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Lost in Translation?

Kooperationsärzte der Botschaft helfen kranken Deutschen in Japan

Ärzte Zeitung Nr. 48 vom 15.03.2010, Seite 2 / Wirtschaft

Lost in Translation? Kooperationsärzte der Botschaft helfen kranken Deutschen in


Japan
HINTERGRUND

Dr. Thomas Nagano und Dr. Masato Ueki sind zwei von rund 40 Kooperationsärzten der Deutschen Botschaft in Tokio. Sie
sprechen Deutsch und sind erste Anlaufstellen, wenn deutsche Firmenvertreter vor Ort erkranken. Von Matthias Wallenfels

Der Erfolgsdruck auf Expatriates deutscher Unternehmen in Tokio nimmt zu. Im Zuge dessen steigen auch die Fälle der
Depressionen bei den aus Deutschland nach Japan entsandten Mitarbeitern. Diese Beobachtung hat Dr. Masato Ueki
gemacht. In seiner Kamiuma Clinic im Tokioter Stadtteil Setagaya behandelt der Allgemeinmediziner Führungskräfte
verschiedener ausländischer Unternehmen und deren Angehörige, vor allem aber deutsche Patienten - gesprochen wird
Deutsch.

Etwa 5000 Deutsche halten sich nach Schätzung des Auswärtigen Amtes dauerhaft oder für einen längeren Zeitraum in Japan
auf - rund 3500 davon im Großraum Tokio. Auch bei Dr. Thomas Nagano, der in seiner Familie in der 18. Generation als Arzt
tätig ist, können Deutsche ihr Anliegen im Krankheitsfall in ihrer Muttersprache vorbringen. Der Kardiologe bietet sich auch als
Lotse und Dolmetscher an, wenn er Patienten in Kliniken überweist, in denen nicht zumindest englischsprachige Ärzte
vorhanden sind.

Nagano und Ueki sind sogenannte Kooperationsärzte der Deutschen Botschaft in Tokio. Im Internet hält die Botschaft eine
Liste mit rund 40 niedergelassenen Ärzten verschiedener Fachrichtungen, aber auch Kliniken, Psychologen und Zahnärzten
bereit, an die sich Deutsche zumindest in englischer Sprache wenden können, wenn sie während ihres Aufenthaltes in Tokio
erkranken. Angesichts tausender Kliniken und Ärzte, die es in dem Ballungsgebiet Tokio/Yokohama mit seinen rund 35
Millionen Einwohnern gibt, erscheint die Anzahl der Kooperationsärzte bescheiden.

"Was hier in Tokio wirklich fehlt, ist eine Klinik, in der Patienten rund um die Uhr zumindest in englischer Sprache betreut
werden können - von Ärzten, Krankenschwestern und dem Rezeptionspersonal", stellt Ueki im Gespräch mit der "Ärzte
Zeitung" fest. "Ausländische Patienten sind für japanische Ärzte im Allgemeinen uninteressant. Sie kosten viel Mühe und Zeit -
und bringen keine zusätzliche Vergütung", ergänzt Nagano.

Letzteres lässt sich durch das Krankenkassensystem im Land erklären. Ausländer müssen sich bei einem längeren Aufenthalt
im Land der aufgehenden Sonne - wie Japaner auch - entweder in einer betrieblichen oder kommunalen Krankenkasse
versichern. Privatversicherungen gibt es in Nippon nicht.

Die gesetzlichen Versicherungen decken allesamt dieselben Leistungen ab. Ärzte erhalten für jeden Patienten eine
festgelegte, diagnosenorientierte Vergütung - ambulant wie stationär, für den Chefarzt den gleichen Satz wie für die
Neueinsteiger. Patienten zahlen grundsätzlich einen Selbstbehalt von 30 Prozent auf alles - ohne Ausnahme.

So sei es verständlich, erklärt Nagano, "dass japanische Ärzte lieber Fließbandarbeit machen. Speziell für die Behandlung von
Westlern brauchen sie mehr Zeit und müssen zu viel erklären.

Selbst bei privat versicherten Patienten - die meisten deutschen Unternehmen statten ihre Expatriates samt Familie mit solch
einem Versicherungspaket aus - würden japanische Ärzte in der Regel keine höheren Sätze erheben, da sie mit diesem
System nicht vertraut seien, so Nagano.

Auch sein Kollege Ueki erhebt keine höheren Behandlungskosten, obwohl er sich für die deutschen Patienten viel Zeit nimmt.
"Nur Hausbesuche werden zusätzlich vergütet", schränkt Ueki ein, der nach dem Medizinstudium an der Tokyo Medical and
Dental University einen längeren Forschungsaufenthalt in Köln hinter sich hat. Die Hausbesuche bietet er allerdings nur im
benachbarten Nobel-Stadtviertel Denenchofu an, in dem die meisten deutschen Entsandten wohnen.

Der Halbjapaner Nagano, der nach seinem Medizinstudium an der LMU in München in Tokio an der Toho University die
Facharztausbildung zum Kardiologen durchlaufen hat, bietet für privat versicherte Expatriates und deren Familienmitglieder
einen umfassenden Service als Lotse an - zu einem höheren Satz.

Wer in Naganos Tokyo International Clinic im Stadtteil Minato ein voll ausgestattet Krankenhaus erwartet, wird enttäuscht. Hier
finden höchstens Blutabnahmen und Impfungen statt. Der Hauptteil dient der Sprechstunde. Nagano übernimmt die
Erstanamnese und verweist dann an Fachkollegen in Tokioter Kliniken. Sprechen diese nicht Englisch, schickt er eine

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Betreuerin zum Dolmetschen mit. Er übernimmt die Bezahlung der Kliniken und reicht dann bei den privaten Versicherungen
alle Unterlagen komplett ein. Dafür nimmt er eine Servicegebühr.

Im Gegensatz zu anderen Kooperationsärzten kommen bei Nagano wöchentlich nur ein oder zwei Deutsche in die
Sprechstunde - aus Zeitmangel. Denn Nagano ist auch für einige japanische und ausländische Firmen als Werksarzt tätig. Ab
50 Mitarbeitern sind diese gesetzlich verpflichtet, mit einem Betriebsarzt zu kooperieren, ab 1000 Mitarbeitern müssen sie
einen eigenen anstellen.

Nur wenige Ärzte rechnen höhere privateSätze ab.

Quelle: Ärzte Zeitung Nr. 48 vom 15.03.2010, Seite 2


ISSN: 0175-5811
Ressort: Wirtschaft
Dokumentnummer: 000593366

Dauerhafte Adresse des Dokuments: https://www.wiso-net.de:443/document/AEZT__000593366

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