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Die römischen Basiliken mit Umgang, Forschungsgeschichtliche Bestandsaufnahme, historische Einordnung und primäre Funktion

Inaugural-Dissertation in der Philosophischen Fakultät I (Philosophie, Geschichte und Sozialwissenschaften) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

vorgelegt von

Ursula Leipziger

aus Nürnberg

D29

Tag der mündlichen Prüfung:

Dekan:

Erstgiutachter:

Zweitgutachter:

2

12. Juni 2006

Universitätsprofessor Dr. Roland Sturm Universitätsprofessor Dr. Peter Poscharsky Universitätsprofessor Dr. Reiner Sörries

3

Die römischen Basiliken mit Umgang forschungsgeschichtliche Bestandsaufnahme, historische Einordnung und primäre Funktion

Gliederung

3

I. Einleitung, Problemstellung, Methode

7

II. Die Basiliken mit Umgang im Einzelnen

14

II.1. Basilika an der Via Nomentana (S. Agnese)

14

II.1.1. Lage und Kontext

14

II.1.2. Historische Quellenlage

14

II.1.3. Grabungsgeschichte

16

II.1.4. Baubeschreibung

16

II.1.5. Forschungsgeschichte

18

II.2. Basilika an der Via Tiburtina (S. Lorenzo)

20

II.2.1. Lage und Kontext

20

II.2.2. Historische Quellenlage

21

II.2.3. Grabungsgeschichte

24

II 2.4. Baubeschreibung

24

II.2.5. Forschungsgeschichte

26

II.3. Basilika an der Via Praenestina (Tor de'Schiavi)

28

II.3.1. Lage und Kontext

28

II.3.2. Historische Quellenlage

28

II.3.3. Grabungsgeschichte

30

II.3.4. Baubeschreibung

30

II.3.5. Forschungsgeschichte

32

4

II 4. Basilika an der Via Labicana (SS Pietro e Marcellino)

33

II.4.1. Lage und Kontext

33

II.4.2. Historische Quellenlage

34

II.4.3. Grabungsgeschichte

35

II.4.4. Baubeschreibung

36

II.4.5. Forschungsgeschichte

38

II.5. Basilika an der Via Appia (SS Apostoli)

40

II.5.1. Lage und Kontext

40

II.5.2. Historische Quellenlage

41

II.5.3. Grabungsgeschichte

42

II.5.4. Baubeschreibung

43

II.5.5. Forschungsgeschichte

45

II.6. Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina (S. Marco)

47

II.6.1. Lage und Kontext

47

II.6.2. Historische Quellenlage

47

II.6.3. Grabungsgeschichte

48

II.6.4. Baubeschreibung

49

II.6.5. Forschungsgeschichte

50

II.7. Auswertung

51

III. Typologische Einordnung

59

III.1. Begriff „Basilika mit Umgang”

61

III.2. Bautypus „Basilika mit Umgang”

64

III.2.1. Allgemeine Beschreibung dieses Typus

64

III.2.2. Einordnung in Typ A und Typ B

66

III.2.3. Herleitung von Bauformen der spätantiken römischen Architektur

66

III.2.4. Abgrenzung zur frühchristlichen Basilika

71

III.2.5. Zusammenfassung

73

5

III.3. Basilika mit Umgang und Mausoleum als Komplexanlage

74

III.3.1. Beschreibung der einzelnen Komplexanlagen

74

III.3.2. Einordnung in zwei bzw. drei Komplextypen

74

III.3.3. Abgrenzung zu

76

III.3.3.1. Grabbauten Roms im 3./4. Jhd. allgemein

76

III.3.3.2. Kaisergräbern im Besonderen

78

III.3.4. Vergleich mit anderen Komplexanlagen

83

III.3.5. Zusammenfassung

89

IV.

Deutungsgeschichte des Typus “Basilika mit Umgang”

91

V. Rückschlüsse aufgrund der bisher ermittelten Ergebnisse

99

VI.

Historische Einordnung der Basilika mit Umgang

102

VI.1. Spätantiker Totenkult und Totenkult der Christen im 3./4.

102

VI.1.1. Totenfesttage

102

VI.1.2. Totengedächtnisfeier und Totenmahl

106

VI.1 3. Funktion des Totenkultes

111

VI.1.4. Totenkult und Basilika mit Umgang

114

VI.2. Spätantiker Kaiserkult und Totenkult

116

VI.2.1. Verschiedene Formen des spätantiken Kaiserkultes

117

VI.2.2. Kaiserkult und das Christentum im 3./4. Jhd

124

VI.2.3. Spätantiker Kaiserkult und christlicher Totenkult

133

VI.2.4. Spätantiker Kaiserkult und Basilika mit Umgang

137

VI.3. Märtyrerkult und Totenkult

138

VI.3.1. Stadtrömische Märtyrer des 3. Jhd., ihre Gräber, ihr Kult und ihr

138

geschichtlicher Hintergrund VI.3.2. Märtyrerkult unter Kaiser Konstantin

142

VI.3.3. Märtyrerkult seit Bischof Damasus

146

VI.3.4. Märtyrerkult und Basilika mit Umgang

150

6

VII. Ergebnis: Entwicklung vom spätantiken Toten- und Herrscherkult zum

151

christlichen Toten- bzw. Märtyrerkult anhand der sechs Basiliken mit Umgang VII.1.Privater Kaiserkult und Repräsentation in der Basilika an der Via

152

Praenestina: Kultraum für den Kaiser und seine Schutzgottheit VII.2. Privater Kaiser- und Totenkult als Möglichkeit der Annäherung

157

zwischen Heiden und Christen am Beispiel der Basilika an der Via Appia VII.3. Herrscherkult des siegreichen Kaisers und des siegreichen Gottes in der

166

Basilika an der Via Labicana VII.4. Bestattung und christlicher Totenkult in der Basilika zwischen der Via

170

Appia und der Via Ardeatina VII.5. Kaiserkult und Märtyrerkult in der Basilika an der Via Nomentana

172

VII.6. Märtyrerkult als zentraler Kult in der Basilika an der Via Tiburtina

175

VIII. CONCLUSIO

177

Anhang

181

Literaturverzeichnis

220

Zusammenfassung

240

Lebenslauf

242

Danksagung

243

7

I. Einleitung, Problemstellung, Methode

Einleitung

In der ersten Hälfte des 4. Jhd. entstehen am Stadtrand von Rom außerhalb der aurelianischen Stadtmauer, an den großen Ausfallstraßen, sechs monumentale Basiliken:

1. Basilika an der Via Nomentana (S. Agnese) 1

2. Basilika an der Via Tiburtina (S. Lorenzo)

3. Basilika an der Via Praenestina (Tor de‘ Schiavi)

4. Basilika an der Via Labicana (SS Pietro e Marcellino)

5. Basilika an der Via Appia (SS Apostoli)

6. Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina (S. Marco)

Betrachten wir die Lage der einzelnen Basiliken auf einem Stadtplan, ergibt sich quasi ein halber Ring um die westliche Hälfte der Umgebung von Rom, die sich an die Stadtmauer anschließt 2 :

Im Uhrzeigersinn gesehen ist zuerst die Basilika an der Via Nomentana zu nennen, es folgen die Basilika an der Via Tiburtina, die Basilika an der Via Praenestina und die Basilika an der Via Labicana. Hier ist eine „Lücke“ zu konstatieren: Die Via Latina ist ohne Baubefund. Weiter geht es mit der Via Appia: Hier befinden sich gleich zwei Basiliken, eine an der Via Appia und eine zwischen Via Appia und Via Ardeatina. Diese Anordnung der Basiliken legt eine bewusste und planmäßige Verteilung nahe:

Sollte mit diesen Bauten ein Ring um die Stadt herum angelegt werden – und das nur im Westen? Oder konnte der Plan nicht zu Ende geführt werden?

1 In der Arbeit wird durchgängig die Bezeichnung der Ortsangabe, d. h. der Name der Straße, an der sich die jeweilige Basilika befindet, verwendet, da die allgemein gebrauchten Bezeichnungen m. E. Vorentscheidungen hinsichtlich der Zuordnung an Personen beinhalten, die zunächst einmal zu überprüfen sind.

2 s. Abb. 1 Die sechs römischen Basiliken mit Umgang

Abb.1 Die sechs römischen Basiliken mit Umgang (1) Basilika an der Via Nomentana (2) Basilika
Abb.1
Die sechs römischen Basiliken mit Umgang
(1) Basilika an der Via
Nomentana
(2) Basilika an der Via
Tiburtina
(3) Basilika an der
Via Praenestina
(4) Basilika an der
Via Labicana
(5) Basilika an der
Via Appia
(6) Basilika
zwischen Via
Appia und Via
Ardeatina

Abb.2

9

Plan der antiken Stadt Rom

Abb.2 9 Plan der antiken Stadt Rom

10

Die architektonische Form dieser sechs Basiliken stellt ein Novum dar:

Alle haben einen Umgang anstelle der Apsis 3 . Im ganzen römischen Reich ist dieser Bautypus weder vorher noch später gefunden worden. Es gab zwar bereits römische Basiliken; diese aber waren rechteckige Langbauten mit überhöhtem Mittelschiff, das auf allen Seiten von Nebenschiffen umgeben war, meist mit apsidialer Tribuna als Sitz des Marktaufsehers bzw. der Richters. 4 Und es wird kurz nach der Errichtung dieser sechs Basiliken zur Ausformung eines Typus kommen, der als frühchristliche bzw. Konstantinische Basilika bezeichnet werden wird 5 , drei- bis fünfschiffige Längsbauten mit Narthex in Atriumform und durchgehendem Querhaus mit Mittelapsis. Aber die Bauform der Basilika mit Umgang wird ein Unicum der Spätantike bleiben. In der Forschung wird bei allen sechs Basiliken auf den Zusammenhang mit einem Friedhof, Mausoleen und Katakomben hingewiesen 6 :

An der Basilika an der Via Nomentana ist ein Triforium angebaut; sie befindet sich auf dem coemeterium Agnetis und in dessen Nähe ist das Grab der Märtyrerin Agnes. Die Basilika an der Via Tiburtina hat an ihrer Südseite ein Triforium; sie befindet sich auf dem Ager Veranus, der schon lange als Friedhof dient; hier soll sich gemäß den Quellen das Grab des Stadtheiligen, des Laurentius befinden. Neben der Basilika an der Via Praenestina ist ein großer Rundbau; im Osten der Basilika ca. 150 m von der Fassade entfernt befindet sich eine kleine zweistöckige Katakombe. Ebenfalls ein Rundbau ist bei der Basilika an der Via Labicana zu finden; dieser liegt auf einer Achse und durch eine Art Narthex mit der Basilika verbunden. Auf diesem Gebiet befand sich seit dem 3. Jhd. der Friedhof der Equites Singulares. Die Basilika an der Via Appia hat an ihrer Südseite ein rechteckiges Mausoleum

3 s. Abb. 2 Plan der antiken Stadt Rom gemäß Morin, Fig. 1, Carte de Rome

4 Beispiele s. Koch, Baustilkunde, S. 42

5 s. III.2.4.

6 s. Abb. 3 Die sechs römischen Basiliken mit ihren Mausoleen

11

Abb.3 Die sechs römischen Basiliken mit Umgang und ihre Mausoleen (1) Basilika an der Via
Abb.3
Die sechs römischen Basiliken mit Umgang und ihre Mausoleen
(1) Basilika an der
Via Nomentana
(2) Basilika an der
Via Tiburtina
(3) Basilika an der Via
Praenestina
(4) Basilika an der
Via Labicana
(5) Basilika an der
Via Appia
(6) Basilika zwischen
Via Appia und
Via Ardeatina

12

und ist über einer Totenkultstätte, der so genannten Triklia, die dem Apostelkult diente, errichtet worden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich die Villa des Maxentius mit Zirkus und Mausoleum. Im Zentrum der Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina wurden Gräber gefunden; die Basilika liegt im Gebiet des coemeterium Balbinae, zu dem auch zwei Katakomben und eine weitere Basilika gemäß dem Salzburger Itinerar gehören. Die Bauzeit aller sechs Basiliken zur Zeit Kaiser Konstantins bzw. seiner Söhne scheint gesichert; lediglich die Basilika an der Via Appia wird von einzelnen Forschern noch in die Regierungszeit des Maxentius datiert; am unklarsten ist die Situation an der Via Praenestina: Für diese Basilika gibt es weder zur Entstehungszeit noch später Quellenangaben. Sie wird jedoch aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit den anderen fünf Basiliken mehrheitlich ebenfalls in konstantinische Zeit datiert. Alle sechs Basiliken befinden sich auf kaiserlichem Grund und Boden. Fünf Basiliken werden von Anfang an mit dem Sieg Konstantins über Maxentius und der Bautätigkeit des siegreichen Kaisers und somit auch mit dem Christentum in Verbindung gebracht; einzige Ausnahme ist auch hier wieder die Basilika an der Via Praenestina. Unter den anderen fünf Basiliken nimmt die Basilika an der Via Appia eine Sonderstellung ein: Über sie existieren keine kirchlichen Quellen zum Zeitpunkt der Entstehung. Ihr Bezug zum Christentum ist aufgrund der gefundenen Graffiti mit Anrufungen der Apostel Petrus und Paulus für alle Forscher erwiesen. Die Verbindung mit Konstantin wird aufgrund der Ähnlichkeit mit den anderen Basiliken zumeist angenommen.

13

Problemstellung Die Einmaligkeit dieses Bautypus führt daher zur Frage nach der primären Funktion dieser Form zur Zeit ihrer Entstehung.

Handelt es sich bei diesen sechs Basiliken

- um Friedhofsbasiliken (=Coemeterialbasiliken), die auch dem Totenkult dienten, oder

- um Gedächtnisbasiliken (=Memorialbasiliken), die allgemein dem Totenkult dienten oder

- um Kirchen, die speziell dem christlichen Märtyrerkult dienten? Hatten alle sechs Basiliken eine einheitliche Funktion? War diese einheitliche Funktion eine spezifisch christliche?

Methode Die allgemeine Annahme, dass aufgrund der einheitlichen Form und der planmäßigen Anordnung als Ring um die Stadt herum eine einheitliche Funktion zu vermuten ist und aufgrund der Nähe zu den Märtyrergräbern mit einer spezifisch christlichen Funktion zu rechnen ist, soll in dieser Arbeit mittels der Methode des forschungsgeschichtlichen Ansatzes überprüft werden.

14

II. Die Basiliken mit Umgang im Einzelnen 7 II.1. Basilika an der Via Nomentana (San Agnese) II.1.1 Lage und Kontext Die Basilika liegt im rechten Winkel zu der nach Nordosten führenden Ausfallstraße an deren nördlichen Seite, ungefähr 2,25 km vor der Porta Nomentana 8 auf einem ehemaligen Friedhof der Praetorianergarde. Auf dem nach Westen hin steil abfallenden Gelände waren bei der Errichtung der Basilika aufwändige Substruktionsmaßnahmen nötig 9 . Nordöstlich der Basilika befindet sich das sog. coemeterium Agnetis, dessen ältester Teil aus dem 2. Jhd. stammt und in dem seit Anfang des 4. Jhd. das Grab der Heiligen Agnes war. Am östlichen Ende der Südseite der Basilika ist ein Rundmausoleum 10 angebaut, das im Umgang aus opus caementicium, im nordöstlichen Teil aus opus listatum 11 besteht. Die Maße des Innenraums betragen im Durchmesser 22,50 m, in der Höhe 19,20 m 12 . Als Verbindung von Basilika und Mausoleum diente eine biapsiale Vorhalle 13 .

II.1.2. Historische Quellenlage 14 Für die Basilika an der Via Nomentana finden wir in der Vita Silvestri des Liber Pontificalis 15 einen ausführlichen Bericht über Erbauungszeit, Widmung und Stifter der Basilika, nämlich Kaiser Konstantin auf Bitte seiner Tochter und über den Bau eines baptisterium am selben Ort, an dem die Schwester des Kaisers Constantina, zusammen mit dessen Tochter von Papst Silvester getauft worden ist. Es folgt eine Auflistung der Stiftungsgaben.

7 Hier referiere ich im Wesentlichen die mir vorliegende Forschungsgeschichte. Die historische Quellenlage jedoch fußt auf meinen eigenen Recherchen.

8 s. beiliegender Plan in: Fiocchi Nicolai (2000)

9 s. Deichmann (1946) S. 225

10 „dreistufiger Rundbau“ Jastrzebowska (1978) S. 158; „Typus eines Füllnischenrundbaues“ Schumacher S. 136; „der früheste erhaltene kreuzdurchsetzte Zentralbau mit Umgang“ Deichmann Arch. S. 123

11 s. Johnson, S. 94 , Jastrzebowska (1978) S. 158: opus testaceum

12 s. Jastrzebowska (1978) S. 158

13 Diese Verbindung von Basilika und Mausoleum hat durch die neusten Grabungen von Stanley eine völlig neue Interpretation erhalten; gemäß Stanley ist das heutige Mausoleum nicht das ursprüngliche. Dieses war vielmehr ein Bauwerk in Form eines Trikonchos, den er bei der Verbindungsstelle am südlichen Seitenschiff der Basilika ausgraben konnte und dessen innere Breite er mit 10,20 m angibt.

14 s. Anhang 1

15 Zur Überlieferung des LP s. Duchesne und Geertman (1975)

15

Ergänzt wird dieser Bericht durch die Passio Sanctae Agnetis, gemäß der Constantina ihren Vater und ihre Brüder bittet, die basilica Agnetis und darüber hinaus ein Mausoleum für sich selbst zu errichten, während im LP von einem baptisterium gesprochen wird. Die Stiftung durch Constantina wird bestätigt durch die sog. Weiheinschrift, die von der Weihung eines „templum victricis virginis Agnae" erzählt. Verehrt und gefeiert wird hier jedoch der „nomenChristi", der allein den Tod besiegen kann. Das Vorhandensein eines Begräbnisbaues bestätigt indirekt Ammianus Marcellinus, der davon berichtet, dass Julian Apostata seine verstorbene Ehefrau Helena in Rom auf dem Landgut an der Via Nomentana habe beisetzen lassen, wo auch deren Schwester Constantina beerdigt war. Die Zuordnung dieses Ortes zur Hl. Agnes wird durch die Depostiones Martyrium und das Martyrium Hieronymianum bestätigt. Die genaue Ortsangabe wird in I 323 hinzugefügt: „Via Nomentana, miliario ab urbe Roma III.“ Das Grab der Hl. Agnes ist gemäß den Quellen unter Papst Liberius (352-366) ausgeschmückt worden und war wohl zunächst von der Basilika getrennt, wie auch in I 263 zu lesen ist: „absidam beatae Agnaeet omnem basilicam" Erst unter Papst Honorius wurde es neu ausgeschmückt und in einen Kirchenbau einbezogen. Wahrscheinlich an diesem Grabbau wurde wenig später das von Papst Damasus verfasste Grabepigramm auf einer Marmortafel angebracht. Es ist ein Loblied auf die Hl. Agnes, enthält jedoch keinerlei Angaben auf Grab oder Basilika. Der LP bezeichnet den Bau unter Papst Liberius als cymiterium sanctae bzw. beatae Agnae, unter Papst Innozenz I Papst Bonifatius und Papst Symmachus als basilica beatae Agnae martyris, unter Papst Honorius als ecclesia beatae Agnae. Die Funktion der Basilika als baptisterium erwähnt der LP in der Vita des Papstes Bonifatius I nochmals: Dieser habe, wie es Sitte war, in der Basilika die Ostertaufe gefeiert. Eventuell ist von daher der Begriff baptisterium in I 180 zu erklären. Als durch die Quellen abgesichert kann also sowohl die Bezeichnung „basilica" als auch die Zuordnung dieser zur „beatae Agnetis / Agnae" gelten und die frühe

16

Zuordnung des Mausoleums an Constantia bzw. Constantina, spätestens ab der Zeit des Damasus. Auch durch die Quellen abgesichert ist die Bauzeit der Basilika und des Mausoleums z. Zt. des Papstes Silvester und unter Konstantin.

II.1.3. Grabungsgeschichte der Basilika an der Via Nomentana Im Jahr 1946 stellte Deichmann die Hypothese auf, dass sich die konstantinische Basilika westlich der aktuellen Basilika befinde, nämlich in den Überresten des großen elliptischen Bezirkes beim Mausoleum 16 . Bei Grabungen unter Perrotti wurden in den Jahren 1954/1955 der Grundriss der Basilika aufgedeckt 17 . Stratigraphische Ausgrabungen im Jahr 1992 unter Stanley an der westlichen Hälfte von der Apsis der Basilika und am Narthex des Mausoleums führten zu dem Ergebnis, dass hier verschiedene Mauertechniken vorhanden sind und es keine Verbindung zwischen den Mauern der Basilika und des Mausoleums gegeben hat, d. h. dass beide Bauten zu zwei verschiedenen Bauzeiten entstanden sind 18 . Im Jahr 1999 erhärteten die Untersuchungen mit der Methode GPR 19 dieses Ergebnis Stanleys und führten zu weiteren Einzelbeobachtungen. 20

II.1.4. Baubeschreibung Die Basilika liegt im rechten Winkel zur Via Nomentana und an deren westlichen Seite. Wahrscheinlich betrat man die Basilika von der Straße her durch eine Portikus im Osten 21 . Die Ostfassade verlief gerade und im rechten Winkel zur Via Nomentana.

16 s. Deichmann (1946) S. 213 ff, bes. S. 228

17 s. Perrotti (1956) S. 81; weitere Veröffentlichungen ders. (1961); Frutaz (1969)

18 s. Stanley (1993) und (1994)

19 Ground Penetrating Radar

20 s. Magnani Cianetti, Pavolini Carlo (2004)

21 vgl. Deichmann, S. 228, „Quadriportikus“, Bovini, S. 250, S. 250 „L’atrio della basilica costantina; Jastrzebowska, S. 157; „vorgelagertes Atrium“ Mancinelli, S. 49; Alexander spricht von einem fast 90 m langen Areal, einem Vorhof als Weg zu den Märtyrergräbern; Voelkl, S. 160 von einem von Portiken umgebenden Atrium; Brandenburg, S. 95/96 von einem Atrium das Basilika und Märtyrergrab verband; Schumacher, S. 136 spricht auch von einem Atrium, dessen genaue Begrenzung im Osten jedoch noch nicht geklärt sei, während die nördliche Begrenzung durch Grabungen Fasolas gesichert sei. Anhaltspunkt dafür sei die an beiden Seiten der Ostfassade vorspringende Umfassungsmauer.

17

Die Basilika war im Äußeren 98,27 m lang und 40,87 m breit 22 . Die Breite des Mittelschiffes betrug 17,50 m, die der Seitenschiffe 9 m 23 . Die Umfassungsmauer war zwischen 0,78 und 0,90 m breit 24 und sprang an beiden Seiten der Ostfassade vor, so dass die Existenz einer Porticus vermutet wird 25 . Sie ist relativ gut erhalten, im südwestlichen Teil sogar noch mit 15 rechtwinkligen Fensteröffnungen samt Entlastungsbogen, deren Maße an der Längsseite 1,20 x 1,20 m betragen, entlang der Apsis 1,20 x 1,60 m; in der Mitte der Rundung befand sich ein Rundfenster. Die Bankette der Scheidemauer hatten eine Stärke von 1,50 m 26 . Die Differenz zwischen beiden Mauern „lässt auf einen basilikalen Aufbau schließen“ 27 . Die Scheidemauer ist nur in den Fundamenten erhalten, deren Befund keinen eindeutigen Rückschluss auf die Art der verwendeten Stützen zulässt 28 . Die Rundung des Mittelschiffs war schmaler als die Umfassungsmauer, war also am Ansatz des Umgangs eingezogen. In diesen Ansatz des Umgangs hinein ragt „ein kleiner Rechteckbau“ 29 mit seinem Umgang. Das Fundament, das auf Tuffstein gemauert ist, wiederholt den Grundriss des Mittelschiffes samt der Einziehung des Umganges. Der Baukörper hat eine Länge von 23,30 m, eine Breite von 5,70 m und eine Mauerstärke von etwa 0,60 m. 30 Die Basilika wurde in opus listatum errichtet. 31 Auf dem nach Westen abfallenden Gelände waren mächtige Substruktionen für den Bau der Basilika nötig: Neun heute gut sichtbare abgetreppte 32 Strebepfeiler

22 Die folgenden Angaben sind der neuesten Veröffentlichung zu der Basilika an der Via Nomentana von Venturini, S.19 entnommen. Venturini führt auf S.33 sämtliche Maße sowohl der Basilika als auch des „sacello“ in römischen Fuß an und verweist auf die Zahlenkombinationen von 11x3x2; die geometrische Aufteilung der Basilika im Bild s. Fig. 1, 10, 11 ebd.

23 Deichmann, S.227 ; Bovini, S. 2459; Jastrzebowska, S. 157; Schumacher, S. 136

24 Schumacher, S. 136; Perotti, S. 80f

25 s. Jastrzebowska, S. 157, Deichmann, S. 227, Perrotti, S. 80

26 s. Schumacher, S. 136 gemäß Perrotti, S. 80

27 Schumacher, S. 136; gemäß Jastrzebowska, S. 157 liegt eine Differenz von 0,40 m vor.

28 vgl. Schumacher, S. 154, S. 139 vermutet Schumacher Säulen: „doch ist dies vom Befund her nicht eindeutig“. Mancinelli, S. 49 „Ob Pfeiler oder Säulen zur Schiffstrennung dienten, wissen wir nicht.“

29 Deichmann und Tschira, S. 84

30 s. Fusco, S.24 Anm. 25 gemäß Perotti 1956

31 s. Deichmann, S. 226; Jastrzebowska, S. 157; Brandenburg, S. 100; hingegen opus vittatum:

Schumacher, S. 136; Stanley, S. 259 f. : beides

18

stützten die Rundung und die südliche Längsseite der Umfassungsmauer und jedes Fenster war außen am Umgang „von flachen Pfeilern flankiert“ 33 . Der ursprüngliche Boden ist nicht erhalten 34 . Gräber wurden sowohl in der Umfassungsmauer 35 als auch im gesamten Innenraum gefunden. 36

II.1.5. Forschungsgeschichte 37 Die Baubezeichnung als Basilika erfolgt einheitlich, variiert lediglich zwischen dreischiffiger Basilika 38 , konstantinischer Basilika 39 , konstantinischer Exedrabasilika 40 , Umgangsbasilika 41 und konstantinischer Umgangsbasilika 42 , zirkusförmiger Basilika 43 , Pfeilerbasilika 44 , Begräbnisbasilika 45 , coemeterium Agnetis 46 und bedeckter Friedhof 47 . Von allen wird sie von Anfang an als Agneskirche bzw. San Agnese bezeichnet, in die Jahre 337/8 bis 350/351/354 datiert und die Kaisertochter Constantina als ihre Bauherrin und Stifterin benannt 48 . Als Funktion werden auch einheitlich Toten- und Märtyrerkult genannt, auf ersteres weisen auch die Gräber im Inneren der Basilika.

32 gemäß Schumacher, S. 136

33 Jastrzebowska, S. 157

34 Der Boden ist dicht mit Gräbern bedeckt gemäß Brenk, S. 41, Deichmann, S. 25 und Brandenburg, S. 96, mit mehreren Gräbern gemäß Jastrzebowska, S. 158; Schumacher , S. 138 „Auch fehlt, wie Nachgrabungen ergeben haben, ein Fußboden“, Mancinelli, S. 48 „sicher ist, daßder Fußboden keinen Belag hatte und daß die Gräber den gesamten Innenraum einnahmen.“ Stanley, S. 258 f.

35 s. Stanley S. 259

36 Diese Trikonchos-Memoria datiert Stanley ebenso wie die Basilika zwischen 340 und 350 s. S. 260 Einzelabbildung s. Fig. 15 bzw. Grundriss Fig. 17.

37 s. Anhang 6

38 Deichmann und Tschira

39 Bovini, Ferrua

40 Schumacher

41 Wochnik

42 Rasch

43 Torelli

44 Rasch

45 Mancinelli

46 Krautheimer, Mancinelli

47 Heres

48 Nur Wochnik betont z. B., dass gemäß LP Kaiser Konstantin und Papst Silvester die Basilika haben bauen lassen.

19

Rätsel gibt der kleine rechteckige Bau in der Mitte der Basilika auf, der zumindest mehrheitlich einer anderen Entwicklungsphase zugeordnet wird 49 , teilweise jedoch später 50 , teilweise früher 51 . Die Funktion dieses Gebäudes ist ebenfalls unklar: Brandenburg 52 vermutet darin einen Baldachin über dem Altar oder Chorschranken, Fusco 53 referiert Krautheimers Interpretation als „mensa martyris“; Pavolini 54 bezeichnet es mit Perrotti als verehrtes Grab der Hl. Agnes, Stanley 55 hingegen als ursprüngliches Grab der Constantina.

49 Nur Schumacher, S.136 und Pavolini, S.134 sprechen von einer gleichzeitigen Entstehung.

50 Deichmann und Tschira, S.84 meinen, „dass es sich hier vielleicht um einen späteren Einbau handelt.“ Begründung: „Das Fundament unterscheidet sich mit seiner geringen Stärke und durch das Fehlen von Ziegeldurchschuß deutlich von den konstantinischen Bauteilen.“ (ebd.) Argentero bezeichnet es als „una piccola costruzione“ (S.95), die erst nach der Auflösung der Friedhofskomplexes errichtet wurde, die aber in keinerlei Quellen erwähnt wird.

51 Bovini, S.252 „forse di epoca di poco anteriore“, auch Krautheimer, Cahier Archeologiques, S.22 Anm.6; Perotti, S.82 f vorhergehendes „saccelo“

52 Brandenburg (1979) S.102

53 Fusco, S,17

54 Pavolini, S.134

55 Stanley (1994), S.260

20

II.2. Basilika an der Via Tiburtina (San Lorenzo) II.2.1. Lage und Kontext Die Basilika liegt an der nach Nordosten führenden Ausfallstraße an deren südöstlicher Seite am Fuß eines Hügels, ca. 1,5 km vor der Porta Tiburtina auf dem Ager Veranus, der bereits seit dem 2. Jhd. v. Chr. als Friedhof verwendet wurde und aufgrund der Grabstätten kaiserlicher Freigelassener als kaiserliches Gebiet identifiziert werden kann. Am östlichen Ende des südlichen Seitenschiffes der Basilika befindet sich ein kleines Mausoleum mit drei Apsiden, ein Trikonchos 56 . Am westlichen Ende des nördlichen Seitenschiffes, vor und an der Umgangsrundung wurden zahlreiche Mauerfragmente von Mausoleen und Gräbern gefunden, von denen die meisten an die bereits gebaute Basilika hinzugefügt wurden, wenn auch teilweise nur wenig später 57 , teilweise auf einem höheren Niveau 58 . Ein kleiner Rest eines Mausoleums aus dem 3. Jhd., also vor dem Bau der Basilika, wurde bei der Mauer P entdeckt 59 . Nur ein Mausoleum, an der Mauer M-J gelegen, hatte einen Zugang zur Basilika vom Seitenschiff aus durch einen Bogen 60 . Der Zugang zu den anderen

56 s. CBCR II Pl. II und IV Dieser wurde bereits 1857 entdeckt (CBCRII Abb. 90) "am Fuß der Stufen zum Pincetto” (Zitat de Rossis (1964) gemäß CBCR II S. 120) in der Nähe der nordwestlichen Ecke der Quadriportikus, Krautheimer entscheidet sich für das nordwestliche Ende der Porticus, obwohl Lancianis Bemerkung zu der Zeichnung Vespignanis (s. Abb. 90) die nordöstliche Ecke kennzeichnet, weil die Lage des Trikonchos an der nordwestlichen Ecke genau übereinstimmt mit einem von ihm gefundenen Mausoleumsmauerstück und die auf der Zeichnung abgebildete dicke Mauer offensichtlich die südliche Mauer der Basilika darstellte (s. ebd. S. 120/121). Darin wurden ein pseudo-damasianisches Epigramm, auf ein Fragment der cancelli geschrieben, auf einen Bischof Leo, der, früher ein Heide, offensichtlich der Besitzer eines Grundstücks eventuell in der Nähe gewesen sei, weswegen Krautheimer die Kapelle (“trefoil chapel” ebd. S. 7 bzw. “trichora” S. 120) nach ihm benennt. Der Trikonchos gleicht sowohl von der Lage zur Basilika als auch von der Form dem kürzlich bei der Basilika an der Via Nomentana gefundenen (s. Stanley S. 260). Jastrzebowska S. 159 erwähnt lediglich ein Mausoleum mit drei Apsiden, das 1967 bei Grabungen gefunden wurde; Schumacher S. 140 auch, wobei er auf die Zuschreibung – wie Krautheimer – an den Bischof Leo hinweist. Eine Entstehung gleichzeitig mit der Basilika ist wahrscheinlich.

57 s. CBCR II S. 107; Abbildung s. Pl. IV

58 s. S. 98

59 s. Pl. II und IV

60 s. S. 108

21

Mausoleen erfolgte gemäß Krautheimer wohl von der Nordseite aus, wo die Mausoleen am Fuß des Felsen entlang lagen 61 .

II.2.2. Historische Quellenlage 62 Für die Basilika an der Via Tiburtina haben wir – ähnlich wie bei den Basiliken an der Via Labicana und an der Via Nomentana - in der Vita des Papstes Silvester(314-335) einen ausführlichen Bericht über die Erbauungszeit, die Widmung, die Ortsangabe und die Ausstattung im LP, wobei der Bezug zum Grab des Heiligen betont wird, sowohl die Nähe der Basilika zum Grab als auch der Bau einer Treppe zum Grab als auch ebendort die Errichtung einer absida und deren Ausschmückung mit Marmor. Auch dieser Bericht soll durch weitere Quellen ergänzt bzw. hinterfragt werden, zunächst durch die Quellen des 4. Jhd. bzw. Anf. 5. Jhd. Die Widmung an den Hl. Lorenz wird neben den weiteren Stellen im LP I 68 u. a. durch den lateinischen Text der Vita S. Melaniae Junioris 63 und zumindest indirekt durch das Epigramm des Damasus (366-384) auf den Hl. Laurentius bestätigt. Die Inschrift des Leopardus (~ 400) spricht jedoch von der Schmückung der Mauern „in aeclesia Christi“. Den Gebäudetypus basilica des LP bestätigt der Bericht des Prudentius (~ 400), der zwar das Fest des Hl. Hippolyt an der Via Tiburtina schildert, dessen Beschreibung der Kirche aber genau zu der Basilika mit Umgang passt: Der Text weist auf die Dreischiffigkeit 64 , den Umgang 65 und die Erhöhung des Mittelschiffes 66 hin. Interessant ist auch die Beobachtung, dass sich der Front gegenüber ein von Stufen erhöhtes Tribunal 67 befindet.

61 s. ebd.

62 s. Anhang 2

63 der griechische Text erwähnt keine Namen!

64 „doppelte Reihe von Säulen“ „ordo columnarum geminus“

65 s. V. 7/8

66 s. V. 9/10

67 s. V. 11

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Die Ortsangabe wird in gewisser Hinsicht durch das Martyrium Hieronymianum bestätigt: Einige Inschriften fügen bei Erwähnung der Messen für Hl. Laurentius „via Tiburtina in cimiterio eiusdem“ hinzu 68 . Zwei vor Ort gefundene Grabinschriften weisen auf die Existenz einer basilica hin 69 , die darüber hinaus den Begriff „basilica maior“ enthalten. Jedoch wird unter Papst Sixtus III (432-440) wiederum von einem Neubau („fecit“) gesprochen und zwar „confessionem beati Laurentii martyris cum columnis porphyreticis“, wobei sowohl die confessiones als auch die platomae mit Silber ausgeschmückt werden; weiter werden cancelli über den platomae erwähnt und über den cancelli eine absida mit der Statue des Märtyrers Laurentius „basilicam sancto Laurentio quod Valentinianus Augustus concessit“ 70 . Beerdigt worden ist Papst Sixtus dann „in crypta, iuxta corpus beati Laurenti“ 71 . Unter Papst Hilarius (461-468) kommt es zu Schenkungen an Grab und Basilika und zum Bau („fecit“) eines Klosters und von Wirtschaftsräumen im weiteren Sinn, nämlich Bad, Swimmingpool, Landhaus und zwei Bibliotheken. Papst Hilarius wird in derselben Krypta wie Papst Sixtus bestattet. Unter den Päpsten Simplicius (468-483) und Felix III (483-492) werden zwei neue Basiliken neben der Basilika des Hl. Laurentius errichtet („fecit“), für den Hl. Stephan und den Hl. Agapitus. Unter Papst Anastasius (496-498) ist der Bau einer confessio für den Hl. Laurentius notiert („fecit confessionem). Gemäß LP haben wir für das 5. Jhd. folgende Situation an der Via Tiburtina:

- die konstantinische Basilika des Hl. Lorenz

- das Grab des Hl. Lorenz (crypta, platoma)

- die confessio über dem Grab des Hl. Lorenz

- die von Sixtus auf den Auftrag von Valentinian hin errichtete Basilika des Hl. Lorenz (Erwähnung ohne Ortsangabe)

- das Kloster mit Wirtschaftsräumen

- zwei weitere Basiliken, die des Hl. Stephan und die des Hl. Agapitus.

68 dazu s. Kirsch (1924)!

69 s. Anhang 2 VI. 3) + 4 ); beide sind kurz nach 400 zu datieren.

70 I 233/234

71 I 235

23

Bereits ab dem 5. Jhd. spielt das „sanctum Laurentium“ eine wichtige Rolle

neben dem sanctum Paulum und dem sanctum Petrum, v. a. für die Armen 72 und

für die Taufe 73 .

Vielleicht deswegen kommt es unter Papst Pelagius (579-590) zu einem Neubau

der Basilika des Hl. Laurentius über dessen Grab „von Grund auf“ und zur

Neuausschmückung des Grabes. Gemäß der Inschrift ist die pelagianische

Basilika größer 74 .

Zusammenfassend kann im Hinblick auf das 4. Jhd. folgendes festgehalten

werden:

Als durch Quellen gesichert kann sowohl der Begriff „basilica“ als auch die

Widmung der Gebäudes an den Hl. Laurentius gelten, spätestens zur Zeit des

Damasus.

Für die Datierung in konstantinische Zeit ist die Stelle im LP der einzige

Anhaltspunkt.

Für die Existenz der Basilika ~400 herum haben wir jedoch mehrere Quellen. Da

der LP erst unter Papst Sixtus III wieder von einem Neubau spricht und hierüber

von Neubau einer confessio über dem Grab des Hl. Laurentius, ist festzustellen,

dass die konstantinische Basilika sich nicht über dem Grab befunden haben

kann.

Rätselhaft bleibt die durch die beiden Grabinschriften überlieferte Bezeichnung

„basilica maior“~400 herum, als gemäß den anderen Quellen nur die

konstantinische Basilika existiert hat.

Für die Identifizierung der Basilika mit Umgang mit der Basilika aus

konstantinischer Zeit sprechen

1) die unter I. angeführten Quellen 75

2) die Ähnlichkeit im Grundriss mit den übrigen Basiliken mit Umgang, die alle

in das 4. Jhd. datiert werden.

Von daher kann also indirekt auch die vom LP angegebene Bauzeit unter

Konstantin bzw. seinen Söhnen als durch Quellen abgesichert gelten.

72 s. I 249 und 263 73 s. I 249

74 Zu ergänzen: als die vorherige oder die andere noch vorhandene

75 s. Anhang 2

24

II.2.3. Grabungsgeschichte der Basilika an der Via Tiburtina In den Jahren 1947/48 fanden hier Ausgrabungen unter Frankl, Josi und Krautheimer statt 76 . Erst im Jahr 1950 jedoch wurde bei weiteren Ausgrabungen unter Frankl und Josi 77 der Grundriss eines Bauwerkes mit parallelem Verlauf und nach Osten gerichteter Apsis aufgedeckt. Bei weiteren Probenentnahmen im Jahr 1957 unter Gatti konnten sowohl die Apsiskrümmung als auch die Maße des Grundrisses der Basilika exakter berechnet werden; außerdem wurden Gräber im Inneren der Basilika gefunden und an der Außenmauer der Basilika eine Kapelle, ebenfalls mit Gräbern 78 .

II.2.4. Basilika an der Via Tiburtina – Baubeschreibung Die Basilika liegt im 45 o -Winkel zur Via Tiburtina. Zugänge hatte sie wahrscheinlich an zwei Seiten: An der der Straße zugewandten Seite im Westen weisen die im nördlichen Teil der Umfassungsmauer gefundenen Reste von zwei Öffnungen auf einen Eingang mit ursprünglich sieben symmetrisch angeordneten Öffnungen hin 79 . Ein zweiter Eingang war möglicherweise an der straßenabgewandten Seite: Die Fassade im Osten, die leicht schräg zur Hauptachse verläuft, besaß mehrere Arkadenöffnungen 80 .

76 s. dies. (1950) S. 9-48

77 s. dies. (1950) S. 48-50

78 s. Gatti (1957) S. 16-20; auch Krautheimer, Frankl und Gatti (1958); Gesamtveröffentlichung CBCR II (1962)

79 Vgl. Jastrzebowska (1981), S. 159 mit Hinweis auf Krautheimer. Corpus II, S. 118; s. auch S. 96, vgl. dazu Krautheimer, Mensa, S. 18; ebenso Alexander , S. 297 berichtet vom Haupteingang am Ende des Umgangs mit sieben gewölbten Öffnungen zur Straße hin, woran sich der porticus sancti Laurentii angeschlossen haben muss; Brandenburg, S. 116 schreibt von sieben Öffnungen in der Außenmauer des Umgangs als Zugang zur Kirche. Der Abstand der ersten Öffnung vom nördlichen Mauerrücksprung beträgt 3,25 m, die Breite der Öffnung 2,90 m; der Abstand des westlichen Pfeilers dieser ersten Öffnung zum östlichen Pfeiler der nächsten Öffnung der nächsten zweiten Öffnung beträgt 4,70 m (übs. Krautheimer, Corpus S. 118).

80 s. Schumacher (1987), S. 140 mit Hinweis auf Krautheimer-Frankl-Gatti (1958); vgl. dazu auch Krautheimer, Corpus II, S. 119: Krautheimer nimmt hypothetisch fünf Arkaden an; Jastrzebowska (1981), S. 159 formuliert vorsichtiger „hat möglicherweise einen anderen breitren Eingang unter der offenen Portikus gehabt“ S. 159 mit Hinweis auf Krautheimer, Corpus II, S. 121 Taf. IV; Alexander, S. 297 berichtet von der geraden Ostfassade zur Ebene des Verano hin, die mit gewölbten Eingängen ausgestattet ist; Brandenburg, S. 116 schreibt von einer abgeschrägten Front und einer fünfbögigen Öffnung in der Fassade, die als Zugang zu Friedhof und Gräbern dient von der Via Tusculana her.

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Ihre ursprünglichen Maße betrugen 97,60 m bzw. 98,60 m in der Länge und 34,20 m bzw. 35,80 m in der Breite 81 . Sowohl die Rundungen der Umfassungsmauer als auch die des Mittelschiffes sind am Ansatz des Umgangs im Westen eingezogen 82 . Die „totale Breite“ des Umganges beträgt 32,70 m 83 . Die „innere Breite“ wird – wie die des nördlichen Seitenschiffes – auf 7,85 m geschätzt 84 . Die Scheidemauer zwischen Seitenschiff und Mittelschiff bestand aus eng gesetzten und offensichtlich durch Gebälk gestützten Säulen 85 , die im Abstand von 3,11 m im Durchschnitt voneinander entfernt waren 86 . Gemäß Lage und Proportionen kann man auf 24 Säulen je Langseite und sechs (oder sieben) in der Rundung schließen 87 . Mit ihren Architraven dienten sie als Innenstützen für 16 Obergaden, die Gesamthöhe der Säulengänge ist an 8,50 m herangekommen 88 . Fenstergröße und -abstand werden nach dem Vorbild der Basilika an der Via Appia rekonstruiert, die Gesamthöhe auf 16,20 m geschätzt; die Seitenschiffe hatten aller Wahrscheinlichkeit nach keine Fenster, da überall an den Seiten sich Mausoleen anschließen 89 . Die Breite des Mittelschiffes beträgt 17,20 m, die der Seitenschiffe 8,75 m 90 , die Länge beider beträgt 81,59 bzw. 81,30 m 91 . Die Umfassungsmauer ist 0,90 m breit 92 . Überall wurden Fragmente von Dachziegeln gefunden, woraus geschlossen werden kann, dass sowohl das Schiff als auch die Nebenschiffe gedeckt waren, wahrscheinlich mit Holzdächern 93 .

81 s. Schumacher (1987) S. 140 mit Hinweis auf Krautheimer-Josi-Frankl (1952)

82 vgl. Schumacher (1987), S. 140, Brandenburg (1979), S. 116, Jastrzebowska (1981), S. 159 „zwei Mauerrücksprünge“

83 hingegen Bovini S. 208 „il diametro interno dell’ abside fosse di arca m 32,85“

84 vgl. Krautheimer, Corpus II, S. 118

85 vgl. Krautheimer, Mensa, S. 18; Schumacher, S. 161 mit Hinweis auf das Prudentius-Zitat

86 vgl. Krautheimer, Corpus II, S. 119

87 vgl. Jastrzebowska, S. 159 mit Hinweis auf Frankl, Gatti und Krautheimer, S. 382 und Krautheimer, Corpus II, S. 119f. Dagegen Bovini, S. 211: „26 colonne per lato“ -> „intercolumni“ - > S. 212 „complessivamente 59 o. 60 con una luce di circa 3 m o poco piu“

88 Krautheimer, Corpus II, S. 120

89 s. Krautheimer, Corpus II, S. 120

90 s. Krautheimer, Corpus II, S. 117; Jastrzebowska, S. 159; Schumacher, S. 140

91 Krautheimer, Corpus II, S. 117

92 vgl. s. Krautheimer, Corpus II, S. 96 „at the top“, S. 117

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Sie wurde in opus listatum errichtet 94 . Substruktionen waren nicht nötig. Der ursprüngliche Boden ist nicht erhalten. Im Boden von Apsis, Mittelschiff und Seitenschiffen wurden zahlreiche Gräber in mehreren Schichten gefunden 95 , Spuren von Grabkammern an der Nord- und Südseite 96 . Die frühesten zur Basilika gehörenden Gräber sind zwischen 352 und 366 zu datieren 97 bzw. in die Zeit um 400 98 . Über die Art der Dekoration bzw. Einrichtung geben Fragmente von Gefäßen, Marmorverkleidung und Stuckdekoration Hinweise 99 . Eine Treppe als Verbindung zur Katakombe ist archäologisch nicht nachgewiesen 100 .

II.2.5. Basilika an der Via Tiburtina Forschungsgeschichte 101 Die Baubezeichnung als Basilika erfolgt einheitlich, variiert lediglich zwischen dreischiffiger Säulenbasilika 102 , Säulenbasilika mit Umgang 103 , dreischiffiger Basilika 104 , Umgangsbasilika 105 , konstantinischer Umgangsbasilika 106 oder konstantinischer Umgangsbasilika 107 , Exedrabasilika 108 , zirkusförmiger Basilika 109 , Zömeterialbasilika 110 .

93 Krautheimer, Corpus II, S. 119

94 Jastrzebowska, S. 159; Krautheimer, Corpus II, S. 95/99; Bovini, S. 205 + 208; hingegen Schumacher, S. 141 opus vittatum

95 Schumacher, S. 141/2 mit Hinweis auf Krautheimer, Corpus II, S. 135 und Deichmann Tschira, S. 65; vgl. Bovini, S. 209

96 vgl. Krautheimer, Corpus II, S. 116

97 vgl. Krautheimer, Corpus II, S. 6

98 vgl. Deichmann, Märtyrer, S. 159

99 s. Krautheimer, Corpus II, S. 121

100 s. Krautheimer, Corpus II, S. 116. Gemäß dem liber pontificalis I 181 gab es „gradus ascensionis et descensionis“, eine Treppenanlage, die von der Basilika zur Katakombe und zum Grab des verehrten Märtyrers Laurentius führte, vgl. Brandenburg, S. 117/8, Stützer, S. 120; Krautheimer vermutet, dass sich die Stelle des LP u. U. auf eine Treppe zur Katakombe „from top of the hill, some 8 m above the catacomb level“ (S. 116) bezieht.

101 s. Anhang 7

102 Deichmann Tschira

103 Krautheimer

104 Bovini

105 Brandenburg, Schumacher, Wochnik

106 Ferrua

107 Effenberger

108 Schumacher

109 Torelli

110 Bovini, Brandenburg

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Die Basilika wird von der Mehrheit der Forscher in die Zeit der Söhne Konstantins datiert 111 und somit als Stiftung der konstantinischen Dynastie angesehen. Sie wird einheitlich und von Anfang an als Kirche des Hl. Laurentius bzw. San Lorenzo bezeichnet und ihre Funktion als Toten- und Märtyrerkultstätte wird von allen Forschern betont, was sich aufgrund der in der Basilika gefundenen Gräber bestätigen lässt. Vom Grab des Heiligen wurden jedoch keine Spuren gefunden.

111 Ausnahmen: Krautheimer in die frühen 20er/30er Jahre des 4. Jhd.; Geertmann und Rasch in die Zeit Sixtus III (432-440)

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II.3. Basilika an der Via Praenestina II.3.1. Lage und Kontext Die Basilika liegt trotz eines Abstandes von etwa 60 m parallel zu der nach Nordosten führenden Ausfallstraße an deren nördlichen Seite ungefähr 3 km vor der Porta Praenestina im Osten des Geländes der suburbanen Villa der Gordiani. An der Westseite der Basilika befindet sich in 2,80 m Entfernung von der Apsis ein gut erhaltenes Rundmausoleum aus opus testaceum 112 mit einem giebelgekrönten Portikus und einem Sockel 113 . Die Hauptachse des Mausoleums weicht rund 14 o von der Nordrichtung nach Westen ab 114 . Aufgrund von Ziegelstempeln ist es in die Jahre 292 bis 305 115 , also in diokletianische Zeit zu datieren 116 und war somit vor der Basilika vorhanden 117 . Außerhalb der Villa liegen an beiden Seiten der Straße zahlreiche Columbarien. Im Osten, circa 150 m von der Fassade der Basilika entfernt, an der Via Rovigno d'Istria, ist eine kleine zweistöckige Katakombe entdeckt und ausgegraben worden 118

II.3.2. Historische Quellenlage Im Hinblick auf die sog. Basilika anonima besitzen wir keinerlei schriftliche Quellen, ebenso im Hinblick auf das daneben stehende Mausoleum. Wir haben lediglich in den Scriptores Augusti 119 einen Hinweis darauf, dass das Gebiet, auf dem sich beide Bauten befinden, zur Villa Gordianorum gehört bzw. zum praedium der kaiserlichen Familie der Gordiani. Bei den Grabungen 1983 wurde jedoch eine in die Mitte des 4. Jhd. zu datierende Münze gefunden 120 .

112 s. Jastrzebowska S. 154

113 Maße: innerer Durchmesser: 13,75 m ; äußerer Durchmesser: 18,91; m Höhe 14,35 m

114 s. Rasch (1993) S. 2

115 gemäß Kaniuth, S. 15

116 s. Brandenburg S. 72; Gatti (1960) S. 5: Ende 3. / Anf. 4. Jhd.); Lugli jedoch: z. Zt. Konstantins; Rasch S. 79 "spätantiker Grabtempel"

117 Lugli und Brandenburg (1992) S. 45 jedoch für Datierung in konstantinische Zeit; Rasch S. 79 „spätantiker Grabtempel“

118 gemäß de Rossi ins 3. Jhd. datiert s. Gatti (1960) S. 5; gemäß Rasch S. 2 kaum, vor Mitte des 3. Jhd.

119 Zitat s. Jastrzebowska, Anm. 99, S. 170; auch Ashby (1902) S. 156 f

120 Im Grab Nr. 7, s. Caruso Ceccherelli und Luschi (1983) S. 426; drei weitere im Grab Nr. 39i gefundene Münzen stehen noch zu Datierung aus.

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Zur fehlenden Überlieferung vermutet Brandenburg (1992) folgendes: „Vielleicht fehlte hier eine Dedikation an bestimmte Märtyrer oder aber gewannen sie keine größere Bedeutung, so dass die Erinnerung an sie schon am Ausgang der Antike oder im frühen Mittelalter verloren gegangen war.“ 121

121 Brandenburg (1992) S. 51

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II.3.3. Grabungsgeschichte der Basilika an der Via Praenestina Im Jahr 1915 fanden zwar bereits Untersuchungen von Überresten durch Lugli 122 statt, aber erst in den Jahren 1953/54 kam es bei Grabungen unter Gatti zur Freilegung des Grundrisses der dreischiffigen Basilika an der Erdoberfläche 123 . Bei Grabungen im Jahr 1983 unter Caruso, Ceccherelli und Luschi 124 wurden im Inneren der Exedra im östlichen Teil der Basilika entlang der Außenmauer eine Reihe von Gräbern aufgefunden.

II.3.4.Baubeschreibung

Die Basilika liegt trotz eines Abstandes von etwa 60 m parallel zur Via Praenestina. Über einen Vorhof ist nichts bekannt. Betreten wurde die Basilika zum Einen durch eine Türe in der Fassade, die sich fast genau gegenüber der südlichen Pfeilerreihe befand und fast genauso breit war wie ein Pfeiler 125 . Der zweite Zugang ist noch heute in der Umfassungsmauer, etwas südlich vom Scheitelpunkt zu sehen, er ist 1,65 m breit 126 . Die Ostfassade verläuft - wie bei der Basilika an der Via Appia - „schräg zur Längsachse mit 5° Abweichung in östlicher Richtung" 127 , wodurch auch die Pfeilerreihen nicht korrespondieren. Die Basilika hatte eine Gesamtlänge von 66,60 m und eine Gesamtbreite von 28,07 128 . Die Breite des Mittelschiffes beträgt zwischen 11,89 und 12,01 129 , die der Seitenschiffe 5,85 130 .

122 s. ders. (1915)

123 s. Gatti (1957)

124 s. dies. (1983)

125 s. Gatti (1960) Fig. 5

126 Jastrzebowska (1981), S. 154

127 Jastrzebowska (1981), S. 153, Gatti, S. 6 „la facciata e obliqua, di circa 5 gradi"

128 s. Rasch (1993), S. 2; Schumacher (1987), S. 151: 66 / 28,20: Jastrzebowska (1981), S.153:

66,60 / 28,20 und Bovini, S. 188; Brandenburg (1979), S. 72: 66 / 24; Gatti (1960), S. 6: 66,60, S. 7 28,20

129 s. Rasch (1993), S. 80 Anm. 530; Gatti (1960), S. 6; Bovini, S. 189 und Jastrzebowska (1981), S. 159: 11,85; Brandenburg (1979), S. 72: 12 m

130 s. Rasch (1993), S. 80 Anm. 530; Jastrzebowska (1981), S. 159: 6,60 m; Brandenburg , S. 72 und Gatti (1960), S. 6 und Bovini, S. 189: 6 m

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Die Umfassungsmauer ist 0,61 m breit 131 . Die Scheidemauer zwischen Seitenschiff und Mittelschiff wird von 30 Pfeilern 132 gebildet; 25 Pfeiler sind rechteckig und zwar 1,55 m breit 133 . Die Größe der Pfeiler wächst in der Kurve an, so dass die fünf Pfeiler dort 134 trapezförmig sind. „Die Pfeilerachsen der nördlichen und südlichen Reihe korrespondieren nicht. Die südlichen Pfeiler sind am Westende der Reihe um 5 cm und am Ostende der Reihe um 1,06 m nach Westen verschoben.“ 135 Mit dem 13. Pfeiler beginnt die Rundung, so dass das Mittelschiff mit einer halbrunden Arkadenstellung schließt. Kurz vor der Rundung, beim 11. Pfeiler, geht eine schmale Mauer quer durch das Mittelschiff 136 ; die Abweichung dieser Querteilung ist etwas geringer als die der Ostfassade 137 . Die Scheitelhöhe der Bogenansätze der Arkadenbögen lag etwa 2,50 bis 2,80 m über dem heutigen Bodenniveau 138 . Die Basilika wurde in opus listatum errichtet 139 . Der ursprüngliche Boden ist nicht erhalten 140 . Es wurden aber bei Grabungen Gräber „innerhalb und außerhalb der Basilika“ 141 gefunden.

131 s. Rasch (1993), S. 80 Anm. 530; Jastrzebowska (1981), S. 154, Schumacher (1987), S.151 und Brandenburg (1979), S. 73: 0,60 m. Sie ist nur bis zur Höhe von 1 m erhalten und wohl zu schwach für eine zweites Geschoß, Schumacher (1987), S. 151

132 Jastrzebowska (1981), S. 154; hingegen Bovini, S. 189: "intutto 29"

133 s. Gatti (1960) S. 6 "in media", s. Schumacher (1987), S. 151 und Jastrzebowska (1981), S. 154; Tolotti 1982, S. 175 „Hauptmauer": 160 cm" und 1,05 m lang s. Gatti, (1960) S. 6 „in media" Schumacher (1987), S. 151 134 "Scheitelpfeiler", Rasch (1993), S. 80

135 Jastrzebowska (1981), S. 154, vgl. Tolotti 1982, S. 175

136 s. Grundriss Gatti (1960) Fig. 5

137 s. Rasch (1993) S. 72, so dass keine Parallelität vorliegt, wohl aber einbaulicher Bezug da gewesen sein kann

138 Schumacher (1987), S. 151 "etwa 2,80 m", Gatti, S. 6 "Questi archi sono pinttosto bassi (m 2,50 circa)", Jastrzebowska (1981), S. 154 „Nach den erhaltenen Pfeilern zu schließen, dürfte der Scheitel 2,5 m über dem heutigen Bodenniveau liegen." Gemäß ihr ungewöhnlich niedrig!; dagegen Brandenburg (1979), S. 73: 3.50 m!). <- Hinweis auf Podiumgeschoß.

139 Gatti (1960) S. 6; Bovini, S. l89. Jastrzebowska (1981), S. 153 und Brandenburg (1979), S. 73, hingegen opus vittatum: Schumacher (1987), S. 151, Rasch (1993), S. 79, Johnson, S. 68

140 Dazu Jastrzebowska (1981), Anm. 105, S. 170: "Es ist unmöglich ohne weitere Ausgrabungen sicher festzustellen, ob das erhaltene Paviment in der Apsis zwischen den Pfeilern zu einem ursprünglichen Boden der Basilika gehört hat."

141 Rasch (1993), S. 2, im Schiff mit Orientierung des Gebäudes (Johnson, S. 131 Anm. 127) Die Lage der Gräber im Einzelnen ist beschrieben von Ceccherelli; S. 425-427 mit Abbildung S. 426:

auf Grab 3 ein Stempel, der ins 3. Jhd. datiert werden kann, bei Grab 7 eine Bronzemünze gefunden, die in die Mitte des 4. Jhd. datiert werden kann.

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II.3.5. Forschungsgeschichte 142 Die Baubezeichnung als Basilika ist einheitlich, es variiert lediglich zwischen dreischiffiger Basilika mit Umgang 143 und u-förmiger 144 oder zirkusförmiger Basilika 145 oder Umgangsbasilika 146 oder Exedrabasilika 147 oder Memorialbau 148 . Die Datierungsvorschläge liegen zwischen dem frühen 4. Jhd. und der Zeit des Damasus (351-386). Kein Forscher kann Aussagen über den Stifter oder den Bauherren machen; lediglich der Baugrund kann der kaiserlichen Familie zugeordnet werden. Die Funktion des Baues wird eindeutig dem Totenkult zugewiesen, wobei nur Brandenburg die Anlage als christliche Totenkultanlage bezeichnet.

142 s. Anhang 8

143 Bovini

144 Jastrzebowska (1981)

145 Jastrzebowska (1981) / Torelli

146 Wochnik

147 Jastrzebowska (1981) / Schumacher (1987)

148 Brandenburg (1992)

33

II.4. Basilika an der Via Labicana (SS. Pietro e Marcellino) II.4.1. Lage und Kontext Die Basilika liegt ebenfalls trotz eines Abstandes von ca. 60 m parallel zu der nach Nordosten führenden Ausfallstraße an deren nordwestlichen Seite und auf einer Anhöhe, ungefähr 3 km vor der Porta Labicana. Auf diesem Gebiet an der Via Labicana befindet sich seit dem 2. Jhd. der Friedhof der Equites Singulares 149 und seit der 2. Hälfte des 3. Jhd. auch eine große christliche Katakombenanlage. Als ältester Teil dieser Anlage konnte ein ummauerter Bezirk nachgewiesen werden, dessen Mauern der Basilika als östliche Abschlusswand diente. Alle Gebäude befinden sich auf dem kaiserlichen Territorium „ ad duas lauros“, eine Ortsbezeichnung, die außer dem sepulcretum der Equites Singulares den gesamten kaiserlichen Grund zwischen Porta Maggiore, Via Labicana, Via Praenestina und Centocelle umfasste 150 . Für eine kaiserliche Villa bzw. einen Exerzierplatz 151 gibt es bisher keinerlei Hinweise in der Überlieferung 152 . An der Ostseite der Basilika schließt sich ein Rundmausoleum direkt an das rechtwinklige Atrium, das 28,40 m breit und 9,50 m tief ist 153 , das aufgrund der Mauertechnik und eines Ziegelstempels in konstantinische Zeit 154 datiert wird und somit kurz nach der Errichtung der Basilika entstanden ist. An die Basilika wurde im Laufe der Zeit eine große Anzahl kleinerer Mausoleen angebaut, u. a. die sog. Tiburtius-Kapelle, ein rechtwinkliger Bau von 5,70 m auf 6,70 m 155 .

149 s. Jastrzebowka (1981) S. 155

150 s. Mancinelli S. 39

151 s. CBCR II S. 197

152 s. Deichmann und Tschira, S. 66f und Deckers, Seeliger S. 63

153 S. Deichmann und Tschira, S. 56 Dieses Mausoleum hat einen inneren Durchmesser von 20,18 m und einen äußeren von 27,74 153 . Der Bau ist innen und außen aufgeteilt in eine Nischenzone mit 9,82 m Höhe, in eine Fensterzone mit 5,74 m Höhe und in eine Kuppelzone mit einer Höhe von 10,09 m; die innere Gesamthöhe beträgt 25,42 m 153 ,

154 dies S. 64

155 dies. S. 55

34

II.4.2. Historische Quellenlage 156 Für die Basilika der Hll. Marcellinus und Petrus gibt finden wir in der Vita Silvestri des LP einen ausführlichen Bericht über die Erbauungszeit, ihren Stifter und ihren Bauanlass mit genauer Ortsangabe und den ihr zugewiesenen Schenkungen, auch der Bau eines Mausoleums wird hier erwähnt Dieser Bericht des LP muss jedoch in einigen Punkten hinterfragt werden:

Wir haben bis Mitte des 4. Jhd. keinerlei schriftliche Angaben über die beiden genannten Märtyrer, die unter Kaiser Diokletian das Martyrium erlitten 157 . In den Depostiones Martyrium werden sie noch nicht erwähnt, so dass auch die nach ihnen benannte Katakombe, die sicher zur Zeit der Erbauung der Basilika schon längst in Benutzung war (seit Mitte 3. Jhd.), aber ebenso sicher ihren Namen als Petrus- und Marcellinus-Katakombe noch nicht besaß. Daher ist die Widmung einer Basilika an diese beiden anzuzweifeln. Die früheste literarische Quelle, die Depostiones Martyrium aus dem Jahr 354, vermerkt für den 9. September die Verehrung des Gorgonius an der Lavicana. Wem war die Basilika also ursprünglich gewidmet? Die Bezeichnung „inter duas lauros“ kann als Ortsbezeichnung 158 oder als Ausdruck der Heiligkeit des Ortes 159 beurteilt werden 160 . Die Stelle birgt zwei Ortsangaben: „basilicamin territurio inter duas lauros et

mysileumvia lavicana, miliario III.“ Ist damit ein und derselbe Ort gemeint, sind also Basilika und Mausoleum beieinander, so wie wir es heute vorfinden? Das Mausoleum wird als Begräbnisstätte für Kaiserin Helena bezeichnet 161 . Während LP I 182 von einer „basilica“ schreibt, erwähnen die weiteren Stellen ein „cymeterium Marcellini et Petri“ 162 , während von einer „basilica beatae Helenae“ neben dem cimiterium die Rede ist 163 .

156 s. Anhang 4

157 s. Fiocchi Nicolai (2000) S. 36, jedoch ohne Quellenangabe

158 ursprünglich Villa suburbana des Kaisers, Deichmann Tschira

159 Alföldi

160 Lösung gemäß Guyon, S. 303: Das Symbol der Heiligkeit des Ortes habe sich gewandelt zur topographischen Angabe für das ganze Gebiet.

161 vgl. dazu auch Euseb VCII 47: nur allgemein „in die Kaiserstadt gebracht und dort in den kaiserlichen Grabstätten beigesetzt“

162 s. LP I 324/500; erst in der Vita des Papstes Benedikt IV (855-858) wird wieder der Begriff

„ecclesiaPetri et Marcellini“ gebraucht!

: zwei Lorbeerbäume als Kultsymbol des Nomen Augusti

35

In den Martyrium Hieronymianum steht „in cimiterio eiusdem Gorgoni“. Die Datierung des LP in konstantinische Zeit jedoch kann durch die Funde eines Ziegelstempels aus der Zeit zwischen 313 und ca. 320 und einer zwischen 324 und 326 geschlagenen Münze Konstantins, beide im Mausoleum der Helena gefunden, erhärtet werden, ebenso durch die im Fundament der Basilika gefunden Fragmente von Grabsteinen der Equites Singulares, deren Zerstörung bzw. Wiederverwendung nur nach der damnatio memoriae des Maxentius und damit seiner Reitertruppe möglich ist, und durch die Liste der Landschenkungen durch Konstantin an die Kirche im LP I 183. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Konstantin mit großer Wahrscheinlichkeit die Basilika an der Via Labicana auf kaiserlichem Gebiet errichten ließ. Sicher zu belegen ist dann die Mitte des 4. Jhd. einsetzende bzw. die seit Mitte des 4. Jhd. ausgeübte Märtyrerverehrung, und zwar die von mehreren Märtyrern:

Tiburtius, Gorgonius, Marcellinus und Petrus, die 30 Märtyrer und die Quattuor Coronati.

II.4.3. Grabungsgeschichte Bei Grabungen in den Jahren 1896 bis 1898 unter Stevenson wurden östlich der Kapelle Mauerzüge bzw. Reste „entweder eines großen Grabbezirkes oder einer Basilika“ 164 aufgedeckt; Marucchi 165 vermutet daraufhin die konstantinische Basilika zwischen Kapelle und Mausoleum 166 . Erst im Jahr 1941 kommt es unter Deichmann zu Grabungen im Gebiet der Vorhalle des Mausoleums: Die Mauerzüge werden vom Mausoleum nach Westen weiter verfolgt 167 . Bei Grabungen im Jahr 1948 wiederum unter Deichmann werden Reste aus spätrepublikanischer Zeit oder Anfang der Kaiserzeit gefunden 168 .

163 s. LP I 500, II 50), die auch in den Quellen Mitte des 7. Jhd. (Itin. Salisb.) als „ecclesia Helenae“ bezeichnet wird, während wir noch Anfang des 9. Jhd. (Eginhardus) auf die Bezeichnung „basilica S. Tiburtii“ stoßen.

164 Deichmann Tschira, S. 47 unter Hinweis auf das Tagebuch Stevensons vom 25. Mai 1896

165 s. Deichmann Tschira, S. 48

166 s. Deichmann Tschira, S. 47

167 s. Deichmann (1941) Sp. 738/739 und Deichmann Tschira (1957) S. 48

168 s. NSA 73(1948); Guyon (1986) PorticaS. 239, Abb. 2

36

Schließlich wird bei Grabungen in den Jahren 1953 bis 1956 am Mausoleum der Helena unter Deichmann und Tschira nach Verfolgung der Maueranschlüsse der Grundriss der Basilika freigelegt und eine Treppe zur Krypta entdeckt. Unter Guyon wurden bei fünf verschiedenen Grabungskampagnen zwischen 1973 und 1979 eine Portikus im Süden der Basilika, ein umfriedeter Hof im Norden der Basilika und einige Mausoleen innerhalb und außerhalb der beiden Bezirke teilweise aus antoninischer Zeit, teilweise aus konstantinischer Zeit freigelegt 169 .

II.4.4. Baubeschreibung Die Basilika liegt - trotz einer Distanz von etwa 60 m - fast parallel zur Straße 170 . Die Achse verläuft von W-N-W nach O-S-O 171 . Betreten wurde die Basilika an der südlichen Schmalseite des Narthex durch eine Tür 172 , deren Stein mit Türpfanne noch in situ gefunden wurde 173 . Der Narthex war rechteckig bei einer Größe von 6,70 x 29 m 174 und lag vor den drei Schiffen „wie die Ostwand des Langhauses schräg zur Achse“ 175 , mit einer Abweichung von 4,5o 176 ; er war wohl mit den Schiffen durch drei Arkadenbögen verbunden 177 . An die Ostwand des Narthex schloss sich eine Vorhalle an, die 28,40 m breit und 9,40 m tief war und zwar im rechten Winkel, so dass ein Knick in der Achse zwischen Basilika und Mausoleum entstand. Die Vorhalle verband

169 Guyon (1984) u. (1986)

170 s. Guyon (1981 2 ) Fig. 1

171 Krautheimer, Corpus II, S. 201

172 gemäß Krautheimer, Corpus II, S. 201, vielleicht 4 Meter breit, wahrscheinlich durch einen Arkadenbogen „Un ingresso largo forse quattroi metri, presumibilmente ad arco“

173 Deichmann und Tschira, S. 51 und 53. Ein Eingang im Osten ist nicht mehr rekonstruierbar, „da die Ostseite des Narthex bis in die Fundamente zerstört ist“ Schumacher, S. 134; auch Krautheimer, Corpus II, S. 203. Brandenburg, S. 117 berichtet, gemäß Bosio (16. Jhd.) von einer Öffnung im Scheitel des Umgangs im Vgl. mit S. Lorenzo; Schumacher, S. 135 vermutet unter Berufung auf Guyon „mit Errichtung der Basilika führte vielleicht auch vom Ausgang eine Treppe nach unten. In der Folge kamen als Zutritt zur Katakombe noch zwei weitere Abgänge aus den Schiffen hinzu.“

174 Jastrzebowska, S. 155

175 Schumacher, S. 133 und zwar, weil sie gemäß den Ausgräbern einen älteren S-N-verlaufenden Mauerzug berücksichtigt.

176 Jastrzebowska, S. 155

177 vgl. Jastrzebowska, S. 155; Deichmann und Tschira, S. 52 „vorgelagerter Narthex, von dem die Basilika durch eine über die ganze Breite laufende, sicher von drei Bögen durchbrochene Mauer getrennt ist“; dagegen Krautheimer, Corpus II, S. 201: „in origine indiviso“

37

wohl nachträglich Mausoleum und Basilika 178 und gehörte daher nicht zum ursprünglichen Bau. Die Maße der Basilika betrugen 65,29 m in der Länge und 29,30 m in der Breite 179 . Das Mittelschiff war 13 m breit, die Seitenschiffe 6,50 m. Die Umfassungsmauer ist 0,55 m breit, während die Breite der Seitenschiffe 0,93 m betrug, wodurch der basilikale Aufbau gesichert ist 180 . Die Scheidemauer wird von rechteckigen Pfeilern gebildet; aus ihrer Länge und ihren Maßen mit 1,73 x 0,53 m 181 kann man auf 21 Pfeiler schließen, je sieben in der Längsreihe, sieben in der Rundung 182 . Die Höhe der Pfeiler betrug 1,73 m, die der Rundung 1,49 m 183 . Der Abstand zwischen den Pfeilern scheint in der Mitte 3,50 m gewesen zu sein, die ziemlich sicher mit Bögen verbunden waren 184 ; es handelt sich also um Pfeilerarkaden, die sich in die Obergadenwand fortsetzten 185 . Aufgrund dieser Maße wird auf ähnliche Proportionen wie bei der Basilika an der Via Appia geschlossen: Mittelschiffhöhe 13,80 m, Seitenschiffhöhe 6,80 m 186 . Der Narthex hatte wohl die gleiche Höhe wie die Seitenschiffe 187 . Die Basilika wurde in opus listatum errichtet 188 . Die Fundamentbänke sind in den hochanstehenden Cappellaccio eingeschnitten und bestehen zum größten Teil aus opus caementitium 189 , „alles Reste älterer Grabanlagen“ 190 , nämlich Grabsteine der Equites Singulares, Peperinstücke und dazwischen Tufelli. „Der Fundamentvorsprung beträgt bis zu 40 cm“. 191

178 vgl. Schumacher, S. 134

179 Schumacher, S. 133; Jastrzebowska, S. 155; Bovini, S. 168; 65 m / 29 m: Krautheimer, Corpus II, S. 201; Brandenburg, S. 64; Mancinelli, S. 39; Deichmann Tschira, S. 51; Luenig, Anm. 174; Guyon, S. 318; Effenberg, S. 127: 56 m / 29 m; Koch, S. 28 „Länge etwa 77 m“.

180 Maße und Rückschluss: Deichmann Tschira, S. 51/5

181 Jastrzebowska, S. 155; dagegen Krautheimer, Corpus II, S. 202: 1,73 x 0,93 m; ebenso Bovini, S. 168

182 s. Krautheimer, Corpus II, S. 202; Bosio hingegen nimmt acht Pfeiler in der Rundung an, dessen Meinung Krautheimer auf S. 203 zu widerlegen sucht

183 Deichmann Tschira, S. 51/52

184 s. Krautheimer, Corpus II, S. 202

185 Brandenburg, S. 71

186 Deichmann und Tschira, S. 55

187 vgl. Schumacher, S. 133

188 Jastrzebowska, S. 155; Deichmann und Tschira, S. 54; Bovini, S. 169; hingegen Schumacher, S. 133 opus vittatum

189 Schumacher, S. 133

190 Deichmann und Tschira, S. 54

191 ebd.

38

Der ursprüngliche Boden ist nicht erhalten: „Der Fußboden der Basilika oder sein Niveau konnten nirgends festgestellt werden; offenbar ist er durch den späteren Friedhof gründlich zerstört.“ 192 Gräber wurden – neben denen des mittelalterlichen Friedhofes – vor allem in den Narthex-Fundamenten gefunden 193 . Auf eine „Art Marmordekoration“ 194 weisen farbige Putzstücke hin. Verbindungen zur Katakombe sind unsicher und wohl nachträglich angebracht 195 .

II.4.5. Forschungsgeschichte 196 Die Baubezeichnung als Basilika erfolgt einheitlich, variiert lediglich zwischen dreischiffiger Pfeilerbasilika 197 , Pfeilerbasilika 198 , zirkusförmiger Basilika 199 , Basilika mit halbkreisförmigem Umgang und Narthex 200 , Umgangsbasilika 201 , coemeterium basilica 202 bzw. cemeterial basilica 203 , Begräbnisbasilika 204 bzw. Bestattungsbasilika 205 bzw. Grabkirche 206 . Die Datierung erfolgt einheitlich zwischen 310 und 330, meistens vor 320, also in die erste Zeit der Herrschaft Konstantins; als Stifter bzw. Bauherr wird durchwegs Kaiser Konstantin benannt, teilweise mit Unterstützung von Helena 207 bzw. Papst Silvester 208 .

192 vgl. Deichmann und Tschira, S. 54; Jastrzebowska, S. 155 „Der Boden wurde durch zahlreiche Gräber zerstört; gemäß Krautheimer, Corpus II, S. 202 wurden keine Spuren eines Fußbodens gefunden. Falls der innere Fußboden mit Gräbern bedeckt war, wie im Fall von anderen Bauten dieses Typus, z. B. S. Sebastiano und der basilica maior von S. Lorenzo, war es nicht nötig, irgendeinen Fußboden bereitzustellen; Mancinelli, S. 39: „Auf dem belaglosen Fußboden reihten sich Gräber.“

193 Schumacher, S. 157 mit Hinweis in Anm. 174 auf die Abb. 7 und 12 bei Deichmann Tschira, S. 50 f.

194 Deichmann Tschira, S. 54

195 vgl. Schumacher, S. 135, Zitat s. oben, und Jastrzebowska, S. 157, beide mit Berufung auf Guyon

196 s. Anhang 9

197 Deichmann Tschira, Schumacher, Rasch

198 Krautheimer, Rasch

199 Guyon, Torelli

200 Tolotti

201 Brandenburg, Effenberger, Wochnik, Rasch

202 Bovini

203 Alexander

204 Jastrzebowska

205 Mancinelli

206 Mancinelli, Effenberger

207 Deichmann Tschira, Rasch

208 Wochnik

39

Als Anlass und Funktion des Baues wird der Märtyrerkult benannt: Es bestand der Wunsch ad sanctos bestattet zu werden. Hier wurde aber auch der Totenkult allgemein gefeiert und das Gedenken an die Märtyrer begangen. Die Gräber im Boden der Basilika sind gemäß allgemeiner Forschermeinung von Anfang an vorhanden 209 . Viele Forscher weisen daraufhin, dass hier erstmals die Verbindung von Mausoleum und Basilika vorliegt, wobei beide Gebäude noch getrennt voneinander sind.

209 Ausnahme s. Rasch

40

II.5. Basilika an der Via Appia (San Sebastiano) II.5.1. Lage zur Straße und Kontext Die Basilika liegt trotz eines Abstandes von ca. 60 m parallel zu der nach Südosten führenden antiken Gräberstraße an deren südwestlicher Seite nicht ganz 2 km vor der Porta Appia. Hier war nach dem Abbau von Pozzuolanerde eine tiefe Grube entstanden, die nach ihrer Stilllegung für Bestattungen genutzt wurde. Ihre Bezeichnung „ad catacumbas“ („in der Talsenke“) wurde als Gebietsbezeichnung beibehalten. Wegen des stark abfallenden Geländes musste die Apsis der Basilika durch bis zu 10 m tiefe Substruktionen abgestützt werden. An der Südseite der Basilika, in der Mitte vom Beginn der Umgangsrundung aus gesehen, befindet sich ein rechtwinkliges Mausoleum 210 mit eingezogener Apsis mit den Maßen 12,10 m und 16,60 m im Inneren 211 . Es besteht ebenfalls aus opus listatum und liegt auf gleichem Niveau wie die Basilika. Die Vorhalle des Mausoleums geht durch eine dreiteilige Arkadenöffnung direkt in das Seitenschiff über 212 , was eine Entstehung des Mausoleums zur gleichen Zeit wie die Basilika bedeutet. Dieses Mausoleum ist wenig später durch zwei kleinere Mausoleen 213 ersetzt worden. Westlich von der Basilika wurden villenartige Gebäudekomplexe aus dem 1. bis 3. Jhd. gefunden.: Die sog. Villa Grande, die bis ins 4. Jhd. immer wieder erneuert worden ist; die sog. Villa Piccola im Norden verbunden mit Kolumbarien aus dem 1. Jhd.; ein östlich gelegener Hof und andere Funeraleinrichtungen in mehreren Schichten; die sog. Triklia; nach W zu ein Hof und Mausoleen; weitere Grabgebäude in größerem Abstand 214 . Die meisten dieser Bauten wurden durch den Bau der Basilika zerstört. Der Brunnen der Villa Grande jedoch blieb an drei verschiedenen Stellen zugänglich 215 .

210 sog. Mausoleum Nr. 43, Lit. Tolotti (1953) S. 199f. Abb. 49 u. S. 231, ders. (1984) S. 128, ders. (1982) S. 189; Prandi (1936) Abb. 22; Jastrzebowska (1981) S. 96/7; Schumacher (1988) S. 156ff u. S. 149 Anm. 116/7; Ferrua (1961) S. 217 + Fig. 7; Brandenburg (1992) S. 44)

211 s. Schumacher (1988) S. 146

212 weswegen eine gleichzeitige Entstehung sehr wahrscheinlich ist, wie auch Schumacher (1988) S. 149 und Jastrzebowska (1981) S. 158 meinen

213 sog. Nr. 44 und 45

214 s. Schumacher (1988) S. 143 und Jastrzebowska (1981) S. 95ff

215 s. Jastrzebowska (1981) S. 95

41

Die Basilika befindet sich auf der westlichen Straßenseite der Via Appia, auf der

östlichen Seite liegen der Zirkus des Maxentius und das Mausoleum für

seinen Sohn Romulus auf dem Gebiet der kaiserlichen Villa 216 .

II.5.2. Historische Quellenlage 217

Für die Basilika an der Via Appia besitzen wir für die Zeit der Entstehung keine

schriftlichen Quellen und keinerlei Hinweise auf den Stifter.

Wir besitzen lediglich sowohl Quellen für den Apostelkult aufgrund der unter der

Basilika gefundenen Inschriften und aufgrund literarischer Quellen als auch

Quellen zu weiteren Märtyrern an der Via Appia.

Gemäß diesen Quellen kann folgendes als historisch gesichert gelten:

1) der Apostelkult an der Via Appia

2) der Apostelkult, der Mitte des 4. Jhd. an drei verschiedenen Orten zu

lokalisieren ist, wobei der Ort an der Via Appia die Erinnerungsstätte an das Grab

der beiden Apostel bleibt, während sich ihre individuelle Verehrung an den

Vatikan bzw. an die Via Ostiense verlagert.

3) der Kult auch für andere Märtyrer an diesem Ort Mitte 4. Jhd., z. B. für den Hl.

Sebastian 218 und den Hl. Eutychius 219 .

Im Hinblick auf die Basilika besitzen wir zunächst zwei verschiedene Arten von

archäologischen Quellen, die für die Datierung wichtige Aussagen leisten:

1) das Monogramm auf der Türschwelle, zwischen 312 und 361 zu datieren 220

2) zwischen 345 und 402 datierbare Inschriften 221

3) Die literarischen Quellen setzen erst mit der vita Damasi (366-384) des Liber

Pontificalis (7. Jhd.) bzw. der Acta Quirini (5. Jhd.) ein:

Als Namen für die Basilika nennen sie „ecclesia Apostolorum“ 222 und

cymeterium 223 bzw. ecclesia (Epitome de loc.) bzw. basilica sancti Sebastiani

(Syllogoi).

216 s. Portella, Via Appia (2003) Karte S. 42

217 s. Anhang 4

218 s. Depositiones Martyrum 219 s. Grabepigramm des Damasus

220 S. CBCR Fig. 120; S. 135; Styger datiert es in die Zeit von Constantin I, Ferrua (1961) S. 231 in die Zeit von Kaiser Constans, Krautheimer (CBCR S. 103) in die Zeit von Kaiser Constantin II und Constantius II

221 s. CBCR S. 100 ff und Ferrua (1961) S. 210-218

42

Weder für den Stifter noch für die Widmung haben wir also zu der Zeit der

Erbauung der Basilika eindeutige Quellen.

Historisch nachweisbar ist lediglich, dass die Basilika seit spätestens 345 als

Begräbnisstätte diente.

Im Hinblick auf die Quellensituation für die Basilika an der Via Appia kann

zusammenfassend gesagt werden:

Die Situation im Gebiet „ad catacumbas“ ist vor und nach dem Bau der Basilika

durch Quellen erhellt, nicht aber zur Zeit der Erbauung.

II.5.3. Grabungsgeschichte

In dem seit 1888 durch Lungari untersuchten und erstmals im Jahr 1892 durch de

Waal ergrabenen Gebiet wurden bei Grabungen unter Mancini im Jahr 1919

Originalpfeiler einer dreischiffigen Basilika innerhalb der aktuellen Kirche

entdeckt.

Von Styger, de Waal und Fasiolo wurde im Jahr 1915 der Trikliakomplex entdeckt

und von Fornari und Prandi in den Jahren 1922/23 weiter erforscht.

Bei weiteren Grabungen in den Jahren 1923 bis 1931 wurden Umgang und

Seitenschiffe der ursprünglichen Basilika freigelegt und im Jahr 1932 fand eine

Ausgrabung im rechten Seitenschiff statt 224 , so dass schließlich der Grundriss der

Basilika mit Umgang rekonstruiert werden konnte.

Tolotti untersuchte nach der Triklia in den Jahren 1952 bis 1961 das Mausoleum

und die Hofanlage, Ferrua konnte im Jahr 1961 eine Türe der Basilika mit

Umgang rekonstruieren.

In den Jahren 1979 bis 1981 untersuchte Jastrzebowska die Hofanlage mit den

verschiedenen angrenzenden Bauten.

222 LP I 508 und Acta Quirini 223 LP II 161

224 s. Styger (1935)

43

II.5.4. Baubeschreibung 225 Die Basilika befindet sich in etwa 60 m Abstand an der Westseite der Via Appia auf einem nach SW abfallenden Gelände. Die Achse der Basilika ist deutlich nach der Via Appia ausgerichtet und daher nicht exakt von Osten nach Westen. Der Zugang zum Gebäude war von der Straße her und durch einen großen rechteckigen Vorhof 226 , der wie die Ostfassade der Basilika schräg, mit einer Abweichung von 4 o in östlicher Richtung, zur Hauptachse der Basilika lag 227 und durch dessen dreiteilige Arkadenstellung die Basilika in ihrer ganzen Breite zugänglich war. Die Basilika hatte eine Gesamtbreite von 27,50 m, eine Gesamtlänge von 73,40 m 228 . Die Breite der Seitenschiffe betrug im S 7,50 bis 7,30 m und 6,80 bis 7,00 m im N 229 . Die Seitenschiffswände waren 0,75 m breit 230 , die äußere Umgangsmauer 0,75 m breit 231 , die Mittelschiffswand 0,90 m 232 .

225 Sie gilt als „das besterhaltene Beispiel des Typus Exedrabasilika“ Jastrzebowska, S. 93. Die ursprünglichen Mauern sind teilweise bis unter das Dach der heutigen Kirche bzw. in dem anschließenden Konventgebäude erhalten. Das Schiff stimmte im Wesentlichen mit dem heutigen Kirchenschiff überein; das südliche Kirchenschiff ist jetzt ein kleiner Verkaufsraum am Eingang der Katakombe und reicht in die heutige Sakristei hinein; ein Teil des Umgangs ist als Museum eingerichtet. Der östliche Teil ist nun vom Narthex besetzt.

226 Dessen Pfosten und Schwelle wurden gefunden, s. Krautheimer, Corpus S. 136

227 Schumacher schreibt zur dieser Abweichung: Türpfosten und Schwelle „korrespondieren aber nicht mit der Achse der Basilika, sondern etwa mit der Achse des nördlichen Seitenschiffes, was entweder auf ursprünglich vorhandene weitere Tore schließen lässt oder auf einen über die Basilikabreite hinausragende sepulkralen Bezirk, dessen Mitte das Tor sein könnte.“ S. 146/7 Letzteres Argument ebenso bei Krautheimer, Corpus S. 140. Das Tor stand wohl auf der Achse des Hofes, nicht auf der der Basilika. Die Größe des Hofes begründet er mit dem Zugang auch für die Mausoleen nördlich und südlich der Basilika. Brandenburg S. 82 nimmt fünf Arkaden an, so dass die Basilika vom Vorhof her „in der ganzen Breite des Baues zugänglich war.“ Für die Verlängerung des nördlichen Seitenschiffes scheint das Grab Nr. 53 verantwortlich zu sein, s. Tolotti 1982, S. 178.

228 Ihre ursprünglichen Maße betrugen 73,40 m in der Länge und 27,50 m in der Breite, s. Krautheimer Corpus, S. 140 und Schumacher, S. 146; hingegen Jastrzebowska, S. 53 Länge 73,60 m; Koch S. 28, Länge etwa 75 m; Brandenburg S. 78 73/30; Deichmann, frühchristliche Kirchen S. 23 75/35.

229 Jastrzebowska S. 93, Schumacher, S. 144 im S 6,80 bis 7,40 S. 146 im N 6,80 bis 7,00; li. 7,40 / 6,90, bei der Apsis 7,50 / 7,30, re. 6,80 bis 7,00 m, Tolotti, S. 222. Er spricht von einem Mangel an Parallelität und Zentriertheit („la manzana di parallelisme e di centratura“), das Mittelschiff war 13,50 breit und 58,30 m lang gemäß Jastrzebowska S. 93 und Krautheimer, Corpus, S. 140.

230 Schumacher, S. 144, Jastrzebowska S. 93

231 Bovini, S. 150: 0,60; an der Fassade 0,75. Die Rundung der Umfassungsmauer stimmt nicht mit dem Mittelpunkt der Apsis (Rundung des Mittelschiffs) überein. Der Umgang verschmälert sich im Scheitel (Schumacher S. 146; vgl. Tolotti S. 222/3). Die äußere Umgangsmauer besaß nur schmale Schlitzfenster (Jastrzebowska S. 93, Deichmann, S. 33, Tolotti , S. 222), an der Innenseite dieser befanden sich an den Längsmauern und an der westlichen Apsis nach innen vorgelegte „Strebepfeiler, die etwa im Abstand von zwei Metern voneinander, von den

44

Die Scheidemauer zwischen Seitenschiff und Mittelschiff wurde von Pfeilern unterbrochen, die im Abstand von 3,30 bis 3,80 m 233 voneinander entfernt standen und Arkadebögen bildeten. Die Pfeiler hatten alle, bis auf den ersten und den letzten, einen rechteckigen Grundriss 234 , von den 27 Pfeilern sind 18 nachgewiesen, mit dem 10. Pfeiler begann die Rundung, so dass das Mittelschiff mit einer halbrunden Arkadenstellung schloss 235 . Kurz vor der Rundung, beim 9. Pfeiler, ging eine Arkade quer durch den Raum 236 . Die Höhe betrug 14 m 237 , die Scheitelhöhe der Arkadebögen 5,70 m 238 . Die Basilika wurde in opus listatum errichtet 239 . Aufgrund des nach Westen abfallenden Bodens waren bis zu 10 m tiefe Substruktionen nötig, wobei die Stützmauern durch Strebepfeiler verstärkt wurden. Das Fundament bestand aus Bruchstein, die Mauerkonstruktion aus Ziegeln und kleinen Tuffblöcken. Das Fundament der Umfassungsmauer nahm im Westen deutlich die Umfassungsmauer einer überbauten Terrasse auf. Mit dem Bau der Basilika wurden also offensichtlich frühere Grab- und Totenkultanlagen überbaut. 240 Der

Wandfundamenten aus hoch geführt und durch Bögen miteinander verbunden waren.“ (Jastrzebowska, S. 93; Schumacher, S. 144 Strebepfeiler schlossen sich arkosolartig zusammen).

232 s. Bovini, S. 150

233 „Pfeilerbasilika“ Brandenburg, S. 80, pfeilergestützte Arkaden, Krautheimer, Rom, S. 36; Schumacher, S. 146; Jastrzebowska, S. 3,60 m, S. 93; Tolotti, S. 224: 3.30-3,80 m, in der Mitte 3,50 m, bei der Apsis 2,70 m, die ersten beiden 2,94 m; Ferrua, S. 23: ca. 3,50 m

234 1,53 x 0,89 Jastrzebowska, S. 93; Schumacher, S. 146: 1,53 x 0,90

235 Brandenburg, S. 80

236 „Querarkade“ Brandenburg, S. 83; „Pfeilerstellung“ Deichmann, S. 162; „Stützenstellung in den Fundamenten“ Schumacher, S. 146 gemäß Tolotti; nach Krautheimer wurden sie erst in der zweiten Phase errichtet; als Begründung für die Ursprünglichkeit dieser Zäsur führt Tolotti die Variation der Stellung der Pfeiler an, die in der Rundung enger gesetzt und höher geführt wurden, außerdem darüber weniger Fenster, vgl. Tolotti (1982) S. 174

237 Schumacher, S. 146; heute ist die Hochwand noch bis 12,60 m erhalten. Tolotti rekonstruiert sie bis auf eine Höhe von 14,00 m.

238 Schumacher, S. 146; Deichmann und Tschira , S. 81 Pfeilerarkaden

239 s. Jastrzebowska S. 93; Brandenburg, S. 80; Bovini, S. 149; Styger, S. 5; hingegen Schumacher S. 146 opus vittatum; Voelkl, Kaiserkult, S. 75 betont die konstante Folge von Tuff und Ziegel und somit dieselbe Technik wie bei den angrenzenden Bauwerken des Maxentius.

240 Zu den einzelnen Gebäuden s. Gesamtanlage s. Jastrzebowska, S. 93; Voelkl Kaiser Kontantin, S. 75 „die heidnischen Bestattungsanlagen verschwanden in der Füllerde.“

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ursprüngliche Boden ist nicht erhalten 241 , aber bereits seit Mitte des 4. Jhd. ganz mit Gräbern bedeckt. Gräber wurden sowohl in den Längsmauern als auch in der westlichen Exedra gefunden und zwar in dem zwischen den beiden nach innen vorgelegten Strebepfeilern verbliebenen Räumen (fünf unter dem Boden, drei darüber) 242 . Über Dekoration und innere Einrichtung gibt es „keine gesicherten Auskünfte“ 243 . Es wurden keine Verbindungen zu dem im westlichen Hofbezirk darunter geübten Apostelkult 244 gefunden.

II.5.5. Forschungsgeschichte Die Baubezeichnung als Basilika erfolgt einheitlich, variiert lediglich zwischen dreischiffiger Pfeilerbasilika 245 , Basilika mit offenem Dachstuhl 246 , mit Exedra bzw. mit Pfeilern 247 , Memoria 248 , Zömeterialkirche 249 , Coemeterialkirche 250 oder Coemeterialbasilika 251 und frühchristliche Basilika 252 . Häufig wird sie außerdem als Basilica San Sebastiano 253 oder Basilika des Hl. Sebastian 254 bezeichnet. Andere betonen den Zusammenhang mit Petrus und Paulus und nennen sie Basilika Apostolorum 255 oder Apostelkirche 256 , memoria Apostolorum 257 oder ecclesia Apostolorum 258 .

241 Schumacher, S. 147

242 Formae: Schumacher, S. 144, loculi-Gräber: Krautheimer, Corpus, S. 134 und S. 140, es war aber auch der ganze Boden über und unter dem Fußbodenniveau gänzlich mit Gräbern bedeckt, s. Krautheimer, Rom, S. 36

243 Schumacher, S. 147

244 gemäß Schumacher, S. 147; obwohl gemäß Krautheimer, Corpus, S. 140, eine Treppe zu den Gräbern da gewesen sein müsse! Effenberger, S. 127 „Zudem bestand weiterhin die Verbindung zur Sebastianskatakombe.“ Er macht jedoch keine genauere Angabe, wie und wo diese Verbindung war.

245 de Waal, Fornari, Deichmann und Tschira, Schumacher

246 de Waal

247 Schumacher

248 Styger, Brenk

249 Styger

250 Styger

251 v. Gerkan, Tolotti, Deichmann und Tschira

252 Mancinelli

253 Krautheimer, Tolotti, Rasch, Effenberger, Wochnik, Schwarz, v. Hesberg

254 Jastrzebowska, Guyon, Ferrua

255 Krautheimer, Bovini, Alexander, Andresen, Brandenburg, Huskinson, Tolotti, Schumacher, Wochnik, Alchermes, Ferrua, Brandenburg, Torelli, Thümmel

256 Voelkl, Mancinelli

257 Brenk

258 Heres

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Die Datierungen sind fast alle im Zeitraum zwischen 310 und 350 259 . Einige Forscher sind für einen Baubeginn noch unter Maxentius 260 , die Mehrheit für die Zeit unter Konstantin. Als Stifter bzw. Bauherr wird überwiegend Kaiser Konstantin selbst genannt oder Helena 261 oder Constans 262 , teilweise unter Mithilfe des jeweiligen Papstes Miltiades 263 bzw. Silvester 264 ; zweimal wird der Papst Damasus selbst als Stifter bzw. Bauherr benannt 265 . Als Anlass des Baues (und damit auch als Funktion) wird einheitlich die Erinnerungsstätte an die beiden Apostel Paulus und Petrus bezeichnet, womit sowohl der Apostelkult verbunden wird, als auch Totenkult und Märtyrerkult. Das Vorhandensein von Gräbern in der Basilika ist bereits sehr früh bekannt gewesen, während die Grabstätte der Apostel bis heute nicht gefunden wurde.

259 Ausnahmen: 2. Hälfte 4. Jhd. de Waal ; 5. Jhd. Fasiolo

260 Jastrzebowska

261 Tolotti

262 Ferrua

263 Alchermes

264 Wochnik

265 de Waal, Grisar

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II.6. Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina (S. Marco) II.6.1. Lage und Kontext Die Basilika liegt fast parallel zur Via Ardeatina - auch zur Via Appia - im Abstand von ca. 20 m, wobei die Apsis nicht ganz im rechten Winkel auf eben diese Straße stößt, die hier eine Kurve macht. Sie befindet sich ca. 1 km vor der Porta Appia und ca. 600 m von der „Quo Vadis“ genannten Örtlichkeit entfernt in der Nähe der Kallistkatakombe auf dem sog. coemeterium Balbinae zwischen Via Appia und Via Ardeatina. An der südlichen Außenmauer der Basilika befanden sich mehrere kleine Apsidenstrukturen, so dass der Grundriss der Basilika nicht vollständig ergraben werden konnte. 266 Ein rechteckiges Mausoleum, das sich an Basilika und Portikus anlehnt und dessen Zugang entweder von der Basilika im Südwesten oder von der Ostseite von außen her möglich war, stammt gemäß Fiocchi Nicolai erst aus dem 5. Jhd., ist also deutlich nach dem Bau der Basilika errichtet worden; von dieser Seite aus muss man über Treppenanlagen zur sog. Anonymen Katakombe an der Via Ardeatina gelangt sein. 267 Zum coemeterium Balbinae 268 gehören auch die von Nestori gefundene Basilika mit Katakombe, die Katakombe der Hll. Marcus, Marcellianus und Damasus und die sog. Katakombe mit der gebogenen Treppe 269 .

II.6.2. Historische Quellenlage 270 In diesem Gebiet zwischen Via Appia und Via Ardeatina gab es gemäß den historischen Quellen drei bisher noch nicht aufgefundene Basiliken:

Zum Einen die Basilika des Papstes Marcus gemäß Depositio Episcoporum auf dem „cymeterium Balbinae“; diese Ortsangabe finden wir auch im LP I 202 und 203, der darüber hinaus den Straßennamen „via Ardeatina“ und die Gebietsbezeichnung „fundus Rosarius“ bezeugt.

266 s. Fiocchi Nicolai 1991/1995 S. 778

267 s. Fiocchi Nicolai Antike Welt (1998) S. 308

268 Planskizze s. Nestori S. 117, Fig. 89

269 Grundriss s. Fiocchi Nicolai (1991/1995) S. 782, Fig. 1

270 s. Anhang 5

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Zum Anderen die Begräbnisbasilika des Papstes Damasus, die sich gemäß dem LP I 212/3 ebenfalls an der Via Ardeatina befand und in der er sich auch mit seiner Mutter und seiner Schwester habe beisetzen lassen. Ebenfalls an diesem Ort an der Via Ardeatina, in der Nähe der Basilika des Papstes Damasus, ist gemäß der Notitia Ecclesiarum die ecclesia der beiden Diakone und Märtyrer Marcus und Marcellianus; von dieser Nähe der beiden Basiliken spricht auch das Itinerarium Malmesburiense, das als Ortsangabe Via Ardeatina zwischen Via Appia und Via Ostiensis anführt. Das wichtigste Argument für eine Identifikation dieses Baues liegt nun m. E. in dem Epitaphfragment mit dem Konsulardatum des Jahres 368 vor 271 : Demnach könnte es sich dabei um die im LP I 202 genannte Basilika des Papstes Marcus handeln, da dieser im Jahr 336 verstarb, während Papst Damasus erst im Jahr 384 bestattet wurde. Gegen eine Zuordnung an die zwei Märtyrer Marcus und Marcellianus spricht das einzelne Grab im Zentrum der Basilika. Dieses Grab im Zentrum mit fünf weiteren exponierten Gräbern spricht zunächst zwar auch für die Basilika des Papstes Damasus, über den im LP I 213 zu lesen ist, dass sich der Papst hier mit seiner Mutter und seiner Schwester habe begraben lassen. Aufgrund des gefundenen Konsulardatums aber erscheint mir die Zuordnung an Papst Marcus doch erheblich plausibler. Dies wird auch durch die im LP II 153 erwähnte und bei den Grabungen aufgedeckte Porticus erhärtet. Das Argument, dass Papst Marcus nur ein Jahr im Amt war und ein eigener Bau für ihn unwahrscheinlich sei 272 , ist m. E. durch die Nennung dieses Papstes in der Depositio Martyrium um Mitte 4. Jhd., durch die Inschrift des Damasus an ihn und durch die wiederholte Erwähnung dieser Basilika im LP widerlegt.

II.6.3. Grabungsgeschichte Im September 1991 wurde bei Bauarbeiten der Grundriss einer zirkusförmigen Basilika entdeckt, die dann durch Grabungen unter Fiocchi Nicolai in den Jahren

271 s. Fiocchi Nicolai (1998) S. 309: Bestattungen zwischen 368 und 445. 272 s. Nestori (1990) S. 118 Anm. 146, der – falls überhaupt – den Bau eines Mausoleums für wahrscheinlich hält.

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1993 bis1996 freigelegt wurde; dabei konnten die Exedra, die hinter der Exedra verlaufende Portikus und weitere Annexbauten erfasst werden 273 ; im Inneren der Basilika fanden sich zahlreiche Gräber, wobei sich ein Grab im Zentrum eines privilegierten Platz einnimmt, um das herum fünf weitere Gräber angelegt worden sind.

II.6.4. Baubeschreibung 274 Das Schiff liegt schräg, fast parallel zur Via Ardeatina, die Apsis stößt nicht ganz im rechten Winkel auf dieselbe Straße, die hier eine Kurve macht. Der Abstand zur Straße betrug ca. 20 m. Die Achse der Basilika verlief von Ost nach West, wenn auch nicht ganz exakt. Betreten wurde das Grundstück wohl von der Via Ardeatina her durch eine Portikus: Zwischen Portikusmauer und Apsismauer ist ein Abstand von ca. 40 cm, die südliche Mauer der Portikus ist regelmäßig durchbrochen. Es ist nur noch sehr wenig aufgedecktes Mauerwerk vorhanden. Ihre Maße betrugen 66 m in der Länge und 28 m in der Breite. Die Breite des Umgangs war 6 m, die des Mittelschiffs 12 m. Von den Trägern des Mittelschiffes ist nichts erhalten, aber das Fundament eines Pfeilers, der in das Mittelschiff mündet, ca. 12 m vor dem Scheitel der Apsis, woraus eine Dreipfeilerstellung rekonstruiert werden kann, die wohl eine Arkadenstellung für die Exedra dargestellt hat. Daraus kann geschlossen werden, dass wohl Pfeiler als Schiffstrennung dienten. Die Außenmauer wurde in opus listatum errichtet, die Trennwände der Schiffe in Ziegelmauerwerk. Substruktionen sind nicht vorhanden. Das Fundament bestand aus Bruchstein, der für den Bau stark fragmentiert wurde, die Fragmente reichten bis in den Tuff. Es wurden keine älteren Bauten gefunden, wohl aber Spuren früherer Nutzung, und zwar zuletzt als Schutthalde eines Siedlungsplatzes. Der gesamte Fußboden sowohl der Basilika als auch der Portikus ist einheitlich und systematisch mit Gräbern bedeckt; es ist kein ursprüngliches Bodenniveau

273 s. Fiocchi Nicolai (1998) S. 308 Abb. 4+5

274 s. ders. (1998) S. 306 ff: Die folgende Beschreibung fußt auf diesem Artikel.

50

erhalten, jedoch durch die Gräber bestimmbar. Die Bodenhöhe ist ca. 50 bis 60

cm über dem Ausbruch der Mauer zu errechnen. Es sind teilweise sieben

parallele Gräberreihen in der Basilika gefunden worden, von der Fassade aus

Richtung Apsis auf mehreren Ebenen übereinander, an der Umgangsmauer vier

bis fünf Gräber bis zum Tuff, teilweise mit Ziegelabdeckung.

In der Apsis selbst wurden sechs Gräber gefunden, wobei eines sich zentral in

der Längsachse der Basilika befindet. 275

Direkt an die Basilika schloss sich eine Portikus an als Zugang von der Via

Ardeatina her. In der unmittelbaren Umgebung der Basilika wurden keine weiteren Bauten gefunden. In der weiteren Umgebung befinden sich die sog. Basilika anonima und die Kallistkatakombe.

II.6.5. Basilika zwischen Via Ardeatina und Via Appia – Forschungsgeschichte 276 Diese als letzte gefundene Basilika wird sofort von allen Forschern vom Typ her den anderen fünf Basiliken zugeordnet und als Umgangsbasilika bzw. als Begräbnisbasilika bezeichnet. Sie wird überwiegend in konstantinische Zeit 277 bzw. in vorkonstantinische Zeit 278 datiert. Als Stifter und Bauherr wird einerseits Papst Marcus gemäß LP bezeichnet, andererseits Kaiser Konstantin; Jastrzebowska nimmt aufgrund der vorkonstantinischen Datierung die christliche Gemeinde als Bauherr an. Ihre Funktion als Totenkult- und Märtyrerkultanlage steht außer Frage.

275 s. Anm. 8.

276 s. Anhang 11

277 Fiocchi Nicolai und Brandenburg

278 Jastrzebowska

II.7. Auswertung

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-Auswertung von Lage und Kontext Alle sechs Basiliken mit Umgang liegen an großen Ausfallstraßen, zwischen einem Kilometer und drei Kilometern außerhalb der aurelianischen Stadtmauer. An den Viae Tiburtina, Labicana, Appia und zwischen Via Appia und Via Ardeatina waren bereits Friedhöfe vorhanden, wobei die Basiliken an der Via Nomentana, der Via Tiburtina und zwischen Via Appia und Via Ardeatina jeweils auf dem coemeterium Agnetis, dem Ager Veranus bzw. dem coemeterium Balbinae errichtet wurden, während für die Basilika an der Via Labicana und an der Via Appia bereits vorhandenen Grabbauten überbaut wurden: An der Via Appia war die alte Totenkultstätte wohl noch eine Zeitlang zugänglich, an der Via Labicana fand eine damnatio memoriae statt, d. h. die alte Friedhofsstätte der Equites Singulares wurde zerstört. Auch an der Via Nomentana wurde ein ehemaliger Friedhof der Prätorianergarde für den Bau der Basilika aufgelassen. Die Basiliken an der Via Praenestina und an der Via Appia sind auf dem Gebiet einer Villa oder in der Nähe einer Villa. Das Gelände, das bei allen sechs Bauwerken als kaiserliches Gebiet ausgewiesen ist, war nicht immer von vornherein für solche Großbauten geeignet: An der Via Nomentana und an der Via Appia waren aufwändige Substruktionen zur Errichtung der Basiliken notwendig.

- Auswertung der historischen Quellenlage Es gibt keine literarischen Quellen aus der Zeit, in der die Basiliken mit Umgang entstanden sind. Im LP finden sich Berichte über die Entstehung der Basilika an der Via Labicana, der Basilika an der Via Tiburtina, der Basilika an der Via Nomentana und der Basilika zwischen der Via Appia und der Via Ardeatina, dessen Angaben zwar aufgrund des zeitlichen Abstands mit nötiger Vorsicht gelesen werden müssen, die aber im Hinblick auf Datierung, Ortsangabe und Widmung der jeweiligen Basilika wichtige Aussagen liefern.

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Auch die Zuordnung bzw. Widmung der einzelnen Basiliken an bestimmte Märtyrer und damit die bis heute geläufigen Bezeichnungen der Basiliken im LP muss differenziert beurteilt werden:

Bei der Basilika an der Via Labicana ist ein Zusammenhang mit dem Märtyrerkult erst ab Mitte 4. Jhd. belegbar, und zwar mit dem Kult für mehrere Märtyrer, nicht nur für Petrus und Marcellinus. Bei der Basilika an der Via Tiburtina und der Basilika an der Via Nomentana ist die Zuordnung zu den Märtyrern seit Damasus gesichert, aufgrund der Erwähnung der beiden Märtyrer in der Depositio Martyrium auch schon früher wahrscheinlich, so dass der LP in diesen beiden Fällen wohl die ursprüngliche Widmung wiedergibt. Auffällig ist bei der Basilika an der Via Nomentana die Erwähnung eines Baptisteriums, in dem die Schwester der Kaisers, Constantina zusammen mit dessen Tochter von Bischof Silvester getauft worden sein soll. Bei der Basilika zwischen der Via Appia und der Via Ardeatina liegt, falls es sich um die Basilika des Papstes Marcus handelt, kein Bezug zum Märtyrerkult im engeren Sinn vor, jedoch im weiteren Sinn, als martyros ja auch Glaubenszeugen bedeutet, und insoweit kann dann auch im Salzb. Itinerar von einer Widmung der Basilika „ad Sanctum Marcum papam et martirem“ geschrieben werden. Der LP jedoch notiert keine Widmung, er nennt lediglich als Bauherrn dieser Basilika Kaiser Konstantin und Papst Marcus. Beide Quellen zusammen deuten darauf hin, dass diese Basilika von und für Papst Marcus errichtet worden ist. Somit ergeben sich folgende Rückschlüsse für die einzelnen Basiliken:

Für die Basilika an der Via Nomentana finden wir in der Vita Silvestri des LP einen ausführlichen Bericht über Erbauungszeit, Widmung und Stifter der Basilika und über den Bau eines „baptisteriums“ am selben Ort. Es folgt auch hier eine Angabe der Stiftungsgaben. Die Zuordnung dieser zur „beatae Agnetis / Agnae“ scheint also von Anfang an erfolgt zu sein, die Zuordnung des Mausoleums an Constantia bzw. Constantina spätestens ab der Zeit des Damasus, während es im LP als baptisterium bezeichnet wird. Auch für die Basilika an der Via Tiburtina haben wir in der Vita Silvestri des LP einen ausführlichen Bericht über Erbauungszeit, Widmung, Ortsangabe und

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Ausstattung, wobei der Bezug zum Grab des Heiligen besonders betont wird, das jedoch bis heute nicht gefunden werden konnte. Die Widmung des Gebäudes an den Hl. Laurentius ist spätestens zur Zeit des Damasus gesichert. Für die Datierung in konstantinische Zeit ist die Stelle im LP der einzige Anhaltspunkt. Für die Identifizierung dieser Basilika mit Umgang mit der Basilika aus konstantinischer Zeit sprechen sowohl die unter I. angeführten Quellen, als auch die Ähnlichkeit im Grundriss mit den übrigen Basiliken mit Umgang, die alle in das 4. Jhd. datiert werden. Von daher kann also indirekt auch die vom LP angegebene Bauzeit als durch Quellen abgesichert gelten. Im Hinblick auf die Basilika an der Via Praenestina besitzen wir keinerlei schriftliche Quellen, ebenso im Hinblick auf das daneben stehende Mausoleum. Wir haben lediglich in den Scriptores Historiae Augusti einen Hinweis darauf, dass das Gebiet, auf dem sich beide Bauten befanden, zur Villa der Gordiane gehörte. Für die Basilika an der Via Labicana haben wir in der Vita Silvestri des LP einen ausführlichen Bericht über Erbauungszeit, Stifter und Bauanlass mit Ortsangabe und Schenkungen, auch über den Bau des Mausoleums. Die Datierung des LP in konstantinische Zeit kann durch Funde eines Ziegelstempels aus der Zeit zwischen 313 und 320 und einer zwischen 324 und 326 geschlagenen Münze, beide im Mausoleum der Helena gefunden, erhärtet werden. Die Ortsangabe des LP „inter duas lauros“ weist auf eine Verbindung mit dem Kaiser hin. Der Zusammenhang mit dem Friedhof der Equites Singulares ist durch die im Fundament gefundenen Bruchstücke von deren Grabsteinen gesichert. Durch Quellen zu belegen ist dann die Mitte des 4. Jhd. einsetzende bzw. seit Mitte des 4. Jhd. ausgeübte Märtyrerverehrung, und zwar die von mehreren Märtyrern, nämlich Tiburtius, Gorgonius, Marcellinus und Petrus, die 30 Märtyrer und die Quattuor Coronati.

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Wir haben bei der Basilika an der Via Appia weder für den Stifter noch für die Widmung eindeutige Quellen zur Zeit der Erbauung. Die Situation vor Ort ist vor und nach dem Bau durch Quellen erhellt, nicht aber für die Zeit der Erbauung. Nachweisbar ist die Basilika seit spätestens 345 als Begräbnisbasilika verwendet. Die Basilika zwischen der Via Appia und der Via Ardeatina ist wahrscheinlich die in der Depositio Episcoporum (Mitte 4. Jhd.) erwähnte Basilika des Papstes Marcus. Dafür spricht vor allem der Fundort auf dem cymeterium Balbinae an der Via Ardeatina, d. h. die Übereinstimmung mit der Ortsangabe in den Quellen; die Datierung zwischen 340 und 360 schließt die Basilika des Papstes Damasus aus, das zentrale Grab wiederum spricht gegen zwei Stifter, also gegen die Basilika der Hll. Marcus und Marcellinus.

- Auswertung der Grabungsgeschichte Bei der Basilika an der Via Nomentana fanden im Jahr 1992 Grabungen statt, die aber in erster Linie dem Zusammenhang Basilika und Mausoleum galten, und eine neue Form des Mausoleums ergaben. Im Jahr 1999 wurden sowohl der Apsidenbereich der Basilika als auch der Bereich um den neu entdeckten Trikonchos mit der sog. GPR-Methode untersucht. Diese Ergebnisse ermöglichten zwar keine genaueren chronologischen Angaben, aber ein differenziertes Bild bei den verschiedenen Gräberschichten 279 . Außerdem lieferte die Untersuchung der vor Ort gefundenen Skelettreste neue Erkenntnisse hinsichtlich des Alters und des Geschlechts der Begrabenen und die Einsicht, dass offensichtlich in einem Doppelgrab häufig Mann und Frau bestattet waren 280 . Bei der Basilika an der Via Tiburtina ergibt sich die Schwierigkeit, dass die gegenwärtige Nutzung als Friedhof weitere Grabungen unmöglich macht, so dass es hier wohl auch weiterhin kaum neue Erkenntnisse über genauere Zusammenhänge von Gräbern und Basilika bzw. von umliegenden frühchristlichen Mausoleen geben wird. Neue Methoden wurden bei der Basilika an der Via Praenestina im Jahr 1983 angewandt; und hier wurde auch großer Wert auf die Erforschung der Gräber

279 s. Barbini, S.107 280 s. Manchinelli Domenico im Anhang von Magnani Cianetti, S.114

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gelegt, wobei die chronologische Auswertung auch hier nichts grundsätzlich Neues ergeben hat. Es scheint offensichtlich sehr schwierig zu sein, die Gräber an sich auf Jahrzehnte zu datieren. Auch der Zusammenhang von Basilika und Gräbern, also ob zunächst die Basilika bereits ohne Gräber bestand und diese erst später angelegt wurden, konnte nicht ermittelt werden bzw. wurde nicht ermittelt. Aufschlussreich dagegen ist die Untersuchung der Skelettfunde im Hinblick auf die Ernährung der Verstorbenen hin, die eventuell ganz neue Aspekte erhellen kann, z. B. dass sich Privilegierte in der Mitte, Ärmere im Umgang beerdigen ließen. Bei der Basilika an der Via Labicana wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem großer Wert auf das Ermitteln der Gesamtanlage gelegt, die nun auch vollständig erfasst ist. Die Datierung der Gräber in der Basilika jedoch und die Frage, ab wann in der Basilika bestattet wurde, spielte für die Forscher keine Rolle. Bei der Basilika an der Via Appia werden immer wieder neue Grabungen vorgenommen, sowohl die Gräber im Umgang wurden neu erforscht und ihre Überreste an die Wände der aktuellen Basilika eingelassen als auch die umliegenden Mausoleen, die inzwischen in das Konventgebäude eingeschlossen sind. Aufgrund der Überbauung scheint es mir aber fast unmöglich, noch genaueres zu ermitteln, was die ursprüngliche Basilika betrifft und vor allem deren Innenraum, da zu viel Bestehendes zerstört werden müsste. Große Hoffnungen liegen natürlich auf den Ausgrabungen bei der Basilika zwischen der Via Appia und der Via Ardeatina, da hier das Gelände erforschbar war und neuesten Methoden angewandt werden konnten. Aber auch hier wurde deutlich, dass selbst die neuesten Untersuchungsmethoden immer nur Annäherungen an das Original sein können, dass also zwar Einzelaspekte genauer erfasst werden können wie Lage und Typus der Gräber, Herkunft des Toten etc., andere Aspekte aber, wie z. B. der zeitliche Zusammenhang von Basilika und Gräbern, eventuell doch Deutung sind. Inzwischen ist die Grabungsstätte wieder zugewachsen und es sind keine weiteren entscheidenden Erkenntnisse veröffentlicht worden.

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Es gibt also m. E. zwei Probleme, die für die Deutung der Basilika mit Umgang von großer Bedeutung sind und deren Erforschung mit neuen technischen Möglichkeiten eventuell genauere Ergebnisse erbringen könnte:

Die Untersuchung des Mauerwerks – von einigen Forschern 281 als opus listatum bezeichnet, von anderen 282 als opus vittatum, das offensichtlich bisher keine eindeutige Datierungsangabe liefern konnte, da diese Bauart in den ersten Jahrenten des 4. Jhd. häufig verwendet wurde. Die Untersuchung des Fußbodens – bisher konnte nicht geklärt werden, ob der ursprüngliche Fußboden nicht erhalten ist, d. h. ursprünglich ein Fußboden vorhanden war, der aufgrund der vielen Gräber zerstört worden ist, oder ob es von vornherein gar keinen Fußboden gab aufgrund der Nutzung für Gräber.

- Auswertung zur Baubeschreibung Eine Portikus als Zugang findet sich bei der Basilika an der Via Nomentana, ein Narthex bei der Basilika an der Via Labicana, ein rechteckiger Vorhof – wie die Ostfassade der Basilika schräg zur Hauptachse der Basilika – bei der Basilika an der Via Appia: Zwei Eingänge besaßen die Basiliken an der Via Praenestina und an der Via Tiburtina.: Letztere an der straßenzugewandten Seite im Westen, den anderen an der straßenabgewandten Fassade im Osten, beide durch mehrere

Arkadenöffnungen hindurch ; erstere eine Tür an der Fassade und ein zweiter Zugang in der Umfassungsmauer, etwas südlich vom Scheitelpunkt. Die Basiliken an der Via Tiburtina, der Via Praenestina, der Via Labicana und der Via Appia besitzen eine schräge Fassade. Nur die Basilika an der Via Appia hat einen durchgehenden Umgang. Die Größe der Basiliken variiert:

Basilika an der Via Nomentana Basilika an der Via Tiburtina Basilika an der Via Praenestina Basilika an der Via Labicana Basilika an der Via Appia Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina

98,27 x 40,87 m 98,60 x 35,80 m 66,60 x 28,07 m 65,29 x 29,30 m 73,40 x 27,50 m

66

x 28 m

281 Jastrzebowska, Krautheimer u. a.

282 Schumacher, Stanley u. a.

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Aufgrund der sehr gut erhaltenen Basilika an der Via Appia konnten Rückschlüsse für die Proportionen der anderen fünf Basiliken gezogen werden, bei denen teilweise nur der Grundriss wirklich rekonstruierbar ist. Alle sechs Basiliken wurden in opus listatum errichtet, in allen wurden Gräber und somit kein ursprünglicher Fußboden mehr gefunden. Auffällig sind in der Basilika an der Via Nomentana die kleine „Basilika in der Basilika“ am Umgang, die Abtrennung beim 11. Pfeiler kurz vor der Rundung durch eine schmale Mauer in der Basilika an der Via Praenestina sowie die Gräber im Zentrum der Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina.

- Auswertung der Forschungsgeschichte Die Basilika an der Via Nomentana ist nach Meinung aller zwischen 337 und 354 n. Chr. von Constantina für die Hl. Agnes errichtet worden und diente aufgrund der im Inneren gefundenen Gräber dem Toten- und Märtyrerkult. Rätselhaft ist die Basilika in der Basilika. Die Basilika an der Via Tiburtina wird gemäß fast allen Forschern 283 als Stiftung von Konstantins Söhnen für den Hl. Laurentius bezeichnet, die somit ebenfalls von Anfang an dem Toten- und Märtyrerkult diente. Für die Basilika an der Via Praenestina können keinerlei Aussagen über Stifter oder Bauherren gemacht werden außer der Zuordnung zur kaiserlichen Familie aufgrund des kaiserlichen Gebietes; sie wurde zu Anfangs des 4. Jhd. oder zur Zeit des Damasus für den Totenkult errichtet, worauf die gefundenen Gräber hinweisen. Die Basilika an der Via Labicana hat Konstantin zwischen 310 und 330 für den Märtyrerkult und den Totenkult erbauen lassen; auf letzteren weisen die Gräber im Inneren hin. Für die Basilika an der Via Appia variiert die Datierung zwischen 310 und 350; auch der Stifter variiert, als Anlass des Baues wird einheitlich der Apostelkult bezeichnet. Auch für die Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina gibt es verschiedene Datierungen und zwar in vorkonstantinische und in konstantinische Zeit; ebenso

283 Ausnahme: Rasch und Geertman

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variiert der Bauherr. Sie wird einheitlich als Toten- und Märtyrerkultstätte bezeichnet, deren Novum die Gräber im Zentrum sind.

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III. Typologische Einordnung Vorbemerkung

„Es ist bis heute umstritten, an welche römische Gebäudetypen sich die christliche Basilika… anschließt oder, anders ausgedrückt, welche römischen Bauten gleichsam als Vorbild, als Muster für sie gedient haben. Bei vielen Untersuchungen und bei den sich daraus ergebenden genetischen Hypothesen war man sich nicht bewusst, nach was man suchte oder fragte: nach Zweck oder Bedeutung, nach Form oder Namen des Kirchenbaus. Indem man nämlich mit Formalem den Zweck, mit Zweck die Bedeutung, mit Bedeutung die Formen, mit dem Namen die Bedeutung oder die Form erklären wollte, hat man diese logisch zu unterscheidenden Kategorien durcheinander gebracht, und damit klare und gültige Antworten nahezu ausgeschlossen.“ 284 Er stellt daher folgende These auf:

„Die Entwicklung der christlichen Basilika, des drei- und mehrschiffigen Kirchenbaus, ist ein formales Problem und bedarf daher zu seiner Lösung des Vergleichs formaler Elemente, also von Bauformen.“ 285 In Anlehnung an Deichmanns These gehe ich bei der typologischen Einordnung der Basilika mit Umgang nur auf formale Vorbilder ein, d. h. auf Bauformen, die in Form und Grundriss Ähnlichkeit mit ihr haben. Ich ordne daher zunächst die Basilika mit Umgang typologisch ein, danach die Verbindung Basilika mit Umgang und Grabbau. Letzteres scheint zunächst inkonsequent zu sein, da sich Grabbau eindeutig auch auf die Funktion bezieht. Aufgrund der Lage und der Verbindung mit Gräbern und aufgrund der Mausoleen liegt jedoch ein eindeutiger Zusammenhang mit Grabbauten vor.

284 Deichmann (1983) S.75/76 Ähnlich schreibt Stanzl (1979) S. 21: „Bei den zahllosen Erörterungen über den Ursprung der christlichen Basilika fällt immer wieder auf, dass die Fragen nach dem Zweck, nach der Bedeutung und nach der Form vermischt werden.“ Er warnt vor der Überbewertung einzelner Formelemente: “Nicht ein Konglomerat ist zu betrachten, nicht eine abstrakte Symbolik der architektonischen Formen war es, was den Christen dieser Frühzeit vornweg interessierte, sondern die sehr reale Symbolik der heilversprechenden Handlung, an der er teilnahm. Und diese Handlung aufnehmen, zu ermöglichen, ihr Stil und Würde zu verleihen, war eine wesentliche Funktion der Bauten und ein Anliegen ihrer Erbauer. Doch lassen sich auf der anderen Seite Formwandel und Formenwahl nie ausschließlich funktional begründen“ (S. 22)

285 ebd. S.77/78

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Daher ziehe ich auch den Vergleich mit anderen Grabbauten allgemein bzw. mit Mausoleen, im Besonderen mit Kaisergräbern, die im 3./ 4. Jhd. in Rom errichtet wurden, hinzu. Auf genauere typologische Einordnung der Mausoleen wird verzichtet; es wird in erster Linie die Verbindung von Grabbauten mit anderen Gebäuden untersucht.

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III.1. Begriff „Basilika mit Umgang“ Im Folgenden wird für die zu behandelnden sechs Basiliken der Begriff „Basilika mit Umgang“ verwendet. Dieser Begriff erscheint mir am neutralsten. d. h. er bezieht sich nicht auf eine Funktion, die u. U. hypothetisch und erst nachzuweisen ist, sondern nur auf die Form der Basilika, und charakterisiert am besten und eindeutig die Form dieses Bautypus: Es handelt sich dabei um die antike Form der Basilika, die ihre Besonderheit im Umgang hat:

Die beiden Seitenschiffe „gehen“ im Westen „um“ das Mittelschiff herum und bilden so einen „Umgang“, so dass der Bautypus gleichsam aus zwei Bauteilen zusammengesetzt ist: aus einem erhöhten Hauptkörper, nämlich dem größeren Mittelschiff mit rundem Abschluss, und einem niedrigeren Seitenschiff, das um den Hauptkörper im ganzen, wie bei der Basilika an der Via Appia, bzw. einem Teil des Grundrisses, wie bei den anderen fünf Basiliken, herum „geht“. 286 Diese Zweiteilung wird in der englischsprachigen Literatur auch ausgedrückt mit dem Begriff „basilica with ambulatory“ 287 bzw. in der italienischsprachigen Literatur mit dem Begriff‘ „basilica con deambulatorio“ 288 Ähnliches drücken die Bezeichnungen „Umgangsbasilika“ 289 und „Umlaufbasilika“ aus. Abzugrenzen ist die „Basilika mit Umgang“ von dem „Umgangschor“ des 10. Jhd. und der ‚Umgangskirche“ des 14. Jhd. 290 . Der Begriff „Exedra-Basilika“ 291 scheint mir auch dieses Anliegen, den Bautypus nach seiner Form zu benennen, zu beinhalten. Ich verwende ihn aber dennoch nicht, da er mir von seiner eigentlichen Bedeutung her als ungeeignet bzw. irreführend erscheint: Gemäß antiker Baukunst war die Exedra, im Griechischen „abgelegener Sitz“, „eine halbrunde oder rechteckige Nische mit erhöhten

286 Vgl. Tolottis Definition: „ … Hauptcharakteristikum dieser Bauten, zusammengesetzt aus einem erhöhten Hauptkörper und aus einem anderen von geringerer Höhe, der ihn im ganzen oder nur im Teil oder nur im Teil seines Umrisses umläuft.“ Tolotti (1982), S. 185

287 Krautheimer, Corpus II, S. 141

288 Tolotti (1982), S. 185; Torelli, S. 206, auch: „basiliche romane a deambulatorio“

289 Vgl. Koch, S. 27; Wochnik, S. 118; S. 51 „Umgangs-Basiliken“; Rasch, Rezension, S. 95, der jedoch die Bas. anonima. nicht dazu zählt, ebenso wie Effenberger, S.127

290 s. Englert

291 Jastrzebowska (1981) S. 153, Schumacher (1987) „Die konstantinische Exedra- Basilika“, Leeb, S.150, Gessel S.153, Eder, S. 132 Anm. 8 ital. „aesedra“ Tolotti (1982), S. 154

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Sitzplätzen, z. B. in Wohnhäusern, Säulengängen und an öffentlichen Plätzen“ 292 , auch „in hellenistischen Tempelhöfen“ 293 , bevor sie in der altchristlichen Baukunst gleichbedeutend mit Apsis verwendet wurde. Der Begriff „Apsis“ wiederum trifft aber m. E. die Form des Typus auch nicht vollständig. Dagegen beinhalten die Begriffe „Begräbnisbasilika“ 294 , „Coemeterialbasilika“ 295 , „Coemeterialhalle“ 296 bzw. „römische Grabkirchen“ 297 bereits einen Hinweis auf die Funktion, der ich im Folgenden nachgehen will, weswegen diese Begriffe zunächst bei der Beschreibung der Form zu vermeiden sind 298 . Diese Begriffe finden sich sowohl in der italienischsprachigen Literatur mit „basilica cimiteriale“ 299 , als auch in der englischsprachigen Literatur mit „funeral basilica“ 300 , „funerary basilica“ 301 , „coemeterium basilica“ 302 . Eine weitere Bezeichnung liegt mit „coemeterium subteglatum“ vor 303 . Der Begriff „coemeterium“ weist aber nicht nur auf die Funktion hin, sondern kann sich auch auf die Örtlichkeiten beziehen, d. h. alle sechs Basiliken befinden sich in Sepulkralbezirken; von daher ist der Begriff dann m. E. auch zu akzeptieren. Der Begriff „Pfeilerbasilika“ 304 trifft architektonisch zu, scheint mir aber das Typische dieser Basiliken nicht genau genug auszudrücken; außerdem besitzt S. Lorenzo Säulen und ist von daher als Oberbegriff für alle sechs Basiliken ungeeignet.

292 Pevsner S. 157

293 Koepf S. 138

294 z.B. Krautheimer, Rom, S. 41

295 z.B. Delvoye, RBK I, Sp. 524; Schumacher (1987), S. 163; Süßenbach, S. 134; Stanzl, S. 33; Kretschmar S. 134, Anm. 4; Kollwitz S.26; Deichmann und Tschira S. 84 „Coemeterialbasilika mit halbrundem Umgang“, S. 85 „Coemeterialbasilika mit Exedra“; Koch S. 27 „Zoemeteriaibasiliken“; „Zoemeterialkirche“ Voelkel, Kirchenst., S. 47

296 z.B. Andresen B 25

297 Mancinelli S.39

298 auch wenn sie m. E. korrekt sind

299 z. B. Tolotti „Le basiliche cimiteriali con deambulatorio”

300 z.B. Alexander S. 300

301 z.B. Bowder S. 57; Stanley, S.260

302 z.B. Johnson S. 28

303 vgl. Mancinelli, S. 49 „coemeteria subteglata, überdachte Friedhöfe“ für Totenfeiern und refrigeria; Krautheimer, Mensa S. 28 „hugh covered burial grounds, coemeteria subteglata, coemeteria cooperta“, S. 29 „covered coemeteria“: Corpus S.141 „huge covered graveyards“; Krautheimer, Mensa grenzt diese „coemeteria“ gegen die „cemeterial basilicas“ des 4. bis 6. Jhd., die „basilicas ad corpus“

304 z.B. Brenk S. 41 „Pfeilerbasilika mit Umgang“

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Der italienische Begriff „basiliche circiformi“ 305 , im Deutschen zirkusförmig 306 , im Französischen „basilique circiforme“ 307 , im Englischen „circus-shaped coemeteria subteglata“ 308 bzw. „circus-like“ 309 weist zwar auf die typologische Ähnlichkeit dieser Basiliken hin, lenkt aber m. E. den Blick zu stark auf die Form, ebenso wie der englische Begriff „U-shaped“ bzw. der deutsche „U-förmige Basiliken“ 310 . Der Begriff „Memorialbasilika“ 311 bezieht sich eindeutig auf die Funktion ebenso wie die Begriffe „Märtyrerbasilika“ 312 , „Märtyrermemorien“ 313 , „Märtyrerkirchen“ 314 . In der englischsprachigen Literatur sind hiermit die Begriffe „martyrial-funeral basilicas“ 315 und „martyrium and funerary basilicas“ 316 zu vergleichen.

305 s. Torelli S.203; Tolotti (1982) S.154, Fusco S.10

306 z.B. Jastrzebowska (1981) S.160 „zirkusförmiger Grundriß“; Kähler S.60 „Form mit Cirkus oder Hippodrom vergleichbar“ Grundriss ähnelt dem eines Zirkus, Mancinelli S. 39

307 s. Morin, S.263

308 z.B. Krautheimer (1989), S.22

309 z.B. Johnson S. 92

310 z.B. Krautheimer, Konst. Bas. S.58; Koch S.27

311 z.B. Deichmann und Tschira S. 96; Demandt, S. 380 „Memorialbasiliken für Märtyrer“; v. Hesberg, S. 53 „christliche Memorialbasiliken“

312 z.B. Leeb S. 72, der darunter noch andere und weitere Basiliken versteht, ebenso wie Jungmann S. 166; Voelkl, Grundrißtypen S. l59

313 z.B. Brenk S. 41

314 z.B. Effenberger S.127 ff, der aber auch den Begriff Umgangsbasilika verwendet

315 z.B. Alexander S.295

316 z. B. Bowder S.57 Lanciani (1895), S.119 „Churches built over the tombs of the martyrs and confessors“

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III.2. Bautypus „Basilika mit Umgang“ III.2.1. Allgemeine Beschreibung dieses Typus

Zeit / Ort Die Form „Basilika mit Umgang“ gab es nur in Rom und dort zeitlich begrenzt, nämlich in der ersten Hälfte des 4.Jhd. unter der Regierung Kaiser Konstantins und seiner Nachfolger.

Lage / Topographie Alle diese Basiliken standen vor den Toren - extra moenia, außerhalb der aurelianischen Stadtmauer - an den großen Ausfallstraßen Via Nomentana / San Agnese, Via Tiburtina / San Lorenzo, Via Labicana / Santi Pietro e Marcellino, Via Appia / San Sebastiano, Via Praenestina / Basilica Anonima im N, 0 und S der Stadt 317 . Sie befanden sich alle auf kaiserlichem Besitzgrund (die Basiliken an der Via Labicana, an der Via Nomentana und an der Via Praenestina) oder „unter den Grabbauten der kaiserlichen Freigelassenen“ 318 – die Basilika an der Via Tiburtina und beide Basiliken an der Via Appia. In ihrer unmittelbaren Nähe befanden sich Katakomben, die vor dem Bau entweder heidnisch oder / und christlich waren – die Basilika an der Via Praenestina, an der Via Appia und an der Via Tiburtina – oder „christlich unter heidnischen Friedhöfen auf der Erdoberfläche“ 319 – Basilika an der Via Labicana – bzw. es entstanden gleichzeitig mit dem Bau der Basilika und danach große christliche Katakomben (S. Sebastiano, S. Pietro und Marcellino, S. Agnese, S. Lorenzo). Besonders zu erwähnen ist die Nähe zum Märtyrergrab (S. Agnese, S. Pietro und Marcellino, S. Lorenzo, S. Sebastiano), wobei offensichtlich die Nähe ausreichte; es gab weder einen direkten Zugang von der Basilika zum Grab, noch wurde die Basilika über dem Grab errichtet. Außerdem besteht bei allen Basilken eine Verbindung mit großen Mausoleen (Anonima, S. Pietro und Marcellino, S. Agnese) oder Gruppen kleinerer Grabbauten (S. Sebastiano, S. Lorenzo), die entweder daneben standen (Anonima) oder zu einem anderen Grabkomplex gehörten (S.

317 Jastrzebowska (1981) S. 160, „zum großen Teil an den westlichen Ausfallstraßen“

318 ebd

319 ebd.

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Sebastiano) oder die mit den Basiliken direkt verbunden waren (S. Pietro und Marcellino, S. Agnese, S. Sebastiano) oder später hinzugebaut wurden (San. Sebastiano) Alle Basiliken befanden sich also innerhalb von Sepulkralanlagen. Und im Boden aller wurden Gräber gefunden.

Architektonik / Form Die Form der Umlaufbasilika ist mit der eines Hippodroms oder eines Zirkus vergleichbar 320 bzw. mit einem U 321 . Die beiden Seitenschiffe „laufen“ nämlich „im Westen um das Mittelschiff herum, das ebenfalls parallel dazu im Rund schließt“ 322 , wodurch ein Umlauf entsteht. Alle Basiliken mit Umgang sind also dreischiffig, wobei das Mittelschiff jeweils etwa doppelt so breit ist wie die beiden Seitenschiffe: S. Sebastiano / Via Appia 7:13,5:7; Anonima/ Via Praenestina 6,60:12:6,60; Ss. Pietro und Marcellino /Via Labicana: 6,50:13:6,50; S. Agnese /Via Nomentana 9:17,5:9; S. Lorenzo / Via Tiburtina 8,75:17,20:8,75; Basilika zwischen Via Appia und Via Ardeatina 6: 12:6. Alle haben zwischen den Schiffen Pfeiler (San. Sebastiano, Anonima, S. Pietro und Marcellino, S. Agnese) bzw. Säulentrennung (San Lorenzo), deren Stärke darauf schließen lässt, dass sie Hochwände mit Oberlichtgaden trugen. Alle besaßen daher wohl über dem Mittelschiff ein Giebeldach, über den Seitenschiffen flache Pultdächer 323 . Charakteristisch ist weiter die Fassade im 0sten, die bei S. Sebastiano, Anonima, S. Pietro und Marcellino, S. Lorenzo schräg, bei S. Agnese gerade zur Hauptachse verläuft. so dass alle zum Westen hin orientiert sind 324 .

320 z. B. Kähler S.60; Jastrzebowska (1981) S.160; Mancinelli S.39; Schumacher (1987) S.155

321 z. B. Krautheimer (1988), S.58

322 Schumacher (1987), S.152

323 vgl. Schumacher (1987), S. 154 anhand von S. Sebastiano: „Die Höhe der Schiffe entsprach, soweit man das an der Via Appia feststellen kann, der Breite“

324 Über Ort, Topographie und Form sind sich die Forscher im Großen und Ganzen einig; Uneinigkeit herrscht jedoch im Hinblick auf die genaue Chronologie (früheste Datierung:

Jastrzebowska (1981) S. Sebastiano 312/3; späteste Datierung: Rasch, S. Lorenzo 5. Jhd.

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III.2.2. Typologische Einordnung in Typ A und Typ B

Aufgrund des Grundrisses können die Basiliken mit Umgang in zwei Gruppen eingeteilt werden:

Zu Typ A gehören die Basilika an der Via Labicana, die Basilika an der Via Praenestina, die Basilika an der Via Appia und die Basilika zwischen der Via Appia und der Via Ardeatina. Die vier Basiliken stimmen auch in der Größe überein. Eine Ausnahme stellt der auch an der Stelle des Narthex durchgehende Umgang bei der Basilika an der Via Appia dar; dieser Bereich ist allerdings bei der Basilika zwischen der Via Appia und der Via Ardeatina noch nicht ausgegraben. 325

Zu Typ B gehören die Basilika an der Via Tiburtina und die Basilika an der Via Nomentana. Bei beiden Basiliken ist eine Ausprägung in Form einer Einziehung am Übergang vom Mittelschiff zur Apsis bzw. zum Umgang an der Apsis zu beobachten, wobei diese Einziehung bei der Basilika an der Via Tiburtina auch bei der Außenmauer vorliegt. Auch diese beiden Basiliken stimmen in der Größe überein und sind deutlich größer als die vier Basiliken vom Typ A 326 .

III.2.3. Herleitung von Bauformen der spätantiken römischen Architektur

Besondere Merkmale des Typus Basilika mit Umgang sind der Umgang, die schräge Fassade, die durch den Umgang entstehende Apsis bzw. Exedra, die Längsausrichtung in Ost-West-Richtung, die Pfeiler- bzw. Säulenstellung, die Dreischiffigkeit, die basilikale Erhöhung bzw. Oberlichtgaden, das Fehlen der Wölbung, die zeitliche Begrenzung in konstantinische Zeit und die örtliche Begrenzung auf den stadtrömischen Bereich.

325 Abb.4 Übersicht über die Grundrisse der ersten drei Basiliken gemäß Tolotti (1982) S. 183

326 Diese Einteilung s. auch Tolotti (1982) S. 155 und Fusco S.13

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Abb.4

Übersicht über die Grundrisse der ersten drei Basiliken Basilika an der Via Praenestina Basilika an
Übersicht über die Grundrisse der ersten drei Basiliken
Basilika an der Via Praenestina
Basilika an der Via Appia
Basilika an der Via Labicana

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Im Folgenden gehe ich daher den acht formalen Elementen nach und untersuche, in welchen antiken Bauformen diese bereits enthalten sind.

- Die lang gestreckte Form des Umgangs lässt sich vom Grundriss her mit der

des römischen Zirkus vergleichen 327 . Die Ausmaße jedoch nicht: Der Zirkus des

Maxentius z.B. ist 482 m lang und 79 m breit.

- Auch die schräge Fassade lässt sich mit der Form des antiken Zirkus

vergleichen, und zwar mit den carceres: Die Schranken, an denen sich die Pferdegespanne zum Start aufstellten, „bildete eine leicht nach außen gekrümmte Kurve, um für die verschiedenen Kämpfer gleiche Bedingungen zu schaffen.“ 328

- Die durch den Umgang entstehende Apsis bzw. Exedra befindet sich sowohl an

Thermen 329 und Gymnasien 330 a1s auch an Basiliken „an einer oder beiden Stirnseiten, gelegentlich auch an der Langseite“ 331 . Die Apsis ist hier aber meistens deutlicher vom Gesamtraum abgetrennt. Hajnóczi (1993) unterscheidet daher „Selbständige Exedren“ 332 und „Apsidialräume“ 333 ,wobei die Basilika mit Umgang m. E. zum Typus „Apsidialräume“ gehört. Vom Grundriss her noch am ehesten vergleichbar mit der Basilika mit Umgang sind die Basilica Ulpia (2. Jhd. n. Chr.) 334 , die Basilika des Flavier-Palastes (Domitianspalast), (1 Jhd. n. Chr.) 335 , das Kaisereion von Kyrene 336 , das Caldarium der sog. Forumthermen in Pompeji 337 , die Basilika von Piazza

327 z. B. Marsfeld, Waurick S.114; Stadion des Augustus, Hajnóczi S.225; Mailand, Waurick S.123; Saloniki, Waurick S.139; Maxentius, Tolotti S.168; Konstantinopel

328 Der Kleine Pauly, Bd.1, Sp. 1054

329 Ward-Perkins S.341 u. S.447

330 Stanzl (1979), S.25 „Schon bevor die Apsis jedoch zum Hoheitsmotiv schlechthin wurde, war sie in der profanen Architektur der Thermen, Gymnasien, Privatbasiliken sowie in der Sepulkralarchitektur verbreitet und war aus den spätantiken Bauten nicht mehr wegzudenken.“

331 Koch (1994) S. 348

332 S.311

333 S.313

334 Koch (1994) S.42; Ohr, Basilika in Pompeji

335 Koch (1994) S.42

336 Arbeiter, Alt St. Peter S.196 Abb. 131

337 Hajnóczi (1993) S.312 Abb.2

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Amerina (4. Jhd. n. Chr.) 338 , die Domus Aurea vom Palatin in Rom 339 , die römische Basilika in Aspendos 340 , Leptis Magna (nach 210 n. Chr.). Bei diesen Bauten fehlt jedoch der Umgang. Die Kombination von Apsis und Umgang sind ohne Vorbild. Lediglich Duval 341 führt zwei frühchristliche Beispiele aus Frankreich und Korsika an, die annähernd an die Form unserer sechs Basiliken erinnern.

- Sowohl der antike Zirkus als auch einige römische Basiliken sind

längsgerichtet 342 , ebenso die griechischen Mysterienkultbauten wie z. B. Samothrake (3. od. 2. Jhd. v. Chr.) 343 , und der römische Tempel. 344 Bei den Basiliken ist mit der Längsrichtung eine eindeutige Ausrichtung zur Apsis hin verbunden. Die Mehrzahl der öffentlichen Basiliken dagegen war quergelagert. 345 Mit der Längsrichtung ist auch eine eindeutige Ostung bei allen sechs Basiliken mit Umgang festzustellen 346 .

- Die Abtrennung der Seitenschiffe vom Hauptschiff durch Säulen bzw. Pfeiler ist charakteristisch für den Typus der antiken Basilika. 347 Die Säulen an sich haben ihr Vorbild in der griechisch-hellenistischen Architektur. „In der römischen Baukunst gewinnt dagegen die Mauer als Raumschale Vorrang. Der Unterschied zwischen der nach außen gerichteten griechischen und der auf den Innenraum bezogenen römischen Bauweise zeigen am

deutlichsten

-

die typisch römische Basilika

die mit ihren Kolonnaden im

, Inneren einem nach innen gewendeten Tempel gleicht‘ (Pevsner).“ 348

338 Hajnóczi (1993) S. 312 Abb.4

339 Hajnóczi (1993) Abb. 22 auch S.225

340 Koch (1994), S.43

341 (1991) S. 206

342 u. a. die forensischen (s. Koch (1994), S. 27. Auch die Basilika von Tipasa in Nordafrika (Ende 2. Jhd. n. Chr.) war längsgerichtet, s. Deichmann (1983), S. 79.

343 Abb. Koch (1994) S. 27

344 Koch (1994) S. 33

345 s. Stanzl (1979 ) S. 22

346 Zur Ostung bei Grabanlagen s. Wallraff, S.78

347 s. Koch (1994) S. 348; Bsp. s. dergl. S. 42

348 Koch (1994) S. 31

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Die Säulen waren zumeist Spolien von antiken Gebäuden, bei Bedarf auch verkürzt oder verlängert.

- Die Dreischiffigkeit und damit die Raumeinteilung hat ihr Vorbild in der

forensischen Basilika. 349 Die meisten Palastaulen z. B. Tipasa hingegen waren einschiffig. 350 Auch bei den so genannten Kultbasiliken 351 gibt es „dreischiffige überwölbte, oft unterirdische Räume, mitunter mit Apsis und Vorraum.“ 352

- Die Überhöhung des Mittelschiffs hat ihr Vorbild eindeutig in der antiken Basilika, z. B. Pompeji, Synagogen wiesen ebenfalls Mittelschiffe mit Obergaden auf. 353

- Auch „die öffentlichen, großen Basiliken waren in der Regel nicht gewölbt.“ 354

349 s. Koch (1994) S. 42 und S.43 unten

350 z. B. Trier, Rom, Sessoriumsaula, Junius Bassus, Metz, u. a., s. Stanzl (1979) S. 22

351 „Oratorien und Verehrungsstätten für nicht - christliche Sekten“ Stanzl (1979) S.22

352 ders. ebd.

353 s. Stanzl (1979) S. 23

354 Stanzl (1979) S. l9; Ausnahme: Maxentiusbasilika

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III.2.4. Abgrenzung zur frühchristlichen Basilika 355

Es sind folgende Charakteristika einer Basilika aus frühchristlicher Zeit zu konstatieren 356 : Die axiale Raumfolge (Atrium, Narthex, drei bis fünf Schiffe, Presbyterium), die Längsgerichtetheit, die Erhöhung der Mittelschiffes mit einer Fensterzone, kleine Fenster, eine Flachdecke mit Kasettierung oder offener Dachstuhl, der Eingang an der Schmalseite, Apsis an der gegenüberliegenden Seite, die Säulen- oder Pfeilertrennung mit Bogen oder geraden Balken, Architrav oder Archivolten über den Langhaussäulen, meist wenig stabile Mauern und bei aufwändigen Mauern ein Atrium im Westen mit dem Reinigungsbrunnen. Deichmann (1983) untersucht die für ihn wichtigsten Unterschiede zwischen Marktbasiliken und christlichen Basiliken und kommt zu folgendem Ergebnis: „Es gibt also kaum einen Zug der christlichen Basiliken, der nicht doch an dem einen oder anderen Beispiel der heidnischen drei- oder fünfschiffigen Marktbasiliken und verwandten Bauten nachzuweisen wäre: das neue liegt also in der Raumfügung im Zusammenstellen bereits längst ausgebildeter, bisher schon allgemein verwendeter Elemente, in einem Gesamtzusammenhang, der jenem der mehrschiffigen römischen Marktbasiliken am nächsten kommt.“ 357 Köhler (1990) stellt jedoch einen Unterschied bei der Beleuchtung fest, nämlich „daß vor allem die Trierer Palastaula, aber auch die Maxentiusbasilika wesentlich heller waren, als die frühchristlichen Basiliken. Die deutliche Abkehr von der technisch maximal möglichen Durchlichtung bei den neuen Kirchen ist als Ergebnis der Untersuchung festzuhalten. Ob es sich hierbei um eine bewusste Abwendung von der nichtchristlichen Symbolik handelt oder andere Gründe für die Herausbildung des Bautypus der christlichen Basiliken entscheidend waren, ist freilich nicht eindeutig zu entscheiden. 358

355 Diese Art von Abgrenzung ist insoweit problematisch, als der Begriff „frühchristliche Basilika“ die Vergleichbarkeit aller frühchristlichen Basiliken, quasi einen Durchschnitt des Typus voraussetzt. Dies erscheint bei der Vielfalt dieser Basiliken fast unmöglich. Trotzdem ist es m. E. eines Versuches wert, da die Basilika mit Umgang eben von dieser Art des Durchschnittstypus in einigen Punkten abweicht und diese Abweichungen evtl. Rückschlüsse zulassen.

356 s. Bienert-Koch (1999) S.100 und Koch (1994) S.39

357 S. 80

358 S. 130; in Anm. 39 führt er als weiteren Grund z. B. die Schaffung eines möglichst großen Versammlungsraumes an.

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Auch Eder (1990), die anhand der Trierer Basilika der Maxentiusbasilika, der Lateranbasilika und Alt-St. Peter 359 Licht und Raumform in der spätantiken Hallenarchitektur untersucht, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: „Doch anders als in der Trierer Halle und stärker als in der Maxentiusbasilika prägt die Basiliken des Lateran und St. Peter als konstitutiver Bestandteil ihrer architektonischen Form die Einteilung in unterschiedliche Raum- und Lichtzonen. die den Wechsel von Hell und Dunkel bewirken. Das im Gegensatz zu den Seitenschiffen heller belichtete Mittelschiff empfängt sein Licht in erster Linie aus der Obergadenzone.“ 360

Wenn man also die Merkmale frühchristlicher Basiliken und die der Basiliken mit Umgang vergleicht 361 , kommt man zu folgendem Ergebnis:

- Die Besonderheiten der Basiliken mit Umgang sind der Umgang, die schräge

Fassade, die durch den Umgang entstehende Apsis, wobei diese direkt vergleichbar ist mit der Apsis der frühchristlichen Basilika, wenngleich diese

deutlich stärker abgegrenzt ist, und die ausschließliche Dreischiffigkeit.

- Gemeinsam haben beide Typen die Längsrichtung, die Pfeiler- bzw.

Säulenstellung, die Drei- bzw. Mehrschiffigkeit, die basilikale Erhöhung, das 0Fehlen der Wölbung und den Eingang an der Schmalseite, die Apsis an der gegenüberliegenden Seite.

- Die Besonderheit der frühchristlichen Basiliken besteht in der deutlichen Abtrennung des Apsisbereiches 362 .

359 s. Anm. 8: ohne Einbeziehung der Exedra-Basiliken

360 S. 139

361 Abb. 5 Vergleich der Grundrisse

362 „T-förmiger Grundriß“ gemäß Koch (1994) S. 39

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III.2.5. Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Typus Basilika mit Umgang eine Sonderform darstellt. Einzelne Elemente finden sich zwar sowohl vorher in paganen Bauformen, z. B. in den forensischen Basiliken, in Palast- und Villenkomplexen, in den Thermen, in den Portikushallen, v. a. in Zirkus und Hippodrom, als auch nachher bzw. zur gleichen Zeit in der frühchristlichen Basilika. Aber genau diese Zusammenfügung von Umgang, schräger Fassade, durch den Umgang entstehende Apsis und Dreischiffigkeit zu dieser Form ist neu und einmalig. Die Basilika mit Umgang kann daher „als eine neue Variante des alten Themas“ 363