Sie sind auf Seite 1von 4

gamma Nr.

184 – Winter 2008/09

Antifa-Newsflyer für
Leipzig & Umland Hundert Nazis randalierten am Abend des 23.02. in Colditz, beschädigten u.a. dieses Geschäft

NPD eröffnet “Nationales Zentrum”


in Leipzig-Lindenau
Updates
2. August: In der Nacht vom 2. Auf den 3. Au- Nachdem die NPD in den letzten Jahren oft ei- der FKL geschuldet ist. Kein Wunder, dass mit Tommy
gust kam es nach einem Konzert im Schönauer nen Bogen um Leipzig gemacht hat, versucht sie Naumann ein Gründungsmitglied des „Freien Netz
Park (Grünau) zu einer Auseinandersetzung nun, ihr bisheriges Versagen wett zu machen. Leipzig“ und führender FKL-Aktivist zum Stützpunkt-
zwischen etwa 20 Nazis und BesucherInnen Dass die Partei im Stadtteil Lindenau ein „Bür- leiter ernannt wurde.
des „Bunte Platte“-Fußballturniers. Einige Na- gerbüro“ eröffnet hat, sollte bei Leipzigs Antifa- Um der frischen JN-Struktur Anlaufpunkt und
zis sammelten Steine aus einem Gleisbett auf, schistInnen die Alarmglocken schrillen lassen. Rückzugsraum zu bieten, eröffnete der 65-jährige
scheiterten jedoch daran, den Park zu betreten. NPD-Abgeordnete Winfried Petzold am 15. Novem-
Der Rest ihrer Gruppe wartete an der Halte-
stelle Parkallee auf abreisende Linke, traf dort
aber auf die Polizei. Diese wiederum setzte kurz
D ie Aktionen des „Freien Netz Leipzig“ und der
dahinter stehenden „Freien Kräfte Leipzig“ (FKL)
waren schwer zu übersehen. Die parteiorientierten Na-
ber in der Lindenauer Odermannstraße 8 ein massiv
gesichertes Abgeordneten-„Bürgerbüro“. Dieses wird,
falls es längeren Bestand hat, Leipzigs Nazistrukturen
darauf einige BesucherInnen fest – wegen des zis schienen sich hingegen auf den ersten Blick kaum stärken, wobei abzuwarten bleibt, wie intensiv und
Vorwurfs, sich gegen anreisende Nazis vertei- aus ihrer strukturellen und personellen Krise heraus durch welches Klientel es genutzt werden wird. Zur
digt zu haben. Schon einige Stunden zuvor bewegen zu können. Seit langem galt Leipzig als Stadt, Eröffnung reisten jedenfalls weniger Nazis an, als er-
hatte eine ähnlich große Nazigruppe vergebens in der sich Nazis nicht auf NPD-Strukturen verlassen wartet wurde.
versucht, zum Areal zu gelangen. können, und bis vor kurzem war diese Einschätzung Leipzig besitzt also seit dem Herbst 2008 neben
wohl auch korrekt. Im Jahr 2008 allerdings haben die einer ohnehin aktiven „Freien“ Kameradschaftsszene
13. August: Im Zusammenhang mit dem Jah- Aktivitäten des Leipziger NPD-Kreisverbandes eine mit Kontakten zum rechten Hooligan-Milieu ein neues
restag des Freitodes von Rudolf Heß tauchten, neue Qualität gewonnen. Nazizentrum in der rechtlich schwer angreifbaren
wie in den vorigen Jahren, Nazi-Graffitis, Auf- Das wurde spätestens klar, als der Leipzig-De- Form eines Abgeordnetenbüros. Dass dieses „Büro“
kleber und einzelne Transparente (u.a. an der B2/ litzsch-Altenburger Klüngel des „Freien Netzes“ und gleichzeitig der Stützpunkt des Jugendablegers der
Goethesteig) mit Bezug zum einstigen „Führer- der sächsische NPD-Landesverband im März den NPD und damit des aktiveren, gewalttätigeren Teils der
stellvertreter“ auf. Örtliche Schwerpunkte wa- Schulterschluss mit einem gemeinsam anberaumten Leipziger Naziszene ist, verdeutlicht die Gefahr, die von
ren Großzschocher und Grünau. Entgegen dem Aufmarsch probten. Abgesagt wurde er nur wegen einem solchen Treff- und Anlaufpunkt ausgeht.
Trend der vergangenen Jahre blieb eine große der Parteiräson, aus Furcht vor schlechter Presse in Im Sommer 2009 dürfte sich diese Situation noch-
Mobilisierung angesichts dieses Datums aus. Bundesländern mit NPD-Landtagssitzen auf zentra- mals verschärfen, dann nämlich sind Stadtratswahlen
le Aufmärsche zu verzichten. In der zweiten Hälfte in Leipzig – ganz ohne 5%-Hürde. Das sächsische
14. August: Bis zu 200 Alt- und Neonazis tra- des vergehenden Jahres hat die NPD ihr Werben um NPD-„Wahlmobil“ hat Leipzig unlängst schon mal
fen sich in der „Gedächtnisstätte Borna“ anläss- Einflussnahme in Leipzig verstärkt. Im Fahrwasser der besucht, beschützt von den üblichen Schlägern aus der
lich des 95. Geburtstags des Nazi-Heroen und Nazi-Proteste gegen „Kinderschänder“ versuchte auch Nazi-Hool-Mischszene.
„Kriegshelden“ Hajo Hermann. Neben NPD- die NPD möglichst großes Kapital aus der Debatte zu
Parteiprominenz und dem Liedermacher Frank schlagen. So beteiligten sich im September 2008 meh- Im Innenteil:
Rennicke war auch die FKL angereist. Istvan rere NPD-Landtagsabgeordnete an einem von den 2 Des Nazis Lieblingsthema:
„Kinderschänder“ als Demorenner
Repaczki, Tommy Naumann, Christian Trosse Freien Kräften Leipzig organisierten Aufmarsch zu
3 Neues aus der Leipziger Mischszene:
u.a. formierten sich zu einem „Ehrenspalier“. diesem Thema. Der NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Fußball, Politik und die „Blue Caps LE“
Apfel trat dabei als Redner auf. 4 „Fest der Völker“ in Altenburg mit Protesten
17. August: Eine Gruppe von zehn Nazis ver- Nur kurz vorher war der Leipziger „Stützpunkt“ 5 Noch eine offene Rechnung (II)
suchte, gegen 3:30 Uhr das Reudnitzer Laden- der NPD-Jugendorganisation JN (Junge Nationalde- Brandanschlag in Grünau
mokraten) gegründet worden, dessen Bildung Teilen 5 vorgestellt: chronik.le
Des Nazis Lieblingsthema
projekt „Atari“ anzugreifen. Ziel war offenbar,
zu einer Benefizparty für das „Rock am Kreuz
on Tour“ zu gelangen. Zu diesem Zeitpunkt wa-
ren allerdings nur noch wenige BesucherInnen “Kinderschänder” als Demo-Renner
vor Ort. Bei dem Angriff wurde eine Person
leicht verletzt. Die Nazis sprühten mit Reizgas
um sich, scheiterten aber letztlich an der ge-
schlossenen Tür. A ls am 21.8. im Leipziger Osten die Leiche eines
wenige Tage zuvor verschwundenen Kindes
gefunden wurde, war klar, was passieren würde: Wie
Nazis am Hut haben, mit diesen zu kooperieren. Als
Organisatorin war eine Bürgerinitiative und als An-
melderin die bisher unbekannte Simone Thalheim
In der Nacht vom 5. zum 6. September schon im Schkeuditzer Fall Mitja würden sich die aufgetreten. Dasselbe Megaphon, das sonst der Kol-
wurden die Schaufensterscheiben des Abge- Nazistrukturen auf das Event sürzen, um durch die- lege von den „Blue Caps“ durch die Gegend trägt,
ordnetenbüros „Linxxnet“ sowie des Roten sen Anlass ihre nationalsozialistische Überzeugung diente diesmal einem gewissen Heiko Jahn für sei-
Antiquariats auf der Bornaischen Straße mit zu propagieren. Und so kam es auch: Noch am selben nen Redebeitrag – derselbe Jahn, der betonte, nichts
Steinen eingeworfen. Es entstanden lediglich Tag wurde auf der Web-Site der LOK-Ultra-Gruppe mit den Nazis zu tun haben zu wollen, und der we-
Sachschäden. In der Vergangenheit wurden das „Blue Caps“ für einen Trauermarsch nach Reudnitz nig später Pressesprecher des Leipziger Ablegers der
„Linxxnet“ sowie umliegende Geschäfte schon mobilisiert. Da die „Blue Caps“ für ihre enge Ver- „Kinderschutzgruppe Carolin“ werden sollte.
mehrfach attackiert. flechtung mit den „Freien Kräften Leipzig“ (FKL) be- Trotzdem kippte das Toleranz-Klima in der
kannt sind, teilte sich die Organisation der Veranstal- Stadt langsam. OBM Jung distanzierte sich von den
3. Oktober: Anlässlich des „Tags der Deut- tung entsprechend auf. Anmelder war Enrico Böhm, Nazis und warf ihnen die „Instrumentalisierung“
schen Einheit“ organisierten Nazis des „Freien der den „Blue Caps“ zugerechnet werden kann. Als des Mordfalls Michelle vor. Selbst die LVZ kritisierte
Netzes“ einen Aufmarsch in Geithain. Unter dem Ordner sah man die bekannten Gesichter der FKL die Zusammenarbeit mit den Nazis und verschie-
Motto „Revolution ist machbar – Nationaler wie Patrick Kettner oder Patrick Fischer. Den Mega- dene zivilgesellschaftliche Initiativen veröffentlich-
Sozialismus jetzt“ liefen rund 150 Kameraden phon-Einpeitscher machte wieder einmal Jan Hänt- ten einen offenen Brief gegen die Einmischung der
durch die Kleinstadt südlich von Leipzig. Be- zschel und auch ansonsten war von Halle bis Alten- Nazis und ihre Todesstrafen-Forderung. Gleichzeitig
reits am frühen Morgen wurden Gegendemons- burg fast die komplette Anhängerschaft des „Freien mobilisierte die Antifa öffentlich gegen den für den
trantInnen aus Chemnitz von etwa 15 Chem- Netzes“ anwesend. Sogar Leipziger Nazi-Fossilien 1.9. geplanten Aufmarsch der „Bürgerinitiative“ in
nitzer Nazis angegriffen, dabei gab es mehrere wie Conny Reller wurden von der Baustelle geholt. die Innenstadt, während Gerüchte über eine bun-
Verletzte. Die Chemnitzer Nazis konnten später Dass der Aufmarsch wesentlich bunter als sonst desweite Mobilisierung der Nazis die Runde mach-
ungestört zu ihrem Veranstaltungsort reisen. daherkam, hatte auch damit zu tun, dass der Frau- ten. Die Folge: Nach dem Kordinierungsgespräch
enanteil von den für solche Veranstaltungen sonst mit der Polizei zog Simone Thalheim ihre Anmel-
In der Nacht vom 5. zum 6. November üblichen fünf auf 50% gestiegen war – nicht zu dung zurück, woraufhin erneut Enrico Böhm in
wurde ein abgeparktes Fahrzeug der Linkspartei vergessen die zahlreichen mitgeschleppten Kinder. Bresche sprang und auf der gleichen Strecke einen
vor dem „Linxxnet“ mit Steinen stark beschä- Außerdem hatten sich zwischen die zahlreichen „To- Aufmarsch anmeldete. Nach anderthalb Wochen
digt. Es war die zweite Naziaktion gegen bzw. vor desstrafe für Kinderschänder“-Transparente nicht und zwei gemeinsamen Demos waren die Nazis also
dem Abgeordnetenbüro binnen eines Monats. wenige so genannte NormalbürgerInnen eingereiht. wieder unter sich, durften allerdings nicht in die
Dass diese trotz der eindeutigen Außenwirkung bis City. Die Veranstaltung wurde nur als weiträumig
13. November: Die 1. Zivilkammer des zum Ende mitliefen, macht deutlich, wie wenig Pro- abgesperrte Kundgebung genehmigt, die dann vom
Landgerichts Leipzig fällte ein lang erwartetes bleme sie mit nationalsozialistischen Parolen haben. FKL-Kader und JN-Stützpunktchef Tommy Nau-
Urteil: Der Thor-Steinar-Laden „Tønsberg“ Ingesamt probten 300 bis 400 Leute in diesem Mob mann geleitet wurde. Anwesend war ausschließlich
in der Richard-Wagner-Straße muss wegen die Volksgemeinschaft. das übliche Nazi-Klientel von JN und „Freiem Netz“.
„arglistiger Täuschung“ ausziehen. Grund: Bei Das Thema entwickelte in der rechten Szene Als Redner trat neben Tommy Naumann und einem
Vertragsschluss mit der Vermietergesellschaft eine Eigendynamik. Enrico Böhm kündigte für den Dortmunder Nazi auch Holger Apfel auf.
wurden falsche Angaben über das künftige darauf folgenden Montag schon den nächsten Auf- Damit hatten sich die Aktivitäten der Leipziger
Sortiment gemacht. Nachdem es nicht zu ei- marsch an, außerdem sollte fortan jeden Montag Nazis mehr oder weniger erschöpft. Erst einen Mo-
ner außergerichtlichen Einigung kam, schlug demonstriert werden – auch in der Innenstadt. Am nat später sollten sie wieder Gelegenheit haben, in
die Vermieterin schon im Dezember 2007 den Samstag davor gab es in Pirna und am Sonntag in Sachen Michelle durch Reudnitz zu marschieren,
Rechtsweg ein. Zwischenzeitlich verlangte der Zittau spontane Naziaufmärsche unter dem Mot- allerdings nur mit Gäste-Status: die „Kinderschutz-
Thor-Steinar-Produzent, die Mediatex GmbH, to „Todesstrafe für Kinderschänder“, an denen 150 gruppe Carolin“ hatte zu einem Trauermarsch aufge-
die horrende Summe von 200.000 Euro für ei- bzw. 40 Nazis teilnahmen. Zu der Veranstaltung am rufen. Eine Auswahl von 30 bis 40 Nazis durfte mit-
nen freiwilligen Auszug. Davon träumte Uwe 25.8. in Leipzig kamen dann rund 500 „Anwohner“ laufen, obwohl sie sich nicht an die Vorgabe gehalten
Meusel umsonst – allerdings kann er noch bis (LVZ). Unter diesen befanden sich mindestens 300 hatten, auf eindeutige Kleidung zu verzichten. Mit
13. Dezember Berufung beim Oberlandesge- Nazis, wie selbst Polizei und LVZ zur Kenntnis neh- dabei waren u.a. Istvan Repaczki und Nils Larisch,
richt in Dresden einlegen. men mussten. Auch die Ordnerstruktur wurde wie- aber auch der NPD-Landeschef Winfried Petzold
der von den FKL gestellt. Bemerkenswert an diesem wurde gesichtet.
19. November: Einer Mitteilung der Poli- Aufmarsch war die erneute Hemmungslosigkeit von Der Instrumentalisierungsvorwurf traf die Nazis
zei zufolge konnten zahlreiche Nazis ermittelt Leuten, die normalerweise nichts mit organisierten hart. Auf einem Transparent und in Naumanns Re-
werden, die an verschiedenen Angriffen und
Auseinandersetzungen zwischen März und
Mai des Jahres beteiligt waren. Der erste Vorfall Mindestens zehn Personen waren an Übergriffen Festivals befanden. Einer der beteiligten Neonazis
betrifft vier Personen, die in der Nacht zum 1. gegen BesucherInnen des Bandwettbewerbs „Coura- randalierte schon am selben Tag bei einem Fußball-
März InsassInnen einer Straßenbahn in Mo- ge zeigen“ im Klubhaus Anker beteiligt und gingen spiel in Chemnitz. Zurück in Leipzig schloss er sich
ckau-Nord mit einem Schlagstock angegriffen dabei ebenfalls bewaffnet vor. In der Nacht vom 30. seinen Kameraden an, die dann den Verkaufswagen
haben. Am 14. März attackierten fünf Personen April zum 1. Mai überfielen 15 Personen einen Bus, eines Dönerimbisses umschmissen, bevor sie zur
eine Gruppe von Jugendlichen im Johannapark. in dem sich BesucherInnen des „Courage zeigen“- Menschenjagd schritten.

2
Neues aus der Leipziger Mischszene
debeitrag beklagten sie sich: Sie würden nicht instru-
mentalisieren, vielmehr wären sie doch diejenigen,
die schon immer angeklagt hätten. Und in der Tat:
Das Thema Kindesmissbrauch scheint der Naziszene Fußball, Politik und die “Blue Caps LE”
besonders oft unter den Nägeln zu brennen. Auch im
Leipziger Fall hat diese Intensität nur peripher damit
zu tun, dass das Opfer zufälligerweise die Nichte des
FKL-Kaders Repaczki war. Am Ende erklärt allein
W er in den letzten beiden Jahre aufmerksam
das GAMMA gelesen hat, dem ist die Fan-
gruppierung „Blue Caps“ des Vereins Lokomotive
Dass es sich bei den Blue Caps nicht um ein-
fache Fußballfans handelt, ist mittlerweile auch in
der Chefetage von Lok Leipzig angekommen. Dort
schon die immer wieder gestellte Forderung nach Leipzig einschlägig bekannt. Die Mitglieder der fürchtet man wegen der offen nazistischen Akti-
„Todesstrafe für Kinderschänder“, warum das The- „Blue Caps“ machten sich nicht nur durch die Un- vitäten um eine weitere Beschädigung des sowieso
ma für Nazis so attraktiv ist. Sie können damit gleich terstützung ihres Fußballvereins „verdient“, sondern schon angeschlagenen Images des Vereins und sei-
mehrere nationalsozialistische Ideologieelemente in interessierten sich zunehmend auch für Nazi-Veran- ner Anhängerschaft.
einen öffentlichen Diskurs einschleusen, der nicht staltungen, als deren Unterstützer sie auftraten. So Als die Blue Caps nun öffentlich für einen Auf-
nur wegen seiner Emotionalität offen ist für krasse betätigten sie sich zum Beispiel als Sicherheitsper- marsch des „Freien Netzes“ warben, riss beim Vor-
Forderungen: die Todesstrafe als endgültigen Zugriff sonal bei einer NPD-Saalveranstaltung im Mai 2007 standschef Steffen Kubald wohl endgültig der Ge-
der Gemeinschaft auf das Leben der Einzelnen, die im Leipziger Süden und veranstalteten gemeinsam duldsfaden. Lok Leipzig erteilte der Fangruppierung
sich am Wort „Schande“ festmachende Orientierung mit Nazis der „Freien Kräfte Leipzig“ mehrere Auf- nach Veröffentlichung einer Solidaritäterklärung
an einer imaginären Ehre und die Konstruktion ei- märsche und Mahnwachen im Zusammenhang mit mit dem „Freien Netz“ prompt ein Hausverbot für
ner rassischen Volksgemeinschaft, die sich durch dem Tod der achtjährigen Michelle aus Leipzig im das Bruno-Plache Stadion sowie das Fan-Projekt des
möglichst viele Kinder vermehren soll und aus der Sommer diesen Jahres. Vereins. Inwieweit das Verbot Wirkung zeigt, bleibt
die vermeintlich nicht dazu- erst noch abzuwarten, da nur die Fangruppierung an
gehörenden Mitglieder ausge- sich mit einem Verbot belegt wurde. Die einzelnen
schlossen – oder eben umge- Mitglieder haben ohne Erkennungszeichen der Blue
bracht – werden müssen. Caps weiterhin Zutritt. So ließen die Blue Caps kurz
nach Ihrem Rauswurf in einer selbst verfassten Pres-
seerklärung verlautbaren, „das wir gefestigt als Grup-
pe den Weg in die Zukunft antreten werden, egal wo
auch immer uns dieser Weg hinführen wird!“
Foto: Volkstod meets „Blue Dass dieser Weg geradewegs noch tiefer in die
Caps“, aufgenommen am rechte Szene führt, machten sie erst am 6. November
25. Oktober während des deutlich, als ein halbes Dutzend der Blue Caps als
Aufmarschs von FKL/JN NPD-Ordnungstruppe mehrere Infostände der Par-
unter dem Motto „Unser tei im Leipziger Norden und in Grünau absicherte.
Volk stirbt - Volkstod Und auch zur Eröffnung des Nationalen Zentrums
stoppen“ der NPD in Leipzig-Lindenau am 15. November
betätigten sich die Kameraden aus dem Blue-Caps-
Umfeld als offizielle Türöffner.

Drittes “Fest der Völker” in Altenburg mit Protesten


D as dritte „Fest der Völker“ fand nicht - wie in
den letzten Jahren - in Jena statt, sondern mus-
ste nach Altenburg umziehen. Nachdem die Stadt
die am 13. September auf der Strasse waren.
Das Rechtsrock-Festival bietet den Nazis die
Möglichkeit, sich zu vernetzen. Dabei wird mehr
wahrsamnahmen. Daraufhin haben 200 Menschen
spontan an der Gefangenensammelstelle demons-
triert und die Freilassung der antifaschistischen
Jena den Nazis „unzumutbare“ Auflagen erteilte, oder weniger offensichtlich mit dem Rechtsrock- DemonstrantInnen gefordert. Unabhängig davon
entschlossen sich die Organisatoren Ralf Wohlle- netzwerk „Blood and Honour“ sympathisiert. Die müssen sich drei Nazis wegen Tragens verfassungs-
ben (NPD Thüringen) und André Kapke (NPD und meisten Bands entstammen diesem nazistischen widriger Symbole verantworten. Der Polizeieinsatz
Kameradschaftsszene), das Nazievent kurzerhand in Netzwerk und können nun öffentlich unter der selbst geriet heftig in die Kritik, da viele Demons-
die ostthüringische Kreisstadt zu verlegen. Verbin- Flagge der NPD auftreten. „WhiteLaw“ aus Groß- trantInnen durch Pfefferspray verletzt und Sitzblo-
dungen nach Altenburg bestehen insbesondere in britanien zeigt sich z.B. auf ihrer Internetseite mit ckaden mit körperlicher Gewalt geräumt wurden.
Person von Thomas Gerlach. Er ist eine Schlüsselfi- Hitlergruß und „Blood and Honour“-Fahne. Ein Die Polizei verursachte zudem Platzwunden und bei
gur zwischen den „Freien Kräften“ und der NPD in solches Festival ist für Nazis auch eine beliebte Ge- einem Demonstranten einen Schlüsselbeinbruch. Im
Thüringen und pflegt gute Beziehungen zu Wohlle- legenheit, ihre rassistischen Ansichten zu verbreiten. Vorfeld einigten sich Polizei und OrganisatorInnen
ben und Kapke. Diese erhofften sich von der Verle- Dieses Jahr waren u.a. Tomas Vandas, Vorsitzender der Gegenproteste zwar auf eine kommunikative
gung vermutlich weitaus weniger Repression seitens der tschechischen Nazi-Partei „Delnicka Strana“, und deeskalierende Linie. Vor allem Einheiten aus
der Stadt und vor allem weniger Gegenproteste. Tat- und der Schweizer „Hammerskin“ Markus Martig Bayern und Berlin durchbrachen aber im Laufe des
sächlich waren weniger AntifaschistInnen als in den als Redner eingeladen. Auch Jürgen Rieger stand Tages diese Vorgabe. „Unklar ist bislang, ob Baye-
letzten Jahren gekommen. Trotzdem verschob sich auf der Rednerliste. Selbst der Name des Festivals rische und Berliner Einheiten bewusst die Linie der
der Beginn der Veranstaltung um mehrere Stunden. nimmt Bezug auf den Nationalsozialismus: „Fest der Altenburger Polizei torpedierten oder ob es eine
Sitzblockaden und Attacken auf das Bahnstellwerk in Völker“ ist angelehnt an einen von Leni Riefenstahl Freigabe für den Einsatz polizeilicher Zwangsmittel
Gera behinderten die Anreise der rund 1000 Nazis. produzierten Propagandafilm zu den Olympischen gab“, teilte das Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextre-
Die Polizei bahnte den anreisenden Kameraden den- Sommerspielen 1936 in Berlin. mismus mit. Der Polizeieinsatz wird jetzt Thema im
noch den Weg durch rund 2000 AntifaschistInnen, Es kam am Veranstaltungstag zu mehreren Inge- thüringischen Landtag sein.

3
Noch eine offene Rechnung (II)
In der Nacht zum Montag, den 24. November, wurde ein heftiger Brand-
anschlag auf Räumlichkeiten des Grünauer Stadtteil- und Kulturzen-
trums „KOMM-Haus“ in der Selliner Straße 17 verübt (siehe Foto links)

Gegen 2.30 Uhr wurde die Zugangstür aufgebrochen barg vom Alternativen Ökofreak bis zum kleinkri-
und mittels Brandbeschleuniger ein Feuer entfacht. minellen Antifaschisten alle Spektren von Grünaus
Die Büroräume brannten komplett aus und bleiben realitätsfernen, gemeinschaftlichen Außenseitern.“
vorerst nicht benutzbar. Auch eine Arztpraxis im 1. Und auf der Website „Freies Leipzig“ heißt es: „Aber
Stock des Gebäudes wurde durch das Feuer in Mit- die Frechheit hinter all dem ist Weinerlichkeit, wenn
leidenschaft gezogen. roten Terroristen mal ihren Terror zurückbekommen.
Das KOMM-Haus ist eine kommunale Einrich- (...) wenn sich Einige nicht einmal auf die Polizei ver-
tung, Betreiber ist das Kulturamt der Stadt Leipzig. lassen können, weil sie sich dafür überhaupt nicht in-
Die Volkshochschule und die Volkssolidarität, aber teressieren und dann das Problem in die eigene Hand
auch verschiedene Initiativen und Vereine nutzten nehmen, ist das rote Geschrei plötzlich ganz groß. (...)
die Räumlichkeiten – unter ihnen die Bürgeriniti- Dies soll kein Geständnis sein! Wir sagen damit nur,
ative „Buntes Grünau“. Das Gebäude wurde in der dass es nicht verwunderlich ist, dass die Leute, die das
Vergangenheit desöfteren mit Graffitis und Aufkle- getan haben, irgendwann ‚den Kanal voll’ haben.“
bern „verziert“, offenbar auch kurz vor oder wäh- Die Verantwortlichen von „Freies Leipzig“, Den-
Mehr Infos rend des Anschlags. Bereits in der Nacht zuvor sind nis Pätzold (Lößnig) und Daniel Schröder (Anger-
Fensterscheiben des Büros eingeworfen worden, Crottendorf), kennen die Brandstifter offenbar recht
• Chronik.LE auch hier fanden sich Naziaufkleber an den beschä- gut. Und wohl auch deren Pläne: die nächsten poten-
http://www.chronikle.org
digten Scheiben. Nazis sollen Presseberichten zu- tiellen Angriffsobjekte werden gleich benannt. Der
• Leipzig-Blog folge einem Mitarbeiter des KOMM-Hauses verbal „rote Terror“ würde ausgehen „von den sogenannten
http://leipzig.noblogs.org gedroht haben. ‚Wächterhäusern’ (...), die von der Stadt Leipzig und
• Antifa-Rechercheteam Dresden: Damit haben sie nun scheinbar ernst gemacht dem Steuerzahler bezahlt werden. Diese ‚Wächterhäu-
http://venceremos.antifa.net/art/review/ – und finden noch tröstliche Worte. Das „Freie Netz ser’ sind Brutstätten des Rotfaschismus. Häuser, die
Leipzig“ schreibt: „Das selbsternannte Kulturhaus, ihren Eigentümern entrissen wurden.“
• Recherche Roßwein-Döbeln-Leisnig
http://aardl.blogsport.de/recherche/

• Antifa-Rechercheteam Nordbayern g a s t b e i t r a g
http://www.art-nb.de

• Antifa-Rechercheteam Thüringen (ArtThur) vorgestellt: chronik.LE dokumentiert Nazi-Aktionen


http://artthur.antifa.net

• Antifa-Pressearchiv und Bildungszentrum


http://www.apabiz.de S eit Mitte November berichtet die neue Internet-
Dokumentationsplattform chronik.LE über ras-
sistische, faschistische und diskriminierende Vorfälle
sehr viele diskriminierende Ereignisse in Erfahrung
gebracht und zum ersten Mal zentral gesammelt. Wer
die Seite besucht, wird über die bereits jetzt sehr umfas-
• Recherche Nord und Ereignisse in Leipzig und Umgebung. Dank der sende Sammlung erstaunt oder erschüttert sein.
http://www.recherche-nord.com
Zusammenarbeit des Ladenschluss-Aktionsbündnis Ziel von chronik.LE ist jedoch nicht nur, ein Ar-
• Zeitschrift “Antifa-Infoblatt” (AIB) und des Vereins „Engagierte Wissenschaften e.V“ chiv zu sein. Die Plattform soll vor allem die Arbeit von
http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/ konnte damit eine umfangreiche und sehr ausführliche Initiativen und Organisationen gegen Diskriminierung
• Zeitschrift “Der Rechte Rand” Chronik geschaffen werden. unterstützen sowie wichtige AkteurInnen, wie z.B.
http://www.der-rechte-rand.de Dokumentiert werden Propagandaaktionen, Auf- JournalistInnen und KommunalpolitikerInnen, infor-
märsche, Übergriffe und Gewalthandlungen von Nazis, mieren und sensibilisieren. Um dies zu gewährleisten
• Zeitschrift “Lotta” (NRW)
wie das bereits aus dem GAMMA bekannt ist. Gegen- hat die Qualität und Verlässlichkeit der Informationen
http://projekte.free.de/lotta/
stand der Dokumentation sind aber auch Alltagsras- oberste Priorität, weniger deren Aktualität. Die Angabe
sismus und Rassismus in den Medien, sexistische und von Quellen und die Verifikation der Informationen
antisemitische Vorfälle sowie Feindlichkeiten gegen durch die beteiligten Gruppen sollen deren Zuver-
Redaktionelles Homosexuelle, Behinderte und Obdachlose. Die Er- lässigkeit gewährleisten. Das Projekt will sich so auch
eignisse werden mit einer kurzer Beschreibung sowie deutlich Abheben von Informationsquellen wie z.B.
GAMMA ist ein antifaschistischer Newsflyer. Er Datums- und Ortsangabe veröffentlicht und mit in- Indymedia.
wird von AntifaschistInnen nach Bedarf heraus- haltlich passenden Schlagwortangaben versehen. Der Trotzdem kann selbstverständlich jeder und jede
gegeben und informiert über Nazistrukturen und große Vorteil ist die sich daraus ergebende Recherche- Informationen über diskriminierende Vorfälle dem
-aktionen in Leipzig und dem näheren Umland. möglichkeit. So können die Ereignisse nicht nur nach Projekt melden. Das ist möglich über die Emailadresse
Datum, sondern auch nach Ort und Thema sortiert chronikLE@engagiertewissenschaft.de, oder über das
• Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 06.12.2008 werden. Kontaktformular auf der Website. chronik.LE wird sich
• Kontakt-Adresse: gammazine@no-log.org Das besondere an chronik.LE ist der Netzwerkcha- bemühen, die Informationen zu bestätigen und dann
• Kontakt-Adresse: http://gamma.antifa.net rakter. Viele verschieden Organisationen, Initiativen ggf. zeitnah zu veröffentlichen. Willkommen sind auch
und Gruppen beteiligen sich am Projekt - sowohl bür- Artikel für die Dossier-Rubrik, wir bitten jedoch um
Hinweis: Ihr könnt euch das GAMMA auf gerliche, als auch Gruppen aus dem radikalen Linken vorherige Absprache.
Wunsch regelmäßig zumailen lassen. Schreibt Spektrum sind mit involviert. Durch ihre unterschied-
uns einfach eine E-Mail. lichen inhaltlichen und lokalen Schwerpunkte werden www.chronikLE.org
4