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Der vernichtende Gott.

Kapitalismus als
Religion : eine Kritik des modernen
Götzendienstes

Autor(en): Seifert, Kurt

Objekttyp: Article

Zeitschrift: Neue Wege : Beiträge zu Religion und Sozialismus

Band (Jahr): 104 (2010)

Heft 1

PDF erstellt am: 17.09.2018

Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-390109

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Denn die Wurzel aller Übel ist die Liebe Kurt Seifert
zum Geld (1. Timotheus 6,10)

8 Inzwischen spricht es sich bis in die


bürgerlichen Feuilletons herum: Der
Kapitalismus hat einen religiösen Cha¬
Der vernichtende Gott.
rakter, er muss als ein in wesentlichen
Zügen religiöses System begriffen wer¬
den. Angesichts der Krise, in welche die
Kapitalismus als Religion
bislang vorherrschende Gestalt des Ka¬ Eine Kritik des modernen Götzendienstes
pitalismus geraten ist, sagt sich das
leichter als noch zu den Hochzeiten des
Neoliberalismus. Jetzt drängt sich aber
die Frage auf, welcher Erkenntnisge¬
winn aus der Einsicht in den kultischen
Charakter der dominanten Produkti¬
onsverhältnisse zu ziehen ist. Der Publi¬
zist Roger de Weck, der einen Essay zur
ÏÏ3SBBSI8L ~'T?m
kapitalistischen Krise verfasst hat, eröff¬
net seine Überlegungen mit dem Hin¬ If
weis auf einen fragmentarischen Text
des Philosophen Walter Benjamin aus
dem Jahr 1921 mit dem Titel «Kapitalis¬
mus als Religion». Sein Gewährsmann
ist der Soziologe Dirk Baecker, der 2003
einen Sammelband mit dem gleichna¬
migen Titel veröffentlichte. Trotz einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise, welche die
Baecker hat keine Probleme, Kapita¬ Glaubenssätze der neoliberalen Lehrbücher über den Haufen
lismus und Religion als aufeinander be¬ wirft, zeichnet sich bis jetzt noch kein Gegenentwurf ab, der
zogene Grössen zu verstehen, denn Chancen hätte, zu einem neuen gesellschaftlichen Konsens zu
schliesslich könne man das Diesseits werden. Eine denkbare Erklärung dafür lautet: Dieser Neolibe¬
vom Jenseits nicht mehr trennen. Aus ralismus hält unsere Vorstellungen vom guten Leben weiterhin
der kritischen Beschäftigung mit einem so stark besetzt, dass andere Orientierungspunkte gar nicht in
System, das sich selbst zum Gott macht, den Blick kommen können. Er übt also eine ideologische
um den alles kreisen muss, entsteht je¬ Gewalt über uns aus. Da stellt sich die Frage, woraus er seine
doch kein Anstoss mehr zur Überwin¬ Kräfte bezieht, mit denen er uns immer noch verzaubern kann.
dung eben dieses Systems, glaubt Bae¬ Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf einen seit
cker. Er kommt zum Ergebnis: Weil der längerem geführten theologisch-politischen Diskurs. Sie legen
Kapitalismus inzwischen auch jene nahe, den Kapitalismus und insbesondere seine neoliberale
Sphäre beherrscht, in der einst die Fra¬ Erscheinungsform als eine religiöse Macht zu begreifen. Wenn
gen nach dem Sinn menschlicher Exi¬ wir besser verstehen, worauf er beruht, sind wir eher in der
stenz gestellt wurden, wird man seiner Lage, ihm die Loyalität zu verweigern und uns von seinem
nicht habhaft, «indem man ihn der alten Regiment zu befreien.
und durchaus kraftvollen Verfahren der
Religionskritik unterzieht». Dieser Be¬
griff ist in einem doppelten Sinne zu
verstehen: als Kritik an der Religion und
Kritik der Religion an den herrschenden
Verhältnissen. Es gibt für Baecker über¬
haupt kein Entkommen: «Wir werden

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den Kapitalismus nicht loswerden, weil Form des Kapitalismus interessiert ge¬
es sich bei ihm um nichts anderes han¬ wesen», behauptet Dirk Baecker - an
delt als um den immer wieder neu un¬ einem Kapitalismus, der sich «als wirt¬
ternommenen Versuch, aus Situationen schaftender Umgang mit knappen Res¬
Gewinne zu ziehen (ein <Kapital>), die sourcen versteht».3
sich in anderen Situationen produktiv Auch hier weicht Baecker ins Zeitlo¬
einsetzen lassen.»1 se aus:Selbstverständlich muss jede Ge¬
Der Kapitalismus wird somit aus ei¬ sellschaft von der Voraussetzung ausge¬
ner spezifischen Gesellschaftsformation hen, dass nicht unbegrenzte Mittel zur
zu einer Konstante menschlichen Seins Verfügung stehen, um bestimmte Ziele
umgedeutet, die wir nur unter Preisgabe erreichen zu können. Er postuliert, der
unserer Existenz aufgeben könnten. Er Kapitalismus sei jenes System, das dieses
sei zu unserem Schicksal geworden, Problem am besten zu lösen vermöge.
glaubt auch Roger de Weck. Antikapita- Würde dies zutreffen, dann könnten wir
listen stünden heute «in der grossen uns das Nachdenken über Alternativen
Verlegenheit, das System zu kritisieren, tatsächlich sparen. Die Wirklichkeit
aber kein eigenes zu haben».2 Die Frage, spricht aber eine andere Sprache.
mit deren Antwort sich der Publizist ab¬
müht, lautet deshalb explizit: «Gibt es Wahlverwandtschaft oder Identität?
einen anderen Kapitalismus?» - denn Walter Benjamin (1892 - 1940) war ein
etwas anderes als ihn kann es gar nicht höchst eigenständiger Denker, der die
Blick in die Neu Yorker
geben. Auch der Marxist Walter Benja¬ Verflachung des Marxismus zu einem
Börse
min sei wohl eher «an einer anderen Konzept des technokratisch organisier¬
ten «Fortschritts» kritisierte. So setzte er
sich lange vor der ökologischen Bewe¬
gung mit einem vulgärmarxistischen
Verständnis von Naturbeherrschung
auseinander, das die Rückwirkungen
der Ausbeutung der Natur auf die Ge¬
sellschaftvollkommen ausblendet. Ben¬
jamin hatte einen guten Blick für das
von den linken Intellektuellen seiner
Zeit kaum Beachtete, am Rande Liegen¬
de. Dazu gehörte auch die Religion. Er
befasste sich intensiv mit dem jüdischen
Messianismus - dem Hoffen auf das
Kommen des Erlösers und darauf, dass
¥ *>* \ sich «die Erlösung in die geschichtliche

Wt^
Wirklichkeit umsetzt».4 Davon zeugt
auch einer seiner letzten Texte, die 1940
entstandenen Thesen «Über den Begriff
der Geschichte». Gegenüber dem bür¬
gerlichen Geschichtsbild des faktisch
Gewordenen wie auch einem vermeint
lieh revolutionären Verständnis der Ge¬
schichte als einer unaufhaltsamen Auf¬
wärtsentwicklung setzt er auf die von
einer «schwache(n) messianische(n)
Kraft» inspirierte Möglichkeit, «das
Kontinuum der Geschichte aufzuspren-

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