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Aggression - ein negativer Begriff für eine notwendige

positive Stimmwahrnehmung

Wenn in die Stimmarbeit der ganze mensch mit einbezogen wird, ich die Stimme
also nicht nur instrumental wahrnehme, betrete ich schnell Ebenen, die mit dem
Singen erst einmal nicht so gleich in Verbindung gebracht werden.
Wenn das Ebenen sind, die negativ belastet sind, entsteht Unsicherheit - die
Folge ist oft, das diese Ebenen dann ausgespart werden.
Einer dieser Bereiche ist die Aggression - ein Begriff, der in unserer Gesellschaft
regelrecht in Verruf geraten ist.
Was hat die Aggression mit Singen zu tun, und warum ist sie so negativ belastet?

Eine Definition der Aggression

Im Ursprung ist die Aggression eine wertfreie Äusserung unserer Lebenskraft


und lässt sich daher nicht einfach auf Gewalt reduzieren. Sie ist die Kraft, die uns
vorwärtsdrängen lässt, Ziele verfolgen,Wünsche äussern und auch Grenzen
setzen lässt.
Jede aufrichtige Kommunikation, jedes gleichwertige Zusammenfinden von
Menschen ist nicht denkbar ohne den Mut zur Auseinandersetzung.

Kraft, Aggression und Sängertum

Diese Kraft ohne moralische Bewertung kennenzulernen, ist Aufgabe des


Sängers oder der Sängerin.
Dies ist ein schwieriges Unterfangen, weill die Aggression heute oft mit Gewalt
gleichgesetzt wird, und daher berechtigterweise abgelehnt wird: wir müssen aber
erkennen, das wir es in der Gewaltäusserung mit einer Unfähigkeit zu tun haben,
mit dieser uns innewohnenden Kraft umzugehen.
Eine alte östliche Weisheit sagt: "Du musst den Drachen nicht töten, sondern
lernen, auf ihm zu reiten."
Der Sänger hat sich entschlossen, einen Beruf zu ergreifen, in dem es heute
kaum noch Festanstellungen gibt, er einem hohen psychischen Druck ausgesetzt
ist, und er mit Rentenansprüchen und Zukunftssicherungen nicht gerade
überschüttet wird.
Aber er hat etwas gewählt, was er wirklich,wirklich selbst tun will - und das
offenbart eine unendliche innere Kraft, die in seinem Singen - und Singen ist
immer Kommunikation - spürbar ist. Es gibt im sängerischen Vortrag also noch
eine meta-Ebene die sagt: mit meinem Tun künde ich auch von dem Weg zu
einer inneren Freiheit, den ich mir erarbeitet habe, und der jetzt hörbar wird, und
diese Arbeit kann auch jeder der Zuhörer leisten, wenn er dazu bereit ist.

Diese gesunde Lebenskraft zu spüren, den Wunsch nach Singen äussern zu


können, und die Vision zu realisieren, ist ein Akt des inneren Impulses nach
aussen und Grundlage eines kraftvollen,befriedigenden Sängertums.
(Neues Foto?)

Aber diese Einheit von Körper, Geist und Herz, von der Linquest spricht, die eine
Folge dieser kraft ist, wird vom Aussenstehenden oft als Aggression, und zwar in
eben negativem Sinne, wahrgenommen.

Sich Raum nehmen und die Folgen davon

Der Sänger muss hier deutlich unterscheiden lernen, was er tut, und wen er als
Ansprechpartner vor sich hat. Denn diese Äusserung hat mehr mit dem Anderen
und dessen Befindlichkeit zu tun, als mit der eigenen Handlung.
Denn diese Kraft wirkt raumgreifend, weil der Sänger lernt, sich seinen Raum zu
bauen, in dem er agieren kann, sich darin sicher zu fühlen - und ihn auch zu
verteidigen. Diese Kraft hat eine Wirkung, die jemand, der sie eben nicht besitzt
und das in diesem Moment (vielleicht schmerzlich) spürt, nicht ertragen kann,
und das wird dem Ausübenden dann gerne vorgeworfen.
Das Öffnen der eigenen Flügel kann von Anderen als bedrohlich wahrgenommen
werden.