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Deutschland

Mangels harter Informationen hangeln


sich die Schatzsucher der Moderne, über
MYTHEN
das Internet bestens verbunden, umso lust-
voller an spärlichen historischen Quellen

„Hell wie hundert Blitze“ und geheimnisvollen Zeitzeugen entlang.


Immer wieder neue Bücher heizen die
Abenteuerlust weiter an. Die Folge ist der
helle Wahnsinn im beschaulichen Tal: Fast
Spinner und Schatzsucher überlaufen das thüringische Jonastal. In an jedem Wochenende fallen Hobbyfor-
den Stollen eines zerstörten Führerhauptquartiers vermuten sie scher in die Region ein, ausgerüstet mit
das Bernsteinzimmer, Kunstschätze und Hitlers erste Atombombe. Metallsonden, Satelliten-Navigationsgerä-
ten und Grabwerkzeugen – natürlich ille-

E
s gibt Tage, an denen rauben die Ge- In den letzten Monaten des Zweiten gal: Wer im Sperrgebiet erwischt wird,
heimnisse des Dritten Reichs dem Weltkriegs nämlich hatten Hitlers Getreue muss Bußgeld zahlen.
Hauptmann Andreas König noch im Jonastal tatsächlich ein komplexes Netz Hauptmann König hat Dokumente des
den letzten Nerv. Immer wieder klingelt aus unterirdischen Gängen und Gewölben Bunker-Wahns zwischen Aktendeckel ge-
an solchen Tagen das Telefon: Entweder ist anlegen lassen. Es sollte das letzte Füh- presst und nennt das Konvolut aus Papie-
dann einer von Königs Wachdienst dran, rerhauptquartier werden. Tausende KZ- ren über die Geheimnisse des Tals „meine
weil eine Streife einen weiteren dieser Häftlinge mussten 25 Stollen in die Mu- X-Akte“. Der Herr über 5000 Hektar
Schatzsucher aufgegriffen hat. Oder es ru- schelkalkfelsen treiben (siehe Grafik). Gelände hat es am Anfang durchaus noch
fen zunächst noch vernünftig klingende Dazu bauten sie auch einen Bunker, meh- mit Argumenten versucht. Als ein paar
Menschen an, die sich mit König dann rere Stockwerke tief, der, voll gestopft mit Schatz-Freaks eine rötlich-orange Wolke

SVEN DÖRING / VISUM (L.); TIMEPIX (R.)

NIEDER- SACHSEN- 50 Kilometer


SACHSEN ANHALT
Halle Leipzig
THÜRINGEN SACHSEN
Gotha Erfurt Jena Chemnitz
Ohrdruf Arnstadt Gera
Crawinkel Stadtilm
Zwickau Bunkerrest bei Ohrdruf, Hitler (1938 in Nürnberg): Fortschritte am Geheimprojekt „S III“
Jonastal
Technik, als Nachrichtenzentrale dienen über dem Tal sahen und glaubten, da wür-
sollte. de jemand mit Hitlers geheimen Flugma-
TSCHECHISCHE Von hier aus wollten die Top-Nazis ihren schinen durch die Gegend karriolen, ord-
BAYERN REPUBLIK
letzten Kampf kämpfen – und so wurden nete der Kommandant das Phänomen doch
sie denn auch nahezu alle in ihren letzten zielsicher einem Testschießen mit Boden-
dringend über jene Atombombe unterhal- Wochen mal in der Nähe gesichtet, als das leuchtkörpern zu. „Das waren Reflexionen
ten wollen, die unter seinen Füßen ver- Geheimprojekt „S III“ erste Baufort- am Himmel.“
graben liege. schritte zeigte: Hermann Göring, Joachim Doch dem armen Mann glaubt keiner
Der geplagte Offizier ist Kommandant von Ribbentrop, Heinrich Himmler. der Glücksritter. Deshalb mag König sich
des thüringischen Truppenübungsplatzes Doch die finale Schlacht um die Höhlen- auch nicht mehr mit jedem Spinner aus-
Ohrdruf, und auf dessen Gelände liegen Festung im Jonastal fand ohne Hitler und einander setzen: Auf die Erkenntnisse ei-
Teile eines besonders verwunschenen Are- seine Paladine statt. Und die siegreichen nes Hobbyforschers etwa, der 480 bis 520
als: des Jonastals. Die wilde Schlucht be- Alliierten sorgten dafür, dass der Mythos Kampfpanzer in unterirdischen Hallen ge-
flügelt wie kaum ein anderer Ort Deutsch- um das Höhlensystem so richtig gedeihen ortet haben will, mochte er erst gar nicht
lands die Phantasie einer internationalen konnte. Unterlagen von US-Militärs, die eingehen.
Gilde von Verschwörungstheoretikern und das Tal 1945 durchkämmten, will Washing- Pendel- und Wünschelrutengänger wa-
Schatzsuchern. Sie vermuten an dem ma- ton noch Jahrzehnte unter Verschluss hal- ren schon auf dem Platz, ein Tornado-Auf-
gischen Ort unermessliche Kunstschätze, ten. Die Sowjetarmee, die das Gelände von klärer hat darüber seine Kreise gedreht,
das Bernsteinzimmer, riesige Hallen mit den Amerikanern übernahm, erklärte es die Gamma- und Beta-Strahlung wurde ge-
einsatzbereiten Panzern – und die erste sofort zum Sperrgebiet und nutzte es dann messen. Nur gefunden wurde nichts.
deutsche Atombombe samt gewaltiger Trä- als Truppenübungsplatz – den die Bun- Zumindest nicht von Bundeswehr-
gerrakete. deswehr nach der Wende übernahm. experten. Weil König ein offener Mann ist,
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ließ er eine Hamburger Erkundungsfirma Der Autor schlängelt sich geschickt auch ins Jonastal. Enkes Fazit: Die inten-
aufs Gelände, die anhand von Luftbildern durch belegbare Fakten, um sie dann mit sive Suche in Archiven habe Hinweise
die Umrisse einer riesigen Rakete im Boden reichlich Interpretation anzufüttern. So gilt auf Kunstschätze ergeben, „die von Ost-
ausgemacht haben wollte. Die Hamburger als sicher, dass in den vierziger Jahren preußen nach Thüringen verbracht“ wur-
warnten vor einer möglichen Atomexplo- Atomforscher um Kurt Diebner und den. Dabei bringt Enke an zentraler Stelle
sion – auch wenn von der Rakete dann Walther Gerlach im benachbarten Stadtilm die Ruine des letzten Führerhauptquar-
beim besten Willen nichts zu sehen war. ein Forschungslabor unterhielten, um der tiers ins Spiel.
Selbst Tourismusfirmen haben Königs Atomenergie auf die Spur zu kommen. Gefunden hat der inzwischen verstor-
militärischen Sperrbereich für sich ent- Auch ließen DDR-Offizielle 1962 Zeit- bene Stasi-Mann freilich weder die kost-
deckt – fast wie in Amerika die berühmte zeugen vernehmen, die im März 1945 spielige Wandverkleidung aus Zarskoje
Area 51, über der Freaks immer wieder, Atomtests auf dem Übungsplatz gesichtet Selo noch irgendetwas anderes, was sich zu
wie auch im Jonastal, seltsame Flugkörper haben wollen. So versicherte Cläre Werner, Geld machen ließe. Seine Hinweise sorgen
sichten wollen. Ein sächsisches Reisebüro inzwischen verstorbene Verwalterin der jedoch bis heute mit für den Run auf die
warb für zweitägige Exkursionen ins Jo- benachbarten Veste Wachsenburg, sie habe Stollen im Muschelkalk – der den Freistaat
nastal unter der Rubrik „Flugscheiben“. am 4. März 1945 gegen 21.30 Uhr ein Thüringen schließlich dazu nötigte, Ende
Angeboten wurde die Begehung „in Be- gleißendes Licht gesehen, hell „wie Hun- 1991 jene Eingänge zumauern zu lassen,
gleitung eines Insiders“. Kaum verwun- derte von Blitzen“ – innen rot, außen gelb. die nicht schon von der SS und den Alli-
derlich, dass Kommandant König schon Dann sei eine mächtige Sturmböe über die ierten gesprengt worden waren.
einen ganzen Kleinbus mit Touristen auf
seinem schwer munitionsverseuchten
Gelände aufbrachte. Die Neugierigen hat- 100 Meter
ten die Absperrungen einfach umfahren.
12 3 4 5 6
789
17 19
Richtung
1011 Stollen 22 24
14 15 16 18 20 21 23 25 Arnstadt
12 13

Straße
Richtung Unterirdisches Stollensystem
Crawinkel im Jonastal um 1945

„Selbst Bohrungen in den Stollen haben


nichts ergeben“, versichert Dieter Zeigert,
Autor des Jonastal-Buchs „Hitlers letztes
Refugium“. Zeigert war fünf Jahre lang
Kommandant des Truppenübungsplatzes
und kennt jeden Stollen und jeden Beton-
ARCHIV DER GEDENKSTÄTTE BUCHENWALD

rest, der im Gebiet aus dem Boden ragt. Er


glaubt nicht, dass die Gewölbe noch ir-
gendetwas von Interesse enthalten.
Doch auch sein Urteil kann die Geheim-
nis-Freaks aus Deutschland nicht bremsen.
Regelrechte Expeditionen verabreden sich
auf der Internet-Seite www.schatzsucher.de
– dabei reichen manchen Leuten schon
zwei Plastikstäbe, ein Dübel und ein Stück
Stolleneingänge im Jonastal: Nasenbluten, Kopfschmerzen und Druck auf den Ohren Draht, um Schätze von Weltrang zu finden.
Zusammen ergeben sie eine passable Wün-
Manchem konnte der Offizier aber auch Berge gefahren. Am nächsten Tag hätten schelrute, mit der Martin Stade – Autor des
weiterhelfen – etwa einem jungen Mann, sie und andere Menschen in der Umge- Buchs „Vom Bernsteinzimmer in Thürin-
der bei einer illegalen Erkundungstour in bung Nasenbluten, Kopfschmerzen und gen und anderen Hohlräumen“ – gern Ge-
einem alten Stollen tief unter Tage Mo- Druck auf den Ohren gehabt. Am 12. März schichtsinteressierte durch das Jonastal
torgeräusche ausmachte. Völlig verstört um 22.15 Uhr habe es erneut gekracht. führt. Stade, selbstverständlich Beisitzer im
riskierte er das Bußgeld und informierte Was dort explodiert war, fand nie je- Vorstand der Jonastal-Gesellschaft, hat Wis-
die Bundeswehr. König konnte die Lärm- mand heraus. Doch die Indizien reichen sen, das sonst niemand hat.
quelle rasch identifizieren: Es war mit- Mehner und Gesinnungsgenossen als Be- Auf einem unscheinbaren Parkplatz im
nichten ein überlebender Nazi-Boss, der leg, dass Hitler im Tal an der Bombe bau- Tal etwa schlägt seine Rute regelmäßig aus:
unter Tage seinen Panzer spazieren fuhr, en ließ – und dass Einzelexemplare Stade glaubt, in den Bunkern unter dieser
sondern der Bagger in einem benachbar- womöglich noch dort herumliegen. Stelle habe Hitler Ufo-ähnliche Flugschei-
ten Kieswerk. Die These beschäftigte neben dem Mi- ben entwickeln lassen – „im Volksmund
Kaum zur Vernunft zu bringen sind frei- litärischen Abschirmdienst allen Ernstes Reichssuppenschüssel genannt“. 174 davon
lich die selbst ernannten Atomexperten. auch den thüringischen Staatsschutz. Wo- wähnt er noch unter der Erde.
Da ist etwa Thomas Mehner, Vorstands- chenlang ging ein Ermittler allen erdenkli- Stade glaubt auch, dass des Führers Te-
mitglied der so genannten Jonastal-Gesell- chen Hinweisen nach – ohne Ergebnis. lefonanlage im Stollensystem noch am
schaft und Autor des Buchs „Das Geheim- Auch schon die DDR-Führung kannte Netz hängt. Er ist sogar ganz tief in die Ar-
nis der deutschen Atombombe“. Mehner die Legenden und ließ ihre Staatssicher- chivalien der Reichspost abgetaucht – und
ist überzeugt, dass die Deutschen und nicht heit im Jonastal schnüffeln. Der Stasi- dort will er auch die Nummer gefunden
die Amerikaner die erste Atombombe bau- Ermittler Paul Enke etwa verbrachte sein haben. Es ist die 03624-1200500.
ten. Und dass die noch immer unter thürin- halbes Leben mit der Suche nach dem Die Nummer ist erreichbar. Nur ist beim
gischer Erde schlummern könnte. Bernsteinzimmer, sein Weg führte ihn Führer dauernd besetzt. Steffen Winter

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