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TEIL I
Das vernetzte Unternehmen

1 Informationssysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

2 Anwendungssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

3 Strategische Rolle von Informationssystemen . . . . . . . . . . . . 121


4 E-Commerce und E-Business . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
5 Ethische, soziale und politische Aspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
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DAS VERNETZTE UNTERNEHMEN

Teil I (Kapitel 1 bis 5) bietet einen Überblick über die weitreichenden


Änderungen, die durch E-Business, E-Commerce und durch die IT-be-
dingte Vernetzung von Unternehmen entstanden sind. Insbesondere be-
schäftigt sich der erste Teil mit der zentralen Rolle, die die verschiede-
nen Arten von Informationssystemen in Unternehmen spielen. Die
einzelnen Kapitel enthalten dabei einen einführenden Überblick über
Informationssysteme und zeigen ihren Einfluss auf Organisationen, Ma-
nagement, Geschäftsprozesse und Strategie. Das letzte Kapitel dieses
ersten Teils befasst sich mit ethischen, sozialen und politischen Aspek-
ten des IT-Einsatzes.

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Informationssysteme

1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen . . . . . . . . . . . . . . 27 1


1.1.1 Vernetzte Unternehmen im wettbewerbsorientierten
betrieblichen Umfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
1.1.2 Anwendungssysteme und Informationssysteme . . . . . . . . . . . . . 31
1.1.3 Informationssysteme aus der Unternehmenssicht. . . . . . . . . . . . 35
1.2 Wirtschaftsinformatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
1.2.1 Zugänge zum Verständnis der Wirtschaftsinformatik . . . . . . . . . 43
1.2.2 Wissenschaftliche Erkenntnis in der Wirtschaftsinformatik . . . . 45
1.2.3 Informationsmanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
1.3 Trend zum vernetzten Unternehmen:
die neue Rolle der Informationssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
1.3.1 Der sich erweiternde Einflussbereich von Informations-
systemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
1.3.2 Die Netzwerkrevolution und das Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
1.3.3 Neue Freiheitsgrade des Organisationsentwurfs: ÜBERBLICK
das vernetzte, kooperierende Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . . 52
1.3.4 Vernetzte Unternehmen: E-Commerce, E-Business . . . . . . . . . . . 56
1.4 Informationssysteme: neue Herausforderungen und
neue Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60

Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
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1 INFORMATIONSSYSTEME

Lernziele
Als Geschäftsführer eines Unternehmens müssen Sie wissen, wie Informationssysteme zur Steigerung
der Wettbewerbsfähigkeit, der Effizienz und der Rentabilität von Unternehmen beitragen können.
Nach der Lektüre dieses Kapitels werden Sie folgende Fragen beantworten können:

1 Welche Rolle spielen Informationssysteme im heutigen, von Wettbewerb geprägten betrieblichen


Umfeld?
2 Was versteht man unter einem Informationssystem? Was müssen Führungskräfte über Informa-
tionssysteme wissen?
3 Was versteht man unter einem Anwendungssystem? Was ist der Unterschied zu einem Informa-
tionssystem?
4 In welcher Weise verändern Informationssysteme Organisation und Management von Unterneh-
men?
5 Was versteht man unter Wirtschaftsinformatik? Welche anderen Disziplinen tangieren die Wirt-
schaftsinformatik? Womit befasst sich das Gebiet des Informationsmanagement?
6 In welcher Hinsicht haben das Internet und die Informationstechnik (IT) Unternehmen und
öffentliche Institutionen verändert?

7 Welche sind die wichtigsten Probleme, die das Management eines Unternehmens beim Aufbau
und Einsatz von Informationssystemen bewältigen muss?

„ Einführende Fallstudie:
J.C. Penneys unsichtbarer Lieferant 25

„ Blickpunkt Technik:
UPS steigert Wettbewerbsfähigkeit durch IT 36

„ Blickpunkt Organisation:
Ein brasilianischer Schnäppchenladen wird zum E-Commerce-Erfolg 57

„ Übung:
Informationen als Entscheidungshilfe für die Geschäftsführung aufbereiten 69

„ Aufgabe:
Dirt Bikes U.S.A. – eine Firmenpräsentation mit den
wichtigsten Geschäftsdaten vorbereiten 69

„ E-Commerce-Projekt:
Versandkosten analysieren 70

„ Gruppenprojekt:
Analyse eines Informationssystems 70

„ Abschließende Fallstudie:
Herman Miller – Informationssysteme am Scheideweg 71

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Unternehmerische
Herausforderungen

• Stagnierende Einzelhandelspreise
• Steigende Fertigungskosten
• Servicelevel und
Kosten überwachen
Management
• Produktionsprozess
umgestalten

• Software zur
Verkaufsprognose Unterneh-
• Barcodes und Technik Informations-
merische
Barcode-Leser system
• Internet-basiertes Lösung
Netzwerk
• Warenbestand • Kundenservice verbessern
automatisch auffüllen • Zeit sparen
• Neue Produktversionen • Kosten reduzieren
entwickeln und produzieren
• Einzelhandel
• Outsourcer
• Fabriken
• Lagerhäuser Organisation
• Lieferanten

Einführende Fallstudie: der zu produzierenden Hemden sowie deren Grö-


ßen, Schnitte und Farben bestimmt. Auf der
J.C. Penneys unsichtbarer Lieferant
Grundlage der bisherigen Verkaufsdaten legt das
Verkaufsprognosesystem von TAL jeweils den
An einem stürmischen Samstagnachmittag im Ja-
idealen Warenbestand für Hemden der verschie-
nuar sah sich Scott Olson in einem J.C. Penney-
denen Größen, Farben und Schnitte fest und weist
Kaufhaus in Roseville, Minnesota, USA, die Her-
seinen taiwanesischen Hemdenproduzenten an,
renhemden an und kaufte ein weißes, bügelfreies
genau die Menge der verschiedenen Artikel zu
Oberhemd der Marke Penney mit der Kragenweite
produzieren, die von den einzelnen Penney-Kauf-
16 und der Ärmellänge 32/33. Der Datensatz zu
häusern benötigt wird. TALs Hemdenproduzent
diesem Verkauf wurde sofort an einen Computer
sendet die Hemden dann direkt an die einzelnen
in Hongkong übertragen. Bereits am folgenden
Penney-Kaufhäuser, wobei die Lagerhäuser von
Mittwochnachmittag hatte eine taiwanesische Fa-
Penney völlig umgangen werden. Der Hemden-
brik ein identisches Hemd als Ersatz an dasselbe
produzent weist Artikelnummern und Barcodes
J.C. Penney-Kaufhaus in Roseville geliefert.
zu, damit die Produkte eindeutig und leicht er-
Seit Einführung dieses optimierten Logistik-
fasst sowie schneller verladen werden können.
und Produktionssystems werden in Penney-Kauf-
Der Produzent sendet Penney vorab Versandmit-
häusern kaum Warenbestände an Herrenoberhem-
teilungen über Inhalt und Bestimmungsort der
den der hauseigenen Marke auf Lager gehalten.
einzelnen Pakete zu. Penney hat elektronischen
Ein Hemdenhersteller aus Hongkong namens TAL
Zugriff auf die Systeme der Firma TAL, um den
Apparel Ltd. steuert den gesamten Logistik- und
Produktions- und Versandstatus zu überprüfen
Produktionsprozess für Hemden der Marke Pen-
und Warenbestandsdaten abzurufen. Die Liefer-
ney. Die Firma TAL erfasst die Verkaufsdaten der
genauigkeit konnte hierdurch auf 100 Prozent ge-
Penney-Hemden direkt bei den Penney-Kaufhäu-
steigert werden.
sern in Nordamerika und leitet die Zahlen an ein
Anwendungssystem weiter, welches die Anzahl

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1 INFORMATIONSSYSTEME

TAL ist ein hinter den Kulissen der Modebranche in den regionalen Lagerhäusern von Penney keine
aktiver Riese. Die Firma ist der weltgrößte Herstel- von TAL produzierten Hemden auf Lager sind,
ler von Oberhemden; ein Achtel aller in den USA etwa weil sie schneller abverkauft wurden als
verkauften Herrenoberhemden werden von TAL vom Prognosemodell vorhergesagt, sendet TAL
produziert. Mit seinen billigen asiatischen Ferti- den erforderlichen Nachschub per Luftfracht.
gungsbetrieben und leistungsfähigen Informations- Penney hat begonnen, die umfassenden Informa-
systemen beliefert die Firma Marken wie Calvin tionssysteme und die Expertise von TAL für den
Klein, Ralph Lauren, Tommy Hilfinger, J. Crew, Entwurf und Markttests neuer Hemdenmodelle zu
Banana Republic, Liz Claiborne und Brooks nutzen. Einen Monat, nachdem die Designteams
Brothers. Die Firma TAL koordiniert ihre Arbeit von TAL in New York und Dallas einen neuen
mit Hilfe eines auf Internettechnik basierenden Schnitt entworfen haben, können die Fabriken von
Netzwerks mit ihren Niederlassungen in Übersee TAL 100.000 neue Hemden in einer Vielzahl ver-
und ihren Fabriken in Taiwan, Hongkong, Thai- schiedener Farben und Größen für Marketingtests
land, Malaysia, Indonesien, China und Mexiko. in 50 J.C. Penney-Kaufhäusern produzieren. TAL
Renommierte Einzelhändler übergeben die Ver- ermittelt anhand der Umsatzdaten für diese Hem-
waltung ihrer zentralen Produktions- und Waren- den, ob das neue Hemdenmodell Käufer findet
bestandsdaten an externe Zulieferer wie TAL, und wie viele Hemden in den einzelnen Größen
weil TAL diese Aufgaben besser und zu niedrige- und Farben für Penney produziert werden müs-
ren Kosten bewältigen kann. Bevor Penney mit sen. TAL koordiniert den gesamten Produktions-
TAL zusammenarbeitete, hielt Penney für bis zu prozess, vom Entwurf bis zur Bestellung von Stoff
sechs Monate ausreichende Warenbestände in sei- und Faden. Die Firma kann neue Hemdenmodelle
nen Lagerhäusern lieferbereit. In seinen Kaufhäu- daher innerhalb von vier Monaten testen und auf
sern lagerten ausreichende Warenbestände für den Markt bringen, also viel schneller, als Penney
drei Monate. Die Verkaufsprognosen basierten auf dies selbst tun könnte. In einem Markt, in dem sta-
einem veralteten Anwendungssystem, das die gnierende Einzelhandelspreise und steigende Fer-
Menge des auf Lager zu haltenden Warenbestands tigungskosten die Gewinne schmälern, führten die
häufig zu hoch einschätzte. Der Lagerbestand der Systeme der Firma TAL zu erstaunlichen Rationa-
von TAL produzierten Hemden der Marke Penney lisierungen und Kosteneinsparungen.
ist heute gleich null. Durch die Reduzierung des
Lagerbestands können Einzelhändler wie Penney
ihre Lagerhaltungskosten reduzieren und die
Menge nicht verkaufter Artikel verringern, die Quellen: Gabriel Kahn, „Invisible Supplier Has Penney’s
ansonsten zu herabgesetzten Preisen verkauft Shirts All Buttoned Up“, The Wall Street Journal, 11. Septem-
werden mussten. Es kostet die Firma J.C. Penney ber 2003; „IBM Boosts Quality and Productivity at TAL“,
29 Cent pro Hemd, wenn ihre eigenen Lagerarbei- www.ibm.com, Stand: 18. September 2003; „Electronic Com-
ter in den USA Bestellungen bearbeiten. TAL merce in Hong Kong Reference Case: TAL Apparel Ltd.“,
kann dieselbe Aufgabe für 14 Cent pro Hemd erle- Government of Hong Kong, 2002; „TAL Case Study 2003“,
digen und zudem den Bestand an Hemden, die be- www.tradecard.com, Stand 26. September 2003, und
sonders gefragt sind, sofort wieder auffüllen. Falls www.tapgroup.com, Stand 18. September 2003.

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1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

Die Änderungen innerhalb der Unternehmen J.C.


Penney und TAL Apparel veranschaulichen bei- Tabelle 1.1
spielhaft, wie sich Unternehmen in zunehmend
vernetzte Firmen verwandeln. Diese vernetzten Un- Die sich wandelnden geschäftlichen
ternehmen setzen das Internet und Netzwerktech- Rahmenbedingungen
nik ein, um Daten reibungslos zwischen verschie-
denen Teilen des Unternehmens auszutauschen, Globalisierung
Geschäftsprozesse zu optimieren und elektronische
Kommunikationsverbindungen mit Kunden, Liefe- Management und Kontrolle in einem globalen Markt
ranten und anderen Unternehmen einzurichten. Wettbewerb auf Weltmärkten
Zielsetzung dabei ist, zunehmend mehr Aufgaben
Globale Arbeitsgruppen
und Transaktionen elektronisch abzuwickeln und
dadurch höhere Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit Globale Liefersysteme
und Rentabilität zu erreichen. Zunehmende Bedeutung der Informations-
In diesem Kapitel behandeln wir Informations- wirtschaft
systeme im Unternehmenskontext. Wir beschreiben
Wissens- und informationsbasierte Marktwirtschaften
hierzu die Systeme und untersuchen, welche Än-
derungen sie für Unternehmen und Management Wissensintensive Produkte und Dienstleistungen
mit sich bringen. Wissen wird zur zentralen produktiven und
strategischen Ressource
Informationsintensives Variantenmanagement von
1.1 Sinn und Zweck von Produkten
Informationssystemen 1.1 Hoher Qualifizierungsbedarf der Mitarbeiter
Wandel der Organisationsstrukturen
Heute ist man weitestgehend davon überzeugt, dass
Kenntnisse über Informationssysteme für praktisch Weniger Hierarchie, flachere Organisationsstrukturen
alle Mitarbeiter eines Unternehmens erforderlich Dezentralisierung
sind, um effizient und profitabel arbeiten zu kön-
nen. Informationssysteme können Firmen dabei un- Größere Flexibilität
terstützen, weit entfernte Standorte zu erreichen, Standortunabhängigkeit
neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten,
Geringe Transaktions- und Koordinationskosten
Tätigkeitsbereiche und Geschäftsprozesse neu zu
organisieren und möglicherweise auch die Art und Übertragung von Verantwortung an Ausführende
Weise grundlegend zu ändern, in der sie ihre Ge- Unternehmensübergreifende Kooperation und
schäfte abwickeln. Teamarbeit
Entstehung des vernetzten Unternehmens
1.1.1 Vernetzte Unternehmen im Durch elektronische Kommunikationsmittel gestützte
wettbewerbsorientierten Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern
betrieblichen Umfeld Abwicklung wichtiger Geschäftsprozesse über
Vier gravierende weltweite Änderungen haben das elektronische Netzwerke
betriebliche Umfeld gewandelt. Die erste Änderung Elektronische Verwaltung wichtiger Vermögens-
besteht im Aufkommen und der Stärkung der globa- gegenstände des Unternehmens
len Wirtschaft. Die zweite Änderung ist der Wandel Rasches Erkennen und Reagieren auf Änderungen im
von Industriegesellschaften zu wissens- und informa- betrieblichen Umfeld
tionsbasierten Dienstleistungsgesellschaften. Der
Wandel der Unternehmen selbst stellt die dritte
Änderung dar. Die vierte Änderung betrifft die Ent-
stehung des vernetzten Unternehmens. Diese Ände-
rungen, die in Tabelle 1.1 zusammengefasst sind,
bringen für Unternehmen und deren Geschäftsfüh-
rung eine Reihe weiterer Herausforderungen mit sich.

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1 INFORMATIONSSYSTEME

Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren 1882 - 2003


70,0

60,0

50,0
% der Erwerbstätigen

40,0

30,0

20,0

10,0

0,0
82 07 33 50 58 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 02
18 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 20 20
Jahr

Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (primärer Sektor) Produzierendes Gewerbe (sekundärer Sektor)
Dienstleistungen (tertiärer Sektor)

Abbildung 1.1: Die Veränderung der Erwerbstätigenstruktur – auf dem Weg hin zu einer wissens- und informationsbasierten
Dienstleistungsgesellschaft
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Anzahl der in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter und seit den 70er Jahren die Anzahl der Fabrikarbeiter
stetig gesunken. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Büroangestellten im tertiären Sektor, die mit Hilfe von Wissen und Informationen Wert schöpfen,
kontinuierlich an.

„ Globalisierung nehmerisches Problem, das leistungsfähige Infor-


mationssysteme erfordert.
Ein zunehmender Prozentsatz der Wirtschaft in Globalisierung und IT bringen auch neue Bedro-
Europa, Asien und den USA ist von Importen und hungen für heimische Wirtschaftsunternehmen mit
Exporten abhängig. Mehr als 25 Prozent der in den sich: Dank der globalen Kommunikations- und Ma-
USA produzierten Waren und Dienstleistungen nagementsysteme können die Kunden jetzt in einem
hängen vom Außenhandel (sowohl Import als auch weltweiten Markt einkaufen und rund um die Uhr
Export) ab, in Ländern wie Japan oder Deutschland Informationen zu Preisen und Qualitäten erhalten.
ist dieser Prozentsatz sogar noch höher. Unterneh-
men verlagern zudem wichtige Geschäftsfunktionen „ Zunehmende Bedeutung wissens-
aus den Bereichen Produktdesign, Fertigung, Finan- und informationsbasierter
zen und Kundenservice an Standorte in anderen Dienstleistungsgesellschaften
Ländern, an denen diese Arbeiten kostengünstiger
ausgeführt werden können. Die Auslagerung der La- Deutschland, die USA, Japan und andere Industrie-
gerbestandsverwaltung von J.C. Penney an TAL nationen verändern sich von Industriegesellschaften
Apparel Ltd. in Hongkong, die in der einführenden in wissens- und informationsbasierte Dienstleistungs-
Fallstudie beschrieben wurde, ist ein Beispiel hier- gesellschaften, während die Produktion in Billiglohn-
für. Der heutige und künftige Erfolg von Firmen länder verlagert wird. In einer wissens- und infor-
hängt von deren Fähigkeit ab, global zu agieren. mationsbasierten Wirtschaft tragen Wissen und
Heute stellen Informationssysteme die Kommu- Informationen wesentlich zur Wertschöpfung bei.
nikations- und Analysefunktionen zur Verfügung, Die weit über 100 Jahre umfassende Zeitreihe in
die Firmen benötigen, um weltweit Handel zu trei- Abbildung 1.1 zeigt die kontinuierliche Abnahme
ben und ein weltweit operierendes Unternehmen der Anzahl der in der Landwirtschaft und im produ-
zu führen. Die Steuerung eines weit ausgedehnten, zierenden Gewerbe tätigen Arbeiter. Gleichzeitig
globalen Unternehmens, welche die Kommunika- stieg die Anzahl der Erwerbstätigen im Dienst-
tion mit Distributoren und Lieferanten, den Rund- leistungsbereich. Dieser massive Wandel begann
um-die-Uhr-Betrieb in verschiedenen Ländern, die Anfang des 20. Jahrhunderts und beschleunigte sich
Koordination globaler Arbeitsteams und die Erfül- zunehmend. Heute arbeiten die meisten Menschen
lung von Berichtsfunktionen auf lokaler und natio- nicht mehr in der Landwirtschaft oder in der Pro-
naler Ebene umfasst, ist ein bedeutendes unter- duktion, sondern im tertiären, dem so genannten

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1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

Summe aller IT-Investitionen und Summe aller Unternehmensinvestitionen


1.400,0
1.200,0
Milliarden USD

1.000,0
800,0
600,0
400,0 35%
200,0 19%
0,0
80

82

84

86

88

90

92

94

96

98

00

02
19

19

19

19

19

19

19

19

19

19

20

20
Jahr

Summe aller Unternehmensinvestitionen Summe aller IT-Investitionen

Abbildung 1.2: Anlageinvestitionen in Informationstechnik (IT) 1980 – 2003


Zwischen 1980 und 2003 ist der Anteil, den die Gesamtsumme der Anlageinvestitionen in IT, d.h. Hardware, Software und Telekommunikations-
geräte, an der Gesamtsumme aller Unternehmensinvestitionen ausmacht, von 19 Prozent auf 35 Prozent gestiegen.

Quelle: Die Daten basieren auf U.S. Department of Commerce, Bureau of Economic Analysis, National Income and Product Accounts, Tabellen 5.2
und 5.8, 2003.

Dienstleistungssektor. Dieser umfasst etwa formations- und Datenverarbeitung. IT beschreibt


Tätigkeiten im Vertrieb, im Bildungsbereich, im Verfahren zur Verarbeitung von Informationen und
Gesundheitswesen, in Banken, Versicherungen und Daten und zur Telekommunikation. Während man
in Rechtsanwaltskanzleien. Hinzuzuzählen sind unter Technologie das Wissen über technische Zu-
dabei auch Dienstleistungen für Unternehmen, wie sammenhänge versteht, ist Technik die Anwen-
z.B. Beratung, Computerprogrammierung oder das dung oder Umsetzung einer Technologie.
Zustellen von Dokumenten oder Waren. Diese Die heutige Wirtschaft hängt so sehr von Wissen
Tätigkeiten erfordern primär, dass Wissen und Infor- und Informationen ab, dass IT und Informations-
mationen genutzt, verteilt oder geschaffen werden. systeme eine enorme Bedeutung gewonnen haben.
In der Tat machen geistige Tätigkeiten mittlerweile IT-Investitionen machen jetzt mehr als ein Drittel
über 60 Prozent des US-amerikanischen Bruttosozi- aller Anlageinvestitionen in den USA und mehr als
alprodukts aus, und nahezu 55 Prozent der Arbeit- die Hälfte der Anlageinvestitionen in datenintensi-
nehmer sind in diesem Bereich beschäftigt. ven Branchen wie Finanzdienstleistungen, Ver-
In wissens- und informationsbasierten Ökonomien sicherungen und Immobilienfirmen aus. Abbildung
besteht der Marktwert eines Unternehmens zum 1.2 zeigt, dass der Anteil privater Unternehmens-
Großteil aus immateriellen Vermögenswerten, wie investitionen in IT an der Gesamtsumme privater
unternehmenseigenem Wissen, Informationen, be- Unternehmensinvestitionen in den USA zwischen
sonderen, unternehmenseigenen Geschäftsmetho- 1980 und 2003 von 19 Prozent auf über 35 Prozent
den, Warenzeichen und anderem „intellektuellen anwuchs. Wenn man Investitionen in die notwen-
Kapital“. Physische Vermögenswerte, wie Gebäude, digen Änderungen von Organisation und Manage-
Maschinen, Werkzeuge und Warenbestände, machen ment, die für den effizienten Einsatz von IT getätigt
inzwischen weniger als 20 Prozent des Marktwerts werden müssen, Kosten für IT-bezogene Unterneh-
vieler Aktiengesellschaften in den USA aus (Lev, mens- und Beratungsdienstleistungen sowie Perso-
2001). Wissen und Informationen bilden die Grund- nalkosten von Firmen, die IT einsetzen, zusätzlich
lage für Produkte und Dienstleistungen, wie z.B. berücksichtigen würde, dann ergäbe sich ein dop-
Kreditkarten, Expresspaketzustellung oder welt- pelt so hoher Investitionsbetrag.
weite Reservierungssysteme. Die Erstellung von
Computerspielen ist ein Beispiel für ein wissens- und
datenintensives Produkt. Wissens- und datenintensive Produkte | Produkte,
Der Anteil von Wissen an der Wertschöpfung deren Fertigung ein hohes Maß an Wissen und Informa-
steigt auch bei der Fertigung traditioneller Produk- tionsverarbeitung erfordert.
te. Beispielsweise stützen sich in der Automo- Informationstechnik (IT) | Oberbegriff für die Informa-
bilbranche sowohl das Design als auch die Ferti- tions- und Datenverarbeitung. IT beschreibt Verfahren
gung stark auf Wissens- und Informationstechnik. zur Verarbeitung von Informationen und Daten sowie
Informationstechnik (IT) ist ein Oberbegriff für die In- zur Telekommunikation.

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1 INFORMATIONSSYSTEME

„ Wandel der Unternehmen „ Entstehung des vernetzten Unternehmens

Die Strukturen und die Führung eines Unterneh- Der intensive Einsatz der IT in Wirtschaftsunterneh-
mens unterliegen einem steten Wandel. Eine tradi- men seit Mitte der 1990er Jahre sowie die gleichzeitige
tionelle Unternehmensform, die man auch heute Umstrukturierung von Unternehmen haben die Bedin-
noch weit verbreitet vorfindet, lässt sich als eine gungen für ein neues Phänomen der Industriegesell-
hierarchische, zentralisierte, strukturierte Organisa- schaft geschaffen: das vollkommen vernetzte Unter-
tion von Spezialisten beschreiben, die in der Regel nehmen. Das (IT-)vernetzte Unternehmen lässt sich
unter Verwendung von Handbüchern und Verfah- unter verschiedenen Aspekten definieren. Im Weite-
rensrichtlinien ein in Massenfertigung erzeugtes ren werden wir dazu sprachvereinfachend von
Produkt (oder eine Dienstleistung) bereitstellen. „vernetzten Unternehmen“ sprechen und dabei den
Moderne Unternehmen haben eine flachere (weni- IT-Aspekt jeweils implizit voraussetzen. Unter dem
ger hierarchische), dezentralisierte, flexible Organi- Begriff „vernetztes Unternehmen“ verstehen wir Orga-
sation von Generalisten, die unter Nutzung sofort nisationen, in denen alle wesentlichen Geschäftspro-
verfügbarer Daten in Massenfertigung erzeugte zesse, alle betriebswirtschaftlichen Funktionsbereiche
Produkte oder Dienstleistungen bereitstellen, die sowie die Beziehungen zur Unternehmensumwelt,
speziell auf bestimmte Märkte oder Kunden insbesondere Kunden und Lieferanten, durch Infor-
zugeschnitten sind. Vielerorts werden dabei kun- mations- und Kommunikationstechnik unterstützt
denindividuelle Anpassungen berücksichtigt, wäh- werden. Mit Unternehmensumwelt ist hier nicht die
rend die klassische Massenfertigung auf dem Rück- „natürliche Umwelt“ gemeint, sondern insbesondere
zug ist. die ökonomische Umgebung des Unternehmens. Dazu
Die traditionelle Geschäftsführung war (und ist gehören seine Beziehungen zu Unternehmens-
noch immer) auf formale Pläne, eine strikte Arbeits- partnern, Kunden und Lieferanten, der Markt, in dem
teilung und formale Regeln angewiesen. Modernes ein Unternehmen agiert, und im Weiteren auch die
Management verlässt sich auf informelle Zusagen, Gesellschaft, die Kultur und die politischen Rahmen-
um Ziele festzulegen (statt auf eine formale Pla- bedingungen, denen das Unternehmen ausgesetzt ist.
nung), auf eine flexible Organisation und Vernet- Ein Geschäftsprozess ist eine Folge von logisch zu-
zung von Teams und einzelnen Mitarbeitern, die in sammenhängenden Aktivitäten, die für das Unter-
Projektgruppen zusammenarbeiten, und nutzt Kun- nehmen einen Beitrag zur Wertschöpfung leisten,
dennähe zur Koordination der Mitarbeiter. Moder- einen definierten Anfang und ein definiertes Ende
nes Management appelliert an das Wissen, die haben, wiederholt durchgeführt wird und sich in
Lernfähigkeit und die Entscheidungen einzelner der Regel am Kunden orientiert. Die Entwicklung
Mitarbeiter, um den ordnungsgemäßen Betrieb der eines neuen Produkts, die Erledigung eines Auf-
Unternehmung sicherzustellen. Dieser neuere trags und die Einstellung eines neuen Mitarbeiters
Managementstil wird durch Informationssysteme sind Beispiele für Geschäftsprozesse. Dabei kann
unterstützt, in Teilen sogar erst ermöglicht. die Art und Weise, wie Unternehmen ihre Ge-
schäftsprozesse ausführen, einen Wettbewerbsvor-
teil bedeuten. (Geschäftsprozesse werden in Kapitel
2 eingehend behandelt.)
In einem vernetzten Unternehmen werden wichti-
ge Vermögenswerte (geistiges Eigentum, Kernkom-
petenzen, finanzielle und personelle Ressourcen)
(IT-)Vernetztes Unternehmen | Organisationen, in mit elektronischen Mitteln verwaltet. Idealtypisch
denen alle wesentlichen Geschäftsprozesse, alle be- ist jede Information, die für wichtige Geschäftsent-
triebswirtschaftlichen Funktionsbereiche sowie die scheidungen relevant ist, jederzeit und überall in
Beziehungen zur Unternehmensumwelt, insbesondere
der Unternehmung verfügbar. Da vernetzte Unter-
Kunden und Lieferanten, durch Informations- und
nehmen Veränderungen in ihrem Umfeld viel
Kommunikationstechnik unterstützt werden.
schneller wahrnehmen und viel rascher darauf rea-
Geschäftsprozess | Eine Folge von logisch zusammen- gieren als traditionelle Firmen, sind sie flexibler
hängenden Aktivitäten, die für das Unternehmen einen und können turbulente Zeiten durch geeignete An-
Beitrag zur Wertschöpfung leisten, einen definierten An- passung eher überleben. Vernetzte Unternehmen
fang und ein definiertes Ende haben, wiederholt durch- bieten außergewöhnliche Möglichkeiten für eine
geführt werden und sich in der Regel am Kunden globalere Organisation und Geschäftsführung. Die
orientieren. Unterstützung und Optimierung der Arbeitsabläufe
durch elektronische Mittel verleiht vernetzten Un-

30
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1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

ternehmen das Potenzial, ihre Rentabilität und Ein Anwendungssystem für ein bestimmtes Unter-
Wettbewerbsfähigkeit in bislang beispiellosem Um- nehmen ist Teil eines Informationssystems dieses
fang zu steigern. Unternehmens. Ein Anwendungssystem ist der
Vernetzte Unternehmen unterscheiden sich von technisch realisierte Teil eines Informationssys-
traditionellen dadurch, dass ihre Organisation und tems, entspricht also der funktionsfähigen Hard-
Geschäftsführung nahezu völlig von IT und unter- ware/Software sowie den Daten zur Bearbeitung
schiedlichen Informationssystemen abhängt. Für von Anwendungsaufgaben.
die Geschäftsführung eines vernetzten Unterneh- Anwendungssysteme, die beispielsweise von
mens ist IT nicht einfach nur ein nützliches Hilfs- Software-Häusern für einen bestimmten Unterneh-
mittel, sondern der Kern des Unternehmens und menstyp geschaffen worden sind, kann man oft als
ein primäres Managementtool. standardisiertes Produkt „von der Stange“ kaufen.
Einige Unternehmen, wie z.B. Cisco Systems Allerdings müssen meist mehr oder weniger um-
oder Dell Computers, sind bereits fast vollkommen fangreiche Anpassungsprozesse durchgeführt wer-
vernetzte Unternehmen, die das Internet für alle den, bevor ein Anwendungssystem erfolgreich im
Geschäftsbelange nutzen. In den meisten anderen Unternehmen wirken kann. Organisatorische
Unternehmen ist die vollkommene Vernetzung Aspekte, wie beispielsweise die „Einbettung“ des
noch immer eher Vision als Wirklichkeit, aber diese Anwendungssystems in das Unternehmen oder die
Vision führt sie zur Digitalisierung und Integration Anpassung der Aufbau- und Ablauforganisation im
der Unternehmensbereiche. Unternehmen investie- Unternehmen, spielen dabei nur eine geringe oder
ren weiterhin in Informationssysteme, die zur keine Rolle.
Integration interner Geschäftsprozesse und zum Ein Informationssystem ist wie ein Anwendungs-
Aufbau engerer Beziehungen zu Lieferanten und system für ein betriebliches Aufgabengebiet ge-
Kunden dienen. Das in der einführenden Fallstudie schaffen und enthält die dafür notwendige Anwen-
beschriebene Unternehmen TAL Apparel Ltd. ent- dungssoftware und Daten. Im Gegensatz zu
wickelt sich zu einem vernetzten Unternehmen, da Anwendungssystemen werden bei Informationssys-
die Hersteller, Lieferanten und Kunden auf elektro- temen auch die Organisationsstrukturen, in die das
nischem Weg in alle wichtigen Geschäftsprozesse System eingebettet werden soll, und die Menschen,
eingebunden werden. die mit dem System arbeiten sollen, berücksichtigt
(siehe Abbildung 1.3). Ein Informationssystem ist
daher immer ein betriebsindividuelles System,
1.1.2 Anwendungssysteme und d.h., es wird für die in diesem Betrieb gegebenen
Informationssysteme spezifischen organisatorischen und personellen
Rahmenbedingungen geschaffen und kann nur in
Im Beispiel von J.C. Penney war von Anwendungs-
diesem Betrieb seine volle Wirkung entfalten.
systemen und Informationssystemen die Rede. Je
nach Art und Umfang des eingesetzten Systems
spricht man von Anwendungssystemen oder Infor-
mationssystemen.
Ein Anwendungssystem ist ein System, das alle Pro-
gramme beinhaltet, die als Anwendungssoftware für
ein konkretes betriebliches Anwendungsgebiet ent-
wickelt, eingeführt und eingesetzt werden. Hinzu
Anwendungssystem | Ein System, das alle Programme
kommen die Daten (in Form von Dateien, Daten-
beinhaltet, die für ein bestimmtes betriebliches Aufga-
banken, verteilten Datenbanken etc.), welche von bengebiet entwickelt wurden und eingesetzt werden,
der Anwendungssoftware genutzt werden, sowie die inklusive der Technik (IT-Infrastruktur), auf der das An-
IT-Infrastruktur, auf der die Software läuft. wendungssystem läuft, und der Daten, die vom Anwen-
Anwendungssysteme werden für die Zwecke dungssystem genutzt werden.
eines bestimmten Unternehmens oder eines be-
stimmten Typs von Unternehmen geschaffen und Informationssystem | Ein System, das für die Zwecke
eines Teils eines bestimmten Unternehmens geschaffen
kommen in einem oder mehreren Unternehmen zum
bzw. in diesem Betrieb eingesetzt wird. Ein Informati-
Einsatz. Beispiele für Anwendungssysteme sind:
onssystem enthält die dafür notwendige Anwendungs-
Rechnungswesen (Buchhaltung, Kostenrechnung
software und Daten und ist in die Organisations-,
etc.), Personalwesen, Logistik, Verkauf/Vertrieb/Mar-
Personal- und Technikstrukturen des Unternehmens
keting. In einem Unternehmen gibt es nicht ein (ein- eingebettet.
ziges), sondern meist eine größere Anzahl von paral-
lel eingesetzten Anwendungssystemen.

31
7158.book Page 32 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Informationssystem

Organisation Management

Anwendungssystem

Betriebliche
Aufgaben/Prozesse

Anwendungs-
Daten Software

IT-Infrastruktur

Abbildung 1.3: Der Zusammenhang zwischen Informationssystem und Anwendungssystem


Das Anwendungssystem besteht aus den betrieblichen Aufgaben und Prozessen, die es unterstützt, der IT-Infrastruktur, der Anwendungssoftware
und den Daten, die es zur Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Ein Informationssystem beinhaltet darüber hinaus Organisations- und Management-
aspekte und ist individuell auf das Unternehmen zugeschnitten, in dem es eingesetzt wird.

Deshalb kann ein Informationssystem auch nicht Informations- und Anwendungssysteme enthalten
„von der Stange“ gekauft, sondern muss individuell Informationen zu wichtigen Personen, Orten und
entwickelt und angepasst werden (Seibt, 1991). Dingen innerhalb des Unternehmens oder dessen
Häufig enthalten Informationssysteme ein oder Umfeld. Mit Informationen sind hier Daten gemeint,
mehrere Anwendungssysteme als Komponenten. die in eine für Menschen bedeutungsvolle und
Informationssysteme können nicht nur die Ent- nützliche Form gebracht wurden. Unter Daten ver-
scheidungsfindung, Koordination, Steuerung und stehen wir dagegen Fakten, die Ereignisse in Unter-
Kontrolle im Unternehmen erleichtern, sondern nehmen oder deren physischem Umfeld repräsen-
Führungskräften und Mitarbeitern auch helfen, tieren und noch nicht strukturiert oder in eine für
Probleme zu analysieren, komplizierte Sachverhalte Menschen verständliche und verwendbare Form
zu durchblicken und neue Produkte zu entwickeln. gebracht wurden.
In der Praxis lassen sich Systeme nicht immer Ein kurzes Beispiel verdeutlicht die Unterschei-
klar als Anwendungssystem bzw. als Informations- dung zwischen Informationen und Daten: Super-
system charakterisieren. Es existieren Systeme, die marktkassen erfassen Millionen von Datenelemen-
kaum losgelöst von Organisations- oder Manage- ten, z.B. Artikelnummern oder den Preis der
mentaspekten betrachtet werden können. einzelnen verkauften Artikel. Diese Datenelemente
können zusammengefasst und analysiert werden,
um aussagekräftige Informationen zu erhalten, z.B.
wie viele Flaschen Geschirrspülmittel insgesamt in
Informationen | Daten, die in eine Form gebracht wur- einem bestimmten Supermarkt verkauft wurden,
den, die für Menschen bedeutungsvoll und nützlich ist. welche Sorten von Geschirrspülmitteln sich in die-
Daten | Rohdaten, die Ereignisse in Unternehmen oder sem Laden oder Vertriebsgebiet am schnellsten ver-
deren physischem Umfeld repräsentieren und noch nicht kauft haben oder wie hoch die Gesamtkosten wa-
strukturiert oder in eine für Menschen verständliche und ren, die diesem Supermarkt oder Vertriebsgebiet
verwendbare Form gebracht wurden. durch die einzelnen Sorten von Geschirrspülmit-
teln entstanden sind (siehe Abbildung 1.4).

32
7158.book Page 33 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

Vertriebsbereich: Nordwest
331 Geschirrspülmittel 1,29
Laden: Supermarkt Nr. 122
863 Schonkaffee 4,69
173 Katzenfutter 0,79
331 Geschirrspülmittel 1,29 VERKAUFTE
663 Gekochter Schinken 3,29 ARTIKELNR. BESCHREIBUNG STÜCKZAHL
524 Scharfer Senf 1,49 331 Geschirrspülmittel 7156
113 Limonade 0,85
KUM.
331 Geschirrspülmittel 1,29
JAHRESUMSATZ
.
. € 9.231,24
.

Daten Informationen

Abbildung 1.4: Daten und Informationen


Die Rohdaten von einer Supermarktkasse können verarbeitet und strukturiert werden, so dass sie aussagekräftige Informationen bilden, wie die
Gesamtsumme der verkauften Stückzahl von Geschirrspülmitteln oder den Gesamtumsatz, der in einem bestimmten Laden oder einer Vertriebs-
region durch den Verkauf von Geschirrspülmitteln erzielt wurde.

Weitere Aspekte im Kontext von Daten, Informatio- den diese Daten gespeichert und verarbeitet. Aus
nen und Wissen behandeln wir in Kapitel 10. der Kombination dieser Daten mit vergangenen Um-
Die Informationen, die Unternehmen benötigen, satzdaten wird abgeleitet, wie viele dieser Hemden
um Entscheidungen zu fällen, den Betriebsablauf zu in den verschiedenen Größen und Farben produ-
steuern, Probleme zu analysieren und neue Produk- ziert werden müssen, um den Warenbestand der
te oder Dienstleistungen zu entwickeln, werden einzelnen J.C. Penney-Kaufhäuser in Nordamerika
durch drei Aktivitäten in einem Anwendungssys- aufzufüllen. Die Ausgabe besteht in diesem Fall aus
tem erzeugt. Bei diesen Aktivitäten handelt es sich einem Auftrag für eine TAL-Fabrik in Taiwan, der
um Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe (EVA-Prin- angibt, welche Menge, Größe, Farbe und Ausfüh-
zip, siehe Abbildung 1.5). Mit Eingabe ist hier das rung eines bestimmten Hemds hergestellt und an
Erfassen oder Sammeln von Rohdaten innerhalb des welches J.C. Penney-Kaufhaus die gefertigten Hem-
Unternehmens oder in dessen Umfeld gemeint, die den geschickt werden sollen. Das System stellt also
in einem Anwendungssystem verarbeitet werden bedeutungsvolle Informationen bereit, z.B. welche
sollen. Durch die Verarbeitung werden diese Roh- Hemdenmodelle, Farben und Größen in welchen
daten in eine für Menschen verständlichere Form Kaufhäusern am umsatzstärksten sind, welche Mo-
gebracht. Unter Ausgabe verstehen wir das Verteilen delle, Größen und Farben am beliebtesten sind und
der verarbeiteten Informationen an die Personen, welche Kaufhäuser die meisten Hemden verkaufen.
die diese Informationen verwenden. Eine Ausgabe
kann auch an andere Prozesse oder Aktivitäten er-
folgen, die diese Informationen einsetzen. Anwen-
dungssysteme benötigen auch Rückmeldungen, d.h. Eingabe | Das Erfassen oder Sammeln von Rohdaten
Ausgaben, die an die geeigneten Mitglieder des innerhalb des Unternehmens oder in dessen Umfeld, die
Unternehmens zurückgegeben werden, damit diese in einem Anwendungssystem verarbeitet werden sollen.
Eingaben beurteilen oder korrigieren können. Verarbeitung | Das Umwandeln, Bearbeiten und Analy-
In dem System der Firma TAL, das für das Auffül- sieren von Rohdaten, um diese in eine für Menschen
len des Warenbestands an Hemden der Marke Pen- verständlichere Form zu bringen.
ney zuständig ist, bestehen die Rohdaten aus einer
Ausgabe | Das Verteilen der verarbeiteten Informatio-
Artikelnummer oder einem Code für ein bestimmtes
nen an die Personen, die diese Informationen verwen-
Hemdenmodell, der Größe, der Farbe, einem Code
den, oder an die Prozesse, für die diese Informationen
für das J.C. Penney-Kaufhaus, in dem das Hemd ver- verwendet werden.
kauft wurde, und der verkauften Stückzahl. Auf
einem Computer der Firma TAL in Hongkong wer-

33
7158.book Page 34 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

UNTERNEHMENS-UMWELT
Lieferanten Kunden
..

.....
.....

..
UNTERNEHMEN

ANWENDUNGSSYSTEM

Verarbeitung
Eingabe Klassifizierung Ausgabe
Strukturierung
Berechnung

Rückmeldung
.......
..

.....
.....

..
Behörden, Aktionäre Wettbewerber
Ämter

Abbildung 1.5: Funktionen eines Anwendungssystems


Ein Anwendungssystem enthält Informationen über ein Unternehmen und dessen Umfeld. Die vom Unternehmen benötigten Informationen wer-
den durch drei Grundaktivitäten (Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe) erzeugt. Mit Rückmeldung sind Ausgaben gemeint, die an die geeigneten
Personen oder Aktivitäten innerhalb des Unternehmens zurückgegeben werden, um Eingaben zu beurteilen oder zu optimieren.
Im Umfeld agierende Personen oder Unternehmen, wie z.B. Kunden, Lieferanten, Konkurrenten, Aktionäre und Regulierungsbehörden, arbeiten
mit dem Unternehmen zusammen und nutzen dessen Anwendungssysteme.

In diesem Buch gilt unser Interesse formalen, unter- Ein weiteres Beispiel ist der Paketdienst UPS: UPS-
nehmensbezogenen, computerbasierten Anwen- Fahrer erfassen die Unterschrift der Kunden auto-
dungssystemen und Informationssystemen, wie matisch mit Hilfe eines Handheld-Computers, der
beispielsweise den von TAL oder J.C. Penney ent- diese zusammen mit den Abhol-, Zustell- und Zeit-
worfenen und verwendeten Informationssystemen. kartendaten speichert. Die Informationssysteme
Formale Systeme beruhen auf akzeptierten und von UPS verfolgen anhand dieser Daten die Pakete
festen Definitionen für Daten und Verfahren zum während ihres Transports.
Erfassen, Speichern, Verarbeiten, Verteilen und Formale Informationssysteme können computer-
Verwenden dieser Daten. Die in diesem Text be- basiert oder manuell sein. Manuelle Systeme arbei-
schriebenen formalen Systeme sind strukturiert. ten mit Papier und Bleistift. Diese manuellen Sys-
Sie arbeiten nach vordefinierten Regeln, die sich teme erfüllen wichtige Zwecke, sind aber nicht
nur in begrenztem Umfang ohne größeren Aufwand Gegenstand dieses Textes. Wenn in diesem Buch
anpassen lassen. Beispielsweise erfordert sowohl von Informationssystemen bzw. Anwendungs-
das System von J.C. Penney als auch das von TAL systemen die Rede ist, dann sind computerbasierte
eindeutige Nummern oder Codes (wie z.B. Primär- Informationssysteme bzw. Anwendungssysteme
schlüssel, siehe Kapitel 7) zur Identifizierung der gemeint, also formale, organisationsbezogene Sys-
einzelnen Hemdenmodelle, Größen, Farben und teme, die auf Computertechnik beruhen. Im
Preise sowie der einzelnen J.C. Penney-Kaufhäuser. Abschnitt „Blickpunkt Technik“ werden einige der
typischen Techniken beschrieben, die in heutigen
computerbasierten Informations- und Anwen-
dungssystemen eingesetzt werden.

Formales System | Ein System, das auf akzeptierten


und festen Definitionen für Daten und Verfahren beruht
und nach vordefinierten Regeln arbeitet.

34
7158.book Page 35 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

Obwohl Anwendungssysteme Computertechnik 1.1.3 Informationssysteme aus der


verwenden, um Rohdaten zu aussagekräftigen In- Unternehmenssicht
formationen zu verarbeiten, wird zwischen einem
Computer und einem Programm einerseits und IT-Investitionen sollten sich in einem erhöhten Un-
einem Informationssystem andererseits unterschie- ternehmenswert ausdrücken. Eine ökonomisch ratio-
den. Computer und die zugehörigen Programme nale Entscheidung für den Aufbau oder die Pflege
stellen die technische Grundlage, die Werkzeuge eines Informationssystems setzt voraus, dass die Ren-
und Baumaterialien moderner Anwendungssy- dite dieser Investition höher ist als bei anderen
steme dar. Computer stellen die Geräte zum Spei- Investitionen in Gebäude, Maschinen oder sonstige
chern und Verarbeiten der Daten zur Verfügung. Vermögenswerte. Diese höheren Renditen resultieren
Programme bestehen aus Anweisungen, die die Ver- aus Produktivitätszuwächsen, höheren Umsatzerlö-
arbeitung der Daten durch den Computer steuern. sen (die den Aktienwert des Unternehmens erhöhen)
Software bildet die Voraussetzung für den Betrieb oder möglicherweise aus einer besseren langfristigen
eines Computers und bezeichnet in einer Program- strategischen Positionierung in bestimmten Märkten
miersprache geschriebene Programme. Für den Ent- (die in der Zukunft höhere Umsatzerlöse einbringt).
wurf von Lösungen für unternehmerische Probleme Es gibt auch Situationen, in denen Unternehmen in
muss man wissen, wie Computer und Programme Informationssysteme investieren, um rechtlichen
arbeiten. Allerdings ist zu beachten, dass Computer Bestimmungen oder anderen Anforderungen ihres
und Programme nur einen Teil von Anwendungs- Umfelds besser entsprechen zu können. Beispiels-
und Informationssystemen ausmachen. weise besteht eine der leistungsfähigsten Möglichkei-
Ein Haus ist eine dazu passende Analogie. Häu- ten, wie private Krankenversicherungen den gesetz-
ser werden mit Kelle, Mörtel und Steinen gebaut, lich vorgeschriebenen Aufbewahrungspflichten, die
aber diese ergeben für sich noch kein Haus. Die Ar- für eingereichte Arztrechnungen usw. gelten, nach-
chitektur, das Design, die Lage, die Gartengestal- kommen können, in der Einrichtung eines Dokumen-
tung und sämtliche Entscheidungen, die zur Gestal- tenmanagementsystems, mit dem sich praktisch alle
tung dieser Elemente führen, sind Bestandteil des verwendeten Belege und Dokumente nachverfolgen
Hauses und unabdingbare Elemente der Lösung des lassen (siehe Kapitel 10). In einigen Fällen müssen
Problems, ein Dach über den Kopf zu bekommen. Firmen in Informationssysteme investieren, weil
Computer und Programme sind Kelle, Steine und diese Investitionen schlichtweg erforderlich sind,
Mörtel des Anwendungssystems, aber sie allein um überleben zu können. Beispielsweise sind einige
können nicht die Informationen erzeugen, die ein kleine Banken u.U. gezwungen, in die zur Bereit-
bestimmtes Unternehmen benötigt. Die Entwick- stellung von Geldautomaten erforderliche Netzwerk-
lung von Informationssystemen setzt voraus, dass anbindung zu investieren oder komplexe Bank-
man die Probleme versteht, die diese lösen sollen, dienstleistungen anzubieten, die beträchtliche
deren Architektur und Designelemente und die or- Technikinvestitionen erfordern (z.B. Online-Ban-
ganisatorischen Prozesse, die zu Lösungen führen. king), weil sie sonst nicht wettbewerbsfähig wären.
Erst wenn man die betrieblichen Aufgaben, die
Organisationsstrukturen und die beteiligten Men-
schen berücksichtigt, kann man von einem Infor-
mationssystem sprechen.
Im Bereich der Informatik werden oft, davon ab-
weichend, Datenbanksysteme in ihren verschiede-
nen Erscheinungsformen als Informationssysteme
bezeichnet.

Programm | Eine Verarbeitungsvorschrift, d.h. ein Algo-


rithmus aus einer Folge von Befehlen (Instruktionen), die
im Maschinencode des jeweiligen Computers formuliert
sind.
Software | Bildet die Voraussetzung für den Betrieb ei-
nes Computers und bezeichnet in einer Programmier-
sprache geschriebene Programme.

35
7158.book Page 36 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Blickpunkt Technik
UPS steigert Wettbewerbsfähigkeit durch IT Unternehmen auf der ganzen Welt können diese Website
verwenden, um UPS-Lieferungen zusammenzustellen und
United Parcel Service (UPS), das weltweit größte Paketzu-
diese Lieferungen der UPS-Kontonummer des Unterneh-
stellungsunternehmen, wurde 1907 in einem winzigen Kel-
mens in Rechnung stellen zu lassen oder mit einer Kredit-
lerbüro gegründet. Jom Casey und Claude Ryan, zwei
karte zu bezahlen. Die über die UPS-Website erfassten
Teenager aus Seattle, versprachen „den besten Service und
Daten werden an den UPS-Zentralrechner und nach der Be-
die günstigsten Preise“. UPS verwendet diese Formel seit
arbeitung zurück an den Kunden übertragen. UPS stellt
fast 100 Jahren erfolgreich.
auch Hilfsmittel zur Verfügung, mit denen Kunden wie Cis-
Heute stellt UPS täglich über 13,6 Millionen Pakete und co Systems UPS-Funktionen, wie z.B. das Nachverfolgen
Dokumente in den USA und in mehr als 200 anderen Län- einzelner Pakete oder die Kostenkalkulation, in ihre eige-
dern zu. Das Unternehmen konnte seine Führungsrolle im nen Websites einbetten können, so dass sie Lieferungen
Bereich der privaten Paketzustellungsdienste gegenüber nachverfolgen können, ohne die UPS-Website zu besuchen.
starken Konkurrenten wie FedEx und Airborne Express
Das Unternehmen bietet in seinen Einzelhandelsniederlas-
behaupten, weil es beträchtliche Summen in fortschrittliche
sungen, den „UPS Stores“, Verpackungs- und Versanddienst-
IT investiert hat.
leistungen sowie an einigen Standorten auch Kopierdienste
Während der letzten zehn Jahre hat UPS über eine Milli- und die Vermietung von PCs an. Dort wird gerade die Bereit-
arde US-Dollar jährlich in Technik und Systeme investiert, stellung drahtloser Internetzugangsmöglichkeiten getestet.
um einerseits den Kundenservice zu verbessern und ande-
UPS hofft, dass seine Läden durch das Angebot dieser
rerseits gleichzeitig die Kosten niedrig zu halten sowie
vielfältigen Dienstleistungen attraktiver werden.
seine allgemeinen betrieblichen Abläufe zu optimieren.
UPS hat kürzlich eine Abteilung namens UPS Supply
UPS-Fahrer erfassen die Unterschrift der Kunden auto-
Chain Solutions gegründet, die Firmen ein komplettes Paket
matisch mit Hilfe eines Handheld-Computers, eines so
von Standarddienstleistungen bietet. Firmen können diese
genannten Delivery Information Acquisition Device (DIAD),
Dienstleistungen zu einem Bruchteil der Kosten abonnie-
der diese zusammen mit den Abhol-, Zustell- und Zeitdaten
ren, die mit dem Aufbau eigener Systeme und einer eige-
speichert. Der Fahrer schließt den DIAD dann an den Fahr-
nen Infrastruktur verbunden wären. Diese Dienstleistungen
zeugadapter des UPS-Lieferwagens an. Bei diesem Adapter
umfassen neben logistischen Dienstleistungen Supply
handelt es sich um ein Datenübertragungsgerät, das mit
Chain Design, Supply Chain Management, Frachttransport,
einem Mobilfunknetz verbunden ist. (Die Fahrer können
Zollabwicklung, Postdienste, kombinierten Verkehr durch
auch über ein in den DIAD integriertes Funkgerät Daten
multimodale Transportketten und Finanzdienstleistungen.
übertragen und empfangen.) Die Paketzustelldaten werden
dann an das Computernetzwerk von UPS übertragen, wo
sie von den Zentralrechnern von UPS in Mahwah, New Jer- Diskussionsfragen:
sey, und Alpharetta, Georgia, gespeichert und verarbeitet Worin bestehen die Eingaben, die Verarbeitung und die Aus-
werden. Auf diese Informationen kann weltweit zugegrif- gaben des Paketverfolgungssystems von UPS? Welche Tech-
fen werden, um Kunden einen Liefernachweis zu geben niken werden eingesetzt? Welche Beziehung besteht
oder Kundenanfragen zu beantworten. zwischen diesen Techniken und der Unternehmensstrategie
Mit seinem automatisierten Paketverfolgungssystem von UPS? Wie zahlen sie sich für das Unternehmen aus? Was
kann UPS die Pakete während des gesamten Zustellprozes- geschähe, wenn diese Techniken nicht verfügbar wären?
ses überwachen. An verschiedenen Punkten auf dem Weg
vom Absender zum Empfänger werden mit Barcodelesern Quellen: Bob Brewin, „UPS Delivers Public-Access Wi-Fi
auf dem Paketaufkleber enthaltene Zustelldaten einge- to Its Retail Outlets“, Computerworld, 11. September
lesen, und diese Daten werden an die Zentralrechner 2003; Todd R. Weiss, „UPS Delivers New Package Check-in
weitergeleitet. Die Kundenservicemitarbeiter können von System for Customers“, Computerworld, 9. April 2003; Lar-
Arbeitsplatzrechnern aus, die mit den Zentralrechnern ver- ry Greenemeier, „UPS Goes Wire-Free“, Information Week,
bunden sind, den Status jedes Pakets überprüfen und Kun- 6. Januar 2003; „Eskew: UPS Targeting Supply Chain“, JoC
denanfragen sofort beantworten. Auch die UPS-Kunden Online, 7. Mai 2002; „UPS Logistics Interview with Tim Gei-
können mit ihren eigenen PCs oder Mobilfunkgeräten über ken, UPS Vice President of E-Commerce Marketing“, eye-
die Website von UPS auf diese Daten zugreifen. fortransport, 22. März 2002, www.eyefortransport.com,
Jeder, der ein Paket versenden möchte, kann die UPS- Stand: 30. September 2003; Brent Adams, „UPS Logistics
Website besuchen und Pakete nachverfolgen, Zustellrouten Provides Variety of Services at Local Center“, Business
überprüfen, Versandkosten berechnen, die Transportdauer First, 19. April 2002.
bestimmen und einen Abholtermin vereinbaren.

36
7158.book Page 37 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

Es wird deutlich, dass Informationssysteme aus lung effizienter und kostengünstiger werden. Diese
wirtschaftlicher Sicht ein wichtiges Wertschöp- Grafik zeigt auch, wie Elemente aus den Bereichen
fungsinstrument für Unternehmen darstellen. Management, Technik und Organisation bei der
Informationssysteme versetzen Unternehmen in die Schaffung dieser Systeme zusammenwirken.
Lage, ihre Umsatzerlöse zu steigern oder ihre Jedes Kapitel dieses Buchs beginnt mit einer
Kosten zu reduzieren, indem sie Informationen be- Grafik, die der oben beschriebenen ähnelt und die
reitstellen, die Führungskräfte darin unterstützen, Analyse der einführenden Fallstudie erleichtern
bessere Entscheidungen zu treffen oder die Ausfüh- soll. Sie können diese Grafik als Ausgangspunkt für
rung von Geschäftsprozessen zu verbessern. Bei- die Analyse jedes beliebigen Informationssystems
spielsweise kann das Informationssystem für die oder Informationssystemproblems verwenden.
Analyse der Supermarktkassendaten, das in Abbil-
dung 1.4 veranschaulicht wurde, die Rentabilität „ Organisation
steigern, indem es der Geschäftsführung ermög-
licht, fundiertere Entscheidungen darüber zu tref- Informationssysteme sind ein integraler Bestandteil
fen, welche Produkte in den Supermärkten auf von Unternehmen. Für einige Unternehmen, z.B.
Lager gehalten und beworben werden sollen, und die Schufa GmbH, sind Informationssysteme sogar
so den Wert des Unternehmens erhöhen. Voraussetzung für ihre Geschäftstätigkeit. Die
Jedes Unternehmen verfügt über eine Informa- Schlüsselelemente eines Unternehmens sind des-
tionswertschöpfungskette (siehe Abbildung 1.6), in sen Mitglieder, Organisationsstruktur, Verfahrens-
der Rohdaten systematisch beschafft und in richtlinien, Politik und Kultur. Wir stellen diese
verschiedenen Phasen, die den Wert dieser Daten Unternehmenskomponenten hier vor und beschrei-
erhöhen, umgewandelt und verarbeitet werden. ben sie in Kapitel 2 und 3 genauer. Unternehmen
Welchen Wert ein Informationssystem für ein Un- setzen sich aus verschiedenen Ebenen und Spezia-
ternehmen hat und ebenso die Entscheidung, ob in lisierungen zusammen. Ihre Organisationsstruktur
ein neues Informationssystem investiert werden spiegelt eine klare Arbeitsteilung wider. Experten
soll, hängen zum Großteil davon ab, in welchem werden zur Ausführung verschiedener Funktionen
Umfang das System zu besseren Managementent- beschäftigt und geschult. Die wichtigsten Geschäfts-
scheidungen, effizienten Geschäftsprozessen und funktionen oder Spezialaufgaben, die von einem Un-
einer höheren Firmenrentabilität führt. Obwohl es ternehmen ausgeführt werden, umfassen Beschaf-
andere Gründe für die Entwicklung von Systemen fung, Vertrieb und Marketing, Fertigung und
gibt, besteht ihr Hauptzweck darin, den Wert des Produktion, Finanz- und Rechnungswesen sowie
Unternehmens zu erhöhen. das Personalwesen (siehe Tabelle 1.2).
Aus der Unternehmenssicht ist v.a. der organisa- Ein Unternehmen koordiniert die Arbeit mit
torische Aspekt von Informationssystemen von Hilfe hierarchischer Strukturen und formaler Ver-
Interesse. Informationssysteme repräsentieren auf fahrensrichtlinien, wie in bestimmten Situationen
IT basierende organisatorische und unternehmeri- vorzugehen ist. Die Hierarchie ist, idealtypisch
sche Lösungen. Ein umfassendes Verständnis von betrachtet, eine pyramidenförmige Anordnung von
Informationssystemen setzt voraus, dass die weite- Personen, deren Autorität und Verantwortungs-
ren organisatorischen, managementbezogenen und bereich nach oben, zur Spitze der Pyramide hin,
informationstechnischen Aspekte des Systems (sie- zunimmt. Die oberen Hierarchieebenen bestehen
he Abbildung 1.7) bekannt sind. Dazu gehört auch aus den Mitarbeitern der Geschäftsführung, Fach-
die Kenntnis, welche Lösungen für die Herausfor- kräften und technischen Mitarbeitern, während auf
derungen und Probleme im geschäftlichen Umfeld den unteren Ebenen Mitarbeiter mit operativen
ein Informationssystem bietet. Aufgaben angesiedelt sind.
Betrachten Sie nochmals die Grafik am Anfang
des Kapitels, welche die Definition von Informa-
tionssystemen widerspiegelt. Die Grafik zeigt, wie
die Verkaufsprognose- und Fertigungssysteme von
TAL die unternehmerische Herausforderung meis-
tern, sich auf den rasch ändernden Kunden- Geschäftsfunktionen | In einem Unternehmen auszu-
geschmack einzustellen und die hohen Lagerhal- führende Spezialaufgaben, zu denen klassischerweise
tungskosten zu reduzieren. Diese Systeme tragen Beschaffung, Vertrieb und Marketing, Fertigung und
zur Wertschöpfung der Unternehmen TAL und J.C. Produktion, Finanz- und Rechnungswesen sowie das
Penney bei, weil durch sie die Fertigung, das Auf- Personalwesen gehören.
füllen der Lagerbestände und die Produktentwick-

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7158.book Page 38 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Geschäftsprozesse

Supply Unternehmens- Kunden- Wissens-


Chain führung verwaltung management
Management
Rentabilität
und strategische
Position des
Unternehmens
Rohdaten- Verarbeitung Verbreitung und
erfassung und in Anwendungs- Verteilung der Daten
-speicherung systemen

Planung Steuerung Kontrolle Modellierung und


Entscheidungsfindung

Aktivitäten im Bereich
Informationsverarbeitung Managementaktivitäten

Wertschöpfung

Abbildung 1.6: Die Wertschöpfungskette von Unternehmensinformationen


Aus Unternehmenssicht sind Informationssysteme Teil einer Reihe von wertschöpfenden Aktivitäten zur Beschaffung, Verarbeitung und Verteilung
von Informationen, die Manager nutzen können, um Entscheidungsfindungsprozesse und die Leistungen des Unternehmens zu verbessern und da-
mit schließlich die Rentabilität des Unternehmens zu steigern.

Verfahrensrichtlinien sind formale Regeln, die für Kollegen oder Kunden zu beantworten und ggf. zu-
einen längeren Zeitraum Gültigkeit besitzen und zur rückzurufen. Die Geschäftsprozesse einer Unterneh-
Erledigung von Aufgaben entwickelt wurden. Diese mung, die weiter oben definiert wurden, basieren
Regeln schreiben Mitarbeitern vor, wie sie in ver- auf Verfahrensrichtlinien. Viele Geschäftsprozesse
schiedenen Situationen verfahren sollen; sie rei- und deren zugrunde liegende Verfahrensrichtlinien
chen von der Rechnungsstellung bis zur Bearbei- (inklusive der Organisationsstruktur, die vorgibt,
tung von Kundenreklamationen. Die meisten welche Stellen im Unternehmen daran beteiligt
Verfahrensrichtlinien sind formalisiert und schrift- sind) werden in Informationssystemen abgebildet,
lich fixiert. Es kann sich aber auch um informelle z.B. Richtlinien, wie Lieferanten bezahlt werden
Arbeitspraktiken handeln, die nicht formal doku- müssen oder wie eine falsch ausgestellte Rechnung
mentiert sind, wie z.B. die Anforderung, Anrufe von zu korrigieren ist.

Tabelle 1.2

Wichtige Geschäftsfunktionen

Funktion Zweck
Beschaffung Beschaffung der Rohstoffe und Vorprodukte, die zur Produktion benötigt werden
Vertrieb und Marketing Vertrieb der Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens
Fertigung und Produktion Erzeugung der Produkte und Dienstleistungen
Finanz- und Rechnungswesen Verwaltung der finanziellen Vermögenswerte des Unternehmens und Pflege und
Verwaltung der Finanzberichte und buchhalterischen Belege des Unternehmens
Personalwesen Einstellung, Verwaltung und Fortbildung des Mitarbeiterstabs des Unternehmens;
Pflege der Personalakten

38
7158.book Page 39 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

Organisation Technik

Informations-
system

Management

Abbildung 1.7: Informationssysteme umfassen mehr als nur Computer


Der effiziente Einsatz von Informationssystemen erfordert das Verständnis der Organisation, des Management und der Technik, die das System for-
men.

Unternehmen erfordern viele verschiedene Arten „ Management


von Fertigkeiten und Persönlichkeiten. Abgesehen
von den Führungskräften gibt es Wissensarbeiter Aufgabe des Management ist es, Situationen zu in-
(z.B. Ingenieure, Architekten oder Wissenschaftler), terpretieren, mit denen das Unternehmen konfron-
die Produkte oder Dienstleistungen entwerfen und tiert wird, Entscheidungen zu fällen und Aktions-
neue Kenntnisse gewinnen, und Datenverarbeiter pläne zur Lösung organisatorischer Probleme zu
(z.B. Datentypisten, Buchhalter oder Sachbearbei- schaffen. Die Führungskräfte nehmen die unterneh-
ter), die die Arbeitsvorgänge des Unternehmens merischen Herausforderungen wahr, die häufig von
vollziehen. Mitarbeiter im Produktions-/Dienstleis- außen an das Unternehmen herangetragen werden.
tungsbereich (z.B. Maschinenführer, Fließbandarbei- Sie legen die Unternehmensstrategie zur Reaktion
ter oder Packer) sind an der unmittelbaren Erstel- auf diese Herausforderungen fest und sie weisen
lung der Güter des Unternehmens beteiligt. personelle und finanzielle Ressourcen zu, um die
Jedes Unternehmen verfügt über eine eigene Kul- Arbeit zu koordinieren und Erfolge zu erzielen.
tur, d.h. eine Grundmenge an Annahmen, Werten Gleichzeitig müssen sie Unternehmen und Mitarbei-
und Arbeitsweisen, die von den meisten Mitglie- ter verantwortungsbewusst führen. Die in diesem
dern des Unternehmens akzeptiert werden. Teile der Buch beschriebenen Informationssysteme von
Unternehmenskultur finden sich im Informations- Unternehmen geben die Hoffnungen, Träume und
system wieder. Beispielsweise ist das Bemühen, den Realitäten von Führungskräften in der Praxis wieder.
Kunden bevorzugt zu behandeln, ein Aspekt der Un- Manager sollten aber nicht nur das verwalten,
ternehmenskultur von UPS, der sich im Paketverfol- was bereits vorhanden ist.
gungssystem des Unternehmens widerspiegelt.
Verschiedene Ebenen und Spezialisierungen
eines Unternehmens führen zu unterschiedlichen Wissensarbeiter | Personen, die Produkte oder Dienst-
Interessen und Meinungen. Diese Ansichten stehen leistungen entwerfen und für das Unternehmen Wissen
häufig miteinander in Konflikt. Informationssyste- schaffen.
me gehen aus diesen unterschiedlichen Perspekti- Datenverarbeiter | Personen, die die operativen
ven, Konflikten, Kompromissen und Vereinbarun- Arbeitsvorgänge des Unternehmens vollziehen.
gen hervor, die ein natürlicher Bestandteil jedes Mitarbeiter im Produktions-/Dienstleistungs-
Unternehmens sind. In Kapitel 3 untersuchen wir bereich | Personen, die die Produkte oder Dienstleistun-
diese Merkmale von Unternehmen eingehender. gen des Unternehmens unmittelbar erzeugen.

39
7158.book Page 40 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Sie müssen auch neue Produkte und Dienstleistun- „ Technik


gen entwickeln und von Zeit zu Zeit sogar das Un-
ternehmen neu erschaffen. Ein substanzieller Teil IT ist eines der vielen Hilfsmittel, mit denen das
der Managementverantwortung besteht in kreativer Management Änderungen bewältigt. Mit Hardware
Arbeit, die sich an neuen Kenntnissen und Infor- sind die physischen Geräte gemeint, die zur Einga-
mationen orientiert. IT kann eine wichtige Rolle bei be, Datenverarbeitung und Ausgabe in Informa-
der Neuorientierung und beim Neuentwurf des Un- tionssystemen eingesetzt werden. Zur Computer-
ternehmens spielen. In Kapitel 3 werden die Tätig- hardware zählen die Hauptplatine des Computers,
keiten des Management und dessen Entscheidungs- verschiedene Eingabe-, Ausgabe- und Speichergerä-
findungsprozesse detailliert beschrieben. te sowie die physischen Mittel zur Verknüpfung
Es ist unbedingt zu beachten, dass die Rollen und dieser Geräte. Software besteht aus den detaillier-
Entscheidungsbefugnisse der Führungskräfte auf ten, vorprogrammierten Anweisungen, die zur
den verschiedenen Organisationsebenen unter- Steuerung und Koordination der Computerhard-
schiedlich sind. Das Top-Management fällt langfristi- warekomponenten eines Informationssystems die-
ge, strategische Entscheidungen darüber, welche nen. Die Bedeutung der Computersoftware eines In-
Produkte und Dienstleistungen produziert bzw. an- formationssystems wird in Kapitel 6 beschrieben.
geboten werden sollen. Das mittlere Management Speichertechnik umfasst sowohl physische Daten-
setzt die Pläne und Ziele des oberen Managements träger zum Speichern der Daten, z.B. magnetische
um. Führungskräfte für operative Aufgaben sind für oder optische Datenträger, als auch die Software,
die Überwachung des laufenden Betriebs verant- welche die Organisation der auf diesen physischen
wortlich. Entsprechend hat jede Managementebene Datenträgern enthaltenen Daten bestimmt. Die Da-
einen anderen Informationsbedarf und andere tenorganisation und Zugriffsmethoden werden in
Anforderungen an das Informationssystem. Kapitel 7 behandelt.
Mit Hilfe der Kommunikationstechnik, die physi-
sche Geräte und Software umfasst, werden die
Top-Management | Personen, die sich in der obersten verschiedenen Computerhardware-Komponenten
Hierarchieebene des Unternehmens befinden und für miteinander verbunden und Daten von einer physi-
langfristige Entscheidungen zuständig sind. schen Position an eine andere übertragen. Compu-
Mittleres Management | Personen in den mittleren ter und Kommunikationsgeräte können in Netzwer-
Ebenen der Organisationshierarchie, die für die Umset- ke eingebunden werden, damit Sprachmeldungen,
zung der Pläne und die Erreichung der Ziele, die vom obe- Daten, Bilder, Audio- und Videodaten von allen Be-
ren Management festgelegt wurden, verantwortlich sind. nutzern gemeinsam genutzt werden können. Ein
Führungskräfte für operative Aufgaben | Personen, Netzwerk dient zur Verbindung von zwei oder mehr
die den laufenden Betrieb des Unternehmens im Detail Computern oder Netzwerksteuerungsgeräten, um
planen, steuern und überwachen. die gemeinsame Nutzung von Daten oder Ressour-
Hardware | Physische Geräte, die zur Eingabe, Verarbei- cen (z.B. Drucker) zu ermöglichen. Einzelheiten zur
tung und Ausgabe in Informationssystemen eingesetzt Kommunikations- und Netzwerktechnik sowie
werden. damit verbundene Probleme werden in den Kapi-
teln 6 und 8 behandelt.
Speichertechnik | Physische Datenträger und Software, Alle diese Techniken repräsentieren Ressourcen,
die zur Speicherung und Organisation der in einem In- die von allen Mitgliedern des Unternehmens ge-
formationssystem zu verwendenden Daten dienen. meinsam genutzt werden können und die IT-Infra-
Kommunikationstechnik | Physische Geräte und Soft- struktur des Unternehmens bilden. Die IT-Infra-
ware, die verschiedene Computerhardware-Komponen- struktur stellt die Grundlage oder Plattform dar, auf
ten (über Netzwerke) miteinander verbinden und Daten der das Unternehmen seine speziellen Informa-
von einer physischen Position an eine andere übertragen. tionssysteme aufbauen kann. Jedes Unternehmen
Netzwerk | Die Verbindung von zwei oder mehreren muss seine IT-Infrastruktur sorgfältig und umsich-
Computern bzw. Netzwerksteuerungsgeräten zum tig entwerfen und verwalten, damit ihm die techni-
Zweck der gemeinsamen Nutzung von Daten oder schen Ressourcen zur Verfügung stehen, die es für
Ressourcen, wie z.B. Druckern. die Aufgaben benötigt, die mit Hilfe von Informa-
tionssystemen bewältigt werden sollen. Dies wird
IT-Infrastruktur | Computerhardware, Software, Daten,
als eine der zentralen Aufgaben des Informations-
Speichertechnik, Kommunikationseinrichtungen ein-
management gesehen (siehe Kapitel 1.2.3).
schließlich Netzwerke bilden die für das Unternehmen
gemeinsam zu nutzenden IT-Ressourcen.

40
7158.book Page 41 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.1 Sinn und Zweck von Informationssystemen

In den Kapiteln 6 bis 8 werden die Hauptkompo- Automatisierung zu erleichtern und so die Zustell-
nenten der IT-Infrastruktur erörtert, und es wird ge- kosten zu reduzieren und die Umsatzerlöse zu erhö-
zeigt, wie diese bei der Schaffung der technischen hen.
Plattform des Unternehmens zusammenwirken. Die Technik zur Unterstützung dieses Systems
Lassen Sie uns zum Informationssystem „Paket- umfasst Handheld-Computer, Barcodeleser, kabel-
verfolgung“ der Firma UPS aus dem Abschnitt gestützte und drahtlose Kommunikationsnetzwerke,
„Blickpunkt Technik“ zurückkehren und die orga- Arbeitsplatzrechner, die Zentralrechner von UPS,
nisatorischen, managementbezogenen und techni- Speichertechnik für die Paketzustellungsdaten,
schen Elemente identifizieren. UPS-interne Paketverfolgungssoftware und Soft-
Das organisatorische Element verankert das Pa- ware für den Zugriff auf das Internet. Ergebnis ist
ketverfolgungssystem in den Vertriebs- und Produk- ein Informationssystem, welches es dem Unterneh-
tionsfunktionen von UPS (das Hauptprodukt von men ermöglicht, trotz wachsender Konkurrenz zu
UPS ist eine Dienstleistung: die Paketzustellung). Es günstigen Preisen erstklassigen Service zu bieten.
legt die erforderlichen Verfahren zur Kennzeich-
nung der Pakete mit Absender und Empfänger, zur „ Ergänzende Vermögenswerte
Bestandserfassung, zur Verfolgung der Pakete wäh- sowie organisations- und
rend des Transports und zur Bereitstellung von managementbezogenes Kapital
Paketstatusberichten für UPS-Kunden und Kunden-
servicemitarbeiter fest. Das System muss auch Infor- Kenntnisse der organisatorischen und management-
mationen liefern, um den Informationsbedarf der bezogenen Dimensionen von Informationssystemen
Führungskräfte und Arbeitnehmer zu erfüllen. Die können uns helfen zu verstehen, warum sich Infor-
UPS-Fahrer müssen sowohl in den Verfahren für mationssysteme für einige Unternehmen besser aus-
das Abholen und Zustellen der Pakete als auch in zahlen als für andere. Untersuchungen der Rendite
der Bedienung des Paketverfolgungssystems ge- von IT-Investitionen zeigen, dass die von den Fir-
schult werden, damit sie effizient und effektiv arbei- men erzielten Renditen stark voneinander abwei-
ten können. Die UPS-Kunden benötigen u.U. Anlei- chen (siehe Abbildung 1.8). Einige Firmen investie-
tung, um die interne UPS-Paketverfolgungssoftware ren viel und erzielen eine hohe Rendite (Quadrant
oder die UPS-Website verwenden zu können. 2); andere Firmen investieren ebenso viel und erzie-
Das UPS-Management ist dafür verantwortlich, len nur eine geringe Rendite (Quadrant 4). Wieder-
die Servicequalität und die Kosten zu überwachen um andere Firmen investieren wenig und erzielen
und gemäß der Unternehmensstrategie kostengüns- eine hohe Rendite (Quadrant 1), während andere
tig hervorragende Dienstleistungen zu bieten, die wenig investieren und auch nur eine geringe Rendite
sich am Markt durchsetzen. Das Management ent- erzielen (Quadrant 3). Diese Ergebnisse legen nahe,
schied sich dafür, das Versenden von Paketen mit dass die Investition in IT per se noch keine hohe
UPS und das Überprüfen des Zustellstatus durch Rendite garantiert. Worauf lassen sich diese Abwei-
chungen zwischen Unternehmen zurückführen?

Produktivität 4,0
1 2
(bezogen auf
den Branchen-
durchschnitt) 2,0

1,0
Abbildung 1.8:
Abweichung der Renditen aus IT-Investitionen
Obwohl IT-Investitionen im Durchschnitt weit höhere Rendi-
0,5 ten bringen als andere Investitionen, gibt es beträchtliche
Abweichungen zwischen verschiedenen Unternehmen.
0,25
3 4
Quelle: Erik Brynjolfsson und Lorin M. Hitt, „Beyond Compu-
0,12 0,25 1,0 4,0 8,0 tation: Information Technology, Organizational Transforma-
tion and Business Performance“, Journal of Economic
Investitionen in IT (bezogen auf den Branchendurchschnitt) Perspectives 14, Nr. 4 (Herbst 2000).

41
7158.book Page 42 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Tabelle 1.3

Ergänzende organisatorische, managementbezogene und soziale Vermögenswerte,


die zur Optimierung der Rendite von IT-Investitionen erforderlich sind

– Unternehmenskultur, in der Effizienz und Effektivität geschätzt werden


– Effiziente Geschäftsprozesse
Organisatorische – Dezentrale Weisungsbefugnisse
Vermögenswerte – Verteilte Entscheidungsbefugnisse
– Starkes IT-Entwicklungsteam
– Starke Unterstützung des Top-Managements für IT-Investitionen
und damit einhergehende Veränderungen
– Anreize für Innovationen im Managementbereich
Managementbezogene – Teamarbeit und kooperative Arbeitsumfelder
Vermögenswerte – Schulungsprogramme, um die Entscheidungsfähigkeiten des Management zu verbessern
– Managementkultur, die Flexibilität und wissensbasierte Entscheidungsfindungs-
prozesse schätzt
– Die allgemein verfügbare Internet- und Telekommunikationsinfrastruktur
– Schulungsprogramme zur Erweiterung der IT-Kenntnisse der Mitarbeiter
– Standards (sowohl öffentliche als auch unternehmensinterne)
Soziale Vermögenswerte – Gesetze und Bestimmungen, die faire und stabile Geschäftsumgebungen schaffen
– Technologie- und Dienstleistungsunternehmen zur Unterstützung der Entwicklung
und Inbetriebnahme von Informationssystemen

Die Antwort liegt im Konzept der ergänzenden Ver- Neuere Untersuchungen zu IT-Investitionen in
mögenswerte. IT-Investitionen können nur dann Wirtschaftsunternehmen legen nahe, dass Unter-
die Effizienz von Organisation und Management nehmen, die ihre Technikinvestitionen durch
steigern, wenn sie im Unternehmen durch unter- Investitionen in ergänzende Vermögenswerte (z.B.
stützende Werte, Strukturen und Verhaltensmuster Geschäftsprozesse, Managementverhalten, Unter-
ergänzt werden. Mit ergänzenden Vermögenswerten nehmenskultur oder Schulungen) unterstützen, hö-
sind Vermögenswerte gemeint, die notwendig sind, here Renditen erzielen als Unternehmen, die diese
damit sich eine primäre Investition auszahlt (Teece, Zusatzinvestitionen nicht tätigen und mit ihren IT-
1988). Für den nutzbringenden Einsatz von Autos Investitionen weniger oder keine Rendite erzielen
sind beispielsweise beträchtliche Zusatzinvestitio- (Brynjolfsson, 2003; Brynjolfsson und Hitt, 2000;
nen in Straßen, Autobahnen, Tankstellen, Repara- Davern und Kauffman, 2000; Laudon, 1974). Diese
turwerkstätten und rechtliche Bestimmungen erfor- Investitionen in Organisation und Management
derlich, um Standards festzulegen und die Fahrer werden auch als organisations- und managementbezo-
zu reglementieren und zu kontrollieren. genes Kapital bezeichnet.
In Tabelle 1.3 sind die wichtigsten Zusatzinvesti-
tionen aufgeführt, die Unternehmen tätigen müs-
sen, damit sich ihre IT-Investitionen auszahlen. Ei-
nige dieser Investitionen umfassen Sachanlagen
wie Gebäude, Maschinen und Werkzeuge. Der Wert
von IT-Investitionen hängt jedoch weitgehend von
Ergänzende Vermögenswerte | Zusätzliche Vermö- Zusatzinvestitionen in Management und Organisa-
genswerte, die notwendig sind, damit sich eine Investi- tion ab. Wichtige organisatorische Zusatzinvestitio-
tion auszahlt. nen sind eine unterstützende Unternehmenskultur,
Organisations- und managementbezogenes Kapi- in der Effizienz und Effektivität geschätzt werden,
tal | Investitionen in Organisation und Management, effiziente Geschäftsprozesse, Dezentralisierung von
z.B. neue Geschäftsprozesse, Managementverhalten, Weisungsbefugnissen, verteilte Entscheidungs-
Unternehmenskultur oder Schulungen. befugnisse und ein starkes IT-Entwicklungsteam.
Zu den wichtigsten ergänzenden Vermögenswerten

42
7158.book Page 43 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.2 Wirtschaftsinformatik

im Managementbereich gehören, dass das Top-Ma- Fragen wie beispielsweise die strategische Einbin-
nagement die Änderungen tatkräftig unterstützt, dung von Informationssystemen in das Unterneh-
sowie Anreize für individuelle Innovation, Förde- men, der Entwurf, die Umsetzung, die Nutzung und
rung von kooperativer Zusammenarbeit, Schu- die Verwaltung von Informationssystemen sowie
lungsprogramme und eine Managementkultur, die ihre Auswirkungen auf Individuen, Gruppen, Un-
Flexibilität und Wissen fördert. ternehmen, Branchen oder Wirtschaftsräume nicht
Wichtige soziale Investitionen (die nicht von dem allein mit technisch geprägten Wissenschaftszugän-
Unternehmen, sondern von der Gesellschaft im All- gen geeignet untersuchen lassen, beschäftigt sich
gemeinen, anderen Unternehmen, der öffentlichen die Wirtschaftsinformatik auch mit verhaltenstheo-
Hand oder anderen wichtigen Marktfaktoren getä- retischen Fragen. Beim verhaltenstheoretischen
tigt werden) umfassen das Internet und die unter- Ansatz werden technische Aspekte nicht völlig
stützende Internetkultur, das Schulsystem, Netz- ausgeblendet. Stattdessen konzentriert er sich auf
werk- und IT-Standards, Bestimmungen und Änderungen in Einstellungen, Management- und
Gesetze sowie die Existenz von Technologie- und Unternehmensrichtlinien sowie im Verhalten
Dienstleistungsunternehmen. (Kling und Dutton, 1982).
Im gesamten Buch werden Ressourcen aus den Die Wirtschaftsinformatik ist demzufolge ein in-
Bereichen Technik, Management und Organisation terdisziplinäres Feld, das nicht von einer einzelnen
und deren Zusammenwirken berücksichtigt. Die Theorie, Methode oder Perspektive dominiert wird.
vielleicht wichtigste Aussage dieses Buchs, die sich Vielmehr tragen so unterschiedliche Disziplinen
in Fallstudien, Abbildungen und Übungen wider- wie die Informatik, die Betriebswirtschaftslehre, das
spiegelt, ist jedoch, dass Führungskräfte die über Operations Research, die Soziologie, die Volkswirt-
die Technik hinausgehenden Organisations- und schaftslehre und die Psychologie mit ihren spezifi-
Managementaspekte von Informationssystemen schen Werkzeugen, Theorien und Methoden zum
berücksichtigen müssen, um vorliegende Probleme Erkenntnisprozess der Wirtschaftsinformatik bei.
verstehen und mit ihren IT-Investitionen über- Einige Beispiele: Im Mittelpunkt einer wirtschafts-
durchschnittliche Renditen erzielen zu können. Wie wissenschaftlich geprägten Sichtweise der Wirt-
Sie im gesamten Buch sehen werden, werden Unter- schaftsinformatik stehen die Erkenntnisobjekte In-
nehmen, die auf diese Dimensionen einer IT-Investi- formation und Kommunikation als wirtschaftliches
tion eingehen, in der Regel überdurchschnittlich be- Gut. Dabei werden z.B. Fragen der Wirtschaftlich-
lohnt. keit des Informationssystemeinsatzes diskutiert und
Auswirkungen von Informationssystemen auf die
Steuerungs-, Kosten- und Wertschöpfungsstrukturen
1.2 Wirtschaftsinformatik 1.2 des Unternehmens und ganzer Branchen untersucht.
Mittels soziologischer Erkenntnisse untersucht die
Wirtschaftsinformatik Informationssysteme im Hin-
1.2.1 Zugänge zum Verständnis der blick darauf, wie Abteilungen und Unternehmen die
Systementwicklung beeinflussen und wie sie sich
Wirtschaftsinformatik
auf den Einzelnen oder auf (Nutzer-)Gruppen aus-
Informationssysteme umfassen menschliche und wirken. Mittels Beiträgen aus der Psychologie
maschinelle Komponenten, die als Aufgabenträger ergründet die Wirtschaftsinformatik beispielsweise,
fungieren, voneinander abhängig sind und zusam- wie Entscheidungsträger formale Daten wahrneh-
menwirken. Entsprechend werden Informations- men und verwenden.
systeme als soziotechnische Systeme aufgefasst. Sie Wirtschaftsinformatik vereint die theoretische
fußen auf informationstechnischen Grundlagen. Al- Arbeit vieler Disziplinen und ihrer unterschied-
lerdings erfordert ihr korrektes Funktionieren be- lichen Zugänge mit der praktischen Ausrichtung
trächtliche soziale, organisatorische, personelle auf Systemlösungen für betriebliche Probleme. Im
und intellektuelle Investitionen. Beispielsweise Wechselspiel mit diesen Disziplinen beginnt die
schlägt sich die Tatsache, dass Technik zunehmend Wirtschaftsinformatik – etwa durch Konzepte wie
kostengünstiger und zugleich leistungsfähiger die Datenverarbeitungssicht von Firmen – andere
wird, nicht automatisch in einer gesteigerten Pro- Disziplinen zu beeinflussen (Baskerville und
duktivität oder höheren Gewinnen nieder. Da sich Myers, 2002).

43
7158.book Page 44 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Branchen Electronic Commerce Funktionen


Industrie, Handel, Elektronische Marktplätze, Entscheidungsunterstützung,
Dienstleistungen Supply Chain Management, Customer Relationship
Outsourcing Management, Produktions-
planung, integrierte Systeme

Anwendungen
Prozess- Modellierung
unterstützung Geschäftsprozess-
Projektmanagement, modellierung,
Anforderungsanalyse, Datenmodellierung,
Systementwurf, Prozesse
Wirtschafts- Daten Wissensrepräsen-
Implementierung, informatik tation, Wissen,
Systembetrieb, Information,
Informations- Schnittstellen,
management, Architekturen,
Integration Objektorientierung
Informations-
technik

Automation Speicherung Kommunikation Transformation


Computer Integrated Datenbanken, Netzwerke, Internet Prozedurale Sprachen,
Manufacturing (CIM), Data Mining, XML Expertensysteme, Neuronale
Roboter Netze, Künstliche Intelligenz

Abbildung 1.9: Typische Bereiche der Wirtschaftsinformatik mit Beispielen

Quelle: in Anlehnung an Hars, 2002.

„ Selbstverständnis der Die Wirtschaftsinformatik strebt damit nach der (Wei-


Wirtschaftsinformatik ter-)Entwicklung von Theorien zur Gewinnung
intersubjektiv nachprüfbarer Erkenntnisse über In-
Die Wirtschaftsinformatik lässt sich als Realwissen- formationssysteme und der Ergänzung des „Metho-
schaft klassifizieren, da Phänomene der Wirklich- den- und Werkzeugkastens“ der Wissenschaften, die
keit untersucht werden. Speziell befasst sie sich den soziotechnischen Erkenntnis- und Gestaltungs-
mit der Beschreibung, Erklärung, Gestaltung und gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung
Vorhersage rechnergestützter Informationssysteme zugänglich machen (WKWI, 1994).
und deren Einsatz in Wirtschaft und Verwaltung. Der Studienführer Wirtschaftsinformatik positio-
Die Wirtschaftsinformatik ist ebenso eine Formal- niert die Wirtschaftsinformatik als interdisziplinä-
wissenschaft, da die Beschreibung, Erklärung, Prog- res Fach im Wesentlichen zwischen Betriebswirt-
nose und Gestaltung von Informationssystemen der schaftslehre und Informatik (Mertens, 2002).
Entwicklung und Anwendung formaler Beschrei-
bungsverfahren und Theorien bedürfen. „ Bereiche der Wirtschaftsinformatik in
Darüber hinaus ist die Wirtschaftsinformatik eine Theorie und (Ausbildungs-)Praxis
Ingenieurwissenschaft, da insbesondere die Gestal-
tung von Informationssystemen eine Konstruk- Abbildung 1.9 stellt überblicksartig typische Berei-
tionssystematik verlangt. che der Wirtschaftsinformatik dar, die sich im Kern
mit den Prozessen und Daten in einem Unterneh-
men beschäftigen. Diese Prozesse und Daten inter-
agieren mit Anwendungen, die informationstech-
Wirtschaftsinformatik | Wissenschaft, die sich mit der nologische Erkenntnisse nutzen.
Beschreibung, Erklärung, Gestaltung und Vorhersage Bereiche, mit denen sich die Wirtschaftsinfor-
rechnergestützter Informationssysteme und deren Einsatz matik in Theorie und (Ausbildungs-)Praxis beschäf-
in Wirtschaft und Verwaltung befasst. Sie versteht sich als tigt, umfassen (u.a. WKWI 1994):
eigenständiges interdisziplinäres Fach im Wesentlichen
zwischen Betriebswirtschaftslehre und Informatik.
„ betriebliche Anwendungs- und Informationssys-
teme in verschiedenen Branchen (z.B. Industrie,
Handel, Dienstleistung) mit innerbetrieblichem

44
7158.book Page 45 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.2 Wirtschaftsinformatik

(z.B. Enterprise Ressource Planning-Systeme) „ Aufgaben des Informationsmanagement als Füh-


und überbetrieblichem Fokus (z.B. elektronische rungsaufgabe für die Informationsverarbeitungs-
Marktplätze), funktionsorientiert (z.B. Finanz- funktion des Unternehmens als Ganzes, ein-
und Rechnungswesen) oder prozessorientiert schließlich der Auseinandersetzung mit Aspekten
(z.B. Auftragsabwicklung), auf allen hierarchi- der Strategie, der Aufbau- und Ablauforganisa-
schen Ebenen eines Unternehmens (z.B. Füh- tion, der Sicherstellung des Funktionierens der
rungsinformationssysteme für das Top-Manage- Systeme sowie des Controlling der Informations-
ment) einschließlich neuerer Formen (z.B. verarbeitung(sabteilungen)
Mobile Commerce sowie Konvergenz von TV, „ die zunehmende informationstechnische Vernet-
Medien, Computer-, und Kommunikationstech- zung der Dinge und der damit entstehenden
nik). Von besonderer Bedeutung dabei ist die Daten-, Kommunikations- und Anwendungs-
zunehmende Funktions- und Prozessintegration, infrastruktur eigener Qualität (aufgegriffen etwa
wie sie beispielsweise in den Konzepten Custo- unter den Begriffen Ubiquitous Computing und
mer Relationship Management, Supply Chain Ambient Intelligence) einschließlich der Ausein-
Management, Life Cycle Management, Computer andersetzung mit Phänomenen der informa-
Integrated Manufacturing, Electronic Commerce tionstechnischen Vernetzung des privaten
und Electronic Business zum Ausdruck kommen. Lebensraumes (z.B. „das intelligente Haus“,
„ die Entwicklung (Konzeption, Planung, Imple- soziale Software, Peer-to-Peer-Communities)
mentierung, Einführung) sowie die Wartung und
den Betrieb vorbenannter Informationssysteme
unter Nutzung der Prinzipien Methoden, Verfah- 1.2.2 Wissenschaftliche Erkenntnis in
ren und Werkzeuge des Software Engineering der Wirtschaftsinformatik
und Projektmanagement unter Berücksichtigung
ökonomischer Randbedingungen Ein einführendes Buch zur Wirtschaftsinformatik
wäre unvollständig, wenn es nicht Auskunft über
„ die Modellierung, Automatisierung und Rationa- die wesentlichen Aspekte wissenschaftlicher Er-
lisierung der Verarbeitung von Daten, Informa-
kenntnis in der Wirtschaftsinformatik gäbe. Neben
tion und Wissen sowie deren Transformation
dem schon dargelegten Selbstverständnis der Wirt-
„ die z.T. grundsätzlichen Fragen der Planung, schaftsinformatik soll darüber hinaus ein Einblick
Steuerung und Kontrolle der Selbst- oder Fremd- in die Forschungsziele und Forschungsmethoden
erstellung von IT-Dienstleistungen sowie ver- gegeben werden (siehe insbesondere Braun, Hafner
bundener Fragen der Auswahl, Anpassung und
und Wortmann, 2004).
Einführung von Hardware, Software und IT-Ser-
Viele der hier anzusprechenden Punkte werden
vices
Sie sich vermutlich erst in einer späteren Studien-
„ die Konzeption und Einführung von Kommuni- phase in Erinnerung rufen oder wenn Sie die eine
kationssystemen vor dem Hintergrund inner- oder andere zitierte Originalquelle zur Vertiefung zu
wie überbetrieblich vernetzter Arbeitsplätze und Rate ziehen. Dennoch ist es den Verfassern ein Anlie-
Unternehmen
gen, trotz oder wegen des einführenden Charakters
„ Verfahren zur Analyse des Nutzens und der des vorliegenden Buchs zur Wirtschaftsinformatik
Wirtschaftlichkeit des IT-Einsatzes diese Inhalte bereits sehr früh zu vermitteln.
„ theoretische und technische Grundlagen von
Anwendungssystemen/Informationssystemen

Tabelle 1.4

Ziele der Wirtschaftsinformatik


Quelle: Becker et al. 2001, S. 11

Erkenntnisziel Gestaltungsziel
Methodischer Auftrag Verständnis von Methoden und Techni- Entwicklung von Methoden und Techni-
ken der Informationssystemgestaltung ken der Informationssystemgestaltung
Inhaltlich-funktionaler Auftrag Verständnis von Informationssystemen Bereitstellung von Informationssystem-
und ihren Anwendungsbereichen Referenzmodellen für einzelne Betriebe
und Branchen

45
7158.book Page 46 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

„ Forschungsziele in der „ Forschungsmethoden der


Wirtschaftsinformatik Wirtschaftsinformatik

Aus dem dargestellten Selbstverständnis der Wirt- Wirtschaftsinformatiker verwenden, wie oben aus-
schaftsinformatik lassen sich in Bezug auf die Ob- geführt, Methoden und Werkzeuge aus den Real-,
jekte der Wirtschaftsinformatik (Informationssyste- Formal- und Ingenieurwissenschaften und entwi-
me und deren Umfeld) vier Forschungsziele ckeln diese weiter. Bei der Auswahl und der Kom-
ableiten (Becker et al., 2001, 2003, S. 11): bination der Methoden/Werkzeuge stehen nicht nur
„ Erkenntnisziel: das Verstehen gegebener Sach- Fragen der technischen Wirksamkeit, sondern ins-
verhalte besondere auch ökonomische und soziale Aspekte
im Vordergrund.
„ Gestaltungsziel: Gestaltung bzw. Veränderung
Tabelle 1.5 vermittelt einen Eindruck von der
bestehender Sachverhalte
Breite der eingesetzten Forschungsmethoden in der
„ Methodischer Auftrag: Der methodische Auf- Wirtschaftsinformatik (vgl. ausführlicher die aktu-
trag umfasst das Verstehen und Entwickeln von
ellen Überblickdarstellungen auf ISWOLRD zu
Methoden und Techniken zur Beschreibung,
quantitativen (Straub, Gefen und Boudreau, 2004)
Entwicklung, Einführung und Nutzung von
und qualitativen (Myers, 1997) Forschungsmetho-
Informationssystemen
den).
„ Inhaltlich-funktionaler Auftrag: Der inhaltlich- Die Wirtschaftsinformatik hat im internationalen
funktionale Auftrag beschäftigt sich mit dem wissenschaftlichen Umfeld in der nordamerikani-
Verständnis und der Gestaltung von Informa-
schen Disziplin Information Systems (IS) ihr
tionssystemen
Gegenstück. Gemeinsam ist beiden Disziplinen der
Im Rahmen einer Delphi-Studie aus dem Jahr 1999 zentrale Untersuchungsgegenstand, nämlich die
wurden die zentralen Forschungsgegenstände der Betrachtung von Informationssystemen im betrieb-
Wirtschaftsinformatik der nächsten drei bzw. zehn lichen oder organisationalen Kontext (WKWI, 1994;
Jahre ermittelt, um im Wettbewerb mit den Nach- King und Lyytinen, 2004). Beide Disziplinen unter-
bardisziplinen Betriebswirtschaftslehre und Infor- scheiden sich in den akzeptierten und angewende-
matik bestehen zu können (Heinzl et al., 2003). In ten Forschungsmethoden. So lässt sich eine Präfe-
Bezug auf die darauf folgenden zehn Jahre (1999– renz empirischer, behavioristischer Forschung in
2009) wurden folgende fünf Forschungsziele der der nordamerikanischen IS konstatieren. Dort
Wirtschaftsinformatik priorisiert (Heinzl et al., herrscht ein quantitativer empirischer Forschungs-
2003, S. 230): ansatz vor. In der Wirtschaftsinformatik im
1 Schaffung verbesserten Wissens über die Be- deutschsprachigen Bereich findet sich eine deutli-
herrschung von Komplexität in Informations- chere Betonung der konstruktiven Forschung.
und Kommunikationssystemen
2 über Netzmärkte und virtuelle Märkte 1.2.3 Informationsmanagement
3 über Anwender-/Mensch-Maschine-Schnitt- Informationssysteme (IS) sind der zentrale Gestal-
stellen tungsgegenstand des Informationsmanagement (IM).
Neben einer technischen Effizienz sollen eine öko-
4 über Informations- und Wissensmanagement
nomische Wirksamkeit und eine soziale Akzeptanz
5 über die Architektur von Informations- aller Benutzer des technischen Systems angestrebt
systemen werden (Gabriel und Beier 2002). Daher wird IM als
Führungsaufgabe mit anwender- und unternehmens-
orientierter Koordinations- und Gestaltungsfunk-
Informationsmanagement (IM) | Informations- tion verstanden (Krcmar 2005).
management (IM), wichtiges Teilgebiet der Wirtschafts-
informatik und sowohl Management- als auch
Technikdisziplin, hat das Ziel, im Hinblick auf die Unter-
nehmensziele den bestmöglichen Einsatz der Ressource
Information zu gewährleisten. Es umfasst das Manage-
ment der Informationswirtschaft, der Informationssys-
teme, der Informations- und Kommunikationstechniken
sowie der übergreifenden Führungsaufgaben.

46
7158.book Page 47 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.2 Wirtschaftsinformatik

Tabelle 1.5

Ausgewählte Methoden der IS-Forschung


Quelle: Hars 2003, S. 42, mit Ergänzungen

Forschungsmethode Beschreibung
Entwicklung und Test von Erstellung von Artefakten, um etwa Funktions- und Machbarkeitsnachweise zu liefern
Prototypen sowie Grad und Qualität von Benutzeranforderungen zu prüfen
Modellierung Überführung tatsächlicher oder gedachter Prozesse und Strukturen in eine formalisierte
Form etwa als Grundlage für Dokumentation, Neuentwurf und Optimierung
Induktion Ableitung von allgemeinen Gesetzen und Theorien aus der Beobachtung empirischer
Phänomene
Deduktion Ableitung von spezifischen Aussagen aus allgemeinen Gesetzen oder Theorien
Referenzmodelle Liefern Ausgangslösungen für eine Klasse zu modellierender Sachverhalte,
z.B. projektspezifische Realisierungen
Laborexperiment Identifikation konkreter Beziehungen zwischen ausgewählten Variablen, durch eine
konstruierte Laborsituation und mittels quantitativer, analytischer Techniken
Feldexperiment Übertragung von Laborexperimenten in Organisationen und/oder Gesellschaft
Umfragen, Interviews Aufnahme von Praktiken, Situationen oder Ansichten, um hieraus Erkenntnisse
abzuleiten.
Fallstudien Beschreibung von Beziehungen, die in der Realität, üblicherweise in einer einzelnen
Organisation oder in einer Organisationsgruppierung, existieren
Vorhersagen, Zukunftsforschung Anwendung von Techniken wie Regressionsanalyse, Zeitreihenanalyse oder Delphi-
methode, um zukünftige Ereignisse zu extrapolieren
Simulation Abbildung von realen oder gedachten Systemen zur weiteren dynamischen Analyse
seines Verhaltens unter alternativen Parametrisierungen
Action Research Angewandte Forschung mit dem Bestreben sowohl theoretisches Wissen als auch
praxisrelevante Erkenntnisse in Zusammenarbeit mit der Praxis herzuleiten.
Dokumentenanalyse Analyse und Aufbereitung von Texten
Grounded Theory Aufstellung einer Theorie basierend auf einem Kreislauf aus Beobachtungen,
Reflexionen, Überprüfungen und Verfeinerungen
Ethnographie Langfristige Untersuchung einer Gruppe mittels Immersion

„ Gegenstandsbereich und Ziel des IM Ziel des IM ist es, im Hinblick auf die Unterneh-
mensziele den bestmöglichen Einsatz der Ressour-
IM ist ein wichtiger Teilbereich der Wirtschafts- ce Information zu gewährleisten (Krcmar, 2005).
informatik, aber auch andere Disziplinen befassen Mit anderen Worten: Ziele des IM lassen sich aus
sich mit IM, so z.B. die Informationswissenschaft. den Gesamtzielen der Unternehmung ableiten, die
Gegenstand des IM (Planen, Steuern, Überwachen das computergestützte IT-System der Unterneh-
der Informationsinfrastruktur) ist das Management mung betreffen, wobei Sach-, Formal- und sonstige
der Informationswirtschaft, der Informationssys- Ziele unterschieden und jeweils auf strategischer
teme und der Informations- und Kommunika- und operativer Ebene betrachtet werden können
tionstechniken (Krcmar, 2005; Heinrich, 2002). IM (Gabriel und Beier, 2002). Beispielsweise gilt als
umfasst dabei die Gesamtheit aller Führungsaufga- oberstes Sachziel des IM, „das Leistungspotenzial
ben in einer Organisation bzw. einer Wirtschafts- der betrieblichen Informationsverarbeitung und
einheit, bezogen auf deren computergestütztes bzw. Kommunikation für die Erreichung der strategi-
computerunterstützbares Informations- und Kom- schen Unternehmensziele durch die Schaffung und
munikationssystem. Aufrechterhaltung eines geeigneten computerge-

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7158.book Page 48 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

stützten IuK-Systems in Unternehmenserfolg umzu- Als Wurzeln des IM gelten (Herget, 2004):
setzen“ (Heinrich, 1999). Indem die Informations-
und Kommunikationsprozesse wirksam gestaltet 1 der zunehmende Einsatz und die Verbreitung
von IT in Organisationen
werden, insbesondere Entscheidungsträgern rele-
vantes Wissen für Entscheidungen bereitgestellt 2 das informationswissenschaftliche Verständ-
wird, ohne sie mit Daten zu überfluten, soll die nis des Management von Information
Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmung verbes-
sert werden (Gabriel und Beier, 2002). 3 Information Resources Management (IRM) als
die administrative Orientierung
Entsprechend umfasst IM Maßnahmen zur kon-
textgerechten Bereitstellung von Informationen (im 4 Persönliches Informationsmanagement (PIM)
Teilgebiet Wissensmanagement auch von Wissen), (Nastansky, 1989) als Reaktion auf die zuneh-
vorwiegend in Unternehmen (zu einem Abgren- mende Digitalisierung der Arbeitsumgebung
zungsversuch zwischen Informations- vs. Wissens- Weil IRM für IM eine so wichtige Wurzel ist, sei
management vgl. Stelzer (2003)). Die jeweils benö- IRM näher erläutert: Die aus dem Paperwork Redu-
tigten Informationen und das benötigte Wissen zum cation Act von 1980 resultierende Maßnahmenliste
richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, bei der richti- wurde zur Arbeitsdefinition eines IRM. Erstmals
gen Person, in geeigneter Form aufbereitet bereit- kam mit dem IRM auf, Information als eine betriebs-
zustellen ist Gegenstand der Informations- und wirtschaftliche Ressource anzusehen (im IM sind
Wissenslogistik im IM. weitere Ressourcen, z.B. Personal, Technologien,
Anwendungen oder Daten), die durch planmäßige
„ Ausgewählte Wurzeln und Bewirtschaftung entsprechend der gängigen
Herausforderungen des IM Managementdefinition zur optimalen Ressourcen-
allokation ausgeschöpft werden soll.
Als Motivation für IM können technische und
betriebswirtschaftliche Probleme gesehen werden. „ Ausgewählte Modelle und Konzeptionen
Zu den häufig zu beobachtenden problematischen
Entwicklungen des Technikeinsatzes zählen: über- Es gibt vielfältige, sich ergänzende IM-Ansätze, die
proportionale Steigerung der Kosten computerge- sich vorwiegend in ihrem Problemfokus unterschei-
stützter Informationsverarbeitung und Kommunika- den. Beispielsweise versteht Heinrich (2002) als
tion, mangelnder Überblick über das gesamte Vertreter eines leitungszentrierten Ansatzes IM als
informations- und kommunikationstechnische Un- Leitungshandeln (Management) in einem Unterneh-
terstützungspotenzial in der Unternehmung, hohe men in Bezug auf Information und Kommunikation.
Ressourcenbindung, Datensicherheits- und Daten- Ein Informationsmanager gestaltet also Führungs-
schutzprobleme, Heterogenität der bisherigen infor- aufgaben bezüglich der betrieblichen Informations-
mations- und kommunikationstechnischen Unter- funktion. Jede Führungskraft sollte prüfen, ob Un-
stützung, organisatorische Auswirkungen durch die ternehmensziele durch Einsatz von IT besser
fortschreitende Prozessorientierung und Integration erreicht werden können. Dabei geht es auf der stra-
sowie mangelhafte Qualifizierung des Personals. Als tegischen Ebene um die Informationsinfrastruktur
informationswirtschaftliche Probleme mit überwie- als Ganzes, auf der administrativen Ebene um die
gend betriebswirtschaftlichem Charakter werden Komponenten der Informationsinfrastruktur und
genannt: Verständigungsschwierigkeiten, Kompe- auf der operativen Ebene um die Bereitstellung und
tenzüberschneidungen, mangelndes Verständnis der den Betrieb der Informationsinfrastruktur zur lau-
Unternehmensleitung, veränderte Qualifikationsan- fenden Informationsversorgung.
forderungen, Akzeptanzprobleme und Informations- Wollnik (1988) hat ein Drei-Ebenen-Modell der
überflutung (Streubel, 1996; weitere Faktoren bei Informationsinfrastruktur aufgestellt, das als Mini-
Herget, 2004). malkonsens gilt und von etlichen Autoren aufge-
Zentrale Herausforderung an das IM ist das griffen und erweitert wurde. Aus den Ebenen erge-
Management des Spannungsfelds der Gestaltungs- ben sich von oben nach unten drei Teilbereiche des
möglichkeiten zwischen technologisch Mach- IM, nämlich Management des Informationseinsat-
barem, arbeitsorganisatorischen Anforderungen der zes (IRM), Management der Informationssysteme
Mitarbeiter an Informationssysteme, der organisato- (ISM) sowie Management der IK-technischen Infra-
rischen Konfiguration selbst (Krcmar, 2005) sowie strukturen (ITM), aus denen sich wiederum sieben
ökonomischen Rahmenbedingungen. Handlungsbereiche ableiten.

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7158.book Page 49 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.2 Wirtschaftsinformatik

Teubner (Teubner, 2002; Teubner und Klein, 2002) Geschäftsstrategie (Strategic Alignment Maturity,
hat dieses Modell zu einem Sichten- und Ebenen- Luftman 2004).
modell erweitert, indem er die drei Ebenen von Während z.B. Teubner und Klein (2002), die auch
Wollnik vertikal anordnet, horizontal administrati- die Konzeptionen von Krcmar und Heinrich ver-
ve, operative, taktische, strategische und politische gleichen, zu einer eher kritischen Bewertung des
Bereiche unterscheidet und im politischen Bereich Stands gelangen, schließt Seibt (2003) aus seinem
normatives IM hinzufügt, das alle drei Ebenen von Vergleich von sechs IM-Konzeptionen, dass es zwi-
Wollnik umfasst. schen diesen Konzeptionen keine Widersprüche
Ebenfalls auf dem Wollnik-Modell beruht das Re- gibt, sondern nur unterschiedliche Schwerpunkte,
ferenzmodell von Krcmar (2005), welches horizontal da unterschiedliche Ziele erreicht werden sollen
von oben nach unten Management der Informations- (Seibt, 2003). Seibt verglich dabei den Ansatz von
wirtschaft, Management der Informationssysteme Lundeberg, Heinrich, Wollnik, sein eigenes Vier-
und Management der IT unterscheidet und vertikal Säulen-Konzept des IM, den Ansatz von Krcmar
Führungsaufgaben des IM hinzufügt. Handlungs- und den integrierten Ansatz von Laudon und Lau-
objekt der Ebene Informationswirtschaft ist die Res- don (2005) zur Beschreibung und Analyse von In-
source Information. Gegenstand ist der Informa- formationssystemen. Ein Beispiel für einen weite-
tionseinsatz, wobei es um Entscheidungen über ren Blickwinkel ist geschäftsprozessorientiertes IM.
Informationsbedarf und dessen Deckung durch das Im Sinn strategischer Informationssysteme (z.B.
Informationsangebot geht und die Informationsver- Galliers und Leidner, 2003) ist wesentlich, was die
wendung zu managen ist. Obwohl Krcmar Informa- IM-Ansätze zusammen dazu beitragen können, Un-
tionssysteme als Elemente aufeinander abgestimm- ternehmen dabei zu helfen, durch den strategi-
ter Elemente personeller, organisatorischer und schen Einsatz von Information und Informations-
technischer Natur kennzeichnet, die der Deckung systemen (die oberen beiden Ebenen im Modell von
des Informationsbedarfs dienen, sieht er als Hand- Wollnik) nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu schaf-
lungsobjekt der IS-Ebene die Anwendungen, wo- fen. Im IM dominierte längere Zeit eine technikzen-
durch Kernaufgaben des IM auf der IS-Ebene das trierte Sicht (also die unterste Ebene nach Wollnik);
Management der Daten, der Prozesse und des An- diese tritt in neueren Arbeiten eher zugunsten der
wendungslebenszyklus sind. Die IS-Ebene stellt An- oberen Ebenen zurück. Im Lauf der Entwicklung
forderungen an die IT-Ebene, deren Gegenstand die des IM hat sich in der wissenschaftlichen Diskussi-
Speicherung, Verarbeitung, Kommunikation sowie on die Perspektive hin zu einem breiten Spektrum
Technikbündel sind. Zu den Führungsaufgaben zäh- technischer Medien verändert, zu Information als
len die Gestaltung der IT-Governance, die Bestim- Ressource, zu unternehmensweiter Informations-
mung der Strategie, das Management der IT-Prozes- verarbeitung mit allen Interdependenzen, zur Sys-
se, des IT-Personals und das IT-Controlling im tematisierung und stärkeren Methodenorientie-
weiteren Sinn als Steuerung des IM. rung und hin zu strategischen Aufgaben.
Das Modell eines integrierten IM von Herget (2004)
erweitert ebenfalls das Wollnik-Modell. Es besteht „ Beispiele für IM-Aspekte in diesem Buch
aus sechs Elementen, davon horizontal Informations-
infrastruktur, Informationssysteme und -dienste, In diesem Buch werden ausgewählte Aspekte des
Informationspotenziale, Ziele und Strategien der Informationsmanagements behandelt. Dazu zählen
Organisation und vertikal Informationscontrolling gemäß der Rahmenempfehlung für die Universitäts-
und Informationsverhalten. ausbildung in Wirtschaftsinformatik (WKWI, 2003,
Das Vier-Säulen-Modell von Seibt (1993, 2003) be- 374) u.a.:
inhaltet das Management der Netze und Rechnerres- „ unternehmensinterne und -übergreifende Inte-
sourcen, das Management der System-Lebens- gration (Kapitel 2 und 9)
zyklen, das Management der Informations- und
„ strategischer Nutzen von Information (Kapitel 3)
Wissensversorgung sowie das Management der Er-
folgssteigerung und Potenzialvergrößerung durch IT. „ Datenschutz (Kapitel 5)
Informationsorientierung als Schlüssel zum Ge- „ Aspekte der IT-Infrastruktur (Kapitel 6)
schäftserfolg (Marchand, Kettinger und Rollins, „ Wissensmanagement (Kapitel 10)
2001) ist kompatibel mit einer eher informationswirt- „ Modelle, Methoden und Werkzeuge zur Gestal-
schaftlichen Sichtweise. Erfolgreiches IM bedeutet tung von IS-Architekturen (Kapitel 12)
einen hohen Reifegrad eines Unternehmens bezüg-
„ Kosten-Nutzen-Betrachtung von IS (Kapitel 13)
lich des strategischen Abgleichs zwischen IT- und
„ Sicherheit in der Informationsverarbeitung
(Kapitel 14)

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7158.book Page 50 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Hardware

Unternehmens-
strategie
Organisations- Software Datenbank
struktur
Geschäfts- Wechselseitige
prozesse Abhängigkeit

Tele-
kommuni-
kation

Unternehmen Anwendungssysteme

Abbildung 1.10: Die wechselseitige Abhängigkeit von Unternehmen und Anwendungssystemen


In gegenwärtigen Informationssystemen ist eine wachsende Verflechtung zwischen Unternehmensstrategie, Organisationsstruktur und Geschäfts-
prozessen des Unternehmens und den Anwendungssystemen des Unternehmens feststellbar. Änderungen der Strategie, Organisation und
Geschäftsprozesse erfordern immer häufiger Änderungen an Anwendungssystemen (d.h. Hardware, Software, Datenbanken und Tele-
kommunikationseinrichtungen). Vorhandene Systeme können Unternehmen einschränken. Häufig hängt das, was das Unternehmen gern tun würde,
von dem ab, was seine Informationssysteme zulassen.

1.3 Trend zum vernetzten 1.3.1 Der sich erweiternde


Unternehmen: die neue Rolle Einflussbereich von
der Informationssysteme 1.3 Informationssystemen
Abbildung 1.10 veranschaulicht die neue Bezie-
Manager sind gefordert, sich mit Informationssyste- hung zwischen Unternehmen und Anwendungssys-
men auseinander zu setzen, weil diese in gegenwär- temen. Es besteht eine wachsende wechselseitige
tigen Unternehmen eine bedeutende Rolle spielen. Abhängigkeit zwischen der Unternehmensstrategie,
Die heutigen Systeme wirken sich unmittelbar dar- der Organisationsstruktur und den Geschäftsprozes-
auf aus, wie Manager entscheiden, planen und ihre sen einerseits und der Software, Hardware, den Da-
Mitarbeiter führen. Sie nehmen zunehmenden Ein- tenbanken und Telekommunikationseinrichtungen
fluss darauf, welche Produkte wo wann und wie der Informationssysteme andererseits. Eine Ände-
erzeugt werden. Die Verantwortung für Systeme rung einer dieser Komponenten erfordert häufig
sollte daher nicht ausschließlich an technisch ori- Änderungen an anderen Komponenten. Diese Be-
entierte Entscheidungsträger delegiert werden. ziehung beeinflusst die langfristige Planung maß-
geblich. Was ein Unternehmen in fünf Jahren tun
möchte, hängt häufig davon ab, was seine Informa-
tionssysteme dann leisten können. Die Erhöhung
des Marktanteils, die Entwicklung zum Qualitäts-
Unternehmensstrategie | Eine Vision, in welche Rich- oder zum Billigproduzenten, die Entwicklung neuer
tung sich das Unternehmen bewegt und wie es dort hin- Produkte und die Steigerung der Mitarbeiterproduk-
kommen kann. tivität hängt zunehmend von der Art und der Quali-
tät der Informationssysteme des Unternehmens ab.

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7158.book Page 51 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.3 Trend zum vernetzten Unternehmen: die neue Rolle der Informationssysteme

Infor-
mations- Informations- Informations- Informations-
system system system system

Steuerungs- Lieferanten, Kunden


Technische möglichkeiten Kernaktivitäten außerhalb des
Änderungen von Führungskräften des Unternehmens Unternehmens

Zeit 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2005

Abbildung 1.11: Der sich erweiternde Einflussbereich von Informationssystemen


Im Laufe der Zeit haben Informationssysteme in Unternehmen immer stärker an Bedeutung gewonnen. Frühe Systeme verursachten v.a. technische
Änderungen, die relativ einfach durchzuführen waren. Später beeinflussten Systeme die Steuerungsmöglichkeiten und das Verhalten der Führungs-
kräfte und dann die Kernaktivitäten der Unternehmen. Bei den heutigen vernetzten Unternehmen reicht der Einflussbereich von Informationssyste-
men weit über die Unternehmensgrenzen hinaus und umfasst Lieferanten, Kunden und sogar Wettbewerber.

Eine zweite Änderung in der Beziehung zwischen wachsenden Leistungsstärke und den schnell sin-
Informationssystemen und Unternehmen resultiert kenden Kosten der Computertechnik. Durch die hö-
aus dem wachsenden Einfluss und der Komplexität here Rechenleistung, die sich etwa alle anderthalb
von Software-Entwicklungsprojekten und Anwen- Jahre verdoppelt, hat sich die Leistungsfähigkeit von
dungssystemen. Heute ist ein viel größerer Teil des Mikroprozessoren seit ihrer Erfindung vor über
Unternehmens an Aufbau, Verwaltung und Verän- 30 Jahren um mehr als das 25.000fache verbessert.
derung der Systeme beteiligt, als dies in der Vergan- Die bemerkenswert schnell wachsende Leis-
genheit der Fall war. Da sich Unternehmen immer tungsstärke der Computertechnik hat zur Entwick-
mehr zu „vernetzten Unternehmen“ entwickeln, lung und Verbreitung von Kommunikationsnetzen
werden Kunden, Lieferanten und sogar Konkurren- geführt, die Unternehmen verwenden können, um
ten in das System mit einbezogen (siehe Abbildung weltweit auf riesige Informationsspeicher zuzugrei-
1.11). Bei früheren Systemen waren bei techni- fen und Aktivitäten räumlich und zeitlich zu koor-
schen Änderungen meist nur einige wenige davon dinieren.
im Unternehmen betroffen. Änderungen an heuti- Das Internet ist das größte und meistverwendete
gen Systemen verändern dagegen, wer über wen, Netzwerk der Welt. Es gibt kaum noch Menschen,
wann und wie oft welche Informationen erhält und die in der Wissenschaft, im Bildungssektor, im öf-
welche Produkte und Dienstleistungen unter wel- fentlichen Dienst und in der Wirtschaft tätig sind,
chen Bedingungen von wem produziert werden. ohne das Internet zum weltweiten Informationsaus-
Durch die Entwicklung von Unternehmen hin zur tausch oder zur Abwicklung von Geschäftstransak-
Organisationsform eines vernetzten Unternehmens tionen mit anderen Unternehmen zu nutzen. Durch
werden fast alle Führungskräfte und Mitarbeiter die dezentrale Struktur des Internet bleibt es auch
der Firma (sowie die Kunden und Lieferanten) in dann in Betrieb, wenn Teilnetzwerke (Subnetze)
verschiedene Unternehmenssysteme eingebunden, hinzugefügt oder entfernt werden oder wenn Teile
die durch ein elektronisches Informationsnetz mit- des Netzes ausfallen.
einander kommunizieren. Beispielsweise kann die Das Internet schafft eine neue „universelle“ Kom-
Eingabe eines Kunden auf der Website eines Unter- munikationsplattform, die zum Aufbau aller mögli-
nehmens einen Mitarbeiter dazu veranlassen, sofort chen Arten von neuen Produkten, Dienstleistun-
einen Preis festzulegen oder die Lieferanten auf gen, Strategien und Unternehmen beitragen kann.
potenzielle Fehlbestände hinzuweisen.

1.3.2 Die Netzwerkrevolution und Internet | Internationales Netz von Netzwerken, das
das Internet aus Millionen von privaten und öffentlichen Netzwerken
besteht. Elektronische Informationen können nahezu
Ein Grund dafür, warum Informationssysteme in Un- kostenlos weltweit verteilt werden.
ternehmen eine so große Rolle spielen und so viele
Menschen betreffen, besteht in der rasend schnell

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7158.book Page 52 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Es verändert die Art und Weise, in der Informa- Wir bezeichnen Unternehmen, die diese Wandlung
tionssysteme in der Wirtschaft und im täglichen mittels Investition in IT und ihrer ergänzenden Ver-
Leben verwendet werden. Da es viele technische, mögenswerte (siehe oben) vollziehen oder schon
geografische und finanzielle Grenzen überwindet, erreicht haben, als vernetzte Unternehmen.
die den globalen Informationsaustausch behindern,
bietet das Internet das Potenzial, neue Anwendun- „ Flachere Organisationshierarchien und
gen für Informationssysteme und neue Geschäfts- veränderte Managementaktivitäten
modelle zu entwickeln.
Weil das Word Wide Web so viele Geschäftsmög- Große, bürokratische Unternehmen, die sich primär
lichkeiten bietet, ist es für Unternehmen und Mana- vor dem Computerzeitalter entwickelten, sind häu-
ger von besonderem Interesse. Das World Wide Web fig ineffizient, schwer zu verändern und weniger
(WWW oder kurz Web) ist ein System auf der wettbewerbsfähig als neu gegründete und strukturell
Grundlage weltweit akzeptierter Standards für das anders ausgelegte Unternehmen. Einige dieser gro-
Kommunizieren, Speichern, Abrufen, Formatieren ßen Unternehmen haben sich verkleinert und hierzu
und Anzeigen von Daten in einer vernetzten Umge- die Mitarbeiterzahl und die Anzahl der Ebenen ihrer
bung. Informationen werden in Form von „Seiten“ Organisationshierarchie verringert. Als beispiels-
gespeichert und können, unabhängig von ihrer weise die Firma Eastman Chemical Co. 1994 von
Speicherposition, mit jeder Art von Computer an- Kodak abgespaltet wurde, hatte sie 24.000 Vollzeit-
gezeigt werden. mitarbeiter und erzielte einen Ertrag von 3,3 Milliar-
In den Kapiteln 4 und 8 beschreiben wir das den USD. 2002 erreichte sie mit nur 15.800 Mitar-
World Wide Web und andere Internetfunktionen beitern einen Ertrag von 5,3 Milliarden USD.
eingehender. Wir erörtern auch die relevanten Hierarchie- und Organisationsebenen sind auch
Funktionen der Internettechnik in diesem Buch, in vernetzten Unternehmen vorhanden. Allerdings
weil diese viele Aspekte von Informationssystemen entwickeln vernetzte Unternehmen „optimale Hier-
in Unternehmen beeinflussen. archien“, in denen die Entscheidungsbefugnisse in-
nerhalb des Unternehmens ausgewogen verteilt
sind und dadurch flachere Organisationsstrukturen
1.3.3 Neue Freiheitsgrade des ergeben. Flachere Organisationsstrukturen besit-
Organisationsentwurfs: das zen weniger Managementebenen, wobei Mitarbeiter
vernetzte, kooperierende auf unteren Hierarchieebenen umfassendere Ent-
Unternehmen scheidungsbefugnisse erhalten (siehe Abbildung
1.12). Diese Mitarbeiter können mehr Entscheidun-
Der exponentielle Zuwachs in den letzten Dekaden gen als in der Vergangenheit treffen, ihre Arbeits-
an Rechenleistung und Netzwerkknoten, und insbe- zeit ist flexibel und sie müssen nicht unbedingt im
sondere die Größe des Internet, verwandelt Firmen Büro arbeiten. Zudem können die Mitarbeiter geo-
in vernetzte Unternehmen und ermöglicht es ihnen, grafisch verstreut sein und u.U. räumlich sehr weit
Informationen sofort innerhalb und über die Unter- von ihrem Vorgesetzten entfernt arbeiten.
nehmensgrenzen hinaus zu verteilen. Unternehmen Diese Änderungen bedeuten, dass sich auch die
können diese Informationen nutzen, um ihre inter- Reichweite der Managementkontrolle vergrößert
nen Geschäftsprozesse zu optimieren und diese Ge- hat. Manager der oberen Ebenen führen nun mehr
schäftsprozesse mit denen anderer Unternehmen zu Mitarbeiter, die über weitere Entfernungen verteilt
koordinieren. Durch die neue Technik, die die Kom- sind. Viele Unternehmen haben infolge dieser
munikation und Zusammenarbeit fördert, lassen Änderungen Tausende von mittleren Management-
sich Unternehmen neu gestalten. Dabei werden ihre positionen eliminiert (z.B. AT&T, IBM und GM).
Struktur, Tätigkeitsbereiche, Berichts- und Steue- Der Einsatz moderner IT führt auch zur Neudefi-
rungsmechanismen, Geschäftsprozesse, Arbeits- nition von Managementaktivitäten, da er funktional
abläufe, Produkte und Dienstleistungen verändert. mächtige Werkzeuge zur Planung, Vorhersage und
Überwachung bereitstellt. Beispielsweise ist es jetzt
möglich, dass Manager jederzeit und von nahezu
World Wide Web | Ein System mit weltweit akzeptier-
jedem Standort innerhalb des Unternehmens aus
ten Standards für das Kommunizieren, Speichern, Abru-
Informationen zur Unternehmensleistung erhalten,
fen, Formatieren und Anzeigen von Daten (Webseiten)
die bis zur Ebene einzelner Transaktionen aufge-
in einer vernetzten Umgebung.
schlüsselt werden können. Produktmanager bei-

52
7158.book Page 53 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.3 Trend zum vernetzten Unternehmen: die neue Rolle der Informationssysteme

Eine traditionelle hierarchische Organisation mit vielen Managementebenen

Eine verflachte Organisation, aus der Managementebenen entfernt wurden

Abbildung 1.12: Verflachung von Organisationsstrukturen


Informationssysteme können zu einer Reduzierung der Anzahl von Hierarchieebenen in einer Organisation beitragen, indem sie Managern Infor-
mationen zur Führung einer größeren Anzahl von Mitarbeitern zur Verfügung stellen und Mitarbeiter unterer Ebenen mit umfangreicheren Ent-
scheidungsbefugnissen ausstatten.

spielsweise bei der Frito-Lay Corporation, dem firmen (wie BAE und Northrup Grumman)
weltweit größten Hersteller von salzigem Knabber- abgestimmt wird. Ingenieure aller drei Firmen bear-
gebäck, können innerhalb von Stunden präzise er- beiten über das Internet gemeinsam Entwürfe. Frü-
mitteln, wie viele Packungen Fritos in einer beliebi- her arbeiteten das Unternehmen und seine Partner
gen Straße in den USA in den Läden seiner Kunden an den Entwürfen getrennt und mussten in langwie-
verkauft wurden. Ebenso können der erzielte Um- rigen persönlichen Sitzungen Unterschiede ausar-
satz, das Umsatzvolumen und die Preise der Wett- beiten. Eine Zeichnung, für deren Erstellung früher
bewerber ermittelt werden. 400 Stunden benötigt wurden, kann jetzt in 125
Stunden angefertigt werden, und die Entwurfsphase
„ Trennung von Arbeit und Standort von Projekten wurde um die Hälfte verkürzt (Koni-
cki, 2001; Lockheed Martin, 2003).
Dank der Kommunikationstechnik spielt bei vielen
Tätigkeiten die Entfernung keine Rolle mehr. Ver- „ Umstrukturierung von Arbeitsabläufen
triebsmitarbeiter können mehr Zeit im Außendienst
mit Kunden verbringen und verfügen über aktuelle Informationssysteme ersetzen zunehmend manuel-
Informationen, während sie gleichzeitig weniger Pa- le Arbeitsverfahren durch automatisierte Arbeits-
pierunterlagen mitnehmen müssen. Viele Mitarbei- verfahren, Arbeitsabläufe und Arbeitsprozesse.
ter können von zu Hause oder ihrem Fahrzeug aus Durch elektronische Arbeitsabläufe, die Papier und
arbeiten. Unternehmen benötigen für Treffen mit die zugehörigen manuellen Tätigkeiten überflüssig
Kunden oder anderen Mitarbeitern lediglich ver- machen, wurden die Betriebskosten in vielen Fir-
gleichsweise kleine Räume in ihren Niederlassun- men gesenkt. Durch eine verbesserte Verwaltung
gen. Teamarbeit über Tausende von Kilometern hin- der Arbeitsabläufe konnten viele Unternehmen
weg ist üblich. Designer können an der Entwicklung nicht nur die Kosten beträchtlich reduzieren, son-
eines neuen Produkts auch dann zusammenarbei- dern gleichzeitig auch den Kundenservice verbes-
ten, wenn sie sich auf verschiedenen Kontinenten sern. Versicherungsunternehmen können beispiels-
befinden. Lockheed Martin Aeronautics hat ein auf weise die Bearbeitungszeit von Anträgen für neue
Internettechnik basierendes Echtzeitsystem für kol- Versicherungsverträge von Wochen auf Tage verrin-
laborative Produktentwicklung und -design entwi- gern (siehe Abbildung 1.13).
ckelt, mit dem die Aufgabenverteilung mit Partner-

53
7158.book Page 54 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Bearbeitung eines Versicherungsantrags auf Papier

+ = 33 Tage

11 Bearbeitungsschritte für Sachbearbeiter 6 Bearbeitungsschritte für Spezialisten

Elektronische Bearbeitung eines Versicherungsantrags: Neuer optimierter Arbeitsablauf

+ = 5 Tage

3 Bearbeitungsschritte 4 Bearbeitungsschritte
für Sachbearbeiter für Spezialisten

Abbildung 1.13: Beispiel eines umstrukturierten Arbeitsablaufs für den Abschluss von Versicherungsverträgen
Ein Antrag, dessen Bearbeitung mit „Papier und Bleistift“ 33 Tage dauerte, kann mit Hilfe von Informationssystemen und einem optimierten
Arbeitsablauf in fünf Tagen bearbeitet werden.

Die Umstrukturierung von Arbeitsabläufen kann sich men mehr Flexibilität bieten, da sie mit Hilfe dieser
in erheblichem Maß auf die Effizienz des Unterneh- Systeme durch ihre Größe bedingte Einschränkun-
mens auswirken und sogar zu neuen Organisations- gen überwinden können. Tabelle 1.6 beschreibt ei-
strukturen, Produkten und Dienstleistungen führen. nige Ansatzpunkte, wie IT kleinen Unternehmen
Wir besprechen die Auswirkungen der Umstruktu- helfen kann, Vorteile zu nutzen, die sonst großen
rierung von Arbeitsabläufen in den Kapiteln 3 und Unternehmen vorbehalten sind. Andererseits kön-
12 eingehender. nen sich große Unternehmen die Vorteile kleinerer
Unternehmen zu Eigen machen. Mit Hilfe von Infor-
„ Zunehmende Flexibilität der Unternehmen mationssystemen können kleine Unternehmen Auf-
gaben mit hohem Koordinationsaufwand und vielen
Unternehmen können ihre Organisation mit Hilfe Beteiligten wie z.B. die Bearbeitung von Kosten-
von Kommunikationstechnik flexibler gestalten und voranschlägen, die Lagerbestandsverwaltung oder
sind dadurch besser in der Lage, Änderungen im Fertigungsaufgaben, mit nur wenigen Führungs-
Markt wahrzunehmen, darauf zu reagieren und kräften, Sachbearbeitern oder Mitarbeitern im Pro-
neue Chancen zu nutzen. Informationssysteme kön- duktionsbereich erledigen.
nen auch sehr kleinen oder sehr großen Unterneh-

Tabelle 1.6

Wie Informationssysteme die Flexibilität von Unternehmen steigern können

Kleine Unternehmen
Mit Arbeitsplatzrechnern, kostengünstiger CAD-Software (CAD = Computer-Aided Design) und computergesteuerten
Maschinen kann die Genauigkeit, Geschwindigkeit und Qualität großer Hersteller erreicht werden.
Durch den sofortigen Informationszugriff über Telefon und Netzwerke werden Mitarbeiter zur Informationsbeschaffung bzw.
unternehmenseigene Bibliotheken überflüssig.
Führungskräfte können sich mühelos die Informationen beschaffen, die sie benötigen, um eine große Anzahl von Mitarbeitern,
die an weit verstreuten Standorten tätig sind, führen zu können.

Große Unternehmen
Durch individuelle Fertigungssysteme können große Fabriken maßgeschneiderte Produkte in kleinen Stückzahlen anbieten.
Umfangreiche Datenbanken mit Kundenbestelldaten können analysiert werden, so dass große Unternehmen die Bedürfnisse
und Vorlieben ihrer Kunden so einfach wie der Händler vor Ort in Erfahrung bringen können.
Informationen können innerhalb des Unternehmens einfach verteilt werden, um Mitarbeiter und Arbeitsgruppen unterer
Ebenen in die Lage zu versetzen, Probleme zu lösen.

54
7158.book Page 55 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.3 Trend zum vernetzten Unternehmen: die neue Rolle der Informationssysteme

Abbildung 1.14: Bestellung von kundenindividuellen Produkten mit Hilfe der Website von Lands’ End
Besucher der Website von Lands’ End können ihre Maße eingeben und Hosen, Jeans und Hemden einzeln nach Maß anfertigen und sich liefern las-
sen, wobei sie nur wenig mehr zahlen als für Konfektionsware. Informationssysteme ermöglichen die Massenfertigung kundenindividueller Produk-
te, indem individuelle Bestelldaten (inkl. Größe und Maße) zur Steuerung der Produktionsmaschinen verwendet werden.

Große Unternehmen können mit Hilfe von IT genau- Prozess ist kaum mit zusätzlichen Kosten verbun-
so flexibel und schnell reagieren wie kleine Unter- den, weil er keine zusätzliche Lagerhaltung, keine
nehmen. Ein Beispiel ist die Massenfertigung kunden- Produktionsüberhänge oder Lagerbestände erfordert.
individueller Produkte (mass customization), also die Für den Kunden sind die Kosten nur geringfügig
Fähigkeit, individuell zugeschnittene Produkte oder höher als für ein in Massenproduktion gefertigtes
Dienstleistungen mit Hilfe derselben Ressourcen, Kleidungsstück.
die zur Massenfertigung eingesetzt werden, anzubie- Ein verwandter Trend der zunehmend individu-
ten. Informationssysteme können den Produk- ell auflösenden Leistungserstellung findet sich im
tionsprozess flexibler gestalten, so dass Produkte auf Bereich kommunikationspolitischer Maßnahmen.
die speziellen Anforderungen einzelner Kunden zu- Mit Begriffen wie „Mikromarketing“ oder „One-to-
geschnitten werden können. Mit Hilfe von Software one-Marketing“ werden Konzepte beschrieben, bei
und Computernetzwerken wird die Fertigungsabtei- welchen Informationssysteme Unternehmen dabei
lung eng mit Bestellannahme, Entwurfsabteilung unterstützen können, winzige Zielmärkte (im
und Einkauf verknüpft und die Produktionsmaschi- Grenzfall entspricht ein Marktsegment genau einer
nen werden präzise gesteuert. Dadurch können Pro- individuellen Person) für diese maßgeschneiderten
dukte in vielfältigeren Ausführungen gefertigt und Produkte und Dienstleistungen ausfindig zu ma-
mühelos angepasst werden, ohne dass die Fertigung chen, respektive mit ihnen kundenindividuell zu
geringer Stückzahlen zusätzliche Kosten verur- kommunizieren. Wir gehen in den Kapiteln 2, 3
sacht. Beispielsweise können die Kunden auf der und 11 detaillierter auf das Mikromarketing ein.
Website von Lands’ End nach ihren eigenen Anga-
ben maßgeschneiderte Jeans, Stoffhosen und Hem-
den bestellen (siehe Abbildung 1.14). Der Kunde
trägt seine Maße in ein Formular auf der Website
ein, von wo die Kundenspezifikation über ein Netz-
werk an einen Computer übertragen wird, der ein
elektronisches Schnittmuster für diesen Kunden an- Massenfertigung kundenindividueller Produkte
fertigt. Die einzelnen Schnittmuster werden dann (mass customization) | Die Fähigkeit, individuell zuge-
elektronisch an eine Produktionsstätte übertragen, schnittene Produkte oder Dienstleistungen mit Hilfe von
wo sie zur Steuerung von Stoffschneidegeräten Mitteln der Massenfertigung anzubieten.
eingesetzt werden (Ives und Piccoli, 2003). Dieser

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7158.book Page 56 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

„ Neudefinition der Unternehmensgrenzen: Vernetzte Unternehmen verwenden unternehmens-


neue Formen der Zusammenarbeit übergreifende Informationssysteme, um Verbindun-
gen mit Lieferanten, Kunden und gelegentlich sogar
Ein wichtiges Merkmal der vernetzten Unternehmen Wettbewerbern herzustellen, um neue Produkte
besteht in der Fähigkeit, Geschäfte über Unterneh- und Dienstleistungen zu entwickeln und zu vertrei-
mensgrenzen hinweg ebenso effizient und effektiv ben, ohne durch traditionelle organisatorische
abzuwickeln wie innerhalb des Unternehmens. Ver- Grenzen oder physische Standorte eingeschränkt
netzte Informationssysteme helfen Unternehmen, zu sein. Beispielsweise werden die Netzwerkpro-
sich über große Entfernungen hinweg mit anderen dukte, welche die Firma Cisco Systems verkauft,
Unternehmen zu koordinieren. Transaktionen, wie nicht von Cisco produziert. Sie hat die Fertigung an
z.B. Zahlungen und Einkaufsanmeldungen, können andere Firmen, z.B. Flextronics, abgegeben und be-
auf elektronischem Weg zwischen verschiedenen nutzt das Internet, um Bestellungen an Flextronics
Unternehmen ausgetauscht werden. Dadurch wer- zu übertragen sowie die Bearbeitung der Bestellun-
den die Kosten für externe Produkte und Dienst- gen zu überwachen. Viele dieser unternehmens-
leistungen geringer. Unternehmen können über übergreifenden Systeme basieren immer stärker auf
Netzwerke auch Geschäftsdaten, Kataloge und elek- Internettechnik. Dadurch können Wissen, Ressour-
tronische Post (E-Mail) gemeinsam nutzen. Diese cen und Geschäftsprozesse stärker als in der
vernetzten Informationssysteme können die Wirt- Vergangenheit gemeinsam genutzt werden. Firmen
schaftlichkeit beeinflussen, die Beziehungen zwi- benutzen diese Systeme, um mit Lieferanten und
schen Unternehmen und Kunden bzw. Lieferanten anderen Geschäftspartnern beim Entwurf und der
grundlegend verändern und dadurch zur Neudefini- Entwicklung von Produkten sowie der Terminie-
tion der Unternehmensgrenzen beitragen. rung und den Arbeitsabläufen der Fertigung, Be-
In der einführenden Fallstudie wurde beschrie- schaffung und Distribution zusammenzuarbeiten.
ben, wie die Einzelhandelskette J.C. Penney mit Diese neuen Dimensionen unternehmensübergrei-
ihrem Lieferanten für Hemden der Marke Penney, fender Zusammenarbeit und Koordination können
der Firma TAL Apparel Ltd. in Hongkong, vernetzt zu einer höheren Wirtschaftlichkeit, zu einem
ist. Über diese elektronische Verbindung überwacht größeren Wert für den Kunden und schließlich zu
TAL den Lagerbestand von J.C Penney und liefert einem bedeutenden Wettbewerbsvorteil führen.
Hemden genau dann, wenn sie gebraucht werden.
Penney und TAL sind folglich zu verbundenen Ge-
schäftspartnern mit gemeinsamen Verantwortlich- 1.3.4 Vernetzte Unternehmen:
keiten geworden. E-Commerce, E-Business
Das Informationssystem, das J.C. Penney mit TAL
Die gerade beschriebenen Änderungen stellen neue
Apparel Ltd. vernetzt, wird als unternehmensüber-
Wege dar, innerhalb und außerhalb des Unterneh-
greifendes Informationssystem bezeichnet. Syste-
mens Geschäftsprozesse auf elektronischem Weg
me, die ein Unternehmen mit seinen Kunden, Dis-
auszuführen, die schließlich in der Schaffung eines
tributoren oder Lieferanten verbinden, werden
vernetzten Unternehmens resultieren können. Das
unternehmensübergreifende Informationssysteme ge-
Internet stellt zunehmend die zugrunde liegende
nannt, weil sie den Informationsfluss über Unter-
Technik für diese Änderungen bereit. Das Internet
nehmensgrenzen hinweg automatisieren.
kann Tausende von Unternehmen in einem einzigen
Netzwerk verknüpfen und dadurch die Grundlage
für einen riesigen digitalen Markt schaffen. Ein digi-
taler Markt ist ein Informationssystem, das viele Käu-
fer und Verkäufer zum Zweck des Austauschs von
Informationen, Produkten, Dienstleistungen und
Zahlungen miteinander verbindet. Mit Hilfe von
Unternehmensübergreifende Systeme |
Computern und Netzwerken fungieren diese Syste-
Informationssysteme, die den Informationsfluss über
Unternehmensgrenzen hinweg automatisieren und ein me wie elektronische Vermittler, wobei die Kosten
Unternehmen mit seinen Kunden, Distributoren oder für typische Markttransaktionen wie das Zusammen-
Lieferanten verbinden. führen von passenden Käufern und Verkäufern, die
Festlegung der Preise, die Bestellung der Waren und
Digitaler Markt | Ein Markt, der durch Informations- die Zahlung von Rechnungen geringer sind (Bakos,
systeme erzeugt wird und viele Käufer und Verkäufer 1998). Käufer und Verkäufer können, ungeachtet
miteinander verbindet.
ihres Standorts, Kauf- und Verkaufstransaktionen
auf elektronischem Weg abwickeln.

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7158.book Page 57 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.3 Trend zum vernetzten Unternehmen: die neue Rolle der Informationssysteme

Abbildung 1.15: Die Website von Lojas Americanas SA


Lojas Americanas SA, eine große brasilianische Schnäppchenladenkette, entwickelte durch den Verkauf von Elektronik und Computern sowie preis-
werten Artikeln über das World Wide Web ein erfolgreiches neues Online-Geschäft. Das Internet fördert das Wachstum des E-Commerce-Sektors.

Eine Vielzahl von Waren und Dienstleistungen wer- gefonds und anderen Finanzinstrumenten hat Ein-
den weltweit über den globalen Marktplatz Internet zug in das WWW gehalten. Obwohl viele frühe Ein-
beworben, gekauft und getauscht. Unternehmen zelhandels-Websites nicht überlebt haben, hat sich
haben im World Wide Web elektronische Broschü- der E-Commerce-Handel für eine Reihe von Unter-
ren, Anzeigen, Handbücher zu Produkten sowie Be- nehmen als profitabel erwiesen. E-Commerce ist
stellformulare erstellt. Alle möglichen Arten von ein wichtiger Wertschöpfungsfaktor. Im Abschnitt
Produkten und Dienstleistungen sind im WWW „Blickpunkt Organisation“ wird beschrieben, wie
verfügbar, einschließlich Schnittblumen, Bücher, eine brasilianische Handelskette ein erfolgreiches
Immobilien, Musikclips und CDs, Elektronik und E-Commerce-Geschäft aufbaute.
Steaks. Der elektronische Handel mit Aktien, Anla-

Blickpunkt Organisation
Ein brasilianischer Schnäppchenladen wird zum Dies sind kaum erfolgversprechende Aussichten, aber der größ-
E-Commerce-Erfolg Brasilien besitzt die neuntgrößte ten Schnäppchenladenkette Brasiliens ist es gelungen, eine
Volkswirtschaft der Welt und die größte Anzahl von Inter- florierende E-Commerce-Website aufzubauen und sogar Ge-
netbenutzern in Lateinamerika. Es gibt dort so enorme winne zu erwirtschaften. Lojas Americanas SA ist eine 74 Jahre
Unterschiede in der Höhe der Einkommen und der Einkom- alte Discount-Kette nach dem Vorbild von Woolworth. 1999
mensverteilung, dass nur ein kleiner Teil der 170 Millionen versuchte das Unternehmen, sich zu reorganisieren, um das Ge-
Einwohner über die Ressourcen verfügt, online zu gehen. schäft zu beleben, und suchte nach Expansionsmöglichkeiten.
Etwa 17 Prozent der Bevölkerung haben ein Einkommen, Die Geschäftsführung beschloss, 7 Millionen USD in die
das an oder unter der Armutsgrenze liegt, und nur 7,5 Pro- Einrichtung einer Online-Erweiterung seiner physischen Ein-
zent der Bevölkerung besitzen einen PC. Nur 15 Millionen zelhandelsgeschäfte namens Americanas.com zu investieren.
Brasilianer haben ein Benutzerkonto bei einem Internet- Die ersten Produkte, die man über die Website von America-
Provider und nur 2 Millionen haben versucht, online einzu- nas.com online zu verkaufen versuchte, waren Spielwaren,
kaufen. In Anbetracht der Tatsache, dass kaum Einkommen Kosmetik und CDs (siehe Abbildung 1.15). Danach begann
für den privaten Konsum verfügbar ist und dass in Brasilien man, Elektronik, Haushaltsgeräte und Computer online anzu-
Kreditkarten wenig verbreitet sind, ist es nicht weiter über- bieten, also hochpreisige Artikel, die in den Einzelhandels-
raschend, dass die Höhe der durch E-Commerce erzielten geschäften von Lojas Americanas nicht auf Lager gehalten
Umsatzerlöse recht gering ist. wurden und die niemals zuvor in Brasilien über das Internet
verkauft worden waren.

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1 INFORMATIONSSYSTEME

Blickpunkt Organisation (Fortsetzung)


Die Website Americanas.com zog einen neuen Typ von Kun- Dank der aufmerksamen Beobachtung der Umsätze konnte
den an. Die Mehrzahl der Kunden in den Einzelhandels- der Umsatz von Americanas.com im ersten Halbjahr 2003
geschäften von Lojas Americanas bestand aus Frauen, die im um 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden.
Durchschnitt einen Kauf in Höhe von 5,90 USD tätigten. Weil Der Vertrieb über die Website, der 2002 einen Anteil von
aber in Brasilien vorwiegend die Reichen das Internet verwen- 8,7 Prozent am Gesamtumsatz von Lojas Americanas aus-
den, zog die Americanas.com-Website wohlhabende Männer machte, soll 2005 mehr als das Doppelte dieses Prozent-
an, die durchschnittlich 100 USD pro Einkauf ausgaben. Ame- anteils am Umsatz erreichen.
ricanas.com versuchte zudem, mit aggressiven Vertriebsprak- Das Warenangebot von Americanas.com unterscheidet sich
tiken neue zahlungskräftige Kunden anzulocken. derzeit zu 90 Prozent vom Warenangebot der Einzelhandels-
Konventionelle brasilianische Einzelhändler bieten ihren geschäfte von Lojas Americanas. Die Einzelhandelsgeschäfte
Kunden in der Regel die Möglichkeit, ihre Einkäufe in drei von Lojas Americanas planen jedoch, Elektronikartikel und
monatlichen Raten zu zahlen. Americanas bot Webkunden Haushaltsgeräte in ihr Warensortiment aufzunehmen, um sich
die Option, ihre Einkäufe in 8, 10 oder 12 zinslosen monat- mit der Website abzustimmen. Die Zukunft des gesamten
lichen Raten zu zahlen. Americanas.com verkaufte schnell Unternehmens Lojas Americanas kann sehr wohl mit seiner
weit mehr Elektronikartikel als seine Konkurrenten. elektronischen Plattform verknüpft sein.
Die Online-Präsenz von Americanas hat die Unterneh-
mensgewinne weiter gesteigert, weil sie es dem Unterneh-
men ermöglichte, seine Werbeausgaben zu verringern, und Diskussionsfragen: In welcher Weise hat das World
weil sie Informationen zur Umsatzanalyse bereitstellte. Wide Web die Geschäftspraktiken von Lojas Americanas
Americanas ersetzte seine Anzeigenwerbung in den Massen- beeinflusst? Wie hat das Web zur Wertschöpfung dieses
medien durch Internet- und E-Mail-Marketing. Ein elektroni- Unternehmens beigetragen?
sches Schwarzes Brett im Büro des CEO von Americanas.com,
Ediardo Chalitas, zeigt Umsatzdaten, die alle 20 Minuten Quellen: Jonathan Karp, „From Bricks to Clicks“, The Wall
aktualisiert werden. Blinkende rote Zahlen weisen darauf hin, Street Journal, 22. September 2003; „Managing the Inter-
dass der Umsatz weit unter dem Tagesziel liegt. Das Manage- net in Brazil (2): What’s Worked So Far“, The Communica-
ment kann die Umsatzdaten sofort überprüfen und feststel- tions Initiative-Baseline 2003, APC News, 3. Juli 2003;
len, welche Artikel weniger reißenden Absatz finden als Narry Singh, „Brazil: Untapped Potential“, IQ Magazine,
vorhergesagt, und rasch die Produktanzeigen auf der Website September/Oktober 2002.
ändern oder E-Mail-Werbung aussenden.

Das Internet wird zunehmend auch für Transaktio- Die globale Verfügbarkeit des Internet für die Ab-
nen zwischen Unternehmen benutzt. Beispielsweise wicklung von Transaktionen zwischen Käufern und
können Luftfahrtgesellschaften auf die Website der Verkäufern hat das Wachstum des E-Commerce-
Boeing Corporation zugreifen, um auf elektro- Bereichs unterstützt. Mit E-Commerce, auch elektro-
nischem Weg Teile zu bestellen und den Bear- nischer Handel genannt, ist das Kaufen und Ver-
beitungsstand ihrer Bestellungen zu überprüfen. kaufen von Waren und Dienstleistungen auf elek-
Pantellos.com ist ein Online-Marktplatz für Versor- tronischem Weg mit Hilfe von computergestützten
gungsunternehmen, der vielen verschiedenen An- Geschäftstransaktionen gemeint, die über das Inter-
bietern und Käufern Tag und Nacht jederzeit zur net, Netzwerke und andere elektronische Techni-
Verfügung steht. Die Website bietet Funktionen für ken abgewickelt werden. Hierunter zählen auch
die automatisierte Katalogsuche, für Preisverglei- Aktivitäten zur Unterstützung dieser Geschäfts-
che, Anträge für Versorgungsleistungen und Versor- transaktionen, wie z.B. Werbung, Marketing, Kun-
gungsverträge, Bestellungen, Änderungsmeldungen denservice, Versand und Zahlung. Da E-Commerce
und die Überprüfung der Auftragsbearbeitung. manuelle und auf Papier und Bleistift basierende
Arbeitsverfahren durch elektronische Alternativen
ersetzt und den Informationsfluss in neuer und dy-
E-Commerce (elektronischer Handel) | Der elektroni- namischer Weise einsetzt, kann er zu einer Be-
sche Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen schleunigung der Bestellung, Lieferung und Zah-
mit Hilfe von computergestützten Geschäftstransaktio- lung von Waren und Dienstleistungen und der
nen, die über das Internet, Netzwerke und andere elek- gleichzeitigen Senkung der Betriebs- und Lagerhal-
tronische Techniken abgewickelt werden. tungskosten von Firmen führen.

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7158.book Page 59 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.3 Trend zum vernetzten Unternehmen: die neue Rolle der Informationssysteme

Das Internet hat sich zur primären Kommunika- Firmen, mit denen sie zusammenarbeiten, Informa-
tionsplattform für E-Commerce entwickelt. Glei- tionen und Dienstleistungen zur Verfügung zu stel-
chermaßen bedeutsam ist, dass Internettechnik die len. Unter E-Government verstehen wir die Anwen-
Verwaltung des übrigen Geschäfts erleichtert: die dung von Internet und verwandten Techniken, um
Veröffentlichung von Personalrichtlinien für Mitar- die Beziehungen zwischen öffentlicher Verwaltung
beiter, die Überprüfung von Kontoständen und Pro- und Bürgern, Firmen und anderen Stellen der
duktionsplänen, die Planung von Reparatur- und öffentlichen Hand durch elektronische Mittel zu
Wartungsarbeiten in Betrieben und die Überarbei- unterstützen. E-Government kann nicht nur die
tung von Entwurfsdokumenten. Firmen nutzen die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen ver-
Konnektivität und die einfache Handhabbarkeit der bessern, sondern darüber hinaus auch zu einer effi-
Internettechnik, um auf Internettechnik basierende zienten Gestaltung der Arbeit von Behörden und
interne Unternehmensnetzwerke, so genannte Intra- anderen öffentlichen Verwaltungseinrichtungen
nets, zu erstellen. beitragen. E-Government umfasst auch elektronisch
Private Intranets, auf das durch autorisierte realisierte Dienste, die den Bürgern eine einfachere
Benutzer außerhalb des Unternehmens zugreifen Mitwirkung am öffentlichen Leben erlauben, etwa
können, werden als Extranets bezeichnet. Firmen weil der Zugriff auf Informationen leichter wird
benutzen solche Netzwerke zur Koordination ihrer oder weil Bürger mit anderen Bürgern über elektro-
Aktivitäten mit anderen Firmen, um Einkäufe zu nische Netzwerke zusammenarbeiten können. Bei-
tätigen, an Entwürfen zusammenzuarbeiten und spielsweise können die Bürger in manchen Städten
andere unternehmensübergreifende Arbeiten zu er- Anwohnerparkausweise online beantragen bzw.
ledigen. Kapitel 4 und 8 enthalten nähere Einzel- verlängern oder sich bei Parlamentswahlen online
heiten zu Intranet- und Extranet-Anwendungen zur Briefwahl anmelden. Das Internet ist zudem ein
und -Technik. schlagkräftiges Werkzeug zur sofortigen Mobilisie-
Diese breiteren Anwendungen der Internettech- rung von Interessengruppen für politische Aktio-
nik sowie von E-Commerce unterstützen die Ent- nen und das Sammeln von Spenden.
wicklung zum vernetzten Unternehmen. In diesem Um das Internet und andere elektronische Tech-
Buch verwenden wir den Begriff E-Business, um die niken erfolgreich für E-Business, E-Commerce,
Anwendung von Internet und digitalen Techniken E-Government und die Schaffung vernetzter Unter-
zur Ausführung sämtlicher Geschäftsprozesse eines nehmen nutzen zu können, müssen Unternehmen
Unternehmens zu beschreiben. E-Business umfasst ihre Geschäftsmodelle und Geschäftsprozesse neu
sowohl E-Commerce als auch Prozesse zur internen definieren, die Unternehmenskultur ändern und
Verwaltung und zur Koordination mit Lieferanten viel engere Beziehungen zu Kunden und Liefe-
und anderen Geschäftspartnern. ranten knüpfen. Wir erörtern diese Aspekte in den
Abbildung 1.16 zeigt ein vernetztes Unterneh- folgenden Kapiteln eingehender.
men, welches das Internet und elektronische Tech-
niken intensiv für sein E-Business einsetzt. Infor-
mationen können reibungslos zwischen den Intranet | Ein internes Netzwerk, das auf Internet- und
verschiedenen Teilen des Unternehmens sowie mit World Wide Web-Technik und -Standards basiert.
externen Parteien (Kunden, Lieferanten und Ge- Extranet | Privates Intranet, auf das autorisierte Außen-
schäftspartner) ausgetauscht werden. Da Unterneh- stehende zugreifen können.
men das Internet, Intranets und Extranets benutzen,
E-Business | Die Anwendung von Internet und digitalen
um ihre internen Geschäftsprozesse auf elektroni-
Techniken zur Ausführung sämtlicher Geschäftsprozesse
schem Weg auszuführen und ihre unternehmens-
eines Unternehmens. Umfasst sowohl E-Commerce als
übergreifenden Beziehungen durch elektronische
auch elektronisch gestützte Prozesse zur internen Ver-
Mittel zu unterstützen, nehmen sie immer mehr die
waltung des Unternehmens und zur Koordination mit
Gestalt von vernetzten Unternehmen an. Lieferanten und anderen Geschäftspartnern.
Wir sollten auch darauf hinweisen, dass die mit
E-Commerce und E-Business verbundenen Techni- E-Government | Verwendung von Internet und ver-
ken im öffentlichen Bereich ähnliche Veränderun- wandten Techniken, um die Beziehungen der öffentli-
gen bewirkt haben. Regierungsstellen und die öf- chen Verwaltung zu Bürgern, Unternehmen und anderen
fentliche Verwaltung benutzen auf allen Ebenen Stellen durch elektronische Mittel zu unterstützen.
Internettechnik, um den Bürgern, Mitarbeitern und

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1 INFORMATIONSSYSTEME

DAS VERNETZTE UNTERNEHMEN

E-BUSINESS

Fabriken Kunden
• Just-in-Time-Produktion • Online-Marketing
• Ständiges Auffüllen der • Online-Vertrieb
Warenbestände • Kundenspezifische
• Produktionsplanung Produkte
• Kundenservice
• Automatisierung der
Vertriebsprozesse
E-COMMERCE

Entfernte Büros und Arbeitsgruppen


• Abstimmung von Plänen und Richtlinien
• Unterstützung von
Gruppenarbeitsprozessen
• Elektronische Kommunikation
• Disposition

Lieferanten
• Beschaffung
• Supply Chain
Geschäftspartner
Management
• Gemeinsames Design
• Fremdbeschaffung

Abbildung 1.16: E-Business und E-Commerce im vernetzten Unternehmen


Unternehmen können das Internet, Intranets und Extranets für E-Commerce-Transaktionen mit Kunden und Lieferanten, für die Verwaltung inter-
ner Geschäftsprozesse und für die Koordination mit Lieferanten und anderen Geschäftspartnern benutzen.

1.4 Informationssysteme: Weiter vorne in diesem Kapitel haben wir die


Bedeutung von Informationssystemen als In-
neue Herausforderungen vestition beschrieben, die zur Wertschöpfung
und neue Chancen 1.4 einer Unternehmung beiträgt. Wir zeigten,
dass nicht alle Unternehmen mit ihren Investi-
Obwohl Informationssysteme sowohl für Unterneh- tionen in Informationssysteme hohe Renditen
men als auch für den Einzelnen viele interessante erzielen. Offensichtlich besteht eine der größ-
Chancen bieten, sind sie auch eine Quelle neuer ten Herausforderungen für Manager heute da-
rin, sicherzustellen, dass sich die Investition
Probleme, Fragen und Managementherausforderun-
in Informationssysteme für ihr Unternehmen
gen. In diesem Kapitel lernen Sie sowohl die Prob-
tatsächlich in Form höherer Gewinne auszahlt.
leme als auch die Chancen von Informationssyste-
Der Einsatz von IT zur Entwicklung, Fertigung,
men kennen.
Lieferung und Pflege neuer Produkte bedeutet
Trotz des erheblichen Fortschritts der Technik, noch nicht, dass sich der Einsatz in finanziel-
sind Aufbau und Einsatz von Informationssyste- ler Hinsicht auszahlt. Wie können Unterneh-
men keineswegs trivial. Das Management muss men aus ihren Investitionen in Informations-
sechs wichtige Managementfragen meistern: systeme messbare Gewinne ableiten? Wie kann
die Geschäftsführung sicherstellen, dass Infor-
1 Die Frage der Investition in Informationssys-
mationssysteme zur Wertschöpfung des Unter-
teme: Auf welche Weise kann das Unterneh-
nehmens beitragen?
men von Informationssystemen profitieren?

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7158.book Page 61 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.4 Informationssysteme: neue Herausforderungen und neue Chancen

Das Top-Management sollte hierzu Antworten kulturellen und politischen Unterschiede


auf folgende Fragen haben: Wie können wir die zwischen Ländern führte dieser Ansatz häufig
Investitionen in Informationssysteme in ähnli- dazu, dass kein Überblick herrschte und zentrale
cher Weise bewerten wie andere Investitionen? Managementsteuerungsinstrumente fehlten.
Bringen unsere Informationssysteme die erwar- Zum Aufbau integrierter multinationaler Infor-
tete Kapitalrendite? Erzielen unsere Wettbe- mationssysteme müssen Unternehmen globale
werber eine höhere Rendite? Viel zu viele Hardware-, Software- und Kommunikations-
Unternehmen können diese Fragen nicht beant- standards entwickeln oder auf entsprechende,
worten. Das Management dieser Firmen kann standardisierte Lösungen zurückgreifen. Zudem
oft nicht ermitteln, wie viel sie tatsächlich für müssen in den verschiedenen Ländern anwend-
diese Technik ausgeben und welche Rendite bare Buchhaltungs- und Berichtsstrukturen ge-
ihre Technologieinvestitionen erbringen. In den schaffen (Roche, 1992) und länderübergreifende
meisten Unternehmen ist kein klarer Entschei- Geschäftsprozesse entwickelt werden.
dungsfindungsprozess für die Fragen definiert,
welche Technologieinvestitionen getätigt und 4 Die Frage der Informationsarchitektur und IT-
wie diese Investitionen verwaltet werden sol- Infrastruktur: Wie entwickeln Unternehmen
len (Hartman, 2002). eine Informationsarchitektur und eine IT-In-
frastruktur, die ihre Ziele unterstützen, auch
2 Die Frage der Unternehmensstrategie: Welche wenn sich Marktbedingungen und Technik
ergänzenden Vermögenswerte sind für einen rasch ändern?
effizienten Einsatz von IT erforderlich? Viele Unternehmen sind mit teuren und kom-
Trotz umfangreicher Technologieinvestitionen plizierten IT-Plattformen ausgerüstet, die nicht
ziehen viele Unternehmen kaum nennens- für Innovationen und Änderungen offen sind.
werten finanziellen Nutzen aus ihren Systemen, Ihre Informationssysteme sind so komplex
weil sie nicht über die ergänzenden Vermögens- und träge, dass sie die Unternehmensstrategie
werte verfügen (oder deren Notwendigkeit nicht und deren Umsetzung einschränken. U.U. er-
erkennen), die für einen effizienten Einsatz die- fordert die Lösung von Problemen, die sich
ser Technik erforderlich sind. Das Leistungsver- durch neue Marktbedingungen und neue Tech-
mögen von Computerhardware und -software ist niken stellen, eine Umstrukturierung des
viel schneller gewachsen als die Fähigkeit der Unternehmens und den Aufbau einer neuen
Unternehmen, diese Technik anzuwenden und Informationsarchitektur und IT-Infrastruktur.
einzusetzen. Um sämtliche Vorteile der IT nut- Mit Informationsarchitektur ist die spezielle
zen, echte Produktivitätssteigerungen erzielen Form der IT eines Unternehmens gemeint, die
und wettbewerbsfähig und effektiv werden zu zur Erreichung ausgewählter Ziele oder Funk-
können, müssen viele Unternehmen umstruktu- tionen entworfen wurde. Dieser Entwurf ist
riert werden. Das Verhalten der Mitarbeiter und auf die wichtigsten Geschäftsanwendungs-
des Management muss sich ggf. grundlegend än- systeme und deren Verwendung in einem
dern. Die Unternehmen müssen neue Geschäfts- Unternehmen zugeschnitten. Weil Führungs-
modelle entwickeln, überflüssige Richtlinien kräfte und Mitarbeiter direkt mit diesen Syste-
und Verfahren über Bord werfen und Geschäfts- men arbeiten, ist es für den geschäftlichen Er-
prozesse und Organisationsstrukturen opti- folg wichtig, dass die Informationsarchitektur
mieren. Neue Technik, isoliert betrachtet und den aktuellen und künftigen Unternehmens-
eingesetzt, bringt im Allgemeinen keine Ge- anforderungen gerecht wird.
schäftsvorteile.
Die IT-Infrastruktur eines Unternehmens stellt
3 Die Globalisierungsfrage: Wie können Firmen die technische Plattform für diese Architektur
die Unternehmens- und Systemanforderungen dar. Computerhardware, -software, Daten- und
einer globalen Wirtschaft bestimmen? Speichertechnik, Netzwerke und das Personal,
Für das schnelle Wachstum des internationalen das zur Bedienung dieser Geräte notwendig ist,
Handels und die Entstehung einer globalen bilden die gemeinsamen IT-Ressourcen eines
Wirtschaft werden Informationssysteme benö- Unternehmens und stehen allen Systemanwen-
tigt, die sowohl die Fertigung als auch den Ver- dungen zur Verfügung.
trieb von Waren in vielen verschiedenen Län-
dern unterstützen können. In der Vergangenheit
konzentrierte sich jede regionale Niederlassung Informationsarchitektur | Der spezielle Entwurf der IT
eines multinationalen Unternehmens auf die eines bestimmten Unternehmens zur Erreichung ausge-
Lösung ihrer speziellen Informationsprobleme. wählter Ziele oder Funktionen.
Aufgrund der verschiedenen Sprachen und der

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1 INFORMATIONSSYSTEME

Die Geschäftsführung muss entscheiden, wie 5 Die Frage nach der Integration: Wie kann
die Ressourcen, die für Hardware, Software, Da- sichergestellt werden, dass die Informations-
tenspeicher und Telekommunikationsnetzwerke systeme eines Unternehmens zueinander pas-
reserviert sind, so eingesetzt werden, dass die sen und miteinander kommunizieren können?
Technikplattform des Unternehmens die aktu- Wie können bestehende Altsysteme und neu
elle und künftige Architektur wirkungsvoll zu entwickelnde Informationssysteme so inte-
unterstützt. griert werden, dass Kompatibilität gewähr-
Nachfolgend sind typische Fragen aufgeführt, leistet ist?
die sich den Managern von heute hinsichtlich Der Aufbau der Informationsarchitektur und der
der Informationsarchitektur und der IT-Infra- IT-Infrastruktur für ein vernetztes Unternehmen
struktur stellen: Sollen die Vertriebsdaten und ist eine gewaltige Aufgabe. Die meisten Firmen
die Vertriebsfunktion des Unternehmens auf werden durch fragmentierte und inkompatible
die verschiedenen entfernten Standorte des Un- Computerhardware, Software, Telekommunika-
ternehmens verteilt oder in der Hauptniederlas- tionsnetzwerke und Informationssysteme behin-
sung zentral verwaltet werden? Soll das Unter- dert, die den freien Informationsaustausch zwi-
nehmen Systeme entwickeln, um sämtliche schen verschiedenen Teilen des Unternehmens
Unternehmensteile zu verbinden, oder sollen vereiteln. Obwohl Internetstandards einige
voneinander unabhängige Anwendungen bei- dieser Konnektivitätsprobleme lösen, ist die
behalten werden? Soll das Unternehmen seine Einrichtung von Informationssystemen, die das
Infrastruktur nach außen hin erweitern, so dass gesamte Unternehmen umspannen (und zuneh-
Kunden oder Lieferanten eingebunden werden? mend das Unternehmen und externe Geschäfts-
Es gibt keine allgemein richtige Antwort auf partner miteinander verknüpfen), selten so rei-
diese Fragen (Allen und Boynton, 1991). bungslos wie erhofft. Viele Unternehmen haben
Da sich die Geschäftsanforderungen zudem immer noch Schwierigkeiten, ihre isolierten In-
ständig ändern, muss die IT-Architektur fort- formations- und Technikeinrichtungen in einer
während neu bewertet werden (Feeny und kohärenten Architektur zusammenzuführen.
Willcocks, 1998). Kapitel 6 und 9 enthalten detailliertere Angaben
zu Fragen der Informationsarchitektur und IT-
Infrastruktur.

Tabelle 1.7

Positive und negative Auswirkungen von Informationssystemen

Vorteile von Informationssystemen Negative Auswirkungen von Informations-


systemen
Informationssysteme können sehr viel schneller als Menschen Durch die Automatisierung von Aufgaben, die zuvor von
Berechnungen ausführen und Schreibarbeiten erledigen. Menschen erledigt wurden, können Informationssysteme
zum Abbau von Stellen führen.
Informationssysteme können Unternehmen helfen, mehr über Informationssysteme können Unternehmen in die Lage ver-
die Kaufgewohnheiten und Vorlieben ihrer Kunden zu setzen, persönliche Daten zu sammeln und damit den Daten-
erfahren. schutz zu verletzen.
Informationssysteme stellen durch Dienste wie Geldautoma- Informationssysteme werden in so vielen Bereichen des täg-
ten, Telefonsysteme und computergesteuerte Flugzeuge und lichen Lebens eingesetzt, dass Systemausfälle zur Schließung
Flugzeugterminals neue Fähigkeiten zur Verfügung. von Geschäften oder zu Verkehrsstörungen führen können,
die ganze Gemeinden oder Stadtteile lahm legen.
Informationssysteme haben medizinische Fortschritte in der Informationssysteme können bei intensiven Benutzern zu
Chirurgie, Radiologie und Patientenüberwachung ermöglicht. Stress und anderen Gesundheitsproblemen führen.
Über das Internet werden Informationen sofort an Millionen Im Internet ist es zuweilen schwierig, Urheberrechte an digita-
von Benutzern in der ganzen Welt verteilt. len Informationsgütern wie beispielsweise Software, Büchern,
Artikeln oder anderem geistigen Eigentum durchzusetzen.

62
7158.book Page 63 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1.4 Informationssysteme: neue Herausforderungen und neue Chancen

6 Die Frage der Verantwortung und Kontrolle. sie von Menschen falsch interpretiert oder
Wie können Unternehmen sicherstellen, dass missverständlich verwendet werden könnten.
ihre Informationssysteme in ethisch und sozi- Problematisch sind Kontrollräume, in denen
al verantwortlicher Weise verwendet werden? die Steuerelemente nicht korrekt funktionie-
Wie entwickeln wir steuerbare und verständ- ren oder in denen Instrumente falsche Anga-
liche Informationssysteme? ben anzeigen. Informationssysteme müssen so
entwickelt werden, dass sie wie vorgesehen
Obwohl Informationssysteme enorme Vorzüge
funktionieren und Menschen den Prozess
und Produktivitätsgewinne bieten, bringen sie
steuern können.
auch neue Probleme und Herausforderungen
mit sich, über die sich Manager im Klaren sein Führungskräfte müssen sich folgende Fragen
müssen. In Tabelle 1.7 sind einige dieser Prob- stellen: Können wir für unsere Informations-
leme und Herausforderungen beschrieben. systeme ebenso wie für unsere Produkte und
Dienstleistungen hohe Qualitätssicherungs-
In vielen Kapiteln dieses Buches sind Szena-
standards übernehmen? Können wir Informa-
rien zu diesen in Teilen auch ethischen Fragen
tionssysteme aufbauen, mit denen der Schutz
beschrieben; Kapitel 5 ist gänzlich diesem
persönlicher Daten gewahrt und gleichzeitig
Thema gewidmet. Ein wichtiges Management-
die Unternehmensziele verfolgt werden? Soll-
problem besteht darin, unter Berücksichtigung
ten Informationssysteme zur Überwachung der
der negativen und der positiven Auswirkun-
Mitarbeiter eingesetzt werden? Was tun wir,
gen von Informationssystemen fundierte Ent-
wenn ein Informationssystem, das die Effizi-
scheidungen zu treffen.
enz und die Produktivität steigern soll, zum
Manager müssen auch fortwährende Probleme Abbau von Stellen führt?
bezüglich der Sicherheit und Kontrolle bewäl-
Dieses Buch soll künftigen Führungskräften einfüh-
tigen. Informationssysteme sind in der Wirt-
schaft, im öffentlichen Leben und im Alltag so rendes Wissen und ein Verständnis für den Umgang
wichtig, dass Unternehmen durch spezielle mit diesen Fragen vermitteln. Zu diesem Zweck be-
Maßnahmen ihr genaues, zuverlässiges und ginnt auch jedes der nachfolgenden Kapitel mit
sicheres Funktionieren sicherstellen müssen. einem Abschnitt mit dem Titel „Herausforderungen
Katastrophen sind vorprogrammiert, wenn für das Management“, in welchem Schlüsselfragen
Systeme verwendet werden, die nicht in der skizziert werden, die von Führungskräften zu be-
vorgesehenen Weise funktionieren oder die In- rücksichtigen sind.
formationen in einer Form bereitstellen, in der

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7158.book Page 64 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

IT in der Praxis
„ Beschaffung „ Personalwesen „ Vertrieb und Marketing

Mit E-Procurement können heute von Die Verwaltung der Personalakten ist Das Internet und das World Wide Web
einem Unternehmen via Internet v.a. heutzutage größtenteils computerge- haben einen neuen Kommunikations-
niedrigpreisige Waren einfach be- stützt, wodurch Firmen in die Lage kanal und Absatzweg eröffnet, über
stellt werden, die in großer Anzahl versetzt werden, ihre personellen den Einzelhandelskunden und andere
benötigt werden. Die Bestellung von Ressourcen jederzeit zu überblicken. Unternehmen erreicht werden kön-
Gütern kann so auf Basis von web- Vernetzte Kommunikationssysteme nen. Firmen können das Internet zu
basierten Systemen direkt durch den und das Internet erleichtern es Werbezwecken, für den Kundenser-
jeweiligen Bedarfsträger in der Abtei- Führungskräften, mit vielen Mitarbei- vice und sogar für einige Formen von
lung durchgeführt werden. Dadurch tern gleichzeitig zu kommunizieren Produkttests verwenden. Kunden kön-
lassen sich die Kosten pro Bestellvor- und an weit entfernten Standorten nen Produkte und Dienstleistungen
gang erheblich reduzieren. Sowohl arbeitende Projekt- und Arbeitsteams von ihren Arbeitsplatzrechnern aus
der Besteller als auch die Einkaufsab- zu verwalten. Die Tätigkeit kann vom über das Web bestellen. Die Allgegen-
teilung werden von Routinetätigkei- Standort getrennt und aus der Entfer- wärtigkeit des Internet ermöglicht es
ten entlastet. nung ausgeführt werden. kleinen Firmen, ihre Waren in vielen
Teilen der Welt zu vertreiben, ohne
„ Finanz- und „ Fertigung und Vertriebsmitarbeiter oder Niederlas-
Rechnungswesen Produktion sungen vor Ort zu haben. Sie finden
Beispiele für Vertriebs- und Mar-
Das Internet hat einen riesigen elek- Internet- und Netzwerktechnik haben ketinganwendungen im Abschnitt
tronischen Markt für den Kauf und dazu beigetragen, dass Fertigungs- „Blickpunkt Organisation“ und in der
Verkauf von Aktien, Wertpapieren und Produktionsprozesse sowohl in abschließenden Fallstudie „Herman
und anderen Finanzprodukten ge- großen als auch in kleinen Unterneh- Miller – Informationssysteme am
schaffen. Überdies ermöglicht es den men genauer und flexibler geworden Scheideweg“.
Online-Handel und die Online-Ver- sind. Große Fertigungsbetriebe können
waltung von Investment-Konten. Fi- Software und Netzwerke zur Massen-
nanzsysteme gehörten zu den ersten fertigung kundenindividueller Produk-
computergestützten Systemen. Sie te einsetzen, während kleine Firmen
basieren heute auf Hochgeschwin- mit Hilfe von mit CAD-Software aus-
digkeitscomputern und Netzwerken. gestatteten Arbeitsplatzrechnern und
Finanz- und Buchhaltungsdaten kön- computergesteuerten Maschinen Pro-
nen sofort von internen Compu- dukte mit der Präzision und Geschwin-
tersystemen abgerufen und im digkeit großer Unternehmen herstellen
gesamten Unternehmen verteilt wer- können. Unternehmen können diese
den. Finanzdaten können zudem Techniken auch einsetzen, um mit an-
sofort über das Internet beschafft deren Firmen zusammenzuarbeiten
werden. und ihre Produktionsprozesse enger
mit den Geschäftsprozessen von Liefe-
ranten und Distributoren zu koordinie-
ren. Beispiele zu Fertigungs- und
Produktionsanwendungen finden Sie
in der einführenden Fallstudie „J.C.
Penneys unsichtbarer Lieferant“, im
Abschnitt „Blickpunkt Technik“ und in
der abschließenden Fallstudie „Her-
man Miller: Informationssysteme am
Scheideweg“.

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7158.book Page 65 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

Zusammenfassung

Zusammenfassung schöpfenden Aktivitäten zur Beschaffung, Um-


formung und Verteilung von Informationen,
die dazu dienen, die Entscheidungsfindungs-
1 Welche Rolle spielen Informationssysteme im
prozesse des Management und die Wirtschafts-
heutigen, von Wettbewerb geprägten betrieb-
leistung des Unternehmens zu verbessern und
lichen Umfeld?
letztlich die Rentabilität des Unternehmens zu
Informationssysteme sind für Unternehmen steigern.
unentbehrlich geworden, um Änderungen auf
Zusätzlich zu den zu erfüllenden betrieblichen
den globalen Märkten und im Wirtschaftsun-
Aufgaben, der IT-Infrastruktur und den Daten
ternehmen zu bewältigen. Informations-
müssen bei Entwicklung und Betrieb von In-
systeme stellen Firmen Kommunikations- und
formationssystemen auch die Organisations-
Analysemöglichkeiten für den globalen Han-
struktur, in die das System eingebettet werden
del und für die Verwaltung globaler Unterneh-
soll, und die Menschen, die mit dem System
men zur Verfügung. Informationssysteme bil-
arbeiten sollen, berücksichtigt werden. Infor-
den die Grundlage neuer wissensbasierter
mationssysteme sind in den Unternehmen ver-
Produkte und Dienstleistungen in Informa-
wurzelt. Sie sind das Ergebnis von Organisa-
tionsmärkten und helfen Unternehmen bei der
tionsstruktur, Unternehmenskultur, Politik,
Verwaltung ihrer geistigen Vermögenswerte.
Arbeitsabläufen und Verfahrensrichtlinien ei-
Informationssysteme ermöglichen es Unter-
nes Unternehmens. Deshalb müssen sie indivi-
nehmen, flachere, dezentralisierte Strukturen
duell an die vorhandene Organisationsstruktur
zu implementieren, in denen die Beziehungen
und an die im Unternehmen tätigen Menschen
zwischen Mitarbeitern und Führungskräften
angepasst werden. Man kann sie also nicht in
flexibler sind. Mit ihnen kann über weite Ent-
Form von Standardsoftware kaufen.
fernungen hinweg mit anderen Unternehmen
zusammengearbeitet werden. Unternehmen Informationssysteme sind Instrumente für die
versuchen, konkurrenzfähiger und effizient zu Änderung und Wertschöpfung von Unterneh-
werden, indem sie sich in vernetzte Unterneh- men, die es ermöglichen, dass diese unterneh-
men verwandeln, in denen fast alle wichtigen merischen Elemente in neuen Geschäftsmodel-
Geschäftsprozesse und Beziehungen zu Kun- len umgesetzt und Unternehmensgrenzen neu
den, Lieferanten und Mitarbeitern durch elek- definiert werden. Die Aufgabe von Führungs-
tronische Mittel unterstützt werden. kräften besteht in der Lösung von Problemen,
daher sind sie dafür zuständig, die vielen un-
2 Was versteht man unter einem Informations- ternehmerischen Herausforderungen zu analy-
system? Was müssen Führungskräfte über sieren und Strategien und Aktionspläne zu ent-
Informationssysteme wissen? wickeln. Informationssysteme sind eines der
Ein Informationssystem ist für die Zwecke ei- Hilfsmittel, das ihnen Informationen liefert,
nes Teils eines bestimmten Unternehmens ge- die für die Entwicklung von Lösungen erfor-
schaffen und wird in diesem Betrieb einge- derlich sind. Informationssysteme spiegeln ei-
setzt. Ein Informationssystem ist ein in die nerseits Managemententscheidungen wider
Organisations-, Personal- und Technik-Struk- und dienen andererseits als Instrument zur Än-
turen eingebettetes System. Es sammelt, verar- derung von Managementaktivitäten. Informa-
beitet, speichert und verteilt Informationen tionssysteme können die Effizienz von
aus dem Umfeld und dem internen Betrieb ei- Management und Unternehmen nur dann stei-
nes Unternehmens, um Geschäftsfunktionen, gern, wenn sie durch ergänzende Vermögens-
Entscheidungsfindung, Kommunikation, Koor- werte, wie z.B. neue Geschäftsprozesse, die
dination, Steuerung, Analyse und Visualisie- Unternehmenskultur und das Verhalten der
rung zu unterstützen. Informationssysteme Führungskräfte, gestützt werden.
wandeln durch die drei Grundaktivitäten Ein- Informationssystemkenntnisse setzen das Ver-
gabe, Verarbeitung und Ausgabe Rohdaten in ständnis der organisatorischen und manage-
nützliche Informationen um. Aus Unterneh- mentbezogenen sowie der technischen Aspekte
menssicht trägt ein Informationssystem zur voraus. Informationssystemkenntnisse umfas-
wirtschaftlichen Wertschöpfung bei, indem es sen Inhalte des technischen und des verhal-
als eine auf IT basierende Organisations- und tenstheoretischen Ansatzes zum Studium der
Managementlösung durch das geschäftliche Wirtschaftsinformatik. Beide Sichtweisen las-
Umfeld bedingte Probleme löst. Das Informa- sen sich zu einem soziotechnischen System-
tionssystem ist Teil einer Reihe von wert- ansatz kombinieren.

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7158.book Page 66 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

3 Was versteht man unter einem Anwendungs- zise Planung, Prognose und Überwachung des
system? Was ist der Unterschied zu einem Unternehmens zur Verfügung. Um die Vorteile
Informationssystem? von IT optimal nutzen zu können, muss die In-
formationsarchitektur und IT-Infrastruktur von
Ein Anwendungssystem ist ein System, wel-
Unternehmen heute explizit geplant werden.
ches alle Programme beinhaltet, die als An-
wendungssoftware für ein konkretes betriebli-
5 Was versteht man unter Wirtschaftsinforma-
ches Anwendungsgebiet entwickelt, eingeführt
tik? Welche anderen Disziplinen tangieren die
und eingesetzt werden. Hinzu kommen die Da-
Wirtschaftsinformatik? Womit befasst sich
ten (z.B. in Form von Dateien, Datenbanken
das Gebiet des Informationsmanagement?
oder verteilten Datenbanken), welche von der
Anwendungssoftware genutzt werden. In ei- Wirtschaftsinformatik ist eine Wissenschaft, die
nem Betrieb gibt es nicht ein (einziges), son- sich mit der Beschreibung, Erklärung, Gestal-
dern meist eine größere Anzahl von parallel tung und Vorhersage rechnergestützter Informa-
eingesetzten Anwendungssystemen. tionssysteme und deren Einsatz in Wirtschafts-
unternehmen, Verwaltung und zunehmend
Ein Anwendungssystem für einen bestimmten
Haushalten befasst. Sie versteht sich als inter-
Betrieb ist Teil eines Informationssystems die-
disziplinäres Fach im Wesentlichen zwischen
ses Betriebs. Ein Anwendungssystem ist der
Betriebswirtschaftslehre und Informatik.
technisch realisierte Teil eines Informations-
systems, entspricht also der funktionsfähigen Wirtschaftsinformatik vereint die theoretische
Hardware/Software sowie den Daten zur Bear- Arbeit der Disziplinen Informatik und Be-
beitung von Anwendungsaufgaben. triebswirtschaftslehre mit der praktischen
Ausrichtung auf die Entwicklung von System-
Anwendungssysteme, die beispielsweise von
lösungen für Probleme aus dem Unterneh-
Software-Häusern für einen bestimmten Be-
mens- und Verwaltungsalltag und das Manage-
triebstyp geschaffen worden sind, kann man
ment der IT-Ressourcen.
kaufen. Allerdings müssen sie meistens ange-
passt werden, bevor sie zweckmäßig in einem Informationsmanagement, ein wichtiges Teil-
Betrieb angewendet werden können. Organi- gebiet der Wirtschaftsinformatik, befasst sich
satorische Aspekte, wie beispielsweise die etwa nach dem Referenzmodell von Krcmar
„Einbettung“ des Anwendungssystems in das (2005) mit allen Managementaufgaben auf den
Unternehmen oder die Anpassung der Aufbau- drei Ebenen Informationswirtschaft (Angebot,
und Ablauforganisation im Unternehmen spie- Nachfrage und Verwendung), Informations-
len dabei nur eine untergeordnete Rolle. Dies systeme (Daten, Prozesse und Anwendungs-
ist ein weiterer Hauptunterschied zu den lebenszyklus) und IT (Speicherung, Verarbei-
Informationssystemen, die regelmäßig in die tung, Kommunikation und Technikbündel)
Unternehmensorganisation einzubetten sind. sowie mit allen Führungsaufgaben des Infor-
mationsmanagement (IT-Governance, Strategie,
4 In welcher Weise verändern Informations- IT-Prozesse, IT-Personal und IT-Controlling).
systeme Organisation und Management von Dabei soll die Ressource Information unter
Unternehmen? Nutzung von Informationssystemen so einge-
Die Informationssysteme, die heute entwi- setzt werden, dass Unternehmen nachhaltige
ckelt werden, sind für die Gesamtleistung ei- Wettbewerbsvorteile erzielen.
nes Unternehmens sehr wichtig, insbesondere
in der heutigen stark globalisierten und infor- 6 In welcher Hinsicht haben das Internet und
mationsbasierten Wirtschaft. Informationssys- Informationstechnik (IT) Unternehmen und
teme sind sowohl für den täglichen Betrieb als öffentliche Institutionen verändert?
auch für die Unternehmensstrategie maßgeb- Das Internet ist global verfügbar und bietet
lich. Leistungsstarke Computer, Software und eine flexible Plattform für den reibungslosen
Netzwerke, einschließlich Internet, haben Informationsaustausch innerhalb des Unter-
dazu beigetragen, Unternehmen flexibler zu nehmens und unternehmensübergreifend mit
machen, Managementebenen zu eliminieren, Kunden und Lieferanten. Es bildet die primäre
die Arbeit standortunabhängig zu gestalten, Technikinfrastruktur für E-Commerce, E-Busi-
enger mit Lieferanten und Kunden zusammen- ness und somit auch für das vernetzte Unter-
zuarbeiten und Arbeitsabläufe neu zu struktu- nehmen. Das Internet und andere Netzwerke
rieren. Dadurch eröffneten sich sowohl für den ermöglichen es Unternehmen, manuelle und
einfachen Arbeiter als auch für das Manage- papiergestützte Prozesse durch den elektroni-
ment neue Handlungsmöglichkeiten. IT stellt schen Informationsaustausch zu ersetzen. Mit
den Führungskräften Werkzeuge für die prä- E-Commerce können Unternehmen elektroni-

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Zusammenfassung

sche Kauf- und Verkaufstransaktionen unterei- 7 Welches sind die wichtigsten Probleme, die
nander und mit einzelnen Kunden abwickeln. das Management eines Unternehmens beim
Bei E-Business werden das Internet und an- Aufbau und Einsatz von Informationssyste-
dere elektronische Techniken für die Unter- men bewältigen muss?
nehmenskommunikation und -koordination,
Beim Aufbau und Einsatz von Informationssys-
die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern,
temen muss das Management die folgenden
die Verwaltung des Unternehmens sowie für
sechs Kernprobleme lösen: (a) erreichen, dass
E-Commerce-Transaktionen eingesetzt. Ver-
sich Informationssysteme rentieren, (b) ergän-
netzte Unternehmen nutzen Internettechnik
zende Vermögenswerte bereitstellen, damit IT
intensiv zur Verwaltung ihrer internen Pro-
effektiv genutzt werden kann, (c) die Systeman-
zesse und Beziehungen zu Kunden, Lieferan-
forderungen aus dem globalen geschäftlichen
ten und anderen externen Einheiten. Behörden
Umfeld ableiten können, (d) eine flexible Infor-
und öffentliche Verwaltungen setzen zuneh-
mationsarchitektur und IT-Infrastruktur schaf-
mend auf allen Ebenen Internettechnik ein,
fen, die sich ändernde Unternehmensziele un-
um die Bereitstellung von öffentlichen Dienst-
terstützen kann, (e) sicherstellen, dass die
leistungen zu verbessern, interne Arbeitsab-
Informationssysteme kompatibel zu anderen In-
läufe effizient zu gestalten und Bürger in die
formationssystemen (inklusive Altsystemen)
Lage zu versetzen, sich mit anderen Bürgern
sind und sich integrieren lassen und (f) Sys-
auf elektronischem Weg auszutauschen und zu
teme entwerfen, die von den Benutzern be-
koordinieren.
dient, verstanden und in sozial und ethisch ver-
antwortlicher Weise eingesetzt werden können.

Schlüsselbegriffe

Anwendungssystem 31 Hardware 40 Netzwerk 40


Ausgabe 33 Informationen 32 Organisations- und manage-
Daten 32 Informationsarchitektur 61 mentbezogenes Kapital 42
Datenverarbeiter 39 Informationsmanagement (IM) 46 Programm 35
Digitaler Markt 56 Informationssystem 31 Software 35
E-Business 59 Informationstechnik (IT) 29 Speichertechnik 40
E-Commerce (elektronischer Internet 51 Top-Management 40
Handel) 58 Intranet 59 Unternehmensstrategie 50
E-Government 59 IT-Infrastruktur 40 Unternehmensübergreifende
Eingabe 33 (IT-)Vernetztes Unternehmen 30 Systeme 56
Ergänzende Vermögenswerte 42 Kommunikationstechnik 40 Verarbeitung 33
Extranet 59 Massenfertigung kunden- Wirtschaftsinformatik 44
Formales System 34 individueller Produkte Wissens- und daten-
Führungskräfte für (mass customization) 55 intensive Produkte 29
operative Aufgaben 40 Mitarbeiter im Produktions-/ Wissensarbeiter 39
Geschäftsfunktionen 37 Dienstleistungsbereich 39 World Wide Web 52
Geschäftsprozess 30 Mittleres Management 40

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1 INFORMATIONSSYSTEME

Wiederholungsfragen 11 Welche Beziehung besteht zwischen einem


Unternehmen und seinen Informationssyste-
1 Warum sind Informationssysteme im heutigen men? Wie verändert sich diese Beziehung im
Geschäftsleben so wichtig? Laufe der Zeit?
Beschreiben Sie vier Trends im globalen ge- 12 Was sind Internet und World Wide Web
schäftlichen Umfeld, aufgrund derer Informa- (WWW)? In welcher Weise haben Internet und
tionssysteme so stark an Bedeutung gewonnen WWW die Funktion und Bedeutung von Infor-
haben. mationssystemen in Unternehmen verändert?
2 Beschreiben Sie die Fähigkeiten eines vernetz- 13 Beschreiben Sie einige der wichtigsten Ände-
ten Unternehmens. Warum sind vernetzte Un- rungen, die Informationssysteme in Unterneh-
ternehmen so leistungsfähig? men verursachen.
3 Was ist ein Informationssystem? Beschreiben 14 In welcher Weise verändern Informationssys-
Sie, worin sich ein Computer, ein Programm teme Managementaktivitäten?
und ein Informationssystem unterscheiden.
Worin besteht der Unterschied zwischen Da- 15 Welche Beziehung besteht zwischen der Ver-
ten und Informationen? breitung von Netzwerken und Internet, ver-
netzten Unternehmen, E-Commerce, E-Busi-
4 Was ist ein Anwendungssystem? Was unter- ness und E-Government?
scheidet ein Informationssystem von einem
Anwendungssystem? 16 Was versteht man unter unternehmensüber-
greifenden Systemen? Warum gewinnen diese
5 Durch welche Aktivitäten werden in einem In- Systeme an Bedeutung? Wie haben sich Inter-
formationssystem Rohdaten in verwendbare net- und Webtechnik auf diese Systeme ausge-
Informationen umgewandelt? Welche Bezie- wirkt?
hung besteht zwischen diesen Aktivitäten?
17 Was bezeichnen wir als Informationsarchitek-
6 Welchen Zweck erfüllen Informationssysteme tur und IT-Infrastruktur? Warum stellen sie für
aus Unternehmenssicht? Welche Rolle spielen die Geschäftsführung wichtige Anliegen dar?
Informationssysteme in der Wertschöpfungs-
kette von Unternehmen? 18 Welche Hauptprobleme sind heute für das
Management mit Aufbau, Betrieb und Wartung
7 Worin bestehen die organisatorischen, ma- von Informationssystemen verbunden?
nagementbezogenen und technischen Aspekte
von Informationssystemen?
8 Warum erzielen manche Unternehmen mit ih- Diskussionsfragen
ren Informationssystemen höhere Renditen als
andere Unternehmen? Welche Rolle spielen 1 Informationssysteme sind zu wichtig, als dass
ergänzende Vermögenswerte? man sie IT-Spezialisten allein überlassen
könnte. Stimmen Sie dieser Aussage zu? Wa-
9 Was versteht man unter Wirtschaftsinforma- rum bzw. warum nicht?
tik? Welche Beziehungen hat die Wirtschafts-
informatik zu den Disziplinen Informatik und 2 Da Computer immer schneller und billiger
Betriebswirtschaftslehre? werden und das Internet mehr und mehr ge-
nutzt wird, werden sich die meisten Probleme,
10 Aus welchen Teilbereichen besteht die Wirt- die wir mit Informationssystemen haben, von
schaftsinformatik? Welche Gemeinsamkeiten selbst lösen. Stimmen Sie dieser Aussage zu?
und Unterschiede bestehen zwischen der Wirt- Warum bzw. warum nicht?
schaftsinformatik in Deutschland und in Nord-
amerika?

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Übung: Informationen als Entscheidungshilfe für die Geschäftsführung aufbereiten

Übung: Die Geschäftsführung von Dirt Bikes hat Sie gebeten,


eine Analyse der wichtigsten Geschäftsdaten vor-
Informationen als Entscheidungshilfe
zubereiten, um ihr die Einschätzung der aktuellen
für die Geschäftsführung aufbereiten Situation und der Zukunftspläne zu erleichtern.
Betrachten Sie die Firmengeschichte, das Orga-
Effektive Informationssysteme wandeln Daten in nigramm, Produkte und Dienstleistungen, Vertrieb
sinnvolle Informationen für Managemententschei- und Marketing und ausgewählte Finanzdaten der
dungen um, die die Unternehmensleistung verbes- Firma Dirt Bikes, die Sie im Abschnitt „Einführung
sern. Sie finden auf der begleitenden Website zur zu Dirt Bikes“ auf der buchbegleitenden Website zur
amerikanischen Ausgabe dieses Buches zu Kapitel 1 amerikanischen Ausgabe zu Kapitel 1 finden. Berei-
eine Datenbank (Store and Regional Sales Data- ten Sie dann einen Bericht vor, der folgende Fragen
base) mit Rohdaten zu den wöchentlichen Laden- beantwortet:
verkäufen von Computerzubehör in verschiedenen
Vertriebsregionen. Die Datenbank umfasst diverse 1 Wie lassen sich die Ziele des Unternehmens
Felder, wie etwa Ladenidentifikationsnummer, und die Unternehmenskultur beschreiben?
Nummer der Vertriebsregion, Artikelnummer, Arti-
2 Welche Produkte und Dienstleistungen bietet
kelbeschreibung, Stückpreis, verkaufte Stückzahl Dirt Bikes U.S.A. an? Wie viele Typen von Pro-
und den wöchentlichen Verkaufszeitraum, in dem dukten und Dienstleistungen sind für die Kun-
die Umsätze erzielt wurden. Entwerfen Sie einige den verfügbar? Wie vertreibt die Unterneh-
Berichte und Abfragen, damit diese Daten von der mung Dirt Bikes ihre Produkte?
Geschäftsführung genutzt werden können. Ändern
Sie ggf. die Datenbanktabelle, um die erforderlichen 3 Wie viele Mitarbeiter sind im Management, im
Informationen bereitzustellen. Sie sollten hierbei Produktionsbereich und als Wissensarbeiter
folgende Fragen berücksichtigen: tätig? Wie flach bzw. „hierarchisch“ ist die Or-
ganisationsstruktur?
1 Welche Läden und Vertriebsregionen erzielen
die besten Umsatzergebnisse? 4 Welche Informationssysteme und Techniken
wären für eine Unternehmung wie Dirt Bikes
2 Welche Produkte verkaufen sich am besten? am wichtigsten?
3 Welche Läden und Vertriebsregionen verkau- 5 Ist Dirt Bikes rentabel, was die Unternehmens-
fen welches Produkt am häufigsten? leistung betrifft? Wie sieht die finanzielle Situ-
ation aus?
4 Was sind die umsatzstärksten bzw. die umsatz-
schwächsten Zeiträume? Für welche Läden? 6 (Optional) Verwenden Sie eine Präsentations-
Für welche Produkte? software, um Ihre Analyse der geschäftlichen
Leistung von Dirt Bikes für die Geschäftsfüh-
5 Wie kann Ihr Unternehmen die Umsätze im rung zusammenzufassen.
umsatzschwächsten Laden und in der
schwächsten Vertriebsregion steigern? (Unter- Zur Beantwortung von Frage 5 betrachten Sie aus-
schiedliche Antworten sind möglich.) gewählte Finanzdaten, die Sie unter „Einführung zu
Dirt Bikes“ finden; hierzu gehören die Gewinn- und
Verlustrechnung sowie die Bilanzdaten von 2001 bis
Aufgabe:
2003, die Jahresumsätze der Dirt Bikes-Modelle zwi-
Dirt Bikes U.S.A. – eine Firmenpräsen- schen 1999 und 2003 und die Daten zu den Jahres-
tation mit den wichtigsten Geschäfts- umsätzen aus nationalen und internationalen Ver-
daten vorbereiten käufen für die Jahre 1999 bis 2003.

Software-Voraussetzungen:
„ Tabellenkalkulationssoftware
„ Textverarbeitungssoftware
„ Präsentationssoftware (optional)

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1 INFORMATIONSSYSTEME

Erstellen Sie mit Hilfe einer Tabellenkalkulations- „ Höhe: 20 cm, Länge: 30 cm, Breite: 38 cm,
software Diagramme, die die Umsätze der Firma Gewicht: ca. 20 kg
Dirt Bikes zwischen 1999 und 2003 zeigen und für „ Höhe: 23 cm, Länge: 14 cm, Breite: ca. 27 cm,
die Jahre 1999 bis 2003 die Umsätze im nationalen Gewicht: ca. 7,2 kg
Markt den Umsätzen im internationalen Markt ge- Die Firma verschickt an einem durchschnittlichen
genüberstellen. Wählen Sie den Diagrammtyp, der Geschäftstag etwa vier Pakete der Größe A und acht
sich zur Darstellung der analysierten Daten am bes- Pakete der Größe B an jedes Lagerhaus des Kunden.
ten eignet. Versuchen Sie, beim Studium der Um- Sie sollen den besten Paketzusteller für Ihre
satzdaten die folgenden Fragen zu beantworten: Firma auswählen. Vergleichen Sie drei Paket-
Sind die Umsätze stetig gewachsen? Welche Pro- zusteller, z.B. Federal Express (www.fedex.com), UPS
dukte von Dirt Bikes sind am umsatzstärksten, wel- (www.ups.com) und U.S. Postal Service (www.usps.gov).
che am umsatzschwächsten? Welche Anteile haben Betrachten Sie nicht nur die Kosten, sondern auch
der nationale und der internationale Markt am Ge- Größen wie Liefergeschwindigkeit, Abholtermine,
samtumsatz? Stieg der internationale Umsatz stär- Auslieferungsstandorte, Nachverfolgungsmöglich-
ker als der nationale Umsatz? Berechnen Sie mit keiten und Benutzerfreundlichkeit der Website. Für
Hilfe der Anleitung, die Sie auf der buchbegleiten- welches Unternehmen entscheiden Sie sich? Erläu-
den Website zu Kapitel 1 finden, und Ihrer Tabel- tern Sie die Gründe für Ihre Entscheidung.
lenkalkulationssoftware aus den Daten der Gewinn-
und Verlustrechnung von Dirt Bikes die Brutto- und
die Nettogewinnspanne für die Jahre 2001 bis 2003.
Gruppenprojekt:
Sie können auch Diagramme erstellen, die anhand Analyse eines Informationssystems
bestimmter Daten aus der Gewinn- und Verlust-
rechnung und der Bilanz Trends aufzeigen. (Sie Suchen Sie in einer Dreier- oder Vierergruppe ge-
sollten die zeitliche Anordnung der Daten ändern, meinsam mit Studienkollegen in einem Computer-
wenn Sie Trenddiagramme erstellen möchten.) Su- oder Wirtschaftsmagazin nach einer Beschreibung
chen Sie in der Gewinn- und Verlustrechnung und eines in einem Unternehmen verwendeten Informa-
der Bilanz nach Antworten auf folgende Fragen: tionssystems. Suchen Sie im Internet nach Informa-
Wachsen die Umsatzerlöse und, wenn ja, wie tionen zu dieser Firma, um sie eingehender kennen
schnell? Wie hoch sind die Kosten im Vergleich zu zu lernen, und beschreiben Sie das Unternehmen
den Umsatzerlösen? Steigen oder sinken die Netto- kurz. Beschreiben Sie das gewählte System und
gewinne der Firma? Steigen oder sinken die analysieren Sie hierbei die Eingaben, die Verarbei-
Betriebskosten der Firma? Ist die Firma stark tung und die Ausgaben von Daten. Beurteilen Sie
verschuldet? Verfügt die Firma über ausreichend organisationsbezogene, managementbezogene und
Vermögenswerte, um Verbindlichkeiten nachzu- technische Merkmale des Systems und gehen Sie
kommen und die Entwicklung neuer Produkte und auf dessen Bedeutung für das Unternehmen ein.
Informationssysteme finanzieren zu können? Verwenden Sie, wenn möglich, eine Präsentations-
software zur Präsentation der Analyseergebnisse.
E-Commerce-Projekt:
Versandkosten analysieren

Sie sind Versandsachbearbeiter bei einer kleinen


Firma, die für einen mittelgroßen Verlag Bücher aus
dem Bereich der Unterhaltungsliteratur druckt, bin-
det und ausliefert. Die Produktionsstätten befinden
sich in Albany, New York (Postleitzahl 12250). Die
Lagerhäuser des Kunden befinden sich in Rye im
Bundesstaat New York (10580), Irving im Bundes-
staat Texas (75015), Charlotte im Bundesstaat North
Carolina (28201), Sioux Falls im Bundesstaat South
Dakota (57117) und Tustin im Bundesstaat Califor-
nia (92680). Die Produktionsstätte arbeitet an 250
Tagen im Jahr. Die Bücher werden in der Regel in
einer der folgenden beiden Paketgrößen versandt:

70
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Fallstudie: Herman Miller – Informationssysteme am Scheideweg

Fallstudie:
Herman Miller – Informationssysteme am Scheideweg
Herman Miller ist ein führender gert, wobei die Spezifikationen Produkten zu Niedrigpreisen ver-
nordamerikanischer Hersteller für die Einrichtung der Arbeits- steigert, so dass die Nachfrage
von Büromöbeln, der bekannt ist plätze, für Schreibtische und nach brandneuen Herman-Miller-
für sein hochwertiges, innovati- Stühle häufig Teil eines architek- Produkten stark sank. Die Firma
ves Design von Büroeinrichtun- tonischen Planungsprozesses sind. musste im Finanzjahr 2002 (das im
gen für Wirtschaftsunternehmen, In den 1990er Jahren wurde Her- Juni 2002 endete) einen Verlust
öffentliche Verwaltungen, private man Miller für seine innovativen von 56 Millionen USD verbuchen.
Büros sowie Krankenhäuser und Produkte bekannt. Beispielswei- Roger Gunderson, ein Vertriebs-
Arztpraxen. Die Produktpalette se war Herman Miller die erste mitarbeiter, merkte dazu an: „Im
dieses Herstellers umfasst Büro- Firma, die Wandverkleidungssys- heutigen Markt kämpfen wir um
möbelsysteme und -zubehör, frei- teme für Großraumbüros herstell- das Überleben.“ Herman Miller
stehende Möbel, Ablage- und te, die Vorläufer der heutigen, senkte durch aggressive Sparmaß-
Aufbewahrungssysteme, Lampen durch verschiebbare Trennwände nahmen die Kosten und machte in
und Beleuchtungssysteme, Texti- abgegrenzten Arbeitsplatzkabi- den ersten beiden Quartalen des
lien, Büroschränke aus Holz und nen. Auch heute ist die Firma in Finanzjahrs 2003 (das im Juli 2002
ergonomische Möbel. Die Firma, der Fertigung von „Systemmö- beginnt) wieder Gewinne.
deren Zentrale sich in Zeeland, beln“ führend, womit Möbel ge- Einer der wichtigsten Gründe
Michigan, USA befindet, produ- meint sind, in denen Netzwerk- für den Erfolg der Firma Herman
ziert ihre Produkte in den USA, und Stromkabel untergebracht Miller während ihrer sehr profi-
in Großbritannien und Italien. Zu werden können. Die Vertriebs- tablen Jahre lag in der Entschei-
ihren Hauptkonkurrenten zählen und Designmitarbeiter von Her- dung, innovative dreidimensi-
die Firmen Steelcase und Ha- man Miller helfen den Kunden onale Designsoftware für den
worth, die beide ebenfalls ihren dabei, ihre neue Büroeinrichtung Entwurf und die Einrichtung der
Hauptsitz in Michigan, USA ha- zu entwerfen, und verkaufen die- Büros ihrer Kunden zu verwen-
ben, und HON Industries, ein sen Kunden dann alle dafür not- den. Diese Software namens
Hersteller preisgünstiger Büro- wendigen Möbel und Einrich- z-Axis versetzte mit leistungsfähi-
möbel aus Iowa, USA. tungsgegenstände. gen Laptops ausgerüstete Ver-
Die Firma Herman Miller ver- Herman Miller war insbesondere triebsmitarbeiter von Herman
treibt ihre Produkte weltweit über während der Hochkonjunktur der Miller in die Lage, die Kunden in
ein Netz von Vertriebsmitarbeitern Dot-com-Firmen erfolgreich, als ihrem Büro zu besuchen, den
und Händlern, die über Fach- der Jahresumsatz der Firma in dem Laptop an einen Beamer anzu-
kenntnisse und Erfahrung im Ver- im Juni 2001 endenden Finanzjahr schließen und gemeinsam mit
trieb der komplexen Produktpalet- 2,2 Milliarden USD erreichte. Die den Kunden die Einrichtung des
te der Firma verfügen. Ebenso wie vier davor liegenden Jahre erzielte neuen Büros zu entwerfen sowie
Steelcase und Haworth besteht die Firma jeweils Jahresgewinne den Entwurf in der weiteren
Miller auf semiexklusiven Händ- zwischen 128 Millionen USD und Zusammenarbeit mit den Kunden
lerbeziehungen: Miller-Händler 148 Millionen USD. Die Firma er- abzuändern. Am Ende des Ent-
dürfen keine Steelcase- oder litt 2001/2002 einen herben Rück- wurfs-/Vertriebsprozesses lud der
Haworth-Produkte verkaufen, aber schlag, als ihr Umsatz drastisch Vertriebsmitarbeiter den Kunden
sie dürfen kleinere Hersteller- sank (um 33,9 Prozent), als sich zu einer computerprojizierten,
firmen repräsentieren. (Die Firma die Dot-com-Explosion in eine rie- dreidimensionalen Rundreise
HON erlaubt es jedem Händler sige Dot-com-Pleite verwandelte. durch das geplante Büro ein. Der
oder Warenhaus, ihre Produkte zu Die Möbel von Herman Miller Vertriebsmitarbeiter erzeugte
verkaufen.) wurden zu einem Symbol für über- dann eine Stückliste, die alle im
Herman Miller wurde 1928 für mäßige Ausgaben, weil viele Plan verwendeten Herman-Mil-
die Fertigung und den Vertrieb Dot-com-Firmen Millionen für die ler-Produkte und deren Preise
von Büromöbeln gegründet. Mit Einrichtung eleganter Büros ver- enthielt. Wenn der Preis zu hoch
den Jahren hat sich der Schwer- schwendet hatten, bevor sie auch war oder wenn die Konfiguration
punkt vom Vertrieb einzelner Mö- nur einen Cent verdienten. Als so geändert werden musste, konnte
belstücke oder kleinen Gruppen viele Dot-com-Firmen in Konkurs der Miller-Vertriebsmitarbeiter an
von Möbelstücken auf die Aus- gingen, wurden riesige Mengen an Ort und Stelle Änderungen vor-
stattung kompletter Büros verla- kaum gebrauchten Herman-Miller- nehmen, statt an einem anderen

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7158.book Page 72 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

1 INFORMATIONSSYSTEME

Tag mit neuen Zeichnungen und derholt werden musste. „Es war Man ging auf die Firma Herman
einer neuen Preiskalkulation zu- ein sehr zeitaufwändiger und kos- Miller zu und bat sie, als Investor
rückkommen zu müssen. Mit tenträchtiger Prozess“, sagte Gary zu fungieren und Finanzmittel
Hilfe dieser Technik konnten die Millard, der CEO von Wooden zur Verfügung zu stellen. Bix Nor-
Vertriebsmitarbeiter häufig schon Thumb, einem Einrichter und man, damals Präsident von SQA,
am ersten Tag einen Verkaufsab- Hersteller von Küchen mit Sitz in sagt hierzu: „Es war einer dieser
schluss erzielen. Während des ge- Milwaukee, Wisconsin. „Er [der komischen Zufälle: Ich suchte
samten Vorgangs konnte jedes De- manuelle Ansatz] beschränkte nach einer Technologie, die die
tail des Büros entworfen werden, auch unsere Wachstumsmöglich- Möbelspezifikation erleichtern
einschließlich der Arbeitsplatzab- keiten.“ z-Axis beschleunigte den sollte. Gleichzeitig hatten wir
trennungen, Schreibtische, Stühle gesamten Prozess dermaßen, dass einen Geschäftsplan formuliert,
und der elektrischen Anschlüsse. die Mitarbeiter von Herman Miller der besagte, dass wir genau so
Gunderson sagte hierzu, „z-Axis damit Verkaufsabschlüsse in etwas machen sollten.“ Herman
war der Grund, warum wir die durchschnittlich 12 Tagen statt Miller akzeptierte den Vorschlag
meisten dieser Aufträge bekamen; zuvor in 12 Wochen herbeiführen von Lembersky/Chi unter der Be-
die anderen konnten einfach konnten. Die Firma hatte sich mit dingung, dass er Exklusivrechte
nicht so schnell arbeiten“. Nach- Software, die sich nicht schnell für die Verwendung der Software
dem die Software weiter verbes- und einfach nachmachen ließ, erhielt.
sert worden war, erforderte ihr einen spürbaren Wettbewerbsvor- z-Axis wurde mit den Ferti-
Einsatz von den Benutzern kaum teil verschafft. gungssystemen von SQA ver-
Einarbeitung und sie wurde kos- Herman Miller begann, z-Axis knüpft und sollte eine schnelle
tenlos den etwas mehr als 150 einzusetzen, um eine quasi-unab- und zuverlässige Produktion, die
Händlern von Henry Miller zur hängige Abteilung namens SQA Auftragsbearbeitung und den
Verfügung gestellt. zu unterstützen. SQA stand für Kundenservice fördern. Die Soft-
Vor der Einführung von z-Axis Simple, Quick und Affordable ware stellte sicher, dass alle Be-
durch Henry Miller basierte die (einfach schnell und bezahlbar) standteile einer Bestellung entwe-
gesamte Büromöbelbranche vor- und versprach einfachen Service, der auf Lager waren oder von den
wiegend auf manuellen Arbeits- schnelle Lieferung und bezahlba- Lieferanten von Herman Miller
prozessen, insbesondere der Büro- re Produkte. SQA konzentrierte schnell beschafft werden konn-
entwurf und der Produktvertrieb. sich darauf, über ein vereinfach- ten. Zudem organisierte das Sys-
Der Vertriebsmitarbeiter (der zu- tes Vertriebs- und Bestellverfah- tem die Fertigung automatisch, so
gleich ein ausgebildeter Innen- ren kleinen, wachsenden Unter- dass sämtliche Teile rasch und
einrichter war oder mit einem nehmen ein Grundsortiment an vollständig zusammengebaut und
Herman Miller-Inneneinrichter hochwertigen Möbeln anzubie- gleichzeitig geliefert werden
zusammenarbeitete) traf sich mit ten und die Bestellungen schnell konnten, auch wenn sie an ver-
dem Kunden und ging mit diesem und zuverlässig zu erfüllen. Mit schiedenen Standorten hergestellt
verschiedene Ideen und Vorschlä- SQA folgte man dem Vorbild von wurden. Die Fertigstellungsdaten
ge durch, was einen ganzen Tag Dell, Inc., die im großen Stile Pro- (einschließlich des Endpreises
dauern konnte. Ergebnis dieser Be- dukte mit Erfolg nach Kunden- und des Fertigstellungstermins)
sprechung war ein vorläufiger Bü- spezifikationen fertigten. wurden bei der Auftragsannahme
roeinrichtungsentwurf, der einem z-Axis war ursprünglich von automatisch berechnet. Die Teile
Herman-Miller-Designteam über- einer Firma in Seattle namens einer Bestellung wurden gemein-
geben wurde, das diesen Entwurf Computer Human Interaction sam und pünktlich geliefert. SQA
weiter ausarbeitete und Zeichnun- (vormals Lembersky/Chi) für den hatte zum Ziel, dass alle Produkte
gen anfertigte. Als Nächstes ermit- Holzproduzenten Weyerhauser innerhalb einer Lieferzeit von
telte ein Sachbearbeiter die Preise Co. entwickelt worden und sollte zwei Wochen (oder schneller) den
aller im Entwurf enthaltenen Arti- die Vermarktung von dessen Kunden erreichten. Falls ein Be-
kel. Erst dann (nach einigen Tagen Holzprodukten unterstützen, die standteil der Bestellung nicht ver-
oder sogar Wochen) konnte der zum Bau von Balkonen und In- fügbar war, machte das System
Vertriebsmitarbeiter mit Zeich- nenausbauten verwendet wurden. automatisch den zuständigen
nungen, Maßen und Preisen zum Der Entwicklungsprozess war Mitarbeiter auf dieses Problem
Kunden zurückkehren. Für ge- teuer, und als Weyerhauser keine aufmerksam, der einschritt und
wöhnlich ergaben sich in dieser Mittel mehr zur Verfügung stellte, sich um die Lösung dieses Prob-
Besprechung einige Änderungen, brauchten Lembersky/Chi einen lems kümmerte, damit der Auf-
so dass der gesamte Vorgang wie- anderen Investor für sein Projekt. trag pünktlich erfüllt werden

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7158.book Page 73 Friday, January 20, 2006 3:21 PM

Fallstudie: Herman Miller – Informationssysteme am Scheideweg

konnte. z-Axis überprüfte sogar und für die Büromöbel, die sie bei chen und beschleunigen und für
während des Entwurfsprozesses Home Depot einkaufen wollte, die Firma effizient gestalten ließe.
die Korrektheit und Vollständig- ein Budget von 15.000 USD ein- Das Mutterunternehmen Herman
keit der Bestellung, um den Fall geplant hatte. Falsetti sah die Miller war so beeindruckt und zu-
auszuschließen, dass SQA-Händ- Pläne von TDI und arbeitete in frieden, dass z-Axis auch im übri-
ler während des Aufbaus plötz- der nächsten Nacht acht Stunden gen Unternehmen eingeführt wur-
lich feststellen mussten, dass lang mit z-Axis an einer besseren de. 1998 wurde SQA dann in das
wichtige Teile nicht bestellt wor- Alternative. Er stellte seinen Plan Mutterunternehmen integriert. z-
den waren. dann in einer dreidimensionalen Axis unterstützt einen erweiterten
Ein Beispiel für den Einsatz Darstellung dem potenziellen Produktkatalog, der alle paar Mo-
und den Wert der z-Axis-Software Kunden vor. Der Preis von Falset- nate aktualisiert wird. SQA kann
ist das Erlebnis von Daniel F. tis Entwurf lag bei 30.000 USD sowohl großen Unternehmen maß-
Morley, Präsident von BFI, einem und umfasste auch die Kosten für geschneiderte Designs als auch
unabhängigen Händler von Her- die Verkabelung. TDI war von kleinen Firmen einfache, schnelle
man Miller in Elisabeth, New Jer- diesem Entwurf aber so angetan, und bezahlbare Lösungen anbie-
sey. Herman Miller hatte gerade dass die Firma schließlich etwa ten.
die Produktlinie Resolve vorge- 80.000 USD für Herman-Miller- Als die Firma Herman Miller
stellt, die Arbeitplatzkabinen Produkte ausgab. Falsetti sagte durch die Dot-com-Pleite schwere
durch vertikale Träger ersetzt, an später: „Besonders schön war an Einbußen erlitt, hatte sie ernste
denen Schreibtische und Regale dieser Sache, dass ich mit einem Probleme. Die Ausgaben waren
eingehängt werden, die Arbeit- Verkäufer von Haworth konkur- zu hoch in Anbetracht der gesun-
platzgruppen bilden. Morley sag- rierte, der sich bereits vor mir um kenen Umsatzerlöse. Die Firma
te, Resolve sei so anders gewesen, diesen Auftrag bemüht hatte.“ Er musste zwangsläufig die Ausga-
dass die Kunden davor zurück- sagte, der Haworth-Verkäufer ben senken, um wieder in die
schreckten. Allerdings kam dann hatte ein Angebot abgegeben, das Gewinnzone zu gelangen. Die
eine große Firma mit dem Plan aber nicht überzeugt hatte. „Sie Überreste von SQA wurden ge-
auf ihn zu, drei Standorte in sind die Einzelheiten nie so schlossen. Herman Miller baute
einem Standort zusammenzufas- genau durchgegangen, wie ich es weltweit mehr als 2.500 Stellen
sen. Der Konkurrent Steelcase mit z-Axis konnte, wodurch ich ab, auch einige Stellen im Bereich
hatte dem potenziellen Kunden den Besitzer überzeugen konn- Informationssysteme. Die Firma
einen Entwurf gezeigt, mit dem te.“ Dennis Dederich, ein Vor- schloss ebenso ihre Einzelhan-
188 Mitarbeiter im geplanten stand von TDI stellte fest: „Wenn dels-Website RED und stellte die
neuen Standort untergebracht man sich Büromöbel nur in Produktion der speziellen Mö-
werden konnten. Morley zeigte einem Katalog ansieht, dann kann belserie ein, die über die Website
diesem potenziellen Kunden je- man sich manchmal schwer vor- vertrieben wurde. Kunden kön-
doch, dass sich mit Resolve be- stellen, wie diese in den eigenen nen aber noch einige reguläre
quem 250 Mitarbeiter unterbrin- Büroräumen aussehen.“ Produkte in geringen Stückzahlen
gen ließen. Morley sagte: „Unser Durch das System wird auch der über die offizielle Firmen-Web-
Verkaufsargument war nicht der Lagerbestand der Firma Herman site von Herman Miller kaufen.
Preis, sondern die Platzersparnis, Miller minimiert, was Platz und Die RED-Website, die ein interes-
also die Einsparung an Raummie- Kosten spart. David Bovet von santer Vertriebskanal zu sein
te.“ Ausschlaggebend war die Fä- Mercer Management Consulting, schien, erwies sich in Betrieb und
higkeit, mit dem Kunden zusam- Koautor eines Buchs, das behan- Wartung als teuer (4 Millionen
men einen Entwurf anzufertigen, delt, wie sich durch eine feinere USD pro Jahr, als sie gerade an-
wobei der Kunde sofort eine sich Auflösung der Wertschöpfungs- fing, Gewinne zu machen) und
drehende, dreidimensionale An- kette verborgene Profite erschlie- wurde aufgelöst. Die Website
sicht des Ergebnisses, einschließ- ßen lassen, merkte an, dass die hatte zu ernsten Problemen mit
lich Preis und genauem Lieferter- Büromöbelbranche ein viel größe- den Händlern von Herman Miller
min, betrachten kann. res Produktsortiment und vielfälti- geführt. Sie zog viele Kunden an
In einem anderen Beispiel er- gere Möglichkeiten als die IT-Bran- und wurde zu einer neuen Alter-
fuhr Frank Falsetti, ein für einen che bieten würde (ein Verweis auf native für Kunden, Produkte zu
Händler in Milwaukee, Wiscon- den Vertriebsansatz von Dell). Er bestellen. Dabei wurden die
sin, tätiger Vertriebsmitarbeiter, kam zu dem Schluss, dass SQA Händler umgangen und sie muss-
dass eine örtliche Baufirma na- herausgefunden hätte, wie sich der ten beträchtliche Geschäftseinbu-
mens TDI neue Büroräume bezog Prozess für den Kunden vereinfa- ßen hinnehmen. Verschlimmert

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1 INFORMATIONSSYSTEME

wurde die Sache noch dadurch, Die Geschäftsführung musste sich zuzufügen. Herman Miller wird
dass sich potenzielle Kunden on- auch mit den hohen Ausgaben für sich entscheiden müssen, ob es
line über bestimmte Artikel infor- Informationssysteme beschäftigen sich lohnt, weiterhin die hohen
mierten, dann zu einem Händler und überlegen, wo hier gespart Kosten der Wartung einer exklusi-
gingen und die Produkte dort aus- werden könnte. Es kostete die ven Technik zu tragen, insbeson-
probierten, bevor sie wieder an Firma mehrere Millionen Dollar dere in den mageren Zeiten, in
ihren PC zurückkehrten, um die im Jahr, alleiniger Investor von z- denen das Budget für die Be-
Artikel online zu bestellen. Axis zu sein. In der Zwischenzeit triebsaufwendungen gekürzt
Einige Konkurrenten von Her- standen den Konkurrenten von wird. Bill Rosser, Vice President
man Miller erkannten das Prob- Herman Miller zu viel geringeren der Gartner Group und deren For-
lem früher und vermieden On- Kosten kommerzielle Softwarepa- schungsleiter sagte: „Es kommt
line-Verkäufe. „Wir sind unseren kete mit einem ähnlichen Funkti- ein Punkt, an dem es sich kaum
Händlern als Distributionspart- onsumfang wie z-Axis zur Verfü- mehr auszahlt, der Konkurrenz
ner treu geblieben“, erklärte Jeff gung. In den vergangenen Jahren voraus zu sein.“ Herr Bovet von
English, der bei Haworth für glo- hat sich die Qualität der von der Mercer Management glaubt je-
bale Informationssystemprozesse Konkurrenz verwendeten Softwa- doch, dass die Konkurrenz Her-
zuständige Manager. Nach Aus- re erheblich verbessert, insbeson- man Miller schwerlich überholen
sage von Ken Tamelin, der bei dere Giza, ein von 20-20 Techno- kann, weil das System von Her-
Steelcase für e-Tools verantwort- logies aus Montreal, Kanada, man Miller als Ganzes brillant
lich ist, benutzt die Firma Steel- entwickeltes Paket. konzipiert ist. Er argumentierte,
case ihre Website, um ihre Händ- Die Herman-Miller-Händler dass die neuere Software zwar ei-
ler zu unterstützen, und nicht, möchten weiterhin mit z-Axis ar- nige Funktionen von z-Axis und
um mit ihnen zu konkurrieren. beiten und behaupten, das Pro- weitere neue Funktionen aufwie-
Michael Volkema, der CEO von gramm sei einfacher zu bedienen se, dass z-Axis aber den Vertrieb
Herman Miller, hatte das Web je- und man könne darin auch besser direkt mit den Fertigungs- und
doch als Risiko erachtet, das sich als mit anderen Paketen Regeln Logistiksystemen von Herman
einzugehen lohnt, weil Kunden definieren, welche Artikel zusam- Miller verknüpfe.
damit neue Serviceangebote zur menpassen und welche nicht.
Verfügung gestellt werden. Der Auf einer Möbelmesse wurde
Konflikt mit den Händlern wurde kürzlich eine neue Version von
aber zu ernst und Herman Miller Giza namens 20-20 Office Design
stellte den Betrieb der RED-Web- vorgestellt und dort mit dem
site im Rahmen ihrer Sparmaß- Preis „Best of Show“ ausgezeich-
nahmen in den Jahren 2001 und net. Die Firma Kimball Internatio-
2002 schließlich ein. nal mit Sitz in Jaspar, Indiana,
Die Firma richtete als Alternati- sagt, sie werde dieses Produkt in
ve eine neue Website namens eZ- derselben Weise einsetzen wie Quellen: David F. Carr, „Herman
Connect für Großkunden ein. Die Herman Miller z-Axis verwendet. Miller Reassembles“, Baseline,
dort eingegebenen Bestellungen Diese Software kann an viele Fir- 17. Januar 2003 und „Herman
wurden jedoch an das Händler- men verkauft werden, weil sie die Miller’s Conflicted Dealers“, Ba-
netzwerk und nicht direkt an Her- Kataloge vieler verschiedener seline, 17. Januar 2003; David
man Miller weitergeleitet. Die Hersteller unterstützt und Händ- Carr, „Gotcha! Creating Effective
Firma Herman Miller gab ihren lern somit Flexibilität ermöglicht. Visual Sales Tools“, Baseline,
Händlern zudem die Möglichkeit, Zudem versetzt sie den Benutzer 1. Januar 2003; Regina Kwon,
ein gemeinsames Paket an Ge- in die Lage, die dreidimensionale „Processes: Herman Miller Case
schäftsanwendungen zu überneh- Darstellung eines Entwurfs mit Dissection“, Baseline, 28. Januar
men. Dies versetzte die Händler Mustern und Farben auszu- 2003; Mel Duvall, „Look What
in die Lage, die unterschiedliche schmücken, die den Wänden und Three-Dimensional Design Soft-
Finanz-, Projekt- und Auftrags- Teppichen entsprechen. Man ware Is Cookin“, Baseline, 1. Ja-
verwaltungssoftware durch ein kann sogar Topfpflanzen hinzufü- nuar 2003; www.hermanmiller.com,
einheitliches, auf Inneneinrich- gen, um den Entwurf „wohn- Stand 20. September 2003 und
tung zugeschnittenes System zu licher“ zu gestalten. Antone Gonsalves, „Simplifying
ersetzen und diesen Geschäfts- z-Axis besitzt diese Funktio- Product Customization“, Informa-
zweig auszubauen. nen nicht, und es würde u.U. Mil- tionWeek.com, 24. Dezember
lionen von Dollar kosten, sie hin- 2001.

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Fallstudie: Herman Miller – Informationssysteme am Scheideweg

Fragen zur Fallstudie:

1 Beurteilen Sie, welche Rolle 3 Konnte sich Herman Miller


die Informationssysteme in durch z-Axis einen Wett-
der Geschäftstätigkeit von bewerbsvorteil verschaffen?
Herman Miller spielen. Wie Begründen Sie Ihre Antwort.
wichtig sind die Informati-
onssysteme? 4 Sollte Herman Miller weiter-
hin in z-Axis investieren?
2 Erläutern Sie, warum z-Axis Nennen Sie Gründe, die da-
in der Möbelindustrie einen für oder dagegen sprechen.
wichtigen Fortschritt bedeu-
tete. In welcher Weise hat 5 Welche Managementproble-
das System zur Wertschöp- me veranschaulicht diese
fung von Herman Miller bei- Fallstudie? Erläutern Sie
getragen? Ihre Antwort.

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