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Virtuelle Kameradschaft:

Das Organisationsprojekt “Freies Netz”

gamma Nr. 182 – April/Mai 2008

Antifa-Newsflyer für
Leipzig & Umland Nazis bei einem Wunsiedel-Ersatzmarsch in Jena hinter einem Transparent des “Freien Netzes”

Updates I nnerhalb nur eines Jahres ist die Bezeichnung


„Freies Netz“ (FN) zum gemeinsamen Label gro-
ßer Teile der Kameradschaftsszene in Sachsen und
legentlich ein FN-Transparent auf, während manche
Veranstaltungen von vorn herein unter dem Label
„Freies Netz“ abgehalten werden und Redner bei
„Freie KräFte Leipzig“ (FKL) und angrenzenden Bundesländern geworden. Am 3. Kundgebungen ebenfalls im Namen des FN spre-
„Schutzbund deutSchLand“. Der Kern April 2007 ging die Website „www.freies-netz.net“ chen. Insofern ist den Nazis über das FN ein Mittel
der FKL (u.a. Naumann, Repaczki, Schröder online, damals unter der Selbstbezeichnung „Mittel- der Vernetzung gegeben, das von der virtuellen auf
und Knüpfer) fuhr am 21.12.07 und am 15.2.08 deutsches Infoportal der freien Kräfte“. Angekündigt die aktionistische Ebene zurückführt.
mit Transparent nach Neuruppin zu Solida- wurde das Vorhaben bereits im November 2006, und Der zweite beachtliche Punkt ist, dass dem FN
ritätskundgebungen vor dem Landgericht. zwar als Gegenprojekt zum „Nationalen Beobachter“ sämtliche regional bedeutsamen Nazikader angehö-
Hintergrund: In der Berufungsverhandlung (www.nationaler-beobachter.de), das für seine Nähe ren. Das Projekt selbst sowie der Bereich des FN-De-
musste sich der Angeklagte Maik E. wegen zur NPD bzw. dem Jugendverband JN kritisiert wur- litzsch gehen zurück auf die Initiative des Delitzschers
Volksverhetzung im Zusammenhang mit dem de und nach und nach an Teilnehmenden - auch die Maik Scheffler, einem der eigenen Bezeichnung nach
„Schutzbund Deutschland“ verantworten, einer Leipzig-Ausgabe des „Nationalen Beobachters“ ver- „langjährigen Aktivisten“ und „Kameradschaftsfüh-
2006 verbotenen Nachfolge-Organisation der schwand - verlor. Aktuell beherbergt der „Nationale rer“. Er nutzte das FN zunächst auch ausgiebig zur
NPD-Abspaltung „Bewegung Neue Ordnung“. Beobachter“ nur noch die Sektionen Anhalt-Köthen, Eigenwerbung für seinen „Front-Versand“. Zwar ist
Nachfolgerin des „Schutzbunds“ wiederum ist Wernigerode und Halle. Anders erging es dem „Frei- Scheffler seine Kameradschaft und auch seine Web-
eine „Bewegung Neues Deutschland“, die im en Netz“: Dort beteiligen sich
selben Jahr stilistisch gleichartige Flugblätter mittlerweile Nazigruppen aus
herausbrachte. Herausgeber dieser Flugblätter Altenburg, Borna und Gei-
laut Impressum: Maik Eminger mit einer Post- thain, Burg, Chemnitz, De-
fachadresse in – Leipzig. litzsch, Hof, Leipzig (übrigens
die FN-Seite mit den höchsten
naziaction in reudnitz, 19.1. Eine Wo- Zugriffszahlen), Merseburg,
che nach dem Aufmarsch der „Freien Kräfte“ dem Vogtland und Zwickau.
durch Reudnitz griffen Nazis das Haus in der Damit umfasst das FN neben
Holsteinstraße erneut an, vor dem sie eine Sachsen auch Thüringen, Sach-
Zwischenkundgebung abgehalten hatten. Erst sen-Anhalt und Nordbayern.
bewarfen zwei Nazis, die später gefasst wur- Das müsste niemanden
den, das Haus mit Steinen, dann kamen noch aufschrecken, denn technisch
einmal sechs, die versuchten, Wohnungstüren handelt es sich lediglich um ei-
einzutreten, Feuerwerkskörper in Briefschlitze nige Weblogs, die von Nazis mit mehr oder weniger site „Nationaler Beobachter Delitzsch“ mit der Zeit
steckten und schließlich eine Scheibe einwarfen. motivierten „Aktionsberichten“ von Flugblattvertei- abhanden gekommen, nicht aber seine guten Kon-
Sie wiederum entkamen unerkannt. Erkannt lungen, Aufrufen zu Aufmärschen oder Kommen- takte zu Gleichgesinnten. Die hat er beispielsweise
wurde dagegen im Nachhinein Istvan Repaczki, taren zur Lokalpolitik versehen werden. Allerdings zum Altenburger Thomas „Ace“ Gerlach („Natio-
der Anmelder des Naziaufmarschs vom 12.1. gibt es zwei Dinge zu bemerken: Erstens steckt hinter nale Sozialisten Altenburger Land“) - kein Wunder,
Eine Augenzeugin erkannte in ihm einen der dem „Freien Netz“ ein organisatorischer Anspruch. dass das „Freie Netz Altenburg“ seit Anbeginn exi-
Hakenkreuzschmierer vom Dezember wieder. Zwar fehlt es an einem gemeinsamen Selbstverständ- stierte, und zwar mit Gerlach als Autor. Die Zög-
Am Sonntag nach den Übergriffen gegen das nis, doch ist erkennbar, dass es um eine Zusammen- linge der „Freien Kräfte Leipzig“ (FKL) schlossen
Haus fand in Reudnitz eine spontane Antifade- fassung und Bündnisarbeit von Nazigruppen geht, sich ebenfalls an. Zwar wird die Selbstbezeichnung
mo statt, an der ca. 500 Leute teilnahmen. Die die in Anspruch nehmen, „nationale Sozialisten“ zu „FKL“ mittlerweile vermieden und ihre Existenz gar
sein. Entsprechend taucht auf Aufmärschen auch ge- geleugnet: „Zu den ‚Freien Kräften Leipzig‘ kann sich
Nazis reagierten nervös: Vier von ihnen, dabei Nazi-Übergriff in Connewitz, 16.2. jedoch verbot die Stadt den Aufmarsch mit
Januar – März 2008 auch mindestens einer aus Geithain, versuchten Samstag Nacht griffen Nazis sowohl am Kreuz der Begründung, angesichts vieler Baustellen Fortsetzung von Seite 1
mit dem Auto in die Demo zu fahren. Es kam als auch weiter in Richtung Südvorstadt zwei- und gesperrter Straßen die öffentliche Sicher-
jedoch niemand zu Schaden – abgesehen vom mal Menschen an, die sie für Linke hielten. Die heit nicht gewährleisten zu können. Die NPD Virtuelle Kameradschaft: Das Organisationsprojekt “Freies Netz”
Beifahrer und den Scheiben jenes VW Golf. Opfer konnten nach dem Angriff fliehen und verzichtete auf Rechtsmittel, weil sie angeblich
Im Februar handelte sich Repaczki die nächste eine Polizeistreife aufmerksam machen, welche keine Chancen sah, den Streit vor Gericht zu jeder zählen, der sich mit der nationalen und sozia- feld einer Linkspartei-Veranstaltung am 8. Januar NPD-Aufmarsch am 15. März in Leipzig deutlich.
Anzeige ein, als er eines Tages zusammen mit die weiter im Kleinbus herumkurvenden Nazis gewinnen. listischen Weltanschauung identifizieren kann und in etwa riet Gerlach seinen Leipziger Kameraden zum Auf einem von der sächsischen NPD herausgege-
Kumpels Wimpelketten herunterriss, die dort kurz darauf stellte. Die „Freien“ tobten nach dieser Entscheidung. Leipzig lebt. Es gibt keine gebundene Kameradschaft „Eingreifen“, und falls nicht, sei es dennoch wichtig, benen Flugblatt prangte als Signet eine schwarze
kurz zuvor unter dem Motto „Buntes Reudnitz Sowohl der Altenburger Kader Thomas Gerlach in Leipzig, alle Aktivisten arbeiten aus freien Stücken“. „das jemand mit drin sitzt“. Allerdings hat sich kein Fahne und ein Hinweis auf die „Freien Kräfte“ als
gegen Braun“ aufgehängt worden waren. Sie Nazi-Übergriff, 23.2. In einer Tram Rich- als auch Mike Scheffler aus Delitzsch schäumten Wer dem FN-Leipzig allerdings „E-Post“ bescheren Nazi blicken lassen. Unterstützende - für Sachsen ein Novum. Auf den
wurden dabei von einer Polizeistreife erwischt. tung Reudnitz griffen Nazis einen Mann, weil auf ihren Websites: Damit wäre die gerade zag- will, muss an die FKL-Mailadresse schreiben. Hier Zur Betonung des aktionistischen Anspruchs Seiten des FN wertete man sich selbst zum „Veran-
er eine dunkle Hautfarbe hat. Sie schlugen und haft versuchte Zusammenarbeit mit der NPD herrscht schlicht Personalunion mit dem Kreis um des FN wurde mittlerweile die „Offensive ‚08“ aus- stalter“ auf, man mobilisierte mit identischen Tex-
Nazi-Gedenken in und wegen Dres- tritten ihn. Diesmal griffen jedoch Fahrgäste definitiv vom Tisch, die Partei habe wieder ein- Repaczki, Naumann und Co. In einigen Naziforen, gerufen, aus der bisher allerdings nur besagter Auf- ten, auf FN-Seiten erschienen Presseerklärungen der
den, 13./15./16.2. Auch dieses Jahr teilten ein, halfen ihm und riefen die Polizei. Diese er- mal gezeigt, dass sie den „Kampf um die Straße“ in denen diese Personen aktiv sind, werden Bei- marsch in Leipzig sowie eine Saalveranstaltung in sächsischen NPD-Fraktion und umgekehrt veröf-
Updates

sich die Nazis die Gedenkveranstaltungen auf: mittelt jetzt gegen die Täter und das Opfer. nicht zu führen bereit sei. Kurz danach haben träge mittlerweile als „FN-Leipzig“ signiert. Von Chemnitz resultierten. Einige Dämpfer erhielten die fentlichte die Sachsen-NPD einen FN-Text auf ihrer
An der Kranzniederlegung auf dem Heide- sich die Kader der „Freien“ aber offenbar von Beginn an im Boot war Kameraden wohl auch aus juristischen Gründen: Mit- Website. Aus dem geplanten Schulterschluss wurde
friedhof (zusammen mit VertreterInnen von Nazi-Plakate in Leipzig, 27.2. An einigen den NPD-Landesspitze wieder einlullen lassen: auch das FN-Hof mit tendrin wurde ihnen ihre Domain gekündigt - statt allerdings nichts - die NPD verzichtete ohne Rück-
Stadt und Landtag) nahmen am 13.2. 80 Nazis Stellen der Südvorstadt und anderer Stadtteile Mit dem Verweis auf ominöse großartige Ent- Tony Gentsch (Kame- freies-netz.net hieß es nun freies-netz.com -, offen- sprache mit den „Mitveranstaltern“ auf Rechtsmittel
teil, unter ihnen etliche NPD-Kader, aber auch wurden Plakate mit der Headline „Linken Ter- hüllungen, die kurz bevor stünden, ließ man radschaftsbund Hoch- bar wurden einige Fälle von Beleidigung gerichtlich und ließ ihren Aufmarsch ausfallen.
Vertreter der „Freien“, Burschenschaftler und ror aufdecken“ geklebt. Darunter waren mehre- sich besänftigen. Die angekündigten großan- franken/Kameradschaft verfolgt und von einer bekenntnishaften Berichter- Gerlach und Co. waren nicht erfreut, denn man
Dynamo-Hools. Rund 200 Antifas protestierten re Fotos von Menschen abgebildet, die die Nazis gelegten Flugblattaktionen (NPD) oder Spon- Hof), der ursprünglich stattung über halblegale Aktionen wird mittlerweile war daran gescheitert, sich zum Bündnispartner
vor dem Friedhof mit einer Kundgebung. Am wohl für Linke halten und die dem Anschein tanaufmärsche („Freie“) fanden nicht statt. Die aus Sachsen stammt, so- abgesehen. Deshalb darf es nicht wundern, wenn auf einer Augenhöhe emporzuschwingen. Offenbar
Abend desselben Tages marschierten dann ca. nach aus einem Naziaufmarsch heraus aufge- „Freien Kräfte Leipzig“ waren laut ihrer Website wie das FN Burg. hin und wieder Beiträge „verloren gehen“ - mittler- wurden sie von der NPD gerade so im Stich gelassen,
1.000 Nazis der „Freien Kräfte“ durch Dresden, nommen worden sind. Ihren Aktionsbericht derweilen wandern. weile fehlen beispielsweise sämtliche Einträge, die wie sie selbst vor einigen Monaten Worch auflaufen
die Polizei riegelte die Route erfolgreich ab.
Am 15.2. trotteten ca. 60 Nazis, wiederum aus
mit tatrelevantem Wissen posteten sie kurz da-
rauf auf Indymedia.
Die aus Protest vorbereitete Antifa-Demo fand
mit mehr als 200 TeilnehmerInnen trotzdem A us dieser illustren
Personenkonstel-
in den beiden ersten Monaten entstanden waren. ließen und seinen Aufmarsch boykottierten. Ent-
sprechend harsch die Reaktionen: In FN-Beiträgen
dem Spektrum der „Freien“ und unter Betei-
ligung von 13 Leipzigern, durch Borna. Die
Veranstaltung diente auch dem Gedenken an
Geplatzte Lesung, 14.3. Für den Anta-
ios-Verlag sollte der Ex-68er und Neu-Rechte,
statt und führte zum Gebäude der „Leipziger
Volkszeitung“. Damit sollte deren nach wie vor
weitgehend rassistische Berichterstattung im
lation erwuchsen in der
Vergangenheit eigen-
ständige Aktionen, für
N ebenbei nutzt insbesondere Gerlach das FN
auch, um innerhalb des „Nationalen Wider-
standes“ Politik im eigenen Sinne zu machen. Dabei
war die Rede von „feigem Verhalten“, „Verarsche“
und „unfähigen NPD Führern“. Letztlich ließ man
sich wieder besänftigen und auf spätere gemeinsame
die Bomben auf Dresden, diente aber vor allem Bernd Rabehl, auf der Leipziger Buchmesse „Türsteher-Streit“ angegriffen werden. die mehr oder minder erhält er Unterstützung von seinen Kameraden vom Aktionen vertrösten.
dazu, trotz der Abwesenheit am folgenden Tag über 68, RAF und linke Gewalt referieren. Ver- Die Polizei hatte ein Großaufgebot in der City konspirativ, jedenfalls „Kampfbund Deutscher Sozialisten“ (KDS) - bei-
in Dresden Aktionismus zu beweisen.
So waren am 16.2. zwar rund 4700 Nazis zum
Großaufmarsch nach Dresden gereist, aller-
lags-Chef und Aktivist der „Jungen Freiheit“,
Götz Kubitschek, musste allerdings vor Ort
mitteilen, dass der Referent abgesagt habe: aus
postiert.

Nazis verletzen Antifa. In der Nacht


ohne öffentlich wahr-
nehmbare Werbung
mobilisiert wurde. Ein
spielsweise Tony Gentsch -, deren Website zu Beginn
sogar kurzzeitig unter kds.freies-netz.net erreichbar
war. Lieblingsthema Gerlachs ist die NPD, gegenüber
D ie Entwicklung des FN deutet in Richtung
eines weiteren Wachstums. Der Vernetzungs-
versuch funktioniert offenbar, allerdings nicht
dings fehlten die „Freien Kräfte“ aus einigen Re- Angst vor Protesten. Für diese Absage gab es vom 28.03. auf den 29.03. kam es in Connewitz Beispiel hierfür ist der der er sich zwar immer eine „kritische Distanz“ zu- bruchlos. Einerseits sind manche Regionalabtei-
gionen – auch die aus Leipzig. Von den hiesigen dann auch spontanen Applaus genau der Hälfte zu einer Auseinandersetzung zwischen Antifas Naziaufmarsch am 12. gute hält, die er aber dennoch regelmäßig auffordert, lungen schweigsam - das FN wird in der Tat von ei-
Nicht-NPD-Nazis wurde nur Maik Schefflers des Publikums, die aus genau diesen Protest- und Nazis. Anlass gab ein Kleidungsstück der Januar im Leipziger Os- den „Deutschlandpakt“ mit der DVU zu brechen, nigen wenigen „Kadern“ getragen, die auch für den
Leipziger Lehrling, Patrick Kettner, gesich- gründen gekommen war. Nazimarke Thor Steinar. Auf die Forderung der ten, als immerhin gut um 2009 zur Thüringer Landtagswahl anzutreten. Großteil aller Einträge sorgen. Andererseits konnte
Maik “Michi” Scheffler (o.)
tet. Die FKL hielt es natürlich trotzdem nicht Antifas das Kleidungsstück abzugeben reagier- und Thomas “Ace” 320 Nazis zusammen- Ob Gerlach hier auf einen Posten schielt, ist unklar; der Alleinvertretungsanspruch, als FN „den“ Natio-
in ihren Buden: Während der Aufmarsch in Geplatzter Aufmarsch, 15.3. Auf dem ten die Nazis nicht, sondern stiegen in ihr Auto Gerlach (u.) kamen. Mit dem Wachs- immerhin erhält er auf thüringischen NPD-Ver- nalen Widerstand zu repräsentieren, nicht durchge-
Dresden aufgrund von Antifa-Blockaden eine Mobilisierungsflugblatt der NPD waren neben um den Rückzug anzutreten. Als die Antifas tum des FN vergrößert sammlungen trotz Nichtmitgliedschaft oft das Re- setzt werden. Im Auge behalten werden sollte das FN
andere Route nehmen musste und der dortige dem Parteilogo auch die schwarze Fahne der diesen unterbinden wollten, wußten sich die sich auch das für sie mobilisierbare Potential, das derecht als „bekanntester Repräsentant unseres wich- aus einem anderen Grund: Mit ihm wird ein perma-
Thor-Steinar-Laden entglast wurde, probierten „Freien Kräfte“ platziert: Gemeinsam wollten Nazis nicht anders zu helfen, als einen der An- nicht mehr durch öffentliche Mobilisierungen, son- tigsten Bündnispartners“, nämlich der „Freien Kräfte“. nentes Mobilisierungspotential gepflegt, das sich zu
die Leipziger 30 Minuten lang Straßentheater. sie unter dem Motto „Kriminelle Ausländer tifaschisten anzufahren. Das Opfer mußte mit dern direkt oder über einfache Kommunikations- Der Versuch eines Schulterschlusses mit der „spontanen“ Aktionen auch dort hinreißen lässt, wo
Sie liefen als deutsche Opfer verkleidet (ob raus!“ durch Leipzigs Innenstadt marschieren. mittelschweren Verletzungen ins Krankenhaus mittel wie Instant Messenger, Foren, Emails und NPD reicht noch weiter und deutet zudem darauf es sich die einzelnen Kameradschaftsgrüppchen auf
Bombenopfer oder Bundeswehrsoldat) durch Sie versuchten damit, den sogenannten Türste- eingeliefert werden. Nachdem die Nazis das SMS-Ketten angesprochen werden kann. Altkader hin, dass sich das FN zunehmend als Alleinvertre- sich gestellt nicht trauen. Gerlach dazu im FN-Al-
die Leipziger Innenstadt, bis sie sich beim Auf- her-Streit und seine tödlichen Folgen offensiv Kleidungsstück herausgaben entfernten sich die wie Gerlach und Scheffler werden dabei nicht müde, tung der „Freien Kräfte“ versteht. Dies wurde im tenburg: „Die Provinzen sind befriedet weitestgehend!
tauchen der Polizei wieder vertreuten. rassistisch für sich auszunutzen. Am Tag davor Antifas. den Nachwuchs zu Aktionen anzustacheln. Im Vor- Zusammenhang mit dem - nicht stattgefundenen - - Nun gehts an die Großstädte!“

Noch ein brauner Fleck: Colditz


A ls am 15.09.2007 auf dem Bahnhof in sowohl in Leipzig am 12.01.2008 als auch au- heit des Autos starkem Polizeischutz stattfinden musste. Die anwe-
Portrait
Tommy Naumann

Halle etwa 25 Antifas aus Leipzig von un- ßerhalb Leipzigs, so z.B. am 22. September 2007 zu beobachten. sende Polizei griff nicht ein, die anrückende Verstär-
gefähr 40 Nazis angegriffen wurden, war auch
Tommy Naumann unter den Angreifern. Er
zählt inzwischen neben Istvan Repaczki und
oder 2. Februar 2008 in Plauen, als Naumann
für das „Freie Netz“ sprach.
Seine Lieblingssportart lebt der fleißig
Einen weiteren
Versuch
Nazi-Crew um
der N ach Mügeln und Mittweida ist in den letzten
Wochen ein weiteres sächsisches Nazikaff in
die Schlagzeilen gekommen: Colditz. Was ist passiert?
Autos verfolgt, ausgebremst und attackiert.
Am 23. Februar 2008 sammelten sich etwa
100 Nazis im Ort und warfen an einem Dönerge-
kung kam viel zu spät. Ermittlungsstand: unter den
Angreifern befanden sich Mitglieder der verbotenen
Kameradschaft „Sturm 34“.
Christian Trosse zu den aktivsten Mitgliedern kickboxende Kamerad auch gerne mal in der Tommy Nau- AM 19. MAI 2007 griffen etwa 20 bis 30 ver- schäft sowie einem Elektronikladen die Scheiben ein. AM 28. März 2008 der nächste Angriff: Ver-
der Freien Kräfte Leipzig. Der gebürtige Zwen- Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen mann, Anti- mummte Nazis ein Konzert an, zerstörten Fenster- In eine darüber liegende Wohnung wurden Brand- mummte Nazis zerstörten aus ihren Autos heraus die
kauer ist in Meusdorf aufgewaschsen und seit politischen Gegner aus. Das stellt er auch re- fas körperlich scheiben und warfen u.a. mit faulen Eiern. In den sätze (Molotowcocktails) geworfen und weitere Fen- Fensterscheiben eines Dönerimbisses - der schon im
über fünf Jahren in der Leipziger Naziszene ak- gelmäßig unter Beweis. So versuchten er und zu atackieren, folgenden Monaten mehren sich Nazisprühereien, sterscheiben zerstört. Abgesehen hatten sie es auf die Monat zuvor angegriffen worden war - durch Feuer-
tiv. Mit seinen 22 Jahren kann er wohl zu recht weiteren Nazis am 19.02.2008 in Reudnitz ein- wollte die Grup- es kam zu körperlichen Übergriffen, einer Veran- anliegende Turnhalle, den Veranstaltungsort ver- werkskörper. Schon im Voraus war ein Mitarbeiter
als eines der Gründungsmitglieder des Freien treffende Antifas abzufangen, die sich im Um- pe am 1. März staltungsstörung und Steinwürfen gegen Fassaden gangener „alternativer“ Konzerte; die Aktion sollte rassistisch angepöbelt worden.
Netz-Zusammenhangs gelten. feld einer Antifademo bewegten. Aufgrund des im Umfeld ei- „ausländischer“ Geschäfte. Vermieter und Veranstalter offenbar einschüchtern.
Inzwischen profiliert sich Naumann auch Kräfteverhältnisses beließ es der junge Kickbo- ner antifaschistischen Demonstration durch Am 16. Februar 2008 wurden fünf linke Ju- Diese hatten am 1. Februar ein Solikonzert der „Let‘s Zu Naziaktivitäten in der Region:
zunehmend als Redner bei Naziaufmärschen, xer dann aber dabei, die Demo aus der Sicher- Reudnitz starten - es blieb bei dem Versuch. gendliche ab Colditz von vier mit Nazis besetzten Fight White Pride“-Kampagne ermöglicht, das unter http://aardl.blogsport.de/investigatives/

2 3
Termine Gastbeitrag

Nazis mit Dosen – Graffiti in Grünau


1. Mai: Naziaufmärsche sind bisher ange-
meldet worden für Hamburg, Nürnberg, Kai-
serslautern und Neustadt a.d. Weinstraße. Für
Antifamobilisierungen werden in Leipzig Info-
N eben den gewalttätigen Übergriffen auf Ju-
gendliche und den Angriffen auf das AJZ
Bunte Platte (s. Chronik in GAMMA Nr. 180),
nächtlichen Streifzügen durch die Plattenbauge-
biete prahlen sie dann auf der Internetseite der Ju-
gend Offensive, für die sie zum Teil auch werben,
veranstaltungen stattfinden, achtet auf Flyer. Es zeichnet sich im Stadtteil Grünau eine neue Form indem sie zum Beispiel die gesamte Webadresse
ist außerdem anzunehmen, dass Leipziger/säch- des Aktionismus der „Autonomen Nationalisten“ an eine Werbetafel in der Dietzmannstraße (Stre-
sische Nazis wieder mit PKW umherfahren, um ab. Denn diese Nazi-Aktivisten heben sich nicht cke der Tram-Linien 1 und 2) posten.
in abgelegenen Dörfern zu marschieren. nur äußerlich von den im Plattenbau sonst üb- Die Propagandaaktionen der Nazis in Grün-
lichen, altgewordenen Boneheads in Thor Steinar- au kommen in den letzten Monaten schubweise.
9.-11. Mai: Kongress „Deutschlandwunder. Klamotten ab, sondern auch durch ihre Art der Sie zeigen dabei kaum Kontinuität, außer in der
Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kul- Propaganda. inhaltlichen Ausrichtung, die sich vornehmlich
tur, gegen die Versöhnung mit der deutsche Nati- „Kapitalismus abschaffen“ wurde an eine Bank an politische Gegner richtet. Doch auch für Nazis
on“ in Bremen. Infos: www.kittkritik.net am Schönauer Ring getaggt, unterschrieben mit mit Dosen gibt es Öffner und aus „NS Jetzt“ wird
dem Kürzel ANL. „Zionismus stoppen“ und „Nie „HANS Jetzt“: Grünau bleibt bunt!
24./25. Mai: NPD-Bundesparteitag in Bam- wieder BRD“ war an der Ratzelstraße zu le-
berg (Event-Congress-Center). Gegenaktionen sen. Ähnlich wie im Osten der Stadt, versu-
werden rechtzeitig angekündigt! chen Nazis im Stadtteil Grünau durch Spra-
yaktivitäten ihr Revier zu markieren. So ist
Aktuelle Termine zu laufenden Antifa-Mobilisie- auch an das ehemalige Gebäude des AJZs
rungen und sonstigen linken Themen findet ihr unter anderem „Gewalt erzeugt Gegengewalt!
beispielsweise unter www.left-action.de Rotenterror brechen!“ [sic!] sowie „ANL ist
überall“ geschmiert worden.
Bei dieser Art der Propaganda von rech-
ter Seite ist seit Sommer 2007 eine stetige
Steigerung zu bemerken. Zunächst waren es
mehr Infos Aufkleber der Kameradschaft Delitzsch, des
„Widerstands“ und der Autonomen Natio-
• Leipzig-Blog - Schwerpunkt Leipziger Osten nalisten, die das Bild der Komplexe Grünaus
http://leipzig.noblogs.org prägten. Nach eigenen Schätzungen belief
sich die Anzahl der geklebten Motive, die
• Antifa-Rechercheteam Dresden:
sich inhaltlich im Bereich des (antiamerika-
http://venceremos.antifa.net/art/review/
nischen/antisemitischen) Antikapitalismus
• Recherche Roßwein-Döbeln-Leisnig: und der Organisation der Anti-Antifa be-
http://aardl.blogsport.de/recherche/ wegten, im Herbst vergangenen Jahres auf
• Antifa-Rechercheteam Nordbayern: mehrere hundert Stück.
http://www.art-nb.de Dieses Aktionsfeld ist mittlerweile al-
lerdings stark abgeflaut, was auch an der
• Antifa-Rechercheteam Thüringen (ArtThur):
geringen Haltbarkeit der Aufkleber liegt.
http://artthur.antifa.net
Stattdessen hatten die Autonomen Nationa-
• Antifa-Infoblatt (AIB): listen im Laufe des Oktobers 2007 versucht,
http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/ großflächig in Grünau zu plakatieren. Die
• Der Rechte Rand: Mainmessages waren: „Antifa-Gruppen zer-
http://www.der-rechte-rand.de schlagen“ und „Sie sagen § 129 – und meinen
damit uns alle!“
Seit diesem Winter sind die Neonazis
vermehrt als Sprayer unterwegs, ihre Dosen-
Skills sind dabei von unterschiedlichster
Redaktionelles Qualität. Teilweise sind Parolen wie „Intifada
Action“ in HipHop-Manier mit geschwun-
GAMMA ist ein antifaschistischer Newsflyer. Er genen Buchstaben an die Stromkästen und
wird von AntifaschistInnen nach Bedarf heraus- Wände gebracht, hin und wieder allerdings
Nazigraffitis am AJZ “Bunte Platte” (1 und 3), in
gegeben und informiert über Nazistrukturen und auch dilettantisch mit Pinsel und Farbe an wei-
der Dietzmannstraße (2) und am ehemaligen
-aktionen in Leipzig und dem näheren Umland. ße Wände geklatscht. Dabei verkünden sie meist, Ratzelgymnasium (4)
dass sie „Frei, Sozial und National“ sind. Zusätz-
• Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 12.04.2008 lich basteln sich Nazis in Grünau vermehrt Scha-
• Kontakt-Adresse: gammazine@no-log.org blonen mit Slogans wie „Nationaler Sozialismus Wir freuen uns über die Zusendung von Gast-
• Website: http://gamma.antifa.net jetzt“ oder „good night left side“. beiträgen, insbesondere Berichte über Stadtteile
oder Regionen des Umlandes, die sonst weniger
Besonders erstaunlich ist der Grad des Aktio-
antifaschistische Beachtung finden. Schreibt uns
Hinweis: Ihr könnt euch das GAMMA auf nismus der Neonazis, denn die Anzahl der Beteilig- einfach an unsere Email-Adresse:
Wunsch regelmäßig zumailen lassen. ten lässt sich an zwei Händen abzählen. Mit ihren gammazine@no-log.org