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BODY LOVE

VERGESSEN SIE ALLE FORSCHUNGS-ERGEBNISSE UND VERBOTE, UND


HÖREN SIE LIEBER AUF IHREN BAUCH: WIR VERRATEN, WIE SIE ZU
IHREN NATÜRLICHEN ESS-INSTlNKTEN ZURÜCKFINDEN. VonEva Meschede

arf ich Sie zum Essen einladen? Es gibt Forscher, enthalte nämlich die lebenswichtigen essenzi-
etwas ganz besonders Sündiges - ein ellen Fettsäuren. Wenn schon Fett, dann nur gesundes,
frisches, krosses Brötchen, bestrichen mit so das Credo. Doch leider steht jetzt auch Olivenöl auf
eiskalter Butter. Herzlichen Glückwunsch, der Abschussliste. Rapsöl habe die bessere Komposition
wenn Sie trotzdem zugreifen! Denn die essenzieller Fettsäuren, sagen neuere Studien. Und was
meisten von uns überlegen schon bei die Butter angeht, so schlecht sei die auch nicht, schließ-
diesem schlichten Klassiker: Ist das gut lich enthalte sie Mineralstoffe und fettlösliche Vitamine.
für mich? Sollte ich nicht etwas Gesünderes essen? Die
Frühstückssemmel führt gleich auf zwei aktuelle Kriegs-
schauplätze der Ernährungswissenschaft. Zum einen tobt WELCHEM RAT KANN
der Kampf ums richtige Fett. Der ehemals "guten Butter"
wird nachgesagt, sie mache dick und krank, enthalte MAN NOCH TRAUEN?
nur nutzlose, gesättigte Fettsäuren. Zum anderen geht bei Was soll man noch glauben? Mal bewahrt Rotweinvor
Backwaren aller Art der Fight um die derzeit verpönten Herzinfarkt, dann ruft er Brustkrebs hervor. Mal schützen
Kohlehydrate los. Die wandelt der Körper ja bekannter- Paprika vor Krankheiten, dann sind sie stark schadstoff-
maßen in Zucker um - und der macht auch wieder dick. belastet. Mal soll man möglichst vielWasser trinken,
Was darf man eigentlich noch mit gutem Gewissen dann wieder nicht zu viel. "Es gibt zu jedem Lebensmittel
essen? Die Liste der Ratschläge und Verbote ist lang, ge- Katastrophenmeldungen ", kritisiert Ernährungswissen-
nau wie die der Mythen und Irrtümer. Erinnern Sie sich schaftler Christoph Klottervon der Hochschule Fulda die
an die Geschichte mit den Eiern? Die Wissenschaft warn- kollektiveHysterie. "In Wirklichkeit hatten wir noch nie
te, dass Hühnereier den Fettspiegel im Blut erhöhen so eine hohe Qualität der Lebensmittel wie heute." Im
und so Herz und Gefäße belasten. Millionen strichen Dschungel der stehenden und fallenden Gebote ist Essen
daraufhin ihr Frühstücksei. Alles Unsinn, haben Studien zu einem großen Problem geworden: 85 Prozent der Be-
längst ergeben. Das Ei-Cholesterin nimmt der Mensch völkerung glauben, sich nicht wirklich gesund zu ernäh-
offenbar gar nicht auf. Außerdem enthalten Eier reichlich ren, ergab eine Studie von Nestle. Die Befragten machten
Nährstoffe und wenig Fett. Oder hängen Sie dem Mythos sich Sorgen, sie würden zu wenig Obst und Gemüse
Olivenöl nach, kalt gepresst? Das, so erklärten uns die essen, Heißhunger auf Ungesundes verspüren, zu wenig

COSMOPOUTAN
SEPTEMBER 2010 145
BODY LOVE

trinken, zu viel Süßes oder Fettes konsumieren. Die sondern verheißt ein langes Leben ohne Krankheit.
traurige Erkenntnis: Wir werden das schlechte Gewissen Diese Idee haben uns erwachsenen Frauen nicht nur
beim Essen einfach nicht mehr los. "Das Bauchgefühl die am Computer bearbeiteten Bildervon Magermodels
für eine gesunde Mischung ist verloren gegangen", sagt eingepflanzt, sondern auch die Wissenschaft. Seit Jahr-
Margareta Büning-Fesel, die geschäftsführende Verbrau- zehnten stehen wir zum Beispielunter der Fuchtel des
cherschützerin des unabhängigen Aid Infodienstes für BM!.Ab einem BodyMass Index von mehr als 25 lautete
Ernährung. Die Leutewüssten so viel über Ernährung die Diagnose lange Zeit Übergewicht, und es drohten
wie nie, aber das sei eher verwirrend, und sie hätten angeblich alle möglichen Krankheiten, mindestens aber
keine Ahnung, wie sie es im Alltagumsetzen sollen. Der Diabetes und Herzinfarkt. Abnehmen, riefen Ärzte und
amerikanische Autor Michael Pollan schreibt in seinem Ernährungsberater. Nun hat sich herausgestellt, dass
Bestseller "Lebensmittel- Eine Verteidigung gegen die der BMI gar nicht geeignet ist, ein langes Lebenzu
industrielle Nahrung und den Diätenwahn", wir seien prognostizieren. Immer mehr Studien kommen zum
alle Orthorektiker, also "Menschen, die den ungesunden Ergebnis, dass Dünne sogar früher sterben als Füllige.
Zwang haben, gesund zu essen". Doch die Wissenschaft hat schon ein neues Maß parat.
Vor allem Frauen schleppen sich von einem vermeint- Jetzt droht man uns bei mehr als 80 Zentimeter Bauch-
lich glücksbringenden Diättrend zum nächsten. Denn umfang Krankheit und frühen Tod an, weil das Bauchfett
schlank zu sein, bedeutet heute nicht nur Attraktivität, besonders schlimm sein soll. Wir müssten also den
Gürtel noch enger schnallen als in der BMI-Ära,sogar
Kleidergröße 40 kann schon ungesund sein.
"Wer hat eigentlich ein Interesse daran, mit solchen
Normen Menschen zu pathologisieren, also krank zu
machen?", fragt polemisch Professor Klotterund zählt
auf, wer alles daran verdient: "Ärzte, Pharmaindustrie,
Nahrungsmittelindustrie." Und die Wissenschaft,
die uns glauben macht, der Zweck des Essens
bestehe ausschließlich darin, mit verschiedensten
Nährstoffen die körperliche Gesundheit zu fördern.
Weil wir aber die Nährstoffe nicht sehen können
und um deren Wirkung nicht wissen, sind wir
empfänglich für ständig neue Heilsbotschaften aus
Forschungsergebnissen. Allerdings gilt: "Die meisten Er-
gebnisse von Studien sind zwar für Forscher interessant,
lassen sich aber nicht zu Ratschlägen verallgemeinern",
sagt Ernährungswissenschaftlerin Büning-Fesel.

ESSEN IST KEINE MEDIZIN.J


SONDERN GENUSS & KU[IUR
Vergessen Sie also alle Tipps und Maßstäbe, wenn Sie
wieder lernen wollen, entspannt zu essen. Vor allem
Verbote wirken fatal. "Wenn Sie ständig denken ,Keine
Schokolade!', dann bleibt im Kopf die Schokolade", sagt
Professorin Petra Warschburger, die als Beratungspsycho-
login adipöse Kinder betreut. "Es gibt kein Nahrungs-
mittel, das per se schlecht ist und verboten werden muss",
versichert sie. Dass Obst und Gemüse gesund sind, "'
o
ffi
weiß jedes Kindergartenkind. Entsprechend lautet auch ::;
::;
oo
die wichtigste Message: Essen Sie möglichst viel davon, +
....
a:

-- ob gekocht oder roh. Ansonsten lassen sich die Tipps


unserer Experten auf drei weitere Regeln reduzieren: ~
<
i?
o

a:
:>
1. Futtern Sie nicht zu viel, aber möglichst viel Ver- :z:
Ir
<
schiedenes. So gleichen Sie auch die gelegentliche Brat- ö
wurst oder Sahnetorte aus. ~

146 SEPTEMBER 2010 COSMOPOLITAH


BODY LOVE

2. Je weniger die lebensmittel verarbeitet sind, desto


besser. Fertiggerichte sind zwar praktisch, enthalten aber DIE PARTY IM MUND
alle möglichen Erfindungen der Industrie. Smart genießen: Redakteurin ISCHTA LEHMANN
3. Kochen Sie so oft es geht selbst, dadurch bekommen testete die Methode "Achtsam essen"

Sie eine ganz andere Beziehung zur Nahrung. Fällt es


Ihnen schwer, das Ganze in den stressigen Alltagzu zu "sCHOKOKUCHEN"fällt Franzosen
zuerst das Wort "Fest" ein. U5-Ameri-
integrieren, planen Sie am Anfang alles mit Termin-
kalender und machen Sie sich lust auf Ihr Essen. kaner hingegen denken meist: .schlech-
tes Gewissen". Und vielen deutschen
Sollten Sie tatsächlich abnehmen wollen, müssen Sie Frauen geht es ähnlich. In einer aktuellen Umfrage sagen
sich in erster Linie mehr bewegen. Eventuell auch nur 60 Prozent, dass sie gern essen. Und ich? Stecke
weniger essen. Ob Ihnen das Einschränken leichter bei irgendwo zwischen Genießen und Grübeln. Ich lese be-
Fleisch, Fett oder Kohlehydraten gelingt, finden Sie am geistert Foodblogs und probiere neue Rezepte aus, kenne
besten für sich selbst heraus. Wenn Sie zum Beispiel aber auch Gedanken wie "Nach 14 Uhr noch Obst? Oh
no, der Fruchtzucker!" oder ..Heute Abend steht ,Dinner
Kohlehydratereduzieren und schließlich nur noch von
Cancelling' auf der Speisekarte!". Und Butter hatte ich
Pasta träumen, dann fällt es Ihnen eventuell leichter, auf bestimmt seit zehn Jahren nicht mehr auf dem Brot...
Fettes zu verzichten. "Bei jedem ist es ein anderer Punkt,
an dem man ansetzen muss", sagt Psychologin Warsch. EINE NORMALE,GESUNDEEinstellung zur Nahrung
burger. Doch bedenken Sie: Ständiges Nachdenken zu haben - das wäre wunderbar. Deswegen habe ich mir
über das Essen und die Figur macht nicht schlank, im das Buch .Achtsam essen" (Arbor)der amerikanischen
Ärztin und Zen-Lehrerin Jan Chozen Bays besorgt. Ihre
Gegenteil, es unterdrückt das natürliche Hungergefühl
These leuchtet ein: Essen ist befriedigender, wenn wir
und lässt falsche Gelüste wachsen. "VieleFrauen quälen es bewusst tun, wenn wir bei der .Partyim Mund", wie
sich mit Ernährung, obwohl sie es gar nicht müssten", sie es nennt, wirklich mitfeiern. Verbotene Lebensmittel
sagt Foodtrainerin Susanne Wendel. Also,nichts wie her gibt es nicht. Mit der Methode der Achtsamkeit soll man
mit dem Butterbrötchen! [8 das eigene Essverhalten wahrnehmen und ..dieschlichte
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Freude an Lebensmitteln und den entspannenden Ge-
nuss beim Essen" wieder lernen. In ihrem Kloster in Ore-
gon bietet Bays Kurse dazu an. In Deutschland will der
Arbor-Verlag (www.arbor-verlag.de) im Winter ein E-Mail-
Ess-Coaching mit Ärztin Friederike Boissevain beginnen.

VOR DEM ACHTSAMEN ESSEN, lese ich, kommt das


achtsame Hungerhaben. "Gute Selbstbeobachtung -
ohne Urteil" sei wichtig, erklärt Ärztin Boissevain. Jan
Chozen Bays macht sieben Quellen für Appetitsignale
aus, die man abfragen sollte: Augen, Nase, Mund, Ma-
gen, Zellen, Geist und Herz. Also, welcher Teil von mir ist
hungrig? Die Augen, die Cookies in der Teeküche erspäht
haben? Die Nase, die Kaffeeduft riecht? Der Mund, der
gern etwas beißen oder lutschen würde? Der grummeln-
de Magen? Die Zellen, die Hühnerbrühe fordern, weil
mich eine Grippe plagt? Der Kopf, der feststellt, dass
Lunchtime ist? Oder steckt das Herz dahinter, ein emotio-
nales Bedürfnis? Gerade für Frauen, so hat Friederike
Boissevain beobachtet, ist "Herzenshunger" oft Essens-
antrieb. Aber: "Herzenshunger ist der Logik nicht zugäng-
lich, deswegen ist Essen die verkehrte Art, ihn zu stillen."

ZUGEGEBEN, manches klingt etwas esoterisch, etwa der


Rat, man solle für sich sorgen, wie es liebende Eltern tun.
Viele der Gedanken von Bays kann ich aber gut nachvoll-
ziehen. Ich beginne also, mich genauer zu beobachten
und Gewohnheiten zu hinterfragen. In Übungen schätze
ich die Stärke meiner sieben Hungerarten auf einer Skala
von eins bis zehn ein. Schwierig! Ich beschäftige mich
minutenlang mit einer einzelnen Rosine, erforsche ihr
Aussehen, ihren Geruch, ihre Konsistenz, bevor ich sie
kaue - so saftig ist mir eine vertrocknete Weintraube
noch nie vorgekommen. Und ich stecke nicht mehr Punkt
13 Uhr etwas in die Mikrowelle, sondern strecke mich
auf einer Parkbank aus, weil ich merke, dass ich weniger
hungrig als müde bin. Bevorich später meinenWrapam
Schreibtisch esse, schiebe ich die Zeitschrift beiseite,
in der ich gern blättern würde. Einfach "nur" essen. Und
siehe da: Mir reicht eine kleiner~ Portion.

BIN ICH JETZT möglicherweise zu viel mit dem Thema


Essen beschäftigt? Eigentlich nicht - und vor allem ist
meine Einstellung weniger destruktiv, weil ich negative,
kritische Gedanken bemerke und relativieren kann. "Man
bekommt dadurch langsam einen anderen Blick", sagt
Ärztin Boisseva-in. Außerdem weiß ich nach einer Weile,
in welchen Situationen ich gern mal schwach werde.
Seit mir klar ist, dass TV-Werbung mich oft zum Futtern
verführt, überkommt mich das Bedürfnis seltener.

WAS BLEIBT nach zwei Wochen "Achtsam essen"? Vor


allem die wichtigste Lektion hat sich mir gut eingeprägt:
Jedes Mal kurz überlegen und innehalten, bevor man
etwas auf den Teller legt oder in den Mund schiebt. Wei-
tere Strategien, die ich auf jeden Fall beibehalten werde:
1. Hinsetzen, nicht im Stehen oder Gehen in sich hinein-
schIingen. 2. Immer schön langsam essen. Hilfreich: das
Besteck zwischendurch ablegen. 3. Lieber kleinere Teller
benutzen, dann wirken die Portionen größer. 4. Die Wahr-
heit liegt in der Mitte - zwischen Burger und Brokkoli.

COSMOPOlITAN
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