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Flüchtlinge – Gewinn oder Risiko für Unternehmen?

Deutschland braucht Zuwanderer als Fachkräfte für die Zukunft – darin sind sich Experten einig.
Doch lassen sich die Hunderttausenden Flüchtlinge wirklich so einfach in den Unternehmen
integrieren?

Deutsche Wirtschaft setzt große Hoffnungen in die vielen Flüchtlinge, die auf der Suche nach
Schutz und einem besseren Leben in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind. Wie eine
„Verjüngungskur“ am Arbeitsmarkt könnte der Zustrom wirken, glauben beispielsweise die
Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.

Die Arbeitslosenquote wird sich nach Einschätzung des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle
(IWH) und auch der Bundesbank durch den Zustrom langfristig kaum erhöhen. „Nach unseren
Berechnungen werden kommendes Jahr durch die Flüchtlinge 130.000 oder 140.000 Menschen
zusätzlich auf den Arbeitsmarkt kommen“, sagte IWH-Präsident Reint E. Gropp der
Nachrichtenagentur dpa. Im Vergleich zu den zuletzt 2,6 Millionen Arbeitslosen seien das nicht
so viele.

Langfristig sei die Zuwanderung positiv für den Arbeitsmarkt. „Wir haben tatsächlich ein
riesiges Demografieproblem“, sagte Gropp. „Die demografische Entwicklung ist so negativ, dass
noch nicht einmal eine Million Einwanderer pro Jahr das auffangen würden.“ Die Zuwanderung
könne aber die Effekte des Wandels abfedern. Die Flüchtlinge von heute stünden in einigen
Jahren genau dann für den Arbeitsmarkt bereit, wenn sie dringend gebraucht würden.

Doch den Unternehmen ist auch klar, dass es auf dem Weg zur Integration viele Hürden zu
nehmen gibt. Mit ersten Programmen wollen sie Flüchtlingen den Weg in Ausbildung und Arbeit
ebnen. Was versprechen sich die Unternehmen davon – und wo liegen die größten
Herausforderungen?

Vorteil 1: Fachkräfte für die Zukunft


Auf dem deutschen Arbeitsmarkt dürfte die Flüchtlingswelle zwar erst ab Jahresmitte 2016
allmählich ankommen – und dann erst einmal für leicht steigende Arbeitslosenzahlen sorgen,
erwarten Experten. Im November waren gut 160.000 Menschen aus den sogenannten
Asylzugangsländern arbeitslos gemeldet. 309.600 Asylbewerber waren auf Arbeitssuche.
Trotzdem: Deutschland braucht Nachwuchs. Die Konjunktur läuft rund, und die Firmen schaffen
Stellen – bei gleichzeitig sinkenden Schülerzahlen.

Auch deshalb pocht etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie auf effizientere
Asylverfahren und stellt Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive Jobs in Aussicht. Andere
dämpfen dagegen die Erwartungen wie Siemens-Personalchefin Janina Kugel: „Die Flüchtlinge,
die heute zu uns kommen, lösen vielleicht nicht morgen den Fachkräftemangel in Deutschland,
aber mit erfolgreicher Integration und einem nachhaltigen Konzept können sie hoffentlich
übermorgen einen Beitrag leisten“, sagt die Managerin.

Vorteil 2: Vielfalt

Weltoffenheit und eine internationale Belegschaft mit vielfältigen Kompetenzen gelten vor allem
in großen Unternehmen als hohes Gut. Wer wie die großen
Konzerne Siemens, BMW oder DaimlerGeschäfte in zahlreichen Ländern der Erde macht,
braucht Mitarbeiter, die sich auch mit Sprache, Kultur und Gepflogenheiten vor Ort auskennen
und über ein möglichst großes Netzwerk verfügen. Das könnten in Zukunft auch Flüchtlinge
sein, die für deutsche Unternehmen in ihrer Heimat tätig werden und dort beim Wiederaufbau
mithelfen.

Der Autokonzern Daimler beispielsweise bietet – wie andere Konzerne auch – Flüchtlingen die
Möglichkeit eines Brückenpraktikums. Das Unternehmen bezahlt den Deutschkurs, für die
Arbeit in der Produktion bekommen die Asylbewerber den gesetzlichen Mindestlohn. „Die
Brückenpraktika bei Daimler sind ein Anfang, um herauszufinden, was die Menschen können,
aber natürlich auch, was sie wollen“, sagt Personalvorstand Wilfried Porth.

Vorteil 3: Soziales Engagement


Die Not vieler Flüchtlinge ist groß – das hat in den vergangenen Monaten eine Welle der
Hilfsbereitschaft auch in der Wirtschaft ausgelöst. Ob mit Geld- und Sachspenden oder
ehrenamtlichen Hilfsleistungen – viele Firmen und ihre Belegschaften engagieren sich. Hinzu
kommen Trainings- und Ausbildungsprogramme.

Weil die Zahl der Plätze noch überschaubar ist, sieht sich manches Unternehmen zwar
Vorwürfen ausgesetzt, das alles sei bisher nur ein Tropfen auf den heißen Stein, der auch der
Imagepflege diene. Die Unternehmen halten dagegen: Man müsse eben erst einmal Erfahrungen
sammeln, und die Barrieren für die Beschäftigung der Flüchtlinge seien noch groß.

Vorteil 4: Blick über den Tellerrand

Bei BMW hat man die Erfahrung gemacht, dass der persönliche Kontakt zu den Ankömmlingen
eine Bereicherung für die Mitarbeiter ist. Der Autobauer will rund 500 Flüchtlingen
Praxistrainings und Einstiegsqualifizierungen bieten und stellt jedem Absolventen einen Mentor
zur Seite.

„Der Nutzen für uns ist sicher in der interkulturellen Verständigung zu sehen“, sagt ein BMW-
Sprecher. Viele Mitarbeiter hätten die Situation der Flüchtlinge bisher nur in Medienberichten
verfolgt und nähmen nun gerne die Chance zur persönlichen Begegnung und zum Engagement
wahr.

Problem 1: Sprache

Sprache ist auch in der Arbeitswelt Dreh- und Angelpunkt, deshalb setzen die Programme auch
bei Deutschkursen an. Wer die Sprache nicht versteht, hat nicht nur Schwierigkeiten im Umgang
mit Lern- und Prüfungsstoff, mit Ausbildern und Kollegen, sondern kann auch später im
Kundenkontakt nur schwer eingesetzt werden, ob es nun um Büro- und Servicejobs, um
technische Berufe, ums Haareschneiden, Kellnern oder Brötchenverkaufen geht.
„Sprache ist unheimlich wichtig“, sagt Daimler-Vorstand Porth. „Aber man muss sich fragen,
wie hoch die sprachlichen Hürden für einen Jobeinstieg in bestimmten Tätigkeiten sein müssen.“

Problem 2: Betreuungsbedarf

Gerade Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten haben in ihrer Heimat und auf der Flucht oft
Chaos und Elend erlebt. Sie mussten alles hinter sich lassen und finden sich jetzt in einer ganz
neuen Welt mit völlig anderen Anforderungen wieder. Deshalb brauchen sie viel Unterstützung
im Alltag, bei Behördengängen und anderen organisatorischen Aufgaben, aber auch Zuspruch
und ein offenes Ohr ihrer Ansprechpartner.

Das gilt natürlich besonders für minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Familie nach
Deutschland kommen. In der Ausbildung werden sie deshalb zum Teil auch von
Sozialpädagogen betreut, die sich sonst um Jugendliche aus problematischen Umfeldern
kümmern.

Problem 3: Mangelnde Qualifikation

Oft ist schwer einschätzbar, welche Voraussetzungen die Menschen für einen Job in Deutschland
haben. Das IAB geht davon aus, dass nur ein geringer Teil von ihnen eine Berufsausbildung
absolviert hat, wobei viele der Ankömmlinge auch noch recht jung sind.

Auch deshalb dürften sie sich nur schrittweise in den Arbeitsmarkt integrieren lassen, erwarten
die Forscher. „Das, was wir erfahren über die Qualifikationen, ist extrem ernüchternd“, sagt der
Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest. Aber auch
wenn es oft an Arbeits- und Ausbildungszeugnissen fehlt: Die nötige Motivation für Jobs in
Deutschland bringen viele Flüchtlinge nach einhelliger Meinung aller Experten auf jeden Fall
mit.

Problem 4: Bürokratie
Fehlende formale Qualifikationen dürfen nach Einschätzung von Daimler-Personalvorstand
Porth kein Hindernis für die Beschäftigung von Flüchtlingen sein. „Wir müssen uns stärker mit
der Frage beschäftigen, welche Fähigkeiten diese Menschen mitbringen“, sagt Porth. Der Anteil
derjenigen, die keinen formalen Abschluss oder eine Ausbildung vorweisen können, sei natürlich
größer als in der Vergangenheit.

„Die Situation ist in diesem Punkt aber vergleichbar mit der Zeit der Gastarbeiter“, sagt Porth.
„Es muss uns gelingen, dass die fehlende formale Qualifikation nicht automatisch nur zu einer
Beschäftigung als An- und Ungelernter führt.“ Die Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) lobte zuletzt in einem aktuellen Bericht, dass
Deutschlands Bildungssystem gut für die Aufnahme der Flüchtlinge gerüstet sei. Neben der
Kleinkindbetreuung hob die Organisation dabei vor allem die duale Ausbildung als Pluspunkt
hervor.

„Mit dem dualen System hat Deutschland gute Voraussetzungen, auch die
Arbeitsmarktintegration von Migranten zu stemmen“, sagte damals der stellvertretende
Generalsekretär der OECD, Stefan Kapferer. „Allerdings kommt es jetzt darauf an, etwa durch
spezielle Angebote für Flüchtlinge diese Basis noch weiter zu stärken und auf deren Bedürfnisse
anzupassen.“

So ist die Rechtslage

Anerkannte Flüchtlinge dürfen in Deutschland ohne Einschränkungen arbeiten. Asylsuchende


mit Aufenthaltsgenehmigung und geduldete Menschen, deren Asylantrag zum Beispiel abgelehnt
wurde, können nach drei Monaten eine Arbeitserlaubnis erhalten und bundesweit Arbeit suchen
– allerdings nur, wenn Ausländerbehörde und Bundesagentur für Arbeit zustimmen. Die
Vorrangprüfung entfällt für Asylsuchende und Geduldete, wenn sie bereits 15 Monate in
Deutschland leben. Nach vier Jahren muss die Bundesagentur überhaupt nicht mehr beteiligt
werden.