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POLITIK 7. Oktober 2010 DIE ZEIT N o 41 3 Wer hält länger durch? Stuttgart,
POLITIK
7. Oktober 2010
DIE ZEIT N o 41 3
Wer hält länger durch?
Stuttgart,
Schlossgarten,
am vergangenen
Donnerstag.
Wasserwerfer
zielen auf
Demonstranten
Foto: Michael Dalder/
Reuters

Der Protest gegen Stuttgart 21 spaltet Familien, Freunde und Paare. Die Politik findet kein Mittel, um zu schlichten. Worum es bei dem Streit eigentlich geht, ist nicht mehr so wichtig

VON THOMAS E. SCHMIDT

S M iteinander reden geht nicht mehr. Es ist Freitagabend, durch die Stuttgarter Innen- stadt ziehen Zehntausende Demonstranten, und ein Ladenbesitzer sucht mit sei- nem Auto einen Weg durchs

Getümmel. Da springt eine Frau auf die Fahrbahn und zwingt ihn zum Anhalten. Vom Gehweg her schreit ein junger Mann: »Mach dein Fenster runter, ich will mit dir über den Bahnhof diskutieren!« Der Fahrer öffnet das Fenster, brüllt zurück: »Hol dein Mädchen von der Straße, sonst hau ich dir so eins in die Fresse, dass du mit deinen Zähnen im Arsch Kla- vier spielen kannst.« Das Ganze auf gut Schwäbisch, versteht sich. Die Frau zu ihrem Freund: »Lass den, der ist wahnsinnig.« Dass in Stuttgart inzwischen die Nerven blank liegen, wäre eine glatte Untertreibung. Die Protest- routine zieht das tägliche Leben in Mitleidenschaft, Krankenschwestern beklagen sich, dass sie morgens nicht mehr pünktlich zur Schicht kommen, weil Hitzköpfe wieder die Gleise blockiert haben; müde Angestellte sitzen abends stundenlang in Vorortzü- gen fest. Danach geht es auch mit dem Auto nicht weiter. Die Parkwächter, eine der Widerstandsgrup- pen gegen das Bahnhofsprojekt, laden die Land- frauen zu Kaffee und Kuchen ein, bevor die nächste Demo losgeht. Der Protest gegen Stuttgart 21 ist dem einen Event, dem anderen eine Pest geworden. Der Schlossgarten neben dem Bahnhof, wo Bag- ger vergangene Woche die ersten Bäume nieder- machten, ist nach dem Einsatz der Wasserwerfer ein Acker aus Schlamm. Die Baustelle wird von einem Stahlzaun geschützt, oben zur Außenseite abge- knickt, sodass keiner drüberklettern kann. Im Bahnhof wird der Zugang zu den Gleisen kontrol- liert; hinein darf nur, wer eine Fahrkarte hat. Der Landtag ist von der Polizei abgeriegelt worden. Wichtiger noch als das Sichtbare aber ist die ver- änderte Stimmung in der Stadt: die Wut der Bürger auf die Bürger. Es hat sich etwas verschoben in Stuttgart, und nicht erst seit dem vergangenen Donnerstag, als die Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen demonstrierende Schüler und Rentner vorging. Auch bei den Befürwortern des Bahnhofsneubaus ist der Zorn gewachsen. Blockierte Straßen, Verspä- tungen auf dem Weg zur Arbeit, lange Umwege:

Für viele Bürger sind die Proteste ein Angriff auf das Strukturierte, das Ordentliche. So etwas tut man nicht: Man lässt als Lehrer seine Schüler nicht wäh- rend der Schulzeit demonstrieren; man verlässt als Demonstrant nicht den genehmigten Protestweg, um direkt an der Baustelle zu landen; man wirft nichts auf Polizisten, auch wenn es nur Kastanien sind. »Ganz viele Leute ballen die Faust in der Ta- sche zusammen«, sagt ein honoriger Stuttgarter, »da bereitet sich Bürgerkriegsstimmung vor.« In den vergangenen Wochen war vom »Aufstand der Bürger« die Rede, von der Rebellion gegen die Politiker, gegen die Mächtigen im Land und im Bund. Nun aber stehen Bürger gegen Bürger – nur dass die einen auf der Straße marschieren und die anderen noch in ihren Wohnungen oder Läden bleiben. Die Auseinandersetzung trennt Familien, Freunde und Paare – in allen Milieus. Und die Poli- tik findet noch immer kein Mittel, den Konflikt wirklich zu schlichten. Das liegt auch daran, dass es inzwischen um den Protest an sich geht – nicht mehr um Zahlen, Fak- ten, Argumente. Der Protest selbst ist das Zentrum der Auseinandersetzung geworden. »Die konkreten Details interessieren doch längst keinen mehr«, sagt ein Demonstrant, der von Anfang an dabei ist. Es geht jetzt um die Machtprobe: Wer hält länger durch? Die Projektgegner, die nicht wissen, ob sie ihren Druck aufrechterhalten können, wenn der

Winter kommt, wenn keine Bäume mehr gefällt werden und der Südflügel des Bahnhofs vorerst nicht abgerissen wird? Oder die Landesregierung? Abseits des friedfertigen Charakters des Protestes haben sich unter allen Beteiligten und Betroffenen längst Ge- fühle aufgeschaukelt, die nicht mehr nur grundgut sind. Zorn und Verbitterung sind eigentlich Aus- nahmegemütslagen der urbanen Mittelklassen, in- zwischen aber auf Dauer gestellt, was kein Gemein- wesen lange aushält. Das Diskursive, die gepflegte Art der Auseinan- dersetzung, hier ist sie vorerst ans Ende ihrer Mög- lichkeiten gelangt. Vermutlich kann man nicht ganz genau erklären, wieso gerade ein Bahnprojekt zu solchen Aufwallungen führte. Sicher lag es am Wortbruch des Oberbürgermeisters, der 2007 eine Bürgerbefragung versprochen hatte. Aber es lag auch an der Undurchsichtigkeit des Verfahrens, an den Informationsblockaden der Bahn, ihren schwer nachvollziehbaren Rechnungen, an der zeitlichen Streckung der Genehmigungen von Kommune und Land. Das Vertragswerk ist, juristisch betrachtet, in Ordnung, aber die Leute haben Zweifel, ob die Ge- schäftsgrundlage stimmt, auf der es abgeschlossen wurde. Diese Zweifel kann auch die Landesregie- rung nicht mit Gesprächsangeboten ausräumen, selbst wenn Ministerpräsident Stefan Mappus sich neuerdings bemüht, versöhnlicher aufzutreten. Am liebsten würde er die Grünen zu Gesprächen über- reden, in der Hoffnung, diese würden schließlich das gesamte Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 mit an den Tisch bringen. Stefan Mappus könnte der erste Ministerprä- sident Baden-Württembergs sein, der nicht vom Volk ins Amt gewählt, dafür aber vom Volk ganz schnell abgewählt wurde. Erst im Februar war er Günther Oettinger gefolgt. Jetzt ist er entschlossen, seine Wähler genau mit diesem Bahnhofsprojekt zu mobilisieren, er will für Verlässlichkeit stehen, für Fortschritt und Effizienz, für Planungssicherheit der öffentlichen Hand und für Politikfähigkeit. Das zentrale Argument: Sonst werde in Deutschland gar nichts mehr gebaut. Sein neuer Medienberater Dirk Metz, früherer Sprecher von Roland Koch und des- sen Vertrauter auch in Zeiten härtesten Gegen- winds, sagt klipp und klar: »Wer dafür ist, der weiß jetzt, an wem er sich festhalten kann, und wer da- gegen ist, auch.«

»Wer dafür ist, der weiß jetzt, an wem er sich festhalten kann«

Das ist der neue Ton. Tanja Gönner – als Umwelt- und Verkehrsministerin hat sie die Oberaufsicht über das Projekt – formuliert es ähnlich: »Diejeni- gen, die dafür sind, werden zu uns kommen, die da- gegen sind, werden zu den Grünen tendieren.« Aber sind denn jene, denen die Proteste auf die Nerven gehen, tatsächlich schon Projektunterstützer? Und werden alle Befürworter tatsächlich CDU wählen, auch nach den Polizeieinsätzen? Gönner sagt: »Ich stelle bei unseren Mitgliedern fest, dass sie in gewis- ser Weise auch dankbar sind für die klare Position, weil die Fronten wieder geklärt sind.« Kann sein, dass das in der Partei so ist, aber dass es auch fürs konservativ getönte Wahlvolk gilt, bleibt vorerst nur eine Behauptung. Viele Wähler hat die CDU in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr- zehnt an das Lager der Nichtwähler verloren, weil sie unzufrieden waren mit dem Stillstand der späten Regierungsjahre Erwin Teufels. Oder mit dem irr- lichternden Ministerpräsidenten Günther Oettinger. Oder weil sie meinten, für den Wohlstand im Land sei am Ende doch nicht die Regierung verantwort- lich, sondern die Wirtschaft in der Region. Mappus galt als Ziehkind von Teufel, als der kommende Mann im Land, als Instinktpolitiker. Und dann be- setzt dieser Instinktpolitiker, der sich jahrelang auf das Spitzenamt vorbereitet hat, ausgerechnet zwei

Themen, die die Bevölkerung spalten: längere AKW- Laufzeiten und Stuttgart 21. Man muss sich den Protest gegen Stuttgart 21 wie einen Hefeteig vorstellen, der über die Monate immer weiter aufging. Die einen bestaunten ihn, die anderen ekelte es, die dritten labten sich an seinem Geruch. Jetzt füllt der Teig beinahe die ganze landes- politische Küche aus. Die Grünen haben inzwischen die größte Angst davor, die Küche hinterher sauber machen zu müssen. In den Umfragen liegen sie der- zeit vor der SPD, eine Regierungsbeteiligung ist also wahrscheinlich. Ihr Fraktionschef und Spitzenkan- didat Winfried Kretschmann meint: »Stuttgart 21 könnte die Landespolitik in ein jahrelanges Desaster bringen, wenn es nicht beendet wird.«

Die Grünen träumen davon, erstmals einen Ministerpräsidenten zu stellen

Das ist richtig, aber würden die Grünen, wenn sie erst einmal regierten, das Projekt beenden? Ihr Wahlprogramm wird die Aussage »Ausstieg um je- den Preis« nicht enthalten. Als er das Gespräch mit dem Ministerpräsidenten suchte, wurde Kretsch- mann bereits als »Verräter« tituliert. Er weiß auch, dass ein wonniger Umfragesommer manchmal nur kurz währt und dass eine Partei in Regierungsver- antwortung rasch klein und hässlich aussehen kann. Das Rückschlagspotenzial sieht er sehr klar: »Wir gehen nicht zurück in den Habitus einer Protest- partei. Aber weil wir eine solche gewesen sind, ha- ben wir die Kompetenz, neue Formate der Bürger- beteiligung zu entwickeln. Wir wollen den Protest gestalten, sonst zieht uns das auf den reinen Protest- plafond zurück.« Damit sind die Fronten für den Wahlkampf klar. Die Grünen werden eine Modernisierungsper- spektive für Baden-Württemberg präsentieren, die den Bürgern mehr politische Partizipation ver- spricht. Die CDU dagegen wird ihre ganz alten Tugenden herausstreichen: Durchsetzungskraft und Wohlstandssicherung durch Infrastruktur-Groß- projekte. Eine Mehrheit vermuten beide hinter sich. Die SPD wird ihre Position inmitten der ver- fahrenen Lage erst noch verständlich machen müs- sen: Erst war sie vorbehaltlos für Stuttgart 21, nun wirbt sie für einen Baustopp mit anschließendem Volksentscheid. Nach Schwarz-Grün sieht es nicht mehr aus, und der SPD-Landesvorsitzende Nils Schmid hat seine Partei von einer lange für wahrscheinlich ge- haltenen Großen Koalition weggeführt in Richtung eines Lagerwahlkampfs für Rot-Grün. Aber das würde heute eher Grün-Rot werden, und Kretsch- mann lässt keine Zweifel aufkommen, wer in einer solchen Konstellation Koch und wer Kellner wäre. Die Oppositionsparteien misstrauen einander in Baden-Württemberg. Erbt eine solche Koalition das Bahnhofsprojekt, wird es ganz kompliziert. Die verfahrene Lage hat den Ruf nach einem Volksentscheid verstärkt. Vor einigen Wochen schlug Nils Schmid einen solchen vor, was von seiner Partei in Berlin enthusiastisch aufgegriffen wurde. Doch wer genau ist denn das Volk? Die Stuttgarter, die durch den Bahnhof am meisten betroffen sind – oder alle baden-württembergischen Landeskinder? Das Volk im Land könnte ohnehin nur über einen Rückzug der Landesmittel abstimmen, die wären ersetzbar. Und der Weg dorthin wäre verfassungs- rechtlich steinig. Die Regierung müsste im Par- lament einen Augenblick lang so tun, als wollte sie das Projekt nicht mehr, woraufhin der Landtag ein Gesetz beschließen würde, welches den bindenden Volksentscheid vorschreibt. Das ist sehr dialektisch, und ob sich einer der Partner anschließend tatsächlich aus dem Vertrags- werk davonstehlen könnte, bleibt auch ungeklärt. Die Kosten eines Ausstiegs müssten genau beziffert werden. Die Regierung müsste mit dem Klammer-

beutel gepudert sein, diesen Vorschlag aufzugreifen. Die klare, einfache Lösung mit einer neuen Legi- timitätsgrundlage gibt es nicht mehr. So wirft der Teig weiter Blasen. Die landespoliti- sche Lebenslüge in Baden-Württemberg besteht da- rin, dass alle Parteien mit dem Konflikt ganz gut lebten, weil sie mit ihm Unterschiede markieren konnten, die ansonsten auf den Feldern der Wirt- schafts- oder Bildungspolitik kaum wahrnehmbar sind. Vor den politischen Folgen haben sie allerdings einen Heidenrespekt. Die Grünen fürchten sich vor dem Glaubwürdigkeitsverlust in einer an Verträge gebundenen Regierung, die CDU hat Angst vor den unschönen Bildern einer weiteren Eskalation. Eine Exit-Strategie, die mehr wäre als wohlmeinende Rhetorik, hat niemand. So ist denn auch das Eingreifen der Kanzlerin, also die Überhöhung der kommenden Landtags- wahlen zur »Volksabstimmung« über Stuttgart 21 und generell über die Innovationsfähigkeit Deutschlands, zu einem Teil des Problems gewor- den. Hätte Merkel einen Ausweg weisen wollen, hätte sie in der Haushaltsdebatte im Bundestag nur in Aussicht stellen müssen, der Bund würde entstehende Mehrkosten des Projektes überneh- men – und alles wäre wieder in Bewegung gekom- men. Noch ist die kippelige Finanzierung das Hauptargument der Gegner. Mit dem Bund als Garant hätte der Widerstand zumindest seinen politischen Rückhalt verloren. Stattdessen band Angela Merkel ihren neuen Regierungsstil der Ent- schlossenheit an ein Großprojekt, das längst den Stempel der Unversöhnlichkeit trägt. Nun ist die Realisierung des Vorhabens in der be- schlossenen Form nicht weniger als ein Versprechen an die CDU-Anhänger. Jetzt hängt sogar die Identi- tät der Union ein Stück weit an Stuttgart 21. Und Merkel legte sogar nach. Vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie sagte sie vorvergangene Woche: »Wenn dieses Projekt nicht realisiert würde, würde das dazu führen, dass wir als nicht mehr ver- lässlich gelten. Wenn ich als Bundeskanzlerin dann auf europäischer Ebene sage: ›Weil bei uns so viel protestiert wurde, können wir leider das, was wir versprochen haben, nicht mehr einhalten‹, dann kommt morgen mein griechischer Kollege und sagt:

›Weil bei uns so viel protestiert wurde, kann ich die Stabilitätskultur nicht mehr einhalten.‹« Ragt die Bedeutung des unterirdischen Bahnhofs nun bis ins Europäische hinauf, gibt es für die CDU wirklich nur noch eines: Augen zu und durch. Im Landtagswahlkampf, der längst begonnen hat, geht es um Machterhalt oder historischen Machtwechsel. Seit 57 Jahren stellt die CDU in Ba- den-Württemberg den Regierungschef. Die Schlacht- gesänge der Grünen klingen hell. Ihr erster eigener Ministerpräsident – das wäre schon was. Alte Käm- pen wie Rezzo Schlauch freuen sich, und auch Joschka Fischer, in der Nähe von Stuttgart auf- gewachsen, wird sicher noch einmal gebeten. Im Südwesten erlebt man derzeit politische Neoklassik, zwei altvertraute Versionen der Bundesrepublik ste- hen gegeneinander: Staatsautorität gegen Bürger- protest, Technikfortschritt gegen Öko-Biedermeier. Das Ganze wird flankiert durch die Anti-Atomkraft- Demos im ganzen Land. Deutschland spielt die Achtziger nach, dabei wissen alle, dass die Wirklich- keit komplizierter geworden ist. Über den matschigen Rasen im Stuttgarter Schlosspark stapft ein junger Mann mit Rastalocken. Er ruft, man weiß nicht, ob zu den Eichhörnchen oder den Juchtenkäfern: »Sie bringen uns hier nicht weg! Das wird ein Indianerspiel!« Als ob es das nicht längst wäre.

Mitarbeit: MARC BROST

Als ob es das nicht längst wäre. Mitarbeit: MARC BROST Die aktuelle Entwicklung im Streit um

Die aktuelle Entwicklung im Streit um den Bahnhofsneubau unter www.zeit.de/stuttgart21