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WISSEN

4. O k to b e r 2 0 1 8 DIE ZEIT No 41

23
Besondere Zahlen­
1 reihen sind selbst für

54

6
Zahlenfüchse eine ­
7

0
Herausforderung
98 Grafik, Seite 40 35

Eine Institution gerät


ins Wanken
Die Cochrane-Vereinigung ist
für die Medizin unverzichtbar

Es könnte so schön sein. Man könnte sich


feiern für eine 25-jährige Erfolgsgeschichte,
stolz zurückblicken auf das, was man für
eine bessere Medizin auf der ganzen Welt ge­
leistet hat. Doch geredet wird gerade nur
über eines: über die große Krise.
Es geht um die Cochrane Collaboration,
einen Zusammenschluss von Ärzten und
Forschern aus mehr als 130 Ländern, der 1993
gegründet wurde. Eines seiner ersten Mit­
glieder, der dänische Mediziner Peter Gøtz­
sche, wurde kürzlich nicht nur aus der Leitung
ausgeschlossen, sondern gleich aus der Vereini­
gung. Wegen »schlechten Verhaltens«, hieß es.
Genaueres weiß man nicht. Vier Mitglieder
verließen daraufhin aus Protest das Gremium.
Schon jetzt schwächen die internen Ausein­
andersetzungen die Schlagkraft der Organisa­
Fotos: Andi Gáldi Vinkó (Noel und Milan aus der Serie »Twins«); Martin Godwin/The Guardian (u.); Abb. o.: DZ

tion. Hält der Streit an, dürfte das Auswirkun­


gen auf die Medizin insgesamt haben. Und
das wäre fatal.
Cochrane hat in seinen 25 Jahren eine
große Bedeutung für den ärztlichen Alltag
erlangt. Die Vereinigung steht mit ihrer
Arbeit für die sogenannte evidenzbasierte
Medizin, in der Ärzte ihre Entscheidun­
gen für oder gegen eine Therapie mit­
wissenschaftlichen Belegen begründen sol­
len. Dafür durchforsten die Mitglieder
von Cochrane die Literatur nach Studien,
die den Nutzen der medizinischen Verfah­
ren für den Patienten untersuchen. Nur
die methodisch bes­
ten Ana­lysen fließen
ins Urteil der Exper­
ten ein. An ihrer Be­
wertung sollen sich
die Ärzte orientieren.
Cochrane gilt als
sehr kritisch gegen­
über allen Akteuren Das Cochrane-Logo
im Gesundheitswesen, steht neuerdings
dem Druck der Phar­ für eine Krise
Eineiige Zwillinge sehen gleich aus, denn mafirmen hat die Or­
sie besitzen identische Erbanlagen ganisation meist standgehalten. So man­
che zuvor hochgelobte und scheinbar
plausible Methode fiel bei den Cochrane-

Sie werden, was sie sind


Prüfern durch.
Peter Gøtzsche war dabei besonders kom­
promisslos. Fand er in seinen Bewertungen
keinen Beleg für einen Nutzen, formulierte
er sein Urteil ohne Schnörkel – und ohne
diplomatisches Geschick, oft auch gegen­
über Cochrane-Kollegen, die zu einer weni­
Eltern können auf die Persönlichkeit ihrer Kinder kaum Einfluss nehmen. Jahrzehntelange Forschungen zeigen: Die wichtigsten ger eindeutigen Bewertung kamen. Die
Früherkennung von Brustkrebs per Mammo­
Charaktermerkmale von Menschen sind von der Geburt an festgelegt – sagt der Verhaltensgenetiker  ROBERT PLOMIN grafie etwa verdammte er als schädlich und

W
plädierte dafür, sie aufzugeben.
Man kann darüber streiten, ob man von
er Kinder großzieht, hat Anfang des 20. Jahrhunderts als Wissenschaft mengen an Ergebnissen, die alle eine Botschaft bestimmt mindestens zur Hälfte, wie wir uns in diesem Vorkämpfer für eine evidenzbasier­
heutzutage eine anstren­ etablierte, stellte sie die Einwirkung der Umgebung, haben: Sie zeigen den massiven Einfluss der Gene unseren wichtigsten Charaktermerkmalen von te Medizin mehr Kompromissbereitschaft
gende Aufgabe vor sich. vor allem die der Eltern, als formende Kraft mensch­ auf alle Merkmale, die uns Menschen unterschei­ anderen unterscheiden. verlangen muss oder ob es auf einem­
Viele Eltern glauben, sie lichen Verhaltens ins Zentrum ihrer Theorien. Die den. Das heißt, die körperlichen und psychischen Damit wäre die »Umwelt« für die andere Hälfte Multimilliarden-Markt wie der Medizin
seien vollständig dafür Doktrin des »Environmentalismus« – wir sind, was Differenzen zwischen Individuen – in Bezug auf der psychologischen Unterschiede verantwortlich. nicht genau das braucht: Ehrlichkeit und
verantwortlich, wie sich wir gelernt haben – dominierte über Jahrzehnte das Größe, Intelligenz, geistige Gesundheit oder Per­ Die Forschung hat allerdings gezeigt, dass die Um­ Unbeugsamkeit.
ihr Nachwuchs entwi­ psychologische Denken. Schon bei Freud galt das sönlichkeitsmerkmale wie Offenheit, Motivations­ welt nicht so funktioniert, wie man lange glaubte. Wichtig ist jetzt, dass die aktuelle Krise
ckele: wie gut ihre Kinder in der Schule sind; ob sie familiäre Umfeld als der Schlüsselfaktor unserer fähigkeit oder Selbstkontrolle werden zu einem Meist wurden Umwelteinflüsse als Hege und nicht dazu führen darf, die Arbeit von
glücklich und zufrieden aufwachsen; wie umgäng­ psychischen Entwicklung. Schizophrenie etwa großen Teil durch erbliche Unterschiede in unserer Pflege (englisch nurture) bezeichnet: Die Familie Cochrane generell in Zweifel zu ziehen.
lich und freundlich sie werden. Die gute Nachricht wurde als Folge mütterlichen Fehlverhaltens in den DNA hervorgerufen. galt als entscheidender Faktor dafür, wer wir wer­ Denn bei aller berechtigten Kritik an der
für alle, die unter dieser umfassenden Verantwort­ ersten Lebensjahren von Kindern verstanden. Besonders deutlich zeigt sich das bei Krank­ den. Doch die Forschung hat gezeigt, dass wir im Vereinigung muss man sich über eines im
lichkeit leiden: Das ist nicht wahr. Wahr ist: Eltern Erst in den 1960er-Jahren begannen Genetiker, heiten: Ob Kinder eine Schizophrenie oder eine Wesentlichen die gleiche Person wären, wenn wir Klaren sein: Die Arbeit von Cochrane ist
sind zwar unerhört wichtig für das Leben ihrer diese Erklärung menschlicher Verhaltensunter­ bipolare Störung entwickeln, hängt zu 80 Pro­ bei der Geburt adoptiert und in einer anderen unentbehrlich für eine Medizin, der es um
Kinder. Zugleich aber haben sie auf deren persön­ schie­de zu revidieren. Tatsächlich häufen sich psy­ zent davon ab, was sie von ihren Eltern erben. Familie aufgewachsen wären. das Wohl des Patienten geht statt um die In­
liche Entwicklung kaum einen Einfluss. chische Merkmale und Krankheiten in Familien. Bei Charaktermerkmalen ist der erbliche Ein­ Das zeigen die erwähnten Studien mit eineiigen teressen einer Industrie.  JAN SCHWE ITZE R
Stattdessen ist das größte Geschenk der Eltern Aber liegt das an der familiären Umgebung, also fluss geringer, aber über alle psychischen Merk­ Zwillingen. Wachsen sie nach der Geburt getrennt
an ihre Kinder – ihr Erbgut. Für viele Menschen der Erziehung? Nach und nach stellten Forscher male hinweg bestimmt er über die Hälfte der auf, entwickeln sie sich sehr ähnlich wie solche, die
ist das schwer zu glauben. Eltern haben die tiefe die Frage, ob nicht viel eher genetische Ursachen Unterschiede. zusammen in derselben Familie großgezogen
Überzeugung, dass ihre Erziehung einen entschei­ für diese Ähnlichkeiten in Familien verantwortlich Die Ergebnisse dieser Studien haben Wissen­ werden. Auch Kinder, die gleich nach der Geburt HALBWISSEN
denden Faktor für das künftige Leben ihrer Kin­ sind. Schließlich sind die Erbanlagen von Kindern schaftler um Peter Visscher und Danielle Post­ adoptiert werden, ähneln ihren biologischen Eltern,
der darstellt. Sie ernähren sie, sie helfen ihnen,
lesen und schreiben zu lernen; sie ermutigen
zu 50 Prozent identisch mit denen ihrer Eltern
und ihrer Geschwister.
huma 2015 noch einmal in einer Meta-Analyse
abschließend bestätigt, die mehr als 2700 Ver­
nicht jedoch ihren Adoptiveltern.
Wie ist das möglich? Zuerst muss man verste­ Großzügig?
schüchterne Kinder oder bringen sie dazu, ein In­ In den vergangenen vier Jahrzehnten haben öffentlichungen mit über 14.000 Zwillingspaaren hen, dass die Wissenschaft unter »Umwelt« alles
strument zu üben. Warum sonst sollten Eltern Wissenschaftler besondere Verwandtschaftsverhält­ einschloss. Darüber hinaus liefern sogenannte zusammenfasst, was nicht erblich ist, also nicht Ein Stuhl ist frei, zwei Leute möchten sitzen,
Erziehungsratgeber kaufen? Warum wird ihnen nisse untersucht, um die jeweiligen Effekte von genomweite Assoziationsstudien bereits seit zehn nur die Eltern und Geschwister. Auch Krankheiten was tun? Entweder A setzt sich schnell hin
ständig erklärt, wie sie es richtig machen, und Genen und Umwelt präzise zu messen – Familien Jahren Beweise für die Erblichkeit vieler mensch­ und unsere Ernährung gehören dazu sowie all die – und quält sich mit Gewissensbissen he­
zugleich die Angst geschürt, dass sie es falsch mit ein- oder zweieiigen Zwillingen und solche licher Eigenschaften. Sie identifizieren nämlich Menschen, die uns im Leben begegnen: Freunde rum: Bin ich ein Egoist? Oder er wartet, bis
machen könnten? Nun ist der Einfluss der Eltern mit Adoptivkindern. Dabei verglichen sie zum präzise die vielen Stellen im Genom, die für die und Partner, Lehrer oder Kollegen. Sie alle setzen B sich setzt, und fühlt sich schlecht behan­
in manchen Bereichen nicht von der Hand zu Beispiel, inwiefern sich eineiige Zwillingspaare Erblichkeit einer bestimmten Eigenschaft ver­ uns sozialen Erfahrungen aus, sie berühren uns, sie delt. Doch es gibt den dritten Weg zu einer
weisen – wer zu Hause keine Manieren lernt, (genetisch zu 100 Prozent identisch) von zwei­ antwortlich sind: Zum Beispiel kennen wir seit freuen, ärgern oder ängstigen uns, wir lernen von Win-win-Situation: A bittet B, sich zu setzen.
wird zeitlebens damit Mühe haben. Doch in Bezug eiigen Paaren (genetisch zu 50 Prozent identisch) der Veröffentlichung der bislang größten Assozia­ ihnen – aber sie ändern nicht fundamental unsere Dann hat A das Gefühl, großzügig zu sein
auf Persönlichkeitsmerkmale wie Intelligenz, unterscheiden. Ebenso aussagekräftig sind solche tionsstudie vor wenigen Wochen über 1200 Orte Persönlichkeit. Denn diese »Umwelt«-Erfahrungen, (und B freut sich sowieso).
Schüchternheit oder Musikalität wird der Eltern­ Erhebungen bei identischen Zwillingen, die nach im Erbgut, die mit Unterschieden bei Bildungs­ das zeigen die Untersuchungen deutlich, sind Psychologen der Universität Chicago ha­
einfluss enorm überschätzt. der Geburt in unterschiedlichen Familien auf­ erfolg und IQ korrelieren. Das Resultat aus 40 meist unsystematisch, spezifisch und instabil – ben jetzt eine Super-Win-win-Lösung für
Die Ursachen für diese Fehleinschätzung liegen wuchsen. Tausende dieser und ähnlicher Studien Jahren Zwillingsstudien lautet, vielfach repliziert diesen Fall erforscht. A lädt B zum Sitzen
über hundert Jahre zurück. Als sich die Psychologie mit vielen Tausend Zwillingspaaren lieferten Un­ und abgesichert: Unsere genetische Ausstattung Fortsetzung auf S. 36 ein, doch B will noch generöser erscheinen
und überlässt A den Stuhl. Zwei tolle Men­
schen! 70 Prozent der Studienteilnehmer
funktionierten so. Der Mensch ist gut, die
Welt nicht verloren. Oder? Die Forscher
Unser Gastautor Robert Plomin ist der führende Zusammenspiel von Genen und Umwelt ziehen. 40-jährigen Forschung und postuliert eine zweifeln und geben ihrer Studie ein vergif­
Experte für die Erforschung der erblichen Grund­ Mehr als 800 wissenschaftliche Arbeiten hat ­ »neue Genetik«, die nach seiner Ansicht ­ tetes Motto: »Wie man den Kuchen ver­
Robert lagen mensch­lichen Verhaltens. Der Psychologe
und Genetiker stammt aus den USA und arbeitet
Plomin zu diesem Thema veröffentlicht. In ­
diesen Tagen erscheint in Großbritannien und
umfassende soziale und gesellschaftliche Konse­
quenzen haben wird. Seine provokativen ­
schenkt und ihn trotzdem verputzt«. Denn
die generöse Geste ist scheinheilig und
Plomin seit 1994 am Londoner King’s College. Plomin ist
weltweit bekannt für seine Zwillingsstudien. Aus
den USA sein neues Buch »Blueprint: How
DNA Makes Us Who We Are« (Allan Lane/­
Befunde haben zum Teil heftige Kritik hervor­
gerufen und sorgen in englischsprachigen ­Me­dien
zeigt, wie man auch noch Freundlichkeit
und Empathie zum Gegenstand eiskalten
diesen lassen sich weitreichende Schlüsse zum ­ Penguin). ­Darin zieht Plomin eine Bilanz seiner und Fachjournalen für erregte Debatten. Kalküls machen kann. Der Mensch ist ein
mieses Monster. BU S
36 WISSEN 4. O k to b e r 2018 DIE ZEIT No 41

Sie werden, was sie sind Fortsetzung von S. 35 In einem weiteren Punkt irrten diejenigen, weise relativ selten und spielen für die statistische
die meinten, nur unsere soziale Umgebung be- Gesamtschau keine Rolle.
kurz gesagt, sie sind zufällig. Und deshalb bleiben stimme uns Menschen. Die Umwelt ist nichts, Unter diesen Einschränkungen kann man also
sie in der Regel ohne nachhaltige Wirkung. das uns zufällig begegnet und dem wir passiv sagen: Die genetischen Erkenntnisse legen ein
Nun scheint das für den Einfluss der Eltern ausgesetzt sind. Wir gestalten sie vielmehr aktiv neues Verständnis von Elternschaft nahe: Eltern
gerade nicht zu gelten. Ist dieser nicht stabil und nach unseren erblich bedingten Neigungen. sind wichtig, weil sie die wesentlichen physischen
systematisch, vor allem in den ersten Lebensjahren? Genetiker kennen verschiedene Formen dieses und psychischen Ressourcen für die Entwicklung
Und kennt nicht jeder aus seinem Umfeld schwie- Wechselspiels. Die wirkmächtigste Form nen- der Kinder liefern – Nahrung, Kleidung, Zuwen-
rige Kinder, die wenig Liebe von zu Hause erfahren nen sie »aktive Gen-Umwelt-Korrelation«: Kin- dung und Hilfe. Aber Eltern entscheiden nicht
und prompt zu antisozialem Verhalten neigen? der suchen sich spezifische Erfahrungen, die mit über die persönliche Entwicklung ihrer Kinder.
Tatsächlich gibt es eine Korrelation zwischen ihren genetischen Veranlagungen korrelieren; ja Vielmehr ist die von unseren Eltern vererbte
der Einstellung der Eltern zu ihren Kindern und sie modifizieren und erschaffen sie sogar. Zum DNA die dauerhafte, lebenslange Quelle psycho-
deren sozialem Verhalten. Es liegt nahe, dies so zu Beispiel lesen intelligentere Kinder oft früher logischer Individualität, die Blaupause, auf der
interpretieren, dass eine negative Erziehung ur- und mehr, sie suchen sich geistig anregendere sich abzeichnet, wie wir werden. Eine Blaupause
sächlich für das unsoziale Verhalten der Kinder Freunde, sie fordern mehr intellektuelle Heraus- ist ein fertiger Plan. Die Umwelt kann diesen Plan
verantwortlich ist. Die Zwillings- und Adoptions- forderungen von ihren Lehrern. Sportliche Kin- vorübergehend umwerfen, etwa durch einen
studien beweisen aber das Gegenteil: Die Ursache der tollen und turnen früh herum, suchen sich Todes­fall, durch Scheidung oder Krankheit. Aber
liegt in den geerbten Veranlagungen der Kinder. andere sportliche Kinder, bekommen Lob, das nach so einem Schicksalsschlag kehren wir meist
Der Einfluss der Eltern beschränkt sich darauf, auf sie weiter anspornt, gehen in einen Verein, was in unsere genetische Flugbahn zurück. Viele Men-
die genetisch bedingte Neigung ihrer Kinder zu wiederum ihre sportlichen Fähigkeiten ver­ schen haben diese Erfahrung bereits greifbar ge-
reagieren und so deren Tendenz zu unsozialem Ver- bessert – ein sich selbst verstärkender Prozess. macht – der Kampf gegen die überschüssigen
halten noch zu verstärken – oder ihnen zu zeigen, In der Gesamtschau kann man also sagen: Pfunde mit einer Diät ist fast nie von dauerhaftem
wie man klug gegensteuern kann. An der Tendenz Vererbte DNA-Differenzen sind die wichtigste Erfolg gekrönt.
selbst können sie jedoch nichts verändern. Bedingung dafür, zu dem zu werden, was wir Welche Lehren bergen diese Erkenntnisse für
Ähnlich sieht es mit dem Bildungserfolg aus. sind. Noch einmal: Wir wären im Großen und heutige Eltern? Ihre wichtigste Rolle bleibt, ihren
Einer der stärksten Einflussfaktoren für den Bil- Ganzen dieselbe Person, wenn wir bei der Ge- Kindern Liebe, Zuwendung und Unterstützung
dungsabschluss von Kindern sind die Ausbildungs- burt adoptiert und bei anderen Eltern auf­ zu geben. Doch zugleich sollten sie verstehen,
ANZEIGE gewachsen wären, eine unterschiedliche Schule dass Kinder sich nach ihrem eigenen genetischen
besucht und andere Freunde hätten. Plan entwickeln. Diesen Prozess kann man im
Es gibt allerdings einige wichtige Vorbehalte besten Fall gut begleiten: Wir lesen Kindern vor,
für diese Erklärung unserer Entwicklung. die es mögen, dass wir ihnen vorlesen. Wenn sie
Die erste Einschränkung: Auch wenn Eltern lernen wollen, ein Musikinstrument zu spielen
im Durchschnitt wenig Einfluss auf die Psyche oder eine bestimmte Sportart zu betreiben, för-
ihrer Kinder haben, kann eine einzelne Mutter, dern wir ihre Neigungen und ihre Begabungen.
ein bestimmter Vater in einer besonderen Situa- Wir können ihnen allerdings nicht unsere Träume
tion viel bewirken. Wenn ein intelligentes Kind aufzwingen. Wenn wir zum Beispiel versuchen,
15. November 2018 • Frankfurt am Main aus irgendeinem Grund Probleme hat, dem Un- aus ihnen große Musiker oder tolle Sportler zu
Mit: Věra Jourová, EU-Kommissarin für Recht, terricht zu folgen, können einzelne Eltern even- machen, werden wir damit nicht erfolgreich sein,
Verbraucherschutz und Gleichstellung tuell mit Erfolg eingreifen. wenn wir nicht ihrem genetischen Flow folgen.
Der zweite Vorbehalt: Die Erblichkeits­ Wenn wir versuchen, flussaufwärts zu schwimmen,
forschung untersucht Unterschiede, wie sie im besteht die Gefahr, dass wir die Beziehung zu unse-
Durchschnitt in einer bestimmten Population ren Kindern schädigen.
zu einem bestimmten Zeitpunkt bestehen. Sie Anstatt zu versuchen, unsere Kinder nach un-
lässt sich nicht für alle Gesellschaften zu allen serem Bild zu formen, können wir ihnen helfen
Zeiten verallgemeinern. Ein gutes Beispiel dafür herauszufinden, was sie gern tun und was sie gut
liefert das Körpergewicht, genauer der Body- können. Mit anderen Worten: Wir können ihnen
Mass-Index (BMI). In unseren heutigen west- helfen, zu werden, wer sie sind. Immerhin sind
lichen Gesellschaften erweisen sich die Unter- unsere Kinder genetisch zu 50 Prozent so wie wir.
schiede im BMI zu fast 70 Prozent als erblich. Im Allgemeinen sorgt diese Ähnlichkeit dafür, dass
Denn die Umwelt wirkt kaum als Beschrän- die Eltern-Kind-Beziehung weitgehend reibungs-
kung. Essen ist im Überfluss verfügbar, fast alle los verläuft. Wenn ein Kind beispielsweise sehr
www.deutscheswirtschaftsforum.de Menschen haben eine ähnliche Kalorienbasis. aktiv ist, stehen die Chancen gut, dass auch Vater
Die Varianz des BMI ist also hauptsächlich ge- oder Mutter aktiv sind, was es ihnen leichter
netisch zu erklären. Ganz anders hingegen wäre macht, die Unruhe ihres Kindes zu akzeptieren.
02.10.18 10:24das Ergebnis, hätte man die deutsche Be­
jahre der Eltern. Deshalb haben Akademikerkinder
105764_ANZ_10576400013664_20390415_X4_ONP26 1 Ebenso nützlich ist es aber, daran zu denken,
oft Akademikereltern. Dieser Zusammenhang wird völkerung 1947 untersucht, nach mehreren­ dass sich unsere Kinder zu 50 Prozent von uns
traditionell als umweltbedingt interpretiert. Es ist Hungerjahren. Da wäre der BMI vor allem Eltern unterscheiden und Geschwister voneinan-
ja auch vernünftig, anzunehmen, dass gut aus­ durch das eingeschränkte Nahrungsangebot der ebenfalls zu 50 Prozent. Jedes Kind ist gene-
gebildete Eltern ihren Kindern bessere ökonomi- bestimmt, erbliche Einflüsse wären kaum tisch gesehen eine eigene Person. Wir sollten diese
sche Voraussetzungen für gute Leistungen in der messbar – auch wenn die Menschen über die- genetischen Unterschiede erkennen und respek-
Schule bieten. Allerdings haben die vielen Fami­ selben Gene verfügten. tieren. Hochgebildete Eltern haben nicht immer
lienstudien auch hier nachgewiesen, dass der Meine Schlussfolgerungen beschränken sich intelligente Kinder. Sie könnten Mühe mit der
Großteil dieses Zusammenhanges genetisch be- also auf die vornehmlich untersuchten west­ Erkenntnis haben, dass ihr Kind in der Schule
dingt ist – sozioökonomisch gut gestellte Eltern lichen Kulturen der Jetztzeit. In anderen Kul- nicht ebenso überdurchschnittlich abschneidet
sind meist überdurchschnittlich intelligent und turen mit einem anderen Zusammenspiel aus wie sie selbst, und versucht sein, der Schule oder
haben aus genetischen Gründen auch eher intelli- Genetik und Umwelt könnte der Einfluss der dem Kind die Schuld zu geben. Das Verständnis,
gentere Kinder als der Durchschnitt. Eltern weit größer sein. Dasselbe kann in un- dass die DNA den wichtigsten Einfluss auf den
Das heißt nicht, dass man sich um Erziehung serer Gesellschaft etwa für sozioökonomisch Bildungserfolg hat, kann Eltern helfen, die
nicht zu kümmern brauchte und dass es einzig benachteiligte Familien gelten oder für Schwierigkeiten ihres Kindes zu akzeptieren.
und allein auf die Genetik ankäme. Natürlich ist Migranten­familien. Erziehung ist eine Beziehung, eine der längsten
es sinnvoll, seine Kinder zu fördern, sie etwa bei Der dritte Vorbehalt: Die Genforschung in unserem Leben. Genau wie die Beziehung zu
den Schulaufgaben zu unterstützen und sie gene- beschreibt das normale Spektrum der geneti- Partnern und Freunden sollte auch jene zu unseren
rell zum Lernen zu ermutigen. Doch ebenso schen Variation und der Spielarten der Um- Kindern darauf basieren, mit ihnen zusammen zu
wichtig ist, dass Eltern verstehen: Ihre Kinder welt. Ihre Ergebnisse gelten nicht außerhalb sein, und nicht auf dem Versuch, sie zu verändern.
sind keine Tonklumpen, die sie nach Belieben dieses normalen Bereichs. Extreme Umwelt- Ich hoffe, dies ist eine befreiende Botschaft.
formen können. Eltern sind keine Zimmerleute, einflüsse – wie Gewalt oder Missbrauch – kön- Eine, die Eltern Ängste und Schuldgefühle nimmt,
die ein Kind nach einem Plan bauen können. Sie nen ebenso verheerende Auswirkung auf die die Erziehungstheorien auslösen können. Ich
sind nicht einmal Ziergärtner, die eine Pflanze so psychische Entwicklung haben wie schwer- hoffe, dass ich Eltern von der Illusion befreien
pflegen und beschneiden, dass am Ende ein be- wiegende genetische Defekte. Das heißt: kann, dass der zukünftige Erfolg eines Kindes da-
Fotos: Andi Gáldi Vinkó

stimmtes Ergebnis steht; sie gleichen eher Wenn etwa die Eltern alkohol- oder drogen- von abhängt, wie sehr sie es antreiben. Stattdessen
Blumen­freunden, die wissen, dass sie zwar gießen abhängig sind und das Familienleben durch sollten sich die Eltern entspannen und das Leben
und düngen müssen – dass sie aber ihre Pflanzen Verwahrlosung gekennzeichnet ist, dann gelten mit ihren Kindern genießen. Ein Teil dieses Ver-
nur zum Wachsen anregen, sie aber nicht dazu die zitierten ­Befunde nur sehr eingeschränkt. gnügens ist es, zuzusehen, wie Kinder zu dem
zwingen können. Aber solche extremen Fälle sind glücklicher- werden, was sie sind.
Weil ihre Gene sich nicht unterscheiden,
entwickeln diese Zwillinge auch sehr ähnliche
Persönlichkeiten

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KATHARINA BORCHERT GERALD BÖSE
Diese und weitere Fragestellungen wollen wir mit Ih- Chief Open Innovation Officer,
Mozilla Corporation
Vorsitzender der Geschäftsführung,
Koelnmesse GmbH
nen am 24. Oktober in Köln diskutieren.

Weitere Informationen zum Programm und zur


Anmeldung: www.convent.de/work

Ansprechpartner: Oliver Bock


Senior Consultant | ob@convent.de
DR. BETTINA VOLKENS WYBO WIJNBERGEN
Vorstand Personal & Recht/Arbeits- General Manager Nordeuropa,
direktorin, Deutsche Lufthansa AG WeWork Companies Inc.

24. Oktober 2018 · Köln In Zusammenarbeit mit: Veranstalter:

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