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Der Arabersturm, die Endkaiser-Weissagung der Christen

und die Λ/ώΜ'-Erwartung der Muslime

HANNES MÖHRING (Bayreuth)

I.

Die Erwartung des Weltendes war im Mittelalter stets mit der Erwartung
besonderer Ereignisse verbunden. Daher ist es wenig verwunderlich, dass die
Christen im Orient, in Byzanz und auch im lateinischen Abendland in einem
welthistorisch so bedeutsamen Ereignis wie der explosionsartigen Ausbreitung
der islamischen Macht ein Zeichen dafür sahen, dass nunmehr die allerletzten
Jahre angebrochen seien und schon bald das Weltende mit dem Jüngsten Gericht
kommen werde: Während das persische Sassanidenreich gänzlich unterging, kam
die arabische Eroberung des bis dahin byzantinisch beherrschten Ägypten und
Syrien für Byzanz einer Amputation mit beinahe tödlichem Ausgang gleich. Die
Byzantiner mussten froh sein, in schweren Kämpfen vor den Mauern Konstanti-
nopels wenigstens die Existenz ihres Reiches behaupten zu können. Es kommt
hinzu, dass die Christen der von den Arabern eroberten Gebiete in Scharen
zum Islam konvertierten. Aus christlicher Sicht war mit dem Abfall vom rechten
Glauben eine Zeit schwerster Bedrängnis und Prüfung gekommen, wie sie all-
gemein für den Anbruch der Endzeit erwartet wurde.
In dieser Situation der trotz innerer Gegensätze und Kämpfe von Sieg zu Sieg
eilenden Muslime, die noch längst nicht die Grenzen ihrer Expansion erreicht
hatten und deren Nimbus der Unbesiegbarkeit noch nicht gebrochen war, ent-
stand in Nordsyrien während der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts eine auf
Syrisch verfasste Schrift, die angeblich von dem bereits um 311 gestorbenen Mär-
tyrer Methodios stammte, einen Uberblick über die Weltgeschichte seit Adam und
Eva gab und mit einer Weissagung schloss, die ex eventu die Eroberungen der so
genannten Ismaeliten bzw. Araber „voraussagte", damit die Endzeit anbrechen
ließ und dann einen letzten römischen bzw. byzantinischen Herrscher verhieß,
der — für tot gehalten — wie aus dem Rausch erwacht und die Araber vernichtet,
ein Reich des Friedens schafft, schließlich in Jerusalem mit seiner Krone alle
Macht an Gott zurückgibt und so der Schreckensherrschaft des betrügerisch als
Messias auftretenden Antichrist Platz macht, der später dann bei der Ankunft
Christi mit allen, die an ihn glauben, dem höllischen Feuer ausgeliefert wird1.

1 Zu Inhalt, Datierung und Verfasserfrage der Schrift des Ps.-Methodios cf. in kritischer Ausein-
andersetzung mit der umfangreichen jüngeren Forschungsliteratur H. Möhring, Der Weltkaiser

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194 Hannes Möhring

Die Herrschaft der Araber soll dieser Weissagung des Ps.-Methodios zufolge
70 Jahre dauern. Legt man die mit der Auswanderung des Propheten Muham-
mad von Mekka nach Medina im Jahre 622 beginnende und nach Mondjahren
zählende islamische Zeitrechnung zugrunde, so bedeutet dies, dass die Herr-
schaft der Araber im Jahre 690 unserer Zeitrechnung bzw. im Jahre 1000 der
damals bei den orientalischen Christen noch sehr verbreiteten seleukidischen
Ära enden sollte. Dieses Jahr ist bei Ps.-Methodios also von besonderer end-
zeitlicher Bedeutung, die sich für den damaligen Leser noch dadurch verstärkt
haben dürfte, als diesem Jahr im Vorderen Orient kurz vorher, nämlich 684—686
und 689 — 690, zwei verheerende Pestwellen vorausgingen, die entsprechend
Lukas 21, 11 leicht als Zeichen der Endzeit interpretiert werden konnten.
Längst vor der arabischen Expansion war der Ansturm wilder, unversehens
die ganze Welt beherrschender Völker als (vermeintliches) Zeichen der Endzeit
zum Gegenstand von Weissagungen geworden, und längst vorher auch hatten
Männer wie Ambrosius und Augustine Schüler Quodvultdeus in den Goten und
Wandalen die auf der ganzen Welt Furcht und Schrecken verbreitenden Völker
Gog und Magog zu erkennen geglaubt, deren zukünftiger Auftritt bei Ezechiel
38 — 39 beschrieben und in der Offenbarung des Johannes 20, 8 für das Welt-
ende prophezeit wird. Hieronymus dagegen lehnte es ab, die Goten mit Gog
und Magog zu identifizieren, obwohl er im Jahre 410 mit der Eroberung Roms
durch die Westgoten den Weltuntergang gekommen glaubte. Vielleicht aber sah
Hieronymus die Völker Gog und Magog in den Hunnen 2 .
Sehr ausführlich sprechen von der Weltherrschaft Schrecken erregender Völker
zwei christliche Endzeit-Weissagungen, die zumindest bis in das 7. bzw. 8. Jahr-
hundert hinein ihre Leser fanden, wie sich an der aktualisierenden Erwähnung
der Araber bzw. an dem Alter der erhaltenen Handschriften zeigt: Eine syrische,
angeblich von dem 373 gestorbenen Ephraem Syrus stammende Predigt ent-
stand — vielleicht noch im 4. Jahrhundert - unter dem Eindruck der von den
Hunnen ausgehenden Gefahr und ist in einer auch auf die Araber eingehenden
Bearbeitung aus dem 7. Jahrhundert erhalten: Es heißt in ihr, dass die räuberi-

der Endzeit. Entstehung, Wandel und Wirkung einer tausendjährigen Weissagung (Mittelalter-
Forschungen 3), Stuttgart 2000, 5 8 - 6 7 , 7 5 - 8 2 und 9 2 - 9 7 . Der syrische Text ist ediert und
übersetzt von Reinink, cf. Die syrische Apokalypse des Pseudo-Methodius, ed./tr. G. J. Reinink,
2 Bde. (Corpus scriptorum christianorum orientalium, Scriptores syri 220/221), Leuven 1993.
Der Text der ältesten erhaltenen griechischen und lateinischen Übersetzungen findet sich ediert
in: Die Apokalypse des Pseudo-Methodius. Die ältesten griechischen und lateinischen Uber-
setzungen, ed. W. J. Aerts/G. A. A. Kortekaas, 2 Bde. (Corpus scriptorum orientalium, Subsidia
97/98), Leuven 1998. Weitere griechische Versionen sind ediert von Lolos, cf. Die Apokalypse
des Ps.-Methodios, ed. A. Lolos (Beiträge zur klassischen Philologie 83), Meisenheim am Glan
1976. Die dritte und vierte Redaktion des Ps.-Methodios, ed. A. Lolos (Beiträge zur klassischen
Philologie 94), Meisenheim am Glan 1978. Eine teilweise bis zur Unverständlichkeit entstellte
lateinische Version findet sich bei Albert Behaim, cf. Das Brief- und Memorialbuch des Albert
Behaim, eds. T. Frenz/P. Herde (MGH, Briefe des späteren Mittelalters 1), München 2 0 0 0 , 1 3 9 -
178.
2 Cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 20 sq.

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Arabersturm, Endkaiser-Weissagung und AfaWz-Erwartung 195

sehen Nachkommen von Saras Sklavin Hagar im Namen des Boten des Sohnes
des Verderbens — d. h. die Araber im Namen Muhammads, des Boten des
Antichrist — aus der Wüste hervorbrächen und alle anderen Völker versklavten.
Außerdem werde Gott im Zorn über die Gottlosigkeit und über die Sünden der
Menschen die mit Gog und Magog gleichzusetzenden Hunnen, von denen Eze-
chiel gesprochen habe, auf der ganzen Welt Furcht und Schrecken verbreiten
lassen. Nachdem den Hunnen niemand habe widerstehen können, würden sie
schließlich wie mit einem Schlag durch den Erzengel Michael vernichtet werden,
so dass nochmals die Römer die Welt beherrschten, bis dann der Sohn des
Verderbens auftrete, also die Schreckensherrschaft des Antichrist beginne 3 .
Auch eine lateinische Predigt über die Endzeit, die nicht näher als auf das 4.
bis 8. Jahrhundert zu datieren ist und unter dem Namen des Ephraem Syrus
oder Isidors von Sevilla umlief, warnt vor einem die ganze Welt erfassenden
Sturm wilder Völker. Wahrscheinlich geht sie auf eine griechische, vielleicht auch
auf eine syrische Vorlage zurück, gegenüber der gerade erwähnten syrischen
Predigt des Ps.-Ephraem weist sie aber jedenfalls erhebliche Unterschiede auf.
Der Verfasser fordert seine Leser und Zuhörer mit allem Nachdruck dazu auf,
sich auf die Ankunft des Herrn vorzubereiten: Das Ende des Römischen Reiches
und damit der Welt sei nahe, denn beinahe alle geweissagten Zeichen der End-
zeit seien bereits erkennbar. Dem nun zu erwartenden Auftritt des Bösen, d. h.
des Antichrist, gehe die Eroberung der Welt durch unmenschliche Völker vor-
aus, denen der Verfasser keinen Namen gibt. Wenn dann deren Zeit vorüber sei
— wodurch wird nicht gesagt —, dann werde das (Römische) Reich der Christen
Gott dem Vater übergeben werden. Danach erscheine jener nichtswürdige und
abscheuliche Drache, d. h. der Antichrist, aus dem (jüdischen) Stamme Dan, um
die Menschen zu verführen 4 .
Die aktualisierend auf die Araber bezogene Bearbeitung der zuerst erwähnten
syrischen Predigt des Ps.-Ephraem und die Endkaiser-Weissagung des Ps.-Me-
thodios sind keineswegs die einzigen damaligen Endzeit-Weissagungen, die sich
mit der arabisch-islamischen Expansion befassen, denn in diesem Zusammen-
hang ist auch das wohl um 700 entstandene syrische „Evangelium der zwölf
Apostel" zu nennen, dessen Verfasser aber im Gegensatz zu Ps.-Methodios we-
niger auf einen byzantinischen Kaiser als auf Gott selbst und darauf hoffte, dass
die Herrschaft der Araber an ihren internen Auseinandersetzungen zerbrechen
werde 5 .

3 Des heiligen Ephraem des Syrers Sermones III, ed./tr. E. Beck (Corpus scriptorum christiano-
rum orientalium, Scriptores syri 138/139), Leuven 1972, Bd. 1, 6 0 - 7 1 (ed.) und Bd. 2, 7 9 - 9 4
(tr.). Cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 55 sq.
4 Die Predigt ist ediert von D. Verhelst, Scarpsum de dicris saneti Efrem prope fine mundi, in:
R. Iievens/E. van Mingroot/W. Verbeke (eds.), Pascua mediaevalia. Studies voor Dr. J. M. De
Smet (Mediaevalia Lovaniensia, Series 1, Studia 10), Leuven 1983, 5 2 3 - 5 2 8 . Cf. Möhring, Welt-
kaiser (nt. 1), 56 sq.
5 Das „Evangelium der zwölf Apostel" ist ediert und übersetzt von H. Suermann, Die geschichts-
theologische Reaktion auf die einfallenden Muslime in der edessenischen Apokalyptik des
7. Jahrhunderts (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, 256), Frankfurt a. M. — Bern —

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Wie sich aus seiner 687 oder kurz danach 6 verfassten Weltgeschichte ergibt,
erwartete damals auch der nestorianische Mönch Johannan bar Penkaye, der
bereits die Zeichen des Antichrist zu erblicken glaubte, in nächster Zukunft
den Zusammenbruch der islamischen Macht — auch er allerdings als Folge der
Auseinandersetzungen der Muslime untereinander und nicht etwa durch einen
byzantinischen Kaiser 7 .
Für ein gesteigertes Endzeit-Bewusstsein um 690 bzw. um das Jahr 1000
der seleukidischen Ära spricht auf Seiten der syrischen Christen außerdem der
Umstand, dass 687 das „Testamentum domini nostri" aus dem Griechischen ins
Syrische übersetzt wurde 8 . Dieser Katalog von Vorschriften für Gläubige und
Kirche, den der auferstandene Jesus den Aposteln gegeben haben soll, beginnt
mit einer ausführlichen Darstellung der Zeichen der angeblich unmittelbar be-
vorstehenden Endzeit und der Leiden unter der Herrschaft des falschen Messias,
d. h. des Antichrist, über dessen Ende im Gegensatz zu den anderen erwähnten
Weissagungen nichts gesagt wird 9 .
Übrigens war die endzeitliche Spannung der Muslime nicht weniger hoch als
diejenige der syrischen Christen. Muhammad hatte das Ende der Welt und das
von ihm zur Belustigung seiner Gegner in Mekka immer wieder angekündigte
Jüngste Gericht für nahe gehalten, es aber abgelehnt, konkrete Angaben zu
machen, weil nur Gott den Zeitpunkt kenne. Nach Muhammads Tod erwarteten
offenbar viele Muslime das Weltende innerhalb der nächsten 100 Jahre oder auch
nur innerhalb der ersten 100 Jahre islamischer Zeitrechnung, d. h. spätestens für
729 a. d. bzw. 719 a. d. Am Ende des 1. Jahrhunderts islamischer Zeitrechnung
dürfte die endzeitliche Spannung der Muslime mit ihrem Großangriff auf Kon-
stantinopel den Höhepunkt erreicht haben. Auch die Juden, die schon den
Kampf zwischen Byzantinern und Persern mit größter Spannung verfolgt und
auf einen persischen Sieg über das verhasste Rom gehofft hatten, wurden in
dieser Zeit von besonders intensiven eschatologischen Erwartungen erfasst. Auf
Jesaja 21, 7 gestützt, erhofften sie die Rettung Israels durch Ismael, also durch
die Araber bzw. Muslime 10 .

New York 1985, 9 9 - 1 0 9 (ed.) und 9 8 - 1 0 8 (tr.). Cf. H. J. W. Drijvers, The Gospel of the Twelve
Aposdes: A. Syriac Apocalypse from the Early Islamic Period, in: A. Cameron/L. I. Conrad
(eds.), The Byzantine and Early Islamic Near East. I: Problems in the Literary Source Material
(Studies in Late Antiquity and Early Islam 1), Princeton, N.J. 1992, 1 8 9 - 2 1 3 .
6 Cf. G. J. Reinink, Pseudo-Methodius und die Legende vom römischen Endkaiser, in: W Ver-
beke/D. Verhelst/A. Welkenhuysen (eds.), The Use and Abuse of Eschatology in the Middle
Ages (Mediaevalia Lovaniensia, Series 1, Studia 15), Leuven 1988, 85, 88 und 91.
7 Cf. die Edition und Ubersetzung von A. Mingana, Sources syriaques, Bd. 1, Leipzig o. J., 143 + -
171 + (ed.) und 1 7 2 + - 1 9 7 + (tr.). Eine englische Ubersetzung stammt aus der Feder von S. P.
Brock, North Mesopotamia in the Late Seventh Century. Book XV of John Bar Penkâyë's Rïs
Melle, in: Jerusalem Studies in Arabic and Islam 9 (1987), 5 7 - 7 4 .
8 Cf. Testamentum domini éthiopien, ed./tr. R. Beylot, Louvain 1984, VI.
9 Cf. Testamentum domini nostri Jesu Christi, ed./tr. Ignatius Ephraem II Rahmani, Mainz 1899,
6 - 1 6 (ed.) und 7 - 1 7 (tr.).
10 Cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 378.

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Arabersturm, Endkaiser-Weissagung und iiaWif-Erwartung 197

II.

Was nun die Weissagung vom letzten römischen Kaiser am Ende der Zeiten
betrifft, so ist sie wohl nicht erst in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts,
sondern schon lange vor Ps.-Methodios entstanden. Das vor allem als Teil der so
genannten „Tiburtinischen Sibylle" überlieferte „Constans-Vaticinium" scheint
nämlich aus der Zeit zwischen 337 und 411 zu stammen und ursprünglich auf
einen Sohn Constantins des Großen, d. h. auf Kaiser Constans I., bezogen
worden zu sein 11 . Es heißt in diesem Vaticinium, dass am Ende der Zeiten ein
römischer Kaiser namens Constans auftreten werde, der die Heiden vernichte
oder bekehre, ihre Tempel zerstöre, das Christentum über die ganze Welt aus-
breite und schließlich nach Jerusalem ziehe, um dort Diadem und herrscher-
liches Gewand abzulegen und so seine Macht an Gott zurückzugeben, worauf-
hin dann der Antichrist erscheine und dessen Schreckensherrschaft beginne 12 .
Im Gegensatz zur Weissagung des Ps.-Methodios ist der Endkaiser im „Con-
stans-Vaticinium" kein für tot gehaltener, wie aus dem Rausch erwachender
Herrscher, im Gegensatz zur Weissagung des Ps.-Methodios auch soll der End-
kaiser des „Constans-Vaticinium" nicht von Jerusalem aus regieren, sondern
lediglich zum Zwecke der Abdankung nach Jerusalem ziehen — und zwar, nach-
dem er in eigener Person die Völker Gog und Magog vernichtet hat; bei Ps.-
Methodios besorgt dies einer der Erzengel.
Im „Constans-Vaticinium" sind Vorstellungen verschiedener Herkunft mit-
einander verbunden. Entgegen den von P.J. Alexander 13 und G.J. Reinink 14

11 Ibid., 3 9 - 4 4 .
12 Die „Tiburtinische Sibylle" ist ediert von E. Sackur, Sibyllinische Texte und Forschungen.
Pseudomethodius, Adso und die Tiburtinische Sibylle, Halle a. S. 1898, 1 7 7 - 1 8 7 . Nach zwei
anderen Handschriften ist die „Tiburünische Sibylle" (unvollständig) ediert in: Les registres de
Philippe Auguste, ed. J. W Baldwin, Bd. 1 (Recueil des historiens de la France, Documents
financiers et administratifs 7), Paris 1992, 546 — 549, sowie E. A. R. Brown, La notion de la
légitimité et la prophétie à la cour de Philippe Auguste, in: R.-H. Bautier (ed.), La France de
Philippe Auguste. Le temps des mutations (Colloques internationaux du Centre national de la
recherche scientifique 602), Paris 1982, 1 0 4 - 1 1 0 . Vollständig zitiert ist die „Tiburtinische Si-
bylle" bei Gottfried von Viterbo, Pantheon, in: J. Pistorius/B. G. Struve, Rerum Germanicarum
Scriptores, Bd. 2, Ratisbonae 1 7 2 6 , 1 5 7 - 1 6 1 (Teiledition von G. Waitz, M H G SS 22, 1 4 5 - 1 4 7 ) ,
sowie bei Matthaeus Parisiensis, Chronica majora, ed. H. R. Luard, Bd. 1 (Rerum Britannicarum
medii aevi SS 57, 1), London 1872, 4 2 - 5 1 . Das Vaticinium über einen letzten römischen Kaiser
namens Constans findet sich auch in zwei Versionen des Antichrist-Traktats Adsos von Montier-
en-Der, cf. Adso von Montier-en-Der, De ortu et tempore Antichristi, ed. D. Verhelst (Corpus
Christianorum, Cont. med. 45), Tumhout 1976, 125 und 135 sq. Allerdings weisen beide Versi-
onen einige Abweichungen vom ursprünglichen Text auf.
13 P.J. Alexander, The Medieval Legend of the Last Roman Emperor and Its Messianic Origin,
in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 41 (1978), 1 - 1 5 ; id., The Byzantine Apoca-
lyptic Tradition, Berkeley - Los Angeles - London 1985, 1 7 4 - 1 8 4 , 1 8 9 - 1 9 2 und 224.
14 G. J. Reinink, Die syrischen Wurzeln der mittelalterlichen Legende vom römischen Endkaiser,
in: M. Gosman/J. van Os (eds.), Non Nova, Sed Nove. Mélanges de civilisation médiévale dédiés
à W. Noomen (Mediaevalia Groningana 5), Groningen 1984, 1 9 5 - 2 0 9 ; id. (ed.), Die syrische
Apokalypse (nt. 1), XXXIXsq., 35 und 6 0 - 6 3 .

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vertretenen Auffassungen kann nicht behauptet werden, dass die Endkaiser-


Vorstellung im Wesentlichen jüdisch oder syrisch-christlich geprägt sei. Wie groß
aber jeweils der christliche, jüdische und römisch-heidnische Anteil ist, lässt sich
nicht bestimmen 15 .
Zur Zielsetzung des „Constans-Vaticinium" ist zu sagen, dass wegen seiner
nur groben Datierung unklar bleibt, ob der christliche Autor Kaiser Constane I.
noch zu dessen Lebzeiten verherrlichen wollte. Unverkennbar jedenfalls ver-
suchte er, ursprünglich aus christlicher Sicht bestehende Gegensätze zwischen
dem Christentum und dem Römischen Reich als antichristlicher Macht zu über-
brücken. Zwar lässt der Verfasser das Römische Reich mit dem Sieg des Chri-
stentums enden, doch wird die alte römische Vorstellung von Roms Unbesieg-
barkeit beibehalten, indem der Endkaiser erst der übermenschlichen Macht des
Antichrist weichen soll. Der letzte römische Kaiser ist nicht (mehr) mit dem
Antichrist zu identifizieren. Sein Gottesgnadentum findet in der Abdankung
seinen äußersten Ausdruck. Das Römische Reich wird durch die Bekehrung
oder Vernichtung aller Heiden christlich legitimiert. Abgesehen davon, gibt der
Verfasser eine Antwort auf die damals wohl viele Christen bewegende Frage,
welchen Lauf die Ereignisse nach der Annahme des Christentums durch Con-
stantin und seine Söhne nähmen, wenn die Parusie Christi weiterhin auf sich
warten ließe. Gewissermaßen in Konkurrenz zu der Erwartung eines tausend-
jährigen Reiches unter der Herrschaft von Christus selbst — oder als Ersatz
dafür — verheißt der Verfasser unter dem Endkaiser eine Zeit des rechten
Glaubens und nahezu paradiesischen Überflusses, die dem Schreckensregiment
des Antichrist und der Parusie Christi noch vorausgehen soll. Außerdem rückt
er durch die Angabe, dass der Endkaiser 112 Jahre regieren werde, das mit
Schrecken erwartete Auftreten des Antichrist in beruhigende zeitliche Ferne 16 .
Auch die Zielsetzung des Ps.-Methodios ist klar: Ihm ging es um die Ver-
nichtung der Muslime, deren Bekehrung er offenbar für unmöglich hielt. Zu-
gleich nahm er sich gegenüber seinen christlichen Glaubensbrüdern zum Ziel,
vor Gefahren zu warnen und Hoffnung zu geben. Seine Warnung galt den
Gefahren des Weltendes, besonders dem Abfall vom rechten Glauben, in dem
er ein Zeichen der Endzeit sah — bekanntlich bekehrten sich die orientalischen
Christen schon im ersten Jahrhundert der islamischen Geschichte massenweise
zum Islam. Was die Hoffnungen betrifft, so versuchte Ps.-Methodios sie durch
die Behauptung zu wecken, die islamische Herrschaft sei nur als eine vorüber-
gehende Kasteiung durch Gott zu betrachten, ihr Ende stehe unmittelbar bevor.
Indem bei der Vernichtung des Islam dem Byzantinischen Reich als letztem der
Weltreiche die entscheidende Rolle zukommen sollte, zielte Ps.-Methodios nicht
zuletzt darauf, das stark erschütterte Ansehen der byzantinischen Macht wieder-
herzustellen. Durch die von ihm vorausgesagten Erfolge des letzten byzanti-
nischen Kaisers versuchte Ps.-Methodios, den Ereignissen der Endzeit einen

15 Cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 4 9 - 5 3 .


16 Ibid., 4 5 - 4 8 .

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Arabersturm, Endkaiser-Weissagung und AfoMf-Erwartung 199

erheblichen Teil ihrer Schrecken zu nehmen. Außerdem mochte diese optimi-


stisch stimmende Aussicht der Gefahr massenhafter Konversionen zum Islam
entgegenwirken und so einem byzantinischen Großangriff auf Syrien, der zu-
sammen mit Ägypten wirtschaftlich bedeutendsten ehemaligen Provinz des By-
zantinischen Reiches, den Boden bereiten. Ps.-Methodios rief seine Glaubens-
brüder aber nicht etwa zur Unterstützung des Endkaisers auf, sondern lediglich
zu rein passivem Durchhalten in der Bewahrung des christlichen Glaubens 17 .
Es ist nicht ohne Ironie, dass Ps.-Methodios ein Argument entgangen ist, wie
er es sich besser nicht hätte wünschen können. Es wäre nämlich möglich ge-
wesen, die Muslime mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, wenn Ps.-Methodios
den Koran gekannt hätte, denn dort heißt es am Anfang der 30. Sure: „Die
Byzantiner sind besiegt worden im nächstliegenden Gebiet. Aber sie werden,
nachdem sie besiegt worden sind, siegen, in etlichen Jahren ... An jenem Tag
werden die Gläubigen sich darüber freuen, dass Gott geholfen hat ,.." 1 8 Ab-
gesehen davon, spielt Ps.-Methodios auffallenderweise nirgends darauf an, dass
die Byzantiner schon einmal Ägypten und Syrien verloren und Konstantinopel
(626) belagert gesehen hatten, aber trotzdem (gegen Perser und Awaren) die
Oberhand behalten und ihre Gebiete zurückgewonnen hatten.

III.

Die im Orient entstandene Weissagung des Ps.-Methodios blieb unter den


Christen über das ganze Mittelalter hinweg bis in die Neuzeit hinein populär,
und zwar vor allem im Abendland, weniger im Orient selbst 19 . Man kann also
sagen, dass der Arabersturm die christlichen Vorstellungen vom Anbruch der
Endzeit maßgeblich geprägt hat. Die Schrift des Ps.-Methodios wurde schon
bald nach ihrer Entstehung, d. h. zwischen 685 und 702, ins Griechische und
während des 8. Jahrhunderts dann vom Griechischen ins Lateinische übersetzt.
Eine jetzt in Bern liegende lateinische Handschrift stammt vielleicht schon aus
dem Jahr 72 7 20 .
Ebenfalls im 8. Jahrhundert, möglicherweise im Zusammenhang mit dem
Spanien-Feldzug Karls des Großen von 778, entstand eine erheblich gekürzte
lateinische Fassung, die besonders populär wurde 21 . Was ihren Inhalt betrifft,
so fällt unter anderem auf, dass bei der Beschreibung des allgemeinen Elends,
das die Ismaeliten über die Welt bringen, die Gefahr des Abfalls der christlichen
Bevölkerung von ihrer Religion, also die Gefahr für das Seelenheil der Christen,

17 Ibid., 8 8 - 9 2 .
18 Koran, Sure 30, 2 - 5 , tr. R. Paret, Stuttgart etc. 2 1980, 282.
19 Cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 321 - 3 4 9 .
20 Ibid., 1 0 0 - 1 0 2 .
21 Sie ist ediert von O. Prinz, Eine frühe abendländische Aktualisierung der lateinischen Uber-
setzung des Ps.-Methodios, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 41 (1985),
6 - 1 7 . Cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 1 3 6 - 1 4 3 .

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mit keinem Wort erwähnt wird. Die Warnung vor der Konversion zum Islam
war also nicht das Ziel des Bearbeiters — vielleicht konnte er sich gar nicht
vorstellen, dass in anderen Ländern Massenkonversionen nicht bloß drohten,
sondern längst Tatsache geworden waren.
Ein anderer Punkt in der lateinischen Kurzfassung des Ps.-Methodios ist nicht
weniger interessant: Der Endkaiser ist dort nämlich in zwei Personen geteilt, was
sich daraus ergibt, dass der Herrscher, der die Ismaeliten bzw. Araber besiegt, als
rex christianorum et Romanorum bezeichnet wird und der Herrscher, der in Jeru-
salem die Macht an Gott übergibt, als imperator Gregorum. Damit bleibt der byzan-
tinische Kaiser zwar der eigentliche Endkaiser, aber er spielt bei den Ereignissen
der Endzeit keine aktive Rolle mehr, während den Waffenruhm des Sieges über
die Ismaeliten ein anderer — zwangsläufig westlicher — Herrscher der Römer
erringt. Somit kann auf der Ebene endzeitlicher Weissagungen bereits vor der
Kaiserkrönung Karls des Großen von einer Art Zwei-Kaiser-Problem gesprochen
werden.
Von der Weissagung des Ps.-Methodios sind in den heutigen Bibliotheken mehr
als 200 lateinische Handschriften bekannt. Ihre Popularität hat sich bis zum Ende
des Mittelalters offenbar noch gesteigert, denn aus dem 15. Jahrhundert sind
doppelt so viele lateinische Handschriften erhalten wie aus dem 14. Jahrhundert.
Auffallend ist außerdem das — in England geradezu erdrückende — Uber-
gewicht der Kurzfassung, die im späten Mittelalter auch in mehrere Volks-
sprachen übersetzt wurde, nämlich ins Deutsche, Englische und Kastilische 22 .
Für die große Popularität der Endkaiser-Weissagung während des Mittelalters
spricht auch der Umstand, dass die an ihrem Schluss das „ Cons tans-Vaticinium"
enthaltende „Tiburtinische Sibylle" ebenfalls in sehr vielen Handschriften er-
halten ist, nämlich in über 130, und außerdem noch in 40 Handschriften allein
des „Pantheon" Gottfrieds von Viterbo (gest. in der Zeit zwischen 1192 und
1200) 23 .
Aufnahme gefunden hat die Gestalt des Endkaisers auch in dem zwischen
945 und 954 verfassten Antichrist-Traktat des Adso von Montier-en-Der, dessen
acht verschiedene Versionen in nicht weniger als 171 Handschriften erhalten
sind 24 . Benutzt und teilweise vollständig zitiert haben die Schrift des Ps.-Metho-
dios und die „Tiburtinische Sibylle" viele namhafte Autoren, außer Adso unter
anderem Gottfried von Viterbo, Matthaeus Parisiensis, Rudolf von Ems, Vincenz
von Beauvais, Johannes Quidort von Paris und Pierre d'Ailly. So oft wie sonst
niemand zitiert Petrus Comestor aus Ps.-Methodios, aber den Endkaiser lässt er
unerwähnt. Überhaupt interessierte Ps.-Methodios die Leser nicht nur wegen
seiner Weissagung, sondern auch wegen seiner Angaben zur biblischen Ge-
schichte und zu Gog und Magog. Besonders bemerkenswert ist außerdem, dass
die in Frankreich wohl besonders populäre „Tiburtinische Sibylle" mindestens

22 Ibid., 3 2 1 - 3 2 3 .
23 Ibid., 351.
24 Ibid., 1 4 4 - 1 4 8 und 360sq.

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Arabersturm, Endkaiser-Weissagung und ΛίώΜ'-Erwartung 201

dreimal ins Französische übersetzt und um 1220 sogar in das Register der fran-
zösischen Königskanzlei aufgenommen wurde 25 .
Was die geographische Verteilung der lateinischen Handschriften des Ps.-
Methodios betrifft, so sind die meisten in England, äußerst wenige dagegen
in Spanien erhalten. Dies gilt auch für die Handschriften der „Tiburtinischen
Sibylle" und für den Antichrist-Traktat des Adso von Montier-en-Der. Daraus
folgt, dass überraschenderweise die Bedrohung durch den Islam bzw. durch die
Muslime für die Verbreitung der Endkaiser-Weissagung keine wesentliche Rolle
gespielt haben kann. Aber es deutet auch nichts darauf hin, dass etwa die end-
zeitlichen Erwartungen der Christen in England so viel stärker gewesen wären
als diejenigen der Christen in Spanien. Der Grund für die so unterschiedliche
Verbreitung in England und Spanien liegt unter anderem vielleicht in der unter-
schiedlichen Einstellung dem Kreuzzugsgedanken und dem römischen Kaiser-
tum gegenüber, zumal der in England so populären „Historia regum Britanniae"
des Geoffrey von Monmouth zufolge Constantin der Große als Sohn einer
britischen Königstochter und die Briten wie die Römer als Nachkommen der
Trojaner galten. Vielleicht hat auch die ursprünglich walisische Hoffnung auf
die siegreiche Wiederkehr König Arthurs, die wiederum im 12. Jahrhundert bei
Geoffrey von Monmouth greifbar wird, dazu beigetragen, der Endkaiser-Weis-
sagung in England den Weg zu ebnen, zumal manche Autoren behaupteten,
schon König Arthur habe die römische Kaiserkrone getragen und Jerusalem
erobert 26 .
Im späteren Mittelalter verband sich in Deutschland die Erwartung des End-
kaisers mit der Hoffnung auf die Wiederkehr Kaiser Friedrichs II. 27 oder den
Auftritt eines gleichnamigen Nachkommen, des so genannten dritten Fried-
rich28. In Frankreich und Italien dagegen verband sich die Endkaiser-Weissagung
mit der Hoffnung auf einen zweiten Karl den Großen. Ihn wollte man zunächst
in Karl von Anjou sehen, der die Macht der Staufer vernichtete. In manchen
Weissagungen erscheinen der dritte Friedrich und der zweite Karl als direkte
Rivalen, wobei je nach Tendenz der dritte Friedrich über den zweiten Karl tri-
umphiert oder umgekehrt 29 . Dabei ist zu beachten, dass die Hoffnung auf einen
französischen Herrscher als Endkaiser auch in Deutschland verbreitet war 30 .
Wichtig ist außerdem, dass sich im späteren Mittelalter mit der Erwartung
der Wiederkehr Friedrichs II. oder eines gleichnamigen Nachkommen neben
der Hoffnung auf die Vernichtung des Islam auch — und mehr noch — die
Hoffnung auf tiefgreifende kirchliche und soziale Reformen verband 31 . Die so-

25 Ibid., 3 3 2 - 3 4 3 und 3 5 4 - 3 5 8 .
26 Ibid., 3 2 5 - 3 3 0 , 351 sq. und 361.
27 Ibid., 2 2 0 - 2 2 9 , 2 3 3 - 2 3 9 und 2 5 3 - 2 6 0 .
28 Ibid., 239-253.
29 Ibid., 241, 283 sq. und 2 9 1 - 3 1 0 .
30 Ibid., 258, 304 und 366.
31 Ibid., 256-268.

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202 Hannes Möhring

ziale K o m p o n e n t e ist übrigens in den byzantinischen Versionen der Endkaiser-


Weissagung schon Jahrhunderte früher ausgeprägt 3 2 .
Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, dass sich trotz der großen Verbreitung
der Endkaiser-Weissagung kaum ein Herrscher oder Rebell findet, der als End-
kaiser aufzutreten versuchte. Besonders bemerkenswert und offenbar typisch
ist der Fall Kaiser Friedrichs III., der trotz der Ermahnungen mancher Zeit-
genossen niemals versucht hat, die Rolle des verheißenen dritten Friedrich zu
spielen 3 3 . Die Gründe für dieses gesamteuropäische Phänomen bleiben zu unter-
suchen. E s ist u m s o auffallender, als es auf islamischer Seite über Jahrhunderte
hinweg immer wieder zum Auftritt eines vermeintlichen Mahdl gekommen ist,
der als endzeitliche Rettergestalt dem christlichen Endkaiser in vielem entspricht.

IV.

In den Uberlieferungen der Muslime heißt es, eines Tages werde ein als der
Mahdl, der „Rechtgeleitete", bezeichneter Mann ohne Fehl und Tadel erscheinen,
der die Muslime zum wahren Islam zurückführe und die zuvor von Unrecht
beherrschte Welt mit Gerechtigkeit erfülle. E r zeichne sich nicht zuletzt durch
größte Freigebigkeit aus, wie überhaupt mit dem Beginn seiner Herrschaft eine
Zeit des Uberflusses anbrechen werde 3 4 .
Der Mahdl sollte der Familie oder zumindest dem quraisitischen Stamm des
Propheten Muhammad angehören, und vielfach nahm man auch an, er werde
dessen N a m e n tragen, also A b u 1-Qäsim Muhammad ibn 'Abdallah heißen. Sein
Erscheinen erwartete man meistens für die Zeit kurz vor dem E n d e der Welt,
doch zumindest in der frühen islamischen Geschichte gilt dies nicht unbedingt,
denn einige frühe Weissagungen aus Syrien betrachten den Mahdl nicht als den
letzten aller Herrscher. Dementsprechend soll er den (dem Antichrist christlicher
Endzeit-Vorstellungen entsprechenden) Daggäl, d. h. den falschen Messias 3 5 ,
töten oder auch nicht.
Der K a m p f gegen das Christentum ist in der Mahdl-Weissagung gegenüber
der Wiederherstellung der prophetischen Ordnung unter Muhammad nur von
zweitrangiger Bedeutung. Zwar glaubten die Muslime — vielleicht erst als Folge

32 Ibid., 3 1 1 - 3 1 3 .
« Ibid., 2 4 8 - 2 5 3 .
34 Zur Mahdl-Votstellung grundlegend: T h e Encyclopaedia o f Islam. New edition, Bd. 5, Leiden
1986, 1 2 3 0 - 1 2 3 8 s. v. al-Mahdï (Artikel von W Madelung). Cf. auch Ibn Haldün, The Muqaddi-
mah, tr. F. Rosenthal, Bd. 2, Princeton, N . J . 2 1967, 1 5 6 - 2 0 0 ; J. Aguadé, Messianismus zur Zeit
der frühen Abbasiden: Das Kitäb al-Fitan des Nu'aim ibn Hammäd, Diss. Tübingen 1979,
1 7 2 - 1 8 5 ; Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 3 7 7 - 3 8 7 .
35 Zur Gestalt des Daggäl cf. D. J. Halperin, The Ibn Sayyäd Traditions and the Legend o f al-
Dajjäl, in: The Journal o f the American Oriental Society 96 (1976), 213 — 225; A. Morabia,
L'Antéchrist (ad- Daggäl) s'est-il manifesté du vivant de l'envoyé d'Alläh?, in: Journal asiatique
267 (1979), 8 1 - 9 9 .

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Arabersturm, Endkaiser-Weissagung und Maíá'-Erwartang 203

fehlgeschlagener eigener Versuche —, dass der Mahdi Konstantinopel und Rom


erobern werde, aber im Gegensatz zu den Vorstellungen der Muslime von Jesus
sollte der Mahdi im Allgemeinen kein Christenverfolger sein, und ein römischer
Kaiser oder Endkaiser spielt in der Mahdi-Weis sagung keine Rolle.
Die Gestalt des Mahdi war vor allem bei den Schiiten, aber auch bei den
Sunniten populär. Allerdings ist der Mahdi in sunnitischer Sicht kein aus der
Verborgenheit Wiederkehrender, und außerdem bildet die Mahdi-Vorstellung für
die Sunniten im Gegensatz zu den Schiiten keinen festen Bestandteil ihres
Glaubens, denn sie ist nicht koranisch. Vielmehr entstand sie erst Jahrzehnte
nach Muhammads Tod gegen Ende des 1. Jahrhunderts islamischer Zeitrech-
nung. Wie gesagt 36 , war damals die endzeitliche Spannung der Muslime nicht
weniger hoch als die der orientalischen Christen.
Die Mahdi-N'orstellung entstand auf alidisch-schiitischer Seite, aber sie bildete
sich nicht etwa an der Gestalt des ermordeten vierten Kalifen 'All (gest. 661)
oder seines im Kampf gegen die Umaiyaden bei Karbalä' gefallenen Sohnes
Husain (gest. 680) aus, sondern an Abu 1-Qäsim Muhammad ibn al-Hanafîya,
einem anderen Sohn 'Alls, der nicht wie Husain des Propheten Tochter Fatima
aus dem Stamm der Qurais zur Mutter hatte, sondern eine Frau aus dem Stamm
der Hanïfa. Ibn al-Hanafîya, der den Namen und auch die Kunya des Propheten
(Abü 1-Qäsim) trug, war also nicht mit diesem verwandt und konnte folglich
nicht als dessen Erbe auftreten, aber er war nach dem Tod Husains der älteste
Sohn des Kalifen 'All, des Vetters und Schwiegersohnes des Propheten Mu-
hammad. Deshalb wurde Ibn al-Hanafïya von einem Teil der Muslime als ihr
Oberhaupt betrachtet. Er blieb jedoch passiv, lehnte es ab, sich mit Gewalt
durchzusetzen, und trat auch nicht als Rächer seines Halbbruders Husain auf.
Trotz der von Ibn al-Hanafîya bewiesenen Friedfertigkeit kam es im Oktober
685 in Küfa, der ehemaligen Residenz seines Vaters 'All, zu einem in seinem
Namen entfesselten Aufstand gegen den Statthalter des mekkanischen Gegen-
kalifen Ibn az-Zubair, der den von Damaskus aus regierenden Umaiyaden die
Kalifenwürde bestritt. Der Führer dieses Aufstandes war al-Muhtär, ein typischer
Vertreter der arabischen Stammesnobilität in den von den Arabern gegründeten
Lagerstädten des 'Iraq. al-Muhtär stützte sich auf mehrere südarabische Stämme
und auf zahlreiche nichtarabische, zum Islam bekehrte Klienten, zu deren An-
walt er sich machte, indem er unter anderem „die Verteidigung der Schwachen"
propagierte. Es ist auf al-Muhtär zurückzuführen, dass diese so genannten
mawäli in der weiteren Geschichte der Schia, der Partei des 'All, die zuvor rein
arabisch gewesen war, eine wichtige Rolle spielen sollten.
al-Muhtär, der nicht zuletzt auch Rache für Husain forderte, behauptete, im
Auftrag des Ibn al-Hanafîya zu handeln. Im Gegensatz zu dem Gegenkalifen
Ibn az-Zubair, den seine Propaganda als Wiederhersteller des wahren Islam be-
trachtete, ohne ihn jedoch ausdrücklich als Mahdi zu feiern und ihm messia-

36 Cf. supra nt. 10.

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204 Hannes Möhring

nische Züge zu verleihen, wurde Ibn al-Hanafîya von al-Muhtär als Mahdt be-
zeichnet, und zwar vielleicht nicht nur im bloßen Wortsinn des „Rechtgeleiteten",
sondern bereits in messianischer Bedeutung, die sich freilich erst nach dem Tod
Ibn al-Hanaflyas, das heißt nach 700, ganz sicher belegen lässt. Es gelang al-
Muhtär aber nicht, Ibn al-Hanañya, der sich in Medina und damit im Macht-
bereich des Gegenkalifen Ibn az-Zubair befand, aus der Reserve zu locken.
Vielmehr forderte Ibn al-Hanafïya ihn auf, die Waffen niederzulegen. al-Muhtär
vermochte seine Herrschaft über Küfa und die dazugehörigen Provinzen mehr
als ein Jahr lang gegen verschiedene Feinde zu behaupten. Am 3. April 687 fand
er im Kampf den Tod.
Als die auf Ibn al-Hanafïya gesetzten Hoffnungen spätestens dadurch hätten
ein Ende finden müssen, dass er 697 oder 698 dem umaiyadischen Kalifen
'Abdalmalik huldigte und wenige Jahre danach starb, nahmen die Erwartungen
der Schiiten erstmals mythische Züge an. Unter dem harten Regiment der
umaiyadischen Statthalter sahen sich die Schiiten von Küfa in den Untergrund
gedrängt. Da die Quellen als ihre Wortführer vor allem kleine Leute aus den
Reihen der mawält nennen, erscheint die Schia in dieser Zeit geradezu als der
Islam der neubekehrten nichtarabischen Handwerker und Gewerbetreibenden
von Küfa, während der Anteil der arabischen Stammeskrieger zurücktritt. Ein
gewisser Kaisän, Klient al-Muhtärs und Kommandant seiner Leibgarde, galt als
das geheime Oberhaupt. Durch die so genannten Kaisäniten erhielt die Schia
als religiöses Bekenntnis erstmals feste Konturen und bildete Vorstellungen aus,
die fortan zur schiitischen Gedankenwelt gehörten und teilweise auch unter
sunnitischen Muslimen Verbreitung fanden.
Noch al-Muhtär soll gesagt haben, Ibn al-Hanafïya sei daran als der Mahdt zu
erkennen, dass ihm ein Schwerthieb nichts anhaben könne. Als Ibn al-Hanafïya
dann im Jahre 700 gestorben war, glaubten die Kaisäniten, er sei gar nicht tot,
sondern lebe — als Verbannter zur Sühne für die Anerkennung des Umaiyaden-
kalifen 'Abdalmalik — in den Schluchten des arabischen Gabal Radwä verborgen
und werde eines Tages als der erwartete Mahdt wiederkehren, um die Tyrannen
(d. h. vor allem die Umaiyaden) zu töten, Damaskus (d. h. die umaiyadische
Hauptstadt) zu zerstören, den Unterdrückten Gerechtigkeit widerfahren zu las-
sen und den Menschen zu predigen, bis sie die Kirchen und Klöster verließen.
Fragt man nach den Wurzeln der kaisänitischen Af<zM~-Vorstellung, so ist
zunächst darauf hinzuweisen, dass bereits 632 beim Tode Muhammads der
spätere (zweite) Kalif 'Umar zunächst die Meinung vertreten hatte, der Prophet
könne gar nicht wirklich tot sein, sondern werde wie Moses nach 40 Tagen
wiederkehren, und damit auf den energischen Widerspruch des ersten Kalifen
Abü Bakr gestoßen war. 'Umar mag an Passagen des Koran gedacht haben, in
denen von Wiedererweckung und Entrückung die Rede war.
Auch im Falle des vierten Kalifen 'All lässt sich bereits vor dem Tod des Ibn
al-Hanafïya die Vorstellung nachweisen, er sei gar nicht gestorben, sondern
werde wiederkehren und dann die Erde mit Gerechtigkeit erfüllen. Dies be-
hauptete die Sekte der Saba'iten. Ihr Gründer 'Abdallah ibn Saba' war vielleicht

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Arabersturm, Endkaiser-Weissagung und Λ/aM'-Erwartung 205

ein zum Islam konvertierter Jude, so dass der Glauben an Alis Wiederkehr
jüdische Wurzeln gehabt haben könnte. Da sich unter den Anhängern al-Muh-
tärs Saba'iten befanden, mag indirekt auch die Vorstellung von der Wiederkehr
des Ibn al-Hanafìya jüdischen Ursprungs sein, zumal sich bei al-Muhtär jüdische
Einflüsse finden. Er hatte nämlich in Küfa für Ibn al-Hanafìya einen Thron
errichten lassen, der angeblich seinen eigenen Worten zufolge die Stelle der
jüdischen Bundeslade einnehmen sollte. Abgesehen von jüdischen können auch
iranische Einflüsse bei der Entstehung und Ausformung der Mahdi-Weissagung
eine Rolle gespielt haben, und zwar nicht nur die allgemein bekannte Vorstellung
von den drei mythischen Söhnen Zarathustras, den von Jungfrauen geborenen
Saosyanten, deren dritter am Weltende erscheinen soll und der Erlöser par excel-
lence ist. Es kommt nämlich hinzu, dass sich in den Legenden der Perser meh-
rere unsterbliche Rettergestalten finden, die im Verborgenen leben und beim
Anbruch der Endzeit wieder erscheinen sollen.
Inwieweit über die Kaisânïya nichtmuslimische Vorstellungen in die Schia
Eingang gefunden haben, ist in der Forschung umstritten. Der Anteil nichtara-
bischer mawäli an den schiitischen Wortführern von Küfa im 8. Jahrhundert ist
jedoch auffallend hoch, und es steht außer Frage, dass mehrere kleine schiitische
Gruppen von eindeutig gnostischen Vorstellungen der Welterlösung und Seelen-
wanderung geprägt waren. Es kommt hinzu, dass zu den Anhängern al-Muhtärs
auch südarabische Stämme zählten und dass Südarabien in vorislamischer Zeit
bekanntermaßen starken jüdischen und iranischen Einflüssen ausgesetzt war.
Außerdem ist es möglich, dass die Mahdl-Vorstellung durch die vielleicht auf
christliche oder jüdische Heilsvorstellungen zurückgehende südarabische Weis-
sagung von dem am Ende der Zeiten auftretenden Qahtäni, einem Mann aus
dem Stamm der Qahtän, beeinflusst wurde. Die Qahtäni-Weissagung ist offenbar
älter als die Mahdi-Vorstellung, entstand anscheinend aber auch erst in isla-
mischer Zeit und blieb über Jahrhunderte hinweg lebendig. Sie beschwor die
Erinnerung an das ehemals glanzvolle Reich der Himyariten in Südarabien und
zielte auf die Ablösung der Herrschaft des Stammes der Qurais, dem Muham-
mad, die „rechtgeleiteten" ersten vier Kalifen und nicht zuletzt auch die Umai-
yaden und 'Abbäsiden angehörten 37 .
Bei der Entstehung der Mahdi-Vorstellung deutet nichts darauf hin, dass die
etwa gleichzeitig verfasste Schrift des Ps.-Methodios oder überhaupt die End-
kaiser-Weissagung eine Rolle gespielt hat 38 . Zweifellos jedoch geht die musli-
mische Erwartung der Wiederkehr Jesu auf christliche Einflüsse zurück, über
deren Wege sich allerdings kaum etwas sagen lässt: Die Muslime erwarteten für
die nähere oder fernere Zukunft nicht nur das Erscheinen des Mahdi und des
Qahtäni., sondern auch die Wiederkehr Jesu am Ende der Zeiten. Im Gegensatz
zum Mahdi und Qahtäni ist von Jesus im Koran mehrfach die Rede. Er gilt dort
als von Gott entrückt und nicht als von den Toten auferstanden. Es bleibt aber

37 Zur ^«»'-Weissagung cf. Möhring, Weltkaiser (nt. 1), 389-392.


38 Ibid., 371-374.

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206 Hannes Möhring

unklar, ob Muhammad an die Parusie Jesu glaubte, auch wenn die muslimischen
Gelehrten dies im Allgemeinen annahmen und manche von ihnen Sure 43, 61
so verstanden wissen wollten, dass (die Wiederkehr von) Jesus eines der Zeichen
für die Stunde (des Jüngsten Gerichts) sei 39 .
Den Überlieferungen der Muslime zufolge soll Muhammad gesagt haben,
dass Jesus schon bald (vom Himmel) herabkommen werde als ein gerechter
Richter und rechthandelnder Imäm, der das Kreuz zerbreche, die Schweine töte,
die Kopfsteuer (j>i%ya) abschaffe — d. h. alle Christen und Juden zum Islam
bekehre — und das Geld in solcher Menge fließen lasse, bis es niemand mehr
annehme. In anderen Überlieferungen heißt es, dass Jesus den Daggäl töten und
der Welt völligen Frieden bringen werde.
Was das Verhältnis Jesu zum Mahdi betrifft, so nahm man auf sunnitischer
Seite meistens an, dass Jesus erst nach dem Tod des Mahdi erscheinen werde.
Teilweise aber glaubte man, dass beide gleichzeitig aufträten und der Mahdi den
Daggäl auf Jesu Befehl hin töte oder umgekehrt Jesus den Mahdi im Kampf
gegen den Da^gäl unterstütze. Letzteres gilt vor allem für die Schiiten. Manche
Sunniten waren dagegen der Meinung, der Mahdi sei mit Jesus zu identifizieren,
es gebe also keinen anderen Mahdi als ihn. Andere wie der berühmte sunnitische
Traditionarier al-Buhärl (gest. 870), der die Überlieferung über den Qahtäni in
seine Sammlung von Traditionen aufnahm, lehnten die Mahdi-Vorstellung über-
haupt ab.
Obwohl im Koran vom Mahdi keine Rede ist, blieb die Mahdi-Vorstellung
über das Mittelalter hinweg bis in unsere Gegenwart hinein populär: Immer
wieder kam es in der islamischen Geschichte zu Aufständen, die durch selbst
ernannte Mahdis ausgelöst wurden 40 . Nur ausnahmsweise jedoch gelangen
dauerhafte Reichsgründungen — wie vor allem im Falle der Fätimiden, deren
politischer Aufstieg zu Anfang des 10. Jahrhunderts im Magreb begann und mit
der 969 erfolgten Eroberung von Ägypten, das sie 200 Jahre lang beherrschten,
den Höhepunkt erreichte 41 . Erstaunlicherweise haben die vielen Misserfolge der
Mii/Wz-Prätendenten der immer wieder neu gehegten Hoffnung auf die Ver-
besserung der Verhältnisse durch den Auftritt des Mahdi nichts anhaben können.
Die Gründe dafür bleiben zu klären.

39 Zur Jesus-Erwartung der Muslime cf. zusammenfassend ibid., 372 sq. und 387 sq.
40 Ibid., 3 9 5 - 4 1 4 .
41 Zum Aufstieg der Fätimiden cf. F. Dachraoui, Le Califat Fatimide an Maghreb (296 - 365 H./
9 0 9 - 9 7 5 Je.). Histoire Politique et Institutions, Tunis 1981; H. Halm, Das Reich des Mahdi.
Der Aufstieg der Fätimiden ( 8 7 5 - 9 7 3 ) , München 1991.

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