Sie sind auf Seite 1von 609

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Evolutionäre Psychologie

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Dieses Buch ist

Charles Darwin

Francis Galton

Gregor Mendel

R. A. Fisher

W. D. Hamilton

George C. Williams John Maynard Smith Robert Trivers

E. O. Wilson

Richard Dawkins

Donald Symons

Martin Daly

Margo Wilson

Leda Cosmides

John Tooby

und allen Studenten der Evolutionären Psychologie aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

gewidmet

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

David M. Buss

Evolutionäre Psychologie

2., aktualisierte Auflage

Fachliche Betreuung der deutschen Übersetzung durch Ulrich Hoffrage

Betreuung der deutschen Übersetzung durch Ulrich Hoffrage ein Imprint von Pearson Education München • Boston •

ein Imprint von Pearson Education

München • Boston • San Francisco • Harlow, England Don Mills, Ontario • Sydney • Mexico City Madrid • Amsterdam

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Informationen in diesem Buch werden ohne Rücksicht auf einen eventuellen Patentschutz veröffentlicht. Warennamen werden ohne Gewährleistung der freien Verwendbarkeit benutzt. Bei der Zusammenstellung von Texten und Abbildungen wurde mit größter Sorgfalt vorgegangen. Trotzdem können Fehler nicht ausgeschlossen werden. Verlag, Herausgeber und Autoren können für fehlerhafte Angaben und deren Folgen weder eine juristische Verantwortung noch irgendeine Haftung übernehmen. Für Verbesserungsvorschläge und Hinweise auf Fehler sind Verlag und Herausgeber dankbar.

Alle Rechte vorbehalten, auch die der fotomechanischen Wiedergabe und der Speicherung in elektronischen Medien. Die gewerbliche Nutzung der in diesem Produkt gezeigten Modelle und Arbeiten ist nicht zulässig.

Es konnten nicht alle Rechteinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Fast alle Produktbezeichnungen, die in diesem Buch erwähnt werden, sind gleichzeitig auch eingetragene Warenzeichen oder sollten als solche betrachtet werden.

Umwelthinweis:

Dieses Produkt wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die Einschrumpffolie – zum Schutz vor Verschmutzung – ist aus umweltverträglichem und recyclingfähigem PE-Material.

10

9

8

7

6

5

4

3

2

1

07

06

05

04

ISBN 3-8273-7094-9

© 2004 by Pearson Studium ein Imprint der Pearson Education Deutschland GmbH, Martin-Kollar-Straße 10-12, D-81829 München/Germany Alle Rechte vorbehalten www.pearson-studium.de Lektorat: Christian Schneider, cschneider@pearson.de Korrektorat: Brigitta Keul, München Fachlektorat: PD Dr. Ulrich Hoffrage, MPI für Bildungsforschung Berlin Einbandgestaltung: adesso 21, Thomas Arlt, München Titelbild: Getty Images Herstellung: Claudia Bäurle, cbaeurle@pearson.de Satz: mediaService, Siegen (www.media-service.tv) Druck und Verarbeitung: Kösel, Krugzell (www.KoeselBuch.de)

Printed in Germany

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Danksagung

13

Vorwort

17

Zur deutschen Ausgabe

19

Grundlagen der evolutionären Psychologie

21

Kapitel 1

Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

23

1.1

Meilensteine in der Geschichte der evolutionären Psychologie 24

Die Evolution vor Darwin

24

Darwins Theorie der natürlichen Auslese

26

Darwins Theorie der sexuellen Auslese

28

Die Rolle der natürlichen und der sexuellen Selektion in der Evolutionstheorie

30

Die moderne Synthese: Gene und partikuläre Vererbung

33

Die Verhaltensforschung

34

Die Gesamtfitness-Revolution

36

Klärung von Adaptation und natürlicher Auslese

39

Trivers’ bahnbrechende Theorien

41

Die Kontroverse um die Soziobiologie

42

1.2

Weit verbreitete Missverständnisse über die Evolutionstheorie

43

Missverständnis 1: Menschliches Verhalten wird von den Genen bestimmt

43

Missverständnis 2: Das ist evolutionsbedingt – wir können nichts daran ändern

44

Missverständnis 3: Gegenwärtige Mechanismen sind optimal ausgebildet

44

1.3

Meilensteine bei der Entstehung des modernen Menschen

46

1.4

Meilensteine auf dem Gebiet der Psychologie

54

Freuds Theorie der Psychoanalyse

54

William James und die Psychologie der Instinkte

55

Der Aufstieg des Behaviorismus

56

Die erstaunlichen Entdeckungen kultureller Vielfalt

57

Der Garcia-Effekt, „vorprogrammierte“ Furcht und der Niedergang des radikalen Behaviorismus

58

Ein kurzer Blick in die Black Box: Die kognitive Revolution

59

Kapitel 2

Die neue Wissenschaft der evolutionären Psychologie

67

2.1

Der Ursprung der menschlichen Natur

68

Drei Theorien über die Ursprünge komplexer Adaptationsmechanismen

68

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

6

Inhaltsverzeichnis

Die drei Produkte der Evolution

70

Ebenen der Analyse in der evolutionären Psychologie

74

2.2 Der Kern der menschlichen Natur: Grundlagen evolutionsbedingter psychologischer Mechanismen

82

Alle Arten haben eine Natur

82

Definition eines evolutionsbedingten psychologischen Mechanismus

83

Wichtige Eigenschaften evolutionsbedingter psychologischer Mechanismen

86

2.3 Methoden zur Untersuchung von evolutionären Hypothesen

92

Vergleich unterschiedlicher Arten

93

Vergleich von Männern und Frauen

94

Vergleich von Individuen innerhalb einer Art

95

Vergleich derselben Individuen in verschiedenen Zusammenhängen

95

2.4 Datenquellen zur Untersuchung von evolutionären Hypothesen

97

Archäologische Aufzeichnungen

97

Daten von Jäger-Sammler-Gesellschaften

97

Beobachtungen

97

Selbstbeobachtungen

98

Lebensdaten und öffentliche Aufzeichnungen

99

Menschliche Erzeugnisse

99

Überschreitung der Beschränkungen von Datenquellen

100

2.5 Die Identifizierung von adaptiven Problemen

100

Anleitungen aus der modernen Evolutionstheorie

101

Anleitungen aus dem Wissen universeller menschlicher Strukturen

101

Anleitungen aus traditionellen Gesellschaften

102

Anleitungen aus der Paläoarchäologie und der Paläoanthropologie

102

Anleitungen aus gegenwärtigen Mechanismen

102

Anleitungen aus Aufgabenanalysen

103

Organisation von adaptiven Problemen

103

Teil 2

Überlebensprobleme

107

Kapitel 3

Kampf gegen die feindlichen Kräfte der Natur – Menschliche Überlebensprobleme1

09

3.1

Beschaffung und Auswahl von Nahrung

110

Nahrungsauswahl bei Ratten

111

Nahrungsauswahl beim Menschen

112

Warum Menschen Gewürze mögen: Die antimikrobielle Hypothese

114

Warum Menschen gerne Alkohol trinken: ein evolutionärer Kater?

115

Übelkeit bei schwangeren Frauen: Die Embryonenschutz- Hypothese

116

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Inhaltsverzeichnis

7

Die Jagd-Hypothese

118

Die Sammler-Hypothese

123

Vergleich der Jagd- und Sammler-Hypothese

124

Die Aasfresser-Hypothese Adaptationen zum Sammeln und Jagen:

126

Geschlechtsunterschiede in spezifischen räumlichen Fähigkeiten

128

3.2 Einen Platz zum Leben finden: Lager- und Landschaftsvorlieben

Die Savannen-Hypothese

130

130

3.3 Kampf gegen Raubtiere und andere Umweltgefahren:

Ängste, Phobien und „evolutionäres Gedächtnis“

133

Die häufigsten menschlichen Ängste

134

Die Raubtier-Vermeidungs-Adaptation von Kindern

137

Krankheitsbekämpfung

140

3.4 Sind Menschen programmiert zu sterben?

141

Teil 3

Die Theorie der Seneszenz (des Alterungsprozesses)

141

Das Rätsel des Suizids

143

Herausforderungen von Sexualität und Partnerwahl

149

Kapitel 4

Langfristige Partnerwahl-Strategien der Frau

151

4.1

Theoretischer Hintergrund der Evolution von Partnerpräferenzen

Asexuelle und sexuelle Fortpflanzung

152

152

Elterliche Investitionen und sexuelle Selektion

154

Partner-Vorlieben als psychologische Mechanismen der Evolution 155

4.2

Inhalte der Partner-Präferenzen der Frau

157

Präferenz für wirtschaftliche Ressourcen

158

Präferenz für gute finanzielle Aussichten

159

Präferenz für einen hohen gesellschaftlichen Status

163

Präferenz für ältere Männer

165

Präferenz für Ehrgeiz und Fleiß

167

Präferenz für Zuverlässigkeit und Stabilität

168

Präferenz für athletische Fähigkeiten

169

Präferenz für gute Gesundheit und gutes Aussehen

171

Liebe und Bindungswille

174

Präferenz für die Bereitschaft, in Kinder zu investieren

176

4.3

Kontexteffekte auf die Partnerpräferenzen der Frau

178

Die Auswirkungen der eigenen Ressourcen der Frau auf ihre Partnerwahl Die Auswirkungen der zeitlichen Dimension auf die Partnerpräferenzen der Frau Die Auswirkungen des Menstruationszyklus auf die Partnerpräferenzen

Dimension auf die Partnerpräferenzen der Frau Die Auswirkungen des Menstruationszyklus auf die Partnerpräferenzen
Dimension auf die Partnerpräferenzen der Frau Die Auswirkungen des Menstruationszyklus auf die Partnerpräferenzen

179

180

181

Die Auswirkungen des Partnerwerts der Frau auf ihre Partnerwahl 182

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

8

Inhaltsverzeichnis

4.4

Wie die Partnerpräferenzen der Frau die tatsächliche Partnerwahl beeinflussen184

Reaktionen von Frauen auf Kontaktanzeigen von Männern

184

Eheschließungen von Frauen mit beruflich gut situierten Männern185

Eheschließungen von Frauen mit älteren Männern

186

Kapitel 5

Langfristige Partnerwahl-Strategien des Mannes

191

5.1

Theoretischer Hintergrund der Evolution von Partnerpräferenzen von Männern

Warum Männer von Bindung und Heirat profitieren

191

191

Das Problem, die Fruchtbarkeit oder den reproduktiven Wert einer Frau einzuschätzen

193

5.2

Inhalte der Partnerpräferenzen von Männern

194

Präferenz für Jugend

195

Physischer Schönheitsstandard

199

Präferenzen für Körperfett und das kritische Verhältnis der Taille zur Hüfte

202

Geschlechtsunterschiede in der Bedeutung des physischen Erscheinungsbildes

206

Haben Männer eine Präferenz für ovulierende Frauen?

207

Lösungen für das Problem der Ungewissheit der Vaterschaft

209

5.3

Kontexteffekte auf männliches Partnerverhalten

212

Männer in Machtpositionen

214

Kontexteffekte durch Betrachten attraktiver Models

215

5.4

Auswirkungen der Präferenzen von Männern auf das tatsächliche Partnerverhalten

217

Die Antworten von Männern auf die Bekanntschaftsanzeigen von Frauen

217

Alterspräferenzen und Eheschließungen

217

Auswirkungen der Partnerpräferenzen von Männern auf die Anziehungstaktiken der Frauen

218

Kapitel 6

Kurzfristige sexuelle Strategien

223

6.1

Theorien der kurzfristigen sexuellen Beziehungen des Mannes

223

Adaptive Vorteile kurzfristiger Beziehungen für den Mann

224

Potentielle Kosten kurzfristiger Beziehungen für den Mann

224

Adaptive Probleme, die Männer bei einer kurzfristigen Partnerstrategie lösen müssen

226

6.2

Belege für eine durch Evolution entstandene kurzfristige Partnerwahlpsychologie

Physiologische Belege für kurzfristige Beziehungen

228

229

Psychologische Belege für kurzfristige Beziehungen

231

Verhaltensbezogene Belege für kurzfristige Beziehungen

237

6.3

Kurzfristige Partnerwahl der Frau

239

Belege für die kurzfristige Partnerwahl der Frau

239

Hypothesen über die adaptiven Vorteile kurzfristiger Beziehungen für die Frau

240

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Inhaltsverzeichnis

9

Kosten der kurzfristigen Partnerwahl für die Frau

243

Empirische Untersuchungen über die hypothetischen Vorteile für die Frau

244

6.4 Kontexteffekte der kurzfristigen Partnerwahl

247

Individuelle Unterschiede bei kurzfristigen Affären

247

Andere Kontexte, die verstärkt zur Wahl eines kurzfristigen Partners führen können

248

Teil 4

Herausforderungen der Elternschaft und Verwandtschaft

255

Kapitel 7

Probleme im Kontext von Elternschaft

257

7.1

Warum kümmern sich Mütter mehr als Väter um den Nachwuchs?

259

Die Hypothese über die Ungewissheit der Vaterschaft

260

Die Hypothese des Verlassen-Könnens

261

Die Hypothese der Opportunitätskosten – der Kosten durch verpasste Paarungsmöglichkeiten

262

7.2

Eine evolutionäre Perspektive der elterlichen Fürsorge

263

Genetische Verwandtschaft der Nachkommen

264

Die Fähigkeit der Nachkommen, die elterliche Fürsorge in reproduktiven Erfolg umzuwandeln

272

Alternative Verwendung der Ressourcen, die für Investitionen in Kinder vorhanden wären

277

7.3

Die Theorie des Eltern-Kind-Konflikts

284

Mutter-Kind-Konflikt im Uterus

285

Der Ödipus-Komplex

287

Kapitel 8

Probleme im Kontext von Verwandtschaft

293

8.1

Theorie und Auswirkungen der Gesamtfitness

294

Hamilton-Regel

294

Theoretische Auswirkungen der Hamilton-Regel

296

8.2

Empirische Ergebnisse, die die Implikationen der Gesamtfitness-Theorie belegen

301

Warnrufe der Erdhörnchen

Ist Blut dicker als Wasser?

301

Hilfeleistungen im Leben amerikanischer Frauen

303

Menschliche Hilfe auf Leben und Tod

304

Genetische Verwandtschaft und emotionale Nähe:

307

Verwandtschaft und Überleben

307

Vererbungsmuster – Wer hinterlässt wem sein Vermögen?

308

Investitionen durch die Großeltern

312

Geschlechtsbezogene Unterschiede bezüglich der Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen

319

Ein umfassenderer Blick auf die Evolution der Familie

320

Die Schattenseite der Familie

325

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

10

Inhaltsverzeichnis

Teil 5

Probleme sozialer Gemeinschaften

333

Kapitel 9

Kooperative Allianzen

335

9.1

Die Evolution von Kooperation

335

Das Problem des Altruismus

336

Die Theorie des reziproken Altruismus

336

Tit For Tat – Wie du mir, so ich dir

337

9.2

Beispiele für Kooperation in der Natur

341

Teilen der Nahrung bei Vampirfledermäusen

341

Reziprozität unter Primaten

342

Politik unter Schimpansen

343

Theorie des sozialen Vertrags

344

Die Entdeckung künftiger Altruisten

350

Die Psychologie der Freundschaft

352

Kosten und Nutzen von Freundschaften

358

Kooperative Koalitionen

362

Kapitel 10

Aggression und Kriegsführung

367

10.1

Aggression als Lösung adaptiver Probleme

368

Vereinnahmung der Ressourcen anderer

369

Verteidigung gegen einen Angriff

370

Kosten für intrasexuelle Rivalen

370

Verhandlung über Status und Macht-Hierarchien

371

Abschreckung zukünftiger Aggression durch Rivalen

371

Verhinderung sexueller Untreue durch langfristige Partner

372

Die Kontext-Spezifität der Aggression

372

10.2

Warum sind Männer physisch aggressiver als Frauen?

374

10.3

Empirische Belege für bestimmte adaptive

Belege für geschlechtsbezogene Unterschiede bei

Aggressionsmuster

gleichgeschlechtlicher Aggression

377

377

Kontexte, die bei Männern Aggressionen gegen Männer auslösen

384

Kontexte, die bei Frauen Aggressionen gegen Frauen auslösen

386

Kontexte, die bei Männern Aggressionen gegen Frauen auslösen

387

Kontexte, die bei Frauen Aggressionen gegen Männer auslösen

389

Kriegsführung

389

Haben Menschen evolutionsbedingte Tötungsmechanismen?

400

Kapitel 11

Konflikte zwischen den Geschlechtern

407

11.1

Theorie der interferierenden Strategien

407

11.2

Konflikte über das Ob und Wann von Sex

409

Konflikte über sexuellen Zugang

410

11.3

Eifersucht

423

Geschlechtsunterschiede bei der Eifersucht

424

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Inhaltsverzeichnis

11

11.4

Von der Wachsamkeit zur Gewalt: Taktiken der

Geschlechtsunterschiede in der Anwendung von Taktiken

Partnerbindung

der Partnerbindung

429

429

Kontexte, die die Intensität der Taktiken der Partnerbindung beeinflussen

432

Gewalt gegen Partner

435

11.5

Konflikte über Zugang zu Ressourcen

438

Gründe der Ungleichheit von Ressourcen: Die Partnerpräferenzen der Frauen und die kompetitiven Taktiken der Männer

439

Kapitel 12

Status, Prestige und soziale Dominanz

447

12.1

Die Bildung von Dominanz-Hierarchien

448

12.2

Dominanz und Status im Tierreich

449

12.3

Evolutionstheorien zu Dominanz und Status

451

Eine Evolutionstheorie über die geschlechtsbezogenen Unterschiede beim Streben nach Ansehen

452

Dominanz-Theorie

459

Die Theorie der sozialen Aufmerksamkeitserhaltung

462

Determinanten der Dominanz

465

Der Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und Status

471

Strategien der Unterordnung

474

Teil 6

Eine integrierte psychologische Wissenschaft

481

Kapitel 13

In Richtung einer geeinten evolutionären Psychologie

483

13.1

Evolutionäre kognitive Psychologie

484

Problemlösungen: Heuristiken, Neigungen und Urteile unter Unsicherheit

487

Die Evolution der Sprache

493

13.2

Evolutionäre Sozialpsychologie

497

Kapital schlagen aus Evolutionstheorien über soziale Phänomene

498

Die Evolution moralischer Emotionen

499

Die Rückkehr der Gruppenselektion als mehrschichtige Selektionstheorie

502

13.3

Evolutionäre Entwicklungspsychologie

503

Mechanismen für die Theorie des Geistes (theory of mind)

504

Bindung und lebensgeschichtliche Strategien

506

13.4

Evolutionäre Persönlichkeitspsychologie

509

Alternative Nischenwahl oder strategische Spezialisierung

511

Adaptive Beurteilung vererbbarer Eigenschaften

512

Häufigkeitsabhängige adaptive Strategien

513

13.5

Evolutionäre klinische Psychologie

515

Ursachen für Fehler in den Mechanismen

516

Evolutionäre Einblicke in fälschlicherweise als Fehlfunktionen bezeichnete Probleme

517

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

12

Inhaltsverzeichnis

13.6 Evolutionäre Kulturpsychologie

521

Evozierte Kultur

522

Übertragene Kultur

524

Die Evolution von Kunst, Fiktion, Film und Musik

525

13.7 Auf dem Weg zu einer geeinten Psychologie

529

Abbildungsverzeichnis

531

Literaturverzeichnis

533

Namens- und Sachregister

585

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Danksagung

Die Danksagungen für dieses Buch richten sich nicht nur an Kollegen, die den Inhalt direkt kommentiert haben, sondern auch an diejenigen, die meine persönliche evolutio- näre Odyssee beeinflusst haben, die sich nun schon über mehr als 20 Jahre erstreckt. Mein Interesse für die Evolution wurde Mitte der 70er Jahre in einem Geologiekurs geweckt, den ich in einem der ersten Semester an der Universität besuchte. Damals erkannte ich, dass es Theorien gab, die speziell darauf ausgerichtet waren, den Ursprung der Dinge zu erklären. Meine ersten evolutionären Versuche machte ich mit einem Refe- rat im Jahr 1975, in dem ich Spekulationen aufstellte, die sich auf heute lächerliche Pri- maten-Vergleiche stützten und darauf hinausliefen, dass der Hauptgrund, aus dem der Mensch Statusbestrebungen entwickelt hat, darin besteht, dass dieser höhere Status gleichzeitig mehr sexuelle Möglichkeiten bedeutete.

Mein Interesse an menschlichem Verhalten und an Evolution wuchs, als ich mein Stu- dium an der Universität von Kalifornien in Berkeley fortsetzte, doch den fruchtbarsten Boden für das Gebiet der Evolution fand ich an der Harvard-Universität vor, die mir 1981 eine Stellung als Assistenzprofessor der Psychologie anbot. Dort begann ich in einem Kurs über die menschliche Motivation zu unterrichten, wobei ich mich auf die Prinzipien der Evolution stützte, auch wenn das Wort Evolution im Lehrbuch kaum erwähnt wurde. Meine Vorlesungen basierten auf den Arbeiten von Charles Darwin, W. D. Hamilton, Robert Trivers und Don Symons. Ich nahm eine Korrespondenz mit Don Symons auf, dessen Buch aus dem Jahr 1979 viele als die erste moderne Abhandlung über die mensch- liche evolutionäre Psychologie betrachten. Don schulde ich besonderen Dank. Seine Freundschaft und seine einsichtigen Kommentare begleiteten so gut wie alles, was ich über die evolutionäre Psychologie geschrieben habe. Beeinflusst von seinen Ideen ent- warf ich 1982 mein erstes evolutionäres Forschungsprojekt über das menschliche Partner- verhalten, das sich schließlich zu einer kulturübergreifenden Studie mit 10.047 Teilneh- mern aus 37 Kulturen auf der ganzen Welt ausweitete.

Als mein Interesse an der Evolution allmählich bekannt wurde, klopfte eines Tages eine brillante junge Harvard-Studentin namens Leda Cosmides an meine Bürotür und stellte sich vor. Wir führten eine erste Diskussion (oder vielmehr Auseinandersetzung) über Evolution und menschliches Verhalten, der noch viele folgen sollten. Leda stellte mich ihrem ebenso brillanten Ehemann und Kollegen John Tooby vor und zusammen versuch- ten sie, einige der gravierendsten Fehler in meiner Denkweise zu korrigieren – etwas, das sie bis heute tun. Durch Leda und John lernte ich Irv DeVore kennen, einen bekannten Anthropologen von Harvard, der in seinem Haus in Cambridge „Affenseminare“ abhielt. Außerdem lernte ich durch sie Martin Daly und Margo Wilson kennen, die in Harvard ihren Forschungsurlaub verbrachten. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang bis Mitte der 80er Jahre, hatten Leda und John noch nichts über evolutionäre Psychologie veröffentlicht und die Bezeichnung des evolutionären Psychologen existierte noch gar nicht.

Das nächste wichtige Ereignis in meinem evolutionären Streben trat ein, als ich zu einem Mitglied des Forschungsteams am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences in Palo Alto gewählt wurde. Dank der Ermutigung des Direktors Gardner Lindzey schlug

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

14

Danksagung

ich ein spezielles Projekt für das Zentrum mit dem Titel „Grundlagen einer evolutionären Psychologie“ vor. Nachdem der Vorschlag angenommen wurde, verbrachten Leda Cos- mides, John Tooby, Martin Daly, Margo Wilson und ich die Jahre 1989 und 1990 am Zen- trum und arbeiteten an den Grundlagen einer evolutionären Psychologie. Dabei ließen wir uns auch nicht von dem Erdbeben stören, das damals die Küste erschütterte. Die größte intellektuelle Hilfe beim Schreiben dieses Buches erhielt ich von Leda Cosmides, John Tooby, Don Symons, Martin Daly und Margo Wilson, allesamt Pioniere und Begründer der aufstrebenden Wissenschaft der evolutionären Psychologie.

An beiden Küsten, in Harvard und am Center of Advanced Study gab es sehr viele neue Vertreter der evolutionären Psychologie, doch muss ich auch zwei anderen Institutionen und ihren Mitarbeitern danken. Zum einen unterstützte die Universität von Michigan zwi- schen 1986 und 1994 die Gruppe Evolution und menschliches Verhalten. Besonderer Dank gebührt Al Cain, Richard Nisbett, Richard Alexander, Robert Axelrod, Barb Smuts, Randolph Nesse, Richard Wrangham, Bobbi Low, Kim Hill, Warren Holmes, Laura Bet- zig, Paul Turke, Eugene Burnstein und John Mitani für ihren Einsatz in Michigan. Zum anderen danke ich der psychologischen Fakultät an der Universität Texas in Austin, die das Vorwissen besaß, um eines der ersten Studienprogramme der evolutionären Psycholo- gie weltweit zusammenzustellen mit der Bezeichnung Individuelle Unterschiede und evo- lutionäre Psychologie. Besonders danken möchte ich Joe Horn, Dev Singh, Del Thiessen, Lee Willerman, Peter MacNeilage, David Cohen und den Fakultätsleitern Randy Diehl und Mike Domjan für ihren Einsatz an der Universität von Texas.

Ganz besonderer Dank gebührt Freunden und Kollegen, die an den Ideen zu diesem Buch in der einen oder anderen Weise mitgearbeitet haben: Dick Alexander, Rob Axelrod, Robin Baker, Jerry Barkow, Jay Belsky, Laura Betzig, George Bittner, Don Brown, Eugene Burnstein, Arnold Buss, Bram Buunk, Liz Cashden, Nap Chagnon, Jim Chis- holm, Helena Cronin, Michael Cunningham, Richard Dawkins, Irv DeVore, Frans de Waal, Mike Domjan, Paul Ekman, Steve Emlen, Mark Flinn, Robin Fox, Robert Frank, Steve Gangestad, Karl Grammer, W. D. Hamilton, Kim Hill, Warren Holmes, Sarah Hrdy, Bill Jankowiak, Doug Jones, Doug Kenrick, Lee Kirkpatrick, Judy Langlois, Bobbi Low, Kevin MacDonald, Neil Malamuth, Janet Mann, Linda Mealey, Geoffrey Miller, Ran- dolph Nesse, Dick Nisbett, Steve Pinker, David Rowe, Paul Rozin, Joanna Scheib, Paul Sherman, Irwin Silverman, Jeff Simpson, Dev Singh, Barb Smuts, Michael Studd, Frank Sulloway, Del Thiessen, Nancy Thornhill, Randy Thornhill, Lionel Tiger, Bill Tooke, John Townsend, Robert Trivers, Jerry Wakefield, Lee Willerman, George Williams, D. S. Wilson, E. O. Wilson und Richard Wrangham.

Ich möchte folgenden Rezensenten für ihr Feedback zur ersten Ausgabe danken: Clifford R. Mynatt, Bowling Green State-Universität; Richard C. Keefe, Scottsdale College; Paul M. Bronstein, Universität von Michigan-Flint; Margo Wilson, McMaster.Universität; W. Jake Jacobs, Universität von Arizona; und A. J. Figueredo, Universität von Arizona; sowie den Rezensenten dieser Ausgabe John A. Johnson, Penn-State, Dubois; Kevin MacDonald, California State-Universität, Long Beach; und Todd K. Shackelford, Florida Atlantic-Universität.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Danksagung

15

Der Text der zweiten Ausgabe profitierte von den außerordentlich durchdachten Kom- mentaren und Vorschlägen von und den Diskussionen mit einigen Freunden und Kolle- gen: Petr Bakalar, Clark Barrett, Leda Cosmides, Martin Daly, Richard Dawkins, Todd DeKay, Josh Duntley, Mark Flinn, Barry Friedman, Steve Gangestad, Joonghwan Jeon, Doug Kenrick, Martie Haselton, Bill von Hipple, Rob Kurzban, Peter MacNeilage, Geoffrey Miller, Steve Pinker, David Rakison, Kern Reeve, Paul Sherman, Valerie Stone, John Tooby, Larry Sugiyama, Candace Taylor, Glenn Weisfeld und Margo Wilson. Josh Duntley muss ich nochmals besonders dafür danken, dass er sein enzyklopädisches Wis- sen und seine klugen Ansichten mit mir teilte. Auch möchte ich Carolyn Merrill von Allyn & Bacon für ihre Beratung, Hartnäckigkeit und ihr vorausschauendes Wissen danken.

Vielen Dank auch meinen jetzigen und ehemaligen Studenten, die viel zum Bereich der evolutionären Psychologie beitragen: April Bleske, Mike Botwin, Sean Conlan, Todd DeKay, Josh Duntley, Bruce Ellis, Barry Friedman, Heidi Greiling, Arlette Greer, Martie Haselton, Sarah Hill, Russell Jackson, Joonghwan Jeon, Liisa Kyl-Heku, Anne McGuire, David Schmitt und Todd Shackelford. Besonderer Dank geht auch an Kevin Daly, Todd DeKay, Josh Duntley, A. J. Figueredo, Barry Friedman, Martie Haselton, Rebecca Sage, Todd Shackelford und W. Jake Jacobs dafür, dass sie mir detaillierte Kommentare zu die- sem Buch lieferten;

und an Cindy.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Vorwort

Es ist besonders spannend, zu dieser Zeit innerhalb der Wissenschaftsgeschichte ein evo- lutionärer Psychologe zu sein. Die meisten Wissenschaftler arbeiten innerhalb lange bestehender Paradigmen. Die evolutionäre Psychologie ist dagegen eine radikal neue Wissenschaft, eine wahre Synthese der modernen Prinzipien der Psychologie und der Evolutionsbiologie. Dieses Buch präsentiert den neuesten Stand und ich hoffe, dass es dadurch seinen ganz bescheidenen Beitrag zur Vollendung der wissenschaftlichen Revo- lution leisten wird, die die Grundlage für die Psychologie des neuen Jahrtausends bildet. Seit der Veröffentlichung der ersten Ausgabe von Evolutionary Psychology: The New Science of the Mind im Jahr 1999 gab es eine Unmenge neuer Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet. Neue Fachblätter für evolutionäre Psychologie wurden aufgelegt und die Anzahl evolutionärer Publikationen in Fachzeitschriften der Psychologie ist ständig angewach- sen. An Universitäten und Colleges weltweit werden neue Kurse in evolutionärer Psycho- logie eingerichtet. Es bleiben noch immer viele Lücken bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen und jede neue Entdeckung wirft mehr Fragen auf und verweist auf neue Bereiche, die erforscht werden müssen. Die Wissenschaft der evolutionären Psychologie ist lebendig, aufregend und steckt voller empirischer Entdeckungen und theoretischer Innovationen. Der Harvard-Professor Steven Pinker stellt sogar fest: „Beim Studium des Menschen gibt es mehrere Hauptebenen menschlicher Erfahrung – Schönheit, Mutter- schaft, Familie, Moralität, Kooperation, Sexualität, Gewalt – für die die evolutionäre Psy- chologie die einzige kohärente Theorie anbietet.“ (Pinker, 2002, S. 135)

Charles Darwin muss als der erste evolutionäre Psychologe angesehen werden, denn er beendete seine klassische Abhandlung Vom Ursprung der Arten (1859) mit dieser pro- phetischen Äußerung: „In ferner Zukunft sehe ich viel Raum für weitere wichtige For- schungsarbeiten. Die Psychologie wird eine neue Grundlage erhalten.“ Über 140 Jahre später, nach vielen Fehlstarts und Verzögerungen, tritt die Wissenschaft der evolutionären Psychologie endlich auf den Plan. Dieses Buch möchte die Grundlagen dieser neuen Wis- senschaft und die faszinierenden Entdeckungen ihrer Vertreter präsentieren.

Als ich 1981 als junger Assistenzprofessor an der Harvard-Universität meine ersten For- schungsarbeiten im Bereich der evolutionären Psychologie durchführte, kursierten zahl- reiche Spekulationen über die Evolution des Menschen, doch es gab praktisch noch keine empirischen Daten, die diese stützten. Ein Teil des Problems bestand darin, dass die Wis- senschaftler, die sich für Fragen der Evolution interessierten, die Kluft zwischen den gro- ßen evolutionären Theorien und den tatsächlichen wissenschaftlichen Studien des menschlichen Verhaltens nicht überbrücken konnten. Heute hat sich diese Kluft weitge- hend geschlossen, da es sowohl konzeptionelle Durchbrüche als auch eine Flut hart erar- beiteter empirischer Erkenntnisse gibt. Viele spannende Fragen verlangen immer noch nach empirischer Aufklärung, doch die bestehende Grundlage an Erkenntnissen ist gegenwärtig so umfangreich, dass das Problem, dem ich mich gegenüber sah, eher darin bestand, wie ich das Buch in einem vernünftigen Umfang halten und gleichzeitig der fas- zinierenden Auswahl theoretischer und empirischer Erkenntnisse voll gerecht werden konnte. Zwar waren beim Schreiben hauptsächlich Studenten der ersten Semester meine Zielgruppe, doch möchte ich trotzdem auch ein breiteres Publikum von Laien, Studenten

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

18

Vorwort

höherer Semester und auch Fachleuten ansprechen, die nach einem aktuellen Überblick über die evolutionäre Psychologie suchen.

Ich schrieb die erste Ausgabe dieses Buches noch aus einem anderen – ehrlich gesagt revolutionären – Grund. Ich wollte damit die zahllosen Professoren an Universitäten auf der ganzen Welt, die über die Evolution des menschlichen Verhaltens nachdenken und schreiben, motivieren, formale Kurse in evolutionärer Psychologie zu unterrichten und diese Kurse als Pflichtbestandteil des Psychologiestudiums zu verankern. Schon heute zieht die evolutionäre Psychologie die besten und klügsten jungen Köpfe an. Ich hoffe, dass dieses Buch zur Beschleunigung dieser Entwicklung und irgendwie auch zur Erfül- lung von Darwins Prophezeiung beiträgt.

Bei der Überarbeitung des Buches für die zweite Auflage verfolgte ich zwei Ziele. Zunächst wollte ich alle neuen Entdeckungen integrieren. Deshalb wurden über 200 neue Referenzen eingefügt. Zum zweiten wollte ich wichtige Auslassungen der ersten Ausgabe nachreichen. Themen der kognitiven Psychologie werden nun beispielsweise viel aus- führlicher behandelt. Auch wurden neue Abschnitte über Meilensteine der menschlichen evolutionären Geschichte und über konkurrierende Theorien der menschlichen Ursprünge (Out-of-Africa-Theorie gegenüber multiregionaler Hypothese) hinzugefügt. Der grundle- gende Aufbau des Buches bleibt jedoch bestehen – eine Organisation um Ansammlungen adaptiver Probleme herum, darunter Überleben, Partnerwahl, Elternschaft, Verwandt- schaft und Gruppenleben.

Von Lehrern und Studenten habe ich viele inspirierende Briefe und E-Mails erhalten, die die erste Ausgabe meines Buches gelesen haben, und ich hoffe, dass die Leser auch in Zukunft ihre Begeisterung mit mir teilen werden. Die Suche nach dem Verständnis des menschlichen Geistes ist ein hehres Unterfangen. Nun da das Feld der evolutionären Psy- chologie reift, erhalten wir allmählich Antworten auf die Geheimnisse, die die Menschen vermutlich seit hundertausenden von Jahren beschäftigen: Woher kommen wir? Welche Verbindungen gibt es zwischen uns und anderen Lebensformen und welche geistigen Mechanismen bestimmen, was es bedeutet, Mensch zu sein?

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Zur deutschen Ausgabe

„Licht wird auch fallen auf den Menschen und seine Geschichte.“ Diese gleichsam lapi- dare wie vorsichtige Aussage findet sich in der Schlussbemerkung von Charles Darwins (1859) Hauptwerk Über die Entstehung der Arten. Es ist der einzige Satz in diesem Buch, mit dem er explizit die Anwendbarkeit seiner Theorie auf den Menschen anspricht – möglicherweise aus Rücksichtnahme auf seine sehr religiöse Frau Emma. Viel weniger Hemmungen hatte da der große deutsche Zoologe Ernst Haeckel, der leidenschaftlich für die Darwin’sche Lehre eintrat und wesentlich zu ihrer Verbreitung beitrug: In seiner Anthropogenie reihte Haeckel den Menschen in eine Ahnenreihe ein, die bis zum einfa- chen Einzeller zurückreichte. Die Auseinandersetzung mit der Kirche, die den Menschen als Geschöpf Gottes ansah, war vorprogrammiert, folgte auch auf dem Fuße und ist seit- her nicht abgerissen. Die Frontlinie verläuft entlang der Frage, ob die Anwendung der Evolutionstheorie auf menschliches Verhalten, Kognition und Kultur konsequent und statthaft, oder ob sie Teufelswerk sei. Ähnliche Konflikte gibt es auch zwischen naturwis- senschaftlichen Lagern auf der einen und kultur-, geistes- und sozialwissenschaftlichen Lagern auf der anderen Seite. So löste Wilsons (1975) Sociobiology: The new synthesis einen Aufruhr aus, der fast mit jenem konkurrieren konnte, den Darwins Ideen seinerzeit provoziert hatten. Bezeichnenderweise war nur ein einziges Kapitel dafür verantwortlich:

das letzte, in welchem Wilson die soziobiologische Betrachtungsweise auf den Menschen übertrug und die Wurzeln für dessen Sozialverhalten in seiner Biologie suchte.

Auch in der Psychologie hat die Frage nach dem Stellenwert der Biologie des Menschen schon viele Kontroversen ausgelöst – man denke hier nur an die Psychoanalyse oder den Behaviorismus. Umso erstaunlicher ist es, dass es die evolutionäre Psychologie als Strö- mung innerhalb der Psychologie noch nicht allzu lange gibt. Orientiert man sich an der Verwendungshäufigkeit des Begriffs in der Literatur, so nahm sie ihren Ausgang etwa Mitte der 1980er Jahre. Diese Strömung ist nicht nur jung, sie ist auch radikal, das heißt, sie geht an die Wurzel (lat. radix). Sie verwahrt sich dagegen, neben andere Disziplinen oder Theorien eingereiht zu werden. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, für die meisten – wenn nicht für alle – Disziplinen und Theorien innerhalb der Psychologie eine unentbehr- liche Grundlage abzugeben. So ist die evolutionäre Psychologie angetreten, viele Kapitel der Psychologie, wie wir sie heute kennen, neu zu schreiben oder zumindest gründlich zu überarbeiten.

Angesichts dieses Anspruchs, sowie der Resonanz, die dieses Thema in einer breiten Öffentlichkeit findet, ist es nicht erstaunlich, wenn zahlreiche Wissenschaftler und Wis- senschaftlerinnen hier einen Beitrag leisten möchten. So kam es im Jahre 1988 zur Grün- dung der Human Behavior and Evolution Society, die mittlerweile über 600 Mitglieder zählt, deren jährlich stattfindende Tagungen auf großes Interesse stoßen, und die auf ihrer Internetseite (www.hbes.com) zahlreiche Informationen, Materialien und nützliche Links bereitstellt. In Deutschland gibt es die seit 1999 bestehende Initiative Menschliches Ver- halten in Evolutionärer Perspektive, die ebenfalls jährliche Treffen veranstaltet. Auch hier ist ein Besuch der Webseite (www.mve-liste.de) lohnenswert.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

20

Zur deutschen Ausgabe

Dem Trend der Zeit folgend hat sich der Verlag Pearson Education entschieden, das hier vorliegende und jetzt schon als Standardwerk einzustufende Buch von David Buss nun- mehr auch in deutscher Übersetzung herauszugeben. Bei dieser Übersetzung wurden – wenn irgend möglich – für englische Fachtermini deutsche Entsprechungen gesucht (wenn es sinnvoll schien mit Nennung des englischen Originalausdrucks in Klammern). Bei einigen Begriffen wurde auf eine Übersetzung verzichtet (z.B. Fitness). Das englische „mind“, welches im Deutschen keine rechte Entsprechung hat, wurde überwiegend mit „Geist“, an einigen Stellen aber auch mit „Verstand“ übersetzt. Weiterhin wurde von der Verwendung des Wortes „Evolutionspsychologie“ abgesehen. Grammatisch gesehen ist dies ein Genitiv (die Psychologie der Evolution), aber da die Evolution im Sinne der Dar- winschen Theorie nichts als ein blinder Mechanismus ohne Intention oder gar Psyche ist, kann es auch keine Psychologie derselben geben. Am Ende eines jeden Kapitels hat David Buss eine Liste von jeweils fünf Literaturempfehlungen angefügt. Insofern deut- sche Übersetzungen der empfohlenen Werke vorliegen, wurden die entsprechenden Angaben ergänzt. Ferner wurde in der vorliegenden Ausgabe die von Buss zusammenge- stellte Liste jeweils um einige deutschsprachige Werke ergänzt (ggf. mit anschließender Nennung des englischen Originals).

Abschließend sei noch all jenen gedankt, die die vorliegende Ausgabe ermöglicht haben. Dies sind Christian Schneider, der als Produktmanager alles überwachte, Anke Kruppa und Jutta König, die die Übersetzungen besorgten, Julie Holzhausen und Brigitta Keul, die die Texte Korrektur gelesen und editiert haben sowie Claudia Bäurle, die für die Pro- duktion und die Koordination von Satz und Druck verantwortlich zeichnet.

Ich wünsche diesem Buch eine weite Verbreitung sowie einen nachhaltigen Beitrag zur der Diskussion und kritischen Auseinandersetzung mit diesem überaus spannenden und für viele provozierenden Thema.

Berlin, Juni 2004

Ulrich Hoffrage

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Teil 1

Grundlagen der evolutionären Psychologie

Zwei Kapitel führen in die Grundlagen der evolutionären Psychologie ein. Kapitel 1 zeichnet die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie nach. Zunächst werden die Meilensteine in der Geschichte der Evolutionstheorie be- schrieben, angefangen bei den vor Charles Darwin entwickelten Theorien der Evolution bis hin zu den modernen Formulierungen der Evolutionstheorie, die heute innerhalb der biologischen Wissenschaften weithin akzeptiert sind. Danach werden drei häufige Miss- verständnisse im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie genauer untersucht. Schließ- lich betrachten wir die Meilensteine auf dem Gebiet der Psychologie: vom Einfluss Dar- wins auf die psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds bis hin zu den modernen Lehrsätzen der kognitiven Psychologie.

Kapitel 2 liefert die konzeptionellen Grundlagen der modernen evolutionären Psycholo- gie und stellt das wissenschaftliche Handwerkszeug zur Überprüfung evolutionspsycho- logischer Hypothesen vor. Im ersten Abschnitt werden Theorien über die Ursprünge der menschlichen Natur untersucht. Dann wenden wir uns der Definition des Kernbegriffs ei- nes durch die Evolution geprägten psychologischen Mechanismus zu und skizzieren die Eigenschaften solcher Mechanismen. Im Mittelteil des zweiten Kapitels werden die wich- tigsten Methoden zur Überprüfung evolutionspsychologischer Hypothesen sowie die Beobachtungsquellen beschrieben, auf die sich diese Prüfungsmethoden stützen. Da sich der übrige Teil des Buches an adaptiven Problemen des Menschen orientiert, konzentrie- ren wir uns am Ende des zweiten Kapitels auf evolutionspsychologische Methoden zur Identifizierung dieser Probleme, angefangen beim Problem des Überlebens bis hin zum Leben in der Gruppe.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel

1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

In ferner Zukunft sehe ich viel Raum für weitere wichtige Forschungsarbeiten. Die Psychologie wird eine neue Grundlage erhalten, nämlich die notwendige und gra- duelle Erlangung jeder mentalen Kraft und Fähigkeit.

– Charles Darwin, 1859

Als die Archäologin das Skelett von Staub und Schutt befreite, bemerkte sie etwas Son- derbares. Der Schädel wies auf der linken Seite eine große Einkerbung auf, die offen- sichtlich von einem heftigen Schlag stammte, und im Brustkorb steckte – ebenfalls links – eine Speerspitze fest. Bei der anschließenden Laboruntersuchung stellten Wissenschaft- ler fest, dass dies das Skelett eines männlichen Neandertalers war, der vor ca. 50.000 Jah- ren gestorben und somit das älteste bekannte menschliche Mordopfer war. Aufgrund der Verletzungen an Schädel und Brustkorb konnte man davon ausgehen, dass der Mörder die tödliche Waffe mit der rechten Hand geführt hatte.

Fossilienfunde von Knochenverletzungen zeigen zwei auffallend ähnliche Schemata (Trinkaus & Zimmerman, 1982; Walker, 1995). Zum einen weisen männliche Skelette weit- aus mehr Brüche und sonstige Verletzungen auf als weibliche. Zum zweiten befinden sich diese Verletzungen zumeist an der linken Vorderseite von Schädel und Skelett, was darauf hindeutet, dass die Angreifer Rechtshänder waren. Solche Knochenfunde alleine reichen zwar nicht aus, um nachzuweisen, dass der Kampf zwischen Männern ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens unserer Vorfahren war. Ebenso wenig können wir aufgrund dieser Funde mit Sicherheit sagen, dass sich der Mann zum physisch aggressiveren Geschlecht entwickelt hat. Dennoch liefern sie wichtige Bausteine zur Lösung des Rätsels, woher wir kommen, welche Kräfte uns geformt haben und welcher Natur unser Geist ist.

Das riesige menschliche Gehirn, etwa 1.350 Kubikzentimeter groß, ist die komplexeste organische Struktur, die der Wissenschaft bis heute bekannt ist. Die neue wissenschaftli- che Disziplin der evolutionären Psychologie zielt auf das Verständnis der Mechanismen des menschlichen Gehirns/Geistes ab. Die evolutionäre Psychologie beschäftigt sich in der Hauptsache mit vier Kernfragen: (1) Warum ist unser Geist so und nicht anders beschaffen – d.h. welche kausalen Prozesse schufen und beeinflussten das menschliche Bewusstsein und gaben ihm seine heutige Form? (2) Wie ist der menschliche Geist beschaffen – welche Mechanismen und Bestandteile weist er auf und wie sind sie organi-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

24

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

siert? (3) Welche Funktionen haben die Bestandteile und ihre Organisationsstruktur – d.h. was soll der Geist bewirken und erreichen? (4) Wie interagiert der Input aus der heutigen Umwelt, insbesondere der sozialen, mit der Beschaffenheit des menschlichen Geistes bei der Entstehung beobachtbaren Verhaltens?

Überlegungen über die Geheimnisse des menschlichen Geistes sind nichts Neues. Schon die alten Griechen wie etwa Aristoteles und Plato haben zu diesem Thema Manifeste ver- fasst. Heute buhlen andere Theorien des menschlichen Bewusstseins wie etwa die Freud- sche Theorie der Psychoanalyse, die Skinnersche Theorie der Verstärkung und der Kon- nektionismus um die Aufmerksamkeit der Psychologen.

Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte ist es uns gelungen, die konzeptionellen Werkzeuge zu entwickeln, um unserem Verständnis des menschlichen Geistes einen alles umfassen- den Rahmen zu geben – die evolutionäre Psychologie. Sie zieht Erkenntnisse aus allen Disziplinen des Geistes heran, u.a. aus bildgebenden Verfahren (brain imaging); aus Ler- nen und Gedächtnis; Aufmerksamkeit, Emotion und Leidenschaft; Attraktion, Eifersucht und Sexualität; Selbstwertgefühl, Status und Aufopferung; aus Elternschaft, Überzeu- gung und Wahrnehmung; aus Verwandtschaft, Kriegsführung und Aggression; Koopera- tion, Altruismus und Hilfsbereitschaft; Ethik, Moral und Medizin; aus Verpflichtung, Kultur und Bewusstsein. Dieses Buch führt den Leser in die evolutionäre Psychologie ein und gibt einen Überblick über diese neue Wissenschaft des Geistes.

Zu Beginn dieses Kapitels wollen wir die wichtigsten Entwicklungen in der Geschichte der Evolutionsbiologie nachzeichnen, die wesentlich zur Entstehung der evolutionären Psychologie beigetragen haben. Dann wenden wir uns der Geschichte der Psychologie zu und zeigen die Entwicklungen auf, die es notwendig machten, die Evolutionstheorie und die moderne Psychologie zu integrieren.

1.1 Meilensteine in der Geschichte der evolutionären Psychologie

Wir beginnen unsere Darstellungen der Geschichte evolutionären Gedankenguts weit vor den Beiträgen Charles Darwins und werden dann einige maßgebliche Entwicklungen innerhalb dieser Wissenschaft bis zum Ende des 20. Jahrhunderts betrachten.

Die Evolution vor Darwin

Evolution bezeichnet die sich im Laufe der Zeit vollziehenden Veränderungen organi- scher (lebender) Strukturen. Schon lange bevor Darwin 1859 seinen Klassiker Über den Ursprung der Arten (siehe Glass, Temekin & Strauss, 1959; und Harris, 1992 für eine geschichtliche Abhandlung) veröffentlichte, hatten Wissenschaftler bereits Theorien über auftretende Veränderungen bei Lebensformen formuliert.

Jean Pierre Antoine de Monet de Lamarck (1744-1829) verwendete als einer der ersten Wissenschaftler den Begriff Biologie und erkannte so die Erforschung des Lebens als

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

25

eigenständige Wissenschaft. Lamarck glaubte, dass es für die Veränderung der Arten zwei Hauptursachen gab: zum einen eine natürliche Neigung jeder Art, sich zu einer höheren Form zu entwickeln, und zum anderen die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaf- ten. Nach Lamarcks Ansicht mussten die Tiere ums Überleben kämpfen, wobei ihre Nervenzellen aufgrund dieses Kampfes ein Sekret absonderten, das die vom Kampf betroffenen Organe vergrößerte. So glaubte er, dass Giraffen etwa durch ihre Bemühun- gen, immer höher wachsende Blätter zu fressen, einen so langen Hals entwickelt hatten (neuere Studien belegen, dass lange Hälse auch beim Wettbewerb um einen Fortpflan- zungspartner eine Rolle spielen könnten). Lamarck glaubte weiter, dass die Veränderun- gen des Halses, die von diesen Bemühungen herrührten, an die nachfolgenden Giraffen- generationen weitergegeben wurden, daher die Formulierung „die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften.“ Eine weitere Theorie zur Veränderung von Lebensformen wurde von Baron Georges Léopold Chrétien Frédérick Dagobert Cuvier (1769-1832) ent- wickelt. Cuvier formulierte die Theorie des so genannten Katastrophismus, der zufolge bestimmte Arten in regelmäßigen Abständen durch plötzliche Katastrophen, z.B. Meteo- riten, ausgelöscht und durch andere Arten ersetzt werden.

Schon vor Darwin erkannten Biologen die verwirrende Vielfalt der Arten, von denen einige erstaunliche strukturelle Parallelen aufzuweisen schienen. Menschen, Schimpan- sen und Orang-Utans beispielsweise haben alle genau fünf Finger und Zehen an Händen und Füßen. Vogelflügel haben große Ähnlichkeit mit Seehundflossen, was bedeuten könnte, dass das eine sich aus dem anderen entwickelt hat (Daly & Wilson, 1983). Ver- gleiche zwischen diesen Arten ließen die Vermutung zu, das Leben sei nicht statisch, wie einige Wissenschaftler und Theologen behauptet hatten. Knochenfunde lieferten weitere Belege für eine im Laufe der Zeit stattfindende Veränderung. Knochen aus älteren geolo- gischen Schichten stimmten nicht mit solchen aus jüngeren überein. Es wurde argumen- tiert, dass es keine solchen Unterschiede bei den Knochenfunden geben würde, wenn sich nicht auch die organische Struktur im Laufe der Zeit verändert hätte.

Eine weitere Beweisquelle waren Vergleiche der embryologischen Entwicklung verschie- dener Arten (Mayr, 1982). Biologen stellten fest, dass diese Entwicklung bei einigen Arten erstaunlich ähnlich verlief, die sich ansonsten scheinbar sehr voneinander unterschieden. Die Embryos von Säugetieren, Fischen und Fröschen haben eine ungewöhnliche, schlau- fenartige Anordnung der Arterien nahe der Bronchialschlitze gemeinsam. Dies könnte dar- auf hindeuten, dass diese Arten vor vielen Jahren die gleichen Vorfahren gehabt haben könnten. All diese Hinweise, die bereits vor 1859 bekannt waren, legten nahe, dass das Leben keineswegs starr und unveränderlich war. Biologen, die glaubten, dass sich organi- sche Strukturen im Laufe der Zeit veränderten, nannten sich selbst Evolutionisten.

Verschiedene Evolutionisten vor Darwin machen noch eine weitere wichtige Beobach- tung. Viele Arten besitzen Eigenschaften, die scheinbar einem bestimmten Zweck dienen. Die Stacheln des Stachelschweins dienen der Abwehr von Feinden. Der Panzer der Schildkröte dient zum Schutz ihrer empfindlichen Organe gegen die rohen Naturgewal- ten. Die Schnäbel vieler Vögel sind so beschaffen, dass sie damit Nüsse knacken können. Diese offensichtliche Funktionalität, die uns in der Natur in scheinbar unerschöpflicher Form begegnet, verlangte ebenfalls nach einer Erklärung.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

26

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Was den Evolutionisten vor Darwin jedoch noch fehlte, war eine Theorie, die erklärte, wie sich eine Veränderung über einen bestimmten Zeitraum hinweg vollziehen konnte und wie sich solche offensichtlich zweckmäßigen Strukturen wie der lange Hals der Giraffe und die spitzen Stacheln des Stachelschweins entwickelt haben konnten. Was fehlte, war ein kausaler Mechanismus oder Prozess, der diese biologischen Phänomene erklärte. Charles Darwin lieferte die passende Theorie für eben diesen Mechanismus.

Darwins Theorie der natürlichen Auslese

Darwins Aufgabe war schwieriger, als sie auf den ersten Blick erscheint. Er wollte nicht nur erklären, warum sich Lebensformen im Laufe der Zeit verändern, sondern auch wie diese Veränderungen im Einzelnen zustande kommen. Er wollte ergründen, wie neue Arten entstehen (daher der Titel seines Buches Über den Ursprung der Arten), und ebenso, wie andere verschwinden. Darwin wollte erklären, warum bestimmte Körperteile von Tieren – der lange Hals der Giraffen, die Flügel der Vögel, der Rüssel der Elefanten – genau in dieser Form existieren. Und er wollte eine Erklärung für die Zweckmäßigkeit dieser Formen liefern, d.h. er wollte zeigen, warum sie durch ihre Funktion die Organis- men bei der Erledigung ihrer Aufgaben zu unterstützen schienen.

bei der Erledigung ihrer Aufgaben zu unterstützen schienen. Mit seiner Theorie der natürlichen Auslese löste Charles

Mit seiner Theorie der natürlichen Auslese löste Charles Darwin eine wissenschaftliche Revolution in der Biologie aus. Sein Buch, Über den Ursprung der Arten (1859), enthält eine Fülle theoreti- scher Argumente und empirischer Daten, die er im Laufe von 25 Jahren vor der Veröffentlichung des Buches zusammentrug.

Antworten auf diese Fragen fand Darwin auf einer Reise, die er nach Abschluss seines Studiums an der Cambridge University unternahm. Fünf Jahre lang, von 1831 bis 1836, bereiste der Naturalist auf dem Schiff Beagle die Welt. Auf dieser Reise sammelte er Dut- zende von Proben von Vögeln und anderen Tieren auf den Galapagos-Inseln im Pazifi- schen Ozean. Nach seiner Rückkehr entdeckte er, dass die Galapagosfinken, von denen er ursprünglich angenommen hatte, sie gehörten alle der gleichen Art an, sich so sehr von- einander unterschieden, dass sie verschiedene Arten bildeten. Tatsächlich wies jede Insel der Galapagos-Gruppe ihre eigene Finkenart auf. Darwin fand heraus, dass diese ver- schiedenen Finkenarten zwar gemeinsame Vorfahren gehabt hatten, sich dann aber auf- grund der unterschiedlichen lokalen ökologischen Bedingungen jeder Insel unterschied-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

27

lich entwickelt hatten. Diese geografisch bedingten Unterschiede spielten für Darwins Schlussfolgerung, dass biologische Arten keineswegs unwandelbar sind, sondern sich vielmehr im Laufe der Zeit verändern können, eine zentrale Rolle.

Woran aber könnte es liegen, dass sich Arten verändern? Das war die nächste Herausfor- derung. Darwin beschäftigte sich eingehend mit mehreren unterschiedlichen Theorien über die Ursachen von Veränderung, verwarf diese aber schließlich wieder, denn sie alle ließen einen kritischen Faktor außer Acht: die Existenz von Adaptationen. Natürlich wollte Darwin Veränderungen erklären, was ihm aber vielleicht noch wichtiger war, war eine Erklärung dafür zu finden, warum Organismen scheinbar so perfekt an ihre jeweilige Umgebung angepasst waren.

Es war … offensichtlich, dass [diese anderen Theorien] [k]eine Erklärung für die unzähligen Fälle liefern konnten, in denen sich Organismen jeder Art wunderbar an ihren Lebensraum angepasst haben – wie etwa ein Specht oder Baumfrosch, der an Bäumen hinaufklettert, oder ein Samen, der mittels Haken und Härchen für seine Verbreitung sorgt. Mich hatten solche Adaptationen schon immer sehr beein- druckt, und bevor diese nicht erklärt werden konnten, erschien es mir beinahe nutzlos, auf indirekte Weise den Beweis anzutreten, dass sich die Arten verändert haben. (Darwin, aus seiner Autobiografie, zitiert in Ridley, 1996, S. 9)

Darwin fand einen wichtigen Hinweis über das Rätsel der Adaptationen in Thomas Mal- thus’ Werk An Essay on the Principles of Population (erschienen 1798), wo er zum ersten Mal mit der Idee konfrontiert wurde, dass von jedem Organismus eine viel zu große Anzahl existierte, als dass alle überleben und sich fortpflanzen könnten. Folglich ergibt sich ein „Existenzkampf“, bei welchem sich vorteilhafte Varianten eher durchsetzen, während unvorteilhafte eher aussterben. Wenn dieser Prozess von Generation zu Genera- tion von neuem stattfindet, entsteht am Ende eine neue Art.

Allgemeiner ausgedrückt war Darwins Antwort auf all diese Rätsel des Lebens seine Theorie der natürlichen Auslese und ihrer drei wesentlichen Bestandteile: Variation, Vererbung und Selektion. 1 Zum ersten gibt es zahlreiche Unterschiede zwischen den ein- zelnen Organismen, z.B. bei der Länge der Flügel oder des Rüssels, bei der Knochen- masse, der Zellstruktur, der Fähigkeit zu kämpfen und sich zu verteidigen sowie beim Sozialverhalten. Die Variation ist eine entscheidende Voraussetzung für einen funktionie- renden Evolutionsprozess – sie stellt den „Rohstoff“ für die Evolution dar.

Zum zweiten werden nur einige dieser Variationen auch vererbt – d.h. direkt und zuver- lässig durch die Eltern an ihre Nachkommen weitergegeben, die sie dann wiederum an ihre Nachkommen und weiter an viele nachfolgende Generationen weitergeben. Andere Variationen, wie etwa ein aufgrund eines Unfalls deformierter Flügel, werden nicht an den Nachwuchs weitervererbt. Nur die tatsächlich ererbten Variationen spielen im Evolu- tionsprozess eine Rolle.

1 Unabhängig von Darwin entdeckte auch Alfred Russel Wallace (1858) die Theorie der natür- lichen Auslese und beide präsentierten die Theorie gemeinsam bei einem Treffen der Linnaen Society.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

28

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Der dritte wichtige Bestandteil von Darwins Theorie ist die Selektion. Organismen, die bestimmte vererbbare Varianten aufweisen, hinterlassen auch mehr Nachkommen, weil ihnen diese Eigenschaften für Überleben oder Fortpflanzung einen Vorteil verschaffen. In einer Umgebung, wo etwa Nussbäume oder -sträucher die Hauptnahrungsquelle darstel- len, können einige Finken, deren Schnäbel beispielsweise eine besondere Form haben, besser Nüsse knacken und an das Fruchtfleisch gelangen als Finken mit anders geformten Schnäbeln. Es überleben mehr Finken, deren Schnäbel zum Nüsse knacken besser geeig- net sind, und diese tragen somit auch verstärkt zur nächsten Generation bei.

Ein Organismus kann aber auch viele Jahre lang überleben, ohne seine vererbbaren Eigenschaften an zukünftige Generationen weiterzugeben. Damit diese Weitergabe an zukünftige Generationen geschieht, muss er sich fortpflanzen. Bei der Evolution durch natürliche Auslese kommt es also letztendlich auf den unterschiedlichen Fortpflanzungs- erfolg aufgrund vorhandener Erbgutvariationen an, die die Überlebens- und Fortpflan- zungschancen eines Individuums senken oder erhöhen. Unterschiedlicher Fortpflan- zungserfolg oder -misserfolg definiert sich über den Reproduktionserfolg im Vergleich zu anderen. Die Eigenschaften von Organismen, die sich häufiger als andere fortpflanzen, werden also auch relativ gesehen häufiger an zukünftige Generationen weitergegeben. Da das Überleben normalerweise zur Fortpflanzung notwendig ist, spielt es in Darwins Theorie der natürlichen Auslese eine entscheidende Rolle.

Darwins Theorie der sexuellen Auslese

Darwin hatte die wunderbare wissenschaftliche Angewohnheit, Tatsachen festzustellen, die mit seinen Theorien nicht übereinzustimmen schienen. So identifizierte er einige Tat- bestände, die seiner Theorie der natürlichen Auslese, auch „Überlebensselektion“ genannt, scheinbar widersprachen. Zunächst erkannte er merkwürdige Strukturen, die absolut keine Rolle fürs Überleben zu spielen schienen. Das prächtige Federkleid des Pfaus ist ein passendes Beispiel dafür. Wie konnte sich diese sonderbare farbenprächtige Struktur überhaupt entwickeln? Offensichtlich ist das Gefieder eine große Belastung für den Stoffwechsel des Pfaus. Außerdem wirkt es scheinbar wie eine regelrechte Einladung an Räuber, die auf schnelle Beute aus sind. Darwin steigerte sich in diese offensichtliche Anomalie so sehr hinein, dass er einmal selbst bemerkte: „Der Anblick einer Straußen- feder macht mich jedes Mal ganz krank!“ (zitiert bei Cronin, 1991, S. 113). Darwin beob- achtete auch, dass es bei einigen Arten erhebliche Größen- und Strukturunterschiede zwi- schen den Geschlechtern gab. Und er fragte sich, warum es diese Unterschiede gab, wo doch beide Geschlechter die gleichen Überlebensprobleme zu meistern hatten, wie etwa fressen, Räuber abwehren und Krankheiten bekämpfen?

Darwins Antwort auf diese offensichtlichen Schwachstellen seiner Theorie der natürli- chen Auslese war die Formulierung einer, wie er glaubte, zweiten Evolutionstheorie, der Theorie der sexuellen Auslese. Im Gegensatz zur Theorie der natürlichen Auslese, die sich auf Adaptationen als Folge des erfolgreichen Überlebens konzentriert, zielt die Theorie der sexuellen Selektion auf Adaptationen ab, die aufgrund erfolgreicher Paarung entstanden sind. Darwin ging von zwei Hauptfunktionsweisen der sexuellen Auslese aus:

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

29

Da ist zunächst der intrasexuelle Wettbewerb – die Konkurrenz zwischen Vertretern des gleichen Geschlechts – dessen Ausgang sich auf den Zugang zu Paarungsmöglichkeiten mit dem anderen Geschlecht auswirkt. Der Prototyp der intrasexuellen Konkurrenz sind zwei Hirsche, die im Kampf ihre Geweihe ineinander verkeilen. Der Sieger kann sich dem Weibchen sexuell nähern – dies geschieht entweder direkt oder durch die Herrschaft über Gebiete oder Ressourcen, die dem Weibchen attraktiv erscheinen. Für den Verlierer kommt es normalerweise nicht zur Paarung. Alle Eigenschaften, die in diesem gleichge- schlechtlichen Wettbewerb zum Erfolg führen, z.B. Körpergröße, Stärke, athletische Fähigkeiten, werden durch den Paarungserfolg des Siegers an die nächste Generation weitergegeben. Eigenschaften, die nicht zum Erfolg führen, werden auch nicht weiterge- geben. Also kann sich Evolution – langsame, allmähliche Veränderung – schon als Folge des reinen intrasexuellen Wettbewerbs vollziehen.

als Folge des reinen intrasexuellen Wettbewerbs vollziehen. Der Anblick eines Pfaus machte Darwin ganz krank, denn

Der Anblick eines Pfaus machte Darwin ganz krank, denn zunächst schien das schillernde Federkleid keinen offensichtlichen Überlebens- wert zu haben und ließ sich daher auch nicht mittels seiner ursprünglichen Theorie der natür- lichen Auslese erklären. Schließlich entwickelte er die Theorie der sexuellen Auslese, die sehr wohl eine Erklärung für die Schwanzfedern des Pfaus lieferte und somit wohl auch sein ungutes Gefühl beim Anblick desselben besiegte.

Die zweite Möglichkeit der sexuellen Auslese ist die intersexuelle Selektion, d.h. die bevorzugte Partnerwahl. Sind sich Geschlechtsgenossen weitgehend einig über die gewünschten Eigenschaften beim anderen Geschlecht, so werden Vertreter des anderen Geschlechts, die eben diese Eigenschaften aufweisen, bevorzugt als Partner ausgewählt. Diejenigen, die diese Eigenschaften nicht haben, gehen bei der Partnerwahl leer aus. In diesem Fall vollzieht sich der evolutionäre Wandel nur deshalb, weil die erwünschten Eigenschaften eines Partners in jeder nachfolgenden Generation häufiger auftreten. Wenn Weibchen beispielsweise die Paarung mit Männchen vorziehen, die ihnen Hochzeitsge- schenke machen, dann wird es im Laufe der Zeit immer mehr Männchen geben, die Eigenschaften haben, die ihnen helfen, erfolgreich Geschenke zu machen. Darwin nannte den Prozess der intersexuellen Selektion weibliche Auswahl, weil er in der Tierwelt beob- achtet hatte, dass bei vielen Arten die Weibchen diejenigen sind, die bei der Partnerwahl wählerisch sind. In Kapitel 4 und 5 werden wir jedoch sehen, dass ganz offensichtlich beide Geschlechter eine bevorzugte Partnerwahl treffen und dass beide Geschlechter mit ihren Geschlechtsgenossen um den Zugang zu den bevorzugten Vertretern des anderen Geschlechts in Wettbewerb treten.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

30

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

30 Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie Hirsche, die im Kampf ihre Geweihe inein- ander verkeilen,

Hirsche, die im Kampf ihre Geweihe inein- ander verkeilen, praktizieren den intrase- xuellen Wettbewerb, eine Form der sexuellen Auslese. Die Eigenschaften, die bei diesen gleichgeschlechtlichen Ausein- andersetzungen zum Erfolg führen, werden häufiger an nachfolgende Genera- tionen weitergegeben, da der Sieger häufi- ger die Möglichkeit zur Paarung mit dem anderen Geschlecht bekommt.

Darwins Theorie der sexuellen Selektion lieferte die gewünschten Erklärungen für die Anomalien, die ihm Alpträume verursacht hatten. Der Schweif des Pfaus beispielsweise entwickelte sich aufgrund des Prozesses der intersexuellen Selektion. Weibliche Pfaue paaren sich bevorzugt mit Männchen, die das schillerndste und prächtigste Federkleid tra- gen. Bei Arten, bei denen die Männchen körperlich um Paarungsmöglichkeiten mit den Weibchen kämpfen müssen, sind diese oft größer als die Weibchen – ein Prozess der intrasexuellen Selektion.

Zwar glaubte Darwin, die natürliche und die sexuelle Selektion seien zwei getrennte Pro- zesse, heute steht jedoch fest, dass sie sich aus einem grundlegenden Prozess entwickelt haben: dem unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg aufgrund vererbbarer Unterschiede in den genetischen Entwürfen. Dennoch halten es einige Biologen für sinnvoll, zwischen der natürlichen und der sexuellen Selektion zu unterscheiden. Diese Unterscheidung macht die Bedeutung von zwei Adaptationsklassen besonders deutlich: Adaptationen, die sich aufgrund eines den betroffenen Organismen entstandenen Überlebensvorteils entwi- ckelt haben (die Vorliebe für Zucker und Fett beispielsweise lässt uns verstärkt Nahrung wählen, die unser Überleben sichert; die Angst vor Schlangen bewahrt uns vor giftigen Schlangenbissen), und Adaptationen, die sich aufgrund eines für die betroffenen Organis- men entstandenen Paarungsvorteils entwickelt haben (z.B. bessere kämpferische Fähig- keiten beim konkurrierenden Geschlecht). In Kapitel 4, 5 und 6 werden wir sehen, dass die Theorie der sexuellen Selektion die Grundlage für das Verständnis der Evolution menschlicher Paarungsstrategien darstellt.

Die Rolle der natürlichen und der sexuellen Selektion in der Evolutionstheorie

Darwins Theorien der natürlichen und der sexuellen Auslese lassen sich relativ leicht beschreiben, sorgen aber bis zum heutigen Tag immer noch für viel Verwirrung. Dieser Abschnitt klärt einige wichtige Gesichtspunkte zum Thema Selektion und ihrer Rolle beim Verständnis der Evolution.

Erstens sind natürliche und sexuelle Selektion nicht die einzigen Ursachen für evolutio- nären Wandel. Manche Veränderungen treten auch aufgrund der so genannten geneti-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

31

schen Drift auf, die als zufällige Veränderung im Genpool einer Population definiert ist. Solche zufälligen Veränderungen ergeben sich als Auswirkungen verschiedener Prozesse wie Mutation (eine zufällige Veränderung des DNA-Erbguts), Gründereffekte und geneti- scher Flaschenhals. Zufällige Veränderungen können sich durch den Gründereffekt erge- ben, der eintritt, wenn ein kleiner Teil einer Population eine neue Kolonie bildet und die Gründer dieser neuen Kolonie die ursprüngliche Bevölkerung genetisch nicht in vollem Umfang repräsentieren. Stellen wir uns beispielsweise vor, dass sich 200 Koloniegründer, die auf eine neue Insel abwandern, zufällig verändern, so dass ungewöhnlich viele von ihnen rothaarig sind. Ist die Population auf der Insel einmal auf z.B. 2.000 angestiegen, enthält sie einen größeren Anteil rothaariger Menschen als die Ursprungspopulation, aus der die Koloniegründer hervorgingen. Gründereffekte können also evolutionäre Verände- rungen auslösen – in diesem Fall eine Vermehrung der Gene, die zu Rothaarigkeit führen. Ähnliche zufällige Veränderungen können durch einen genetischen Flaschenhals zustande kommen. Dies geschieht, wenn eine Population schrumpft, etwa durch eine zufällig eingetretene Katastrophe wie z.B. ein Erdbeben. Die Überlebenden dieser Kata- strophe tragen nur eine Teilmenge der Gene der Ursprungspopulation in sich. Auch wenn also zusammenfassend die natürliche Auslese der Hauptgrund für den evolutionären Wandel und die einzige bekannte Ursache für Adaptationen ist, ist sie dennoch nicht der einzige Grund für evolutionäre Veränderungen. Genetische Drift – durch Mutationen, Gründereffekte und genetische Flaschenhälse – kann also ebenfalls zu Veränderungen im Genpool einer Population führen.

Zweitens ist die Evolution durch natürliche Auslese nicht vorausschauend oder „zielge- richtet“. Die Giraffe entdeckt nicht zuerst die saftigen Blätter hoch oben im Baum und „entwickelt“ daraufhin einen längeren Hals. Es ist vielmehr so, dass die Giraffen, die auf- grund einer vererbten Variante zufällig einen längeren Hals haben, ihren Artgenossen gegenüber bei der Nahrungsaufnahme im Vorteil sind. Also haben sie auch eine größere Überlebenschance und dadurch mehr Möglichkeiten, ihre etwas längeren Hälse an ihre Nachkommen weiterzugeben (neuere Studien legen nahe, dass der lange Hals der Giraffe auch andere Funktionen haben könnte, etwa beim erfolgreichen Wettbewerb mit Geschlechtsgenossen). Natürliche Selektion wirkt sich nur auf Varianten aus, die zufällig existieren. Evolution ist nicht zielgerichtet, sie kann nicht in die Zukunft sehen und spä- tere Bedürfnisse im Voraus erkennen.

Ein weiteres wichtiges Evolutionsmerkmal ist die allmähliche Entwicklung, zumindest in Bezug auf die Dauer eines Menschenlebens. Die kurzhalsigen Vorfahren der Giraffen ent- wickelten ihre langen Hälse nicht über Nacht oder auch nur im Laufe einiger weniger Generationen. Dutzende, hunderte, tausende, in manchen Fällen sogar Millionen Genera- tionen waren nötig, damit der Selektionsprozess allmählich unsere heute bekannten orga- nischen Mechanismen formen konnte. Natürlich entwickeln sich manche Veränderungen extrem langsam, andere dagegen schneller. Auch kann es lange Perioden ohne Verände- rung geben, gefolgt von relativ plötzlichem Wandel, ein Phänomen, das als „punktuiertes Gleichgewicht“ bezeichnet wird (Gould & Eldredge, 1977). Doch selbst diese „schnel- len“ Veränderungen vollziehen sich in winzigen Teilschritten von Generation zu Genera- tion und sind erst nach hunderten oder tausenden von Generationen erkennbar.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

32

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Darwins Theorie der natürlichen Selektion lieferte eine einleuchtende Erklärung für viele verblüffende Aspekte des Lebens und auch für die Entstehung neuer Arten (obwohl Dar- win die Bedeutung der geografischen Isolation als Vorläufer der natürlichen Auslese bei der Bildung neuer Arten nicht in ihrem vollen Ausmaß erkannte; siehe Cronin, 1991). Seine Theorie erklärte, warum sich organische Strukturen im Laufe der Zeit verändern und bot ebenso eine Erklärung für die offensichtliche Zweckmäßigkeit der einzelnen Bestandteile dieser Strukturen, d.h. man konnte ableiten, dass bestimmte Körperteile scheinbar ganz darauf ausgelegt waren, bestimmte Funktionen im Zusammenhang mit Überleben und Fortpflanzung zu erfüllen.

Für manche vielleicht am erstaunlichsten (für andere am schockierendsten) war in diesem Zusammenhang der große Geniestreich im Jahre 1859, mithilfe der natürlichen Selektion alle Arten in einem riesigen Stammbaum zu vereinigen. Zum ersten Mal überhaupt erkannte man an, dass jede existierende Art durch gemeinsame Vorfahren mit allen ande- ren Arten verbunden ist. So stimmen bei Menschen und Schimpansen z.B. über 98% der DNA überein und beide Arten hatten vor etwa sechs Millionen Jahren einen gemeinsa- men Vorfahren (Wrangham & Peterson, 1996). Noch verblüffender ist die relativ neue wissenschaftliche Erkenntnis, dass sich für viele menschliche Gene ausgerechnet in dem durchsichtigen Wurm Caenorhabditis elegans genaue genetische Gegenstücke finden. Die chemische Struktur dieser Gene ist in beiden Fällen sehr ähnlich, was darauf schließen lässt, dass Menschen und Würmer sich aus einem sehr frühen gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben (Wade, 1997). Kurz gesagt konnte man mithilfe von Darwins Theorie den Menschen im großen Baum des Lebens genau positionieren, seinen Platz in der Natur aufzeigen und seine Verbindung zu allen anderen Lebewesen bestimmen.

Darwins Theorie der natürlichen Auslese löste einen Sturm der Entrüstung aus. Als Lady Ashley, eine Zeitgenossin Darwins, von der Theorie erfuhr, der Mensch stamme angeb- lich vom Affen ab, bemerkte sie: „Hoffen wir, dass es nicht stimmt. Und wenn es doch stimmt, dann hoffen wir, dass es sich nicht herumspricht.“ In einer berühmt gewordenen Diskussion an der Oxford University fragte Bischof Wilberforce seinen Rivalen Thomas Huxley bissig, ob der „Affe“, von dem er abstamme, wohl großmütterlicher- oder groß- väterlicherseits zu finden sei.

Selbst Biologen standen Darwins Theorie zur damaligen Zeit äußerst skeptisch gegen- über. Zunächst wandten Kritiker ein, es gebe in der Darwinschen Evolution keine schlüs- sige Vererbungstheorie. Darwin selbst bevorzugte eine Vererbungstheorie der „Vermi- schung“, die besagt, dass die Nachkommen eine Mischung ihrer Eltern sind, ebenso wie die Farbe rosa eine Mischung aus roter und weißer Farbe ist. Diese Theorie gilt heute als falsch, wie wir später in der Diskussion der Arbeiten Gregor Mendels sehen werden. Die frühen Kritiker hatten also zu Recht beanstandet, dass der Theorie der natürlichen Aus- lese eine fundierte Vererbungstheorie fehlte.

Ein weiterer Kritikpunkt bestand darin, dass einige Biologen sich nicht vorstellen konn- ten, in welcher Form die frühen Evolutionsphasen einer Adaptation einem Organismus von Nutzen sein konnten. Wie kann ein teilweise ausgebildeter Flügel einem Vogel nütz- lich sein, wenn er damit nicht fliegen kann? Wie kann ein teilweise ausgebildetes Auge einem Reptil nützlich sein, wenn es damit nicht sehen kann? Darwins Theorie der natürli-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

33

chen Auslese sieht vor, dass jeder einzelne Schritt der graduellen Evolution einer Adapta- tion für die Fortpflanzung vorteilhaft ist. Also müssen auch Teilflügel und -augen einen adaptiven Vorteil bringen, noch bevor sie sich zu voll ausgebildeten Flügeln und Augen weiterentwickeln. Im Augenblick genügt es uns festzuhalten, dass teilweise ausgebildete Formen tatsächlich adaptive Vorteile bieten können. So können Teilflügel – auch wenn sie nicht zum Fliegen verhelfen – z.B. den Vogel warm halten und ihm für Beutefang und Flucht mehr Beweglichkeit verleihen. Diese Kritik an Darwins Theorie lässt sich also ent- kräften (Dawkins, 1986). Weiterhin muss darauf hingewiesen werden, dass nur weil einige Biologen oder andere Wissenschaftler Probleme damit haben, sich bestimmte Evo- lutionsformen vorzustellen, z.B. Teilflügel und deren Nutzen, dies noch lange kein aussa- gekräftiges Argument gegen die tatsächliche Entwicklung dieser Formen darstellt. Diese „Argumentation aufgrund von Unwissenheit“ oder wie Dawkins (1982) es nannte, die „Argumentation aufgrund persönlicher Ungläubigkeit“, hat nichts mit Wissenschaft zu tun, gleichgültig wie intuitiv überzeugend sie zunächst klingen mag.

Ein dritter Einwand kam von religiösen Anhängern der biblischen Schöpfungsgeschichte, denn viele von ihnen sahen alle Arten als unveränderlich an und waren überzeugt, dass sie keineswegs durch einen allmählichen Evolutionsprozess der Selektion entstanden, son- dern vielmehr von einer Gottheit erschaffen worden waren. Darüber hinaus legte Darwins Theorie nahe, dass die Entstehung des Menschen und anderer Arten „blind“ geschehen und lediglich aus einem langsamen, ungeplanten, kumulativen Selektionsprozess hervor- gegangen war. Das deckte sich nicht mit dem Menschenverständnis der Schöpfungsan- hänger. Sie sahen den Menschen (und andere Arten) als einen Teil von Gottes großem und beabsichtigtem Plan an. Darwin hatte diese Reaktion vorhergesehen und zögerte die Veröffentlichung seiner Theorie offensichtlich auch aus Rücksicht auf seine Frau Emma hinaus, die tief religiös war.

Die Diskussionen reißen bis heute nicht ab. Obwohl Darwins Evolutionstheorie, mit eini- gen wichtigen Modifikationen innerhalb der biologischen Wissenschaften die einende und nahezu allgemein akzeptierte Theorie ist, stößt ihre Anwendung auf den Menschen, die Darwin klar vor Augen hatte, immer noch auf heftigen Widerstand. Doch all unseren Widerständen zum Trotz, die es nicht zulassen, dass wir uns durch die gleiche wissen- schaftliche Linse betrachten und analysieren lassen wie andere Arten, ist der Mensch keineswegs vom Evolutionsprozess ausgeschlossen. Jetzt endlich steht uns das konzep- tionelle Werkzeug zur Verfügung, um Darwins Revolution zu Ende zu führen und eine evolutionäre Psychologie für die menschliche Spezies zu schaffen.

Die evolutionäre Psychologie kann sich wichtige theoretische Erkenntnisse und wissen- schaftliche Entdeckungen zunutze machen, die zu Darwins Zeit noch nicht bekannt waren. Zunächst ist da die physikalische Basis der Vererbung – das Gen.

Die moderne Synthese: Gene und partikuläre Vererbung

Als Darwin Über den Ursprung der Arten veröffentlichte, wusste er nicht, durch welche Mechanismen sich „Vererbung“ vollzog. Wie oben erwähnt war man damals im Allge- meinen der Meinung, Vererbung fände durch eine Art „Mischung“ beider Eltern statt,

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

34

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

wobei die Nachkommen genau zwischen beiden Eltern anzusiedeln seien. Dieser Mischungstheorie zufolge wären die Kinder eines groß gewachsenen Vaters und einer kleinen Mutter also von mittlerer Größe. Heute weiß man, dass diese Theorie falsch ist.

Der österreichische Mönch Gregor Mendel wies nach, warum diese Theorie nicht funk- tionierte. Er argumentierte, Vererbung sei „partikulär“ und keineswegs ein Mischprozess. Das bedeutet, dass die elterlichen Eigenschaften nicht miteinander vermischt werden, sondern intakt in separaten Paketen, den Genen, weitervererbt werden. Außerdem müssen Eltern ihre vererbbaren Gene von Geburt an besitzen, sie können sie sich nicht durch Erfahrung aneignen.

Zum großen Pech für den wissenschaftlichen Fortschritt blieb Mendels Entdeckung der partikulären Vererbung, die er durch Kreuzungen verschiedener Erbsensorten demonst- rierte, der wissenschaftlichen Welt etwa dreißig Jahre lang weitgehend verborgen. Zwar hatte Mendel Kopien seiner Arbeiten an Darwin geschickt, diese wurden aber entweder nicht gelesen oder aber ihre Bedeutung blieb unerkannt.

Ein Gen ist definiert als kleinste abgeschlossene Einheit, die intakt, ohne geteilt oder ver- mischt zu werden, an die Nachkommen vererbt wird – so Mendels entscheidende Ent- deckung. Genotypen dagegen bezeichnen die Gesamtheit aller Gene eines Individuums. Genotypen werden anders als Gene nicht intakt an die Nachkommen vererbt. Vielmehr werden bei Arten, die sich sexuell fortpflanzen wie wir, die Genotypen in jeder Generation geteilt. Also erhält jeder von uns eine zufällige Hälfte der Gene aus dem Genotyp der Mut- ter und eine zufällige Hälfte aus dem Genotyp des Vaters. Die Genhälfte, die wir von jedem Elternteil vererbt bekommen, ist jedoch identisch mit der Hälfte des Genotyps die- ses Elternteils, denn sie wird als abgeschlossenes Paket ohne Modifikation weitergegeben.

Die Zusammenführung von Darwins Evolutionstheorie durch natürliche Auslese mit der Entdeckung der partikulären Genvererbung gipfelte in einer Bewegung in den 30er und 40er Jahren, der so genannten „Modernen Synthese“ (Dobzhansky, 1937; Huxley, 1942; Mayr, 1942; Simpson, 1944). Die Moderne Synthese verwarf eine Reihe von Irrtümern der Biologie, darunter Lamarcks Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften und der Mischungstheorie der Vererbung. Eindeutig bestätigt wurde Darwins Theorie der natürlichen Auslese, der zudem noch durch eine wohl formulierte Erklärung der Verer- bung eine festere Grundlage verliehen wurde.

Die Verhaltensforschung

Manche können sich Evolution am besten vorstellen, wenn sie auf physische Strukturen angewendet wird. Es ist offensichtlich für uns, dass der Panzer einer Schildkröte eine Adaptation zum Schutz und die Flügel eines Vogels eine Adaptation zum Fliegen sind. Wir erkennen Ähnlichkeiten zwischen uns und den Schimpansen und deshalb fällt es den meisten von uns leicht zu glauben, dass wir gemeinsame Vorfahren haben. Paläontologi- sche Schädelfunde liefern, auch wenn sie unvollständig sind, genug Belege für die physi- sche Evolution, so dass die meisten zugestehen, dass sich im Laufe der Zeit ein Wandel vollzogen haben muss. Die Evolution des Verhaltens jedoch ist für Wissenschaftler und Laien von je her historisch schwerer vorstellbar. Schließlich lässt sich Verhalten nicht durch Fossilienfunde belegen.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

35

Darwin hatte klar vor Augen, dass seine Theorie der natürlichen Auslese nicht nur auf physische Strukturen anwendbar sei, sondern auch auf Verhalten und damit auch auf das Sozialverhalten. Es gibt verschiedene Belege für diese Ansicht. Erstens erfordert Verhal- ten immer die entsprechenden zugrunde liegenden physischen Strukturen. Der aufrechte Gang z.B. ist ein Verhalten und erfordert als physische Struktur zwei Beine sowie eine Vielzahl von Muskeln, die den Körper in seiner aufrechten Haltung stützen. Zweitens kann man Arten mithilfe des Selektionsprinzips bestimmte Verhaltensmerkmale anzüch- ten. Hunden z.B. kann man Aggressivität oder Passivität anzüchten (künstliche Selektion). Diese Beobachtungen deuten alle darauf hin, dass auch das Verhalten der formenden Hand der Evolution unterworfen ist. Die erste wichtige Disziplin, die es bei der Verhaltensfor- schung aus evolutionärer Sicht zu betrachten galt, war die Verhaltensforschung (Etholo- gie) und eines der ersten auf diesem Gebiet dokumentierten Phänomene war die Prägung.

diesem Gebiet dokumentierten Phänomene war die Prägung. Konrad Lorenz war einer der Begründer der

Konrad Lorenz war einer der Begründer der Verhaltensforschung. Berühmt wurde er durch seine Entdeckung des Phänomens der Prägung, die zum Beispiel bewirkt, dass Entenküken eine Bindung zu dem ersten sich bewegenden Objekt eingehen, das sie in ihrem Leben sehen, und diesem folgen. In den meisten Fällen sind Entenküken aber auf ihre Mütter und nicht auf die Beine eines Wis- senschaftlers geprägt.

Entenküken sind auf das erste sich bewegende Objekt, das sie in ihrem Leben sehen, geprägt – sie bilden in einer kritischen Entwicklungsphase eine Assoziation. Dieses Objekt ist im Normalfall die Entenmutter. Nach der Prägung folgen die kleinen Enten ihrem Prä- gungsobjekt auf Schritt und Tritt. Die Prägung ist ganz klar eine Form des Lernens – es ent- steht eine Assoziation zwischen Entenküken und Mutter, die vor der Erfahrung ihrer Bewe- gung noch nicht vorhanden war. Diese Form des Lernens ist jedoch „vorprogrammiert“ und sicherlich Teil der durch Evolution entstandenen biologischen Strukturen des Entenkükens. Zwar haben wir schon oft Bilder von einer ganzen Reihe Entenküken gesehen, die ihrer Mutter hinterherlaufen; wenn aber das erste Objekt, das eine Ente sieht, ein menschliches Bein ist, wird sie stattdessen diesem Menschen folgen. Konrad Lorenz hat als Erster das Phänomen der Prägung deutlich gemacht, indem er zeigte, dass Vogelküken, die in der kriti- schen Phase kurz nach der Geburt als Erstes sein Bein gesehen hatten, auch tagelang ihm – und nicht ihrer Mutter – nachliefen. Lorenz (1965) begründete einen neuen Bereich inner- halb der Evolutionsbiologie, die so genannte Ethologie oder Verhaltensforschung, und die Prägung bei Vögeln war ein erstaunliches Phänomen, das dieser Disziplin zum Start ver- half. Ethologie ist definiert als „die Lehre der unmittelbaren Mechanismen und des adapti- ven Werts tierischen Verhaltens“ (Alcock, 1989, S. 548).

Die Verhaltensforschung war zum Teil auch eine Reaktion auf die extremen Environmen- talisten in der amerikanischen Psychologie. Verhaltensforscher interessierten sich für vier Hauptfragen, die als die vier „Warum-Fragen“ des Verhaltens bekannt und von einem der Begründer der Ethologie, Niko Tinbergen (1951), formuliert wurden: (1) die unmittel-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

36

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

baren Einflüsse auf das Verhalten (z.B. die Bewegungen der Mutter); (2) die entwick- lungsbezogenen Einflüsse auf das Verhalten (z.B. die Ereignisse, die im Laufe des Lebens einer Ente zu Veränderungen führen); (3) die Funktion des Verhaltens oder der „adaptive Zweck“, den es zu erfüllen scheint (z.B. die ständige Nähe des Entenkükens zur Mutter, die sein Überleben sichert); (4) die evolutionären oder phylogenetischen Ursprünge des Verhaltens (z.B. welche Folge evolutionärer Ereignisse verursachte die Entwicklung eines Prägungsmechanismus bei Enten).

Verhaltensforscher entwickelten eine Vielzahl von Begriffen, um zu beschreiben, was sie zu den angeborenen Eigenschaften von Tieren zählten. Feste Handlungsmuster sind bei- spielsweise die stereotypen Verhaltensabläufe von Tieren, ausgelöst durch einen genau definierten Reiz (Tinbergen, 1951). Ist ein festes Handlungsmuster einmal angestoßen, so führt es das Tier immer bis zum Ende aus. Zeigt man bestimmten Erpeln z.B. die hölzerne Nachbildung einer weiblichen Ente, so löst das eine starre Abfolge von Balzhandlungen aus. Mithilfe von Begriffen wie feste Handlungsmuster konnten Ethologen die durchge- hende Abfolge von Verhaltensformen in abgeschlossene Analyseeinheiten unterteilen.

Die Ethologie brachte die Biologie einen großen Schritt voran und half den Biologen, die große Bedeutung von Adaptationen zu erkennen. Man kann sogar die ersten Ansätze der evolutionären Psychologie aus Konrad Lorenz’ frühen Arbeiten herauslesen, denn er schrieb:

„Unsere kognitiven und wahrnehmungsbezogenen Kategorien, die wir noch vor jeder indivi- duellen Erfahrung erhalten, sind unserer Umwelt angepasst, ebenso wie der Huf eines Pfer- des für die Ebene geeignet ist, noch bevor es geboren wird und die Flosse eines Fisches dem Leben im Wasser angepasst ist, noch bevor er aus dem Ei schlüpft.“ (Lorenz, 1941, S. 99).

Die Ethologie sah sich jedoch drei Problemen gegenüber. Erstens fungierten viele Begriffe lediglich als „Etiketten“ für bestimmte Verhaltensmuster und trugen nicht viel zu deren Erklärung bei. Zum zweiten konzentrierten sich Ethologen meist auf beobachtbares Verhalten – ähnlich wie in Amerika die Behavioristen – und blickten daher nicht „in die Köpfe“ der Tiere hinein, um die zugrunde liegenden Mechanismen zu identifizieren, die für die Entstehung dieses Verhaltens verantwortlich waren; und drittens, obwohl sich die Ethologie mit Adaptation befasste (einem der entscheidenden Themen, die Tinbergen aufgezählt hatte), entwickelten sie keine genauen Kriterien für die Erkennung derselben. Dennoch machten Ethologen viele wertvolle Entdeckungen; so dokumentierten sie z.B. die Prägung, die bei einer Reihe von Vogelarten vorkommt oder stereotype feste Verhal- tensmuster, die durch bestimmte Reize ausgelöst werden. Die Ethologie zwang die Psy- chologen außerdem dazu, die Rolle der Biologie in der menschlichen Verhaltenslehre neu zu überdenken. Dies brachte eine bedeutende wissenschaftliche Revolution in Gang, die dank einer grundlegenden Neuformulierung von Darwins Theorie der natürlichen Aus- lese entstand – diese Neuformulierung ist die so genannte Gesamtfitness-Theorie.

Die Gesamtfitness-Revolution

Anfang der 60er Jahre des 20. Jhds. arbeitete ein junger Student, William D. Hamilton, an seiner Doktorarbeit am University College in London. Hamilton trat für eine radikale Neuordnung der Evolutionstheorie ein, die er „Gesamtfitness-Theorie“ (inclusive fitness

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

37

theory) nannte. Es heißt, dass seine Professoren die Dissertation weder verstanden noch ihre Bedeutung erkannten (vielleicht weil sie extrem mathematisch war), weshalb seine Arbeit zuerst abgelehnt wurde. Als sie schließlich angenommen und 1964 im Journal of Theoretical Biology veröffentlicht wurde, lösten Hamiltons Theorien jedoch eine Revolu- tion aus, die die gesamte biologische Wissenschaft von Grund auf verändern sollte.

biologische Wissenschaft von Grund auf verändern sollte. William D. Hamilton revolutionierte die Evolutionsbiologie

William D. Hamilton revolutionierte die Evolutionsbiologie mit seiner Theorie der Gesamtfitness, die 1964 veröffentlicht wurde. Bis heute liefert er fundierte theoretische Beiträge zu Themen, die von der Ent- wicklung der Gehässigkeit bis hin zu den Ursprüngen der sexuellen Fortpflanzung reichen.

Hamilton führte aus, dass die klassische Fitness – eine Maßeinheit, die den direkten Reproduktionserfolg eines Individuums mittels Weitergabe von Genen durch die Zeu- gung von Nachkommen bestimme – zu eng gewählt sei, um den Evolutionsprozess durch Selektion angemessen zu beschreiben. Laut seiner Theorie werden bei der natürlichen Auslese diejenigen Eigenschaften bevorzugt, die dafür sorgen, dass die Gene eines Orga- nismus weitergegeben werden, gleichgültig ob dieser Organismus direkt Nachkommen produziert oder nicht. Die Fürsorge der Eltern – die Investition in die eigenen Kinder – wurde als bloßer Sonderfall der Fürsorge für Artgenossen, die Kopien der eigenen Gene im Körper tragen, neu interpretiert. Ein Organismus kann die Reproduktion seiner Gene auch fördern, indem er Brüder, Schwestern, Nichten und Neffen dabei unterstützt, ihr Überleben zu sichern und sich fortzupflanzen. Denn all diese Verwandten tragen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Kopien der Gene dieses Organismus in sich. Hamiltons große neue Erkenntnis bestand darin, dass die Definition der klassischen Fitness zu eng gehalten sei und daher auf die Gesamtfitness erweitert werden müsse.

Technisch gesehen ist die Gesamtfitness nicht die Eigenschaft eines Individuums oder eines Organismus, sondern vielmehr ein Resultat seiner Handlungen oder Wirkungen. Also kann man die Gesamtfitness als Summe aus dem Fortpflanzungserfolg eines Indivi- duums (klassische Fitness) zuzüglich der Auswirkungen seiner Handlungen auf den Fort- pflanzungserfolg seiner genetischen Verwandten ansehen. Bei dieser zweiten Komponente müssen die Auswirkungen auf Verwandte mit dem entsprechenden Verwandtheitsgrad zum Zielorganismus gewichtet werden – etwa 0,50 für Brüder und Schwestern (da sie genetisch zu 50% mit dem Zielorganismus verwandt sind), 0,25 für Großeltern und Enkel (25-prozentige genetische Verwandtschaft), 0,125 für Cousins und Cousinen ersten Grades (12,5% genetische Verwandtschaft) etc. (siehe Abbildung 1.1).

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

38

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

38 Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie Abbildung 1.1: Die Gesamtfitness-Theorie impliziert u.a., dass man

Abbildung 1.1:

Die Gesamtfitness-Theorie impliziert u.a., dass man selbstlose Taten eher näher verwandten Indivi- duen als entfernten Verwandten zugute kommen lässt. Aus Hamilton (1964).

Genetischer Verwandtheitsgrad zwischen verschiedenen Verwandten

Die Gesamtfitness-Revolution läutete eine neue Ära ein, die man als „Gen-Blickwinkel“ bezeichnen könnte. Was würde mein Überleben und meine Reproduktion erleichtern, wenn ich ein Gen wäre? Zunächst könnte ich sicherstellen, dass es meinem „Träger“, dem Körper, in dem ich mich befinde, gut geht (Überleben). Weiter könnte ich versuchen, mich selbst so oft wie möglich zu vervielfältigen (direkte Reproduktion). Und drittens könnte ich das Überleben und die Reproduktion von Trägern unterstützen, die Kopien von mir enthalten (Gesamtfitness). Natürlich können Gene nicht denken und all dies geschieht weder bewusst noch beabsichtigt. Worauf es ankommt ist, dass das Gen die kleinste Einheit der Vererbung ist, eine Einheit, die durch Reproduktion intakt weiterge- geben wird. Adaptationen ergeben sich durch den Prozess der Gesamtfitness. Gene, deren Wirkung ihren Reproduktionserfolg erhöhen, werden andere Gene verdrängen, so dass es im Laufe der Zeit zur Evolution kommt.

Aus der Perspektive des Gens über die Selektion nachzudenken, bot den Evolutionsbiolo- gen zahlreiche neue Einblicke. Die Gesamtfitness-Theorie hat tief greifende Auswirkungen auf unser Verständnis von Familienpsychologie, Altruismus, Helfen, Gruppenbildung und sogar Aggression – Themen, die wir in späteren Kapiteln behandeln werden. Wurde Hamil- tons Theorie in den 60ern lediglich drei- bis viermal pro Jahr wissenschaftlich zitiert, waren es in den 70ern und danach schon tausende von Zitierungen. Zu Recht wird sie als die alles umfassende Theorie der Evolutionsbiologie verstanden. W. D. Hamilton selbst bekam nach einer kurzen Zeit an der Universität von Michigan ein Angebot von der Oxford Universität, das er nicht ablehnen konnte. Leider starb Hamilton schon 2000 an einer Krankheit, die er sich im Dschungel von Kongo eingefangen hatte, wo er auf langen Reisen Material für eine neue Theorie über den Ursprung des AIDS auslösenden Virus gesammelt hatte.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

39

Klärung von Adaptation und natürlicher Auslese

Die Gesamtfitness-Revolution, die sich in der Evolutionsbiologie innerhalb kürzester Zeit vollzogen hat, ist zum Teil George C. Williams zu verdanken, der 1966 den heutigen Klassiker Adaptation und Natürliche Auslese veröffentlichte. Dieses erfolgreiche Buch trug dazu bei, dass sich die Sichtweisen innerhalb dieses Gebiets in mindestens dreierlei Hinsicht veränderten.

Zum einen stellte Williams (1966) die vorherrschende Annahme der Gruppenselektion in Frage, der zufolge sich Adaptationen zum Nutzen der ganzen Gruppe durch den unter- schiedlichen Überlebens- und Reproduktionserfolg der Gruppen entwickeln (Wynne- Edwards, 1962), im Gegensatz zum Nutzen für das Gen, der durch den unterschiedlichen Reproduktionserfolg von Genen gegeben ist. Nach der Theorie der Gruppenselektion könnte ein Tier also die eigene Fortpflanzung gering halten, um die Population niedrig zu halten und so eine Zerstörung der Nahrungsgrundlagen der Population zu verhindern. Die Theorie der Gruppenselektion besagt, dass nur Arten mit Eigenschaften, die ihrer Gruppe nützlich sind, überleben. Arten, die zu egoistisch handeln, sterben aus, da die wichtigsten Nahrungsquellen der Art zu stark ausgebeutet werden. William argumentierte nun überzeu- gend, dass die Gruppenselektion zwar theoretisch möglich sei, sie jedoch bei der Evolution eine verschwindend geringe Rolle spiele – und dies aus folgendem Grund. Stellen wir uns eine Vogelart mit zwei unterschiedlichen Vogeltypen vor. Der eine bringt sich selbstlos um, damit die wichtigen Nahrungsressourcen nicht zur Neige gehen; der andere frisst einfach egoistisch weiter, obwohl die Vorräte fast erschöpft sind. Welcher Typus wird höchstwahr- scheinlich in der nächsten Generation Nachkommen haben? Die Vögel, die sich selbst umbrachten, werden höchstwahrscheinlich ausgestorben sein und auch keine Nachkommen produziert haben, während diejenigen, die dieses Opfer für die Gruppe verweigerten, überle- ben und auch Nachkommen haben. Wirkt Selektion bei einzelnen Unterschieden innerhalb einer Art, schwächt dies also den Einfluss der Selektion auf der Gruppenebene ab. Bereits fünf Jahre nach Veröffentlichung des Buches hatten die meisten Biologen der Gruppenselek- tion abgeschworen. Seit kurzem ist jedoch das Interesse an der möglichen Wirksamkeit der Gruppenselektion von neuem erwacht (Sober & Wilson, 1998; Wilson & Sober, 1994).

(Sober & Wilson, 1998; Wilson & Sober, 1994). George C. Williams war einer der wichtigsten Biologen

George C. Williams war einer der wichtigsten Biologen des 20. Jahr- hunderts. Sein Buch Adaptation und Natürliche Auslese wurde vor allem berühmt, weil es die Theorie der Gruppenselektion widerlegte, den zentralen Evolutionsbegriff der Adaptation klärte und ein neues Denken auf Basis der genetischen Selektion einläutete.

Williams’ zweiter wichtiger Beitrag war die Übersetzung von Hamiltons hoch mathemati- scher Theorie der Gesamtfitness in einen für jeden klar verständlichen Text. Sobald das Ver-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

40

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

ständnis für die Gesamtfitness gegeben war, begannen Biologen verstärkt damit, deren Aus- wirkungen zu untersuchen. Als bekanntes Beispiel sei erwähnt, dass die Theorie der Gesamtfitness das „Altruismus-Problem“ teilweise löste: Wie konnte Altruismus entstehen – Reproduktionskosten auf sich zu nehmen, um die Reproduktion anderer zu fördern –, wenn die Evolution doch solche Gene bevorzugt, die eine Selbstvermehrung bewirken? Die Gesamtfitness-Theorie löste dieses Problem (zumindest teilweise), denn der Altruismus konnte sich dann entwickeln, wenn der Nutznießer der eigenen Unterstützung ein genetisch Verwandter war. So opfern etwa Eltern das eigene Leben, um das Leben ihrer Kinder zu ret- ten, die Kopien der elterlichen Gene in sich tragen. Der gleichen Logik folgen auch selbst- lose Taten für andere genetisch Verwandte wie Schwestern oder Cousins. Der Nutzen für die Verwandten muss in Fitness-Einheiten ausgedrückt größer sein als die dem Altruisten entstehenden Kosten. Ist diese Bedingung erfüllt, so kann sich Altruismus gegenüber Ver- wandten entwickeln. In späteren Kapiteln werden wir aufzeigen, dass der genetische Ver- wandtheitsgrad tatsächlich ein wichtiger Faktor der Hilfsbereitschaft unter Menschen ist.

Der dritte Beitrag, den Adaptation und Natürliche Auslese leistete, war Williams’ einge- hende Analyse der Adaptation, die er als „schwierigen Begriff“ bezeichnete. Adaptationen könnte man definieren als im Laufe der Zeit entstandene Lösungen für bestimmte Prob- leme, die direkt oder indirekt zur erfolgreichen Fortpflanzung beitragen. Schweißdrüsen können z.B. Adaptationen sein, die das überlebenswichtige Problem der Wärmeregulie- rung lösen. Geschmackliche Vorlieben können Adaptationen sein, die zum erfolgreichen Konsum nahrhafter Lebensmittel führen. Paarungsvorlieben können Adaptationen darstel- len, die die erfolgreiche Auswahl eines Partners bestimmen. Das Problem besteht darin festzulegen, welche Merkmale eines Organismus Adaptationen sind. Williams stellte einige Bestimmungskriterien für Adaptationen auf und glaubte, dass eine Adaptation nur dann als eine solche bezeichnet werden sollte, wenn sie zur Erklärung des vorliegenden Phänomens notwendig sei. Wenn ein fliegender Fisch beispielsweise aus einer Welle hoch- springt und dann ins Wasser zurückfällt, bedarf es keiner Adaptation, damit er „zurück ins Wasser gelangt“. Dieses Verhalten beruht einfach auf dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft, das erklärt, warum alles, das hoch steigt, auch wieder herunterkommt.

William stellte aber nicht nur Bedingungen auf, unter denen wir den Begriff der Adapta- tion nicht bemühen sollten, sondern er bot auch Bestimmungskriterien an, bei deren Vor- liegen wir von einer Adaptation sprechen können: Zuverlässigkeit, Effizienz und Wirt- schaftlichkeit. Entwickelt sich der Mechanismus regelmäßig bei allen Vertretern einer Art in jeder „normalen“ Umwelt und funktioniert er wie ursprünglich vorgesehen (Zuverläs- sigkeit)? Bietet der Mechanismus eine gute Lösung für ein bestimmtes adaptives Problem (Effizienz)? Löst der Mechanismus das adaptive Problem, ohne dem Organismus extreme Kosten zu verursachen (Wirtschaftlichkeit)? Der Begriff Adaptation wird also nicht nur herangezogen, um die Nützlichkeit eines biologischen Mechanismus zu erklären, sondern auch, um die unwahrscheinliche Nützlichkeit zu erklären (Pinker, 1997). Hypothesen über Adaptationen sind im Grunde Wahrscheinlichkeitsaussagen darüber, warum eine zuver- lässige, effiziente und wirtschaftliche Reihe von Entwurfsmerkmalen nicht nur rein durch Zufall entstanden sein kann (Tooby & Cosmides, 1992; Williams 1966).

Im nächsten Kapitel untersuchen wir den Kernbegriff der Adaptation noch genauer. Im Moment wollen wir nur festhalten, dass Williams’ Buch die wissenschaftliche Welt der

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

41

Darwinschen Evolutionstheorie einen großen Schritt näher brachte. Es widerlegte die Gruppenselektion als bevorzugte und vorherrschende Erklärung, es erläuterte Hamiltons Theorie der Gesamtfitness und gab dem Begriff der Adaptation eine fundierte wissen- schaftliche Grundlage.

Trivers’ bahnbrechende Theorien

schaftliche Grundlage. Trivers’ bahnbrechende Theorien Berühmt machten Robert Trivers seine Theorien, die die

Berühmt machten Robert Trivers seine Theorien, die die Grund- lage für einige Kapitel dieses Buches darstellen – die Theorie der elterlichen Investitionen (Kapitel 4), die Theorie des reziproken Altruismus (Kapitel 9) und die Theorie des Eltern-Kind-Konflikts (Kapitel 7).

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre studierte der Harvard-Student Robert Trivers Williams’ Buch über Adaptationen aus dem Jahr 1966. Die revolutionären Aus- wirkungen, die eine Verlagerung der Denkweise auf die Sicht der Gene für die begriffli- che Erfassung ganzer Domänen hatte, verblüfften ihn sehr. Ein Satz oder kurzer Abschnitt aus Williams’ Buch oder Hamiltons Artikeln könnte den Keim einer Idee enthalten, die bei angemessener Pflege zu einer vollständigen Theorie aufblühen könnte.

Trivers verfasste drei erfolgreiche Arbeiten, die alle Anfang der 70er Jahre veröffentlicht wurden. Die erste enthielt die Theorie des reziproken Altruismus unter Nicht-Verwandten – die Bedingungen, unter denen sich für beide Seiten vorteilhafte Austausch-Beziehun- gen oder Transaktionen entwickeln können (Trivers, 1971). Die zweite Arbeit behandelte die Theorie elterlicher Investitionen und lieferte eine fundierte Aufstellung der Bedingun- gen, unter denen sich sexuelle Selektion bei jedem Geschlecht vollzieht (1972). Die dritte befasste sich mit der Theorie des Eltern-Kind-Konfliktes, die besagt, dass selbst Eltern und ihre Nachkommen in vorhersagbare Konflikte geraten werden, weil sie nur 50% ihrer Gene gemeinsam haben (1974). Vielleicht möchten Eltern ihre Kinder entwöhnen, bevor diese entwöhnt werden wollen, um so Ressourcen für die Investition in weitere Kinder zur Verfügung zu haben. Allgemein ausgedrückt kann das, was für ein Kind optimal ist (z.B. einen größeren Teil der elterlichen Ressourcen für sich zu sichern), für die Eltern eben nicht optimal sein (z.B. alle Ressourcen gleichmäßiger auf alle Kinder zu verteilen). In Kapitel 4 (Theorie der elterlichen Investitionen), Kapitel 7 (Theorie des Eltern-Kind- Konflikts) und Kapitel 9 (Theorie des reziproken Altruismus) werden wir diese Theorien im Detail behandeln, denn sie haben tatsächlich tausende von empirischen Forschungs- projekten beeinflusst, viele davon über den Menschen.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

42

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Die Kontroverse um die Soziobiologie

Elf Jahre nach Hamiltons bahnbrechender Arbeit zum Thema Gesamtfitness löste der Biologe und Harvard-Absolvent Edward O. Wilson in Öffentlichkeit und Wissenschaft einen Eklat aus, der beinahe dem Charles Darwins aus dem Jahr 1859 gleichkam. Wilsons Buch Soziobiologie: die neue Synthese aus dem Jahr 1975 war mit fast 700 doppelspalti- gen Seiten sowohl im Umfang als auch in der Bedeutung monumental. Es enthielt eine Synthese von Zellbiologie, integrativer Neurophysiologie, Ethologie, vergleichender Psy- chologie, Populationsbiologie und Verhaltensökologie. Außerdem wurden viele Arten von der Ameise bis zum Menschen untersucht und ermittelt, dass die gleichen erklären- den Grundprinzipien auf alle Arten angewendet werden können.

Im Allgemeinen geht man nicht davon aus, dass die Soziobiologie einen grundlegend neuen Beitrag zur Evolutionstheorie leisten kann. Der Großteil ihrer theoretischen Werk- zeuge – z.B. die Gesamtfitness-Theorie, die Theorie elterlicher Investitionen, die Theorie des Eltern-Kind-Konflikts und die Theorie des reziproken Altruismus – waren schon zuvor von anderen entwickelt worden (Hamilton, 1964; Trivers, 1972, 1974). Was sie jedoch leistete, war die Zusammenfügung einer ungeheuren Vielfalt an wissenschaftli- chen Bemühungen und die eindeutige Benennung dieses neu entstehenden Bereichs.

Das Kapitel über den Menschen, das letzte Kapitel des Buches und nur 29 Seiten lang, löste die hitzigsten Diskussionen aus. Bei öffentlichen Auftritten wurde er von Zuhörern niedergeschrieen und einmal bekam er sogar einen Eimer Wasser über den Kopf. Seine Arbeit wurde von Marxisten, Radikalisten, Kreationisten, anderen Wissenschaftlern und sogar von Mitgliedern seiner eigenen Fakultät in Harvard heftig kritisiert. Zum Teil wur- den die Kontroversen durch Wilsons Art der Formulierung ausgelöst. So behauptete er, dass die Soziobiologie die „Psychologie kannibalisiere,“ was bei den meisten Psycholo- gen natürlich keine große Begeisterung auslöste. Weiter spekulierte er, dass sich viele lieb gewonnenen menschlichen Phänomene wie z.B. Kultur, Religion, Ethik und selbst Ästhe- tik letztendlich durch diese neue Synthese erklären ließen. Diese Behauptungen standen im scharfen Widerspruch zu den vorherrschenden Theorien der Sozialwissenschaften, jener wissenschaftlichen Disziplin, die sich fast ausschließlich mit der menschlichen Art befasst. Die meisten Sozialwissenschaftler waren überzeugt, dass nicht die Evolutions- biologie, sondern Kultur, Lernvermögen, Sozialisierung, Vernunft und Bewusstsein die Einzigartigkeit des Menschen erklärten.

Trotz Wilsons hoch gegriffenem Anspruch, eine neue Synthese zu schaffen, die die mensch- liche Natur erklären würde, hatte er zur Stützung seiner Behauptungen kaum empirische Belege über den Menschen selbst. Der Großteil seines Beweismaterials stammte von Tie- ren, die oft auch phylogenetisch vom Menschen weit entfernt waren. Die meisten Sozial- wissenschaftler wollten nicht erkennen, was Ameisen oder Fruchtfliegen mit den Menschen gemeinsam haben sollten. Zwar stoßen wissenschaftliche Revolutionen immer auf Wider- stand, der allzu oft besonders aus den eigenen Reihen der etablierten Wissenschaft kommt (Sulloway, 1996); doch dass Wilson keine relevanten wissenschaftlichen Daten über den Menschen vorlegen konnte, war seinem Anliegen sicherlich nicht gerade dienlich.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

43

Darüber hinaus basierte der enorme Widerstand gegen Wilsons Versuch, auch den Men- schen in den Bereich der Evolutionstheorie miteinzubeziehen, auf etlichen verbreiteten Missverständnissen über diese Theorie und ihre Anwendung auf den Menschen. Deshalb möchten wir uns nun einigen davon zuwenden, bevor wir dann Parallelbewegungen inner- halb der Psychologie betrachten, die den Grundstein für die evolutionäre Psychologie legten.

1.2 Weit verbreitete Missverständnisse über die Evolutionstheorie

Die Theorie der Evolution durch Selektion ist zwar unübertroffen elegant in ihrer Ein- fachheit, lässt aber auch einige verbreitete Missverständnisse nach wie vor bestehen. Viel- leicht gerade weil sie so einfach ist, glauben viele Menschen, sie könnten sie nach nur kurzem Studium vollends verstehen – z.B. nachdem sie ein oder zwei Artikel in der popu- lärwissenschaftlichen Presse darüber gelesen haben. Selbst Professoren und Forscher, die auf diesem Gebiet tätig sind, tappen manchmal in die Falle dieser Missverständnisse.

Missverständnis 1: Menschliches Verhalten wird von den Genen bestimmt

Die Doktrin der genetischen Determinierung besagt, dass das Verhalten ausschließlich von den Genen gesteuert wird und dass Umwelteinflüsse wenig bis gar keine Rolle spielen. Der Widerstand gegen die Anwendung der Evolutionstheorie auf das Verständnis mensch- lichen Verhaltens rührt von der fälschlichen Annahme, dass sie gleichzeitig auch geneti- sche Determinierung bedeutet. Anders als in diesem Missverständnis geht die Evolutions- theorie hier von einer Interaktion aus: Menschliches Verhalten entsteht nur, wenn zwei Bestandteile gegeben sind: (1) im Laufe der Zeit entstandene Adaptationen und (2) Input aus der Umwelt, die die Entwicklung und Aktivierung dieser Adaptationen auslöst. Betrachten wir zum Beispiel Schwielen. Sie können nur entstehen, wenn zum einen eine Adaptation vorliegt, die die Bildung von Schwielen fördert, und wenn es zum anderen Ein- flüsse aus der Umwelt gibt, die eine wiederholte Reibung auf der Haut bewirken. Um also die Evolutionstheorie als Erklärung für Schwielen heranzuziehen, würden wir niemals sagen: „Schwielen sind genetisch bedingt und treten immer auf, gleichgültig, ob es ent- sprechende Umwelteinflüsse gibt.“ Schwielen sind statt dessen das Ergebnis einer speziel- len Form der Interaktion zwischen einem Umwelteinfluss von außen (wiederholte Reibung auf der Haut) und einer Adaptation, die sensibel auf wiederholte Reibung reagiert und in einem solchen Falle mit der Bildung zusätzlicher Hautzellen reagiert. Der eigentliche Grund, warum sich Adaptationen entwickeln, ist, dass sie den Organismen Möglichkeiten gewähren, mit den Problemen, die sich in ihrer Umwelt stellen, besser umzugehen.

Die Vorstellung einer genetischen Determinierung – wonach sich Verhaltensweisen ohne Input und Einfluss durch die Umwelt entwickeln – ist also schlichtweg falsch. Die Evolu- tionstheorie beinhaltet solche Vorstellungen in keiner Weise.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

44

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Missverständnis 2: Das ist evolutionsbedingt – wir können nichts daran ändern

Einem zweiten Missverständnis zufolge geht die Evolutionstheorie davon aus, dass das menschliche Verhalten keinerlei Veränderungen zulässt. Betrachten wir nochmals das einfache Beispiel der Schwielen. Der Mensch schafft sich eine physikalische Umwelt, in dem es relativ wenig Reibung gibt. Damit haben wir unsere Umwelt verändert – und diese Veränderung wiederum verhindert die Aktivierung des Mechanismus, der Schwie- len bildet. Die Kenntnis dieser Mechanismen und der Umwelteinflüsse, die zu ihrer Akti- vierung führen, befähigen uns also dazu, unser Verhalten zu ändern und dadurch die Schwielenbildung zu reduzieren.

Ebenso befähigt uns das Wissen um unsere im Laufe der Zeit entstandenen sozialpsycho- logischen Adaptationen zusammen mit dem Wissen um die sozialen Einflüsse, die deren Aktivierung bewirken, dazu, unser Sozialverhalten zu ändern, wenn dies das angestrebte Ziel ist. Betrachten wir ein Beispiel: Forschungen zeigen, dass Männer früher sexuelle Intentionen unterstellen als Frauen. Wenn eine Frau einen Mann anlächelt, interpretieren männliche Beobachter dies sehr viel häufiger als sexuelles Interesse der Frau als weib- liche Beobachter (Abbey, 1982). Dies ist höchst wahrscheinlich Teil eines allmählich ent- standenen Evolutionsmechanismus des Mannes, der ihn dazu bringt, sich zufällig bie- tende sexuelle Möglichkeiten wahrzunehmen (Buss, 2003).

Kennt man diesen Mechanismus, hat man jedoch auch die Möglichkeit, ihn zu verändern. So kann man zum Beispiel Männer darüber aufklären, dass sie nur allzu schnell eine sexuelle Intention vermuten, wenn eine Frau sie anlächelt. Dieses Wissen können die Männer dann prinzipiell nutzen, um weniger häufig gemäß derartiger Fehleinschätzungen zu handeln und so die Anzahl der unerwünschten sexuellen Annäherungsversuche gegen- über Frauen zu reduzieren.

Das Wissen um unsere im Laufe der Zeit entstandenen psychologischen Adaptationen gepaart mit den sozialen Inputs, auf die sie reagieren sollen, verurteilt uns keineswegs zu einem unabwendbaren Schicksal, sondern kann die befreiende Wirkung haben, dass wir in den gewünschten Bereichen tatsächlich Änderungen vornehmen. Das heißt nicht, dass die Veränderung einer Verhaltensweise einfach ist. Aber wenn wir mehr über unsere Psycholo- gie und deren Evolution wissen, haben wir auch mehr Macht, unser Verhalten zu verändern.

Missverständnis 3: Gegenwärtige Mechanismen sind optimal ausgebildet

Der Begriff der Adaptation, die Vorstellung, dass Mechanismen bestimmte Funktionen besitzen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, hat über das letzte Jahrhundert hin- weg zu einer Reihe herausragender Entdeckungen geführt (Dawkins, 1982). Das bedeutet jedoch nicht, dass die Summe aller aktuellen Mechanismen, die einen Menschen ausma- chen, in irgendeiner Weise „optimal ausgebildet“ ist. Ein Ingenieur würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts der Struktur einiger unserer Mecha-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

45

nismen; manche scheinen höchst willkürlich zusammengestellt. Tatsächlich sorgen viele Faktoren dafür, dass der Entwurf unserer heutigen Adaptationen alles andere als optimal ist. Betrachten wir zwei Beispiele (siehe Dawkins, 1982, Kapitel 3):

Ein Hinderungsgrund für die optimale Gestaltung sind evolutionäre Zeitverzögerungen. Erinnern wir uns, dass Evolution Veränderung über einen Zeitraum hinweg bedeutet. Jede Veränderung der Umwelt bringt einen neue Selektionsdruck mit sich. Da sich der evolu- tionäre Wandel langsam vollzieht und eines sich ständig erneuernden Selektionsdrucks über tausende von Generationen bedarf, ist der Entwurf der jetzt lebenden Menschen not- wendigerweise auf die damalige Umwelt ausgerichtet, dessen Produkt sie sind. Anders ausgedrückt laufen wir mit einem Steinzeit-Gehirn in unserer modernen Umwelt herum. Ein starkes Verlangen nach Fetten, eine Anpassung an eine früher existierende Umwelt mit knappen Nahrungsressourcen, verursacht heute verstopfte Arterien und Herzinfarkte. Die Zeitverzögerung zwischen der Umwelt, die unsere Mechanismen formte (die Jäger- und-Sammler-Vergangenheit, die unsere selektive Umwelt verstärkt prägte) und unserer heutigen Umwelt führt dazu, dass unsere gegenwärtigen evolutionären Mechanismen nicht optimal auf unsere aktuelle Umwelt abgestimmt sind.

Ein zweiter Faktor, der einen optimalen Entwurf verhindert, bezieht sich auf die Kosten von Adaptationen. Betrachten wir als Analogie das Risiko, beim Autofahren einen töd- lichen Unfall zu erleiden. Prinzipiell könnten wir dieses Risiko nahezu eliminieren, indem wir eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 20 km/h einführten und jedem Autofahrer vorschrieben, in gepanzerten Lastwagen mit extremer Innenpolsterung herumzufahren (Symons, 1993). Die Kosten dieser Lösung erscheinen uns jedoch lächer- lich hoch. Ähnlich können wir ein hypothetisches Beispiel konstruieren, bei dem der Mensch aufgrund natürlicher Auslese eine derart extreme Angst vor Schlangen entwi- ckelt hat, dass er niemals nach draußen geht. Dies würde die Zahl von Schlangenbissen natürlich reduzieren, es ergäben sich aber auch unermesslich hohe Kosten. Außerdem würden die Menschen daran gehindert, andere überlebenswichtige adaptive Probleme zu lösen wie z.B. das Sammeln von Früchten, Pflanzen und anderen Nahrungsvorräten. Kurz gesagt ist die Angst des Menschen vor Schlangen kein optimal ausgebildeter Mechanis- mus – schließlich werden jedes Jahre tausende von Menschen von Schlangen gebissen und einige sterben auch daran. Durchschnittlich gesehen, funktioniert er aber recht gut.

Alle Adaptationen sind mit Kosten verbunden. Die Selektion bevorzugt einen Mechanis- mus, dessen Kosten-Nutzen-Verhältnis günstiger ist als dasjenige anderer Entwürfe. Also verfügen wir über eine Anzahl durch Evolution entstandener Mechanismen, mit denen wir unsere adaptiven Probleme relativ gut und effizient lösen können, die jedoch keineswegs so optimal ausgebildet sind, wie sie es sein könnten, gäbe es keine Beschränkung durch die Kosten. Die evolutionäre Zeitverzögerung und die Kosten von Adaptationen sind nur zwei der vielen Gründe, warum diese nicht optimal ausgebildet sind (Williams, 1992).

Zusammenfassend können wir sagen, dass der Widerstand gegen die Anwendung der Evolutionstheorie auf den Menschen teilweise auf verschiedenen weit verbreiteten Miss- verständnissen beruht. Anders als in diesen Fehlauffassungen geht die Evolutionstheorie nicht von einer genetischen Determinierung aus. Sie besagt auch nicht, dass wir nicht die Macht haben, Dinge zu verändern, oder dass unsere gegenwärtigen Adaptationen optimal ausgebildet sind. Nun, da diese verbreiteten Missverständnisse über die Evolutionstheorie

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

46

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

aus dem Weg geräumt sind, können wir uns der Entstehung des modernen Menschen und dem Bereich der Psychologie zuwenden und die wesentlichen Beiträge, die zur Entste- hung der evolutionären Psychologie führten, etwas näher betrachten.

1.3 Meilensteine bei der Entstehung des modernen Menschen

Eine der faszinierendsten Aufgaben der Menschen, die sich darum bemühen, den moder- nen menschlichen Geist zu verstehen, ist die Erforschung der wesentlichen historischen Ereignisse, die uns letztendlich zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Tabelle 1.1 zeigt einige dieser Meilensteine. Was zunächst auffällt, ist der enorm große Zeitrahmen. Es dauerte etwa 3,7 Milliarden Jahre, bis aus den Ursprüngen des ersten Lebens auf der Erde der moderne Mensch des 20. Jahrhunderts entstanden war.

Menschen sind Säugetiere, die vor über 200 Millionen Jahren entstanden. Säugetiere sind Warmblüter, d.h. sie haben Mechanismen entwickelt, die trotz äußerer Temperatur- schwankungen ihre innere Körpertemperatur konstant halten. Dadurch haben sie den Vor- teil, dass alle Stoffwechselfunktionen bei konstanter Temperatur ablaufen. Säugetiere tra- gen normalerweise einen Pelz, wobei einige Meeressäuger wie z.B. Wale eine Ausnahme bilden. Der Pelz ist eine Adaptation, die dazu beiträgt, die Körpertemperatur konstant zu halten. Säugetiere zeichnen sich auch durch eine einzigartige Fütterungsmethode ihrer Jungen aus: das Säugen durch Absonderungen ihrer Brustdrüsen. Daher auch der Name Säugetiere. Zwar haben sowohl männliche als auch weibliche Säuger Brustdrüsen, ihre Funktion erfüllen sie aber nur bei den Weibchen. Die menschliche Brust ist also nur eine moderne Form einer Adaptation, deren Ursprung über 200 Millionen Jahre zurückver- folgt werden kann. Ein weiterer großer Schritt war die Entwicklung des Plazentaliers vor etwa 114 Millionen Jahren im Gegensatz zum Eier legenden Nicht-Plazentalier. Beim Plazentalier nistet sich der Fötus durch die Plazenta im Uterus der Mutter ein, wodurch die direkte Übertragung der Nahrung gegeben ist. Der Fötus bleibt bis zur Lebendgeburt mit der Plazenta der Mutter verbunden. Bei den Eier legenden Vorgängern dagegen war die Entwicklung vor der Geburt durch die Nahrungsmenge begrenzt, die in einem Ei ent- halten war. Die ursprünglich kleinwüchsigen, warmblütigen, behaarten Säugetiere stan- den am Anfang einer Linie, aus der schließlich der moderne Mensch hervorging.

Vor etwa 85 Millionen Jahren entwickelte sich eine neue Säugetierlinie, die Primaten. Frühe Primaten waren sehr klein, sie hatten etwa die Größe von Eichhörnchen. Sie entwi- ckelten Hände und Füße mit Nägeln anstelle von Krallen und bewegliche Finger an Hän- den (und manchmal auch Füßen), die es ihnen ermöglichten, Dinge zu greifen und zu bearbeiten. Primaten haben ein hoch entwickeltes stereoskopisches Sehvermögen, ihre Augen sind nach vorne gerichtet, wodurch sie bei Sprüngen von Ast zu Ast einen Vorteil haben. Ihr Gehirn ist im Vergleich zu ihrem Körper sehr groß (verglichen mit den Nicht- Primaten unter den Säugetieren) und sie haben lediglich zwei Brustdrüsen (anstelle von mehreren Paaren).

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

47

Zeit

Ereignis

Vor 15 Milliarden (Mrd.) Jahren

Der Urknall – Ursprung des Universums

Vor 4,7 Mrd. Jahren

Die Erde entsteht.

Vor 3,7 Mrd. Jahren

Das erste Leben entsteht.

Vor 1,2 Mrd. Jahren

Die sexuelle Fortpflanzung entwickelt sich.

Vor 500-450 Millionen (Mio.) Jahren

Die ersten Wirbeltiere

Vor 365 Mio. Jahren

Fische entwickeln Lungen und bewegen sich an Land.

Vor 248-208 Mio. Jahren

Die ersten kleinen Säugetiere und Dinosaurier entstehen.

Vor 208-65 Mio. Jahren

Blütezeit der großen Dinosaurier

Vor 114 Mio. Jahren

Plazentalier entwickeln sich.

Vor 85 Mio. Jahren

Die ersten Primaten entwickeln sich.

Vor 65 Mio. Jahren

Dinosaurier sterben aus, Säuger nehmen an Anzahl und Vielfalt zu.

Vor 35 Mio. Jahren

Die ersten Affen entwickeln sich.

Vor 6-8 Mio. Jahren

Gemeinsamer Vorfahre von Mensch und afrikanischem Affen

Vor 4,4 Mio. Jahren

Erster Primat mit aufrechtem Gang

Vor 3,0 Mio. Jahren

Die Australopitecinen entwickeln sich in der Steppe Afrikas.

Vor 2,5 Mio. Jahren

Die ersten Steinwerkzeuge – Oldowanisch (gefunden in Äthiopien, Kenia, Afrika); sie wur- den benutzt, um das Fleisch von Tierkadavern zu zerteilen und das Mark aus den Knochen zu lösen; Zusammenhang mit Homo habilis

Vor 1,8 Mio. Jahren

Hominiden (Homo erectus) breiten sich über Afrika und Asien hinaus aus – erste große Migration

Vor 1,6 Mio. Jahren

Nachweis von Feuer, wahrscheinlich Feuerstellen; Zusammenhang mit dem afrikanischen Homo erectus

Vor 1,5 Mio. Jahren

Erfindung der Acheuléen-Handaxt; Zusammen- hang mit Homo ergaster – große Statur, lange Gliedmaßen

Vor 1,2 Mio. Jahren

Beginn der Erweiterung des Gehirns in der Homo-Linie

Tabelle 1.1:

Meilensteine der menschlichen Evolutionsgeschichte

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

48

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Zeit

Ereignis

Vor 1,0 Mio. Jahren

Hominiden wandern bis nach Europa.

Vor 800.000 Jahren

Grobe Steinwerkzeuge – gefunden in Spanien; Zusammenhang mit Homo antecessor

Vor 600.000-400.000 Jahren

Lange gehauene Holzspeere und frühe Feuerstellen; Zusammenhang mit Homo heidelbergensis in Deutschland gefunden

Vor 500.000-100.000 Jahren

Periode der schnellsten Gehirnerweiterung in der Homo-Linie

Vor 200.000-30.000 Jahren

Blütezeit der Neandertaler in Europa und im westlichen Asien

Vor 150.000-120.000 Jahren

Gemeinsamer Vorfahre aller modernen Menschen (Afrika)

Vor 100.000-50.000 Jahren

Auszug aus Afrika – zweite große Migration („Out of Africa“)

Vor 50.000-35.000 Jahren

Entstehung zahlreicher Stein-, Knochen-, und Metallwerkzeuge, hoch entwickelte Feuerstellen, aufwändige Kunstwerke; Funde nur bei Homo sapiens, nicht bei Neandertalern

Vor 40.000-35.000 Jahren

Homo sapiens (Cro-Magnon) erreicht Europa.

Vor 30.000 Jahren

Neandertaler sterben aus.

Vor 27.000 Jahren bis heute

Homo sapiens besiedelt die gesamte Erde; alle anderen Hominidenarten sind heute ausgestorben.

Tabelle 1.1: Meilensteine der menschlichen Evolutionsgeschichte (Forts.) Hinweis: Diese Daten basieren zum Teil auf Informationen aus einer Reihe von Quellen, darunter Johanson & Edgar (1996), Klein (2000), Lewin (1993), Tattersall (2000), Wrangham et al. (1999) sowie den hier enthaltenen Verweisen.

Einer der wichtigsten Entwicklungsschritte der Primaten-Linie, die der Entstehung des modernen Menschen vorausging, vollzog sich vor etwa 4,4 Millionen Jahren: der auf- rechte Gang, d.h. die Fähigkeit, auf zwei – und nicht auf vier – Beinen zu gehen, zu lau- fen und zu rennen. Zwar kennt man den genauen evolutionären Auslöser nicht, der zum aufrechten Gang führte, doch bot er in der afrikanischen Steppe, wo er sich zunächst ent- wickelte, zweifellos eine ganze Reihe von Vorteilen. Durch ihn konnte man schnell und energetisch effizient weite Strecken zurücklegen, er gewährte ein größeres Gesichtsfeld zur Entdeckung von Feinden und Beute, durch ihn verringerte sich die Körperoberfläche, die den schädlichen Sonnenstrahlen direkt ausgesetzt war und – vielleicht am wichtigsten – durch ihn wurden die Hände frei. Da unser früher Vorfahre die Hände nun nicht mehr zum Laufen benutzen musste, konnte er nicht nur Nahrung von einem Ort zum anderen tragen, sondern es eröffnete sich ihm auch die Möglichkeit des späteren Werkzeugbaus und -gebrauchs. In diesen aufrecht gehenden Primaten können wir zum ersten Mal den frühen Mensch ansatzweise erkennen (siehe Abbildung 1.2). Viele Wissenschaftler glau-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

49

ben, dass die Entwicklung des aufrechten Gangs für viele spätere Schritte der mensch- lichen Evolution bahnbrechend war, so etwa für den Bau von Werkzeugen, das Jagen gro- ßer Beutetiere und die schnelle Vergrößerung des Gehirns.

Es bedurfte jedoch noch weiterer zwei Millionen Jahre evolutionärer Entwicklung, bis vor etwa 2,5 Millionen Jahren die ersten durch paläontologische Funde belegten groben Werkzeuge auftauchten. Dies waren oldowanische Steinwerkzeuge, an denen durch Abschlagen von Steinschichten eine scharfe Kante erzeugt wurde (siehe Abbildung 1.2). Solche Werkzeuge nutzte man, um das Fleisch von Tierkadavern abzutrennen und aus den größeren Knochen das nahrhafte Mark herauszulösen. Obwohl die oldowanischen Werkzeuge aus heutiger Sicht einfach und grob wirken, bedurfte ihre Herstellung doch eines gewissen Grades an technischem Wissen und Fertigkeit, den selbst ein gut trainier- ter Schimpanse nicht erreicht (Klein, 2000). Die oldowanischen Steinwerkzeuge wiesen eine so erfolgreiche Technik auf, dass sie über eine Million Jahre in fast unveränderter Form genutzt wurden. Sie standen im Zusammenhang mit der ersten Gruppe der Homo- Linie, dem Homo habilis, also dem „Handwerker“, der vor ca. 2 Millionen Jahren exis- tierte.

Homo

Homo

Homo

neanderthalensis sapiens erectus vor Mio. Jahren vor Mio. Jahren vor Mio. Jahren Jüngere Steinzeit und
neanderthalensis
sapiens
erectus
vor Mio. Jahren
vor Mio. Jahren
vor Mio. Jahren
Jüngere Steinzeit und
0
0
frühes Paläozen
0.05
Mittlere Steinzeit und
0.25
mittleres Paläozen
Homo
heidelbergensis
Paranthropus
1
1
boisei
Homo
Homo
acheuléenische Periode
rudolfensis
habilis
1.65
Homo
Paranthropus
2
ergaster
2
robustus
oldowanische Periode
Australopithecus
2.5
garhi
Paranthropus
?
aethiopicus
3
3
?
Australopithecus
Australopithecus
afarensis
africanus
(Steinwerkzeuge
unbekannt)
4
Australopithecus
4
anamensis
?
Ardipithecus
ramidus
5
5
5
Aufrechter Gang
Gehirnerweiterung
Rückbildung der Eckzähne
Konsum großer Tiere

Abbildung 1.2:

Familie, wenn man davon ausgeht, dass die afrikanischen Großaffen und die Menschen derselben Familie zuzuordnen sind) (Abgewandelt nach Strait et. al. 1997, S. 55). Rechts: Zeitachse mit wichti- gen anatomischen und Verhaltensmerkmalen und paläolithischen kultur-stratigrafischen Einheiten in Afrika und im westlichen Eurasien. Der am wenigsten umstrittene Aspekt des Stammbaums ist höchst- wahrscheinlich die Teilung der Linien, die im Paranthropus (den „robusten“ Australopithecinen) und im Homo gipfelte. Diese Teilung fand vor 2,5 bis 3 Millionen Jahren statt. Wie viele menschliche Arten zu einer bestimmten Zeit existierten, ist heftig umstritten und der hier dargestellte Stammbaum zeigt eine gemäßigte Position zu dieser Frage.

Links: Ein unverbindlicher Stammbaum der menschlichen Familie (oder Unter-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

50

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Vor etwa 1,8 Millionen Jahren entwickelten sich die Primaten, die aufrecht gehen und Werkzeuge herstellen konnten, zu der sehr erfolgreichen Gruppe des Homo erectus und begannen von Afrika aus nach Asien abzuwandern. In Java und China wurden etwa 1,8 Millionen Jahre alte Fossilien gefunden (Tatersall, 2000). Die Begriffe „Wanderung“ und „Migration“ könnten eventuell irreführend sein, da man darunter das gezielte Streben nach Besiedelung ferner Länder verstehen kann. Wahrscheinlicher ist, dass sich die „Mig- ration“ durch eine allmähliche Ausdehnung der Bevölkerung in Landstrichen mit üppigen Ressourcen vollzog. Es ist unklar, ob diese wachsende Gruppe des Homo erectus mit Feuer umgehen konnte. Zwar fand man Belege, dass es die ersten Spuren von kontrollier- tem Feuer vor 1,6 Millionen Jahren in Afrika gegeben hatte, in Europa taucht der eindeu- tige Beweis für Feuer jedoch erst eine Million Jahre später auf. Die Nachkommen dieser ersten großen Migration aus Afrika heraus besiedelten schließlich große Teile Asiens und dann auch Europas und entwickelten sich später zu den Neandertalern.

Der nächste große technische Fortschritt war die Acheuléen-Handaxt vor 1,5 Millionen Jahren. Diese Äxte unterschieden sich erheblich in Größe und Form voneinander und über ihre genaue Nutzung ist wenig bekannt. Gemeinsam hatten alle, dass sie auf beiden Seiten abgesplittert wurden, so dass rund um das Werkzeug eine scharfe Kante entstand. Die Her- stellung dieser Äxte erforderte erheblich bessere Fähigkeiten als die der groben oldowani- schen Steinwerkzeuge und oft weisen sie in Entwurf und Produktion eine Symmetrie und Standardisierung auf, die es bei den frühen Steinwerkzeugen noch nicht gegeben hatte.

Vor etwa 1,2 Millionen Jahren begann sich das Gehirn der Vertreter der Homo-Linie schnell auszudehnen. Heute erreicht es mit 1.350 Kubikzentimetern in etwa die doppelte Größe wie damals. Die Periode der schnellsten Gehirnerweiterung vollzog sich vor etwa 500.000 bis 100.000 Jahren. Es gibt zahlreiche Spekulationen über die Ursachen für diese schnelle Gehirnvergrößerung, wie etwa verstärkte Werkzeugherstellung und deren Gebrauch, komplexere Kommunikation, gemeinsame Jagd großer Beutetiere und kompli- ziertere soziale Beziehungen. Möglicherweise spielten all diese Faktoren eine Rolle dabei. Leider versteinern Gehirne selbst nicht. Vielleicht werden wir nie herausfinden, was genau diese Entwicklung angestoßen hat, es ist jedoch wahrscheinlich, dass eine bestimmte Funktion oder mehrere Funktionen, die durch dieses große Gehirn gefördert wurden, dazu führten, dass alle anderen Arten der Homo-Linie ausstarben.

Vor etwa 200.000 Jahren beherrschten die Neandertaler weite Teile Europas und des westlichen Asiens. Der Neandertaler hatte ein schwach ausgeprägtes Kinn, eine fliehende Stirn, doch seine dicken Schädelknochen schlossen ein großes Gehirn von 1.450 Kubik- zentimetern ein. Er war an ein hartes Leben und kaltes Klima angepasst, stämmig mit kurzen Gliedmaßen. Der kompakte Körper enthielt eine starke Skelettstruktur, die für Muskeln ausgelegt war, die viel kräftiger waren als die moderner Menschen. Neandertaler verfügten über ausgereifte Werkzeuge und ausgezeichnete Jagdfähigkeiten. Ihre Zähne zeigten starke Verschleißerscheinungen, woraus man schließen kann, dass sie oft harte Nahrung kauten oder ihre Zähne zum Erweichen von Leder für Kleidungsstücke benutz- ten. Es gibt Belege dafür, dass die Neandertaler ihre Toten beerdigten. Sie überlebten Eis und Schnee und bevölkerten ganz Europa und den Mittleren Osten. Und sie waren so menschlich wie wir es sind. Vor 30.000 Jahren geschah dann etwas Dramatisches. Plötz- lich starben die Neandertaler aus, nachdem sie über 170.000 Jahre lang Eiszeiten und

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

51

plötzliche Veränderungen der Ressourcenversorgung überlebt hatten. Ihr Verschwinden fällt merkwürdigerweise zusammen mit einem weiteren wichtigen Ereignis: dem plötzli- chen Auftauchen des anatomisch modernen Homo sapiens, genannt Homo sapiens sapi- ens. Warum? (Siehe Kasten 1.1)

1.1 Aus Afrika rund um die Welt oder Entstehung an mehreren Orten: Die Ursprünge des modernen Menschen

Vor hunderttausend Jahren bevölkerten drei verschiedene Hominidengruppen die Erde: der Homo neanderthalensis in Europa, der Homo erectus in Asien und der Homo sapiens in Afrika (Johanson, 2001). Vor 30.000 Jahren hatte sich diese Vielfalt drastisch reduziert. Alle menschlichen Fossilien von vor 30.000 Jahren haben die gleiche moderne anatomische Form: eine ausgeprägte Schädelform, ein großes Gehirn (1.350 Kubikzentimeter), ein Kinn und ein leicht gebautes Skelett. Die wis- senschaftliche Diskussion darüber, was genau diese radikale Transformation hin zu einer einzigen menschlichen Lebensform verursacht hat, ist bis heute nicht ver- stummt. Es gibt zwei konkurrierende Theorien: die Multiregionale Hypothese (MRC von engl. Multiregional continuity) und die Out-of-Africa-Theorie (OOA).

Nach der MRC-Theorie entwickelten sich nach der ersten Migration aus Afrika vor 1,8 Millionen Jahren die einzelnen Menschengruppen parallel zueinander in den ver- schiedenen Teilen der Erde und wurden so alle allmählich zu modernen Menschen (Wolpoff & Caspari, 1996; Wolpoff, Hawks, Frayer, & Huntley, 2001). Dieser Theo- rie zufolge vollzog sich die Entstehung des modernen Menschen nicht in einem ein- zelnen Gebiet, sondern vielmehr in all jenen Regionen der Erde, wo Menschen lebten (daher die Bezeichnung multiregional). Die multiregionale Evolution der verschiede- nen Gruppen hin zum anatomisch modernen Menschen geschah, nach MRC, als Folge des Austauschs von Genen zwischen den einzelnen Gruppen, die sich oft genug paarten, um eine Auseinanderentwicklung in verschiedene Arten zu verhindern.

Im Gegensatz dazu geht die OOA-Theorie davon aus, dass sich der moderne Mensch erst vor relativ kurzer Zeit in einer einzelnen Region – in Afrika – entwickelte, von dort nach Europa und Asien wanderte und dort die ursprünglichen Populationen, dar- unter die Neandertaler, verdrängte (Stringer & McKie, 1996). Die OOA besagt also, dass der moderne Mensch an einem Ort und nicht in mehreren Regionen gleichzeitig entstand und dass er alle anderen Menschen, auch diejenigen, die bereits vorher in Asien und Europa gelebt hatten, verdrängte. Der OOA-Theorie zufolge hatten sich die verschiedenen existierenden Gruppen, wie etwa die Neandertaler und der Homo sapiens, zu grundlegend verschiedenen Arten entwickelt, so dass eine Paarung unter- einander unwahrscheinlich oder höchst selten war. Die OOA-Theorie besagt also, dass der moderne Mensch erst vor relativ kurzer Zeit, während der letzten 100.000 Jahre, an einem Ort entstanden ist, während die MRC-Theorie behauptet, die mensch- lichen Ursprünge lägen an vielen Orten.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

52

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Wissenschaftler zogen drei wesentliche Arten von Befunden heran, um zu sehen, welche Theorie nun der Wahrheit entsprach. Sie prüften anatomisches, archäologi- sches und genetische Befunde. Die anatomischen Befunde legen nahe, dass Neander- taler und Homo sapiens sich sehr stark voneinander unterschieden. Der Neandertaler hatte einen starken Schädelknochen, ausgeprägte Überaugenwülste, massive Gesichtsknochen, große abgenutzte Schneidezähne, einen vorstehenden mittleren Gesichtsbereich, kein Kinn, er war kleinwüchsig und besaß einen grobknochigen, stämmigen Körperbau. Der frühe Homo sapiens dagegen hatte bereits die Erschei- nung eines modernen Menschen: sein Schädel besaß eine vertikale (keine gekrümmte) Stirn, die Gesichtsknochen waren reduziert, die vorstehende Gesichts- mitte fehlte, der Kiefer saß tiefer und er besaß ein ausgeprägtes Kinn, die Knochen waren leichter und weniger widerstandsfähig. Diese großen anatomischen Unter- schiede lassen darauf schließen, dass die Neandertaler und die ersten modernen Men- schen isoliert voneinander lebten und dass keine Paarungen zwischen beiden Grup- pen stattfanden, so dass sie sich möglicherweise zu zwei verschiedenen Arten entwickelten – Ergebnisse, die die OOA-Theorie stützen.

Die archäologischen Befunde – Werkzeug- und andere Gegenstandsfunde – zeigen, dass sich Neandertaler und Homo sapiens vor 100.000 Jahren ziemlich ähnlich waren. Beide besaßen Steinwerkzeuge, dagegen hatten sie kaum Werkzeuge aus Knochen, Elfenbein oder Geweihen; es wurden nur weniger gefährliche Tiere gejagt. Die Bevölkerungsdichte war in beiden Fällen gering; Feuerstellen waren sehr ein- fach; und Kunst und Zierwerk waren bei beiden Populationen nicht zu finden. Dann vollzog sich allerdings vor etwa 40.000 bis 50.000 Jahren eine radikale Wende, die manchmal als „kreative Explosion“ bezeichnet wird (Johanson, 2001; Klein, 2000; Tattersall, 2000). Es entstanden verschiedenartige Werkzeuge, die auf bestimmte Funktionen zugeschnitten waren und nun auch aus Geweihen, Knochen und Elfen- bein hergestellt wurden. Es fanden Begräbniszeremonien statt, wobei man den Toten Beigaben mit ins Grab legte. Jäger verlegten sich allmählich auf größere, gefährli- chere Tiere. Die Bevölkerungszahlen stiegen explosionsartig an. Kunst und Zierwerk erlebten eine Blütezeit. Bis heute weiß man nicht genau, warum sich dieser radikale kulturelle Wandel vollzog. Vielleicht war es eine neue Gehirnadaptation, die Kunst und Technik aufblühen ließ. Aber eines weiß man fast sicher: Die Neandertaler nah- men an dieser Umwälzung nicht teil. Die „kreative Explosion“ beschränkte sich fast ausschließlich auf den Homo sapiens. Die archäologischen Befunde stützen also ebenfalls die OOA-Theorie.

Dank der neuen Gentechnologie gibt es heute Tests, die noch vor zehn Jahren nicht möglich gewesen wären. So können wir heute z.B. tatsächlich die DNA eines Nean- dertaler- und eines Homo sapiens-Skeletts untersuchen oder auch die Muster geneti- scher Abweichung zwischen verschiedenen modernen Populationen vergleichen. Der älteste Neandertaler, von dem DNA gewonnen werden konnte, lebte vor 42.000 Jah- ren in einem Ort im heutigen Kroatien – natürlich war er sich der zukünftigen wissen- schaftlichen Nutzung seiner Knochen nicht im geringsten bewusst. Erstens zeigen die

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

53

DNA-Funde, dass sich die DNA eines Neandertalers wesentlich von der anderer moderner Menschen unterscheidet, was darauf schließen lässt, dass sich beide Linien vor etwa 400.000 Jahren oder sogar noch früher auseinanderentwickelt haben. Die Funde belegen auch, dass häufige Paarungen zwischen beiden Gruppen unwahr- scheinlich waren. Zweitens, wenn die DNA des modernen Menschen außerdem Teile der DNA eines Neandertalers enthielte, würden wir die größten Ähnlichkeiten wohl bei den heutigen Europäern vermuten, die ja im früheren Siedlungsgebiet der Nean- dertaler leben. Die DNA des Neandertalers weist jedoch weder zur DNA eines Euro- päers noch zu der eines in einem anderen Teil der Welt lebenden Menschen große Ähnlichkeiten auf. Drittens sind moderne Bevölkerungsgruppen durch eine äußerst geringe genetische Abweichung gekennzeichnet, was darauf schließen lässt, dass wir alle von einer relativ kleinen, genetisch homogenen Population abstammen. Viertens ist die genetische Abweichung bei modernen afrikanischen Völkern größer als bei Bevölkerungsgruppen irgendwo sonst auf der Welt. Dies deckt sich mit der Annahme, der moderne Homo sapiens sei ursprünglich in Afrika entstanden, wo er über einen längeren Zeitraum hinweg genetische Vielfalt entwickeln konnte und von wo schließ- lich eine Teilgruppe abwanderte, um neue Regionen zu besiedeln. Also sprechen auch die genetischen Beweise zum großen Teil für die OOA-Theorie.

Man kann sagen, dass heute die Mehrzahl aller Wissenschaftler die Out-of-Africa- Theorie in der einen oder anderen Abwandlung bevorzugt vertreten. Alle modernen Menschen scheinen ihren Ursprung vor etwa 120.000 bis 220.000 Jahren in Afrika zu haben. Um mit den Worten eines bedeutenden OOA-Verfechters zu sprechen, „tief drin sind wir alle Afrikaner“ (Stringer, 2002). Die Diskussion um die Ursprünge modernen Lebens dauern jedoch bis heute an. So stellen Anhänger der MRC-Theorie etwa die Interpretation der genetischen Befunde in Frage; auch gibt es genug Anoma- lien, wie etwa bei australischen Fossilienfunden, um die OOA-Theorie ernsthaft in Frage zu stellen (Hawks & Wolpoff, 2001; Wolpoff et al., 2001). Einige Wissen- schaftler geben an, die genetischen Befunde sprächen sowohl für die MRC- als auch für die OOA-Theorie (z.B. Relethford, 1998). Auch könnten die neuesten genetischen Befunde wieder verstärkt die MRC-Theorie unterstützen (Marth et al., 2003). Beide Theorien lassen viele Fragen unbeantwortet. So weiß z.B. niemand genau, warum die Neandertaler so plötzlich verschwanden. Haben wir ihnen mit unserer überlegenen Technik den Zugang zu überlebenswichtigen Ressourcen verwehrt? Entwickelten wir eine komplexere Sprache und dadurch bessere organisatorische Fähigkeiten, die uns halfen, vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen? Konnten wir vorteilhaftere Kleidung und Behausungen entwickeln, die uns besser vor klimatischen Schwankun- gen schützten? Kam es zu Paarungen zwischen Homo sapiens und Neandertaler? Haben wir die Neandertaler aus den ertragreichen Regionen in kargere Randgebiete vertrieben oder haben wir sie etwa mit ausgefeilten Waffen getötet, gegen die sie trotz ihres robusteren Körperbaus machtlos waren? Vielleicht gewährt uns der wissen- schaftliche Fortschritt eines Tages eine Antwort auf die Frage, warum wir und nicht die Neandertaler diejenigen sind, die heute noch die Erde bevölkern und über unsere Vergangenheit nachdenken.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

54

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

1.4 Meilensteine auf dem Gebiet der Psychologie

Während sich in der Evolutionsbiologie seit Darwins Buch aus dem Jahr 1859 einige Ver- änderungen vollzogen haben, nahm die Psychologie einen ganz anderen Weg. Sigmund Freud, der seine Arbeiten einige Jahrzehnte nach Darwin veröffentlichte, wurde von des- sen Evolutionstheorie der natürlichen Auslese nachhaltig beeinflusst. Das Gleiche galt für William James. In den 1920er Jahren entfernte sich die Psychologie jedoch weit von der Evolutionstheorie und wandte sich einem radikalen Behaviorismus zu, der diesen Bereich ein halbes Jahrhundert lang bestimmte. Wichtige empirische Entdeckungen machten die- sen radikalen Behaviorismus schließlich unhaltbar und erzwangen eine Rückbesinnung auf die Evolutionstheorie. In diesem Abschnitt wollen wir den historischen – und den fehlen- den - Einfluss der Evolutionstheorie auf das Gebiet der Psychologie kurz nachzeichnen.

Freuds Theorie der Psychoanalyse

Ende des 19. Jahrhunderts schockierte Sigmund Freud die wissenschaftliche Welt mit der Vorlage einer psychologischen Theorie, die ihre Grundlage in der Sexualität hatte. Für die viktorianische Gesellschaft war Freuds Theorie schlicht haarsträubend. Freud postulierte nicht nur, dass die Sexualität das Denken und Handeln Erwachsener bestimme, er behauptete sogar, sie sei die treibende Kraft des menschlichen Verhaltens unabhängig vom Alter, vom kleinsten Neugeborenen bis zum ältesten Senior. Alle unsere psychologi- schen Strukturen dienen laut Freud lediglich der Kanalisierung unserer Sexualität.

Der Kern von Freuds ursprünglicher Theorie der Psychoanalyse war seine Definition des Instinktsystems, das zwei Hauptarten von Instinkten enthielt. Zunächst gab es die lebens- erhaltenden Instinkte wie z.B. das Bedürfnis nach Luft, Nahrung, Wasser und Schutz sowie die Angst vor Schlangen, Höhen und gefährlichen Menschen. Diese Instinkte sind aufs Überleben ausgerichtet.

Die zweite Art von Instinkten, die menschliches Handeln motivieren, sind Freud zufolge die sexuellen Instinkte. Freuds begriffliche Deutung von Sexualität war außergewöhnlich breit angelegt. Sex war für ihn nicht nur der Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen. Sexualität bedeutete auch das Saugen an der Mutterbrust (die orale Phase) sowie Niesen, Spucken und Defäkation (die anale Phase). Die „reife Sexualität“ gipfelte Freud zufolge in der letzten Phase der menschlichen Entwicklung zum Erwachsenen – der genitalen Phase, die direkt zur Reproduktion führte, dem Hauptmerkmal der Freudschen reifen Sexualität.

Dem aufmerksamen Leser mag das merkwürdig bekannt vorkommen. Freuds hauptsäch- liche Instinktarten entsprechen fast völlig den beiden Haupttheorien zur Evolution von Darwin. Die Freudschen lebenserhaltenden Instinkte entsprechen Darwins Theorie der natürlichen Auslese, die viele als „Überlebensselektion“ bezeichnen und seine Theorie der sexuellen Instinkte kommt Darwins Theorie der sexuellen Selektion sehr nahe.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

55

Freud wandelte seine Theorie schließlich ab und fasste die lebenserhaltenden und die sexuellen Instinkte zu einer Gruppe der „Lebensinstinkte“ zusammen. Dem fügte er einen zweiten Instinkt, den so genannten „Todesinstinkt“ hinzu. Er strebte danach, die Psycho- logie als eigenständige Disziplin zu etablieren und sein Denken entfernte sich immer wei- ter von seiner anfänglichen darwinistischen Grundlage.

William James und die Psychologie der Instinkte

William James veröffentlichte seine bekannte Abhandlung Prinzipien der Psychologie im Jahre 1890, genau in der Zeit, als auch Freud eine Reihe von Arbeiten über die Psycho- analyse veröffentlichte. Auch James’ Theorie basierte auf einem System von „Instink- ten“, das aber in vielerlei Hinsicht weit ausgereifter war als die Freudsche Theorie.

James definierte die Instinkte als die „Fähigkeit, durch sein Handeln bestimmte Ziele zu erreichen, ohne diese Ziele vorher zu kennen und ohne im Handeln vorher ausgebildet worden zu sein“ (James, 1890/1962, S. 392). Instinkte waren nicht immer blind und mussten auch nicht zwangsläufig zum Ausdruck kommen. Sie konnten durch Erfahrung verändert oder durch andere Instinkte überlagert werden. Tatsächlich, so James, besitzen wir viele widersprüchliche Instinkte, die also nicht immer ausgedrückt werden können. So haben wir z.B. sexuelle Bedürfnisse, können aber gleichzeitig schüchtern sein, wir sind neugierig und ängstlich zugleich, können aggressiv aber auch kooperativ sein.

Der zweifellos umstrittenste Teil von James’ Theorie war seine Aufzählung der Instinkte. Die meisten Psychologen der damaligen Zeit glaubten wie Freud, dass es nur wenige Instinkte gebe. Einer von James’ Zeitgenossen argumentierte beispielsweise, dass „der Mensch nur wenige instinktive Handlungen zeigt, die mit Ausnahme der sexuellen Leidenschaft nach der frühen Jugend schwer auszumachen sind“ (zitiert in James, 1890/1962, S. 405). Im Gegen- satz zu dieser Auffassung behauptete James, dass es zahlreiche menschliche Instinkte gibt.

James’ Liste der Instinkte beginnt mit der Geburt: „der erste Schrei nach der Geburt, Nie- sen, Schniefen, Schnarchen, Husten, Seufzen, Weinen, Würgen, Erbrechen, Schluckauf, Starren, Bewegung von Gliedmaßen nach Berührung, Saugen …, später Beißen, Ergrei- fen und zum Mund Führen von Gegenständen, aufrecht Sitzen, Stehen, Krabbeln und Laufen“ (S. 406). Im Alter von zwei Jahren hat jedes Kind bereits eine wahre Flut von Instinkten gezeigt.

Und es geht weiter. Wird das Kind älter, entwickeln sich Instinkte wie Imitation, Vokali- sation, Nacheifern, Streitsucht, die Angst vor bestimmten Objekten, Schüchternheit, Geselligkeit, Spieltrieb, Neugier und Wissensdurst. Später zeigen Erwachsene Instinkte wie Jagdlust, Bescheidenheit, Liebe und Elternschaft. Jeder dieser Instinkte fasst eine Reihe von spezifischen Besonderheiten unseres angeborenen psychologischen Wesens zusammen. So beinhaltet der Furchtinstinkt etwa speziell die Furcht vor fremden Men- schen, exotischen Tieren, Geräuschen, Spinnen, Schlangen, Einsamkeit, dunklen Orten wie Löchern oder Höhlen und großen Höhen wie z.B. Klippen. Am wichtigsten ist bei all diesen Instinkten, dass sie sich aufgrund der natürlichen Auslese als Adaptationen entwi- ckelten, die spezielle adaptive Probleme lösen sollten.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

56

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Im Gegensatz zur allgemein vorherrschenden Meinung glaubte James, dass der Mensch sehr viel mehr Instinkte habe als ein Tier. „Bei keinem anderen Säugetier, nicht einmal beim Affen, ist die Liste so lang.“ (S. 406). Und genau diese Länge der Liste war auch ein Grund für ihr Scheitern. Viele Psychologen hielten es für absurd, dass der Mensch so viele angeborene instinktive Anlagen haben solle. Im Jahr 1920 hatten diese Kritiker dann eine Theorie entwickelt, die erklären sollte, warum der Mensch nur sehr wenige und all- gemein gehaltene Instinkte besaß: die behavioristische Theorie des Lernens.

Der Aufstieg des Behaviorismus

Während William James glaubte, dass menschliches Verhalten zum großen Teil durch eine Vielzahl von Instinkten bestimmt wurde, war James B. Watson vom genauen Gegen- teil überzeugt. Watson vertrat die Existenz eines einzigen vielseitig einsetzbaren Lern- mechanismus, der so genannten klassischen Konditionierung – eine Lernform, bei der zwei zunächst nicht zusammenhängende Ereignisse miteinander in Zusammenhang gebracht werden (Pavlov,1927; Watson, 1924). Ein ursprünglich neutraler Reiz wie etwa das Klingeln einer Glocke kann so mit einem zweiten Reiz, z.B. Nahrung, kombiniert werden. Wird diese Kombination oft wiederholt, kann das bloße Klingeln einer Glocke bei Hunden und anderen Tieren den Speichelfluss anregen (Pavlov, 1927).

Ein Jahrzehnt nach Watsons Hauptwerk führte der junge Harvard-Absolvent B. F. Skinner eine neue Form des Environmentalismus ein, den so genannten radikalen Behaviorismus, sowie ein Prinzip der operanten Konditionierung. Nach diesem Prinzip waren die verstär- kenden Auswirkungen eines Verhaltens die Hauptursache für daran anschließendes Ver- halten. Verhalten, das eine Verstärkung zur Folge hatte, würde in der Zukunft wiederholt werden. Verhalten, das keine Verstärkung (oder sogar eine Bestrafung) auslöste, würde nicht wiederholt werden. Jedes Verhalten, mit Ausnahme des zufälligen Verhaltens, konnte durch die „Kontingenzen“ der Verstärkung erklärt werden.

Skinners Behaviorismus stützte sich auf grundlegende Annahmen über die menschliche Natur. Die Behavioristen glaubten – im Gegensatz zu den Instinkt-Anhängern wie William James – dass der Mensch nur wenige angeborene Eigenschaften besitzt. Die ein- zige angeborene Eigenschaft war ihnen zufolge eine auf der Verstärkung von Konsequen- zen basierende generelle Lernfähigkeit. Jede Kombination von Verstärkung und einem beliebigen Verhalten hatte in jedem Fall einen Lernprozess zur Folge. So könnte man jedes Verhalten lediglich durch eine Manipulation der Verstärkungskontingenzen beliebig verändern und formen.

Obwohl nicht alle Behavioristen all diese Prinzipien vertraten, dominierten die wichtigs- ten Annahmen – wenige angeborene Eigenschaften, allgemeine Lernfähigkeit und die Macht der Verstärkungskontingenzen aus der Umwelt – über ein halbes Jahrhundert lang die Disziplin der Psychologie (Herrnstein, 1977). Die Natur der menschlichen Natur bestehe darin, so argumentierte man, dass der Mensch keine Natur habe.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

57

Die erstaunlichen Entdeckungen kultureller Vielfalt

Wenn die Menschen also nur allgemeine Lernmaschinen ohne angeborene Eigenschaften oder Neigungen sind, so muss der gesamte „Inhalt“ des menschlichen Verhaltens – Gefühle, Leidenschaften, Träume, Wünsche, Glaube, Meinungen und Investitionen – im Laufe eines Lebens „hinzugefügt“ werden. Wenn die Lerntheorie also die Möglichkeit bot, die Prozesse, durch die der Mensch geformt wird, zu bestimmen, so boten Kulturanthropo- logen die entsprechenden Inhalte an (bestimmte Gedanken, Verhaltensweisen und Ritu- ale), mittels welcher diese Prozesse funktionieren konnten (Tooby & Cosmides, 1992).

Die meisten Menschen interessieren sich sehr für Geschichten aus anderen Kulturen und je eigentümlicher und je weiter sie von unserer eigenen entfernt sind, umso interessanter sind diese Geschichten. Wir tragen Ringe an Ohren und Fingern, während sich manche afrikanischen Völker Knochen durch die Nase stecken und die Lippen tätowieren. In China wird auf Jungfräulichkeit großer Wert gelegt, während die Schweden eine Jungfrau eher für etwas komisch halten (Buss, 1989a). Im Iran verhüllen viele Frauen Gesicht und Hände mit einem Schleier; in Amerika (besonders in Kalifornien) sind String-Bikinis oft das einzige, was den Körper einer Frau „verhüllt“.

Auch Anthropologen haben nach Durchführung ihrer Feldstudien immer wieder die kul- turelle Vielfalt gerühmt, die sie vorfanden. Den größten Einfluss könnte hier Margaret Mead gehabt haben, die verkündete, sie habe Kulturen entdeckt, in denen die „Rollenver- teilung der Geschlechter“ komplett vertauscht sei und es keinerlei sexuelle Eifersucht gebe. Mead schilderte Inselparadiese mit friedliebenden Bewohnern, die gemeinsam Sexualität und freie Liebe auslebten, nicht miteinander konkurrierten, kämpften, verge- waltigten oder töteten.

Je stärker sich diese neu entdeckten fremden Kulturen von unserer westlichen Kultur unterschieden, um so mehr Beachtung fanden sie. Sie wurden in Lehrbüchern häufig wie- derholt und über die Medien publik gemacht. Wenn andere Kulturen in tropischen Para- diesen leben konnten, dann waren vielleicht unsere eigenen Probleme mit Eifersucht, Konflikten und Konkurrenz einfach auf unsere westliche Kultur und Wertvorstellung oder sogar auf den Kapitalismus zurückzuführen. Der menschliche Geist besaß eine gewisse „Kultur-Fähigkeit“, doch es war die spezifische Kultur, die bestimmte, zu welchen For- men die Ausübung dieser allgemeinen Fähigkeit im Einzelnen führte.

Bei genauerer Betrachtung konnte man allerdings auch im tropischen Paradies Schlangen entdecken. Spätere Forschungen ergaben, dass viele der ursprünglichen Berichte aus die- sen tropischen Kulturen schlichtweg falsch gewesen waren. So fand Derek Freeman (1983) heraus, dass die Bewohner der Insel Samoa, die Mead in so schillernden Farben beschrieben hatte, in Wahrheit heftig konkurrierten und höhere Mord- und Vergewalti- gungsraten zu verzeichnen hatten als die USA! Außerdem zeigten die Männer extreme sexuelle Eifersucht, was Meads Beschreibung von der „freien Liebe“ unter Samoanern aufs Deutlichste widersprach.

Freeman löste mit seiner Widerlegung von Margaret Meads Entdeckungen einen Sturm der Entrüstung aus und sah sich scharfer Kritik aus den Reihen der sozialwissenschaftli- chen Welt ausgesetzt, die sich die von Mead und anderen Kulturanthropologen propagier-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

58

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

ten Thesen, die nun scheinbar als Mythos entlarvt waren, zueigen gemacht hatten. Spätere Forschungen bestätigten jedoch Freemans Ergebnisse und, wichtiger noch, die Existenz zahlreicher menschlicher Universaleigenschaften (Brown 1991). Zum Beispiel die sexu- elle Eifersucht des Mannes, die in vielen bisher untersuchten Kulturen zum Ehegatten- mord führt, hat sich als solch eine Universaleigenschaft herausgestellt (Daly & Wilson, 1988). Gefühlsregungen wie Furcht, Zorn und Freude wurden auch bei Menschen aus Kulturen ausgemacht, die zu Fernsehen oder Kino keinen Zugang hatten (Ekman, 1973). Sogar Gefühle wie Liebe, von der man glaubte, sie sei erst vor einigen hundert Jahren von weißen Europäern erfunden worden, wiesen Universalität auf (Jankowiak, 1995).

Dennoch hängen noch immer viele dem Mythos unendlicher kultureller Vielfalt an. Mel- vin Konner drückte es so aus: „Wir wollen die Vorstellung noch nicht aufgeben, dass es irgendwo Menschen gibt, die mit sich und der Natur in vollkommener Harmonie leben, und dass wir dasselbe tun könnten, wenn es nicht die korrumpierenden Einflüsse unserer westlichen Kultur gebe“ (1990).

Die wachsende Zahl der Belege machte es den Sozialwissenschaftlern immer schwerer, bei ihrer ursprünglichen Haltung zu bleiben. Darüber hinaus gab es neue Bewegungen in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, die die Sichtweise des Menschen als Träger einer bloßen „Kultur-Fähigkeit“, die nur durch die soziale Umwelt völlig ausgefüllt wurde, massiv in Frage stellte.

Der Garcia-Effekt, „vorprogrammierte“ Furcht und der Niedergang des radikalen Behaviorismus

Neue Erkenntnisse kamen z.B. von Harry Harlow (1971), der eine Gruppe Affen isoliert von anderen Affen in einem Labor aufzog, in dem es zwei künstliche „Mütter“ gab. Beide „Mütter“ bestanden aus Maschendraht, wobei der Draht der zweiten zusätzlich mit wei- chem Frotteestoff überzogen war. Nahrung erhielten die Äffchen nur von der Draht-Mut- ter und nicht von der Frottee-Mutter.

Da die Affen nach dem Prinzip der operanten Konditionierung ihre primäre Verstärkung, die Nahrung, von der Draht-Mutter erhielten, hätten sie auch im Verhalten eine größere Bindung zu dieser und nicht zur Frottee-Mutter zeigen sollen und sich zum Beispiel an ihr festklammern sollen, wenn sie Angst hatten. Doch genau das Gegenteil geschah. Die Äffchen kletterten auf die Draht-Mutter, um Nahrung zu erhalten, verbrachten aber die übrige Zeit lieber bei der Frottee-Mutter. Wenn sie Angst hatten, rannten sie nicht zu der durch Nahrung verstärkenden Mutter, sondern zu der, die ihnen durch Berührung Trost gab. Es geschah ganz offensichtlich etwas in den Affen, das mit der Reaktion auf die pri- märe Verstärkung Nahrung nichts zu tun hatte.

Auch John Garcia von der Universität von Kalifornien in Berkley schreckte die wissen- schaftliche Welt auf. In einer Forschungsreihe gab er Ratten zunächst Futter und setzte sie einige Stunden später einer Strahlendosis aus, die Übelkeit auslöste (Garcia, Ervin & Koelling, 1966). Obwohl die Übelkeit erst mehrere Stunden nach der Nahrungsaufnahme auftrat, lernten die Ratten innerhalb nur einer Versuchsreihe, auf dieses Futter, das ja

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

59

anscheinend für ihren Zustand verantwortlich war, zu verzichten. Koppelte Garcia die Übelkeit dagegen mit Summern oder Lichtblitzen, konnte er den Ratten nicht beibringen, diese zu umgehen. Ratten scheinen also bereits bei der Geburt auf das Lernen bestimmter Dinge „vorprogrammiert“ zu sein, so etwa auf die Vermeidung von Nahrung, die Übel- keit auslöst, während es ihnen außerordentlich schwer fällt, andere Dinge zu lernen.

außerordentlich schwer fällt, andere Dinge zu lernen. Harry Harlows Experimente trugen maß- geblich zu der

Harry Harlows Experimente trugen maß- geblich zu der Erkenntnis bei, dass die so genannte „primäre Verstärkung“, die Ver- stärkung durch Nahrung, nicht der wich- tigste Bestimmungsfaktor für das Verhalten ist. Dieses Beispiel zeigt, dass sich das Äffchen an die Frottee-Mutter klammert, obwohl es seine Milch von der Draht- Mutter bekommt. Dies steht im Gegensatz zu den Vorhersagen des Behaviorismus.

Der Ansatz, dass Organismen durch die Evolution darauf „vorbereitet“ werden, bestimmte Dinge zu lernen und andere nicht, wurde von Martin Seligman erneut aufge- griffen. Seligman und seine Kollegen behaupteten, es sei tatsächlich sehr einfach, Men- schen darauf zu „konditionieren“, bestimmte Arten von Furcht zu entwickeln – z.B. die Furcht vor Schlangen – während es dagegen extrem schwierig sei, sie auf die Entwick- lung anderer, weniger natürlicher Arten von Furcht zu konditionieren – z.B. Angst vor Steckdosen oder Autos (Seligman & Hager, 1972).

Zusammenfassend wurden also zwei grundlegende Annahmen des Behaviorismus wider- legt, was zwei wichtige Schlüsse zuließ: Erstens schienen Ratten, Affen und sogar Men- schen darauf „programmiert“ zu sein, einige Dinge leicht, andere dagegen gar nicht zu lernen. Zweitens ist die äußere Umwelt nicht der einzige bestimmende Faktor des Verhal- tens. In den Organismen spielt sich etwas ab, das beim Betrachten des Verhaltens mitein- bezogen werden muss. Diese Schlussfolgerungen führten zusammen mit anderen wissen- schaftlichen Kräften zum Niedergang des radikalen Behaviorismus und zum Aufstieg eines neuen Modells des menschlichen Geistes.

Ein kurzer Blick in die Black Box: Die kognitive Revolution

Eine Reihe von Kräften kamen in der Psychologie zusammen, die einen erneuten Blick ins Gehirn legitimierten, um die dem Verhalten zugrunde liegende Psychologie zu erfor- schen. Eine dieser Kräfte rührte von den immer häufiger werdenden Verletzungen der grundlegenden „Lerngesetze“ her. Dazu kam Noam Chomskys überzeugende Sprachstu- die, in der er die Existenz eines universellen „Sprachorgans“ propagierte, dessen zugrunde liegende Struktur bei allen Sprachen gleich war (Chomsky, 1957; Pinker, 1994).

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

60

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Eine dritte Kraft war der Aufstieg der Computer und die „Metapher der Informationsver- arbeitung“. All diese Kräfte bildeten zusammen die so genannte kognitive Revolution.

Die kognitive Revolution gab der Psychologie die Verantwortung zurück, „in die Köpfe“ der Menschen „hineinzusehen“ anstatt nur die äußerlichen Kontingenzen der Verstärkung zu betrachten. Diese Revolution war auch deshalb notwendig, weil äußerliche Kontingen- zen nicht ausreichten, um beobachtetes Verhalten schlüssig zu erklären. Schließlich half auch der aufkommende Computer den Psychologen dabei, die von ihnen postulierten exakten kausalen Prozesse klarer auszudrücken.

Die kognitive Revolution wird heute fast immer mit der Informationsverarbeitung gleichgesetzt. Eine kognitive Beschreibung spezifiziert, welche Arten von Informa- tionen der Mechanismus als Input verwendet, mithilfe welcher Prozesse er diese Information umwandelt, auf welche Datenstrukturen (Repräsentationen) sich diese Prozesse auswirken und welche Arten von Repräsentationen oder Verhal- tensweisen daraufhin als Output entstehen (Tooby & Cosmides, 1992, S. 64).

Damit ein Organismus bestimmte Aufgaben erfüllen kann, muss er eine Reihe von Prob- lemen der Informationsverarbeitung lösen. Um beispielsweise erfolgreich sehen, hören, aufrecht gehen und beurteilen zu können, braucht er ein groß angelegtes System zur Informationsverarbeitung. Obwohl den meisten von uns das Sehen mit unseren Augen mühelos und natürlich erscheint – wir öffnen einfach die Augen und sehen – sind in Wahrheit doch tausende spezialisierter Mechanismen notwendig, z.B. eine Linse, eine Netzhaut, eine Hornhaut, eine Pupille, spezielle seitliche Detektoren, Stäbchen, Zapfen, bestimmte Bewegungsmelder, ein spezialisierter Sehnerv etc. Psychologen begriffen all- mählich, dass sie das Informationsverarbeitungssystem in unserem Gehirn verstehen mussten, um die kausalen Zusammenhänge menschlicher Leistung zu begreifen.

Mechanismen zur Informationsverarbeitung – die kognitiven Mechanismen – erfordern die „Hardware“, in die sie eingebettet sind, die Neurobiologie des Gehirns. Doch die Beschreibung eines Informationsverarbeitungsmechanismus wie etwa des Auges ist nicht die gleiche wie die der zugrunde liegenden Neurobiologie. Betrachten wir analog dazu die Textverarbeitungssoftware eines Computers, die ein Programm enthält, mit dem man Sätze löschen, Abschnitte verschieben und Zeichen kursiv setzen kann. Das Programm läuft auf einem IBM, einem Macintosh oder jedem anderen gleichartigen Computer. Obwohl die zugrunde liegende Hardware der Maschinen verschieden ist, ist die Beschrei- bung, wie das Programm die Information verarbeitet, die gleiche. Analog könnte man einen Roboter bauen, der ähnlich wie ein Mensch „sehen“ könnte, dessen Hardware jedoch völlig verschieden von der Neurobiologie des Menschen wäre. Folglich ist die Beschreibung auf kognitiver Ebene (d.h. Input, Repräsentationen, Entscheidungsregeln, Output) nützlich und notwendig, gleichgültig, ob die Hardware verstanden wird oder nicht.

Mit dem Niedergang bestimmter Annahmen des Behaviorismus und dem Einsetzen der kognitiven Revolution wurde es legitim, „in den Kopf“ des Menschen „hineinzusehen“. Es wurde nicht länger als „unwissenschaftlich“ angesehen, innere geistige Zustände und Prozesse zu betrachten. Man sah es im Gegenteil als absolut notwendig an.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

61

Allerdings übernahmen die meisten kognitiven Psychologen unglücklicherweise eine Annahme aus dem Behaviorismus: die Equipotenz-Annahme der Bereichs-Allgemeinheit (Tooby & Cosmides, 1992). Die von den Behavioristen propagierten bereichs-übergrei- fenden Lernprozesse wurden einfach durch bereichs-übergreifende Mechanismen ersetzt. Es fehlte der Gedanke, dass es eventuell privilegierte Informationsklassen geben könnte, auf deren Verarbeitung die kognitiven Mechanismen speziell ausgerichtet waren.

Man stellte sich das menschliche kognitive System als einen großen Computer vor, der jede eingehende Information verarbeiten konnte. Man konnte Computer darauf program- mieren, Schach zu spielen, Rechenaufgaben durchzuführen, das Wetter vorherzusagen, Symbole zu manipulieren oder Raketen zu steuern. In diesem Sinne ist der Computer eine bereichs-übergreifende Informationsverarbeitungsmaschine. Um aber ein spezielles Prob- lem lösen zu können, muss er auch speziell „programmiert“ werden. Um einen Computer aufs Schachspielen zu programmieren, sind Millionen von „wenn … dann“-Program- mier-Befehlen nötig.

Eines der Hauptprobleme der bereichs-übergreifenden Annahme über den informations- verarbeitenden Geist ist die kombinatorische Explosion. Bei einem bereichs-übergreifen- den Programm, dem spezielle Verarbeitungsregeln fehlen, ist die Anzahl der in jeder Situa- tion zur Verfügung stehenden Alternativen unendlich. Die Evolutionspsychologen John Tooby und Leda Cosmides (1992) führen folgendes Beispiel an: Nehmen wir an, dass wir innerhalb der nächsten Minute eine von 100 möglichen Aktionen durchführen können – den nächsten Abschnitt in diesem Buch lesen, einen Apfel essen, mit den Augen zwinkern, von morgen träumen etc. In der nächsten Minute können wir wieder irgendeine dieser Aktionen ausführen. Nach nur zwei Minuten ergäbe das zehntausend mögliche Verhaltens- kombinationen (100 x 100). Nach drei Minuten wären es eine Million mögliche Kombina- tionen (100 x 100 x 100) und so weiter. Dies ist die kombinatorische Explosion – das rasche Anwachsen möglicher Reaktionsvarianten aufgrund der Kombination von zwei oder mehr nachfolgenden Alternativen.

Um einen Computer oder einen Menschen dazu zu bringen, eine spezielle Aufgabe zu erfüllen, müssen diese unendlichen Möglichkeiten durch eine spezielle Programmierung rigoros eingegrenzt werden. Die kombinatorische Explosion macht es also einem Compu- ter oder einem Menschen völlig unmöglich, selbst die simpelste Aufgabe ohne vorherige Programmierung zu lösen. Einen Computer kann man natürlich auf eine wahre Vielfalt von Aufgaben programmieren, die nur durch die Fantasie und das Können des Program- mierers begrenzt sind. Wie steht es aber mit den Menschen? Wie werden wir program- miert? Auf welche speziellen Informationsverarbeitungsprobleme sind unsere 1.400 Kubikzentimeter großen Gehirne ausgelegt?

Die Vorstellung, dass es einige Probleme der Informationsverarbeitung geben könnte, auf deren Verarbeitung das menschliche Gehirn speziell ausgerichtet ist, existierte nicht in der kognitiven Revolution der Psychologie. Der Mensch wurde vom unbeschriebenen Blatt, das erst durch Verstärkungskontingenzen gefüllt wurde (Lerntheorie) zum allge- mein einsetzbaren Computer, für den die Kultur die Software schreibt (kognitive Theo- rie). Diese Kluft ebnete zusammen mit immer neuen empirischen Forschungsergebnissen aus verschiedenen empirischen Wissenschaften schließlich den Weg für die neue Diszi-

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

62

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

plin der evolutionären Psychologie. Diese lieferte die fehlenden Puzzleteile, indem sie eine breit angelegte Spezifikation der Art der Informationsverarbeitungsprobleme defi- nierte, auf deren Lösung das menschliche Gehirn ausgelegt war – Probleme des Über- lebens und der Reproduktion.

Zusammenfassung

Die evolutionäre Psychologie hat eine lange historische Entwicklung durchgemacht. Lange bevor Charles Darwin die Bühne betrat, vermutete man bereits, dass es Evolution – Veränderungen von Organismen im Laufe der Zeit – gab. Vor ihm fehlte es jedoch an einer Theorie über einen kausalen Prozess, die erklären konnte, wie sich organischer Wandel vollzog. Seine Theorie der natürlichen Auslese war Darwins herausragender Beitrag zur Evolutionsbiologie. Sie besteht aus drei wichtigen Bestandteilen: Variation, Vererbung und Selektion. Es kommt zur natürlichen Auslese, wenn bestimmte vererbte Variationen zu größerem Fortpflanzungserfolg führen als andere. Kurz gesagt, ist die natürliche Auslese definiert als im Laufe der Zeit stattfindende Veränderung aufgrund eines unterschiedlichen Fortpflanzungserfolgs vererbter Variationen.

Die natürliche Auslese bot eine alles umfassende Theorie für die biologischen Wis- senschaften und löste mehrere große Rätsel. Erstens war mit der natürlichen Auslese ein kausaler Prozess gegeben, durch welchen sich im Laufe der Zeit Veränderung, das heißt die Modifikation organischer Strukturen, vollzieht. Zweitens lieferte sie eine Theorie, die den Ursprung neuer Arten erklärte, und drittens brachte sie alle lebenden Kreaturen in einem großen Stammbaum zusammen und machte damit den Platz des Menschen im großen Zusammenspiel des Lebens offenkundig. Die Tatsache, dass diese Theorie nun fast 150 Jahre überlebt hat, in denen man sie ständig auf den Prüf- stand stellte und mehrmals zu kippen versuchte, zeigt, dass sie eine wirklich große wissenschaftliche Theorie ist (Alexander, 1979).

Zusätzlich zur natürlichen Auslese, die manchmal als „Überlebensselektion“ bezeich- net wird, stellte Darwin noch eine zweite Evolutionstheorie auf, die Theorie der sexu- ellen Selektion. Der Gegenstandsbereich dieser Theorie ist die Evolution von Eigen- schaften, bedingt durch Erfolge bei der Partnerwahl (im Gegensatz zu Erfolgen beim Kampf ums Überleben). Die sexuelle Selektion vollzieht sich durch zwei Prozesse:

intrasexueller Wettbewerb und intersexuelle Selektion. Bei der intrasexuellen Kon- kurrenz haben die Gewinner eines Kampfes unter Geschlechtsgenossen bessere Paa- rungsaussichten und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit zur Fortpflanzung. Bei der intersexuellen Selektion haben Individuen mit Eigenschaften, die vom anderen Geschlecht bevorzugt werden, bessere Chancen, sich fortzupflanzen. Beide Prozesse sexueller Selektion haben eine Evolution zur Folge – eine im Laufe der Zeit stattfin- dende Veränderung aufgrund unterschiedlicher Paarungserfolge.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

63

Für viele Biologen war es ein großes Problem, dass es in Darwins Theorie keine funktionierende Vererbungstheorie gab. Diese Theorie wurde erst formuliert, als man die Arbeiten von Gregor Mendel anerkannte und sie mit der Darwinschen Theorie der natürlichen Auslese in einer Bewegung, der so genannten modernen Synthese zusam- menführte. Nach dieser Theorie ist die Vererbung keineswegs eine Mischung beider Eltern, sondern vielmehr partikulär: die Gene, die Grundlagen der Vererbung, sind in abgeschlossenen Paketen vorhanden, die nicht vermischt werden, sondern als intakte Einheiten von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Die partikuläre Verer- bungstheorie lieferte das fehlende Glied in Darwins Theorie der natürlichen Auslese.

Nach der modernen Synthese brachten zwei europäische Biologen, Konrad Lorenz und Niko Tinbergen eine neue Bewegung auf, die Verhaltensforschung (Ethologie), die darauf bedacht war, tierisches Verhalten in einen evolutionären Zusammenhang zu bringen, indem sie sich sowohl auf die Ursprünge als auch auf die Funktionen des Verhaltens konzentrierte.

1964 wurde die Theorie der natürlichen Auslese in zwei wegweisenden Artikeln von

William D. Hamilton neu formuliert. Der Evolutionsprozess beinhaltet Hamilton zufolge nicht nur die klassische Fitness (die direkte Produktion von Nachkommen), sondern auch die Gesamtfitness, die die Auswirkungen der Handlungen eines Indivi- duums auf den Fortpflanzungserfolg genetisch Verwandter, gewichtet nach dem jewei- ligen genetischen Verwandtschaftsgrad mit einschließt. Diese Umformulierung unter Einbeziehung der Gesamtfitness machte die Theorie der natürlichen Auslese noch prä- ziser, indem die Selektion aus dem „Blickwinkel des Gens“ betrachtet wurde.

1966 veröffentlichte George Williams den heutigen Klassiker Adaptation und natürli-

che Auslese und bewirkte damit dreierlei. Erstens führte dieses Buch zum Niedergang der Gruppenselektion, zweitens unterstützte es die Hamiltonsche Revolution. Zum dritten bot es strenge Identifikationskriterien für Adaptationen an, nämlich Zuverläs- sigkeit, Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Präzision. In den 70er Jahren knüpfte Robert Trivers an die Arbeiten von Hamilton und Williams an und veröffentlichte drei bahn- brechende Theorien, die bis heute Bedeutung haben: reziproker Altruismus, elterliche Investitionen und die Theorie des Eltern-Kind-Konflikts.

1975 veröffentlichte Edward O. Wilson sein Buch Soziobiologie: eine neue Synthese,

in dem er die wichtigsten Entwicklungsschritte der Evolutionsbiologie zusammenfas- sen wollte. Wilsons Buch stieß auf sehr viel Kritik, die hauptsächlich wegen des letz-

ten Kapitels über den Menschen laut wurde, das zwar eine Reihe von Hypothesen, jedoch kaum empirische Daten enthielt.

Der Hauptwiderstand gegen Wilsons Buch sowie gegen die Anwendung der Evolu- tionstheorie zur Erklärung menschlichen Verhaltens rührt wohl von einigen weit verbrei- teten Missverständnissen her. Entgegen dieser Missverständnisse behauptet die Evolu- tionstheorie keineswegs, dass das menschliche Verhalten genetisch vorbestimmt oder unveränderbar ist und sie setzt auch keinen optimalen (genetischen) Entwurf voraus.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

64

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Belege aus verschiedenen Disziplinen geben uns einen Einblick in die wichtigsten Entwicklungsschritte des Evolutionsprozesses, der zur Entwicklung des modernen Menschen führte. Menschen sind Säugetiere; sie sind Teil einer Gruppe von Lebewe- sen, die vor über 200 Millionen Jahren entstanden sind. Wir gehören einer Primaten- Linie an, die sich vor 85 Millionen Jahren entwickelte. Unsere Vorfahren begannen vor 4,4 Millionen Jahren aufrecht zu gehen, sie entwickelten vor 2,5 Millionen Jahren grobe Steinwerkzeuge und könnten vor 1,6 Millionen Jahren mit der Nutzung von Feuer begonnen haben. Das Gehirn unserer Vorfahren wuchs und so konnten wir aus- gefeiltere Werkzeuge und Techniken entwickeln und nach und nach viele Teile der Erde besiedeln. Es gibt zwei konkurrierende Theorien über die Ursprünge der moder- nen Menschen: die multiregionale Hypothese und die Out-of-Africa-Theorie. Man- che behaupten, dass anatomisches, archäologisches und genetisches Beweismaterial die Out-of-Africa-Theorie stützen, die besagt, dass sich der moderne Mensch höchst- wahrscheinlich in Afrika entwickelt habe, von wo er nach Asien und Europa wan- derte und dabei alle anderen Hominiden, darunter die Neandertaler, verdrängte. Andere Theoretiker gehen davon aus, dass die genetischen Beweise beide Theorien gleichermaßen stützen, wobei die allerneuesten genetischen Beweise sogar wiederum stärker für die multiregionale Hypothese sprechen. Obwohl die Neandertaler über 170.000 Jahre lang Europa beherrschten, starben sie vor 30.000 Jahren aus, ein Ereignis, das mit dem Auftauchen des anatomisch modernen Menschen zusammenfiel. Das plötz- liche Verschwinden der Neandertaler bleibt bis heute ein wissenschaftliches Rätsel.

Während die Evolutionsbiologie von Veränderungen geprägt war, nahm die Psycho- logie einen anderen Kurs, der für ihre spätere Zusammenführung mit der Evolutions- theorie eine wichtige Rolle spielte. Sigmund Freud lenkte das Interesse auf die Bedeutung von Überleben und Sexualität indem er eine Theorie vorlegte, die lebens- erhaltende und sexuelle Instinkte vorsah. Sie entsprach Darwins Unterscheidung zwi- schen natürlicher und sexueller Auslese. 1890 veröffentlichte William James die Prinzipien der Psychologie, denen zufolge der Mensch eine Reihe spezifischer Instinkte habe.

In den 1920er Jahren wandte sich die Psychologie in Amerika jedoch vom Evolu- tionsgedanken ab und machte sich eine Version des radikalen Behaviorismus zu eigen. Dabei ging man davon aus, dass eine Reihe sehr allgemeiner Lernprinzipien die Komplexität menschlichen Verhaltens erklären konnte.

In den 1960er Jahren häuften sich jedoch empirische Daten, die nachhaltige Verlet- zungen der allgemeinen Lerngesetze nahe legten. Harry Harlow zeigte, dass Affen nicht die „Draht-Mütter“ bevorzugten, obwohl sie von diesen die primäre Verstär- kung der Nahrung erhielten. John Garcia wies nach, dass Organismen einige Dinge schnell und gut lernen konnten. Im Gehirn spielte sich etwas ab, das durch die exter- nen Kontingenzen der Verstärkung allein nicht erklärt werden konnte.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 1 Die wissenschaftliche Entwicklung auf dem Weg zur evolutionären Psychologie

65

Die Anhäufung derartiger Befunde führte zur kognitiven Revolution, die das „Hinein- schauen in die Köpfe“ der Leute als ein wichtiges und respektables Unterfangen betrachtete. Die kognitive Revolution basierte auf der Metapher der Informationsver- arbeitung – Beschreibungen im Kopf angesiedelter Mechanismen nehmen bestimmte Informationen als Input auf, wandeln sie aufgrund von Entscheidungsregeln um und erzeugen Verhalten als Output.

Die Vorstellung, dass der Mensch dazu ausgerüstet oder angelegt sein könnte, einige Informationsarten zu verarbeiten und andere nicht, schuf die Grundvoraussetzungen für die Entwicklung der evolutionären Psychologie, die eine echte Synthese aus moderner Psychologie und moderner Evolutionsbiologie darstellt.

Weiterführende Literatur

Darwin, C. (1859). On the Origin of species. London: Murray (dt.: Über die Entste- hung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchge- sellschaft, 1988).

Dawkins, R. (1989). The selfish gene (new edition). New York: Oxford University Press (dt.: Das egoistische Gen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 1994).

Eibl-Eibesfeldt, I. (1995). Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. 3.Aufl. München: Piper.

Klein, R.G. (2000). Archeology and the evolution of human behavior. Evolutionary Anthropology, 9, 17-36.

Mayr, E. (2003). Das ist Evolution. München: Bertelsmann (Orig.: What evolution is. New York: Basic Books, 2001).

Tattersall, I. (2000). Paleoanthropology: The last half-century. Evolutionary Anthro- pology, 9, 2-16.

Voland, E. (2000). Grundriss der Soziobiologie. 2. Aufl. Heidelberg: Spektrum Aka- demischer Verlag.

Williams, G.C. (1966). Adaptation and natural selection. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel

2 Die neue Wissenschaft der evolutionären Psychologie

Die evolutionäre Psychologie stellt eine der bedeutendsten neuen Entwicklungen der Verhaltensforschung in den letzten 20 Jahren dar.

– Boyer & Heckhausen, 2000, S. 917

Der evolutionäre Psychologe Karl Grammer untersuchte mit einem Forscherteam Sexualsig- nale, wie sie im semi-artifiziellen Umfeld von Single-Bars vorkommen (Grammer, 1996). Er postierte Beobachter in den Bars und hielt auf Beobachtungsbögen fest, wie oft Frauen von Männern an der Bar berührt wurden. Ein anderer Teil des Forscherteams trat an jede Frau heran, die die Bar verließ und fragte, ob sie mit einer Teilnahme an der Studie einverstanden wäre. Die weiblichen Teilnehmer wurden fotografiert und füllten einen kurzen Fragebogen aus, in dem sie nach der von ihnen verwendeten Verhütungsmethode und ihrem Menstruati- onszyklus (Beginn der letzten Periode) gefragt wurden. Grammer digitalisierte die Fotogra- fien und kalkulierte mithilfe eines Computerprogramms, wie viel Haut jede der Frauen zeigte.

Von den Frauen, die keine oralen Verhütungsmittel nahmen, berührten die Männer in den Single-Bars am häufigsten diejenigen, die sich im fruchtbarsten Teil ihres Zyklus, der Ovulation befanden. Frauen, die nicht ovulierten, wurden seltener berührt. Im Gegensatz zu der herkömmlichen Überzeugung könnten Männer daher in der Lage sein, subtile Zei- chen der weiblichen Ovulation zu erkennen. Aber es gibt auch eine andere Interpretation. Ovulierende Frauen senden mehr sexuelle Signale aus: sie tragen engere, mehr Haut zei- gende Blusen und kürzere Röcke und zeigen generell mehr Haut. Es muss also nicht zutreffen, dass Männer scharfsinnig erkennen, wann Frauen ovulieren. Vielmehr könnten auch ovulierende Frauen aktiv sexuelle Signale aussenden – eine Interpretation, die durch eine andere Studie unterstützt wird, in der festgestellt wurde, dass ovulierende Frauen häufiger sexuelle Begegnungen initiieren als in anderen Phasen ihres Zyklus (Gangestad, Simpson, Cousins, Garver & Christensen, 2004).

Diese neuen Forschungsrichtungen markieren mehrere Besonderheiten der spannenden Wissenschaft der evolutionären Psychologie. Eine bezieht sich auf die Entdeckung bisher nicht vermuteter Verbindungen zwischen Merkmalen menschlicher Reproduktionsbiolo- gie, in diesem Fall der Ovulation von Frauen und manifestem Verhalten. Zum zweiten ist die evolutionäre Psychologie ein dynamischer Bereich, in dem laufend faszinierende neue Entdeckungen gemacht werden. Zum dritten liefert das Nachdenken über adaptive Funk- tionen, d.h. ob Männer über Adaptationen verfügen, um herauszufinden, ob Frauen ovu- lieren oder ob Frauen über Adaptationen verfügen, um auf ihre Ovulation zu reagieren – Impulse für spannende neue Forschungen.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

68

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Dieses Kapitel konzentriert sich auf Logik und Methoden der evolutionären Psychologie, einer neuen wissenschaftlichen Synthese moderner Evolutionsbiologie und moderner Psychologie. Dabei werden die neuesten theoretischen Fortschritte der Evolutionsbiolo- gie wie die Gesamtfitness-Theorie (inklusive Fitness-Theorie), die Theorie der elterlichen Investitionen und der sexuellen Selektion und die Entwicklung strikterer Standards für die Einschätzung der An- oder Abwesenheit von Adaptationen angewandt. Die evolutionäre Psychologie integriert auch die neuesten begrifflichen und empirischen Fortschritte in der Psychologie; dazu gehören Informationsverarbeitung, die Erkenntnisse künstlicher Intel- ligenz und Entdeckungen wie der universale emotionale Ausdruck (Ekman, 1973); Uni- versalien, dass Menschen alle Arten in Pflanzen und Tiere einteilen (Atran, 1990; Berlin, Breedlove & Raven, 1973) und Universalien darüber, wie Menschen andere Menschen kategorisieren (White, 1980). Das Ziel dieses Kapitels ist eine Einführung in die konzep- tionellen Grundlagen dieser neuen Synthese, auf denen die nachfolgenden Kapitel auf- bauen. Beginnen wir, indem wir fragen, warum Psychologie in die Evolutionsbiologie integriert werden sollte.

2.1 Der Ursprung der menschlichen Natur

Drei Theorien über die Ursprünge komplexer Adaptationsmechanismen

Läuft man ein paar Wochen barfuß, entwickeln sich Schwielen an den Fußsohlen. Dieser Schwielen produzierende Mechanismus, d.h. die Bildung zahlreicher neuer Hautzellen als Reaktion auf wiederholte Reibung, dient dazu, die anatomischen und physiologischen Strukturen der Füße vor Verletzungen zu schützen. Fährt man einige Wochen im Auto, werden die Autoreifen jedoch nicht dicker. Warum nicht?

Füße und Autoreifen unterliegen den Gesetzen der Physik. Reibung tendiert dazu, physi- sche Objekte abzunutzen, nicht sie aufzubauen. Aber Füße, im Gegensatz zu Reifen, unter- liegen außerdem den Gesetzen der organischen natürlichen Selektion. Aufgrund der natür- lichen Selektion verfügen Füße über Schwielen produzierende Mechanismen. Evolution durch Selektion ist ein kreativer Prozess, bei dem die Schwielen produzierenden Mecha- nismen die Adaptationsprodukte dieses kreativen Prozesses darstellen. Sie existieren, weil in der Vergangenheit diejenigen, die Gene mit der Veranlagung hatten, dickere Haut als Reaktion auf Reibung zu entwickeln, mit diesem zusätzlichen Element ihre Überleben- schancen vergrößern und daher mehr Nachkommen zeugen konnten als diejenigen, die diese Veranlagung nicht hatten. Als Nachkommen dieser erfolgreichen Vorfahren tragen auch wir diese, sich als erfolgreich erwiesenen Adaptationsmechanismen in uns.

Im vergangenen Jahrhundert wurden drei Theorien vorgeschlagen, die den Ursprung von Adaptationen wie den Schwielen produzierenden Mechanismus erklären (Daly & Wilson, 1988). Eine Theorie ist der Kreationismus, die Idee, dass eine höhere Gottheit alle Pflanzen und Tiere schuf, vom größten Wal zum kleinsten Plankton im Ozean, von den einfachen einzelligen Amöben bis zum komplexen menschlichen Gehirn. Der Kreationismus wird aus

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Kapitel 2 Die neue Wissenschaft der evolutionären Psychologie

69

drei Gründen nicht als „wissenschaftliche Theorie“ angesehen. Erstens kann sie nicht nach- geprüft werden, weil keine spezifischen empirischen Vorhersagen aus ihrer wichtigsten Vor- aussetzung gezogen werden können, dass alles aus dem einfachen Grund existiert, weil ein höheres Wesen es geschaffen hat. Zum zweiten hat der Kreationismus die Forscher zu kei- nen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt. Zum dritten konnte er keine wissen- schaftlichen Erklärungen für schon entdeckte organische Mechanismen liefern. Der Kreati- onismus wird daher als eine Frage von Religion und Glauben und nicht als Wissenschaft angesehen. Es kann zwar nicht bewiesen werden, dass diese Theorie falsch ist, aber als vor- hersagende oder erklärende Theorie hat sie sich als nicht zweckmäßig erwiesen.

Eine zweite Theorie ist die Samentheorie. Nach den Samentheoretikern entstand das Leben nicht auf der Erde. Nach einer Version dieser Theorie kamen die Samen des Lebens durch einen Meteoriten auf die Erde. Nach einer zweiten Version kamen außer- irdische intelligente Wesen von anderen Planeten oder Galaxien zur Erde und pflanzten die Samen des Lebens ein. Unabhängig vom Ursprung der Samen setzte sich jedoch ver- mutlich die Evolution mit natürlicher Selektion durch und die Samen entwickelten sich zu Menschen und anderen existierenden Lebensformen.

Die Samentheorie ist im Prinzip nachprüfbar. Man kann Meteoriten nach Lebenszeichen untersuchen, die der Theorie Plausibilität verleihen würden, dass das Leben seinen Ursprung woanders hat. Man kann die Erde nach Zeichen außerirdischer Landungen absuchen. Man kann nach Belegen von Lebensformen suchen, die nicht auf der Erde entstanden sein können. Man kann das Universum nach intelligentem Leben außerhalb unseres Sonnensystems absuchen. Die Samentheorie weist jedoch drei Probleme auf. Zum einen gibt es momentan keine fundierten wissenschaftlichen Belege, dass solche „Aussaaten“ stattgefunden haben. Zum zweiten hat die Samentheorie zu keinen neuen wissenschaftlichen Entdeckungen geführt und sie hat auch keines der existierenden wis- senschaftlichen Rätsel gelöst. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass die Samentheorie ein grundlegendes Problem aufwirft, indem sie die kausale Erklärung nach dem Ursprung des Lebens zeitlich zurückverlagert. Wenn die Samen tatsächlich von außerirdischen Wesen auf die Erde gebracht wurden, welche kausalen Prozesse führten dann zum Ursprung die- ser intelligenten Wesen? Welcher kausale Prozess ist verantwortlich für die Entwicklung der Samen in die Lebensformen, die wir heute auf der Erde sehen?

Dies führt zur dritten Option: Evolution durch natürliche Selektion. Obwohl Evolution durch natürliche Selektion eine Theorie genannt wird, wurden ihre grundlegenden Prinzi- pien so oft bestätigt, dass sie von den meisten Biologen als Tatsache angesehen wird (Alcock, 1993; Mayr, 1982). Die Komponenten ihrer Wirkungsweise – unterschiedliche Reproduktion aufgrund vererbter Unterschiede in den genetischen Entwürfen– wurden sowohl im Labor als auch in der Wildnis nachgewiesen. Die unterschiedliche Schnabel- größe von Finken auf verschiedenen Galapagosinseln beispielsweise entwickelte sich ent- sprechend der Größe der Samen auf den jeweiligen Inseln (Grant, 1991). Für größere Samen werden größere Schnäbel benötigt, während es bei kleineren Samen vorteilhafter ist, wenn die Schnäbel klein sind. Die Theorie der natürlichen Selektion weist viele Vor- teile auf, die Wissenschaftler in einer profunden wissenschaftlichen Theorie suchen:

(1) bekannte Fakten werden geordnet; (2) sie führt zu neuen Vorhersagen und (3) sie lie- fert Richtlinien zu wichtigen Bereichen wissenschaftlicher Untersuchungen.

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

70

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Somit besteht zwischen den drei Theorien – Kreationismus, Samentheorie und natürlicher Selektion – nicht wirklich ein Wettbewerb. Evolution durch natürliche Selektion ist die einzig bekannte wissenschaftliche Theorie, die die erstaunliche Vielfalt des Lebens, wie wir es heute um uns sehen, erklären kann. Auch wenn es immer möglich ist, dass es in Zukunft eine bessere Theorie geben könnte, ist momentan die natürliche Selektion die einzige, die alles Lebendige, Pflanzen, Tiere, Insekten und Vögel, von den kleinsten ein- zelligen Organismen im Meer bis hin zu den komplexesten Säugetieren an Land, in einem großen Stammbaum vereinigen kann. Es ist die einzige bekannte wissenschaftliche Theo- rie, die die Ursprünge und Strukturen komplexer Adaptationsmechanismen, aus denen die menschliche Natur besteht, erklären kann – von Schwielen produzierenden Mechanismen bis hin zu übergroßen Gehirnen.

Die drei Produkte der Evolution

Es gibt drei Produkte des evolutionären Prozesses: Adaptationen, Nebenprodukte (by-pro- ducts) (oder Begleiterscheinungen) der Adaptationen und Zufallsrauschen (noise), wie in Tabelle 2.1 aufgeführt (Buss, Haselton, Shackelford, Bleske & Wakefield, 1998; Tooby & Cosmides, 1990). Fangen wir bei den Adaptationen an, den wichtigsten und grundlegen- den Produkten des evolutionären Prozesses.

Produkt

Kurze Beschreibung

Adaptationen

Vererbbare und sich zuverlässig entwickelnde Merkmale, die durch die natürliche Selektion entstanden, da mit ihrer Hilfe Überlebens- oder Reproduktionsprobleme besser gelöst werden konnten als durch alterna- tive Modelle, die während ihrer Evolutionsperiode in der Population existierten. Beispiel: Nabelschnur

Nebenprodukte

Merkmale, die keine adaptiven Probleme lösen und kein funktionelles Design aufweisen; sie sind „Anhängsel“ von Merkmalen mit funktionel- lem Design, da sie an diese Adaptationen angekoppelt sind. Beispiel:

Bauchnabel

Zufallsrauschen

Zufallsprodukte, die durch zufällige Mutationen, plötzliche und einma- lige Veränderungen der Umwelt oder Zufälle während der Entwicklung entstehen. Beispiel: besondere Form des Bauchnabels einer bestimmten Person

Tabelle 2.1:

Die drei Produkte des evolutionären Prozesses

Eine Adaptation wird als vererbbares und sich zuverlässig entwickelndes Merkmal defi- niert, das sich durch die natürliche Selektion herausgebildet hat, weil mit ihr ein Überle- bens- oder Reproduktionsproblem zum Zeitpunkt seiner Evolution gelöst werden konnte (nach Tooby & Cosmides, 1992, S. 61-62; siehe auch Thornhill, 1997).

Gliedern wir diese Definition in ihre Kernelemente auf: Eine Adaptation weist Gene „für“ diese Adaptation auf. Diese Gene sind für den Übergang der Adaptation von den Eltern

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

Kapitel 2 Die neue Wissenschaft der evolutionären Psychologie

71

zum Kind erforderlich; Adaptationen haben also eine genetische Basis. Die meisten Adaptationen können nicht zu einzelnen Genen zurückverfolgt werden, sondern sind das Produkt vieler Gene. Das menschliche Auge beispielsweise entsteht mithilfe von hunder- ten von Genen. Die Tatsache, dass Adaptationen auf Genen basieren, bedeutet jedoch nicht, dass das menschliche Verhalten „genetisch festgelegt“ ist (siehe Missverständnis 1 in Kapitel 1). Die Gene, die wir heute in uns tragen, wurden in der Vergangenheit selek- tiert; die Umgebungen während der Lebenszeit eines Menschen sind für die Entwicklung von Adaptationen verantwortlich und gegenwärtige Umwelten sind für die Aktivierung dieser so entstandenen Adaptationen verantwortlich.

Eine Adaptation muss sich zuverlässig bei Angehörigen einer Art in allen „normalen“ Umwelten entwickeln. Das heißt um sich als Adaptation zu qualifizieren, muss sie sich zur angemessenen Zeit im Leben eines Organismus in intakter Form entwickeln und cha- rakteristisch für die meisten oder alle Angehörigen einer Art sein. Hierbei gibt es wich- tige Ausnahmen wie Mechanismen, die nur bei einem Geschlecht oder bei einer spezifi- schen Unterart einer Population existieren. Diese werden später behandelt, aber hier ist es wichtig zu betonen, dass die meisten Adaptationen artentypisch sind.

Das Merkmal der zuverlässigen Entwicklung einer Adaptation bedeutet nicht, dass sie schon bei der Geburt entwickelt sein muss. Viele Adaptationen entwickeln sich erst lange nach der Geburt. Gehen ist eine sich zuverlässig entwickelnde Eigenschaft des Menschen, aber die meisten Menschen lernen erst ein Jahr nach der Geburt zu laufen. Brüste gehören zu sich zuverlässig entwickelnden Merkmalen von Frauen, entwickeln sich aber erst in der Pubertät. Merkmale, die kurzlebig oder vorübergehend sind, leicht durch die Umwelt gestört werden oder sich nur bei einigen Angehörigen einer Art entwickeln, entsprechen daher nicht der Definition von Adaptationen.

Adaptationen entstehen durch den Selektionsprozess. Die Selektion handelt in jeder Generation als Sieb, in dem die Merkmale, die nicht der Fortpflanzung dienen, herausge- filtert, und die der Reproduktion dienen, durchgelassen werden (Dawkins, 1996). Diese Auslese wiederholt sich in jeder Generation, so dass sich jede neue Generation etwas von ihrer Elterngeneration unterscheidet. Dieser Prozess der natürlichen Selektion ist notwen- dig, damit sich Adaptationen entwickeln können.

Die Merkmale, die die Auslese überstehen, verdanken dies der Tatsache, dass sie sich besser zur Lösung eines Überlebens- oder Reproduktionsproblems eignen als alternative (konkurrierende) Modelle in der Population. Die Funktion einer Adaptation bezieht sich auf das adaptive Problem, für das sie entwickelt wurde, d.h. wie es zum Überleben oder der Reproduktion beiträgt. Die Funktion einer Adaptation wird normalerweise durch den Nachweis eines „speziellen Entwurfs“ identifiziert und bestätigt, wobei die Komponenten oder „Entwurfsmerkmale“ auf präzise Art zur Lösung eines bestimmten adaptiven Prob- lems beitragen. Wie in Kapitel 1 aufgeführt, umfassen die Maßstäbe für die Auswertung einer hypothetischen Funktion einer Adaptation normalerweise Effizienz (leistungsfähige Problemlösung), Wirtschaftlichkeit (Problemlösung auf kostengünstige Art), Präzision (alle Komponenten sind spezialisiert, ein bestimmtes Ziel zu erreichen) und Zuverlässig- keit (zuverlässige Leistung in den Zusammenhängen, für die sie entwickelt wurde) (siehe Buss, Haselton, Shackelford, Bleske & Wakefield, 1998; Tooby & Cosmides, 1992; Williams, 1996).

Persönliches Exemplar von Herr Hans Wurst vom 27.04.2011, Lesen & Drucken

72

Free ebooks ==>

www.Ebook777.com

Teil 1 Grundlagen der evolutionären Psychologie

Jede Adaptation hat ihre eigene Evolutionsperiode. Zuerst erscheint in einem einzigen Individuum eine Mutation, eine spontane Strukturänderung eines Teils der DNA. Man nimmt an, dass Mutationen aus Fehlern bei der Replikation der DNA entstehen. Obwohl die meisten Mutationen das Überleben oder die Reproduktion verhindern, unterstützen einige wenige zufälligerweise das Überleben und die Reproduktion des Organismus. Wenn die Mutation hilfreich ist und dem Organismus einen Reproduktionsvorteil gegen- über anderen Angehörigen der Population verleiht, wird er in größer Anzahl an die nächste Generation weitergegeben. In der nächsten Generation besitzen daher mehr Indi- viduen das Merkmal, das am Anfang eine Mutation bei einer einzigen Person war. Sollte es erfolgreich bleiben, verbreitet es sich in den folgenden Generationen in der gesamten Population, bis es jeder Angehörige der Spezies besitzt.

Das Environment of Evolutionary Adaptedness oder EEA bezieht sich auf die statistische Zusammensetzung des Selektionsdrucks, der während der Evolutionsperiode einer Adap- tation vorherrschend war (Tooby & Cosmides, 1992). Anders ausgedrückt bezieht sich das EEA jeder Adaptation auf den Selektionsdruck oder die adaptiven Probleme, die während ihrer Evolution für ihre Form verantwortlich waren. Das EEA für das Auge beispielsweise bezieht sich auf den spezifischen Selektionsdruck, der jede der Kompo- nenten des Sehsystems über hunderte von Millionen Jahren gestaltete. Das EEA für die bipedale Fortbewegung betrifft den Selektionsdruck, der etwa 4,4 Millionen Jahre zurückreicht. Der springende Punkt ist, dass das EEA sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt oder Ort bezieht, sondern auf den Selektionsdruck, der für die Adaptationen verantwortlich ist. Daher hat jede Adaptation ihr eigenes EEA. Die Evolutionsperiode einer Adaptation bezieht sich auf den Zeitraum, in dem sie sich nach und nach entwi- ckelte, bis sie zu einem universellen Entwurf der Art wurde.

Auch wenn Adaptationen die Hauptprodukte der Evolution sind, sind sie nicht die einzi- gen. Der evolutionäre Prozess produziert auch Nebenprodukte der Adaptationen. Neben- produkte sind Merkmale, die weder adaptive Probleme lösen noch einen funktionellen Entwurf aufweisen. Sie sind „Anhängsel“ von Merkmalen mit funktionellem Entwurf, da sie an diese Adaptationen angekoppelt sind, z.B. die Hitze einer Glühbirne wird als Nebenprodukt des Lichts angesehen.

einer Glühbirne wird als Nebenprodukt des Lichts angesehen. Bauchnabel gelten nicht als Adap- tationen – man

Bauchnabel gelten nicht als Adap- tationen – man kann mit ihnen weder Beute jagen noch Raubtiere abschrecken. Sie sind das Neben- produkt von Adaptationen – in diesem Fall der Nabelschnur, durch die ein Fötus Nährstoffe von der Mutter aufnimmt.