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Ausgabe Frühjahr 2010

gamma 186
• Reinfall in Leipzig am 17. Oktober
• Ebenso in Dresden am 13. Februar
• Immer mittendrin: Riccardo Sturm

antifaschistischer Newsflyer Leipzig und Umgebung gamma.antifa.net


Liebe lesende AntifaschistInnen, gut Ding will
Weile haben. Das gilt so sehr für unser Infoblätt-
chen, wie wir es dennoch nicht einsehen mögen
bei denen, über die wir berichten. Bei denen ist
es scheinbar ruhig: Die Bornaer „Gedächtnis-
stätte“ ist sanft entschlafen und der Appetit
aufs Marschieren seit dem 17. Oktober ver-
dorben. Der 13. Februar war entsprechend
mager. Dass die rechte Friedhofsruhe auch eine
Ruhe vor dem Sturm sein kann, zeigt nicht nur
der gleichnamige Neonazi, der uns seit zwei
Jahrzehnten auf den Geist geht, sondern auch
der Überfall auf die Fans des Roten Stern in
Brandis. Das sind unsere Themen. Jetzt kommt Schaulaufen der “Freien Kräfte” bei Hajo Herrmanns Geburtstagsfeier am 9. August 2008 in
Borna (v.l.): Rico Graulich (FN Geithain), Istvan Repaczki (FN Leipzig), Tony Keil (FN Borna),
die Sonne raus – macht was draus! Manuel Tripp und Andy Krumbiegel (FN Geithain), Sebastian Oehme (FN Geithain), Kevin
Enge (FN Borna), Christian Trosse (FN Leipzig), Peter Kühnel (FN Borna), Gisela Limmer,
Hajo Herrmann, Tommy Naumann (FN Leipzig)

Vor 10 Jahren:
Über eine antifaschistische Demonstration Borna ist gefallen:
in Leipzig-Grünau berichtete das GAMMA
in der Ausgabe 12/2000: Die Nazi-„Gedächtnisstätte“
„Rund 1.200 Leute waren am 17. Juni zu der Demo ge-
kommen, die unter dem Motto stand: ‚Wir wollen kein Teil wird ein Altersheim
einer Nazibewegung sein!‘ Sie machten damit klar, daß

D
es in Grünau noch Gegenwehr gibt und geben wird. Un- ie Gedächtnisstätte Borna ist Geschichte: beim Collegium Humanum, wo auch Seminare
ter anderem wurde ein alternatives Jugendkulturzentrum Am 1. Januar wechselte das Grundstück wie „Hitler als Wille Gottes” angeboten wurden,
gefordert. Vor der Demo gab es ein Kulturprogramm mit seinen Besitzer. Nun müssen sich die Geschichts- über die subtile Umkehrung der Täter-Opfer-
Schülerbands. Die DemoteilnehmerInnen solidarisierten
revisionistInnen um den Gedächtnisstätte e.V. Perspektive betrieben werden. Dafür wurde,
sich außerdem mit den Protesten von Flüchtlingen des
ein neues Gelände für den Bau ihres „Mahn- nachdem der Bauausschuss der Stadt Borna am
Grünauer Asylbewerberheims. Im Anschluß an die Anti-
mals” suchen. Die Grundstücksbesitzerin Gisela 7. November 2005 einstimmig eine Baugeneh-
fademo versuchten 30 Nazis, von der Shell-Tankstelle aus
Limmer hatte Grundstück und Gebäude bereits migung erteilt hatte, ein germanischer „Thing”-
einen Marsch durch den Stadtteil zu starten. Sie wurden an
im Frühjahr 2009 an eine Gesellschaft verkauft, Platz (ähnlich dem Dresdner Heide-Friedhof)
der Breisgaustraße von der Polizei gestoppt und der Zug
die es zu einem Alten- und Pflegeheim umge- angelegt und am 29. Oktober zunächst eine „Be-
aufgelöst. 32 Birnen kamen über Nacht in Gewahrsam.“
stalten will. An den Gedächtnisstätte e.V. sollen gegnungsstätte für Russlanddeutsche” auf dem
Zu der Demo hatten unter anderem die Grünauer Antifa- 220.000 Euro überwiesen worden sein, um die Areal eingeweiht.
Gruppe, das Bündnis gegen Rechts Leipzig (BgR) und das Spender auszuzahlen. Damit kann das Projekt Erst nachdem Medien über den revisionisti-
Antifa-Schulnetz (ASN) aufgerufen. Grund: Auch nach der als vorerst gescheitert gelten. schen Hintergrund des Vereins und dessen enge
Schließung des Jugendtreffs im „Kirschberghaus“, in dem Verbindungen zum Collegium Humanum be-
Nazis unter der Aufsicht verständnisvoller Sozialarbeiter-
Nachruf auf ein richtet hatten, machte die Stadt einen Rückzie-
Innen aus und ein gingen, hatte sich im Stadtteil nichts ge-
nationalsozialistisches Projekt her und erwirkte den Baustop für ein zwölf Me-
ändert. In einer Pressemitteilung des BgR hieß es:
ter hohes Metall-Gedenkkreuz, das bereits von
„Dass wir hier in Grünau demonstrieren, zeigt den Nazis, Am 5. März 2005 ersteigerte der Architekt der Firma des damaligen Bürgermeisters Bernd
dass sie in diesem Stadtteil mit entschiedener Gegenwehr Ludwig Limmer das über 10.000 Quadratmeter Schröter angefertigt worden war. Weitergehende
zu rechnen haben und sie keine Ruhe für ihre menschen- große Grundstück in der Röthaer Str. 22–24 in Versuche der Stadt, den Kauf rückgängig zu ma-
verachtenden Machenschaften finden werden. Die Nazis Borna für den Verein „Gedächtnisstätte“. Ziel chen, blieben hingegen erfolglos.
suchen die Ruhe, um aus dieser Anonymität agieren zu des 1992 unter anderem von Ursula Haverbeck- Am 6. April 2006 starb Ludwig Limmer. Fort-
können. Diese Ruhe müssen wir ihnen überall nehmen. Wetzel gegründeten Vereins, der als Ableger des an war seine Frau Gisela Limmer von Massow die
Nur dann können wir sie erfolgreich zurückdrängen.“ inzwischen verbotenen Collegium Humanums Eigentümerin des Grundstücks. Zuvor hatte sich
Viele AntifaschistInnen rätseln noch immer, wie Nazis am angesehen wird, ist es, „einen geeigneten Platz der gemeinsame Sohn, Hans-Christian Limmer,
besten beizukommen ist, und übersehen diesen bewähr- zu finden und genügend Mittel zu beschaffen, der anfangs noch als Miteigentümer aufgetreten
ten Lösungsweg. Kein Königsweg, sicher. Aber das, was um einen zentralen Gedenkort für die Millionen war, aus dem Projekt zurückgezogen, wohl um
Zivilgesellschaft, Parteien und Gewerkschaften leisten, war [deutschen] Opfer von Bombenkrieg, Vertrei- einem Imageschaden seines Essener Franchise-
schon vor zehn Jahren – es war der Anbruch des „Antifa- bung und Gefangenschaft zu realisieren.” Unternehmens „BackWerk” vorzubeugen.
Sommers“ – nicht richtungsweisend. ☐ Geschichtsrevisionismus sollte hier, anders als Seit dem 1. Juli 2006 arbeitete der rechtskon-
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186 Fortsetzung von Seite 1

Borna: Die Nazi-„Gedächtnisstätte“ wird ein Altersheim


servative Militärhistoriker Peter Hild als wissenschaft- Narzisse” eine immer größere Nähe zur NPD kritisier-
Christ und Patriot: licher Leiter der Gedächtnisstätte. War bis zu dessen te. Schon zu Hajo Herrmanns Geburtstag hätten der
Peter Hild Tod Ludwing Limmer selbst als Hauptfinanzier aufge- NPD-Kreisrat Gerd Fritzsche aus Borsdorf sowie der
Seit 1. Juli 2006 treten, übernahm diese Funktion danach vor allem der Parthensteiner NPD-Stadtrat Peter Köppe Hilds Auf-
arbeitete Peter Solinger Bauunternehmer Günter Kissel, seit 2003 im gaben übernommen.
Hild als wissen-
Vereinsvorstand des Gedächtnisstätte e.V. Letzterer präsentierte sich auch in der Öffent-
schaftlicher Leiter
der Gedächnis- Obwohl das Bautzener Oberverwaltungsgericht am lichkeit als neuer Leiter der Gedächtnisstätte. In der
stätte. Er hat 5. Februar 2007 den Baustop bestätigte, wurde die Ge- Folge entbrannte eine öffentliche Schlammschlacht
an der Univer-
dächtnisstätte am 24. März 2007 offiziell eingeweiht. zwischen Peter Hild und der NPD Oberlausitz, in der
sität Potsdam
Geschichte, Unter den geladenen Gästen befanden sich Mitglieder wilde Anschuldigungen vorgebracht wurden. Nach
Klassische des NPD-Landesvorstandes sowie der Landtagsfrakti- Peter Hilds Ausscheiden gewannen Funktionäre der
Archäologie und
on. Spätestens als von dem Gelände ein Angriff von örtlichen NPD und des angeschlossenen Freien Netzes
Politikwissenschaft studiert und ist 1997
für „überragende Verdienste auf dem 50 Nazis auf die TeilnehmerInnen einer Mahnwache tatsächlich mehr Einfluss und wendeten das Bild der
Gebiet der Kriegsgräberfürsorge” mit dem ausging, waren letzte Zweifel über das Verhältnis zwi- Gedächtnisstätte hin zum „Nationalen Sozialismus“
Bundesverdienstorden bedacht wor-
schen dem Verein und der Nazi-Szene in der Region der hiesigen NPD/JN. Tony Keil, Freies-Netz-Kader
den. Hild war Persönlicher Referent und
Büroleiter Martin Hohmanns bis zu dessen ausgeräumt. Dieser dienten die Räumlichkeiten von und NPD-Stadtrat aus Borna, hat zeitweilig in der Ge-
Ausscheiden aus dem Bundestag 2005 und nun an als Veranstaltungs- und Schulungsorte. Zeit- dächtnisstätte gewohnt, und Thomas „Ace” Gerlach,
Mitglied im rechten Arbeitskreis Christli-
weise gab der bekannte Holocaustleugner Bernhard Mitbegründer des „Freien Netzes” und Altenburger
cher Publizisten. Seitdem bemüht er sich
um die „Reinhaltung des Andenkens der Schaub Seminare an jedem ersten Wochenende im Kameradschaftsführer, war hier als Hausmeister be-
Deutschen Wehrmacht“, wofür er 1998 von Monat. schäftigt. Vielleicht unter dem Eindruck dieser Umo-
der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit
rientierung oder auf Druck des Vereinsvorstandes ent-
der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS“
(HIAG) ausgezeichnet wurde. Naziprojekt war ein Zankapfel – schied sich Gisela Limmer dann letztlich zum Verkauf
vor allem für Nazis des Geländes im Frühjahr 2009. Laut Peter Hild ver-
ließ der Verein im August 2009 das Grundstück. Das
Der Lieblingsgast:
Nazis vom Freien Netz Borna/Geithain veranstalte- Eigentum des Vereins soll demnach in Westdeutsch-
Bernd-Uwe Hubmann ten auf dem Gelände 2009 ihre „Sommersonnenwend- land eingelagert worden sein.
Der 1948 in Berlin geborene Bernd-Uwe feier“ und dienten gelegentlich als HJ-Statisten, bei- Dem Verein geht damit das bisher vielverspre-
Hubmann war regelmäßiger Gast in der
Gedächtnisstätte Borna. In dem von ihm spielsweise am 95. Geburtstag des Ritterkreuzträgers chendste Gelände für die Umsetzung der „Gedächtnis-
herausgegebenen Lokalblatt „Der Buchhei- Hajo Herrmann am 9. August 2008. Hierzu fand sich stätte“ verloren. Außerdem dürfte die Enttäuschung
mer“ berichtet er von Veranstaltungen in der bundesweite Naziprominenz ein, darunter Udo Voigt der vielen Spender nicht gering sein, auch wenn
Gedächtnisstätte und führt Interviews mit
„volkstreuen Deutschen“. Zu seiner redaktio- und der Holocaustleugner Udo Walendy, um dem versucht wird, sie für die getätigten Spenden zu ent-
nellen Arbeit gehört es auch, über Veranstal- ehemaligen Luftwaffenoffizier und bekannten Altnazi schädigen. Immerhin bleibt dem Gedächtnisstätte e.V.
tungen der NPD im Landkreis Leipzig oder ihre Ehre zu erweisen. Ebenfalls anwesend war Gisela der Erlös aus dem Verkauf des Grundstücks. Weitaus
Aktivitäten der „Freien Kräfte“ zu berichten.
Der ursprünglich aus München kommende Limmer von Massow. schmerzhafter dürfte der Verlust für die regionale
und mittlerweile in Buchenheim bei Bad Schon kurz darauf kam es zum Zerwürfnis zwi- NPD, JN und „Freie Kräfte” sein, denen mit dem Ge-
Lausick wohnende Hubmann soll dort für die schen Gisela Limmer und Peter Hild, der in einem lände in Borna ein wichtiger Treffpunkt verloren ge-
Republikaner im Stadtrat gesessen haben.
Interview mit der neurechten Schülerzeitung „Blaue gangen ist.  ☐

Der Satz war so schön, dass er sogleich zum Motto


Wer verarscht hier wen?
einer linken Antirepressions-Demo gemacht wur- Kommentar zu einem (auch) polizeilich verhinderten Naziaufmarsch
de: „Ich lass mich doch hier nicht verarschen“ soll
Tommy Naumann, Anmelder des Leipziger Naziauf-
marschs am 17. Oktober 2009, zum Einsatzleiter ge- Aber wurden sie das nicht längst? Ist die Land- Aber auch das ist nicht ewig und gottgegeben. Zu-
sagt haben. Nun, verarscht worden sind Naumann straße vor Saalfeld schon vergessen, wo die Polizei nehmend lassen sich auch Linke gern „verarschen“.
und seine 1349 KameradInnen dann wohl doch recht aus Hubschraubern heraus Busse mit anreisenden Anders lässt es sich nicht erklären, dass jetzt auch
gründlich – die Geschichte ist bekannt. Der Plan TeilnehmerInnen einer Antifademo überfiel, um sie Antifas anfangen, freiwillig ihren Perso in die Bullen-
war eigentlich gewesen, mit einem Mob so groß anschließend einzuknasten? Okay, das war 1998 kamera zu halten. Oder dass Leute an den Tagen, an
wie lange nicht mehr durch‘s jahrelang umkämpfte und Saalfeld ist nicht Leipzig. Aber bekanntermaßen denen sie einen Platzverweis kassieren (wie am 17.
Leipzig zu laufen und Stärke zu zeigen… Das blieb war und ist auch die Leipziger Polizei keineswegs Oktober), zwar auf Indymedia rumjammern, es dann
ihnen verwehrt, stattdessen gab es wieder mal das stets höflich und zuvorkommend zu Antifaschist- aber nicht schaffen, mit den rechtswidrigen Beschei-
demütigende Rumstehen, Abfilmen und Kontrollie- Innen oder Linken. den zum EA zu gehen, um sowas in der Zukunft zu
renlassen. Das, was linke Demos von Naziaufmärschen unter- verhindern. Genau das wäre solidarisch.
Was sagen AntifaschistInnen dazu? Entweder: Wir schied, war bisher vor allem, sich nicht alles gefallen zu Die Nazis vom 17. Oktober muss man deswegen
danken dem Engagement der Polizei, der es mit Hilfe lassen. Ein gewisses Selbstbewusstsein den Staatsor- noch lange nicht bedauern. Wer sich im 21. Jahr-
der GegendemonstrantInnen gelungen ist, den Auf- ganen gegenüber und ein Grundwissen um die eigenen hundert für nationalen Sozialismus einsetzt, legt
marsch zu verhindern. All unsere Schadenfreude gilt Rechte helfen zwar nicht immer gegen durchgeknallte ganz offensichtlich keinen Wert auf individuelle
dann den Nazis, die wörtlich mal wieder dumm da Innenminister/Bürgermeister/Einsatzleiter/Prügelbul- Rechte wie Meinungsfreiheit – und braucht sie dann
standen. Oder: Wir sehen im Vorgehen am 17. Okto- len. Aber solidarischer Zusammenhalt und konsequen- auch nicht. ☐
ber einen weiteren krassen Beweis für die Existenz des tes Bestehen auf der eigenen politischen und rechtli-
Polizeistaats, dem so etwas wie Meinungsfreiheit und chen Position, kombiniert mit Strukturen wie der Roten Den Leipziger EA findet Ihr übrigens in der Bor-
individuelle Rechte im Zweifelsfall egal sind. All unsere Hilfe und dem Ermittlungsausschuss (EA), haben bisher naischen Str. 3d (Linxxnet). Sprechzeiten sind
Sorge gilt in diesem Fall uns selbst, weil auf uns diesel- dazu geführt, dass die Behörden in der Regel mehr Re- immer freitags von 17.30 bis 18.30 Uhr.
ben Methoden angewendet werden könnten. spekt vor linken Veranstaltungen haben.
antifaschistischer Newsflyer für Leipzig und Umgebung

Riccardo Sturm:
E r ist beileibe keiner der theoretisch veranlagten
Typen und eine besonders prominente Kader-
Leipziger Nazi-Urgestein
Position in den Leipziger Strukturen von NPD, JN
und „Freien Kräften“ hat er auch nicht inne. Aber er Haft geriet. Sturm gab aus der U-Haft heraus der Bild- denken“ in Seelow 2006 und bei Naziveranstaltungen in
ist nicht zu übersehen, haut gern mal drauf – und er Zeitung ein Interview, in dem er sich reuig zeigte. Sei- Österreich. Auch an Angriffen auf alternative Jugendli-
ist schon ewig dabei: Der Lützschenaer Riccardo Olaf ne Haft nutzte er allerdings nicht für eine Abkehr vom che in Berlin war Sturm beteiligt. Zuletzt zeigte er sich
Sturm (40). Nazi-Dasein, sondern wohl vor allem für Bodybuilding in der ersten Reihe beim Gerangel der Nazis mit der Po-
Laut der Broschüre „Leipzig ganz rechts“ nahm – Nach der Entlassung war er kaum wiederzuerkennen lizei am 13. Februar 2010 in Dresden.
Sturm schon 1990 am Heß-Aufmarsch in Wunsiedel (siehe Fotos). Auch beim Überfall der Nazi-Hools auf die Fans des
teil. In den folgenden Jahren tauchte er nicht nur auf Seitdem ist der selbständige Baudienstleister kontinu- Roten Stern Leipzig am 24. Oktober 2009 in Brandis
weiteren Aufmärschen auf, sondern soll auch im Prä- ierlich auf Aufmärschen der Naziszene, bei Spielen des war Sturm dabei. Auf entsprechenden Fotos erkennt
sidium des Münchner Nazi-Revisionistentreffs „Wahr- 1.FC Lok Leipzig und bei verschiedenen Anlässen anzu- man ihn trotz Vermummung eindeutig, nicht zuletzt
heit macht frei“ gesessen und den Holocaustleugner treffen, bei denen es verspricht, handgreiflich zu werden. an seinem charakteristischen Demo-Outfit. Gesicht,
David Irving kennengelernt haben. 1992 war er an Er ist dabei oft mit einer Clique von Hools unterwegs, Statur, Jacke wie Hose und Gürteltasche: Ein echter
mehreren Überfällen auf besetzte Häuser in Leipzig manchmal aber auch mit NPD- und Odermannstraßen- Riccardo Sturm. Der treibt sich vor allem in der Region
beteiligt, wegen denen er auch in U-Haft und später in Kader Nils Larisch. Gesehen wurde er beim „Heldenge- Leipzig-Halle und Berlin herum. ☐

alle Fotos
von links nach rechts:

• Im Jahr 1990.
• Auf dem Leipziger Marktplatz
am 1. Mai 1990. Dort kam es
während einer NPD-Kundge-
bung zu Ausschreitungen…
• …an denen Sturm damals
schon Gefallen fand.
(alle drei Fotos dokumentiert
in: „Leipzig ganz rechts“)

• Mit David Irving (r.) auf dem


„Wahrheit macht frei“-Treffen
in München am 21. April 1990.
(dokumentiert in: „Leipzig
ganz rechts“)
• Bei der Anreise zum
„Heldengedenken“ in Seelow
am 18. November 2006.

• Beim Naziaufmarsch in
Leipzig am 29. April 2008.
Rechts vor Sturm läuft Nils
Larisch.
• Halbvermummt während des
Angriffs auf den Roten Stern
Leipzig im Brandis am 24. Ok-
tober 2009. (Foto: Indymedia)
• Beim gescheiterten Nazi-
Großaufmarsch in Dresden
am 13. Februar 2010.
(Foto: ART Dresden)
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Sie standen!
A nders als im vergangenen Jahr gelang es diesmal,
den gegenwärtig letzten Nazi-Großaufmarsch in
Dresdner JLO-Großaufmarsch
Deutschland zu blockieren. Die Selbstverständlichkeit,
mit der Nazis alljährlich in Dresden aufmarschierten, erfolgreich blockiert
gehört der Geschichte an.
Zu verdanken ist dies den Bündnissen „Dresden nazi-
frei!“ und „No Pasarán“, die am 13. Februar etwa 12.000 „Bombenholocaust“ für Dummies:
Menschen nach Dresden mobilisieren konnten. Tau- Spiegel-TV fragt Maik Scheffler (35),
sende in erfolgreichen Massenblockaden und viele, die NPD-Chef im Landkreis Nordsachsen
in der umliegenden Gegend auf unterschiedlichste Art
Warum sprechen Neonazis von „Bombenholo-
und Weise aktiv waren, sorgten für eine derart unüber- caust“, wenn sie die Bombardierung Dresdens
sichtliche Situation, dass die Polizei den Aufmarsch der meinen? Ein Fernsehteam wollte es genau wis-
sen – von Maik Scheffler, der ihnen im Namen der
„Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO) aus
Veranstalter ein Interview gab:
Sicherheitsgründen untersagen musste.
Bereits um 9 Uhr trafen sich etwa 30 Nazis der Ord- „Bombenholocaust ist ganz einfach zu
nerstruktur, die in diesem Jahr maßgeblich von Aktivis- erklären. ‚Holocaust‘ von holocaustos,
ten des „Freien Netz“ gebildet wurde. Durch die Massen- das Brandopfer, völlig verbrannt. Und Scheffler war eigentlich vor Ort als „Sicherheits-
blockaden wurde die Anreise der Nazis massiv behindert da das hier in Dresden zugetroffen hat, chef“ der NPD-„Ordnertruppe“. Diese setzt sich
dass also durch das Bombardement, aus bekannten Aktivisten des „Freien Netzes“
und bis 12 Uhr hatten gerade einmal knapp 1.000 ihren zusammen und traf sich kurz vor dem 13. Febru-
Treffpunkt am Bahnhof Neustadt erreicht. Die Organisa- durch die Brandspreng-, äh, Spreng- ar zu einem „Koordinierungstreffen“ in der Leip-
brandbomben die Opfer bis zur voll- ziger Odermannstraße. Im obigen Bild stehen im
toren der JLO waren unfähig, auf die veränderte Situation
kommenen Unkenntlichkeit verbrannt Hintergrund zwei weitere „Sicherheitsexperten“:
zu reagieren – und etliche Pkw und Reisebusse landeten Tommy Naumann und Istvan Repaczki.
sind, ist es ein Holocaust, rein definiert.“
mitten unter den antifaschistisch Aktiven.
In dieses organisatorische Vakuum stießen altbe-
währte Strukturen von NPD und Kameradschaftsszene. Norwegen, Frankreich, Italien, Östereich, Griechenland, auf dem Dresdner Nordfriedhof.
Angeleitet von Thomas Wulff und Manfred Börm sam- Spanien, Belgien und den Niederlanden. Etwa 200 ka- Nachdem es 2009 bei An- und Abreise zum Großauf-
melten sich gegen 12 Uhr, binnen einer halben Stunde, men aus Tschechien und der Slowakei. marsch der JLO zu Übergriffen auf Linke kam, gingen
mehr als tausend Nazis kurz hinter der Autobahnabfahrt Wenige Stunden zuvor, um 11 Uhr, fand auf dem die Nazis in diesem Jahr bereits im Vorfeld des 13. Fe-
Wilder Mann in Dresden und begannen eine Demons- Dresdner Heidefriedhof die offizielle Gedenkveranstal- bruar aggressiv und gewalttätig gegen antifaschistisch
tration. Diese führte sie über viereinhalb Kilometer die tung mit Kranzniederlegung statt. Wie erstmals 2009 Aktive vor. In Berlin-Neukölln wurde das Büro von
Großenhainer und Maxim-Gorki-Straße entlang, durch hielt wieder Oberbürgermeisterin Orosz eine Rede. Die Bündnis 90/Die Grünen zweimal mit „Dresden ‘45
die Hechtstraße bis zum Bahnhof Neustadt. Die Anzahl Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern jenseits von Offi- unvergessen“ beschmiert. In Dresden wurde eine Mo-
der Nazis wuchs durch weitere ankommende Reisebusse ziellen und Delegationen der Parteien hatte im Vergleich bilisierungskundgebung des Bündnisses „Dresden nazi-
am Wilden Mann auf 3.000 bis 4.000. Aus dem Demons- zu den Vorjahren weiter abgenommen, so dass die etwa frei!“ in der Innenstadt von etwa 15 teils stadtbekannten
trationszug heraus, der teilweise in Blöcken, mit Trans- 100 teilnehmenden Nazis – unter ihnen auffällig wenige Nazis gestört.
parenten und Ordnerstruktur lief, griffen immer wieder der NPD-Landtagsfraktion, dafür aber etwa 60 jüngere Nach dem gescheiterten Aufmarsch in Dresden ran-
größere Nazigruppen GegendemonstrantInnen an. Wie Nazis in Marschformation – etwa die Hälfte der Anwe- dalierten ca. 400 Nazis in Pirna und zerstörten das dor-
im letzten Jahr begleitete die Polizei den einen Kilome- senden an dieser Veranstaltung stellten. tige SPD-Wahlkreisbüro. Der Stolpener NPD-Stadtrat
ter langen Zug lediglich am Anfang und am Ende und Wie bereits in den vergangenen Jahren rief das „Ak- Martin Schaffrath und Marco Schitzkat aus dem Um-
verzichtete auf ein Spalier. Die Sammlung der Nazis an tionsbündnis gegen das Vergessen“ (AgV) zu einer „Ak- feld der verbotenen Skinheads Sächsische Schweiz (SSS)
einem überschaubaren Ort, dem Bahnhof Neustadt, war tionswoche“ auf, um an vielen Orten auf die Bombar- wurden vorläufig festgenommen. Am Dienstag darauf
für die Polizei von zentraler Bedeutung – dafür wurde dierung Dresdens aufmerksam zu machen. Vom 8. bis wurde ein ehemaliger Kreistagskandidat der Linken auf
die Blockade am Bischofsplatz geräumt. 14. Februar fanden diverse Kleinst- und Propagandaak- offener Straße in Pirna tätlich angegriffen, in der dar-
Etwa 6.500 Nazis und damit etwas weniger als im tionen statt, die allerdings kaum öffentliche Wirkung auffolgenden Nacht wurde das Wahlkreisbüro der Partei
vergangenen Jahr nahmen schließlich an der Veran- entfalteten. Auffällig dabei war die verstärkte Aktions- „Die Linke“ in Borna mit rechten Parolen und „Krieg
staltung teil. Wie erwartet war ein Großteil derer, die in tätigkeit in den alten Bundesländern. Am Vorabend des hat begonnen“ beschmiert. In der Nacht zum Donners-
der Szene Rang und Namen haben, nach Dresden ge- 13. Februar führten die Nazis eine Saalveranstaltung tag, 19. Februar, brannte das Auto des Geschäftsführers
kommen. NPD-Prominenz auf Bundes-, Landes- und mit Edda Schmidt, Vorsitzende der NPD-Organisation des Kreisverbands Sächsische Schweiz/Osterzgebirge der
Regionalebene war zugegen: Von Burschenschaftern, „Ring nationaler Frauen“, durch und konnten dabei auf Partei Die Linke aus. Wenige Tage zuvor war der lang-
Kameradschaften, über „Russlanddeutsche in der NPD“ den bereits vom JN-Landeskongreß im November 2008 jährige Dresdner Anti-Antifa-Aktivist Sven Hagendorf
und „Autonome Nationalisten“ bis hin zu „ZeitzeugIn- bewährten Ort, die Gaststätte „Steinhaus“ in Dresden dabei beobachtet worden, wie er Haus und Auto in Pirna
nen“ reichte das braune Potpourri. Aus vielen Ländern Pieschen, zurückgreifen. Mit der obligatorischen Kranz- ausspionierte und fotografierte. ART Dresden
waren kleine Delegationen angereist, so aus Schweden, niederlegung endete die „Aktionswoche“ wie gewohnt www.venceremos.antifa.net/archiv/art/

Redaktionelles (Stand: 01.04.2010) Mehr zu Nazi-Aktivitäten:

• E-Mail: gammazine@no-log.org • Leipzig: www.chronikle.org • Nordbayern: www.art-nb.de


• WWW: http://gamma.antifa.net • Dresden: venceremos.antifa.net/art/review/ • Recherche Nord: www.recherche-nord.com
• RDL: aardl.blogsport.de/recherche/ • Recherche Ost: www.recherche-ost.com
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