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Georg von Lukacs' Romantheorie Der Philosoph Georg von LUMCS hat in einem schmalen

Rez. : Georg von Lukacs, Theorie deJ RomanJ. Ein geJchichtJphiloJo_ Bändchen, das den bescheidenen Titel: »Theorie des Ro-
phiJcher VerJuch über die Formen der großen Epik. Berlin: Paul Cassi- mans" führt, diese unsere geschichtsphilosophische Si-
rer 1920. tuation mit einer unerhörten Eindringlichkeit erschaut.
In welcher geschichtlichen Epoche sind überhaupt die
großen Romane möglich? so lautet die Grundfrage des
Das in der Gegenwart mächtige Bedürfnis nach Religion, Denkers, und er beantwortet sie von einer Metaphysik
nach einem die Seele voll überwölbenden Glauben wird aus, in der sich das inbrünstige Verlangen der Gegen-
durch die ganze geschichtsphilosophische Lage unserer wart nach dem Wiedererscheinen Gottes in der Welt zu-
Zeit bedingt. Der Zersetzungsprozeß, in dem sich die sammenballt.
abendländische Menschheit befindet, seit von dem all- In jeder geschlossenen Kultur ist der "Sinn" dem Leben
umspannenden Gebäude der Kirche Stück für Stück ab- immanent und das ganze Dasein wesenhaft. Die Welt
gebröckelt ist, neigt sich, wenn nicht alle Anzeichen trü- wird in ihr zum geordneten Kosmos, sie bildet ein ho-
gen, seinem Ende zu, denn es bleibt nichts mehr übrig, mogenes, von der göttlichen Substanz durchdrungenes
was noch zersetzt werden kann. Die Philosophie der Ganze, dem Menschen und Dinge sich harmonisch ein-
letzten Jahrhunderte ist ein einziger Versuch, den Riß gliedern. Die Kunstform dieser seligen Zeitalter ist das
zu überbrücken, der sich nach dem Entschwinden eines Epos, das durch Homer vielleicht seine reinste Verwirk-
die gesamte Realität einfangenden ·Sinnes durch die lichung erfahren hat. Hier ist die Utopie wirklich ganz in
Welt zieht, und die formlose ansichseiende Mannigfal- das reale Dasein einbezogen, jedes Wesen befindet sich
tigkeit von dem sie formenden Geist, das Chaos von an dem ihm vorbestimmten Ort, es ist organisches Glied
dem Vernunftsubjekt unwiderruflich scheidet; sie ist ein einer Gemeinschaft, die in sich selber ruht und nirgends
Versuch, der notwendig hat mißlingen müssen, weil er über sich hinaus begehrt. Das Christentum hat zwar -
mit den unzureichenden Mitteln des reinen Denkens .den Griechen eine Torheit" - den Sinn aus dem empi-
unternommen worden ist. Entweder hat diese Philoso- risch gegebenen Dasein hinaus verlegt, aber es hat doch
phie sich zu bestimmten materialen Weltanschauungen zugleich wieder die Realität mit dem jenseitigen Sinn
verdichtet, die dann aber ein durchaus individuelles, ganz durchtränkt. So ist die Epopöe Dantes möglich ge-
nicht allgemein verpflichtendes Gepräge tragen, oder sie worden, die freilich in mancher Hinsicht schon einen
erfaßt das Absolute in Gestalt formaler Prinzipien, in die Übergang zur Ballade und zum Roman darstellt. Das ver-
sich beliebige Inhalte hineinpressen lassen. Auch die so- gängliche Leben der Individuen wird von Dante hin-
zialistische Bewegung etwa bestätigt nur die Zerrissen- übergerettet in die hierarchisch aufgebaute transzen-
heit unserer Zeit; den durch sie erstrebten ökonomi- dente Welt des ewigen Sinnes, in der jede Seele die ihr
schen Bindungen vermag sie von sich aus die religiösen gemäße Stelle angewiesen erhält.
nicht hinzuzufügen, und so überläßt sie uns letzten En- Sobald die Einheit verloren geht, die Welt sich zerklüf-
des weiter der Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Alle die tet, das Dasein wesenlos wird, ist die geschichtliche
Visionen unserer Dichter und Denker sind Pfeile der Stunde für den großen Roman gekommen. Das Drama
Sehnsucht, die zu einer uns unendlich fern gerückten kann das Entweichen des Sinnes überdauern, da es, was
Gottheit emporgesandt werden. Sie zeugen lediglich da- auch im übrigen sein Stilprinzip sein mag, jedenfalls
von, daß wir noch im leeren Raum verweilen, erstickt nicht die extensive Totalität des Lebens zu gestalten hat.
von den Gesetzmäßigkeiten jener sinnfremden Realität, Es erleidet infolge der Verflüchtigung der göttlichen
die wir selber erst geschaffen haben. SUbstanz wohl tiefgreifende Veränderungen, aber es
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einer von ihm mißverstandenen Welt werden. In dem stois räumt Lukäcs eine eigene Stelle in seiner Typologie
Maße, als nach Cervantes die Welt sich verbürgerlicht, ein. Sein Eingewurzeltsein in organisch-naturhafte Ur-
hören die Helden dieses Romantypus allmählich auf, in zustände gestattet es dem Russen, sich in seinen Roma-
einem wahrhaften Ideenreich einzuwurzeln und fühlen nen viel mehr der Epopöe anzunähern, als es irgend
sich stattdessen, wie bei Dickens etwa, schon in der einem Angehörigen der westeuropäischen Kulturwelt
Sphäre der bürgerlichen Wohlanständigkeit geborgen. noch je möglich ist. Wenn Tolstoi trotzdem sich nur in
Oder es wird (so bei Balzac) auf das Erfassen einer posi- vereinzelten großen Augenblicken über die Sphäre des
tiven Idee überhaupt verzichtet und lediglich das dämo- Romans erhebt, so liegt das vor allem daran, daß sich
nische dumpfverworrene Vorbeihandeln der Seelen an durch seine Schöpfungen ein klaffender Riß zwischen
einander psychologisch gestaltet. - Im zweiten Falle ent- den beiden Welten der "Natur" und "Kultur" hindurch-
steht die "Desillusionsromantik", der eigendiche Roman zieht, daß es ihm also nicht gelingt, jene geschlossene
des 19.Jahrhunderts. Bei diesem Typus, der als Erbe des Lebenstotalität zu gestalten, die in der eigentlichen Epo-
abstrakten Idealismus zu begreifen ist, erweitert sich die pöe ihre Verwirklichung finden muß. Erst bei Dosto-
Seele zum Kosmos, zieht sich aber eben dadurch, daß sie jewski - und mit einem vordeutenden Hinweis auf ihn
nun genugsam in sich selber ruht, ganz von der äußeren schließt das Buch - wird wieder der Sinn dem Leben
Wirklichkeit zurück und verliert die Fähigkeit zu deren völlig immanent. Er hat in seinen Epen den Durchbruch
Gestaltung. Je mehr der innere Reichtum der Seele maß- durch die Epoche "der vollendeten Sündhaftigkeit" voll-
los anschwillt, umso mehr verblaßt die Außenwelt, zogen und gehört bereits einer neuen sinnerfüllten Welt
bezw. erstarrt zu einem Gefüge lebloser Konventionen. an, als deren Homer oder Dante Lukäcs ihn preist.
Wie ein Traum zieht sie vorüber, fast völlig verdeckt Das Buch von Lukäcs ist eine so innerlich durchglühte
durch das Nacheinander der Stimmungen und Reflexio- und tiefgegründete philosophische Leistung, daß sich
nen, die dem im Mittelpunkt beHndlichen Subjekt ent- ihr in unserer Zeit schwerlich etwas Ähnliches zur Seite
strömen. Beispiele für diese Romangattung bieten u. a. stellen läßt. Man mag zunächst bedauern, daß es in einer
Jacobsens Niels Lyhne und Oblomow von Gontscha- Sprache geschrieben ist, die ihrer Schwierigkeit wegen
row. - Im Wilhelm Meister erblickt Lukäcs den Versuch nur wenigen Menschen den Zugang zu ihm erlaubt.
zu einer Synthese beider großen Typen. Der Meister Aber vielleicht steckt gerade hierin eine bewußte Ab-
steht nach ihm in der Mitte zwischen Idealismus und sicht des Denkers, der heilige Erkenntnisse vor einem
Romantik, er ist "die Versöhnung des problematischen, oberflächlichen Betasten durch die profane Menge
vom erlebten Ideal geführten Individuums mit der kon- schützen will. Und ist man erst einmal durch die äußere
kreten gesellschaftlichen Wirklichkeit", Subjektwelt und Schale in den Kern eingedrungen, so weitet sich der
Objektwelt beziehen sich in ihm ihrer ganzen Ausdeh- scheinbar enge Bezirk, in dem Lukäcs sich bewegt, bis
nung nach aufeinander, die Seele lebt sich in ihm so- ins Unabsehbare, und man erkennt, daß diese Roman-
wohl handelnd wie betrachtend aus . Wie Lukäcs bei sei- theorie nur dazu dient, um einem philosophischen Ge-
ner tief schürfenden Analyse des Goetheschen Erzie- samtaspekt der Welt zum Ausdruck zu verhelfen, und
hungsromanes dessen ganze notwendige Struktur bloß- daß aus ihren ästhetischen Betrachtungen allenthalben
legt, ist schlechthin meisterhaft und endgültig. Ein das leiddurchfurchte Antlitz des metaphysischen Ethi-
Vergleich mit Gundolf drängt sich hier besonders stark kers hervorleuchtet. Nicht so ganz wie [die] von dem
auf, und es läßt sich nicht verhehlen, daß der metaphysi- metaphysischen Blickpunkt aus erfolgte Einordnung des
sche Denker den Sieg über den wenn auch noch so be- Romans in eine bestimmte geschichtsphilosophische Si-
deutenden Einfühler davon trägt. - Dem Werke Tol- tuation wird man freilich dessen Typologie bejahen kön-
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wird nicht schlechthin unmöglich wie das Epos, dessen in Beziehung zum abhanden gekommenen Sinn. Aber
Schöpfung an das Vorhandensein eines sinndurchstrahl- eben dies: daß das Schicksal der Idee in der Wirklichkeit
ten Weltgefüges geknüpft ist. Der Roman taucht in dem zum Gegenstand der Reflexion wird, erzeugt jene tiefe
Augenblicke auf, in dem zwischen Seele und Gebilde, Melancholie, die jedem echten und großen Roman
Ich und Welt, Innen und Außen sich der Abgrund öff- eignet, eine Melancholie und Resignation, die der männ-
net, er ist ein "Ausdruck transzendentaler Obdachlosig- lich reifen Einsicht entspringt. daß der Sinn die gege-
keit", ist die Epopöe eines Zeitalters, "für das die Le- bene Realität nie ganz zu erfüllen vermag. Nicht die
bensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden ist Götter selbst, sondern die dumpf und triebhaft zu ihnen
und das dennoch die Gesinnung zur Totalität hat". emporstrebenden dämonischen Gestalten beseelen be-
Oder, noch prägnanter: "Die Epopöe gestaltet eine von stenfalls die Welt des Romans.
sich aus geschlossene Lebenstotalität, der Roman sucht Die höchsten Augenblicke, die in ihm überhaupt verge-
gestaltend die verborgene Totalität des Lebens aufzudek- genwärtigt werden können, treten ein, wenn vor der
ken und aufzubauen." Macht des vom Dämon besessenen Menschen die Wirk-
Aus dem Grundwesen des Romans ergibt sich seine lichkeit plötzlich wie "trockener Lehm" zerfällt und ihre
Struktur. Sein ewiges Thema bildet das "Nichteingehen- Substanzlosigkeit offenbart; wenn, wie hinter einer un-
wollen der Sinnes immanenz in das empirische Leben", durchdringlichen Glaswand, das Reich des entschwun-
und wo immer er eine Totalität im Spiegel einfängt, da denen Sinnes mit einem Male in seiner Herrlichkeit auf-
ist diese nicht anschaulich und konkret (wie die Totalität leuchtet. Nicht umsonst nennt Lukacs die Ironie wohl
der Epopöe), sondern höchstens ein mit Leben umklei- auch "die negative Mystik der gottlosen Zeiten", ent-
detes System abstrakter Begriffe. Die Welt des Romans spricht sie doch in solchen Epochen noch am ehesten
ist eine schlechte Unendlichkeit, d.h. ein Chaos, das nie- der wirklich vollzogenen mystischen Vereinigung des
mals durch den Sinn ganz umfaßt und eingegrenzt wer- Ichs mit der Gottheit.
den kann. Der Roman entrollt Fragmente von ihr in Die Einsicht, daß der Roman das Erzeugnis eines Zeital-
einem prinzipiell unabschließbaren Prozeß. Das dichte- ters ist, in dem der Kosmos seine geschlossene Totalität
rische Subjekt, das diese zerrissene Welt zu gestalten und damit die Immanenz des Sinnes eingebüßt hat,
strebt, muß zum Kunstmittel der Ironie greifen, weil es führt in deduktivem Verfahren zu einer Typenlehre der
einzig durch ein solches Sichhinwegsetzen über die Romanformen. Wenn das Subjekt sich aus der objekti-
eigene Innerlichkeit zu der von seinem Ich abgetrennten . ven Mannigfaltigkeit als selbständiges Wesen herauszu-
Realität zu gelangen vermag. Die Ironie ist die "Selbst- heben beginnt, so liegen offensichtlich zwei Möglichkei-
korrektur der Brüchtigkeit", sie ist die höchste Freiheit, ten vor: entweder die Seele ist schmaler oder sie ist
die in einer Welt ohne Gott möglich ist. Als Held des breiter als die Außenwelt. Im ersten Falle entsteht der
Romans tritt in der Regel das problematische Indivi- Roman des abstrakten Idealismus; sein vorbildhafter Ty-
duum auf, das die zum Chaos zerfallene Welt auf der Su- pus: der Don Quixote. Der Held ergreift zwar unmittel-
che nach dem Sinn durchstreift. Indem der Roman aber bar Besitz vom Ideal, aber er vermag infolge der Enge
zur Biographie wird, glückt es ihm, die schlechte Unend- seiner Seele nicht die Wirklichkeit zu verarbeiten. Diese
lichkeit des bloß Seienden zu überwinden und sich zur ist für ihn eine träge, sinnlose Masse, zu der ihm jedes
Darstellung eines vollendeten und in sich sinnvollen Le- echte Verhältnis fehlt. Er durchwandert sie, um das von
bens zu verdichten. Die von der Innerlichkeit des pro- ihm festgehaltene Ideal aktiv in sie einzusenken, jedoch
blematischen Individuums ausstrahlende Stimmung und er lebt so abgetrennt von der objektiven Realität, daß
Reflexion ergießt sich über die Außenwelt und setzt sie seine Taten lediglich zu problemlosen Abenteuern in
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nen. Die Zusammenstellung des Don Quixote etwa mit jekt für Vivisektoren gleich Spengler, liegt aber kein
den Romanen von Dickens und Balzac erscheint ge. Grund dafür vor, an einer Erneuerung Europas aus dem
zwungen, die Entfaltung des aus dem Kernprinzip ge. ihm angestammten Geist heraus endgültig zu verzwei-
wonnenen Einteilungsschemas führt zu Konstruktionen feln.
durch die wesenhafte Gehalte individueller Wirklichkei~ Zu Beginn seines Buches führt Lukacs das erleuchtete
vergewaltigt werden. Allerdings sind - und hier hätte es Wort von Novalis an: "Philosophie ist eigentlich Heim-
der ironischen Selbstkorrektur des Verfassers bedurft _ weh, der Trieb, überall zu Hause zu sein." Ein unnenn-
diese Verzerrungen aus erkenntnistheoretischen Grün- bares Heimweh nach dem entschwundenen Sinn brennt
den geradezu unvermeidlich. Bei dem folgerichtigen und bohrt auch in Lukacs selber, jenes gleiche Gefühl,
Fortgang von einer Leitidee zu den individuellen Tatbe- das jeden hohen Menschen beseelt, der sich seines Auf-
ständen offenbart sich immer wieder die unauflösbare, enthaltes in unserer gottverlassenen Welt als eine Ver-
nicht zu rationalisierende Fülle der erlebten Mannigfal- bannung bewußt geworden ist. Und es ist vielleicht die
tigkeit, die, wie man es auch anfängt, für Menschen tiefste Erkenntnis, die man aus dem Werk von Lukäcs
einer sinnleeren Welt wenigstens niemals in einen ein- gewinnen kann, daß sich heute mehr denn je die Auf-
heitlichen Gedankenplan gepreßt zu werden vermag. gabe der Philosophie - und nicht nur der Philosophie -
Die extensive Totalität der gegebenen Romanformen hat darin erschöpft, die Flamme der Sehnsucht wach zu hal-
Lukacs jedenfalls nicht eingefangen, und so gehört er am ten, bis endlich einmal der Genius erscheint, der durch
Ende wohl selber dem Typus der "dämonischen Seelen- seine Tat diese unsere aus den Fugen gegangene Welt
verengerung" an. Über seine Auffassung Dostojewskis von dem Fluche der Sinnlosigkeit erlöst.
wird abschließend erst zu reden sein, wenn die mit den
Werken dieses Dichters sich beschäftigenden Ausfüh-
rungen vollendet vorliegen. Es ist möglich, daß die Welt
Dostojewskis einst die Leibhaftigwerdung eines für die Die Wartenden
russische Menschheit gültigen Sinnes bedeutet. Das
Abendland aber müßte wirklich und unwiderruflich un-
tergegangen sein, bevor es in dem russischen Epos Do- Es gibt gegenwärtig eine große Anzahl von Menschen,
stojewskis die Erfüllung der ihm ureignen Sehnsucht er- die, ohne voneinander zu wissen, doch alle durch ein ge-
leben könnte. Diesem Abendland, das die unermeßliche meinsames Los verbunden sind. Jeglichem bestimmten
Realität in einem Maße durchwandert und bewältigt hat, Glaubensbekenntnis entronnen, haben sie sich ihren
wie keine andere Kultur zuvor, steht das Epos Homers Teil an den heute allgemein zugänglichen Bildungsschät-
und das architektonische Weltgefüge Dantes in vieler zen erworben und durchleben im übrigen wachen Sin-
Hinsicht immer noch näher als das Werk Dostojewskis, nes ihre Zeit. Ihre Tage verbringen sie zumeist in der
das zwar das ganze Reich der Seele zum sinndurchdrun- Einsamkeit der großen Städte, diese Gelehrten, Kauf-
genen Kosmos weitet, nicht jedoch jene breite, exten- leute, Ärzte, Rechtsanwälte, Studenten und Intellektuel-
sive Mannigfaltigkeit zur geschlossenen Totalität gestal- len aller Art; und da sie in Büros sitzen, Klienten emp-
tet, die nun einmal ein errungener Besitz Europas ist. fangen, Verhandlungen führen, die Hörsäle besuchen,
Daß wir noch nicht jeglicher epenbildender Kraft erman- vergessen sie wohl häufig über dem Lärm des Getriebes
geln, beweisen am Ende die großen Bauernepen Gott- ihr eigentliches inneres Sein und wähnen sich frei von
helfs, auf die Lukacs merkwürdigerweise nie Bezug der Last, die sie heimlich beschwert. Wenn sie sich .aber
nimmt. So lange Geschichte mehr ist als ein Versuchsob- dann von der Oberfläche in den Mittelpunkt ihres We-
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Der Künstler in dieser Zeit dingten, wenn sie zu dem Göttlichen sich verhalten, aus
dem und durch das sie sind. Verschließen sie sich ihm,
in dem sie Halt finden, unternehmen sie nicht, soweit es
Auf nahezu allen Kunstgebieten gilt gegenwarug ein an ihnen liegt, das Werk der Verknüpfung - ihr Leben ent-
Gleiches : daß die Künstler das Eigentliche, das, um rät der Bestimmung, ihr Sein zergeht in der Zeit, die
dessentwillen die Sprache ihnen zusteht, nicht durchaus teilnahmslos fließt. Dem Denken nicht zu erschließen
zu fassen vermögen. Entweder sie stoßen, die Grenze ist, wie die Beziehung geartet sein müsse, die ihnen
der Kunst durchbrechend, nach oben vor, und maßen Wirklichkeit schenkt; daß sie gelebt und erfahren sei, ist
sich die religiösen Befugnisse an, die ihrer Ohnmacht im stets und überall gefordert. Denn einzig dadurch, daß
ästhetischen Medium nicht beschieden sind. Oder sie die Menschen von einem oberen Geheiß ergriffen sind
treiben, die Forderung der Kunst nur halb beachtend, und es ergreifen, gewinnt ihr Trachten seinen Sinn, er-
nach unten ab und erschöpfen sich in der Darbietung langen Wort und Tat zeitüberlegene Bestätigung. Die
der entleerten Welt, des scheinhaften äußeren Lebens unverbunden leben, sinken in die Grundlosigkeit zu-
das nicht Gesicht kennt noch Gestalt - Jazzband bring~ rück:
dieses Getriebe in Umlauf, der Film spiegelt seine Ge- Der Weltzustand ist ein anderer je nach dem Grade, in
haltlosigkeit wider. Das Zwischenreich aber, in dem es dem die Verknüpfung geschieht. Trifft das immerwä-
Seele, Tragik und den Abglanz der Versöhnung gibt, das rende Gebot ihres Vollzugs auf wechselnde Situationen
von den wirklichen Menschen durchwohnte Reich, das auf, so mag seine Erfüllung verschiedene Anstalten er-
der Kunst zu bestimmt ist: für die Kunst scheint es kaum heischen. Eine menschliche Gesamtheit, die ausgerich-
noch vorhanden. Epigonen suchen das entwichene in tet auf das Obere lebt, wird in der Verbundenheit sich
abgegriffene Formen zu bannen; ihre Worte sind un- zu bewähren haben; die Verbundenheit ist dort allererst
glaubwürdig, denn sie täuschen Anteil an einem Leben herzustellen, wo seelenlose Figuren ihre verblendeten
vor, das ihnen nicht zugeteilt ist. Und die Berufenen, die Spiele treiben.
von sich aus wohl die Gewalt besäßen, jenem Dazwi- Ist auch die Möglichkeit des Künstlers an keinen Ort
schen zu dienen - sie müssen erkennen, daß die Wirk- und keine Zeit gebunden, seine Möglichkeiten als
lichkeit vor ihnen zurückweicht, wenn sie als Künstler Künstler hängen doch von dem Zustand der Welt ab,
ihr nahen, daß sie in einer Vereinzelung stehen, die die ihn umfängt. Er ist Künstler kraft seiner Teilhabe
ihnen die ästhetische Durchdringung des gesamt- an der Wirklichkeit; um so dringlicher ergeht an ihn
menschlichen Daseins mehr als billig erschwert. jene eine gleiche Forderung, der vorab zu genügen ist:
Die Schwierigkeit ist zu allgemein, sie ist zu fühlbar zwi- das Menschliche und die Welt einzutun in die Verbun-
schen den Menschen, als daß sie ihren Grund in einem denheit. Da aber mit dem Wandel der Situation sich
Ungefähr haben kann, wie es der Mangel an Schaffenden auch die Ansprüche wandeln, die aus dieser Forderung
wäre. Umgekehrt eher mögen die Schaffenden heute ge- erwachsen, so hat das von ihm zu Erwirkende unwei-
bunden harren, weil ein durch sie unabwendbares Ge- gerlich einen Bezug auf die Welt, der er zugehört. Sie
schick die Kunst als solche bedrängt. Was verwehrt ihr kann von solcher Beschaffenheit sein, daß ihre reale
das Sagbare, trennt den Künstler ab von seinem Ge- Verknüpfung mit dem Göttlichen zugleich die Voll-
bilde? Nicht der Kunst allein gilt die Frage. ~ndung der Kunst ermöglicht oder befiehlt. Doch nicht
Immer hat die Divina commedia ihr Recht, die vom
Die Menschen erfüllen die Wirklichkeit nur, wenn sie Himmel bis zur Hölle alle Reiche der Wirklichkeit ein-
aus ihrer Bedingtheit sich hinspannen zu dem Unbe- begreift, und eine Gegenwart ist denkbar, die um der
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Verknüpfung willen der Kunst das Letzte auszudrük_ Nur in einem Weltzustand also, in dem die Verknüp-
ken versagt. fung geschieht, in dem die Menschen die Bestimm~ngen
Dem Künstler liegt ob, Stück für Stück der Schöpfung, anerkennen, die ihnen von oben her zukommen, 1st der
Menschliches und Welthaftes, im Lichte einer äußersten Kunst die Erfüllung gegönnt. Erfragt die Gesamtheit das
Bedeutung zu zeigen. Diesem Äußersten und Höchsten Göttliche, so ereignet sich der Eingang des .. Oberen in
zu wendet er sich durch den Stoff hindurch, und indem das Unten, des Sinnes in den Stoff, und das Ubergestalt-
er die Fabel zum ästhetischen Gebilde gestaltet, wandelt hafte neigt sich hin zur Gestalt, die es scheu und ver-
er die undurchscheinende zum sinnhellen Gehalt. Die messen bewahrt. Die Bedeutungen aber, die aus der
Form, die er dem Besonderen gibt, erteilt dem Geform- Wirklichkeit aufsteigen, haften im Grunde des gemein-
ten die Gnade des Selbstzeugnisses, sie ist nichts ande- samen Ringens um das Letzte, solche Gemeinsamkeit
res als die Hinordnung der unendlichen Befunde auf das erst ermöglicht das Vortreiben des Letzten in die Welt.
[mit] ihnen in Wirklichkeit Gemeinte. Eine Hinordnung Wo sie besteht, ist eine Ordnung der Dinge und ein die
im Abbild, nicht in der Realität; im Abbild aber die Wirklichkeit durchgreifendes Leben vorgegeben, das
Durchdringung des Gegebenen mit einem Geiste, der es dem künstlerischen Gebilde Anfang und Ende weist,
aufrafft aus der Zerstreuung und der Bedeutungslosig- eine Realität drängt an, die sich in ihrer Ganzheit meint
keit entrückt. Das Kunstwerk hält der Welt einen Spie- und darum die Schöpfung des ästhetischen Ganzen er-
gel vor, der sie nicht nur spiegelt, sondern sehend laubt. Da in diesem Welt zustand der Mensch die Tragik
macht. seiner Person wirklich weiß und erleidet, wird das Tragi-
Damit der Künstler aber als Künstler beginnen und sche dem Künstler zum Vor-Wurf; und so darf er den
rechtmäßig walten könne, muß die Bedeutung, auf die er Widerschein der Versöhnung einbannen, der die Men-
den Stoff bezieht, von den Menschen vernommen sein. schen in ihrer Existenz zugekehrt sind.
Nicht sagt er aus, was zu glauben sei und wie man ein Der Bestand großer künstlerischer Formen, wie der Tra-
richtiges Leben zu führen habe; doch er enthüllt die gödie etwa, zeugt davon, daß das Obere sich im sinnli-
Welt im Hinblick auf das Geglaubte und stellt ein jedes chen Element befestigt hat. Die Gehalte, die aus der rea-
Leben in seine Richtigkeit ein. Das unterscheidet ihn len Verknüpfung mit dem Göttlichen erwachsen,
von den großen Lehrern der Menschheit, die ein oberes werden durch die Form dem Künstler bis ins ästhetische
Geheiß den Menschen zutragen, sondert ihn von denen, Medium hinein vorgegeben, so daß er, ohne für die Ver-
die das Geheißene sind und wirken. Statt mitzuteilen knüpfung selbst beansprucht zu sein, das Besondere un-
und darzuleben gleich ihnen, setzt er das durch sie real mittelbar den vertrauten Bedeutungen zuordnen kann.
Bezeugte voraus und läßt davon das Irdische im Kunst- Die Gültigkeit der ästhetischen Formen freilich hängt
werk getroffen sein. Sein Werk ist die immer neue Schau daran, daß das besteht, was sie gründet; sie sind verbürgt
der stets sich erneuernden Welt; indessen, er kann sie nur, wenn der Glaube das von ihnen Verleibte mit-
nur erblicken, wenn sie sich blicken läßt, wenn der Sinn nimmt und trägt. Mit dem Ausbruch des Menschen aus
ergriffen ist, in dessen Wirklichkeit sie treten mag. der Wirklichkeit welken sie selber dahin.
Dann - und dann allein - wird ihm gewährt, die Dinge In einer Welt, in der das Zwielicht der Beziehung
beziehbar zu machen und durch ihre Gestaltung ihnen herrscht, ist die ästhetische Sphäre nicht nur freigege-
zur letzten Transparenz zu verhelfen; den Sinn ästhe- ben, sondern durch ihre Erfüllung erst wirkt das
tisch zu übermitteln, ist seines Amtes nicht. Er errichtet Menschliche ganz sich aus. Dem Künstler wird in ihr der
die Tempel - die Fundamente des Glaubens müssen Auftrag zuteil, die immer wieder versinkende Fülle mit
ihm vorgerichtet sein. emporzureißen, die sich verlierenden Gelegenheiten
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einzusammeln aus. ihren Zufallsasylen. Diese ästhetische auch vergessen, so ist es darum nicht getilgt, und in dem
Verknüpfung geht aus der realen hervor und mit ihr zu- Grauen über das Vakuum, das zwischen den Sekunden
sammen, sie unterstützt die Einbeziehung in die Ver- sich dehnt, gibt das negierte Göttliche sich mittelbar
bundenheit und errettet im Abbild die Welt. Wendet die kund.
Seele dem Unbedingten sich zu, erfährt sie das ihr zube- Ist dies die Gegenwart? Gewiß ist sie so nicht allein. An-
stimmte Geschick und bangt sie um die Erlösung, so sätze zu anderem sind in ihr, Gemeinsamkeit wird er-
mag der Künstler sie durch alle irdischen Gestaltungen strebt, Gehalte schälen sich halb heraus, und inmitten
hindurchgeleiten, damit sie Tragik und Hoffnung aller- zertrümmerter Formen und Begriffe findet sich manches
orten wiederfinde, damit sie weiter wandle in dem uner- Bewahrte noch. Dem aber bleiben ihre Züge verschlos-
meßlichen Reich des Irdischen und nirgends auf ein Un- sen, der objektiv zu erkennen wähnt, wie sie an sich be-
durchdringliches stoße. schaffen ist: ob das Negative überwiege, ob das Positive
durchzudringen vermöge. Sie ist alles oder nichts, wenn
Das jetzt in manchen deutschen Städten vorgeführte man fragt, was sie "ist", sie hat kein Sein, wenn man ihr
Filmwerk "Die Straße"6 zeigt eine Welt, in der das Werk Sein fraglos zu bestimmen trachtet. Abschluß kann sie
der, Verknüpfung ungetan bleibt. Diese Menschen der dann sein oder Beginn, und die Vorgänge, die sie be-
Großstadtstraße haben keinen Bezug auf das Obere, sie zeichnen, verlieren sich proteushaft ins Unergründliche,
sind nur noch ein solches Außen, wie die Straße selber nicht zu Enträtselnde. Da dem Objektiv-Neugierigen
es ist, auf der sich vieles begibt, ohne daß etwas ge- das Antlitz fehlt - wie sollte das Antlitz der Zeit ihm wi-
schieht. Das Getriebe der Figuren gleicht dem Wirbel derscheinen?
der Atome, sie begegnen sich nicht, sondern prallen zu- Rechtes Verhalten nur, ein Ausgerichtetsein auf das
sammen, sie treiben auseinander und trennen sich nicht. Göttliche, gestattet das Begreifen der Dinge, und so der
Statt daß · sie mit den Dingen verbunden leben, sinken Gegenwart - ein Begreifen freilich, das sich nicht vor-
sie zu den totbewegten Gegenständen herab: zu den Au- aussetzungslos gibt, sondern eingedenk seiner Bedingt-
tos, den Mauerfluchten, der Lichtreklame, die, unbe- heit ist. Solches Wissen geht aus der Verknüpftheit mit
kümmert um die Zeit, in der Zeit sich erhellt und ver- dem Oberen hervor und führt in sie zurück, es ist ein
dunkelt; statt daß sie den Raum erfüllen, ziehen sie ihre Wissen, dessen Aussagen zugleich Forderungen sind.
Bahn in der Öde, statt daß sie durch Rede sich verständi- Nicht was an sich ist, meint der in der Spannung Ste-
gen, lassen sie ungesagt, was einigen oder entzweien hende ermitteln zu können, wohl aber spricht das Sei-
könnte. Liebe ist Paarung, Mord ein Zufall, und Tragik ende ihn so konkret an, wie er ihm zuspricht, er hat
ereignet sich nicht. Ein stummes, seelenloses Nebenein- einen Angriffspunkt, weil er anzugreifen befugt ist, und
ander der gelenkten Kraftfahrzeuge und der ungelenk- erhält eine Antwort, weil seine Fragen ihm gewiesen
ten Triebe, ein Gewimmel auf dem Asphalt und in den sind.
Nachtlokalen, das sich in bloß vitalen Bekundungen er- Das Bild der Gegenwart, das jener Film entrollt, mag
schöpft, sofern es nicht die von der abgelösten ratio ge- einen Gesinnungsgrund haben, der ihm zur Rechtferti-
setzten Zwecke zur Richtschnur nimmt. Wer wach und gung wird. Gerade die Menschen vielleicht, denen es
sehnsüchti'g in diese verlor~ne Realität sich verirrt, Ernst ist um Wirklichkeit, spüren doppelt tief die Ge-
scheint ein Träumer zu sein; denn Wirklichkeit wird walt der Mächte, die heute die Welt zur Großstadtstraße
zum Traum, wenn Leere sich als wirklich gebärdet. Pa- entformen. Und da sie nicht minder zu wissen glauben,
pierfetzen höhnen dem Nachtwandler nach, der einen daß erst die Mitnahme und Verwandlung des unwirkli-
Sinn vergeblich zu greifen sucht. Doch ist das Wirkliche chen Lebens zur Wirklichkeit führt und zerfallene Ge-
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halte sich nicht zusammenstücken oder lügnerisch be- Mitte bleibt unbebaut, leer das Zwischenreich, das be-
haupten lassen, verweigern sie sich strikte dem seelte Weh und wehhafte Seele miteinander erfüllen.
romantischen Versuch, die Realitäten der Technik und Erst wenn die Mitteilung von wirklichen Dingen zur
Wirtschaft zu vertuschen und den Prozeß der Zivilisa- Anteilnahme an ihnen erweckt, vergeht die scheinhafte
tion durch Mittel, die seiner Größe nicht gewachsen Realität, und kein Träumer ist mehr, wer voller Sehn-
sind, an der Entfaltung zu hindern. Alles ist ihnen viel- sucht das Getriebe durchwandelt.
mehr daran gelegen, daß die Welt ihre Scheinhaftigkeit
vollends enthülle, daß die Nichtigkeit herrsche, soweit Eine Situation, die in solcher Verfassung sich darbietet,
sie vermag. Sie sind Nihilisten um des möglichen Positi- muß den Künsten freilich Schwierigkeiten bereiten.
ven willen, und treiben dem Ende der Verzweiflung zu, Denn streckt das reale Leben dem Künstler keinen Kre-
damit nicht ein Ja auf halbem Wege ohnmächtig hemme. dit an Bedeutungen und Gehalten vor, so hat er nicht
Dieses Verlangen nach der Offenbarung des Negativen Grund noch Anfang, sondern muß, um überhaupt begin-
hält sie davor zurück, das andere ebenbürtig einzuset- nen zu können, hinter den Anfang zurückgehen, muß
zen, das, vorzeitig vielleicht" verschleiern und glätten das Material selber zubereiten, das er verwenden will. Er
könnte. Die Exzesse der Technik dünken ihnen realer ist überbelastet. Er soll die Bedeutungen künden und zu-
als seelische Rudimente, die keine Grenze mehr sind, gleich das Gebilde mit ihnen durchdringen, soll die
und Gefährdung scheint ihnen der Anspruch einer Menschen der Verbundenheit zuführen, und zugleich
Wirklichkeit, die der Realität des Unwirklichen gegen- die Gehalte des verbundenen Lebens ästhetisch bewälti-
über versagt. Darum überspitzen sie die Negation, deh- gen, soll Formen zeugen und zugleich sie voraussetzen,
nen die Leere und weisen Seele ab, die Schminke nur soll Glauben geben und auf Geglaubtes beziehen. Die
ist. Sie glauben, daß Amerika erst verschwinde, wenn es Welt, deren er bedürfte, ist von ihm allererst hervorzu-
ganz sich entdeckt, und meinen die Nacktheit der Straße bringen, er hat ihr Wirklichkeit und Seele einzuhau-
auch dort noch zu sehen, wo Zierat und Erker idyllisch chen, sonst kann er schwer nur die Mitte durchmessen.
verkleiden. Das plane Äußere, das ist - : es soll ihnen Real Mitteilender und ästhetisch Schaffender in einer
sein; denn wird die Oberfläche nicht einbezogen, das Person zu sein: das ist die Aufgabe, die das Heute dem
Dunkelste nicht erhellt, so ist ein jedes Wort vergeblich Künstler stellt - eine Doppelaufgabe, kaum zu erfüllen,
gesprochen und die Glücklichen allein täuschen Rettung da ihre Forderungen nicht ineinandergreifen. Be-
sich vor. schränkt er sich darauf, Künstler zu sein, er kann als
Die nach Wirklichkeit Verlangenden gerade mögen, wie Künstler nicht zum Ende gelangen; und will er das an-
gesagt, die verschlossene Unwirklichkeit der Zeit so aus- dere mit einbeziehen, das ihm die volle Auswirkung im
schließlich erfahren. Gilt ihnen aber der Zug zum Ästhetischen erst ermöglicht - Anrede der Weh und
Nichts als bestimmende Realität, dann ist ein Gebot Gründung der Seele - so gefährdet er den Künstler in
ihnen vor allen anderen gegeben: die Herstellung der sich, der sich auf das beruft, was er herbeizurufen ihm
Verknüpfung mit dem Oberen, die in die Wirklichkeit trachtet.
reißt. Sie müssen den Anruf erharren, der auf das Göttli- Um von dem späten George abzusehen, der durchaus für
che verweist, sie bangen der Eröffnung entgegen, der sich steht, haben manche der jungen Dichter und Maler,
jene Figuren der Straße hinleitet zum richtigen Weg. die man als "Expressionisten" zu etikettieren pflegt, den
Kunde des Oberen ist gefordert, wo die Großstadtstraße Ausweg nach oben, ins Prophetische, gesucht; mit exem-
ins Unermeßliche wächst - sonst klafft zwischen Film- plarischem Ungestüm Fritz v. Unruh, dessen Wille zu rea-
bild und Prophetenrede eine einzige Lücke, und die ler Wandlung das Gebilde zersprengt. Diese Künstler
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gehorchen der Notwendigkeit, Mitte zu schaffen, da finsteren Unordnung der technischen und wirtschaftli-
Mitte ihnen nicht vorgegeben ist; so mahnen und predi- chen Systeme, eine ästhetische Bejahung der realen Pro-
gen sie, daß das Wesen erwachse und Bedeutung ein- zesse, die zwangsläufig sich entwickeln. Leistet der
trete in die Zeit. Indessen, begründet solche Mitteilung Künstler auf Mitteilung aber Verzicht, so entzieht sich
auch Wirklichkeit und damit Fülle der Kunst, so wird das Ganze der Wirklichkeit seinem Ermessen. Er be-
ihr Sinn doch verfälscht, wenn sie als Kunst selber im währt sich künstlerisch an dem, was ist, ohne sich zu
ästhetischen Medium sich äußert. Mag heute Vollen- pressen, was sein könnte, um das Seiende voller dann zu
dung der Kunst an den Nachhall des aufschließenden gestalten. Eben seine - künstlerisch legitime - Be-
Wortes gebunden sein, der Künstler ist seiner nicht schränkung auf das Vorhandene hindert ihn an der Er-
mächtig, er überschreitet seine Grenze, sobald er im fassung der mangelnden Seele, die großes Künstlertum
Werk dessen Voraussetzung gibt. Denn die Mitteilung, gewiß zu durchgreifen hätte; und verfährt er ästhetisch
die der Wandlung des Realen gilt, geht der ästhetischen auch richtig, so müßte er doch das Ästhetische vielleicht
Verknüpfung voran; hineingezogen in die spiegelnde unrichtig durchbrechen, wenn er um Wirklichkeit ver-
Schöpfung, trifft sie nicht auf. Daher die ästhetische und zehrend sich mühte. Er vermag das Uneigentliche zu bil-
ethische Unreinheit jener Werke, die nicht nur als Ab- den, weil das Eigentliche ihn nicht versucht; aber gerade
bild, sondern als Lehre auch zu gelten beanspruchen; dies: daß er keinen Raub an dem nicht besessenen Gut
das Gelehrte wird durch die Ästhetisierung um den letz- begeht, macht die Fragwürdigkeit seiner Gebilde aus.
ten Ernst gebracht, und das Gebilde verfehlt die konkre- Sie geben im besten Falle das Nichtgegebene des We-
ten individuellen Gestaltungen des Zwischenreichs, das sens, das Nichts als Privation; die Mitte selber in ihrer
die Lehre zu eröffnen sucht. Wirklichkeit bleibt ihnen fern.
Überfliegen diese Künstler die Mitte, wie Franz v. Baa- Die sie dennoch fassen möchten, die das erfüllte, zu
der sagen würde, so entsinken andere, aus dem Zwang dem Göttlichen hingespannte Leben in den ästhetischen
der gleichen Situation heraus, in die zerfallene Welt des Bereich hineinzwingen wollen, stoßen auf kaum zu
Scheins, die der Film repräsentiert. Sie wahren ihr übersteigende Schranken. Jene Seele, der sie sich zuwen-
Künstlertum insofern, als sie Seele verschmähen, die uns den, ist bei ihnen selber zwar, als objektive Bestimmung
nicht eigne, und aus den Häusern, die nur Kulissen sind, jedoch scheint sie verloren, ja nicht zu hoffen vorerst.
auf die "Straße" gehen, in die hinaus die schnöde Reali- Wird sie geformt, so ist es darum das Subjektive, Ein-
tät sie zu verweisen scheint. Max Beckmann hat diese zelne, das Gestaltung findet, ein Gebilde von individuel-
Konsequenz gezogen, die für den ideologisch überbau- ler Struktur, das in dem entleerten Außen sich isoliert
ten Verismus des Georg [sic!] Grosz keine mehr ist, Georg und mit der Ironie der Hilflosigkeit sich preisgibt wie
Kaiser wird in seinem "Nebeneinander" unwahr nur wo ein Galgenlied Morgensterns und der "Pierrot lunaire",
er Seele einzusetzen wähnt, während er für die u~be­ oder Klage über seine Einsamkeit führt und die ferne
kannte lediglich den Namen gibt, Strawinsky exzelliert in Seele sucht, dem "Lied von der Erde" gleich. Das Mitzu-
Maschinenmusik, und die Konstruktivisten des Weima- teilende wird in diesen verwaisten Schöpfungen voraus-
rer Bauhauses gehorchen dem Pflichtgebot des techni- gesetzt, es ist in ihnen einbegriffen, als sei es vorhanden,
schen Imperativs. Sie alle liefern sich mit mehr oder we- und zugleich von dem Wissen durchdrungen, daß es
niger Vorbehalten dem Negativen aus, das ihnen hier nur vorhanden ist. Solche Aussage des Nichtgege-
gegeben ist, und erheben wie Archipenko die Matrize der benen schafft dem Künstler die schwierige Situation. Er
Wirklichkeit zur Gestalt, da die Gestalt der Wirklichkeit kann als Künstler seine Vereinzelung nicht löschen, und
in der Realität sich nicht finden läßt. Ein Bekenntnis zur so verbieten sich ihm alle objektiven Formen und Ge-
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halte, die auf gemeinsamen Glauben sich gründen - es Zerfall. Nicht unfruchtbar ihn zu diskutieren, sondern
sei denn, daß er gebrochen sie umspiele. Symbolisch die tatkräftig ihn zu überwinden: das ist recht eigentlich die
Tatsache, daß Schönberg die Komposition seines Orato- Aufgabe, um deren Lösung man gegenwärtig sich zu
riums zu vollenden noch immer unterließ. Die eigene mühen hat.
Seele, die im Negativen sich bewegt, mag ihre Mitte Hat sich die große Scheidung in Rechts- und Linkspar-
ästhetisch entfalten und die Abwesenheit des Du in der teien auch innerhalb der geistigen Bewegung allmählich
Scheinwelt melancholisch bekunden; das Objektive als vollzogen, so sind der Einzelwege doch viele; es sei vor-
seiend beschlagnahmen kann sie nicht. Und zu dieser ausgesetzt, daß ein jeder mit redlichem Willen beschrit-
Schwierigkeit des Sichausdrückens tritt der Gewissenskon- ten werde, wenn auch die Einsicht nicht überall gleich
flikt, in den unweigerlich der Künstler gerät, der die tief reicht. Aus derselben Situation entwickeln die man-
Mitte erfragt. Daß er als Isolierter in das Werk spricht, nigfachen Gruppen ihre verschiedenen Forderungen;
wo Gemeinsamkeit zu erwirken wäre, ist seine beson- Abgründe trennen die jungsozialisten von den Völki-
dere Not. Er m~.ß den Zwiespalt zwischen dem Religiö- schen und nicht zu vernachlässigende Nuancen prote-
sen und dem Asthetischen erfahren, der immer auf- stantische Reformkreise von den Schülern Schelers oder
bricht, wenn die Leere sich mächtig zeigt und die Guardinis und diese wieder etwa von den humanitären
Einbeziehung der Menschen in die Wirklichkeit zum Pazifisten. Eine Erörterung der in den mannigfachen La-
Primat des Handeins wird - jenen Zwiespalt, der in Pla- gern gemeinten Sachgehalte würde vielleicht, ja, sicher
tos "Staat" eine Lösung fand, die wie jede Lösung hier ergeben, daß die nebeneinander sich entfaltenden Ver-
vergewaltigte, und nicht nur Tolstoi die Absage an sein bände trotz der allen billigerweise zugestandenen acht-
Künstlerturn auferlegte. baren Gesinnung die Wirklichkeit unseres Lebens in
verschiedenem Ausmaße einbeziehen und darum auch
an der Wahrheit einen bald größeren, bald geringeren
Anteil haben; sie würde unter anderem mit Bestimmt-
Gestalt und Zerfall heit zu der Erkenntis führen, daß der extrem nationali-
stische Kreis, dem etwa Fridericus-Rex-Filme und an-
dere Anachronismen vor die begeisterten Augen
Die geistige Bewegung des letzten Jahrzehnts, die die gespielt werden, von Phantomen gar zu willig sich blen-
Neugestaltung eines abgelebten Lebens begehrte, eines den läßt.
Lebens, das den Führern und Anhängern der Bewegun- Indessen handelt es sich in diesem Zusammenhange gar
gen als fragwürdig in jedem Sinne erscheint, ist aus dem nicht um die Rechtfertigung oder Verdammung eines
kritischen Anfangsstadium, jenem schönen Stadium der Kreises vor den übrigen. Vielmehr soll lediglich · eine
Auflehnung gegen die erstarrten Mächte des Bestehen- kleine, nicht einmal neue Besinnung hier vertieft wer-
den, längst in das aufbauende getreten; und nur darum den, die den heutigen Bewegungen in Deutschland im
geht die Frage noch: wie denn die als hinfällig erkannten allgemeinen gilt und ihrerseits die Entscheidung oder
Lebensformen umzuwandeln seien, damit man wieder Nichtentscheidung für eine von ihnen allererst bedingen
zu einem richtigen menschlichen Miteinander gelange. mag. Sie wird vom dem bereits festgestellten Willen zur
Das Bisherige, kein Miteinander, ein Nebeneinander Gestaltung auszugehen haben, der gegenwärtig mehr
vielmehr, gilt als gerichtet, man weiß um Gefahr und oder weniger deutlich ausgeprägt sämtliche Gruppen
Folgen der Mechanisierung, weiß um den oft genug ge- durchdringt. Eben diesen Wunsch, aus dem Chaos her-
kennzeichneten wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen aUszufinden, dieses Suchen nach einer positiv gemäßen
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Lebensform, in dem sich von den religiös orientierten schaften werden an ihre Abhängigkeit von einem sie
Kreisen an bis zu den rein weltlich-politisch bestimmten übergreifenden Leben gemahnt, die religiösen Wahrhei-
alle Richtungen einig sind, dieses ganze Streben nach ten ihren ursprünglichen Gewichten nach eingesetzt.
Aufbau, das die Phase der naiv-vitalen Gegenwehr ge- Aus bloß gesellschaftlichen Zweckverbänden trachtet
gen die eingerosteten Zuständlichkeiten abgelöst hat, man nach Restituierung echter Gemeinschaften, mitten
möchte sie treffen; nicht treffen, um es wankend zu ma- in dem Zerfall erblickt man Sinn und Gestalt.
chen, treffen aber, um es zu bewahren davor, daß es die Da so das Richtige gewußt wird, das Wirkliche sich nahe
Realitäten zu leicht nehme. zeigt, scheint die Neugestaltung unmittelbar zu errei-
chen. Man hat etwa, durch das Vorbild Georges, das ge-
Welches sind diese Realitäten? Sie sind genau jene Fak- staltete Dasein zu ermessen gelernt und möchte es le-
ten, die von der aufstrebenden Generation als chaoti- ben, man hat hingefunden zu der Einsicht in das Wesen
sche Erscheinungen gebrandmarkt werden, als nicht ge- der Katholizität, lutherischer Innerlichkeit, calvinischer
hörige, gleichsam unwirkliche Fakten, denen man ein Strenge des Handeins und möchte das ihr gewisse W~­
neues, besseres Sein entgegensetzen müsse, damit sie, sen nun bewahrheiten, man erfährt den Anprall ethi-
die nicht sein sollen, endlich vergehen. Das rationale, scher Imperative und möchte dem Geforderten ohne
unmenschliche Wesen des heutigen Wirtschaftssystems Umschweife nachkommen. Die Sprache der Wirklichkeit
und, damit zusammenhängend, die rationale Struktur ist so bewußt geworden wie die rationale Verzerrung
des gegenwärtigen Denkens überhaupt, derzufolge die dieser Sprache; und weil man das Eigentliche vom Unei-
Wissenschaften auf weite Strecken hin verödet sind und gentlichen scheiden kann, will man jetzt sprechen. Ein
abgelöst von ihrem Grund, das Verlassensein der Seele jeder Kreis auf seine Weise, ein jeder darauf bedacht,
inmitten des rein vom Intellekt beherrschten Bereichs, die verpönte Realität hinter und unter sich zu lassen
das sich durch die Anarchie der Meinungen verrät, das und die gemeinte Wirklichkeit direkt zu verkörpern. Ist
Ausgeschaltetsein der letzten Dinge, und der vorletzten aber dies: das erkannte Richtige darzustellen, nicht der
auch, aus der Sprache und den Beziehungen zwischen geheißene Weg? Gegen ein zu schnelles Beschreiten dieses We-
den Menschen - kurz, das Maschinenhafte unserer Exi- ges wendet sich das Bedenken.
stenz, die in strengem Sinn gar keine ist, die ganze Her-
abwürdigung des Menschen zum Atom in einem ledig- Denn jene unwirkliche Realität ist vorhanden, ist realer
lich rational verwalteten Atomgemenge: diese schlag- als je. Man erfährt ihren drohenden Bestand in den
wortartig bezeichneten Tatsächlichkeiten sind etwa die Oberflächenbezirken des Alltags, schon der flüchtige
Merkmale der Realität, die immer noch ist. Es hat einer Blick auf die Vorgänge des Wirtschaftslebens, auf die so-
ungemeinen gedanklichen Arbeit bedurft, sie zu erfas- zialen und politischen Ereignisse, auf die Rüstungen für
sen und kritisch zu bestimmen. Nun die Situation in den Zukunftskrieg zeugt von ihrer Gewalt. Aber mag
ihrer Unzulänglichkeit offenbar geworden und ihre Cha- dem Druck dieser Mächte, den sie nach dem Gesetz der
rakterisierung sich beinahe schon in der Sphäre des Trägheit befolgen, auch Widerstand geleistet werden,
Schlagworts vollzieht, tauchen, begreiflich genug, wie aufgehalten ist er noch nicht. Gleichviel, welchen Partei-
Luftspiegelungen in der Wüste die Gegenbilder zaube- standpunkt der Klarsehende einnimmt: er muß erken-
risch auf. Dem abstrakten Rationalismus, der in seiner nen, daß die von ihm gewiß bekämpfte Realität dämo-
Maßlosigkeit alles Menschliche vergewaltigt, wird ein nisch um sich greift, und der Gedanke an die
konkretes Denken gegenübergestellt, das in der vollen Möglichkeit einer Katastrophe darf ihm nicht fernliegen.
menschlichen Wirklichkeit verhaftet ist, die Wissen- Das um so weniger, als den offen zu Tage tretenden Fak-

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ten die feinere geistige Struktur genau entspricht. Immer Niedrigen kleiden muß, um die Realität, die fort und fort
noch behauptet in dem maßgeblichen Denken unserer herrscht, dort anzurühren, wo sie verwundbar ist. Es
Tage der Rationalismus das Feld, wie irrational er sich möchte sein, daß man, um diese Realität entscheidend
auch gebärde; immer noch regelt unermattet ein mecha- zu wandeln, in ihrem eigenen Medium den Hebel anzu-
nistisches Kalkül die menschlichen Beziehungen, das setzen hätte, da man in ihm nur bis zur Hefe vorstoßen
von Menschlichkeit nichts weiß. und die Wurzel des Unwesens ausrotten kann. Es
Wohnt aber den Kräften des Zerfalls, obwohl ihre wahre möchte sein, daß nicht beim höchsten Punkte allein,
Natur durchschaut worden ist, eine solche Realität heute sondern auch beim tiefsten zu beginnen wäre, und daß
noch inne, so erhebt sich die Frage: ob sie durch Versu- man gerade um der echten Gemeinschaft willen nicht
che des unmittelbaren Vorlebens höherer Gestaltungen ungestraft auf sie zusteuern dürfte, ohne im Exil der sie
ohne weiteres zu vernichten und in ihrem Kern voll- verkennenden Umwelt für sie einzutreten.
kommen angreifbar seien, wie sehr auch zeitweise Un- Unterließe man diese Auseinandersetzung mit der
mittelbarkeit zur Erhaltung der umformenden Kräfte ge- schlimmen Realität in ihrem Bannkreis selber, so könnte
boten sein mag. Die Gefahr besteht zum mindesten, daß es geschehen, daß man das ersehnte gestaltete Leben
jene Versuche ein Überspringen bedeuten, daß sie beim verriete, indem man sich seiner zu bemächtigen wähnte.
eigentlichen Ansatzpunkt gar nicht anheben, sondern le- Geschehen könnte dann, daß man durch die Nichtbe-
diglich ihn verdecken. achtung der Faktizität des entleerten Daseins seiner wei-
Wenn die schlechte Realität nämlich gewaltig sich be- teren Dauer unbewußt und unfreiwillig Vorschub lei-
hauptet, so wird man zu ihrer Tilgung nicht umhin kön- stete; daß man zwar in der Sprache der Wirklichkeit sich
nen, sich mit ihr selber zunächst einzulassen, in ihrer ei- ausdrückte, aber zu der Unwirklichkeit unwirklich sich
genen Sprache oder Vorsprache mit ihr zu reden. Die verhielte; daß man aus der Wüste nicht herausführte,
wirtschaftlichen Übel verlangen auch ökonomische Be- sondern in einem Oasenwinkel häuslich sich einrichtete;
trachtung und Erledigung, die politischen Barbareien daß man im Besitz von an sich richtigen Erkenntnissen
müssen auch politisch bewältigt werden. Die heutigen das Unterste aufzuwühlen verabsäumte, und so diese Er-
Realitäten mögen noch so unwirklich sein, wie sie wol- kenntnisse zur Unfruchtbarkeit verdammte; daß man, al-
len, sie bestehen doch und wuchern weiter. Sie wir- les in allem, die besten Gewißheiten und Haltungen ah-
kungsvoll zu begrenzen, gilt es, sie ernsthaft ins Auge nungslos zu sublimierten Ideologien jener selben Realität
zu fassen, und kämpfend bei ihnen und mit ihnen aus- entwertete, der sie entwachsen sich dünken. Denn das
zuharren - wenn auch wohl in ihrem Bereich nicht al- Gestaltete kann nicht gelebt werden, wenn das Zerfal-
lein. lene nicht eingesammelt und mitgenommen wird. In
Gesetzt also selbst, man wisse um die Niedrigkeit der einer Welt, die das Gestaltete nicht kennt, die, ihm sich
Sphäre, die zu verlassen ist, man habe, mehr noch, Füh- zu öffnen, mit ihren eigenen Methoden erst gezwungen
lung mit den Worten und Dingen der Wirklichkeit er- werden müßte, es gegen diese Welt und ohne sie rein-
langt, gesetzt gar, man sei allein, oder in Kreisen und lich darstellen zu wollen, hieße zuletzt hinter verschlos-
Gruppen, des lebendigen Eindringens in die Wirklich- senen Türen privaten Devotionen sich ergeben, wäh-
keit fähig, so bleibt in einem tiefen Sinne zweifelhaft, ob rend das Nichts draußen ungestört sich aufbauscht. Nur
das ungeschminkte Bekenntnis zu ihr unter allen Um- durch den Zerfall hindurch, auf einem Umweg nur, wird
ständen zu ihrem Gewinne verhilft. Es möchte sein, daß die Wirklichkeit zu erobern sein; der direkte Weg zu ihr
das wirkliche Leben heute sich in die Maske - freilich: ist der längste, und wer in ihr selber wohnt, läßt die an-
in die durchdringbare Maske nur - des Entwirklichten, deren davor, wohnt also gar nicht in ihr.
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Es ist, wie gesagt, nicht die Absicht dieser kleinen Besin- ser Massen-Theater. Sie sind wie die Hotelhallen Kult-
nung, die geflissentlich in einer gewissen Allgemeinheit stätten des Vergnügens, ihr Glanz bezweckt die Erbau-
gehalten wurde, den starken Willen zu einer Neugestal- ung. Eröffnet aber auch die Architektur Stimmungs-Ka-
tung des Daseins auch nur im geringsten zu lähmen. Im nonaden auf die Besucher, so fällt sie doch keineswegs
Gegenteil, sie möchte ihn behüten davor, daß er durch in das barbarische Prangen wilhelminischer Profankir-
die Aufspeicherung am unrechten Orte vergeudet chen zurück; des Rheingoldes etwa, das glauben machen
werde, in der Erzeugung scheinwirklicher Gebilde vor- will, es berge den Wagnersehen Nibelungenhort. Sie ist
zeitig sich erschöpfe. An sich ist es ein unfragwürdiger vielmehr zur Form gediehen, die stilistische Ausschrei-
Gewinn, daß viele Menschen heute das zersetzte Leben tungen meidet. Geschmack hat über den Dimensionen
von dem sinnhaften zu unterscheiden vermögen und gewaltet und im Bunde mit einer hochgezüchteten
einen Zugang wissen zu der Sphäre der Gestalt. Ohne kunstgewerblichen Phantasie die kostbare Ausstattung
daß solches sich ereignet hätte, ohne daß man die Ge- geschaffen. Der Gloria-Palast gibt sich als Barock-Thea-
halte der Wirklichkeit in ihrer unverkümmerten Bedeu- ter. Die Gemeinde, die nach Tausenden zählt, kann zu-
tung ergriffe, wäre die träg beharrende Realität weder er- frieden sein, ihre Versammlungsorte sind ein würdiger
kennend zu bestimmen, noch gar tätig zu verwandeln. Aufenthalt.
Aber um ihre Verwandlung geht es doch. Und um sie zu Auch die Darbietungen sind von wohlgeratener Großar-
bewirken, wird die Generation das Los auf sich nehmen tigkeit. Vorbei ist die Zeit, in der man einen Film nach
müssen, der Gestalt in dem leeren Raume des Ungestal- dem anderen mit entsprechender Musikbegleitung lau-
teten zu dienen, bis das Zerfallene ganz in sich selber fen ließ. Die Haupttheater zum mindesten haben das
zerfällt, und der Weg frei liegt zu der Gestalt. amerikanische Prinzip der geschlossenen Vorstellungen
übernommen, in die sich der Film als Teil eines größe-
ren Ganzen einfügt. Wie die Programmzettel zu Magazi-
nen sich weiten, so die Aufführungen zur gegliederten
Kult der Zerstreuung Fülle der Produktionen. Aus dem Kino ist ein glänzen-
Über die Berliner Lichtspielhäuser des, revueartiges Gebilde herausgekrochen: das Gesamt-
kunstwerk der Effekte.
Es entlädt sich vor sämtlichen Sinnen mit sämtlichen
Die großen Lichtspielhäuser in Berlin sind Paläste der Mitteln. Scheinwerfer schütten ihre Lichter in den
Zerstreuung; sie als Kinos zu bezeichnen, wäre despek- Raum, die festliche Behänge übersäen oder durch bunte
tierlich. Diese reihen sich nur in Alt-Berlin und den Au- Glasgewächse rieseln. Das Orchester behauptet sich als
ßenstädten noch, wo sie das kleine Publikum versorgen; selbständige Macht, seine Leistungen werden von
ihre Zahl nimmt ab. Mehr als durch sie oder die Sprech- den Responsorien der Beleuchtung unterstützt. Jede
theater gar wird das Gesicht Berlins durch jene opti- Empfindung erhält ihren klanglichen Ausdruck, ihren
schen Feenlokale bestimmt. Die Ula-Paläste - vor allem Farbwert im Spektrum. Ein optisches und akustisches
der ani Zoo -, das von Poelzig errichtete Capitol, das Kaleidoskop, zu dem das körperhafte szenische Spiel
Marmorhaus, und wie sie heißen mögen, erzielen Tag für sich gesellt: Pantomime, Ballett. Bis zuletzt die weiße
Tag Ausverkäufe. Daß die Entwicklung in der von ihnen Fläche herabsinkt und die Ereignisse der Raumbühne
eingeschlagenen Richtung weitergeht, beweist der Neu- unmerklich in die zweidimensionalen Illusionen über-
bau des Gloria-Palasts. gehen.
Gepflegter Prunk der Oberfläche ist das Kennzeichen die- Vorführungen wie diese sind heute in Berlin neben den
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echtbürtigen Revuen die entscheidende Attraktion. Die Weltstadt-Publikum, das vom Bankdirektor bis z~~ Ha~d­
Zerstreuung gelangt in ihnen zu ihrer Kultur. Sie gelten lungsgehilfen, von der Diva bis zur StenotypiStin eines
der Maue. Sinnes ist. Larmoyante Klagen üper diese Wendung zu~
Massengeschmack hin sind verspätet. Denn .das B.t!-
Auch in der Provinz sammeln sich Massen; aber sie wer- dungsgut, dessen Aufnahme die Massen verweigern, iSt
den hier unter einem Druck gehalten, der ihnen nicht zum Teil ein nur mehr historischer Besitz geworden,
erlaubt, sich geistig in dem Maße zu erfüllen, wie es weil die ökonomische und gesellschaftliche Wirklichkeit
ihrer Quantität und realen sozialen Bedeutung entsprä- sich gewandelt hat, der es zugeordnet war.
che. In den Industriezentren, wo sie geschlossen auftre-
ten, sind sie als Arbeiter zu stark beansprucht, um die Man schilt die Berliner zerstreuungssüchtig ; der Vorwurf
eigene Lebensform zu verwirklichen. Man spendet ist kleinbürgerlich. Gewiß ist die Zerstreuungs sucht hier
ihnen den Abfall und die veralteten Unterhaltungen der größer als in der Provinz, aber größer und fühlbarer. ist
Oberklasse, die selber, so interessiert sie auch an der Be- auch die Anspannung der arbeitenden Massen - eme
tonung ihrer sozialen Hochwertigkeit ist, nur geringe wesentlich formale Anspannung, die den Tag ausfüllt,
Bildungsansprüche hat. In den nicht vorwiegend von der ohne ihn zu füllen. Das Versäumte soll nachgeholt wer-
Industrie beherrschten größeren Provinzstädten wie- den; es kann nur in der gleichen Oberflächensphäre er-
derum sind die überkommenen Verhältnisse zu mächtig, fragt werden, in der man aus Zwang sich vers~um~ h~t.
als daß die Massen von sich aus die geistige Struktur zu Der Form des Betriebs entspricht mit Notwendigkett die
prägen vermöchten. Die bürgerlichen Mittelschichten des "Betriebs".
verharren abgesondert von ihnen, als ob die Ausfüllung Ein richtiger Instinkt sorgt dafür, daß das Bedürfnis nach
des Menschenreservoirs nichts besage, und können, ihm befriedigt werde. Jene Zurüstungen der lichtspiel-
immer noch, wähnen, daß sie die Hüter höherer Bil- häuser bezwecken das eine nur: das Publikum an die Pe-
dung seien. Ihr Hochmut, der sich Scheinoasen schafft, ripherie zu fesseln, damit es nicht ins Bodenlose ver-
drückt die Massen herab und macht ihre Vergnügun- sinke. Die Erregungen der Sinne folgen sich in ihnen so
gen schlecht. dicht, daß nicht das schmalste Nachdenken sich zwi-
Die vier Millionen Berlins sind nicht zu übersehen. Die schen sie einzwängen kann. Schwimmkorken gleich halten
Notwendigkeit ihrer Zirkulation allein verwandelt das die Ausstreuungen der Scheinwerfer und die musikali-
Leben der Straße in die unentrinnbare Straße des le- schen Akkompagnements über Wasser. Der Hang zur
bens, ruft Staffagen hervor, die bis in die vier Wände Zerstreuung fordert und findet als Antwort die Entfal-
dringen. Je mehr sich aber die Menschen als Masse spü- tung der puren Äußerlichkeit. Daher gerade in Berlin
ren, um so eher erlangt die Masse auch auf geistigem das unabweisbare Trachten, alle Darbietungen zu Re-
Gebiet formende Kräfte, deren Finanzierung sich lohnt. vuen auszugestalten, daher als Parallelerscheinung die
Sie bleibt nicht mehr sich selbst überlassen, sondern Häufung des Illustrationsmaterials in der Tagespresse
setzt sich in ihrer Verlassenheit durch; sie duldet nicht, und den periodischen Publikationen.
daß ihr Reste hingeworfen werden, sondern fordert, daß Diese Veräußerlichung hat die Aufrichtigkeit für sich.
man ihr an gedeckten Tischen serviere. Für die soge- Nicht durch sie wird die Wahrheit gefährdet. Sie ist es
nannten Bildungsschichten ist daneben wenig Raum. Sie nur durch die naive Behauptung irreal gewordener Kul-
müssen mitspeisen oder snobistisch abseits sich halten; turwerte, durch den unbedenklichen Mißbrauch von Be-
ihre provinzielle Abscheidung jedenfalls hat ein Ende. griffen wie Persönlichkeit, Innerlichkeit, Tragik usw.,
Durch ihr Aufgehen in der Masse entsteht das homogene die an sich gewiß hohe Sachgehalte bezeichnen, infolge

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der sozialen Wandlungen aber zu einem guten Teile Sie verfehlen zumeist diese Wirkung; die Vorstellungen
ihres Umfangs des tragenden Untergrundes verlustig ge- der großen Lichtspielhäuser beweisen es exemplarisc~.
gangen sind und, in den meisten Fällen, heute einen Denn, rufen sie auch zur Zerstreuung auf, so rauben Sle
schlechten Beigeschmack angenommen haben, weil sie ihr doch sogleich wieder dadurch den Sinn, daß sie die
das Augenmerk von den äußeren Schäden der Gesell- Mannigfaltigkeit der Effekte, die ihrem Wesen nach
schaft mehr als billig ablenken auf die Privatperson. In voneinander isoliert zu werden verlangen, zur "künstle-
den Bereichen der Literatur, des Theaters, der Musik rischen" Einheit zusammenschweißen, die bunte Reihe
sind solche Verdrängungserscheinungen häufig genug. der Äußerlichkeiten in ein gestalthaftes Ganzes pressen
Sie geben sich das Ansehen der hohen Kunst und sind möchten. Der architektonische Rahmen schon neigt zur
tatsächlich überlebte Gebilde, die vorbeischielen an den Betonung der Würde, die den oberen Kunstinstituten
aktuellen Nöten der Zeit - ein Faktum, das mittelbar da- eignete. Er beliebt das Gehobene und Sakrale, als um-
durch bestätigt wird, daß die gemeinte Produktion auch finge er Gebilde von ewiger Dauer; noch ein Schritt wei-
innerkünstlerisch epigonenhaft ist. Das Berliner Publi- ter, und die Weihkerzen leuchten. Die Vorführung sel-
kum handelt in einem tiefen Sinne wahrheitsgemäß, ber erstrebt das gleiche hochgelegene Niveau, sie soll
wenn es diese Kunstereignisse mehr und mehr meidet, ein wohlabgestimmter Organismus sein, eine ästhetische
die zudem aus guten Gründen im bloßen Anspruch stek- Totalität wie nur das Kunstwerk. Der Film allein wäre
ken bleiben, und dem Oberflächenglanz der Stars, der des Gebotenen zu wenig; nicht so sehr deshalb, weil
Filme, der Revuen, der Ausstattungsstücke den Vorzug man noch mehr Zerstreuungen häufen wollte, als viel-
erteilt. Hier, im reinen Außen, trifft es sich selber an, die mehr der künstlerischen Abrundung wegen. Das Kino
zerstückelte Folge der' splendiden Sinneseindrücke hat sich eine vom Theater unabhängige Geltung erwor-
bringt seine eigene Wirklichkeit an den Tag. Wäre sie ben; die führenden Lichtspielhäuser sehnen sich wieder
ihm verborgen, es könnte sie nicht angreifen und wan- nach dem Theater zurück.
deln; ihr Offenbarwerden in der Zerstreuung hat eine Ihrer Zielsetzung, die als Symptom auch des Berliner ge-
moralische Bedeutung. sellschaftlichen Lebens angesprochen werden darf, woh-
Freilich dann nur, wenn die Zerstreuung sich nicht nen reaktionäre Tendenzen inne. Die Gesetze und For-
Selbstzweck ist. Gerade dies: daß die ihrer Sphäre zuge- men jener idealistischen Kultur, die nur als Spuk heute
hörigen Vorführungen ein so äußerliches Gemenge sind noch west, haben in ihnen zwar ihr Recht eingebüßt,
wie die Welt der Großstadtmasse, daß sie jedes echten aber aus den Elementen der Äußerlichkeit, zu denen sie
sachlichen Zusammenhangs entraten, es sei denn des glücklich vorgedrungen sind, möchten sie eine neue be-
Kittes der Sentimentalität, der den Mangel nur verdeckt, reiten. Die Zerstreuung, die sinnvoll einzig als Improvi-
um ihn sichtbar zu machen, daß sie genau und unver- sation ist, als Abbild des unbeherrschten Durcheinan-
hohlen die Unordnung der Gesellschaft den Tausenden ders unserer Welt, wird von ihnen mit Draperien
von Augen und Ohren vermitteln - dies gerade befä- umhängt und zurückgezwungen in eine Einheit, die es
higte sie dazu, jene Spannung hervorzurufen und wach- gar nicht mehr gibt. Statt zum Zerfall sich zu bekennen,
zuhalten, die dem notwendigen Umschlag vorangehen den darzustellen ihnen obläge, kleben sie die Stücke
muß. In den Straßen Berlins überfällt einen nicht selten nachträglich zusammen und bieten sie als gewachsene
für Augenblicke die Erkenntnis, das alles platze unverse- Schöpfung an.
hens eines Tages entzwei. Die Vergnügungen auch, zu Ein Verfahren, das sich rein künstlerisch rächt. Denn
denen das Publikum drängt, sollten so wirken. durch die Einverwebung in ein geschlossenes Programm
Wird der Film um seine mögliche Wirkung gebracht. Er
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gilt nicht mehr an sich selbst, sondern als Krönung einer Das Schloß
Art von Revue, die auf seine eigenen Existenzbedingun-
gen keine Rücksicht nimmt. Seine Zweidimensionalitdt er- Zu Franz Kafkas Nachlaßroman
zeugt den Schein der Körperwelt, ohne daß sie einer Er- Rez.: Franz Kafka, Da! Schloß. Roman. Hrsg. von Max Brod.
München: Kurt Wolff 1926.
gänzung bedürfte. Werden indessen Szenen von realer
Körperlichkeit dem Licht-Spiel beigesellt, so sinkt es in
die Fläche zurück, und der Trug ist entlarvt. Die Nach- Der von Max Brod aus dem Nachlaß Franz Kafkas her-
barschaft von Ereignissen, die eine Raumtiefe besitzen, ausgegebene Roman: "Das Schloß", dessen erstes Kapitel
zerstört die Räumlichkeit des auf der Leinwand Gezeig- seinerzeit in der "Frankfurter Zeitung" veröffentlicht
ten. Der Film fordert von sich aus, daß die von ihm ge- wurde, ist wie das größere Werk Kafkas : "Der Prozeß" 7
spiegelte Welt die einzige sei; man sollte ihn jeder drei- die Matrize eines Märchens. In dem "Prozeß" wird der
dimensionalen Umgebung entreißen, sonst versagt er als Bankbeamte K. einem Gerichtsverfahren unterworfen,
Illusion. Auch das Gemälde verliert seine Macht, wenn das so geartet ist: man kennt den Gerichtsherrn nicht,
es inmitten lebender Bilder erscheint. Ganz zu schwei- der Grund der Anklage ist verhüllt, und als der allein
gen davon, daß die künstlerischen Ambitionen, die zu faßbare Gegenstand bleibt das Verfahren selber, dessen
dem Einbau des Films in die Scheintotalität führen, fehl Qual endlos dauert. In dem "Schloß" wird K. als Land-
am Platze sind und daher uneingelöst bleiben müssen. vermesser nach einem Dorf berufen, das den Aufsichts-
Was entsteht, ist allenfalls Kunstgewerbe. . behörden des oberhalb der Siedlung gelegenen Schlosses
Aber die Lichtspieltheater haben dringlichere Aufgaben untersteht. Es wäre also nur der Weg zwischen dem
zu erledigen, als um Kunstgewerbliches sich zu bemü- Dorf und dem Schloß zurückzulegen, damit der Neuan-
hen. Ihren Beruf - er ist ein ästhetischer nur, insofern er kömmling K. sich über seine Pflichten und Rechte ver-
sich im Einklang mit dem sozialen befindet - werden gewisserte. Eben diesen kleinen Weg kann er nicht
sie erst erfüllen, wenn sie nicht mehr mit dem Theater durchmessen. Seine Versuche und ihr Scheitern sind der
liebäugeln und eine vergangene Kultur ängstlich zu re- Inhalt des Romanfragments.
stituieren trachten, sondern ihre Darbietungen von allen Wie in dem "Prozeß" die Richter nicht erreichbar sind,
Zutaten befreien, die den Film entrechten, und radikal so ist hier das Walten der Schloßbeamten dem dörfli-
auf eine Zerstreuung abzielen, die den Zerfall entblößt, chen Verständnis entzogen. Gewiß, die Beamten regeln
nicht ihn verhüllt. Sie könnten es in Berlin, wo die Mas- die Angelegenheiten der Ortsbewohner, unterhalten gar
sen leben, die nur darum so leicht sich betäuben lassen, sexuelle Beziehungen mit den Dorfmädchen, aber nicht
weil sie der Wahrheit nahe sind. der schmalste Pfad führt aus der Niederung zu ihrer
Höhe. Schwierigkeiten ohne Zahl, die so nur der einzige
Kafka ausklügeln kann, setzen sich dem Drängen K.s
nach einer Verbindung mit der Behörde entgegen. Ein-
mal sieht er einen Beamten; der schläft. Seine Bestallung
Zum Landvermesser erweist sich als ein Irrtum, der aber
doch vielleicht kein Irrtum war, sondern unergründliche
Absicht. Die Briefe, die ihm von dem vorgesetzten Be-
amten zugehen, sind bei näherem Zusehen veraltet und
stamt?en am Ende gar nicht von ihrem Unterzeichner.
Der Uberbringer hat einen ordnungsgemäßen Botenauf-
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