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Yuval Noah Hararis erstes Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit beschrieb die

zahlreichen Entwicklungen, die unsere Spezies in der Vergangenheit durchlebt hat, um die
Herrschaft über unseren Planeten zu übernehmen. Homo Deus – Die Geschichte von Morgen
ist die Fortsetzung, in der nun die Prognose gewagt wird, welche großen Ereignisse und
Entwicklungen wohl in der Zukunft auf uns warten.

Von Evolution über Religion bis hin zu Wissenschaft, Technologie und sogar künstlicher
Intelligenz hat es der Mensch so weit gebracht, dass ihn nichts mehr zu stoppen scheint. Doch
schaufeln wir uns am Ende mit diesem letzten Entwicklungsschritt unser eigenes Grab?

Diese Blinks erklären, wie der Mensch es geschafft hat, sich die ganze Erde zu unterwerfen
und was unsere Vormachtstellung in der Zukunft bedroht – und den Fall der Menschheit
hervorrufen könnte.

Die Blinks erklären außerdem,

 warum auch Nazis Humanisten sind,


 warum Biochemie wichtiger ist als Glück, und
 warum Liberalismus und Nationalismus Religionen sind.

Schon immer hat die Menschheit den Gesetzen des Fortschritts und der Entwicklung
gehorcht. Wir haben nach den Sternen gegriffen und sind zum Mond gereist. Wir haben
Methoden entwickelt, um Hunger und Krankheiten zu bekämpfen und nach Wegen gesucht,
weniger Kriege gegeneinander zu führen. Mit jedem Schritt tun sich für den Menschen neue
Herausforderungen und Ziele auf.

Wir sind inzwischen in der Lage, Krankheiten und Hunger in vielen Regionen unter Kontrolle
zu halten – katastrophale Bedrohungen, die über Jahrhunderte hinweg weite Teile der
Weltbevölkerung das Leben gekostet haben.

Zwischen 1692 und 1694 starben in Frankreich etwa 15% der Bevölkerung, also 2,5
Millionen Menschen, durch Hunger. Und in den 1330er-Jahren fielen zwischen 75 und 200
Millionen Menschen in Eurasien dem berühmten Schwarzen Tod zum Opfer. Das war etwa
ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Heute haben wir diese Probleme größtenteils im Griff. Dank Impfstoffen, Antibiotika und
verbesserter Hygiene stirbt heute kaum noch jemand an der Pest und auch von anderen
Epidemien sind weit weniger Menschen betroffen. An Ebola z.B., eine unserer
ernstzunehmendsten modernen Epidemien, starben weltweit „nur“ 11.000 Menschen.

Auch weitreichende Hungersnöte gibt es in den meisten Regionen nicht mehr, und wenn,
dann sind sie nicht auf Naturkatastrophen, sondern politische Konflikte zurückzuführen.
Inzwischen ist es wahrscheinlicher, an Übergewicht zu sterben als an Hunger. Im Jahr 2010
starben drei Millionen Menschen weltweit an Fettleibigkeit, während Mangelernährung und
Hunger etwa ein Drittel so viele tötete.

Kriege sind ebenfalls eher Ausnahme- als Normalfall: In antiken Gesellschaften war
menschliche Gewalt für 15% der Todesfälle verantwortlich – heute liegt der Prozentsatz bei
unter 1%, sogar der Prozentsatz für Selbstmord und Diabetes liegt höher.
Sehr wenige von uns leiden also heute noch unter Hunger, Armut und Krieg. Der Großteil der
Menschheit hat Zeit und Muße, sich anderen Zielen als dem unmittelbaren Überleben
zuzuwenden und kann etwa daran arbeiten, dass wir länger und glücklicher leben. Und wir
sind auf dem Weg: Durch die Medizin haben wir unsere Lebenserwartung bereits verdoppelt.
Viele glauben sogar, dass bald Unsterblichkeit möglich sein wird.

Doch wie hat der Mensch es eigentlich hierher gebracht?

Der Mensch hat die Welt erobert, indem er sich die Natur und die Tiere untertan gemacht hat.
Aber wie konnte er so stark werden?

Während der Geschichte der Menschheit haben vor allem zwei Revolutionen das Verhältnis
vom Menschen und seiner Umwelt verändert. Als unsere Vorfahren noch Jäger und Sammler
waren, sahen sie Pflanzen und Tiere auf ähnlicher Stufe wie sich selbst, als Teil der Natur.
Während der landwirtschaftlichen Revolution, als unsere Vorfahren sesshaft wurden, wurden
die Tiere allerdings zu niederen Geschöpfen: Der Mensch fing an, sich Tiere und Pflanzen
nutzbar zu machen.

Mit der wissenschaftlichen Revolution und dem Aufkommen des Humanismus hat der
Mensch es endgültig zur Vorherrschaft in der Welt gebracht: Seitdem erforscht, versteht und
ordnet er diese Welt.

Die Vorstellung, dass die Natur und die Tiere hauptsächlich dazu da sind, den Menschen zu
ernähren, blieb bestehen.

Aber was waren eigentlich die Faktoren und Fertigkeiten, mit welchen sich die Gattung
Mensch an die Spitze der Evolution stellen konnte und die uns glauben machten, dass wir die
Tiere so behandeln können? Viele denken gern, dass wir uns durch unsere einzigartige
„menschliche Seele“ und unser spezielles Bewusstsein hervorheben. Es konnte allerdings
noch kein Wissenschaftler nachweisen, was dieses Bewusstsein überhaupt ist und ob es sich
von dem der Tiere unterscheidet.

Der Mensch hat es also eher durch seine Vorstellungskraft und seine Fähigkeit, flexibel zu
kooperieren, so weit gebracht.

Wir Menschen sind vermutlich die einzigen Lebewesen, die sich abstrakte Konzepte wie
einen Gott, Moral oder Zinsen vorstellen können. Diese Vorstellungen verweben wir in der
Gesellschaft zu einem Sinngeflecht, das als eine dritte Realität existiert. Neben der
subjektiven Realität jedes Individuums und der objektiven Realität, die z.B. durch die
Schwerkraft existiert, bildet das menschliche Sinngeflecht die sogenannte intrasubjektive
Realität mit Aussagen wie: „Es ist nicht moralisch, Leute zu berauben“.

Dieses Sinngeflecht hat einen enorm wichtigen Effekt: Es ermöglicht uns nämlich, mit extrem
vielen Menschen sehr flexibel zu kooperieren. Das Maß an erfolgreicher Kooperation
bestimmt den Lauf der Geschichte, und der ist bisher sehr zu unseren Gunsten ausgefallen.

Der Sinn zur Kooperation hat uns also einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Aber wie äußert
sich dieses kooperative Sinngeflecht? In den Geschichten, die wir miteinander teilen und über
die wir auch unsere Werte teilen. Diese geteilten Narrative haben die Macht, die Ziele einer
Gesellschaft und damit die Realität selbst zu verändern.
Ein Beispiel für eine solche Veränderung ist das Schulsystem: Irgendwann beschlossen die
zuständigen Stellen, dass Kinder ab sofort Noten in den verschiedenen Fächern erhalten
sollten. Sobald sich das System durchgesetzt hatte, erschien es den Menschen ganz
selbstverständlich, dass ein Mensch „besser in Mathe“ oder „schlechter in Sport“ sein könnte
als ein anderer, und dass sich diese Eigenschaft als Zahl abbilden lässt. Der Glaube an diese
Idee veränderte das Leben und Selbstverständnis der Schüler. Ab diesem Zeitpunkt ging es
nicht mehr darum, etwas zu lernen, sondern darum, gute Noten zu schreiben.

Ähnlich steht es mit einem anderen gültigen Narrativ der intrasubjektiven Realität: der
Religion.

Religionen ordnen die Gesellschaft und geben ihr Zusammenhalt. Man könnte vermuten, dass
sie durch den heutigen wissenschaftlichen Fortschritt durch andere Narrative abgelöst werden
könnten – doch religiöse Narrative haben auch heute eine enorme Macht, sie haben nur eine
andere, überraschende Form angenommen.

Die Wissenschaft ist zwar in der Lage, Fakten zu überprüfen, kann aber längst nicht alles
erklären und noch weniger moralische Urteile fällen. Religionen hingegen sind für die
moralische Orientierung unerlässlich. Sie kennzeichnen den Glauben an einen bestimmten
Gesetzescodex, der über dem menschlichen Dasein existiert.

Insofern sind unter „Religion“ auch alle Weltanschauungen zu verstehen, die uns moralische
Orientierung geben, also z.B. auch Kapitalismus, Kommunismus oder Nationalsozialismus.

Die Wissenschaft hat uns also Freiheit und Macht geschenkt, aber sie hat uns den Sinn des
Lebens genommen. Daher brauchen die Menschen eine Art religiöse Anschauung, nicht nur,
um die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten, sondern auch, um Antworten auf höhere
Fragen zu finden.

Auch wenn wir in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft leben, lassen sich also noch
immer religiöse Anschauungen und Wertesysteme entdecken, an die wir kollektiv glauben.
Momentan sind das Wirtschaftswachstum und Humanismus.

Heute ist der größte Teil der Gesellschaft in dem Glauben vereint, dass die Wirtschaft immer
weiter wachsen muss und wir glauben, dass mehr Konsum uns glücklicher macht. Aber ist
dieser Wachstum wirklich das Nonplusultra?

Das Wirtschaftswachstum hat uns zugegebenermaßen weit gebracht, aber uns auch in ein
Hamsterrad gesperrt, in dem wir irgendwann zugrunde gehen werden.

Und irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, weiter zu wachsen. Denn es droht dann ein
ökologischer Kollaps, unter dem vor allem diejenigen in unserer Gesellschaft leiden würden,
die ohnehin schon benachteiligt sind. Die Privilegierten könnten sich in geschützte Bereiche
zurückziehen, wohingegen die Benachteiligten noch stärker um Nahrung und Geld kämpfen
müssten.

Warum rennen dann so viele freiwillig und aus Überzeugung in diesem Hamsterrad mit?

Das macht nur jemand mit, der auch einen ideologischen Überbau zur Verfügung hat, welcher
dem emsigen Treiben einen Sinn verleiht. In unserer Gesellschaft ist das der Humanismus.
Humanismus bedeutet, dass wir an die Menschenrechte, die Menschlichkeit und unsere
individuellen Gefühle glauben. Die menschlichen Gefühle haben Gott als oberste Autorität
ersetzt. Im Mittelalter gewannen unsere Vorfahren Wissen, Antworten zum Sinn des Lebens
und Wertevorstellungen aus der Bibel: Wenn sie sich unsicher waren, fragten sie den Pfarrer.
Heute gewinnen wir Wissen aus empirischen Daten und Mathematik und bei Fragen nach
Wert und Sinn vertrauen wir auf unser Gefühl und unser Gewissen als Menschen.

Heute regelt die humanistische Einstellung jeden Bereich unseres Lebens, denn unsere
Gefühle geben nicht nur unserem Privatleben einen Sinn, sondern auch gesellschaftlichen und
politischen Fragen. In demokratischen Wahlen etwa befragen die Wähler ihr eigenes
Gewissen, was wohl für das Land das Beste wäre, und in der Wirtschaft regieren heute der
freie Wille und die Sehnsüchte des Käufers, wie der Markt sich entwickelt.

Das sind die Gesetze des Liberalismus, der unsere heutige Gesellschaft beherrscht. Doch wie
kam es zu dieser Vormachtstellung und wie sieht es mit der Zukunft dieser Form des
Humanismus aus?

Der Humanismus, meistens in Gestalt des Liberalismus, ist das aktuell geltende, moderne
Weltbild. Doch Glaubensprinzipien haben sich schon immer verändert und wurden
irgendwann abgelöst. Der Humanismus wird dabei keine Ausnahme sein.

Während des 20. Jahrhundert spaltete sich der Humanismus in drei verschiedene
Glaubenssysteme auf, die fortan um die Vorherrschaft in der Welt kämpften: Liberalismus,
Sozialismus und Nationalsozialismus.

Der Liberalismus geht davon aus, dass jedes Wesen ein einzigartiges Individuum ist, das
möglichst viel Freiheit braucht, um den größtmöglichen Wohlstand zu erzeugen. Der
Sozialismus hingegen hält nicht die Gefühle und Erfahrungen des Einzelnen für entscheidend,
sondern die der Gemeinschaft. Der Nationalsozialismus, der auch als evolutionärer
Humanismus bezeichnet werden kann, geht von der These aus aus, dass einige Menschen
besser sind als andere, und Konflikte und Kriege nötig sind, um die natürliche Auslese zu
beschleunigen, und dazu beitragen, dass irgendwann der Übermensch entsteht.

Der Zweite Weltkrieg sowie der Kalte Krieg und all deren Stellvertreterkriege waren im
Prinzip nichts anderes als humanistische Religionskriege, aus denen der Liberalismus erst
1989 als Sieger hervorging.

Die rasante Entwicklung der Menschheit wird allerdings die Religion des Liberalismus schon
bald obsolet machen, denn neue Technologien erschaffen neue Götter. Daher haben wir jetzt
eine andere Vorstellung vom Paradies und andere Ideale als unsere Vorfahren noch vor 100
Jahren – und daher werden auch die revolutionären Technologien des 21. Jahrhunderts bisher
unbekannte „religiöse“ Bewegungen hervorbringen.

So wird die künstliche Intelligenz z.B. eine ganze Klasse von Menschen arbeitslos machen
und die Menschen der Zukunft müssen an etwas Neues glauben, um ihrem Leben Sinn zu
verleihen. Was genau wird aber passieren, wenn wir die menschliche Erfahrung selbst zu
einem ganz gewöhnlichen Produkt machen, das jeder im Supermarkt kaufen kann?

Wie jede Religion stellt der Liberalismus nicht nur moralische Regeln auf, sondern auch
Faktenbehauptungen, die mitunter widerlegt werden. Er geht z.B. davon aus, dass der Mensch
ein Individuum mit einem Ich und einem freien Willen sei und somit jede Person diesem
freien Willen möglichst ungehindert folgen und ihr einzigartiges Ich entfalten darf. Der freie
Wille und das Ich sind also grundlegende Voraussetzungen für den Liberalismus.

Die Wissenschaft ist gerade dabei, das liberale Paket aus Individualismus, Menschenrechten,
Demokratie und freiem Markt zu untergraben, indem sie die Faktenbehauptungen des
Liberalismus ins Wanken geraten lässt.

Die Gehirnforschung und Psychologie widerlegen z.B. gerade, dass Menschen einen freien
Willen und ein kohärentes Ich haben. Unsere Entscheidungen, so erklären uns die Neurologen
seit einigen Jahren, treffen wir nicht frei, sondern lassen sie uns von unserem
Unterbewusstsein diktieren und denken uns nur im Nachhinein logische Erklärungen zu ihnen
aus. Wir können zwar im Grunde tun, was wir wollen, aber wir können uns nicht aussuchen,
was wir wollen.

Wenn es etwa möglich ist, im Hirn geformte Wünsche mit Medikamenten, Gentechnik oder
Gehirnstimulation zu manipulieren oder sogar zu kontrollieren, bedeutet das, dass es keinen
freien Willen gibt. Und das ist tatsächlich möglich: Professor Sanjiv Talwar von der State
University of New York hat schon 2002 Elektroden in die Gehirne von Ratten eingepflanzt,
mit denen er die Tiere über ihren Willen fernsteuern konnte, sodass sie z.B. auf Befehl den
Wunsch verspürten, sich von einer Mauer zu stürzen, und dies dann auch taten.

Das US-Militär und Ärzte sind eifrig dabei, diese Möglichkeiten auch beim Menschen zu
erforschen; so helfen z.B. heute schon Elektroden im Gehirn dabei, eine posttraumatische
Belastungsstörung oder Depressionen zu überwinden.

Zur Frage des Ich ist sich die Psychologie heute einig, dass jeder von uns zahllose innere
Stimmen besitzt, die sich in einem Bewusstseinsstrom abwechselnd zu Wort melden. Die
Frage ist nicht, welche dieser Stimmen wir sind, sondern auf welche wir hören. Das Ich ist
somit einfach nur eine Geschichte, die wir erfinden, um unserem Leben Sinn zu verleihen.

Die philosophischen Grundpfeiler des Liberalismus werden also gerade ad absurdum geführt.
Doch was kommt als nächstes? Wir haben es demnächst mit einer ganz anderen Gefahr zu
tun: der Technologie.

Wir können davon ausgehen, dass Computer in der Zukunft intelligenter sein werden als wir
und dadurch die Macht über uns gewinnen. Was werden sie dann mit uns anstellen und was
wird die Digitalisierung noch alles hervorbringen?

Dank der Entwicklung von künstlicher Intelligenz werden viele Berufe in der Produktion, die
derzeit von Menschen ausgeführt werden, vollkommen unnötig werden. Was tun wir mit all
jenen, die dann keine Arbeit und Beschäftigung mehr haben? Zwar wird es genügend
Nahrungsmittel und Konsumgegenstände geben, um alle zu versorgen, aber woher sollen
Milliarden von Menschen das Geld bekommen, um diese zu erwerben, wenn ihre Arbeitskraft
überflüssig ist? Sie könnten dazu genötigt werden, Drogen und Computerspiele zu verkaufen.
Oder ein noch drastischeres und schwärzeres Szenario wäre, dass sich die KI selbst der für sie
„nutzlosen“ Menschen schnellstmöglich entledigt.

Doch nicht nur auf dem Arbeitsmarkt werden Menschen zunehmend an den Rand gedrängt.
Schon jetzt werden wir zunehmend von Computeralgorithmen ersetzt, und zwar, weil wir uns
wünschen, dass Aufgaben schnell, effizient und zuverlässig ausgeführt werden. Schauen wir
uns nur den Finanzhandel an: Einst wurde er von Finanzexperten kontrolliert, heute haben
Mikrochips übernommen.

Die Macht verschiebt sich also schon heute, ganz unauffällig und aufgrund zahlloser
einzelner, scheinbar harmloser und individueller Entscheidungen zu den Systemen, die über
die meisten und besten Daten verfügen.

Technologien werden immer mehr Entscheidungen für uns treffen. Daher könnten wichtige
Player in dem zukünftigen Machtgefüge Datenriesen und Technikkonzerne wie Google,
Facebook, Amazon oder Apple werden. Durch ihre Systeme und Produkte wissen sie
tatsächlich jetzt schon genau über unser Leben Bescheid.

Gut möglich, dass du in einigen Jahren Google fragen wirst, ob du Peter oder besser Paul
heiraten solltest, weil Google dich und die beiden besser kennt als irgendjemand sonst. Eine
Studie aus dem Jahr 2015 von drei Forschern der Cambridge-Universität ergab, dass ein
Facebook-Algorithmus anhand von 300 „Likes“ bereits in der Lage ist, die Antworten einer
Person auf einem Persönlichkeitsfragebogen besser vorauszusagen als der Ehepartner der
Person.

Wenn der Mensch also in der Zukunft seinen Platz immer mehr mit den von ihm selbst
geschaffenen Technologien teilen muss und der Humanismus ausgesorgt hat, welche neue
Ideologie könnte das Vakuum unserer dabei abhandenkommenden Glaubenssysteme auffüllen
und dem Leben unserer gottgleichen Nachkommen wieder Sinn verleihen?

Es gibt zwei mögliche zukünftige Ideologien: den Techno-Humanismus und den Dataismus.
Beschäftigen wir uns zunächst mit der ersten möglichen Entwicklung.

Techno-Humanismus bedeutet, dass Menschen mithilfe der Technik den sogenannten Homo
Deus erschaffen werden, ein Wesen, das menschliche und technisch optimierte Fähigkeiten
kombiniert. Wir hätten es somit mit einer aktualisierten oder erweiterten Variante des
evolutionären Liberalismus zu tun.

Wie wird der Homo Deus konkret aussehen?

Die Technik wird uns vermutlich in der Zukunft bisher unbekannte mentale Zustände
ermöglichen.

Bisher haben Psychologen fast ausschließlich psychisch kranke Menschen untersucht, aber
Geisteszustände durch Meditation oder Drogen ignoriert, ganz zu schweigen von den
Geisteszuständen der Tiere. Gentechnik, Elektroden und andere Schnittstellen könnten uns
diese Zustände aber schon bald zugänglich machen. Die legendäre Ausgeglichenheit eines
buddhistischen Mönchs in der Meditation ist vielleicht bald nur einen Knopfdruck entfernt.

Wenn wir unsere Körper mit Technologien verschmelzen lassen, können wir selbst so genau
wie Algorithmen werden. Und das passiert sogar schon: Die US-Armee entwickelt derzeit
einen Aufmerksamkeitshelm. Er sendet elektrische Signale an bestimmte Areale im Hirn,
wodurch die Soldaten sich besser auf konkrete Aufgaben konzentrieren und im Ernstfall
schnellere Entscheidungen treffen sollen. Aber wo bleibt die Empathie und der menschliche
Zweifel?
Wenn wir anfangen, nur in Technologien zu investieren, die bestimmten ökonomischen oder
politischen Zwecken dienen, laufen wir natürlich Gefahr, dass wir unser Wesen und unsere
Menschlichkeit verlieren. Und wenn wir versuchen, unseren Geist zu upgraden und das
Bewusstsein 2.0 zu erlangen, wäre es gut möglich, dass wir uns etwa intelligenter und
kommunikativer machen, aber Fähigkeiten, die uns Menschen ausmachen, wie Empathie,
Achtsamkeit oder unsere Neigung zum Träumen, unter den Tisch fallen und der Mensch
dadurch zu einem anderen Wesen wird.

Aber auch für den Techno-Humanismus ist der menschliche Wille der Nagel, an dem das
Universum hängt. Was, wenn wir durch Technik unsere Wünsche manipulieren können und
die inneren Stimmen in unserem Kopf nach Belieben lauter oder leiser stellen können? Der
Techno-Humanismus hat hierfür keine andere Autorität als den Menschen selbst.

Eine andere mögliche Strömung, der Dataismus oder auch Datenreligion, hingegen ersetzt den
Menschen als zentrale Autorität völlig durch etwas Anderes: die Information.

Datenreligion oder Dataismus geht im Gegensatz zum Techno-Humanismus davon aus, dass
die Menschen ihre kosmische Aufgabe beendet haben und jetzt das Zepter an die Algorithmen
übergeben sollten. Laut Dataismus ist alles, was existiert, entweder selbst Datenmaterial oder
eine Methode zur Datenverarbeitung, wodurch die Grenze zwischen Lebewesen und
Maschinen eingerissen wird.

Diese Sichtweise ist heute schon fest in der Biologie und der Computerwissenschaft
verankert. Die Auffassung, dass Tomaten und Giraffen nur unterschiedliche Methoden der
Datenverarbeitung sind, ist gängige wissenschaftliche Lehre. Der Dataismus entzieht
allerdings dem Homo sapiens seine Daseinsberechtigung, denn aus dataistischer Sicht
betrachtet, hat jede bedeutsame Entwicklung der Menschheit – wie Sprache, Schrift oder Geld
– nur das Ziel gehabt, die Komplexität der Kooperation und damit die Freiheit der
Informationen und Menge der Daten, die verarbeitet werden können, zu erhöhen.

Wenn der Dataismus von einer Theorie zu einer Ideologie wird, entwickelt er Werte zur
„Verbesserung“ des Systems, allen voran den freien Informationsfluss. Tatsächlich lässt sich
beobachten, dass es vielen Menschen besser geht, je mehr freie Informationen zur Verfügung
stehen – daher ist diese Forderung im Kern eigentlich nicht schlecht.

Bevor es aber soweit ist, dass wir den Ergebnissen dieses Systems mehr vertrauen als uns
selbst, sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob wir das wirklich wollen. Die dataistische
Revolution bedeutet nämlich, dass unsere Gefühle keine Bedeutung haben, sondern lediglich
viel zu langsame chemische Reaktionen, die in der globalen Datenverarbeitung keine Rolle
mehr spielen. Mit diesem Denksystem würden wir nie mehr auf unsere Gefühle, sondern auf
bessere Algorithmen hören.

Aber wenn die Welt ein Datenverarbeitungssystem ist, was ist ihr Output? Ganz einfach: ein
noch effizienteres Datenverarbeitungssystem. Wir sehen, wie dies jetzt gerade mit dem
Internet der Dinge entsteht. Wenn wir diese Entwicklung zu Ende denken, wird der Mensch
überflüssig sein, sobald Algorithmen bessere datenverarbeitende Prozesse erschaffen können
– und eventuell für immer verschwinden.

Natürlich können wir die Zukunft nicht wirklich vorhersagen. In diesen Blinks wurden nur
einige mögliche Szenarien dargestellt, die uns als Denkanstoß dienen sollten: Müssen wir
unsere Herrschaft bald aufgeben? Welche Zukunft wünschen wir uns? Und was können wir
heute dafür tun, um sie wahr werden zu lassen?

Die Kernaussage dieses Buches ist:

Religion und Ideologie haben eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der
menschlichen Gesellschaft gespielt. Es ist gut möglich, dass wir in der Zukunft, wenn
Algorithmen intelligentere Entscheidungen treffen als wir, der Religion des Dataismus
angehören werden. Dadurch wird unsere Gesellschaft sich grundlegend verändern und
langfristig vielleicht das Ende der Menschheit einläuten.

Was denkst du über die Zukunft unserer Blinks?

Da uns wichtig ist, dass du viel aus unseren Blinks mitnehmen kannst, wird bei uns jeder
einzelne Blink von mindestens sechs Menschen bearbeitet und geprüft – ganz ohne
Algorithmen. Solltest du trotzdem Verbesserungsvorschläge haben, sag uns gerne Bescheid
unter remember@blinkist.com.

Zum Weiterlesen: Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari

Eine kurze Geschichte der Menschheit hält, was der Titel verspricht: Von der Frage, warum
sich der Homo sapiens gegen seine anderen menschlichen Konkurrenten durchgesetzt hat, bis
zu einem Ausblick auf die Auswirkungen der Gentechnik streift Yuval Noah Harari alle
Entwicklungen, die für die Geschichte der Menschheit von Bedeutung waren.

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