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Differenzierung

1. Notwendigkeit der Differenzierung


 mit Orientierung am Durchschnitt wird man keinem Sch. gerecht  alle Schüler einer
Klasse können nicht zur gleichen Zeit auf gleichen Wegen die gleichen Leistungen
erbringen
 Leistungsgefälle innerhalb einer Klasse sehr groß (Abweichung in Leistungsfähigkeit &
intraindividuell [in Fächern])
 Anforderungsstruktur des Unterrichts muss auf behinderungsspezifische
Handlungskompetenz, die Fertigkeits- & Fähigkeitsstruktur sowie der Bedürfnisstruktur
des Schülers ausgerichtet werden
 muss von Fähigkeiten des Schülers ausgehen, um in der Zone der nächsten Entwicklung
zu bleiben  kann man nur auf unterschiedlichen Wegen mit unterschiedlichen Zielen
erreicht werden

individuelle & intraindividuelle Unterschiede der Kinder


interindividuelle Unterschiede:
▪ soziales Milieu (Auswirkung auf Sprache, Erziehungspraktiken, Intellektualität)
▪ häusliche Arbeitsbedingungen
▪ Leistungsmotivation, Anstrengungsbereitschaft, Belastbarkeit
▪ Interessen, Begabungen
▪ ausgebildete Gedächtnis- & Konzentrationsfähigkeit
▪ Lerntempo, Lerntypen, Lernvermögen (Intelligenz, Auffassungsgabe)
▪ unterschiedlichen Beeinträchtigung, unterschiedliche Ursachen, Art & Grad sowie deren
Auswirkungen auf Leistungs- & Sozialverhalten
intraindividuelle Unterschiede:
▪ in einem Fach gut, im anderen schlecht
▪ schreibt gute Aufsätze, aber in Rechtschreibung schlecht
▪ interessiert sich für Bio, aber nicht Geschichte
▪ unterscheidet sich im benötigen unterschiedlichen Zeiten, um eine Aufgabe zu erfüllen,
einem Prozess des Lehrens zu folgen, ihn aufzunehmen oder einen Sachverhalt zu
lernen
▪ Begabungsdispositionen (verschiedene Interessenrichtung, Lernfähigkeit)
 Lernen ist individueller Vorgang, der zahlreichen hemmenden + fördernden Bedingungen
unterliegt (darf nicht alles auf einem Niveau halten, da sonst Über- oder Unterforderung)

2. Begriffklärung
Definition Differenzierung:
 lat. differentia = Verschiedenheit, Unterschieden
 Differenzierung nach SCHITTKO (1984) meint die Bemühungen, angesichts der
unterschiedlichen Lernvoraussetzungen des Schülers & unterschiedl. gesellschaftliche
Anforderungen durch eine Gruppierung nach bestimmten Kriterien und durch didaktische
Maßnahmen den Unterricht so zu gestalten, dass die für das schulische Lernen gesetzten
Ziele möglichst weitgehend erreicht werden können

Definition Individualisierung
 Orientierung an der Lernbiografie eines einzelnen Schülers bei der Gestaltung von Lehr-
Lern-Prozessen

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zielgleiche & zieldifferente Differenzierung
- zielgleiche Diff. zu vergebenen Zielen & Inhalten sollen möglichst viele Lehr-/ Lern-
strategien entwickelt werden  trotz unterschiedlicher Verfahrensweisen,
Lernmaterialien & -zeiten sollen alle Schüler die als verbindlich gesetzten Ziele erreichen
(Zusatzstoffe, gute Schüler als Helfer)
- Zieldifferente: Variation der Ziele & Inhalte entsprechend der spezif..Lernvoraus-
setzungen & Interessen

Innere vs. äußere Differenzierung


äußere Differenzierung
- Aufteilung/räumliche Trennung von Schülerpopulationen nach Auswahl- oder
Gliederungskriterien (wie unterschiedliche Leistungsniveaus oder Interessen) und deren
Unterrichtung von verschiedenen Personen zu verschiedenen Zeiten (Klafki)
- Differenzierungskriterien (Vollstädt): Kriterien nach denen Schüler in Gruppen
zusammengefasst werden sind: Lebensalter (in der Annahme, dass Lernende gleichen
Alters ähnliche Lernvoraussetzungen + ähnlichen Entwicklungsstand besitzen) 
Jahrgangsklassen, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Leistung, Begabung,
Neigung,Interesse (tracking)
- Leistungsdifferenzierung vs. Interessendifferenzierung
- Leistungsdifferenzierung: streaming (4gliedriges Schulsystem) & setting
(Fachleistungskurse [FEGA-Modell] & flexible Differenzierung [Fundamentum-
Additum])
- Interessendifferenzierung: Wahlpflichtdifferenzierung (tracking [Schulzug] & Fächer
[Neigungs- & Leistungskurse]) & Wahldifferenzierung (AG´s, Freizeitbereich)
 äußere Differenzierung ist unzureichend, sie sollte immer durch innere Differenzierung
ergänzt werden
Innere Differenzierung
- meint alle Maßnahmen, die innerhalb einer Lerngruppe dazu beitragen, den
unterschiedlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Interessen & Lernbedürfnissen der Schüler
zu entsprechen & deren Lernprozesse in optimaler Weise zu unterstützen (Vollstädt)
- Binnendifferenzierung, Intragruppendifferenzierung

3. Ziele/Leistungen innerer Differenzierung (Klafki/Stöcker)


- Zielsetzung optimale Förderung aller Schüler
- Entwicklung verschiedener Persönlichkeitsdimensionen & ihre wechselseitige Beziehung
wird angeregt & unterstützt
- Förderung der Selbständigkeit jedes einzelnen Schülers  ihn „das Lernen lehren“
/besser „das Lernen lernen lassen“
- Entwicklung sozialen Lernens, Kooperationsfähigkeit
- Stärken individueller Besonderheiten
- Abbau Lerndefizite
- Schaffen von Chancengleichheit

4. Vor- & Nachteile (nach Thurn)


Vorteile
- Unterricht wird auf individuellen Schüler abgestimmt
- schnelleren Schüler lernen geduldiger
- langsamere Schüler erhalten von schnelleren Schülern Hilfe  nützlich auch für
Schnellere dem anderen Kind wieder etwas zu erklären; klärt auch die eigenen
Gedanken auf neue festigendere Weise als die reine Speicherung von Gelerntem
- Kooperationsfähigkeit, soziales Lernen

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Nachteile
- aufwendigeres Verfahren, zeitintensives und arbeitsreiche Planung
- schnell lernenden Kindern wird die Lust am Lernen, am Fortkommen, indem sie ständig
in Helferrollen gedrängt werden
- Schnellere werden bestraft, noch eine Arbeitblatt bearbeiten zu müssen
- auf der anderer Seite: Wer erträgt regelmäßig der Hilfe Gleichaltriger ausgesetzt zu sein,
ohne die gleichgewichtige Erfahrung, diesen ebenso regelmäßig mit Wichtigem &
Nützlichem auf anderer Gebieten nützlich zu sein?
- oder –je nach Form & Inhalt –kommen nur jene schneller Schüler in den Genuss der
kreativeren, anspruchsvolleren, interessanteren fordernden Arbeitsblätter, während
Langsameren sich mühsam mit den „grundlegenden“ Arbeitsblatt beschäftigen

5. Maßnahmen innerer Differenzierung


- kann gemeinsamen Lernweg individuell zuschneiden (gleiche Ziele)
- differenzierte Lernwege & unterschiedliche Lerntätigkeiten
methodische Differenzierung (durch unmittelbare Anleitung & Zuwendung)
- Drankommen im Unterricht
 Erfolgserlebnisse verschaffen
 Einhalten der Kommunikationsregeln
 Sprachförderung
 Bsp. bei Leseübungen schwachen, nicht ausdrucksstarken Leser drannehmen
(v.a. bei verteilten Rollen oder unterschiedlichen Gemütsverfassungen)
 Schüler mit Problemen im Aufgabenverständnis sollen Aufgabe mit eigenen
Worten wiederholen
- differenzierte Motivation, Aktivierung (Anregung zum aktiv werden  in Tätigkeit
angeeignete Lernprozesse besser gelernt, länger behalten)
- Beteiligung am Unterrichtsgespräch
 Einhalten der Kommunikationsregeln (lauter, langsamer und deutlicher reden)
- differenzierte Arbeitsanweisungen
 nach Lerntyp & Anforderungsniveau differenzieren
 Vereinfachung von Arbeitsanweisungen für Problemen bei
Anweisungsverständnis; Nachfragen & erklären in eigenen Worten von Aufgaben
- Lern- & Arbeitstempo (SB brauchen mehr Zeit zur Realisierung sprachlicher Aufgaben 
individuell)
- arbeitsteilige Arbeitsweisen oder gleiche Aufgaben & keine zeitliche Begrenzung
- handlungsorientiert, experimentell, produktionsorientiert
mediale Differenzierung (differenzierte Hilfen)
- Unterrichtsmaterialien
 an reduzierte Sprachstatus anpassen
 bildhafte Darstellungen
 AB: gut strukturiert, nicht zu voll wg. möglicher Wahrnehmungsstörungen,
Referenzbezüge, Vermeiden von Negationen, unterschiedliche Aufgaben, Anzahl
& Anspruch Aufgaben
- individuell angepasste Orientierungshilfen (z.B. bei Aufgaben Kernwörter hervorheben
bei Schülern mit Problemen im Aufgabenverständnis), Lernhilfen, zusätzliche
Erklärungen
- Kontrollhilfen: Arbeitskarten mit individuellen Selbstkontrollhilfen (Bsp. RS-Regeln
beachten; Ausdruck, Wiederholungen)
- differenzierte Fehlerkorrektur
 individuellen Maßstab
 Sammeln von Fehlern auf Karteikarten, Hinweise
- Zusatzmaterialien

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 für Unterstützung zum Verstehen (z.B. bildliche Darstellungen)
 für Leistungsstarke Schüler evtl. mit sprachl. Förderung
- verschiedene Medien (Bücher, MindMaps, Internet)
 auf Interessen, Begabung abstimmen
 möglichst viele Lernkanäle, viele Sinne ansprechen
thematisch-intentionale Diff. (unterschiedlich Aufgaben)
- variieren der Aufgaben nach Umfang, Menge, Wahlmöglichkeiten, Kompliziertheit der zu
verarbeitenden Daten, Abstraktionsgrad in Formulierung, Anwendungsgrad
- Grad der Selbstständigkeit bei Lösen
- zeitlicher/stofflicher Umfang, Inhalt
- versch. Bearbeitungsverfahren (experimentell, handlungsorientiert)
- freie Auswahl (Projekte, Stationarbeit)
- differenzierte Hausaufgaben
 unterschiedliche Aufgaben, Anzahl Aufgaben, Anspruchniveau
 unterschiedliche sprachl. Besonderheiten beachten  Bsp., wenn du fertig bist,
suche all die Wörter raus die dir Probleme gemacht haben & schlage sie nach/
Suche Synonyme für Wörter die du mehr als 2x wdhlt. hast & schreibe sie auf eine
Karteikarte/ achte auf deine RS
soziale Differenzierung (unterrichtliche Kooperation)
- Einzelarbeit: unterschiedl. individuelle Arbeitsaufträge
 zwingt Schüler zur aktiven Lösung einer Aufgabe gemäß dem individuellen
Lerntempo
 Verbesserung der Arbeitshaltung möglich (durch Selbstbestimmung des
Lernprozesses)
- Partnerarbeit: höhere Kontaktdichte, veranlasst alle Schüler zur aktiven Mitarbeit
 gleicher FS-schwerpunkt oder Schüler als Vorbild (Kind mit & ohne
grammatikalischen Schwierigkeiten)
 mit Selbstkontrollmöglichkeiten
- Gruppenarbeit
 freie oder gebunden
 themengleicher oder arbeitsteiliger Aufgabenstellung
 Zusammenstellung der Gruppen nach Organisation (gleicher Schwerpunkt, Vorbild,
möglichst heterogen nach bestimmten Kompetenzen) & Zufall (Auslosen, Abzählen)
nach Lernvoraussetzungen
 vermeiden bei freier Auswahl sprachbezogene Aufgaben, beginnen spät mit
Aufgaben, wählen häufig ähnliche & mechanische Übung aus, verwenden vielfach
allgem. & ausweichende Begriffe ohne sprachlichen Lernzuwachs
- Stationsarbeit, offener Unterricht
 Grenzen innerer Differenzierung viele SB benötigen gut strukturierten Unterricht
 viele nehmen aber in offenen Stil rehabilitative Einwirkungen eher an

6. Organisationsmöglichkeiten innerer Differenzierung


Differenzierung im Klassenunterricht
- Klassenunterricht Ort an dem differenziert arbeitende Schüler wieder zusammen-
geschlossen worden
- entstandene Probleme diskutieren (Metaunterricht)
- „selektives Herannehmen“ (Fähigkeit der Schüler zugeordnet)
 soll überwiegend die leistungsschwächeren Schüler aktivieren  nur kurzphasig sinn
voll
Kombination von Klassenunterricht & Differenzierungsphasen
- innere Differenzierung geht von gemeinsamen Basis aus (Fundamentum-Additum)

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Differenzierung durch Abteilungs- bzw. Leistungsgruppenbildung
- sukzessive bzw. horizontale Differenzierung: Abkopplung von Schülern, die nach
gemeinsamen Unterricht die angestrebten Ziele erreichen haben  beschäftigt mit
Zusatzaufgaben  nach 2. Durchgang weitere Abkopplung  erst wenn alle Schüler
Ziele erreicht haben, wird nächste Einheit begonnen
- progressiver bzw. vertikaler Differenzierung: Leistungsgruppen können gemäß ihres
Tempo fortschreiten ( führt zur Auflösung des Klassenverbandes)
Differenzierung durch Verbindung von lehrergeleitetem Unterricht mit Stunden
selbstständiger Schülerarbeit
- Wochenplan, Freiarbeit
- Annahme: nur für einen Teil des Unterrichts ist Führung durch den Lehrer erforderlich
- in übrigen Zeit: Schüler wählen selbst, was sie mit wem, an welchen Platz, mit welchen
Mitteln in welcher Zeit tun wollen
Differenzierung durch offenen Unterricht
- Projekten, Themen, Interessengebieten oder anderen Aktivitäten gewidmet
- Stundenplan existiert im eigentlichen Sinne nicht

7. Hindernisse bei der Umsetzung innerer Differenzierung


- zeitliche Planung wird komplizierter
- extrem arbeitsaufwendig  zeitlicher Mehraufwand (brauchen für eine Stunde
Binnendifferenzierung eine Woche Vorbereitung)
- Arbeitsmittelbeschaffung & -bestellung  nur in begrenztem Umfang möglich
Lernmaterialien neu für den differenzierten Unterricht zu entwickeln  Kooperation
mehrere Lehrer dazu nötig
 meisten Schulbücher bieten kaum Hilfen & Lehrer ist überfordert, wenn er Material
selbst herstellen soll
 Lehrer ist gezwungen bereits vorhandene Mittel durch Umstrukturierung, Ergänzung &
Hinzufügung von Arbeitsanweisungen für innere Differenzierung nutzbar zu machen
(auch sehr arbeitsaufwendig)
- schwer allen gerecht zu werden (v.a. auch bei unterschiedlichen Materialien)
- Fachlehrerprinzip, alleine nicht schaffbar  team-teaching! (nicht auf Kooperation
ausgelegt  lernt „Einzelkämpfer“ zu sein)
- Überblick über die Lernbemühungen, Fortschritte, Probleme behalten (Buch führen) 
Übersicht mittels genauer Listenführung
- 45-Minuten-Takt bricht Denkprozesse ab
- Arbeitslärm, räumliche Voraussetzungen, Stundenplan
- negative Erfahrungen bei früheren Differenzierungsversuchen lassen Lehrer
resignieren, in die Aussage flüchten, dass es den Aufwand nicht lohnt
- Kontrollbedürfnis der Lehrer: differenzierender Unterricht nicht vollständig, müssen
vielspuriges U-geschehen meistern, trauen Schüler zu wenig zu
- hohe Stofffülle des Lehrplans  Probleme Stoff zu schaffen
- Ablösung von normalen, bekannten Lehrerrolle: Rolle eines Lernbegleiters &
Lernberaters übernehmen (nicht mehr reiner Wissensvermittler)