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4 U 109/17

Beschluss vom 08.08.2018

Leitsätze:

Dem Gerichtshof der Europäischen Union werden zur Auslegung des


Gemeinschaftsrechts gemäß Art. 267 Abs. 1 Buchst. b, Abs. 3 des Vertrags über die
Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) folgende Fragen vorgelegt:

1. Ist Art. 14 der Verordnung (EG) Nr. 593/2008 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 17. Juni 2008 über das auf vertragliche Schuldverhältnisse
anzuwendende Recht (Rom I-VO) auf die Drittwirkungen bei Mehrfachabtretung
anwendbar?

2. Sofern die erste Frage zu bejahen ist: Welchem Recht unterliegen in diesem Fall
die Drittwirkungen?

3. Sofern die erste Frage zu verneinen ist: Findet die Bestimmung entsprechende
Anwendung?

4. Sofern die dritte Frage zu bejahen ist: Welchem Recht unterliegen in diesem Fall
die Drittwirkungen?
4 U 109/17
4 O 119/16
LG Saarbrücken

Saarländisches Oberlandesgericht

BESCHLUSS

In dem Rechtsstreit

BGL B. P. S.A., vertreten durch den Vorstand,

Beklagte und Berufungsklägerin,

Prozessbevollmächtigte:
Rechtsanwälte

gegen

TB AG vertreten durch den Vorstand,


Klägerin und Berufungsbeklagte,

Prozessbevollmächtigte:
Kanzlei,
I. Das Verfahren wird ausgesetzt.

II. Dem Gerichtshof der Europäischen Union werden zur Auslegung


des Gemeinschaftsrechts gemäß Art. 267 Abs. 1 Buchst. b, Abs. 3
des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV)
folgende Fragen vorgelegt:

1. Ist Art. 14 der Verordnung (EG) Nr. 593/2008 des Europäischen


Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2008 über das auf
vertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht (Rom I-
VO) auf die Drittwirkungen bei Mehrfachabtretung anwendbar?

2. Sofern die erste Frage zu bejahen ist: Welchem Recht


unterliegen in diesem Fall die Drittwirkungen?

3. Sofern die erste Frage zu verneinen ist: Findet die Bestimmung


entsprechende Anwendung?

4. Sofern die dritte Frage zu bejahen ist: Welchem Recht


unterliegen in diesem Fall die Drittwirkungen?
Gründe

A.

Die klagende Bank mit Sitz in D. und die beklagte Bank mit Sitz in L. begehren
wechselseitig die Freigabe eines in Deutschland hinterlegten Geldbetrags.

Frau E. F. (fortan: Insolvenzschuldnerin), eine luxemburgische Staatsbürgerin


mit Wohnsitz in P. (Deutschland), hatte im Rahmen des mit der Klägerin
abgeschlossenen, deutschem Recht unterliegenden Darlehensvertrags vom 29. März
2011 über einen Nettokreditbetrag von 64.791,27 € den jeweils pfändbaren Teil ihrer
gegenwärtigen und künftigen Lohn- und Gehaltsforderungen, einschließlich
insbesondere der Pensionsansprüche, gegen ihren Arbeitgeber in L., an die Klägerin
abgetreten. Mit Datum vom 15. Juni 2011 schloss die Insolvenzschuldnerin einen
weiteren Darlehensvertrag mit der Beklagten über ein geliehenes Kapital von 26.000
€. Über die darin enthaltene Abtretung derselben Gehalts- und Pensionsansprüche
der Insolvenzschuldnerin wurde die zuständige luxemburgische von der Beklagten
am 20. September 2012 benachrichtigt. Durch Beschluss des Amtsgerichts
Saarbrücken vom 5. Februar 2014 wurde über das Vermögen der
Insolvenzschuldnerin das Insolvenzverfahren eröffnet und die bestellte Treuhänderin
zog vom Arbeitgeber der Insolvenzschuldnerin in L. pfändbare Gehaltsanteile bis
zum Ablauf des Abtretungszeitraums am 4. Februar 2016 in Höhe von 13.901,64 €
ein und hinterlegte diesen Betrag, da die Klägerin wegen einer Forderungssumme
von 71.091,54 € und die Beklagte wegen einer Forderungssumme von 31.942,95 €
Absonderungsrechte geltend machten, unter Berufung auf eine
Gläubigerunsicherheit beim Amtsgericht Merzig.

Mit Klage und Widerklage haben die Parteien beantragt, die jeweilige andere
Partei zur Freigabeerklärung in Bezug auf den hinterlegten Betrag von 13.901,64 €
nebst Hinterlegungszinsen zu verurteilen. Das Landgericht hat der Klage
stattgegeben und die Widerklage abgewiesen. Mit der Berufung verfolgt die Beklagte
ihr Begehren in vollem Umfang weiter und bittet hilfsweise um Zulassung der
Revision.

B.
Der Erfolg der Berufung hängt ab von der Anwendbarkeit und der Auslegung
des Art. 14 der Verordnung (EG) Nr. 593/2008 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 17. Juni 2008 über das auf vertragliche Schuldverhältnisse
anzuwendende Recht (Rom I-VO). Vor einer Entscheidung über das Rechtsmittel der
Beklagten ist deshalb das Verfahren auszusetzen und gemäß Art. 267 Abs. 1
Buchst. b, Abs. 2 AEUV eine Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europäischen
Union einzuholen.

I. Dabei bejaht der Senat die internationale Zuständigkeit deutscher Gerichte


im Streitfall auf Grund rügeloser Einlassung aus Art. 26 Abs. 1 Satz 1 der
Verordnung (EU) Nr. 1215/2012 des Europäischen Parlaments und des Rates vom
12. Dezember 2012 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und
Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen (Brüssel Ia-VO).
Weiter geht der Senat davon aus, dass die Forderungszuständigkeit hier nicht
insolvenzrechtlich nach der lex causae zu qualifizieren ist, weil keines der in Art. 4
Abs. 2 Satz 2 der Verordnung (EG) Nr. 1346/2000 des Rates vom 29. Mai 2000 über
Insolvenzverfahren (EuInsVO a. F.) genannten Beispiele gegeben ist und die
streitigen Ansprüche der Parteien nicht dem Insolvenzrecht zuzuordnen sind (vgl.
MünchKomm-InsO/Reinhart, 3. Aufl. Art. 4 EuInsVO Rn. 3).

II. Nach dem somit gemäß Art. 10 Abs. 4, 24 der Verordnung (EG) Nr.
864/2007 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Juli 2007 über das
auf außervertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht (Rom II-VO).
einschlägigen deutschen Sachrecht ist Grundlage eines mit Klage und Widerklage
wechselseitig erhobenen Anspruchs auf Zustimmung zur Auszahlung des
hinterlegten Betrages § 812 BGB Abs. 1 Satz 1 Fall 2 BGB. Die auf Kosten des
wirklichen Rechtsinhabers eingetretene grundlose Bereicherung des anderen
Prätendenten ergibt sich aus dessen Stellung als Hinterlegungsbeteiligter. Als
solcher hat er die Macht, die Auszahlung an den wirklich Berechtigten zu verhindern,
weil die Hinterlegungsstelle hierzu seiner Einwilligung bedarf (BGHZ 35, 165, 170;
109, 240, 244). Hinterlegt der Schuldner – hier: die Treuhänderin – den geschuldeten
Betrag zugunsten der streitenden Forderungsprätendenten (§ 372 Satz 2 BGB), so
ist für die Frage der Freigabepflicht entscheidend, wer im Verhältnis zum Schuldner
Inhaber der Forderung ist, zu deren Erfüllung der hinterlegte Betrag bestimmt ist.
Maßgeblich ist die Gläubigerstellung gegenüber dem hinterlegenden Schuldner. Auf
Rechtsbeziehungen zwischen den Forderungsprätendenten kommt es dagegen
grundsätzlich nicht an (BGH NJW-RR 1997, 495).

III. Die am 29. März 2011 vereinbarte Sicherungsabtretung des pfändbaren


Teils der Lohn- und Gehaltsforderungen und Pensionsansprüche der
Insolvenzschuldnerin an die Klägerin ist nach dem darauf anzuwendenden
deutschen Recht an sich wirksam (§ 398 BGB).

1. Gemäß Art. 14 Abs. 1 der Verordnung (EG) Nr. 593/2008 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2008 über das auf vertragliche
Schuldverhältnisse anzuwendende Recht (Rom I-VO) unterliegt das Verhältnis
zwischen Zedent und Zessionar aus der Übertragung einer Forderung gegen eine
andere Person („Schuldner“) dem Recht, das nach dieser Verordnung auf den
Vertrag zwischen Zedent und Zessionar anzuwenden ist. Dies ist nach Art. 6 Abs. 2
Satz 1 Rom I-VO auf Grund der in dem Darlehensvertrag mit der
Insolvenzschuldnerin enthaltenen Rechtswahl deutsches Recht. Nichts Anderes folgt
aus Abs. 1 der Vorschrift, nach dem auf Grund des gewöhnlichen Aufenthalts der
Insolvenzschuldnerin in Deutschland ebenfalls deutsches Recht Anwendung findet.

2. Die Abtretung ist insolvenzrechtlich wirksam geblieben. Das Recht des


Staates der Verfahrenseröffnung regelt gemäß Art. 4 Abs. 2 Satz 2 Buchst. b
EuInsVO a. F. insbesondere, welche Vermögenswerte zur Masse gehören. Folglich
ist die Wirksamkeit einer (Voraus-) Abtretung nach dem deutschen Recht als lex fori
concursus zu beurteilen. Zwar schließt § 91 Abs. 1 InsO einen Rechtserwerb an
Gegenständen der Insolvenzmasse nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens aus,
weswegen Vorausabtretungen von Gehaltsforderungen, die erst mit der Erbringung
der Gegenleistung entstehen (BGH NZI 2008, 563 Rn. 13), ab Insolvenzeröffnung
grundsätzlich unwirksam wären. Nur weil und soweit § 114 Abs. 1 InsO a. F. die
(Voraus-) Abtretung zulässt, bleibt diese aber wirksam (BGHZ 167, 363 Rn. 6 f.;
Hergenröder in Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, InsO 3. Aufl. § 114 Rn. 2;
Karsten Schmidt/Ahrens, InsO 19. Aufl. § 114 Rn. 1). Diese Bestimmung gilt gemäß
Art. 103h Satz 1 EGInsO für die bis zum 30. Juni 2014 beantragten
Insolvenzverfahren weiter (AG Köln NZI 2015, 182; Hergenröder in
Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, aaO Rn. 1; Karsten Schmidt/Ahrens, aaO).

IV. Obgleich die Abtretung an die Klägerin im Inland wirksam vorgenommen


und nicht insolvenzrechtlich unwirksam geworden ist, steht damit noch nicht fest,
nach welchem Recht die Drittwirkung der Abtretung bei Mehrfachzession zu
beurteilen ist.

1. Materielle Rechtsfragen zur Entstehung von Forderungen richten sich nach


dem auf die Forderung anwendbaren Recht (lex causae; Kemper in
Kübler/Prütting/Bork, InsO Stand 75. Lieferung 03.2018 Art. 4 EuInsVO Rn. 18
m. w. Nachw.). Deshalb ergibt sich auch die materielle Forderungszuständigkeit nicht
aus der EuInsVO bzw. der lex fori concursus. Insbesondere regelt Art. 4 Abs. 2
Buchst. i EuInsVO a. F. nur die Konkurrenz von verschiedenen Ansprüchen
verschiedener Gläubiger innerhalb einer Gläubiger- und Anspruchsmehrheit,
wohingegen die Priorität bei Mehrfachzessionen die Konkurrenz verschiedener
Prätendenten um dieselbe Forderung betrifft (Mankowski IPRax 2012, 298, 302).

2. Da der Vertrag zwischen der Beklagten und der Insolvenzschuldnerin


gemäß Art. 3 Abs. 1 Rom I-VO dem von den Parteien in Nr. 11 der Allgemeinen
Bedingungen gewählten luxemburgischen Recht unterliegt (Bl. 94, 99 d. A.), ist
dieses Recht gemäß Art. 14 Abs. 1 Rom I-VO auch auf die in diesem Rahmen
erfolgte Übertragung der Forderung anzuwenden. Um eine ausdrückliche
Rechtswahl handelt es sich auch dann noch, wenn eine Rechtswahlklausel in AGB
enthalten ist, die ihrerseits stillschweigend (hier: sogar ausdrücklich) vereinbart
wurden (Staudinger/Magnus, BGB Neubearb. 2016 Art. 3 Rom I-VO Rn. 64). Die
Bestimmungen des Art. 6 Abs. 1 Rom I-VO über Verbraucherverträge hindern die
Parteien nach Abs. 2 Satz 1 der Vorschrift nicht daran, eine von Abs. 1 abweichende
Rechtswahlklausel zu vereinbaren. Jedoch muss eine entsprechende Klausel nach
den allgemeinen Vorschriften Gegenstand einer wirksamen Vereinbarung geworden
sein (jurisPK-BGB/Limbach, 8. Aufl. Art. 6 Rom I-VO Rn. 60), was hier ersichtlich der
Fall ist.
3. Nach dem vom Senat eingeholten, in jeder Hinsicht überzeugenden
Rechtsgutachten (Bl. 198 ff. d. A.) wäre die erste Zession an die Klägerin gegenüber
der Beklagten nicht wirksam und würde der von der Treuhänderin eingezogene
Betrag der Zweitzessionarin zustehen. Gemäß Art. 1690 des luxemburgischen Code
Civil hat eine Forderungsabtretung in Ermangelung einer Benachrichtigung des
Schuldners keine Wirksamkeit gegenüber Dritten. Das gilt auch dann, wenn eine
frühere Abtretung unter einer Rechtsordnung stattfand, die – wie das deutsche Recht
– keine Benachrichtigung des Schuldners für die Drittwirksamkeit erfordert. Im
vorliegenden Fall hat (nur) die Beklagte den Forderungsschuldner am 20.09.2012
rechtsgültig benachrichtigt.

V. Die Frage der Anknüpfung der Zessionswirkungen gegenüber Dritten bei


Mehrfachabtretung (und hier: Insolvenz des Zedenten) veranlasst den Senat im
vorliegenden Fall zur Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Union.

1. Als erstes stellt sich die Frage, ob Art. 14 Rom I-VO die Drittwirkungen der
Zession überhaupt regelt.

a) Während der Geltung des Römischen Übereinkommens waren die


Drittwirkungen der Zession teilweise dem für das Verhältnis zwischen Zedent und
Zessionar geltenden Zessions- bzw. Zessionsgrundstatut des Art. 12 Abs. 1 EVÜ
unterworfen. Im Vorfeld der Rom I-VO plädierten einige Mitgliedstaaten für eine
Sonderanknüpfung an das Wohnsitz-/Aufenthaltsrecht des Schuldners oder des
Zedenten (Überblick bei Staudinger/Hausmann, BGB Neubearb. 2016 Art. 14 Rom I-
VO Rn. 33). Der letztgenannten Auffassung schloss sich die Europäische
Kommission zunächst an und nahm in ihren Vorschlag der Rom I-VO vom
15. Dezember 2005 (KOM [2005] 650 endg.) als Art. 13 Abs. 3 eine Regelung auf,
nach welcher das Recht des Staates maßgebend sein sollte, in dem der Zedent zum
Zeitpunkt der Übertragung seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Abweichend von
diesem Vorschlag enthält Art. 14 Rom I-VO indessen keine ausdrückliche
Kollisionsnorm mehr für die „dinglichen Wirkungen“ der Zession im Verhältnis zu
Dritten, d. h. zu der Frage, welches Recht über die Voraussetzungen eines
Übergangs der Forderung vom Zedenten auf den Zessionar mit erga-omnes-Wirkung
entscheidet (Staudinger/Hausmann, aaO Rn. ).
b) Welche Konsequenzen aus der Entscheidung des Verordnungsgebers, die
Drittwirkungen der Zession nicht gesondert zu regeln, abzuleiten sind, ist
insbesondere im deutschen Schrifttum umstritten. Während teilweise angenommen
wird, die Regelung des Kollisionsrechts der Forderungsabtretung in Art. 14 Abs. 1
und 2 Rom I-VO sei de lege lata abschließend, sodass auch die Drittwirkungen der
Zession nur entweder dem Zessionsgrundstatut oder dem Forderungsstatut
unterstehen könnten (so etwa Flessner IPRax 2009, 35. 38 ff.; Einsele RabelsZ 74
(2010), 91, 99; Freitag in Rauscher, Europäisches Zivilprozess- und Kollisionsrecht 4.
Aufl. Art 14 Rom I-VO Rn. 39, 41), liegt nach anderer Ansicht eine bewusste Lücke
der gesetzlichen Regelung vor, die nach nationalem Kollisionsrecht auch anders –
z. B durch Anknüpfung an das Sitzrecht des Zedenten – geschlossen werden könne
(vgl. Leible/Lehmann RIW 2008, 528, 541; Pfeiffer EuZW 2008, 629; Mankowski IHR
2008, 133, 149 f.; ders. IPRax 2012, 298, 300 f.; Magnus IPRax 2010, 27, 42;
Leible/Müller IPRax 2012, 491, 494; Palandt/Thorn, BGB 77. Aufl. Art 14 Rom I-VO
Rn 3). Die Anwendung deutschen Kollisionsrechts stößt aber auf die Schwierigkeit,
dass Art. 33 EGBGB durch das Gesetz zur Anpassung der Vorschriften des
Internationalen Privatrechts an die Verordnung (EG) Nr. 593/2008 vom 25. Juni 2009
aufgehoben worden ist. Dazu ist in der entsprechenden Gesetzesbegründung ohne
Auseinandersetzung mit dem Anwendungsbereich der Rom I-VO lediglich
festgehalten: „Infolge der unmittelbaren Geltung der Rom I-Verordnung sind die
Artikel 27 bis 29 und 30 bis 37 EGBGB aufzuheben.“ (BR-Drucks. 7/09, 10).

c) Nach Auffassung der Kommission enthält die Rom I-Verordnung keine


Regelung über die Drittwirksamkeit. In dem auf Grund des Art. 27 Abs. 2 Satz 1 Rom
I-VO vorgelegten Bericht vom 29. September 2016 (KOM (2016) 626 endg.) wird
zum geltenden Recht ausgeführt, es fehle der Rom I-VO ein zentrales Element,
nämlich eine Regelung dafür, welches Recht für die Wirksamkeit einer Übertragung
gegenüber Dritten gelte. Auch wenn es in Erwägungsgrund 38 der Rom I-VO heiße,
dass der Begriff „Verhältnis“ in Art. 14 Abs. 1 Rom I-VO auch auf die dinglichen
Aspekte des Vertrags zwischen Zedent und Zessionar anwendbar sei, wenn eine
Rechtsordnung dingliche und schuldrechtliche Aspekte trenne, habe man sich bei
den Verhandlungen im Vorfeld der Annahme der Rom I-VO doch nicht auf eine
gemeinsame Regelung für die Drittparteieffekte von Forderungsübertragungen
einigen können (Kommission, aaO, 3 bei und in Fn. 7; ebenso der Vorschlag für eine
Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über das auf die
Drittwirkung von Forderungsübertragungen anzuwendende Recht, KOM (2018) 96
endg., 10 f.). Nach anderer Auffassung (Flessner IPRax 2009, 35, 43) enthält die
geltende Verordnung eine vollständige und in sich stimmige Regelung zur
Forderungsabtretung.

2. Falls die erste Frage bejaht wird, wäre weiter zu klären, nach welchem
Recht sich auf dieser Grundlage die Drittwirkung beurteilt. Im deutschen Schrifttum
wird dazu die Auffassung vertreten, die Lösung müsse aus der Verordnung autonom
entwickelt werden, wobei die Wahl zwischen dem (Vertrags-) Statut der Abtretung
und dem Forderungsstatut bestehe (Flessner IPRax 2009, 35, 39 ff., 42:
Abtretungsstatut im Außenbereich unter Dritten, Forderungsstatut im Innenbereich
zum Zedenten; Mann/Nagel WM 2011, 1499, 1500 ff., 1506: Abtretungsstatut).

3. Falls die erste Frage verneint wird, erscheint es klärungsbedürftig, ob


Art. 14 Rom I-VO entsprechende Anwendung findet. Einer in der deutschen Literatur
vertretenen Auffassung zufolge soll eine Regelungslücke vorliegen, welche bis zu
einer Änderung oder Ergänzung der Rom I-VO durch die Entwicklung einer
einheitlichen Kollisionsregel für alle Mitgliedstaaten geschlossen werden soll, weil
andernfalls die mit Art. 14 Rom I-VO angestrebte Rechtsangleichung erheblich
gefährdet wäre (Staudinger/Hausmann, aaO Rn. 55; Martiny RIW 2009, 737, 747).

4. Sofern die dritte Frage zu bejahen ist, bedarf es der Klärung, welchem
Recht in diesem Fall die Drittwirkungen unterliegen. Es bieten sich im Wesentlichen
die vier nachfolgend dargestellten Lösungen an, so dass auch in diesem Punkt eine
höchstrichterliche Klärung erforderlich ist. Die von Leible/Müller (IPRax 2012, 491,
499) als fünfte Möglichkeit geprüfte Anknüpfung an den gewöhnlichen Aufenthaltsort
des Zessionars findet nicht nur keine Stütze in Art. 14 Rom I-VO, sondern erlaubt bei
einer Mehrfachabtretung auch keine einheitliche Anknüpfung (so auch Leible/Müller
IPRax 2012, 491, 499).

a) Die überwiegende Auffassung in Deutschland zu Art. 33 EGBGB a. F.


knüpfte die Verfügung über die Forderung insgesamt an das Statut der abgetretenen
Forderung an. Abs. 2 der Vorschrift, der Art. 14 Abs. 2 Rom I-VO entsprach, erfasste
nach dieser Auffassung nicht nur das Verhältnis zum Schuldner, sondern auch die
Frage, unter welchen Voraussetzungen die Zession sonstigen Dritten, insbesondere
Gläubigern des Zedenten oder dem Insolvenzverwalter über das Vermögen des
Zedenten, entgegengehalten werden konnte (BGHZ 111, 376, 379 f.; BGH NJW-RR
2005, 206, 208; v. Hoffmann/Höpping IPRax 1993, 302, 303 f.; Basedow ZEuP 1997,
615, 623; wohl auch MünchKomm-BGB/Martiny, 8. Aufl. Art. 14 Rom I-VO Rn. 38;
vgl. auch Spickhoff in Bamberger/Roth/Hau/Poseck, aaO VO (EG) 593/2008 Art. 14
Rn. 11: zeitlich erstes Abtretungsstatut, hilfsweise Forderungsstatut). Das
Forderungsstatut ist hier luxemburgisches Recht, weil die Insolvenzschuldnerin nach
Überzeugung des Senats als Beamtin („fonctionnaire“) im Musée in L. beschäftigt ist
bzw. war.

Fragen des Ranges würden bei dieser Lösung unter Bezugnahme auf das
Datum der letzten Übertragung oder des letzten anderen Ereignisses geklärt, aus
dem sich ein konkurrierendes Recht ableitet. Die wichtigsten Vorteile sind die
Stabilität des Anknüpfungskriteriums, bei dem es im Zeitverlauf zu keinen
Änderungen kommen dürfte, und somit das geringere Risiko von Kollisionen
zwischen Anknüpfungskriterien im Falle einer Konkurrenzsituation zwischen
Zessionaren und anderen Rechteinhabern. Kommt es zu einer Änderung des auf die
übertragene Forderung anwendbaren Rechts, hätte dies keine Auswirkungen auf
Dritte. Bei dieser Lösung verringert sich die Zahl der für eine Übertragung
maßgebenden anwendbaren Rechtsordnungen (vgl. KOM (2016) 626 endg, S. 12).

Zu den wesentlichen Nachteilen gehört eine potenzielle Unsicherheit bei


Insolvenz des Zedenten, wenn die lex concursus nicht mit dem für die Übertragung
geltenden Recht übereinstimmt. Außerdem muss ggf. zwischen den dinglichen
Aspekten der Übertragung zwischen Zedent und Zessionar und gegenüber Dritten
getrennt werden. Unsicherheit bezüglich des geltenden Rechts besteht auch dann,
wenn im ursprünglichen Vertrag keine eindeutige Rechtswahl getroffen wurde oder
wenn die übertragene Forderung nicht vertraglicher Art ist. In solchen Fällen müsste
das anzuwendende Recht nach Artikel 4 der Rom-I-Verordnung oder nach Artikel 10
der Rom-II-Verordnung festgelegt werden (vgl. KOM (2016) 626 endg, S. 13).

b) Ähnlich wie im französischen Sachrecht, das eine Erfüllung der


Publizitätserfordernisse am Sitz des Schuldners (debitor cessus) vorschreibt, wird
von einer anderen Auffassung zumindest für die kollisionsrechtliche Erfassung des
durch Abtretungsanzeige gewährleisteten Drittschutzes teilweise eine Anknüpfung an
das Recht des Schuldnersitzes vorgeschlagen (vgl. Goode, Commercial Law 3. Aufl.
1108 f.; Hoyer in FS Frotz (1993), 53, 63). Da der Sitz des Forderungsschuldners
sich in L. befindet, wäre nach dieser Lösung ebenfalls luxemburgisches Recht
anzuwenden.

Da die Person des Forderungsschuldners Dritten in der Regel bekannt sein


wird, kann für diese eine Anknüpfung an das Recht des Sitzes des
Forderungsschuldners leicht erkennbar und einsehbar sein (Mann/Nagel WM 2011,
1499, 1501).

Wenn sich die Anknüpfung an den Schuldnerwohnsitz auch grundsätzlich


deshalb als Zessions- und Prioritätsstatut eignet, weil es sich um einen einheitlichen
und verhältnismäßig stabilen Anknüpfungspunkt handelt, hat sie doch den
gravierenden Nachteil, dass sie das Kollisionsrecht der Forderungsabtretung
zusätzlich dadurch verkompliziert, dass mit dem Recht am Schuldnerwohnsitz eine
weitere Rechtsordnung – neben dem Zessionsgrundstatut und dem Forderungsstatut
– in die Prüfung einbezogen werden muss (Staudinger/Magnus, aaO Rn. 61). Zudem
kann die Anknüpfung an den Sitz des Schuldners gerade bei der Haftung mehrerer
Schuldner – etwa bei gesamtschuldnerischer Haftung – zu nicht praktikablen
Ergebnissen führen (Kieninger RabelsZ 62 (1998), 678, 701 f.). Erstens kommt es
dann nicht nur zu der Anwendung einer, sondern mehrerer Rechtsordnungen.
Zweitens ist gerade für die praxisrelevanten Fälle der Vorausabtretung oder der
Globalzession die Anknüpfung an das Recht des Schuldners nicht empfehlenswert,
da dieser regelmäßig noch nicht bekannt ist. Auch eine Sonderanknüpfung an das
Recht des Schuldners – und sei es auch nur für die kollisionsrechtliche Erfassung
von Publizitätsmerkmalen (Abtretungsanzeige) – ist daher nicht interessengerecht.
Im Übrigen findet sie auch in Art. 14 Rom I-VO keine Verankerung (Mann/Nagel WM
2011, 1499, 1501).

c) Die ebenfalls vertretene Sonderanknüpfung an den Sitz des Zedenten


(Stadler/Schütze IPRax 2005, 200, 208; Mankowski IPRax 2012, 298, 306) führt
dazu, dass im Fall mehrfacher Abtretungen desselben Zedenten in Bezug auf die
Drittwirkung ein einziges Recht – nämlich das am Sitz des Zedenten geltende Recht
– Anwendung findet. Dieses Recht entscheidet dann auch darüber, welche Abtretung
Priorität hat und welcher Zessionar die Forderung folglich wirksam erworben hat.
Nach dieser Auffassung wäre auf Grund des Wohnsitzes der Insolvenzschuldnerin in
Perl deutsches Recht anzuwenden, mit der Folge, dass auf Grund des
Prioritätsgrundsatzes die Abtretung an die Klägerin derjenigen an die Beklagte
vorginge.

Für die Frage der Drittwirkung der Zession hat eine solche Anknüpfung den
Vorteil, dass das Recht des gewöhnlichen Aufenthaltes des Zedenten bzw. das
Sitzrecht desselben für Dritte in der Regel leicht ermittelbar und vorhersehbar ist (vgl.
Kieninger/Schütze IPRax 2005, 200, 202). Dieser Anknüpfung hatte sich ursprünglich
auch die Europäische Kommission in ihrem Vorschlag zur Rom I-VO vom 15.
Dezember 2005 angeschlossen (KOM (2005) 650 (endg.); ebenso nunmehr Art. 4
Nr. 1 des Vorschlags für eine Verordnung über das auf die Drittwirkung von
Forderungsübertragungen anzuwendende Recht, KOM (2018) 96 (endg.)). Auf diese
Weise kann ferner der Gleichlauf mit Art. 3 EuInsVO hergestellt werden
(Kieninger/Schütze IPRax 2005, 200, 205).

Gegen das Zedentenstatut wird angeführt, dass davon im Vorfeld des Art. 14
Rom I-VO bewusst wieder Abstand genommen worden sei, weil ein Konsens über
diese Anknüpfung – primär wegen des Widerstandes der britischen Regierung –
nicht habe gefunden werden können. Daher schließe sich eine Anknüpfung an den
Sitz des Zedenten aus, wenn man sich nicht dem erkennbaren Willen des
Verordnungsgebers widersetzen wolle (Mann/Nagel WM 2011, 1499, 1501). Ferner
wird argumentiert, die Anknüpfung an den Sitz des Zedenten habe den Nachteil,
dass sich der Erwerber bei Vorliegen einer Abtretungskette mit Beteiligten in
verschiedenen Ländern über sämtliche Vorinhaber der Forderung sowie deren
jeweiligen Sitz und das dort geltende Recht informieren müsste, um beurteilen zu
können, ob sein Anbieter die Forderung selbst wirksam erworben hat
(Staudinger/Magnus, aaO Rn. 65).
d) Möglich wäre schließlich eine selbstständige Anknüpfung der
Drittwirkungen der Zession an das Zessionsgrundstatut des Art. 14 Abs. 1 Rom I-VO
(Staudinger/Hausmann, aaO Rn. 71; Flessner IPRax 2009, 35, 40, 42: für den
„Außenbereich“ gegenüber Dritten; Leible/Müller IPRax 2012, 491, 499). Dieses
würde dann nicht nur das auf die Verfügungswirkungen der Abtretung im Verhältnis
des Zedenten zum Zessionar (und die ihr zu Grunde liegende Verpflichtung)
anwendbare Recht bestimmen, sondern auch über die Wirksamkeit der Abtretung
gegenüber Gläubigern des Zedenten und sonstigen Dritten entscheiden. Das Statut
des Abtretungsvertrages würde damit sämtliche Aspekte einer internationalen
Zession mit Ausnahme des durch Art. 14 Abs. 2 Rom I-VO geregelten
Schuldnerschutzes beherrschen (Mann/Nagel WM 2011, 1499, 1502 ff.). Unter
Berücksichtigung des von dieser Auffassung postulierten Vorrangs des zeitlich ersten
Abtretungsstatuts bei Mehrfachabtretung (Einsele RabelsZ 74 (2010), 91, 115) wäre
vorliegend deutsches Recht anzuwenden mit der Folge, dass die Abtretung an die
Klägerin gegenüber der Beklagten wirksam und gegenüber der zweiten Zession
vorrangig wäre.

Für eine Anknüpfung an das Abtretungsstatut spricht, dass durch die


einheitliche Anknüpfung an ein Recht eine Zersplitterung – etwa durch
Sonderanknüpfungen an den Zedentensitz oder den Sitz des Forderungsschuldners
– vermieden wird. Denn durch die Anknüpfung an das Abtretungsstatut wird sowohl
hinsichtlich Zedent und Zessionar (zwingend nach Art. 14 Abs. 1 Rom I-VO) als auch
gegenüber Dritten an ein Recht – das Abtretungsstatut – angeknüpft. Weiter spricht
für eine Anknüpfung an das Abtretungsstatut, dass Art. 14 Rom I-VO als eine
umfassende Vorschrift zu verstehen ist, die in ihrem Abs. 1 grundlegend die
Abtretung samt ihrer Folgen regelt. Hiervon gilt nur insoweit eine Ausnahme, als
Abs. 2 des Art. 14 Rom I-VO für bestimmte Einzelfragen das Forderungsstatut beruft.
Abs. 2 soll allerdings über seine vorwiegend den Schuldner schützenden Vorgaben
hinaus nicht für weitere Einzelfragen angewendet werden. Denn das würde Abs. 1
und die aus Art. 14 Rom I-VO zu entnehmende Tendenz konterkarieren, nach der die
Rechtswahlfreiheit – als Primat des europäischen Privatrechts – auch das
Kollisionsrecht durchdringen soll (Mann/Nagel WM 2011, 1499, 1503).

Wie durchaus auch von dieser Auffassung gesehen wird (Mann/Nagel WM


2011, 1499, 1503), besteht das besondere Problem bei Mehrfachabtretungen
allerdings gerade darin, dass zwei Abtretungsstatute im Raum stehen, und zwar zum
einen das zwischen Zedent und Erstzessionar und zum anderen das zwischen
Zedent und Zweitzessionar vereinbarte Statut. Dann soll auf dasjenige
Abtretungsstatut abzustellen sein, nach dem die Forderung als erstes wirksam
übertragen worden sei (Mann/Nagel, aaO). Abgesehen davon, dass Art. 14 Rom I-
VO für eine solche zeitliche Prioritätsregel keinen Anhalt gibt, kann diese Sichtweise
zur Folge haben, dass die Parteien vorzugsweise ein Abtretungsstatut vereinbaren,
das – wie das deutsche Recht – möglichst geringe Voraussetzungen an die
Übertragung einer Forderung stellt.

Saarbrücken, den 8. August 2018

Der 4. Zivilsenat

gez. Barth Weinland Prowald

Ausgefertigt:

()
Justizbeschäftigte

als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle