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3. Aufl (Sommer 2012)
   
Berka/Heindl/Höhne/Noll, Mediengesetz Praxiskommentar

MedienG > Artikel I > Fünfter Abschnitt

zu § 29 MedienG

§ 29 MedienG Wahrnehmung journalistischer Sorgfalt

§ 29. (1) Der Medieninhaber oder ein Medienmitarbeiter ist wegen eines Medieninhaltsdelikts, bei dem der
Wahrheitsbeweis zulässig ist, nicht nur bei erbrachtem Wahrheitsbeweis, sondern auch dann nicht zu bestrafen, wenn ein
überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit an der Veröffentlichung bestanden hat und auch bei Aufwendung der gebotenen
journalistischen Sorgfalt für ihn hinreichende Gründe vorgelegen sind, die Behauptung für wahr zu halten. Wegen eines
Medieninhaltsdelikts, das den höchstpersönlichen Lebensbereich betrifft, ist der Medieninhaber oder ein
Medienmitarbeiter jedoch nur dann nicht zu bestrafen, wenn die Behauptung wahr ist und im unmittelbaren
Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben steht.

(2) Diese Beweise sind nur aufzunehmen, wenn sich der Beschuldigte darauf beruft. Das Gericht hat in den Fällen des Abs.
1 erster Satz den vom Beschuldigten angebotenen und zulässigen Wahrheitsbeweis auch dann aufzunehmen, wenn es die
Erfüllung der journalistischen Sorgfaltspflicht als erwiesen annimmt.

(3) Wird der Angeklagte nur deshalb freigesprochen, weil die im Abs. 1 erster Satz bezeichneten Voraussetzungen
vorliegen, so hat das Gericht in sinngemäßer Anwendung des § 34 auf Veröffentlichung der Feststellung, daß der Beweis
der Wahrheit nicht angetreten worden oder mißlungen ist, und darauf zu erkennen, daß der Angeklagte die Kosten des
Strafverfahrens einschließlich der Kosten einer solchen Veröffentlichung zu tragen hat.

(4) Die §§ 111 Abs. 3 und 112 StGB sind nicht anzuwenden.

Zum aktuellen Rechtsstand von § 29 MedienG
   
Literatur:

Berka, Medienfreiheit, 232­253; ders, Massenmedien, 217­224, 239; ders, Medien zwischen Freiheit und Verantwortung, in
Aicher/Holoubek (Hrsg), Das Recht der Medienunternehmen (1998) 16 f; Brandstetter/Schmid, Kommentar, 295­304; Fabrizy,
Strafgesetzbuch samt ausgewählten Nebengesetzen10 (2010) §§ 111 ff; Graff, Das neue Medienrecht ­ Vorzüge und Schwächen, RZ
1981, 213; Hager, Glosse zu den Glossen, MR 1995, 11; Hager/Zöchbauer, Persönlichkeitsschutz, 100­104, 211­213; Hanusch,
Mediengesetz, 245­250; Holoubek/Traimer/Weiner, Grundzüge des Rechts der Massenmedien (2000) 56­59; Hartmann, Schutz der
höchstpersönlichen Interessensphären im Rahmen der Berichterstattung der Massenkommunikationsmittel im neuen
österreichischen Medienrecht, RZ 1983, 33; ders, Die öffentliche Aufgabe der Medien, AnwBl 1985, 339; Hollaender, Der
Wahrheitsbeweis und seine Grenzen, MR 2006, 243; Korn, Die öffentliche Aufgabe des ORF unter dem Gesichtspunkt des
Ehrenschutzes, RfR 1982, 1; ders, Die Übernahme von Agenturmeldungen ­ ein Problem der journalistischen Sorgfalt, MR 1997,
243; Kunst/Böhm/Twaroch, Das neue Medienrecht (1982) 120­124; Lambauer, in Triffterer/Rosbaud/Hinterhofer (Hrsg),
Salzburger Kommentar zum Strafgesetzbuch, §§ 111 ff; Leukauf/Steininger, Kommentar zum Strafgesetzbuch3 (1992) §§ 111 ff;
Litzka/Strebinger, MedienG, 154­158; Mersch, Die journalistische Sorgfalt: on­ und offline (2012); Ozlberger, Ehrenschutz, 82­94;
Proske, Der strafrechtliche Ehrenschutz im Lichte des Entwurfes eines Mediengesetzes, ÖJZ 1977, 1; Rami, Berufung wegen des
Ausspruchs über die Schuld und Wahrheitsbeweis, JBl 2007, 569; ders, WK­MedienG, § 29; Ratz, Zum strafbaren Versuch eines
Medieninhaltsdeliktes, MR 1995, 49; ders, Schutz der freien Meinungsäußerung und Schutz vor ihr im Straf­ und Medienrecht
durch den OGH, ÖJZ 2007, 948; Richter/Windhager, Online­Archive am Ende? MR 2003, 211; Röggla/Wittmann/Zöchbauer,
Medienrecht, 111­115; Schmid, Grenzen der Meinungsfreiheit ­ fallbezogen erörtert, MR 1994, 2; Schwaighofer, Zum Ausschluss
des Wahrheitsbeweises bei Privatanklagedelikten nach § 112 zweiter Satz StGB, MR 2001, 219; Swoboda, Recht der Presse, 152­
155; Zeiler, Persönlichkeitsschutz, 77 f; Zöchbauer, Medienstrafrecht, 15­21, 31­40; ders, Zu den Grenzen der journalistischen
Sorgfalt und des Redaktionsgeheimnisses, MR 1997, 186; ders, Der Wahrheitsbeweis und seine angeblichen Grenzen ­ eine Replik,
MR 2007, 65.
     
Gliederung:    
I. Allgemeines, Zweck und Rechtsnatur   1­ 4

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II. Die Regelung des StGB zum Wahrheits­ und Gutglaubensbeweis   5­ 6
III. Anwendungsbereich des § 29   7
IV. Der Wahrheitsbeweis nach § 29   8­10
V. Der Beweis der journalistischen Sorgfalt nach § 29   11­22
1. Überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit   14­16
2. Gebotene Journalistische Sorgfalt   17­20
3. Hinreichende Gründe und die Überzeugung, dass die Information wahr ist   21­22
VI. Veröffentlichung nach Abs 3   23­24
VII. Prozessuale Besonderheiten   25­28

I. Allgemeines, Zweck und Rechtsnatur

1
§ 29 regelt für wegen eines Medieninhaltsdelikts verfolgte Medieninhaber oder Medienmitarbeiter die Straffreiheit bei erbrachtem
Wahrheitsbeweis (insoweit greift die Überschrift der Norm zu kurz) und gelungenem Beweis der journalistischen Sorgfalt.

Gemäß der in § 28 festgeschriebenen vorrangigen Geltung unter anderem dieser Bestimmung ist die Regelung abschließend zu
verstehen und geht den diesbezüglichen allgemeinen Normen in §§ 111 f StGB als lex specialis vor (vgl § 28 Rz 1 und 10). Diese
Derogation wird in Abs 4 sogar erneut ausdrücklich normiert, was aufgrund des gleichbedeutenden Regelungsinhalts des § 28
überflüssig ist.

Während § 29 die Anwendbarkeit der § 111 Abs 3 und § 112 StGB explizit ausschließt, greift es in das Regime der
Rechtfertigungs­ und Entschuldigungsgründe des § 114 StGB nicht ein und lässt diese daher daneben bestehen.

2
§ 29 schafft für Medieninhaber und ­mitarbeiter (dazu unter Rz 7 genauer) ein von den allgemeinen Regelungen des StGB
abweichendes Berufsprivileg, indem auch bei der qualifiziert, nämlich durch den Inhalt eines Mediums, begangenen Üblen
Nachrede eine Art Gutglaubens­ und Sorgfaltsbeweis für Journalisten statthaft ist. Die Besserstellung dieser Berufsgruppe trägt
dem Umstand Rechnung, dass es anerkannte Aufgabe der Medien ist, die Allgemeinheit zu informieren, was möglichst wenig
behindert werden soll. Ein Journalist, der also in Erfüllung dieser in einer Demokratie als wichtig angesehenen Funktion nach
gründlicher Recherche über eine für die Öffentlichkeit relevante Information aus verlässlicher Quelle berichtet, soll dafür nicht zur
Verantwortung gezogen werden können, auch wenn sich nachträglich herausstellt, dass die Behauptung unwahr war.

Die erläuternden Bemerkungen zur Regierungsvorlage (EBRV 2 BlgNR 15. GP 41 f; ähnlich auch JA 743 BlgNR 15. GP 11)
formulieren den Zweck des § 29 folgendermaßen:
   

"Die Massenkommunikationsmittel geraten bei Erfüllung ihrer Aufgabe der Information und Kritik oft in Widerstreit mit dem Schutz anderer
Rechtsgüter, insbesondere mit dem Schutz der persönlichen Ehre. Hätten dabei die Belange der Medien stets den Nachrang, so würde dies jede
kritische Meinungsäußerung, die für eine freie Gesellschaft notwendig ist, allzu sehr einengen. Dies wäre vor allem dann der Fall, wenn in den
Medien nur Mitteilungen veröffentlicht werden dürften, deren objektive Wahrheit geradezu erwiesen ist. Eine solche Forderung würde die
praktischen Gegebenheiten der journalistischen Arbeit und des redaktionellen Betriebes verkennen. Die Medienberichterstattung ist weitgehend
auf Informationen angewiesen, die sich oft nicht oder nicht sogleich überprüfen lassen, sie ist überdies auf große Raschheit abgestellt [...]." Es
"soll die Wahrnehmung journalistischer Sorgfalt ein entscheidendes Kriterium der Strafbarkeit für Medieninhaltsdelikte sein. Die persönliche
Überzeugung von der Richtigkeit der Mitteilung soll dann genügen, wenn der Medieninhaber/Medienmitarbeiter bei der Beurteilung der
Verdachtsmomente, Anhaltspunkte und Beweismittel die Sorgfalt eines mit der besonderen Verantwortung und den Berufsgrundsätzen
verbundenen Journalisten aufgewendet hat. Hat er dies getan, so soll es nicht darauf ankommen, ob sich die Behauptung letztlich als richtig
erweist."

Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  337

3
Umstritten ist die Rechtsnatur des Beweises der journalistischen Sorgfalt (vgl dazu ausführlich mit Nachweisen aus Rspr und
Lehre Mersch, Journalistische Sorgfalt, 1. Kapitel C). Ist er ein Rechtfertigungsgrund oder ein Entschuldigungsgrund? (Zur
spiegelbildlichen Frage der Einordnung des Wahrheitsbeweises s Rami, WK­StGB, § 111 Rz 24 ff.) Um eine Festlegung zu
vermeiden, wird überwiegend von einem Strafausschließungsgrund oder Straflosigkeitsgrund gesprochen (Ozlberger,
Ehrenschutz, 93). Die im Prinzip gleichartige Bestimmung des § 6 Abs 2 Z 2 lit b wurde in einer zivilrechtlichen Entscheidung als
Rechtfertigungsgrund beurteilt (OGH 6 Ob 291/00p, MR 2001, 93).

Nach Rami stellt die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt einen Entschuldigungsgrund dar (WK­MedienG, § 29 Rz 4a), und
zwar mit folgender Begründung: Gehe man davon aus, die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt beseitige die Rechtswidrigkeit,
würde man dem Gesetzgeber unterstellen, dass er in Kauf nimmt, rechtmäßiges Handeln zu bestrafen, wenn der Medieninhaber
oder ­mitarbeiter die gebotene Sorgfalt zwar eingehalten, sich aber aus welchen Überlegungen auch immer im Prozess nicht darauf
berufen hat. Überdies knüpfe das Gesetz an einen Freispruch, der lediglich aufgrund der Einhaltung der journalistischen Sorgfalt
ergeht, Unrechtsfolgen (Veröffentlichung der Feststellung und Kostentragung ­ vgl § 29 Abs 3), was ebenfalls gegen das Vorliegen
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einer rechtmäßigen Handlung spreche. Der Einordnung als Entschuldigungsgrund ­ in Anlehnung an § 111 Abs 3 zweiter Satz
StGB ­ sei daher der Vorzug zu geben.

4
Unabhängig von der dogmatischen Einordnung ist der Beweis der Wahrnehmung journalistischer Sorgfalt ein persönlicher
Strafausschlussgrund (arg "für ihn"; ebenso § 111 Abs 3 zweiter Satz StGB). Er wirkt daher bei mehreren Tätern nur für jenen
Medieninhaber oder ­mitarbeiter strafbefreiend, der selbst journalistisch sorgfältig handelte.

II. Die Regelung des StGB zum Wahrheits­ und Gutglaubensbeweis

5
Nach § 111 Abs 3 StGB ist der Täter einer Üblen Nachrede, egal ob sie in Form des Grundtatbestandes (Abs 1 leg cit) oder
qualifiziert, dh in einem Druckwerk, im Rundfunk oder sonst auf eine der breiten Öffentlichkeit zugängliche Weise (Abs 2 leg cit),
begangen wird, dann nicht zu bestrafen, wenn die Behauptung als wahr erwiesen wird (Wahrheitsbeweis). Nur im Fall der nicht
qualifizierten Üblen Nachrede nach Abs 1 leg cit tritt Straffreiheit überdies auch dann ein, wenn Umstände erwiesen werden, aus
denen sich für den Täter hinreichende Gründe ergeben haben, die Behauptung für wahr zu halten (Gutglaubensbeweis).

6
§ 112 StGB schränkt die Möglichkeit der Geltendmachung dieser beiden Beweise insofern ein, als sie über Tatsachen des Privat­
oder Familienlebens und über strafbare Handlungen, die nur auf Verlangen eines Dritten verfolgt werden, nicht zulässig sind.

III. Anwendungsbereich des § 29

7
Folgende Voraussetzungen müssen vorliegen, damit § 29 zur Anwendung gelangt:

• § 29 gilt uneingeschränkt für Veröffentlichungen in allen Medien, somit auch in nicht periodischen. Dies ist
dem JA geschuldet, der die noch in der RV enthaltene Beschränkung auf periodische Medien beseitigte,
wodurch jedoch dem für die Schaffung dieses Berufsprivilegs ins Treffen geführten Argument des aufgrund
der Erforderlichkeit einer raschen Berichterstattung herrschenden Drucks weitgehend der Boden entzogen
wurde (vgl Berka, Medienfreiheit, 251).
Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29
MedienG, Seite  338
• Die Bestimmung ist nur auf Medieninhaltsdelikte anwendbar, bei denen der Wahrheitsbeweis zulässig
ist. Nach der geltenden Rechtslage ist dies nur bei der Üblen Nachrede nach § 111 StGB der Fall (vgl JA 743
BlgNR 15. GP 11; Brandstetter/Schmid, Kommentar, § 29 Rz 2; Kunst/Böhm/Twaroch, Medienrecht, 121;
Ozlberger, Ehrenschutz, 85; Zöchbauer, Medienstrafrecht, 31). Bei den übrigen Äußerungsdelikten ist die
Unwahrheit allenfalls Tatbestandsmerkmal (vgl etwa § 152 StGB ["unrichtige Tatsachen"] oder § 297 StGB
["falsch verdächtigt"]), diese sind also schon begrifflich nicht unter eine Tat zu subsumieren, bei der der
Wahrheitsbeweis zulässig ist (Hanusch, Mediengesetz, § 29 Rz 1). Mit der etwas hölzern klingenden
Formulierung ("wegen eines Medieninhaltsdelikts, bei dem der Wahrheitsbeweis zulässig ist") wollte der
Gesetzgeber eine allgemein gültige Norm schaffen, die bei allfälliger nachträglicher Schaffung weiterer dem
§ 111 StGB nachgebildeter Bestimmungen eine Anpassung des § 29 entbehrlich macht (JA 743 BlgNR 15.
GP 11). 
• Das Berufsprivileg gilt nicht für alle Journalisten, sondern explizit nur für Medieninhaber (§ 1 Abs 1 Z 8)
und Medienmitarbeiter (§ 1 Abs 1 Z 11). Näheres zu den Begriffsbestimmungen s § 1 Rz 29 ff und 36 ff.
Nicht geklärt ist die Frage, ob § 29 auch von zur Vertretung nach außen befugten Organen juristischer
Personen, die nicht zugleich Medieninhaber oder ­mitarbeiter sind, in Anspruch genommen werden kann.
Dies ist zu bejahen (vgl zur spiegelbildlichen Problematik § 31 Rz 6 und § 41 Rz 29 sowie die dortigen
Verweise). Wer, ohne Medieninhaber oder ­mitarbeiter zu sein, nur gelegentlich publizistisch tätig ist,
kommt daher nicht in den Genuss dieser privilegierten Stellung. So können etwa Leserbriefschreiber und
freie Journalisten, die diese Tätigkeit nicht ständig oder nur als wirtschaftlich unbedeutende
Nebenbeschäftigung ausüben, dieses Privileg ebenso wenig für sich in Anspruch nehmen wie Buchautoren
oder Journalisten, die (ausnahmsweise) in einem anderen Medium als jenem, in dem sie Medienmitarbeiter
sind, publizieren (OLG Wien 17 Bs 291/04; Brandstetter/Schmid, Kommentar, § 29 Rz 3; Rami, WK­
MedienG, § 29 Rz 7; Zöchbauer, MR 1997, 186). Zu dieser im Ergebnis unbilligen Differenzierung gab es
immer wieder kritische Stimmen (Berka, Medienfreiheit, 251; ders, Massenmedien, 218 FN 25; Rami, WK­
MedienG, § 29 Rz 7; Mersch, Journalistische Sorgfalt, 1. Kapitel D.III). Da diese Unterscheidung, die im
Übrigen für die korrespondierende Bestimmung des § 6 Abs 2 Z 2 lit b nicht gilt, zu einer willkürlichen und
vor allem auch vom Gesetzgeber wohl nicht gewollten und zudem sachlich nicht gerechtfertigten
Ungleichbehandlung führt, wäre eine Neufassung dieser Norm durch Abstellen nicht auf eine starr definierte
Berufsgruppe, sondern auf die funktionale Betätigung in journalistischer Hinsicht erstrebenswert. 

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IV. Der Wahrheitsbeweis nach § 29

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Wenn sich die Wahrheit der als Üble Nachrede zu qualifizierenden Äußerung herausstellt, bleibt der Täter grundsätzlich (zur
Ausnahme s Rz 9) straffrei. Dazu korrespondierend entfallen sowohl ein Entschädigungsanspruch (§ 6 Abs 2 Z 2 lit a) als auch die
Ansprüche auf Einziehung und Urteilsveröffentlichung (§ 33 Abs 2 letzter Satz, § 34 Abs 3 letzter Satz; näher § 33 Rz 19 und § 34
Rz 8) gegen den Medieninhaber.

9
Eine Einschränkung der Straffreiheit bei Erbringung des Wahrheitsbeweises findet sich im letzten Satz des § 29 Abs 1: Für eine
Behauptung, die den höchstpersönlichen Lebensbereich betrifft (Näheres dazu unter § 7 Rz 6 ff), ist ­ im Gegensatz zu § 112
StGB, der den Wahrheitsbeweis hier überhaupt nicht zulässt ­ diese Beweisführung grundsätzlich möglich, aber die Straflosigkeit
tritt nur unter der zusätzlichen Voraussetzung ein, dass die Mitteilung im Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben steht
(Näheres dazu unter § 7 Rz 26 ff).

Da § 112 StGB nicht gilt (Rz 1), ist im Anwendungsbereich des § 29 der Beweis der Wahrheit bei strafbaren Handlungen, die nur
über Verlangen eines Dritten verfolgt werden, zulässig (vgl dazu OGH 15 Os 29, 39/96, MR 1996, 98).

Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  339

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Der Wahrheitsbeweis muss kongruent zum inkriminierten Vorwurf angeboten und erbracht werden, und zwar zu seiner zentralen
Botschaft und nicht zu unwesentlichen Begleitumständen. Der Wahrheitsbeweis hat somit in Bezug auf den Tatsachenkern des
inkriminierten Vorwurfs vorzuliegen (OGH 15 Os 44/01, MR 2001, 223; 14 Os 12/11p, MR 2011, 297; 15 Os 92/11k, MR 2012,
59 [Zöchbauer]).

Näheres zur Kongruenz des Wahrheitsbeweises, zum Tatsachenkern des inkriminierten Vorwurfs sowie zur Erforderlichkeit des
Vorliegens einer Tatsachenmitteilung vgl § 6 Rz 28 f.

V. Der Beweis der journalistischen Sorgfalt nach § 29

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Der Beweis der Wahrnehmung der journalistischen Sorgfalt ist erbracht, wenn:

• ein überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit an der Veröffentlichung bestanden hat (1.); 
• der Medieninhaber oder ­mitarbeiter die gebotene journalistische Sorgfalt aufgewendet hat (2.); 
• für ihn hinreichende Gründe vorgelegen sind, die Behauptung für wahr zu halten (3.). 

Diese drei Voraussetzungen müssen kumulativ vorliegen; ist eine dieser Komponenten nicht erfüllt, ist der Beweis misslungen.
Ergibt das Beweisverfahren etwa, dass lediglich ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit vorgelegen ist, das aber nicht
überwiegend war, kann sich der Täter ebenso wenig erfolgreich auf die Wahrnehmung der journalistischen Sorgfalt berufen, wie
wenn keine tauglichen Gründe für die Überzeugung von der Wahrheit des berichteten Sachverhalts vorgelegen sind oder der Täter
etwa die Behauptung selbst nicht als zutreffend erachtet hat, sondern diesbezüglich unsicher war.

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Da das Gesetz ausdrücklich auf die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt abstellt und formuliert, dass für den
Medieninhaber/Medienmitarbeiter hinreichende Gründe vorgelegen sein müssen, die Behauptung für wahr zu halten, werden zum
Gelingen dieses Beweises im Rahmen der Verteidigungslinie in aller Regel die Informationsquellen offengelegt werden müssen,
weil das Gericht sonst keine tauglichen Grundlagen für die Beurteilung dieser Maßstäbe hat. Dies stellt die betroffenen Journalisten
oftmals vor ein Dilemma, weil sie eine schwierige Abwägung zwischen dem eigenen Interesse auf Abwehr strafrechtlicher
Konsequenzen und dem Interesse des Informanten auf Anonymität und Schutz vorzunehmen haben (vgl § 31).

Da die Rspr sämtliche Kriterien einer rigiden und kritischen Prüfung unterzieht und die Bestimmungen im für die Medien engen
und strengen Sinn auslegt, scheitert die Beweisführung in der Praxis viel häufiger, als sie gelingt. Diese (von Betroffenen
kritisierte) Rechtsprechungslinie ist aber im Hinblick auf den Schaden, den eine falsche Berichterstattung für den Einzelnen
anrichten kann, und unter Berücksichtigung der immensen Macht der Medien im Zusammenhang mit der Meinungsbildung in der
Bevölkerung und der daraus resultierenden Gefahr einer Fehlinformation durchaus begrüßenswert und sollte nicht aufgeweicht
werden.

13

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Wie auch beim Wahrheitsbeweis (Rz 10) muss das Beweisthema bei der journalistischen Sorgfalt zum Inhalt des inkriminierten
Vorwurfs kongruent sein (Rami, WK­StGB, § 111 Rz 32 [zum Beweis des guten Glaubens]; Ratz, ÖJZ 2007, 950).

1. Überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit

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Naturgemäß gibt es keine starren Regeln, unter welchen Bedingungen ein überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit an einer
Information besteht. Bei dieser Beurteilung hat jedenfalls der Umstand, dass sich die Information nachträglich als falsch
herausgestellt hat, außer
Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  340
Betracht zu bleiben, andernfalls dieser Beweis jedenfalls von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre, weil es an der Weitergabe
der Unwahrheit ja nie ein gerechtfertigtes allgemeines Interesse gibt. Vielmehr ist eine Ex­ante­Bewertung der Mitteilung bei
Unterstellung deren Richtigkeit geboten.

Das Interesse der Öffentlichkeit muss "überwiegend" sein, dh die gebotene Abwägung muss zum Ergebnis gelangen, dass das
Öffentlichkeitsinteresse schwerer wiegt als das Interesse des Betroffenen am Unterbleiben der Veröffentlichung.

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Es kann nur von Fall zu Fall entschieden werden, ob ein überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit an der Veröffentlichung
vorliegt; dies hat nach einem objektiven Maßstab zu geschehen (mit beispielhafter Aufzählung berücksichtigungswürdiger
Kriterien Hanusch, Mediengesetz, § 29 Rz 3). Das geforderte überwiegende Interesse der Öffentlichkeit kann sowohl aufgrund der
Person, über die die Information erfolgt (zB Politiker, in der Öffentlichkeit agierender Entscheidungsträger, Schauspieler), als auch
aufgrund des berichteten Sachverhalts (zB Vorgänge in bedeutenden Wirtschaftsunternehmen oder in von der öffentlichen Hand
subventionierten Vereinen, Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit in der Allgemeinheit präsenten Institutionen, prominente
Kriminalfälle) bestehen (OLG Wien 18 Bs 366/95; Berka, Massenmedien, 221 f, der als Maßstab für das überwiegende
Öffentlichkeitsinteresse das "Leitbild des verantwortungsvollen, mündigen Bürgers eines demokratischen Gemeinwesens"
heranzieht und vor allem Vorgänge in den Bereichen, die im weitesten Sinne der Staatswillensbildung und der politischen
Meinungsbildung zuzurechnen sind, als von überwiegendem Veröffentlichungsinteresse umfasst einstuft).

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Es muss sich somit um einen Sachverhalt handeln, der "Nachrichtenwert" im objektiven Sinn hat und dessen Veröffentlichung
nicht nur sogenannten niedrigen Instinkten, wie der Befriedigung der Neugierde sowie der Sensationslust der Rezipienten und der
Verbreitung von schillernden Gerüchten, dient. Nicht vonnöten ist es, dass die Angelegenheit von überregionaler Bedeutung oder
gar für jeden potenziellen Konsumenten wichtig ist. Unter "Öffentlichkeit" wird sohin ein breiterer Personenkreis verstanden, der
aber durchaus aus einer bestimmten und abgegrenzten Interessengemeinschaft (Bürgern einer bestimmten Gemeinde,
Arbeitnehmern eines konkreten Konzerns, speziellen ethnischen Bevölkerungsgruppen, eigenen Berufsschichten) bestehen kann
(Berka, Massenmedien, 220; Hanusch, Mediengesetz, § 29 Rz 6; Ozlberger, Ehrenschutz, 113; aA Hager/Zöchbauer,
Persönlichkeitsschutz, 56 [zu § 7a Abs 1]).

2. Gebotene journalistische Sorgfalt

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Der Begriff der journalistischen Sorgfalt ist ebenfalls an objektiven Kriterien zu messen, wobei allfällige subjektive Mängel
geistiger oder körperlicher Natur und individuelle organisatorische, technische oder finanzielle Schwächen außer Betracht zu
bleiben haben. Das erhellt daraus, dass § 29 auf die gebotene Sorgfalt abstellt und nicht etwa auf die im Einzelfall zumutbare. Eine
andere Handhabung würde auch zu unerträglichen, von Zufälligkeiten abhängenden und nicht nur für die Betroffenen unbilligen
Ergebnissen führen, sondern auch gefährliche Entwicklungen mit sich bringen, da diesfalls die ­ überspitzt formuliert ­
unqualifiziertesten und mit den schlechtesten Ressourcen ausgestatteten Medieninhaber/Medienmitarbeiter im Ergebnis frei von
strafrechtlicher Verantwortung Unwahrheiten verbreiten könnten.

Als Beurteilungsmaßstab, ob ein Medieninhaber oder ­mitarbeiter die gebotene Sorgfalt eingehalten hat, dienen nach der Rspr vor
allem folgende Kriterien (vgl dazu etwa OLG Wien 18 Bs 22/04, MR 1994, 240; 18 Bs 155/96, MR 1997, 194): Wie sachgerecht
und gründlich war die getätigte Recherche? Wie zuverlässig waren die herangezogenen Informationsquellen?
Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  341
Wie intensiv wurden die Möglichkeiten genutzt, die Stichhaltigkeit der erhaltenen Mitteilung bei allfälligen anderen Quellen zu
überprüfen? Wie groß war der durch die äußeren Umstände gegebene Zeitdruck, unter dem die Recherche zu erfolgen hatte?

Maßfigur für die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt ist nach dem Oberlandesgericht Wien (18 Bs 155/96, MR 1997, 194)
"der verantwortungsvolle Journalist, für den als Richtschnur jenes Sorgfaltsmaß heranzuziehen ist, das ein mit den rechtlich
geschützten Werten entsprechend verbundener, besonnener und einsichtiger Mensch in der entsprechenden Lage aufwenden würde,
um die Gefahr einer Rechtsgutbeeinträchtigung hintanzuhalten". Der Oberste Gerichtshof hat dies in einer jüngeren Entscheidung
(15 Os 125/08h, 15 Os 126/08f, 15 Os 127/08b, MR 2009, 124) ganz ähnlich formuliert: "... [Es] ist von der Maßfigur eines
verantwortungsvollen, gewissenhaften, verständigen, sach­ und fachkundigen Journalisten auszugehen, der sorgfältige Recherchen
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anstellt und dabei dem Grundsatz 'audiatur et altera pars' ­ welchem in der Regel durch Einholung einer Stellungnahme des
Betroffenen zu entsprechen ist ­ Rechnung trägt."

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Ein elementares Erfordernis für die Wahrnehmung journalistischer Sorgfalt ist die Einholung einer Stellungnahme der von der
Berichterstattung betroffenen Person (OGH 15 Os 125/08h, 15 Os 126/08f, 15 Os 127/08b, MR 2009, 124). Daran vermögen
auch der übliche "journalistische Zeitdruck" und der Wunsch, eine brisante Geschichte möglichst rasch und etwa noch vor den
Konkurrenzmedien "bringen" zu können, nichts zu ändern (OLG Wien 27 Bs 23/90, MR 1990, 54). Die Einholung dieser
Stellungnahme kann nur in ganz speziell gelagerten Ausnahmefällen unterbleiben, zB bei Vorliegen echter amtlicher Urkunden
(OGH 15 Os 125/08h, 126/08f, 127/08b, MR 2009, 124; OLG Wien 18 Bs 305/01, MR 2002, 12; 18 Bs 22/04, MR 2004, 240), bei
amtlichen Presseaussendungen (OGH 1 Ob 4/87, MR 1987, 131; 6 Ob 291/00p, MR 2001, 93; OLG Wien 18 Bs 173/08k;
Hager/Zöchbauer, Persönlichkeitsschutz, 212 E 550) oder bei einer mit diesen Quellen vergleichbaren besonders verlässlichen
Informationsquelle (OGH 15 Os 125/08h, 126/08f, 127/08b, MR 2009, 124, wobei jedoch im konkreten Fall einem Geistlichen,
der den berichteten Sachverhalt zwar aus eigener Wahrnehmung bestätigte und mit seiner Namensnennung einverstanden war, die
Eigenschaft als jegliche Verifizierung bzw Gegenrecherche überflüssig machende, besonders verlässliche Informationsquelle
abgesprochen wurde, was zusätzlich damit begründet wurde, dass überdies keine tagesaktuelle Dringlichkeit der Veröffentlichung
bestanden hatte). Gerade diese letztzitierte Entscheidung zeigt, dass die Gründlichkeit der Recherche und die Dringlichkeit der
Veröffentlichung in einem "beweglichen System" zusammenspielen und die Notwendigkeit der sofortigen Veröffentlichung, weil
die Information sonst verspätet erfolgen würde und daher nutzlos wäre, zu behutsam gelockerten Anforderungen an die Sorgfalt der
Investigation und das Erfordernis der im Idealfall mehrfachen Gegenkontrolle führen kann.

Auch wenn die Einholung der Stellungnahme des Betroffenen ­ von den oben genannten Ausnahmefällen abgesehen ­
grundsätzlich eine unverzichtbare Bedingung für eine taugliche Recherche darstellt, so ist sie für sich alleine genommen aber
jedenfalls nicht hinreichend. Jemand, der etwa unreflektiert nebulose Gerüchte ohne tatsächliches Fundament veröffentlicht,
handelt selbst bei Einholung einer Stellungnahme des Betroffenen nicht auf die gebotene journalistisch sorgfältige Weise (OLG
Wien 18 Bs 179/03; 18 Bs 22/04, MR 2004, 240; 18 Bs 60/08t; OLG Graz 10 Bs 308/05b, MR 2006, 129). Die Kontaktierung der
Pressestelle eines Unternehmens kann grundsätzlich nicht die Stellungnahme der betroffenen Person ersetzen (OLG Wien 18 Bs
305/01, MR 2002, 12).

Bei der Einholung einer Stellungnahme des Betroffenen wird zu beachten sein, dass dieser konkret mit sämtlichen wesentlichen,
ihn belastenden Rechercheergebnissen konfrontiert werden muss (OLG Wien 18 Bs 136/05i); außerdem muss die Gelegenheit zur
Stellungnahme angemessen sein (vgl dazu die auch hier relevanten Ausführungen unter zu § 11 Rz 16).

Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  342

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Meldungen von Nachrichtenagenturen sind ­ wie die Rspr zutreffend aufzeigt ­ amtlichen Aussendungen nicht gleichzuhalten
(OLG Wien 18 Bs 313/96, MR 1997, 15; vgl dazu auch Korn, MR 1997, 243 [beide zur APA]).

20
Die Einhaltung des Gebots der journalistischen Sorgfalt muss von Fall zu Fall gesondert geprüft werden; von allgemeiner
Gültigkeit ist wohl der Grundsatz, dass umso sorgfältiger recherchiert werden muss, je unsicherer die Quellen sind, je schwerer
der Vorwurf wiegt, je größer die Publizitätswirkung der Behauptung und je geringer die Dringlichkeit der Berichterstattung ist
(OLG Graz 9 Bs 499/98; in diese Richtung auch Ozlberger, Ehrenschutz, 90; vgl zu den sorgfaltsverringernden und ­erhöhenden
Faktoren und deren Zusammenspiel auch ausführlich Mersch, Journalistische Sorgfalt, 2. Kapitel C).

3. Hinreichende Gründe und die Überzeugung, dass die Information wahr ist

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Dritte unabdingbare Voraussetzung für die Erfüllung des Beweises der journalistischen Sorgfalt ist, dass hinreichende Gründe
bestanden haben, die Behauptung für wahr zu halten, was wiederum nach einem objektiven Maßstab zu prüfen ist (arg
"hinreichende Gründe"; Zöchbauer, Grundfragen, 39), und der Medieninhaber/Medienmitarbeiter ad personam (arg "für ihn")
aufgrund seiner Recherche auch tatsächlich zur Überzeugung gelangt ist, dass die Information wahr ist (Zöchbauer,
Grundfragen, 39). Es genügt also weder, dass nur der Medieninhaber/Medienmitarbeiter überzeugt war, obwohl objektiv keine
tauglichen Gründe dafür vorgelegen sind (Berka, Medienfreiheit, 252 f; Brandstetter/Schmid § 29 Rz 11), noch dass dieser trotz
Vorliegens hinreichender Gründe nicht überzeugt war, sondern die Wahrheit etwa bloß für wahrscheinlich hielt.

22
Im Rahmen des Ausschlussgrundes des § 6 Abs 2 Z 2 lit b gelten dieselben Grundsätze; auch hier müssen hinreichende Gründe
vorgelegen sein, die Behauptung für wahr zu halten. Ein Unterschied besteht bloß darin, dass es bei § 29 zusätzlich darauf
ankommt, dass der Medieninhaber/Medienmitarbeiter selbst von der Wahrheit der Information überzeugt sein musste, wogegen § 6
Abs 2 Z 2 lit b lediglich darauf abstellt, dass objektiv gesehen hinreichende Gründe vorgelegen sind, die Behauptung für wahr zu
halten (OLG Wien 18 Bs 22/04, MR 2004, 240); einer eigenen Beweisführung zur individuellen Überzeugung des Artikelverfassers
bedarf es hier daher nicht (s dazu auch § 6 Rz 33).
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Dieser Unterschied ist aber praktisch nur ein scheinbarer, wird ein Journalist doch in aller Regel ­ außer man unterstellt ihm, er
würde trotz des Wissens um die Unrichtigkeit seiner Informationen diese publizieren ­ von der Wahrheit ausgehen, wenn objektiv
gesehen hinreichende Gründe für diese Überzeugung vorliegen. In prozessualer Hinsicht liegt der Unterschied hauptsächlich darin,
dass bei der dem Regime des § 6 Abs 2 Z 2 lit b unterliegenden Beweisführung der Verfasser des Artikels, da es auf seine
persönliche Überzeugung nicht ankommt, nicht zwingend genannt werden muss. In der Praxis sind solche "verdeckt geführten"
Entschädigungsprozesse aber selten, weil der konkrete Journalist am besten Zeugnis darüber abgeben kann, wie recherchiert wurde,
welche Quellen verwendet wurden und wie die zeitlichen Rahmenbedingungen beschaffen waren, weshalb der Medieninhaber aus
prozesstaktischen Gründen zumeist ein Interesse an der Preisgabe der Identität des Artikelverfassers hat.

VI. Veröffentlichung nach Abs 3

23
§ 29 Abs 3 trägt dem Umstand Rechnung, dass es dem Gesetzgeber offensichtlich unbillig erschien, den
Medieninhaber/Medienmitarbeiter, mag er auch sorgfältig vorgegangen
Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  343
sein, von jedweder Verantwortung zu befreien, obwohl die von ihm verbreiteten ehrenrührigen Behauptungen unrichtig waren. Der
Verletzte wird daher ermächtigt, die Anordnung der Veröffentlichung einer Feststellung zu beantragen, dass der Beweis der
Wahrheit nicht angetreten worden oder misslungen ist. Dieser Veröffentlichungsauftrag hat im freisprechenden Urteil zu erfolgen.
Überdies hat das Gericht in einem solchen Fall auf Ersatz der Kosten des Strafverfahrens einschließlich der Kosten für die
Urteilsveröffentlichung durch den Angeklagten zu erkennen.

24
Aufgrund des Verweises auf § 34 sind auf Veröffentlichungen nach § 29 Abs 3 die Grundsätze der Urteilsveröffentlichung
anzuwenden (s dazu § 34 Rz 17 f). Der Betroffene muss die Anordnung der Veröffentlichung der Feststellung somit ausdrücklich
vor Schluss der Hauptverhandlung (s § 34 Rz 10) eventualiter zum Begehren auf Bestrafung des Angeklagten beantragen; ohne
einen solchen Antrag wäre ein Veröffentlichungsauftrag unzulässig. Für die Frist und die Form der Veröffentlichung und deren
Durchsetzung gelten durch den in § 34 Abs 4 statuierten Verweis auf §§ 13 und 20 sinngemäß die entsprechenden Vorschriften für
die Gegendarstellung und Nachträgliche Mitteilung.

VII. Prozessuale Besonderheiten

25
Nach Abs 2 sind die Beweise der Wahrheit und der journalistischen Sorgfalt grundsätzlich nur dann aufzunehmen, wenn sich der
Beschuldigte darauf beruft (zur Ausnahme im Hinblick auf notorische und zugestandene Tatsachen vgl § 8 Rz 8). Die
Nichterweislichkeit geht zulasten des Beschuldigten. Dadurch werden einerseits die Pflicht der Behörde eingeschränkt, den
Sachverhalt von Amts wegen zu erforschen (§ 2 Abs 2 StPO), und andererseits die Regel, dass im Zweifel darüber, ob Tatsachen
als erwiesen festzustellen sind, stets zugunsten des Angeklagten zu entscheiden ist ("in dubio pro reo"; § 14 StPO). Es wird
vielmehr ein Beweisthemenverbot geschaffen, das erst durch die Berufung auf den entsprechenden Umstand, also durch eine
entsprechende Prozesserklärung, beseitigt wird, wodurch die Pflicht zur amtswegigen Wahrheitsforschung entsteht (OLG Wien 18
Bs 103/01; 18 Bs 246/02; 17 Bs 10/09h; vgl auch Lendl, WK­StPO, § 258 Rz 17).

Beruft sich eine der Prozessparteien auf den Beweis der Wahrheit oder der journalistischen Sorgfalt, wird das Beweisthemenverbot
für das gesamte Verfahren, somit auch für alle anderen Verfahrensbeteiligten, beseitigt (Rami, JBl 2007, 569 FN 9 und 10).

Auf die Beweise iSv § 29 Abs 1 kann sich nicht nur der Beschuldigte berufen, sondern auch der nicht beschuldigte, aber am
Verfahren als Partei kraft Gesetzes (§ 41 Abs 6 erster und zweiter Satz) beteiligte Medieninhaber.

26
Beruft sich der Beschuldigte nicht nur auf den Beweis der Wahrnehmung journalistischer Sorgfalt, sondern auch auf den
Wahrheitsbeweis, so ist letzterer jedenfalls aufzunehmen, also auch dann, wenn der Beweis der Wahrnehmung journalistischer
Sorgfalt bereits erbracht ist (Litzka/Strebinger, MedienG § 29 Rz 11). Dies ist schon deshalb geboten, weil Abs 3 an das Vorliegen
der einzelnen Beweise unterschiedliche Rechtsfolgen knüpft ("vollständige Rehabilitierung" versus "Freispruch mit
eingeschränkten Unrechtsfolgen"; s Rz 23 f).

27
Der Wahrheitsbeweis und der Beweis der journalistischen Sorgfalt müssen nach der zutreffenden Rspr und einem Gutteil der
Lehre bereits in erster Instanz angeboten werden (OGH 13 Os 120/87, SSt 58/75 = EvBl 1988/37, 216 = JBl 1988, 464 = RZ
1988/28, 118; OLG Wien 27 Bs 308/85, MR 1985 H 5, A 8 E 12; 17 Bs 109/03; 17 Bs 298/04, MR 2005, 232; 17 Bs 10/09h;
Leukauf/Steininger, Kommentar, § 112 Rz 2; Brandstetter/Schmid, Kommentar, § 29 Rz 18; Hager/Zöchbauer,
Persönlichkeitsschutz, 9; Lambauer, SbgK, § 112 Rz 37; Rami,
Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  344
WK­StGB, § 112 Rz 7; ders, JBl 2007, 569 ff; Ratz, WK­StPO, § 464 Rz 16; Zöchbauer, MR 2007, 65 f; aA Fabrizy, StGB, § 112
Rz 3; Hollaender, MR 2006, 245 [unter Berufung auf das nicht geltende Neuerungsverbot im Rahmen der Schuldberufung, wobei
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er verkennt, dass das Neuerungsverbot zwar neue Tatsachen und Beweismittel zulässt, nicht aber neue Prozesserklärungen iSv §
29]; vgl auch OGH 11 Os 131/06h; 11 Os 132/06f, EvBl 2008/8, 32). Wurden der Wahrheitsbeweis oder der Beweis der
journalistischen Sorgfalt allerdings in erster Instanz angeboten, dann können auch im Rechtsmittelverfahren im Rahmen einer
Berufung wegen des Ausspruchs über die Schuld hiezu neue Tatsachen vorgebracht und Beweismittel beantragt werden (OGH 13
Os 120/87, SSt 58/75 = EvBl 1988/37, 216 = JBl 1988, 464 = RZ 1988/28, 118).

28
Die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt befreit den Medieninhaber nicht von Einziehung und Urteilsveröffentlichung im
selbständigen Verfahren nach § 33 Abs 2 und § 34 Abs 3, da Voraussetzung dafür lediglich die Herstellung des objektiven
Tatbestandes eines Medieninhaltsdelikts ist und das Gesetz hier lediglich in Bezug auf den Wahrheitsbeweis eine Ausnahme macht
(s § 33 Rz 19; § 34 Rz 8). Der Antrag, im Fall des Freispruchs bei Vorliegen der journalistischen Sorgfalt, nicht aber der Wahrheit
der inkriminierten Äußerung, auf Einziehung und Urteilsveröffentlichung im selbständigen Verfahren zu erkennen, ist
zweckmäßigerweise gleichzeitig mit dem Strafantrag als Eventualbegehren zu formulieren.

Heindl in Berka/Heindl/Höhne/Noll (Hrsg), Mediengesetz Praxiskommentar Aufl. 3 (2012) zu § 29 MedienG, Seite  345

3. Aufl (Sommer 2012)
Heindl  

http://www.lexisnexis.com/at/recht/delivery/PreviewFrameDisplay.do?dnldFilePath=%2Fl-n%2Fshared%2Fprod%2Fdiscus%2Fqds%2Frepository%2Fdocs%2F… 8/8