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FEUILLETON 7.

Oktober 2010 DIE ZEIT No 41 51


an muss sich in diesen Ta-

M
»Hänsel und Gretel«
gen nur an die Fersen des Thea- die Abgrün-
in Hamburg
terregisseurs Volker Lösch heften de des Strafvollzugs.
und gerät unweigerlich in den Lösch hat für Stuttgart den
Mittelpunkt bedeutender Kon- Schwabenstreich erfunden, eine Aktion,
flikte. Am vorvergangenen Samstag etwa stand die darauf beruht, dass jeden Abend Punkt 19
Lösch vor Hunderten Zuschauern auf der Bühne Uhr die Stuttgarter ihre Fenster öffnen sollen und
des Hamburger Schauspielhauses und protestier- mit Lärm gegen die S-21-Politik demonstrieren.
te gegen die Kürzungen, die der Hamburger Es gab so eine ähnliche Szene auch mal in einem Demonstra-
Kultursenator Stuth diesem Haus, dem größten Hollywoodfilm, in Network von Sidney Lumet: Zu tion der Macht,
deutschen Sprechtheater, jäh und unerklärt ver- einer bestimmten Zeit traten auf Weisung eines TV- im ersten gesetzlich
ordnet: 1,2 Millionen Euro, die Hälfte des künst- Stars alle Bürger an ihre Fenster und brüllten hinaus: erlaubten Moment mit
lerischen Etats. Eine solche Kürzung bedroht »Wir lassen uns das nicht mehr gefallen. Ihr könnt dem Baumfällen angefangen
zwei Spielstätten und die künstlerische Potenz uns alle am Arsch lecken!« Diese Energie spürt man (in der ersten Stunde des 1. Ok-
des ganzen Hauses. Er könne sich an keine Zeit nun auch in Stuttgart, immer um 19 Uhr. tober). Zu Beginn dieser ersten Stun-
erinnern, sagte Lösch, in der ein Sparbeschluss Und während in den Theatern zum Beginn der de hatte es so ausgesehen, als würde der
jemals so radikal durchgezogen worden sei. Er sei Herbstsaison in vielen Stücken die trostlose Ver- Abriss der Bäume durch ein klassisches (ko-
Oberspielleiter am Schauspielhaus Stuttgart, sag- einzelung des Individuums beklagt wird (»Ich er- misches) Theaterelement gestoppt, durch einen
te er den Hamburger Zuschauern, und einen warte ein Kind von mir; ich bin eine einsame Frau«, Deus ex Machina: Kurz nach Mitternacht macht
solchen Umgang mit Kultur sei man in Baden- heißt es im neuen Stück von René Pollesch, Drei das Gerücht die Runde, die Abholzung der Bäume
Württemberg nicht gewohnt. Western), stürmen sie in Stuttgart in ungeahnten sei bis mindestens 6. Oktober aufgeschoben, die
Sechs Tage später und 600 Kilometer südlich Massen jene Bühne, in welche sich die ganze Stadt Aktion verstoße gegen den Artenschutz und be- dern
von Hamburg stand Volker Lösch dann wieder vor verwandelt hat. drohe den in den Bäumen lebenden Juchtenkäfer. die
einer Menschenmenge und hielt eine Rede. Aller- Längst sind alle Demonstranten auch Mitglieder Am Abend nach der Abholzung kam es dann zur Dreh-
dings war diese Menge viel größer, 50 000 Men- eines großen Volkstheater-Ensembles, Menschen größten Demonstration, die der S-21-Widerstand arbeiten zur
schen seien es gewesen, sagte die Polizei, von von einer nicht großstädtischen, sondern eher bäu- bisher gesehen hat. 100 000 Leute sollen es gewesen Verfilmung
100 000 Menschen sprachen die Veranstalter der erlich-zähen Hartnäckigkeit (von einer »neuen sein. Sie demonstrierten zornig, aber friedlich. Mit- eines Stücks.
Kundgebung. Lösch befand sich im Herzen Baden- Dimension« des Widerstands spricht auch die Po- ten aus dem Gewimmel im Tal steige ich am Frei- Film bedeutet
Württembergs, im Stuttgarter Schlossgarten, es war lizei), die längst begriffen haben, dass sie überregio- tagabend hinauf zum Stuttgarter Staatstheater (die ja eigentlich die
der Tag nach dem rabiaten Polizeieinsatz und der nal gesehen werden, dass sie etwas darstellen, das Hauptspielstätte, das Kleine Haus, wird von Grund Montage von vielen
Baumabholzung im Park, und Lösch protestierte über ihre Einzelexistenz hinausgeht; sie sind dabei, auf renoviert und sieht aus wie ein betonüberdach- Einzelmomenten und
wieder, auf einer der größten Kundgebungen, die eine Marke zu setzen, einem bestimmten Verhalten ter Krater; deshalb spielt das Staatsschauspiel ein Tätigkeiten zu einer gro-
Stuttgart je erlebt hat – nun gegen die Regierungs- ihren Namen einzuprägen; schon reden die Men- Jahr lang in einer Übergangsspielstätte: Es riecht ßen fließenden Bewegung.
politik und gegen die staatliche Brutalität, mit der schen in anderen Städten über umstrittene Projekte, dort nach Gummi und Abgasen, denn es ist eine Mitchell nun zerlegt die gro-
ehemalige Stuttgarter Mercedes-Niederlassung). ße Bewegung wieder in ihre
Dort gibt es den neuen Pollesch, Harald Schmidt Einzelschritte.
spielt mit und die ganze wieselflinke Stuttgarter An der Berliner Schaubühne
Pollesch-Diskursfingierungsfamilie, und dort, so hat sie Strindbergs Fräulein Julie »Fräulein Julie« in Berlin
hoffe ich, findet sich ein wenig erklärende Theorie inszeniert, eine Dreiecksgeschichte mit Jule Böwe
zu der Kommunikationskatastrophe, die sich unten zwischen einem Stallknecht, der
im Tal abspielt. Magd, die mit ihm verlobt ist, und

Spiele Jedoch, auch hier oben, im Theater, erlebt man


ein ständiges Sichverhören, -verfehlen, -missver-
stehen. Das Stück heißt Drei Western, und es beginnt
damit, dass Harald Schmidt einen Regisseur spielt,
der sich dafür gerüstet hatte, Drei Schwestern von
einem adligen Fräulein, das ihn ver-
führt. Die Regie zeigt den Vorgang ganz
aus Sicht der Magd, welche da betrogen
wird. Jedoch, worum es geht, ist fast ne-
bensächlich. Was hier zählt, ist die Sub-

im Tschechow zu inszenieren, es ist aber das »Sch« ver-


loren gegangen, weshalb man sich nun in einem aus
Holz gezimmerten Saloon befindet und nicht in
der russischen Provinz: Das hatte ihm, Schmidt,
keiner gesagt!
handlung, die Dreharbeit: Kameraleute,
Geräuschemacher, Filmmusiker, Beleuch-
ter, Tonmeister, die über die Bühne huschen
mit einer Feierlichkeit, wie sie niedere Geist-
liche beim Vorbereiten einer sakralen Zere-

Sturm
Bei Pollesch zeichnet sich die Moderne vor allem monie haben.
dadurch aus, dass keiner den anderen hört, dass kein Man sieht, wie die Magd an einem Tisch steht
Versprechen gehalten und keine Frage beantwortet und Wasser in eine Schüssel gießt: für die Ganz-
wird und dass kein Zusammenhang den Abgrund körperaufnahme. Ein paar Meter entfernt steht
zwischen zwei Dialogsätzen überlebt. Jeder vertritt eine Doppelgängerin vor einer Kamera und gießt
seine Sache mit dem Angeberschub des geborenen aus einer anderen Kanne Wasser in eine andere
Ein heißer �eaterherbst hat Siegers, aber es ist eine Sache, die sich im nächsten Schüssel: für die Großaufnahme der Hände. Wie-
begonnen: In Stuttgart Moment in Luft auflöst. Für alle, die nie einen der an einem anderen Ort steht die Geräuschema-
Pollesch-Abend gesehen haben: Man muss sich nur cherin und gießt ihrerseits Wasser in eine Schüssel:
beherrscht er die Stadt, in Groucho Marx vorstellen, wie er ins Restaurant für die Tonspur.
Hamburg erfasst er die stürmt mit den Worten »Herr Ober, gleich die Rech- Ereignisse, die in entlegenen Winkeln der
nung, ich habe heute keine Zeit zu essen«, dann weiß Bühne hergestellt werden, fließen hier zur Szene
Kulturszene VON PETER KÜMMEL man, wie bei Pollesch gesprochen wird. zusammen. Der Theaterraum ist eine Manu-
Immerhin, es fallen große Sätze, die für Stuttgart faktur zur Herstellung und Zerlegung des Film-
wie gemacht sind. »Nicht jeder, der gerade mal momentes.
nichts sagt, ist in eine Pantomime verwickelt«, heißt Jedes falsche Lebenszeichen wird bis zu seiner
Stuttgart-21-Protest im Schlossgarten
es an einer Stelle, und dieses Wort bezeichnet Quelle zurückverfolgt. Mit einem seidigen Stück
trefflich das Wirken des Stuttgarter Oberbürger- Stoff stellt die Geräuschemacherin die Laute ei-
meisters Schuster. ner Schreitenden her, deren Gewand sich im
Ein anderer großer Satz, der mir im Ohr bleibt, Schrittrhythmus malmend bauscht und rafft,
Gegner des Großprojektes Stuttgart 21 aus dem indem sie diese mit einem »21«-Label behängen. als ich das Theater wieder verlasse, lautet: »Es liegt und man glaubt, jeden Faltenwurf zu hören.
Weg gespült worden waren unter Einsatz von Was- Man hört in der Menge alle möglichen Dialekte, nichts in der Luft. Kein Text über uns, der uns Hier ist immer gleichzeitig Erschaffung und
serwerfern und Reizgas. es kommen Leute von überall her, es sind viele Äl- verbindet.« Dekonstruktion im Gang, und den drei Schau-
In Hamburg hatten am Schluss der Vorstellung tere darunter, die nie zuvor demonstriert haben, die Mit diesem Satz steige ich zurück ins Tal, wo spielern stehen eine Vielzahl an dunkel geklei-
Dutzende von Schauspielern die Bühne besetzt und Proteste haben den Charakter von euphorischen immer noch der riesige Demonstrationszug un- deten dienstbaren Geistern gegenüber, die hart
gerufen: »Wir sind das Schauspielhaus – Sie auch!«, Wutfestspielen angenommen, musikalisch und terwegs ist. Aber Moment. Kein Text über uns, arbeiten für die Gewinnung, Verdichtung und
und sie hatten ins Publikum gedeutet. In Stuttgart stimmungsvoll geradezu in ihren friedlichen Mo- der uns verbindet? Oh doch. Es liegt ein Text in der Aufbewahrung eines einzigen reinen Film-
nun, sechs Tage später, riefen Zehntausende Men- menten, schäumend antikisch in ihren heftigsten Luft, der von Verschwörung und Intrige spricht: augenblicks.
schen im Chor: »Wir sind Stuttgart!« Phasen: Als am vergangenen Freitag früh gegen ein »Lügenpack!« und »Mappus weg!« brüllen im Chor Wir lernen, welch große unbewusste Er-
Dass Volker Lösch bei beiden Zorneskund- Uhr die ersten Bäume vom Bagger gepackt und in jene Demonstranten, die den Stuttgarter Landtag gänzungsarbeit wir leisten, wenn wir Filme
gebungen dabei war, ist wohl ein Indiz für etwas, Sekunden umgerissen werden, sind noch Tausende passieren. sehen. Und wir sehen, wie viel Geheimes
das die Soziologen schon länger beobachten: die Menschen da, es geht ein Empörungsheulen durch Seltsam, wie glücklich viele Individuen an diesem geschieht im Schatten eines einzigen
Theatralisierung politischer Vorgänge. Dafür die Menge, wie ich es noch nicht gehört habe, viele Abend darüber sind, im gesamtstädtischen Thea- »öffentlichen« Bildes.
spricht auch die Popularität des Schauspielers Wal- Frauen weinen, manche raufen sich die Haare. terspiel namens Volkszorn eine Rolle als Klein- und Kurz gesagt: Den Bildern ist nicht
ter Sittler, der zum Sprecher, zum Gesicht der Anti- Die »Macht« hat in diesen beiden Tagen, dem Wutdarsteller zu haben. Es gibt in der Menge offen- zu trauen. Man muss dabei sein, wenn
Stuttgart-21-Bewegung geworden ist: Würdevoll 30. September und dem 1. Oktober, geradezu exem- bar das tief sitzende Gefühl, das Richtige zu tun. Ein sie entstehen!
und doch jovial geht er durch die protestierende plarisch alles getan, um als das blindwütig Böse zu Bericht aus dem stern ist in aller Munde, darin ist Als ich die Berliner Schaubüh-
Menge, hochaufgerichtet wie Henry Fonda als erscheinen. Kein Verantwortlicher zeigte sich am von unzähligen Fehlplanungen, Pfuschleistungen, ne verließ, blickte ich mich un- »Drei Western« in Stuttgart mit
Young Mister Lincoln, ein Mann, der, wie es in Schauplatz (auch nicht in all den Wochen zuvor), Hinterbühnenkämpfen und Unwägbarkeiten im ruhig um: Volker Lösch war Harald Schmidt (Mitte)
Stuttgart heißt, sofort Bürgermeister werden wür- nicht der bullig-verbindliche Landesvater Mappus, Zusammenhang mit S 21 die Rede. Dass der baden- nirgendwo zu sehen. Wo war
de, wenn er sich nur, etwa als Kandidat der Grünen, nicht der gespensterhafte, nur noch als Gerücht württembergische Innenminister Rech an diesem er nur? Nicht in Berlin!
zur Wahl stellte. existente, sich in seiner eigenen Stadt offenbar Tag sagt, demonstrierende Kinder seien von ihren Welchen Brandherd um-
Doch noch einmal zurück zu Volker Lösch: restlos auflösende Oberbürgermeister Schuster, Müttern und Vätern »instrumentalisiert« und »in kreiste er gerade? Ich
Diesem Regisseur ist Theater ein Mittel zum Zweck, nicht der Bahnchef Grube. Im Gegenteil: Immer die vorderste Linie« der Demonstration gebracht hatte das deutliche Ge-
Fotos (Ausschnitte): Bernd Weiflbrod/picture-alliance/dpa (l.); A.T. Schaefer; Stephen Cummiskey; Cecilia Gläsker (v.o.n.u.)

und der oberste Zweck ist: Erzeugung von Rage wenn es in Stuttgart ernst wird, genehmigen sich worden, erbittert viele. So dumm-rabiat ist in Baden- fühl, am falschen Ort
über »die Verhältnisse«. Er holt Laien aus sogenann- die Verantwortlichen, als befänden wir uns in einem Württemberg noch nie gegen die Einwohner einer zu sein.
ten städtischen Problemgebieten auf die Bühne, Stück von Horváth, einen Schluck und werden Stadt vorgegangen worden, aber der Innenminister
stellt sie ins Licht und stellt sie aus und lässt sie in luschtig: Als vor Wochen der Abriss des nördlichen deutet das alles als Angriffsverteidigung der Staats-
Sprechchören aus ihrem Alltag berichten. So tat er Bahnhofsflügels begann, saß Oberbürgermeister macht. Und etliche Kommentatoren, die nicht
es nun am Hamburger Schauspielhaus in seinem Schuster abgeschirmt im Alten Schloss und eröffnete dabei gewesen sind, schließen sich dieser Meinung www.zeit.de/
audio
jüngsten Stück Hänsel und Gretel gehen Mümmel- das Stuttgarter Weindorf; als nun das Fällen der an (man lese nur die Welt). Es geht also jetzt um die
mannsberg. Es geht um die »Schere« zwischen Armut Parkbäume im Schlossgarten vorbereitet wurde, saß Deutung der Bilder.
und Reichtum in Hamburg, und der Regisseur der Ministerpräsident Mappus auf dem Volksfest Wer erfahren möchte, dass den Bildern niemals
Volker Lösch hat Schulkinder, darunter viele Mi- beim Bier. zu trauen ist, dass man dabei sein muss, wenn etwas
grantenkinder, mit professionellen Schauspielern Am Ort des Geschehens aber wurde die Macht geschieht, und dass man selbst dann nicht sicher sein
zusammengebracht, die alle zusammen das Märchen repräsentiert von: Baggern, Wasserwerfern, einge- kann, was man gesehen hat, der muss wieder mal
von den Kindern spielen, die von den Eltern (der rüsteten Polizisten. In dieser verhältnismäßig kleinen ins Theater, ins echte. Er sollte sich eine Insze-
»Gesellschaft«) im Wald ausgesetzt werden. Die Stadt hatte die Verantwortung kein Gesicht und nierung der Engländerin Katie Mitchell an-
reiche Mitte der Stadt begegnet ihrer Peripherie – keinen Kopf. sehen.
das ist ein Effekt, wie ihn im Theater derzeit so nur Man hat Schüler, Teilnehmer einer angemeldeten Mitchells Inszenierungen sind
Lösch setzen kann. Schülerdemonstration, mit Wasserwerfern umge- mühsame, feierliche Handlungen,
Lösch kann mit dem rätselhaften Einzelmen- blasen, als sie ein Polizeiauto erkletterten. Man hat die keinen anderen Zweck
schen nichts anfangen, wohl aber mit dem Men- mit Wasserwerfern und Pfefferspray im Herzen der haben als den der Her-
schen als klarem Fall, dem Menschen im Plural – in Stadt auch alteingesessene Stuttgarter Bürger atta- stellung von Filmbil-
der Konfrontation von Tätern und Opfern (oder: ckiert, welche keinerlei Anstalten machten, die dern. Wir sehen
von Menschen auf gegenüberliegenden Schneiden Polizei zu behelligen, sondern die nur fassungslos da kein Stück,
der großen Schere). Jeder Einzelne gerät ihm auf der standen und mit ansahen, was geschah (wer anderes son-
Bühne zum Teil einer prekären Masse und zum behauptet: ich habe es gefilmt und fotografiert), man
Indiz für die Skandale, die sein Theater in den Blick sah anschließend in den Linienbussen der Stadt
nimmt: den wachsenden Reichtum weniger und die Leute, die buchstäblich wasserwerfernass
zunehmende Verarmung von vielen, die Gleichgül- waren.
tigkeit der Mittelschicht, die Chancenlosigkeit der Und: Man hat, auch
Immigrantenkinder, die Korruptheit der Politik, die das eine
Festungsideologie der Asylpolitik und

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