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Kultur

15. Mai 2018, 18:54 Beuys-Debatte

Mysterien im Hauptbahnhof
Hans Peter Riegel wirft Joseph Beuys seine Nähe zu StukaJiegern und Altnazis
vor. Aber konnte der Künstler wissen, mit wem er es zu tun hatte? Tatsächlich
suchte er die Nähe zu Figuren wie Petra Kelly.

Von Eugen Blume

In dem eben erschienenen "Director's Cut" seiner schon im Jahr 2013


veröffentlichten Beuys-"Biographie" vertieft der Autor Hans Peter Riegel die
absonderliche Legende von "einem der bedeutendsten Künstler des 20.
Jahrhunderts", der bis an sein Lebensende "völkisch-rassistisches" Gedankengut
mit Altnazis und StukaQiegern diskutiert haben soll. Die von Riegel recherchierten
Biografien, mit denen er Beuys kontaminieren will, gehören zweifellos in die
alte Bundesrepublik.

In allen Bereichen der Gesellschaft arbeiteten nach dem Kriegsende Funktionäre


des Dritten Reiches. Über die eigene Rolle zwischen 1933 und 1945 schwieg man.
Weder wusste Beuys etwas über die dunkle Vergangenheit des im Büro für direkte
Demokratie behilQichen Rentners Karl Fastabend, noch von den rassistischen
Initiativen seines Schwiegervaters, des bis heute uneingeschränkt
veröffentlichten Zoologen Hermann Wurmbach.

Über seine NS-Vergangenheit hat der Beuys-Sammler Karl Ströher sicher nicht
mit dem Künstler gesprochen. Selbst wenn, Beuys sprach mit allen immer in der
Hoffnung, sie für seine Ideen zu gewinnen. Der rechte Gründungsaktivist und
Sprecher der Grünen, August Haußleiter, wie der rechtsextreme Werner Georg
Haverbeck, der 1979 Berater für Umweltschutzfragen bei Egon Bahr war und 1978
von Erhard Eppler sogar in die Gustav-Heinemann-Initiative berufen wurde,
waren für Beuys in den turbulenten Auseinandersetzungen um die erste
ökologische Partei aktive Figuren, deren politische Überzeugungen er nicht teilte.
Seine öffentlichen Auftritte mit der moralisch souveränen Petra Kelly zeigen
deutlich, wessen Nähe er tatsächlich suchte. Beuys war nicht nur mit dem
Nobelpreisträger Heinrich Böll befreundet, sondern auch mit dem
Sozialdemokraten und Künstler Klaus Staeck und stand dem demokratischen
Sozialisten Rudi Dutschke nahe. In Italien diskutierte er mit dem Kommunisten
und Künstler Renato Guttuso, sein italienischer Freund und Galerist Lucio Amelio
gehörte seit 1953 der kommunistischen Partei Italiens an. Beuys unterstützte die
Westberliner Hausbesetzerszene, deren Häuser seinem Sammler und Mäzen Erich
Marx gehörten.

1/3 2018. 09. 19. 12:16


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Für ihn war das eigentliche Kapital nicht das Geld, sondern die
schöpferische Intelligenz
Allerdings war Beuys kein Linker im marxistischen Sinne. Er verteidigte die Freiheit
des Geistes gegen die stalinistisch infiltrierten Dogmen, forderte eine
Neudefinition des Kapitalbegriffs und die Demokratisierung der Geldprozesse.
Gegen das führende Unternehmen kapitalen Geldtransfers richtete er 1985 eine
"Letzte Warnung an die Deutsche Bank - Beim nächstenmal werden Namen und
Begriffe genannt". Für ihn war das eigentliche Kapital nicht das Geld, sondern die
schöpferische Intelligenz des Menschen. Beuys kämpfte gegen die
voranschreitende Austrocknung und Mumifizierung des Denkens in den
westlichen Wohlstandsgesellschaften.

Zweifellos ist der Lebensreformer Rudolf Steiner und dessen spirituelle Weltsicht
ein wesentliches Element im Denken von Beuys, aber sein Werk beruht auf der
originären Begabung und Intelligenz seiner Person. Den "Antennenmenschen"
Steiner, wie Peter Sloterdijk ihn nennt, auf einen völkischen Rassisten zu
verkürzen, folgt dem willkürlichen, unhistorischen Muster Riegels. Gegen
anthroposophische Phrasen hatte Beuys, der seine Kunst anthropologisch
verstand, eine Antwort parat: "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt und
nicht im Goetheanum."

Die Unternehmungen dieses "sich durch Kraftvergeudung ernährenden" Beuys,


der 1964 seinen Lebens- und Werklauf für identisch erklärte und sich fortan
öffentlich für seine Ideen verzehrte und in unzähligen Debatten jede Frage
beantwortete ("Mit dummen Fragen fängt jede Revolution an"), reichen sicher für
drei Biografien. Einen der lebendigsten Geister unter den Künstlern des 20.
Jahrhunderts in einen ewig gestrigen Reaktionär verwandeln zu wollen, bedarf
einer demagogischen Artistik. Beuys' "Schwarze Hefte" befassen sich mit der
Zukunft des "Projekts Westmensch", und seine universalistische Botschaft "Jeder
Mensch ist ein Künstler" führt jeden Verdacht einer völkischen, rassistischen
Gesinnung ad absurdum. Jeder ist nun mal jeder, welchem Geschlecht und
welcher Kultur er auch immer angehören mag.

Der Fall Beuys


Umgab sich Joseph Beuys mit ehemaligen Nationalsozialisten? Der Autor Hans Peter Riegel hat in einer
NeuauQage seines Buchs "Beuys: Die Biographie" das intellektuelle Umfeld des bedeutendsten deutschen
Künstlers der Nachkriegszeit untersucht. In einem Interview mit dieser Zeitung (SZ vom 9./10. Mai) kommt er
zu dem Fazit, dass Beuys eine Nähe zu ehemaligen Nationalsozialisten und Vertretern völkischen
Gedankenguts pQegte. Es habe gegen dessen "Germanentum" sogar Proteste an der Akademie gegeben. SZ
Man könnte es auf sich beruhen lassen, wenn Riegel nicht als selbsternannter
Inquisitor durch die Öffentlichkeit geistern würde. Den Dokumentarfilm "Beuys"
von Andres Veiel, der keinen völkischen Esoteriker entdeckt, diffamiert er
öffentlich und hält dessen Auszeichnung mit dem Deutschen Filmpreis für eine
Obszönität. Er unterstellt ihm das Festhalten an der sogenannten Tatarenlegende,
an dem Absturz von Beuys' Flugzeug über der Krim und seiner Errettung durch
Nomaden. Veiel zitiert eine Journalistin, die Beuys beharrlich fragt, ob es Fantasie

2/3 2018. 09. 19. 12:16


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oder die Wahrheit ist. Beuys Schweigen gibt der Fantasie den Vorzug. Der Film ist
keine Hagiografie, sondern zeigt einen verletzlichen, widersprüchlichen und
humorvollen Menschen, der für seine Ideen einstand.

Auch den Schüler und Künstler Johannes Stüttgen verdächtigt Riegel


nationalrevolutionärer Texte, nur weil er über die "deutsche Frage" nach der
Zukunft eines geteilten Landes in der falschen Zeit-schrift geschrieben hat. Nach
diesen Einlassungen müsste man Museen, die Beuys ausstellen, fragen, warum sie
nicht die Werke eines vom völkischen Denken, von der herrischen Präferenz des
deutschen Geistes beherrschten Künstlers abräumen.

Der zwölf Jahre währende rassistische NS-Terror rief nach dem Krieg den tiefen
Zweifel an der Fortsetzung von Kunst überhaupt hervor. Beuys hat es nach dem
Nationalsozialismus als einer der wenigen Künstler vermocht, in seinen Werken
eine offene Stelle aufzuschlagen, die nach Hans-Georg Gadamer das Wesen des
Wahrheitsgeschehens im Kunstwerk ausmacht. Ganz offensichtlich soll dieser
Beuys, dessen Stimme immer noch in die evidenten Widersprüche unserer von
der Logik des Kapitals getriebenen Welt reicht, als nationalsozialistischer
Esoteriker und "ewiger Hitlerjunge" denunziert werden.

Eugen Blume ist Kurator und Kunsthistoriker und leitete bis 2016 das Museum
Hamburger Bahnhof in Berlin.

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Quelle: SZ vom 16.05.2018
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