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Ich bin ein lebender Mensch

von Nichita Stănescu


Ich bin ein lebender Mensch.
Nichts, was menschlich ist, ist mir fremd.
Kaum habe ich Zeit, mich zu wundern, dass ich existiere,
aber es freut mich immer, weil ich bin.

Ich erfülle mich niemals völlig,


weil
ich eine immer bessere Idee
über das Leben habe.

Es schaudert mich der Unterschied zwischen mir


und dem Grashalm,
zwischen mir und Löwen
zwischen mir und der Insel von Licht
der Sterne.
Zwischen mir und Zahlen,
beispielsweise zwischen mir und zwei,
zwischen mir und drei.

Ich habe auch eine Schwäche, eine Sünde:


ich nehme das Gras ernst,
ich nehme die Löwen ernst,
die fast perfekten Bewegungen des Himmels.
Und eine zufällige Verletzung der Hand
bringt mir bei,
wie durch ein Fernrohr,
die Schmerzen der Welt, die Kriege, zu sehen.

Von solchem Erlebnis


rührt mir das große Verständnis her,
das ich für Ulise habe, und
die Bewunderung,
die ich dem Menschen mit dem verdrießlichen Gesicht
entgegenbringe, Dante Alighieri.

Sehr schwierig könnte ich mir eine wüste, um die Sonne


herumdrehende Erde, vorstellen
(vielleicht weil es in der Welt solche Verse gibt).

Ich mag es gerne, zu lachen, obwohl


ich selten lachte, immer eine Arbeit habend,
oder mit einem Floß
auf dem großen Ozean der Fantasie unendlich reisend.
Es ist eine unvergessliche Vorstellung,
die Karte des Universums in Expansion
zu wissen,
zu entdecken,
während du dein Foto aus der Kindheit
schaust!

Es ist dein alter Leib,


den du verloren hast,
und nicht mal
eine aufgegebene Anzeige mit den großen Buchstaben
bietet die Chance an,
ihn wiederzufinden.

Ich öffne den Papyrus meines Lebens,


der voll mit Hieroglyphen ist,
und was ich sagen kann,
hier, jetzt,
nach einer ermüdenden Entzifferung,
aber nicht ohne Zufriedenheit,
es ist ein dem Frieden gewidmetes Gedicht.

Es ist eine unvergleichliche Fruchtbarkeit


in der Erde und in den Steinen und in dem Gerüste.
Magnetisch erhebt die Zeit meine Gedanken
wie einige lebende Leiber.

Es ist eine unvergleichliche Fruchtbarkeit


in der Erde und in den Steinen und in dem Gerüste.
Der Schatten, wenn ich ihn nur
einen Augenblick festhalten würde,
würde sich mit dem Farne, mit den Unkräutern füllen!

Nur deine längliche Gestalt, Liebes,


lass wie sie ist,
zwischen zwei meiner Herzklopfen sich zu stützen,
wie zwischen Tigris
und Euphrat.