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Language of document :  German ECLI:EU:C:2011:705

SCHLUSSANTRÄGE DES GENERALANWALTS
NIILO JÄÄSKINEN
vom 27. Oktober 2011(1)
Rechtssache C‑420/10
Söll GmbH
gegen
Tetra GmbH
(Vorabentscheidungsersuchen des Landgerichts Hamburg [Deutschland])
„Inverkehrbringen von Biozid­Produkten – Richtlinie 98/8/EG – Art. 2 Abs. 1 – Begriff ‚Biozid­Produkte‘ –
Algenbekämpfungsmittel – Produkt, das das Ausflocken von Schadorganismen bewirkt, ohne sie zu zerstören,
abzuschrecken oder unschädlich zu machen – Wirkstoff Aluminiumhydroxidchlorid – Begriff ‚chemische oder
biologische Einwirkung‘“

I –    Einleitung
1.                In  der  vorliegenden  Rechtssache  hat  sich  der  Gerichtshof  zum  ersten  Mal  mit  der  Definition  des
Begriffs  „Biozid­Produkt“  und  infolgedessen  mit  dem  Anwendungsbereich  der  Richtlinie  98/8/EG  des
Europäischen  Parlaments  und  des  Rates  vom  16.  Februar  1998  über  das  Inverkehrbringen  von  Biozid­
Produkten(2) (im Folgenden: Biozid­Richtlinie) zu befassen.
2.        Die Parteien des Ausgangsverfahrens, die Söll GmbH (im Folgenden: Söll) und die Tetra GmbH (im
Folgenden:  Tetra),  streiten  über  die  Frage,  ob  das  den  Wirkstoff  Aluminiumhydroxidchlorid  enthaltende
Algenbekämpfungsmittel  „TetraPond  AlgoRem“  ein  Biozid­Produkt  im  Sinne  der  Biozid­Richtlinie  ist.  Das
vorlegende  Gericht,  das  Landgericht  Hamburg  (Deutschland),  möchte  insbesondere  wissen,  welche  Art  der
Einwirkung – unmittelbar oder mittelbar – auf den Schadorganismus für den von dieser Richtlinie verlangten
biologischen oder chemischen Prozess erforderlich ist. Nach den Angaben des vorlegenden Gerichts tötet das
fragliche Produkt die Algen nicht ab, sondern bewirkt ihre Agglutination, was ihre in der Gebrauchsanweisung
für das Produkt vorgesehene mechanische Entfernung erleichtert.
3.                Nach  dem  durch  die  Biozid­Richtlinie  eingeführten  System  ist  es  Sache  der  Mitgliedstaaten,  zu
entscheiden, ob ein Produkt unter die Richtlinie fällt oder nicht. Dies macht häufig eine sehr eingehende und
komplexe  Prüfung  des  betreffenden  Produkts  erforderlich(3).  Daher  kann  der  Gerichtshof  die  fragliche
Definition  nicht  für  sämtliche  künftigen  Fälle  klären  und  präzisieren,  sondern  dem  vorlegenden  Gericht  und
den  mit  der  Anwendung  der  Biozid­Richtlinie  befassten  Behörden  der  Mitgliedstaaten  lediglich  einige
sachdienliche Hinweise für ihre Auslegung geben.
II – Rechtlicher Rahmen
A –    Die Unionsregelung
4.                Mit  der  Biozid­Richtlinie  soll  eine  gemeinschaftliche  Regelung  für  die  Zulassung  und  das
Inverkehrbringen von Biozid­Produkten zur Verwendung in den Mitgliedstaaten geschaffen werden.
5.        In Art. 2 Abs. 1 Buchst. a, d und f der Richtlinie heißt es:
„(1)      Im Sinne dieser Richtlinie gelten die folgenden Begriffsbestimmungen:
Biozid­Produkte
Wirkstoffe und Zubereitungen, die einen oder mehrere Wirkstoffe enthalten, in der Form, in welcher sie zum
Verwender gelangen, und die dazu bestimmt sind, auf chemischem oder biologischem Wege Schadorganismen
zu  zerstören,  abzuschrecken,  unschädlich  zu  machen,  Schädigungen  durch  sie  zu  verhindern  oder  sie  in
anderer Weise zu bekämpfen.
Anhang  V  enthält  ein  erschöpfendes  Verzeichnis  von  23  Produktarten  mit  Beispielbeschreibungen  innerhalb
jeder Produktart.
...
Wirkstoffe
Stoffe oder Mikroorganismen einschließlich Viren oder Pilze mit allgemeiner oder spezifischer Wirkung auf oder
gegen Schadorganismen.
...

http://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf;jsessionid=9ea7d0f130d5b74243b92168498599aae3655992a17f.e34KaxiLc3eQc40LaxqMbN4OchmNe0?… 1/5
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f)      Schadorganismen
Alle Organismen, die für den Menschen, seine Tätigkeiten oder für Produkte, die er verwendet oder herstellt,
oder für Tiere oder die Umwelt unerwünscht oder schädlich sind.“
6.        Anhang V („Biozid­Produktarten und ihre Beschreibung gemäß Artikel 2 Absatz 1 Buchstabe a“) der
Biozid­Richtlinie sieht u. a. vor:
„Diese Produktarten umfassen nicht die Produkte, die von den in Artikel 1 Absatz 2 genannten Richtlinien für
die Zwecke dieser Richtlinien und der späteren Änderungsrichtlinien abgedeckt sind.
Hauptgruppe 1: Desinfektionsmittel und allgemeine Biozid­Produkte
...
Produktart  2:            Desinfektionsmittel  für  den  Privatbereich  und  den  Bereich  des  öffentlichen
Gesundheitswesens sowie andere Biozid­Produkte
... sowie als Algenbekämpfungsmittel verwendete Produkte.
Die  Anwendungsbereiche  umfassen  unter  anderem  Schwimmbäder,  Aquarien,  Badewasser  und  anderes
Wasser,  Klimaanlagen,  Wände  und  Böden  in  Einrichtungen  des  Gesundheitswesens  und  ähnlichen
Einrichtungen,  chemische  Toiletten,  Abwasser,  Krankenhausabfall,  Erdboden  und  sonstiger  Boden  (auf
Spielplätzen).
…“
7.        Gemäß Art. 16 Abs. 2 der Biozid­Richtlinie ist ein Arbeitsprogramm zur Überprüfung aller Wirkstoffe in
Biozid­Produkten  durchgeführt  worden,  die  bereits  am  14.  Mai  2000  in  Verkehr  waren  (im  Folgenden:  alte
Wirkstoffe).  Die  Aufnahme  der  alten  Wirkstoffe  in  die  Anhänge  I,  I  A  und  I  B  dieser  Richtlinie  ist  eine
Voraussetzung für die Zulassung und das Inverkehrbringen von Biozid­Produkten, die diese Stoffe enthalten.
8.                Die  erste  Phase  dieses  Arbeitsprogramms  wurde  durch  die  Verordnung  (EG)  Nr.  1896/2000  der
Kommission  vom  7.  September  2000  über  die  erste  Phase  des  Programms  gemäß  Artikel  16  Absatz  2  der
Richtlinie 98/8/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über Biozid­Produkte(4) geregelt.
9.        Nach Art. 3 Abs. 1 der Verordnung Nr. 1896/2000 muss jeder Hersteller eines alten Wirkstoffs, der zur
Verwendung  in  Biozid­Produkten  in  Verkehr  ist,  den  betreffenden  Wirkstoff  „identifizieren“,  indem  er  der
Kommission  der  Europäischen  Gemeinschaften  die  in  Anhang  I  der  Verordnung  genannten  Informationen
über diesen Wirkstoff übermittelt.
10.      Art. 4 der Verordnung sieht u. a. vor, dass Hersteller, Formulierer und Vereinigungen, die für eine oder
mehrere Produktarten die „Aufnahme“ eines alten Wirkstoffs in die Anhänge I oder I A der Biozid­Richtlinie
beantragen möchten, den betreffenden Wirkstoff bei der Kommission notifizieren müssen.
11.      Gemäß Art. 6 Abs. 1 Buchst. b der Verordnung Nr. 1896/2000 war im Anschluss an die vorstehend
erwähnte Notifizierung nach dem Verfahren des Art. 28 der Biozid­Richtlinie eine Verordnung zu erlassen mit
u.  a.  einer  abschließenden  Liste  alter  Wirkstoffe,  für  die  die  Kommission  zumindest  eine  Notifizierung
anerkannt hat.
12.      Art. 3 der Verordnung (EG) Nr. 2032/2003 der Kommission vom 4. November 2003 über die zweite
Phase  des  Zehn­Jahres­Arbeitsprogramms  gemäß  Artikel  16  Absatz  2  der  Richtlinie  98/8  und  zur  Änderung
der  Verordnung  Nr.  1896/2000(5)  verweist  auf  drei  Anhänge,  die  die  identifizierten  und  notifizierten  alten
Wirkstoffe  betreffen.  Anhang  I  der  Verordnung  Nr.  2032/2003  enthält  die  abschließende  Liste  der
identifizierten alten Wirkstoffe. Anhang II der Verordnung enthält die abschließende Liste der alten Wirkstoffe,
für  die  u.  a.  mindestens  eine  Notifizierung  durch  die  Kommission  anerkannt  wurde.  Anhang  III  der
Verordnung  enthält  die  Liste  der  alten  Wirkstoffe,  die  identifiziert  wurden,  für  die  aber  weder  eine
Notifizierung anerkannt worden ist noch ein Mitgliedstaat sein Interesse bekundet hat.
13.      Die Verordnung (EG) Nr. 1451/2007 der Kommission vom 4. Dezember 2007 über die zweite Phase
des  Zehn­Jahres­Arbeitsprogramms  gemäß  Artikel  16  Absatz  2  der  [Richtlinie  98/8](6)  hat  die  mehrfach
geänderte Verordnung Nr. 2032/2003 ersetzt.
B –    Die nationale Regelung
14.      Mit dem Biozidgesetz vom 20. Juni 2002(7) sind die Bestimmungen der Biozid­Richtlinie in deutsches
Recht  umgesetzt  worden.  Sie  sind  gesetzestechnisch  in  das  Gesetz  zum  Schutz  vor  gefährlichen  Stoffen
(Chemikaliengesetz,  im  Folgenden:  ChemG)  und  dort  hauptsächlich  in  §  3b  und  die  §§  12a  und  12j
implementiert worden.
15.      Die Begriffsbestimmung für Biozid­Produkte in Art. 2 Abs. 1 Buchst. a der Biozid­Richtlinie ist mit § 3b
Abs. 1 Nr. 1 ChemG in deutsches Recht umgesetzt worden.
16.      Das vorlegende Gericht stellt fest, dass es sich bei der Auslegung von § 3b Abs. 1 Nr. 1 ChemG auf die
Auslegung von Art. 2 Abs. 1 Buchst. a der Biozid­Richtlinie stützen muss.
III – Ausgangsrechtsstreit, Vorlagefragen und Verfahren vor dem Gerichtshof
17.      Söll und Tetra sind Wettbewerber im Vertrieb von Algenbekämpfungsmitteln zum Einsatz in Teichen,
insbesondere  künstlich  angelegten  Gartenteichen,  Biotopen  und  Schwimmteichen;  sie  streiten  über  die
Klassifizierung eines dieser Produkte als Biozid­Produkt.
18.      Söll, die Klägerin des Ausgangsverfahrens, hält das Algenbekämpfungsmittel „TetraPond AlgoRem“ für
ein  nicht  verkehrsfähiges  Biozid.  Sie  ist  der  Auffassung,  dass  Tetra  durch  die  Verletzung  einer
Marktverhaltensregel  gegen  die  Vorschriften  des  lauteren  Wettbewerbs  verstoßen  habe,  indem  sie  das
Algenbekämpfungsmittel TetraPond AlgoRem in den Verkehr gebracht habe, obwohl es nicht verkehrsfähig sei.
Söll stützt sich auf die §§ 3 und 4 Nr. 11 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb in Verbindung mit
den §§ 12a Abs. 1 und 28 Abs. 8 ChemG.
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19.      Nach Auffassung des vorlegenden Gerichts dürfte das in Rede stehende Produkt, falls es als „Biozid­
Produkt“ im Sinne der Biozid­Richtlinie zu qualifizieren wäre, nicht vertrieben werden(8).
20.      Die Besonderheit des Produkts besteht darin, dass es nicht unmittelbar chemisch oder biologisch auf
die  Algen  einwirkt.  Es  bewirkt  vielmehr  eine  Agglutination  der  Algen,  ohne  sie  zu  zerstören.  Diese
Agglutination oder Ausflockung erleichtert die mechanische Entfernung der Algen aus dem Wasser.
21.            Nach  den  Angaben  des  vorlegenden  Gerichts  ist  der  in  Rede  stehende  Wirkstoff
Aluminiumhydroxidchlorid  gemäß  Art.  3  der  Verordnung  Nr.  1896/2000  als  „alter  Wirkstoff“  identifiziert
worden  und  derzeit  in  Anhang  I  der  Verordnung  Nr.  1451/2007  enthalten(9).  Mangels  Notifizierung  nach
Art.  4  der  Verordnung  Nr.  1896/2000  ist  er  hingegen  nicht  in  Anhang  II  der  Verordnung  Nr.  1451/2007
aufgenommen worden und hat gemäß Art. 4 Abs. 1 dieser Verordnung daher seine Vermarktungsfähigkeit als
Biozid­Wirkstoff verloren.
22.            Da  sich  das  Landgericht  Hamburg  außerstande  sieht,  die  im  Rahmen  des  bei  ihm  anhängigen
Rechtsstreits  aufgeworfenen  Fragen  zur  Auslegung  und  Anwendung  des  Gemeinschaftsrechts  eindeutig  zu
beantworten, hat es beschlossen, das Verfahren auszusetzen und dem Gerichtshof die folgenden Fragen zur
Vorabentscheidung vorzulegen:
1.      Ist für die Qualifizierung eines Produkts als „Biozid­Produkt“ im Sinne von Art. 2 Abs. 1 Buchst. a der Biozid­
Richtlinie  eine  unmittelbare  biologische  oder  chemische  Einwirkung  des  Produkts  auf  den  Schadorganismus
selbst erforderlich, um ihn zu zerstören, abzuschrecken, unschädlich zu machen, Schädigungen zu verhindern
oder  in  anderer  Weise  zu  bekämpfen,  oder  reicht  insoweit  bereits  eine  mittelbare  Einwirkung  auf  den
Schadorganismus aus?
2.      Sofern der Gerichtshof für die Qualifizierung eines Produkts als „Biozid­Produkt“ im Sinne von Art. 2 Abs. 1
Buchst.  a  der  Biozid­Richtlinie  bereits  eine  mittelbare  biologische  oder  chemische  Einwirkung  auf  den
Schadorganismus  als  ausreichend  erachtet:  Welche  Anforderungen  sind  an  die  mittelbare  Einwirkung  eines
Produkts auf den Schadorganismus zu stellen, um jenes Produkt als Biozid­Produkt im Sinne von Art. 2 Abs. 1
Buchst.  a  der  Biozid­Richtlinie  einstufen  zu  können,  oder  reicht  jede  irgendwie  geartete  mittelbare  Wirkung
aus, um die Biozid­Eigenschaft zu begründen?
23.      Das Vorabentscheidungsersuchen ist am 23. August 2010 beim Gerichtshof eingegangen. Söll, Tetra,
das Königreich Belgien und die Europäische Kommission haben schriftliche Erklärungen vorgelegt. Söll und die
Europäische  Kommission  waren  in  der  mündlichen  Verhandlung  vertreten,  die  am  22.  Juni  2011
stattgefunden hat.
IV – Würdigung
24.            Die  beiden  Vorlagefragen  des  vorlegenden  Gerichts  betreffen  die  Definition  des  Begriffs  „Biozid­
Produkte“.  Das  vorlegende  Gericht  wirft  die  Frage  auf,  ob  eine  unmittelbare  biologische  oder  chemische
Einwirkung  des  betreffenden  Produkts  auf  den  Schadorganismus  erforderlich  ist,  um  ihn  zu  zerstören,
abzuschrecken, unschädlich zu machen, Schädigungen durch ihn zu verhindern oder ihn in anderer Weise zu
bekämpfen, oder ob insoweit bereits eine mittelbare Einwirkung auf den Schadorganismus ausreicht.
25.      Mit anderen Worten möchte das vorlegende Gericht wissen, ob nur ein Produkt, das unmittelbar auf
den  Schadorganismus  selbst  einwirkt,  in  den  Anwendungsbereich  der  Biozid­Richtlinie  fällt  oder  ob  sie  auch
ein Produkt erfassen sollte, das lediglich auf die Umgebung des Organismus einwirkt.
26.      Die Definition eines Biozid­Produkts in der Biozid­Richtlinie besteht aus drei wesentlichen Elementen,
und  zwar  muss  ein  Wirkstoff  vorhanden  sein,  dieser  Wirkstoff  muss  dazu  bestimmt  sein,  einen
Schadorganismus  zu  zerstören,  abzuschrecken,  unschädlich  zu  machen,  Schädigungen  durch  ihn  zu
verhindern  oder  ihn  in  anderer  Weise  zu  bekämpfen,  und  schließlich  muss  dies  auf  chemischem  oder
biologischem Wege geschehen.
27.      Schon der Wortlaut der Richtlinie bestätigt, dass Produkte, die dazu bestimmt sind, unmittelbar auf
den Schadorganismus selbst einzuwirken, jedenfalls in ihren Anwendungsbereich fallen. Die ersten Elemente
der  Definition  in  der  Biozid­Richtlinie  beschreiben  nämlich  eine  unmittelbare  Neutralisierungswirkung
(Wirkstoffe  und  Zubereitungen,  die  dazu  bestimmt  sind,  Schadorganismen  „zu  zerstören,  abzuschrecken,
unschädlich  zu  machen,  Schädigungen  durch  sie  zu  verhindern  oder  sie  in  anderer  Weise  zu  bekämpfen“).
Soll ein Produkt, das aus einem oder mehreren Wirkstoffen besteht, für diese Zwecke verwendet werden und
geschieht dies mittels biologischer oder chemischer Einwirkung, handelt es sich um ein Biozid­Produkt.
28.      Wie verhält es sich aber mit Produkten, die ausschließlich auf die Umgebung des Schadorganismus
und nicht auf den Organismus selbst einwirken?
29.      Eine erste Feststellung drängt sich auf: Der Wortlaut der Biozid­Richtlinie schließt ihre Anwendung auf
solche Produkte nicht aus.
30.      In der vorliegenden Rechtssache wird man sich meines Erachtens mit dem letzten Teil des zweiten,
den Zweck des Wirkstoffs betreffenden Elements der Definition zu beschäftigen und nach der Bedeutung des
Ausdrucks „in anderer Weise zu bekämpfen“ zu fragen haben.
31.            In  diesem  Zusammenhang  haben  die  Parteien  auf  die  bestehenden  Diskrepanzen  zwischen  den
verschiedenen  Sprachfassungen  von  Art.  2  Abs.  1  Buchst.  a  der  Biozid­Richtlinie  hingewiesen(10).  In
bestimmten Fassungen, u. a. in der vom vorlegenden Gericht angeführten deutschen („in anderer Weise zu
bekämpfen“)  und  der  französischen  („combattre  de  toute  autre  manière“)(11),  ist  das  letztgenannte
Kriterium  nämlich  etwas  restriktiver  formuliert.  Dagegen  ist  in  einer  Reihe  anderer  Fassungen,  z.  B.  in  der
englischen  („exert  a  controlling  effect“)  und  der  italienischen  („esercitare  altro  effetto  di  controllo“),
allgemeiner von „Kontrollwirkung“ die Rede(12).
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32.      Die Tatsache, dass die Biozid­Richtlinie den Schutz von Mensch, Tier und Umwelt zum Ziel hat, stützt
in einem Kontext, in dem Produkte in die Umwelt freigesetzt werden, meines Erachtens die These, wonach
eine Auslegung des betreffenden Ausdrucks dahin gehend, dass er in einem sehr weiten Sinne die „Kontrolle“
von Schadorganismen erfasst, dem Ziel der Richtlinie eher gerecht wird.
33.            Dieser  Ansatz  wird  durch  die  Definition  des  Wirkstoffs  bestätigt:  Nach  Art.  2  Abs.  1  Buchst.  d  der
Biozid­Richtlinie  handelt  es  sich  um  Stoffe  oder  Mikroorganismen  einschließlich  Viren  oder  Pilze  mit
allgemeiner oder spezifischer Wirkung auf oder gegen Schadorganismen. Die Qualifikation als Biozid­Produkt
ist  folglich  nicht  allein  Produkten  mit  Wirkstoffen  vorbehalten,  die  auf  den  Schadorganismus  einwirken.  Sie
erfasst auch Wirkstoffe mit allgemeiner oder spezifischer Wirkung gegen den Schadorganismus.
34.            In  diesem  Zusammenhang  erscheint  mir  die  von  der  Kommission  vorgeschlagene  Umformulierung
sinnvoll. Danach würde die Frage abstrakter formuliert wie folgt lauten: Erfasst die Biozid­Richtlinie auch ein
Produkt,  von  dem  zwar  aufgrund  seiner  chemischen  oder  biologischen  Wirkungsweise  eine  Gefahr  für  die
Umwelt  ausgehen  kann,  dessen  direkte  Wirkung  auf  die  Zielorganismen  jedoch  weder  biologisch  noch
chemisch ist?
35.      Mit anderen Worten ist zu fragen, ob das Produkt eine Kausalitätskette in Gang setzt, an deren Ende
das  Leben  des  Schadorganismus  erschwert,  sein  Vorkommen  verringert  oder  seine  Kontrollierbarkeit
verbessert wird. In einem solchen Fall ist das betreffende Produkt Teil eines Vorgangs, dessen Zweck gerade
die Bekämpfung oder Kontrolle des Schadorganismus ist. Es ist daher als Biozid zu klassifizieren, auch wenn
es nicht unmittelbar in chemischer oder biologischer Form auf den Schadorganismus einwirkt.
36.            Im  Übrigen  ist  die  Zerstörung  der  Schadorganismen  durch  den  Wirkstoff  nach  der  Biozid­Richtlinie
nicht  erforderlich.  Im  vorliegenden  Fall  haben  sowohl  die  Parteien  als  auch  das  vorlegende  Gericht
hervorgehoben, dass die Algen infolge der Behandlung nicht absterben, sondern unverändert Photosynthese
betreiben, und dass die durch den Wirkstoff hervorgerufene Ausflockung durch Wasserbewegung rückgängig
gemacht  werden  kann.  In  diesem  Zusammenhang  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  in  Anhang  V  der  Biozid­
Richtlinie  als  Produktart  19  („Repellentien  und  Lockmittel“)  insbesondere  „Produkte  zur  Fernhaltung  oder
Köderung  von  Schadorganismen“  aufgeführt  sind.  Ist  ein  Produkt  zur  Fernhaltung  von  Schadorganismen
unter den Biozid­Produkten aufgeführt, bedeutet dies, dass die Zerstörung von Schadorganismen keine für die
Einstufung als Biozid­Produkt erforderliche Voraussetzung ist.
37.            Der  Begriff  „Biozid­Produkte“  in  der  Biozid­Richtlinie  ist  daher  weit  auszulegen  und  schließt
infolgedessen  Produkte,  die  auf  die  Umgebung  des  Schadorganismus  und  nicht  auf  den  Organismus  selbst
chemisch oder biologisch einwirken, nicht aus.
38.      Zwar gilt die Biozid­Richtlinie gemäß ihrem Art. 2 Abs. 1 Buchst. a für Biozid­Produkte, jedoch nicht für
Produkte,  die  in  den  übrigen  in  ihrem  Art.  1  Abs.  2  aufgeführten  Richtlinien  definiert  sind  oder  in  deren
Anwendungsbereich  fallen.  Daher  ist  zu  berücksichtigen,  dass  die  Biozid­Richtlinie  neben  etwa  zwanzig
anderen  Richtlinien  anwendbar  ist.  Ihr  Anwendungsbereich  ist  so  auszulegen,  dass  es  nicht  zu  einer
Überschneidung mit den übrigen in ihrem Art. 1 Abs. 2 genannten Richtlinien(13) kommt.
39.            Darüber  hinaus  sollte  der  Anwendungsbereich  der  Biozid­Richtlinie  in  konkreten  Fällen  anhand
objektiver Kriterien bestimmt werden können. In der vorliegenden Rechtssache ist auf zwei konkrete Kriterien
hinzuweisen.
40.      Erstens ist der fragliche Wirkstoff nach den Angaben des vorlegenden Gerichts in Anhang I der Biozid­
Richtlinie aufgeführt. Daraus folgt, dass er als ein in Biozid­Produkten verwendeter alter Wirkstoff identifiziert
worden ist.
41.      Zweitens ist darauf hinzuweisen, dass die Algenbekämpfungsmittel in Anhang V der Biozid­Richtlinie
(unter  den  in  Nr.  2  genannten  Produktarten)  als  Beispiel  für  eine  von  dieser  Richtlinie  erfasste  Produktart
erwähnt  werden.  Daher  ist  festzustellen,  dass  der  europäische  Gesetzgeber  Produkte  zur  Bekämpfung  von
Algen  in  den  Anwendungsbereich  der  Biozid­Richtlinie  aufnehmen  wollte.  Die  aus  ihr  klar  hervorgehenden
Beispiele des Gesetzgebers sind bei der Auslegung der Kriterien zur Bestimmung ihres Anwendungsbereichs
gebührend zu berücksichtigen.
42.            Gleichwohl  handelt  es  sich  hierbei  lediglich  um  objektive  Anhaltspunkte,  deren  mechanische
Anwendung  sich  verbietet(14).  Wie  bereits  erwähnt,  gilt  die  Biozid­Richtlinie  für  ganz  unterschiedliche
Bereiche, was durch die Beispiele anschaulich illustriert wird, die das von der Kommission verfasste und an die
Behörden  der  Mitgliedstaaten  gerichtete  Handbuch  von  Entscheidungen  für  die  Umsetzung  der  Biozid­
Richtlinie enthält(15).  Aufgrund  dieser  Beispiele  wird  deutlich,  dass  die  nationalen  Behörden  jeden  Einzelfall
sorgfältig zu prüfen haben(16).
V –    Ergebnis
43.      Angesichts der vorstehenden Erwägungen schlage ich dem Gerichtshof vor, die beiden Vorlagefragen
des Landgerichts Hamburg wie folgt zu beantworten:
1.      Für die Qualifizierung eines Produkts als „Biozid­Produkt“ im Sinne von Art. 2 Abs. 1 Buchst. a der Richtlinie
98/8/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Februar 1998 über das Inverkehrbringen von
Biozid­Produkten  ist  eine  unmittelbare  biologische  oder  chemische  Einwirkung  des  Produkts  auf  den
Schadorganismus nicht zwingend erforderlich.
2.      Eine mittelbare biologische oder chemische Einwirkung auf oder gegen den Schadorganismus reicht aus, wenn
sie Teil einer Kausalitätskette ist, die darauf abzielt, ihn in anderer Weise zu bekämpfen.

 – Originalsprache: Französisch.
http://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf;jsessionid=9ea7d0f130d5b74243b92168498599aae3655992a17f.e34KaxiLc3eQc40LaxqMbN4OchmNe0?… 4/5
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2 – ABl. L 123, S. 1. Die Rechtsprechung zu dieser Richtlinie ist nicht umfangreich. Vgl. z. B. Urteil vom 15.
Juli 2004, Schreiber (C‑443/02, Slg. 2004, I‑7275).

3 – Vgl. etwa die Fallbeispiele in dem zuletzt am 6. Januar 2011 geänderten „Manual of Decisions for
Implementation of Directive 98/8/EC concerning the placing on the market of biocidal products“, das in
englischer Sprache auf der Website http://ec.europa.eu/environment/biocides/index.htm verfügbar ist.

4 – ABl. L 228, S. 6.

5 – ABl. L 307, S. 1.

6 – ABl. L 325, S. 3.

7 – BGBl. I S. 2076.

8 – Das vorlegende Gericht stellt fest, dass es auf nationaler Ebene voneinander abweichende
Gerichtsentscheidungen zu dieser Frage gibt.

9 – Zur Klarstellung weise ich darauf hin, dass Aluminiumhydroxidchlorid offenbar nicht unter dieser
Bezeichnung in Anhang I der Verordnung Nr. 1451/2007 enthalten ist; darin sind jedoch Stoffe mit
ähnlichem Namen aufgeführt, u. a. Aluminiumchlorid basisch (EG­Nr. 215‑477‑2, CAS‑Nr. 1327‑41‑9) und
Dialuminiumchlorid Pentahydroxid (EG‑Nr. 234‑933‑1, CAS‑Nr. 12042‑91‑0).

10 – Nach ständiger Rechtsprechung muss, wenn die verschiedenen Sprachfassungen einer Vorschrift
voneinander abweichen, diese Vorschrift anhand der allgemeinen Systematik und des Zwecks der Regelung
ausgelegt werden, zu der sie gehört (vgl. zuletzt Urteil vom 3. März 2011, Kommission/Niederlande, C‑41/09,
Slg. 2011, I‑831, Randnr. 44).

11 – Vgl. auch die dänische und die niederländische Fassung.

12 – Vgl. auch die spanische, die portugiesische, die finnische und die schwedische Fassung.

13 – Zu den in ihrem Art. 1 Abs. 2 genannten Richtlinien gehört u. a. die Richtlinie 76/768/EWG des Rates
vom 27. Juli 1976 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über kosmetische Mittel (ABl.
L 262, S. 169). Auf der Grundlage dieser Richtlinie ist der Beschluss 96/335/EG der Kommission vom 8. Mai
1996 zur Festlegung einer Liste und einer gemeinsamen Nomenklatur der Bestandteile kosmetischer Mittel
(ABl. L 132, S. 1) angenommen. Auch in diesem Beschluss in der Fassung des Beschlusses 2006/257/EG der
Kommission vom 9. Februar 2006 zur Änderung des Beschlusses 96/335 (ABl. L 97, S. 1) ist
Dialuminiumchlorid Pentahydroxid (siehe Fn. 9 der vorliegenden Schlussanträge) aufgeführt.

14 – So fällt z. B. ein koffeinhaltiges Produkt, auch wenn Koffein als Wirkstoff in Anhang I der Verordnung Nr.
1451/2007 aufgeführt ist, nicht automatisch unter die Biozid­Richtlinie, sofern das Produkt nicht für Zwecke
verwendet wird, die von ihr erfasst werden.

15 – Siehe oben, Fn. 3.

16 – Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die Kommission eine Überarbeitung der Biozid­Richtlinie
vorgeschlagen hat, vgl. u. a. die Dokumente KOM(2008) 620 und KOM(2009) 267. Die Kommission schlägt
vor, die Biozid­Richtlinie durch eine Verordnung zu ersetzen. Im Rechtsetzungsverfahren sind Klarstellungen
der Definition des Biozid­Produkts vorgeschlagen worden (siehe Nr. 31 der vorliegenden Schlussanträge).
Dieses Verfahren ist aber noch nicht abgeschlossen.

http://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf;jsessionid=9ea7d0f130d5b74243b92168498599aae3655992a17f.e34KaxiLc3eQc40LaxqMbN4OchmNe0?… 5/5