Genau genommen muss sich die Ladung unendlich langsam bewegen, damit sie keine elektromagnetische
Welle und damit Energie abstrahlt.
2.3. Feldgleichung, Skalarpotenzial, Grenzbedingung 41

die Arbeit wiedergibt, die das statische elektrische Feld an einer Probeladung δq verrichtet,
wenn diese quasistatisch von P nach P0 bewegt wird. δq ϕ entspricht also der potenziellen
Energie der infinitesimalen Ladung δq im statischen elektrischen Feld E ~
Z P Z P0 Z P0
~ · d~r = 1 ~ δq · d~r .
ϕ(P ) − ϕ(P0 ) = grad ϕ · d~r = E K
P0 P δq P

Dabei ist ϕ aufgrund der willkürlichen Wahl von P0 nur bis auf eine ortsunabhängige Kon-
stante bestimmt. Andererseits kann man auch zu jedem Potenzial ϕ, das (2.4) erfüllt, eine
ortsunabhängige Konstante addieren, ohne (2.4) zu verletzen. Eine Potenzialdifferenz be-
zeichnet man auch als elektrische Spannung
Z P2
UP1 P2 = ~ · d~r = ϕ(P1 ) − ϕ(P2 )
E (2.6)
P1

wobei der Spannungspfeil von P1 nach P2 zeigt. Die Spannung hängt nicht von der Wahl der
ortsunabhängigen Konstante für das Potenzial ab. Die Spannung hat die Einheit Volt

[U ] = V .
~ differenzierbar, so folgt aus (2.4) mit (1.53) sofort
Ist E

~ = ~0
rot E (2.7)

Dies ist die differenzielle Form der Feldgleichung (2.3).


Genaugenommen gelten die Maxwellschen Gleichungen erst einmal nur für das Vakuum.
In Materie ist die Situation deutlich komplizierter, da jedes Atom aus positiven und negativen
Ladungen besteht und es etwa 1023 Atome pro Kubikzentimeter in einem Festkörper gibt.
Eine direkte Berücksichtigung all dieser Ladungen ist nicht praktikabel und man muss Nähe-
rungen verwenden. Die entsprechenden Gleichungen bezeichnet man als makroskopische
Maxwellsche Gleichungen. In dieser Näherung besteht Materie aus einem Kontinuum
mit speziellen, klar definierten Eigenschaften, die sich an der Oberfläche der Materie abrupt
ändern können. In der Realität gibt es solche scharf definierten Grenzflächen zwischen ver-
schiedenen Materietypen und dem Vakuum nicht, jedoch vereinfachen sie die Berechnungen
sehr, weswegen sie hier verwendet werden. Andererseits führen diese Grenzflächen dazu, dass
sich Feldgrößen abrupt ändern können und damit nicht mehr überall differenzierbar sind.
Dies schränkt den Gültigkeitsbereich der differenziellen Form der Feldgleichung gegenüber
der integralen Version ein. Beschränken sich die abrupten Änderungen der Materialparameter
auf Grenzflächen, kann man für die Feldgrößen entsprechende Grenzbedingungen einführen,
sodass innerhalb der einzelnen Materiegebiete die Felder differenzierbar sind und (2.7) an-
wendbar ist, während auf den Grenzflächen die Grenzbedingungen verwendet werden müssen.
In Abb. 2.5 ist eine Grenzfläche zwischen zwei Gebieten 1 und 2 mit unterschiedlichen
Materialien dargestellt, deren Eigenschaften sich an der Grenzfläche abrupt ändern. Es wird
nun eine geschlossene Kurve C gewählt, die aus den beiden Kurvenstücken C1 und C2 besteht.
An den Punkten Pl und Pr stoßen die beiden Kurvenstücke in der Grenzfläche zusammen.
Für diese Kurve gilt trotz der Grenzfläche, die von der Kurve durchstoßen wird, die integrale
Version der Feldgleichung (2.3)
I Z Z
~
E · d~r = ~
E1 · d~r + E~ 2 · d~r = 0 .
C C1 C2
42 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

C2

~n12 ~ 2 , ϕ2
E
Gebiet 2
PGF Pr ~ 1 , ϕ1
E
Pl CGF

Gebiet 1
C1

Abbildung 2.5: Grenzbedingung für die elektrische Feldstärke.

Die Kurve C1 verläuft vollständig im Material 1 und die Kurve C2 ganz in Material 2. In
der Grenzfläche liegt die Kurve CGF , die vom Punkt Pl durch den Punkt PGF zum Punkt
Pr verläuft. Der Abstand der beiden Kurvenstücke C1 und C2 von der Grenzfläche soll nun
verschwindend klein werden, sodass sich beide Kurven an die Grenzfläche anschmiegen und in
die Kurve CGF übergehen, wobei sie jedoch in ihren Materialgebieten verbleiben. Deswegen
~ 1 im Material 1 integriert und im
wird im ersten Integral über die elektrische Feldstärke E
~
zweiten über E2 . Man beachte, dass C2 entgegengesetzt zu CGF orientiert ist. Damit ergibt
sich
Z Z Z Z Z  
~
E1 · d~r + ~
E2 · d~r = ~
E1 · d~r − ~
E2 · d~r = ~1 − E
E ~ 2 · d~r = 0 .
C1 C2 CGF CGF CGF

Diese Beziehung muss für beliebige Kurven CGF innerhalb der Grenzfläche mit beliebigem
d~r = ~etang dr gelten, woraus für alle Punkte PGF in der Grenzfläche
 
~ 1 (PGF ) − E
E ~ 2 (PGF ) · ~etang (PGF ) = 0

folgt. Da die Grenzfläche FGF zweidimensional ist (Abb. 2.6), gibt es zwei aufeinander senk-
recht stehende Vektoren ~etang,a und ~etang,b , die im Punkt PGF tangential zur Grenzfläche sind.
Die obige Gleichung muss für beide Tangentialvektoren erfüllt sein. Dies bedeutet, dass die
zur Grenzfläche tangentialen Komponenten der elektrischen Feldstärke stetig sein müssen

~ 1,tang (PGF ) = E
E ~ 2,tang (PGF ) (2.8)

Ein Vektor in einer Grenzfläche kann immer in einen tangentialen Vektor und einen norma-
len Vektor, der senkrecht auf der Grenzfläche steht, zerlegt werden. Mit dem Normalenvektor
~n12 (PGF ), der an der Stelle PGF senkrecht auf der Grenzfläche steht und von dem Gebiet
1 in das Gebiet 2 zeigt, kann man die tangentiale Komponenten berechnen, indem man die
Normalkomponente der Feldstärke (E ~ 1 · ~n12 )~n12 von sich selbst abzieht
   
~ 1,tang = E
E ~1 − E ~ 1 · ~n12 ~n12 = E ~2 − E ~ 2 · ~n12 ~n12 = E
~ 2,tang .

Wendet man auf diesen Ausdruck das Kreuzprodukt mit dem Normalenvektor ~n12 von links
an
h   i
~ 1,tang = ~n12 × E
~n12 × E ~1 − E~ 1 · ~n12 ~n12 = ~n12 × E
~ 1 = ~n12 × E
~ 2 = ~n12 × E
~ 2,tang
2.3. Feldgleichung, Skalarpotenzial, Grenzbedingung 43

~n12
~etang,b

· · ~e
tang,a
PGF

FGF

Abbildung 2.6: Grenzbedingung für die elektrische Feldstärke.

und sortiert die Terme etwas um, erhält man die Grenzbedingung für die elektrische
Feldstärke
 
~ := ~n12 × E
Rot E ~2 − E
~ 1 = ~0 (2.9)

wobei alle Größen für den selben Punkt2 PGF auf der Grenzfläche ausgewertet werden müssen.
Dieser Ausdruck definiert zugleich die sogenannte Flächenrotation. Die differenzielle Feld-
gleichung (2.7) ist zusammen mit der Grenzbedingung (2.9) äquivalent zur integralen Versi-
on (2.3). Innerhalb eines Gebiets wendet man die differenzielle Feldgleichung an und auf den
Grenzflächen die Grenzbedingung.
Da nur die tangentiale Komponente der elektrischen Feldstärke an einer Grenzfläche stetig
sein muss, kann die Normalkomponente unstetig sein und sich abrupt ändern.
Die Stetigkeit der Tangentialkomponente der elektrischen Feldstärke rechtfertig
nachträglich die Definition der Feldstärke in Materie. In einer dünnen Röhre, die man aus
dem Material herausschneidet und die parallel zum elektrischen Feld ist (Abb. 2.3), herrscht
die gleiche elektrische Feldstärke wie im Material nahe der Röhre.
Da die Tangentialkomponente der elektrischen Feldstärke an der Grenzfläche stetig ist,
gilt auf der Grenzfläche
Z Z
ϕ1 (Pl ) − ϕ1 (Pr ) = ~
E1 · d~r = ~ 2 · d~r = ϕ2 (Pl ) − ϕ2 (Pr ) .
E
CGF CGF

Da diese Beziehung für alle Punkte in der Grenzfläche gelten muss, können sich die Potenziale
in den beiden Gebieten nur um eine ortsunabhängige Konstante unterscheiden. Diese setzt
2
Da die elektrische Feldstärke am Punkt PGF mit dem Ortsvektor ~rGF nicht zwei Werte annehmen kann,
~ 2 (~rGF ) = limε→0 E
ist dies im Sinne eines Grenzwertprozesses zu verstehen: E ~ 2 (~rGF + ε~n12 ) und E
~ 1 (~rGF ) =
limε→0 E ~ 1 (~rGF − ε~n12 ).
44 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

man zu null, wenn sich die potenzielle Energie einer Ladung an der Grenzfläche nicht abrupt
ändert, und erhält, dass das Potenzial an der Grenzfläche stetig sein muss

ϕ2 (PGF ) = ϕ1 (PGF ) (2.10)

Aus der Stetigkeit des Potenzials folgt dann sofort die Stetigkeit der Tangentialkomponente
der elektrischen Feldstärke auf der Grenzfläche.
Eine spezielle Variante der Grenzbedingungen sind die Randbedingungen, die auf der
Grenzfläche zu einem Gebiet angenommen werden, in dem die Feldgleichungen nicht gelöst
werden. In der Elektrostatik sind dies z. B. leitfähige Materialien wie Metalle. Wird in ein
leitfähiges Material ein elektrisches Feld eingebracht, so kann es zu einem Stromfluss kommen,
was erst in einem folgenden Kapitel betrachtet werden soll. In diesem Kapitel werden nur
ruhende Ladungen betrachtet und die elektrische Feldstärke muss daher in den leitfähigen
Gebieten verschwinden. Weiterhin wird vernachlässigt, dass elektrostatische Felder durch die
Oberfläche etwas in Leiter eindringen können, wobei die Eindringtiefe für Metalle nur etwa
einen Nanometer beträgt. Verglichen mit den Abmessungen der meisten Leiter kann man
diesen Effekt vernachlässigen und es wird in diesem Kapitel immer angenommen, dass die
elektrische Feldstärke in einem Leiter verschwindet
~ Leiter = ~0
E (2.11)

Die elektrische Feldstärke ist damit im Leiter bekannt und muss nicht mehr berechnet werden.
Die Oberfläche des Leiters ist die Grenzfläche zwischen dem Leiter (Gebiet 1) und dem Isolator
(Gebiet 2) und stellt den Rand des Lösungsgebiets dar (Abb. 2.7). Mit (2.9) und (2.11) gilt
dann für alle Punkte PRAND auf dem Rand eines Leiters

~ P
Rot E| ~ RAND ) = ~0
= ~nRAND (PRAND ) × E(P (2.12)
RAND

E~ ist das elektrische Feld im Gebiet 2 und der Normalenvektor steht senkrecht auf dem Rand
und zeigt vom Leiter in das Gebiet 2 hinein. Da die tangentiale elektrische Feldstärke stetig
ist an der Grenzfläche, muss das tangentiale Feld im Gebiet 2 auf der Oberfläche des Leiters
ebenfalls verschwinden
E~ tang (PRAND ) = ~0 .

Dies bedeutet, dass die elektrische Feldstärke senkrecht auf dem Leiter steht.

~
E
~nRAND

Isolator

~ = ~0
E
Leiter
ϕ = const.

Abbildung 2.7: Randbedingung für die elektrische Feldstärke auf einem Leiter.

Da die elektrische Feldstärke im Leiter zu null angenommen wird, muss das Potenzial im
Leiter konstant sein. Damit ergibt sich die entsprechende Randbedingung für das Potenzial
2.4. Die elektrische Flussdichte 45

auf der Oberfläche des Leiters

ϕ(PRAND ) = ϕLeiter = const. (2.13)

Eine solche Randbedingung, die den Wert der Lösungsvariablen auf dem Rand vorgibt, be-
zeichnet man als Dirichletsche Randbedingung.

2.4 Die elektrische Flussdichte


Neben der elektrischen Feldstärke, die über die Kraft auf eine Probeladung definiert ist, kann
man eine weitere Feldgröße, die elektrische Flussdichte D, ~ über die Ladung definieren.

∆F~
∆F
~
E
l −∆q ~ = ~0
E +∆q

~n
1 2

d
δ

~ (links:
Abbildung 2.8: Gedankenexperiment zur Definition der elektrischen Flussdichte D
Platte 1, rechts Platte 2).

In einem Gedankenexperiment wird ein kleiner Plattenkondensator mit zwei sehr dünnen,
identischen, leitfähigen und planparallelen Platten mit der Fläche ∆F in das Feld eingeführt
(Abb. 2.8). Zuerst sei der Abstand der beiden Platten δ gleich null und sie sind leitend ver-
bunden. In diesem Zustand ist die gesamte Ladung der beiden Platten gleich null. Dann
werden die beiden Platten getrennt, und es entsteht zwischen den beiden Platten ein ho-
mogener und sehr dünner Spalt mit der Dicke δ > 0. Die Dicke der Platten und der Spalt
seien sehr klein verglichen mit dem Durchmesser der Platten d, δ  l. Die Orientierung des
Plattenkondensators ist über einen Normalenvektor ~n gegeben, der senkrecht auf der Plat-
te 1 steht und von dieser zur Platte 2 zeigt. Zwischen den beiden Platten verschwindet die
elektrische Feldstärke. Man stellt fest, dass die Platte 1 die Ladung −∆q und die Platte 2
die Ladung +∆q trägt. Weiterhin ist die Dichte ∆q/∆F von der Form und Größe der plan-
parallelen Platten unabhängig, solange der maximale Durchmesser der Platten hinreichend
klein ist. Der Grenzwert von ∆q/∆F für ∆F → 0 ist damit eine Feldgröße. Dreht man den
Plattenkondensator im elektrischen Feld, gibt es genau eine Richtung ~nmax , für die ∆q/∆F
maximal wird. Damit kann man ein Vektorfeld, die elektrische Flussdichte, definieren

~ = ∆qmax
D lim ~nmax (2.14)
∆F →0 ∆F

Dreht man den Plattenkondensator in eine andere Richtung ~n, so verhält sich die Plattenla-
dung folgendermaßen
∆q = ∆qmax ~nmax · ~n ,
46 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

was den Vektorcharakter der Flussdichte bestätigt. Für eine infinitesimale Plattenfläche dF
ergibt sich
~ nmax · ~n dF = D
dq = |D|~ ~ · dF~ .

Der elektrische Fluss hat daher die Einheit einer Ladung und die elektrische Flussdichte die
Einheit
~ = As .
h i
D
m2
Die elektrische Flussdichte wird auch als elektrische Verschiebungsdichte bezeichnet.
Die Definition (2.14) kann leicht auf Materie erweitert werden. Dazu wird ein evakuierter
und dünner Schlitz in die Materie eingefügt, in den der Plattenkondensator passt (Abb. 2.9).
Dann kann wieder die Definition (2.14) verwendet werden.

~ = ~0
E l ~
D
−∆q +∆q

δl

~ in Materie.
Abbildung 2.9: Gedankenexperiment zur Definition der elektrischen Flussdichte D

2.5 Die Feldgleichung und die Grenzbedingung der elektri-


schen Flussdichte
Die Erfahrung zeigt, dass der elektrische Fluss durch eine geschlossene Fläche genau der in
der Fläche eingeschlossenen Ladung entspricht
I
~ · dF~ = Qeingeschlossen .
D (2.15)
F

Mikroskopisch betrachtet gibt es nur diskrete Ladungen (z. B. Elektronen), die jedoch zu
Singularitäten in den Feldern führen, die wiederum zu Problemen mit der Differenzierbarkeit
führen. Deswegen mittelt (verschmiert) man die diskreten Ladungen oft über ein bestimmtes
Volumen ∆V und führt eine Raumladungsdichte ein
P
qi
%= i .
∆V
Die Summe läuft über alle Ladungen in dem Volumen ∆V . Die Einheit der Raumladungs-
dichte ist
As
[%] = 3 .
m
Ist V das in der Hüllfläche F eingeschlossene Volumen, ergibt sich für den elektrischen Fluss
die integrale Feldgleichung (dritte Maxwellsche Gleichung)
I Z
D~ · dF~ = % dV (2.16)
F V
2.5. Feldgleichung, Grenzbedingung der Flussdichte 47

Mit dem Gaußschen Satz (1.44) erhält man


I Z Z
~ ~
D · dF = ~
div D dV = % dV .
F V V

Da diese Beziehung für beliebige Volumen gelten muss, folgt mit (1.43) die differenzielle Form
der Feldgleichung
~ =%
div D (2.17)

wobei D ~ im gesamten Lösungsgebiet differenzierbar sein muss. Ist dies auf einer Grenzfläche
zwischen zwei Gebieten nicht der Fall, kann man wieder eine Grenzbedingung aus der inte-
gralen Feldgleichung ableiten. Dazu wird eine Hüllfläche F betrachtet, die das Volumen V
inklusive des auf der Grenzfläche liegenden Punkts PGF einschließt und durch die Grenzfläche
in zwei Teile geteilt wird. Die Fläche F1 liegt ganz im Gebiet 1 und die Fläche 2 ganz im
Gebiet 2. Die Hüllfläche F schneidet aus der Grenzfläche die Fläche FGF aus. Die drei Flächen
F1 , F2 und FGF haben alle drei die selbe Randkurve CGF , die komplett in der Grenzfläche
liegt. Mit der integralen Feldgleichung ergibt sich

dF~2
V F2

~2
D
~n12
Gebiet 2
dF~GF
PGF CGF ~1
D
FGF

Gebiet 1 F1

dF~1

Abbildung 2.10: Grenzbedingung für die elektrische Flussdichte.

I Z Z Z
~ · dF~ =
D ~ 1 · dF~ +
D ~ 2 · dF~ =
D % dV . (2.18)
F F1 F2 V
R
Nun lässt man das Volumen V gegen null gehen (und damit V % dV = 0 für ein endliches %),
sodass die Flächen F1 und F2 in die Fläche FGF übergehen. Der Normalenvektor der Fläche
F2 ist jetzt durch ~nGF = ~n12 gegeben und der der Fläche F1 durch −~n12
Z Z Z  
~ ~
D2 · dF + ~ ~
D1 · dF = ~2 −D
D ~ 1 · ~n12 dF = 0 .
F2 F1 FGF

Diese Beziehung muss nun wieder für beliebige Flächenstücke FGF der Grenzfläche gelten,
woraus die Grenzbedingung für die elektrische Flussdichte folgt
 
~ := ~n12 · D
Div D ~2 −D
~1 = 0 (2.19)

Alle Größen müssen für den Punkt PGF der Grenzfläche bestimmt werden. Diese Gleichung
definiert die Flächendivergenz. Da der Vektor ~n12 senkrecht auf der Grenzfläche steht, folgt
48 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

aus der Grenzbedingung, dass die Normalkomponente der elektrischen Flussdichte stetig
sein muss
D2,norm = D1,norm (2.20)

auf der Grenzfläche. Die Tangentialkomponenten hingegen können sich abrupt in der Grenz-
fläche ändern.
In manchen Fällen kann es von Vorteil sein, diskrete Ladungen zu verwenden. Neben der
Punktladung gibt es noch Linien- und Flächenladungen, die Näherungen für reale Ladungs-
verteilungen darstellen. Z. B. befindet sich die Inversionsladung im Kanal eines MOSFETs
direkt an der Grenzfläche zwischen dem Silizium und dem Isolator (Oxid) und hat eine Aus-
dehnung von wenigen Nanometern in das Silizium hinein. Für viele Berechnungen kann man
diese Ausdehnung senkrecht zum Kanal vernachlässigen und annehmen, dass die Ladungen
direkt in der Grenzfläche sitzen. Die Flächenladungsdichte ist dann definiert als Ladung
pro Fläche
∆Q
σ=
∆F
mit der Einheit
As
[σ] = .
m2
Analog kann man eine Linienladungsdichte als Ladung pro Länge einführen

∆Q
%L =
∆r

und die Einheit ist


As
[%L ] = .
m
Die integrale Feldgleichung (2.16) muss dann um Terme für diese Ladungen erweitert werden
I Z Z Z
~ · dF~ =
D % dV + σ dF + %L dr + Qdisk.,eing. (2.21)
F V FF ∩V CL ∩V

Dabei ist FF die Fläche, auf der sich die Flächenladung befindet, CL die Linie, auf der sich die
Linienladung befindet, und Qdisk.,eing. sind die in das Volumen V eingeschlossenen diskreten
Punktladungen. FF ∩ V ist derjenige Teil der Flächenladung, der sich innerhalb des Volumens
V befindet, und CL ∩ V das Kurvenstück von CL innerhalb von V .
Befindet sich auf einer Grenzfläche eine Flächenladung, so muss die Grenzbedingung (2.19)
erweitert werden. In der Ableitung ergibt sich dann auf der rechten Seite von (2.18) ein
zusätzlicher Term für die Flächenladung
I Z Z Z Z
~ · dF~ =
D ~ 1 · dF~ +
D ~ 2 · dF~ =
D % dV + σ dF
F F1 F2 V FGF

und damit
~ =σ
Div D (2.22)

Die Normalkomponente der elektrischen Flussdichte ändert sich somit an einer Grenzfläche
um die Flächenladung.
2.6. Die Materialgleichung für das elektrische Feld 49

2.6 Die Materialgleichung für das elektrische Feld


Im Vakuum sind die elektrische Flussdichte und Feldstärke parallel und ihre Beträge pro-
portional, und es gilt die folgende Materialgleichung“

D ~
~ = ε0 E (2.23)

wobei ε0 die elektrische Feldkonstante (Permittivität des Vakuums) ist mit

As
ε0 = 8.85418781762 . . . · 10−12 .
Vm
Der Wert der elektrischen Feldkonstante ist durch die Festlegung der Lichtgeschwindigkeit
und weitere Definitionen exakt bestimmt.
Aufgrund der Beziehung (2.23) erscheint eine Unterscheidung der elektrischen Flussdichte
und der Feldstärke im Vakuum nicht notwendig. Eine genauere Analyse der Maxwellschen
Gleichungen in Bezug auf die Metrik des zugrundegelegten Raums zeigt jedoch, dass die
beiden Größen auch im Vakuum unterschieden werden müssen. Verwendet man Differenzial-
formen, so ist die elektrische Feldstärke eine gerade 1-Form und die Flussdichte eine ungerade
2-Form (siehe weiterführende Literatur).
Im Rahmen der makroskopischen Maxwellschen Gleichungen muss man in Materie eine
verallgemeinerte Materialgleichung verwenden

~ = εE
D ~ (2.24)

wobei ε die Permittivität des Materials ist (ε ≥ ε0 ). Hierbei wird angenommen, dass die
Materie linear und isotrop ist. Im Allgemeinen ist dies nicht der Fall (siehe Abs. 2.12).
In einem Ferroelektrikum, z. B., hängt die Permittivität von der elektrischen Feldstärke ab
und D~ und E ~ müssen nicht in die selbe Richtung zeigen. Ein solches Material ist weder li-
near (feldunabhängige Permittivität) noch isotrop (die Permittivität ist ein Skalar). Hängt
die Permittivität innerhalb eines Materials nicht vom Ort ab, bezeichnet man das Material
als homogen. In dieser Vorlesung werden hauptsächlich lineare, isotrope und homogene Di-
elektrika betrachtet, die durch klar definierte Grenzflächen berandet werden. Der allgemeine
Zusammenhang zwischen D ~ und E ~ wird später behandelt. Im Rahmen der Elektrostatik wird
weiterhin angenommen, dass das Material nicht leitend ist (Isolator).
Eine abrupte Änderung der Permittivität an einer Grenzfläche ohne Flächenladungsdichte
bewirkt eine Brechung“ des elektrischen Felds, da die Normal- und Tangentialkomponenten

unterschiedliche Grenzbedingungen erfüllen müssen. Das eine Gebiet sei das Gebiet 1 mit ε1
und das andere 2 mit ε2 (Abb. 2.11). Die Tangentialkomponenten der elektrischen Feldstärke
sind auf der Grenzfläche stetig (siehe (2.9))

~ 1,tang (PGF ) = E
E ~ 2,tang (PGF )

und die Normalkomponente der elektrischen Flussdichte (siehe (2.22))

D1,norm (PGF ) = ε1 E1,norm (PGF ) = ε2 E2,norm (PGF ) = D2,norm (PGF ) .

Dies bedeutet, dass bei einem Sprung in der Permittivität sich die Normalkomponente der
elektrischen Feldstärke in der Grenzfläche ändert, während die Tangentialkomponenten gleich
bleiben. Dies führt zur Brechung, die in Abb. 2.11 dargestellt ist.
50 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

ε2 > ε1
~ 1 (PGF )
E

1 σ=0 ε1

PGF
2 ε2
~ 2 (PGF )
E

Abbildung 2.11: Brechung der elektrischen Feldstärke durch einen Sprung in der Permittivität
(ε2 > ε1 ).

2.7 Die Potenzialgleichung


Es soll nun eine Anordnung betrachtet werden, die aus Leitern, linearen, homogenen und
isotropen Dielektrika und Vakuum (oder Luft mit εLuft ≈ ε0 ) besteht. Als Beispiel für ein
typisches Problem der Elektrostatik ist in Abb. 2.12 ein Querschnitt durch eine vereinfachte
integrierte Schaltung dargestellt. Unten befindet sich Silizium, in dem es eine Raumladung
gibt. Darüber befindet sich das Siliziumdioxid und auf der Grenzfläche zwischen beiden Mate-
rialien eine Flächenladung, die durch Inversion oder Akkumulation entsteht. Darüber befinden
sich Metallbahnen, die durch weitere Dielektrika voneinander isoliert sind.

Metall
Dielektrikum
εD
Metall Metall
Oxid
εOx

Silizium
εSi %

Abbildung 2.12: Schnitt durch eine vereinfachte integrierte Schaltung.

Mit dem bisher in der Vorlesung behandelten Stoff kann man jetzt die Gleichungen für das
elektrische Feld in dieser Anordnung aufstellen. Innerhalb der einzelnen Materialgebiete gel-
ten die Feldgleichungen
rot E~ = ~0
und
~ =%
div D
zusammen mit der Materialgleichung
~ = εE
D ~ .
2.7. Die Potenzialgleichung 51

Diese Gleichungen für die beiden unbekannten Vektorfelder mit jeweils drei Komponenten
kann man auf das Potenzial, ein Skalarfeld, zurückführen und damit die Anzahl der unbe-
kannten Funktionen auf eine reduzieren. Die elektrische Feldstärke wird über den Gradienten
ausgedrückt
E~ = − grad ϕ

und
 
~ = div εE
div D ~ = − div (ε grad ϕ) = − grad ε · grad ϕ − ε div (grad ϕ) (2.25)
= − grad ε · grad ϕ − ε∆ϕ = % . (2.26)

Für eine räumlich stückweise konstante Permittivität (grad ε = ~0) ergibt sich die Poisson-
Gleichung der Elektrostatik
%
∆ϕ = − (2.27)
ε
Verschwindet die Raumladung, bezeichnet man die Gleichung als Laplace-Gleichung

∆ϕ = 0 (2.28)

In dem Beispiel in Abb. 2.12 gilt im Silizium die Poisson-Gleichung und in den Isolatoren
die Laplace-Gleichung. Die Metalle gehören nicht zum Lösungsgebiet und in ihnen ist das
Potenzial konstant und in diesem Fall vorgegeben (Dirichletsche Randbedingung (2.13)). Um
das Potenzial ausrechnen zu können, muss man noch eine Verbindung zwischen den einzelnen
Gebieten schaffen. Aufgrund der Grenzbedingung (2.10) muss das Potenzial überall stetig
sein. Aus der Grenzbedingung für die elektrische Flussdichte (2.22) folgt

~n12 · (−ε2 grad ϕ2 + ε1 grad ϕ1 ) = σ .

Aus dieser Grenzbedingung folgt auf den Leitern ein Ausdruck für die Flächenladungsdichte

σLeiter = −ε~nLeiter · grad ϕ (2.29)

wobei der Normalenvektor vom Leiter in das Lösungsgebiet zeigt und das elektrische Feld in-
nerhalb des Leiters verschwindet. Die Flächenladungsdichte auf einem Leiter hängt damit von
dem Feldproblem ab (Influenz), während die Flächenladungsdichte zwischen zwei Isolatoren
vorgegeben werden muss. Damit ist das Potenzialproblem vollständig bestimmt.
In vielen Fällen wird neben der Dirichletschen Randbedingung auch eine Neumannsche
Randbedingung verwendet. In diesem Fall verschwindet der elektrische Fluss über den Rand
~ =0
~nRand · D

und somit
~nRand · grad ϕ = 0 (2.30)
Da auf der rechten Seite eine Null steht, ist dies eine homogene Neumannsche Rand-
bedingung. Da die Normalkomponente der elektrischen Flussdichte auf diesem Rand ver-
schwindet, hat D~ dort nur Tangentialkomponenten und auf dem Rand liegt eine Feldlinie.
Diese Randbedingung wird oft verwendet, um Feldprobleme zu vereinfachen.
Die partielle Differenzgleichung zusammen mit den Rand- und Grenzbedingungen, die
das Problem eindeutig bestimmen, bezeichnet man als Randwertproblem. Erstreckt sich
der Lösungsraum bis ins Unendliche, muss man eventuell Aussagen über die Feldverläufe
52 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

im Unendlichen machen, damit das Problem eine eindeutige Lösung hat. Man kann, z. B.,
fordern, dass die elektrische Flussdichte im Unendlichen hinreichend schnell verschwinden
muss. Dies gilt insbesondere für den Spezialfall, dass es gar keine Randbedingungen gibt.
Die Poisson-Gleichung, die Grenz- und Randbedingungen sowie die bisher betrachtete
Materialgleichung sind alle linear. Dies bedeutet, dass man Lösungen des gleichen Potenzi-
alproblems überlagern darf. Dies wird als Superposition bezeichnet. Es seien zwei Lösungen
ϕa (~r) und ϕb (~r) für ein Potenzialproblem gegeben, die beide die Poisson-Gleichung
 
a/b
div ε grad ϕ = −%a/b

mit den Raumladungsdichten %a und %b , die Neumannschen Randbedingungen

~nRAND · grad ϕa/b (~rRAND ) = 0 ,

die Dirichletschen Randbedingungen


a/b
ϕa/b (~rRAND ) = ϕLeiter

mit den Potenzialen ϕaLeiter und ϕbLeiter auf den Leitern und alle eventuell vorhandenen weite-
ren Bedingungen, die linear sein müssen, erfüllen. Dann kann man eine dritte Lösung durch
Superposition mit den beliebigen Konstanten ca und cb erzeugen

ϕc (~r) = ca ϕa (~r) + cb ϕb (~r) . (2.31)

Dieses Potenzial erfüllt die Poisson-Gleichung


 h i
div (ε grad ϕc ) = div ε grad ca ϕa (~r) + cb ϕb (~r)
   
= ca div (ε grad ϕa ) + cb div ε grad ϕb = − ca %a + cb %b = −%c .

Daraus folgt, dass die Ladungen der Fälle a und b entsprechend überlagert werden müssen.
Dies gilt, falls vorhanden, auch für Punkt-, Linien- und Flächenladungen. Für die Dirichlet-
schen Randbedingungen ergibt sich

ϕc (~rRAND ) = ϕcLeiter = ca ϕaLeiter + cb ϕbLeiter .

Die homogenen Neumannschen Randbedingungen sind ebenfalls erfüllt. Damit ist das Poten-
zial ϕc eine Lösung des Potenzialproblems. Man beachte, dass man die Potenzialproblem an
sich nicht ändern darf. Führt man im Fall b in das Lösungsgebiet z. B. einen Metallkörper ein,
ändern sich die Randbedingungen gegenüber dem Fall a und man kann die beiden Lösungen
nicht mehr überlagern, weil die Lösung a die neuen Randbedingungen nicht erfüllt. Man darf
nur die Potenziale auf den Leitern und die Ladungen verändern.
Die Linearität des Randwertproblems, die die Superposition ermöglicht, bedingt auch
die Eindeutigkeit der Lösung. Gäbe es zwei unterschiedliche Lösungen für die gleichen
Randbedingungen und Ladungen, dann könnte man die von null verschiedene Differenz der
beiden Lösungen bilden, und diese Lösung müsste wieder eine Lösung des Randwertproblems
sein. Mit ca = 1, cb = −1, %a = %b und ϕaLeiter = ϕbLeiter folgt, dass die Raumladungen
%c = 0 und die Potenziale auf den Leiter ϕcLeiter = 0 für das Differenzpotenzial ϕc = ϕa −
ϕb verschwinden müssen. In den Lösungsgebieten gilt somit die Laplace-Gleichung und alle
Dirichletschen Randbedingungen haben den Wert null. Wäre das Differenzpotenzial ϕc von
null verschieden, müsste es in einem Lösungsgebiet ein Maximum oder Minimum annehmen,
2.8. Lösungen einfacher Potenzialprobleme 53

weil es auf den Dirichletschen Ränder gleich null ist. Ein Minimum zeichnet sich dadurch aus,
dass alle zweiten Ableitungen des Potenzials größer null sein müssen

∂2ϕ ∂2ϕ ∂2ϕ


>0, >0, >0, ⇒ ∆ϕ > 0 ,
∂x2 ∂y 2 ∂z 2
was der Laplace-Gleichung ∆ϕ = 0 widerspricht. Gleiches folgt aus der Betrachtung eines
Maximums. Somit muss das Differenzpotenzial identisch null sein ϕc ≡ 0 und die Lösung des
linearen Randwertproblems ist eindeutig. Diese Betrachtungen gelten auch für feste Flächen-
, Linien- und Punktladungen, da diese genau wie die Raumladung bei der Differenzbildung
wegfallen. Aus diesen Betrachtungen folgt auch, dass die Lösung eines Randwertproblems, bei
dem sich im Lösungsgebiet abgesehen von den Flächenladungen auf den metallischen Leitern
keine Ladung befindet, sein Maximum und Minimum immer auf den Dirichletschen Rändern
annehmen muss.

2.8 Lösungen einfacher Potenzialprobleme


Idealer Plattenkondensator: Es wird ein idealer Plattenkondensator mit zwei kreisförmi-
gen planparallelen Metallplatten, die den Abstand d haben, in Zylinderkoordinaten (ρ, φ, z)
betrachtet (Abb. 2.13). Der Radius R der beiden identischen Platten sei viel größer als ihr
Abstand (R  d). In diesem Fall kann man die Streufelder am Rand des Kondensators,
die schwer zu berechnen sind, vernachlässigen und dort homogene Neumannsche Randbe-
dingungen verwenden. Durch die Neumannschen Randbedingungen wird das Lösungsgebiet

ρ
~ =0
~n · D

~na ~n ~nb
ε, % = 0
R Metall
σa ∆ϕ = 0 σb
ϕa ϕb
z
0 d φ
Platte a Platte b

Abbildung 2.13: Idealer Plattenkondensator mit R  d.

abgeschlossen, und es besteht nur aus dem Bereich, der von den beiden Metallplatten mit einer
Dirichletschen Randbedingung und ansonsten von der homogenen Neumannschen Randbe-
dingung begrenzt wird (0 ≤ ρ ≤ R, 0 ≤ φ < 2π, 0 ≤ z ≤ d). Das Lösungsgebiet ist vollständig
mit einem linearen, isotropen und homogenen Dielektrikum ausgefüllt, das raumladungsfrei
ist. Die Anordnung ist rotationssymmetrisch bezüglich der z-Achse, weswegen Zylinderkoor-
dinaten verwendet werden. Aufgrund der Rotationssymmetrie sollte das Potenzial nicht von
der φ-Koordinate abhängen. Weiterhin wird der Ansatz gemacht, dass das Potenzial nicht
vom Radius ρ abhängt. Ob diese Annahme stimmt, kann leicht mit der sich ergebenden
Lösung überprüft werden, die alle Gleichungen inklusive der Rand- und Grenzbedingungen
erfüllen muss. Ist dies der Fall, war der Ansatz richtig und es muss die richtige Lösung sein,
da ein wohl definiertes Potenzialproblem eine eindeutige Lösung hat.
54 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Durch den Potenzialansatz


ϕ(ρ, φ, z) = ϕ(z)
wird die Laplace-Gleichung deutlich vereinfacht

d2 ϕ
∆ϕ = =0.
dz 2
Die linke Platte a befindet sich auf dem Potenzial ϕa und die rechte auf ϕb . Am linken und
rechten Rand des Lösungsgebiets hat man dann folgende Dirichletsche Randbedingungen für
0 ≤ ρ ≤ R und 0 ≤ φ < 2π
ϕ (0) = ϕa , ϕ (d) = ϕb .
Die Lösung dieser gewöhnlichen homogenen Differenzialgleichung zweiter Ordnung ist

ϕb − ϕa Uba
ϕ(z) = ϕa + z = ϕa + z.
d d
Die über den Kondensator abfallende Spannung ist Uba = ϕb − ϕa . Diese Lösung erfüllt die
Dirichletschen Randbedingungen auf den beiden Metallplatten. Die elektrische Feldstärke ist

~ = − Uba ~ez
E
d
und die elektrische Flussdichte
~ = −ε Uba ~ez .
D
d
Beide Vektorfelder haben nur eine z-Komponente. Die elektrische Flussdichte muss auch die
Neumannsche Randbedingung für ρ = R, 0 ≤ φ < 2π und 0 ≤ z ≤ d erfüllen, wobei der
Normalenvektor auf dieser Mantelfläche durch ~n = −~eρ geben ist. Da ~ez senkrecht auf ~eρ
steht, ist die Neumannsche Randbedingung auf der gesamten Mantelfläche erfüllt
 
~ Uba Uba
~n · D = (−~eρ ) · −ε ~ez = ε ~eρ · ~ez = 0 .
d d | {z }
=0

Damit sind alle Randbedingungen und die Differenzialgleichung erfüllt und die Lösung muss
die Lösung des Randwertproblems sein. Dies rechtfertig nachträglich den Ansatz für das
Potenzial.
In Abb. 2.14 sind die Feldlinien der elektrischen Feldstärke dargestellt. Man erkennt, dass
sie senkrecht auf dem Metall stehen und parallel zu dem Rand sind, auf dem die homogenen
Neumannschen Randbedingungen gelten. Bei dieser Randbedingung handelt es sich um eine
Näherung, die gemacht wurde, um das Problem zu vereinfachen. Deswegen bezeichnet man
diesen Kondensator als ideal. In der Realität streut das elektrische Feld in den Außenraum
und es ergibt sich eine deutlich kompliziertere Lösung (Abb. 2.15, gegenüber Abb. 2.14 um 90
Grad gedreht). Im Plattenkondensator für Abstände vom Rand größer als d geht die Lösung
in die des idealen Plattenkondensators über. Gelten die oben genannten Voraussetzungen,
kann man diese Streufelder in guter Näherung vernachlässigen.
Die Feldlinien laufen von den positiven zu den negativen Ladungen (Abb. 2.14). Auf der
rechten Platte ist die Flächenladungsdichte gegeben durch
 
~ ~ Uba Uba
σb = Div D = ~nRand · D(PRAND ) = (−~ez ) · −ε ~ez = ε
d d
2.8. Lösungen einfacher Potenzialprobleme 55

− +

− +

− +
+
U >0

− +

Abbildung 2.14: Das elektrische Feld im idealen Plattenkondensator. Feldlinien und Äqui-
potenzialflächen (gestrichelt).

Abbildung 2.15: Streufelder am Rand eines nicht idealen Plattenkondensators. Äquipotenzi-


allinien (gestrichelt) und Feldlinien (durchgezogen).

und auf der linken durch


 
~ RAND ) = ~ez · −ε Uba Uba
σa = ~nRand · D(P ~ez = −ε .
d d

Die Flächenladungen auf den Metallplatten hängen von der angelegten Spannung ab und
man kann sie erst nach der Lösung des Potenzialproblems berechnen. Mit der Plattenfläche
A = πR2 kann man die Ladung auf den Platten bestimmten (Qa = σa A) und es gilt

Qa = −Qb .

Die Platte a trägt die Gegenladung zur Platte b und die Gesamtladung verschwindet. Die
Kapazität des idealen Plattenkondensators ist das Verhältnis von Ladung zu Spannung
Qb A
C= =ε ,
Uba d
56 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

wobei die Kapazität nur von der Fläche und nicht von der Form (Kreis oder Quadrat) der
Elektroden abhängt. Die Kapazität hat die Einheit Farad
As
[C] = F = .
V

Es wird nun das homogene Dielektrikum durch ein geschichtetes ausgetauscht (Abb. 2.16),
wobei die Randbedingungen nicht geändert werden. An der Stelle z = d1 ändert sich die

ε1 ε2

z
0 d1 d2 d1 + d2

Abbildung 2.16: Idealer Plattenkondensator mit einem geschichteten Dielektrikum.

Permittivität abrupt von ε1 auf ε2 und diese Fläche stellt eine Grenzfläche dar, auf der das
Potenzial stetig sein muss. Weiterhin muss die Normalkomponente der elektrischen Flussdich-
te stetig sein, da sich auf der Grenzfläche keine Flächenladung befindet. Es wird wieder ein
Ansatz mit einem nur von z abhängigen Potenzial gemacht. Da das Dielektrikum raumla-
dungsfrei ist, ist der Potenzialverlauf linear
(
ϕa + ϕGFd−ϕ a
z 0 ≤ z < d1
ϕ(z) = 1
ϕb −ϕGF .
ϕGF + d2 (z − d1 ) d1 ≤ z ≤ d1 + d2
ϕGF ist das noch unbekannte Potenzial auf der Grenzfläche bei z = d1 . Der Ansatz ist
so gewählt, dass das Potenzial auf der Grenzfläche stetig ist und auf beiden Elektroden
die Dirichletschen Randbedingungen erfüllt. Aus der Stetigkeit der Normalkomponente der
elektrischen Flussdichte
ϕGF − ϕa ϕb − ϕGF
−ε1 = −ε2
d1 d2
kann man nun das Potenzial auf der Grenzfläche bestimmen
ε2 d1
ϕGF = (ϕb − ϕa ) + ϕa .
ε1 d2 + ε2 d1
Für die Flächenladungsdichte auf der rechten Elektrode erhält man mit Uba = ϕb − ϕa
1
σb = d1 d2
Uba .
ε1 + ε2
2.8. Lösungen einfacher Potenzialprobleme 57

Multiplikation mit der Elektrodenfläche ergibt die Kapazität


σb A 1
C= = 1 1
Uba C1 + C2

mit
ε1 A ε2 A
C1 = , C2 = .
d1 d2
Die gesamte Kapazität des Kondensators ergibt sich damit aus der Serienschaltung der beiden
Kapazitäten C1 und C2 .

Idealer Zylinderkondensator: Der Zylinderkondensator in Abb. 2.17 sei vollständig mit


einem homogenen, isotropen und linearen Dielektrikum ausgefüllt und es werden Zylinderko-
ordinaten verwendet, da sie der Symmetrie des Problems angemessen sind. Das Dielektrikum
ist das Lösungsgebiet mit ρi < ρ < ρa , 0 ≤ φ < 2π und 0 < z < l. Unter der Annahme, dass
ρ

Metall, ϕa
Neumann RB Neumann RB

ε
ρa ε

ρi Metall, ϕi
z
0 l φ

Abbildung 2.17: Idealer Zylinderkondensator.

die Länge des Kondensators deutlich größer als sein Außenradius ist (ρa  l), kann man die
Streufelder an den Enden des Kondensators vernachlässigen und es wird auf den Rändern
des Dielektrikums für z = 0 und z = l eine homogene Neumannsche Randbedingung ange-
nommen. Auf dem metallischen Innenleiter (ρ = ρi ) und auf dem Außenleiter (ρ = ρa ) gelten
Dirichletsche Randbedingungen. Das Potenzial des Innenleiters sei ϕi und des Außenleiters
ϕa .
Die Symmetrie der Anordnung legt nahe, für das Potenzial den folgenden Ansatz zu
machen
ϕ(ρ, φ, z) = ϕ(ρ)
und die Laplace-Gleichung lautet in diesem Fall
 
1 d dϕ
∆ϕ = ρ =0.
ρ dρ dρ
Die Lösung dieser homogenen gewöhnlichen Differenzialgleichung zweiter Ordnung ist
ln ρρi
ϕ(ρ) = ϕi − Uia
ln ρρai

mit der Spannung zwischen dem Innen- und Außenleiter

Uia = ϕi − ϕa .
58 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Das Potenzial erfüllt die Dirichletschen Randbedingungen. Die elektrische Feldstärke hat nur
eine radiale Komponente
~ r) = − ∂ϕ~eρ = Uia
E(~
1
ρa ~ eρ .
∂ρ ln ρi ρ

Da die elektrische Feldstärke keine z-Komponente hat, ist sie parallel zu den beiden Rändern
des Lösungsgebiets, auf denen Neumannsche Randbedingungen gelten, die damit erfüllt sind.
Da alle Randbedingungen und die Laplace-Gleichung erfüllt sind, löst der Ansatz das Rand-
wertproblem.
Der Innenleiter trägt die Flächenladung

~ ρ · ~eρ = ε Uia
~ ρ = εE|
σi = Div D| ρa
1
i i
ln ρi ρi

und damit die Gesamtladung


Z Z lZ 2π
Uia 1 2πl
Qi = σi dF = ε ρi dφ dz = ε ρa Uia .
Fi 0 0 ln ρρai ρi ln ρi

Die Kapazität des idealen Zylinderkondensators ergibt sich zu

2πl
C=ε .
ln ρρai

Drückt man die elektrische Feldstärke mit der Ladung des Innenleiters anstelle der Span-
nung aus
Qi
~ r) = l 1~eρ ,
E(~ (2.32)
2πε ρ
hängt diese nicht mehr von den Radien ρi und ρa ab. Man kann den Radius ρa gegen un-
endlich und ρi gegen null gehen lassen. Dadurch geht die Ladung auf dem Innenleiter in eine
homogene Linienladung mit %L = Qi /l über und (2.32) ist die elektrische Feldstärke einer
Linienladung. Hierbei muss man jedoch bedenken, dass bei der Ableitung die Näherung ge-
macht wurde, dass der Außenradius viel kleiner als die Länge des Zylinderkondensators sein
muss. Die Gleichung (2.32) ist daher nur richtig, wenn man sich entweder nahe einer endlich
langen Linienladung weit weg von ihren Enden befindet, oder wenn die Linienladung unend-
lich lang ist. Im letzteren Fall muss man beachten, dass man das Potenzial im Unendlichen
nicht mehr zu null setzen kann, da es dann im Endlichen gegen unendlich geht. Mit diesen
Einschränkungen ist die elektrische Feldstärke der unendlich langen homogenen Linienladung

~ r) = %L 1~eρ
E(~ (2.33)
2πε ρ

und das zugehörige Potenzial

%L ρ
ϕ(~r) = − ln + ϕ0 (2.34)
2πε ρ0

Das Potenzial nimmt für ρ = ρ0 den Wert ϕ0 an, wobei ρ0 > 0 und ϕ0 beliebig gewählt
werden können. Die Äquipotenzialflächen sind Zylinderflächen mit ρ = const.
2.8. Lösungen einfacher Potenzialprobleme 59

ε0

x y

Metall

Abbildung 2.18: Geladene Metallkugel im Vakuum.

Geladene Metallkugel: Im Vakuum befinde sich eine mit der Ladung Q geladene Metall-
kugel, die den Radius R hat, und sonst nichts (Abb. 2.18). Das Lösungsgebiet ist der gesamte
Raum ohne die Kugel, in der das elektrische Feld verschwindet.
Das Problem ist kugelsymmetrisch und es werden Kugelkoordinaten verwendet. Für das
Potenzial wird der Ansatz
ϕ(r, ϑ, φ) = ϕ(r)
gemacht. Außerhalb der Kugel gilt die Laplace-Gleichung
 
1 d 2 dϕ
∆ϕ = 2 r =0.
r dr dr
Auf der leitfähigen Kugel gilt eine Dirichletsche Randbedingung mit

ϕ(R) = ϕK .

Das Potenzial der Kugel ϕK ist dabei allerdings noch unbestimmt und muss über die Ladung
der Kugel berechnet werden. Da sich das Lösungsgebiet unendlich weit ausdehnt, benötigt
man auch noch eine Aussage für das Unendliche. Hier wird angenommen, dass das Potenzial
im Unendlichen verschwindet (der Punkt unendlich ist geerdet)

ϕ(r → ∞) = 0 .

Die Lösung der Laplace-Gleichung ist mit diesen beiden Randbedingungen durch ein Zen-
tralpotenzial
R
ϕ(r) = ϕK
r
gegeben. Die elektrische Feldstärke lautet

~ = − grad ϕ = − dϕ~er = ϕK R ~er .


E
dr r2
60 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Das elektrische Feld ist proportional zum Zentralfeld aus Kap. 1 und hat nur eine Radial-
komponente.
Das Potenzial der Kugel bestimmt sich über deren Ladung, die über die dritte Maxwell-
sche Gleichung mit dem elektrischen Fluss verknüpft ist (2.21). Integration der elektrischen
Flussdichte über eine Kugelfläche mit dem Radius r ≥ R, deren Mittelpunkt mit dem Ur-
sprung zusammenfällt, ergibt

I Z2π Zπ
~ · dF~ = ε0 ϕK R 1
Q= D ~er · ~er r2 sin ϑ dϑ dφ = ε0 ϕK R4π .
r2
F 0 0

Das Potenzial der geladenen Kugel lautet damit


1 Q
ϕK = .
4πε0 R
Für den Außenraum ergibt sich das Coulomb-Potenzial

1 Q
ϕ(r) = (2.35)
4πε0 r

und für die elektrische Feldstärke das Coulomb-Feld

~ = 1 Q Q ~r
E 2
~er = (2.36)
4πε0 r 4πε0 r3

Man beachte, dass diese beiden Formeln nicht vom Radius der Kugel R abhängen, den man
gegen Null gehen lassen kann. In diesem Fall ergibt sich das Potenzial und die elektrische
Feldstärke einer Punktladung im Ursprung. Die Feldlinien und Äquipotenzialflächen sind
analog zu der Abb. 1.13.
Auch dieser Anordnung kann man eine Kapazität für R > 0 zuordnen, die zwischen der
Metallkugel und dem Unendlichen besteht. Die Ladung ist Q und die Spannung zwischen der
Kugel und dem Unendlichen ϕK , womit die Kapazität berechnet werden kann
Q Q
C= = 1 Q
= 4πε0 R .
U
4πε0 R

Die Gegenladung −Q liegt im Unendlichen.


Dieses Ergebnis zeigt, dass ein Leiter eine Kapazität gegen unendlich hat. Diese kann
allerdings nur berechnet werden, wenn das Lösungsgebiet den gesamten Raum (bis auf die
Leiter) enthält. Im Fall des idealen Plattenkondensators wurde das Lösungsgebiet auf den
Bereich zwischen den beiden Elektroden beschränkt und damit die Kapazität gegen unendlich
vernachlässigt und es gibt keine Feldlinien, die im Unendlichen enden. In der Praxis sind die
Kapazitäten gegen unendlich oft vernachlässigbar gegenüber der eigentlichen Kapazität des
Kondensators, oder das System ist durch ein leitfähiges Gehäuse nach außen abgeschirmt.

Dielektrische Kugel im homogenen Feld: Es sei in einem homogenen, isotropen und


linearen Dielektrikum mit der Permittivität ε2 ein homogenes elektrisches Feld mit E ~∞ =
E∞~ez gegeben. In dieses Feld wird eine dielektrische Kugel mit dem Radius R eingebracht, die
aus einem homogenen, isotropen und linearen Dielektrikum mit der Permittivität ε1 besteht
2.8. Lösungen einfacher Potenzialprobleme 61

~∞
E ε2

ε1
R z

Gebiet 1 ϑ
r Gebiet 2

Abbildung 2.19: Dielektrische Kugel in einem homogenen elektrischen Feld.

(Abb. 2.19). Der Ursprung des Koordinatensystems befinde sich im Mittelpunkt der Kugel
und es werden Kugelkoordinaten verwendet. Der Innenraum der Kugel sei das Gebiet 1 und
der Außenraum 2. Zeigt das homogene elektrische Feld in positive z-Richtung, entspricht ihm
das Potenzial
ϕ(~r) = −E∞ z = −E∞ r cos ϑ ,
das proportional zum cos ϑ ist.
Da es keine Raumladungen gibt, gilt im gesamten Raum die Laplace-Gleichung für das
Potenzial mit der Ausnahme der Oberfläche der Kugel

∆ϕ1 = 0 , ∆ϕ2 = 0 .

Auf der Kugeloberfläche für r = R, 0 ≤ ϑ < π und 0 ≤ φ < 2π muss die Normalkomponente
der elektrischen Flussdichte stetig sein
~ = (−ε2 grad ϕ2 |r=R,ϑ,φ + ε1 grad ϕ1 |r=R,ϑ,φ ) · ~er (ϑ, φ) = 0 ,
Div D (2.37)

wobei der Einheitsvektor ~er in radiale Richtung der Normalenvektor zur Oberfläche der Ku-
gel ist. Aus der Stetigkeit der Tangentialkomponenten der elektrischen Feldstärke auf der
Oberfläche folgt die Stetigkeit des Potenzials

ϕ2 (R, ϑ, φ) = ϕ1 (R, ϑ, φ) .

Anstelle von Randbedingungen wird angenommen, dass die durch die Kugel erzeugte
Feldstörung weit weg von der Kugel verschwindet und das elektrische Feld in das vorgegebene
homogene Feld übergeht
~∞ .
lim (− grad ϕ2 ) = E
r→∞
Dieses Potenzialproblem soll nun durch einen Ansatz gelöst werden. In diesem Fall rät
man die Lösung des Problems und zeigt, dass die Lösung alle Gleichungen erfüllt. Ist das Po-
tenzialproblem eindeutig, was hier der Fall ist, so hat man die Lösung gefunden. Bei der Wahl
des Ansatzes sollte man beachten, dass das Problem um die z-Achse rotationssymmetrisch
ist. Der Potenzialansatz sollte daher nicht vom Winkel φ der Kugelkoordinaten abhängen:
ϕ(r, ϑ, φ) = ϕ(r, ϑ). Dies motiviert den Ansatz
1 p0 cos ϑ
ϕ2 = − E∞ r cos ϑ +
4πε2 r2
ϕ1 = − Ei r cos ϑ ,
62 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

der rotationssymmetrisch um die z-Achse ist und im Unendlichen in das Potenzial des ho-
mogenen Felds übergeht. Beide Potenziale hängen für festes r in der gleichen Weise von den
Winkeln ab. Weiterhin erfüllt der Ansatz die Laplace-Gleichung in beiden Raumbereichen,
wie man leicht nachrechnet. Dieser Ansatz enthält zwei unbekannte Parameter p0 und Ei , die
durch das Einsetzen des Ansatzes in die obigen Grenzbedingungen bestimmt werden können.
Aus der Stetigkeit des Potenzials folgt auf der Oberfläche der Kugel
1 p0 cos ϑ
−E∞ R cos ϑ + = −Ei R cos ϑ
4πε2 R2
und damit
1 p0
E∞ − = Ei .
4πε2 R3
Aus der Stetigkeit der Normalkomponente der elektrischen Flussdichte (2.37) folgt mit Er =
−∂ϕ/∂r
1 p0 cos ϑ
ε2 E∞ cos ϑ + = ε1 Ei cos ϑ
2π R3
und somit
1 p0
ε2 E∞ + = ε1 Ei .
2π R3
Mit diesen beiden Gleichungen können p0 und Ei bestimmt werden
ε1 − ε2
p0 =4πε2 R3 E∞
ε1 + 2ε2
3ε2
Ei = E∞ .
ε1 + 2ε2
Damit erfüllt der Ansatz alle obigen Gleichungen und es handelt sich um die Lösung des
Potenzialproblems. Der zweite Term des Potenzials außerhalb der Kugel entspricht dem Po-
tenzial eines Dipols (2.42), der im folgenden Abschnitt besprochen wird. Das Potenzial und
die elektrische Feldstärke sind für ein Beispiel in Abb. 2.20 dargestellt.
Gilt ε1 > ε2 , folgt |Ei | < |E∞ | und das homogene Feld im Inneren der Kugel wird
gegenüber dem äußeren Feld abgeschwächt. Dies bezeichnet man auch als Abschirmung. Gilt
hingegen ε2 > ε1 (z. B. Luftblase in einem dielektrischen Öl), ist das elektrische Feld in
der Kugel gegenüber dem Außenraum erhöht. Dies kann zu elektrischen Durchschlägen in
Kugel führen und die Spannungsfestigkeit des Dielektrikums wird durch solche Einschlüsse
reduziert.

2.9 Integraldarstellung des elektrischen Felds im Vakuum


Es wird zuerst nur eine einzige Punktladung im Vakuum betrachtet und es wird wieder
angenommen, dass das Potenzial im Unendlichen verschwindet. Befindet sich die Punktladung
im Ursprung des Koordinatensystem, ist ihr Potenzial durch das Coulomb-Potenzial (2.35)
gegeben. Da die Wahl des Koordinatenursprungs im Vakuum willkürlich und das Vakuum
invariant gegenüber einer Verschiebung ist, muss das Potenzialproblem translationsinvariant
sein. Verschiebt man die Punktladung in den Ort P 0 mit Ortsvektor ~r 0 , muss man nur den
Abstand des Aufpunkts P mit dem Ortsvektor ~r vom Ursprung, der durch r gegeben ist,
durch den Abstand der Punkte ~r und ~r 0 im Coulomb-Potenzial ersetzen (siehe (1.27))
1 qP 0 1 qP 0
ϕ(~r) = = . (2.38)
4πε0 rP 0 P 4πε0 |~r − ~r 0 |
2.9. Integraldarstellung des elektrischen Felds 63

Abbildung 2.20: Potenzial (Farbe) und Feldlinien der elektrischen Feldstärke für eine dielek-
trische Kugel in einem homogenen elektrischen Feld mit ε1 /ε2 = 20. Die Dichte der Feldlinien
in der Kugel sagt nichts über den Betrag der Feldstärke aus.

Dies ist das Potenzial am Ort ~r einer Punktladung, die sich am Ort ~r 0 befindet. Da das Po-
tenzialproblem für das Vakuum linear ist, kann man die Potenziale unterschiedlicher Punkt-
ladungen überlagern (siehe (2.31)). Es sei qi die Ladung der i-ten Punktladung und ~ri ihr
Ort. Das gesamte Potenzial ist dann am Ort ~r durch die Summe über alle Punktladungen
gegeben

1 X qi
ϕ(~r) = . (2.39)
4πε0 |~r − ~ri |
i

Die entsprechende elektrische Feldstärke erhält man durch Gradientenbildung

~ r) = − grad ϕ = − 1
X qi 1 X ~r − ~ri
E(~ grad~r = qi ,
4πε0 |~r − ~ri | 4πε0 |~r − ~ri |3
i i
64 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

wobei grad~r darauf hinweist, dass nach den Koordinaten von ~r differenziert wird. Im karte-
sischen Koordinatensystem ergibt sich für den Gradienten

1 ∂  − 1
grad~r = (x − xi )2 + (y − yi )2 + (z − zi )2 2 ~ex
|~r − ~ri | ∂x
∂  − 1
+ (x − xi )2 + (y − yi )2 + (z − zi )2 2 ~ey
∂y
∂  − 1
+ (x − xi )2 + (y − yi )2 + (z − zi )2 2 ~ez
∂z
x − xi
= − 3 ~
ex
[(x − xi )2 + (y − yi )2 + (z − zi )2 ] 2
y − yi
− 3 ~
ey
[(x − xi )2 + (y − yi )2 + (z − zi )2 ] 2
z − zi
− 3 ~
ez
[(x − xi ) + (y − yi )2 + (z − zi )2 ] 2
2

~r − ~ri
= − .
|~r − ~ri |3

Es werden nun zwei gleich große Ladungen mit entgegengesetztem Vorzeichen betrachtet
(q+ = −q− = q), die sich an den Punkten P+ und P− befinden (Abb. 2.21). Der Ortsvektor

z
P+ ~rP+ P
ε0 P
+q

~l ~r = ~rOP

O
x y
~rP− P
l
2

−q
P−

Abbildung 2.21: Physikalischer Dipol.

des Punkts P+ sei ~rP+ = ~l/2 und für P− wird ~rP− = −~l/2 gewählt. Die beiden Ladungen
bilden einen physikalischen Dipol. Das Potenzial dieser Ladungsanordnung ist
 
q 1 1
ϕ(~r) = −
4πε0 rP+ P rP− P
q rP− P − rP+ P
=
4πε0 rP+ P rP− P
q rP2 − P − rP2 + P
=  .
4πε0 rP+ P rP− P rP− P + rP+ P
2.9. Integraldarstellung des elektrischen Felds 65

Mit !2 !2
~l ~l
rP2 − P − rP2 + P = ~r + − ~r − = 2 ~r · ~l ,
2 2

rl
2 r3

rP+ P rP− P rP− P + rP+ P ≈
und dem elektrischen Dipolmoment

p~ = q~l , (2.40)

das von der negativen zur positiven Ladung zeigt, ergibt sich für einen hinreichend großen
Abstand vom Dipol für das Potenzial

rl 1 p~ · ~r
ϕ(~r) ≈ .
4πε0 r3

Man beachte, dass dieses Fernfeld nur noch vom Dipolmoment und nicht mehr direkt vom
Abstand der Ladungen abhängt. Führt man den Grenzübergang l → 0 mit konstantem p
durch, ergibt sich der sogenannte mathematische Dipol
 
1 q q 1 p~ · ~r p~=p~ez p cos ϑ
ϕ(~r) = lim − = 3
= (2.41)
4πε0 p=const.
l→0 rP+ P rP− P 4πε0 r 4πε0 r2

Die Darstellung in Kugelkoordinaten ist nur für den Fall richtig, dass der Dipol auf der z-
Achse liegt. Befindet sich der mathematische Dipol an einem beliebigen Ort ~rM in einem
linearen, isotropen und homogenen Material, das den gesamten Raum ausfüllt und die Per-
mittivität ε hat, lautet das Potenzial des mathematischen Dipols

1 p~ · (~r − ~rM )
ϕ(~r) = (2.42)
4πε |~r − ~rM |3

und die elektrische Feldstärke


 
~ r) = 1 p~ p · (~r − ~rM )] (~r − ~rM )
3 [~
E(~ − 3
+ (2.43)
4πε |~r − ~rM | |~r − ~rM |5

Das Wassermolekül bildet z. B. einen natürlichen Dipol, der aufgrund der geringen Größe
des Wassermoleküls in vielen Fällen gut durch einen mathematischen Dipol genähert werden
kann. In Abb. 2.22 sind Feldlinien eines physikalischen und entsprechenden mathematischen
Dipols dargestellt. Schon für nicht sehr große Abstände vom Dipol gehen die Bilder ineinander
über.
Es soll nun eine beliebige Raumladungsverteilung betrachtet werden. Dazu wird die La-
dung in (2.38) durch eine infinitesimale ersetzt. Mit der Raumladungsdichte % sei sie gegeben
durch
dqP 0 = %(~r 0 ) dV 0 .
dV 0 ist das infinitesimale Volumenelement am Ort ~r 0 . Diese Ladung erzeugt das Potenzial

1 %(~r 0 )
dϕ(~r) = dV 0 ,
4πε0 |~r − ~r 0 |
66 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Abbildung 2.22: Feld- und Äquipotenziallinien des physikalischen (links) und mathemati-
schen (rechts) Dipols bei gleichem Dipolmoment. Für die Farbskala wurde das Potenzial
auf einen Minimal- und Maximalwert begrenzt. In den weißen Regionen liegt das Potenzial
darunter oder darüber.

wobei angenommen wird, dass das Potenzial für |~r −~r 0 | gegen unendlich verschwindet. Super-
poniert man unendlich viele infinitesimale Ladungen, geht die Summe in (2.39) in ein Integral
über
%(~r 0 )
Z
1
ϕ(~r) = dV 0 (2.44)
4πε0 V |~r − ~r 0 |
Dabei sollte die Raumladungsdichte % auf ein Volumen mit endlicher Ausdehnung beschränkt
und die totale Ladung endlich sein. Gibt es neben der Raumladungsdichte noch Flächen-,
Linien- oder Punktladungen, muss man entsprechende Terme zu (2.44) addieren
"Z #
%(~r 0 ) 0) 0)
Z Z
1 σ(~r %L (~
r X qi
ϕ(~r) = dV 0 + dF 0 + dr0 + . (2.45)
4πε0 V |~r − ~r 0 | r − ~r 0 |
F |~ r − ~r 0 |
C |~ |~r − ~ri |
i

Dies ist die allgemeine Lösung der Poisson-Gleichung für das Vakuum ohne Grenz- und Rand-
bedingungen. Die zu (2.44) gehörige elektrische Feldstärke lautet
~r − ~r 0
Z
E~ = 1 %(~r 0 ) dV 0 . (2.46)
4πε0 V |~r − ~r 0 |3
Die Lösung (2.44) kann auch angewendet werden, wenn der gesamte Raum mit einem linea-
ren, isotropen und homogenen Dielektrikum ausgefüllt ist. Man muss dann die elektrische
Feldkonstante ε0 durch die Permittivität ε ersetzen.
Die Darstellung der Lösung der Poisson-Gleichung durch ein Integral beruht auf dem
Superpositionsprinzip und damit auf der Linearität des Problems. Man kann auch für lineare
Randwertprobleme die Lösung durch Integrale über Greensche Funktionen darstellen, wobei
die Greenschen Funktionen im Fall der Elektrostatik normierte Potenziale von Punktladungen
sind, die das Randwertproblem lösen. Im obigen Fall ist dies
1 1
Gϕ (~r, ~r 0 ) =
4πε0 |~r − ~r 0 |
2.10. Das Fernfeld einer beliebigen Ladungsverteilung 67

und die Lösung lautet


Z
ϕ(~r) = Gϕ (~r, ~r 0 )%(~r 0 ) dV 0 .
V

Die Greensche Funktion entspricht in etwa der Stoßantwort in der Systemtheorie und das
Integral der Faltung. Dies soll hier jedoch nicht weiter ausgeführt werden.

2.10 Das Fernfeld einer beliebigen Ladungsverteilung

Der gesamte Raum sei mit einem linearen, isotropen und homogenen Dielektrikum mit der
Permittivität ε ausgefüllt. In einem Bereich mit endlichen Abmessungen befinde sich eine
Raumladung %, wobei die gesamte Ladung des Gebiets endlich sei (Abb. 2.23). Es seien S
und P 0 Punkte in der Raumladungswolke mit

~r 0 = ~rS + ~r 00 .

Das Potenzial der Raumladungswolke kann mit (2.44) berechnet werden

ε
%(~r 0 ) P0 ~r − ~r 0
~r 00 P
V
S

~r 0 ~r
~rS

Abbildung 2.23: Eine Raumladungswolke mit endlicher Ausdehnung und endlicher Gesamt-
ladung.

%(~r 0 ) %(~rS + ~r 00 )
Z Z
1 1
ϕ(~r) = 0
dV 0 = dV 00 . (2.47)
4πε V |~r − ~r | 4πε V |~r − ~rS − ~r 00 |
68 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Aus dem Nenner im Integral wird der Abstand der Punkte P und S gezogen
1 1
=q
|~r − ~rS − ~r 00 |
(~r − ~rS − ~r 00 )2
1
=q
(~r − ~rS )2 − 2 (~r − ~rS ) · ~r 00 + ~r 002
1
= v .
u ~r − ~rS ~r 00 ~r 002
|~r − ~rS |u1 − 2 · +
u
t |~r − ~rS | |~r − ~rS | |~r − ~rS |2
| {z }
=s

Für |~r − ~rS |  |~r 00 | gilt s  1 und der Nenner kann nach dem Term s mit
1 1
√ = 1 + s + ...
1−s 2
bis erster Ordnung in eine Taylorreihe entwickelt werden

~r 00 1 ~r 002
 
1 1 ~r − ~rS
≈ 1+ · +
|~r − ~rS − ~r 00 | |~r − ~rS | |~r − ~rS | |~r − ~rS | 2 |~r − ~rS |2

~r 00
 
1 ~r − ~rS
≈ 1+ · , (2.48)
|~r − ~rS | |~r − ~rS | |~r − ~rS |

wobei der quadratische Term in ~r 00 in erster Ordnung noch vernachlässigt werden kann (1 
|~r 00 |/|~r − ~rS |  (|~r 00 |/|~r − ~rS |)2 ). Dieser Ausdruck für den Nenner wird nun in das Integral
(2.47) eingesetzt

%(~rS + ~r 00 )
Z
1
ϕ(~r) = dV 00
4πε V |~r − ~rS − ~r 00 |

%(~rS + ~r 00 ) ~r 00
 
~r − ~rS
Z
1
≈ 1+ · dV 00
4πε V |~r − ~rS | |~r − ~rS | |~r − ~rS |

1 V %(~rS + ~r 00 ) dV 00 1 V %(~rS + ~r 00 )~r 00 dV 00 · (~r − ~rS )


R R
= + .
4πε |~r − ~rS | 4πε |~r − ~rS |3
In den ursprünglichen Koordinaten ergibt sich bis erster Ordnung für das Fernfeld einer
Ladungswolke

1 V %(~r 0 ) dV 0 1 V %(~r 0 ) (~r 0 − ~rS ) dV 0 · (~r − ~rS )


R R
ϕ(~r) ≈ + .
4πε |~r − ~rS | 4πε |~r − ~rS |3
Der erste Term beschreibt das Potenzial einer Punktladung am Ort S mit der Ladung
Z
q= %(~r 0 ) dV 0
V

und der zweite Term entspricht einem mathematischen Dipol (2.42) mit dem Dipolmoment
Z Z
0 0 0
%(~r 0 )~r 0 dV 0 − q~rS .

p~ = %(~r ) ~r − ~rS dV = (2.49)
V V
2.11. Kräfte im elektrostatischen Feld 69

Das Dipolmoment hängt für q 6= 0 von der Wahl des Orts S ab. Damit lautet das Potenzial

1 q 1 p~ · (~r − ~rS )
ϕ(~r) ≈ + (2.50)
4πε |~r − ~rS | 4πε |~r − ~rS |3

Die Punktladung bezeichnet man auch als Monopol und die Entwicklung enthält die ersten
zwei Terme einer Multipolentwicklung. Bricht man die Taylorentwicklung nicht nach dem
Term erster Ordnung ab, erhält man noch weitere Terme. Der dritte Term ergibt z. B. einen
Quadrupol. Der erste Term ist invers proportional zum Abstand |~r − ~rS |, der zweite invers
proportional zum Quadrat des Abstands, und so weiter. Die Bedeutung der Terme höherer
Ordnung verschwindet daher schnell mit wachsendem Abstand von der Ladungsanordnung.
Bisher wurde nur angenommen, dass der Ort S in der Ladungswolke liegt. Wählt man
den Schwerpunkt der Ladungswolke als Ort der Punktladung

%(~r 0 )~r 0 dV 0
R
~rS = V
q

mit q 6= 0, so verschwindet das Dipolmoment p~ = ~0 und es bleibt bis erster Ordnung nur das
Potenzial einer Punktladung über. Dies bedeutet, dass das Fernfeld einer Ladungsanordnung,
deren Gesamtladung nicht verschwindet, immer durch eine Punktladung dargestellt werden
kann. Dabei ist es auch nicht wichtig, ob die Ladung durch Raum-, Flächen-, Linien- oder
Punktladungen gegeben ist. Man muss dann nur den Ausdruck für die Gesamtladung um
entsprechende Terme erweitern. Verschwindet hingegen die Gesamtladung (q = 0), ist das
Fernfeld bis erster Ordnung durch ein Dipolfeld gegeben, wobei das Dipolmoment (2.49)
nicht mehr vom Ort S abhängt.

2.11 Kräfte im elektrostatischen Feld


Es wird wieder der Fall des Vakuums ohne Grenz- und Randflächen betrachtet. Es wird nun
eine starre, endliche Raumladungswolke mit der Dichte % in das Vakuum gebracht, wobei
starr bedeutet, dass die Ladungen nicht gegeneinander verschoben werden können. Diese
Ladungswolke erzeugt keine Kraft auf sich selbst, was nun gezeigt werden soll.
Die elektrische Feldstärke, die durch eine infinitesimale Ladung dq 0 = %(~r 0 ) dV 0 , die sich
an der Stelle P 0 befindet, am Ort P erzeugt wird, ist

1 ~r − ~r 0
dE(~r, ~r 0 ) = %(~r 0 ) dV 0
4πε0 |~r − ~r 0 |3

und die Kraft auf eine infinitesimale Ladung dq = %(~r) dV am Ort P ist mit (2.2)

~ P 0 P = %(~r) dV dE(~r, ~r 0 ) = 1 ~r − ~r 0
dK %(~r)%(~r 0 ) dV 0 dV .
4πε0 |~r − ~r 0 |3

Hierbei ist dq 0 die Quelle der elektrischen Feldstärke und dq die Ladung, auf die die Kraft
wirkt. Die Kraft zeigt von der Quelle zur Ladung, auf die sie wirkt (Abb. 2.24). Berechnet
man das elektrische Feld, das von dq erzeugt wird, und die zugehörige Kraft auf die Ladung
dq 0 , ergibt sich
0
~ P P 0 = 1 %(~r 0 )%(~r) ~r − ~r dV dV 0 = − dK
dK ~ P 0P .
4πε0 |~r 0 − ~r|3
70 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

~ P 0P
dK
dq
P
~rP 0 P

~ P P 0 dq 0
dK

P0 ~r

~r 0

Abbildung 2.24: Richtung der Kraft zwischen zwei Ladungen mit gleichen Vorzeichen.

Die Kräfte, die die beiden Ladungen aufeinander ausüben, sind genau entgegengesetzt gleich
(Abb. 2.24). Die gesamte Kraft auf die Ladungsanordnung erhält man, indem man über beide
Orte integriert
~r − ~r 0
Z Z
~ = 1
K %(~r)%(~r 0 ) dV 0 dV = ~0 .
4πε0 V V |~r − ~r 0 |3
Da es zu jeder infinitesimalen Kraft auch immer eine entsprechende Gegenkraft gibt, ergibt
das Integral eine verschwindende Kraft. Dies gilt auch für Ladungsanordnungen, die Flächen-,
Linien- oder Punktladungen enthalten.
Es werden jetzt zwei starre Ladungsanordnungen im Vakuum betrachtet. Die eine Wolke
hat die Raumladungsdichte %1 im Volumen V1 und die andere %2 in V2 . Das gesamte elektrische
Feld ist durch die Summe der beiden Einzelfelder gegeben
~r − ~r 0 ~r − ~r 0
Z Z
~ r) = E
E(~ ~ 2 (~r) = 1
~ 1 (~r) + E %1 (~r 0 ) dV 0
+
1
%2 (~r 0 ) dV 0 .
4πε0 V1 0
|~r − ~r | 3 4πε0 V2 |~r − ~r 0 |3
Die Kraft auf die Anordnung 2 ist
~r − ~r 0
Z Z Z
1
~2 =
K ~ r) dV =
%2 (~r)E(~ %2 (~r)%1 (~r 0 ) 0 |3
dV 0 dV
V2 4πε0 V2 V1 |~
r − ~
r
| {z }
~ 12
=K
~r − ~r 0
Z Z
1
+ %2 (~r)%2 (~r 0 ) dV 0 dV
4πε0 V2 V2 |~r − ~r 0 |3
| {z }
~ 22 =~0
=K

~ 12 .
=K
~ 22 = ~0), bleibt nur die Kraft
Da die Kraft der Ladungswolke 2 auf sich selbst verschwindet (K
von der Wolke 1 auf 2 über. Berechnet man die Kraft auf die Ladungsanordnung 1, ergibt
sich
~1 = K
K ~ 21 = −K~ 12 = −K
~2 .
Es gilt somit wie in der Newtonschen Mechanik actio est reactio.
2.11. Kräfte im elektrostatischen Feld 71

Reduziert man beide Ladungswolken auf Punktladungen, wobei sich die Ladung q1 am
Ort ~r1 und q2 an der Stelle ~r2 befinden soll, ergibt sich das Coulombsche Gesetz

K ~ 12 = q1 q2 ~r1 − ~r2
~ 21 = −K (2.51)
4πε0 |~r1 − ~r2 |3

Die Kraft einer Punktladung auf eine andere wirkt immer entlang der Verbindungslinie zwi-
schen den beiden Ladungen und ist für Ladungen mit gleichen Vorzeichen abstoßend und
bei ungleichen anziehend. Die Kraft ist proportional zum Produkt der beiden Ladungen und
umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstands.
Als Beispiel soll die Kraft auf den physikalischen Dipol aus Abb. 2.25 in einem elektrischen
~ betrachtet werden. Der Dipol befinde sich an der Stelle ~r und die Kraft ergibt sich
Feld E

+ +q
~
+ 2l
~l
~r + 2

~r ~
− 2l
− −q
~l
~r − 2

Abbildung 2.25: Physikalischer Dipol.

aus der Summe über die Kräfte, die auf die beiden Punktladungen wirken (Abb. 2.26)
" ! !# " ! !#
~l ~l ~l ~l
~ =q E
K ~ ~r + −E~ ~r − =q E ~ ext ~r + ~ ext ~r −
−E .
2 2 2 2

Da der Dipol auf sich selbst keine Kraft ausübt, muss man nur das externe Feld E ~ ext be-
trachten, das alle Feldanteile enthält, die nicht durch den Dipol selbst erzeugt werden. Ist
das externe Feld räumlich konstant, verschwindet die Kraft.
Um die Kraft auf einen mathematischen Dipol zu bestimmen, wird das externe Feld
am Ort ~r in eine Taylorreihe bis erster Ordnung entwickelt (siehe (1.48)). Für den Ort der
positiven Ladung erhält man
! !
~l ~l
E~ ext ~r + ≈E~ ext (~r) + ·∇ E~ ext |~r (2.52)
2 2

und für die negative


! !
~l ~l
~ ext
E ~r − ~ ext (~r) −
≈E ·∇ E~ ext |~r .
2 2

Die Kraft auf den mathematischen Dipol an der Stelle ~r mit dem Dipolmoment p~ = q~l ist
damit " ! !#
~l ~l
~ r) = q E
K(~ ~ ext ~r + ~ ext ~r −
−E ~ ext |~r .
p · ∇) E
= (~ (2.53)
2 2
72 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

~+
K
~ ext
E
+

p~


~−
K

Abbildung 2.26: Kräfte auf einen Dipol aufgrund eines inhomogenen externen elektrischen
~ + | > |K
Felds (|K ~ − |).

Ein inhomogenes externes elektrisches Feld kann somit auf einen Dipol eine Kraft ausüben.
Neben der Kraft ist auch das Drehmoment von Bedeutung. Das Drehmoment einer
Kraft im Punkt P um den Punkt P0 ist durch das Kreuzprodukt von Hebelarm und Kraft
gegeben (Abb. 2.27).
M~ P = ~rP P × K
~P
0 0

Für eine Ladungswolke mit der Raumladung % im endlichen Volumen V ergibt sich für eine

~P
K
P

~rP0 P

~P
M 0

P0

Abbildung 2.27: Drehmoment um den Punkt P0 .

~ im Vakuum
elektrische Feldstärke E
Z
~ (~r0 ) =
M ~ r) dV .
(~r − ~r0 ) × %(~r)E(~
V

Wird die elektrische Feldstärke durch die Ladungswolke selbst erzeugt (siehe (2.46))

~r − ~r 0
Z Z
1
~ (~r0 ) =
M (~r − ~r0 ) × %(~r)%(~r 0 ) dV dV 0 = ~0 ,
4πε0 V V |~r − ~r 0 |3
2.11. Kräfte im elektrostatischen Feld 73

verschwindet das Drehmoment, weil mit

(~r − ~r0 ) × ~r − ~r 0 = ~r − ~r 0 + ~r 0 − ~r0 × ~r − ~r 0 = ~r 0 − ~r0 × ~r − ~r 0


    

der Ausdruck unter dem Integral bei Vertauschung von ~r und ~r 0 das Vorzeichen wechselt.
Damit gibt es zu jedem Integranden immer einen, der diesen auslöscht, und das gesamte
Integral verschwindet. Eine Ladung übt somit auf sich selbst kein Drehmoment aus. Gibt es
eine weitere Ladungswolke, die ein elektrisches Feld erzeugt, gilt analog zur Kraft

~ 12 (~r0 ) = −M
M ~ 21 (~r0 ) .

Als Beispiel soll wieder der physikalische Dipol aus Abb. 2.21 in einem elektrischen Feld
~ an der Stelle ~r betrachtet werden. Das Drehmoment ergibt sich aus der Summe über die
E
Drehmomente der beiden Ladungen
" ! ! ! !#
~l ~l ~l ~l
M~ (~r0 ) = q ~r + − ~r0 × E~ ~r + − ~r − − ~r0 × E ~ ~r − .
2 2 2 2

Da der Dipol auf sich selbst kein Drehmoment ausübt, muss man wieder nur das elektrische
Feld berücksichtigen, das nicht vom Dipol selbst stammt. Dieses externe Feld sei konstant

~+
K

~0
E p~


~−
K

~ − = −K
K ~+

Abbildung 2.28: Kräfte auf einen Dipol aufgrund eines homogenen externen elektrischen
Felds.

~ 0 . Das resultierende Drehmoment (Abb. 2.28)


und habe den Wert E
" ! !#
~l ~l
~ =q
M ~r + − ~r0 − ~r − − ~r0 ~ 0 = q~l × E
×E ~ 0 = p~ × E
~0
2 2

hängt nicht mehr von der Wahl des Punkts P0 ab (Abb. 2.29). Ist das Feld parallel oder
antiparallel zum Dipolmoment, verschwindet das Drehmoment. Im antiparallelen Fall ist das
Gleichgewicht instabil und im parallelen stabil. Ein Feld kann somit einen Dipol, der drehbar
ist, parallel zum Feld ausrichten.
74 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

~
M

~
E

p~

Abbildung 2.29: Drehmoment auf einen Dipol in einem elektrischen Feld.

Im Fall des mathematischen Dipols erhält man mit der Näherung (2.52) für ein inhomo-
genes externes Feld bis erster Ordnung in l
" ! ! !
~l ~l
~ (~r0 ) ≈ q
M ~r + − ~r0 × E ~ ext (~r) + ·∇ E ~ ext |~r
2 2
! ! !#
~l ~l
− ~r − − ~r0 × E ~ ext (~r) − ·∇ E ~ ext |~r
2 2

~ ext (~r) + (~r − ~r0 ) × (~


= p~ × E ~ | .
p · ∇) E
| {z ext }~r
~ r)
=K(~

Für das inhomogene externe Feld ergibt sich ein weiterer Anteil, der proportional zur Kraft
auf den Dipol ist und vom Ort P0 abhängt.

2.12 Allgemeine Materialgleichung in ruhender Materie


In einem Dielektrikum ist die Materie polarisierbar. So besteht z. B. reines Wasser aus H2 O-
Molekülen, deren Atome einen permanenten Dipol bilden. Ohne elektrisches Feld sind diese
Dipole zufällig orientiert. Legt man nun von außen ein elektrisches Feld an, orientieren sich
die Dipole in Richtung des Felds, wobei das Dipolmoment und die elektrische Feldstärke
parallel sind (Abb. 2.30).3 Dadurch entsteht eine Polarisation P~ mit der Einheit
h i As
P~ = 2 ,
m
die durch die Dipoldichte gegeben ist
P
p~i
P~ = .
∆V
Die Summe läuft über alle Dipole im Volumen ∆V , das hinreichend klein aber nicht zu klein
sein sollte. Es handelt sich bei der Polarisation wieder um eine makroskopische Materialgröße,
3
Aufgrund der thermischen Energie der Wassermoleküle richtet sich jedoch nur ein geringer Teil der Mo-
leküle exakt nach dem Feld aus, was in Abb. 2.30 der Übersichtlichkeit halber nicht dargestellt ist.
2.12. Allgemeine Materialgleichung 75

− + + + +

+ −
+ − − −

~
E − ~
E + + +
+ −
− +
+ − − −

− + + +
+ −
− + +
− − −

Abbildung 2.30: Ausrichtung von molekularen Dipolen: links ohne elektrisches Feld, rechts
mit einem elektrischen Feld.

die durch Mittelung über mikroskopische Größen bestimmt wird und die nur eine Näherung
für Materie darstellt. Da die Ursache der Polarisation die Ladungen auf den Molekülen sind,
trägt diese zur elektrischen Flussdichte bei

~ = ε0 E
D ~ + P~ (2.54)

Dies ist die allgemeine Materialgleichung für den Zusammenhang zwischen der elektri-
schen Flussdichte und Feldstärke in ruhender Materie. Man darf die mikroskopischen und
makroskopischen Gleichungen nicht beliebig mischen. In Rahmen dieser Vorlesung werden
immer die makroskopischen Gleichungen verwendet und die Polarisationseffekte werden nur
durch die Polarisation beschrieben. Die mikroskopischen Dipole sind hierbei nicht von Be-
deutung und tauchen in den makroskopischen Gleichungen nicht explizit auf. Würde man die
mikroskopischen Dipole und die makroskopische Polarisation gleichzeitig verwenden, würde
man deren Effekt doppelt berücksichtigen.
Ist die Polarisation linear in der elektrischen Feldstärke

P~ = ε0 χE
~

mit der feldunabhängigen elektrischen Suszeptibilität χ, bezeichnet man das Dielektrikum


als linear. Die elektrische Flussdichte lautet dann
~ = (1 + χ)ε0 E
D ~ = εE
~

mit der Permittivitätszahl (relative Permittivität)


ε
εr = 1 + χ = .
ε0
Weiterhin wurde für diese Beziehung angenommen, dass die elektrische Feldstärke und Po-
larisation parallel sind, was bedeutet, dass die elektrische Suszeptibilität ein Skalar ist. Eine
solche Materie bezeichnet man als isotrop (die Polarisation hängt nicht von der Richtung
des elektrischen Felds ab). Ist das Material linear und anisotrop, ist die Suszeptibilität eine
Matrix     
Px χxx χxy χxz Ex
Py  = ε0 χyx χyy χyz  Ey  .
Pz χzx χzy χzz Ez
76 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Ist das Material reziprok, ist die Matrix symmetrisch.


Im allgemeinsten Fall gilt
~ = ε0 E
D ~ + P~ (E)
~ ,

wobei die Polarisation eine beliebige Funktion der elektrischen Feldstärke ist. Z. B. hängt in
einem Ferroelektrikum die Flussdichte von der Vorgeschichte der Feldstärke ab und es kommt
zur Hysterese (Abb. 2.31). Man beachte, dass die Polarisation im Allgemeinen nicht wirbelfrei

Abbildung 2.31: Hysterese in einem Ferroelektrikum.

sein muss
rot P~ ≥ 0 ,

oder I
P~ · d~r ≥ 0 .


C

Somit muss auch die elektrische Flussdichte D ~ in Materie im elektrostatischen Fall nicht mehr
wirbelfrei sein, was wieder den fundamentalen Unterschied zur elektrischen Feldstärke zeigt,
die weiterhin wirbelfrei ist. Mit einer ortsabhängigen Permittivität gilt z. B.
 
~ = rot εE ~ = ε rot E ~ ~ ~
rot D | {z } −E × grad ε = −E × grad ε .
=~0

Die Ausrichtung der Dipole nach dem Feld bezeichnet man als Orientierungspolari-
sation. Sie ist stark von der Temperatur abhängig, da die Orientierung der Moleküle durch
Stöße der Moleküle untereinander geändert wird. Weiterhin brauchen die Moleküle eine ge-
wisse Zeit, um sich nach dem elektrischen Feld auszurichten. Dies bedingt eine starke Fre-
quenzabhängigkeit der Polarisation. Die relative Permittivität von reinem Wasser beträgt bei
Raumtemperatur bis in den GHz-Bereich etwa 81 und fällt im Bereich optischer Frequenzen
auf 2.2 ab.
2.13. Die Spiegelungsmethode 77

Viele Kristalle bestehen aus Ionen (z. B. NaCl) und ein elektrisches Feld führt zu ei-
ner Verschiebung der positiven und negativen Ionen gegeneinander. Dies bezeichnet man als
Verschiebungspolarisation oder Ionenpolarisation, die wenig von der Temperatur abhängt
und bis in den Infrarotbereich hinein wirkt. Im Bereich des sichtbaren Lichts tritt nur noch
die Elektronenpolarisation auf, bei der sich die leichte Elektronenhülle gegenüber dem
schweren Atomkern verschiebt.
Das elektrische Feld ist nicht die einzige Ursache von Polarisation. In manchen Kristallen
bildet sich an Grenzflächen spontane Polarisation aus (z. B. GaN). Ebenso können äuße-
re Einflüsse wie Erwärmung oder Verspannung (Piezoelektrizität, z. B. PZT) Polarisation
erzeugen.

2.13 Die Spiegelungsmethode zur Lösung von Potenzialpro-


blemen
Es wird wieder der gesamte Raum betrachtet, der mit einem linearen, homogenen und isotro-
pen Dielektrikum vollständig ausgefüllt sei. Es gibt keine Rand- und Grenzflächen. In dem
Dielektrikum befinden sich zwei Punktladungen, die den gleichen Betrag und entgegengesetz-
te Vorzeichen haben und sich an den Orten ±d~ex befinden. Diese Ladungsanordnung ist in
Abb. 2.32 dargestellt. Unter der Voraussetzung, dass das Potenzial der Punktladungen im

−q +q
−d z +d x

Abbildung 2.32: Schematische Darstellung der Feldlinien und Äquipotenzialflächen des elek-
trischen Felds für zwei betragsmäßig gleich große entgegengesetzte Punktladungen in der
Ebene z = 0. Das Feld ist rotationssymmetrisch um die x-Achse. Eine numerische Berech-
nung des Felds ist in Abb. 2.22 links dargestellt, wobei die Anordnung um 90 Grad gedreht
wurde.

Unendlichen verschwindet, lautet das gesamte Potenzial der Anordnung mit (2.35)
!
q 1 1
ϕ(x, y, z) = 1 − 1 . (2.55)
4πε ((x − d)2 + y 2 + z 2 ) 2 ((x + d)2 + y 2 + z 2 ) 2
78 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Die yz-Ebene mit x = 0 ist die Äquipotenzialfläche für ϕ(0, y, z) = 0. Auf einer Äquipoten-
zialfläche steht die elektrische Feldstärke senkrecht, genau wie auf einem Leiter. Weiterhin
ist eine Leiteroberfläche eine Äquipotenzialfläche und es ist möglich, eine beliebige Äqui-
potenzialfläche als Oberfläche eines Leiters zu betrachten, der das gleiche Potenzial wie die
Äquipotenzialfläche haben muss. In diesem Beispiel wird dazu der gesamte linke Halbraum
mit x ≤ 0 durch einen Leiter ersetzt, der auf dem Potenzial ϕLeiter = 0 liegt (Abb. 2.33). Das
elektrische Feld im Halbraum mit x > 0 ändert sich durch diese Metallisierung des anderen
Halbraums nicht, da das Potenzial (2.55) immer noch die Poisson-Gleichung für x > 0 und die
neue Randbedingung erfüllt. Es ist damit die Lösung des Potenzialproblems. Allerdings befin-
det sich jetzt an der Stelle −d~ex keine Ladung mehr. An ihre Stelle tritt eine Flächenladung
auf der Oberfläche des Leiters

~ x=0 = − q d
σ(y, z) = Div D| .
2π (d2 + y 2 + z 2 ) 32

Integriert man diese über die gesamte yz-Ebene, ergibt sich genau −q als Gesamtladung
des Leiters. Diese Flächenladung übt genau wie die negative Punktladung eine Kraft auf
die positive Punktladung aus. Da sich negative und positive Ladungen anziehen, wird eine
Ladung vor einer Metallwand immer von ihrer Influenzladung auf dem Metall angezogen.
Dies gilt auch für eine negative Ladung vor einer Metallwand, die eine positive Flächenladung
induziert. Diese anziehende Kraft vom Typ der Coulomb-Kraft (2.51)
2
~ = − 1 q ~ex
K
4πε (2d)2
ist proportional zum Quadrat der Ladung q. Dies rechtfertigt im Nachhinein die Definition
der Feldstärke in Abs. 2.2, bei der angenommen wurde, dass die Probeladung gegen null
gehen muss. Dies bedeutet, dass die durch Metalle erzeugten Selbstkräfte der Probeladung
schneller verschwinden als die Kräfte durch das elektrische Feld, das vor dem Einbringen der
Probeladung herrschte.
Dieses Prinzip, dass man einen Raumbereich durch leitfähiges Material ersetzt, kann man
auch in umgekehrter Reihenfolge anwenden.

Spiegelung an einer leitfähigen Ebene: Befindet sich vor einem ebenen Leiter eine
Punktladung am Ort ~rRand +d~n, wobei ~rRand auf der Leiteroberfläche liegt und ~n senkrecht auf
ihr steht (Abb. 2.34), so kann man das Potenzialproblem lösen, indem man an den Ort ~rRand −
d~n eine Punktladung von gleichem Betrag aber mit entgegengesetztem Vorzeichen platziert.
Der Leiter wird dann entfernt und der frei werdende Halbraum mit dem gleichen homogenen
Dielektrikum ausgefüllt. Das Potenzial ist dann durch das Potenzial der Ladungsanordnung
gegeben. Dies bezeichnet man als Spiegelungsmethode. Handelt es sich bei der Ladung
um eine verteilte Ladung (Raum-, Flächen-, oder Linienladung), so spiegelt man die gesamte
Ladungsanordnung an der Grenzfläche.

Das Prinzip der Spiegelladung kann man verallgemeinern. Man wählt eine Gegenladung
vom Betrag und Ort her so, dass die gesamte Ladungsanordnung eine Äquipotenzialfläche er-
zeugt, die genau auf der Leiteroberfläche liegt. Dabei dürfen keine Spiegelladungen in den ur-
sprünglichen Lösungsraum fallen, da dies die Lösung des Potenzialproblems im Lösungsraum
verändern würde. Die Gesamtladung des Leiters sollte genau der Spiegelladung entsprechen.
Trägt der Leiter eine andere Gesamtladung, so zerlegt man das Problem in zwei Teile, wo-
bei der Leiter im einen Fall die Spiegelladung trägt und im anderen die Differenzladung. Im
2.13. Die Spiegelungsmethode 79

y
σ

−q +q
Metall x
−d +d

Abbildung 2.33: Schematische Darstellung der Äquipotenzialflächen und Feldlinien der elek-
trischen Feldstärke für eine Punktladung vor einer metallischen Wand in der Ebene z = 0.
Das Feld ist rotationssymmetrisch um die x-Achse.

+ +q
d~n

−d~n
− −q ~rRand + d~n

~rRand
ε
~rRand − d~n

Metall

Abbildung 2.34: Spiegelung einer Punktladung an einer metallischen Ebene.


80 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

zweiten Fall lässt man die ursprüngliche Ladung, die gespiegelt wird, weg und superponiert
dann anschließend beide Lösungen.

Spiegelung an einer leitfähigen Kugel: Dies soll nun für eine Metallkugel, die die La-
dung Q trägt und vor der sich eine Punktladung mit der Ladung q befindet, gezeigt werden.
Die Metallkugel sei um den Ursprung zentriert und habe den Radius R. Der gesamte Außen-
raum ist mit einem ungeladenen, linearen, isotropen und homogenen Dielektrikum ausgefüllt.
An der Stelle ξ~ex befindet sich die Punktladung. Die Spiegelladung habe den Wert −q 0 und
befinde sich an der Stelle ξ 0~ex (Abb. 2.35). Das Potenzial der beiden Punktladungen lautet
!
1 q q0
ϕ(x, y, z) = p −p .
4πε (x − ξ)2 + y 2 + z 2 (x − ξ 0 )2 + y 2 + z 2

Es soll nun die Kugeloberfläche mit x2 + y 2 + z 2 = R2 die Äquipotenzialfläche für ϕ = 0 sein.


Aus dieser Beziehung folgt für x = ±R und ξ 0 < R < ξ

q0 R − ξ0 R + ξ0
= = .
q ξ−R ξ+R
Daraus ergibt sich die Position der Spiegelladung

R2
ξ0 =
ξ
und ihr Wert
R
q0 = q.
ξ
Die Metallkugel trägt bisher nur die Ladung −q 0 . Deswegen wird noch eine weitere Punktla-
dung Q + q 0 in den Ursprung des Koordinatensystems gesetzt, sodass die Gesamtladung der
Kugel Q ist. Das Potenzial der Punktladung im Ursprung hat ebenfalls eine Äquipotenzial-
fläche auf der Oberfläche der Metallkugel und man kann die beiden Potenziale überlagern
!
1 q q0 Q + q0
ϕ(x, y, z) = p −p +p .
4πε (x − ξ)2 + y 2 + z 2 (x − ξ 0 )2 + y 2 + z 2 x2 + y 2 + z 2

Dies ist das Potenzial für eine Punktladung vor einer geladenen Metallkugel. Es gilt nur im
Lösungsraum außerhalb der Metallkugel (x2 + y 2 + z 2 > R2 ).
Ist die Metallkugel geerdet und liegt auf dem Potenzial ϕ = 0, dann ist Q = −q 0 und
die Metallkugel trägt nur die Ladung −q 0 . Da die Punktladung und die Spiegelladung unter-
schiedliche Vorzeichen haben, zieht eine geerdete Metallkugel eine Ladung an. In Abb. 2.36
sind die Äquipotenzialflächen und Feldlinien für diesen Fall in der Ebene z = 0 dargestellt.
Nur die Äquipotenzialfläche für ϕ = 0 ist eine Kugel. Alle anderen Flächen haben eine andere
Form. Da |q| > |q 0 | ist, gibt es auf der negativen x-Achse eine Stelle, an der das Feld verschwin-
det. In diesem Punkt schneiden sich Feldlinien und es treffen sich zwei Äquipotenzialflächen.
Das Potenzial ist im gesamten Lösungsgebiet nicht negativ.

Spiegelung an einem leitfähigen Metallzylinder: Es wird ein in z-Richtung unend-


lich langer Metallzylinder mit dem Radius R in einem ungeladenen, homogenen, isotropen
und linearen Dielektrikum betrachtet, vor dem parallel zum Zylinder eine Linienladung liegt
(Abb. 2.37). Die Linienladung mit der homogenen Linienladungsdichte %L befinde sich in
2.13. Die Spiegelungsmethode 81

y
Q

ε
R
−q 0 +q
z x
ξ0 ξ

Abbildung 2.35: Spiegelung einer Punktladung an einer geladenen Metallkugel.

Abbildung 2.36: Äquipotenzialflächen und Feldlinien für eine Punktladung (schwarzer Punkt)
vor einer geerdeten Metallkugel (grauer Kreis) mit Q = −q 0 in der Ebene z = 0. Da das Po-
tenzial an der Stelle der Punktladung gegen unendlich geht, wurde die Farbskala bei einem
endlichen Potenzialwert abgeschnitten. Im weißen Fleck ist das Potenzial größer als dieser
Wert. Das Feld ist rotationssymmetrisch um die Verbindungslinie vom Mittelpunkt der Me-
tallkugel zur Punktladung.
82 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

y P

~r
ρ− ρ+
ϕZyl. R
−%L +%L
z x
ξ0 ξ
ε

Abbildung 2.37: Spiegelung einer Linienladung an einem metallischen Zylinder.

der xy-Ebene am Ort ξ~ex und die Spiegelladung mit der Dichte −%L an der Stelle ξ 0~ex mit
ξ 0 < R < ξ. Das Potenzial der beiden Linienladungen erhält man durch Überlagerung von
(2.34)
p
%L ρ+ %L (x − ξ)2 + y 2
ϕ(~r) = − ln =− ln p ,
2πε ρ− 2πε (x − ξ 0 )2 + y 2

wobei das Potenzial im Unendlichen verschwindet. Durch ρ2 = x2 + y 2 = R2 ist eine Äquipo-


tenzialfläche gegeben und für x = ±R muss das Potenzial den selben Wert annehmen, woraus
folgt
ξ−R R+ξ
0
= .
R−ξ R + ξ0
Für den Ort der Spiegelladung ergibt sich

R2
ξ0 = .
ξ

Man beachte, dass der Metallzylinder auf dem Potenzial

%L ξ
ϕZyl. = − ln
2πε R
liegt und die Linienladung −%L trägt.
Die Äquipotenzialflächen ergeben sich, wenn man man das Argument des Logarithmus
auf einen konstanten Wert setzt
p
(x − ξ)2 + y 2
p =c.
(x − ξ 0 )2 + y 2

Das Potenzial ist dann ϕ = −%L /(2πε) ln c und es ergeben sich Kreise in der xy-Ebene
2
ξ − c2 ξ 0 c(ξ − ξ 0 ) 2
  
2
x− +y =
1 − c2 1 − c2
2.13. Die Spiegelungsmethode 83

mit c > 0. Verschiebt man den Ursprung in die Mitte zwischen den beiden Linienladungen,
lauten die Kreisgleichungen
2
1 + c2 2cd 2
  
2
x− d + y =
1 − c2 1 − c2

mit dem Abstand der beiden Linienladungen 2d = ξ − ξ 0 . Alle Äquipotenzialflächen sind


in diesem Fall Zylinderflächen, wobei die Fläche für ϕ = 0 in die yz-Ebene, die genau zwi-
schen den beiden Ladungen liegt, entartet (Abb. 2.38). Die Feldlinien sind durch Kreisbögen
gegeben, die von der positiven zur negativen Linienladung zeigen.
Da in diesem Fall alle Äquipotenzialflächen Zylinderflächen sind, kann man auch noch eine
zweite zylinderförmige Metallschicht einführen, ohne dass sich das Potenzial im Dielektrikum
ändert (Abb. 2.39).

Spiegelung an einem dielektrischen Halbraum: Es soll sich eine Punktladung q im


Vakuum mit dem Abstand d vor einem dielektrischen Halbraum mit der Permittivität ε
befinden (Abb.2.40). Für die beiden Halbräume (Vakuum mit x > 0 und Dielektrikum mit
x < 0) werden unterschiedliche Potenzialansätze gemacht
  
1 q q0


4πε0 1 − 1 x>0
ϕ(x, y, z) = [(x−d)2 +y 2 +z 2 ] 2 [(x+d)2 +y 2 +z 2 ] 2 .
1 q 00

 4πε 1 x<0
[(x−d)2 +y 2 +z 2 ] 2

Siehe Abb. 2.40 b) und c). Im Fall x > 0 wird der gesamte Raum von Vakuum erfüllt und
an der Stelle x = −d befindet sich die Spiegelladung −q 0 . Im zweiten Fall x < 0 ist der
gesamte Raum vom Dielektrikum erfüllt und an der Stelle der ursprünglichen Ladung bei
x = d befindet sich die Ladung q 00 . Man beachte, dass die Ladung −q 0 nicht im Lösungsraum
liegt, da sie nur im Fall x > 0 verwendet wird.
Der Ansatz enthält die beiden unbekannten Ladungen q 0 und q 00 , die wieder aus den
Grenzbedingungen für x = 0 bestimmt werden müssen. Zum einen muss das Potenzial stetig
sein !
1 q q0 1 q 00
1 − 1 =
4πε0 [(d)2 + y 2 + z 2 ] 2 [(d)2 + y 2 + z 2 ] 2 4πε [(d)2 + y 2 + z 2 ] 12

und damit
ε0 00
q − q0 = q .
ε
~ =
Zum anderen muss die Normalkomponente der elektrischen Flussdichte stetig sein (Div D
Dx (0+) − Dx (0−) = 0)
" !#
∂ 1 q q0
ε0 1 − 1
∂x 4πε0 [(x − d)2 + y 2 + z 2 ] 2 [(x + d)2 + y 2 + z 2 ] 2 x=0
" #
∂ 1 q 00

∂x 4πε [(x − d)2 + y 2 + z 2 ] 21
x=0

und somit
q + q 0 = q 00 .
84 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

−%L +%L
−d z +d x

Abbildung 2.38: Schematische Darstellung der Äquipotenzialflächen und Feldlinien für eine
Linienladung vor einem Metallzylinder für z = 0. Das Feld ist translationsinvariant in z-
Richtung.

−q +q
−d z +d x

Abbildung 2.39: Schematische Darstellung der Äquipotenzialflächen und Feldlinien für zwei
Metallzylinder in der Ebene z = 0. Das Feld ist translationsinvariant in z-Richtung.
2.14. Kapazitätskoeffizienten für ein Leitersystem 85

a) y b) y c) y

q −q 0 q q 00
z x z x z x
d −d d d
ε ε0 ε0 ε0 ε ε
x>0 x<0

Abbildung 2.40: Punktladung vor einem dielektrischen Halbraum a) und die beiden Ersatz-
anordnungen für x > 0 b) und x < 0 c).

Dies ergibt für die beiden Ladungen

ε − ε0
q0 = q
ε + ε0

q 00 = q.
ε + ε0

Mit diesen beiden Ladungen erfüllt der Ansatz die Grenzbedingungen und die Laplace-
Gleichung. Dies ist daher die Lösung des Potenzialproblems.
Die Kraft auf die Punktladung lässt sich mit der Ersatzanordnung für x > 0 berechnen.
Da die Ladung q in diesem Fall keine Kraft auf sich selbst ausübt, muss man nur die Kraft
von −q 0 bei der Berechnung berücksichtigen
" #
q ∂ q 0 1 ε − ε0 q 2
~ =
K 1 ~ex = − ~ex
4πε0 ∂x [(x + d)2 + y 2 + z 2 ] 2 4πε0 ε + ε0 (2d)2
x=d,y=0,z=0

Die Ladung wird von dem dielektrischen Halbraum angezogen und da es sich um eine Selbst-
kraft handelt, ist die Kraft proportional zum Quadrat der Ladung.

2.14 Kapazitätskoeffizienten für ein Leitersystem


Hat man mehr als zwei Elektroden, muss man den Kapazitätsbegriff erweitern. In Abb. 2.41
ist ein Beispiel mit drei Leitern dargestellt. Es werden nur Systeme mit endlicher Größe
betrachtet, die durch entsprechende Randbedingungen begrenzt sind und nicht in mehre-
re unabhängige Gebiete zerfallen. Dabei sollte man die Größe des Lösungsraums so groß
wählen, dass sie einen möglichst geringen Einfluss auf das Ergebnis hat. Der abgeschlossene
Lösungsraum hat den Vorteil, dass die Summe aller Ladungen genau null ergibt, wie später
noch gezeigt wird, und es somit keine Kapazität gegen unendlich wie bei der Metallkugel
im Vakuum gibt. Der Kugelkondensator ist ein Spezialfall und in der Realität wird sich die
Gegenladung nicht im Unendlichen sondern in der Umgebung der Kugel auf einem geerdeten
Leiter befinden. Deswegen reicht es, endlich große abgeschlossene Systeme zu betrachten.
Das Leitersystem habe N + 1 Leiter, wobei der Leiter 0 geerdet sei. Das Potenzial des
i-ten Leiters sei ϕi und die Potenziale aller Leiter werden vorgegeben. Der Lösungsraum
sei wieder mit einem ungeladenen, linearen und isotropen Dielektrikum ausgefüllt und alle
Flächenladungen auf den Grenzflächen seien mit Ausnahme der Leiter gleich null. Das Rand-
wertproblem ist linear, was es ermöglicht, die Lösung als Überlagerung von elementaren
86 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Neumannsche Randbedingung

ε0 Grenzfläche (σ = 0)

ε1 %=0
Q2 Leiter

F2 ϕ2 ϕ1
~n dF~2 Dirichletsche
Randbedingung

Leiter 0, Masse ϕ0 = 0

Abbildung 2.41: Beispiel für ein System mit drei Leitern, wobei der Leiter 0 geerdet ist. Das
Lösungsgebiet ist der leicht graue Bereich.

Lösungen νi (~r) für die einzelnen Leiterpotenziale darzustellen


N
X
ϕ(~r) = ϕi νi (~r) . (2.56)
i=0

Die Elementarlösungen νi sind spezielle Lösungen des Randwertproblems, die die Laplace-
Gleichung im Lösungsgebiet und alle Grenz- und Randbedingungen erfüllen müssen, wobei
die Dirichletschen Randbedingungen folgende Form annehmen

νi (~rRand,j ) = δi,j für i, j = 0, . . . , N .

Die i-te Elementarlösung hat auf dem i-ten Leiter den Wert eins und auf allen anderen Leitern
den Wert null. Multipliziert man die i-te Elementarlösung mit dem Potenzial des i-ten Leiters,
erhält man das Potenzial im Lösungsraum unter der Bedingung, dass alle Leiter bis auf den
i-ten geerdet sind. Aufgrund der speziellen Dirichletschen Randbedingungen ergibt sich durch
die Überlagerung (2.56) auf den Leitern genau das Potenzial ϕi . Das gesamte Potenzial erfüllt
damit alle Rand- und Grenzbedingungen und die Laplace-Gleichung, weswegen es aufgrund
der Eindeutigkeit des Randwertproblems die Lösung ist (siehe Abs. 2.7).
Die Ladung Qi auf dem i-ten Leiter mit der Oberfläche Fi , die nur denjenigen Teil der
Leiteroberfläche enthält, der mit dem Lösungsraum verbunden ist, beträgt
Z Z Z Z
Qi = σ dF = ~
Div D dF = ~
D · ~n dF = − ε grad ϕ · dF~ .
Fi Fi Fi Fi

Das Flächenelement dF~ steht senkrecht auf dem Leiter und zeigt in das Lösungsgebiet hinein.
Mit dem Überlagerungsansatz für das Potenzial ergibt sich
 
Z XN N  Z
X  X N
Qi = − ε grad  ϕj νj  · dF~ = − ε grad νj · dF~ ϕj = Cij ϕj ,
Fi j=0 j=0 Fi j=0
2.14. Kapazitätskoeffizienten für ein Leitersystem 87

wobei die Proportionalitätskonstante Cij Kapazitätskoeffizient genannt wird. Das Integral für
den Kapazitätskoeffizient kann auf die gesamte Oberfläche F des Lösungsgebiets erweitert
werden Z I
Cij = − ε grad νj · dF~ = − νi ε grad νj · dF~ .
Fi F

Durch die Multiplikation des Integranden mit der Elementarlösung νi trägt nur der i-te
Leiter, auf dem νi = 1 gilt, zu dem Integral bei. Auf allen anderen Leitern ist νi = 0 und auf
den weiteren Rändern des Lösungsgebiets gelten homogene Neumannsche Randbedingungen
~ · dF~ = 0). Da nun
(Abb. 2.41), sodass kein elektrischer Fluss durch diese Ränder fließt (D
über die gesamte Oberfläche des Lösungsgebiets integriert wird, kann man den Gaußschen
Satz anwenden I Z
Cij = − νi ε grad νj · dF~ = div (νi ε grad νj ) dV .
F V

Der Vorzeichenwechsel ist durch die Orientierung der Oberfläche des Lösungsgebiets bedingt,
die in das Lösungsgebiet hineinzeigt. Weil auf den Grenzflächen die entsprechenden homoge-
nen Grenzbedingungen (Rot E ~ = ~0, Div D
~ = 0) gelten, kann man den Gaußschen Satz trotz
eventueller Grenzflächen anwenden. Da das Lösungsgebiet keine Raumladung enthält, gilt die
Laplace-Gleichung für die Elementarlösungen

div (ε grad νj ) = 0

und mit (1.60)


Z Z
Cij = div (νi ε grad νj ) dV = ε grad νi · grad νj + νi div (ε grad νj ) dV .
V V | {z }
=0

Der Kapazitätskoeffizient lautet nun


Z
Cij = ε grad νi · grad νj dV (2.57)
V

Der Kapazitätskoeffizient ist symmetrisch Cji = Cij , die Elemente Cii sind positiv und die
anderen negativ.
Die Summe aller Elementarlösung ergibt im Lösungsgebiet genau eins

N
X
νi (~r) = 1 .
i=0

Summiert man alle Elementarlösungen, dann haben alle Dirichletschen Randbedingungen


den Wert eins. Diese konstante Lösung erfüllt auch die Laplace-Gleichung und alle anderen
Rand- und Grenzbedingungen. Sie muss daher die Lösung für dieses Problem sein. Mit dieser
Bedingung kann man das Potenzial auf Spannungen zurückführen. Aus ihr folgt

N
X
ν0 (~r) = 1 − νi (~r)
i=1
88 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

und
N
X N
X
ϕ(~r) = ϕi νi (~r) = ϕ0 ν0 (~r) + ϕi νi (~r)
i=0 i=1
N N N
!
X X X
= ϕ0 1− νi (~r) + ϕi νi (~r) = ϕ0 + (ϕi − ϕ0 )νi (~r)
i=1 i=1 i=1
N
X
= ϕ0 + Ui νi (~r)
i=1

mit der auf das Potenzial ϕ0 (Masse/Erde) bezogenen Spannung


Ui = ϕi − ϕ0 .
Für die elektrische Feldstärke muss nicht mehr über die Masse summiert werden
N
X
~ = − grad ϕ = −
E Ui grad νi
i=1

und somit
Z N  Z
X  XN
Qi = ~ · dF~ =
εE − ~
ε grad νj · dF Uj = Cij Uj .
Fi j=1 Fi j=1

Die Summe über j läuft jetzt nur noch von 1 bis N .


Für die Gesamtladung des Systems, die mit der Summe über die Ladung aller Leiter
berechnet wird, gilt
N
X N X
X N N X
X N
Qi = Cij Uj = Cij Uj = 0 ,
i=0 i=0 j=1 j=1 i=0
| {z }
=0

weil die Summe der Kapazitätskoeffizienten über alle Leiter inklusive der Masse verschwindet
N N
Z !
X X
Cij = ε grad νi · grad νj dV = 0 .
i=0 V i=0
| {z }
=1
| {z }
=0

Dies liegt daran, dass Ladungen im Unendlichen in dem Leitersystem durch die endliche Größe
des Lösungsgebiets ausgeschlossen sind. Somit liegen alle Ladungen und Gegenladungen im
System.
Da die Gesamtladung des Systems verschwindet, kann man die Ladung der Masse immer
über die anderen berechnen
XN
Q0 = − Qi .
i=1
Ordnet man die Ladungen und Spannungen der Leiter 1 bis N in Vektoren an
    
Q1 C11 · · · C1N U1
 ..   .. .. ..   ... 
.
 . = .  ,
 
.
QN CN 1 · · · CN N UN
2.14. Kapazitätskoeffizienten für ein Leitersystem 89

ergibt sich eine N × N -Matrix für die Kapazitätskoeffizienten. Diese ist symmetrisch, positiv
definit und die Inverse hat nur nicht negative Elemente.
Das Ersatzschaltbild einer Leiteranordnung bzgl. der Ladungen erhält man, indem man
zwischen allen Leiterpaaren Teilkapazitäten einfügt und es gilt Kij = Kji . Der Zusammen-
hang der Kapazitätskoeffizienten mit den indexTeilkapazität Teilkapazitäten einer Ersatz-
anordnung kann mit Abb. 2.42 für das Beispiel mit drei Leitern berechnet werden. Man legt

Neumannsche Randbedingung

ε0 Grenzfläche (σ = 0)

ε1 %=0
Q2 Leiter Q1

K21 = K12
ϕ2 ϕ1

U2 U1
K20 = K02 K10 = K01

Leiter 0, Masse ϕ0 = 0

Abbildung 2.42: Ersatzschaltbild mit drei Teilkapazitäten.

z. B. an den Leiter 1 eine Spannung an und allen anderen auf Masse. Die Ladung auf dem
Leiter 1 wird nun durch die Ladungen in den Teilkapazitäten dargestellt. Die Kapazitäten
K10 und K12 sind in diesem Fall parallel geschaltet und gleich C11 . Die Ladung auf dem Lei-
ter 2 ist die Gegenladung der Kapazität K21 = K12 und wird daher mit einem Minuszeichen
versehen. Für den Leiter 2 kann man die Kapazitäten analog ableiten. Insgesamt ergibt sich
für die Anordnung
       
Q1 C11 C12 U1 K10 + K12 −K12 U1
= = .
Q2 C21 C22 U2 −K21 K20 + K21 U2

Im Allgemeinen ergibt sich


N
X
Qi = Kij (Ui − Uj ) ,
j=0

wobei Ui − Uj die Spannung zwischen den Leitern i und j ist (U0 = 0). Das Hauptdiagonal-
element lautet somit
N
X
Cii = Kij
j=0
j6=i

und die Nebendiagonalelemente mit i 6= j

Cij = −Kij .
90 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

Da die Nebendiagonalelemente Cij der Kapazitätskoeffizienten negativ sind, sind alle Teil-
kapazitäten positiv. Diese einfachen Ausdrücke für die Teilkapazitäten erhält man nur unter
den zu Beginn des Abschnitts gemachten Voraussetzungen für ein abgeschlossenes System.

2.15 Die Energie eines elektrostatischen Systems


Es wird ein ruhender Plattenkondensator mit einem linearen, isotropen Dielektrikum und of-
fenen Klemmen betrachtet, auf dessen rechter Platte sich die positive Ladung Q und auf der
linken die Ladung −Q befindet (Abb. 2.43). Es wird nun von der linken Platte die positive
infinitesimale Ladung δQ entgegen der elektrischen Feldstärke quasistatisch zur rechten Plat-
te bewegt.4 Da die Ladung gegen die elektrische Feldstärke bewegt wird, muss mechanische

− +
−Q Q
− +
d~r
δQ +
− +

− +

Abbildung 2.43: Verschiebung einer infinitesimalen Ladung im Feld eines Plattenkondensa-


tors, dessen Klemmen offen sind.

Arbeit δAmech geleistet werden, die aufgrund der Energieerhaltung vollständig in potenzi-
elle elektrische Energie δWel umgewandelt wird. Da die Ladung weiterhin infinitesimal
ist, kann man die durch die Ladung δQ selbst erzeugte elektrische Feldstärke vernachlässigen.
Die gesamte notwendige Energie für die quasistatische Bewegung von der linken zur rechten
Platte ist mit (2.6)
rechte
Z Pl.
δAmech = δWel = − ~ · d~r = δQ(ϕrechte Pl. − ϕlinke Pl. ) = δQ U .
δQE
linke Pl.

U ist die durch die Ladung Q erzeugte Spannung zwischen den Platten mit Q = CU , wobei
C die Kapazität des Kondensators ist. Nimmt man an, dass die gesamte Ladung Q in infini-
tesimalen Portionen von der linken zur rechten Platte gebracht wurde, wobei das elektrische
Feld durch die Ladung erzeugt wird, ergibt sich für die gesamte im Kondensator gespeicherte
Energie
Z Q Z Q 0
Q 1 Q2 1 1
Wel = U (Q0 ) dQ0 = dQ0 = = Q U = C U2 ≥ 0 (2.58)
0 0 C 2 C 2 2
4
Quasistatisch bedeutet, dass die Bewegung so langsam ausgeführt wird, dass keine Energie durch Abstrah-
lung von elektromagnetischen Wellen, Wärme usw. verloren geht. Dies wird in der Vorlesung Elektromagne-

tische Felder I“ noch genauer besprochen.
2.15. Die Energie eines elektrostatischen Systems 91

Dies ist die gesamte elektrische Energie, die in dem Kondensator gespeichert ist.
Die elektrische Energie kann für ein lineares und isotropes Dielektrikum auch durch die
elektrische Feldenergiedichte ausgedrückt werden. Dazu wird wieder der ideale Plattenkon-
densator aus Abs. 2.8 betrachtet. Die Spannung (2.6) ergibt sich aus dem Integral von der
rechten zur linken Platte über die konstante Feldstärke
Z Z 0
U= ~
E · d~r = Ez dz = −dEz .
C d

Die Plattenladung kann auf die elektrische Flussdichte zurückgeführt werden


Z Z
dQ = dD~ · dF~ = D~ · (−~ez ) dF = −F dDz .
F F

Damit kann die Energie im Plattenkondensator berechnet werden


Z Q Z Z ~
D Z Z Dz Z ~
D
0 ~ 0 · dF~ = F d
Wel = U dQ = ~ · d~r dD
E Ez dDz0 =V E ~0
~ · dD
0 F ~0 C 0 ~0
Z ~
D ~0 ~
D ~0 = V 1D ·D
~ = V 1E~ ·D
~ .
=V · dD
~0 ε 2 ε 2

Teilt man den Ausdruck durch das Volumen des Dielektrikums durch, erhält man die elek-
trische Feldenergiedichte

1 ~2 1 ~2 1 ~ ~
wel = εE = D = E·D (2.59)
2 2ε 2

Obwohl der rechte Ausdruck die Permittivität nicht enthält und damit allgemein erscheint,
gilt er nur für lineare, isotrope Materie.
Es wird nun wieder eine Anordnung von N + 1 ruhenden, metallischen Leitern wie in
Abs. 2.14 betrachtet, für die die Summe der Ladungen aller Leiter verschwindet. Die Span-
nung Ui ist als Potenzialdifferenz zwischen dem i-ten und nullten Leiter definiert. Die im
Lösungsgebiet gespeicherte elektrische Feldenergie ist dann
Z Z
1 ~ 2 dV
Wel = wel dV = εE
V 2 V
Z N
!2
1 X
= ε − Ui grad νi dV
2 V
i=1
N N Z
1 XX
= ε grad νi · grad νj dV Uj Ui
2 V i=1 j=1
N N
1 XX
= Cij Uj Ui
2
i=1 j=1
N
1X
= Qi Ui ≥ 0 .
2
i=1

Die im elektrischen Feld gespeicherte Energie (oberste Zeile rechts) entspricht somit genau der
potenziellen Energie der Ladungen (unterste Zeile rechts, siehe auch (2.58)). Dies rechtfertigt
92 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

den obigen Ausdruck für die Feldenergie, der für den idealen Plattenkondensator abgeleitet
wurde, auch im allgemeinen Fall. Da die elektrische Feldenergiedichte nicht negativ ist, folgt
weiterhin, dass, falls nicht alle Spannungen gleich null sind, die Energie positiv und damit
die Matrix der Kapazitätskoeffizienten positiv definit sein muss.
Beinhaltet das Feldgebiet noch Raum- und Flächenladungen, muss man die entsprechen-
den Energien zu denen der Leiter addieren,
Z Z Z N
1 ~ 2 dV = 1 1 1X
Wel = εE %ϕ dV + σϕ dF + Qi ϕi (2.60)
2 V 2 V 2 FF ∩V 2
i=0

wobei das Flächenintegral über alle Grenzflächen ohne die Leiteroberflächen läuft und ϕi ist
das Potenzial des i-ten Leiters, der die Ladung Qi trägt. Da die endliche Gesamtladung nicht
notwendigerweise verschwinden muss, wurde die Energie unter der Annahme berechnet, dass
die Ladungen in infinitesimalen Portionen vom Unendlichen her an ihre Position gebracht
wurden. Das Potenzial soll dabei im Unendlichen verschwinden. Diese Gleichung ermöglicht
zwei Interpretationen. Zum einen kann man sagen, dass die Energie ausschließlich im elektri-
schen Feld gespeichert ist. Zum anderen kann man sagen, dass die Energie über die potenzielle
Energie der Ladungen bestimmt ist. Beide Sichtweisen sind hier gleichberechtigt, schließen
allerdings einander aus. Entweder verwendet man die eine oder die andere Formulierung. Eine
Mischung ist nicht möglich.
Über die Feldenergie lässt sich auch die Energie einer geladenen Metallkugel mit dem
Radius R und der Ladung Q (siehe Abb. 2.18) mit (2.36) berechnen
Q ~r 2 2
Z ∞ Z π Z 2π 
Q2 1 Q2
Z 
1 ~ 2 1
Wel = εE dV = ε r sin ϑ dφ dϑ dr = = .
2 V 2 R 0 0 4πε r3 8πεR 2 C
Lässt man nun den Radius der Metallkugel gegen null gehen, erhält man die elektrische
Energie einer Punktladung, die unendlich groß ist. Ein analoges Ergebnis erhält man für eine
Linienladung und beide Ladungstypen dürfen nicht vorkommen, wenn man die Feldenergie
berechnet.
Aus der Energieerhaltung lassen sich auch Kräfte bestimmen, da die mechanische Arbeit
über Kraft mal Weg geben ist. Es soll wieder der Plattenkondensator aus der Abb. 2.43 be-
trachtet werden. Einfachheitshalber soll angenommen werden, dass sich zwischen den beiden
Platten Vakuum befindet. Der Kondensator sei wieder mit der Ladung Q aufgeladen, die
Klemmen offen, die Platten haben den Abstand d und die Fläche F und die Kapazität sei
C = ε0 F/d. Verschiebt man nun die rechte Platte um ∆d bei konstanter Ladung Q nach
rechts, ändert sich die elektrische Energie im Kondensator um
1 Q2 1 Q2 1 Q2
∆Wel = ε0 F
− = ∆d .
2 d+∆d 2 ε0dF 2 ε0 F

Die im Kondensator gespeicherte Energie nimmt zu, wenn man den Plattenabstand bei kon-
stanter Ladung erhöht. Da keine elektrische Energie auf den Kondensator fließt (die Klemmen
sind offen und Q ist konstant), muss diese Änderung vollständig durch mechanische Arbeit
geleistet werden
1 Q2 ~ · ∆d~ = K ∆d .
∆Wel = ∆d = ∆Amech. = K
2 ε0 F
Die Kraft und die Verschiebung sind in diesem Beispiel parallel und es ergibt sich
1 Q2 1C 2
K= = U .
2 ε0 F 2d
2.15. Die Energie eines elektrostatischen Systems 93

y
d
+

U ε0 ε

z x
xD W

Abbildung 2.44: Plattenkondensator mit verschiebbarem Dielektrikum.

Man beachte, dass dies die Kraft ist, die man auf die rechte Platte ausüben muss, damit sie
sich bewegt. Dies bedeutet umgekehrt, dass sich die beiden Platten genau mit der entgegen-
gesetzten Kraft anziehen.
Als nächstes soll der Fall betrachtet werden, dass an dem Kondensator eine konstante
Spannung anliegt. Es wird wieder die rechte Platte um ∆d nach rechts verrückt. Die im
Kondensator gespeicherte Energie ändert sich bis erster Ordnung in ∆d um

1 ε0 F 1 ε0 F 2 1 ε0 F ∆d 2 1C 2
∆Wel = U2 − U ≈− U =− U ∆d .
2 d + ∆d 2 d 2 d d 2d

Die elektrische Energie im Kondensator nimmt also ab, wenn man den Plattenabstand bei
konstanter Spannung erhöht. Da Ladung von dem Kondensator abfließt, ist die von der
Spannungsquelle geleistete elektrische Arbeit negativ
 
ε0 F ε0 F C
∆Ael = ∆QU = U− U U ≈ − U 2 ∆d .
d + ∆d d d

Die insgesamt geleistete Arbeit muss der Änderung in der elektrischen Energie entsprechen

∆Ael + ∆Amech = ∆Wel .

Die Kraft ergibt sich wieder aus der mechanischen Arbeit

1C 2
K= U .
2d
Für ∆d → 0 ist diese Berechnung exakt und die Kraft ist die gleiche wie zuvor. Dieses
Beispiel zeigt, dass die Kraft nicht von der Wahl der Randbedingung (konstante Ladung oder
konstante Spannung) abhängt.
In Abb. 2.44 ist ein Plattenkondensator dargestellt, dessen Dielektrikum nach rechts ver-
schoben ist und an der Stelle xD beginnt. Die planparallelen, rechteckigen Platten sollen
die Weite W und Länge L haben. Es wird wieder angenommen, dass man die Streufelder
am Rand des Kondensators vernachlässigen kann und die elektrische Feldstärke ist für die
angelegte Spannung U und den Plattenabstand d im Inneren des Kondensators durch

~ = − U ~ey
E
d
94 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

gegeben. Die elektrische Flussdichte lautet


(
~ −ε0 Ud ~ey 0 ≤ x < xD
D(x) =
−ε Ud ~ey xD < x ≤ W

und es sind die entsprechenden Randbedingungen auf der Grenzfläche für x = xD erfüllt. Die
Energie im Kondensator ist durch
 
1 ε0 xD L ε(W − xD )L
Wel (xD ) = + U2
2 d d

gegeben. Verschiebt man das Dielektrikum um ∆x nach rechts, ändert sich die Energie um
1 (ε0 − ε)L 2
∆Wel = Wel (xD + ∆x) − Wel (xD ) = U ∆x = ∆Ael + ∆Amech = ∆QU + Kx ∆x ,
2 d
was genau wieder der mechanischen plus der von der Spannungsquelle geleisteten elektrischen
Arbeit entsprechen muss. Mit
(ε0 − ε)L
∆Q = U ∆x
d
lautet die Kraft, mit der das Dielektrikum aus dem Kondensator gedrückt werden muss,
1 (ε − ε0 )L 2
Kx = U .
2 d
Dies bedeutet wieder, dass das Dielektrikum mit genau der entgegengesetzten Kraft in den
Kondensator gezogen wird. Dieses Beispiel zeigt, dass die Kraft auch senkrecht zum Feld
wirken kann. Man kann diese Vorgehensweise zum Prinzip der virtuellen Verrückung verall-
gemeinern, mit dem sich Kräfte in elektrostatischen Systemen bestimmen lassen, was hier
jedoch nicht weiter verfolgt werden soll.

2.16 Die elektrische Doppelschicht


Es wird wieder ein homogenes, isotropes und lineares Material mit der Permittivität ε be-
trachtet, das den ganzen Raum ausfüllt. Die Doppelschicht ist eine glatte, orientierte Fläche
F , die mit mathematischen Dipolen belegt ist, deren Gesamtdipolmoment für ein gegebenes
Flächenelement dF~ die Größe
p = pF dF~
d~
hat. Das Potenzial der Doppelschicht wird durch Überlagerung der Beiträge der einzelnen
Dipole mit (2.42) bestimmt

~r − ~r 0
Z
1
ϕ(~r) = pF (~r 0 ) · dF~ 0 .
4πε F |~r − ~r 0 |3
Es wird weiterhin angenommen, dass die Dipoldichte auf der Fläche F konstant ist, und das
Integral kann vereinfacht werden (dF~ 0 = ~n(~r 0 ) dF 0 )

(~r − ~r 0 ) · ~n(~r 0 )
Z
pF
ϕ(~r) = dF 0
4πε F |~r − ~r 0 |3
cos (] ((~r − ~r 0 ), ~n(~r 0 )))
Z
pF
= dF 0 .
4πε F |~r − ~r 0 |2
2.16. Die elektrische Doppelschicht 95

~n

dF 0
dΩ
~r − ~r 0

~r 0 ~r

Abbildung 2.45: Projektion des infinitesimalen Flächenstücks dF~ 0 = ~n(~r 0 ) dF 0 auf eine Kugel
um den Beobachtungspunkt ~r.

Der Integrand definiert den Raumwinkel

cos (] ((~r − ~r 0 ), ~n(~r 0 )))


dΩ := dF 0
|~r − ~r 0 |2

durch Projektion des infinitesimalen Flächenstücks auf die Einheitskugel, deren Mittelpunkt
bei ~r liegt (Abb. 2.45). Das Flächenintegral gibt daher den Raumwinkel Ω (0 ≤ Ω ≤ 4π) an,
unter dem der Beobachter die Doppelschicht sieht
Z
pF pF
ϕ(~r) = dΩ = Ω.
4πε Ω(F ) 4πε

Dabei ist das Vorzeichen positiv zu zählen, wenn die positiven Ladungen der Dipole vom
Beobachter gesehen werden (Abb. 2.46). Im Fall einer geschlossenen und homogenen Dipol-
schicht (Abb. 2.47), bei der sich die positiven Ladungen außen befinden, lautet das Potenzial
(
0 , ~r außerhalb
ϕ(~r) = pF .
−ε , ~r innerhalb

Innerhalb der Doppelschicht sieht der Beobachter in jeder Richtung die negativen Ladungen
(Ω = 4π). Liegt der Beobachtungspunkt außerhalb der Doppelschicht, sieht der Beobach-
ter sowohl die positive als auch negative Ladung unter dem gleichen Raumwinkel. Da alle
Flächenstücke zum Potenzial beitragen, heben sich beiden Beiträge genau auf und das Po-
tenzial verschwindet. Bei dem Durchgang durch die Doppelschicht springt das Potenzial um
den Wert pεF . Das Potenzial ist auf einer Doppelschicht nicht stetig!
96 Kapitel 2. Elektrostatik: Das Feld ruhender Ladungen

− +

~n
− +


+


+


+
− Ω
+


+ ~r
+
1

Abbildung 2.46: Vorzeichenkonvention für die Doppelschicht.

+ +

− +
+ −

+ − − +
~rinnen
− +

− 2 +
+ −
− +
+ −
1 ~raußen
+

Abbildung 2.47: Geschlossene, homogene Dipolschicht.


Kapitel 3

Stationäre Felder

Ein Feld heißt stationär, wenn es nicht von der Zeit abhängt. Dies bedeutet, dass die zeit-
lichen Ableitungen aller Feldgrößen und Quellen verschwinden. Das elektrostatische Feld ist
damit ein stationäres Feld. In diesem speziellen Fall gilt allerdings noch zusätzlich, dass alle
Ladungen ruhen müssen. Im stationären Fall können sich Ladungen hingegen bewegen, je-
doch dürfen die entsprechenden Ladungsdichten nicht von der Zeit abhängen. Legt man z. B.
an einen Widerstand eine konstante Spannung an, so sind der Stromfluss und die Raumla-
dungsdichte im Widerstand zeitlich konstant und alle Größen sind stationär.

3.1 Experimentelle Grundlagen


1. Die Definition der elektrischen Feldstärke aus Abs. 2.2 ändert sich nicht, und es gilt
weiterhin (2.3) I
E~ · d~r = 0
C
für alle ruhenden und geschlossenen Kurven C.

2. In leitfähiger Materie verschwindet die elektrische Feldstärke im Allgemeinen nicht


mehr und die elektrische Feldstärke steht daher nicht unbedingt senkrecht auf einer
Leiteroberfläche.

3. In nicht idealen stromdurchflossenen Leitern wird elektrische Energie in Wärme umge-


wandelt.

4. Stromdurchflossene Leiter üben Kräfte aufeinander aus.

Da die elektrische Feldstärke nach (2.3) wirbelfrei ist, gelten alle in Abs. 2.2 daraus ab-
geleiteten Folgerungen. Die elektrische Feldstärke kann wieder mit (2.4) auf ein Potenzial
zurückgeführt werden
~ = − grad ϕ
E
und die integrale Feldgleichung (2.3) kann für hinreichend glatte Felder durch den differenzi-
ellen Ausdruck (2.7)
rot E~ = ~0

und die entsprechende Grenzbedingung (2.9)

~ = ~0
Rot E

97
98 Kapitel 3. Stationäre Felder

+ R

U I

Abbildung 3.1: Stromkreis bestehend aus einer Spannungsquelle und einem Widerstand.

∆F~
∆F
J~

I
~n
1 2

Abbildung 3.2: Gedankenexperiment zur Definition der Stromdichte.

ersetzt werden. Aus dieser Grenzbedingung folgt ebenfalls wieder (2.10) für einen Punkt PGF
auf der Grenzfläche
ϕ2 (PGF ) = ϕ1 (PGF )
und das Potenzial ist auf einer Grenzfläche stetig.

3.2 Die elektrische Stromdichte und die Konti-


nuitätsgleichung
Legt man an den Widerstand in Abb. 3.1 eine Spannung an, so fließt ein elektrischer Strom I,
der durch das Messgerät angezeigt wird. Über den Strom kann man mit einem Gedankenex-
periment analog zur elektrischen Flussdichte (siehe Abs. 2.4) die Stromdichte makroskopisch
definieren (Abb. 3.2)
Imax
J~ = lim ~nmax
∆F →0 ∆F

Dabei gibt ~nmax wieder die Richtung an, für die der gemessene Strom maximal wird (I =
Imax ), und die gesamte Anordnung wird auf einen Punkt zusammengezogen.
Alternativ kann man die Stromdichte auch mikroskopisch motivieren. Die elektrische
Feldstärke übt auf Ladungen eine Kraft aus (siehe Abs. 2.2). Sind die Ladungen nicht orts-
fest, bewegen sich diese und es kommt zum Ladungsfluss (Strom). Dies ist z. B. der Fall in
Metallen. Dort gibt es sogenannte freie“ Elektronen, die im Metall verschiebbar sind, wobei

das Metall selbst ungeladen ist, da es zu jedem Elektron eine positive, allerdings ortsfeste
Gegenladung im Kern der Metallatome gibt. Jedes freie Elektron hat eine Geschwindigkeit
3.2. Stromdichte und Kontinuitätsgleichung 99

− −
− −



~vi

qi −




− −

∆V
− − −

Abbildung 3.3: Elektronenensemble in einem Metall. Die positiven, ortsfesten Kernladungen


sind nicht dargestellt.

~vi , die zum größten Teil aufgrund der thermischen Energie zufällig ist, und eine Ladung qi
(Abb. 3.3). Führt man nun wieder im Sinn einer makroskopischen Betrachtung eine Mitte-
lung über ein endliches Volumen ∆V durch, so kann man eine makroskopische elektrische
Stromdichte vom Typ einer Flussdichte analog zur Polarisation (siehe Abs. 2.12) definieren
P
i qi ~
vi
J~ = (3.1)
∆V

Die Summe läuft über alle Ladungen im Volumen ∆V . Die Stromdichte hat die Einheit:
h i A
J~ = 2 .
m
Da die Geschwindigkeit ein Vektor ist, handelt es sich bei der Stromdichte um ein Vektor-
feld. Im Mittel gibt es im Volumen ∆V des betrachteten Metalls gleich viele Elektronen und
positive Ladungen, so dass die makroskopische Raumladungsdichte verschwindet. Es ist al-
so möglich, dass in einem Leiter mit verschwindender Raumladungsdichte ein Ladungsfluss
auftritt. Solange es bewegliche Ladungen gibt, kann Ladung unabhängig davon fließen, ob es
eine Raumladung gibt oder nicht.
Mit der Stromdichte kann man berechnen, wie viel Ladung dQ durch eine infinitesimale
Fläche dF mit dem Normalenvektor ~n während der Zeit dt fließt

dQ = J~ · ~n dF dt = J~ · dF~ dt .

Genau wie bei der elektrischen Flussdichte (siehe Abs. 2.4) ist nur die Komponente der
Stromdichte normal zur Fläche Jnorm = J~ · ~n von Bedeutung, da nur dieser Fluss durch die
100 Kapitel 3. Stationäre Felder

dF dF~ = ~n dF

~n

J~ F

Abbildung 3.4: Stromfluss in einem Leiter, durch dessen Querschnittsfläche F der Strom I
fließt. Außerhalb des Leiters fließt keine Ladung.

Fläche hindurch tritt. Integriert man die Stromdichte über eine endliche Fläche, erhält man
die entsprechende Flussgröße, den elektrischen Strom (Abb. 3.4)
Z
dQ
I= J~ · dF~ = (3.2)
F dt

mit der Einheit


[I] = A .
Das Integral gibt an, wie viel Ladung pro Zeit durch die Fläche tritt. Integriert man über die
Querschnittsfläche eines Leiters, erhält man den gesamten Strom, der im Leiter fließt.
Integration über eine geschlossene Hüllfläche F ergibt
I
dQ
J~ · dF~ = .
F dt
Dieses Hüllintegral gibt an, wie viel Ladung pro Zeit aus dem eingeschlossenen Volumen aus-
tritt. Im stationären Fall darf sich die Ladung im eingeschlossenen Volumen nicht ändern
und da Ladung weder erzeugt noch vernichtet werden kann, erhält man die stationäre Kon-
tinuitätsgleichung
I
J~ · dF~ = 0 (3.3)
F

Diese Gleichung besagt, dass die Stromdichte im stationären Fall zu keiner Änderung der
Ladungsverteilung in der Zeit führen darf. Dies ist die Feldgleichung in integraler Form für
die Stromdichte. Ist die Stromdichte hinreichend glatt und es liegen keine Rand- oder Grenz-
flächen im eingeschlossenen Volumen, so kann man mit dem Gaußschen Satz die Gleichung
wieder in die differenzielle Form überführen

div J~ = 0 (3.4)

mit der Grenzbedingung


Div J~ = 0 (3.5)
Handelt es sich um eine Grenze zwischen einem Leiter und einem Nichtleiter, geht die Grenz-
bedingung in eine homogene Neumannsche Randbedingung über, da in einem Nichtleiter die
Stromdichte verschwindet. Für Punkte auf dem Rand gilt
~ RAND ) · ~nRAND = 0 .
J(P (3.6)
3.2. Stromdichte und Kontinuitätsgleichung 101

I2
J~ = ~0

F I1
~n
F2
J~

F1
~n

Abbildung 3.5: Ein Leiter, der durch eine Hüllfläche in das eingeschlossene Volumen ein- und
wieder austritt.

Es kann somit an einem solchen Rand kein Strom aus dem Leiter herausfließen und die
Stromlinien sind parallel zum Rand (die Normalkomponente des Strom bzgl. des Rands ver-
schwindet), wie dies in Abb. 3.4 dargestellt ist.
Aus der stationären Kontinuitätsgleichung folgt sofort, dass die Form der Schnittfläche
keinen Einfluss auf den Strom hat, der in einem Leiter fließt. Wählt man eine beliebige
geschlossene Hüllfläche, durch die der Leiter an zwei Stellen mit den Schnittflächen F1 und
F2 hindurchtritt, so folgt aus der stationären Kontinuitätsgleichung und der Tatsache, dass
nur im Leiter Ladung fließt (Abb. 3.5)
I Z Z
J~ · dF~ = J~ · dF~ + J~ · dF~ = 0 ,
F F1 F2
| {z } | {z }
I1 I2

und somit
I2 = −I1 .
Die beiden Ströme sind bis auf das Vorzeichen gleich. Das unterschiedliche Vorzeichen folgt
aus der unterschiedlichen Orientierung der beiden Flächen F1 und F2 , die sich aus der nach
Außen gerichteten Orientierung der Hüllfläche ergibt. Man beachte, dass die Orientierung der
Schnittfläche das Vorzeichen des Stroms festlegt.
Aus ähnlichen Betrachtungen folgt für einen Leiterknoten (Abb. 3.6) die Kirchhoffsche
Knotenregel I XZ X
J~ · dF~ = J~ · dF~ = Ii = 0 ,
F i Fi i

wobei die Summe über alle Ströme läuft, die aus dem Knoten herausfließen. Der Knoten
wird von der Hüllfläche F komplett eingeschlossen und die Hüllfläche schneidet alle Leiter,
wodurch die Schnittflächen Fi der einzelnen Leiter entstehen. Diese sind wie die Hüllfläche
nach außen orientiert. Aus der Wirbelfreiheit der elektrischen Feldstärke (2.3) folgt analog
die Kirchhoffsche Maschenregel.
102 Kapitel 3. Stationäre Felder

I2 ~n
F2

F3

I3

F1

I1 F

Abbildung 3.6: Stromfluss aus einem Leiterknoten, der von einer Hüllfläche komplett einge-
schlossen wird.

3.3 Die Materialgleichung der Stromdichte und das Ohmsche


Gesetz
Das elektrische Feld übt auf eine Ladung eine Kraft aus, die bei einer beweglichen Ladung
zu einer Beschleunigung der Ladung führt. Die Ladungen bewegen sich immer schneller und
können im Vakuum fast Lichtgeschwindigkeit erreichen (z. B. Teilchenbeschleuniger). Im
einem Festkörper passiert dies nicht, da Elektronen unter anderem von den Gitteratomen,
die sich aufgrund der endlichen Temperatur um ihre Gleichgewichtslage bewegen,1 gestreut
werden, wobei sich ihre Richtung, Geschwindigkeit und Energie ändern kann (Abb. 3.7). Dies
reduziert die Geschwindigkeit der Elektronen und es stellt sich eine mittlere Geschwindigkeit
ein (Abb. 3.8), die von der elektrischen Feldstärke abhängt
~
~v = −µn E

mit der Elektronenbeweglichkeit µn . Das Minuszeichen berücksichtigt, dass das Elektron ne-
gativ geladen ist. Die Stromdichte ergibt sich durch Multiplikation mit der Elektronendichte
n und der Elementarladung −e
J~ = enµn E
~ .

Mit der spezifischen Leitfähigkeit des Materials κ = enµn ergibt sich die zum Ohmschen
Gesetz äquivalente lokale Beziehung, die für eine hinreichend kleine elektrische Feldstärke
als linear und isotrop angenommen werden kann

J~ = κE
~ (3.7)

Hierbei spielt es keine Rolle, ob sich Elektronen, Löcher oder Ionen bewegen. In vielen Fällen
ergibt sich in guter Näherung eine Beziehung in dieser Form (Tab. 3.1).
Das elektrische Feld ist nicht die einzige Ursache für eine Kraft auf geladene Teilchen. In
einem Festkörper, in dem die Dichte der Teilchen vom Ort abhängt, gibt es z. B. auch noch
1
Die Quasiteilchen der thermischen Gitterschwingungen bezeichnet man als Phononen. Bei einem Streuer-
eignis mit dem Gitter erzeugt oder vernichtet ein Elektron ein Phonon.
3.3. Die Materialgleichung der Stromdichte 103

300

Y [nm]
200

100

50
0 100 200 300 400
X [nm]

Abbildung 3.7: Pfad eines Elektrons in einem Halbleiter für eine stationäre elektrische
Feldstärke unter homogenen Bedingungen.

107
Geschwindigkeit [cm/s]

106

105 Elek.
Löcher

10−1 100 101 102


Elektrische Feldstärke [kV/cm]

Abbildung 3.8: Elektronen- und Löchergeschwindigkeit als Funktion der elektrischen


Feldstärke in Silizium

Tabelle 3.1: Leitfähigkeiten verschiedener Materialien

Leiter Isolatoren
[A/Vm] [A/Vm]
Kupfer 58 · 106 Glas 10−11
Gold 45 · 106 Porzellan 10−13
Aluminium 37 · 106 Glimmer 10−13
Eisen 10 · 106 Hartgummi 10−13
Quecksilber 106 Papier 10−15
104 Kapitel 3. Stationäre Felder

eine Diffusionskraft. Diese entsteht durch die thermische Energie der Ladungsträger und ist
proportional zum Gradienten der Dichte (Halbleiter, Batterie usw.). Die Stromdichte setzt
sich dann aus einem Drift- und einem Diffusionsterm zusammen
     
~ ~ ~ n ~ n
J = enµn E + eµn UT grad n = enµn E + UT grad ln = κ E + UT grad ln
n0 n0
UT ist die thermische Spannung (26mV für Raumtemperatur) und n0 eine Normierungs-
größe. Diese zusätzlichen Kräfte, die ihre Ursache nicht in der elektrischen Feldstärke ha-
ben, beschreibt man durch eine Pseudofeldstärke, die sogenannte eingeprägte“ Feldstärke,

die früher auch als elektromotrische Kraft (EMK) bezeichnet wurde. Im obigen Beispiel ist
~ (e) = UT grad(ln n/n0 ). Mit der eingeprägten Feldstärke ergibt sich im einfachsten Fall
E
ein erweitertes lokales Ohmsches Gesetz
 
J~ = κ E~ +E~ (e) (3.8)

Da sich die eingeprägte Feldstärke nicht aus dem elektrischen Feld ergibt, muss sie auch nicht
wirbelfrei sein. In einer Batterie gibt es aufgrund der Diffusion von Ionen eine Leerlaufspan-
nung und man kann der Batterie elektrische Energie entnehmen, die durch Umwandlung von
chemischer Bindungsenergie innerhalb der Batterie erzeugt wird. Dies bedeutet, dass das In-
tegral über eine geschlossene Kurve, die durch die beiden Pole und das Innere der Batterie
verläuft, für die Summe der beiden Felder nicht mehr null ergibt
I   I
~
E+E ~ (e)
· d~r = ~ (e) · d~r 6= 0 ,
E
C C

wobei berücksichtigt wurde, dass die elektrische Feldstärke mit (2.3) immer noch wirbelfrei
sein muss. Dies bedeutet auch, dass die Stromdichte im Allgemeinen kein konservatives Feld
ist. Die Leerlaufspannung einer Batterie, die sich für offene Klemmen und damit verschwin-
dende Stromdichte ergibt, erhält man, indem man die Feldstärke vom Plus- zum Minuspol
~ (e) = −E
integriert mit (2.6) und E ~
Z P− Z P+
U0 = ~
E · d~r = ~ (e) · d~r .
E
P+ P−

Man kann ebenso die eingeprägte Feldstärke vom Minus- zum Pluspol integrieren.
Wird der Stromfluss durch eine mechanische Bewegung der Ladung verursacht, spricht
man auch von Konvektionsströmen. Ist z. B. in einem Isolator eine elektrische Ladung
eingeschlossen und wird dieser Isolator bewegt, so fließt ebenfalls ein Strom, den man nicht
vom durch freie Ladungsträger erzeugten Strom unterscheiden kann.

3.4 Die elektrische Leistungsdichte


Das elektrische Feld leistet an den bewegten Ladungen in einem Leiter Arbeit, die die Energie
der Ladungsträger erhöht (siehe Abs. 2.15). Durch Streuung der Elektronen an den Gitter-
atomen kann diese Energie dann auf den Leiter übertragen werden und er wird warm. Um die
vom elektrischen Feld geleistete Arbeit zu berechnen, wird wieder angenommen, dass es sich
bei den Ladungsträgern um Elektronen mit der Ladung −e, der Dichte n und Geschwindigkeit
~v handelt. Die vom elektrischen Feld bei einer Verschiebung um d~r an den Ladungen geleistete
Arbeit ist mit (2.6)
dAgel = dQE ~ · d~r .
3.5. Potenzialgleichung für das Strömungsfeld 105

Die in einem infinitesimalen Volumen befindliche Ladung dQ = −en dV bewegt sich in der
Zeit dt um d~r = ~v dt und die geleistete Arbeit ist mit J~ = −en~v

~ · ~v dt = J~ · E
dAgel = −en dV E ~ dV dt .

Bezieht man diese auf das Volumen und die Zeit, erhält man die elektrische Leistungs-
dichte, die auch als Joulsche Wärme bezeichnet wird,

pel = J~ · E
~ (3.9)

die angibt, wie viel elektrische Arbeit an der fließenden Ladung pro Zeit und Volumen geleistet
wird. Diese elektrische Arbeit wird dann meistens durch Streuung in Wärme umgewandelt,
jedoch sind auch andere Energieformen möglich. In einem Laser wird z. B. ein Teil der Energie
als Licht abgegeben. Die Joulsche Wärme beschreibt nur die vom elektrischen Feld geleistete
Arbeit und nicht deren Umwandlung in andere Energieformen. Der Name Joulsche Wärme“

ist historisch bedingt und es handelt sich um eine Leistungsdichte. Da in vielen Fällen die
elektrische Energie in Wärme umgewandelt wird, spricht man von Joulscher Wärme.
In linearer, isotroper Materie, in der das erweiterte lokale Ohmsche Gesetz (3.8) gelten
soll, kann man die elektrische Leistungsdichte in zwei Anteile zerlegen
!
~
J ~2
pel = J~ · E
~ = J~ · −E ~ (e) = J − J~ · E
~ (e) . (3.10)
κ κ

Der erste Term auf der rechten Seite beschreibt die durch die endliche Leitfähigkeit bedingte
Verlustleistungdichte, wobei elektrische Energie meistens direkt in Wärme umgewandelt wird.
Dieser Term hängt nicht von der Richtung der Stromdichte ab. Der zweite Term gibt die durch
die nicht elektrischen Kräfte erzeugte elektrische Leistungsdichte an. Dieser Term hängt sehr
wohl von der Richtung der Stromdichte ab. In einer Batterie wird dabei z. B. chemische
Energie in elektrische umgewandelt (entladen) oder umgekehrt (laden).

3.5 Die Potenzialgleichung für das stationäre Strömungsfeld


Das stationäre Strömungsfeld wird wieder durch ein Randwertproblem beschrieben. Das
Lösungsgebiet soll dabei in Bereiche zerfallen, in denen die Felder hinreichend glatt sind
für die Verwendung der differenziellen Feldgleichungen, und Grenzen (Ränder), auf denen die
entsprechenden Grenzbedingungen (Randbedingungen) gelten.
Mit dem Ohmschen Gesetz für lineare und isotrope Materie (3.8), der stationären Kon-
tinuitätsgleichung (3.4) und der Wirbelfreiheit (2.4) ergibt sich die entsprechende Potenzial-
gleichung
h  i  
div J~ = div κ E~ +E
~ (e) = − div (κ grad ϕ) + div κE ~ (e) = 0 . (3.11)

Dies ist die zu (2.26) äquivalente Gleichung des stationären Strömungsfelds. Man beachte,
dass in dieser Gleichung die Raumladungsdichte nicht auftaucht. Diese ergibt sich für lineare
und isotrope Materie mit (2.17) und (2.24) in den leitfähigen Gebieten, wobei der einfach-
heitshalber E~ (e) = ~0 gelten soll, über

~ = div ε J~ = grad ε · J~ + ε div J~ = J~ · grad ε .


   
% = div D~ = div εE
κ κ κ | {z } κ
=0
106 Kapitel 3. Stationäre Felder

Die Raumladungsdichte ist somit in leitfähigen Gebieten proportional zur Stromdichte. Für
eine Grenze zwischen zwei leitfähigen Materialien kann man eine analoge Beziehung für die
Flächenladungsdichte ableiten
ε   
~ ~ ε2 ~ ε1 ~
σ = Div D = Div J = ~n12 · J2 − J1 .
κ κ2 κ1

Mit (3.5)  
Div J~ = ~n12 · J~2 − J~1 = 0

ergibt sich    
ε2 ε1 ε2 ε1
σ = ~n12 · J~1 − = ~n12 · J~2 − .
κ2 κ1 κ2 κ1
Ändert sich das Verhältnis ε/κ an der Grenze, so gibt es für eine nicht verschwindende
Normalkomponente der Stromdichte auf der Grenzfläche eine Flächenladung.
~ (e) = 0 und grad ε =
Sind die leitfähigen Gebiete weiterhin homogen mit grad κ = ~0, div E
~0, gilt wieder die Laplace-Gleichung
∆ϕ = 0
mit % = 0.
Grenzen zwischen leitfähigen Gebieten und Isolatoren sind für das stationäre Strömungs-
feld Ränder, da kein Strom aus dem leitfähigen Gebiet durch diese Grenze fließen kann
(Abb. 3.9 links). Es gilt daher auf diesen Rändern die homogene Neumannsche Randbe-
dingung (3.6). Auch Grenzen zwischen Gebieten mit endlicher und unendlicher Leitfähigkeit
stellen Ränder für das stationäre Strömungsfeld dar (Abb. 3.9 rechts). Gebiete mit unendlicher
Leitfähigkeit (ideale Metalle) werden oft verwendet, da sie zu einer deutlichen Vereinfachung
des Feldproblems führen. Ist die Leitfähigkeit in einem Gebiet deutlich höher als in einem
anderen, ist die Annahme einer unendlich hohen Leitfähigkeit oft eine gute Näherung. In
einem Gebiet mit unendlicher Leitfähigkeit verschwindet die elektrische Feldstärke und das
Potenzial ist im idealen Metall konstant. Dies bedeutet, dass das Potenzial wie in der Elektro-
statik auf der Metalloberfläche konstant ist und es ergibt sich auf diesem Rand des leitfähigen
Gebiets eine Dirichletsche Randbedingung für das Potenzial (2.13) und die Stromdichte steht
senkrecht auf dem idealen Leiter. Die stationäre Stromdichte ist hingegen in Gebieten mit
unendlicher Leitfähigkeit im Allgemeinen nicht gleich null, muss aber nicht berechnet wer-
den. Das Lösungsgebiet des stationären Strömungsfelds beschränkt sich somit auf die Gebiete
mit endlicher Leitfähigkeit. Auf den Rändern gelten entweder homogene Neumannsche oder
Dirichletsche Randbedingungen.
Hat man das Potenzialproblem für die Gebiete mit endlicher Leitfähigkeit gelöst, kann
man das elektrische Feld in den Isolatoren (Gebiete mit verschwindender Leitfähigkeit) be-
rechnen, wobei die Randbedingungen von der Lösung des stationären Strömungsproblems
abhängen können, da das elektrische Feld in den leitfähigen Gebieten schon festliegt. Erst
jetzt lässt sich die Flächenladungsdichte auf den Grenzen zwischen den Leitern und Nichtlei-
tern mit (2.22) berechnen.

Leitfähiger Quader: Es sei nun ein leitfähiger Quader mit der Länge L, der Querschnitts-
fläche F , der Permittivität ε und der Leitfähigkeit κ gegeben (Abb. 3.10). Die beiden Enden
sind mit ideal leitenden (κ = ∞) Elektroden versehen, in denen die elektrische Feldstärke
verschwindet. Das Potenzial ist daher in den Elektroden konstant und soll auf der linken den
Wert ϕa und auf der rechten den Wert ϕb mit U = ϕb − ϕa haben. Auf der Oberfläche des
3.5. Potenzialgleichung für das Strömungsfeld 107

1 2 1 2
κ1 > 0 κ2 = 0 κ1 > 0 κ2 = ∞

J~1
J~2 = 0 ϕ2 = const

J~1

Abbildung 3.9: Links: ein durch einen Isolator berandetes Gebiet mit endlicher Leitfähigkeit
(homogene Neumannsche Randbedingung); Rechts: ein durch einen idealen Leiter berandetes
Gebiet mit endlicher Leitfähigkeit (Dirichletsche Randbedingung).

ε0 , κ = 0
ϕ = const
κ=∞
~ (e) 6= ~0 R0
κ > 0, E Metall
ε
σa σb
I I
~n
ϕa ~n · J~ = 0 ϕb U U0
+
U

0 Lx

Abbildung 3.10: Leitfähiger Quader mit eingeprägter Feldstärke, der an beiden Enden mit ide-
al leitenden Elektroden versehen ist (links) und das entsprechende Ersatzschaltbild (rechts).
108 Kapitel 3. Stationäre Felder

Quaders, die nicht von den Elektroden bedeckt ist, gilt die homogene Neumannsche Rand-
bedingung, da der Außenraum nicht leitet (z. B. Luft). Das Material des Quaders sei homo-
gen, isotrop und linear. Weiterhin gibt es im Quader eine konstante eingeprägte Feldstärke
~ (e) = E (e)~ex . Dies motiviert wie im Fall des idealen Plattenkondensators (siehe Abs. 2.8)
E
den folgenden Ansatz für das Potenzial

ϕ(x, y, z) = ϕ(x)

im Lösungsraum (der graue Quader in Abb. 3.10). Aufgrund der Homogenität gilt im Quader
die Laplace-Gleichung
d2 ϕ
=0
dx2
mit der Lösung im Quader
U
ϕ(x) = ϕa + x .
L
Die Lösung erfüllt die Dirichletschen Randbedingungen für das Potenzial auf den Elektroden
und das elektrische Feld
E~ = − U ~ex ,
L
das nur eine x-Komponente im Quader hat, steht senkrecht auf den ideal leitenden Elek-
troden. Die homogenen Neumannschen Randbedingungen für die Stromdichte sind auf den
anderen Teilen der Quaderoberfläche ebenfalls erfüllt, weil die Stromdichte
 
  U
J~ = κ E ~ +E~ (e)
=κ E − (e)
~ex
L

parallel zu diesen ist. Dieses Potenzial ist somit im Quader die Lösung, weil es alle Rand-
bedingungen und die Laplace-Gleichung erfüllt. Wie das Potenzial außerhalb vom Quader
aussieht, ist hier nicht von Bedeutung, da es keinen Einfluss auf das stationäre Strömungs-
feld im Quader hat. Im Gegensatz zum idealen Plattenkondensator ist die Annahme einer
Neumannschen Randbedingung außerhalb der Elektroden keine Näherung, weil der Außen-
raum als nicht leitend angenommen worden ist. Hat das elektrische Feld im Außenraum eine
Normalkomponente bzgl. der Oberfläche des Quaders, stellt sich dort eine entsprechende
Flächenladungsdichte ein. Auf den beiden Elektroden stellt sich ebenfalls eine Flächenla-
dungsdichte ein. Auf der rechten Elektrode beträgt sie

~ x=L = −ε U ~ex · (−~ex ) = ε U .


σb = Div D|
L L
Es ergibt sich wieder der gleiche Ausdruck wie für den idealen Plattenkondensator.
Der gesamte Strom, der aus dem Quader in die rechte Elektrode fließt, ist
Z Z    
~ ~ (e) U (e) U 1
I= J · dF = κ E − ~ex · dF~ex = κ E − F = (U0 − U ) .
F F L L R0

Mit der Leerlaufspannung


U0 = E (e) L
und dem Innenwiderstand
L
R0 =
κF
3.5. Potenzialgleichung für das Strömungsfeld 109

ergibt sich die bekannte Formel für eine reale Spannungsquelle (Abb. 3.10)

U0 = IR0 + U .

Weicht die Spannung U an den Elektroden von U0 ab, muss ein Strom I fließen.
Die im Quader an der fließenden Ladung geleistete Arbeit pro Zeit kann mit der elektri-
schen Leistungsdichte (3.10) berechnet werden
!
J~ 2
Z
Pel = − J~ · E
~ (e) dV = I 2 R0 − IU0 .
V κ

Der erste Term auf der rechten Seite beschreibt den Verlust von elektrischer Energie durch
Umwandlung in Wärme aufgrund des endlichen Innenwiderstands der realen Spannungsquel-
le. Der zweite Term beschreibt die Erzeugung von elektrischer Energie durch die eingeprägte
Feldstärke für positive Ströme (U < U0 , U0 > 0). Fließt der Strom in negative Richtung
(U > U0 ), beschreibt auch der zweite Term Verluste, wobei diese nicht unbedingt in Wärme
umgewandelt werden müssen. Im Fall einer Batterie würde diese durch Umwandlung von
elektrischer Energie in chemische aufgeladen. Die durch den Innenwiderstand bedingte Ver-
lustleistung ist quadratisch im Strom und somit immer positiv. Die Verluste entstehen sowohl
beim Laden als auch beim Entladen einer Batterie.
Die von der realen Spannungsquelle an den Klemmen abgegebene elektrische Leistung ist

Pab = U I = IU0 − I 2 R0 = −Pel .

Addiert man die an den Klemmen abgegebene Leistung zu der in der Quelle verbrauchten, so
ergibt sich genau die in der Quelle erzeugt elektrische Leistung. Es gilt also Energieerhaltung.

Leitwertkoeffizient: Analog zu den Kapazitätskoeffizienten (siehe Abs. 2.14) kann man


nun Leitwertkoeffizienten definieren. Es sei eine beliebige Anordnung mit N idealen me-
tallischen Kontakten gegeben (Abb. 3.11), wobei das Volumen des zusammenhängenden
leitfähigen Gebiets endlich und die Leitfähigkeit der metallischen Kontakte unendlich sein
soll. Die idealen metallischen Kontakte seien mit dem endlich leitfähigen Gebiet verbunden.
Das leitfähige Gebiet ohne die metallischen Kontakte ist das Lösungsgebiet V und sei mit
linearer und isotroper Materie gefüllt. Die Leitfähigkeit kann eine beliebige Ortsabhängigkeit
haben. Grenzflächen werden einfachheitshalber vernachlässigt, wobei sich das endgültige Er-
gebnis durch die Anwesenheit von Grenzen nicht ändert. Die eingeprägte Feldstärke soll im
gesamten Raum verschwinden. Im leitfähigen Gebiet gilt unter diesen Bedingungen

div (κ grad ϕ) = 0 .

Auf dem i-ten ideal leitenden metallischen Kontakt ist das Potenzial durch ϕi gegeben (Di-
richletsche Randbedingung) und auf den nicht kontaktierten Oberflächen des Lösungsgebiets
gelten homogene Neumannsche Randbedingungen. Durch die Randbedingungen und die par-
tielle Differenzialgleichung ist das Randwertproblem eindeutig bestimmt.
Die Lösung wird wieder durch eine Überlagerung elementarer Lösungen ηi (~r) analog zu
Abs. 2.14 ausgedrückt
N
X
ϕ(~r) = ϕi ηi (~r) .
i=0
110 Kapitel 3. Stationäre Felder

I1
ϕ1

κ > 0, ε

Ii

ε0
ϕi
κ=0 κ=∞

~n I2

ϕ2

I0

ϕ0

Abbildung 3.11: Beispiel für ein leitfähiges Gebiet (hellgrau) mit N idealen Metallkontakten
(dunkelgrau).
3.5. Potenzialgleichung für das Strömungsfeld 111

Diese müssen das Randwertproblem wieder mit speziellen Dirichletschen Randbedingungen


auf den Kontakten erfüllen

ηi (~rRAND,j ) = δi,j für i, j = 0, . . . , N .

Die i-te Elementarfunktion ηi (~r) ist auf dem i-ten Kontakt gleich eins und auf allen anderen
gleich null.
Der Strom, der aus dem i-ten Leiter mit der Oberfläche Fi in das leitfähige Gebiet V
fließt, ist
Z XN Z XN
Ii = J~ · dF~ = − κ grad ηj · dF~ ϕj = Gij ϕj .
Fi j=0 | Fi j=0
{z }
=Gij

Das infinitesimale Stück der Leiteroberfläche zeigt vom Leiter in das Volumen und Gij ist
ein Leitfähigkeitskoeffizient. Der Integrand wird wieder mit der elementaren Lösung ηi
multipliziert, das Integral aufgrund der Randbedingungen auf die gesamte Oberfläche F des
Gebiets V erweitert und der Gaußsche Satz angewendet
I Z Z
Gij = − ~
ηi κ grad ηj · dF = div (ηi κ grad ηj ) dV = κ grad ηi · grad ηj dV .
F V V

Es gilt somit wieder

Gij = Gji , Gii > 0 , Gij < 0 für i 6= j

wie im Fall der Kapazitätskoeffizienten. Da weiterhin die Kirchhoffsche Knotenregel gilt, muss
die Summe aller Ströme verschwinden
N
X N X
X N
Ii = Gij ϕj = 0 .
i=0 i=0 j=0

Diese Beziehung muss für beliebige Potenziale gelten und daher


N
X
Gij = 0 .
i=0

Mit N
P
i=0 ηi (~
r) = 1 kann man wieder Spannungen relativ zum nullten Kontakt (Erde)
einführen
Ui = ϕi − ϕ0
mit
N
X
ϕ(~r) = ϕ0 + Ui ηi (~r)
i=1
und der Strom lautet nun
N
X
Ii = Gij Uj .
j=1

Die gesamte im leitfähigen Gebiet verbrauchte elektrische Leistung ist


Z Z   I N Z
X N
X N
X
Pel = ~ · J~ dV = −
E ~
div ϕJ dV = ~ ~
ϕJ ·dF = J~ ·dF~ ϕi = Ii ϕi = Ii Ui .
V V F i=0 Fi i=0 i=1
112 Kapitel 3. Stationäre Felder

z
Blitz

κ = 0, ε0

Luft
x
Erde F R κ > 0, ε > ε0
~n

Abbildung 3.12: Blitzeinschlag mit der Stärke I0 .

Für die letzte Umformung wurde verwendet, dass die Summe aller Ströme verschwindet.
Die im leitfähigen Gebiet verbrauchte Leistung entspricht genau der Summe der an den
Kontakten einzeln zugeführten elektrischen Leistungen. Mit den Leitwertkoeffizient kann man
den Ausdruck weiter umformen
Z Z ~2 N N XN
~ ~ J X X
Pel = E · J dV = dV = Ii Ui = Ui Gij Uj ≥ 0 .
V V κ i=1 i=1 j=1

Dieser Ausdruck kann nicht negativ werden, da κ > 0 im Lösungsgebiet gilt. Die quadratische
Form (die Doppelsumme) ist damit positiv definit, was schon aus den weiter oben erwähnten
Eigenschaften der Leitwertkoeffizienten folgt.

Blitzeinschlag: Ein Blitz schlägt in die Erde ein. Ein Strom der Stärke I0 soll so lange
fließen, dass man das Problem als stationär betrachten kann. Es wird angenommen, dass
die Erdoberfläche eine unendlich große Ebene, die Erde nach unten unbegrenzt, die Luft ein
Isolator und die Erde ein homogener, isotroper und linearer Leiter ist. Der Ursprung des
Koordinatensystems liege am Ort des Blitzeinschlags und die z-Achse stehe senkrecht auf der
Erde. Der Strom breitet sich vom Einschlagsort strahlenförmig aus. Dies entspricht einem
Zentralfeld und es wird in Kugelkoordinaten der Ansatz
ϕ(r, ϑ, φ) = ϕ(r)
gemacht. Die Potenzialgleichung lautet in diesem Fall
 
1 d 2 dϕ
∆ϕ = 2 r =0
r dr dr
und deren Lösung
a
ϕ(r) = ,
r
wobei angenommen wurde, dass das Potenzial unendlich weit weg vom Einschlagsort in der
Erde gegen null geht. Die noch unbekannte Konstante a wird über den Strom bestimmt, indem
man über die geschlossene Oberfläche F , die eine um den Ursprung zentrierte Halbkugel mit
dem Radius R einschließt, deren Gebiet durch 0 ≤ r < R, π/2 ≤ ϑ < π, 0 ≤ φ < 2π bestimmt
ist, integriert I
J~ · dF~ = 0 .
F
3.6. Dualität der Feldgleichungen der Elektrostatik und des stationären Strömungsfelds 113

Die Grenze zwischen Luft und Erde bildet den Rand des Lösungsgebiets, über den kein
Strom fließt. Die einzige Ausnahme bildet der Ursprung des Koordinatensystems, wo der
Blitz einschlägt. Da der Strom in das von der Oberfläche F eingeschlossene Volumen fließt,
wird er negativ gezählt und das Integral über das Flächenstück auf dem Rand (Kreisscheibe
mit dem Radius R) ergibt
Z R Z 2π
J~ · ~ez r dφ dr = −I0 .
0 0

Mit J~ = −κ grad ϕ kann man das Integral über den halbkugelförmigen Rest der Fläche F
bestimmen
Z π Z 2π  a 
(−κ) − 2 ~er · ~er R2 sin ϑ dφ dϑ = 2πκa .
π
0 R
2

Mit der Summe der beiden Teilintegrale

I
J~ · dF~ = 2πκa − I0 = 0
F

kann man die Konstante a, das Potenzial

I0 1
ϕ=
2πκ r

und die Stromdichte bestimmen

I0 1
J~ = ~er .
2π r2

Diese Lösung erfüllt das Randwertproblem und ist analog zum Feld einer Punktladung
(Coulomb-Feld, siehe (2.36)).

3.6 Dualität der Feldgleichungen der Elektrostatik und des


stationären Strömungsfelds

Sowohl das elektrostatische Problem als auch das stationäre Strömungsfeld führen zu Rand-
wertproblemen für das Potenzial, die sehr ähnliche Strukturen haben, weswegen man in vielen
Fällen die selben Lösungsmethoden verwenden kann. Diese Dualität soll hier nun genauer be-
trachtet werden.
114 Kapitel 3. Stationäre Felder

Stationäres Strömungsfeld Elektrostatik

Voraussetzungen
Lineare, isotrope Materie Lineare, isotrope Materie
~ (e) = ~0
E % = 0, σ = 0

Außerhalb der Grenzflächen gilt


~ = − grad ϕ
E ~ = − grad ϕ
E
div J~ = 0 ~ =0
div D
J~ = κE
~ ~ = εE
D ~

Grenzbedingungen
Div J~ = 0 ~ =0
Div D
~ =0
Rot E ~ =0
Rot E

Randbedingungen
Isolator: ~n · J~ = 0 ~ =0
Näherung: ~n · D
Idealer Leiter: ϕ = const. Leiter: ϕ = const.

Unter diesen Voraussetzungen kann man mit den beiden Ersetzungsregeln

J~ ←→ ~
D
κ ←→ ε

die Lösung des einen Problems in die Lösung des anderen überführen.

3.7 Die magnetische Flussdichte


In Experimenten wurde festgestellt, dass stromdurchflossene Leiter, die ladungsneutral sind,
aufeinander und auf magnetisierte Materialien Kräfte ausüben. Es muss daher noch eine ma-
gnetische Feldgröße geben, die zu Kräften auf bewegte Ladungen führt. Die entsprechende
Messanordnung ist in Abb. 3.13 dargestellt. In der Rechteckschleife fließt der Strom I (be-
wegte Ladung). Seine Orientierung ist im Sinn einer Rechtsschraube mit der Orientierung
der in der Rechteckschleife eingespannten, ebenen Fläche verknüpft. Auf den Gleitbügel, der
sich reibungsfrei in Richtung des Vektors ~nGb bewegen kann, wird eine Kraft ausgeübt, die
proportional zu seiner Länge l und proportional zum Strom I ist, wenn die Leiterschleife hin-
reichend klein ist. Da die Geschwindigkeit der Ladungen in dem Gleitbügel im Wesentlichen
ortsunabhängig ist, bedeutet dies, dass die Kraft proportional zur bewegten Ladungsmenge
und deren Geschwindigkeit ist. Mit der Komponente der Kraft in Richtung von ~nGb definiert
man die Größe
K
lim ,
I→0, l→0 Il

für eine feste Position P im Raum und Orientierung ~n = ~nGb × ~l/l der Leiterschleife. Bei dem
Grenzübergang wird die Schleife auf den Punkt P zusammengezogen. Diese Größe ändert
sich, wenn man die Anordnung für eine feste Position P um eine Achse parallel zu ~nGb dreht.
3.7. Die magnetische Flussdichte 115

Bewegungsrichtung
I

Gleitbügel
~l

~l
~n = ~nGb × l K
~nGb l

reibungsfreier Kontakt

Abbildung 3.13: Ebene Rechteckschleife zur Definition der magnetischen Flussdichte B, ~ in


der der Strom I fließt. Die Stromquelle ist nicht dargestellt. Der Gleitbügel hat die Länge l
und die Richtung ~l/l, die in Richtung des Stroms orientiert ist.

Dies ist im Gegensatz zu der Kraft auf eine Ladung in einem elektrischen Feld, bei der man
die Anordnung um die Richtung der Kraft drehen kann, ohne dass sich die Kraft verändert
(siehe Abs. 2.2). Die Kraft auf den Gleitbügel in Richtung von ~nGb ändert sich dagegen nicht,
wenn man die Rechteckschleife so dreht, dass sich ihre Position P und Orientierung ~n nicht
ändern. Dies entspricht einer Drehung um eine Achse, die parallel zu ~n ist und durch den
Punkt P geht. Es gibt weiterhin eine Orientierung ~nmax , für die die Kraft am Ort P maximal
wird. Diese definiert die magnetische Flussdichte

~ = Kmax
B lim ~nmax (3.12)
I→0, l→0 Il

mit der Einheit


~ = Vs = T ,
h i
B
m2
die auch als Tesla bezeichnet wird. Wählt man wieder eine Richtung ~n, die nicht mit ~nmax
übereinstimmen muss, so ist die Kraft K proportional zum Skalarprodukt B ~ · ~n, was den
Vektorcharakter der magnetischen Flussdichte unterstreicht.
Im Gegensatz zur Kraft, die durch die elektrische Feldstärke auf eine Ladung ausgeübt
wird und die parallel zu dieser ist, stehen hier die Kraft Kmax~nGb, max , die magnetische
~ und der Gleitbügel ~lmax , in dem der Strom fließt, senkrecht aufeinander. Die
Flussdichte B
Größen B, Kmax~nGb, max und I~lmax bilden in dieser Reihenfolge ein orthogonales Rechtssytem
~
(Abb. 3.14). Mit ~nmax = ~nGb, max × ~lmax /l ergibt sich
! !
Kmax ~ ~lmax
lim =B ~ · ~nGb, max × lmax
~ · ~nmax = B = ~
×B · ~nGb, max .
I→0, l→0 Il l l
116 Kapitel 3. Stationäre Felder

~
K
dl
I
~ ⊥ dl
B

~
K
dl ~
B dl
~
K

dl
~
K

Abbildung 3.14: Richtung der Kräfte auf eine Leiterschleife, die in einer Ebene senkrecht zur
magnetischen Flussdichte liegt.

Dreht man die Messanordnung so um den Gleitbügel herum, dass sich ~l nicht ändert, ergibt
sich aus dem Experiment immer noch mit K ≤ Kmax
!
K ~l
lim = ×B~ · ~nGb .
I→0, l→0 Il l

Verändert man die Richtung des Gleitbügels ~l, gilt die Beziehung ebenfalls. Dies motiviert
den Ansatz für die Kraft !
~
K ~l
lim = ×B~ ,
I→0, l→0 Il l

wobei ~l nicht senkrecht auf B


~ stehen muss. Die Kraft K ~ zeigt im Allgemeinen nicht in die
Richtung von ~nGb . Ist der Strom I so klein, dass Kräfte auf den Gleitbügel aufgrund von
Magnetfeldern, die durch den Strom I selbst verursacht werden, vernachlässigbar sind, und
sind die räumlichen Veränderungen der magnetischen Flussdichte B ~ über die Länge l des
Gleitbügels gering, kann man die Kraft direkt angeben
~ = I~l × B
K ~ . (3.13)

Man kann die Kraft (3.13) in eine Kraftdichte überführen, indem man (3.13) auf ein
infinitesimales Leiterstück mit dem Querschnitt dF , der senkrecht auf dem Vektor der Länge
d~l und Stromdichte J~ steht (Abb. 3.15), mit J~ = J d~l/ dl und dI = J dF anwendet
     
~ = dI d~l × B
dK ~ = dF dl J~ × B~ = dV J~ × B ~ = ~k dV .

~k ist die magnetische Kraftdichte

~k = J~ × B
~ (3.14)
3.8. Die Feldgleichung und Grenzbedingung der magnetischen Flussdichte 117

dF~

d~l
J~

dl

Abbildung 3.15: Infinitesimales Stück einer zylinderförmigen Stromröhre mit dem Volumen
dV = dF dl.

die die magnetische Flussdichte auf das Strömungsfeld ausübt.2


In Materie definiert man die magnetische Flussdichte analog zur elektrischen Flussdichte,
indem man in die Materie einen Hohlraum in der Form einer flachen Dose einbringt, in dem
dann die Messung durchgeführt wird (vergl. Abb. 2.9). Diese Vorgehensweise wird durch die
nachfolgende Grenzbedingung gerechtfertigt.

3.8 Die Feldgleichung und Grenzbedingung der magnetischen


Flussdichte
Im Gegensatz zur elektrischen Flussdichte ist die magnetische Flussdichte quellenfrei und man
hat noch keine magnetischen Ladungen (Monopole) entdeckt. Es gilt für eine geschlossene
Hüllfläche F die vierte Maxwellsche Gleichung in integraler Form
I
~ · dF~ = 0
B (3.15)
F

Außerhalb von Grenzflächen und bei hinreichend glatten Feldern entspricht dies

~ =0
div B (3.16)

und auf Grenzflächen gilt die Grenzbedingung

~ =0
Div B (3.17)

Die Normalkomponente der magnetischen Flussdichte ist auf Grenzflächen stetig.


Das Theorem von Helmholtz (1.55) besagt, dass man ein beliebiges quellenfreies Vek-
torfeld durch die Rotation eines Vektorpotenzials darstellen kann. Mit dem magnetischen
Vektorpotenzial A ~ kann man die magnetische Flussdichte

~ = rot A
B ~ (3.18)
2
Diese Kraftdichte hat genau genommen einen Einfluss auf das Ohmsche Gesetz (3.8). Eine genaue Ana-
lyse ergibt, dass in diesem Fall die Leitfähigkeit durch eine Matrix gegeben ist, die von der magnetischen
Flussdichte abhängt und nicht mehr symmetrisch ist. Dies ist z. B. die Ursache des Halleffekts. Dies erschwert
die Berechnung des Strömungsfelds sehr, jedoch kann in vielen Materialien der Einfluss eines nicht zu großen
Magnetfelds auf den stationären Stromfluss vernachlässigt werden.
118 Kapitel 3. Stationäre Felder

F2

F1

Abbildung 3.16: Hüllfläche, die durch eine Kurve C in zwei Flächen F1 und F2 zerteilt wird.

so darstellen, dass (3.16) immer erfüllt ist. Dies ist auch die allgemeinste Lösung von (3.16).
Aus der Grenzbedingung (3.17) folgt für das magnetische Vektorpotenzial

~ = ~0
Rot A (3.19)

Dies lässt sich leicht zeigen. Zuerst soll eine Hüllfläche F betrachtet werden, die keine Grenze
schneidet und die durch eine Kurve C in zwei Teilflächen F1 und F2 zerlegt wird (Abb. 3.16).
Auf dieser Hüllfläche gilt
I Z Z Z Z
~ ~
B · dF = ~ ~
rot A · dF + ~ ~
rot A · dF = − ~
A · d~r + ~ · d~r = 0 .
A
F F1 F2 C C

Die beiden Integrale über die Teilflächen F1 und F2 wurden dabei mit dem Stokesschen Satz
(1.50) umgeformt, wobei die Orientierung der Teilfläche F1 genau entgegengesetzt zur rechten-
Hand-Regel ist und das entsprechende Linienintegral daher negativ gewertet werden muss.
Der Ansatz des Vektorpotenzials erfüllt somit die integrale vierte Maxwellsche Gleichung.
Schneidet die Hüllfläche F eine Grenzfläche, so wählt man die entsprechende Schnittlinie
in der Grenzfläche als Kurve C, die geschlossen sein muss. Die Fläche F1 befinde sich im
Gebiet 1 mit dem Vektorpotenzial A ~ 1 und F2 im Gebiet 2 mit A ~ 2.
I Z Z Z  
~ ~
B · dF = − ~
A1 · d~r + ~
A2 · d~r = ~2 − A
A ~ 1 · d~r = 0 .
F C C C

Da die
 Gleichung für beliebige geschlossene Kurven C in der Grenzfläche erfüllt sein muss,
folgt A~2 − A~ 1 · d~r = 0 für jeden beliebigen Punkt auf der Grenzfläche. Da der Vektor d~r
tangential zur Grenzfläche ist, müssen die Tangentialkomponenten des magnetischen Vektor-
potenzials stetig sein, und es folgt die Grenzbedingung (3.19).
Das Theorem von Helmholtz (1.55) definiert das magnetische Vektorpotenzial nur bis auf
ein konservatives Feld. Dies bedeutet, dass man die Quellen des Vektorpotenzials noch frei
3.9. Die magnetische Feldstärke 119

~
B
x ~n
∆I
L

Abbildung 3.17: Zylinderförmige Spule, deren Länge viel größer als ihr Durchmesser ist.

festlegen kann. Unter stationären Bedingungen wird oft die Coulomb-Eichung verwendet
mit der Feldgleichung
~=0
div A (3.20)
und Grenzbedingung
~=0
Div A (3.21)
Aus den beiden Grenzbedingungen (3.19) und (3.21) folgt, dass das magnetische Vektorpo-
tenzial auf einer Grenzfläche in allen Komponenten stetig sein muss. Die Coulomb-Eichung
legt das magnetische Vektorpotenzial nur bis auf ein quellenfreies Gradientenfeld fest. Die-
ser verbleibende Freiheitsgrad, der keinen Einfluss auf die magnetische Flussdichte hat, kann
eventuell zur Vereinfachung des Problems verwendet werden.
Mit dem magnetischen Vektorpotenzial ist es ähnlich wie mit dem Skalarpotenzial für die
elektrische Feldstärke oft möglich, das Feldproblem zu vereinfachen.

3.9 Die magnetische Feldstärke


Innerhalb einer dicht gewickelten, langen Spule im Vakuum, in deren Windungen der Strom
∆I fließt, stellt man weit weg von den Enden experimentell eine nahezu homogene magne-
tische Flussdichte B ~ in Richtung der Spulenachse fest (Abb. 3.17). Mit Hilfe einer solchen
Spule, deren Länge viel größer als ihr Durchmesser ist und deren Material das ursprüngliche
Magnetfeld nicht ändert, lässt sich über einen Kompensationsversuch eine weitere Feldgröße,
die magnetische Feldstärke, definieren. Dazu sei in einem Gedankenexperiment in der Mitte
der langen Probespule die Messanordnung zur Bestimmung der magnetischen Flussdichte aus
Abb. 3.13 angebracht (Abb. 3.18). Der Vektor ~n sei parallel zur Spulenachse und entgegen-
gesetzt zur rechten-Hand-Regel mit dem Strom ∆I orientiert. Verschwindet der Strom ∆I,
kann man mit der Anordnung wieder über die Kraft K die magnetische Flussdichte B ~ des
Felds vor dem Einbringen der Anordnung messen. Man stellt ferner fest, dass man durch einen
bestimmten Strom ∆I die Kraft auf den Gleitbügel zu null bringen kann. Es gibt eine Rich-
tung ~nmax , für die der Kompensationsstrom ∆I maximal wird. Weiterhin stellt man durch
Variation der Spule fest, dass die Größe Nw ∆I/L nicht von der Länge oder Windungszahl
abhängt. Dies legt die folgende Definition für die magnetische Feldstärke nahe

~ = lim ∆INw ~nmax


H (3.22)
L→0 L

wobei die gesamte Anordnung in Gedanken wieder auf einen Punkt P zusammengezogen
wird, wobei immer noch L  D gelten muss. Die magnetische Feldstärke hat die Einheit
h i A
~ =
H . (3.23)
m
120 Kapitel 3. Stationäre Felder

I
~n L >> D
I ~
K

∆I ∆I

Abbildung 3.18: Messanordnung mit einer sehr langen Probespule, die Nw Windungen und die
Länge L hat und vom Strom ∆I durchflossen wird. Der Vektor ~n ist parallel zur Spulenachse
und entgegengesetzt zur Rechtsschraubenregel mit dem Strom ∆I orientiert.

Dreht man die Messanordnung in die Richtung ~n, dann ist der notwendige Kompensations-
strom ∆I proportional zu H ~ · ~n. Dieses Ergebnis bestätigt den Vektorcharakter der magne-
tischen Feldstärke.
Die Definition in Materie ist analog zur Definition der elektrischen Feldstärke (vergl.
Abb. 2.3). Es wird eine zylinderförmige Aussparung in das Material eingebracht, die die Mes-
sanordnung aufnimmt. Der Durchmesser der Aussparung muss viel kleiner als ihre Länge sein.
Dieses Vorgehen wird durch die nachfolgende Grenzbedingung für die magnetische Feldstärke
gerechtfertigt.

3.10 Die Feldgleichung und Grenzbedingung der magneti-


schen Feldstärke
Die Erfahrung lehrt, dass das Wegintegral der magnetischen Feldstärke H ~ entlang einer ge-
schlossenen Kurve C gleich dem Ladungsfluss (Strom) durch eine beliebige in der Kurve C
eingespannte Fläche F ist (erste Maxwellsche Gleichung für den stationären Fall)
I Z
~ · d~r =
H J~ · dF~ (3.24)
C F

Flächenorientierung und Kurvendrehsinn müssen dabei wieder über die Rechtsschraubenregel


einander zugeordnet sein und die Kurve C und Fläche F müssen im Raum ruhen. Auch
wenn die in C eingespannte Fläche beliebig gewählt werden kann, ist die rechte Seite der
Gleichung aufgrund der stationären Kontinuitätsgleichung (3.3) unabhängig von der Wahl
der Fläche und es ergibt sich immer der gleiche Strom. Die magnetische Feldstärke ist damit
im Gegensatz zur elektrischen Feldstärke im stationären Fall im Allgemeinen nicht wirbelfrei
und ihre Ursache ist ein Stromfluss.
Mit dem Stokesschen Satz kann man die integrale Gleichung für hinreichend glatte Felder
3.11. Die Materialgleichung für das magnetische Feld 121

in die differenzielle Form überführen

~ = J~
rot H (3.25)

mit der entsprechenden Grenzbedingung

~ = ~0
Rot H (3.26)

Die Tangentialkomponente der magnetischen Feldstärke ist auf der Grenzfläche stetig. Die-
se beiden Gleichungen werden analog zu den Gleichungen für die elektrische Feldstärke in
Abs. 2.3 abgeleitet.
Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, dass oft zur Vereinfachung Strom-
dichteverteilungen, die in einem Volumen fließen, durch Flächenstromdichten ersetzt werden.
Die Grenzbedingung muss dann modifiziert werden
~ = J~F
Rot H

mit der Flächenstromdichte J~F , die die Einheit [J~F ] = A/m hat. Die Flächenstromdichte wird
in der Vorlesung Elektromagnetische Felder“ noch genauer besprochen.

Die erste Maxwellsche Gleichung für den stationären Fall ist konsistent mit der entspre-
chenden Kontinuitätsgleichung (3.3). Wendet man auf die differenzielle Form die Divergenz
an, ergibt sich  
div rot H~ = div J~ = 0 ,

da die Divergenz eines Wirbelfelds (1.54) immer verschwindet. Die Kontinuitätsgleichung


folgt somit aus der ersten Maxwellschen Gleichung.

3.11 Die Materialgleichung für das magnetische Feld


Im Vakuum besteht zwischen der magnetischen Flussdichte und Feldstärke der Zusammen-
hang
B~ = µ0 H
~ (3.27)
mit der magnetischen Feldkonstanten

Vs
µ0 = 4π10−7 (3.28)
Am

die auch als Permeabilität des Vakuums bezeichnet wird. Der Ursprung dieses Zahlenwerts
wird später noch diskutiert.
In linearer und isotroper Materie gilt

~ = µH
B ~ (3.29)

mit der Permeabilität µ. Die relative Permeabilität ist durch


µ
µr = ≥0
µ0
gegeben. Der allgemeine Zusammenhang zwischen der magnetischen Flussdichte und
Feldstärke wird später noch besprochen.
122 Kapitel 3. Stationäre Felder

J~

µ0
Ri Ra ρ

~ I
J,
ri z

C r0
l

J~

Abbildung 3.19: Koaxialkabel bestehend aus zwei konzentrischen zylinderförmigen Leitern.

3.12 Magnetische Felder einfacher Strömungsfelder


Koaxialkabel: Es soll nun ein Koaxialkabel mit Kupferleitern betrachtet werden
(Abb. 3.19). In Kupfer gilt ungefähr µ ≈ µ0 und damit im gesamten Raum die Materialglei-
chung (3.27). Nimmt man der Einfachheit halber an, dass das Kabel sehr lang ist und man
nur den Raumbereich weit weg von den Enden des Kabel betrachtet, kann man Randeffekte
an den Enden des Kabels vernachlässigen. Das Kabel sei in z-Richtung translationsinvariant
und rotationssymmetrisch um die z-Achse. Aufgrund der Symmetrie werden Zylinderkoor-
dinaten verwendet. Die Stromdichte hat wegen der Symmetrie nur eine z-Komponente und
ist in den Leitern homogen. Der Strom I soll im Innenleiter in positive z-Richtung fließen
und im Außenleiter in die negative. Der Innenleiter hat den Radius ri und der Außenleiter
den Innenradius Ri und Außenradius Ra . Damit ergibt sich eine homogene Stromdichte im
Innen- und Außenleiter

I


 ~e
πri2 z
, 0 ≤ ρ < ri

~0

, ri ≤ ρ < Ri
J~ = I ,
− π R2 −R2 ~ez , Ri < ρ ≤ Ra
( )



 a i
~0

, Ra ≤ ρ

die die Feldgleichung des stationären Strömungsfelds div J~ = 0 und die Randbedingung
Div J~ = 0 auf den Oberflächen der Leiter erfüllt.
Dreht man das Koaxialkabel um die z-Achse oder verschiebt es in ihre Richtung, so ändert
sich die Anordnung nicht. Das Gleiche sollte für das Magnetfeld gelten. Dies kann man mit
dem Ansatz
~
H(ρ, φ, z) = Hρ (ρ)~eρ (φ) + Hφ (ρ)~eφ (φ) + Hz (ρ)~ez
erfassen, in dem die Komponenten in Zylinderkoordinaten nur vom Radius abhängen. Eine
Drehung um den Winkel φ oder eine Verschiebung um z verändert die Komponenten nicht.
Der Vektor der magnetischen Feldstärke selbst hängt über die Basisvektoren vom Winkel φ
ab.
3.12. Magnetische Felder einfacher Strömungsfelder 123

Mit B ~ folgt aus der Feldgleichung div B


~ = µ0 H ~ = 0 mit (1.83)

~ = µ0 1 ∂
div B (ρHρ ) = 0 .
ρ ∂ρ

Die Lösung lautet



Hρ = .
ρ
Für ρ → 0 hat dieses Feld einen Pol, für den es keine physikalische Ursache (Singularität bei
ρ = 0) gibt. Die Konstante Cρ wird deswegen zu null gesetzt und es gilt überall

Hρ = 0 .

Setzt man die magnetische Feldstärke und Stromdichte für die in Abb. 3.19 gezeigte Kurve
C in die integrale Feldgleichung (3.24) ein, ergibt sich analog zu dem Integral für den Umlauf
in Abb. 1.29 I Z
H~ · d~r = l (Hz (r0 ) − Hz (0)) = J~ · dF~ = 0 .
C F

Das Integral über die Stromdichte wird für eine ebene Fläche F , die in die Kurve C ein-
gespannt ist und senkrecht auf dem Basisvektor ~eφ steht, berechnet. Da die Stromdichte
senkrecht auf ~eφ steht, ergibt das Integral den Wert null. Hieraus folgt

Hz (ρ) = const. .

Ein solches konstantes Feld erfüllt in einem homogenen Raum immer die Feldgleichungen,
hat jedoch keine Quellen oder Wirbel und ist somit nicht ursächlich mit dem Stromfluss in
dem Koaxialkabel verbunden.3 Es wird deswegen zu null gesetzt

Hz (ρ) = 0 .

Es verbleibt nur die φ-Komponente des Felds. Es wird eine Kurve CK gewählt, die ein
konzentrischer Kreis um die z-Achse ist und in der Ebene z = 0 liegt. Die Kurve sei im Sinne
einer Rechtsschraube mit der positiven z-Richtung verknüpft (d~r = ρ dφ~eρ ). Die linke Seite
der Feldgleichung (3.24) ergibt
I Z 2π
~ · d~r =
H Hφ (ρ)ρ dφ = 2πρHφ (ρ) .
CK 0

Die in CK eingespannte Fläche FK sei die Kreisscheibe mit dem Radius ρ und z = 0. Die
Kreisscheibe steht senkrecht auf der z-Richtung und ist in positive z-Richtung orientiert
dF~ = dF ~ez . Die rechte Seite der Feldgleichung ergibt dann
 2

I ρr2 , 0 ≤ ρ < ri

 i
Z ρ Z 2π Z ρ
, ri ≤ ρ < Ri
Z 
I
~ F~ =
J·d Jz (ρ0 )ρ0 dφ dρ0 = 2π Jz (ρ0 )ρ0 dρ0 = 
ρ 2 −R2
 .
FK 0 0 0 

I 1 − 2
Ra −Ri
i
2 , R i < ρ ≤ R a


0 , Ra ≤ ρ
3
Wie schon in der Elektrostatik müssen die Felder im Unendlichen hinreichend schnell verschwinden, damit
die Lösung eindeutig ist.
124 Kapitel 3. Stationäre Felder

y ~ = Hφ
|H|

~
H

I
z ri x ri ρ
Ri Ra Ri Ra

Abbildung 3.20: Die magnetische Feldstärke im Koaxialkabel.

Insgesamt erhält man für die magnetische Feldstärke



I ρ


 2π ri2 ~
eφ (φ) , 0 ≤ ρ < ri

 I ~e (φ)

, ri ≤ ρ < Ri
~ = Hφ (ρ)~eφ (φ) = 2πρ φ2 2
H .
I Ra −ρ


 2πρ Ra2 −Ri2 ~
eφ (φ) , Ri < ρ ≤ Ra

~0

, Ra ≤ ρ

Die magnetische Feldstärke ist in Abb. 3.20 dargestellt. Die Feldlinien der magnetischen
Flussdichte B~ = µ0 H
~ sind geschlossen, da diese quellenfrei ist. Man beachte weiterhin, dass
die magnetische Feldstärke zwischen den beiden Leitern nur vom Strom I und nicht vom
Radius des Innenleiters abhängt.
Aus diesem Ergebnis kann man das Feld eines unendlich langen Linienleiters ableiten.
Dazu lässt man den Radius des Innenleiters bei konstantem Strom I zu null gehen und den
Innenradius des Außenleiters gegen unendlich mit Ri < Ra . Das Feld im ganzen Raum ist
nun durch
H~ = I ~eφ (3.30)
2πρ
gegeben.

Parallele Linienleiter: Es werden nun zwei parallele Linienleiter, die sehr lang sein sollen,
im Vakuum weit weg von ihren Enden betrachtet. Der linke Leiter führt den Strom I1 und
der rechte den Strom I2 (Abb. 3.21). Mit dem obigen Ergebnis für den Linienleiter (3.30)
lässt sich die magnetische Feldstärke in kartesischen Komponenten und Koordinaten leicht
durch Superposition bestimmen. Die magnetische Feldstärke des linken Leiters lautet

~ 1 = I1 −y~ex + x~ey .
H
2π x2 + y 2
3.12. Magnetische Felder einfacher Strömungsfelder 125

I1 I2
1 2 x
d
z µ0

Abbildung 3.21: Zwei parallele, sehr lange Linienleiter im Vakuum mit dem Abstand d.

Im Fall des rechten Leiters muss man das Feld nur um d in positive x-Richtung verschieben

~ 2 = I2 −y~ex + (x − d)~ey .
H
2π (x − d)2 + y 2

Das gesamte Feld lautet damit

~ = I1 −y~ex + x~ey + I2 −y~ex + (x − d)~ey .


H
2π x2 + y 2 2π (x − d)2 + y 2

In Abb 3.22 ist die magnetische Feldstärke für zwei Fälle dargestellt. Im linken Fall (I2 = I1 )

Abbildung 3.22: Die magnetische Feldstärke für I2 = I1 > 0 (links) und I2 = −I1 < 0 (rechts)
für die Anordnung aus Abb. 3.21. Die Farbe gibt den Betrag der magnetischen Feldstärke
von null (blau) bis zu einem Maximalwert (rot) an. In den weißen Gebieten ist der Betrag
größer als dieser Maximalwert und geht an den Orten der Leiter gegen unendlich.

wird das Feld zwischen den beiden Leitern geschwächt und in dem Punkt, in dem sich zwei
Feldlinien treffen (x = d/2, y = 0), verschwindet es. Im rechten Fall (I2 = −I1 ) wird es
zwischen den Leitern gestärkt.
126 Kapitel 3. Stationäre Felder

Iges
· · · · · ·

Ra  L
µ0
Ri Ra
r0 C

l z

x x x x x

Abbildung 3.23: Zylinderspule, deren Länge viel größer als ihr Durchmesser ist.

Schlanke Zylinderspule (Solenoid): Es wird eine Zylinderspule aus Kupfer betrachtet


(Abb. 3.23, µ = µ0 im ganzen Raum), deren Durchmesser sehr viel kleiner als ihre Länge ist
(L  2Ri , schlank“). Der Spulendraht soll dicht gewickelt sein und die Wickelsteigung soll

vernachlässigbar klein sein. Der Gesamtstrom ist derjenige Strom, der durch eine Schnittfläche
fließt, wenn man die Spule der Länge nach aufschneidet. Da alle Wicklungen geschnitten
werden, ergibt er sich aus dem Produkt des Stroms im Draht mal der Windungszahl Iges =
Nw I. Unter der Annahme, dass der Strom über die Schnittfläche gleichmäßig verteilt ist
(dichte Wicklung, vernachlässigbare Steigung der Windungen), ergibt sich näherungsweise
eine konstante Stromdichte in Richtung von ~eφ

0
 , 0 ≤ ρ < Ri
J~ = Nw I
~e , Ri ≤ ρ ≤ Ra .
 (Ra −Ri )L φ
0 , Ra < ρ

Es wird wieder der Bereich weit weg von den Enden im Zentrum der Spule betrachtet und
für das magnetische Feld wird aufgrund der Symmetrie ein Ansatz in Zylinderkoordinaten
gemacht, bei dem die Komponenten nur vom Radius ρ abhängen

~
H(ρ, φ, z) = Hρ (ρ)~eρ (φ) + Hφ (ρ)~eφ (φ) + Hz (ρ)~ez .

Strenggenommen hat die Zylinderspule keine Rotationssymmetrie um die z-Achse aufgrund


der Wicklung. Jede Windung steigt ein wenig an. Dreht man die Spule, muss man sie auch et-
was in z-Richtung verschieben, damit ihre Gestalt gleich bleibt.4 Die Steigung der Windungen
wird deswegen an dieser Stelle vernachlässigt und die Windungszahl Nw muss entsprechend
~ = 0 folgt
groß sein, damit die Steigung einer Windung klein ist. Aus der Quellenfreiheit div B
dann mit der näherungsweisen Symmetrie Hρ (ρ) = 0 (siehe Koaxialkabel).
4
Dies ist vergleichbar mit einer Schraube, die sich bei einer Drehung ebenfalls in Richtung ihrer Mittelachse
bewegt.
3.12. Magnetische Felder einfacher Strömungsfelder 127

Es wird ein Kreis CK , der in der Ebene z = 0 liegt, der konzentrisch zur z-Achse ist, den
Radius ρ hat und im Sinn einer Rechtsschraube mit der positiven z-Richtung verknüpft ist,
betrachtet (siehe Koaxialkabel)
I Z
~
H · d~r = 2πρHφ (ρ) = J~ · dF~ .
CK FK

FK ist die in den Kreis eingespannte ebene Fläche. Ist der Radius der Kreisscheibe größer als
der Außenradius, hat das Flächenintegral den Wert −I, da die Fläche genau einmal von dem
Spulendraht durchstoßen wird. Innerhalb der Spule ergibt sich der Wert null (ρ < Ri ). Für die
angenommene Symmetrie folgt daraus, dass die φ-Komponente der magnetischen Feldstärke
innerhalb der Spule verschwindet und für eine hohe Windungszahl im Außenraum relativ
klein ist. Es wird daher die φ-Komponente der magnetischen Feldstärke näherungsweise zu
null gesetzt Hφ ≈ 0.
Als letzte Komponente verbleibt Hz . Das Ringintegral über die Kurve C ergibt
I Z
H~ · d~r = l (Hz (r0 ) − H(0)) = J~ · dF~ .
C F

Die in C eingespannte Fläche F sei eben und ihr Normalenvektor zeige in die negative φ-
Richtung dF~ = − dF ~eφ . Durch diese Fläche fließt der Strom

Z Z l Z r0 0
 , r0 < Ri
l(r −R )
J~ · dF~ = − 0 i
Jφ dρ dz = − Nw I L(Ra −Ri ) , Ri ≤ r0 ≤ Ra .
F 0 0 
Nw I Ll , Ra < r0

Mit der Annahme, dass das magnetische Feld außerhalb der Spule verschwindet Hz (ρ >
Ra ) = 0, kann man die Feldstärke bestimmen
N I
 L
 w
, ρ < Ri
N w I Ra −ρ
Hz (ρ) = L Ra −Ri , Ri ≤ ρ ≤ Ra .

0 , Ra < ρ

Insgesamt ergibt sich im Innenraum der Spule weit weg von ihren Enden das bekannte Er-
gebnis
H~ = Nw I ~ez .
L
Da die magnetische Flussdichte überall quellenfrei sein muss, hat das magnetische Feld nahe
der Enden und im Außenraum eine andere Form. Die Feldlinien der magnetischen Flussdichte
müssen geschlossen sein und es muss daher ein schwaches Feld im Außenraum existieren
(Abb. 3.24). Das exakte Feld kann allerdings nicht so einfach berechnet werden, wie später
noch gezeigt wird. Allerdings kann man zeigen, dass das obige Feld im Innenraum weit weg
von den Enden für eine schlanke Spule eine gute Näherung darstellt. Dieses Ergebnis wurde
auch bei der Definition der magnetischen Feldstärke verwendet (siehe Abs. 3.9).

Ringspule (Toroid): In Abb. 3.25 ist eine Ringspule mit Nw Windungen dargestellt, die
entsteht, wenn man eine lange, schlanke Zylinderspule zu einem Ring verbiegt. Ist der Radius
R viel größer als der Durchmesser der Zylinderspule 2ra , so ist die magnetische Feldstärke im
Querschnitt der Spule ungefähr gegeben durch

~ ≈ Nw I ~eφ .
H
2πρ
128 Kapitel 3. Stationäre Felder

I I

S N

Abbildung 3.24: Das magnetische Feld einer Zylinderspule (schematisch) ist nur im Zentrum
näherungsweise homogen.

R  2ra
z ~
H
R

µ0

2ra

Abbildung 3.25: Ringspule mit dem Radius R und Spulendurchmesser 2ra .


3.13. Das Biot-Savartsche Gesetz 129

Das Feld ist quellenfrei, wie man leicht nachrechnet, und erfüllt die Feldgleichung (3.24).
Außerhalb der Spule verschwindet das magnetische Feld.

3.13 Das Biot-Savartsche Gesetz


Ausgehend von der Feldgleichung für die magnetische Feldstärke in differenzieller Form
~ = J~
rot H

und der Materialgleichung für homogene, isotrope und lineare Materie


~ = µH
B ~ ,

die im gesamten Raum gelten soll (keine Materialgrenzen), ergibt sich


~ = µJ~ ,
rot B

da µ nicht vom Ort abhängt. Da es keine Randbedingungen gibt, sollte die magnetische
Flussdichte im Unendlichen hinreichend schnell verschwinden, damit das Problem eindeu-
tig ist. Die Stromdichte sollte auf ein endliches Gebiet beschränkt sein und die stationäre
Feldgleichung div J~ = 0 erfüllen.
Mit dem magnetischen Vektorpotenzial (3.18) erhält man mit B ~ = rot A
~
   
rot rot A~ = grad div A~ − ∆A ~ = µJ~ .

~ = 0 auf
Die Coulomb-Eichung (3.20) führt mit div A
~ = −µJ~
∆A

und mit kartesischen Komponenten ergibt sich

∆Ax = −µJx
∆Ay = −µJy
∆Az = −µJz .

Die Gleichungen sind vom gleichen mathematischen Typ wie die Poisson-Gleichung der Elek-
trostatik und man kann für homogene, isotrope und lineare Materie einen zu (2.44) ähnlichen
Integralausdruck für jede kartesische Komponente angeben

Jx (~r 0 )
Z
µ
Ax (~r) = dV 0
4π V |~r − ~r 0 |
Jy (~r 0 )
Z
µ
Ay (~r) = dV 0
4π V |~r − ~r 0 |
Jz (~r 0 )
Z
µ
Az (~r) = dV 0 .
4π V |~r − ~r 0 |

Diese drei Gleichungen kann man zusammenfassen


Z ~ r 0)
~ r) = µ
A(~
J(~
dV 0 (3.31)
4π V |~r − ~r 0 |
130 Kapitel 3. Stationäre Felder

und die Gleichung gilt unabhängig von der Wahl des Koordinatensystem. Die magnetische
Flussdichte ist durch die Rotation des Vektorpotenzials gegeben
Z
~ ~ µ 1 ~ r 0 ) dV 0 ,
B(~r) = rot A(~r) = ∇~r × J(~
4π V |~r − ~r 0 |
wobei ∇~r darauf hindeutet, dass nach den Komponenten von ~r differenziert wird. Mit
grad 1/r = −~r/r3 erhält man analog zu (2.46)
0
~ r 0 ) × ~r − ~r dV 0
Z
~ r) = µ
B(~ J(~ (3.32)
4π V |~r − ~r 0 |3

Dies bedeutet, dass in einem homogenen, isotropen und linearen Material bei vorgegebener
Stromdichte das magnetische Feld durch einfache Integration bestimmen werden kann.
Fließt der Strom durch einen dünnen Draht (z. B. in einer Spule) und man interessiert sich
nur für das Magnetfeld außerhalb des Leiters, so kann man oft den Querschnitt des Drahts
bei konstantem Strom gegen null gehen lassen, ohne dass sich das Magnetfeld außerhalb des
Drahts wesentlich ändert. Dies ist im Koaxialkabel z. B. der Fall (siehe oben). Da der Strom
in einem Draht mit verschwindendem Durchmesser nur in Richtung des Drahts fließen kann,
gilt mit dem Wegelement d~r des Drahts

J~ dV = I d~r

und somit für das magnetische Vektorpotenzial

d~r 0
I
~ r) = µI
A(~ (3.33)
4π C |~r − ~r 0 |

und für die Flussdichte das Biot-Savartsche Gesetz

~r − ~r 0
I
~ r) = µI
B(~ d~r 0 × (3.34)
4π C |~r − ~r 0 |3

Die Kurve C des Drahts muss geschlossen sein, damit die Kontinuitätsgleichung erfüllt ist.
Diese Gleichungen gelten strenggenommen nur für Linienleiter und näherungsweise außerhalb
eines Drahts mit endlichem Durchmesser. Ist die Stromdichte im Draht z. B. aufgrund einer
Krümmung inhomogen, gilt die Formel erst für einen hinreichend großen Abstand vom Draht.

Ringförmiger Linienleiter: Es sei ein geschlossener Linienleiter in Form eines Kreises mit
dem Radius R im Vakuum gegeben, der in der Ebene z = 0 liegt und konzentrisch zur z-Achse
ist (Abb. 3.26). Die Richtung des Stroms I im Linienleiter ist mit der positiven z-Richtung im
Sinne einer Rechtsschraube verknüpft. Aufgrund der Symmetrie werden Zylinderkoordinaten
verwendet. Es soll die magnetische Flussdichte auf der z-Achse berechnet werden mit

~r = z~ez .

Der Kreis ist durch


~r 0 (φ0 ) = R~eρ (φ0 )
mit 0 ≤ φ0 < 2π gegeben. Das infinitesimale Linienstück des Leiters ist

d~r 0 = R~eφ (φ0 ) dφ0 ,


3.13. Das Biot-Savartsche Gesetz 131

~r
µ0 ~r − ~r 0
d~r 0
y

~r 0
I
φ0

R x

Abbildung 3.26: Ringförmiger Linienleiter mit dem Strom I und Radius R.

der Abstandsvektor
~r − ~r 0 = z~ez − R~eρ (φ0 )
und sein Betrag p
|~r − ~r 0 | = z 2 + R2 .
Nun kann das Integral des Biot-Savartschen Gesetzes aufgestellt werden

~r − ~r 0
I
~ 0, z) = µ0 I
B(0, d~r 0 ×
4π C |~r − ~r 0 |3
z~ez − R~eρ (φ0 ) 0
Z 2π
µ0 I
= R~eφ (φ0 ) × dφ
4π 0 (z 2 + R2 )3/2
µ0 I 2π zR~eρ (φ0 ) + R2~ez
Z
= dφ0 .
4π 0 (z 2 + R2 )3/2

Mit Z 2π Z 2π
~eρ (φ0 ) dφ0 = cos φ0 ~ex + sin φ0 ~ey dφ0 = ~0
0 0
kann das Integral berechnet werden

~ 0, z) = µ0 I R2
B(0, ~ez .
2 (z 2 + R2 )3/2

Die magnetische Flussdichte ist in Abb. 3.27 dargestellt.

Fernfeld einer beliebigen stationären Stromverteilung: Es soll nun das magnetische


Vektorpotenzial einer beliebigen stationären Stromverteilung im Fernfeld näherungsweise be-
stimmt werden. Der gesamte Raum sei wieder mit einem homogenen, isotropen und linearen
132 Kapitel 3. Stationäre Felder

Bz
µ0 I
2R

z
−R R

Abbildung 3.27: Magnetische Flussdichte entlang der z-Achse für die Anordnung in Abb. 3.26.

~n · J~ = 0 J~ = ~0

~n µ

µ ~r −~r 00 −~rM
J~ 6= ~0 ~r 00
F0
V0
D
~r 0 ~r
~rM

Abbildung 3.28: Endliches Gebiet V0 mit einer Stromdichte.

Material mit der Permeabilität µ vollständig ausgefüllt. In dem Material befindet sich ein
vorgegebenes stationäres Strömungsfeld, das alle Feldgleichungen erfüllt. Dieses Strömungs-
feld befindet sich im Gebiet V0 mit der geschlossenen Oberfläche F0 , auf der die homogene
Neumannsche Randbedingung für die Stromdichte gilt, und das Gebiet habe einen endlichen
maximalen Durchmesser D (Abb. 3.28). Das Gebiet soll der Einfachheit halber keine Grenzen
enthalten. Das magnetische Vektorpotenzial kann mit (3.31) für diese Anordnung bestimmt
werden. Dazu wird ein beliebiger Punkt ~rM in dem Gebiet V0 gewählt, um den das Potenzial
mit ~r 0 = ~r 00 + ~rM berechnet wird
Z ~ r 00 + ~rM )
~ r) = µ
A(~
J(~
dV 00 .
4π V0 |~r − ~r 00 − ~rM |
Für |~r −~rM |  |~r 00 | kann man das Potenzial mit der Taylorentwicklung des Nenners bis erster
Ordnung (2.48)
Z ~ 00
~r 00
 
µ J(~r + ~rM ) ~r − ~rM
~
A(~r) ≈ 1+ · dV 00
4π V0 |~r − ~rM | |~r − ~rM | |~r − ~rM |
auf zwei Terme zurückführen
Z Z
µ 00 00 µ
~ ~ (~r − ~rM ) · ~r 00 J(~
~ r 00 + ~rM ) dV 00 .
 
A(~r) ≈ J(~r + ~rM ) dV + 3
4π|~r − ~rM | V0 4π|~r − ~rM | V0
3.13. Das Biot-Savartsche Gesetz 133

~ r 00 +~rM ) dV 00 kann mit einem beliebigen ortsunabhängigen


R
Das Integral im ersten Term V0 J(~
0 00
Vektor ~c, ~r = ~r + ~rM und der Feldgleichung (3.4) auf die Form
Z h i Z Z
div~r 0 (~c · ~r 0 )J~ dV 0 = ~c · J~ + (~c · ~r 0 ) div~r 0 J~ dV 0 = ~c · ~ r 0 ) dV 0
J(~
V0 V0 | {z } V0
=0

gebracht werden. Mit dem Gaußschen Satz ergibt sich ein Integral über die Oberfläche F0
Z I
0 0
~c · ~
J(~r ) dV = (~c · ~r 0 ) |J~ ·{z
dF~}0 = 0 ,
V0 F0
=0

das aufgrund der homogenen Neumannschen Randbedingung auf dieser Oberfläche verschwin-
det. Da diese Beziehung für beliebige Vektoren ~c gelten muss, folgt
Z
~ r 0 ) dV 0 = 0 ,
J(~
V0

und der erste Term der Taylorentwicklung des Vektorpotenzials verschwindet.


Für die Umformung des zweiten Terms ist eine Nebenrechnung notwendig. Mit einem
beliebigen hinreichend glatten Skalarfeld f (~r) gilt im Gebiet V0
 
~ ) = f div J~ +J~ · grad f = J~ · ∇ f .
div(Jf (3.35)
| {z }
=0

Mit dem Gaußschen Satz und der homogenen Neumannschen Randbedingung für die Strom-
dichte auf der Oberfläche des Gebiets ergibt sich
Z   Z I
~
J · ∇ f dV = ~ ~ ~
div(Jf ) dV = | ·{zdF} = 0 .
fJ
V0 V0 F0
=0

Diese Beziehung gilt auch für ein entsprechendes Vektorfeld ~g , wenn man sie auf jede Kom-
ponente des Vektorfelds getrennt anwendet
Z  
J~ · ∇ ~g dV = ~0 .
V0

Mit einem beliebigen ortsunabhängigen Vektor ~c, ~g = ~r(~c · ~r) und der bac-cab-Regel ergibt
sich für den Ausdruck
   ↓      ↓
J~ · ∇ [~r (~c · ~r)] = J~ · ∇ ~r (~c · ~r) + J~ · ∇ ~r ~c · ~r
 
=J~ (~c · ~r) + ~r ~c · J~
 
=J~ (~c · ~r) + ~c × ~r × J~ + J~ (~c · ~r)

und damit
1 ~  1  
(~c · ~r) J~ = J · ∇ [~r (~c · ~r)] − ~c × ~r × J~ .
2 2
Ersetzt man ~r durch ~r , wobei der Gradient dann auf ~r 00 wirkt, und ~c durch ~r − ~rM , kann
00

man das Integral im zweiten Term des Vektorpotenzials auf folgende Form bringen
Z Z 
~ r 00 + ~rM ) dV 00 = 1

(~r − ~rM ) · ~r 00 J(~ ~ r 00 + ~rM ) · ∇~r 00 ~r 00 (~r − ~rM ) · ~r 00 dV 00
  
J(~
V0 2 V0
| {z }
=0
Z
1
− (~r − ~rM ) × ~r 00 × J(~
~ r 00 + ~rM ) dV 00 .
2 V0
134 Kapitel 3. Stationäre Felder

Das erste Integral auf der rechten Seite verschwindet, wie oben gezeigt. Mit dem Dipolmoment
Z Z
1 0 ~ r 0 ) dV 0 = 1
m
~ = (~r − ~rM ) × J(~ ~r 0 × J(~
~ r 0 ) dV 0 (3.36)
2 V0 2 V0

lautet das magnetische Vektorpotenzial bis erster Ordnung

~ × (~r − ~rM )
~ r) = µ m
A(~ (3.37)
4π |~r − ~rM |3

und die entsprechende magnetische Flussdichte


 
~ r) = µ m
~ ~ · (~r − ~rM )] (~r − ~rM )
3 [m
B(~ − 3
+ (3.38)
4π |~r − ~rM | |~r − ~rM |5

Vergleicht man diesen Ausdruck mit (2.43) erkennt man, dass es sich bei diesem Ausdruck
um das Feld eines magnetischen Dipols handelt. Die Taylorreihenentwicklung führt genau
wie im elektrostatischen Fall auf eine Multipolentwicklung (siehe Abs. 2.10). Da es keine ma-
gnetischen Monopole gibt, entfällt allerdings der Monopolterm und das Dipolmoment hängt
nicht von ~rM ab.

3.14 Das magnetische Skalarpotenzial und die Amperesche


Äquivalenz
Es wird wieder ein homogenes, isotropes und lineares Material mit der Permeabilität µ vor-
ausgesetzt, das den gesamten Raum erfüllt. In einem Gebiet G, in dem die Stromdichte
verschwindet, gilt
~ = ~0 .
rot H
Ist dieses Gebiet G einfach zusammenhängend,5 so kann man der magnetischen Feldstärke
ein magnetisches Skalarpotenzial analog zum elektrostatischen Potenzial (siehe Abs. 2.3)
zuordnen
~ = − grad ϕm
H (3.39)
Das magnetische Skalarpotenzial ist wieder nur bis auf eine frei wählbare Konstante definiert.
In Abb. 3.29 ist eine geschlossene Linienleiterschleife dargestellt. Da in der Leiterschleife
ein Strom fließt, muss sie von dem Gebiet G ausgenommen werden. Die gezeigte Kurve C
kann daher nicht auf einen beliebigen Punkt im Gebiet G zusammengezogen werden, da sie
den Linienleiter umschließt. Das Gebiet G ist somit nicht einfach zusammenhängend. Dieses
Problem kann durch eine Sperrfläche F gelöst werden, die in den Linienleiter eingespannt
wird. Diese Fläche wird dann ebenfalls von dem Gebiet G ausgenommen. Dadurch sind
Kurven, die den Linienleiter umschließen, nicht mehr möglich und das Gebiet G ist einfach
zusammenhängend. Jetzt kann für die Linienleiterschleife ein magnetisches Skalarpotenzial
im Gebiet G definiert werden.
Das magnetische Skalarpotenzial soll nun mit Hilfe des Biot-Savartschen Gesetzes für eine
Linienleiterschleife berechnet werden. Mit dem Stokesschen Satz in der Form (1.51) wird das
5
Das Gebiet zerfällt nicht in unabhängige Einzelbereiche und man kann jede geschlossene Kurve im Gebiet
auf einen beliebigen Punkt im Gebiet zusammenziehen.
3.14. Das magnetische Skalarpotenzial 135

Sperrfläche F

~ · d~r = I 6= 0
R
C H
C0
I

Abbildung 3.29: Eine geschlossene Linienleiterschleife C0 und eine Kurve C, die den Linien-
leiter umschließt.

Biot-Savartsche Gesetz (3.34) für die magnetische Feldstärke umgeformt

~r − ~r 0
I
~ r) = − I
H(~ × d~r 0
4π C |~r − ~r 0 |3

~r − ~r 0
Z
I 
~ 0

= × ∇~r 0 × dF ,
4π F |~r − ~r 0 |3

wobei der Nabla-Operator nur auf den Vektor ~r 0 angewendet wird. Das doppelte Kreuzpro-
dukt kann mit der bac-cab-Regel aufgelöst werden
   

0 Z  0

 ~r − ~r ~r − ~r
Z
~ r) = I 
H(~  ∇~r 0  · dF~ 0  −

∇~r 0 · dF~ 0  .

4π |~
r − ~
r 0 | 3 |~
r − ~
r 0 |3
F F

Der Nabla-Operator im zweiten Integral kann auch auf das Argument ~r mit

~r − ~r 0 ~r − ~r 0
∇~r 0 · = −∇~r ·
|~r − ~r 0 |3 |~r − ~r 0 |3

angewendet werden (Kettenregel). Wählt man nun den Punkt ~r 0 als Ursprung eines Kugel-
koordinatensystems mit ~r 00 = ~r − ~r 0 ergibt sich

~r − ~r 0 ~r 00
 
1 ∂ 00 2 1
∇~r · = div~r 00 00 3 = 00 2 00 r =0
|~r − ~r 0 |3 r r ∂r r00 2

für ~r 6= ~r 0 . Diese Bedingung sollte immer erfüllt sein, da die Punkte ~r 0 nicht in Gebiet G liegen
dürfen. Damit verschwindet das zweite Integral. Im ersten Integral kann der Nabla-Operator
ebenfalls auf ~r angewendet werden, weil er vorher nur auf den Vektor ~r 0 wirkt
 

 ~r − ~r 0 ~r − ~r 0
Z  Z 
~ I ~ 0 I ~ 0
H(~r) = ∇~r 0  · dF  = −∇~r · dF .
4π F |~r − ~r 0 |3 4π F |~r − ~r 0 |3
136 Kapitel 3. Stationäre Felder

I
F
C

dF~ = dF~n
~rM
~n

Abbildung 3.30: Magnetischer Dipol bestehend aus einem kreisförmigen Linienleiter, der den
Strom I führt.

Da das Integral nicht über ~r läuft, kann man das Integral und den Nabla-Operator vertau-
schen. Das magnetische Skalarpotenzial einer geschlossenen Linienleiterschleife lautet somit

~r − ~r 0
Z
I
ϕm (~r) = · dF~ 0 . (3.40)
4π F |~r − ~r 0 |3

Magnetischer Dipol: In Abb. 3.30 ist ein magnetischer Dipol dargestellt, der aus einem
kreisförmigen Linienleiter mit dem Strom I besteht. Die in den Linienleiter eingespannte
Fläche sei eine Kreisscheibe, auf der der Normalenvektor ~n senkrecht steht. Der Normalen-
vektor sei mit der Kurve C des Linienleiters im Sinne einer Rechtsschraube verknüpft. Der
Mittelpunkt des Kreises sei ~rM und sein Durchmesser d. Lässt man nun den Durchmesser
des Kreises gegen null gehen und hält gleichzeitig das Produkt aus Kreisfläche und Strom
konstant, ergibt sich der mathematische magnetische Dipol6

~r − ~r 0 IF ~n · (~r − ~rM )
Z
I
ϕm (~r) = lim 0 3
· dF~ 0 = .
d→0 4π F |~r − ~r | 4π |~r − ~rM |3
IF =const.

Mit dem magnetischen Dipolmoment für diesen Fall

m
~ = IF~n (3.41)

lautet das magnetische Skalarpotenzial eines mathematischen magnetischen Dipols am


Ort ~rM
~ · (~r − ~rM )
1 m
ϕm (~r) = (3.42)
4π |~r − ~rM |3

Ersetzt man in diesem Ausdruck das magnetische Dipolmoment durch das Moment eines
~ → p~/ε ergibt sich das Potenzial eines elektrischen Dipols (2.42).
elektrischen Dipols mit m
Das entsprechende magnetische Feld ist durch (3.38) gegeben.
6
Die Rechnung kann mit einer Taylorreihenentwicklung um den Punkt ~rM analog zur Berechnung des
Fernfelds einer Stromverteilung durchgeführt werden, und soll hier nicht wiederholt werden.
3.15. Kraftwirkung des Magnetfelds 137

1 1
4F 4F F

I I


= I

I I
1 1
4F 4F

Abbildung 3.31: Zerlegung einer Linienleiterschleife mit dem Strom I in eine äquivalente
Anordnung mit vier Linienleiterschleifen, die ebenfalls den Strom I führen.

Amperesche Äquivalenz: Das magnetische Skalarpotenzial einer geschlossenen Linien-


leiterschleife (3.40) kann man auch als Potenzial eines magnetischen Blatts interpretieren. In
Abb. 3.31 ist dargestellt, wie man eine Linienleiterschleife mit dem Strom I in eine äquiva-
lente Anordnung mit vier Linienleiterschleifen, die auch den Strom I führen, zerlegen kann.
Die Beiträge von den Kanten, an denen sich die vier Linienleiterschleifen berühren, heben
sich auf, da zu jeder Kante immer eine gleiche mit entgegengesetztem Strom kommt. Es
bleibt nur der Strom in den äußeren Kanten über, die genau die ursprüngliche Linienleiter-
schleife reproduzieren. Man kann die ursprüngliche Schleife nicht nur in vier sondern auch in
unendlich viele Schleifen aufteilen. Diese infinitesimalen Linienleiterschleifen führen immer
noch den Strom I und haben die Fläche dF~ . Das Dipolmoment ist dann durch dm ~ = I dF~
gegeben. Dies entspricht einer Belegung der in den ursprünglichen Linienleiter eingespannten
Sperrfläche mit einer homogenen magnetischen Flächendipoldichte
|m|
~
mF = =I . (3.43)
F
Das Potenzial ist dann proportional zum Raumwinkel Ω unter dem man das magnetische
Blatt F sieht
~r − ~r 0
Z
mF mF
ϕm (~r) = 0 3
· dF~ 0 = Ω. (3.44)
4π F |~r − ~r | 4π
Dies entspricht dem Potenzial einer elektrischen Doppelschicht (siehe Abs. 2.16). Man be-
achte, dass die Dipoldichte eine Orientierung entsprechend der Rechtsschraubenregel hat.
Sieht man das Blatt von oben (man schaut auf die Seite der Fläche, aus der der Vektor ~n
herauszeigt), ist das Dipolmoment positiv zu zählen und im anderen Fall negativ.

3.15 Kraftwirkung des Magnetfelds in Abwesenheit von ma-


gnetisierbarer Materie
Es sollen Leiter mit der Permeabilität µ0 im Vakuum betrachtet werden, sodass überall
B~ = µ0 H
~ gilt. Die Leiter nehmen das Gebiet V0 ein, das die Oberfläche F0 hat, auf der die
Stromdichte die homogene Neumannsche Randbedingung erfüllt. Innerhalb dieses Gebiets soll
es der Einfachheit halber keine Grenzen geben. In den Leitern fließt die stationäre Stromdichte
J~ und erzeugt eine magnetische Flussdichte (3.32)
0
~ r 0 ) × ~r − ~r dV 0 .
Z
~ µ0
B(~r) = J(~
4π V0 |~r − ~r 0 |3
138 Kapitel 3. Stationäre Felder

Über die magnetische Kraftdichte (3.14) erzeugt die magnetische Flussdichte zusammen mit
der Stromdichte eine Gesamtkraft auf alle Leiter, die durch Integration über das Gebiet aller
Leiter bestimmt wird
0
 
~ r 0 ) × ~r − ~r
Z Z Z
K~ ges = J(~ ~ r) dV = µ0
~ r) × B(~ ~ r) × J(~
J(~ dV 0 dV .
4π |~
r − ~
r 0 |3
V0 V0 V0

Die Stromdichte ist die Quelle und der Ansatzpunkt für die Kraftwirkung. Mit der bac-cab-
Regel folgt
Z Z  0 0 
  
~ ges = µ 0 0
~ r ) J(~
~ r) · ~
r − ~
r ~
r − ~
r ~ r ) dV dV 0 .
~ r) · J(~ 0
K J(~ − J(~
4π V0 V0 |~r − ~r 0 |3 |~r − ~r 0 |3
Mit (1.40) und (3.35) kann das erste Skalarprodukt im Integranden umgeformt werden
0 ~ r)
~ r) · ~r − ~r = −J(~
J(~ ~ r) · grad~r 1
= − div~r
J(~
|~r − ~r 0 |3 |~r − ~r 0 | |~r − ~r 0 |
und das erste Teilintegral lautet
!
µ0
Z Z 
~
r − ~
r 0

µ 0
Z Z ~ r)
J(~
0 0 0
~ r ) J(~
J(~ ~ r) · dV dV = − ~r )
J(~ div~r dV dV 0 .
4π V0 V0 |~r − ~r 0 |3 4π V0 V0 |~
r − ~
r 0|

An der Stelle ~r = ~r 0 wird der Integrand singulär und dieser Punkt muss von der Integration
ausgenommen werden. Dazu wird aus dem Gebiet V0 ein kugelförmiges Gebiet VK (R, ~r 0 ) mit
dem Radius R und dem Mittelpunkt ~r 0 entfernt (Abb. 3.32). Die Oberfläche dieser Kugel
sei FK (R, ~r 0 ) und aus der Kugel hinaus orientiert. Es wird der Grenzwert R → 0 betrachtet,
wodurch sichergestellt wird, dass nur der Punkt ~r 0 = ~r von der Integration ausgenommen
wird. Das Gebiet der Leiter ohne die Kugel V0 \VK (R, ~r 0 ) hat die Oberfläche F0 und FK (R, ~r 0 ).
Das innere Integral auf der rechten Seite lautet mit dem Gaußschen Satz
Z ~ r)
J(~
I ~ r)
J(~
I ~ r)
J(~
lim div~r dV = · dF~ − lim · dF~ ,
R→0 V0 \VK (R,~ r 0) |~r − ~r 0 | r − ~r 0 |
F0 |~ r − ~r 0 |
r 0 ) |~
R→0 FK (R,~

wobei sich das Minuszeichen vor dem zweiten Term aus der Orientierung der Kugeloberfläche
ergibt. Der erste Term auf der rechten Seite verschwindet aufgrund der homogenen Neumann-
schen Randbedingung (J(~ ~ r) · dF~ = 0 auf dem Leiterrand). Für die Berechnung des zweiten
Integrals werden Kugelkoordinaten mit ~r 00 = ~r − ~r 0 verwendet
" #
I ~ r)
J(~
Z 2π Z π ~ (~r 0 + R~er (ϑ00 , φ00 )) · ~er (ϑ00 , φ00 )
J
lim 0|
· dF~ = lim R sin ϑ00 dϑ00 dφ00
2
R→0 FK (R,~ 0
r ) |~
r − ~
r 0 0 R→0 R
| {z }
=0
=0 .
Damit gibt das erste Teilintegral insgesamt null. Der Integrand des zweiten Teilintegrals ist
antisymmetrisch bzgl. der Integrationsvariablen ~r und ~r 0
~r − ~r 0  ~ 0
~ r 0 ) = − ~r − ~r J(~
 
~ r 0 ) · J(~

~ r) ,
J(~
r ) · J(~
|~r − ~r 0 |3 |~r 0 − ~r|3
sodass sich die entsprechenden Beiträge zum Integral immer gegenseitig aufheben. Auch das
zweite Teilintegral ergibt damit null und insgesamt
~r − ~r 0 ~r − ~r 0  ~
Z Z    
µ0 0
~
Kges = ~ ~
J(~r ) J(~r) · − J(~r) · J(~r ) dV dV 0 = ~0 .
~ 0
4π V0 V0 |~r − ~r 0 |3 |~r − ~r 0 |3
3.15. Kraftwirkung des Magnetfelds 139

dF~

µ0
J~
V0

dF~
F0 FK J~ · dF~ = 0
VK R

~r 00 = ~r − ~r 0

~r 0
~r

Abbildung 3.32: Die Kugel VK (R, ~r 0 ) im Gebiet V0 .

Eine stromdurchflossene Leiteranordnung übt somit analog zum elektrostatischen Fall auf
sich selbst keine Gesamtkraft aus.
Gleiches lässt sich entsprechend für das gesamte Drehmoment, das die Anordnung auf
sich selbst ausübt, ableiten. Das Drehmoment um den Punkt ~r0 ist
Z h i
M~ ges = ~ r) × B(~
(~r − ~r0 ) × J(~ ~ r) dV
V0
~r − ~r 0
Z Z   
µ0 0
= ~ ~
(~r − ~r0 ) × J(~r) × J(~r ) × dV 0 dV
4π V0 V0 |~r − ~r 0 |3
= ~0 .

Es sollen nun zwei getrennte Leiteranordnungen 1, 2 mit den disjunkten Gebieten V1 , V2


und entsprechenden Oberflächen F1 , F2 betrachtet werden (Abb. 3.33). Die gesamte Kraft,
die auf beide Leiteranordnungen zusammen wirkt, muss wieder verschwinden
~ ges = K
K ~ 1 auf 2 + K
~ auf 1 +K ~ 2 auf 1 + K
~ auf 2 = ~0 .
| 1{z } | 2{z }
=~0 =~0

~ 1 auf 1 ist die Kraft, die die Leiteranordnung 1 auf sich selbst ausübt, K
K ~ 1 auf 2 die Kraft, die
die Leiteranordnung 1 auf die Anordnung 2 ausübt, usw. Es folgt somit wieder actio est
reactio
~ 1 auf 2 = −K
K ~ 2 auf 1 .

Im Gebiet V1 fließt die Stromdichte J~1 , die die magnetische Flussdichte B


~ 1 erzeugt, und in
2 fließt J~2 . In beiden Gebieten soll es wieder keine Grenzen geben. Die Kraft K ~ 1 auf 2 ist
140 Kapitel 3. Stationäre Felder

F2
F1
V1 V2
J~ = ~0
µ0 J~ 6= ~0 J~ 6= ~0 µ0
µ0

Abbildung 3.33: Zwei disjunkte Gebiete mit Stromfluss im Vakuum.

gegeben durch
Z
~
K1 auf 2 = J~2 (~r2 ) × B~ 1 (~r2 ) dV2
V2
 
~r2 − ~r1
Z Z
µ0 ~ ~
= J2 (~r2 ) × J1 (~r1 ) × dV1 dV2
4π V2 V1 |~r2 − ~r1 |3
Z Z    
µ0 ~r2 − ~r1 ~r2 − ~r1  ~
= J~1 (~r1 ) J~2 (~r2 ) · − J (~
r
2 2 ) · ~
J (~
r
1 1 ) dV2 dV1 .
4π V1 V2 |~r2 − ~r1 |3 |~r2 − ~r1 |3
Da die Gebiete V1 und V2 disjunkt sind, kann der Fall ~r1 = ~r2 nicht mehr auftreten. Weiter-
hin gilt auf der Oberfläche der Leiteranordnungen noch immer die homogene Neumannsche
Randbedingung und das erste Teilintegral in der letzten Zeile verschwindet wieder. Die Kraft,
die die Leiteranordnung 1 auf die Anordnung 2 ausübt, ist dann durch

~r2 − ~r1  ~
Z Z
~ µ0 
~1 (~r1 ) dV2 dV1 = −K
~ 2 auf 1
K1 auf 2 = − J 2 (~
r2 ) · J (3.45)
4π V1 V2 |~r2 − ~r1 |3

gegeben.

Unendlich lange, parallele Linienleiter: Es gelte im gesamten Raum B ~ = µ0 H.


~ Es
seien zwei unendlich lange, parallele Linienleiter mit dem Abstand d gegeben (Abb. 3.21).
Der Leiter 1 führe den Strom I1 und der Leiter 2 den Strom I2 . Der Leiter 1 liegt auf der
z-Achse und der Strom I1 fließe in die positive z-Richtung. Der Leiter 1 erzeugt mit (3.30)
die magnetische Flussdichte in Zylinderkoordinaten

~ 1 (~r) = µ0 I1 ~eφ .
B
2πρ
Da der Leiter 2 ein Linienleiter ist, vereinfacht sich das Integral für die Kraft
Z
~
K1 auf 2 = J~2 (~r) × B
~ 1 (~r) dV
ZV∞2

= I2~ez × B~ 1 (d~ex + z~ez ) dz


−∞
Z ∞
µ0 I1
= I2~ez × ~ey dz
−∞ 2πd
µ0 I1 I2 ∞
Z
= − dz ~ex .
2πd −∞
3.15. Kraftwirkung des Magnetfelds 141

Da der Leiter 2 unendlich lang ist, ist die Kraft unendlich groß. Deswegen bestimmt man die
Kraft pro Länge auf den Leiter 2

~ 1 auf 2 = − µ0 I1 I2 ~ex .
K
2πd

Für I2 = −I1 ergibt sich eine abstoßende Kraftdichte. Allgemein kann man sagen, dass
sich parallele Leiter mit Strömen in die gleiche Richtung anziehen und mit entgegengesetzten
abstoßen. Dies führt z. B. dazu, dass sich die einzelnen Drähte eines Leiters, der aus mehreren
Drähten besteht, bei Stromfluss anziehen.
Die Einheit Ampere ist so definiert, dass sich zwei parallele Leiter, die beide den Strom
1A in die gleiche Richtung führen und einen Abstand von genau einem Meter haben, mit
einer Kraft pro Länge von genau 2 · 10−7 N/m anziehen.
Bei diesen Betrachtungen wurde vernachlässigt, dass die Linienleiterschleife geschlossen
sein muss. Im Fall entgegengesetzt gleich großer Ströme kann man annehmen, dass die beiden
parallelen Leiter eine geschlossene Leiterschleife bilden. Die Querverbindungen der beiden
Leiter sollten dann von dem Ort, an dem man die Kraft bestimmt, möglichst weit weg sein,
sodass die oben angenommen Bedingungen näherungsweise gelten.

Magnetischer Dipol: Es gelte wieder im ganzen Raum B ~ = µH


~ und es wird der magneti-
sche Dipol aus Abb. 3.30 betrachtet. Der Radius des kreisförmigen Linienleiters sei R = d/2,
der Linienleiter liege in der xy-Ebene mit ~n = ~ez und der Mittelpunkt falle auf den Ur-
sprung ~rM = ~0. Der Strom I im Linienleiter sei mit der eingespannten Fläche im Sinne
einer Rechtsschraube verknüpft. In einem inhomogenen magnetischen Feld B ~ fremd , das nicht
durch den Dipol selbst erzeugt wird, lautet die Kraft auf den mathematischen Dipol mit
~r(φ) = R~eρ (φ) = R (cos φ~ex + sin φ~ey ), m = IF = IπR2 und m
~ = m~ez

I Z 2π
~ = lim I ~ fremd (~r) = d~r ~ fremd (~r(φ)) dφ .
K d~r × B lim I ×B
R→0
C R→0
0 dφ
IF =m IπR2 =m

Mit einer Taylorentwicklung bis erster Ordnung um den Ursprung für das magnetische Feld

~ fremd (~r) ≈ B
B ~ fremd (~0) + (~r · ∇) B
~ fremd | ~
~
r =0

ergibt sich

Z 2π
~ = d~r h ~ i
~ fremd | ~ dφ .
K lim I × Bfremd (~0) + (~r(φ) · ∇) B ~
r=0
R→0
0 dφ
IπR2 =m

Der konstante Anteil des magnetischen Felds liefert keinen Beitrag wegen

Z 2π Z 2π
d~r
dφ = R (− sin φ~ex + cos φ~ey ) dφ = ~0 .
0 dφ 0
142 Kapitel 3. Stationäre Felder

Es soll nun zuerst die x-Komponente der Kraft durch Projektion berechnet werden
Z 2π  i
~ d~r h ~
K · ~ex = lim I × (~r(φ) · ∇) Bfremd |~r=~0 · ~ex dφ
R→0
0 dφ
IπR2 =m
Z 2π  h i
Kx = lim I R~eφ (φ) × (R~eρ (φ) · ∇) B~ fremd | ~ · ~ex dφ
R→0
~
r=0
0
IπR2 =m
Z 2π  h i
= lim IR 2 ~ fremd | ~ · ~ex dφ
~eφ (φ) × (~eρ (φ) · ∇) B
R→0
~
r=0
0
IπR2 =m
Z 2π 
m h i
~ fremd | ~ · ~ex dφ
= ~eφ (φ) × (~eρ (φ) · ∇) B ~
r=0
π 0
Z 2π
m h
~ fremd | ~ dφ
i
= (~ex × ~eφ (φ)) · (~eρ (φ) · ∇) B ~
r=0
π 0
Z 2π
m h
~
i
= (~ex × (− sin φ~ex + cos φ~ey )) · (~eρ (φ) · ∇) Bfremd |~r=~0 dφ
π 0
Z 2π
m h
~ fremd | ~ dφ
i
= cos φ~ez · (~eρ (φ) · ∇) B ~
r =0
π 0
Z 2π
m
= cos φ (cos φ~ex + sin φ~ey ) · ∇Bfremd,z |~r=~0 dφ
π 0
m ∂Bfremd,z
= π |~r=~0
π ∂x
~ ·B
∂m ~ fremd
= .
∂x
Zusammen mit der Projektion für y
~ fremd
~ ·B
∂m
Ky =
∂y
~ = 0)
und z (div B
!
∂B ~ fremd,y
~ fremd,x ∂ B ~ fremd
~ ·B
∂m
Kz = −m + =
∂x ∂y ∂z

ergibt sich
 
~ =∇ m
K ~ fremd = (m
~ ·B ~ fremd
~ · ∇) B (3.46)

Die letzte Umformung gilt nur für rot B ~ fremd = ~0 am Ort des Dipols. Damit ist die Form
des Kraftausdrucks analog zum Fall des elektrischen Dipols (2.53), und gilt für beliebige
Dipolmomente und Orte.
Der Dipol liege wieder im Ursprung des Koordinatensystems mit m ~ = m~ez und ~r(φ) =
R~eρ (φ) = R (cos φ~ex + sin φ~ey ). Das Drehmoment um den Punkt ~r0
I  
M~ = lim I ~ fremd (~r)
(~r − ~r0 ) × d~r × B
R→0
C
IπR2 =m
Z 2π  
d~r ~ fremd (~r(φ)) dφ − ~r0 × K
~
= lim I ~r(φ) × ×B
R→0
0 dφ
IπR2 =m
3.16. Die allgemeine Materialgleichung für das magnetische Feld 143

enthält das freie


Z 2π  
~ frei = d~r ~
M lim I ~r(φ) × × Bfremd (~r(φ)) dφ
R→0
0 dφ
IπR2 =m
Z 2π  
d~r  ~

~ d~
r
= lim I ~r(φ) · Bfremd (~0) − Bfremd (~0) ~r(φ) · dφ
R→0
0 dφ dφ
IπR2 =m | {z }
=0
Z 2π h i
= lim IR2 ~ fremd (~0) dφ
(− sin φ~ex + cos φ~ey ) (cos φ~ex + sin φ~ey ) · B
R→0
0
IπR2 =m
= lim ~ fremd (~0)
IπR2~ez × B
R→0
IπR2 =m
~ fremd (~0) .
~ ×B
=m

Es wurde nur der Term nullter Ordnung der Taylorreihenentwicklung des Magnetfelds berück-
sichtigt, da die Terme höherer Ordnung mindestens von der Ordnung R3 sind und damit beim
Grenzübergang wegfallen. Insgesamt ergibt sich mit

~ =m
M ~ fremd − ~r0 × K
~ ×B ~ (3.47)

wieder ein Ausdruck, der analog zu der Formel für den elektrischen Dipol ist.

3.16 Die allgemeine Materialgleichung für das magnetische


Feld
Atomare Teilchen (Neutronen, Protonen) und Elektronen weisen magnetische Dipolmomen-
te auf, die sich zu einem resultierenden Dipolmoment m~ für das Atom addieren. Je nach
Ausrichtung der Spins und der Bahndrehimpulse hat ein Atom ohne ein externes magneti-
sches Feld ein Dipolmoment oder nicht. Legt man ein externes magnetisches Feld an, richten
sich die Spins und Bahndrehimpulse und damit das Dipolmoment entsprechend aus. Diese
Ausrichtung der Dipolmomente in Materie führt analog zur elektrischen Polarisation (siehe
Abs. 2.12) auf eine makroskopische Magnetisierung (Dipoldichte)
P
~ m
~i
M= i . (3.48)
∆V
Es wird dabei über ein hinreichend großes aber nicht zu großes Volumen ∆V gemittelt, wobei
die Summe über alle magnetischen Dipole in dem Volumen ∆V läuft. Da sich die Atome im
Vakuum befinden, kann man das durch die Dipole erzeugte Vektorpotenzial direkt durch
Integration ausrechnen. Mit dm(~ ~ (~r 0 ) dV 0 und (3.37) ergibt sich durch Integration
~ r 0) = M
über alle Dipole im endlichen Gebiet V0
Z ~ (~r 0 ) × (~r − ~r 0 )
~ r ) = µ0
A(~
M
dV 0 .
4π V0 |~r − ~r 0 |3

Mit der Umformung


0 ~ (~r 0 ) ~
~ (~r 0 ) × ~r − ~r = M
M ~ (~r 0 ) × grad~r 0 1
= − rot~r 0
M
+
rot~r 0 M
0
|~r − ~r | 3 0
|~r − ~r | |~r − ~r |0 |~r − ~r 0 |
144 Kapitel 3. Stationäre Felder

~ 1 Gebiet 1
M dF~2
~n12 Grenzfläche
~ 2 Gebiet 2
M dF~1

Abbildung 3.34: Grenzfläche zwischen zwei Gebieten mit unterschiedlicher Magnetisierung.

ergibt sich
Z ~ Z ~ (~r 0 )
~ r ) = µ0
A(~
rot~r 0 M
dV 0 −
µ0
rot~r 0
M
dV 0 .
4π 0
|~r − ~r | 4π |~r − ~r 0 |
V0 V0
Der zweite Term kann mit Z I
rot ~g dV = − ~g × dF~
V F
auf die Form Z ~ I ~ (~r 0 )
~ r ) = µ0
A(~
rot~r 0 M
dV 0 +
µ0 M
× dF~ 0
4π 0
|~r − ~r | 4π |~r − ~r 0 |
V0 F0
gebracht werden, wobei F0 die nach außen orientierte Oberfläche von V0 ist. Für eine Grenz-
fläche F zwischen zwei Gebieten V1 und V2 (Abb. 3.34), auf der sich die Magnetisierung
abrupt ändern kann (z. B. durch einen Materialwechsel), gilt
 
M~ 1 × dF~1 + M
~ 2 × dF~2 = ~n12 × M~2 −M
~ 1 dF = Rot M ~ dF .

Mit dF~ 0 = ~n dF 0 lautet der zweite Term des Vektorpotenzials


Z ~ Z ~
~ r ) = µ0
A(~
rot~r 0 M
dV 0
+
µ0 Rot M
dF 0 ,
0
4π V0 |~r − ~r | 4π alle Grenzen |~r − ~r 0 |
wobei das zweite Integral über alle Grenzen läuft, auf denen sich die Magnetisierung abrupt
ändert. Der durch eine Stromdichte bedingte Anteil ist durch (3.31) gegeben und der Beitrag
einer Flächenstromdichte ergibt sich analog. Zusammen erhält man
Z ~ 0 ~ J~F (~r 0 ) + Rot M ~
Z
µ0 J(~r ) + rot~r 0 M 0 µ0
~
A(~r) = dV + dF 0 .
4π V0 |~r − ~r 0 | 4π alle Grenzen |~r − ~r 0 |
Dies legt es nahe, folgende Ausdrücke einzuführen. Die Magnetisierungsstromdichte ist durch

J~mag = rot M
~

gegeben und die entsprechende Magnetisierungsflächenstromdichte durch

J~F,mag = Rot M
~ .

Damit setzt sich das Vektorpotenzial einer magnetisierten Materie aus vier Anteilen zusam-
men
J~F (~r 0 ) + J~F,mag (~r 0 )
Z ~ 0
J(~r ) + J~mag (~r 0 )
Z
µ0 0 µ0
~
A(~r) = dV + dF 0 .
4π V0 |~r − ~r 0 | 4π alle Grenzen |~r − ~r 0 |

Dieses Vektorpotenzial ist die Lösung folgender Feldgleichung im Volumen (siehe Abs. 3.13)
    h  i
~ = rot rot A
rot B ~ = µ0 J~ + J~mag = rot µ0 H ~ +M ~ .
3.16. Die allgemeine Materialgleichung für das magnetische Feld 145

~ = M0~ez
M µ0

µ0
R z

Gebiet 1 ϑ
r Gebiet 2

~r

Abbildung 3.35: Magnetisierte Kugel im Vakuum.

Analog gilt auf den Grenzflächen


  h  i
Rot B ~ +M
~ = µ0 J~F + J~F,mag = Rot µ0 H ~ .

Dies legt die folgende Form für die allgemeine Materialgleichung des magnetischen Felds
in Materie nahe  
B~ = µ0 H~ +M
~ (3.49)

Magnetisierte Kugel: Es befinde sich eine Kugel mit dem Radius R und der homogenen
Magnetisierung M ~ = M0~ez im Vakuum. Der Ursprung des Koordinatensystems liege im
Kugelmittelpunkt (Abb. 3.35). Analog zur dielektrischen Kugel in Abb. 2.19 wird ein Ansatz
für das magentische Skalarpotenzial in Kugelkoordinaten gemacht

ϕm,1 = − H0 r cos ϑ
m0 cos ϑ
ϕm,2 = .
4π r2
Im Inneren der Kugel wird eine homogene magnetische Feldstärke in z-Richtung angesetzt
und im Außenraum ein Dipolfeld (3.42), dessen Dipolmoment ebenfalls in die z-Richtung
zeigt (m ~ = ~0)
~ = m0~ez ). Das Potenzial muss auf der Kugeloberfläche stetig sein (Rot H

m0 cos ϑ
ϕm,1 (R~er (ϑ, φ)) = −H0 R cos ϑ = ϕm,2 (R~er (ϑ, φ)) =
4π R2
und H0 kann durch m0 ausgedrückt werden
m0
H0 = − .
4πR3
~ = 0)
Weiterhin muss die Normalkomponente der magentischen Flussdichte stetig sein (Div B

~ 2 (R~er (ϑ, φ)) · ~er (ϑ, φ) = µ0 m0 cos ϑ


~ 1 (R~er (ϑ, φ)) · ~er (ϑ, φ) = µ0 (H0 + M0 ) cos ϑ = B
B
2π R3
und das Dipolmoment entspricht der Magnetisierung mal dem Kugelvolumen

4πR3
m0 = M0 .
3
146 Kapitel 3. Stationäre Felder

Die magnetische Feldstärke zeigt in die negative Richtung der Magnetisierung


1
H 0 = − M0
3
und reduziert die magnetische Flussdichte um ein Drittel in der Kugel

~ 1 = 2 M0~ez .
B
3
Dies bezeichnet man als Entmagnetisierung. Die der Magnetisierung entsprechende Magne-
tisierungstromdichte verschwindet in der Kugel

J~mag = rot M
~ = rot (M0~ez ) = ~0

und die Magentisierungsflächenstromdichte auf der Oberfläche der Kugel lautet

J~F,mag = Rot M
~ = −~er × M0~ez = M0 sin ϑ~eφ .

Könnte man auf einer Kugeloberfläche diese Magentisierungsflächenstromdichte als Flächen-


stromdichte einprägen und befände sich im Inneren dieser Kugel Vakuum, so würde sich
die gleiche magnetische Flussdichte wie zuvor einstellen. Allerdings wäre die magnetische
Feldstärke im Inneren der Kugel anders, da jetzt das Feld durch eine Flächenstromdichte
erzeugt wird und es im Inneren der Kugel keine Magnetisierung gibt.
Die Magnetisierung hängt im Allgemeinen auf eine sehr komplizierte Art von der magne-
tischen Feldstärke ab. Man unterscheidet drei wesentliche Verhaltensweisen: diamagnetisch,
paramagnetisch und ferromagnetisch.

Diamagnetisches Verhalten: Die Ursachen für die Magnetisierung von diamagnetischen


Materialien (z. B. Wasser, Gold, usw.) liegen grundsätzlich bei allen Materialien vor, sind
jedoch nur messbar, solange die Mechanismen, die für den Para- und Ferromagnetismus
verantwortlich sind, nicht wirksam werden.
Für diamagnetische Stoffe gilt
~ = µH
B ~ = µ0 (1 + χm )H
~ , ~ = χm H
M ~

mit
χm < 0 , |χm |  1 .
Die magnetische Suszeptibilität χm ist temperaturunabhängig. Für Wasser gilt χm =
−9 · 10−6 und für Gold χm = −3.4 · 10−5 .

Paramagnetisches Verhalten: Bei paramagnetischen Stoffen besitzen die einzelnen Ma-


teriebausteine (z.B. Atome) bereits ein festes magnetisches Moment m ~ 0 . Liegt kein magneti-
sches Feld vor, so sind diese Momente jedoch statistisch ungeordnet, sodass keine resultierende
Magnetisierung M ~ vorliegt. Liegt ein externes magnetisches Feld B ~ fremd vor, so werden die
einzelnen Momente nach (3.47) in Richtung der magnetischen Flussdichte gedreht, sodass
eine resultierende Magnetisierung entsteht. Man stellt eine starke Temperaturabhängigkeit
der Magnetisierung fest, da die Bewegung der Atome aufgrund der thermischen Anregung
der Ausrichtung der Elementarmomente entgegen wirkt. Es gilt wieder
~ = µH
B ~ = µ0 (1 + χm )H
~ , ~ = χm H
M ~
3.16. Die allgemeine Materialgleichung für das magnetische Feld 147

M M

H H

Abbildung 3.36: Weichmagnetisches (links) und hartmagnetisches Material (rechts).

mit
χm > 0 , |χm |  1 .

Die Suszeptibilität ist im paramagnetischen Fall nach dem Gesetz von Curie invers proportio-
nal zur absoluten Temperatur. Bei Raumtemperatur hat z. B. Aluminium eine magnetische
Suszeptibilität von 2.2 · 10−5 .

Ferromagnetisches Verhalten: In Materie mit Atomen, die ein festes magnetisches Mo-
ment haben, kann es zu einer spontanen parallelen Ausrichtung der magnetischen Momente
in einem bestimmten Bereich des Festkörpers (Domäne) kommen, ohne dass ein externes ma-
gnetisches Feld vorhanden sein muss. Dies ist möglich, wenn die Rückkopplung7 zwischen den
einzelnen magnetischen Momenten stärker ist als die thermischen Kräfte, die die Momente
wieder in eine zufällige Lage bewegen. Die Domänen sind etwa Nanometer bis Mikrometer
groß und ohne externes magnetisches Feld unterschiedlich ausgerichtet, sodass die resultieren-
de Magnetisierung verschwindet. Legt man nun ein externes magnetische Feld an, so richten
sich die Domänen aus und es kommt zu einer sehr starken Magnetisierung, die nicht notwen-
digerweise verschwinden muss, wenn man das externe magnetische Feld abschaltet (Abb. 3.36
rechts). Dies ist z. B. in Permanentmagneten der Fall (hartmagnetisches Material). Sind alle
Domänen ausgerichtet, so sättigt die Magnetisierung. Legt man ein magnetisches Feld in die
entgegengesetzte Richtung an, richten sich einige der Domänen in diese Richtung aus und
die Magnetisierung nimmt ab, zeigt jedoch noch in die ursprüngliche Richtung. Erst mit
einem sehr starken magnetischen Feld kann man die Magnetisierung vollständig umkehren.
Dies Verhalten bezeichnet man als Hysterese. Damit hängt die Magnetisierung von der Vor-
geschichte ab und ist stark nicht linear. Verschwindet die Magnetisierung mit dem externen
Feld, spricht man von weichmagnetischen Materialien (Abb. 3.36 links). Solange nicht alle
Domänen ausgerichtet sind, weisen ferromagnetische Materialien eine sehr hohe magnetische
Suszeptibilität auf. Da die thermische Bewegung der Atome gegen die Ausrichtung der ma-
gnetischen Momente arbeitet, gibt es eine Temperatur, oberhalb derer der Ferromagnetismus
vollständig verschwindet (Curie-Temperatur). Das Material ist dann paramagnetisch.
Im Rahmen dieser Vorlesung wird angenommen, dass die magnetischen Materialien line-
ar sind, da analytische Berechnungen mit Nichtlinearitäten praktisch unmöglich sind. Dies
bedeutet nicht, dass man die Nichtlinearitäten vernachlässigen kann, sondern dass man in
diesen Fällen (z. B. Elektromotor) numerische Verfahren für die Feldberechnung verwenden
7
Bei dieser Wechselwirkung spielen quantenmechanische Effekte eine übergeordnete Rolle und die rein
klassische Dipol-Dipolwechselwirkung wäre zu schwach für eine Ausbildung von Domänen.
148 Kapitel 3. Stationäre Felder

muss. Im linearen und isotropen Fall verwendet man anstelle der magnetischen Suszeptibilität
meistens die relative Permeabilität (auch Permeabilitätszahl genannt)

µ r = 1 + χm , (3.50)

eine skalare und einheitenlose Größe.


Kapitel 4

Quasistationäre Felder

Um die Aussagen über die Feldenergie des magnetischen Feldes und den damit eng verknüpf-
ten Begriff der Induktivität, die das Analogon zur Kapazität beim elektrischen Feld darstellt,
zu gewinnen, muss zunächst das Induktionsgesetz eingeführt werden. Dazu muss man das Ge-
biet der stationären Felder verlassen und zeitliche Änderungen zulassen. Dabei sei zunächst
jedoch vorausgesetzt, dass weiterhin das Strömungsfeld J~ als quellenfrei angesehen werden
kann und für B ~ und H~ die Feldgleichungen für stationäre Felder gelten. Die Voraussetzung
schränkt die zugelassene Geschwindigkeit der zeitlichen Änderung der Felder stark ein, sodass
man von quasistationären Feldern spricht.
Es sei jedoch bereits hier darauf hingewiesen, dass der Begriff quasistationär“ nicht

scharf definiert ist und oft auch in Verbindung mit anderen teilweise weniger restriktiven
Näherungen benutzt wird. Um Missverständnisse in diesem Zusammenhang zu vermeiden,
ist es notwendig, sich stets über die vorausgesetzten Näherungen genau zu informieren.

4.1 Das Lorentzsche Kraftgesetz


Die magnetische Flussdichte war in Abs. 3.7 über eine Kraftmessung definiert worden. Ursache
für diese Kraft ist die Lorentzsche Kraft, die auf eine bewegte Punktladung mit der Ladung
q und Geschwindigkeit ~v wirkt
 
~ =q E
K ~ + ~v × B
~ (4.1)

Die Geschwindigkeit |~v | muss klein sein verglichen mit der Lichtgeschwindigkeit des Vakuums.
Die Kraft setzt sich aus zwei Anteilen zusammen. Der erste Term beschreibt die Wirkung
der elektrischen Feldstärke und der zweite die Wirkung der magnetischen Flussdichte, wobei
dieser keine Arbeit an der Punktladung verrichtet. Mit d~r = ~v dt ist die an der Punktladung
von den Feldern geleistete Arbeit
 
dAgel = K ~ · d~r = q E ~ + ~v × B
~ · ~v dt = q E
~ · ~v dt .

Die durch das Magnetfeld erzeugte Kraft steht immer senkrecht auf der Geschwindigkeit.
In einem homogenen Magnetfeld bewegen sich geladene Teilchen daher oft auf Kreisbahnen
oder Spiralen. In einem langen und schmalen Halbleiterplättchen führt diese Kraft zum Hall-
Effekt (Abb. 4.1). In diesem Fall können sich die Ladungsträger nur in die Längsrichtung des
Plättchens bewegen und die dazu senkrechte magnetische Kraft wird durch ein zusätzliches
elektrisches Feld kompensiert, das die Hallspannung erzeugt. Die Ursache dieser elektrischen

149
150 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

− − − − − − −

~v ~ komp
+ E ~
B
+ + + + + + +

Abbildung 4.1: Halleffekt in einem Halbleiterplättchen.

Feldstärke sind Ladungen, die durch die Lorentzsche Kraft an den Rand des Plättchens ge-
drängt werden und sich dort ansammeln. Die dadurch entstehende Ladungstrennung erzeugt
das die Lorentzsche Kraft kompensierende elektrische Feld.
~ wirkt wie eine eingeprägte Feldstärke und für die Stromdichte ergibt sich
Der Term ~v × B
mit (3.8)  
J~ = κ E~ + ~v × B
~ ,

wobei angenommen wird, dass es nur eine Sorte beweglicher Ladungsträger gibt, die sich alle
mit der Geschwindigkeit ~v bewegen. Wird nun ein Leiter in einem Magnetfeld bewegt, so
entsteht in ihm eine eingeprägte Feldstärke, die zur Stromerzeugung verwendet werden kann.
Als Beispiel soll der Unipolargenerator betrachtet werden. Es dreht sich eine Metallscheibe
mit dem Radius R in einem homogenen Magnetfeld B ~ = B0~ez , dessen Flussdichte parallel
zur Rotationsachse der Scheibe ist (Abb. 4.2). Die Rotationsachse falle mit der z-Achse
zusammen und die Geschwindigkeit eines Punkts auf der Scheibe sei in Zylinderkoordinaten
gegeben durch (siehe Abs. 1.5)
2πρ
~ × ~r =
~v = ω ~eφ
T
mit der konstanten Winkelgeschwindigkeit ω ~ = 2π/T ~ez . T ist die Umlaufzeit der Scheibe.
Integration der eingeprägten Feldstärke

~ = 2πρB0 ~eρ
~ (e) = ~v × B
E
T
ergibt die induzierte Leerlaufspannung zwischen dem Außenrand der Kreisscheibe und der
Achse Z außen Z R
~ (e) 2πρB0 πB0 R2
Uind = E · d~r = ~eρ · ~eρ dρ = .
innen 0 T T
Wird kein Strom aus dem Generator entnommen, so fällt zwischen dem Außenrand und
der Achse die Spannung Uind ab, die eine elektrische Feldstärke erzeugt, die die eingeprägte
Feldstärke genau kompensiert, sodass der Stromfluss verschwindet (siehe Abs 3.5, leitfähiger
Quader). Es entsteht dabei in der Scheibe eine Raumladung.
Als weiteres Beispiel soll ein zylinderförmiger Leiter betrachtet werden, der sich auf zwei
ruhenden Schienen mit der konstanten Geschwindigkeit ~v = v0~ex in einem homogenen Ma-
gnetfeld mit B~ = −B0~ez bewegt (Abb. 4.3). Mit der eingeprägten Feldstärke

~ (e) = ~v × B
E ~ = v0 B0~ey

ergibt sich die induzierte Leerlaufspannung

Uind = v0 B0 l . (4.2)

Diese kann man als Potenzialdifferenz an den beiden Schienen messen.


4.1. Das Lorentzsche Kraftgesetz 151

~
B

rotierend

U
ω

Abbildung 4.2: Der Unipolargenerator.

l U
~v
~
B
y

z x
x(t) a

Abbildung 4.3: Zylinder, der sich in einem homogenen Magnetfeld mit einer konstanten Ge-
schwindigkeit bewegt.
152 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

C
U
~v
F R

~
B ~ = ~0
B

Abbildung 4.4: Leiterschleife in einem Magnetfeld.

Mit dem Unipolargenerator und dem bewegten Zylinder kann man mechanische Arbeit in
elektrische Energie umwandeln. Es stellt sich allerdings die Frage, wie dies möglich ist, da die
zur magnetischen Flussdichte proportionale Kraft keine Arbeit an den beweglichen Ladungs-
trägern leisten kann. Fließt in dem im Magnetfeld bewegten Zylinder ein endlicher Strom,
werden die Ladungsträger von der Lorentzkraft an die Oberfläche des Zylinders gedrückt.
Dadurch kommt es auch in dem Zylinder zu einer Ladungstrennung wie im Hallplättchen
(Abb. 4.1). Die die entsprechende Komponente der Lorentzschen Kraft kompensierende elek-
trische Feldstärke wirkt dabei nicht nur auf die beweglichen Ladungsträger im Leiter, sondern
auch auf die geladenen Atomrümpfe, die an festen Orten im Gitter sitzen, und es entsteht
eine Kraft auf den Leiter, die der Bewegung des Zylinders genau entgegenwirkt (siehe (3.13)).
Somit muss bei Stromfluss im Zylinder eine Kraft aufgebracht werden, um den Zylinder zu
bewegen, aus der die geleistete mechanische Arbeit folgt. Umgekehrt erzeugt die Bewegung
des Zylinders und damit der in dem Zylinder enthaltenen beweglichen Ladungsträger im Ma-
gnetfeld die induzierte Spannung, über die dann der Strom und damit die elektrische Leistung
entnommen werden kann.

4.2 Das Faradaysche Induktionsgesetz


M. Faraday führte im Wesentlichen drei verschiedene Versuche zur Induktion durch, die sich
alle durch die gleiche Formel beschreiben lassen. Mit einem Magneten wird ein stationäres Feld
erzeugt, das in einem rechteckigen Bereich homogen ist und außerhalb des Bereichs schnell
verschwindet. Die Versuche werden mit einer rechteckigen Linienleiterschleife durchgeführt,
die mit einem Widerstand abgeschlossen ist, der so groß sei, dass die Leiterwiderstände ge-
genüber diesem Widerstand vernachlässigbar sind (Abb. 4.4). Im ersten Versuch wird eine
rechteckige Leiterschleife aus einem Magnetfeld gezogen. Dabei wird in der Leiterschleife ein
Strom induziert und am Widerstand fällt eine Spannung U ab. Dieser Versuch entspricht dem
bewegten Zylinder aus Abb. 4.3. In dem bewegten Linienleiter wird überall eine eingeprägte
Feldstärke erzeugt. Nur in dem Leiterstück, das senkrecht auf der Geschwindigkeit steht, baut
sich eine Spannung auf. In den Leiterstücken, die parallel zur Geschwindigkeit sind, steht die
eingeprägte Feldstärke senkrecht auf dem Pfad und diese tragen nicht zum Integral bei. Ist der
Widerstand hinreichend groß, so entspricht die gemessene Spannung am Widerstand genau
der Leerlaufspannung (4.2). Im zweiten Versuch ruht die Leiterschleife und der Magnet wird
in die entgegengesetzte Richtung mit der gleichen Geschwindigkeit bewegt. Es wird wieder
ein Strom induziert und die Spannung am Widerstand hat den selben Wert wie im ersten
Versuch. Dieses Ergebnis ist unerwartet, da das zur Geschwindigkeit senkrechte Leiterstück
in einem homogenen Magnetfeld ruht. Es tritt daher keine Lorentzsche Kraft auf. Diese Sym-
4.2. Das Faradaysche Induktionsgesetz 153

metrie des ersten und zweiten Versuchs war eine der entscheidenden Beobachtungen, die zur
Entwicklung der Relativitätstheorie geführt haben und soll hier nicht weiter besprochen wer-
den. Im dritten Versuch ruhen die Leiterschleife und das Magnetfeld, das allerdings diesmal
zeitabhängig ist. Es wird wieder eine Spannung U induziert.
In allen drei Fällen gilt
Z
d ~ · dF~ =: − dΦ .
Uind = IR = − B (4.3)
dt F dt
Die Fläche F ist mit dem Pfad C der Linienleiterschleife im Sinne einer Rechtsschraube
verknüpft und R sei nun der gesamte Widerstand der Leiterschleife. Der magnetische Fluss
durch die Fläche F ist durch Z
Φ= B~ · dF~
F
gegeben und seine negative zeitliche Ableitung bezeichnet man als magnetischen Schwund.
Der magnetische Schwund setzt sich aus zwei Anteilen zusammen, die man erhält, wenn
man den magnetischen Fluss differenziert und dabei beachtet, dass sowohl die magnetische
Flussdichte als auch die Form der Linienleiterschleife von der Zeit abhängen können

dΦ d
Z
d
Z Z
∂B~
− |t=t0 = − ~
B(t) · dF~ |t=t0 = − ~ 0 ) · dF~ |t=t −
B(t · dF~ |t=t0 .
0
dt dt F (t) dt F (t) F (t0 ) ∂t
| {z }| {z }
Bewegungsschwund Ruheschwund

Der Bewegungsschwund ergibt sich aus der Bewegung oder Verformung der Leiterschlei-
fe, während der Ruheschwund nur den Anteil des sich zeitlich verändernden Magnetfelds
erfasst. Mit dem magnetischen Vektorpotenzial und dem Stokesschen Satz kann der Bewe-
gungsschwund umgeformt werden
Z Z
d ~ 0 ) · dF~ |t=t = − d ~ 0 ) · d~r|t=t .
− B(t 0 A(t 0
dt F (t) dt C(t)

Da der erste Versuch von Faraday das gleiche Ergebnis liefert wie der bewegte Zylin-
der, liegt die Vermutung nahe, dass der Bewegungsschwund durch die Lorentzsche Kraft
bedingt ist. Der bewegte Zylinder und die Schienen bilden zusammen mit dem Messgerät
eine geschlossene Schleife (Abb. 4.3). Der magnetische Fluss durch die eingespannte Fläche
l(a − x(t)), die in negative z-Richtung orientiert ist, lautet
Z
Φ= ~ · dF~ = B0 l(a − x(t))
B
F

und der Schwund


d dx
− Φ = B0 l = B0 lv0 .
dt dt
Dieser Wert entspricht genau der Leerlaufspannung des bewegten Zylinders (4.2). Dies lässt
sich auch allgemein zeigen. Dazu wird wieder ein stationäres Magnetfeld angenommen, das
allerdings nicht homogen sein muss. In einer Linienleiterschleife befinde sich eine bewegliche
Ladungsträgersorte mit der Linienladungsdichte %L und Geschwindigkeit ~vrel relativ zum
Linienleiter. Die totale Geschwindigkeit der Ladungsträger ergibt sich aus der Summe der
Geschwindigkeit des Linienleiters ~vDraht und der Ladungsträger innerhalb des Linienleiters

~v = ~vDraht + ~vrel .
154 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

F (t + dt)

FMantel

F (t)

~vDraht dt

d~r
| d~r × ~vDraht | dt
C(t)

Abbildung 4.5: Volumen, das durch die Verschiebung der Fläche F um die Zeit dt gebildet
wird.

Die erzeugte Leerlaufspannung ergibt sich durch Integration über die Linienleiterschleife C(t),
die dem Bewegungsschwund entsprechen muss
I Z
~ · d~r = − dΦ = − d
 
~ + ~v × B
E ~ · dF~ .
B
C(t) dt dt F (t)
~ · d~r = 0 und die elektrische Feldstärke
H
Da das Magnetfeld stationär ist, gilt immer noch C E
~ ·
H
liefert keinen Beitrag zur linken Seite. Die magnetische Flussdichte ist quellenfrei F B
dF~ = 0 und das Integral der Flussdichte über die geschlossene Hüllfläche in Abb. 4.5 muss
verschwinden. Die Hüllfläche Fges setzt sich zusammen aus der Fläche zum Zeitpunkt t und
der Fläche zum Zeitpunkt t + dt. Diese beiden Flächen bilden den Boden und Deckel einer
Dose. Die Mantelfläche wird durch die Bewegung der Kurve C(t) erzeugt. Das Hüllintegral
lautet damit1
I Z Z Z
~ ~
B · dF = ~ ~
B · dF − ~ ~
B · dF + ~ · dF~ = 0 .
B
Fges F (t+dt) F (t) FMantel

Das Integral über den Boden F (t) geht mit einem negativen Vorzeichen ein, da die Fläche F (t)
ihre Orientierung mit der Zeit nicht ändert. Das infinitesimale Flächenelement des Mantels
ergibt sich aus der Kurve C(t) und ihrer Bewegung dF~ = d~r × ~vDraht dt. Löst man das
Hüllintegral nach dem Integral über den Mantel auf, ergibt sich
Z I I  
~ ~
B · dF = ~
B · (d~r × ~vDraht ) dt = ~ · d~r dt
~vDraht × B
FMantel C(t) C(t)
Z Z !
=− ~ · dF~ −
B ~ · dF~ .
B
F (t+dt) F (t)

1
Die Hüllfläche wird aus Stücken zusammen gesetzt, die zu verschiedenen Zeitpunkten bestimmt werden.
Dies macht keine Probleme, weil die magnetische Flussdichte zeitunabhängig ist, und es nur wichtig ist, dass
die Hüllfläche geschlossen ist, damit der Gaußsche Satz angewendet werden kann.
4.2. Das Faradaysche Induktionsgesetz 155

Teilt man durch dt, ergibt sich auf der rechten Seite der Bewegungsschwund
I Z

~
 d ~ · dF~ .
~vDraht × B · d~r = − B
C(t) dt F (t)

Auf der linken Seite kann man noch die relative Ladungsträgergeschwindigkeit addieren, da
diese tangential zur Kurve C(t), dem Linienleiter, ist mit ~vrel k d~r
I I Z
h
~
i h
~
i d ~ · dF~ .
(~vDraht + ~vrel ) × B · d~r = ~v × B · d~r = − B
C(t) C(t) dt F (t)

Dadurch ergibt sich in den eckigen Klammern die aus der Lorentzschen Kraft folgende ein-
geprägte Feldstärke. Der Bewegungsschwund ist damit eine direkte Folge der Lorentzschen
Kraft. Genaugenommen handelt es sich um eine relativistische Korrektur erster Ordnung, die
aus der Bewegung der Leiterschleife folgt. Diese ist nur richtig, falls die Geschwindigkeit |~v |
viel kleiner als die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum ist.
Ruht die Leiterschleife, gibt es keinen Bewegungsschwund und es tritt im Fall eines
zeitabhängigen Magnetfelds ein Ruheschwund auf
I   I

Z
∂B~
~ ~
E + ~v × B · d~r = ~
E · d~r = − =− · dF~ .
C C dt F ∂t

Die elektrische Feldstärke ist daher nicht mehr wirbelfrei und es ergibt sich die integrale
Version der zweiten Maxwellschen Gleichung für den allgemeinen Fall
I Z ~
∂B
~ · d~r = −
E · dF~ (4.4)
C F ∂t

In die geschlossene Kurve C ist die Fläche F eingespannt, die entsprechend einer Rechts-
schraube orientiert ist. Hierbei muss die Randkurve C nicht mehr durch einen materiellen
Linienleiter gegeben sein und kann sich beliebig in der Zeit ändern. Diese Gleichung gilt
ganz allgemein unabhängig vom Vorhandensein von Materie, was durch die Ausbreitung von
elektromagnetischen Wellen im Vakuum bestätigt wird. Mit dem Stokesschen Satz folgt für
hinreichend glatte Felder die differenzielle Form

~
∂B
~ =−
rot E (4.5)
∂t

Da die zeitliche Ableitung der magnetischen Flussdichte auf Grenzflächen üblicherweise end-
lich ist, folgt aus der integralen Version auch wieder die bekannte Grenzbedingung (2.9)

~ = ~0
Rot E (4.6)

und die Tangentialkomponenten der elektrischen Feldstärke müssen stetig sein.


Wie schwierig die Interpretation des Faradayschen Gesetzes
I 
~ · d~r = − dΦ

~ + ~v × B
E
C dt
sein kann, soll am Beispiel des Versuchs von C. Hering gezeigt werden. Innerhalb eines Toroids
existiere eine stationäre magnetische Flussdichte (Abb. 4.6). Außerhalb ist sie vernachlässig-
bar. Der magnetisierte Toroid bestehe aus einer leitfähigen Materie. In Stellung 1 umschließen
156 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

leitfähiger Mantel
Toroid

B Φ

Stellung 1 Stellung 2

Abbildung 4.6: Versuch von Hering.

z
~
B
a
~v
dF C
l
~v

Abbildung 4.7: Rotierende Rechteckspule in einem homogenen Magnetfeld.

die Bügel des Messgeräts den Toroid. Dann wird das Messgerät zur Seite gezogen, wobei die
beweglichen Bügel in Kontakt mit der leitfähigen Hülle des Toroids kommen, sodass es im-
mer eine geschlossene Leiterschleife gibt. In Stellung 2 ist die Messanordnung soweit bewegt
worden, dass die Bügel den Toroid nicht mehr umschließen. Während des gesamten Experi-
ments wird keine Spannung im Messgerät festgestellt. Dies scheint dem Faradayschen Gesetz
zu widersprechen, da sich der in den Bügeln eingeschlossene Fluss ändert. Betrachtet man
jedoch die linke Seite, ist sofort klar, dass es keine Lorentzsche Kraft gibt, weil die magne-
tische Flussdichte am Ort der bewegten Bügel verschwindet. Wählt man eine geschlossene
Kurve C, von der sich während der Bewegung kein Teilstück ablöst, kann man zeigen, dass
der Schwund genau verschwindet.
Ähnliche Schwierigkeiten gibt es bei der Anwendung des Faradayschen Gesetzes auf den
Unipolargenerator. Es kann kein eindeutiger Strompfad definiert werden. Verwendet man je-
doch die Lorentzsche Kraft zur Berechnung der induzierten Spannung, lässt sich das Problem
leicht lösen, wie oben gezeigt.
Es soll nun als Beispiel ein rechteckförmiger Linienleiter betrachtet werden, der in einem
homogenen Magnetfeld mit der Winkelgeschwindigkeit ω rotiert. Die magnetische Flussdichte
sei durch B ~ = B0~ex gegeben. Die Rotationsachse der Spule liege auf der z-Achse. Die in die
Spule eingespannte Fläche sei eben, habe die Größe al und auf ihr steht der Vektor ~eρ (ωt)
senkrecht. Der magnetische Fluss in der Spule ist damit
Z
Φ= ~ · dF~ = alB0~ex · ~eρ (ωt) = alB0 cos(ωt) .
B
F (t)
4.2. Das Faradaysche Induktionsgesetz 157

Die induzierte Spannung kann über den Schwund berechnet werden


Uind = − = ωalB0 sin(ωt) .
dt
Dies ist die einfachste Form des Wechselstromgenerators. Man kann die Berechnung auch mit
~ durchführen. Das Integral besteht aus vier Teilintegralen
der eingeprägten Feldstärke ~v × B
über gerade Pfadstücke. Nur die beiden Pfade parallel zur z-Achse tragen mit dem jeweils
gleichen Betrag zum Integral bei
I  Z l
~
 a 
Uind = ~v × B · d~r = 2 − ω~eρ (ωt) × B0~ex · dz~ez = ωalB0 sin(ωt) .
0 2
 
Auf den beiden anderen Pfaden gilt ~v × B~ ⊥ d~r.

Lenzsche Regel: Das Minuszeichen in der zweiten Maxwellschen Gleichung bewirkt, dass
durch eine Flussänderung induzierte Spannungen Ströme bedingen, die wiederum Magnetfel-
der erzeugen, die der Flussänderung entgegenwirken (Lenzsche Regel). Diese Reaktion kann
auch mechanische Kräfte bedingen. Mit der Lenzschen Regel kann man leicht die Richtung
der induzierten Ströme bestimmen.

Der gesamte Raum sei mit homogener, linearer und isotroper Materie (D ~ = εE~ und
B~ = µH)~ erfüllt. Es sollen nur elektrische Felder berücksichtigt werden, die ihren Ursprung
in der zeitabhängigen magnetischen Flussdichte haben. Es wird daher angenommen, dass
die elektrische Flussdichte quellenfrei ist (keine Raumladungen) und damit die elektrische
Feldstärke
~ =0.
div E
Weiterhin gilt
~
rot E~ = − ∂B .
∂t
Diese beiden Gleichungen sind vom gleichen Typ wie die Gleichungen für die magnetische
Flussdichte in Abs. 3.13 und es kann für diesen Fall ein zu (3.32) analoger integraler Ausdrück
angegeben werden
Z ~ 0
1 ∂ B(~r ) ~r − ~r 0
~
E(~r) = − × dV 0 ,
4π ∂t |~r − ~r 0 |3
wobei angenommen wird, dass die Änderungen der magnetischen Flussdichte im Unendli-
chen hinreichend schnell verschwinden, damit das Integral endlich bleibt. Weiterhin muss die
Stromdichte quellenfrei sein
div J~ = 0 , Div J~ = 0 .
Dies gilt strenggenommen nur für den stationären Fall. Die induzierte elektrische Feldstärke
tritt auch in Leitern auf und führt dort zu einem Stromfluss, der wiederum das Magnetfeld
ändert. Diese Rückkopplung führt z. B. zum Skin-Effekt, der in EMF I besprochen wird,
und zeigt, dass quasistationäre Vorgänge nur unter sehr speziellen Bedingungen leicht zu
berechnen sind.
Es soll nun die induzierte elektrische Feldstärke in einem unendlich langen Koaxialkabel
unter quasistationären Bedingungen bestimmt werden (Abb. 4.8). Aufgrund der Symmetrie
werden Zylinderkoordinaten und -komponenten verwendet. Der Strom I, der im Kabel fließt
158 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

J~F

µ0
Ri Ra ≈ Ri ρ

~ I
J,
ri z

J~F

Abbildung 4.8: Koaxialkabel bestehend aus zwei konzentrischen zylinderförmigen Leitern.

sei zeitabhängig, jedoch sollen die zeitlichen Änderungen so langsam ablaufen, dass die Strom-
dichte im Leiter immer noch quellenfrei ist, wie oben angemerkt, und das Magnetfeld mit den
Gleichungen für den stationären Fall bestimmt werden kann. Aufgrund der Symmetrie wird
der Ansatz gemacht, dass die Komponenten der Feldstärke nur vom Radius ρ abhängen
~ φ, z) = Eρ (ρ)~eρ (φ) + Eφ (ρ)~eφ (φ) + Ez (ρ)~ez
E(ρ,
Das induzierte elektrische Feld sei wieder quellenfrei

~ = 1 ∂ (ρEρ ) = 0
div E
ρ ∂ρ
und die ρ-Komponente lautet

Eρ = .
ρ
Ein Pol bei ρ = 0 würde bedeuten, dass es an dieser Stelle eine Linienladung gäbe. Da
jedoch das induzierte elektrische Feld quellenfrei sein soll, wird die ρ-Komponente zu null
gesetzt. Mit der zweiten Maxwellschen Gleichung in differenzieller Form ergibt sich für die
verbleibenden Komponenten
~
~ = − ∂Ez ~eφ + 1 ∂ (ρEφ )~ez = − ∂ B = − ∂Bφ ~eφ .
rot E
∂ρ ρ ∂ρ ∂t ∂t
Die magnetische Flussdichte hat nur eine φ-Komponente und es folgen zwei Gleichungen aus
der zweiten Maxwellschen Gleichung für die Komponenten der elektrischen Feldstärke. Die
φ-Komponente der elektrischen Feldstärke koppelt nicht an das magnetische Feld

~ · ~ez = 1 ∂ (ρEφ ) = 0
rot E
ρ ∂ρ
und wird zu null gesetzt, weil es für einen Pol bei ρ = 0 keinen Grund gibt. Es verbleibt nur
noch die z-Komponente
rot E~ · ~eφ = − ∂Ez = − ∂Bφ
∂ρ ∂t
4.3. Die magnetische Feldenergie und Induktivität 159

Mit
µ0 ρI(t)
Bφ (ρ, t) =
2πri2
lautet die Lösung der Differenzialgleichung im Innenleiter

µ0 ρ2 dI
Ez (ρ, t) = + Ez (0, t) .
4πri2 dt

Für das Dielektrikum zwischen dem Außen- und Innenleiter gilt mit (3.30)
µ0 dI ρ
Ez (ρ, t) = ln + Ez (ri , t) .
2π dt ri
~ = ~0 und damit
Auf der Oberfläche des Innenleiters gilt Rot E
µ0 dI
Ez (ri , t) = + Ez (0, t) .
4π dt
Nimmt man weiterhin an, dass der Außenleiter so dünn ist, dass man die Stromdichte im
Außenleiter durch eine entsprechende Flächenstromdichte mit Rot H ~ = J~F ersetzen kann,
springt die magnetische Flussdichte an der Stelle ρ = Ri abrupt auf den Wert null und es gilt
auch an dieser Grenze Rot E ~ = ~0. Für die induzierte Feldstärke im Außenraum ergibt sich
dann
µ0 dI Ri µ0 dI
Ez (ρ > Ri , t) = Ez (Ri , t) = ln + + Ez (0, t) .
2π dt ri 4π dt
Da die magnetische Flussdichte im Außenraum verschwindet, ist die induzierte Feldstärke
dort konstant (rot E ~ = ~0 für ρ > Ri ). Diese konstante induzierte Feldstärke außerhalb des
Kabels macht wenig Sinn und wird deswegen zu null gesetzt und die bisher unbekannte
elektrische Feldstärke Ez (0, t) kann bestimmt werden
 
µ0 Ri dI
Ez (0, t) = − 1 + 2 ln .
4π ri dt

Es wird also im Innenleiter eine elektrische Feldstärke induziert, die der Stromänderung im
Innenleiter entgegen wirkt (Lenzsche Regel). Dieses Beispiel zeigt weiterhin, wie schwierig
es sein kann, die Stromdichte im quasistationären Fall vorzugeben. Da die Stromdichte im
quasistationären Fall quellenfrei sein soll, darf es nicht zu einem Potenzialabfall längs des
Leiters kommen, da sich sonst aufgrund der Kapazität des Koaxialkabels Ladungen auf dem
Leiter ansammeln würden, die proportional zum Strom wären, und die Stromdichte wäre
nicht mehr quellenfrei. Dies kann nur verhindert werden, wenn der Innenleiter unendlich gut
leitet und es keinen Potenzialabfall längs des Leiters gibt. Dann führt aber die induzierte
Feldstärke zu einer Stromdichte, die den ursprünglichen Stromfluss genau kompensiert und
es kann nur Strom auf der Oberfläche des Leiters fließen (Skin-Effekt). Eine Berechnung der
Stromdichte ist damit nicht mehr unabhängig vom Induktionsproblem. Praktisch wird es
daher unmöglich sein, in einem Koaxialkabel einen Strom so einzuprägen, dass sich die obige
Lösung ergibt.

4.3 Die magnetische Feldenergie und Induktivität


Der gesamte Raum sei mit homogener, linearer und isotroper Materie (B ~ = µH)
~ erfüllt. In
diesem Raum befinden sich zwei geschlossene Linienleiterschleifen, die ruhen (Abb. 4.9). In
160 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

2
I2
d~r2

~r2 − ~r1 µ
~r2 ~
B

I1
d~r1
~r1 1

Abbildung 4.9: Zwei ruhende Linienleiterschleifen im homogenen Raum.

~ 1 . Es soll der von


der Schleife 1 fließt der Strom I1 und erzeugt die magnetische Flussdichte B
dem Strom I1 erzeugte magnetische Fluss berechnet werden, der die Schleife 2 durchsetzt
Z
Φ2 |I2 =0 = B~ 1 · dF~2 .
F2

Mit dem Biot-Savartschen Gesetz (3.34) ist die magnetische Flussdichte der Schleife 1 gegeben
durch
~r1 − ~r
I
~ µI1
B1 (~r) = × d~r1 .
4π C1 |~r − ~r1 |3
Das Magnetfeld der Schleife 1 ist proportional zum Strom I1 in diesem linearen Problem und
damit der Fluss durch die Schleife 2
Z I 
µI1 ~r1 − ~r2
Φ2 |I2 =0 = × d~r1 · dF~2 = L21 I1 .
4π F2 r2 − ~r1 |3
C1 |~

L21 ist die Gegeninduktivität der beiden Spulen. Sie hat die Einheit Henry
Vs
[L] = H = .
A
Mit dem Stokesschen Satz und der Formel für das Vektorpotenzial einer Linienleiterschleife
(3.33) kann man diesen Ausdruck umformen
Z I I I 
~ ~ ~ µI1 d~r1
Φ2 |I2 =0 = B1 · dF2 = A1 · d~r2 = · d~r2 .
F2 C2 4π C2 C1 |~
r2 − ~r1 |
Damit ergibt sich für die Gegeninduktivität die Neumannsche Formel
d~r1 · d~r2
I I
µ
L21 = . (4.7)
4π C2 C1 |~r2 − ~r1 |
4.3. Die magnetische Feldenergie und Induktivität 161

~r1 − ~r2

R1
R2

0 µ0 l I2 z
I1

Abbildung 4.10: Zwei ruhende kreisförmige Linienleiterschleifen im Vakuum.

Analog kann man den Fluss Φ1 in der Schleife 1, der durch einen Strom I2 in der Schleife 2
erzeugt wird, berechnen und erhält die entsprechende Gegeninduktivität (Φ1 |I1 =0 = L12 I2 )

d~r2 · d~r1 d~r1 · d~r2


I I I I
µ µ
L12 = = = L21 .
4π C1 C2 |~r1 − ~r2 | 4π C2 C1 |~r2 − ~r1 |

Aus dieser Formel folgt sofort die Symmetrie (Reziprozität) der beiden Gegeninduktivitäten.
Weiterhin hängt die Induktivität nur von der Geometrie und den Materialparametern ab.
Dies ist analog zu den Teilkapazitäten der Elektrostatik (siehe Abs. 2.14).
Als Beispiel soll die Gegeninduktivität zweier kreisförmiger Linienleiterschleifen in Luft
berechnet werden (Abb. 4.10). Die Schleife 1 hat den Radius R1 und die Schleife 2 den Radius
R2 . Die Mittelpunkte der beiden Kreise liegen auf der z-Achse und die Kreisscheiben stehen
senkrecht auf der z-Achse. Sie haben den Abstand l. Wegen der Symmetrie der Anordnung
werden Zylinderkoordinaten verwendet. Die Ortsvektoren der Linienleiterschleifen 1 und 2
lauten
~r1 = R1~eρ (φ1 ) , ~r2 = R2~eρ (φ2 ) + l~ez .

Die infinitesimal kleinen Pfadelemente sind durch

d~r1 = R1~eφ (φ1 ) dφ1 , d~r2 = R2~eφ (φ2 ) dφ2

gegeben. Mit der Neumannschen Formel (4.7) kann die Gegeninduktivität berechnet werden
2π 2π
R1~eφ (φ1 ) dφ1 · R2~eφ (φ2 ) dφ2
Z Z
µ0
L21 =
4π 0 0 |R2~eρ (φ2 ) + l~ez − R1~eρ (φ1 )|
µ0 R1 R2 2π 2π
Z Z
cos(φ1 ) cos(φ2 ) + sin(φ1 ) sin(φ2 )
= p dφ1 dφ2
4π 0 0 l + R2 + R12 − 2R1 R2 (cos(φ1 ) cos(φ2 ) + sin(φ1 ) sin(φ2 ))
2 2

µ0 R1 R2 2π 2π cos(φ1 − φ2 )
Z Z
= p dφ1 dφ2
4π 0 0 l2 + R2 + R12 − 2R1 R2 (cos(φ1 − φ2 ))
2

µ0 R1 R2 2π cos(φ0 )
Z
= p
2 2
dφ0 .
2 0 2
l + R2 + R1 − 2R1 R2 cos(φ ) 0

Es wird jetzt angenommen, dass l2 +R12 +R22  R1 R2 gilt, und es wird eine Taylorentwicklung
162 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

~ (e)
E
Ii

J~ µ J~ = ~0

Leiter i

Abbildung 4.11: Ruhende Leiterschleifen mit endlichem Querschnitt in linearer und isotroper
Materie.

des Nenners bis erster Ordnung durchgeführt mit 1/ 1 − x ≈ 1 + x/2
µ0 R1 R2 2π cos(φ0 )
Z
1
L21 = p
2 2
q dφ0
2 0 2 R R
l + R1 + R2 1 − 2 2 2 2 cos(φ )
1 2 0
l +R1 +R2


cos(φ0 )
Z  
µ0 R1 R2 R1 R2 0
≈ 1+ cos(φ ) dφ0
l2 + R12 + R22
p
2 0 l2 + R22 + R12
πµ0 R12 R22
= 3 .
2 l2 + R22 + R12 2

Die Selbstinduktivität einer Spule mit Φ1 |I2 =0 = L11 I1 kann nicht so einfch berechnet wer-
den. Im Falle einer Linienleiterschleife ist diese unendlich groß, da die magnetische Flussdichte
in der Nähe des Linienleiters invers proportional zum Abstand ist (siehe (3.30)) und der in
die Schleife eingeschlossene Fluss divergiert. Dies folgt auch aus der Neumannschen Formel,
da deren Nenner für die Selbstinduktivität mit ~r2 = ~r1 verschwinden kann.
Eine endliche Selbstinduktivität ergibt sich nur für Leiter mit einem endlichen Quer-
schnitt. Um dieses Problem allgemein anzugehen, soll zuerst die Energie des magnetischen
Felds für eine ruhende Leiteranordnung ohne Linienleiter und Flächenströme betrachtet wer-
den (Abb.4.11). Damit in den Leitern mit endlicher Leitfähigkeit ein Strom fließt, muss es
eine Energiequelle geben, die hier allgemein mit einer eingeprägten Feldstärke innerhalb der
Leiter beschrieben wird. Mit
 
div E ~ ×H ~ =H ~ · rot E
~ −E~ · rot H
~

und der ersten und zweiten Maxwellschen Gleichung für den quasistationären Fall ergibt sich
~
~ · ∂B − E
 
div E~ ×H
~ = −H ~ · J~ .
∂t
Die Leiteranordnung soll ein endlich großes Gebiet einnehmen. Die elektrische Stromdichte
J~ soll wieder die entsprechenden stationären Gleichungen erfüllen. Die Materie soll isotrop
4.3. Die magnetische Feldenergie und Induktivität 163

und linear sein. Integriert man den obigen Ausdruck über eine Kugel, deren Mittelpunkt im
Ursprung des Koordinatensystems liegt, der wiederum innerhalb des Gebiets der Leiteran-
ordnung liegt, und die den Radius R hat, so kann man zeigen, dass das Integral über die linke
Seite verschwindet, wenn man die Kugel unendlich groß werden lässt
Z   I   Z  
lim div E ~ ×H ~ dV = lim ~ ×H
E ~ · dF~ − Div E ~ ×H~ dF = 0 .
R→∞ V (R) R→∞ F (R) FGF

Unter der Annahme, dass die Leiteranordnung nur eine endliche Ladung trägt, verhält sie sich
im Fernfeld wie eine Punktladung, deren elektrisches Feld invers proportional zum Quadrat
des Abstands ist (siehe Abs. 2.10). Das magnetische Fernfeld einer beliebigen stromdurchflos-
senen Leiteranordnung (Dipolfeld) ist invers proportional zur dritten Potenz des Abstandes
(siehe Abs. 3.13).2 Insgesamt ist der Integrand des Hüllintegrals auf der rechten Seite invers
proportional zur fünften Potenz des Abstands, während die Oberfläche der Kugel nur qua-
dratisch mit dem Abstand zunimmt, und das Hüllintegral verschwindet. Wie noch in EMF I
gezeigt wird, bedeutet dies, dass die von der Anordnung durch elektromagnetische Wellen ab-
gestrahlte Leistung vernachlässigt werden kann. Gibt es Grenzflächen FGF im Raum, so tragen
auch diese nicht zum Integral bei, da sowohl die Tangentialkomponenten der elektrischen als
auch der magnetischen Feldstärke mit Rot E ~ = ~0 und Rot H ~ = ~0 auf den Grenzflächen stetig
sind. Somit verschwindet die Flächendivergenz von E × H ~ ~
   
~ ~ ~ ~
Div E × H = ~n12 · E2 × H2 − E1 × H1 ~ ~
   
=H ~ 2 · ~n12 × E~2 − H ~ 1 · ~n12 × E
~1
   
= H ~2 − H ~ 1 · ~n12 × E ~2
h  i
=E ~2 · H ~2 − H~ 1 × ~n12
~ 2 · Rot H
= −E ~
=0
und das Integral über die innerhalb der Kugel gelegenen Grenzflächen. Damit entspricht
das Integral der elektrischen Leistungsdichte (3.9) über den gesamten Raum dem folgenden
Ausdruck, der für lineare und isotrope Materie auf die Form
Z Z
∂B~ Z 
∂ 1 ~2

d
Z
1 ~2
− ~ ~
E · J dV = ~
H· dV = µH dV = µH dV
V (∞) V (∞) ∂t V (∞) ∂t 2 dt V (∞) 2
gebracht werden kann. Der Term auf der linken Seite beschreibt zum einen die Verluste in
den Leitern aufgrund der endlichen Leitfähigkeit und zum anderen die von den eingeprägten
Feldern zugeführte Leistung (siehe (3.10))
Z Z ~2
− ~ · J~ dV =
E ~ (e) − J dV = Pzug. − PVerl. .
J~ · E
V (∞) V (∞) κ
Beide Leistungen sollen endlich sein. Die rechte Seite entspricht der Differenz von zugeführter
Leistung und den Verlusten
Z
d 1 ~2
Pzug. − PVerl. = µH dV . (4.8)
dt V (∞) 2
2
Dieses Ergebnis gilt auch für eine inhomogene Permeabilität, wenn man annimmt, dass sich die gesamte
Anordnung im Vakuum befindet, sodass die Permeabilität weit weg von der Anordnung wieder homogen ist.
164 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

Da keine Energie abgestrahlt wird, keine mechanische Arbeit geleistet wird, die elektrosta-
tische Feldenergie im quasistationären Fall vernachlässigt wird und Energieerhaltung gelten
muss, muss die rechte Seite der zeitlichen Änderung der magnetischen Feldenergie entspre-
chen. Unter der Annahme, dass die magnetische Feldenergie für verschwindende magnetische
Felder ebenfalls verschwindet, lautet die magnetische Feldenergiedichte für lineare und
isotrope Materie
1 ~2 1 ~2 1 ~ ~
wmag = µH = B = H ·B (4.9)
2 2µ 2
Die gesamte magnetische Energie in der Leiteranordnung ist
Z Z
1 ~ ·B~ dV = 1 ~ · rot A
~ dV .
Wmag = H H
2 V (∞) 2 V (∞)

Mit  
div A~×H
~ =H~ · rot A
~−A
~ · rot H
~

und der ersten Maxwellschen Gleichung für den quasistationären Fall gilt
Z Z
1 
~ ~
 1 ~ · rot H~ dV
Wmag = div A × H dV + A
2 V (∞) 2 V (∞)
I Z
1 
~ ~

~ 1 ~ · J~ dV .
= lim A × H · dF + A
R→∞ 2 F (R) 2 V (∞)

Da das Vektorpotenzial auf Grenzflächen stetig ist und Rot H~ = ~0 gilt, gibt es keine Beiträge
der Grenzflächen. Der Grenzwert des Oberflächenintegrals verschwindet wieder aus den selben
Gründen wie zuvor und die Energie lautet
Z
1 ~ · J~ dV ,
Wmag = A (4.10)
2 V
wobei V das endliche Volumen der Leiteranordnung ist und die Stromdichte außerhalb von
V verschwindet. Dies ist der zum ersten Term auf der rechten Seite der elektrischen Feld-
energie (2.60) analoge Ausdruck. In der Hochfrequenztechnik wird der Strom in einem Leiter
aufgrund des Skin-Effekts (siehe EMF I) an den Außenrand des Leiters gedrängt und kann
oft näherungsweise durch eine Flächenstromdichte beschrieben werden. Das magnetische Feld
verschwindet in diesem Fall innerhalb des Leiters und es gilt Rot H~ = J~F . Dies führt zu einem
zusätzlichen Term in der magnetischen Feldenergie (4.10)
Z Z
1 ~ ~ 1 ~ · J~F dF .
Wmag = A · J dV + A (4.11)
2 V 2 F
Das zweite Integral läuft über alle Leiteroberflächen, auf denen es einen Oberflächenstrom
gibt. Dies ist der zum zweiten Term auf der rechten Seite der elektrischen Feldenergie (2.60)
analoge Ausdruck.
Nimmt man weiterhin wieder homogene Materie an, kann man mit dem Ausdruck für das
Vektorpotenzial (3.31) die magnetische Energie ohne Flächenströme auf die Form
!
1
Z
µ
Z ~ r2 )
J(~ µ
Z Z ~ ~ r2 )
J(~r1 ) · J(~
Wmag = ~
dV2 · J(~r1 ) dV1 = dV2 dV1
2 V 4π V |~r1 − ~r2 | 8π V V |~r1 − ~r2 |

bringen. Es sollen nun die einzelnen Leiter wieder wie in Abb. 4.11 disjunkt sein und in dem
iten Leiter fließt der Strom Ii . Es sei ~ai = J~i /Ii die auf den Strom normierte Stromdichte im
4.3. Die magnetische Feldenergie und Induktivität 165

Abbildung 4.12: Eine mögliche Kurve C innerhalb eines Leiter mit endlichem Querschnitt.

iten Leiter, die außerhalb des iten Leiters verschwindet. Insbesondere ist sie in allen anderen
Leitern gleich null. Die magnetische Energie kann dann mit

X J~i (~r) X
~ r) =
J(~ Ii = ~ai (~r)Ii
Ii
i i

auf die Ströme in den einzelnen Leiterschleifen zurückgeführt werden

~ai (~r1 ) · ~aj (~r2 )


Z Z
µ XX 1 XX
Wmag = dV2 dV1 Ii Ij = Lij Ii Ij ,
8π Vi Vj |~r1 − ~r2 | 2
i j i j

wobei die Summen über alle Leiter laufen und die Integrale über die Volumina der entspre-
chenden Leiter. Der Induktivitätskoeffizient
Z Z ~ ~ r2 )
~ai (~r1 ) · ~aj (~r2 ) J(~r1 ) · J(~
Z Z
µ µ
Lij = dV2 dV1 = dV2 dV1 (4.12)
4π Vi Vj |~r1 − ~r2 | 4π Vi Vj Ii Ij |~r1 − ~r2 |

ist wieder symmetrisch und geht für Linienleiter mit J~ dV = I d~r wieder in die Neumannsche
Formel (4.7) über. Für i = j ergibt sich im Allgemeinen für endliche Leiterquerschnitte eine
endliche Selbstinduktivität. Allerdings ergibt sich für einen endlichen Leiterquerschnitt aus
dem Produkt von Induktivität und Strom nicht mehr der magnetische Fluss, sondern die
magnetische Flussverkettung (auch Bündelfluss genannt)
X
Ψi = Lij Ij .
j

Diese stellt eine Mittelung des gesamten magnetischen Flusses über den iten Leiter dar, da
der Leiter nicht mehr durch eine eindeutige linienförmige Kurve C gegeben ist (Abb. 4.12).
Die Größe der Fläche F hängt von der Kurve C ab und damit der eingeschlossene Fluss. Mit
166 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

I2
· · · · · ·

Ri
µ0

ri

I1

x x x x x

Abbildung 4.13: Kreisförmiger Linienleiter in einer langen Zylinderspule (Vakuum).

der Flussverkettung kann die magnetische Energie auf die Form


1 XX 1X
Wmag = Lij Ii Ij = Ii Ψi
2 2
i j i

gebracht werden.
Die Formel für den Induktivitätskoeffizienten (4.12) gilt nur für homogene Materie. Im
Fall von inhomogener aber linearer Materie kann die magnetische Feldenergie immer noch
auf die Ströme zurückgeführt werden
Z
1 ~ ·B ~ dV = 1
XX
Wmag = H Lij Ii Ij ,
2 V (∞) 2
i j

da das gesamte System linear ist. Ist die Materie zusätzlich isotrop, sind die Induktivitätskoef-
fizienten symmetrisch. Die Matrix der Induktivitätskoeffizienten ist außerdem positiv definit,
weil die magnetische Feldenergie in linearer Materie nicht negativ werden kann.
Als Beispiel soll die Gegeninduktivität eines kreisförmigen Linienleiters mit dem Radius
ri in einer langen Zylinderspule (Solenoid) mit dem Innenradius Ri > ri berechnet werden
(Abb. 4.13). Der kreisförmige Leiter befindet sich in der Ebene z = 0 im Zentrum der Zy-
linderspule und sein Mittelpunkt liegt im Ursprung des Koordinatensystems. Die gesamte
Anordnung befinde sich im Vakuum. Der kreisförmige Linienleiter sei Spule 1 und der Sole-
noid Spule 2. Es soll die Gegeninduktivität L21 berechnet werden. Dies ist relativ kompliziert,
da das von der Spule 1 erzeugte Magnetfeld stark inhomogen ist. Die Gegeninduktivität L12
hingegen kann einfach ausgerechnet werden. Das Magnetfeld im Solenoid ist im Zentrum
homogen (siehe Abs. 3.12)
~ 2 = µ0 Nw I2 ~ez
B
L
und der in den Linienleiter eingeschlossene Fluss aufgrund von I2
Z Z 2π Z ri
~ ~ Nw I2 Nw I2
Φ1 |I1 =0 = B2 · dF = µ0 ~ez · ~ez ρ dρ dφ = πri2 µ0 .
F1 0 0 L L
4.3. Die magnetische Feldenergie und Induktivität 167

Die Gegeninduktivität lautet damit

Φ1 Nw
L21 = L12 = |I1 =0 = πri2 µ0 .
I2 L

In diesem Beispiel ist die Berechnung über den Fluss die einfachste Methode die Gegenin-
duktivität auszurechnen.
Es soll nun die Selbstinduktivität pro Länge eines Koaxialkabels (Abb. 4.8) für hinreichend
hohe Frequenzen unter der Annahme von Oberflächenströmen auf dem Innenleiter und der
Innenseite des Außenleiters berechnet werden. Das Magnetfeld verschwindet innerhalb der
Leiter und es muss nur über das Dielektrikum integriert werden. Die magnetische Feldenergie
lautet in diesem Fall für ein Kabelstück der Länge l
2π Ri l 2
µ0 I 2 Ri
Z Z Z Z 
1 ~ 2 dV = µ0 I
Wmag = µ0 H ~eφ ρ dz dρ dφ = l ln .
2 V 0 ri 0 2 2πρ 4π ri

Hieraus kann die Induktivität pro Länge (Induktivitätsbelag) für hohe Frequenzen berechnet
werden
L 2Wmag µ0 Ri
= = ln .
l lI 2 2π ri
Lässt man den Radius des Innenleiters gegen null gehen, geht der Induktivitätsbelag gegen
unendlich. Dieses Ergebnis bestätigt die obige Aussage, dass die Selbstinduktivität nur für
Leiter mit endlichem Querschnitt endlich ist. Diese Formel für den Induktivitätsbelag ist nur
für hinreichend hohe Frequenzen richtig. Bei entsprechend niedrigen Frequenzen verschwindet
der Skin-Effekt und der Strom fließt wieder im Leiter. Das Magnetfeld im Dielektrikum
ändert sich dadurch nicht. Es gibt jedoch noch Beiträge der beiden Leiter zu der gesamten
Feldenergie. Unter der Annahme einer homogenen Stromdichte ergibt sich für den Innenleiter
2π ri l 2
µ0 I 2
Z Z Z 
µ0 Iρ
Wmag = ~eφ ρ dz dρ dφ = l .
0 0 0 2 2πri2 16π

Unter der Annahme, dass der Außenleiter so dünn ist, dass man weiterhin von einem Ober-
flächenstrom ausgehen kann, lautet der Induktivitätsbelag für niedrige Frequenzen
 
L µ0 Ri
= 1 + 8 ln .
l 16π ri

Dies bedeutet, dass die Induktivität selbst im quasistationären Zustand von der Frequenz
abhängt.
Es soll nun eine Ringspule (Toroid) wie in Abb. 3.25 betrachtet werden. Der Innenwi-
derstand der Spule soll vernachlässigbar sein und sie habe die Induktivität L. Die Spule ist
entsprechend der Abb. 4.14 mit einem Widerstand R und einer Stromquelle IQ = I0 Θ(−t)
beschaltet. Die Stromquelle führt bis zum Zeitpunkt t = 0 den Strom I0 und wird dann
abgeschaltet. Dies bedeutet, dass bis zum Zeitpunkt t = 0 das System stationär ist und in
der Spule wird keine Spannung induziert. Da der Innenwiderstand der Spule verschwindet,
fällt an der Spule keine Spannung ab. Es fällt ebenfalls keine Spannung am Widerstand ab,
da dieser parallel zur Spule geschaltet ist, und er ist stromlos. Der Strom I0 fließt nur in die
Spule und die im Magnetfeld der Spule gespeicherte Energie ist
1
Wmag = LI02 .
2
168 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

Toroid (dicht gewickelt)

I(t)

U (t) R IQ (t)

Abbildung 4.14: Schaltkreis mit Spule, Widerstand und Stromquelle.

Die in den Zuleitungen zur Spule und Widerstand gespeicherte magnetische Energie sei ver-
nachlässigbar. Wird nun zum Zeitpunkt t = 0 die Stromquelle abgeschaltet, muss der Strom
durch den Widerstand fließen. Da es keine Energiequelle mehr im Schaltkreis gibt, gilt für
die Leistungsbilanz (4.8)
d
−PVerl. = Wmag .
dt
Die Verluste im Widerstand sind durch PVerl. = I 2 (t)R = U (t)I(t) gegeben und die magne-
tische Feldenergie kann durch die Induktivität ausgedrückt werden
 
d d 1 2 dI
−U I = Wmag = LI = LI .
dt dt 2 dt

Teilt man durch den Strom durch, ergibt sich mit U = IR eine homogene gewöhnliche
Differenzialgleichung erster Ordnung
dI R
+ I=0
dt L
mit der Lösung  
R
I = I0 exp − t .
L
Der Strom in der Spule ist für t = 0 stetig, die Spannung hingegen springt von null auf den
Wert IR für t > 0 (Abb. 4.15). Dies liegt daran, dass die magnetische Energie proportional
zum Quadrat des Stroms ist. Aufgrund der Energieerhaltung muss der Strom erst einmal
weiterfließen. Dies führt beim Abschalten von Induktivitäten oft zu ungewollten Spannungs-
spitzen. Die in der Spule gespeicherte Energie wird mit der Zeitkonstanten L/R abgebaut
und im Widerstand vollständig in Wärme umgewandelt.
Die am Widerstand abfallende Spannung ist die in der Spule induzierte Spannung. Für
die ideale (widerstandslose) Spule gilt daher

dISpule
USpule = L . (4.13)
dt
Die Spannung USpule = U ist so definiert, dass der Spannungspfeil vom oberen zum unteren
Kontakt zeigt (Abb. 4.16). Er ist parallel zum Spannungspfeil am Widerstand. Der Spulen-
4.3. Die magnetische Feldenergie und Induktivität 169

I, U

I U

t
0

Abbildung 4.15: Strom und Spannung für die Spule in Abb. 4.14.

ISpule

L USpule

Abbildung 4.16: Zuordnung von Strom und Spannung für eine Spule.
170 Kapitel 4. Quasistationäre Felder

strom ist positiv, wenn er in den oberen Kontakt der Spule fließt. Da der Strom I aus dem
oberen Kontakt der Spule in Abb. 4.14 hinausfließt, gilt ISpule = −I, und es ergibt sich die
obige Beziehung zwischen der Spulenspannung und dem Strom. Hat man es mit einem System
von gekoppelten Spulen wie in Abb. 4.11 zu tun, gilt für die ite induzierte Spannung
X dIj
Ui = Lij . (4.14)
dt
j

Dies ist der zur Strom-/Spannungsbeziehung für Leitwerte analoge Ausdruck.


Die meisten Geräte zur Umwandlung von elektrischer in mechanische Energie und um-
gekehrt (Motoren und Generatoren) beruhen auf magnetischen Feldern. Ein Vergleich der
Energiedichten von elektrischen und magnetischen Feldern zeigt, warum dies der Fall ist. Die
magnetische Energiedichte für eine übliche magnetische Flussdichte von etwa 1T beträgt
J
wmag = 4 · 105 .
m3
In trockener Luft beträgt die elektrische Feldstärke, bei der es zum Durchbruch kommt, etwa
106 V/m. Die maximale elektrische Energiedichte

J
wel = 4
m3
ist somit deutlich kleiner als die magnetische Energiedichte. Magnetische Energiewandler
lassen sich daher oft kompakter bauen.
Kapitel 5

Der allgemeine Feldfall

Es werden nun allgemeine Zeitabhängigkeiten ohne Einschränkungen betrachtet.

5.1 Die Kontinuitätsgleichung für den allgemeinen Fall


In Abs. 3.2 wurde die Kontinuitätsgleichung für die Ladung aufgestellt
I
dQ
J~ · dF~ = .
F dt
Die ruhende Hüllfläche F schließt das Volumen V ein und ist nach außen orientiert. Diese
Gleichung besagt, dass der Strom, der durch die Hüllfläche tritt, genau der Ladung ent-
spricht, die pro Zeit aus dem eingeschlossenen Volumen herausfließt. Da keine Ladung er-
zeugt oder vernichtet werden kann, muss sich die in der Hüllfläche eingeschlossene Ladung
entsprechend ändern. Die in der Hüllfläche eingeschlossene Ladung Qeinges nimmt bei einem
positiven Strom, der aus dem Volumen fließt, mit
I
dQ dQeinges
J~ · dF~ = =−
F dt dt
ab. Die allgemeine Kontinuitätsgleichung lautet
I
dQeinges
J~ · dF~ + =0 (5.1)
F dt

Man beachte, dass die Hüllfläche F ruht. Würde sich die Fläche bewegen, könnte z. B. ortsfeste
Ladung durch die Fläche treten, was nicht durch die Stromdichte J~ erfasst würde, und die
Kontinuitätsgleichung wäre verletzt.
Gibt es keine Punkt- und Linienladungen, gilt
Z Z
Qeinges = % dV + σ dF .
V V ∩FGF

Der letzte Term auf der rechten Seite beschreibt die Flächenladungen, die auf den in das
Volumen V eingeschlossenen Grenzflächen FGF liegen. Da die Hüllfläche F ruht, ist auch das
eingeschlossene Volumen zeitlich unveränderlich und das Differenzial kann unter das Integral
gezogen werden
I Z Z  I Z Z
~ ~ d ~ ~ ∂% ∂σ
J · dF + % dV + σ dF = J · dF + dV + dF = 0 .
F dt V V ∩FGF F V ∂t V ∩FGF ∂t

171
172 Kapitel 5. Der allgemeine Feldfall

Diese Version der integralen Kontinuitätsgleichung


I Z Z
~ ~ ∂% ∂σ
J · dF + dV + dF = 0 (5.2)
F V ∂t V ∩FGF ∂t

gilt nun auch für Hüllflächen, die sich beliebig in der Zeit ändern dürfen. Mit dem Gaußschen
Satz folgt aus ihr die differenzielle Version

∂%
div J~ + =0 (5.3)
∂t

mit der Grenzbedingung


∂σ
Div J~ + =0 (5.4)
∂t

Mit der dritten Maxwellschen Gleichung div D ~ = % folgt für die differenziellen Konti-
nuitätsgleichung (5.3)
!
∂% ∂ div ~
D ∂ ~
D ∂ ~
D
div J~ + = div J~ + = div J~ + div = div J~ + =0. (5.5)
∂t ∂t ∂t ∂t

~ =σ
Analog gilt mit Div D !
~
∂D
Div J~ + =0. (5.6)
∂t

Die zeitliche Ableitung der elektrischen Flussdichte wird auch als Verschiebungsstromdichte
bezeichnet. Dies bedeutet, dass der Gesamtstrom, die Summe von (wahrer) Stromdichte und
Verschiebungsstromdichte quellenfrei ist.
Als Beispiel wird ein homogenes Stück einer linearen, isotropen Materie mit den einfa-
chen Materialgleichungen D ~ = εE ~ und J~ = κE~ mit den konstanten Koeffizienten ε und κ
betrachtet. Mit
~ = div κ D ~ = κ div D
   
div J~ = div κE ~
ε ε
und der dritten Maxwellschen Gleichung div D ~ = % folgt aus der differenziellen Kontinuitäts-
gleichung (5.3)
κ ∂%
%+ =0
ε ∂t
Die Lösung dieser homogenen gewöhnlichen Differenzialgleichung erster Ordnung lautet
 κ 
%(t) = %(t = 0) exp − t .
ε
Daraus folgt, dass in einer solchen Materie eine einmal vorgegebene Raumladung mit der
Zeitkonstanten τ = ε/κ (dielektrische Relaxationszeit) abklingt. In Abb. 5.1 ist ein homo-
genes, lineares und isotropes Materiegebiet mit einer Raumladungsdichte im dunkelgrauen
Bereich dargestellt, die entsprechend der obigen Formel abgebaut wird. Dabei verschwindet
die Raumladung nicht einfach, sondern sie fließt mit der entsprechenden Stromdichte auf die
Ränder des Materiestücks, wo sich eine Flächenladung aufbaut. In dem hellen Bereich ist die
Raumladung die ganze Zeit gleich null und am Ende verschwindet die elektrische Feldstärke
im gesamten Materiegebiet.
5.1. Die Kontinuitätsgleichung 173

~
J(t)

%(t)

κ, ε, % = 0
σ(t)

Abbildung 5.1: Ein leitfähiges, homogenes, lineares und isotropes Materiegebiet mit einer
Raumladungsdichte im dunkelgrauen Bereich.

ϕ = const
κ=∞
~ (e) = ~0
E Metall
ε
κ
σa σb IQ (t)
~n
ϕa = 0 ~n · J~ = 0, ~n · D
~ =0 ϕ =U
b

0 Lx

Abbildung 5.2: Idealer Plattenkondensator mit leitfähigem Dielektrikum.

Als nächstes Beispiel wird ein leitfähiger Quader mit zwei metallischen Kontakten be-
trachtet (Abb. 5.2). Das Dielektrikum ist homogen, linear, isotrop und leitfähig. Die Randbe-
dingungen sind die selben wie in Abb. 3.10, wobei angenommen wird, dass auch für die elek-
trische Flussdichte auf den nicht kontaktierten Randflächen homogene Neumannsche Rand-
bedingungen gelten (siehe Abb. 2.13). An das Bauelement ist eine Stromquelle IQ = I0 Θ(−t)
angeschlossen, die bis zum Zeitpunkt t = 0 den Strom I0 liefert. Zum Zeitpunkt t = 0 wird der
Strom abgeschaltet. Für negative Zeiten stellt sich ein stationärer Zustand ein. Die Lösung
des Problems erfolgt analog zum entsprechenden Beispiel in Abs. 3.5. Ein durch den Strom-
fluss im Dielektrikum entstehendes Magnetfeld soll keinen Einfluss auf den Ladungstransport
haben und es gilt das Ohmsche Gesetz in der Form (3.7). Aus der stationären Kontinuitäts-
gleichung div J~ = κ div E
~ = 0 und der zweiten Maxwellschen Gleichung für den stationären
~ ~ ~ = − grad ϕ die Laplace-Gleichung für das Potenzial
Fall rot E = 0 folgt mit E

∆ϕ = 0
174 Kapitel 5. Der allgemeine Feldfall

mit der Lösung


U0
ϕ(x) = x.
L
Dieses Potenzial erfüllt alle Randbedingungen (siehe Abs. 3.5) und die Spannung U0 ist
durch die Potenzialdifferenz zwischen der rechten und linken Platte gegeben. Die elektrische
Feldstärke lautet
~ = − U0 ~ex
E
L
und die Stromdichte
κU0
J~ = − ~ex
L
Durch den Quader mit der Querschnittsfläche F fließt der Strom
κF
I0 = U0 ,
L
woraus mit dem Widerstand R = L/(κF ) die Spannung folgt

U0 = I0 R .

Die Flächenladungen auf den beiden Metallkontakten können mit der entsprechenden Rand-
bedingung berechnet werden. Auf dem rechten Kontakt befindet sich die Flächenladungs-
dichte
σb = Div D|~ x=L = −ε U0 ~ex · (−~ex ) = ε U0
L L
und die Gesamtladung
εF
Q0 = σb F = U0 = CU0 .
L
Zum Zeitpunkt t = 0 wird die Stromquelle abgeschaltet und es fließt kein Strom mehr
durch die Quelle. Es wird immer noch angenommen, dass der Einfluss des Magnetfelds ver-
nachlässigt werden kann und es soll weiterhin rot E ~ = ~0 (keine Induktion) und div J~ = 0
(keine Raumladung) gelten. Unter diesen Bedingungen gilt weiterhin die Laplace-Gleichung
für das Potenzial. Es ändert sich jetzt allerdings die Randbedingung für den Strom, die durch
(5.4) geben ist,
~ x=L + ∂σb = κ U (t) + ∂σb = 0 .
Div J|
∂t L ∂t
Andererseits gilt immer noch die Randbedingung für die elektrische Flussdichte

~ x=L = ε U (t) .
σb (t) = Div D|
L
Daraus folgt eine homogene gewöhnliche Differenzialgleichung für die Spannung
dU κ
+ U =0
dt ε
mit der Lösung  κ 
U (t) = U0 exp − t .
ε
Die dielektrische Relaxationszeit ist wieder durch
ε
τ= = RC
κ
5.2. Die erste Maxwellsche Gleichung 175

gegeben. Wird der Kondensator von der Quelle getrennt, entlädt er sich mit dieser Zeit-
konstanten. Die zum Zeitpunkt t = 0 im Kondensator gespeicherte elektrische Energie wird
komplett in Wärme umgewandelt. Die Stromdichte und die elektrische Flussdichte ergeben
einen Gesamtstrom
∂D~ 
κU d εU

~
J+ =− + ~ex = 0 ,
∂t L dt L
der verschwindet. Da die Stromdichte und die elektrische Flussdichte im Dielektrikum nicht
vom Ort abhängen, sind sie divergenzfrei und die Annahme von % = 0 ist gerechtfertigt. Die
Annahme, dass es keine Induktion gibt, folgt auch aus diesem Ergebnis, wie im nächsten
Abschnitt gezeigt wird.
Es soll nun ein allgemeiner verlustloser Kondensator mit linearer Materie betrachtet wer-
den (siehe Abs. 2.14), wobei das Dielektrikum nicht leiten soll und die metallischen Leiter seien
ideal (unendlich hohe Leitfähigkeit). Der Einfluss des Magnetfelds soll wieder vernachlässigt
werden und das elektrische Feldproblem ist durch die in Abs. 2.14 angegebenen Gleichun-
gen bestimmt. In diesem Fall gibt es keine Relaxation und die Ladung stellt sich instantan
entsprechend der angelegten Spannung ein. Es gilt insbesondere

N
X
Qi = Cij Uj
j=1

Aus der allgemeinen Kontinuitätsgleichung (5.3) folgt somit durch Integration über die Ober-
fläche des iten Leiters der in den iten Leiter fließende Strom
N
dQi X dUj
Ii = = Cij . (5.7)
dt dt
j=1

Dies ist die allgemeine Strom-/Spannungsbeziehung für einen Kondensator und das Analogon
zu (4.14) für Spulen. Die Spannung am Kondenstor kann sich nur stetig ändern, weil ansonsten
der Strom unendlich groß werden würde.

5.2 Die erste Maxwellsche Gleichung für den allgemeinen Fall

In Abs. 3.10 wurde die erste Maxwellsche Gleichung für den stationären Fall (3.24) angegeben
I Z
~ · d~r =
H J~ · dF~ = Ieinges .
C F

Die beiden Integrale hängen nur von der Form der geschlossenen Kurve C ab. Die Form der
Fläche F , die in die Kurve C eingespannt ist, spielt keine Rolle. Dieses erstaunliche Ergebnis
folgte aus der stationären Kontinuitätsgleichung (3.3), die besagt, dass der durch die Kurve C
eingeschlossene Stromfluss Ieinges unabhängig von der Form der Fläche F ist. Dies gilt nur für
den stationären Fall. Es soll nun die in Abb. 5.3 dargestellte Anordnung betrachtet werden.
Wählt man die Fläche F so, dass sie den metallischen Leiter schneidet, so fließt durch die
Fläche der Strom I. Wählt man die Fläche F jedoch so, dass sie nur das Dielektrikum des
Kondensators schneidet, verschwindet das Integral über die Stromdichte und es ergibt sich
ein Widerspruch zum Ergebnis für die andere Fläche. Dieser Widerspruch lässt sich auch
176 Kapitel 5. Der allgemeine Feldfall

I I
Kondensator
U (t)

+ −

Abbildung 5.3: Schaltkreis mit Kondensator und zwei Flächen für die selbe Kurve C.

leicht mit der differenziellen Form der ersten Maxwellschen Gleichung für den stationären
Fall (3.25) zeigen, indem man auf diese die Divergenz anwendet
 
~ = div J~ .
div rot H | {z }
| {z } ∂%
− ∂t
=0

Diese Form der Gleichung kann nur richtig sein, wenn das Problem stationär ist und die zeitli-
che Ableitung der Raumladung verschwindet. Dieser Mangel kann leicht mit der allgemeinen
Kontinuitätsgleichung in der Form (5.5)
!
∂ ~
D
div J~ + =0
∂t

behoben werden, wenn man auf der rechten Seite der ersten Maxwellschen Gleichung die
gesamte Stromdichte verwendet
~
~ = J~ + ∂ D
rot H (5.8)
∂t
Dies ist die allgemeine Form der ersten Maxwellschen Gleichung in differenzieller Form.1
Die entsprechende Grenzbedingung lautet immer noch

~ = ~0
Rot H (5.9)

wenn man annimmt, dass die zeitliche Ableitung der elektrischen Flussdichte auf der Grenze
endlich bleibt.2 Die integrale Version ist
!
I Z ~
∂D
~ · d~r =
H J~ + · dF~ (5.10)
C F ∂t

Dies bedeutet, dass die elektrischen und magnetischen Felder gekoppelt sind und eine zeitliche
Änderung der elektrischen Flussdichte eine magnetische Feldstärke induzieren kann. Dieser
1
Diese Form der ersten Gleichung wurde zuerst von Maxwell angegeben, jedoch leitete er sie aus Betrachtung
zum Äther ab und nicht wie hier aus der Kontinuitätsgleichung.
2
Gibt es auf idealen Leitern Flächenströme, so kann man diese in den obigen Integralen berücksichtigen
und erhält eine modifizierte Grenzbedingung mit Rot H~ = J~F .
5.2. Die erste Maxwellsche Gleichung 177

Metall Ra
Qa

Ri Qi

ϕi = U
Metall

ϕa = 0 ε κ

Abbildung 5.4: Konzentrischer Kugelkondensator mit leitfähigem Dielektrikum.

Effekt wurde jedoch in den Experimenten, die zu Maxwells Zeiten durchgeführt wurden,
nicht entdeckt, da er zu klein ist. Erst mit der Erzeugung elektromagnetischer Wellen durch
H. Hertz konnte dieser Zusammenhang bestätigt werden.
Als Beispiel soll ein Kugelkondensator mit leitendem, linearen, homogenen und isotropen
Dielektrikum betrachtet werden (Abb. 5.4). Die Außenschale sei geerdet und ihr Potenzial
gleich null. Das Potenzial auf der Innenschale entspricht daher der Spannung U . Es werden
Kugelkoordinaten verwendet und der Ursprung liege im Mittelpunkt der Kugel. Zum Zeit-
punkt t = 0 trage die Innenschale die Ladung Qi = Q0 und die Außenschale Qa = −Q0 .
Für die elektrische Feldstärke wird ein Potenzialansatz gemacht mit ϕ(~r) = ϕ(r) und es
wird angenommen, dass die Raumladung im Dielektrikum verschwindet. Dies führt auf die
Laplace-Gleichung mit der Lösung (siehe Abs. 2.8)
 
Ra Ri 1 1
ϕ(r) = U −
Ra − Ri r Ra
und
E~ = U Ra Ri ~r .
Ra − Ri r3
Die Ladung der Innenschale folgt aus der dritten Maxwellschen Gleichung durch Integration
über die Innenschale
I Z 2π Z π
~ ~ Ra Ri ~er Ra Ri
Qi = D · dF = εU 2 · ~er Ri2 sin ϑ dϑ dφ = 4πεU .
0 0 Ra − Ri Ri Ra − Ri

Die Stromdichte ist proportional zur Ladung der Innenkugel

~ = κ Qi ~r .
J~ = κE
4πε r3
Mit der allgemeinen Kontinuitätsgleichung (5.1) kann man wieder die Differenzialgleichung
für die Ladung ableiten
I Z 2π Z π
~ ~ Qi ~er κ dQi
J · dF = κ 2 · ~er Ri2 sin ϑ dϑ dφ = Qi = − .
F 0 0 4πε Ri ε dt

Mit der ersten Maxwellschen Gleichung gilt nun


~
~ = J~ + ∂ D = κ Qi ~r + dQi 1 ~r = κ Qi ~r − κ Qi 1 ~r = ~0 .
rot H
∂t 4πε r3 dt 4π r3 4πε r3 ε 4π r3
178 Kapitel 5. Der allgemeine Feldfall

Da die rechte Seite der ersten Maxwellschen Gleichung verschwindet, wird kein magnetisches
Feld induziert. Der obige Potenzialansatz ist damit gerechtfertigt und die Lösung ist die
exakte Lösung des Problems. In diesem Beispiel hebt die Verschiebungsstromdichte die wahre
Stromdichte genau auf. Dass in diesem Fall das induzierte magnetische Feld verschwinden
muss, folgt auch noch aus der Symmetrie des Problems. Die Komponenten des magnetischen
Felds in Kugelkoordinaten sollten nur von der radialen Koordinate r abhängen
~ = Br (r)~er + Bϑ (r)~eϑ + Bφ (r)~eφ .
B

Damit folgt für eine konzentrische Kugelschale mit dem Radius r aus
I
B~ · dF~ = 4πr2 Br (r) = 0
F

sofort, dass das magnetische Feld keine Komponente in radialer Richtung haben kann. Weiter-
hin steht die Rotation der magnetischen Feldstärke in diesem Fall senkrecht auf der radialen
Richtung und muss daher insgesamt verschwinden.

5.3 Die vollständigen Maxwellschen Gleichungen


Der vollständige Satz an Maxwellschen Gleichungen in integraler Form ist im allgemeinen
Fall geben durch
R  ~

~ J~ + ∂D
· dF~
H
C H · d~r = F ∂t
R ~
~ r = − F ∂∂tB · dF~
H
C E · d~
~ ~
H R
F D · dF = V % dV
~ · dF~
H
FB =0
Die involvierten Kurven C, Flächen F und Volumen V können beliebig gewählt werden und
haben keine physikalische Bedeutung. Sie sind von rein mathematischer Natur. Sie müssen
nicht einmal in der Zeit stetig sein. Es muss nur die Fläche F in die geschlossene Kurve C ein-
gespannt und entsprechend der Rechtsschraubenregel orientiert sein, bzw. F die nach außen
orientierte Oberfläche vom Volumen V sein. Dies liegt daran, dass alle zeitlichen Ableitungen
unter den entsprechenden Integralen stehen.
Berücksichtigt man in der zweiten Maxwellschen Gleichung die relativistische Korrektur
erster Ordnung, ist dies nicht länger der Fall. Die Geschwindigkeit ~v der Kurve C(t) muss
nicht nur kleiner als die Lichtgeschwindigkeit sein, sie muss viel kleiner sein, damit eine
Korrektur erster Ordnung ausreichend ist. Die Feldgrößen werden in einem ruhenden System
berechnet und es gilt
I Z
~ · d~r = − d
 
~ + ~v × B
E ~ · dF~ .
B
C(t) dt F (t)
Die Feldgröße in den runden Klammern auf der linken Seite ist die in das mit ~v bewegte
~?
System transformierte elektrische Feldstärke E
~? = E
E ~ + ~v × B
~ .

Die zweite Maxwellsche Gleichung lautet nun


I Z
~ ? d ~ · dF~ ,
E · d~r = − B
C(t) dt F (t)
5.3. Die vollständigen Maxwellschen Gleichungen 179

wobei B~ immer noch im ruhenden System berechnet wird. Die Anwendung dieser Gleichung
ist insbesondere dann sinnvoll, wenn die Kurve C durch einen materiellen Leiter mit der
Geschwindigkeit ~v gegeben ist, in dem das ohmsche Gesetz in der Form
 
J~? = κE
~? = κ E~ + ~v × B
~

gilt.
Die differenziellen Maxwellschen Gleichungen und die entsprechenden Grenz- und Rand-
bedingungen lauten
~
~ = J~ + ∂ D ~ = J~F
rot H ∂t , Rot H
~ = − ∂ B~
rot E , ~ = ~0
Rot E
∂t
~ =%
div D , ~ =σ
Div D
~ =0
div B , ~ =0
Div B
Die Kontinuitätsgleichung folgt nun aus der ersten Maxwellschen Gleichung und enthält, wenn
man die Maxwellschen Gleichungen vollständig gelöst hat, keine neue Information. Weiterhin
folgt aus der zweiten Maxwellschen Gleichung die negative zeitliche Ableitung der vierten
!
  ∂ ~
B ∂  
~ = − div
div rot E =− ~ =0.
div B
∂t ∂t

Die vierte Maxwellsche Gleichung enthält verglichen mit der zweiten nur zusätzliche Infor-
mation für den zeitunabhängigen Anteil der magnetischen Flussdichte.
Bedenkt man, dass die Ladungen und Ströme die eigentliche Ursache aller elektromagne-
tischen Felder sind, liegt folgende Schreibweise der Gleichungen nahe
~ − ~
rot H ∂D
∂t = J~
~ =%
div D
~+ ~
rot E ∂B
∂t = ~0
~ =0.
div B
Auf der linken Seite stehen die unbekannten Felder und auf der rechten Seite der beiden ersten
Gleichungen die Ursachen der Felder (Ladung und Strom). Die beiden anderen Gleichungen
sind homogen. Die in ihr enthaltenen Felder E ~ und B ~ koppeln jedoch über das Lorentzsche
Gesetz an die Ladungen  
~ =q E
K ~ + ~v × B
~ ,

das wiederum eine Ursache für den Ladungstransport beschreibt. Die ersten beiden Gleichun-
gen sind nicht mit den beiden anderen Gleichungen gekoppelt. Für diese Kopplung benötigt
man die entsprechenden Materialgleichungen
~ = ε0 E
D ~ + P~

~ = 1B
H ~ −M
~ .
µ0
Diese Gleichungen beschreiben die Gesamtheit aller elektromagnetischen Vorgänge.

Die in den vorhergehenden Kapiteln besprochenen Fälle folgen nun aus den allgemeinen
Maxwellschen Gleichungen unter besonderen Bedingungen.
180 Kapitel 5. Der allgemeine Feldfall

Elektrostatik: Es wird angenommen, dass alle zeitlichen Ableitungen und Ströme ver-
schwinden. Die Maxwellschen Gleichungen entkoppeln in diesem Fall und man kann die ma-
gnetischen und elektrischen Felder getrennt betrachten. Die elektrischen Felder ergeben sich
aus der zweiten und dritten Maxwellschen Gleichung zusammen mit der entsprechenden Ma-
terialgleichung
~ = ~0
rot E , Rot E~ = ~0
~ =%
div D ~ =σ
, Div D
~ = ε0 E
D ~ + P~

Die magnetischen Felder sind nur ungleich null, falls es magnetisierte Materie gibt.

~ = ~0
rot H ~ = ~0
, Rot H
~ =0
div B , ~ =0
Div B
 
~ = µ0 H
B ~ +M
~

Stationäre Felder: Es sind alle Größen zeitlich konstant. Die elektrischen Felder koppeln
an die magnetischen nur über das Ohmsche Gesetz

~ = J~
rot H ~ = J~F
, Rot H
~ = ~0
rot E , ~ = ~0
Rot E
~ =%
div D , ~ =σ
Div D
~ =0
div B , ~ =0
Div B
~ = ε0 E
D ~ + P~
 
~ = µ0 H
B ~ +M ~
 
J~ = κ E~ +E ~ (e) + ~v × B
~

Kann man die Wirkung der magnetischen Flussdichte im Ohmschen Gesetz vernachlässigen,
was oft der Fall ist, kann man die erste Maxwellsche Gleichung für die Berechnung des elektri-
schen Felds auf die stationäre Kontinuitätsgleichung reduzieren und die beiden Feldprobleme
entkoppeln. Zuerst berechnet man das stationäre Strömungsfeld in den leitfähigen Gebieten
mit
div J~ = ~0 , Div J~ = ~0
~ = ~0
rot E ~ = ~0
, Rot E
 
J~ = κ E
~ +E
~ (e)

Die elektrischen Ladungen und Felder in den Isolatoren folgen dann aus den Gleichungen

~ = ~0
rot E ~ = ~0
, Rot E
~ =%
div D ~ =σ
, Div D
~ = ε0 E
D ~ + P~
5.3. Die vollständigen Maxwellschen Gleichungen 181

Mit dem Strömungsfeld kann man das Magnetfeld bestimmen


~ = J~
rot H ~ = J~F
, Rot H
~ =0
div B , ~ =0
Div B
 
B ~ +M
~ = µ0 H ~

Quasistationäre Felder: Es gibt genaugenommen zwei quasistationäre Grenzfälle.


Der im Kap. 4 behandelte Fall ist der verschiebungsstromfreie Grenzfall
~ = J~
rot H ~ = J~F
, Rot H
~ = − ∂ B~
rot E , ~ = ~0
Rot E
∂t
~ =%
div D , ~ =σ
Div D
~ =0
div B , ~ =0
Div B
~ = ε0 E
D ~ + P~
 
~ = µ0 H
B ~ +M ~
 
J~ = κ E~ +E ~ (e) + ~v × B
~

Dieser wird hauptsächlich für die näherungsweise Berechnung von Induktionsphänomenen


~  |∂ D/∂t|
benutzt, da in guten Leitern oft |J| ~ gilt. Der in EMF I besprochene Skin-Effekt
kann in dieser Näherung berechnet werden.
Der im Abs. 5.1 für den Kondensator besprochene Fall ist der wirbelstromfreie Grenzfall
~ = J~ + ~
∂D ~ = J~F
rot H ∂t , Rot H
~ = ~0
rot E , ~ = ~0
Rot E
~ =%
div D , ~ =σ
Div D
~ =0
div B , ~ =0
Div B
~ = ε0 E
D ~ + P~
 
~ = µ0 H
B ~ +M ~
 
J~ = κ E~ +E ~ (e) + ~v × B
~

Dieser wird fast immer bei der Berechnung von Ladungstransport in Halbleitern verwendet,
~ in der Lorentzschen Kraftdichte meistens auch noch vernachlässigt wird.
wobei der Term ~v × B
Das Strömungsfeldproblem ist dann vollständig vom magnetischen Problem entkoppelt. Aus
der ersten Maxwellschen Gleichung folgt dann die allgemeine Kontinuitätsgleichung und das
Strömungsfeld wird durch die Gleichungen

div J~ = − ∂%
∂t , Div J~ = − ∂σ
∂t
~ = ~0
rot E ~ = ~0
, Rot E
~ =%
div D ~ =σ
, Div D
~ = ε0 E
D ~ + P~
 
J~ = κ E~ +E ~ (e)
182 Kapitel 5. Der allgemeine Feldfall

beschrieben. Die eingeprägte Feldstärke ist hierbei oft keine Konstante, sondern hängt z. B.
von der Elektronen- oder Löcherdichte ab. Da die elektrische Feldstärke wirbelfrei ist, kann
man ein quasistatisches Potenzial verwenden, wodurch sich das Problem deutlich vereinfacht.
Kapitel 6

Anhang: Formelsammlung

6.1 Kartesische Koordinaten

Koordinaten: x, y, z Wegelement: d~r = ~ex dx + ~ey dy + ~ez dz


Basisvektoren: ~ex ,~ey ,~ez Volumenelement: dV = dx dy dz

~ex × ~ey = ~ez


~ez × ~ex = ~ey
~ey × ~ez = ~ex

∂ϕ ∂ϕ ∂ϕ
∇ϕ = grad ϕ = ~ex + ~ey + ~ez
∂x ∂y ∂z
∇·D ~ = ∂Dx + ∂Dy + ∂Dz
~ = div D
∂x ∂y ∂z
     
∇×A ~ = ∂Az − ∂Ay ~ex + ∂Ax − ∂Az ~ey + ∂Ay − ∂Ax ~ez
~ = rot A
∂y ∂z ∂z ∂x ∂x ∂y
2 2
∂ ϕ ∂ ϕ ∂ ϕ 2
∇ · ∇ϕ = ∆ϕ = + + 2
∂x2 ∂y 2 ∂z
~ ~
(∇ · ∇) A = ∆A = ∆Ax~ex + ∆Ay~ey + ∆Az~ez

6.2 Zylinderkoordinaten

Koordinaten: ρ, φ, z Wegelement: d~r = ~eρ dρ + ~eφ ρ dφ + ~ez dz


Basisvektoren: ~eρ ,~eφ ,~ez Volumenelement: dV = ρ dρ dφ dz

~eρ = ~ex cos φ + ~ey sin φ ~eρ × ~eφ = ~ez x = ρ cos φ 0≤ρ<∞
~eφ = −~ex sin φ + ~ey cos φ ~ez × ~eρ = ~eφ y = ρ sin φ 0 ≤ φ < 2π
~ez = ~ez ~eφ × ~ez = ~eρ z=z

183
184 Kapitel 6. Anhang: Formelsammlung

∂ϕ 1 ∂ϕ ∂ϕ
∇ϕ = grad ϕ = ~eρ + ~eφ + ~ez
∂ρ ρ ∂φ ∂z
∇·D ~ = 1 ∂ (ρDρ ) + 1 ∂Dφ + ∂Dz
~ = div D
ρ ∂ρ ρ ∂φ ∂z
     
~ ~ 1 ∂A z ∂A φ ∂Aρ ∂Az 1 ∂ ∂Aρ
∇ × A = rot A = − ~eρ + − ~eφ + (ρAφ ) − ~ez
ρ ∂φ ∂z ∂z ∂ρ ρ ∂ρ ∂φ
1 ∂2ϕ ∂2ϕ
 
1 ∂ ∂ϕ
∇ · ∇ϕ = ∆ϕ = ρ + 2 2 + 2
ρ ∂ρ ∂ρ ρ ∂φ ∂z

6.3 Kugelkoordinaten

Koordinaten: r, ϑ, φ Wegelement: d~r = ~er dr + ~eϑ r dϑ + ~eφ r sin ϑ dφ


Basisvektoren: ~er ,~eϑ ,~eφ Volumenelement: dV = r2 sin ϑ dr dϑ dφ

~er = ~ex sin ϑ cos φ + ~ey sin ϑ sin φ + ~ez cos ϑ ~er × ~eϑ = ~eφ x = r sin ϑ cos φ 0≤r<∞
~eϑ = ~ex cos ϑ cos φ + ~ey cos ϑ sin φ − ~ez sin ϑ ~eφ × ~er = ~eϑ y = r sin ϑ sin φ 0≤ϑ≤π
~eφ = −~ex sin φ + ~ey cos φ ~eϑ × ~eφ = ~er z = r cos ϑ 0 ≤ φ < 2π

∂ϕ 1 ∂ϕ 1 ∂ϕ
∇ϕ = grad ϕ = ~er + ~eϑ + ~eφ
∂r r ∂ϑ r sin ϑ ∂φ
~ = 1 ∂ r 2 Dr + 1
~ = div D
 ∂ 1 ∂Dφ
∇·D (Dϑ sin ϑ) +
r2 ∂r r sin ϑ ∂ϑ r sin ϑ ∂φ
∇×A ~ = rot A
~
     
1 ∂ ∂Aϑ 1 1 ∂Ar ∂ 1 ∂ ∂Ar
= (Aφ sin ϑ) − ~er + − (rAφ ) ~eϑ + (rAϑ ) − ~eφ
r sin ϑ ∂ϑ ∂φ r sin ϑ ∂φ ∂r r ∂r ∂ϑ
∂2ϕ
   
1 ∂ ∂ϕ 1 ∂ ∂ϕ 1
∇ · ∇ϕ = ∆ϕ = 2 r2 + 2 sin ϑ +
r ∂r ∂r r sin ϑ ∂ϑ ∂ϑ (r sin ϑ)2 ∂φ2

6.4 Vektoridentitäten
     
~a × ~b = −~b × ~a ~a · ~b × ~c = ~c · ~a × ~b = ~b · ~c × ~a
               
~a × ~b × ~c = ~b ~a · ~c − ~c ~a · ~b ~a × ~b · ~c × d~ = ~a · ~c ~b · d~ − ~b · ~c ~a · d~

grad (f g) = ∇ (f g) = f ∇g + g∇f = f grad g + g grad f


    ↓   ↓
grad ~a · ~b = ∇ ~a · ~b = (~a · ∇) ~b + ~b · ∇ ~a + ~a × rot ~b + ~b × rot ~a

div (g~a) = g div ~a + ~a · grad g rot (g~a) = g rot ~a − ~a × grad g


      ↓ ↓
div ~a × ~b = ~b · rot ~a − ~a · rot ~b ~ ~ ~ ~ ~
rot ~a × b = b · ∇ ~a − b div ~a + ~a div b − (~a · ∇) b
div grad g = ∇ · ∇g = ∆g rot grad g = ∇ × ∇g = ~0
div rot ~a = ∇ · (∇ × ~a) = 0 rot rot ~a = ∇ × (∇ × ~a) = grad div ~a − (∇ · ∇) ~a
6.5. Integralsätze 185

6.5 Integralsätze
Z I
Gauß: ~ dV =
div D ~ · dF~
D (Volumen- ←→ Flächenintegral)
ZV IF
Stokes: ~ · dF~ =
rot E ~ · d~r
E (Flächen- ←→ Wegintegral)
F C
Index

Äquipotenzialfläche, 8 magnetische, 163


Feldkonstante
Arbeit elektrische, 49
elektrische, 93 magnetische, 121
mechanische, 90, 92 Feldstärke
eingeprägte, 104
Basisvektoren
elektrische, 38
allgemein, 26
magnetische, 119
kartesische, 1
Flächendipoldichte
Kugelkoordinaten, 33 magnetische, 137
Zylinderkoordinaten, 30 Flächendivergenz, 47
Betrag Flächenladungsdichte, 48
Vektor, 4 Flächenrotation, 43
Biot-Savartsches Gesetz, 130 Fluss, 13
Flussdichte
Coulomb
elektrische, 45
Einheit, 37
magnetische, 115
Kraftgesetz, 71
Flussverkettung, 164
Potenzial, 60
Coulomb-Eichung, 119 Gaußscher Satz, 17
Gradient, 10
Dipol
allgemein, 28
mathematisch magnetischer, 136
kartesisch, 10
mathematischer elektrischer, 65
Kugelkoordinaten, 34
physikalischer elektrischer, 64
Zylinderkoordinaten, 30
Dipolmoment
Gradientenfeld, 10
elektrisch, 65
Grenzbedingung
Divergenz, 17
elektrische Feldstärke, 43
allgemein, 28
elektrische Flussdichte, 47
kartesisch, 17
Kugelkoordinaten, 34 Hüllintegral, 13
Zylinderkoordinaten, 30 Helmholtz-Theorem, 24
Doppeltes Kreuzprodukt, 7 Heringscher Versuch, 155
Drehmoment, 72
Induktivitätskoeffizient, 164
Einheitsvektor, 4 Induktivitat
Elektrische Spannung, 41 Gegeninduktivitat, 160
Energie Isolator, 37
potenzielle elektrische, 90
Kapazität
Feldenergie idealer Plattenkondensator, 55
elektrische, 91 Kapazitätskoeffizient, 87

186
Index 187

Komponenten Ruheschwund, 153


allgemein, 26 Magnetisierung, 143
kartesische, 2 Materialgleichung
konservativ, 22 allgemeine elektrische, 75
Kontinuitätsgleichung allgemeine magnetische, 145
allgemeine, 169 Material, 49
stationare, 100 Vakuum, 49
Konvektionsstrom, 104 Maxwellsche Gleichung
Koordinaten dritte, 46
allgemein, 26 erste, allgemeiner Fall, 173
kartesische, 1 erste, stationärer Fall, 120
Kugelkoordinaten, 32 vierte, 117
Zylinderkoordinaten, 29 zweite, allgemeiner Fall, 155
Kraftdichte zweite, statischer Fall, 40
magnetische, 116
Kreuzprodukt, 5 Nabla-Operator, 11
allgemein, 27 Neumannsche Formel, 160
kartesisch, 5 Normalenvektor, 13
Kugelkoordinaten, 33
Zylinderkoordinaten, 30 Ohmsches Gesetz, 102
Kugelkoordinaten, 32 erweitertes, 104
Kurvenintegral, 11 Ortsvektor, 7
geschlossenes, 11
wegunabhängig, 11 Permeabilität, 121
relative, 148
Ladung, 37 Permittivität, 49
Laplace-Gleichung, 18 relative, 75
Elektrostatik, 51 Permittivitätszahl, 75
Laplace-Operator Poisson-Gleichung, 18
allgemein, 29 Elektrostatik, 51
Kugelkoordinaten, 34 Polarisation, 74
Skalarfeld, 18 Elektronenpolarisation, 77
Vektorfeld, 24 Ionenpolarisation, 77
Zylinderkoordinaten, 30 Orientierungspolarisation, 76
Leistungsdichte
elektrische, 105 Quelle, 14
Leiter, 37 quellenfrei, 17
Leitfähigkeit, 102
Leitfähigkeitskoeffizient, 111 Randbedingung
Lenzsche Regel, 157 Dirichletsche, 45
Linienladungsdichte, 48 homogene Neumannsche, 51
Lorentzsche Kraft, 149 Randwertproblem, 51
Raumladungsdichte, 46
Maßstabsfaktor Ringintegral, 11
allgemein, 26 Rotation, 22
Kugelkoordinaten, 33 allgemein, 29
Zylinderkoordinaten, 30 kartesisch, 22
Magnetischer Schwund, 153 Kugelkoordinaten, 34
Bewegungsschwund, 153 Zylinderkoordinaten, 30
188 Index

Senke, 17
Skalarfeld, 8
Skalarpotenzial
magnetisches, 134
Skalarprodukt, 3
allgemein, 27
kartesisch, 3
Kugelkoordinaten, 33
Zylinderkoordinaten, 30
Spatprodukt, 6
Spiegelungsmethode
metallische Ebene, 78
Stokesscher Satz, 22
Strom, 100
Strom-/Spannungsbeziehung
Kondensator, 172
Leitwert, 111
Spule, 168
Stromdichte, 99
Superposition, 52
Suszeptibilität
elektrische, 75
magnetische, 146

Tangentialvektor, 9

Unipolargenerator, 150

Vektorfeld, 8
Vektorpotenzial
magnetisches, 117

wirbelfrei, 22

Zylinderkoordinaten, 29