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revisionismus/

Geschichtserkenntnis und Politik – Vom Missbrauch


der Begriffe „Relativierung“ und „Revisionismus“

11. Januar 2016


von Herbert Ludwig

Zum Verhältnis von Geschichtserkenntnis und Politik


Der Mensch strebt nach Erkenntnis der Wirklichkeit, in der er lebt. Ohne das Gefühl, dass er sich
auf Wahrheit stützen kann, fehlen ihm innerer Halt und Lebenssicherheit. Er findet sich in Familie,
Land, Volk, Staat und Welt vor, die ihn in vielfältiger Weise beeinflussen, prägen und bestimmen.
Da sich alles Leben in der Zeit entwickelt und das Gegenwärtige an das Vergangene anschließt und
darauf aufbaut, kann er nur im Verfolgen der aus der Vergangenheit kommenden Entwicklungslinie
Aufschluss darüber gewinnen, wie der Weg sinnvollerweise in die Zukunft weiterführt.
So einleuchtend das jedem sein wird, so ist doch nichts gefährdeter und vielfach verborgener als die
Wahrheit in der Geschichte. Nicht nur, dass es sehr schwer ist, die Fülle vergangenen Lebens und
Wirkens aus immer nur lückenhaften stummen Zeugnissen sicher zu rekonstruieren; – die
Irrtumsmöglichkeiten und Neigungen des Menschen, nach langer Mühe doch nur wenige Aspekte
für das Ganze zu halten, sind ungeheuer groß. Daher ist es gerade in der Geschichtswissenschaft
eine notwendige Tugend, selbst bisher sicher geglaubte „Wahrheiten“ immer wieder in Augenschein
zu nehmen, einer Revision zu unterziehen (lat. revidere – wieder anschauen), wenn sich durch neue
Hinweise oder Gesichtspunkte die Veranlassung dazu aufdrängt.
Die größte Gefahr droht der Geschichtswissenschaft aber von der Politik. Für Herrschende, die
nicht das Wohl der Gesamtheit, sondern Gruppeninteressen im Auge haben, ist die Versuchung
groß, das geschichtliche Bewusstsein der Menschen mit Teilwahrheiten, Entstellungen und
Verfälschungen zu manipulieren, um sie in die von ihnen gewünschte Richtung führen zu können.
Aber auch politische Parteien und Gruppierungen versuchen vielfach, die Geschichte selektiv in der
Perspektive ihrer Ideologie zu sehen und entsprechenden Druck auf die Geschichtsschreibung
auszuüben.
Vollends wird die Geschichte zur Dienstmagd der Politik nach einem Kriege. Der Sieger
diktiert dem Unterlegenen in der Regel, wie der Verlauf der Geschichte angeblich gewesen sei.
„Die Geschichtsschreibung ist immer der zweite Sieg des Siegers über den
Besiegten“,

soll der britische Feldmarschall Bernard L. Montgomery formuliert haben.


Es springt ins Auge, wie unabdingbar die völlige Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft ist.
Für sie genügt es nicht, wenn nach der Verfassung Forschung und Lehre frei sein sollen, die
Wissenschaftler aber organisatorisch in Abhängigkeiten und Direktiven des Staates oder
gesellschaftlicher Interessengruppen (partei-, gewerkschafts- oder industrienaher Institute)
eingebunden sind.
In der Wissenschaft kann es nur um die Erkenntnis der Wahrheit gehen, sonst ist es keine
Wissenschaft. Jede interessengeleitete Einschränkung oder Tabuisierung des Gegenstandes, jede
„Schönung“, Veränderung, Vereinseitigung und Verfälschung der historischen Fakten ist ein Angriff
auf die Wahrheit und hat mit Wissenschaft nichts zu tun, auch wenn er sich in ihren Mantel kleidet.
Wissenschaftler, die sich in direkter oder indirekter Abhängigkeit von Staat oder gesellschaftlichen
Gruppen befinden, sind dadurch von vorneherein verdächtig, nicht ausschließlich dem Interesse an
der Wahrheit zu dienen. Und die Erfahrung zeigt auch, dass es nur wenigen von ihnen gelingt, die
notwendige innere Unabhängigkeit und Unerschrockenheit aufzubringen, allein die Wahrheit
geltend zu machen.
Es liegt im Wesen der Erkenntnis, dass sie nur in äußerer und innerer Freiheit zu wahrheitsgemäßen
Ergebnissen gelangen kann. Das gilt für den Forschenden wie für diejenigen, denen die Ergebnisse
vermittelt werden. Auch diese müssen sie im freien Nachvollzug anerkennen können. Werden sie
angezweifelt, müssen sie wissenschaftlich widerlegt werden, und auch diese Widerlegung bedarf
der freien Anerkenntnis. Die Wahrheit muss sich stets in der freien geistigen Auseinandersetzung
durch ihre Überzeugungskraft und Fruchtbarkeit durchsetzen.
Es darf keine Instanz geben, die verbindlich festschreiben dürfte, welches das wahre
wissenschaftliche Ergebnis sei. Das wäre keine Wissenschaft mehr, sondern Dogmatismus. Er
wirkt heute auf vielfältige subtile Weise: in der „Autorität“ staatlich organisierter Wissenschaft,
durch staatliche Strafbestimmungen gegen nicht erwünschte historische Auffassungen, im medial
verbreiteten Anspruch, „die Wissenschaft“ habe festgestellt und schließlich in indirekten
Denkverboten, die von folgsamen Massenmedien verbreitet und durch öffentliche Diskreditierung
und Anprangerung durchgesetzt werden.
Auch die Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges ist natürlich von den siegreichen
Alliierten vorgegeben worden. Es kann hier nicht den vielfältigen Wegen nachgegangen werden,
durch die das geschehen ist und weiter geschieht. Das Ergebnis spricht für sich: Die vorherrschende
deutsche Geschichtsschreibung, vom gängigen Schulgeschichtsbuch bis zu den Standardwerken der
Universitäts-Historiker und des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, nimmt zur Vorgeschichte
und zum Verlauf des Krieges gleichsam wie mit einem „Tunnelblick“ fast nur die Rolle und Schuld
der Nazi-Diktatur und des deutschen Volkes ins Auge. Was an Vorbereitungen im Hinblick auf einen
möglichen Krieg in England, Polen, der UdSSR, Frankreich oder den USA im Einzelnen tatsächlich
geschehen ist, wird dagegen kaum untersucht und weitgehend ausgeblendet.

Das hat natürlich mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern mit Verzerrung der Wirklichkeit. Wenn ich von einem
Haus nur eine Seite beschreibe, bekomme ich eben nur ein ein-seitiges Bild. Denn die eine Seite steht nicht
isoliert in der Landschaft, sondern in Beziehung zu den anderen Seiten des Hauses, existiert nur im
Zusammenhang mit ihnen; und nur der Gesamtzusammenhang aller Seiten ergibt die Wirklichkeit des Hauses.
„Nur das Ganze ist die Wahrheit“, hatte schon Hegel aus rein logischen Gründen unwiderlegbar geltend
gemacht.

Zum Begriff „Relativierung“


Wenn ein historischer Außenseiter es wagt, zu Taten der Deutschen die Taten der Alliierten
hinzuzufügen, z. B. zur deutschen Bombardierung englischer Städte die alliierte Bombardierung
deutscher Städte, wird ihm sofort entgegengehalten, dies sei eine unzulässige „Relativierung“
deutscher Kriegsverbrechen. Damit werde die Größe der deutschen Schuld abgeschwächt und
verharmlost. Also es erhebt sich bereits warnend der Verdacht des Rechtsextremismus.
Aber „relativieren“ (von lat. relatio = Beziehung) heißt: etwas in Beziehung zu etwas anderem
setzen. Denn nichts besteht isoliert für sich, sondern alles in der Welt steht mit vielem anderen in
Beziehung. Eine isolierte Betrachtung ist künstlich einseitig, reißt etwas aus dem Zusammenhang,
in dem es in der Wirklichkeit steht. Mit ihm muss man es wieder in Beziehung setzen. Dadurch
wird die absolute Geltung einer Sache, die es nicht gibt, auf das Maß zurückgeführt, das ihr im
Gesamtzusammenhang zukommt, eben relativiert, und in ihrer tatsächlichen Bedeutung erkannt.
Auf „The Free Dictionary“ heißt es treffend:
„etwas (durch etwas) relativieren: etwas in einem größeren Zusammenhang und meist
so in der richtigen Perspektive sehen: Alte wissenschaftliche Erkenntnisse werden durch
neue meist nicht aufgehoben, sondern relativiert“.

„Relativierung“ ist also eine wissenschaftliche Notwendigkeit. Wer sie bekämpft, will die
Erkenntnis der Wahrheit verhindern. Das geschieht mit großer psychologischer Raffinesse dadurch,
dass dem Namen des eigentlichen Begriffs „Relativierung“ die negative Bedeutung des Begriffes
„rechtslastige Verharmlosung“ untergeschoben, er insofern umgangssprachlich diskreditiert, und,
mit diesem Virus besetzt, in seiner eigentlichen positiven Wirksamkeit ausgeschaltet wird.

Zum Begriff „Revisionismus“


Eine noch schwerwiegendere Manipulation ist mit dem Begriff „Revisionismus“ vorgenommen
worden. Auch die „Revision“ hat, wie schon gesagt, eine positive Bedeutung: etwas wieder
ansehen, überprüfen. Im deutschen Gerichtsverfahren ist „Revision“ geradezu ein fest
eingebautes Rechtsmittel, um ein Urteil von einem Obergericht einer letzten Überprüfung
unterziehen zu lassen. In der Geschichte ist es bei der Irrtumsanfälligkeit des Menschen nicht
weniger notwendig, einmal gewonnene Ergebnisse wieder neu vorzunehmen. Auf Wikipedia heißt
es zutreffend:
„Der Begriff Revisionismus (lat. revidere „wieder hinsehen“) bezeichnet Versuche, eine
als allgemein anerkannt geltende historische, politische oder wissenschaftliche
Erkenntnis und Position nochmals zu überprüfen, in Frage zu stellen, neu zu bewerten
oder umzudeuten. (…) In der Geschichtswissenschaft wird (…) von Revision
gesprochen, wo es um Überprüfung oder Änderung eines bis dahin herrschenden
Geschichtsbildes geht. Diese kritische Grundhaltung und Offenheit für neue Quellen
gehört zu den Aufgaben jedes Historikers.“

Revisionismus muss daher für eine von Siegermächten vorgegebene „Geschichtsschreibung“,


die nur auf bestimmte Seiten beschränkt wird und hier natürlich vielfach auch wunschgemäße
Ergebnisse hervorbringt, hochgefährlich sein. Denn diese ist ja von vorneherein für jeden echten
Wissenschaftler grundlegend revisionsbedürftig. Die Frage musste daher für die politischen
Apologeten der herrschenden Geschichtsschreibung entstehen, wie diese Gefahr des
wissenschaftsimmanenten Revisionismus auszuschalten sei. Und man griff zur bewährten Methode,
auch dem Namen Revisionismus eine negative Bedeutung unterzuschieben, ihn sozusagen mit
einem Virus zu belegen, der den Begriff in der Öffentlichkeit diskreditiert, seine positive Bedeutung
verdeckt und deren Wirksamkeit weitgehend ausschaltet.
Zu Hilfe kamen ihnen da die alten und neuen Anhänger des Nationalsozialismus, die natürlich an
der siegerkonformen Geschichtsschreibung sofort den größten Anstoß nahmen und selbst
zweifelsfrei nachgewiesene Verbrechen und Gräueltaten der Nazis im Nachhinein nicht wahrhaben
und die Geschichte in ihrem Sinne „revidieren“, das heißt hier verfälschen wollen. Man belegte nun
diese Fälschungsversuche des verwerflichen Rechtsextremismus mit dem Namen
„Geschichtsrevisionismus“, womit die Verwerflichkeit des Rechtsextremismus auf den
Geschichtsrevisionismus überging. Das bedeutet, auch wer im geschichtswissenschaftlich positiven
Sinn aus reiner Wahrheitssuche Revisionismus betreibt, setzt sich sofort der willkürlichen
Verdächtigung aus, ein (negativer) „Geschichtsrevisionist“ zu sein.
Denn einem wissenschaftlich vorgehenden Forschungsprojekt sind die Motive, die ihnen zugrunde
liegen, nicht anzusehen. Ob reines, ergebnisoffenes Erkenntnisinteresse den Forscher bewegt oder
ein aus politisch-ideologischen Untergründen stammender Vorsatz, das Geschichtsbild zu
verfälschen, ist unmittelbar nicht erkennbar. Man müsste sich schon auf seine methodische und
inhaltliche Argumentation einlassen, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Aber man will
ja gerade den Weizen des positiven Revisionismus nicht, der das herrschende Geschichtsbild
gefährdet. Und so gibt man als Erkennungszeichen des rechtsextremen „Geschichtsrevisionismus“
einfach die konkreten historischen Gegenstände an, auf die er sich gewöhnlich richtet.
So heißt es auf Wikipedia unter „Revisionismus“, Unterartikel „Geschichtsrevisionismus“, dass sich
in Deutschland Geschichtsrevisionisten vor allem auf Ereignisse im Zusammenhang beider
Weltkriege bezögen. Sie bezweifelten, relativierten oder bestritten unter anderem den
entscheidenden Anteil Deutschlands an der Kriegsschuld 1914 und 1939; die Verbrechen der
Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg usw.
Diese Punkte werden als absolut unbezweifelbar feststehende Wahrheiten hingestellt, und in
einem unzulässigen Umkehrschluss wird unterstellt: Wer diese wissenschaftlich anerkannten
Erkenntnisse bezweifelt, „relativiert“ oder bestreitet, ist ein „Geschichtsrevisionist“, also ein den
Nazi-Verbrechern nahestehender „Rechter“.
Das hat natürlich mit Wissenschaft nichts zu tun. Es ist blanker Dogmatismus, der den religiösen
noch übertrifft, von dem sich die Wissenschaft mühsam emanzipiert hat. Und man vermeidet die
inhaltliche wissenschaftliche Auseinandersetzung, indem man den Forscher von vorneherein
persönlich diskriminiert und mit Hilfe der Medien an den Pranger stellt. Es sind ja hier auch keine
Wissenschaftlicher am Werk, sondern politisch linke Strippenzieher und Agitatoren, die den echten
Revisionismus als wesentliches methodisches Element aus der Wissenschaft herausbrechen und
vordergründig zum Kampfbegriff gegen Andersdenkende umformen. Hintergründig geht es aber um
die Abschirmung der herrschenden selektiven Geschichtsschreibung.

Wir stehen in einem Kampf um das historische Bewusstsein.


So wie sich beim einzelnen Menschen die Identität seines Ichs aus der ununterbrochenen
Kontinuität seiner Erinnerung konstituiert, so bildet sich die Identität eines Volkes als Sprach- und
Kulturgemeinschaft in der ununterbrochenen gemeinsamen geschichtlichen Erinnerung. Wer diese
dauerhaft verfälscht, will es in eine andere Richtung führen, als in seiner eigenen Entwicklung
vorgezeichnet ist. Er arbeitet an der inneren Zerstörung des Volkes. Wahre Entwicklung ist nur in
der Wahrheit möglich. (hl)