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Akupunktur

Deutsche Zeitschrift für

DZA
Fortbildung | Education
DOI: 10.1016/j.dza.2013.03.006 18 D t. Z t s c h r . f. A k u p u n k t u r 5 6 , 1 / 2 0 1 3 German Journal of Acupuncture & Related Techniques

T. Ots

Zu klärende Fragen in der Ohrakupunktur (Teil 1)


Open questions in ear acupuncture (Part 1)
Zusammenfassung Abstract
Es existieren verschiedene Schulen der Ohrakupunktur. Kennzeichnend There are several schools of ear acupuncture. It is characteristic that
ist, dass die Schulen sich wenig miteinander auseinandersetzen. Es the different schools do not bother much with each other. There is some
herrschen sowohl Gemeinsamkeiten als auch große Unterschiede. In common ground, but many differences prevail. This article compares
diesem Artikel werden die chinesische und die französische Schule sowie the Chinese and French schools, as well as my own experiences gained
eigene Erfahrungen bezüglich ausgewählter Repräsentanzen des Bewe- with selected representatives of the moving apparatus and the inner
gungsapparates und der inneren Organe gegenübergestellt. organs.
Unterschiede von Schulen mögen mehrere Gründe haben: Nicht zu Differences in schools may have various reasons: clearly there is per-
übersehen ist persönlicher Ehrgeiz, es darf aber die Bedeutung unter- sonal ambition, but different methods of testing play a major role as
schiedlicher Testmethoden nicht vernachlässigt werden. Hier wird die well. We will look at the method of measuring skin resistance on the
Methode der Hautwiderstandsmessung am Ohr dargestellt. Mein Wunsch ear. It is my wish to motivate the reader to enter a phase of unpreju-
ist, die Leser zu ermuntern, in eine Phase vorurteilsfreier Testung ein- diced testing and to help clarify contradictions. We might even be on
zutreten, mitzuhelfen Widersprüche aufzuklären. Warum sollte es als our way to establishing a single reliable ear cartography.
Fernziel nicht eine einzige verlässliche Ohrkartographie geben?

Schlüsselwörter Keywords
Ohrakupunktur, Ohrkartographie, Mikrosystem, französische Schule, Ear acupuncture, ear cartography, microsystem, French school, Chinese
chinesische Schule, Messverfahren school, measuring method

Einleitung wohl vor allem durch die Einführung des RAC durch Nogier ab 1968. Die
Anlässlich des 8. Internationalen Kongresses der Ohrakupunktur in Balti- heute gültigen chinesischen Ohrkarten entsprechen interessanterweise in
more, USA, im Jahr 2014 hat die Redaktion im letzten Editorial das Jahr ihren Grundzügen mehr den Angaben des frühen Paul Nogier. [1]
2013 zum Jahr der Ohrakupunktur ausgerufen und Sie, werte LeserInnen, Ich bin mir bewusst, dass Definitionen wie französische und chinesi-
aufgefordert, in eine breite Diskussion um die Ohrakupunktur einzutreten. sche Schule pauschalisierend sind; es gibt in diesen Ländern nicht nur
Wie Sie an dieser Ausgabe sehen können, hat dieser Aufruf bereits gefruch- eine Schule (Abb.  5 und 11 zeigen zwei chinesische Ohrkarten mit
tet: Die Diskussion ist im Gang. Und um die Konturen dieser Diskussion gewissen Unterschieden). Weiterhin verzichte ich in diesem Artikel der
klarer werden zu lassen, werde ich in dieser Fortbildung versuchen aufzu- didaktischen Klarheit halber auf Nogiers späte Entwicklung des
zeigen, was wichtige Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen sind, Drei-Phasen-Modells, die russische Ohrakupunktur nach Durinjan, die
und vor allem, was Sie tun können, um sich in diesen Unterschieden Wiener Schule, auch gehe ich nur auf die Ohrvorderseite ein. Diese
zurechtzufinden und wie Sie eigene Daten generieren können. Vorweg Aspekte mögen in nachfolgenden Artikeln zur Sprache kommen.
möchte ich Sie aber bitten, sich den wegweisenden Artikel von unserem
italienischen Kollegen, Marco Romoli, durchzulesen, der Ihnen die Die Messung des Hautwiderstands
Geschichte der verschiedenen Schulen näherbringt. [1] Bereits 1955 beschrieb R. Voll die elektrische Messbarkeit von
Akupunkturpunkten der Körperakupunktur. [6:163] Es war J.  Niboyet,
1. Zur Methodik der dieses Phänomen 1963 für die Ohrakupunktur demonstrierte. [6:22|
In der Ohrakupunktur haben sich folgende Methoden etabliert: Messgeräte Praktikable wurden erst ab Mitte der 70er-Jahre konstruiert.
1. Inspektion des Ohres auf Veränderungen (z. B. vergrößerte Blutge- [6:163] Die Haut des Ohres hat – wie der Körper insgesamt – einen be-
fäße, veränderte Hauttönung, Schuppung der Haut) stimmten elektrischen Widerstand. Kommt es in einem bestimmten Kör-
2. Untersuchung des Ohres auf sensible Bereiche, z. B. mittels eines perareal oder einer bestimmten Funktion zu Veränderungen, so verringert
Drucktasters (Kugelstopfer, Steigbügeltaster, Teleskopdrucktaster, sich der Hautwiderstand des ent-
very-point-Technik) sprechenden Punktes oder Areals im
3. Untersuchung des Ohres auf veränderten elektrischen Hautwider- Ohr. Diese Veränderung des Haut-
stand (Potenziometer) widerstandes wird von den meisten
4. Untersuchung des Ohres mittels des RAC (Reflex-Auriculo-Cardiale, gängigen Geräten akustisch oder
Nogier Reflex, auch VAS = Vaskulär Autonomes Signal genannt), optisch angezeigt.
ohne oder mit Nosoden Ich habe die Ohrakupunktur
Es wäre ideal, wenn verschiedene Methoden zu identischen Ergebnissen 1984/1985 in einem halbjährigen
kämen. Meist führen unterschiedliche Methoden aber zu unterschied- Studienaufenthalt in Nanjing ge-
lichen Ergebnissen. Warum? Ist die relative Wertigkeit von Hautverän- lernt. Dort legte ich mir auch ein Po-
derungen, lokalen Empfindlichkeiten und Hautwiderstandsveränderungen tenziometer (Multiple Electronic
klar? Wir nehmen im Allgemeinen an, dass ein sensibler Punkt am Ohr Acupunctoscope WQ 10C-2, Beijing.
auf eine körperliche Veränderung hinweist. Gibt es Untersuchungen, die Abb. 1) mit akustischer Anzeige zu,
zeigen, dass ein sensibler Punkt regelhaft mit einem gesenkten Hautwi- mit dem ich nun seit 28 Jahren ar-
derstand einhergeht? Wenn dies nicht der Fall ist, kommen wir mit zwei beite und das Gelernte weiter entwi-
unterschiedlichen Methoden zu unterschiedlichen Ergebnissen. ckelt habe. Die folgenden Ausfüh-
Die größte Entfernung von der von Paul Nogier 1957 beschriebenen Ohr- rungen, meine Beobachtungen
karte (Abb. 3) [2] haben Nogier im Laufe der Jahre selbst und in Fortsetzung betreffend, sind Ergebnisse der Ar-
die Bahrsche Schule hervorgebracht (Abb. 4, 4a, 9). [3–5] Diese Unterschiede Abb. 1: Widerstandsmessgerät mit Sonde
beit mit diesem Potenziometer, ohne und Patienten-Griffel, Teleskopdruck-
sind u. a. auf unterschiedliche Untersuchungsmethoden zurückzuführen, dass ich immer gesondert darauf taster, Kugelstopfer

DDr. Thomas Ots


St. Peter Hauptstr. 31 f
A-8042 Graz
ots@daegfa.de
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hinweise. Ich verweise deswegen auf dieses Gerät, weil es unterschiedliche


Messinstrumente mit unterschiedlichen Arbeitsprinzipien gibt, sodass auch Abb. 2: Punkteübersicht bei
hier unterschiedliche Befunde erhoben werden können. Auch dieses wäre Rubach [8:273]
untersuchenswert.
Befund und Bewertung des Multiple Electronic Acupunctoscope WQ 10C-2

Stufe Signalbeschreibung Interpretation

0 kein Signal Normalbefund

1 langsames Ticken leichte Veränderung

2 schnelleres Ticken etwas stärkere Veränderung

3 zunächst Ticken, nach einigen submaximale Veränderung


Sekunden anschwellendes Geräusch
bis zum hohen Pfeifton

4 sofort hoher Pfeifton maximale Veränderung

Diese qualitative Beziehung zwischen Signal und Interpretation habe ich über
die Jahre entwickelt, sie wird von der Herstellerfirma nicht angegeben.

Der das Signal produzierende verringerte Hautwiderstand muss nicht eine


Pathologie anzeigen. Beispiel: Der Punkt Uterus ist während der meisten
Zeit des Zyklus still. Kurz vor und während der Regelblutung zeigt sich
zumeist ein Signal der Stufe 3 oder 4. Das Signal beschreibt also nur eine
physiologische Veränderung ohne Pathologie. „Zumeist“ bedeutet, dass es
nicht wenige Ausnahmen gibt: trotz Regelblutung kein Signal. Auch eine
Frühschwangerschaft führt meist zu einem Signal. Dieses verschwindet aber
zumeist nach einigen Wochen, d. h., die Größenzunahme des Uterus mit den
doch recht stark veränderten intraabdominellen Verhältnissen spiegelt sich
im Ohr nicht wider. Generell ist zu beobachten, dass langsame oder chroni-
sche Prozesse nicht unbedingt ein Signal ergeben.
In vielen Büchern wird angegeben, dass das Ohr eines rundherum
gesunden Menschen kein Signal zeigt. [7:33, 8:7] In meiner Arbeit habe
ich allerdings gesehen, dass zwei Punkte nahezu immer – auch bei
völliger Beschwerdefreiheit – ein maximales Signal (Stufe 4) geben:
1. Ein Punkt in der Vegetativen Rinne nahe des Punktes, der in Nogiers
erster Veröffentlichung als Schultergelenk angegeben wird und
heute die Nummer 64 trägt (Abb. 2, 3). [2:29, 8:49] Ich nenne die- Abb. 3: Erste Ohrkarte
sen Punkt 64/VR (VR = Vegetative Rinne) von Nogier: Homunculus
2. Psychotroper Punkt 1 (PT1; Antiaggressionspunkt) [2:29]
Ich teste bei jeder Therapie den 64/VR zwecks Erfassung des maxima-
len individuellen Signals als Erstes. Ganz selten ergibt sich hier ein
kleineres als maximales Signal, noch seltener testen andere Punkte
stärker als 64/VR.

2. Topographie des Bewegungsapparates


Es herrscht große Einigkeit zwischen den Schulen, dass das Ohr einem auf
dem Kopf stehenden Homunculus entspricht, so wie es Nogier in seiner
ersten Veröffentlichung zeigte (gezeichnet durch den damaligen ersten
Vorsitzenden der DÄGfA: Gerhard Bachmann). Ähnlich der Repräsentanz
im Gyrus praecentralis ist diese Abbildung nicht maßstabsgetreu, sondern
die Größe der Repräsentanzzone entspricht der Bedeutung der jeweiligen
Körperzone/-funktion.

Wirbelsäule
Einheit herrscht auch angesichts der Strukturen der Wirbelsäule mit ihren
verschiedenen Schichten. Die Kuppe der Anthelix entspricht den Wirbel-
körpern sowie den Disci (Abb. 2, 4). [4:11; 9:26; 8:41; 10:121, 10:34; 11:42]
Die Anthelix-Kuppe ist ohne Ausnahme bei einem Gesunden signalfrei.
Kommt es zu einem Signal, so besteht großer Verdacht auf ein pathologi-
sches Geschehen an der Wirbelsäule, z.  B. Discus-Protrusio/-Prolaps/
Wirbelkörpereinbruch.
Gewisse Uneinigkeit herrscht über die relativen Anteile von HWS, BWS, LWS
und Kreuzbein. Bahr und Strittmatter räumen der HWS deutlich mehr Platz
ein als z. B. der frühe Nogier, Romoli, Rubach bzw. die chinesische Schule
(Abb. 2, 3, 4a, 5). [2:29, 4:11; 8:273, 12:144; 13:237]
Der Punkt Schultergelenk (64) findet sich auf der Scapha etwas vor der
Schnittstelle der Verlängerung Null-Punkt – Helixwurzel mit der Vege- Abb. 3a: Erste Ohrkarte von Nogier: Innere Organe [2:31]

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Wieso bin ich überzeugt, dass dieser Punkt Aussagen über den Bereich des
Nacken-Schultergürtels macht? Abhängig von der jeweiligen Pathologie
reagieren Stellen der Vegetativen Rinne kranial oder kaudal des 64/VR:
kranial (in Richtung auf Punkt 65), wenn sich die Pathologie auf Muskeln
des Plexus brachialis = Schulter/Oberarmmuskeln C5 bis Th 1 bezieht (z. B.
M. supraspinatus, der von C5 und C6 innerviert wird), kaudal bei Patho-
logien des Plexus cervicalis = Hinterkopf-/Halsmuskeln C1 bis C4, z. B. M.
trapezius, von C2–C4 innerviert. Handelt es sich um eine starke Pathologie
(massive Verspannung, massive Triggerpunkte) verbinden sich die Signale
in der Vegetativen Rinne zu einer durchgehenden Linie unterschiedlicher
Intensität (z. B. zwischen 65/VR und 64/VR) oder darüber hinausgehend
in Richtung auf die Projektion von C1 in der Vegetativen Rinne. Ich in-
terpretiere die Intensität des Signals und seine Breite als Zeichen für die
Schwere und das Ausmaß der Störung.

Inter- und intraindividuelle Unterschiede


Ein weiterer Unterschied zwischen französischer und chinesischer Schule
Abb. 4: Strukturen der Abb. 4a: Die Anteile der Wirbelsäule ist die Trennlinie zwischen LWS und Sacrum. Hier muss ich mich für
Wirbelsäule [4:11] bei Strittmatter [4:11] keine Schule entscheiden, denn meine Patienten zeigen hier große
Abbildungen aus [4] mit freundlicher Genehmigung von B. Strittmatter. interindividuelle Unterschiede, überprüfbar dadurch, wenn mittels
segmentaler Ausstrahlung oder eines MRT die Höhe des Prolapses
eindeutig festgelegt ist. Aber entspricht das Signal tatsächlich dem
Trauma? Dessen bin ich mir nicht mehr so sicher, nachdem sich auch
beträchtliche intraindividuelle Unterschiede zeigen. Das Hauptsignal
kann sich von Therapie zu Therapie verschieben. Im Allgemeinen
verschiebt es sich in Richtung BWS. Möglicherweise zeigt das Signal ja
nach einer bestimmten Zeit eher die verhärtete Muskulatur als Reaktion
auf das Trauma als den eigentlichen Prolaps an (Abb. 6, 6a, 6b).

Knie
Das Knie der chinesischen Karte (49b) liegt auf dem Crus superius der Fossa
triangularis, das Knie der französischen Schule (49a) in der Mitte der Fossa
(Abb. 2). In meinem Klientel testet das Knie franz. deutlich häufiger (ca.
80 %; ich teste immer beide Loci). Irgendwann fiel mir auf, dass Patienten
mit chronischen Veränderungen am Knie bei 49a positiv testeten. War das
Trauma jedoch frisch, d. h. wenige Tage alt, testete 49b positiv. Patienten
mit einer chronischen Störung des Knies, die zusätzlich ein frisches Trauma
am Knie erlitten, testeten bei 49a und 49b positiv. Wie sind diese Beob-
achtungen sinnvoll zu deuten? Da Patienten in China deutlich schneller
den Akupunkteur aufsuchen als im Westen, fanden chinesische Ärzte die
Repräsentanz des Ohres an der Stelle für akute Knieveränderungen. Diese
Beobachtung deckt sich allerdings nicht mit der Aussage von Rubach, dass
49a eher Beschwerden des Kapsel-, Band- und Muskelapparates (zumeist
akute Verletzungen), 49b eher degenerativ-chronischen und eher knochen-
knorpelbedingten Gelenkbeschwerden entspricht. [8:47] Dieser Wider-
spruch bedarf der Klärung.
3. Topographie der Organe
Die Organe der heute gültigen chinesischen Ohrkarte entsprechen im
Allgemeinen der frühesten von Nogier vorgelegten Karte (Abb. 3a, 5, 11).
[1, 2]

Abb. 5: Übersicht chinesische Ohrkarte 1993 [13:237] Herz


Das Herz (100) der chinesischen Ohrkarte liegt in der Mitte der Concha
tativen Rinne und markiert den Übergang von HWS zu BWS (Abb. 2). inferior (Abb. 2, 5, 11). In meiner sechsjährigen Arbeit als Konsiliarius
Bei Strittmatter trifft diese Linie aber auf C2, das Schultergelenk liegt für Akupunktur in der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz be-
deutlich weiter kranial auf der Höhe von C6/C7 (Abb. 4a), in etwa dort, treute ich viele Patienten mit Angst- und Panikstörungen. Sie alle teste-
wo Nogier in seiner ersten Veröffentlichung – in Unterscheidung zum ten maximal positiv auf Punkt Herz (100) sowie Vegetativum I (Sympa-
Schultergelenk (s. o.) – den Punkt Schulter beschrieb. thicus). Die sog. Psychotropen Punkte – mit Ausnahme des PT1, der
Nun sind die Ohren individuell sehr unterschiedlich. Und doch existiert nahezu immer aktiv ist – reagierten selten, auch nicht der Punkt Angst
eine Konstante: Der von mir beschriebene, nahezu immer maximal (PT2) (Abb. 2). Angst- bzw. Panikattacken sind durch vielfältige leibliche
aktive Punkt 64/VR ist immer auf der Schnittstelle der Null-Punkt- Zeichen charakterisiert: Tachykardie, Tachyarrythmie, Palpitationen, tho-
Helixwurzel-Linie mit der Vegetativen Rinne zu finden, in seiner rakales Engegefühl, aufflutendes Hitzegefühl, Schwitzen. Diese leiblichen
Lokalisation abhängig davon, ob die Helixwurzel mittig, tief oder Zeichen können wiederum als Trigger für eine Angstattacke wirken. Eine
– leicht abgeknickt – etwas höher in der Concha ansetzt. Entsprechend erneute Angstattacke kann somit reaktiv durch einen starken Kaffee aus-
verschieben sich die relativen Anteile der HWS und BWS auf der gelöst werden bzw. durch die hierdurch hervorgerufenen Sensationen am
Anthelix (siehe mein Fallbeispiel in dieser Ausgabe). Herzen. Wenn ich Angstpatienten erfolgreich mit Ohrakupunktur

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Abb. 6: Patient mit frischem Abb. 6a: Derselbe Patient, maximale Abb. 6b: Derselbe Patient: Maximale Abb. 7: Pat. mit frischer Blasenentzün- Abb. 7a: Pollinosis-Schema Nanjing.
Discus-Prolaps L3/L4: Nach Punkte 12 Tage später. Die vormalig Punkte 28 Tage später bei erneuter dung. Nach max. Signal gestochene Nach maximalem Signal gestochene
maximalem Signal gestochene aktive Zone L3/L4 war signalfrei! Verschlechterung durch zu frühes Punkte: Blase, Niere, Veg. I, „kleines Punkte (von oben nach unten): 78,
Punkte: Jerome, L3/L4, Ischias, 55 Sporteln Becken“ Knie franz (49a). (Das Foto lässt 55, Nase, Nebenniere, Plexus
die Fossa triangularis zu klein erscheinen: bronchopulmonalis (verdeckt)
49a liegt auch hier in der Mitte der Fossa
behandelte, verringerte sich zunächst stufenweise die Sensibilität von zwischen Helix und Spitze der Fossa.)
100, etwas verzögert Vegetativum I. Das wichtigste Zeichen, dass die
Angststörung bald überwunden sein wird, sah ich in der Aussage der
Patienten, dass sie bei Attacken von Tachykardie, Tachyarrhythmie,
Palpitationen etc. erstmals „cool“ blieben, d. h. sie hatten die körperlichen
Zeichen einer Panikattacke, gerieten jedoch nicht mehr oder deutlich
schwächer in Panik. Diese Patienten testeten meist noch maximal bei
Veg. I, aber schwächer bei Punkt 100. Veg. I hinkte in dem Gesundungs-
prozess Punkt 100 stets hinterher. Völlig ausbehandelte Patienten testeten
dann an beiden Punkten negativ.
Ich bin mir sicher, dass wir Punkt 100 als „funktionelles Herz“ bezeichnen
können. In gewisser Weise entspricht diese Beobachtung der klassischen
Annahme der chinesischen Medizin, dass das Herz das shen beherbergt,
sich hier also kognitiv-mentale Kontrollfunktionen widerspiegeln.
Es ist aber eine anstehende Aufgabe, Patienten mit einem Herzinfarkt
auf Signalveränderungen im Ohr zu untersuchen.

Lunge
Die Lunge (101) der chinesischen Ohrkarte liegt in der Concha inferior und
umschließt das Herz (Abb. 2). Asthmatiker zeigen regelhaft Signale über der
Region Bronchien. Hinweisend für eine Störung der Lunge ist Punkt Plexus
bronchopulmonalis (Abb. 8), z. B. auch bei Allergien (Sinusitis, Rhinitis). Bei
Bahr/Strittmatter wird die Lunge prinzipiell ähnlich, aber deutlich kleiner ge-
sehen. Plexus bronchopulmonalis liegt hier außerhalb des Lungenareals
(Abb. 9), somit entfällt bei Bahr/Strittmatter dieser diagnostisch wichtige Punkt.

Niere und Blase


Abb. 8: Plexus bronchopulmonalis bei Rubach [8:45]
Bei Patientinnen mit Blasenentzündung testet Blase (92) regelhaft positiv,
oft auch Niere (95), aber häufig nicht oder zumindest schwächer. Die positive Punkte: 78, 55, Plexus bronchopulmonalis, Nase, Nebenniere (auch
Niere bedeutet nicht, dass nun auch die Niere betroffen ist, z. B. im Sinne ACTH-Punkt; Abb. 2, 7a). Bei einer floriden Allergiesituation sind alle
einer aufsteigenden Entzündung (Pyelonephritis). Manchmal testet die ge- Punkte hochsensibel. Ist aber nur 78 sensibel, Nebenniere (ACTH) aber
samte Zone zwischen Blase und Niere positiv (Zonen 92 und 95 in Abb. 1, nicht, so weist dieses Signalbild auf eine allergische Diathese hin, nicht
Zonen 3–5 in Abb. 5). aber auf eine aktuelle Allergiesituation. Meldet sich Nebenniere zurück,
In der Grundlagenlehre der chinesischen Medizin hängen Niere und ist die Allergie wieder am Aufflackern.
Knie zusammen. Dafür habe ich bis heute keine schlüssige Erklärung. Ich habe somit aus klinischer Beobachtung und Erfolgen keinen Zwei-
Aber: Bei chronischen Blasenentzündungen testet Knie franz. (49a) fel daran, dass sich Punkt Niere und Nebenniere entsprechend der frü-
regelhaft positiv, bei akuten Blasenbeschwerden Knie chin. (49 b), auch hen Nogierschen und der aktuellen chinesischen Ohrkarte finden lassen.
wenn der Patient keine Kniebeschwerden hat. Andererseits: Eine
Kniebeschwerde mit positivem 49a bzw. 49b bedeutet nicht, dass Blase Leber, Gallenblase, Milz, Pankreas
(92) positiv testet. Hier zeigen sich nicht so große Unterschiede wie bei Herz und Niere.
In der Bahrschen Schule wird der Punkt Niere unter der aufsteigenden Aber die chinesische Karte sieht Leber und Gallenblase zusammen und
Helix in Höhe des Crus inferius gesehen (Abb. 9). In unmittelbarer Nähe zwar in der Concha superior, die Milz in der Concha inferior. Gemäß
des chinesischen Punktes Niere liegt der Kortisonpunkt (Abb.  10), meiner Testungen liegen Leber, Galle, Pankreas und Milz zwar in den
allerdings etwas höher in der aufsteigenden Wand der Anthelix. Beide Feldern der chinesischen Karte (Abb. 2, 11), aber nehmen nicht so ein
Beschreibungen machen für mich keinen Sinn. Das Allergieschema, z. B. großes Areal ein, sondern sind punktueller und liegen näher an der Um-
für Pollinosis, wie ich es 1984/85 in Nanjing lernte, umfasste folgende schlagsfalte des Conchabodens zur Wand der Anthelix („Sesselleiste“).

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Uterus Abb. 11), das Becken im unteren Anteil der Spitze der Fossa triangula-
Als ehemaliger Gynäkologe war ich natürlich sehr daran interessiert, Be- ris (TF5 in Abb. 11). [13] Ein von mir oft positiv getesteter Punkt etwa
schwerden des Uterus zu behandeln. Auch bei eindeutigen und akuten in der Mitte von TF2 testet zwar gemeinsam mit meinem Punkt Uterus
Veränderungen des Uterus konnte ich an dem angegebenen Locus (58) bei positiv, jedoch auch bei Blasenentzündungen, und zwar auch außerhalb
Rubach (Abb. 2) weniger oft ein Signal feststellen. Der Uterus testet we- der Regelblutung. Ich bezeichne ihn vorerst als Repräsentanzareal für
sentlich häufiger weiter distal in der Fossa triangularis positiv, verdeckt verschiedene Organe des kleinen Beckens (Abb. 13). Aus der Sicht der
von der aufsteigenden Helix und sehr dicht an Vegetativum I (Abb. 13). Segment-Anatomie, d. h. der identischen neuronalen Versorgung der
In einigen chinesischen Büchern liegt der Uterus nicht verdeckt durch Organe des kleinen Beckens, erscheint mir das sinnvoll.
die aufsteigende Helix, sondern knapp außerhalb (Abb. 5, TF2 in
Abschließendes zur Methodik
Ich unterhielt mich mit einem Kollegen über diesen Widerspruch. Er
fand den Punkt Uterus immer gemäß Abb. 1 bzw. 5. Da er ihn dort
wähnte und von keiner anderen Lokalität ausging, drückte er mit sei-
nem Tester in der erwarteten Gegend so lange, bis die Patientin eine
Sensibilität bekundete.
Jede Methode birgt Gefahren: Drücke ich mit einem Tester mehrere Male
dieselbe Stelle, so ist dort das Gewebe etwas komprimiert, sodass die Pati-
entin eine Sensibilität oder gar einen Schmerz verspürt. Es handelt sich um
eine iatrogen erzeugte Sensibilität, das Auffinden des Punktes erfolgt im
Sinne einer „self fulfilling prophecy“. Wollen wir vorurteilsfrei und ohne
„bias“ suchen, muss es uns gelingen, mit dem identischen Druck die Haut
des Ohres abzufahren, zu gleiten, nicht punktuell zu drücken. Wir sollten
alle positiv testenden Punkte in ihrer Qualität notieren, unabhängig davon,
ob diese Signale bei der vorliegenden Störung sinnvoll erscheinen oder
Abb. 9: Lage der Organe bei Strittmatter [4:55]: 1 Lunge, Abb. 10: 1 Kortisonpunkt, 2 endokrines nicht. Am meisten habe ich dadurch gelernt, dass ich nahezu jedes Ohr
2 Leber, 3 Galle, 4 Pankreas, 5 Magen, Ösophagus, Pankreas, 3 Thymus bei Strittmatter nach der Nadelung fotografisch dokumentiere.
Duodenum, 6 Darm, 7 Milz, 8 Niere, 9 Blase, 10 Herz [4:95]
Ausblick
Es existieren verschiedene Schulen in der Ohrakupunktur. Kennzeich-
Abb. 11: Chinesische Ohrkartographie:
rot = Niere (CO10), Milz (CO13), Herz (CO15) nend ist, dass diese Schulen sich wenig miteinander auseinandersetzen.
[1:26] Die bekanntesten Schulen werden bei [1, 6, 7,11] vorgestellt; viele Au-
toren verlassen sich inzwischen auf eine Synopsis aus verschiedenen
Schulen sowie auf Eigenbeobachtungen. [6, 8, 14] Das erscheint sinn-
voll und lässt darauf schließen, dass unterschiedliche Positionen getes-
tet wurden und je nach Erfolg ins eigene Konzept inkludiert wurden.
Unsere Aufgabe ist es nicht, sich der einen oder anderen Schule anzuschlie-
ßen. Es ist unumgänglich, die Positionen unterschiedlicher Schulen zu
kennen, aber wir sind gefordert, möglichst oft die Schulen und unsere eigenen
Überzeugungen zu überprüfen (viele Schulen haben den persönlichen Ehrgeiz
ihrer Wortführer als Geburtshelfer).
Mit diesem Artikel möchte ich Sie, werte LeserInnen zur ständigen Über-
prüfung scheinbar gültiger Annahmen ermuntern. Beispiele hierfür
finden sich u. a. bei [15–17]. Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen.
Sie können Anstoß für gezielte Studien geben, ohne die wir in Zukunft
nicht auskommen werden.
Panta rhei – Schwimmen wir ruhig etwas gegen den Strom.

Literatur
1. Romoli M. Ein historischer Abriss der Ohrakupunktur – Unterschiede in der
Ohr-Kartografie Ost/West. Dt Ztschr f Akup. 2010;53,4:24–33
2. Nogier PFM. Über die Akupunktur der Ohrmuschel. Dt Ztschr f Akup. 1957;6,3–4:25–33
3. Nogier PFM. Intoroduction pratique à l´auriculothérapie. Moulins-lès-Metz:
Maisonneuve, 1977
4. Strittmatter B. Taschenatlas Ohrakupunktur. Stuttgart: Hippokrates, 2003
Abb. 12: Patient mit erstmaliger akuter Angstat- 5. Bahr F, Strittmatter B. Das große Buch der Ohrakupunktur. Stuttgart: Hippokrates, 2010
tacke: Tachyarrhythmien, Druckschmerz dorsal 6. Romoli M. Auricular Acupuncture Diagnosis. Edinburgh: Churchill Livingstone, 2010
parascapulär links Dermatom Th 5 (Herz), mas- 7. Hecker HU, Steveling A, Peuker ET. Lehrbuch und Repititorium Ohr-, Schädel-,
sive Verspannung der Nacken-Muskulatur. Hand-Akupunktur. Stuttgart: Hippokrates, 3. Aufl., 2002
Gestochene Punkte: 100, Veg. I, 55, Nacken in 8. Rubach A. Propädeutik der Ohrakupunktur. Stuttgart: Hippokrates. 3. Aufl., 2009
VR (durchgehendes Signal von 64/VR bis Je- 9. Ogal HP, Kolster BC. Ohrakupunktur für Praktiker. Stuttgart: Hippokrates, 2003
rome), Jerome. Nur Veg. I Stufe 3, sonst alle 10. Gleditsch J. Reflexzonen und Somatotopien. München: Urban & Fischer, 2005
Punkte maximales Signal. Die weitere Testung 11. Bucek R. Lehrbuch der Ohrakupunktur – Eine Synopsis der französischen, chinesischen
des Ohres zeigte keine Signale. und russischen Schulen. Heidelberg: Haug, 1994
12. Hecker HU, Steveling A, Peuker ET, Kastner J, Liebchen K. Taschenlehrbuch der
Akupunktur. Stuttgart: Hippokrates, 2005
13. Qiu Mao-Liang. Chinese Acupuncture and Moxibustion. Edinburgh: Churchill
Livingstone, 1993
14. Gleditsch J. MAPS – MikroAkuPunktSysteme. Stuttgart: Hippokrates, 2002
15. Riehl G. Ohrakupunktur einer Vagusirritation. Dt Ztschr f Akup. 2010;53,4:38–39
Abb. 13: Punkt Uterus (nahe bei Veg. I), „kleines 16. Fossion JP. Activity of the Helix in Ear Acupuncture: Corresponding to the Segmental
Becken“, Niere, Blase, Vagina?, Punkt zwischen Innervation of the Human Body? Dt Ztschr f Akup. 2010;53,4:17–23
64/VR und 65/VR. Dieselbe Pat. von Abb. 7 eine 17. Riehl G. Therapie von Neuropathien über die Neuralgiezone in der Ohr-Akupunktur.
Woche später während Mens. Dt Ztschr f Akup. 2011;54,2:14–16

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