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Sächsische Nazi-Immobilien in Bewegung

gamma Nr. 177 – April/Mai 2007


Antifa-Newsflyer für
Leipzig & Umland
Die Bornaer “Gedächtnisstätte”: Eröffnung trotz Baustopp, Übergriffe trotz Biedermeier-Image

Updates Ob Konzert oder Saalveranstaltung: in Sach-


sen stehen Nazis zahlreiche Gebäude und
Grundstücke zur Verfügung - und einige befinden
Frau. Die Polizei schritt erst zu diesem Zeitpunkt ein,
ließ die Angreifenden jedoch wieder abziehen. Statt-
dessen erteilte sie den TeilnehmerInnen der Kundge-
Am 23. Februar bedrängten zehn Nazis in sich in ihrem Besitz. Grund genug, einen genauen bung Platzverweise für die gesamte Stadt Borna. Die
einer Straßenbahn Mitfahrende in Höhe Süd- Blick auf aktuelle Entwicklungen sächsischer Nazi- Kundgebung musste daher abgebrochen werden; die
platz. An der Haltestelle Pfeffingerstraße kam Immobilien zu werfen. Polizei argumentierte, sie könne die Sicherheit der
es daraufhin zu einer tätlichen Auseinander- • BORNA. Um das Projekt “Gedächtnisstätte” des GegendemonstrantInnen nicht garantieren. Noch
setzung, in deren Verlauf die Nazis u.a. ein gleichnamigen Vereins, der im Umfeld des Vlotho- zwei Tage zuvor hatte Bernd Merbitz, Leiter der
Messer und eine Gaspistole zückten, bevor sie er “Collegium Humanum” angesiedelt ist, war es Polizeidirektion Westsachsen, in einem Zeitungsar-
das Weite suchten. Tags darauf tauchten wieder über ein Jahr lang ruhig und auf dem Grundstück tikel angekündigt, mit genügend Polizeikräften vor
etwa zehn Nazis in der Stockartstraße auf, nah- der Röthaer Straße 22-24 in Borna tat sich nichts, Ort sein zu wollen.
men augenscheinlich Bezug auf den Vorfall nachdem sich die Stadt Borna in Folge des Bekannt- Nachdem über die Verbindungen der “Gedächt-
vom Vortag, verzogen sich aber alsbald wieder. werdens des rechtsextremen Hintergrunds um nisstätte” in die lokale wie überregionale Naziszene
eine Rückabwicklung des Kaufvertrages bemühte.* anfangs nur spekuliert werden konnte, existieren
Am 28. Februar stellte der NPD-Kreisver- Am 6. April 2006 verstarb der Architekt Limmer nunmehr konkrete Anhaltspunkte. Einerseits soli-
band Leipzig unter www.npd-leipzig.net eine (zuletzt wohnhaft in Meerbusch bei Düsseldorf) im darisierte sich der Bundesvorstand der NPD am
eigene Website online. Der Webspace wurde Alter von 80 Jahren, der als Käufer des Grundstücks 22. März mit einem Beitrag auf seiner Website mit
von der Bundes-NPD gesponsert, Anmelder und Finanzier des Vereins aufgetreten war. Zuletzt dem Gedenkstätten-Projekt, indem der Entzug der
der Domain ist Bundesgeschäftsführer Frank erklärte das Bautzner Oberverwaltungsgericht An- Baugenehmigung als “Verleugnung” der “Opfer von
Schwerdt. fang Februar die Rücknahme der Baugenehmigung Vertreibung aus der alten Heimat und alliiertem
für ein zwölf Meter hohes Metallkreuz als Zentrum Bombenholocaust auf deutsche Städte” bezeich-
Am 1. März wurde Alexander Schmidt, der eines “Thing”-Platzes letztinstanzlich für rechtens. net wurde. Zum anderen hielten sich die Angreifer
kurz zuvor zum Schriftführer des neuen Leip- Die Reaktion des Vereins “Gedächnisstätte” auf vom Eröffnungstag zuvor auf dem Grundstück der
ziger Kreisverbandes der Republikaner wurde den Baustopp bestand darin, die Stadt Borna vor “Gedächtnisstätte” auf und zogen sich später teil-
(siehe GAMMA 176), durch seine Mitschü- vollendete Tatsachen zu stellen. Am Samstag, den weise wieder dorthin zurück. Durch das organi-
lerInnen das Vertrauen als Schülersprecher der 24. März, eröffnete die “Gedächtnisstätte” offiziell sierte, gewalttätige Auftreten kann von einem ge-
Nikolaischule entzogen. Wenige Tage später ver- - allerdings nur für Vereinsmitglieder und geladene planten Übergriff ausgegangen werden. Im Umfeld
lor er auch sein Amt als Stadtschülersprecher. Gäste, Presse war nicht erwünscht, eine außerhalb bewegten sich außerdem weitere Nazi-Checker-
geplante Pressekonferenz des Vereins wurde durch Grüppchen, laut NPD sei die Eröffnungsveranstal-
Am 16. März brannte in den frühen Mor- die Stadt Borna untersagt. Nach eigenen Angaben tung durch “Selbstschutzverbände Freier Kräfte aus
genstunden das Vereinshaus der Gartensparte erschienen rund 150 Gäste, unter ihnen Mitglieder Sachsen und Sachsen-Anhalt” bewacht worden.
“Trommelholz” in Leipzig-Möckern aus. Die des NPD-Landesvorstandes und der NPD-Land-
darin befindliche Gaststätte wurde in den ver- tagsfraktion, einige “Reichsbürger” sowie der Vor-
gangenen Jahren durch den hiesigen NPD- sitzende der DSU-Bundespartei, Roberto Gottfried Nazi-Immobilien 1
INHALT

Kreisverband für Mitgliederversammlungen Rink (48, Treuen i.V.), dessen Kleinpartei der NPD
Updates 1
und Vortragsveranstaltungen genutzt. Die LVZ immer näher rückt.
berichtete darüber, dass es schon im Voraus zu Gegen die Eröffnung wurde unweit des Grund-
NPD-Parteitag 2
Unstimmigkeiten des Kleingartenvereins mit stücks eine “Mahnwache” abgehalten. Während sich “Kinderschänder” 3
dem Gaststättenpächter wegen der Vermietung dort erste BürgerInnen und AntifaschistInnen sam- Patrick Kettner 4
an die NPD gekommen sei. Auch Vermutungen melten, griffen bis zu 50 Nazis die Kundgebung an, Persdorf-Prozess 4
bedrängten TeilnehmerInnen und schlugen eine
Sächsische Nazi-Immobilien in Bewegung (Forts.)
über Versicherungsbetrug tauchten auf. Die • DRESDEN und RIESA. Die sächsische NPD will ihre 3,25 Millionen Euro. Die Meldung bestätigte sich NPD für das damals vorgetäuschte Interesse ist nicht • BIELATAL. In der Gemeinde Rosental-Bielatal Rackow und Martin Schaffrath.
NPD selbst spricht von einem “Brandanschlag” bisherige Parteizentrale im Lockwitzgrund räumen jedoch nicht, der Fall Pappritz reiht sich dafür ein auszuschließen. Am 15. März inspizierte die Bauauf- (Sächsische Schweiz, nahe Königstein) sind Nazis Nur gestreift werden können an dieser Stelle
und sucht nach zwei Personen “im Alter von 18- und nach Riesa übersiedeln, wo die Parteizeitung in die Serie kruder Immobiliengeschäfte der NPD, sicht eines der Blockhäuser in Pappritz, nachdem der “Jungen Nationaldemokraten” und der ver- einige weitere Liegenschaften: in Annaberg (wei-
55 Jahren”, für deren Ergreifung sie auf die 5.000 “Deutsche Stimme” und der zugehörige Verlag be- um der Partei Geld zu verschaffen, indem die Stadt demonstrativ NPD-Fahnen auf dem Gelände gehisst botenen SSS (Skinheads Sächsische Schweiz) seit teres Haus im Besitz Günter Deckerts), Kamenz
Euro Belohnung verweist, die vom Pächter aus- reits seit sieben Jahren Gewerberäume nutzt. Schon wurden - gefunden wurde aber nur einigen Wochen mit Aufräumarbeiten auf dem (ehemalige SED-Kreisleitung in der Oststraße im
gelobt wurden. Ende Mai soll der Umzug vollzogen werden, Medien- ein Fake-Büro mit nichts als leeren Gelände der “Mühle am Brausenstein” beschäftigt. Besitz Mario Ertels, Vorsitzender des NPD-Kreis-
berichten zu Folge wird in Riesa zur Zeit eine Halle als Aktenordnern. Thomas Rackow, stellvertretender JN-Landeschef, verbandes Kamenz/Hoyerswerda), Mutzschen
Am 23. März verteilte die NPD ihre Parteizei- neue Landesparteizentrale hergerichtet. Als Grund antwortete auf entsprechende Medienanfragen, (Wohnsitz und Grundstück des NPD-MdL Win-
tung “Deutsche Stimme” vor dem Hauptein- für den Umzug nannte die NPD hohe Mietkosten • FREIBERG. Das Freiberger Landrat- in dem ehemaligen und mittlerweile verfallenen fried Petzold), Noschkowitz (Schloß im Besitz
gang der Neuen Messe an BesucherInnen der und eine ungünstige Lage. Im vergangenen Jahr gab samt hat dem ehemaligen NPD-Vor- fünfstöckigen Ferienheim einen “Szenetreffpunkt” des österreichischen Holocaustleugners Raimund
Buchmesse. Der Landesverband betitelt diese es eine Antifa-Demo gegen die Zentrale im Lock- sitzenden Günter Deckert Anfang einrichten zu wollen; in einem “offenen Brief ” an Bachmann), Wurzen (Haus in der Walther-Rathe-
Verteilung als “Frühjahrsoffensive”. Tags darauf witzgrund und erst kürzlich verübten Unbekann- März die Genehmigung zum Aus- die Dorfbewohner wurde von einem “offenen Ju- nau-Straße 18 im Besitz Thomas Persdorfs)...
verteilte der Stadtverband der Republikaner te eine Farbbeutel-Attacke auf das Gebäude. bau einer alten Gaststätte in Brand- gendtreff ” gesprochen. Eigentümer des Grund-
Werbezettel. Auf der Buchmesse präsentierte Unklar ist allerdings, ob der Plan der NPD zum Erbisdorf (Ortsteil Gränitz) erteilt. stücks ist bereits seit Anfang der 90er Jahre Heino • ERFREULICHES am Rande: Der Nazi-Anwalt
sich erneut die rechte Wochenzeitung “Junge Kauf einer Tennishalle in Dresden-Pappritz ebenfalls Vorausgegangen war ein Rechts- Janßen (69) aus der Nähe von Wilhelmshaven, der Jürgen Rieger hat im März - vorbehaltlich des
Freiheit” mit einem eigenen Stand und verteilte hinfällig geworden ist. Mehrfach wurde der Erwerb streit, nachdem die Genehmi- mit der Nutzung seines Objekts als “Vereinshaus” absehbaren Rechtsstreits - zwei seiner Grund-
Freiexemplare. eines 16 Hektar großen Grundstücks samt einer gung vor bereits fünf Jahren nicht einverstanden ist und auch selbst zum Dunstkreis stücke verloren: den “Heisenhof ” in Dörverden
Tennishalle und zwei angrenzenden Blockhäusern erteilt worden war, weil Deckert des unbedeutenden “Bundes für echte Demokra- (Niedersachsen) und das “Schützenhaus” im ost-
Am 3. April startete die Website “Freies Netz” zwecks Ausbau zu einem “Veranstaltungszentrum ein “deutschbewusstes, nationales tie” sowie der so genannten “Reichsbürger” zählt. thüringischen Pößneck. Grund: Riegers Stiftung,
(www.freies-netz.net), die bereits im November für Mitteldeutschland” angekündigt. Dagegen Begegnungs- und Freizeitzentrum” Dass das Haus in Bielatal zum Nazitreffpunkt die Eigentümerin beider Immobilien ist, wurde
vergangenen Jahres als Gegenprojekt zum “Na- sträubten sich die Behörden, da sich das Grundstück schaffen wollte. Das Oberverwal- ausgebaut werden soll, belegen auch die Polizeirazzien aus dem britischen Handelsregister gelöscht, weil
tionalen Beobachter” online gehen sollte, nach- nur wenige hundert Meter entfernt vom Haus des DS-Gebäude in Riesa. (Bild: Recherche Nord) tungsgericht Bautzen erachtete die Nichterteilung vom 4. April, die sich gegen fortbestehende SSS- Rieger die Ablieferung eines Geschäftsberichtes
dem es zum Streit um die Nähe des Projekts zur Ministerpräsidenten Georg Milbradt befindet. Den- der Baugenehmigung laut Urteil vom 7. Februar Strukturen richteten. Die „Mühle am Brausenstein“ versäumte. Mit Pößneck verlieren die Nazis einen
NPD kam. Die Website firmiert unter “Mittel- noch konnte im August 2006 auf dem Außengelände Dresden zum Kauf des Grundstücks genötigt wird. dieses Jahres für rechtswidrig, weil im Bauantrag war eines der durchsuchten Objekte. Zum Zeitpunkt ihrer “mitteldeutschen” Treffpunkte. In der Ver-
deutsches Infoportal der freien Kräfte” und soll das Pressefest der “Deutschen Stimme” mit mehre- Indiz dafür: der bisherige Eigentümer, der bayrische lediglich von einem als legal zu bewertenden Umbau der Durchsuchung stieß die Polizei auf dem Grund- gangenheit fanden hier Konzerte statt, beispiels-
Berichte aus Altenburg, Burg, Delitzsch und ren Tausend BesucherInnen stattfinden. Investor Wolfgang Jürgens, dealte mit Uwe Meenen in ein “Wohn- und Begegnungshaus” die Rede ist. stück auf etwa 40 Neonazis bei einer Schulungsver- weise reisten am 2. April 2005 rund 1.500 Nazis zu
Hof enthalten. Auf demselben Webspace liegt Am 15. Februar meldeten mehrere Zeitungen, schon 2005 in Grafenwöhr (Bayern) um den Kauf Die Stadt Brand-Erbisdorf will Deckert unterdessen anstaltung, unter ihnen zwei Referenten des NPD- einem Auftritt Michael Regeners (“Lunikoff ”) an.
auch die Website des Kampfbundes Deutscher der Kauf habe - im Namen des Würzburgers Uwe ebenfalls einer Tennishalle, was die Stadt Grafen- erneut ein Kaufangebot für den alten Gasthof unter- MdL Johannes Müller (zugleich Schatzmeister der ________________
Sozialisten (KDS). Meenen, der für die NPD bereits anderswo als Käufer wöhr zum Kauf selbiger Halle zum überhöhten Preis breiten. Daran hatte Deckert schon einmal Interesse sächsischen NPD). Vorläufig festgenommen wurden *) Zur Vorgeschichte siehe CEE IEH Nr. 130:
auftrat - bereits stattgefunden, zu einem Preis von von 300.000 Euro bewog. Eine “Provision” an die bekundet, verlangte aber eine horrende Summe. bekannte JN-Kader wie Thomas Sattelberg, Thomas http://www.conne-island.de/nf/130/27.html
Am 4. April veröffentlichten mehrere Op-
ferberatungsstellen ihre Statistik über rechte
Gewalttaten in den neuen Bundesländern und
Berlin im Jahr 2006. Es wurde eine Gesamt- NPD-Landesparteitag in der Sächsischen Schweiz Nazis inszenieren “Kinderschänder”-Kampagne in Schkeuditz und Delitzsch
zahl von 819 Angriffen auf Personen ermittelt.
Spitzenreiter ist Sachsen mit 208 Fällen. Über-
durchschnittlich hoch ist die Zahl von Fällen in
Leipzig und dem Leipziger Land.
A m 4. März veranstaltete der sächsische NPD-
Landesverband im Berufsschulzentrum (BSZ)
Pirna-Copitz seinen Landesparteitag, zu dem sich
auf einer nahe gelegenen Grünfläche teil. Als Red-
ner traten u.a. Landrat Michael Geißler (CDU), der
Oberbürgermeister Pirnas Markus Ulbig und der
A ltbekannt ist, dass Nazis zu agitieren ver-
suchen, indem sie laufende populistische De-
batten mit eigenen Kampagnen bedienen. Nachdem
der Lichterkette, wo sie gemeinsam mit BürgerInnen
laut Transparentaufschrift den “elektrischen Stuhl
für Kinderschänder” forderten. Die Nazi-Crew trug
Die Demonstration in Scheuditz fand am darauf-
folgenden Freitagabend, den 16. März statt, eben-
falls angemeldet durch Scheffler. Bereits am Vortag
rund 150 TeilnehmerInnen, darunter die etwa 60 Vorsitzende der Linksfraktion im sächsischen Land- die Initiative “Nationalisten gegen Kinderschänder” aber auch ein eigenes Transparent mit der Aufschrift führte die “B.I.S.” nach eigener Darstellung einen
Am 7. April wurden BesucherInnen des Delegierten aus Döbeln, Meißen, Dresden, Mittwei- tag, André Hahn, auf. Gegen Mittag löste sich die (NgK) vor allem der Identitätsstiftung innerhalb “Diese Stadt hat Pädophile satt” mit sich, unterzeich- Infostand mit Unterschriftensammlung durch. Mo-
BUKO-Kongresses am frühen Nachmittag im da, Leipzig und weiteren Orten, einfanden. Erst zwei Kundgebung auf. der Naziszene diente, traten organisierte Nazis aus net mit dem Kürzel “B.I.S.” für die bisher nicht in bilisiert werden konnten schließlich 150 bis 200
Palmengarten (nahe Karl-Heine-Straße) von Tage zuvor hatte sich die NPD vor dem Oberver- Kurz darauf trafen ca. 50 AntifaschistInnen am Leipzig und Umgebung nach dem Mordfall eines Erscheinung getretene “Bürgerinitiative Siegessäule Nazis, wobei die LVZ auch von anwesenden “Links-
einer Grünauer Naziclique angepöbelt. Die waltungsgericht erfolgreich in diese Räumlichkeiten Pirnaer Bahnhof ein, um sich auf den Weg zum BSZ neunjährigen Jungen und der Festnahme des mut- Schkeuditz”. Verteilt wurde ein zugehöriges Flugblatt, autonomen” schrieb und in diversen Naziforen von
Gruppe posiert im Internet als “Partycrew eingeklagt. Ergebnis des Parteitages war u.a. die Bestä- zu machen. Auf der Elbbrücke wurden sie von der maßlichen Täters mit dem Thema nach außen auf dem “in den nächsten Tagen und Wochen” wei- beschädigten Nazi-PKW berichtet wurde. Ihre Serie
Leipzig” mit Hitlergruß. Die Situation konnte Polizei gestoppt. Daraufhin entschieden - zunächst unter “volksnaher” Beteiligung an Be- terer “Protest und Infostände” angekündigt wurden. von themenbezogenen Aktionen, zu denen auch
geklärt werden, die Nazis mussten ihr Picknick sie sich, zum Bahnhof zurückzukehren. troffenheitsaktionen, dann durch eigene Aktions- Wenige Tage später kam ein Aufruf zu zwei eine Saalveranstaltung gehörte, gab Maik Scheffler
beenden. Während die Polizeieinheiten jedoch angebote. In der Organisation vorn dabei: der Delitz- Demonstrationen in Delitzsch und Schkeuditz in im Nachhinein als “erfolgreiche Kampagne gegen
am Bahnhof auf den Demozug warteten, scher Maik Scheffler, der schon beim “Spontan”- Umlauf, der bereits klarere Worte fand (“Wenn Kinderschänder in Sachsen” aus. Scheffler rekla-
Am 15. April veranstaltete der NPD-Kreis- entschloss sich dieser, spontan durch Aufmarsch am 8. Dezember in Leipzig-Gohlis eine aber die Volksgemeinschaft zusammen steht...”). mierte die gesamte “Kampagne” kurzerhand für sein-
verband in der Kneipe “Lokomotion” in der die Innenstadt zu ziehen, um dem orts- treibende Kraft war. Der Aufmarsch in Delitzsch fand am Vormittag des en seit Mitte Februar existierenden “Front-Versand”
Arno-Nitzsche-Straße eine Saalveranstaltung ansässigen Naziladen “Crimestore” Bereits am 3. März fand eine “Lichterkette” zum 10. März statt, als Anmelder trat der Delitzscher - in seinem Onlineshop kann gleich ein passendes
samt Filmvorführung über Rudolf Hess. Zu- (“The Store”) von Martin Schaffrath Gedenken an den getöteten Mitja statt, organisiert Kameradschafts-Nazi Maik Scheffler auf. Die Stadt “T-Hemd” mit “Motiv gegen Kinderschänder” er-
vor gab es um 15 Uhr einen Schleusungspunkt einen Besuch abzustatten. Die Nazis, die von einem örtlichen Sportverein. Daran nahmen Delitzsch machte zuvor zwar Einschränkungen bei worben werden kann.
vorm Völkerschlachtdenkmal. Beworben dort gerade renovierten, wirkten ziem- zwischen 500 und 700 Personen teil, unter ihnen der Route - es wurde sich auf dieselbe Strecke geei- Mittlerweile hat auch die sächsiche NPD nach-
wurde die Veranstaltung unter der Bezeich- lich überrascht und überfordert, als die zahlreiche anhand ihres eindeutigen Kleidungsstils nigt wie am 6. Mai 2006 -, erlaubte aber sogar das gelegt: ein Flugblatt unter dem Titel “Todesstrafe
nung “Geschichtlicher Gesprächskreis Leipzig”, AntifaschistInnen Richtung Ladenein- identifizierbare Nazis. Organisierte Leipziger Nazis - Mitführen von Fackeln in unbegrenzter Stückzahl. für Kindesmörder” wurde Anfang April über Nacht
angekündigt wurde der Auftritt des Mitarbei- tigung Winfried Petzolds (KV Leipzig) als Landesvor- gang drängten. Sie konnten sich nur durch heftiges darunter die bekannten Gesichter der “Freien Kräfte Schließlich kamen etwa 130 Nazis, vornehmlich an Haushalte im Nordosten Leipzigs verteilt. Darin
ters der NPD-Landtagsfraktion Olaf Rose. Es sitzender. Für Sicherheit rund um das Gelände sorgte Stemmen gegen die Tür schützen, die eintreffen- Leipzig” (FKL) - bemühten sich um ein bürgernahes aus dem näheren Umkreis (v.a. Leipzig, Borna, Des- wird - übrigens teils wortidentisch mit dem Bericht
erschienen etwa 40 Personen, größtenteils be- an diesem Tag der „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“. den Polizeieinheiten taten ihr übriges. Nach eini- Auftreten. Sie trafen sich vor Beginn der Lichter- sau und Merseburg). Der Aufmarsch dauerte kaum über die Schkeuditzer Lichterkette auf der Website
stehend aus dem Leipziger NPD-Umfeld, aber Etwa 100 Pirnaer BürgerInnen nahmen an ger Zeit kehrten die Antifas dann zum Bahnhof kette auf dem Schkeuditzer Marktplatz und liefen zwei Stunden, es gab weder Zwischenfälle noch ein des “Kampfbundes Deutscher Sozialisten” (KDS) -
auch aus Chemnitz sowie einige LOK-Hools, die einer vom DGB organisierten Gegenkundgebung zurück. Der Parteitag ging ohne Störungen zuende. als Spontandemonstration zum Veranstaltungsort nennenswertes Publikum. eine “Verhätschelung von Triebtätern” beklagt.

2 3
Patrick Kettner: ein “Möchtegern-Strippenzieher”
den Treffpunkt betreuten und später in der Um-
gebung des Lokals herumcheckten. Daraufhin
trafen sich rund 200 Antifas und versammelten
P atrick Kettner wäre gern wichtig in der Leipziger
„freien“ Naziszene. Als seine private Mailadresse
nutzt der Lageristen-Lehrling fw-lpz@arcor.de, für
Antifa-Flyer geoutet wurde. Ab da ließ er sich
gleich gar nicht mehr auf Aufmärschen blicken.
Allein: aus der Naziszene zurückgezogen hat er
sich vor der Einfahrt des Lokals. Berichten zu „Freier Widerstand Leipzig“, vor einigen Jahren sich deshalb noch lange nicht. Als am 18.11.2006
Folge wurden Scheiben eingeworfen und einige hatte er zeitweilig die wahrhaft grottige Webseite in Seelow die Er-
PKWs der Nazis beschädigt. Die Polizei setzte einer ominösen „Kameradschaft Leipzig“ eingerich- satzveranstaltung
Pfefferspray ein und nahm zwei Personen fest. tet und mit ulkigen Berichten über den Sozialstaat der Nazis für das
gefüllt, und zum Heß-Gedenken gab er T-Shirts mit „Heldengedenk-
Am 15. April sammelten sich im Stadtteil eigenen Motiven in Auftrag. Und wenn er nicht mit en“ in Halbe auf-
Lößnig kurz nach 20 Uhr rund 60 Nazis und be- Herumhängen in Naziforen wie freier-widerstand. gebaut wird, ist
gannen eine Spontandemonstration, die jedoch net (auch hier als fw-leipzig) beschäftigt war, traf Kettner mit dabei.
auf der Zwickauer Straße durch die Polizei auf- er sich mit seinen Kumpels in ihren Stammkneipen Es sind noch keine
gelöst wurde. Am selben Abend bewegten sich in der Wurzner Straße. Ganz so sinnlos war die Te i l n e h m e r I n -
noch einige Nazi-Checker-Gruppen durch Con- Mühe nicht: immerhin gehört er zu den Leipzigern, nen da, nur Ver-
newitz. Ein Zusammenhang mit den Ereignis- die gute Kontakte zu Nazistrukturen in Schkeuditz anstalter Chris-
sen vom Nachmittag (s.o.) ist wahrscheinlich. und Delitzsch pflegen. Dabei scheint der 24-Jährige tian Worch, das
durchaus auch ein Gewaltproblem zu haben: sein unvermeidliche
Vorstrafenregister umfasst etliche Fälle von Körper- Gespann Thomas
Termine verletzungen und Propagandadelikten. Zuletzt hatte Gerlach (Altenburg) und Maik Scheffler (Delitzsch)
er im Juli 2005 zusammen mit Kameraden zwei Leute mit ein paar Schlägern vom „Selbstschutz“ Sachsen-
24. April: Letzte Veranstaltung der Reihe zusammengeschlagen, weshalb er die nächsten drei Anhalt. Dass Kettner mit dabei herumstehen darf, als
“Deutsche Umtriebe”: über die Bedeutung sexu- Jahre auch nur auf Bewährung draußen herumläuft. Worch die Gulaschkanone aufbaut, und die nahelie-
eller Gewalt durch alliierte Soldaten in deut- Nun will Kettner zwar wichtig sein, er steht gende Vermutung, dass er mit Gerlach und Scheffler
schen Erinnerungsdiskursen, Beginn 18.30 Uhr aber ungern in der Öffentlichkeit. So sieht man angereist ist, war ihm sicher eine Ehre. Ob er aber
im Städtischen Kaufhaus, Raum 02.08 ihn selten auf Aufmärschen der regionalen Nazi- deshalb doch irgendwann eine wichtigere Rolle in
http://www.deutsche-umtriebe.tk szene, und wenn doch, dann ganz wichtig mit Leipzig spielen kann, muss offen bleiben. Denn alles,
Headset im Ohr und Freundin an der Hand wie was bisher von ihm zu hören und zu lesen war, sieht
25. April: Infoveranstaltung zu den Antifa- am 1. Mai 2005. Um so aufgescheuchter war er nicht danach aus, dass sein Intellekt aus der Masse
Aktivitäten am 1. Mai in Erfurt, Beginn um denn wohl auch, als er im Frühjahr 2006 in einem der Kameraden sonderlich herausragen würde.
18.30 Uhr in der Liwi (Stockartstraße):
http://left-action.de/antifa
Einstellung des Verfahrens gegen Thomas Persdorf
29. April: “Right here, right now! Den Nazis
entgegentreten”. Antifa-Demo in Markkleeberg
und anschließende Kundgebung am Markklee-
berger Rathaus. Treff um 13 Uhr am Conne-
A m 28. Februar endete das Verfahren gegen
den Wurzner Nazi-Versandhändler Thomas
Persdorf mit einer Verfahrenseinstellung. Persdorf
offenbar strafbare CDs/Cover (u.a. Landser, Sturm-
wehr), T-Shirt-Motive (u.a. diverse Runen-Sym-
bole, “Sturm 24 Bautzen”) und Fahnen (“Combat
witzer Kreuz. (35, wohnhaft in Schildau), sein Mitarbeiter Thorsten 18”, Triskele) gelagert, die bei mehreren Razzien
Krzemin (31, wohnhaft in Kössern/Thümmlitzwal- zwischen 2001 und 2005 in mehreren Objekten
1. MAI: Geplante Naziaufmärsche in Erfurt, de, ehemaliges “Blood and Honour”-Mitglied und sichergestellt wurden.
Neubrandenburg, Vechta, Dortmund, Nürn- einschlägig vorbestraft) und Marcel Müller (27, Schon nach vier Verhandlungstagen wurde der
berg und Rüsselsheim/Raunheim. Leipziger Panitzsch), der Persdorf seine Garage als Lagerfläche Prozess gegen Marcel Müller gegen Zahlung von 500
Antifas mobilisieren nach Erfurt: zur Verfügung stellte, mussten sich seit 8. November Euro beendet, zum Schluss wurden auch die Ver-
http://left-action.de/antifa 2006 vor dem Amtsgericht Grimma wegen Volks- fahren gegen Krzemin und Persdorf gegen Zahlung
verhetzung, Verwendung von Kennzeichen verfas- von je 2.000 bzw. 5.000 Euro eingestellt. Persdorf gab
12. MAI: Anti-Nazi-Demonstration in Mittwei- sungswidriger Organisationen, Gewaltverherrli- vor Gericht an, dass die beanstandeten Gegenstände
da, Beginn 14 Uhr auf der Feldstraße am Denk- chung und Verbreitung jugendgefährdender Medien nicht für den Verkauf bestimmt waren, sondern sein
mal für die Opfer des Mittweidaer Außenlagers verantworteten. Privatbesitz waren, es sich um Geschenke handle oder
des KZ Flossenbürg. Persdorf hatte mit seiner Firma “Front Records” sie zurück zum Absender geschickt werden sollten.

Redaktionelles Aufruf: Nazi-Aktivitäten und -übergriffe melden!


GAMMA ist ein antifaschistischer Newsflyer. Er Angepöbelt oder angegriffen worden? Faschos beim Verletzungen durch Angriffe von einem Arzt
wird von AntifaschistInnen nach Bedarf heraus- Plakatkleben oder Flugblattverteilen erwischt? Eine attestieren. Und wer interessiert sich für all das? Zum
gegeben und informiert über Nazistrukturen und Nazi-WG in der Nachbarschaft? Auf Vorfälle kann Beispiel das GAMMA - wir dokumentieren Vorfälle
-aktionen in Leipzig und dem näheren Umland. nur angemessen reagiert werden, wenn sie bekannt und reichen Infos an die richtigen Leute weiter. Ihr
gemacht werden! erreicht uns unter: gammazine@no-log.org
• Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 13.04.2007 Solche Infos gehören in vertrauenswürdige Antifa- Wichtig: in Emails gehören weder eure Adressen,
• Achtung, neue Kontaktdaten: Strukturen. Nutzt die Infokanäle zeitnah und ver- noch eure Klarnamen! Dafür wollen wir aber all
• Kontakt-Adresse: gammazine@no-log.org meidet es, Gerüchte in Umlauf zu bringen. Fer- diese Fakten wissen: Was ist wann und wo, durch
• Online: http://projekte.free.de/infotelefon tigt ggf. ein Gedächtnisprotokoll an, lasst euch wen und mit welchen Folgen passiert?