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Kjeld Matthiessen

Euripides, Hekabe
TEXTE UND KOMMENTARE
Eine altertumswissenschaftliche Reihe

Herausgegeben von

Siegmar Döpp, Adolf Köhnken, Ruth Scodel

Band 34

De Gruyter
Euripides,
Hekabe
Edition und Kommentar

von

Kjeld Matthiessen

De Gruyter
ISBN 978-3-11-022945-5
e-ISBN 978-3-11-022946-2
ISSN 0563-3087

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data

Euripides.
[Hecuba. German & Greek]
Euripides "Hekabe" : Edition und Kommentar / von Kjeld Matthiessen.
p. cm. -- (Texte und Kommentare, ISSN 0563-3087 ; Bd. 34)
Includes bibliographical references and index.
ISBN 978-3-11-022945-5 (hardcover : alk. paper)
1. Hecuba (Legendary character)--Drama. I. Matthiessen, Kjeld. II.
Title. III. Title: Hekabe.
PA3973.H3 2010
882'.01--dc22
2010028065

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The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche
Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available in the Internet
at http://dnb.d-nb.de.
© 2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York
Typesetting: Katharina Fischer
Printing: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
∞ Printed on acid-free paper
Printed in Germany
www.degruyter.com
Vorwort

Im Jahre 2008 erschien meine Ausgabe der Hekabe mit Einführung, Über-
setzung und Kommentar in diesem Verlag in der Reihe „Griechische Dra-
men“. Der Konzeption dieser Reihe erlaubt für Textkritik und Überliefe-
rungsgeschichte nur einen geringen Raum, so dass ich manches nicht in
das Buch aufnehmen konnte, was in einer wissenschaftlichen Ausgabe
nicht fehlen sollte. Ich freue mich, dass mir der Verlag jetzt Gelegenheit
gibt, das Stück noch einmal in einer stark erweiterten Edition zu publizie-
ren: Die hier vorgelegte Ausgabe enthält auch einen vollständigen text-
kritischen Apparat und ein Verzeichnis der Stellen bei antiken und byzanti-
nischen Autoren, an denen Verse aus der Hekabe zitiert oder nachgeahmt
werden (Testimonia, Imitationes), sowie eine metrische Analyse der lyri-
schen Passagen (421–37). Die Einführung wurde um zwei Kapitel erwei-
tert, nämlich um das über die Sentenzen in der Hekabe (48–50) und das zur
Rezeptionsgeschichte des Stückes (52–71). Das Kapitel „Textgeschichte
und Textkonstitution“ (71–79) wurde weitgehend neu geschrieben, der
Dramentext fast unverändert gelassen und die Übersetzung sprachlich und
stilistisch überprüft.
Bei meiner Kommentierung stütze ich mich weitgehend auf meine
zahlreichen Vorgänger. Unter ihnen sind zunächst die alexandrinischen
Philologen zu nennen, von deren Wirken sich die Spuren in den Scholia
Vetera finden. Es folgt die lange Reihe der modernen Kommentare von
Porson (1798) und Hermann (1800) bis hin zu Collard (1991), Gregory
(1999) und dem bisher ausführlichsten Kommentar von Synodinou (2005).
Meine Abhängigkeit von den drei letztgenannten ist besonders groß. Darü-
ber hinaus habe ich alle mir erreichbaren Kommentare durchgesehen und
auch aus ihnen manches übernommen. Die wissenschaftliche Literatur
habe ich herangezogen, soweit sie mir noch rechtzeitig zugänglich gewor-
den ist. Ich habe mich aber bemüht, den Kommentar nicht mehr als nötig
mit gelehrten Diskussionen zu belasten. Themen, die das Stück als Ganzes
betreffen, behandele ich in der Einführung.
Bei der dem Text beigegebenen Übersetzung habe ich mich um eine
möglichst genaue Wiedergabe des originalen Wortlauts, aber auch um
einen sprechbaren Text bemüht.
VI Vorwort

Für Hilfe und mancherlei Anregungen danke ich Klaus Alpers, Horst-
Dieter Blume, Stephen G. Daitz, James Diggle, Jens Holzhausen, Herman
van Looy †, Gustav Adolf Seeck, Bernd Seidensticker und besonders
Sabine Vogt vom Verlag De Gruyter. Außerdem danke ich den Teil-
nehmern an meinem Seminar über die Hekabe im Wintersemester 1994/95
Katrin Frommhold, Guido Gunderloch, Melanie Just und Susanne Liell für
ihre Beiträge zur Interpretation des Stückes.
Meinem Sohn Kai danke ich für Rat und Hilfe bei der Herstellung
des Satzmanuskripts und Barbara und Horst-Dieter Blume für großzügig
gewährte Gastfreundschaft in Münster.

Lübeck, Januar 2010 Kjeld Matthiessen

Nachtrag der Herausgeber

Text und Überlieferung der Hekabe des Euripides waren Kjeld


Matthiessens bevorzugter Forschungsgegenstand schon in seiner Zeit als
‚Junior Fellow‘ am Center for Hellenic Studies (1968/69) und in seiner
Habilitationsschrift (1970). Das Erscheinen seiner neuen kritischen und
kommentierten Werkausgabe des Dramas, in der die Ergebnisse seiner
jahrzehntelangen Forschung dokumentiert werden, hatte er sich zu seinem
80. Geburtstag im Juli 2010 gewünscht. Wir bedauern zutiefst, dass er
beides nicht mehr erleben konnte. Noch vor der Schlussredaktion der
Druckfassung ist Kjeld Matthiessen am 26. Februar 2010 verstorben. Er
hatte jedoch die Durchsicht der ersten Fahnen zu diesem Zeitpunkt im
Wesentlichen abgeschlossen. Mit seiner Zustimmung hat der Verlag die
Verantwortung für die Fertigstellung des Buches übernommen, einschließ-
lich einer abermaligen Kontrolle. Für das gründliche Korrekturlesen dan-
ken Verlag und Herausgeber der Reihe „Texte und Kommentare“ vor al-
lem den beiden Berliner Gräzistinnen Katja Flügel und Katharina Fischer.
Frau Fischer hat sich darüber hinaus um die Fertigstellung der Druckvorla-
ge und die Zusammenstellung des Registers verdient gemacht.

November 2010 Siegmar Döpp, Adolf Köhnken, Ruth Scodel


Inhalt

Vorwort ................................................................................................. V

Einführung ............................................................................................. 1
Autor, Datierung, historische Situation ...................................... 3
Der Stoff und seine Geschichte .................................................. 6
Der Aufbau des Stückes .............................................................. 8
Dramaturgie, Aufführungsbedingungen ..................................... 10
Einheit trotz Zweiteiligkeit ......................................................... 13
Die Polyxene-Handlung .............................................................. 16
Die Polymestor-Handlung .......................................................... 23
Hekabe als Zentralgestalt ............................................................ 27
Nebenthemen .............................................................................. 34
Die Macht der Beredsamkeit ............................................... 34
Charis: Gunst und Dank ...................................................... 35
Dynasten und Demokraten? ................................................ 36
Griechen und Barbaren ........................................................ 37
Freie und Sklaven ................................................................ 40
Die Chorlieder ............................................................................ 42
Die Funktion der Götter .............................................................. 45
Das Wehen der Winde und die Götter ................................. 46
Im Zeichen des Dionysos? .................................................. 47
Die Sentenzen ............................................................................. 48
Hekabe und Troerinnen .............................................................. 51
Zur Rezeptionsgeschichte ........................................................... 52
Die frühen römischen Tragiker, Vergil und Ovid ............... 52
Seneca ................................................................................. 54
Quintus Smyrnaeus ............................................................. 56
Die Spätantike und Byzanz ................................................. 58
Das Mittelalter im Westen ................................................... 59
Die frühe Neuzeit ................................................................ 60
Kritische Stimmen im 18. und 19. Jahrhundert ................... 65
VIII Inhalt

Textgeschichte und Textkonstitution .......................................... 71


Scholien ............................................................................... 72
Papyri .................................................................................. 73
Testimonien ......................................................................... 74
Die mittelalterlichen Handschriften .................................... 75
Einteilung der Handschriften der Hekabe ........................... 75
Grundsätze dieser Edition ................................................... 77

Kritische Edition und Übersetzung ........................................................ 81

Kommentar ............................................................................................ 251

Anhang .................................................................................................. 439


Liste der Abweichungen vom Text der Ausgabe von Diggle ..... 441
Literaturverzeichnis .................................................................... 443
Register ....................................................................................... 455
Einführung
Rex sedet in vertice,
caveat ruinam.
Nam sub axe legimus
Hecubam reginam.
Carmina Burana

What’s Hecuba for him or he to Hecuba,


That he should weep for her?
Shakespeare, Hamlet

Autor, Datierung, historische Situation

Euripides, Sohn des Mnesarchides oder Mnesarchos, eines athenischen


Bürgers, wurde 484 oder 480 geboren und zwar, wie berichtet wird, auf der
Insel Salamis. Er begann seine Laufbahn als Dichter und Regisseur von
Tragödien 455, also im Todesjahr des Aischylos. Er trat von vornherein als
Konkurrent des mehr als zehn Jahre älteren Sophokles an, der damals
schon erste Erfolge gefeiert hatte und während seiner ganzen Lebenszeit
erfolgreicher bleiben sollte als er selbst. Seinen ersten Sieg mit einer tragi-
schen Tetralogie, also einer Abfolge von drei Tragödien und einem Satyr-
spiel, errang Euripides erst im Jahre 441. Wir wissen von einem zweiten
Sieg im Jahre 428 mit der Tetralogie, von der uns der Hippolytos erhalten
ist. Zu seinen Lebzeiten errang er nur noch zwei weitere Siege sowie einen
postumen Sieg, den sein gleichnamiger Sohn oder Neffe mit einigen Stü-
cken errang, die er hinterlassen hatte, darunter den Bakchen und der
Aulischen Iphigenie. Sophokles dagegen brachte es auf 18, 20 oder gar 24
Siege. Wir wissen auch, dass Euripides sogar mit so hervorragenden Tra-
gödien wie der Medea und den Troerinnen nur den zweiten oder dritten
Platz erreichte. Offenbar gab es im athenischen Publikum und entspre-
chend im Preisrichterkollegium Vorbehalte gegen ihn. Damit mag zusam-
menhängen, dass er 408 oder 407, also in der Zeit großer innerer Spannun-
gen in Athen kurz vor dem Ende des Peloponnesischen Krieges, eine
Einladung des Makedonenkönigs Archelaos an seinen Hof annahm und
seine Heimatstadt verließ. In Makedonien ist er auch gestorben, und zwar
schon im Jahr 406, ein Jahr vor seinem großen Kollegen und Konkurrenten
Sophokles.
Die Hekabe ist wie viele andere Dramen dieses Dichters nicht fest da-
tiert. Es gibt jedoch Anhaltspunkte für eine ungefähre Datierung. In den
423 aufgeführten Wolken des Aristophanes finden sich zwei sichere oder
4 Einführung

zumindest wahrscheinliche Parodien von Passagen der Hekabe.1 Das


spricht für eine Datierung des Stückes auf die Zeit vor 423, also etwa auf
die Jahre 425 oder 424. Auch die Stellung des Stückes in der Entwicklung
der Sprechverse von größerer Strenge hin zu größerer Flexibilität legt es
nahe, dass die Hekabe etwa zu dieser Zeit entstanden ist.2 Dagegen ist ein
Zusammenhang der ausführlichen Erwähnung des Apollonfestes auf Delos
(V. 458–65) mit der Neuordnung des Kultfestes im Jahre 426 durch die
Athener (Thukydides 3,104) zwar möglich, aber nicht als gesichert anzuse-
hen.3 So ist es recht wahrscheinlich, dass die Hekabe in der Abfolge der
Tragödien des Euripides nach dem auf 428 fest datierten Hippolytos, kurz
nach der Andromache, kurz vor den Hiketiden und jedenfalls weit vor den
auf 415 fest datierten Troerinnen einzuordnen ist.4 Der König Ödipus des
Sophokles dürfte in die gleiche Zeit gehören. Ich nehme an, dass er etwas
älter ist. Dass der große Auftritt des geblendeten Ödipus Euripides zu dem
ähnlich eindrucksvollen Auftritt des geblendeten Polymestor angeregt hat,
lässt sich vermuten, aber nicht beweisen.
Da weitaus die meisten erhaltenen Tragödien des Euripides von den
Herakliden (etwa 430) bis hin zur Aulischen Iphigenie (nach 408) während
des Peloponnesischen Krieges (431–404) entstanden sind, liegt die Frage
nahe, ob die in das Leben der Athener stark eingreifenden Ereignisse des
Krieges in diesen Stücken Spuren hinterlassen haben. Solche Spuren fin-
den sich in der Tat. In den Herakliden und auch in den Hiketiden (etwa
423) verherrlicht Euripides ganz im Einklang mit der zeitgenössischen
Propaganda Athens die segensreiche Rolle der Athener der mythischen
Zeit als Schützer und Helfer der Bedrängten. In der Andromache (etwa
425) macht er Menelaos, den König des feindlichen Sparta, zum Schurken
des Stückes und legt der Heldin Andromache etliche Schmähungen Spartas
und der Spartaner in den Mund. Doch finden sich solche Anzeichen einer
Parteinahme für die Athener oder der Feindseligkeit gegen Sparta oder
Theben in den späteren Stücken nicht mehr. Der Krieg, und zwar zumeist
der trojanische Krieg, dient dem Dichter als mythisches Exempel dafür,
_____________
1 Hek. 160f. ~ Wolken 718f.; Hek. 172–74a ~ Wolken 1165f. – Freilich bleibt eine
gewisse Unsicherheit bestehen, weil Aristophanes die Buchfassung des Stückes
zwischen 420 und 417 überarbeitet haben soll. Hierzu K. J. Dover, Aristophanes
Clouds, Oxford 1968, lxxx–xcviii. Es ist nicht völlig auszuschließen, allerdings
wenig wahrscheinlich, dass Aristophanes die Anspielungen auf die Hek. erst bei
Gelegenheit der Bearbeitung eingefügt hat.
2 Matthiessen (1964) 167–72; Cropp – Fick (1985).
3 Hierzu Wilamowitz, Eur. Her. 2, 140f.
4 Collard (1991) 35 meint, die mitleidvolle Äußerung des Chores über das Leid der
Spartanerinnen in V. 650–56 sei ein Indiz dafür, dass das Stück erst in der
Schlussphase des Archidamischen Krieges entstanden ist, als der Frieden mit Spar-
ta nicht mehr fern zu sein schien.
Autor, Datierung, historische Situation 5

dass Kriege ein gottverhängtes und darum unabwendbares Schicksal sind,


das für die Sieger nicht weniger furchtbare Folgen hat als für die Besieg-
ten. Als Beispiel für diese Folgen dient ihm mehrmals das unglückliche
Los der vornehmen Frauen der Besiegten, die zu Sklavinnen geworden und
der Willkür ihrer neuen Besitzer ausgeliefert sind. Der erste Fall dieser Art,
der uns bei Euripides begegnet, ist der Andromaches, der Witwe Hektors,
die zur Sklavin und Nebenfrau des Neoptolemos geworden ist und von
dessen legitimer Frau verfolgt und mit dem Tode bedroht wird. Das Leid
der kriegsgefangenen Frauen wird dann zum zentralen Thema sowohl in
der Hekabe als auch in den Troerinnen (415). Hekabe, einst Königin eines
mächtigen Reiches, die durch die Niederlage ihrer Stadt in die Sklaverei
geraten ist, steht im Mittelpunkt beider Stücke, und um sie gruppieren sich
ihre ähnlich leidgeprüften Töchter Kassandra und Polyxene und ihre
Schwiegertochter Andromache. Die Brutalität der Sieger wird in beiden
Stücken breit dargestellt, aber auch den Siegern wird es nicht viel besser
ergehen als den Besiegten. Das zeigt der Götterprolog der Troerinnen, wo
Athene und Poseidon ankündigen, dass sie die heimkehrende Flotte der
Griechen vernichten werden, aber auch die Schlussprophezeiung in der
Hekabe, wo Agamemnon seine baldige Ermordung vorausgesagt wird. In
zwei Stücken, nämlich der Elektra (etwa 420–18) und der Helena (412),
müssen die Zuschauer zur Kenntnis nehmen, dass alle Leiden vergeblich
erlitten wurden, die beide Seiten erdulden mussten, weil der Krieg nicht
um die wahre Helena geführt wurde, sondern nur um ein von den Göttern
erschaffenes Scheinbild. Der eigentliche Zweck des Krieges war nach dem
Ratschluss des Zeus die Entlastung der Erde durch eine Verminderung der
übergroßen Zahl von Menschen. Auch am Schluss des Orestes (408) verrät
Apollon, dass dies der wahre Zweck war.5
Man kann in den Stücken dieser Zeit auch Anzeichen dafür suchen,
dass sich der Dichter Gedanken über den nach dem Tode des Perikles
(428) beginnenden und nach dem Scheitern der Sizilischen Expedition
(415–13) sich beschleunigenden Zerfall der attischen Demokratie gemacht
hat. Solche Anzeichen kann man, wenn man will, auch schon in der
Hekabe finden, wo der große Feldherr Agamemnon nicht imstande ist,
seine Meinung in der Heeresversammlung gegen den demagogisch argu-
mentierenden Odysseus durchzusetzen, und auch nicht so, wie er es eigent-
lich für richtig hält, den Rechtsbruch Polymestors bestrafen kann, weil er
auf die Stimmung des Heeres Rücksicht nehmen muss. In den wenig später
aufgeführten Hiketiden muss der athenische König Theseus, der die demo-
kratische Verfassung seiner Vaterstadt preist, es hinnehmen, dass der
thebanische Herold unwidersprochen mancherlei Schwächen nennen kann,
_____________
5 Vgl. auch Hel. 36–41.
6 Einführung

die dieser Staatsform anhaften. Im Orestes wird über den Verlauf einer
Volksversammlung berichtet, in der ein Demagoge von zweifelhafter Her-
kunft die Masse so beeinflusst, dass sie eine Fehlentscheidung trifft, indem
sie Orestes, der auf Befehl Apollons seine Mutter getötet hat, und seine
Schwester Elektra zum Tode verurteilt. In der Aulischen Iphigenie schließ-
lich ist weder der Oberfeldherr Agamemnon noch der große Achilleus
imstande, sich der durch die Demagogen Odysseus und Kalchas aufge-
stachelten Menge des Heeres zu widersetzen. Sogar die Myrmidonen, die
eigenen Gefolgsleute des Achilleus, lehnen sich gegen ihn auf.

Der Stoff und seine Geschichte

Das nachhomerische Epos über den Fall Trojas, die Iliupersis, berichtet
unter anderem, dass die Griechen, nachdem sie das eroberte Troja nieder-
gebrannt hatten, Polyxene auf dem Grabe des Achilleus opferten.6 Ob die-
ses Epos irgendetwas über das Schicksal Hekabes nach der Einnahme Tro-
jas berichtet hat, lässt sich den wenigen Angaben, die wir über seinen
Inhalt besitzen, nicht entnehmen. In den Kyprien, dem Epos über den Be-
ginn des trojanischen Krieges, wurde erwähnt, dass Polyxene durch Odys-
seus und Diomedes verwundet und durch Neoptolemos bestattet wurde.7 In
den Nostoi, dem Epos über die Heimkehr der Helden von Troja, wurde
darüber berichtet, dass der Geist des Achilleus dem Agamemnon erschien
und ihn an der Heimkehr zu hindern versuchte, indem er ihm sein bevor-
stehendes Schicksal verkündete.8 Doch war offenbar nicht von irgendwel-
chen Forderungen des Geistes die Rede. Eine sehr eindrucksvolle Erschei-
nung dieses Geistes scheint auch von Simonides beschrieben worden zu
sein.9
Über die chorlyrische Dichtung Iliupersis des Stesichoros ist zu wenig
bekannt, als dass sich Aussagen darüber machen ließen, ob und wie die
Schicksale Hekabes und Polyxenes in dieser Dichtung erwähnt wurden.
Der Chorlyriker Ibykos erwähnte dagegen, dass Polyxene von Neoptole-
mos geopfert wurde.10
Etwas mehr wissen wir von der Tragödie Polyxene des Sophokles. Sie
handelte von der Erscheinung des Geistes des Achilleus, von seiner Forde-
_____________
6 Iliupersis (Proclus) p. 62, 34 EGF ed. Davies.
7 Kyprien fr. 27 EGF; vgl. F. Jouan, Eur. et les légendes des Chants Cypriens, Paris
1966, 368–71.
8 Nostoi (Proclus) p. 67, 15–17 EGF.
9 Simonides fr. 557 PMG.
10 Ibycus fr. 307 PMG = schol Hec. 41.
Der Stoff und seine Geschichte 7

rung, Polyxene an seinem Grab zu opfern, und von der Erfüllung dieser
Forderung durch das griechische Heer. Sie ist mit großer Wahrscheinlich-
keit vor unserer Hekabe entstanden.11 Uns sind nur wenige Zitate bei anti-
ken Autoren erhalten, aus denen sich nicht viel über Inhalt und Form dieses
Stückes entnehmen lässt. Es scheint immerhin gewiss zu sein, dass So-
phokles die Erscheinung des Geistes des Achilleus auf der Bühne sichtbar
werden ließ und dass er ihn bei seinem Auftritt ähnliche Worte sprechen
ließ, wie Euripides sie seinem Polydoros in den Mund legte (F 523 TrGF).
Es ist zu vermuten, dass bei Sophokles ähnlich wie später bei Euripides die
Rede des Geistes am Anfang des Stückes stand. Einem anderen Fragment
ist zu entnehmen, dass in dem Stück die griechischen Feldherren darüber
stritten, wann man von Troja aufbrechen solle (F 522 TrGF). Wenn die
Annahme richtig ist, dass die Polyxene der Hekabe vorausging, hat Euripi-
des nicht nur die erste Teilhandlung seines Stückes von Sophokles über-
nommen, sondern auch das Motiv der Erscheinung des Geistes des
Achilleus und wohl auch die besondere Form des vom Geist eines Toten
gesprochenen Prologes.
Mit der zweiten Teilhandlung der Hekabe, nämlich der Polymestor-
Handlung, scheint Euripides dagegen Neuland betreten zu haben. Die Ilias
berichtet über einen Polydoros, welcher der jüngste Sohn des Priamos war,
als dessen Mutter aber Laothoe und nicht Hekabe genannt wird (22,46–48).
Diesen Polydoros versuchte der Vater vom Kampf fernzuhalten, weil er
ihm besonders lieb war. Der Sohn mischte sich aber trotzdem unter die
Kämpfenden, wurde von Achilleus am Unterleib verwundet und starb ei-
nen qualvollen Tod (20,407–18). Diese kurze Episode der Ilias scheint
Euripides zu seiner Polydorosgestalt angeregt zu haben. Bei ihm gelingt es
Priamos tatsächlich, seinen jüngsten Sohn vom Kampf fernzuhalten, indem
er ihn in die vermeintlich sichere Obhut seines Gastfreundes Polymestor
gibt, doch auch dieser Versuch, das Leben seines Sohnes zu retten, schlägt
fehl, weil Polymestor seinen Schützling nach dem Fall Trojas und dem Tod
des Priamos ermordet. Dies ist bei Euripides die Vorgeschichte der Hand-
lung, und die Tragödie selbst handelt davon, wie die zur Sklavin der Grie-
chen gewordene Königin Hekabe, die bei ihm anders als bei Homer die
Mutter des Polydoros ist, vom Tod ihres Sohnes erfährt und ihn an dem
Mörder rächt. Es ist möglich, dass der Dichter sich bei der Verbindung
Hekabes mit Thrakien und besonders bei der Prophezeiung, die Polymestor
am Schluss des Stückes gibt, von einer lokalen Überlieferung auf der in
athenischem Besitz befindlichen thrakischen Chersones hat anregen lassen,

_____________
11 Dazu W. M. Calder III, A Reconstruction of Sophocles’ Polyxena, Greek Roman
and Byzantine Studies 7 (1966) 31–56, jetzt auch in: Theatrokratia, Spudasmata
104, Hildesheim 2005, 233–66.
8 Einführung

die zwischen dem Namen des sehr markanten, weil an der engsten Stelle
des Hellesponts gelegenen Kaps Kynossema (kunòß sñma) und der Sagen-
gestalt der Königin Hekabe eine Verbindung herstellte.12 Eine solche loka-
le Überlieferung dürfte jedoch nicht vielen Athenern bekannt gewesen
sein. Darum ist es anzunehmen, dass die meisten von ihnen hier eine Ge-
schichte erfuhren, die ihnen neu war, eben weil sie ganz oder zum Teil eine
freie Erfindung des Euripides war.13

Der Aufbau des Stückes

Zunächst gebe ich eine Gliederung des Stückes nach den „Teilen der Tra-
gödie“, wie sie im 12. Kapitel der Poetik des Aristoteles definiert werden
(mérh tragw¸díaß: 1452b 14–27). Diese Termini haben sich allgemein
eingebürgert, denn mit ihnen lässt sich der Aufbau einer jeden attischen
Tragödie gut beschreiben, für die ein regelmäßiger Wechsel zwischen
Sprechpartien und lyrischen Partien charakteristisch ist. Allerdings weiche
ich von der aristotelischen Terminologie bei der Benennung der lyrischen
oder halblyrischen Partien ab, welche die Parodos umgeben.

1–58 Prologrede
59–97 Monodie vor der Parodos
98–152 Parodos
154–215 Monodie, Amoibaion, Monodie
216–443 1. Epeisodion
444–83 1. Stasimon
484–628 2. Epeisodion
629–56 2. Stasimon
658–904 3. Epeisodion
905–51 3. Stasimon
953–1022 4. Epeisodion
1024–34 Chorikon anstelle eines 4. Stasimons
1035–1295 Exodos

_____________
12 Dies vermuten Stephanopulos (1980) 79–83; Erbse (1984) 55.
13 Meridor (1983) 18–20 nimmt an, dass sich Eur. bei der Weise der Bestrafung
Polymestors vom Schicksal des Artayktes bei Herodot (9,116–20) anregen ließ.
Das ist zwar möglich, muss aber Vermutung bleiben. Gleiches gilt für die Annah-
me von Delebecque (1951) 154–58, dass Eur. zur negativen Zeichnung der Gestalt
Polymestors durch die Unzuverlässigkeit der Thraker als Verbündete der Athener
veranlasst worden sei.
Der Aufbau des Stückes 9

Die hier gegebene Gliederung der Tragödie14 stellt freilich nur ein Raster
dar, das durch die Handlung in ihren einzelnen Stufen ausgefüllt wird. Die
Handlung der Hekabe besteht aus zwei Teilhandlungen, die dadurch zu-
sammengehalten werden, dass im Mittelpunkt einer jeden von ihnen die-
selbe Person Hekabe steht und dass es in jeder von ihnen darum geht, dass
sie eines ihrer letzten Kinder verliert. Im übrigen aber unterscheiden sich
die beiden Teilhandlungen im Inhalt und in der Stimmung erheblich. Die
Hekabe ist also wie die Troerinnen ein Episodendrama.
Wenn man die Handlungsstruktur zur Epeisodienstruktur in Beziehung
setzt, kommt man zu folgender Gliederung:

1–97 Prologrede und Monodie vor der Parodos:


Einführung in beide Teilhandlungen
98–215 Parodos und folgende lyrische Partien:
Vorbereitung der Polyxene-Handlung
216–443 1. Epeisodion: erster Teil der Polyxene-
Handlung (Odysseus-Szene)
444–83 1. Stasimon:
gleichzeitig mit dem Vollzug der Opferung
484–628 2. Epeisodion: zweiter Teil der Polyxene-
Handlung (Botenszene)
629–56 2. Stasimon: steht zwischen den beiden
Teilhandlungen
658–904 3. Epeisodion: Überleitung zur zweiten
Teilhandlung, Beginn der Polymestor-
Handlung (Agamemnon-Szene)
905–51 3. Stasimon: gleichzeitig mit der
Herbeiholung Polymestors
953–1022 4. Epeisodion: zweiter Teil der
Polymestor-Handlung (Überlistungsszene)
1024–55 Chorikon und Anfang der Exodos:
Katastrophe Polymestors
1055a– Der größte Teil der Exodos: Abschluss der
1286 Polymestor-Handlung
(Monodie, Gerichtsszene)
1287–95 Die letzten neun Verse:
Abschluss beider Teilhandlungen
(Gemeinsames Begräbnis der Kinder,
Aufbruch nach Griechenland)

_____________
14 Die meisten Kommentatoren äußern sich nicht zur Gliederung des Stückes. Bond–
Walpole rechnen alles, was auf das 3. Stasimon folgt, zur Exodos. Ich meine, dass
V. 953–1022 noch der Vorbereitung der Rachehandlung dienen, also den Charak-
ter eines Epeisodions haben, während die Exodos (1035–1295) hier wie auch sonst
immer der Ort für die Katastrophe und die Reaktion der Beteiligten auf sie ist.
Collard, Gregory und Synodinou gliedern etwa so, wie es hier geschieht.
10 Einführung

Dramaturgie, Aufführungsbedingungen

Das Stück spielt im Lager der griechischen Flotte auf der thrakischen
Chersones vor der Unterkunft der gefangenen troischen Frauen. Es ist
mehrfach von einem oder mehreren Zelten die Rede (skhnä 53), auch von
Häusern (oi®koi, dåmata, dómoi 174, 1019, 1049, 1053) oder Dächern
(stégai 880, 1016). Das ist wohl so zu verstehen, dass das den Bühnen-
hintergrund bildende Haus nicht besonders dekoriert, sondern als notdürf-
tige Unterkunft gekennzeichnet ist, etwa durch darüber geworfene Zelt-
bahnen. Manche Interpreten meinen, dass zwei Zelte anzunehmen sind,
nämlich das ärmliche der Gefangenen und ein prächtigeres für
Agamemnon. Ich finde im Text jedoch keine Anhaltspunkte für ein solches
zweites Zelt. Wenn Agamemnon auftritt, kommt er nicht aus seinem Zelt,
sondern aus der Richtung der Heeresversammlung, also aus der gleichen
Richtung wie Odysseus. Hekabe tritt aus dem Zelt hervor (53f.), ebenso
Polyxene (178f.). Später geht Hekabe mehrfach ins Zelt ab (628, wohl
auch 904) und tritt wieder aus ihm hervor (665f., 953). Nach dem Auftritt
Polymestors betritt sie zusammen mit ihm das Zelt (1019–22) und verlässt
es kurz darauf wieder fluchtartig (1044), während er ihr wenige Verse
später auf allen Vieren folgt (1053).
Die Parodoi, die seitlichen Zugänge zur Orchestra, stellen die Verbin-
dung der Bühnenhandlung mit der Außenwelt her. In der Hekabe sind zwei
außerszenische Orte bedeutsam, nämlich das Meeresufer und das übrige
Heerlager. Man kann entsprechend den athenischen lokalen Gegebenheiten
das Ufer der vom Zuschauer aus gesehen linken Parodos zuordnen, also
der Richtung nach Phaleron, dem alten Hafen Athens, das Lager dagegen
der rechten, also der Richtung nach der Akropolis. Wenn man für den
Geist des Polydoros nicht eine (vielleicht gar mit Hilfe eines Krans be-
werkstelligte) Erscheinung auf dem Dach des Bühnenhauses annehmen
will, was nicht völlig auszuschließen, aber nicht nötig ist, lässt sich vermu-
ten, dass er aus der Richtung des Ufers erscheint und auch dorthin wieder
abgeht. Eben dorthin geht auch die Dienerin (609f.), und von dort kommt
sie mit seinem Leichnam zurück (658). Odysseus kommt vom Lager und
geht zusammen mit Polyxene dorthin ab (216f., 437), ebenso Talthybios
(484, 604–08) und Agamemnon (724f., 904, 1109). Da die Dienerin, die
Polymestor herbeirufen soll, durch das Lager geleitet wird (889f.), muss
der Thrakerkönig auch aus dieser Richtung die Orchestra betreten (953),
und zwar zusammen mit der Dienerin, die ihn herbeigeholt hat (966). Da er
am Schluss des Stückes auf einer Insel ausgesetzt werden soll, liegt die
Annahme nahe, dass er in Richtung nach dem Ufer abgeführt wird (1284–
86). Die übrigen Personen, also Agamemnon, Hekabe und der Chor, gehen
Dramaturgie, Aufführungsbedingungen 11

zusammen in Richtung zum Lager ab, da dort die gemeinsame Bestattung


der beiden Geschwister geschehen soll (1287–95).
Man darf nicht vergessen, dass in der attischen Tragödie alle Rollen,
also auch die der Hekabe, der Polyxene und der Frauen des Chores, von
Männern übernommen wurden. Ferner muss man bedenken, dass grund-
sätzlich nur drei berufsmäßige Schauspieler zur Verfügung standen, auf die
alle im Stück vorkommenden Sprechrollen verteilt werden mussten. Der
Rollenwechsel wurde durch wechselnde Masken und Kostüme emöglicht.
Die Verteilung auf drei Schaupieler lässt sich in unserem Fall in der Weise
bewerkstelligen, dass die tragende Rolle des Stückes, nämlich die der fast
ständig auf der Bühne anwesenden Hekabe, vom ersten Schauspieler über-
nommen wird, die des Polydoros, der Polyxene, der Dienerin und des
Polymestor vom zweiten und die des Odysseus und des Agamemnon vom
dritten Schauspieler.
Dass es mehrere Gruppen von Statisten gegeben hat, ist dem Text öf-
ters zu entnehmen. So wird Hekabe bei ihrem ersten Auftritt von mehreren
(wohl zwei) jüngeren Frauen, ihren einstigen Dienerinnen, geleitet und
gestützt (59–63); so kann sie später einer Dienerin befehlen, Wasser vom
Meeresufer zu holen (609f.). Auch Agamemnon wird von Kriegern beglei-
tet, von denen er einige abordnet, welche die Dienerin beim Weg durch das
Lager beschützen (889f.), und andere, die Polymestor ergreifen und an
seinen Verbannungsort bringen (1282–86). Polymestor tritt zusammen mit
der Dienerin auf, die jetzt von einem Statisten gespielt wird (966). Er hat
ferner einige bewaffnete Begleiter, die er zuerst auf Hekabes Wunsch weg-
schickt und die er dann später vergeblich um Hilfe anruft (979–81, 1088–
90). Ausserdem wird er von seinen beiden kleinen Söhnen begleitet, deren
furchtbares Schicksal im folgenden mehrfach erwähnt wird (893f., 1005–7,
1037, 1046, 1075–78, 1082, 1118f., 1160–62, 1231).
Bei den Kostümen wird ein scharfer Kontrast zwischen den königli-
chen Gewändern der siegreichen Feldherren Odysseus und Agamemnon
und den ärmlichen Kleidern der kriegsgefangenen Sklavinnen bestanden
haben. Hekabe wird sich von den Frauen des Chores und ihren anderen
Begleiterinnen in der Kleidung nicht unterschieden haben. Sie gehört also
zu den ‚Königen in Lumpen‘, wie sie bei Euripides so häufig sind.
Polymestor wird thrakische Gewänder getragen haben, wie sie auf atti-
schen Vasenbildern häufig zu sehen sind und zu denen vor allem ein bunt
gewebter Mantel gehört. Er ist zunächst auch bewaffnet, doch als er später
als Geblendeter wieder auf der Bühne erscheint, ist er unbewaffnet und
wohl auch ohne Mantel (1155f.).
An Requisiten werden wenige Gegenstände erwähnt: der Stock, auf
den sich Hekabe bei ihrem ersten Auftritt stützt (65f.), der Wasserkrug, mit
dem die Dienerin Wasser vom Meeresufer holen soll (609), und die Waffe
12 Einführung

Polymestors, die er zunächst trägt, die ihm dann aber abgenommen wird
(1155f.). Die wichtigsten Requisiten sind allerdings die auf die Bühne
gebrachten Leichname des Polydoros und der beiden Söhne Polymestors.
Der Leichnam des Polydoros ist von großer Bedeutung in der zentralen
Szene des Stückes (658–720), und er bleibt auch wichtig bei der folgenden
Auseinandersetzung zwischen Hekabe und Agamemnon (724–904). Ob er
auch während der folgenden Szenen auf der Bühne liegen bleibt, ist um-
stritten. Ich halte es für gut möglich, dass er weiter dort bleibt, weil dann
mehrere Stellen im Dialog zwischen Polymestor und Hekabe an Ironie
gewinnen würden. Demgegenüber spielen die Leichname der Söhne
Polymestors in der Handlung keine große Rolle. Sie werden offenbar zu-
sammen mit dem Auftritt des geblendeten Polymestor sichtbar, vielleicht
mit dem Ekkyklema (e¬kkúklhma), einer niedrigen Plattform, die aus dem
Bühnenhaus herausgerollt werden kann.15 Seine Klagen nehmen immer
wieder auf die Kinder Bezug, und auch Agamemnon erwähnt sie als sicht-
bar (1118). Aber im weiteren Verlauf des Stückes werden sie nicht mehr
beachtet. Es bleibt auch unklar, was weiter mit ihnen geschieht. Da sie ja
irgendwo bleiben müssen, könnten sie am Schluss des Stückes von der
abgehenden Gruppe mit hinausgetragen oder mit dem Ekkyklema wieder
ins Bühnenhaus zurückgerollt worden sein.
Wie es in der Tragödie üblich ist, wird oft durch Formulierungen im
Text deutlich gemacht, was auf der Bühne gerade geschieht, oder es wird
angekündigt, was dort bald geschehen wird. Damit wird einerseits die
Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die gewünschte Bahn gelenkt, und
andererseits erhalten auch die Schauspieler durch den Text Anweisungen
für ihr Verhalten. Man spricht in solchen Fällen von ‚Wortregie‘. Der Auf-
tritt von Personen wird, meist durch den Chor, gelegentlich auch durch
andere Personen, im voraus angekündigt oder im Augenblick, in dem sie
sichtbar werden, gemeldet (52–54, 172–76, 216f., 665f., 724f., 1049–53).
Manchmal werden neu auftretende Personen angeredet und dadurch dem
Publikum vorgestellt (487, 968f., 1114). Für die Handlung wichtige Gesten
werden in dem Augenblick, in dem sie vollzogen werden, auch benannt
und damit für den Zuschauer interpretiert, so die Gesten der Hikesie (286f.,
752f., 787f., 836–40), aber auch das Sich-Abwenden dessen, der sich einer
Hikesie entziehen will (342–45) oder die Geduld verliert (812f., wohl auch
747f.). Beim Abschied Polyxenes von ihrer Mutter wird von einem Hände-
druck, von Umarmungen, vom Verhüllen des Hauptes und vom letzten
Ausstrecken der Hand gesprochen (409f., 432, 439f.), danach vom Zu-
Boden-Sinken Hekabes aus Erschöpfung und Verzweiflung (440). Dass
_____________
15 Burnett (1998) 168 meint, dass die Leichen der Kinder von Frauen aus Hekabes
Gefolge auf die Bühne getragen werden.
Einheit trotz Zweiteiligkeit 13

Hekabe während des folgenden Chorliedes in ihr Gewand gehüllt auf dem
Boden verharrt und sich erst nach der Anrede durch Talthybios wieder
erhebt, wird aus dem Text deutlich (486f., 501f., 505–07). Das Herbei-
bringen des Leichnams des Polydoros und seine Enthüllung und Identifi-
zierung werden ebenfalls angesprochen (671f., 679–82), während Hekabes
Gesten heftiger Trauer nur aus dem Wechsel des Metrums und aus der
lyrischen Sprache erschlossen werden können (684–720). Ihre ersten Wor-
te zu Polymestor lassen erkennen, dass sie ihre Augen vor ihm verbirgt,
und sie geben zugleich eine (irreführende) Deutung dieser Geste (968–75).
Als sie ihre Rache vollzogen hat und aus dem Zelt hervortritt, kündigt sie
an, dass Polymestor ihr folgen wird, und nimmt das Ungeheuerliche, das
dem Publikum alsbald vor die Augen kommen wird, schon in Worten vor-
weg und erklärt es ihm damit zugleich (1049–55). Die wilden Bewegun-
gen, die Polymestor während seines großen Klageliedes vollzieht, lassen
sich aus dem Text freilich nur erahnen, ebenso die körperlichen Äußerun-
gen des Zornausbruchs, als er von der Anwesenheit Hekabes erfährt
(1055a–1106, 1124–26). Deutlich erkennbar ist dagegen, dass er, nachdem
er seine Voraussagen gemacht hat, von den Begleitern Agamemnons er-
griffen wird, dass ihm der Mund verschlossen wird und dass er schließlich
von der Bühne gezerrt und abgeführt wird (1282–86). Am Schluss wird der
Zug angekündigt, in dem Agamemnon, Hekabe, die Träger des Leichnams
des Polydoros und der Chor in der Richtung zum Lager des Heeres die
Bühne verlassen (1287–95).

Einheit trotz Zweiteiligkeit

Wenn man die Hekabe angemessen beurteilen will, darf man den treffen-
den Satz Gottfried Hermanns nicht vergessen, dass die Kunst früher war
als die Regeln der Kunst.16 Das Stück ist viele Jahrzehnte vor der Zeit ent-
standen, in der Aristoteles die Regeln formulierte, die man beachten soll,
wenn man eine gute Tragödie schreiben will. Es ist darum sinnvoll, das
Stück zunächst in seiner Beschaffenheit zu beschreiben und sich zu bemü-
hen, es aus dem Gesamtwerk des Dichters und seinen historischen Voraus-
setzungen zu verstehen. Dies ist denn auch mein Hauptanliegen. Trotzdem
sollte man sich auch überlegen, wie das Stück vielleicht von Aristoteles
beurteilt worden wäre, wenn er sich zu ihm geäußert hätte. Denn dies sind
die Maßstäbe, an denen das Stück seit dem 18. Jahrhundert gemessen wor-
den ist.
_____________
16 Hermann (1831) XIII: „Ars prior fuit regulis artis, seroque, et a philosophis magis
quam a poetis, perspecta est ratio tragoediae.“
14 Einführung

Die Hekabe ist, wie eine Reihe anderer Tragödien auch, kein Stück im
Sinne der Regeln der Poetik des Aristoteles.17 Es gibt keine Einheit der
Handlung, weil die Geschehnisse des Dramas aus zwei nicht unmittelbar
zusammenhängenden, sondern jeweils in sich abgeschlossenen Episoden
bestehen, von denen eine jede Gegenstand eines eigenen Stückes sein
könnte. Die Einheit liegt vielmehr in der Hauptgestalt Hekabe, die im Mit-
telpunkt beider Episoden steht. Aristoteles meint allerdings, dass mehrere
Geschehnisse noch nicht allein dadurch eine einheitliche Handlung bilden,
dass sie die gleiche Person betreffen (Poetik 1451a 16–22). Vielmehr sollte
zwischen den verschiedenen Geschehnissen ein notwendiger oder zumin-
dest wahrscheinlicher kausaler Zusammenhang bestehen (1451b 33–35).
Dies ist hier jedoch nicht der Fall.
Auch die mit der Hekabe in ihrer Struktur eng verwandten Troerinnen
sind ein aus mehreren Episoden bestehendes Stück18 Dort ist die Zahl der
Episoden größer als hier.19 In der Hekabe sind es zwei, in deren Mittel-
punkt jeweils das Schicksal eines der Kinder der zur Sklavin gewordenen
Königin steht. Dass es in beiden Fällen neben den zwei Einzelschicksalen
ganz wesentlich auch um das Leid der Mutter geht, trägt zur Einheit des
Stückes bei und erweckt in beiden Teilen der Handlung in ähnlicher Weise
das Mitgefühl des Zuschauers. Dass jedoch die Reaktionen Hekabes auf
die beiden Schicksalsschläge, die sie treffen, so unterschiedlich, ja gegen-
sätzlich sind, beeinträchtigt wiederum die Einheitlichkeit der Wirkung.
Zwischen den beiden Teilhandlungen besteht nicht nur kein kausaler Zu-
sammenhang, sondern auch ein erheblicher Unterschied der Stimmung.
Das bedeutet zugleich, dass nach dem Ende der ersten Teilhandlung zur
Überraschung des Zuschauers ein jäher Stimmungsumschwung erfolgt.
Man kann dies für eine Schwäche des Stückes halten, wie es oft geschehen
ist; man darf aber vermuten, dass es Euripides gerade um die Darstellung
dieses Stimmungsumschwungs gegangen ist.
Ein wichtiges Einheit stiftendes Element ist jedenfalls die geschickte
Verknüpfung der beiden Teilhandlungen, die so gut gelungen ist, dass die

_____________
17 Ich beziehe mich dabei auf die Forderung des Aristoteles, dass der Stoff einer
Tragödie die Nachahmung einer einzigen ganzen Handlung sein soll und dass die
Teile der Geschehnisse so zusammenhängen sollen, dass dann, wenn ein Teil um-
gestellt oder weggenommen wird, das Ganze verändert und beeinträchtigt wird
(Poetik 1451a 30–35).
18 Patin (1913) 1, 331–33 prägt für diese Art von Stücken den Terminus „Tragédies
episodiques“. Damit will er aber, anders als Aristoteles (Poetik 1451b 33–35),
nicht eine Abweichung von einer Norm kritisieren, sondern einen bestimmten Tra-
gödientyp beschreiben.
19 Ein Episodendrama ist auch Bertold Brechts Stück Mutter Courage und ihre Kin-
der, das in mehrfacher Hinsicht der Hek. und den Tro. ähnelt.
Einheit trotz Zweiteiligkeit 15

Zweiteiligkeit dem Zuschauer kaum auffällt. Die Verknüpfung erfolgt


durch einen meisterhaften Einfall, nämlich durch die Überbringung und
Enthüllung der Leiche des Polydoros, die von Hekabe zunächst für die
Polyxenes gehalten wird (658–82). Dies ist der emotionale Höhepunkt des
Stückes, und es ist wohl mit Recht vermutet worden, dass hier der Aus-
gangspunkt der Erfindung des Euripides war.20
Die beiden Teilhandlungen der Hekabe sind weder gleichartig noch
gleichgewichtig. Hinsichtlich der Gleichartigkeit lässt sich an Über-
legungen anknüpfen, die Aristoteles im 13. Kapitel seiner Poetik angestellt
hat.21 Die Polyxene-Handlung ist einfach strukturiert (a™plñ), weil sie ge-
radlinig, d. h. ohne eine unerwartete Wendung des Geschehens (Wieder-
erkennung, Peripetie), auf eine schon in der Prologrede angekündigte Kata-
strophe zusteuert, nämlich auf den Vollzug der Opferung Polyxenes, da der
Versuch Hekabes, die Katastrophe zu verhindern, an der Weigerung des
Odysseus und auch an der Todesbereitschaft Polyxenes scheitert. So gerät
die unglückliche Hekabe trotz großer eigener Bemühungen nur noch weiter
ins Unglück. Ihr Leid wird aber ein wenig gemildert, als sie erfahren muss,
wie tapfer und würdig ihre Tochter in den Tod gegangen ist. Die
Polymestor-Handlung dagegen ist doppelt strukturiert (diplñ), weil hier
nach der Weise der Odyssee die „Guten“ und die „Bösen“ durch eine
plötzliche Wendung des Geschehens, nämlich durch das Gelingen der List
Hekabes und die Bestrafung Polymestors, gegensätzliche Schicksale erfah-
ren. Denn Hekabe verliert ihren Sohn, es gelingt ihr aber, sich an dem
Mörder zu rächen. Dadurch gerät sie zwar nicht aus dem Unglück ins
Glück, doch wird durch ihren Erfolg ihr Unglück zumindest zeitweise
gemildert. Polymestor dagegen scheint zunächst dafür unbestraft zu blei-
ben, dass er seinen Gast ermordet und sich seine Schätze angeeignet hat, er
muss es dann aber erleben, furchtbar bestraft zu werden, so dass er aus
seinem vermeintlichen Glück ins tiefste Unglück gerät. Aristoteles meint,
dass ein solcher Ausgang eigentlich mehr einer Komödie angemessen wä-
re, dass die Tragödiendichter ihn aber gern übernähmen, weil das Publi-
kum es so wünschte.22 Nun mag bei einem so düsteren Stück wie der
Hekabe die Gefahr eines Abgleitens ins Komödienhafte nicht sehr groß
sein. Sie fehlt aber auch hier nicht gänzlich, wie man bei einer Aufführung

_____________
20 Friedrich (1953) 41. Ähnlich Michelini (1987) 148: „The cruelty of the Hek. scene
is generated by the structure of the play, which has been engineered for this mo-
ment of supreme coincidence.”
21 Poetik 1452b 28 – 1453a 39. Dort finden sich auch die Begriffe a™plñ und diplñ
(oder peplegménh) und die Odyssee als Beispiel für einen gegensätzlichen Aus-
gang der Handlung für die „gute“ und die „böse“ Seite.
22 Poetik 1453a 30–36.
16 Einführung

bemerken konnte, in der der Chor angesichts des Unglücks Polymestors


seine verständliche Schadenfreude allzu deutlich zum Ausdruck brachte.
Die beiden Teilhandlungen sind auch nicht gleichgewichtig. Es gibt ein
deutliches Übergewicht auf der Seite der Polymestor-Handlung, nicht nur
dadurch, dass ihr mit 627 zu 531 Versen mehr Raum gegeben wird,23 son-
dern auch, weil infolge der Prologrede und der Anapäste Hekabes die erste
Teilhandlung schon von der Erwartung des Publikums überschattet wird,
dass noch eine weitere Unglücksnachricht folgen wird. Außerdem sind die
Ereignisse der zweiten Teilhandlung spektakulärer als die der ersten, und
der letzte und zugleich stärkere Eindruck prägt sich dem Zuschauer tiefer
ein.24
Manche Kritiker meinten, das Stück wäre wirkungsvoller gewesen,
wenn Euripides die Polymestor-Handlung vorangestellt hätte und die
Polyxene-Handlung hätte folgen lassen, so dass der rühmende Bericht des
Talthybios und Hekabes gefasste Reaktion einen würdigen Abschluss ge-
bildet hätten.25 Nichts ist falscher als das. Denn das Gelingen der Rache
Hekabes an Polymestor ist der Zielpunkt der Handlung, und auf ihn strebt
alles hin. Stände dagegen die Polyxene-Handlung am Schluss, würde nach
der Erreichung des Ziels der gewichtigeren Teilhandlung ein Abfall der
dramatischen Spannung erfolgen, und die Aufmerksamkeit des Publikums
würde nachlassen. Die subtileren Emotionen, welche die Polyxene-
Handlung erregt, bereiten die sehr viel stärkeren, mehr elementaren Emoti-
onen der zweiten Teilhandlung vor. Hinsichtlich der Reihenfolge der bei-
den Teilhandlungen gilt hier also in gewisser Weise doch der Satz des
Aristoteles, dass in einer guten Tragödie jeder Teil seinen festen Platz im
Handlungsablauf hat, der sich nicht verändern lässt, ohne dass das Ganze
beeinträchtigt würde (Poetik 1451a 30–35).

Die Polyxene-Handlung

Der Geist des Achilleus hält, wie der Zuschauer im Prolog erfährt, die
griechische Flotte an der thrakischen Küste zurück und fordert, dass man
ihm Polyxene als Ehrengabe opfert. Man hört dort auch schon, dass das
Heer diese Forderung erfüllen wird und dass es Polyxene schicksalhaft

_____________
23 Diese Zahlen ergeben sich, wenn man jeweils das 1. bzw. 3. Stasimon mitrechnet.
Würde man sie nicht mitrechnen, weil sie inhaltlich nicht zur jeweiligen Teilhand-
lung gehören, wäre das Zahlenverhältnis ähnlich, nämlich 580 zu 491.
24 Zur Beurteilung der beiden Teilhandlungen durch Gustav Freytag, s. S. 69 Anm.
130.
25 So Reiske (1748) 550f.; hierzu s. S. 67f. und Anm. 121.
Die Polyxene-Handlung 17

bestimmt ist, noch am gleichen Tage zu sterben (35–46). Damit steht der
Ausgang dieser Teilhandlung von vornherein fest. Hekabe erfährt hiervon
zunächst nur durch unheilverkündende, aber undeutliche Traumbilder, die
noch die Möglichkeit offen zu lassen scheinen, dass Achilleus sich mit
dem Tod einer anderen Troerin zufrieden geben könnte (93–97). Der Chor
berichtet aber, dass die Heeresversammlung tatsächlich beschlossen hat,
Polyxene zu opfern, und dass Odysseus schon unterwegs ist, um sie zu
ihrem letzten Gang abzuholen (98–143). Trotzdem rät der Chor Hekabe,
durch Bitten und Gebete zu versuchen, das Unheil von ihrer Tochter doch
noch abzuwenden (144–52). Als Polyxene von dem Beschluss des Heeres
erfährt, reagiert sie gefasst und beklagt vor allem den Verlust, den ihre
Mutter durch den Tod ihrer Tochter erleiden wird (188–215). Nachdem
Odysseus in dürren Worten den Beschluss des Heeres verkündet und
Hekabe aufgefordert hat, sich in das Unvermeidliche zu fügen (218–28),
versucht diese doch noch, ihn durch eine mit der Gebärde der Hikesie un-
terstützte eindrucksvolle Rede dazu zu bewegen, dass er das Heer zur
Rücknahme seines Beschlusses veranlasst (251–95). Doch ihr Versuch ist
zum Scheitern verurteilt, denn Odysseus verteidigt den Beschluss mit eben
der Begründung, mit der er ihn in der Heeresversammlung durchgesetzt hat
(299–331). Sie fordert ihre Tochter auf, sie solle auch selber Odysseus um
Gnade bitten, doch diese erklärt sich nicht dazu bereit, weil sie den Tod für
eine Befreiung aus dem drohenden Leid der Sklaverei hält (334–78).
Hekabe versucht sich zwar auch weiterhin zu widersetzen, doch ihre Toch-
ter bringt sie dazu, ihre Würde zu wahren und ihren Widerstand aufzuge-
ben (382–408). Es kommt zu einer rührenden Abschiedsszene zwischen
Mutter und Tochter, bevor sich Polyxene von Odysseus wegführen lässt
(409–37).
Man kann sich fragen, wie das zeitgenössische Publikum die Ausein-
andersetzung zwischen Hekabe und Odysseus beurteilt hat.26 Durch den
Prolog und die anschließenden lyrischen Passagen ist die Anteilnahme der
Zuschauer mit dem Schicksal Hekabes und ihrer Kinder geweckt worden,
so dass anzunehmen ist, dass sie auf der Seite Hekabes stehen werden,
wenn sie das, wie sie aus V. 43f. schon wissen, unvermeidliche Schicksal
Polyxenes durch ihre Rede doch noch abzuwenden versucht. Das gilt erst
_____________
26 Man wird der Rede des Odysseus nicht gerecht, wenn man sie als „Meisterstück
einer durchsichtig pseudo-idealistischen Rhetorik“ bezeichnet; wie Abrahamson
(1952) 124 Anm. 10 meint. Allzu rasch urteilt andererseits Schlesinger (1937) 70,
schon aus der Tatsache, dass die Rede des Odysseus an zweiter Stelle stehe, lasse
sich entnehmen, „that in the Hec. the second speaker, Odysseus, is recommended
to us by the poet“. Odysseus behält zwar das letzte Wort, aber nur, weil er die
Macht hat, und nicht, weil das Recht allein auf seiner Seite wäre. Gut zu dieser
Rede auch Adkins (1966) 193–209.
18 Einführung

recht dann, wenn sie, wie es der Fall ist, gute Argumente vorbringt, denen
sich Odysseus nur schwer entziehen kann. Die Gegenargumente des Odys-
seus sind zwar so beschaffen, dass Hekabe sie ihrerseits nicht akzeptieren
kann, es ist aber die Frage, wie das Publikum sie bewertet. Die Bürger von
Athen waren ja auch Krieger, und die Auffassung des Odysseus, dass man
alles tun müsse, um den besten Helden zu ehren und so den Zusammenhalt
des Heeres zu stärken, wird für sie einiges Gewicht gehabt haben. Ich
glaube zwar, dass das Publikum sich emotional weiter mit der Sache
Hekabes verbunden gefühlt haben wird, vermute aber, dass es gespürt hat,
dass auch die Gegenseite einiges für sich in die Waagschale werfen kann,
das man nicht unterschätzen darf.
Aristoteles (Poetik 1452b 34–1453a 1) äußert Bedenken darüber, ob
das unverdiente Unglück eines edlen Menschen als Thema einer Tragödie
geeignet sei, denn es errege weder Furcht noch Mitleid, sondern werde als
grässlich (miarón) empfunden. Diese Bedenken sind nicht ganz unbe-
rechtigt. Polyxenes Tod würde beim Zuschauer aber nur dann Empörung
auslösen, wenn er eine Vergrößerung ihres Unglücks bedeuten würde.
Aber da sie sich bereits im Unglück befindet und den Tod als eine Befrei-
ung auffasst, bewirkt ihr Schicksal beim Zuschauer kein Entsetzen, son-
dern löst Anteilnahme aus, die man wohl am besten als eine mit Mitleid
verbundene Bewunderung beschreiben kann. Man kann darüber streiten,
ob dies tragödientypische Emotionen sind. Wenn jedoch die Meinung der
Philosophen zutrifft, dass es die Aufgabe der Tragödie sei, die menschliche
Freiheit im Konflikt mit der Notwendigkeit des Schicksals zu zeigen, dann
ist die Polyxene-Handlung tragisch zu nennen. Denn Polyxene nimmt die
Notwendigkeit ihres Todes durch eine freie Entscheidung auf sich und gibt
dadurch diesem Tod einen Sinn: Nur durch den Tod ist es ihr möglich, der
Sklaverei zu entgehen und ihre Freiheit zu bewahren.
Für unser von Christentum, Aufklärung und Neuhumanismus gepräg-
tes Bewusstsein ist die Opferung eines Menschen, aus welchen religiösen
Motiven auch immer sie erfolgt, eine Ungeheuerlichkeit, die uns tief em-
pört.27 Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass die Athener des 5.
Jahrhunderts offenbar anders empfanden, insbesondere wenn es sich um
Ereignisse handelte, die der mythischen Vergangenheit angehören. Es gibt
Anhaltspunkte dafür, dass sowohl in der minoischen als auch in der myke-
nischen Epoche Menschenopfer vollzogen wurden, und es sind vereinzelte
_____________
27 Die Interpretation des Stückes durch Synodinou (2005) wird sehr stark von dieser
verständlichen Empörung bestimmt. Eine ähnliche Tendenz auch bei Scodel
(1996). Sourvinou-Inwood (2003) 291–94 spricht in solchen Fällen von einer
„culturally determined perception“, also einer unreflektierten Wahrnehmung anti-
ker kultureller oder religiöser Phänomene aus der Perspektive der christlich ge-
prägten eigenen Kultur. Vgl. auch S. 31-33 zur Beurteilung der Rache Hekabes.
Die Polyxene-Handlung 19

Fälle bekannt, in denen es noch in historischer Zeit zu solchen Opferungen


gekommen sein soll.28 In manchen Kultlegenden hieß es, dass ursprünglich
Menschen geopfert wurden und diese Opfer später durch Tieropfer oder
durch symbolische Handlungen ersetzt wurden. So ist es nicht verwunder-
lich, dass die Athener keinen Anstoß nahmen, wenn im Epos und der Tra-
gödie, die ja in der mythischen Vergangenheit spielten, von Menschenop-
fern als einer verbreiteten Praxis die Rede war. Wir müssen also
akzeptieren, dass Euripides die Opferung von Menschen als Gegebenheit
der Mythen hinnahm und sie nicht grundsätzlich in Frage stellte. Auf jeden
Fall hat er sie immer wieder in seinen Tragödien zum Thema gemacht.29
Die Kritik, die in unserem Stück von Hekabe geäußert wird (260f.), ist
ganz singulär. Sie wird mit wenig Nachdruck vorgebracht, und der Gedan-
ke wird nicht weiter verfolgt.30
Der freiwillige Opfertod Polyxenes steht in einer Reihe von Fällen bei
Euripides, wo die Götter ein Menschenopfer verlangen und wo sich ein
junger Mensch bereit erklärt, sein Leben hinzugeben. Solche Fälle finden
sich in den Herakliden, den Phönizierinnen und der Aulischen Iphigenie
sowie im verlorenen Erechtheus und im zweiten Phrixos. Im weiteren
_____________
28 Hierzu A. Henrichs, Human Sacrifices in Greek Religion, Entretiens Fondation
Hardt 27 (1981) 195–235; O’Connor-Visser (1987) 211–32.
29 Dass es gerade der Geist des Achilleus ist, der das Menschenopfer fordert, ist nicht
verwunderlich. Schon der Achilleus der Ilias besteht unerbittlich auf einer ange-
messenen Ehrung seiner Leistungen, die sich auch in Ehrengaben zu manifestieren
hat. Dabei unterstützt ihn Zeus bei der Durchsetzung seiner Forderungen.
Achilleus ist es auch, der sich durch besondere Grausamkeit hervortut, so bei sei-
ner Behandlung des Leichnams Hektors und bei der Opferung von zwölf jungen
Trojanern am Grab des Patroklos (23,175f.).
30 So richtig Steidle (1968) 44 Anm. 2: „Die Berechtigung des Menschenopfers wird
nur in einer beiläufigen Bemerkung Hekabes ... angezweifelt, ansonsten ist sie eine
dramatische Voraussetzung des Stückes und als solche kaum ein Problem.“ Ähn-
lich Lesky (1972) 337, der daran erinnert, dass Hekabe „gegen eine Opferung He-
lenas nichts einzuwenden“ hätte. Die Debatte im Heer in V. 116–40 geht auch
nicht darum, ob überhaupt ein Mensch geopfert werden solle, sondern darum, ob
ein bestimmter Mensch das Opfer sein solle. – Synodinou (2005) 1, 37–47 nimmt
an, dass Eur. schon dadurch, dass er den Demagogen Odysseus für das Zustande-
kommen der Opferung verantwortlich macht, das Menschenopfer als eine verbre-
cherische Tat kennzeichnen will. Gregory (1999) xxv–xxxi vermutet, dass die Op-
ferung Polyxenes von den Göttern missbilligt wurde und vielleicht sogar gegen
religiöse Normen verstieß. S. auch S. 48f. – In Frage gestellt wird die Opferung
von Menschen dagegen in der Iph.T. Dort tadelt Iphigenie die Sitte der Taurer, ge-
strandete Fremde der Artemis zu opfern, und versucht die Göttin von der Verant-
wortung hierfür zu entlasten (V. 380-91). Diese Kritik dient aber schon der Vorbe-
reitung für die am Schluss des Stückes angeordnete Ersetzung der taurischen
Menschenopfer durch die Stiftung eines weniger blutigen Ritus in Attika (1449–
61).
20 Einführung

Sinne kann man hierher auch den freiwilligen Tod rechnen, den Alkestis
auf sich nimmt, um das Leben Admets zu retten.31 In den meisten dieser
‚Opferdramen‘ lässt sich ein typischer Handlungsablauf beobachten, der im
einzelnen Stück mehr oder weniger ausführlich zur Darstellung kommt.
Zunächst wird bekannt gemacht, dass sich in einer kritischen Situation das
Wohlwollen der Götter nur dann gewinnen lässt, wenn ihnen ein junger
Mensch geopfert wird. Dass die Götter das Recht haben, Menschenopfer
zu fordern, wird meist nicht in Frage gestellt. Das ausersehene Opfer
(meist eine Jungfrau) erklärt, gelegentlich erst nach einigem Zögern, seine
Bereitschaft zum Tode und beweist dadurch seinen heroischen Charakter.
Manchmal muss es noch die Widerstände seiner Angehörigen überwinden.
Danach kommt es zu einer mehr oder weniger breit ausgestalteten Ab-
schiedsszene. Die Polyxene-Handlung der Hekabe stellt ein besonders
vollständiges Beispiel des Handlungstyps dar. Hier wird auch noch der
Vollzug der Opferung gemeldet, gefolgt von einem Bericht über die Ein-
zelheiten und einer Würdigung des edlen Charakters der Geopferten. Eine
Besonderheit der Hekabe besteht darin, dass hier kein Gott das Opfer ver-
langt, sondern der Heros Achilleus. Wichtiger ist jedoch, dass Polyxene
sich nicht mit dem Ziel identifizieren kann, für das ihre Opferung erfolgen
soll, nämlich mit der Heimkehr der griechischen Flotte, sondern dass sie
ihre eigene Motivation findet. Eine weitere Besonderheit ist es, dass es
zwischen der Person, welche die Opferung fordert (Odysseus), und dem
Angehörigen, der sich der Opferung widersetzt (Hekabe), zu einem Rede-
streit (a¬gån) kommt, der durch die Erklärung der Todesbereitschaft der für
die Opferung vorgesehenen Person (Polyxene) entschieden wird.32
Ein ausführlicher Bericht über den Vollzug der Opferung findet sich in
den Opferdramen des Euripides nur hier und in der Aulischen Iphigenie
(1540–1612). Allerdings gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass der
dort erhaltene Bericht nicht vom Dichter selbst stammt, sondern später
hinzugefügt wurde, während der ursprüngliche Dramenschluss verloren
ging. Es ist jedoch recht sicher, dass in diesem verlorenen Schluss, nicht
anders als im überlieferten, die Opferung letztlich nicht vollzogen wurde,
sondern das menschliche Opfer von Artemis durch ein Tier ersetzt wurde.33
Nur in unserem Stück wird also über die tatsächlich vollzogene Opfe-
rung eines Menschen ausführlich berichtet (521–82). Dies ist jedoch ein so
furchtbares Geschehen, dass es einem menschlich empfindenden Publikum

_____________
31 Hierzu Schmitt (1921); O’Connor-Visser (1987), bes. 50–72; Matthiessen (2002)
32f.
32 Zu diesem Agon und überhaupt zum Typ der von ihm so genannten ‚Hikesie-
agone‘ Dubischar (2001) 73–78.
33 Hierzu Matthiessen (2002) 234–37.
Die Polyxene-Handlung 21

nicht einmal in der Form eines Berichts ohne weiteres zugemutet werden
kann. Die Beschreibung der Opferung der geknebelten und nur noch mit
den Augen um Hilfe flehenden Iphigenie im Agamemnon (228–47) ist
denn auch gräßlich, und sie soll es sein, da sie die Tat des Vaters in ihrer
ganzen Furchtbarkeit vergegenwärtigen soll. Hier jedoch erreicht es Euri-
pides, dass das Geschehen dem Publikum nicht als grässlich erscheint.
Polyxene befand sich bereits vor ihrer Opferung im Unglück, da ihre Stadt
zerstört und sie selbst auf dem Weg in die Sklaverei ist, und der Tod er-
scheint ihr eher als eine Wohltat, da er ihr diesen Weg erspart. Ausserdem
lässt der Dichter sie auf eine Weise in den Tod gehen, die ihren edlen Cha-
rakter offenbart und sogar dem Opferer und der Heeresversammlung Be-
wunderung abnötigt. Ihr Verhalten hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem
einer christlichen Märtyrerin, und es löst beim Zuschauer auch vergleich-
bare Gefühle aus. Man hat hier von einer Ästhetisierung des Schrecklichen
gesprochen.34 Dem ist zuzustimmen, wenn diese Bezeichnung nicht als
Kritik verstanden wird, sondern als angemessene Beschreibung der Verfah-
rensweise des Dichters. Das Schreckliche wird in der Tat nicht aufgeho-
ben, aber es wird so abgemildert dargestellt, dass es für den Zuschauer
noch erträglich ist.
Manche Einzelheiten des Berichts des Talthybios sind als anstößig
empfunden worden, zu Unrecht, wie ich meine. Dieser Anstoß scheint mir
in der Differenz der Zeitalter und der Kulturen begründet zu sein. Es ist mit
Recht darauf hingewiesen worden, dass jedes blutige Opfer von Anfang an
eine sexuelle Komponente gehabt hat, die in historischer Zeit wohl nur
noch im Unterbewusstsein vorhanden war.35 Diese Komponente dürfte bei
einem Jungfrauenopfer stärker ausgeprägt gewesen sein als bei einem
Tieropfer. Sie fehlt auch hier nicht. Dass das Heer über den edlen Tod
Polyxenes begeistert war und dass dieser Begeisterung auch ein erotisches
Element beigemischt war, lässt sich aus dem Bericht erahnen, besonders
betont wird es aber nicht, weil sonst seine Haupttendenz beeinträchtigt
würde. Denn der Bericht dient in erster Linie der Verherrlichung des Mutes
und des edlen Verhaltens des Mädchens bei ihrer Opferung, er soll aber
auch bewirken, dass Hekabe aus ihm etwas Trost schöpft. So kann sie fest-
stellen, dass sie zwar trauern muss, aber das Übermaß der Trauer von ihr
genommen wurde (589–92). In der Stimmungskurve des Stückes folgt auf
den Zusammenbruch Hekabes am Ende des ersten Epeisodion (438–40)
nunmehr am Ende des zweiten eine Mischung aus Trauer und Gefasstheit.
Ihre Trauer wird bald darauf aber wieder gewaltig gesteigert werden.

_____________
34 Michelini (1987) 131–80, besonders 144–48.
35 Dazu Burkert (1997) 70–80, besonders 79f.
22 Einführung

Man hat öfters gefragt, ob die Opferung Polyxenes das vom Heer er-
strebte Ziel, nämlich die Ermöglichung der Heimfahrt nach Griechenland,
überhaupt erreicht habe. Manche vermuten, die Götter hätten die Annahme
des Opfers verweigert, entweder weil sie überhaupt Menschenopfer ab-
lehnten oder weil es infolge von Polyxenes Verhalten oder aus anderen
Gründen zu keiner vollgültigen Opferung gekommen sei.36 Als Indiz für
eine solche Verweigerung wird angeführt, dass der Fahrtwind nicht sofort
nach der Opferung zu wehen beginnt, sondern erst später, wie aus V. 900
und 1289f. zu entnehmen sei. Mir scheint jedoch kein Zweifel daran mög-
lich zu sein, dass dies ein vollgültiges Opfer war. Sowohl die Freiwilligkeit
des ‚Opfertiers‘ als auch seine vor allen Augen sichtbare körperliche Voll-
kommenheit sind Indizien für die Vollgültigkeit.37 Dass der Fahrtwind
nicht sofort weht, erfahren die Zuschauer erst später und mehr nebenbei
aus dem Munde Agamemnons (V. 900), und zwar zu einem Zeitpunkt, wo
ihre Aufmerksamkeit schon ganz auf die Rachehandlung gerichtet ist. Dass
der Fahrtwind sich verzögert, hat wohl andere Gründe38, und die Vermu-
tung, dass die Götter Menschenopfer überhaupt ablehnten, setzt ein größe-
res Maß an Humanität bei ihnen voraus, als man ihnen zubilligen sollte.
Polyxene wählt mit ihrem Opfertod den einzigen Weg, auf dem es ei-
ner Frau in der damaligen Gesellschaft möglich war, selbstbestimmt hero-
isch zu handeln, ohne die Grenzen zu überschreiten, die ihr durch Natur
und Konvention gesetzt waren.39 Sie wird damit zu einer Heroine, die sich
in ihrer Geradlinigkeit und Unbedingtheit mit sophokleischen Helden wie
Aias, Antigone oder Elektra messen kann.40 Auch Hekabe, die sich in einer
aussichtslosen Situation mit aller Kraft für das Leben ihrer Tochter ein-
_____________
36 Mitchell-Boyask (1993) 120–23 meint, dass die Opferung Polyxenes ihren Zweck,
den günstigen Fahrtwind herbeizuführen, verfehlte, und nennt vermutungsweise
eine Reihe von Gründen für das von ihm angenommene Misslingen des Opfers.
Dem ist freilich entgegenzuhalten, dass sowohl die Heeresversammlung als auch
das Publikum die Opferung in keiner Weise als misslungen wahrnehmen und dass
die Mitteilung Agamemnons über das Ausbleiben des Windes erst sehr viel später
in wenigen Worten in einer Parenthese erfolgt (V. 900). Ein Interpret sollte immer
davon ausgehen, dass der Dichter dem, was er für wichtig hält, im Dramentext so
viel Gewicht gibt, dass auch der Zuschauer die Wichtigkeit bemerkt.
37 Gregory (1991) 97: „Polyxena’s readiness to die makes her the ideal sacrificial
victim.“ Zur Vollkommenheit und Freiwilligkeit des Opfertiers s. Burkert (1997)
10f.
38 Siehe S. 46f.
39 Foley (2001) 264: „There is for the Greeks no model of autonomous and heroic
femininity outside of self-sacrifice.“ Dazu ist freilich zu bemerken, dass in der
Tragödie auch Frauen ein autonomes Handeln möglich ist, dass dies aber immer
eine Grenzüberschreitung darstellt, die entsprechende Folgen hat. Dies zeigen Fäl-
le wie die Klytaimestras, Deianeiras, Antigones, Medeas und auch Hekabes.
40 Eine schöne Würdigung der Polyxene-Handlung bei Pagani (1970).
Die Polymestor-Handlung 23

setzt, erweist sich schon in diesem Teil des Dramas als eine heroische Ge-
stalt. Ihr Gegenspieler Odysseus dagegen erscheint als rücksichtsloser
Verteidiger und Vollstrecker des Beschlusses der Heeresversammlung, den
er zuvor selbst durch seine eigene Rede herbeigeführt hat. Er braucht keine
Gewalt anzuwenden, da sich Polyxene freiwillig in ihr Schicksal ergibt, er
lässt aber keinen Zweifel daran aufkommen, dass er sie anwenden würde,
wenn es nötig wäre. Mag seine Argumentation auch noch so geschickt
sein, die Sympathien des Publikums werden wohl eher auf der Seite der
beiden Frauen gewesen sein.

Die Polymestor-Handlung

Schon in der Prologrede erfährt der Zuschauer, dass der Thrakerkönig


Polymestor ein Verbrecher ist. Er hat auf Wunsch seines Gastfreundes
Priamos dessen Sohn Polydoros bei sich aufgenommen, damit dieser im
Falle des Unterganges von Troja gerettet werde. Als die Stadt gefallen ist,
hat er das ihm anvertraute Kind getötet, die ihm mitgegebenen Schätze an
sich genommen und die Leiche nicht bestattet, sondern ins Meer geworfen.
Bei seinem Auftritt und seinem Gespräch mit Hekabe erweist er sich als
Heuchler und Lügner, aber da er sich darauf verlässt, dass seine Untat ver-
borgen bleibt und dass die Griechen ihm freundschaftlich verbunden sind,
und da ihn seine Gier nach weiteren Schätzen für alle Gefahren blind
macht, kann Hekabe ihn leicht überlisten, mit Hilfe ihrer Mitgefangenen
blenden und seine beiden Söhne töten.
Anders als die Polyxene-Handlung verläuft die Polymestor-Handlung
nicht so, wie es der in der Prologrede erfolgenden Ankündigung ent-
spräche. Dort hat der Geist des Polydoros nur angekündigt, dass sein
Leichnam ein Grab erhalten wird, sobald er in die Hände seiner Mutter
gefallen ist (V. 49–52). Erst im Verlauf der Handlung wird sich zeigen,
dass ihm sehr viel mehr zuteil werden wird als eine würdige Bestattung,
nämlich eine angemessene Bestrafung seines Mörders durch seine Mutter.
Diese überraschende Wendung des Geschehens erfolgt ganz plötzlich
durch den Entschluss Hekabes, die Rache für den Tod ihres Sohnes auf
sich zu nehmen (V. 736–57), sie ist aber gut vorbereitet durch die Weise,
wie Hekabe durch ihr Verhalten während der vorausgehenden Handlung
charakterisiert worden ist.
Polymestor ist in jeder Hinsicht ein „ganz Schlechter“ (sfódra
ponhróß) im Sinne des Aristoteles (Poetik 1453a 1–7). Er befindet sich
zunächst in einem vermeintlichen Zustand des Glückes, da er, wie es ihm
scheinen muss, ungestraft einen großen Schatz an sich gebracht hat, nach-
dem er dessen rechtmäßigen Besitzer ermordet hat. Er muss jedoch im
24 Einführung

Verlauf der Handlung erleben, dass er für dieses Verbrechen aufs furcht-
barste bestraft wird. Es handelt sich bei ihm um einen Fall von der Art, die
der Philosoph meint, wenn er sagt, der tragische Dichter solle nicht darstel-
len, wie ein solcher „ganz Schlechter“ einen Umschlag vom Glück ins
Unglück erlebt, weil dies zwar menschlich erfreulich (filánqrwpon) sei,
aber weder Mitleid noch Furcht errege. In der Tat löst die Bestrafung des
Thrakerkönigs beim Zuschauer wenig Anteilnahme aus, und zwar höchs-
tens in dem Umfang, wie jeder Mensch am Leiden eines anderen Anteil
nimmt, ob dieses Leiden nun verdient sei oder nicht. Diese Anteilnahme
wird im Falle Polymestors aber nicht stark ausgeprägt sein, und bei vielen
Zuschauern wird die Schadenfreude überwiegen. Solche „ganz Schlechten“
wie Polymestor kommen, wohl aus dem von Aristoteles genannten Grund,
in den erhaltenen Tragödien des Euripides selten vor. Mir fällt nur noch der
Fall des Tyrannen Lykos im Herakles ein. Sonst bemüht sich der Dichter
im allgemeinen, auch die negativ gezeichneten Charaktere mit einigen
freundlicheren Zügen auszustatten, wie zum Beispiel Eurystheus in den
Herakliden oder Klytaimestra in der Elektra, wohl um beim Zuschauer
wenigstens eine gewisse Anteilnahme an ihrem Schicksal zu erwecken.
Man kann sich fragen, wie das zeitgenössische Publikum die doppelte
Bestrafung Polymestors, also seine Blendung und die Ermordung seiner
Kinder, beurteilt hat. Einen wichtigen Hinweis dürfte geben, dass innerhalb
des Stückes alle Beteiligten (ausser dem Betroffenen selbst) die Bestrafung
für angemessen halten und dass auch das Gerichtsverfahren, das unter
Agamemnons Leitung erfolgt, zu dem gleichen Ergebnis führt.41 Was die
Ermordung der Kinder betrifft, so scheint mir eine gewisse Ähnlichkeit mit
der Medea zu bestehen, weil hier wie dort der Vater durch den Verlust
seiner Kinder am schwersten getroffen wird (Med. 817). Im übrigen sind
die Unterschiede jedoch groß. Denn dort wird erstens die Anteilnahme des
Zuschauers am Schicksal der Kinder von Anfang an geweckt und während
des ganzen Stückes fortwährend verstärkt.42 Zweitens handelt es sich um
die eigenen Kinder der Mörderin, so dass der Zuschauer schon deswegen
von starken widerstreitenden Emotionen ergriffen wird. Er wird nicht nur

_____________
41 Richtig urteilt Dubischar (2001) 18: „Wenn sich während eines Dramenabschnitts
alle Bühnenfiguren in der Verurteilung einer Figur einig sind und nirgends eine
gegenteilige Meinung laut wird, kann man davon ausgehen, dass in dieser Phase
auch der Rezipient gegen diese Figur eingenommen sein soll.“ Allerdings zieht er
aus dieser Erkenntnis nicht die nötige Folgerung für die Beurteilung der Bestra-
fung Polymestors (334–41). – Wenn Ihm (2004) 136 die Bestrafung Polymestors
durch Hekabe als „einen schweren Bruch des Gastrechtes“ auffasst, verkennt sie,
dass er zuvor durch sein xenoktoneîn (1247) das Gastrecht gebrochen hat und jetzt
dafür nach allgemeinem Konsens mit Recht bestraft wird.
42 Ähnliches gilt auch für die Kinder des Herakles im Her.
Die Polymestor-Handlung 25

um die Kinder, sondern auch um die Mutter fürchten, und wenn es dann
zur Tat kommt, wird er für Kinder und Mutter Mitleid empfinden. In der
Hekabe dagegen wird der Auftritt der Kinder kaum vorbereitet, die Gefahr,
in der sie schweben, wird nicht bewusst gemacht, und ihr Tod wird nicht
angekündigt, sondern erfolgt völlig überraschend. Der Zuschauer erhält
also kaum die Möglichkeit, sich für sie emotional zu engagieren. Man
gewinnt den Eindruck, dass die Kinder nur zu dem Zweck eingeführt wer-
den, dass sie getötet werden, um durch den Verlust der Erben seines Ver-
mögens das Leid Polymestors so sehr zu vergrößern, dass das Ausmaß
seiner Bestrafung das richtige Verhältnis zur Größe seiner Verbrechen
(Mord, Raub, Bruch des Gastrechts, Leichenschändung) erhält.
Ich nehme also an, dass die Zeitgenossen mit der Form der Bestrafung
Polymestors einverstanden waren. Dass es im Altertum Fälle gab, in denen
jemand für ein schweres Verbrechen zusammen mit seiner Nachkom-
menschaft bestraft wurde, wird von Historikern bezeugt.43 Ob eine Blen-
dung als eine härtere Form der Bestrafung empfunden wurde, ist schwer zu
sagen. Ich vermute, dass die Ausstoßung aus der Gesellschaft der Sehen-
den, die durch eine Blendung bewirkt wird, als eine etwa gleich schwere
Strafe wie der Tod angesehen wurde. Für den Dichter bot diese Art der
Bestrafung auf jeden Fall den dramentechnischen Vorteil, dass ihm
Polymestor weiterhin zur Verfügung stand, als Sänger eines Klageliedes
über sein und seiner Söhne Unglück, als Verteidiger seines Verbrechens,
als Berichterstatter über seine eigene Bestrafung und schließlich als Ver-
künder zukünftigen Unglücks.
Sehr eindrucksvoll ist die Erscheinung des Geblendeten auf der Bühne
(1055a–1106). Er kriecht in der blutigen Maske, die dem Zuschauer wohl
schon aus dem Ödipus vertraut war, auf allen Vieren aus dem Zelt heraus,
tappt umher, um sich an seinen Feindinnen zu rächen, tastet nach den
Leichnamen seiner Kinder und schreit seinen Schmerz und seine Wut laut
heraus. Er zeigt sich in seinen wilden Gesängen und wohl nicht minder
wilden Bewegungen jetzt ganz als der Barbar, dem man seine schreck-
lichen Taten auch zutrauen kann. Er hat für die Dauer seines Liedes die
Maske des Biedermannes verloren, hinter der er sich vorher beim Gespräch

_____________
43 Bestrafung der Kinder als Teil der Bestrafung des Vaters auch bei Herodot 8,106
(Panionios) und 9,120 (Artayktes) sowie in späterer Zeit bei Diodor 20,70,3–4
(Agathokles). Diodor stellt ausdrücklich fest, dass der Tod der Söhne des
Agathokles eine gerechte göttliche Strafe für die Ermordung eines Gastfreundes
war. Hierzu Burnett (1998) 163 Anm. 83; ferner Meridor (1983) 17–20, die meint,
dass Eur. bei der Gestaltung des Schlusses der Hek. durch die Artayktes-Episode
bei Herodot angeregt worden ist. Auch der von Nebukadnezar abgefallene König
in Juda Zedekia wird auf die gleiche Weise bestraft wie Polymestor (Jeremia
39,6f.).
26 Einführung

mit Hekabe verborgen hat und die er bald wieder anlegen wird, wenn er
seine Sache in wohlgeordneter Rede vor Agamemnon vertritt. Es gibt im
ganzen Corpus der erhaltenen Tragödien nur wenig, das sich mit dieser
bewegten Szene vergleichen lässt.44
Bei Polymestors Rede (1132–82) sollte man sich nicht allzusehr durch
seine Argumentation beeindrucken lassen.45 Euripides pflegt in seinen
Redeagonen Fairness walten zu lassen, indem er den Rednern für ihre Sa-
che immer möglichst gute Argumente zur Verfügung stellt. Das bedeutet
jedoch nicht, dass er selbst sich diese Argumente zu eigen macht oder dass
sich der Zuschauer von ihnen überzeugen lassen soll. Polymestor ist durch
den Geist des Polydoros im Prolog als ein Mörder eingeführt worden, der
zu seiner Tat allein von Habgier getrieben wurde. Diese Motivation seines
Handelns ist damit für die Zuschauer eine aus berufenem Mund beglau-
bigte Tatsache.46 Sie wird denn auch von der Dienerin (712), von
Agamemnon (775) und von Hekabe (776) vorausgesetzt, und auch in sei-
nem Gespräch mit Hekabe (953–1022) verhält er sich dementsprechend.
Wenn Polymestor seine Tat nachträglich anders begründet, hat dies keine
Überzeugungskraft, und es fällt Hekabe denn auch leicht, seine Argumen-
tation zurückzuweisen.
Man hat mit Recht auf einige Parallelen hingewiesen, die zwischen
Polymestor und dem Polyphem der Kyklopenepisode der Odyssee (9,193–
542) bestehen.47 Jeder von beiden ist ein Verächter des Gastrechts und ein
Mörder und Kannibale (Polymestor zumindest potentiell: 1071f.). Beide
werden zur Strafe geblendet; beide werden zu Verkündern einer unglück-
lichen Zukunft derer, die sie bestraft haben, und schöpfen dabei aus dem
Wissen, das ihnen Seher mitgeteilt haben. Es kann also sein, dass Euripides
sich beim Schlussteil der Polymestor-Handlung von der Odyssee anregen
ließ. Dass er damit andeuten will, dass Hekabe sich bei ihrer Rache dem
schnöden Verhalten des Odysseus, ihres Gegenspielers in der ersten Dra-
menhälfte, angleicht, wie vermutet wurde, glaube ich freilich nicht.48 Ich
meine vielmehr, dass die Überlistung Polymestors als eine Meisterleistung
wahrgenommen werden sollte, die vollen Respekt verdient und die sich
durchaus mit der berühmtesten Tat des Odysseus, der Blendung des Kyk-

_____________
44 Gut hierzu Schadewaldt (1926) 154f.; s. zu V. 1055a–1108.
45 Dies ist z. B. der Fall bei Meridor (1979/80) 10 Anm. 16; Ihm (2004). Richtig
hierzu Battezzato (2003) 26.
46 Dubischar (2001) 200–06 spricht von der „auktorial intendierten Rezeptions-
perspektive“.
47 Schmid (1940) 466; Segal (1990a) 309f.; Ferla (1996) 289.
48 Segal (1990a) 309–11.
Hekabe als Zentralgestalt 27

lopen, vergleichen lässt. Übrigens wirkt der Schluss des Kyklops an einigen
Stellen wiederum wie eine Parodie des Schlusses der Hekabe.49

Hekabe als Zentralgestalt

In der zentralen Gestalt der Hekabe und in ihrem Schicksal verbinden sich
Exemplarisches und Persönliches. Einerseits ist sie, wie es im Stück immer
wieder heißt, das große Exempel für den Wechsel von Glück zum Un-
glück, andererseits ist sie auch ein markanter, unverwechselbarer Charak-
ter.
Schon der Prologsprecher Polydoros stellt seine Mutter vor ihrem Auf-
tritt als einen Menschen vor, den das Schicksal aus dem Königspalast ver-
trieben und in die Sklaverei verbannt hat und der jetzt ebenso tief steht, wie
zuvor hoch (54a–58). Dem entspricht dann auch ihre Erscheinung auf der
Bühne. Als Talthybios sie später erblickt, wie sie nach dem Verlust ihrer
Tochter in ihre Kleider gehüllt zusammengesunken auf dem Boden liegt,
nimmt er ihr Los als Beweis dafür, dass das Ergehen der Menschen den
Göttern gleichgültig ist, und hebt hervor, wie hoch sie einst stand und wie
tief sie jetzt gesunken ist (488–98). Hekabe selbst fasst ihr Schicksal als
exemplarisch auf: als eine Warnung an die Menschen vor Übermut und als
eine Mahnung dazu, schon das unbeschädigte Überleben des nächsten
Tages für das größte Glück zu halten (619–28). Auch die Dienerin, die
Hekabe den Leichnam des Polydoros überbringt, erklärt ihre Herrin zu dem
Menschen, der alle anderen durch sein Unglück übertrifft, zur ‚Siegerin‘
im Wettstreit um den Platz des Allerunglücklichsten (658–60). Ebenso
sieht es Agamemnon (785), und sie selbst bestätigt es, indem sie sich mit
Tyche, der Glücksgöttin, die in diesem Fall die Verkörperung des Un-
glücks ist, auf eine Stufe stellt (786) und dann noch einmal vor seinem
distanzierten Blick ihr Leid in all seinen Aspekten ausbreitet (808–11).
Selbst Polymestor fasst ihr Unglück als exemplarisch auf und knüpft all-
gemeine Betrachtungen daran an (955a–60).
Aber Hekabe ist vom ersten Auftritt bis zu ihrem letzten Abgang nie-
mals nur Exempel, sondern immer zugleich auch ein fest umrissener Cha-
rakter, der im Laufe des Stückes immer mehr an Profil gewinnt. Sie ist eine
der eindrucksvollsten Frauengestalten, die Euripides geschaffen hat. Zuerst
erscheint sie als ärmlich gekleidete und gebrechliche alte Frau, die sich nur
mit Hilfe eines Stockes mühsam fortbewegen kann und bei jedem Schritt
gestützt werden muss (59–67), also als jemand, von dem nur noch Klagen
zu erwarten sind und der zum energischen Handeln schon zu schwach ist.
_____________
49 Besonders auffällig Hek. 1035-39 ~ Kykl. 663–66.
28 Einführung

Der Zuschauer muss dann jedoch erleben, wie sie, ohne lange zu überle-
gen, den Rat der Frauen des Chores befolgt und mit einer eindringlichen
Rede und auch mit körperlichem Einsatz das Leben Polyxenes zu retten
versucht. Sie scheitert, weil sie der Macht der Griechen nur Worte entge-
gensetzen kann, aber niemand kann ihr vorwerfen, dass sie nicht alles ver-
sucht hat. Am Ende, als sie Polyxene für immer verloren hat, sinkt sie er-
schöpft zusammen, doch selbst in diesem Augenblick gibt sie durch die
Verwünschung Helenas zu erkennen, dass sie noch nicht am Ende ihrer
Kräfte ist (441–43). Auf den Bericht des Talthybios über den Tod ihrer
Tochter reagiert sie gefasst und würdevoll und trifft ruhig und umsichtig
die Vorbereitungen für eine angemessene Bestattung, wobei sie, wieder
ganz als die Königin, die sie einmal war, auch dem griechischen Heer An-
weisungen für sein richtiges Verhalten gibt. Hekabes Bewährungsprobe
kommt dann, als ihr der Leichnam überbracht wird, von dem es sich her-
ausstellt, dass er Polydoros gehört. Als sie sieht, dass sie sofort nach dem
Tode Polyxenes ein neues Unglück getroffen hat, bricht sie nicht etwa
völlig zusammen, wie es die Zuschauer erwartet haben mögen, sondern
entschließt sich nach einem kurzen Ausbruch wilden Schmerzes, abermals
ohne längere Überlegung, zur Rache am Mörder ihres Sohnes. Sie gewinnt
Agamemnon zwar nicht für die Übernahme der Bestrafung, aber wenigs-
tens dafür, dass er ihrem Handeln nicht im Wege steht und ihr sogar Hilfs-
dienste leistet. Dabei erweist sie sich in ihrer rücksichtslosen Entschlos-
senheit zum Vollzug der Rache als die Überlegene gegenüber dem König,
der auf die Stimmung des Heeres Rücksicht nehmen muss. Sie stellt gera-
dezu die Machtverhältnisse auf den Kopf: Obwohl sie seine Sklavin ist,
kann sie ihm Befehle geben (870–74, 888–97). Bei der Begegnung mit
Polymestor zeigt sie sich als Meisterin in der Entlarvung des Lügners und
der Überlistung des allzu Vertrauensseligen. Auch nach dem Vollzug der
Rache ist sie Herrin der Situation. Da sie sich zuvor mit Agamemnon ver-
ständigt hat, kann sie zuversichtlich in die Auseinandersetzung mit
Polymestor eintreten, die sie souverän besteht. Nicht einmal die Ankündi-
gung ihrer Verwandlung und ihres baldigen Todes kann sie erschüttern,
nachdem das letzte Ziel erreicht ist, das sie sich für ihr Leben gesetzt hat
(1274, vgl. auch 756f.). Nur als sie erfährt, dass auch das Leben
Kassandras bedroht ist, erwacht noch einmal für einen Augenblick ihr
mütterlicher Instinkt, der sie eine letzte Verwünschung ausstoßen lässt
(1275f.).
Dass die weibliche Hauptgestalt in der zweiten Dramenhälfte aus einer
Leidenden zu einer erfolgreich Handelnden wird, deren Handeln durch ihr
Leid motiviert ist, findet bei Euripides seine Parallele insbesondere bei
Medea, aber ebenfalls bei Alkmene am Schluss der Herakliden. Auch die
Phaidra des Hippolytos mit ihrem plötzlichen Übergang vom Leiden an
Hekabe als Zentralgestalt 29

ihrer Liebe zum hasserfüllten Handeln gegen den eben noch geliebten
Mann ist hier zu nennen. Aus den späteren Stücken ist die Kreusa des Ion
mit ihrer aus Schmerz und Enttäuschung plötzlich erwachten Mordlust ein
weiteres Beispiel. In allen diesen Fällen wird die Sympathie des Publikums
mit den bisher Leidenden auf die Probe gestellt. Murray spricht von einem
„Umschwung der Sympathie“, einer Lösung der emotionalen Bindung an
die Partei, mit der sich das Publikum bisher verbunden gefühlt hat, beglei-
tet von einem neu erwachenden Mitgefühl für die Gegenpartei.50 Ein sol-
cher Wechsel wird nicht jedesmal gleich stark ausgeprägt sein, und er wird
auch nicht bei jedem Zuschauer in der gleichen Weise erfolgen, aber die
Beobachtung von Murray ist grundsätzlich richtig. Sie lässt darauf schlie-
ßen, dass Euripides andeuten will, Recht und Unrecht seien nicht immer so
sauber verteilt, wie das Publikum es wünscht. Ich meine allerdings, dass in
unserem Fall die Distanzierung von der einen und das neue Mitgefühl mit
der anderen Partei besonders schwach ausgeprägt gewesen sein dürften.
Es ist oft beklagt worden, dass der Zuschauer die rasche Verwandlung
Hekabes von einer Leidenden zur Handelnden nicht nachvollziehen könne,
so dass es ihm schwer falle, sie in beiden Teilen des Dramas als einen ein-
heitlichen Charakter wahrzunehmen. Dass dieser plötzliche Übergang er-
staunlich ist, lässt sich nicht leugnen. Es sind bei ihr weder Überlegung
noch Entschluss darüber erforderlich, ob sie sich an Polymestor rächen
soll, sondern nur darüber, ob sie versuchen soll, sich der Hilfe
Agamemnons zu bedienen (736–51). Man kann allerdings nicht von einem
Bruch in der Charakterdarstellung sprechen. Denn Hekabes Verhalten in
der zweiten Teilhandlung wird in der ersten vorbereitet. Sie leidet und
klagt nicht nur, sondern kämpft auch dort schon sofort unermüdlich für das
Leben ihrer Tochter, und zwar, wie der Zuschauer von vornherein weiß,
ohne Aussicht auf Erfolg und gegen die Bestimmung des Schicksals (43f.).
Sie gibt sich erst dann geschlagen, als Polyxene selbst sie dazu auffordert,
ihren Widerstand aufzugeben. Auch im Augenblick der tiefsten Verlas-
senheit, als ihre Tochter auf immer von ihr gegangen ist, besitzt sie noch
soviel Kraft, dass sie Helena verwünschen kann (441–43). Hekabe zeigt
also auch im ersten Teil des Stückes bestimmte Charakterzüge, welche die
Energie schon ahnen lassen, die sie in der zweiten bei der Durchführung
ihrer Rache entwickeln wird.51
_____________
50 Murray (1957) 104.
51 Gärtner (2005) 46–52 spricht richtig von einem „in seinen inneren Motiven nach-
vollziehbaren tiefgreifenden Wandel von Hekabes Verhalten“ (51) vom Leidenden
zum Handelnden, und sieht die Stelle des Überganges in der Wendung von der
Trauer über Polyxenes Tod zur tatkräftigen Vorbereitung ihrer Bestattung (V. 585–
618). Das edle Verhalten der Tochter gibt der Mutter nach seiner Auffassung also
Kraft für ihr eigenes Handeln in der zweiten Dramenhälfte.
30 Einführung

Als einzige überlebende Familienangehörige hat sie das Recht, Bestra-


fung für die Ermordung ihres Sohnes zu fordern. Da ihr Herr Agamemnon
sich nicht in der Lage sieht, zu handeln, und da es kein Gericht gibt, das sie
anrufen kann, darf sie die Rache in die eigene Hand nehmen. Wäre sie ein
Mann, hätte sie sogar die Pflicht zur Rache. Als Frau ist sie zwar nicht
verpflichtet, aber sie nimmt die Tat freiwillig auf sich.52 Dass eine Frau die
Rache übernimmt, macht ihr Handeln für das männliche Publikum zwar
problematisch und beunruhigend, aber gewiss nicht verwerflich. Das Pub-
likum mag ihr Handeln mit einer Mischung aus Bewunderung und Grauen
beobachtet haben, ähnlich wie bei anderen euripideischen Frauengestalten
von Medea bis hin zur Kreusa des Ion.
Es wird viel darüber diskutiert, ob Hekabe mit der doppelten Bestra-
fung Polymestors durch seine Blendung und die Ermordung seiner Kinder
eine angemessene oder eine unverhältnismäßige Rache vollzieht. Manche
modernen Interpreten vermuten letzteres.53 Man darf jedoch die Rache
Hekabes nicht nach den Maßstäben unserer Gesellschaft beurteilen, son-
dern nach denen der Zeitgenossen. Selbstjustiz war in Athen zwar durch
die staatliche Gerichtsbarkeit zurückgedrängt worden, aber noch nicht
völlig außer Gebrauch gekommen. Insbesondere in einer Tragödie, die in
der mythischen Zeit vor der Bestellung ordentlicher Gerichte, also gleich-
sam vor der Einsetzung des Areopags spielt, dürfte das Publikum eine
Vergeltung von Mord mit Mord als angemessen empfunden haben.54
Für die zeitgenössischen Zuschauer lag das Problem von Hekabes
Handeln wohl eher darin, dass sie als Frau und obendrein noch als Sklavin
die Rache übernehmen und erfolgreich zu Ende führen kann. Hier setzt
denn auch der Zweifel Agamemnons ein (883, 885). Wenn sie sich ihm
gegenüber auf Vorbilder beruft, sind es so berüchtigte Fälle wie die der
Danaiden und der Lemnierinnen, die ihre Ehemänner töteten (886f.).
Polymestor ist auch nicht so sehr darüber empört, dass er im Rechtsstreit
_____________
52 Zu Frauen als Vollstreckerinnen einer Blutrache Foley (2001) 161–64. Sie ver-
weist auch auf die sophokleische Elektra, die nach dem vermeintlichen Tode des
Orestes die Rache für den Tod ihres Vaters übernehmen will.
53 So auch Reckford (1985), Dubischar (2001) 336–38. Dies scheinen mir Fälle eines
von Sourvinou-Inwood (2003) 292–94 so bezeichneten „culturally determined
judgment“ zu sein, also einer unreflektierten Beurteilung eines antiken Kultur-
phänomens aus der Perspektive der christlich geprägten modernen Kultur. Vgl.
auch S. 18ff. zum Problem der Beurteilung des Menschenopfers. – Die Ermordung
der Kinder scheint bei Garnier (1579) zum ersten Mal zum Problem zu werden, da
er bei seiner Bearbeitung des Stoffes Polymestor diese Kinder „innocents“ nennen
lässt (V. 2467). Hekabe wird allerdings trotzdem bei ihm ebenso wie bei Eur. von
Agamemnon freigesprochen. Zu Garniers Troade s. S. 61ff.
54 So auch Meridor (1978); Erbse (1984) 56f.; Nussbaum (1986) 410f.; Burnett
(1998) 166–72; Gregory (1999) xxxiif.
Hekabe als Zentralgestalt 31

unterlegen ist, sondern darüber, dass es eine Frau und Sklavin war, die ihn
besiegt hat (1252f.). Hekabe dürfte mit ihrer Tat die Grenzen überschritten
haben, die nach damaligem Empfinden dem weiblichen Geschlecht durch
Natur und Gesellschaft gesetzt waren.55 Das war beunruhigend für die
männlichen Zuschauer. Da mag es für sie ein gewisser Trost gewesen sein,
dass ihr am Schluss des Stückes die baldige Verwandlung in eine Hündin
und der Tod angekündigt werden.
Manche Interpreten halten die Rachetaten Hekabes für ein Beispiel da-
für, wie ein bis dahin edler Charakter durch allzugroßes Leid entarten und
sogar extreme Bösartigkeit entwickeln kann.56 Sie stellen ihr Verhalten der
vornehmen Resignation Polyxenes gegenüber und nehmen sogar an, dass
die Kontrastierung der gegensätzlichen Verhaltensweisen der beiden Frau-
en das eigentliche Anliegen des Dichters sei.57 Das würde bedeuten, dass
Hekabe richtiger gehandelt und Polyxenes Wunsch nach einem würdigen
Verhalten ihrer Mutter (V. 408) besser entsprochen hätte, wenn sie ganz
auf die Rache verzichtet oder sich damit begnügt hätte, den Rechtsfall
Agamemnon vorzulegen und sich mit seiner Entscheidung zufrieden zu
geben. Sie hätte demnach ähnlich handeln sollen wie die sophokleische
Ismene oder Chrysothemis und nicht wie Antigone oder Elektra. Es gibt
aber extreme Situationen, in denen auch ein extremes Handeln erforderlich
ist. In eine solche ist Hekabe durch die Untaten Polymestors geraten, ähn-
lich wie Medea und die anderen Frauen bei Euripides, die durch extremes
Leid zu außerordentlichen Handlungen getrieben werden.
Dass Hekabe ihren Feind überlistet und dass sie Agamemnon zu ihrem
Komplizen macht, sollte ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden oder gar
als moralischer Abstieg bewertet werden. Die Griechen haben immer viel
_____________
55 Man sollte freilich nicht von „Hybris“ sprechen, wie Schuster (1954) 31f., 37,
genau so wenig wie im Fall der Antigone des Soph. Alle großen Heroinen der Tra-
gödie wie Klytaimestra bei Aisch., Antigone und Elektra bei Soph. und Medea bei
Eur. überschreiten im übrigen die dem weiblichen Geschlecht gesetzten Grenzen.
Von Hybris kann man allerdings nur im Falle Klytaimestras reden; wie vor allem
ihre Rede Ag. 1372–98 zeigt.
56 Schmid (1940) 464: „geradezu satanische Kräfte”; Pohlenz (1954): „Teufelin, der
wir doch unsere Sympathie bewahren“; Murray (1957) 48: „durch unerträgliches
Leid in eine Art Teufel verwandelt“; Segal (1990a) 304: „This pitiable mater dolo-
rosa becomes a monster of vengefulness.“ Reckford (1985) bezeichnet Hekabes
Verhalten in der zweiten Hälfte des Stückes denn auch als „Demoralization“; Hose
(2006) 276 und (2008) 90 spricht von „Entmenschlichung“. – Conacher (1998) 60–
66 meint, dass man an der Argumentation der drei großen Reden Hekabes V. 251–
95, 787–845 und 1187–1237 den stufenweise erfolgenden sittlichen Verfall
Hekabes erkennen könne. Andere nehmen an, dass ihre Wendung vom guten zum
fragwürdigen Gebrauch der Beredsamkeit in der Mitte ihrer zweiten Rede, also et-
wa in V. 812–823 erfolgt.
57 Reckford (1985); Nussbaum (1986) 406.
32 Einführung

Verständnis aufgebracht, wenn ein Schwächerer einen Stärkeren, der ihm


Unrecht getan hat oder der ihn bedroht, durch eine gut ersonnene List
überwindet.
Die Auffassung ist verbreitet, die Verwandlung Hekabes in eine Hün-
din sei eine Bestrafung für die Schuld, die sie durch ihre exzessive
Rachetat auf sich geladen habe. Da ich ihre Rache nicht für exzessiv halte,
kann ich keine Schuld bei ihr erkennen und meine darum auch, dass ihre
Verwandlung nicht als Bestrafung aufzufassen ist. Vielmehr sehe ich sie
vor allem als eine Befreiung aus der Sklaverei durch die Entrückung aus
dieser Welt und allenfalls als Konsequenz daraus, dass sie die Grenzen
ihres Geschlechts überschritten und sich damit außerhalb der menschlichen
Gesellschaft gestellt hat.
Dass Hekabe in eine Hündin verwandelt wird, ist nicht als negative
Bewertung ihres Handelns aufzufassen, wie es oft geschieht.58 Wer die
Verwandlung als Bestrafung auffasst, versteht das Tier als eine Verkörpe-
rung der Schamlosigkeit. Den Hündinnen werden aber auch andere Eigen-
schaften zugesprochen. In einem Gleichnis der Odyssee (20,14f.) verteidigt
eine Hündin ihre Jungen erbittert gegen Angreifer. In anderen Gleichnissen
sind Hunde hartnäckige Verfolger, die sich nicht abschütteln lassen; darum
werden die ebenso hartnäckigen Rachegöttinnen, die Erinyen, oft metapho-
risch Hündinnen genannt. In den homerischen Gleichnissen schrecken
Hunde zwar vor den stärkeren Löwen zurück, sind aber mutig bei der
Eberjagd.59 Ein Fragment aus dem Alexandros ordnet die in eine Hündin
verwandelte Hekabe dem Gefolge der Göttin Hekate zu und nähert sie
damit der Sphäre des Göttlichen an (F 62h TrGF).
Man kann für Hekabes Verwandlung eine Parallele in der Erscheinung
Medeas auf dem Drachenwagen sehen. Auch Medea hat sich mit dem Kin-
dermord außerhalb der Gesellschaft gestellt, wird dafür aber nicht bestraft,
sondern von ihrem göttlichen Großvater Helios entrückt. Hekabe wird nach
ihrer Tat durch die Verwandlung in eine Hündin ebenfalls aus einer leid-
vollen Daseinsform entrückt und wird zugleich auch aus dieser neuen
Form durch den Tod befreit. Die Sklaverei bleibt ihr erspart, und der Tod
hat keine Schrecken für sie. Sie hat ihn sich vielmehr schon oft herbeige-
wünscht (V. 167f., 231–33, 383–88, 391–93, 396, 505–07). Entsprechend
kühl ist ihre Reaktion auf die Voraussage Polymestors (1274).
Immer wieder fällt der Kontrast zwischen Hekabes gefühlsbestimmtem
leidenschaftlichen Handeln und ihrer rationalen, stark sophistisch gefärbten
Argumentation auf. Die zahlreichen allgemeinen Reflexionen, die der
_____________
58 Hierzu ausführlich Burnett (1994).
59 Dazu H. Fränkel, Die homerischen Gleichnisse, Göttingen 1921, 68f., 85, 94 sowie
der Artikel kúwn von W. Beck im Lexikon des frühgriechischen Epos.
Hekabe als Zentralgestalt 33

Dichter ihr in den Mund legt, färben auch auf ihr Charakterbild ab und
lassen sie immer wieder wie eine Lehrerin des richtigen Verhaltens wirken,
sowohl im Verhältnis zu Odysseus, Agamemnon und Polymestor als auch
zu ihren ständigen Zuhörerinnen, den Frauen des Chores. Nur von
Polyxene muss sie sich belehren lassen (372–74, 404–08).
Die seelische Verfassung Hekabes im Verlauf der Handlung der Tra-
gödie lässt sich durch eine Kurve nachzeichnen, die sich immer im Bereich
des Schmerzes, der Trauer und der Sorge bewegt, aber dabei auch ihre
Höhen und Tiefen hat. Sie beginnt im Augenblick ihres ersten Auftritts mit
Trauer über den Untergang der Stadt und den Verlust der meisten Angehö-
rigen, verbunden mit der neuen Sorge um Polydoros und Polyxene. Als das
Leben ihrer Tochter unmittelbar bedroht ist, wird die Trauer für eine Weile
überdeckt: Hekabes Aktivität erwacht beim Versuch, Polyxene doch noch
zu retten. Sobald dieser Versuch gescheitert ist, sinkt sie kraftlos zu Boden.
Als sie den Bericht des Talthybios über den Tod ihrer Tochter entgegenge-
nommen hat, äußert sie ihre Trauer in ruhiger und würdiger Form, weil in
diesem Bericht mit dem Traurigen auch etwas Trost verbunden war (588–
92). Als sie sich in diesem Zustand gefasster Trauer auf die Bestattung
ihrer Tochter vorbereitet, trifft die neue Unglücksbotschaft sie tief ins Herz
und bringt sie zum großen Ausbruch ihrer Gefühle in der Totenklage um
Polydoros. Dies ist der absolute Tiefpunkt, den sie aber rasch überwindet,
als sie mit großer Energie und mit Erfolg beginnt, die Voraussetzungen für
ihre Rachetat zu schaffen. Hekabes Trauer ist während fast der ganzen
zweiten Dramenhälfte wieder überdeckt durch ihre zielgerichtete Aktivität,
und als das Ziel erreicht und der Mörder bestraft ist, darf sie für kurze Zeit
triumphieren. Am Schluss des Stückes ist die leichte Aufhellung ihrer düs-
teren Stimmung wieder vorbei, weil nach der Vorhersage Polymestors über
Kassandras Schicksal neues Unglück droht. Aber Hekabe selbst betrifft das
nicht mehr, und so ist sie am Schluss, um Scaliger zu zitieren, zwar „trau-
rig“, aber „etwas weniger traurig“ als zuvor nach der Trennung von
Polyxene und der Auffindung des Leichnams des Polydoros.60
Aristoteles unterscheidet im 18. Kapitel seiner Poetik (1455b 32–
1456a 3) vier Arten (ei¢dh) von Tragödien, die komplizierte (peplegménh),
die von Leiden oder Leidenschaften erfüllte (paqhtikä), die, in deren
Mittelpunkt ein Charakter steht (h¬qikä), und eine vierte, deren Bezeich-
nung verlorengegangen ist, in der sich aber nach den dort genannten Bei-
_____________
60 Scaliger (1561) 145 (Buch 3, Kap. 97). Obwohl Scaliger weiß, dass es auch Tra-
gödien gibt, die einen eindeutig glücklichen Ausgang haben, scheint er besorgt zu
sein, dass der Ausgang der Hek. nicht tragisch genug sein könnte. Er schreibt:
„Verum quum Tragoediae sit infelix exitus, et Tragoedia sit Hec., oportuit
Hecubam in fine quam in principio maestiorem. Id autem nequaquam fit: ultione
enim paulo minus tristis.“
34 Einführung

spielen wunderbare Dinge ereignen und die darum möglicherweise „wun-


derbar“ (teratådhß) genannt wurde. Diese Arten lassen sich freilich nicht
scharf gegeneinander abgrenzen. Die Hekabe lässt sich einerseits als h¬qikä
ansehen, weil der Charakter Hekabes im Zentrum steht und die Schicksale
ihrer beiden Kinder ganz unter dem Gesichtspunkt dargestellt werden, wie
sie sich auf das Gemüt der Mutter auswirken. Andererseits lässt sich diese
Tragödie auch als paqhtikä auffassen, weil die Hauptgestalt als Leidende
gezeigt wird, die durch ihr doppeltes Leid zu einem leidenschaftlichen
Handeln veranlasst wird.

Nebenthemen

Die Macht der Beredsamkeit

Die Beredsamkeit, ihre Macht und auch ihre Gefahren werden in der
Hekabe immer wieder zum Thema. Das ist nicht erstaunlich in diesem
Drama, das wenige Jahre nach dem ersten Auftreten des Gorgias in Athen
(427) und dem dadurch ausgelösten Erwachen des Interesses der Athener
an der systematisch gelehrten Kunst der Beredsamkeit aufgeführt wurde. In
diesem Stück wird die Notwendigkeit der Erlernung dieser Kunst begrün-
det (V. 814–19), aber es wird in ihm auch kritisiert, dass sie missbraucht
werden kann, um Einfluss auf die Masse des Volkes zu gewinnen (254–57)
oder um einer schlechten Sache mit scheinbar guten Argumenten zum Sieg
zu verhelfen (1187–94). Auch wird die von den Theoretikern der Rhetorik
viel diskutierte Frage des Anteils von Anlage und Erziehung ausführlich
erörtert (592–602).
Außerdem enthält das Stück Beispiele für Reden aller Art. Alle drei
Redegattungen sind mit guten Beispielen vertreten. Zur Gattung der Ge-
richtsrede (genus iudiciale) lässt sich die Rede V. 1187–1237 rechnen, zur
Gattung der Beratungsrede (genus deliberativum) die Rede 787–845 und
schließlich zur Gattung der Lob- oder Tadelsrede (genus demonstrativum)
die Reden 518–82 und 585–602. Ferner finden sich auch zweimal Paare
von Reden, die als Rede und Gegenrede aufeinander bezogen sind (251–95
und 299–331; 1132–82 und 1187–1237). Dabei fällt auf, dass in den Rede-
paaren auch die Vertreter der Gegenseite mit den besten Argumenten aus-
gestattet werden, die sich für sie finden lassen (Odysseus 306–31,
Polymestor 1136–44) und dass auch die Seite, der die Sympathie des Pub-
likums gehört, recht spitzfindige Argumente vorbringt (Hekabe 1217–23).
Man kann Erfolge guter Reden erleben (787–845 und 1187–1237), aber
auch ein völliges Scheitern einer mit überzeugenden Argumenten für eine
Nebenthemen 35

gute Sache vorgebrachten Rede aus dem einfachen Grund, weil das Wort
des Machtlosen dem des Mächtigen immer unterlegen ist (251–95).
Es ist also nicht verwunderlich, dass dieses so stark von rednerischer
Praxis und Theorie geprägte Stück den Bedürfnissen eines rhetorisch orien-
tierten Unterrichts entsprach, wie er in der Spätantike und im byzantini-
schen Mittelalter üblich war, und dass es sich in diesen Jahrhunderten be-
sonderer Beliebtheit erfreute.61

Charis: Gunst und Dank

Collard hebt die große Bedeutung hervor, die in der Hekabe der Begriff der
‚Charis‘ (cáriß) hat.62 Charis ist die Gunst, die ein Mensch einem anderen
erweist, sie ist die Freude, die er ihm damit bereitet, sie ist die Dankbarkeit,
die er so bei ihm gewinnt, sie ist der Dank, den man dafür abstattet, und
schließlich sind es auch die Geschenke oder Taten, durch die das Abstatten
des Dankes geschieht. Es geht hier um die Beziehungen, welche die Men-
schen durch ihr Handeln untereinander aufbauen, und um die Tragfähigkeit
dieser Beziehungen in kritischen Situationen.
Auch die durch Gastfreundschaft (xenía) aufgebaute Beziehung gehört
in diesen Zusammenhang. Sie steht unter dem besonderen Schutz des Zeus
Xenios. Polymestor, ein alter Gastfreund des Hauses des Priamos (793–
95), hat diese Beziehung durch die Beraubung und Ermordung seines jun-
gen Gastes aufs schwerste verletzt, und er empfängt dafür die verdiente
Strafe.
Eine Beziehung, durch die Charis entsteht, kann auch auf andere Weise
zustande kommen, wie der Fall des Odysseus zeigt. Er wurde im bela-
gerten Troja als Spion entdeckt, warf sich in dieser lebensgefährlichen
Lage als Schutzflehender (i™kéthß) Hekabe zu Füßen und gab sich dadurch
in ihre Gewalt. Sie erbarmte sich seiner, ließ ihn entkommen und erwarb
sich so ein Recht auf seine Dankbarkeit. Als nun ihre Tochter in Lebensge-
fahr gerät, wiederholt Hekabe ihrerseits die Geste, beruft sich auf die
Gunst, die sie ihm damals erwiesen hat, und fordert, dass er sich jetzt
dankbar erweist und ihre Tochter rettet. Odysseus weist sie ab, indem er
seine Verpflichtung eng auslegt und sie nur gegenüber ihr selbst anerkennt,
nicht jedoch gegenüber ihrer Tochter. Damit erweist er sich als undankbar
(254 a¬cáristoß) gegenüber Hekabe, während er dem Heer zu Gefallen
redet (257 pròß cárin).

_____________
61 S. hierzu auch S. 58.
62 Collard (1991) 25–27.
36 Einführung

Zu ihrem neuen Herrn Agamemnon versucht Hekabe eine auf Hikesie


gegründete Beziehung aufzubauen. Sie fleht ihn an, sich gegenüber
Polymestor für ihr Recht einzusetzen und ihn in ihrem Namen zu bestrafen.
Als sie mit ihrem Anliegen zu scheitern droht, geht sie einen anderen Weg
und appelliert an die Dankbarkeit (cáriß) Agamemnons für die Liebes-
gunst, die ihm ihre Tochter, seine Sklavin Kassandra, jede Nacht erweist.
Diese gewagte Argumentation hat Erfolg. Agamemnon mag zwar nicht die
Bestrafung Polymestors übernehmen, erklärt sich aber wenigstens bereit,
sich neutral zu verhalten. Er steht auch zu diesem Versprechen, und als
Hekabes Rache gelungen ist, stellt er sich in dem Rechtsstreit zwischen ihr
und Polymestor eindeutig auf ihre Seite.
Auch unter den Griechen gibt es Beziehungen, die nicht vernachlässigt
werden dürfen. Odysseus fordert das Heer auf, nicht undankbar gegenüber
seinem größten Helden zu sein (137 a¬cáristoi). Doch bei der Beziehung
der Griechen zu Achilleus ist meist nicht von Charis die Rede, sondern von
einer Ehrung (timân) des verdienten Helden durch eine angemessene Eh-
rengabe (géraß).

Dynasten und Demokraten?

Kovacs bemerkt richtig, dass in der Hekabe das griechische Heer vor Troja
und auch noch auf der ersten Station seiner Heimfahrt eine demokratische
Verfassung hat, bei der die Heeresversammlung die letzte Entscheidung
trifft.63 Vor dieser Versammlung treten verschiedene Redner auf und ma-
chen Vorschläge und Gegenvorschläge, doch die Beschlüsse fasst die Ver-
sammlung, analog zu den Verhältnissen, die dem athenischen Publikum
aus der eigenen Stadt vertraut sind. Demgegenüber ist bei Troern und
Thrakern immer von Königen die Rede und nie von beratenden oder be-
schlussfassenden Gremien. Kovacs hält diesen Unterschied sogar für so
bedeutsam, dass er seine Interpretation des Stückes unter die Überschrift
„Dynasts and Democrats“ stellt.
Die Griechen, wie Kovacs sie charakterisiert, lassen keine andere
Handlungsmaxime gelten als das Wohl ihrer Gemeinschaft, dem sie alles
andere unterordnen. Religiöse Rücksichten spielen bei ihnen keine Rolle,
und persönliche Beziehungen zwischen einzelnen, wie sie durch Gast-
freundschaft, Hikesie und wechselseitige Dankbarkeit geknüpft werden,
fallen gegenüber den Interessen der Gesamtheit nicht ins Gewicht.
Demgegenüber halten die Troerinnen, verkörpert durch Hekabe und
Polyxene, nach seiner Meinung die aristokratischen Ideale der heroischen
_____________
63 Kovacs (1987) 78–114.
Nebenthemen 37

Zeit hoch. Sie fühlen sich über das Volk erhaben und verachten die grie-
chischen Fürsten, die vom Wohlwollen ihrer Völker abhängig sind. Sie
sind es gewohnt zu herrschen, verhalten sich auch nach dem Fall Trojas,
als wenn sie noch Herrscher wären, und vertrauen auf persönliche Bezieh-
ungen von Herrscher zu Herrscher. Sie haben sich den Glauben erhalten,
dass die menschlichen Schicksale in Glück und Unglück von den Göttern
bestimmt werden, und nehmen dementsprechend auch ihr eigenes Unglück
als gottverhängt hin.
Ein solcher Gegensatz zwischen den „demokratischen“ Griechen und
den „dynastisch“ gesonnenen, adelsstolzen, auf traditionelle und religiös
fundierte persönliche Beziehungen vertrauenden Troern lässt sich in der
Tat mit einigem guten Willen aus dem Text herauslesen. Aber aufs ganze
gesehen ist dieser Gegensatz nicht von großer Bedeutung. Im ersten Teil
des Handlung vertritt zwar Odysseus ohne Rücksicht auf frühere persönli-
che Beziehungen zu Hekabe die Interessen des Heeres, aber im zweiten
Teil muss Agamemnon einerseits zwar auf die Meinungen des Heeres
Rücksicht nehmen, lässt es aber andererseits zu, dass Hekabe eine Bezie-
hung zu ihm knüpft und so seine stillschweigende Unterstützung gewinnt.
Er tritt damit faktisch auf die Seite der Troerinnen und dient, aus welchen
Motiven auch immer, dem religiös fundierten Recht, indem er die Bestra-
fung des Übeltäters Polymestor duldet. Polymestor selbst aber lässt sich in
die von Kovacs angenommene Antithetik nicht einordnen, weil er zwar ein
unbeschränkter Herrscher ist, wie Priamos es war, jedoch persönliche Be-
ziehungen zu früher Gleichgestellten und Respekt vor der Macht der Götter
nur vortäuscht und im übrigen seinen finsteren Gelüsten frönt. Kurzum, die
Antithetik von trojanischen ‚Dynasten‘ und griechischen ‚Demokraten‘
scheint mir eine Konstruktion zu sein, die zum besseren Verständnis des
Stückes wenig beiträgt. Der wesentliche Unterschied zwischen Hekabe und
Polyxene und den anderen Personen ist vielmehr, dass die beiden Frauen
Heroinen sind und sich dementsprechend verhalten, während die griechi-
schen Feldherren sich wie Politiker verhalten. Odysseus hat einen Be-
schluß der Heeresversammlung herbeigeführt und will das Verfahren nicht
wieder aufrollen, selbst wenn er die Konsequenzen des Beschlusses nach-
träglich bedauern mag (394f.). Agamemnon dagegen erkennt für seine
Person den Rechtsanspruch Hekabes an, sieht sich aber außerstande, das
Heer von seiner Meinung zu überzeugen, und muss sich darum mit der
heimlichen Unterstützung ihres Plans begnügen.
38 Einführung

Griechen und Barbaren

In der Hekabe stehen sich die griechischen Sieger und die nach der Zerstö-
rung ihrer Stadt in die Sklaverei geratenen troischen Frauen gegenüber,
also Griechen und Barbaren nach dem griechischen Sprachgebrauch, bei
dem allen nicht griechisch sprechenden Völkern die Sammelbezeichnung
bárbaroi gegeben wird.
Edith Hall hat nun in ihrem einflussreichen Buch die Meinung vertre-
ten, dass den Griechen erst durch die Perserkriege der Gegensatz zu den als
Barbaren bezeichneten anderen Völkern, insbesondere denen des Perser-
reichs, bewusst geworden sei und dass bei diesem Prozess, der zugleich ein
Prozess der Selbstfindung gewesen sei, die Tragödie eine wichtige Funkti-
on gehabt habe. Es sei den Tragikern dabei darum gegangen, die Zusam-
mengehörigkeit der Griechen zu stärken, ihnen ein Gefühl der geistigen
und moralischen Überlegenheit über die anderen Völker zu vermitteln und
zugleich einen Herrschaftsanspruch über sie anzumelden. Hall meint, dass
sich bei Euripides gelegentlich eine „ironische und sophistische Umkeh-
rung“ dieser Tendenz finde, gewissermaßen eine „Ausnahme, die die Regel
bestätigt“.64 Es gibt allerdings in der Tat einige Äußerungen bei Euripides,
in denen eine Überlegenheit der Griechen gegenüber den Barbaren behaup-
tet wird. Wenn man jedoch den jeweiligen Kontext überprüft, zeigt es sich
oft, dass die Überlegenheit in dem betreffenden Fall tatsächlich nicht be-
steht.65 Manchmal wird der Begriff nicht im ethnographischen Sinn, also in
der Bedeutung „Ausländer“, „ausländisch“, verwendet, sondern im ethi-
schen Sinn, also etwa in der Bedeutung „unzivilisiert“, „unmenschlich“
oder „grausam“. So kommt es vor, dass Ausländer, also angebliche Barba-
ren, den Griechen oder auch Griechen sich untereinander vorwerfen, dass
sie sich barbarisch verhielten.66 Es kommt auch vor, dass Griechen gerade
dann Ausländer Barbaren nennen, wenn sie selbst sich ihnen gegenüber un-
menschlich und grausam verhalten und dies mit starken Worten bemänteln
wollen.67
Einen solchen Fall gibt es auch in der Hekabe. Als Odysseus in seiner
Rede begründet hat, warum die Griechen es für richtig halten, ihre Helden
zu ehren (nämlich dadurch, dass sie dem Grab des Achilleus ein Men-
schenopfer darbringen), wendet er sich an Hekabe und die Troerinnen,
redet sie mit „ihr Barbaren“ an und rät ihnen ironisch, weiterhin ihre

_____________
64 E. Hall, Inventing the Barbarian, Greek Self-Definition through Tragedy, Oxford
1989; Zitate auf S. 211, 222f.
65 Etwa Med. 536–38, 1330–32.
66 Tro. 764; Iph. T. 1174; Hkld. 130f.
67 Andr. 173–76, 243, 261, 649f., 665f.
Nebenthemen 39

Freunde nicht als Freunde zu behandeln und infolgedessen weiter Nieder-


lagen zu erleiden (328–31). Das ist in dieser Situation, wo Odysseus gerade
Hekabes Hikesie abgewiesen hat, nichts anderes als grausamer Hohn, und
es ist gewiss nicht als Belegstelle dafür zu verwenden, dass die Griechen
als den Barbaren überlegen dargestellt werden.
Diese Passage gibt Anlass zur Erörterung der Frage, ob die Troer unter
den Begriff „Barbaren“ fallen oder nicht. Odysseus rechnet sie hier dazu,
und auch in den Troerinnen werden sie so genannt, nennen sich sogar
manchmal selber so.68 Aber an einer anderen Stelle des gleichen Stückes
unterscheidet Hekabe zwischen Troerinnen, Griechinnen und barbarischen
Frauen, wobei die Troerinnen gleichsam eine dritte Gruppe zwischen Grie-
chen und Barbaren bilden.69 Doch ob nun die Troer zu den Barbaren ge-
rechnet werden oder nicht, es kann jedenfalls keinen Zweifel daran geben,
dass in Andromache, Hekabe und Troerinnen die troischen Frauen zwar als
in Sklaverei gefallene Angehörige eines im Krieg unterlegenen Volkes,
aber im übrigen als den Griechen gleichrangig, ja sogar als moralisch über-
legen dargestellt werden.
Manche meinen, dass die exzessive Rache, die Hekabe an Polymestor
vollzieht, dadurch zu erklären sei, dass sie eine Barbarin ist. Dazu meine
ich erstens, dass das antike Publikum ihre Rache wohl nicht als exzessiv,
sondern als angemessen empfunden hat, und zweitens empfinde ich ihr
Verhalten fast während des ganzen Stückes als ausgesprochen zivilisiert,
soweit dies in ihrem extremen Unglück überhaupt nur möglich ist. In ihren
Reden argumentiert sie zwar engagiert, aber doch ruhig und wohlgesetzt.
Nun ist es wahr, dass Euripides seine Bühnengestalten durchweg rhetorisch
geschickt argumentieren lässt, aber dies wirkt sich im Fall Hekabes dahin-
gehend aus, dass sie nicht den Eindruck einer Barbarin erweckt. Um so
stärker ist dann der Kontrast, der zu ihrem übrigen Verhalten entsteht,
wenn sie ihre furchtbaren Rachetaten begeht. In ganz ähnlicher Weise
erreicht auch Medea ihre Ziele, weil sie gerade nicht als Barbarin auftritt,
sondern durch rationale Argumentation und freundliches Verhalten die
Menschen für sich zu gewinnen weiß. Auch dort ist dann der Schock groß,
als sie mit ihrem Plan Ernst macht und ihre Kinder tötet. Aber während
Medea, die nach ihrer Tat in ihrem Wagen über die Erde erhoben ist, von
dieser neuen Ebene aus ihre erbitterte Auseinandersetzung mit Iason wei-
terführt, kehrt Hekabe im Redestreit mit Polymestor zu einer zwar enga-
giert, aber weithin sachlich und auf jeden Fall auf gleicher Ebene geführten
rationalen Debatte zurück, in der es letztlich um eine Entscheidung über

_____________
68 Tro. 973, 991f., 1277.
69 Tro. 477f.
40 Einführung

Recht und Unrecht geht. Von einem Absinken ins Barbarische ist in dieser
letzten Szene jedenfalls nichts zu spüren.70
Ganz anders steht es mit Polymestor. Er wird von Griechen und Troern
zu den Barbaren gerechnet (877, 1200), und, was wichtiger ist, Agamem-
non nennt sein Verlangen, sich sofort auf Hekabe zu stürzen, „barbarisch“,
was man hier mit „unzivilisiert“ oder „mörderisch“ übersetzen kann
(1129). Was er meint, ist dem Zuschauer klar, der ja kurz zuvor den wilden
Gesang und Tanz des Geblendeten und die Äußerung seiner kannibalischen
Gelüste erlebt hat. Hier tritt also tatsächlich bei Euripides einmal ein Mann
auf, der in jeder Hinsicht, sowohl ethnographisch als auch ethisch, mit
Recht ein Barbar genannt werden kann und dem sich das Publikum in jeder
Hinsicht überlegen fühlen kann. Es gibt in den erhaltenen Stückes unseres
Dichters einige weitere Fälle dieser Art, nämlich die grausamen, aber leicht
zu täuschenden Könige der Taurer und der Ägypter in der Taurischen
Iphigenie und der Helena und den phrygischen Eunuchen im Orestes, des-
sen Lied (V. 1369–1502) man, wenn man will, als eine Parodie der Mono-
die Polymestors ansehen kann.
Nur ironisch ist der Satz zu verstehen, dass es zwischen dem Volk der
Barbaren und dem der Griechen keine Freundschaft, keine Verschwä-
gerung und keine Verwandtschaft geben könne (1199–1203). Sprecherin
ist Hekabe, die von Odysseus kurz zuvor den Barbaren zugerechnet wurde
(328). Sie spricht zu jemandem, der sich gerade in jeder Hinsicht als Bar-
bar erwiesen hat, und erinnert ihn daran, dass es zwischen Griechen und
Barbaren keine Gemeinschaft geben kann, obwohl sie kurz zuvor einen
Griechen zum Schwager ihres Sohnes erklärt und ihn dadurch für ihre
Sache gewonnen hat (834).

Freie und Sklaven

Das Personal des Stückes besteht vor allem aus zwei Gruppen, die sich in
einer Hinsicht radikal unterscheiden, nämlich aus den freien Männern, die
zugleich die Sieger des gerade beendeten Krieges sind, und aus den ver-
sklavten Frauen, die zugleich zu den Überlebenden der Niederlage gehö-
ren. Polymestor, der als König eines neutralen Landes weder zu den Sie-
gern noch zu den Besiegten gehört, kann in diesem Zusammenhang außer
Acht gelassen werden.

_____________
70 Für Synodinou (2005) 1, 62f. gibt es am Ende des Stückes keinen Unterschied
mehr zwischen Griechen und Barbaren, da sich nach ihrer Meinung Odysseus,
Polymestor, Agamemnon und Hekabe allesamt in gleicher Weise barbarisch ver-
halten haben.
Nebenthemen 41

Daitz weist richtig darauf hin, dass die Wörter e¬leúqeroß „frei“ und
doûloß „Sklave“ in keiner der Tragödien des Euripides so häufig vor-
kommen wie in diesem Stück.71 Das Thema „Freiheit und Sklaverei“ hat
hier also offenbar große Bedeutung.
Polyxene tritt, obwohl sie eine Kriegsgefangene ist, gegenüber Odys-
seus und Neoptolemos wie eine Freie auf. Sie hat diese Freiheit gewonnen,
indem sie ihr unvermeidliches Todesschicksal durch eigene Entscheidung
auf sich genommen und in eine Befreiung vom Zwang der Sklaverei um-
gedeutet hat. Sie kann darum in den letzten Augenblickes ihres Lebens
souverän auftreten. Daitz nennt sie mit Recht eine „commanding captive“,
eine Gefangene, die Befehle gibt.72 Aufällig sind die vielen Imperative in
ihren letzten Worten (345, 369, 372f., 402–4, 410, 432, 551, 563f.).
Auch Hekabe verhält sich zu Talthybios und Agamemnon wie eine
gleichrangige Freie. Auch sie ist eine „commanding captive“, wie die Im-
perative zeigen, die sie verwendet (604, 610, 870f., 874f., 888f., 891, 895).
Diese Freiheit gewinnt sie, weil sie dem einzigen Ziel, das sie sich noch
gesetzt hat, alles andere unterordnet. Sie setzt ihr Leben und auch das ihrer
Mitsklavinnen aufs Spiel, sie weist sogar das Angebot ihrer Freilassung ab
(754–57), sie gibt die Feindschaft gegenüber den Griechen auf (736–51),
und sie lässt sich sogar dazu herab, in einer von vielen als unwürdig emp-
fundenen Weise an Agamemnons Liebe zu Kassandra zu appellieren (824–
35). Agamenon dagegen ist zur Rücksichtnahme auf die Stimmung seiner
Soldaten gezwungen und darum weniger frei als seine Sklavin. So kann
Hekabe feststellen, dass kein Mensch frei ist (864–67). Der eine ist Sklave
des Besitzes (wobei man an den habgierigen Polymestor denken könnte),
der andere des Glücks (wie die ins Unglück geratene Hekabe selbst), der
dritte der Volksmenge (wie der Fall Agamemnons zeigt). Die Sklavin
Hekabe ist also in vieler Hinsicht freier als ihr Herr. Diese Tragödie ist
offenbar auch ein Lehrstück über wahre und scheinbare Freiheit.
Daitz meint allerdings, dass auch Hekabe trotz ihres souveränen Spre-
chens und Handelns letztlich nicht frei sei, weil sie nämlich zur Sklavin
ihrer Rachsucht geworden sei. Durch ihre Taten, insbesondere durch die
Tötung der unschuldigen Kinder Polymestors, habe sie ihre Menschlichkeit
verloren, was sich dann auch in ihrer Verwandlung in eine tollwütige Hün-
din zeige.73 Ich teile diese Auffassung nicht. Jedenfalls dürfte das zeitge-
nössische Publikum, das vom Recht auf Rache noch eine hohe Meinung

_____________
71 Daitz (1971) 217.
72 ebendort 220.
73 ebendort 222: „a rabid bitch”. Bei Eur. hat sie nur feuerrote Augen (wohl wegen
der Leuchtfeuer am Kap Kynossema, s. S. 8 und zu V. 1273). Zur Gestalt der wü-
tenden Hekabe in den antiken und mittelalterlichen Literaturen s. S. 54 Anm. 101.
42 Einführung

hatte, anders empfunden haben. Es dürfte Hekabe im Besitz der Freiheit


dessen gesehen haben, der um der Erreichung eines einzigen Zieles willen
alle anderen Rücksichten beiseite geworfen hat. Es düfte sie also als Hero-
ine erlebt haben, nicht anders als die sophokleische Antigone oder Elektra.

Die Chorlieder

Richard Porson, der Herausgeber der epochemachenden Ausgabe der


Hekabe von 1797, stellt fest, dass Euripides hier, anders als bei anderen
Stücken, die Chorlieder besonders gut auf die Handlung des Dramas ab-
stimmt.74 Das ist richtig, man muss dabei allerdings den Unterschied zwi-
schen den zwei unmittelbar handlungsbezogenen Liedern V. 98–152 und
1024–34 und den drei Stasima beachten.
Das anapästische ‚Einzugslied‘ (98–152) hat zum Teil die Funktion ei-
nes Botenberichts, der die Polyxene-Handlung eröffnet, und das kurze
Chorikon, das an der Stelle eines vierten Stasimon steht (1024–34), stimmt
auf die alsbald hinterszenisch erfolgende Rachetat ein.
Die drei Stasima dagegen haben keinen unmittelbaren Bezug auf die
Handlung, und zwar weder auf die beiden Teilhandlungen noch auf das
Schicksal der Hauptgestalt Hekabe. Statt dessen nehmen sie Bezug auf das
übergeordnete Thema des Stückes, nämlich auf die Katastrophe Trojas und
seiner Bewohner, für das selbst das Schicksal der Königin nur ein Exem-
pel, wenn auch das bedeutendste ist.
Das erste Stasimon (444–83) nimmt die bevorstehende Fahrt der Ge-
fangenen übers Meer nach Griechenland gedanklich vorweg. Die Frauen
des Chores äußern illusionäre Vermutungen über mögliche Reiseziele und
über Tätigkeiten, die sie dort ausüben möchten. Durch dieses Thema erhal-
ten die ersten drei Strophen eine gewisse Heiterkeit, die der Situation nicht
ganz angemessen ist. Erst dann kehrt der Chor zum Ernst der Situation
zurück und klagt über den Verlust der Angehörigen, der Heimat und der
Freiheit.
Im Strophenpaar des zweiten Stasimon (629–56) führt der Chor sein
eigenes Unglück auf das gemeinsame Unglück der ganzen Stadt zurück
und dieses wiederum auf die Kausalkette, die mit der Ausfahrt des Paris
und noch früher mit dem Parisurteil begann. In der Epode stellt er sein
Unglück in den größeren Zusammenhang der Katastrophe des Krieges, die
auch die Frauen der Gegner nicht weniger betroffen hat als die Troerinnen
selbst.
_____________
74 Porson (1792) 25: „quicquid canit, ad res et personas accomodatum est; ita nihil
alienum et arcessitum canit.“
Die Chorlieder 43

In seinem großartigen dritten Stasimon (905–51), das auch Porson als


besonders gut gelungen hervorhebt,75 betrauert der Chor den Untergang
Trojas und schildert die Einnahme der Stadt aus der Perspektive einer vor-
nehmen Frau. Nach dem Freudenfest, das die Troer wegen des Abzugs der
Griechen gefeiert hatten, saß sie im Negligé am Frisiertisch, als das
Kriegsgeschrei ertönte und die Griechen plötzlich überall in der Stadt wa-
ren. Sie versuchte vergeblich, zum Altar der Artemis zu fliehen, und wurde
als Gefangene an die Küste zu den Schiffen getrieben. Das Lied endet mit
einer Verfluchung der Helena, der eine unglückliche Heimfahrt gewünscht
wird, und des Paris.
Es ist aufschlussreich, neben diese Lieder die der Troerinnen zu stel-
len, eines Stückes, das eine ähnliche Thematik hat, weil auch dort Hekabe
die Hauptgestalt ist und ihr Schicksal und das ihrer Angehörigen ebenfalls
exemplarisch für das Schicksal der ganzen Stadt und ihrer Bewohner sind.
Dabei muss in den Troerinnen auch die lyrische Eingangspartie, soweit
an ihr der Chor beteiligt ist, mit in die Betrachtung einbezogen werden
(153–229). Denn dort berührt der Chor das Thema, dem in der Hekabe das
erste Stasimon gewidmet ist, nämlich der Ungewissheit der Frauen über ihr
künftiges Schicksal als Sklavinnen. Auch dort fragen sich die Frauen, wo-
hin ihr künftiges Los sie führen mag, und nennen, ja rühmen sogar einzelne
Landschaften Griechenlands, Siziliens und Süditaliens, in die sie gelangen
könnten. Hier ist aber, anders als in der Hekabe, auch ein Handlungsbezug
gegeben, weil unmittelbar anschließend Talthybios bekannt gibt, welche
der vornehmsten Sklavinnen welchem griechischen Helden zugeteilt wor-
den ist (230–77).
Das erste Stasimon (511–67) ist, ähnlich wie das dritte der Hekabe, ei-
ne poetische Schilderung des Unterganges Trojas aus der Perspektive der
Frauen, von der feierlichen Einholung des hölzernen Pferdes über die Tän-
ze der Mädchen bis hin zum Fall der Stadt, als die Männer erschlagen und
die Frauen und Kinder versklavt wurden.
Das zweite Stasimon (799–858) ordnet, ähnlich wie das zweite der
Hekabe, das Geschehen des Dramas in den größeren Zusammenhang der
Geschicke Trojas ein. Es handelt zunächst vom früheren Unglück der
Stadt, nämlich von ihrer ersten Einnahme durch Herakles und Telamon
(wobei die Frauen bei der Erwähnung des Salaminiers Telamon die Gele-
genheit nutzen, ein Lob der Insel Salamis einzuflechten). Dann beklagt der
Chor, dass die troischen Prinzen Ganymedes und Tithonos, die Lieblinge
der Götter, der Stadt nichts genützt haben. Er wagt nicht, Zeus zu tadeln,
aber beklagt jedenfalls, dass die Liebe der Götter die Stadt im Stich gelas-
sen hat.
_____________
75 Porson (1792) 26.
44 Einführung

Im dritten Stasimon (1060–1117) beklagen die Frauen des Chores, dass


Zeus sein Heiligtum in Troja verraten hat. Sie klagen über das Ende der
Götterfeste in der Stadt und bedauern ihr eigenes Schicksal, das ihrer toten
Männer und das ihrer Kinder, die von ihnen getrennt wurden. Sie singen
von der Klage der Kinder über ihre bevorstehende Seefahrt nach Griechen-
land und berühren damit noch einmal das Thema der Parodos (197–229).
Einen Bezug auf die Handlung der vorausgehenden Helenaepisode weist
die letzte Gegenstrophe (1100–17) auf. Der Chor rechnet offenbar nicht
damit, dass Menelaos, wie er es zuvor angekündigt hat, das Todesurteil an
Helena vollstrecken wird, denn er wünscht, Zeus möge die beiden noch auf
dem Schiff mit seinem Blitz erschlagen. Die Verwünschung von Helena
und Menelaos steht also am Schluss des letzten Stasimon der Troerinnen
wie diejenige von Helena und Paris an der entsprechenden Stelle in der
Hekabe (943–51).
Wie dieser Überblick zeigt, ist die Thematik der Chorlieder in beiden
Dramen sehr ähnlich. Der Handlungsbezug der Lieder der Troerinnen ist
an einigen Stellen (Parodos, Schluss des dritten Stasimon) stärker als in der
Hekabe, aber aufs ganze gesehen stehen auch hier nicht die Schicksale
Hekabes und ihrer Familie im Mittelpunkt, sondern das Los der Stadt und
ihrer Bewohner, für das Hekabes Schicksal zwar das vornehmste Beispiel,
aber eben doch auch nur ein Beispiel ist. Dabei wird allerdings in den
Troerinnen, die mit einem Götterdialog beginnen, auch in den Chorliedern
der Anteil der Götter am Untergang der Stadt stärker betont als in der
Hekabe, wo das Wirken der Götter weitgehend im Verborgenen bleibt.
Die Ähnlichkeit der Chorlieder der beiden Dramen geht sehr weit.76
Das liegt nicht so sehr an der Identität der Hauptgestalt, denn Hekabe
selbst wird in diesen Liedern überhaupt nicht erwähnt. Es liegt eher an der
Ähnlichkeit der Thematik und daran, dass die Hauptgestalt und ihr Um-
kreis hier wie dort exemplarisch sind für ein größeres Thema, nämlich für
die Katastrophe einer Stadt, die von den bisher freundlich gesonnenen
Göttern verlassen ist, und die darum mit allen ihren Menschen, der Königs-
familie ebenso wie den Frauen des Chores, dem Untergang verfällt. Über
dieses Thema, aber in seinen verschiedenen Aspekten, singt der Chor hier
wie dort.77

_____________
76 Allerdings sind die Schlüsse des zweiten und des dritten Stasimon der Hek. in ihrer
Stimmung gut der jeweiligen dramatischen Situation angepasst. Hose (2008) 87
spricht darum von einer „lyrischen Parallelkomposition“. S. auch zu V. 650–56
und 950f.
77 Auch ein Vergleich der Chorlieder beider Tragödien mit denjenigen in Senecas
Troades ist interessant. Hierzu s. S. 54ff.
Die Funktion der Götter 45

Die Funktion der Götter

Mit dem Fall Trojas verlassen die Götter die einst von ihnen geliebte Stadt.
Im Prolog der Troerinnen zeigt Euripides, wie Poseidon, der einst die
Mauern der Stadt miterbaut hat, noch einmal einen Blick auf die rauchen-
den Trümmer und die überlebenden Frauen wirft und sich dann abwendet
(V. 1–47). So ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Hekabe, die auf
der ersten Station der Rückfahrt des griechischen Heeres spielt und deren
Handlung der Zuschauer aus der Perspektive eben dieser Frauen erlebt, die
Götter wenig in Erscheinung treten. Sie haben die Frauen den Siegern
überlassen, die mit ihnen nach Gutdünken verfahren können. Man hat ge-
meint, die Götter kämen in diesem Drama überhaupt nicht vor;78 doch ist
das allenfalls für die erste Hälfte des Stückes richtig. Aber auch dort wer-
den einzelne Götter erwähnt, wenn auch nur in negativem Sinn, wie Zeus
Hikesios, der Beschützer der Bittflehenden, dessen Hilfe Polyxene nicht in
Anspruch nehmen will (345), oder wie Artemis, welche die zu ihr flüch-
tenden Frauen nicht beschützen konnte (935).
Etwas anders wird es freilich in der zweiten Dramenhälfte. Schon am
Anfang des Stückes hieß es, dass die Götter der Unterwelt (oi™ kátw
sqénonteß), dafür gesorgt haben, dass der Leichnam des Polydoros in die
Hände seiner Mutter gelangt (49f.). Damit lösen diese Götter indirekt die
Handlung der zweiten Dramenhälfte aus, die zur Bestrafung des Mörders
führt. Als Hekabe die Leiche gefunden und den Schuldigen erraten hat, ruft
sie Dike, die Göttin des Rechts, in ihrer Eigenschaft als Hüterin des Gast-
rechts an (715 Díka xénwn). Bei ihrem Appell an Agamemnon beruft sie
sich ebenfalls auf die Macht der Götter und des göttlichen Gesetzes
(nómoß), das die Menschen dazu bringt, die Götter zu verehren und Recht
und Unrecht zu unterscheiden (799–805). Als dieser Appell ohne Wirkung
auf Agamemnon zu bleiben scheint, ruft sie auch noch Peitho, die Göttin
der Überredung, zu Hilfe (816) und verschmäht selbst den Beistand der
Liebesgöttin Kypris nicht (825). Welche der von Hekabe beschworenen
Gottheiten letztlich den Ausschlag bei Agamemnons Entscheidung für eine
bedingte Unterstützung des Anliegens Hekabes gegeben hat, ist schwer zu
sagen. Dass es vor allem Kypris war, wird von vielen vermutet, er selbst
beruft sich allerdings auf die Götter und das Recht (852f., 1249–51). Da
obendrein „ein Gott“ den Fahrtwind noch nicht wehen lässt (900), be-
kommt Hekabe die für ihre Rachetat nötige Zeit. Ihre Tat vollbringt sie aus
eigener Kraft, aber dass sie so mühelos gelingt, ist nicht ohne göttlichen
Beistand möglich, vor allem aber, wie es scheint, nicht ohne ein gehöriges
Maß an Verblendung (ºAth) von Seiten Polymestors. Der Name dieser
_____________
78 So spricht Segal (1989) 20f. von „remoteness of the gods“ in der Hek.
46 Einführung

Gottheit bleibt ungenannt, aber dass sie wirksam ist, lässt sich dem Verlauf
des Überlistungsdialoges (953–1022) entnehmen.79 Offenbar wurden die
Götter durch die schwere Verletzung des Gastrechts, die sich Polymestor
zuschulden kommen ließ, veranlasst, Hekabes Rachetat zuzulassen und zu
unterstützen, so sehr sie sich auch im übrigen gegenüber dem Schicksal der
Troerinnen gleichgültig verhalten. Es scheint hier wie so oft bei Euripides,
dass die Götter eifriger bei der Sache sind, wenn es gilt, Schuldige zu be-
strafen, als wenn es darum geht, Unschuldige zu beschützen. Ob Hekabe
am Schluss infolge göttlichen Wirkens durch Verwandlung und Tod vom
Los der Sklaverei befreit wird, muss offen bleiben, da nichts darüber ver-
lautet, es ist aber anzunehmen, dass die Götter daran nicht unbeteiligt sind,
da nichts Wunderbares ohne göttliche Einwirkung zu geschehen pflegt.

Das Wehen der Winde und die Götter

Es wird häufig die Ansicht vertreten, dass das Ausbleiben der Winde nach
der Opferung Polyxenes (V. 900) darauf schließen lasse, dass die Götter
dieses Menschenopfer für nicht gerechtfertigt hielten und darum miss-
billigten.80 Denn nach griechischer Vorstellung verfügen die Götter über
die Macht, Winde wehen oder auch nicht wehen zu lassen, und so mag es
möglich sein, aus dem einen oder anderen, das in bestimmten Situationen
geschieht, Schlüsse darauf zu ziehen, ob die Götter das jeweilige Verhalten
der Menschen billigen oder nicht.
Nun ist es richtig, dass der Dichter in V. 38 und 111f. Polydoros und
den Chor nichts darüber sagen lässt, auf welche Weise der Geist des
Achilleus die Flotte aufhielt, so dass man auf Vermutungen angewiesen ist.
Man kann vermuten, dass die Griechen am Aufbruch dadurch gehindert
wurden, dass nach der Erscheinung des Geistes der Fahrtwind plötzlich
ausblieb, nachdem sich die Segel der Schiffe schon zuvor im Winde ge-
bläht hatten (V. 112),81 man kann aber auch vermuten, dass seine bloße
Erscheinung oder auch die von ihm erhobene Forderung die Griechen dazu
bewegte, nicht aufzubrechen, obwohl sich die Segel schon im Winde bläh-
_____________
79 So Heath (1987) 68 Anm. 143.
80 So Kovacs (1996) 63f.; Gregory (1999) xxix–xxxi; ähnlich auch Mitchell-Boyask
(1993). – Aus der Anrufung der Brise durch den Chor in V. 444 lässt sich jeden-
falls nicht entnehmen, dass zu dieser Zeit ein guter Fahrtwind wehte, wie dies Ko-
vacs und Gregory (1999) 98f. vermuten. Das gilt schon deswegen, weil in dem
Lied nur von einer künftigen Brise die Rede ist.
81 Dies ist auch die Meinung von schol. V zu V. 110: a¬némou o¢ntoß kaì tøn i™stíwn
h™plwnénwn u™parcóntwn kaì tøn neøn pleóntwn nhnemía gégone h™níka e¬fánh
o™ ¯Acilleúß.
Die Funktion der Götter 47

ten. Gegen die erstgenannte Annahme wurde mit Recht eingewendet, dass
es nicht in der Macht eines Heros liege, Winde wehen oder nicht wehen zu
lassen, sondern nur in der Macht der Götter. Aber es scheint mir doch eine
allzukühne Behauptung zu sein, dass schon die bloße Nichterwähnung des
Ausbleibens des Fahrtwindes in V. 112 erkennen lasse, dass die Götter die
Forderung des Achilleus missbilligten und dass dann auch die Erfüllung
dieser Forderung durch die Opferung Polyxenes nicht mit ihrem Einver-
ständnis geschah. Auch das in V. 900 erwähnte Ausbleiben des Fahrtwin-
des unmittelbar nach der Opferung ist nach meiner Meinung kein Indiz
dafür, dass die Götter diese Tat missbilligten. Alle diese spitzfindigen
Überlegungen scheinen mir nur gut gemeinte Versuche zu sein, die Götter
von der Verantwortung für die Opferung Polyxenes zu entlasten. Aber die
Götter sind hier wie in der Ilias und auch sonst bei den Tragikern souverän
und den Maßstäben der menschlichen Moral nicht unterworfen. Der Tod
Polyxenes war schicksalhaft bestimmt, wie Polydoros mitteilt (43f.), und
zwischen der Bestimmung des Schicksals und dem Ratschluss der Götter
pflegt kein Widerspruch zu bestehen. Es scheint mir also, dass die Götter
nichts gegen die Opferung einzuwenden haben, weil ihnen Polyxenes
Schicksal wie das der anderen Troerinnen gleichgültig ist.
Anders scheint es dann allerdings in der zweiten Dramenhälfte zu sein.
Hier mag es für die Beurteilung des Geschehens wichtig sein, dass der von
Agamemnon in V. 900 nicht näher bezeichnete Gott den Fahrtwind so
lange zurückhält, bis Polymestor seine offenbar auch nach dem Ratschluss
der Götter verdiente Strafe empfangen hat.82

Im Zeichen des Dionysos?

Darüber, ob und wie weit die Handlung der Hekabe in besonderem Maße
im Zeichen des Dionysos steht, gehen die Meinungen auseinander. Wäh-
rend die meisten Interpreten in dem Stück kein besonderes dionysisches
Gepräge erkennen wollen, vertritt Schlesier die Ansicht, dass sowohl
Hekabe selbst als auch Polymestor als Thraker eine besonders enge Bezie-
hung zu dem bei diesem Volk in besonderem Maße verehrten Gott hätten
und dass auch in der Handlung und vor allem in den lyrischen Partien An-
klänge an den Dionysoskult zu finden seien.83 Sie kann sich immerhin
darauf berufen, dass die Handlung in Thrakien spielt, dass Polymestor ein
thrakischer König ist und dass er sich bei seiner Schlussprophezeiung auf
Dionysos als den Orakelgott der Thraker beruft. Dagegen bleibt es eine
_____________
82 Sehr kritisch zur Bedeutung der Winde Gärtner (2005) 56f.
83 Schlesier (1988). Von einem „pattern of bacchic motifs“ spricht Segal (1989) 18.
48 Einführung

reine Vermutung, dass Hekabe als Tochter des Kisseus selbst eine Verbin-
dung mit Thrakien hat.84 Zwar spricht Hekabe, als sie ihr Klagelied über
den Tod des Polydoros anstimmt, von einem nómoß bakceîoß (685f.), und
zwar nennt der geblendete Polymestor die Frauen, die ihn überwältigt ha-
ben, Bákcai ÷Aidou (1076), aber das sind nicht viel mehr als Metaphern,
die nur insofern ein gewisses Gewicht haben, als solche ekstatischen Kla-
gelieder, wie zuerst Hekabe und sodann Polymestor sie anstimmen, immer
mehr oder weniger stark an dionysische Kultlieder anklingen. So kann
auch Kassandra tò bakceîon kára genannt werden (676), weil ihre eksta-
tischen Äußerungen denen der Bakchantinnen ähneln, obwohl sie ihr von
Apollon eingegeben werden (vgl. V. 827 foibáß). Wenn Hekabe davon
spricht, dass Polymestor den Körper ihres Sohnes „zerteilt“ habe (716
diemoirásw), ist dieses Wort nicht so zu verstehen, dass Polymestor eine
rituelle Tötung vorgenommen habe, sondern ist wie an der parallelen Stelle
Hippolytos 1376 als eine poetische Wendung für „tödlich verletzen“ aufzu-
fassen. Wenn Polymestor später das gleiche Wort verwendet (1076
diamoirâsai), um das zu benennen, was den Leichnamen seiner Söhne
von den troischen Frauen drohen könnte, kann er ebenfalls keine rituelle
Tötung meinen, da die Knaben schon tot sind, sondern ein Zerreißen der
Körper durch die Hunde, denen sie vorgeworfen werden. Dass Polymestor
sich schließlich auf Dionysos als o™ Qrh¸xì mántiß beruft (1267), lässt auch
nicht auf eine besonders enge Beziehung zu diesem Gott schließen. Viel-
mehr war, wie wir aus Herodot (7,111) wissen und wie Euripides vielleicht
aus der gleichen Quelle wusste, Dionysos der Gott, an dessen Heiligtum
sich die Thraker zu wenden pflegten, wenn sie etwas über die Zukunft
erfahren wollten. So bleiben insgesamt wenig sichere Anhaltspunkte dafür
übrig, dass dieses Stück in besonderem Maße einen dionysischen Charak-
ter hat, vielleicht abgesehen von einer gewissen dionysisch-ekstatischen
Färbung der Klagelieder Hekabes und Polymestors.

Die Sentenzen

In der Hekabe findet sich, wie überall bei Euripides, eine Fülle von Sen-
tenzen, also von einprägsam formulierten Sätzen, die allgemein bekannte
Sachverhalte treffend beschreiben und so etwas wie eine Philosophie des
Alltags liefern, oder die gelegentlich auch nur verbreitete Meinungen, die
nicht unbedingt mit denen des Dichters übereinstimmen müssen, auf eine

_____________
84 S. zu V. 3.
Die Sentenzen 49

knappe Formel bringen.85 Solche Sentenzen werden von heutigen Lesern


oft als banal oder gar störend empfunden, und wohl auch deswegen werden
einige von ihnen gelegentlich für spätere Zusätze gehalten.86 Sie sind aber
charakteristisch für die Tragödie und ganz besonders für Euripides, der sie
reichlich verwendet, und zwar besonders an markanten Stellen wie am
Anfang oder am Schluss von Reden oder auch als gliedernde Elemente
zwischen Redeabschnitten.87 Die antiken wie auch die byzantinischen Le-
ser hatten an ihnen ihre Freude, und ihre große Zahl trug zur Beliebtheit
des Dichters bei. In der Spätantike und im byzantinischen Mittelalter wur-
den Sentenzensammlungen (gnømai) aus den klassischen Autoren ange-
legt, so von Orion und Johannes Stobaios (beide 5. Jh.). In allen diesen
Sammlungen nehmen Zitate aus Euripides einen breiten Raum ein. Allein
bei Stobaios finden sich 740 von ihnen, etwa ebenso viele wie aus allen
anderen Dichtern zusammen.88
Die mittelalterlichen Tragödienhandschriften und auch die frühen Dru-
cke heben solche Sentenzen besonders hervor.89 In der Aldina, der von
Aldus Manutius gedruckten ersten Ausgabe von 18 Dramen des Euripides
(Venedig 1503), sind im Text der Hekabe 37 Passagen als Sentenzen ge-
kennzeichnet, wobei es zum großen Teil eben die sind, die auch schon in
die antiken Sentenzensammlungen Eingang gefunden haben.90
Uns sind auch mehrere mittelalterliche Sammlungen von Sentenzen
aus den Tragikern erhalten, die sogenannten Gnomologien. Einige von
_____________
85 Hier stütze ich mich vor allem auf R. Kannicht, TrGF V Euripides, in: G. W. Most
(Hrsg.), Collecting Fragments, Aporemata 1, Göttingen 1997, 67–77.
86 Diggle streicht denn auch vier derartige Passagen, nämlich V. 599–602, 756f.,
831f. und 974f. Page (1934) 67f. streicht V. 606–08.
87 Vgl. hierzu Johansen (1959).
88 Orion zitiert 11 Sentenzen aus der Hek. Siehe die neue Ausgabe: M. Haffner, Das
Florilegium des Orion, Stuttgart 2001 (Palingenesia Bd. 75).– Stobaios zitiert 14
Sentenzen aus der Hek. Zu ihm s. auch Heath (1987) 43 Anm. 26, der feststellt:
„Hec. is one of the most frequently quoted plays in Stobaeus.“ S. ferner M. Hose,
Das Gnomologium des Stobaios, Eine Landkarte des paganen Geistes, Hermes 133
(2005) 93–99.
89 In den Hss. werden Sentenzen meist durch die Randnotiz gnw (= gnwmikón) am
Rand gekennzeichnet, in den älteren Ausgaben von der Aldina bis hin zu Beck
(1,1778) durch Anführungszeichen am linken Rand jedes Verses, jedenfalls dort,
wo der Platz am linken Rand nicht für eine Personenangabe benötigt wird.
90 Es sind V. 228 sofón ti – froneîn, 254–57, 282–85, 291f., 294 lógoߖ295, 306–
08, 311f., 317–20, 328–31, 375–78, 488–91, 497f., 551f., 592 ou¢koun–602, 606 e¬n
gàr–08, 626 a¢llwߖ28, 663 e¬n–64, 751, 756 toùߖ57, 800 nómw¸-01, 805, 814–
19, 831f., 844f., 846–49, 864–67, 902–04, 955a feû-960 au¬toúß, 974 a¢llwߖ75,
984f., 1027 tò–31 kakón, 1085–87, 1107f., 1181f., 1187–94, 1226f., 1238f.,
1240–42. Mit kleinen Schwankungen werden die gleichen Passagen in den folgen-
den Ausgaben bis hin zu Beck (1,1778) als Sentenzen gekennzeichnet.
50 Einführung

ihnen sind für die Konstituierung des Textes wertvoll, weil sie einen unab-
hängigen Zweig der Überlieferung bilden. Für die Hekabe ist das aus dem
12. Jahrhundert stammende Gnomologium Vatopedianum (gV) von gewis-
sem Wert, und es wurde deswegen von mir regelmässig für die Passagen
herangezogen, die dort aus diesem Stück zitiert werden.91
Auch in der frühen Neuzeit wurde Euripides gerade wegen seiner Sen-
tenzen hoch geschätzt. Hugo Grotius gab 1623 eine Sentenzensammlung
heraus, bei der er ganz aus Stobaios schöpfte, und ergänzte diese durch
seine 1626 herausgegebenen Excerpta e tragoediis et comoediis Graecis,
in denen er Sentenzen aus den erhaltenen Texten der griechischen Drama-
tiker und aus anderen Quellen zusammentrug.92 Der Zweck dieser Samm-
lung war ganz eindeutig nicht philologisch, sondern philosophisch und
pädagogisch. Die Leser sollten Zugang zu dem Schatz an Weltweisheit
bekommen, der in den Aussprüchen der griechischen Dichter gesammelt
ist, und sie sollten diesen Schatz für ihre Lebensführung nutzen. Durch
diese Grundsätze fühlte sich Grotius auch dazu berechtigt, solche Senten-
zen aus seiner Sammlung auszuschließen, die er als religiös oder moralisch
anstößig empfand.
Noch über hundert Jahre später begründete Johann Caspar Valckenaer
seine Beschäftigung mit den Fragmenten des Euripides damit, dass er den
Lesern die Fülle von sittlicher Belehrung, Lebensklugheit und sogar von
staatsmännischer Weisheit zugänglich machen wolle, die in den „senten-
tiae“ dieses Dichters zu finden sei.93 Die ersten, die sich kritisch zu den
zahlreichen Sentenzen in der Hekabe und anderswo bei Euripides äußerten,
waren Pierre Brumoy (1732) und Pierre Prévost (1786).94

_____________
91 Hierzu G. A. Longman, Gnomologium Vatopedianum: The Eur. Section, Classical
Quarterly N. S. 9 (1959) 129–41.
92 H. Grotius, Dicta poetarum quae apud Io. Stobaeum exstant, Paris 1623; derselbe,
Excerpta ex tragoediis et comoediis Graecis, Paris 1626.
93 L. C. Valckenaer, Diatribe in Eur. perditorum dramatum reliquias, Leiden 1767
(Nachdruck Leipzig 1824), 1: „Euripidis in scena Philosophi sententiae pleraeque,
ad humanitatis virtutisque pulcritudinem commendandam, ad emendandos mores,
vitamque bene emendandam, aut rempublicam administrandam comparatae“.
94 P. Brumoy, Théatre des Grecs, 4, Amsterdam 1732, 111, 114; P. Prévost, in:
Brumoy, nouv. éd., 4, Paris 1786, 345–47, 500. Während Brumoy die zahlreichen
Sentenzen auf eine allgemeine Neigung der Griechen zum Moralisieren zurück-
führte, hielt Prévost sie für ein besonderes Charakteristikum des Eur. Im Fall der
Hek. meinte er außerdem, sie mit dem vorgerückten Lebensalter der Heldin ent-
schuldigen zu müssen. S. auch S. 67.
Hekabe und Troerinnen 51

Hekabe und Troerinnen

Die Wirkung der Hekabe ist nicht einheitlich. In seinem ersten Teil ist das
Stück ein Opferdrama, das einem Märtyrerdrama ähnelt und wie dieses
Schrecken erzeugt, der sich mit Bewunderung mischt; in seinem zweiten
Teil ist es ein Rachedrama, das eine die Gefühle des Zuschauers befrie-
digende Bestrafung eines Schurken zeigt, der seine Strafe verdient hat.
Beides wird dargestellt als zwei scharf kontrastierende Episoden der Lei-
densgeschichte Hekabes. Dem Dichter gelingt eine geschickte Ver-
knüpfung der beiden Episoden durch die Enthüllung des Leichnams des
Opfers der zweiten Episode, der zunächst für den des Opfers der ersten
Episode gehalten wurde, und durch den dadurch ausgelösten jähen Über-
gang Hekabes vom Leiden zum Handeln.
Die Einheit des Stückes ist nicht in der Einheitlichkeit der Handlung
begründet, sondern in der Hauptgestalt Hekabe, die im Mittelpunkt der
beiden Episoden steht und in starkem Maße das Mitgefühl des Zuschauers
erweckt. Allerdings ist die Handlungsführung so geschickt, dass die
Zweiteiligkeit kaum auffällt, und die Handlung verfehlt denn auch ihre
Wirkung auf den Zuschauer nicht. Der erste Teil verläuft zwar ganz in den
im Prolog vorgezeichneten Bahnen, doch erwacht die Spannung im zwei-
ten Teil, wenn völlig unangekündigt die Rachehandlung beginnt, und diese
Spannung wird bis zum Schluss wachgehalten. Dabei werden auch Emoti-
onen geweckt, die bühnenwirksam, aber eher untypisch für die Tragödie
sind, wie Grauen, Bewunderung, Empörung oder auch Schadenfreude.
Das Stück gehört zu den Tragödien, die George Steiner „tragedy, pure
and simple“ nennt, also zu denen, wo das menschliche Dasein in seiner
ganzen Hoffnungslosigkeit gezeigt wird und wo auch von den Göttern
wenig Trost kommt.95 Dagegen spricht Hartung bei diesem Stück, an des-
sen Ende jede der drei überlebenden Personen einem baldigen Tod entge-
gengeht, völlig zu Unrecht von „einem heiteren Ausgang“.96 In diesem
Stück gibt es nichts Heiteres. Richtiger ist die Meinung von Scaliger,
Hekabe sei infolge des Gelingens ihrer Rache „etwas weniger traurig“
geworden.97 Das gilt allerdings nur für die kurze Zeit ihres Triumphes. Als
sie jedoch erfahren muss, dass auch ihrer letzten überlebenden Tochter

_____________
95 G. Steiner, Tragedy, Pure and Simple, in: M. S. Silk (Hrsg.), Tragedy and the
Tragic, Oxford 1996, 534–46. Er nennt die Hek. zusammen mit den Tro. unter den
Tragödien, welche dieser radikalen Form am nächsten kommen (538). Auch Hose
(2008) 90 schreibt: „Die Hek. kann als das schwärzeste Stück des Eur. gelten.“
96 Hartung (1850) 12.
97 Siehe S. 33 und Anm. 60.
52 Einführung

Kassandra die Ermordung bestimmt ist, sieht sie in der Zukunft neues Leid
heraufziehen, das sie abzuwenden wünscht, aber nicht abwenden kann.98
Wenn man versucht, Hekabe und Troerinnen hinsichtlich ihrer Wir-
kung auf den Zuschauer zu vergleichen, wird man einerseits anerkennen
müssen, dass die Hekabe die eindrucksvollere Handlungsführung hat und
dadurch den Zuschauer stärker in ihren Bann zieht als die Troerinnen, aber
andererseits wird man feststellen, dass die Stimmung des späteren Stückes
einheitlicher ist. Zwar entsprechen auch die Troerinnen nicht den Regeln
der Poetik des Aristoteles, sondern bestehen aus mehreren Episoden der
Leidensgeschichte der Hauptgestalt Hekabe, die wiederum für das mensch-
liche Schicksal allgemein und für das Schicksal Trojas und seiner Bewoh-
ner im besonderen exemplarisch ist, aber die Episoden ähneln sich in ihrem
Charakter. Nur der Helena-Akt hebt sich vom übrigen ab, weil hier Hekabe
für kurze Zeit von einer Leidenden zu einer Handelnden wird. Sie handelt
jedoch nur durch Worte, nicht durch schreckliche Taten. Sie hält eine An-
klagerede und erreicht eine Verurteilung, der aber keine Vollstreckung der
Strafe folgen wird, wie der Zuschauer vermuten darf. Danach kehrt die
ursprüngliche Stimmung zurück. So ist es vielleicht verständlich, dass die
Troerinnen zu einer der bekanntesten und wegen der leider immer wieder
aktuellen Thematik der Schrecken des Krieges auch zu einer der am häu-
figsten aufgeführten Tragödien des Euripides geworden sind, während die
Hekabe gelegentlich, und zwar durchaus erfolgreich, aufgeführt wird, aber
doch sehr viel seltener als die Troerinnen.99

Zur Rezeptionsgeschichte

Die frühen römischen Tragiker, Vergil und Ovid

Wir wissen, dass die frühen römischen Dichter Ennius und Accius je eine
Tragödie mit dem Titel Hecuba geschrieben haben. Die wenigen Fragmen-
te, die aus diesen beiden Stücken bei lateinischen Autoren erhalten sind,
lassen vermuten, dass sie mehr oder weniger freie Übersetzungen des
euripideischen Dramas waren.
Anders liegen die Dinge bei Pacuvius, für den eine Tragödie mit dem
Titel Iliona bezeugt ist. Dieses Stück scheint auf eine wohl nach-
euripideische griechische Tragödie zurückzugehen, die insofern durch die
Hekabe angeregt war, als sie die Gestalten des Polydoros und des
Polymestor übernahm, dann aber von ihnen eine ganz andere Geschichte
_____________
98 Collard (1975) 66: „Hecuba’s triumph is turned to ashes.“
99 Eine gute Gegenüberstellung der beiden Stücke bei Gärtner (2005) 61f.
Zur Rezeptionsgeschichte 53

erzählte. Wir kennen den Stoff aus der 109. und der 243. Fabel des Hygin.
Danach war Polymestor mit Iliona, einer Tochter des Priamus, verheiratet
und hatte von ihr einen Sohn Deiphilus. Bei ihnen wuchs auch Ilionas
jüngster Bruder Polydorus auf, den sie wie einen zweiten Sohn zusammen
mit Deiphilus aufzog. Als Agamemnon nach dem Fall Trojas den
Thrakerkönig dazu überredet hatte, Polydorus zu töten, brachte dieser irr-
tümlich Deiphilus um und ließ Polydorus leben. Iliona ließ sich daraufhin
von diesem dazu anstiften, Polymestor zu töten, doch war sie über den
Verlust ihrer Eltern so untröstlich, dass sie sich das Leben nahm.
Vergil lässt seinen Aeneas erzählen, wie er auf der Flucht von Troja an
der thrakischen Küste landete und dort dem Geist des ermordeten
Polydorus begegnete, der ihn aufforderte, das Land so schnell wie möglich
wieder zu verlassen. Aeneas folgte diesem Befehl und fuhr weiter, nicht
ohne zuvor dem Polydorus ein prunkvolles Totenopfer dargebracht zu
haben (Aeneis 3,13–68). Diese unheimliche, von einer düsteren Stimmung
erfüllte Episode soll Thrakien als ein ungastliches Land erscheinen lassen,
das nicht für eine Ansiedlung der Aeneaden geeignet ist. Die kurze Be-
schreibung der Schicksale des Polydorus erfolgt in enger Anlehnung an
Formulierungen des Prologs der Hekabe (V. 49–56 ~ Hek. 4–7, 16–27).
Ovid schließt sich in den Metamorphosen (13,439–575) enger als Ver-
gil an Euripides an, indem er beide Handlungselemente der Hekabe in sein
Epos übernimmt, nämlich sowohl die Opferung Polyxenes als auch die
Rache an Polymestor, und auch darin, dass er beide Teilhandlungen mit
dem Thema der Leiden Hekabes eng verbindet. Achilleus fordert vom Heer
die Opferung Polyxenas. Das Mädchen wird vom Schoß der Mutter wegge-
rissen, hält am Altar eine ergreifende Rede, in der sie darum bittet, in Frei-
heit sterben zu dürfen, und auch darum, dass ihre Mutter sie bestatten dürfe
(457–73). So geschieht es dann auch.100 Ihr Leichnam wird Hecuba über-
bracht, die das Schicksal ihrer Tochter und ihr eigenes Schicksal beklagt
(494–530). Diese begibt sich ans Meeresufer, um Wasser für die Wa-
schung der Toten zu holen; dort findet sie die angespülte Leiche des
Polydorus. Sofort entschließt sie sich zur Rache an Polymestor, in dem sie
den Mörder ihres Sohnes erkennt. Sie geht selbst zu ihm und bittet ihn zu
einer Unterredung an einen geheimen Ort, wo sie ihm verborgenes Gold
zeigen wolle. Dort stürzt sie sich auf ihn und blendet ihn. Die über ihre Tat
empörten Thraker verfolgen sie und beginnen, mit Steinen nach ihr zu
werfen. Sie schnappt nach den Steinen, und die Worte, die dabei aus ihrem
_____________
100 Wenn Prudentius in seinem Hymnus auf die heilige Eulalie die sittsame Haltung
der Heiligen während ihres Martyriums mit Worten beschreibt, die an V. 566–70
der Hek. anklingen (Peristephanon 3,150–55), schöpft er nicht unmittelbar aus Eu-
ripides, sondern eher aus Ovid (Metamorphosen 13, 477–80). Dazu Pagani (1970)
47 Anm. 48.
54 Einführung

Munde kommen, verwandeln sich in das Bellen einer Hündin. In dieser


Gestalt irrt sie noch lange heulend über die Felder Thrakiens (565–71).
Ovid konzentriert das Geschehen auf die Person der Hecuba. Er ver-
stärkt ihr Gewicht auch in der Polyxena-Handlung, er lässt sie selbst die
Leiche des Polydorus finden, er macht sie zur alleinigen Täterin bei der
Überlistung und Blendung Polymestors, und er lässt sie eine große Klage-
rede halten. Dem Schluss des Geschehens gibt er eine neue Wendung,
indem er ihre Verwandlung in eine Hündin als das Ergebnis des übergro-
ßen Zornes deutet, der sie ergreift, als sie den meineidigen und schmeich-
lerischen Mörder ihres Sohnes erblickt (559 „tumidaque exaestuat ira“).
Die Auffassung des Schlusses als eines Absinkens der Heldin auf eine
unterhalb des Menschlichen befindliche Daseinsstufe infolge übermäch-
tiger Emotionen sollte folgenreich sein. Sie bestimmte lange die Meinung
vieler Interpreten und ist auch heute noch verbreitet.101

Seneca

Senecas Tragödie Troades102 gehört nur am Rande in die Tradition der


Hekabe. Denn in diesem personenreichen und bewegten, besonders durch
die Kraft der Beredsamkeit beeindruckenden Stück kombiniert Seneca, wie
es scheint, vor allem Handlungselemente der Polyxene des Sophokles mit
solchen der Troerinnen des Euripides.103 Er übernimmt ferner das Motiv
des gescheiterten Versuches, ein Kind vor seinen Verfolgern zu retten,
wohl aus der Andromache des Euripides. Dagegen lässt es sich nur bei
genauem Hinsehen erkennen, was er aus der Hekabe übernommen hat.
Seneca übernimmt hier wie auch sonst die traditionelle Form der atti-
schen Tragödie mit ihrem Wechsel zwischen von Schauspielern gespro-
chenen und vom Chor gesungenen Passagen. Er beginnt mit der Polyxena-
Handlung, wobei er nach dem Vorbild des Sophokles auch ihre Vorge-
schichte einbezieht, also den Streit unter den Griechen über die Opferung

_____________
101 Ähnlich Seneca Agamemnon 706–8: „Hecuba … induit vultus feros: circa ruinas
rabida latravit suas.“ Dass die Verwandlung Hekabes schon vor Ovid so aufgefasst
wurde, zeigen Plautus Menaechmi 716f. („Hecuba … omnia mala ingerebat
quemquem aspexerat, itaque adeo iure coepta appellari est Canes.“) und Cicero
(Tusculanae Disputationes 3,63 „Hecubam autem putant propter animi acerbitatem
quandam et rabiem fingi in canem esse conversam“).
102 Eine gute Würdigung des Stückes bei W. Schetter, Zum Aufbau von Senecas Tro.,
in: E. Lefèvre (Hrsg.). Senecas Tragödien, Wege der Forschung 310, Darmstadt
1972, 230–71. S. auch Steidle (1968) 56–62.
103 W. M. Calder III, Originality in Seneca’s Troades, Classical Philology 65 (1970)
75-82, auch in: Theatrokratia, Spudasmata 104, Hildesheim 2005, 387–401.
Zur Rezeptionsgeschichte 55

(163–365). Danach geht er fast unvermittelt zur Andromache-Astyanax-


Handlung der Troerinnen über (365–70, 409–813). Anschließend nimmt er
die Polyxena–Handlung wieder auf und führt sie zu Ende, wobei besonders
auffällt, dass er Polyxena selbst keinen einzigen Vers sprechen lässt (861–
1008). Am Schluss stellt er die Ergebnisse beider Teilhandlungen in einer
Botenszene nebeneinander, wobei zunächst der tapfere Tod des Astyanax
und sodann die Opferung der wegen ihrer Schönheit und ihres mutigen
Verhaltens von allen bewunderten Polyxena beschrieben wird (1056–
1179). Eine Übereinstimmung zwischen den Schicksalen der beiden zeigt
sich darin, dass beide so würdig sterben, wie es ihrer königlichen Herkunft
entspricht (1063f.).
Gegenüber ihrer dominanten Rolle in den beiden euripideischen Dra-
men tritt Hecuba bei Seneca in den Hintergrund. Sie hat in den ersten Sze-
nen bedeutende Auftritte als Sprecherin des Prologs und Stichwortgeberin
des Chores, dann verschwindet sie für fast 700 Verse (163–860), während
derer zunächst die griechische Seite (Talthybius, Agamemnon, Pyrrhus,
Calchas) und dann Andromacha in den Vordergrund treten. Hecuba er-
scheint erst wieder in den beiden letzten Szenen als Gegenspielerin Hele-
nas und als Adressatin der Botenberichte (861–1177); allerdings tritt sie
dort nicht allein in diesen Rollen auf, sondern jeweils zusammen mit
Andromacha. Die Polymestor-Handlung der Hekabe übernimmt Seneca
nicht, was zur Folge hat, dass die troischen Frauen bei ihm, ähnlich wie in
den Troerinnen, nur als Leidende erscheinen und nicht, wie in der zweiten
Hälfte der Hekabe, zu Handelnden werden. In der einheitlichen Stimmung
des Stückes kann man einen gewissen Vorzug gegenüber der
euripideischen Hekabe sehen.
Obwohl Seneca offenbar der Polyxena-Handlung seiner Troades nicht
die Hekabe zugrundegelegt hat, sondern die Polyxene des Sophokles, las-
sen zahlreiche mehr oder weniger deutliche Anklänge an Passagen der
Hekabe erkennen, dass er auch dieses Stück gut kannte.104 Ähnliches gilt
für die Rolle, die er in der Andromacha-Astyanax-Handlung dem Ulixes
überträgt. Dieser erscheint dort nämlich genau wie in der Hekabe als Be-

_____________
104 Seneca Troades 4f. ~ Eur. Hek. 488–96; Troades 32 ~ Hek. 421; Troades 34 ~
Hek. 827; Troades 44–50 ~ Hek. 23f.; Troades 108f. ~ Hek. 1110f.; Troades 191f.
~ Hek. 113–15; Troades 524–28 ~ Hek. 218–28; Troades 672–77 ~ Hek. 886f.;
Troades 691–93 ~ Hek. 275-78, 752f.; Troades 700–02 ~ Hek. 339–41; Troades
703f., 960f. ~ Hek. 277–81; Troades 708–11, 717 ~ Hek. 336–39; Troades 736f. ~
Hek. 321–25; Troades 816f. ~ Hek. 451–53; Troades 843f. ~ Hek. 466–74;
Troades 950f. ~ Hek. 499f.; Troades 1067 ~ Hek. 517; Troades 1077f. ~ Hek.
521f.; Troades 1143–58 ~ Hek. 543–70; Troades 1178f. ~ Hek. 1288–90. Wie weit
sich Ähnliches auch in der Polyxene des Sophokles fand, entzieht sich freilich un-
serer Kenntnis.
56 Einführung

auftragter der Griechen und verkündet ihren grausamen Beschluss (524–


33). Obwohl Andromacha ihren Sohn, den sie im Grabmal Hektors verbor-
gen hat, als tot ausgibt, gelingt es Ulixes, sie zu überlisten, indem er droht,
das Grabmal einzureißen. Andromacha wird damit vor die Wahl gestellt,
entweder das Grab ihres Mannes verwüsten und ihren Sohn unter dessen
Trümmern begraben zu lassen oder ihn auf Gnade oder Ungnade an Ulixes
auszuliefern. Sie wählt das letztere, muss aber feststellen, dass weder sie
noch ihr Sohn mit ihren Bitten bei Ulixes etwas erreichen. Damit ist das
Schicksal des Astyanax besiegelt (556–813). Zu diesem Verhalten des
Ulixes mag Seneca durch das des Menelaos in der Andromache angeregt
worden sein (Andr. 309–544).
Ein Blick auf die Chorlieder bei Seneca lässt eine gewisse Ähnlichkeit
seiner Verfahrensweise mit derjenigen des Euripides sowohl in der Hekabe
als auch in den Troerinnen erkennen. Während die erste lyrische Passage
ähnlich wie bei Euripides ein Klagegesang ist, bei dem Hekabe zur Klage
auffordert und der Chor respondiert (V. 67–162), nehmen die beiden fol-
genden Lieder, wiederum wie bei Euripides, keinen Bezug auf die jeweili-
ge Handlungssituation. Das erste behandelt die Frage, ob es ein individuel-
les Fortleben der Seelen nach dem Tode gibt, und verneint diese Frage
entschieden (371–408). Diese Antwort steht in gewissem Gegensatz zur
vorausgehenden und folgenden Handlung, die zuvor von der Erscheinung
des Geistes des Achilleus bestimmt wurde und danach vom Traumbild
Hektors. In seinem zweiten Lied stellt der Chor Vermutungen darüber an,
in welche Landschaft Griechenlands ihn sein Schicksal wohl führen werde
(814–60). Damit nimmt er ein Thema auf, das sowohl in der Hekabe (444–
74) als auch in den Troerinnen (197–229) Gegenstand von Chorliedern
war. Auch das letzte Chorlied der Troades hat keinen unmittelbaren Hand-
lungsbezug, denn der Chor geht nicht auf den bevorstehenden Tod des
Astyanax und der Polyxena ein, sondern singt zunächst davon, dass sich
ein Unglück leichter gemeinsam als in der Vereinzelung ertragen lässt, und
blickt sodann voraus auf die endgültige Trennung von Troja bei der Aus-
fahrt der Flotte (1009–55).

Quintus Smyrnaeus

Quintus von Smyrna, ein in griechischer Sprache schreibender Dichter, der


wohl im 3. Jahrhundert n. Chr. lebte, verfasste das vierzehn Gesänge um-
fassende Epos Tà meq’ ÷Omhron oder Posthomerica, in dem er die Ein-
nahme Trojas und die Rückfahrt der griechischen Flotte beschrieb, also den
Stoff der verlorenen kyklischen Epen Aithiopis, Kleine Ilias, Iliupersis und
eines Teils der Nostoi behandelte. Dabei stützte er sich wohl nicht auf diese
Zur Rezeptionsgeschichte 57

Epen, sondern vor allem auf mythologische Handbücher. Wie weit er ver-
lorene hellenistische Epen sowie Vergil und Ovid benutzte, ist in der For-
schung umstritten.
Im 14. Gesang erwähnt Quintus kurz, dass Odysseus Hekabe zu seiner
Sklavin machte (14,21–29). Dann behandelt er im Rahmen der Beschrei-
bung des Aufbruchs der Griechen von Troja ausführlich die Opferung
Polyxenes auf dem Grab des Achilleus. Dort erscheint der Geist des
Achilleus dem Neoptolemos im Traum und fordert, Polyxene zu opfern.
Bis dies geschehen sei, werde er die Ausfahrt der Flotte durch Stürme ver-
hindern (179–222). Neoptolemos setzt sich daraufhin in der Heeres-
versammlung für die Forderung seines Vaters ein. Poseidon unterstützt ihn,
indem er einen gewaltigen Sturm sendet (235–52). Daraufhin wird die
Opferung Polyxenes beschlossen, die anders als bei Euripides ihr Schicksal
nicht gefasst auf sich nimmt, sondern weinend und klagend in den Tod
geht (257–71). Auch Hekabe, die schon durch einen schlimmen Traum
gewarnt wurde, beklagt den bevorstehenden Tod ihrer Tochter (272–303).
Die Erzählung über die Opferung selbst umfasst nur wenige Verse (304–
19). Die Bestattung des Leichnams erfolgt durch Antenor, der von den
Griechen verschont wurde und zusammen mit einigen anderen Über-
lebenden die toten Trojaner bestattet (320–28, vgl. auch 399–402). Nach
einem Festmahl der Griechen fordert Nestor das Heer zum Aufbruch auf
(329–45). Zum großen Erstaunen der Umstehenden wird Hekabe in eine
trauernde Hündin (a¬lginóessa kúwn) verwandelt. Ein Gott macht ihren
Körper zu Stein und lässt sie dadurch zu einem Wunder für die künftigen
Menschen werden (346–51).
Quintus lehnt sich bei seiner Darstellung der Polyxene-Episode in gro-
ßen Zügen an die erste Hälfte der Hekabe an, vermeidet es aber, ihr allzu
eng zu folgen.105 Viele Einzelheiten, die für das Stück des Euripides we-
sentlich sind, fehlen hier, so der Streit in der Heeresversammlung, die be-
deutende Rolle des Odysseus, der Versuch Hekabes, die Opferung ihrer
Tochter zu verhindern, die Todesbereitschaft Polyxenes und schließlich
auch die Beschreibung ihres ruhmvollen Sterbens. Die Polymestor–
Handlung der zweiten Hälfte übernimmt Quintus nicht. Damit entfällt für
ihn die Notwendigkeit, den Ort des Geschehens auf die thrakische Seite
des Hellesponts zu verlegen, aber zugleich auch die Möglichkeit, wie Euri-
pides eine Verbindung zwischen dem Schicksal Hekabes und dem Kap
Kynossema herzustellen.

_____________
105 Hierzu F. Vian, Quintus de Smyrne, La Suite d’ Homère, T. III, Paris 1969, 162–
64.
58 Einführung

Die Spätantike und Byzanz

Die große Beliebtheit der Hekabe in der späteren Antike lässt sich daran
erkennen, dass relativ viele Papyrusfragmente von diesem Stück gefunden
wurden. Hinsichtlich der Zahl der bisher gefundenen Papyri von Stücken
des Euripides liegt die Hekabe mit ihren 12 Papyri zwar weit hinter Ores-
tes und Phönizierinnen, für die 24 bzw. 22 Papyri vorliegen, aber etwa
gleichauf mit der Medea mit ihren 13 Papyri. Es mag riskant sein, aus die-
sem Zahlenverhältnis, das sich durch Neufunde jederzeit ändern kann,
Schlüsse auf die Beliebtheit der einzelnen Stücke in den letzten Jahrhun-
derten des Altertums zu ziehen; aber es scheint zur Zeit jedenfalls so aus-
zusehen, dass die Hekabe in der Spätantike zwar zu den beliebteren, aber
nicht zu den allerbeliebtesten Stücken gehörte, und dass sie ihre hervorge-
hobene Position, die sich allein schon an der großen Zahl der erhaltenen
mittelalterlichen Handschriften ablesen lässt, erst im Bildungswesen der
byzantinischen Epoche erhalten hat.106 Auch hinsichtlich des Umfangs der
erhaltenen antiken Scholien liegt die Hekabe nur auf dem vierten Platz.107
Über die Gründe, warum die Hekabe damals diese hervorgehobene Po-
sition erhielt, sind nur Vermutungen möglich. Ich möchte viererlei vermu-
ten. Erstens entspricht das Stück sehr gut den Bedürfnissen eines rhetorisch
orientierten Unterrichts, wie er damals üblich war.108 Zweitens ist das
Stück religiös und moralisch unanstößig. Die antiken Götter spielen in der
Handlung keine große Rolle, Sympathie und Antipathie sind, anders als
etwa in der Medea, klar verteilt, der Tod Polyxenes hat Ähnlichkeit mit
einem christlichen Martyrium, und Polymestor, der Bösewicht des Stückes,
empfängt seine verdiente Strafe. Drittens war wegen der Zugehörigkeit
zum trojanischen Sagenkreis der Stoff der Handlung jedem vertraut und
der Ort des Geschehens in der Nähe der Hauptstadt Konstantinopel. Vier-
tens fühlten sich die Byzantiner als Römer und infolgedessen, ganz in der
Nachfolge Vergils, als enger verbunden mit den besiegten Trojanern, den
Vorfahren der Römer, als mit den siegreichen Griechen, während sie die
barbarischen Thraker als Vorläufer der immer wieder Unruhe stiftenden
Balkanvölker empfinden konnten. So konnten sie sich von vornherein mit

_____________
106 Meine Annahme (Matthiessen 1974, 111f.), aus der unterschiedlichen Zahl der
Papyri von Hek. und Med. lasse sich schließen, dass die Hek. erst in der byzantini-
schen Zeit beliebter wurde als die Med., lässt sich angesichts der inzwischen er-
folgten Neufunde von Papyri der Hek. nicht mehr aufrechterhalten. Dass die Hek.
jedoch ihre herausgehobene Position, noch vor Or. und Phön., erst zu Anfang des
byzantinischen Mittelalters erhalten haben dürfte, meine ich nach wie vor.
107 Siehe S. 72 und Anm. 138.
108 Siehe auch S. 34 über die Bedeutung der Beredsamkeit in der Hek.
Zur Rezeptionsgeschichte 59

den sympathischen Gestalten des Stückes, also mit Hekabe, Polyxene und
Polydoros, eng verbunden fühlen.

Das Mittelalter im Westen

Hinsichtlich der Rezeption der Hekabe im Mittelalter muss man unter-


scheiden zwischen dem byzantinischen Osten und dem lateinisch gepräg-
ten Westen. Der Osten führte die antike Tradition ungebrochen fort, was
zur Folge hatte, dass die Hekabe in ihrer Stellung als einer der zentralen
Texte im Unterricht an Schule und Hochschule blieb. Der Westen dagegen
hatte das Griechische verlernt, und darum blieb ihm auch der Zugang zu
den griechischen Originaltexten versperrt. Er kannte infolgedessen den
Stoff der Hekabe nur durch die Vermittlung von Vergil, Ovid und Seneca.
In der dank der Vertonung durch Carl Orff wohlbekannten Strophe der
Carmina Burana heißt es109:
“Rex sedet in vertice,
caveat ruinam.
Nam sub axe legimus
Hecubam reginam.“
Für den Dichter dieser Strophe ist Hecuba das exemplarische Opfer der
Fortuna. An der „Rota Fortunae“, dem Rad des Glückes, wird dem regie-
renden König der Platz „in vertice“, also an der höchsten Stelle, zugewie-
sen, ihr dagegen der Platz „sub axe“, also die unterste Stelle, und zwar
besonders deswegen. weil sie noch kurz zuvor als Königin von Troja und
Gattin des unermesslich reichen Priamus die höchste Stelle innegehabt hat.
Sie hat also von allen Menschen in der kürzesten Zeit den tiefsten Fall
getan.110
Dante erwähnt in seiner Divina Commedia das Schicksal Hekabes in
wenigen Versen (Inferno 30, 13–21). Ècuba dient ihm als Exempel für
einen Menschen, der durch einen übergroßen seelischen Schmerz wahn-
sinnig geworden ist. Dante versteht sie, ähnlich wie der Dichter des Liedes
der Carmina Burana, als ein Opfer der Fortuna. Nach dem Tod ihrer Kin-
der Polissene und Polydoro verfiel sie in Raserei und begann wie ein Hund
_____________
109 Carmina Burana, Hrsg. v. A. Schmeller, Stuttgart 1847, Carmen 77, 21–24.
110 Shakespeare, der in seinem Hamlet (2. Akt, 2. Szene) den Schauspieler einen
Bericht über den Untergang Trojas in Anlehnung an die vergilische Erzählung des
Aeneas bei Dido (Aeneis 2, 506–58) deklamieren lässt, fasst das Schicksal des tro-
janischen Königshauses noch ganz in mittelalterlicher Weise als Exempel für den
jähen Wechsel des Glücks auf. Er lässt seinen Sprecher angesichts des Todes des
Priamus und des Leides der Hecuba die Götter auffordern, Fortuna wegen ihrer
Grausamkeit zu entmachten und ihr Rad zu zerbrechen.
60 Einführung

zu bellen.111 Die Anregung zu dieser Passage ebenso wie die Deutung ihrer
Verwandlung hat Dante offenbar von Ovid übernommen.

Die frühe Neuzeit

In der frühen Neuzeit gewann die Hekabe auch im lateinischen Westen die
Stellung als ‚Flaggschiff‘ der Tragödien des Euripides, die sie zuvor schon
im byzantinischen Bildungswesen und in den Handschriften gehabt hatte.
Seit der ersten gedruckten Gesamtausgabe des Euripides durch Aldus Ma-
nutius (Venedig 1503) stand sie in allen Ausgaben am Anfang. Bald nach
dem Erstdruck wurde sie von Erasmus ins Lateinische übersetzt und in
dieser Form einem größeren Leserkreis zugänglich gemacht (Paris
1506).112 Es kam jetzt auch zu den ersten Aufführungen.113 Das Stück wur-
de wegen seiner Anfangsstellung in den Ausgaben wohl am häufigsten
gelesen, und es erhielt einen festen Platz im Unterricht an Schule und Uni-
versität.
Die Hekabe wurde von einem Publikum hoch geschätzt, das von anti-
ken Tragödien bisher nur diejenigen Senecas kannte und sich darum gerade
bei diesem Stück auf vertrautem Boden fühlen konnte. Charakteristisch ist
das Urteil von Caspar Stiblinus, der in seiner 1562 erschienenen Ausgabe
zur Hekabe bemerkte: „Haec fabula propter argumenti tum varietaten, tum
plusquam tragicam atrocitaten, iure principem locum tenet“.114 Offenbar
nahm er keinen Anstoß an der manchen modernen Interpreten ärgerlichen
Tatsache, dass das Stück zwei Teilhandlungen unterschiedlichen Charak-
ters enthält, sondern empfand die Vielfalt als Bereicherung. Er störte sich
ebenfalls nicht an der Grausamkeit der Polymestor–Handlung, wohl weil er
von Seneca her Ähnliches gewohnt war. Auch den belehrenden und erbau-
lichen Charakter der Handlung des Stückes hob er hervor, denn das
Schicksal Hekabes erinnere an die Unerbittlichkeit, mit der Fortuna gerade
die Hochstehenden ins Unglück zu stürzen pflege, und mahne zur Beschei-
denheit, und dasjenige Polymestors zeige, dass es eine höhere Macht gebe,
welche aus Habgier begangene Verbrechen schwer bestrafe.
Die Beliebtheit des Stoffes der Hekabe und der Troerinnen im 16.–18.
Jahrhundert zeigt sich auch darin, dass damals einige mehr oder weniger
freie Bearbeitungen erfolgten, die teils an Euripides, teils an Seneca und

_____________
111 Inferno 30,20: forsennata latrò sì come cane.
112 Zusammen mit der Aulischen Iphigenie, zweisprachige Ausgabe Basel 1524. Hier
wie im folgenden stütze ich mich vor allem auf Heath (1987).
113 Löwen (1506 oder 1514), Wittenberg (1525/26).
114 Eur. poeta, Tragicorum princeps ...autore C. Stiblino, Basel 1562, 38.
Zur Rezeptionsgeschichte 61

teils an beide Dichter anknüpften. Ich nenne als Beispiele Robert Garniers
Troade, Wolfhart Spangenbergs Hecuba und Johann Elias Schlegels Tro-
janerinnen.
Garnier (1544–90) veröffentlichte seine Tragödie Troade im Jahre
1579; die erste Aufführung erfolgte wohl 1581. Dieses eindrucksvolle
Drama ist vor dem Hintergrund der grausam geführten französischen Reli-
gionskriege (1563–98) zu sehen. Den Franzosen der damaligen Zeit waren
durch eigene Erfahrungen die Schrecken des Krieges wohl vertraut. Zudem
fühlten sie sich mit den Trojanern besonders eng verbunden. Denn sie ver-
standen sich ähnlich wie die Römer der Zeit Vergils als Nachfahren derje-
nigen Trojaner, welche den Fall ihrer Stadt überlebt hatten. Francus, der
Begründer des Stammes der Franken, soll nach einer damals verbreiteten
Sage niemand anders gewesen sein als der wunderbar aus dem Untergang
Trojas gerettete Astyanax. Garnier selbst nennt denn auch die Trojaner in
der vorangestellten Widmung „unsere Vorfahren“.
Garnier schloss sich bei seinem dramatischen Schaffen eng an Seneca
an. Ebenso wie er stellte er sich formal in die antike Tradition, ließ also
dramatische Szenen in Sprechversen (meist Alexandrinern) mit Chor-
liedern in verschiedenen lyrischen Metren abwechseln. Ebenso wie er lieb-
te er wirkungsvolle Reden, aber auch zugespitzt formulierte Dialoge in
stichomythischer Form. Seine humanistische Gelehrsamkeit zeigte er gern
durch zahlreiche mythologische Anspielungen.
In seiner Troade folgte Garnier stofflich vor allem Senecas Troades,
übernahm aber auch aus den Troerinnen des Euripides die Kassandra-
Episode und aus der Hekabe die Polymestor-Handlung.115
Der erste Akt Garniers beginnt wie bei Seneca mit Klagen Hekabes
und des Chores der gefangenen Frauen über den Untergang der Stadt und
ihrer männlichen Bewohner (1–256). Dann erfolgt ein Übergang zu der aus
den Troerinnen übernommenen Kassandra-Handlung. Kassandra feiert ihre
bevorstehende „Hochzeit“ mit Agamemnon und kündigt an, dass sie durch
den von ihr mitverursachten Untergang Agamemnons den Tod ihres Vaters
rächen werde. Sie prophezeit die künftigen Leiden der Griechen auf ihrer
Heimfahrt und danach. Sie erklärt die Troer, die für die Verteidigung ihrer
Heimatstadt fielen, für glücklicher als die Griechen, die fern der Heimat
sterben mussten (313–444). Sehr eindringlich und ausführlicher als in sei-
ner Vorlage lässt Garnier seine Kassandra die Bedingungen formulieren,
unter denen ein Krieg allein gerechtfertigt ist:
„Toute guerre est cruelle, et personne ne doit
L’entreprendre jamais, sinon avecques droit:
Mais si pour sa defense et juste et necessaire

_____________
115 R. Garnier, La Troade, ed. J.-D. Beaudin, Paris 1999.
62 Einführung

Par les armes il faut repousser l’adversaire,


C’est honneur de mourir la pique dans le poing,
Pour sa ville, et l’avoir de sa vertu temoing.“ (407–12 nach Tro. 400–02)
Im zweiten Akt folgt die Handlung den Troades Senecas. Andromache
versucht Astyanax zu retten, indem sie ihn im Grabmal Hektors verbirgt.
Ihr Versuch misslingt, weil Pyrrhus droht, das Grabmal zu zerstören.
Astyanax verlässt das Grab, und da seine und seiner Mutter Bitten um
Gnade wirkungslos bleiben, muss er in den Tod gehen (557–1234).
Der dritte Akt ist dem Schicksal Polyxenes gewidmet. Er beginnt in
enger Anlehnung an den Anfang der Hekabe. Dann folgt wie in Senecas
Troades ein Streit zwischen Agamemnon und Pyrrhus über die Opferung
Polyxenes, der von Kalchas entschieden wird. Sodann kehrt Garnier wieder
zur Handlung der Hekabe zurück. Hekabe stellt sich Pyrrhus, der Polyxene
zur Opferung abführen will, vergeblich entgegen, doch Polyxene erklärt
sich bereit zu sterben und nimmt Abschied von ihrer Mutter (1235–1744).
Im vierten Akt werden zunächst sowohl die Astyanax-Handlung als
auch die Polyxene-Handlung zuende geführt, und zwar jeweils durch Be-
richte, die Hekabe über das tapfere Sterben ihrer beiden Kinder gegeben
werden (1805–2212). Dann erfolgt eine nicht sehr geschickte Überleitung
zur Polymestor-Handlung der Hekabe. Der Chor überbringt die Leiche des
Polydorus und meldet, dass sie am Meeresufer von den Frauen gefunden
wurde, die dort den Leichnam Polyxenes wuschen. Hekabe beklagt den
Tod ihres Sohnes und droht Polymestor furchtbare Rache an. Der Chor teilt
mit, dass dieser sich gerade in der Nähe befindet (2213–96).
Der fünfte Akt Garniers führt die Polymestor-Handlung in der Weise
der letzten Szenen der Hekabe zuende; der Ablauf ist aber sehr viel schnel-
ler als dort. Der Thrakerkönig wird von Hekabe überlistet und geblendet.
Er schildert Agamemnon, was geschehen ist, und klagt sie vor ihm an.
Dieser entscheidet, dass sie ihn zu Recht bestraft hat. Es fällt auf, dass bei
Garnier ein Äquivalent zur Anklagerede Hekabes gegen Polymestor (Hek.
1187–1237) fehlt. Ebenso fehlen bei ihm die schlimmen Prophezeiungen
des Thrakers über die künftigen Schicksale Hekabes und Agamenons (Hek.
1259–81). Statt dessen gibt er Hekabe die Gelegenheit zu einem ausführli-
chen Schlusswort, in dem sie noch einmal zusammenfassend über ihr Un-
glück spricht und den Wunsch äußert, dass auch andere, die ihr und den
Ihrigen Leid zugefügt haben, durch die Götter so bestraft werden mögen
wie Polymestor (2383–2666).
Man sollte auch noch auf eine weitere Änderung hinweisen, die Garni-
er an seiner Vorlage vornahm. In einem seiner Chorlieder hatte Seneca die
Unsterblichkeit der Seele entschieden geleugnet (Troades 371–408). Der
treue Katholik Garnier übernahm aber anders als in anderen Fällen die
Thematik und die Aussagen Senecas nicht, sondern ersetzte sie durch Ge-
Zur Rezeptionsgeschichte 63

danken, die sich besser mit der christlichen Lehre vereinbaren ließen. Bei
ihm sang der Chor über die Vergänglichkeit des Körpers und die Unsterb-
lichkeit der Seele, die sich frei von allen irdischen Sorgen ganz der Kon-
templation der „heiligen Dinge“ hingeben könne (1323–76).
Am Straßburger protestantischen Gymnasium war es üblich, antike
Dramen in lateinischer oder griechischer Sprache aufzuführen. Im Jahre
1605 geschah dies mit der Hecuba, und zwar in der lateinischen Überset-
zung des Erasmus. Wolfhart Spangenberg (1567 bis etwa 1636) schrieb
dazu eine deutsche Übersetzung, die im gleichen Jahr gedruckt wurde.116
Sie diente als Verständnishilfe für den Teil des Publikums, welcher der
gespielten lateinischen Fassung nicht folgen konnte. Die Übersetzung ist in
schwerfälligen Knittelversen in einer Alltagssprache verfasst, wie sie eher
einer Komödie angemessen gewesen wäre. Spangenberg schließt sich eng
an Erasmus und damit an Euripides an. Es ist jedoch an seinem Text zu
erkennen, dass bei der Inszenierung einige Änderungen an der Vorlage
erfolgt sind. So gab man in einem ersten Akt der euripideischen Handlung
eine Vorgeschichte. Medusa, eine Tochter des Priamus, die als Gefangene
der Griechen vor der thrakischen Küste Schiffbruch erlitten hat, überbringt
Polydorus die Nachricht vom Fall Trojas. Dieser fordert von Polymestor
die Übergabe des für ihn aufbewahrten Schatzes, damit er Hecuba und ihre
Töchter aus der Gefangenschaft freikaufen könne; Polymestor jedoch wei-
gert sich und tötet seinen Schützling auf offener Bühne. Der Akt wird be-
lebt durch eine dem Volksgeschmack entsprechende Rüpelszene, in der
sich vier schiffbrüchige griechische Soldaten aus den Fluten retten,
Medusas an die Küste gespülten Geldkoffer finden und mit ihm zum
nächsten Wirtshaus gehen, um sich dort von ihren Strapazen zu erholen. Im
weiteren Verlauf des Stückes fällt es auf, dass die zentralen Ereignisse,
nämlich die Opferung Polyxenes und die Blendung Polymestors sowie die
Ermordung seiner Söhne, in zweifacher Form vergegenwärtigt werden,
nämlich zuerst durch eine Darstellung auf der Bühne und dann auch noch
durch Berichte des Talthybios und des Polymestor, die so zu Doubletten
des bereits auf der Bühne Vorgeführten werden. Das entsprach offenbar
den Wünschen des Straßburger Publikums, das nicht damit zufrieden war,
wenn über wichtige Ereignisse nur berichtet wurde, sondern sie mit eige-
nen Augen auf der Bühne sehen wollte.
In seinen voran- und nachgestellten Erläuterungen (S. 168f., 267f.)
fasst Spangenberg die Polymestor-Handlung ähnlich wie schon Stiblinus in
erster Linie als Warnung vor dem schweren Laster der Habsucht („Geiz“,
wie er sagt) auf, die einen allgemeinen sittlichen Verfall dessen bewirke,
der sich ihr ergibt. Daneben sieht er das Stück ganz in der Weise des mit-
_____________
116 W. Spangenberg, Sämtliche Werke, 7, Berlin – New York 1979, 111–256.
64 Einführung

telalterlichen Verständnisses der Gestalt Hekabes, aber wohl auch nicht im


Widerspruch mit den Intentionen des Euripides, als Warnung vor der Un-
beständigkeit des Glückes, die sich insbesondere an alle Hochgestellten
richte. Auch könne man dem Stück den Rat entnehmen, man solle den
Zorn der Frauen nicht reizen und sich vor ihrer Rache hüten.
Der Dramatiker und Theoretiker des Dramas Johann Elias Schlegel
(1719–49) schrieb eine ältere Fassung seiner Trojanerinnen schon 1737
während seiner Schulzeit in Schulpforte. Sie wurde dort im gleichen Jahr
aufgeführt, 1742 und 1745 von ihm neu bearbeitet und 1747 zum ersten
Mal gedruckt.117 Das Stück ist durchgehend in Alexandrinern verfasst.
Dieses Versmaß und auch die gehobene Sprache des rhetorisch geschulten
Verfassers sind dem Dramenstoff angemessener als die Knittelverse und
die Alltagssprache Spangenbergs. Für den heutigen Leser sind allerdings
die pathetischen Deklamationen seiner Bühnengestalten gelegentlich nicht
ohne unfreiwillige Komik.
Als Stoffgrundlagen dienen Schlegel ähnlich wie vor ihm Garnier die
Hekabe und die Troerinnen des Euripides und Senecas Troades. Aus den
Troerinnen übernimmt er die Rollen der Kassandra und der Andromache,
aber nicht die der Helena. Aus der Hekabe übernimmt er die Polyxene-
Handlung, lässt jedoch die Polymestor-Handlung ganz beiseite. So kann er
den Schauplatz in den Ruinen Trojas belassen und braucht sie nicht wie
Euripides in seiner Hekabe nach Thrakien zu verlegen. Da Polyxena bei
Schlegel ebenso wie bei Euripides von vornherein zum Tod bereit ist, ent-
steht in dem ihr gewidmeten Teil der Handlung kaum ein dramatischer
Konflikt. Nur der Widerstand Hekubas gegen die Opferung ihrer Tochter
muss hier wie dort noch überwunden werden.
Dagegen gestaltet Schlegel Agamemnons Rolle breit aus. Dieser ist bei
ihm von Mitgefühl gegenüber Hekuba und ihrer Familie erfüllt und erwägt,
Polyxenas Opferung und die Ermordung des Astyanax zu verhindern. Bei
der Darstellung seiner schwankenden Haltung scheint Schlegel durch die
Rolle Agamemnons in der Aulischen Iphigenie angeregt worden zu sein. Er
lässt ihn 4. Auftritt des 4. Aktes im Gespräch mit seinem Vertrauten
Talthybius seinen inneren Konflikt wortreich schildern:
„Sprich, klaget man mit Recht wohl meinen Zweifel an?
Wo ist ein menschlich Herz, das hier nicht wanken kann?
Nicht stets muss man den Mut mehr als die Schwachheit lieben.
Kein Held muss herzhaft sein, Betrübte zu betrüben.
Ein unentschlossner Geist, den nichts zu schnell bewegt,
Zeigt, dass er seine Pflicht behutsam überlegt,
Und wenn er ja zuletzt den falschen Weg erwählet,
_____________
117 J. E. Schlegel, Werke, hrsg. v. J. H. Schlegel, 1. Bd., Kopenhagen – Leipzig 1771,
137–208 (Neudruck Frankfurt a. M. 1971).
Zur Rezeptionsgeschichte 65

So hat er wenigstens nicht ohne Kampf gefehlet.


Ja, glaube, tausendmal hab ich mit mir gekämpft,
Oft hat ein neuer Schluss den ersten Schluss gedämpft.
Ach, werd ich von dem Blut, wonach so viele brennen,
Durch allen Widerstand mich rein erhalten können?
Hier hör ich Wimmern, Schmerz, Flehn, Fluch und Rache schrein,
Dort bricht schon Tadel, Trutz, Gewalt und Aufruhr ein.
Jetzt denk ich, dass ein Gott kein Unrecht fordern kann,
Bald denk ich, er begehrts, drum ist es recht getan,
Bald seh ich wider uns sich Wind und Meer verbinden,
Ich seh uns irre gehen und unser Land nicht finden.
Schlacht ich das Opfer nicht, wer hat denn Schuld als ich?
Schlacht ichs und stürmt es doch, wen tadelt man als mich?
Ists stürmisch und sie lebt, so werden alle sagen:
,Die Hölle zürnt um Blut, das man ihr abgeschlagen.‘
Stürmt es und sie ist tot, so sagen eben die.
‚Ihr Blut war unschuldsvoll, der Himmel rächet sie.‘“
Schlegel lässt es allerdings nicht zu der dramatischen Zuspitzung der Aus-
einandersetzung Agamemnons mit Odysseus oder Pyrrhus kommen, die
man nach dieser Rede erwarten würde. Gegen Ende des 4. Aktes scheidet
Agamemnon aus der Handlung aus, und für den Rest des Stückes haben
seine Gegenspieler freie Hand. Odysseus führt Astyanax zum Tode, und
Pyrrhus meldet, dass er Polyxena auf dem Grab des Achilleus geopfert hat.
Aus Senecas Troades übernimmt Schlegel in ähnlicher Weise wie
Garnier das Motiv, dass Andromache ihren Sohn in Hektors Grabmal ver-
birgt; ebenso übernimmt er die Überlistung Andromaches durch Pyrrhus.
Bei der Handlungsführung dieses trotz allem recht beachtlichen Stü-
ckes bleibt Schlegel hinter den antiken Vorgängern und auch hinter Garni-
er zurück. Seine neue Konzeption eines von Mitleid mit Polyxene und
Astyanax erfüllten Agamemnon ist interessant. Er versäumt es allerdings,
die Möglichkeiten auszuschöpfen, die hierin für eine bühnenwirksame
offene Austragung des Konflikts zwischen ihm und seinen hartherzigen
Gegenspielern Pyrrhus und Odysseus angelegt sind, da er Agamemnon
vorzeitig aus dem Spiel ausscheiden lässt.

Kritische Stimmen im 18. und 19. Jahrhundert

In der Diskussion, die im 17. und 18. Jahrhundert besonders in Frankreich


im Anschlus an Aristoteles um Grundfragen der Poetik des Dramas ent-
brannte, ging es vor allem um dessen Forderung, dass eine gute Tragödie
eine einheitliche Handlung besitzen müsse.118 Zwar wurden Nebenhand-
_____________
118 Poetik 1451a 30–35.
66 Einführung

lungen nicht ausgeschlossen, doch wurde verlangt, dass sie in kausalem


Zusammenhang mit der Haupthandlung stehen müssten. Unter diesem
Gesichtspunkt konnte die Handlungsstruktur der Hekabe problematisch
werden. Die Polyxene-Handlung konnte zwar als Nebenhandlung akzep-
tiert werden, weil sie sich auf die Hauptgestalt auswirkt und einen ähnli-
chen Charakter wie die Haupthandlung hat, sie konnte andererseits aber
auch kritisiert werden, weil der nunmehr geforderte enge Zusammenhang
mit der Haupthandlung fehlt und weil die Stimmung eine andere ist. In der
damaligen Diskussion wurde auch darüber gestritten, ob auf der Bühne
grausame Taten dargestellt werden dürften oder nicht. Shakespeare hatte in
seinen Stücken unbekümmert auf offener Bühne Grausamkeiten darge-
stellt; in Frankreich dagegen pflegte man solche Szenen zu vermeiden. Es
wurde auch darüber diskutiert, ob in einer Tragödie vollkommen böse
Charaktere erscheinen dürften. Hier konnte man sich auf Aristoteles beru-
fen, der schon bemerkt hatte, dass ein verdientermaßen Leidender beim
Zuschauer nicht die tragödientypische Reaktion des Mitleids hervorrufe.119
Auch dies waren Diskussionen, welche die Hochschätzung der Hekabe
beeinträchtigen konnten, da Polymestor einerseits grausam bestraft wird
und andererseits das Leid, das ihm widerfährt, in vollem Maße verdient
hat.
Derartige Überlegungen hatten hatte ihre Wirkung auch auf die Philo-
logen des 18. und 19. Jahrhunderts. Denn auch bei ihrer Kritik der Hekabe
geht es meist um die gleichen Punkte, nämlich vor allem um das Problem
der Einheit der Handlung, um die Grausamkeit der Bestrafung Polymestors
und auch um die völlig negative Zeichnung seines Charakters, die jedes
Mitgefühl mit ihm unmöglich mache.
Großen Einfluss weit über Frankreich hinaus hatte das Buch Théatre
des Grecs des Jesuitenpaters Pierre Brumoy (1731), der die Stücke der drei
Tragiker und des Aristophanes teils übersetzte, teils ihre Handlungen nach-
erzählte und sie so dem gebildeten Publikum Europas bekannt machte. Die
Hekabe gehört zu den Stücken, von denen er nur eine ausführliche Inhalts-
angabe bot, in der er allerdings lange Passagen, insbesondere aus den gro-
ßen Reden des Stückes, im Wortlaut zitierte.120 Interessant ist die abschlie-
ßende Bewertung des Stückes durch Brumoy. Hier verweist er einerseits
auf die fehlende Einheit der Handlung und auf manche Einzelheiten, die
gegen die zeitgenössischen Moralvorstellungen verstießen, wobei er wohl
vor allem an die Annahme der Notwendigkeit von Menschenopfern ge-
dacht haben dürfte. Andererseits war er jedoch beeindruckt von der einzig-
_____________
119 Poetik 1453a 1–7.
120 P. Brumoy, Théatre des Grecs, vol. 4, Amsterdam 1732, 95–123; die Schlussbe-
merkung auf S. 123.
Zur Rezeptionsgeschichte 67

artigen Tragik dieses Stückes, die jedenfalls alle diejenigen, welche frei
von Vorurteilen gegen das Altertum seien, seine Schwächen vergessen
lasse. Mit dieser letzten Wendung spielt Brumoy auf die Querelle des
Anciens et des Modernes an, auf den Streit zwischen den Anhängern des
Altertums und denen der Neuzeit, die das damalige Frankreich so sehr
beschäftigte.
Auch Johann Jacob Reiske (1748) hatte manches an der Hekabe auszu-
setzen.121 Von den zehn Kritikpunkten, die er vorbringt, sind die meisten
irrelevant und lassen eine völlige Unkenntnis der Konventionen der atti-
schen Tragödie erkennen. Nur der zehnte Einwand hat Gewicht. Reiske
meinte, dass weder vom Schicksal Polyxenes noch von dem Polymestors
die tragödientypischen Emotionen erregt würden. Denn Polyxene sei un-
schuldig, und darum werde ihr Tod als gräßlich empfunden; Polymestor
dagegen werde als so ruchlos dargestellt, dass die Zuschauer kein Mitleid
mit ihm empfinden könnten. Reiske hätte es auch für besser gehalten, wenn
Euripdes die beiden Teilhandlungen umgestellt hätte; denn dann wäre der
Abschluss versöhnlicher gewesen.
Pierre Prévost (1786) legte bei der dritten Auflage des Werkes von
Brumoy eine vollständige Übersetzung der Hekabe sowie unter dem Titel
„Examen de Hécube“ eine ausführliche Würdigung des Stückes vor.122
Dort kam er nach einer gründlichen Diskussion der Frage der Einheit der
Handlung zu dem Ergebnis, dass die Wirkung des Stückes in der Tat durch
die Zweiteiligkeit der Handlung beeinträchtigt werde. Er meinte ferner,
dass die beiden Teilhandlungen zu schnell und unkompliziert ihrem jewei-
ligen Ziel zustrebten. Auch die Einführung in die Handlung durch die Pro-
logrede des Geistes des Polydoros schien Prévost (wie auch schon Reiske)
nicht glücklich zu sein. Bei aller Kritik im einzelnen hielt er das Stück
jedoch im ganzen für bewundernswert. Die Charaktere der Polyxene, des
Odysseus und des Agamemnon schienen ihm sehr gut gezeichnet zu sein,
während Polymestors Charakter zu negativ dargestellt werde, als dass der
Zuschauer an seinem Schicksal Anteil nehmen könnte. In erster Linie be-
wunderte Prévost jedoch die in den beiden Teilhandlungen ganz unter-
schiedlichen, aber hier wie dort sehr eindrucksvollen Äußerungen der Mut-
terliebe Hekabes.123
Richard Porson (1792) stellte in seiner sehr ausgewogenen Beurteilung
der Hekabe fest, dass von den in der zeitgenössischen Dramentheorie ge-
forderten drei Einheiten in diesem Stück nur die Einheit der Zeit konse-

_____________
121 Reiske (1748). Seine Kritik der Hek. steht auf S. 544–51.
122 P. Prévost, Examen de la tragédie d’Héc. (s. S. 50 Anm. 94), 481–505. Überset-
zung der Hek. auf S. 399–481.
123 Prévost (wie vorige Anm.) 500–05.
68 Einführung

quent beachtet werde.124 Denn die Handlung bestehe aus zwei Teilen, wo-
bei jedoch die Darstellung des Schicksals des Polydoros „summa cum
probabilitate“ auf die des ähnlich leidvollen Schicksals seiner Schwester
folge, so dass der Zuschauer die beiden Teilhandlugen als eine Einheit
wahrnehme. Man könne allerdings einwenden, dass dieser enge Zusam-
menhang durch den Auftritt des Polymestor und die darauf folgende Ra-
chehandlung beeinträchtigt werde und dass es besser gewesen wäre, wenn
das Stück ohne diese Teilhandlung mit der Bestattung der beiden Ge-
schwister geschlossen hätte. Denn die Fortsetzung des Stückes bis zur
Bestrafung Polymestors beeinträchtige den einheitlichen Charakter der
Handlung Aber auf der anderen Seite habe Hekabe „bei so vielen und gro-
ßen Leiden irgendeinen kleinen Trost“ verdient, und ein solcher Trost wer-
de ihr durch die Bestrafung Polymestors gewährt.125 Die Fortsetzung be-
wirke also in dieser Hinsicht einen Gewinn, der freilich erkauft werde
durch die Unklarheit über den Ort der Handlung. Letzteres sei allerdings
ein Fehler, der nur dem Denkenden und nicht dem Miterlebenden auffalle,
also nur dem Leser und nicht dem Zuschauer.126
Kritik übte Porson auch an der Gestaltung des Prologs.127 Er meinte,
dass es besser gewesen wäre, wenn der Dichter auf den Auftritt des Geistes
des Polydoros verzichtet hätte. An seiner Stelle hätte Hekabe sehr gut die
Einführung in die Voraussetzungen der Handlung übernehmen können.
Hierbei verkannte er allerdings, dass die beiden Teile des Prologs gerade in
ihrer vorliegenden Form mit der unheimlichen Erscheinung des Geistes
und dem Bericht Hekabes über ihren Unheil ankündigenden Traum hervor-
ragend auf dieses düstere Stück einstimmen.
August Wilhelm Schlegel musste in seinen 1808 gehaltenen Vorle-
sungen über dramatische Kunst und Literatur das Werk des Euripides
schon darum negativ beurteilen, weil er ihn in seinem Schema der Ent-
wicklung der attischen Tragödie mit den drei Phasen ‚Aufstieg – Höhe-
punkt – Verfall‘ der Verfallsphase zuordnete.128 Man darf aber nicht über-
_____________
124 Porson (1792) 19–21.
125 Ähnlich urteilt auch Pflugk (1829) 10, jedoch aus der Perspektive des Zuschauers.
Er meint, dieser solle den Schluss erleben „confirmato animo ne in extremis
quidem miseriis desperandum esse neque impune a scelestis hominibus quamvis
imbecillos et miseros violari intelligeret“.
126 Porson (1792) 21: „Hoc tamen vitium magis cogitatione quam sensu percipimus“.
127 ebendort 15.
128 A. W. Schlegel, Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur, 1, in: Sämtli-
che Schriften, hrsg. v. E. Böcking, Bd. 5, Hildesheim 1971. Behandlung der ein-
zelnen Stücke S. 153–76, der Hek. 167f. Er knüpfte dabei an Gedanken seines
Bruders Friedrich an, der Eur. freilich noch differenzierter beurteilt hatte. – Zu die-
sem Absatz und den beiden folgenden s. außer Heath (1987) auch Behler (1986)
und Sapienza (2003).
Zur Rezeptionsgeschichte 69

sehen, dass er die einzelnen Stücke unterschiedlich bewertete. Schon bei


seinem Vergleich des Hippolytos mit der Phèdre Racines hatte er das
euripideische Stück in den höchsten Tönen gelobt.129 An dieser Einschät-
zung des Hippolytos hielt er auch jetzt noch fest. Daneben rühmte er die
Bakchen und nahm von seinem Lob von Alkestis, Medea, Ion und
Aulischer Iphigenie nur einzelne Szenen aus, wobei er oft an kritische Äu-
ßerungen des Aristoteles und der antiken Philologen anknüpfte. Zur
Hekabe schrieb er:
„Die beiden Handlungen dieses Stücks ... haben nichts mit einander gemein, außer
ihrer Beziehung auf die Hecuba. Die erste Hälfte hat große Schönheiten von der
Art, wie sie dem Euripides vorzüglich gelingen: Bilder zarter Jugend, weiblicher
Unschuld und edelmütiger Ergebung in einen frühen gewaltsamen Tod. ... Aber die
zweite Hälfte zerstört diese sanfteren Rührungen auf eine höchst widerwärtige Art.
Sie ist angefüllt mit der rachsüchtigen Hinterlist der Hecuba, dem blödsinnigen
Geist des Polymestor und der dürftigen Politik Agamemnons. ... Auch passt es gar
nicht, dass Hecuba, bejahrt, kraftlos und in Jammer versunken, nachher so viel Ge-
genwart des Geistes bei Ausführung ihrer Rache, und eine solche Fertigkeit der
Zunge in ihrer Anklage und den Spöttereien gegen den Polymestor zeigt.“
Das Stück erhielt von Schlegel also uneingeschränktes Lob für die Poly-
xene-Handlung, die Polymestor-Handlung dagegen missfiel ihm vor allem
wegen ihrer Grausamkeit. Er vermisste eine einheitliche Handlung und
kritisierte, dass der Zusammenhang der beiden Teilhandlungen nur durch
die Person der Hauptgestalt hergestellt werde. Außerdem empfand er den
plötzlichen Übergang Hekabes von Trauer und Resignation zu Tatkraft und
Geistesgegenwart als einen Bruch in ihrem Charakter. Er wiederholte also,
außer bei diesem letzten Einwand, weitgehend die Argumente der Kritiker
des 18. Jahrhunderts.130
Auch nach Schlegel fanden sich einige Verteidiger des Stückes, so
Friedrich von Raumer (1807), August Julius Edmund Pflugk (1829) und
Johann Adam Hartung (1850).131 Gottfried Hermann dagegen fühlte sich
_____________
129 Comparaison entre la Phèdre de Racine et celle d’Eur., Paris 1807; auch in: Sämt-
liche Schriften (wie vorige Anm.), Bd. 14, 1972, 333–405. Auch dort ordnet er
Eur. schon der Verfallsphase der Tragödie zu (10f.). Er macht manche Einschrän-
kungen hinsichtlich der Qualität seiner Stücke, stellt jedoch abschließend fest:
„Avec tous ces defaults, c’est un poète d’une admirable facilité et d’un génie
éminement aimable et séduisant“ (88).
130 Es ist interessant, dass Gustav Freytag (Die Technik des Dramas, Leipzig 1863,
24) bei der Bewertung der zwei Teilhandlungen anders als Schlegel der zweiten
den Vorzug gab. Ihm ging es vor allem um die richtige Handlungsführung. Unter
diesem Gesichtspunkt scheint er die Polyxene-Handlung für eine Retardation der
Polymestor–Handlung gehalten zu haben, die er als die eigentliche Handlung des
Stückes ansah.
131 F. v. Raumer, Vorlesungen über die alte Geschichte, Bd. 2, Leipzig 1861, 399–
403; Pflugk (1829) 7–13; Hartung (1850) 5–12.
70 Einführung

durch Pflugks Verteidigung der Hekabe herausgefordert und kritisierte die


Zusammenfassung der zwei Teilhandlungen in einem Stück und die Poly-
mestor-Handlung scharf, wobei er ganz auf Schlegels Linie argumentierte.
Er verband seine Kritik, wie auch andere vor ihm, mit Vorschlägen dazu,
wie der Dichter es hätte besser machen können.132 Otto Friedrich Gruppe
schließlich schrieb, ebenfalls als Reaktion auf Pflugk, sogar einen regel-
rechten ‚Verriss‘ der Hekabe (1834), aus dem ich beispielhaft einige Sätze
zitiere:133
„Wer nur einen schwachen Begriff von dramatischer Komposition hat, … der muss
sogleich sagen, dass hier keine sei: alles hängt nur ganz äußerlich und locker zu-
sammen. … Wie das Stück jetzt ist, so fehlt nun aber vollends jene Einheit der
Stimmung, denn wenn die gehäuften Leiden uns Mitleid mit der gebeugten Fürstin
einflößen könnten, so wird dieser Eindruck dadurch plötzlich gestört, dass sie zum
Schluss so wüterisch und doch zugleich so kalt und hinterlistig auf Meuchelmord
sinnt. … Von einem steten Fortschreiten der Stimmung und von poetischen Über-
gängen ist nicht die Rede, nicht einmal von Ausdauer und einer notdürftigen Hal-
tung, sondern nach den pathetischen Klagen fällt das Gespräch zum Gleichgülti-
gen, Alltäglichen und Trivialen herab, und an Abgeschmacktheiten ist neben den
pretiösen Sentenzen kein Mangel. Was konnte davon anders die Folge sein, als
dass das Stück, trotz der Überladung unzusammengehöriger Vorgänge, doch an
vielen und in der Tat meisten Stellen matt, lang und langweilig ist, nirgend Plan,
Berechnung, Gliederung, geschweige denn Gemüt und Seele, die durch das Ganze
lebte.“
Die gleichen Kritikpunkte kehren also immer wieder, nämlich die fehlende
Einheit der Handlung und der Stimmung und der zu rasche Übergang
Hekabes von Leid und Klage zu Rachsucht und Grausamkeit.
Trotz solch harter Kritik behielt die Hekabe ihren Platz im Kanon der
in der Schule gelesenen Tragödien, jedenfalls zumindest außerhalb des
deutschen Sprachgebiets, was sich schon an der großen Zahl von Schul-
kommentaren erkennen lässt, die im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert
in anderen europäischen Ländern erschienen sind.134 Das ist einerseits in
dem großen Gewicht der Schultradition begründet, aber andererseits wohl
_____________
132 Hermann (1831) XV–XXXVIII.
133 O. F. Gruppe, Ariadne, Die tragische Kunst der Griechen in ihrer Entwickelung
und in ihrem Zusammenhang mit der Volkspoesie, Berlin 1834, 367–77, die Zitate
371–73.
134 Die Ausgabe von Hartung (1850) ist die einzige deutsch kommentierte Ausgabe
der Hek. geblieben. Der letzte in Deutschland erschienene Kommentar ist der von
Pflugk-Wecklein (1877), der lateinisch verfasst, also wohl eher für den studen-
tischen Gebrauch bestimmt ist. Dagegen gab es in England, Frankreich, Italien,
Belgien, den Niederlanden und Irland seit 1875 bis heute insgesamt mindestens 24
Ausgaben, die sämtlich in der Landessprache kommentiert wurden, also auch in
der Schule verwendbar waren. Davon sind einige in mehreren Auflagen erschie-
nen.
Textgeschichte und Textkonstitution 71

auch darin, dass die dortigen Lehrer bei der Auswahl der in der Schule
gelesenen Texte gern zu diesem Stück griffen, weil sie es für einen guten
Repräsentanten der Gattung hielten und für geeignet dazu, ihre Schüler an
diesem Text in die Tragödie einzuführen. Ein Beispiel für die Rezeption
der Hekabe in Frankreich ist ihre gründliche und gerechte Würdigung in
dem immer wieder aufgelegten Buch von Henri Patin, die für seine Beur-
teilung in diesem Land lange maßgebend gewesen sein dürfte.135
Anders als bei den geschlossener komponierten und von einer einheit-
lichen Handlung erfüllten Tragödien wie Medea, Hippolytos, Alkestis und
Bakchen, anders auch als bei den ähnlich gebauten Troerinnen ist es nur
recht selten zu Aufführungen der Hekabe gekommen. Neuerdings hat es
jedoch einige eindrucksvolle Inszenierungen des Stückes gegeben.136 Es ist
gut denkbar, dass ihm gerade wegen der starken Emotionen unterschied-
lichen Charakters, die es erweckt, noch eine große Zukunft auf der Bühne
beschieden ist.

Textgeschichte und Textkonstitution

Der Text der Hekabe ist wie der aller anderen attischen Tragödien als
Textbuch des Dichters und Regisseurs für die einmalige Aufführung im
Rahmen eines Dionysosfestes in Athen entstanden. Da die Tragödie eine
sehr populäre Dichtungsgattung war, kam bei den Athenern bald der
Wunsch auf, Abschriften der Texte zu erhalten, um sie nachlesen zu kön-
nen. Solche Abschriften müssen früh hergestellt worden sein, denn wir
besitzen immerhin den Text der Perser des Aischylos, von denen wir wis-
sen, dass sie im Jahre 472 aufgeführt wurden. Wir kennen sogar einzelne
Verse aus Stücken von Vorgängern des Aischylos, was vermuten lässt,
dass auch von ihnen schon Texte unter den Athenern verbreitet waren.
Solche Texte kursierten als Bücher in der damals üblichen Form, also als
Payprusrollen, die spaltenweise mit Tinte beschrieben waren. Sie wurden
hergestellt durch einzelne Schreiber, möglicherweise in Skriptorien, wo
mehrere Schreiber nach Vorlage oder Diktat die Texte reproduzierten. Die
Verbreitung der Bücher geschah durch Buchhändler, einen Berufsstand,
dessen Vorhandensein in Athen wir wohl schon für das ganze 5. Jahrhun-

_____________
135 Patin (1913) 1, 363–92.
136 H. Flashar (Inszenierung der Antike, 2. Auflage, München 2009, 346) nennt vier
Inszenierungen im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren, und zwar in
München, Schaan/Liechtenstein, Cottbus und Memmingen, wobei er diejenige von
Dieter Dorn an den Münchener Kammerspielen (1999) mit Gisela Stein in der
Hauptrolle besonders hervorhebt.
72 Einführung

dert voraussetzen müssen, das auch im übrigen eine Zeit reicher literari-
scher Produktivität war.
Die in den Büchern wiedergegebenen und im Buchhandel verbreiteten
Tragödientexte dürften letztlich meist auf das Exemplar des Dichters zu-
rückgehen. Allerdings war die damals einzig mögliche Form der Verbrei-
tung durch Schreiber in hohem Maße fehlerträchtig. So war der Text in
erheblichem Umfang der Verderbnis ausgesetzt.
Ferner ist es nicht ausgeschlossen, dass manche Tragödientexte auch
auf Schauspielerexemplare zurückgingen, die bei Wiederaufführungen von
Stücken verwendet wurden, wie sie seit dem 4. Jahrhundert gebräuchlich
geworden sind. Auf diesem Wege können Veränderungen (Streichungen,
Zusätze, Umformulierungen) aus der Bühnenpraxis in die Texte einge-
drungen sein. Ausführlich handelt hierüber Page (1934), der allerdings
nach meiner Meinung einen übermäßigen Gebrauch von der Annahme von
Zusätzen macht, die durch Schauspieler im Dramentext vorgenommen
worden sein sollen.137 Im Text der Hekabe kenne ich jedenfalls keine Pas-
sage, bei der es sicher oder wahrscheinlich ist, dass sie das Resultat einer
Textänderung durch Schauspieler ist.
Die Zeit der größten Gefährdung der Tragikertexte war das Jahrhun-
dert vor dem Beginn ihrer systematischen Sammlung und ihrer Normie-
rung durch die Anlage eines athenischen ‚Staatsexemplars‘ auf Anordnung
des Lykurgos (etwa 330 v. Chr.).

Scholien

Nach der Gründung der Bibliothek von Alexandria (etwa 300–280) erfolg-
te die philologische Betreuung des Euripidestextes durch die dortigen Ge-
lehrten wie Aristophanes von Byzanz und später durch Philologen wie
Dionysios und Didymos. Jetzt begann auch eine systematische Kommen-
tierung, deren Ergebnisse wir in den Scholien (schol.) finden. Die in der
Ausgabe von Eduard Schwartz zusammengefassten Scholia Vetera enthal-
ten die auf die Antike zurückgehenden Scholien. Die Hekabe gehört zu den
Stücken des Euripides, die am reichsten mit antiken Scholien ausgestattet
sind. Nur Phönizierinnen, Orestes und Hippolytos besitzen mehr davon.138
Da die Scholien, die dem Text einer Handschrift beigegeben sind, die-
sen Text kommentieren und diskutieren und auch gelegentlich Varianten

_____________
137 Hierzu kritisch Hamilton (1974).
138 Die Zahl der Seiten in der Ausgabe der Scholien von Schwartz beträgt für die
Phön. 171, den Or. 148, den Hipp. 134, die Hek. 82, die Andr. 76 und die Med. 74
Seiten. Auf Alk. und Tro. entfallen je 30 und auf den Rhes. 20 Seiten.
Textgeschichte und Textkonstitution 73

angeben,139 sind sie eine wichtige Ergänzung der Textüberlieferung. Ich


werde mich darum im kritischen Apparat und im Kommentar häufig auf sie
beziehen.

Papyri

Papyri ist die Sammelbezeichnung der meist auf dem Schreibmaterial Pa-
pyrus, in späterer Zeit gelegentlich auch auf Pergament oder auf Tonscher-
ben (Ostraka) geschriebene Reste antiker Handschriften, die man für die
Konstituierung der Texte heranziehen kann. Für die Hekabe liegen zur Zeit
12 solche Fragmente vor.140

P1 P. Oxy. 876 (5. Jh. n. Chr.): V. 701–04, 737–40


P2 P. Oxy. 877 (3. Jh. n. Chr): V. 1252–69, 1271–80
P3 Ostrakon Berlin 12319 (3. Jh. v. Chr.): V. 254–56
P4 P. Hamburg. 118b col. I (3.-2. Jh. v. Chr.): V. 28–44
P5 P. Oxy. 3215 fr. 2 (2. Jh. n. Chr.): V. 223–28
P6 P. Oxy. 4556 (3. Jh. n. Chr.): V. 604–07
P7 P. Oxy. 4557 (2. Jh. n. Chr.): V. 651–69; 710–73
P8 P. Oxy. 4559 (3. Jh. n. Chr.): V. 739–87
P9 P. Oxy. 4560 (3. Jh. n. Chr.): V. 765–83
P10 P. Oxy. 4561 (2.-3. Jh. n. Chr.): V. 1256–69
P11 P. Tebt. II 683 recto (1.–2. Jh. n. Chr.): V. 216–31
P12 P. Oxy. 4558 (6. Jh. n. Chr.): V. 709–22, 746–61, 782–94, 816–27

Hinsichtlich der Zahl der bisher gefundenen Papyri von Stücken des Euri-
pides liegt die Hekabe damit zwar weit hinter Orestes und Phönizierinnen,
für die 24 bzw. 22 Papyri vorliegen, aber etwa gleichauf mit der Medea,
für die wir 13 Papyri besitzen.
Die Papyri stellen eine wertvolle Nebenüberlieferung dar, die das
Zeugnis der Handschriften ergänzt. Sie bieten neben vielen eigenen

_____________
139 Gewöhnlich mit dem Zusatz gr(áfetai kaí) „es wird (auch so) geschrieben“.
140 Diggle (1984) nannte noch zehn Papyri. Von diesen haben einige der Oxyrhyn-
chos-Papyri inzwischen ihre endgültigen Nummern erhalten. Weitere zwei Papyri
sind inzwischen für die Hek. hinzugekommen, nämlich P. Tebt. II 683 recto, veröf-
fentlicht durch F. Montanari, Rivista di Filologia e di Istruzione Classica 115
(1987), 24–32, 441–43 (P11), und P. Oxyrhynchos 4558 (P12). – Mit dem von
Diggle (1984) noch als P4 zu V. 503f. angeführten Papyrus war P. Cambridge
Fitzwilliam Museum 2 gemeint, dessen Zuschreibung zweifelhaft ist; s. Diggles
Addenda et Corrigenda (T. III, 1994, 481). – S. jetzt auch P. Carrara, I papiri
dell’Ec., Studi e testi di papirologia, n.s. 7 (2005) 145–55.
74 Einführung

Fehlern interessante Textvarianten, die hin und wieder, wenn auch nicht
sehr häufig, dem Text der Handschriften überlegen sind. Dies ist in der
Hekabe z. B. in V. 1272 der Fall. Ich werde diese Papyri in meinem text-
kritischen Apparat überall dort zitieren, wo sie zur Konstituierung des
Textes etwas beitragen, sie aber nicht ausdrücklich erwähnen, wo sie we-
gen ihrer Lückenhaftigkeit als Textzeugen ausfallen.

Testimonien

Gelegentlich ist die indirekte Überlieferung in den Testimonien von Wert


für die Konstituierung des Textes. Hierbei handelt es sich um Zitate aus der
Hekabe bei antiken oder byzantinischen Autoren. Die lange Reihe dieser
Autoren beginnt bei den attischen Rednern des 4. Jahrhunderts und geht
über die Rhetoriker, Grammatiker und Lexikographen der Spätantike und
die Floriliegien des Stobaios und Orion bis hin zu den großen Ilias- und
Odysseekommentaren des Erzbischofs Eustathios von Thessalonike. Es
sind auch vereinzelte römische Autoren vertreten. Eine Liste solcher
Testimonien zum Text der Hekabe findet sich bei Biehl (1997) 73–83, bei
der er allerdings nicht, wie es wünschenswert gewesen wäre, zwischen
wörtlichen Zitaten und Parallelen, Parodien und Nachahmungen unter-
scheidet. Meine eigene Liste enthält etwa 330 Hinweise auf wörtliche oder
weitgehend wörtliche Zitate aus der Hekabe bei antiken und byzan-
tinischen Autoren (Testimonia) sowie etwa 40 Hinweise auf Nachahmun-
gen von Passagen bei antiken und byzantinischen Dichtern (Imitationes).141
Zitate, die den euripideischen Text nicht wörtlich wiedergeben, und Para-
phrasen habe ich mit dem vorangestellten Zeichen ~ gekennzeichnet.
Da die Testimonien auf anderem Wege überliefert wurden als der Tra-
gödientext, nämlich in der Überlieferung des jeweiligen ‚Gastautors‘, ha-
ben sie unabhängigen Wert. Der Herausgeber sollte bei der Konstituierung
des Tragödientextes überall dort auf sie zurückgreifen, wo sie einen besse-
ren Text bieten als die Handschriften. Das kommt zwar selten vor, in der
Hekabe aber immerhin in zwei Fällen, nämlich in V. 293 und 569. An
anderen Stellen, wie in V. 225, 332 und 1112, hilft ein Testimonium, eine
in den Handschriften nur schwach belegte Variante zu sichern.

_____________
141 Ähnlich umfangreiche Testimonienlisten gibt es auch für die beiden anderen Tri-
asdramen: Eur. Or. a cura di V. Di Benedetto, Florenz 1965, XX–XXV (etwa 240
Passagen); D. J. Mastronarde – J. M. Bremer, The Textual Tradition of Eur.’
Phoin., Berkeley – Los Angeles usw. 1982, 402–29 (etwa 650 Passagen).
Textgeschichte und Textkonstitution 75

Die mittelalterlichen Handschriften

Für die Tragödien der sogenannten ‚Byzantinischen Trias‘, also für


Hekabe, Orestes und Phönizierinnen, die im Schul- und Hochschul-
unterricht des Mittelalters eine zentrale Bedeutung hatten, sind die Hand-
schriften sehr zahlreich. Dies gilt in besonderem Maße für die Hekabe. Es
gibt etwa 200 Handschriften des Stückes mit unabhängigem Wert, die vor
1600 geschrieben wurden. Ähnlich zahlreiche Handschriften gibt es nur für
den Orestes (etwa 180) und die Phönizierinnen (etwa 130). Für alle ande-
ren Stücke ist die Überlieferung sehr viel spärlicher. So gibt es für die Me-
dea, die an vierter Stelle folgt, nur etwa ein Dutzend Handschriften mit
unabhängigem Wert.

Einteilung der Handschriften der Hekabe

1. Vetustiores (10.-12. Jh)


H Hierosolymitanus Táfou 36 (Palimpsest), 10.-11. Jh., enthält nur
V. 869–920 und 1125–73
M Marcianus Graecus 471, 11. Jh.
B Parisinus Graecus 2713, 11. Jh., enthält nur V. 523–1295
O Laurentianus 31.10, ca. 1175
gV Gnomologium Vatopedianum, Athous Vatopedianus 36, 12. Jh.
(nur einzelne Sentenzen)
2. Den Vetustiores nahestehende wertvolle Handschriften um 1300
A Parisinus Graecus 2712, Ende 13. Jh.
F Marcianus Graecus 468, Ende 13. Jh.
G Ambrosianus L 39 sup., etwa 1320
K Laurentianus Conventi Soppressi 66, 1291
L Laurentianus 32.2, Anfang 14. Jh.
P Laurentianus Conventi Soppressi 172, Anfang 14. Jh.
Pa Parisinus Graecus 2801, etwa 1335
Pr Remensis 1306, Ende 13. Jh. (V. 81–1295)
R Vaticanus Graecus 1135, Ende 13. Jh.
Rf Laurentianus 32, 33, etwa 1300 (enthält nur V. 572–1295)
Rw Viennensis, Nationalbibliothek, Graecus 119, etwa 1300
S Salamanticus 31, 1326
Sa Vaticanus Graecus 1345, Ende 13. Jh.
V Vaticanus Graecus 909, 1250–80 (Originaltext nur V. 32–211,
257–711, 1069– 1295)
76 Einführung

Va Vaticanus Palatinus Graecus 98, 14. Jh. (Apographon von V; her-


angezogen, wo V fehlt: Argumentum 3, V. 212–56, 712–1069)142
3. Weitere Handschriften nach 1300, die nur vereinzelte gute Lesarten
bieten. Diese erwähne ich nur an den jeweils genannten Stellen:
Ad Athous Dionysii 334, 15. Jh. (V. 175)
Ae Escorialensis W.1.9, Anfang 16. Jh. (Apographon von A; herange-
zogen in V. 90–362, wo A lückenhaft ist)
Dr Dresdensis Da.22 (verbrannt), 15. Jh. (V. 605)
Es Estensis g.L.11.23, etwa 1490 (V. 1067)
Hl Harleianus 6300, 16. Jh. (V. 80)
J Cantabrigiensis Nn.3.13, 15. Jh. (V. 535)
Le Leidensis Vossianus Q.33, etwa 1500 (V. 1055)
Mo Mosquensis Graecus 480, 17. Jh. (V. 209, 1077)
Ms Mosquensis Graecus 508, 15. Jh. (V. 209)
Pg Parisinus Sanctae Genovefae 3400 (Argumentum 3)
Pl Heidelbergensis Palatinus Graecus 18, 14. Jh. (Argumentum 1 und
2)
U Harleianus 5725, um 1500 (V. 535, 1055)
Vb Vaticanus Graecus 53, 15. Jh. (V. 210)
Yn Neapolitanus II.F.37, 14. Jh. (V. 1279)
Yv Marcianus Graecus 469, 1413 (Argumentum 1 und 2)
Zd Cantabrigiensis Nn.3.14, fol. 122–151, 15. Jh. (V. 1025)
Zs Sinaiticus 1196, 14. Jh. (V. 1254)
4. Handschriften mit mittelalterlichen Scholien:
a) mit Moschopulosscholien
X Oxoniensis Bodleianus Auct, F.3.25, etwa 1330–40
Xa Oxoniensis Bodleianus Barocci 120, etwa 1320–30
Xb Laurentianus Conventi Soppressi 71, Anfang 14. Jh.
x Übereinstimmung von XXaXb
b) mit Thomasscholien
Z Cantabrigiensis Nn.3.14, fol. 1–121, etwa 1330–50 (V. 552–592
fehlen)
Zb Vaticanus Graecus 51, Anfang 14. Jh. (V. 1–27 fehlen)
Zc Hauniensis, Gamle Kongelig Samling 3549, Anfang 14. Jh. (V.
323–352 fehlen)

_____________
142 Da Va in V. 1–31 vielleicht kein Apographon des Originaltextes von V ist, sondern
des an seiner Stelle in V befindlichen jüngeren Ersatzblattes, scheint es mir besser
zu sein, Va für diese Verse nicht heranzuziehen. S. hierzu Matthiessen (1974) 126
Anm. 2.
Textgeschichte und Textkonstitution 77

Zm Ambrosianus I 47 sup., 14. Jh.


Zu Uppsaliensis, Universitetsbibliotek, Graecus 15, 1. Hälfte 14. Jh.
(V. 1–27 fehlen)
z Übereinstimmung von ZZbZcZmZu
c) mit Trikliniostext und -scholien
T Angelicus Graecus 14, 1300–25 (Tz Hand des Hauptschreibers, Tt
Hand des Triklinios)

Grundsätze dieser Edition

In dieser Ausgabe gebe ich einen ausführlichen textkritischen Apparat, der


sich auf meine Kollationen dieser Handschriften stützt. Bei der Auswahl
der ständig herangezogenen Handschriften folge ich den Grundsätzen, die
ich in meinen „Studien zur Textüberlieferung der Hekabe“ formuliert ha-
be.143 Ich ziehe dabei den Kreis etwas weiter als Diggle, indem ich noch
sechs weitere Handschriften, nämlich RfRwS und ZbZmZu, ständig heran-
ziehe und im textkritischen Apparat zitiere. Dadurch wird mein Apparat
etwas unübersichtlicher als der seinige, es wird aber noch deutlicher als bei
ihm, dass die Hekabe, ebenso wie der Orestes, die Phönizierinnen und die
Triasdramen der anderen Tragiker, eine „offene“ Überlieferung hat.
Man muss annehmen, dass offenbar im Prozess der Überlieferung die-
ser Dramen die Texte oft nicht von einer einzigen Vorlage abgeschrieben
wurden, sondern während des Schreibvorganges oder auch nachträglich
durch die Heranziehung anderer Vorlagen korrigiert wurden. Bei dieser
Gelegenheit dürfte es zwischen den Handschriften häufig zu einem Aus-
tausch von Varianten gekommen sein. Deswegen muss man immer damit
rechnen, dass selbst in jüngeren Handschriften Varianten auftauchen, die
auf die Antike zurückgehen. Dies alles hat zur Folge, dass sich zwar einige
Handschriftenklassen erkennen lassen,144 dass diese Gruppen aber nicht
fest umrissen sind. Es zeigt sich z. B., wie wenige Übereinstimmungen es
im Dramentext zwischen den verschiedenen mit Thomas–Scholien ausge-
statteten Handschriften ZZbZcZmZu gibt und wie selten infolgedessen die
Sigle z verwendet werden kann, mit der die Übereinstimmung der Hand-
schriften dieser Gruppe dokumentiert wird. Andererseits fällt es um so
mehr auf, wie geschlossen die mit Moschopulos–Scholien ausgestattete
Handschriftengruppe XXaXb hinsichtlich ihres Dramentextes ist. Dement-

_____________
143 Matthiessen (1974) 116–21. Zu Diggles Auswahl von Hss. s. Diggle T. I (1984)
xiii und 334–36.
144 Hierzu Matthiessen (1974) 66–77, 89–105.
78 Einführung

sprechend erscheint häufig die für die Übereinstimmung dieser drei Hand-
schriften verwendete Sigle x.
Angesichts dieser Überlieferungslage kommt dem Herausgeber eine
große Verantwortung zu. Die Entscheidung darüber, welche Variante den
Vorzug verdient, liegt letztlich bei ihm. Dabei mag es ihm zwar eine Hilfe
sein, ob die einzelne Variante in einer der älteren und zugleich auch besse-
ren Handschriften belegt ist (wie vor allem in MBHO und FGKPT), ent-
scheidend aber sollte für ihn die Qualität der Variante sein, ganz gleich, ob
sie in einer Handschrift des 10. oder einer des 14. Jahrhunderts überliefert
ist.145
Im Apparat führe ich im allgemeinen nur solche Varianten an, welche
in mindestens zwei der von mir regelmäßig herangezogenen Handschriften
bezeugt sind. Varianten, die sich nur in einer einzigen von ihnen finden,
erwähne ich nur, wenn sie für die Textherstellung von Interesse sind. Dabei
verwende ich die folgenden Abkürzungen.
codd. (codices) alle ständig zitierten Handschriften
rell. (reliqui) alle außer den ausdrücklich genannten
A Handschrift A von erster Hand im Text
Aac (ante correctionem) A vor der Korrektur (soweit erkennbar)
A1, A2 Korrektur in A von erster, zweiter Hand
Ac (corrector) Korrektur in A von unbestimmbarer Hand
As (supra lineam) erste Hand über der Linie, Variante oder Glosse
Am (in margine) auf dem Rand notiert oder nachgetragen
Agr (gráfetai kaì) Variante, als solche gekennzeichnet
Agl (glossema) Glosse (Worterklärung), als solche erkennbar
Ar (rubricator) Rubrikator (erste Hand, mit roter Tinte schreibend)
Auv (ut videtur) Text schwer lesbar, aber wahrscheinlich so zu deuten
Air (in rasura) Text an radierter Stelle
[A] A lückenhaft
 korrigierte Stelle, alter Text nicht lesbar

Bei den Scholien unterscheide ich:


schol. A Variante, die sich aus dem Text des Scholiums zweifelsfrei er-
schließen lässt
schol.in A Variante, die der im Scholium gegebenen Interpretation zugrunde
liegt
schol.le A Variante, die im Lemma des Scholiums erscheint

_____________
145 Turyn (1952) 323: „It appears that, within the genuine ‚old‘ tradition, no stemmatic
preferability can be deduced from the entire picture of the manuscript tradition“;
D. Page, Aesch., Oxford 1972, viii: „Quo plures codices contuleris, eo magis con-
firmatur hoc iudicium. Non stemmate igitur sed virtute in unoquoque codice est
unaquaque lectio iudicanda“.
Textgeschichte und Textkonstitution 79

Bei meiner Textgestaltung stimme ich oft mit Diggle überein, der bei sei-
ner Ausgabe der Hekabe weitgehend auf meinen eigenen Handschriften-
studien aufbaut. Ich folge ihm auch bei der Behandlung der „quisquiliae
orthographicae“.146 Da er sich aber oft von der Überlieferung entfernt, bin
ich in vielen Fällen zu dem Ergebnis gekommen, es sei besser, an der
Überlieferung festzuhalten. Meine Entscheidungen habe ich im Kommen-
tar begründet. Dabei habe ich das Überlieferte durch Parallelstellen zu
sichern versucht. Eine Übersicht über meine Abweichungen von Diggle
findet sich auf S. 443. Wertvolle Hinweise habe ich dabei von seinen Re-
zensenten erhalten,147 ferner von Collard (1991), Kovacs (1988 und 1995),
Biehl (1997), Gregory (1999) und Synodinou (2005). Dabei habe ich mich
an dem Satz von Wilamowitz orientiert, dass die Textgeschichte der
Hekabe mit ihrer reichen handschriftlichen Überlieferung fast jede Konjek-
tur verbietet.148 Auch auf Murray kann ich mich berufen, der schreibt:
„Plus interpretationis eget, me iudice, Eur. quam emendationis”.149
Bei der Verszählung folge ich der Ausgabe von Aemilius Portus (Hei-
delberg 1597), der seinerseits die Kolometrie der Ausgabe von W. Canter
(Antwerpen 1571) zugrundelegt. Canter hat in den lyrischen Partien recht
kurze Kola abgeteilt, während die heutigen Metriker oft längere Kola abzu-
teilen pflegen. Das führt dazu, dass ich an vielen Stellen weniger Verse
zähle, so dass einige Verszahlen ausfallen. Ich gebe in der Regel bei jedem
fünften Vers eine Verszahl an, jedoch dort, wo die Zählung zweifelhaft ist,
setze ich noch weitere Zahlen hinzu. In den wenigen Fällen, wo zusätzliche
Verse abgeteilt werden oder Interjektionen außerhalb des Metrums stehen,
füge ich der Zahl des vorausgehenden Verses einen Buchstaben hinzu
(z. B. V. 174a, 1115a).

_____________
146 Siehe Diggle, Eur. Fabulae,T. I (1984) xiii; T. II (1981) viii-ix.
147 Ferrari (1986), Collard (1986), Kamerbeek (1986), Mastronarde (1988).
148 Wilamowitz (1959) 1, 217.
149 Murray, Eur. Fabulae (1902) T. I, xi.
Kritische Edition und Übersetzung
Die antiken Einführungen (Argumenta)

I
UPOQESIS EURIPIDOU EKABHS

Metà tæn ¯Ilíou poliorkían oi™ mèn ÷Ellhneß ei¬ß tæn a¬ntipéran
tñß Trw¸ádoß Cerrónhson kaqwrmísqhsan· ¯Acilleùß dè nuktòß
o™raqeìß sfágion h¢¸tei mían tøn Priámou qugatérwn. oi™ mèn ou®n
÷Ellhneß timønteß tòn hçrwa Poluxénhn a¬pospásanteß ¿Ekábhß
e¬sfagíasan. Polumästwr dè o™ tøn Qra¸køn basileùß eçna tøn 5
Priamidøn Polúdwron e¢sfaxen. ei¬läfei dè toûton parà toû
Priámou o™ Polumästwr ei¬ß parakataqäkhn metà crhmátwn.
a™loúshß dè tñß pólewß katasceîn au¬toû boulómenoß tòn
ploûton foneúein wçrmhse kaì filíaß dustucoúshß w¬ligårhsen.

I: Codices: AFGPaPlRRw S (duobus locis, f. 118r et 119r; notavi et consenum et


varias lectiones prioris siglo S, varias lectiones posterioris siglo S´) Sa, x, Yv (1–3
Priámou bis, Yva et Yvb) Zc. P habet argumentum simile, sed multis locis
discrepans, non notavi. Nihil in MKLO, argumenta recentiora in ZZmTt.

Inscriptio u™póqesiß eu¬ripídou e™kábhß FRwYv : u™p- e™k- eu¬r- PlR : eu¬r- u™p- e™k-
GXXb :u™p- toû drámatoß eu¬r- e™k- Zc : u™p- poludårou Pr : auçth dé e¬stin h™ u™p-
SSa : om. PaS´XaYv : [A]
1 i¬líou AGRwx : tñß i¬l- rell. tæn AGx : tò FRwYvZc : tà PaPlSSa : tòn R
a¬ntipéran AGxZc : a¬ntípera rell. 2 tñß om. AGPax cerrónnhson AGPlsx :
-näsou Pl rell. kaqwrmísqhsan rell. : -årmisan FYvb : -årmhsan YvaZc
3 sfágion h¢¸tei PaRRwSSaYvZc : sf- h¢toi FPl : sfagñnai h¬xíou AGx
priámou qugatérwn AGx : qug- toû pri- PaRwSSa : qug- pri- FPlRYvZc oi™
mèn ou®n S´ rell.: kaì oi™ mèn YvZc : kaì oi™ F : oi™ mèn SSaXa 5 o™ om.
FPaRRwYvZc 6 katésfaxen AGx 7 e¬n parakataqäkh¸ PaPlRRwSSa
8 pólewß S rell. : troíaß RXa : po- tr- PlS´ au¬toû boulómenoß tòn ploûton S
rell. : b- au¬- t- pl- PlRS´ : tòn crusòn b- FYvZc 9 foneúein rell. : toû f- tòn
paîda FYvZc dustucoúshß rell. : -oûß AGRx : o™ dústhnoß FYvZc
Die antiken Einführungen (Argumenta)

I
Der Stoff der Hekabe des Euripides

Nach der Einnahme Trojas brachen die Griechen zur ChersonēӘs an der
Troja gegenüber liegenden Küste auf. Achilleus erschien in der Nacht und
forderte als Schlachtopfer eine der Töchter des Priamos. Die Griechen
fürchteten den Zorn des Helden, rissen Polyxene von Hekabes Seite und
schlachteten sie. [5] Polymestor aber, der König der Thraker, tötete einen
der Priamossöhne namens Polydoros. Er hatte ihn von Priamos empfangen,
damit er ihn zusammen mit Schätzen bei sich aufnähme. Aber als die Stadt
gefallen war, wollte er dessen Reichtümer bekommen und machte sich
daran, ihn zu töten, und kümmerte sich nicht mehr um die in Not geratenen
Freunde.
84 Argumenta

e¬kriféntoß dè toû såmatoß ei¬ß tæn qálassan klúdwn pròß tàß 10


tøn ai¬cmalwtídwn skhnàß au¬tòn e¬xébalen. ¿Ekábh dè tòn nekròn
qeasaménh e¬pégnw, koinwsaménh dè tæn gnåmhn ¯Agamémnoni
Polumästora sùn toîß paisìn au¬toû w™ß e™autæn metepémyato,
krúptousa tò gegonóß, w™ß içna qhsauroùß e¬n ¯Ilíw¸ mhnúsh¸ au¬tø¸.
paragenoménwn dè toùß mèn ui™oùß e¢sfaxen, au¬tòn dè tñß 15
o™rásewß e¬stérhsen. e¬pì dè tøn ¿Ellänwn légousa tòn
katägoron e¬níkhsen· e¬kríqh gàr ou¬k a¢rxai w¬móthtoß a¬ll’
a¬múnasqai tòn katárxanta.

10 såmatoß rell. : ptåmatoß FYvZc klúdwn S rell. : o™ kl- PlRS´ : tò


kludånion AGxYv 11 ai¬cmalwtídwn S rell. : -åtwn FPlRRwS´Zc skhnàß
au¬tòn rell. : au¬- sk- Pa : sk- RwZc 13 w™ß e™autæn S rell. : w™ß ei¬ß e™- Pa : ei¬ß e™-
PlS´ : pròß au¬tæn FYvZc metapemyaménh SSa 14 krúptousa S rell. : k- dè
Rw : krúyasa FYv : -yanta Zc : om. A tò gegonòß FYvZc : dè tò g- Rw : tò
gegonåß PaS´ : om. A w™ß om. SSa içna om. AR 15 paragenoménwn dè FYv :
-ou dè au¬toû Xa : -w¸ dè rell. mèn AGSaxYv : om. rell. ui™oùß rell. : ui™oùß
polumästoroß FYv : ui™oùß toû pol- Zc e¢sfaxen SSaZc : a¬pésfaxen rell. :
katésf- AGx 16 tñß o™rásewß rell. : tøn o¬fqalmøn AGx 17 gàr rell. : dè
PlR a¢rxai Schwartz : -xein SSa : -cein S´ rell. a¬ll’ om. PlRSSa 18 tòn om.
FPaSaYvZc
I Der Stoff der Hekabe des Euripides 85

Er warf [10] den Leichnam in das Meer, und die Brandung warf ihn bei
den Zelten der Kriegsgefangenen an Land. Hekabe sah den Leichnam und
erkannte ihn. Sie tat sich mit Agamemnon zusammen und ließ Polymestor
mit seinen Kindern zu sich kommen, ohne das Geschehene ihm gegenüber
zu erwähnen, und zwar unter dem Vorwand, sie wolle ihm Schätze zeigen,
die noch in Troja lägen. Als sie zu ihr gekommen waren, tötete sie seine
[15] Söhne und beraubte ihn seines Augenlichts. Vor den Griechen hielt sie
eine Rede und besiegte ihn, der als ihr Ankläger auftrat. Denn es wurde
entschieden, dass nicht sie mit der Gewalt angefangen habe, sondern dass
sie sich an dem gerächt habe, der damit begonnen hatte.
86 Argumenta

II
<ARISTOFANOUS GRAMMATIKOU UPOQESIS>

¿H mèn skhnæ toû drámatoß u™pókeitai e¬n tñ¸ a¬ntipéran Troíaß


Cerronäsw¸· o™ dè coròß sunésthken e¬k gunaikøn ai¬cmalwtídwn·
prologízei dè ei¢dwlon Poludårou.
Tà perì tæn Poluxénhn e¢sti kaì parà Sofokleî eu™reîn e¬n Poluxénh¸.
Tà toû drámatoß próswpa· Poludårou ei¢dwlon, ¿Ekábh, coròß 5
ai¬cmalwtídwn gunaikøn, Poluxénh, ¯Odusseúß, Talqúbioß,
qerápaina, ¯Agamémnwn, Polumästwr.

II: Codices: 1–3 FSSaYvZc (1 –cerronäsw¸ etiam in ZTt) 4 e Schol. MSSaYv ad


argumentum rettulit Wilamowitz 5–7 AFGPPaPlRRwSSa VaYvxZZcTt

Inscriptionem addidi (cf. arg. Or. Phoen.)


1 tñ¸ rell. : gñ¸ FYvZc a¬ntipéran ZTt : -péra rell. troíaß FSaYvZc : tñß tr-
SZZcTt 2 cerronäsw¸ rell. : c- troíaß Z : tñß cerronäsou FYvZc : om. SSa
3 dè rell. : dè tò SSaZc ei¢dwlon poludårou rell. : po- ei¢- Zc 4 tæn
poluxénhn Cobet : tæn om. SSa : tñ -xénh Yv : tæn xénhn M e¬n poluxénh¸
Wilamowitz : e¬n dè -xénh¸ Yv : e¬n kaì -xénaiß Sa : e¬n kaì -xénoiß S : kaì perì
-xénhn M 5–7 personae hoc ordine AGPPaxZTt : o¬d- polux- qe- ta- FYvZc :
a¬g- polum- om. Z : po- ei¬- e™k- polux- ta- co- qe- o¬d- polum- a¬g- PlR : idem, sed
polux- post polum- RwSSa : ei¢- po- e™k- qe- c- trw¸ádwn g- ta- o¬d- a¬g- polum-
polux- Va 5 poludårou ei¢dwlon rell. : ei¢- po- VaXaZTt.: ei¢ toû po- S 6 co-
ai¬cmalwtídwn gunaikøn AFGx : co- g- ai¬- e¬k troíaß Pa : co- e¬k trw¸ádwn ai¬-
Tt : co- e¬k tr- ai¬cmalåtwn Z : co- tr- g- Va : co- PPlRRwSSaYvZc
7 qerápaina rell. : q- e™kábhß XaZTt post personarum indicem add. prologízei
ei¢dwlon poludårou Xa
II Inhaltsangabe des Grammatikers Aristophanes 87

II
<Inhaltsangabe des Grammatikers Aristophanes>

Der Ort der Handlung liegt auf der Chersonēs an der Troja gegenüber
liegenden Küste. Der Chor besteht aus kriegsgefangenen Frauen. Den
Prolog spricht der Geist des Polydoros.
Die Geschichte der Polyxene kann man auch bei Sophokles in seiner
Polyxene finden. [5] Die Personen der Handlung: der Geist des Polydoros,
Hekabe, Chor kriegsgefangener Frauen, Polyxene, Odysseus, Talthybios,
Dienerin, Agamemnon, Polymestor.
88 Argumenta

III

Tò drâma toûto tæn tafæn Poludårou


Poluxénhß te tæn sfagæn diagráfei
kaì toû Polumästoroß o¬mmátwn díkhn,
oiçan dedrakœß eu©ren a¬ntimisqían.

III: Codices: PgSSaZc


2 kaì tñß poluxénhß te tæn sfagæn gráfei Zc 3 toû PgSZc : tøn Sa
III 89

III

Dieses Drama beschreibt die Bestattung des Polydoros


und die Schlachtung der Polyxene
und die Bestrafung der Augen des Polymestor,
die er zur Vergeltung für seine Tat erfuhr.
90 Prologrede (1–58)

Prologrede (1–58)

Poludårou ei¢dwlon
÷Hkw nekrøn keuqmøna kaì skótou púlaß
lipån, içn’ ÷Aidhß cwrìß w¢¸kistai qeøn,
Polúdwroß, ¿Ekábhß paîß gegœß tñß Kisséwß
Priámou te patróß, oçß m’, e¬peì Frugøn pólin
kíndunoß e¢sce dorì peseîn ¿Ellhnikø¸, 5
deísaß u™pexépemye Trwïkñß cqonòß
Polumästoroß pròß døma Qrh¸kíou xénou,
oÇß tänd’ a¬rísthn Cersonhsían pláka
speírei, fílippon laòn eu¬qúnwn dorí.

Testimonia: 1–3 Polúdwroß ~Priscianus Inst. 17,76 1–2 Lucianus Necyomantia 1


1–2 lipån Strabo 14,5,4, Thomas Magister 170,1, Georgius Lacapenus Epim. in Epist.
6 (42,16 Lindstam), ~Tzetzes Ep. 66 (p. 95,24 Leone) 1 Excerpta ex Herodiano
An.Ox. 3,273,3, Demosthenes 18,267, Libanius Decl. 23,61, Hermogenes Id. 2,4 (p.
338,8 Rabe), ~Agathias 2,23,6 (p. 71,2 Keydell), ~Athenaeus 551 b, ~Epidemia Mazari
(Anecdota Boissonade 3,116) 1 – keuqmøna Choeroboscus An.Ox. 2,222, Comm. in
Arist. Rhet. 231,14 (CAG 21,2) 1 nekrøn keuqmøna Eustathius Il. 1297,67
3 Kisséwß schol. A Il. 16,718, ~Servius Aen. 7,320 et 10,705 6 Libellus de
constructione verborum 387 (Hermann, De em. rat. Gr. gramm., 1801) 8 Stephanus
Byzantius 691,16 Meineke (s. v. Cerrónhsoß) 8 Cersonhsían ~Eustathius Il.
649,54
Imitationes: 1–2 Aristoph. Aeolosicon fr. 1 PCG, Chr. Pat. 2026–27 1–2 lipån
Aristoph. Gerytades fr. 146 PCG, Sen. Agamemnon 1–2, Chr. Pat. 1513–14
1 nekrøn – púlaß Chr. Pat. 1509, 1519, Tzetzes Chil. 10,161 3 Kisséwß Ennius
Test. 11 Klotz (Hec. fr. 11 Ribbeck)

Codices: MO, AFGKLPPaRRwSSa, x = XXaXb, z = ZZcZm, Tt


Inscriptio eu¬ripídou e™kábh L rell. : poludwr[ Lr, cf. etiam inscriptionem
argumenti Pr (u™póqesiß poludårou), Choeroboscus in Theod. 140, 31 (cod. V.:
e¬n -ou drámati), Eustathius Od. 1519, 38 (o™ toû eu¬r. polúdwroß), Gregorius
Corinthius 17 (e¬n poluýdw¸ tø¸ drámati)
1 skótou MXa rell., testimonia : -ouß MgrXagr 3 kissíaß Yvgr et voluit Mgr
c ac
5 dorì G rell. : dourì G PRSaz 6 deísaß codd. : láqra¸ m’ Lib. de constr. verb.
8 tänd’ Hermann (cf. v. 33) : tæn codd. cersonhsían Steph. Byz. : cerr- codd.
hic et in v. 33, Eust.
Verse 1–9 91

Prologrede (1–58)
Der Geist des Polydoros
Ich kam, das Tal der Toten und des Dunkels Tor verlassend,
wo Hades abseits von den Göttern wohnt,
Polydoros, Sohn der Hekabe, der Kisseustochter,
und des Vaters Priamos. Der sandte mich, als der Phryger Stadt
durch den Hellenenspeer zu fallen drohte, 5
heimlich aus Furcht vom Troerland
zum Hause Polymestors, seines thrakischen Gastfreunds,
der dieses reiche Land, die Chersonēs, bestellt
und das rossefrohe Volk mit seinem Speere lenkt.
92 Prologrede (1–58)

polùn dè sùn e¬moì crusòn e¬kpémpei láqra¸ 10


patär, içn’, ei¢ pot’ ¯Ilíou teích pésoi,
toîß zøsin ei¢h paisì mæ spániß bíou.
neåtatoß d’ h® Priamidøn, oÇ kaí me gñß
u™pexépemyen· ou¢te gàr férein oçpla
ou¢t’ e¢gcoß oi©óß t’ h® néw¸ bracíoni. 15
eçwß mèn ou®n gñß o¢rq’ e¢keiq’ o™rísmata
púrgoi t’ a¢qraustoi Trwïkñß h®san cqonòß
÷Ektwr t’ a¬delfòß ou™mòß eu¬túcei dorí,
kaløß par’ a¬ndrì Qrh¸kì patrå¸w¸ xénw¸
trofaîsin wçß tiß ptórqoß hu¬xómhn tálaß· 20
e¬peì dè Troía q’ ÷Ektoróß t’ a¬póllutai
yucæ patr常a q’ e™stía kateskáfh
au¬tóß te bwmø¸ pròß qeodmätw¸ pítnei
sfageìß ¯Acilléwß paidòß e¬k miaifónou,
kteínei me crusoû tòn talaípwron cárin 25
xénoß patrø¸oß kaì ktanœn e¬ß oi®dm’ a™lòß
meqñc’, içn’ au¬tòß crusòn e¬n dómoiß e¢ch¸.
keîmai d’ e¬p’ a¬ktaîß, a¢llot’ e¬n póntou sálw¸,
polloîß diaúloiß kumátwn foroúmenoß,

Testimonia: 13 – Priamidøn Lexicon de Spiritu (Ammonius p. 237 Valckenaer) 14–


15 e¢gcoß ~Eustathius Il. 48,8 21–22 yucä Thomas Magister 404, 3 21 ÷Ektoroß
– 22 yucä Eustathius Il. 545,29, 850,52, 958,59, 1271,63, schol. rec. in v. 177
29 diaúloiß – foroúmenoß Eustathius Il. 1107,64
Imitatio: 26 oi®dm’ a™lóß Ennius Hec. fr. 202 Warmington = 88 Jocelyn

Papyrus: P4 (28–)
t
Codices: MO, AFGKLPPaRRwSSa, x = XXaXb, z = Z Zb(28–) ZcZm Zu(18–); T
11 pésoi PsZcac rell : -h¸ PRwZcc 13 neåtatoß F rell., Lex. de Spiritu : -teroß
OFs h® Didymus, cf. schol. Sa : h®n codd., Lex. de Spiritu oÇ RxZ rell.: w©¸
FRgrSaxsZ2 15 oi©óß M2Rc rell. : oi©ß MR h® Didymus : h®n codd. 16 o™rísmata
codd. : e¢keit’ e¬reísmata Scaliger 18 eu¬túcei rell. : hu¬t- FGLPPaRwz 19 xénw¸
rell. : fílw¸ LP (etiam MglFglGglRglRwgl Sgl), cf. v. 794, 1235 21 a¬póllutai PZac
rell., Eust., Thom. Mag. (codd. rell.) : -åleto GP2PaxZ2Tt, schol. rec., Thom. Mag.
(cod. Lb) 23 te rell. : dè AFPaRwxTt qeodmätw¸ Mgr rell. : liqo- M 26 xeînoß
APRSa 28 a¬ktaîß rell. : -ñß MOZm
Verse 10–29 93

Viel Gold schickte mit mir heimlich der Vater, 10


damit, wenn Ilions Mauern einmal fielen,
die überlebenden Kinder keinen Mangel litten.
Ich war der jüngste Sohn des Priamos; darum schickte er mich
heimlich aus dem Land, denn noch keine Rüstung tragen
konnte ich und keinen Speer in meiner jungen Hand. 15
Solang das Land noch aufrecht stand,
die Türme Troias ungebrochen waren
und mein Bruder Hektor mit dem Speer erfolgreich,
wuchs ich beim Thraker, meines Vaters Gastfreund,
wohl gehegt heran, so wie ein junger Schössling, ich Armer; 20
doch als Troja und Hektors Leben zugrunde gingen
und des Vaters Herd verwüstet wurde
und er selbst auf dem von Göttern erbauten Altar fiel,
geschlachtet durch den mordbefleckten Sohn Achills,
tötet mich Unseligen des Goldes wegen des Vaters 25
Gastfreund,
tötet mich und wirft die Leiche in den Schwall des Meeres,
damit er selbst das Gold im Hause hätte.
Ich liege bald am Ufer, bald in Meereswogen,
durch viele Brandungswellen hin und her getragen,
94 Prologrede (1–58)

a¢klautoß a¢tafoß· nûn d’ u™pèr mhtròß fílhß 30


¿Ekábhß a¬íssw, søm’ e¬rhmåsaß e¬món,
tritaîon h¢dh féggoß ai¬wroúmenoß,
oçsonper e¬n gñ¸ tñ¸de Cersonhsía¸
mäthr e¬mæ dústhnoß e¬k Troíaß pára. –

pánteß d’ ¯Acaioì naûß e¢conteß hçsucoi 35


qássous’ e¬p’ a¬ktaîß tñsde Qrh¸kíaß cqonóß.
o™ Phléwß gàr paîß u™pèr túmbou faneìß
katésc’ ¯Acilleùß pân stráteum’ ¿Ellhnikón,
pròß oi®kon eu¬qúnontaß e¬nalían pláthn·
ai¬teî d’ a¬delfæn tæn e¬mæn Poluxénhn 40
túmbw¸ fílon prósfagma kaì géraß labeîn.
kaì teúxetai toûd’ ou¬d’ a¬dårhtoß fílwn
e¢stai pròß a¬ndrøn· h™ peprwménh d’ a¢gei
qaneîn a¬delfæn tø¸d’ e¬mæn e¬n h¢mati.
duoîn dè paídoin dúo nekrœ katóyetai 45
mäthr, e¬moû te tñß te dustänou kórhß. –

fanäsomai gár, w™ß táfou tlämwn túcw,


doúlhß podøn pároiqen e¬n kludwníw¸.
toùß gàr kátw sqénontaß e¬xh¸thsámhn

Testimonia: 39 eu¬qúnontaß Photius Lexicon E 2208 ed. Theodoridis 42 ou¬d’ –


43 a¬ndrøn Synagoge (versio cod. B) A 390 (unde Photius Lexicon A 402 ed.
Theodoridis) 48 kludwníw¸ ~Hesychius K 3045
Imitatio: 32 tritaîon – féggoß Chr. Pat. 2021

Papyrus: P4(–44)
Codices: MO, AFGKLPPaRRwSSa V(32–), x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt
30 a¢klautoß LPa : -stoß rell. a¢kl- a¢t- MAFGKSxTt : a¢t- a¢kl- rell.
cersonhsía¸ Brunck : cerro- codd., cf. v. 8 34 e¬mæ PacRwc rell. : e¬mà RRwacSa :
e¬moû Z : e¬moì Pa 35 d’ rell. : t’ MFGRwS 36 qrh¸kíaß RgrSagr rell. : trwïkñß
RSa 38 e™llhnikón M rell. : a¬caïkón Mgr 39 e¬nalían MV : ei¬n- M3 rell.
gr gr gr
44 tø¸d’ e¬mæn e¬n h¢mati M OAR Sa V : tæn e¬mæn tñ¸d’ h™méra¸ M Lc(tñ¸d’ h™méra¸
Lcir) RSaV3uv rell. 45 dúo OacZbZcsZmc rell. : dúw O1AFLRSaVZZb1ZcZmac
46 te alterum om. SSaXa, add. Xas : kaì tñß Sas : dè Ss
Verse 30–49 95

unbeweint und unbestattet. Doch jetzt verließ ich meinen


Körper 30
und über meiner lieben Mutter Hekabe schwirre ich umher,
den dritten Tag schon in den Lüften schwebend,
so lang in diesem Land, der Chersonēs,
meine unglückliche Mutter fern von Troja weilt. –

Alle Achäer sitzen mit ihren Schiffen untätig 35


am Strand dieses thrakischen Landes;
denn der Sohn des Peleus, Achilleus, erschien über dem Grab
und hält das ganze Hellenenheer zurück,
das schon nach Hause übers Meer die Ruder lenken will.
Er fordert, meine Schwester Polyxene 40
als liebes Opfer für sein Grab und Ehrengeschenk zu empfangen.
Erhalten wird er dies und wird nicht unbeschenkt
von seinen Freunden sein. Das Schicksal fügt es,
dass meine Schwester noch an diesem Tage stirbt.
Zwei Leichen zweier Kinder wird die Mutter sehen, 45
von mir und von dem unglücklichen Mädchen. –

Ich werde nämlich, damit ich Armer ein Grab erlange,


in der Brandung vor den Füßen einer Dienerin erscheinen.
Von den Machthabern unten habe ich erbeten,
96 Prologrede (1–58)

túmbou kurñsai ka¬ß céraß mhtròß peseîn. 50


tou¬mòn mèn ou®n oçsonper h¢qelon tuceîn
e¢stai· gerai⸠d’ e¬kpodœn cwräsomai
¿Ekábh¸· per⸠gàr hçd’u™pò skhnñß póda
¯Agamémnonoß, fántasma deimaínous’ e¬món. –

feû· 54a
w® mñter, hçtiß e¬k turannikøn dómwn 55
doúleion h®mar ei®deß, w™ß prásseiß kakøß
oçsonper eu® pot’· a¬ntishkåsaß dé se
fqeírei qeøn tiß tñß pároiq’ eu¬praxíaß.

Testimonia: 52 gerai⸠– 53 ¿Ekábh¸ Thomas Magister 107,1 53 per⸠– póda


schol. rec. ad v. 762 54a feû et 55 hçtiß – 56 ei®deß Iosephus Rhacendytes Rh.
3,510,29 Walz

Codices: MO, AFGKLPPaRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


50 táfou MglK céraß OAFGLPSXXacXbTt : ceîraß ParXaac rell. : ceíraß Pa
52 gerai⸠GcLcPac rell., Thom.Mag. : -âß GacLacPaacRw e™kábh¸ GcLcPa rell.,
Thom.Mag. : -hß GacLacPasRw 53 skhnñß Pc rell., schol. MV : -æn
ac
FLP ZZcZmZu, schol. rec. 54a feû om. GX, add. GrsXs, habent rell.,
Ios.Rhacend. 55 w® om. ZbZm, add. Zm2 56 doúleion OAGKLPPaRacxTt, Ios.
Racend. : -ion R1 rell. ei®deß h®mar VZb 58 tñß om. FZc, add. F1Zcc
Verse 50–58 97

dass ich ein Grab erhalte und in meiner Mutter Hände falle. 50
Was mich betrifft, das wird so sein, wie ich es erlangen wollte,
jedoch der greisen Hekabe will ich aus dem Wege gehen.
Denn sie setzt dort aus Agamemnons Zelt ihren Fuß,
aus Furcht vor meinem Traumbild. –

Weh, 54a
meine Mutter, die du nach dem königlichen Palast 55
den Tag der Knechtschaft sahst! So schlimm ergeht es dir
wie einst so gut. Zum Ausgleich
für dein Glück zuvor verdirbt dich jetzt ein Gott.
98 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

¿Ekábh
ºAget’, w® paîdeß, tæn graûn prò dómwn,
a¢get’ o¬rqoûsai tæn o™módoulon, 60
Trw¸ádeß, u™mîn, prósqe d’ a¢nassan,
lábete férete pémpet’ a¬eíreté mou
geraiâß ceiròß proslazúmenai· 63
ka¬gœ skoliø¸ skípwni ceròß 65
diereidoménh speúsw bradúpoun
h¢lusin a¢rqrwn protiqeîsa.
w® steropà Dióß, w® skotía Núx,
tí pot’ ai¢romai e¢nnucoß ouçtw
deímasi fásmasin; w® pótnia Cqån, 70
melanopterúgwn mâter o¬neírwn,
a¬popémpomai e¢nnucon o¢yin,
hÇn perì paidòß e¬moû toû sw¸zoménou katà Qrä¸khn 73

Testimonia: 60 o™módoulon ~Hesychius O 747 63 Eustathius Il. 249,39


63 proslazúmenai Hesychius P 3836 65 skoliø¸ skípwni ~Eustathius Il.
1170,48 et Od. 1815, 11 68–69 schol. Aristoph. Ran. 1331 70 deímasi
Hesychius D 481 71 ~Eustathius Il. 173,17 et Od. 1877,54 72 ~Eustathius
Macrembolites 5,5,1
Imitatio: 68 Ennius Hec. fr. 203 Warmington = 83 Jocelyn

Codices: MO, AFGKLPPaRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


60 o™módoulon Xa1 rell. : o™- nûn LRwXaZZcZmZu : [K] 61 prósqe d’ rell. :
prósqen d’ FGLPaRRwSz : prósq’ A 62–63 delevit Bothe 62 mou GPaSVZb
rell. : me O : moi Zc : moi démaß Zc1 : mou d- FG2LParV2ZZb1Zc1Zm (cf. schol. MV
leípei tò søma, tò søma Ss) : mou tò d- Rws : om. RwZuTt : [K] 63 geraiâß
Sas rell., Eust. : ghraiâß LR Sa : gereâß XZ 65 skípwni Lc rell., Eust. :
ac 1 t
skímpwni L RwZ Zb ZmZuT : skímponi PZb ceiròß AZbZu 66 diereidoménh
AsLP RwVcxZbZcZmsZu : -ména ALcVZm rell. 68 steropà rell., schol. Ar.
Ran. : -pæ x ai¢rom’ GSVxZZc 69 ou™twsí Tt 70 cqån MV rell., Eust. : núx
Mgr : núx et cqån schol. MV 71 mâter OGLPSSazTt : mñ- rell. 73–
76 deleverunt Baier, Wilamowitz 73 tæn Tt qrá¸khn GSZ
Verse 59–73 99

Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)


Hekabe
Führt, Kinder, die alte Frau vor das Haus!
Führt, richtet mich auf, ihr Troerinnen, 60
eure Mitsklavin, früher eure Herrin.
Fasst mich, tragt mich, leitet mich, hebt mich,
ergreift meine greise Hand! 63
Und ich, auf krummen Stab die Hand 65
gestützt, will eilen, mit langsamem Fuß
die Glieder voran setzend.
O Lichtstrahl des Zeus, o finstere Nacht,
was werde ich aufgescheucht so tief in der Nacht
durch Schreckbilder, Scheinbilder? O Herrin Erde, 70
Mutter der schwarzgeflügelten Träume,
ich schicke fort das nächtliche Gesicht,
das ich über meinen Sohn, den nach Thrakien geretteten, 73
100 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

a¬mfì Poluxeínhß te fílhß qugatròß di’o¬neírwn 75


[ei®don gàr] foberàn [o¢yin e¢maqon] e¬dáhn. –

w® cqónioi qeoí, såsate paîd’ e¬món, 77


oÇß mónoß oi¢kwn a¢gkur’ e¢t’ e¬møn 80
tæn cionådh Qrä¸khn katécei
xeínou patríou fulakaîsin. –

e¢stai ti néon·
hçxei ti méloß goeròn goeraîß.
ou¢pot’ e¬mà fræn w©d’ a¬líaston 85
fríssei tarbeî. –

poû pote qeían ¿Elénou yucàn


kaì Kassándran e¬sídw, Trw¸ádeß,
wçß moi krínwsin o¬neírouß; –

Testimonia: 76 Lexicon Vindobonense 131,9 80 a¢gkur’ ~Suda C 9 83 néon


~Lexicon Vindobonense 127,14 84 goeraîß Hesychius G 773 85 e¬mà frän
Hesychius M 422 86 fríssei Hesychius F 897 86–88 schol. Tzetzis in
Aristoph. Ran. 1340

Codices: MO, AFGKLPPa Pr(81–) RRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc ZmZu, Tt


75 poluxeínhß MXXbZcZmZuTt : -xénhß rell. fílhß ei®don Tt 76 ei®don gàr
GPa rell., lex.Vind. : ei®don· ei®don gàr G2PParx : ei®don A : tò dè ei®don leípei
schol. V ei®don gàr et o¢yin e¢maqon deleverunt Matthiae, Bothe 80 a¢gkur’ e¢t’
Hlc : a¢gkur’ e¢st’ HlSSa : a¢gkurá t’ MV rell. : e¬pì tøn e¬møn oi¢kwn a¢gkura
u™poleipómenoß schol. M 81 qrä¸khn Z rell. : qrá¸- PrRSZ2 : 82 patríou
s
MFKPa : -å¸ou F rell. 85 a¬líaston Nauck (cf. etiam F 1095b TrGF a¬líaston) :
-toß codd., sch.in M 87 yucàn R rell., schol. Tzetz. : -æn RsSaV 88 kaì G rell.,
schol. Tzetz. : h£ G2V kass- ORwZb, schol. Tzetz. : kas- rell. -ándran
GsPZ2ZcZmZuTt : -ándraß GZ rell., schol. Tzetz. 89 krínwsin AF1GcKTt :
-ousin Fac : -ous’ MRwSc : -ws’ M3Sac rell., schol. Tzetz. : diakrínwsin G : -ws’
Pr
Verse 75–89 101

und über Polyxene, die liebe Tochter, im Traum 75


als furchtbares erfuhr. –

Ihr Götter der Erde, rettet meinen Sohn, 77


der als einziger Anker meines Hauses 80
noch das schneereiche Thrakien bewohnt,
vom Gastfreund des Vaters behütet! –

Etwas Neues, Schlimmes wird geschehen:


Ein Klagelied wird zu den Klagen hinzukommen.
Niemals zuvor erstarrte, nie schauderte 85
mein Herz so unablässig. –

Wo kann ich des Helenos göttlichen Geist


und Kassandra sehen, Troerinnen,
dass sie meine Träume mir deuten? –
102 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

ei®don gàr baliàn e¢lafon lúkou aiçmoni cal⸠90


sfazoménan, a¬p’ e¬møn gonátwn spasqeîsan a¬noíktwß. –

kaì tóde deîmá moi·


h®lq’ u™pèr a¢kraß túmbou korufâß
fántasm’ ¯Aciléwß· h¢¸tei dè géraß
tøn polumócqwn tinà Trwïádwn. 95
a¬p’ e¬mâß ou®n a¬p’ e¬mâß tóde paidòß
pémyate, daímoneß, i™keteúw.

Córoß
¿Ekábh, spoudñ¸ pròß s’ e¬liásqhn
tàß desposúnouß skhnàß prolipoûs’,
içn’ e¬klhråqhn kaì prosetácqhn 100
doúlh, pólewß a¬pelaunoménh
tñß ¯Iliádoß, lógchß ai¬cmñ¸
doriqäratoß pròß ¯Acaiøn,
ou¬dèn paqéwn a¬pokoufízous’
a¬ll’ a¬ggelíaß bároß a¬raménh 105
méga soí te, gúnai, kñrux a¬céwn. –

Testimonia: 90 baliàn e¢lafon Etymologicum Genuinum B 19 Lasserre–Livadaras


(unde EM 186,27), ~Eustathius Il. 1051,18 90 baliàn Hesychius B 43 96–
97 schol. Tzetzis in Aristophanis Ran. 1340: a¬p’ e¬mâß ou®n 96 ~Eustathius
Macrembolites 6,10,4 99 Lexicon Vindobonense 52,10

Codices: MO, A(siveAe) FGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


90–97 deleverunt Baier, Wilamowitz, Diggle (qui de 92–97 haeret), 92–97 recepit
Collard 90 cal⸠PV rell. : chl⸠PsVcxZ : calñ Sa 91 sfazoménhn Prx a¬n-
oíktwß Porson (cf. MglVgl e¬leeinøß, a¬nhleøß) : a¬nágka¸ oi¬ktrøß SV rell. : -h¸ oi¬-
AeFKLPRSsSaV3Zb, schol. M : [A] 92 tóde Fc rell. : tó ge FacPaRw h®lq’
MOAPrSV : h¢luq’ V rell. 94 a¬ciléwß GPaTt : -lñoß x : -lléwß rell. 96 a¬p’
3

e¬mâß a¬p’ e¬mâß ou®n Bothe 98 s’ M2LcP1 rell. : om. MLPPaRRwVZm 99 despo-
súnouß Z2 rell., Lex. Vind. : -aß OKZac 105 a¬raménh LPaPrsRSasxZ2 : -ména
MOAPrSa : a¬roménh V : a¬rwménh S : ai¬roménh LcPzTt : -ména FacGKRw :
ai¬raména Fc
Verse 90–106 103

Denn ich sah ein geschecktes Hirschkalb von blutiger 90


Klaue des Wolfes
zerfleischt, von meinem Schoß gerissen, erbarmungslos. –

Und auch dies fürchte ich:


Hoch über dem Gipfel des Grabhügels
erschien der Geist des Achilleus. Er forderte als Ehrengabe
eine der vielduldenden Troerinnen. 95
Von meiner Tochter, von meiner Tochter
bitte ich, Götter, wendet dies ab!

Chor
Hekabe, eilig schlich ich mich zu dir,
die Zelte der Herren verließ ich,
wo ich verlost und zugeteilt wurde 100
als Sklavin, aus der Stadt Ilion
weggetrieben, erbeutet
durch die Lanze von den Achäern.
Ich kann dir nicht deine Leiden erleichtern,
sondern bringe dir, Frau, die große Last einer Botschaft 105
als Herold von Schmerzen. –
104 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

e¬n gàr ¯Acaiøn plärei xunódw¸


légetai dóxai sæn paîd’ ¯Acileî
sfágion qésqai. túmbou d’ e¬pibàß
oi®sq’ oçte cruséoiß e¬fánh sùn oçploiß 110
tàß pontopórouß d’ e¢sce scedíaß
laífh protónoiß e¬pereidoménaß,
táde qwússwn·
Poî dä, Danaoí, tòn e¬mòn túmbon
stéllesq’ a¬géraston a¬fénteß; – 115

pollñß d’ e¢ridoß sunépaise klúdwn,


dóxa d’ e¬cårei díc’ a¬n’ ¿Ellänwn
stratòn ai¬cmhtän, toîß mèn didónai
túmbw¸ sfágion, toîß d’ ou¬cì dokoûn.
h®n dè tò mèn sòn speúdwn a¬gaqòn 120
tñß mantipólou Bákchß a¬nécwn
léktr’ ¯Agamémnwn· tœ Qhseída d’
o¢zw ¯Aqhnøn, dissøn múqwn
r™ätoreß h®san, gnåmh¸ dè mía¸
sunecwreíthn tòn ¯Acílleion 125
túmbon stefanoûn aiçmati clwrø¸,

Testimonia: 118 – ai¬cmhtän Hesychius S 1971 121–22 ¯Agamémnwn Georgius


Lacapenus Epim. in Epist. 6 (46,11 Lindstam) 121–22 léktr’ ~Georgius
Lacapenus Epim. in Epist. 16 (117,11 Lindstam) 123 –’Aqhnøn ~Eustathius Il.
284,35 124 r™ätoreß Hesychius R 281 124 gnåmh¸ – 125 sunecwreíthn
Georgius Lacapenus Epim. in Epist. 27 (178,19 Lindstam)

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


108 a¬cileî MGKcRwxTt : -lleî Kac rell. 111 d’ om. GRw 114 pñ¸
LPrRSZbZmZu 116 pollñß SasVZZbcZcgr rell. : polloîß Zbac : polùß
FPrRSSaV2ZrZc sunépaise KXb (cf. xgl sunékrouse) : sunépesse Tt :
sunépese rell. 117 e™llänwn PsRwsSasVcxZb : -ánwn PPrRwSaV rell.
119 túmbw¸ om. PrZ, add. Pr1(post dokoûn) Zs 120 dè rell. : d’ o™ LPZbZcZm
ZuTt : dè  F
Verse 107–126 105

Denn in der vollzähligen Versammlung der Achäer


soll beschlossen worden sein, dein Kind dem Achilleus
als Schlachtopfer darzubringen. Weißt du, dass er auf dem Grab
erschien mit goldenen Waffen? 110
Die seebefahrenden Schiffe hielt er zurück,
deren Segel schon die Taue spannten,
und rief dies:
„Wohin fahrt ihr, Danaer, und mein Grab
lasst ihr ohne Ehrengeschenk?“ – 115

Zusammen schlugen die Wogen eines großen Streits.


Die Meinung war geteilt in der Achäer
lanzentragendem Heer; die einen meinten, man solle
dem Grab das Schlachtopfer geben, die anderen meinten es nicht.
Es war Agamemnon, der sich für dein Wohl einsetzte; 120
er ehrte damit das Bett der seherisch rasenden
Bakchantin. Doch des Theseus beide Söhne,
die Sprösslinge Athens, hielten zwei Reden,
zusammen kamen sie aber zu der einen Meinung,
man müsse das Grab des Achilleus mit frischem Blut 125
bekränzen,
106 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

tà dè Kassándraß léktr’ ou¬k e¬fáthn


tñß ¯Acileíaß
prósqen qäsein potè lógchß. –

spoudaì dè lógwn katateinoménwn 130


h®san i¢sai pwß, prìn o™ poikilófrwn
kópiß h™dulógoß dhmocaristæß
Laertiádhß peíqei stratiàn
mæ tòn a¢riston Danaøn pántwn
doúlwn sfagíwn ouçnek’ a¬pwqeîn, 135
mhdé tin’ ei¬peîn parà Fersefónh¸
stánta fqiménwn w™ß a¬cáristoi
Danaoì Danaoîß toîß oi¬coménoiß
u™pèr ¿Ellänwn
Troíaß pedíwn a¬pébhsan. – 140

hçxei d’ ¯Oduseùß oçson ou¬k h¢¬dh


pølon a¬félxwn søn a¬pò mastøn
e¢k te geraiâß ceròß o™rmäswn.
a¬ll’ i¢qi naoúß, i¢qi pròß bwmoúß,
içz’ Agamémnonoß i™kétiß gonátwn, 145
kärusse qeoùß toúß t’ ou¬ranídaß

Testimonia: 127 ou¬k e¬fáthn Hesychius O 1719 131 prín – 132 Etymologicum
Genuinum (AB) s. v. kópiß (unde Etymologicum Magnum 529,25)
131 poikilófrwn Eustathius Od. 1381,39 132 kópiß ~schol. in Lycophronem
1464 132 dhmocaristæß schol. AT in Iliadem 2,199, ~Eustathius Il. 201,24
141 Lexicon Vindobonense 133,8

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


127 kassándraß OKRwZb : kas- rell. 128 a¬cileíaß GKTt : a¬cill- rell.
s
133 peíqei V rell. : -oi KPaV 135 ouçnek’ ZrZmac rell. : eiçnek’ LPZZmc
ac 3
136 fersefónh¸ M : pers- M rell. 141 o¬duseùß GKPaZuTt : -sseùß rell.,
Lex.Vind. 142 a¬féxwn LSa mastøn GLcZc rell. : mazøn G2LacPaRwxZcsZm
ZuTt 143 geraiâß Sas rell. : ghr- RwSaVZZbZu ceròß MFKPPaSaXXbZmTt :
ceiròß Sas rell. 145 delevit Heimsoeth içz’ ¯Agamémnonoß codd. : ¯Ag- içz’
proposuit Nauck 146 ou¬ranídaß LcSasV2 rell. : -íouß LacSaVac
Verse 127–146 107

und das Bett der Kassandra, sagten sie, dürfe man nie
der Lanze des Achilleus voranstellen. –

Die Argumente der gegen einander gerichteten Reden 130


hielten sich etwa die Waage, bis der buntgesinnte
Schwätzer, der süß redende, der Schmeichler des Volkes,
der Sohn des Laertes, das Heer überzeugte,
man dürfe nicht den besten aller Hellenen
wegen der Opferung eines Sklaven zurückweisen, 135
und keiner der Toten dürfe zu Persephone
treten und sagen, dass die Danaer ohne Dank für die Danaer,
die für die Hellenen gefallen seien,
die Ebene Trojas verließen. – 140

Odysseus wird alsbald kommen,


um das Fohlen von deinem Busen wegzuschleppen
und aus deinem greisen Arm zu reißen.
Drum geh zu den Tempeln, geh zu den Altären,
setz dich schutzflehend an Agamemnons Knie, 145
ruf die Götter an, die himmlischen
108 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

toúß q’ u™pò gaíaß. h£ gár se litaì


diakwlúsous’ o¬rfanòn ei®nai
paidòß meléaß h£ deî s’ e¬pideîn
túmbw¸ propetñ foinissoménhn 150
aiçmati parqénon e¬k crusofórou
deirñß nasmø¸ melanaugeî. 152

Ek. oi£ e¬gœ meléa, tí pot’ a¬púsw; 154


poían a¬cå, poîon o¬durmón, 155
deilaía deilaíou gärwß
kaì douleíaß tâß ou¬ tlatâß,
tâß ou¬ fertâß; w¢moi moi. –

tíß a¬múnei moi; poía génna,


poía dè póliß; froûdoß présbuß, 160
froûdoi paîdeß.
poían h£ taútan h£ keínan

Testimonia: 147 h£ – 149 paidóß Lexicon Vindobonense 134,13 149 h£ –


150 propetñ Georgius Lacapenus Epim. in Epist. 7 (56,13 Lindstam)
152 melanaugeî Hesychius M 646 162–63 hçsw ~Dionysius Halicarnassensis De
Compositione verborum 17 (sed cf. etiam F adesp. 137 TrGF) 162 ~Alexander
De Figuris (Rhet. 3,12,20 Spengel)
Imitatio: 160–61 Aristophanes Nubes 718

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


147 gaíaß Porson : gaîan Lcir rell. 148 o¬rfanòn MacLacVacXbZbs rell., schol. V :
-æn M2PaSsV2XbsZs : -àn AFGLcSZ ZbZc, Lex.Vind. : -æ mæ Sa 150 túmbw¸
F1GacPrSSaV : túmbou FacG2V2 rell. (cf. etiam schol. MV e¬ggùß toû túmbou
keiménhn), Georg. Lacapenus 151 aiçmatoß PrSSa 155 a¬cå MV rell. : a¬cø
schol. MV (tinèß dè perispøsin tò a¬cø, içn h®¸· o™poían h¬cäsw boän) 157 kaì
supplevit Tt : om. rell. 158 fertâß codd. : feuktâß Bothe w¢moi moi rell. :
oi¢moi moi Z : oi¢moi oi¢moi ZcTt : w¢moi w¢moi PZb : oi¢moi MLRwZmZu
159 a¬múnei Prac rell. : -h MFKPr1RVx Zb geneá Porson 160 dè om. FSa
162 primum h£ LcSaac rell. : om. LSac taútan K1Lc rell., Alexander, Dion. Hal. :
-hn KacLacRw keínan K1SZcc rell., Alexander, Dion. Hal. : -hn KacLS2sZcs :
keínan o™dón FGVZZmgl
Verse 147–162 109

und die unterirdischen! Denn entweder werden deine Bitten


verhindern, dass du deines unglücklichen
Kindes beraubt wirst, oder du musst ansehen,
wie die Jungfrau auf dem Grab hingestreckt 150
vom Blut gerötet wird, das aus dem goldgeschmückten
Hals schwarzglänzend hervorströmt. 152

Hek. O ich Unglückliche, was soll ich denn ertönen lassen, 154
welchen Laut, welche Klage? 155
Ich bin erbärmlich wegen meines erbärmlichen Alters,
meiner Knechtschaft, die nicht zu erdulden,
nicht zu ertragen ist, wehe, weh mir! –

Wer hilft mir, welche Sippe,


welche Stadt? Fort ist der Alte, 160
fort sind die Söhne!
Welchen Weg soll ich gehen, nach hier
110 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

steícw; poî dæ sw<qø>›; poû tiß


qeøn h£ daímwn e¬parwgóß; –

w® kák’ e¬negkoûsai (str. ?) 165


Trw¸ádeß, w® kák’ e¬negkoûsai
pämat’, a¬pwlésat’ w¬lésat’· ou¬kéti moi bíoß
a¬gastòß e¬n fáei. –

w® tlámwn açghsaí moi poúß, 170


açghsai t⸠ghraía¸
pròß tánd’ au¬lán. w® téknon, w® paî
dustanotátaß matéroß, e¢xelq’
e¢xelq’ oi¢kwn, 174
<e¢lq’>, a¢ie matéroß au¬dán. 174a
[w® téknon w™ß ei¬dñ¸ß oiçan oiçan 175
a¬íw fáman perì sâß yucâß.]

Imitationes: 167–68 Ennius fr. 204–05 Warmington = 91 Jocelyn 172 w® téknon


– 173 Aristophanes Nubes 1165–66

Codices: MO, A(sive Ae) FGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tt
163 pñ MOFKLVXZm dæ sw<qø> supplevit Diggle, cf. schol.in MV (ei¬ß poían
o¬dòn bohqeíaß paragénwmai) : d’ a¢¸ssw Erfurdt : d’ hçsw codd. : o™rmäsw
MglArsXsXbszs, schol. V : o™rmásw Dion. Hal. 164 qeøn et daimónwn codd.. :
qeòß et daímwn Tt e¬parwgóß Xaac rell. : e¬p- e¢stai PZZcgrZmZu : e¬p’ a¬rwgóß
GLZb : e¢st’ e¬parwgóß Tt : e¢st’ a¬rwgóß PaRwXa2Zc : a¬rwgóß FSa
167 a¬pwlésat(e) w¬lésat(e) AsFsxsZc rell. : a¬pol- o¬l- OAFKcPrRwXbZZcs,
Planudes (cf. schol. rec.) : a¬pol- w¬l- XXa : a¬pwl- o¬l- KacSa : a¬pwl- a¬pwl- Lac :
a¬pol- a¬pol- Lc ou¬d’ e¢ti MZm 170 tlámwn MOKPaacPrRsRwSacZTt : tlä- Lc :
tlñmon GLPSaZm : tlâ- PacPrRScZs rell. poúß F1 rell. : poú AF : poû
KPrRRwSSaV : poûß et poû Pa 171 açghsai F1 rell. : açg- moi FacVTt t⸠V2
rell. : tñ¸ RV ghraía¸ Hermann : graía¸ codd. 172 w® téknon w® paî codd., Ar.
Nub. : w® paî paî schol. rec. Ar. Nub. 173 dusta- rell. : dusth- GPrSZb
-notátaß Ss rell. : -notáthß RSZb matéroß rell. : mhtéroß Sa : matròß OPaSas :
mrß PrV 174a <e¢lq’> supplevi <sâß> matéroß supplevit Dale 175-
76 deleverunt Seidler, Hartung, solum w™ß – yucâß deleverunt Diggle, Kovacs
175 w® téknon codd. : i¬œ té- Reisig ei¬dñ¸ß McTt : i¢dh¸ß MacAe rell., schol. V : [A]
Verse 163–176 111

oder dort? Wo gibt es Rettung? Wo kommt mir


ein Gott oder Daimon zu Hilfe? –

O Troerinnen, die ihr mir Schlimmes bringt, 165


o die ihr mir schlimme Leiden bringt,
ihr habt mich vernichtet, vernichtet. Nicht mehr
beneidenswert ist mir das Leben im Licht. –

O mein armer Fuß, führe mich, 170


führe mich alte Frau
zu diesem Zelt! O Tochter, o Kind
der tief unglücklichen Mutter, komm heraus,
komm heraus aus dem Zelt, 174
<komm>, vernimm die Stimme der Mutter,
[mein Kind, dass du weißt, welche, welche Kunde 175
ich vernehme über dein Leben!]
112 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

Poluxénh
mâter mâter, tí boâ¸ß, tí néon
karúxas’ oi¢kwn m’ wçst’ o¢rnin
qámbei tø¸d’ e¬xeptáxaß;
Ek. oi¢moi téknon. 180
Px. tí me dusfhmeîß; froímiá moi kaká.
Ek. ai¬aî sâß yucâß.
Px. e¬xaúda· mæ krúyh¸ß darón,
deimaínw deimaínw, mâter.
tí pot’ a¬nasténeiß; 185
Ek. téknon téknon meléaß matróß …
Px. tí tód’ a¬ggélleiß;
Ek. sfáxai s’ ¯Argeíwn koinà
sunteínei pròß túmbon gnåma
Phleía¸ génna¸. 190
Px. oi¢moi, mâter, pøß fqéggh¸;
a¬mégarta kakøn mánusón moi,
mánuson, mâter.

Testimonium: 192 mánuson Hesychius M 252

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


177 mâter mâter Tt (et Reisig) : i¬œ m- m- rell. : i¬œ m- RZb : i¬œ m- i¬å G
178 karúx- M3OAKLPPaRwVZZcZuTt : khrúx- M rell. -xas(a) Fac rell. :
-xous’ F PrS 180 oi¢moi Sa rell. : w¢moi AeVx : oi¢moi moi T : i¬å moi Sas : [A]
1 t

181 me rell. : moi LPZZcZm : om. OFPrV moi As rell. : om. APrZZbZu, schol.le V
182 ai¬aî ai¬aî GKZcTt yucâß ZbacZcac rell. : y- péri FPRwZZb2sZc1ZmTt (cf.
perí MglKglVgl) 186 téknon téknon Hermann : w® t- t- rell. : w® t- w® paî Tt
matróß A K Sa rell. : matéroß Tt : mhtróß AacKacLSSas : mrß Pr 187 tí codd. :
1 1

tí <dè> Hartung a¬ggélleiß M3 rell. : -éleiß M (spatio inter l et e relicto)


OFZbZcZu : tí tód’ e¬paggeleîß Hermann 188 koína¸ GPaPrx 189 gnåmh
PSaZZb : -a¸ GPaPrx 190 Phleía¸ Paley : -eída vel -eída¸ ZbcZm rell. : -eídou
PaRwSZZbacZcZms 191 oi¢moi Os rell. : w¢moi OPS : oi¢moi moi SaTt pøß
MSSaV rell. : pñ pøß Vac (cf. schol. SSaV): paî MgrSgrSagr (fortasse voluerunt
2

pâ¸) 192 mánusón moi rell. : m- me Sa : m- Rw 193 mánuson A rell. : m- moi


AsLPaSasVxzTt : m- me Sa : [K]
Verse 177–193 113

Polyxene
Mutter, Mutter, was rufst du? Welche schlimme Neuigkeit
verkündest du, warum hast du mich wie einen Vogel
mit diesem Schreck aus dem Haus aufgescheucht?
Hek. Weh mir, Kind! 180
Plx. Was sagst du mir Unheil an? Das ist mir ein schlechtes Vorwort.
Hek. O weh für dein Leben!
Plx. Sprich es aus, verbirg es nicht lange!
Ich fürchte mich, ich fürchte mich, Mutter:
Was stöhnst du auf? 185
Hek. Kind, Kind einer unglücklichen Mutter!
Plx. Was kündest du an?
Hek. Dich zu schlachten, darauf zielt der gemeinsame
Beschluss der Argiver, am Grab
für den Peleussohn. 190
Plx. Weh mir, Mutter, wie sprichst du?
Unsägliches Leid zeig mir an,
zeig an, Mutter!
114 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

Ek. au¬dø, paî, dusfämouß fämaß


a¬ggéllous’ ¯Argeíwn dóxai 195
yäfw¸ tâß sâß perì yucâß.

Px. w® deinà paqoûs’, w® pantlámwn,


w® dustánou, mâter, biotâß,
oiçan oiçan au® soi låban
e¬cqístan a¬rrätan t’ 200
w®rsén tiß daímwn; –

ou¬kéti soi paîß açd’ ou¬kéti dæ


gära¸ deilaía deilaíw¸
sundouleúsw. –

skúmnon gár m’ wçst’ ou¬riqréptan 205


móscon deilaía deilaían 206
e¬sóyh¸ 206a

Testimonia: 205–06 ~Eustathius Od. 1653,28 205 ou¬riqréptan Hesychius O


1855
Imitatio: 197–98 Christus Patiens 907

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


194 dusfámouß Bothe fämaß MFLSa 195 a¬ggéllous’ M3F1 rell. : -élous’
MFZbZcZuTt 196 yäfw¸ Rs rell. : -oiß MR : -w¸ et -oiß schol. MV perì yucâß
FSaV : perí moi yucâß FcSasV2 rell. : perì moíraß Page 197 pantlámwn
MOKcPaRTt : -tlâmon McKacPa1Rs rell. 198 w® dustánou codd. : tâß dustánou
Hermann : w® dústanoß Wecklein mñter XXb biotñß FSSaZc 200 e¬cqístan
M rell. : ai¬sc- MsPrSV : om Tt : <låban> e¬cqístan Hermann t’ om. Tt
t
w®rsén tiß OT : -sé tiß rell. 201 daímwn codd. : daímwn· <w¢moi> Diggle
202 ou¬kéti L rell. : ou¬k e¢sti OLcSa : [S] 203 deilaía deilaíw¸ ARw
204 sundouleúsw Fs rell. : -eúw FXb 206-6a inter deilaían et e¬sóyh¸ lacunam
indicavit Murray 206 deleverunt Sakorraphos, Wilamowitz 206a ei¬sóyei PSTt
Verse 194–206a 115

Hek. Ich sage es, Kind. Schlimme Worte


melde ich: Die Argiver haben abgestimmt 195
und über dein Leben entschieden.

Plx. O furchtbar Leidende, o schwer Duldende,


o Mutter, wegen deines unglücklichen Lebens!
Welches höchst feindliche, welches
unaussprechliche Unheil 200
hat ein Gott dir wieder bereitet! –

Nicht länger werde ich, dein Kind, nicht länger


werde ich Elende dir in deinem elenden Alter
Mitsklavin sein.

Denn wie ein Jungtier, wie ein bergweidendes 205


Kalb, wirst du Elende mich Elende 206
ansehen, 206a
116 Anapästisch-lyrische Eingangspartie (59–215)

ceiròß a¬narpastàn (a¬nt.?) 207


sâß a¢po laimótomón q’ ÷Aida¸
gâß u™popempoménan skóton, e¢nqa nekrøn méta
tálaina keísomai. – 210

kaì soû mén, mâter, dustánou


klaíw pandúrtoiß qränoiß,
tòn e¬mòn dè bíon låban lúman t’
ou¬ metaklaíomai, a¬llà qaneîn moi
xuntucía kreísswn e¬kúrhsen. 215

Testimonium: 215 Eustathius Il. 1363,57

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSa V(–211) Va(212–), x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tt
207 a¬narpastàn M rell. : -æn MsOLxZm 208 q’ aç¸da¸ Hermann : t’ a¬ýda¸ McZ
rell. : -dan MR : -dou Z2 : -dh Rw 209 u™popempoménan rell. : uçpo pe- Reiske :
u™pò pe- MoMs skóton F1irGP SaZ2sZmsTts rell. : -oß M : -w¸ LPsPa
Sa ZZcZmZuT : ei¬ß -on GglZb 210 tálaina Vb (sicut coniecit Seidler) : a™ tál-
s t

rell. : h™ tál- PaXa 211–15 delevit Wilamowitz 211 soû schol. M et


Heimsoeth : se M rell. mâter Zbc rell. : w® mâter ZbacTt dustánou Mac :
gr
dustánou bíou LPaZcZmZu : dustänou bíou Zb : dústane M3irZb rell. :
dústhne GKPrVZ 212 pandúrtoiß Blomfield : panodúrtoiß codd.
213 tou¬¬moû dè bíou Reiske 214 metaklaíomai codd. : méga klaíomai Willink
Kovacs post hunc versum lacunam posuit et supplevit <toû féggoß o™rân>
215 xuntucía Mc rell. -tucía¸ Mac : pótmoß Weil : daímwn Dale kreísswn ZrsZm
rell. : kreîsson PrZZbZms kreísswn xuntucí’ Tt e¬kúrhse(n) A2sGcX1Zrs rell.,
Eust. : e¬kúrhsse Zc : e¬kärusse(n) GacSSaXaZ : e¬kärusen AXac
Verse 207–215 117

aus deiner Hand gerissen,


die Kehle durchschnitten, zum Hades
hinabgeschickt ins Dunkel der Erde,
wo unter den Toten
ich Unselige liegen werde. – 210

Und dich, Mutter, du Unglückliche,


beweine ich mit klagenden Gesängen;
doch mein Leben, das nichts ist als Gewalt und Zerstörung,
beweine ich nicht, sondern der Tod ist für mich
die bessere Fügung. 215
118 1. Epeisodion (216–443)

1. Epeisodion (216–443)

Co. Kaì mæn ¯Odusseùß e¢rcetai spoudñ¸ podóß,


¿Ekábh, néon ti pròß sé shmanøn e¢poß.

¯Odusseúß
gúnai, dokø mén s’ ei¬dénai gnåmhn stratoû
yñfón te tæn kranqeîsan· a¬ll’ oçmwß frásw.
e¢dox’ ¯Acaioîß paîda sæn Poluxénhn 220
sfáxai pròß o¬rqòn cøm’ ¯Acilleíou táfou.
h™mâß dè pompoùß kaì komistñraß kórhß
tássousin ei®nai· qúmatoß d’ e¬pistáthß
i™ereúß t’ e¬pésth toûde paîß ¯Acilléwß. –

oi®sq’ ou®n oÇ drâson; mät’ a¬pospasqñ¸ß bía¸ 225


mät’ e¬ß cerøn açmillan e¬xélqh¸ß e¬moí,
gígnwske d’ a¬lkæn kaì parousían kakøn
tøn søn· sofón toi ka¬n kakoîß aÇ deî froneîn.
Ek. ai¬aî· parésthc’, w™ß e¢oik’, a¬gœn mégaß,
plärhß stenagmøn ou¬dè dakrúwn kenóß. 230

Testimonia: 222 Thomas Magister 283,13 225–drâson Gregorius Corinthius


17–18 Schaefer 227–28 Orio Flor. 1,4 Haffner 228 sofón – froneîn
~Eustathius Macrembolites 4,24,4 230 Theodorus Hyrtacenus Anecdota
Boissonade 2,432

Papyri: P5(223–28) P11(216–)


Codices: MO gV(227–28), AFGKLPPaPrRRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZm
Zu, Tt
217 e¢poß MZZbZm rell. : créoß P11 MglZrgrZbgrZmgr 219 tæn kranqeîsan
F1ZbcZcZmZu rell. : tæn kraq- FacPaRRwSaZbac : kurwqeîsan ZcsZmsZus
220 sæn paîda FPaRwSaZu 224 i™reúß OARw e¬pésth codd. : e¬péstai Nauck
225 drâson P5 MO2grPRTt (cf. etiam schol. M: tà kalà tøn a¬™ntigráfwn
drâson e¢cei), Greg. Cor. : dráseiß P5s MsO rell. mät’ G2grXcZmc rell. : mäpot’
GPrRwXacZbZmac 226 ceirøn LPrSXaZbZcZu e¬xélqoiß xZm 227 gígnwske
d’ a¬lkæn codd. : gígnwsk’ a¬nágkhn Herwerden 228 toi MOFKP : ti gV rell.,
Orio : gàr Ks : gár toi Eust. Macr. (gár ti pars codd.)
Verse 216–230 119

1. Epeisodion (216–443)

Cho. Da kommt Odysseus mit schnellem Schritt,


Hekabe, um dir ein neues Wort zu sagen.

Odysseus
Frau, ich glaube, du kennst die Meinung des Heeres
und den gefassten Beschluss. Dennoch werde ich ihn verkünden.
Die Achäer haben beschlossen, deine Tochter Polyxene 220
auf dem hohen Grabhügel des Achilleus zu schlachten.
Uns beauftragen sie, das Mädchen zu geleiten
und herbeizubringen. Als Leiter dieser Opferung
und Priester wurde der Sohn des Achilleus eingesetzt. –

Weißt du, was du tun sollst? Lass sie dir nicht mit Gewalt 225
entreißen
und lass dich nicht auf ein Handgemenge mit mir ein!
Denk an deine Kräfte und die Not, in der du bist!
Weise ist es, auch im Unglück das zu denken, was man muss.
Hek. Weh weh, mir steht, so wie es scheint, ein großer Kampf bevor,
voll Seufzer und nicht frei von Tränen. 230
120 1. Epeisodion (216–443)

ka¢gwg’ a¢r’ ou¬k e¢qnh¸skon ou© m’ e¬crñn qaneîn


ou¬d’ w¢lesén me Zeúß, tréfei d’ oçpwß o™rø
kakøn kák’ a¢lla meízon’, h™ tálain’ e¬gå.
ei¬ d’ e¢sti toîß doúloisi toùß e¬leuqérouß
mæ luprà mhdè kardíaß dhktäria 235
e¬xistorñsai, sè mèn a¬meíbesqai creån,
h™mâß d’ a¬koûsai toùß e¬rwntøntaß táde.
Od. e¢xest’, e¬råta· toû crónou gàr ou¬ fqonø.
Ek. oi®sq’ h™ník’ h®lqeß ¯Ilíou katáskopoß
dusclainía¸ t’ a¢morfoß o¬mmátwn t’ a¢po 240
fónou stalagmoì sæn katéstazon génun;
Od. oi®d’· ou¬ gàr a¢kraß kardíaß e¢yausé mou.
Ek. e¢gnw dé s’ ¿Elénh kaì mónh¸ kateîp’ e¬moí;
Od. memnämeq’ e¬ß kíndunon e¬lqónteß mégan.
Ek. hçyw dè gonátwn tøn e¬møn tapeinòß w¢n; 245
Od. wçst’ e¬nqaneîn ge soîß péploisi ceîr’ e¬män.
Ek. e¢swsa dñtá s’ e¬xépemyá te cqonóß;
Od. wçst’ ei¬sorân ge féggoß h™líou tóde.
Ek. tí dñt’ e¢lexaß doûloß w£n e¬mòß tóte;
Od. polløn lógwn eu™rämat’ wçste mæ qaneîn. 250
Ek. ou¢koun kakúnh¸ toîsde toîß bouleúmasin,
oÇß e¬x e¬moû mèn e¢paqeß oi©a fæ¸ß paqeîn,
drâ¸ß d’ ou¬dèn h™mâß eu®, kakøß d’ oçson dúnh¸; –

Testimonia: 243 ~Eustathius Od. 1495,7 250 Thomas Magister 112,16

Papyrus: P11(–231)
Codices: MO gV(253–), AFGKLPPaPrRRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,
Tt
231 ka¢gwg’ a¢r’ L. Dindorf : ka¬gœ gàr codd. 236 sè mèn a¬meíbesqai
Herwerden : soì mèn ei¬rñsqai codd. : sè mèn e¬rwtâsqai Weil 240 t’ alterum
Ms rell. : d’ L : om. MA 243 kateîp’ e¬moí Brunck : kateîpé moi codd. 245 dè
Zu1 rell. : te MRZuac 246 wçste qaneîn FRwS péploiß FKSaXa 247–
48 desunt in AVa, add. Ar : post v. 250 habent RS (huc posuerunt etiam Diggle,
Kovacs) 248 ge rell. : te FSa : om. ArR : [AVa] 249-50 desunt in G, add. Gm
253 kakøß F1 rell. : -òn FacZ dúnh¸ codd. : dúna¸ Porson
Verse 231–253 121

Ich starb nicht, wo ich hätte sterben sollen,


und Zeus vernichtete mich nicht, sondern lässt mich leben,
damit ich
anderes, noch größeres Leid sehen muss, ich Arme.
Doch wenn es erlaubt ist, dass Sklaven Freie etwas fragen,
das nicht weh tut und nicht das Herz verletzt, 235
dann sollst du antworten,
mich aber hören, die dich dieses fragt.
Od. Es ist erlaubt, frag nur, die Zeit gönn ich dir gern.
Hek. Weißt du noch, wie du kamst, um Ilion auszuspähen,
hässlich zerlumpt, und von den Augen 240
flossen blutige Tropfen dir hinab zum Kinn?
Od. Ich weiß, denn es berührte nicht oberflächlich mir das Herz.
Hek. Helena erkannte dich und sagte es mir allein?
Od. Ich denke dran, ich war in großer Not.
Hek. Du lagst am Boden und umfasstest meine Knie? 245
Od. So fest, dass meine Hand abstarb in deinem Kleid.
Hek. Da rettete ich dich und ließ dich aus der Stadt.
Od. So dass ich dieses Sonnenlicht noch sehe.
Hek. Was sagtest du denn damals, als du mein Sklave warst?
Od. Um nicht zu sterben, erfand ich viele Worte. 250
Hek. Erweist du dich nicht als schlecht durch diesen Beschluss,
wo du von mir erfuhrest, was du sagst,
doch uns nichts Gutes tust, Schlechtes vielmehr, so sehr du
kannst? –
122 1. Epeisodion (216–443)

a¬cáriston u™møn spérm’, oçsoi dhmhgórouß


zhloûte timáß· mhdè gignåskoisqé moi, 255
oiÇ toùß fílouß bláptonteß ou¬ frontízete,
h£n toîsi polloîß pròß cárin léghté ti. –

a¬tàr tí dæ sófisma toûq’ h™goúmenoi


e¬ß tände paîda yñfon wçrisan fónou;
pótera tò crä sf’ e¬pägag’ a¬nqrwposfageîn 260
pròß túmbon, e¢nqa bouquteîn mâllon prépei;
h£ toùß ktanóntaß a¬ntapokteînai qélwn
e¬ß tänd’ ¯Acilleùß e¬ndikøß teínei fónon;
a¬ll’ ou¬dèn au¬tòn hçde g’ ei¢rgastai kakón.
¿Elénhn nin ai¬teîn crñn táfw¸ prosfágmata· 265
keính gàr w¢lesén nin e¬ß Troían t’ a¢gei.
ei¬ d’ ai¬cmalåtwn crä tin’ e¢kkriton qaneîn
kállei q’ u™perférousan, ou¬c h™møn tóde·

Testimonia: 254–55 ~Eustathius Od. 1593,48 255 mhdè–moi ~Eustathius Macrem-


bolites 2,11 256–57 Lexicon Vindobonense 192,12 260 Eustathius Il. 1179,38,
Od. 1647,38, Thomas Magister 395,1 267 e¢kkriton Hesychius E 1461
Imitatio: 256 Christus Patiens 1060

Papyrus: P3(254–56)
Codices: MO gV(–257) AFGKLPPaPrRRwSSa V(257–) Va(–256), x = XXaXb,
z = ZZbZcZmZu, Tt
255 zhteîte P3 gignåskoisq’ e¬moí P3 256 frontízete P3 LPagrSSagrZcsZu1ir
rell., Chr.Pat., Lex.Vind. : gi(g)nåskete MAFKL2grPaSsSaZc 257 léghté GcZuc
rell., Lex Vind. : -oité FGSaZZcZuacZus 258 dæ om. LZ 260 crä Nauck : crñn
codd., Eust., Thom.Mag. : creån Scaliger a¬nqrwposfageîn rell., Eust. Od.,
Thom.Mag. : -ktoneîn PPrx, schol. MV, Eust. Il. 263 tínei MAPrR 264 ou¬dén
g’ AR hçde g’ Pa1Sac rell. : hçd’ MFKPaacScSaZc 265-66 del. Kovacs 265 crˆñn
Zmac rell. : cræ AeFPrRwXbZZm1Tt : [A] prosfágmata OGKPPaSacSaxZ
Zb T : prósfagma AeF rell. : -má ti F V : -má te S2 : [A] 266 a¢gei A rell. : -oi
ac t 1 2

A2F 267 ai¬cmalåtwn FrRSa rell. : -álwton MFacGKPRsSasVxTt crñn K :


crän V
Verse 254–268 123

Ihr undankbare Brut, ihr alle, die ihr als Redner beim Volk
nach Ehre strebt! Von euch will ich nichts wissen. 255
Es macht euch nichts aus, euren Freunden zu schaden,
wenn ihr der Menge nach dem Munde redet. –

Aber was für Schlaues haben sie sich da ausgedacht,


als sie für dieses Kind den Tod beschlossen?
Ist es denn nötig, Menschen zu schlachten 260
am Grabe, wo ein Rinderopfer angebrachter wäre?
Oder wenn Achilleus seine Mörder zur Vergeltung morden wollte,
hat er dann Recht, nach i h r e m Tod zu streben?
Sie hat ihm doch nichts Böses angetan.
Helena sollte er verlangen als Schlachtopfer für sein Grab; 265
sie hat ihn vor Troja gebracht und ihn dort vernichtet.
Und wenn es darum geht, dass eine ausgewählte Gefangene
sterben soll,
eine besonders schöne, trifft es nicht uns.
124 1. Epeisodion (216–443)

h™ Tundarìß gàr ei®doß e¬kprepestáth,


a¬dikoûsa q’ h™møn ou¬dèn h©sson hu™réqh. – 270

tø¸ mèn dikaíw¸ tónd’ a™millømai lógon·


aÇ d’ a¬ntidoûnai deî s’ a¬paitoúshß e¬moû
a¢kouson. hçyw tñß e¬mñß, w™ß fä¸ß, ceròß
kaì tñsde graíaß prospítnwn parhídoß·
a¬nqáptomaí sou tønde tøn au¬tøn e¬gå 275
cárin t’ a¬paitø tæn tóq’ i™keteúw té se,
mä mou tò téknon e¬k cerøn a¬pospásh¸ß
mhdè ktánhte· tøn teqnhkótwn açliß.
taúth¸ géghqa ka¬piläqomai kakøn·
hçd’ a¬ntì polløn e¬stí moi parayucä, 280
póliß, tiqänh, báktron, h™gemœn o™doû.
ou¬ toùß kratoûntaß cræ krateîn aÇ mæ creœn
ou¬d’ eu¬tucoûntaß eu® dokeîn práxein a¬eí·
ka¬gœ gàr h® pot’ a¬llà nûn ou¬k ei¢m’ e¢ti,
tòn pánta d’ o¢lbon h®mar eçn m’ a¬feíleto. – 285

a¬ll’, w® fílon géneion, ai¬désqhtí me,


oi¢ktiron· e¬lqœn d’ ei¬ß ¯Acaiikòn stratòn

Testimonia: 279–81 ~Eustathius Macrembolites 6,10,3 282–85 ~Stobaeus 4,


41,20 284 Demetrius Cydones An. Nova 310 Boissonade 285 Libanius Ep.
1424,2 Foerster, Decl. 51,1 (7,729 Foerster) 286 Eustathius Il. 129,16

Codices: MO, A(sive Ae) FGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tt,, MO gV(282–83)
269 e¬kprepestáth MV2s : eu¬prepestáth McV rell. 270 h©sson Zms rell. : h©tton
OAPPrRSVxZZbZmTt 274 om. L : add. L2m graíaß Valckenaer : geraiâß
AePa rell. : gereâß XZb : ghraiâß L2mPaacPrSaz : [A] parhídoß OAeFcKScxTt :
c

parh¸ádoß Fac : pareiádoß L2mSac rell. (cf. v. 410) : [A] 275 e¬gœ Sc rell. : t’ e¬gœ
FSa : ka¬gœ Sac 276 t’ Kc rell. : d’ MKac 277 cerøn AeL2PrsZ rell. : ceirøn
GPaZr : ceiròß V : cròß L : ceròß AesPr : [A] 278 teqnhkótwn Ks rell. :
-eåtwn KP 279 ~Or. 66, delevit Hartung 283 práxein gV FPaS rell. Stob. :
-ssein SsVZcZu : -ttein F2sGPagrxTt 284 h® Didymus : h®n codd. 285 m’ om.
FKZu 287 a¬caiikòn OKXXaXbcTt : -aïkòn Xbac rell.
Verse 269–287 125

Denn des Tyndareos Tochter ist die Schönste


und hat ihm nicht weniger Schlimmes angetan als wir. – 270

Für das Recht streite ich mit dieser Rede.


Und was du mir wieder tun musst, wenn ich es verlange,
das höre! Du fielest vor mir nieder, wie du sagst, ergriffest
meine Hand
und strecktest sie nach meiner greisen Wange.
Ich fasse nun auch dich wieder an der gleichen Stelle 275
und verlange den Dank für damals und flehe dich an:
Reiß nicht das Kind mir aus den Händen,
tötet es nicht! Gestorben sind genug.
An ihr habe ich meine Freude und vergesse meine Not;
für vieles ist sie mir ein Trost, 280
Stadt, Amme, Stab, Geleit auf meinem Weg.
Nicht dürfen die Herrschenden befehlen, was nicht recht ist,
und die im Glück nicht meinen, es ginge immer gut.
Auch ich war glücklich, aber bin es nicht mehr,
den ganzen Reichtum nahm ein einziger Tag mir weg. – 285

Darum, du liebes Kinn, nimm Rücksicht auf mich,


hab Erbarmen! Geh zum Achäerheer,
126 1. Epeisodion (216–443)

parhgórhson w™ß a¬pokteínein fqónoß


gunaîkaß, aÇß tò prøton ou¬k e¬kteínate
bwmøn a¬pospásanteß a¬ll’ w¬¸ktírate. 290
nómoß d’ e¬n u™mîn toîß t’ e¬leuqéroiß i¢soß
kaì toîsi doúloiß aiçmatoß keîtai péri.
tò d’ a¬xíwma, ka£n kakøß légh¸ß, tò sòn
peísei· lógoß gàr e¢k t’ a¬doxoúntwn i¬œn
ka¬k tøn dokoûtwn au™tòß ou¬ tau¬tòn sqénei. 295

Co. ou¬k e¢stin ouçtw sterròß a¬nqråpou fúsiß,


hçtiß gówn søn kaì makrøn o¬durmátwn
klúousa qränouß ou¬k a£n e¬kbáloi dákru.

Testimonia: 288 fqónoß – 289 gunaîkaß schol. in Aristoph. Plutum 87


288 parhgórhson ~Eustathius Il. 152,45 293–95 Gellius 11,4,2, Stobaeus 4,4,6,
~Tzetzes Exeg. in Il. (5,14 Hermann) 294 lógoß – 295 ~Eustathius Il. 209,11,
723, 57, ~Nicephorus Gregoras Hist. 8,5 (1,311 Schoppen) 296–98 Gregorius
Corinthius 64 et 110 (cod. c) 296 sterròß – fúsiß schol. in Aesch. Sept. 625b
Smith 296 Anonymus De perf. oratione (Rhet.Gr. 3,585,19 Walz)
Imitatio: 293–95 ~Ennius Hec. fr. 206–08 Warmington = 84 Jocelyn

Codices: MO gV(294–95), AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm


Zu, Tt
291 u™mîn SaZrsZc rell. : h™mîn LSasZZcsZm t’ Ttc rell. : om. KZbTt 292 toîsi
doúloiß rell. : toîß d- MF : toîß ge d- P : toîß doúloisi(n) LPaPrRwz
293 légh¸ß Ennius („dices“) : légh¸ codd., schol. MV, Gellius, Stob. : légon Tzetzes
tò sòn légh¸ OA 294 peísei GV3gr rell., schol. MV, Stob. : peíqei O gV AGsV :
nik⸠Gellius 295 ka¬k codd., Stob. codd. MA, cetera testimonia : kaì Stob. cod. S
au™tòß Ennius („eadem dicta eademque oratio“), cf. etiam Eust., Nic.Greg. (au™tòß
coniecit etiam Porson) : au¬tòß rell. : w™u¬tòß P ou¬ tau¬tòn rell., Eust. Il. 723,57,
cetera testimonia : ou¬ tau¬tò OPa : ou¢t’ au¬tòn M : ou¬ tau¬tà Eust. Il. 209,11
296 ou¬k codd., Greg.Cor. 110 : tíß Greg. Cor. 64 ouçtwß MAF a¬nqråpwn
AZm 298 e¬kbáloi PacSas rell., Greg. Cor. 64 : -llh¸ FGSa : -lh¸ KPaPrZZb, Greg.
Cor. 110
Verse 288–298 127

red ihnen zu und sag: Die Götter würden zürnen,


wenn ihr die Frauen tötetet, die ihr zuerst nicht umbrachtet,
als ihr sie von Altären risset, sondern Mitleid hattet! 290
Bei euch gilt gleiches Recht für Freie
und für Sklaven, wenn es um Blutvergießen geht.
Sprichst du auch einmal schlecht, ist doch dein Ansehen so groß,
dass du selbst dann noch überzeugen wirst.
Dieselbe Rede, wenn sie von Unberühmten kommt,
hat nicht die gleiche Kraft, wie von Berühmten. 295

Cho. Nicht ist so hart die menschliche Natur,


dass ihr nicht Tränen flössen, wenn sie die Trauergesänge
deiner Seufzer und langen Klagen hört.
128 1. Epeisodion (216–443)

Od. ¿Ekábh, didáskou, mhdè tø¸ qumouménw¸


tòn eu® légonta dusmenñ poioû frení. – 300

e¬gw tò mèn sòn søm’ u™f’ ou©per eu¬túcoun


så¸zein eçtoimóß ei¬mi kou¬k a¢llwß légw·
aÇ d’ ei®pon ei¬ß açpantaß ou¬k a¬rnäsomai,
Troíaß a™loúshß a¬ndrì tø¸ pråtw¸ stratoû
sæn paîda doûnai sfágion e¬xaitouménw¸. – 305

e¬n tø¸de gàr kámnousin ai™ pollaì póleiß


oçtan tiß e¬sqlòß kaì próqumoß w£n a¬nær
mhdèn férhtai tøn kakiónwn pléon.
h™mîn d’ ¯Acilleùß a¢xioß timñß, gúnai,
qanœn u™pèr gñß ¿Elládoß kállist’ a¬när. 310
ou¢koun tód’ ai¬scrón, ei¬ bléponti mèn fílw¸
cråmesq’, e¬peì d’ o¢lwle mæ cråmesq’ e¢ti;
ei®e™n· tí dñt’ e¬reî tiß, h¢n tiß au® fanñ¸
stratoû t’ a¢qroisiß polemíwn t’ a¬gwnía;
pótera macoúmeq’ h£ filoyucäsomen, 315
tòn katqanónq’ o™rønteß ou¬ timåmenon;
kaì mæn e¢moige zønti mèn kaq’ h™méran
kei¬ smíkr’ e¢coimi pánt’ a£n a¬rkoúntwß e¢coi·

Testimonia: 299 mhdè – 300 Lexicon Vindobonense 160, 7 306–08 Stobaeus


4,1,19, Eustratius in Eth. Nic. 1 b 10 (3,10 Heylbut), Aristides Or. 54 (2,704
Dindorf), Lexicon Vindobonense 187,15, ~Choricius 20,40 306 Lexicon
Vindobonense 72,14 307–08 Georgius Pachymeres Decl. 2 (37 Boissonade)
317–18 ~Eustathius Od. 1902,39

Codices: MO gV(306–08, 311–312, 317–18), AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXa


Xb, z = ZZb ZcZmZu, Tt
300 frení codd., Lex.Vind. : frenóß Murray, cf. schol. MV: tø¸ qumouménw¸ (sive
qumoeideî) mérei tñß yucñß 301 eu¬túcoun GK : hu¬t- rell. 306 tø¸de codd.,
Stob., Aristides : toútw¸ Eustr., Lex.Vind. kámnousin codd., Stob., Aristides,
Lex.Vind., Chor. : páscousin Eustr. póleiß Kc rell. : pólleiß MKac 312 o¢lwle
mæ rell. : o¢lwlen ou¬ G : w¢lwle mæ FPr : a¢pesti mæ A : mæ S 318 smíkr’ Gac
rell. : míkr’ Gc : smikròn Ox e¢coi AsLc rell. : e¢ch¸ ALacZm
Verse 299–318 129

Od. Hekabe, versteh doch und nimm nicht aus Zorn


dem, der gut redet, seine Worte übel! – 300

Dich selbst, die mich gerettet hat,


bin ich zu retten wohl bereit, und dabei bleibe ich,
doch was ich zu allen sagte, verleugne ich nicht:
Nach Trojas Fall soll man dem ersten Mann des Heeres
dein Kind als Schlachtopfer geben, weil er es verlangt. – 305

Darunter leiden ja die meisten Städte,


wenn ein Mann tüchtig und bereit zu Taten ist,
dass der nicht mehr belohnt wird als die Schlechteren.
Uns ist Achilleus wert, geehrt zu werden, Frau,
er starb für das Land Hellas den Heldentod. 310
Wär es nicht schändlich, ständen wir zu einem Freund,
so lang er lebt, doch nicht mehr, wenn er tot ist?
Nun gut, was wird man sagen, wenn wieder einmal
ein Heer sich sammelt und es mit dem Feind zu kämpfen gilt?
Werden wir dann kämpfen oder am Leben hängen, 315
wenn wir sehen, dass man Gefallene nicht ehrt?
Mir jedenfalls, wenn ich für den Tag zu leben hätte,
auch wenn ich wenig hätte, wär es mir ganz und gar genug,
130 1. Epeisodion (216–443)

túmbon dè bouloímhn a£n a¬xioúmenon


tòn e¬mòn o™râsqai· dià makroû gàr h™ cáriß. – 320

ei¬ d’ oi¬ktrà páscein fä¸ß, tád’ a¬ntákoué mou·


ei¬sìn par’ h™mîn ou¬dèn h©sson a¢qliai
graîai gunaîkeß h¬dè presbûtai séqen,
númfai t’ a¬rístwn numfíwn thtåmenai,
w©n hçde keúqei såmat’ ¯Idaía kóniß. – 325

tólma tád’. h™meîß d’, ei¬ kakøß nomízomen


timân tòn e¬sqlón, a¬maqían o¬fläsomen·
oi™ bárbaroi dè mäte toùß fílouß fílouß
h™geîsqe mäte toùß kaløß teqnhkótaß
qaumázet’, w™ß a£n h™ mèn ¿Ellàß eu¬tucñ¸, 330
u™meîß d’ e¢chq’ oçmoia toîß bouleúmasin.

Co. ai¬aî· tò doûlon w™ß kakòn péfuk’ a¬eì


tolm⸠q’ aÇ mæ crä, tñ¸ bía¸ nikåmenon.

Testimonia: 319–20 Lexicon Vindobonense 192,9, ~Eustathius Il. 666,46 et 801,53


319–20 o™râsqai Thomas Magister 32,2 320 dià – cáriß Eustathius Il. 666,46,
~690,58 326 – tád’ ~Eustathius Opuscula 47,29 332–33 Stobaeus 4,19,28,
Eustathius Macrembolites 8,12,2

Codices: MO gV(332–33), AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZb


Zc(–322) ZmZu, Tt
320 tòn e¬mòn codd. : stefánwn Porson : steføn Weil : timøn Sakorraphos
322 h©tton PaRRwZu 323 presbûtai sive presbútai Sas rell. : -bútiß SSaV
329 mäte L rell. : mæ dè OGKLc 330 qaumázeq’ Lc rell. : -esq’ ALacRRwSSaV
ac

331 e¢chq’ FV rell. : -oiq’ OAF1GLRSaV2z 332 péfuk’ a¬eì


O2grFrGKgrL2grPxgrZrgr Zb(et schol. Zb) ZmZu Tt et schol. T (e¢n tini lían palaiø¸
tøn a¬ntigráfwn euçrhtai, oÇ kaì málista kreîtton ei®naí moi dokeî toû te
pefukénai kaì toû péfuken a¬eì kaì e¢ti toû péfuké ti), Stob. : -ken ai¢ Zrgr (ai£
etiam Pgr) : -ken ai K : -ken a£n schol. Zbgr : -k’ e¢ti Zbgr : pefukénai
OFGrgrKcLxZ rell., schol. V, Eust. Macr. 333 tolm⸠codd. : tolmân Reiske
nikåmenon O2grGsSa rell., Eust. Macr. : kratoúmenon OGKRwSagr, Stob.
Verse 319–333 131

mein Grab jedoch, das wünschte ich geehrt


zu sehen. Das ist ein Dank, der lange währt. – 320

Wenn du jämmerlich zu leiden meinst, hör dies von mir!


Bei uns gibt es alte Frauen und Männer,
nicht minder unglücklich als du,
und Bräute, beraubt der besten Gatten,
deren Leiber hier der Staub vom Ida deckt. – 325

Ertrage es! Wenn wir es für richtig hielten,


den Helden schlecht zu ehren, machten wir uns der
Dummheit schuldig.
Ihr Barbaren aber haltet ruhig die Freunde nicht für Freunde
und bewundert nicht die tapfer Gefallenen,
damit es Hellas gut ergeht 330
und euch so schlecht, wie ihr es verdient!

Cho. Weh! Weh! Das Sklavenlos ist immer schlimm,


erduldet Unerträgliches, von der Gewalt besiegt.
132 1. Epeisodion (216–443)

Ek. w® qúgater, ou™moì mèn lógoi pròß ai¬qéra


froûdoi máthn r™ifénteß a¬mfì soû fónou· 335
sù d’, ei¢ ti meízw dúnamin h£ mäthr e¢ceiß,
spoudáze pásaß wçst’ a¬hdónoß stóma
fqoggàß i™eîsa, mæ sterhqñnai bíou.
próspipte d’ oi¬ktrøß toûd’ ¯Odusséwß gónu
kaì peîq’. e¢ceiß dè prófasin, e¢sti gàr tékna 340
kaì tø¸de, tæn sæn wçst’ e¬poiktîrai túchn.
Px. o™rø s’, ¯Odusseû, dexían u™f’ eiçmatoß
krúptonta ceîra kaì próswpon e¢mpalin
stréfonta, mä sou prosqígw geneiádoß.
qársei· péfeugaß tòn e¬mòn ¿Ikésion Día. – 345

w™ß eçyomaí ge toû t’ a¬nagkaíou cárin


qaneîn te crä¸zous’· ei¬ dè mæ bouläsomai,
kakæ fanoûmai kaì filóyucoß gunä.
tí gár me deî zñn; h©¸ patær mèn h®n a¢nax
Frugøn a™pántwn· toûto moi prøton bíou. 350
e¢peit’ e¬qréfqhn e¬lpídwn kaløn uçpo
basileûsi númfh, zñlon ou¬ smikròn gámwn
e¢cous’, oçtou døm’ e™stían t’ a¬fíxomai.

Testimonia: 337 pásaß – 338 i™eîsa ~Eustathius Od. 1875,46 342–44 ~Eusta-
thius Il. 129,14 342–343 ceîra schol. rec. in v. 762 345 péfeugaß – Día
~Eustathius Il. 950,64
Imitatio: 346–48 Cleanthes Stoicus fr. 527,3–4 SVF

Codices: AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZb Zc(353–) ZmZu, Tt


334 qúgater MLacSa rell. : téknon MglFGKLcSagr 335 r™ifénteß rell.:
r™ifqénteß GK : r™hqénteß O 340 dè MFLacPPasPrRx : gàr LcPaZm1 rell. : om.
Zm tékna S rell. : -on KSs 343 tou¢mpalin RZb 346 ge Vac rell., Cleanthes
(w™ß eçyomaí g’ a¢oknoß) : soi FGPrVcxZZbZmZusTt : se SZu 351 e¬qréfqhn Lcir
rell. : e¬tréfqhn Tt : e¬tráfhn PaPrRRw 352 smikròn LcS1 rell. : mikròn
ac gr gr
GLPPrRwS z gámwn S Sa rell., schol. MV : gámou OFRRwV2grxTt: bíou
in

MSSaV 353 døm’ Ae rell. : dómon q’ KRSa : dømá q’ Pa : dómon Pr : dóma q’


Rw : [A]
Verse 334–353 133

Hek. Tochter, meine Rede über deinen Tod


ging in die Luft, vergeblich, fort, verschossen. 335
Wenn du jedoch mehr Wortgewalt als deine Mutter hast,
bemühe dich mit allen Tönen wie der Mund der Nachtigall
darum, dass du dein Leben nicht verlierst!
Fall jammernd nieder vor Odysseus’ Knie!
Versuche ihn zu überreden! Es gibt ja einen schwachen Punkt: 340
Auch er hat Kinder, und dein Schicksal mag ihn rühren.
Plx. Ich seh, Odysseus, dass du deine rechte Hand
unterm Gewand verbirgst und das Gesicht
abwendest, damit ich nicht dein Kinn berühren kann.
Nur Mut, du entgehst meinem Zeus, dem Schützer 345
der Bittflehenden. –

Denn ich folge ja, aus Zwang sowohl als auch,


weil ich den Tod mir wünsche. Wollt ich es nicht,
dann wär ich eine schlechte Frau und hing am Leben.
Was soll ich denn noch leben? Mein Vater war der Herr
über alle Phryger. So fing mein Leben an. 350
Sodann wuchs ich mit schönen Hoffnungen auf,
als Braut für Könige, und ich erregte nicht geringen Wettstreit
darum, zu wessen Haus und Herd ich wohl gelangen würde.
134 1. Epeisodion (216–443)

déspoina d’ h™ dústhnoß ¯Idaíaisin h®,


gunaixì parqénoiß t’ a¬póbleptoß méta, 355
i¢sh qeoîsi plæn tò katqaneîn mónon.
nûn d’ ei¬mì doúlh. prøta mén me tou¢noma
qaneîn e¬rân tíqhsin ou¬k ei¬wqòß o¢n·
e¢peit’ i¢swß a£n despotøn w¬møn frénaß
túcoim’ a¢n, oçstiß a¬rgúrou m’ w¬näsetai, 360
tæn ÷Ektoróß te ca¬térwn polløn kásin·
prosqeìß d’ a¬nágkhn sitopoiòn e¬n dómoiß
saírein te døma kerkísin d’ e¬festánai
lupràn a¢gousan h™méran m’ a¬nagkásei·
léch dè ta¬mà doûloß w¬nhtóß poqen 365
craneî, turánnwn prósqen h¬xiwména. –

ou¬ dñt’· a¬fíhm’ o¬mmátwn e¬leuqérwn


féggoß tód’, ÷Aidh¸ prostiqeîs’ e¬mòn démaß.
a¢g’ ou®n m’, ¯Odusseû, kaì diérgasaí m’ a¢gwn·
ou¢t’ e¬lpídoß gàr ou¢te tou dóxhß o™rø 370
qársoß par’ h™mîn wçß pot’ eu® prâxaí me crä. –

Testimonia: 355 a¬póbleptoß ~Libanius Decl. 8,1,4 359–60 ~Eustathius Il.


415,11 361 kásin ~Hesychius K 971 363 Thomas Magister 333,15
369 ~Thomas Magister 81,14 369 diérgasai Hesychius D 1630
Imitatio: 369 Cleanthes Stoicus fr. 527,1 SVF

Codices: MO gV(370–71), A(sive Ae) FGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb,


z = ZZbZmZu, Tt
354 h® Didymus : h®n codd. 355 parqénoiß t’ M2APPaZZbZmZuTt : -oisí t’
rell. : parqénoiß MLx méta Rw rell. : méga Rwm, sicut coniecit Canter
356 qeoîsi MOAeGKP VxT : qeñ¸si GcKsPXbgr rell. : [A] 359 despotøn w¬møn
s t

rell., Eust. : w¬- d- SSa : d- g’ w¬- LZbZcZmZu 363 e¬fistánai FLPrZbZmZu,


Thom. Mag. (pars codd.) 365 dè rell. : te FGKPr : om. R 367 e¬leuqérwn
Blomfield : e¬leúqeron codd., schol. V 368 aç¸dh¸ sive açdh¸ MLcZmc rell. : a¬ýdh¸
LacxZbZcZmacZu : h¢dh Mgr 369 a¬g’ ou®n m’ F1PParRSaZZcZmZuac, Thom. Mag.
(cod. Ra) : a¬goû m’ F rell. : a¢g’ ou®n S, Thom. Mag. (codd. rell.) : a¢gou m’
MLPaZbZuc, cf. Cleanthes (a¢gou dé m’) : h™goû m’ Pr 371 h™mîn Zr rell. : u™mîn
ZZcZu
Verse 354–371 135

Herrin war ich Unglückliche bei den Frauen am Ida,


bewundert unter Frauen und Mädchen, 355
Göttern gleich bis auf die Sterblichkeit.
Jetzt bin ich Sklavin. Zuerst macht schon
das ungewohnte Wort, dass der Tod mir lieb wird.
Vielleicht bekomme ich dann einen Herrn
mit hartem Sinn, der mich für Silber kauft, 360
mich, Hektors Schwester und der vielen anderen.
Er zwingt mich, im Hause Mehl zu mahlen,
das Haus zu fegen und am Webstuhl zu stehen.
Er wird mich zwingen, ein trauriges Leben zu führen.
Ein Sklave, von irgendwo gekauft, wird mein Bett 365
beflecken, um das sich früher Könige bewarben. –

Nein! Dieses Tageslicht verlasse ich mit freien Augen


und bringe meinen Leib dem Hades dar.
Führ mich, Odysseus, und führ mich zu meinem Tod!
Ich habe weder Zuversicht noch Hoffnung, 370
dass ich je glücklich leben könnte. –
136 1. Epeisodion (216–443)

mñter, sù d’ h™mîn mhdèn e¬mpodœn génh¸


légousa mhdè drøsa, sumboúlou dé moi
qaneîn prìn ai¬scrøn mæ kat’ a¬xían tuceîn. –

oçstiß gàr ou¬k ei¢wqe geúesqai kakøn 375


férei mén, a¬lgeî d’ au¬cén’ e¬ntiqeìß zugø¸·
qanœn d’ a£n ei¢h mâllon eu¬tucésteroß
h£ zøn· tò gàr zñn mæ kaløß mégaß pónoß.

Co. deinòß caraktær ka¬píshmoß e¬n brotoîß


e¬sqløn genésqai, ka¬pì meîzon e¢rcetai 380
tñß eu¬geneíaß o¢noma toîsin a¬xíoiß.

Ek. kaløß mèn ei®paß, qúgater, a¬llà tø¸ kalø¸


lúph prósestin. ei¬ dè deî tø¸ Phléwß
cárin genésqai paidì kaì yógon fugeîn
u™mâß, ¯Odusseû, tände mèn mæ kteínete, 385
h™mâß d’ a¢gonteß pròß puràn ¯Acilléwß

Testimonia: 374 kat’ a¬xían Hesychius K 1309 375–78 Stobaeus 3,30,3 375–
76 Eustathius Macrembolites 8,14,2 376 Lexicon Vindobonense 187,10 377–
78 Stobaeus 4,53,20, Apostolius 8, 8384 378 ~schol. in Aesch. Sept. 702–04b
Smith 379–81 Stobaeus 4,290,5

Codices: MO gV(375–81) AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm


Zu, Tt
374 ai¬scrøn Ks rell. : -òn KZu 375 kakøn codd., Eust. Macr. : pónwn Stob.
377 d’ a£n rell., Stob. : dè FPr mâllon codd., Stob. 3,30,3 (codd. SMAs : pántwn
Stob. 3,30,3 (cod. A) 378 mæ kaløß codd., schol. Aesch. : ou¬ kaløß Stob.
4,53,20 : e¬n kakoîß Stob. 3,30,3 mégaß pónoß F rell., Stob. 4,53,20 (cod. S),
schol. Aesch. : m- póroß Fgr : pónoß m- Stob. 3,30,3 et 4,53,20 (cod. A)
380 e¬sqløn Zbs rell., Stob. (cod. S) : -òn Zb, Stob. (codd. MA) meîzon Sgr rell.,
Stob. (cod. S) : pleîon O gV SSaV : pleîston Stob. (codd. MA) 381 o¢noma MO
gV LSSaVxZbZmZu : tou¢noma rell., Stob. (cod. S) : ou¢noma Stob. (codd. MA)
382 w® qúgater APSSaV 384 fugeîn yógon OSSaV 385 kteínete rell. : -äte
Rw : -ate G
Verse 372–386 137

Mutter, stell dich uns nicht in den Weg


mit Worten oder Taten! Wünsch mir auch, dass ich
sterbe, bevor mich Schändliches trifft, das ich nicht verdiene! –

Denn wer nicht gewohnt ist, Unglück zu kosten, 375


erträgt es zwar, doch leidet er am Joch auf seinem Nacken;
tot aber wäre er viel glücklicher
als lebend, denn schlecht zu leben ist eine große Qual.

Cho. Gewaltig ist die Prägung und leicht zu bemerken bei den
Menschen,
die von Edlen stammen, und ein noch größerer Ruhm 380
des Adels kommt denen zu, die seiner würdig sind.

Hek. Schön sprachst du, Tochter, aber mit dem Schönen


ist Schmerz verbunden. Wenn ihr es nötig habt,
dem Peleussohn zu danken und Tadel zu vermeiden,
Odysseus, dann tötet doch nicht sie! 385
Mich führt zum Grabmal des Achilleus,
138 1. Epeisodion (216–443)

kenteîte, mæ feídesq’· e¬gœ ¯tekon Párin,


oÇß paîda Qétidoß w¢lesen tóxoiß balån.
Od. ou¬ s’, w® geraiá, katqaneîn ¯Acilléwß
fántasm’ ¯Acaioùß a¬llà tänd’ h¬¸täsato. 390
Ek. u™meîß dé m’ a¬llà qugatrì sumfoneúsate,
kaì dìß tóson pøm’ aiçmatoß genäsetai
gaía¸ nekrø¸ te tø¸ tád’ e¬xaitouménw¸.
Od. açliß kórhß sñß qánatoß, ou¬ prosoistéoß
a¢lloß pròß a¢llw¸· mhdè tónd’ w¬feílomen. 395
Ek. pollä g’ a¬nágkh qugatrì sunqaneîn e¬mé
Od. pøß; ou¬ gàr oi®da despótaß kekthménoß.
Ek. o™poîa kissòß druòß oçpwß tñsd’ eçxomai.
Od. ou¢k, h¢n ge peíqh¸ toîsi soû sofwtéroiß.
Ek. w™ß tñsd’ e™koûsa paidòß ou¬ meqäsomai. 400
Od. a¬ll’ ou¬d’ e¬gœ mæn tänd’ a¢peim’ au¬toû lipån.
Px. mñter, piqoû moi· kaì sú, paî Laertíou,
cála tokeûsin ei¬kótwß qumouménoiß,
sú t’ w® tálaina, toîß kratoûsi mæ mácou.
boúlh¸ peseîn pròß ou®daß e™lkøsaí te sòn 405
géronta crøta pròß bían w¬qouménh

Testimonia: 398 Thomas Magister 254,13 403 Etymologicum Genuinum s.v.


cála (unde EM 804,49)
Imitatio: 398 Christus Patiens 1321

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZb ZcZmZu, Tt


387 kenteîte OGRgrSagrXa rell. : -tai Sgr : kteneîte O2grSSaV : kteínete RXagl
392 pøm’ Porson : póm’ codd. 393 nekrø¸ te tø¸ Prc rell. : te nekrø¸ tø¸ LPrac :
nekrø¸ tø¸ PS 394 sñß MacLc rell. : ei©ß M1 : om. OLPZZm 395 w¬feílomen Gc
rell. : o¬f- FGacLRZbZu 396 g’ rell. : d’ M2ZcZm : t’ FKSa : gàr Mac
sunqaneîn e¬mè qugatrí LZbZmZu 397 oi®daß P kekthménoß Zb rell. : -h PZbs
398 o™poîa codd., Thom. Mag. : oçmoia Reiske (Jackson post oçmoia interpunxit)
oçpwß codd. : e¬gœ Sybel 399 ou¢k h¢n ge Rw1 rell. : ou¢k, h£n Rwac : ou¬ män ge R
401 mæn PasRw1Zbac rell. : min OPaRSSaVZbc : om. Rw 404 d’ PaRRwSSaV
Verse 387–406 139

durchbohrt mich, schont mich nicht! Denn ich gebar den Paris,
der Thetis’ Sohn mit seinem Bogen tötete.
Od. Nicht dass du stirbst, du alte Frau, verlangt
Achilleus’ Geist von den Achäern, sondern sie. 390
Hek. So tötet mich dann wenigstens zusammen mit der Tochter;
zweimal so groß wird dann der Bluttrank sein
für die Erde und den Toten, der es verlangt.
Od. Genug ist deiner Tochter Tod; es soll nicht noch ein
anderer hinzukommen.
Wenn doch auch dieser nicht nötig wäre! 395
Hek. Ich muss zusammen mit der Tochter sterben.
Od. Wieso? Ich wüßte nicht, wer mir Befehle geben könnte.
Hek. Wie der Efeu an die Eiche werde ich mich an ihr festklammern.
Od. Tu es nicht, wenn du dem folgst, der weiser ist als du!
Hek. Freiwillig lasse ich mein Kind nicht los. 400
Od. Auch ich geh nicht und lasse nicht das Mädchen hier.
Plx. Mutter, hör auf mich! Und auch du, Laertes’ Sohn,
hab Nachsicht mit der Mutter, die zu Recht erzürnt ist!
Du Arme, wehre dich nicht gegen die Mächtigen!
Willst du auf den Boden stürzen, deinen greisen Leib 405
verletzen lassen, mit Gewalt gestoßen
140 1. Epeisodion (216–443)

a¬schmonñsai t’ e¬k néou bracíonoß


spasqeîs’, aÇ peísh¸; mæ sú g’· ou¬ gàr a¢xion. –

a¬ll’, w® fílh moi mñter, h™dísthn céra


dòß kaì pareiàn prosbaleîn parhídi· 410
w™ß ou¢pot’ au®qiß a¬llà nûn panústaton
a¬ktîna kúklon q’ h™líou prosóyomai.
téloß déch¸ dæ tøn e¬møn prosfqegmátwn.
w® mñter w® tekoûs’, a¢peimi dæ kátw.
Ek. w® qúgater, h™meîß d’ e¬n fáei douleúsomen. 415
Px. a¢numfoß a¬numénaioß w©n m’ e¬crñn tuceîn.
Ek. oi¬ktrà sú, téknon, a¬qlía d’ e¬gœ gunä.
Px. e¬keî d’ e¬n ÷Aidou keísomai cwrìß séqen.
Ek. oi¢moi· tí drásw; poî teleutäsw bíon;
Px. doúlh qanoûmai, patròß ou®s’ e¬leuqérou. 420
Ek. h™meîß dè pentäkontá g’ a¢mmoroi téknwn.
Px. tí soi pròß ÷Ektor’ h£ géront’ ei¢pw pósin;
Ek. a¢ggelle pasøn a¬qliwtáthn e¬mé.

Testimonia: 407 a¬schmonñsai Antiatticista An. Bekker 1,83,26 413 Eustathius


Macrembolites. 6,7,1 421 Eustathius Il. 639,57 421 g’ a¢mmoroi Hesychius G
122 422 Plutarchus Mor. 1104D 1

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


407 e¬k néou bracíonoß Prs rell. : e¬k br- n- OSSaVZm : e¬n néw¸ -íoni Pr
410 parhídi RsZc rell. : -eiádi RRw (cf. v. 274) : -eiñ¸si ZcgrZm 411-12 ~Alc.
206–07 412 om. MO, add. M1O1, delevit Wecklein 413 déch¸ SaVZcZb rell.,
Eust. Macr. ( codd. rell.) : e¢ch M : d’ e¢ch¸ McAgrZac : d’ e¢cei Agrxgr, Eust. Macr.
(codd. RM) : décei Eust. Macr. (cod. C) : décoi Sas : décou AFsGPaRwV2 Zbs :
e¢cei Eust. Macr. (cod. G) dæ rell., Eust. Macr. : dè Pr : nûn GK 415–16 post
420 traiecit Diggle 418 e¬keî d’ e¬n Mc rell. : e¬keî  e¬n Mac : keîse d’ e¬n Rw : keîse
d’ ei¬n R 421 g’ rell., Eust., Hesychius : om. FSaxTtir, sch.le V a¢mmoroi
MO KLPSZm, Eust., Hesychius : a¢moiroi rell. : a¢mmoiroi AZc : a¢moroi O1 :
ac

a¢mmeiroi Zb : pentäkont(a) a¢moiroi FPrSaZu, sch.le V : -kont’ a¢moiroi dæ xTtir


423 a¢ggelle McXaac rell. : a¢ggele MacFRwSVXacZbZc
Verse 407–423 141

und, wie es sich nicht gehört, von jungem Arm


hinweggezerrt? Das wird dir geschehen. Tu es nicht,
unwürdig wär es! –

Drum meine liebe Mutter, gib mir deine süße Hand,


lass Wange uns an Wange legen, 410
denn niemals wieder, sondern jetzt zum letzten Mal
kann ich den strahlenden Kreis der Sonne sehen.
Zum letzten Mal vernimmst du meine Reden.
Mutter, die mich gebar, ich gehe jetzt hinab.
Hek. Tochter, ich werde im Licht als Sklavin leben müssen. 415
Plx. Ich ohne Hochzeit, ohne Brautgesang, der mir zustand.
Hek. Beklagenswert bist du, mein Kind, ich eine unglückliche Frau.
Plx. Dort im Hades werde ich liegen, getrennt von dir.
Hek. Weh mir, was soll ich tun, wo wird mein Leben enden?
Plx. Als Sklavin werde ich sterben, Kind eines freien Vaters. 420
Hek. Ich habe meine fünfzig Kinder verloren.
Plx. Was soll ich für dich dem Hektor sagen, was deinem
alten Gatten?
Hek. Melde ihnen, dass ich die Allerunglücklichste bin.
142 1. Epeisodion (216–443)

Px. w® stérna mastoí q’, oiç m’ e¬qréyaq’ h™déwß.


Ek. w® tñß a¬årou, qúgater, a¬qlíou túchß. 425
Px. caîr’, w® tekoûsa, caîre Kassándra té moi ...
Ek. caírousin a¢lloi, mhtrì d’ ou¬k e¢stin tóde.
Px. … oç t’ e¬n filíppoiß Qrh¸xì Polúdwroß kásiß.
Ek. ei¬ zñ¸ g’· a¬pistø d’· w©de pánta dustucø.
Px. zñ¸ kaì qanoúshß o¢mma sugklä¸sei tò són. 430
Ek. téqnhk’ e¢gwge prìn qaneîn kakøn uçpo.
Px. kómiz’, ¯Odusseû, m’ a¬mfiqeìß kára péploiß,
w™ß prìn sfagñnaí g’ e¬ktéthka kardían
qränoisi mhtròß tände t’ e¬ktäkw góoiß. –

w® føß· proseipeîn gàr sòn o¢nom’ e¢xestí moi, 435


métesti d’ ou¬dèn plæn oçson crónon xífouß
baínw metaxù kaì purâß ¯Acilléwß.
Ek. oi£ ¯gå, proleípw, lúetai dé mou mélh.
w® qúgater, açyai mhtróß, e¢kteinon céra,
dóß, mæ líph¸ß m’ a¢paid’. a¬pwlómhn, fílai.– 440

Testimonia: 424 Thomas Magister 232,17; schol. rec. in v. 144 Dindorf


434 e¬ktäkw góoiß ~schol. Aesch. Sept. 359c Smith
Imitatio: 438 Ennius Hec. fr. = 209 Warmington = 89 Jocelyn

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


424 mastoí R1 rell.,Thom. Mag., schol. rec. ad v. 144 et 424 : -qoí MARac q’ oi™
om. schol. rec. ad v. 144 425 a¬qlíou M : a¬qlíaß rell.: a¬qlía Markland
426 caîre alterum Pac rell. : caîr’ w® P1XaZZbZcZu kass- OKLP1x : kas- Pac
rell. t’ e¬moí ZbrZms rell. : té moi Sa : t’ e¬mä PaRZZbZcZm 427 tóde
M OFZm rell. : cará MOgrAFgrPPaxZZbZcZmsZu 432 m’ MFPRwxZbZcZmZu
gr

: om. rell. kára péploiß rell. : kára péplon K : kára¸ péplouß Kirchhoff (cf.
schol. rec. periqeìß tñ¸ e¬mñ¸ kára¸ tà … pépla) 434 tände t’ rell. : tände g’
LZu : tänd’ OSa 435 gàr sòn rell. : gàr tò sòn Zb : sòn gàr FPr : sòn A : gàr
Rw 438 oi£ ¯gå Pa, cf. v. 676 : oi£ e¬gå rell. dé om. ARRwSa mou Zc rell. : moi
OKSSaVZcs 440 fílai RRwZms rell. : -h RwsZZcsZus : -a RsZcZmZu
Verse 424–440 143

Plx. O Brust und Busen, der mich liebreich nährte!


Hek. Weh, Tochter, über deinen allzufrühen Tod! 425
Plx. Leb wohl, Mutter, leb wohl mir auch, Kassandra ...
Hek. Wohl leben andere, deine Mutter kann es nicht.
Plx. … und mein Bruder Polydoros bei den rosseliebenden Thrakern!
Hek. Wenn er denn lebt; ich glaube nicht. So bin ich ganz im Unglück.
Plx. Er lebt und wird dir einst im Tod die Augen schließen. 430
Hek. Tot bin ich jetzt schon vor dem Sterben durch mein Unglück.
Plx. Führe mich fort, Odysseus, verhülle mein Haupt mit Gewändern!
Schon ehe ihr mich schlachtet, ist mein Herz erweicht
durch meiner Mutter Klagen und habe ich sie erweicht
durch meine Klagen. –

O Licht, anrufen darf ich deinen Namen, 435


ich habe nicht mehr Teil an dir bis auf die Zwischenzeit,
in der ich gehe zum Schwert und zu Achilleus’ Grabmal.

Hek. Weh mir! Ich schwinde dahin, meine Glieder lösen sich.
O Tochter, fass die Mutter an, streck die Hand aus,
gib sie, lass mich nicht kinderlos zurück! ich bin verloren, 440
ihr Lieben. –
144 1. Epeisodion (216–443)

wÇß tæn Lákainan súggonon Dioskóroin 441


¿Elénhn ¯ídoimi· dià kaløn gàr o¬mmátwn
ai¢scista Troían ei©le tæn eu¬daímona.

Testimonia: 442 dià – 443 Eustathius Il. 206,5, 397,40, Od. 1401.27

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


441-43 Hecubae tribuunt codd., choro Hermann, delevit Hartung 441 dioskóroin
rell. : -koúroin RSaXaZZcZu : -kórwn G : -koúrwn OcFcRw : -koúrn OacFac :
[K] 443 tæn McR2gr rell., Eust. : tæn d’ Mac : prìn RRw
Verse 441–443 145

So möchte ich die Lakonierin, die Schwester der Dioskuren, 441


Helena sehen. Mit ihren schönen Augen
hat sie aufs schändlichste das glückliche Troja zu Fall gebracht.
146 1. Stasimon (444–83)

1. Stasimon (444–83)

Co. Au¢ra, pontiàß au¢ra, str. a


açte pontopórouß komí- 445
zeiß qoàß a¬kátouß e¬p’ oi®dma límnaß,
poî me tàn meléan poreú-
seiß; tø¸ doulósunoß pròß oi®- 448
kon kthqeîs’ a¬fíxomai; h£ 450
Dwrídoß oçrmon ai¢aß,
h£ Fqiádoß, e¢nqa tòn
kallístwn u™dátwn patéra
fasìn ¯Apidanòn pedía lipaínein; 454

Testimonia: 447–73 ~Eustathius Il. 654,13 451–52 ~Eustathius Od. 1695,40

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


444 pontiàß codd. : potniàß Willink 445 açtiß Tt (sicut coniecit Barnes)
rgr
446 límnhß AFLZbZcZuTt 447 meléan Z rell. : tálainan ZZcZu 452 tøn
APSZZm 454 pedía lipaínein rell. : lip- ped- GK : tàß guíaß lip- Tt (gúaß
coniecit Hermann)
Verse 444–454 147

1. Stasimon (444–83)

Cho. Windhauch, Windhauch des Meeres,


der du die meerdurchfahrenden 445
schnellen Schiffe über die Fluten der See bringst,
wohin wirst du mich Arme
fahren? Wem werde ich, als Sklavin 448
gekauft, ins Haus kommen? 450
Zu einem Hafen der dorischen Erde
oder von Phthia, wo der
schönsten Gewässer Vater Apidanos,
wie man sagt, die Ebenen fruchtbar macht? 454
148 1. Stasimon (444–83)

h£ náswn a™liärei a¬nt. 455


kåpa¸ pempoména, tálai-
nan oi¬ktràn biotàn e¢cous’ a¢oikoß,
e¢nqa prwtógonóß te foî-
nix dáfna q’ i™eroùß a¬né-
sce ptórqouß Latoî fílon w¬- 460
dînoß a¢galma Díaß;
sùn Dhliásin te koú-
raisin ¯Artémidoß qeâß 463
cruséan t’ a¢mpuka tóxa t’ eu¬logäsw; 465

Testimonium: 458 ~Eustathius Od. 1556,29, 1557,54

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


455 náswn ARs rell., schol.in MV : näswn F2Prs : náson RwZbZc : nâson
A2sKPaPrRxZZm : nâsón g’ Tt : [F] 456 pempoména Willink: -ménan codd.
457 oi¬ktràn codd. : pónoiß Willink e¢cous’ a¢oikoß Willink : e¢cousan oi¢koiß
codd. 459 dáfnh FGPa 460 fílon sive -ouß Wecklein : -a¸ sive -a codd. : -a
Housman : -aß Hartung 462 koúraiß ALPPaxZZb 463 qeâß OFLPr : te qeâß
rell. 465 cruséan t’ LPaPrZu : crusaían t’ F : cruséan rell.
Verse 455–465 149

Oder werde ich mit dem Ruder, das die Salzflut 455
durchfährt, geleitet, zu einem Hafen auf den Inseln kommen,
die ich ein unglückliches, jämmerliches Leben
führen werde, unbehaust,
wo die zuerst geborene Palme
und der Lorbeer ihre heiligen
Zweige erheben, der Leto lieb, 460
ein Denkmal für die Geburt der Kinder des Zeus?
Werde ich mit den Mädchen von Delos
der Göttin Artemis 463
goldenes Stirnband und Bogen preisen? 465
150 1. Stasimon (444–83)

h£ Palládoß e¬n pólei str. b


tàß kallidífrouß ¯Aqa-
naíaß e¬n krokéw¸ péplw¸
zeúxomai a®ra på-
louß e¬n daidaléaisi poi- 470
kíllous’ a¬nqokrókoisi pänaiß,
h£ Titánwn geneán,
tàn Zeùß a¬mfipúrw¸
koimízei flogmø¸ Kronídaß;

w¢moi tekéwn e¬møn a¬nt.b 475


w¢moi patérwn cqonóß q’,
aÇ kapnø¸ katereípetai,
tufoména, dorí-
kthtoß ¯Argeýwn· e¬gœ d’
e¬n xeína¸ cqonì dæ kéklhmai 480
doúla, lipoûs’ ¯Asían,
Eu¬råpaß qerapnân
a¬lláxas’ ÷Aida qalámouß.

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


467 tàß M3RZZcTt, sch.le M : tñß RwVSSa : tâß Mac rell. kallidífrouß MZb,
schol.le M : -ou rell., schol. V ad v. 444 a¬qhnaíaß OFPPaSSaZZbZu
468 krokaíw¸ OLPrRwSSaVZcZm 469 a®ra O : a¢ra M : açrmata V : açrmati Vs
rell. 470 e¬n Xaac rell. : om. LPaXacZb daidaléaisi Zuac rell. : -éh¸si
c 2 t
LPZbZmZu : -aíaisi RSSaV : -éaiß T : -éoisi FPr : -aíoiß V 475–83 choro
tribuunt Xac rell. : Hecubae x 475 tekéwn rell. : tokéwn KPr, schol.in V ad v. 444
(gonéwn) : téknwn Rw : [A] 477 kapnø¸ katereípetai Vs rell. : kat- kap- SSa :
kat- V 478 tufoménh SaXXbZZcsZmsZus 478–79 doríkthtoß McXaac rell. :
doräkt- Mac : dorúkt- GRwXacZZcZm : dorílhptoß Tt 479 ¯Argeýwn
Hermann : a¬rgeíwn R rell. : a¬p’ a¬rg- GKR2s : u™p’ a¬rg- FPrRs 482 eu¬råphß
FPrZ qerapnân Purgold : -ápna Garzya : -ápnan McOArgr : -ápainan M3sOs
rell., schol. M, schol. V ad v. 444 483 aç¸da Canter : a¬ýda S1 rell. : a¬ýdh RRwSac
Verse 466–483 151

Oder werde ich in der Stadt der Pallas


auf dem krokusfarbenen Gewand Athenes
die Pferde an den schönen Wagen schirren,
werde ich sie kunstvoll farbig machen 470
mit eingewebten blumenbunten Fäden?
Oder werde ich das Geschlecht der Titanen weben,
das Zeus mit beiderseits feuriger
Flamme zur Ruhe bringt, der Kronossohn?

Weh meine Kinder, 475


weh meine Eltern und mein Land,
das im Rauch zerfällt,
qualmend, durch den Speer
der Argiver erobert. Doch ich
im fremden Land werde 480
Sklavin genannt. Ich verlasse Asien;
für Europas Wohnungen
gebe ich hin im Tausch des Hades Gemächer.
152 2. Epeisodion (484–628)

2. Epeisodion (484–628)

Talqúbioß
Poû tæn a¢nassan dä pot’ ou®san ¯Ilíou
¿Ekábhn a£n e¬xeúroimi, Trw¸ádeß kórai; 485
Co. auçth pélaß soû nøt’ e¢cous’ e¬pì cqoní,
Talqúbie, keîtai sugkeklh¸ménh péploiß.

Ta. w® Zeû, tí léxw; póterá s’ a¬nqråpouß o™rân


h£ dóxan a¢llwß tände kektñsqai máthn
[yeudñ, dokoûntaß daimónwn ei®nai génoß], 490
túchn dè pánta ta¬n brotoîß e¬piskopeîn;
ou¬c hçd’ a¢nassa tøn polucrúswn Frugøn,
ou¬c hçde Priámou toû még’ o¬lbíou dámar;
kaì nûn póliß mèn pâs’ a¬nésthken dorí,
au¬tæ dè doúlh graûß a¢paiß e¬pì cqonì 495
keîtai, kónei fúrousa dústhnon kára.
feû feû· gérwn mén ei¬m’, oçmwß dé moi qaneîn
ei¢h prìn ai¬scr⸠peripeseîn túch¸ tiní. –

a¬nístas’, w® dústhne, kaì metársion


pleuràn e¢paire kaì tò pálleukon kára. 500

Testimonia: 488–91 Apostolius 18,57 d 492 Josephus Rhacendytes Rhet.


3,510,27 Walz 497 Hermias Alexandrinus in Plat. Phaedrum 24,1
Imitationes: 497–98 Ennius Hec. fr. 210–11 Warmington = 92 Jocelyn
500 Christus Patiens 1305

Codices: MO gV(497–98), AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm


Zu, Tt
487 sugkeklhménh M : -kliménh McOV : -kalumménh KRglZbglZcgl : -kleisménh
RVcZbZc rell. 489 a¢llwß codd. : au¬toùß Reiske : h™mâß Porson máthn codd. :
brotoùß Apitz 490 delevit Nauck 494 mèn póliß FPrS 495 au¬tæ V : auçth
rell. 496 kóni M et Mgl 497 dé moi qaneîn gV rell. : qa- dé moi OSV : dé moi
om. Hermias
Verse 484–500 153

2. Epeisodion (484–628)

Talthybios
Wo kann ich die einstige Herrin Ilions
Hekabe finden, ihr Troermädchen? 485
Cho. Sie liegt hier vor dir, den Rücken auf der Erde,
Talthybios, fest eingehüllt in ihr Gewand.

Ta. O Zeus, was soll ich sagen? Dass du auf die Menschen schaust
oder diesen Ruf nichtig, vergeblich hast
[erlogen, weil man meint, es gäbe das Geschlecht der Götter,] 490
und Tyche über alles bei den Menschen Aufsicht führt?
Ist die hier nicht die Herrin der goldreichen Phryger,
ist die hier nicht die Gattin des sehr vermögenden Priamos?
Und jetzt ist die ganze Stadt zerstört durch den Speer,
sie selbst ist Sklavin, Greisin, kinderlos, liegt auf der Erde, 495
das arme Haupt mit Staub besudelt.
Weh weh, ich bin ein alter Mann, doch möcht ich eher sterben
als in ein schmähliches Unglück zu geraten. –

Steh auf, du Arme, hebe deinen Leib


empor und dein ganz weißes Haupt! 500
154 2. Epeisodion (484–628)

Ek. e¢a· tíß ou©toß søma tou¬mòn ou¬k e¬â¸


keîsqai; tí kineîß m’, oçstiß ei®, lupouménhn;
Ta. Talqúbioß hçkw, Danaïdøn u™phréthß
¯Agamémnonoß pémyantoß, w® gúnai, méta.
Ek. w® fíltat’, a®ra ka¢m’ e¬pisfáxai táfw¸ 505
dokoûn ¯Acaioîß h®lqeß; w™ß fíl’ a£n légoiß.
speúdwmen, e¬gkonømen· h™goû moi, géron.
Ta. sæn paîda katqanoûsan w™ß qáyh¸ß, gúnai,
hçkw metasteícwn se· pémpousin dé me
dissoí t’ ¯Atreîdai kaì léwß ¯Acaiikóß. 510
Ek. oi¢moi, tí léxeiß; ou¬k a¢r’ w™ß qanouménouß
metñlqeß h™mâß a¬llà shmanøn kaká;
o¢lwlaß, w® paî, mhtròß a™rpasqeîs’ a¢po,
h™meîß d’ a¢teknoi tou¬pì s’· w® tálain’ e¬gå.
pøß kaí nin e¬xepráxat’; a®r’ ai¬doúmenoi; 515
h£ pròß tò deinòn h¢lqeq’ w™ß e¬cqrán, géron,
kteínonteß; ei¬pé, kaíper ou¬ léxwn fíla.

Ta. diplâ me crä¸zeiß dákrua kerdânai, gúnai,


sñß paidòß oi¢ktw¸· nûn te gàr légwn kakà
tégxw tód’ o¢mma pròß táfw¸ q’ oçt’ w¢lluto. – 520

parñn mèn o¢cloß pâß ¯Acaiikoû stratoû


plärhß prò túmbou sñß kórhß e¬pì sfagáß,

Imitatio: 518–20 ~Vergilius Aeneis 2,3

Codices: MO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt(–520)


501 e¢a M rell. : w¬ä Mgr søma tou¬mòn Lcir Zm1Zu1 rell. : søm’ e¬mòn ZmacZuac
504 delevit Jenni pémyantóß s’ LPrS (cf. schol.in MV metakaloûntóß se)
505 a®ra Zcc rell. : a¢ra MOKRwSaZcac 506 légh¸ß PXaXbTt 510 a¬caiikóß
tc t
MOGKxT : a¬caïkóß T rell. 511 w¢moi GKPrSSa qanouménouß rell. :
-oménouß MR : -ouménaß G : -ouménh Sa 512 shmaínwn MOKPrRSSa
515 e¬xepráxet’ FZZc 517 kteínonteß G rell. : -anteß GcZc 519 te Zu1 rell. :
om. SaZu 521 a¬caiíkou OGKxTt : a¬caýkou Tz rell. 522 sfagáß FcRwc rell. :
-âß OFacSaZu : -ñß RRwac
Verse 501–522 155

Hek. Was denn? Wer lässt da meinen Körper nicht in Ruhe


liegen? Was störst du mich, wer du auch bist, in meiner Trauer?
Ta. Talthybios, der Danaiden Diener,
ich komme, Frau, weil Agamemnon nach dir schickt.
Hek. O Liebster, kamst du, weil die Achäer beschlossen haben, 505
auch mich noch auf dem Grab zu schlachten? Welch eine
liebe Nachricht wäre das!
Lasst uns eilen, geschwind! Führe mich, Alter!
Ta. Ich komme dich zu holen, Frau, dass du dein totes Kind
begraben kannst. Mich schicken
die zwei Atriden und das Heer der Achäer. 510
Hek. Weh mir, was willst du sagen? Du kamst also nicht zu mir,
damit ich sterbe, sondern um Schlimmes zu melden?
Du bist dahin, mein Kind, hinweggerissen von der Mutter,
und ich bin kinderlos, was dich betrifft, ich Unglückliche!
Wie habt ihr sie denn umgebracht? Mit Achtung? 515
Oder gingt ihr so weit beim furchtbaren Tun, Alter,
dass ihr sie wie eine Feindin tötetet?
Sag an, auch wenn du sagen wirst, was mir nicht lieb ist!

Ta. Du forderst, dass mir zweimal Tränen fließen, Frau,


aus Jammer um dein Kind; denn jetzt, wenn ich das Schlimme sage,
benetze ich mein Auge und zuvor am Grabe, als sie starb. – 520

Es stand die ganze Masse des Achäerheeres


vollzählig vor dem Grab zu deiner Tochter Schlachtung.
156 2. Epeisodion (484–628)

labœn d’ ¯Acilléwß paîß Poluxénhn ceròß


e¢sths’ e¬p’ a¢krou cåmatoß, pélaß d’ e¬gå·
lektoí t’ ¯Acaiøn e¢kkritoi neaníai, 525
skírthma móscou sñß kaqéxonteß ceroîn,
eçsponto. plñreß d’ e¬n ceroîn labœn dépaß
págcruson ai¢rei ceirì paîß ¯Acilléwß
coàß qanónti patrí· shmaínei dé moi
sigæn ¯Acaiøn pantì khrûxai stratø¸. 530
ka¬gœ katastàß ei®pon e¬n mésoiß táde·
Sigât’, ¯Acaioí, sîga pâß e¢stw leåß,
síga siåpa. nänemon d’ e¢sths’ o¢clon. –

o™ d’ ei®pen· ¥W paî Phléwß, patær d’ e¬móß,


déxai coáß moi tásde khlhthríouß, 535
nekrøn a¬gwgoúß· e¬lqè d’, w™ß píh¸ß mélan
kórhß a¬kraifnèß ai©m’ oç soi dwroúmeqa
stratóß te ka¬gå· preumenæß d’ h™mîn genoû
lûsaí te prúmnaß kaì calinwtäria
neøn dòß h™mîn preumenoûß t’ a¬p’ ¯Ilíou 540
nóstou tucóntaß pántaß e¬ß pátran moleîn.

Testimonia: 523 schol. in Lycophronem 323 525 e¢kkritoi neaníai ~Eustathius


Od. 1956,34 526 móscou ~Eustathius Od. 1653,28 532–33 Draco De Metris
poeticis. p. 83,15 Hermann 533 nänemon – o¢clon Georgius Lacapenus Epim. in
Epist. 22 (144,2 Lindstam) 535 khlhthríouß Hesychius K 2501
537 a¬kraifnèß Hesychius A 2534

Codices: M B(523–) O, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tz(521–)
527 eçsponto Rw1SagrZb rell. : eçp- PrRwacSaZZb2 : eiçp- PPa 528 ai¢rei
MacBacOSagr : e¢rrei M4B3Sa rell., schol.in V 531 katastàß MBFGsRRwSaZc :
parastàß B3G rell. e¬n mésoiß O2gr rell. : ¯Argeíoiß O (cf. schol. V: leípei tò
a¬rgeíoiß) 532 síga MAFLPaV : sîga BacO2grAsZm2 rell., Draco : sigâ vel sigâ¸
McB3OPrRRwSZc : sigñ RsSaZmac 535 moi JU : mou rell. 539 dè GK
540 dòß BPaRwZb rell. : dòß d’ B3GKPasPrRw1SVxZbrZm preumenoûß codd. :
eu¬maroûß Heimsoeth : h™súcou Kovacs t’ rell. : tád’ Sa : om. PaPrSVxTz
541 pántaß om. PZu pátraß MA
Verse 523–541 157

Da nahm Achilleus’ Sohn Polyxene bei der Hand


trat auf des Hügels Spitze; ich daneben.
Erlesene, auserwählte Jünglinge der Achäer 525
folgten, ein Zappeln deines Kalbes mit den Händen
zu verhindern. Einen vollen Becher ganz aus Gold
nahm in die Hände der Sohn Achills und hob ihn mit der Hand
zur Spende für den toten Vater. Er gab mir das Zeichen,
Schweigen dem ganzen Heere der Achäer zu gebieten. 530
Und ich trat vor und sagte in ihrer Mitte dies:
„Schweigt, ihr Achäer, still sei das ganze Heer,
still, schweigend!“ Zur Ruhe brachte ich die Menge. –

Er aber sprach: „Sohn des Peleus, mein Vater,


nimm von mir diese Güsse an, die Toten zu besänftigen 535
und herzulocken! Komm denn, zu trinken das schwarze,
unvermischte Blut des Mädchens, das wir dir schenken,
das Heer und ich! Werde uns wohlgesinnt
und gib, dass wir am Heck der Schiffe die Haltetaue lösen können,
glückliche Heimkehr von Ilion erhalten 540
und alle ins Vaterland gelangen.“
158 2. Epeisodion (484–628)

tosaût’ e¢lexe, pâß d’ e¬phúxato stratóß.


ei®t’ a¬mfícruson fásganon kåphß labœn
e¬xeîlke koleoû, logási d’ ¯Argeíwn stratoû
neaníaiß e¢neuse parqénon labeîn. – 545

h™ d’, w™ß e¬frásqh, tónd’ e¬sämhnen lógon·


¥W tæn e¬mæn pérsanteß ¯Argeîoi pólin,
e™koûsa qnä¸skw· mä tiß açyhtai croòß
tou¬moû· paréxw gàr dérhn eu¬kardíwß.
e¬leuqéran dé m’, w™ß e¬leuqéra qánw, 550
pròß qeøn, meqénteß kteínat’· e¬n nekroîsi gàr
doúlh keklñsqai basilìß ou®s’ ai¬scúnomai.
laoì d’ e¬perróqhsan ¯Agamémnwn t’ a¢nax
ei®pen meqeînai parqénon neaníaiß.
[oi™ d’, w™ß tácist’ h¢kousan u™státhn o¢pa, 555
meqñkan, ou©per kaì mégiston h®n krátoß.] –

ka¬peì tód’ ei¬säkouse despotøn e¢poß,


laboûsa péplouß e¬x a¢¬kraß e¬pwmídoß
e¢rrhxe lagónaß e¬ß mésaß par’ o¬mfalòn

Testimonia: 546 e¬frásqh Hesychius E 7539 548–551 kteínate Philo Iudaeus


6,33,9 Cohn–Wendland 553 – e¬perróqhsan Eustathius Il. 28,20 555 schol.
rec. ad Luc. Pseudol. 10 (vol. IV p. 236 Jacobitz) 555 u™státhn o¬pa ~Eustathius
Il. 25,42

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = Z(–551) ZbZcZmZu, Tz


544 e¬xeîlke Zcc rell. : -eîle RwZbZcac koleoû BacL1irPaZc rell. : koul-
3 1 s
B OAFGPa RwSSaZbZc Zm 546 e¬sämane(n) PZ : -mainen Gx 547 pólin
SgrSagr rell. : cqóna GKSSa 548 açyhtai rell., Philo (codd. rell.) : açyetai FR :
açyaito Philo (codd. QT) 549 gàr M2 rell., Philo (codd. rell.) : dè MacL, Philo
(codd. AQT) 550 e¬leuqéra rell., Philo : -an PXa 551 kteínat(e) rell., schol.
BV, Philo : kteínet(e) MPaxTz, schol. M 553 t’ MBAFPaPrRRwxZc : d’ rell.
555–56 delevit Jacobs 555 u™státhn B rell., Eustathius, schol. Luc. : -éran MBgr
559 lágonaß GacPr rell. : -oß GcPax : -wn Prs : [S] mésaß Brunck : méson codd.
Verse 542–559 159

So sprach er, und das ganze Heer betete.


Dann packte er das goldumhüllte Schwert am Griff
und zog es aus der Scheide, und den auserwählten jungen Männern
des Argiverheeres
gab er einen Wink, die Jungfrau zu ergreifen. – 545

Doch als sie es bemerkte, sprach sie dies:


„Ihr Argiver, die ihr meine Stadt zerstört habt,
freiwillig sterbe ich. Niemand berühre meinen
Leib, ich biete meinen Hals mit mutigem Herzen dar.
Lasst mich frei und tötet mich als eine Freie, 550
bei den Göttern, so dass ich als Freie sterbe. Denn bei den Toten
Sklavin zu heißen schäme ich mich, weil ich eine Königin bin.“
Die Leute riefen Beifall, und der Herrscher Agamemnon
befahl den jungen Männern, die Jungfrau loszulassen.
[Die aber ließen los, als sie das letzte Wort 555
des Mannes hörten, der die höchste Macht besaß.] –

Und als sie dieses Wort des Herren hörte,


ergriff sie ihr Gewand oben an der Schulter,
zerriss es mitten bis zu den Flanken am Nabel
160 2. Epeisodion (484–628)

mastoúß t’ e¢deixe stérna q’ w™ß a¬gálmatoß 560


kállista, kaì kaqeîsa pròß gaîan gónu
e¢lexe pántwn tlhmonéstaton lógon·
¯Idoú, tód’, ei¬ mèn stérnon, w® neanía,
paíein proqumñ¸, paîson, ei¬ d’ u™p’ au¬céna
crä¸zeiß páresti laimòß eu¬trepæß o¢de. – 565

o™ d’ ou¬ qélwn te kaì qélwn oi¢ktw¸ kórhß


témnei sidärw¸ pneúmatoß diarroáß·
krounoì d’ e¬cåroun. h™ dè kaì qnä¸skous’ oçmwß
pollæn prónoian ei®cen eu¬scämwn peseîn,
krúptous’ aÇ krúptein o¢mmat’ a¬rsénwn creån. – 570
e¬peì d’ a¬fñke pneûma qanasímw¸ sfagñ¸
ou¬deìß tòn au¬tòn ei®cen ¯Argeíwn pónon,

Testimonia: 562 Eustathius Il. 800,27 568 h™ – 570 schol. in Clem.Al. Paed. 2,10
(p. 332,26 Stählin), ~Clem. Al. Strom. 2,23 (p. 192,17 Stählin) 568 qnä¸skous’ –
570 Hermogenes Inv. 4,12 (p. 204,11 Rabe) 568 h™ – 569 Galenus 18,2 (p. 8
Kühn), Lucianus Dem. Enc. 47, ~P. Herculanensis 831 col. I (SBWien
80,1876,756) 569 Plinius Ep. 4,11,9, ~Hierocles Stoicus p. 25,17 ed. v. Arnim,
~Galenus 14 (p. 236 Kühn) 570 ~Eustathius Il. 216,7, ~Clem. Al. Paed. 2,10 (p.
221,9 Stählin)

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRwSSaV, x = XXaXb, z = ZbZcZmZu, Tz


560 a¬gálmatoß FsXsXbs rell. : -mata F1x : -mátwn P 561 kaqeîsa L2 rell. :
1c 2m gl
katq- AF GLPVZcZmZu : ktaq- PaPrZb : kataq- F S Zb 564 paíein
O2grPaPrSagr rell. : témnein OPPasPrsSa 565 eu¬trepæß BcPc rell. : eu¬pr-
BacLPacPrRSSaXaXb 568 qnä¸skous’ codd., Lucianus, Galen., Hermog. (cod.
Pc), Clem. Al., P. Herc. : píptous’ Hermog. (codd. PaVMr) 569 eu¬scämwn
Plinius, Lucianus (codd. GB), P. Herc. (mäpot’ a¬scämwn) : -mwß BOm rell.,
Lucianus (cod. F), Gal. 18, Hermog. (codd. rell.) : -mónwß BmOGKSV, Gal. 14,
Clem. Al., Hermog. (codd. PaBaVc1) : -[mó]nwß Hierocles : eu¬sämwß M
570 krúptous’ aÇ B3grO2gr KgrPPa, Clem. Al., Hermog., Eust. : -ousá q’ aÇ A : -ein
q’ aÇ BOFKSa rell. : -ousa B3sF2grSas a¬rsénwn rell. : a¬r(r)énwn PaRRw, Clem.
Al. versum delent grammatici quidam, cf. schol. rec. (e¢pesen ei¬ß tò kakózhlon,
oçper kakízousin oi™ o¬belízonteß)
Verse 560–572 161

und zeigte Brust und Busen wie von einer Statue, 560
sehr schöne, ließ das Knie zur Erde nieder
und sprach die allerunglücklichsten Worte:
„Sieh her, junger Mann, wenn du die Brust
zu treffen vorhast, schlag zu, doch wenn den Hals,
ist meine Kehle hier bereit.“ – 565

Der aber, entschlossen und auch nicht aus Mitleid mit dem
Mädchen,
schnitt mit dem Eisen durch des Atems Durchgang,
und die Quellen flossen. Und noch im Sterben
gab sie acht darauf, mit Anstand zu fallen,
und verbarg, was man vor Männeraugen bergen muss. – 570

Als sie den Geist aufgegeben hatte nach dem tödlichen Schlag,
da tat keiner der Argiver das gleiche:
162 2. Epeisodion (484–628)

a¬ll’ oi™ mèn au¬tøn tæn qanoûsan e¬k cerøn


fúlloiß e¢ballon, oi™ dè plhroûsin puràn
kormoùß féronteß peukínouß, o™ d’ ou¬ férwn 575
pròß toû férontoß toiád’ h¢kouen kaká·
÷Esthkaß, w® kákiste, tñ¸ neanídi
ou¬ péplon ou¬dè kósmon e¬n ceroîn e¢cwn;
ou¬k ei® ti dåswn tñ¸ períss’ eu¬kardíw¸
yucän t’ a¬rísth¸; – toiád’ a¬mfì sñß légwn 580
paidòß qanoûshß eu¬teknwtáthn té se
pasøn gunaikøn dustucestáthn q’ o™rø.

Co. deinón ti pñma Priamídaiß e¬pézesen


pólei te th¬mñ¸ qeøn a¬nagkaîsin tóde.

Ek. w® qúgater, ou¬k oi®d’ ei¬ß oçti bléyw kakøn 585


polløn paróntwn· h£n gàr açywmaí tinoß

Testimonia: 574 oi™ – 575 peukínouß Choeroboscus in Theod. 64,25 574 dè


plhroûsin ~Anecdota Oxoniensia 4,182,17 Cramer 581–82 ~Choeroboscus in
Theod. 76,35, Anecdota Oxoniensia 4,414,17 Cramer 583 Etymologicum
Genuinum s.v. e¬pézesen (unde EM 355,15)
Imitatio: 584 qeøn – tóde Accius Hec. fr. 481 Klotz = 375 Warmington

Codices: MBO gV(585–), AFGKLPPaPrR Rf(573–) RwSSaV, x = XXaXb, z = Zb


ZcZmZu, Tz
573 au¬tæn x 574 dè plhroûsin rell. : d’ e¬plhroûsan O, Choerob. : dè
plhroûsan An. Ox. : d’ e¬pepläroun S : d’ e¬pläroun Sa 578 pétalon ou¬dè
kormòn Bergk et Schott 580 légwn MBacRfsV2s et schol.le M : légon M2BcV
rell. : klúwn Wecklein 581 eu¬teknwtáthn MOGacKPaSaXcXaXbZbTz :
c ac
-otáthn G X rell., An. Ox. : eu¬gonwtáthn P té se codd. : légw Wecklein té
Reiske : dé codd., Choerob., An.Ox. 582 q’ o™rø S1 rell., Choerob. (cod. C) : o™rø
FGPaSx, Choerob. (codd. VO), An .Ox. : dé se Wecklein 584 a¬nagkaîsin
Herwerden : a¬nagkaîon codd., sch.in M 585 kakøn gV V rell. : kakòn O gVs
PV2s
Verse 573–586 163

Die einen warfen auf die Tote Blätter,


die andern errichteten den Scheiterhaufen
und brachten Fichtenstämme. Doch wer nichts brachte, 575
musste von dem, der etwas brachte, solche schlimme Rede hören:
„Was stehst du da, du schlechter Mensch, und hast für das
Mädchen
gar kein Gewand und keinen Schmuck in Händen?
Geh doch und bring etwas für sie, die über die Maßen tapfer
und sehr edelmütig war!“ – Dies sage ich über deine 580
tote Tochter und sehe, dass du von allen Frauen
die besten Kinder und zugleich das größte Unglück hast.

Cho. Furchtbar wallte dieses Leid auf gegen das Haus des Priamos
und gegen meine Stadt durch göttliche Notwendigkeit.

Hek. Meine Tochter, ich weiß nicht, auf welches Unglück ich
blicken soll, 585
weil es so viele gibt. Wenn ich an eins mich halte,
164 2. Epeisodion (484–628)

tád’ ou¬k e¬â¸ me, parakaleî d’ e¬keîqen au®


lúph tiß a¢llh diádocoß kakøn kakoîß.
kaì nûn tò mèn sòn wçste mæ sténein páqoß
ou¬k a£n dunaímhn e¬xaleíyasqai frenóß· 590
tò d’ au® lían pareîleß a¬ggelqeîsá moi
gennaîoß. – ou¢koun deinón, ei¬ gñ mèn kakæ
tucoûsa kairoû qeóqen eu® stácun férei,
crhstæ d’ a™martoûs’ w©n creœn au¬tæn tuceîn
kakòn dídwsi karpón, a¢nqrwpoi d’ a¬eì 595
o™ mèn ponhròß ou¬dèn a¢llo plæn kakóß,
o™ d’ e¬sqlòß e¬sqlòß ou¬dè sumforâß uçpo
fúsin diéfqeir’ a¬llà crhstóß e¬st’ a¬eí;
a®r’ oi™ tekónteß diaférousin h£ trofaí;
e¢cei ge méntoi kaì tò trefqñnai kaløß 600

Testimonia: 587 parakaleî – 588 a¢llh Lexicon Vindobonense 148, 16


588 diádocoß – kakoîß Eustathius Epist. 4 (311,28 Tafel) 591–92 gennaîoß
Gregorius Corinthius 64 591 a¬ggelqeîsa – 592 gennaîoß Eustathius Il. 333,44,
793,2, Od. 1403,57, Anonymus De perf. or. (Rh. Gr. 3,585,19 Walz) 596–
98 Thomas Magister Presb. (An. Gr. 2,206 Boissonade) 596–97 e¬sqlòß e¬sqlòß
Libanius Or. 64,47 599 Eustathius Il. 930,41 600–02 Stobaeus 2,31,1 600–
01 e¬sqloû schol. Od. 3,43 600 Georgius Pachymeres Decl. 9 (171 Boissonade)
600 qrefqñnai ~Eustathius Il. 519,41, ~Hesychius Q 726

Codices: MBO gV, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = Z(593 kairoû –)


ZbZcZmZu, Tz
587 tád’ Kovacs : tód’ codd. 589 páqoß SSa rell. : pénqoß SgrSagr
1
592 gennaîoß BOAFKR Rf rell., testimonia, cf. etiam schol. B (a¬ttikøß w™ß tò
klutòß a¬mfitríth) et schol. V (a¬ntì toû gennaía) : -aía B3sO2sAsF2sKsRacRfs
593 eu® stácun KPS, sch.in MBV (stácun kalón) : eu¢stacun MBV rell.
595 a¢nqrwpoi (vel e¬n brotoîß) Hermann : -oiß codd. 599–602 del. Sakorraphos
600 e¢cei rell., Stob., schol. Od., Pachymeres : -oi RfXb ge méntoi Lac rell., schol.
Od. : ge mén ti FsK : ge toí ti MBFLcRRfx : gé toi A : gé ti Stob. : méntoi Z : mén
ti Pachymeres qrefqñnai RfZbgrZm2 rell., schol. Od., Eust., Hesych. :
trefqñnai FT : trafñnai GLPa Rf2sRwZbZcZmZuTz, Stob., Pachymeres
t
Verse 587–600 165

dann lassen sie mich nicht, sondern es ruft von dorther


ein anderes Leid mich herbei, mit seinem Unglück
Nachfolger von anderem Unglück.
Auch jetzt könnte ich nicht dein Leid
aus meinen Gedanken löschen, so dass ich es nicht beklagte, 590
doch den allzustarken Schmerz nahmst du von mir, da man
mir meldete,
dass du edel warst. – Wär es nicht seltsam, dass ein
schlechter Boden,
wenn die Götter rechtes Wetter senden, gute Ernte trägt,
doch ein guter, wenn er nicht erhält, was er bekommen sollte,
nur schlechte Frucht hervorbringt, dass bei Menschen aber 595
der schlechte niemals anders wär als schlecht,
der gute gut und nicht einmal ein Unglück
sein Wesen verderben könnte, sondern er immer gut bliebe?
Machen die Eltern den Unterschied oder die Erziehung?
Freilich vermittelt auch gute Aufzucht 600
166 2. Epeisodion (484–628)

dídaxin e¬sqloû· toûto d’ h¢n tiß eu® máqh¸,


oi®den tó g’ ai¬scròn kanóni toû kaloû maqån. –

kaì taûta mèn dæ noûß e¬tóxeusen máthn,


sù d’ e¬lqè kaì sämhnon ¯Argeíoiß táde,
mæ qiggánein moi mhdén’ a¬ll’ ei¢rgein o¢clon 605
tñß paidóß. e¢n toi muríw¸ strateúmati
a¬kólastoß o¢cloß nautikä t’ a¬narcía
kreísswn puróß, kakòß d’ o™ mä ti drøn kakón. –

sù d’ au® laboûsa teûcoß, a¬rcaía látri,


báyas’ e¢negke deûro pontíaß a™lóß, 610
w™ß paîda loutroîß toîß panustátoiß e¬män,
númfhn t’ a¢numfon parqénon t’ a¬párqenon,
loúsw proqømaí q’ – w™ß mèn a¬xía, póqen;

Testimonia: 602 schol. T Il. 6,351 603 taûta – máthn Eustathius Il. 930,42
607 Dio Chrysostomus 32,86 607 – o¢cloß Synagoge (cod. B) A 740 (unde
Photius Lexicon A 780) 607 nautikä – 608 puróß Eustathius Il. 55,19,
~Eustathius Macrembolites 7,13,1 612 ~Eustathius Macrembolites 11,5,3
613 w™ß – póqen Thomas Magister 274, 7
Imitatio: 603 Poeta anonymus (An.Par. 4,347,17)

Papyrus: P6 (604–07)
Codices: MBO gV(–602), AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc
ZmZu, Tz
601 máqh¸ rell., schol. MBV, Stob. : -oi GPaRRfRwSV 602 g’ F3 rell., Stob.,
ac
schol. T Il. : d’ F PrR maqån codd. : staqmøn Wakefield : metrøn Porson
603 e¬tóxeuse(n) FSSa rell., schol. V, schol.le Sa, Eust., An. Par. : e¬xet- FcPPaRRw,
schol.le S 604 sämanon FSa : sämeinon ZZb 605 moi Dr (coniecit Schaefer) :
mou Lc rell., schol. MB : om. L 606 e¢n toi GKVgr rell. : e¬n gàr GrKsLV : e¢n ti
Rf : e¢nqen toi Sa 607 a¬narcía codd., Eust. Il., Eust. Macr. : a¬taxía Dio Chrys.
609 teûcoß MacBOGK2grRxTt : ta¢ggoß M3MsB3OsKRfSaTz rell. (a¢ggoß etiam
O2glSglSagl, a¬ggeîon MglGglRgl): tw¢ggoß P : téggoß Rgr : tágkoß PaPrRfcS látri
Vc rell. : -h RfRw : -iß VacZc 610 e¢negke Paac rell. : -kai KPPa1xZb 613 a¬xía
rell., schol.in MBV : -an BFPPrRwSaz, Thom. Mag. póqen M rell. : tuceîn
MgrOSagl
Verse 601–613 167

die Lehre edlen Handelns. Wenn jemand dies aber gut gelernt hat,
kennt er das Schlechte, das er mit des Guten Maßstab erfasst. –

Das sind Gedankenpfeile, die ich müßig abschoss.


Du aber geh, sag den Argivern an:
Es soll mir keiner sie berühren, fernhalten soll man die Menge 605
von dem Mädchen. Im unendlich großen Heer
gibt es Gesindel, hemmungsloses, und Matrosenpack,
schlimmer als Feuer. Dort gilt der als schlecht, der bei
schlimmem Tun nicht mittut. –

Doch du nimm ein Gefäß, uralte Dienerin,


tauch es ein, bring Meerwasser, 610
dass ich mein Kind, Braut ohne Hochzeit,
Jungfrau, nicht mehr Jungfrau,
mit letzter Waschung versehen und aufbahren kann. Wie
es sich gehört – wie denn?
168 2. Epeisodion (484–628)

ou¬k a£n dunaímhn· w™ß d’ e¢cw (tí gàr páqw;),


kósmon g’ a¬geíras’ ai¬cmalwtídwn pára, 615
aiç moi páredroi tønd’ e¢sw skhnwmátwn
naíousin, ei¢ tiß toùß newstì despótaß
laqoûs’ e¢cei ti klémma tøn au™tñß dómwn. –

w® scämat’ oi¢kwn, w® pot’ eu¬tuceîß dómoi,


w® pleîst’ e¢cwn kállistá t’, eu¬teknåtate 620
Príame, geraiá q’ hçd’ e¬gœ mäthr téknwn,
w™ß e¬ß tò mhdèn hçkomen, fronämatoß
toû prìn sterénteß. – ei®ta dñt’ o¬gkoúmeqa,
o™ mén tiß h™møn plousíoiß e¬n dåmasin,
o™ d’ e¬n polítaiß tímioß keklhménoß; 625
tà d’ou¬dén, a¢llwß frontídwn bouleúmata
glåsshß te kómpoi. keînoß o¬lbiåtatoß
oçtw¸ kat’ h®mar tugcánei mhdèn kakón.

Testimonia: 619 – oi¢kwn Lexicon Vindobonense 168,10 622–23 Orio Flor. 8,16
Haffner 623 ei®ta – o¬gkoúmeqa Theodorus Metochites p. 183 Kiessling–Müller
627 keînoß – 628 Tzetzes Exeg. in Iliadem (145,5 Hermann)
Imitatio: 627 keînoß – 628 Ennius Hec. fr. 212 Warmington = inc. fab. fr. 354
Klotz

Codices: MBO gV(622–28), AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tz(–628)
615 g’ Wakefield : t’ codd., schol. MBV 616 tønd’ V2 rell. : tøn MRwSaV
617 naíousin O S rell. : qássousin OGKSsV 618 au™tñß Kc : au¬tñß Kac rell.
2gr

620 kállistá t’ B3K1V3Tt rell. : kállista k’ MBacOsA1KacVacTz : kállist’


OAacL : kállista Sx : málistá t’ Harry eu¬teknåtate M3BATt rell. : -åtata M
: -ótate BcAsFPrRRwSSaVZZu : eu¬gonåtate PZcTz (cf. v. 581) 621 ghraiá
FPaPrRRfRwZZbZm 622 e¬ß rell., Orio : om. RSSa 624 plousíoiß e¬n LcZb1
rell. : ploúsioß e¬n LZb : plousíoisi (e¬n om.) Bothe 626 tà d’ BO, schol. B :
tád’ Os rell. post ou¬dén interpungunt rell., schol.in B, post a¢llwß KPrRfRw,
schol. B (cf. etiam Mgl mataíwß) 627 glåtthß Ssa
le
Verse 614–628 169

Das könnte ich nicht! Doch wie ich es kann (Was bleibt
mir denn sonst übrig?),
will ich Schmuck sammeln von den Kriegsgefangenen, 615
die mit mir im Zelt darinnen
wohnen, wenn eine heimlich vor den neuen Herren
etwas aus ihrem eigenen Haus gestohlen hat. –

Pracht der Paläste, Haus, das einst glücklich war,


du, der sehr viel Schönes besaß, sehr reich an Kindern war, 620
Priamos, und ich hier, der Kinder alte Mutter!
Wie sind wir doch ins Nichts geraten!
Der alte Stolz ist fort! – Da bilden wir uns etwas ein,
der eine von uns in reichem Haus,
der andere bei den Bürgern hoch geehrt genannt? 625
Das ist ein Nichts, vergebliche Pläne,
hochtönendes Geschwätz! Der ist der Glücklichste,
der von Tag zu Tage nicht zu Schaden kommt.
170 2. Stasimon (629–56)

2. Stasimon (629–56)

Co. ¯Emoì crñn sumforán, str.


e¬moì crñn phmonàn genésqai, 630
¯Idaían oçte prøton uçlan
¯Aléxandroß ei¬latínan
e¬támeq’, açlion e¬p’ oi®dma naustoläswn 633
¿Elénaß e¬pì léktra, tàn 635
kallístan o™ crusofaæß
÷Alioß au¬gázei.

pónoi gàr kaì pónwn a¬nt.


a¬nágkai kreíssoneß kukloûntai·
koinòn d’ e¬x i¬díaß a¬noíaß 640
kakòn t⸠Simountídi gâ¸
o¬léqrion e¢mole sumforá t’ a¬p’ a¢llwn,
e¬kríqh d’ e¢riß, aÇn e¬n ºI- 643
da¸ krínei trissàß makárwn 645
paîdaß a¬nær boútaß,

Testimonia: 635 tàn – 637 Eustathius Il. 397,37 638–39 schol. in Aesch. Sept.
121 b Smith 640-41 kakòn ~Eustathius Il. 42,2, ~397,15 646 boútaß
Hesychius B 988

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tt(629–)
629 sumforán rell. : phmonán SSa 630 phmonàn rell. : sumforàn SSa
635 e™lénhß LRwSa tàn codd. : hÇn Eust. 637 hçlioß FPV, Eust. 638 kaì om.
LZb 639 kreíssoneß rell. : meízoneß OSSaV (cf. schol. MBV meízoneß kaì
ceíroneß) 641 tñ¸ FXaXb simountídi Zb1Zm1 rell. : -tída¸ BALP Pr
ac ac
RfRwZb Zm gñ¸ FPXaXb 642 sumforá t’ a¬p’ codd., schol. V : sumfor⸠t’
e¢p’ Stinton 643-45 i¢da¸ Sas rell. : i¢dh¸ FSa 645 krínei RfRw rell. : -oi
FGKPPrRf2sRwsS
Verse 629–646 171

2. Stasimon (629–56)

Cho. Mir war bestimmt, dass mir Unglück,


mir war bestimmt, dass mir Leid geschah, 630
als am Ida zuerst
Alexandros das Fichtenholz
schlug, auf des Salzmeers Flut mit dem Schiff zu fahren, 633
hin zu Helenas Bett, die 635
als schönste der goldstrahlende
Helios bescheint.

Leiden und Zwänge,


schlimmer als Leiden, umkreisen mich.
Ein gemeinsames Übel kam aus dem Unverstand 640
eines Einzelnen verhängnisvoll über das Land am Simoeis
und Unheil, das von anderen kam.
Entschieden wurde der Streit, den auf dem Ida 643
entschied über die drei Töchter 645
der Seligen der Rinderhirt,
172 2. Stasimon (629–56)

e¬pì dorì kaì fónw¸ kaì e¬møn meláqrwn låba¸. e¬pw¸d. 648
sténei dè kaí tiß a¬mfì tòn eu¢roon Eu¬råtan 650
Lákaina poludákrutoß e¬n dómoiß kóra,
polión t’ e¬pì krâta máthr téknwn qanóntwn 652
tíqetai céra drúptetai pareián, 655
díaimon o¢nuca tiqeména sparagmoîß. 656

Testimonium: 655 drúptetai Hesychius D 2436

Papyrus: P7(651–)
Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tt
650 eu¢roon Hermann : eu¢rroon Sa : eu¢rron S : eu¢roun SagrZb rell. : eu¢rroun
FPPaRfRwSsVZb1 652 polión vel poliòn V2s rell. : polián vel poliàn
LPrRfRwVz, schol. V t’ rell. : d’ LPVZZbZmZu máthr MOASSaZbZcZmZu
Tt : mhr Z : mäthr rell. 655 tíqetai céra delevit Biehl drúptetai Zcac rell. :
-taí te AFGKPPaxZbZc1Zm et fortasse P7 : -tai dè V : -taí te <díptucon> vel
-taí t’ <a¬qlían> Diggle 656 díaimon BO rell. : dídumon B3grO2gr tiqeménh
PPrRfZu sparagmoîß fortasse om. P7
Verse 648–656 173

zu Speer und Mord und meines Hauses Zerstörung. 648


Es seufzt auch am schönfließenden Eurotas 650
tränenreich im Haus manches lakonische Mädchen.
An ihr graues Haupt legt manche Mutter wegen der toten Kinder
ihre Hand, zerkratzt die Wange, 655
macht die Nägel blutig und zerfleischt sich. 656
174 3. Epeisodion (658–904)

3. Epeisodion (658–904)

Qerápaina
Gunaîkeß, ¿Ekábh poû poq’ h™ panaqlía, 658
h™ pánta nikøs’ a¢ndra kaì qñlun sporàn
kakoîsin; ou¬deìß stéfanon a¬nqairäsetai. 660
Co. tí d’, w® tálaina sñß kakoglåssou boñß;
w™ß ou¢poq’ euçdei luprá sou khrúgmata.
Qe. ¿Ekábh¸ férw tód’ a¢lgoß· e¬n kakoîsi dè
ou¬ r™á¸dion brotoîsin eu¬fhmeîn stóma.
Co. kaì mæn perøsa tugcánei dómwn uçpo 665
hçd’, e¬ß dè kairòn soîsi faínetai lógoiß.
Qe. w® pantálaina ka¢ti mâllon h£ légw,
déspoin’, o¢lwlaß kou¬két’ ei®, blépousa føß,
a¢paiß a¢nandroß a¢poliß e¬xefqarménh.
Ek. ou¬ kainòn ei®paß, ei¬dósin d’ w¬neídisaß. 670
a¬tàr tí nekròn tónde moi Poluxénhß
hçkeiß komízous’, h©ß a¬phggélqh táfoß
pántwn ¯Acaiøn dià ceròß spoudæn e¢cein;
Qe. hçd’ ou¬dèn oi®den, a¬llá moi Poluxénhn
qrhneî, néwn dè phmátwn ou¬c açptetai. 675

Testimonium: 663 e¬n – 664 Orio Flor. 8,17 Haffner

Papyrus: P7(–669)
Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,
Tt(–670) Tz(671–)
662 sou codd. : moi Herwerden 663 dè codd. : gàr P7 : om. Orio 665 uçpo
B3irZbZmac : uçper P7 OARfXmZrgrZcmZmcZu rell. : a¢po B3grO1A2sF PpaPr
RfsSaVxZZbrZcZusTt : om. S (cf. v. 53) 666 dè kairòn Zm1 rell. : kairòn dè
ac
ALPaxZ : kairòn MGRZbZm 667 ka¢ti Kir rell. : ka®ti BGPax : kaì e¢ti
MPrRRfRw V : ka¢pi SSa : e¢ti Rwac
1
668 kou¬két’ LcZmc rell. : ou¬két’
ac ac
FL RfRwXaZZbZm kou¬kéti blépeiß fáoß O 672 a¬phggélqh XasXbc rell.
1 ac
-élh APaXXa Xb 673 ceiròß AG e¢cein SsV2gr rell.: -wn SsaV
Verse 658–675 175

3. Epeisodion (658–904)

Dienerin
Frauen, wo ist wohl Hekabe, die ganz unglückliche, 658
die jeden Mann und jedes Weibes Kind besiegt
im Unglück. Niemand wird ihr diesen Kranz bestreiten. 660
Cho. Was ist, du Unselige wegen deines schlimm tönenden Geschreis?
Denn deine schmerzliche Botschaft gibt keine Ruhe.
Die. Hekabe bringe ich dieses Leid. Im Unglück
fällt es nicht leicht, mit frommem Mund zu sprechen.
Cho. Hier tritt gerade aus dem Zelt 665
sie selbst, erscheint im rechten Augenblick für deine Nachricht.
Die. O ganz Unselige, und mehr noch, als ich sagen kann!
Herrin, du bist verloren, bist nicht mehr, wenn du auch leben magst,
ohne Kind, ohne Mann, ohne Stadt, dahingeschwunden.
Hek. Nichts Neues sagtest du, zu einer Wissenden sprachst du 670
schlimme Worte.
Aber was kommst du und bringst mir hier den Leichnam
Polyxenes, von deren Grab gemeldet war,
dass aller Achäer Hände sich darum bemühen?
Die. Die weiß noch nichts, nein, um Polyxene
weint sie noch immer; das neue Leid erfasst sie nicht. 675
176 3. Epeisodion (658–904)

Ek. oi£ ¯gœ tálaina· møn tò bakceîon kára


tñß qespiw¸doû deûro Kassándraß féreiß;
Qe. zøsan lélakaß, tòn qanónta d’ ou¬ sténeiß
tónd’· a¬ll’ a¢qrhson søma gumnwqèn nekroû,
ei¢ soi faneîtai qaûma kaì par’ e¬lpídaß. 680
Ek. oi¢moi, blépw dæ paîd’ e¬mòn teqnhkóta,
Polúdwron, oçn moi Qræ¸x e¢sw¸z’ oi¢koiß a¬när.
a¬pwlómhn dústhnoß, ou¬két’ ei¬mì dä. –

w® téknon téknon,
ai¬aî, katárcomai nómon 685
bakceîon, e¬x a¬lástoroß
a¬rtimaqæß kakøn.
Qe. e¢gnwß gàr a¢thn paidóß, w® dústhne sú;
Ek. a¢pist’ a¢pista, kainà kainà dérkomai.
eçtera d’ a¬f’ e™térwn kakà kakøn kureî, 690
ou¬dé pot’ a¬sténakton a¬dákruton a™-
méra ’piscäsei.
Qe. deín’, w® tálaina, deinà páscomen kaká.

Testimonia: 676 bakceîon kára schol. rec. in Eur. Phoen. 21 685 katárcomai –
686 bakceîon Eustathius Il. 241,23

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tz


676 oi£ ¯gœ P : oi£ e¬gœ rell. (cf. v. 438) 677 kassándraß
MBOKPPacRwacVXXbZ : kas- PaacRwc rell. 680 e¬lpídaß BacRw1 rell. : -da
BcFLP2RfRwacZ 682 e¢swzen F : e¢swz’ e¬n RRf : e¢sws’ e¬n Rw 684 w® téknon
téknon Tz rell. : w® té- PaxTt : w® té- w® té- OSSaZ 685 nómon M2BF2SagrV2Ttir,
schol. MBVT, Eust. : -wn MB3sFGgrKgrL2ir rell. : góon Bgr OS : -wn
MgrB3grKL2grPRRfRwSaZrgrZmgr 686 bakceîon MBORF2SaVZmTtir, schol.
gr 2 3gr
MBV, Eust. : bakceíwn M M B FZm1 rell. 687 a¬rtimaqæß kakøn codd. :
a¬rtimaqñ nómon MgrKgrVgr 688 qe. rell. : co. Xa 690 d’ om. KV a¬f’ B
rell. : e¬f’ BOPRfRwSa : a¬mf’ ZZm : e¢m’ a¬mf’ B3 691 a¬sténakton a¬dákruton
conieci : -toß -toß Hermann : a¬dákrutoß a¬sténaktoß LcPrsRwxsZb rell., schol.in
MV : -ton -ton FLPPaPrRwsxZbr 692 ¯piscäsei Bothe : m’ e¬piscäsei codd.
693 qe. FLSSaVcirXXbZb : co. rell. : qe. co. B
Verse 676–693 177

Hek. O weh, ich Arme, bringst du etwa das bakchantische Haupt


der Göttersprüche singenden Kassandra her?
Die. Eine, die lebt, hast du genannt, doch diesen Toten hier beklagst
du nicht. Darum betrachte den enthüllten Leib des Toten,
ob er erstaunlich dir erscheint und unerwartet. 680
Hek. Weh mir, da seh ich meinen toten Sohn,
Polydoros, den der Thraker mir in seinem Haus bewahren sollte.
Ich bin verloren, ich Unselige, ich bin dahin.

O mein Kind, mein Kind!


Wehe, ich hebe an eine bakchantische 685
Weise, frisch erlernt ist dies Übel.
Es kommt von einem Fluchgeist.
Die. Erkennst du deines Sohnes Unheil, du Unselige?
Hek. Unglaublich, unglaublich, Neues, Unerhörtes schaue ich.
Ein Übel folgt dem anderen Übel. 690
Niemals wird mich ein Tag aufhören lassen
zu stöhnen und zu weinen.
Die. Furchtbares, du Arme, furchtbar Schlimmes leiden wir.
178 3. Epeisodion (658–904)

Ek. w® téknon téknon talaínaß matróß,


tíni mórw¸ qnä¸skeiß, tíni pótmw¸ keîsai, 695
pròß tínoß a¬nqråpwn;
Qe. ou¬k oi®d’· e¬p’ a¬ktaîß nin kurø qalassíaiß.
Ek. e¢kblhton h£ péshma foiníou doròß 698
e¬n yamáqw¸ leurâ¸; 700
Qe. póntou nin e¬xänegke pelágioß klúdwn.
Ek. w¢moi ai¬aî,
e¢maqon e¬núpnion o¬mmátwn
e¬møn o¢yin (ou¬<dè> paréba me fá-
sma melanópteron), 705
aÇn e¬seîdon a¬mfì s<é>,
w® téknon ou¬két’ o¢nta Diòß e¬n fáei.
Qe. tíß gár nin e¢ktein’; oi®sq’ o¬neirófrwn frásai; 708

Testimonia: 700 leur⸠~Hesychius L 749 708 – o¬neirófrwn Lexicon


Vindobonense 136,14

Papyrus: P1(701–04), P12(708–)


Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tz
694 w® téknon bis SSa : téknon Rw, w® add. Rws matróß A1 rell. : mhtróß AacPa
Vx : mrß ZZm 696 tínwn FRf a¬nqråpou LZ 698 foiníou
GK2LPPrVZbZcZmZuTz : fon- Kac rell. 700 e™k. schol. MB (tinèß kaì toûto tñß
e™kábhß ei®naí fasin) : qe. MB rell. yamáqw¸ BFZu rell. : yamm-
B3F1KSaVZbZu1 : yámmw¸ FsRRfRw 701 pelágioß P1ZbZmgrZugr rell. :
qalassíaiß Zb rell. : -ássioß LSSaZbgrZmZu 702 w¢moi rell. : i¬å moi OP : oi¬å
moi moi Z 703 o¬mmátwn BV rell. : o¬mm. t’ FB2 704 fántasma Matthiae
ou¬<dè> paréba me Hermann : ou¢ me paréba codd. 706 aÇn K rell. : hÇn SagrV : oÇ
R : oçt’ K2grSSa ei¬seîdon PaXXbTz s<è> Murray : s’ vel se codd. : soû
Wecklein : soí Hermann 707 téknon rell. : té- té- RfRw : té-  Zm : té- w™ß Zc
(cf. schol. MBV leípei tò w™ß) o¢nta Tt rell. : e¬ónta ORTz : o¢ntoß Wecklein :
o¢nti Hermann 708 qe. P12V2 rell. : co. AFGPrRRwSSaVXaZbZu e¢ktein’ rell.,
Lex.Vind. : e¢ktan’ KSSa o¬neirófrwn MB2SsSas rell., Lex.Vind. : -ófron
2 3 z
M B OAPPrSSaVXXaZbZmT : o¬neírwn B frásai AcRRfSZbac rell. : -son
ac s s 1 s
A LPrRf S SaZb : -swn Sa
Verse 694–708 179

Hek. O Kind, Kind deiner armen Mutter,


welchen Tod starbst du, durch welches Schicksal fielst du, 695
von wem unter den Menschen?
Die. Ich weiß nicht, an der Meeresküste stieß ich auf ihn.
Hek. Ans Land gespült oder gefällt von mörderischem Speer 698
auf flachem Sand? 700
Die. Der Wellenschlag des Meeres warf ihn aus.
Hek. O weh mir, weh weh!
Jetzt verstehe ich das Traumbild
meiner Augen (nicht ging an mir vorbei
die schwarzgeflügelte Erscheinung), 705
das ich von dir erblickte,
o Kind, das nicht mehr lebt im Licht des Zeus. 707
Die. Wer tötete ihn denn? Kannst du es sagen, klug aus deinem Traum?
180 3. Epeisodion (658–904)

Ek. e¬mòß e¬mòß xénoß, Qrä¸kioß i™ppótaß, 710


içn’ o™ gérwn patær e¢qetó nin krúyaß.
Qe. oi¢moi, tí léxeiß; crusòn w™ß e¢coi ktanån; 712
Ek. a¢rrht’ a¬nwnómasta, qaumátwn péra, 713
ou¬c oçsi’ ou¬d’ a¬nektá. poû díka xénwn; 715
w® katárat’ a¬ndrøn, w™ß diemoirásw
cróa, sidaréw¸ temœn fasgánw¸ 717
mélea toûde paidòß ou¬d’ w¢¸ktisaß. 720

Co. w® tlñmon, wçß se poluponwtáthn brotøn 722


daímwn e¢qhken oçstiß e¬stí soi barúß. –

a¬ll’ ei¬sorø gàr toûde despótou démaß


¯Agamémnonoß, tou¬nqénde sigømen, fílai. 725

¯Agamémnwn
¿Ekábh, tí mélleiß paîda sæn krúptein táfw¸
e¬lqoûs’ e¬f’ oi©sper Talqúbioß h¢ggeilé moi
mæ qiggánein sñß mhdén’ ¯Argeíwn kórhß;
h™meîß mèn ou®n e¬ømen ou¬dè yaúomen·

Papyri: P7(710–), P12(–722)


Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSa V(–711) Va(712–), x = XXaXb, z = Z
ZbZcZmZu, Tz
710 e¬mòß semel OPaSSaxZ 712 ancillae tribui, choro codd. w¢moi Px léxeiß
AFKLcPaSx rell. : légeiß AsFsKsLacPasSsxs e¢coi RfsRwacSaac rell. : -ei
ac 1 r s 1
PPa RfRw : -h GPa PrRw Sa xZbZm 713-15 e™k. Tz rell. : co. SaTt
713 a¬nonómasta AG qaumátwn péra delevit Nauck 715 oçsi’ M3Tz rell. :
oçsa M : oçsiá t’ GKPaRfRw : oçsiá g’ ZTt 716 w® ATt, schol. T : i¬œ P7 Tz rell.
717 sidaréw¸ P7 LcZm rell. : -hréw¸ MFG1PRRfRwVaZbZms : -ärw¸ G
720 w¬¸ktísaß FSSaTz rell. : oi¬ktísw M : wˆkˆ[ vel oˆiˆkˆ[ P7 : w¬¸ktísw
McFsPaPrRSsxTts : e¬poiktísw KSgrSagr : e¬pw¸ktísw GK2 723 ~ 1087
724 toûde PacZm1 rell. : toû PaacZbZmac : toûto Va : toû ge Vas 726 sæn paîda
FPrZu 729 ei¬ømen Nauck ou¬dè yaúomen PrSSa rell. : ou¬dè qáyomen
PrgrSgrSagr : ou¬d’ e¬yaúomen Bothe
Verse 710–729 181

Hek. Mein eigener Gastfreund, der thrakische Reiter, 710


bei dem der alte Vater ihn verbarg.
Die. Weh mir, was willst du sagen? Um das Gold 712
zu bekommen, brachte er ihn um?
Hek. Unsagbar, unnennbar, mehr als erstaunlich, 713
unfromm, unerträglich! Wo bleibt das Gastrecht? 715
O Verwünschter unter den Männern, wie hast du ihm
den Leib zerteilt, zerschnitten mit eisernem Schwert; 717
mit den Gliedern dieses Knaben hattest du kein Erbarmen! 720

Cho. Du Arme, wie dich zur leidbeladensten Sterblichen 722


ein Gott gemacht hat, der dir übel will. –

Doch seh ich hier des Herrn Gestalt,


des Agamemnon. Ihr Lieben, lasst uns von nun an schweigen! 725

Agamemnon
Hekabe, was zögerst du zu kommen und dein Kind im Grab
zu bergen, wo doch Talthybios mir meldete,
keiner der Männer solle das Mädchen berühren?
Wir lassen es nun und berühren es nicht,
182 3. Epeisodion (658–904)

sù dè scolázeiß, wçste qaumázein e¬mé. 730


hçkw d’ a¬posteløn se· ta¬keîqen gàr eu®
pepragmén’ e¬stín, ei¢ ti tønd’ e¬stìn kaløß. –

e¢a· tín’ a¢ndra tónd’ e¬pì skhnaîß o™rø


qanónta Tråwn; ou¬ gàr ¯Argeîon péploi
démaß periptússonteß a¬ggéllousí moi. – 735

Ek. dústhn’, e¬mautæn gàr légw légousa sé,


¿Ekábh, tí drásw; pótera prospésw gónu
¯Agamémnonoß toûd’ h£ férw sigñ¸ kaká;
Ag. tí moi prosåpw¸ nøton e¬gklínasa sòn
dúrh¸, tò kranqèn d’ ou¬ légeiß; tíß e¢sq’ oçde; 740
Ek. a¬ll’ ei¢ me doúlhn polemían q’ h™goúmenoß
gonátwn a¬påsait’, a¢lgoß a£n prosqeímeq’ a¢n.
Ag. ou¢toi péfuka mántiß, wçste mæ klúwn
e¬xistorñsai søn o™dòn bouleumátwn.

Testimonia: 730 wçste – e¬mé Tzetzes Ep. 27 (p. 43,14 Leone) 733 tína – o™rø
~Lexicon Vindobonense 69,7 734 péploi ~Eustathius Il. 559,45 736–
37 ‘Ekábh Eustathius Il. 1128,6 736 Eustathius Od. 1584,54
Imitatio: 730 wçste – e¬mé Aristophanes Aves 1135 (?)

Papyri: P1(737–40), P7(–740), P8(739–)


Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZc ZmZu, Tz
731 a¬posteløn Rwc rell. : a¬postelløn ORwac : -stéllwn S 733 skhnaîß G2S
rell. : -ñß GKScVa : -aîsin Lex.Vind. 734 a¬rgeîon F1K2LPPrRwVaZZbcZc
gr
Zm T : a¬rgeíwn AG PaPrR Rw Va xZb ZmTts : -eîoi MBOFacuvGKRRfSa
s z s s s ac

735 periptússonteß MBK rell. : -stéllonteß Bgr et MglBglKgl a¬ggéllousí


AcZcZmc rell. : -élousí MBOAacFRRwSSaZbZcacZmacZu 737 ¿Ekábh om. Rw
SSa : Polúdwre R 740 dúrh¸ MBOF, schol. MB : o¬dúrh¸ B3Oc rell. kranqèn
GgrKc : kraqèn P1BK : pracqèn B3G rell. 742 prosqeímeq’ a¢n KPaZmc rell. :
-qoímeq’ a¢n Va : -qåmeq’ a¢n G : -qämeq’ a£n S : -qåmeqa Pr : -qeímeqa
BOPPasZbZmacZu : p]rosqeim[ P8 : -qeímeq’ a¢lgei L : -qåmeq’ a¢lgei F :
-qämesq’ a£n a¢lgei Sa : tø¸ a¢lgei GglKgl 743 ou¢toi Zmac rell. : ou¢ ti RZm1 : pou
ti Pr
Verse 730–744 183

du aber zögerst, so dass ich mich wundere. 730


Ich bin da, um dich zu holen. Was dort zu tun war, ist gut
getan, sofern davon etwas gut ist. –

Sieh da, welchen Mann erblick ich dort am Zelt,


einen toten Troer? Denn nicht einen Argiver
zeigen mir die Gewänder an, die den Leib verhüllen. – 735

Hek. Du Unselige (ich meine mich, wenn ich Du sage),


Hekabe, was soll ich tun? Soll ich dem Agamemnon hier
zu Füßen fallen oder mein Unglück schweigend tragen?
Ag. Was drehst du meinem Gesicht den Rücken zu
und klagst und sagst nicht, was sich da vollendet hat? 740
Wer ist der Mann hier?
Hek. Doch wenn er mich für eine Sklavin, eine Feindin hält
und wegstößt von den Knien, wär mein Schmerz noch größer.
Ag. Ich bin kein Seher, dass ich ohne Hören
deiner Pläne Weg erkunden könnte.
184 3. Epeisodion (658–904)

Ek. a®r’ e¬klogízomaí ge pròß tò dusmenèß 745


mâllon frénaß toûd’, o¢ntoß ou¬cì dusmenoûß;
Ag. ei¢ toí me boúlh¸ tønde mhdèn ei¬dénai,
e¬ß tau¬tòn hçkeiß· kaì gàr ou¬d’ e¬gœ klúein.
Ek. ou¬k a£n dunaímhn toûde timwreîn a¢ter
téknoisi toîß e¬moîsi. tí stréfw táde; 750
tolmân a¬nágkh, ka£n túcw ka£n mæ túcw. –

¯Agámemnon, i™keteúw se tønde gounátwn


kaì soû geneíou dexíaß t’ eu¬daímonoß.
Ag. tí crñma masteúousa, møn e¬leúqeron
ai¬øna qésqai; r™á¸dion gár e¬stí soi. 755
Ek. ou¬ dñta· toùß kakoùß dè timwrouménh
ai¬øna tòn súmpanta douleúein qélw.
Ag. kaì dæ tín’ h™mâß ei¬ß e¬párkesin kaleîß;
Ek. ou¬dén ti toútwn w©n sù doxázeiß, a¢nax. –

o™râ¸ß nekròn tónd’ ou© katastázw dákru; 760


Ag. o™rø· tò méntoi méllon ou¬k e¢cw maqeîn.
Ek. toûton pot’ e¢tekon ka¢feron zånhß uçpo.

Imitatio: 760~ Ennius Hec. fr. 213 Warmington = 85 Jocelyn

Papyri: P7, P8, P12(746–61)


Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz
745 ge rell. : te PrVa : se S : om. RRfRw 747 toi MBOPaPrRfsVaxZbZm1Zu1
Tz : ti RfZb1ZmacZuac rell. 750 e¬moîß LRRfRwZb tí codd. : poî Nauck (cf.
Aesch. Pers. 787) 752 gounátwn MOKLPaSSaxVa2ZbZcZmTz : gon- Vaac (et
Vagr) rell. 756–59 om. P7P12, fortasse etiam P8 756–58 om. MBOFGKPrRTz,
add. B2mF2mGmKmPrmTtm : habent F(post v. 779) rell. : delevit Nauck 756–57 om.
RfRw, add. Rfr, delevit Diggle : solum v. 756 add. Rwm 757 Hirzel post hunc v.
coniecit unius versus lacunam douleúein KPr rell. : -sein AKmPrmSSa : -sai
2m 2m
B F Pax 758 Kirchhoff post hunc v. coniecit unius versus lacunam
e¬párkesin rell. : -keian B2mAF2mxTtm 759 v. delevit Hartung, Hirzel et Diggle
posuerunt ante v. 758; Hermann (1831) post hunc v. coniecit unius versus lacunam
ti rell. : toi F : om. RRfRw 761 maqeîn P7uvP12 MOgrAFLPPaRfsxzTz : frásai
ORfZgrZbgrZmgr rell. 762 kaì e¢feron MBFPrRRfRw
Verse 745–762 185

Hek. Rechne ich zu sehr damit, dass er feindselig 745


denkt, obwohl er gar nicht feindselig ist?
Ag. Wenn du nun willst, dass ich davon nichts weiß,
kommt es aufs Gleiche; ich will auch nichts hören.
Hek. Ich kann mich ohne ihn nicht rächen
für meine Kinder. Was wende ich es hin und her? 750
Ich muss es wagen, ob ich Glück habe oder nicht! –

Agamemnon, ich flehe dich an bei diesen Knien


und deinem Kinn und deiner siegreichen Rechten.
Ag. Nach welcher Sache strebst du? Dass ich dir
die Freiheit gebe? Das kannst du leicht erhalten. 755
Hek. Nein! Wenn ich mich an den Bösen rächen kann,
will ich mein ganzes Leben Sklavin sein.
Ag. Und nun, zu welcher Hilfe rufst du mich?
Hek. Nichts von dem, was du vermuten magst, Gebieter. –

Siehst du den Leichnam hier, um den ich weine? 760


Ag. Ich sehe ihn, doch was das soll, das kann ich nicht erraten.
Hek. Den gebar ich einst und trug ihn unter dem Herzen.
186 3. Epeisodion (658–904)

Ag. e¢stin dè tíß søn ou©toß, w® tlñmon, téknwn;


Ek. ou¬ tøn qanóntwn Priamídwn u™p’ ¯Ilíw¸.
Ag. h® gár tin’ a¢llon e¢tekeß h£ keínouß, gúnai; 765
Ek. a¬nónhtá g’, w™ß e¢oike, tónd’ oÇn ei¬sorâ¸ß.
Ag. poû d’ w£n e¬túgcan’, h™ník’ w¢lluto ptóliß;
Ek. patär nin e¬xépemyen o¬rrwdøn qaneîn.
Ag. poî tøn tót’ o¢ntwn cwrísaß téknwn mónon;
Ek. e¬ß tände cåran, ou©per hu™réqh qanån. 770
Ag. pròß a¢ndr’ oÇß a¢rcei tñsde Polumästwr cqonóß;
Ek. e¬ntaûq’ e¬pémfqh pikrotátou crusoû fúlax.
Ag. qnä¸skei dè pròß toû kaì tínoß pótmon tucån;
Ek. tínoß g’ u™p’ a¢llou; Qrä¸x nin w¢lese xénoß.
Ag. w® tlñmon· h® pou crusòn h¬rásqh labeîn; 775
Ek. toiaût’, e¬peidæ sumforàn e¢gnw Frugøn.
Ag. hu©reß dè poû nin; h£ tíß h¢negken nekrón;
Ek. hçd’, e¬ntucoûsa pontíaß a¬ktñß e¢pi.
Ag. toûton mateúous’ h£ ponoûs’ a¢llon pónon;
Ek. loútr’ w¢¸cet’ oi¢sous’ e¬x a™lòß Poluxénh¸. 780
Ag. ktanån nin, w™ß e¢oiken, e¬kbállei xénoß.
Ek. qalassóplagktón g’, w©de diatemœn cróa.
Ag. w® scetlía sù tøn a¬meträtwn pónwn.
Ek. o¢lwla kou¬dèn loipón, ¯Agámemnon, kakøn.

Testimonium: 766 – e¢oike ~Synagoge A 740 (unde Photius Lexicon A 2033 ed.
Theodoridis)

Papyri: P7(–773), P8, P9(765–783)


Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz
764 u™p’ FPrx rell. : e¬n OFsPrsSSaXasXbs 767 ptóliß P9
2 1 t z
MBG PPaxZZbZcZm ZuT : póliß GZmT rell. (cf. v. 1209) 769 paídwn GKR
771 polumästwr P9 MBacOGKPXXbZacTz : -tora B3Z2 rell. 774 g’ ArsL1 rell. :
d’ GKPrRRfRw : om. AL 778 a¬ktñß Oc rell. : a¬ktìß OacZrgr : a™lòß LPZZb
779 mateúous’ BAK LPSVaxTz
c
: masteúous’ B3Kac rell.
1ir s
782 qalassóplagktón BOA GK PaVaXXbZmZu : -plhktón K : -plaktón
rell. g’ om. PaRRfRwx 784 kakøn A1K1xZ1ZbacZmTz rell. : -ón
ac ac s ac s 2 s ts
A K Lx Z Z Zb Zm ZuT
Verse 763–784 187

Ag. Welcher von deinen Söhnen ist dieser hier, du Arme?


Hek. Keiner der Priamiden, die vor Ilion starben.
Ag. Gebarst du einen andern noch als jene? 765
Hek. Vergeblich, wie es scheint, hier diesen, den du siehst.
Ag. Wo war er, als die Stadt zerstört wurde?
Hek. Sein Vater hat ihn fortgeschickt, aus Furcht, er würde sterben.
Ag. Wohin als einzigen, getrennt von seinen Brüdern, die damals
noch lebten?
Hek. In dieses Land, wo man ihn tot gefunden hat. 770
Ag. Zum Mann, der dieses Land beherrscht, zu Polymestor?
Hek. Hierhin ward er geschickt mit Gold, das ihm sehr bitter wurde.
Ag. Wodurch starb er, und welches Los ward ihm zuteil?
Hek. Durch wen denn sonst? Der Thraker hat ihn umgebracht,
der Gastfreund.
Ag. Du Arme, doch wohl, weil ihn Liebe nach dem Gold ergriff. 775
Hek. So ist es, als er der Phryger Untergang erfuhr.
Ag. Wo fandest du ihn, oder wer brachte dir den Leichnam?
Hek. Die da. Sie fand ihn an des Meeres Ufer.
Ag. Suchte sie ihn, oder tat sie etwas anderes?
Hek. Sie holte Wasser aus dem Meer, Polyxene zu waschen. 780
Ag. Der Gastfreund warf ihn nach dem Morde wohl ins Meer.
Hek. Er trieb im Wasser, und so war sein Körper zugerichtet.
Ag. Du Unglückliche mit deinen unmessbaren Leiden!
Hek. Ich bin verloren, Agamemnon, und nichts an Leid blieb mir erspart.
188 3. Epeisodion (658–904)

Ag. feû feû· tíß ouçtw dustucæß e¢fu gunä; 785


Ek. ou¬k e¢stin, ei¬ mæ tæn Túchn au¬tæn légoiß. –

a¬ll’ w©nper ouçnek’ a¬mfì sòn píptw gónu


a¢kouson. ei¬ mèn oçsiá soi paqeîn dokø,
stérgoim’ a¢n· ei¬ dè tou¢mpalin, sú moi genoû
timwròß a¬ndróß, a¬nosiwtátou xénou, 790
oÇß ou¢te toùß gñß nérqen ou¢te toùß a¢nw
deísaß dédraken e¢rgon a¬nosiåtaton·
koinñß trapézhß pollákiß tucœn e¬moì
xeníaß t’ a¬riqmø¸ prøta tøn e¬møn xénwn·
tucœn d’ oçswn deî kaì labœn promhqían 795
e¢kteine· túmbou d’, ei¬ ktaneîn e¬boúleto,
ou¬k h¬xíwsen a¬ll’ a¬fñke póntion. –

h™meîß mèn ou®n doûloí te ka¬sqeneîß i¢swß,


a¬ll’ oi™ qeoì sqénousi cw¬ keínwn kratøn
Nómoß· nómw¸ gàr toùß qeoùß h™goúmeqa 800
kaì zømen a¢dika kaì díkai’ w™risménoi·

Testimonium: 786 Eustathius Il. 651,29

Papyrus: P8(–787)
Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tz
785 ouçtw RwcXac rell. : ouçtwß MAPaRRfRwacXXaacXb e¢fu M1KirLcRf1ir rell. :
e¢fh MacALacS : e¢fhß Rf 786 legoiß P8uv MBAGKcLacR : -eiß KacL1Va rell.,
s
Eust. : -hß Va 788 kei¬ RfRw dokø paqeîn OGKSSa 791 prius toùß
AirK1PacR2sRfsVa1 rell. : tñß KacPaacRfRwSaVa : om. RS nérqen Mc rell. :
e¢nerqen MFSa et Pr (om. gñß) 793-97 delevit Nauck, 794-97 Dindorf, 794-95
Matthiae 794 xéniá t’ Markland prøta BZ rell. : tà prøta AB2suvSSa et Zgl
xénwn MgrBPaPrZmgrTz rell. : fílwn MB3grLPParPrsRRfRwZbZmZuTt, schol.
MB (cf. v.19, 1235) 795 d’ M2 rell. : q’ O : om. M oçswn B3sOF1RRwcSa1Zm1
rell. : -on MBO2FacPaRsRwacSSaZmac 796 h¬boúleto BFPrVa 798 ou®n om.
SSaZb te om. SZ 799 sténousi RRfRw 800 h™goúmeqa M rell. : nomízomen
Mgl
Verse 785–801 189

Ag. Weh weh! Welche Frau war je so unglücklich? 785


Hek. Wohl keine, wenn du nicht die Unglücksgöttin selber meinst. –

Doch warum ich hier dein Knie umfange,


das höre! Wenn ich dir gerecht zu leiden schiene,
dann gäb ich mich zufrieden, doch wenn das Gegenteil der Fall ist,
werde du mir
zum Rächer an dem Mann, dem gottverhasstesten Gastfreund, 790
der ohne Scheu vor Unterirdischen und Überirdischen
die gottverhassteste Untat beging!
Gemeinsam saß er oft mit mir am Tisch, empfing
Gastfreundschaft an erster Stelle in meiner Gäste Zahl,
bekam, was ihm gebührt, erhielt Fürsorglichkeit 795
– und tötete. Ein Grab, wenn er ihn denn nun töten wollte,
gab er ihm nicht. Er warf ihn in das Meer. –

Ich bin ein Sklave und ebenso schwach,


stark aber sind die Götter und ihr Herrscher,
das Gesetz. Denn durch das Gesetz verehren wir die Götter 800
und leben, indem wir Recht und Unrecht unterscheiden.
190 3. Epeisodion (658–904)

oÇß e¬ß s’ a¬nelqœn ei¬ diafqaräsetai


kaì mæ díkhn dåsousin oiçtineß xénouß
kteínousin h£ qeøn i™erà tolmøsin férein,
ou¬k e¢stin ou¬dèn tøn e¬n a¬nqråpoiß i¢son. 805
taût’ ou®n en¬ ai¬scrø¸ qémenoß ai¬désqhtí me,
oi¢ktiron h™mâß, w™ß grafeúß t’ a¬postaqeìß
i¬doû me ka¬náqrhson oi©’ e¢cw kaká.
túrannoß h® pot’, a¬llà nûn doúlh séqen,
eu¢paiß pot’ ou®sa, nûn dè graûß a¢paiß q’ açma, 810
a¢poliß e¢rhmoß a¬qliwtáth brotøn. –

oi¢moi tálaina, poî m’ u™pexágeiß póda;


e¢oika práxein ou¬dén· w® tálain’ e¬gå. –

tí dñta qnhtoì ta¢lla mèn maqämata


mocqoûmen w™ß cræ pánta kaì mateúomen, 815
Peiqœ dè tæn túrannon a¬nqråpoiß mónhn
ou¬dén ti mâllon e¬ß téloß spoudázomen
misqoùß didónteß manqánein, içn’ h®¸ pote
peíqein aç tiß boúloito tugcánein q’ açma; –

Testimonia: 805 Stobaeus 4,41,34 807 w™ß – a¬postaqeìß Thomas Magister 74,12
808 Choeroboscus in Theod. 140,31 (cod. V), schol. Eur. Andr. 250, Thomas
Magister 188,10 808 – ka¬náqrhson Eustathius Il. 752,3 814 Orio Flor. 8,18
Haffner

Codices: MBO gV(814–19), AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tz
802 s’ Pa2Xa1Tt rell. : om. PaacXaacTz 805 (= F 1048,1 TrGF) a¬nqråpoiß i¢son
codd., Stob. : -oisi søn Kayser 807 oi¢¬kteiron codd. grafeúß M3 rell., schol.
MB, Thom. Mag. : raeúß (sc. brabeúß) Mac 808 ka¬náqroison ZZb
809 túrannoß h®n Lcgr : déspoina gàr L (déspoina Ggl) h® Didymus : h®n codd.
810 tót’ O (sicut coniecit Hoffmann) 812 poî RZms rell. : poû LRsZmZu : pñ
Va 813 prássein GKSSa 815 mateúomen MuvL : mast- M3 rell. 816 mónhn
RfsRwc rell. : -oi RfRwac 817 ou¬dén ti SSa rell. : ou¬ dñta RRwSsSagr 818 h®¸ vel
h® M3B3ZucTt rell. : ei¢ gV PaVaZuTz :  MB : [A] : h®n Elmsley 819 tugcánh O
gV : [A]
Verse 802–819 191

Wenn das in deine Hand gelegt wird und es missachtet wird


und die nicht büßen, die Gastfreunde
töten oder es wagen, Göttertempel zu plündern,
dann gibt es keine Gleichheit bei den Menschen. 805
Das halte nun für schimpflich, hab Scheu vor mir
und hab Erbarmen! Nimm Abstand wie ein Maler,
sieh her und schau mich an in meinem Unglück!
Herrscherin war ich einst, nun deine Sklavin,
einst reich an Kindern, Greisin nun und kinderlos, 810
heimatlos, allein, die erbärmlichste der Sterblichen. –

Weh mir, ich Elende, wohin setzt du den Fuß hinweg von mir?
Ich scheine gar zu scheitern, o Elende ich! –

Was mühen wir Sterblichen uns um alle andern Wissensgüter,


so viel es nötig ist, und strengen uns sehr an, 815
jedoch die Überredung, die einzige Herrscherin der Menschen,
warum studieren wir sie nicht viel gründlicher
und zahlen Geld dafür und lernen sie, damit es möglich wäre,
zu überreden, wozu man will, und zu erreichen, was man will? –
192 3. Epeisodion (658–904)

pøß ou®n e¢t’ a¢n tiß e¬lpísai práxein kaløß; 820


oi™ mèn gàr o¢nteß paîdeß ou¬két’ ei¬sí moi,
au¬tæ d’ e¬p’ ai¬scroîß ai¬cmálwtoß oi¢comai,
kapnòn dè pólewß tónd’ u™perqrå¸skonq’ o™rø. –

kaì mæn i¢swß mèn toû lógou kenòn tóde,


Kúprin probállein, a¬ll’ oçmwß ei¬räsetai. 825
pròß soîsi pleuroîß paîß e¬mæ koimízetai
h™ foibáß, hÇn kaloûsi Kassándran Frúgeß.
poû tàß fílaß dñt’ eu¬frónaß léxeiß, a¢nax;
h® tøn e¬n eu¬nñ¸ filtátwn a¬spasmátwn
cárin tin’ eçxei paîß e¬mä, keínhß d’ e¬gå; 830
e¬k toû skótou gàr tøn te †nuktérwn brotoî߆

Testimonia: 828–29 schol. Soph. Ai. 520 828 eu¬frónaß Etymologicum


Genuinum s.v. eu¬frónh (137 Miller Mélanges) 829 tøn – a¬spasmátwn
~Eustathius Il. 984,36 831–32 Orio Flor. 8,19 Haffner, ~schol. Od. 10,481,
Tzetzes Exeg. in Il. (86,10 Hermann)
Imitatio: 826f. Ennius Hec. fr. 214 Warmington = 90 Jocelyn

Codices: MBO AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz


820–23 delevit Herwerden, 821-23 Kovacs 820 pøß B3s rell., Mgl : tíß Va : tí
MBO, schol. MB e¬lpísai Gr rell., schol. MB : -sh GKLS prâxai RfRw
821 gàr o¢nteß GVa T rell. : tosoûtoi AF2G2GgrPPaVa2grxTt : tosoíde BFPrVa
m z

822 au¬tæ Mc rell. : auçth MacA ai¬scroîß OSa rell. : e¬cqroîß OgrRSagr oi¢comai
O2gr rell. : o¢llumai O 823 tónd’ Kc rell. : tón q’ FKac : tñsd’ RfRwSa
u™perqrå¸skonq’ B rell. : -téllonta B3gr 824 kenòn codd. : xénon Nauck
826 soîsi MOAKxZZcsTz : toîsi S : sñ¸si SaZc rell. : saîsi BFPrSaacVa
pleuroîß MOAKSxZcsTz : -aîß RfsZc rell. : -ñ¸ß RRfRw : -ñ¸si G e¬mæ
K1L1PacVa2 rell. : e¬moì AKacLacPaacVaac 827 kassándran BOKPPaRwSVax
ZTt : kas- Tz rell. versum delevit R. Haupt 828 léxeiß Diggle : deíxeiß codd.,
schol. Soph., Et.Genuinum 829 h® Diggle : h£ codd. 830 tin’ Porson : tín’ codd.
831-32 nondum sanati, delevit Matthiae 831 skótou MOAGacK : -ouß G1 rell.,
Orio, Tzetzes gàr tøn te B3grA F2sG1irLPaxzTz : te tøn te MBFGacKPPrSsVa,
Orio, Tzetzes : toi tøn te O : te RRfRwSSa nuktérwn brotoîß BacGacSsVa rell.,
Orio : n- pánu B2AG1PaVasxTz : n- t’ a¬spasmátwn SSa : n- a¬spasmátwn
RRfRw : n- Tzetzes : n- dè schol. Od. : nukterhsíwn Nauck
Verse 820–831 193

Wie könnte man denn noch auf Wohlergehen hoffen? 820


Die Kinder, die ich hatte, habe ich nicht mehr,
ich selbst erniedrigt, kriegsgefangen, bin verloren,
sehe den Rauch der Stadt, der dort emporsteigt. –

Und doch – vielleicht ist dieser Teil der Rede wirkungslos,


Kypris ins Feld zu führen, dennoch soll es gesagt werden. 825
An deiner Seite ruht mein Kind,
die Seherin des Phoibos, Kassandra nennen sie die Phryger.
Was sind dir deine Liebesnächte wert, mein Herr?
Wird für den sehr freundlichen Empfang im Bett
mein Kind wohl etwas Dank bekommen und ich von ihr? 830
Denn aus dem Dunkel und der nächtlichen Liebe
194 3. Epeisodion (658–904)

fíltrwn megísth gígnetai brotoîß cáriß.


a¢koue dä nun. tòn qanónta tónd’ o™râ¸ß;
toûton kaløß drøn o¢nta khdestæn séqen
dráseiß. – e™nóß moi mûqoß e¬ndeæß e¢ti. 835
ei¢ moi génoito fqóggoß e¬n bracíosin
kaì cersì kaì kómaisi kaì podøn básei
h£ Daidálou técnaisin h£ qeøn tinoß,
w™ß pánq’ a™™martñ¸ søn e¢coito gounátwn
klaíont’, e¬piskäptonta pantoíouß lógouß. – 840

w® déspot’, w® mégiston ÷Ellhsin fáoß,


piqoû, parásceß ceîra tñ¸ presbútidi
timwrón, ei¬ kaì mhdén e¬stin a¬ll’ oçmwß.
e¬sqloû gàr a¬ndròß tñ¸ díkh¸ q’ u™phreteîn
kaì toùß kakoùß drân pantacoû kakøß a¬eí. 845

Testimonia: 834–35 dráseiß Thomas Magister 196,13 et 362,11 836–38 Tzetzes


Chil. 1,514-16 836–37 Etymologicum Genuinum (B brevius, plenius EM 26,56 et
Etym. Sym. p. 112 Lasserre-Livadaras), ~Eustathius Il. 261,36 836 Orio Flor.
8,20 Haffner 837 Paroemiaci Graeci ed. Gaisford p. 145 n. 282) 844–45 Orio
Flor. 6,2 et 8,21 Haffner, Stobaeus 3,9,3 844 e¬sqloû – a¬ndròß Choricius 8,35
(sed vide etiam Soph. Ion F 319 TGrF)
Imitatio: 837 kaì cersì kaì kómaisi Ennius Hec. fr. 215 Warmington = Trag.
Rom. fr. adesp. 213a Klotz

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz


832 megísth gígnetai brotoîß cáriß MBAGKPaVasxZTt, schol. Od. : c- m- g- b-
Tzetzes : m- g- qnhtoîß c- M3OG1K2LPSSaVaZcZmZuTz, Orio : m- g- toîß
qnhtoîß c- Pr : m- g- c- F : o™moû te toîß brotoîß pollæ c- RRfRw 833 dæ nun
Matthiae : dæ nûn rell. : nûn SSa 835 eu® dráseiß SSa, Thom. Mag. 837 podøn
básei BO2gr rell., testimonia : badísmasin BgrO 839 a™martñ¸ Wackernagel :
o™martñ¸ codd. e¢coito BFGRf rell. : -nto B3sAF2sGrsPrRfsSSaXXaZu (cf. v. 1159)
gounátwn K1 rell. : gon- AKacPPaPrSSaZZbZmZu 842 parásceß MacOPac :
3 1 c t z
párasce M A P T rell. : párece A : pár T 845 pantacoû rell.,
testimonia : -cñ GK
Verse 832–845 195

erwächst den Menschen größte Freude und Dankbarkeit.


Nun höre! Wenn du diesem Toten, den du siehst,
Gutes tust, wirst du es deinem Schwager
tun. – Ein Wort muss ich noch sagen: 835
Wenn ich doch Stimme in den Armen hätte
und in den Händen und in Haar und Füßen,
durch Kunst des Daidalos oder eines der Götter!
Dann hielte alles sich zugleich an deine Knie,
weinend und beschwörend mit mannigfachen Worten. – 840

Mein Gebieter, größtes Licht der Griechen,


lass dich überreden, reiche der alten Frau die Hand
als Rächer, auch wenn sie ein Nichts ist, tu es trotzdem!
Denn Zeichen eines edlen Mannes ist es, dem Recht zu
dienen
und immer Schlechtes allen Schlechten anzutun. 845
196 3. Epeisodion (658–904)

Co. deinón ge, qnhtoîß w™ß açpanta sumpítnei


kaì †tàß a¬nágkaß oi™ nómoi† diårisan,
fílouß tiqénteß toúß te polemiwtátouß
e¬cqroúß te toùß prìn eu¬meneîß poioúmenoi.

Ag. e¬gå se kaì sòn paîda kaì túcaß séqen, 850


¿Ekábh, di’ oi¢ktou ceîrá q’ i™kesían e¢cw,
kaì boúlomai qeøn q’ ouçnek’ a¬nósion xénon
kaì toû dikaíou tände soi doûnai díkhn,
ei¢ pwß faneíh g’ wçste soí t’ e¢cein kaløß
stratø¸ te mæ dóxaimi Kassándraß cárin 855
Qrä¸khß a¢nakti tónde bouleûsai fónon.
e¢stin gàr h©¸ taragmòß e¬mpéptwké moi·
tòn a¢ndra toûton fílion h™geîtai stratóß,
tòn katqanónta d’ e¬cqrón· ei¬ dè soì fíloß
oçd’ e¬stí, cwrìß toûto kou¬ koinòn stratø¸. 860
pròß taûta fróntiz’· w™ß qélonta mén m’ e¢ceiß
soì xumponñsai kaì tacùn prosarkésai,
bradùn d’, ¯Acaioîß ei¬ diablhqäsomai.

Testimonia: 846–47 Orio Flor. 8,22 Haffner 847 Lexicon Vindobonense 44,15
847 oi™ – diårisan ~Choricius 42,96

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz


847 tàß a¬nágkaß codd., schol. MB, testimonia : tñß a¬nágkhß Busche oi™ nómoi
codd. : oi™ crónoi Musgrave 850 e¬gœ sè ZuacTt rell., schol. MB : e¢gwge
1 z
LPZZbZcZmZu T túcan RRfRw 851 i™kesían vel i™késian B3Zb rell., schol.
s
B : -on BFZb Zm, schol. M 852 q’ ouçnek’ rell. : t’ ou¢nek’ RSaZc : ouçnek’ GK
853 tände L rell. : tónde LsP díkhn OA2F2G2KsLPPaSaVaxzTt, schol. M : cárin
AFGacKLgrPasSagrTz rell. 854 faneíh MBOAGx, schol. MB : -hn B3 rell. g’
om. GKPrRRfRwSSa t’ om. et kaløß e¢cein RRfRw 855 kassándraß
BOKPVasXXbZZb : kas- Va rell. 857 h©¸ P2s rell. : oi© Pac : h® M2ZZc : h£ M : h© B :
oçpou Mgl 858 tòn a¢ndra Tz rell. : t- a¢- mèn Tt fílion MBacB3OKS : fílon
BcZm2 rell. : fîlon XXbZmac 859 dè soì codd. : d’ e¬moì Elmsley
861 e¬qélonta PaSSa e¢ceiß Rf rell. : -oiß RfsRw 862 xumponñsai Tz rell. :
sump- xZZbTt
Verse 846–863 197

Cho. Gewaltig ist es, wie bei den Menschen alles zusammentrifft
und wie die Umstände die Beziehungen bestimmen,
die zu Freunden die größten Feinde machen
und zu Feinden die einst Wohlgesonnenen.

Ag. Ich habe mit dir und deinem Sohn und deinem Unglück 850
Mitleid, Hekabe, und halte deine bittflehende Hand
und will der Götter und des Rechtes wegen,
dass der ruchlose Gastfreund dir diese Buße leistet,
wenn es so scheinen könnte, dass du dein Ziel erreichst,
und das Heer nicht meinte, dass ich Kassandra zuliebe 855
dem Herrn der Thraker diesen Tod bereite.
Denn etwas lässt mich schwanken:
Das Heer hält diesen Mann für seinen Freund,
den Toten jedoch für seinen Feind. Wenn der dort dir
ein Freund ist, so ist das ganz privat und gilt nicht für
das Heer. 860
Drum denk daran: Du findest mich bereit
zur Hilfe und schnell, dir beizustehen,
doch langsam, wenn ich bei den Achäern ins Gerede komme.
198 3. Epeisodion (658–904)

Ek. feû. 863a


ou¬k e¢sti qnhtøn oçstiß e¢st’ e¬leúqeroß· 864
h£ crhmátwn gàr doûlóß e¬stin h£ túchß 865
h£ plñqoß au¬tòn póleoß h£ nómwn grafaì
ei¢rgousi crñsqai mæ katà gnåmhn trópoiß.
e¬peì dè tarbeîß tø¸ t’ o¢clw¸ pléon némeiß,
e¬gå se qäsw toûd’ e¬leúqeron fóbou.
súnisqi mèn gár, h¢n ti bouleúsw kakòn 870
tø¸ tónd’ a¬pokteínanti, sundrásh¸ß dè mä.
h£n d’ e¬x ¯Acaiøn qóruboß h£ ¯pikouría
páscontoß a¬ndròß Qrh¸kòß oi©a peísetai
fanñ¸ tiß, ei®rge mæ dokøn e¬mæn cárin.
tà d’ a¢lla qársei· pánt’ e¬gœ qäsw kaløß. 875

Ag. pøß ou®n; tí dráseiß; pótera fásganon cerì


laboûsa graía¸ føta bárbaron kteneîß
h£ farmákoisi h£ ¯pikouría¸ tíni;
tíß soi xunéstai ceír; póqen ktäsh¸ fílouß;
Ek. stégai kekeúqas’ aiçde Trw¸ádwn o¢clon. 880

Testimonia: 863a–67 Libanius Or. 25,3 864–65 Orio Flor. 8,23 Haffner,
Aristoteles Rhet. 1394 b 4–6 864 Doxopater in Aphth. Rh. 2,291,25 et 2,298,8
Walz, ~Anecdota ed. Boissonade 3,465 874 ei®rge Hesychius E 1004

Codices: MB H(869–) O gV(864–67), AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb,


z = ZZbZcZmZu, Tz
864 qnhtøn rell., cetera testimonia : -òß gV S : a¬ndrøn Aristoteles 865 gàr
G1PrsZc1 rell. et testimonia : om. GPrSaZcac e¬sti doûloß GK 866 póleoß
K2XXaXbcTz : -ewß KacXbac rell. : tñß –ewß RfRw : -ewn Libanius nómwn rell.,
Libanius : dämou gV 868 pléon Tz rell. : pleîon OGKLSSaxZZbTt : tò pleîon
ZcZmZu 870 h¢n Lc rell. : ei¢ HLacSSa 871 sundrásh¸ß Bac rell. : -seiß B3RRf
Rw : -son B3s : -s Sa : -mh¸ß P 876 pótera Rf rell. : -on MAPaRfsSa
877 graía¸ føta M B FPRf Va ZZmT : graîa f- MBFsRfVaTz rell. : f- graîa
2 3 1 1 t

GKS : føta H kteneîß Pac rell. : ktaneîß HPaacRfRwZb 878 tíni Barnes : tiní
codd. 879 tí soi HSa xunéstai M3Tt rell. : sun- x : xúnesti MuvZcTz :
xunésqai RfRw 880 kekeúqas’ LcPrVa1Tz rell. : kekeúqous’ PPaPrsRf
Va SZZbZmT : keúqous’ L : keúqousin GrRfs : gàr keúqousin G : kaì
ac t

keúqousai Sa : kaì keúqous’ Zu


Verse 863a–880 199

Hek. O weh! 863a


Unter den Menschen gibt es keinen, der frei ist. 864
Er ist der Knecht des Reichtums oder auch des Glücks,
oder das Volk der Stadt, auch der Gesetze Text
hindern ihn zu tun, was er für richtig hält.
Da du ja zögerst und zu viel Gewicht der Masse gibst,
will ich dich von dieser Furcht befreien.
Sei nur Mitwisser, wenn ich Böses beschließe 870
gegen den Mann, der den da ermordet hat, aber kein Mittäter!
Doch wenn bei den Achäern Unruhe aufkommt oder der Wunsch,
ihm beizustehen,
wenn der Thraker leidet, was er leiden soll,
halt sie zurück! Es braucht nicht auszusehen, als tätest du es
mir zuliebe.
Im übrigen sei guten Mutes! Ich werde alles gut erledigen. 875

Ag. Wie denn? Was wirst du tun? Nimmst du das Schwert


in deine greise Hand und tötest den Barbaren?
Machst du es mit Gift? Mit welcher Hilfe?
Welche Hand wird dir zur Seite stehen?
Woher bekommst du Freunde?
Hek. Dies Zelt verbirgt hier eine Menge Troerinnen. 880
200 3. Epeisodion (658–904)

Ag. tàß ai¬cmalåtouß ei®paß, ¿Ellänwn a¢gran;


Ek. sùn taîsde tòn e¬møn fónea timwräsomai.
Ag. kaì pøß gunaixìn a¬rsénwn e¢stai krátoß;
Ek. deinòn tò plñqoß sùn dólw¸ te dúsmacon.
Ag. deinón· tò méntoi qñlu mémfomai génoß. 885
Ek. tí d’; ou¬ gunaîkeß ei©lon Ai¬gúptou tékna
kaì Lämnon a¢rdhn a¬rsénwn e¬xå¸kisan; –

a¬ll’ wÇß genésqw· tónde mèn méqeß lógon,


pémyon dé moi tänd’ a¬sfaløß dià stratoû
gunaîka. – kaì sù Qrh¸kì plaqeîsa xénw¸ 890
léxon· Kaleî s’ a¢nassa dä pot’ ¯Ilíou
¿Ekábh, sòn ou¬k e¢lasson h£ keínhß créoß,
kaì paîdaß, w™ß deî kaì tékn’ ei¬dénai lógouß
toùß e¬x e¬keínhß. – tòn dè tñß neosfagoûß
Poluxénhß e¬písceß, ¯Agámemnon, táfon, 895
w™ß tåd’ a¬délfœ plhsíon mi⸠flogí,
dissæ mérimna mhtrí, krufqñton cqoní.

Testimonia: 884 ~Theodorus Metochites p. 610 Kiessling–Müller 885 tò – génoß


Lexicon Vindobonense 123,15 886 Eustathius Macrembolites 5,3,8 887 a¢rdhn
~Eustathius Il. 692,35

Codices: MBHO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tz(–896) Tt(897–)
882 e¬møn Scaliger (cf. v. 750) : e¬mòn codd. 883 a¬rsénwn L2ir rell. : a¬rr- RRfRw
885 génoß codd., Lex. Vind. : sqénoß Jenni 888 wÇß McHcuvOA : w™ß MacHac rell.
genésqw MBacHOARsRfs : -sqai B2RRf rell. tónde mèn méqeß B1Pr rell. : t- moi
m- BacRfRw : tónd’ e¬moì m- PrsR : tónde méqeß tòn Va 890 plaqeîsa
MBacHOFKacP : plasq- B3K1 rell. : plagcq- M2PrSSa 892 ou¬k Lc rell. :  ou¬k
L : d’ ou¬k RfRw e¢latton RRfRw 894 e¬keínhß B rell., schol. M : -ou
MB3HORf, schol. HB 897 dissæ PrgrxTt : -ñ¸ BF1G1irKsPrRf rell. : -œ McirB3sHK :
-à GsPaZcZu : -â ZZbZm : -aì B3sPrsRfs : diss MFG mérimna
MGsKPPaPrgrXaXbZbacZuTt : mérimna¸ X : merímnh¸ BF1G1ir Ks rell., schol. MB :
-a¸ M3H : merímna FLVaZZbcZc : merimna Zm : -ai B3sPrs, schol. aliud MBH
mhtrì BRRfx rell. : -òß B3sGsRfsxs : om. G cqoní F rell. : táfw¸ F2gr
Verse 881–897 201

Ag. Du meinst die Kriegsgefangenen, der Hellenen Beute?


Hek. Mit ihnen werde ich mich an meiner Kinder Mörder rächen.
Ag. Wie sollen Frauen über Männer die Oberhand gewinnen?
Hek. Furchtbar ist die Menge, mit List unwiderstehlich.
Ag. Ja, furchtbar, doch halte ich nichts vom weiblichen Geschlecht. 885
Hek. Was denn? Waren es nicht Frauen, die Aigyptos’ Söhne töteten,
die Lemnos von Männern ganz entvölkert haben? –

So soll’s geschehen! Lass von dieser Rede ab


und schicke mir die Frau da mit sicherem Geleit
durchs Heer! – Und du, tritt hin zum Thraker, zum
Gastfreund, 890
sag ihm: „Hekabe, die einst von Ilion die Herrin war,
ruft dich in einer Sache, die dich nicht weniger als sie betrifft,
und deine Söhne; denn auch die Kinder müssen wissen,
was sie zu sagen hat.“ – Mit der Bestattung der frisch
geschlachteten Polyxene warte noch, Agamemnon, 895
damit die beiden Geschwister beieinander in einer Flamme,
doppelt umsorgt von ihrer Mutter, in der Erde geborgen
werden können!
202 3. Epeisodion (658–904)

Ag. e¢stai tád’ ouçtw· kaì gàr ei¬ mèn h®n stratø¸
ploûß, ou¬k a£n ei®con tände soi doûnai cárin·
nûn d’, ou¬ gàr içhs’ ou¬ríouß pnoàß qeóß, 900
ménein a¬nágkh ploûn o™røntaß h™súcouß. –

génoito d’ eu® pwß· pâsi gàr koinòn tóde,


i¬día¸ q’ e™kástw¸ kaì pólei, tòn mèn kakòn
kakón ti páscein, tòn dè crhstòn eu¬tuceîn.

Testimonium: 902 pâsi – 904 Thomas Magister Presb. (Treu, Jahrb. Suppl.
27,1902,24)

Codices: MBHO gV(898–ouçtw, 902 pâsi – 904), AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa,


x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt
898 ouçtwß x ei¬ Hc rell. : h£n AGKS1Z :  H : h®n Sac h®n om. S 899 doûnái soi
SaZu (cf. v. 853) 900 ou¬ríouß HBOAGKPrRfSSasVa1XsZm2Tt : -íaß SaVaacX
rell. 901 o™røntaß Rs rell. : -eß LR : o™rønt’ e¬ß coniecit Murray h™súcouß
Markland : hçsucon codd. 902 gàr om. Thom. Mag. koinòn ZZcZmTt rell. :
kalòn Thom. Mag. et ZglZcgl ZmglTtgl
Verse 898–904 203

Ag. So soll’s geschehen! Denn wenn das Heer jetzt


segeln könnte, könnte ich diesen Gefallen dir nicht tun.
Nun aber, da ein Gott uns keinen Fahrtwind schickt, 900
muss man auf die Abfahrt warten und in Ruhe Ausschau
halten. –

Es möge gut ausgehen! Denn für alle gilt gemeinsam,


für jeden einzelnen und jede Stadt, dass es dem Schlechten
schlecht gehen soll und der Gute glücklich sein.
204 3. Stasimon (905–51)

3. Stasimon (905–51)

Co. Sù mén, w® patrìß ¯Iliáß, str. a 905


tøn a¬porqätwn póliß ou¬kéti léxh¸·
toîon ¿Ellánwn néfoß a¬mfí se krúptei
dorì dæ dorì pérsan. 908
a¬pò dè stefánan kékarsai 910
púrgwn, katà d’ ai¬qálou [kapnoû]
khlîd’ oi¬ktrotátan kécrwsai.
tálain’, ou¬kéti s’ e¬mbateúsw.

mesonúktioß w¬llúman, a¬nt. a


h®moß e¬k deípnwn uçpnoß h™dùß e¬p’ o¢ssoiß 915
skídnatai, molpân d’ a¢po kaì coropoiòn
qusían katapaúsaß

Testimonia: 910–911 púrgwn Eustathius Il. 189,13 910 stefánan –


911 púrgwn Eustathius Il. 661,59, schol. Triclinii in Hes. Th. 578 (ed. Flach
1876), ~Hesychius S 1787 914 Thomas Magister 236,5 915 deípnwn
~Eustathius Il. 242,22

Codices: MBHO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


907 toîon H (sicut coniecit King) : toîon d’ vel toiónd’ rell. kalúptei x
908 dorì dæ dorì Ls rell. : do- do- dæ SSa : do- do- ALPPaZbZu 910 dè rell.,
Eust. : ge L : om. FVa stefánan FsPr rell., Eust., schol. Hes. : -wn FacP : -hn
PrsSVa 911 kapnoû delevit Canter : ai¬qálou kapnoû RfsRwsSa rell. : -hn k-
RfRwSas : -a k- Va : -w¸ (kapnoû om.) Tt, cf. schol. T 912 oi¬ktrotátan HKcPr
rell. : -táthn PrsSSa : oi¬ktrótata B2PRwVaZbZu : -táta¸ xZTt : -táta FPaPr :
-táta B 913 e¬mbateúw H 914 w¬llúman A2 rell. : w¬lú- Thom. Mag. : o¬llú-
OA : w¬lló- Va : o¬ló- Lac : o¬loí- Lc 915 e¬k McBcZcZcac rell. : d’ e¬k
ac ac ac c 2 s
M B HALPrSSaVaZ Zc ZmZu uçpnoß H L rell. : om. HL 916 skídnatai
Pa1Rws rell. : kíd- PaacRwacxZmTt molpân BSa rell. : molpøn LPaPrSZu et
GglKgl Vaglxgl : -àn MB3HOKPrs : -æn SgrSagr coro- MBOAKPrsRsVa2grx : caro-
McB3PrRVaXagr rell., schol.le MB : cro- H -poiøn MBHAKcPrR rell., schol.le
M : -poiân ZZcZmZuTt : -poiòn McB3HcOAsKacPaPrsRs rell., schol.le B
917 qusiân BA2GKLcZZcZmTt : -iàn Kc : -ían B2ALRacRfRwac rell., schol.le
MB : -iøn GrFPPrR1RfsVaxZbZu katapaúsaß codd. : katalúsaß Murray
Verse 905–917 205

3. Stasimon (905–51)

Cho. Du meine Vaterstadt Ilion, 905


zu den unzerstörten Städten wirst du nie mehr zählen.
Eine solche Wolke von Hellenen umhüllt dich,
die dich mit dem Speer, dem Speer zerstört hat. 908
Abgeschoren ward dir der Kranz 910
der Mauertürme, durch rauchige Flamme
wurdest du jämmerlich befleckt.
Du Arme, nie mehr werde ich dich betreten.

Um Mitternacht ging ich zugrunde,


als nach dem Mahl der süße Schlaf sich auf die Augen 915
breitete. Nach den Gesängen, als Tanz
und Opfer vorbei waren,
206 3. Stasimon (905–51)

pósiß e¬n qalámoiß e¢keito, 918


xustòn d’ e¬pì passálw¸ 920
naútan ou¬kéq’ o™røn oçmilon
Troían ¯Iliád’ e¬mbebøta.

e¬gœ dè plókamon a¬nadétoiß str. b


mítraisin e¬rruqmizóman
cruséwn e¬nóptrwn leús- 925
sous’ a¬térmonaß ei¬ß au¬gáß, 925a
e¬pidémnioß w™ß pésoim’ e¬ß eu¬nán. 926
a¬nà dè kéladoß e¢mole pólin·
kéleusma d’ h®n kat’ a¢stu Troí-
aß tód’· ¥W paîdeß ¿Ellá-
nwn, póte dæ póte tàn 930
¯Iliáda skopiàn
pérsanteß hçxet’ oi¢kouß;

Testimonia: 920 Eustathius Il. 540,21 922 Troían ’Iliád’ ~Eustathius Il. 904,59
923–24 ~Eustathius Il. 454,16 925 ~Eustathius Il. 690,42, 975,31
925 leússous’ ~Hesychius L 757 927 a¬nà dè kéladoß Hesychius A 3407
931 Eustathius Il. 206,13, ~5,21

Codices: MB H(–920) O, AFGKLPPaPrRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZm


Zu, Tt
918 pósiß d’ OR 921 naútan MB rell. : -tân schol. M : -tøn schol. B
922 Troían rell., Eust. : pátran Burges : pétran Willink : om. RRfRwSSa
e¬mbebøta FGcKTtpc (cf. schol. T) : e¬mbebaøta FsTtac rell. 923 dè rell. : dé toi x :
[K] 924 e¬rruqm- BAGLPPaVaxZbTt : e¬ruqm- rell. : e¬neruqm- R -óman rell. : -
ómhn OGKLPSSaZc 925 leússous’ BOAGK1LacPVaXXbZmTt : leúsous’
K L rell. 927 a™malekéladoß Hesychius 930 tæn x 931 i¬liáda OcKacRfsRws
ac c

rell., Eust. : -oß K1PrRfRw : -aß O 932 hçxet’ rell. : içxet’ OPrS : içxat’ Sa
oi¢kouß Tt (sicut coniecit King) : e¬ß oi¢kouß rell.
Verse 918–932 207

ruhte der Gatte im Schlafgemach, 918


der Speer hing am Pflock, 920
er sah nicht mehr die Schar von der Flotte,
die Troja betrat.

Ich ordnete die Locken,


band sie mit dem Haarband auf,
blickte in den grenzenlosen 925
Glanz goldener Spiegel, 925a
um dann aufs Bett niederzusinken. 926
Da kam Lärm in die Stadt,
und ein Befehl erklang in der Stadt
Troja: „Söhne der Hellenen,
wann endlich, wann werdet ihr die 930
Burg von Ilion
zerstören und nach Hause gelangen?“
208 3. Stasimon (905–51)

léch dè fília monópeploß a¬nt. b


lipoûsa, Dwrìß w™ß kóra,
semnàn prosízous’ ou¬k 935
h¢nus’ ºArtemin a™ tlámwn· 935a
a¢gomai dè qanónt’ i¬doûs’ a¬koítan 936
tòn e¬mòn açlion e¬pì pélagoß·
pólin t’ a¬poskopoûs’, e¬peì
nóstimon naûß e¬kính-
sen póda kaí m’ a¬pò gâß 940
wçrisen ¯Iliádoß,
tálain’ a¬peîpon a¢lgei,

tàn toîn Dioskoúroin ¿Elénan kásin ¯I- e¬pw¸d.


daîón te boútan Ai¬nóparin katára¸ 945
didoûs’, e¬peí me gâß e¬k
patrå¸aß a¬pålesen
e¬xå¸kisén t’ oi¢kwn gámoß, ou¬ gámoß, a¬ll’
a¬lástoróß tiß oi¬zúß.
aÇn mäte pélagoß açlion a¬pagágoi pálin 950
mäte patrø¸on içkoit’ e¬ß oi®kon. 951

Testimonia: 940 gâß – 941 Eustathius Il. 5,21 942 Eustathius Il. 430,10, Od.
1804,19 945 Ai¬nóparin ~Eustathius Il. 379,34

Codices: MBO, AFGKLPPrPaRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tt(–936) Tz(937–)
933 fíla RRfRw 935 prosízous’ RwcZc rell. : -ízousá s’ RfRwac :
-izánous’ Z Zm a™ om. ZirZm tlámwn Va1 rell. : tlä- FRfRwVaacx 936 dè
ac

om. PrS a¬koíthn GLVa 940 e¬kínhsen KTz : -se rell. 943 dioskoúroin
KPrSa rell. : -koúrwn K Pr S : -kóroin MBOAPaSaVa e™lénan Tt rell. : e™lánan
s s s

OSaZbTz 946–47 e¬peí me gâß e¬k patrå¸aß a¬pålesen codd. : e¬peí m’ a¬pålesen
gâß e¬k patrå¸aß Wilamowitz 946 gâß e¬k codd. : gaíaß e¬k Diggle
947 patrå¸aß codd. : patríaß Dindorf a¬pålesen MRsSSa rell. : -san RRf :
gr s s
a¬poúrisen M : a¬pårousen S Sa 948 e¬xåkisen Porson (metri causa) : -se
codd. 950 aÇn BK1 rell. : hÇn B3sFKacLSaZu a¬pagágoi GsXa1Ttir rell. : a¬gágoi
GKXaac : a¬págoi Rf : e¬pagágoi RwZ 951 içkoit’ Rws rell. : içket’ RwSa : içkht’
Pa e§ Tz rell. : ei§ LPZuTt : om. O
Verse 933–951 209

Ich verließ mein vertrautes Bett,


leicht bekleidet wie ein dorisches Mädchen,
kauerte mich hin bei der heiligen 935
Artemis, vergeblich, ich Arme. 935a
Tot erblickte ich meinen Gatten. Ich wurde 936
weggeführt hin zum Salzmeer, schaute zurück auf die Stadt,
als die Flotte zur Heimfahrt aufbrach
und mich vom Land 940
von Ilion trennte.
Ich Elende sank hin vor Schmerz.

Die Schwester der Dioskuren Helena


und den Rinderhirten vom Ida, den Schlimm-Paris, 945
verfluchte ich, weil mich
vernichtete und aus Vaterland
und Haus vertrieb ihre Hochzeit, die keine Hochzeit war,
sondern eines Fluchgeistes Unheil.
Möge das Salzmeer sie nicht zurückbringen; 950
möge sie nicht ins Vaterhaus gelangen! 951
210 4. Epeisodion (953–1022)

4. Epeisodion (953–1022)

Polumästwr
¥W fíltat’ a¬ndrøn Príame, filtáth dè sú, 953
¿Ekábh, dakrúw s’ ei¬sorøn pólin te sæn
tän t’ a¬rtíwß qanoûsan e¢kgonon séqen. – 955

feû· 955a
ou¬k e¢stin ou¬dèn pistón, ou¢t’ eu¬doxía
ou¬t’ au® kaløß prássonta mæ práxein kakøß.
fúrousi d’ au¬tà qeoì pálin te kaì prósw
taragmòn e¬ntiqénteß, w™ß a¬gnwsía¸
sébwmen au¬toúß. a¬llà taûta mèn tí deî 960
qrhneîn, prokóptont’ ou¬dèn e¬ß prósqen kakøn; –

sù d’, ei¢ ti mémfh¸ tñß e¬mñß a¬pousíaß,


scéß· tugcánw gàr e¬n mésoiß Qrä¸khß oçroiß
a¬pån, oçt’ h®lqeß deûr’· e¬peì d’ a¬fikómhn,
h¢dh pód’ e¢xw dwmátwn ai¢rontí moi 965
e¬ß tau¬tòn hçde sumpítnei dmwìß séqen,
légousa múqouß w©n klúwn a¬fikómhn.

Testimonia: 955a–57 Stobaeus 4,41,36 956–57 Orio Flor. 8,24 Haffner


958 Apostolius 18,4g

Codices: MBO gV(956–57), AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tz
953 delevit Nauck 954 te sæn LcZbcZu rell. : te sàn ZZbacZcZu : tàn sàn Lac
Zm : te tæn sæn SSa 955 e¢kgonon ZcTz rell. : e¢gg- RXbZcacTts 956 ou¬dèn
pistón K rell., Testimonia p- ou¬dén MK1LZu 957 prássonta Rws rell. :
ac

práx- Rw : práxanta Stob. : prássontoß Orio práxein LcRws rell.,


ac 2s
Testimonia : práss- gV L RfRwSSa 958 au¬tà F (sicut coniecit Hermann) :
au®q’ oi™ B3grFLcirPa1 rell. : au¢q’ oi™ AKVaxZZbTz, Apostolius : au® toi B : au® Paac
SSa : au¬toì B3gr 959 w™ß a£n Rwx 963 tugcánw BacGsRRfSSaTzpc rell. :
gr
túgcanon vel ¯túgcanon B GPPaPrR Rwz : e¬túgcanon B3FRsRfsRwsSsSasVaTzac
2

qrä¸khß F1K1Rf1 rell. : -oiß FacKacRfacRfs : -øn ZZm 965 ai¢ronti Rgr rell. :
eçlkonti R e¢xw codd. : ei¢sw Faust 966 séqen dmwíß SSa 967 delevit Kovacs
Verse 953–967 211

4. Epeisodion (953–1022)

Polymestor
O Priamos, du liebster aller Männer, liebste du auch, Hekabe!
Ich weine, wenn ich dich sehe und deine Stadt
und deine jüngst verstorbene Tochter. – 955

Ach! 955a
Es gibt nichts, was verlässlich ist, weder der Ruhm,
noch dass es einem, dem es gut geht, in Zukunft nicht
schlecht ergehen könnte.
Die Götter bringen es durcheinander, hin und her,
und stiften Verwirrung, damit wir sie aus Unverstand
verehren. Doch was soll man darum weinen? 960
Man kommt damit nicht weiter voran in der Not. –

Doch wenn du mich etwa tadeln solltest, weil ich abwesend war,
halt ein! Denn ich war gerade fort, mitten in Thrakien,
als du hierher kamst. Als ich aber wieder heimgekommen war
und den Fuß schon aus dem Hause setzen wollte, 965
traf diese deine Dienerin mit mir zusammen
und brachte die Botschaft, die ich vernahm und kam.
212 4. Epeisodion (953–1022)

Ek. ai¬scúnomaí se prosblépein e¬nantíon,


Polumñstor, e¬n toioîsde keiménh kakoîß.
oçtw¸ gàr w¢fqhn eu¬tucoûs’, ai¬dåß m’ e¢cei 970
e¬n tø¸de pótmw¸ tugcánous’ içn’ ei¬mì nûn,
kou¬k a£n dunaímhn prosblépein s’ o¬rqaîß kóraiß·
a¬ll’ au¬tò mæ dúsnoian h™gäsh¸ séqen
Polumñstor· a¢¬llwß d’ ai¢tión ti kaì nómoß
gunaîkaß a¬ndrøn mæ blépein e¬nantíon. 975
Pm. kaì qaûmá g’ ou¬dén. a¬llà tíß creiá s’ e¬¬moû;
tí crñm’ e¬pémyw tòn e¬mòn e¬k dómwn póda;
Ek. i¢dion e¬mautñß dä ti pròß sé boúlomai
kaì paîdaß ei¬peîn soúß· o¬páonaß dé moi
cwrìß kéleuson tønd’ a¬postñnai dómwn. 980
Pm. cwreît’· e¬n a¬sfaleî gàr hçd’ e¬rhmía.
fílh mèn ei® sú, prosfilèß dé moi tóde
stráteum’ ¯Acaiøn. a¬llà shmaínein se crä·
tí cræ tòn eu® prássonta mæ prássousin eu®
fíloiß e¬parkeîn; w™ß eçtoimóß ei¬m’ e¬gå. 985
Ek. prøton mèn ei¬pè paîd’ oÇn e¬x e¬mñß ceròß
Polúdwron e¢k te patròß e¬n dómoiß e¢ceiß,
ei¬ zñ¸· tà d’ a¢lla deúterón s’ e¬räsomai.
Pm. málista· tou¬keínou mèn eu¬tuceîß méroß.
Ek. w® fíltaq’, w™ß eu® ka¬xíwß légeiß séqen. 990
Pm. tí dñta boúlh¸ deúteron maqeîn e¬moû;

Testimonia: 968 Eustathius Il. 216,2 986–88 ~schol. rec. Pind. Ol. 14,28 (428
Abel)

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tz


969 e¬n toioîsde LcirTzpc rell. : e¬n toîsde GPrZuTzac : toioîsde R 970–75 delevit
Dindorf 972 prosblépein s’ OFsGKPaRfRwVa1xZZcZm1Tz : prosblépein
ac
FVaZm rell. : blépein SSa 973–75 deleverunt Hartung, Kovacs 974–
75 delevit Diggle 980 dómwn K1R rell. : -on K : lógwn Rgr 982 mèn ei®
LPPaRwVazTz : mèn h™mîn ei® rell. : mèn h™møn ei® R tóde om. OSSa 983 se crä
BcKac rell. : sè crñn MBacK1RsS : me crä R 984 cræ Ks rell. : deî GK (sicut
coniecit Nauck) 989 mérouß PrRRf 990 légeiß séqen L : séqen légeiß rell.
Verse 968–991 213

Hek. Ich schäme mich, dir ins Gesicht zu schauen,


Polymestor, da ich in solchem Unglück bin.
Ich habe Scheu vor dem, der mich im Glück sah, 970
in diesem Zustand, in dem jetzt ich bin,
und könnte dich nicht anschauen mit geradem Blick.
Doch glaube nicht, es sei Übelwollen gegen dich,
Polymestor! Im übrigen ist auch ein Grund dafür der Brauch,
dass Frauen Männern nicht ins Antlitz schauen. 975
Plm. Das ist kein Wunder. Aber wozu brauchst du mich?
Zu welchem Zweck hast du mich aus dem Haus geholt?
Hek. Eine private Angelegenheit von mir will ich mit dir
bereden und mit deinen Kindern. Doch den Begleitern
befiehl mir wegzutreten, fort von diesem Zelt! 980
Plm. Geht weg! Hier ist man sicher und allein.
Du bist mein Freund, und freundlich ist auch das Achäerheer
hier mir gesonnen. So sollst du mir denn sagen:
Womit soll der, dem es gut geht, den Freunden, denen es
nicht gut geht, helfen? Denn ich bin dazu bereit. 985
Hek. Sage zuerst, ob mein Sohn Polydoros,
den du aus meiner Hand und der des Vaters im Hause hast,
noch lebt! Nach allem anderen will ich an zweiter Stelle dich fragen.
Plm. Ganz gewiss! Was ihn betrifft, da hast du Glück.
Hek. Mein Liebster! Wie du gut und deiner würdig redest! 990
Plm. Was willst du denn als zweites von mir hören?
214 4. Epeisodion (953–1022)

Ek. ei¬ tñß tekoúshß tñsde – mémnhtaí tí mou.


Pm. kaì deûró g’ w™ß sè krúfioß e¬zätei moleîn.
Ek. crusòß dè søß oÇn h®lqen e¬k Troíaß e¢cwn;
Pm. søß, e¬n dómoiß ge toîß e¬moîß frouroúmenoß. 995
Ek. søsón nun au¬tòn mhd’ e¢ra tøn plhsíon.
Pm. hçkist’· o¬naímhn toû paróntoß, w® gúnai.
Ek. oi®sq’ ou®n aÇ léxai soí te kaì paisìn qélw;
Pm. ou¬k oi®da· tø¸ sø¸ toûto shmaneîß lógw¸.
Ek. e¢st’, w® filhqeìß w™ß sù nûn e¬moì filñ¸ … 1000
Pm. tí crñm’ oÇ ka¬mè kaì tékn’ ei¬dénai creån;
Ek. … crusoû palaiaì Priamidøn katåruceß.
Pm. taût’ e¢sq’ aÇ boúlh¸ paidì shmñnai séqen;
Ek. málista, dià soû g’· ei® gàr eu¬sebæß a¬när.
Pm. tí dñta téknwn tønde deî parousíaß; 1005
Ek. a¢meinon, h£n sù katqánh¸ß, toúsd’ ei¬dénai.
Pm. kaløß e¢lexaß· tñ¸de kaì sofåteron.
Ek. oi®sq’ ou®n ¯Aqánaß ¯Iliádoß içna stégai;
Pm. e¬ntaûq’ o™ crusóß e¬sti; shmeîon dè tí;
Ek. mélaina pétra gñß u™pertéllous’ a¢nw. 1010
Pm. e¢t’ ou®n ti boúlh¸ tøn e¬keî frázein e¬moí;

Testimonia: 996 Eustathius Il. 52,23, 792,19, 1312,20, schol. Il. 10,105 (Anecdota
Parisina 3,81 Cramer) 996 – au¬tòn Thomas Magister 249,15 997 o¬naímhn
Hesychius O 852

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu,


Tz(–1009) Tt(1010–)
992 mou codd. : pou Herwerden : moi Bothe 993 deûró g’ RsRfs rell. : deûr’ oç g’
MGRRfXa : deûr’ Pr krúfioß BKLPParRsRfZZmTz : -íwß B3sRRfs rell. : krúfa
PaacRw 995 dómoiß ge Os rell. : d- te OZZcZmZu : dómoisi PPrRf 996 nun
ALcVaXXbZZcZuTz : nin GR : nûn LacRgrZcc rell. tøn FacGRs rell. : toû
OF G PPaPrRRfRwSSaZZbZmZuT , testimonia : [K] 999 toûto RwXcXb1 rell. :
1 r z

toútw¸ PPaRwsXacXbac 1000 e¢st’ w® Hermann : e¢stw codd. 1006 h£n rell. : ei¬
FVa 1007 post e¢lexaß interpungit Boissonade, continuant codd. 1008 ¯Iliádoß
Scaliger : ¯Ilíaß codd. 1010 u™pertéllous’ Zm1 rell. : -télous’ PrZmTt :
-teroûs’ R
Verse 992–1011 215

Hek. Ob er an seine Mutter, an mich auch noch denkt.


Plm. Er wollte sogar heimlich hierher zu dir kommen.
Hek. Ist gut verwahrt das Gold, mit dem er aus Troja kam?
Plm. Ja, gut verwahrt! In meinem Haus wird es bewacht. 995
Hek. Verwahr es gut! Es soll dich nicht verlangen nach des
Nächsten Habe!
Plm. O nein! Ich möchte das genießen, was da ist, liebe Frau.
Hek. Weißt du nun, was ich dir und deinen Kindern sagen will?
Plm. Ich weiß es nicht. Du wirst es mir mit deinen Worten sagen.
Hek. Es gibt, o du Geliebter, wie ich jetzt dich liebe … 1000
Plm. Was denn, was ich und meine Kinder wissen sollen?
Hek. … einen alten Priamidenschatz, vergrabenes Gold.
Plm. Das ist es, was ich deinem Kinde sagen soll?
Hek. Gewiss, durch dich, denn du bist ein frommer Mann.
Plm. Und warum sollen diese Kinder mit dabei sein? 1005
Hek. Es ist besser, wenn du stirbst, dass sie es wissen.
Plm. Das hast du gut gesagt; so ist es auch klüger.
Hek. Weißt du nun, wo das Haus der Athena Ilias ist?
Plm. Ist dort das Gold? Was gibt es für ein Zeichen?
Hek. Ein schwarzer Fels, der aus der Erde ragt. 1010
Plm. Willst du mir noch etwas sagen von den Dingen dort?
216 4. Epeisodion (953–1022)

Ek. søsaí se crämaq’ oi©ß sunexñlqon qélw.


Pm. poû dñta; péplwn e¬ntòß h£ krúyas’ e¢ceiß;
Ek. skúlwn e¬n o¢clw¸ taîsde så¸zetai stégaiß.
Pm. poû d’; aiçd’ ¯Acaiøn naúlocoi periptucaí. 1015
Ek. i¢diai gunaikøn ai¬cmalwtídwn stégai.
Pm. ta¢ndon dè pistà ka¬rsénwn e¬rhmía;
Ek. ou¬deìß ¯Acaiøn e¢ndon a¬ll’ h™meîß mónai. –

a¬ll’ eçrp’ e¬ß oi¢kouß· kaì gàr ¯Argeîoi neøn


lûsai poqoûsin oi¢kad’ e¬k Troíaß póda 1020
w™ß pánta práxaß w©n se deî steích¸ß pálin
xùn paisìn ou©per tòn e¬mòn w¢¸kisaß gónon. 1022

Testimonium: 1015 naúlocoi periptucaí Eustathius Il. 679,48

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


1012 se om. GZ 1016 i¢diai A, schol. M : i¬díai BSa, schol. B : i¬día vel i¬día¸ M
rell. stégai SsSas rell. : stáseiß SSa 1021 pánta PrgrZrgrZbZmgr rell. : taûta
PrZZbgrZm 1022 xùn paisìn rell. : xumpaisìn MPr : xùm paisìn BOZ
Verse 1012–1022 217

Hek. Ich will, dass du die Schätze rettest, die ich mit herausnahm.
Plm. Wo denn? Hast du sie im Gewand oder hältst du sie
versteckt?
Hek. Sie sind in diesem Zelt verwahrt unter einem Haufen Beute.
Plm. Wo denn? Dies ist das Lager der Achäerflotte. 1015
Hek. Eigene Zelte gibt es für die kriegsgefangenen Frauen.
Plm. Ist es darinnen sicher? Keine Männer da?
Hek. Kein Achäer ist darinnen, wir sind ganz allein. –

So geh ins Zelt; denn die Argiver sehnen sich danach,


die Schiffe abzulegen und von Troja fort nach Haus 1020
zu fahren;
und dir soll all das werden, was dir werden soll,
und du sollst wieder dorthin gehen
mit den Kindern, wo meinen Sohn du unterbrachtest.
218 Chorikon für 4. Stasimon (1024–34)

Chorikon für 4. Stasimon (1024–34)

Co. Ou¢pw dédwkaß a¬ll’ i¢swß dåseiß díkhn· 1024


a¬límenón tiß w™ß e¬ß a¢ntlon pesœn 1025
lécrioß e¬kpesñ¸ fílaß kardíaß,
a¬mérsaß bíon. tò gàr u™pégguon 1027
Díka¸ kaì qeoîsin ou¬ xumpítnei, 1030
o¬léqrion o¬léqrion kakón.
yeúsei s’ o™doû tñsd’ e¬lpìß hç s’ e¬pägagen
qanásimon pròß ¯Aídan, w® tálaß,
a¬polémw¸ dè ceirì leíyeiß bíon.

Testimonium: 1024 Lexicon Vindobonense 136,10

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tt


1024 choro tribuunt M2 rell. : Hecubae M, schol. M et e¢nioi apud schol. B
1025 e¬ß GKRSSaVaZZbZm : ei¬ß rell. : om. Rf pesœn ZdZu : e¬mpesœn rell.
1026 e¬kpesñ¸¸ OGKLcPZuac : -pésh¸ LacZuc rell. fílhß L : tñß fílhß Tt
1027 bíon Hermann : bíoton codd. u™pégguon Zc rell. : u™pégkuon RfZcac :
u™péggion SSa 1030 díka¸ Pr rell. : -h FLPrs qeoîsi(n) rell. : qeoîß
MAGKRRfRwxZbZcTt ou¬ codd., schol. MB : ou© Hemsterhuys xumpítnei
OSSaZ : sum- rell. 1032 e¬pägagen MOARfVaXbTt : -gage Sir rell. : a¬pägagen
R : u™pägage SaZc 1033 ÷Aidan Dindorf w® Tt : i¬œ rell. i¬œ tálaß Polymestori
tribuunt ZZbZcZm 1034 cerì ZcTt bíon Zbac rell. : bíoton MLZZb2ZcZm
Verse 1024–1034 219

Chorikon für 4. Stasimon (1024–34)

Cho. Du hast noch nicht gebüßt, doch wirst du vielleicht büßen. 1024
Wie einer, der in auswegloses Wasser fällt, 1025
wirst du schräg abgetrieben werden von deinem Herzenswunsch,
weil du ein Leben raubtest. Wie du mit deiner 1027
Verpflichtung verfahren bist,
das stimmt mit Recht und Göttern nicht überein; 1030
es ist verderbliches, verderbliches Unheil.
Die Hoffnung wird dich täuschen, die dich hierher führte,
todgeweiht zur Unterwelt, Unseliger.
Durch unkriegerische Hand wirst du dein Leben lassen.
220 Exodos (1035–1295)

Exodos (1035–1295)

Pm. ºWmoi, tufloûmai féggoß o¬mmátwn tálaß. 1035


Co. h¬koúsat’ a¬ndròß Qrh¸kòß oi¬mwgän, fílai;
Pm. w¢moi mál’ au®qiß, tékna, dustänou sfagñß.
Co. fílai, pépraktai kaín’ e¢sw dómwn kaká.
Pm. a¬ll’ ou¢ti mæ fúghte laiyhrø¸ podí·
bállwn gàr oi¢kwn tønd’ a¬narräxw mucoúß. 1040
i¬doú, bareíaß ceiròß o™rmâtai béloß.

Co. boúlesq’ e¬pespéswmen; w™ß a¬kmæ kaleî


¿Ekábh¸ pareînai Trw¸¸ásin te summácouß.

Ek. a¬rásse, feídou mhdén, e¬kbállwn púlaß·


ou¬ gár pot’ o¢mma lampròn e¬nqäseiß kóraiß, 1045
ou¬ paîdaß o¢yh¸ zøntaß ouÇß e¢ktein’ e¬gå.
Co. h® gàr kaqeîleß Qrñ¸ka kaì krateîß xénou,
déspoina, kaì dédrakaß oi©áper légeiß;
Ek. o¢yh¸ nin au¬tík’ o¢nta dwmátwn pároß
tuflòn tuflø¸ steíconta parafórw¸ podí, 1050

Testimonia: 1042 a¬kmæ kaleî Hesychius A 2447 1050 ~schol. Aesch. Sept. 623
Smith (sed cf. etiam Phoen. 1549: póda ... tuflópoun)
Imitatio: 1046 Christus Patiens 354 et 359

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


1036 co. MBOAFPracSac: h™mico. B2Pr1S1 rell. : om. Sa 1037 w¢moi S rell. : oi¢moi
GKSs tékna MBOAFGKcRxTt : -wn MsB3KacRgrVasVa2 rell. : -on Va 1038 co.
MBOAFSac : h™mico. B2S1 rell. : om. Sa 1039 mæ BcAScVas rell. : me
B FPaPrRwVaZZmZu : moi A RS Sa : mou Pr Sas : mæn O 1040 balœn GK
ac 2s ac s

1041 Polymestori tribuunt schol. M et schol. B (tineß) : co. MOF : h™mico. M2B
rell. 1042 sine nota M rell. : h™mico. M2, schol. B (tineß) e¬peispéswmwn
MO SSaZb1Zugr rell. : e¬pispés- M2 : e¬pispás- Sagruv : e¬peispeús- OacPaacPrRw :
1

e¬pispeús- FPa1RfRwsVaZZbacZcZmZu : e¬p’ oi© speús- R 1044 e¬kbállwn rell. :


-bálwn KRf : -balœn SSair 1047 co. rell. : h™mic. GLPrRRfSaVaxz xénou
codd. : xénon Hermann
Verse 1035–1050 221

Exodos (1035–1295)

Plm. Weh mir, geblendet werde ich, verliere das Augenlicht, 1035
ich Armer!
Cho. Habt ihr des Thrakers Wehgeschrei gehört, ihr Lieben?
Plm. Weh mir schon wieder! Kinder! Arger Mord!
Cho. Ihr Lieben, neue schlimme Taten sind im Haus vollbracht.
Plm. Doch kommt ihr nicht davon mit raschem Fuß.
Ich werfe, breche des Hauses Schlupfwinkel auf. 1040
Seht ihr! Von starker Hand kommt ein Geschoss!

Cho. Wollt ihr, dass wir eindringen? Es ist höchste Zeit,


Hekabe und den Troerinnen beizustehen und mitzukämpfen.

Hek. Schlag zu, lass nichts heil, brich die Türen auf!
Denn niemals wirst du das helle Licht in deine Augen 1045
bringen,
nie mehr die Kinder lebend sehen, die ich tötete.
Cho. Hast du denn wirklich den Thraker besiegt, den Gastfreund
bezwungen,
Herrin? Hast du’s vollbracht, so wie du sagst?
Hek. Du wirst sofort ihn vor dem Hause sehen,
mit blindem Fuß blind tappend gehen, 1050
222 Exodos (1035–1295)

paídwn te dísswn såmaq’, ouÇß e¢ktein’ e¬gœ


sùn taîß a¬rístaiß Tr¸w¸ásin· díkhn dé moi
dédwke. – cwreî d’, w™ß o™râ¸ß, oçd’ e¬k dómwn.
a¬ll’ e¬kpodœn a¢peimi ka¬postäsomai
qumø¸ zéonti Qrh¸kì dusmacwtátw¸. 1055

Pm. w¢moi e¬gå, 1055a


p⸠bø, p⸠stø, p⸠kélsw, 1056
tetrápodoß básin qhròß o¬restérou
tiqémenoß e¬pì ceîra kat’ i¢cnoß; poían
h£ taútan h£ tánd’ e¬xalláxw, tàß 1060
a¬ndrofónouß máryai crä¸zwn ¯Iliádaß,
aiç me diålesan; –

tálainai kórai tálainai Frugøn,


w® katáratoi,
poî kaí me fug⸠ptåssousi mucøn; – 1065

ei¢qe moi o¬mmátwn ai™matóen bléfaron


a¬késai’ a¬késaio, tuflón, ÷Alie,
féggoß a¬palláxaß. – 1068

Testimonia: 1055 – zéonti ~Eustathius Il. 1092,38 1056 Georgius Lacapenus


Epim. in Epist. 8 (71,8 Lindstam) 1056 p⸠bø Thomas Magister 266,19
1061 máryai Hesychius M 327 1063–64 ~Lexicon Vindobonense 112,3

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaVa, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tt


1052 taîß codd. : taîsd’ Hermann 1055 zéonti PrgrUZbZmgr : r™éonti PrZm
rell., Eust. dusmacwtátw¸ BOPr rell. : -menestátw¸ O2grPrgr : -genestátw¸ Bgr
1058 kat’ codd. : kaì Porson 1060 taúthn FSxZbZu tänd’ PaRRfRw
1063 tálainai kórai tálainai Seidler, Hermann : tál- tál- k- codd. 1064 w®
FZuac rell. : i¬œ MFmRSSaZc : i¬œ w® ZZbZu1 : i¬œ i¬œ Rf 1065 poî Zus rell. : pñ
VaZcZu ka¬mè SSa : kéme O fug⸠Rf rell. : -ñ¸ PPaRfsVa 1066 ai™matóen
RfsZb1 rell : o¬mmatóen RfSSaZbac 1067 a¬késaio alterum om. EsTt, cf. schol. T
1068 açlie GS rell. : hçl- GsSsSa
Verse 1051–1068 223

und auch die Leichen seiner beiden Kinder, die ich getötet habe
mit den sehr tapferen Troerinnen. Die Strafe hat er mir
gezahlt. – Da kommt er aus dem Hause, wie du siehst.
Ich geh beiseite und trete zurück
vor dem Thraker, der vor Wut kocht, dem man schwer 1055
standhalten kann.

Plm. Weh mir, 1055a


wo soll ich gehen, wo stehen, wohin steuern, 1056
den Tritt eines vierfüßigen wilden Bergtiers
setzen, auf der Hand nach der Spur? Welchen Weg,
den oder den, schlage ich ein, 1060
die männermordenden Ilierinnen zu packen,
die mich vernichteten? –

Ihr schlimmen, ihr schlimmen Mädchen der Phryger,


o ihr Verfluchten!
Wohin denn ducken sie sich vor mir auf der Flucht in die 1065
Winkel? –

Wenn du doch, Helios, mir meine blutigen Augen


heilen, ja heilen könntest und mir das blinde
Licht wegnähmest! – 1068
224 Exodos (1035–1295)

a® a®, 1068a
síga. – kruptàn básin ai¬sqánomai 1069
tánde gunaikøn. p⸠pód’ e¬pá¸xaß 1070
sarkøn o¬stéwn t’ e¬mplhsqø,
qoínan a¬gríwn qhrøn tiqémenoß,
a¬rnúmenoß låban lúmaß a¬ntípoin’
e¬mâß; – w® tálaß. –

poî p⸠féromai tékn’ e¢rhma lipœn 1075


Bákcaiß ÷Aidou diamoirâsai,
sfaktá, kusín te foinían daît’ a¬nä-
merón t’ o¬¬reían e¬kbolán; –

p⸠stø, p⸠kámyw, p⸠bø;


naûß oçpwß pontíoiß peísmasin linókrokon 1080
fâroß stéllwn, e¬pì tánde suqeìß
téknwn e¬møn fúlax o¬léqrion koítan. 1082

Testimonium: 1081 fâroß stéllwn Hesychius F 190a


Imitatio: 1068a–69 Christus Patiens 358–59 et 2054 et 2497

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSa V(1068a–), x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tt
1069 síga síga OLRRfSSaZZcZmZu, Chr. Pat. 1070 tánde OGZc (sicut coni.
etiam Seidler) : tânde F rell. : tønde FsLPaPrRfRwSSaZmZu : ]^nde K p⸠GS
rell. : poû GsPrSs : poî PTt 1071 e¬gœ plhsqø PaRw 1072 a¬grían MRw :
a¬groíwn Pa qhrøn tiqémenoß Lac rell. : qh- ti- t(e) OFGLcPrSSa : qhríwn ti-
PZu : ti- qhrøn Seidler 1073 a¬rnúmenoß KacPr1Sagr rell. : a¬núm- PracSa :
gr
a¬rnoúm- S : o¬núm- S : ai¬núm- MOK1 låban lúmaß codd. : låbaß lúmaß t’
Bothe et Hadley 1074 w® Seidler et Hermann : i¬œ codd. 1075 poî p⸠rell. : pâ¸
p⸠ZbZmZu : poî poî FTt 1076 ÷Aidou codd. : ÷Aida Diggle 1077f. sfaktá
proposuit Hermann (1831) : sfaktàn codd. kusín MBOTt : -sí rell. foinían
GMo : fon- rell. a¬nämerón t’ o¬¬reían Wilamowitz : -ron ou¬reían t’ V rell.,
Hermann (1831) : -ron o¬reían t’ FVsTt : o¬¬reían -rón t’ Hermann (1800) : -rón t’
o¢reion Diggle 1079 p⸠stø p⸠bø p⸠kámyw R p⸠bø sive ante p⸠stø sive
post p⸠kámyw ponere voluit Porson, p⸠bø delevit Nauck 1080 peísmasin
AKLRfRwTt : -si rell. 1081 tánde suqeìß MBOKRwx : tánd’ e¬ssuqeìß B3 rell.
1082 e¬møn codd. : mou Hartung
Verse 1068a–1082 225

Ho ho! 1068a
Still! – Einen leisen Schritt höre ich 1069
den da von den Frauen. Wohin muss ich mich stürzen, 1070
mich mit Fleisch und Knochen anzufüllen,
ein Festmahl wilder Tiere mir zu bereiten,
Verderben zu stiften, zur Strafe für meine
Misshandlung? – O ich Armer! –

Wohin denn, auf welchem Weg soll ich mich wenden? 1075
Soll ich die Kinder allein lassen,
die geschlachteten, dass des Hades Bakchantinnen sie
zerfleischen lassen und den Hunden als blutiges Mahl
erbarmungslos in die Berge hinauswerfen? –

Wohin soll ich treten, wo mich setzen, wohin gehen?


Wie ein Schiff mit den Haltetauen anlegt 1080
und das Leinensegel einzieht, hierhin geeilt
als Wächter meiner Kinder zum Totenlager. 1082
226 Exodos (1035–1295)

Co. w® tlñmon, wçß soi dúsfor’ ei¢rgastai kaká· 1085


drásanti d’ ai¬scrà deinà ta¬pitímia
daímwn e¢dwken oçstiß e¬stí soi barúß.

Pm. ai¬aî i¬œ Qrä¸khß logcofóron e¢no- 1088


plon eu¢ippon ºArei kátocon génoß. 1090
i¬å. ¯Acaioí. i¬å. ¯Atreîdai.
boàn boán, a¬utø boán·
w£ i¢te mólete pròß qeøn. –

klúei tiß h£ ou¬deìß a¬rkései; tí méllete;


gunaîkeß w¢lesán me, 1095
gunaîkeß ai¬cmalwtídeß·
deinà deinà pepónqamen.
w¢moi e¬mâß låbaß. –

poî trápwmai, poî poreuqø;


[ai¬qér’] a¬mptámenoß ou¬ránion 1100
u™yipetèß e¬ß mélaqron,
¯Waríwn h£ Seírioß e¢nqa puròß flogéaß a¬fíh- 1102

Testimonia: 1086 ta¬pitímia Hesychius P 2384 1088 e¢noplon – 1090 Eustathius


Il. 358,32

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tt


1086 t’ BALPPrxZu ’pitímia Hesychius 1087 (~723) delevit Hermann
dédwken RRfSSa : e¢qhken L 1088 ai¬aî bis MOLPRfSazTt 1088–90 eu¢oplon
Eust. 1090 a¢reï codd. 1091 primum i¬œ bis P 1092 boàn boàn Aac rell. : boân
boân M : boàn Ac 1093 w£ i¢te vel w® i¢te MOGKLZcZmZu : i¬œ i¢te P : i¢te
BAFacPaRwSx : i¢te i¢te PrRRfSa : w®  i¢te Fc : w£ i¢te w£ i¢te ZZbTt 1097 alterum
deinà delevit Bothe 1099 poî – poî R rell. : poî – poû SSa : p⸠– pâ¸
LRsZbZmZu 1100 ai¬qér’ codd. : delevit Hermann (cf. schol. BV e¢n tisi tò
ai¬qéra ou¬ féretai) a¬mptámenoß Zu1 rell. : a¬napt- x : a¬pt- RfZcZuac
1102 w¬aríwn M B R , schol. MB : o™ a¬ríwn Sagr : w¬ríwn B3KcRV rell. : w™ríwn
ac ac gr

ALSa : w® w¬ríwn M2 OKacVsZb : w©¸ w¬ríwn ZZcZmZu


Verse 1085–1102 227

Cho. Du Armer, welch schwer erträgliches Leid tat man dir an? 1085
Für dich, der schändlich handelte, furchtbare Vergeltung
gab ein Gott, der dir übel will.

Plm. Wehe wehe! Zu Hilfe Thrakiens lanzentragender, 1088


bewaffneter, wohlberittener, dem Ares ergebener Stamm! 1090
Zu Hilfe! Achäer! Zu Hilfe! Atriden!
Einen Notschrei, einen Notschrei lasse ich ertönen, einen Notschrei!
O eilt herbei, kommt, bei den Göttern! –

Hört keiner oder will keiner helfen? Was zögert ihr?


Frauen haben mich vernichtet, 1095
kriegsgefangene Frauen.
Furchtbares, Furchtbares habe ich erlitten.
Weh mir wegen meiner Verstümmelung! –

Wohin soll ich mich wenden, wohin wandern?


Soll ich hochfliegen zum Himmel, 1100
zur hohen Halle,
wo Orion oder Sirius die brennenden Strahlen 1102
aus den Augen sendet,
228 Exodos (1035–1295)

sin o¢sswn au¬gáß, h£ tòn e¬ß ÷Aida 1105


melágcrwta porqmòn a¢¸xw tálaß;

Co. suggnåsq’, oçtan tiß kreísson’ h£ férein kakà


páqh¸, talaínhß e¬xapalláxai zóhß.

Ag. kraugñß a¬koúsaß h®lqon· ou¬ gàr hçsucoß


pétraß o¬reíaß paîß lélak’ a¬nà stratòn 1110
¯Hcœ didoûsa qórubon· ei¬ dè mæ Frugøn
púrgouß pesóntaß h®¸smen ¿Ellänwn dorí,
fóbon parésc’ a£n ou¬ méswß oçde ktúpoß.
Pm. w® fíltat’, h¬¸sqómhn gár, ¯Agámemnon, séqen
fwnñß a¬koúsaß, ei¬sorâ¸ß aÇ páscomen; 1115
Ag. e¢a· 1115a
Polumñstor w® dústhne, tíß s’ a¬pålesen,
tíß o¢mm’ e¢qhke tuflòn ai™máxaß kóraß
paîdáß te toúsd’ e¢kteinen; h® mégan cólon
soì kaì téknoisin ei®cen oçstiß h®n a¢ra.
Pm. ¿Ekábh me sùn gunaixìn ai¬cmalwtísin 1120
a¬påles’ – ou¬k a¬påles’ a¬llà meizónwß.

Testimonia: 1108 Hephaestio Ench. 1,5 (codd. CP) 1111 ei¬ – 1112 h®¸smen
Etymologicum Genuinum (unde EM 439,1), Herodianus (Gr.Gr. 3,2 p. 519,6)
Imitatio: 1109 Christus Patiens 843

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tt


1105 ÷Aida Dindorf : a¬ýda B3sRf rell. : a¬ýdan MBORgrV3 : a¬ýdao LVZmZu :
a¬ýdou RsRfsV3s 1106 melágcrwta O : -crøta MGKLPZmZuac : melanocrøta
LcVZuc rell. : -nócrwta V1 a¬ýxw codd. 1107 kreísson’ M2Vc rell. : kreîsson
MacVacZu : kreíssw G férein FacRwc Vac rell. : -ei FcLRwacVc 1108 zóhß Vam
(sicut coniecit Markland) : zoñß GKLcxs : zo L : zwñß VVax rell., Hephaestio
1109 hçsucoß BARwSax rell. : -wß BsAsFGPrRfRwsSSasVxsZcZu 1112 h®¸smen
Et.Genuinum, Herodianus; cf. etiam schol. MBV (h¢¸deimen) : i¢smen codd.
e™llánwn PrRRf 1113 parésc’ a£n Heath, Markland : paréscen a£n
MOGrPrSasVZcZu : paréscen GSa rell. 1115 fwnæn Blaydes 1116 tíß s’ Fc
rell. : tí s’ Fac : tíß R : ti S 1118 te om. PrSSaZb 1119 soí te kaì
PPaPrRSSaxZb 1120 ai¬cmalwtísin Z rell. : -åtoisi(n) PrRfVZrgrZcZu
Verse 1105–1121 229

oder in den Hades 1105


zur schwarzfarbenen Überfahrt eilen, ich Elender?

Cho. Wenn einer schwerer leidet, als er tragen kann,


ist es verzeihlich, dass er sich von seinem elenden Leben befreit.

Ag. Lärm hörte ich und kam, denn nicht leise klang
das Kind des Felsens im Gebirge, 1110
Echo, mit viel Geschrei durchs Heer. Wenn wir nicht wüssten,
dass der Phryger Mauertürme durch der Griechen Speer
gefallen sind,
hätte uns dieser Lärm nicht wenig Furcht bereitet.
Plm. O liebster Agamemnon, ich habe dich bemerkt,
da ich deine Stimme hörte. Siehst du, wie es uns erging? 1115
Ag. Sieh da!
Polymestor, du Unglücklicher, wer hat dich vernichtet,
wer blind gemacht den Blick und deine Augen blutig
und wer die Kinder hier getötet? Wahrlich großen Groll
hatte er also gegen dich und deine Kinder hier, wer es
auch immer war.
Plm. Hekabe mit den kriegsgefangenen Frauen 1120
hat mich vernichtet – nicht vernichtet, noch viel Schlimmeres!
230 Exodos (1035–1295)

Ag. tí fä¸ß; sù tou¢rgon ei¢rgasai tód’, w™ß légei;


sù tólman, ¿Ekábh, tänd’ e¢tlhß a¬mäcanon;
Pm. w¢moi, tí léxeiß; h® gàr e¬ggúß e¬stí pou;
sämhnon, ei¬pè poû ¯sq’, içn’ a™rpásaß ceroîn 1125
diaspáswmai kaì kaqaimáxw cróa.
Ag. ou©toß, tí pásceiß;
Pm. pròß qeøn se líssomai,
méqeß m’ e¬feînai tñ¸de margøsan céra.
Ag. i¢sc’· e¬kbalœn dè kardíaß tò bárbaron
lég’, w™ß a¬koúsaß soû te tñsdé t’ e¬n mérei 1130
krínw dikaíwß a¢nq’ oçtou pásceiß táde.

Pm. légoim’ a¢n. – h®n tiß Priamidøn neåtatoß,


Polúdwroß, ¿Ekábhß paîß, oÇn e¬k Troíaß e¬moì
patær dídwsi Príamoß e¬n dómoiß tréfein,
uçpoptoß w£n dæ Trwïkñß a™låsewß. 1135
toûton katéktein’· a¢nq’ oçtou d’ e¢kteiná nin
a¢kouson, w™ß eu® kaì sofñ¸ promhqía¸. –

e¢deisa mä soi polémioß leifqeìß o™ paîß


Troían a¬qroísh¸ kaì xunoikísh¸ pálin,
gnónteß d’ ¯Acaioì zønta Priamidøn tina 1140

Testimonia: 1128 margøsan céra Hesychius M 275, Synagoge (versio antiqua) M


36 (unde Photius Lexicon M 109, Suda M 186) 1135 Thomas Magister 374,10
Imitatio: 1123 Christus Patiens 5

Codices: MB H(1126–) O, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tt(–1124) Tz(1125–)
1122 sù MacRwSas rell. : soì M3RwsSSa ei¢rgasai PacRwSas rell. : -stai
ac s
MPa Rw SSa 1124 léxeiß O rell. : légeiß O1R 1125 pou¢stin içn’ FL
ac

1128 ceîra testimonia 1130 te om. OF 1135 dæ om. Thom. Mag.


1137 promhqía¸ Rgr rell. : -qeía¸ ORSSaV 1139 a¬qroísh¸ P2Rsrell. : -sei PrRRf :
a¬qräsh PacSSa : a¬qräsoi F xun- rell. : sun- HSSa -oikísh¸ M2B3HcA1K1SaTt
rell. : -käsh¸ MacBacHacOFKacZZuTz : -kísei AacPrSas : -käsei Rf : -kísoi R
Verse 1122–1140 231

Ag. Was sagst du? Du hast dies Werk vollbracht, so wie er sagt?
Du, Hekabe, hast dies ungeheure Wagestück gewagt?
Plm. Weh mir, was willst du sagen? Ist sie in der Nähe irgendwo?
Zeig an, sag, wo sie ist, damit ich sie mit meinen 1125
Händen packe,
zerreiße und den Leib mit Blut besudele!
Ag. Du da, was fällt dir ein?
Plm. Bei den Göttern flehe ich dich an,
lass mich ausstrecken nach ihr meine gierige Hand!
Ag. Halt ein! Vertreib aus dem Herzen das Barbarentum
und sprich, damit ich dich und sie der Reihe nach höre 1130
und dann gerecht entscheide, wofür du dies erlitten hast.

Plm. So spreche ich. – Es war einmal ein Sohn des Priamos,


sein Jüngster,
Polydoros, Kind der Hekabe, den aus Troja fort zu mir
sein Vater Priamos sandte, ihn im Hause aufzuziehen,
weil er den Fall der Stadt befürchtete. 1135
Den habe ich umgebracht, doch warum umgebracht,
das höre! Ich tat es aus gutem Grund und weisem Vorbedacht. –

Ich hatte Furcht, dass dieses Kind, wenn es am Leben bliebe,


ein Feind dir würde
und die Troer sammelte und Troja wieder gründete,
und die Achäer, wenn sie erführen, dass einer der 1140
Priamiden am Leben sei,
232 Exodos (1035–1295)

Frugøn e¬ß ai®an au®qiß a¢reian stólon,


ka¢peita Qrä¸khß pedía tríboien táde
lehlatoûnteß, geítosin d’ ei¢h kakòn
Tråwn, e¬n w©¸per nûn, a¢nax, e¬kámnomen. –

¿Ekábh dè paidòß gnoûsa qanásimon móron 1145


lógw¸ me toiø¸d’ h¢gag’, w™ß kekrumménaß
qäkaß frásousa Priamidøn e¬n ¯Ilíw¸
crusoû· mónon dè sùn téknoisí m’ ei¬ságei
dómouß, içn’ a¢lloß mä tiß ei¬deíh táde.
içzw dè klínhß e¬n mésw¸ kámyaß gónu· 1150
pollaì dé, ceiròß ai™ mèn e¬x a¬risterâß,
ai™ d’ e¢nqen, w™ß dæ parà fílw¸ Tråwn kórai
qákouß e¢cousai kerkíd’ ¯Hdwnñß ceròß
h¢¸noun, u™p’ au¬gàß toúsde leússousai péplouß·
a¢llai dè kámake Qrh¸kíw qeåmenai 1155
gumnón m’ e¢qhkan diptúcou stolísmatoß.
oçsai dè tokádeß h®san, e¬kpagloúmenai

Testimonia: 1154 péplouß ~Eustathius Il. 599,45 1157 e¬kpagloúmenai


Hesychius E 1625

Codices: MBHO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz


1141 au®tiß MBAFPr a¢reian L1P1RwZmZu1Tz (cf. etiam MglHglVgl e¬páreian,
kinäseian) : ai¢reian OKacVZuac : ai¢roian Zbac rell. : a¢roian PacPrZZc : a¢an
Lac : ai¢roien B3sAGK1PaxZb1Tt stólon MHgrPrRgrSSaZc rell. : dóru
gr gr gr gr gr
M HOGKPr RS Sa Zc 1145 dè paidòß gnoûsa M1V1 rell. : dè gn- p- Pa :
dè gn- (paidòß om.) M V ac ac
1146 lógw¸ BRacSa rell. : dólw¸ BgrPrR2Sagr h¢gag’
P Zc rell. : h¢gage(n) FGVac : a¢gage Pac : h®gen HOKSSa : h®g’ Zcac
1 1

1147 frásousa McL1c rell. : frass- MHLSSaZu e¬n SSa rell. : u™p’ RRfSsSas
s s
1149 ei¬deíh PrR rell. : -oíh Pr R Zu 1151 ceiròß Milton : ceîreß codd., schol.
MBHV 1152 fílw¸ McB2 B3K1Ttir rell. : -wn MacBacB3sHKacRfSSa : -on O, schol.
V 1153 qákouß Hermann : qákoun codd., schol. V 1154 h¢¸noun Hermann :
h¢¸noun q’ codd., schol. MV toúsde Hcuv rell. : toîsde Hac leússousai
BOAGK LRw xZmZu : leús- HKacRw rell. péploiß H 1155 kámake Qrh¸kíw
1s s

Hartung, Weil : kámaka Qrh¸kían codd., schol. MBHV (tò Qra¸kikòn a¬kóntion)
1156 stolísmatoß MV rell. : stocísmatoß MgrVgr (potius stocásmatoß)
1157 e¬kpagloúmenai Tt rell. : e¬kplag- PrZuTz, Hesychius
Verse 1141–1157 233

noch einmal in das Phrygerland ihr Heer schickten


und dann hier Thrakiens Ebenen verwüsteten
und plünderten und den Nachbarn der Troer gerade das Unglück
geschähe, an dem wir jetzt, mein Fürst, gelitten haben. –

Als Hekabe des Kindes Todeslos erfuhr, 1145


rief sie mich mit dem Vorwand herbei, dass sie verborgene
Schätze der Priamiden in Ilion mir zeigen wolle
von Gold. Nur mich allein mit meinen Kindern führte sie
ins Haus, damit kein anderer dies erführe.
Ich sitze mitten auf dem Bett, mache es mir bequem, 1150
da sitzen viele Troerinnen, teils zur linken,
teils zur anderen Hand, so wie bei einem Freund.
Sie bewundern das Gewebe von Edonerhand,
betrachten dies Gewand und halten es ins Licht.
Andere besehen sich die beiden Thrakerspeere 1155
und trennen mich von meiner doppelten Waffe.
Die schon Kinder hatten, wiegten bewundernd
234 Exodos (1035–1295)

tékn’ e¬n ceroîn e¢pallon, w™ß prósw patròß


génointo, diadocaîß a¬meíbousai cerøn.
ka®¸t’ e¬k galhnøn –pøß dokeîߖ prosfqegmátwn 1160
eu¬qùß laboûsai fásgan’ e¬k péplwn poqèn
kentoûsi paîdaß, ai™ dè polemíwn díkhn
xunarpásasai tàß e¬màß ei®con céraß
kaì køla· paisì d’ a¬rkésai crä¸zwn e¬moîß,
ei¬ mèn próswpon e¬xanistaíhn e¬mòn 1165
kómhß kateîcon, ei¬ dè kinoíhn céraß
pläqei gunaikøn ou¬dèn h¢nuton tálaß.
tò loísqion dé, pñma pämatoß pléon,
e¬xeirgásanto deín’· e¬møn gàr o¬mmátwn
pórpaß laboûsai tàß talaipårouß kóraß 1170
kentoûsin ai™mássousin· ei®t’ a¬nà stégaß
fugádeß e¢bhsan. e¬k dè phdäsaß e¬gœ
qær wÇß diåkw tàß miaifónouß kúnaß,
açpant’ e¬reunøn toîcon, w™ß kunhgéthß
bállwn a¬rásswn. – toiáde speúdwn cárin 1175
péponqa tæn sæn polémión te sòn ktanån,
¯Agámemnon. – w™ß dè mæ makroùß teínw lógouß,

Testimonium: 1160 ~Lexicon Vindobonense 146,8

Codices: MB H(–1173) O, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tz
1158 prósw F rell. : pórrw FgrRRw 1159 génointo V2Tt : génnointo H :
génoito VT rell. diadocaîß MBOAFKLRRwZZbZcZm : -caîsin LcZcs rell. :
z

diadocaîs’ Elmsley cerøn OF2irKsPPaxZZbTz : dià ceroîn Pr : ceroîn


gr c
B H GKRRfSSa : dià ceróß BZrgrZmac rell. : ceróß Zmc : cer Hac
1162 polemíwn codd. : -ou Gronewald : polupódwn Verrall
1163 sunarpásasai HKRRf táß g’ HOAGKSSa 1164 crä¸zwn GPr rell. :
qélwn SSa et GglPrgl 1165 e¬xanastaíhn HLPrRZ 1167 h¢nuton H (h¢ntˆon),
sicut coniecit Porson : h¢nuon rell. 1173 diåkw V rell. : -kwn VsSSa kúnaß
SgrSagrZb rell. : kóraß SSaZbgr v. delevit Barrett 1174 e¬reunø Barrett v.
delevit Prinz 1175 a¬rásswn xgr rell. : tarásswn x 1176 te rell. : tòn L : ge
Diggle
Verse 1158–1177 235

meine Söhne in den Armen und gaben sie


von Arm zu Arm, um sie vom Vater zu entfernen.
Und dann nach friedlichen Gesprächen – was meinst 1160
du wohl? –
ziehen sie plötzlich von irgendwo aus ihren Kleidern Schwerter
und stechen auf die Söhne ein, und andere, nach der Art
von Feinden,
ergreifen meine Arme und Beine
und halten sie fest. Wenn ich meinen Kindern helfen wollte
und mein Gesicht hob, 1165
hielten sie mich an den Haaren, bewegte ich die Hände,
vermochte ich Armer bei der Frauen Menge nichts.
Schließlich, Schmerz über Schmerz,
vollbrachten sie Furchtbares. Sie nehmen Spangen,
stechen mir meine unglückseligen Augen aus 1170
und lassen sie bluten. Dann flüchteten sie
eilig durch das Zelt. Ich springe auf,
und wie ein wildes Tier verfolge ich die blutbefleckten Hündinnen,
ich spüre jeden Winkel auf, so wie ein Jäger,
werfe und schlage um mich. – Das habe ich erlitten, weil 1175
ich zu deinen Gunsten eifrig tätig war und deinen Feind
getötet habe,
Agamemnon. – Doch um die Rede nicht zu lang zu ziehen:
236 Exodos (1035–1295)

ei¢ tiß gunaîkaß tøn prìn ei¢rhken kakøß


h£ nûn légwn e¢stin tiß h£ méllei légein,
açpanta taûta suntemœn e¬gœ frásw· 1180
génoß gàr ou¢te póntoß ou¢te gñ tréfei
toiónd’· o™ d’ ai¬eì xuntucœn e¬pístatai.

Co. mhdèn qrasúnou mhdè toîß sautoû kakoîß


tò qñlu sunqeìß w©de pân mémyh¸ génoß.
pollaì gàr h™møn· ai™ mén †ei¬s’ e¬pífqonoi†, 1185
ai™ d’ ei¬ß a¬riqmòn †tøn kakøn† pefúkamen.

Ek. ¯Agámemnon, a¬nqråpoisin ou¬k e¬crñn pote


tøn pragmátwn tæn gløssan i¬scúein pléon·
a¬ll’ ei¢te cräst’ e¢drase cräst’ e¢dei légein,
ei¢t’ au® ponhrà toùß lógouß ei®nai saqroùß 1190
kaì mæ dúnasqai ta¢dik’ eu® légein poté.
sofoì mèn ou®n ei¬s’ oi™ tád’ h¬kribwkóteß,

Testimonia: 1178–82 Stobaeus 4,22,144 1183–86 Stobaeus 4,22,83

Codices: MBO gV(1187–), AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZb


ZcZmZu, Tz
1179 v. delevit Kovacs e¢sti(n) tiß rell. : tíß e¬stin A : e¬stìn SSa mélloi BF
légei tiß h£ pálin méllei légein Stob. 1180 suntiqeìß O, Stob. 1182 toiónd’
M3B3 rell., Stob. : tosónd’ MB ai¬eì rell. : a¬eì MBFPRRwV, Stob. : au¬taîß Mgr
1183 co. Z2 rell. : e™k. L : co. e™k. S : nihil in Z mhdè OALcPPrxZb, Stob. : mäte Lac
rell. sautoû V1Zcc rell., Stob. (codd. SA) : au¬toû MLRVacZcacZu, Stob. (cod.
M) 1184 suntiqeìß ORZ mémyh¸ BacLcir VXb rell. : -fh¸ B3GPrRfRwV2sXb2sz
Tz : -fou P : -yai Stob. 1185–86 nondum sanati, delevit Dindorf 1185 gàr
h™møn codd. : gàr h™meîß Diggle : gár·h™møn <d’> Jackson : polløn gàr ou¬søn
Nauck ai¬ mèn om. M ei¬s’ e¬pífqonoi codd. : ei¬s’ e¬píyogoi Lenting : ei¬sin
eu¬geneîß Blaydes 1186 ei¬ß a¬riqmòn codd. : a¬ntáriqmoi Hermann tøn kakøn
codd. : tøn kaløn Reiske : ou¬ kakøn Hadley, fortasse eu¬genøn 1188 gløttan
GLPZ 1189 ei¢ tiß Sa : ei¢ ti S : ei¢te tiß Pr e¬crñn gV SSa légein O rell. :
paqeîn O2gr 1190 saqroúß OmRSa rell. : safeîß RgrSagr : qraseîß O 1191 tà
díkai’ O gV eu® peristélein gV
Verse 1178–1192 237

Wenn jemand über Frauen früher etwas Schlechtes sagte


oder jetzt sagt oder sagen wird,
das alles fasse ich zusammen und ich sage nun: 1180
So ein Geschlecht bringt weder Meer noch Land hervor
wie dies. Wer je mit ihm zusammentraf, der weiß Bescheid.

Cho. Sei nicht so frech und tadele wegen deiner eigenen Leiden
nicht das ganze weibliche Geschlecht!
Denn es gibt viele von uns; die einen sind tadelnswert (?), 1185
wir anderen aber gehören zur Zahl der Edlen (?).

Hek. Agamemnon, es sollte nicht so sein, dass bei den Menschen


die Zunge mehr Kraft als die Sache hätte;
sondern entweder sollte man, wenn man gut handelte,
auch gut sprechen
oder aber es sollten, wenn man schlecht handelte, dann 1190
auch die Reden brüchig sein
und nicht imstande, das Unrecht schön zu reden.
Die sind zwar weise, die das ausgeklügelt haben,
238 Exodos (1035–1295)

a¬ll’ ou¬ dúnantai dià télouß ei®nai sofoí,


kakøß d’ a¬pålont’· ou¢tiß e¬xäluxé pw. –

kaí moi tò mèn sòn w©de froimíoiß e¢cei· 1195


pròß tónde d’ ei®mi kaì lógoiß a¬meíyomai·
oÇß fæ¸ß ¯Acaiøn pónon a¬pallásswn diploûn
¯Agamémnonóß q’ eçkati paîd’ e¬mòn ktaneîn.
a¬ll’, w® kákiste, prøton ou¢pot’ a£n fílon
tò bárbaron génoit’ a£n ÷Ellhsin génoß 1200
ou¢t’ a£n dúnaito. tína dè kaì speúdwn cárin
próqumoß h®sqa; pótera khdeúswn tinà
h£ suggenæß w£n h£ tín’ ai¬tían e¢cwn;
h£ sñß e¢mellon gñß temeîn blastämata
pleúsanteß au®qiß; tína dokeîß peísein táde; 1205
o™ crusóß, ei¬ boúloio ta¬lhqñ légein,
e¢kteine tòn e¬mòn paîda kaì kérdh tà sá.
e¬peì dídaxon toûto· pøß, oçt’ eu¬túcei
Troía, périx dè púrgoß ei®c’ e¢ti ptólin,
e¢zh te Príamoß ÷Ektoróß t’ h¢nqei dóru, 1210
tí d’ ou¬ tót’, ei¢per tø¸d’ e¬bouläqhß cárin
qésqai, tréfwn tòn paîda ka¬n dómoiß e¢cwn
e¢kteinaß h£ zønt’ h®lqeß ¯Argeíoiß a¢gwn;

Testimonium: 1194 e¬xäluxe(n) Hesychius E 3850

Codices: MBO gV(1194), AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZb


ZcZmZu, Tz
1194 a¬pålont’ ou¢tiß O gV GPTt : a¬pålonto kou¢tiß Tz rell. 1195 w©de SSaTzc :
w©d’ e¬n Tzac rell., schol. MB 1196 tónde d’ rell. : tónd’ SaZcZm 1197 oÇß
McBacB3sOAFsGacKLSsVZrgr, schol. BV : wÇß MB3 : pøß B2sFGcSV2 rell. fæ¸ß vel
fæß McF1Par rell. : fäs’ GKV2 : fñ¸ß vel fñß MOFPaR : fhsì PrS pónon
a¬caiøn SSa fónon Mgr 1201 ou¢t’ codd. : ou¬d’ Dindorf 1202 póteron
SuvSaZ tinà codd. : tinì Kovacs 1206 boúloio L1 rell. : boúlei LacRf
z
ta¬lhqèß xZbT 1209 ei®c’ e¢ti rell. : ei¢ceto Mac : ei®ce tæn M3L ptólin
OAGKPa xZuT : pólin PaTz rell.
r t
1211 tí d’ ou¬ codd. : tí ou¬ Wecklein
1212 tòn Lc rell. : om. GLSSa paîda om. G
Verse 1193–1213 239

doch bis zum Ende können sie nicht weise sein.


Sie gehen schlimm zugrunde, noch keiner kam davon. –

Soviel zu dir vorweg! 1195


Jetzt komme ich zu ihm und gebe Antwort mit meiner Rede.
Du sagst, um den Achäern doppelte Mühe zu ersparen
und um Agamemnons willen habest du mein Kind getötet.
Doch du Verruchter, erstens gibt es keine Freundschaft
zwischen Griechen und Barbarenvolk, 1200
es kann auch keine geben. Um welche Gunst denn
wolltest du dich auch bemühen? Etwa dich mit jemandem
verschwägern?
Mit wem bist du verwandt, oder welchen Grund gab es denn sonst?
Oder wollten sie wieder hierher segeln und die Gewächse deines
Landes verwüsten? Wem willst du das denn weismachen? 1205
Das Gold, wenn du die Wahrheit sagen wolltest,
hat meinen Sohn getötet, und deine Habsucht.
Denn dies erkläre mir: Als es Troja gut erging,
die Mauer noch die Stadt umgab,
als Priamos noch lebte, Hektors Speer in Blüte stand, 1210
warum hast du nicht damals, wenn du ihm hier gefällig
sein wolltest, das Kind, das du im Haus aufzogst,
ermordet oder lebend den Argivern gebracht?
240 Exodos (1035–1295)

a¬ll’ h™níc’ h™meîß ou¬két’ h®men e¬n fáei,


kapnø¸ d’ e¬sämhn’ a¢stu polemíoiß uçpo, 1215
xénon katéktaß sæn molónt’ e¬f’ e™stían. –

pròß toîsde nûn a¢kouson w™ß faính¸ kakóß·


crñn s’, ei¢per h®sqa toîß ¯Acaioîsin fíloß
tòn crusòn oÇn fæ¸ß ou¬ sòn a¬llà toûd’ e¢cein
doûnai féronta penoménoiß te kaì crónon 1220
polùn patrå¸aß gñß a¬pexenwménoiß·
sù d’ ou¬dè nûn pw sñß a¬palláxai ceròß
tolmâ¸ß, e¢cwn dè kartereîß e¢t’ e¬n dómoiß.
kaì mæn tréfwn mèn wçß se paîd’ e¬crñn tréfein
såsaß te tòn e¬món, ei®ceß a£n kalòn kléoß· 1225
e¬n toîß kakoîß gàr a™gaqoì saféstatoi
fíloi· tà crhstà d’ au¢q’ eçkast’ e¢cei fílouß.
ei¬ d’ e¬spánizeß crhmátwn, o™ d’ eu¬túcei,
qhsauròß a¢n soi paîß u™pñrc’ ou™mòß mégaß·
nûn d’ ou¢t’ e¬keînon a¢ndr’ e¢ceiß sautø¸ fílon 1230
crusoû t’ o¢nhsiß oi¢cetai paîdéß te soì

Testimonia: 1226–27 ~Eustathius Macrembolites 6,13, ~Nicephorus Basiliaces


Monodia 1 (p. 236,21 Pignani)
Imitatio: 1226–27 fíloi Ennius Hec. fr. 216 Warmington = fr. inc. 185 Jocelyn

Codices: MBO gV(1226–27), AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tz
1214 h®men K1Rw rell. : e¬smèn MPrRfRwsV : ei®men KacLP 1215 kapnø¸ K rell. :
kapnòß Kgr (sicut coniecit Canter) e¬sämhn’ KZc rell. : e¬säman’ SaZuv : e¬sämain’
ORf : e¬pämhn’ Kgr polemíoiß Schenkl : polemíwn codd., schol. MB
1216 molønt’ RSa 1217 faính¸ Gloël : fanñ¸ APaxTzpc : -ñ¸ß Tzac rell. : -eìß S
1218 a¬caioîß FXaZZu 1221 a¬pexenwménoiß Zc rell. : -oménoiß SaZac :
a¬poxenwménoiß FR 1222 ou¬dè R2 rell. : ou¬dèn RS pw McR2 rell. : pwß MacR
Sa : ou¢pw S 1224 mèn wçß se paîd’ Kgr rell. : mèn paîd’ wç s’ Z : tòn paîdá g’
w™ß O : ge p- w™ß Rf : ge p- s’ w™ß K : ge p- sù w™ß G 1225 te om. GR
1226 a™gaqoì Porson : oi™ ’gaqoì GLPZTz : oi™ a¬gaqoì rell. saféstatoi RgrZZus
rell., testimonia : -teroi O gV GKLRRfZsZmZu 1227 au¢q’ eçkast’ SxTt :
1 z ac
au¬qék- OFK LVZcZmT : au®q’ eçk- K rell. 1232 te om. RSSa
Verse 1214–1231 241

Doch als auf uns nicht mehr die Sonne schien


und als die Stadt durch Rauch anzeigte, dass sie in 1215
Feindeshand war,
schlugst du den Gastfreund tot, der in dein Haus
gekommen war. –

Dazu noch höre jetzt, wie schlecht du dastehst:


Wärest du den Achäern freundlich gesonnen, dann hättest du
das Gold, das, wie du sagst, dem hier und nicht dir gehört,
bringen und denen geben müssen, die arm daran waren 1220
und lange Zeit vom Vaterland entfernt.
Du aber bringst es noch nicht einmal jetzt fertig, es aus der Hand
zu geben, und hältst es weiterhin im Haus zurück.
Und in der Tat, wenn du mein Kind behandelt hättest, so
wie es recht gewesen wäre,
und es gerettet hättest, wär dir schöner Ruhm gewiss; 1225
denn wenn man im Unglück ist, bewähren sich die guten Freunde
am deutlichsten; der, dem es gut geht, hat von selbst Freunde genug.
Wenn es dir an Mitteln fehlte, doch ihm es gut erginge,
dann wäre dir mein Kind ein großer Schatz gewesen,
nun aber hast du jenen Mann nicht mehr für dich als Freund, 1230
vom Golde hast du keinen Nutzen und keine Kinder mehr,
242 Exodos (1035–1295)

au¬tóß te prásseiß w©de. – soì d’ e¬gœ légw,


¯Agámemnon· ei¬ tø¸d’ a¬rkéseiß, kakòß fanñ¸·
ou¢t’ eu¬sebñ gàr ou¢te pistòn oi©ß e¬crñn,
ou¬c oçsion, ou¬ díkaion eu® dráseiß xénon· 1235
au¬tòn dè caírein toîß kakoîß se fäsomen
toioûton o¢nta· despótaß d’ ou¬ loidorø.

Co. feû feû· brotoîsin w™ß tà crhstà prágmata


crhstøn a¬formàß e¬ndídws’ a¬eì lógwn.

Ag. a¬cqeinà mén moi ta¬llótria krínein kaká, 1240


oçmwß d’ a¬nágkh· kaì gàr ai¬scúnhn férei
prâgm’ e¬ß céraß labónt’ a¬påsasqai tóde. –

e¬moì d’, içn’ ei¬dñ¸ß, ou¢t’ e¬mæn dokeîß cárin


ou¢t’ ou®n ¯Acaiøn a¢ndr’ a¬pokteînai xénon,
a¬ll’ w™ß e¢ch¸ß tòn crusòn e¬n dómoisi soîß. 1245
légeiß dè sautø¸ prósfor’ e¬n kakoîsin w¢n.
tác’ ou®n par’ u™mîn r™á¸dion xenoktoneîn·
h™mîn dé g’ ai¬scròn toîsin ÷Ellhsin tóde.
pøß ou®n se krínaß mæ a¬dikeîn fúgw yógon;
ou¬k a£n dunaímhn. a¬ll’ e¬peì tà mæ kalà 1250
prássein e¬tólmaß, tlñqi kaì tà mæ fíla.

Testimonia: 1238–39 Stobaeus 3,13,4 1250–51 Orio Flor. 6,3 Haffner


Imitatio: 1247-48 Ennius Hec. fr. 217–18 Warmington = 87 Jocelyn

Codices: MBO gV(1238–39), AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZc


ZmZu, Tz
1232 te om. RSSa 1233 fanñ¸ V2 rell. : -eî PV : -ñß RSa 1234 eu¬sebñ M3RSa
rell. : eu¬sebøß MacuvRsSas : -èß Rgr 1235 eu® dráseiß Fc rell. : t’ eu® dr- R :
ac
e¢drasaß BF xénon T rell. : fílon FRfSSa et GglKglPaglXglXbglZglTtgl
z

1236 kakoîß se fäsomen RsZc1 rell. : k- se -mai FRRfZbZcsZm : k- fäsomen


GZcac : k- e¬fäsomen K : k- e¬fäsomai S : kakoîsí se fäsomen OV
1239 crhstøn rell., Stob. : cr- d’ FS : cr- t’ G 1242 ceîraß
MKPPaRwVXXbZm 1244 ou®n om. LPr 1245 e¢ch¸ß M3P2Pa1Pr1V3Xb1Zcc rell. :
-eiß MPPaacPracVXbacZcac : -oiß LcZu 1246 kakoîß PrZ
Verse 1232–1251 243

und um dich steht es so. – Dir aber sage ich,


Agamemnon: Wenn du ihm hilfst, wirst du schlecht dastehen;
denn einem Fremden wirst du dann Gutes tun,
der nicht fromm ist und nicht treu, denen er treu sein sollte,
nicht gottesfürchtig und nicht gerecht. 1235
Dann werde ich sagen, dass du dich an schlechten Menschen freust
und selbst ein solcher bist. Doch meine Herren will ich
nicht schmähen.

Cho. Erstaunlich, wie den Menschen eine gute Sache


immer den Stoff zu guten Reden gibt.

Ag. Es ist mir lästig, über fremdes Leid ein Urteil zu fällen, 1240
doch es muss sein. Denn Schande bringt es,
fallen zu lassen, was man in die Hand genommen hat. –

Dass du es weißt, mir scheinst du nicht um meinetwillen


und der Achäer willen den Gastfreund getötet zu haben,
sondern um das Gold in deinem Haus zu haben. 1245
Du sagst nur, was dir nützlich ist, weil du im Unglück bist.
Vielleicht wiegt es leicht bei euch, Gastfreunde umzubringen,
bei uns jedoch, den Griechen, ist es eine schlimme Tat.
Wie soll ich dem Tadel entgehen, wenn ich urteilte, du seiest
nicht im Unrecht?
Das kann ich nicht. Nein, da du zu tun gewagt hast, 1250
was nicht schön ist, ertrage auch, was dir nicht lieb ist!
244 Exodos (1035–1295)

Pm. oi¢moi, gunaikóß, w™ß e¢oic’, h™ssåmenoß


doúlhß u™féxw toîß kakíosin díkhn.
Ek. ou¢koun dikaíwß, ei¢per ei¬rgásw kaká;
Pm. oi¢moi téknwn tønd’ o¬mmátwn t’ e¬møn tálaß. 1255
Ek. a¬lgeîß; tí daí me paidòß ou¬k a¬lgeîn dokeîß;
Pm. caíreiß u™brízous’ ei¬ß e¢m’, w® panoûrge sú.
Ek. ou¬ gár me caírein crä se timwrouménhn;
Pm. a¬ll’ ou¬ tác’, h™ník’ a¢n se pontía notíß …
Ek. … møn naustoläsh¸ gñß oçrouß ¿Ellhnídoß; 1260
Pm. … krúyh¸ mèn ou®n pesoûsan e¬k karchsíwn.
Ek. pròß toû biaíwn tugcánousan a™lmátwn;
Pm. au¬tæ pròß i™stòn naòß a¬mbäsh¸ podí.
Ek. u™poptéroiß nåtoisin h£ poíw¸ trópw¸;
Pm. kúwn genäsh¸ púrs’ e¢cousa dérgmata. 1265
Ek. pøß d’ oi®sqa morfñß tñß e¬mñß metástasin;
Pm. o™ Qrh¸xì mántiß ei®pe Diónusoß táde.
Ek. soì d’ ou¬k e¢crhsen ou¬dèn w©n e¢ceiß kakøn;
Pm. ou¬ gár pot’ a£n sú m’ ei©leß w©de sùn dólw¸.

Testimonia: 1254 ei¢per – kaká schol. T Il. 13,153 1261 karchsíwn ~Hesychius
K 950 1265 Tzetzes in Lycophronem 315 1265 dérgmata Hesychius D 666
Imitatio: 1258 Ennius Hec. fr 219 Warmington = 86 Jocelyn

Papyri: P2(1252–69), P10(1256–69)


Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz
1254 e™k. PZs : nulla nota in S : a¬g. rell. ei¢rgasai schol. Il. kaká Ogr rell. :
táde LO, schol. Il. 1255 tøn d’ K1c rell. : tøn t’ OKPaVx t’ K1cLc rell. : om.
OKLRV 1256 e™k. B3 rell. : a¬g. Bac tí daí me BGKPaSaV2sxZTt : tí dé me B2V
rell. : tí d’ e¬mè F : tí dä me R : tí d’; h® ¯mè Bothe 1257 caíreiß rell., schol. V : -
oiß ARwSSaxZbZu : ]cˆ P10 : -e[ P2 : -ein SsSas 1258 crä A1RacZc rell. : crñn
MBOAacPrRsVZbZcs 1260 naustoläsh¸ Pa rell. : -sei ParPrRSSaV 1261 krúyh¸
Pa rell. : -ei GPParRwSaZu 1263 naòß P10 MRSaVTt rell. : nhòß
GKLPZcZmZuT et R Sa V : neϧ M2
z s s s
a¬mbäsh¸ BacP1 rell. : e¬mb-
MB OAPPrRfRwSSaV, schol. V : e¬kb- F 1265 gennäsh¸ ZbZcTz
3
púrs’ vel
pûrs’ Rw1 rell., Tzetzes : pûr MRwac 1266 d’ om. LPax 1267 diónusoß ei®pe
P10 RfSSa 1268 ou¬dèn om. GRf, add. Gs post soì
Verse 1252–1269 245

Plm. Weh mir, von einer Frau, so wie es scheint, besiegt,


von einer Sklavin, werde ich durch Schlechtere bestraft.
Hek. Doch wohl mit Recht, wo du doch Böses tatest?
Plm. Weh mir, ich Armer, meine Kinder hier und meine Augen! 1255
Hek. Du leidest? Was glaubst du bloß, ich litte nicht an meines
Kindes Tod?
Plm. Du freust dich noch an deiner Untat gegen mich? O du
Verbrecherin!
Hek. Soll ich mich denn nicht freuen, weil ich Rache nahm an dir?
Plm. Doch bald nicht mehr, wenn dich die Meeresflut …
Hek. … nicht etwa mit dem Schiff zu Hellas’ Grenzen bringt? 1260
Plm. … in sich verbirgt, wenn du vom hohen Mastbaum fällst.
Hek. Was bringt mich zu dem gewaltsamen Sprung?
Plm. Du selbst steigst mit dem Fuß hinauf zum Mast des Schiffes.
Hek. Mit Flügeln auf dem Rücken oder wie denn sonst?
Plm. Zur Hündin wirst du werden mit feuerrotem Blick. 1265
Hek. Wie weißt du die Verwandlung meiner Form?
Plm. Der Thraker Seher Dionysos hat mir dies gesagt.
Hek. Dir hat er nichts geweissagt von dem Unglück, das du hast?
Plm. Dann hättest du mich nie so überlisten können.
246 Exodos (1035–1295)

Ek. qanoûsa d’ h£ zøs’ e¬nqád’ e¬kpläsw fátin; 1270


Pm. qanoûsa· túmbw¸ d’ o¢noma sø¸ kekläsetai …
Ek. morfñß e¬pw¸dòn mä ti tñß e¬mñß e¬reîß;
Pm. … kunòß talaínhß sñma, nautíloiß tékmar.
Ek. ou¬dèn mélei moi soû gé moi dóntoß díkhn.
Pm. kaì sän g’ a¬nágkh paîda Kassándran qaneîn. 1275
Ek. a¬péptus’· au¬tø¸ taûta soì dídwm’ e¢cein.
Pm. kteneî nin h™ toûd’ a¢locoß, oi¬kouròß pikrá.
Ek. mäpw maneíh Tundarìß tosónde paîß.
Pm. kau¬tón ge toûton, pélekun e¬xáras’ a¢nw.
Ag. ou©toß sú, maính¸ kaì kakøn e¬râ¸ß tuceîn; 1280
Pm. kteîn’, w™ß e¬n ºArgei fónia loutrá s’ a¬mménei.
Ag. ou¬c eçlxet’ au¬tón, dmøeß, e¬kpodœn bía¸;
Pm. a¬lgeîß a¬koúwn;
Ag. ou¬k e¬féxete stóma;
Pm. e¬gklä¸et’· ei¢rhtai gár.

Testimonia: 1277 oi¬kouròß ~Eustathius Il. 222,29 1281 schol. MBCV Eur. Or.
367

Papyrus: P2(1271–80)
Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZmZu, Tz
1270 fátin Weil : bíon codd. : pótmon Musgrave : móron Brunck 1271 sø¸
P2BAGK1LRsSsV2sZacZbZcZu1Tz : sòn GsKacRSVZ2ZuacTt rell. 1272 mä ti P2 : h¢
ti codd., schol. V 1274 mélei P2Tzpc rell. : méllei FRRfZbTzac gé moi rell. : g’
e¬moì SSaZb : P2 dubium 1275 kassándran MBOKPPaPrRw1Z : kas- P2 Rw
rell. : kassándra F 1276 au¬tø¸ P2 Rfc rell. : -twn PPrRfacSa taûta soì vel
taûtá soi codd. : soi P2 1277 kteneî P2 rell. : ktaneî S : ktaneîn Sa 1279 ge
LYn et fortasse P2 : se Sac rell., schol. M : dè GKPaRwS1VxTz : te RSa : om.
schol. aliud MBV 1280 a¬g. B1A1S1 rell. : e™k. BacAacSacX : e™k. a¬g. Rf
1281 a¬mménei L T : a¬nam- LacTt rell., schol. Or. : a¬nameneî M 1283 e¬féxete R
c z

rell. : e¬félxete SZb : a¬féxete FPrRf : a¬félxete Sa : e¬frágxete Rgr


1284 e¬gklä¸et’ Dindorf : e¬gkleíet’ MBRRfsSa rell. : e¬gkleíetai GRf : piézete
MgrBgrR2gr : -tai Sagr
Verse 1270–1284 247

Hek. Tot oder lebend werde ich dort den Spruch erfüllen? 1270
Plm. Tot, und dein Grab wird den Namen tragen ...
Hek. Nach meiner Gestalt benannt meinst du doch nicht?
Plm. ... der armen Hündin Denkmal, Seefahrern ein Zeichen.
Hek. Mich kümmert es nicht, weil du mir ja gebüßt hast.
Plm. Auch deine Tochter Kassandra muss sterben. 1275
Hek. Da speie ich aus und wünsche es dir selber.
Plm. Es wird sie töten dieses Mannes Frau, die zu Hause hockt, die böse.
Hek. Tyndareos’ Tochter möge nie so wüten.
Plm. Und ihn selbst dazu, das Beil hoch erhoben.
Ag. Du da, du rast, bist darauf aus, dass es dir schlecht geht. 1280
Plm. Schlag mich nur tot, denn in Argos erwartet dich ein
mörderisches Bad.
Ag. Wird’s bald, ihr Diener? Schleppt mit Gewalt ihn weg!
Plm. Tut es dir weh, wenn du es hörst?
Ag. Los, haltet ihm den Mund zu!
Plm. Schließt ihn nur zu! Es ist gesagt!
248 Exodos (1035–1295)

Ag. ou¬c oçson tácoß


näswn e¬rämwn au¬tòn e¬kbaleîté pou, 1285
e¬peíper ouçtw kaì lían qrasustomeî; –

¿Ekábh, sù d’, w® tálaina, diptúcouß nekroùß


steícousa qápte. – despotøn d’ u™mâß creœn
skhnaîß pelázein, Trw¸ádeß· kaì gàr pnoàß
pròß oi®kon h¢dh tásde pompímouß o™rø. – 1290

eu® d’ e¬ß pátran pleúsaimen, eu® dè ta¬n dómoiß


e¢cont’ i¢doimen tønd’ a¬feiménoi pónwn.

Co. i¢te pròß liménaß skhnáß te, fílai,


tøn desposúnwn peirasómenai
mócqwn· sterrà gàr a¬nágkh. 1295

Testimonia: 1291 – pleúsaimen Eustathius Il. 188,23 1294 desposúnwn


Eustathius Il. 918,49

Codices: MBO, AFGKLPPaPrRRfRwSSaV, x = XXaXb, z = ZZbZcZm Zu, Tz


1285 pou RsV2Tt rell. : poi OGKRVZcTz : [Rw] 1293 liménaß te RfSSa
1295 stereà ZbZc Subscriptio téloß eu¬ripídou e™kábhß BOAFKLPaRRwSSa :
t- e™k- MVZcZm : eu¬r- e™kábh Ttir : eu¬r- drámatoß e™k- téloß Z : t- dr- eu¬r- e¬k-
Zb : t- eu¬r- toû perì tñß e™k- dr- Rf2 : nulla subscriptio in GPPrRfxZu
Verse 1284–1295 249

Ag. Schnell weg mit ihm,


setzt irgendwo ihn aus auf einer unbewohnten Insel, 1285
weil er so übermäßig freche Reden hält! –

Hekabe, du Unglückliche, geh und begrabe


die beiden Toten! – Ihr müsst zu den Zelten
eurer Herren gehen, Troerinnen, denn ich spüre jetzt diese Winde,
die uns nach Haus geleiten sollen. – 1290

Gut mögen wir zur Heimat segeln, gut auch alles in der Heimat
finden, von diesen Mühen hier befreit.

Cho. Geht zum Hafen, ihr Lieben, geht zu den Zelten,


zu erproben die Mühen der Knechtschaft,
denn hart ist die Notwendigkeit. 1295
Kommentar
Bemerkungen zu den Argumenta

Solche einführenden Texte, die man u™poqéseiß oder „argumenta“, also


„zugrunde liegende Stoffe“ oder „Inhaltsangaben“ nennt, wurden den Tra-
gödientexten in den mittelalterlichen Handschriften beigegeben. Einige
von ihnen gehen auf die Antike zurück, so auch die beiden hier abgedruck-
ten Texte, die zugleich Beispiele für zwei verschiedene Typen solcher
Einführungen sind. Mehr hierzu bei Zuntz (1955) 129–46.

Der erste, längere Text gibt einen kurzen Bericht, und zwar nicht über die
Handlung des Stückes, sondern über den ihm zugrundeliegenden Sagen-
stoff, allerdings recht ungenau und nur in großen Zügen. Manches, was für
die Handlung weniger wichtig ist, bleibt unerwähnt, so die Rolle des Odys-
seus und der Opferentschluss der Polyxene in der ersten Dramenhälfte
ebenso wie die Rolle Agamemnons als Schiedsrichter zwischen den strei-
tenden Parteien in der zweiten. Texte dieser Art und Ausführlichkeit gibt
es zu vielen der in den mittelalterlichen Handschriften überlieferten Stü-
cke, aber auch, wie Papyrusfunde gezeigt haben, zu Stücken, die uns verlo-
ren gegangen sind. Solche Texte sind in gewähltem Stil und rhythmischer
Prosa verfasst und gehen, wie es scheint, auf ein in der späteren Antike
verbreitetes Buch zurück, das eine ähnliche Funktion wie ein moderner
Opernführer hatte, also die Möglichkeit einer raschen Information über den
Stoff eines Stückes bot. Zum Stil dieser Einführungen J. Diggle,
Rhythmical Prose in the Eur. Hypotheses, Studi e Testi di Papirologia, N.
S. 7, Florenz 2005, 27–67.
Da die einführenden Texte in mehreren der besseren Handschriften
fehlen und in anderen mit den ersten Blättern verloren gegangen sind, muss
man sich hier auch auf weniger wertvolle Handschriften stützen. Das hat
zur Folge, dass in diesen Texten, deren Wortlaut nicht der Kontrolle durch
die alexandrinischen Philologen unterlag, die Varianten besonders zahl-
reich sind.

II

Der zweite, kürzere Text dürfte der Rest einer knappen Einführung in die
Handlung sein, wie es sie auch zu mehreren anderen Stücken gibt. Solche
254 Kommentar

Einführungen pflegen eine kurze Inhaltsangabe zu bieten, die meist nur


einen Satz umfasst, nennen das Aufführungsdatum und den Erfolg des
Stückes beim tragischen Wettkampf und informieren auch über die Be-
handlung des gleichen Stoffes bei anderen Tragikern. Ferner wird der Ort
der Handlung angegeben, ebenso wie die Zusammensetzung des Chores
und der Name des Prologsprechers. Diese Texte dürften auf den bedeu-
tenden Grammatiker Aristophanes von Byzanz zurückgehen, der zu An-
fang des 2. Jh. v. Chr. Leiter der Bibliothek von Alexandria war.

4 Ein solcher Hinweis auf Gestaltungen des Stoffes bei anderen Tra-
gikern findet sich häufig in den einführenden Texten, die auf Aristophanes
von Byzanz zurückgehen. Darum wurde dieser Satz mit Recht von
Wilamowitz aus den Scholien zu V. 1 an diese Stelle versetzt.
5–7 Das Verzeichnis der auftretenden Personen gehört noch heute zu
den üblichen Beigaben am Anfang eines Dramentextes. Ich folge denje-
nigen Handschriften, welche die Personen, wie sonst meist üblich, in der
Reihenfolge ihres Auftretens nennen (AGPPaxTt). In anderen Hand-
schriften finden sich andere Reihenfolgen, deren Sinn sich nicht erkennen
lässt.

III

Der dritte Text, der sich nur in wenigen Handschriften findet, ist eine kurze
Inhaltsangabe in zwölfsilbigen Versen, die aus einer späteren Zeit stam-
men, in der man nur noch auf die Zahl der Silben, aber nicht mehr auf ihre
Quantitäten achtete. Ein ähnlicher, aber längerer Text findet sich unter den
Argumenta zu Sophokles’ Philoktet.
1–58 Prologrede 255

1–58 Prologrede

Das Stück beginnt wie alle erhaltenen Dramen des Eur. mit Ausnahme der
Iph.A. mit einer Prologrede. Während Geistererscheinungen in der Tragö-
die auch sonst vorkommen (Aisch. Pers., Eum.), ist der Auftritt eines Geis-
tes als Sprecher der Prologrede in den erhaltenen Dramen ohne Parallele.
Unmittelbares Vorbild dürfte die verlorene Polyxene des Soph. gewesen
sein, wo der Geist des toten Achilleus auftrat, vielleicht ebenfalls als Pro-
logsprecher; vgl. V. 37, 109–15. Unser Prolog ähnelt den bei Eur. nicht
seltenen Götterprologen vor allem darin, dass der Geist wie ein Gott Zu-
kunftswissen besitzt. Dies zeigt sich besonders in V. 42–52, wo er voraus-
sagt, dass seine Schwester Polyxene am gleichen Tag sterben wird und
dass er selbst ein Grab erhalten wird. Es geht Polydoros nur um sein Be-
gräbnis, nicht darum, dass sein Mord gerächt wird. Die wichtigste Funkti-
on der Prologszene ist es, die beiden Teilhandlungen, Polydoros– und
Polyxene–Handlung, fest zu verknüpfen und den emotionalen Höhepunkt
des Stückes vorzubereiten, nämlich die Auffindung der Leiche des Sohnes
genau in dem Augenblick, als Hekabe die Bestattung der Tochter vorberei-
ten will.
Die bei Eur. üblichen langen Prologreden, in denen die Vorgeschichte
der Handlung erzählt wird, wurden oft als undramatisch empfunden. Man
stellte ihnen gern die Prologe des Soph. gegenüber, die meist Dialogform
haben und in denen der Zuhörer die für das Verständnis der Handlung
erforderlichen Informationen gleichsam unvermerkt erhält. Auch die in den
Götter- und Geisterprologen bei Eur. erfolgenden Vorausblicke auf den
Handlungsverlauf wurden kritisiert, weil sie dem Publikum schon zu viel
verrieten und ihm dadurch die Spannung nähmen. Hierzu grundsätzlich
Erbse (1984) 1–20, zum Prolog der Hek. ebendort 48–59. Er verweist auf
die treffenden Ausführungen Lessings im 48. und 49. Stück der Hamburgi-
schen Dramaturgie, der auch den Prolog der Hek. würdigt.
Zur Erscheinung des Polydoros ferner Wilamowitz (1931) 1, 371 Anm.
1, der auf Grund von V. 71 melanopterúgwn und 705 melanópteron
annimmt, dass Eur. sie sich als „ein Traumgebilde mit schwarzen Flügeln“
vorstellte. S. auch zu V. 71.
1–4 Der Sprecher stellt sich vor, indem er Namen, Abstammung und
Herkunftsort nennt. Man kann einen solchen Beginn mit einer direkten
Hinwendung zum Publikum kunstlos finden, er hat aber den Vorteil, dass
der Zuschauer die nötigen Informationen rasch erhält.
1–2 hçkw … lipån: „Ich kam, … verlassend“. Formelhafte Wendung
in Eingangsversen auftretender Personen, besonders von Göttern oder
256 Kommentar

Geistern; vgl. Tro. 1; Ba. 1, 13; ähnlich Andr. 1232; hçkw auch Ion 5;
Aisch. Pr. 284. Wichtig als Vorbild für unsere Stelle ist Soph. Polyxene F
523 TrGF, wo offenbar der dem griechischen Heer erscheinende Geist des
Achilleus den Prolog spricht.
1 keuqmøna: „das Tal“, wörtlich „Versteck“, Höhle“; vom Erdinne-
ren Hesiod Theogonie 158; vom Tartaros Aisch. Pr. 220; ähnlich Soph.
Ant. 818 (keûqoß nekúwn).
skótou: skótoß kann Maskulinum oder Neutrum sein, doch scheint in
der Tragödie nur das Maskulinum gebräuchlich zu sein. Darum ist
skótouß als Genetiv des Neutrums hier nicht möglich. Vgl. auch V. 831.
2 cwrìß … qeøn: „abseits von den Göttern“. Gemeint sind die himm-
lischen Götter (ou¬ranídai) im Unterschied zu den unter der Erde wohnen-
den Unterweltgöttern (oi™ u™pò gaíaß). Vgl. V. 49, 146f., 791.
3 ‘Ekábh (Hekabe) ist hier Tochter des Kisseus, während sonst meist
Dýmas als ihr Vater gilt (Ilias 16,718, vgl. auch die Scholien zur Stelle).
Zwar lässt sich der Name Kisseus als „Efeumann“ deuten, und zwar ist der
Efeu (kissóß) dem Dionysos heilig, aber allein dadurch wird Hekabe wohl
kaum mit dem Bereich des Dionysischen in engere Verbindung gebracht,
wie Schlesier (1988) 111f. zu meinen scheint. Dass dieser Kisseus ein
Thraker war, wie sie vermutet, ist nicht sicher, aber nicht auszuschließen.
Zwar ist Ilias 11,223 ein Thraker Kissés erwähnt, doch ob der hier genann-
te Kisseus mit diesem Kisses identisch sein soll, wie Servius (zu Aeneis
10,705) annimmt, wissen wir nicht. (Auch bei dem König Kisseus, dem
Gegenspieler des Helden des Archelaos, ist es zwar möglich, aber nicht
sicher, dass es sich um einen Thraker handelt.) Deswegen gibt es keine
verlässlichen Anhaltspunkte für die Richtigkeit von Schlesiers Vermutung,
dass wegen der Abstammung vom gleichen Volk eine Affinität zwischen
dem grausamen Handeln Polymestors und dem Hekabes bestehe. Rätsel-
haft ist der Vers Aisch. F 341 TrGF, wo Kisseus möglicherweise als Bei-
name des Apollon erscheint; vgl. Radt im Apparat hierzu.
4 Frugøn pólin: „der Phryger Stadt“. Troer/Trojaner und Troerin-
nen/Trojanerinnen (Trø¸eß, Trw¸ádeß) werden in der Tragödie oft auch mit
dem Namen der späteren Bewohner der Troas Frúgeß genannt, die Stadt
Troía auch ºIlion, wie in V. 11.
Nunmehr geht Polydoros unmerklich zur Erzählung seines Schicksals
über und informiert den Zuschauer zugleich über die Vorgeschichte der
ersten Teilhandlung (4–30).
5 dorì … ¿Ellhnikø¸: „durch den Hellenenspeer“. Die Griechen wer-
den in der Tragödie entsprechend der homerischen Tradition ¯Acaioí,
¯Argeîoi, Danaoí oder auch Danaýdeß genannt. Hinzu kommt jetzt
÷Ellhneß, das in der Ilias fast nie als Gesamtname der Griechen verwendet
wurde, sondern meist nur als Bezeichnung der Bewohner des südlichen
1–58 Prologrede 257

Thessalien. In der Odyssee wird das ganze griechische Festland nördlich


der Peloponnes ‘Elláß genannt. Hesiod (Erga 653) spricht zuerst von
‘Elláß als dem Land der Völker, die gegen Troja ins Feld zogen. In den
Katalogen wird ÷Ellhn als Ahnherr aller griechischen Stämme genannt
(Hes. fr. 2–4 und 9 M.-W.). Zu Einzelheiten s. die Artikel ‘Elláß und
÷Ellhneß (B. Mader) sowie Panéllhneß (V. Langholf) im Lexikon des
frühgriechischen Epos.
6 Gregory verweist auf den ähnlichen Fall des Iphidamas, der Eur.
vielleicht zu seiner Erfindung angeregt hat. Dieser war ein Sohn des
Antenor und der Theano, der bei seinem Großvater Kisses in Thrakien
aufwuchs, dann aber doch am Krieg teilnahm und von Agamemnon getötet
wurde (Ilias 11,221–47).
7 Qrh¸kíou: Überall in der Tragödie werden nicht die attischen For-
men Qr⸸x, QrḸkioß verwendet, sondern die ionischen Formen Qrñ¸x,
Qrä¸kioß; vgl. Björk (1950) 244.
xénou „des Gastfreunds“. Ein ‚Leitmotiv‘ in der Polymestor-Handlung,
in der es um eine schwere Verletzung des Gastrechts und um ihre Bestra-
fung geht. Hierauf wird im folgenden immer wieder Bezug genommen (V.
19, 26, 82, 710, 715, 774, 781, 790, 794, 852, 1047, 1216, 1244).
8 tänd’: „dies“ wurde von Hermann vorgeschlagen. Es wird meist in
den Text aufgenommen, weil es sinnvoll ist, am Anfang eines Stückes den
Ort der Handlung früh zu bestimmen. Würde das überlieferte tæn beibehal-
ten, erfolgte die Ortsbestimmung erst in V. 33. Allerdings ist anzumerken,
dass auch anderswo die Festlegung des Ortes recht spät erfolgt (z. B. Hkld.
32f., Iph.T. 30, Or. 46, Kykl. 20).
a¬rísthn: „reiche“, wörtlich „sehr gute“. Hierdurch wird in traditionel-
ler Weise die besondere Fruchtbarkeit dieses Landes hervorgehoben; vgl.
Ilias 20,485 Qrä¸khß e¬ribålakoß.
Cersonhsían: „die Chersonēs“: Das Stück spielt auf der thrakischen
Chersones, also der Halbinsel Gallipoli nördlich des Hellesponts, während
der traditionelle Ort des in V. 37 erstmals erwähnten Grabmals des Achil-
leus in der Ebene von Troja auf der Südseite der Meerenge ist. Die Hand-
lung setzt aber voraus, dass das Grabmal ohne Mühe und jedenfalls ohne
die Benutzung von Schiffen vom ganzen Heer erreicht werden kann.
Delebecque (1951) 161f. meint, diese Diskrepanz lasse sich durch die Ent-
stehungsgeschichte des Stückes erklären. Eur. habe zunächst die Polyxene-
Handlung konzipiert und diese auf der asiatischen Seite lokalisiert. Dann
habe er die Polydoros-Handlung hinzugefügt, die eine Lokalisierung auf
der europäischen Seite verlange. Das ist möglich, aber nicht beweisbar.
Die Zuschauer jedenfalls dürften dem Eur. seine Unbekümmertheit in geo-
graphischen Dingen ebensowenig übel genommen haben wie das Publikum
von Shakespeares Wintermärchen seinem Dichter die Ortsangabe „Bohe-
258 Kommentar

mia, a desert country near the sea“. Die Odyssee lokalisiert übrigens das
Grab des Achilleus ganz allgemein auf einer Landspitze am Hellespont,
macht aber keine Aussage darüber, auf welcher Seite es liegt (24,82). Ver-
gil Aeneis 3,322 lokalisiert den Grabhügel „Troiae sub moenibus altis“.
Ovid Metamorphosen 13,439–44 verlegt die Erscheinung des Achilleus
nach Thrakien, macht allerdings wie Eur. keine genaue Angabe darüber,
wo sich sein Grab befindet.
pláka (zu pláx); „Land“, wörtlich „Ebene“. Schol.: cåran „Land”
mit Hinweis auf Stheneboia F 661, 3 TrGF plousían a¢roi pláka.
9 fílippon: „Rosse liebend“. Die Thraker galten schon bei Homer als
ein Volk von Pferdezüchtern: Ilias 13,4 e¬f’ i™ppopólwn Qrh¸¸køn. Vgl.
auch V. 428, 710; ferner Soph. Tereus F 582 TrGF çHlie filíppoiß
Qrh¸xì présbiston sélaß (sébaß Bothe).
dorí „mit seinem Speere“. Wohl nicht „an early indication of Polym.’s
violent nature“ (Collard). Der Speer ist als Symbol der Königsherrschaft zu
verstehen wie Hipp. 975 ei¬ß oçrouß gñß h©ß e¬mòn krateî dóru.
10 polùn … crusòn: „viel Gold“. Damit ist ein Wort gefallen, das
im folgenden noch elfmal wiederkehrt und so ebenfalls zu einem ‚Leitmo-
tiv‘ wird (V. 25, 27, 712, 772, 775, 994, 1002, 1148, 1219, 1231, 1245).
Das mitgegebene Gold wurde Polydoros zum Verhängnis, die Gier nach
Gold wird auch Polymestor vernichten.
Zum Goldreichtum der Troer vgl. V. 492; Iph.A. 74.
e¬kpémpei: wörtlich „schickt hinaus“, historisches Präsens, wie öfters
im folgenden (21 a¬póllutai, 23 pítnei, 25 kteínei), davon abhängig Fi-
nalsatz im Optativ, wie nach Vergangenheitstempora (içn’ … ei¢h).
12 spániß bíou: „Mangel an Lebensunterhalt“. bíoß „Leben“ be-
zeichnet hier wie oft die Mittel, die der Mensch für sein Leben braucht;
vgl. Hik. 450f., 861.
13 neåtatoß: „der jüngste“. Eur. dürfte angeregt sein durch Ilias
20,407–18, wo es heißt, dass Priamos seinen jüngsten und liebsten Sohn
Polydoros (der dort übrigens nicht von Hekabe, sondern von Laothoe
stammte: 22,46–48) vom Kampf fernhalten wollte, dieser aber trotzdem
gegen Achilleus antrat und von ihm getötet wurde.
h®: „ich war“. In den Hss. ist einheitlich h®n überliefert. Die ältere atti-
sche Form war jedoch h®, wie Didymos in schol. Sa bemerkt. Darüber, ob
man die ältere Form herstellen oder sich an die Überlieferung halten sollte,
wird viel diskutiert; vgl. Barrett zu Hipp. 700; Kannicht zu Hel. 992; Ste-
vens zu Andr. 59. h®n ist jedenfalls um der Hiatvermeidung willen überall
dort zu halten, wo ein vokalisch anlautendes Wort folgt. Das ist aber an
keiner Stelle des Vorkommens der Form in der Hek. (hier und V. 15, 284,
354, 809) der Fall, darum setze ich h® wie die anderen Herausgeber.
oÇ kaì für di’ oÇ kaì: „weswegen auch“; wie Phön. 155, 263.
1–58 Prologrede 259

14f. Der gleiche Gedanke auch Ilias 11, 710 (von den jungen
Molionen), 719 (von Nestor).
ou¢te … oçpla ou¢t’ e¢gcoß: weder Verteidigungswaffen (wie die Rüs-
tung) noch Angriffswaffen (wie den Speer). So schol. rec. (fulaktäria –
a¬muntäria), anders allerdings das lückenhafte schol. V, wo es anscheinend
heißt, dass mit oçpla zunächst ein allgemeiner Begriff gegeben wird, der
dann durch e¢gcoß präzisiert wird.
15 Eines der Beispiele für die seltene Hauptzäsur in der Mitte des
Verses (Mitteldihärese), deren Zulässigkeit von manchen bestritten wird.
Sie wird jedoch in der Tragödie gelegentlich verwendet. Die Gliederung
des Verses in zwei bald antithetische (wie in V. 321), bald parallele Hälf-
ten (wie in V. 879) ermöglicht oftmals besonders eindrucksvolle Formu-
lierungen mit gnomischem Charakter (wie in V. 958). Weitere Beispiele V.
37, 221, 232, 265, 272, 301, 387, 414, 497, 523, 603, 823, 979, 1110,
1125, 1133, 1159, 1169, 1204, 1242. In solchen Fällen kam es oft zu unnö-
tigen Änderungen des Textes, nicht jedoch an dieser Stelle. Zum Problem
ausführlich Goodell (1906); Stephan (1981); anders Basta Donzelli (1987).
Nach Stephan besteht ebenso wie bei anderen Zäsuren kein grundsätzlicher
Unterschied zwischen Fällen, wo eine Elision den Einschnitt ‚mildert‘, und
solchen, wo dies nicht der Fall ist.
h®: s. zu V. 13.
16–18 Vgl. V. 1208–10; Ilias 12,10–12.
16 o™rísmata: „Grenzen, Gebiet”, wie lat. „fines“, sicher nicht
„Grenzsteine“. Ähnliche Formulierungen: V. 963 Qrä¸khß oçroiß; Hipp.
1159 (térmonaß), 1459. Scaligers Änderung e¬reísmara „Bollwerke“ ist
unnötig.
17 Trwïkñß … cqonòß: eigentlich „des Troischen Landes“, neben
púrgoi ist aber zweifellos die Stadt Troja gemeint; vgl. Phön. 72; Soph.
Ant. 368; Öd.K. 1348.
19 Qrh¸kì: „dem Thraker“, s. zu V. 7.
xénw¸: Das besser belegte xénw¸ betont, dass Polymestor mit dem Haus
des Priamos durch das Band der Gastfreundschaft verbunden ist. Die Ver-
letzung des Gastrechts ist das Verbrechen, für das Polymestor denn auch
bestraft werden wird; s. zu V. 7. Bei fílw¸ „beim Freund“ würde der Hin-
weis auf diesen wichtigen Sachverhalt unterbleiben. fílw¸ ist wohl nur eine
scheinbare Variante, in Wahrheit jedoch eine Glosse zu xénw¸.
20 wçß tiß ptórqoß: „wie ein Schössling“. Bei Homer wird ein junger
Mensch öfters mit einem jungen Baum verglichen: Ilias 17,53–59
(Euphorbos), 18,56 (Achilleus); Odyssee 14,175 (Telemachos), implizit
auch 6,160–63 (Nausikaa). Der Vergleich hebt auch hervor, dass Polydoros
gut versorgt wurde und gedieh, solange Troja noch unversehrt war, im
Gegensatz zu seinem späteren Schicksal.
260 Kommentar

tálaß: „ich Armer“, Äußerung des Selbstmitleids wie V. 25, 233,


812f., 1074, 1106, 1167.
21f. ÷Ektoroß yucæ: „Hektors Leben“, wörtlich „Hektors Seele“:
Umschreibung des Namens; ähnlich auch in V. 87 bei Helenos.
22 e™stía: „der Herd“, gemeint ist das Haus. Synekdoche, der wich-
tigste Teil steht für das Ganze.
23f. In der überlieferten Inhaltsangabe des im übrigen verlorenen
nachhomerischen Epos Iliupersis heisst es: Neoptólemoß mèn a¬pokteínei
Príamon e¬pì tòn toû Diòß toû e™rkeíou bwmòn katafugónta (Proclus
Chrestomathia p. 62, 19f. EGF ed. Davies). So auch Tro. 16f., 481–83;
Vergil Aeneis 2,547–58; etwas anders Kleine Ilias fr. 17, p. 58 EGF. Die
Tötung des Priamos am Altar wird oft auf Vasenbildern dargestellt.
23 au¬tòß: „er selbst“, nämlich mein Vater. Das Bezugswort patär ist
in V. 22 patrå¸a e™stía „der väterliche Herd“ enthalten.
qeodmätw¸: „von Göttern erbauten“, nämlich von Poseidon und
Apollon, den Erbauern der Mauern Trojas (schol. V; vgl. auch Ilias 7,448–
53, 8,519; Tro. 4–6); so wohl auch Hipp. 974, Andr. 1263, Iph.T. 1449;
vielleicht aber auch „für den Gott erbaut“, in diesem Fall für Zeus
Herkeios, darum unter dem besonderen Schutz des Gottes. liqodmätw
„aus Stein erbauten“ wäre jedenfalls eine Banalisierung; vgl. Page (1934)
100.
24 sfageìß: „geschlachtet“, ein starker Ausdruck, weil das Wort
sfáttein sonst für die rituelle Opferung von Tieren verwendet wird.
Acilléwß paidòß e¬k: „durch den … Sohn des Achilleus“: gemeint ist
Neoptolemos. -léwß ist einsilbig (in Synizese) zu lesen.
miaifónou: „mordbefleckten“. Die Tötung eines Altarflüchtlings war
ein schweres religiöses Vergehen; schol. MV: e¬så¸zonto gàr oi™ kata-
fugónteß e¬n i™erø¸ h£ bwmø¸ i™kétai.
25f. kteínei … kaì ktanœn: Durch die Wiederaufnahme des Verbs
(im Partizip) wird das Verbrecherische der Tat betont; vgl. Her. 33; ähn-
lich Phön. 22.
26 e¬ß oi®dm’ a™lòß: „in den Schwall des Meeres“, wörtlich „ des Sal-
zes“. Ennius Hecuba fr. 202 Warmington = 88 Jocelyn übersetzt mit
„undantem salum“.
27 içn … e¢ch¸: „damit er … hätte“. Konjunktiv (statt eines zu erwar-
tenden Optativs) im Finalsatz, der einem Hauptsatz in einem Vergangen-
heitstempus untergeordnet ist. Die Absicht wird als noch fortdauernd auf-
gefasst; KG 2, 380f. Der Optativ w™ß e¢coi findet sich dagegen in V. 713.
28–32 Das „ich“ in keîmai bezieht sich auf den Leichnam des
Polydoros, während sich das „ich“ in 31 a¬íssw søm’ e¬rhmåsaß e¬món auf
seinen Geist bezieht. Dieser etwas verwirrende Wechsel der Perspektive
wird sich in V. 47–54 wiederholen.
1–58 Prologrede 261

28 a¢llot’: „bald – bald“. Dem a¢llot’ im zweiten Glied müsste ein


anderes a¢llote im ersten Glied entsprechen, das aber, wie oft, fehlt. Vgl.
Soph. El. 752; ähnlich auch V. 1162 ai™ dè.
29 diaúloiß: „Brandungswellen“. Das Wort bedeutet eigentlich
„Doppelflöten“, doch wird auch der Hin- und Rückweg bei Läufen oder
Pferderennen so genannt (El. 824f.), hier das Hin- und Zurückströmen der
Brandung; schol. MV: e¬ntaûqa ka¬keîse u™pò tøn kumátwn foroúmenoß.
Vgl. auch Tro. 435, wo das Wort die Strömungen des Wassers in der Höhle
der Charybdis bezeichnet.
Der Ausdruck dient wohl kaum zur Bezeichnung des Gezeiten-
wechsels; dazu R. Böker, Kl. P. 2,794: „Das Gezeiten-Phänomen ist im
Mittelmeer im allgemeinen schwach ausgeprägt“.
30 a¢klautoß a¢tafoß: “unbeweint, unbestattet”: asyndetisches
Dikolon mit Alliteration; häufig verwendete Formel: Soph. Ant. 29; ähn-
lich Ilias 22,386; Odyssee 11,72; Vergil Aeneis 11,372.
Laut geäußerte Trauerbekundungen waren ein fester Bestandteil der
Bestattungsriten. Ihr Ausbleiben stellte für den Toten eine schwere Krän-
kung dar. Das Ausbleiben der Bestattung hinderte seine Seele daran, in den
Hades einzugehen; vgl. Ilias 23,71–74.
30 nûn–34 Erst jetzt werden Zeit und nähere Umstände der Handlung
bestimmt: Der Geist des Polydoros ist Hekabe als Traumbild erschienen,
die sich seit drei Tagen mit dem heimkehrenden Griechenheer auf der thra-
kischen Chersones befindet.
u™pèr mit Gen.: „über“ oder „am Kopfende von“, von derartigen Er-
scheinungen von Traumbildern und Geistern auch V. 37, 93; ferner Ilias 2,
20 u™pèr kefalñß; Or. 676.
31 a¬íssw: „schwirre umher“, wörtlich „bewege mich rasch”, von
Geistern der Toten auch Odyssee 10,495.
32 tritaîon h¢dh féggoß: „den dritten Tag“, wörtlich „das dritte
Licht“; vgl. Hipp. 275 tritaían … h™méran.
ai¬wroúmenoß: „schwebend“. Die Verwendung des Wortes sollte nicht
zur Annahme verführen, dass für den ‚Auftritt‘ des Geistes unbedingt ein
Kran (ai¬århma) benutzt worden sein müsse. Hierzu Hourmouziades
(1965) 160; Bremer (1971) 234 Anm. 2; Gregory (1999) 46; Lane (2007).
Da es die von Pollux 4,132 erwähnte Öffnung im Bühnenfussboden, die
sogenannten Carånioi klímakeß, im 5. Jh. sicher noch nicht gegeben hat,
kommen wohl nur zwei Möglichkeiten in Frage, nämlich der Auftritt auf
dem Dach der Skene und der durch eine der Parodoi. Hourmouziades und
Lane entscheiden sich wohl mit Recht für die zweite Möglichkeit. Der
Geist des Polydoros erscheint vom Meer her, also von dort, wo sein Körper
am Ufer treibt, und geht auch dorthin ab.
34 pára = párestin: „ist da“.
262 Kommentar

35–46 Polydoros begründet das Verweilen des Heeres auf der Cher-
sones und gibt damit zugleich die zur Einführung in die zweite Teilhand-
lung nötigen Informationen.
36 qássous’ e¬p’ a¬ktaîß: „sitzen … am Strand“, wie Iph.T. 272.
37f. Auf welche Weise Achilleus die Flotte zurückhält, bleibt unge-
sagt. Es muss also offen bleiben. Dass kein günstiger Fahrtwind weht,
erfahren wir erst in V. 900. Der Fahrtwind weht schließlich in V. 1289f.
Vgl. auch zu V. 111f. und Einführung S. 46f.
37 u™pèr túmbou: „über dem Grab“, s. zu V. 30.
Zur Mitteldihärese vgl. zu V. 15.
38f. stráteum’ ¿Ellhnikón … eu¬qúnontaß: „das … Griechenheer,
das … lenken will“, wörtlich „das … Griechenheer … die lenkenden“.
Wechsel von Genus und Numerus, wie gelegentlich in Dichtung und Pro-
sa; vgl. Bellerophontes fr. 286,5–9 TrGF; Soph. Ant. 1021f.; Aisch. Ag.
577–79; KG 1,53f.
e¬nalían pláthn: „übers Meer die Ruder“, wörtlich „das im Salzmeer
befindliche Ruderblatt“, poetische Synekdoche (pars pro toto) für „die
Schiffe“.
41 fílon: „liebes“: ursprünglich „eigenes“, später, und so wohl auch
hier, „liebes“, „erwünschtes“, auf prósfagma und auf géraß zu beziehen.
Die Opfergabe ist Achilleus deswegen lieb, weil er damit ein seinem Rang
entsprechendes wertvolles Stück aus der Beute (géraß) erhält; vgl. V. 115
a¬géraston „ohne Ehrengeschenk“.
Es gibt aber auch eine Sagenversion, nach der Achilleus sich so sehr in
Polyxene verliebt hatte, dass er mit Priamos über eine Vermählung mit ihr
verhandelte und eben dabei im heiligen Hain des Apollon Thymbraios
getötet wurde (schol. MV zur Stelle). Diese Version wurde bisher meist für
jünger gehalten, doch ist schon auf einigen Vasenbildern vom Anfang des
5. Jh. Polyxene zusammen mit Achilleus dargestellt; s. M. Robertson,
Ibycus: Polykrates, Troilus, Polyxena, Bulletin of the Institute of Classical
Studies 17 (1970) 11–15; Harder (1993) 179. Von irgendeiner früheren
Beziehung zwischen den beiden ist bei Eur. jedenfalls nichts spürbar.
42–52 Dass der Sprecher der Prologrede hier und in mehreren ande-
ren Fällen (Alk., Hipp., Tro., Ion, Ba, ähnlich auch Tro.) den Ausgang der
Handlung schon zu großen Teilen ‚verrät‘ und damit dem Stück seine
Spannung nimmt, wird häufig kritisiert. Lessing verteidigt diese Verfah-
rensweise des Eur. im 48. Stück der Hamburgischen Dramaturgie: „Der
tragischste von allen tragischen Dichtern ... ließ seine Zuhörer ... ohne
Bedenken von der bevorstehenden Handlung eben so viel wissen, als nur
immer ein Gott davon wissen konnte, und versprach sich die Rührung, die
er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was geschehen sollte, als
von der Art, wie es geschehen sollte.“
1–58 Prologrede 263

43–46 Polydoros präzisiert den Tag der Handlung noch weiter: Es ist
der Tag, an dem Polyxene sterben wird. Er fasst damit zugleich das Ergeb-
nis beider Teilhandlungen zusammen und setzt es in Beziehung zu Hekabe.
43 h™ peprwménh: „das Schicksal“, wörtlich „das (ihr) Bestimmte“.
Accius Hecuba fr. 481 Klotz (= 375 Warmington) veter fatorum terminus
sic iusserat ist vielleicht eine freie Übersetzung dieses Verses. Doch s.
auch zu V. 584.
44 tø¸d’ … e¬n h¢mati: „noch an diesem Tag“. Beide überlieferten
Wendungen haben die gleiche Bedeutung „an diesem Tage“, doch h®mar ist
das poetische Wort, auch ist die verschränkte Wortstellung kunstvoller; die
andere Variante ist also als Banalisierung anzusehen; vgl. Page (1934) 101.
tñ¸d’ h™méra¸ ist nicht allein schon deshalb abzulehnen, weil hier gegen das
sogenannte ‚Porsonsche Gesetz‘ verstoßen würde, nach dem im letzten
iambischen Metrum auf ein Longum in der ersten Silbe kein Wortende
folgen darf, denn die beiden Wörter bilden eine sprachliche Einheit, ein
sogenanntes ‚Wortbild‘. Das gleiche Problem in V. 624, 729.
45f. Eine solche Verwendung mehrerer Zahlwörter oder Mengen-
angaben nebeneinander ist bei griechischen Autoren beliebt; vgl. V. 123–
25, 896f.; Andr. 516f.; Or. 551; Aisch. Ag. 1456; Soph. Ant. 13f. Hier ist
sie mit der Stilfigur des Polyptoton verbunden (duoîn – dúo). Die Hervor-
hebung der Zweizahl hat hier aber eine größere Bedeutung, denn dass sich
die Schicksale von zwei Kindern Hekabes an einem Tag vollenden und ihr
Schmerz dadurch verdoppelt wird, ist das Thema des Stückes.
45 dúo nekrœ katóyetai: auch Or. 1536.
47–52 Damit leitet Polydoros wieder zu seinem eigenen Schicksal
über. Auf Grund seines Zukunftswissens, das er in ähnlicher Weise wie ein
Gott besitzt, kann er ankündigen, dass sein Leichnam am gleichen Tage zu
Füßen einer Dienerin an den Strand gespült werden wird. (Während des
Chorliedes V. 629–56 wird dies geschehen.) So wird er in die Hände seiner
Mutter gelangen, und ihm wird das gewünschte Begräbnis zuteil werden.
Dies erfolgt wohlgemerkt nicht zufällig, sondern auf Grund eines Be-
schlusses der Unterweltsgötter. Von einer gemeinsamen Bestattung der
zwei Geschwister, zu der es am Ende kommen wird, ist hier noch nicht die
Rede, sondern erst in V. 896f.
Hier redet Polydoros in der ersten Person, meint aber nicht sich als
Geist, sondern seinen Leichnam, während er in V. 52 wieder von sich als
Geist spricht. Vgl. zu V. 28–32.
48 doúlhß: Damit bereitet er den Auftritt der Dienerin in V. 658 vor.
49 toúß … kátw sqénontaß: „die Herrscher unten“, nämlich die
Unterweltsgötter; vgl. V. 2, 146f., 791.
50 Ein ‚hysteron proteron‘. Das Wichtigere, aber zeitlich Spätere
wird zuerst genannt.
264 Kommentar

51f. Wörtlich: „Meine Angelegenheit wird so sein, wie ich sie zu er-
langen wünschte.“ Zu tou¬mòn vgl. Diggle (1981) 106f.
52–54 Der durch die Erscheinung des Polydoros ausgelöste Traum
hat Hekabe aus dem Schlaf geschreckt; nun ist sie im Begriff, das Zelt zu
verlassen. Der Prologsprecher verlässt die Bühne, um einer neu auftre-
tenden Person Platz zu machen, die er benennt und damit zugleich dem
Zuschauer vorstellt; ähnlich Hipp. 51–53; Ion 76–80.
53 per⸠… póda: „sie setzt … ihren Fuߓ, genauer „sie geht hin-
durch mit dem Fuߓ; KG 1,299; vgl. auch V. 1070 pód’ e¬pá¸xaß.
u™pò skhnñß …¯Agamémnonoß: „aus Agamemnons Zelt“. u™pò skhnñß
bedeutet „unter, aus dem Zelt heraus“, ähnlich V. 665; Her. 296; Iph.T.
1256. Dagegen bedeutet u™pò skhnæn „unter, in das Zelt“. Ersteres ist sinn-
voller, da Hekabe im folgenden zweifellos ein Zelt verlässt.
Es ist umstritten, ob das den Bühnenhintergrund bildende Zelt das
Feldherrenzelt Agamemnons ist, wie der Text nahezulegen scheint, oder
nicht vielmehr nur eines seiner Zelte, nämlich das der gefangenen Frauen.
Ich neige zu letzterem; ebenso wie Mossman (1995) 49f. Denn das Zelt, in
dem später Polymestor geblendet wird, kann kaum das Feldherrenzelt sein;
hierfür sprechen auch V. 1016 und 1018. Schol. MV verstehen u¬pò
skhnñß so, dass Hekabe durch die Erscheinung verwirrt aus dem später in
V. 1016 erwähnten Zelt der Gefangenen gekommen ist, dann in das Zelt
Agamemnons auf der Suche nach Kassandra hineingegangen ist, die sie
dort nicht findet, worauf sie das Zelt wieder verlässt. Das sind aber müßige
Spekulationen, die den Zweck haben, den scheinbaren Widerspruch zwi-
schen diesen Versen und V. 1016 aufzulösen.
54 Zu diesem Vers J. Gregory, Phoenix 46 (1992) 266–69 und (1999)
zur Stelle. Sie nimmt an, dass Polydoros der Hekabe nicht im Traum er-
schienen ist, sondern dass die Nähe des Geistes und die Furcht um ihre
Tochter in ihr die Träume erregt haben, die sie in V. 72–76 erwähnt. Der
Wortlaut des Verses legt es allerdings nahe, dass er ihr tatsächlich erschie-
nen sein soll.
54a–58 Im Abgehen begrüßt Polydoros mit klagendem Ausruf (feû)
und mitleidsvoller Anrede seine Mutter, wobei er besonders bedauert, aus
welcher hohen Stellung sie infolge göttlicher Einwirkung so tief gestürzt
ist. Er stellt ihr Schicksal damit unter den Gedanken des Glückswechsels,
der im folgenden noch mehrmals anklingen wird, wobei es immer wieder
darum gehen wird, ob und wie weit die Götter hierfür Verantwortung tra-
gen (V. 349–66, 421, 488–98, 620–28, 783–86, 808–11, 956–60). Hier
stellt Polydoros nur kurz fest, dass es ein Gott war, der ihren Sturz verur-
sacht hat.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 265

55 e¬k turannikøn dómwn: wörtlich „aus königlichen Häusern“.


turannikóß hat, ebenso wie túrannoß, in der Tragödie oft keinen peiora-
tiven Sinn; vgl. V. 809.
e¬k: Die Grundbedeutung der Präposition ist „von – her“, doch kann sie
auch den Wechsel von einem Zustand in einen anderen ausdrücken; vgl.
Soph. Öd. 454 tuflòß … e¬k dedorkótoß.
56 doúleion h®mar: „den Tag der Knechtschaft“, homerische Remi-
niszenz, vgl. Ilias 6, 463 doúlion h®mar.
57 a¬ntishkåsaß: „zum Ausgleich für“, wörtlich „ein Gegengewicht
in die Waagschale legend“, vgl. Aisch. Pers. 436f., hier mit Genetiv „für“.

59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie

Auch wenn Aristoteles (Poetik 1452b 14–27) alles zum Prolog rechnet,
was vor dem Einzug des Chores stattfindet, ist es hier doch sinnvoll, die
gesamte lyrisch-anapästische Partie vom Auftritt Hekabes (V. 59) über den
des Chores (98) bis hin zum Schluss der Monodie Polyxenes (215) als
Einheit zu behandeln. So auch Schadewaldt (1926) 16: „Als einheitliche
Form haben wir die lyrischen Eingangspartien zu verstehen.“ Eine solche
Eingangspartie, an der die (meist weibliche) Hauptperson und der Chor
sowie gelegentlich weitere Personen beteiligt sind, findet sich häufig bei
Eur. von der Med. bis zum Or., wohl auch weil diese Form sich besonders
gut zur Darstellung der meist leidvollen Situation der Hauptgestalt und zur
Erregung des Mitgefühls des Zuschauers eignet. Vor das eigentliche „Ein-
zugslied“ (98–152) in Form von Marschanapästen tritt hier eine Monodie
Hekabes, die zum Teil aus lyrischen Anapästen besteht (59–97). Auf den
Bericht des Chores reagiert Hekabe mit einer abermaligen Monodie, zu-
meist in lyrischen Anapästen (154–76). Dann erscheint Polyxene, die mit
ihr in einen Wechselgesang aus lyrischen Anapästen eintritt (177–96). Die
Eingangspartie endet mit einer Monodie Polyxenes, die wiederum meist
aus lyrischen Anapästen besteht (197–215).

59–97 Anapäste Hekabes

Von der Traumerscheinung aufgeschreckt, verlässt Hekabe das Zelt, die


Unterkunft der kriegsgefangenen Frauen (s. zu V. 53), und betritt, auf ei-
nen Stock gestützt (65) sich mühsam fortbewegend, die Bühne. Sie ist
deutlich als alt und schwach dargestellt. Auf ihrem Weg wird sie von meh-
reren (wohl zwei) Dienerinnen begleitet und unterstützt (59–63). Gelegent-
266 Kommentar

licher dorischer Vokalismus (a statt h) und die eingestreuten andersartigen


Metren lassen darauf schließen, dass es sich zum Teil, bestimmt ab V. 68,
um lyrische Anapäste handelt. Zu den Versen s. Schadewaldt (1926) 152f.;
zu der für Eur. charakteristischen Bauform der Monodie W. Barner, Die
Monodie, in: Jens (1971) 277–320, bes. 295.
59–63 Hekabe verhält sich gegenüber ihren jetzigen Mitsklavinnen
wie eine Herrin, indem sie ihnen fortwährend Befehle erteilt.
62 Asyndetische viergliedrige Reihe von Imperativen, metrisch un-
gewöhnlich, von den meisten Herausgebern getilgt. Es findet sich aber
Ähnliches Hik. 275 (ebenfalls meist getilgt, und zwar pikanterweise als aus
unserer Passage stammende Interpolation), Tro. 774; vgl. Barlow (1986)
12. Der Vers dürfte zu halten und als eine emotionale Äußerung einer Lei-
denden zu erklären sein, die bei Eur. auch sonst sprachlich und metrisch
bewegt zu sein pflegt; vgl. V. 684–720, 1056–1106 und Biehl (1997) 89f.
63 geraiâß: Die zweite Silbe ist kurz zu messen, was zur Verschrei-
bung gereâß in einigen Hss. geführt hat; vgl. Hipp. 170 und Barrett zur
Stelle.
ceiròß proslazúmenai: „(mich) an der Hand ergreifend“.
64 Zum Fehlen dieser Verszahl und anderer Verszahlen in den lyri-
schen Passagen s. meinen Hinweis zur Verszählung Einführung S. 79.
65f. skoliø¸ skípwni ceròß diereidoménh: „mich auf den krummen
Stab in meiner Hand stützend“. So schol. MV, Italie, Garzya, Synodinou,
während die meisten Kommentatoren skoliø¸ skípwni metaphorisch auf-
fassen und annehmen, dass die Hände der Dienerinnen gemeint sind, so
dass zu übersetzen wäre: „mich auf den krummen Stab deiner Hand stüt-
zend“. Hier stört allerdings der Singular, wo doch vorher immer von meh-
reren Dienerinnen die Rede gewesen ist. Darum bleibe ich bei der wörtli-
chen Auffassung und übersetze entsprechend.
66f. Wörtlich: „ich werde eilen, den langsamfüßigen Gang der Glie-
der voransetzend“. Paradoxe Formulierung (Oxymoron).
68–72 Anrufung des Zeus als des höchsten Gottes, des Sonnenlichts,
der Göttin Nacht (als Herrin des Schlafes) und der Erdgöttin (offenbar als
Senderin der Träume) mit dem Wunsch, das durch den Traum angekündig-
te Unheil abzuwenden; darum a¬popémpomai „schicke fort, wende ab“.
Ähnlich V. 97 pémyate. Zur Mitteilung bedrückender Träume an die Son-
ne vgl. Soph. El. 424f. h™líw¸ deíknusi tou¢nar mit schol.; Iph.T. 42f. Der
Anfang der Monodie Aristophanes Frösche 1331–39 ähnelt diesen Versen
recht stark; vgl. Heath (1987) 41 Anm. 3.
68 steropà Dióß: wörtlich „Blitzstrahl des Zeus“, doch ist hier sicher
das strahlende Licht des Tages im Gegensatz zur Dunkelheit der Nacht
gemeint; vgl. Soph. Trach. 99 (Anrede an Helios) w® lampr⸠steropâ¸
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 267

flegéqwn. Ennius fr. 203 Warmington = 83 Jocelyn (o magna templa


caelitum conmixta stellis splendidis) ist eine sehr freie Übersetzung.
70 deímasi fásmasin: asyndetisches Dikolon, Homoioteleuton; vgl.
V. 62, 86.
71 melanopterúgwn: „schwarzgeflügelten“: seltenes Wort, metapho-
risch im Sinn von „unheilverkündend“; dagegen an der anderen Belegstelle
Aristophanes Telemesses fr. 550 CGF in wörtlichem Sinn. Vgl. 705
melanópteron; s. auch Barlow (1968) 50.
Mutter der Träume ist die Erdgöttin (Cqån) auch Iph.T. 1263. Bei He-
siod dagegen ist es die Nacht (Theogonie 211f.).
Man sollte nicht mit Wilamowitz (1931) 1,371 Anm. 1 wegen
melanopterúgwn an dieser Stelle oder melanópteron in V. 705 anneh-
men, dass der Geist des Polydoros mit schwarzen Flügeln aufgetreten ist.
Die Träume werden allgemein als geflügelt vorgestellt; vgl. Iph.T. 571;
Phön. 1545.
72 a¬popémpomai: „ich schicke fort“oder vielleicht eher „ich versu-
che (durch meine Gebete) fortzuschicken“. Ein solches Gebet erfolgt dann
in V. 96f.
73–76 Diese metrisch vom Übrigen abweichenden Verse, in denen
Hekabe zu erkennen gibt, dass die Worte des Geistes, wenn auch nur in der
Form undeutlicher Bilder, in ihr Bewusstsein gelangt sind, werden meist
für einen späteren Zusatz gehalten. Ich möchte nicht auf sie verzichten,
weil sie das ‚Programm‘ für V. 77–97 formulieren. Auch die Bezugnahme
auf den Traum in V. 703–07 scheint mir vorauszusetzen, dass die durch
den Traum erlangte Ahnung von der Gefährdung des Polydoros an unserer
Stelle deutlich erwähnt wurde. S. auch zu V. 708–11. Die ungewöhnliche
metrische Form (daktylische Hexameter) von 73f. scheint mir eher für die
Echtheit zu sprechen; vgl. Erbse (1984) 50; O’Connor-Visser(1987) 67f.;
Burnett (1998) 160 Anm. 73. Ein ähnliches Problem gibt es in V. 90f.
Gründliche Diskussion zu beiden Passagen bei Brillante (1988) 429–47,
der beide halten möchte, und bei Synodinou, die dazu neigt, beide zu strei-
chen. Gregory streicht V. 72–76 und hält 90–97.
76 [ei®don gàr] dürfte aus V. 90 in den Text geraten sein.
[o¢yin] „(Traum)gesicht“ dürfte auf eine Anmerkung zurückgehen, die
auf das Beziehungswort in V. 72 zurückweist.
[e¢maqon]: „ich lernte“. wohl Glosse zum seltenen e¬dáhn „ich erfuhr“.
77 cqónioi qeoí: „Götter der Erde“. Entweder die einheimischen
Götter (vgl. Soph. Öd.K. 947f. ºAreoß … págon … cqónion o¢nq’) oder
die ‚chthonischen‘, also Unterweltsgötter wie Hades und Persephone. Für
letzteres spricht auch die Erwähnung der unterirdischen Götter in V. 147.
så¸zein wäre dann als „Verschonen“ zu verstehen.
qeoí ist einsilbig (in Synizese) zu lesen.
268 Kommentar

80 a¢gkur’: „Anker”, metaphorisch, vgl. Hel. 277; F 866,2; Soph. F


685 TrGF; ferner die ähnlichen Metaphern in V. 281 für Polyxene.
Die Variante a¢gkur’ e¢t’ ist zwar schlecht überliefert, gibt aber allein
das richtige Metrum.
81 cionådh: „schneereich“. Schnee wird öfters als Charakteristikum
Thrakiens genannt; vgl. Andr. 215; Kykl. 329.
katécei: „innehat“, hier „bewohnt“; wie El. 204.
82 Nach V. 21–27 wirken diese Worte als tragische Ironie.
83–97 Nachdem Hekabe in V. 77–82 die Götter um die Erhaltung des
Lebens des Polydoros gebeten hat, wendet sie sich jetzt (entsprechend dem
in V. 73–76 formulierten ‚Programm‘) dem Teil ihres Traums zu, der sich
auf Polyxene bezog.
83 ti néon: wörtlich „etwas Neues“. Da das Neue für die Griechen
oft zugleich als unheimlich und gefährlich galt, muss die Übersetzung dies
berücksichtigen. Die Futura zeigen an, dass dieses Neue und Schreckliche
drohend bevorsteht. Der Wunsch nach Sehern, welche die Zeichen des
Kommenden deuten könnten, in V. 87–89 liegt nahe.
84 goeròn goeraîß: Wiederholung des gleichen Wortes in verschie-
denen Kasus (Polyptoton): bei Eur. beliebte rhetorische Figur; hier als
Ausdruck der Erregung.
85 a¬líaston: „unablässig”, Adverb, wohl richtige Änderung; vgl.
Ilias 24,549 mhd’ a¬líaston o¬dúreo. a¬líastoß wäre auf fræn zu bezie-
hen, was keinen so guten Sinn ergäbe. Anders Kamerbeek (1986) 101;
Biehl (1997) 92.
86 fríssei tarbeî: „erstarrte … schauderte“, griechisch Präsens.
Asyndeton und Synonymenhäufung sind typische Stilmittel der eur. Lyrik.
Erstarren und Schauder sind Auswirkungen der Traumerscheinung des
Polydoros; vgl. V. 54.
87 qeían ¿Elénou yucàn: „des Helenos göttlichen Geist“; wohl kei-
ne Anrufung des Geistes eines Toten, sondern feierliche Umschreibung des
Namens in der Weise des Epos wie Odyssee 8,2 i™eròn ménoß ¯Alkinóoio.
qeían ist vielleicht auch eine Anspielung auf die seherischen Fähigkeiten
des Helenos wie Hel. 13, 919. Zu diesen Fähigkeiten Ilias 6,76; Soph. Phil.
604–13; Vergil Aeneis 3,359–61.
Hekabes Sohn Helenos wird hier offenbar als lebend angenommen;
ähnlich wie Andr. 1243–45; Vergil Aeneis 3,294–97. Ein jüngeres schol.
und manche Interpreten sehen hier eine Schwierigkeit, weil dann, wenn
Helenos noch lebte, Polydoros nicht der einzige überlebende Sohn wäre,
wie es in V. 80f. vorausgesetzt zu sein schien, und erschließen aus der
Erwähnung der yucä des Helenos, dass er nicht mehr unter den Lebenden
weilte. In schol. MV heißt es jedoch: e¢zh gàr ÷Elenoß. Das ist richtig,
denn wer nicht mehr lebt, kann auch keine Träume mehr deuten.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 269

88 Beide überlieferten Varianten sind sprachlich möglich. Bei der


erstgenannten steht der Name Kassandras parallel mit yucàn, bei der letzt-
genannten mit ¿Elénou.
Die Sehergabe Kassandras war spätestens seit Aisch. Ag. allen Athe-
nern bekannt. Ein jüngeres schol. zur Stelle berichtet: ¿Elénou kaì
Kasándraß e¬n naø¸ ¯Apóllwnoß o¢ntwn, e¬lqónteß o¢feiß, kaì tà au¬tøn
perileíxanteß w®ta, ouçtwß o¬xuhkóouß ei¬rgásanto w™ß mónouß tàß tøn
qeøn a¬koúein boulàß kaì mánteiß a¢krouß ei®nai.
Kassandra, neben Polyxene die einzige überlebende Tochter Hekabes,
wird immer wieder erwähnt: V. 127, 426, 677, 826–30 und schließlich
1275, wo die Ankündigung ihres Todes der letzte Schmerz ist, der Hekabe
in diesem Stück zugefügt wird.
89 krínwsin: „entscheiden, beurteilen“, hier „deuten“, von Träumen
auch Herodot 1,120; 7,19.
90–97 Anlass zur Streichung der Passage mag die ungewöhnliche
metrische Form von V. 90f. (daktylische Hexameter) und 97 gewesen sein.
Doch ist eine freiere Gestaltung des Metrums im Rahmen von lyrischen
Anapästen nicht selten; vgl. auch 73f.; Iph.T. 203–35. Das ungewöhnliche
Metrum ist eher ein Indiz für Echtheit; ein Interpolator würde sich dem
Kontext angepasst haben. Inhaltlich scheinen mir jedenfalls V. 90–97 un-
entbehrlich zu sein. In V. 83–89 spricht Hekabe von einer neuen Furcht
infolge ihres Traums, und in V. 90–97 berichtet sie kurz in hochpoetischer
Diktion den Inhalt dieses Traums, soweit er sich auf die neue Gefahr be-
zieht, die Polyxene bedroht, und sagt, warum sie ihn so sehr fürchtet. Sie
weiß nämlich von der Forderung des Geistes des Achilleus nach einer der
troischen Gefangenen und fürchtet jetzt um Polyxene, die zu diesen Ge-
fangenen gehört. Vom Chor wird sie bald erfahren, dass die Heeres-
versammlung beschlossen hat, eine bestimmte Troerin, nämlich Polyxene
zu opfern. Würden V. 90–97 gestrichen, bliebe unklar, dass Hekabe schon
von einer allgemeinen Bedrohung der Troerinnen weiß, doch nicht von der
speziellen Gefahr für ihre Tochter. Ausführlich hierzu Erbse (1984) 50–54;
O’Connor-Visser (1987) 67f.; Brillante (1988) 429–47. S. auch zu V. 73–
76.
91 Das überlieferte a¬nágka¸ oi¬ktrøß „mit Gewalt, bejammernswert“
ist metrisch unmöglich. Darum Porsons auf schol. MV gestützte Konjektur
a¬noíktwß „ohne Erbarmen“ (vgl. Tro. 787) oder „ohne beklagt zu werden“
(vgl. Tro. 756, Soph. Öd. 181). a¬nágka¸ könnte freilich eine alte Variante
sein.
94 ¯Aciléwß ist anapästisch zu lesen, -éwß also einsilbig in Synizese.
95 Dass Hekabe offenbar noch annimmt, Achilleus fordere eine
Troerin, aber keine bestimmte, wird im folgenden wichtig werden; vgl. V.
267–70, 383–88.
270 Kommentar

96 Die Konjektur von Bothe a¬p’ e¬mâß a¬p’ e¬mâß ou®n tóde paidòß
bewirkt eine metrische Glättung des Verses, scheint mir aber unnötig zu
sein.
97 pémyate: „sendet fort“, „wendet ab“; vgl. V. 72 a¬popémpomai.
daímoneß: hier mit „Götter“ übersetzt; s. zu V. 164.
Unnötige Kritik am Metrum ( qkkqkk | kkqq ) bei Biehl (1957)
57f.; dagegen Erbse (1984) 52; Brillante (1988) 443 Anm. 4. Diggle ver-
weist auf Iph.T. 215; Iph.A. 123 (meiner Meinung nach echt). Man kann
auch noch hinweisen auf Tro. 123, 177; Ion 226; Iph.A. 1322 sowie auf V.
145.
Zu dem in den Gebetsanruf eingeschobenen Vokativ vgl. Hel. 1447
und Erbse a. O.

98–153 Einzugsanapäste des Chores (Marschanapäste)

Der Chor besteht aus troischen Frauen, die bei der Einnahme der Stadt ihre
Männer verloren haben und zu Sklavinnen geworden sind. Sie sind also
Schicksalsgenossinnen Hekabes und stehen, wie nicht anders zu erwarten,
während des ganzen Stückes auf ihrer Seite. Der Chor kommt, wie er in V.
105f. sagt, als Bote oder Herold und übermittelt den Beschluss der Heeres-
versammlung, den Wunsch des Achilleus zu erfüllen und Polyxene auf
seinem Grab zu opfern. Die Einzugsanapäste werden in V. 107–40 zu ei-
nem Botenbericht. Danach dienen sie der Vorbereitung der nächsten Sze-
ne: Ankündigung des baldigen Auftritts des Odysseus und Ratschläge für
das Verhalten Hekabes (141–52).
98 e¬liásqhn: „schlich ich mich“, „entkam“, „entwischte“; vgl.
Odyssee 4,838, wo ein von Athene gesandtes ei¢dwlon durchs Schlüssel-
loch entschwindet. Der Chor gibt damit zu erkennen, dass er heimlich zu
Hekabe kommt. Er spricht hier und auch in den Chorliedern, wie es auch
sonst in der Tragödie üblich ist, von sich in der ersten Person des Singu-
lars. Er ist also gleichsam eine kollektive Person.
99 desposúnouß: „dem Herren gehörend“; zum Wort V. 1294 und
448 doulósunoß; zur Sache 1288f.
102f. ¯Iliádoß: feminines Adjektiv, zu pólewß gehörig, also „der
ilischen Stadt“. Zum Namen ºIlion s. zu V. 4.
lógchß ai¬cmñ: genauer „mit der Spitze der Lanze“, pleonastisch ne-
ben 103 doriqäratoß „speergefangen“. Die Gewaltsamkeit der Gefan-
gennahme wird durch die Fülle des Ausdrucks noch stärker betont.
105 a¬raménh: die schlimme Nachricht „auf mich nehmend“ wie eine
schwere Last, im Gegensatz zu 104 a¬pokoufízous’ „erleichternd“.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 271

107 e¬n … plärei xunódw¸: „in der vollzähligen Versammlung“: Ana-


logie zu den athenischen Verhältnissen, wo in der Volksversammlung für
die Beschlussfähigkeit ein bestimmtes Quorum von Anwesenden erforder-
lich war; vgl. Or. 884 plärhß … o¢cloß. Dagegen geht es in V. 521f., wo
ebenfalls dieVollzähligkeit hervorgehoben wird (o¢cloß pâß … plärhß),
nicht um die Beschlussfähigkeit, sondern um eine Ehrung des Achilleus
durch vollständige Anwesenheit des Heeres.
108 dóxai: „man habe beschlossen“: Infinitiv zu e¢doxen (sc. tø¸
strateúmati) „(das Heer) hat beschlossen“. e¢doxen tø¸ dämw¸ ist die ge-
bräuchliche Formulierung bei der Protokollierung von Beschlüssen der
athenischen Volksversammlung; vgl. Aristophanes Thesmophoriazusen
372; Thukydides 4,118,11. Auch in V. 195 und 220 wird die Formulierung
wiederholt und damit bekräftigt, dass ein rechtsgültiger Beschluss gefasst
wurde; ähnlich Or. 46.
110 oi®sq’ oçte … e¬fánh: elliptische Wendung: “Weißt du (wie es
geschah), dass“; vgl. V. 239; Iph.A. 337; KG 2, 368f.
cruséoiß … sùn oçploiß: „mit den goldenen Waffen“. Hier ist wohl an
die wunderbaren mit Gold geschmückten Waffen zu denken, die Achilleus
durch die Vermittlung seiner Mutter Thetis von Hephaistos erhalten hat
(Ilias 18,478–613).
111f. scedíaß: wörtlich „Flöße“, poetisch für „Schiffe“, wie Theokrit
16,41.
112 laífh protónoiß e¬pereidoménaß: wörtlich: „die die Segel an die
Taue drängten“. Zu laífh vgl. Med. 524; Or. 341; zu protónoiß Odyssee
12,409. Gemeint sind die Taue, die den Mastbaum halten (Gregory).
Die Segel wurden schon vom Wind gebläht, und ihre Taue spannten
sich; vgl. Iph.T. 1135–37. Es wird an dieser Stelle nicht ausdrücklich ge-
sagt, aber es ist naheliegend anzunehmen, dass nach der Erscheinung des
Achilleus die Segel wieder erschlafften, weil nunmehr der Wind ausblieb.
So versteht die Stelle auch schol. V (a¬némou o¢ntoß kaì tøn i™stíwn
h™plwménwn u™parcóntwn kaì tøn neøn pleóntwn nhnemía gégone h™níka
e¬fánh o™ ¯Acilleúß). Später heißt es in V. 900, dass auch nach dem Opfer
der Fahrtwind zunächst nicht weht, und in V. 1289f., dass er jetzt weht. S.
auch Einführung S. 46f. und zu V. 900.
113–15 Bers (1997) 24f. nimmt an, dass die berichtete direkte Rede
des Geistes bei der Inszenierung von einer Einzelstimme gesprochen wur-
de. Falls, wie wahrscheinlich, nur die Chorführerin die Marschanapäste
spricht, könnte ein anderes Mitglied des Chores diese Verse übernehmen.
113 qwússwn: „laut rufend“, „schreiend“; vgl. Soph. Ai. 308, 335.
115 a¬géraston: „ohne Ehrengeschenk“; vgl. V. 94 géraß. Das selte-
ne Wort erscheint auch Ilias 1,119 in einer ähnlichen Situation:
272 Kommentar

Agamemnon verlangt dort einen Ersatz für das Ehrengeschenk, das er wie-
der abgeben muss, nämlich für die kriegsgefangene Chryseïs.
116–40 Beschreibung des Verlaufs der Heeresversammlung, der dem
einer athenischen Volksversammlung des 5. Jh. ähnelt: Auf Rede und Ge-
genrede erfolgt die abschließende Rede des Odysseus, die den Ausschlag
gibt.
116 sunépaise klúdwn: „die Welle (oder Brandung) schlug zusam-
men“, Metapher aus der Welt des Meeres, wie häufig bei Eur. Dazu E. Pot,
De maritieme beeldsprak bij Eur., Harderwijk 1943. Metaphorische Ver-
wendung von klúdwn auch Hik. 474f.; Aisch. Pers. 599f.; Soph. Öd. 1527.
Eine ähnliche Metapher Aisch. Pr. 886 kúmasin a¢thß.
117 dóxa d’ e¬cårei díc’: „die Meinung ging in zwei Richtungen
auseinander”; vgl. Ilias 18,510, 20,32; Herodot 6,109.
119 toîß d’ ou¬cì dokoûn: „während es den anderen nicht richtig
schien“: Absoluter Akkusativ des Partizips; vgl. V. 506; KG 2,88f. Wech-
sel der Konstruktion statt eines zu erwartenden toîß dè mæ didónai.
120–29 Es fällt auf, dass es in dieser Debatte nicht um die grund-
sätzliche Frage der Berechtigung eines Menschenopfers geht, sondern nur
darum, ob die Beziehung Agamemnons zu Kassandra die Entscheidung des
Heeres beeinflussen dürfe oder nicht.
120 h®n dè … speúdwn: Umschreibung wirkt verstärkend; vgl. V.
1179; KG 1, 38f.
121f. a¬nécwn léktr’: „das Bett“ für „die Geliebte“; ähnlich Soph. Ai.
211f.
121 tñß mantipólou Bákchß: „der seherisch rasenden Bakchantin“.
Kassandra wurde als von Apollon inspirierte Seherin (vgl. V. 88, 827) von
dem ergriffen, was Platon mantikæ manía nennt (Phaidros 244a 8–d 5).
Dieser Zustand ähnelt dem der Mänaden im Gefolge des Dionysos, so dass
auch Kassandra hier und in den Tro. metaphorisch Bakchantin oder Mäna-
de genannt werden kann; obwohl Apollon es ist, der sie inspiriert. Darum
heißt sie auch in V. 827 Foibáß. Auftritte Kassandras in seherischem
Wahnsinn Tro. 308–41 und vor allem Aisch. Ag. 1072–1172.
122–29 Dass die zwei Athener die Opferung Polyxenes befürworten,
ist nicht als implizite Kritik des Eur. an der athenischen Politik aufzufas-
sen, wie Murray (1957) 49 und King (1985) 63f. Anm. 25 meinen. Dage-
gen richtig Schlesinger (1937) 68f.
122f. Akamas und Demophon, die beiden Söhne des athenischen Kö-
nigs Theseus, werden in der Ilias nicht erwähnt, aber in der Iliupersis (fr. 4
EGF ed. Davies); ferner Tro. 31; Soph. Phil. 562. Sie erscheinen in Athen
auch auf Vasenbildern und Gemälden als Trojakämpfer, vor allem im Zu-
sammenhang mit dem Ende des Krieges und der Befreiung ihrer Großmut-
ter Aithra.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 273

123 o¢zw ¯Aqhnøn: „die Sprösslinge Athens“ ( qkkqq ): Hiat-


kürzung; Schwyzer 1, 400.
o¢zw: vgl. Ilias 2,540 o¢zoß ºArhoß.
123f. dissøn múqwn r™ätoreß h®san: „waren zweifacher Reden Red-
ner“, und zwar hatten die Reden, wie das Folgende zeigt, nicht eine gegen-
sätzliche, sondern die gleiche Tendenz; ähnlich wie die Reden Hel. 895–43
und 947–95. Dass hiermit auf die These des Protagoras Bezug genommen
wird, nach der zu jedem Fall dissoì lógoi „zweifache Reden“ mit entge-
gengesetzter Tendenz möglich seien (Protagoras B 6a Diels-Kranz), wie
Michelini (1987) 143f. vermutet, ist darum unwahrscheinlich.
dissøn – mía¸: Zu „zwei – einer“ s. zu V. 45.
124 r¬ätoreß: Dies ist der einzige sichere Beleg für das Wort r™ätwr
bei Eur. Es ist sonst nur noch für den umstrittenen Peirithoos bezeugt
(Kritias fr. 11,3 TrGF = Eur. fr. 597, 4 N.2), war jedoch den Athenern ge-
läufig als Bezeichnung der Sprecher in ihrer Volksversammlung; s. Aristo-
phanes Acharner 38.
126 stefanoûn: „bekränzen“; vgl. Tro. 1247 nertérwn stéfh „To-
tenkränze“. Hier metaphorisch verwendet, wie Soph. Ant. 431 (coaîsi …
stéfei).
Gräber werden gewöhnlich mit Blumen bekränzt. Wenn flüssige To-
tenopfer dargebracht werden, bestehen sie in der Regel aus Wein oder
einem Gemisch von Wein, Milch und Honig. Aber auch Opferungen von
Tieren sind üblich. Menschenopfer sind die extremste Form der Toten-
ehrung, in der mythischen Tradition sind sie aber gerade mit der Person
des Achilleus verbunden. Er selbst opfert auf dem Scheiterhaufen des
Patroklos zwölf kriegsgefangene junge Troer (Ilias 23,175f.).
aiçmati clwrø¸: „mit frischem Blut“; vgl. Soph. Trach. 1055. Die
Grundbedeutung von clwróß ist „grün“.
127–29 léktr’ … lógchß: „das Bett … der Lanze“. Wenn die Alter-
native so formuliert wird, kann sich eine Versammlung von Kriegern nur
für die Lanze und gegen das Bett entscheiden.
130 spoudaì dè lógwn katateinoménwn: wörtlich „die Eifer der ge-
gen einander gespannten Reden“.
131 prín: „bis“ mit einer historischen Zeitform, hier dem historischen
Präsens, leitet einen Nebensatz ein, in dem ein in der Vergangenheit wirk-
lich eingetretenes Ereignis berichtet wird; vgl. KG 2,453f.
poikilófrwn: „buntgesinnt“; ähnlich dem bei Homer häufigen
poikilomäthß.
131–33 Einführung des Odysseus, des Sohnes des Laertes. Bered-
samkeit ist schon bei Homer die wichtigste Fähigkeit des Odysseus; vgl.
etwa Ilias 3,221–24. Während sie dem Epos als Zeichen der Klugheit galt,
wurde sie in der Tragödie, besonders von Eur., oft negativ bewertet; be-
274 Kommentar

sonders deutlich Tro. 282–88; Iph.A. 1362–64. Dort gilt Odysseus biswei-
len auch als Sohn des Sisyphos, des größten Lügners und Betrügers der
Sage (Kykl. 104; Iph.A. 524, 1362; auch Soph. Phil. 417, 625, 1311).
Es mag sein, dass Eur. im Verlauf des Peloponnesischen Krieges die
Beeinflussung des Volkes durch demagogische Politiker als Gefahr emp-
fand und Odysseus als mythischen Vorläufer solcher Demagogen auffass-
te. Dem entsprechen die Epitheta.
132 kópiß: seltenes Wort, darum schwer übersetzbar; etwa „Schwät-
zer“, „Prahlhans“, „Lügner“, „spitzfindiger Redner“. Die Etymologica und
schol. MV glossieren: láloß, dhmokópoß, kóbaloß und verweisen auf
Heraklit B 81 Diels–Kranz (Puqagórhß) kopídwn e¬stìn a¬rchgóß;
Lykophron 763 (von Odysseus); schol. ad Lycophronem 1464 kópiß· o™
r™ätwr, parà tò kóptein toùß lógouß. Vgl. auch Synodinou zur Stelle.
h™dulógoß: „angenehm redend“; nur hier bei Eur. dhmocaristæß: „dem
Volk gefällig redend“, nur hier belegt, offenbar von Eur. neu gebildet.
134 tòn a¢riston: „den besten”. So auch Ilias 1,244.
135 doúlwn sfagíwn ouçnek’: „wegen eines Sklavenopfers“. doúlwn
ist hier adjektivisch gebraucht.
Es ist ein rhetorischer Kunstgriff, Personen oder Sachen je nach Bedarf
groß oder klein erscheinen zu lassen. Odysseus hebt die Bedeutung des
Achilleus hervor und lässt andererseits Polyxene als unbedeutend erschei-
nen.
ouçnek(a): präpositional verwendet „wegen“, also gleichbedeutend mit
eçneka, eiçneka.
136 parà Fersefónh¸: „zu Persephone“, also in die Unterwelt, vgl.
Ion 1441f. katà gâß e¬nérwn cqoníwn méta Persefónaß t’ … naíein.
Fersefónh ist eine poetische Nebenform zu Persefónh.
137 a¬cáristoi: „undankbar“. Der Begriff der cáriß, des Dankes
oder der Gunst, die in ihren verschiedenen Aspekten in diesem Stück im-
mer wieder berührt werden wird, erscheint hier zum ersten Mal. S. Einfüh-
rung S. 35f.
138 Danaoì Danaoîß: „die Griechen … den Griechen“, Polyptoton,
um hervorzuheben, dass man gegenüber den Angehörigen des eigenen
Volkes besondere Verpflichtungen hat. Zur Bezeichnung der Griechen als
Danaoí s. zu V. 5.
139 toîß oi¬coménoiß u™pèr ¿Ellänwn: „denen, die für die Griechen
fortgegangen (d. h. gefallen) seien“, euphemistische Formulierung.
Collard irrt, wenn er meint, dass das Lob der Loyalität der Griechen
untereinander „implicitly a condemnation of non-Greek or ‚barbarian‘
faithlessness“ sein solle. Es geht hier nur um die Loyalität der Angehörigen
des Heeres auch über den Tod hinaus. Der Gedanke, den Collard hier ver-
mutet, wird in V. 328–31 deutlich ausgesprochen.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 275

140 Troíaß pedíwn: „von Trojas Ebene“; poetischer Plural. Eine


epische Wendung, vgl. Ilias 10,11; 21,558; 23,464. Die Ebene vor Troja,
in der Ilias immer wieder erwähnt, war die Stätte der Heldentaten der Grie-
chen und vor allem des Achilleus.
141–43 Mit dieser Ankündigung bereitet der Chor den Auftritt des
Odysseus in der übernächsten Szene vor (V. 216).
141 oçson ou¬k h¢dh: wörtlich „nur soviel (oder sowenig) dass noch
nicht“, etwa „gleich sofort“; vgl. Ba. 1076 oçson … ou¢pw; s. auch KG
2,412 Anm. 7.
142 pølon: „Fohlen“, metaphorisch für ein junges, noch ‚unbezwun-
genes‘ Mädchen; so auch Hipp. 546; Andr. 621; ähnliche Vergleiche und
Metaphern auch V. 205f., 526.
144 Der übliche Ratschlag in einer derartigen Situation, hier wenig
hilfreich, da es Tempel und Altäre weder im zerstörten Troja noch im La-
ger des Heeres gibt. Als realistische Ratschläge bleiben nur die Hikesie zu
Füßen Agamemnons und die Gebete zu den Göttern.
145 Allein wegen des Metrums ( qkkqkk | kkqkkq ) ist keine
Streichung erforderlich, denn es ist nicht ohne Parallelen; vgl. V. 97 und
Snell (1982) 31 Anm. 24; im übrigen ließe es sich durch die von Nauck
erwogene Umstellung leicht glätten. Es werden aber auch inhaltliche Be-
denken vorgebracht. Barrett (1964) 404 hält 145 für „intrusive between the
temples and their gods”; Collard und Biehl (1997) 95f. stören sich daran,
dass der Chor hier schon die Hikesie vor Agamemnon empfiehlt, zu der
sich Hekabe erst nach langen Überlegungen in der zweiten Dramenhälfte
entschließen wird (V. 736–51). Agamemnon ist allerdings eine Persönlich-
keit, die anzurufen sinnvoll ist, zumal da schon zuvor von seinem Wohl-
wollen die Rede war (120–22). Es stimmt, dass V. 146 besser an 144 an-
schließt als 145, doch ist zu fragen, ob das Argument für eine Tilgung des
Verses ausreicht.
146 kärusse: genauer „ruf mit lauter Stimme (wie ein Herold) die
Götter an“, vgl. Ion 911; Aisch. Cho. 124f.
147 u™™¬pò gaíaß und u™pò gaîan bedeuten gleichermaßen „unter der
Erde“, doch gibt hier die Metrik den Ausschlag für u™pò gaíaß
( qkkqq ). Zu den zwei Gruppen von Göttern s. auch V. 49, 791 und zu
V. 1 und 77.
litaí: „Bitten“, und zwar besonders eindringliche, an Götter und Men-
schen gerichtet. In der Ilias werden sie Diòß koûrai genannt (9,502).
148f. o¬rfanòn … paidòß: „des Kindes beraubt“, wörtlich „verwaist“,
doch wird das Wort ebenso für den Verlust von Eltern wie für den von
Kindern gebraucht; vgl. Andr. 308 tékewn o¬rfanoì géronteß; Hesychius
O 1355: o¬rfanóß· o™ gonéwn e¬sterhménoß kaì téknwn.
276 Kommentar

150 túmbw¸ propetñ: wörtlich „niedergefallen vor dem Grab (des


Achilleus)“; so Paley, nicht richtig Hadley: „zu ihrem Grabe eilend“.
151f. e¬k crusofóron deirñß nasmø¸ melanaugeî: „das aus dem
goldgeschmückten Hals dunkel glänzend hervorströmt“; hochpoetische
Wortwahl und Wortstellung; wörtlich „aus dem goldtragenden Hals mit
dunkel glänzenden Strom“. Zu malerischen, ja geradezu impressionisti-
schen Effekten in der Sprache des Eur., besonders zum Zusammenspiel
von Farbe und Licht Barlow (1986) 10 und Anm. 37. Unsere Stelle ist
eines ihrer Beispiele.
152 nasmø¸: „Strom, Quelle“, poetisches Wort; vgl. Hipp. 225, 653.
melanaugeî: „schwarz glänzend“, hier wohl eher als „dunkel glän-
zend“ zu verstehen; seltenes Wort, nur hier und Orpheus Argonautica 513.

154–76 Monodie Hekabes

Hekabe reagiert mit diesem Lied auf die vom Chor überbrachte Nachricht.
Lyrische Anapäste (erkennbar an dorischem Vokalismus) mit eingestreuten
anderen Metren (165–68); ähnlich wie in V. 68–97. Zur Bauform der
Monodie s. W. Barner, Die Monodie, in: Jens (1971) 277–320.
Diggle nimmt mit anderen Herausgebern seit Hermann metrische Res-
ponsion zwischen den beiden Monodien Hekabes und Polyxenes an, also
zwischen V. 154–74a und 197–210, doch spricht gegen diese Annahme,
dass für die Herstellung einer genauen Responsion viele Eingriffe in den
überlieferten Text nötig sind (Paley). Allenfalls ließen sich die kurzen
nicht anapästischen Passagen V. 165–68 und 207–10 als respondierend
auffassen. Hierfür wären auch keine Textänderungen erforderlich.
154 oi£ e¬gå: „weh mir“, in anapästischem Kontext dreisilbig mit
Hiatkürzung zu sprechen; anders in iambischem Kontext V. 438, 676.
a¬púsw: Futur zu dorisch a¬púw, attisch h¬púw „rufe an“, „töne“, „spre-
che“, bei den Tragikern meist in lyrischem Kontext.
155–58 An dem getragenen Rhythmus der Spondeen, den Wortwie-
derholungen, den Reihungen von Synonymen und verschiedenen anderen
Stilfiguren lässt sich hier und im folgenden die starke Emotionalität
Hekabes erkennen.
155 poían a¬cå: „welchen Klang“. a¬cå dorisch für h¬cå „Widerhall“,
„Echo“, vgl. V. 1111; allgemeiner „Klang“, „Schall“, wie Hipp. 1201; Tro.
1267.
156–58 Polyptoton, Reihung kausaler Genetive.
157 Auch ohne das von Triklinios eingefügte kaì wäre der Vers met-
risch akzeptabel, weil in lyrischem Kontext mehrere katalektische
anapästische Dimeter nacheinander möglich sind; vgl. Iph.T. 210–12.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 277

158 ou¬ fertâß: Das Wort fertóß ist in der griechischen Literatur nur
hier sicher belegt. Bothe schlägt vor, für das überlieferte ou¬ fertâß „nicht
zu ertragen“ zu lesen ou¬ feuktâß „der man nicht entfliehen kann“, und
verweist auf Soph. Ai. 224 a¢tlaton ou¬dè feuktán mit der Variante ou¬dè
fertán. Durch die Änderung würde eine Synonymenhäufung vermieden;
welche freilich bei Eur. häufig vorkommt.
159–61 Sie ist heimatlos und der Angehörigen (Ehemann, Söhne) be-
raubt, auf deren Beistand sie als Frau sonst rechnen könnte. In der zweiten
Hälfte des Stückes wird sie beweisen, dass sie auch ohne ihre Angehörigen
erfolgreich handeln kann. Vgl. Med. 253–58 in einer ähnlichen Situation.
159–64 Hierzu Diggle (1994) 16f. und 94 Anm. 9.
159 poía génna: „welche Sippe”. Der überlieferte Text lässt sich hal-
ten, wenn die letzte Silbe lang gemessen wird (LSJ). Anders Diggle (1981)
97.
160f. froûdoß: „fortgegangen“; kontrahiert aus prò o™doû, wie in V.
181 froímion aus prooímion.
160f. Aristophanes Wolken 718 froûda tà crämata, froúdh croiá
könnte eine Parodie dieser Passage sein; vgl. Dover zur Stelle.
160 présbuß: „der Alte“. Gemeint ist Priamos. Vgl. Tro. 921 (wo al-
lerdings umstritten ist, ob sich das Wort présbuß dort auf Priamos bezieht
oder auf den alten Hirten, der dem ausgesetzten Kind das Leben gerettet
hat und von dem vielleicht auch in Alexandros F 62d,12 TrGF die Rede
war).
162–63 Diese Verse werden vielleicht zitiert von Dionysios von Hali-
karnassos De Compositione verborum 17: poían dñq’ o™rmásw; taútan h£
keínan; keínan h£ taútan; Doch s. auch Adespota F 137 TrGF. Ein ähnlich
zweifelhaftes Zitat ist Alexander De figuris 3, 12 20 Spengel: poían e¢lqw,
taútan h£ keínan;
162 poían h£ taútan h£ keínan: zu ergänzen o™dón: „welchen, entwe-
der diesen oder jenen Weg?“ In einigen Hss. ist die Glosse o™dón in den
Text eingedrungen.
163 poî dæ sw<qø>: „wohin soll ich gerettet werden?“ Die Ergän-
zung durch Diggle scheint mir sinnvoll zu sein; trotz der Einwände von
Biehl (1997) 96 und Synodinou zur Stelle. Das überlieferte poî d’ hçsw
„wohin lenke ich“ lässt sich allenfalls dann verstehen, wenn man sich
póda „den Fuߓ ergänzt; vgl. Rhes. 798. (Der Text von Aisch. Pers. 470
içhs’ a¬kósmw¸ xùn fugñ¸ ist umstritten.) Aber auch das von Erfurdt vorge-
schlagene poî d’ a¢¸ssw „wohin soll ich eilen“ ist bedenkenswert.
164 qeøn: einsilbig in Synizese zu sprechen.
daímwn: R. Schlesier, Daimon und Daimones bei Eur., Saeculum 34
(1983) 267–79 stellt fest, dass Eur. meist keinen Unterschied zwischen
qeoí und daímoneß macht, sondern beide Wörter synonym verwendet. Die
278 Kommentar

wichtigste Ausnahme ist Alk. 1003, wo daímwn etwa „Totengeist eines


Heros“ bedeuten muss. Eine Differenzierung zwischen qeoí und daímoneß,
wie sie später die platonische Diotima (Symposion 201d–202e) vornimmt,
gibt es bei Eur. noch nicht. Die Übersetzung „Dämon“ für daímwn wäre
irreführend, weil sie nahelegen würde, dass es sich hier um Wesen handel-
te, die einen niedrigeren Rang als die Götter hätten und womöglich sogar
gegen die Götter wirkten. Darum lasse ich das Wort hier unübersetzt, wäh-
rend ich es sonst mit „Gott“ wiedergebe. Vgl. auch Wilamowitz (1931)
1,362–69, der darauf hinweist, dass besonders dann von daímwn gespro-
chen wird, wenn es um die Zuteilung menschlicher Schicksale geht. In
dieser Weise wird das Wort denn auch in V. 723 und 1087 verwendet.
165–74a Die Wortwiederholungen lassen abermals die große Erre-
gung der Sprecherin erkennen.
165–68 Die Verse respondieren metrisch mit V. 207–10.
165f. e¬negkoûsai: entweder „die ihr bringt“ oder „die ihr ertragt“.
Ersteres verdient in diesem Kontext den Vorzug.
166–69 Ennius Hec. fr. = 204f. Warmington = 91 Jocelyn („miserete
anuis | date ferrum qui me anima privem“) ist offenbar eine kräftig ver-
stärkte Version dieser Verse.
167 a¬pwlésat’ w¬lésat’: Wiederaufnahme des Kompositums durch
das Simplex; dazu Diggle (1994) 84. Die Worte sind implizit ein Vorwurf
an den Überbringer einer schlechten Botschaft; vgl. Soph. Ant. 277 stérgei
gàr ou¬deìß a¢ggelon kakøn e¬pøn.
167f. bíoß … e¬n fáei: „das Leben im Licht“, poetische Wendung für
„das Leben“, im Gegensatz zum Dasein in der Unterwelt; vgl. 415 e¬n fáei,
418 e¬n ÷Aidou.
a¬gastóß: „bewundert“, „bewundernswert“, hier „beneidenswert“.
170–76 Wer zwischen den Monodien Hekabes und Polyxenes metri-
sche Responsion annimmt und zugleich V. 211–15 für einen späteren Zu-
satz hält, muss diese Verse, soweit er sie nicht streicht, zum folgenden
Amoibaion rechnen. So verfährt denn auch Biehl (1997) 179.
170f. açghsaí moi: „leite mich!“ Attisch hçghsai, Imperativ des Ao-
rists von h™géomai.
172–74a Diese Verse sind offenbar von Aristophanes parodiert wor-
den (Wolken 1165f. w® téknon w® paî, e¢xelq’ oi¢kwn, a¢ïe soû patróß und
schol.).
172 au¬lán: „Hof“, „Halle“, „Behausung“. Hier ist das Zelt gemeint.
173–74a Diggle hält die Verse für korrupt; sie sind metrisch auch
nicht in Ordnung. Er macht verschiedene Lösungsvorschläge (e¢xelq’
e¢xelq’ oi¢kwn, matròß | dustanotátaß a¢i’ au¬dán oder dustanotátaß
matéroß e¢xelq’ | e¢xelq’ oi¢kwn, a¢i’ au¬dán), doch scheint es mir am ein-
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 279

fachsten zu sein, das Metrum durch die Hinzufügung einer langen Silbe,
etwa von e¢lq’, zu heilen.
174a a¢ie: „vernimm“. a¬íw ist episches und lyrisches Synonym für
a¬koúw „höre“; vgl. V. 176. Das a ist hier lang zu messen wie Aisch. Hik.
59, in V. 176 dagegen kurz wie Aisch. Pers. 633, Ag. 55. Zur unter-
schiedlichen Quantität s. auch LSJ.
175f. Der erste Vers hat so, wie er in den meisten Hss. überliefert ist,
die an dieser Stelle ungewöhnliche metrische Form des Dochmius,
dem zwei Spondeen oder spondeische Anapäste folgen
( qkkqkq | qq | qq | ). Zum Versmaß des Dochmius s. zu V. 182.
Außerdem nimmt das Verspaar die Nachricht des bevorstehenden Todes
Polyxenes vorweg, die Hekabe ihrer Tochter erst in V. 188–90 übermitteln
wird. Darum möchte ich mich denen anschließen, welche die Verse tilgen.
Das letzte Wort dazu ist aber wohl noch nicht gesprochen.
Diggle und Kovacs möchten die Worte i¬œ téknon halten, was möglich
ist, wenn man sie als Ausruf auffasst, der außerhalb des Metrums steht.

177–96 Amoibaion (Wechselgesang) Hekabe–Polyxene

Auf die Aufforderung ihrer Mutter hin tritt Polyxene aus dem Zelt hervor
und fragt, warum sie gerufen wurde. Hekabe antwortet zunächst nicht auf
ihre Fragen, sondern stößt in V. 180, 182 und 186 Weherufe aus. Erst auf
mehrfaches Drängen übermittelt sie die furchtbare Nachricht (188–90) und
bestätigt sie auf die abermalige Frage Polyxenes (194–96). Dazu
Mastronarde (1979) 38 Anm. 8 und 64 Anm. 36.
Zur Bauform des Amoibaion s. H. Popp, Das Amoibaion, in: Jens
(1971) 221–75, sowie zu V. 684–720.
177 tí néon: „welche schlimme Neuigkeit”. Auch hier gilt das zu V.
83 Gesagte.
178f. wçst’ = wçsper bei Homer und den Tragikern; vgl. V. 205, 337.
qámbei: “Schreck”, vgl. Rhes. 291 qámbei d’ e¬kplagénteß; Hesychius
Q 76 qámboß· qaûma, e¢kplhxiß.
e¬xeptáxaß: „hast du mich … aufgescheucht”; nur hier belegtes Kom-
positum zu ptässw, das entweder transitiv gebraucht wird: „lasse jeman-
den sich ducken“, „erschrecke jemanden“, wie Ilias 14,40, oder auch in-
transitiv: „ducke mich“; so Her. 974; Kykl. 408; Soph. Ai. 171 (auch in
Vergleichen mit Vögeln).
181 tí me dusfhmeîß: „Was sagst du mit schlimmer Vorbedeutung
über mich?“ Ungewöhnliche Konstruktion. dusfhmeîn mit Akkusativ be-
deutet sonst meist „schlimm über jemanden reden“; vgl. Hkld. 600; Soph.
El. 1182.
280 Kommentar

froímion: kontrahierte Form von prooímion „Vorwort“, „Einleitung“;


vgl. auch V. 1195. Ähnliche Wendungen in vergleichbarer Situation: Hipp.
568; Tro. 712; Phoen. 1336.
182 Kausaler Genetiv nach einer Interjektion; ähnlich V. 661, 783;
Hel. 211f. ai¬aî daímonoß polustónou moíraß te sâß; KG 1, 388f.
Mit diesem Vers beginnen die immer wieder in die Anapäste einge-
streuten Dochmien (185, 190, 193, s. ferner zu V. 187). Der Dochmius ist
das Versmaß, in dem starke Erregung ihren Ausdruck findet; vgl. V. 684–
720, 1024–34, 1056–1106. Die Grundform ist kqqkq, doch gibt es
viele Variationsmöglichkeiten. Hierzu Conomis (1964).
183 e¬xaúda, mæ krúyh¸ß: „sprich es aus, verbirg es nicht (vor mir)“.
Ähnlich Ilias 1,363 e¬xaúda, mæ keúqe nów¸.
darón: „lange“; dorische Form für attisches dhrón, hier im Kontext
lyrischer Anapäste. Dies ist eine der dorischen Formen, die in der Tragödie
auch in iambischem Kontext verwendet werden, wie eçkati (1198), o¬páwn
(979); vgl. Björk (1950) 126.
187 Wenn mit Hartung ein dè eingefügt und mit ihm und Hermann
a¬ggeleîß gelesen würde, entstände noch ein weiterer Dochmius:
k kkqkq (d2).
188–90 sfáxai s’: „dich zu schlachten“: sfáttein bezeichnet die ri-
tuelle Opferung, der Dativ (Phleía¸ génna¸) nennt den Empfänger des Op-
fers; vgl. Hkld. 408, 490.
sunteínei: „strebt danach“, „zielt darauf“.
pròß túmbon: „am Grabe“, gibt den Ort der Opferung an, nicht das
Ziel einer Opferprozession, wie Gregory meint.
gnåma, attisch gnåmh „Gedanke“, „Meinung“, „Meinungsäußerung“,
hier „Beschluss (einer Versammlung)“.
190 Phleía¸ génna¸: „für den Peleussohn“ Achilleus, wörtlich „für die
Nachkommenschaft des Peleus“. Päleioß ist Adjektiv zu Phleúß. Das
Phleída¸ génna¸ der Hss. würde „für die Nachkommenschaft des Peliden“
bedeuten, würde sich also auf Neoptolemos beziehen. Eine ähnliche Wort-
bildung findet sich Iph.T. 1290 ¯Agamemnoneíaß paidóß.
192 a¬mégarta kakøn: wörtlich „nicht Beneidenswertes unter den
Übeln“ (vgl. V. 716 w® katárat’ a¬ndrøn) oder „wegen der Übel“. Murray
zieht die Worte zum Vorhergehenden, was auch möglich wäre, ich ziehe
sie dagegen mit Diggle zum Folgenden.
mánuson: Hierzu schreibt ein jüngeres Scholium: tò mhnúein parà
toîß poihtaîß a¬ntì toû a™pløß légein e¬stí.
194 dusfämouß fämaß: „Worte von schlimmer Vorbedeutung“.
Hekabe knüpft an Polyxenes Worte in V. 181 an.
Paradoxe Formulierung (Oxymoron); ähnlich V. 612 númfhn a¢num-
fon parqénon t’ a¬párqenon. Hierzu Fehling (1968) 150.
59–215 Anapästisch-lyrische Eingangspartie 281

195f. ¯Argeíwn dóxai yäfw¸: „durch die Abstimmung der Argiver


sei beschlossen worden“. Durch seine Wortwahl betont der Chor, dass der
Beschluss der Griechen formal korrekt gefaßt wurde; s. zu V. 108.
196 tâß sâß perì yucâß: „wegen deines Lebens“. Dieser von weni-
gen Hss. überlieferte Text verdient den Vorzug vor dem von dem besser
überlieferten tâß sâß perí moi yucâß, in dem der Dativus ethicus moi
„mir“ allenfalls „die zärtliche Anteilnahme der Mutter am Leben ihres
Kindes“ zum Ausdruck bringen könnte (Weil). Zumeist wird moi jedoch
als störend empfunden. Page ändert perì yucâß in perì moíraß „wegen
deines Schicksals“, und Diggle übernimmt diese Änderung, die das über-
lieferte moi verwertet. Diggle verweist für perì moíraß auf Hel. 213 und
Soph. Öd. 1302 als Parallelen, aber dort geht es jeweils um die Schicksale
der betreffenden Person im allgemeinen und nicht um Leben oder Tod.
Darum sollte man besser an perì yucâß festhalten.

197–215 Monodie Polyxenes

Hekabes Tochter reagiert in einem bewegten Lied auf die furchtbare Nach-
richt, die sie erhalten hat. Dabei beklagt sie nicht so sehr ihr eigenes
Schicksal, sondern versetzt sich vor allem in die Lage ihrer Mutter, die zu
ihren vielen anderen Leiden noch ein neues Unglück trifft. Ihr späterer
Entschluss, ihren Tod als freien Willensakt auf sich zu nehmen, wird also
nicht überraschend kommen. Zur vermuteten Responsion von V. 197–210
mit 154–74a s. zu V. 154–76.
198 Der überlieferte Text bringt einen ungewöhnlichen, aber nicht
unmöglichen Wechsel zwischen der meist bei einem Vokativ stehenden
Exklamation w®, dem Adjektiv im Genetiv dustánou „des unglücklichen“,
dem Vokativ mâter „Mutter“ und dem Substantiv im Genetiv biotâß „des
Lebens“. Die vorgeschlagenen Änderungen zielen auf eine Glättung. Her-
mann gleicht das w® an das folgende Adjektiv an, Wecklein das Adjektiv an
das vorausgehende w®. Beides scheint mir unnötig zu sein. Diggle verweist
auf Hel. 211f. (ai¬aî daímonoß polustónou moíraß te sâß gúnai), wo auf
den Weheruf ai¬aî Genetive folgen, die den Grund des Weherufes angeben,
und sodann ein Vokativ. Vgl. auch V. 661; Med. 1028; KG 1,389.
199 låban: „Unheil“, „Misshandlung“, „Schande“, „Schmach“; ein
in diesem Stück häufig wiederkehrendes Wort: V. 213, 647, 1073, 1098.
200f. Der überlieferte Text ist sprachlich nicht zu beanstanden
(Collard). Die von Hermann und Diggle vorgeschlagenen Zusätze ändern
nichts am Sinn, sondern dienen der Angleichung des Metrums an die Um-
gebung und der Herstellung der Responsion mit V. 157f. Da ich jedoch
282 Kommentar

keine Responsion annehme und da das Metrum dieser Monodie auch sonst
recht bewegt ist, übernehme ich die Zusätze nicht.
205f. skúmnon: „junges Tier“, besonders von Löwen, aber auch von
anderen Tieren gebräuchlich, metaphorisch auch von jungen Menschen.
wçst’ = wçsper; vgl. V. 178, 337.
ou¬riqréptan: „im Gebirge ernährt, aufgewachsen“.
móscon: „Kalb“, oft als Opfertier erwähnt; metaphorisch ebenfalls
von jungen Menschen, hier Femininum; vgl. V. 526; Iph.T. 359; Iph.A.
1083. Die Verbindung von ou¬riqréptan mit móscon wurde zu Unrecht
als ungewöhnlich empfunden,. Denn im Altertum wurde dort, wo Wiesen
fehlten, das Vieh im Sommer zum Weiden ins waldige Gebirge getrieben;
vgl. Iph.T. 162; Iph.A. 574f., 1082–84; Soph. Öd. 1133–39; ferner „silvae“,
„myricae“ und „nemus“ als Ort der Hirtendichtung Vergil Eklogen 6,2,
10,9–15. S. auch Mossman 148 Anm. 20; Synodinou zur Stelle.
206 Zwischen deilaían und e¬sóyh¸ nehmen Murray, Diggle und Ko-
vacs um der Responsion mit V. 164 willen eine Lücke an, obwohl im über-
lieferten Text syntaktisch nichts fehlt.
207–10 Die Verse respondieren metrisch mit V. 165–68.
207f. ceiròß a¬narpastàn sâß a¢po: „aus deiner Hand gerissen“, mit
nachgestellter Präposition und Akzentverschiebung; vgl. V. 209 nekrøn
méta.
Polyxenes Worte klingen an Hekabes Traumerzählung in V. 90f. an.
208–09 ÷Aida¸ gâß u™popempoménan skóton: wörtlich „dem Hades
hinabgeschickt ins Dunkel der Erde“. Der von der großen Mehrheit der
Hss. bezeugte Text scheint mir gut verständlich zu sein, so dass ein Rück-
griff auf das vereinzelt überlieferte und von Reiske konjizierte gâß uçpo
„unter die Erde“ nicht nötig ist.
210 keísomai: im Blick auf den künftigen eigenen Tod gesagt auch
Phön. 1283; Soph. Ant. 76.
211–15 Die Verse werden von Wilamowitz (Lesefrüchte, 124, Her-
mes 44, 1909, 449) gestrichen mit der Begründung: „Das ist ein abscheuli-
cher Zusatz. So dumm soll Eur. gewesen sein, Polyxena hier schon lebens-
satt zu zeigen, damit das großartige parà prosdokían V. 342ff. um seine
Wirkung käme?“ Diggle schließt sich an. Wenn man zwischen den beiden
Monodien Responsion annimmt, machen die Verse in der Tat Schwie-
rigkeiten, da der überlieferte Text nicht mit V. 170–76 respondiert. Ich
nehme aber keine Responsion an und halte auch die Vorwegnahme nicht
für einen Fehler. Denn schon in V. 197–204 sieht Polyxene ihr Schicksal in
erster Linie als ein Leid, das ihre Mutter betrifft, und nicht so sehr als ihr
eigenes Unglück. Dass V. 215 nicht mit der üblichen Klausel schließt (wie
übrigens auch schon der umstrittene V. 176), kann man entweder für tole-
rierbar halten (wobei sich auf Aisch. Pers. 930 verweisen lässt) oder aber
216–443 Erstes Epeisodion 283

durch die Textänderungen von Weil (pótmoß) oder Dale (daímwn) korri-
gieren. Die von Kovacs vorgenommene Ergänzung toû féggoß o™rân „als
das Licht zu sehen“ ändert wenig am Sinn des Satzes, sondern dient der
Herstellung der Responsion mit V. 171–74. Zu diesen Versen auch
O’Connor-Visser (1987) 68; Kovacs (1996) 56–58; Synodinou zur Stelle.
211 Obwohl alle Hss. sè überliefern, kommentiert schol. M, als ob
soû stände. Jedoch ist die Konstruktion von klaíw mit dem kausalen Ge-
netiv soû zwar ungewöhnlich, findet aber eine Parallele in Soph. El. 1117
(ei¢per ti klaíeiß tøn ¯Oresteíwn kakøn); hierzu KG 1,388. Die Stelle
hat schon in der Antike zu Diskussionen geführt, wie schol. M zeigt (a¬ntì
toû perì soû, h£ e¬pì soì … tinèß dé fasi leípein tò cárin). Weil meint,
dass klaíein hier wie a¬lgeîn konstruiert wird, das den Genetiv regiert, und
verweist auf V. 1256 h® ’me paidòß ou¬k a¬lgeîn dokeiß; Collard erwägt,
soû von qränoiß abhängig sein zu lassen „mit meinen Klagen für dich“,
doch scheint mir die Wortstellung diese Konstruktion nicht gerade nahezu-
legen. Ähnliches gilt für den Vorschlag von schol. M und Weil, tòn bíon
aus V. 213 als Objekt zu klaíw zu ergänzen.
212 Anstatt der in der Tragödie gebräuchlichen und deswegen hier
vorzuziehenden synkopierten Wortform pandúrtoiß „alles beklagenden“
erscheint in den Hss. hier und auch an den anderen Stellen (Aisch. Pers.
941, 944; Soph. El. 1077) die nicht synkopierte Form panodúrtoiß. Dort
jedoch ist die synkopierte Form aus metrischen Gründen hergestellt wor-
den, während hier beides möglich wäre.
213 tòn e¬mòn dè bíon låban lúman t’: „mein Leben (das aus) Ge-
walt und Zerstörung (besteht)“. Polyxene fasst hier kurz zusammen, was
sie in V. 359–66 ausführlich beschreiben wird. Reiskes tou¬moû dè bíou
„meines Lebens“ gibt keinen besseren Sinn. Anders Kovacs (1996) 56f.
Ähnliche Wortverbindung in V. 1073f., låbh auch 647.
214 metaklaíomai: „beweine“, wie klaíomai. Andere übersetzen
„beklage nachträglich, bereue“ (LSJ). Polyxene würde dann also auf ihr
Leben zurückblicken. Kovacs übernimmt das von Willink vorgeschlagene
méga klaíomai „beweine sehr“.
215 xuntucía: „Fügung“, je nach Zusammenhang „glückliche“ oder
auch „unglückliche“, genau wie auch túch und lat. „fortuna“ je nach den
Umständen „Glück“ oder „Unglück“ bedeuten können.

216–443 Erstes Epeisodion

Das erste der zwei Epeisodien, die der Polyxene-Handlung gewidmet sind,
beginnt mit der Auseinandersetzung Hekabes mit Odysseus, wobei Hekabe
nach zwei Wechselreden (218–37) und einer vorbereitenden kurzen Sticho-
284 Kommentar

mythie (238–50) zunächst in einer eindringlichen Rede ihre Bitte vor-


bringt, er möge zu Gunsten ihrer Tochter an das Heer appellieren (251–
95), was Odysseus mit gewichtigen Argumenten ablehnt (299–331). Dann
fordert Hekabe ihre Tochter auf, selbst das Wort zu ergreifen (334–41).
Diese verzichtet aber darauf, um ihr Leben zu bitten, sondern erklärt sich
bereit zu sterben, wobei sie diesen Entschluss eindrucksvoll begründet
(342–78). Auch jetzt gibt Hekabe nicht auf und versucht mit allen Mitteln,
ihre Tochter vor dem Tod zu bewahren oder mit ihr sterben zu dürfen
(382–401), bis Polyxene sie bittet, sich ins Unvermeidliche zu fügen (402–
08). Nun beginnt ein rührendes Abschiedsgespräch zwischen Mutter und
Tochter, zum großen Teil stichomythisch (409–31). Schließlich fordert
Polyxene Odysseus auf, sie hinwegzuführen, und nimmt Abschied vom
Leben (432–37). Hekabe versucht sie vergebens zurückzuhalten und bricht
dann zusammen (438–40). Sie hat aber so viel Kraft bewahrt, dass sie sich
wieder aufrichten und Helena als die Urheberin alles Unglücks verwün-
schen kann (441–43). Die Chorführerin greift nur in die Handlung ein,
indem sie am Anfang die neu auftretende Person ankündigt (216f.) und das
Ende der drei großen Reden jeweils durch kurze Kommentare markiert
(296–98, 332f., 379–81).
Zum Aufbau der Szene, eines frühen Beispiels eines zwischen drei
Personen geführten Gesprächs in der Tragödie, s. Listmann 51–53. Sein
Urteil (52f.): „Obwohl ein gleichmäßigs Ineinandergreifen der Reden aller
drei Beteiligten auch hier nicht erzielt ist, so ist doch die engere Verbin-
dung der Schauspieler in Handlung und Dialog und die häufigere Teilnah-
me der dritten Stimme ein entschiedener Fortschritt in der Dreige-
sprächstechnik gegenüber den früheren Tragödien“.
216 kaì mæn: „und fürwahr”. Häufige Wendung bei der Ankündigung
neu auftretender Personen: V. 665; Alk. 611, 1006; Hkld. 118; Hipp. 899,
1152; Andr. 494, 820; Tro. 230; Phön. 443. Zu solchen Ankündigungen s.
R. Hamilton, Announced Entrances in Greek Tragedy, Harvard Studies in
Classical Philology 82 (1978) 63–82.
218–28 Die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Odysseus wurde
schon in V. 141 angekündigt. Jetzt tritt er „mit schnellem Schritt“ (spoudñ¸
podóß) auf. Ein so rascher Auftritt verheißt gewöhnlich nichts Gutes; vgl.
Hipp. 1151f; Tro. 230–32. Die knappe Rede des Odysseus zeigt seine
Rücksichtslosigkeit. Er meldet mit dürren Worten den Beschluss des Hee-
res und fügt hinzu, dass jeder Widerstand zwecklos sei.
219 kranqeîsan: „beschlossenen“, „vollendeten“. Oft von göttlichen
Ratschlüssen: Andr. 1271f.; Hik. 139; El. 1248; Tro. 785; Ion 77; Aisch.
Ag. 369; aber auch wie hier von Beschlüssen menschlicher Gremien: Hik.
375; Aisch. Hik. 942f.; ferner von (vielleicht von Göttern bewirkten) Er-
eignissen, so Hipp. 1255. S. auch zu V. 740.
216–443 Erstes Epeisodion 285

221 cøm(a): „Aufschüttung“; hier „Grabhügel“; auch V. 524; ferner


Aisch. Cho. 723; Soph. Ant. 1216.
Zur Mitteldihärese s. zu V. 15.
222 pompoùß kaì komistñraß: „Geleiter und Herbeibringer“, zere-
monielle Breite des Ausdrucks. pompóß auch Ba. 965, 1047, 1381.
komistär nur hier in der Tragödie, wohl Neubildung anstelle des häufige-
ren komistäß (Andr. 1268; Hik. 25).
224 e¬pésth: „trat auf“. Hierfür setzte Nauck e¬péstai „wird auftre-
ten“. Diggle und Collard schließen sich an, weil man ein Futur erwarten
würde. Doch lässt sich e¬pésth im Sinne von „wurde eingesetzt“ halten. So
auch schol. Mgl (e¬ceirotonäqh), Biehl (1997) 99, Gregory, Synodinou,
KG 1,98f.
toûde ist mit qúmatoß zu verbinden.
225 oi®sq’ ou®n oÇ drâson: „weißt du, was du tun sollst?“: Imperativ
im Relativsatz: Ungewöhnliche Konstruktion, oft bei Eur., von manchen
Schreibern nicht mehr verstanden und darum beseitigt; vgl. schol. M sowie
Soph. Öd. 543; Ion 1029; Hel. 315 und Kannicht zur Stelle; KG 1,239.
mät’ a¬pospasqñ¸ß bía¸:„lass sie dir nicht mit Gewalt entreißen“ oder,
wie andere meinen: „lass dich nicht … von ihr losreißen!“
227 a¬lkæn: „Kampfkraft“, insbesondere bei der Verteidigung. Hier
sind die geringen Kräfte Hekabes gemeint, die es ihr unmöglich machen
würden, sich zur Wehr zu setzen. Kovacs (1996) 58, übernimmt unnö-
tigerweise den Vorschlag Herwerdens gígnwsk’ a¬nágkhn „erkenne deine
Notlage“. S. auch zu V. 885.
228 Ein schlagendes Argument dessen, der das Recht des Stärkeren
auf seiner Seite hat; ähnlich Tro. 726–29; ferner die Athener gegenüber
den Meliern Thukydides 5,111,4. Vgl. auch Andr. 126.
229 a¬gœn mégaß: „ein großer Kampf”; eine bei Eur. beliebte Wen-
dung, vgl. Hipp. 496; Hel. 843, 1090; Phön. 860; Ba. 975; [Rhes. 195]; im
Superlativ Med. 235: Iph.A. 1003f; von Aristophanes parodiert Wolken
956; Frieden 276; Frösche 883. Damit gibt Hekabe das Stichwort für den
Rest der Szene. Es wird eine förmliche Debatte mit Rede und Gegenrede
geben, einen a¬gån lógwn. Allerdings fehlt infolge des Eingreifens der
Polyxene der sonst übliche heftige Wortwechsel nach den beiden Reden.
Vgl. hierzu Lloyd (1992) 8f.
230 plärhß … ou¬dè … kenóß: Die Aussage erhält besonderen Nach-
druck durch Hinzufügung der Verneinung des Gegenteils; vgl. Andr. 96
und Stevens zur Stelle mit weiteren Beispielen.
231 ou¬k e¢qnhskon: „ich starb nicht“ oder „ich konnte nicht sterben“.
Negiertes Imperfekt der Nichtvollendung; vgl. Schwyzer 2,279: „bei Hand-
lungen, deren Ausführung nicht allein vom Subjekt abhängt, ‚nicht kön-
nen‘“.
286 Kommentar

232 Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. Hier wird durch den antitheti-


schen Versbau die Antithese w¢lesen – tréfei, also der Gegensatz von
Vernichtung (als Gnade) und Erhaltung (zum Unglück) besonders betont.
233 kakøn kák’ a¢lla meízon’: wörtlich: „anderes Schlimmes, grö-
ßer als das (bisherige) Schlimme“. Zur Stilfigur des Polyptoton vgl. V. 45,
84, am ähnlichsten 588, 690.
234–37 Hekabe beachtet sorgfältig den Rangunterschied, der zwi-
schen ihr und Odysseus jetzt besteht, und bittet bescheiden darum, dass ihr
Rederecht gewährt wird.
234 e¢sti: hier im Sinne von e¢xesti „es ist erlaubt“; vgl. V. 238.
235 mhdè kardíaß dhktäria: „etwas, das nicht das Herz beißt“.
kardíaß ist Genetivus obiectivus.
236 Der erforderliche Sinn „dann ist es für dich nötig, zu antworten“
lässt sich dem überlieferten soì mèn ei¬rñsqai („dir“ oder „von dir gesagt
worden zu sein“) nur schwer abgewinnen. Paley, Prinz, Collard, Hadley
und Biehl (1997) 100f. versuchen auf verschiedene Weisen den überlie-
ferten Text zu verstehen, doch befriedigt keiner dieser Versuche restlos.
Eine ausführliche Diskussion der Versuche bei Synodinou zur Stelle.
Porson verweist auf die häufig eine Rede abschließende Wendung ei¢rhtai
lógoß „die Rede ist gesagt, d. h. beendet“. Dann wäre lógon „die Rede“
zu ergänzen und etwa zu übersetzen „dass deine Rede beendet sei“. Doch
sollte man eher den Vorschlag von Herwerden sè mèn a¬meíbesqai „zu
antworten“ übernehmen. Daneben ist auch der Vorschlag von Weil sè mèn
e¬rwtâsqai „dich fragen zu lassen“ erwähnenswert; vgl. Iph.A. 1130
e¬rwtâsqai qélw.
237 h™mâß ... toùß e¬rwtøntaß: Generalisierendes Maskulinum im
Plural, bezogen auf weibliche Personen, vgl. V. 512, 670, 798; KG 1,83.
238 Odysseus gewährt Hekabe zwar großzügig Zeit für eine Anhö-
rung, in der Sache aber wird er hart bleiben.
239–50 Hekabe bereitet die Argumentation der folgenden Rede vor,
indem sie sich bestätigen lässt, dass sie Odysseus einst das Leben rettete
und darum Anspruch auf seine Dankbarkeit hat. Dabei bezieht sie sich auf
die in der Odyssee (4,242–58) erwähnte Episode, in der Odysseus sich in
der Verkleidung eines Sklaven als Spion nach Troja einschlich. S. auch
Kleine Ilias p. 52,19–22 EGF ed. Davies; Rhes. 710–19. In der Odyssee ist
allerdings nicht die Rede von Hekabe, sondern nur davon, dass Helena ihn
erkannte und nicht verriet. Vgl. ferner Schwinge (1968) 197f.
239 Zur Syntax s. zu V. 110.
241f. Vgl. Odyssee 4,244–48, wo Helena erzählt, dass Odysseus sich
damals durch schlechte Kleidung und von ihm selbst zugefügte Verlet-
zungen unkenntlich machte. Schol. M merkt an, dass die Erfindung des
Eur., nach der Hekabe und nicht Helena Odysseus gerettet habe, unglaub-
216–443 Erstes Epeisodion 287

haft sei. Die Absicht des Dichters ist jedoch klar. Er braucht für die Argu-
mentation Hekabes in der folgenden Rede ein ähnliches Band der Gemein-
samkeit zwischen ihr und Odysseus, wie es im zweiten Teil des Dramas
zwischen ihr und Agamemnon besteht (824–35). Dort ist ein solches Band
vom Mythos vorgegeben, hier muss der Dichter es selber knüpfen.
241 fónou: „Mord“, hier wohl „Blut“, wie Iph.T. 72, Soph. Öd. 1278.
Schol. M fasst fónou stalagmoì metaphorisch auf wie in der Wendung
„blutige Tränen weinen“. Ähnliche Formulierung Aisch. Cho. 1058 über
die Erinyen: ka¬x o¬mmátwn stázousin ai©ma dusfiléß.
242 a¢kraß kardíaß: „an des Spitze des Herzens“, „nur oberfläch-
lich“. Zur Wendung vgl. Aisch. Ag. 805 ou¬k a¬p’ a¢kraß frenóß. Ganz
anderen Sinn hat a¢kroß dagegen Hipp. 255 pròß a¢kron múelon yucñß
„ins innerste Mark des Gemüts”.
245 tapeinòß w¢n: „wobei du niedrig warst” oder „wobei du dich
unterwarfst”; vgl. Andr. 165. Gemeint ist die Gebärde des Bittflehenden; s.
zu V. 251–95, 286.
246–50 Die Überlieferung ist zum Teil durch den Ausfall zweier Ver-
se und ihre Wiedereinführung an falscher Stelle gestört. Obwohl die von
Diggle vorgeschlagene und von Kovacs und Synodinou übernommene
Versfolge der zeitlichen Abfolge der Ereignisse besser entspricht, halten
viele Herausgeber, darunter Gregory, an der von den meisten Hss. überlie-
ferten Reihenfolge fest, mit Recht, wie mir scheint. Collard übernimmt
zwar Diggles Text, kann aber auch der besser überlieferten Reihenfolge
einen guten Sinn abgewinnen und findet, dass V. 250 vor 251 „kraftvoll
ironisch“ ist. Im übrigen ist nach V. 250, wo Odysseus seine damaligen
Worte als situationsbedingt abwertet, Hekabes Argumentation von vornhe-
rein wenig aussichtsreich.
246 e¬nqaneîn: „absterben“, so auch schol. M (nekrwqñnai u™pò toû
déouß tæn ceîrá mou). Die ungewöhnliche Wendung hebt hervor, wie
lange und wie fest sich Oysseus in seiner Todesangst an Hekabes Gewand
klammerte.
248 cqonóß: „aus der Stadt“, wörtlich: „aus dem Land“. Hierzu
Wilamowitz, Eur. Her. 3,127: „Die Tragödie hat … cqån und póliß ganz
synonym gebraucht und das edlere Wort bevorzugt“.
249 Eine paradoxe Situation. Die Königin, die jetzt eine Sklavin ist,
kann einen König daran erinnern, dass er einst ihr Sklave war. Er war es,
weil er sich durch seine Hikesie in ihre Gewalt begeben hatte.
250 wörtlich: „Vieler Worte Erfindungen, so dass ich nicht starb“. Es
geht hier wohl nicht darum, dass Odysseus zugeben muss, Hekabe in sei-
ner Not vieles versprochen zu haben, wie Biehl (1997) 101 meint. Viel-
mehr scheint er mir seine damaligen Worte abzuwerten, weil er sie nur
gesagt habe, um der Lebensgefahr zu entkommen.
288 Kommentar

251–333 Den Mittelteil des Epeisodion bildet ein streng gebauter


Agon, bestehend aus zwei Reden, denen sich jeweils eine Chorreplik an-
schließt. Danach greift die dritte Person ein und entscheidet den Streit
(342–78). Eine formal ähnliche, freilich inhaltlich ganz andersartige Ab-
folge wird es in der Exodos geben (1132–1251).

251–95 Rede Hekabes

Hekabe kämpft um das Leben ihrer Tochter. Sie versucht Odysseus dazu
zu bewegen, noch einmal vor der Heeresversammlung aufzutreten und sich
für die Aufhebung oder zumindest Änderung des Opferbeschlusses einzu-
setzen. Nach einer Einleitung (251–57) stellt sie die Angemessenheit des
Beschlusses in Frage (258–70). Dann wendet sie sich an ihn persönlich,
fordert seinen Dank für ihren früheren Beistand ein, sucht sein Mitleid mit
ihr selbst und ihrer Tochter zu erregen und warnt vor der Unbeständigkeit
des Glückes (271–85). Schließlich appelliert sie abermals an sein Mitleid
und Rechtsgefühl und fordert ihn auf, noch einmal vor dem Heer aufzutre-
ten und sich für Polyxenes Leben einzusetzen (286–295). Hekabes Rede
wird, wie V. 275f. und 286f. zeigen, am Ende zu einer Hikesierede, das
heißt zu einer Rede, mit der eine schwache und hilflose Person einen Stär-
keren um Hilfe anfleht, wobei sie die Rede mit den rituellen Gebärden
eines Bittflehenden begleitet, dem Niedersinken vor dem Angeflehten, dem
Umklammern der Knie und dem Emporstrecken des Armes zu Kinn und
Bart. Hierzu J. Kopperschmidt, Hikesie als dramatische Form, in: Jens
(1971) 321–46; Gould (1973) 84f.; Gödde (2000) 86f. Hekabes Rede wird
keinen Erfolg haben. Das ist aber nicht auf irgendwelche Schwächen ihrer
Argumentation zurückzuführen, wie Riedweg (2000) 27f. meint, sondern
darauf, dass Odysseus den Beschluss des Heeres, den er ja selbst herbei-
geführt hat, für richtig hält und darum nicht in Frage stellen kann und will.
251–53 Hekabe wirft Odysseus Undankbarkeit vor, weil er sich für
den Nutzen, den er von ihr hatte, nicht dankbar erweist, sondern ihr sogar
Schaden zufügt.
251 ou¢koun kakúnh¸: „erweist du dich nicht als schlecht?“ oder „er-
scheinst du (dir) nicht als schlecht?“ Vgl. Hipp. 685f. und Barrett zur Stel-
le; ähnlich Schol. M: „kakòß w£n a™lískh¸ … kakòß faính¸“. Nicht richtig
LSJ: „to be reproached“.
252 e¢paqeß oi©a fæ¸ß paqeîn: ähnliche Umschreibungen auch V. 873,
1000.
253f. Zur Mitteldihärese s. zu V. 15.
253 Durch die antithetische Formulierung und die Form des Verses
wird der Gegensatz „gut – schlecht“ besonders betont. Die Gliederung des
216–443 Erstes Epeisodion 289

Verses in zwei Hälften unterstützt die markante Aussage mit gnomischem


Charakter.
dúnh¸: „du kannst“ ist hier, Andr. 239 und Soph. Phil. 798 einheitlich
überliefert, doch hat Porson überall dúna¸ als vermeintlich korrektere Form
in den Text gesetzt. Anders Schwyzer 1,668; Björk (1950) 244. Nur für
Soph. Phil. 849 ist dúna¸ in einigen Hss. bezeugt, freilich in lyrischem
Kontext.
254–57 Hekabe erweitert den Tadel an Odysseus zu einer allgemei-
nen Invektive gegen die Volksredner, die sich nur um die Gunst (cáriß)
der Menge bemühen, aber die Dankbarkeit (cáriß) vergessen, die sie ihren
Freunden schulden. Schol. M bemerkt nicht zu Unrecht: taûta ei¬ß tæn
kat’ au¬tòn politeían légei. kaí e¬sti toioûtoß o™ Eu¬r., periáptwn tà
kaq’ e™autòn toîß hçrwsi kaì toùß crónouß sugcéwn.
254 Hier ist zu sehen, dass die Elision nicht immer den Einschnitt
„mildert“, wie manche Metriker meinen. Der Einschnitt ist deutlich spür-
bar, wie sich auch an der Interpunktion erkennen lässt.
255 mhdè gignåskoisqé moi: wörtlich: „Wäret ihr mir doch nicht
bekannt!“
258–70 Hekabe tadelt die Entscheidung des Heeres. Ein Tieropfer wä-
re angebrachter; wenn jedoch ein Mensch geopfert werden müsste, wäre
Helena sowohl wegen ihrer Schönheit als auch wegen ihrer Mitschuld am
Ausbruch des Krieges geeigneter als Polyxene. Zur Mitschuld Helenas
auch V. 441–43, 943–51; Tro. 969–1032; Or. 1302–10, 1361–65; Iph.A.
1334f., 1417f. Entlastet wird sie dagegen El. 1282f.; Or. 1639–42 und vor
allem in der Hel.
258 tí dæ sófisma: „was für einen schlauen Plan“. Zu den positiven
und negativen Bedeutungsnuancen von sófisma Egli (2003) 180–82. Ne-
gativer Sinn auch Iph.T. 380; Iph.A. 444.
260f. Ein mit wenig Nachdruck vorgetragener Zweifel an der Berech-
tigung der Opferung eines Menschen in dieser speziellen Situation. Zur
Rolle der Menschenopfer in diesem Stück und allgemein bei Eur. s. Ein-
führung S. 18–23.
260 tò crä: substantiviertes Verbum. Auch das von Scaliger vorge-
schlagene tò creån (einsilbig gemessen) ist eine mögliche Form, während
das einhellig überlieferte tò crñn nicht korrekt gebildet ist. Hierzu
Wilamowitz zu Her. 311; Diggle (1981) 93.
a¬nqrwposfageîn: „Menschen (rituell) schlachten“. Das nur hier vor-
kommende Wort ist besser überliefert und auch präziser als
a¬nqrwpoktoneîn „Menschen töten“ und darum vorzuziehen.
263 e¬ß tänd’ … e¬ndikøß teínei fónon: wörtlich „richtet er mit Recht
den Mord (wie einen Pfeil) auf sie?“. Ähnlich Hik. 672.
290 Kommentar

265f. Die beiden Verse scheinen mir trotz der Einwände von Kovacs
(1988) 129f. und (1996) 58f. an ihrem Platz sinnvoll zu sein. Zwar wirken
sie auf den ersten Blick als Doublette zu V. 267–70, stehen auch asyn-
detisch nach V. 264, aber sie schließen inhaltlich gut an das Vorausgehen-
de an und leiten zum Folgenden über (Collard, Synodinou). Polyxene hat
dem Achilleus kein Leid zugefügt, Helena dagegen ist die Urheberin des
Unglücks, das mit dem Krieg verbunden ist, und damit letztlich auch
schuldig am des Tod des Achilleus. In V. 267–70 kommt das weitere Ar-
gument hinzu, dass Helena als die schönste aller Frauen auch das voll-
kommenste ‚Opfertier‘ wäre.
265 nin ai¬teîn crñn: „er sollte verlangen“, griechisch „es wäre nötig
(gewesen), dass er verlangte“. Die dorische Form nin ist hier Akkusativ der
3. Person des Personalpronomens.
crñn = cræ h®n „es war nötig“ oder „es wäre nötig“.
prosfágmata: „Schlachtopfer“, vgl. V. 41.
266 w¢lesen … a¢gei: Hysteron proteron. Die Vernichtung Trojas ist
die Folge der Entführung Helenas; das Wichtigste wird jedoch zuerst ge-
nannt.
267 e¢kkriton: „ausgewählte“. Bei Tieropfern pflegte man die voll-
kommensten Tiere den Göttern darzubringen; s. Burkert (1997) 10f.
Hekabe meint, dass Analoges auch im Fall eines Menschenopfers gelten
müsste.
268 kállei q’ u™perférousan: „an Schönheit (alle) überragend“.
Dass Helena die schönste aller sterblichen Frauen war, ist für die Griechen
der Antike eine feststehende Tatsache; s. Ilias 3,156–58.
ou¬c h¬møn tóde: wörtlich: „ist dies nicht unsere Sache“. h™møn ist Ge-
netiv der Zugehörigkeit und wird hier an Stelle des Possessivums
h™méteron verwendet.
269 e¬kprepestáth: „die hervorragendste”; vgl. Alk. 333. Die Varian-
te eu¬prepestáth würde „die geziemendste“ bedeuten, was neben ei®doß
„Gestalt“ und auf Helena bezogen unpassend wäre.
271–81 Während Hekabe bisher rational gegen den Beschluss des
Heeres argumentiert hat, wendet sie sich nun persönlich an Odysseus, wo-
bei sie an die Stichomythie und die Eingangsworte ihrer Rede anknüpft
und an seine Dankbarkeit und sein Mitgefühl appelliert. Sie bittet ihn, ihr
den Dank für seine damalige Rettung abzustatten und seinerseits Polyxene
zu retten, die letzte Stütze ihres Lebens.
271f. Überleitung von der Argumentation (mén) zur persönlichen Bit-
te (dé).
271 tónd’ a™millømai lógon: „streite ich mit dieser Rede“. Der Be-
griff açmilla lógwn „Redestreit“ wurde offenbar etwa gleichzeitig von
216–443 Erstes Epeisodion 291

Gorgias (B 11,13 Diels–Kranz) und Eur. geprägt und wird von Eur. oft
verwendet: Med. 546; Hipp. 971; Hik. 195, 428.
272 Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. In den zwei parallel gebauten
Vershälften stehen einander gegenüber „geben“ und „du“ auf der einen und
„bitten“ und „ich“ auf der anderen Seite.
274 Valckenaers Konjektur graíaß „greisen“ verdient aus metrischen
Gründen den Vorzug vor den gleichbedeutenden überlieferten Varianten.
parhídoß: „der Wange“ ist in der Tragödie mehrfach belegt, während
die gleichbedeutende Variante pareiádoß zwar besser überliefert ist, aber
erst bei späteren Autoren vorkommt.
275 a¬nqáptomai: „ergreife wiederum“ oder „meinerseits“; vgl.
Herodot 3,137,2.
sou tønde tøn au¬tøn: „scñma kat’ oçlon kaì méroß, nach dem zu
einem Verb zwei Objekte in gleichem Kasus gesetzt werden, von denen
das erstere den ganzen Gegenstand, das andere einen Teil desselben, auf
den die Tätigkeit des Verbs gerichtet ist, ausdrückt“ (KG 1,289).
Mit diesem Vers nimmt Hekabe vielleicht schon die Haltung einer
Bittflehenden ein, spätestens jedoch mit V. 286. Gould (1973) 84 nimmt
allerdings an, dass Hekabe hier nur eine „figurative“ Hikesie vornimmt,
also nur von ihr spricht, ohne sie zu vollziehen, doch meine ich, dass V.
286 nahelegt, dass sie die Gebärde tatsächlich vollzieht. So auch Mercier
(1993) 155f.
279–81 Ein Appell an das Mitleid, der zwar auf den Chor und die Zu-
schauer seine Wirkung nicht verfehlt, aber gegenüber dem eigentlichen
Adressaten Odysseus wirkungslos bleibt; vgl. Riedweg (2000) 26. Zum
Gedanken vgl. Or. 732f. Ähnlich auch schon Andromache über Hektor
Ilias 6,429f.; Tekmessa über Aias Soph. Ai. 514–9; ferner Xenophon Ana-
basis 1,3,6.
279–80 Zum Wechsel taúth¸ – hçde „dieser – sie hier“ s. KG 1,644f.
279 ist fast gleich Or. 66. Eine solche zufällige Versgleichheit, wie
sie in der Tragödie auch sonst gelegentlich vorkommt, sollte nicht dazu
veranlassen, den Vers mit Hartung zu streichen; vgl. auch zu V. 504. Die
Rede Hekabes würde jedenfalls ohne den Vers an Eindringlichkeit verlie-
ren. Der Verlust wäre noch größer, wenn der ganze Passus V. 279–81 ge-
strichen würde, wie Kovacs (1996) 59f. es vorschlägt. Gregory und
Synodinou übernehmen seinen Vorschlag denn auch nicht. Die Verse sind
durchaus nicht irrelevant, sondern entfalten im einzelnen, was Polyxene für
Hekabe bedeutet.
280 parayucä: „Erfrischung“, „Trost“; auch Or. 62.
281 Eine ähnliche Metapher für Polydoros in V. 80.
Zur sprachlichen Gestalt vgl. F 866 TrGF a¬ll’ hçde m’ e¬xéswsen, hçde
moi trofóß, | mäthr, a¬delfä, dmwýß, a¢gkura stéghß.
292 Kommentar

Synodinou hält die Nennung der póliß zu Unrecht für einen Anachro-
nismus, denn Troja gewährte Hekabe Schutz, solange ihre Mauern noch
standen, und Polyxene muß ihr jetzt auch die Stadt ersetzen.
282–85 Hekabe warnt Odysseus vor dem Missbrauch der Macht und
einem möglichen Wechsel des Schicksals, für den sie selbst das beste Bei-
spiel ist. Ein solcher Hinweis auf die Wankelmütigkeit des Glückes als
Warnung an die Herrschenden findet sich auch schon in der Kroisos-
geschichte Herodot 1,86,4–6.
282 kratoûntaß cræ … krateîn … creœn: Die Stilfigur eines dop-
pelten Polyptoton, die den Vers besonders eindringlich macht, lässt sich im
Deutschen nicht nachbilden.
284 Zu h® s. zu V. 13.
285 Daran, dass ein Mensch an einem einzigen Tag vom Glück ins
Unglück geraten kann, wird in der Tragödie immer wieder erinnert; vgl.
Her. 508–10; Phoin. 1689.
286–95 Hekabe fleht noch einmal um Erbarmen und beruft sich auf
das Recht (nómoß), das Kriegsgefangene schützt und das für Freie und
Sklaven in gleicher Weise gilt. Sie fordert Odysseus dann auf, sein großes
Ansehen für ihre Sache einzusetzen. Sie hat wohl spätestens jetzt (wenn
nicht schon mit V. 275) die Haltung einer Bittflehenden eingenommen und
behält sie wohl bis zum Ende ihrer Rede bei. Odysseus wird sich irgend-
wann, spätestens zum Ende ihrer Rede, aus ihrer Umschlingung befreit
haben. So Mossman (1995) 55f.; anders Gould (1973) 84f. Anm. 54f.;
Collard.
286 fílon: Die schmeichelnde Anrede richtet sich an Odysseus
selbst, also Stilfigur der Synekdoche (pars pro toto).
géneion: „Kinn“, auch „Bart“. Knie, Kinn oder Wange (274) sind die
Körperteile, die der Bittflehende bei der Person zu berühren versucht, in
deren Schutz er sich stellt, die Knie, um ein Wegstoßen, Kinn und Wange,
um abweisende Worte zu verhindern (Collard).
ai¬désqhtí me „schäme, scheue dich vor mir“, „erweise mir Respekt!“
Der gleiche Versschluss V. 806.
287 oi¢ktiron: „hab Erbarmen“, ebenso V. 807 am Versanfang; ähn-
lich auch Iph.A. 1246f. (katoíktiron).
288 fqónoß (zu ergänzen e¬stín): „die Götter würden zürnen“, frei
übersetzt nach der Deutung durch schol. MV nemesäseian a£n u™mîn oi™
qeoì. Wörtlich „(es verursachte) Neid“, oder „Missbilligung”, „Eifer-
sucht“, „Ärger“, jedenfalls Gefühle, die ungerechtes Handeln bei Men-
schen und Göttern erregt (Collard). Hier ist, besonders nach V. 282–85,
wohl an den Unwillen der Götter (fqónoß qeøn) gedacht, der ähnliche
Schicksalsschläge zur Folge haben kann.
216–443 Erstes Epeisodion 293

290 bwmøn a¬pospásanteß: „als ihr sie von Altären risset“. Die Par-
tizipialkonstruktion ist, wie oft, mehrdeutig. Sie kann temporal sein (nach-
dem), oder auch konzessiv (obwohl). Jedenfalls ist schon das Wegreißen
ein Religionsfrevel, die Ermordung einer Weggerissenen wäre aber ein
noch größerer Frevel.
Die Rechtmäßigkeit der Tötung eines Kriegsgefangenen wird zum
Thema in Hkld. 961–74; vgl. auch 1009–12. Die Gesetze (nómoi) der Grie-
chen verbieten sie, die Athener wollen sich dort daran halten, aber
Alkmene verlangt unerbittlich, dass der gefangene Eurystheus getötet wird.
291f. Eur. setzt hier anachronistisch die Gültigkeit des attischen
Rechts auch schon in der mythischen Zeit voraus. Denn im Athen des 5.
und 4. Jh. genossen auch Sklaven einen gewissen Rechtschutz. Hierzu s.
Antiphon 5,48; Demosthenes 21,46f.; Aischines 1,17; ferner G. R. Mor-
row, The Murder of Slaves in Attic Law, Classical Philology 32 (1937)
210–27; D. M. MacDowell, The Law of Classical Athens, London 1985,
80f.
293–95 Hekabe beendet ihre Rede mit einem schmeichelnden Lob
der Beredsamkeit und des Ansehens des Odysseus.
293 ka£n (= kaì e¬àn) kakøß légh¸ß: „auch wenn du schlecht sprichst“.
Der richtige Text wird bezeugt durch Ennius Hec. fr. 206–08 Warmington
= 84 Jocelyn: „Haec tu etsi perverse dices facile Achivos flexeris, namque
opulenti quom loquuntur pariter atque ignobiles eadem dicta eademque
oratio aequa non aeque valet.“ Ennius hat sich hier recht eng an Eur. ange-
schlossen.
Hekabe meint, dass Odysseus dank seines Ansehens selbst dann Erfolg
haben würde, wenn er einmal nicht gut spräche. Dass umgekehrt auch die
beste Rede wirkungslos bleibt, wenn ihr Sprecher wenig angesehen ist,
wird in der Tragödie öfters festgestellt: Andr. 189f.; Danae F 327,1–4
TrGF; adesp. fr. 119, 4–6 N. (= Comparatio Menandri et Philistionis 2,
29–34 Jäkel).
Patin (1913) 1, 374 Anm. 2 bringt folgende Parallelen aus der französi-
schen Literatur:

Tous les discours sont des sottises,


Partant d’un homme sans éclat:
Ce seraient paroles exquises,
Si c’était un grand qui parlât.
(Molière, Amphitryon Akt 2, Szene 1)

Ce chien parlait très à propos;


Son raisonnement pouvait être
Fort bon dans la bouche d’un maître,
294 Kommentar

Mais n’étant que d’un simple chien


On trouva qu’il ne valait rien.
(La Fontaine, Le Fermier, le Chien et le Renard, 11, 8)

294 peísei: „es wird überzeugen“. Die Variante peísei verdient den
Vorzug vor peíqei, weil es hier nicht um eine allgemeine Aussage, son-
dern nur um den einen konkreten Fall des Eintretens für Polyxene geht.
295 tøn dokoûntwn: „der Berühmten“, „der Angesehenen“; vgl. Tro.
613.

296–98 Chorreplik

Der Chor unterstützt Hekabes Bitte, indem er feststellt, dass sich auch der
Härteste durch ihre Klagen rühren lassen müsste. Das ist ein Irrtum, wie
sich zeigt, denn Odysseus bleibt ungerührt. Die Äußerung des Chores lässt
aber erkennen, auf welche Reaktion des Publikums Eur. zielt. Dazu richtig
Riedweg (2000) 30f.
296 sterròß: „hart“, Nebenform von stereóß. Grundbedeutung
„fest“, meist dreiendiges, hier zweiendiges Adjektiv, wie Andr. 711. S.
auch zu V. 1295.
297f. Diese Worte geben nur dann einen Sinn, wenn man sie nicht nur
auf Hekabes Rede, sondern auch auf ihre lyrischen Äußerungen in V. 154–
96 bezieht, die der Chor ja mitgehört hat.

299–331 Gegenrede des Odysseus

Odysseus antwortet Hekabe ruhig im Ton, aber hart in der Sache. Er geht
auf die meisten Argumente ein, weist sie zurück und beharrt unerbittlich
auf seinem Standpunkt. Er preist wie Hekabe die Dankbarkeit, aber gerade
sie gebiete es, die Forderung des Achilleus zu erfüllen. Auch er beruft sich
auf das Recht, aber gerade das Recht verlange es, den besten Helden am
höchsten zu ehren.
Bei Aufbau und Inhalt richtet er sich weitgehend nach der Rede
Hekabes, ohne freilich auf ihr wichtigstes Argument, die Ablehung des
Menschenopfers allgemein und der Opferung Polyxenes im besonderen
(258–70), einzugehen. Nach einer kurzen Einleitung (299f.) gesteht er eine
Dankesschuld nur ihr gegenüber und nicht gegenüber ihrer Tochter zu
(301f. mit Bezug auf 252f., 271–78). Hekabes Kritik am Beschluss des
Heeres (258–70) stellt er die Argumente entgegen, mit denen er das Heer
überzeugt hat (306–320). Dann pariert er ihren Versuch, an sein Mitleid zu
216–443 Erstes Epeisodion 295

appellieren (279–86f.), indem er griechisches gegen troisches Leid auf-


rechnet (321–25). Er endet mit einer schnöden Gegenüberstellung der grie-
chischen und der barbarischen Sitten hinsichtlich der Ehrung von Freunden
(326–31).
Seine Argumente erreichen die Adressaten nicht, weil er so argumen-
tiert, als ob er zum Heer spräche. Er spricht jedoch zu den Frauen, die ganz
andere Sorgen haben. Die Zuschauer mögen aber durch die Rede des
Odysseus darauf aufmerksam werden, dass auch für seine Position man-
ches spricht. Das Nebeneinander der beiden Reden macht auf jeden Fall
deutlich, wie tief die Kluft zwischen Siegern und Besiegten und Freien und
Sklaven ist, ähnlich tief wie die zwischen den übermächtigen Athenern und
den machtlosen Meliern im Melierdialog (Thukydides 5,85–113). Hekabe
wird es in ihrer Rede vor Agamemnon gelingen, diese Kluft zu überbrü-
cken und ihn wenigstens zur Duldung ihres eigenen Handelns zu bewegen.
299f. Odysseus weist ruhig Hekabes Attacke auf die Redner (254–57)
zurück.
frení: ist einhellig überliefert und gibt auch einen guten Sinn. tø¸
qumouménw¸ ist substantiviertes Partizip; vgl. Hipp. 248; Or. 210; KG
1,267. Es ist kausal zu verstehen: „aus Zorn“, und frení lokal „in deinem
Verstand“ (so Tierney und ein schol. V: mhdè … u™polámbane e¬cqròn e¬mè
e¬n sñ¸¸ dianoía¸). Murray meinte aus einem anderen schol. V schließen zu
dürfen, dass ursprünglich frenóß gestanden habe. Es heißt dort nämlich
tø¸ qumoeideî mérei tñß yucñß sou. Der verwendete Terminus qumoeidéß
„mutartig“ zeigt aber an, dass hier zur Erklärung von tø¸ qumouménw¸ zu
Unrecht die platonische Seelenlehre herangezogen wird. Darum meine ich
nicht, dass man aus dem Scholium den Schluss ableiten darf, ursprünglich
habe frenóß gestanden.
301f. Odysseus bietet Hekabe nicht an, sie aus ihrer Sklaverei zu be-
freien, wie Burnett (1998) 161 irrtümlich annimmt. Agamemnon, ihr tat-
sächlicher Herr, wäre in V. 754f. dazu bereit, falls sie es wünschen würde.
301–05 Er erkennt seine Verpflichtung ihr gegenüber an, erklärt sich
aber nur bereit, ihr eigenes Leben zu retten, nicht dasjenige Polyxenes.
306–20 Er wiederholt nun die aus V. 134–40 bekannten Kerngedan-
ken seiner Rede vor dem Heer. Aber da der Adressat diesmal ein anderer
ist, nämlich die Mutter des zu opfernden Mädchens, wirkt die Rede durch
ihre völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal Polyxenes und dem
Schmerz ihrer Mutter gefühllos und provozierend.
302 ou¬k a¢llwß légw: „ich meine es nicht anders (als zuvor)“, ich
stehe zu meinen früheren Versprechungen. Manche verstehen a¢llwß so
wie in V. 489, wo es „vergeblich“, „nichtig“ heißt: „Ich sage es nicht als
etwas Nichtiges.“ Vgl. auch zu V. 626.
296 Kommentar

308 férhtai: wörtlich „für sich davonträgt“, nämlich als Belohnung


für seine Leistungen.
310 qanœn … kállist(a): wörtlich „sehr schön gestorben“. Der
schönste Tod aber ist der Heldentod des Kriegers in der Schlacht; s.
Tyrtaios fr. 10,1–2 West; Platon Menexenos 246d; Demosthenes 60,26.
311–20 Odysseus begründet gut, warum ein so tapferer Krieger wie
Achilleus höher geehrt werden muss als andere. Er geht aber nicht auf
Hekabes Einwand ein, dass dies nicht durch ein Menschenopfer zu gesche-
hen brauche, und erklärt auch nicht, warum gerade dieser Mensch geopfert
werden muss. Zur Verankerung seiner Argumentation in der archaischen
Ethik gut Adkins (1966) 196–200.
311–16 Mit einer Reihe von rhetorischen Fragen bekräftigt Odysseus
seine These.
311 ai¬scrón: „schändlich“ oder „hässlich“. Der Gegenbegriff zu
kalón „gut“ oder „schön“ in der Werteskala der archaischen Adels-
gesellschaft.
blépein: wörtlich „sehen“, in der Tragödie häufig „leben“: Aisch. Ag.
677; Soph. Ai. 962, vgl. auch V. 167f. bíoß … e¬n fáei, 668 blépousa
føß.
313 ei®e™n: Überleitungspartikel, zu übersetzen etwa „so weit, so gut“.
Zur ungewöhnlichen Schreibweise (Interaspiration) s. Schwyzer 1,219,
303.
313–16 Die Erhaltung der Kampfbereitschaft des Heeres dient ähn-
lich wie hier auch Or. 926–29 als Argument für die Berechtigung einer
Entscheidung oder einer Handlung.
315 filoyucäsomen: „werden wir an unseren Leben hängen“: Ei-
genschaft eines schlechten Kriegers; vgl. Tyrtaios fr. 10,18 West mhdè
filoyuceît’ a¬ndrási marnámenoi. S. auch zu V. 348.
317–20 Odysseus, der sich hütet, auf die von Hekabe gestellte Frage
nach der Berechtigung der Opferung Polyxenes einzugehen, gestaltet das
von ihm statt dessen eingeführte Thema der angemessenen Ehrung eines
tapferen Gefallenen breit aus und führt schließlich sich selbst als Beispiel
eines Menschen an, der es wünscht, dass sein Grab geehrt wird. Dabei
verbindet sich der in der Tragödie immer wieder formulierte Topos von der
Genügsamkeit des einfachen Lebens von Tag zu Tag (vgl. zu V. 627f.) in
eigentümlicher Weise mit dem Ruhmesgedanken. In der Odyssee wird
Odysseus freilich nicht als genügsam, sondern als reich und auf die weitere
Vermehrung seiner Reichtümer bedacht dargestellt.
318 Ähnliche Formulierungen in anderen Zusammenhängen Auge F
275,4 TrGF ka£n míkr’ e¢ch¸ tiß, megál’ e¢cein nomizétw; Telephos F 714
TrGF smíkr’ a£n qéloimi kaì kaq’ h™méran e¢cwn | a¢lupoß oi¬keîn mâllon
h£ ploutøn noseîn.
216–443 Erstes Epeisodion 297

320 tòn e¬mòn: „den meinen“ ist einhellig überliefert und gibt einen
guten Sinn. Allerdings spricht Eustathios zweimal in Bezug auf diese Stel-
le von stefanoûsqai „bekränzt werden“ (Il. 666,46, 801,53). Darum die
Änderungsvorschläge von Porson (stefánwn) und Weil (steføn), die
beide bewirken würden, dass zu übersetzen wäre: „mit Kränzen gewürdigt
zu sehen“, und der von Sakorraphos (timøn), bei dem es heißen würde
„der Ehrungen für würdig gesehen zu werden“. Vielleicht liegt bei
Eustathius aber nur eine Verwechslung mit V. 126 túmbon stefanoûn vor.
dià makroû (crónou): „über lange Zeit hin“; ähnlich Aisch. Cho. 862
dià pantóß.
cáriß: „Dank“. Damit okkupiert Odysseus für sich den Begriff, den
Hekabe zuvor in V. 254 und 276 für ihre Sache verwendet hat.
321–25 Odysseus weist Hekabes Bitte um Mitleid (287 oi¢ktiron) zu-
rück. Er versucht, ihre und ihrer Familie wahrhaft unerträglichen Leiden
dadurch zu relativieren, dass er ihnen die (ebenfalls vorhandenen) Leiden
auf der griechischen Seite gegenüberstellt und diese möglichst eindrucks-
voll beschreibt. Es ist der rhetorische Kunstgriff, das Kleine groß und das
Große klein erscheinen zu lassen. Hierzu gut Riedweg (2000) 15f. Ähnli-
che Aufzählungen der Folgen des Krieges in anderer Funktion V. 650–56;
Andr. 611–13, 1037–46.
321 Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. Hier in den beiden Vershälften
Gegenüberstellung „sagen“ – „hören“ und „du – ich“.
323 séqen: „als du“, mit ou¬dèn hçsson zu verbinden.
325 hçde … ¯Idaía kóniß: „hier der Staub vom Ida“, wohl kein Verse-
hen des Eur., der vergisst, dass die Handlung auf der thrakischen Seite des
Hellesponts spielt, sondern eher eine unpräzise, aber nicht falsche Ortsan-
gabe. Die Gräber liegen in der Troas, aber der ebenfalls dort gelegene Berg
Ida ist auch auf der anderen Seite sichtbar, und man kann mit dem Finger
auf ihn hinweisen.
326f. Odysseus kehrt am Schluss noch einmal zu seinem Hauptthema
der angemessenen Ehrung der Toten zurück.
tólma tád’: „ertrage dies“; gleiche Bedeutung des Wortes V. 333; vgl.
auch 562 tlhmonéstaton; Soph. Phil. 82; Odyssee 20,20; Theognis 591.
ei¬ kakøß nomízomen timân tòn e¬sqlón: Entweder ist kakøß auf
timân zu beziehen oder auf nomízomen. In ersterem Fall wäre zu überset-
zen „wenn wir den Brauch hätten, den Edlen schlecht zu ehren“, in letzte-
rem „wenn wir auf schlechte Weise (d. h. zu Unrecht) den Brauch hätten,
den Edlen zu ehren“; vgl. Andr. 693. Die meisten Kommentatoren ent-
scheiden sich für die zweite Möglichkeit, doch halte ich mit Garzya die
erste für wahrscheinlicher.
a¬maqían o¬fläsomen: „würden wir uns der Torheit schuldig machen”;
vgl. Phön. 763; Alk. 1093. Wenn die zweite Übersetzungsmöglichkeit ge-
298 Kommentar

wählt würde, dann müsste man die Worte so verstehen: „würden wir gern
den Vorwurf der Torheit auf uns nehmen“; vgl. Soph. Ant. 470. Das ist
allerdings wenig wahrscheinlich, da die Argumentation des Odysseus ganz
darauf angelegt war, zu beweisen, dass die Verhaltensweise der Griechen
gegenüber ihren Helden vernünftig ist.
o¬fläsomen ist der Form nach ein Indikativ des Futurs, der Sinn aber
ist irreal, denn die Griechen verhalten sich gerade nicht so, wie es der ei¬-
Satz beschreibt. Dementsprechend verfahre ich auch in der Übersetzung.
328–31 Der unerbittlichen Rede entspricht der brutale Schluss. Dies
ist einer der in der Tragödie nicht seltenen Fälle, wo ein Grieche einen
Barbaren an sein (ethnisches) Barbarentum erinnert, wenn er sein eigenes
(in ethischem Sinn) barbarisches Handeln bemänteln will; vgl. Med. 536–
38; Andr. 173–76, 243, 261, 665 und die Worte Andromaches Tro. 764: w®
bárbar’ e¬xeurónteß ÷Ellhneß kaká. S. auch Einführung S. 37–40.
328 oi™ bárbaroi: „ihr Barbaren“; Nominativ eines Substantivs mit
Artikel neben Imperativ; vgl. Aristophanes Vögel 665f.; KG 1,46f. Ähnlich
auch V. 426 und 428.
328f. fílouß: „Freunde“. Odysseus greift den Begriff der filía auf,
mit dem Hekabe in V. 256 argumentiert hatte, und verwendet ihn gegen
sie. Das Band der filía verbindet nicht ihn mit Hekabe, sondern das grie-
chische Heer mit dem toten Achilleus.
330f. wörtlich: „damit Griechenland glücklich ist und es euch so ähn-
lich geht, wie eure Gesinnungen sind“. Während Hekabe ihre Rede in
schroffem Ton begann und schmeichelnd beendete, begann Odysseus
freundlich und endet schroff.

332f. Chorreplik

Die Reaktion des Chores zeigt, dass ihn die Rede nicht überzeugt hat. Er
knüpft daran an, dass Odysseus von Hekabe verlangt hatte, das Unver-
meidliche zu ertragen (326). Er bedauert, dass, wer seine Freiheit verloren
hat, der Gewalt gehorchen und auch das Unbillige ertragen muss. Damit
deutet er auf das Problem hin, um das es im zweiten Teil des Epeisodions
(334–443) gehen wird. Die Griechen besitzen die Macht, um die Opferung
Polyxenes erzwingen zu können. Werden sich Hekabe und ihre Tochter in
das Unvermeidliche schicken oder sich erst der Gewalt fügen?
332 Vgl. Antiope F 217 TrGF; tò doûlon ou¬c o™râ¸ß oçson kakón;
adesp. F 376 TrGF; ähnliche Formulierung Hipp. 431f. Zum Gedanken
Aristoteles Politik 1253b 20–23.
Das mehrfach im Text oder als Variante überlieferte péfuk’ a¬eì „war
immer, ist immer“ gibt einen guten Sinn, während es großen interpretato-
216–443 Erstes Epeisodion 299

rischen Aufwandes (und der Konjektur tolmân in V. 333) bedarf, um dem


Infinitiv pefukénai einen Sinn abzugewinnen; s. Biehl (1997) 102–04.
333 Ähnlich Hipp. 458 xumfor⸠nikømenon.

334–78 Redenpaar Hekabe-Polyxene

Hekabe, die einsieht, dass sie gegen Odysseus keine Argumente mehr vor-
bringen kann, fordert Polyxene auf, ihn selbst durch Worte und Gebärden
um ihr Leben zu bitten (334–41). Diese reagiert aber nicht so, wie ihre
Mutter es von ihr erwartet. Sie verzichtet darauf, um ihr Leben zu flehen,
weil für sie der Tod wünschenswerter ist als das Leben (342–78).
334f. pròß ai¬qéra froûdoi máthn r™ifénteß: „vergeblich fort in die
Luft geworfen”: wie ein Pfeil oder Speer, der sein Ziel verfehlt (schol. V:
ei¬ß máthn e¬ktoxeuqénteß); ähnliche Metaphern Med. 440; Her. 510.
335 r¬ifénteß: „verschossen“. Die seltene Wortform ist hier und
Andr. 10 gut bezeugt und sollte darum gehalten werden. Zur Wendung vgl.
Alk. 679f. lógouß r™íptwn; Med. 1404 máthn e¢poß e¢rriptai.
337 wçst’ a¬hdónoß stóma: „wie der Mund der Nachtigall“. Das mo-
dulationsfähige Lied der Nachtigall wurde im Altertum als besonders trau-
rig und herzzerreißend empfunden. Es galt als das Lied der in diesen Vogel
verwandelten Philomela oder Prokne, die um ihren toten Sohn Itys weint
(Odyssee 19,518–23; Aisch. Ag. 1142–45; Soph. El. 147–49; Hel. 1107–
10).
wçst’ = wçsper; vgl. V. 178, 205.
339 próspipte … gónu: „falle nieder vor seinem Knie“. Zum Gestus
des Niederfallens des i™kéthß vor den Knien des Angeflehten s. zu V. 245,
286.
340f. Die Liebe zu seinem einzigen Kind Telemachos gehört zu den
feststehenden Zügen der Gestalt des Odysseus; so schon Ilias 2,259f.;
4,354; s. auch die bekannte Episode von der Überlistung des Odysseus, der
sich wahnsinnig stellte, durch Palamedes vor der Ausfahrt der Griechen in
dem verlorenen Epos Kyprien (Proclus p. 31, 41–43 EGF).
340 prófasin: wörtlich „Anlass“, „Grund“; hier ist wohl am ehesten
etwas wie „Ansatzpunkt“ gemeint.
tékna: Generalisierender Plural, obwohl im konkreten Fall eine ein-
zelne Person gemeint ist; vgl. V. 403, 557, 1237, 1253; KG 1,18. Erfolg-
reiches Appellieren an elterliche Gefühle in anderen Dramen Med. 344f.;
Hik. 54–59.
342–77 Diese Rede, in der Polyxene sich zum Tode bereit erklärt, ja
ihn sogar als Befreiung von einer unwürdigen Zukunft herbeiwünscht, hat
durch ihre Schicksalsergebenheit und -bejahung besonders die Stoiker
300 Kommentar

beeindruckt. Kleanthes übernimmt in seinen Zeushymnus (SVF 1, fr. 527)


mehrere Wendungen aus dieser Rede (V. 346, 369).
Es kommt bei Eur. immer wieder vor, dass sich ein junger Mensch be-
reit erklärt, sein Leben freiwillig zu opfern; dazu Strohm (1957) 50–63;
ferner Einführung S. 18ff. Diese Bereitschaft erwächst in den anderen Tra-
gödien (Hkld., Phön., Iph.A.) jedoch aus einer Situation, wo der Tod ein
Opfer ist, das für eine gemeinsame Sache dargebracht wird. Etwas anders
sind die Fälle, in denen ein Mensch in einer aussichtslosen Situation sich in
sein Schicksal fügt und zum Sterben bereit erklärt. So Andr. 384–420,
wobei hier die Ähnlichkeit mit einem Opferdrama recht groß ist, da An-
dromache hofft, durch ihren Tod das Leben ihres Sohnes zu retten. Eine
Bereitschaft zum Tode, freilich ohne jede Sinngebung, findet sich Her.
280–311. Auch im Falle Polyxenes fehlt eine Sache, die dem griechischen
Heer und den gefangenen Troerinnen gemeinsam wäre und für die sich zu
opfern darum sinnvoll wäre. Die Sinngebung des Todes liegt hier darin,
dass das Leben, dass Polyxene noch zu erwarten hätte, für sie als Kind
eines großen Königs zu demütigend wäre, als dass sie es ertragen könnte.
Nach einer kurzen an Odysseus gerichteten Einleitung (342–45) erklärt sie,
dass sie ihm folgen wird, weil sie zu sterben wünscht, und begründet ihren
Todeswunsch mit dem Gegensatz zwischen ihrem bisherigen fast gottglei-
chen Leben und dem, das sie als Sklavin zu erwarten hätte (346–66). Sie
betont noch einmal, dass sie freiwillig und in Freiheit stirbt, weil ihr das
Leben nichts Gutes mehr zu bieten hat, und fordert Odysseus auf, sie weg-
zuführen (367–71). Zum Schluss wendet sie sich an ihre Mutter und bittet
sie, sich ihrem Tode nicht zu widersetzen (372–74). Sie begründet dies mit
einer allgemeinen Reflexion (375–77).
342–45 Indem Odysseus Hand und Gesicht Polyxenes Zugriff ent-
zieht, versucht er sich davor zu schützen, dass auch sie die rituellen Gebär-
den eines Bittflehenden ausführt und ihn dadurch gleichsam ‚bindet‘. Sie
beruhigt ihn. Sie wird nicht versuchen, diese Gebärden zu vollziehen und
nicht Zeùß ‘Ikésioß (den höchsten Gott in seiner Eigenschaft als Schutz-
gott der Bittflehenden) anrufen.
345 qársei: „sei mutig“. Schon dies eine Wort zeigt die Sou-
veränität, mit der Polyxene Odysseus entgegentritt. Ähnlich später Hekabe
V. 875.
tòn e¬mòn ¿Ikésion Día: „meinen Zeus Hikesios“: schol. V: péfeugaß
… tæn e¬mæn i™kesían· e¬k toû Diòß gàr pâsa i™kesía. Sie nennt ihn „mein“,
weil sie das Recht hätte, ihn anzurufen. Ein Possessivum bei Götternamen
auch Andr. 603. Erwähnungen von Zeus Hikesios auch Stheneboia F
661,15 TrGF Zñna … i™késion; Aisch. Hik. 385 Zhnòß i™ktaíou, 616
i™kesíou Zhnóß; Soph. Phil. 484 Zhnòß i™kesíou.
216–443 Erstes Epeisodion 301

346–48 Ähnliche Situationen führen zu ähnlichen Formulierungen:


Hkld. 533f. mæ filoyucoûs’; Iph.A. 1385 ou¬dé toi … . filoyuceîn
creån; Phön. 1003–05.
348 filóyucoß: „am Leben hängend“. Indem Polyxene durch ihre
Wortwahl den Tadel des Odysseus an der filoyucía aus V. 315 auf-
nimmt, erhebt sie Anspruch darauf, auch selbst mit dem Maß eines tapfe-
ren Kriegers gemessen zu werden.
349 Vgl. Andr. 404 tí dñtá moi zñn h™dú; Hel. 56 tí ou®n e¢ti zˆø; 293
tí dät’ e¢ti zø; parodiert von Aristophanes Thesmophoriazusen 868.
349–66 Polyxene begründet ihren Todesentschluss mit einer Gegen-
überstellung ihres früheren gesellschaftlichen Ranges als trojanischer Prin-
zessin und Schwester Hektors mit dem Schicksal, das sie in Zukunft als
Sklavin zu erwarten hat.
350 prøton bíou: wörtlich „das erste des Lebens“, wohl hinsichtlich
der Zeit, vielleicht auch hinsichtlich der Bedeutung (schol. MV: tò
kefálaion).
351 e¬lpídwn kaløn uçpo: wörtlich „unter schönen Hoffnungen“.
Gemeint sind wohl nicht die eigenen Hoffnungen, sondern eher die ihrer
Eltern.
uçpo: nachgestellte Präposition; vgl. V. 355; KG 1,554.
352f. zñlon … gámwn e¢cous’, wie parécousa: wörtlich „(Anlass
zu) Eifer, Streit um meine Vermählungen bietend“. Der Plural gámwn „der
Vermählungen“ verdient den Vorzug vor dem Singular, weil er die große
Zahl an Möglichkeiten hervorhebt, die für Polyxene bestanden. Dagegen
wird bíou „des Lebens“ schon durch den folgenden Nebensatz ausge-
schlossen. Einen ähnlichen Gedanken äußert Hekabe Tro. 484–86.
353 a¬fíxomai: „ich werde gelangen“. Eigentlich wäre Optativ zu er-
warten. Polyxene versetzt sich jedoch in die Zeit zurück, als die Fülle der
Möglichkeiten noch bestand.
354 h™ dústhnoß: „ich Unglückliche“ bezieht sich auf Polyxenes jet-
zigen Zustand, während der übrige Vers von ihren früheren glücklichen
Lebensumständen handelt.
¯Idaíaisin: „den Frauen vom Ida“, also den Troerinnen.
h®: siehe zu V. 13.
355 Die meisten Kommentatoren und Übersetzer beziehen gunaixì
„den Frauen“ auf den vorhergehenden Vers: „Ich Unglückliche war Herrin
über die Frauen vom Ida und unter den Jungfrauen bewundert“ und setzen
ein Komma nach gunaixí. Das ist möglich, doch meine ich, dass man eher
mit Diggle einen jeden der beiden Verse 354 und 355 als eine gedankliche
Einheit auffassen und nach V. 354 interpungieren sollte.
a¬póbleptoß: „angestarrt“, „bewundert“ (LSJ).
302 Kommentar

méta mit Dativ „unter“, vgl. Erechtheus fr. 360,26 TrGF met’
a¬ndrásin prépoi; KG 1,507. Nachgestellte Präposition wie V. 351.
Canters Konjektur méga scheint mir unnötig zu sein.
Zur Mitteldihärese s. zu V. 15.
356 qeoîsi: „den Göttern“. Das besser belegte Maskulinum verdient
auch wegen seines generalisierenden Charakters gegenüber qeñ¸si „den
Göttinnen“ den Vorzug.
357 Der erste Halbvers auch Soph. Ai. 489.
tou¢noma: „der Name”; d. h. die Bezeichnung Sklavin; vgl. Ion 854f.
eÇn gár ti toîß doúloisin ai¬scúnhn férei, tou¢noma.
359–66 Zum Los kriegsgefangener Sklavinnen vgl. Ilias 6,456–65;
Tro. 194f., 202–06; 490–97.
359f. despotøn … oçstiß: „von Herren …wer auch immer“: Relati-
vum im Singular, abhängig von einem Substantiv im Plural; vgl. Med.
219f.; Odyssee 21,293f.; KG 1,56.
361 Vgl. Alk. 676 a¬rgurånhton.
362 prosqeìß … a¬nágkhn sitopoión: „Brot machende Notwen-
digkeit auferlegend“. Man könnte an Backen denken, doch merkt schol. V
mit Recht an: tæn mulikæn ei®pe. Mahlen als schwere Arbeit von Sklavin-
nen Odyssee 7,104, 20,105–19.
363 saírein: „fegen“ als Aufgabe von Sklaven Andr. 166; Kykl. 29;
Ion 112–15; Hypsipyle F 752f, 16f. (etwa V. 203f.); Phaethon F 773, 54–
56 TrGF.
kerkísin: „Webstuhl“, eigentlich „Weberschiffchen“, Synekdoche
(pars pro toto).
Es ist zu unterscheiden zwischen der kunstvollen Weberei als Tätigkeit
von Göttinnen und Königinnen (Odyssee 5,62; 10,222f.; 24,148) und der
Herstellung von Stoffen für Kleidung und Wäsche für den täglichen Be-
darf. Letzteres ist die Aufgabe von Mägden unter Aufsicht der Hausherrin.
Diese Art von Arbeit ist hier gemeint; vgl. Ilias 6,456; Odyssee 7,105f.
366 craneî: „wird beflecken“; vgl. Hipp. 1266; Soph. Öd. 821f.
367f. Der von Blomfield hergestellte Text lautet a¬fíhm’ o¬mmátwn
e¬leuqérwn féggoß tód’ „Ich gebe dieses Licht meiner freien Augen auf“.
Es ist zu verstehen: „Ich gebe es auf, dieses Licht (nämlich das Sonnen-
licht) zu schauen, solange meine Augen noch frei sind“. Aber auch der
überlieferte Text e¬leúqeron féggoß, bei dem das Adjektiv „frei“ mit dem
Substantiv „Licht“ verbunden würde, ist nicht unmöglich und ergibt etwa
den gleichen Sinn. Vgl. die Diskussion bei Biehl (1997) 105f. Allerdings
schließe ich aus, dass nach dem Willen des Autors die Zuschauer eine
Beziehung zwischen dieser Stelle und dem Ausdruck féggoß o¬mmátwn in
V. 1035 herstellen sollten, wie Biehl meint. Eine solche Beziehung, welche
die Zuschauer ja erst rückblickend bemerken könnten, wenn sie später in
216–443 Erstes Epeisodion 303

V. 1035 die Blendung Polymestors miterleben, ist für sie bei der rasch
ablaufenden und spannenden Bühnenhandlung nicht wahrnehmbar. Außer-
dem ist der Sinn der Wendung in V. 1035, wo es ja um eine Blendung
geht, ein ganz anderer.
Dass der Todesentschluss in Freiheit erfolgt, wird auch anderswo be-
tont: Hkld. 559 e¬leuqérwß qánw; Or. 1170f. e¬leuqérwß yucæn a¬fäsw.
368 ÷Aidh¸: „dem Hades“, dem Unterweltsgott. Sie wird damit gleich-
sam zu einer „Braut des Hades“, wie Antigone (Soph. Ant. 810–16, 891),
Kassandra (Tro. 445); Iphigenie (Iph.T. 369, Iph.A. 461) und sogar Helena
(jedenfalls nach dem Plan des Pylades Or. 1109).
370f. Ähnliche Formulierung in ähnlicher Situation Hkld. 520f.
372 h™mîn mhdèn e¬mpodœn génh¸: „stelle dich uns nicht in den Weg“;
vgl. Iph.A. 1395f.
sumboúlou: sumboúlesqai mit Dativ: „zusammen mit jemandem
wünschen“. Anscheinend ein von Eur. spontan gebildetes Kompositum. Es
begegnet erst wieder bei Platon und Xenophon.
373 légousa mhdè drøsa: statt mæ l. mhdè dr. KG 1,291 führt diese
Stelle als Beispiel für die häufige Weglassung der Negation beim ersten
Glied an. Allerdings steht hier ein mä an einer früheren Stelle des Satzes.
374 mæ kat’ a¬xían: „nicht in würdiger Weise“. Polyxene geht es um
die eigene Würde und um die ihrer Mutter. Sie wird auch von ihr ein wür-
diges Verhalten fordern (405–08) und wird selbst noch im Angesicht des
Todes ihre Würde als Königstochter zu bewahren suchen (546–70).
375–78 Allgemeine Reflexionen stehen bei Eur. oft am Schluss einer
Rede. Die hier formulierte Maxime der heroischen Sinnesart „lieber nicht
leben als schlecht leben“ findet sich häufig; vgl. Tro. 637; Archelaos F
245, 8f.; Erechtheus F 370, 21f. TrGF; Soph. Ai. 479f.; Trach. 721f.; El.
989. Die Gegenthese Iph.A. 1252 (kakøß zñn kreîsson h£ kaløß qaneîn)
ist nicht Iphigenies letztes Wort, denn es folgen dort V. 1375f.
376 au¬cén’ e¬ntiqeìß zugø¸: „wenn er seinen Nacken ins Joch gelegt
hat“, häufige Metapher für das Ertragen von Zwangslagen; vgl. Tro. 678;
Or. 1330; ähnlich Aisch. Ag. 218 a¬nágkaß e¢du lépadnon.
377 mâllon eu¬tucésteroß: „viel glücklicher“, durch Zusatz von
mâllon verstärkter Komparativ; vgl. Hipp. 485; KG 1,26.

379–81 Schlussreplik des Chores

Der Chor äußert indirekt seine Bewunderung darüber, dass Polyxene sich
ihrer edlen Abkunft gemäß würdig verhält. Umgekehrt heißt es El. 369–72
und 550f., dass es Menschen edlen Stammes gibt, die nichts wert sind,
ebenso wie gute Menschen, die von armen Eltern stammen. Die hier an-
304 Kommentar

klingende Diskussion über Herkunft und Charakter nimmt Hekabe in V.


592–602 wieder auf.
379 Ähnlich Danae F 329 TrGF feû, toîsi gennaíoisin w™ß
a™pantacoû | prépei caraktær crhstòß ei¬ß eu¬yucían. Die entgegen-
gesetzte Aussage findet sich allerdings Med. 516–19.
deinóß: „furchtbar“ oder „gewaltig“, ein Wort mit breitem Bedeutungs-
spektrum, das ebenso Entsetzen wie (in diesem Fall) Bewunderung zum
Ausdruck bringen kann.
ka¬píshmoß (= kaì e¬píshmoß): „leicht zu bemerken“, wörtlich „ein
Zeichen auf sich tragend“; die Metapher der Prägung (caraktär) wird
weitergeführt.
380 ka¬pì meîzon e¢rcetai: „und zu größerem kommt“; ebenso Soph.
Phil. 259.
381 o¢noma: „Name“, hier „guter Name“, „Ruhm“.

382–443 Schlussgespräch

Nachdem sich Polyxene entschieden hat, könnte die Opferhandlung rasch


zuende gehen. Eur. führt jedoch als retardierendes Element den Widerstand
Hekabes ein, die sich auch jetzt noch nicht geschlagen gibt. Er bereitet
damit zugleich ihr energisches Handeln in der zweiten Dramenhälfte vor.
382f. Mit einer ähnlichen Verbindung von Bewunderung und Betrof-
fenheit reagiert der Chor auf Iphigenies Opferentschluss Iph.A. 1402f.
383–88 Da nach den Worten des Odysseus dem Achilleus offenbar
ein Opfer gebracht werden muss, bietet Hekabe sich selbst als Ersatzopfer
für Polyxene an. Sie begründet dies damit, dass sie die Mutter des Paris ist,
der den Achilleus getötet hat. Tro. 919f. wird Helena sogar den ganzen
Krieg auf Hekabe zurückführen.
386 pròß puràn: „zum Grab“. purá ist zunächst die Feuerstätte, auf
der der Leichnam verbrannt wird, und dann auch der Grabhügel, der da-
nach dort errichtet wird; vgl. V. 437, 574.
387 Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. Der Versbau steht im Dienst einer
prägnanten Formulierung. Erste Vershälfte: Befehl „Ihr sollt dies tun (erst
positiv, dann negativ formuliert)“, zweite Vershälfte: Begründung „Denn
ich tat jenes“. Die gleiche Abfolge wie in der ersten Vershälfte auch V.
1044; Tro. 1285; Soph. Ai. 844.
e¬gœ ¯tekon: „ich gebar“. Aphärese des Anlauts wie Iph.A. 307, 639;
Schwyzer 1,403.
Párin: Paris wird in der Ilias häufiger, bei Eur. seltener ¯Aléxandroß
genannt; vgl. V. 632–46; Andr. 274–308. Er ist ein Sohn des Priamos und
der Hekabe, wird wegen unheilvoller Prophezeiungen nach seiner Geburt
216–443 Erstes Epeisodion 305

ausgesetzt, wächst bei den Hirten am Berg Ida auf, kehrt dann als Jüngling
an den Hof des Priamos zurück und wird als Königssohn anerkannt. Die
Geschichte seiner Jugend wurde zum Thema des fragmentarisch erhaltenen
Alexandros des Eur. Paris entscheidet den Schönheitswettstreit der drei
Göttinnen zugunsten Aphrodites und erhält dafür Helena zugesprochen, die
er daraufhin ihrem Gatten Menelaos raubt, was zum Anlass des trojani-
schen Krieges wird. Im Krieg bleibt er zwar an Tapferkeit hinter Hektor
zurück, doch gelingt es ihm mit Hilfe Apollons, Achilleus, den Sohn der
Thetis, zu töten. Er selbst fällt gegen Ende des Krieges durch einen Pfeil
Philoktets.
Hier ist die einzige Stelle in diesem Drama, wo von einer Mitver-
antwortung Hekabes an den Ereignissen die Rede ist, die vom Parisurteil
über den Raub Helenas zum Tod des Achilleus und zum Untergang Trojas
führten. Sie hat Paris geboren und die Sehersprüche mißachtet, die davor
warnten, ihn aufzuziehen. Deutlicher sind in dieser Hinsicht Andr. 293–
308 und vor allem der Alexandros.
389 geraiá: Damit gibt Odysseus zugleich den Grund für die Ableh-
nung des Wunsches Hekabes, sich anstelle ihrer Tochter opfern zu lassen.
Achilleus will keine Greisin, sondern eine Jungfrau.
391 dé … a¬llà: „dann aber wenigstens“; ähnlich Med. 942; Hkld.
565; Ion 978; Phön. 1667.
Hekabe widersetzt sich zunächst dem Rat, den Polyxene ihr in V. 372–
74 gegeben hat.
392f. Die Erdgöttin und die Toten trinken nach verbreiteter Vorstel-
lung das Blut der ihnen dargebrachten Opfertiere; vgl. Odyssee 11,44–50,
95–99.
Zum Gedanken vgl. auch Alk. 900–02.
392 Für sprachlich richtiges pøm’ erscheint in allen Hss. póm’. Der
gleiche Fehler auch Hipp. 209, 227; Kykl. 123, 139; Ba. 279.
393 tád’: Neutrum pluralis: „dies“, ohne bestimmtes Bezugswort,
aber dem Sinn nach auf die Opferung des Blutes zu beziehen.
395 mhdè tónd’ w¬feílomen: „Wenn wir doch auch diesen (sc. Tod)
nicht (herbeiführen) müssten!“ Verneinter unerfüllbarer Wunsch wie Alk.
880f.; Med. 1413; Andr. 1189–91. Odysseus zeigt sich also nicht unbeein-
druckt von den Bitten der Mutter und der Tapferkeit der Tochter. Da man
dramatischen Charakteren nicht ins Herz blicken kann, ist es müßig, darü-
ber zu streiten, ob diese Anteilnahme geheuchelt ist oder nicht.
396 pollä g’ a¬nágkh: vgl. Soph. El. 309; Trach. 295 pollä ¯st’
a¬nágkh mit folgendem Infinitiv.
397 Heftige Reaktion des Feldherrn Odysseus darauf, dass eine Skla-
vin es wagt, ihn zu etwas zwingen zu wollen.
306 Kommentar

despótaß kekthménoß: wörtlich „dass ich (irgendwelche) Herren er-


worben hätte“. Vielleicht ironisch. Man pflegt Sklaven zu erwerben, keine
Herren.
398–408 Nachdem Odysseus Hekabes Wunsch, entweder anstelle
Polyxenes oder wenigstens zusammen mit ihr zu sterben, abgelehnt hat,
will sie sich an ihrer Tochter festklammern, um so zu verhindern, dass sie
von ihr getrennt wird. Odysseus steht kurz davor, Gewalt anzuwenden, als
Polyxene beide zur Besonnenheit mahnt (402f.) und dafür sorgt, dass Mut-
ter und Tochter in würdiger Weise Abschied voneinander nehmen können.
398 o™poîa kissòß druòß oçpwß tñsd’ eçxomai: wörtlich „Wie ein
Efeu wie um eine Eiche werde ich mich an sie halten“. So fassen den Vers
jedenfalls Weil, Tierney und Italie auf; vgl. auch Biehl (1997) 106f. Das
zweifache „wie“. macht Schwierigkeiten. Darum der Vorschlag von
Reiske, das erste „wie“ in oçmoia zu ändern, der von Jackson, nach diesem
Wort zu interpungieren, und der von Sybel, das zweite „wie“ durch e¬gœ
„ich“ zu ersetzen. oçmoia mit folgender Interpunktion würde bedeuten „Das
ist mir gleich“, ähnlich wie in Hik. 1069. Collard und Gregory schließen
sich an, doch Biehl verweist auf Tro. 146–48, wo sich ebenfalls ein zwei-
faches „wie“ findet.
Stephan (1981) 87 nimmt eigenartigerweise an, Hekabe nehme „ange-
regt durch den Namen ihres Vaters Kisseus“ diesen Vergleich aus der
Pflanzenwelt.
Es fällt auf, dass bei dem Vergleich die junge Polyxene für die Eiche
steht und die alte Hekabe für den Efeu. Das ist aber ähnlich wie in Med.
1211–14, wo die junge Prinzessin mit einem Lorbeerbaum verglichen wird
und ihr alter Vater, der an ihrem Gewand festhängt, mit einem Efeu. Ähn-
liche Formulierung in ähnlicher Situation Iph.A. 1460 péplwn e¬coménh
søn.
399 sofwtéroiß: „weiseren“: Verallgemeinernder Plural: „mir und
allen anderen wie ich“. Ich nehme nicht an, dass Polyxene mitgemeint ist,
wie Collard vermutet.
Zum Inhalt vgl. V. 228 sofón toi ka¬n kakoîß aÇ deî froneîn..
400 (i¢sq’) w™ß: „wisse, dass”. In der Umgangssprache wird i¢sq’ oft
weggelassen; vgl. Med. 609; Andr. 255, 587; KG 2,372: „beim Ausdrucke
eines festen Entschlusses“.
402 Der erste Halbvers ähnlich Iph.A. 1460 in ähnlicher Situation.
Laertíou: Neben Laérthß sind bei Eur. auch die Formen Laértioß
und Lártioß gebräuchlich.
403 cála tokeûsin: wörtlich „gib den Eltern nach“; die gleiche Kon-
struktion Aisch. Eum. 219. Verallgemeinernder Plural wie in V. 340, 399;
vgl. KG 1,18.
216–443 Erstes Epeisodion 307

Schol. MV: a¬pò metaforâß tøn u™pocalåntwn tòn póda polloû


o¢ntoß a¬némou.
404 toîß kratoûsi: Dies könnte ein echter Plural sein, der sich dann
auf die Griechen und ihre Heeresversammlung bezöge.
406 crøta: wörtlich „Haut“, aber, wie oft, Synekdoche (pars pro -
toto) in der Bedeutung „Leib“.
407f. a¬schmonñsai: wörtlich „in schlechte, unangemessene Haltung
geraten“. Es geht Polyxene darum, dass sich ihre Mutter auch in dieser
extremen Situation nicht demütigen lässt, sondern sich die Würde (a¢xion)
bewahrt, die ihrem Alter und ihrem königlichen Rang angemessen ist.
Ebenso wird auch sie selbst auf würdige Weise in den Tod gehen (568–
70).
408 mæ sú g’ (etwa zu ergänzen e¬rgásh¸ táde): „tu das nicht“; vgl.
Soph. Öd.K. 1441.
409–31 Durch a¬ll’ eingeleiteter jäher Themenwechsel: Beginn des
Abschieds von Mutter und Tochter. Viele Anklänge an diese Szene finden
sich in ähnlicher Situation Iph.A. 1433–66. Dazu Schwinge (1968) 337.
Vgl. auch Alk. 371–91.
410 dòß ... pareiàn prosbaleîn parhídi: wörtlich: „gib Wange an
Wange zu legen“. Die gleiche Geste der engen Verbundenheit Med. 1074f.;
Tro. 757f.; Ion 1437f.; Phön. 307–9.
411f. fast gleichlautend mit Alk. 207f.; deswegen dort von Valckenaer
gestrichen. An unserer Stelle jedenfalls sind die Verse im Kontext fest
verankert. Zum Abschied Todgeweihter vom Sonnenlicht s. zu V. 435.
412 Der Vers fehlt in zwei eng verwandten Hss. und ist in beiden von
erster Hand nachgetragen. Wecklein streicht ihn, doch sehe ich keinen
Grund, an seiner Echtheit zu zweifeln.
a¬ktîna kúklon q’ h™líou: wörtlich „Strahl und Kreis der Sonne“.
414 Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. Prägnante Formulierung als Auf-
takt zur Stichomythie.
Die erste Vershälfte auch Tro. 634, zur zweiten vgl. Alk. 379
a¬pércomai kátw.
kátw: „hinab“, nämlich in die Unterwelt; vgl. Alk. 692; Andr. 102;
Her. 563.
415–31 Schol. V zu V. 414 bemerkt richtig, dass von V. 415 an
Hekabe und Polyxene nebeneinander her reden, ohne auf einander Bezug
zu nehmen. Erst mit V. 422 beginnt wieder ein wirkliches Gespräch. Vgl.
hierzu Mastronarde (1979) 62, (1988) 157.
415f. Diggle (1994) 229–32 erreicht durch seine Umstellung, dass die
Gesprächspartner stärker aufeinander eingehen. Doch hat auch die überlie-
ferte Versfolge mit ihrem schon vom Scholiasten bemerkten
‚Nebeneinanderherreden‘ ihren guten Sinn, und man sollte darum an ihr
308 Kommentar

festhalten. Vgl. auch O’Connor-Visser (1987) 69f.; ferner Collard, Grego-


ry, Synodinou.
415 e¬n fáei: „im Licht“, im Diesseits im Gegensatz zur Unterwelt
(415 kátw). Zum Licht (der Sonne) als Ort des Lebens s. V. 411f. und zu
V. 435.
416 a¢numfoß a¬numénaioß: „ohne Hochzeit, ohne Brautgesang“. So
klagt auch die todgeweihte Antigone: Soph. Ant. 813–16, 876f. Vgl. ferner
Hkld. 579f. Ähnliche Formulierungen Alk. 887f.; Hel. 689; Iph.T. 220; Or.
206.
418 e¬keî d’ e¬n ÷Aidou: „dort im Hades“. e¬keî kann auch schon ohne
einen präzisierenden Zusatz „in der Unterwelt“ oder „im Jenseits“ bedeu-
ten; vgl. Med. 1073; Hkld. 594.
421 Der Vers schließt gut an Hekabes vorausgehende Worte in V.
419 an, weil es einen großen Unterschied macht, ob man umgeben von
seinen Kindern oder einsam stirbt. Niemand schließt dem Toten seine Au-
gen, niemand trauert um ihn, niemand begräbt ihn auf würdige Weise,
niemand opfert an seinem Grab. Ein einsamer Tod eines Menschen, der
einmal fünfzig Kinder hatte, ist ein furchtbares Unglück. Schon ein einzi-
ger noch lebender Sohn kann ein großer Trost sein, wie es Polyxene in V.
430 bemerkt.
Fünfzig ist die traditionelle Zahl für großen Kinderreichtum im My-
thos, so bei den Danaiden und den Aigyptossöhnen (Aisch. Hik. 321), den
Nereiden (Andr. 1267) und auch bei den Söhnen oder den Kindern des
Priamos (Ilias 6,244, 24,495; Tro. 135). Wer will, kann einwenden, dass
Priamos in Polygamie lebte und auch noch einige weitere Frauen außer
Hekabe als Mütter seiner Kinder in Frage kamen, und auf Ilias 24,496f.
verweisen, wo Priamos neunzehn seiner Kinder einer Mutter, nämlich
Hekabe, zuspricht. Aber sie nennt die höhere Zahl, wie schol. M bemerkt,
au¢xousa tò páqoß.
a¢mmoroi téknwn: vgl. Med. 1395 a¢moroß téknwn.
422 Mit diesem Vers beginnt das Wechselgespräch zwischen
Polyxene und Hekabe.
423 pasøn a¬qliwtáthn: „die allerunglücklichste“, zu ergänzen
ou®san „seiende“; zur Konstruktion vgl. V. 1215 und KG 2,66.
424 Die gleiche Wortverbindung in V. 560. Meist sind es die Mütter,
die darüber klagen, dass sie ihre Kinder vergeblich geboren und genährt
haben: Med. 1029–31; Hik. 1134–37; Tro. 758–60; Phoin. 1433–35.
425 a¬årou: „unzeitigen“, „zu frühen“, in der Tragödie stets vom To-
de: Alk. 168; Or. 1030; Iph.A. 1218; F 964,4 TGrF.
a¬qlíou túchß: „wegen des unglücklichen Schicksals“. Das Adjektiv
ist meist dreiendig, kann aber auch zweiendig sein. Die Form a¬qlíou ist
als ‚lectio difficilior‘ vorzuziehen. Markland empfand offenbar die Häu-
216–443 Erstes Epeisodion 309

fung der adjektivischen Attribute als störend und zog das zweite Adjektiv
zur Anrede. Doch nimmt Biehl (1997) 107 wohl mit Recht an, dass
a¬qlíou túchß als feste Prägung gleichbedeutend mit qanátou „des To-
des“ ist. Ein ähnliches Textproblem auch Alk. 1038.
426 Zu Kassandra s. zu V. 88.
427 tóde:„dies“: ist weniger ausdrucksvoll als recht häufig belegte
cará „Freude“, doch ist tóde noch breiter überliefert und deswegen wohl
vorzuziehen. cará wäre dann als Glosse aufzufassen.
Zum Wortspiel mit der Doppelbedeutung von caîre, das sowohl „freue
dich“ als auch „sei gegrüßt“, „lebe wohl“ bedeutet, vgl. Phoin. 618; Or.
1083f.; Aristophanes Acharner 832; Menander Dyskolos 512f.; Theokrit
22,54f.
428–30 Eur. hält mit dieser Erwähnung des Polydoros die zweite
Teilhandlung in der Erinnerung des Zuschauers. Hekabe zweifelt auf
Grund ihres Traumes (V. 73–81) mit Recht daran, dass er noch lebt, wäh-
rend Polyxene sie dadurch zu trösten versucht, dass sie ihre Hoffnung
wach hält.
428 Polyxene setzt nach dem bitteren Einwurf Hekabes ihre mit V.
426 begonnenen Abschiedsgrüße fort.
430 qanoúshß (zu ergänzen soû): „wenn du stirbst“.
sugklä¸sei: „wird schließen“, von Türen, Räumen, Lippen, Augen.
Für den Zuschauer, der den Ausgang des Stückes schon weiß (V. 49f.),
hat diese Voraussage ironischen Charakter. Nicht Polydoros wird ihr nach
ihrem Tode die Augen schließen, sondern sie wird ihn zu bestatten haben.
432 kára péploiß: Das fast einhellig überlieferte kára péploiß
„umgib mir mein Haupt mit Gewändern“ ist von sich aus nicht zu bean-
standen; vgl. auch schol. M (kalúyaß toîß i™matíoiß); Hkld. 561; Hipp.
1458; Tro. 627. Nur eine Hs. und ein jüngeres Scholium vertauschen Dativ
und Akkusativ; darum die Konjektur von Kirchhoff kára¸ péplouß „lege
dem Haupt die Gewänder um“. Dies ist der häufigere Sprachgebrauch;
doch lässt LSJ auch kára péploiß gelten; dazu Biehl (1997) 107f.
Der Vers ist zugleich eine Regieanweisung. Die hier angekündigte
Verhüllung Polyxenes erfolgt nach V. 437. Die Verhüllung kann Trauer
und überhaupt großen seelischen Schmerz anzeigen (s. V. 487), aber auch
die unmittelbare Nähe des Todes; vgl. Hipp. 1458.
433 e¬ktéthka kardían: wörtlich: „ich bin geschmolzen in Bezug auf
mein Herz“; vgl. Odyssee 19,136 fílon katatäkomai h®tor.
435 Abschied vom Sonnenlicht als Topos bei denen, die bewusst in
den Tod gehen: V. 411f.; Alk. 244; Iph.A. 1506–09; Aisch. Ag. 1323f.;
Soph. Ai. 856–58; Ant. 808–10, 879f.; Schmitt (1921) 48.
436f. oçson crónon xífouß baínw metaxù kaì purâß: „soviel Zeit,
wie ich gehe zwischen (dem jetzigen Zeitpunkt und) dem Schwert und
310 Kommentar

Grabmal“. DieWörter xífoß und purá beschreiben den Ort und zugleich
den Zeitpunkt der Opferung. Zu purá s. zu V. 386.
437 Schlesier (1988) 115: „Das letzte Wort an ihre Mutter ist der
Name des Achill.“
Nach diesem Vers tritt Odysseus, der seit V. 402 abseits gestanden hat,
zu Polyxene, verhüllt sie, wie in V. 432 von ihr erbeten, und geht mit ihr in
Richtung zum Lager ab.
438 oi£ ¯gå: „weh mir“, zweisilbig mit Aphärēse (oi£ ¯gå) oder in Sy-
nizese (oi£ e¬gå) zu sprechen. Vgl. V. 676; anders V. 154 in anapästischem
Kontext; zur Formulierung Alk. 391; Hkld. 602.
Ennius Hecuba fr. 209 Warmington = 89 Jocelyn „heu me miseram
interii; pergunt lavere sanguen sanguine“ könnte eine sehr freie Über-
tragung dieses Verses sein.
440 Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. Eindrucksvolle Formulierung zum
Schluss des Abschiedsgesprächs. Es ist deutlich, dass die Elision hier nicht
etwa den Einschnitt zwischen den beiden Vershälften ‚mildert‘, wie man-
che Metriker meinen, sondern dass der auch durch eine Interpunktion mar-
kierte Einschnitt seine volle Kraft behält.
441–43 Viele Herausgeber halten es für unmöglich, dass Hekabe, die
gerade gesagt hat, dass ihre Kräfte sie verlassen (V. 438, 440), wenig spä-
ter zu einer solchen Verwünschung fähig sein soll. Hermann gab die Verse
dem Chor; und Hartung strich sie, worin ihm manche folgen. Der Chor
kann jedoch die Verse kaum gesprochen haben, denn es gibt sonst nirgends
in der Tragödie Chorrepliken unmittelbar vor einem Chorlied. Die Verse
sind zu halten, und zwar im Munde Hekabes. Es gibt Vergleichbares in V.
683–87, wo Hekabe, als sie vom Tod des Polydoros erfährt, mit dem Aus-
ruf a¬pwlómhn erschüttert zusammenbricht, aber sofort anschließend mit
der Totenklage beginnt, ferner in Andr. 1077f., wo Peleus die Nachricht
vom Tode des Neoptolemos erhält, daraufhin a¬pwlómhn ruft, doch schon
wenige Verse später imstande ist, den Botenbericht über die Umstände des
Todes entgegenzunehmen. Ähnliches findet sich auch in Hkld. 602–07, wo
Iolaos in einer unserer Szene entsprechenden Situation mit den Worten
lúetai mélh zusammensinkt, aber danach dem Chor noch Anweisungen
geben und die neu entstandene Lage ruhig beurteilen kann. Die Worte
Hekabes in V. 441–43 zeigen, dass sie auch jetzt im Augenblick tiefster
Niedergeschlagenheit noch so viel Kraft besitzt, dass sie sich bald wieder
wird erheben können. Sie können also als Vorbereitung der Rachehandlung
der zweiten Dramenhälfte angesehen werden. Auch der Chor äußert sich in
V. 943–51 ähnlich hasserfüllt über Helena. In der Helenaszene Tro. 860–
1059 wird Eur. auf das Thema der Feindschaft Hekabes gegen Helena
zurückkommen.
444–83 Erstes Stasimon 311

Die Regieanweisungen sind hier im Text enthalten. Hekabe, die im


Begriff ist, zu Boden zu sinken und sich in ihr Gewand zu hüllen, hält für
einen Augenblick inne oder richtet sich für die letzten drei Verse noch
einmal auf.
441 wÇß: „so“, d. h. so zum Tode geführt wie jetzt Polyxene.
wÇß: für ouçtwß: ein Epizismus, selten in attischer Prosa, aber nicht ohne
Parallelen in der Tragödie; vgl. V. 888; Aisch. Ag. 930.
tæn Lákainan: „die Lakonierin“, d. h. Spartanerin. Lakonien ist die
Landschaft, in der Sparta liegt, das auch Lakedaímwn genannt wird.
Collard vermutet wohl zu Unrecht, dass die mit dem Artikel versehene
vorangestellte Nennung des Herkunftslandes hier herabsetzend gemeint ist.
súggonon Dioskóroin: wörtlich „die Verwandte der zwei Jünglinge
des Zeus“. Gemeint sind ihre Brüder Kastor und Polydeukes, die Söhne
des Zeus (oder des Tyndareos) und der Leda. Helena selbst gilt als Tochter
des Zeus und der Leda und ihre Schwester Klytaimestra als Tochter des
Tyndareos und der Leda.
442f. dià kaløn … o¬mmátwn ai¢scista: paradoxe antithetische
Formulierung; ähnlich Tro. 772f. Die Augen als der Ort, wo die Liebe
wohnt: Hipp. 525f.; Tro. 891f.; Soph. Ant. 795–97.
443 ei©le: „nahm ein“; ein Wortspiel mit dem Namen Helenas nach
dem Vorbild von Aisch. Ag. 681–90 (eçlandroß e™léptoliß); Tro. 891f.,
das sich nicht nachahmen lässt.
Hekabe bleibt, wie V. 486f. zeigen, zusamengesunken auf der Bühne
zurück.

444–83 Erstes Stasimon

Dieses Chorlied, das aus zwei Strophenpaaren besteht, bezieht sich, wie
auch die beiden anderen Stasima (629–56 und 905–51), nicht direkt auf die
Handlung, sondern auf den Hintergrund, vor dem die Handlung stattfindet
und für den sie exemplarisch ist, nämlich auf den Fall Trojas und das
Schicksal der Bewohner, insbesondere der Frauen und Kinder. Da dieser
Hintergrund in den Tro. der gleiche ist, ebenso wie die Hauptgestalt und
die Zusammensetzung des Chores, ist es nicht verwunderlich, dass zwi-
schen den Stasima der beiden Dramen eine große Ähnlichkeit besteht. Dies
gilt insbesondere für unser Lied und Tro. 1060–1117.
Der Chor, der, wie meistens, aus einfachen Frauen besteht, bewundert
zwar die Gesinnung der heroischen Gestalten, die Entschlossenheit
Polyxenes zu einem Tod in Freiheit und später auch den festen Willen
Hekabes, ihren Sohn zu rächen, er betrauert auch, was er verloren hat, aber
ergibt sich in sein schlimmes Schicksal, weiter leben zu müssen. Er gibt
312 Kommentar

sich sogar für eine Weile Wunschträumen hin und malt sich aus, dass es
auch im Unglück ein wenig Freude geben könnte; bis er am Schluss zur
bitteren Wirklichkeit zurückfindet. Zu diesem Lied Barlow (1971) 25; V. J.
Rosivach, American Journal of Philology 96 (1975) 349–62, Nordheider
(1980) 15–19; Michelini (1987) 330f.; C. Collard, Sacris Erudiri 31 (1989–
90) 86; Mossman (1995) 77–83; C. W. Willink, Eur. Hec. 444/6–455/7,
Hel. 1465–77, Ba. 565–75, Mnemosyne 58 (2005) 499–509.
444–74 Im ersten Strophenpaar (444–65) und der zweiten Strophe
(466–74) singen die Choreutinnen von ihrer bevorstehenden Fahrt übers
Meer nach Griechenland und den möglichen Zielen. Dabei erwähnen sie
Delos und Athen mit so viel Sympathie, dass man fast meinen könnte, sie
freuten sich darauf, dorthin zu gelangen.
444 au¢ra, pontiàß au¢ra: „Windhauch, Windhauch des Meeres“.
Anrede mit Erweiterung des zweiten Gliedes; vgl. Aisch. Ag. 973; Tro.
314. Das überlieferte pontiàß ist in der Tragödie sonst nicht belegt, jedoch
bei Pindar Nemeen 4,36; Isthmien 4,20. Zu dem von Willink vorgeschlage-
nen sehr erwägenswerten potniàß vgl. Or. 318; Ba. 664; Phaethon F
773,82 TrGF pótni’ au¢r[a].
445 açte: „die“: Femininum des Relativpronomens mit dorischem
Vokalismus, durch te erweitert ohne Bedeutungsveränderung (LSJ s.v.
oçste).
Anrufungen, auf die Relativsätze folgen, sind charakteristisch für den
hymnischen Stil. Besonders Götter werden so angerufen, auch Schiffe:
Hipp. 752f.; El. 432; sogar Ions Besen Ion 112–14; parodiert durch Aristo-
phanes Frösche 1309.
446 a¬kátouß: eigentlich eine Bezeichnung von kleinen Booten, aber
von Eur. allgemein für Schiffe verwendet; so Tro. 1100; Or. 341, Phaethon
F 773,79 TrGF.
límnaß: dorisch für límnhß;: eigentlich „des Sees“, poetisch auch „des
Meeres“; Ilias 24,79; Soph. Oinomaos F 476 TrGF e¬p’ oi®dma límnaß.
448 tø¸ (= tíni): „wem“; entweder „zu wem“ oder „von wem“.
doulósunoß: zweiendiges Adjektiv: „sklavisch“, hier feminin „als
Sklavin“; nur hier belegt; ähnlich despósunoß V. 99, 1294.
451 Dwrídoß o™rmòn ai¢aß: „zu einem Hafen der dorischen Erde“, also
der Peloponnes, der Heimat von Agamemnon, Menelaos und Nestor, das
(zu einem freilich mythologisch ‚späteren‘ Zeitpunkt) von den Dorern
besiedelt wurde. Ähnlich Soph. Öd.K. 696f. e¬n t⸠megála¸ Dwrídi násw¸
Pélopoß.
452 h£ Fqiádoß: „oder (zu einem Hafen) des Landes von Phthia“, der
Phthiotis im südlichen Thessalien, der Heimat des Achilleus und Neopto-
lemos.
444–83 Erstes Stasimon 313

454 ¯Apidanòn: ein Fluss, der die Phthiotis bewässert, also ernährt;
darum patéra.
lipaínein: wörtlich „fett machen“, hier „fruchtbar machen“; vgl. Ba.
571–75.
455–74 Nachdem die Peloponnes und Thessalien die zur Zeit des Eur.
von Dorern und Äolern bewohnten Landschaften vertraten, dürften jetzt
Delos und Athen den ionischen Stamm vertreten, womit das ganze Grie-
chenland als mögliches Fahrtziel umrissen wäre; so Rosivach (1975) 351f.
455f. náswn: noch abhängig von 451 oçrmon: „(zu Häfen) der Inseln“.
a™liärei kåpa¸: wörtlich „mit dem das Salz (des Meeres) durch-
rudernden Rudergriff“, Synekdoche (pars pro toto); schol. M: tñ¸ e¬n a™lì
e¬ressoménh¸ kåph¸.
456f. Die von Willink vorgeschlagenen Änderungen pempoména und
e¢cous’ bewirken, dass die beiden Partizipien nicht vom weit entfernt ste-
henden me abhängen, sondern vom näher stehenden a¬fíxomai. So auch
schol. M: e¬n oi©ß a¬fíxomai oi¢koiß oi¬ktràn zwæn e¢cousa. Auch scheint
mir Willinks a¢oikoß „unbehaust“ einen besseren Sinn zu geben als oi¢koiß
„im Haus“; vgl. auch Hipp. 1029 a¢poliß a¢oikoß. Darüber hinaus schlägt
Willink vor, pónoiß statt oi¬ktràn zu lesen, um eine genauere Responsion
zu erreichen.
458–65 Delos wird auch Iph.T. 1097–1105 vom Chor gepriesen.
458f. prwtógonoß: „zuerst geborene“. Schol. MV berichten, dass in
dem Augenblick, als die schwangere Leto die gerade aus dem Meer em-
porgestiegene Insel Delos betrat, dort eine Palme (foînix) und ein Lor-
beerbaum (dáfnh) aus der Erde wuchsen. Zu Füßen dieser beiden Bäume
gebar Leto dann ihre beiden Kinder Artemis und Apollon. Die Palme auf
Delos galt als der erste und wohl zunächst auch einzige Baum dieser Art in
Griechenland. Der Lorbeer ist der dem Apollon heilige Baum.
460 Latoî fílon: Akkusativ „das der Leto liebe“, auf a¢galma zu be-
ziehen.
fílon verdient aus metrischen und inhaltlichen Gründen den Vorzug
gegenüber dem überlieferten Dativ Latoî fíla¸ „der lieben Leto“. Die
große Distanz, die zwischen Göttern und Menschen besteht, macht es den
Menschen schwer, Götter „lieb“ zu nennen. Immerhin sagt Theognis 373:
Zeû fíle, doch vgl. Aristoteles Magna Moralia 1208b 30f.: a¢topon gàr
a£n ei¢h ei¢ tiß faíh fileîn tòn Día (ähnlich Nikomachische Ethik 1158b
35–59a 8). Auch schol. V zu V. 444 (tñ¸ Lhtoî fíla a¬gálmata kaì døra)
legt nahe, dass das Adjektiv im Akkusativ stand. Vgl. auch Iph.T. 1102
Latoûß w¬dîni fílon.
460f. w¬dînoß a¢galma Díaß: „Denkmal für die Geburt der Kinder des
Zeus“: wörtlich „Denkmal der göttlichen“ oder „der von Zeus verursachten
Geburtswehen“.
314 Kommentar

dîoß oder Dîoß: Adjektiv „göttlich“ oder „dem Zeus zugehörig“. Ge-
meint sind jedenfalls Artemis und Apollon, die durch Zeus gezeugten Kin-
der der Göttin Leto.
a¢galma: „ein Chamäleon-Wort” nach Collard: „Freude, Schmuck,
Stolz“ und alles, was dazu beiträgt, auch „Weihgeschenk, Götterbild“. Hier
dürfte „Denkmal“ gemeint sein, denn an dieser Palme war es, wo Leto den
Apollon gebar; vgl. Apollonhymnos 115–19; Iph.T. 1098–1102; Ion 919–
22; Odyssee 6,162f.
462–65 Dass die Frauen sich an Tänzen zu Ehren der Artemis zu be-
teiligen wünschen, ist verständlich, denn im Dienste der jungfräulichen
Göttin wären sie sicher vor den sexuellen Wünschen ihrer Herren
(Rosivach). Aber Sklavinnen wurden wohl nicht zu solchen Chören zuge-
lassen. Darum dürfte der Wunsch Illusion bleiben.
Manche möchten einen Zusammenhang mit der Neuordnung des Kult-
festes auf Delos im Jahre 426/25 durch die Athener (Thukydides 3,104)
und dieser Strophe in dem wohl nicht lange nach diesem Datum aufgeführ-
ten Stück sehen. Diese Beziehung ist zwar möglich, aber sie muss Vermu-
tung bleiben. Skeptisch Wilamowitz, Eur. Her. 2,140–42.
Erwähnung eines Liedes der delischen Mädchen auch Her. 687–90.
465 cruséan t’ a¢mpuka: „goldenes Stirnband“, ein Schmuck vor-
nehmer Frauen (Ilias 22,469; Aisch. Hik. 431) und Göttinnen. cruséan t’
ist zweisilbig in Synizese zu lesen ( qq ). Zur Stellung von t’ in den Hss.
s. Diggle (1994) 267 u. Anm. 59.
466–74 Der Chor idealisiert sein mögliches Leben in Athen ebenso
wie das auf Delos. Das Weben des Peplos, der Athene zu den Panathenäen
überreicht zu werden pflegte, war ausgewählten Bürgertöchtern vorbe-
halten. (Auch der Chor der griechischen Sklavinnen bei den Taurern würde
gerne an diesem Peplos mitweben: Iph.T. 222–24). Dass durch die bewun-
dernden Worte der in die Sklaverei aufbrechenden Gefangenen über das
große Fest auf die Göttin selbst und auf ihre Stadt Athen „ein Schatten
fiele“, wie Synodinou vermutet, meine ich nicht. Im Gegenteil: Die Stro-
phe scheint mir (ähnlich wie Med. 824–45) ein Loblied auf Athen zu sein;
eine Verbeugung vor dem athenischen Publikum, so wie die vorausgehen-
de Strophe ein Preislied auf das von Athen verwaltete und durch die Fest-
gesandtschaften vielen Athenern wohlbekannte Delos war.
467 tàß kallidífrouß: Akkusative des Plurals, auf pålouß bezo-
gen: „die schönwagigen Pferde“. Dagegen wären tâß (dorisch für tñß) und
kallidífrou Genetive des Singulars und auf Athene zu beziehen: „Pferde
der schönwagigen Athene“. Weder das eine noch das andere lässt sich im
Deutschen nachahmen.
’Aqanaíaß ist entweder auf pålouß oder (eher) auf péplw¸ zu bezie-
hen.
444–83 Erstes Stasimon 315

krókeoß: „krokusfarben“; vgl. Ion 889 krókea pétala.


471 a¬nqokrókoisi: „eingewebten blumenbunten”: eine nur hier be-
legte Neubildung; wohl zu krókh „Einschlagfaden“ gehörig und nicht zu
krókoß „Krokus“.
472 Titánwn geneán: „das Geschlecht der Titanen“. Hier wie auch
Iph.T. 224 werden Titanen und Giganten verwechselt. (schol. M: a¬ntì toû
Gigántwn. u™posugcéousi dè tæn e¬n e™katéroiß diaforán.) Die ersteren
waren die ‚legitimen‘ Kinder des Himmelsgottes Uranos und der Erdgöttin
Gaia (Hesiod Theogonie 132–38), die von den olympischen Göttern in der
Titanomachie besiegt wurden (617–720); die letzteren dagegen aus den
Blutstropfen entstanden, die der entmannte Uranos verloren hatte und die
Erde aufgefangen hatte (185f.). Sie wurden von den olympischen Göttern
zu einer mythologisch ‚späteren‘ Zeit unter Beteiligung des Herakles be-
siegt (Her. 177–80; Ion 206–18; Pindar Pythien 8,17). Dieser Kampf gegen
die Giganten, an dem auch Athene teilgenommen haben soll, war auf dem
Peplos dargestellt, der ihr bei den Panathenäen überreicht wurde.
473f. a¬mfipúrw¸ … flogmø: „mit beiderseits feuriger Flamme“, vom
Donnerkeil des Zeus; vgl. Hipp. 559; Ion 212; zum Ausdruck Barlow
(1986) 11.
koimízein: „zum Schlafen legen“, „zur Ruhe bringen“, euphemistisch
für „töten“; vgl. Soph. Ai. 832; ähnlich Hipp. 1387 koimáseie.
475–83 In der zweiten Gegenstrophe, in der sich der Ring zur ersten
Strophe schließt, finden die Frauen des Chores aus der Wunschwelt der
beiden vorausgehenden Strophen zur Wirklichkeit zurück und beklagen
den Verlust ihrer Kinder, ihrer Eltern, ihrer Freiheit und ihrer Heimatstadt.
475 w¢moi tekéwn e¬møn: „weh meine Kinder“; Genetiv des Schmer-
zes und Mitleids bei Interjektionen der Klage; KG 1,388f.
tekéwn: tò tékoß: „das Kind“ poetisches, auch wohl stärker gefühls-
betontes Wort anstelle des gleichbedeutenden prosaischen tò téknon.
478f. doríkthtoß ¯Argeýwn: „durch den Speer der Argiver erobert“.
Der possessive Genetiv ist von dorí abhängig.
480f. kéklhmai doúla: „werde Sklavin genannt“. Die frei geborenen
Frauen des Chores fühlen sich anscheinend nicht als wirkliche Sklavinnen,
sondern tragen den Namen nur gezwungenermaßen.
482 Dieser Vers ist auf die unterschiedlichsten Weisen verstanden
und verändert worden. Dass er missverständlich ist, hat vor allem zwei
Gründe. Erstens gibt es bei a¬lláttein zwei mögliche Bedeutungen mit
unterschiedlichen Konstruktionen: a) „etwas für etwas eintauschen“, wobei
das Hingegebene im Akkusativ steht und das Empfangene im Genetiv (vgl.
Aisch. Pr. 967) oder auch das Empfangene im Akkusativ (vgl. Theognis
21; Ba. 53, 1332); b) „einen Ort verlassen“ wobei der verlassene Ort im
Akkusativ steht (vgl. Iph.T. 132–36). Zweitens kann das Wort qerápna
316 Kommentar

zwei verschiedenartige Bedeutungen haben: a) „Dienerin“, wie das ge-


bräuchlichere qerápaina, z. B. Apollonhymnus 157; b) „Wohnung“, wie
Tro. 211, 1070; Her. 370; Ba. 1043. Infolgedessen sind verschiedene
Kombinationen möglich. So liest etwa Garzya einen Nominativ qerápna
d’ und übersetzt „Asien verlassend, als Dienerin Europas, Asien, das ein
Haus des Hades geworden ist“. Italie dagegen liest qerápnan und über-
setzt: „Asien verlassend, den Wohnsitz in Europa dafür annehmend, der
(für mich) ein Haus des Hades ist“. Am meisten Anklang fand die Version
von Purgold und Wilamowitz, die qerapnân (dorischer Genetiv Pluralis
für attisches qerapnøn) lesen und übersetzen: „Asien verlassend, für die
Wohnstätten Europas eintauschend die (bisherige) Wohnung, die (jetzt)
dem Hades gehört“. Ihnen habe ich mich bei meiner Übersetzung ange-
schlossen. Eine ähnliche Formulierung Iph.T. 396f. ¯Asiätida gaîan
Eu¬råpaß diameíyaß.
483 ÷Aida: Für das überlieferte ¯Aýda (dorischer Genetiv) „des Ha-
des“ verdient aus metrischen Gründen die von Canter vorgeschlagene
Form ÷Aida (ebenfalls dorischer Genetiv) den Vorzug.

484–628 Zweites Epeisodion

Dieses Epeisodion enthält den Abschluss der Polyxene–Handlung Sein


Kernstück bildet der ausführliche Botenbericht des Talthybios über die
Opferung Polyxenes (521–82). Es folgt die Würdigung ihres edlen Todes
durch die Mutter (585–602) und schließlich die Aussendung der Dienerin
zum Wasserholen ans Meer, die schon der Vorbereitung des Überganges
zur Polymestor-Handlung dient (604–18). Doch zunächst beklagt
Talthybios teilnahmsvoll das Schicksal Hekabes, die an einem Tag vom
höchsten Glück ins tiefste Unglück gestürzt wurde (488–98).
484 Talthybios (s. zu V. 503) tritt durch eine der Parodoi auf, und
zwar aus der gleichen Richtung, aus der Odysseus aufgetreten und in die er
zusammen mit Polyxene wieder abgegangen ist. Er wendet sich auf der
Suche nach der verhüllt am Boden liegenden Hekabe zuerst fragend an den
Chor, wobei er respektvoll die frühere Stellung Hekabes erwähnt.
dä pot’: „einst“; vgl. V. 891. ou®san: „seienden“, hier „gewesenen“,
wie V. 620, 821.
Ähnliche Situation Hkld. 630–37, wo aber eine Freudenbotschaft über-
bracht wird.
487 sugkeklh¸ménh: wörtlich „zusammengeschlossen“, also ohne je-
den Kontakt mit der Aussenwelt, ganz in ihre Trauer versunken, fast wie
eine Tote.
484–628 Zweites Epeisodion 317

488–98 Pathetische Reflexion des Talthybios über die Ausge-


liefertheit des Menschen an den Zufall und über die Vergänglichkeit
menschlichen Glücks, verbunden mit theologischer Spekulation, anlässlich
des Schicksals der Hekabe, deren zusammengesunkene Gestalt er vor sich
sieht; vgl. Johansen 85–87.
488 tí léxw: „Was soll ich sagen“, deliberativer Konjunktiv als Äu-
ßerung des Erstaunens; vgl. Alk. 1123; Hel. 483; Kykl. 375; Soph. Öd.K.
310; KG 1,221.
a¬nqråpouß o™rân: „dass du auf die Menschen schaust“. Es ist kein
bloßes Sehen gemeint, sondern ein Beaufsichtigen.
489 a¢llwß „nichtig“ und máthn „vergeblich“ können als Synonyme
verstanden werden. Die Änderungsvorschläge haben das Ziel, eines der
synonymen Wörter zu ersetzen und zugleich V. 490 glatter in den Kontext
einzufügen. a¢llwß kann jedoch auch mit dóxan tände verbunden werden,
was dann bedeuten würde „nur diesen Ruf, nichts als diesen Ruf“; vgl. Tro.
476; s. auch zu V. 302, 626.
490 Der Vers wird von Nauck wohl mit Recht getilgt; vgl. auch Page
(1934) 67. Im Kontext geht es um die bei Eur. oft diskutierte Frage, ob
Zeus, an dessen Existenz nicht gezweifelt wird, das Weltgeschehen lenkt,
oder die Göttin des Zufalls (Túch); vgl. z. B. Ion 1512–15; Kykl. 606f.;
dazu Matthiessen (2004) 85–88. In V. 490 dagegen, der sich auch syn-
taktisch nicht gut einfügt, wird die Existenz der Götter gänzlich in Frage
gestellt. Eine so radikale Position vertritt zwar Bellerophontes im gleich-
namigen Stück auf Grund seiner bitteren Lebenserfahrungen (F 286 TrGF),
doch dürfte dort der Fortgang der Handlung gezeigt haben, dass die Götter
existieren und ihn für seine frevelhaften Worte bestrafen.
Trotz der von Talthybios geäußerten Zweifel sollte jedem Zuschauer
und Leser klar sein, dass das Unglück Hekabes nicht das Werk der Tyche
ist, sondern dass der Untergang Trojas, seines Herrscherhauses und damit
auch Hekabes dem Ratschluss des Zeus entspricht.
492f. ou¬c hçd’ – ou¬c hçde: „ist sie hier nicht – ist sie hier nicht“. Ana-
pher, asyndetisch, pathetische rhetorische Fragen.
492 Zum sprichwörtlichen Goldreichtum der Troer vgl. auch Tro.
994f. tæn Frugøn pólin crusø¸ r™éousan; Hel. 928 Frugøn …
polucrúsouß dómouß.
493 Vgl. Ilias 24,543 (Achilleus zu Priamos) kaì sé, géron, tò prìn
mèn a¬koúomen o¢lbion ei®nai.
494 a¬nésthken: „ist … zerstört“. Perfekt Passivi von a¬nísthmi „zer-
störe, verwüste“ (ein Land oder eine Stadt), „vertreibe“ (die Bewohner).
Vgl. Thukydides 2,27,1, 8,24,3; Soph. Trach. 240f.; Ant. 673f.
495 Gleicher Versanfang Andr. 401.
318 Kommentar

doúlh graûß a¢paiß: „Sklavin, Greisin, kinderlos“. Reihung von


Asyndeta, um Hekabes Leid rasch zu umreißen; ähnlich V. 156–58, 811, in
anderer Funktion V. 281.
496 Es war eine Trauergeste, sich das Haupt mit Staub oder Asche zu
bestreuen; vgl. Ilias 22,414; Odyssee 24,316f. Aber Hekabe liegt auch in
der Tat im Staub.
497f. Ennius Hecuba fr. 210–11 Warmington = 92 Jocelyn („senex
sum; utinam mortem obpetam prius quam evenat quod in pauperie mea
senex graviter gemam“). Ähnlich auch Tro. 415f.
Was Talthybios meint, wenn er sich auf sein Alter beruft, ist schwer zu
sagen. Die meisten Interpreten vermuten (in Übereinstimmung mit schol.
MV), dass er sagen wolle, als alter Mann hänge er am Leben. Andere neh-
men an, er meine, dass ihm als einem alten Mann der Tod ohnehin nahe sei
(Weil, Pflugk-Wecklein, Tierney). Mir scheint jedoch eher, dass er meint,
in seinem langen Leben habe er vieles Schlimme erlebt, aber so Schlimmes
wie sie wünsche er nicht noch zu erleben.
497 feû feû: Interjektion (als Teil des Verses, wie in V. 1238, anders
als inV. 54a feû, das extra metrum steht), die in diesem Fall Anteilnahme
und Bedauern bekunden soll, anders als in V. 1238, wo sie Bewunderung
ausdrücken soll.
Zur Mitteldihärese s. zu V. 15.
498 Ähnlich Kreterinnen F 460 TrGF lúph mèn a¢th¸ peripeseîn
ai¬scr⸠tini.
499f. Ähnliche Formulierung in ähnlicher Situation Hkld. 635.
499 metársion: „hoch“; zweiendiges Adjektiv, prädikativ neben
pleuràn; ionisches und poetisches Wort für attisches metéwron.
500 pleuràn: wörtlich „die Seite“, Synekdochē (pars pro toto).
501 e¢a: schwer übersetzbare Interjektion, die Verwunderung oder wie
hier Unwillen über eine Störung ausdrückt; bald metrisch integriert wie
hier und in V. 733, bald außerhalb des Metrums, wie in V. 1115a.
503 Danaïdøn u™phréthß: „der Danaer Diener“: Danaoí oder
Danaýdai (Danaossöhne) werden die Griechen genannt, weil die Argiver,
die Untertanen Agamemnons, den Kern des Heeres bilden. Danaos ist (ne-
ben Pelasgos) einer der mythischen Könige von Argos; s. Aisch. Hik.
Herold Agamemnons ist Talthybios (neben Eurybates) schon Ilias
1,320f., so auch in den Tro. und Or. 887–97. Die Herolde (kärukeß) wer-
den auch Tro. 425f. als u™phrétai „Diener“ bezeichnet und Hik. 381f. ihre
Tätigkeit als u™phreteîn „dienen“. Der Götterbote Hermes wird Aisch. Pr.
954 qeøn u™phréthß genannt.
504 Der Vers wird von Jenni und anderen gestrichen, und zwar we-
gen der Ähnlichkeit mit Alk. 66, allerdings wohl zu Unrecht. Er mag in-
haltlich entbehrlich sein, weil die gleiche Aussage in V. 509f. erfolgt.
484–628 Zweites Epeisodion 319

Auch die nachgestellte Präposition mag befremden, doch vgl. auch Alk. 46,
Soph. Phil. 343; KG 1,534f. (Anastrophische Tmesis). Schol. M stellt fest,
dass zu ergänzen ist metapémyantóß se „da er (sc. Agamemnon) dich
holen lässt“. Zum Fehlen eines zu erwartenden Objekts nach
metapémpesqai vgl. Thukydides 1,112,3 und 6,88,9. In Alk. 46 und 66
fehlt das Objekt nicht.
Biehl (1997) 114f. weist richtig darauf hin, dass V. 503f. durchaus eine
Funktion haben: Talthybios stellt sich und sein Amt vor, nennt seinen Auf-
traggeber und redet Hekabe als Empfängerin seiner Botschaft an.
505–07 Hekabe äußert zuerst eine falsche Vermutung, bevor sie den
wahren Inhalt der Botschaft des Talthybios erfährt. Sie vermutet nämlich,
dass sie ebenfalls sterben soll, und reagiert darauf mit Freude und Eifer.
Eur. lässt auch sonst öfter seine Personen vor der Entgegennahme von
Unglücksbotschaften irrige Vermutungen äußern. Die Botschaft selbst
bringt dann oft eine Steigerung des Unglücks. S. auch zu V. 671–77.
505 ka¢m’ (= kaì e¬mè): „auch mich“, zusätzlich zu Polyxene.
506 dokoûn ¯Acaioîß „da die Achäer beschlossen haben“; absoluter
Akkusativ des Partizips; vgl. V. 119; KG 2,88f.
507 e¬gkonømen: wörtlich „lasst uns eilen“; vgl. Her. 521 i¢t’
e¬gkoneîte. Vielleicht erhebt sich Hekabe bei diesen Worten schnell vom
Boden.
508–10 Jetzt erfolgt die kurze Mitteilung der Botschaft und die aber-
malige, aber genauere Nennung der Auftraggeber. Die Meldung des Ereig-
nisses geht wie üblich dem ausführlichen Bericht voraus. Der Empfänger
der Meldung fragt dann gewöhnlich, wie das Gemeldete geschah, und gibt
damit das Stichwort für den Bericht: V. 515 pøß „wie?“.
509 metasteícwn se: „auf die Suche nach dir gehend“; vgl. Hik. 90
hÇn metasteícw.
510 ’Atreîdai: Agamemnon und Menelaos, die Söhne (oder Enkel)
des Atreus.
511 oi¢moi, tí léxeiß: „weh mir, was wirst du sagen?“ Bei Eur. häufi-
ger Ausruf des Erstaunens und heftigen Erschreckens; vgl. V. 712, 1124;
Hipp. 353 (und Barrett zur Stelle); Ion 1113; Med. 1310.
w™ß qanouménouß „zu uns, die sterben werden“: Generalisierender Plu-
ral des Maskulinums bezogen auf weibliche Personen; vgl. V. 237, 670,
798; KG 1,83.
513 o¢lwlaß w® paî: „du bist dahin; Kind?“ Durch die Anrede stellt
Hekabe gleichsam über den Tod hinweg den Kontakt mit ihrer Tochter
wieder her.
a¢po: Nachstellung der Präposition (mit Apostrophe des Tons); vgl. V.
504; KG 1,554
320 Kommentar

514 tou¬pì s’(= tò e¬pì sé): Akkusativ der Beziehung, „soweit es sich
auf dich bezieht”, „was dich angeht“, wie Alk. 666; Rhes. 397.
Gregory vermutet, dass der Dichter durch diesen Zusatz auf das
Schicksal des Polydoros anspielt und damit schon auf die zweite Teil-
handlung vorausweist. Mir scheint allerdings ein solcher Hinweis zu dis-
kret zu sein, als dass ihn das Publikum bemerken könnte.
Die noch lebenden Kinder Helenos und Kassandra bleiben hier, ebenso
wie in V. 810 und 821, außer Betracht.
515 pøß kaí: „wie denn?“ Neben Fragepronomina oder -adverbien
hat kaí verstärkende Funktion; vgl. V. 1065; Alc. 834; Hipp. 1171; KG
2,255.
e¬xepráxat’: „brachtet ihr sie um“. Italie meint, dass Hekabe hier ab-
sichtlich einen groben Ausdruck verwendet, doch findet sich die gleiche
Wendung, sicher ohne einen solchen Nebenton, auch Aisch. Ag. 1275;
Soph. Öd.K. 1658–60.
516f. Genauer „Oder gingt ihr an das Furchtbare (nämlich die Opfe-
rung) heran, als ob sie eine Feindin wäre, als ihr sie tötetet?“
Zu den Befürchtungen, die Hekabe andeuten mag, s. auch V. 604–8.

518–82 Bericht des Talthybios

518–20 Zur Formulierung vgl. Hel. 143, 769–71; Soph. Öd.K. 361–
64; Vergil Aeneis 2,3; Seneca Hercules Furens 650f. Die gegenteilige Mei-
nung, nämlich dass es erfreulich sei, über vergangenes Leid zu berichten:
Hel. 665, Odyssee 15,400f.
Talthybios betont mit diesen Worten, dass seine Anteilnahme am Ge-
schehenen im Augenblick des Berichts noch immer ebenso groß ist wie
zuvor, als er unmittelbar an ihm teilnahm. Dazu de Jong (1991) 30f.
518 dákrua kerdânai: wörtlich „Tränen gewinnen“ oder „ernten“,
ironisch, also nicht als Vorteil, sondern als Nachteil. Ähnlich Aristophanes
Wolken 1064 kérdoß e¢laben. Anders schol. V: w™ß fíloß gàr kérdoß
oi¢etai tò klaûsai e¬k deutérou tæn Poluxénhn. Zur Stelle auch P. Pucci,
Eur., The Monument and the Sacrifice, Arethusa 10 (1977) 168–70.
521–82 Talthybios schildert in seinem Botenbericht teilnahmsvoll die
Opferung Polyxenes. Er preist ihr würdevolles Verhalten und spendet da-
mit zugleich Hekabe einen gewissen Trost, der ihren Schmerz über den
Verlust ihrer Tochter etwas lindert. Auffällig sind die in solchen Berichten
bei Eur. auch sonst häufigen direkten Reden (532f., 534–41, 547–52, 563–
65, 577–80), die dem Bericht einen epischen Charakter geben und ihn
zugleich lebendiger gestalten. Hierzu Bers (1997) 77–79.
484–628 Zweites Epeisodion 321

Dass der Bericht den Zweck der Tröstung Hekabes erfüllt, wird ihre
Entgegnung in V. 585–92 zeigen.
519 sñß paidòß oi¢ktw¸: „aus Jammer um dein Kind“, objektiver Ge-
netiv.
521 Zu den Bedeutungsnuancen des Wortes o¢cloß „Masse“ s. zu V.
880.
522 plärhß: „vollzählig“; vgl. V. 107. Doch während dort die Be-
schlussfähigkeit betont wurde, geht es hier um die Ehrung des Achilleus
(und, wie es sich zeigen wird, auch der Polyxene) durch vollzählige Anwe-
senheit.
523–28 Viermaliges Vorkommen von Formen des Wortes ceír in
sechs Versen. Ein gutes Beispiel dafür, dass Wortwiederholungen von den
Tragikern nicht gemieden werden (Italie). Vgl. auch V. 1151–63.
523 labœn … ceròß: „nahm … bei der Hand“, im Griechischen Par-
tizip. Diese Geste gehört auch zum Hochzeitsritus. Polyxene erscheint also
als eine Braut des Hades.
Zur Mitteldihärese s. zu V. 15. Häufig steht sie dann, wenn in der ers-
ten Vershälfte eine Namensangabe durch ein Patronymikon in der Form
‚Name des Vaters im Genetiv + paîߒ erfolgt. Hierfür viele Beispiele aus
den drei Tragikern bei Stephan (1981) 110–14.
524 e¬p’ a¬kroû cåmatoß: „auf der Spitze des Grabhügels”; so auch
Or. 116. Polyxene erhält eine weit sichtbare Bühne für ihren heroischen
Tod; so de Jong (1991) 153.
525 lektoí … e¢kkritoi: „erlesene, ausgewählte“, Synonyme, die
hervorheben, dass nicht nur das zu opfernde Lebewesen besonders ausge-
zeichnet ist, sondern dass auch die Helfer beim Opfer es sind.
526 skírthma móscou sñß: „ein Zappeln deines Kalbes“. Tierme-
tapher wie in V. 142, Andr. 711; móscoß im Tiervergleich bei Menschen-
opfern V. 205f., Iph.T. 359.
Die abermalige Mitteldihärese mag die Eindringlichkeit der Metapher
noch steigern.
527–42 Das Trankopfer geht bei jeder Opferhandlung dem eigent-
lichen Opfer voraus. Unerläßlich für den Beginn der Kulthandlung ist die
eu¬fhmía, wörtlich „das gut Reden“ oder eher „das nicht schlecht Reden“,
also das kultische Schweigen. Denn schlechtes, also unfrommes, frevel-
haftes Reden vermeidet man am sichersten, wenn die ganze Gemeinde
schweigt. Vgl. auch Iph.A. 1563f. Talqúbioß … eu¬fhmían a¬neîpe kaì
sigæn stratø¸.
528f. Die historischen Praesentia hier und im folgenden heben den
Augenblick des Beginns der Zeremonie besonders hervor; de Jong (1991)
43.
322 Kommentar

528 ai¢rei: Die meisten Hss. überliefern e¢rrei „floss“, das dann die
sonst nicht belegte Bedeutung „ließ fließen“ haben müsste. Die Grabspen-
de wird von Neoptolemos vielmehr erst später ausgegossen, nachdem
Talthybios das Heer zum Schweigen gebracht hat. Er spricht dazu V. 534–
41. Darum verdient das in wenigen guten Hss. bezeugte ai¢rei „hebt“ den
Vorzug.
530 Vgl. Phön. 1224 keleúsaß sîga khrûxai stratø.¸
531–33 Der Herold hebt seinen eigenen Anteil am Geschehen hervor
und betont mit professionellem Stolz die Leistung, dass er als einzelner
eine so große Menschenmenge zur Ruhe gebracht hat. Vgl. de Jong (1991)
5; Bers (1997) 69; Hik. 669f.
531 Das besser überlieferte parástaß „zur Seite tretend“ entspräche
der im Epos häufigen Wendung ei®pe parástaß „trat an ihn heran und
sprach“, wäre hier aber eine bloße Wiederholung des bereits in V. 524
Gesagten. Dagegen betont katástaß „auftretend“, dass Talthybios in sei-
ner Funktion als Herold tätig wird, und verdient darum den Vorzug.
532 sîga: „still“; Adverb wie Hipp. 660; Hik. 669; Her. 868, 1060,
1067; Phön. 1224; Or. 140; Phaethon F 773,118 TrGF a¬llà sîg’ e¢stw
léwß.
533 síga siåpa: „man sei still, man schweige”: Imperative der Ver-
ben sigân und siwpân, zu ergänzen etwa pâß tiß. Vgl. V. 1069; Kykl.
488.
nänemon d’ e¢sths’ o¢clon: wörtlich: „ich machte die Menge zu einer
windstillen“. Durch die Metapher wird die zuvor lärmende und durchei-
nander wogende Menge mit einer windbewegten Meeresfläche gleichge-
setzt.
Zu o¢cloß s. zu V. 880.
534–41 Eine Opferhandlung wird in der Regel durch ein Gebet eröff-
net. Es ist interessant, dieses Gebet mit dem des Achilleus bei der Opfe-
rung Iphigenies Iph.A. 1570–76 zu vergleichen, das allgemein für eine
spätere ‚Nachdichtung‘ unserer Passage gehalten wird. Hier wie dort wird
die Gottheit oder der Heros angeredet, es wird die Opfergabe angekündigt
und es wird gesagt, welche Gegengabe erwartet wird, nämlich in dem ei-
nen Fall die glückliche Ausfahrt und in dem anderen die glückliche Rück-
kehr der Flotte.
535 moi: hier entweder Dativ des Interesses „mir“ (so KG 1,419) oder
auctoris „von mir“. Der Genetiv mou wäre possessiv zu verstehen: „diese
meine Güsse“.
khlhthríouß „besänftigende“. Dazu Hesychius K 2501: tàß yucàß
qerapeuoúsaß.
484–628 Zweites Epeisodion 323

536 a¬gwgoúß: „herbeiführend“, „herbeibeschwörend“. a¬rwgoúß bei


Diggle ist Druckfehler für a¬gwgoúß vgl. seine Addenda et Corrigenda (T.
III, 1994, 481).
nekrøn: bezieht sich syntaktisch nur auf a¬gwgoúß, inhaltlich aber auch
auf khlhthríouß.
e¬lqé: „komm“. Die Anwesenheit des Heros zum Entgegennehmen der
Opfergabe wird ausdrücklich erbeten.
w™ß píh¸ß: „zu trinken“. Zu der Vorstellung, dass die Seelen der Toten
das ihnen dargebrachte Blut trinken, s. Odyssee 11,98, 153, 232. Zum Ri-
tus der Totenbeschwörung allgemein s. ebendort 11,23–37.
537 kórhß a¬kraifnèß ai©m’: „des Mädchens reines, frisches Blut“;
ähnliche Formulierung in analoger Situation Iph.A. 1574 a¢cranton ai©ma
kalliparqénou dérhß.
539 lûsaí te prúmnaß kaì calinwtäria: wörtlich „Hecks und Taue
zu lösen“, nautische Fachausdrücke. Gemeint ist, dass die Haltetaue am
Heck gelöst werden, so dass die Schiffe ins Wasser geschoben werden
können. Die Schiffe lagen mit dem Heck zuoberst auf dem Strand (Ilias
1,436). Die Haltetaue werden Iph.T. 1043 calinoì linódetoi genannt.
540f. Wechsel der Konstruktion vom Dativ h™mîn zum Akkusativ
tucóntaß pántaß, als wenn h™mâß vorausgegangen wäre; ähnlich Hkld.
476f.; Aisch. Cho. 140f., 410f.
Zur Formulierung vgl. Iph. A. 1575 dòß genésqai ploûn neøn
a¬pämona.
540 preumenoûß: wörtlich „einer wohlgesinnten“, wurde von vielen
als störende Wortwiederholung empfunden. Außerdem meinte man, dass
eine Heimfahrt nicht wohlgesinnt sein könne. Aber Collard sagt richtig,
dass hier das Adjektiv vom Angerufenen auf die erbetene Sache übertragen
ist; ähnlich wie Aisch. Hik. 140 teleutàß … preumeneîß. Gegenüber
Wortwiederholungen ist Eur. recht unempfindlich; s. zu V. 523–28. Er
erstrebt sie sogar gelegentlich, um einen wichtigen Begriff hervorzuheben.
Eine Änderung, etwa in eu¬maroûß „leichten“ oder h™súcou „ruhigen“,
scheint mir darum ebenso wenig nötig zu sein wie die Annahme einer
Korruptel.
542 e¬phúxato „betete“, wie das Simplex hu¢xato, vgl. Hik. 8; Ion
670.
543 a¬mfícruson wörtlich „beiderseits golden“, mit vergoldetem
Griff (so schol. V: a¢mfícruson dè nohtéon tò xífoß ou¬ katà tà koptikà
mérh, a¬llà katà tæn kåphn mónhn) oder mit Einlegearbeiten auf der
Klinge. In dem (wohl unechten) Botenbericht am Schluss von Iph.A. ist bei
den Vorbereitungen zur Opferung Iphigenies ebenfalls von einem „goldge-
triebenen Schwert“ (1565f. crusälaton … fásganon) die Rede. Man
324 Kommentar

könnte an ein bei besonderen Anlässen benutztes Zeremonialschwert den-


ken.
544f. logási … neaníaiß: „ausgewählten Jünglingen“; vgl. V. 525
e¢kkritoi neaníai, die Wendung auch Herodot 1,36,2 und 43,1.
Nicken ist ein unhörbares Signal; es wird trotzdem von dem bemerkt,
der es nicht bemerken sollte; vgl. Ilias 9,223 (neûs’ – nóhse).
546–54 Eine unerwartete Retardation der Opferzeremonie, die zum
Höhepunkt des Berichts wird. Polyxene erbittet und erhält die Möglichkeit,
den Todesstoß in Freiheit zu empfangen.
546 e¬frásqh „bemerkte”; wie Odyssee 17,161, 23,75.
547–52 Polyxene nimmt die Gedanken ihrer Rede von V. 342–78
wieder auf, aber während sie dort meinte, dass durch den Verlust ihrer
Freiheit und ihres Ranges das Leben seinen Wert für sie verloren habe,
geht es ihr hier darum, sich durch einen freiwilligen Tod Freiheit und Rang
auch im Tod und darüber hinaus zu bewahren. Dazu de Jong (1991) 128
Anm. 31. Die Begriffe „Freiheit“ und „Tod“ werden in Polyxenes Rede in
verschiedenen Formulierungen jeweils viermal verwendet: 548 e™koûsa,
549 eu¬kardíwß, 550 e¬leuqéran und e¬leuqéra sowie 548 qnä¸skw, 549
paréxw … dérhn; 550 qánw, 551 kteínat’.
Es fällt auf, dass Polyxene nicht bittet, sondern befiehlt und verbietet,
ganz wie es einer Königstochter angemessen ist.
548 cróoß „meinen Leib“, wörtlich „die Haut“, Synekdoche (pars pro
toto).
549 fast gleicher Wortlaut in einer gleichartigen Situation Iph.A.
1560.
551f. Zur Bedeutung des Namens ‚Sklavin‘ vgl. V. 357f.
Hier liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, dass ein Toter auch in
der Unterwelt den Rang behält, den er in seinem Leben zuletzt innehatte.
Wenn Polyxene unter Zwang wie eine Sklavin sterben würde, dann würde
sie als Sklavin in die Unterwelt eingehen; stirbt sie dagegen freiwillig,
bleibt ihr der Rang als Königstochter erhalten.
ai¬scúnomai „ich schäme mich“: ein zentraler Begriff der archaischen
Adelsethik in der Epoche der „Schamkultur“. Ein edler Mensch hat alles zu
vermeiden, was ai¬scrón ist, für das er sich also vor den Standesgenossen
schämen müsste, und hat alles zu tun, was kalón und infolgedessen bei
ihnen mit Ruhm verbunden ist.
553 e¬perróqhsan: zu e¬pirroqéw „lärme zustimmend“, „spende
Beifall“; wie Phön. 1238, Or. 901; schol. MBV: e¬bóhsan· e¬k metaforâß
tøn kumátwn. Das Rauschen des Wassers wird r™óqoß genannt.
555f. Die beiden von Jacobs und den meisten Herausgebern gestri-
chenen Verse bringen nichts Neues gegenüber V. 554, da die Befolgung
des Befehls des Feldherren selbstverständlich ist und nicht der Erwähnung
484–628 Zweites Epeisodion 325

bedarf; auch ist der gedankliche Anschluss des mit ou©per „eben dessen“
eingeleiteten Relativsatzes schwierig. Dagegen schließt 557 tód’ … e¢poß
sehr gut an 554 ei®pen an. Vgl. Page (1934) 67. Biehl (1997) 117f. vertei-
digt wenig überzeugend die Echtheit der Verse.
556 Zur Formulierung vgl. Ilias 2,118, 9,25 und öfter toû gàr
krátoß e¬stì mégiston.
557 Verallgemeinernder Plural, auf nur eine Person bezogen, wie in
V. 397, 403f., 1237; KG 1,18.
558 e¬pwmídoß: „Schulter“ oder „Schlüsselbein“, wie Iph.T. 1404
gumnàß … e¬pwmídaß.
559 lagónaß e¬ß mésaß par’ o¢mfalon: „bis mitten zur Taille beim
Nabel“. Durch die von Brunck vorgeschlagene Änderung mésaß wird die
Satzkonstruktion einfacher. Würde méson beibehalten, wäre das Wort zu
o¢mfalon zu ziehen: „bis zur Taille, und zwar mitten beim Nabel“.
560f. Zur Geste der Entblößung gut Gödde (2000) 91–93. Sie ver-
weist auf die andere Funktion der Geste in Ilias 22, 80–83 und Aisch. Cho.
896–98. Auch auf Ag. 239–42 ist hinzuweisen. Während die Geste an den
genannten Stellen die Adressaten rühren und dadurch ihr Handeln beein-
flussen soll, richtet sie sich hier nicht so sehr an Neoptolemos wie an die
Heeresversammlung. Gödde (92) spricht davon, dass hier „die Grenze
zwischen einer … Poetik des ‚eleos‘, die unmittelbar zu Tränen rühren und
das Schreckliche als Schreckliches ausstellen will, und einer rhetorischen
oder ästhetischen Distanzierung des Grauens, die das Schreckliche auch als
Schönes zeigt, fließend“ wird.
Diese Passage mit ihrer erotischen Färbung hat bei modernen Lesern
mancherlei Kritik gefunden. Michelini (1987) 163f: „The passage is ‚sen-
timental‘, in that its moral and aesthetic beauty is at odds with reality“.
S. L. Radt, Mnemosyne 26 (1973) 122: „Der einzige Zweck, den die Ge-
bärde … hat, ist das Kitzeln der Sinnlichkeit, wie zum Überfluss die Auf-
zählung der enfblößten Körperteile und die unglaublich geschmacklose
Hervorhebung des anständigen Fallens zeigt.“ Rabinowitz (1993) 106
nennt die Entblößung gar „the pornographic gesture with which Polyxena
tries to take charge of her death“. Souverän dagegen de Romilly (1961) 39:
„la exquise décence que le recit de Talthybios prête à la mort de Polyxè-
ne“. Ähnlich auch dieselbe 49 Anm. 2: „l’ìnstant de beauté par où la liberté
humaine rayonne en plein désastre“.
560 w™ß a¬gálmatoß: „wie von einer Statue“; vgl. Ovid Metamor-
phosen 12,398 (vom Kentauren Hyllarus) „pectoraque artificum laudatis
proxima signis“; Plato Charmides 154c 8 pánteß wçsper a¢galma e¬qeønto
au¬tón. Vgl. auch Aisch. Ag. 242 prépousa q’ w™ß e¬n grafaîß; Androme-
da F 125,2–4 TrGF parqénou t’ ei¬kå tina … sofñß a¢galma ceiróß
326 Kommentar

Durch den Vergleich mit einem Kunstwerk wird deutlich, dass die Wir-
kung des Anblicks mehr ästhetischen als erotischen Charakter hat.
Zur Bedeutung von a¢galma „Statue“ s. Kannicht zu Hel. 262f.
562 pántwn tlhmonéstaton: „die allerunglücklichsten“ oder auch
„die allertapfersten Worte“, da das Adjektiv tlämwn beide Bedeutungen
haben kann. Vgl. auch Hkld. 570.
563–65 Die Opferung Polyxenes wird auf zeitgenössischen Vasen-
bildern oder Reliefs so dargestellt, dass der Körper von Helfern getragen
und waagerecht über den Altar gehalten wird, so dass nach einem Schnitt
des Opferers in den Hals das Blut herabfließen kann. Hier dagegen lässt
sich Polyxene von niemandem berühren. Sie kniet nieder und macht sich
bereit, entweder wie ein Held durch einen Stich in die Brust zu sterben
oder sich wie ein Opfertier am Hals treffen zu lassen.
565 eu¬trepæß „bereit“. Die Variante eu¬prepæß, die Scodel (1996)
121f. bevorzugt, würde „schön“ bedeuten und ein unpassendes Selbstlob
darstellen.
566–68 Der Opferer schneidet von vorne in den zurückgebogenen
Hals, wobei zugleich die Luftröhre und die Halsschlagadern durchtrennt
werden. Das dabei heftig ausströmende Blut wird in einer Schale aufge-
fangen und dem zu ehrenden Gott oder Heros dargebracht. Zur Formulie-
rung vgl. auch El. 485f.; Or. 1471–73. Anders dagegen F 983 TrGF oi®noß
perásaß pleumónwn diarroáß. Dieses Fragment lässt erkennen, dass
über die Funktionen der Schlagadern und der Luft- und der Speiseröhre zur
Zeit des Eur. noch Unklarheit bestand.
566 ou¬ qélwn te kaì qélwn: „unwillig und willig (zugleich)“. Das
Oxymoron in der Nachfolge von homerischem e™kœn a¬ékontí ge qumø¸
(Ilias 4,43) zeigt widersprüchliche Emotionen an. Vgl. auch El. 1230 fíla¸
te kou¬ fíla¸; Phön. 357.
oi¢ktw¸ kórhß „aus Jammer um das Mädchen“: Auch der grausame
Neoptolemos, der Priamos ohne jede Rücksicht am Altar erschlagen hat
(V. 23f.), bleibt für einen Augenblick nicht unberührt vom würdevollen
Auftreten Polyxenes. So jedenfalls interpretiert Talthybios sein kurzes
Zögern vor dem Zuschlagen.
567 témnei „schnitt“. Historisches Präsens beim Höhepunkt der
Handlung.
568–70 Diese Verse wurden mehrfach rezipiert und variiert: so Ovid
Metamorphosen 13,479f. (Polyxene); Fasti 2,833f. (Lucretia); Sueton Di-
vus Iulius 82,2 (Caesar); Plinius Ep. 4,11,9 (Cornelia). An allen diesen
Stellen hat die Erwähnung des beherrschten Verhaltens des oder der Ster-
benden rühmende Funktion. Ähnlich ist es bei vielen Autoren, die diese
Verse zitieren. Man darf nicht vergessen, dass der Bericht des Talthybios
Polyxenes Verhalten rühmen und auf diese Weise Hekabe trösten soll und
484–628 Zweites Epeisodion 327

dass er offenbar auch so wirkt. Denn sie empfindet, wie ihre Reaktion
(591f.) zeigt, das Verhalten ihrer Tochter nicht als anstößig, sondern als
edel. Man darf vermuten, dass auch die athenischen Zuschauer keinen
Anstoß an dieser Stelle genommen, sondern im Gegenteil das sittsame
Verhalten bewundert haben, das Polyxene sogar im Augenblick des Todes
zeigt.
Es ist bemerkenswert, dass Talthybios hier ebenso wie vorher bei
Neoptolemos nicht einfach berichtet, was er gesehen hat, sondern aus dem
Verhalten Polyxenes die Motivation ihres Verhaltens erschließt. Vgl. auch
de Jong (1991) 28.
569 eu¬scämwn „in guter Haltung“: Adjektiv; die einzig mögliche
Form, während die anderen überlieferten Formen entweder metrisch nicht
möglich (eu¬schmónwß) oder nicht korrekt gebildet sind (eu¬scämwß).
W. Görler (Arktouros, Festschrift B. Knox, Berlin – New York 1979,
433 Anm. 16) weist auf das Zitat des Verses bei Plinius (Ep. 4,11,9) hin
und meint, dass dieser die Beschreibung des Todes der von Domitian ver-
urteilten Vestalin Cornelia auch im übrigen nach dem Bericht des Eur.
stilisiert hat.
570 krúptous’ aÇ und krúptein q’ aÇ unterscheiden sich nur in der
Satzkonstruktion (Hypotaxe oder Parataxe), aber nicht im Sinn.
o¢mmat(a) wohl doppelter Akkusativ: „etwas vor den Augen verber-
gen“.
Nach einem jüngeren Scholium wollten einige Philologen den Vers til-
gen, wohl aus Gründen der Dezenz. Antike rhetorische Handbücher zitie-
ren ihn als Beispiel für schlechten Geschmack (kakózhlon). Aber über
den Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Mir scheint der Vers eine
angemessene Konkretisierung des in V. 569 Gesagten zu sein.
571–80 Staunen und Ergriffenheit des Heeres während der Opfer-
handlung werden unmittelbar danach abgelöst durch einen plötzlichen
Ausbruch seiner Aktivität.
571 a¬fñke pneûma: „den Geist aufgegeben hatte“, fast wie im Deut-
schen; ähnlich Tro. 785 pneûma meqeînai.
573–76 oi™ mèn – oi™ dè „die einen – die anderen“. Zunächst werden
zwei Gruppen von tätigen Kriegern genannt, später werden zwei andere
Gruppen, jeweils im kollektiven Singular (o™ ou¬ férwn – toû férontoß),
einander gegenübergestellt, wobei sich die eine, nämlich die der Tätigen
angemessen, die andere, die der Untätigen, unangemessen verhält und
deswegen getadelt wird.
574 Schol. MBV berichtet nach Eratosthenes (FGrHist 241 fr. 14),
dass den Siegern bei athletischen Wettkämpfen früher die verschiedensten
Gegenstände zugeworfen wurden: Kränze, Blumen, Blätter, auch Gürtel,
Hüte, Gewänder und Schuhe, welche die Athleten dann einsammelten.
328 Kommentar

Doch je mehr Sieger es gab, je spärlicher wurden die Gaben, so dass


schließlich nur noch die Sitte des Zuwerfens von Blättern, Zweigen und
Kränzen übrig blieb, die fullobolía genannt wurde. Vgl. auch Pindar
Pythien 4,240, 9,124; Burkert (1997) 12 Anm. 16; Mossman (1995) 160f.
und Anm. 51. Bei Hochzeiten war es Brauch, das Brautpaar mit Blumen
und Früchten zu bewerfen.
puràn „Scheiterhaufen“; s. zu V. 386.
Die hier vorbereitete Bestattung Polyxenes ähnelt derjenigen der Hero-
en im Epos, z. B. der des Achilleus Odyssee 24,43–79.
576–80 Indem Talthybios die direkte Rede der Krieger wiedergibt,
reicht er die Rühmung Polyxenes durch das Heer gleichsam als Tröstung
an Hekabe weiter.
578 Gewänder und Schmuck sind für weibliche Tote angemessene
Gaben, und sie entsprechen auch der Aussage des zu V. 574 erwähnten
Scholiums. pétaloß bedeutet „Blatt“ und kormóß „Baumstamm“ (vgl. V.
575). Aber auch die Verbesserungsvorschläge von Bergk sind im Hinblick
auf die in V. 573–75 beschriebenen Tätigkeiten verständlich.
579 ou¬k ei® ti dåswn: wörtlich „wirst du nicht gehen, um etwas zu
geben?“ Negierter Fragesatz mit futurischem Verb mit der Funktion eines
knappen Befehls; vgl. V. 1282–85; Hipp. 1084; KG 1,176f.
tñ¸ períss’ eu¬kardíw¸: wörtlich „der im Übermaß Beherzten“. Der
Sprecher bestätigt damit, dass Polyxene in vollem Maß der Ankündigung
in V. 549 entsprochen hat, sie werde eu¬kardíwß sterben.
580 yucän t’ a¬rísth¸: wörtlich „für die in ihrer Seele Edelste“. Mit
dem rühmenden Prädikat a¢ristoß „der Edelste“ oder „Beste“ wurde zuvor
nur Achilleus versehen (V. 134). Polyxene erscheint hier also als gleich-
rangig, obwohl sie nur eine Frau, eine Sklavin und eine Barbarin ist.
580–82 Abschließende und zusammenfassende persönliche Beurtei-
lung des berichteten Geschehens (toiáde … légwn, vgl. V. 519 légwn
kaká) durch den Boten. Ähnlich Hipp. 1249–54; Her. 1014f.; Ba. 1150–
52.
580 Der von den meisten Zeugen überlieferten Variante légon ist
kein Sinn abzugewinnen, sinnvoll dagegen ist das weniger gut überlieferte
légwn „indem ich sage“. Weckleins klúwn „indem ich höre“ ist an sich
möglich, würde aber weitere Textänderungen nach sich ziehen.
581f. eu¬teknwtáthn – dustucestáthn „die mit den besten Kindern
– die Unglücklichste“. Treffendes Oxymoron, denn einerseits kann Hekabe
darauf stolz sein, dass sich ihre Tochter edel verhalten hat, aber anderer-
seits hat sie soeben diese Tochter verloren.
Ähnliche Formulierung in ähnlicher Situation Hkld. 570f. tlhmo-
nestáthn dé se | pasøn gunaikøn ei®don o¬fqalmoîß e¬gå.
484–628 Zweites Epeisodion 329

583f. Chorreplik

Der Chor bezieht keine Stellung zum vorausgehenden Bericht, sondern


nimmt, ähnlich wie in den Stasima, das Berichtete als Exempel für das von
den Göttern verhängte Leid der Herrscher und ihrer Stadt. Hekabe wird am
Schluss ihrer Rede (619–23) diesen Gedanken wiederaufnehmen. Der Chor
geht nur auf den leidvollen Aspekt des Geschehens ein, nicht dagegen auf
die rühmenden Worte über Polyxenes Verhalten und den Versuch des
Talthybios, auf diese Weise Hekabe zu trösten. Dies bleibt ihr selbst vor-
behalten (589–602).
583 Priamídaiß: wörtlich „gegen die Nachkommen des Priamos“,
doch ist hier die ganze Familie des Priamos mit allen ihren Mitgliedern
gemeint. S. zu V. 1002
e¬pézesen: wörtlich „kochte hoch gegen“. Schol. MBV: a¬pò
metaforâß toû zéontoß uçdatoß kaì e¬n toîß lébhsin e¬pairoménou e¬n tø¸
zéein. Ähnliche Formulierung Iph.T. 987 deinä tiß o¬rgæ daimónwn
e¬pézesen; vgl. auch V. 1055.
584 Herwerdens Änderung qeøn a¬nagkaîsin, wörtlich „durch die
Notwendigkeiten der Götter“ (d. h. „die von den Göttern kommen“) ist
wohl erforderlich, da sich qeøn a¬nagkaîon nur schwer in die Konstrukti-
on des Satzes einfügen lässt. Biehl (1997) 118–20 versucht a¬nagkaîon zu
halten, wobei er nach th¬mñ¸ interpungiert. Er verweist dabei auf schol. M
(parà qeøn metà a¬nágkhß dedómenon). Synodinou erwägt, a¬nagkaîon
beizubehalten und als Subjekt des Satzes aufzufassen, deinón ti pñma
dagegen als prädikativ. Der Hörer würde allerdings immer die am Anfang
stehende Wortgruppe als Subjekt verstehen. Deswegen scheint mir viel für
Herwerdens Änderung zu sprechen.
qeøn ist einsilbig (in Synizese) zu lesen.
qeøn – tóde wird von Accius Hec. fr. 481 Klotz (= 375 Warmington)
sehr gewichtig wiedergegeben durch „veter fatorum terminus sic iusserat“.
Doch s. auch zu V. 43.

585–628 Rede Hekabes

Auf den erschütternden, aber auch rühmenden Bericht des Talthybios folgt
Hekabes gefasste und würdige Rede, die mehrere Themen in lockerer Ab-
folge berührt. Sie beginnt als Leichenrede für Polyxene (585–92), geht
über in eine durch den Anlass ausgelöste allgemeine Reflexion (592–602)
und wendet sich dann der nächsten praktischen Aufgabe zu, nämlich der
angemessenen Bestattung (604–18). Die Rede schließt mit einer Klage
über das Schicksal des Hauses des Priamos (619–23) und einer weiteren
330 Kommentar

daran anknüpfenden Reflexion (623–28). Eine gute Würdigung der Rede


bei Schadewaldt (1926) 184–86.
585–88 Zur Stelle Kovacs (1988) 131–33 und (1996) 65f. Er möchte
in V. 587 statt des überlieferten tód’ „dies“ lieber tád’ „diese“ lesen und
als Wiederaufnahme von kakøn polløn paróntwn auffassen. Der Satz
würde dann bedeuten: „Wenn ich eines meiner Übel (in Gedanken) berüh-
re, dann lassen sie (sc. die anderen Übel) es nicht zu, sondern es ruft mich
von dort wiederum ein anderes Unglück herbei, das mit seinen Übeln ein
Nachfolger für (andere) Übel ist.“ Dem schließe ich mich an. Ähnliche
Aussagen in anderer Formulierung Hik. 71f.; Ion 927–30.
589–92 Gärtner (2005) 46–48 kontrastiert die gefasste Haltung
Hekabes in diesen Versen mit ihrer Resignation Tro. 688–96.
591 tò … lían aus dem Zusammenhang zu ergänzen steneîn „kla-
gen“; also: „das allzugroße Klagen“. Vgl. auch Andr. 866; Or. 705.
592 gennaîoß „edel“ hier zweiendiges Adjektiv; danach ist ou®sa zu
ergänzen.
Dadurch, dass Eur. Polyxenes Verhalten als gennaîoß bezeichnen lässt,
stellt er sie in eine Reihe mit den anderen Frauen, die ebenfalls „edel“ ge-
nannt werden, weil sie freiwillig ihr Leben hingeben, vgl. Alk. 742
(gennaía); Hkld. 626f. (a¢xia d’ eu¬geníaß); Iph.A. 1411 (gennaía … ei®),
1422 (gennaîa … froneîß).
592–602 Eine durch den edlen Tod Polyxenes hervorgerufene allge-
meine Reflexion Hekabes über die Anteile von Anlage, Umwelt und Er-
ziehung bei der Entstehung sittlicher Tugend. Sie gehört in den Kontext
der zeitgenössischen Diskussion über dieses Thema, das Eur. auch sonst
öfters berührt; vgl. etwa Iph.A. 561f.; F 1027 TrGF. Das Ergebnis der Re-
flexion in V. 592–98 ist, dass die Qualität der Pflanzen von den jeweiligen
klimatischen Bedingungen abhängt, während bei den Menschen offenbar
die Umwelteinflüsse keine Veränderung der Qualität bewirken, sondern
die Anlage entscheidend ist. In V. 599–602 kommt dann jedoch zu dieser
zuvor formulierten traditionellen Auffassung über die große Bedeutung der
Anlagen ein neuer Gedanke hinzu, nämlich der, dass auch von der richti-
gen Erziehung entscheidende Einflüsse ausgehen können. Alle diese Über-
legungen haben einen Bezug auf den Fall Polyxenes, die trotz größten
Unglücks ihren angeborenen (oder vielleicht zum Teil auch anerzogenen)
edlen Charakter bewahrt hat.
Zur Stelle Schadewaldt (1926) 138f.; Johansen (1959) 158; zum Inhalt
Lesky (1939) 375–77; Egli (2003) 182f. Derartige Gedanken über die Ur-
sachen des edlen Verhaltens ruhmvoll Verstorbener haben ihren traditio-
nellen Platz in Grabreden; s. Hik. 911–17.
592 deinón hier in ganz anderem Sinne als in V. 583; dort „furchtbar“,
hier eher „wunderbar, erstaunlich, seltsam“.
484–628 Zweites Epeisodion 331

593 tucoûsa kairoû „die rechten Umstände, das rechte Wetter er-
langend“. Zum Bedeutungsspektrum von kairóß s. V. 666 und Barrett zu
Hipp. 386f., der auch auf diese Stelle eingeht.
qéoqen „von den Göttern“, insbesondere von Zeus als dem Wettergott.
599–602 Die Verse werden von Sakorraphos getilgt, von Biehl (1997)
120–22 jedoch als sinnvolle Weiterführung der vorausgehenden Reflexion
gehalten, mit Hinweis auf Hik. 911–17; Iph.A. 558–62. Verteidigung auch
bei Johansen (1959) 158f.; Kamerbeek (1986) 101; Michelini (1987) 137–
41; Collard; Mossman (1995) 245; Stanton (1995) 15 und Anm. 17;
Synodinou. Mir scheinen die Verse unentbehrlich zu sein, weil hier der
Schritt vom Glauben an die absolute Dominanz der Anlagen hin zu der
Auffassung vollzogen wird, dass die Tugend, jedenfalls in gewissem Um-
fang, lehrbar ist. Das ist zugleich ein Schritt vom aristokratischen Men-
schenbild Pindars (Olympien 2,86–88, 9,100–08) zu dem des Sokrates und
der Sophisten, also genau das, was man bei Eur. erwarten sollte. Allerdings
gibt es bei ihm auch Äußerungen im Sinne der Tradition, so Hipp. 79f.
sowie Phoinix F 810 TrGF, wobei zu der letztgenannten Stelle freilich über
dramatische Situation und Sprecher nichts bekannt ist.
599 diaférousin „machen den Unterschied aus“; vgl. Melanippe F
494,29 TrGF diaférousi d’ ai™ fúseiß.
600 ge méntoi „freilich“. Die Partikelkombination hat bekräftigenden
Sinn, vgl. Hipp. 103; Aisch. Hik. 347.
601 dídaxin „die Lehre“. Das Wort begegnet hier zum ersten Mal in
der griechischen Literatur und erscheint erst wieder bei Aristoteles (Physik
202a 32).
602 kanóni „mit dem Maßstab“; genauer „mit dem Lineal“; vgl. El.
52; Eurystheus F 376 TrGF.
maqån: wörtlich „gelernt habend“. Schol. MBV bemerkt treffend: tò
kalòn e¬án tiß máqh eu®, oi®de kaì tò kakòn maqœn toû kaloû tòn
kanóna. Eine Änderung in staqmøn oder metrøn, was beides „messend“
bedeutet, würde zwar das Gemeinte etwas deutlicher ausdrücken, ist aber
wohl nicht nötig.
Zur Wortwiederholung máqh¸¸ – maqån s. zu V. 523–28.
603 Überleitung von der allgemeinen Reflexion zu den Erfordernis-
sen der konkreten Situation.
noûß e¬tóxeusen: wörtlich „schoss (mit dem Bogen) ab“. Ähnliche Me-
tapher Aisch. Hik. 446 gløssa toxeúsasa mæ tà kaíria. Vgl. auch V.
334f. lógoi … máthn r™ifénteß; Eur. Hik. 456 e¬xhkóntisa.
604–08 Hekabe gibt Talthybios eine erste vorläufige Anweisung für
die bevorstehende Bestattung ihrer Tochter. Vgl. V. 508–10. Dabei benutzt
sie souverän den Herold als Überbringer ihrer Botschaft an seinen Herren.
332 Kommentar

Talthybios wird sich nach diesen Versen in Richtung des Lagers entfernt
haben.
Michelini (1987) 166–70 meint, dass die „sentimentalisierte heroische“
Darstellung des Todes der Polyxene im Botenbericht dadurch, dass Hekabe
das Ereignis hier in die Realität des Heerlagers zurückversetze, „korrigiert
und annulliert“ werde. Man sollte allenfalls von einer gewissen Relativie-
rung sprechen. Die Begeisterung des Heeres über das edle Verhalten
Polyxenes erscheint als kurzfristiger Aufschwung der Gefühle. Dann be-
kommt der bittere Realismus Hekabes sein Recht, der sie fordern lässt, den
Leichnam vor Übergriffen zu schützen. Sie kann wohlgemerkt fordern, wie
sie es als Königin gewohnt war und auch jetzt noch nicht verlernt hat.
Kovacs (1987) 98 meint, in diesen Worten verrate sich Hekabes aristo-
kratische Voreingenommenheit gegenüber der Masse. Ähnlich auch Gre-
gory (1999) 119 mit Verweis auf Pseudo-Xenophon Athenaion Politeia 1,5
(e¬n dè tø¸ dämw¸ a¬maqía te pleísth kaì a¬taxía kaì ponhría). Allerdings
meine ich nicht, dass hier Hekabe als hochmütige Aristokratin charakteri-
siert werden soll. Es lässt sich nicht ausschließen, dass auch Eur. selbst
derartige politisch nicht ganz korrekte Meinungen hegte.
605 Die Infinitive in der indirekten Rede entsprechen Imperativen in
der direkten. Subjekt zu qiggánein ist mhdén(a), zu ei¢rgein ist etwa toùß
strathgoúß als Subjekt zu ergänzen.
606–08 Page (1934) 67 erklärt die drei Verse ohne überzeugende Ar-
gumente zu einer Schauspielerinterpolation. Nur Mossman (1995) 246
schließt sich ihm an.
606 tñß paidóß „das Mädchen“, „von dem Mädchen”; sowohl auf
qiggánein als auch auf ei¢rgein zu beziehen.
607 Zu den Formulierungen vgl. Iph.A. 914 nautikòn stráteum’
a¢narcon ka¬pì toîß kakoîß qrasú; Soph. Öd. 176 kreîsson
a¬maimakétou puróß.
o¢cloß „Menge“, Gesindel“. Zu diesem Wort hier und in V. 605 s. zu
V. 880.
608 Wörtlich: „Der aber ist (ihnen) schlecht, der nichts Schlechtes
tut.“ Gemeint ist offenbar, dass üble Menschen einander zu üblen Taten
anspornen und denjenigen als einen Feigling verhöhnen, der sich an sol-
chen Taten nicht beteiligt. So auch schol. MBV parà tø¸ pläqei kakòß o™
mä ti drøn kakòn nomízetai.
609–18 Hekabe erteilt einer der Frauen ihres kleinen Gefolges (vgl.
V. 59–63) einen Befehl, den diese alsbald ausführt. Die Frau wird spätes-
tens nach V. 618 die Bühne in Richtung zum Meeresufer verlassen, von wo
sie mit V. 658 zurückkehrt.
484–628 Zweites Epeisodion 333

609 teûcoß: ein bei den Tragikern beliebtes Wort; vgl. Iph.T. 168;
Aisch. Eum. 742; Soph. El. 1114. Es ist in wenigen, aber guten Hss. belegt.
Das gleichbedeutende a¢ggoß ist als Vulgatatext anzusehen.
610 wörtlich „es (sc. das Gefäß) eingetaucht habend bringe es hierher
vom Meersalz (d. h. Meerwasser)“; pontíaß a™lóß ist partitiver Genetiv.
612 Ein doppeltes Oxymoron. Polyxene war unvermählt, wurde aber
auf grausame Weise mit Achilleus ‚vermählt‘; sie ist als Jungfrau gestor-
ben, doch das Schwert des Neoptolemos nahm ihr mit dem Leben auch die
Jungfräulichkeit. Doch s. auch zu V. 41.
Zur Stilfigur des Oxymoron s. V. 194 sowie Fehling (1968) 153, der
übersetzt: „Braut eines toten Gatten, Jungfrau und doch verheiratet“.
613f. Stevens (1976) 58: „a cluster of colloquialisms”; derselbe 67
„the simple colloquial phrases … give an added touch of pathos.”
613 loúsw proqømaí q’: „wasche und aufbahre“; von Leichen
Phön. 1319 loúsh¸ proqñtaí t’; vgl. auch Alk. 664 proqäsontai nekrón.
póqen: wörtlich „woher?“ Entschiedene Verneinung: „Wie könnte es
denn sein?“; s. Stevens (1976) 38.
614 w™ß d’ e¢cw: „so (gut) wie ich es kann“; s. Stevens (1976) 58.
tí gàr paqø: wörtlich: „denn in welchem Zustand mag ich geraten?“
Äußerung der Hilflosigkeit; in diesem Sinn Ilias 11,404; Odyssee 5,465;
Andr. 513. Hier ist wohl gemeint: „Was bleibt mir in meiner Lage anderes
zu tun übrig?“ Ähnlich Hik. 257; Phön. 895; dazu Stevens (1976) 57f.
615 Die Hss. bieten t’ „und (indem ich Schmuck sammele)“. Logisch
steht das Sammeln des Schmuckes inhaltlich nicht parallel mit der Wort-
gruppe w™ß d’ e¢cw „wie ich es kann“, wie t’ es nahelegt; sondern ist ihr
untergeordnet. Deswegen die von Wakefield vorgeschlagene Änderung
von t’ in g’ „jedenfalls (indem ich … sammele)“. Sie stellt die Unterord-
nung auch syntaktisch her. So auch Diggle (1994) 203. Es ist allerdings zu
fragen, ob hierfür eine zwingende Notwendigkeit besteht. Für einen ähnli-
chen Fall s. zu V. 1176.
Zur Schmückung eines Leichnams unter den Bedingungen der Kriegs-
gefangenschaft s. auch Tro. 1200–02.
616 tønd’ e¢sw skhnwmátwn: Hinweis auf den Bühnenhintergrund,
zugleich Vorbereitung des nach V. 628 in dieser Richtung erfolgenden
Abgangs Hekabes.
618 klémma: Treffende ironische Formulierung: ‚Diebesgut‘ aus dem
eigenen Eigentum, das jetzt zur Beute der Sieger geworden ist.
Spätestens jetzt dürfte die Dienerin in Richtung zur Küste abgegangen
sein. Dort wird sie, wie schon in V. 47f. angekündigt, den Leichnam des
Polydoros finden und damit die zweite Teilhandlung des Dramas auslösen.
619 w® scämat’ oi¢kwn: wörtlich: „o Gestalten der Häuser“. Das Wort
scñma wird oft in emotional gefärbten Anrufungen für Güter verwendet,
334 Kommentar

die verloren oder fragwürdig geworden sind; vgl. Andr. 1; Med. 1071f.;
Alk. 912 und Dale zur Stelle.
620 e¢cwn: wörtlich „habend“, hier eher „besessen habend“; zum
Tempus vgl. V. 484, 821.
Das gut bezeugte kállistá t’ „und schönste“ braucht nicht mit Harry
in málistá t’ „und besonders“ verändert zu werden, das dann auf
eu¬teknåtate zu beziehen wäre. Die Wendung bezieht sich nicht nur auf
die Kinder, wie Biehl (1997) 124 meint, sondern auf alle Glücksgüter.
Vom Gold war schon in V. 492 die Rede, und kurz zuvor (615–18) von
Schmuck. Ähnlich auch Synodinou; anders Diggle (1994) 232f., der
málistá t’ vorzieht.
624 Es ist nicht nötig, die von Bothe wohl aus metrischen Gründen
vorgeschlagene Textänderung vorzunehmen. Durch die Wortfolge e¬n
dåmasin wird die ‚Lex Porson‘ nicht verletzt, nach der am Trimeterende
auf langes Anceps kein Wortende folgen darf, denn Präposition und Sub-
stantiv bilden ein einheitliches ‚Wortbild‘. Vgl. Snell (1982) 68; Biehl
(1997) 125. Auch der Sinn würde durch die Änderung nicht verbessert.
626 tà d’: „das aber“. Der Artikel hat hier wie im Deutschen die
Funktion eines Demonstrativums; vgl. V. 566, 568; KG 1,583.
Murray interpungiert nach a¢llwß, so dass der Satz recht banal hieße:
„Das aber ist nicht anders“. Schol. B setzt jedoch voraus, dass vor a¢llwß
interpungiert wird, und so verfahren denn auch mehrere Hss. und die meis-
ten Herausgeber. Der Satz heißt dann: „Das (d. h. alles vorher Genannte)
ist nichtig“. a¢llwß bedeutet dann entweder „vergeblich“ (schol. Mgl
mataíwß), wie in Med. 1029f., oder „nur, nichts als“, wie in Tro. 476. Vgl.
auch zu V. 302, 489, sowie Stevens (1977) 52.
627f. Die Folgerung, dass jeder Ruhm vergänglich und alles Planen
vergeblich sei und der Mensch sich mit dem glücklichen Gelingen des
jeweiligen Tages zufrieden geben müsse, wird in der Tragödie immer wie-
der aus den dargestellten Ereignissen gezogen: z. B. V. 317f.; Alk. 788f.;
Her. 503–05 und Bond zur Stelle; Hel. 713–15; Ba. 424–26, 911f.; Kykl.
336–38; Telephos F 714,2f. TrGF; ähnlich auch Aisch. Pers. 840–42.
Ennius Hecuba fr. 212 Warmington = inc. fab. fr. 354 Klotz (nicht von
Jocelyn aufgenommen) formuliert den Gedanken, vielleicht in Anlehnung
an diese Stelle: „nimium boni est <huic> cui nihil est mali <in diem>“.
627 glåsshß te kómpoi: wörtlich „und Prahlen der Zunge“; vgl.
Soph. Ant. 127 Zeùß gàr megálhß glåsshß kómpouß u™perecqaírei.
628 Nach diesem Vers begibt sich Hekabe ins Zelt, aus dem sie mit
V. 665f. wieder hervortritt; dazu Mossman (1995) 60f.
Abgang und Wiederauftritt Hekabes signalisieren zugleich, dass die
eine Teilhandlung abgeschlossen ist und die andere beginnt. Im Hand-
lungsablauf ist ihr Abgang damit motiviert, dass sie Vorbereitungen für die
629–56 Zweites Stasimon 335

Aufbahrung und Schmückung der Leiche Polyxenes zu treffen hat (615–


18). Der Protagonist, der seit V. 59 ununterbrochen auf der Bühne war, hat
auch eine kurze Pause verdient.

629–56 Zweites Stasimon

In diesem Lied beziehen sich die Frauen des Chores, ebenso wie im ersten
Stasimon, nicht unmittelbar auf die Handlung des vorausgehenden
Epeisodions. Sie knüpfen allerdings an Hekabes letzte Worte über die Ver-
gänglichkeit des Hauses des Priamos und alles menschlichen Glücks (V.
619–28) an. Während die Frauen im ersten Stasimon ihr eigenes Unglück
und ihr künftiges Schicksal als kriegsgefangene Sklavinnen lyrisch reflek-
tierten, stellen sie hier die Handlung des Stückes, und zwar nicht nur des
ersten Teils, sondern auch dessen, was noch kommt, in den mythologi-
schen Kontext, der mit dem Streit der drei Göttinnen und dem Urteil des
Paris beginnt und bis hin zur gegenwärtigen Katastrophe Trojas reicht.
Nordheider (1980) 21 schreibt, in diesem Lied werde „der ganze leidvolle
Schicksalszusammenhang des Krieges ‚von Anfang an‘ aufgerollt.
Polyxenas Tod wird so nur zu einem Glied in der Kette von Leiden, die
über Troja und Hekabe hereingebrochen sind. Auf diesen Gesamt-
zusammenhang lenkt das Lied zurück und bildet so, als allgemeinere Re-
flexion, das ‚Scharnier‘ zwischen den zwei Schlägen, die Hekabe treffen.
… Mit dem Blick auf das Leid der Griechen schien eine gewisse Beruhi-
gung im eigenen Schmerz eingetreten, in die unmittelbar darauf die neue
Schreckensnachricht hineinbricht.“
Zu diesem Chorlied Stinton (1965) 23–25, 74f.; Nordheider (1980) 19–
21; C. Collard, Sacris Erudiri 31 (1989–90) 86f.; Hose (1990–91) 2, 130–
32; Mossman (1995) 83–86.
629–37 In der ersten Strophe führen die Frauen ihr Unglück auf sei-
nen Ursprung zurück, nämlich auf den Aufbruch des Paris nach Sparta zum
Raub der Helena und noch weiter auf das Parisurteil. Die a¬rcæ sumforâß,
wie es in schol. MBV heißt, vor allem des trojanischen Krieges, aber auch
die des Argonautenzuges, wird in der Tragödie öfters thematisiert. Dieser
Anfang der verhängnisvollen Kausalkette wird entweder beim Parisurteil
gefunden oder wie hier ganz konkret dort, wo das Holz für das Schiff ge-
schlagen wird, das dann auf die verhängnisvolle Fahrt geht: Med. 1–6;
Andr. 274–308; Tro. 919–44; Hel. 229–51; Iph.A. 1283–1308. Ähnlich
führt in Phön. 1–6 Iokaste den Krieg der Sieben gegen Theben auf die
Gründung der Stadt durch Kadmos zurück.
629f. Eindrucksvoller Beginn des Liedes mit Anapher und Paralle-
lismus; vgl. V. 154–74; Hik. 632; Phön. 320f.
336 Kommentar

e¬moì crñn: Imperfekt: „mir sollte“, „es war mir schicksalhaft be-
stimmt“ (schol. M: ei™marménon moi). Hose (1990–91) 2, 130f. scheint aus
den Worten des Chores einen Todeswunsch herauszulesen („Mir hätte
schon ein Unglück zustoßen sollen, als …“), aber das ist nicht gemeint.
632 ¯Aléxandroß: zweiter Name des Paris; über diesen s. zu V. 387.
635 ¿Elénaß e¬pì léktra: „hin zu Helenas Bett“. Gregory weist rich-
tig auf die Zweideutigkeit dieser Worte hin. e¬pí kann auch in feindlichem
Sinne gebraucht werden, und léktra kann sich sowohl auf das ursprüng-
liche Ehebett des Menelaos und der Helena als auch auf das künftige des
Paris und der Helena beziehen.
636 crusofaæß: „goldstrahlend“; vgl. Phaethon F 771,2f. TrGF
cqóna ÷Hlioß a¬níscwn cruséa¸ bállei flogí.
638–47 In der Gegenstrophe und im ersten Vers der Epode geht der
Blick des Chores noch weiter zurück zum Parisurteil und damit zugleich zu
dem letztlich von den Göttern ausgelösten Geschehen, das am Ende zu
Mord und Zerstörung führte.
638f. pónwn a¬nágkai kreíssoneß „Zwänge, die schlimmer sind als
Leiden“. Gemeint ist das Sklavendasein.
kreíssoneß bedeutet hier nicht „besser“, wie so oft, sondern „schlim-
mer“ wegen der Verbindung mit a¬nágkai; vgl. V. 608. Darum die Variante
meízoneß „größere“, die auf eine Glosse zurückgehen dürfte, und schol.
MBV: meízoneß kaì ceíroneß.
639 kukloûntai „umkreisen“ oder „umzingeln“; wohl „mich“ zu er-
gänzen; vgl. Soph. Ai. 353.
640–42 e¬x i¬díaß a¬noíaß „aus eigenem Unverstand” oder „aus dem
Unverstand eines Einzelnen“ steht gegenüber sumforá t’ a¬p’ a¢llwn
„und Unheil, das von anderen kam“. Dabei sind mit diesen „Anderen“
entweder die Griechen oder, was mir wahrscheinlicher ist, die drei Göttin-
nen gemeint. Der Chor unterscheidet demnach zwischen dem menschli-
chen und dem göttlichen Anteil an der Katastrophe Trojas, also dem Un-
verstand des Paris, den er beim Raub Helenas bewies (schol. MBV e¬k dè
tñ¸ß toû Páridoß i¬díaß a¬noíaß), und dem Wunsch der Göttinnen, er möge
ihre Schönheit beurteilen. Der göttliche Anteil wird euphemistisch ange-
deutet, indem von „anderen“ gesprochen wird. Schol. V verdeutlicht:
h¢goun ÷Hraß, ¯Aqhnâß kaì ¯Afrodíthß.
Die von Stinton (1965) 74 vorgeschlagene und von Diggle und
Synodinou übernommene Textänderung sumfor⸠t’ e¢¬p’ a¢llwn „zum
Unglück anderer“ würde bewirken, dass auch hier schon; wie später in der
Epode, angedeutet wird, dass das Leid des Krieges auch andere trifft, also
Troer und Griechen in gleicher Weise ins Unglück bringt. Mir scheint je-
doch der Kontext nahezulegen, dass mit den „Anderen“ die drei Göttinnen
gemeint sind, die zusammen mit Paris gleich darauf erwähnt werden, so
629–56 Zweites Stasimon 337

dass folglich a¬p’ a¢llwn beibehalten werden sollte. Ausführlich zur Stelle
Biehl (1997) 125–29.
Das Parisurteil wird als Anfang der Geschehnisse, die zum trojani-
schen Krieg führten, in der Ilias nicht ausdrücklich erwähnt, aber voraus-
gesetzt. Dass die Sage alt ist, beweisen frühe bildliche Darstellungen und
das nachhomerische Epos Kyprien. Eur. erwähnt sie oft, neben unserer
Stelle auch Andr. 274–92, Tro. 924–31, Hel. 23–30, 676–81, Iph.A. 573–
81, 1283–1309. Dazu K. Reinhardt, Das Parisurteil, in: Tradition und
Geist, Göttingen 1960, 16–36; Stinton (1965).
641 Simountídi: Simountíß feminines Adjektiv zu dem Flussnamen
Simóeiß. Das Adjektiv in der kontrahierten Form auch El. 441, in der
unkontrahierten (Simoentíß) auch Andr. 1019, 1183, Rhes. 827.
Simoeis und Skamander werden in der Ilias häufig erwähnt. Sie sind
die beiden Flüsse der Troas.
643–46 Doppelter Akkusativ des inneren und äußeren Objekts; vgl.
Hipp. 252; Hel. 1126; Ba. 345f.; KG 1,320f.
646 a¬nær boútaß: In der verbreiteten Fassung der Sage vom
Parisurteil lebte der als Säugling ausgesetzte Priamossohn Paris unerkannt
als Hirt unter den Hirten am Idagebirge und wurde dort von Hermes und
den drei Göttinnen aufgesucht.
648 Der erste Vers der Epode gehört in ungewöhnlicher Weise (aber
ebenso wie in V. 943–49) syntaktisch und inhaltlich noch mit der Anti-
strophe zusammen; vgl. Kranz (1933) 177f. Der Vers stimmt aber, wie
auch die übrige Epode, zugleich schon ein auf die Totenklage in V. 684–
707. S. auch zu V. 950f.
650–56 In den übrigen Versen der Epode beklagen die Frauen nicht
nur ihr eigenes Unglück, sondern auch das der Frauen der Feinde, wobei
sie, wohl nicht zufällig in dieser Phase des Peloponnesischen Krieges,
beispielhaft die Bräute und Mütter der gefallenen Spartaner nennen. Dem
troischen Simoeis in V. 641 entspricht hier der lakonische Eurotas. Andere
Fälle, in denen weibliche Chöre das Unglück der Frauen der jeweils ande-
ren Seite oder auch beider Seiten beklagen, sind Andr. 301–08, 1044–46,
Hel. 1111–21, Iph.A. 785–93.
In V. 322–25 dagegen führt Odysseus das Leid der griechischen Frau-
en an, um das Leid, das Hekabe erdulden muss, zu relativieren.
Der milde und versöhnliche Charakter der Epode bildet einen guten
Abschluss der ersten Teilhandlung, in der es zuletzt um das ruhmvolle
Sterben Polyxenes ging.
650 tiß: „irgendeine“ hat hier die Bedeutung „manche“. Ebenso ist in
V. 652 máthr als „manche Mutter“ zu verstehen.
338 Kommentar

eu¢roon: „schön fließenden“, schmückendes Beiwort für Flüsse; vgl.


Ilias 7,329, 21,130; Soph. Phil. 491. Die Assonanz zwischen eu¢roon und
Eu¬råtan mag beabsichtigt sein.
Eu¬råtan: Der Eurotas ist der Fluss, der die Landschaft Lakonien
durchfließt und an dem Sparta liegt.
651 Zum hier adjektivisch verwendeten Wort Lákaina s. zu V. 441.
poludákrutoß: hier nicht „vielbeweint“, wie Ilias 24,620, sondern
„reich an Tränen“, wie Odyssee 19,213 poludakrútoio góoio; Aisch.
Cho. 333. Von Personen nur hier.
In der Erwähnung der Trauer der Spartanerinnen muss man nicht un-
bedingt eine Anspielung auf die Niederlage der Spartaner auf Sphakteria
im Jahre 425 sehen, wie es Delebecque (1951) 151–54 meinte.
653–56 Diskussion der metrischen Probleme der Verse und Lösungs-
vorschläge bei Diggle (1994) 234–36.
655f. Schläge auf Haupt und Brust und Zerkratzen der Wangen und
der Brust sind Gesten, die traditionell der heftigen Äußerung von Trauer
dienen. Vgl. El. 146–49; Tro. 279f.; Hel. 371–74; Or. 961–63; s. auch zu
V. 496.
655 Wenn man sich an diejenigen Hss. hält, die drúptetai „zer-
kratzt“ ohne eine darauf folgende Partikel bieten, braucht man keine der
vorgeschlagenen Änderungen, Tilgungen oder Ergänzungen zu überneh-
men; so auch Stinton (1965) 75; Synodinou; anders Biehl (1997) 129f.
drúptetai pareían: die gleiche Wortverbindung in anderem Kontext
Odyssee 2,153.
656 o¢nuca tiqeména: wörtlich „den Nagel sich anlegend“; vgl. Or.
961.
sparagmoîß „beim Zerfleischen“; so auch schol. V: e¬n toîß sparag-
moîß. Das Wort fehlt anscheinend in P7; vgl. W. Luppe, Gnomon 76
(2004) 101. Es wäre jedoch voreilig, daraus zu schließen, dass das in den
Hss. einhellig belegte Wort später hinzugesetzt wurde. Denn es fügt sich
sowohl in den Sinn als auch in die Metrik der Epode gut ein.

658–904 Drittes Epeisodion

In diesem Teil des Dramas erfolgt zunächst der Übergang von der Po-
lyxene- zur Polydoros-Handlung (659–82), sodann eine kurze, aber heftige
Äußerung der Trauer über das neue Unglück, das Hekabe getroffen hat
(683–723), gefolgt vom schnellen Übergang zur Vorbereitung der Rache in
der großen zweiten Hikesieszene (724–904).
658–723 Zu dieser Szene und zur ähnlich verlaufenden Szene Tro.
1123–1250 vgl. Hose (1990–91) 2, 320–25.
658–904 Drittes Epeisodion 339

658–60 Die alte Dienerin, die am Ende des vorigen Epeisodions in


Richtung zum Meeresufer abgegangen ist, tritt jetzt von dort wieder auf,
wohl begleitet von einigen weiteren Frauen, die einen verhüllten Leichnam
(wahrscheinlich dargestellt durch eine Puppe) tragen und vor dem Zelt
niederlegen. Bisher kam alles Unheil von der anderen Seite, nämlich vom
griechischen Heer; jetzt kommt es zum ersten Mal vom Meer; s. Mossman
(1995) 59f., 84.
659 qñlun sporàn: wörtlich: „weibliche Saat“, gemeint ist „weibli-
che Nachkommenschaft“; vgl. Tro. 503 qäleia sporá. Anders als dort ist
hier qñluß zweiendig.
660 stéfanon: „Kranz“, „Siegeskranz“; bitter ironisch wie in Phön.
1369 ai¢sciston ai¬tøn stéfanon; anders dagegen El. 614 tónde
stéfanon. Alle anderen im Unglück zu übertreffen ist ein Sieg, den man
niemandem wünscht.
661 sñß kakoglåssou boñß: kausaler Genetiv; vgl. V. 198, 1098;
Med. 1028; KG 1,389. Das Gegenteil von kakóglwssoß boä ist eu¬fhmía.
S. auch zu V. 664.
662 ou¢poq’ euçdei: „schlafen niemals“, metaphorisch wie Hik. 1146;
El. 39–41; Ino F 398 TrGF. Sie sind wach, d. h. wirksam und werden
Schmerz (lúph) verursachen.
luprá sou khrúgmata: wörtlich „deine leidvollen Botschaften“. Man
hat Anstoß daran genommen, dass von anderen Botschaften dieser Diene-
rin nichts bekannt ist, und hat darum anstatt des Possessivums sou den
Dativus ethicus moi „mir“ gesetzt. Doch ist diese Änderung wohl nicht
nötig. Der Chor hat schon an der Weise des Auftretens der Dienerin (zu-
sammen mit dem getragenen Leichnam) und an ihren ersten Worten er-
kannt, dass sie als Unglücksbotin kommt, und reagiert entsprechend. So
auch Biehl (1997) 130.
663 tód’ a¢lgoß: vielleicht mit einer Handbewegung hin zum Leich-
nam des Polydoros.
664 eu¬fhmeîn: „fromm zu sprechen“, nämlich Worte von guter Vor-
bedeutung, Gutes verkündende Worte. Das Gegenteil wäre dusfhmeîn
„Schlimmes verkündende Worte sprechen“; s. V. 181.
665f. Hekabe tritt nach V. 59 zum zweiten Mal aus dem Zelt hervor,
diesmal ohne Begleiterinnen, die sie stützen. Damals befürchtete sie Un-
heil für Polydoros und Polyxene; jetzt trauert sie um ihre Tochter und muss
alsbald erfahren, dass auch ihr Sohn tot ist.
665 kaì mæn: wörtlich: „und fürwahr“; s. zu V. 216.
Von den drei von der Überlieferung angebotenen nachgestellten Präpo-
sitionen verdient uçpo im Sinne von u™pék „heraus aus“ den Vorzug
(Garzya). Vgl. auch V. 53.
340 Kommentar

666 e¬ß dè kairòn: „im rechten Augenblick“. Andere Bedeutung von


kairóß V. 593.
667 w® pantálaina auch Andr. 140. Der zweite Halbvers auch Alk.
1082.
668 blépousa føß: konzessiver Sinn „obwohl du (noch) das Son-
nenlicht erblickst“; vgl. V. 311 bléponti; Or. 386 ou¬ gàr zø … fáoß d’
o™rø.
669 a¢paiß a¢nandroß a¢poliß „ohne Kind, ohne Mann, ohne Stadt”:
dreimalige Anapher und asyndetisches Trikolon, pathetischer Auftakt für
die Trauerbotschaft. Ähnlich Hel. 1148; Or. 310; parodiert Aristophanes
Frösche 204, 837–39.
670 w¬neídisaß: „sprachst du schlimme Worte“, bezogen auf die letz-
ten Worte der Dienerin, die neues Unheil heraufbeschwören könnten.
Hekabe meint ihr Unglück bereits zu kennen, ihr neues Leid ahnt sie noch
nicht.
671–77 Hekabe stellt zunächst zwei unzutreffende Vermutungen über
den Inhalt der Unglücksbotschaft an, bevor sie endlich die Wahrheit er-
fährt, und zwar nicht durch eine Mitteilung, sondern durch unmittelbaren
Augenschein. Dazu Dubischar (2007) 8–10. Vgl. auch V. 505–07; ferner
Alk. 513–18, 820f.; Med. 1308f.; Tro. 713–19.
Eine ähnlich schockierende Entdeckung erfolgt am Schluß der Elektra
des Soph., wo Aigisthos in dem verhüllten Leichnam Klytaimestras, der
vor ihm liegt, zunächst den des Orestes vermutet (V. 1466–80).
674f. Die Dienerin spricht die beiden Verse nicht zu Hekabe, sondern
entweder zum Chor oder ohne bestimmten Adressaten, als Ausdruck der
Verwunderung oder einer spontanen emotionalen Reaktion; dazu Schade-
waldt (1926) 30 Anm. 2; Bain (1977) 21. Die Verse sind aber nicht ‚beisei-
te‘ gesprochen, denn Hekabe versteht sie, was sich daran erkennen lässt,
dass sie in V. 676f. ihre Gedanken darüber äußert, was mit den „neuen
Leiden“ wohl gemeint sein könne.
moi: Dativ der inneren Anteilnahme, der sich im Deutschen nicht wie-
dergeben lässt; KG 1,423.
676 oi£ ¯gœ: zweisilbig mit Aphärese (oi£ ¯gœ) oder in Synizese (oi£
e™gœ) zu sprechen.
tò bakceîon kára: „das bakchische Haupt“. kára mit Eigennamen im
Genetiv poetische Umschreibung des Namens; vgl. Soph. Ant. 1; Tro. 661.
Kassandra, die durch Apollon in den Zustand versetzt wird, den Platon
(Phaidros 244a–d) mantikæ manía nennt, ist keine Bakchantin, denn Quel-
le ihrer Inspiration ist nicht Dionysos, sondern Apollon. Sie wird jedoch
metaphorisch so genannt. In den Tro. ist es ähnlich. Dort, wo sie in
mantischem Wahnsinn auftritt, heißt sie immer wieder Bakchantin oder
Mänade (Tro. 169, 307, 341, 349, 367, 408, 415, 451), obwohl auch dort
658–904 Drittes Epeisodion 341

mehrmals betont wird, dass sie im Dienst Apollons steht (253, 329, 428,
450, 453). Zu Kassandra s. auch zu V. 88.
678–80 lélakaß: von láskw „töne“, „schreie“, „singe“, poetisch
auch „sage“, „nenne“; vgl. V. 1110, Ion 776; Iph.T. 461; ferner Björk
(1950) 129.
tòn qanónta … tónd’: Mit dem Wechsel vom Femininum zøsan
zum Maskulinum macht die Dienerin schon deutlich, dass alle bisherigen
Vermutungen falsch waren, weil der Leichnam männlich ist. In dem Wort
tónd’ ist eine szenische Anweisung enthalten. Der Körper, der bis dahin
unter einem Tuch verborgen war, wird enthüllt.
qaûma kaì par’ e¬lpídaß: ähnliche Wendung, aber bei einer glückli-
chen Überraschung Alk. 1123 qaûm’ a¬nélpiston tóde.
682 e¢sw¸z’: „rettete”. Hermann schreibt richtig: „e¢sw¸ze de consilio,
non eventu intelligendum est“. Polymestor sollte also das Leben des
Polydoros bewahren, tat es aber nicht, wie Hekabe jetzt erkennt. Es liegt
also so etwas Ähnliches wie ein Imperfectum de conatu vor.
683 Fast wörtlich übereinstimmend Soph. El. 677 (Reaktion Elektras
auf die falsche Nachricht vom Tod des Orestes).
a¬pwlómhn: „ich bin verloren“, vgl. V. 440 nach der Trennung von
Polyxene.
ou¬két’ e¬imì dä: wörtlich „ich bin jetzt nicht mehr“; entsprechend der
Ankündigung der Dienerin V. 668.
Mossman (1995) 61f. vermutet, dass Hekabe an dieser Stelle des Tex-
tes zu Boden sinkt, dass sie sich aber bald, etwa mit V. 710 oder 724, wie-
der erhebt.

684–723 Amoibaion Hekabe – Dienerin(– Chorführerin?)

Der Begriff „Amoibaion“ (a¬moibaîon) bezeichnet nach der Definition von


H. Popp (Das Amoibaion, in: Jens 1971, 221) „Dialogpartien …, die nicht
ausschließlich in Sprechversen vorgetragen werden, sondern ganz oder
teilweise aus lyrischen Partien bestehen“. Hier ist die Form epirrhematisch:
Hekabe äußert sich lyrisch, während die Dienerin (und falls sie beteiligt
sein sollte, die Chorführerin) sich auf Sprechverse beschränkt. Welche
Verse die Dienerin und die Chorführerin genau sprechen, lässt sich nicht
leicht bestimmen, zumal da auch die Angaben der Hss. nicht einheitlich
sind. Auf jeden Fall kommen der Dienerin V. 697 und 701 zu, weil sie
zuvor gefragt worden ist, wohl auch V. 688 und 693, weil das Amoibaion
aus einem Gespräch zwischen ihr und Hekabe erwächst, aus dem gleichen
Grunde wohl ebenfalls V. 708 (wie es die meisten Hss. bezeugen) und 712
342 Kommentar

(wo es die Hss. nicht bezeugen). Die Chorführerin spricht jedenfalls V.


722–25.
685f. katárcomai nómon: „ich hebe (oder stimme) eine Weise an”.
Die Variante nómon wird, was den Akkusativ betrifft, gestützt durch die
Parallele Or. 960 katárcomai stenagmón. Das Wort katárcomai stammt
aus dem kultischen Bereich; vgl. Odyssee 3,445; Iph.T. 40.
nómon bakceîon: „eine bakchantische Weise“. nómoß „Brauch“, „Re-
gel“, „Gesetz“; seit den Lyrikern häufig von Melodien und Gesängen; vgl.
Pindar Olympien 1,101; Aisch. Sieb. 953f.; metaphorisch von Klagen
Soph. F 861 TrGF.
Bakchantisch nennt Hekabe ihre Klage nicht, weil sie von Dionysos
inspiriert wäre, sondern weil sie aus einer vergleichbaren Ekstase des
Schmerzes kommt. Wörtlich nimmt die Metapher Schlesier (1988) 116f.
686 e¬x a¬lástoroß: „von einem Fluchgeist“ oder „Rachegeist“; vgl.
Hipp. 820. Zum Alastor als Fluchgeist vgl. V. 949; El. 979; Or. 337, 1669;
Aisch. Ag. 1500–04; Soph. Öd.K. 787f. Die Worte sind abhängig von
kakøn: „der Übel, die von einem Fluchgeist stammen“. Anders bezieht
schol. V: ou¬k e¬x Dionúsou tòn bakceîon nómon maqoûsa, a¬ll’ a¬pó
tinoß a¬lástoroß. Hadley und Collard vermuten, dass hiermit und mit
paidóß in V. 688 Paris gemeint sei, der in V. 638–46 als a¬rcæ kakøn
genannt wurde, doch wäre dieser Bezug kaum erkennbar.
687 a¬rtimaqæß kakøn: wörtlich: „die Übel gerade gelernt habend“.
Das Adjektiv scheint eine Neubildung des Eur. zu sein, nach a¢rti
manqánw Alk. 940; Ba. 1296.
688 a¢thn paidóß: „das Unheil, das dein Kind (Polydoros) betroffen
hat“; so auch schol. V.
a¢thn: nicht „Fluch“ (Hadley), sondern „Unheil“, wie Tro. 137, 163;
Phön. 343.
689 kainà kainà:„Neues, Unerhörtes“; s. zu V. 83.
690 kureî „ereignet sich“ mit a¬pó „nach“. Ähnlich Iph.T. 865 e¬x
a¢llwn kureî.
691 Hermann stellt aus metrischen Gründen um, nämlich zur Anpas-
sung des Verses an die vorausgehenden Dochmien. Ich schließe mich an,
doch scheint mir die Variante den Vorzug zu verdienen, bei der die beiden
verneinten Verbaladjektive im Akkusativ stehen und auf m’ zu beziehen
sind, also a¬sténakton a¬dákruton. Wörtlich „Nie mehr wird mich ein Tag
aufhören lassen (oder: zurückhalten) als eine, die nicht stöhnt und nicht
weint.“
692 m’ e¬piscäsei: „wird mich aufhören lassen“ oder „wird mich zu-
rückhalten“; so auch schol. M (paúsei h£ scäsei). Das Verb transitiv wie
Thukydides 1,129,3.
658–904 Drittes Epeisodion 343

Die Metrik ist problematisch; dazu Diggle (1994) 314. Den Vers
( kqkq qq ia sp) kann man in seiner überlieferten Form vielleicht als
Variante des Hypodochmius auffassen. Bothes von Diggle übernommene
Änderung ¬piscäsei würde einen Dochmius herstellen ( kqqqq d25).
694–96 Wie auch zuvor in V. 689–92 findet sich hier eine Häufung
stilistischer Mittel im Dienst der Darstellung der Emotion (Anadiplosis,
dreifach variierte Frage).
695f. Hier stellt Hekabe zum ersten Mal die Frage nach dem Urheber
der Mordtat, die sie im Augenblick noch nicht beantwortet. Die Frage hat
auch eher rhetorisch-pathetischen Charakter. Die Antwort wird sie selbst
geben, allerdings erst in V. 710f.
tíni mórw¸ qnä¸skeiß: wörtlich „durch welches (Todes)schicksal star-
best du?“ Die gleiche Frage Ba. 1041. Zum Tempusgebrauch KG 1,137.
697–701 Die Dienerin nimmt Hekabes Frage nach dem Täter als eine
echte Frage. Sie kann sie zwar nicht beantworten, aber kann über die
Fundumstände berichten.
698 e¢kblhton: wörtlich „hinausgeworfen“, gemeint ist „vom Meer
ans Ufer gespült“.
péshma foiníou doròß: Sowohl foínioß (und das gebräuchlichere
fónioß) als auch péshma sind poetische Wörter. péshma bedeutet entwe-
der „das Gefallene“ oder „der Fall“; von Toten auch Andr. 652f.
(pesämata … péptwke … nekrøn); Her. 1131; Phön. 1701. Durch die
Wortwahl erhält auch dieser iambische Trimeter lyrische Färbung.
700 Der Vers kommt, schon wegen seines lyrischen Metrums,
Hekabe zu, auch wenn fast alle Hss. ihn dem Chor geben. Doch schon
schol. MB merkt an, dass diese Zuteilung falsch sein könnte (tinèß kaì
toûto tñß ¿Ekábhß ei®naí fasin).
701 Die Dienerin bestätigt das, was der Zuschauer schon aus V. 28–
30 und 47f. weiß und dessen Mitteilung er seit V. 609f. erwartet: Der
Leichnam lag am Strand und wurde von ihr gefunden.
703–07 Diese Verse sind offenbar korrupt überliefert und lassen sich
nur schwer wiederherstellen. Entsprechend zahlreich sind die Lösungs-
versuche, die allerdings meist wenig überzeugend sind. Ich schließe mich
bei meinem Versuch an Hermann und Biehl (1997) 130f. an.
704f. e¬núpnion o¬mmátwn e¬møn o¢yin nimmt e¢nnucon o¢yin in V. 72
wieder auf; vgl. auch Aisch. Sieb. 710f. a¢gan d’ a¬lhqeîß e¬nupníwn fan-
tasmátwn o¢yeiß. Was am Anfang des Stückes nur ein Traum und eine
dunkle Ahnung war, wird jetzt zur furchtbaren Wirklichkeit.
705 melanópteron: vgl. zu V. 71 melanopterúgwn. Aristophanes
Vögel 695 nennt die Nacht melanópteroß.
344 Kommentar

706 Die Präposition a¬mfí steht in der Dichtung häufig, wo in Prosa


perí steht. Mit dem Akkusativ bezeichnet sie hier das geistige Verweilen
bei jemandem oder bei etwas; KG 1,491.
707 Das Tageslicht wird auch in V. 68 als „Lichtstrahl des Zeus“ be-
zeichnet. Das Licht als Element des Lebens auch V. 168, 415, 435 ; Ion
726; Soph. Phil. 415.
708–11 Nachdem Hekabe sich in V. 702–07 ihren Traum (70–76)
vergegenwärtigt hat, kann sie die Frage nach dem Täter beantworten. Die-
ser Zusammenhang würde zerstört, wenn V. 73–76 gestrichen würden.
708 Der Vers wird von den meisten Hss. der Dienerin, von den Her-
ausgebern durchweg der Chorführerin zugeteilt. Collard meint, dass eine
solche freie Anrede, fast von gleich zu gleich, nur zur Chorführerin passe,
doch würde dies genauso für V. 688 und 693 gelten. Ich möchte zwar die
Möglichkeit nicht völlig ausschließen, das alle ‚strittigen‘ Verse, also auch
V. 708 und 712, der Chorführerin zugedacht waren, doch scheint mir die
Szene geschlossener zu sein, wenn an ihr von V. 667 bis 720 nur zwei
Personen beteiligt sind. Dass die alte Dienerin an Hekabes Schicksal Anteil
nimmt, zeigen schon ihre Worte V. 667–69.
o¬neirófrwn: „Träume verstehend“: nur hier belegtes Wort; eine ähnli-
che Neubildung Aisch. Cho. 33 o¬neirómantiß „Träume deutend”.
710 e¬mòß e¬mòß xénoß: „mein eigener Gastfreund”. Schon durch diese
drei Worte klagt Hekabe ihren bisherigen Gastfreund aufs schwerste an: Er
hat seine Verpflichtung gebrochen, die er mit dieser Funktion übernommen
hat, und seinen Schützling getötet.
Qrä¸kioß i™ppótaß: s. zu V. 9. Manche Regisseure ließen sich durch
diese Verse dazu anregen, Polymestor in V. 953 beritten auf die Bühne zu
bringen.
711 iççn’: „wo”, als wenn nicht eine Personen-, sondern eine Ortsan-
gabe vorausgegangen wäre.
712 oi¢moi, tí léxeiß: s. zu V. 511.
Zum Sprecher des Verses s. zu V. 708.
713–20 Sie äußert sich so heftig, dass man spüren kann, wie ihr Ra-
chedurst erwacht. Zum Rachedurst Hekabes gegen Achilleus, den Mörder
Hektors, s. Ilias 24, 212–14.
713f. Die rasch gesprochene Reihe der Asyndeta lässt ihre Erregung
erkennen.
a¢rrht’: „unsagbar“, auch V. 200. a¬nwnómasta: „unnennbar“, nur hier
bei Eur., ähnliche Wendung Odyssee 19,260, 597 (Kakoýlion ou¬k
o¬nomastän). qaumátwn péra: wörtlich „über Wunder hinausgehend“;
von Nauck und Biehl (1997) 131 gestrichen. Die Wörter wirken zwar et-
was matt, sind aber doch sinnvoll und auch metrisch einwandfrei, da
658–904 Drittes Epeisodion 345

Hekabe auch sonst einige Trimeter spricht (689, 698). Zur Formulierung
vgl. Iph.T. 838–40 (in einem Amoibaion der Freude); Ba. 667.
715 In der zweiten Hälfte dieses metrisch ungewöhnlichen Verses
kann man die iambische Tripodie ( kqkqkq ) als Variante des
Hypodochmius auffassen, vgl. V. 692.
Man könnte auch Díka xénwn schreiben und dann übersetzen: „Dike,
die Beschützerin der Gastfreunde“.
716 w® katárat’ a¬ndrøn: gebildet wie das homerische dîa qeáwn
(Ilias 6,305); vgl. Alk. 460; Hipp. 848f. diemoirásw: wörtlich „du zer-
schnittest (in Portionen)“, „zerstückeltest“, hier wohl nur ein drastischer
Ausdruck für „du zerstörtest“. Schlesier (1988) 118 und Anm. 21 schließt
aus der Verwendung dieses Wortes, dass Polymestor sein Opfer nicht ein-
fach getötet, sondern einen Ritualmord an ihm vollzogen hat, etwa durch
Herausschneiden von Organen oder durch Maschalismos, also durch die
Abtrennung der Extremitäten. Ich meine, dass die Verwendung des Wortes
eine solche Interpretation nicht zwingend nahelegt. Hipp. 1376 wünscht
sich der heftige Schmerzen leidende Hippolytos einen raschen gewaltsa-
men Tod durch eine Lanze (diamoirâsai katá t’ eu¬nâsai tòn e¬mòn
bíoton). Dort ist sicher nicht an ein Zerlegen oder gar an einen Ritualmord
gedacht. Vgl. auch zu V. 1076.
722f. poluponwtáthn brotøn: vgl. V. 197, 423, 582. Der mit
V.1087 fast gleichlautende Vers kann jedenfalls an dieser Stelle schon aus
syntaktischen Gründen nicht entbehrt werden. Zu daímwn „Gott“ s. zu V.
164.

724–904 Hikesieszene Hekabe-Agamemnon

Agamemnon kommt vom Lager, um Hekabe an die Bestattung Polyxenes


zu erinnern, und beruft sich auf die Botschaft, die Talthybios ihm von ihr
überbracht hat (604–06). Er trifft auf die am Boden neben der Leiche des
Polydoros kauernde Hekabe, die sich zunächst nicht aufrichtet. Die Szene
beginnt mit einem lockeren Gespräch (726–57), das dann in eine streng
gebaute Stichomythie übergeht (758–86). Kernstück der Szene ist die gro-
ße mit der rituellen Geste der Hikesie verbundene Rede Hekabes, in der sie
Agamemnon bittet, ihren Sohn an Polymestor zu rächen (787–845). Ihr
Ende wird durch eine Chorreplik markiert (846–49). Es folgen eine kurze
Rede Agamemnons (850–63) und eine ebenfalls kurze Gegenrede Hekabes
(863a–75). Die Szene schließt wieder mit einem lockeren Gespräch (876–
904). Zur Szene s. Mossman (1995) 62f. Dubischar (2001) 74 rechnet die
Szene zum Typ der ‚Hikesieagone‘, zu Unrecht, weil Agamemnon keine
Gegenposition entwickelt, sondern letztlich die Bitte Hekabes erfüllt, wenn
346 Kommentar

auch mit gewissen Einschränkungen. Es ist wohl kein Zufall, dass auf sei-
ne kurze Rede V. 850–63 keine Chorreplik erfolgt, wie bei Redeagonen
üblich.
724 a¬ll’ ei¬sorø gàr: „doch sehe ich“; formelhafter Hinweis der
Chorführerin (vielleicht mit einer hindeutenden Handbewegung verbun-
den) auf eine neu auftretende Person; vgl. El. 107; Her. 138, 442; Hel.
1385; Phön. 1307; Or. 725; Ba. 1165.
724 tou¬nqénde (= tò e¬nqénde): „von nun an“, wörtlich „von da an“;
vgl. Med. 1167; Iph.T. 91. Die Chorführerin spricht erst wieder V. 846–49.
726–32 Ebenso wie der König Kreon Medea persönlich befiehlt, das
Land zu verlassen (Med. 271–76), kommt auch hier Agamemnon persön-
lich, um sich nach dem Stand der Vorbereitungen für Polyxenes Bestattung
zu erkundigen. Dadurch wird die Bedeutung der aufgesuchten Person be-
tont, andererseits kann diese Person sich so mit ihren Bitten unmittelbar an
den Zuständigen wenden. Die andere Möglichkeit wäre es, einen Herold zu
senden, mit dem dann allerdings nicht verhandelt werden könnte.
727 e¬f’ oi©sper (= e¬pì toútoiß aÇ): „unter den Bedingungen, die
Talthybios mir meldete“, d. h. denen, die Hekabe ihm in V. 604–06 durch
den Herold hat mitteilen lassen.
728 ist weitgehend eine Wiederholung von V. 605f.
729 Die von Bothe vorgeschlagenen und von Diggle übernommenen
Änderungen in der zweiten Vershälfte erfolgten, weil hier ein Verstoß
gegen das ‚Porsonsche Gesetz‘ vorzuliegen schien. Die Änderungen sind
jedoch unnötig, weil ou¬dè zusammen mit dem folgenden Wort als ein
‚Wortbild‘ angesehen werden kann. Vgl. auch oben zu V. 624; ferner Snell
(1982) 68; Biehl (1997) 131f., Synodinou.
730 wçste qaumázein e¬mé: „so dass ich mich wundere“; auch Aristo-
phanes Vögel 1135, was freilich keine Parodie des Eur. sein muss, sondern
auch eine zufällige Übereinstimmung sein kann.
731f. Agamemnon, der sich schon in der Heeresversammlung gegen
die Opferung Polyxenes ausgesprochen hat (120–22), distanziert sich auch
jetzt noch einmal von dem, was dort geschehen ist. Ähnlich formulierte
Distanzierungen von gerade Gesagtem Tro. 1170; Hel. 27, 952; Or. 17.
ta¬keîqen: gleichbedeutend mit tà e¬keî. Gemeint sind die Opferung
Polyxenes und die in V. 573–80 beschriebenen Vorbereitungen des Heeres
für ihre Bestattung
733 e¢a: Erst jetzt bemerkt Agamemnon den Leichnam des Polydoros
und reagiert mit einem Ausruf des Erstaunens und Erschreckens; vgl. V.
501, 1115a.
734 ¯Argeîon: „einen Argiver“ oder „ihn als einen Argiver“. Von den
drei Varianten der Textüberlieferung ist ¯Argeîon die einzig akzeptable,
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weil nur sie das erforderliche Akkusativobjekt zu a¬ggéllousi „sie mel-


den“ liefert.
736–51 Hekabe spricht V. 736–38, 741f., 745f. und 749–51 weiterhin
abgewandt von Agamemnon (vgl. 739f.). Es ist ein ‚Beiseitesprechen‘, wie
schon schol. MB feststellt (pròß e™autæn a¬postrafeîsa légei), das sich
nicht an den Dialogpartner richtet und auch nicht von ihm verstanden wer-
den soll, wohl aber vom Publikum. Dies ist offenbar das erste ‚Beiseite‘ im
antiken Drama. Es ist zugleich ein Selbstgespräch, was Eur. durch die
Selbstanrede (736f.) deutlich macht. Dazu Schadewaldt (1926) 30, 210f.;
Bain (1977) 13–15. Beide weisen darauf hin, dass Agamemnon Hekabes
Sprechen mindestens zum Teil bemerkt, da er in V. 739f. auf V. 736–38
reagiert.
736 dústhn’: „Unglückliche“. Der Vokativ könnte sich auch an eine
männliche Person richten. Didymos (in schol. MB) und manche modernen
Interpreten verstehen denn auch den Vokativ als Anrede an den Leichnam
des Polydoros, doch ist er wohl eher als eine Selbstanrede aufzufassen, die
in V. 737 mit ¿Ekábh fortgesetzt wird.
737 tí drásw – pótera prospésw: deliberative Konjunktive: „Was
soll ich tun? Soll ich … fallen?“ Hekabe überlegt, ob sie sich in der Hal-
tung eines Schutzflehenden (i™kéthß) an Agamemnon wenden soll. Zum
Ritual der Hikesie s. zu V. 251–95 und 286.
gónu von próß in prospésw abhängig: „zu Füßen“.
740 dúrh¸: „du klagst“. dúromai poetisch für o¬dúromai, insbesondere
dort gesetzt, wo es metrisch erforderlich ist.
tò kranqèn: wörtlich „das, was beschlossen wurde“, zu kraínw „be-
schließe“ (bisweilen verschrieben zu tò kraqèn) erscheint in einigen Hss.
und auch auf einem Papyrus anstelle des von den meisten Hss. bezeugten
tò pracqèn „das Geschehene“. Da es unwahrscheinlich ist, dass ein
Schreiber das verständliche tò pracqèn durch den gewählten Ausdruck tò
kranqèn ersetzt hat, andererseits der umgekehrte Vorgang, also eine Bana-
lisierung, gut vorstellbar ist, hat Daitz tò kranqèn übernommen. Dagegen
meinen Bain (1977) 14 Anm. 1 und Biehl (1997) 132f., dass bei diesem
Todesfall, der durch keinen Beschluss einer göttlichen oder menschlichen
Instanz legitimiert ist, tò kranqèn nicht angemessen sei. Man sollte aber
bedenken, dass die Leiche eines Menschen auf der Bühne liegt, dessen
Schicksal sich vollendet hat. Das Passiv kraínesqai kann auch bedeuten
„sich vollenden“; so Hipp. 868, an einer schwierigen Stelle, wo sich
kranqén aber wohl auf das kurz zuvor geschehene schicksalhafte Ereignis
bezieht, nämlich auf den Selbstmord Phaidras. Das gleiche Ereignis wurde
kurz zuvor in V. 842 tò pracqén genannt. pracqèn in V. 740 dürfte eine
Glosse sein, ein neutraler Ausdruck zur Erläuterung eines gewählteren.
Von der kommentierenden Glosse bis zur Aufnahme in den Text ist bei
348 Kommentar

metrischer Gleichwertigkeit der Weg nicht weit. Darum verdient der neut-
rale Ausdruck aber noch nicht den Vorzug. An unserer Stelle klingt tò
kranqèn schicksalhafter, dunkler, kurzum bedeutungsvoller als tò
pracqèn, und verdient darum auch nach meiner Meinung den Vorzug.
Andererseits ist anzumerken, dass gelegentlich das Passiv von kraínw
seinen schicksalhaften Beiklang verloren hat und nur noch „geschehen“
oder „werden“ bedeutet; vgl. Ilias 9,626; Aisch. Cho. 871; Med. 138 und
Page zur Stelle; Ion 1010. An anderen Stellen dagegen ist der Beiklang des
Schicksalhaften durchaus spürbar; so Hipp. 1255; Ion 77. Auf jeden Fall
scheint mir Daitz mit Recht tò kranqèn in den Text aufgenommen zu
haben.
741f. Nach der Enttäuschung bei Odysseus ist Hekabes Zögern ver-
ständlich.
742 a£n prosqeímeq’ a¢n: wörtlich „wir würden hinzufügen“, d. h.
unserem Schmerz noch weiteren Schmerz. Darum die Glosse in den Hss.
GK tø¸ a¢lgei „dem Schmerz“, die dann in Sa in den Text geraten ist. Zur
mehrfachen Verwendung der Modalpartikel a¢n vgl. KG 1,246–48. Das
zweite a¢n ist syntaktisch und metrisch sicher entbehrlich, aber da es gut
bezeugt ist, sollte man es halten.
743f. Vgl. Hipp. 346 ou¬ mántiß ei¬mì ta¬fanñ gnønai saføß, ferner
Hkld. 65.
søn o™dòn bouleumátwn: „den Weg deiner Ratschläge, Überlegungen,
Pläne“; vgl. Hipp. 290, 391 gnåmhß o™dón; Phön. 911 qesfátwn e¬møn
o™dón.
745f. a®r’ e¬klogízomaí ge … mâllon: „rechne ich … zu sehr?“
a®ra … ge: seltene Partikelverbindung. Stevens (1976) 44: „adding
liveliness or emphasis to a question”.
747f. Hekabe gerät durch ihr Zögern in Gefahr, mit ihrem Anliegen
zu scheitern. Da Agamemnon aus ihren Worten nicht klug wird, ist er im
Begriff, sich abzuwenden oder gar fortzugehen.
748 e¬ß tau¬tòn hçkeiß: „dann kommst du auf das gleiche heraus (wie
ich)“. Der erste Halbvers ist wortgleich mit Or. 1280. Zur Wendung vgl.
auch Hipp. 273 (und Barrett zur Stelle); Iph.A. 665; andere Bedeutung
dagegen El. 787.
749f. Hier ist zum ersten Mal davon die Rede, dass Hekabe sich an
Polymestor rächen will. Interessant ist der Plural téknoisi toîß e¬moîsi, der
wohl kein kollektiver Plural anstelle eines eigentlich gemeinten Singulars
ist. Indem sich Hekabe für den Tod des Polydoros an Polymestor rächt,
rächt sie sich gewissermaßen auch für den Tod der Polyxene und darüber
hinaus für alles, was sie beim Untergang Trojas erdulden musste. Vgl.
Gregory (1999) 134. Gegenargumente bei Schwinge (1968) 82 Anm. 38.
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750 tí stréfw táde: „was wende ich dies (noch hin und her)?“
Schol. MB: tí sképtomai;
751 Hekabe erkennt die drohende Gefahr und gibt sich einen Ruck,
um wenigstens zu versuchen, ob sie etwas bei Agamemnon erreicht.
752f. Sie verbindet ihre Anrede mit den rituellen Gebärden eines Bitt-
flehenden; s. zu V. 251–95. Gould (1973) 85 Anm. 55 meint allerdings, es
handele sich nur um eine „figurative“, also um eine nur verbal, nicht tat-
sächlich vollzogene Gebärde. Das ist an dieser Stelle nicht auszuschließen,
doch meine ich, dass Hekabe mindestens im Schlussteil ihrer Rede, also in
V. 836–45, die Gebärde tatsächlich vollzieht. Das wird auch durch
Agamemnons Antwort in V. 851 nahegelegt. Mercier (1993) 152–58
meint, dass die Gebärde tatsächlich vollzogen wurde und längere Zeit bei-
behalten wurde, vielleicht bis hin zu V. 888. Die Frage, ob die Gebärde der
Hikesie tatsächlich vollzogen wird oder nicht, stellte sich auch schon bei
Hekabes Rede an Odysseus; s. zu V. 275.
752 tønde gounátwn: „bei diesen Knien“. Wessen Knie sind ge-
meint? Man nimmt meist an, es seien diejenigen Agamemnons, doch
Mossman (1995) 62 Anm. 50 vermutet, es seien der niederknienden
Hekabe eigene Knie gemeint, im Unterschied zu Wange und Kinn, von
denen ausdrücklich gesagt wird, dass sie Agamemnon gehören. Ich halte
dies nicht für richtig, schon weil in V. 742 und 787 zweifellos
Agamemnons Knie gemeint sind.
754f. Eine unzutreffende Vermutung Agamemnons; vgl. Dubischar
(s. zu V. 671–77). Das daraufhin erfolgende großzügige Angebot kommt
völlig unerwartet.
754 masteúousa: überwiegend poetisches Wort. Bei Homer kommt
nur mateúein vor. An unserer Stelle muss aus metrischen Gründen
masteúousa stehen, in V. 779 dagegen mateúous’, während in V. 815
beide Formen metrisch möglich sind.
756–59 fehlen in zwei Papyri und wohl auch in einem dritten. W.
Luppe, Gnomon 76 (2004) 101 zieht daraus zu Unrecht die Folgerung:
„Die Verse … sind also endgültig zu tilgen.“ Die Verse bieten weder
sprachlich noch inhaltlich Anstöße und stehen im Einklang mit der Charak-
terisierung Hekabes. Hierzu s. zu V. 756f. und 758f. Der Ausfall in einigen
Papyri zeigt nur, dass eine alte Korruptel vorliegt, die in der Antike offen-
bar verbreitet war. Ob zwischen dem Fehlen der vier Verse in den Papyri
und dem von V. 756–58 in vielen Hss. ein Zusammenhang besteht, ist
unsicher.
756–58 fehlen in vielen Hss., meist werden sie aber am Rand nachge-
tragen. Manche Herausgeber haben sich durch die komplizierte Überliefe-
rungslage dazu veranlasst gefühlt, die Verse (oder wenigstens 756f.) zu
streichen. Hartung will sogar auch V. 759 tilgen. Doch gibt es hierfür keine
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überzeugenden Gründe. Zu den Textproblemen der Passage vgl. Collard;


Schwinge (1968) 194 und Anm. 2; Kamerbeek (1986) 100f.; Mastronarde
(1988) 156f.; Mossman (1995) 246; Biehl (1997) 132–34; Synodinou.
756f. Hekabe geht auf Agamemnons unerwartetes Angebot nicht ein.
Sie hat in ihrem Leben nur noch ein Ziel, nämlich die Rache an
Polymestor. Alles andere, sogar die Freiheit, ist ihr gleichgültig geworden.
Vorher, als sie noch nichts vom Tod des Polydoros wusste, äußerte sie sich
freilich anders (157f.). Zur Bedeutung dieser Passage für die Charakterisie-
rung Hekabes s. auch zu V. 1274–76.
756 ou¬ dñta: “nein“. Eine entschiedene Verneinung; vgl. V. 367. Al-
lerdings überschätzt Biehl (1997) 133 das Erinnerungsvermögen der Zu-
schauer, wenn er annimmt, dass sie hier die Wiederholung von ou¬ dñta
aus V. 367 bemerken sollen, und wenn er meint: „Hekabes Antwort …
steht in dramatischer Antithetik zu Polyxenes Erklärung, aus freier Ent-
scheidung zum Sterben bereit zu sein“.
toùß kakoùß dè timwrouménh: „wenn ich mich an den Bösen rächen
kann“. Hekabe formuliert ihr Vorhaben zunächst allgemein in einer Weise,
dass Agamemnon es nicht ablehnen kann.
758f. Wenn man V. 756f. beibehält, braucht man 758f. nicht umzu-
stellen, wie Diggle es vorschlägt. Denn der Ablauf des Gesprächs in der
zumeist überlieferten Form ist durchaus sinnvoll. Die in V. 758 gestellte
Frage Agamemnons nach dem Anlass der Hikesie verlangte eigentlich eine
sofortige Antwort Hekabes, sie hält diese aber zunächst zurück (759) und
holt weiter aus, wobei sie ihn, vom Anblick der Leiche ausgehend (760), in
der folgenden Stichomythie Schritt für Schritt über das Schicksal des
Polydoros informiert. Die Annahme einer Lücke vor V. 758 (Hirzel) oder
nach diesem Vers (Kirchhoff) oder auch nach V. 759 (Hermann) scheint
mir nicht nötig zu sein. Vgl. Biehl (1997) 133f.
758 kaì dæ: leitet eine verwunderte Frage ein.
e¬párkesin „Hilfe“:, seltenes Wort, vgl. Soph. Öd.K. 447.
760–86 Zu dieser Stichomythie ausführlich Schwinge (1968) 194–97.
Er ordnet sie unter die Rubrik „Zielgerichtete Erzählung“ ein. Hekabes Ziel
ist es, Agamemnons Anteilnahme zu erregen und ihn so zur Unterstützung
ihres Racheplans zu bewegen.
760 ou© katastázw dákru: wörtlich „auf den herab ich eine Träne
tropfen lasse“. Andere Konstruktionen von katastázw: V. 241 (herab an);
Her. 934 (herab von).
Ennius Hecuba fr. 213 Warmington = 85 Jocelyn: „Vide hunc meae in
quem lacrimae guttatim cadunt“.
762 Schol. MB bemerkt richtig: prwqústeron, also Umkehr der
zeitlichen Reihenfolge (hysteron proteron). Ähnlich El. 969 hç m’ e¢qreye
ka¢teken.
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zånhß uçpo: wörtlich „unter dem Gürtel“; vgl. Aisch. Cho. 992 u™pò
zånhn.
763 w® tlñmon: Agamemnon gibt zum ersten Mal sein Mitgefühl zu
erkennen. An dieses Mitgefühl wird Hekabe dann in ihrer Hikesierede mit
Erfolg appellieren.
765 h® gàr: leitet eine erstaunte Frage ein; vgl. V. 1047, 1124; Andr.
249 und Stevens zur Stelle; Soph. El. 1221; Ant. 44; Phil. 248; KG 2,336.
766 a¬nónhta (e¢tekon): “nutzlos”, adverbial gebraucht; Alk. 412;
Hipp. 1145; El. 507f.; Her. 716. Dass Kinder, deren Tod beklagt wird,
vergeblich geboren wurden, wird in der Tragödie häufig bedauert; vgl. Hik.
918–22, 1134–37; ähnlich auch Med. 1024f.; Theseus F 386 TrGF.
767 ptólin: „die Stadt“, epische Form für späteres pólin, hier wie
auch in V. 1209 metrisch erforderlich.
768 o¬rrwdøn qaneîn: „weil er fürchtete, er würde sterben“. o¬rrwdø
ist ein bei den Tragikern selten verwendetes Wort; es findet sich sonst nur
El. 831; Andromeda F 130,2 TrGF.
Die Meinungen der Kommentatoren und Übersetzer gehen darüber
auseinander, ob Priamos seinen eigenen Tod oder den seines Sohnes fürch-
tete. Es ist wohl eher letzteres gemeint. Da aber der Wortlaut nicht eindeu-
tig ist, wähle ich eine Übersetzung, die beide Möglichkeiten offen lässt.
Zum Sachverhalt vgl. V. 4–7, 1133–35.
769 tøn tót’ o¢ntwn: Fast alle anderen Söhne des Priamos sind im
Krieg gefallen. Nur Helenos überlebte; s. zu V. 87.
771 Der als Apposition hinzugesetzte Name, der inhaltlich zum
Hauptsatz gehört, wird in den Relativsatz gezogen und dort syntaktisch
eingegliedert; vgl. V. 986f.; Hipp. 101; KG 2,419. Eine solche Konstruk-
tion lässt sich im Deutschen nicht nachbilden.
772 pikrotátou crusoû: Das Gold ist insofern bitter, als es den Tod
des Polydoros bewirkt hat; schol. MV: pikrótaton tòn crusòn ei®pe dià