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Herzzeit

Ingeborg Bachmann -
Paul Celan
Der Briefwechsel
Mit den Briefwechseln
zwischen Paul Celan
und Max Frisch
sowie zwischen Ingeborg Bachmann
und Gisèle Celan-Lestrange

Herausgegeben und kommentiert von


Bertrand Badiou, Hans Höller,
Andrea Stoll und Barbara Wiedemann

Suhrkamp Verlag
Koordination sowie Übersetzung der französischen Briefe
Barbara Wiedemann

Erste Auflage 2008


© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008
Alle Rechte Vorbehalten, insbesondere das
des öffentlichen Vortrags, der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen
sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: Libro, Kriftel
Druck: C PI - Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
ISBN 978-3-518-42033-1

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Briefwechsel
Ingeborg Bachmann - Paul Celan
Brief Nr. i - Brief Nr. 2 7

i Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Gedicht und Widmung in


Matisse-Bildband, Wie«, 24. (7J 6. /94 5

In Aegypten
Für Ingeborg

Du sollt zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser!


Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth, zu Mirjam und Noemi sagen:
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam
und Noemi.
Du sollst zur Fremden sagen:
Sieh, ich schlief bei diesen!

Wien, am 23. Mai 1948.

Der peinlich Genauen,


22 Jahre nach ihrem Geburtstag,
Der peinlich Ungenaue

2 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, Weihnachten 1948,


nicht abgesandt
Weihnachten 1948.
Lieber, lieber Paul!
Ich habe gestern und heute viel an Dich, wenn Du willst, an uns
gedacht. Ich schreibe Dir nicht, weil Du wieder schreiben sollst,
sondern weil es mir jetzt Freude macht und weil ich will. Auch
hatte ich vor, Dich in diesen Tagen in Paris irgendwo zu treffen,
aber dann hat mich mein dummes eitles Pflichtbewußtsein hier
8 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

festgehalten und ich bin nicht weggefahren. Wie ist das nur: ir­
gendwo in Paris? Ich weiß ja garnichts, aber irgendwie wäre es
schon schön gewesen!
Vor drei Monaten hat mir plötzlich jemand Deinen Gedicht­
band geschenkt. Ich wußte nicht, daß er herausgekommen war.
Das war s o ..., der Boden war so leicht und schwebend unter
mir, und meine Hand hat ein bisschen, ganz, ganz wenig gezittert.
Dann war wieder lange nichts. Vor einigen Wochen hat man sich in
Wien erzählt, daß Jenes nach Paris gefahren sind. Da bin ich auch
wieder mit auf Reisen gegangen.
Ich weiß noch immer nicht, was der vergangene Frühling be­
deutet hat. - Du weißt ja, daß ich immer alles ganz genau wissen
will. - Schön war er, - und die Gedichte, und das Gedicht, das wir
miteinander gemacht haben.
Ich hab Dich heute lieb und so gegenwärtig. Das will ich Dir
unbedingt sagen, - damals hab ich es oft nicht getan.
Sobald ich Zeit habe, kann ich auf ein paar Tage kommen. Wür­
dest Du mich auch sehen wollen? - Eine Stunde, oder zwei.
Viel, viel Liebes!
Deine
Ingeborg.

j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 26. 1. 1949

31, Rue des Ecoles


Paris, den 26. 1. 1949.
Ingeborg,
versuche einen Augenblick lang zu vergessen, daß ich so lange und
so beharrlich schwieg - ich hatte sehr viel Kummer, mehr als mein
Bruder mir wieder nehmen konnte, mein guter Bruder, dessen
I laus Du gewiß nicht vergessen hast. Schreibe mir so als würdest
Du ihm schreiben, ihm, der immer an Dich denkt und der in Dein
Medaillon das Blatt eingeschlossen hat, das Du nun verloren hast.
Laß mich, laß ihn nicht warten!
Ich umarme Dich
Paul
Brief Nr. 2 - Brief Nr. 4 9

4 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 12.4 .19 4 9

Wien, am 12. April 1949


Lieber, Du,
ich bin so froh, dass dieser Brief gekommen ist, - und nun hab ich
Dich auch wieder so lange warten lassen, ganz ohne Absicht und
ohne einen unfreundlichen Gedanken. Du wirst selbst wissen, dass
das manchmal so kommt. Man weiss nicht warum. Zwei- oder
dreimal hab ich einen Brief an Dich geschrieben und dann doch
nicht weggeschickt. Aber was bedeutet das, wo wir aneinander
denken und es vielleicht noch sehr lange tun werden.
Ich spreche nicht allein zu Deinem Bruder, heute beinahe nur
mit Dir, denn durch Deinen Bruder hindurch hab ich ja Dich lieb,
und Du darfst nicht denken, dass ich an Dir vorübergegangen bin.
- Bald ist der Frühling wieder da, der im Vorjahr so seltsam war
und so unvergesslich. Ich werd gewiss nie mehr durch den Stadt­
park gehen, ohne zu wissen, dass er die ganze Welt sein kann, und
ohne wieder der kleine Fisch von damals zu werden. ,
Dass Du Kummer gehabt hast, hab ich die ganze Zeit gespürt, -
lass mich wissen, ob es Dir helfen könnte, mehr Briefe zu bekom­
men!
Im Flerbst haben mir Freunde Deine Gedichte geschenkt. Das
war ein trauriger Augenblick, weil sie von Fremden kamen und
ohne ein Wort von Dir. Aber jede einzelne Zeile hat es wieder
gutgemacht.
Es wird Dich vielleicht freuen, wenn ich Dir erzähle, dass
manchmal nach Dir gefragt wird, vor einiger Zeit musste ich sogar
wildfremden Leuten aus Graz Deine Adresse geben, um sie zu­
friedenzustellen. Und die kleine Nani und Klaus Demus machen
immer noch verklärte Augen, wenn sie von Dir sprechen.
Heute versteh ich gut, dass es für Dich richtig war, nach Paris zu
gehen. Was würdest Du sagen, wenn ich im Herbst plötzlich auch
dort wäre? Ich soll nach dem Doktorat ein Stipendium für Ame­
rika oder Paris bekommen. Ich kann noch garnicht dran glauben.
Es wäre zu schön.
Ueber mich gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe sehr viel
Arbeit, das Studium geht dem Ende zu, daneben schreibe ich für
IO Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Zeitungen, für den Sender etc., mehr als früher. Ich versuche, nicht
an mich zu denken und mit geschlossenen Augen hinüberzukom­
men zu dem, was eigentlich gemeint ist. Sicher stecken wir alle in
der grossen Spannung, können uns nicht lösen und machen viele
Umwege. Aber ich bin manchmal so krank davon, dass ich fürchte,
es wird einmal nicht weitergehen.
Ich möchte Dir zum Schluss noch sagen, - das Blatt, das Du in
mein Medaillon gegeben hast, ist nicht verloren, auch wenn es
schon lange nicht mehr drinnen sein sollte; ich denk an Dich
und hör Dir noch immer zu.
Ingeborg.

j Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, Ende Mai / Anfang


Ju n i 1949 (?), abgebrochener Briefentwurf

Paul, lieber Paul,


ich hab Sehnsucht nach Dir und unserem Märchen. Was soll ich
tun? Du bist so weit weg von mir, und Deine Kartengrüsse, mit
denen ich bis vor kurzem so zufrieden war, sind mir nicht mehr
genug.
Gestern bekam ich durch Klaus Demus Gedichte von Dir, die
ich nicht kannte, auch drei aus letzter Zeit. Ich kann’s kaum er­
tragen, dass sie auf solchem Umweg zu mir gekommen sind. Bitte,
bitte lass das nicht zu. Es muss doch irgend etwas auch für mich da
sein.
Ich kann sie besser lesen als die ändern, weil ich Dir darin be-
^egne seitdem es keine Beatrixgasse mehr gibt. Immer geht’s mir
um Dich, ich grüble viel darüber und sprech zu Dir und nehm
Deinen Irenulen, dunklen Kopf zwischen meine Hände und
mochte Dir die Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit
den Nelken Ireimachen und Dich singen hören. Es ist nichts mit
mir geschehen, das mich mit einem Mal heftiger an Dich denken
lässt. Alles ist wie immer, ich habe Arbeit und Erfolg, Männer sind
irgendwie um mich aber es bedeutet wenig: Du, Schönes und Trü­
bes verteilt sich auf die dahinfliegenden Tage
Brief Nr. 4 - Brief Nr. 7 11

6 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 20. 6. /949

Paris, am 20. Juni 49.


Ingeborg,
>ungenau< und spät komme ich in diesem Jahr. Doch vielleicht nur
deshalb so, weil ich möchte, daß niemand außer Dir dabei sei,
wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebensoviel G e­
dächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf Deinen Geburtstags­
tisch stelle. Seit Wochen freue ich mich auf diesen Augenblick.
Paul

7 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 24. 6.1949

Wien, am 24. Juni 1949.


Du Lieber,
weil ich so garnicht daran gedacht habe, ist heute, am Vortag - im
vergangenen Jahr war es doch auch so - Deine Karte richtig an­
geflogen kommen, mitten in mein Herz, ja es ist so, ich hab Dich
lieb, ich hab es nie gesagt damals. Den Mohn hab ich wieder ge­
spürt, tief, ganz tief, Du hast so wunderbar gezaubert, ich kann es
nie vergessen.
Manchmal möchte ich nichts, als Weggehen und nach Paris
kommen, spüren, wie Du meine Hände anfasst* wie Du mich ganz
mit Blumen anfasst und dann wieder nicht wissen, woher Du
kommst und wohin Du gehst. Für mich bist Du aus Indien oder
einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du
Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist. Ich weiss noch
immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann
mir nicht vorstellen, dass Du irgend etwas tun sollst, was wir än­
dern hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir
holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir
werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe er­
finden.
Ich habe oft nachgedacht, »Corona« ist Dein schönstes Gedicht,
es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles
12 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht
»Zeit«. Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde,
alles ist flach und schal, müde und verbraucht, ehe es gebraucht
wurde.
Mitte August will ich in Paris sein, ein paar Tage nur. Frag mich
nicht warum, wozu, aber sei da für mich, einen Abend lang oder
zwei, drei.. Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hinein-
schauen, bis wir kleine Fische geworden sind und uns wieder er­
kennen.
Ingeborg.

8 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 4. (?) 8.1949

Ingeborg, liebe,
nur ein paar Zeilen, in aller Eile, um Dir zu sagen, wie sehr ich
mich freue, daß Du kommst.
Hoffentlich kommt dieser Brief noch rechtzeitig genug, und Du
schreibst, wann Du eintriffst: darf ich Dich erwarten? Oder darf
ich es nicht, weil ich ja auch nicht nach dem Warum und Wozu
Deiner Reise fragen darf?
Ich bin voller Ungeduld, Liebe.
Dein Paul

Hier ist meine Telephonnummer:


DAN 78-41

9 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 20. 8.1949

31, Rue des Ecoles


Paris, den 20. August 49
Meine liebe Ingeborg,
Du kommst also erst in zwei Monaten - warum? Du sagst es nicht,
Du sagst auch nicht, für wie lange, sagst nicht, ob Du Dein Sti­
pendium bekommst. Inzwischen können wir ja, schlägst Du vor,
Brief Nr. 7 - Brief Nr. 10 !3

>Briefe wechselnd Weißt Du, Ingeborg, warum ich Dir während


dieses letzten Jahres so selten schrieb? Nicht allein, weil Paris mich
in ein furchtbares Schweigen gedrängt hatte, aus dem ich nicht
wieder freikam; sondern auch deshalb, weil ich nicht wußte, was
Du über jene kurzen Wochen in Wien denkst. Was konnte ich aus
Deinen ersten, flüchtig hingeworfenen Zeilen schließen, Inge­
borg?
Vielleicht täusche ich mich, vielleicht ist es so, daß wir einander
gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen möch­
ten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. N ur sage ich mir
manchmal, daß mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als
das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist.
Du weißt: die großen Entschlüsse muß man immer allein fassen.
Als jener Brief kam, in dem Du mich fragtest, ob Du Paris oder die
Vereinigten Staaten wählen solltest, hätte ich Dir gern gesagt, wie
sehr ich mich freuen würde, wenn Du kämest. Kannst Du ein-
sehen, Ingeborg, warum ich es nicht tat? Ich sagte mir, daß wenn
Dir wirklich etwas (das heißt, mehr als etwas) daran läge, in der
Stadt zu leben, in der auch ich lebe, Du mich nicht erst um Rat
gefragt hättest, im Gegenteil.
Ein langes Jahr ist nun verstrichen, ein Jahr, in dem Dir sicher­
lich manches begegnet ist. Aber Du sagst mir nicht, wie weit unser
eigener Mai und Juni hinter diesem Jahr zurückliegen..
Wie weit oder wie nah bist Du, Ingeborg? Sag es mir, damit ich
weiß, ob Du die Augen schließt, wenn ich Dich jetzt küsse.
Paul

10 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 2 4 .11. 1949

Wien, am 24. Nov. 1949.


Lieber, lieber Paul,
jetzt ist es November geworden. Mein Brief, den ich im August
geschrieben habe, liegt noch da - alles ist so traurig. Du hast viel­
leicht auf ihn gewartet. Nimmst Du ihn heute noch?
Ich fühle, dass ich zu wenig sage, dass ich Dir nicht helfen kann.
14 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich müsste kommen, Dich ansehen, Dich herausnehmen, Dich


küssen und halten, damit Du nicht fortgleitest. Bitte glaub daran,
dass ich eines Tages komme und Dich zurückhole. Ich sehe mit viel
Angst, wie Du in ein grosses Meer hinaustreibst, aber ich will mir
ein Schiff bauen und Dich heimholen aus der Verlorenheit. Du
musst nur selbst auch etwas dazutun und es mir nicht zu schwer
machen. Die Zeit und vieles ist gegen uns, aber sie soll nicht zer­
stören dürfen, was wir aus ihr herausretten wollen.
Schreib mir bald, bitte, und schreib, ob Du noch ein Wort von
mir willst, ob Du meine Zärtlichkeit und meine Liebe noch neh­
men kannst, ob Dir noch etwas helfen kann, ob Du manchmal
noch naclj mir greifst und mich verdunkelst mit dem schweren
Traum, in dem ich licht werden möchte.
Versuche es, schreib mir, frag mich, schreib Dir alles weg, was
auf Dir liegt!
Ich bin sehr bei Dir
Deine Ingeborg.

io . i Beilage
Wien, am 25. August 1949.
Liebster,
dieser Brief wird nicht leicht; fraglos und amtwortlos ist ein Jahr
vergangen, mit wenigen, aber sehr zärtlichen Grüssen, ganz klei­
nen Versuchen zu sprechen, aus denen bis heute noch nicht viel
geworden ist. Erinnerst Du Dich noch an unsere ersten Telephon­
gespräche? Wie schwer das war; mich hielt immer etwas erstickt,
ein Gefühl, das dem nicht unähnlich war, das unsere Briefe bisher
trug. Ich weiss nicht, ob Du es gleich siehst, aber ich will es einmal
annehmen.
Dein Schweigen war sicher ein andres als meines. Für mich ist es
selbstverständlich, dass wir jetzt nicht über Dich und Deine Be­
weggründe sprechen wollen. Sie sind und werden mir immer
wichtig sein, aber wenn etwas auf die Waagschale gelegt werden
soll, dann nichts, was Dich betrifft. Für mich bist Du Du, für mich
bist Du an nichts »schuld«. Du musst kein Wort sagen, aber ich
freue mich über das kleinste. Mit mir ist das anders. Ich bin wohl
Brief Nr. io - Brief Nr. IO.I 15

der Einfachere von uns beiden, und doch muss ich mich eher er­
klären, weil es für Dich schwerer zu verstehen ist.
Mein Schweigen bedeutet vor allem, dass ich die Wochen be­
halten wollte, wie sie waren, ich wollte nichts, als eben ab und zu
durch eine Karte von Dir die Bestätigung bekommen, dass ich
nicht geträumt habe, sondern alles wirklich war, [wie] es war.
Ich hatte Dich lieb gehabt, ganz unverändert, auf einer Ebene,
die »jenseits der Kastanien« war.
Dann kam der heurige Frühling und alles wurde stärker, sehn­
süchtiger und trat aus dem Glassturz hervor, unter den ich es
gestellt hatte. Viele Pläne entstanden, ich wollte nach Paris, Dich
Wiedersehen, aber ich kann Dir nicht sagen zu welchem Zweck
und Ziel. Ich weiss nicht, warum ich Dich will und wozu. Darüber
bin ich sehr froh. Ich weiss das sonst zu genau.
Es war sehr viel in diesem Jahr für mich, ich bin ein Stück
weitergekommen, ich hatte viel Arbeit, ich habe ein paar erste
Sachen weggeschrieben, mit sehr vielen Zweifeln, Hemmungen,
Hoffnungen.
Weisst Du noch, wie verzweifelt Du immer ein bisschen über
meine Offenheit in manchen Dingen warst? Ich weiss nicht, was
Du jetzt wissen willst und was nicht, aber Du wirst Dir ja denken
können, dass die Zeit seit Dir für mich nicht ohne Beziehungen zu
Männern vergangen ist. Einen Wunsch, den Du damals diesbezüg­
lich hattest, habe ich Dir erfüllt; das habe ich Dir auch noch nicht
gesagt.
Aber nichts ist zur Bindung geworden, ich bleibe nirgends lang,
ich bin unruhiger als je und will und kann niemandem etwas ver­
sprechen. Wie lange wohl unser Mai und unser Juni hinter all dem
zurückliegen, fragst Du: keinen Tag, Du Lieber! Mai und Juni ist für
mich heute abend oder morgen mittag und noch in vielen Jahren.
Du schreibst so bitter, wie merkwürdig ich mich verhalten hät­
te, als ich vor der Alternative Paris oder Amerika stand. Ich ver­
stehe Dich zu gut, und es tut mir jetzt auch sehr weh, dass das so
zu Dir gekommen ist. Was immer ich auch darauf antworte, wird
falsch sein. Vielleicht wollte ich damit nur sehen, ob Dir noch an
mir liegt, nicht überlegt, eher unbewusst. Damit wollte ich auch
nicht zwischen Dir und Amerika wählen, sondern etwas abseits
16 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

von uns. Dann kommt dazu, dass ich Dir schwer begreiflich ma­
chen kann, wie oft sich Pläne von einem Tag auf den anderen
erledigen und ein anderes Gesicht bekommen. Heute sind es Sti­
pendien, die morgen nicht mehr in Frage kommen, weil man sich
zu einem bestimmten Termin bewerben müsste, den man nicht
einhalten kann, dann fehlen Bestätigungen, die man nicht erbrin­
gen kann. Heute bin ich so weit, dass ich zwei Empfehlungen
habe, eine für ein Stipendium nach London, eine für eines nach
Paris, aber ich kann nicht sicher sagen, was daraus wird und ich
betreibe diese Ansuchen ohne einen bestimmten Gedanken, nur
in der Hoffnung, dass eines sich irgendeinmal realisiert. Ausser-
dem will mich jemand auf eine private Reise nach Paris mitneh­
men. Ich bin ziemlich sicher, dass das einmal zustande kommt,
weil es einmal schon knapp daran war. Im Augenblick bin ich
selbst das Hindernis, weil meine Schlussprüfungen für das D ok­
torat sich derart in die Länge ziehen, dass ich es nie für möglich
gehalten hätte.
Du wirst nach allem schliessen, dass ich Dir sehr fern wäre. Ich
kann Dir nur eines sagen, so unwahrscheinlich es mir selbst er­
scheint, ich bin Dir sehr nah.
Es ist eine schöne Liebe, in der ich mit Dir lebe, und nur weil ich
Angst habe, zu viel zu sagen, sage ich nicht, dass sie die schönste
ist.
Paul, ich möchte Deinen armen schönen Kopf nehmen und ihn
schütteln und ihm klarmachen, dass ich sehr viel damit sage, viel zu
viel für mich, denn Du musst doch noch wissen, wie schwer es mir
fällt, ein Wort zu finden. Ich wünsche mir, dass Du alles aus mei­
nen Zeilen herauslesen könntest, was dazwischen steht.

i i Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, io. 6. 1950

Wien, am 10. Juni 50


Lieber,
in wenigen Tagen fährt Nani Maier nach Paris, und ich werde sie
bitten, was ich schwer in einem Brief sagen kann, mit Dir zu be­
sprechen.
Brief Nr. io . i - Brief Nr. 12 17

So will ich nur viele, viele Gedanken vorausschicken und hof­


fen, daß wir bald auf ein Wasser sehen, das wieder an Indien grenzt
und an die Träume, die wir einmal geträumt haben.
Aber wenn Du nicht mehr kannst oder schon in ein nächstes
Meer getaucht bist, hol mich, mit der Hand, die man für andere frei
hat!
Ich will Dir sehr danken,
Ingeborg.

12 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 6. 9.1950

Wien, den 6. Sept. 1950.


Liebster,
nun, da unsere Freunde, Nani und Klaus, zurück sind und ich
einen Abend lang mit ihnen sprechen konnte, sehe ich erst, wie
viele Mißverständnisse sich zwischen uns gelegt haben. Glaub mir,
ich habe, zumindest bewußt, nicht die Fehler gemacht, die mich
Dir so entfernt und entfremdet haben. Ich war in den vergangenen
Wochen sehr krank; ein Nervenkollaps mit allen Begleiterschei­
nungen hat mich gelähmt und unfähig gemacht, richtig zu reagie­
ren und etwas zu entscheiden. Zudem meinte ich, - nur eines der
Mißverständnisse - daß ich nicht Dir selbst schreiben solle.
Verzeih mir, wenn Du kannst und hilf mir dennoch von hier weg­
zukommen! Magst Du versuchen, mir eine Einladung zu schicken?
Ich könnte im Oktober fahren und werde, bis dahin, auch wahr­
scheinlich genug Geld haben, um die erste Zeit in Paris zu überbrük-
ken, so daß ich Dir nicht allzu sehr zur Last fiele.
Lieber Paul, mehr zu schreiben fällt mir schwer, weil ich fühle,
daß alles erst wieder gut werden könnte, wenn ich Gelegenheit
habe, Dir gegenüberzustehen, Deine Hand zu halten und Dir alles,
alles zu erzählen.
Laß mich nicht auf Deine Antwort warten, wie immer sie auch
ausfallen mag!
Ich umarme Dich und bin mit vielen Gedanken bei Dir!
Ingeborg.
i8 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

i j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 7. 9.1950

Paris, den 7. September 1950.


Meine liebe Ingeborg,
hier ist der Brief, in dem Frau Dr. Rosenberg Dich nach Paris
einlädt: ich hoffe, er wird zur Erlangung des französischen Visums
genügen. Bitte unternimm sofort die notwendigen Schritte und laß
mich wissen, ob alles seinen normalen Verlauf nimmt. Säume
nicht, Ingeborg: wenn Du wirklich nach Paris willst, so komm
am besten gleich. Du brauchst Dir wegen Deines Hierseins keine
Sorgen zu machen, in keiner Hinsicht. Ich freue mich, daß Du
kommst, und Du wärest jetzt vielleicht schon hier, wenn Du Nanis
Brief rechtzeitig beantwortet hättest. Hoffentlich schiebt das
Konsulat die Visumsangelegenheit nicht auf die lange Bank, jeden­
falls wirst Du wohl ein wenig dahinter hersein müssen. Klaus, der
französische Verhältnisse kennt, wird Dir vielleicht den einen oder
ändern Wink geben können.
Soviel ich aus Nanis mündlichen und nun auch schriftlichen
Berichten entnehmen konnte, hast Du Kummer gehabt, Ingeborg.
Das tut mir leid. Aber ich glaube, daß Paris Dir diesen Kummer
nehmen kann: gerade diesen Kummer. Und vielleicht kann ich
Paris dabei behilflich sein. Siehst Du, ich habe lange ringen müs­
sen, ehe Paris mich richtig aufnahm und mich zu den Seinen zählte.
Du wirst nicht so allein sein wie ich, nicht so vereinsamt und
ausgestoßen wie ich es war. Denn das erste Recht, das man sich
hier erkämpft, ist gerade dieses: seine Freunde vor den Dingen zu
schützen, denen man selbst so lange schutzlos, ja ahnungslos ge­
genüberstand.
Klaus und Nani werden Dir erzählt haben, wie schön Paris ist:
ich werde froh sein, dabei zu sein, wenn Du es merkst.
Gib mir rasch Antwort. Ich umarme Dich
Paul

Viele Grüße an Klaus und Nani.


Brief Nr. 13 - Brief Nr. 15 19

14 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, nach dem 7. 9.1950

Liebster,
für Deinen lieben Brief, die Einladung und alles, was Du für mich
tust, danke ich Dir sehr, sehr. Ich habe sogleich alles in die Wege
geleitet, war am Konsulat und warte nun sehnsüchtig auf das Vi­
sum. Wann es so weit sein wird, daß ich fahren kann, weiß ich im
Augenblick noch nicht, aber ich hoffe, daß ich in der ersten O k­
toberwoche abreisen kann.
Es gibt natürlich viel zu tun vor einer so großen und entschei­
denden Reise, ich mache mir viele Sorgen, wie ich hier - und wie
weit - meine Zelte abbrechen soll. Zudem warte ich noch immer,
wie die Entscheidung über mein Buch bei S. Fischer ausfallen
wird; aber ich werde, auch ohne Nachricht von Dr. Bermann,
wegfahren, sobald ich dazu in der Lage bin. Damit ich Dir nicht
allzu erschöpft in die Arme sinke bei meiner Ankunft, will ich in
Innsbruck und Basel, je einen Tag oder eine Nacht, bei Bekannten,
bleiben, - und um ausgeruht nach Paris zu kommen. Es fällt mir
schwer, jetzt mehr zu schreiben; wir wollen uns alles aufheben für
die vielen gemeinsamen Tage, die vor uns liegen.
Sobald ich mehr weiß, die Abreise oder Ankunftszeit vor allem,
schreibe ich wieder.
Lasse bitte, unbekannterweise, Frau Dr. de Rosenberg meinen
herzlichsten Dank sagen!
Bald ganz
Deine
Ingeborg.

/ j Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 27. 9.1950

Liebster,
ich habe so große Sehnsucht nach ein wenig Geborgenheit, daß ich
beinahe Angst habe, sie bald zu finden. Du wirst viel Geduld mit
mir haben müssen - oder aber es sehr einfach mit mir haben. Ich
bin verloren, verzweifelt und verbittert und weiß, daß ich mir von
20 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Paris allein nicht die Lösung aller dieser inneren Schwierigkeiten


erwarten darf, sondern daß viel auf mich und viel auf unsere Be­
ziehung ankommen wird.
Ich freue und fürchte mich abwechselnd auf das Kommende; die
Furcht überwiegt noch. Versuche bitte, gut zu mir zu sein und
mich festzuhalten! Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener
Traum, und es gibt Dich gar nicht und Paris nicht und nur die mich
zermalmende, schreckliche, hundertköpfige Hydra Armut, die
mich nicht loslassen will.
Mein Visum soll ich am 5. Oktober abholen; hoffentlich ist es
dann wirklich fertig. Wenn dazu auch das nötige Geld einträfe,
hätte ich, nach langer Zeit, wieder Grund, glücklich zu sein.
Ich umarme Dich, Lieber, und gebe Dir bald Nachricht von
meiner Abreise!
Deine
Ingeborg.
Den 27. September 1950.

16 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, am oder nach dem


14 .10 .19 5 0

Liebe Ingeborg,
es ist halb fünf, und ich muß nun zu meinem Schüler. Es war unser
erstes Rendezvous in Paris, mein Herz klopft ganz laut, und Du
bist nicht gekommen.
Ich muß heute noch zwei Stunden geben, habe weit zu fahren
und bin erst gegen drei Viertel neun zurück.
Der Steckkontakt für Dein Bügeleisen steckt in der Lampe; sei
aber vorsichtig und schließ die Tür gut zu, damit sie im Hotel nicht
merken, daß Du bügelst. Schreibe auch Deine Briefe. Auf Briefe
warten ist schwer.
Und denk ein wenig an das, was über mich strich, als ich zu Dir
sprach.
Paul
Brief Nr. 15 - Brief Nr. 18 21

iy Paul Celan an Ingeborg Bachmann3 wohl Paris, nach dem


14 .10 .19 5 0 oder nach dem 23.2. 19 51

Liebe Inge,
ich [bin] ungefähr um i uhr 45 zurück - kannst Du bitte so lange
warten
Paul

18 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 4. 7 . 19 51

Liebster Paul,
heute abend fährt Klaus nach Paris; ich möchte ihm diesen und
noch andere, vor langer oder weniger langer Zeit geschriebene
Briefe mitgeben. Auch wenn Du keine Zeit finden solltest, mir
zu schreiben, werde ich hoffentlich bald von Klaus wissen, wie
es Dir geht.
Bitte, überlege Deiner Gedichte wegen alles genau; ich glaube,
daß es kein Fehler wäre, durch Jünger und durch Doderer etwas in
Gang zu bringen.
Nimm mir vor allem nicht übel, daß ich die wichtigsten Briefe
immer mit der Maschine geschrieben habe. Das Tippen ist mir so
zur Gewohnheit - oder viel mehr als das - geworden, daß ich
kaum mehr fähig bin, Worte, die mir am Herzen liegen, mit Tinte
aufs Papier zu malen.
Heute war ich im Institut Français; dort brachte ich in Erfah­
rung, daß ich vielleicht doch schon zum nächsten Sommerseme­
ster (Februar odet März 1952) nach Paris könne. Klaus habe ich
sehr lieb gewonnen: wir haben einander in letzter Zeit oft gesehen
und gesprochen, und es wäre schön, wenn wir vier einander nie
ganz aus den Augen verlieren würden.
In Liebe
Deine
Ingeborg.
Wien, den 4. Juli 1951.
22 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

18 .1 Beilage
März 51.
Paul, Lieber,
es ist Ostermontag, und ich bin zum ersten Mal aufgestanden,
nach einer Krankheit, die nicht sehr arg war, die mir aber sehr
wichtig war, die mir fast wunderbar zu Hilfe gekommen ist. Denn
ich wusste nicht mehr, wie ich es hier und wie ich es hier mir recht
machen sollte. Der erste Fehler war, dass ich eine Woche mein altes
Wiener Leben weiterspielte, genau so, als wäre nichts gewesen,
dann plötzlich verzweifelt und hysterisch abbrach und nicht aus
dem Haus wollte und dabei doch wusste, dass es so nicht immer
bleiben könne, und dann kam noch von aussen etwas dazu, das
sehr schlimm war und fast schlimmer als alles bisher. Dann kam
meine Schwester und dann diese Grippe. Jetzt ist es so still wie
nach den Bombenabwürfen im Krieg, wenn sich der Rauch ver­
zogen hatte und man entdeckte, dass das Haus nicht mehr stand
und nichts zu sagen wusste; was hätte man auch sagen sollen?
Morgen werde ich vielleicht schon ausgehen, eine Arbeit su­
chen. Es findet sich immer etwas. Das Telephon ist heute schon
ganz still - wie in einem heimlichen, heiteren Einverständnis.
Im Herbst komme ich vielleicht nach Paris. Es hat sich jedoch
noch nichts entschieden. Aber auch, wenn ich hierbleiben muss,
will ich nicht traurig sein. Ich habe soviel gehabt, soviel genom­
men, dass es noch lange reichen könnte; aber auch, wenn es reicht -
man kommt mit so wenigem aus. Später einmal werden wir so­
wieso nur wenig Gepäck mitnehmen dürfen, vielleicht überhaupt
keines.
Du erwartest ja nicht, dass ich heute schon etwas zu »uns« bei­
den sage, ich kann jetzt nicht gut denken, ich muss zuerst weg­
kommen von allem, nur fürchte ich, dass ich dann auch von Dir zu
weit weg sein werde.
Schreibe mir bitte zuweilen. Schreibe mir nicht zu vag, erzähle
ruhig, dass der Vorhang vor unserem Fenster schon wieder ab­
gebrannt ist und uns die Leute Zusehen von der Strasse -
Von Herzen
Deine
Ingeborg
Brief Nr. 18.1 - Brief Nr. 18.3 23

Lass die Nani innig grüssen von mir.


Milo Dor hat sich sehr gefreut.

4. Juli: Ich lege diesen Brief nur bei, - er ist einer von vielen, die
meisten sind aber schon zerdrückt - damit Du Dich ein bisschen
auskennst.

18.2 Beilage
Juni 19 51
Lieber, bitte, kann ich Deine Gedichte von Klaus haben oder
kannst Du sie mir bald schicken; ich habe jetzt endlich eine gün­
stige Verbindung mit Deutschland, noch dazu von einem Mann,
der Deine Sachen kennt und sehr dran interessiert ist. Ich will alles
versuchen und ihn sehr bearbeiten. Es müsste aber ein Manuskript
bis Mitte oder Ende August in meinen Händen sein! (Es ist der
Heimito von Doderer, vom Beck-Verlag, dem Zweitältesten Verlag
[in] Deutschland, nach Cotta, - wir haben schon lang über Dich
gesprochen).

18.3 Beilage
Wien, den 27. Juni 1951.
Lieber, lieber Paul,
in wenigen Tagen fährt Klaus nach Paris; er soll die vielen Briefe
mitnehmen, die ich Dir geschrieben habe, die falschen und die
richtigen, ich habe ilie den Mut gehabt, sie abzuschicken. Er wird
Dir am besten das Wichtigste, was es von hier zu erzählen gibt,
sagen können, auch ein wenig von dem anderen, viel Wichtigeren,
das man schwer oder überhaupt nicht sagen kann.
Ich weiss nicht, ob ich es versuchen soll.
Ich sehne mich so, so sehr nach Dir und ich bin manchmal fast
krank davon und wünsche mir nur, Dich wiederzusehen, irgend­
wo, aber nicht irgendwann, sondern bald. Aber wenn ich mir vor­
zustellen versuche, wie und was Du mir darauf antworten könn­
24 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

test, wird es sehr dunkel, es stellen sich die alten Missverständnisse


ein, die ich so gerne wegräumen möchte.
Weisst Du eigentlich noch, dass wir doch, trotz allem, sehr
glücklich miteinander waren, selbst in den schlimmsten Stunden,
wenn wir unsre schlimmsten Feinde waren?
Warum hast Du mir nie geschrieben? War Frau Jene denn noch
nicht in Paris? Warum spürst Du nicht mehr, dass ich noch zu Dir
kommen will mit meinem verrückten und wirren und wider­
spruchsvollen Herzen, das ab und zu noch immer gegen Dich ar­
beitet? - Ich fange ja langsam zu verstehen an, warum ich mich so
sehr gegen Dich gewehrt habe, warum ich vielleicht nie aufhören
werde, es zu tun. Ich_lifihfi.J3ic.h und ich will Dich nicht lieben, es
ist zuviel und zu schwer; aber ich liebe Dich vor allem - heute sage
ich es Dir, auch auf die Gefahr hin, dass Du es nicht mehr hörst
oder nicht mehr hören willst.
Vor dem Herbst kann ich aus Wien keinesfalls weg, ich habe
sehr viel Arbeit und kann es mir nicht leisten, die Stelle aufzuge­
ben, die ich angenommen habe. Dann werde ich vielleicht nach
Deutschland gehen, um mich umzusehen oder um einige Zeit dort
zu bleiben. Mein Pariser Stipendium hingegen wurde auf das Jahr
1952 verschoben. Wie ich das aushalten werde, weiss ich noch
nicht, am liebsten möchte ich, um die Zeit zu überbrücken, bis
dahin nach Amerika gehen. - Aber alle diese Pläne, von denen ich
Dir hier erzähle, sind sehr vage; es kann auch ganz anders kommen
- es könnte sein, dass ich hierbleiben muss und nichts von all dem
erreiche, was ich in diesem Jahre zu erreichen wünsche.
Lass Dir alles Liebe und alle Liebe von mir geben, die vielen
Küsse und Umarmungen, die Du nicht nehmen kannst, lass
mich einen Gedanken lang bei Dir sein...
Deine
Ingeborg
Brief Nr. 18.3 - Brief Nr. 19 25

/9 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Levallois-Perret, 7.7. /9^1

Paul Celan
p/A Dr. W. Adler
14, Villa Chaptal
Levallois-Perret
(Seine) Levallois, den 7. Juli 1951.

Meine liebe Inge,


vor einer Woche brachte mir Frau Jene Dein Päckchen, und ge­
stern kam Klaus mit einem weiteren Geschenk von Dir - vielen,
vielen Dank für all das! Herzlichen Dank auch für die Briefe: den
ersten den ebenfalls Frau Jene mir überbringen sollte, erhielt ich
noch vor Wochen, Frau Jene war so liebenswürdig gewesen, ihn
noch in Wien aufzugeben, da sie mit einem längeren Aufenthalt an
der Saar rechnete und mich nicht warten lassen wollte.
Es ist schwer, diese Briefe zu beantworten, Ingeborg, das weisst
Du, Du weisst es sogar besser als ich, weil Du die Situation, in der
wir uns nun befinden, von einer Seite her übersehen kannst, die für
ihr Entstehen massgebend (um nicht zu sagen: verantwortlich)
war. Ich will damit sagen, dass Dir die Umrisse Deiner eigenen
Person deutlicher erscheinen dürften als mir, der ich - nicht zuletzt
durch Dein allzu beharrliches Schweigen - vor Problemen stehe,
deren Lösung nur ein weiteres Problem ergibt und zwar eines von
der Art jener, die dadurch entstehen, dass man sie so lange mit Sinn
und Signifikanz speist, bis man zu guter Letzt als Absurdum vor
ihnen steht, unfähig die Frage zu stellen, wie man dahin gelangt ist.
Wäre ich unbeteiligt - wie faszinierend wäre es da, wie sinnvoll
auch, dieses doppelseitige Uber-sich-hinausgreifen zu verfolgen,
diese dialektisch potenzierte Schemenhaftigkeit unserer dennoch
mit Blut gespeisten Wirklichkeiten! Indes, ich bin b e te ilig t, Inge,
und so habe ich kein Auge für das, was Du in jener sorgfältig
durchgestrichenen, aber doch nicht bis zur Unleserlichkeit getilg­
ten Stelle in einem Deiner Briefe das »Exemplarische« unserer
Beziehung nennst. Wie sollte ich auch an mir selber Exempel sta­
tuieren? Gesichtspunkte dieser Art sind nie meine Sache gewesen,
mein Aug fällt zu, wenn es aufgefordert wird, nichts als ein Auge,
26 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

nicht aber m ein Auge zu sein. Wäre dies anders, ich schriebe keine
Gedichte.
Da, wo wir zu stehen glaubten, Inge, da reden die Gedanken
den Herzen das Wort, nicht aber umgekehrt. Daß nun aber gerade
das Gegenteil sich ereignete, kann eine Handbewegung, mag sie
auch die einzige sein, die einem ein schwerer Augenblick noch
zugesteht, nicht ungeschehen machen. Nichts ist wiederholbar,
die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist
furchtbar zu wissen, wann und für wie lange.
Es ist schwer, Dir, gerade D ir vor Augen zu halten, was längst
zu Deinen eigensten Beständen gehört, - aber sag, hältst Du es
denn für richtiger, durch ein leichthin in die Ferne geflüstertes
Wort die Welt noch undurchdringlicher zu machen, als sie ohnehin
schon ist?
Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass Du das Geschehene als
das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht
widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahr­
heitsgetreues Erinnern. Dazu - und nicht nur dazu - brauchst Du
Ruhe, Ingeborg, Ruhe und Gewissheit, und ich glaube, Du er­
reichst sie am besten, wenn Du sie bei Dir und nicht bei ändern
suchst. Es ist Dir ein Stipendium in Aussicht gestellt worden, Inge,
arbeite also diesem Stipendium entgegen und versuche nicht, die
Zeit, die Dich von Paris noch trennt, durch eine Reise nach Ame­
rika zu überbrücken. Warum auch Amerika? Kommt es denn
wirklich darauf an, gerade da Erfahrungen zu sammeln, wo man
sie so gern am Erfolg misst?
Du hast bisher mehr vom Leben gehabt, Inge, als die meisten
Deiner Altersgenossen. Keine der Türen ist Dir verschlossen ge­
blieben, und immer wieder tut sich Dir eine neue Tür auf. Du hast
keinen Grund, ungeduldig zu sein, Ingeborg, und wenn ich eine
Bitte äussern darf, so ist es gerade diese: denk, wie rasch alles Dir
zu Gebote steht. Und sei nun ein wenig sparsamer mit Deinen
Ansprüchen.
Du hast auch mehr Freunde, mehr Menschen, die um Dich
bemüht sind, als wir ändern. Vielleicht zu viele. Oder vielmehr:
zu viele, die zu wissen glauben, wohin Dein Weg führt. Wo sie
doch wissen müßten, daß ihr eigener Weg, der von ihnen bereits
Brief Nr. 19 27

beschrittene, sie keineswegs dazu berechtigt, Übersichten von der


Art zu gewinnen, die nottut, wenn man Freunde beraten will. Ich
habe das Gefühl - und dieses Gefühl wird mir von mehreren Seiten
bestätigt -, daß 'man in Wien nur in den allerseltensten Fällen
wirklich auch das ist, was man zu repräsentieren vorgibt. Ich will
damit sagen, daß viele der Menschen, die in Wien den Ton ange­
ben, in den meisten Fällen ein verschanztes Ohr haben und einen
vorlauten Mund. Diese Feststellung, Du kannst es mir glauben,
macht mich ebenso bitter wie Dich, denn ich hänge an Wien, trotz
allem. Ich sage Dir all das, weil ich Dich vor einem gewissen Erfolg
warnen möchte: er kann nur sehr kurzlebig sein, und Menschen,
die wie Du im Schweren beheimatet sind, sollten ihn zu umgehen
wissen.
Aber nun genug der guten Ratschläge! Ein Wort noch: Du
weißt, ein wie schweres Erlebnis hinter ihnen steht.
Von mir ist nicht viel zu berichten. Ich werde jetzt etwa sechs
Wochen bei Bekannten wohnen, an der Peripherie der Stadt, in
einem kleinen Häuschen, aus dessen Fenstern man auf drei Lin­
denbäume hinausblickt. Kein Straßenlärm, keine bummelnden
Studenten, keine Amerikaner, die »Paris by night« erleben ...
und eine Schreibmaschine. Ich habe wieder ein paar Apollinaire-
Gedichte übersetzt, vielleicht bringt sie der >Merkur<.
Für Deine Bemühungen um meine Gedichte danke ich Dir be­
sonders. Ich erinnere mich sehr gut an Heimito von Doderer -
kannst Du mir seine Adresse schicken? Hattest Du Gelegenheit,
Hilde Spiel zu sehen? Sie hat meine im Almanach veröffentlichten
Gedichte in der Münchner >Neuen Zeit< auf das liebenswürdigste
besprochen - ich hätte ihr so gern persönlich gedankt. Ist Dir
bekannt, ob sie nach Paris kommt?
Liebe Inge, ich schließe nun. Ich schließe mit der Bitte, mir öfter
und regelmäßig zu schreiben.
Alles Liebe und Schöne!
Paul
28 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

20 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, iy. 7.19 5 1

Wien, den 17. Juli 19 51


Lieber Paul,
es macht mich sehr froh, Deinen Brief in den Händen zu halten,
und ich hoffe, dass wir damit in ein Gespräch gekommen sind, an
dem uns - verzeih, wenn ich das, trotz allem, annehme - vielleicht
beiden liegt. Was Du auf das Intimste meiner Briefe zu antworten
hast, weht mich sehr kühl an, aber ich verstehe und respektiere
Dich zu sehr, um Bitterkeit in mir aufkommen zu lassen, und ich
will versuchen, dort fortzufahren, wo Du aus dem allzu Vagen und
dem »in die Ferne Geflüsterten« Feststellbares herausgeschält
hast, über das sich sprechen lässt.
Ich muss mich wohl etwas unklar ausgedrückt haben, wenn Du
annehmen konntest, dass ich an ein »ungeschehen-machen-Kön-
nen« glaube, und ich bin heute, ganz in Deinem Sinne, für das
wahrheitsgetreue Erinnern. In einem Winkel meines Herzens
bin ich jedoch eine romantische Person geblieben; das mag Schuld
daran tragen, dass ich mir etwas, in wenn auch unbewusster Un­
redlichkeit, verschönt zurückbringen wollte, was ich einmal, weil
es mir nicht schön genug schien, fallen liess.
Deinen Ratschlägen stehe ich ein wenig hilflos gegenüber; was
Du von einer Amerikareise hältst - die übrigens kaum Zustande­
kommen dürfte - erschiene mir sehr wichtig, aber ich weiss eben
nicht, wie weit Klaus Dir die Voraussetzungen dazu auseinander­
legen konnte - ich denke jedenfalls nicht daran, in Amerika Erfah­
rungen zu sammeln, meine Einstellung diesem Land gegenüber
dürfte sich sehr mit der Deinen decken, ich erwarte mir nichts
davon, als die Gelegenheit, mein Englisch zu verbessern. Das hat
man mir hier nahegelegt, und man würde mir den Weg ebnen,
wenn meine Kenntnisse dann der »Firma« zugute kämen, bei
der ich hier beschäftigt bin - zudem würde sich eine Besserstellung
finanziell günstig auswirken. Gerade in dieser Beziehung habe ich
es hier sehr schwer, und ich weiss eigentlich nicht, was ich mehr
fürchten soll: meine Stelle zu verlieren, denn damit muss man
immer rechnen, oder sie zu behalten. Das Leben in Österreich
ist in diesem letzten Jahr um so vieles härter, um so vieles hoff-
Brief Nr. 20 29

nungsloser geworden, dass man sehr viel Mut braucht, um sich,


jeden Tag von neuem, hineinzufinden. Was Du daher meine Er­
folge nennst, denen Du immer - und ich heute eigentlich nicht
weniger - skeptisch gegenübergestanden bist, ist mir sehr fragwür­
dig geworden, dass ich mich fragen muss, worum man mich be­
neidet. Versteh mich recht, ich will mich nicht bemitleiden und
nicht bemitleidet werden - ich möchte es nur klarstellen. Dass ich
Ansprüche stelle, vielleicht zu hohe, mag ich mir nicht übel neh­
men, das stimmt von all dem, was Du mir vorwirfst, auch dass ich
ungeduldig und unzufrieden bin, aber meine Unruhe treibt mich,
dessen bin ich gewiss, nicht Wegen zu, auf denen man sich verliert.
Ich war einige Male daran, mich gegen mich zu entscheiden, und es
ist möglich, dass ich noch einmal und immer wieder zu wählen
haben werde zwischen mir und etwas sehr Klarem, das immer mit
mir gewesen ist, zwischen einem Menschen, der es sich leicht ma­
chen will, der Bequemlichkeit sucht, gefallsüchtig ist und noch
vieles mehr, und zwischen dem anderen, von dem und durch das
ich wirklich lebe und von dem ich, zuletzt, um nichts in der Welt -
ich kann es nur so banal sagen - lassen werde.
Wien ist - wie vielleicht kein anderer Ort - ein Boden für Halb­
heiten, und man muss sich wirklich hüten, geistig nicht auszurut­
schen; aber hier kommt mir, das klingt paradox, gerade jetzt mein
seltsamer Beruf zu Hilfe (der Ausdruck »job« wäre wirklich bes­
ser am Platz), der es mir so deutlich macht, was ich mit der we­
nigen Zeit, die mir bleibt, zu tun habe, wie sparsam ich sein muss,
und das planlose Ausgeben, zu dem man manchmal verleitet wird,
reduziert sich gleichsam von selbst auf Weniges, auf Wichtiges.
Von Hilde Spiel weiss ich im Augenblick wenig, sie war im
April in Wien und ist vor wenigen Wochen bestimmt noch in
London gewesen - das konnte ich einer deutsch-englischen Zeit­
schrift entnehmen, die ein Interview mit ihr brachte. Ihre Adresse
ist Mrs. H. Spiel de Mendelssohn, 20, Wimbledon Close, London
SW 20.
Heimito von Doderer bleibt noch den ganzen August in Öster­
reich, er fährt heute auf das Land, will aber jede Woche nach Wien
kommen und nach Post und dergl. sehen. Seine Adresse ist: Wien
VIII., Buchfeldgasse 6.
3° Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich wünsche Dir viel Schönes für die stillen Wochen in Leval-
lois. Hast Du Gelegenheit, Nani und Klaus zu sehen? Und kehrst
Du dann wieder in die Rue des Ecoles zurück?
Du schreibst gar nicht, ob Du Deinen Plan, nach Österreich zu
kommen, fallen gelassen hast. Unlängst sind in der Wiener Sezes­
sion Gedichte von Dir gelesen worden. Ich habe das Gefühl, dass
Dein Name hier immer weitere Kreise zieht.
Schreib mir, bitte, auch, ob ich Deine Gedichte, die Klaus mir
überlassen hat, an Doderer weitergeben soll, oder ob Du selbst sie
ihm schicken willst.
Ich bleibe den Sommer über in Wien, vielleicht kann ich fünf
Tage Urlaub bekommen und meine Schwester in St. Wolfgang
besuchen. Du kannst mir also immer in die Gottfried Kellergasse
schreiben - bitte tu es!
Ingeborg

2 i Ingeborg Bachmann an Paul Celan, St. Wolfgang, 30. 8 .19 5 1

St. Wolf gang, den 30. August.


Lieber Paul,
hoffentlich hast Du meinen Brief diesmal bekommen; ich habe,
damals, die Adresse verwendet, die Du auf das Kouvert geschrie­
ben hattest, und erst später entdeckte ich die vollständigere im
Brief selbst.
Inzwischen bin ich ins Salzkammergut gefahren. Mein Urlaub
ist sehr kurz, eine Woche lang nur, aber ich bin nicht traurig, denn
die Tage sind so schön, und in Wien erwartet mich eine neue,
bessere Arbeit, die zwar viel von mir verlangen wird, aber in jeder
Beziehung zufriedenstellender ist als die bisherige. Ich werde,
ziemlich selbständig, im Sender Rot-Weiss-Rot die wissenschaft­
lichen Sendungen einrichten und im sogenannten Script Depart­
ment an den Hörspielen mitpfuschen; immerhin könnte das einer
Berufsausbildung gleichkommen, und, soweit man überhaupt an
Sicherung denken darf, mir die Jahre bis zu meiner Rückkehr an
die Universität sichern.
Brief Nr. 20 - Brief Nr. 2i 3i

Obwohl ich nun mit der eigentlichen literarischen Abteilung


nichts zu tun habe, möchte ich Dich fragen, ob ich aus Deinen
neuen Gedichten, die mir Klaus gab, eine Sendung zusammenstel­
len darf. Ich habe mit Dr. Schönwiese (Salzburg) schon gespro­
chen, der sie dann in seine Abteilung übernehmen würde. Von dort
würden sie dann wieder ins Studio nach Wien zurückgehen und
gesendet werden. (Ob ich allerdings Edith Mill als Sprecherin be­
komme, weiss ich nicht.)
Klaus hat mich, von Millstatt kommend, sogleich besucht; ich
war sehr glücklich drüber, denn ich habe ihn sehr lieb gewonnen,
und wenn nun auch noch Nani da sein wird, ist mir weniger bang
vor dem Niemandsland Wien.
Das Pariser Stipendium wird von all den Neuerungen nicht
berührt, ich werde, wahrscheinlich, Ende September und Anfang
Oktober erfahren, ob die Entscheidung auf mich gefallen ist.
Lieber Paul, wenn ich mich heute nach meinen Wünschen frage,
meinen wirklichen Wünschen, dann zögre ich, mir Antwort zu
geben, ja vielleicht bin ich sogar zur Einsicht gekommen, dass es
uns nicht zusteht zu wünschen, dass wir nur ein gewisses Pensum
an Arbeit zu erledigen haben, dass, was wir immer tun, ohne Wir­
kung ist, dass man dennoch zwischen acht Uhr früh und sechs Uhr
abends so tun muss, als sei es wichtig, auf ein Blatt Papier einen
Beistrich oder einen Doppelpunkt zu setzen.
Um aber nochmals auf die Wünsche zurückzukommen - weil
nicht nur ich mir etwas wünsche, sondern auch andere; glaubst Du,
dass es Dir möglich wäre, im kommenden Winter, zu Weihnachten
etwa, nach Oesterreich zu kommen? Du müsstest Dir für die Zeit
Deines Hierseins keine Sorgen machen, Du sollst einmal ausspan-
nen, Dich als Gast fühlen, zu Hause fühlen. Lass jede Empfind­
lichkeit still sein, ich sage das nicht nur von mir aus, sondern auch
im Namen von Klaus, von Nani, von noch einigen anderen, die sich
sehr wünschen, Dich hier zu haben, ich spreche ein »bisserl«, so
hoffe ich, für Oesterreich, das seine Verpflichtungen Dir gegen­
über noch nicht eingelöst hat, und ich spreche zu Dir als dem
Dichter und Menschen, der mir, nach allem, noch geblieben ist.
Mit Grüssen und vielen Gedanken!
Ingeborg
32 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

22 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, London, io. 9. 19 51

) - 10 .9 .5 1
Liebe Inge, Dein zweiter Brief erreicht mich in London, wo ich
noch zwei Tage bleibe (dann ist meine Adresse wieder die alte: 31
rue des Ecoles). Ich freue mich über Deine Erfolge und danke Dir
herzlich für Deine so lieben Bemühungen um die Gedichte. Ich
schreibe Dir ausführlich aus Paris.
Alles Schöne!
Paul

2 j Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 2 5 .9 .19 5 1, nicht


abgesandt
Wien, den 25. September 1951
Lieber Paul, ^
dieser Tage will ich Dir den Ring zurückschicken, den Du mir im
vergangenen Jahr gegeben hast; ich weiss nur noch nicht, ob ich
[ihn] ohne weiteres der Post anvertrauen kann oder ob ich zuwar­
ten muss, bis jemand nach Paris fährt. Sobald ich mich erkundigt
habe, will ich Dir schreiben, ob ich den ersten, einfacheren Weg
wählen kann.
Ich muss vorausschicken, dass ich jetzt endlich Gelegenheit
hatte, Nani einmal allein zu sehen; es kam also Verschiedenes
zur Sprache, Verschiedenes, an dem mir lag, es zu wissen.
Dein Wunsch, den Ring wieder haben zu wollen, war mir dabei
weniger überraschend, als die Erinnerungen, die Du damit verbin­
dest. Ich hätte sehr wohl verstanden, dass Dir viel dran liegt, dieses
Andenken an Deine Familie zu behalten und ich hätte allein des­
wegen nicht einen Augenblick gezögert, ihn Dir wiederzugeben,
ich hätte es gewiss nicht missverstanden und mich daher auch
nicht gekränkt.
Nun aber musste ich aus Nanis, wenngleich überaus taktvollen
Andeutungen entnehmen, dass entweder Dich oder mich die Er­
innerung an die Voraussetzungen dieses »Geschenkes« getrübt ha­
ben. Der Verdacht, den Du in Deinem Herzen - und wohl auch
Brief Nr. 22 - Brief Nr. 23 33

gegen Nani - dabei gegen mich aussprichst, scheint mir so unge­


heuerlich, das ich jetzt, zwei Tage, nachdem ich es erfahren habe,
mich noch zusammennehmen muss, einen klaren Gedanken zu
fassen und die Bitterkeit und Verzweiflung nicht zu zeigen, die
über mir zusammenschlagen will.
Paul, glaubst Du denn wirklich, dass ich diesen Ring, dessen
Geschichte ich kannte - und dass mir diese Geschichte heilig ist,
hast Du mir in den vielen Vorwürfen, die Du mir gemacht hast,
nicht machen können - aus einer Laune, weil ich ihn gesehen und
er mir gefallen hätte, an mich genommen haben könnte? Ich will
mich nicht vor Dir rechtfertigen, ich will auch nicht recht haben,
denn es geht hier nicht um Dich und um mich, mir jedenfalls nicht
- sondern nur darum, ob das wofür ich stehe vor dem, für das
dieser Ring steht, bestehen kann. Und ich habe Dir nichts zu
sagen, als dass mein Gewissen vor den Toten, die diesen Ring
getragen haben, besteht. Ich habe ihn als Geschenk von Dir ge­
nommen und getragen oder verwahrt, immer in dem Wissen um
die Bedeutung.
Heute verstehe ich vieles besser: ich weiss, dass Du mich ver­
abscheust und dass Du mir zutiefst misstraust, und ich bedaure
Dich - denn ich habe zu Deinem Misstrauen keinen Zugang - und
werde es nie verstehen - ich bedaure Dich, weil Du, um eine Ent­
täuschung zu verwinden, den anderen, der Dir diese Enttäuschung
gebracht hat, so sehr vor Dir und den anderen zerstören musst.
Dass ich Dich dennoch liebe, ist seitdem meine Sache geworden.
Ich werde jedenfalls nicht, wie Du, trachten, auf die eine oder
andre Weise, mit dem einen oder anderen Vorwurf, mit Dir fertig
zu werden, Dich zu vergessen oder Dich fortzustossen aus mei­
nem Herzen; ich weiss heute, dass ich vielleicht nie damit fertig
werde und doch nichts von meinem Stolz einbüssen werde, wie
Du einmal stolz sein wirst, Deine Gedanken an mich zur Ruhe
gebracht zu haben, wie die Gedanken an etwas sehr Böses.

Vergiss bitte nicht, mir wegen Deiner Gedichte zu schreiben; ich


möchte nicht, dass unsere anderen Abmachungen unter unseren
persönlichen Rencontres leiden.
34 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

24 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 4 .10 .19 5 1

Lieber Paul,
heute habe ich mit Dr. Schönwiese gesprochen; ich habe mit Klaus
Gedichte ausgewählt und will sie in den nächsten Tagen nach
Salzburg schicken. Natürlich wird die Sendung noch auf sich war­
ten lassen.
»Wort und Wahrheit« hat zwei Gedichte von Dir gebracht,
»Wie sich die Zeit verzweigt__ « und »So schlafe, und mein
A u g __ « - das Heft ist nur leider noch nicht erschienen - ich habe
nur die Fahnen, die ich wieder zurückgeben muß. Sobald es aus­
geliefert wird, bekommst Du ein Exemplar.
Mit vielen lieben Grüßen
Ingeborg.
Wien, den 4. Oktober 51.

Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 3 0 .10 .19 5 1

31, rue des Ecoles


Paris, den 30. Oktober 1951
Meine liebe Inge,
dieses Leben scheint nun einmal aus Versaeumnissen gemacht, und
man tut vielleicht besser daran, nicht allzu lange an diesen herum-
zuraetseln, sonst will kein Wort von der Stelle. Briefe, die es unter­
nahmen, traten unter dem krampfhaft weitertastenden Finger zu-
rueck in den Bereich, dem sie entrissen werden sollten. So stehe ich
nun tief in Deiner Schuld, und jenes Breve aus London - alles, was
Deinen Briefen, Geschenken, Bemuehungen gegenuebersteht -
flattert mir im Kopf herum. Verzeih also und lass uns endlich
zueinander sprechen.
Ich moechte ein wenig berichten, Meldung machen - das ist
wohl am deutlichsten. In London: Beruhigung, Haeuslichkeit,
Gaerten und Buecher, hin und wieder ein Gang durch die Stadt.
An Begegnungen keine ausser der mit Erich Fried, erfrischend,
belebend durch Herzlichkeit und Waerme. Eine fraglos sehr deut­
Brief Nr. 24 - Brief Nr. 25 35

liehe, starke dichterische Begabung. Von den uebrigen Ablegern


des »geistigen Wien« sah ich nur Hans Flesch, den E.F. an dem
Abend, da ich bei ihm Gedichte vorlas, zu sich gebeten hatte.
Hilde Spiel habe ich leider nicht gesehen, sie war zu jenem Zeit­
punkt noch in Oesterreich. Ich liess bei Erich Fried ein Manu­
skript zurueck, das seit einigen-Tagen bei Frau Spiel sein duerfte.
(Ein paar Zeilen von ihr lassen darauf schliessen.)
Schwieriges Wiedersehn mit Paris: Zimmer- und Menschen­
suche - beides enttaeuschend. Beschwatzte Einsamkeiten, zer­
schmolzene Schneelandschaft, der Oeffentlichkeit zugefluesterte
Privatgeheimnisse. Kurzum, ein erheiterndes Spiel mit Dueste-
rem, natuerlich im Dienste der Literatur. Manchmal kommt einem
das Gedicht vor wie eir^e Maske, die es nur darum gibt, weil die
_ anderen dann und wann ein Ding brauchen, hinter dem sie ihre
heiliggesprochenenen Alltagsfratzen verbergen koennen.
Nun aber genug der Laesterworte - diese Erde soll ja auch nicht
runder werden, und in Paris sind auch in diesem Herbst die K a­
stanien zum zweitenmal aufgeblueht.
Liebe Inge, ich habe Dir und Klaus zu danken fuer die Veroef-
fentlichung der beiden Gedichte in »Wort und Wahrheit«"') - viel­
leicht erreichen sie auch auf diesem Wege irgendein Ohr, das nicht
verschanzt ist. Es wird Dich sicherlich freuen zu hören, dass nun
auch die Berliner Zeitschrift »Das Lot« ein paar Gedichte von mir
angenommen hat; sie werden in der naechsten, im Februar erschei­
nenden Nummer abgedruckt. Ausserdem soll einiges von mir ins
Schwedische uebersetzt werden. Hoffentlich dann auch mal ins
Deutsche.
Merkst D u’s? ich gebaerde mich, ich wandre die Haeuser ab in
der ganzen Gegend, ich renne hinter mir her... Wenn ich nur
wirklich wuesste, wieviel es jetzt geschlagen hat! Aber lag er
denn wirklich vor meiner Tuer, der Stein den ich mich fortzu-
waelzen bemuehe? Ach, das Wort kommt doch nur durch die
Luefte und kommt - ich fuerchte es wieder - im Schlaf.
Ich weiss nicht, Inge, ob Klaus Dir die beiden Gedichte gezeigt
hat, die ich ihm letztens geschickt habe. Hier ist ein neues, »letz­
teres«, hoffentlich nicht allerletztes. (Guter Gott, wenn du doch
mit Worten weniger geizen wolltest!)
3^ Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Und Du, Inge? Arbeitest Du? Sag mir doch etwas darueber, ja?
Und Deine Plaene? Ich mache mir Gewissensbisse, weil ich Dir in
meinem Brief aus Levallois von Deiner beabsichtigten Uebersee-
reise abriet - ich nehme nun alles zurueck, mein Urteil war damals
sehr oberflaechlich.
Lass mich alles wissen, was mitteilbar ist, und darueber hinaus
vielleicht manchmal eines von den leiseren Worten, die sich ein­
finden, wenn man allein ist und nur in die Ferne sprechen kann.
Ich tue dann dasselbe.
Das Lichteste dieser Stunde!
Paul

*) Mais il les [a] bien publiés entre parenthèses, ce cher Hansen-


L ö v e ...

Beilage: Gedicht »Wasser und Feuer«.

26 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 1 0 .1 1 . - 1 6 .12 .19 5 1

Wien, den 10. November 1951


Liebster Paul,
Dein Brief hat mir solche Freude gemacht, mehr als Du Dir den­
ken kannst, ja ich frage mich, ob Du mir je so nah warst, wie in
diesen Tagen - weil Du, zum ersten Mal in einem Brief, wirklich zu
mir gekommen bist. Missversteh mein Frohsein nicht, denn ich
höre wohl das viele Bittere heraus - mich macht nur froh, dass Du
mir davon schreiben konntest.
Ich verstehe Dich, ich kann mit Dir fühlen, weil ich nur bestä­
tigt finde, was mir mein eigenes Gefühl sagt. Die Nichtigkeit der
Bestrebungen - sind es überhaupt welche? - um uns, der Kultur­
betrieb, in dem ich jetzt selbst mitspiele, all dies widerwärtige
Treiben, die dummdreisten Gespräche, die Gefallsüchtigkeit,
das grossgeschriebene Heute - es wird mir von Tag zu Tag frem­
der, ich stehe mitten drin, und so ist es nur noch gespenstischer,
die anderen wohlig turbulieren zu sehen.
Brief Nr. 25 - Brief Nr. 26 37

Ich weiss nicht, ob Du spürst, dass ich niemand habe ausser Dir,
der meinen Glauben an das »Andere« befestigt, dass meine Ge­
danken Dich immer suchen, nicht nur als den liebsten Menschen,
den ich habe, sondern auch als den, der, selbst verloren, die Stel­
lung hält, in der wir uns verschanzt haben.
Zuerst will ich Dir Antwort geben: ich freue mich über die
Publikationen Deiner Gedichte; Du darfst Dich nur wirklich nicht
bedanken für »Wort und Wahrheit« - ja, Du sollst mir überhaupt
nicht danken, nie, denn in solchen Augenblicken drückt mich eine
tiefempfundene, wenn auch nicht näher bezeichenbare Schuld Dir
gegenüber um so mehr. Es wäre schön, wenn Du mit Hilde de
Mendelssohn Kontakt bekämst; ich hab sie sehr gern und schätze
sie bis zu einem gewissen Grad auch. — Und nun will ich ein
wenig von mir erzählen, es wird ein sehr banaler Bericht, und Du
musst mir glauben, dass mein Denken und Tun sich nicht ganz in
dem erschöpft, was ich nach aussenhin mache.
Du weisst ja schon, dass ich eine Stelle im Sender Rot-Weiss-
Rot habe als »Script Writer Editor«; ich sitze in einem Zimmer mit
zwei anderen Männern und zwei Sekretärinnen; mit diesen beiden
Männern bearbeite ich Theaterstücke für das Radio, daneben habe
ich ab und zu selbst einmal ein eigenes Hörspiel zu schreiben, die
wöchentliche Filmkritik zu verfassen, unzählige, fast durchwegs
schlechte Manuskripte zu lesen und zu begutachten. Was ich zu­
standebringe ist nicht immer schlecht, für Oesterreich ist es sogar
ziemlich gewagt, was wir unseren Hörern vorsetzen, von Eliot bis
Anouilh, aber wir haben merkwürdigerweise sogar Erfolg damit.
Du wirst mir vielleicht übel nehmen, dass ich auf eine erschrek-
kende Weise »tüchtig« bin, ich habe einigen Erfolg gehabt und mir
eine ganz schöne Position schaffen können, in kurzer Zeit, und
obwohl es mich in vieler Hinsicht nicht befriedigt, mache ich
meine Arbeit ganz gerne und ich bin froh, dass ich arbeiten kann.
Ich habe mir vorgenommen - aber ich weiss nicht, ob sich das
durchführen lassen wird - nur ein Jahr hier zu bleiben und dann
nach Deutschland zu gehen, zu einem deutschen Sender - wenn
ich das Handwerkliche einmal ganz beherrsche. Ich bin durch
einen Zufall zum Sender gekommen und bisher wäre es mir nicht
in den Sinn gekommen, diese Arbeit zum Beruf zu wählen, aber
38 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

nun, da ich sehe, dass man mir eine Chance gibt, und nicht die
schlechteste, wenn man bedenkt, dass es sehr schwer ist, heute einen
einigermassen ordentlichen Beruf zu ergreifen, möchte ich sie fast
nützen. Ich möchte Dich nun fragen, was Du davon hältst, denn ich
denke, so merkwürdig Dir das erscheinen mag, dabei an »uns«.
Lieber Paul, ich weiss, dass Du mich heute nicht mehr liebst,
dass Du nicht mehr daran denkst, mich zu Dir zu nehmen - und
doch kann ich nicht anders, als noch zu hoffen, als zu arbeiten, mit
der Hoffnung für ein gemeinsames Leben mit Dir einen Boden zu
bereiten, der uns eine gewisse finanzielle Sicherheit bietet, der es
uns, da oder dort möglich macht, neu anzufangen.
Versprechen, Beteuerungen geben will und kann ich nicht mehr.
Ich suche vielmehr nach einem Beweis, ganz gleich, ob Du ihn
annimmst oder nicht; vielleicht ist das in Deinen Augen sogar
ein falscher und schlechter Beweis. Aber ich bin zur Ueberzeu-
gung gekommen, dass ich »diese« Seite des Lebens besser »leisten«
kann, dass ich, wenn ich vorgebe, Dich zu lieben, ihn leisten kön­
nen muss.
Dass Du nicht hier bist, macht mir alles leichter und schwerer
zugleich. Ich sehne mich auf eine schmerzliche Art nach Dir und
bin doch manchmal froh, dass ich jetzt keine Gelegenheit habe, zu
Dir zu gehen; ich muss noch sicherer werden, ich muss für Dich
sicherer werden.
Gib mir keine Antwort - es sei denn, Du müsstest sie von Dir
selbst aus geben - auf diese Zeilen meines Briefes. Schreib mir nur
überhaupt, schreib mir, damit ich Dich weiss und damit ich nicht
so allein bin mit den schnellen flüchtigen Tagen und Geschehnis­
sen, den vielen Menschen, der vielen Arbeit.
Eben waren Nani und Klaus bei mir. Nani hat ein Zimmer in der
Nähe des Hauptzollamtes gefunden und ist sehr froh darüber. Die
zwei Gedichte, die Du Klaus geschickt hast, kenne ich, ich habe sie
zu den anderen gelegt. Heute schreibe ich für Klaus »Wasser und
Feuer« ab, damit Dus ihm nicht schicken musst.
Zu diesem Gedicht: es ist völlig neu und überraschend für mich,
es ist mir, als wäre ein Assoziationszwang durchbrochen worden
und eine neue Tür aufgegangen. Es ist vielleicht Dein schönstes
Gedicht, und ich habe keine Angst, dass es ein »allerletztes« ist.
Brief Nr. 2 6 - Brief Nr. 26.1 39

Ich bin unsagbar glücklich darüber und in Deine dunkle Zeit hin­
ein voll Hoffnung für Dich. Du hast mir oft vorgeworfen, dass ich
keine Beziehung zu Deinen Gedichten hätte. Ich bitte Dich sehr,
diesen Gedanken aufzugeben - und das sage ich nicht dieses einen
Gedichtes wegen, sondern auch für die anderen. Ich lebe und atme
manchmal nur durch sie.
Nimm meine besten Wünsche und - wenn ich ein Wort von Dir
missbrauchen darf - »denk, dass ich war, was ich bin«!
Ingeborg

Lieber, ich schicke heute mit gleicher Post ein Päckchen für Weih­
nachten ab; es soll Dir ein wenig Freude machen. Nimm alle, alle
Wünsche für den Heiligen Abend, und versuche zu denken, dass
ich sehr an Dich denke.
Nani und Klaus warten schon sehr auf Nachricht von Dir.
16. Dez. 19 51

26.1 Beilage
Wien, den 3. November 1951
Lieber Paul,
ich warte schon so ungeduldig auf Nachricht von Dir, weniger
weil ich wissen moechte, ob Fraeulein Wagner bei Dir war, als
weil es nun schon immer spaeter im Jahr wird und Weihnachten
naeher rueckt. Sooft ich mit Nani und Klaus zusammentreffe,
besprechen wir Deine Weihnachtsreise nach Wien, ohne aber zu
wissen, ob Du wirklich kommen willst und kannst.
Ich weiss nicht, ob ich Dir sehr Zureden soll zu kommen; ich
freilich wuensche es mir von ganzem Herzen, denn ich haette Dir
so viel zu sagen. Einem Brief mag ich mich nicht anvertrauen, weil
meine Briefe immer Missverstaendnisse nach Paris getragen ha­
ben. Ich waere, wenn Du nicht kaemst, zu Weihnachten zu Dir
gekommen, nur weiss ich jetzt schon, dass ich nur zwei Tage frei
haben werde, und das ist wirklich zu wenig Zeit fuer eine Reise
nach Paris.
Nun zu was andrem: Du wirst zur Fruehjahrstagung der deut­
40 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

sehen Gruppe 47 eingeladen, sie wird irgendwo in Westdeutsch­


land stattfinden. Milo Dor wird Dir demnaechst Genaueres dar-
ueber schreiben. Es ist moeglich, dass ich auch komme, wenn die
Zeit mit meinem Urlaub zusammenfaellt, den ich ungefaehr im
April oder Mai nehmen kann. Die Gruppe 47 vergibt zwei Preise,
einen 2000 DM und einen 1000 DM Preis. Abgesehen davon wird
es sehr wichtig fuer Dich sein, weil die ganze deutsche Presse ein­
geladen ist, die Literaturleute der deutschen Sender etc., die sofort
die besten Erzaehlungen, Gedichte etc. kaufen.
Mir geht es, abgesehen davon, dass ich staendig ueberarbeitet
bin, recht gut, ich komme kaum dazu, nachzudenken, was werden
soll, ich weiss nur, dass ich zumindest ein Jahr lang auf dieser Stelle
aushalten will und muss, dass mir diese »Berufsausbildung« gut
tut. Dann moechte ich freilich wieder nach Paris - nicht nach
Amerika, nicht nach England - das spuere ich jetzt ganz genau,
dass mir nur Frankreich etwas zu sagen hat, ja dass ich, wenn es
irgendeine Moeglichkeit gaebe, dort zu leben, nirgends anders
leben moechte.

27 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 2 6 .1.19 5 2

Wien, den 26. Jaenner 1952


Mein lieber Paul,
so lange schon habe ich keine Nachricht von Dir. Ich weiss weder,
ob Du meinen Brief und das Paeckchen erhalten hast, noch ob Du
nach Oesterreich kommen wirst. Aber das soll kein Vorwurf sein.
Ich bin nur in Sorge - ich weiss so gar nicht, wie es Dir geht und
»wo« Du bist.
Vor allem will ich Dir eins schreiben: Ende April kann ich mei­
nen ersten Urlaub nehmen. Es werden zwar nur 14 Tage oder drei
Wochen sein, aber ich moechte unbedingt zu Dir und nach Dir
sehen. Hellers wuerden mich wieder aufnehmen. Aber Du sollst
wissen, dass ich Deinetwegen komme.
Schreib mir bald, bitte - es muss ja kein langer Brief sein. Gib
nur endlich ein Lebenszeichen! - Und ich waere froh, wenn Du
Dich ueber mein Kommen ein wenig freuen koenntest.
Brief Nr. 26.1 - Brief Nr. 28 4i

Ich habe, nach wie vor, sehr viel Arbeit, schoene und unbefrie­
digende, und ich komme kaum zum Atemholen. Die Tage fliegen,
und es ist schwer, das Bewusstsein vom Bestaendigen wachzuhal­
ten. Dennoch weiss ich immer und zu jeder Stunde davon, und zu
diesem Bestaendigen gehoerst Du. Denn nichts kann daran etwas
aendern, dass ein Teil von mir immer bei Dir ist und ein Teil von
Dir immer bei mir.
Ingeborg

28 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 16 .2 .19 5 2

16. 2.1952
Liebe Ingeborg,
nur weil es mir so schwer faellt, Deinen Brief zu beantworten,
schreibe ich erst heute. Dies ist nicht mein erster Brief an Dich
seitdem ich eine Antwort suche, aber hoffentlich ist es diesmal der
Brief, den ich auch abschicke.
Was ich mich zu sagen entschliesse, ist dies: Lass uns nicht mehr
von Dingen sprechen die unwiederbringlich sind, Inge - sie be­
wirken nur, dass die Wunde wieder aufbricht, sie beschwoeren bei
mir Zorn und Unmut herauf, sie scheuchen das Vergangene auf -
und dieses Vergangene schien mir so oft ein Vergehen, Du weisst
es, ich habe es Dich fuehlen, ja wissen lassen sie tauchen die
Dinge in ein Dunkel, ueber dem man lange hocken muss, um sie
wieder hervorzuholen, die Freundschaft weigert sich hartnaeckig
rettend auf den Plan zu treten, - Du siehst, es geschieht das Gegen­
teil von dem, was Du wuenschst, Du schaffst, mit ein paar Worten,
die die Zeit in nicht gerade kleinen Abstaenden vor Dich hinstreut,
Undeutlichkeiten, mit denen ich nun wieder ebenso schonungslos
ins Gericht gehen muss wie seinerzeit mit Dir selber.
Nein, lass uns nicht mehr am Unwiederbringlichen herumraet-
seln, Ingeborg. Und bitte komm iticht meinetwegen nach Paris!
Wir wuerden einander nur wehtun, Du mir und ich Dir - was
haette das fuer einen Sinn, sag?
Wir wissen genug voneinander, um uns bewusst zu machen,
dass nur die Freundschaft zwischen uns moeglich bleibt. Das A n­
dere ist unrettbar verloren.
42 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Wenn Du mir schreibst, so weiss ich, dass Dir etwas an dieser


Freundschaft liegt.

Zwei Fragen noch: Dr. Schoenwiese hat wohl nicht mehr die A b ­
sicht, eine Sendung meiner Gedichte zu machen? Milo hat mir
nicht geschrieben, also wird auch aus der Einladung nach
Deutschland wohl nichts?
Von Hilde Spiel hatte ich vor etwa zwei Monaten einen netten
Brief, das ist bisher alles; sie hat meinen Brief, in dem ich anfragte,
ob Aussichten auf einen Verleger bestuenden, nicht beantwortet.
Ich kranke sehr an dieser Geschichte mit den Gedichten, aber
niemand hilft. Tant pis.

Lass bald wieder von Dir hoeren, Inge. Ich freue mich immer,
wenn Du schreibst. Ich freue mich wirklich
Paul

Das Paeckchen habe ich leider nicht bekommen; es muss verloren­


gegangen sein.

29 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 2 1.2 .19 5 2

21. Feber 1952


Lieber Paul,
gestern erhielt ich Deinen Brief vom 16. - ich danke Dir. Verzeih,
dass ich dennoch ein paar Fragen an Dich richte, und es kann Dir
nicht schwer fallen, sie zu beantworten, wenn Du an die Moeg-
lichkeit einer Freundschaft zwischen uns glaubst.
Ich will Dich also nicht vor neue Probleme stellen und Dir zu­
muten, unsere Beziehung dort aufzunehmen, wo wir sie fallen ge­
lassen haben; ich werde nicht Deinetwegen nach Paris kommen.
Aber es koennte sein, dass ich trotzdem komme, frueher oder spae-
ter, - mein Beruf kann das leicht mit sich bringen. Und ich moechte
Dich, damit es zu keinen Missverstaendnissen kommt, fragen, ob
Du wissen willst, wann ich komme, ob Du mich, zum Beispiel,
Brief Nr. 28 - Brief Nr. 29 43

abholen willst in diesem Fall, oder nicht? Ob es Dir unangenehm


ist, mich wiederzusehen? Sei nicht boese, wenn ich so frage, aber
Dein Brief hat mich sehr unsicher gemacht, ich verstehe Dich und
ich verstehe Dich nicht; es ist mir immer bewusst, wie schwierig
alles war, - Dein Abscheu und Dein »Zorn« ist begreiflich -w a s ich
nicht verstehe, und das muss ich einmal sagen - ist diese schreck­
liche Unversoehnlichkeit, das »niemals vergeben und niemals ver­
gessen«, das fuerchterliche Misstrauen, das Du mich fuehlen laesst.
Als ich gestern Deinen Brief, wieder und wieder, las, war mir sehr
elend zumute, alles scheint mir sehr sinnlos und vergeblich, mein
Bemuehen, mein Leben, meine Arbeit. Vergiss nicht, dass die
»Undeutlichkeiten«, mit denen Du ins Gericht gehst, eine Folge
davon sind, dass ich ins Leere spreche. Ich habe keine Moeglichkeit
mehr, gutzumachen, und das ist das Schlimmste, was einem wider­
fahren kann. Meine Situation wird immer gespenstischer. Ich habe
alles auf eine Karte gesetzt und ich habe verloren. Was mit mir
weiter geschieht, hat wenig Interesse fuer mich. Ich kann, seit ich
aus Paris zurueck bin, nicht mehr leben, wie ich frueher gelebt habe,
ich habe das Experimentieren verlernt, ich will auch nicht mehr, ich
will ueberhaupt nichts mehr. Fuerchte auch nicht, dass ich noch
einmal davon zu sprechen beginne - ich meine vom Vergangenen.
Lass uns von anderen Dingen reden: Schoenwiese wird Deine
Gedichte bringen - er kommt naechste Woche nach Wien, und ich
bin sicher, dass bei den Besprechungen zwischen seinem und un­
serem Studio auch dieser »Punkt« positiv erledigt wird. Die Ver-
zoegerungen haben nichts mit Dir oder uns zu tun, sondern liegen
in sehr aeusserlichen Schwierigkeiten. Der Sender hat gerade eine
grosse Krise hinter sich, es ist einiges anders geworden - und all die
Zeit ueber gab es soviel Probleme technischer Art, die bei einem
grossen Betrieb ins Gewicht fallen, dass die eigentliche Arbeit sehr
vernachlaessigt wurde. Trauriger hingegen ist, dass Hilde Spiel
nichts von sich hoeren laesst. Aber lass Dich nicht entmutigen!
Es darf Dich nicht beruehren.
Versuch, bitte, Dir bewusst zu halten, dass wir - Nani, Klaus,
ich und viele andre - sehr an Dich denken, und dass eines Tages
doch einer von uns die Haende frei haben und genug Einfluss
gewinnen wird, um alles zum Besseren zu wenden.
Ingeborg
44 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

29./ Beilage

Ich habe den letzten Absatz abgetrennt,


weil Dein Brief inzwischen eintraf.
Wien, den 19. Feber 52.
Lieber Paul
gestern las Klaus im Art-Club Deine Gedichte. Ich konnte zwar
nicht dabei sein, weil ich nicht so frueh aus dem Sender Weggehen
kann, aber ich traf Nani und Klaus nach der Lesung. Wir sassen
noch eine Weile beisammen und tranken ein Glas Wein auf Dich.
Rund um uns war es ein bisschen wie Paris, und auch die Men­
schen sahen fast so aus wie die im Deux Magots. Aber das alles ist
ja nicht so wichtig, denn die Paris-Atmosphaere brachten uns ja
Deine Gedichte, oder der Glanz, der von ihnen zurueckblieb, und
wir ueberlegten, was Du wohl zur selben Zeit in Paris gemacht
haben koenntest. Vielleicht ist auch in Paris Schnee gefallen, wie
hier, und vielleicht hast Du Sehnsucht nach Oesterreich gehabt
und auch an uns gedacht. Vielleicht hast Du einen kleinen Schnee­
ball von Deinem Balkon geworfen, und wir haben ihn aufgefan­
gen.
Nach Deinen Gedichten soll es sehr still geworden sein, und es
wurde zugehoert, so gut, wie Du Dir es nur wuenschen kannst.
Ich habe fuer Dich aus der letzten Zeit Kritiken gesammelt, ich
lege sie aber nicht bei, sondern bringe sie selbst mit. Im Mai - denn
ich werde wirklich in den allerersten Maitagen fahren koennen.
Auch hat mir Klaus erzaehlt, er wisse von jemand, dass Du Dir die
Nietzsche-Gesamtausgabe wuenschst. Wir werden versuchen, ei­
ne zu finden, es wird nicht von heute auf morgen gehen, aber ich
habe einige Hoffnung, sie bei meinem Buchhaendler noch vor
meiner Abreise zu bekommen. Steht auch der Lichtenberg noch
auf dem Wunschzettel??
Im Kosmostheater las Hans Thimig - uebrigens ganz aus­
gezeichnet - drei Gedichte. Die »Todesfuge«, »Wer sein Herz — «
und »So schlafe...«
Das Geld hat Klaus behoben.
Brief Nr. 29.1 - Brief Nr. 30 45

jo Inge borg Bachmann an Paul Celan, Wien, 4. /9/2

Lieber Paul,
in diesen Tagen wirst Du wahrscheinlich schon die Einladung der
Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart zur Tagung der Gruppe 47 in
Hamburg bekommen haben. Ich bin sehr froh, dass es nun endlich
so weit ist. Milo Dor, der eben wieder zurückgekommen ist, hat
mich gleich davon verständigt - ich habe vor seiner Abreise alles
mit ihm besprochen. Ich kann ihn aber erst morgen oder über­
morgen ausführlich sprechen, weil ich im Augenblick wieder so
viel Arbeit habe, dass ich kaum vor Mitternacht aus dem Sender
komme. Aber ich bin zum ersten Mal nach langer Zeit wieder voll
Hoffnung. Es muss sich jetzt alles zum Besseren wenden. Auch
spüre ich, wie hier Dein Name von Monat zu Monat weitere
Kreise zieht, dass er für sehr viele schon ein ganz festümrissener
Begriff geworden ist.
Ich möchte manchmal, ganz schnell, auf einen Augenblick, zu
Dir kommen und Dir sagen: hab Geduld, hab noch ein wenig
Geduld - aber ich weiss, wie schwer alles schon geworden ist
und wie fragwürdig, und dass Du schon lang, viel zu lang gewartet
und gewartet hast. Aber hab doch noch Geduld, trotz allem!
Klaus ist augenblicklich in Griechenland und kommt nach
Ostern zurück; Nani ist nach Kärnten gefahren - ja, ich sollte auch
fahren, wenigstens auf ein paar Tage, weil meine Schwester zu
Ostern heiratet, aber es sieht wieder einmal so aus, als käme ich
nicht weg. Schon zu Weihnachten war es so - nur bin ich diesmal
etwas verdrossener, weil ich solche Sehnsucht nach dem Land habe
und meine Eltern Wiedersehen möchte. Zudem waren die letzten
Monate besonders anstrengend. Nani behauptet, ich wär5 »ein
Schatten« geworden, aber so arg ist es nicht, obgleich etwas Wah­
res dran ist, in einem anderen Sinn. - Ich habe ein Theaterstück
von Thomas Wolfe übersetzt, das hier im Radio seine Ursendung
erlebt hat; dann habe ich selbst ein Hörspiel geschrieben, das jetzt
auch von Radio Brüssel und in der Schweiz gespielt werden soll.
Der Erfolg hat mir Freude gemacht, aber alles geht so schnell vor­
bei, ist blass und flüchtig, und es bleibt nur das Gefühl grösser
Müdigkeit und Abgespanntheit.
46 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Eins wird Dich freuen: ich habe unlängst Hermen von Kleeborn
kennengelernt. Ich finde sie besonders lieb und menschlich, und
wir waren beide sehr glücklich, über Dich sprechen zu können. Sie
hat schon lange keine Nachricht von Dir. Könntest Du ihr nicht
einmal schreiben?
Lieber Paul, darf ich Dich bitten, mir diesmal bald zu schreiben.
Ich möchte unbedingt wissen, ob und wann Du nach Deutschland
fahren wirst. Wenn ich Dir helfen könnte - so weit es in meiner
Kraft steht - das Organisatorische und Reisetechnische dieser Rei­
se zu erleichtern, musst Du mir’s sagen. Milo Dor ist ja guten
Willens, aber ein wenig unverlässlich.
Vor ein paar Tagen war ich mit Prof. Fiechtner von der »Furche«
beisammen. Das Gespräch kam auf Dich, und er hat gleich be­
schlossen, Deinen Gedichten - voraussichtlich im Sommer - eine
Spalte einzuräumen. Der arme Mann ist wirklich ausserordentlich
mutig und versucht seit einiger Zeit, in dieser erzkonservativen
Zeitschrift einen neuen Weg einzuschlagen. So hat er in einer der
letzten Nummern einige Benns placieren können, ohne seine Stelle
zu verlieren.
Ich könnte Dir noch mehr erzählen, aber es ist schon sehr spät,
und die Augen fallen mir zu - und einiges will ich mir noch auf-
heben, um Dich eines Tages damit überraschen zu können.
Jeden Abend bitte ich Gott, Dich zu beschützen.
Ingeborg
Wien, den 8. April 1952.

3 1 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 6. j. 79^2


6. V. 52
Lieber Paul,
wenn ich nicht krank wäre, hätte ich Dir schon früher geschrieben,
- so musste ich Klaus bitten, Dir ein paar Zeilen zu schreiben.
Aber heute konnte ich endlich Genaueres in Erfahrung bringen,
und so will ich nicht zögern, Dir Nachricht zu geben:
Die Einladungen von Hans Werner Richter dürften später ab­
gegangen sein, als ich vermutete, denn auch Ilse Aichinger hat erst
Brief Nr. 30 - Brief Nr. 31 47

gestern eine Karte von ihm erhalten. Die Tagung findet vom 2$. bis
25. Mai statt, und zwar in Hamburg; der Ort der Tagung selbst ist
noch nicht bekannt. Doch stellt der Nordwestdeutsche Rundfunk
einen Autobus zur Verfügung, der die Teilnehmer in München,
Stuttgart und Frankfurt abholt. Dieser Autobus fährt Donnerstag
d. 22. in München ab, kommt also im Lauf des Tages nach Stuttgart
und zuletzt nach Frankfurt - von dort geht es dann direkt nach
Hamburg. Solltest Du nicht in München einsteigen wollen, son­
dern in einer der zwei anderen Städte, so müsstest Du Dich in
Stuttgart rechtzeitig an die Deutsche Verlagsanstalt und in Frank­
furt an den S. Fischer-Verlag, Falkensteinerstrasse 24, wenden, die
genau wissen, wann der Autobus im Laufe des Donnerstags
durchfährt und wo er Halt macht.
Diese reisetechnischen Dinge kann ich Dir aber in ein paar
Tagen - Hans Werner Richter kommt nämlich nach Wien - noch
detaillierter schreiben.
Das Reisegeld nach München, bezw. Stuttgart oder Frankfurt -
wirst Du rechtzeitig bekommen. Von dort weg bist Du Gast des
Nordwestdeutschen Rundfunks und der Deutschen Verlagsan­
stalt. A uf der Karte steht zwar, dass Unterkunft und Verpflegung
für die Dauer der Tagung von den Teilnehmern selbst getragen
werden müssen - da das aber bisher nie der Fall war, brauchst
Du Dich darum nicht kümmern.
Zudem wirst Du ja Milo Dor unter den Mitreisenden finden,
der Dir in all den organisatorischen Dingen besser zur Seite stehen
kann als irgend jemand andrer.
Du müsstest jetzt nur wirklich schreiben, ob Du überhaupt
fahren willst und zwar mir, weil ich bis Mitte Mai sehr gut noch
alles in Ordnung bringen könnte, was von Deutschland aus »ver­
schlampt« worden ist.
Zwillingers waren in Wien; ich habe sie zweimal gesehen. Wahr­
scheinlich werden sie Dich schon angerufen und Dir Grüsse von
mir bestellt haben.
Sei nicht böse, dass es nur ein sachlicher Brief geworden ist. Ich
erwarte jetzt ungeduldig ein Lebenszeichen von Dir.
Nimm alle meine Hoffnungen für die kommende Zeit!
Ingeborg
48 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Hansen-Löve kommt am 1 5. Mai - nach Paris. Er will demnächst


wieder Gedichte von Dir in »Wort u. Wahrheit« bringen.

32 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 9. j. 1952, mit einer


undatierten Postkarte von Hans Werner Richter und Milo Dor
an Paul Celan

Lieber Paul,
es ist schon furchtbar spät, aber ich muss Dir noch schnell schrei­
ben: Hans Werner Richter ist überraschend nach Wien gekommen.
Ich habe sogleich mit ihm gesprochen. Leider habe ich mit meinen
stillen Befürchtungen Recht behalten. Die Einladung an Dich ist
nicht abgegangen - keineswegs aus Gründen, sondern infolge
schlechter Organisation. Richter hat nun diese Karte an Dich ge­
schrieben, die ich an mich genommen habe, damit sie auch tatsäch­
lich aufgegeben wird; sie ist herzlicher gemeint, als sie sich liest,
und ich bin wirklich der Überzeugung, dass Du fahren solltest.
Bitte schreibe sofort an Ernst Schnabel, den Intendanten des
NWDR, dass Richter Dich, von Wien aus, auf die Liste der Teil­
nehmer gesetzt hätte, damit man in Hamburg auch rechtzeitig
Bescheid weiss. Selbst wenn die Zeit knapp wird, fahr einfach
direkt nach Hamburg, es sei denn, dass ich Dir nochmals andere
Direktiven geben müsste. Denn der Autobus von München nach
Hamburg soll schon überbelegt sein. Versuch also bitte, am 22.
abends oder spätestens am 23. beim Nordwestdeutschen Rund­
funk in Hamburg zu sein (Hamburg 13, Rothenbaum-Chaussee
132-34). Die Tagung selbst dauert zwar nur zwei bis drei Tage,
aber Du bist dann noch ein paar Tage Gast des NWDR. Um Unter­
kunft und Verpflegung musst Du Dich bestimmt nicht kümmern.
Ebensowenig um die Rückreise! Nun handelt sichs also nur dar­
um, die Reise nach Hamburg zu finanzieren: Klaus, Nani und ich
haben nun beschlossen, da wir doch keine Zeit mehr haben, uns
mit Dir zu besprechen, Deine österreichischen Honorare Hansen-
Löve, der am 15. oder 16. Mai nach Paris kommt, mitzugeben oder
auf irgendeine andere Art rechtzeitig an Dich weiterzuleiten. Du
Brief Nr. 31 - Brief Nr. 32.1 49

wirst trotzdem bald wieder etwas Geld in Wien haben, da Wort


und Wahrheit, die Furche und Rot-Weiss-Rot demnächst wieder
Gedichte von Dir bringen werden. Noch eins: Jeder Teilnehmer
kann eine halbe Stunde aus unveröffentlichten Sachen, Lyrik oder
Prosa, lesen. Trotzdem rate ich Dir, diese halbe [Stunde] nicht ganz
auszunützen, sondern nur ca. 20 Minuten in Anspruch zu nehmen.
Und lies unbedingt die »Todesfuge« - trotz allem - denn ich glau­
be, die Gruppe 47 ein wenig zu kennen.
Und nimm, bitte, alle Manuskripte mit.
Ich hoffe zuversichtlich, dass alles gut geht; freilich kann ich
nicht dafür einstehen, dass Dein Aufenthalt sich so auswirken
wird, wie wirs alle wünschen. Verzeih, ich bin so müde und nur
bemüht, Dir alles möglichst genau zu explizieren. Ich glaube, Du
kannst diese Informationen als endgültige ansehen.
Eine gute Reise und allen, allen Erfolg!
Ingeborg
Wien, den 9. Mai 1952

3^ i

Sehr geehrter H err Celan,


ich würde mich freuen, wenn Sie an der Tagung der »Gruppe 47«
teilnehmen würden. Die Tagung findet in Hamburg vom 23.-25.
Mai statt. D er 22. Mai ist der Anreisetag. Falls Sie kommen, mel­
den Sie sich bitte beim Nordwestdeutschen Rundfunk, Büro Ernst
Schnabel (Intendant). Sie erfahren dort alles Nähere.
Herzlichen Gruss
Hans Werner Richter

Lieber Paul! Ich hoffe, daß Du kommen wirst. Du brauchst Dich


nicht viel um die Aufenthaltskosten zu kümmern, kratz um das
G eld fü r die Reise und komme.
Herzlich
Dein
Milo
5° Ingeborg Bachmann - Paul Celan

33 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, io. 7.19 52

Wien, den 10. Juli 1952.


Lieber Paul,
jetzt will ich nicht mehr länger auf einen Brief von Dir warten.
Aber versuch, mir bald zu schreiben, bitte, denn ich möchte doch
sehr gerne wissen, wie es Dir geht! Von München aus bin ich auch
noch nach Stuttgart gefahren und habe dort Dr. Koch gesprochen,
der sehr unglücklich über Deine Absage war. Er hatte schon eine
Lesung für Dich arrangiert, die wahrscheinlich sehr wichtig ge­
wesen wäre. Dingeldey, der Direktor der Verlagsanstalt wollte
Dich kennenlernen. Du musst unbedingt Koch schreiben, damit
diese Übersetzungen und vielleicht der Gedichtband zustande
kommen. Vergiss auch nicht, dass die Frankfurter Hefte - der
Verlag - sehr daran interessiert sind.
Und vor allem: Schicke Rowohlt sogleich das Manuskript. Ich
habe meines natürlich nicht abgeschickt, weil ich nicht will, dass
man uns noch einmal gegeneinander »ausspielt« und sich Nien­
dorf wiederholt. Es war nicht meine Schuld, und Du hast es mir
angelastet - wie würdest Du mich jetzt verurteilen? Versteh also,
dass ich das Manuskript nicht abschicken kann. Ich werde R o­
wohlt in diesen Tagen endgültig abschreiben.
Nani und Klaus habe ich wiedergesehen. Es ist mir sehr schwer
gefallen, ihnen von Dir zu erzählen und von «diesen Tagen in
Deutschland, um so mehr als ich nicht weiss, wie Du heute dazu
stehst, nachdem Du Distanz gewonnen hast. Selbst mir ist noch
nicht klar geworden, warum es zu all den Spannungen gekommen
ist. Ich sehe nur deutlich, dass unser erstes Gespräch all meine
Hoffnungen und Bemühungen des vergangenen Jahres zunichte
gemacht hat, dass Du mich besser verletzen konntest, als ich Dich
je verletzte. Ich weiss nicht, ob es Dir bis heute bewusst geworden
ist, was Du mir gesagt hast, zu einem Zeitpunkt, wo ich ganz
entschlossen war, zu Dir zu kommen, Dich wiederzugewinnen,
mit Dir in den »Urwald« zu gehen, in welcher Form immer, und
ich verstehe nur nicht, warum Du ein paar Stunden oder Tage
später, nachdem ich schon wusste, dass Du zu jemand anderem
gehst, mir vorwerfen konntest, dass ich in diesem deutschen »Ur­
Brief Nr. 33 - Brief Nr. 34 S1

wald« nicht bei Dir gewesen sei. Sag mir, wie kann ich bei Dir sein,
wenn Du schon längst von mir gegangen bist. Mir wird so kalt bei
dem Gedanken, dass das schon lang geschehen ist und ich es nicht
gefühlt habe, dass ich so ahnungslos war.
Aber ich will es mit dieser Freundschaft versuchen, zu der Du
Dich entschlossen hast. Sie wird noch* lang nicht frei sein von
Verwirrung, so wenig wie Deine Freundschaft für mich davon frei
sein kann.
Und so bin ich auch jetzt mit ganzem Herzen bei Dir.
Ingeborg.

Nani ist bitterböse,"' weil ich das Manuskript nicht zurückge­


bracht, sondern Dir gegeben habe. Bitte schick uns bald eines.
Überdies brauche ich dringend für eine Sendung und für die
»Furche« die letzten Gedichte, ungefähr zehn bis zwölf. Prof.
Fiechtner hat mich eben wieder angerufen und danach gefragt.
»Wasser und Feuer« und »Mache mich bitter« sollen darunter sein,
ja?

* Sie hat mir wirklich schlimme Vorwürfe gemacht!

34 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 24. 7.19 52

Wien, den 24. Juli 1952.


Lieber Paul,
Du müsstest doch wissen, wie zermürbend es ist, auf Post zu war­
ten. Kannst Du mir wirklich nicht schreiben? Ich habe vielleicht
keinen sehr klugen Brief geschrieben, aber ich kann in einer Situa­
tion, die für mich immer dunkler und bedrückender wird, keine
Distanz wahren zu dem, was mich bedrückt. Das ist ein Sommer
ohne Ende, und ich frage mich, was werden soll nach all dem.
Einen Augenblick lang dachte ich - weil Nani und Klaus das
vermuteten - Du würdest nach Graz kommen, aber wenn mich
mein Gefühl nicht betrügt, wirst Du es nicht tun. Allerdings hoffe
ich, dass Du Hansen-Löves Einladung nach Wien annehmen wirst.
52 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Das Österreichische College hat die Absicht, Dich per Flugzeug


kommen zu lassen. (Du weisst, dass Du das machen kannst?!) Nur
wirst Du diese Einladung für Oktober erst im Herbst, nach Han­
sens Rückkehr aus Amerika, bekommen.
M.D. erzählt mir, dass die Frankfurter Hefte und die Deutsche
Verlagsanstalt mit Dir verhandeln; er rechnet damit, dass Deine
Gedichte in der DVA erscheinen werden. Was ist wahr davon, was
trägt sich tatsächlich zu?
Ich will Ende August oder Anfang September, in meinem U r­
laub, mit meiner Schwester nach Italien fahren, nur auf ein paar
Tage, aber ich freue mich eigentlich nur mehr, weil sie sich so sehr
freut, einmal aus Kärnten herauszukommen.
In Wien ists totenstill, das ist noch das Beste hier, aber die
Entfremdung zwischen mir und der Stadt lässt sich durch nichts
mehr erklären. Im August könnte ich nach Paris fahren, zu einem
Kongress, aber Du wirst verstehen, dass ich keine Lust habe mit
irgendwelchen Leuten herumzusitzen und Dinge mitzumachen,
die mich nichts angehen. Das käme mir wie ein Verrat an Paris
vor. Ich will ein andermal allein kommen.
Du weisst, dass ich nicht mehr hier bleiben will und mich in
Deutschland mit dem Gedanken getragen habe, nach Hamburg
oder ans Meer zu gehen, aber ich habe nicht den Mut, auf eine
Veränderung hinzuarbeiten, und das wäre notwendig. Ich lasse alle
Bälle fallen, die man mir zuwirft, und so werde ich wohl bleiben
müssen. Diesen Zustand der Hilflosigkeit und der Schwäche emp­
finde ich ebenso wohltuend wie schrecklich. Aber auch das ist
schlecht gesagt und trifft den Grund meiner Haltung nicht ganz.
Ich versuche ein wenig zu schreiben; es geht mühsamer und
schlechter als früher. Habe ich Dich nicht einmal gefragt, ob ich
Dir etwas schicken darf? Vielleicht kannst Du mir dabei helfen.
Aber wichtiger ist mir ein Brief, in dem Du von Dir erzählst,
auch ohne Antwort auf meinen. Ich kann es schon ertragen, über­
gangen zu werden.
Schreib mir, bitte!
Ingeborg
ly ie f Nr. 34 - Rcief Nr. 36
li

35 Ingeborg Bachmann an Paul Getan{ Wien, 15. 8.1952 (?)

Lieber Paul,
könntest Du nicht, bitte, doch Deijie Gedichte schicken? Die
»Furche« und der Sender brauchen sie dringend! Es genügt, wenn
Du einen Band für Klaus und Nani zusammenstellst - so wie den
alten - ich werde dann die verlangten Gedichte abschreiben und
Nani und Klaus den Band zurückgeben.
Ingeborg
Wien, d. 15. August.

36 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Positano, 16. 9.1952

Positano, 16. IX. 52.


Lieber Paul,
vielleicht ist in diesen Tagen ein Brief von Dir nach Wien gekom­
men - und ich bin nicht dort.
Ich bin mit meiner Schwester nach Italien gefahren und habe
mir eigentlich von dieser Reise viel erwartet; ich habe gehofft, daß
sie mich auf andre Gedanken bringen wird, daß sie mich leichter
machen wird, daß der Druck der letzten Monate von mir weichen
wird. Aber es ist eher schlimmer geworden. Das Land macht mich
krank, und ich will früher zurückfahren, als ich’s vorgesehen hatte.
Eigentlich wollte ich Dir anfangs schreiben und Dich fragen, ob
Du hierherkommen kannst. Aber dann war ich zu überzeugt da­
von, daß Du keinesfalls kommen würdest. Jetzt ist es zu spät, und
das Jahr wird schnell zu Ende gehen, mit der gewohnten Arbeit in
Wien und ohne Änderungen. Ich denke wieder viel an Paris, aber
da ich weiß, wie wenig Du mein Kommen wünschst, stelle ich es
immer wieder zurück. Ich fürchte das Vergangene dort und ich
fürchte, dort noch einsamer zu sein als hier und zu Hause.
Versuche doch, wenn Du es nicht schon getan hast, mir wieder
zu schreiben.
Ingeborg
/
54 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

J 7 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in »Mohn und


Gedächtnis«3 Paris, 79 j j

Für Ingeborg,
ein Krüglein Bläue

Paul
Paris, März 1953.

38 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wzen, 29. 6. 79JJ

Wien, den 29. Juni 1953.

Verzeih, daß ich erst heute für die Gedichte danke. Ich fand den
Mut nicht.
Jetzt erzählen mir Nani und Klaus viel von Paris, und es scheint
mir nicht mehr so schwer, diesen Brief zu schreiben.
Im August gehe ich von Wien weg, nach Italien, und ich werde
nicht mehr zurückgehen.
Es tut mir jetzt leid, daß ich im Mai nicht kam.
Für mich sind die Gedichte das Kostbarste, was ich mitnehme.
Ich wünsche Dir alles Glück, und ich weiß, daß es jetzt zu Dir
kommen wird.
Ingeborg

39 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 18. 7 . 1953

Wien, den 18. Juli 1953.


Lieber Paul,
Nani und Klaus erzählten mir, dass Du eine Anthologie österrei­
chischer Lyrik zusammenstellst. Ich schicke Dir gerne etwas, aber
fühl Dich bitte nicht verpflichtet, ein Gedicht von mir hineinzu­
nehmen. Tu es nur, wenn Du das Gefühl hast, es verantworten zu
können. Mir wird Deine Entscheidung in jedem Fall recht sein.
Brief Nr. 37 - Brief Nr. 40 55

Die einzige Bedingung ist: es muss irgendwo eine Anmerkung


stehen, dass das Gedicht dem »studio«-Band »Die gestundete
Zeit« (Frankfurter Verlagsanstalt, 1953) entnommen ist. Dort
kommen die Gedichte im September heraus.
Uber die Kärntner Adresse (Klagenfurt, Henselstrasse 26) er­
reicht mich die Post in den kommenden Monaten. Bis zum 1. A u­
gust bin ich noch in Wien.

Ich wünsche Dir einen guten Sommer.


Ingeborg

Beilagen: Gedichte »Botschaft«, »Sterne im März«, »Fall ab, Herz,


vom Baum der Zeit«, »Einem Feldherrn« und »Grosse Landschaft
bei Wien«.

40 Nani und Klaus Demus mit Ingeborg Bachmann an Paul


Celan und Gisèle Celan-Le stränge, 1. 8.195 3

[Nani Demus] 1. August 1953.


Wir sind zum Abschiednehmen beisammen - es ist Inges letzter
Tag in Wien. In einem dunkelschönen, nur »Eingeweihten« be­
kannten Ort trinken wir au f das nächste Zusammenkommen ein­
mal in Paris. [Klaus Demus] Wir wissen alle nicht, was weiter wird,
kaum ist der Stoff bekannt, aus dem es werden soll. A ber vielleicht
werden w ir sagen können, es war immer schön. Ein zeitweises
Immer, so durchsetzt von unergründlichen Orten wie dieser - ganz
fern vom Hier. Die au f den Flüssen fahren, sehen weizenweiß die
Küsten der Welt ins Bild der Nacht - Die Mauer ist jetzt ganz
schwarz, aber sie soll hell sein, wenn Du kommst. Die Gläser sind
leer, aber sie werden voll sein, wenn Du kommst.
[Nani Demus] In Treue:
Nani - Klaus - Ingeborg

[Nani Demus] Tout mon cœur à Gisèle.


!
56 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

4 1 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, San Francesco di Paola,


^ 9· 1953

San Francesco di Paola


Casa Elvira Castaldi
FO R IO dTSC H IA
(Napoli) San Francesco di Paola, Anfang
(bis zum 12. Oktober) September.

Lieber Paul,
könntest Du mir bitte recht bald schreiben, welches Gedicht Du
für Deine Anthologie nehmen willst. Die Frankfurter Verlagsan­
stalt schreibt, dass sie ein paar Manuskripte für eine andere deut­
sche Anthologie weggibt, und ich glaube, es wäre nicht gut, wenn
dort zufällig eines erschiene, das auch bei Dir abgedruckt wird.
Aber selbstverständlich lasse ich Dir die erste Wahl.
Mitte Oktober fahre ich nach Deutschland und vielleicht kann
ich auch im November kurz nach Paris kommen. Aber ich sehe
das Kommende noch nicht ganz ab. Es geht mir so gut hier, dass
ich nicht denken mag, was wird. Ich wohne in einem alten kleinen
Bauernhaus, ganz allein, in einer wilden, schönen Gegend, die
»verbranntes Meer« heisst, und manchmal wünsche ich mir, nie
mehr zurück zu müssen nach »Europa«
Ingeborg

42 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Widmung in »Die gestun­


dete Zeit«, Rom (?), Dezember 1953

Für Paul -
getauscht, um getröstet zu sein

Ingeborg
im Dezember 1953
Brief Nr. 41 - Brief N r.44 57

43 Ingeborg Bachmann mit Heimito von Doderer und Hanns


Winter an Paul Celan, Wien, 7. /. 1955

Dem Dichter; ¿/ew hier verloren haben und der sich dort ge­
winnen wird - wie wir fest glauben! - die herzlichsten Grüße!
Heimito von Doderer
7. /· 55

Herr von Winter hat mir eben soviel erzählt von dem Zusammen­
treffen in Paris. Es hat mich sehr froh gemacht! Ingeborg
Alle guten Menschen hier lieben Sie und senden Ihnen mit uns
ihren Gruss. Ich denke oft und gern an Traduttore-Traditore und
die anknüpfenden Gespräche. Herzlichst
Hanns Winter

44 Ingeborg Bachmann und Paul Celan, Gesprächsnotizen,


Wuppertal, zwischen dem 11. und dem 13 .10 .19 5 7

[Ingeborg Bachmann]
Wann fährst Du?
Und wann kommst Du wieder?

[Paul Celan]

Ich fahre heute gegen acht Uhr nach Düsseldorf.


Ich komme morgen früh wieder

Ich fahre auch sonst manchmal.


Ich kann denken: du kannst oft wiederkommen.
I
58 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, iy. io. 19$y (?)

Lies, Ingeborg, lies:

Für Dich, Ingeborg, für Dich -


Weiß und Leicht

Sicheldünen, ungezählt.

Im Windschatten, tausendfach: du.


Du und der Arm,
mit dem ich nackt zu dir hinwuchs,
Verlorne.

Die Strahlen. Sie wehn uns zuhauf.


Wir tragen den Schein, den Schmerz und den Namen.

Weiß,
was sich uns regt,
ohne Gewicht, was wir tauschen.
Weiß und Leicht: Laß es wandern.

Die Fernen, mondnah, wie wir. Sie bauen.


Sie bauen die Klippe,
an der sich das Wandernde bricht,
sie sammeln
Lichtschaum und stäubende Welle.

Das Wandernde, klippenher winkend.


Die Stirnen
winkt es heran,
die man uns lieh,
um der Spiegelung willen.

Die Stirnen.
Wir rollen mit ihnen dorthin.
Stirnengestade.
Brief Nr. 45 - Brief Nr. 47 59

Schläfst du jetzt?
Schlaf.
Meermühle geht,
eishell und ungehört,
in unsern Augen.

Weitere beigelegte Gedichte: nicht gewidmete Typoskripte von


»Nacht«, »Stilleben mit B rief und Uhr«, »Ich komm« und »Ma­
tière de Bretagne«.

46 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 18 .10 .19 5 7

R h e in u fe r
(S ch u ttk a h n II)

Wasserstunde, der Schuttkahn


fährt uns zu Abend, wir haben,
wie er, keine Eile, ein totes
Warum steht am Heck.

Geleichtert. Die Lunge, die Qualle


grüßt eine Glocke, ein brauner
Seelenfortsatz erreicht
den heiligkeitswunden Hauch.

Paris, am 18. Oktober 1957.

47 Paul Celan an Inge borg Bachmann, Paris, 2 0 .10 .19 5 7

Köln, Am H of

Herzzeit, es stehn
die Geträumten für
die Mitternachtsziffer.
/
6o Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Einiges sprach in die Stille, einiges schwieg,


einiges ging seiner Wege.
Verbannt und Verloren
waren daheim.

Ihr Dome.
Ihr Dome ungesehn,
ihr Wasser unbelauscht,
ihr Uhren tief in uns.

Paris, Quai Bourbon, Sonntag, den 20. Oktober 1957,


halb drei Uhr nachmittags -

48 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 23. 10. /9/7

am 23. Oktober 1957.


Ich kann verstehen, Ingeborg, daß Du mir nicht schreibst, nicht
schreiben kannst, nicht schreiben wirst: ich mach’s Dir ja schwer
mit meinen Briefen und Gedichten, schwerer noch als bisher.
Sag mir nur dies: soll ich Dir schreiben und Dir Gedichte schik-
ken? Soll ich für ein paar Tage nach München (oder anderswohin)
kommen?
Du mußt verstehen: anders konnte ich nicht handeln. Hätte ich
anders gehandelt, es hätte bedeutet, daß ich Dich verleugne - das
kann ich nicht.
Sei ruhig und rauch nicht zu viel!
Paul

49 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 j. 10 .19 5 7

25. X. 57.
Heute ist Poststreik, heute kann es keinen Brief von Dir geben.
In einer französischen Zeitung lese ich die Maxime: »II est in­
digne des grands cœurs de répandre le trouble qu’ils ressentent.«
Brief Nr. 47 - Brief Nr. 50

Und doch! Hier:

Zwei Stunden später:


Dies noch, es darf nicht ungesagt bleiben:
Jenes » ... Du weißt, wohin er wies« muß so ergänzt werden: Ins
Leben, Ingeborg, ins Leben.
Warum ich über all das gesprochen habe: um Dir jenes Gefühl
der Schuld zu nehmen, das in Dir wach wurde, als die Welt mir
fortsank. Um es Dir für immer zu nehmen.
Du sollst, Du mußt mir schreiben, Ingeborg.

/0 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 26.-27. /0· T957

In Mundhöhe, fühlbar:
Finstergewächs.

(Brauchst es, Licht, nicht zu suchen, bleibst


das Schneegarn, hältst
deine Beute.

Beides gilt:
Berührt und Unberührt. '
Beides spricht mit der Schuld von der Liebe,
beides will da sein und sterben.)

Blattnarben, Knoten, Gewimper.


Äugendes, tagfremd.
Schelfe, wahr und offen.

Lippe wusste. Lippe weiss.


Lippe schweigt es zu Ende.

26.-27. Oktober 1957.


6z Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 2 10. /9/7

ICH WERDE HEUTE SCHREIBEN ES IST SCHWER VERZEIH

INGEBORG

j2 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 28.-29. 10· 79J7

Montag, den 28. Oktober 1957


München

Paul,
vor zehn Tagen ist Dein erster Brief gekommen. Seither will ich
jeden Tag antworten und versäume es über dem stundenlangen
verzweifelten Sprechen mit Dir.
Welche Abkürzungen muß ich in dem Brief jetzt nehmen! Wirst
Du mich trotzdem verstehen? Wirst Du auch die Augenblicke
dazudenken, in denen ich nur die Gedichte vor Augen habe, oder
nur Dein Gesicht, oder Nous deux encore?!
Um Rat fragen kann ich niemand, das weißt Du.
Ich bin Dir dankbar, daß Du Deiner Frau alles gesagt hast, denn
es ihr »ersparen«, hieße doch, schuldiger werden, auch sie verrin­
gern. Weil sie ist, wie sie ist, und weil Du sie liebst. Aber ahnst Du,
was ihre Hinnahme und ihr Verstehen für mich bedeuten? Und für
Dich? Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen. Du wirst mir
antworten, das sei schon geschehen, sie sei auch schon verlassen.
Aber bitte, verlasse sie nicht. Muß ich es begründen?
Wenn ich an sie und das Kind denken muß - und ich werde
immer daran denken müssen - werde ich Dich nicht umarmen
können. Weiter weiß ich nichts. Die Ergänzung* sagst Du, muß
heißen »Ins Leben«. Das gilt für die Geträumten. Aber sind wir
nur die Geträumten? Und hat eine Ergänzung nicht immer statt­
gehabt, und sind wir nicht schon verzweifelt im Leben, auch jetzt,
wo wir meinen, es käme auf einen Schritt an, hinaus, hinüber, mit­
einander?
Brief Nr. 51 - Brief Nr. 52 63

Dienstag: ich weiß schon wieder nicht weiter. Bis vier Uhr früh
war ich wach und wollte mich zwingen, weiterzuschreiben, aber
ich konnte den Brief nicht mehr anrühren. Liebster Paul. Wenn Du
Ende November kommen könntest! Ich wünsche es mir. Darf ich?
Wir müssen uns jetzt sehen.
In einem Brief an die Prinzessin mußte ich gestern, um nicht
auszuweichen, ein paar Worte über Dich schreiben, »herzliche«.
Früher fiel mir das, trotz allem, leichter, weil ich so glücklich war,
Deinen Namen aussprechen oder schreiben zu können. Jetzt mei­
ne ich fast, Dich um Verzeihung bitten zu müssen, wenn ich Dei­
nen Namen nicht für mich behalte.
Aber wir wissen schon, wie es uns, unter den anderen, weiter­
ergehen wird. N ur wird es uns nicht mehr einschränken.
Als ich nach Donaueschingen kam vor einer Woche, hatte ich
plötzlich den Wunsch, alles zu sagen, alles sagen zu müssen, wie
Du es mußtest in Paris. Aber Du mußtest, und ich durfte es nicht
einmal, ich bin ja frei und in dieser Freiheit verloren. Weißt Du,
was ich damit meine? Doch das ist nur ein Gedanke aus einer
langen Gedankenkette, einer Fesselung.
Du hast mir gesagt, Du seist auf immer versöhnt mit mir, das
vergesse ich Dir nie. Muß ich jetzt denken, daß ich Dich wieder
unglücklich mache, wieder die Zerstörung bringe, für sie und
Dich, Dich und mich? Daß man so verdammt sein sollte, kann
ich nicht begreifen.
Paul, ich schicke den Brief so weg, mein Verlangen war, viel
genauer zu sein. -
Ich wollte Dir noch sagen in Köln, Dich bitten, die »Lieder auf
der Flucht« noch einmal zu lesen, in jenem Winter vor zwei Jahren
bin ich am Ende gewesen und habe die Verwerfung angenommen.
Ich habe nicht mehr gehofft, freigesprochen zu werden. Zu wel­
chem Ende?
Ingeborg
Dienstag abend:
Ich habe heute morgen geschrieben: wir müssen uns jetzt sehen.
Das ist die Ungenauigkeit, die ich schon fühlte und die Du mir
noch nachsehen sollst. Denn ich kann nicht abgehen von dem
Wort: Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen.
64 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Sag mir, ob Du es für unvereinbar hältst, daß ich mir wünsche,


Dich zu treffen und Dir das sage.

53 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 3 1. 10. - 1. 11. 19 5/

am 31. Oktober 1957.


Heute. Der Tag mit dem Brief.
Zerstörung, Ingeborg? Nein, gewiß nicht. Sondern: die Wahr­
heit. Denn dies ist ja wohl, auch hier, der Gegenbegriff: weil es der
Grundbegriff ist.

Vieles überspringend:
Ich werde nach München kommen, Ende November, gegen den
26ten.
Ins Übersprungene zurück:
Ich weiß ja nicht, was all das bedeutet, weiß nicht, wie ichs
nennen soll, Bestimmung, vielleicht, Schicksal und Auftrag, N a­
mensuche hat keinen Sinn, ich weiß, daß es so ist, für immer.
Auch mir gehts wie Dir: daß ich Deinen Namen aussprechen
und aufschreiben darf, ohne mit dem Schauer zu hadern, der mich
dabei überkommt - für mich ists, trotz allem, Beglückung.
Du weißt auch: Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich:
das Sinnliche und das Geistige. Das kann nie auseinandertreten,
Ingeborg.

Denk an >In Ägyptens Sooft ichs lese, seh ich Dich in dieses G e­
dicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die
Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst. (Darauf habe
ich wohl auch damals in Hamburg angespielt, ohne recht zu ah­
nen, wie wahr ich sprach.)
Aber das allein, das Sprechen, ists ja gar nicht, ich wollte ja auch
stumm sein mit Dir.

Eine andere Gegend im Dunkel:


Warten: ich habe auch das erwogen. Aber hieße das nicht auch
Brief Nr. 52 - Brief Nr. 53 65

darauf warten, daß das Leben uns in irgendeiner Weise entgegen­


kommt?
Uns kommt das Leben nicht entgegen, Ingeborg, darauf warten,
das wäre wohl die uns ungemäßeste Art, da zu sein.
Da sein, ja, das können und dürfen wir. Da sein - für einander.
Und wenns nur ein paar Worte sind, alla breve, ein Brief, einmal
im Monat: das Herz wird zu leben wissen.
(Und doch, eine konkrete Frage, die Du schnell beantworten
mußt: Wann fährst Du nach Tübingen, wann nach Düsseldorf?
Man hat mich ebenfalls dorthin eingeladen.)
Weißt Du, daß ich jetzt wieder sprechen (und schreiben) kann?
Ach, ich muß Dir noch viel erzählen, auch Dinge, die selbst Du
kaum ahnst.
Schreib mir.
Paul

P.S.
Seltsamerweise mußte ich, auf dem Weg in die Nationalbibliothek,
die Frankfurter Zeitung kaufen. Und auf das Gedicht stoßen, das
Du mir zusammen mit der Gestundeten Zeit schicktest, auf einem
Papierstreifen geschrieben, mit der Hand. Ich hatte es immer für
mich ausgelegt, und nun kommts wieder auf mich zu - in welchem
Zusammenhang!

1. X. 57.
Verzeih, Ingeborg, verzeih die dumme Nachschrift von gestern -
ich will vielleicht nie wieder so denken und sprechen.
Ach, ich bin so ungerecht gegen Dich gewesen, all diese Jahre,
und die Nachschrift war wohl ein Rückfall, der meiner Ratlosig­
keit zu Hilfe kommen wollte.
Ist >Köln, Am Hof< nicht ein schönes Gedicht? Hollerer, dem
ichs neulich für die Akzente gab (durfte ich das?) meinte, es sei
eines meiner schönsten. Durch Dich, Ingeborg, durch Dich. Wäre
es je gekommen, wenn Du nicht von den >Geträumten< gesprochen
hättest. Ein Wort von Dir - und ich kann leben. Und daß ich jetzt
wieder Deine Stimme im Ohr hab!
66 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

54 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 .1 1 .1 9 5 7

Allerseelen 2. XI. 57.

Was hab ich getan?


Die Nacht besamt, als könnt es
noch andere geben, nächtiger als
diese.

Vogelflug, Steinflug, tausend


beschriebene Bahnen. Blicke,
geraubt und gepflückt. Das Meer,
gekostet, vertrunken, verträumt. Eine Stunde,
seelenverfinstert. Die nächste, ein Herbstlicht,
dargebracht einem blinden
Gefühl, das des Wegs kam. Andere, viele,
ortlos und schwer aus sich selbst: erblickt und umgangen.
Findlinge, Sterne, schwarz und voll Sprache: benannt
nach gebrochenem Schwur.

Und einmal (wann? auch dies ist vergessen):


den Widerhaken gefühlt,
wo der Puls den Gegentakt wagte.

55 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, j. 1 1 .19 5 7

As Lines so Loves oblique may well


Themselves in every Angle greet:
But ours so truly Paralel,
Though infinite can never meet.

Therefore the Love which us doth bind,


But Fate so enviously debarrs,
am 5. November 1957. Is the Conjunction of the Mind,
And Opposition of the Stars.
/Andrew Marvell, The Definition of
Love S. 77./
Brief Nr. 54 - Brief Nr. 5 5 67

Eine kurze Nachricht, Ingeborg, mit der ich vielleicht Deiner Ant­
wort zuvorkomme: heute kam ein Brief aus Tübingen, man schlägt
mir die erste Dezemberwoche vor, ich werde annehmen. Die Reise
geht dann wohl zunächst über Frankfurt, wo ich bei Fischer das
Honorar für eine kleine Übersetzung, an der ich jetzt arbeite, ab­
holen will, am 29. oder 30. kann ich in München sein. Ich kann ein
paar Tage bleiben, drei oder vier, sag, ob D u s noch willst.
Gisèle weiß, daß ich zu Dir fahren will, sie ist so tapfer!
Ich werde nicht Weggehen, nein.
Und wenn Du nicht willst, daß ich von Zeit zu Zeit zu Dir kom­
me, so will ich auch das versuchen. Eines mußt Du mir aber verspre­
chen: mir zu schreiben, mir Nachricht zu geben, einmal im Monat.
Ich habe Dir gestern drei Bücher geschickt, für die neue Woh­
nung. (Es ist so ungerecht, daß ich so viele Bücher habe und Du so
wenige.) Die Geschichten des Rabbi Nachman kenne ich gar nicht,
aber es war ein wirkliches Buch, es mußte Dir gehören, und au­
ßerdem liebe ich Buber.
Kanntest Du die englische Anthologie? Vielleicht hatte ich es
schon, als Du in Paris warst - später gings mir jedenfalls verloren.
Dann, im Zug, im auseinanderfahrenden, schlug ich eine engl.
Anthologie auf, die ich in Wuppertal geschenkt bekommen hatte,
und las ein Gedicht wieder, das ich früher sehr geliebt hatte: To His
Coy Mistress. Ich habs dann in den ersten Tagen nach meiner
Rückkehr zu übersetzen versucht, es war schwer, aber schließlich
wars da, bis auf ein paar Zeilen, die ich noch ins Lot bringen muß -
dann bekommst Du’s. Lies auch die anderen Gedichte von Mar-
vell, neben Donne ist er wohl der größte. Und auch die anderen,
sie verdienend alle.

Im Allerseelen-Gedicht hat es eine Änderung gegeben; es heißt


jetzt:
Findlinge, Sterne, schwarz und voll Sprache: benannt
nach zerschwiegenem Schwur.
68 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

56 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris 7 . 1 1 .19 5 7

am 7. November 1957.
Darf ich Dir zwei Übersetzungen schicken, vor ein paar Tagen
entstanden, auf die Aufforderung meiner Wuppertaler Gastgebe­
rin (Frau Klee-Palyi) hin, die bei Limes eine französische Antho­
logie herausgibt?
Es ist nicht viel, ich weiß, aber ein paar Augenblicke werden
Deine Augen darauf ruhen.
Gestern mußte ich, da ja in ein paar Tagen übersiedelt werden
. soll, in allerlei alten Papieren kramen. Dabei stieß ich auf einen
Taschenkalender aus dem Jahre 1950. Unter dem 14. Oktober fand
ich die Eintragung: Ingeborg. Es ist der Tag, an dem Du nach Paris
kamst. Am 14. Oktober 1957 sind wir in Köln gewesen, Ingeborg.
Ihr Uhren tief in uns.
Paul

Ich habe die Lesung in Tübingen auf den 6. Dezember ansetzen


lassen, ich kann also vorher oder nachher zu Dir kommen - bitte
entscheide Du.

Beilagen: Übertragungen von Antonin Artaud, »Gebet« und G é­


rard de Nerval, »Die Cydalisen«.

57 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 7 .1 1 .1 9 5 7

Donnerstag
Diese Woche ist zu arg, und ich fürchte fast, daß mein Brief nicht
mehr fertig wird, eh sie um ist. Ich bin ganz erschöpft vor Arbeit,
Paul, verzeih mir, es ist wirklich so. Ich zittere vor Schwäche, aber
Anfang nächster Woche wird es besser! Einen Brief an Dich kann
ich nicht in zehn Minuten schreiben!
Hab Dank für alles, - Du weißt.
Ingeborg

Bis zum 1. XII. werde ich doch noch in dieser Pension sein.
Brief Nr. 56 - Brief Nr. 58 69

58 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 9 .1 1 .1 9 5 7

29 ^ rue de Montevideo
ab 20. XI.: 78 rue de Longchamp, Paris 16e
am 9. November 1957.
Ingeborg, Liebe!
Ein Brief, auch heute, ich kanns nicht lassen, obwohl ich mir sage,
daß ich mit all dem nur Verwirrung stifte, daß ich von Dingen rede,
die Du vielleicht nicht angesprochen wissen wolltest. Verzeih.
Vorgestern bin ich bei der Prinzessin gewesen, es war (wie bei
meinem ersten Besuch) gleich von Dir die Rede, ich war froh,
befreiten Herzens Deinen Namen nennen zu dürfen, die Prinzes­
sin sprach immer von >Ingeborg<, und schließlich sagte auch ich:
Ingeborg.
Du hast, wenn ich sie richtig verstanden habe, ein »Stück« (»une
pièce«) geschrieben: darf ichs lesen, kannst D u’s mir schicken?
Und dann, in meinem Überschwang, tat ich etwas, das vielleicht
weit über das hinausgriff, was ich hätte tun dürfen: die Prinzessin
sprach von den deutschen Beiträgen für das Frühjahrsheft von
B.O., und da kam mir (nicht ganz unvermittelt, ich muß es geste­
hen) der Gedanke, ihr den Vorschlag zu machen, daß wir beide,
Du und ich, die Auswahl der Texte treffen. Das war recht vorlaut,
verzeih, Du kannst ja, wie vermutlich bisher, diese Auswahl selbst
treffen, wozu brauchst Du eigentlich mich dabei? Sei nicht böse,
Ingeborg, was hier so laut wurde, war ja nur dieses Zu-Dir-Wol­
len, das plötzlich (oder auch nicht ganz so plötzlich) eine Chance
wahrzunehmen glaubte, im Unanfechtbaren, und sich diese Chan­
ce, wenigstens diese, nicht rauben lassen wollte.
Die Prinzessin war einverstanden, ich hatte sie ja überrumpelt,
aber die Entscheidung liegt bei Dir, wenn Du’s nicht willst, soll
alles wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
Botteghe Oscure: das verspricht ein wenig Dunkel und Verbor­
genheit - dürfen wir uns hier nicht die Hand reichen und ein paar
Worte tauschen?
Morgen ziehst Du in Deine neue Wohnung: darf ich bald kom­
men und mit Dir eine Lampe suchen gehen?
Paul
70 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

J9 Ingeborg Bachmann an Paul Celan} München, 1 4 .1 1 .1 9 5 7

München, den 14. November 1957

Paul, ich bin noch nicht in der neuen Wohnung - bis zum 1. D e­
zember muß ich noch warten. Die Vermieterin rief gestern an und
sagte, es sei schon ein Brief für mich dort, ein erster, aus »Monte­
video«. Jetzt eben kam er und war von Dir; der Pariser Stempel
zeigte nur mehr ein deutliches Montevideo.
Ich müßte auf so viele Briefe antworten, danken, für die herr­
lichen Bücher danken, und ich tu’s, indem ich Deinen Brief von
heute gleich beantworte, ja!?
(Trotzdem: es ist immer gut, wenn Du kommst, Ende Novem ­
ber, oder Anfang Dezember, nach Tübingen!) Bis vor Weihnachten
bleibe ich ohne Unterbrechung in München. Ich kann nicht weg­
fahren, weil ich zuviel Arbeit habe und die neue mir noch zu neu
ist.
Die pièce, von der die Prinzessin sprach, ist die englische Über­
setzung von »Zikaden«. Aber Du kennst dieses Hörspiel viel­
leicht.
Es wird sehr gut sein, wenn Du ihr hilfst; ich schrecke ja immer
etwas davor zurück, solche Entscheidungen zu treffen, aber dies­
mal, im Frühjahr, war sie ohne Hilfe, und mir lag daran, Klaus zu
B.O. zu bringen und darüber hinaus ein paar gute Namen zu
nennen. Daß ich, von allem abgesehen, die Prinzessin herzlich
verehre, wirst Du verstehen, wenn Du sie besser kennenlernst.
Ich bin nur froh darüber, daß Du sie beraten willst.
»Allerseelen« ist ein wunderbares Gedicht. Und »Köln, Am
Hof« ... Du mußt wieder schreiben, wie Du mußt. Ich habe Dir
noch nicht gesagt, daß ich in den letzten zwei drei Jahren manch­
mal Angst hatte um Deine Gedichte. Jetzt ist sie mir genommen.
Über vieles andre sprechen wir in drei Wochen miteinander - ich
bin zu ratlos allein.
Ich rede manchmal zu Dir nach Paris, als wärst Du allein dort,
und oft verstumme ich, wenn ich Dich wahrhabe mit allem dort,
mich wahrhabe mit allem hier. Dann aber werden wir Klarheit und
keine Verwirrungen mehr stiften - und die Lampe suchen gehen!
Ingeborg

I
Brief Nr. 59 - Brief Nr. 61 7i

60 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, 16 .1 1 . 1957

Paris, am 16. November 1957.


Heute ist wieder ein Brief von Dir gekommen: hab herzlichen
Dank.
Eine Bitte: kannst Du, schon jetzt, der Prinzessin schreiben und
ihr sagen, daß Du bereit bist, ihr zusammen mit mir bei der Aus­
wahl der deutschen Texte zu helfen? Und sag ihr dann bitte auch,
daß sie H. M. Enzensberger (STRANDA, Norwegen) ein paar
Exemplare von B.O. schicken soll. (Ich habe sie bereits darum ge­
beten, aber vielleicht hat sie's inzwischen wieder vergessen.)
Soll ich Walter Jens um eine kleine Prosa für B.O. bitten? Sag mir
bitte vielleicht auch, an wen Du sonst noch denkst. Alles andere
können wir ja dann in München besprechen. Ich komme, da Du
mich ja darüber entscheiden läßt, nach der Lesung in Tübingen
dorthin, also am 7. oder 8. Dezember.
Montag ziehe ich um; wenn Du mir schreibst, so bitte an die
neue Adresse:
78 rue de Longchamp, Paris i6e
(Tel.: Poincare 39-63)
Lampensuchenderweise
Paul

61 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 16 .1 1 .1 9 5 7

Paul, Lieber,
ich habe Dir geschrieben, daß mir jede Zeit recht sei. Und jetzt
muß ich Dich doch bitten, nicht im November zu kommen.
Bitte komm nach Tübingen, also nach dem 4. Dezember. Ich
werde dann freier sein.
Es ist Samstag abend, ich komme kaum aus dem Haus und
versuche, mit einer Arbeit nach der anderen fertig zu werden, aber
es geht nur so langsam. Eine Viertelstunde war ich im Englischen
Garten, um Luft zu schöpfen, dort gibt es kleine Gewässer, die
mich an den Wiener Stadtpark denken lassen und an die Brücke,
auf der wir gestanden sind, verzaubert.
Ingeborg
72 Ingeb/örg Bachmann - Paul Celan

62 Inge borg Bachmann an Paul Celan, München, 2 2 .11.1 9 5 7

Donnerstag
Vor sieben Jahren haben wir zum letzten Mal Deinen Geburtstag
miteinander gefeiert. Töricht und traurig.
Jetzt aber setze ich mich eine Weile zu D ir und gebe Dir Küsse
auf die Augen.
Bis zuletzt wollte ich Dir etwas schicken nach Paris, und dann
fühlte ich doch, daß ich unmöglich dorthin Dir etwas schicken
kann. Du müßtest es verbergen oder wieder weh tun.
Ich habe Dir hier Dein Geschenk bereit gelegt, und Du suchst es
bei mir, wenn Du kommst. (Unsre letzten Briefe haben sich ge­
kreuzt - daß sie das wieder, oder überhaupt zum ersten Mal, tun
können!) Ich denke an Dich, Paul, und denk Du an mich!
Ingeborg

63 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 3 .1 1 .1 9 5 7

am 23. November 1957.


Eine Zeile nur, die Dir danken will, von Herzen, für alles.
Daß wir unsere Herzen damals zu Tode hetzen mußten, mit
soviel Geringfügigem, Ingeborg! Wem haben wir gehorcht, sag,
wem?
Nun komm ich ja bald, nicht für lange, für einen Tag, für einen
zweiten - wenn Du’s willst und erlaubst.
Wir wollen dann die Lampe suchen gehen, Ingeborg, Du und
ich, wir.
Paul

64 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 2 .12 .19 5 7

2. Dezember
Wann kommst Du, lieber Paul? Schick mir aus Tübingen ein Tele­
gramm, damit ich Dich abholen kann. (In die Franz Josephstraße
9a, München 13)
Jetzt sind es nur mehr wenige Tage...
Ingeborg
Brief Nr. 62 - Brief Nr. 67 73

6j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Stuttgart, j. /2. /9J7

Donnerstag
Übermorgen, Samstag, bin ich in München - bei Dir, Ingeborg.
Kannst Du zur Bahn kommen? Mein Zug ist um 1207 in Mün­
chen. Wenn Du nicht kommen kannst, so will ich eine halbe Stun­
de später vor Deinem Haus in der Franz-Josephstr. auf und ab
gehen.
Morgen bin ich in Tübingen (Adresse: Hotel Lamm oder Osian-
dersche Buchhandlung).

Zwei Tage noch, Ingeborg.


Paul

66 Paul Celan an Ingeborg Bachmann: Widmung fü r ein Kon­


volut von 2 1 Gedichten aus »Sprachgitter«, München (?), zw i­
schen dem 7. und dem 9. 12. 1957 (?)

Für Ingeborg

67 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmungen fü r 23 G e­


dichte in »Mohn und Gedächtnis«, München (?), zwischen dem
7. und dem 9 .12 .19 5 7 (?)

f. D.
über den Gedichten »Nachts ist dein Leib«, »Erinnerung an Frankreich«,
»Nachtstrahl«, »Die Jahre von dir zu mir«, »Lob der Ferne«, »Das ganze
Leben«, »Corona«, »Auf Reisen«, »In Ägypten«, »Brandmal«, »Wersein
Herz«, »Kristall«, »Nachts, wenn das Pendel«, »So schlafe«, »So bist du
denn geworden«, »Die feste Burg«, »Der Tauben weißeste«, »Aus Herzen
und Hirnen«, »Landschaft«, »Stille!«, »Wasser und Feuer« und »Zähle die
Mandeln«.

u. f. D.
über dem Gedicht »Sie kämmt ihr Haar«.
74 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

68 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Widmung in »Die


gestundete Zeit«, München (?), zwischen dem 7. und dem
9 .12. 1957 (?).

München, Am H of
Ingeborg

69 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Frankfurt am Main,


9. 12. 1957

Frankfurt, Montag nacht

Ingeborg, meine liebe Ingeborg -


Ich habe dann noch einmal aus dem Zug geschaut, auch Du
hattest Dich umgesehen, aber ich war zu weit.
Dann kams und würgte, ganz wild.
Und dann, als ich ins Abteil zurückging, geschah etwas sehr
Seltsames. Es war so seltsam, daß ich mich ihm anvertraute, auf
eine ganz weite Strecke hin - ich wills Dir hier berichten, so wie es
auf mich zukam - aber Du mußt mir schon jetzt verzeihen, daß ich
so unkontrolliert handeln konnte.
Ich war also wieder im Abteil und nahm Deine Gedichte aus der
Aktentasche. Mir wars wie ein Ertrinken in ganz Durchsichtig-
Hellem.
Als ich aufsah, bemerkte ich, daß die junge Frau, die den Fen­
stersitz hatte, die >Akzente< hervorholte, das letzte Heft, und darin
zu blättern begann. Sie blätterte und blätterte, mein Blick konnte
diesem Blättern folgen, er wußte ja, daß Deine Gedichte und Dein
Name kommen würden. Dann kamen sie, und die blätternde
Hand hielt inne. Und ich sah, daß es kein Blättern mehr war,
daß die Augen lasen, wieder und wieder. Wieder und wieder. Ich
war so dankbar. Dann dachte ich einen Augenblick, daß das ja
jemand sein konnte, der Dich hatte lesen hören, Dich gesehen
und wiedererkannt hatte.
Und dann wollt ichs wissen. Und fragte. Und sagte, daß Du’s
gewesen warst, vorhin.
Brief Nr. 68 - Brief Nr. 69 75

Und lud die Dame, eine junge Schriftstellerin, die in München


ein Manuskript bei Desch abgegeben hatte, die auch, wie sie er­
zählte, Gedichte schrieb, auf eine Tasse Kaffee ein. Dann hörte ich,
wie sehr sie Dich bewundert.
Ich habe kaum etwas Unvorsichtiges gesagt, Ingeborg, aber sie
hatte es ja wohl schon erraten, es war ja ein Erlebnis für sie.
Dann habe ich ihr meine beiden Gedichtbände geschenkt und
sie gebeten, sie erst zu lesen, wenn ich aus dem Zug ausgestiegen
war.
Es war eine junge Frau, fünfunddreißig vielleicht, sie weiß ja
nun wohl Bescheid, aber ich glaube nicht, daß sie’s unter die Leute
trägt. Ich glaub’s wirklich nicht. Sei nicht böse, Ingeborg. Sei bitte
nicht böse.
Es war so seltsam, es war so ganz aus unsrer Welt - der Mensch,
dem ichs verdankte, durfte ja wissen, wen er vor sich gehabt hatte.
Sag mir etwas dazu, ein Wort - bitte!
Ich denke jetzt auch, daß Du dieser Frau einen Gruß schicken
könntest, ich schreib Dir hier die Adresse auf:
Margot Hindorf
Köln-Lindenthal
Dürener Str. 62 ,

Schreib mir eine Zeile nach Paris, ich bin Mittwoch dort.
In Frankfurt, es war acht Uhr, habe ich gleich bei Frau Kasch­
nitz angerufen - es meldete sich niemand. Ich wills morgen früh
wieder versuchen.
Ich muß Dich wiedersehn, Ingeborg, ich liebe Dich ja.
Paul

Ich wohne hier bei Christoph Schwerin: unsere Bücher stehen


Ingeborg Bachmann - Paul Celan

70 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, //. 12. /9^7

Mittwoch
Paul, Lieber,
ich habe nur dieses zerknitterte Papier im Hotel, alles andre ist in
der Franz Josephstraße bei dem Leuchter. Heute nachmittag habe
ich dort Deinen Brief abgeholt. Das ist eine merkwürdige und
schöne Geschichte, die jetzt zu uns gehört. Warum sollte ich böse
sein? N ur dieser Frau schreiben werde ich nicht, verzeih, ich kann
nichts mehr von Belang hinzufügen. (Und das Schreiben an andre
macht mir Mühe.)
Am Abend, Montagabend, bin ich noch, mit dem schwarzen
Penny in der Hand, zu Piper gegangen, und alles ging gut; ich
konnte auch gleich in ein Hotel übersiedeln - hier (es heißt Blaues
Haus) bleibe ich bis Freitag früh.
Das Telefon ist heute geändert worden; die Nummer, die bleibt,
ist·. 337519. Die andre kannst Du ausstreichen.
Jeder Tag ist jetzt voll Nachhall. Aber Du darfst meinetwegen
jetzt Gisèle nicht versäumen. Nicht aus Pflicht, sondern aus der
Befreiung. Wem werden wir alles danken können?
Ingeborg

77 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 1 2 . 1 2 . 1 9 y7

BITTE MORAS NOCH NICHT GEDICHTE GEBEN AUF WIE­


DERSEHEN BALD

PAUL

72 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 12 .1 2 .1 9 5 7

Paris, Donnerstag

Ich bin vorgestern bei Frau Kaschnitz gewesen, ich habe ihr Dei­
nen Brief gegeben und Deine Rosen, es waren rote, dunkel, sieben.
Und ebensoviele, ebensolche von mir. Sie hat sie zusammengetan.
Brief Nr. 70 - Brief Nr. 73 77

Sag mir, ob wir uns nach Bremen (26. Jänner) in Köln Wieder­
sehen wollen, lang.

Soeben hab ich Dir ein Telegramm geschickt, um Dich zu bitten,


die für Moras bestimmten Gedichte noch eine Weile zurückzu­
behalten: Hollerer, der in den nächsten Akzenten das Köln-Ge­
dicht bringt, wollte noch einiges hinzu, ich versprachs ihm, es
sollen nun die schönsten sein, ich sag Dir morgen, welche.
Da Huchel nichts von sich hören läßt, schreib ich ihm, daß ich
alles weggeb; dann bleibt auch für Moras genug.
Bei Suhrkamp, wo alle sehr freundlich waren, traf ich Hans
Hennecke. Ich mußte sagen, daß ich aus München kam, er wollte
wissen, ob ich Dich gesehen hätte, ich sagte ja. Dann mußte ich
ihm auch Deine Adresse geben.
Von Enzensberger kam ein Brief: die Prinzessin hat ihm die
versprochenen Hefte von B.O. noch nicht geschickt.
Sollen wir ihn auffordern, schon diesmal Gedichte zu schicken?
Jedenfalls bitte ich N elly Sachs um einen Beitrag.

Ingeborg, Ingeborg.
Ich bin so erfüllt von Dir.
Und weiß auch, endlich, wie Deine Gedichte sind.
Sag mir etwas zu der Geschichte im Zug nach Frankfurt.

7 j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 13 .12 .19 5 7

Paris, 13. XII. 57.


Ein Tag und noch einer

Föhniges Du. Die Stille


ging mit uns mit wie ein zweites,
deutliches Leben.

Ich gewann, ich verlor, wir glaubten


an düstere Wunder, der Ast,
78 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

groß an den Himmel geschrieben, trug uns, wuchs


in die Mondbahn, ein Morgen
stieg ins Gestern hinauf, wir holten
den Leuchter, ich weinte
in deine Hand.

74 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 16. 12 .19 5 7

Montag abend
Paul, Deine Rosen waren da, als ich einzog, so fehlt fast nichts
mehr, nur die Tinte für diesen Brief. Dann kam das Geld, und ich
bin doch sehr froh darüber wegen Weihnachten und dem Anfang
hier. Ich dank Dir!
Jetzt gerade kam das Gedicht; Du hast es an dem 13., am Freitag
geschrieben, als ich zum Leuchter zog (denn solang dauerte es
noch).
Ich bin müde und glücklich in der Wohnung, muß sehr viel
arbeiten, aber es verdrießt mich nicht mehr.
Ingeborg

P.S.
Ich werde morgen wegen Enzensberger an die Redaktion der B.O.
schreiben; die Prinzessin kann ja selbst nichts tun, ich würde sie
auch nicht damit belasten. Nimm Enzensberger dazu, wenn noch
Platz ist, aber ich denke, es wird schon zuviel sein.
Mittwoch früh fahre ich heim.

7 j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in Sonderdruck


mit Übertragungen von Gedichten von Apollinaire, Paris,
Weihnachten 1957

Für Ingeborg, Weihnachten 1957

Paul
Brief Nr. 73 - Brief Nr. 77 79

76 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 27. /2. /9^7

München 27. XII. 1957

Wenigstens zum Jahresende sollst Du einen Brief haben! Die Bü­


cher sind genau am 24. angekommen und unter den Baum gelegt
worden. So schön sind sie!
Heute habe ich für den Leuchter eine schöne Kerze gekauft. Ich
mußte aus Klagenfurt rasch wieder zurück, einer Arbeit wegen.
Verzeih mir, daß ich Dir nur diese Nachricht gebe. Ich muß in den
nächsten Tagen sehr viel arbeiten.
Aus Wien (!) habe ich überraschend einen Anruf bekommen,
ich soll in zwei Wochen dort lesen. Ich habe zugesagt, fahre aber in
Ängsten hin, nur für 1, 2 Tage. Am liebsten möchte ich’s rück­
gängig machen. Bitte begleit mich in Gedanken, damit das Häßli­
che dort mich nicht berühren kann! Unsre Zeit dort ist mein ein­
ziger Schutz.
Aber wie lebst Du jetzt? Lass es mich wissen.
Ingeborg

77 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 1. 1.19 5 8

Lieber Paul,
ich habe eben an Günter Eich und H. Heissenbüttel geschrieben
für B.O., weil mir die Prinzessin heute schreibt, daß sie bis zum
1 5 .1. die Manuskripte braucht. (Falls Du es auch schon getan hast,
macht es nichts.) Aber bitte: an wen noch?!
Hier ist es so kalt. Und die ganze Arbeit drängt sich in diese
Tage.
Ingeborg

Willst Du Holthusen fragen, oder soll ich es tun? Vergiss Jens


nicht, eventuell Grass.
8o Ingeborg Bachmann - Paul Celan

7 8 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2. 7. 79J#


2.1.5 8 .
Ingeborg, Liebste, was kann ich sagen?
Du fährst nach Wien, mein Herz begleitet Dich, sei ohne Sorge -
Geh zu Nani und Klaus. (Du kannst Klaus im Belvedere - Öster­
reichische Galerie - anrufen:
72-64-21 oder
72-43-58)
Wann fährst Du nach Berlin, wann nach Hamburg, Kiel etc.? Sags
mir bitte, ich muß es wissen. Am 26. fahre ich nach Bremen, das
dauert dann wohl ein paar Tage - wollen wir uns, wenn Du auch da
oben bist, auf der Rückreise in Köln treffen?
Komm, Ingeborg.
Paul

Hast Du den kleinen Kalender und die beiden Notizbücher be­


kommen?

Botteghe Oscure:
Günter Eich und Holthusen haben der Prinzessin noch nichts
geschickt - Kannst Du sie um Beiträge bitten, oder soll ich es
tun? Du mußt mir diese Frage sofort beantworten, die Prinzessin
will die Texte bis zum 15. Januar.
Beiträge geschickt haben mir bisher nur N elly Sachs, Hollerer,
Enzensberger. Keine Antwort von K. L. Schneider (Heym-Nach-
laß) und Heißenbüttel. Ich schreibe beiden noch einmal.
Weißt Du sonst jemand?
Soll ich Dir Abschriften der eingesandten Beiträge schicken -
wohin?
Bitte antworte schnell.

79 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 3 .1 . 1958

am 3. Januar 1957.
Ein paar Zeilen nur, Ingeborg, um Deinen Botteghe-Brief zu be­
antworten, vielmehr um die Antworten zu ergänzen, die mein
gestriger Brief an Dich enthielt.
Brief Nr. 78 - Brief Nr. 80 81

Gestern abend kam noch das »Prunkstück« unseres deutschen


Teils: ein unveröffentlichtes Gedicht von Georg Heym , Der
Schauspieler.
Beiträge haben bisher geschickt:
N elly Sachs
Hollerer
Enzensberger
Gibst Du der Prinzessin Gedichte? Von mir kommt ja wohl das
Trunkene Schiff, ich bin aber nicht sehr froh, in einer Auswahl, die
zum Teil von mir selbst getroffen wird, mitvertreten zu sein.
A uf Deine Anregung hin habe ich soeben an Jens geschrieben.
/Ich hatte ihn schon in Tübingen um kleine Prosa gebeten, er hatte
aber keine, heute bitte ich ihn um ein Fragment seines, noch un­
vollendeten, Dramas (von dessen Bestehen ich heute morgen er­
fuhr)./
An Graß habe ich vor ein paar Tagen geschrieben, an Heißen­
büttel, zum zweiten Mal, gestern. Noch keine Antwort.
Ich könnte, wenn Du es für richtig hältst, an Schroers schreiben,
der wohl etwas hätte. Ich täts sogar recht gerne.
Gib bitte schnelle Antwort!
Dein
Paul

Du sagst also Günter Eich und Holthusen, daß sie etwas schicken
sollen - ja? Am besten eine Kopie an mich, der Korrektur wegen.

80 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 6 .1.19 5 8

6 .1.58.
Mein Lieber,
jetzt müssen wir auf einmal Briefe über fremde Manuskripte tau­
schen. Aber ich nehme es heiter,-denn seit wir überhaupt wieder
schreiben können, ist mir alles recht.
Ich habe an Eich geschrieben, er hat nichts. Holthusen wahr­
scheinlich auch nichts, er wird mich aber noch anrufen. Von Heis-
82 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

senbüttel habe ich auch noch keine Antwort. Vergiß Jens nicht und
eventuell Grass. Dann genügt es wohl.* Ich spreche am 11. Jänner
noch mit Klaus in Wien - vielleicht kann man noch einmal etwas
von ihm bringen. Was meinst Du? Schreib mir bitte darüber einen
Brief an seine Adresse nach Wien, denn ich muß schon Freitag hier
weg, und lese am Samstag nachmittag um 17 h; ich schreibe Dir das
so genau, weil ich so sehr möchte, daß Du an mich denkst und mir
die Furcht nimmst. -
Der Heym-Nachlaß wäre natürlich sehr wichtig.
Bitte schick mir keine Abschriften, ich bin doch mit allem ein­
verstanden, und wir haben uns doch über die Namen geeinigt.
Ich werde jetzt noch an Martin Walser schreiben, den ich schät­
ze, und es wäre gut, etwas mehr Prosa dabei zu haben.
Auf den Kalender freue ich mich schon, er ist aber noch nicht
angekommen.
Ich hebe mir den Dank für Deine Gedichte noch auf, weil es
nicht in diesen Brief paßt, der rasch weg muß!
Ingeborg

* mit Sachs, Enzensberger, Hollerer.

81 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 7. /. 19j 8

Eine Hand

Der Tisch, aus Stundenholz, mit


dem Reisgericht und dem Wein.
Es wird
gegessen, geschwiegen, getrunken.

Eine Hand, die ich küßte,


leuchtet den Mündern.

Paris, am 7. Jänner 1958.


Brief Nr. 80 - Brief Nr. 84 83

82 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 8 .1.19 5 8

Lieber,
eben kam wieder ein Brief von Dir. Und mir fiel ein, dass ich noch
in Expressbriefen Ernst Schnabel und Walser fragen könnte. Ich
habe es eben getan, denn sonst haben wir gar keine Prosa. Ich halte
Schroers nicht für ganz richtig, aus sachlichen Gründen, da müss­
ten doch einige andre noch eher drankommen. Aber wenn Du es
trotzdem willst schon diesmal...
Ich habe keine Gedichte, sondern vielleicht eine Prosa, aber das
ist noch nicht sicher, denn ich habe derart viel zu tun, dass ich nicht
aus und ein weiss.
Du musst der Prinzessin unbedingt etwas geben, denn du bist ja
nicht der Herausgeber, sondern vor allen andren aufgefordert wor­
den, und das Sammeln der andren Beiträge ist doch eine Gefällig­
keit und Freundlichkeit ihr gegenüber. Deine Bedenken halte ich
daher für unrichtig.
Ich schreibe jetzt noch an Eugene Walter und sage ihm, was er
ungefähr zu erwarten hat.
Nach dem 15. können wir wieder normale Briefe schreiben,
Gott lob.
Ingeborg

83 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 1 1 .1 .1 9 5 8

Samstag
Du liest jetzt
Ich denk an Deine Stimme.

84 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 13 .1.19 5 8

Montag, 13. I. 58.


Paul,
ein Blatt aus Wien. Alles war so seltsam hier, daß man’s kaum
erzählen kann. Schlimmer als gedacht, besser als denkbar.
84 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Nani und Klaus sind froh über uns und haben mir die schönste
und aufrichtigste Freundschaft bewiesen - in all den problemati­
schen Stunden. Eh ich fahre, wink ich Dir. Sei mir gut!
Ingeborg

85 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 18. 1.19 5 8

Samstag
18 - 1-58
Der Proust ist angekommen. Wie schön!! (Aber Du verwöhnst
mich so!)
An dem Abend, an dem [Du] mich noch einmal anriefst, musste
ich immerzu denken, daß Du mich gefragt hast: Soll ich kommen?
Du weißt nicht, was es für mich bedeutet, so gefragt zu werden.
Ich hab plötzlich weinen müssen, nur deswegen, weil es das für
mich gibt und weil ich es nie gehabt habe.
Fahr gut, freu Dich und laß Dich von nichts Kleinlichem, das es
immer gibt, stören in der Freude. Ich werde noch nachdenken
über den Ort und schreibe Dir nach Bremen. Diesmal beschütz
ich Dich!
Ingeborg

86 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 1 .1 .1 9 5 8

Dienstag
Ich fahre übermorgen, Ingeborg, bleibe dann bis Samstag früh in
Köln, ich will Dich Freitag gegen zehn Uhr vormittags anrufen.
A uf jeden Fall telegraphiere ich Dir aus Bremen (bzw. Ham­
burg), wenn ich alles hinter mir habe.
Ob es nicht am einfachsten wäre, wenn ich nach München kom­
me?
Entschuldige die Eile (und das häßliche Papier)
Paul
Brief Nr. 84 - Brief Nr. 89 85

Denk doch darüber nach, ob wir uns nicht irgendwo auf halbem
Wege treffen sollten. Es gäbe ja Würzburg, Frankfurt, Heidelberg
etc. Oder Freiburg im Breisgau, Basel, Straßburg.
Aber ich kann auch nach München kommen, mit einem der
schnellen Züge.
Meine Adresse in Bremen kenne ich nicht; offenbar: Gästehaus
des Senats (oder so ähnlich)

8y Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 2 6 .1.19 5 8

ICH DENKE AN DICH

INGEBORG

88 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Hamburg, 27. /. 1958

MORGEN ZEHN UHR DREIUNDREISSIG

PAUL

89 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 2 .2 .19 5 8

Sonntag abend
Paul,
die Arbeit, die mich so gequält und belastet hat, ist zu Ende. Und
jetzt sollst Du gleich Deinen Brief haben, eh mir die Augen zu­
fallen.
Zu dem neuen Goll-Unfall: ich bitte Dich, laß die Geschichten
in Dir zugrunde gehen, dann, meine [ich], gehen sie auch aussen
zugrund. Mir ist oft, als können die Verfolgungen [uns] nur [etwas
anhaben], solang wir bereit sind, uns verfolgen zu lassen.
Die Wahrheit macht doch, daß Du darüber stehst, und so kannst
Du’s auch wegwischen von oben.
86 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich bekomme »Facile«? Es ist wirklich leicht und einfach ge­


worden, und mußt keinen Augenblick denken, daß mir bang ist.
Nach Köln war mir sehr bang. Jetzt nicht mehr.
Meine letzte Angst betrifft nicht uns, sondern Gisèle und Dich
und daß Du ihr schönes schweres Flerz verfehlen könntest. Aber
Du wirst jetzt wieder sehen und die Verdunklung auch für sie
aufheben können. Ich sprech nur noch ein letztes Mal davon,
und Du mußt mir darauf nicht antworten.
Nach Deiner Abreise habe ich zum ersten Mal wieder gern
gearbeitet, sogar das stundenlange, monotone Abtippen war mir
eine Freude, und ich bin in hellem Eifer.
Ist das nicht auch gut? Jetzt geht es bald nach Tübingen. Auf
Deinen Spuren.
Ingeborg

90 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 8. 2. 1958


8.2.58.
Der Mai - die Lesung in Düsseldorf - ist weit, ich weiß nicht, ob
ich so lang warten kann, ich versuch, mich durch die viele Zeit
hindurchzuschreiben.
Seltsam, ich hab diesmal etwas aus dem Russischen übersetzt, es
ist, glaub ich, das Gedicht der Revolution, hier ists (verzeih, ich
hab das Original dem Fischer Verlag geschickt, Du bekommst nur
einen Durchschlag) - sag mir, wenn Du kannst, ob’s Dir gefällt, ich
zieh da ja merkwürdige Register...
Das zweite, gestern übersetzte, ist ein Gedicht von Jessenin, eins
seiner schönsten.

Hast Du >Facile< bekommen? Sag mirs.


Wenn Du mir eine Abschrift des Hörspiels schicken könntest!

Du weißt, Ingeborg, Du weißt ja.


Paul

Beilagen: Übertragungen von Alexander Block, »Die Zwölf« und


Sergej Jessenin, »In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern«.
Brief Nr. 89 - Brief Nr. 93 .87

91 Paul Celan an Inge borg Bachmann, Paris, 12 .2 .19 5 8


12. 2.58.
Eine Bitte, Ingeborg:
Schick Gisèle Deine beiden Gedichtbände - ich habe ihr gesagt,
du würdest es tun.
Paul

92 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, iy. 2 .19 5 8

17. Feber 1958


Paul, ich bin kaum fähig, zu schreiben, zu antworten. Soviel Ar­
beit, soviel Müdigkeit und Erschöpfung. Ich schicke die Bücher
heute oder morgen!
Die Übersetzung von den »Zwölf« war eine große Überra­
schung; ich meine, sie ist sehr gut - und waghalsig, aber sehr gut
deswegen! Das Jessenin-Gedicht muß man lieben. Als ich die letz­
te Zeile las, dachte ich aber unwillkürlich anstatt »rollen« noch
einmal »fallen«. Fallen erscheint mir schöner und, gerade wieder­
holt, eindringlicher.
Nach Tübingen und Würzburg - beide Orte waren sehr freund­
lich - bekam ich die Grippe, und jetzt ist Föhn seit ein paar Tagen,
große Wärme und Irrsinn in der Luft. Ich bin niedergeschlagen,
aber nur deswegen.
Ingeborg

93 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2y. 2 .19 58

27. 2.1958
P au l E lu a rd

Nous avons fait la nuit

Die Nacht ist begangen, ich halt deine Hand,


ich wache, ich stütz dich
mit all meinen Kräften.
88 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich grabe, tiefes Gefurch, deiner Kräfte


Stern in den Stein: deines Körpers
Gütigsein - hier
soll es keimen und aufgehn.
Ich sage mir deine
Stimmen vor, beide, die heimliche und
die von allen gehörte.
Ich lache, ich seh dich
der Stolzen begegnen, als bettelte sie, ich seh dich, du bringst
den Umnachteten Ehrfurcht entgegen, du gehst
zu den Einfachen hin - du badest.
Leise
stimm ich die Stirn jetzt ab auf die deine, stimm sie
in eins mit der Nacht, fühl jetzt
das Wunder dahinter: du wirst mir
zur Unbekannt-Fremden, du gleichst dir, du gleichst
allem Geliebten, du bist
anders von Mal zu Mal.

94 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 4 .3 .19 5 8

Paul, ich bin nicht nach Berlin gefahren. Gleich nach unserem
Gespräch wurde ich krank (Grippe, Mittelohrentzündung) -
und jetzt geht es endlich etwas besser. Das Klima hier ist so ungut.
Ende dieser Woche darf ich wieder ins Freie. Und am 19. erst fahre
ich nach Berlin. Ich wollt’ es Dir nur endlich sagen, aber mach Dir
keine Sorgen!
Schreib mir ein Wort von Dir. Nur ob alles gut geht, ob Du
arbeitest, mein Lieber.
Ingeborg
Dienstag, 4. März 1958
Brief Nr. 93 - Brief Nr. 96 89

95 Paul Celan an Inge borg Bachmann, Paris, /4. 3.

WIE GEHT ES DIR DAS HOERSPIEL IST SO SCHOEN SO WAHR


UND SCHOEN DU WEISST ES JA DAS HELLE UND HELLSTE
INGEBORG ICH DENK AN DICH IMMER

PAUL

96 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München,


mzc/? ¿ew 2 3 .3. 1958 und am 3 .4 .19 5 8
Ende März
Paul,
soviel wird nicht hier stehn, in dem Brief. Ich bin ganz leer seit
Berlin, ganz zermürbt von Laufereien auf Ämter, denn in meinem
Pass fehlt ein Stempel, und ich soll abreisen, »ausgewiesen« wer­
den im April. Aber heute hat sich der Rundfunk »eingeschaltet«
und es wird vielleicht alles gut. Diese Vokabeln und diese Welt!
Trotzdem war der Schock so, daß ich nicht mehr Lust habe, lange
hier zu bleiben, auch die Anstellung am Rundfunk werde ich wohl
nicht annehmen. Ich kann es nicht, das habe ich in diesen Tagen
erfahren, obwohl ich noch nicht weiß, wie es dann weitergehen
soll. Ich kann nicht.
Und dazu - und vor allem - kommt die Niedergeschlagenheit
über die politische Entwicklung in Deutschland.

3. April: Mit den Papieren dürfte doch alles gut gehen.


Ich fahre jetzt für 8 Tage weg, über Ostern, und freue mich auf
Luft und Land.
Mein Lieber, jetzt scheint sogar die Sonne, und bald wird Mai.
Darauf wollen wir uns freuen. Ich sage mir oft vor, daß Du an mich
denkst. Sag Du auch Dir vor, daß ich an Dich denke.
Ingeborg
90 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

97 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 6. 6.1958

Paris, den 6. Juni 1958.


Unruhige Zeiten, Ingeborg. Unruhige, unheimliche Zeiten. Wie
sollt es auch anders kommen: es war ja schon da. Dies oder das
tun? Man versucht zu antworten, entscheidet sich für das eine oder
andere, fühlt die Zange.
Ich habe viel gearbeitet in diesen Tagen, trotz allem, à fonds
perdu. Achtzehn Gedichte von Ossip Mandelstamm sind über­
setzt, ich schick sie Dir in den nächsten Tagen. Auch der neue
Gedichtband ist fast abgeschlossen. All das - zu welchem Ende?
Glaub Deinem Herzen, Ingeborg, laß es wach sein, immer und
überall.
Und schreib ein paar Zeilen.
Paul

98 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Paris, 23. 6. 1958

Montag, 23. Juni 1958


Paul,
ich bin in Paris (niemand weiß es) - aber bist auch Du hier - oder
noch in Deutschland? Ich muß Dich sprechen. Bitte kannst Du am
Mittwoch um 16 Uhr ins Café George V. kommen, mir fällt im
Augenblick nichts bessres ein, es ist neben der Metro-Station, die
auch so heißt. Wenn Du Mittwoch nicht hier bist, schreibe ich Dir
noch einmal und bitte Dich, an einem andren Tag zu kommen.
Und bitte sage, falls Du Bekannte triffst, nichts von meinem
Hiersein.
Das gilt natürlich nicht für Gisèle.
Mittwoch ist mein Geburtstag; vor 10 Jahren haben wir meinen
22. gehabt.
Als Du mich anriefst, wußte ich noch nicht, wie alles kommen
würde. Aber ich weiß, daß Du versuchen wirst, mich zu verstehen,
um zu helfen, mit einem Rat oder ratlos. Wenn Du nur da bist,
mich ansiehst ein paar Stunden -
Ingeborg

Beilage: Gedicht »Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen«.


Brief Nr. 97 - Brief Nr. 101 91

99 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in Sonderdruck


Arthur Rimbaud, »Das trunkene Schiff«, Paris, Ju n i 1958

Für Ingeborg -
Paul

Paris, Juni 1958.

100 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Neapel, 16. 7 . 195 8

Neapel, Via Generale Parisi 6


den 16. Juli 1958

Paul, ich bin dann doch weiter nach Neapel gefahren, wegen dem
»Aufenthalt« für später in München, und so werde ich hier sein bis
zum Sommerende. Aber ich bin traurig und entfernt von allem, wo
ich auch bin. Ich fange an zu arbeiten und will an nichts andres als
die Arbeit denken, nicht aufsehn. Manchmal glaube ich daß der
Krieg kommen wird; alle Nachrichten und Äusserungen lassen das
Böse und den Irrsinn hervorblicken wie nie zuvor. Was werden wir
noch tun können? Sag. Ich denke verzweifelt an Dich und dann
wieder an Dich an dem Nachmittag auf der Ile St. Louis, das war,
als wären wir im Gleichgewicht, im Regen, und es hätte uns kein
Taxi mehr fortbringen müssen.
Ich bin froh, daß Gisèle und das Kind um Dich sind und Du um
die beiden, - ein Schutz, so weit es Schutz gibt hier.
Und wir - ach Paul, Du weißt ja, und ich weiß nur jetzt kein
Wort dafür, in dem es ganz stünde, was uns hält.
Ingeborg

10 1 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 1 . 7.19 58

21. Juli 1958


Ingeborg, Dein Brief, Deine Briefe sind gekommen, heute.
Wo wills mit uns hin, ich weiß nicht, es geschieht so viel Furcht­
bares.
92 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Nimm diese beiden Jessenin-Gedichte, es war schön, sie zu


übersetzen, jetzt hängen wieder die Schleier davor.
Il y aura toujours l’Escale
Paul

Wir fahren aufs Land, für acht Tage.

Beilagen: Übertragungen von Sergej Jessenin, »Der Frühlingsre­


gen weint die letzte Träne« und »Ihr Äcker; nicht zu zählen«.

102 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Neapel, io. 8.1958

Via Generale Parisi 6 (bitte: Parisi!)


Napoli, 10. August 1958

Paul, Lieber.
Einer dieser toten Sonntage. Ich blättre wieder im Mandelstamm
und lese die letzten Jessenin-Gedichte wieder. » ... du singst kein
Blatt vom Zweig.« Ich schreibe trotzdem und bin ängstlich froh
darüber, es geht langsam, noch ist nichts entschieden und fertig.
Und sonst ist nichts. Gleichgültigkeit fast in dieser Einsamkeit.
Ein Tag wie der andere. Keine Menschen. Hans arbeitet nebenan,
ab und zu gehen wir ins Kino am Wochenende wie alle Leute hier.
Es ist ein ganz gutes Leben, man bedarf so wenig, wenn man
begriffen hat. Es wird sowieso nur eine Atempause sein, eine die­
ser wenigen, die man uns zugesteht. Und die »Lösung« gibt es
wohl nicht, die ich gesucht habe und vielleicht wieder einmal ver­
sucht sein werde, zu suchen. Man hütet sich, Fragen zu stellen, bei
soviel offenbarer Sinnlosigkeit. Welche Instanz wüßtest Du? Daß
ich darum auch niemand drum bitten kann, Dich zu beschützen -
das fällt mir auch ein. Daß ich nur meine Arme habe, um sie um
Dich zu legen, wenn Du da bist, nur wenige Worte, um Dir etwas
zu sagen, ein Blatt Papier, um Dir meinen Namen nach Paris zu
schicken. Ach, Paul.
Ingeborg
Brief Nr. io i - Brief Nr. 103 93

Gisèle hat so lieb geschrieben, und von Euren Landtagen. Was


macht Eric? Könnte er mich nicht einmal anrufen? Durch sein
kleines Telefon.

103 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 1. 9.19 58

Paris, den 1. September 1958.

Bist Du noch in Neapel, Ingeborg? (Ich erinnere mich, daß Du im


September wieder nach München wolltest.)
Mein August war, bis auf vier Gedichte, leer, der September
wird wohl viel Aufregung bringen, meine Laune ist nicht die beste.
Vor etwa zwei Wochen war Neske hier, der Schallplatten-Auf­
nahme wegen, ich habe Dir eine recht törichte Karte geschrieben -
Du bist doch nicht böse? Wie geht es Dir, Ingeborg, Dir und
Deiner Arbeit? Du wolltest mir etwas schicken - tu’s bitte! (Soll
ich Dir die neuen Gedichte schicken - wohin?)
Kurz nach Deiner Abreise rief die Prinzessin an; sie hat Dir
dann auch geschrieben, nach München, der Honorare wegen -
hast Du den Brief erhalten? Hollerer hat sein Honorar noch nicht
bekommen, ich fürchte, auch die anderen warten noch, mir ist das
sehr unangenehm, bitte schreib der Prinzessin, sie möchte, wenn
sie’s noch nicht getan hat, die Honorare (die nicht geringer als die
der »Akzente« sein können) überweisen. Verzeih, daß ich Dich
damit behellige - ich habe das Gefühl, die Huld der Prinzessin in
nur bescheidenem Maße genießen zu dürfen.
Noch etwas: ich habe Karl Krolow, der seit ein paar Monaten
hier lebt, auf seine wiederholten Fragen hin gesagt, Du seist hier
gewesen, einen Augenblick nur, zu einem Zeitpunkt, da er selbst in
Brüssel war. (Er fragte so oft, daß ich mir sagte, er wisse es viel­
leicht von Böll, den er hier getroffen hat. Von Neske hörte ich, Du
seist in Spanien.)
Im September, gegen den 14. wohl, kommt Klaus, ich freue
mich sehr auf diesen Besuch.
Glaubst Du, daß es schon jetzt - denk noch ein paar Gedichte
94 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

und die >Engführung< hinzu - einen Gedichtband geben kann?


Fischer will, obwohl das Buch erst im Frühjahr erscheinen kann,
schon jetzt, d.h. Ende September, das Manuskript haben. Mir
kommt alles so dürftig vor!
Schreib ein paar Zeilen, Ingeborg!
Dein
Paul

104 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, j. 10. 1958

München, den 5. Oktober 58


Paul, lieber Paul,
ich habe so lange geschwiegen und doch so sehr an Dich gedacht,
denn das Schweigen in einer Zeit, in der ich Dir nur einen Brief
hätte schreiben können, in dem nicht gestanden wäre, was wirk­
lich vorging, erschien mir ehrlicher. Und doch hat es mich sehr
gequält, schon weil ich so fürchtete für Euch in diesen vergange­
nen unruhigen Pariser Tagen!
Dieser August und September: voll Zweifel, und das Neue, das
geschehen ist. Du erinnerst Dich, eines Nachmittags, als wir aus
der Rue de Longchamp weggingen, einen Pernod tranken und Du
machtest einen Scherz - ob ich mich verliebt hätte? Damals
stimmte es nicht, und später ist es auf eine so merkwürdige Weise
geschehen, nur so nennen darf ich es nicht. Vor wenigen Tagen
kam ich aus Kärnten, wo ich zuletzt war, zurück ... ich muß doch
anders beginnen, es rasch sagen. In diesen letzten Tagen hier, den
ersten in München, ist Max Frisch gekommen, um mich zu fragen,
ob ich es könnte, mit ihm leben, und nun ist es entschieden. Ich
bleibe noch etwa drei Monate in München und übersiedle dann
nach Zürich. Paul, wenn Du doch hier wärst, wenn ich mit Dir
sprechen könnte! Ich bin sehr froh, sehr aufgehoben in Güte und
Liebe und Verständnis, und ich bin nur manchmal traurig über
mich selbst, weil eine Angst und ein Zweifel nicht ganz Weggehen,
der mich selbst betrifft, nicht ihn. Ich glaube, ich darf Dir das
sagen, wir wissen es doch, - daß es für uns fast unmöglich [ist],
Brief Nr. 103 - Brief Nr. 105 95

mit einem anderen Menschen zu leben. Aber da wir es wissen, uns


nicht täuschen und nicht zu täuschen versuchen, kann doch etwas
Gutes entstehen, aus der Bemühung jeden Tag, das glaube ich jetzt
doch.
Ich möchte Deine Gedanken kennen, wenn Du diesen Brief aus
der Hand legst. Denk etwas Gutes für mich!
Wann kommst Du? Soll ich irgendwohin kommen? Kommst
Du zu mir? Sag! Ich kann es offen tun und werde es immer dürfen,
darüber bin ich auch froh.
Schick mir jetzt Deine Gedichte, alles Neue! Und sag mir ein
Wort!
Ingeborg
P.S.
Vor ungefähr sieben Wochen habe ich nochmals an Eugene Walter
geschrieben, ich denke, es müßte jetzt in Ordnung gekommen
sein, ich tat es schon, eh Dein Brief kam. Ich wollte, als ich von
Neapel wegfuhr, in Rom aussteigen und die Prinzessin aufsuchen,
aber ich konnte einfach nicht, Menschen sehen, all das, ich brachte
es nicht fertig. Es ist schon das Unfreiwillige in München (ich muß
noch vier Wochen fürs Fernsehen arbeiten) zuviel, die Menschen
wieder, die Post von drei Monaten, ich fühle mich ganz kopflos,
bringe alles durcheinander.
Aber Klaus war hier, kam die Treppe herauf, als ich meine K of­
fer niederstellte, grade vom Bahnhof kam, und er war glücklich,
von Paris und Trier, das war schön, und wir hatten zwei Abende,
eh er mit Bildern zurückmußte nach Wien. Wie oft habe ich »Paul«
sagen können...
I.

105 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 8 .10 .19 58

Paris, den 9. Oktober 1958.


Meine liebe Ingeborg!
Ich soll etwas Gutes für Dich denken, sagst Du - ich denk es gerne,
ich denk es so, wie Dein Brief, aus dem das Gute mit solcher Ein-
96 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

deutigkeit spricht, es mir vordenkt. Aufgehobensein, Güte, Liebe


und Verständnis: Du sprichst davon, und schon allein dieses Da-
von-sprechen-Können beweist, daß es für Dich da sein muß. Viel­
leicht, so sage ich mir, solltest Du nicht allzu lange in München
bleiben: drei Monate sind eine lange Zeit.
Hast Du auch arbeiten können? Vergiß nicht, daß Du mir etwas
schicken wolltest, Prosa oder Gedichte.
Ich sage meinem Herzen, daß es Dir Glück wünschen soll - es
tut’s, gerne, von selbst: es hört Dich hoffen und glauben.
Paul

106 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, München, 2 6 .10 .19 5 8

Sonntag, den 26/10/1958.


Paul,
hab Dank! Du hast schon weiter gesehen, mir, ich weiß nicht war­
um, gesagt, ich solle früher gehen, und nun gehe ich wirklich schon
bald weg aus München, am 15. November. Ich sehne mich nach
Ordnung und Ruhe, und hier ist nur Unruhe, zuviel Gleichgülti­
ges, so viele Störungen, die ich stärker empfinde von Tag zu Tag.
Ich werde zunächst in der Stadt eine Wohnung für mich haben
(Zürich, c. o. Honegger-Lavater, Feldeggstraße 21), später aber, im
Frühling auf dem Land in der Nähe sein.
Ich habe noch schwere Tage gehabt, mit vielen Zweifeln, Ver­
zweiflungen, aber man kann die Ängste nur in die Wirklichkeit
tragen und sie dort auflösen, nicht im Denken.
Du sagst mir aber nicht, wann Du kommst, wann wir uns sehen
können. Du hast die Gedichte nicht geschickt! Entzieh mir Deine
Hand nicht, Paul, bitte nicht.
Und schreib mir von Dir, Deinen Tagen, ich muß wissen, wo Du
stehst.
Dein schöner Brief, Dein lieber, noch einmal, und noch viele
Male mein Frohsein darüber - keine »Stille«.
Ingeborg
Brief Nr. 105 - Brief Nr. 109 97

/07 Inge borg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 20. //. /9^#

Feldeggstraße 21
bei Honegger
Zürich / Schweiz
Tel: 34 97 03 20. November 1958

Paul,
Dein Geburtstag ist nah. Ich kann die Post nicht bewegen, auf Tag
und Stunde genau zu sein, aber Dich und mich wieder.
Es ist so still hier. Eine halbe Stunde ist seit dem ersten Satz
vergangen, und der vergangene Herbst drängt sich in diesen
Herbst.
Ingeborg

1 08 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Widmung in: »Der gute


Gott von Manhattan«, München (?), Novem ber 1958

Paul, für Dich.

Ingeborg
November 1958

/09 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in: Arthur


Rimbaud, »Bateau ivre / Das trunkene Schiff«, Paris,
2 4 .11. 1958

Für Ingeborg -

Paul
Paris, 24. XI. 1958.
98 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

ho Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 1 . 12. 1958

am 1. Dezember 1958.
Liebe Ingeborg,
eine Bitte: sag mir, ob Du der Prinzessin geschrieben hast bzw. die
Höhe der einzelnen Honorare genannt hast. Die Honorare sind
nämlich bis heute nicht überwiesen worden. Mir ist das mehr als
unangenehm. Aber ich möchte, ehe ich nach Rom schreibe, doch
noch Näheres von Dir wissen.
Alles Gute!
Paul

h i Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2. 12 .19 5 8

Feldeggstraße 21
Zürich, den 2. Dezember 1958

Lieber Paul,
ich habe der Prinzessin geschrieben; allerdings hatte ich zuvor
noch einen Brief aus Rom bekommen, in dem ein für mich schwer
verständlicher Satz steht: » ... I am waiting for a hit (?) with what I
should pay for the last issue with Germans. I long to get this in
order...« Und ich habe besonders wegen N elly Sachs geschrieben,
hoffe auch, bald Antwort von ihr zu bekommen und zu erfahren,
was für eine Art von Schwierigkeit, wenn da eine ist, es gibt.
Hab Dank für »Das trunkene Schiff« und die Gedichte von
Klaus!
(Ich denke, ich schreibe jetzt auch noch einmal an Eugene Wal­
ter, es ist nicht zu verstehen, was diesmal passiert ist.)
Es fällt mir noch schwer, von hier, von dem Neuen aus, heraus­
zugehen, mit Briefen und Dingen, an alles zu denken, manchmal
bin ich sehr müde, und Du nimmst Dich auch verstummt aus, ich
versuche, es zu verstehen, möchte die Schwierigkeiten, wie manch­
mal im vergangenen Jahr, sich in Gesprächen auflösen sehen.
Ingeborg
Brief Nr. i io - Brief Nr. 113 99

112 Paul Celan an Inge borg Bachmann, Paris, 2 .12 .19 5 8

2. XII. 58.
Liebe Ingeborg,
ich schicke Dir die Abschrift eines Berichts über meine Bonner
Lesung. (Der Brief stammt von einem Studenten.) Sag mir, bitte,
was Du denkst.
Paul

1 1 2 .1 Beilage (Jean Firges, Briefausschnitt)

»... Andere waren der Ansicht, dass Ihre Titelansagen viel von
der Komik Heinz Erhardts gehabt hätten. (Ich bin mit dieser
Meinung nicht einverstanden.) Vor allem fie l man aber über Ihr
Pathos an der Hosiannah-Stelle her. Eine unfaire Kritik kam
mir nach der Lesung in Form einer Karikatur zu Gesicht. Dar­
au f stand in gebückter Haltung ein gefesselter Sklave, der
schnaubend gegen seine Ketten aufbegehrte. Unter der Zeich­
nung stand (und hier beginnt die Gemeinheit): Hosiannah dem
Sohne Davids!«

1 1 3 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich,


10. und 2 3 .12 . 1958

10. XII. 58

Paul,
ich denke über Deine Frage und diesen Brief nach, kann nicht alles
aufschreiben, was ich denke, nur vom Ende her etwas sagen. Ich
glaube, daß es keine Antwort darauf gibt, für Dich, von Dir, auf
diesen Bericht; er gehört in den Papierkorb. Wir wissen ja, daß es
tliese Leute gibt, in Deutschland und anderswo, und es würde uns
auch wundern, wenn sie plötzlich alle verschwunden wären. - Es
ist vielmehr die Frage, ob man, wenn man in einem Saal von Men-
I OO Ingeborg Bachmann - Paul Celan

sehen, die man sich nicht aussuchen kann, hineingeht, bereit ist,
trotzdem für die zu lesen, die zuhören wollen und sich der anderen
schämen. Es ist, praktisch, nur von da aus etwas zu tun, zu ent­
scheiden.
Wie das Böse aus der Welt zu schaffen ist, weiß ich nicht, und ob
man es nur erdulden soll, auch nicht. Aber Du bist da und hast
Deine Wirkung und die Gedichte wirken für sich und beschützen
Dich mit - das ist die Antwort und ein Gegengewicht in der Welt.

23. Dezember:
Weihnachten ist so nah, ich muß mich beeilen. Heute morgen ist
das Päckchen von Euch gekommen; ich werde es morgen unter
den Christbaum legen, erst dann öffnen. Vorige Woche habe ich
eines an Euch geschickt und hoffe auch sehr, daß es gut und recht­
zeitig ankommt. Kurz nach Neujahr werde ich für ein paar Tage zu
meinen Eltern fahren, einiges ist zu besprechen. Mein Bruder will
sein nächstes Praktikum in Israel machen. Er ist ganz allein auf den
Gedanken gekommen, und aus einem und keinem Grund zugleich
freut mich das.
Ich werde morgen an Euch denken. An Eric, der den Abend
wirklich machen wird. Uns fällt das ja schwer.
In Liebe.
Ingeborg

P.S. Die Prinzessin hat geschrieben; sie hat an N elly Sachs 100
Dollar geschickt, Heym bezahlt und schickt nun an die anderen
auch Schecks. Bitte sag mir noch, ob Du schon etwas bekommen
hast! Ich werde jedenfalls, ohne Deine Antwort abzuwarten, dar­
über noch ein Wort an sie schreiben, damit alles in Ordnung
kommt, ich tu es, weil sie mich ersucht, sie an alles zu erinnern,
es ist also nur natürlich.

I.
Brief Nr. 113 - Brief Nr. 116 101

114 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Le stränge und Paul


Celan, Widmungskärtchen fü r ein Geschenk,
Weihnachten 195 8(?)

Pour Gisèle, pour Paul

Ingeborg

7 /j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in


Alexander Block, »Die Zwölf«, Paris, Weihnachten 1958 (?),
Ende Januar/Anfang Februar 1959 (?)

Für Ingeborg -

Paul

116 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 .2 .19 5 9

am 2. Februar 1959.
Ingeborg, ich sage mir, daß Dein angekündigter Brief nur deshalb
nicht kommt, weil es Dir schwer fällt, ihn zu schreiben, d. h. weil
ich es Dir mit meinem Redeschwall am Telephon noch schwerer
gemacht hab, als es ohnehin schon war. Schreib also bitte nur ein
paar Zeilen, ich weiß ja, daß Du weißt, worum es mir, auch in
dieser üblen Bonner Sache, geht.
Ich fahre erst im März nach Deutschland - wenn Du glaubst,
daß ich irgend etwas für Dich tun kann, so will ich gern irgend­
wohin kommen, um mit Dir zu sprechen, nach Straßburg viel­
leicht oder nach Basel. Oder willst Du lieber nach Paris kommen?
Alles Gute, Ingeborg!
Paul
1 02 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

u y Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 8 .2 ./9/9

Zürich, den 8. Feber 1959

Paul, der Brief ist nur nicht gleich geschrieben worden, weil ich
hier ein paar schwere Tage hatte, mit Aufregungen, und nun die
Grippe dazu, nicht schlimm, aber ich fühle mich zu nichts imstan­
de, kann nicht arbeiten, und es ging gerade so gut vorher. Jetzt
wieder: Leerlauf Zweifel, Niedergeschlagenheit.
Ich möchte Dich unbedingt sehen und überlege nur, ob Basel
oder Straßburg richtig sind, diesmal, das erste Mal nach dieser
Veränderung für mich. Ob wir uns nicht in Zürich treffen sollten?
Der Grund ist, daß für Max alles leichter wäre, wenn es eine Be­
gegnung zwischen Dir und ihm gäbe; er hat mich gebeten, schon
vor längerer Zeit, ihn nicht auszuschließen. Ich weiß nicht, ob ich
es gut erkläre - er weiß, was Du mir bedeutest und wird es immer
richtig finden, daß wir uns treffen, in Basel, oder Paris oder sonst­
wo, aber ich sollte ihm nicht das Gefühl geben, daß ich Dir mit ihm
ausweiche oder ihm mit Dir.
Sag mir, wie D u’s empfindest! Ich könnte mir denken, daß es
nicht leicht ist für Dich, vielleicht auch schwierig sein wird, einen
Kontakt zu finden, aber wahrnehmen könnte man einander doch.
Und Du mußt gewiß nicht fürchten, daß wir nicht genug Zeit
füreinander haben werden in Zürich.
Ich habe jetzt mit Max noch nicht über unseren Wunsch nach
dem Wiedersehen gesprochen, weil ich zuerst Deine Antwort ken­
nen möchte.
Bitte, Paul, davon abgesehen, weil ich noch etwas zu dem Anruf
sagen möchte, - Du machst es mir nur dann schwer, wenn Du zu
vermuten anfängst, daß ich etwas falsch verstehen könnte. Du
sollst doch zu mir sagen, was immer zu sagen ist, das Unüberlegte,
das Überlegte, es ist gleich vor mir, immer recht und immer gleich.
Der Blok ist wunderschön, mühelos wild und ein Ausbruch im
Deutschen, der staunen macht. Ich bin ganz glücklich damit, es ist
so sehr ein Ganzes!
Jetzt kommen bald Deine Gedichte, wieder aus unserer Zeit.
(Vergiß nicht, Dich um den Umschlag zu kümmern, es gibt so
leicht unliebsame Überraschungen.)
Ich denke so sehr, so viel an Dich! Ingeborg
Brief Nr. 1 1 7 - Brief Nr. 120 I0 3

11 8 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 11.2 .19 5 9

Correspondenz-Karte.
An
jfräulein
Jngeborg B ach m an n
in Z ü r ic h
Feldeggstraße 38
bei ftoncgger

Gruss aus Wien. 1. Bez. Am Hof.

119 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 18 .2 .19 59

Nur ein kleiner Aufsatz, der in ein Musikbuch kommt; und weil es
noch eine Weile dauern wird, bis ich Dir die Versuche, die augen­
blicklichen zeigen kann!
Ingeborg

Beilage: Manuskript des Essays »Musik und Dichtung«, nicht er­


halten.

120 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 18 .2 .19 59

18.2.59.
Ingeborg,
ich habe Dir vor ein paar Tagen eine alte Wiener Ansichtskarte
geschickt, sie war, wie ich jetzt sehe, nicht ganz richtig adressiert -
hoffentlich hat sie Dich erreicht. (Ich hatte sie bei einem Bouqui­
nisten gefunden, auf den Quais, fast an der gleichen Stelle, an der
mir vor über einem Jahr das Gedicht eingefallen war.)
Ich will gerne nach Zürich kommen, Ingeborg, vielleicht gehts
im Mai. Aber vielleicht kommt Ihr vorher schon hier vorbei?
Ich übersetze Mandelstamm, im Herbst soll der Band erschei­
nen, bei Fischer.
104 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Sei guten Muts, Ingeborg, schreib - und schick mir, wenn Du


kannst, ein paar Seiten.
Klaus liest am 26. bei Fischers, kannst Du vielleicht Frau Kasch­
nitz bitten, hinzugehen?
Alles Gute, Ingeborg, alles Gute!
Paul

1 2 1 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris (?), 2 3 .2 . /9/9

am 23. Feber 1959.


Ein paar Zeilen nur, Ingeborg, um Dich zu fragen, ob Hans Weigel,
der jetzt seine Verdienste um die junge österreichische Dichtung
um eine bibliophile Anthologie zu vermehren gedenkt, sich auch
an Dich bzw. an Piper gewandt hat. Mich erreicht eben eine A n­
frage der Deutschen Verlags-Anstalt, (die es sich übrigens nicht
nehmen läßt, mich bei dieser Gelegenheit auf das unflätigste zu
beschimpfen...). Ich würde diese »Ehre« nur allzu gerne ableh­
nen, aber das hätte ja wohl nur dann einen Sinn, wenn auch Du es
getan hast. Schreib mir also, bitte, ein paar Zeilen.
Paul

122 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2.3. /9/9

ab 15. März: Haus zum Langenbaum


Seestrasse
UETIKON bei Zürich
Tel: 92 92 13 (Zürich) den 2. März 1959
Lieber Paul,
ich glaube wirklich nicht, dass man gegen eine Kritik etwas ma­
chen kann, Zuschriften sind nicht üblich, werden, meines Wissens,
auch nicht abgedruckt. Man kann nur versuchen, einige Leute auf
das Buch aufmerksam machen und so vielleicht erreichen, dass es,
wenn es sie nicht ohnehin bekommt, andere Kritiken, die ausglei-
chen, erhält.
Brief Nr. 120 - Brief Nr. 122 105

Ich habe gestern Kuno Raeber (Du erinnerst Dich vielleicht an


ihn) von den Gedichten erzählt, da er Besprechungen für den
Rundfunk macht. Werner Weber gebe ich selbst den Band für
die Neue Zürcher Zeitung. Natürlich wird es nicht immer leicht
sein, das Interesse dafür zu wecken, wir wissen ja aus eigner Erfah­
rung wie lange es manchmal dauert; mein erster Band wurde erst
ein Jahr nach dem Erscheinen und nur zögernd hier und da rezen­
siert, aber die Zeit arbeitet dann doch für Gedichte, und sie wird es
für Klaus’ Gedichte tun, das glaube ich, und wir und noch andere
Freunde sind da - das hat doch schon ein wenig in der kurzen Zeit
bewirkt. Moras bringt wieder etwas zum Abdruck, und ich könn­
te, wenn Du es für richtig hältst, Schwab-Felisch von der FAZ
schreiben, damit er jetzt, gerade nach dieser bornierten Kritik,
ein Gedicht von Klaus in der Zeitung nachdruckt.

Es war schön, Deine Stimme zu hören, ich bin immer froh, wenn
sie aus dem weissen Kasten kommt, der auf meinem Schreibtisch
steht. In vierzehn Tagen übersiedeln wir in eine andere Wohnung
am See, nah von Zürich - es ist so schwer, etwas zu finden in der
Stadt. Ich denke, dass wir kaum am 1. Mai von hier und nach Rom
gehen können, weil ich mit dem Buch fertig sein müsste vor der
Abreise, und ich werde wohl nicht fertig werden.
Es ist so mühsam, alles so zweifelhaft, diese vielen Sätze und
Seiten; allein dass man nicht alles aus dem Aug verliert, scheint mir
jetzt schon eine Leistung zu sein.
Ich würde ja gerne eher nach Paris kommen, aber mir geht es
wie Dir, ich kann mich im Augenblick nicht bewegen, der Umzug
steht schon wieder vor der Tür, und Du musst ein wenig Geduld
haben, bitte. Zur Char-Übersetzung schreibe ich noch, ich habe sie
noch nicht ganz gelesen, man kann es auch fast nur stückweis tun.
Von Weigel habe ich nichts gehört, auch der Verlag scheint keine
Anfrage bekommen zu haben. Ich weiss daher nicht, worum ich
Dich bitten soll. Ich möchte ja, wenn es irgend geht und ich gefragt
werden sollte, nein sagen, nach diesen Anpöbelungen, fürchte aber
andrerseits auch, noch mehr heraufzubeschwören, die mich sinn­
los aufregen und denen man doch nicht begegnen kann. Ich bin
ratlos. Vielleicht entscheidest Du es vorläufig für Dich.
io6 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Lieber, so vieles ist quälend, allein der Gedanke daran, aber


versuch, beiseite zu werfen, soviel Du kannst, es ist nicht wert,
dass man Kraft drauf verschwendet.
Wenn Du im Mai kommen könntest!...
Max schickt Grüsse. Er wird auch sehr froh darüber sein.
Ich freue mich auf Dein Buch - und auf jedes Zeichen!
Ingeborg

123 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 12 .3. /9/9

am 12. März 1959.


Liebe Ingeborg,
laß Dir vor allem zu Deinem Preis gratulieren. Es sind ja Blinde
dabei, einer von ihnen muß gesehen haben - vielleicht sogar
mehrere.
Ich weiß nicht viel zu berichten. Ich erlebe täglich ein paar G e­
meinheiten, überreichlich serviert, an jeder Straßenecke. Der letzte
»Freund«, der mich (und Gisèle) mit seiner Verlogenheit zu beden­
ken wußte, heißt René Char. Warum auch nicht? Ich-habe ihn ja
übersetzt (leider!), und da konnte sein Dank, den ich schon vorher,
allerdings in geringeren Dosen erleben durfte, nicht ausbleiben.
Lüge und Niedertracht, fast überall.
Wir sind allein und ratlos.
Grüße Max Frisch -
Hab es gut und leicht -
Dein Paul

124 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in »Sprach-


gitter«, Frankfurt am Main, 20.3. /9^9

FürIngeborg

Frankfurt am Main, Im Palmengarten,


am 20. März 1959.
Brief Nr. 122 - Brief Nr. 128 107

12 j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 2 .3 .19 5 9

Paris, am 22. 3.59


Hast Du das Buch bekommen, Ingeborg? (Ich habe es am Freitag
in Frankfurt aufgegeben, dummerweise als Drucksache und mit
Luftpost - hoffentlich ist es gut angekommen.)
Seltsamerweise weiß ich in diesem Augenblick, daß es ein Ge­
wicht hat.
Dein Paul

126 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See, 23.3.1959

LIEBER PAUL ICH DANKE DIR FUER DIE EINTRITTSKARTE


ZU DEN GEDICHTEN ZU DEM PALMENGARTEN ZU NOUS
DEUX ENCORE DANK FUER DIESE GEDICHTE

INGEBORG

127 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 14. 4.1959

Paul,
Dienstag oder Mittwoch also, wie Du willst und kannst! Ich kom­
me Dich abholen. Du schreibst mir noch die Ankunftszeit oder
telegrafierst, bitte!
Und jetzt warte ich. Ingeborg
Den 14. April 1959

128 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 18. 4.1959

15.4.59.
Liebe Ingeborg,
verzeih, ich werde nun doch nicht schon nächste Woche kommen,
sondern erst übernächste, ich muß nämlich - es ist seit langem
versprochen - nach England zu einer alten Tante, die es mir kaum
io8 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

verzeihn wird, wenn ich sie, wie schon einmal, im Stich lasse. Bitte,
sei nicht enttäuscht darüber, ich komme, wenn’s auch für Euch
geht, Ende April und bleibe zwei oder drei Tage.
Dein
Paul

129 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 20. 4.1959

2 0 -4 -5 9
Lieber Paul,
es ist uns genau so lieb nächste Woche, das möchte ich Dir rasch
sagen! Komm, wann es für Dich am besten geht. Wir haben nichts
vor, arbeiten und wünschen uns gutes Wetter für die Tage mit Dir.
Aber komm trotzdem bald.
Ingeborg

130 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 2.4 .19 59

am 22. April 1959.


Meine liebe Ingeborg,
ich schreibe wieder, schon heute, leider um Dir, um Euch zu sagen,
daß ich auch nächste Woche nicht kommen kann: die England-
Reise haben wir hinausschieben müssen, denn Eric hat sich zu
seinem noch nicht ganz abgeklungenen Keuchhusten einen star­
ken Schnupfen geholt; außerdem werde ich von Fischer wegen der
Mandelstamm-Ubersetzung bedrängt, spätestens am 15. Mai soll
sie dort sein, ich muß mich also, wenn ich pünktlich sein will und
das Buch im Herbst erscheinen soll, sehr »dahinterknien«: die
Übersetzung ist zwar abgeschlossen, aber noch nicht getippt,
und an ein paar Stellen ist leider noch nicht alles geklärt.
Ob Ihr gegen den 20. Mai noch in Zürich seid? Bitte sei nicht
böse, Du weißt, wie gerne ich gekommen wäre.
Dein Paul
Brief Nr. 128 - Brief Nr. 13 1

i j i Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


16. j. 1959
16 - Mai - 59
Lieber Paul,
verzeih bitte, dass ich erst jetzt, nach Deinem Telefongespräch mit
Max, schreibe! Ich bin froh, dass Du das Schweigen nicht miss­
deutet hast, denn ich war nur ganz und gar beansprucht von der
Krankheit; erst jetzt habe ich ein Mädchen gefunden, und es fängt
an, besser zu gehen mit dem Haushalt und der Pflege.
Es ist gut, dass Ihr kommt. Wir freuen uns. Ich gehe jetzt in das
Hotel hinüber, um die Zimmer auszusuchen. Und am Donnerstag
komme ich Euch nach Zürich abholen. Bitte schick vorher ein
Telegramm.
Zur Ansteckungsgefahr wollte ich noch etwas sagen: sie gilt
weniger für Gisèle und Eric, als für Dich, da die Gelbsucht in
erster Linie eine »Männerkrankheit« ist, und die Bazillen reisen
nicht in der Luft herum, sondern werden nur sehr direkt über­
tragen, durch Essen vom gleichen Teller etc., und das lässt sich also
vermeiden. Ich sage es Dir, um Dich einerseits zu beruhigen, an­
drerseits aber Dich doch darauf aufmerksam zu machen, dass ich
nicht ganz dafür einstehen kann, dass nichts passiert. Es scheint
mir jedoch wirklich eine seltene Krankheit zu sein, und man muss
jedenfalls schon die Disposition dazu mitbringen. Lieber Paul, es
gilt also beides: dass wir uns freuen und glauben, dass es nicht
gefährlich ist, und dass wir, wenn es Euch bedenklich erscheint,
keinen Augenblick böse sind und es vollkommen verstehen.
Ich will für schönes Wetter sorgen und für kleine bequeme
Ausflüge; der Greifensee mit dem Landvogthaus liegt in der Nähe,
ganz verzaubert, und noch einiges andere.
Ja, kommt!
Deine
Ingeborg
1 10 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

7j 2 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,

Uetikon, den 31. Mai 1959

Liebster Paul,
wie gut war es, dass Ihr nicht gekommen seid! An dem Donners­
tag, an dem Ihr kommen wolltet, ging es Max plötzlich schlechter,
und am Freitag, also vor 10 Tagen, wurde er ins Spital gebracht. Er
wird jetzt zum Teil künstlich ernährt, fühlt sich ganz schwach,
dürfte eigentlich nicht einmal mich sehen, - aber wir haben trotz­
dem Hoffnung, dass die gute Behandlung in etwa drei Wochen
ihm soweit geholfen haben wird, dass er abreisen kann, nach
Chianciano, in ein italienisches Leberbad, das beste oder eines
der besten.
Mir geht es auch nicht gut, wohl auch weil ich so gar nichts tun
kann, so überflüssig bin; auch arbeiten kann ich nicht, obwohl ich
noch nie soviel Zeit dafür gehabt habe. Wir sind nun aus diesen
und noch einigen andren Gründen übereingekommen, dass ich in
etwa vierzehn Tagen vorausfahre, nach Rom, mir dort in der Cam-
pagna, wo es billiger ist, eine kleine Sommerwohnung suche, und
ich kann von dort aus in zwei Stunden in Chianciano sein und Max
besuchen.
Paul, was machen wir nun? Wie und wann könnten wir uns
sehen? Mir fällt im Augenblick, in dieser Öde, die sich in mir fort­
setzt, so wenig ein. Wie lange bleibt Ihr in Krimml? Selbst wenn Ihr
vor dem 15. Juni oder um den 15. Juni kämt, könnte es zu einem
Gespräch, einem wie Du es Dir wünschst und wie Max es sich
wünscht, kaum kommen, er hat Besuchsverbot, in dem Zimmer
gibt es an der Tür ein Fenster, durch das man sprechen kann, das ist
zu trostlos, und er ist immer so erschöpft, wird es noch lange
bleiben, dass ich meine, wir sollten damit lieber bis zum Herbst
warten, bis er innerlich und äusserlich wieder hergestellt ist.
So bliebe die Möglichkeit eines Wiedersehens für uns, aber ich
muss wirklich am 15. oder 16., vielleicht sogar schon am 14. Juni
fahren. Ich habe die Landkarte angesehen, hoffte, dass Euer Ort
näher sei, aber es ist sehr weit. Weisst Du einen Rat? Sag Gisèle
und Eric viel Liebes von mir.
Brief Nr. 132 - Brief Nr. 134 III

Ach, Paul, ich bin ganz erfroren, von dem Wettersturz draussen
und noch einigem.
Ingeborg

,
T33 Ingeborg Bachmann an Paul Celan Rom, 9. 7 . 1959

Via della Stelletta 23


Roma
Tel: 56 30 39 den 9. Juli 1959

Liebster Paul,
hab Dank für das Telegramm! Und verzeih, dass ich erst heute
schreibe und nur so wenig schreiben kann. Ich kann mich nicht
verständlich machen vor Ode und Erschöpfung, und es geht schon
seit Wochen so. Max hätte kommen sollen, jetzt, in ein Sanatorium
hier, ein Leberbad bei Rom, aber nun muss er doch nach Deutsch­
land zuerst, nach Bad Mergentheim. Ich bekam heute einen Brief
von ihm, er schreibt, Du seist in Zürich gewesen und hättest ver­
sucht, ihn in Uetikon zu erreichen; er war aber in Thalwil bei
Freunden, um die Tage zwischen dem Krankenhaus und dem Sa­
natorium zu überbrücken. Im August kommt Max hierher, und so
bleibe ich hier bis zum 20. September, dann muss ich, um ein wenig
Geld zu verdienen, eine Flugreise machen und etwas darüber
schreiben, ich sollte überhaupt arbeiten, kann aber nicht, es zer­
bricht mir alles. Paul, wir werden einmal reden. Es ist so schwer
jetzt, hab Geduld mit mir.
Ingeborg

,
134 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Sils-Baselgia 15. 7 . 1959

Pension Chaste, Sils im Engadin, am 15. Juli 1959.

Meine liebe Ingeborg,


Du bist in Rom, ich bitte Dich, die Prinzessin zu fragen, weshalb
sie die von mir seinerzeit beschafften Beiträge für Botteghe Oscure
1 12 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

nicht honoriert hat. Grass, den ich in Zürich getroffen habe, hat
sein Honorar jedenfalls bis heute nicht erhalten. Für mich ist da­
mit eine äusserst unangenehme Lage entstanden, ich habe ja H o­
norare in Aussicht gestellt.
Mehrere Briefe an den wirklich unmöglichen Eugene Walter,
darunter auch ein rekommandierter, sind unbeantwortet geblie­
ben. Ist das bloss Nachlässigkeit, oder ist es, wie ich leider an­
nehmen muss, etwas anderes? Bitte hilf mir aus dieser unangeneh­
men Situation heraus, bitte verschaff mir Klarheit.
Wir bleiben bis zum 24. hier, dann fahren wir, nicht zuletzt um
uns von soviel Ferien zu erholen, nach Paris zurück.
Auch mir gehts nicht immer gut.
Alles Liebe
Dein
Paul

Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Sils-Baselgia, 20. 7 . 1959

Meine liebe Ingeborg,


gestern war Max Frisch hier, unerwartet, ich war so gar nicht vor­
bereitet darauf, es waren auch Zürcher Bekannte gekommen, Alle­
manns, das Gespräch war kurz, nur einen Augenblick lang wohl
so, wie er und ich es uns erhofft hatten.
Mir gehts - mein letzter Brief sagts auf seine dumme Weise -
nicht gut, ich bin, obwohl ich die Jeune Parque übersetzt habe,
wieder ganz zerfallen mit mir und mit allem, was soll das Schrei­
ben - und was soll der, der sich ins Schreiben hineingelebt hat?
Und außerdem...
Ich hatte, ehe ich Dir den Brief wegen der Botteghe Oscure-
Honorare schrieb, einen ändern geschrieben - und nicht aufgege­
ben; da ist er nun mit allen seinen halben Überlegungen und Fra­
gen ...
Vielleicht ists doch richtig, daß Du die Frankfurter Dozentur
angenommen hast - wir sind ja schon alle tief im Kompromiß.
Aber mit dem Düsen-Weltflug, Ingeborg, ist [es] vielleicht doch
Brief Nr. 134 - Brief Nr. 135.1 113

ein wenig anders: erlaub mir, Dir zu sagen, daß in mir etwas sehr
zu mir Gehörendes dagegen ist und Dich deshalb, nämlich weil
ichs so garnicht von mir abzulösen weiß, bittet, Dir das Ganze
noch einmal zu überlegen; kannst Du’s nicht, so weißt Du, daß ich
mich dann mit den Gedanken in die Geschwindigkeiten droben
setz und Dich wieder gut heimbring.
Wir fahren in wenigen Tagen nach Paris zurück - bitte schreib
dorthin! Schreib oft!
Dein
Paul

13 5 .1 Beilage

Pension Chaste, Sils-Baselgia am 11. Juli 1959.

Meine liebe Ingeborg,


ich war ein wenig besorgt. Nun bin ichs doch weniger, Du bist ja in
Rom, also irgendwie daheim, und wohnst, so wills zumindest
mein Italienisch, in der Sternchengasse...
Wir sind seit acht Tagen hier, nach langen Regenwochen im
Salzburgischen, einem achttägigen Aufenthalt in Wien, einem ein­
tägigen Umhersausen in der Umgebung von Genua (genauer:
Monterosso, das Lilly von Sauter uns als menschenleer und ganz,
ganz still empfohlen hatte...), drei Tagen Zürich.
Aus Wien hatte ich Dich anzurufen versucht, abends, Du warst
nicht da, das lag wohl daran, daß ich vom Westbahnhof, nicht aus
dem Postamt in der Landstraße anrief.
Ich habe ein wenig gearbeitet, irgendein Teufel will, daß ich
jetzt, statt mit mir selber weiterzukommen, die Jeune Parque über­
setze, von den 510 Versen sind 460 übersetzt, der Teufel oder einer
seiner näheren Verwandten helfe mir nun weiter!
Ehe Dein Brief kam, erfuhr ich aus der Zeitung, daß Du einen
»Ruf« nach Frankfurt erhalten hast, an die Universität -: meinen
herzlichsten Glückwunsch! (Aber, im Vertrauen: kann man das
denn wirklich dozieren? Soll mans? »Camarado, dies ist kein
Buch, wer dies berührt, berührt einen Menschen!« Ich fürchte,
ii4 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

die bis in die Fingerkuppen reichenden Seelenfortsätze sind längst


bei den meisten wegoperiert, im Namen der human relations übri­
gens ...)
Ingeborg, flieg nicht zuviel! Du weißt, wir sind »chthonisch
fixiert«... (Übrigens, da dies Wörtlein ja in Wuppertal geboren
ward: hat der >Bund< Dich für Oktober dorthin eingeladen? Fährst
Du?)
Eine Bitte noch: Frag doch die Prinzessin Caetani, warum die
Honorare für die von mir beschafften Beiträge nicht überwiesen
wurden; Graß, den ich in Zürich traf, hat’s jedenfalls nicht bekom­
men, vermutlich auch die ändern nicht. (Frag doch bitte Enzens­
berger.) Mir ist das äußerst unangenehm, außerdem frage ich mich,
was eigentlich dahintersteckt - denn etwas oder irgendwer steckt
da dahinter!
Ich sitze hier oben - Nietzsche mags mir verzeihen! (Erinnerst
Du Dich, daß er alle Antisemiten erschießen lassen wollte? Jetzt
kommen sie wohl im Mercedes heraufgefahren...)

Laß es Dir gut gehn, Ingeborg -


Ich unterschlag Dir den Enzian und bin infolgedessen mit
Gold-Pippau und vielen
Rapunzeln.
Dein Paul

i j 6 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 26. 7.19 59

am 26. Juli 1959.


Paris, wieder - hoffentlich ists in Rom nicht ganz so heiß wie
h ier..
Vorigen Mittwoch war Max Frisch noch einmal in Sils gewesen,
wir gingen eine Stunde (oder länger) auf der Chaste spazieren, es
war, glaub ich, ein gutes Gespräch. Ob Du ihm nicht helfen könn­
test, indem Du - er sprach davon - ins Engadin hinaufgingst? Und
dann: die Luft, die Lichtfülle, die Lärchen, das nahe nackte G e­
stein.. (Einmal solltest Du dann auch nach Alp Grüm, w o’s einem
aufs deutlichste gezeigt wird, daß diese Erde nicht unbedingt für
die Menschen geschaffen wurde.)
Brief Nr. 135.1 - Brief Nr. 137

Eine Bitte, Ingeborg: Vielleicht läßt sich in Rom dieses Buch


finden:
Renato Poggioli, Pietre di paragone, Firenze 1939 (es enthält
einen »Commento a Mandelstam«). Ich hab’s vor Monaten über
die Buchhandlung Flinker bestellt - ohne Erfolg. Sag mir bitte,
wohin ich Dir Dein Geburtstagsbuch schicken darf!
Und sag auch, was Du tust und denkst!
Dein
Paul

zj7 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


;. 8. /9/9

Uetikon am See, Haus Langenbaum den 5. August 1959

Mein lieber Paul,


auf so vieles will ich Dir antworten; ich fange mit dem Ende an. Da
es in Rom so schlecht ging, fuhr ich plötzlich weg und nach Scuol,
und dann sah ich, dass es richtig war, und nun sind Max und ich
wieder in Uetikon.
Ich bin froh, dass ihr Euch noch einmal gesehen habt, aber wie
gerne wäre ich auch dabei gewesen! Gleich nach Euch ist die
grosse Kälte eingebrochen ins Engadin, ich habe es nur mehr
herbstlich, fast winterlich angetroffen, der frische Schnee lag auf
den Pässen. Aber wir gehen, wenn das Wetter wieder besser wird,
vielleicht noch einmal für ein paar Tage nach Sils Maria, und dann
werde ich den Weg gehen, den Du mir genannt hast in Deinem
letzten Brief.

Die Botteghe Oscure: ich habe einmal ganz im Anfang in Rom


Marie Luise von Kaschnitz zur Redaktion begleitet; sie wollte auch
ihr Honorar holen. Aber die Redaktion war verändert, anstelle von
I.ugene Walter ist seit Monaten ein junger Ire dort, der ihr nur sagen
konnte, dass er das Gefühl habe, es sei kein Geld da. Die Prinzessin
ist nicht in Rom, sondern in Paris. Walter habe ich auch einmal
1 16 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

gesehen, er ist, nach irgendeiner Differenz, weggegangen oder ge­


gangen worden von der Prinzessin, aber er sagte mir, er wolle ihr
nochmals eine Liste der Autoren vorlegen, die noch immer kein
Honorar bekommen haben. (Ich werde ihm schreiben, die Namen,
soweit ich sie weiss.) - Paul, es ist zwar sehr unangenehm, auch für
mich, da ich Walser um ein Manuskript gebeten hatte, aber man
kann es vorläufig nur auf dem Arger beruhen lassen. Dahinter steckt
sicher nichts, ausser, dass es ihr wohl über den Kopf gewachsen ist,
sie ist eben doch sehr alt und wahrscheinlich schlecht beraten. (En­
zensberger habe ich schon alles erklärt; Grass, falls er noch hier ist
oder wiederkommt, kann ich es auch sagen.)

Die Flugreise und das Frankfurter Semester bedrücken mich sehr.


Beide Angebote habe ich angenommen in einem Augenblick, in
dem ich nicht zurechnungsfähig war, nicht mehr weiter wusste.
Trotzdem macht mir das Fliegen viel weniger Sorgen, und Deine
Bedenken deswegen teile ich nicht ganz. Du sprichst vom Kompro­
miss, den wir alle schon machen, das hat mich am meisten betroffen,
denn ich habe für mich dieses Gefühl so wenig gehabt bisher - für
mich fängt der Kompromiss mit Frankfurt an, weil ich fürchte, da­
mit etwas zu tun, was ich nie tun wollte, und ich suche nun einen
Ausweg. Da es sich kaum mehr rückgängig machen lässt, will ich
versuchen, der Gefahr, die ich sehe, zu begegnen, indem ich mich
nicht über literarische Fragen verbreite, nicht rede »über«, damit
dem Geschwätz nicht noch ein Geschwätz hinzugefügt wird.
Bitte Paul, schreib mir, ob Du glaubst, dass man mit einem
grossen Zweifel und aus vielen Zweifeln heraus doch etwas sagen
darf!
Über die Flugreise denke ich anders, ich sehe darin eine Arbeit,
die anstrengend ist und für [die] man soundsoviel Geld bekommt,
und ich brauche nur zu schreiben, was ich schreiben will, es mag
schlecht oder unwichtig sein, aber ich verlasse oder verzeichne
mich deswegen nicht. Ich sehe die Gefahr wirklich nur in dem
»ehrenvollen« Frankfurt, denn dort, wo das Verdächtige nicht
auf der Hand liegt, kommt man mit ihm ins Gleiten. Die Reise
ist wahrscheinlich töricht, aber ich fürchte mich nicht, etwas
Dummes zu tun; danach kann ich Eric wenigstens sagen, wo es
Brief Nr. 137 TI7

wirklich Elefanten gibt und wie es in der Südsee aussieht, und sein
kopfschüttelnder Vater wird nachsichtig sein, wenn ich verspre­
che, nie wieder hinzugehen.

Paul, da die Reise Ende Oktober in London endet, könnte ich über
Paris zurückfahren. Ich hoffe es. Dann könnten wir uns doch bald
sehen.

Heute hat mich Herr Neske angerufen, wegen des Beitrags für die
Heidegger-Festschrift, und ich muss Dich dazu etwas fragen, denn
es gehört für mich zum Kompromiss. Bitte, wenn Du kannst, gib
mir eine kurze Antwort darauf - ich weiss nicht, was ich tun soll.
Ich habe doch vor Jahren eine kritische Heidegger-Arbeit ge­
schrieben, und obwohl ich dieser obligatorischen Fleissübung kei­
nen Wert beimesse, habe ich doch meine Einstellung Heidegger
gegenüber nie geändert, seine politische Verfehlung bleibt für
mich indiskutabel, ich sehe auch, nach wie vor, die Einbruchsstelle
dafür in seinem Denken, in seinem Werk, und zugleich weiss ich
auch, weil ich sein Werk wirklich kenne, um die Bedeutung und
den Rang dieses Werks, dem ich nie anders als kritisch gegenüber­
stehen werde. - Hinzu kommt noch, dass ich gerne, wenn nun
endlich die deutsche Wittgenstein-Ausgabe gemacht wird, die
Einleitung machen würde - und wenn ich sie nicht machen sollte,
so wird es sein, weil ich fürchte, dass meine Fähigkeiten nicht
hinreichen, aber es wäre ein aufrichtiges Bedürfnis.
Ich weiss ja schon seit langer Zeit, dass ich einen Beitrag zu der
I;cstschrift geben soll, ich wollte es auch, freute mich, als ich hörte,
dass Heidegger meine Gedichte kennt, aber das uneingestandene
Zögern seit Monaten ist nun ein eingestandenes. (Wenn ich Neske
absage, so werde ich es ohne Erklärung tun, denn ich möchte kein
liberflüssiges Gerede, auch keine Kränkung, ich möchte mich nur
vor mir selber richtig verhalten und Dich fragen. Und ich möchte
vor allem Dich nicht irre machen, Deiner Zusage wegen, denn es
j^ibt kein schematisch richtiges Verhalten; wir würden uns ja jeder
1 ,ebendigkeit berauben.)
Ich schreibe bald wieder. Ich denke viel an Dich.
Deine
Ingeborg
118 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

138 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 10. 8.1959

Paris, am zehnten August 1959.

Es ist nicht leicht, Deine Fragen zu beantworten, aber ich wills


versuchen, gleich jetzt.
Zur Heidegger-Festschrift: Neske hat mir vor ein paar Tagen
geschrieben, dem Brief liegt eine Liste bei, ich stehe auf dieser
Liste, ohne gefragt worden zu sein, d. h. ohne ,dass Neske, dem
ich vor einem Jahr gesagt habe, ich würde, wenn er mir vorher die
Namen der anderen an der Festschrift Beteiligten mitteilte, eben­
falls an einen Beitrag denken, sein Versprechen gehalten hätte. Das
hat er also nicht, ich stehe vielmehr, und das hat zweifellos seine
(recht billigen) Gründe, auf dieser Liste und soll nun, so schnell als
möglich, mein Gedicht schicken... Dies ist also der Kontext, und
dieser Kontext gibt mir auch in anderer Hinsicht zu denken. Ich
werde also nichts schicken. Damit hat Neske es mir aber, sicherlich
nicht von ungefähr, leicht gemacht. Ich sehe auch, dass Martin
Buber, von dem Neske mir seinerzeit sagte, er habe ebenfalls einen
Beitrag versprochen, nicht dabei ist. Soweit das Unmittelbare.
Bleibt Fleidegger. Ich bin, Du weissts, sicherlich, der letzte, der
über die Freiburger Rektoratsrede und einiges andere hinwegse­
hen kann; aber ich sage mir auch, zumal jetzt, da ich meine höchst
konkreten Erfahrungen mit so patentierten Antinazis wie Böll
oder Andersch gemacht habe, dass derjenige, der an seinen Ver­
fehlungen würgt, der nicht so tut, als habe er nie gefehlt, der den
Makel, der an ihm haftet, nicht kaschiert, besser ist als derjenige,
der sich in seiner seinerzeitigen Unbescholtenheit (war es, so muss
ich, und ich habe Grund dazu, fragen wirklich und in allen Teilen
Unbescholtenheit?) auf das bequemste und einträglichste einge­
richtet hat, so bequem, dass er sich jetzt und hier - freilich nur
»privat« und nicht in der Öffentlichkeit, denn das schadet ja be­
kanntlich dem Prestige - die eklatantesten Gemeinheiten leisten
kann. Mit anderen Worten: ich kann mir sagen, dass Heidegger
vielleicht einiges eingesehen hat; ich sehe, wieviel Niedertracht in
einem Andersch oder Böll steckt; ich sehe ferner, dass Herr Schna­
bel »einerseits« ein Buch über die Anne Frank schreibt und das
Brief Nr. 138 119

Honorar für dieses Buch mit nicht zu übersehender Großzügig­


keit für irgendwelche Wiedergutmachungszwecke spendet, und
daß »andererseits« derselbe Herr Schnabel dem Herrn von Rez-
zori für dessen Buch, das - vor welchem Hintergrund! - so hübsch
und so amüsant und, nicht wahr, so witzig den ganzen, freilich
»vor-nazistischen« Antisemitismus zu servieren weiss, einen Preis
verleiht (und sich dann, nachdem ich - aber warum muss denn ich
es sein, wenns darauf ankommt? - ihn zurechtgewiesen, enormiter
blessieret zeigt ob der »Form«, in der ich das getan habe).
Dies, meine liebe Ingeborg, sehe ich, sehe ich heute.

Und nun zu Deinem Frankfurter Lektorat: ich hatte, ich habe -


und es wäre falsch, es Dir zu verschweigen - wirkliche Bedenken.
Abgesehen davon, dass sich damit die Zunft (und nicht nur sie) die
Dichtung sozusagen an den Hut steckt - und, verzeih, das gehört
nun eben einmal zum bundesrepublikanischen Protzentum, auf
diese Weise sind »wir« nun ebenso fein wie Oxford -, abgesehen
davon, dass man, indem man sich das Gedicht zu Gemüt führt
(denn man hat ja ein Programm, und dazu gehört ja auch, dem
guten und besten Vernehmen nach, auch ein »drittes«), die »Lei­
stungsfähigkeit« dieses Gemüts auf das schönste demonstriert -
abgesehen von all dem (und manchem ändern), glaube ich kaum,
dass »Poetik« dem Gedicht dorthin zu verhelfen vermag, wohin es
sich, unter unsern finstern Himmeln, aufgemacht hat. Aber, und
ich sage das nicht etwa deshalb, weil Du das Ganze ja nicht mehr
rückgängig machen kannst, aber: Versuchs trotzdem, ja. Etwas,
das Dir vielleicht noch nicht ganz deutlich vor Augen steht, eine
kleine Unsichtbarkeit, ein Augen-Stottern vor vermeintlich Über­
deutlichem, hilft Dir wohl zu dieser oder jener wirklichen Mit­
teilung. (Randbemerkung: Ich bin durchaus für das Artikulierte.)

U nd dann Dein Flug, Ingeborg: Flieg bitte, wenn Du’s nicht lassen
kannst. Kannst D u’s aber lassen, so flieg nicht. Letzten Endes ist
I )eine »Freiheit«, so oder auch anders darüber zu schreiben, nur
ein kleines Raffinement der an Deinem Flug beteiligten Reklame-
Idee. Denn dass Du fliegst, gerade Du: das, Ingeborg, genügt den
I,euten. (Du nennst es Arbeit; denk bitte an den Mehrwert und
bedenk dabei, dass das Gedicht, das Du schreibst, dazu beisteuert.)
120 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Und, Ingeborg, das bisschen Dortgewesensein... Die soundsoviel


Stunden Südsee und Elefanten... Soll Dir nicht lieber Eric einen
Elefanten zeichnen, der, wenn Du Glück hast, eine grosse Ähn­
lichkeit mit einer Feldmaus hat? Aber (auch hier): in dieser unsrer
Zeit wird geflogen - warum sollst nicht auch Du fliegen, vielleicht
erfliegst Du Dir dabei etwas, das ich, der ich nur ein paar gezählte
Male hab einen Drachen steigen lassen, gar nicht sehn kann und es
erst sehn werde, wenn D u’s sichtbar gemacht hast? Alles Gute
also, auch in der Luft!
Grüss Max Frisch!
Dein Paul

Kommst Du Ende Oktober nach Wuppertal?

T39 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


3 - 9 - l 959
Uetikon am See
3- 9 ~ 59
Lieber Paul,
ich habe den Flug abgesagt. Es machte viel Mühe, aus der einmal
eingegangenen Verpflichtung herauszukommen, und die letzten
Tage vergingen damit. Ich wollte Dir nicht eher schreiben, nicht
ehe ich Dir das sicher hätte sagen können. Jetzt bin ich froher.
Bleibt noch Frankfurt...
Freilich verstehe ich, was Du wegen Heidegger sagst, und ich
bin ja auch nach wie vor der Meinung, daß die Absage nicht in eine
Kränkung verkehrt werden soll, noch weniger in ein Urteil.
Der »Valéry« ist gekommen, mein Geburtstagsbuch, ich habe so
große Freude daran! Aber damals, in Paris, hast Du mir die G e­
schwisterbücher selber geben können. Wann seh ich Dich wieder?
Im Winter, in Frankfurt? Wirst Du mir die Übersetzung schicken?
Hier ist es still, es geht gut, ich versuche ein wenig zu arbeiten,
aber ich fühle mich immer müde, erschöpft von Zweifeln, noch
ehe ich anfange.
Ich denke und denke, aber immer in dieser Sprache, in die ich
Brief Nr. 138 - Brief Nr. 140 121

kein Vertrauen mehr habe, in der ich mich nicht mehr ausdrücken
will. - Leb wohl, lieber Paul.
Ingeborg

140 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 7. 9.19 59

am 7. September 1959.
Ingeborg, ich bin froh, daß Du nicht fliegst.
Jetzt, da Du endgültig abgesagt hast, darf ich Dir auch sagen, daß
es vor allem das Unheimliche, das diese Nachricht für mich hatte,
war, das mich all die (sekundären) Argumente finden ließ.
Ich bin wirklich froh, daß Du nicht fliegst.
Frankfurt: sag nicht ab, bitte, es wird ganz bestimmt gut gehen.
Die Heidegger-Festschrift: Neske ist, daran zweifle ich auch
nicht eine Sekunde lang, ein unsauberer Mensch. Nach meinen
Erfahrungen mit der Schallplatte und nachdem ich außerdem auch
ungefragt auf seiner Liste stehe, muß ich mir u. a. auch sagen, daß
in der Festschrift, wenn sie gedruckt vorliegt, dieser oder jener
vorher nicht erwähnte Name dabei sein könnte (Friedrich Georg
Jünger ist auch nicht gerade einer der schönsten...), in dessen
Nachbarschaft ich mich auf keinen Fall begeben darf... Ich habe
also nur gesagt, ich hoffte, er, Neske, würde mich, wenn er zu
Heideggers 75. Geburtstag wieder eine Festschrift publiziert,
rechtzeitig verständigen...
(Ich bin auch, weiß Gott, kein »Hirte des Seins« ...)
Ich schicke Dir das erste Drittel der Jeune Parque, Ingeborg. Es
ist die Rundschau-Korrektur - der leserlichste Text, den ich im
Augenblick besitze. Bitte gib ihn mir, wenn Du ihn gelesen hast,
zurück; Anfang Oktober habe ich es wohl zu einer Reinschrift des
Ganzen gebracht - jetzt wollen meine Gedanken so gar nicht dort­
hin -, dann bekommst Du sie.
Der Mandelstamm wird bald da sein, aber ich habe damit schon
so schlechte Erfahrungen gemacht, daß ich mir nicht viel von
seinem Buch-Dasein verspreche. (Ich bin übrigens auch sonst wie­
der im Finstern.)
12 2 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ob Du nach Wuppertal kommst? Ich habe ein paar Einladun­


gen zu Lesungen, eine davon sogar nach Wien (!), Burgtheater-
Matinee; aber ich bin lesemüde, all diese Briefe sind noch unbeant­
wortet; außerdem habe ich eine Deutsch-Lektor-Steile bei der
Ecole Normale angenommen, nicht zuletzt auch des damit ver­
bundenen Monatsgehalts wegen. Ich glaube, ich muß durch ein
längeres Stummsein.
Alles Gute, Ingeborg!
Paul

Beilage: von Celan handschriftlich korrigierter Umbruch fü r die


Teilpublikation seiner Übertragung Paul Valéry, »Die junge Par­
ze« in >Die Neue Rundschau<.

14 1 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 22.9 .19 59

22· 9- 59-
Eine Bitte, Ingeborg: kannst Du mir die Jeune Parque zurück­
schicken? Ich sehe nämlich, daß ich die Korrekturen im MS nicht
nachgetragen habe..
Wie geht es Dir? Gut, hoff ich, gut.
Paul

142 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2 8. 9.1959

Kirchgasse 3 3
Zürich, 2 8 - 9 - 5 9
Paul,
verzeih, daß ich noch nicht antwortete. Ich übersiedle in diesen
Tagen nach Zürich, in eine kleine Arbeitswohnung, die uns zufäl­
lig zugefallen ist. Max bleibt in Uetikon, auch ich bleibe ja, aber
wir kamen nie zur Arbeit in solcher Nähe. Es ist ein ruhig gefaßter
Entschluß, er ändert nichts. /
Ich habe mir zur »Jungen Parze« ein paar Anmerkungen ge­
macht; darf ich sie Dir sagen?
3. Seite, Zeile 16:
Brief Nr. 140 - Brief Nr. 143

Der Geist - er ist so rein nicht, daß (wäre diese Satzstellung


nicht besser?)
5. Seite, 3. Zeile von unten:
die Wange glüht, als flammt’ drauf etc. (’ oder nicht?, weil Du
auch sonst so vorgehst, wo eine Verwechslung mit dem Präsens
möglich ist)
letzte Seite, 4. Zeile
Mein Sinn........., als schlief’ er - (hier, weil man sonst ans Im­
perfektum denken könnte.)
Das ist auch schon alles. Die Übersetzung muß sehr schwierig
sein, bei so wenig Bewegungsfreiheit. Sie ist schön.

Ich komme nicht nach Wuppertal (ich glaube, ich habe auch keine
Hinladung bekommen).

Ich weiß nicht, was ich sagen soll zu Deiner Lektor-Stelle; es tut
mir weh, daß Du es tun mußt, aber vielleicht ist es gut wenigstens
für die Zeit des erwarteten Stummseins, als Tätigkeit. Schreib mir,
ob die Arbeit erträglich ist und sich in Grenzen hält.
Leb wohl, Paul.
Ingeborg

Schreibst Du mir in die Kirchgasse? Ich ziehe am 1. Oktober hin,


das Haus ist alt und heißt »Steinhaus«, es ist das höchste in der
Stadt, zwischen Zwingli-, Büchner- und Gottfried Kellerhäusern.

Beilage: von Celan handschriftlich korrigierter Umbruch fü r die


leilpublikation seiner Übertragung Paul Valéry, »Die junge Par­
ze« in >Die Neue Rundschau<.

143 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, i y . 1 0 ./9/9

17. X. 59.
Liebe Ingeborg,
die beiliegende Besprechung kam heute früh - bitte lies sie und sag
mir, was Du denkst.
Paul
124 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

14 3.i Beilage (Günter Blöcker; Rezension zu »Sprachgitter«)

GED IC H TE ALS GRAPH ISCH E G EBILD E


D er Titel des neuen Gedichtbandes von Paul Celan ist unge­
wöhnlich treffend und entlarvend zugleich. Die dünnen Linea­
turen dieser Gedichte sind in der Tat Sprachgitter. Es fragt sich
nur; was man durch diese Gitter sieht. Das ist - wie immer bei
Celan - schwer zu beantworten, weil seine Lyrik nur selten
einem Objekt gegenüb ersteht. In der Regel entwickelt sich
ihr verbales Filigran wie Spinnfäden gewissermassen aus den
Sprachdrüsen selbst. Celans Metaphernfülle ist durchweg we­
der der Wirklichkeit abgewonnen, noch dient sie ihr. Das Bild
als die besser verstandene, durchdringender geschaute und rei­
ner empfundene Wirklichkeit bleibt bei ihm eine Ausnahme.
Seine Bildersprache lebt von eigenen Gnaden. D er Leser wohnt
einer Art Urzeugung von Bildern bei, die dann zu geglieder­
ten Sprachflächen zusammengesetzt werden. Entscheidend ist
nicht die Anschauung., sondern die Kombinatorik.
Selbst wo Celan Natur ins Spiel bringt, ist das keine lyrische
Benennung im Sinne des Naturgedichts. Von dem Thymiantep­
pich in »Sommerbericht« geht keine Berauschung aus, er ist
duftlos - ein Wort, das fü r diese Lyrik als Ganzes gelten kann.
Celans Verse sind vorwiegend graphische Gebilde. Ihr Mangel
an dinghafter Sinnlichkeit wird auch durch Musikalität nicht
unbedingt wettgemacht. Zwar arbeitet der Autor gern mit
musikalischen Begriffen: die vielgerühmte »Todesfuge« aus
»Mohn und Gedächtnis« oder, in dem vorliegenden Band, die
»Engführung«. Doch das sind eher kontrapunktische Exerzi-
—» tien \auf dem] Notenpapier oder au f stummen Tasten - Augen­
musik, optische Partituren, die nicht voll zum Klang entbunden
sind. N ur selten ist in diesen Gedichten der Klang bis zu dem
Punkt entwickelt, wo er sinngebende Funktionen übernehmen
kann.
Celan hat der deutschen Sprache gegenüber eine grössere Frei­
heit als die meisten seiner dichtenden Kollegen. Das mag an\
seiner Herkunft liegen. D er Kommunikationscharakter der
Sprache hemmt und belastet ihn weniger als andere. Freilich
Brief Nr. 143.1 - Brief Nr. 144 125

wird er gerade dadurch oftmals dazu verführt, im Leeren zu


agieren. Uns wollen diejenigen seiner Gedichte am überzeu­
gendsten scheinen, in denen er die Fühlung mit der ausserhalb
seines kombinationsfreudigen Intellekts gelegenen Wirklich­
keit nicht ganz au f gegeben hat. Verse etwa in der Art der A n­
fangszeilen des Gedichts »Nacht«:
Kies und Geröll. Und ein Scherbenton, dünn,
als Zuspruch der Stunde.
Besonders schön, wie hier die nächtliche Beängstigung (das
stolpernde »Kies und Geröll«!) durch Geräusche gemildert
wird und der »dünne Scherbenton« den sonoren Klang der Be­
ruhigung annimmt: die ganz au f den dunkelsten Vokal gestellte
Wendung vom »Zuspruch der Stunde«. Oder wie in dem G e­
dicht '»Die Welt« aus kahlen Baumschäften Fahnen werden,
unter denen der verlassene Mensch kämpft:
/Zw ei Baumschäfte.......................den Fahnen./

Das sind echte lyrische Metamorphosen, die jenseits einer allzu


selbstbesessenen Kombinatorik liegen. In dieser Richtung
könnte man sich eine weitere Entwicklung dieses Autors den­
ken, ganz im Sinne seiner Feststellung, dass der Dichter ein
Mann sei, der »mit seinem Dasein zur Sprache geht, wirklich­
keitswund und Wirklichkeit suchend.«
Günter Blocker, D er Tagesspiegel, Berlin, 11. X. 59.

144 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 9 .11.19 5 9

Kirchgasse 33
Zürich, Montag. /9. N ovem ber 1959/

Lieber Paul,
ich war kurz in Deutschland und bin mit einer schlimmen Kopf­
grippe heimgekommen, die mich gehindert hat, gleich zu antwor­
ten. Und jetzt hindert mich etwas anderes, so zu antworten, wie
ich es sonst getan habe, denn alles ist davon überschattet, daß ich
126 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

von dem Brief weiß, den Max an Dich geschrieben hat, von meinen
Ängsten und meiner Ratlosigkeit deswegen. Ich hätte verhindern
können, daß der Brief abgeht, aber ich glaube noch immer, nicht
das Recht dazu gehabt zu haben, und muß eben diese kommenden
Tage durchstehen in Ungewißheit.
Ich möchte zurückfinden zu dem Ausgangspunkt und Dir mei­
ne - von all dem unabhängige - Antwort geben, aber sie entgleitet
mir fast, nicht weil mir Selbständigkeit fehlt, sondern weil mir das
erste Problem überschwemmt wird von dem neuen.
Hat Blöcker Dir, in irgendeiner Form, geantwortet und was?
Daß er manchmal aufs Geratewohl und aufs Leichtfertigste belei­
digen kann in seinen Kritiken weiß ich, seit mir das auch wider­
fahren ist von ihm nach meinem zweiten Gedichtband. Ob es
diesmal einen anderen Grund hat, ob Antisemitismus der Grund
ist? - nach Deinem Brief dachte ich es auch, sicher bin ich nicht,
frage darum nach seiner Antwort. - Laß mich noch einmal wo
anders anfangen: Paul, ich fürchte oft, daß Du überhaupt nicht
wahrnimmst, wie sehr Deine Gedichte bewundert werden, wie
groß ihre Wirkung ist, ja, daß nur Deines Ruhmes wegen (laß mich
das Wort dies eine Mal verwenden und weis es nicht ab) immer
wieder der Versuch gemacht werden wird, ihn zu schmälern, auf
jede Weise, und es gibt zuletzt noch den motivlosen Angriff - als
wäre das Ungewöhnliche nicht zu ertragen, nicht duldbar. Ich
möchte Dich am liebsten anrufen, wegen allem zusammen, und
schrecke diesmal vor dem Telefon zurück, weil man nur so kurz
sprechen kann und ich nicht weiß, wie ich Dich antreffe.
Ich bin am 25. u. 26. November in Frankfurt, dann nochmals
14 Tage darauf, im Dezember, der Vorlesungen wegen.
Wenn wir uns doch sehen könnten! Wenn Du nie nach Frank­
furt kommst im Winter, will ich versuchen, nach Paris zu fahren.
Lieber Paul, zu wenig von dem, was mich bewegt, steht hier
aufgeschrieben. Wenn Dein Gefühl es ergänzen könnte, bis ich
Dich wiederseh!
Deine
Ingeborg

\
Brief Nr. 144 - Brief Nr. 145 127

145 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 1 2 . 1 1 . /9^9

Paris, den 12. November 1959.


Ich habe Dir am 17. Oktober geschrieben, Ingeborg - in der Not.
Am 23. Oktober, als noch immer keine Antwort gekommen war,
schrieb ich, ebenfalls in der Not, an Max Frisch. Dann, da die
Not fortdauerte, versuchte ich, Euch telephonisch zu erreichen,
mehrere Male - vergebens.
Du warst - ich erfuhr es aus den Zeitungen - zur Tagung der
Gruppe 47 gefahren und hattest mit einer Erzählung, die »Alles«
heisst, grossen Beifall geerntet.
Heute morgen kam Dein Brief, heute nachmittag der Brief von
Max Frisch. Was Du mir geschrieben hast, Ingeborg, weisst Du.
Was Max Frisch mir geschrieben hat, weisst Du ebenfalls.
Du weisst auch - oder vielmehr: Du wusstest es einmal -, was
ich in der Todesfuge zu sagen versucht habe. Du weisst - nein, Du
wusstest - und so muss ich Dich jetzt daran erinnern -, dass die
Todesfuge auch dies für mich ist: eine Grabschrift und ein Grab.
Wer über die Todesfuge das schreibt, was dieser Blöcker darüber
geschrieben hat, der schändet die Gräber.
Auch meine Mutter hat nur dieses Grab.
Max Frisch verdächtigt mich der Eitelkeit und des Ehrgeizes; er
beantwortet meine Notzeile - ja, es war nur eine Zeile: wieviel
glaubte ich doch (törichterweise) voraussetzen zu dürfen! - mit
diversen Aperçus und Mutmassungen hinsichtlich verschiedener
Probleme des »Schriftstellers«, so z. B. hinsichtlich »unseres Ver­
haltens zur literarischen Kritik überhaupt«. - Nein, ich muss hier,
obgleich ich annehme, dass Max Frisch einen Durchschlag seines
Briefes aufbewahrt - auch ich schreibe jetzt mit Durchschlag... -,
noch einen Satz zitieren: »Denn sollte auch nur ein Funke davon
/gemeint sind die »Regungen der Eitelkeit und des gekränkten Ehr­
geizes«/ in Ihrem Zorn sein, so wäre die Anrufung der Todeslager,
scheint mir, unerlaubt und ungeheuer.« - Das schreibt Max Frisch.
Du, Ingeborg, vertröstest mich mit meinem »Ruhm«.
So schwer es mir auch fällt, Ingeborg - und es fällt mir schwer -,
ich muss Dich jetzt bitten, mir nicht zu schreiben, mich nicht
anzurufen, mir keine Bücher zu schicken; nicht jetzt, nicht in
128 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

den nächsten Monaten - lange nicht. Die gleiche Bitte richte ich,
über Dich, auch an Max Frisch. Und, bitte, versetzt mich nicht in
die Lage, Euch Eure Briefe zurückzuschicken!
Ich lasse, obgleich noch manches mir vor Augen tritt, diesen
Brief nicht länger werden.
Ich muss an meine Mutter denken.
Ich muss an Gisèle und das Kind denken.

Ich wünsche Dir von Fierzen alles Gute, Ingeborg! Leb wohl!
Paul

146 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, iy. 11.19 5 9

17. X I . -59
Ich bin in Sorge um Dich, Ingeborg -
Aber Du mußt mich verstehn: mein Notschrei - Du hörst ihn
nicht, bist nicht bei D ir (wo ich Dich vermute), bist ... in der
Literatur.
Und Max Frisch, der sich diesen »Fall« - der ja ein Schrei ist! -
literarisch interessant macht...
Schreib also, bitte, oder schick mir - telegraphisch - Deine
Telephonnummer in der Kirchgasse.
(Ruf bitte nicht an: wir haben Besuch: Rolf Schroers...)
Paul

147 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 1 8 .1 1 . 1959

Mittwoch mittag,
eben kam Dein Expressbrief, Paul, gottlob. Atmen ist wieder mög­
lich. Gestern versuchte ich in meiner Verzweiflung an Gisèle zu
schreiben, der Brief liegt unbeendet da, ich möchte sie nicht ver-
stören, aber durch Dich jetzt inständig um ein schwesterliches
Gefühl bitten, eines, das Dir meine Not übersetzen kann, den
Brief Nr. 145 - Brief Nr. 149 129

Konflikt, - auch meine Unfreiheit in dem Brief, der schlecht war,


ich weiß es, der nicht leben konnte.
Hier die letzten Tage, seit Deinem Brief - es war entsetzlich,
alles im Wanken, dem Bruch nahe, jetzt sind jedem von jedem
soviel Wunden geschlagen. Aber ich kann und darf von hier nicht
reden.
Von uns muß ich reden. Das darf nicht sein, daß Du und ich
einander noch einmal verfehlen, - es würde mich vernichten. Du
sagst, ich sei nicht mehr bei mir, sondern ... in der Literatur! Nein,
ich bitte Dich, wo irrst Du hin mit Deinen Gedanken. Ich bin, wo
ich immer bin, nur am Verzagen oft, am Einstürzen unter den
Lasten, es ist schwer, auch nur einen einzigen Menschen, den
Selbstzerstörung und Krankheit vereinsamen, zu tragen. Ich
muß noch mehr können, ich weiß, und ich werde es können.
Ich werde Dich hören, aber hilf Du mir auch, indem Du mich
hörst. Ich schicke jetzt das Telegramm ab mit der Nummer und
bete drum, daß wir die Worte finden.
Ingeborg

148 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 1 8 . 1 1 . 19/9

342987 NUR NICHT HEUTE ABEND LASS UNS DIE WORTE


FINDEN

INGEBORG

149 Ingeborg Bachmann mit Klaus Demus an Paul Celan, Zürich,


20.-21. 11. 1959
Zürich, 20./21. Nov. 1959
Wir grüßen Dich Paul -
Deine nächsten, Deine treuesten Freunde.
Ingeborg Klaus
130 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

150 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2 3 .11.19 5 9

DIE MUSIK IST FUER DEN GEBURTSTAG UND ALLES GUTE


ALLES SCHOENE WUENSCHE ICH DIR

INGEBORG

i j i Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2 1.1 2 .1 9 5 9

Montag,
20 - 12 - 59
Lieber Paul,
ich habe so lange gezögert jetzt und nur die Geburtstagswünsche
geschickt. Ich hoffte, es würde mir einfallen oder etwas zu Hilfe
kommen, was ich Dir sagen kann, damit uns allen geholfen ist,
denn nicht nur Du und ich sind betroffen, und ich hoffte auch, daß
Klaus Dir noch ein Bild von den Schwierigkeiten hier geben wird,
besser als ich es in einem Brief vermag. Ich habe Klaus gestern
abend eine Stunde lang gesehen, sprechen konnten wir nur wenig,
im Lautsprecherlärm eines Cafés zwischen zwei Zügen, und erst
nachher ist alles wieder über mich hereingebrochen, Fragen, Fra­
gen, und mir ist, als wüßte ich nicht mehr als zuvor, trotz der
lieben großen Bemühung von Klaus. - Paul, ich muß darum noch
sehr direkt einiges sagen, damit keine Undeutlichkeit ist und
nichts in der Schwebe bleibt. Den Rat, den ich am Telefon nicht
wußte - Du erinnerst Dich? Ich muß etwas vorausschicken; es
beginnt damit, daß Du den Brief von Max keiner Antwort für wert
befunden hast und daß die Beleidigung, durch die verletzende A b ­
sage in dem Brief an mich, für ihn weiter besteht, auch nachdem
Du und ich ein erlösendes Wort gefunden haben füreinander. Dies
kann für ihn nicht gelten, denn sein Brief war vor allem die U r­
sache, ja es verschlimmert nur die Gedanken, auch mir gegenüber,
weil es aussieht, als läge mir nur an Dir, an Deiner Not, an unserer
Beziehung. Damals, nach Deinem ersten Brief und dem Unheil,
das er zwischen Max und mir angerichtet hat, als ich fürchten
Brief Nr. 1 5 0- Brief Nr. 151

mußte für alles, konnte ich nur eins erreichen, - daß darüber ge­
schwiegen wird (und es wurde noch mehr, ein lastendes Schweigen
zwischen uns). Und kürzlich erzählte mir Hildesheimer auf der
Durchreise, daß Max Dir »suspekt« sei, ich war allein zugegen und
habe Max nichts davon gesagt, aber der Bericht hat mich entsetzt,
ich kann dann nicht begreifen, was Du von mir erwartest, wie
dieses schweigende Hinnehmen, die Beschämung, vereinbar sein
soll mit der geringsten Forderung, die ein Mensch, mit dem wir
leben, an uns stellen darf. Ich war so irre manchmal, daß ich weg­
zugehen wünschte, hier für immer, und Dich nicht wiederzusehen
wünschte, deswegen, und weil ich nur beides halten oder beides
verlieren zu können meinte und nun die Unmöglichkeit sah. Aber
es gibt die Möglichkeit, muß sie geben, nur einer allein kann sie
nicht schaffen. Ich glaube, daß Du Max schreiben mußt, wie auch
immer, aber von der Deutlichkeit, die Klarheit schafft. Und ich
weiß, was ihm unerträglich ist - zu denken, daß, was zwischen
Euch ist, von mir ausgetragen werden soll.
Paul, ich ahne, welch schlimme Zeit Du durchlebt hast, aber ob
Du ahnst, was hier geschehen ist - oft zweifle ich. Ich konnte auch
Klaus nicht alles sagen, es war nicht möglich.
Dazu diese Lasten, Frankfurt, Tag- und Nachtarbeit seit Wo­
chen, zwei Haushalte ohne Hilfe, es könnte nicht ärger alles Zu­
sammenkommen, und man wundert sich manchmal, daß man
nicht einfach umfällt. Es geht auch so nicht weiter, sowie das
Semester zu Ende ist, wollen wir fort, aufs Land, in die Süd­
schweiz oder nach Oberitalien, für ganz, - wenn nur bis dahin
alles durchzustehen gelingt.
Jetzt noch Weihnachten. Ich fahre nicht nach Kärnten, muß
durcharbeiten, es wird kein Fest sein. - Ich habe heut Nachmittag
Gisèle geschrieben, - mach Du es ihr nie zu schwer, seid glücklich,
und es gibt Eric, ich denke oft an ihn und daß er ja da ist.
Ingeborg
Ingeborg Bachmann - Paul Celan

IJ2 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2 8 .12 .19 5 9

28 - 12 - 59
Lieber Paul,
habt Dank, Du und Gisèle, nochmals für den Anruf am Weih­
nachtsabend, ich konnte nicht viel sagen, und mein Französisch
war ganz durcheinander, aber es war gut, auch so. Und jetzt wollen
wir ruhiger werden, alle, und bis zu dem Wiedersehen jenes G e­
spräch ruhen lassen.
Ich schreibe hie und da, oder ich schicke Dir, sowie ein Stück für
das Buch fertig ist, ein Manuskript, - das möchte ich schon lange
Dir zeigen, aber ich bin mit dem Verbessern jetzt nicht weiter
gekommen.
Meinen Dank nochmals - und sag ihn auch Gisèle.
Ingeborg

i j j Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 29 .12. 1959

Dienstag Nacht
Lieber Paul,
von Rolf Schroers erfuhr ich von der Bremer Affaire, und da ich
ihn jetzt anrufen musste, weil ich ohne Adressen und im Zweifel
über die »Anrede« war, erfuhr ich auch noch, dass Du grosse
Sorgen hast, deswegen. Paul, bitte darf ich Dich beruhigen, ob­
wohl ich die Gedanken verstehe, die Dir gekommen sind; denn
leider ist es so, dass wohl kaum einer der Preisträger imstande
wäre, das Geld aufzubringen und zurückzugeben, und es ist nie­
mand damit geholfen, ich kann keinen Sinn darin sehen, wenn
ausgerechnet dieser Senat den Vorteil von der Demonstration
hat. Hingegen ist mir, Deiner Gedanken wegen, ein anderer G e­
danke gekommen. Ich glaube, so vielleicht hätte die Demonstra­
tion einen Sinn: Könnten wir nicht versuchen, Du und ich und die
anderen, soviel Geld zusammenzulegen, unsren Kräften entspre­
chend, dass wir es Günter Grass geben können, als Preis - damit
wäre das Urteil der Ju ry bekräftigt und dem Senat die wirksamste
Lehre erteilt. Ich weiss nicht, vielleicht ist der Gedanke sehr tö-
Brief Nr. 1 5 2 - Brief Nr. 153.1 133

rieht; sag mir, was Du meinst! Aber ich möchte gern, dass, wenn
etwas geschehen soll, etwas geschieht, das sinnvoll ist.
Ich lege Dir einen Durchschlag von meinem Brief an den Senat
bei, damit Du weisst, was ich geschrieben habe.
Und sorge Dich nicht zu sehr!
Ingeborg

15 3 .1 Beilage

Ingeborg Bachmann
Kirchgasse 33 / Zürich den 29. Dezember 1959

An den Senat der Freien Hansestadt Bremen


Staatskanzlei - B rem en

Sehr geehrte Herren,


erlauben Sie mir, da ich die Ehre hatte, vor drei Jahren den Litera­
turpreis der Freien Hansestadt Bremen zu erhalten, Ihnen mein
Befremden über Ihr Veto gegen die diesjährige Entscheidung der
Jury mitzuteilen. Ich glaube, dass das Urteil einer angesehenen
Jury, der, soviel ich weiss, unter anderem die Herren Professor
von Wiese und Dr. Rudolf Hirsch angehören, nicht desavouiert
werden darf und die Wahl nicht zunichte gemacht werden kann -
oder es ist jede vorangegangene gutgeheissene Wahl und jede künf­
tige, die Sie gutheissen könnten, zur opportunen traurigen Farce
erklärt.
Darum hoffe ich, dass die Jury auf ihrem Spruch beharrt und
dass Sie, sehr geehrter Herr Senator, und Sie, sehr geehrte Herren
vom Senat, den Weg finden, der für keinen von uns ungangbar ist -
den der Umkehr aus Einsicht in eine verfehlte Handlung von solch
grundsätzlicher Konsequenz, dass sie mich, und wohl jeden
Schriftsteller, den jene Ehrung erfreute, mitbetreffen und alarmie­
ren muss.
Mit vorzüglicher Hochachtung
134 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

154 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris3 3 .1.i9 6 0

am 3. Jänner i960.
Alles Gute, Ingeborg!
Ich habe Euch den Mandelstamm geschickt, gestern, Euch beiden.
Von Hildesheimer kam ein guter Brief, ich habe das Klärende
mit Hellem beantwortet, tu das bitte auch.
Dein Paul

(Dem Bremer Senat habe ich am 30. Dez. ein Brieftelegramm ge­
schickt.)

J 55 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2 2 .1. i960

22. Jänner i960


Paul,
Dr. Hirsch wird Dir wohl gesagt haben, wie es in Frankfurt war,
ich wäre beinahe geblieben. Aber wahrscheinlich war es Dir lieber
so, denn andernfalls hättest Du mir eine Nachricht gegeben.
Hab Dank für die Mandelstamm-Gedichte; das ist ein so schö­
ner Band geworden, mir wichtiger als die Char- und Valeryüber-
setzungen. Das Liebste neben dem Block. Kannst Du aber wieder
für Dich arbeiten?
Frankfurt läßt mich nicht zu Atem kommen, ich suche ein paar
freie Stunden, um endlich ins Reine schreiben zu können, was im
vergangenen Jahr entstanden ist.
Alles alles Gute!
Ingeborg

(Zwischen Hildesheimer und mir ist alles gut.)


Noch eins: hast Du von den Botteghe Oscure schon oder end­
lich oder noch immer nicht ein Honorar bekommen? Ich habe
plötzlich einen Brief bekommen aus Rom, mit einer Frage des­
wegen.
Brief Nr. 1 5 4 - Brief Nr. 158 *35

156 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 1.2 . i960

1. Feber i960

Das ist die erste Geschichte. Ich kann nichts dazu sagen, nur hof­
fen ...
Grüsse!
Deine
Ingeborg

Beilage: Erzählung »Alles«.

i$ y Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 19 .2. i960

Feber i960
Zürich
Lieber Paul,
nach allem, was geschehen ist, glaube ich, daß es für uns kein
Weiter mehr gibt. Es ist mir nicht mehr möglich.
Es fällt mir sehr schwer, das zu sagen.
Ich wünsche Dir alles Gute.
Ingeborg

158 Hans Mayer, u. a. mit Ingeborg Bachmann, an Paul Celan,


Leipzig, zwischen dem 29. und dem 3 1.3 . i960
(2. 4. i960.)
Lieber Paul Celan, diese Karte ist gerade schön und sinnig genug,
um Ihnen unsere herzlichen Grüsse zu senden. Wir hoffen sehr,
auch Sie, wie die Dichter, die nun folgen, als Gast unserer Univer­
sität begrüssen zu können. Herzlichst Ihr Hans Mayer
Mit herzlichen Grüßen
Georg Maurer
13 6 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Herzlichst! Ihr Peter Huchel


Ingeborg
Freundliche Grüsse
Ernst Bloch Werner Krauss
Inge Jens
Walter Jens. - Karola Bloch
Werner Schubert Ingeburg Kretzschmar
hmenzensberger Stephan Hermlin

159 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 19. j. i960

/Poincare 39-63/
Paris, am 19. Mai i960.
Ich schreibe Dir, Ingeborg.
Weisst Du noch, was ich Dir gesagt habe, als ich Dich zujn
letztenmal sah, vor zwei Jahren, in Paris, im Taxi, vor Deiner A b­
reise?
Ich weiss es noch, Ingeborg.
»Verabenteuere Dich nicht, Ingeborg« - das habe ich Dir gesagt.
Du hast Dich verabenteuert, - dass Du es nicht einmal weisst,
ist... der Beweis dafür.
Allen jenen, die mich nur allzu gerne verleumden, glaubst Du
aufs Wort; mich fragst Du nicht einmal. Alles über mich Zusam­
mengelogene hat für Dich Evidenz. Mich selbst willst Du nicht
wahrnehmen, nicht wahrhaben, nicht fragen.
Ingeborg, wo bist Du? - Da kommt so ein Blöcker daher,
kommt ein Gräberschänder, ich schreibe Dir, in der Verzweiflung,
und Du hast kein Wort und keine Silbe für mich übrig, du fährst zu
Literatentagungen. (Und wenn es um irgendwelche Literaturprei­
se geht, schreibst Du »Dienstag nachts«.)
Und eines Tages - ich zähle Dir nicht noch einmal alles auf -
bekomme ich einen Brief, in dem Du mir »nach allem Geschehe­
nen« die Freundschaft aufsagst...
Schämst Du Dich nicht, Ingeborg?
Brief Nr. 158 - Brief Nr. 161 l 37

Ich schreibe Dir, Ingeborg.


Ich schreibe Dir auch deshalb, weil ich Dir sagen muss, dass ich
am 24. nach Zürich fahre, um N elly Sachs zu sehen.
Ich weiss, dass Du sie auf dem Flugplatz erwartest. Ich hätte
Dich gerne dorthin begleitet - nun musste ich N elly Sachs sagen,
dass mir diese Möglichkeit genommen sei.

Wenn du es dennoch für möglich hältst, so sag es jetzt gleich N elly


Sachs, und sag es, bitte, auch mir. N elly Sachs wird das sicherlich
freuen.
Und wenn Du willst, dass wir miteinander sprechen, so sag mir,
bitte, auch das.
Ich war nicht gut auf Dich zu sprechen, Ingeborg, in diesen
letzten Monaten - wenn Du jetzt einen Augenblick Du selbst sein
kannst, so siehst Du ein, wieso und weshalb.

Und - bitte Frage jetzt nicht, ehe Du mir antwortest oder nicht
antwortest, andere um Rat - Frage Dich selbst.
Paul

160 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung in Paul


Valéry, »Die junge Parze«, Paris, 30. j. i960

Für Ingeborg,
am 30. Mai i960.

Paul

16 1 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 7. (?)6. i960

Lieber Paul,
hab Dank für die »Junge Parze«. Es ist eine Freude, sie so schön
gedruckt zu sehen - ein wenig Lohn auch für die unbelohnbare,
wunderbare Arbeit, die Du getan hast.
Ich hoffe, Ihr seid mit guten Gefühlen heimgekommen und lebt
i 38 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

ohne Störungen. N elly Sachs kommt am Montag den 13. um 1615


nach Paris, mit dem Flugzeug, das um 1 505 von Zürich abgeht. Du
weißt, sie geht nur Deinetwegen hin. Ich war sehr glücklich und
zuversichtlich in den Tagen, die sie noch hier war, und aufgefan­
gen. Sie hat ein großes Herz.
Leb wohl -
Deine
Ingeborg

162 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


10 .7. i960

Uetikon am See
Haus zum Langenbaum
10 - 7 - i960

Hab Dank, lieber Paul, für das herrliche Buch! Der Geburtstag
war schön, aber man erlernt Älterwerden nicht ohne Schaudern,
weil so viele Grenzen gezogen werden.
Ihr seid vielleicht schon auf dem Land. Es soll Euch sehr gut
ergehen!
Ingeborg

163 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 28. 8. i960

2 8 -8 -6 0
Lieber Paul,
jetzt sind die halbfertigen Briefe doch zum Teil schon überholt.
Diese zwei letzten Wochen mit Familie, Sorgen und Wegen wegen
Bobbie und dann noch Deine beängstigenden Nachrichten - es
war viel. Am Telefon sagte ich Dir schon, ich habe keine Nachricht
aus Stockholm, vergass aber zu sagen, daß ich eine frühe Karte von
N elly Sachs spät bekommen habe, wo sie eine andere Adresse
angibt, c.o. Frl. Hella APPELTOFFT, HJALMAR SÖDERBERGS-
VÄGEN i 6 c, STOCKHOLM, aber womöglich gilt diese Adresse
Brief Nr. 161 - Brief Nr. 164 139

auch nicht mehr, sehr wahrscheinlich nicht mehr. Ich weiß mir
auch keinen Rat. Wir fahren nun am Mittwoch früh weg, - bitte,
wenn Du irgendwelche Nachrichten für mich hast, schreib mir so,
daß ich um den September ungefähr in Madrid, poste restante,
den Brief bekomme! Und vom 10. Oktober an bin ich wieder in
Uetikon.
Ja, und die Entgegnung von Klaus: Paul, ich muß Dir sagen,
muß es leider auch Klaus schreiben, daß ich sie nicht gut finde, daß
sie mir, in dieser Form, nur schädlich erscheint. Ich weiß nichts
Besseres vorzuschlagen, als Dr. Hirsch zu bitten, die Formulie­
rung zu übernehmen. Die Fakten gehen in diesem Manuskript
unter und kommen nicht zur Wirkung, und der Ton scheint mir
auch verfehlt.
Von Marie Luise von Kaschnitz, auch von Dr. Hirsch, habe ich
nichts gehört, aber ich wüßte gerne, wie sie sich dazu äußern.
Lebt wohl, Du, Gisèle, Eric, - ein gutes Sommerende wünsche
ich Euch, und Max läßt vielmals grüßen!
Deine
Ingeborg

164 Ingeborg Bachmann und Max Frisch an Gisèle Celan-


Le stränge und Paul Celan, Madrid, 11. 9. i960

Madrid, 1 1 - 9 - 6 0
Liebe Gisèle, lieber Paul,
wir sind zu früh hierhergekommen, weil uns der Süden und die
Wärme locken, fahren morgen weiter und grüßen Euch!
Ingeborg

Wenn man nur soviel erleben könnte, wie man auf einer solchen
Fahrt erlebt!
Herzlich Ihr Frisch
140 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

/6 j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Widmung au f Sonder­


druck »Gespräch im Gebirg«, Paris, 29.10. i960

Für Ingeborg,

Paul
Paris, am 29. Oktober i960.

166 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, / 7 .11. /960

17. XI. 60.


Meine liebe Ingeborg,
bist Du, seid ihr noch in Zürich? Ich fahre am 25. dorthin, ich muß
mit Dr. Weber sprechen.
In der >Welt< vom 11 . 11. ist die Infamie in einer kaum zu über­
bietenden Weise wiedergekommen. Auch in »Christ und Welt«.
(Christ un d ...)
Siehst Du, Ingeborg, ich wußte ja, daß auch der Büchner-Preis
diesen Machenschaften nicht Einhalt tun w ürde... Wie gut, daß
Eure Entgegnung erscheint - von Herzen danke ich Dir dafür, daß
Du Deinen Namen darunter gesetzt hast. Laßt es Euch gut gehen,
urbi et orbi.
Dein
Paul

167 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


1 8 .1 1 . i960
1 8 - 11 - 60
Lieber, lieber Paul,
am 2 5. bin ich hier - so sehen wir uns! Ich bin so froh, daß ich mich
freuen kann, daß ich Dich wiedergefunden habe an diesem Regen­
tag in Paris. Wir werden auch den Rat und den Weg finden, um
diese Welt aus der Welt zu schaffen. Ich sehe Dr. Weber nächste
Woche, wir werden darüber sprechen, er wird mir auch die Blätter
zeigen. Szondi soll in einer Zeitung sehr gut erwidert haben.
Brief Nr. 165 - Brief Nr. 170 141

Ich bin nur wenige Tage in Rom gewesen, um Max den Anfang
zu erleichtern, das Nötige herzurichten. Jetzt muß ich noch 4 Wo­
chen hierbleiben, mich abschließen, arbeiten, das geht nur hier und
es geht nicht anders. Bitte schreib mir, wann Du kommst, damit ich
Dich abholen kann. Nicht telefonieren, weil ich das Telefon ab­
gestellt habe! Und wo willst Du wohnen? Ich möchte sagen hier,
kann’s nur nicht, weil dieses Mietshaus so schweizerisch ist.
Ich werde auf dem Bahnhof stehen -
Deine
Ingeborg

168 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


2 3 .11. i960

ALLES ALLES LIEBE ZUM GEBURTSTAG DAS PAECKLEIN


WARTET HIER

DEINE INGEBORG

169 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 4 .11. i960

Bin morgen fünfzehn 49 bis Sonntagabend Zürich


Bitte Zimmer Urban oder Nähe reservieren
Dein dankbarer Paul

iyo Ingeborg Bachmann an Paul Celan, lose eingelegte Widmung


in Gertrude Stein, »Drei Leben«, Uetikon am See (?), zw i­
schen dem 2 j. und dem 2 7 .11. i960

Lieber Paul
zum Geburtstag
an mehreren Novembertagen
Deine
Ingeborg
142 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

i y i Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 .12 . i960

Es muß etwas geschehen Ich kann nicht länger warten Ruf bitte an
P.

/72 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


J. /2. /960

HABE VERGEBLICH VERSUCHT DICH ANZURUFEN GEHEIM­


NUMMER WIRD NICHT BEKANNTGEGEBEN BITTE RUF
MICH GEGEN 10H00 MORGENS AN ODER TELEGRAFIERE
DEINE NUMMER

DEINE INGEBORG

I 73 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


j . 12. i960
Samstag nachts
Paul,
an Gisèle habe ich nun schon das Wichtigste geschrieben. Heut
abend habe ich noch mit Hirschfeld gesprochen, der den Brief an
den Herausgeber schreiben wird.
Es geschieht etwas, ich bitte Dich, aber es wird noch Tage und
Tage brauchen, bis es sich auswirkt, das verstehst Du doch. Paul,
Lieber, Du mußt arbeiten, nicht dauernd dran denken, es verwü­
stet Dich, das darf nicht sein.
Viele viele inständige gute Gedanken!
Deine
Ingeborg
Brief Nr. 17 1 - Brief Nr. 176 *43

174 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 5 .12. i960

5 - 11 - 60
Lieber Paul,
Dr. Weber hat die Grippe, die Verabredung verschiebt sich noch­
mals um eine Woche. Für Kurt Hirschfeld habe ich die Unterlagen
beschafft, das Wichtigste, damit er dem Herausgeber das mitschik-
ken kann. Er wird schreiben. In der »Tat« ist noch nichts erschie­
nen, aber es mag eine Verzögerung sein - oder ich habe andere
Exemplare gekauft. Mittwoch früh muß ich für drei Tage nach
Frankfurt fahren. Ich schreibe dann wieder!
Alles Liebe.
Ingeborg

17 j Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Rom, Weihnachten i960

Paul,
daß das Gute gut bleibt und das andre gut wird!
Ingeborg
Weihnachten i960

176 Ingeborg Bachmann und Max Frisch an Gisèle Celan-


Lestrange und Paul Celan, Rom, 2 4 .12. i960

FROHE WEIHNACHTEN WÜNSCHEN

INGEBORG UND MAX FRISCH


144 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

/77 Paul Celan an Ingeborg Bachmann und Max Frisch,


Montana, 2 7 .12. i960

Montana, am 27. Dezember i960.

Liebe Ingeborg, lieber Max Frisch!


Unsere Weihnachtswünsche sind seit Tagen unterwegs: ich hatte
das Telegramm zuerst »152, Via Giulia«, dann »125«, und schließ­
lich, da auch diese Hausnummer sich als falsch erwies, an die alte
Adresse in Uetikon geschickt. Entschuldigt, bitte, diese Verspä­
tung. (In der Eile der Abreise hatte ich die am Telephon notierte
römische Adresse auf meinem Tisch liegen lassen.)
Noch einmal, auch hier: Alles Frohe und Helle Euch beiden!

Ich fahre schon übermorgen zurück, über Zürich. /Dies noch, zur
Information: Leonhardt hat mir, benebst Weihnachtsgrüßen, den
Abel-Artikel geschickt, die Sache, so drückte er sich aus, müs^e
»durchgestanden« werden, am liebsten, schreibt er, wäre es ihm,
wenn ich selbst antwortete...
Es gibt überall diese Boten: gestern traf ich hier, in Montana,
einen Mann, der mich vor Jahren in Paris besucht hat: Enrique
Beck. Ob ich schon gelesen hätte, was in der letzten Nummer der
»Kultur« (Dezember) über mich geschrieben worden sei.../
Die herzlichsten Grüße und Wünsche!
Paul

1/8 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Rom, 3. 1.19 6 1

3. Jänner 1961

Lieber Paul,.
habt Dank für das Telegramm und Dank für Deinen Brief! Die
Commerce-Hefte sind alle alle genau dafür am 24. hierhergekom­
men, durch ein Postwunder, aber immer kann die Post eben keine
Wunder tun. - Einen Brief, den ich Dir vor Tagen geschrieben
Brief Nr. 177 - Brief Nr. 178.1 145

habe, lege ich bei, weil ein paar Dinge drinstehen, die Du wissen
sollst; ich wollte ihn zuerst nicht abschicken, damit Du in den
Ferien verschont bleibst. In der »Kultur« habe ich nachgesehen;
es steht aber nichts darin. Ich denke, daß Dr. Weber Dir in Zürich
raten konnte wegen Leonhardt.
Jetzt dürfte ja bald die Erklärung der Büchner-Preisträger er­
scheinen.
Laß Dich nach Rom erst im Frühjahr einladen, denn der Winter
ist nicht schön, man schlottert den ganzen Tag, und ich fühl mich
die ganze Zeit krank oder halbkrank.
Alles Gute, lieber Paul!
Deine
Ingeborg

1/8. i Beilage

Lieber Paul,
jetzt ist von Leonhardt, dem ich ja schrieb, nachdem er den Arti­
kel von Abel aufgehalten hatte, eine kurze Nachricht gekommen;
er schreibt, er habe Dir den Artikel geschickt (und das wollte ich
doch auch verhindern, dass Du den je zu sehen bekommst!), denn
offenbar hatte ich ihm zu wenig Anhaltspunkte dafür gegeben,
was er nun vom »journalistischen« Standpunkt! aus machen solle.
Du weisst ja schon, dass Dr. Weber es für unsinnig und schlecht
hielt, dass ich oder jemand, den ich benenne, darauf erwidre, denn
es gibt nichts zu erwidern - Abel muss zuerst einmal richtigstel­
len. Leonhardt will offensichtlich vor allem etwas »Journalisti­
sches, Interessantes« für sein Blatt, und darauf kann man nicht
eingehen.
Abel selber hat mir nun auch geschrieben, er wirft mir den Text
der »Entgegnung« in der Neuen Rundschau vor, einige der For­
mulierungen. Es ginge an, ihn ohne Antwort zu lassen, aber ich
werde ihm wahrscheinlich doch antworten; ich denke, er ist jung,
und ein Wort kann vielleicht helfen, ihn sein Unrecht einsehen zu
machen.
146 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich brauche nur noch etwas Zeit, weil ich uns noch einrichten
muss; dieser Beginn hier ist nicht leicht. Hoffentlich ist Montana
gut und tut Euch gut.
Ich bin furchtbar deprimiert.
Deine
Ingeborg
Via Giulia 102
Rom 2 3 - 1 2 - 6 0

179 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 9 .1.19 6 1

Paris, am 9. Jänner 1961.


Meine liebe Ingeborg,
eben kamen Deine beiden Briefe - ich will sie gleich beantworten,
in aller Kürze und Eile, ich muss nämlich in die Rue d’Ulm.
Abels ersten Aufsatz in der >Welt< kennst Du; er basiert^ auf
niederträchtigen Verleumdungen - >gefragt< wird, ob ich Sterben­
de bestehle - und auf zurechtgefälschten >Zitaten< und Daten.
Nach der >Entgegnung< und dem Aufsatz von Peter Szondi geht
das, siehe >Die Zeit< und deren Fahnen, ungestört, d. h. noch in­
famer weiter.
Wenn Abel Dir schreibt, Ingeborg, so ist das eine Provokation.
Bitte geh darauf nicht ein! A uf keinen Fall, Ingeborg!
Maurer hat, ich erfuhr es vorgestern, in der >Welt< vom 3 1.12 .
das ihm von C.G . in den Mund gelegte Wort vom >Meisterplagia-
tor< dementiert.
Ingeborg, vergiss nicht: der sogenannte Nachlass ist - nachweis­
bar - eine Konstruktion. Es gab, nach G .’s Tod, ein paar deutsch
geschriebene Verse. Die von C.G. hierzu 1951, 1956 und i960
angeführten Daten, auch der Vergleich der beiden >Fassungen<
ihres 1951 und i960 zum >Traumkraut< geschriebenen Vorworts
zeigen deutlich, dass und wie und warum hier retuschiert wurde.
Drei von mir übersetzte Zyklen hat C.G ., nachdem sie sie >bear-
beitet< hat - auch das ist nachweisbar - unter ihrem Namen ver­
öffentlicht. (Dem Luchterhand Verlag ist all das genauestens be­
kannt.)
Brief Nr. 178.1 - Brief Nr. 180 147

Nochmals, Ingeborg: Abel handelt mala fide. Lass Dich nicht


provozieren!
Ich lege diesen Zeilen, für Dich und Max Frisch, eine Photoko­
pie von >Baubudenpoet< bei: damit Ihr seht, was womit erreicht
w ird ...
Alles Gute!
Dein Paul

Daß es nicht die >Kultur<, sondern >Panorama< ist, habe ich Euch ja
schon geschrieben...

Beilage: Photokopie des Artikels von Claire Goll, »Unbekanntes


über Paul Celan«.

180 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


20. i. 1961
Uetikon am See
20 - i - 1961
Lieber Paul,
hab Dank für den Brief! Wegen »Panorama«: das einzig Richtige
ist sicher, wenn der Fischer-Verlag an diese Redaktion die »Neue
Rundschau« schickt, mit einem Begleitbrief, damit die Redaktion
aufgeklärt wird und berichtigt.
An Abel werde ich also nicht schreiben. Ich habe zwar ange­
fangen, einen Brief zu entwerfen, aber man lässt sich da wirklich
auf eine fatale Weise ein und ist so wenig sicher, dass auf der an­
deren Seite ein guter Wille ist - ja alles spricht eigentlich dagegen.
Aber so gern würde man einen guten Willen vermuten und sich
verleiten lassen...
Ich werde für eine Weile noch hier sein in der Schweiz, bis An­
fang Feber; dann bin ich bis zum 20. März ohne Adresse, weil ich
eine Reise machen muss (Lesungen). Und Ende März bin ich wie­
der in Rom. Dann kommst Du hoffentlich auch bald.
Deine Ingeborg
148 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

18 1 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, 2 j. 1.19 6 1

27- 1-6 1
Lieber Paul,
ich lege Dir einen Artikel bei, der in der Studenten-Zeitschrift
NOTIZEN erschienen ist!
Alles Liebe.
Ingeborg

Beilage: Originalartikel von Jürgen P. Wallmann: »Die Hetze ge­


gen Paul Celan«.

182 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Uetikon am See,


28. i. 1961
28- 1 - 6 1
Lieber Paul,
ich habe erfahren, daß noch weitere Artikel, in denen für Dich
eingetreten wird, erschienen sind, einer von Szondi in den Neuen
Deutschen Heften und einer, auf die Neue Rundschau hin, in »Das
Schönste«. Leider bekam ich sie nicht und kann sie drum nicht
schicken. Auch daß Maurer im Osten seine böse Behauptung zu­
rückgenommen hat, ist sehr wichtig und wird wirken. Sei guten
Muts, Du solltest es schon sein.
Deine
Ingeborg

183 Ingeborg Bachmann und Max Frisch an Paul Celan, Rom,


2 j. 4. 1961

SIND IN SORGE WOHNUNG UETIKON STEHT EUCH ZUR


VERFUEGUNG SCHLUESSEL BEI GUENTHART IM HAUS

INGEBORG UND MAX FRISCH


Brief Nr. 181 - Brief Nr. 186 149

184 Paul Celan an Inge borg Bachmann und Max Frisch, Paris,
2 j . 4 .19 6 1
78, RU E DE LO N GCH AM P X V IC

Liebe Ingeborg, lieber Max Frisch,


ich danke Euch, wir danken Euch für Euer Telegramm.
Weggehen - das können wir nicht. Hiersein und Hierbleiben:
wir haben das, zumal in der Nacht von Sonntag auf Montag, als das
einzig Richtige empfunden. (Was nichts mit irgendwelchen Pro­
gnosen zu tun hat.)
Nochmals Dank für das Telegramm
Herzlich
Paul
Paris, am 25. April 1961.

185 Paul Celan an Ingeborg Bachmann und Max Frisch, Paris,


2. j. 1961, nicht abgesandt
Paris, am 2. Mai 1961.
Liebe Ingeborg, lieber Max Frisch,
vor ein paar Tagen habe ich Marie Luise Kaschnitz geschrieben -
ich hoffe, dass sie Euch meinen Brief gezeigt hat.
Was Kasack - er ist nicht der einzige Intrigant in dieser Sache -
zusammen mit dem Nazi Martini da fertiggebracht hat, kann Euch
nicht gleichgültig lassen.
Herzlich

186 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Rom, 3 1. j. 1961

V IA de N O T A R IS 1 F
RO M A 31-5-61

Lieber Paul,
hab Dank für Deinen Brief. Nun ist ja gottlob das Schlimmste
abgewendet; ich verstehe auch, daß Ihr Euch so entschlossen habt,
I 50 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

aber trotzdem sollt Ihr immer wissen, daß diese Möglichkeit da ist,
daß wir für Euch da sind!
Wir waren eine zeitlang weg, in Griechenland, vorher und nach­
her in Wohnungsnöten, die jetzt ihre Lösung gefunden haben, wir
übersiedeln gerade, und die neue Adresse steht auf dem ersten
Blatt.
Vom Fischer-Verlag habe ich einen Claire Goll-Brief bekom­
men, man schreibt dazu, Du wüßtest davon. Ich denke, man kann
nur nicht drauf antworten. Oder denkst Du anders darüber? Ich
habe ihn nur noch nicht in [den] Papierkorb geworfen, weil ich
gerne wüßte, ob Du ihm eine Wichtigkeit beimißt. Es war nichts
anderes zu erwarten, - neue niederträchtige Lügen, da ihr die alten
ausgehen.

Die Büchner-Rede habe ich wiedergelesen, mit großer Freude,


und nun auch alle Jessenin-Gedichte. So schön sind die, von Dir
gefunden. Du wirst noch Nachsicht haben müssen mit meinen
Ungaretti-Versuchen, die ich Dir bald schicken kann. Blatt und
Blatt...

Wirst Du nach Rom kommen - ? die neue Wohnung hat auch ein
Gastzimmer, das wartet. (Wir haben für zwei Jahre gemietet.)
Leb wohl, mein lieber Paul, grüsse Gisèle, und nehmt viele
Grüsse von Max.
Mit vielen, oft sorgenvollen Gedanken -
Deine
Ingeborg

i8y Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Widmung in »Das


dreißigste Jahr«, Rom, 4. 6.19 6 1

Für Paul -
Ingeborg
Rom 4 - 6 - 6 1
Brief Nr. 186 - Brief Nr. 190

188 Inge borg Bachmann an Paul Celan, Widmung in: Giuseppe


Ungaretti, »Gedichte«, Rom (?), Sommer 1961

Für Paul -
Ingeborg
Sommer 1961

189 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 11. 9 .1961, nicht


abgesandt

Liebe Ingeborg,
es geht mir, zumal nach der Vorwärts-Provokation (die bestimmt
nicht die letzte ist), gar nicht gut. Ich sage mir - und das ist vielleicht
doch kein ganz egoistischer Gedanke -, daß ein Gespräch mit Dir
und Max Frisch helfen könnte, aufklären, aufhellen könnte.
Und so bitte ich Dich und Max Frisch um ein solches Gespräch.
Ich kann leider nicht zu euch kommen - bitte kommt also hier­
her, irgendeinmal, morgen oder übermorgen, aber laßt es mich
schon jetzt wissen.
Von Herzen wünsche ich Euch alles Gute!
Paul
1 1.9 .6 1.

/90 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris, 2 j. 9 .1961

78, rue de Longchamp


(Poi 39-63) 27. 9. 61.

Meine liebe Ingeborg,


ich habe lange nicht geschrieben, ich habe es versäumt, Dir zum
Geburtstag zu gratulieren, Dir für Deine Bücher zu danken. - Laß
es mich jetzt nachholen.
Alles, alles Gute, Ingeborg!
Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich sage mir - und sage es jetzt auch Max Frisch -, daß das, was
zwischen uns getreten ist, nur ein Mißverständnis sein kann, ein
schwer zu entwirrendes vielleicht, aber doch nur das.
Laß uns also versuchen, es gemeinsam aus der Welt zu schaffen.
Ich glaube an Gespräche, Ingeborg. Ja, laß uns miteinander spre­
chen - ich bitte auch Max Frisch darum.
Alles Liebe!
Paul

19 1 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Zürich, nach dem


27. 9. 1961, nicht abgesandt

Lieber Paul,
vor wenigen Minuten haben wir telefoniert - lass mich aber trotz­
dem auf Deinen Brief zuerst die Antwort versuchen. Ich weiss
nicht, ob es Missverständnisse sind, die zwischen uns getreten sind
oder etwas, das einer Aufklärung bedarf. Ich empfinde es anders:
Einbrüche von Schweigen, ein Ausbleiben von den einfachsten
Reaktionen, etwas, das mich hilflos macht, weil ich nur Vermu­
tungen anstellen kann, mit denen ich mich verirren muss, und
dann höre ich wieder von Dir, wie jetzt, höre, wie schlecht es
D ir geht, und bleibe so hilflos wie in dem Schweigen und weiss
nicht, wie herausfinden und wie ich jemals wieder lebhaft und
lebendig werden kann Dir gegenüber. Manchmal weiss ich auch
die Gründe sehr deutlich, ein paar Dinge, Vorkommnisse aus der
schlimmen Zeit im vergangenen Jahr, die ich nicht verstehe, auch
heute noch nicht und die ich mich zu vergessen bemühe, weil ich
sie nicht wahrhaben will, weil ich nicht möchte, dass Du sie getan,
gesagt, geschrieben hast. Auch jetzt bin ich wieder erschrocken,
als Du am Telefon mir sagtest, Du hättest Abbitte zu tun für etwas,
ich weiss ja nicht, was Du damit meinst, aber mir ist schon wieder
bang, weniger weil mich wieder etwas bitter machen könnte, als
weil ich spüre, wie mutlos es mich zur Freundschaft macht, in
einer, die hinausgeht über Mitgefühl und die Wünsche, dass sich
alles zum Besseren wenden möge für Dich. Diese Gefühle sind mir
zu wenig und sie müssen es ja auch für Dich sein.
Brief Nr. 190 - Brief Nr. 191 x53

Lieber Paul, das ist nun vielleicht wieder nicht die richtige Zeit,
um einiges zu sagen, was sich schwer sagen lässt, aber es gibt ja die
richtige Zeit nicht, sonst hätte ich es schon einmal über mich
bringen müssen. Ich glaube wirklich, dass das grössere Unglück
in Dir selbst ist. Das Erbärmliche, das von aussen kommt - und Du
brauchst mir nicht zu versichern, dass es wahr ist, denn ich weiss es
ja zu einem grossen Teil - ist zwar vergiftend, aber es ist zu über­
stehen, es muss zu überstehen sein. Es kann jetzt nur von Dir
abhängen, ihm richtig zu begegnen, Du siehst ja, dass alle Erklä­
rungen, jedes Eintreten, so richtig es auch gewesen sein mag, in Dir
das Unglück nicht verringert hat, wenn ich Dich sprechen höre,
kommt es mir vor, als sei alles wie es vor einem Jahr war, als gelte es
Dir nichts, was dass viele Menschen sich bemüht haben, als gelte
nur das andere, der Schmutz, das Hämische, die Torheit. Du ver­
lierst auch Freunde, weil die Menschen fühlen, dass es Dir weniger
gilt, dass auch ihr Widerspruch nicht gilt, wo er ihnen vonnöten
scheint. Der Widerspruch fällt leicht unglücklicher aus als das Ein­
verständnis, aber nützlicher ist er manchmal doch, und seis auch
nur, dass man für sich selber danach besser herausfindet, als die
anderen, wo der Fehler liegt. Aber lassen wir die anderen.
Von den vielen Ungerechtigkeiten und Beleidigungen, denen
ich bisher ausgesetzt [war,] sind mir am schlimmsten immer dk
Du mir zugefügt hast - auch weil ich sie nicht mit Verachtung oder
Gleichgültigkeit beantworten kann, weil ich mich nicht schützen
kann dagegen, weil mein Gefühl für Dich immer zu stark bleibt
und mich wehrlos macht. Gewiss handelt es sich für Dich jetzt in
erster Linie um andere Dinge, um Deine Nöte, aber für [mich],
damit es sich um sie handeln kann, in erster Linie um unsere Be­
ziehung, damit das andere diskutierbar wird. Du sagst, Du möch­
test uns nicht verlieren, und ich übersetze es mir in »Dich nicht
verlieren«, weil diese oberflächliche Beziehung zu Max - ohne
mich hättet Ihr Euch wahrscheinlich nie kennengelernt - oder
mit andren Voraussetzungen, denen ich mehr Chance gebe als
diesen durch mich geschaffenen Voraussetzungen - also sagen
wir doch ehrlich, um einander nicht zu verlieren. Und ich frage
mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren? Ein
Phantom, oder eine Wirklichkeit, die einem Phantom nicht mehr
154 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

entspricht. Denn für mich ist viel geschehen und ich möchte der
sein, der ich bin, heute, und nimmst Du mich heute wahr? Das
eben weiss ich nicht, und das macht mich verzweifelt. Eine Weile,
nach unserem Wiedersehen in Wuppertal habe ich geglaubt an
dieses Heute, ich habe Dich, Du mich bestätigt in einem neuen
Leben, so kam es mir vor, ich habe Dich angenommen, nicht nur
mit Gisèle sondern auch mit neuen Bewegungen, neuen Leiden
und Glücksmöglichkeiten die für Dich nach unserer Zeit gekom­
men sind.
Du hast mich einmal gefragt, was ich von der Kritik von Blöcker
halte. Jetzt gratulierst Du mir zu meinem Buch, bzw. Büchern, und
ich weiss nicht, ob da die Blöckerkritik eingeschlossen ist, die än­
dern Kritiken alle, oder meinst Du, dass ein Satz gegen Dich mehr
bedeutet als dreissig Sätze gegen mich? Meinst Du es wirklich?
Und meinst Du wirklich dass ein Blatt, das gegen mich hetzt, seit
es besteht, das Forum z.B . daher seine Rechtfertigung bezieht,
dass es sich, zu Deiner Verteidigung herbeilässt? Lieber, ich be­
klage mich sonst nie gegenüber jemand, über die Gemeinheiten,
aber mir fallen sie ein, wenn die Leute, die dieser Gemeinheiten
fähig sind, plötzlich sich auf Dich berufen. Du musst mich nicht
missverstehen.
Ich kann alles überstehen durch Gleichmütigkeit, durch einen
gelegentlichen Anfall im schlimmsten Fall. Es fiele mir nicht ein,
mich an jemand zu wenden, um Hilfe, auch nicht an Dich, weil ich
mich stärker fühle.
Ich beklage mich nicht. Ich habe, ohne es zu wissen, gewusst,
dass dieser Weg, den ich einschlagen wollte, eingeschlagen habe,
nicht mit Rosen eingefasst sein würde.
Du sagst, man verleide Dir Deine Uebersetzungen. Lieber Paul,
das war vielleicht das einzige, das ich ein wenig angezweifelt habe,
ich meine nicht Deine Berichte, sondern ihre Auswirkungen, aber
ich glaube Dir jetzt vollkommen, denn ich habe nun die Bösartig­
keit der professionellen Uebersetzer auch zu spüren bekommen,
mit deren Einmischung ich auch nicht rechnete. Man macht sich
einen Witz daraus, über meine angeblichen Fehler zu sprechen,
Leute, die was mich nicht kränken würde, schlechter Italienisch
können und andre, die es vielleicht besser können, aber jedenfalls
Brief Nr. 191 : 55

Leute, die keine Ahnung haben, wie ein Gedicht im Deutschen


aussehen sollte. Verstehst Du: ich glaube Dir, alles, alles. N ur glau­
be ich nicht, dass sich der Klatsch, die Kritik, auf Dich beschrän­
ken, denn ich könnte ebensogut des Glaubens sein, dass sie sich auf
mich beschränken. Und ich könnte Dir beweisen, wie Du mir
beweisen kannst, dass es so ist.
Was ich nicht kann: es Dir ganz beweisen, weil ich die anony­
men und andren Papierfetzen wegwerfe, weil ich glaube, dass ich
stärker bin als diese Fetzen, und ich will, dass Du stärker bist, als
diese Fetzen, die nichts, nichts besagen.
Aber das willst Du ja nicht wahrhaben, dass dies nichts besagt,
Du willst, dass es stärker ist, Du willst Dich begraben lassen dar­
unter.
Das ist Dein Unglück, das ich für stärker halte als das Unglück,
das Dir widerfährt. Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es
nicht zu sein, und ich muss denken an das Buch, das Szondi
schrieb, an das Motto, das mich getroffen hat weil ich nicht anders
konnte, als an Dich denken. Gewiss, es wird, es kommt, es wird
jetzt von aussen kommen, aber Du sanktionierst es. Und es ist die
Frage ob Du es sanktionierst, es annimmst. Aber das ist dann
Deine Geschichte und das wird nicht meine Geschichte sein, wenn
Du Dich überwältigen lässt davon. Wenn Du eingehst darauf. Du
gehst darauf ein. Das nehme ich Dir übel. Du gehst darauf ein, und
gibst ihm dadurch den Weg frei. Du willst der sein, der dran zu­
schanden wird, aber ich kann das nicht gutheissen, denn Du kannst
es ändern. Du willst, dass die Schuld haben an Dir, und das werde
ich nicht hindern können, dass [Du] es willst. Verstehst Du mich
einmal, von [unleserliches Wort] aus: ich glaube nicht, dass die
Welt sich ändern kann, aber wir können es und ich wünsche, dass
Du es kannst. Hier setze den Hebel an. Nicht der »Strassenfeger«
kann es weg[fegen,] sondern Du kannst es, Du allein. Du wirst
sagen, ich verlange zuviel von Dir für Dich. Das tue ich auch.
(Aber ich verlange es auch von mir für mich, darum wage ich es,
Dir das zu sagen). Man kann nichts anders verlangen. Ich werde es
nicht ganz erfüllen können und Du wirst es nicht ganz erfüllen
können, aber auf dem Weg zu dieser Erfüllung wird vieles weg­
fallen.
i 56 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Ich bin oft sehr bitter, wenn ich an Dich denke, und manchmal
verzeihe ich mir nicht, dass ich Dich nicht hasse, für dieses G e­
dicht, diese Mordbeschuldigung, die Du geschrieben hast. Hat
Dich je ein Mensch, den Du liebst, des Mordes beschuldigt, ein
Unschuldiger? Ich hasse Dich nicht, das ist das Wahnsinnige, je­
doch wenn je etwas gerad und gut werden soll: dann versuch auch
hier anzufangen, mir zu antworten, nicht mit Antwort, sondern
mit keiner schriftlichen, sondern im Gefühl, in der Tat. Ich warte
darauf, wie auf einiges andre, keine Antwort, keine Entschuldi­
gung, weil keine Entschuldigung ausreicht und ich sie auch nicht
annehmen könnte. Ich erwarte, dass Du, [indem] Du mir hilfst,
Dir selbst hilfst, Du Dir.
Ich habe Dir gesagt, dass Du es sehr leicht hast mit mir, aber so
wahr das ist - es ist auch wahr, dass Du es schwerer haben wirst mit
mir als mit irgendeinem anderen. Ich bin glücklich, wenn Du auf
mich zukommst im Hôtel du Louvre, wenn Du heiter und befreit
bist, ich vergesse alles und bin froh, dass Du heiter bist, dass Du es
sein kannst. Ich denke viel an Gisèle, wenn es mir auch nicht
gegeben ist, das sehr laut werden zu lassen, am wenigsten ihr ge­
genüber, aber ich denke wirklich an sie und bewundre sie für eine
Grösse und Standhaftigkeit, die Du nicht hast. Das musst Du mir
nun verzeihen: aber ich glaube, dass ihre Selbstverleugnung, ihr
schöner Stolz und ihr Dulden vor mir mehr sind, als Dein Klagen.
Du genügst ihr in Deinem Unglück, aber Dir würde sie nie in
einem Unglück genügen. Ich verlange, dass ein Mann genug hat an
der Bestätigung durch mich, aber Du billigst ihr das nicht zu,
welche Ungerechtigkeit.

192 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Basel, 2 4 .10 .19 6 1

24- 10-61

Mein lieber Paul


jeden, fast jeden, Abend habe ich versucht, weiterzuschreiben an
dem langen Brief. Ich kann ihn jetzt nicht abschicken, da er zu
Brief Nr. 191 - Brief Nr. 193 157

vieles möchte. Lieber möchte ich ihn nach Paris mitbringen, und
ergänzen im Gespräch und ihn ergänzen lassen von Dir. Damit
etwas klarer wird, das allein Dich und mich betrifft. Missverständ­
nisse, die Du annimmst, sehe ich nicht; ich dachte bloss, als keine
Nachricht mehr kam, meine Bücher hätten Dir missfallen. -
Ich kann Dir im Augenblick noch kein Datum nennen. Bis zum
5. oder 7. November - bis die Theaterarbeit für Max vorbei ist - ist
Kommen nicht möglich. Und ich kann nur allein nach Paris fah­
ren, weil Max sehr erschöpft ist, dann noch erschöpfter sein wird
und die sofortige Rückreise nach Rom für ihn, in jeder Hinsicht,
notwendig ist.
Ich hoffe sehr, daß es Dir besser geht, wünsche es Dir sehr und
schreibe nächste Woche, wann ich kommen kann!
Vielmals grüße ich Gisèle.
Ingeborg

193 Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Rom, j. 12. 1961

5-12-61
Via de Notaris 1 F
Roma
Lieber, lieber Paul,
wohl jeden Tag habe ich schreiben wollen, aber unsere Rückreise,
und für mich noch eine Reise dazwischen, haben mich zu nichts
kommen lassen; wenn ich wenigstens noch, wie es andre können,
einen Brief schreiben könnte in einer Stunde oder an einem Abend
- aber es ist seit langem schon wie eine Krankheit, ich kann nicht
schreiben, bin schon versehrt, wenn ich das Datum hinsetze oder
das Blatt in die Maschine ziehe.
Ich möchte und ich wünsche, daß es Dir endlich besser geht, daß
Dich mehr Gesundheit bewahren könnte, oder, mehr noch, eine
neue Fassung und Gefasstheit Dir die Gesundheit ganz wieder
geben könnten.
Oft kommt mir vor, daß Du auch schon weißt, wieviel an Dir
liegt und daß Du Dich von da her fassen kannst, wo Du Dich
einsiehst.
158 Ingeborg Bachmann - Paul Celan

Unsre Lektionen werden immer schwieriger. Lass sie uns ler­


nen.
Grüsse Gisèle, und kommt oder komm, wenn es möglich ist!
Alles Liebe, alles Gute.
Deine
Ingeborg

194 Ingeborg Bachmann und Max Frisch an Gisèle Celan-


Lestrange und Paul Celan3 Rom3 Dezember 1961

Dezember 1961

Liebe Gisèle, lieber Paul,


wir wünschen Euch schöne Weihnachten, eine gute, eine bessere
Zeit!
Ingeborg Max Frisch

/9j Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris3 2 1. 9 .1963

78, rue de Longchamp Paris, den 21. September 1963

Liebe Ingeborg,
ich hatte Dich, als ich in der Zeitung las, Du seist in Rußland
gewesen, sehr um diese Reise beneidet, zumal um den Aufenthalt
in Petersburg. Aber kurz danach, Ende August, erfuhr ich in
Frankfurt von Klaus Wagenbach, daß das gar nicht stimme, daß
es Dir vielmehr gar nicht gut gegangen sei und Du eben erst wieder
aus dem Krankenhaus zurück seist. - Ich wollte Dich darauf an-
rufen, aber Du hattest noch kein Telephon.
Jetzt schreibe ich Dir, ein paar Zeilen nur, um Dich ebenfalls um
ein paar Zeilen zu bitten. Laß mich doch bitte wissen, wie es Dir
geht.
Ich habe ein paar nicht ganz erfreuliche Jahre hinter mir - »hin­
ter mir«, wie man so sägt.
Brief Nr. 193 - Brief Nr. 196 159

In den nächsten Wochen erscheint ein neuer Gedichtband von


mir - Verschiedenes ist da mit einverwoben, ich bin mitunter, denn
das war so gut wie vorgeschrieben, einen recht »kunstfernen« Weg
gegangen. Das Dokument einer Krise, wenn Du willst - aber was
wäreT)ichtung, wenn sie nicht auch das wäre, und zwar radikal?
Schreib mir also bitte ein paar Zeilen.
Ich wünsche Dir alles Gute, Ingeborg
Herzlich
Paul

196 Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Frankfurt am Main,


30. 7. 1967

Liebe Ingeborg,
durch Dr. Unseld erfuhr ich, aus Freiburg kommend, vor drei
Tagen von der Achmatowa-Affäre; dann kaufte ich den Spiegel.
Laß Dir herzlich danken dafür, daß Du mich Piper als Über­
setzer der russischen Dichterin - deren Gedichte ich seit längerem
kenne - empfohlen hast. Mandelstamm war einer ihrer treuesten
Verehrer.
Vielleicht schreibst Du mir mal ein paar Zeilen. Wenn, dann
bitte an diese Adresse: P. C. Ecole Normale Supérieure, 45, rue
d’Ulm, Paris 5e.
Alles Gute!
Herzlich
Paul
Frankfurt, am 30. Juli 67
i6i

Briefwechsel
Paul Celan - Max Frisch
Brief Nr. 197 163

197 Paul Celan an Max Frisch, Paris, /4. 4. /9/9

78, rue de Longchamp Paris, den 14. April 1959.

Lieber Max Frisch,


ich habe gestern angerufen, unvermittelt, in der Hoffnung, Sie
würden, wie schon einmal - abei; damals wußte ich es nicht -,
am Telephon sein: ich wollte Sie um Rat bitten, um ein Gespräch,
in Zürich, in Basel, wollte Sie fragen, was zu tun sei - denn etwas
muß ja getan werden! - angesichts all dieser sich mehr und mehr
Raum greifenden Verlogenheit und Niedertracht und Hitlerei: ich
hatte nämlich wenige Stunden vorher einen Brief bekommen, von
Heinrich Böll, einen Brief, der mir ein weiteres Mal bewies, wie­
viel Gemeinheit noch in den Gemütern sitzt, die man, leichtgläu­
big genug - aber wer will, wenn er sich den Glauben an die Men­
schen bewahren möchte, seine »Leichtgläubigkeit« auf geben? -,
zu denjenigen zählte, auf die es »ankommt«.
Aber ach, kaum hält man ihnen das vor Augen, was sie tatsäch­
lich tun und sind, so - verwandeln sie sich augenblicklich in sich
selbst zurück. Diese (keineswegs neue) Erfahrung habe ich nun
auch mit Böll gemacht. Nicht daß ich darauf nicht vorbereitet
gewesen wäre; aber daß es so kommen würde, so eindeutig in
seiner Infamie, das hatte ich weiß Gott nicht erwartet.
Und so rief ich bei Ihnen an, um Sie und Ingeborg zu fragen, ob
ich mit all diesen Fragen und Ratlosigkeiten - die Sie ja kennen,
seit langem, in jederlei Gestalt! - nach Zürich kommen kann, in
einer Woche etwa. Bitte, sagen Sie mir, ob Ihnen dieser Zeitpunkt
gelegen ist, ich kann - wirklich - auch später kommen (und bis
dahin und darüber hinaus mit meinen Fragen weiterleben), im Mai
vielleicht, auf der Reise nach Österreich (wo wir den Sommer
verbringen wollen) oder im Juni.
Entschuldigen Sie, bitte, die Eile und Sprunghaftigkeit dieser
Zeilen und erlauben Sie mir, Sie auf das herzlichste zu grüßen
Ihr Paul Celan
164 Paul Celan - Max Frisch

198 Max Frisch an Paul Celan, Uetikon am See, 16 .4 .19 59

Uetikon, 16.4. 59
Verehrter und lieber Paul Celan,
eben kommt Ihr Brief. Ich habe zuvor einen Brief von Inge auf die
Post gebracht. Kommen Sie bald! Ich bitte Sie um Nachsicht,
wenn dieser Brief nicht sehr spontan klingt, ich habe Ihnen gestern
einen spontanen geschrieben, aber die Herrin fand einen Neben­
satz darin, einen Lappalien-Satz, einen Geschwätz-Satz, betref­
fend den VW, der Sie abholen und hieherbringen soll, nicht ange­
messen, und ich mag Briefe solcher Art, spontane, nicht desinfi­
zieren. Wir haben also gezankt! - im übrigen versuchte jener Brief,
den ich zerknüllt habe, Ihnen zu sagen, dass ich mich aufrichtig auf
die Begegnung mit Ihnen freue, dass ich sie schon seit einiger Zeit
wünsche, dass ich eine Scheu davor habe, weil ich viel von Ihnen
weiss, durch Inge, und sehr wenig, Scheu nicht wegen Inge, son­
dern wegen Ihres Werkes, das ich bewundere, soweit es mir zu­
gänglich ist, und Scheu, weil es mir nicht überall zugänglich ist bis
jetzt. Ich denke, Uetikon wäre besser als Basel, wo man sich von
Restaurant zu Restaurant trifft; hier in der Nähe, zweihundert
Schritte von dieser Wohnung, ist ein nettes Hotel, wo Sie über­
nachten könnten, und hier haben wir Ruhe, wir können auch da­
hin oder dorthin ausfahren. Bleiben Sie nicht zu kurz! Man muss
sich die Chance geben, dass man sich in Wiederholungen eines
Gesprächs, wenn man darüber geschlafen hat, verständlicher
macht. Können Sie ein paar Tage bleiben? Glauben Sie mir, dass
ich mich freue.
In Erwartung und herzlich Ihr
Max Frisch

199 Paul Celan an Max Frisch, Paris, 18 .4 .19 59

am 15. April 1959.


Lieber Max Frisch,
Ihr Brief ist da, auch der Brief von Ingeborg: herzlichen Dank!
Ich werde nun doch nicht schon nächste Woche kommen kön­
Brief Nr. 198 - Brief Nr. 201

nen, sondern erst übernächste, denn ich bin soeben an eine Pflicht
erinnert worden, der ich mich nicht zu entziehen weiß, an eine
Neffenpflicht nämlich, an mein vor Monaten gegebenes Verspre­
chen, zu den jüdischen Ostern nach London zu fahren, zu einer
alten Tante, und nun werde ich, obgleich ich mich keineswegs
erinnere, jemals aus Ägypten ausgezogen zu sein, dieses Fest fei­
ern, in England, bei meinen Verwandten, die, wei^n sie auch kein
ungesäuertes Brot mehr essen, dieses Fest begehen (few. nicht ins
Büro müssen).
Wir fahren also Mitte nächster Woche nach London, ich könnte
dann am 28. oder 29. April nach Zürich kommen - hoffentlich
nicht zur Unzeit.
Die herzlichsten Grüße
Ihr Paul Celan

200 Max Frisch an Paul Celan, Schuls, 20. 7. /9/9


Schuls, 20. VII.
Lieber Paul Celan!
Meine Arzte, hier und in Zürich, verbieten mir die Flucht nach
*
Sils-Maria, leider, und malen mir den Teufel an die Wand, wenn
ich’s tue. So beuge ich mich denn, und Rom ist ferner, als ich
gemeint habe. - Ich war froh, bin froh, Sie getroffen zu haben,
Paul Celan. Vielleicht fahre ich (insgeheim) am Mittwoch noch­
mals an den Silser-See. Ich habe versäumt, mich von Ihrer Frau zu
verabschieden; grüßen Sie Ihre Frau von mir.
Ihr Max Frisch

201 Paul Celan an Max Frisch, Paris, 2 3.10 .19 5 9


23. X. 59.
Lieber Max Frisch,
Hitlerei, Hitlerei, Hitlerei. Die Schirmmützen.
Sehen Sie, bitte, was Herr Blöcker, erster deutscher Nach­
wuchs-Kritiker von Herrn Rychners Gnaden, Autor, ach, von
Kafka- und Bachmann-Aufsätzen, schreibt.
Alles Gute!
Ihr Paul Celan
Paul Celan - Max Frisch

201. i Beilage

Paul Celan
78, rue de Longchamp (i6e) Paris, den 23. Oktober 1959.
(Eingeschrieben)

An_d_ie_ Feuilleton-Redaktion des TAGESSPIEGEL, Berlin


Da ich, wie die Dinge in Deutschland nun einmal wieder sind,
nicht annehmen kann, dass einer Ihrer hoffentlich zahlreichen
Leser zu der in Ihrer Ausgabe vom 11. Oktober d. J. erschienenen
Besprechung meiner Gedichte (Rezensent: Günter Blöcker) das
gesagt hat, was dazu gesagt werden muss, tue ich es selbst: das mag,
wie ja auch meine grössere Freiheit der deutschen Sprache - mei­
ner Muttersprache - gegenüber, an meiner Herkunft liegen.
Ich schreibe Ihnen diesen Brief: der Kommunikationscharakter
der Sprache hemmt und belastet mich weniger als andere; ich agie­
re im Leeren.
Die »Todesfuge«, als deren leichtsinnigen Autor ich mich heute
bezeichnen muss, ist tatsächlich ein graphisches Gebilde, in dem
der Klang nicht bis zu dem Punkt entwickelt ist, wo er sinngeben­
de Bedeutung übernehmen kann. Entscheidend ist hier nicht die
Anschauung, sondern die Kombinatorik.
Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt, Mauthausen, die Morde,
die Vergasungen: wo das Gedicht sich darauf besinnt, da handelt es
sich um kontrapunktische Exerzitien auf dem Notenpapier.
Es war tatsächlich hoch an der Zeit, denjenigen, der - das mag
an seiner Herkunft liegen - nicht ganz gedächtnislos deutsche
Gedichte schreibt, zu entlarven. Wobei so bewährte Ausdrücke
wie »kombinationsfreudiger Intellekt«, »duftlos« usw. sich ganz
besonders empfahlen. Gewisse Autoren - das mag an ihrer Her­
kunft liegen - entlarven sich übrigens eines schönen Tages selbst;
ein kurzer Hinweis auf die erfolgte Selbstentlarvung genügt dann;
worauf man unangefochten über Kafka weiterschreiben kann.
Aber, werden Sie einwenden, unter »Herkunft« z. B. versteht
der Rezensent ja nichts anderes als den Geburtsort des Autors
jener graphischen Gebilde. Ich muss Ihnen zustimmen: Blockers
Wirklichkeiten, nicht zuletzt die freundlichen Ratschläge am Ende
Brief Nr. 201.1 - Brief Nr. 202 1 67

seiner Rezension, sprechen unzweideutig für diese Auffassung.


Dieser Brief hat also, werden Sie nun, einen Schlusspunkt setzend,
sagen, mit der Besprechung nichts zu tun. Auch hier muss ich
Ihnen zustimmen: Tatsächlich. Nichts. Nicht das geringste. Ich
agiere im Leeren.
(Paul Celan)

P. S. Alles in diesem Brief durch Unterstreichungen Hervorgeho­


bene stammt aus der Feder Ihres Mitarbeiters Blöcken

Weitere Beilage: Abschrift des Artikels von Günter Blöcker, »Ge­


dichte als graphische Gebilde«.

202 Max Frisch an Paul Celan, Uetikon am See, 3 .1 1.19 5 9 , nicht


abgesandt
Uetikon, 3. 11 . 59
nicht gesendet
Lieber Paul Celan!
Das ist der vierte Versuch eines Briefes, der Ihnen antworten soll,
es kann also kein guter mehr werden. Haben Sie Nachsicht! Der
erste war herzlicher, aber man kann Herzlichkeit nicht abschrei­
ben. Sind wir Freunde? Ich weiss gar nicht, wieweit Sie mich ernst­
nehmen können, wahrnehmen können ausserhalb des Zirkels, der
der Ihre ist. Unsere kurze Begegnung in Sils: ich war froh darum,
Ihr Gesicht und Ihre Stimme wahrzunehmen, nachdem doch Ihr
Name, lange schon der Name eines Dichters, ein Name in meinem
eigenen Leben geworden ist durch Ingeborg. Was ich weiss: Sie
geben mir Kredit, kein Antisemit zu sein. Allein damit kann ich
mich noch wenig bewegen. Verstehen Sie, was ich meine? Ich
fürchte ein wenig, dass Sie mich auf die Rolle eines verlässlichen
Anti-Nazi reduzieren. Oder eines unverlässlichen, wenn ich auf
diese Blöcker-Kritik nicht so reagiere, wie Sie es erwarten. Ob Sie
zu einer Freundschaft bereit sind, wenn ich nicht mit Ihnen ein­
verstanden bin? Ich lebe mit einer Wunde, die freilich nicht Sie mir
geschlagen haben, auch nicht Hitler, aber auch mit einer Wunde,
1 68 Paul Celan - Max Frisch

sensibilisiert bis zur Krankhaftigkeit, allzuleicht fühle ich mich


verraten, ausgeliefert, verhöhnt, ausgestossen, preisgegeben, Zw i­
schentöne vergiften mich, und Nachlässigkeiten genügen, um
mich zu schinden, und oft, allzu oft brauche ich alle Kraft, um
nicht verletzt zu sein von meiner blossen Einbildung, um nicht
meinen Verstand umzusetzen in brillante Selbstgerechtigkeit aus
Notwehr. Wozu sage ich das! Der Verwundete, der sich an mich
wendet wie Sie, muss wissen, dass er zu einem Verwundeten
kommt; auch Ihnen gegenüber, lieber Paul Celan, fühle ich mich
unfrei durch das Bedürfnis, geachtet zu werden, zu geneigt, ein­
verstanden zu sein mit Ihnen. Ich bin aber nicht einverstanden mit
Ihrer Haltung in dieser Sache. Ich habe Ihre neuen Gedichte in
diesem Sommer oft gelesen, schon im Krankenhaus; später wieder
und wieder, weil ich mit einem Teil davon Mühe habe. Dann denke
ich immer, es liegt an mir, wenn die Kommunikation nicht gelingt;
ich fühle mich unzuständig und schweige. Was nun Herr Blöcker,
den ich nicht kenne, dazu schreibt, ist nicht mein Urteil, immerhin
nehme ich es als Versuch eines Urteils. Es sind ja viele Urteile
gestattet. Ich finde seinen Text nicht gut, nicht frei von zwielich­
tigen Wendungen. Das muss ich Ihnen zugeben. Aber es geht
Ihnen ja nicht darum, dass der Kritiker sich negative Meinungen
gestattet, sondern um Symptome politischer Art. Wahrscheinlich
haben Sie, diesbezüglich, leider recht. Ist der Freundesdienst, den
Sie von mir und ändern erwarten, damit geleistet, dass wir Ihnen,
vom Scharfsinn Ihrer Entgegnung geführt, recht geben? Ich kenne
Sie zu wenig, lieber Paul Celan, ich weiss zum Beispiel gar nicht,
wie Sie in einem Fall, wo Verdacht auf Antisemitismus ausge­
schlossen ist, auf eine einschränkende Kritik an Ihrem dichteri­
schen Werk reagieren. Ich will Sie keineswegs gleichsetzen mit
mir; ich weiss nicht von Ihnen, aber von mir, wie ich mitunter froh
bin festzustellen, dass ein Kritiker, der mich nicht lobt, politisch
oder auch sonstwie eine trübe Figur ist. Meistens sind es ja trübe
Figuren, leider. Da bei mir der Verdacht, dass ich aus Antisemi­
tismus getadelt oder missverstanden werde, nicht anzuwenden ist,
wohin soll ich mich wenden? Ich muss mit mir selbst fertigwer­
den, was immer wieder eine mühsame und leidige Arbeit ist; dabei
habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein wilder Verriss mich we­
Brief Nr. 202 169

niger trifft als die Zwischentöne einer Anerkennung, die mir zeigt,
wo der Kritiker meine momentane Schwäche oder meine Grenze
überhaupt sieht. Meistens ist es nicht allzu schwer, ihn mit seinen
eignen Unstimmigkeiten zu schlagen, aber was habe ich davon?
Mein Scharfsinn wird der Complice meiner Selbstgerechtigkeit,
das ist alles. Von einem gewissen Lebensalter an, nämlich wenn
man durch einige Leistungen schon ausgesteckt ist, leidet man ja
weniger an einem Fall von Misslingen als an den deutlich werden­
den Grenzen seiner Möglichkeiten überhaupt, und ich könnte mir
denken, dass auch jemand daran leidet, dessen Möglichkeiten
gross und ungewöhnlich sind, also auch jemand wie Sie. Die Nen­
nung der Todeslager, in diesem Zusammenhang, ist mir nicht ge­
heuer. Sie zwingt mich zu glauben, dass Ihre Empörung über die
Kritik von Blöcker vollkommen frei ist von allen anderen Regun­
gen, die eine solche Kritik in einem Verfasser auslösen kann. Ich
will es glauben. Sie zwingen mich dazu. Denn wäre in Ihnen, mit
Bezug auf diese Kritik, auch nur ein Funke gekränkter Eitelkeit, so
wäre ja die Nennung der Todeslager, scheint mir, unerlaubt, un­
geheuerlich. Missdeuten Sie mich nicht, lieber Paul Celan, ich
zweifle nicht an Ihrem Entsetzen über Symptome der Hitlerei,
die auch mich entsetzen, und wäre Ihr Ausruf H IT L E R E I, H IT L E ­
R E I, H IT L E R E I, D IE SC H IR M M U E T Z E N ! nicht erfolgt im Zusam­
menhang mit einer literarischen Kritik, die Ihnen auch sonst är­
gerlich sein mag, so wäre ich auf das politische Problem eingegan­
gen. So ist es mir nicht möglich, denn das Einverständnis im
Politischen, das Sie zu Recht bei mir voraussetzen, würde nur
verdecken, was zwischen uns nicht stimmt, durch Verschweigen
nicht stimmt. Darum ist mir nicht wohl dabei. Sie nötigen mich zu
einem Brief, der dazu führen mag, dass Sie mich abschreiben wie
Böll und viele und fast alle, oder zu einem Verschweigen, was das
Ende einer Freundschaft bedeutet, bevor sie begonnen hat. Viel­
leicht brauchen Sie gar keine Freundschaft, aber es ist das Einzige,
was ich anzubieten vermag.
Herzlich grüsst Sie
Ihr
170 Paul Celan - Max Frisch

20j Max Frisch an Paul Celan, Uetikon am See, 6. n . /9/9

Uetikon, 6. 1 1 . 59
Lieber Paul Celan!
Ich habe Ihnen schon vier Briefe geschrieben, lange, dann auch
noch einen fünften, kurzen, alle gehen nicht. Aber ohne Antwort
kann ich Sie nicht lassen. Was soll ich Ihnen nur schreiben? Das
politische Einverständnis, das Sie bei mir voraussetzen können,
würde nur verdecken, was mich an Ihrem kurzen Brief sonst be­
wegt, Ihr persönliches Problem, worüber zu sprechen mir nicht
zukommt, zumal Sie es nicht als solches, sondern als ein politisches,
objektives, vor mir hinstellen. Ich bin in echter Verlegenheit, glau­
ben Sie mir das, und der Brief an Sie beschäftigt mich seit Tagen, ich
habe ganze Vormittage und ganze Abende darauf verwendet. Sie
geben mir den Kredit, kein Antisemit zu sein. Verstehen Sie, was ich
meine, wenn ich Ihnen sage, dass ich mich damit noch wenig be­
wegen kann? Ich habe keine Ahnung, welchen Kredit sonst Sie mir
geben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zwischen Menschen
so, wie es zwischen Ihnen und mir kommen würde, wenn ich Ihnen
einfach recht gebe, nicht geht, und ich bin besorgt, wenn ich mich
auf die Rolle eines verlässlichen Anti-Nazi reduzieren lasse. Ihr
Brief, lieber Paul Celan, fragt mich nicht, Ihr Brief gibt mir die
Chance, mich zu bewähren, wenn ich auf die Kritik von Blöcker
so reagiere wie Sie. Das ist es, was mich aufreizt. Ich wollte, nach so
vielen gescheiterten Briefen, nur noch schreiben: Sie haben recht,
Sie haben recht. Ich wollte resignieren. Wie schwer es mir fällt,
lieber Paul Celan, zu resignieren. Unsere Begegnung in Sils: ich
war so froh, Ihr Gesicht und Ihre Stimme wahrzunehmen, nach­
dem doch Ihr Name, lange schon der Name eines Dichters, ein
Name in meinem eigensten Leben geworden ist. Ich hatte Angst
vor Ihnen, jetzt habe ich sie wieder. Ob Sie zu einer Freundschaft
bereit sind? Und auch dann, wenn ich nicht mit Ihnen einverstan­
den bin? Ich könnte Ihnen versichern, dass mich Symptome von
Hitlerei ebenfalls entsetzen, ferner darauf hinweisen, dass die neu­
en Bedrohungen, wie wir ja wissen, sich kaum in Aehnlichkeiten
mit der alten Hitlerei werden erkennen lassen. Aber wenn wir ins
Politische denken wollen, so müssten wir uns, glaube ich, ablösen
Brief Nr. 203

von allen Fällen, die sich vermischen können mit dem Problem, wie
wir uns zur literarischen Kritik überhaupt verhalten. Ich weiss
nicht von Ihnen, aber von mir, wie froh ich mitunter bin festzu­
stellen, dass der Kritiker, der meinen Ehrgeiz verletzt, politisch eine
trübe Figur ist. Und was mich, zum Beispiel, am meisten verletzt,
das ist nicht ein wilder Verriss, sondern das sind die Zwischentöne
einer Anerkennung, die mir zeigt, dass der Kritiker (wie miserabel
er sich auch ausdrücken mag) meine momentane Schwäche oder
meine Grenze überhaupt gewittert hat. Von einem gewissen Alter
an, nämlich wenn wir durch einige Leistungen ausgesteckt sind,
leiden wir ja weniger an einem Fall von Misslingen als an den deut­
lich werdenden Grenzen unsrer Möglichkeiten überhaupt, und ich
könnte mir denken, dass auch j emand daran leidet, dessen Möglich­
keiten gross und ungewöhnlich sind, also auch jemand wie Sie.
Seien Sie nicht böse, lieber Paul Celan, wenn ich mich daran erin­
nere, wie kränkend das öffentliche Missverständnis ist auch dann,
wenn der Verdacht, dass es aus Antisemitismus kommt, nicht an­
wendbar ist. HITLEREI, HITLEREI, HITLEREI, DIE SCHIRM-
MUETZEN! schreiben Sie. Ich finde die Kritik von Blöcker nicht
gut, nicht frei von zwielichtigen Wendungen, das gebe ich Ihnen zu,
wenn ich das andere auch sagen darf: Ich finde Ihre Entgegnung,
obschon sie ein Meisterstück sprachlichen Scharfsinns ist, auch
nicht gut. Sie zwingt mich (und ich verehre Sie ja freiwillig), Sie
zu verehren, nämlich ohne Frage zu glauben, dass Sie, lieber Paul
Celan, vollkommen frei sind von Regungen, die mich und andere
heimsuchen, Regungen der Eitelkeit und des gekränkten Ehrgei­
zes. Denn sollte auch nur ein Funke davon in Ihrem Zorn sein, so
wäre die Anrufung der Todeslager, scheint mir, unerlaubt und un­
geheuer. Wem sage ich das! Wenn Sie aus einer Kritik, wie der von
Blöcker, ein politisches Phänomen machen, so stimmt das zum Teil,
glaube ich, zum ändern Teil aber nicht, und ein Problem fälscht das
andere. Es fällt mir nicht leicht, einen Brief abzuschicken, der dazu
führen kann, dass Sie mich aufgeben, oder zu einem Verschweigen,
was das Ende einer Freundschaft bedeutet, bevor sie begonnen hat.
Vielleicht können Sie auch das, was ich unter Freundschaft ver­
stehe, gar nicht brauchen, nicht wünschen, aber es ist das Einzige,
was ich anzubieten vermag.
Von Herzen Ihr Max Frisch
Paul Celan - Max Frisch

204 Max Frisch an Paul Celan, Widmung in »Glossen zu Don


Juan«, Uetikon am See (?), Jahresende 1959

Für
Paul Celan

am Ende eines
wirren Jahres

Max Frisch
1959

205 Max Frisch an Paul Celan, Widmung au f Sonderdruck der


Büchnerpreisrede »Emigranten«, Uetikon am See, 27. j. i960

Für Paul Celan


in Uetikon,
27. V. 60
herzlich MF.

206 Paul Celan an Max Frisch, Paris, 29. j. i960

Lieber Max Frisch,


ich möchte Ihnen noch einmal für das Gespräch bei Ihnen in Ueti­
kon danken.
Vieles, ich weiß, wollte nicht ins Wort, ließ sich nicht greifen.
Vielleicht war aber gerade das unser beider Gewinn: das so scharfe
Hervortreten der Konturen, das wir dem Psychologischen - es
gehört zweifellos zum Unumgänglichen - verdanken, hat, glaube
ich, seine Kehrseite -: die Entfernungen, die Räume, das In-der-
Zeit-Stehen der Dinge, das alles wird dabei aufgehoben. (In un-
serm Gespräch blieb es unaufgehoben.)
Ich glaube wirklich, daß es etwas gibt, das hier »mitspielt«, uns
Brief Nr. 204 - Brief Nr. 207 173

allen - so oder so - mitspielt; ich meine dabei das, was ich im


Gespräch mit Ihnen »objektive Dämonie« nannte - ohne es durch
diese Bezeichnung wirklich benannt zu haben. »Zufall« wäre viel­
leicht ein anderes Hilfswort dafür, in dem Sinne etwa, daß es das
uns Zugefallene und Zufallende ist; auch ein Wort wie »Schicksal«
mag hier mitunter »helfend« hinzutreten. Mit all dem haben wir
wohl Berührung, wenn wir schreiben.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Paul Celan
Paris, am 29. Mai i960.

207 Paul Celan an Max Frisch, Trebabu par Le Conquet, Ende


Juli/Anfang August (?) 1961, abgebrochener Entw urf

Lieber Max Frisch,


diese Zeilen sind herzlich gemeint - ich bitte Sie, sie so und nicht
anders aufzufassen.
Es kann Ihnen nicht entgangen sein, in welche Phase diese ganze
gegen mich angezettelte Sache mit der Schroers-Mondstrahl-Ver-
öffentlichung getreten ist. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, was
damit bezweckt wird und mit Hilfe diverser überfreundlicher
Zeugen denn auch bereits erreicht wurde. Sie wissen, dass das
einem Entmündigungsspruch gleichkommt und auch - ich bin ja
Schriftsteller - seine materiellen Aspekte hat.
Sie wissen auch, dass ich all dem ebensowenig widersprechen
kann wie dem so oder so travestierten Scharlatan-, Gauner- und
Dieb-Motiv. Diese ganze Geschichte spottet bewusst jeder Evi­
denz - meine weiss Gott zahlreichen Bemühungen haben mir das
hinreichend bewiesen.
Die Fälschungen sind von augenfälligster Plumpheit - man dul­
det und fördert sie gern. Ebenso die Verleumdungen. Zum Perfi­
desten gehört eine bestimmte Art der Verteidigung. Und allerlei
doppeltes Spiel - wobei (aber auch hier wissen viele seit langem
Bescheid) der Regisseur an unglaublichstem Ort sitzt und sich der
unglaublichsten Werkzeuge und Methoden bedient.
174 Paul Celan - Max Frisch

Darf ich es hier nur ganz kurz sagen: es gab hier und gibt hier,
vermutlich von Anfang an, einen Agent provocateur, und diesem
bin ich - aber auch Sie und Ingeborg - verschiedentlich auf den
Leim gegangen.
Lieber Max Frisch! Sie haben mir, als ich über den Blöcker-
Artikel in Wallung geriet - auch das gehörte bereits nachweisbar
in diesen Kontext - Ihre Freundschaft angetragen. Es hat damals
ein Missverständnis zwischen uns gegeben - ich habe mich redlich
bemüht, es zu beseitigen. Ich kann nicht glauben, dass Sie sie mir
jetzt versagen. Ich bitte Sie um eine Aussprache, und ich bitte Sie,
nach Paris zu kommen: weil Sie mir das, was ich Ihnen unterbrei­
ten möchte, nicht glauben können, ehe ich es Ihnen gezeigt habe.
Es ist viel, Max Frisch, sehr viel.

Ingeborg hat richtig gesehen, als sie die »Entgegnung« für ver­
hängnisvoll hielt, falsch im »Ton«. Aber [der] Tonangebende
war, in mehr als nur einem Sinn, Rudolf Hirsch.
Aber

208 Paul Celan an Max Frisch, Trébabu par Le Conquet,


22. 8. 1961, nicht abgesandt

Kermorvan, Trébabu par Le Conquet (Finistère), am 22. 8.1961.

Lieber Max Frisch,


es kann Ihnen nicht entgangen sein, in welche Phase das gegen
mich Angezettelte jetzt getreten ist, und was es für einen Schrift­
steller bedeuten muss, seinen Namen bzw. seine Feder nun auch
auf diese Weise diskreditiert zu sehen.
Damit ist allerdings nur noch deutlicher geworden, warum man
diesen ganzen - weiss Gott plumpen - Nachlass-Schwindel und
die damit einhergehenden Verleumdungen so lange geduldet und
gefördert hat. Deutlich geworden ist auch das Zusammenspiel der
»einen« und der »anderen«; die Vorwärts-»Kontroverse« mit ih­
ren nicht von ungefähr alliterierenden Superlativen gibt - auch -
darüber Aufschluss.
Brief Nr. 207 - Brief Nr. 209 17 5

Für mich hat das den Vorteil (...), dass ich nun den eigentlichen
- an unglaublichstem Ort sitzenden - Regisseur dieser ganzen
Sache kenne.
Ich sage mir auch, dass es gelungen sein muss, Sie und Ingeborg
hinters Licht zu führen: es war von aller Anfang an eine Methode
dieser Leute - und es sind ihrer nicht wenige, Max Frisch! -, mit
allerlei Verdrehungen und Provokationen Keile zwischen mich
und meine Freunde zu treiben.
Und ich sage mir schliesslich, dass Sie, wenn Sie alles vor Augen
hätten, was ich vor Augen (und Ohren) habe, als das dagegen
stehen würden, was hier letzten Endes aufs Korn genommen wur­
de: als Person.
Grüssen Sie Ingeborg!
Herzlich
Ihr

209 Paul Celan an Max Frisch, Paris, 23. 9 .19 6 1, nicht abgesandt

Paris, am 23. September 1961.


Lieber Max Frisch,
ich bitte Sie und Ingeborg herzlich um eine Aussprache.
Ich kann nicht glauben, daß Sie nicht sehen, woher alle diese
Provokationen*) - Schroers ist nur eine unter vielen - kommen.
Ich kann nicht glauben, daß Sie nicht sehen, was und wer hier am
Werk ist - und warum.
Sie wissen, was es für einen Schriftsteller bedeutet, das zu lesen
und zu hören, was über mich geschrieben und kolportiert wird.
(Und welche »Zeugen« sich dazu bereitfinden!)
Und Sie wissen auch, daß ich all dem ebensowenig widerspre­
chen kann wie allem Bisherigen: keinem dieser Burschen geht es
um Wahrheit. Darum auch, gegen alle Evidenz, diese ganze boden­
lose Infamie.
Ich kann nicht denken, daß Sie diesen Dingen gleichgültig Zu­
sehen. (Was mich betrifft, so bin ich mir endlich über das Zusam­
menspiel der »einen« und der »anderen« im klaren - auch über die
»jüdische« Beteiligung...)
i?6 Paul Celan - Max Frisch

Es ist viel Lüge um uns her, Max Frisch. Und viel Lüge ist
zwischen uns getreten. Lassen Sie uns das alles aufklären und be­
seitigen - ich bitte Sie und Ingeborg von Herzen darum. Und
lassen Sie es uns gemeinsam tun.
Ich käme gerne zu Ihnen - ich muß Sie bitten, nach Paris zu
kommen.
Und gleichzeitig bitte ich Sie um strengste Diskretion.
Herzlich Ihr
Paul Celan

Lieber Max Frisch! Verstehen Sie, bitte, daß ich mich auch für die
Erklärung der Büchnerpreisträger nicht bedanken konnte: statt
den Rufmord und die literarische Falschmünzerei zu entlarven,
wird dem Gemordeten »Unbestechlichkeit« attestiert... Ich bin
kein Robespierre, Max Frisch! Ich bin ein Mensch wie Sie und
jeder andere auch. Nicht mehr, nicht weniger.
Und diese - furchtbare - Sache mit der N elly Sachs-Hommage.
Wie soll ich neben dem Goll-Zeugen und Mitfälscher Pinthus
publizieren können?!

*) Wir sind - Sie und Ingeborg und ich - provoziert worden, Max
Frisch. Auf das diverseste, auf das perverseste...

2 10 Paul Celan an Max Frisch, Paris, 2-7.9.1961

78, rue de Longchamp Paris, am 27.9 .61.

Lieber Max Frisch,


ich frage mich oft, weshalb soviel Schweigen zwischen uns getre­
ten ist.
Es kann sich nur um Mißverständnisse handeln, um schwerwie­
gende, gewiß, aber doch um solche, die ein Gespräch, so glaube
ich, aus der Welt schaffen kann.
Lassen Sie uns versuchen, das alles aufzuklären, ein für allemal!
Aus der Zeitung weiß ich, daß Sie im Herbst nach Köln gehen -
Brief Nr. 209 - Brief Nr. 212 177

da hab ichs ja nicht weit. Oder kommen Sie in absehbarer Zeit in


Paris vorbei?
Ich schreibe gleichzeitig an Ingeborg - im gleichen Sinne, in der
gleichen Hoffnung.
Herzlich
Ihr Paul Celan

2 1 1 Paul Celan an Max Frisch, Paris, 10 .10 .19 6 1


10. 10. 61.
Lieber Max Frisch,
von Dr. Unseld, der vorhin anrief - ich konnte mich noch recht­
zeitig an der N elly Sachs-Hommage beteiligen -, weiß ich, daß Sie
in Zürich sind. Dr. Unseld erwähnte auch einen Brief, den Sie mir,
wie er sich zu erinnern glaubte, vor einigen Monaten geschrieben
haben - dieser Brief hat mich nicht erreicht, lieber Max Frisch! Ich
selbst habe vor etwa zehn Tagen an Sie und an Ingeborg geschrie­
ben, an Ihre römische Adresse.
Hoffentlich bietet sich recht bald Gelegenheit zu einem länge­
ren Gespräch!
Herzlich Ihr Paul Celan

2 12 Max Frisch an Paul Celan, Widmung in »Andorra«, Rom (?),


Dezember 1961

Für
Paul Celan

herzlich
Max Frisch
XII. 1961
179

Briefwechsel
Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange
Brief Nr. 213 - Brief Nr. 215 181

2 13 Gisèle Celan-Le stränge an Ingeborg Bachmann, Paris,


^or Weihnachten 19 j 7 (7J

Ma chère Ingeborg,
Permettez-moi de vous souhaiter du fond de mon cœur un bon
Noël!
Gisèle Celan

Meine liebe Ingeborg, erlauben Sie mir; Ihnen aus tiefem Herzen ein gutes
Weihnachtsfest zu wünschen! / Gisèle Celan

214 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Le stränge, München,


¿em 24.12. /9^7

Je Vous remercie de tout cœur - chère Gisèle!


Ingeborg

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen - liebe Gisèle! / Ingeborg

2 15 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


29 .12. 1957

78 rue de Longchamp
Paris 16e
29 décembre 1957
Ma chère Ingeborg,
Vos roses étaient auprès de moi le 24 au soir, si belles, si belles! Cela
m’a beaucoup émue de les recevoir de vous et j’aurais aimé pouvoir
vous écrire une longue lettre, j ’en suis incapable, je vous prie de
m’en excuser.
Merci beaucoup pour ces roses, je les garde avec moi, elles me
viennent de vous, elles étaient si belles!
Gisèle
i 82 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

Meine liebe Ingeborg, / Ihre Rosen waren hei mir am 24. abends, so schön,
50 schön! Sie von Ihnen zu bekommen, razc/? sehr bewegt, ich hätte
Ihnen gerne einen langen Brief schreiben können, ich bin dazu nicht fähig,
entschuldigen Sie mich bitte. / Vielen Dank für diese Rosen, ich behalte sie
bei mir, sie kommen mir von Ihnen, sze waren so schön! / Gisele

2 16 Gisele Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


23. i. 1958

78 rue de Longchamp
Paris 16e
23 janvier 1958.
Ma chère Ingeborg,
J ’ai lu vos poèmes ce soir pour la première fois, très longtemps. Ils
m’ont bouleversée. J ’ai compris beaucoup de choses à travers eux,
et j’ai honte des réactions que j’ai pu avoir, lorsque Paul est revenu
vers vous. Depuis ce soir, je crois vous connaître un peu plus. Je
comprends tout ce que vous avez dû souffrir durant ces six années.
J ’ai pleuré, Ingeborg, en lisant plusieurs de vos poèmes. J ’ai com­
pris et j ’ai eu honte de moi. Le monde a été vraiment trop injuste
envers vous. Que tout est mal fait!
J ’ai souffert, vous le savez, de sentir Paul s’éloigner, si loin ...
lors de son retour de Cologne en octobre, mais vous avez tellement
plus souffert. Tellement plus.
Je voudrais vous serrer la main, Ingeborg
Gisèle

Meine liebe Ingeborg, / heute abend las ich zum erstenmal in Ihren Ge­
dichten, sehr lange. Sie haben mich erschüttert. Ich habe viel durch sie
verstanden, und ich schäme mich der Reaktionen, die ich hatte, als Paul
zu Ihnen zurückging. Seit heute abend glaube ich, Sie ein wenig besser zu
kennen. Ich verstehe, wie sehr Sie während dieser vergangenen sechs Jahre
leiden mußten. Ich weinte, Ingeborg, als ich mehrere Ihrer Gedichte las.
Ich verstand, und ich schämte mich. Die Welt war wirklich zu ungerecht
gegen Sie. Wie schlecht ist alles eingerichtet! / Ich habe gelitten, das wissen
Sie, als ich Paul sich entfernen fühlte, so w eit... bei seiner Rückkehr aus
Köln im Oktober, aber Sie haben so viel mehr gelitten. So viel mehr. / Ich
würde Ihnen gerne die Hand drücken, Ingeborg / Gisèle
Brief Nr. 2 1 5 - Brief Nr. 218 183

2 77 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Le stränge, Widmungen


in »Die gestundete Zeit« und »Anrufung des Großen Bären«,
München, 10 .3 .19 5 8

Pour Gisèle.
Ingeborg

Munich, mars 1958.

Für Gisèle. / Ingeborg / München, März 1958.

Pour Gisèle
sous les ombres: les roses.
Ingeborg

Munich, le 10 mars 1958

Für Gisèle / unter den Schatten: die Rosen. / Ingeborg / München, am


10. März 1958

2 18 Gisèle Celan-Le stränge an Ingeborg Bachmann, Paris,


/. 4. 1958

78 rue de Longchamp
Paris 1 6e
5 Avril 1958.
Ma chère Ingeborg,
Depuis longtemps je voulais vous remercier pour vos livres, excu­
sez-moi de ne l’avoir fait plus tôt.
Je pense très souvent à vous, très souvent à vos poèmes
Gisèle.

Liebe Ingeborg, / schon lange wollte ich Ihnen für Ihre Bücher danken,
entschuldigen Sie, daß ich es nicht früher getan habe. / Ich denke sehr oft an
Sie, sehr oft an Ihre Gedichte / Gisèle.
184 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

2/9 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Rochefort-


en-Yvelinesy 30. 7.19 58

Le Moulin
Rochefort-en-Yvelines
(Seine-et-Oise)
30 juillet 1958.
Ma chère Ingeborg,
Je vous remercie de votre si gentille lettre!
Cela m’a fait vraiment un très grand plaisir de faire votre con­
naissance et je vous remercie d’avoir bien voulu venir chez nous à
Paris.
Je voudrais vous souhaiter un bon été, beaucoup de soleil, du
très bon travail et aussi quelque chose de très doux pour votre
cœur. Est-ce que je peux vous souhaiter cela?
Avant de nous remettre au travail à Paris, nous sommes venus,
Paul, Eric, le grand ballon et moi, passer deux semaines à la cam­
pagne. Paul pêche des brochets, Eric court après les papillons, je les
regarde tous les deux.
Comme vous, les événements du Moyen-Orient nous ont beau­
coup inquiétés, nous voudrions tant qu’il y ait un peu plus de
calme dans le monde. Mais peut-on vraiment l’espérer.

Je pense à vous souvent, j ’espère que nous vous reverrons bientôt


et que vous nous donnerez de vos nouvelles. Il y a si peu d’amis
autour de nous!
Gisèle.

Vous ne savez pas combien j’ai été en admiration devant votre si


bon français. C ’est une vraie joie pour moi que vous parliez si bien
ma langue.

Meine liebe Ingeborg, / für Ihren so freundlichen Brief danke ich Ihnen
sehr! Es war für mich wirklich eine große Freude, Sie kennenzulernen, und
ich danke Ihnen, daß Sie zu uns nach Paris gekommen sind. / Ich möchte
Ihnen einen guten Sommer wünschen, viel Sonne, sehr viel gute Arbeit und
auch etwas sehr Zartes für Ihr Herz. D arf ich Ihnen das wünschen? / Bevor
wir in Paris wieder an die Arbeit gehen, sind wir; Paul, Eric, der große Ball
Brief Nr. 219 - Brief Nr. 220 185

und ich, zwei Wochen aufs Land gefahren. Paul angelt Hechte, Eric läuft
den Schmetterlingen nach und ich schaue beiden zu. / Wie Sie haben auch
uns die Ereignisse im Nahen Osten sehr beunruhigt, wir wünschten uns so
sehr ein wenig Ruhe in der Welt. Aber kann man es wirklich hoffen? / Ich
denke oft an Sie, ich hoffe, daß wir uns bald Wiedersehen und daß Sie uns
von sich schreiben. Es gibt um uns so wenige Freunde! / Gisele. / Sie wissen
gar nicht, wie sehr ich Ihr so gutes Französisch bewundere! Es ist eine wahre
Freude für mich, daß sie meine Sprache so gut sprechen.

220 Gisèle Celan-Le Strange an Ingeborg Bachmann, Wald im


Pinzgau, 13. 6.1959

Hotel Walderwirt
WALD IM PINZGAU
(Salzburg)
Autriche
13 juin 1959.
Ma chère Ingeborg,
Juste un petit mot pour vous dire que nous pensons beaucoup à
vous. Nous avons été désolés de savoir que Max Frisch n’allait pas
encore bien. Nous espérons que vous pourrez bientôt nous donner
de meilleures nouvelles et que vous passerez tous les deux de
bonnes vacances, pleines de soleil et de bon travail.
De tout cœur avec vous, de tout cœur
Gisèle

Meine liebe Ingeborg, / nur eine kurze Nachricht, um Ihnen zu sagen, daß
wir viel an Sie denken. Wir waren traurig, als wir erfuhren, daß es Max
Frisch noch nicht gut geht. Wir hoffen, daß Sie bald bessere Nachrichten für
uns haben und daß Sie beide schöne Ferien verbringen, voller Sonne und
guter Arbeit. / Ihnen von ganzem Herzen Grüße, von ganzem Herzen /
Gisèle
i86 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

2 2 1 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Le stränge, Zürich,


77. (?,) 11.19 5 9 , abgebrochener Entw urf

Kirchgasse 33
Zürich / Suisse

Ma chère Gisèle,
je viens chez Vous, dans mon désespoir, après la lettre de Paul, et je
ne sais même pas quoi Vous demander. Je le comprends si bien,
mais en même temps il me semble trop affreux parce que ma lettre
était mauvaise, mais écrite dans un si grand embarras, qui Vous
peut-être comprendra mieux, et maintenant cela devient plus dé­
chirant encore. Je ne sais pas comment vivre dans un tel état, re­
poussé, parce que je ne savais plus me conduire sans désavouer Max
et sans perdre la confiance de Paul, et plus encore ce qu’il exige.
Je pourrais expliquer les raisons, le contexte, qui proviennent
d’une blessure aussi, mais ce n’est pas l’heure, et surtout pas l’heure
pour Paul. Je voudrais Vous dire, Gisèle, que je ne supporte pas
l’éloignement et cette expulsion - Vous croyez que je le mérite, je
ne sais pas où tout cela me mènera ... sauf [si] vous hésitez encore,
Gisèle, ne répondez pas, si Vous ne pouvez pas, mais donnez-moi
un jour un mot d’espérance, que toute mon erreur Votre place est
chez Paul, et je dois préférer qu’il se sent sûr de Vous que de moi,
dans quelle paralysie
quand je suis visible de nouveau pour Paul comme je l’espérais
d’être pour toujours, et peut-être pour toujours sans importance
pour Paul.
Je Vous prie seulement, si c’est possible pour Vous, de lui donner
pour son anniversaire un petit paquet, que j’envoie dans ces jours-
ci.

Meine liebe Gisèle, / in meiner Verzweiflung komme ich zu ihnen nach


Pauls Brief, und ich weiß nicht einmal, worum ich Sie bitten soll. Ich ver­
stehe ihn so gut, und gleichzeitig scheint es mir schrecklich, daß mein Brief
so schlecht war; aber er war in einer so großen Verwirrung geschrieben, wer
verstünde das vielleicht besser als Sie, und jetzt zerreißt es mich noch mehr.
Ich weiß nicht, wie ich in einem solchen Zustand leben soll, zurückgestoßen,
denn ich wußte nicht mehr, wie ich mich verhalten soll, ohne Max zu
Brief Nr. 221 - Brief Nr. 222 187

verraten und ohne Pauls Vertrauen zu verlieren, und, schlimmer noch, ich
wußte auch nicht mehr, was Paul von mir will. / Ich könnte die Gründe,
den Zusammenhang erklären, die auch von einer Verletzung herrühren,
aber dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, vor allem nicht der richtige
Zeitpunkt für Paul. Ich möchte Ihnen sagen, Gisele, daß ich die Entfer­
nung und dieses Ausgestoßenwerden nicht mehr ertrage - glauben Sie
denn, daß ich es verdiene, ich weiß nicht, wohin mich das alles führt ...
es sei denn, Sie zögern noch, Gisele, antworten Sie nicht, wenn Sie es nicht
können, aber geben Sie mir irgendwann ein Wort der Hoffnung, daß mein
ganzer Fehler Ihr Platz ist neben Paul, und es muß mir lieber sein, daß er
sich Ihrer sicher fühlt als meiner, / in welcher Lähmung / wenn ich für Paul
wieder sichtbar bin, wie ich immer zu sein es gehofft habe, und vielleicht
immer ohne Bedeutung für Paul. / Ich bitte Sie nur, wenn es Ihnen möglich
ist, ihm zu seinem Geburtstag ein kleines Päckchen zu geben, das ich dieser
Tage aufgebe.

222 Ingeborg Bachmann an Gisèle Célan-Lestrange, Zurich,


2 0 .12 .19 5 9
Kirchgasse 33
Zürich, 20 - 12 - 59
Ma chère Gisèle,
Vous savez probablement que je voulais Vous envoyer une lettre,
demandant Votre aide, quand j ’étais si désespérée le mois dernier.
Mais au fond je désire trop que Vous n’avez que porter la douleur
et les soucis de Paul, et je sais que cela exige déjà toute Votre grande
et belle force. Ainsi il me reste peu à dire - mais j’ai, après comme
avant, plus confiance en Votre force et en Votre présence qu’en
tous les mots, en toutes les lettres. Pour aider Paul dans le malheur,
pour le délivrer aussi de toute méfiance, où elle existe sans raison,
ne suffira jamais l’amitié, mais cette présence et tout ce que Vous
lui donnez, l’amour inépuisable et courageux. - Gisèle, je regrette
une fois [de] plus que nous nous sommes pas rencontrées cet été, et
souvent je crois que beaucoup serait devenu moins grave si on
aurait pu se parler. Je crains de plus en plus les lettres parce qu’elles
nous regardent inflexiblement, quand on ne cherche que la parole
vivante - et même la contradiction vivante.
Dans quelques jours Eric attendra le père Noël. Mais nous, qui
1 88 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

ne l’attendons pas et même pas le miracle le plus petit ... il nous


faut le faire l’un pour l’autre et à cause de cela je vis dans l’attente
patiente que tout guérira.
Je Vous souhaite de tout cœur des jours calmes, beaux, et le
bonheur!
Ingeborg

Meine liebe Gisèle, / Sie wissen vermutlich, daß ich Ihnen einen Brief
schreiben und Sie um Hilfe bitten wollte, als ich letzten Monat so verzwei­
felt war. Aber im Grunde möchte ich zu sehr; daß Sie nur den Schmerz und
die Sorgen von Paul tragen müssen, und ich weiß, daß schon das Ihre ganze
große und schöne Kraft verlangt. So bleibt mir wenig zu sagen - aber ich
habe, nach wie vor, mehr Vertrauen in Ihre Kraft und Ihre Gegenwart als in
alle Worte, als in alle Briefe. Um Paul im Unglück zu helfen, um ihn auch
von allem Mißtrauen zu erlösen, wo es ohne Grund ist, wird Freundschaft
niemals genügen, sondern diese Gegenwart und all das, was Sie ihm geben,
die unerschöpfliche und tapfere Liebe. - Gisèle, noch einmal bedauere ich,
daß wir uns im Sommer nicht getroffen haben, und oft glaube ich, daß vieles
nicht so schlimm gekommen wäre, wenn wir hätten miteinander sprechen
können. Ich fürchte Briefe mehr und mehr; weil sie uns unbeugsam ansehen,
wenn man nur das lebendige Wort sucht - und sogar den lebendigen Wider­
spruch. / In wenigen Tage wartet Eric auf den Weihnachtsmann. Aber wir,
die wir nicht auf ihn warten und nicht einmal auf das kleinste Wunder...
wir müssen darauf warten, einer für den anderen, und deshalb lebe ich im
geduldigen Warten darauf, daß alles gut wird. / Ich wünsche Ihnen von
ganzem Herzen ruhige, schöne Tage, und Glück! / Ingeborg

223 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Lestrange, Uetikon am


See, 24. j. i960

RENTREE SEULEMENT MAINTENANT A ZURICH PRIERE DE­


MAIN TELEGRAPHIER LADRESSE DE PAUL A ZURICH OU DE
LUI FAIRE APPELER 342987 CE SOIR OU DEMAIN MATIN

INGEBORG

Erst jetzt nach Zürich zurückgekehrt, bitte Pauls Adresse in Zürich tele­
graphieren oder ihn bitten, heute abend oder morgen früh 342987 anzu­
rufen / Ingeborg
Brief Nr. 222 - Brief Nr. 224 189

224 Gisèle Celan-Le stränge an Ingeb org Bachmann, Zürich,


26. /960
jeudi soir
Ma chère Ingeborg,
J ’ai été contente de pouvoir parler un peu avec vous ce soir et
j’espère que nous aurons plus souvent l’occasion de nous revoir
à l’avenir. Je voulais vous dire aussi que moi non plus je ne sais pas
toujours aider Paul. Sa vie et son destin sont très durs, il est très
malheureux et ce n’est pas facile pour moi d’être pour lui ce que je
devrais être, ce que je voudrais être.
Je sais que vous avez beaucoup de difficultés, je vous souhaite
sincèrement de trouver un chemin vrai qui vous apporte un peu de
bonheur; mon plus grand désir, ce soir, en ce moment où vous êtes
avec Paul, est qu’il puisse vous comprendre et que vous puissiez le
comprendre. Je vous le souhaite de tout mon cœur.
Eric dort à côté, il est heureux, il est confiant. Il sait beaucoup de
choses et il ne sait rien - Je voudrais le garder très heureux le plus
longtemps possible, mais je sais aussi que cela ne pourra durer.
C ’est très difficile d’élever un enfant dans un monde si méchant,
si mal fait. Comment le préserver? comment l’aider? Pour le mo­
ment c’est encore facile, il est bien à nous, mais les enfants ne nous
appartiennent pas longtemps. C ’est une grande chance, ce fils, un
^rand souci de chaque instant aussi. Il est de Paul, il lui ressemble,
je crois qu’il le comprendra.
J ’espère à bientôt, je vous prie de me considérer comme une
amie, je suis votre amie -
Gisèle

Donnerstag abend/ Meine liebe Ingeborg, / es hat mich gefreut, daß ich mit
Ihnen heute abend ein wenig sprechen konnte, und ich hoffe, daß wir in
Ankunft öfter Gelegenheit haben, uns zu sehen. Ich wollte Ihnen sagen,
daß auch ich Paul nicht immer helfen kann. Sein Leben und sein Schicksal
sind sehr hart, er ist sehr unglücklich, und es ist für mich nicht leicht, für ihn
das zu sein, was ich sein sollte, was ich gern sein möchte. / Ich weiß, daß Sie
viele Schwierigkeiten haben, ich wünsche Ihnen aufrichtig, daß Sie einen
■wahren Weg finden, der Ihnen ein wenig Glück bringt; mein größter
Wunsch heute abend, in diesem Augenblick, in dem Sie mit Paul zusammen
sind, ist, daß er Sie verstehen kann und daß Sie ihn verstehen können. Ich
190 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

wünsche es Ihnen von ganzem Herzen. / Eric schläft nebenan, er ist glück­
lich, er hat Vertrauen. Er weiß viel und er weiß nichts - Ich möchte dafür
sorgen, daß er so lange wie möglich sehr glücklich bleibt, aber ich weiß
auch, daß das nicht immer so bleiben kann. Es ist sehr schwer; ein Kind in
dieser bösen, so schlecht gemachten Welt aufzuziehen. Wie ihn beschützen f
wie ihm helfen? Im Augenblick ist es noch einfach, er gehört uns ganz, aber
die Kinder gehören uns nicht lange. Dieser Sohn ist ein Glück für uns, aber
in jeder Minute auch eine große Sorge. Er ist von Paul, er ähnelt ihm, ich
glaube, er wird ihn verstehen. / A u f bald, hoffe ich, bitte betrachten Sie
mich als Freundin, ich bin Ihre Freundin - / Gisele

22y Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Lestrange, Zürich,


24. 6. i960

24 - 6 - 60
Zürich, Kirchgasse 33

Ma chère Gisèle,
Votre lettre était si touchante! Je Vous remercie tant. J ’espère que
Vos pensées ce soir nous ont aidés tous. Depuis Votre départ et
depuis le départ de N elly Sachs je travaille sans cesse, - à peine que
je me rends compte comment le temps fuit, dans cet été lourd et
chaud. Le 15 juillet je quitterai la Kirchgasse et je serai de nouveau
à Uetikon am See. Nous resterons là jusqu’à septembre, malgré
nos premiers plans (de partir pour l’Espagne) parce que je ne vois
plus une fin pour ce livre. Et pour Max il sera nécessaire d’aller à
Scuol encore une fois dans quelques jours pour répéter la cure.
Le cirque de Zurich m’a donné pour Eric ce mouchoir; les
clowns usent les mêmes. - Si je peux Vous procurer des cadres -
écrivez-moi! Je serais heureuse de Vous pouvoir aider ce peu.
Je Vous souhaite tout le bien possible, un été reposant et plus
facile après cette année dure! Je suis Votre amie -
Ingeborg

Meine liebe Gisèle, / Ihr Brief war so bewegend! Ich danke Ihnen vielmals.
Ich hoffe, daß Ihre Gedanken an jenem Abend uns allen geholfen haben.
Seit Ihrer Abreise und der Abreise von Nelly Sachs arbeite ich ohne Unter­
Brief Nr. 224 - Brief Nr. 226 191

brechung - fast merke ich nicht, wie schnell die Zeit verfliegt, in diesem
schwülen und heißen Sommer. Am 15. Ju li verlasse ich die Kirchgasse und
bin dann wieder in Uetikon am See. Wir bleiben da bis September; entgegen
unseren ursprünglichen Plänen (nach Spanien zu fahren), weil ich kein
Ende mehr für dieses Buch sehe. Und Max muß in einigen Tagen noch
einmal nach Scuol fahren, um die Behandlung zu wiederholen. / Der Zir­
kus in Zürich hat mir für Eric dieses Taschentuch gegeben, die Clowns
benützen die gleichen. - Wenn ich Ihnen Rahmen besorgen kann, schreiben
Sie mir! Ich wäre froh, Ihnen ein bißchen helfen zu können. / Ich wünsche
Ihnen alles nur erdenklich Gute, einen erholsamen und leichteren Sommer
nach diesem so harten Jahr! Ich bin Ihre Freundin - / Ingeborg

226 Gisèle Célan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


2 .12 . i960

78 rue de Longchamp
Paris 16e
2 décembre i960
Ma chère Ingeborg,
Huit jours ont passé depuis que Paul est allé à Zurich, il y allait le
cœur léger dans l’espoir de rencontrer des réactions humaines et
vraies, il n’a pas été déçu, il vous a vue ainsi que Weber. Il avait
repris courage et espoir.
Huit jours ont passé!... Et rien n’est arrivé. Ingeborg, Paul est
désespéré, Paul est très fatigué, Paul ne va pas bien. Il n’a plus
aucun courage, il faut absolument que cette histoire éclate dans
sa vérité. Faites, je vous en supplie, tout ce que vous pouvez pour
cela. Aidez les gens à comprendre que toute cette histoire est
ignoble et qu’on n’a pas le droit de rester sans rien faire.
Depuis sept ans que tout cela dure, il commence à se faire tard
pour Paul, très tard, il ne s’agit ni de mots, ni de consolations, il
faut maintenant des faits, il faut que les gens écrivent dans les
journaux, qu’ils dénoncent les mensonges, les calomnies, mais
qu’ils le fassent vite, Ingeborg, qu’ils le fassent tout de suite. C ’est
de leur devoir de le faire, au nom de la Vérité, de la poésie, ce qui est
la même chose - Il faut se révolter, s’indigner, il ne faut pas per­
1 92 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

mettre que cela continue. Je vous le redis, Ingeborg, Paul n’en peut
plus. Il attend chaque courrier, chaque parution de journal, sa tête
est pleine de tout cela. Il n’y a de place pour rien d’autre - Com ­
ment en serait-il autrement après sept ans?
Depuis son retour de Zurich, où vraiment il était à nouveau
plein d’espoir, de courage, décidé à travailler, presque heureux.
Pas une ligne ne lui est parvenue. Dans la N.Z.Z. quelques lignes
signalant la Entgegnung dans la Rundschau: c’est tout, c’est très
mince, c’est très très peu et si c’était tout, ce serait affreux. Il y a eu
aussi un téléphone de Armin Mohler, ancien nazi, qui, lui, va sans
doute, si ce n’est déjà fait, écrire quelque chose pour le journal de
Rychner, vous comprendrez que cela ne nous fait pas grande joie et
que nous espérions d’autres voix que la sienne. Armin Mohler,
l’ancien nazi prenant la défense de Paul: comprenez, Ingeborg,
ce que cela a de blessant.
Kasack: Paul lui a téléphoné à son retour de Zurich, il veut »Der
Sand aus den Urnen«__ Oui bien sûr, mais tout de même, a-t-on
vraiment besoin de voir des preuves. N ’est-il pas possible de
s’indigner contre ceux qui calomnient Paul, de réagir immédiate­
ment lorsque l’on attaque sa Todesfuge, de dénoncer les infamies
qu’elle fait circuler sur lui. Ne peut-on écrire son indignation si
l’on ne possède pas son premier recueil? Tout cela est affreux.
Devant Paul les gens s’indignent, l’écoutent, mais dès qu’il est loin
tout s’écroule, c’est comme si ça ne les regardait pas.
Ingeborg, vous avez vu Weber, vous avez peut-être parlé de
nouveau avec le directeur du Burgtheater, vous avez écrit à Max
Frisch à ce sujet. Je vous supplie de le faire, de le faire très vite et de
tenir Paul au courant.
Téléphonez-lui, s’il vous plaît. Aidez les gens à agir. Si vous
saviez combien Paul est seul, malheureux, complètement anéanti
par ce qui lui arrive.
Je vous supplie de faire tout ce que vous pouvez pour que quel­
que chose de positif arrive le plus vite possible. N e le laissez pas
sans nouvelles.
Dimanche M ^ Fischer vient à Paris, nous devions la voir chez
des amis. Mais ... aussi incroyable que cela paraisse, des amis de
C.G. y sont invités, et voilà ce qui arrive. Dans sa propre maison
Brief Nr. 226 193

d’édition, il ne sait pas qui il va rencontrer. Hier il s’est décom­


mandé.
Voilà la situation, Ingeborg, elle est très mauvaise. Permettez-
moi de vous le dire à nouveau, il faut agir, il faut agir très vite - Ne
lâchez pas Paul, tenez-le au courant. Vous pouvez l’aider. Faites-le
s’il vous plaît. Faites-le tout de suite. Non par des mots ou des
consolations, il n’en n’aurait que faire. Des faits, des gestes, des
actions précises, et courageuses - Au nom de la Vérité, au nom de
la Poésie, au nom de Paul, je vous en supplie.
Je vous prie de tenir ma lettre pour très personnelle et de ne
parler à personne de ce que je vous dis sur l’état de Paul.
Nous sommes très désespérés, je vous le dis, à vous, qui com­
prendrez.
Gisèle.
Meine liebe Ingeborg, / acht Tage sind vergangen, seit Paul nach Zürich
gefahren ist, erfuhr mit leichtem Herzen in der Hoffnung, auf menschliche
und wahre Reaktionen zu treffen, er wurde nicht enttäuscht, er hat Sie
gesehen und auch Weber. Er hatte wieder Mut und Hoffnung gefaßt. /
Acht Tage sind vergangen!... Und nichts ist passiert, Ingeborg. Paul ist
verzweifelt. Paul ist erschöpft, Paul geht es nicht gut. Er hat keinerlei Mut
mehr, diese Geschichte muß in ihrer ganzen Wahrheit unbedingt ans Tages­
licht. Ich bitte Sie, tun Sie alles dafür, was Sie können. Helfen Sie den
Leuten zu verstehen, daß diese ganze Geschichte unwürdig ist, und daß
man nicht tatenlos Zusehen darf / Das alles dauert nun schon sieben Jahre,
langsam wird es spät für Paul, sehr spät, es geht nicht um Worte, nicht um
Trost, jetzt sind Taten notwendig, die Leute müssen in den Zeitungen
schreiben, müssen die Lügen, die Verleumdungen anprangern, aber sie
müssen das schnell tun, Ingeborg, sie müssen das sofort tun. Es ist ihre
Aufgabe, das zu tun, im Namen der Wahrheit, der Poesie, was das gleiche
ist - Man muß sich auflehnen, sich empören, man darf nicht zulassen, daß
das weitergeht. Ich sage es Ihnen noch einmal, Ingeborg, Paul kann nicht
mehr. Er wartet jedesmal, wenn die Post kommt, jedesmal, wenn die Zei­
tungen erscheinen, sein Kopf ist voll von all dem. Für anderes ist kein Platz
mehr - Wie könnte es auch anders sein nach sieben Jahren? / Seit seiner
Rückkehr aus Zürich, als er wirklich wieder voller Hoffnung war, voller
Mut, entschlossen zu arbeiten, fast glücklich, hat ihn keine Zeile erreicht. In
der N.Z.Z. einige Zeilen, die auf die Entgegnung in der Rundschau hin-
weisen: das ist alles, das ist sehr dünn, das ist sehr, sehr wenig, und wenn das
alles wäre, wäre es schrecklich. Es gab auch einen Anruf von Armin Mohler;
einem ehemaligen Nazi, der wohl, wenn es nicht schon geschehen ist, etwas
194 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

für die Zeitung von Ryebner schreiben will; Sie verstehen, daß uns das nicht
gerade freut und daß wir auf andere Stimmen als gerade die seine hoffen.
Armin Mohler; der ehemalige Nazi, übernimmt Pauls Verteidigung: ver­
stehen Sie, Ingeborg, se/?r verletzt. / Kasack: Paul hat ihn nach
seiner Rückkehr aus Zürich angerufen, er möchte »Der Sand aus den Ur­
nen« __ /¿z, sicherlich, aber dennoch, muß man wirklich Beweise sehen ? Ist
es nicht möglich, gegen diejenigen aufzustehen, ¿/ze P ä verleumden, sofort
zu reagieren, sewze »Todesfuge« angreift, die infamen Behaup­
tungen anzuprangern, & sze verbreiten läßt? Kann man seine
Empörung nicht nie dersehreiben, wenn man seinen ersten Band nicht in der
Hand hat? Das alles ist schrecklich. In Pauls Gegenwart sind die Leute
empört, hören ihm zu, aber sobald er fort ist, fällt alles ins sich zusammen,
also ob es sie nichts angehe. / Ingeborg, Sie haben Weber gesehen, Sie haben
vielleicht wieder mit dem Direktor des Burgtheaters gesprochen, Sie haben
Max Frisch davon geschrieben. Ich flehe Sie an, tun Sie es, tun Sie es schnell
und halten Sie Paul auf dem laufenden. / Rufen Sie ihn bitte an. Helfen Sie
den Leuten zu handeln. Wenn Sie wüßten, wie allein Paul ist, wie unglück­
lich und vollkommen zerstört durch das, was ihm zustößt. / Ich flehe Sie an,
tun Sie alles, was Sie können, damit so schnell wie möglich etwas Positives
zustande kommt. Lassen Sie ihn nicht ohne Nachricht. / Am Sonntag
kommt Frau Fischer nach Paris, wir sollten sie bei Freunden sehen. Aber
... so unglaublich das scheint, Freunde von C.G. sind dort eingeladen, so
weit sind wir. In seinem eigenen Verlag weiß er nicht, wen er trifft. Gestern
hat er abgesagt. / So ist die Lage, Ingeborg, sie ist sehr schlecht. Erlauben Sie
mir, Ihnen es noch einmal zu sagen, man muß handeln, schnell handeln -
Lassen Sie Paul nicht im Stich, halten Sie ihn auf dem laufenden. Sie können
ihm helfen. Tun Sie es bitte. Tun Sie es sofort. Nicht mit Worten oder Trost,
damit könnte er nichts anfangen. Tatsachen, Gesten, konkrete und mutige
Taten - Im Namen der Wahrheit, im Namen der Dichtung, im Namen
Pauls, bitte ich Sie flehendlich darum. / Bitte behandeln Sie meinen Brief
als ganz persönlich und sprechen Sie mit niemandem über das, was ich
Ihnen zu Pauls Zustand sage. / Wir sind sehr verzweifelt, ich sage es Ihnen,
Ihnen, die es verstehen werden. / Gisèle.

227 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Lestrange, Uetikon am


See, 3 .12 . i960
3 - 11 - 60
Ma chère Gisèle,
dans ce moment j’ai eu votre lettre. Je comprends votre inquiétude,
mais je vous en prie de ne pas désespérer, pas dans ce moment!
Brief Nr. 22 6 - Brief Nr. 227 195

Après le départ de Paul, lundi, j ’ai envoyé à Max Frisch une lettre -
comptant avec la poste irrégulière italienne je n’attends une répon­
se qu’avant la semaine prochaine. Le même jour j’ai rencontré M.
Weber, il était très pressé, j’ai pu seulement lui demander l’article
de Szondi, des copies, - qui sont arrivées hier, à cause d’une erreur
de poste (Kirchgasse!). Je verrai Weber finalement lundi prochain
(le lendemain) pour en parler vraiment. J ’ai pris hier une copie,
pour informer mieux, et je l’envoyais avec une lettre à M. Leon-
hardt (Die Zeit). J ’espère tant qu’il fera quelque chose et j ’espère
que j’ai trouvé les mots pour convaincre, pour faire comprendre la
nécessité et l’urgence. J ’irai demain au directeur du Schauspiel­
haus, qui rentre ce soir d’un voyage; il était parti aussi, après Paul.
Gisèle, croyez-moi, je fais le possible, je m’en occupe vraiment!
Je ne pense qu’à cela. Mais quand même il nous faut de patience,
une infamie de 7 ans on n’arrête pas dans une semaine. Vous cal­
merez Paul. J ’étais très heureuse pendant ces deux jours quand
Paul était ici et j’ai regagné la confiance aussi après cette année
horrible et maladive. Chère Gisèle,
Ingeborg

Je partirai pour Rome vers le 14, je téléphonerai avant!

Meine liebe Gisèle, / gerade habe ich Ihren Brief bekommen. Ich verstehe
Ihre Beunruhigung, aber ich bitte Sie, nicht zu verzweifeln, nicht in diesem
Augenblick! Nach Pauls Abreise, Montag, habe ich Max Frisch geschrieben
- bei der unregelmäßigen italienischen Post erwarte ich eine Antwort erst
nächste Woche. Am selben Tag habe ich Herrn Weber getroffen, er hatte es
sehr eilig, ich konnte ihn nur um den Artikel von Szondi bitten, Kopien -
sie sind gestern gekommen, wegen eines Adreßfehlers (Kirchgasse!). Ich
sehe Weber jetzt nächsten Montag (oder am Tag drauf), um wirklich dar­
über zu sprechen. Ich habe gestern eine Kopie gemacht, um besser infor­
mieren zu können, und ich habe sie mit einem Brief an Herrn Leonhardt
(Die Zeit) geschickt. Ich hoffe sehr, daß er etwas tut, und ich hoffe, daß ich
die Worte gefunden habe um überzeugen, um die Notwendigkeit und die
Eile verständlich machen zu können. Morgen gehe ich zum Direktor des
Schauspielhauses, der heute abend von einer Reise zurückkommt; er ist
ebenfalls weggefahren, nach Paul. / Gisèle, glauben Sie mir, ich tue das
Mögliche, ich kümmere mich wirklich darum! Ich denke ständig daran!
Aber wir brauchen dennoch Geduld , eine 7 Jahre dauernde Infamie kann
man nicht in einer Woche aufhalten. Sie werden Paul schon beruhigen. Ich
196 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

war an den beiden Tagen, als Paul da war; sehr glücklich, ¿moi ¿c/?
w^c/7 diesem fürchterlichen und krankhaften Jahr wieder Vertrauen
gefaßt. Liebe Gisele / Ingeborg / Ich fahre etwa am 14. nach Rom. Vorher
rufe ich an!

22 8 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Lestrange,


vor Weihnachten i960 (?)

Ma chère Gisèle,
de tout cœur -
et que Vous, Paul et Eric passez un soir heureux!
Ingeborg

Meine liebe Gisèle, / von ganzem Herzen - / und verbringen Sie, Paul und
Eric einen glücklichen Abend! / Ingeborg

229 Ingeborg Bachmann an Gisèle Celan-Lestrange, Widmung


in »Das dreißigste Jahr«, Rom, 4. 6 .19 6 1

Chère Gisèle, pour Vous -

Ingeborg
Rome, 4 - 6 - 61

Liebe Gisèle, für Sie - / Ingeborg / Rom, 4 - 6 - 6 1

230 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


10. j. 19/0
78 rue de Longchamp
Paris 16e
10 mai 1970
Ma chère Ingeborg,
Je ne sais si ma lettre vous rejoindra. Je pense que vous avez appris
la terrible nouvelle. Je voulais tout de même vous écrire.
Brief Nr. 227 - Brief Nr. 230 197

Le jeudi 16 avril, lorsque mon fils Eric a été déjeuner comme


d’habitude avec Paul, il s’est rendu compte qu’il était à nouveau
très mal. Je lui ai moi-même téléphoné le lendemain et jusqu’au
dimanche 19 avril, les amis qui ont essayé de le joindre ou qui l’ont
vu n’ont fait que me confirmer la crise dans laquelle il était à
nouveau.
Dans la nuit de dimanche à lundi 19/20 avril, il a quitté son
domicile pour ne plus jamais revenir.
J ’ai passé quinze jours à le chercher partout, je n’avais aucun
espoir de le retrouver vivant. C ’est le premier mai que la police l’a
retrouvé, quinze jours donc presque après son geste terrible. Je ne
l’ai su que le 4 mai -
Paul s’est jeté dans la Seine. Il a choisi la mort la plus anonyme et
la plus solitaire.
Que puis-je dire d’autre, Ingeborg. Je n’ai pas su l’aider comme
je l’aurais voulu.
Eric va avoir quinze ans le mois prochain.
Je vous embrasse
Gisèle Celan

Meine liebe Ingeborg, / ob mein Brief Sie erreicht, weiß ich nicht. Ich
denke, daß Sie die schreckliche Nachricht erfahren haben. Ich wollte Ihnen
trotzdem schreiben. / Am Donnerstag, dem 16. April, merkte mein Sohn
Eric, der wie gewöhnlich mit Paul essen war,; daß es ihm wieder sehr
schlecht ging. Ich rief ihn selbst am Tag drauf an und bis zum Sonntag,
dem /9. April; Freunde, die versuchten, ihn zu erreichen oder die ihn trafen,
haben mir nur bestätigt, daß er sich wieder in einer Krise befand. / In der
Nacht von Sonntag auf Montag, /9. auf 20. April, verließ er seine Woh­
nung, um nie mehr zurückzukommen. / Zwei Wochen lang habe ich ihn
überall gesucht, ich hatte keine Hoffnung, ihn lebend wiederzufinden. Am
ersten Mai fand ihn die Polizei, also fast zwei Wochen nach seinem schreck­
lichen Schritt. Ich erfuhr es erst am 4. Mai - / Paul hat sich in die Seine
gestürzt. Er hat den namenlosesten und einsamsten Tod gewählt. / Was
kann ich anderes sagen, Ingeborg. Ich habe ihm nicht helfen können, wie
ich es gerne gewollt hätte. / Eric wird nächsten Monat fünfzehn. / Ich
umarme Sie / Gisèle Celan
198 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

230.1 Beilage (Jean Bollack, Bericht)

Paul a été enterré ce matin, à: neuf heures au cimetière de Thiais, en


présence d'une trentaine de personnes, la fam ille de Gisèle et quel­
ques amis. Sans compter un agent, d'outre-mer; de la police muni­
cipale. Sous une pluie fine de printemps. On s'est incliné devant la
fosse avant d'embrasser Gisèle et Eric qui, transformé, ressemblait
étrangement à son père.
Mardi 12 mai yo
Jean

Heute morgen ist Paul beerdigt worden, um 9 Uhr auf dem Friedhof
Thiais, in Anwesenheit von etwa 30 Leuten, der Familie von Gisèle und
einigen Freunden. Den Beamten der städtischen Polizei, von Ubersee,
nicht mitgezählt. Unter einem feinen Frühlingsregen. Man verbeugte sich
vor der Grube und umarmte dann Gisèle und Eric, der, ganz verwandelt,
auf eine seltsame Weise seinem Water ähnlich war. / Dienstag, 12. Mai
I97° / Jean

2 3 1 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


2 3 .1 1 . 19/0
78 rue de Longchamp
Paris 16
23 novembre 1970
Ma chère Ingeborg,
Comment vous dire combien vos fleurs aujourd’hui avec votre
petit [mot] m’ont touchée? Vous êtes bien la seule à me faire signe
aujourd’hui. Et vous savez ce que peut être ce 23 novembre cette
année!
Je serais toujours contente de vous revoir si vous veniez à Paris.
Plusieurs fois je suis allée à Rome, mais je n’avais pas votre adresse,
je ne savais pas si vous aviez envie de me rencontrer, je n’ai pas osé
vous faire signe.
Je voulais vous écrire souvent.
Depuis ces semaines terribles d’avril dernier, je pense et pense
encore sans réponse, sans solution, à tout ce malheur.
Brief Nr. 230.1 - Brief Nr. 231 199

Paul a choisi la mort la plus anonyme et la plus solitaire qui soit.


On ne peut que se taire, respecter, mais c’est très dur, vous le savez
bien. Vous savez sûrement que depuis deux ans je ne vivais plus
avec lui. Je ne pouvais plus l’aider, seulement me détruire avec lui,
et il y avait Eric. Je crois que Paul le comprenait parfois sûrement.
Mais ça a été très dur. Etait-ce la solution? Y en avait-il une?
Laquelle? Ai-je eu raison? J ’y pense beaucoup. Si j’avais su? Ce
que je craignais! Je ne sais pas écrire sur tout cela, je sais très mal le
vivre aussi. Et je vais d’échec en échec. Mais pourquoi vous dire
tout cela.
Parfois j’ai eu des nouvelles de vous, très vagues, que vous
n’alliez pas bien et souvent je pensais à votre destin difficile.
Croyez-moi, tous mes vœux allaient vers vous. Vers vous, votre
vie, votre travail.
J ’essaye de lutter, parfois c’est trop dur à supporter et je me suis
moi aussi écroulée souvent.
Vos fleurs sont là: des roses. Une fois déjà vous m’en aviez
envoyées. Je n’ai pas oublié - Des fleurs que Paul aimait tant. Elles
sont là, de quelqu’un qui a aussi souffert par Paul et qui a aussi
aimé Paul.
Excusez-moi de ne savoir que très maladroitement vous dire
quelques mots, mais cela me touche beaucoup de vous sentir au­
jourd’hui proche de moi -

Si je viens à Rome - peut-être vers Noël? - puis-je venir vous voir?

Eric a quinze ans, l’âge où un père est peut-être le plus utile. Il est
très gentil mais me donne beaucoup de souci.
Il est malheureux avec lui-même, ne travaille pas bien et est en
pleine crise d’adolescence. Ce n’est pas dramatique mais [c’est]
difficile de l’aider.
Je vous embrasse, Ingeborg, avec toute mon affection et merci
encore
Gisèle

Donnez-moi de vos nouvelles. J ’aimerais savoir que vous allez


bien maintenant. S’il vous plaît.
200 Ingeborg Bachmann - Gisele Celan-Lestrange

Meine liebe Ingeborg, / wie soll ich Ihnen sagen, wie sehr mich Ihre Blu­
men heute mit dem kleinen Gruß berührt haben f Sie sind wirklich die
einzige, die mir heute ein Zeichen gegeben hat. Und Sie wissen, was der
23. November in diesem Jahr sein kann. / Ich würde mich immer freuen,
Sie wiederzusehen, wenn Sie nach Paris kommen. Ich war mehrfach in
Rom, aber ich hatte Ihre Adresse nicht, ich wußte nicht, ob Sie mich treffen
möchten, ich habe mich nicht getraut, Ihnen ein Zeichen zu geben. / Oft
wollte ich Ihnen schreiben. / Seit jenen schrecklichen Tagen im letzten April
denke und denke ich immer wieder an all dieses Unglück, ohne Antwort,
ohne Lösung. / Paul hat den denkbar namenlosesten und einsamsten Tod
gewählt. Man kann dazu nur schweigen, ihn respektieren, aber das ist sehr
hart, Sie wissen das ja. Sie wissen sicher, daß ich seit zwei Jahren nicht mehr
mit ihm zusammengelebt habe. Ich konnte ihm nicht mehr helfen, mich nur
noch mit ihm zusammen zerstören, und da war Eric. Ich glaube, daß Paul
es manchmal sicher verstand. Aber das war sehr hart. War es die Lösung f
Gab es eine? Welche? Hatte ich recht f Ich denke viel darüber nach. Wenn
ich gewußt hätte f Was habe ich davor Angst gehabt! Ich kann über all das
nicht schreiben, ich kann damit auch sehr schlecht leben. Ich habe Mißer­
folg um Mißerfolg. Aber warum Ihnen all das sagen. / Manchmal erfuhr
ich etwas über Sie, sehr ungenau, daß es Ihnen nicht gut geht, und oft
dachte ich an Ihr schwieriges Schicksal. / Glauben Sie mir, alle guten Wün­
sche gingen zu Ihnen hin. Zu Ihnen hin, zu Ihrem Leben, Ihrer Arbeit. /
Ich versuche zu kämpfen, es ist manchmal zu hart zu ertragen, und oft bin
auch ich zusammengebrochen. / Ihre Blumen sind da: Rosen. Schon einmal
haben Sie mir welche geschickt. Ich habe das nicht vergessen - Die Blumen,
die Paul so geliebt hat. Sie sind da, sie kommen von jemandem, der auch
durch Paul gelitten hat und der Paul auch geliebt hat. / Entschuldigen Sie,
daß ich Ihnen nur sehr unbeholfen diese Worte sagen kann, aber es berührt
mich sehr, Sie mir heute nahe zu wissen - / Wenn ich nach Rom komme -
vielleicht um Weihnachten ? - darf ich Sie besuchen f / Eric ist fünfzehn, in
diesem Alter braucht man einen Vater vielleicht am meisten. Er ist sehr
nett, aber er macht mir große Sorgen. / Er ist mit sich selbst nicht glücklich,
arbeitet nicht gut und ist voll in der Pubertät. Es ist nicht dramatisch, aber
es ist schwer, ihm zu helfen. / Ich umarme Sie, Ingeborg, mit meiner ganzen
Zuneigung und danke noch einmal / Gisele / Schreiben Sie mir von Ihnen.
Ich wüßte gerne, daß es Ihnen jetzt gut geht. Bitte.
Brief Nr. 2 3 1 - Brief Nr. 232 201

2 j2 Gisèle Celan-Le Strange an Ingeborg Bachmann, Paris,


20. /2. /970
78 rue de Longchamp
Paris 16
Dimanche
Ma chère Ingeborg,
Les fêtes approchent qui me sont depuis longtemps pénibles. Eric
part en Autriche faire du ski.
J ’ai eu ces temps-ci pas mal de petits ennuis de santé et je dois
quitter Paris et ma maison qui m’accablent. Comme je suis tou­
jours assez incapable de faire des projets, ce n’est qu’aujourd’hui
que je me décide à essayer de partir. Une amie très gentille m’invite
à Rome. Dès demain j’essaierai de trouver une place dans un train
pour y aller.
J ’aimerais beaucoup vous rencontrer si ça ne vous ennuie pas et
j’essaierai de vous téléphoner si je trouve votre numéro -
Si je trouve une place mercredi prochain, j’arriverai à Rome
jeudi matin. Sinon le lendemain, j’espère. Je resterai une dizaine
de jours.
J ’habiterai chez Madame Marianne KRAISKY, via Ludovico di
Monreale 12, (interno 16) 580 74 55.
J ’espère que vous allez bien maintenant et que vous travaillez.
A bientôt. Très affectueusement
Gisèle.

Sonntag / Meine liebe Ingeborg, / die Feiertage nähern sich, die mir seit
langem eine Last sind. Eric fährt zum Skifahren nach Österreich. / Ich hatte
in der letzten Zeit immer wieder kleine Probleme mit der Gesundheit, und
ich muß aus Paris und meiner Wohnung, die mich bedrücken, raus. Weil ich
schon immer ziemlich schlecht im Plänemachen bin, habe ich mich erst
heute zum Versuch entschlossen wegzufahren. Eine sehr nette Freundin
lädt mich nach Rom ein. Gleich morgen versuche ich, einen Platz in einem
Zug dorthin zu bekommen. / Wenn Sie das nicht stört, würde ich Sie sehr
gerne treffen, und wenn ich Ihre Nummer finde, versuche ich, Sie anzu­
rufen. / Wenn ich für nächsten Mittwoch einen Platz bekomme, bin ich
Donnerstag morgen in Rom. Sonst am Tag drauf, hoffe ich. Ich bleibe etwa
zehn Tage. / Ich wohne bei Frau Marianne KRAISKY, via Ludovico di
Monreale 12 (interno 16) 580 74 55. / Ich hoffe, daß es Ihnen gut geht
und daß Sie arbeiten können. / Bis bald. Sehr herzlich / Gisèle.
202 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

2 J J Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Rom,


/. 7. 7977
I er janvier 1971

Ma chère Ingeborg,
Notre rencontre à Rome a été pour moi une vraie rencontre, im­
portante et grave comme les vraies choses. Rare.
Je m’inquiète seulement de vous avoir fatiguée, d’être restée si
longtemps et de vous avoir empêchée de dormir. J ’espère que tout
ce sera bien passé à Francfort et que votre retour à Rome sera aussi
un nouveau départ.
N ’oubliez jamais qu’il m’est important de savoir que vous êtes
là, que vous allez bien, que vous travaillez.
Je pense beaucoup à vous. Je vous embrasse
Gisèle
Merci de votre accueil

Meine liebe Ingeborg, / Unsere Begegnung in Rom war für mich eine
wahre Begegnung, wichtig und ernst wie die wahren Dinge. Selten. / Ich
fürchte nur; daß ich Sie ermüdet habe, daß ich zu lange geblieben bin und
Sie daran gehindert habe, schlafen zu gehen. Ich hoffe, daß in Frankfurt
alles gut verlaufen ist und daß Ihre Rückkehr nach Rom auch ein Neuan­
fang wird. / Vergessen Sie nie, mir ist wichtig zu wissen, daß Sie da sind, daß
es Ihnen gut geht, daß Sie arbeiten können. / Ich denke viel an Sie. Ich
umarme Sie / Gisèle / Danke für Ihre freundliche Aufnahme

234 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


1 1 - 1 3 . 2· 1 97I
78, rue de Longchamp
Paris 16
11 février 1971.
Ma chère Ingeborg,
Je pense beaucoup à vous ce soir et peut-être un peu égoïstement,
si Rome n’était pas si loin je vous téléphonerais et vous dirais:
passons la soirée ensemble, je n’ai pas le courage de rester seule!
Alors je vous écris.
Si vous en avez la possibilité, mettez-moi un mot de temps en
Brief Nr. 233 - Brief Nr. 234 203

temps. Vous savez que je me fais du souci pour vous. Comment


allez-vous maintenant? Je voudrais que votre histoire d’épaule soit
tout à fait remise. Je voudrais que vous puissiez me dire que vous
vous sentez bien à Rome, que vous travaillez, que vous lisez, que
vous écrivez, que des amis gentils sont auprès de vous quand vous
le souhaitez et que la vie enfin pour vous n’est plus si méchante!
Quand paraîtra votre livre? Il faut me l’envoyer et j’espère qu’il
sera aussi traduit en français, et rapidement.

A Rome, après une passe très difficile, j’allais bien lorsque vous
m’avez vue, depuis, ce sont les hauts et les bas. Le sommeil insuffi­
sant et les périodes parfois de si grand découragement. J ’essaye de
continuer sur l’élan de Rome, de faire des gouaches - et chaque fois
que le travail gagne-pain me le permet - je travaille. Mais vous
savez, c’est très décourageant que les gravures et les gouaches ne
rencontrent pas de possibilité vraie de dialogue. Tout reste dans les
tiroirs et c’est très décourageant. Malgré tout j’essaye de continuer
ce travail qui est une façon de vivre malgré tout. Mais je suis très
seule.

Eric devient de plus en plus éprouvant. Je comprends ses prob­


lèmes, ses difficultés, sa révolte, son mécontentement au lycée,
mais parfois j’ai du mal à le supporter. Il peut - comme on peut
l’être à cet âge - être si égoïste, si méchant même - et, vous savez, ne
pas pouvoir aider un enfant dont on se sent si proche et dont on
croit tout de même comprendre beaucoup, c’est très très dur aussi -

Sinon que dire? Je sors à droite, à gauche, je tue le temps, j’accepte


de dîner avec les uns, d’aller voir un film avec les autres pour me
retrouver plus seule encore après, mais j’ai au moins pour quelques
heures fui ma maison, fui moi-même - C ’est terrible d’en arriver
là, et pour l’essentiel, je fais des erreurs, des gaffes et je me mets
dans d’impossibles situations - Mais je ne voulais pas parler de tout
cela.

(— Samedi)
Beda Allemann est encore à Paris, où il est professeur associé,
204 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

invité pour une année au Grand Palais (annexe de la Sorbonne


pour les langues et l’allemand en particulier). C ’est là que je tra­
vaille, je le vois donc souvent.
Je crois qu’il a entrepris très sérieusement le travail avec les
poèmes de Paul, mais pour moi c’est très éprouvant. Lorsqu’il ob­
tient des millions pour ce travail et envisage de faire venir deux de
ses assistants pour trois ans à Paris, je pense, et ne peux le faire sans
une certaine amertume, que du vivant de Paul, il n’était pas si facile
de vivre de sa poésie, et je me demande aussi avec le travail de fiches,
de photocopies, de références, où se trouve vraiment la poésie. Mais
c’est ainsi - On n’attend pas longtemps aujourd’hui pour employer
les moyens les plus modernes pour publier dans la hâte.

Viendrez-vous un jour à Paris?


Si je reviens à Rome, je vous le dirai.

J ’ai tellement envie parfois de tout envoyer promener et de quitter


ce travail, les amis que j’ai ici et cette ville et cet appartement!

Je pars tout à l’heure à 100 km de Paris, avec Eric, où, vous le savez
sans doute, nous avons une maison. Tout y est calme et solitude.
Eric l’aime beaucoup et se dépense en promenades à mobylette, ou
à bricoler le bois. J ’y fais de longues promenades sans rencontrer
personne et en général j’arrive à lire et à dessiner et j’y dors assez
bien. Mais tous ces lieux sont hantés de tant de souvenirs, de tant
de présence et d’absence, que j’ai là aussi du mal, bien du mal à être
à l’aise.
Où suis-je à l’aise d’ailleurs maintenant?

Je vous envoie mes plus amicales pensées et vous embrasse


Gisèle -

Meine liebe Ingeborg, / beute abend denke ich viel und vielleicht ein wenig
egoistisch an Sie, wenn Rom nicht so weit weg wäre, würde ich Sie anrufen
und würde Ihnen sagen: Verbringen wir doch den Abend zusammen, ich
habe den Mut nicht, allein zu sein! Also schreibe ich Ihnen. / Wenn Sie
können, schicken Sie mir doch gelegentlich einen Gruß. Wissen Sie, ich
mache mir Sorgen um Sie. Wie geht es Ihnen jetzt? Ich wünschte mir,
Brief Nr. 234 205

daß Ihre Schultergeschichte wieder ganz gut ist. Ich wünschte mir, Sie
könnten mir sagen, daß Sie sich in Rom wohl fühlen, daß Sie arbeiten
können, daß Sie lesen, daß Sie schreiben, daß nette Freunde um Sie sind,
wenn Sie das möchten, und daß das Leben nun nicht mehr so bös mit Ihnen
umgeht! / Wann erscheint Ihr Buch f Sie müssen es mir schicken, und ich
hoffe, daß es auch ins Französische übersetzt wird, und zwar rasch. / Als Sie
mich in Rom sahen, ging es mir, nach einer sehr schwierigen Zeit, gut,
seither gibt es Höhen und Tiefen. Nicht genug Schlaf und manchmal Zeiten
von großer Niedergeschlagenheit! Ich versuche, im römischen Schwung zu
bleiben, Gouachen zu machen - und immer, wenn es der Broterwerb es
erlaubt, arbeite ich. Aber, wissen Sie, es ist sehr entmutigend, daß die Goua­
chen und Radierungen keine wirkliche Möglichkeit zum Dialog finden.
Alles bleibt in der Schublade, und das ist sehr entmutigend. Trotz allem
versuche ich, diese Arbeit weiterzumachen, die eine Art trotzdem zu leben
ist. Aber ich bin sehr einsam. / Eric wird immer anstrengender. Ich verstehe
seine Probleme, seine Schwierigkeiten, seine Auflehnung, seine Unzufrie­
denheit in der Schule, aber manchmal kann ich ihn schlecht ertragen. Er
kann - wie man in diesem Alter sein kann - so egoistisch sein, ja, so bösartig
- und, wissen Sie, einem Kind, dem man sich so nahe fühlt und von dem
man doch viel zu verstehen glaubt, nicht helfen zu können, das ist auch sehr;
sehr hart - / Was sonst sagen f Ich gehe hierhin und dorthin, ich schlage die
Zeit tot, ich gehe mit den einen essen, mit den anderen ins Kino, und fühle
mich danach um so einsamer, aber ich bin dann wenigstens ein paar Stun­
den vor meiner Wohnung weggelaufen, vor mir selbst weggelaufen - Es ist
schrecklich, so weit zu kommen, und in den wesentlichen Dingen mache ich
Fehler; blamiere mich und bringe mich in unmögliche Situationen - Aber
von all dem wollte ich Ihnen nicht sprechen. / (.... Samstag) / Beda Alle­
mann ist noch in Paris, er istfür ein Jahr Gastprofessor am Grand Palais (wo
Institute der Sorbonne, Sprachen und besonders Deutsch, untergebracht
sind). Eben dort arbeite ich, ich sehe ihn also oft. / Ich glaube, er hat sehr
ernsthaft angefangen, mit Pauls Gedichten zu arbeiten, aber für mich ist
das nicht einfach. Wenn er Millionen Francs für diese Arbeit bekommt und
daran denkt, zwei seiner Assistenten für drei Jahre nach Paris zu holen,
denke ich, und ich kann das nicht ohne eine gewisse Bitterkeit, daß man zu
Pauls Lebzeiten nicht so leicht von seinen Gedichten leben konnte, und bei
all dieser Arbeit mit Karteikarten, Photokopien, Belegstellen frage ich
mich, wo da die Dichtung wirklich ist. Aber so ists - Man zögert heute
nicht groß und setzt die modernsten Mittel ein, um in aller Hast zu ver­
öffentlichen. /Kommen Sie mal nach Paris? / Wenn ich nach Rom komme,
sage ich es Ihnen. / Ich habe manchmal so große Lust, alles hinzuschmeißen
und diese Arbeit, die Freunde, die ich hier habe, die Stadt und diese Woh­
nung hinter mir zu lassen! / Ich fahre gleich mit Eric 100 km aus Paris
20 6 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

heraus, wo wir; wze Sie sicher wissen, ezVz Haus haben. Alles dort ist Ruhe
und Einsamkeit. Eric mag es sehr und verausgabt sich beim Mofa-Fahren
oder beim Basteln mit Holz. Ich mache lange Spaziergänge, denen ich
niemandem begegne, zw allgemeinen kann ich lesen und zeichnen,
ich schlafe dort ganz gut. Aber an all diesen Orten spuken so viele Erinne­
rungen, 50 we/e Abwesenheiten, daß es mir auch dort schwerfällt,
ziemlich schwerfällt, mich wohl zu fühlen. / Aber wo fühle ich mich denn
jetzt überhaupt wohl f / Ich schicke Ihnen meine freundschaftlichsten Grü­
ße und umarme Sie / Gisele -

235 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, /&. j . /97/

78, me de Longchamp
Paris 16
18 mars 1971
Ma chère Ingeborg,
Comment vous remercier de votre téléphone? J ’étais très touchée
et les signes d’amitié en ce jour me sont venus de loin: Tel-Aviv,
Rome et Vienne, chez soi à Paris, on est plus seul!
J ’ai transmis à Pierre Szondi votre message, j’espère qu’il vous
téléphonera comme il me l’a dit. Je ne l’avais pas vu depuis très
longtemps, j’étais contente de le revoir.

Je viens de prendre la décision de partir 15 jours à Pâques vers


Israël. Vous savez, j’ai toujours beaucoup de mal à me décider à
partir, mais rester à Paris lorsque je suis en vacances de ce travail
idiot au Grand Palais me pèse toujours, car je n’arrive pas à tra­
vailler pour moi et je crains cette solitude avec mes incapacités. De
Tel-Aviv, ce très gentil téléphone m’invitant si chaleureusement
m’a fait me décider. Je partirai du 3 avril au 20 avril. Mais je ne
veux pas vous manquer lorsque vous viendrez à Paris.
Si vous le pouvez, vous me mettrez un mot pour me dire quand
vous pourrez venir.
Le livre de traductions de Paul au Mercure de France est, paraît-
il, sorti aujourd’hui et je le recevrai demain pour mon anniversaire.
Cela me touche beaucoup d’autant plus que plusieurs livres de
Brief Nr. 234 - Brief Nr. 23 5 207

Paul sont déjà arrivés pour ce jour-là et qu’il se réjouissait toujours


de cette date de parution. (Je l’apprends à l’instant par un télé­
phone d’André du Bouchet.)
Comment saviez-vous que c’était mon anniversaire?

Maintenant ce sera la sortie de votre nouveau livre, à nouveau et de


tout cœur, tous mes vœux vont vers lui, vers vous. Je vous souhaite
un bon séjour en Allemagne.

A très bientôt. Je vous embrasse.


Portez-vous bien -
Gisèle.

Meine liebe Inge borg, / wie Ihnen für Ihren Anruf danken? Ich war sehr
berührt, und die Freundschaftszeichen sind mir an diesem Tag von weither
gekommen: aus Tel Aviv, Rom und Wien, zuhause in Paris ist man ein­
samer! / Ich habe Peter Szondi Ihre Nachricht überbracht, ich hoffe, er ruft
Sie an, wie er mir gesagt hat. Ich hatte ihn sehr lange nicht gesehen, ich habe
mich gefreut, ihn wiederzusehen. / Ich habe mich gerade entschlossen, zu
Ostern zwei Wochen nach Israel zu fliegen. Sie wissen ja, daß ich mich
immer sehr schlecht entscheiden kann wegzufahren, aber während der
Ferien von dieser blödsinnigen Arbeit im Grand Palais in Paris zu bleiben
istfür mich immer lästig, denn ich schaffe es nicht, für mich zu arbeiten, und
bei meinen Unfähigkeiten fürchte ich mich vor dieser Einsamkeit. Der mich
so warmherzig einladende liebe Anruf aus Tel Aviv hat mich zu einer
Entscheidung gebracht. Ich fahre vom 3. bis zum 20. April. Aber ich will
Sie nicht verfehlen, wenn sie nach Paris kommen. / Wenn Sie wollen,
schreiben Sie mir doch kurz, wann Sie kommen können. / Das Buch mit
den Übersetzungen von Pauls Gedichten im Mercure de France ist offenbar
heute erschienen, und ich werde es morgen zu meinem Geburtstag bekom­
men. Das berührt mich um so mehr, als einige Bücher von Paul an diesem
Tag herausgekommen sind, und er sich immer sehr über dieses Erschei­
nungsdatum gefreut hat. (Ich erfahre das gerade eben durch einen Anruf
von André du Bouchet.) / Woher wußten Sie, daß ich Geburtstag habe? /
Jetzt erscheint Ihr neues Buch, noch einmal und von ganzem Herzen gehen
meine Gedanken zu ihm, zu Ihnen. Ich wünsche Ihnen einen guten Auf­
enthalt in Deutschland. / A u f sehr bald. Ich umarme Sie. / Lassen Sie es sich
gutgehn - / Gisèle.
2o 8 Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

236 Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, separate


Widmung fü r die drei Radierungen »Fin d'année /97/«, Paris>
Ende 1 9 J1

Avec mes meilleurs vœux pour


I 972

Gisèle.

Mit meinen besten Wünschen für / 1972 / Gisèle.

23 j Gisèle Celan-Lestrange an Ingeborg Bachmann, Paris,


2 . 1.19 7 3
704 ^9
2 janvier 1972
Ma chère Ingeborg,
Je suis encore toute émue de votre appel d’hier soir: j’étais un peu
paralysée par la surprise, la distance, ce que vous représentez pour
moi, et je n’ai pas pu trouver les mots que j’aurais voulu vers vous -
Je suis très touchée par l’attention que vous me portez, je sens si
fort que cela vous importe que j’aille bien et que je me trouve un
chemin, merci de ces pensées si chaleureuses.
Vous savez, vous savez ... les difficultés que l’on a chacun avec
soi-même, avec la vie. On essaie, on se fourvoie, on trouve des
chemins qui ne mènent nulle part, on fait des pas qui ne sont pas
toujours les justes et on se retrouve à nouveau dans ses impasses ...
Depuis quatre ans c’est ainsi. J ’ai eu la chance que ce ne soit pas
toujours ainsi. J ’ai eu, vous le savez, - et à quel prix - mes années de
vraie vie, où la justesse, la vérité du chemin n’étaient jamais à
remettre en question. Un jour j’ai tout perdu, je me suis éloignée
de cette vérité, de ma vérité - Depuis ce sont les échecs successifs,
les efforts dans les fausses directions, les lendemains de solitude -
J ’ai des amis, de bons amis, quelques-uns, et cela m’est très impor­
tant - m ais...
J ’ai beaucoup de mal avec le temps: l’hier dont je continue à
Brief Nr. 23 6 - Brief Nr. 237 209

vivre, Thier qui fait partie de mon présent. Ce que je suis au­
jourd’hui par cet hier devenant présent. Mais l’hier paralyse par­
fois l’aujourd’hui parce que s’imposant trop fort. J ’ai essayé de
prendre une distance, sans doute [de façon] trop brutale, et j’ai
été récupérée par l’hier toujours présent. Je sais bien que je ne le
renierai jamais, que je ne le peux ni ne le veux. Mais vivre avec et
continuer de vivre avec le minimum de distance qu’il faut n’est pas
un équilibre que je trouve facilement. J ’essaie, j’essaie, je fais des
pas, je marche — mais pas très bien.

Le travail m’est une aide, mais vous savez, avec l’âge et les généra­
tions qui se succèdent si rapidement, le fossé de solitude se creuse
chaque jour plus, et vis-à-vis des cuivres, de mon effort vers la
gravure, je suis parfois très découragée - Je continue d’essayer
de me rester fidèle dans ce travail.

Le classement des papiers de Paul, entrepris avec l’aide d’un ami


autrichien vivant à Paris et parlant aussi bien le français, me boule­
verse à chaque instant. Me stimule aussi - Nous le faisons très
consciencieusement, très lentement et avec tout le respect que cela
mérite - je crois -, mais parfois ça m’accable. Tant de vie que j’ai un
peu partagée, inscrite dans la moindre page. Heureusement j’ai
confiance dans cet ami et sa discrétion et sa sensibilité me sont
une grande aide lorsque c’est trop pesant pour moi.
Mais avec Allemann, je suis un peu inquiète. Il a trop de choses à
faire avec son université, ses étudiants, son travail personnel, et sa
santé depuis un an lui a donné aussi beaucoup de souci - Son travail
n’avance pas vite en ce qui concerne Paul - Ce ne serait pas grave si
tout de même il faisait quelque chose, mais je crains que ses assi­
stants ne prennent une place trop importante à cause de ses défail­
lances et dans ce cas je ne trouve pas que Paul soit dignement
servi -
Peut-être irai-je à Bonn pour quelques jours. Six lettres sont
restées sans réponse de sa part, qui pourtant ont leur importance -
Tout me décourage un peu en ce moment et les nuits de trop peu
de sommeil ont repris depuis quelques semaines, ce qui n’arrange
rien. Mais vous le disiez, le saviez: ces périodes de fausses fêtes
2io Ingeborg Bachmann - Gisèle Celan-Lestrange

n’aident pas et je sais les vivre depuis longtemps très difficilement.


Je vous trouve courageuse de période en période d’avoir la force
de tout recommencer dans un autre pays. Après l’Autriche,
l’Allemagne, l’Italie, maintenant l’Afrique. Tous mes vœux vont
vers l’accueil chaleureux que je vous y souhaite.
J ’aimerais vous voir plus souvent.
Je n’ose pas trop quitter Eric en ce moment, non qu’il ne s’en
réjouirait pas, au contraire. Mais ses activités, ses amitiés m’inqui­
ètent un peu. Il est parfois engagé vers des activités qui m’inqui­
ètent, même si pour le moment ça ne le prend pas totalement et ne
dure que quelque temps, l’inquiétude est grande malgré tout chez
moi.
Il a du mal avec lui-même, avec le monde qui l’entoure, avec son
âge. Comment en serait-il autrement. Parfois je suis bouleversée de
son sérieux, parfois sa légèreté me désole. Il cherche, se cherche, il
est difficile de l’aider en ce moment. J ’essaie d’être là quand il en a
envie, ce qui arrive, de garder pour lui une sorte d’accueil, une
disponibilité. Je crois que je ne peux pas beaucoup plus pour lui
et c’est très peu.

Un jour, si vous pouvez, vous m’écrirez quelques lignes. Sinon, je


sais tout de même que nous sommes proches et je comprends et
respecte votre silence.

Je pense à vous, beaucoup. Il m’importe que vous alliez bien, que


vous continuiez de travailler, d’être là courageusement quelque
part dans ce monde. Mais je voudrais plus. J ’aimerais savoir que
votre vie enfin est entourée d’un peu de douceur, d’un peu de
tendresse, d’un peu de vraie vie.
Je vous embrasse. Je vous embrasse très affectueusement
Gisèle.

Je vous avais envoyé »vers 1973« un petit signe de mon travail. Les
postes italiennes vous Pauront-elles transmis?

Meine liebe Ingeborg, / ich bin noch ganz bewegt von Ihrem Anruf gestern
abend. Ich war ein wenig gelähmt von der Überraschung, der Entfernung,
Brief Nr. 237 2 11

das, was Sie für mich bedeuten, und ich konnte nicht die Worte finden, die
ich gerne für Sie gefunden hätte. / Die Aufmerksamkeit, die Sie mir zu­
kommen lassen, berührt mich, ich fühle ganz stark, wie wichtig für Sie ist,
daß es mir gutgeht und daß ich einen Wegfür mich finde. Danke für diese so
warmherzigen Gedanken. / Sie wissen ja, Sie wissen ja ... die Schwierig­
keiten, die jeder mit sich hat, mit dem Leben. Man versucht, man gerät auf
Abwege, auf Holzwege, man macht Schritte, die nicht immer die richtigen
sind und gerät wieder in Sackgassen... / Seit vier Jahren ist das so. Ich hatte
Glück, das das nicht immer so war. Ich hatte, Sie wissen es - und zu wel­
chem Preis -, meine Jahre wahren Lebens, wo die Richtigkeit, die Wahrheit
des Wegs immer fraglos war. Eines Tages habe ich alles verloren, habe ich
mich von dieser Wahrheit entfernt, von meiner Wahrheit - Seither ein
Mißerfolg nach dem anderen, Anstrengungen in die falsche Richtung,
und nachher die Einsamkeit - Ich habe Freunde, gute Freunde, ein paar,
und das ist sehr wichtig für mich - aber... / Ich habe große Schwierigkeiten
mit der Zeit: mit dem Gestern, aus dem heraus ich immer noch lebe, dem
Gestern, das zu meiner Gegenwart gehört. Was ich heute bin, bin ich durch
dieses Gestern, das gegenwärtig wird. Aber das Gestern lähmt manchmal
das Heute, weil es zu dominant ist. Ich habe versucht, Abstand zu gewin­
nen, sicherlich auf allzu brutale Weise, und ich wurde wieder eingeholt von
diesem immer noch gegenwärtigen Gestern. Ich bin mir sicher, daß ich es
nie verleugnen werde, daß ich das weder kann noch will. Aber es fällt mir
nicht leicht, ein Gleichgewicht zu finden zwischen einem Leben mit ihm
und einem Weiterleben mit dem notwendigen Minimum an Abstand da­
von. Ich versuche, versuche, mache Schritte, gehe — aber nicht sehr gut. /
Die Arbeit ist mir eine Hilfe, aber wissen Sie, mit dem Alter und den so
schnell aufeinander folgenden Generationen wird der Graben der Einsam­
keit jeden Tag tiefer, und vor dem Kupfer, bei meinem Mühen um die
Radierung, bin ich manchmal sehr mutlos - Ich versuche weiter; mir in
dieser Arbeit treu zu bleiben. / Das Ordnen von Pauls Papieren, bei dem
mir ein österreichischer Freund hilft, der in Paris lebt und fließend Franzö­
sisch spricht, erschüttert mich immer wieder. Regt mich auch an - Wir
machen das sehr gewissenhaft, sehr langsam, mit allem Respekt, den es
verdient - glaube ich -, aber manchmal macht es mich niedergeschlagen.
So viel Leben, das ich ein bißchen geteilt habe, eingeschrieben in das klein­
ste Blatt. Glücklicherweise habe ich Vertrauen in diesen Freund, und seine
Diskretion und Sensibilität sind mir eine große Hilfe, wenn es mich zu sehr
niederdrückt. / Allemann aber beunruhigt mich ein wenig. Er hat zu viel
mit seiner Universität zu tun, seinen Studenten und seiner persönlichen
Arbeit, und seine Gesundheit macht ihm seit letztem Jahr auch große Sor­
gen - Seine Paul betreffenden Arbeiten kommen nicht schnell voran - Das
wäre nicht schlimm, wenn er wenigstens irgendetwas täte, aber ich fürchte,
212 Ingeborg Bachmann - Gisele Celan-Lestrange

seine Assistenten werden wegen seiner Schwächen zu dominant, und in


diesem Fall glaube ich nicht, daß Paul angemessen gedient ist - / Vielleicht
fahre ich ein paar Tage nach Bonn. Schon sechs Briefe hat er nicht beant­
wortet, die aber durchaus wichtig waren - / Gerade entmutigt mich alles
ein bißchen, und seit einigen Wochen schlafe ich nachts wieder nicht genug,
und das macht die Sache nicht besser. Aber Sie haben es gesagt, Sie wußten
es: diese Zeiten der falschen Feiertage helfen nicht, ich komme mit ihnen seit
langem sehr schlecht zurecht. / Ich finde Sie mutig, wie Sie immer wieder
die Kraft haben, in einem anderen Land von vorne anzufangen. Nach
Österreich, Deutschland, Italien nun Afrika. Alle meine Wünsche gehen
zu dem warmherzigen Empfang, den ich Ihnen dort wünsche. / Ich würde
Sie gern öfter sehen. / Ich traue mich im Augenblick kaum, Eric allein zu
lassen, nicht daß er sich darüber nicht freuen würde, im Gegenteil. Aber
seine Aktivitäten, seine Freundschaften beunruhigen mich etwas. Er ist
manchmal in Aktivitäten verwickelt, die mich beunruhigen, auch wenn
ihn das im Augenblick nicht vollständig in Beschlag nimmt und es nur eine
begrenzte Zeit dauert, die Unruhe ist bei mir trotz allem groß. / Er tut sich
schwer mit sich, mit der Welt um ihn, mit seinem Alter. Wie könnte es auch
anders sein. Manchmal bin ich bestürzt über seinen Ernst, manchmal macht
mich seine Leichtfertigkeit traurig. Ersucht, er sucht sich, man kann ihm im
Augenblick schlecht helfen. Ich versuche, dazusein, wenn er das will, das
kommt gelegentlich vor; für ihn eine Art von Tür offenzuhalten, eine Be­
reitschaft. Viel mehr kann ich, glaube ich, nicht für ihn tun, und das ist sehr
wenig. / Schreiben Sie mir einmal, wenn Sie können, ein paar Zeilen. Wenn
nicht, weiß ich trotzdem, daß wir uns nahe sind, ich verstehe und respek­
tiere Ihr Schweigen. / Ich denke an Sie, oft. Es ist mir wichtig, daß es Ihnen
gutgeht, daß Sie Weiterarbeiten können, daß Sie mutig da sind, irgendwo
auf dieser Welt. Aber ich hätte gern mehr. Ich würde gerne wissen, daß Ihr
Leben endlich mit etwas Freundlichkeit umgeben ist, mit etwas Zärtlich­
keit, mit etwas wahrem Leben. / Ich umarme Sie. Ich umarme Sie sehr
liebevoll/Gisele / Ich habe Ihnen »auf 1973 zu« ein Zeichen meiner Arbeit
geschickt. Hat es die italienische Post Ihnen wohl überbracht f
Abbildungen
Abb. i
Abb. 3-4
Abb. 5
Abb. 6
Abb. 7
Abb. 9
Abb. io
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Abb. i i
5f

P a u l , Lieeer»

es ist. Ostermontag, und ich bin zum ersten &al auf landen,
nech einer Krankheit, die nicht sehr ax$ w ar, dis asir aber sehr
wichtig w ar, dis .mir Is s t wunderbar su H ilfe .jekomaien is t . Denn ich
■musste nicht mehr, ^ ie ich es hier und wie ich es hier mir recht
machen s o llt e . Der erste feh ler w ar, dass loh eine ftcche rue in altes
Wiener ¿eben weitere ¿.leite, «.ensux so , »le wfre nichts gewesen, dann*
p lSt alic h v erzw e ife lt und hysterisch *bbrach and nicht a^s dem Haus
wollte und d a d o c h -.vuasta, dess es so nicht loater bleiben könne,
und dann kam noch von aussen etwss d azu , das sehr scnllmm war und
fset schliauaer als alles bisher. Dann k a » »eine Schwerter und dann
diese ->rippe. itzxi Jetzt ist es so s t i l l wie nach den Bombenabwürfen
1» ^ r i e g , 'Senn eich dar Keuch verzogen h*tte und asan entdeckte, .*
rfass das ^aus nicht mehr stand und nichts zu sagen wusste} was faftc
tin man such ea£ en*scl*en?
M argen w er d e i c h v i e l l e i c h t sc ho n s u s g s h e n , .¿ine A r b e i t s u c h e n . *Is
f i n d e t s i c h im &er e t w a s . Das ■ ‘■elephon i s t haute ^ch on ¡¿znz s t i l l -
w ie in e-lnem hilsfili h a ;:, h ü t e r s n 'U n v e r s t ä n d n i s .
±m K e r b s t koi&ae i c h v i e l l e i c h t m h S a r i s . h at sich, j e d o c h noch
n ic h t s e n t s c h i e d e n . Afcir a u c h , wenn ic h h i ^ r o l i i o s n m u ss , ¿ i l l ic h
n i c h t Jtr~jrig ..e i n . i c h habe s o v i e l ^ s h a ^ t , s o v i e l ¿ ¿ n a h m e n , d a ss es
n o c h ~«?nge r e i c h e n k ö n n t e ; e o e r s u c h , w en n es n i c h t r e i c h t - man
kommt m it so w en ig e m a u s . S p ä t e r einißal w e r d e n .. i r s c s i a a o nur . e n ig
G e p äck m it n e h a e n d ü r f e n , v i e l l e i c h t ü b e r h a u p t k e i n e s ,
Du e r w a r t e s t j a n i c h t , d a s s ia h h aute sc h o n etwa zu * u n s * a a ^ d e n sage
ic h k an n j e t z t n i c h t g u t d a n k e n , ic h muss s a e r s t -»«¿koamen vo n a l i e « ,
nur f ü r c h t e i c h , d a s s i c h dsnn <?uch vo n D i r au w e i t w e ^ s e i n w e r d e .
S c h r e i b e m ir b i t t e z u w e i l e n . »s .zx s± xsxx± nx S c h r & b a 3tir n i c h t zu vnggm
ei z ä h l e r u h ig ,, da ss d e i Voi-hrn^ vor u n s e re m F e n s t e r sc h o n w ie d e r
2 ^ g e b r a n n t i s t un d uns d i e L e u t e aus ehe n v o n d e r S t r a . t e .

V on H e t z e n

D e in e

Las;·" d i j ¿«^ni i n n i ^ ¿ r v s s e n von mir


K il o Der b a t f ich "e h r ¿ e f r e u t .
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Ic h arm a l l e s ü b e rste h e n d urdh G le ic h m ü t ig k e it , urch e ig ö n gele'atich
Anfa ll üoh&elirr.msten F a lö E s f i .>!<:' mir n ich '..ein , mich an jemand zu
w en den , um M l f e , auch n ih an D ic h , we 1 ich mich s t ä r k e r f ü h l e .
ch belage m ich n i c h t . Ic h h a b e , ohn·· es zu w i s s e n , g e w u s s t ,,
d ass d i s r »eg , d^n ich e in s c h la g e n w o ll e , e in s c .lagen h ab e, n ic h t
m it Hosen e i n f a s s · .s in w ü rd e.
Du sag s , fiaian v e re id e T>ir .Deine U e r b e r s e t z u n g e n .L ie b e r P a u l, ich
as war v i e l l e i c h t das e i n z i g e , das i h e in w en ig a n g e z w e if e l t h ab e,
ch meine n i c h 5 Deine iS r i c h t e , ondern ihre Auswikun.-reen» aber ich
glaube Dr >i'r je tat vollkom m en, denn ic h habe n u n "d ie B sarr.gike t i
der' p r o f e s s i o n e l l e n b e b e r s e t z e r auch zu spüren bekommen, mit d ren
xiaxfeaKsisiiixx Sinkischün';'· i c h ’auch n ich t re c h n e t e , "‘an ' macht ’ s ic h e in e n
V/tz d a r a u s , b er meine &hg<? b lic h e n ¿ e h le r zu s p r e c h e n , Leute, die
was mich n ic h t kr ne w r d e , b e b le c h te r ita linis- ;he können und'·
anere, d ie e s v i e l l e i c h t b e s s e r könn n , abr je d e n fa lls Leute, die
k e i n :·' Ahnung* h ab en , wie e in “ ed ic h t im' -^eut«cfen A u s seh en s o l l t e .
^er steh t D u: ich glyube D i r , alles, all&s. .. ur g lau b e ich n i c h t ,
d ass sch d e r K l a t s c h , d ie “vr i t i k , a u f D ich b e s c r ä n 'e n , denn f‘
ich konnte bcnesogut des G-kaubens s e i n , d ass s ie si s a u f mich be
s c h ra n k e n . Tnd lcb konnte ~ijr b e w e ise n , wie tiu ir b e w e is e n k a n n s t,
d ass e s ’ so i s t .
as ich n i c t k a n n : ^s D i r g an z b e w e is e n , w e il ic h d i e ' anoftymen' und
andren Papirfet-/>en w e g w e r fe n , w e il ich l a u b e ,'d a s s ic h st'-.rer b in
a l s d ie s e ^'et zen ,
und" ich w i l l , d ass Du s t ä r k e r b i s t , a ls d iese •ce t z e n , ' ie n i c h t s ,
n ic h t s besagest.
Abr das v o l l s t D u 'j a n i o h t w ahrhaben, d ass d ie s n ih s besagt, D u n w il l s t ,
d ass es tr ä k e r i s t , Du w i l l s t ’ D ich begraben las sen darunter.
Das i s t D e in In g lü c k } d as ich fü r st ark er h a lt e a ls d as Cngliic#, das
D ir w i d e r f ä h r t . Du w i l l s t das O p fer s e i n , aber es l i e g an D i r , es
n ic h t zu s e i n , und ich muss denken an das Buch, das S zo n d is c ib e ,
an das nsoto, das mich e t r o f f e n h i w eil ich n ic h t an d e r s k ö n n t e , a ls
an D ich d e n k e n . G e w is s , es w i r d , es kdintn l , es w ird j e t z t ‘von au ssen
kommen, a b e r D u ’ s a n k t io n ie r s t e s . Und es is t die F rag e ob du es sankti
r r , es ani.^r.st. Ä er das i s t ¡-dann Deine ^esc lo hte nd dass
wird n ic h t meine (Jesi&te se in , »nnn Du d ic h ü e r w ä l l t i g e n lä sst
d av on . Wenn Du e in g e s h t s d ara u f. Du g ehst d a r a u f n e i n . ¿ a s nehme
ich d i r ü b e l . Du g ehst d a r a u f n e i n , und g ib s t ihm dadu ch den Weg f r e i .
D u n w ills r d er e i n , das d ran zuschanden w i r d , aber :i c nnn das n ic h t
g u t h i s s e n , denn du kan n st es ä nd ern . Du w i l l s t , d ass d ie Schuld :.aben
an d i r , a » * r und das werde ich n ic h t h in d e r n kö n nen , d ass es wiläifc.

Abb. 17a
V e r s te h s t Du mih e in m a l, von e aus: ich g lau b e nifat, d a s s d ie V/elt
sic h ä nd ern k a n n , a b e r w i r können es und i c h w ü n s c h e , d a s s Du es
kannst. liier s e t t e d er H e b e l a n . H ic h t d e r " S t r a s s e n f e g e r " kann es wer
y on d ern Du an n st e s , Du a l l e i n . Du w ir s t sage, ich v e r l a n g e zu v iel
v o n ’D i r f ü r D ic h . Das tue ic h a u c h . ( A b e r 'i c h v e r la n g e es auch von
m ir für m ic h, darum wa^e ich e s , D i r d as zu sa g en ) inan k an n n ic h t s
an d ers v e r l a n g e n . Ich werde esn iö h t gan z e r f ü l l e können und das
Du w ir s t es n ic h t ganz r f ü l i e n k ö n n e , abwr a f de ns W e g *z u d i e s e r
E r fü llu n g ird v ieles w eg fallen .

xch b in o f t s e h r b i t t e r , wenn ic h an D ich d d n k e , und manchmal v r a e ih e


ic h m ir n i c h t , d a ss ich D i c h n i h }, hasse» fü r dieses G e d ie h t , d ie s e
M o r t b e s c h u ld ig u n g , d ie Du g e s c h r ie b e n h a s t . H ta D ih je ein k w n w x h c ,
den du l i e b s t , d es M ordes b e s c h u l d i g t , ej. U n s c h u ld ig e r ? Ic h hassd
D ich n i c h t , das i s t das ’. .¿ J m s in n ig e , ¿d wenn ¿e etwas g erad una
g u ty.werden s o l l : dann v erb uc h auch h ie r anzu fan gen , üiir zu a n tw o rt e n ,
n ie t k it A n t w o r t, sonderniai kein er s c h r ift lic h e n , so n dern
im O e f ü l ä l , in d e r •‘•a t. Ic h e r w a r te - d a r a u f, wie a u f e i n i g e , a n d r e ,
ke in e A n t w o t , k e in e -Intschuldgung, tfeil k e in e E n t sch u ld ig u n g a u s r e ic h
und ich s ie auch n i c t an hem enkö n nte» ,-ch erv/arte, d a ss D u , ¿äsd Dur
m ir h l f s t , i)i s e l b s t e h i l f s t , Du ir.
ch habe D ir g e s a g t , d a ss Ba es ser l e i c h t h a s t m t. m ir , aber
so v/atar d as i s t .- , es is auch wsär, d ass Du es schwerer haben, w ir s t
m ir isir a l s m it ir g e n einem a n d e r e n . ¿c\v b in g l ü c k l i c h , wenn
ich Du a u f mich zkotnst im K oel du -uou%re ,w en n n Du R e i t e r und begf€±t
bist, ¿ch v e r g e s s e a l l e s und b ;n fro h , üaos Du h e i t e r b i s ä , d ass
Du es s e i n k a n n s t , "c h de ke v i e l an G i s e l e , v/enn es m ir auh
n ic h t g e ju b e n i s t , das se la u t werden zu l a a s e n , am w e n ig s t e n ih r
g enüber, a b » r ic h denke w i r i c .a n s ie und bewundre s ie f ü r ein e
Trosse und ü t a n d h a f t i r k e i t , d ie Du ic h t s hast. Das .m usst ¡m n i r
nun v e r z e i h e n ; a b e r ie h H a u b e, d a ss i !; e - eibstv rle g u n g , . ih r
sc oner O o Ik und 1h 1)3d en vor m ir mehr s i n d , s ^ e in . lag en .
:)u gnügst ih r in De nem U n g l ü e . a b rr D ir würde s ie n ie in einem Unglücl-
genü g en , xch v e r l a n g e , d a s s e in ~ann genug at an d e r B e s tä tig u n g
durch r ä c h , aber b il'i g s t ih r das n ic h t zu , v/e.che n g e r e c h t i # .e l l .

Abb. 17b
Abb. i8a
Abb. 1 8b und c
21 3

Kommentar
_____________ 2IS

»Laß uns die Worte finden«.

Zum Briefwechsel zwischen Ingehorg Bachmann und Paul Celan

Das Liebespaar, das da im Mai 1948 im besetzten Wien zusam­


menfand, hatte Schicksale, die so verschieden waren wie nur ir­
gend möglich: Die Philosophie studierende Tochter eines frühen
österreichischen Mitglieds der NSDAP und ein staatenloser Jude
deutscher Sprache aus Czernowitz, der beide Eltern in einem
deutschen Konzentrationslager verloren und selbst ein rumäni­
sches Arbeitslager überlebt hatte. Aus dieser nicht zu überbrük-
kenden Differenz leitet er, Paul Celan, sein Schreiben als jüdischer
Dichter für deutschsprachige Leser ab und seinen hohen A n ­
spruch an ein Gedicht in deutscher Sprache nach der jüdischen
Katastrophe; ihr, Ingeborg Bachmann, die sich schon vor dieser
Begegnung mit der jüngsten deutschen und österreichischen Ver­
gangenheit auseinandergesetzt hatte, wird sie zum neuen Anstoß,
lebenslang gegen das Vergessen zu kämpfen, Anstoß auch, sich für
Celans Dichtung einzusetzen. Die Differenz wie auch das Bemü­
hen, trotzdem, ja, gerade aus ihr heraus, das Gespräch nach teil­
weise tiefgreifenden Störungen immer wieder aufzunehmen, be­
stimmt ihrer beider Briefwechsel vom ersten Gedicht-Geschenk
aus dem Mai/Juni 1948 bis zum letzten Brief im Herbst 1967. Es ist
ein großes, ein so dramatisches wie bewegendes Lebenszeugnis -
und doch anders, als durch die jahrelangen Spekulationen darum
zu erwarten war. Unser Wissen von der Beziehung zwischen In­
geborg Bachmann und Paul Celan und deren Niederschlag in bei­
der Werk hat mit der vorliegenden Edition endlich gesicherte
Grundlagen.
Schreiben steht im Lebenszentrum beider Briefpartner, die in
den 1950er Jahren oft in einem Atemzug als die Hauptvertreter der
deutschsprachigen Nachkriegslyrik genannt wurden. Schreiben ist
beiden aber keine einfache Sache, auch Briefe-Schreiben nicht. Das
Ringen um Sprache, das Hadern mit dem Wort erhält in der Kor­
respondenz einen zentralen Ort. Immer wieder ist von nicht ab-
gesandten Briefen die Rede: Manche dieser Briefe scheitern und
werden weggeworfen, der eine oder andere Versuch wird immer-
216 Nachworte

hin aufbewahrt und steht zwischen den Briefen als Zeugnis des
Zweifelns. Andere Entwürfe sind wesentlich späteren Briefen bei­
gelegt, nicht immer vollständig, weil der Partner manches doch
nicht mehr erfahren soll; auch die inzwischen vergangene Zeit
>entschärft< sie, so können sie das damals dem ändern nicht Sagbare
vermitteln. Oder besser: das nicht Schreibbare. Denn dem Münd­
lichen traut vor allem Bachmann mehr zu, manchmal auch nur
dem Erzählen von vermittelnden Freunden, die, wie sie meint,
Schwierigkeiten besser beschreiben können. Ein »Du weißt«
und »Du weißt ja« ersetzen oftmals die ^direkte Aussage; Tele­
gramme oder kurze Briefe kündigen ausführliche Briefe an, die
nicht immer dann auch kommen. Und immer wieder die Bitten,
ja, das Betteln um Briefe: A uf ein »Schreib mir nur überhaupt«
(Nr. 26) reduziert Bachmann ihre Ansprüche, und Celan macht
durch einen recht verqueren Satz deutlich, wie schwer ihm selbst
diese Bitte wird: »Jetzt schreibe ich Dir, ein paar Zeilen nur, um
Dich ebenfalls um ein paar Zeilen zu bitten« (Nr. 195). Anhalten­
des Schweigen des ändern läßt djeh Wartencten gelegentlich auch
über bei sich selbst liegende Gründe mchdenken »weil ich es Dir
mit meinem Redeschwall am Telephon noch schwerer gemacht
hab« (Nr. 116), oder: »Ich habe vielleicht keinen sehr klugen Brief
geschrieben« (Nr. 34). Manchmal bleibt nur das Beschwören von
Möglichkeiten des Gesprächs: »Laß uns die Worte finden«
(Nr. 148).
Das von dem einen oder dem ändern Partner als quälend emp­
fundene oder aber von beiden in stillschweigendem Übereinkom­
men gewahrte Schweigen ist ein wichtiges Element in den sechs im
Briefwechsel zu beobachtenden Zeitabschnitten, deren Grenzen
eng mit biographischen Wendepunkten in beider Leben verknüpft
sind. Zwischen den gemeinsamen Wochen in Wien und jenem
letzten von 196 Dokumenten - Briefe, Postkarten, Telegramme,
Widmungen und eine Gesprächsnotiz - sind das Celans Abreise
aus Wien in Richtung Paris Ende Juni 1948, die für lange Zeit letzte
Begegnung der beiden bei der Niendorfer Tagung der Gruppe 47
Ende Mai 1952, die Wiederaufnahme der Liebesbeziehung nach
einer Tagung in Wuppertal im Oktober 1957, Bachmanns Begeg­
nung mit Max Frisch im Sommer 1958 und schließlich die Zuspit-
»Laß uns die Worte finden« 217

zung von Celans psychischer Krise Ende 1961 nach dem Höhe­
punkt der aus den von Yvan Golls Witwe Claire Goll lancierten
Plagiatsvorwürfen entstandenen Goll-Affäre, durch dieder Bnef-
7 Wechsel wie andere Celans auch schließlich sein eigentliches Ende
fändrEssin^ d ie^^ eines durcli sHneT^isEonHnuP
taFgeprägten, sehr variantenreichen brieflichen Gesprächs: Jeder
der durch die Wendepunkte markierten Abschnitte hat ein eigenes
Gesicht durch einen je eigenen Ton, eigene Themen, eine eigene
Dynamik, eigene Formen des S chweigens und damit eine immer
wieder neu zu bestimmende Asymmetrie.
Die erste Zeit, die Zeit der Begegnung in Wien, ist im Brief­
wechsel mit einem kapitalen Dokument repräsentiert, Celans
Widmungsgedicht »In Ägypten«. An ihm werden gleich zu A n­
fang wesentliche Elemente dieser Freundschaft deutlich, die bis
zum Schluß ihre Gültigkeit behalten. In der Rhetorik des Deka­
logs legt das durch den Titel in einem Exil verortete Gedicht einen
grundlegenden Gegensatz offen zwischen drei mit jüdischen N a­
men bedachten Frauen, denen das angesprochene Du zugehörig
ist, auf der einen und einer nur durch ihr Fremdsein Charakteri­
sierten auf der anderen Seite. Von einer ungenannten Instanz wird
dem Du als Sprechendem und als Liebendem ein vermittelndes
Verhältnis zu beiden Seiten in neun >Geboten< zur Pflicht gemacht
- ein erotisches Verhältnis und zugleich eines zwischen Dichter
und Leser, das der Differenz eingedenk bleibt. Ohne die Trauer
um die der Vergangenheit Zugeordneten ist die Verbindung der in
der Gegenwart verorteten Fremden zum Du nicht möglich; die
Zuwendung zur Namenlosen, zur Nichtjüdin allein aber ermög­
licht ein Gedenken an die Verlorenen, an die dem Du im Schmerz
Zugehörigen. Bachmann ist nicht diese Fremde; fast zehn Jahre
später wird Celan gerade an diesem Gedicht deutlich machen,
wie differenziert er die Beziehung zwischen Leben und Gedicht
sieht, das immer neu im Lesevorgang zu aktualisieren ist: »Sooft
ichs lese, seh ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebens­
grund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens
bist und bleibst.« (Nr. 53) Das immer neue Ins-Gedicht-Treten
wird möglich, weil die Begegnung - auch wenn Celan ebendies,
ein von Bachmann in einem frühen Pariser Brief sorgfältig durch-
2 18 Nachworte

gestrichenes Wort aufgreifend, bestreitet - etwas »Exemplari­


sches« (Nr. 18 und 19) hat und genau dies schon dem Widmungs­
gedicht eingeschrieben ist.
Derart sicher über die Bedeutung ihrer Begegnung füreinander
und für das je eigene poetische Sprechen ist sich keiner der Brief­
partner in den Jahren unmittelbar danach. Die recht lockere Brief­
folge zwischen der Jahreswende 1948/49 und dem Frühjahr 1952
ist geprägt durch Reflexionen über das, was war, und unermüdli­
che Versuche, aucTTnach als encTgüItig verstandenen Trennungen
wieder eine lebbare Form für die Beziehung zu finden. Die weni­
gen Wiener Wochen sind Bezugspunkt, wenn sie auch nicht wie­
derholbar sind, nur die »Freundschaft« bleibt schließlich möglich.
Das immer neue Scheitern wird Celan 1957 als ein unverständ­
liches »zu Tode hetzen« mit »Geringfügigem« (Nr. 63) charakte­
risieren. Wirkliche Gründe für die ständigen Mißverständnisse
erfährt der Leser nicht, die vermittelnden Gespräche mit den
gemeinsamen Freunden Nani und Klaus Demus haben nur weni­
ge, die Auseinandersetzungen während Bachmanns beiden Paris-
Aufenthalten 1950 und 19 51 so gut wie keine Spuren hinterlassen.
Wohl aber wird deutlich, daß die Initiative für neue Versuche vor
allem von Ingeborg Bachmann ausgeht und daß sie am brieflichen
(^spracß'mcEt rrT'auciTemotional den größe­
ren Anteil hat. Zu Recht muß sie schließlich formulieren: »Ich
habealles
Dennoch ist die Korrespondenz dieser Zeit in ganz erstaunlichem
Maße auf Celan zentriert. Eine wichtige Rolle spielt dabei sein
Werk, für das Bachmann Sorge zu tragen versucht, wo immer sie
kann, auch und gerade in Zeiten der relativen Distanz. Ihre Briefe
schwanken zwischen einem märchenhaften, >romantischen<, das
Verlorene heraufbeschwörenden Ton und ganz sachlichen Hin­
weisen auf ZeitscEnit^ 7^efleger oder die Fahrtstationen nach
Niendorf - und* Jas manchmal in ein und demselben Brief. Wie
Anfang 1958, als es darum geht, die Texte für die Zeitschrift >Bot-
teghe Oscure< zusammenzustellen, werden derartige Brüche auch
jetzt gelegentlich in den Briefen selbst reflektiert.
Die lange und karge Zeit nach Niendorf - nur elf Dokumente in
mehr als fünf Jahren - liegt abgesehen von einem Widmungsexem-
»Laß uns die Worte finden« 219

plar Celans ganz in Bachmanns Händen. Sie bemüht sich wenig­


stens um das Aufrechterhalten der von Celan vorgeschlagenen
freundschaftlichen Verbindung, und sei es durch reine Lebenszei­
chen - Unterschriften auf Kartengrüßen Dritter, wie sie der Brief­
wechsel nur ein weiteres Mal, im schwierigen Frühjahr i960,
kennt - oder, noch >stummer<, durch ein vom Verlag in ihrem
Namen gesandtes Buchgeschenk. Erstmals präsent ist hier jedoch
Bachmanns Werk, nicht nur mit einem Widmungsexemplar, son­
dern auch mit den einem Brief beigelegten vier Einzelgedichten für
eine von Celan zu verantwortende Österreichische Anthologie. In
geradezu unhöflich zu nennender Weise äußert er sich nicht dazu,
die Aufnahme eines einzigen dieser Gedichte in die engere Aus­
wahl jedoch ist aussagekräftig: Hinter dem poetischen Sprechen
von »Große Landschaft bei Wien« steht nicht nur die gemeinsame
Wiener Erfahrung; es ist auch eines von den Gedichten Bach­
manns, die frühe Gedichte Celans zitieren, Gedichte also, die
sie in der Wiener Zeit kennenlernte. Während der mehrjährigen,
kaum unterbrochenen Pause nach den unbeantworteten Briefen
zur Anthologie scheint Bachmann, die 1956 wohl ohne Wissen
Celans länger in Paris war, das Gespräch außerhalb des Briefwech­
sels in dieser poetischen Weise weitergeführt zu haben: Viele der
ab 1953 entstehenden Gedichte von Anrufung des Großen Bären
zitieren, wie schon manche aus Die gestundete Zeit, Celans frühes,
gelegentlich auch sein aktuelles Werk, Von Schwelle zu Schwelle,
aus dem wohl von Dritten erhaltene Einzelmanuskripte in ihrem
Besitz waren. Celan hat dieses zitierende Gespräch durch - viel­
leicht gezielte - Vorabdrucke von Bachmanns Gedichten wahr­
nehmen können: »Das Spiel ist aus« oder Teile der »Lieder von
einer Insel« etwa im Jahresring 54/5 5<, wo auch Gedichte von ihm
selbst enthalten waren. Auch dieses >Gespräch< bleibt jedoch ein­
seitig, selbst eine derartige poetische Antwort erhält Bachmann
nicht, das gilt jetzt wie später. Daß Bachmanns Werk in Celans
Gedichten wohl nicht präsent ist, heißt aber nicht, daß sie nicht
auch nach »In Ägypten« als Person Anstöße zu wichtigen Gedich­
ten gegeben hätte. Offensichtlich ist das in den Gedichten aus der
Zeit der Liebesbeziehung 1957/58. Vielleicht haben aber auch
spätere Texte mit Auseinandersetzungen zwischen den beiden
220 Nachworte

oder mit späten Erinnerungen zu tun: das nicht von Celan veröf­
fentlichte, wohl im Herbst 1959 entstandene »Es kamen Jahre, eh
du kamst« etwa, »Flimmerbaum« aus dem Frühjahr 1961 oder das
1964 nach einem Rom-Aufenthalt geschriebene Gedicht »Mit­
tags«.
Daß aber auch Celan das Gespräch weitergeführt hat, zeigt die
Heftigkeit, mit der sich nach der Wuppertaler Begegnung der
Charakter des Briefwechsels ändert. Das neuerliche Aufeinander­
zugehen war sicherlich >vorbereitet<: Celan kaufte 195 6 in Köln
Anrufung des Großen Bären; und er war erstmals seit 1948 im
Sommer 1957 in Wien, wo er Bachmann, die sich in Rom aufhielt,
zwar nicht traf, wo er aber das Gedicht »Sprachgitter« schrieb, in
dem er die u. a. mit »In Ägypten« formulierte Differenz neu zu
fassen versuchte. Den kürzesten und zugleich reichsten Abschnitt
des Briefwechsels nach der Wiederbegegnung dominiert nun C e­
lan materiell wie emotional, er schreibt Briefe von einer Intensität,
wie sie in Celans Korrespondenz überhaupt einmalig ist. Jetzt ist
er ihr als Person wieder und dem Werk vielleicht erstmals wirklich
zugewandt. Jetzt reflektiert er auch die Einzigartigkeit dieser Be­
ziehung. Er überschüttet sie so sehr mit Briefen und Gedichten,
daß ihr das Antworten unmöglich wird. Nun mutet sie ihm
Schweigen zu; zumindest anfangs scheint sie sich zum Selbst­
schutz - Celan ist verheiratet und hat einen Sohn - Distanz auf­
zuerlegen. Trotz der vier Begegnungen und der zahlreichen, z.T.
durch Briefe belegten Telefongespräche stellen die kurzen Monate
auch von der Dichte des brieflichen Gesprächs her einen Höhe­
punkt dar. Die neue, die alte Liebe steht im Zentrum: »Du warst,
als ich Dir begegnete, beides für mich: das Sinnliche und das Gei­
stige. Das kann nie auseinandertreten, Ingeborg« (Nr. 53). Nicht
umsonst ersetzen unbegleitete Gedichte Celans vor allem anfangs
Briefe; mit den Widmungsexemplaren und einer Fülle von beige­
legten Gedichten und Gedichtübersetzungen sind sie Zeugnisse
für die poetische Dimension des Ereignisses. Erinnerungen an
die Begegnungen in Wien und Paris, an damals entstandene G e­
dichte, tragen mit dazu bei. Und in den Jahren danach wird das
Erleben zwischen Oktober 1957 und Mai 1958 selbst Bezugspunkt
für Erinnerungen.
»Laß uns die Worte finden«

Im ersten Herbst ihres Zusammenlebens mit Max Frisch for­


muliert Bachmann in diesem Sinn: »der vergangene Herbst drängt
sich in diesen Herbst« (Nr. 107). Der Briefwechsel steht nun unter
dem Zeichen einer von beiden wie auch von den jeweiligen Part­
nern akzeptierten, einander freundschaftlich zugewandten, wenn
auch keineswegs immer unproblematischen Beziehung. Die er­
gänzend gegebenen Korrespondenzen zwischen Max Frisch und
Celan mit 16 sowie zwischen Bachmann und Celans Frau Gisèle
Celan-Lestrange mit 25 französischen Briefen sind eng in das
briefliche Gespräch einbezogen, ja, sie gehören tatsächlich dazu.
Nicht nur werden manche dieser Briefe zum Thema der Ausein­
andersetzung zwischen Bachmann und Celan; nicht wenige der
Briefe an den Partner werden stellvertretend für solche geschrie­
ben, die an den eigentlichen Adressaten zu richten schwierig oder
unmöglich scheint, und das briefliche Gespräch kommt dadurch
manchmal erst wieder in Gang. In diesem Zeitabschnitt spitzt sich
eines der Themen zu, die das literarische Gespräch im Briefwech­
sel als ganzem bestimmen und die mit dem je verschiedenartigen
Anspruch an das eigene Schreiben verbunden sind. Welche Kom ­
promisse verträgt Dichtung, wenn sie als »Grabschrift« verstan­
den wird, wie Celan in einem bewegenden Brief zur »Todesfuge«
formuliert (Nr. 145)? Welche, wenn die Sicherung des Lebensun­
terhalts - Bachmann ist in einer völlig anderen Situation als der
durch seine Heirat materiell abgesicherte Celan - immer mitbe­
dacht werden muß? Welche Förderung braucht das Werk des je­
weils anderen? Bachmann steht ganz grundsätzlich zu Celans
Werk. Umgekehrt ist Celan, für den es kein derartig uneinge­
schränktes Einverständnis mit dem ihren zu geben scheint, wohl
der Auffassung, Bachmanns Gedichte, Hörspiele, Erzählungen
oder Übertragungen hätten von sich aus Erfolg und also keine
besondere Förderung nötig. Wie schon zehn Jahre vorher über­
schätzt Celan noch 1961 die Möglichkeiten der Nichtjüdin Bach­
mann im österreichischen wie im deutschen Literaturbetrieb im
Vergleich zu den Widerständen bei weitem, die er dem eigenen
Werk als dem Werk eines Juden gegenüber wahrnimmt. Die mit
dem frühen Widmungsgedicht formulierte Differenz bleibt be­
stimmender Rahmen auch da, wo beide Partner in außergewöhn-
222 Nachworte

liehen Briefen ihr Verhältnis zu Martin Heidegger darstellen: Wäh­


rend Bachmann von ihrer profunden Kenntnis aus der Zeit der
Promotion her differenziert über den Philosophen und den in die
Politik Verstrickten spricht, stellt Celan seine Einschätzung in für
ihn typischer Weise in den Zusammenhang mit der aktuell wahr­
genommenen Alibi->Verarbeitung< der deutschen Vergangenheit,
>richtet< ihn also nicht ein für allemal und nicht unabhängig von
diesem Heute. Das briefliche Gespräch mit Celan hat in den Jahren
Bachmanns mit Frisch schon durch die zumindest anfängliche ma­
terielle Ausgewogenheit im Anteil der beiden eine neue Qualität.
Anders als etwa in den von seiner Seite her stummen Jahren nach
1953, als die Plagiatsvorwürfe durch Claire Goll beginnen, vertraut
Celan der Freundin nun die tiefen Kränkungen durch seine Zeit­
genossen tmd f äl 1en anti -emiTiSThe^An^'
griffe im Zusammenhang mit einer Lesung 1958 in Bonn, die als
antisemitisch empfundene Sprachgitter-Rezension von Günter
Blöcker 1959 und die neuen Plagiatsvorwürfe i960. Nach wie vor
ist Bachmann bereit, auch nach Kränkungen auf Celan zuzugehen
und ihm nach Kräften zu helfen. Die Ausgewogenheit des Brief­
wechsels spiegelt sich aber auch in einem Selbstbewußtsein Bach­
manns, wie es vorher nur selten so deutlich wird. Dehn sie fordert ~ ~
“nun gleichzeitig mit ihrem Einsatz für Celan ein, daß auch er ihre
~Tröblem e wahrnimmt: die z.T. durch Celans Ansprüche an unbe­
dingte Solidarität ausgelösten Probleme in ihrer Partnerschaft mit
Frisch, ihre banal-materiellen Sorgen wie auch die mit dem deut­
schen Literaturbetrieb. Und sie erwartet, daß auch Celan ihr Werk
so beachtet, wie er seines von ihr beachtet sehen will. In den Zeit­
raum fällt Bachmanns von der Presse keineswegs mit Wohlwollen
mitvollzogene Wende zur erzählenden Prosa, die sich schon A n­
fang 1958 in den Briefen andeutet - im übrigen parallel zu einer
neuerlichen, aber nie derart ausschließlichen und schließlich auch
wieder aufgegebenen Beschäftigung Celans mit erzählenden Tex­
ten. Das 1958 dem letzten Brief Bachmanns vor der Begegnung mit
Frisch beigelegte kleine Gedicht »Wohin wir uns wenden im G e­
witter der Rosen«, das bereits gleich nach der Wuppertaler Wieder­
begegnung im Briefwechsel eine Rolle spielt und als einzige nicht
zweckgebundene Gedichtbeilage an sich schon ein Ereignis dar­
»Laß uns die Worte finden« 223

stellt, scheint unter diesem Licht ein Abschied, nicht nur von der
Liebe zu Celan, sondern auch vom Gedicht als Zentrum der lite­
rarischen Beschäftigung. In die gleiche Zeit fällt mit ihren Unga-
retti-Übertragungen auch die Hinwendung zu einer bisher von
Celan ganz für sich beanspruchten Form literarischen Arbeitens.
In einem Briefentwurf vom Herbst 1961 (Nr. 191) formuliert sie
ihre Forderungen an eine gleichberechtigte Freundschaftsbezie­
hung zu Celan und ihre Deutung seiner Situation in beeindruk-
kender Hellsicht und Schärfe - und zieht eine, wenn sie auch den
Adressaten nicht erreicht, bewegende Bilanz.
Die Jahre des Briefwechsels nach 1961 liegen - spiegelbildlich
zu Bachmanns Dominanz in den Jahren zwischen 1952 und 19 5 7 -
ganz in der Hand Celans. Aber gerade seine beiden nur kurzen
Briefe in großem Abstand zeigen, wie sehr sich die Briefpartner,
obwohl kein persönlicher Kontakt mehr besteht und trotz Bach­
manns stummer Verweigerung eines Neuanfangs, einander zuge­
wandt bleiben. Beide Male reagiert Celan auf durch Informationen
von gemeinsamen Bekannten ergänzte Nachrichten über Bach­
mann aus der Presse. Im letzten Brief ist das die standhafte und
zornige Verteidigung des Übersetzers Celan durch die Freundin,
als ihr eigener Verlag ihm für Achmatova-Übertragungen den
höchst belasteten Nazi-Dichter Hans Baumann vorzieht. Der so
kurze wie bewegende Brief zeigt - wie im übrigen auch der Brief­
wechsel Bachmanns mit Gisèle Celan-Lestrange über Celans Tod
hinaus und nicht zuletzt ihr mit Celan immer wieder zitierend-
sprechender Malina-Komzn - die Unzerstörbarkeit einer beson­
deren Beziehung bei allen darin wahrnehmbaren Zerstörungen,
und dies gerade auch über das dem Briefpapier anvertraute Wort
hinaus.
Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou
Februar 2008
224

Das Briefgeheimnis der Gedichte

Poetologisches Nachwort

»Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß
ertrunken«, sagt das Traum-Ich vom Fremden mit dem schwarzen
Mantel in Ingeborg Bachmanns Roman Malina (1971): »er war
mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben« (IBW
3,195). Im April 1970 hatte sich Paul Celan in die Seine gestürzt
und war ertrunken. Bachmanns Roman erinnert in der »Legende
der Prinzessin von Kagran« und im Traum-Kapitel an die Liebe zu
Paul Celan. Das Wort »Transport«, aus dem Vokabular der NS-
Vernichtungsbürokratie, bringt seinen Selbstmord mit der Kata­
strophe der Judenvernichtung in Verbindung. Die nach Celans
Tod in den entstehenden Roman eingefügten Teile - die »Legen­
de« und die Traum-Szenen im Kapitel »Der dritte Mann« - sind
eine Gedächtnisschrift für den einstigen Geliebten, ein Gewebe
von Zitaten aus Celan-Gedichten und aus biographisch signifikan­
ten Erinnerungen wie dem schwarzen Mantel oder der singenden
Stimme des Fremden.

»Ich möchte das Briefgeheimnis wahren. A ber ich möchte auch


etwas hinterlassen«

Die Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Ce­


lan stellt eines der dramatischsten Kapitel der Literaturgeschichte
nach 1945 dar. Durch den hier edierten Briefwechsel wird die
literarische wie die geschichtliche Dimension der Beziehung zwi­
schen den beiden bedeutenden deutschsprachigen Dichtern in ih­
rem ganzen Ausmaß erkennbar. Es sind symptomatische Schrif­
ten, deren Geheimnis im Problem von Schreiben und Autorschaft
nach Auschwitz liegt. Das »Exemplarische« ihrer Beziehung und
ihres Briefwechsels (Nr. 18 u. 19) ist beiden Schreibenden bewußt
gewesen. Indirekt bereits im ersten Gedicht, »In Ägypten«, dann
in späteren Briefen direkt ausgesprochen, führt diese Frage zum
zentralen Motiv des Briefgeheimnisses im letzten Kapitel von Ma-
Das Briefgeheimnis der Gedichte 225

lina. Ähnlich wie Celan mit dem Topos der Literatur als Flaschen­
post gab Bachmann der Rätselfrage des Privaten und Persönlichen
in der Literatur eine grundsätzlichere, existentielle Wendung. In
den Briefen ist ihrer beider je einmalige »Stimme« und »Stumm­
heit« aufbewahrt, nur schutzloser und preisgegebener noch als im
Briefgeheimnis der Gedichte, widersprüchlicher auch und drama­
tischer, weil hier zwei sterbliche »Seelenwesen« (GW III 177) mit­
einander und .gegeneinander ihren Weg suchen, jedes mit seiner
einmaligen Herkunft und Geschichte geschlagen.

»Seht, ich schlaf bei ihr!«

»Der surrealistische Lyriker Paul Celan« habe sich »herrlicherwei­


se« in sie verliebt, schreibt Ingeborg Bachmann am 20. Mai 1948
ihren Eltern. Ihr Zimmer sei »ein Mohnfeld«, denn er beliebe sie
»mit dieser Blumensorte zu überschütten« (Nr. i/Anm.). Drei Ta­
ge später widmet ihr Celan das Gedicht »In Ägypten«, ein Liebes­
gedicht, das den Briefwechsel eröffnet (vgl. Abb. 11).
Bachmann und Celan begegneten einander im Nachkriegs-
Wien, wo sie Philosophie studierte und er sich nach der Flucht
aus Rumänien als >displaced person< aufhielt. Nie hätten sie ein­
ander finden können, wenn Bachmann sich nicht schon vorher aus
der von Nationalsozialismus und Krieg bestimmten Vater-Welt
ihrer Herkunft zu befreien begonnen und sich als Jugendliche
aus der völkischen Gemeinschaft der NS-Zeit absentiert hätte.
Das Lesen und Schreiben wurde zur inneren Emigration. Mitten
in der Zeit des >Totalen Kriegs< stellte die Siebzehnjährige in einer
historischen Erzählung der mörderischen NS-Politik die Idee ei­
ner die Grenzen überschreitenden Sprache und ihre Utopie der
Brücke entgegen. Auf dem Terrain des Heimatromans erschuf
sich die Schülerin jenes Andere, das ihr die in der Nazi-Zeit ver­
botenen Bücher bedeuteten. Im Tagebuch nennt sie bei Kriegs­
ende »Thomas Mann und Stefan Zweig und Schnitzler und Hof-
mannsthal« (PNIB), die in ihr den »Glauben an das >Andere< be­
festigt« haben, von dem sie sich nie mehr abbringen lassen wollte
(Nr. 26).
226 Nachworte

Nach der Befreiung durch die Alliierten im Frühsommer 1945


bekam sie Kontakt zu einem Offizier der Royal Army, einem
jungen jüdischen Intellektuellen, der aus Österreich ins englische
Exil geflüchtet war und nun mit der Befreiungsarmee - und nur als
Befreiung konnte sie den Sieg der Alliierten verstehen - zurück­
kehrte. In der Freundschaft mit ihm wurde ihr bewußt, was es in
Österreich auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, nach dieser
»Katastrophe«, hieß, »mit dem Juden gehen« (PNIB). Er, Jack
Hamesh, bestärkte sie in ihrem Wunsch, Philosophie zu studieren.
Als Studentin kam sie dann über Innsbruck und Graz nach Wien,
nicht zuletzt ihres eigenen Schreibens wegen. Davor schon hatte
sie Kontakt zu literarischen Institutionen in Wien aufgenommen.
Sie setzte dort ihr Philosophiestudium fort. Im September 1947
machte sie die Bekanntschaft von Hans Weigel, dem bekannten,
aus dem Exil nach Wien zurückgekehrten Schriftsteller und Lite­
raturförderer. Mit ihm ging sie eine sehr freie Lebensgemeinschaft
ein, die weiter fortbestand, als die Beziehung mit Paul Celan im
Mai 1948 ihren Anfang nahm.
Celan, 1920 in Czernowitz in einem jüdischen Elternhaus ge­
boren, war um entscheidende sechs Jahre älter als Bachmann. Sei­
ne Eltern waren in einem deutschen KZ umgebracht worden, er
hatte in einem rumänischen Arbeitslager überlebt. Nach dem
Krieg ging er nach Bukarest, arbeitete dort, in vielen Sprachen
und Literaturen zu Hause, als Übersetzer und schrieb weiter an
seinem literarischen Werk. 1947 erschien die »Todesfuge« auf R u­
mänisch. Im Dezember 1947 flüchtete er, gelangte über Ungarn
nach Wien, wo er schon von Bukarest aus mit seinen Gedichten
angekündigt worden war. Alfred Margul-Sperber, Celans rumäni­
scher Mentor, nannte seine Gedichte in einem Brief an Otto Basil,
den Herausgeber des »Plan«, der wichtigsten Literaturzeitschrift
im Nachkriegs-Österreich, »das einzige lyrische Pendant des Kaf-
kaschen Werkes« (9.10.1947), eine Einschätzung, die das »Ge­
dichtbuch« - der spätere Lyrikband D er Sand aus den Urnen -
indirekt als Gedächtnis der jüdischen Katastrophe würdigte.
Bei der im Mai 1948 beginnenden Beziehung zwischen der
angehenden Dichterin und dem Autor, der, wie es ihm die Notiz
zu den im Frühjahrsheft des »Plan« abgedruckten siebzehn G e­
Das Briefgeheimnis der Gedichte 227

dichten bescheinigt, »das wichtigste deutsche Gedichtbuch dieser


letzten Dezennien« (Margul-Sperber) geschrieben hat, ist neben
der gänzlich anderen Herkunft und neben der kulturellen Isola­
tion der Jugendlichen in der NS-Zeit und in der Kärntner Provinz
auch der Altersunterschied mitzudenken. Celan ist 27 Jahre alt,
wenn er das Gedicht »In Ägypten« schreibt, sie ist damals 21.
Sechs Jahre später wird sie, als sie so alt ist wie er bei ihrer Begeg­
nung in Wien, die Gedichte für ihren zweiten - und letzten-
Lyrikband Anrufung des Großen Bären (195 6) schreiben.

Autorschaften

»In Ägypten« (Nr. 1) verkündet neun Gebote der Liebe und des
Schreibens nach der Shoah. »Du weißt auch«, schreibt ihr Celan in
einem späteren Brief zu diesem Eingangs-Gedicht ihrer Bezie­
hung, »Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich: das Sinn­
liche und das Geistige. Das kann nie auseinandertreten, Ingeborg«
(Nr. 53). »In Ägypten« spricht vom Schmerz über den Tod der
einst und immer geliebten jüdischen Frauen - »Ruth! Noemi!
Mirjam!«, und es bestimmt den neuen, festlichen Bund: Erinne­
rung an die Toten in der Liebe »zur Fremden«, wodurch jede
bisherige Liebe überstiegen wird - »Du sollst die Fremde neben
dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem
Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi. / Du sollst zur Frem­
den sagen: / Sieh, ich schlief bei diesen!« Das Gedicht, eine uto­
pische Blasphemie gegenüber den geläufigen historischen und re­
ligiösen Übereinkünften, beauftragt das angeredete männliche Du
mit dem Totengedächtnis. Die neun Gebote regeln die Beziehung
zu den jüdischen Frauen, und »die Fremde« wird als Medium der
Verbindung zu den Toten eingesetzt, sie ist geliebte Person und
Sprache in einem. Unter dem Titel »In Ägypten« steht die Wid­
mung: »Für Ingeborg«, am Ende stehen Ort und Datum des G e­
dichts: »Wien, 23. Mai 1948«.
In dem beinahe zehn Jahre späteren Brief an Ingeborg Bach­
mann (Nr. 53) kommt Celan auf dieses Eingangs-Gedicht ihrer
Beziehung zurück. Er schreibt ihr, daß er, sooft er »In Ägypten«
228 Nachworte

liest, sie »in dieses Gedicht treten« sieht. Das Gedicht ist für ihn
eine Schwelle zwischen den Getrennten, »die Fremde« als die ge­
liebte Frau ist sein »Lebensgrund«, und sie sei und bleibe »die
Rechtfertigung« seines »Sprechens«. In einer ähnlichen Rolle
wie »die Fremde« in Celans Gedicht konnte sich die angehende
Autorin 19 51 in einem Schlüsselroman - Unvollendete Sympho­
nie - sehen, den ihr damaliger Lebensgefährte Hans Weigel über
eine junge Künstlerin aus der österreichischen Provinz schrieb.
Sie, »die junge Ingeborg Bachmann«, wie Weigel die später be­
rühmt gewordene Autorin in einer Neuauflage des Romans
(1992) entschlüsselte, habe dem Überlebenden den Sinn seines
Überlebens und seiner Rückkehr bewiesen. In Weigels Romantext
ist sie die Beschriebene und Besprochene, auch wenn sie hier selbst
als Ich des Romans spricht: »Ich habe so viel von deinen Toten
gewußt - [ ...] . Ich habe verstanden, was es für dich bedeutet, sie so
mit mir lebendig zu machen [...]. Lind ich habe gesehen, wie dich
die Bitterkeit darüber, daß sie nicht mehr da sind, nicht losläßt«
(S. 74). Bei Hans Weigel - mit ihm führte Bachmann den zweiten
größeren Briefwechsel der Wiener Jahre - findet sich bereits die
Einsicht in eine gegenseitige Fremdheit, an der die beiden Prot­
agonisten zwar keine persönliche Schuld tragen, die sie aber »un­
wiederholbar und unüberwindlich« scheidet. Sie, die Vertriebenen
und Ermordeten, sind es, die »nicht hiergewesen« sind: »Das, das,
unterscheidet uns. Unsere Angst ist nicht eure Angst. Unser Ge­
rettetsein ist nicht euer Gerettetsein« (S. 183).
Weigel läßt die Frau mit seiner Stimme sprechen, es gibt in
seinem Roman keinen Ort für ihre Stimme, und es gibt nicht das
Problem einer weiblichen Autorschaft, so daß hier nicht vorhan­
den ist, was den Briefschriften und Textschriften von Bachmann
und Celan ihre Dramatik verleiht, was dort die tiefreichende Stö­
rung der Kommunikation bedingt, das Sprechen am Rande des
Erstickens, die verborgenen und offenen Schuldzuweisung^iv
die Mißverständnisse, die »Einbrüche Von Schweigen« (Nr. 191)
und das ganze Register eines symptomatischen Sprechens.
»Schwere«, »Dunkel«, »Schweigen« und »Schuld« sind Leitwör­
ter des Briefgesprächs, das sich immer wieder erhellen will, nicht
verstummen möchte, wodurch die thematischen Wörter in der
Das Briefgeheimnis der Gedichte 229

Geschichte des Briefwechsels die verschiedensten Modulierungen,


Differenzierungen und Veränderungen durchlaufen. »Nur sage
ich mir manchmal, daß mein Schweigen vielleicht verständlicher
ist als das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist«,
schreibt Celan am 20. August 1949 (Nr. 9).
Zweifellos war Celans »Dunkel« älter, aber sie wollte auch ihr
Dunkel verstehen, ihre »Ängste«, wie eines ihrer schaurigsten Ge­
dichte aus dem Jahr 1945 heißt, und sie bestand auf ihrer anderen
Utopie, die nicht aufging in der »der Fremden« von Celans »In
Ägypten«. Einen Begriff dieser anderen Geschichte, eines anderen
Dunkels, einer anderen, weiblichen Geschichte der Autorschaft
und einer anderen Utopie wird das >In Ägypten< ihres Romans
Das Buch Franza vermitteln. Aber das Bestehen auf ihrer Diffe­
renz bedeutet nicht, daß für Bachmann jemals die NS-Vernichtung
aufgehört hätte, der Mittelpunkt und Kulminationspunkt aller
bisherigen historischen und privaten Verbrechen zu sein. Vom Be­
ginn ihrer Begegnung in Wien bis über seinen Tod hinaus hat sie
Celan im eigenen Schreiben wie im unermüdlichen Bemühen für
seine Gedichte als Zeugen der Vernichtung bezeugt. Bachmanns
Briefe dokumentieren die vielfältigen Aspekte dieses in der Dis­
kussion der Erinnerungskultur der Shoah »>sekundäre Zeugen­
schafe« (Lydia Koelle) genannten Auftrags: als Leserin von Celans
Gedichten, als Strategin bei der Vorbereitung seiner öffentlichen
Wirkung, als Schreibende, die sich auf seine Bilder der Shoah be­
zieht, als Dozentin der Poetik-Vorlesungen in Frankfurt, in ihrer
Todesarten-Prosa. Sie glaubt, sie könne seine Gedichte »besser
lesen als die anderen«, weil sie ihm »darin begegne«: »Immer geht’s
mir um Dich, ich grüble viel darüber und sprech zu Dir« (Nr. 5).
Sie übernimmt seine Chiffren in die eigenen Briefformulierungen
und den Lebensalltag und hält so seine Gedichte lebendig, indem
sie Teil ihrer Existenz werden. »Ich lebe und atme manchmal nur
durch sie«, schreibt sie und fügt mit einem Gedichtwort aus »Was­
ser und Feuer« dazu: »>denk, dass ich war, was ich bin<« (Nr. 26).
2 3° Nachworte

Orpheus und Eurydike nach 1945

Oft sind in der Bachmann-Philologie die Celan-Zitate in ihrem


Werk nachgewiesen worden, aber während das »Dialogische als
poetisches und poetologisches Prinzip bei Paul Celan« (Gilda En-
carnagäo) in avancierten Studien erforscht wurde, ist die spezifi­
sche Poetik von Bachmanns lyrischer Auseinandersetzung mit den
Celan-Gedichten noch nirgends werkgeschichtlich genauer und
zusammenhängender rekonstruiert worden. Die Spannungen der
symptomatischen Rede im Briefwechsel, die Verkennungen und
Mißverständnisse, die Schuldzuweisungen oder der im Schweigen
sich manifestierende Widerspruch lassen alle harmlosen Vorstel­
lungen von Dialog und Intertextualität fragwürdig erscheinen. Es
sind die Briefpartner selbst, die die Gedichte als exemplarische
Darstellung ihrer Konflikte lesen - oder auch als das erfahrene
Glück der Einigung; beide reflektieren in den Briefen die G e­
schichtlichkeit ihrer Beziehung, sie verlangen voneinander ein
»wahrheitsgetreues Erinnern« (Nr. 19 und 20), das die Vorausset­
zung der oft so mühsam wieder neu hergestellten Verbindung zu­
einander ist.
»Dura legge d’Amor«, mit dem Petrarca-Zitat am Beginn von
»Lieder auf der Flucht«, überträgt die Dichterin den Topos des
Liebesstreits in die Literatur nach 1945. Die Szenen ihrer Gedichte
sind Schauplätze eines Kampfes, bei dem es um Leben und Tod
geht. Gerade in den gewalttätigsten Szenen bezieht sich Bachmann
am direktesten auf die Sprachbilder Celans und das durch sie vor­
gegebene >harte Gesetz< des Schreibens. »Die Saite des Schweigens
/ gespannt auf die Welle von Blut, / griff ich dein tönendes Herz. /
Verwandelt ward deine Locke / ins Schattenhaar der Nacht, / der
Finsternis schwarze Flocken / beschneiten dein Antlitz« (»Dunk­
les zu sagen«). Die Chiffren »Schattenhaar der Nacht« und »Lok-
ke« in Bachmanns Gedicht sind Celans sprachliche Zeichen für
den Judenmord - »Dein aschenes Haar Sulamith« heißt es in der
»Todesfuge«, »Judenlocke, wirst nicht grau« in »Mandorla«.
Bachmanns Verse »der Finsternis schwarze Flocken / beschneiten
dein Antlitz« beziehen sich auf Celans Gedicht »Schwarze Flok-
ken«, das die Ermordung seiner Eltern im Land, »wo der breiteste
Das Briefgeheimnis der Gedichte

Strom fließt«, am direktesten anspricht. Es beginnt mit dem Satz:


»Schnee ist gefallen, lichtlos«.
Bachmanns Orpheus-Gedicht hält die dramatische Szene fest,
wo die Erinnerung an den »dunklen Fluß« in die Liebesszene ein­
bricht: »Vergiß nicht, daß auch du, plötzlich, / an jenem Morgen,
als dein Lager / noch naß war von Tau und die Nelke / an deinem
Herzen schlief, / den dunklen Fluß sahst, / der an dir vorbeizog.«
Ihr Titel - »Dunkles zu sagen« - verändert die Wendung »sie
sagten sich Dunkles und Helles« aus Celans »Corona« in eine
Verpflichtung, und mit Celans Chiffren für die Shoah wird auf
den Grund für die Trennung der Liebenden hingewiesen. Das Ge­
dicht schließt mit dem Trost, daß die Kunst ihr Auge aufschlägt,
wenn das Auge des Liebenden sich geschlossen hat. »Und ich
gehör dir nicht zu. / Beide klagen wir nun. // Aber wie Orpheus
weiß ich / auf der Seite des Todes das Leben, / und mir blaut / dein
für immer geschlossenes Aug.« Diesem Trost des gelungenen Ge­
dichts, das auf der Trennung von Kunst und Leben beruht, hat
Bachmann von Beginn an mißtraut. Das »weiß ich« am Schluß
des Gedichts ist Teil der langen Reihe von Wendungen wie »ich
weiß« oder »Du weißt ja« oder »wir wissen« in den Briefen. Noch
die »Legende der Prinzessin von Kagran« in Malina wird an dieses
Wissen erinnern, wenn »der Fremde [...] schweigsam seinen und
ihren ersten Tod« entwarf. In »einer fürchterlichen Stille« hatte er
»ihr den ersten Dorn schon ins Herz getrieben. Er sang nichts
mehr zum Abschied«. »Sie lächelte aber und lallte im Fieber: Ich
weiß ja, ich weiß!« (IBW 3,70).

»Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand«

Bachmann schickte den Gedichtband Die gestundete Zeit im De­


zember 1953 mit einer Widmung an Celan. Es ist keine Antwort
von seiner Seite überliefert. Der Briefwechsel war zu diesem Zeit­
punkt schon mehr als ein Jahr abgebrochen. Im Titelgedicht nahm
sie eine Spur auf, die damals wohl nur Celan als das Briefgeheimnis
des Gedichts entziffern konnte. Die Symptomatik, die sich in den
Briefen manifestierte, die Schuldvorwürfe, das Schweigen oder der
2 32 Nachworte

nur halb ausgesprochene Widerspruch rücken nun als ein »Fall«


weiblicher Autorschaft in den Blick. Bachmanns Gedicht stellt das
Verstummen der »Geliebten« als Stumm-gemacht-Werden dar
und ist damit zugleich Widerspruch und Anklage. In dieser Diffe­
renz der Geschichte des weiblichen Ich als Seitenstück zu der
großen Differenz ihrer verschiedenen Herkunft liegen die nicht
übersehbaren Spannungen, die in den Briefen wie in den Gedich­
ten ausgetragen werden. »Ich fange ja langsam zu verstehen an,
warum ich mich so sehr gegen Dich gewehrt habe, warum ich
vielleicht nie aufhören werde, es zu tun. Ich liebe Dich und ich
will Dich nicht lieben, es ist zuviel und zu schwer; aber ich liebe
Dich vor allem -« , heißt es in einem erst später mitgeschickten
Brief Ingeborg Bachmanns (Nr. 18.3). Diese und ähnliche Brief-
Stellen legen es nahe, den Schauplatz des Tods der Geliebten^ in
»Die gestundete Zeit« als Einsicht in die andere Seite der Autor­
schaft nach 1945 zu lesen. In der Beziehung der Dichterin und des
Dichters geht es um die »unvermeidliche dunkle Geschichte, die
seine Geschichte begleitet, ergänzen will, die er aber von seiner
klaren Geschichte absondert und abgrenzt«, wie die viel spätere
Formulierung zum Verhältnis des weiblichen Ich zur männlichen
Autorposition Malinas in Bachmanns Roman lautet (IBW 3,22f.).
Von einem »generationenbreiten Gelände«, in dem die schreiben­
de Frau verlorenzugehen droht an den Mann, an die Literatur als
Männer-Institution, spricht Christa Wolf in ihrer vierten Frank­
furter-Poetik-Vorlesung (Voraussetzungen einer Erzählung: Kas­
sandra) über Ingeborg Bachmann: »Ich behaupte, daß jede Frau,
die sich in diesem Jahrhundert und in unserem Kulturkreis in
die vom männlichen Selbstverständnis geprägten Institutionen
gewagt hat - >die Literatur<, >die Asthetik< sind solche Institutio­
nen -, den Selbstvernichtungswunsch kennenlernen mußte.«
In der >persönlichen< Chiffrierung der Erfahrung der gestun­
deten Zeit< stellt der zweite Teil des Gedichts einen Umschlag­
punkt dar, die schockierende Wendung, mit der die Todesarten-
Thematik als zweite, palimpsestartige Bedeutungsschicht in den
Blick gerückt wird. Noch schockierender ist dabei, daß diese Hin­
wendung zu einer »Todesart« der Geliebten zentrale Sprachbilder
aus Celan-Gedichten durchscheinen läßt: »Drüben versinkt dir
Das Briefgeheimnis der Gedichte 2 33

die Geliebte im Sand, / er steigt um ihr wehendes Haar, / er fällt ihr


ins Wort, / er befiehlt ihr zu schweigen, / er findet sie sterblich /
und willig dem Abschied / nach jeder Umarmung.« Die nächste
Strophe setzt ein mit dem Vers »Sieh dich nicht um«, der das
Orpheus-Motiv ins Spiel bringt. Aber nicht das Mythos-Zitat,
sondern die sieben Verse davor sind das Ereignis des Lyrikbands
und ein Ereignis im Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan,
den es, zwischen 1952 und 1957, gar nicht gegeben hätte, wenn
nicht die Flaschenpost der Gedichte gewesen wäre: »Drüben«, das
erste Wort der sieben Verse, zitiert den Titel des ersten Gedichts
von Celans Gedichtband D er Sand aus den Urnen, der im Sep­
tember 1948 noch in Wien erschienen war und den Bachmann
besaß. Der »Sand«, in dem die Geliebte versinkt, ist in Celans
Gedichtband die Chiffre für die Judenvernichtung. Das >wehende
Haar< der Geliebten, um das der Sand steigt, erinnert an Annette
von Droste-Hülshoffs Gedicht »Am Thurme«, wo es dem weib­
lichen Ich von der ständischen Geschlechterordnung untersagt ist,
ihr Haar im Wind »flattern« zu lassen. In Bachmanns literarischer
Flaschenpost wird aber Drostes frühe feministische Evokation
einer größeren Freiheit, und wärs »mindestens nur« die der Män­
ner, überlagert von der Erinnerung an Celans Gedicht »Auf Rei­
sen«, das 1948 unmittelbar nach Celans Abschied aus Wien ent­
standen ist. Das Totengedenken der Weltstunde der Judenvernich­
tung, das dem Ich des Gedichts »den Staub zum Gefolge« macht
und sein »schwarzes Aug zum schwärzesten Auge«, verbietet es
dem Haar, beim Abschied zu wehen: »Dein Haar möchte wehn,
wenn du fährst, das ist ihm verboten - die bleiben und winken,
wissen es nicht.« Die »Todesfuge« hatte mit den beiden Versen
geschlossen: »dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar
Sulamith«. Im Gedicht »In Ägypten«, das den Briefwechsel eröff-
nete, hieß es: »Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der
Fremden«. In den Sprachbildern von »Haar« und »Locke« in Ce­
lans Gedichten ist die Geschichte der Lyrik nach der Shoah mit­
zulesen. Bachmanns Gedicht »Die gestundete Zeit« weiß um diese
Geschichte und nimmt es dennoch nicht hin, daß das Haar der
Geliebten vom Sand begraben und daß »sie« zum Schweigen ge­
bracht wird. Was Bachmann in den Briefen registriert, daß sie
2 34 Nachworte

»immer etwas erstickt« hielt, nicht »unähnlich« dem, was »unsere


Briefe bisher trug« (Nr. io . i ), auch das immer wieder konstatierte
Verstummen und die komplementären Evokationen des Atmens,
das ist in den sieben Versen von »Die gestundete Zeit« in einer
Szene von bedrängender persönlicher und geschichtlicher Drama­
tik zusammengefaßt.

»Ich bin noch schuldig. Heb mich auf«

Bachmanns Werk habe im Dialog mit Celan »sein Zentrum und


seine Tiefe« in der »Verletzung durch die Liebe zu einem durch die
Shoah und ihre Folgen Versehrten Dichter und die daraus entste­
hende Verantwortung im Schreiben und Denken«, schreibt Lydia
Koelle in ihrer Studie zum »>Zeitkern< von Paul Celans Dich­
tung«. Die Briefe verweisen uns noch stärker auf diesen »Zeit­
kern« und auf den Widerstand und die Ausbruchsversuche aus
den persönlichsten Zumutungen der Folgen der Shoah. Bachmann
hat in einigen ihrer Gedichte diese Zumutung der Schuld in der
extremen Ausgesetztheit eines Ich dargestellt, und andererseits in
der Undine-Poetik oder zum Beispiel in dem vielstrophigen G e­
dicht »Lieder von einer Insel« rebellisch den verantwortungslosen
Ausbruch gefeiert: »Wenn einer fortgeht, muß er den Hut / mit
den Muscheln, die er sommerüber / gesammelt hat, ins Meer wer­
fen / und fahren mit wehendem Haar«, und noch einmal, mit
einem Ausrufzeichen am Ende der Strophe wiederholt: »und fah­
ren mit wehendem Haar!«
In dem anderen vielstrophigen Liederzyklus, in »Lieder auf der
Flucht«, dem Schluß des zweiten Lyrikbandes, begegnet das Bild
der im Sand versinkenden Geliebten aus dem Titelgedicht des er­
sten Lyrikbands transponiert in das Bild vom Sterben im »Schnee«
- neben dem »Sand« bei Celan eine andere Chiffre für die Shoah.
Das zweite der »Lieder«, das mit einem Sappho-Zitat einsetzt,
wieder also mit der Erinnerung an eine schreibende Frau, heißt:
»Ich aber liege allein / im Eisverhau voller Wunden. //E s hat mir
der Schnee / noch nicht die Augen verbunden. // Die Toten, an
mich gepreßt, / schweigen in allen Zungen. / Niemand liebt mich
Das Briefgeheimnis der Gedichte 23 5

und hat / für mich eine Lampe geschwungen!« Nach dem neu­
erlichen Beginn der Liebesbeziehung mit Celan im Herbst 1957
wird ihn Bachmann dringend »bitten«, nachdem er ihr in Köln
gesagt hatte, er sei »auf immer versöhnt mit [ihr]«, doch »>Die
Lieder auf der Flucht< noch einmal zu lesen«: »in jenem Winter
vor zwei Jahren bin ich am Ende gewesen und habe die Verwer­
fung angenommen. Ich habe nicht mehr gehofft, freigesprochen zu
werden. Zu welchem Ende?« (Nr. 52) In den »Liedern« geht es um
einen Schuldspruch, der das weibliche Ich niederdrückt und das
liebende Paar in die Parteien von Richter und Gerichteter zerfallen
läßt: »Mund, der das Urteil sprach, / Hand, die mich hinrichtete!«,
so beginnt in der 13. Strophe eine Szenenfolge von alp traumhafter
Gewalt und leidenschaftlicher Erlösungssehnsucht: »Ich bin noch
schuldig. Heb mich auf. / Ich bin nicht schuldig. Heb mich auf. //
Das Eiskorn lös vom zugefrornen Aug, / brich mit den Blicken
ein, die blauen Gründe such, schwimm, schau und tauch: // Ich bin
es nicht. / Ich bin’s« (IBW 1,146). Das symptomatische Sprechen
der Briefe wird im Gedicht als selbstzerstörerischer Kampf mit der
Schuldfrage ausgetragen, bei dem zuletzt die Erlösung aus Er­
starrung und Stummheit ins Medium der Sprache verlagert wird.
Die eisige Erstarrung verwandelt sich in singendes Wasser, und das
»Eiskorn« löst sich »vom Aug«, wie man den Vorgang der Über­
tragung kommentieren könnte, der entfernt an das Medium erin­
nert, welches das Auge »der Fremden« in Celans »Ä g yp ten -G e­
dicht sein soll: das Wasser, in dem die Toten lebendig bleiben. Das
weibliche Ich geht in Bachmanns Gedicht bei dieser Verwandlung
verloren; was bleibt, ist das »Schweigen«, auf das sich das Gedicht
auf Kosten der Lebenden - mit einer Anspielung an Rilkes Sonette
an Orpheus (I/XIX) - seinen Reim macht: »doch das Lied überm
Staub danach / wird uns übersteigen.«

»die beiden / herzgrauen Lachen«

Celan kannte »Lieder auf der Flucht«, das Abschlußgedicht des


Lyrikbands Anrufung des Großen Bären, den er seit 1956 besaß,
wahrscheinlich schon vor Bachmanns brieflicher Lese-Aufforde­
2 36 Nachworte

rung, als er im Sommer 1957 in Wien »Sprachgitter« schrieb. Die


in Klammern gesetzte Strophe in »Sprachgitter« - »(Wär ich wie
du. Wärst du wie ich. / Standen wir nicht unter einem Passat? / Wir
sind Fremde.)« - könnte sich auf die damalige Verbundenheit mit
»der Fremden« in Wien beziehen, da ja auch >Auge< und >Wasser<
auf »In Ägypten« zurückweisen. Die dem Klammerausdruck fol­
gende Schlußstrophe von »Sprachgitter« beginnt mit einem Wort,
das den innersten Bezirk der Judenvernichtung bezeichnet: »Die
Fliesen. Darauf, / dicht beieinander, die beiden / herzgrauen La­
chen: / zwei / Mundvoll Schweigen.« Das eigentliche Briefgeheim­
nis dieser fünf Verse, deren jeder einzelne in der Aufsplitterung des
Sinns einen neuen Bedeutungsaspekt freilegt, ist die betonte Nähe
der »beiden«, der »zwei«, des Beieinanders mitten in einem se­
mantischen Raum, der die Vernichtung fixiert. Und genau dort
erhalten zum ersten Mal die »zwei« Autorschaften auf gleicher
Höhe, »dicht beieinander« und auf den »Fliesen«, einen Ort in
Celans Gedicht. Geschrieben am 14. Juni 1957 in Wien, Rennweg,
nahe also dem »Ungargassenland« des 3. Bezirks, läßt es einen
verstehen, wie nach der Wiederbegegnung mit Ingeborg Bach­
mann bei Celan ein sonst nie und nirgends in seinen Briefen be­
gegnendes Glück des neuen Miteinander- und Beieinander-Seins
losbricht, wie sich für ihn die Welt in einer neuen Lesbarkeit er­
schließt, alles zusammenfindet, Lesen und Schreiben, Brief und
Gedicht, sogar Stummheit und Schweigen nun als Miteinander
erlebt werden - »das allein, das Sprechen ist’s ja gar nicht, ich
wollte ja auch stumm sein mit Dir« (Nr. 53) - und von da an
zum ersten Mal in Celans Briefen Bachmanns Gedichte ein Echo
finden können, weil er sie liest - »Und weiß auch, endlich, wie
Deine Gedichte sind« (Nr. 72). Zwei Monate später bittet er sie um
eine Abschrift ihres Hörspiels D er gute Gott von Manhattan und
begründet seinen Wunsch mit »Du weißt, Ingeborg, Du weißt ja«
(Nr. 90).
Das Briefgeheimnis der Gedichte 237

»Lies Inge borg, lies«

Nun ist er es, der sich von ihr die Gedichte wünscht und ihr seine
eigenen Gedichte als Liebesbriefe schickt und sogar seine früheren
Gedichte als Beglaubigung der gegenwärtigen Erfahrung liest -
»Denk an >In Agypten<« (Nr. 53) - , auf mehrere seiner Gedichte
(Nr. 67) ein »f. D.« - für Dich - als Widmung schreibt und in die
nun entstehenden Gedichte auch Bachmanns Bedenken aufgrund
der familiären Situation Celans einbezieht. Er gibt das eigene Stau­
nen über die Schönheit seines Gedichts »Köln, Am Hof« - es
beginnt mit dem Wort »Herzzeit« - an sie weiter und sieht in
einem Wort von ihr, da sie »von >den Geträumten< gesprochen«
hat, die Entstehung des Gedichts begründet (Nr. 53). Und nun ist
sie es, die ihn in ihren frühen Briefen so oft an »die Träume, die wir
einmal geträumt haben« (Nr. 11) erinnert, die auf einer Klärung
besteht: »Die Ergänzung, sagst Du, muß heißen >Ins Leben<. Das
gilt für die Geträumten. Aber sind wir nur die Geträumten?«
(Nr. 52)
In Celans Briefen ab Mitte Oktober 1957 setzt eine über­
schwengliche Evokation des Lesens ein, das die Welt öffnet und
die Geliebte einbezieht. Die Grenzen von Kunst und Leben sind
durchlässig geworden, und der Lesevorgang nimmt, ähnlich wie in
Bachmanns Essay »Das Gedicht an den Leser« (undat.), utopische
Züge an. Es ist ihm wichtig, daß ihre Augen ein »paar Augenblik-
ke« auf den Übersetzungen, die er ihr schicken möchte, »ruhen«
(Nr. 56); im Zugabteil auf der Fahrt von München nach Frankfurt
liest eine Frau Bachmanns Gedichte; er sieht »daß die Augen lasen,
wieder und wieder. Wieder und wieder. Ich war so dankbar«
(Nr. 69); in Frankfurt, wo er bei einem Freund übernachtet, sieht
er ihrer beider Bücher im Bücherregal »nebeneinander« stehen
(Nr. 69). »Herzzeit« nennt er in »Köln, Am Hof« die neue Er­
fahrung der Übereinstimmung, und sie nennt die Gedichte von
Spracbgitter »Gedichte, wieder aus unserer Zeit« (Nr. 117), alles
wird in diesen Jahren Teil ihrer gemeinsamen Zeit, die getrennten
Räume und Zeiten gehen ineinander über in eine von Korrespon­
denzen erfüllte Welt. Beim Kramen in alten Papieren stößt er »auf
einen Taschenkalender aus dem Jahre 1950« (Nr. 56) und findet
238 Nachworte

unter dem 14. Oktober »die Eintragung: Ingeborg«: »Es ist der
Tag, an dem Du nach Paris kamst. Am 14. Oktober 1957 sind wir
in Köln gewesen, Ingeborg. Ihr Uhren tief in uns«. Der Satz »Ihr
Uhren tief in uns« ist der Schlußvers des Gedichts »Köln, Am
Hof«. In ihrem 1957 bei Piper neu aufgelegten Lyrikband Die
gestundete Zeit schreibt Bachmann als Widmung für Celan:
»München, Am Hof« (Nr. 68), und mehr als ein Jahr später wird
er ihr eine bei einem Pariser Bouquinisten gefundene alte »Cor-
respondenz-Karte« schicken mit Photo und Aufdruck: »Gruss aus
Wien. 1. Bez. Am Hof« (Nr. 118), die er »fast an der gleichen
Stelle« kaufte, an der ihm »vor über einem Jahr das Gedicht ein­
gefallen war« (Nr. 120). Unter »Köln, Am Hof« stand ja in dem am
20. Oktober 1957 an Bachmann geschickten Gedicht: »Paris,
Quai-Bourbon, / Sonntag, den 20. Okt. 1957, / halb drei Uhr
nachmittags - « (Nr. 48).
Zu diesen >Correspondenzen< tritt gerade in diesen Jahren bei
beiden Dichtern verstärkt die theoretische Reflexion der eigenen
Zeit und des eigenen Ortes des Schreiben und Lesens, ob in Celans
Bremer Rede (1958) oder der »Meridian«-Poetik seiner Büchner-
preis-Rede (i960) oder in Bachmanns »Das Gedicht an den Le­
ser«, in »Musik und Dichtung« (1959), der Kriegsblinden-Ilede
»Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« (1959) oder den
Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1959/60). Celan hat in seiner
Bremer Rede die Frage des Schreibens und Lesens mit der »Frage
nach dem Uhrzeigersinn« verbunden und das Gedicht als »eine
Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dia­
logisch« mit der Vorstellung einer »Flaschenpost« assoziiert, die
auf etwas zuhält, auf »etwas Offenstehendes, Besetzbares, auf ein
ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit«
(GW III 186). Bachmann wiederum hat in ihrem Entwurf »Das
Gedicht an den Leser«, das sich dezidiert gegen den biblischen
Versteinerungs-Mythos wendet, die Beziehung zum Leser als
Utopie beschworen und mit einem Zitat-Anklang an »Corona«
auch an Celan als ihren Mitleser gedacht: »Nachgehen möchte ich
dir, wenn du tot bist, mich umdrehen nach dir, auch wenn mir
Versteinerung droht, erklingen möcht ich, [...] und den Stein
zum Blühen bringen« (IBW 4,308).
Das Briefgeheimnis der Gedichte 239

»wer bin ich fü r Dich, wer nach soviel Jahrenf


Ein Phantom [...]«

Durch die sogenannte Goll-Affäre und die antisemitischen Akzen­


te der Sprachgitter-Rezension von Günter Blöcker geriet Celan in
eine existenzbedrohende Krise. Seine Briefe an Ingeborg Bach­
mann und Max Frisch, mit dem sie seit November 1958 lebte,
wurden zum »Notschrei« (Nr. 146, 17 .11.19 5 9 ). Daß sie diesen
»Notschrei« des Freunds nicht adäquat beantworten konnte, ist
eines der Mißverständnisse und des Einander-Verfehlens in diesem
symptomatischen Briefwechsel. Celan hat in einem Brief an Frisch
diesen Komplex der gestörten Kommunikation im Raum des
Nach-Auschwitz als »objektive Dämonie« bezeichnet, »ohne es
durch diese Bezeichnung wirklich benannt zu haben«: es sei jenes
»etwas«, das »hier >mitspielt<, uns allen - so oder so - mitspielt«.
»>Zufall< wäre vielleicht ein anderes Hilfswort dafür, in dem Sinne
etwa, daß es das uns Zugefallene und Zufallende ist« (Nr. 206). Zu
dieser »objektiven Dämonie« gehörte es, daß Bachmann ihren gro­
ßen selbstbewußten Brief vom 27. September 1961 nicht zur rich­
tigen Zeit schrieb und auch wußte, daß es »wieder nicht die richtige
Zeit« war - »aber es gibt ja die richtige Zeit nicht, sonst hätte ich es
schon einmal über mich bringen müssen« (Nr. 191). Bachmanns
Brief, allein dem Umfang nach ihr größter, zielte auf eine Klärung
ihrer Beziehung. In einem kritischen Rückblick auf die Geschichte
der Beziehung zu Celan resümiert sie die »Einbrüche von Schwei­
gen«, die Geschichte des Verkennens, der Mißverständnisse, und
sie fragt nach ihrer »Wirklichkeit« neben ihm oder ihrer gespen­
stischen Nicht-Existenz. Sie »möchte der sein«, der sie geworden
ist. Nach ihrem Wiedersehen in Wuppertal habe sie »geglaubt an
dieses Heute«: »ich habe Dich, Du mich bestätigt in einem neuen
Leben«. Sie hält ihm vor, daß er in der sogenannten Goll-Affäre
»das Opfer sein« wolle und die Angriffe gegen ihn sanktioniere.
Aber diese Geschichte werde sie nicht mit ihm tragen: »das ist dann
Deine Geschichte und das wird nicht meine Geschichte sein, wenn
Du Dich überwältigen lässt davon« (Nr. 191).
Sie ließ es beim Entwurf, schickte den Brief nicht ab, wollte
damit nach Paris kommen und den Brief »ergänzen im Gespräch«
240 Nachworte

und ihn von Celan »ergänzen lassen«: »Damit etwas klarer wird,
das allein Dich und mich betrifft« (Nr. 192). Sie ist nicht mehr nach
Paris gekommen. Ihr letzter Brief - sieht man ab von den gemein­
sam von ihr und Frisch Unterzeichneten formellen Weihnachts­
wünschen (Nr. 194) - registriert ihre zum Krankheitssymptom
gewordene Unfähigkeit, Briefe zu schreiben, »es ist seit langem
schon wie eine Krankheit, ich kann nicht schreiben, bin schon
versehrt, wenn ich das Datum hinsetze oder das Blatt in die Ma­
schine ziehe« (Nr. 193). Nach einem langen Verstummen erreicht
sie am 21. September 1963 ein Brief von Celan, der gehört hatte,
daß sie »eben erst wieder aus dem Krankenhaus zurück« sei. Auch
er habe »ein paar nicht ganz erfreuliche Jahre hinter« sich, »wie
man so sagt«. In seinem Gedichtband Die Niemandsrose, der bald
erscheinen solle, sei er »einen recht >kunstfernen< Weg gegangen.
Das Dokument einer Krise, wenn du willst - aber was wäre Dich­
tung, wenn sie nicht auch das wäre, und zwar radikal? / Schreib
mir also bitte ein paar Zeilen« (Nr. 195). Es ist kein Antwortschrei­
ben Bachmanns auf diesen Brief überliefert. Als Autorin aber ist
sie neben ihm ihren »>kunstfernen< Weg« gegangen, jetzt, im eige­
nen Schreiben mit ihm in einem Einverständnis wie selten zuvor.

»die Kranken, [auf] die zu zählen ist«

Bachmanns Todesarten sind jene radikale Dichtung, die den Weg


durch die Krankheit nimmt. Es »sind also die Kranken, [auf] die zu
zählen ist und denen das Gefühl für Unrecht und Ungeheuerlich­
keit noch nicht abhanden gekommen ist« (TA 1, 174), schreibt sie in
der Vorbereitung ihrer Büchnerpreis-Rede, einer ersten Durch­
querung der Zonen einer inneren und äußeren Krankheit. In der
Vorrede bezieht sie sich auf das Wort »Zufälle« (IBW 4,278), das
Büchner für die Krankheit von Lenz verwendet, und sie verwen­
det es im Sinne von Celans Verständnis im Brief an Max Frisch
(Nr. 206), um die darin enthaltene Dialektik der äußeren und in­
neren Situation eines Ich sichtbar zu machen.
Die Ägypten-Reise der Titelfigur in ihrem Roman Der Fall
Franza (TA II: Das Buch Franza) versteht die Autorin als »Reise
Das Briefgeheimnis der Gedichte 241

durch eine Krankheit« (IBW 3,341). Die Szene, in der die Frau in
der Wüste im Spiel im Sand eingegraben wird, so daß sie nicht
mehr rufen kann und ihr jede Möglichkeit, sich zu bewegen, gen­
ommen wird, hat hier noch immer mit der Shoah zu tun, im Sinne
einer letzten Konsequenz der weit zurückreichenden Geschichte
der immer wieder stumm gemachten und >ausgelöschten< Frau.
Ein Grundmotiv, das von den Briefen und frühen Gedichten an
bis in die letzten Todesarten-Romane weiter geführt wird, ist auch
die im Franza-Roman-Fragment gestellte Frage nach der eigenen
Identität und Geschichte der Tochter/Ehefrau/Schwester, die sich
von der Autorität des Vaters emanzipiert: »wer bin ich, woher
komme ich, was ist mit mir« (IBW 3,446). Auch die Revolte im
Opfer-Sein, jetzt und hier und in der Vergangenheit, gehört zu
diesen weit zurückreichenden Lebensmotiven. Requiem fü r Fan­
ny Goldmann, ein anderer fragmentarisch überlieferter Todesar-
ten-Roman, könnte, in der Fortsetzung der im Celan-Briefwech-
sels aufgeworfenen Fragen, als Bachmanns biographisch radikalste
fiktionale Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Herkunft gelesen
werden, sowohl was den kritischen Blick auf die Jugend der er­
zählten Titelgestalt angeht als auch die Aufmerksamkeit für die
verschiedenen Selbstentwürfe jüdischer Identität, mit denen sie,
die Wienerin Fanny Wischnewski, sich in den lebensgeschichtli­
chen Wandlungen ihres jüdischen Ehemannes konfrontiert findet.
Im einzigen publizierten Roman der Todesarten, in Malina,
wird das schreibende Ich in eine männliche und weibliche Doppel­
gängerfigur aufgespalten, um das inwendige Drama der Frage der
Autorschaft erzählen zu können. Gerade in dieser Konstruktion
lassen sich die in der Beziehung mit Paul Celan sich manifestieren­
den Fragen analytischer und zugleich gegenwärtiger darstellen, als
es die letzte Erzählung »Drei Wege zum See« (.Simultan, 1972)
vermag, wo die Liebe zu Paul Celan direkt in die erzählte Bezie­
hung von Elisabeth Matrei und Franz Joseph Trotta eingespiegelt
wird. Es sei ihre »große Liebe« gewesen, »die unfaßlichste,
schwierigste zugleich, von Mißverständnissen, Streiten, Anein-
andervorbeisprechen, Mißtrauen belastet«. Er habe sie »zum Be­
wußtsein vieler Dinge« gebracht, »seiner Herkunft wegen, und er,
ein wirklicher Exilierter und Verlorener, sie, eine Abenteurerin,
242 Nachworte

die sich weiß Gott was für ihr Leben von der Welt erhoffte, in eine
Exilierte« verwandelt, »weil er sie, erst nach seinem Tod, langsam
mit sich zog in den Untergang« (IBW 2 ,4 15L).
In Malina wird die Gewalterfahrung im Drama des schreiben­
den weiblichen Ich, die in den Brief- und Gedichtszenen zu ver­
folgen war, zum Gegenstand eines neuen, >denkerischen< Erzäh­
lens, das »etwas Philosophisches« hat und das Bachmann als »das
Wichtigste« erschien (Gul 104): ein philosophischer Roman, von
der Autorin als »imaginäre Autobiographie« verstanden, in dem
ein vor Liebe krankes Ich als l’homme révolté spricht. Wieder
begegnet die thematische Szenerie der im Sand versinkenden G e­
liebten, nun verwandelt in das Bild der »Wand«, in die das weib­
liche Ich hineingetrieben wird; es verstummt, während Malina, der
männliche Ich-Teil und der Anwalt des Werks, übrigbleibt: »Es ist
eine sehr alte, eine sehr starke Wand, aus der niemand fallen kann,
die niemand aufbrechen kann, aus der nie mehr etwas laut werden
kann. // Es war Mord« (IBW 3,337). Das zentrale Traum-Kapitel in
Malina erklärt die geschichtlichen Voraussetzungen dieses Mords
aus der Verflechtung der väterlichen Gewalt mit der Vernichtùngs-
geschichte, und diese Geschichte reicht in den Schreibprozeß hin­
ein. In der Serie der Träume mit dem Vater als Verkörperung der
Gewalt in einem ewigen Krieg, dessen Zentrum das NS-Vernich-
tungsunternehmen ist, wird der Tod des Fremden als Spätfolge des
Vernichtungsgeschehens gedeutet. Aber hier, im Raum der Shoah,
begegnet er, »in seinem schwärzer als schwarzen siderischen Man­
tel«, wie ein magisches Opfer, aus allen Widersprüchen befreit, als
Teil einer Gegengeschichte, die sich in Gesten der Zuneigung zu­
einander manifestiert, in der Behutsamkeit und Solidarität der Ver­
folgten, im gegenseitigen Verstehen: »ich sehe, wie er auf seinen
Kopf deutet, ich weiß, was sie mit seinem Kopf gemacht haben«
(IBW 3,194 u. 195).

»ein Blatt, das uns traf\ treibt au f den Wellen [ ...] uns nach«

Im Herbst 1957 fand Paul Celan zufällig »in der Frankfurter Zei­
tung« Ingeborg Bachmanns Gedicht »Im Gewitter der Rosen«,
Das Briefgeheimnis der Gedichte

wo er die neue Strophe lesen konnte, die sie für Hans Werner
Henzes Vertonung in »Nachstücke und Arien« zu dem bereits
in Die gestundete Zeit publizierten Gedicht hinzugefügt hatte.
Als sie Celan Weihnachten 1953 den eben erschienenen ersten
Gedichtband Die gestundete Zeit schickte, hatte sie die frühere
Fassung dieses Gedichts auf einem abgerissenen Papierstreifen
beigelegt (Nr. 42/Anm.). Die nun neu hinzugefügte Strophe zu
»Im Gewitter der Rosen« lautet:
Wo immer gelöscht wird, was die Rosen entzünden,
schwemmt Regen uns in den Fluß. O fernere Nacht!
Doch ein Blatt, das uns traf, treibt auf den Wellen
bis zur Mündung uns nach.
In der Gedichtstrophe aus dem Jahr 1957 kam ihm vielleicht jenes
»Blatt« zurück, das er ihr in der Wiener Zeit geschenkt hatte. Er
hielt es für »verloren« (Nr. 3), weil sie es nicht mehr in ihrem
»Medaillon« hatte. »Ich möchte Dir zum Schluss noch sagen«,
schrieb sie ihm darauf am 12. April 1949, »- das Blatt, das Du in
mein Medaillon gegeben hast, ist nicht verloren, auch wenn es
schon lange nicht mehr drinnen sein sollte; ich denk an Dich
und hör Dir noch immer zu« (Nr. 4). Mehr als zwanzig Jahre
später kommen die Celan-Passagen des Traumkapitels von Malina
auf die Erinnerungen an den Wiener Stadtpark zurück, von denen
in den ganz frühen Briefen Bachmanns, und nur bei ihr, die Rede
war. Nun ist es im literarischen Traum der »Geliebte«, der sagt:
»Sei ganz ruhig, denk an den Stadtpark, denk an das Blatt, denk an
den Garten in Wien, an unseren Baum, die Paulownia blüht.« Da­
nach fragt im Traum ein Unbekannter nach »der Prinzessin von
Kagran«, um ihr die Nachricht von seinem Tod zu überbringen. Er
zeigt ihr als Erkennungszeichen »ein vertrocknetes Blatt, und da
weiß ich, daß er wahr gesprochen hat. Mein Leben ist zu Ende,
denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein
Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben« (IBW 3,195).

Hans Höller und Andrea Stoll


April 2008
244

Editorischer Bericht
Überlieferung

Die Originale liegen in der Handschriftenabteilung der Österrei­


chischen Nationalbibliothek Wien (Nachlaß Bachmann: Briefe
von Celan und Gisèle Celan-Lestrange, Entwürfe und nicht ab-
gesandte Briefe Bachmanns), im Deutschen Literaturarchiv Mar­
bach (Nachlaß Celan: Briefe von Bachmann und Frisch, Entwürfe,
Durchschriften und nicht abgesandte Briefe Celans, Widmungs­
exemplare in der Nachlaßbibliothek), im Max-Frisch-Archiv an
der E T H Zürich (Briefe Celans, Entwürfe von Frisch), im Nach­
laß von Gisèle Celan-Lestrange (Eric Celan, Paris: Briefe und
Widmungsexemplare Bachmanns) und im Privatnachlaß Bach­
mann (Nachlaßbibliothek, Radierungen von Gisèle Celan-Le­
strange).

Herausgeber

Brieftext und Kommentar liegt eine vollständige kritische Bear­


beitung des Materials zu Grunde. Archivarbeit dafür leisteten
Hans Höller für den Nachlaß Bachmann, Barbara Wiedemann
und Bertrand Badiou für den Nachlaß Celan sowie Bertrand
Badiou für den Nachlaß Gisèle Celan-Lestrange. Auskünfte über
die Dokumente im Nachlaß Frisch ergänzte Walter Obschlager.
Für Transkription und Kommentierung der Briefe von Bach­
mann zeichnen im wesentlichen Andrea Stoll und Hans Höller,
für die Celans Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou verant­
wortlich.

Brieftext

Aufgenommen sind alle erreichbaren zwischen Ingeborg Bach­


mann und Paul Celan gewechselten Briefe, Postkarten und Tele­
gramme, dazu nicht abgesandte Briefe und Briefentwürfe sowie
die Widmungen in Büchern, Sonderdrucken bzw. Manuskripten
der Briefpartner und in weiteren Buchgeschenken. Zum Korpus
Editorischer Bericht 245

gehören Gedichte nur dann, wenn sie nicht als Beilage, sondern
unbegleitet geschickt wurden, also selbst >Brief< sind. Entwürfe für
abgesandte Briefe sind dann aufgenommen, wenn sie sich durch
starke Abweichungen und deutliche Unterschiede im Datum als
unabhängige Briefe zu erkennen geben; wichtige Varianten in den
übrigen Entwürfen verzeichnet der Kommentar. Gedruckte Bei­
lagen werden nicht wiedergegeben, wohl aber beigelegte Briefe
(auch anderer Autoren) oder Abschriften des Briefschreibers.
Ebenso wurde mit den ergänzend abgedruckten Briefwechseln
zwischen Max Frisch und Paul Celan sowie zwischen Gisèle Ce-
lan-Lestrange und Ingeborg Bachmann verfahren.
Eine Kopfzeile für jeden Brief gibt nach der laufenden Nummer
die Basisinformationen: Briefautor(en) und Adressat, Ort und (bei
Datierungsfehlern: tatsächliches) Datum sowie gegebenenfalls
Status (nicht abgesandt, Entwurf etc.). Fragezeichen zeigen even­
tuelle Unsicherheiten an; auf diese wird im Kommentar immer
eingegangen. Publizierte Beilagen erhalten eine auf die Briefnum­
mer bezogene Unternummer. Angaben über nicht publizierte Bei­
lagen erfolgen nach dem Brieftext.
Der Text wird mit nur sehr vorsichtigen Korrekturen wieder­
gegeben: Stillschweigend korrigiert sind offensichtliche Schreib­
fehler; ebenso stillschweigend sind Satzzeichen dann (und nur
dann) ergänzt, wenn sonst Verständnisprobleme entstehen. Ver­
gessene Wörter sind in eckigen Klammern ergänzt. Auch mit
Bachmanns französischen Briefen wurde so verfahren: Die Ein­
griffe sind minimal, sie ergeben nicht in jedem Fall einen korrekten
französischen Text; das hätte z.T. eine erheblich tiefgreifendere
Umstrukturierung notwendig gemacht. Die jeweils im Anschluß
gegebenen Übersetzungen vermitteln in diesen Fällen den inten­
dierten Sinn; nur bei uneindeutigen Formulierungen wird die
sprachliche Form kommentiert.
Schreibgewohnheiten der Briefpartner in Orthographie und In­
terpunktion sind beibehalten, auch wenn sie durch das Schreibin­
strument - etwa eine französische Schreibmaschine - bedingt sind.
Daten und Grußformeln sind behutsam vereinheitlicht.
Der Text erscheint in der intendierten Endfassung, d. h. ohne
Korrekturen und Streichungen; für das Verständnis wichtige ge-
246 Nachworte

strichene Stellen, zumal wenn in den Briefen selbst thematisiert,


sind im Kommentar ergänzt.
Falsche Daten sind im Brief nicht korrigiert; die Differenz zwi­
schen ihnen und den in der Kopfzeile angegebenen wird jedoch
jeweils im Kommentar diskutiert. Problematisiert wird dort auch
die Einordnung undatierter Dokumente.
Texte Dritter sowie Notizen des Empfängers auf dem Doku­
ment erscheinen kursiv.

Kommentar

Dem Stellenkommentar geht kursiv die Beschreibung des Doku­


ments voraus: Archivsignaturen für das Dokument mit Beilagen;
Versandweg, in der Regel der Briefumschlag mit Adresse(n) sowie
Ort und Datum des Poststempels. Von den Fierausgebern zuge­
ordnete Briefteile, Briefumschläge oder Beilagen sind als solche
gekennzeichnet.
Der Stellenkommentar ist besonderer Kürze verpflichtet. Er
konzentriert sich auf Sacherläuterungen.
Die biographischen Informationen sind u. a. den in der Biblio­
graphie angegebenen Werken zu verdanken. Hinweise auf Briefe
aus publizierten Briefwechseln sind mit den für das Verständnis
notwendigen Briefdaten gegeben und dadurch identifizierbar. Dies
gilt auch für Celans Briefwechsel mit Nani und Klaus Demus, der
im Frühjahr 2009 erscheint (Hrsg. Joachim Seng). Wörtliche Zitate
aus publizierten Briefwechseln werden exakt nachgewiesen. Alle
Informationen aus unpublizierten Materialien sind durch ihre
Quelle gekennzeichnet.
Angaben über mehrfach vorkommende Personen sind in einem
Hauptkommentar zusammengefaßt; dabei liegt der Schwerpunkt
auf dem Interesse der Briefpartner an der Person bzw. ihrem Ver­
hältnis zu ihr. A uf Verweise zu diesem Kommentar wird verzichtet,
das Personenregister hebt den Brief des Hauptkommentars durch
Fettdruck hervor. Häufig mit ihrem Vornamen genannte Personen
sind auch unter diesem im Personenregister aufgenommen.
Alle bibliographischen Nachweise von Gedichten der Brief-
Editorischer Bericht 247

partner sind dem Register zu entnehmen; Seitenzahlen zu Kom ­


mentaren oder Anmerkungen zum Gedicht in der zitierten Ausga­
be sind dabei nicht eigens angegeben, aber gegebenenfalls mitzu­
lesen. Zitate aus theoretischer oder erzählender Prosa werden
exakt nachgewiesen.
Zeitgleiche Spuren der Briefe sowie anderer Kontakte (Telefon,
Gespräche mit Dritten) zwischen Celan und Bachmann bzw. Ce­
lan und Frisch in Celans Tagebüchern und Notizkalendern (die
gelegentlich den Charakter eines Tagebuchs haben oder aber Kor­
respondenzlisten darstellen) und den für Celan von Gisèle Celan-
Lestränge geführten Tagebüchern sind so vollständig wie möglich
nach den Originalen dokumentiert; Grundlage dafür ist eine voll­
ständige Transkription durch Bertrand Badiou.
Für Bachmann stehen keine Tagebücher zur Verfügung. Tran­
skriptionen von Zitaten aus Bachmanns Briefen an die Familie und
Widmungen in Büchern der Nachlaßbibliothek stellte Isolde M o­
ser zur Verfügung.
A uf Verweise zwischen unmittelbar aufeinanderfolgenden Brie­
fen sowie auf Negativ-Kommentare, etwa bei nicht erhaltenen
bzw. nicht zu identifizierenden Geschenken oder bei Büchern
der Nachlaßbibliotheken ohne Lesespuren und/oder Widmungen,
wurde in der Regel verzichtet.
Parallelen zwischen den Brieftexten und den nicht im Brief­
wechsel enthaltenen oder dort erwähnten Werken der Briefpartner
werden bewußt nicht dokumentiert, es sei denn, daß der Brief
ausdrücklich daraus zitiert oder darauf anspielt. Dadurch können
sowohl Anachronismen als auch unzulässige Übergänge zwischen
Biographie und Fiktion vermieden werden. Zudem ließe der knap­
pe Zuschnitt des Kommentars keine Vollständigkeit zu; dies be­
trifft insbesondere Bachmanns Roman Malina.

Zeittafel und Register

Unterstützt wird der Kommentar durch eine Zeittafel, die ihren


Schwerpunkt in der Zeit des Briefwechsels hat und auf die persön­
lichen Begegnungen besonderen Wert legt; getrennte Werkregister
248 Nachworte

für Bachmann und Celan (mit bibliographischen Nachweisen),


ergänzt durch eine Liste der nicht in den Briefen und Anmer­
kungen erwähnten Gedichte im Celan-Konvolut des Nachlasses
Bachmann sowie Bachmann betreffender Bücher in der Nachlaß­
bibliothek von Celan; ein Personenregister (mit Lebensdaten,
wenn erreichbar) und schließlich eine Bibliographie der für bio­
graphische Fragen benutzten Quellen, der ein Verzeichnis der Sig­
len und Abkürzungen vorangestellt ist.

Danksagung

Für die Bereitstellung der Quellen und alle freundliche Unterstüt­


zung danken wir der Handschriftenabteilung in der Österreichi­
schen Nationalbibliothek, der Handschriftenabteilung und der
Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs Marbach, dem Max-
Frisch-Archiv an der E TH Zürich, Isolde und Christian Moser
sowie Heinz Bachmann und Eric Celan.
Immer hilfsbereit waren Eva Irblich in der Österreichischen
Nationalbibliothek Wien, Ulrich von Bülow, Heidrun Fink, H il­
degard Dieke, Thomas Kemme und Nikolai Riedel im Deutschen
Literaturarchiv Marbach; Walter Obschlager im Max-Frisch-Ar­
chiv Zürich; in der Universitätsbibliothek Tübingen Adelheid Igu-
chi mit ihrem Team sowie Anna-Elisabeth Bruckhaus, Annette
Gauch und Mechthild Kellermann.
Für Hilfe jeglicher Art danken wir Magdalena Abele, Ute Bruk-
kinger, Isac Chiva, Uwe Eckardt (Stadtarchiv Wuppertal), Guy
Flandre, Alessandro De Francesco, Sonia Garelli, François Gian-
nini (Paul Celan-Gesellschaft, Paris), Peter Goßens (Universität
Bochum), Lilith Jdanko-Frenkel, Barbara Klein (Kosmos-Theater
Wien), Annemarie Klinger, Marianne Korn (Schauspielhaus Zü­
rich), Andrea Krauss (Universität Zürich), Hanne Lenz, Herta-
Luise Ott (Universität Grenoble), Christiane Naumann (Deut­
sche Verlags-Anstalt), Ute Oelmann (George-Archiv Stuttgart),
Halina Pichit (Stadtarchiv Zürich), Robert Pichl (Universität
Wien), Evelyne Polt-Heinzl (Literaturhaus Wien), Britta Rupp-
Eisenreich, Frank Schmitter (Monacensia Literaturarchiv Mün­
Editorischer Bericht 249

chen), Klaus Schiller (Universität Salzburg), Wolfgang Schopf (Ar­


chiv der Universität Frankfurt), Mihal Seidmann, Fians-Ulrich
Wagner (Fians-Bredow-Institut Fiamburg), Alexis Wolf, Benedikt
Wolf und Thomas Wolf sowie dem geduldigen und geschickten
Rosselenker Wolfgang Kaußen (Suhrkamp Verlag), ohne den un­
ser Vierspänner nicht ans Ziel gelangt wäre.
___________________ :____________________________________________ 251

Stellenkommentar

I
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 c, B l iy. hs. Gedicht (= HKA 2-3.2 208
H 5*; vgl. Abb. 11) ; B IB : hs. Widmung in: »Peintures 1939-46, In ­
troduction d A ndré Lejard, Paris 1946.

In Aegypten] Weitere Dokumente dazu im NIB: Ts. (darüber [!]


»Erinnerung an Frankreich«) mit Widmung: »Für Ingeborg Bach­
mann, Wien 1948« (HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 c, Bl. 16, = HKA H4);
Ds. mit dem Vermerk oben rechts »Paul C e la n « (Ser. n. 25.202 a,
Bl. 6, = HKA Hlb).
23. Mai 1948] Diese Abschrift datiert nur wenige Tage nach IBs
erster Begegnung mit PC. Sie schrieb aus Wien jeweils an ihre
Eltern: »gestern noch unruhige Besuche bei Dr. Locker, Ilse Ai-
chinger, Edgar Jené (surreal. Maler) wo es sehr nett war und ich
den bekannten Lyriker Paul Celan etwas ins Auge faßte, - viele
viele Leute« bzw. »heute hat sich noch etwas ereignet. Der surrea­
listische Lyriker Paul Celan, den ich bei dem Maler Jené am vor­
letzten Abend mit Weigel noch kennenlernte, und der sehr faszi­
nierend ist, hat sich herrlicherweise in mich verliebt, und das gibt
mir bei meiner öden Arbeiterei doch etwas Würze. Leider muß er
in einem Monat nach Paris. Mein Zimmer ist momentan ein
Mohnfeld, da er mich mit dieser Blumensorte zu überschütten
beliebt« (17. bzw. 20.5.1948, PNIB). An ihrem 22. Geburtstag
schrieb sie: »Von Paul Celan zwei prächtige Bände moderne franz.
Malerei mit den letzten Werken von Matisse und Cézanne, ein
Band Chesterton (ein berühmter engl. Dichter) Blumen, Zigaret­
ten, ein Gedicht [wohl »In Ägypten«], das mir gehören soll, ein
W\\A[vgl. Abb. 27, das ich Euch in den Ferien zeigen kann. (Er fährt
morgen nach Paris). Ich war daher gestern, am Geburtstagvor­
abend noch sehr festlich mit ihm aus, Abendessen und ein wenig
Wein trinken« (25.6. 1948, PNIB). Vgl. Nr. 53.

HAN/ÖNB Mappe 10, B l.3: hs. Brief.


252 Stellenkommentar

wieder schreiben] Von den Briefbewegungen im ersten halben


Jahr nach PCs Abreise aus Wien wurden keine Spuren gefunden.
Gedichtband] PC ließ von Paris aus die Auslieferung von Der
Sand aus den Urnen (Ende September erschienen) einstellen, vor
allem wegen der vielen Druckfehler. N ur ein kleiner Teil der G e­
dichte stammt aus PCs Wiener Zeit. IBs Exemplar (Nr. 18 von 500,
BIB) enthält, neben Rezitationshilfen von fremder Hand, Bleistift­
eintragungen von IB: S. 52 links neben dem Gedichttitel »Deuka-
lion und Pyrrha« ein großer Haken, S. 53 ist im Schlußvers »der
Mensch mit der Nelke« ersetzt durch die entsprechende Fassung
(neuer Titel »Spät und Tief«) in Mohn und Gedächtnis, »ein
Mensch aus dem Grabe«. Zur Einlage vgl. Nr. 42/Anm.
Jenes] Den Maler Edgar Jene und seine Frau Erica Lillegg lern­
te PC im Kontext des Wiener Nachkriegssurrealismus kennen. PCs
Essay »Edgar Jene. Der Traum vom Traume« (BIB: Exemplar 496
von 700) erschien im August 1948 in einem Band mit Reproduk­
tionen von Bildern Jenes; Jene half bei der Finanzierung von Der
Sand aus den Urnen und steuerte zwei Lithographien bei. Diese
wie auch die unsorgfältige Drucküberwachung durch Lillegg nach
PCs Übersiedelung führten zu Verstimmungen.
das Gedicht, das w ir miteinander] Es gibt weder im NIB noch
im NPC verläßliche materielle Hinweise auf ein gemeinsam ver­
faßtes Gedicht.

3
HAN/ÖNB Mappe 2, B l 1-2: hs. Luftpostbrief an: »Mademoiselle
Ingeb[or]g [Bach mann] / Beatrixgasse 26 / Vienne III / Autriche«,
von: »Paul Celan, 3 1, Rue des Ecoles / Paris f me / France«, Brief­
marke abgerissen, ÖZS.

Rue des Ecoles] Seit Sommer 1948 bewohnte PC ein monatlich


gemietetes Zimmer im Hotel d’Orleans (Hotel Sully Saint-Ger-
main) im Quartier Latin.
Medaillon] Nicht aufgefunden.
Briefe Nr. 2-5 2 53

4
DLAD 90.1. 2824/1: masch., u. a. hs. korr. Brief, ÖZS, Kuvert fehlt.
HAN/ÖNB Mappe 10, Bl. 4: masch. Entw urf (nicht publ.).

nicht weggeschickt] Vgl. Nr. 2/Anm.


Deine Gedichte] Der Sand aus den Urnen. Die Freunde konn­
ten nicht identifiziert werden.
Leuten aus Graz] Es könnte sich u. a. um den Dichter und
Übersetzer Max Hölzer handeln; im April 1950 gab er mit Jene
den Almanach Surrealistische Publikationen heraus, in dem PC mit
Gedichten und Übertragungen vertreten ist.
Nani und Klaus Demus] IBs Freundin Nani Maier aus der Ma­
turaklasse und ihren späteren Mann lernte PC am Ende seines
Wien-Aufenthalts kennen. Der Lyriker und Kunsthistoriker stu­
dierte 1949/50, die Germanistin 1950/51 (vgl. Abb. 5 u. 6) in Paris.
Sie gehörten zu PCs nähesten Freunden (Briefwechsel in Vorbe­
reitung).
Stipendium fü r Amerika oder Paris] Keines dieser Stipendien
hat IB bekommen (vgl. Nr. 10.1, 18 und 21); für die Paris-Reise im
Herbst 1950 erhielt sie eine einmalige Unterstützung von 300 öS
durch die Gemeinde Wien (NIB).
fü r Zeitungen, fü r den Sender] In der >Wiener Tageszeitung<
erschienen »Im Himmel und auf Erden« (29.5.1949), »Das Lä­
cheln der Sphinx« (25.9.1949) und »Karawane im Jenseits«
(25.12.1949); in der Wiener Zeitschrift >Die Zeit< wurde am
15.4.1949 das Gedicht »Betrunkener Abend« abgedruckt. Texte
für den Sender Rot-Weiß-Rot (vgl. Nr. 21) sind nicht erhalten.

/
HAN/ÖNB Mappe /0, Bl. 1: masch. Briefentwurf.

Kartengrüsse] Vgl. Nr. 2/Anm.


drei aus letzter Zeit] Am 26.5.1949 dankte Demus PC beson­
ders für »Wer wie du« und »Wer sein Herz«. Letzteres ist im NIB
als Typoskript erhalten (Ds. HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 4,
= HKA 2-3.2.219 H 2*).
Beatrixgasse] IB übersiedelte im Juni 1949 von ihrem Unter-
2 54 Stellenkommentar

mietzimmer in der Beatrixgasse 26, wo sie in der Zeit der Begeg­


nung mit PC wohnte, in ein Untermietzimmer in der Wohnung der
Freundin Elisabeth Liebl in der Gottfried-Keller-Gasse 13, eben­
falls im 3. Bezirk.
Deine Hand mit den N elken] Anspielung auf den Schluß von
PCs »Deukalion und Pyrrha«.

6
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 3: hs. Luftpost-Ansichtskarte (Marc Cha­
gall, UCEil vert - Das grüne Auge) an: »M ^ Ingeborg B a c h -
m ann / Beatrixgassc 26 [von frem der H and ersetzt durch: Gottf.
[Kellergasse] 13 /10 .]/ V ien n e I I I / A u t r ic h e «, Paris, 2 1. 6.1949,
von: »Paul Celan, 3 1 Rue des Ecoles, Paris f « , ÖZS.

Chagall] Zu PCs Interesse für den russisch-jüdischen Maler


vgl. das Gedicht »Hüttenfenster« und PC/GCL 15 1.
>ungenau< und spät] Vgl. Nr. 1.
Mohn, und Gedächtnis] Anspielung auf V. 10 von »Corona«.
»Mohn und Gedächtnis« ist der Titel des ersten Zyklus von D er
Sand aus den Urnen und der Titel des im Dezember 1952 erschie­
nenen Gedichtbandes. Zum »Mohn« vgl. Nr. i/Anm. Am 24. Juni
1949 schrieb IB an die Eltern: »Heute trudelte schon etwas G e­
burtstagspost ein, so von Paul Celan aus Paris mit einem herr­
lichen Mohnblumenarrangement« (PNIB).
Geburtstagstisch] 23. Geburtstag am 25.6.1949.

7
DLA D 90.1.2824/3: masch.y u. a. hs. korr. B rief ÖZS, Kuvert fehlt.
HAN/ÖNB Mappe 10, Bl. y z. masch. Entw urf (nicht publ.).

»Corona« \ wird es nicht »Zeit«] Vgl. V. 17 von PCs »Corona«:


»Es ist Zeit, daß es Zeit wird«. Im NIB erhalten ist ein Typoskript
(hs. korr. Ds., HAN/ÖNB, Mappe 11 , Bl. 2, = HKA 2-3.2,195 H 5).

8
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 4 - y hs. Luftpostbrief an: »M ^- Ingeborg
B a ch m a n n / Gottfried Kellergasse 13 /10 / V ien n e III / Autri­
che«. Paris, 4. 8. 1949, ÖZS.
Briefe Nr. 5-10.i 2 55

Du kommst] IB kam erst im Herbst 1950 nach Paris.


DAN 78-41] Telefonnummer des Hotels, PC hatte kein eigenes
Telefon.

9
HAN/ÖNB Mappe 2, B l 6-7: hs. Luftpostbrief an: »M1^- Ingeborg
B a ch m a n n / Gottfried Kellergasse 13 /10 / V ien n e I I I / AUTRI­
CHE«, Paris, 20. 8.1949, von: »Paul Celan / 3 1 , Rue des Ecoles /
Paris f me«, ÖZS.

in zwei Monaten [ ...] >Briefe wechselm] Fehlt ein Brief?


hingeworfenen Zeilen] Vgl. Nr. 2/Anm.
jener Brief] Handelt es sich um Nr. 4?

10
DLA D 90.1.2824/5: masch., u. a. hs. korr. Brief; D 90.1.2824/4 (z.
Beilage): masch., u. a. hs. korr. Brief, ÖZS, Kuvert fehlt.
HAN/ÖNB Mappe 10, Bl. 2 und Bl. 6-7: masch., u. a. hs. korr. Ent­
würfe zu B rief und Beilage (nicht publ).

I O. I
»jenseits der Kastanien«] »Erst jenseits der Kastanien ist die
Welt«, der thematische Vers in PCs »Drüben«, dem Eröffnungs­
gedicht von D er Sand aus den Urnen.
erste Sachen] Am 8.7.1949 teilte IB Weigel die Fertigstellung
von zwei Gedichten mit (NHW), zu Erzählungen vgl. Nr. 4/
Anm.
zwei Empfehlungen] Im Entwurf: »[...] dass ich zwei Empfeh­
lungen für Stipendien habe, eines aus Washington, eines aus Lon­
don von Freunden [...]«. N ur die Empfehlung für Paris (Privat­
dozent Leo Gabriel, Philosophisches Institut) ist im NIB erhalten
(vgl. Nr. 4/Anm.).
knapp daran war] Im Entwurf folgt: »[...] und dem Mann et­
was dazwischengeriet [...]«.
Doktorat] IB reichte Die kritische Aufnahme der Existential­
philosophie Martin Heideggers (Erstdruck Piper: München und
Zürich 1985) am 19 .12 .19 4 9 als Dissertation ein (Rigorosum
18. 3. 1950, Approbation 9.1.19 50 ).
2 56 Stellenkommentar

fern wäre] Im Entwurf folgt: »Ich denke eben ziemlich hilflos


herum an allem, aber ich will es bleiben lassen [...]«.
Angst habe] Im Entwurf folgt: »[...] mit einem aus der Wahr­
heit herauszufallen, sage ich nicht, es ist die schönste Liebe. Viel­
leicht ist sie es«.
ein Wort zu finden] Der Entwurf endet: »auch nur das kleinste
liebe Wort zu finden. Soll ich sie Dir hier rot unterstreichen, damit
Du sie findest und endlich begreifst«.

11
DLA D 90.1.2824/2: hs. B rief ÖZS, Kuvert fehlt.

nach Paris] Maier holte Demus nach seinem dortigen Studien­


jahr in Paris ab.

12
DLA D 90.1.2825/1: hs. B rief ÖZS, Kuvert fehlt.

N ani und Klaus] Maier und Demus waren um den 2 1.7 .19 5 0 in
Paris, sie schickten vorher eine Karte aus Fecamp, danach Karten
aus Avallon, Nizza und Venedig.
Nervenkollaps] Der Nervenkollaps fiel in die erste Julihälfte,
ein völliger »Zusammenbruch« mit »Lähmungserscheinungen«
(an die Eltern, 16. 7.1950). IB wurde von dem mit Weigel befreun­
deten Wiener Psychiater Viktor Frankl behandelt.

T3
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 8: hs. Brief, ÖZS, Kuvert fehlt.

Frau Dr. Rosenberg] Gertrud Rosenberg, Frau von Yvan Golls


Anwalt und Testamentvollstrecker Charles Rosenberg. Dem für
Österreicher erforderlichen Einreisevisum für Frankreich mußte
ein Einladungsbrief zugrunde liegen (nicht erhalten, da dem Vi­
sumsantrag beigelegt). Weil PC noch kein französischer Staatsbür­
ger war, konnte er die Einladung nicht selbst aussprechen.
Nanis Brief] Nicht aufgefunden.
schriftlichen Berichten] Am 1.9 .19 5 0 schrieb Maier von dem
Briefe Nr. 10 .1-16 257

»langwierigen Nervenkollaps«, der IB »fast den ganzen Sommer


ins Bett gezwungen« habe.

14
DLA D 90.1.2825/2: hs. Brief’ ÖZS, Kuvert feh lt

Dr. Bermann] IB versuchte, für Stadt ohne Namen den Ber-


mann-Fischer Verlag zu gewinnen, gab das Romanprojekt aber
1952 auf. Wichtiger wurde Gottfried Bermann Fischer dann als
Leiter des S. Fischer Verlags für PC: Ab 1958 verlegte er Sprach-
gitter, Die Niemandsrose und D er Meridian sowie zahlreiche
Übertragungen. PC publizierte auch in der Zeitschrift des Verlags
>Die Neue Rundschau<; ein Briefkontakt mit dem Verleger bestand
seit 1956 (vgl. PN 221).
Innsbruck] Bei IBs Freundin Lilly Sauter.
Basel] Bei Freunden und Verwandten von IBs Freund Weigel.

15
DLA D 90.1.2825/3: hs. Brief, ÖZS, Kuvert fehlt.

das nötige G eld einträfe] IB hatte große Schwierigkeiten, das


Geld für die Paris-Reise aufzubringen (vgl. Nr. 4/Anm.). Sie war­
tete auf eine finanzielle Unterstützung durch Verwandte mütterli­
cherseits: »Seit 1. Juni bin ich ohne Einkommen, krank gewesen
dazu etc. Und jetzt, im letzten Moment vor der Abreise eine Stelle
anzunehmen, war unmöglich, der kurzen Zeit wegen« (an O.
Bachmann, 30.9.1950, PNIB).

16
HAN/ÖNB Mappe 1, B l 1: hs. Notiz, wohl vor PCs Hotelzimmer
hinterlegt.

14 .10 .19 5 0 ] IBs Ankunftstag in Paris (NkPC). Möglich wäre


vielleicht auch der zweite Paris-Aufenthalt von IB (23.2.-/. 3.
1951), PC hatte sie nicht selbst vom Bahnhof abholen können
(an Nani Demus, 23. 2. 1951).
Schüler] Nicht identifiziert. PC besserte sein kleines Stipendi-
2 58 Stellenkommentar

um der Entraide universitaire für Studenten mit Flüchtlingsstatus


vor allem durch Privatunterricht in Französisch und Deutsch so­
wie durch Übersetzungen auf.

T7
HAN/ÖNB Mappe 6, B l 9: Persönlich hinterlegte hs. Nachricht
au f abgerissenem Zettel, au f der Rückseite, von frem der Hand:
»10.30 / [xxxx xxxjchtner / a [xxx] 6924«.

14. 10.19 50 \ 2 j. 2 .19 5 1 ] Vgl. Nr. 16/Anm. Möglicherweise da­


tiert das Dokument auch aus PCs Aufenthalt in Zürich zwischen
dem 25. und dem 2 7 .11. i960; in diesem Kontext ist das Doku­
ment im NIB eingeordnet. Die Anrede »Inge« verwendet PC zu
dieser Zeit aber nicht mehr in Briefen an IB.

18
DLA D 90.1.2826/4: hs. Brief; D 90.1.2826/1 (z. Beilage 1): masch.,
u. a. hs. korr. und hs. ergänzter Brief; D 90.1.2826/3 (z. Beilage 2):
Teileines masch., u. a. hs. korr. Briefes; D 90.1.2826/2 (z. Beilage3):
masch., u.a. hs. korr. B rief Kuvert fehlt, B rief und Beilagen von
Klaus Demus überbracht.

Jünger] Der rechtskonservative deutsche Schriftsteller Ernst


Jünger war vor und nach 1933 mehrfach von den Nationalsozia­
listen, trotz anfänglicher Sympathien erfolglos, umworben wor­
den. A uf Initiative von Demus hin hatte sich PC an ihn gewandt
und um Hilfe bei der Veröffentlichung seiner Gedichte in einem
deutschen Verlag gebeten (Brief vom 11. 6 .19 5 1, FAZ 8 .1. 2005).
Doderer] Der renommierte österreichische Romancier konnte
wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft erst ab 1950 wieder veröf­
fentlichen. Er unterstützte IB bei der Verlagssuche für Stadt ohne
Namen. Zu PCs späterer Haltung gegenüber Doderer vgl. »Ge­
wieherte Tumbagebete«.
(Februar oder März 1952) nach Paris] Vgl. Nr. 4/Anm. und
10.1/Anm.
wir vier] Außer den genannten auch Nani Maier.
Briefe Nr. 16-18.3 2 59

18 .1 (vgl. Abb. 12)


mein altes Wiener Leben] IB lebte vor ihren Aufenthalten in
Paris und London (Abreise aus Wien: 14 .10 .19 4 9 , Rückkehr:
7. 3 .19 5 1) in einer Beziehung mit dem Wiener Schriftsteller und
Literaturförderer Hans Weigel.
schlimmer als alles bisher] IB war wohl über Weigels Schlüssel­
roman Unvollendete Symphonie (Wien, [Frühjahr] 1951) beunru­
higt, an dessen Fertigstellung er Anfang 1951 arbeitete: Die weib­
liche Hauptfigur ist IB nachgebildet. Unmittelbar vor der Rück­
kehr nach Wien schrieb sie ihm: »Ist der Roman schon weit
vorgeschrieben?!« (undatiert, NHW).
meine Schwester] Isolde, verheiratete Moser, absolvierte in
Wien eine Lehrerinnen-Ausbildung und gehört mit zum Freun­
deskreis von Weigel und Dor. Seit ihrer Heirat im April 1952 lebt
sie in Kötschach (Kärnten).
nach den Bombenabwürfen] Vgl. die Beschreibungen der
Bombardierung Klagenfurts in »Jugend in einer österreichischen
Stadt« (IBW 2,9of.).
uns die Leute Zusehen von der Strasse] Vgl. V. 13 von PCs »Co­
rona«. Es folgt die mit schwarzer Tinte in engen und regelmäßigen
Wellenlinien getilgte Passage: »Ob wir unsre Geleise Zusammen­
legen oder nicht, unsere Leben haben doch etwas sehr Exempla­
risches, findest du nicht?«
Dor] Den in Budapest geborenen, in Serbien aufgewachsenen
Schriftsteller (vgl. Abb. 1), der einen Teil des Krieges als >Schutz-
häftling< in Wien verbrachte, lernte PC 1948 in der Redaktion des
>Plan< kennen. Die Figur Petre Margul in seinem Roman Interna­
tionale Zone (1953) ist dem PC der Wiener Zeit nachempfunden.

18.2
Ju n i 19 5 1] Handschriftlich am linken Rand; der größere obere
Teil des Briefs wurde abgeschnitten.
August] Handschriftlich aus ursprünglich »Juni« korrigiert.

18.3
die Stelle] IB arbeitete seit April bei der amerikanischen Besat­
zungsbehörde. Sie charakterisierte ihre Arbeit mit »Dienst von 8h
Stellenkommentar

früh bis Vi 6h abends« bzw. »Das Büro heisst - News and Feature
Section« (an die Eltern, 29. 3 .19 5 1, PNIB).
Pariser Stipendium] Vgl. Nr. 4/Anm. und Nr. io.i/Anm .

19
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 9: m a s c h u .a . hs. korr. B rief (deutsche
Schreibmaschine, vor Neueinspannung in Absatz 5 ss nicht als ß
realisiert), ÖZS, Kuvert fehlt.

Levallois-Perret] Vorortgemeinde im Nordosten von Paris. PC


wohnte etwa drei Monate bei den aus der Bukowina stammenden
Schwiegereltern seines Schulfreundes Sigfried Trichter.
ersten] Nicht auf gefunden.
»Exemplarische«] Vgl. die getilgte Passage am Schluß von Nr.
18.1 (Anm.).
schweres Erlebnis] PC korrigierte aus »schwerer Entschluß«.
Während »Erlebnis« nur den Genozid an den Juden meinen kann,
bezieht sich »Entschluß« im Zusammenhang mit der Wiener L i­
teraturszene wohl auf seine Entscheidung, Wien zu verlassen.
>Merkur<] PCs Apollinaire-Übertragungen wurden trotz ur­
sprünglicher Zusage der Zeitschrift nicht dort, sondern zwischen
1952 und 1959 verstreut gedruckt (vgl. PN 247L und GW IV 851).
Spiel] Der seit 1936 in London lebenden österreichisch-jüdi­
schen, mit Peter de Mendelssohn verheirateten Publizistin wäre
das wohl erste Zeugnis von PCs Rezeption im deutschsprachigen
Raum zu verdanken; die Rezension (>Neue Zeitung<? zum Alma-
nach Surrealistische Publikationen ?) konnte bisher nicht identifi­
ziert oder im NPC aufgefunden werden. Während seines London­
aufenthaltes im Spätsommer 1951 verfehlte PC Spiel, am 19.9.
19 51 dankte er ihr brieflich: »Daß Sie in dem Wenigen, das sich
mir mitteilt, erblickten, was mir nur in seltenen Augenblicken un­
sicheren Höffens deutlich werden will: Kontur und Gestalt - ich
habe es als eine jener Bestätigungen erlebt, aus deren unmittelbarer
Nähe eine Tür ins Dasein führt.« (ÖLA) IB kam während ihres
London-Aufenthalts von Paris aus im Dezember 1950 mit Spiel
zusammen.
Briefe Nr. 18.3-22

20
DLA D 90.1.2826/5: masch., u. a. hs. korr. Brief’ ÖZS, Kuvert fehlt.

Klaus] Vgl. Nr. 18.


»Firma«] Die amerikanische Besatzungsbehörde (vgl. Nr. 18.3/
Anm.).
Leben in Österreich] Das Preisniveau hatte sich 1948-1951 um
140% gehoben; im Herbst 1950 war es deshalb zu landesweiten
Streiks gekommen.
Plan, nach Österreich] Keine Anhaltspunkte im NPC.
Wiener Sezession Gedichte von D ir] Nicht geklärt.
St. Wolfgang] IB hielt sich in der letzten Augustwoche in dem
bekannten österreichischen Sommerfrische-Ort am Wolfgangsee
(Salzkammergut) auf.

27
DLA D 90.1.2826/7; masch., u. a. hs. korr. Brief, Kuvert fehlt.

neue, bessere Arbeit] IB wechselte von der amerikanischen Be­


satzungsbehörde zu einem Redaktions-Team im Script-Depart-
ment des Senders Rot-Weiß-Rot, das auch neue Sendereihen
(u. a. »Die Radiofamilie«) erarbeiten sollte (vgl. Nr. 26).
Schönwiese] Der Leiter der literarischen Abteilung von Rot-
Weiß-Rot Salzburg, selbst Lyriker und Herausgeber der Zeit­
schrift >Das Silberboot<, war auf PC bereits während dessen Bu-
karester Zeit aufmerksam gemacht worden.
Mill] Schauspielerin am Wiener Burgtheater und Filmschau­
spielerin.
Pariser Stipendium] Vgl. Nr. 4/Anm. und 10.1/Anm.

22
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 10, hs. Ansichtskarte (Giacometti: Three
Figures Walking. International Open A ir Exhibition o f Sculpture,
Battersea Park, London, 19 51) an: »Dr. Ingeborg B a ch m a n n /
Gottfried Kellergasse 13 / V ien n a I I I / AUSTRIA«, ÖZS.
262 Stellenkommentar

Giacometti] Die Karte ist das erste bekannte Zeugnis für PCs
Interesse am Werk des Schweizer Bildhauers; vgl. später »Les Da-
mes de Venise«.
London] PC besuchte dort regelmäßig seine Tante Berta Ant-
schel und andere dorthin vor den Nazis geflohene Verwandte (vgl.
Nr. 128 und 199).

23
HAN/ÖNB Mappe 10, Bl. 8: masch. Briefentwurf.

¿4
DLA D 90.1.2826/8: hs. B rief Kuvert fehlt.

»Wort und Wahrheit«] Vgl. Nr. 25.

25
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 1 1 - 1 2 : masch., u.a. hs. korr. Brief; DLA
D 90.1.44 (z. Beilage): masch. Gedicht (= HKA 2-3,2.258 H la), ÖZS,
Kuvert fehlt.

London] Vgl. Nr. 22.


Fried] PC lernte den österreichisch-jüdischen Dichter und
Übersetzer, der seit 1938 im Londoner Exil als Redakteur der
BBC lebte, vielleicht schon früher kennen. Meinungsverschieden­
heiten zu Israel führten in den späten 1960er Jahren zu einer
Distanzierung. Fried erinnerte sich noch am 2 0 .11. i960 in einem
Brief an den tiefen Eindruck, den IB bei ihrer Begegnung anläßlich
einer gemeinsamen Lesung in der Anglo-Austrian-Society Lon­
don am 2 1.2 .19 5 1 auf ihn gemacht hatte (NIB).
Flesch] Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer, den
IB wohl als Freund von Spiel kennenlernte, lebte seit 1934 im
Londoner Exil und arbeitete wie Fried in der Ausländsabteilung
der BBC.
Ein paar Zeilen] Nicht aufgefunden. PC hatte Spiel ein noch
»Der Sand aus den Urnen« betiteltes und auf Oktober 1950 (HKA
2-3.2,26) datiertes, dem Band gegenüber schon erheblich erweiter­
tes Typoskript hinterlassen, das sie, so ihre Nachricht vom 14 .10 .
19 51 (NPC), noch nicht in Händen hatte.
Briefe Nr. 22-26 263

Kastanien zum zweitenmal] Vgl. PCs »Dunkles Aug im Sep­


tember« (V. 7).
»Wort und Wahrheit« \ Mais [ ...] Hansen-Löve] Der in Öster­
reich geborene dänische Publizist hatte PCs »Wie sich die Zeit
verzweigt« und »So schlafe« als Redaktionsmitglied der Wiener
Monatszeitschrift publiziert (Oktober 1951, S. 740, BPC). PCs
handschriftlich unten ergänzte Bemerkung (>Schön in Klammern
veröffentlicht hat er sie, dieser liebe Hansen-Löve<) zielt auf den
ihnen eingeräumten Platz auf der ungünstigen linken Druckseite,
als Seitenfüller zwischen zwei sozio-politischen Artikeln. »So
schlafe« ist im NIB als Typoskript erhalten (Ds., HAN/ÖNB Ser.
n. 25.202 a, Bl. 5, = HKA 2-3.231 H 3).
»Das Lot«] Die Publikation der drei Gedichte »Wasser und
Feuer«, »Sie kämmt ihr Haar« und »Nachts, wenn das Pendel«
in der Berliner Zeitschrift war durch Claire Goll vermittelt wor­
den (erst im Juni 1952, S. 6ji., BPC).
Schwedische] »Kristall« sollte in der Kulturzeitschrift >Ord &
Bilds »Wer sein Herz« in >Vi< erscheinen (nicht nachgewiesen),
beide in der Übertragung des estnischen Dichters Ilmar Laaban,
den PC in Paris kennengelernt hatte.
die beiden Gedichte] »Unstetes Herz« und »Brandung« erhielt
Demus mit dem Brief vom 20 .9 .19 51 (auf der Vorder- und Rück­
seite eines Blattes, D 90.1.39-40).
Levalois [ ...] Ueberseereise] Vgl. Nr. 19.
Das Lichteste dieser Stunde!] Handschriftlich hinzugefügt.

26
DLA D 90.1.2826/10; masch., u. a. hs. korr. und mit anderer Ma­
schine ergänzter Brief; D 90.1.2826/9 (z. Beilage): masch. B rief
ÖZS, Kuvert fehlt.

eigenes Hörspiel] IBs erstes Hörspiel Ein Geschäft mit Träumen


wurde am 28. 2.1952 von Rot-Weiß-Rot gesendet.
von Eliot bis Anouilh] Rundfunkadaptionen von IB sind nicht
erhalten.
Zufall] Wohl eine Umstrukturierung im Sender Rot-Weiß-Rot,
der sich im selben Haus wie die ihn betreibende amerikanische
Besatzungsbehörde befand.
264 Stellenkommentar

fü r Klaus »Wasser und Feuer«] Demus schrieb PC am 1 1 . 1 1 .


19 51, daß er bei IB das Gedicht gesehen habe. IB hat das ihr ge­
sandte Blatt offensichtlich selbst an Demus weitergegeben (das
Nr. 25 durch die Nummer des ÖZS-Stempels zugeordnete Blatt
kam wohl aus dem Besitz von Demus ins DLA).
»denk, dass ich war.; was ich bin«] V. 23 von PCs »Wasser und
Feuer«.

26.1
Fraeulein Wagner] Es handelt sich wohl um die österreichische
Malerin Hedwig Wagner, die zu dieser Zeit noch an der Wiener
Akademie studierte; Demus hatte sie mit PCs Werk bekannt ge­
macht und zu ihm geschickt.
Deine Weihnachtsreise nach Wien] Vgl. Nr. 20-21.
Gruppe 47 \ Dor] Möglicherweise wurde im Oktober im Um ­
kreis der Herbsttagung dieser von Hans Werner Richter geführten
wichtigsten Schriftstellergruppierung der Nachkriegszeit über PC
gesprochen. Ein Brief von Dor, der an der Tagung selbst nicht
teilnahm, wurde nicht aufgefunden.
»Berufsausbildung«] Vgl. Nr. 21.

27
DLA D 90.1.2827/1: masch. Brief, ÖZS, Kuvert fehlt.

Hellers] Bei dem Österreicher Clemens Heller, Mitbegründer


der Maison des sciences de Phomme, und seiner Frau, der Ame­
rikanerin Mathilda Mortimer, die einen Salon führten, wohnte IB
während ihres ersten Paris-Aufenthalts (5, Rue Vaneau, Paris 6e),
als Anfang Dezember 1950 mit PC »die Ehe strindbergisch« wurde
(an Weigel 14 .11.19 5 0 , NHW).

28
HAN/ÖNB Mappe 2, Bl. 13 -14 : masch., u. a. hs. korr. Luftpostbrief
an: »[hs.] Mademoiselle Ingeborg Bachmann / Gottfried Keller­
gasse 13 / V ien n e III / A u t r ic h e «, Paris, 16 .2 .19 5 2 , von: »Paul
Celan / 3 1 , rue des Ecoles / Paris f-«, Wien, 2 1.2 .19 5 2 , ÖZS.
Briefe Nr. 26-29.1 265

erster Brief] Kein Entwurf aufgefunden.


unwiederbringlich [ ...] verloren] PC war wohl Anfang N o ­
vember 19 51 der aus dem wohlhabenden französischen Altadel
stammenden Graphikerin Gisèle de Lestrange begegnet, die Ende
1952 seine Frau wurde.
Spiel] In ihrem Brief vom 15 .12 .19 5 1 zeigte sie sich von den
durch Fried erhaltenen Gedichten PCs begeistert (NPC, vgl. Nr.
25) und fragte an, wie sie seine Arbeit unterstützen könne. PCs
Brief an sie scheint tatsächlich ohne schriftliche Antwort geblie­
ben zu sein.
Täntpis] >Na gut<.
Ich freue mich wirklich] Handschriftlich hinzugefügt.

DLA D 90.1.2827/2 und 282-7/3 (z. Beilage): masch., u.a. hs. korr.
Briefe, in Beilage hs. Ergänzungen, AZS, Kuvert fehlt.

nach Paris kommen [ ...] oder nicht?] Später, im November/


Dezember 1956 war IB länger in Paris, ohne PC zu benachrich­
tigen.
»niemals vergeben und niemals vergessen«] Ist ein Brief verlo­
ren?
seit ich aus Paris [ ...] gelebt habe] Vgl. Nr. 18.1.
Schoenwiese wird Deine Gedichte] Vgl. Nr. 21.

29.1
Art-Club] Die 1947 gegründete Vereinigung von Avantgarde-
Künstlern veranstaltete Ausstellungen und Lesungen u. a. in der
Wiener Sezession (vgl. Nr. 20). Demus berichtete PC: »Ich hatte im
Art-Club einen Lese-Abend, habe je dreiviertel Stunden Deine
und meine Gedichte vorgelesen. Es waren leider nur vierzig Leute
da. Deine Gedichte (die letzten ziemlich vollzählig, von den frü­
heren auch mehrere) konnte ich ganz gut lesen, hatte spürbaren
Kontakt« (5. 5.1952).
Deux Magots] Das von Intellektuellen frequentierte Café Les
Deux Magots auf der Place St.-Germain-des-Prés.
Deinem Balkon] Vgl. Abb. 6.
266 Stellenkommentar

Nietzsche-Gesamtausgabe [ ...] Lichtenberg] Beide Nietzsche-


Ausgaben PCs, die in der Wiener Akademischen Buchhandlung
und Antiquariat gekaufte Auswahl (Werke, hrsg. von August Mes­
ser, Leipzig 1930; in beiden Bänden Klebemarken der Buchhand­
lung) und der Briefwechsel mit Franz Overbeck, hrsg. von Richard
Oehler und Carl Albrecht Bernoulli (Leipzig 1916), enthalten Le­
sedaten aus dem August 1952. PCs Lektüre seiner Lichtenberg-
Ausgabe (Gesammelte Werke, hrsg. von Wilhelm Grenzmann,
Frankfurt a. M. 1949) ist erst für 1965 belegt.
Kosmostheater las Hans Thimig] Der als Kino gegründete Ver­
anstaltungsort wurde von der amerikanischen Besatzungsbehörde
u. a. zur Vorstellung unbekannter österreichischer Komponisten
und Schriftsteller an »Österreichischen Abenden« genutzt. Auf
PCs Nachfrage hatte Demus geantwortet: »Den Kosmos-Abend
(wir erfuhren erst durch Deinen Brief davon) soll Weigel zu­
sammengestellt haben. Welche drei Gedichte gelesen wurden,
konnte ich nicht erfragen; vielleicht kann Inge es herausbringen«
(12 .1.19 5 2 ). Der Schauspieler, der damals auch als Gastregisseur
am Theater arbeitete, war während des Krieges aufrecht gegen eine
nationalsozialistische Vereinnahmung eingetreten.


DLA D 90.1.2827/4: masch.y u. a. hs. korr. B rief Kuvert fehlt.

Deutschen Verlagsanstalt] PCs zukünftiger Verlag war an der


Finanzierung der Tagung beteiligt; eine Einladung ist nicht auf­
findbar.
Hamburg] Vgl. Nr. 32.1.
Dor] Dor kam von einem Treffen mit Richter in Deutschland
zurück, dem gegenüber er den Wunsch nach einer Einladung PCs
wiederholt hatte (vgl. Nr. 26.1).
Wolfe] IBs Übersetzung des Dramas Mannerhouse (1948) des
amerikanischen Dramatikers wurde am 4. 3.19 52 als Hörspiel un­
ter dem Titel Das Herrschaftshaus durch Rot-Weiß-Rot urgesen-
det. Zu PCs später Wolfe-Lektüre vgl. KG, S. 792, zu »Nach dem
Lichtverzicht«.
Hörspiel] Zu Ein Geschäft mit Träumen vgl. Nr. 26.
Briefe Nr. 29.1 -31 267

Kleeborn] Die Leiterin der Ausländsabteilung der Amandus-


Edition Wien, selbst Lyrikerin, setzte sich immer wieder für PC
ein. PC hatte sie im Frühjahr 1949 in Paris kennengelernt.
Prof. Fiechtner \ Deinen Gedichten] Der Studienrat, Kompo­
nist und Musikjournalist betreute den Kulturteil der katholischen
Wochen-Zeitung >Die österreichische Furche<. Dort waren am
17. 2.1952 IBs Gedichte »Ausfahrt« und »Abschied von England«
erschienen. Von PC erschienen dort schließlich keine Gedichte.
einige Benns] Es handelte sich nur um ein Gedicht (»Das U n­
aufhörliche«), das von mehreren sehr konventionellen Gedichten
anderer Autoren umrahmt wurde (9. 2.1952). IB und PC, die vom
Engagement des Dichters für die Nationalsozialisten (1933/34)
wußten, standen der von ihm postulierten Trennung von Kunst
und Leben kritisch gegenüber: IB wendet sich gegen die von ihm
kultivierte Beziehungslosigkeit (vgl. Interview vom 5.9.1965, Gul
62), PC gegen sein Konzept des artistischen Gedichts (TCA/M
Nr. 550).

3i
DLA D 90.1.2827/5: masch., u. a. hs. korr. B rief mit einer hs. Ergän­
zung, AZS, Kuvert fehlt.

krank wäre] Dazwischen fast unleserlich gestrichen: »gewe­


sen«.
Klaus bitten] Am 5 .5.19 52 hatte Demus einige Details zur A n­
reise nach Hamburg übermittelt und ergänzt: »Wenn etwas nicht
funktioniert hat, kann Inge es noch reparieren, aber Du müßtest
sofort schreiben«.
Aichinger] Die Schriftstellerin, eine der engsten Freundinnen
IBs und spätere Frau von Günter Eich, hatte die NS-Zeit als >Halb-
jüdin< in Wien überlebt. Ihr Roman Die größere Hoffnung er­
schien 1948, im selben Jahr wie PCs Der Sand aus den Urnen.
PC hatte sie bereits bei seinem Wien-Aufenthalt im Kreis von
Weigel kennengelernt (vgl. Nr. i/Anm.).
München] PC fuhr nicht mit dem in München abfahrenden
Sammelbus zur Tagung, sondern mit dem Zug aus Paris direkt
nach Hamburg.
268 Stellenkommentar

Zw illingen] Der Wiener Lyriker Frank Zwillinger lebte nach


seiner Kriegsteilnahme in der französischen Fremdenlegion in Pa­
ris. Dort hatte IB ihn und seine Frau Ann kennengelernt, vielleicht
gemeinsam mit PC (an Weigel, 14 .11.19 5 0 , NHW). Von PCs Be­
ziehung zu ihm und seiner Frau gibt es erst ab 1959 Spuren.
»Wort u. Wahrheit«] Die in Heft 7, Juli 1952, S. 498 und S. 506
abgedruckten Gedichte »Die Ewigkeit«, »Stille!« und »Zähle die
Mandeln« sind wieder als >Seitenfüller< plaziert.

32
DLA D 90.1.2827/6: masch., u.a. hs. korr. Brief; D 90.1.3160 (z.
Beilage): hs. Postkarte (gefaltet, ohne Poststempel) an: »Herrn /
Paul Celan / Paris f / 3 1, rue des Ecoles / Hôtel d ’Orléans /
France«, von: »H. W. Richter / Wien X II / Hertherg. 12 / hei Milo
Dor«, Kuvert fehlt.

Schnabel] Den deutschen Schriftsteller lernten IB und PC in


Hamburg und Niendorf als Intendanten des NWDR kennen; er
zeichnete für beider Rundfunklesungen in diesem Sender verant­
wortlich (Aufnahme von IB am 27.5.19 52, von PC am 21. und
25.5.1952). Für IB als Hörspielautorin war er ein wichtiger An-
sprechpartner; für PC organisierte er noch 1967 eine erste Fern-
sehlesung (Dezember 1967).
wieder Gedichte] N ur >Wort und Wahrheit< hatte schon G e­
dichte von PC publiziert (vgl. Nr. 25 und 31). Zum Projekt bei
Rot-Weiß-Rot vgl. Nr. 21.
»Todesfuge«] PC las u.a. (?) »Ein Lied in der Wüste«, »Schlaf
und Speise«, »Die Jahre von dir zu mir«, »Zähle die Mandeln« und
»In Ägypten«. An eine Lesung der »Todesfuge« erinnerte sich
Walter Jens als »Reinfall« (PC/GCL II-dt. 14/10).

3 2 .1
Hamburg] Sitz des mitveranstaltenden NWDR; die Tagung
fand in Niendorf an der Ostsee statt. Siehe das Foto von der Ta-
gung (Abb. 1).
Briefe Nr. 31-34 269

33
DLA D 90.1.2827/7: masch., u. a. hs. korr. B rief mit einer hs. Ergän­
zung, AZS, Kuvert fehlt.

Dr. Koch] Der Cheflektor der Deutschen Verlags-Anstalt hatte


in Niendorf Interesse an einem Lyrikband von PC gezeigt und die
Publikation von Mohn und Gedächtnis in die Wege geleitet.
Deine Absage] Die Lesung wurde am 17. oder 18. 7.19 52 nach­
geholt, als PC mit GCL auf dem Weg nach Österreich durch Stutt­
gart kam.
Dingeldey] Helmut Dingeldey, zu keiner Zeit Leiter der Deut­
schen Verlags-Anstalt, arbeitete für den ebenfalls in Stuttgart an­
sässigen Kröner Verlag.
Übersetzungen] Die Deutsche Verlags-Anstalt hatte PC eine
Übersetzung von Malraux5 Condition humaine angeboten.
Gedichtband \ das Manuskript] Mohn und Gedächtnis.
Frankfurter Hefte - der Verlag] PC berichtete GCL am 2 .6.
1952 davon, sich für einen der im Herbst vom Verlag geplanten
Gedichtbände zu bewerben. Die von Walter Dirks und Eugen
Kogon 1945 gegründete linkskatholische Zeitschrift mit gesell­
schaftspolitischen und literarischen Beiträgen brachte in der ersten
Hälfte der 1950er Jahre viele Gedichte von IB, zuerst »Früher
Mittag« (1952, Heft 12, S. 952).
Rowohlt] Nicht geklärt.
das Manuskript nicht abschicken] Entwurf zu Die gestundete
Zeit.
letzten Gedichte] Es gibt keine Hinweise darauf, daß PC neuer­
lich Gedichte geschickt hätte; zu den Plänen für Rot-Weiß-Rot
und die >Furche< vgl. Nr. 21 und 30.
Herzen bei Dir.] Schluß handschriftlich.

34
DLA D 90.1.2827/8: masch., u. a. hs. korr. B rief Kuvert fehlt.

nach Graz] PC hielt sich mit GCL in der zweiten Julihälfte in


Österreich auf und besuchte neben Demus und Maier auch Hölzer
in Graz.
2/0 Stellenkommentar

Einladung fü r Oktober] Hansen-Löve hatte PC am 29. 5.1952


zu einer Lesung im Institut für Gegenwartskunde eingeladen; sie
kam nicht zustande (NPC).
DVA] Mohn und Gedächtnis erschien in der Deutschen Ver­
lags-Anstalt; ihr lag zum Zeitpunkt des Briefs die Satzvorlage be­
reits vor (30.6 .1952), am 7. 8.1952 erhielt PC die Zusage.
Italien] IB fuhr am 8.9.1952 über Rom in das südlich von N ea­
pel gelegene Positano in Urlaub.
Kongress] Nicht geklärt.
etwas schicken] Gedicht-Manuskripte schickte IB nur zweimal
an PC (vgl. Nr. 39 und 98).

35
DLA D 90.1.2826/6: masch., u. a. hs. korr. B rief mit einer hs. Ergän­
zung (Datum), Kuvert fehlt.

die »Furche« und der Sender] Vgl. Nr. 30 und Nr. 21.
7j. August] Vom Archiv 1951 zugeordnet.
den alten] Zum Typoskript »Der Sand aus den Urnen« vgl.
Nr. 2 5/Anm.

36
DLA D 90.1.2827/9: hs. B rief Kuvert fehlt.

Positano] Vgl. Nr. 34/Anm.

37
BIB: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Mohn und Gedächt­
nis«, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1952.

»Mohn und Gedächtnis«] Lesespuren: S. 41/42 (Zyklustitel


»Gegenlicht«) bis S. 49/50 (»Kristall«) rechts oben Knicke wie
zur Markierung dieser Seiten. Einlage: aus einem größeren Blatt
herausgerissener Teil eines hs. Bahn-Fahrplans mit den Stationen
Karlsruhe, Mannheim und Frankfurt. Ein zweites Exemplar dieser
Ausgabe in der BIB weist keine Widmung auf; S. 46 Wischspur.
Zum Exemplar der zweiten Auflage vgl. Nr. 67.
Briefe Nr. 34-39

ein Krüglein Bläue] Vgl. »Marianne« (V. 9) aus dem Band.


März] Der Band erschien als Weihnachtsgabe für Freunde des
Verlags schon am 17 .12 .19 5 2 , der größte Teil der Auflage dann
Anfang J anuar 1953.

38
DLA D 90.1.2828: hs. Brief AZS, Kuvert fehlt.

Gedichte] Mohn und Gedächtnis.


von Paris] Nani und Klaus Demus (seit Dezember 1952 ver­
heiratet) besuchten PC und GCL im Frühjahr 1953 in Paris (vgl.
Abb. 6); bei diesem Treffen dürfte auch der Plan einer österreichi­
schen Gedicht-Anthologie entstanden sein.
von Wien weg] Der deutsche Komponist Hans Werner Henze,
den IB auf der Tagung der Gruppe 47 im Herbst 1952 (Burg Ber­
lepsch bei Göttingen) kennengelernt hatte, lud sie am 7. 7.1953
ein, nach Ischia in seine Nähe zu ziehen; IB war mit Henze zeit­
weise in einer Lebensgemeinschaft verbunden; sie schrieb für ihn
Libretti, er vertonte Gedichte von ihr. In Österreich lebte sie nie
wieder dauerhaft.
im Mai] Vgl. Nr. 29.1.

DLA D 90.1.3105/1: masch. B rief mit 4 u.a. hs. korr. Ds. (»Bot­
schaft«, »Sterne im März«, »Fall ab, Herz, vom Baum der Zeit«
und »Einem Feldherrn«, das 2. und 3. Gedicht mit Bleistiftfrage­
zeichen oben links, ev. von PC?); DLA D 90.1.3104 (z. Beilage): Ds.
»Grosse Landschaft bei Wien«, Kuvert fehlt.

Anthologie österreichischer Lyrik] Das Projekt wurde nicht ver­


wirklicht. 13 Autoren schickten zwischen Juli und September
1953 Gedichte: Hans Carl Artmann, Ingeborg Bachmann, Chri­
stine Busta, Klaus Demus, Jeannie Ebner, Herbert Eisenreich, M i­
chael Guttenbrunner, Ernst Kein, Andreas Okopenko, Wieland
Schmied, Helmut Stumfohl, Hanns Weissenborn und Herbert
Zand. »Große Landschaft bei Wien« gehört zu der von PC getrof­
fenen kleinen Auswahl (zusammen mit Gedichten von Artmann,
Busta, Demus, Schmied, Stumfohl und Zand).
Stellenkommentar

im September] Der Band erschien im Dezember 1953 (vgl.


Nr. 42).

40
DLA D 90.1 . 13 4 1: hs. Postkarte an: »Monsieur / Paul Celan / Tour-
nebride / GRAND-BOURG. / par Evry-Petit-Bourg / Seine-et-
Oise / FRANKREICH«, Wien, 2. 8.1953, von: [Nani Demus] »In ­
ge, N ani, Klaus« \ [anstelle des Absenders] »Ehemalige Hofstal­
lungen, Weinstube an der schwarzen, hohen Mauer.«, AZS.

Inges letzter Tag in Wien] IB reiste am 2. 8. über Klagenfurt


nach Ischia, wo sie am 8. 8.1953 eintraf.
Tout mon cœur à Gisèle] >Gisèle, von ganzem Herzen.<

41
DLA D 90.1.3105/2: masch., u.a. hs. korr. Luftpostbrief an:
»[masch.] M. Paul C e la n / Tourneb ride, G rand-Bomg / PAR
EVRY PETIT BOURG {Seme ci Oise) [von frem der Hand ersetzt
durch: 5 rue de Lota / Paris 16z] / FRANCIA«, Ischia, 2. 9 .19 53,
von: »Bachmann, San Francesco di Paola, Casa Elvira Castaldi, /
FORIO d’ISCHIA, Napoli, Italia«, Evry-Petit-Bourg, 7. 9 .1953.

San Francesco di Paola [ ...] FORIO d’ISCHIA (Napoli) \ »ver­


branntes Meer«] Vgl. Nr. 38/Anm. IB wohnte in einem Ortsteil
von Forio im nordwestlichen Teil der Insel, dort auch das »Mare
bruciato«.
Deine Anthologie] Vgl. Nr. 39.
andere deutsche Anthologie] In Deutsche Gedichte der Gegen­
wart: »Fall ab, Herz«, »Psalm« und »Beweis zu nichts« (hrsg. von
Georg Abt, Gütersloh: Bertelsmann 1954, S. 308-311).
nach Deutschland] Zur Herbsttagung der Gruppe 47 in Beben­
hausen bei Tübingen (22.-24.10.1953).
nach Paris] Vgl. Nr. 29/Anm.
Briefe Nr. 39-44 273

DLA BPC: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Die gestundete


Zeit. Gedichte«, Frankfurt a. M.: Studio frankfurt in der Frank­
furter Verlagsanstalt 1953.

»Die gestundete Zeit«] Lesespuren: S. 12 (»Paris«): Randan-


streichung an den in späteren Auflagen veränderten V. 9L (»Ent­
zweit ist das Licht, / und entzweit ist der Stein vor dem Tor«).
Ursprünglich plante IB wohl, eine Widmungskarte beizulegen,
vgl. die Einlage in IBs Exemplar von D er Sand aus den Urnen
(vgl. Nr. 2/Anm.): »Für Paul - / Getauscht, um getröstet zu sein /
Ingeborg / Im Dezember 1953«. Bei S. 28 lag ursprünglich ein
Zettel mit IBs Adresse: »Ingeborg Bachmann / Klagenfurt / Hen-
selstr. 26 / Österreich«; zu weiteren Beilagen vgl. Nr. 74 und 119
(BK III). Wohl diesem Exemplar lag ursprünglich eine Handschrift
von IBs »Im Gewitter der Rosen« auf einem Papierstreifen bei
(vgl. Nr. 53). Zum Exemplar der zweiten Auflage vgl. Nr. 68.
getauscht, um getröstet zu sein] V. 8 aus PCs »Aus Herzen und
Hirnen«. Im NIB ist eine Handschrift des Gedichts erhalten, auf
deren Rückseite sich Entwürfe von IB befinden (aus dem aufgege­
benen Roman Stadt ohne N am en?, HAN/ÖNB Mappe 1 1 , Bl. 1, =
HKA 2-3.2 247 H 2*).

43
DLA D 9 0 .1.136 1: hs. Ansichtskarte (Wien, Stephansdom) an: »[hs.
Winter] Monsieur / Paul Celan / Poste restante f Rue de Monte­
video / Paris i6 e / France«, Wien, 8 .1.19 5 5 .

Hanns Winter \ Gespräche] Woher der österreichische Über­


setzer PC kannte, ist nicht geklärt.

44
HAN/ÖNB Mappe 10, Bl. 9: hs. Gesprächsnotizen au f der Rückseite
des Programms fü r die 11. Tagung des Wuppertaler Bundes vom
11. 10 .19 5 y bis zum 13 .10 .19 5 7 : »Literaturkritik - kritisch be­
trachtet«.
¿74 Stellenkommentar

Wuppertal] Die gemeinsame Teilnahme an der Tagung des


1945/46 als »Gesellschaft für geistige Erneuerung« gegründeten
Wuppertaler Bundes nach vier Jahren ohne Kontakt dürfte nicht
abgesprochen gewesen sein. Am 13 .10 .19 5 7 beteiligten sich PC
und IB an einer Gesprächsrunde mit H. M. Enzensberger, P. H ü­
chel, W. Jens und H. Mayer (vgl. PN 176). Zu einer späteren Ta­
gung vgl. Nr. 135.1 und 142. Erhalten ist auch ein in IBs Hotel von
PC hinterlegter Umschlag mit der Aufschrift »Fräulein Ingeborg
Bachmann / Hotel Kaiserhof« (vermutlich von fremder Hand die
Zimmernummer »308«, HAN/ÖNB Mappe 1, Bl. 3), dessen Inhalt
nicht identifiziert werden konnte.
Düsseldorf] Der Grund der Reise ist nicht bekannt.

45
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 15: hs. Leseaufforderung (Vorder­
seite eines zu einer DIN-A4-Mappe gefalteten DIN-A3-Bogens);
Bl. 16: hs. Gedicht (= HKA 5.2 .1/1/32 5 H 3a); nicht publizierte Bei­
lagen: HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 17 (»Nacht«, Ts. mit einer hs.
a u f den »17. X. 57« datierten Korrektur; = HKA 5.2.211/325 H 3d),
Bl. 18 (»Stilleben mit B rief und Uhr«, Ts. mit hs. Korrektur, = HKA
5.2.96/325 H 3a), Bl. /9 (»Ich komm«, Ts., = HKA 5.2.194/325 H 4a)
und Bl. 20 (»Matiere de Bretagne«, Ts., = HKA 5.2.217/326 H la).

beigelegte Gedichte] Zu weiteren Dokumenten dazu vgl. Nr.


66/Anm.

46
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 14 und HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 5 (z.
Kuvert): hs. Gedicht (= HKA 5.2 227 und 326) an: »Fräulein Inge­
borg Bachmann / Pension Biederstein / M ü n ch en 23 / Bieder-
steinerstraße 2 1 a / Allemagne«, Paris, 18. 10.1957.

S c h u ttk a h n II] Zweite Fassung oder späte Variante des in


Sprachgitter gedruckten »Schuttkahn« (6 .10 .19 57, vgl. Nr. 66/
Anm.).
Briefe Nr. 44-48 275

47
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b, Bl. 8 und HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 6 (z.
Kuvert): hs. Gedicht ( - HKA 5.2 231/326 H 2) an: »Mademoiselle
Ingeborg Bachmann / Pension Biederstein / M ü n ch en / Bieder­
steinerStraße 2 1 a / Allemagne«, Paris, 20. 10.1957.

Köln, Am H of] Nach der Tagung in Wuppertal traf sich PC mit


IB am 14 .10 .19 5 7 in Köln, wo er in einem Hotel in der Straße Am
H of in der Nähe von Dom und Rheinufer untergebracht war. Die
Straße führt vom erzbischöflichen Palast (»Hof«) bis zum Rat­
hausplatz; das Gebiet war im Mittelalter den Juden zugewiesen.
Die Straßenbezeichnung wurde zwischen IB und PC zu einer Art
Codewort (vgl. Nr. 68 und Nr. 118). Weiteres Dokument für das
Gedicht im NIB: Ts., datiert »Paris, am 20. Oktober 1957.« (HAN/
ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 10, = H ia); vgl. auch Nr. 66/Anm.
Quai Bourbon] Vom Quai am Ufer der Ile Saint-Louis ist ein
Blick auf die Ile de la Cité mit Notre-Dame und auf das rechte
Seine-Ufer möglich.

HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 7: hs. Brief, Kuvert nicht identifiziert


(HAN/ÖNB Mappe 8, Bl. 2 oder 3?: Bl. 2 an »Mademoiselle Inge­
borg Bachmann / Pension Biederstein / M ü n ch en / Biederstei­
nerStraße 2 1 A / Allemagne«, au f der Rückseite von frem der Hand:
»Benjamino Joppolo / I Gobernanti«; Bl. 3 an »Mademoiselle In ­
geborg Bachmann / Pension Biederstem / M ü n ch en 23 / Bieder-
steinstr. 2 1 a / Allemagne«, Luftpost; Briefmarken jeweils abgeris­
sen).

Benjamino Joppolo] Ein Werk »I Gobernanti« des antifaschisti­


schen italienischen Schriftstellers und Dramaturgen Beniamino (!)
Joppolo konnte nicht identifiziert werden.
Briefen] Seit der Wiederaufnahme der Beziehung in Wuppertal
scheint PC nicht nur Gedichte geschickt zu haben. Vielleicht sind
Begleitbriefe für Gedichte verloren; zumindest ein Brief mit Post­
stempel vom 16 .10 .19 5 7 ist durch IBs Reaktion (vgl. Nr. 52) und
das Kuvert bekannt (HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 4).
2/6 Stellenkommentar

49
HAN/ÖNB Mappe j , Bl. 8-9: hs. Luftpostbrief an: »[masch.] Ma­
demoiselle Ingeborg B a ch m a n n / Pension Biederstein / M Ü N ­
C H E N / Biedersteinerstraße / 2 1 A / ALLEMAGNE«, Paris, 25.10 .
1957 ’

2 5 .X .5 7 ] Vielleicht enthielt der Brief PCs »In die Ferne« als


Beilage (Ts. und Hs., HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 c, Bl. 10 und 11 ,
HKA 5.2,233 und 326, H 3 und H 4).
»Il est [ ...] ressentent.«] >Großen Herzen ist es unwürdig, die
Verwirrung zu verbreiten, die sie fühlen.< Die Quelle für das Zitat
konnte nicht identifiziert werden. Es handelt sich um einen Aus­
zug aus »Lucie, nouvelle épistolaire« von Clotilde de Vaux, ver­
öffentlicht in »Complément de la Dédicace« für das Werk Systeme
de politique positive ihres Freundes Auguste Comte (Œuvres, Pa­
ris 1969, Bd. 7, S. XXVIII).
» ...D u weißt, wohin er wies«] Zitiert PC einen verlorenen
Brief?
gesprochen/ PC bezieht sich wohl auf einen verlorenen Brief
oder ein Telefongespräch, in dem er von einem offenen Gespräch
mit GCL berichtet hatte (vgl. Nr. 52).


HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 7 und HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 10 (z.
Kuvert): masch. Gedicht (= HKA 5.2 238/326 H 4a) an: »Mademoi­
selle Ingeborg B a ch m a n n / Pension Biederstein / M Ü N C H E N /
Biedersteinerstr. 2 1 A / ALLEMAGNE«, Paris, 2 7 .10 .19 5 7 (Luft­
posttarif).

In Mundhöhe] Vgl. Nr. 66/Anm.

DLA D 90.1.2829/1: Telegramm an Paul Celan, 29 bis rue de Mon­


tevideo Paris 16 e, München 2 8 .10 .19 5 7 , 1 1 38 und Paris, 28.10.
1957, 12 40.
Briefe Nr. 49-52 277

DLA D 90.1.2829/2: hs. Luftpostbrief an: »[masch.] M. Paul Celan /


29 bis Rue de Montevideo / P a ris 16 e / France«, München, 29. 10.
1957-

vor zehn Tagen] Wahrscheinlich im Kuvert mit Poststempel


vom 16 .10 .19 5 7 (vgl. Nr. 48/Anm.).
Nous deux encore] Gedicht von H. Michaux, vgl. die Übertra­
gung von PC Noch immer und wieder; wir beiden (Reinschrift
17 .12 .19 5 7 ). Das 1948 in Paris erschienene Buch hatte er im A u­
gust 1957 erworben. Ein Exemplar dieser Ausgabe besaß auch IB
(BIB), die den Band, wie PC Mai i960 notierte, in ihrer Bibliothek
sichtbar aufstellte (NkPC).
Deiner Frau] Gisèle Celan-Lestrange.
Euer Kind] Claude François Eric.
»Ins Leben«] Vgl. Nr. 49.
die Geträumten] Vgl. V. 2 von »Köln am Hof« (Nr. 47).
Dienstag] 29.10.1957.
Prinzessin] IB hatte Marguerite Caetani, Prinzessin von Bassia-
no, Herausgeberin der von ihr 1948 in Rom gegründeten interna­
tionalen Literaturzeitschrift >Botteghe Oscure. An International
Review of N ew Literature< Anfang 1954 in Rom kennengelernt.
Ein Gedicht von PC erschien bereits 1956 in Heft XVII (y»Vor einer
Kerze«, S. 3 58f.), Gedichte von IB erschienen zuerst 1954 in Heft
XIV (»Lieder von einer Insel«, »Nebelland«, S. 215-219), weitere
1957 in Heft XIX (»Hôtel de la Paix«, »Nach dieser Sintflut«,
»Liebe: Dunkler Erdteil«, »Exil«, »Mirjam«, S. 445-449). Zu Heft
XXI vgl. Nr. 58/Anm.
Donaueschingen \ alles sagen zu müssen] IB nahm am 20.10.
1957 bei den Donaueschinger Musiktagen an der Uraufführung
von Henzes Nachtstücke und Arien mit ihren Texten »Aria I« und
»Aria II« teil. IB erzählte dem Komponisten auch später nie von
ihrer Beziehung zu PC.
»Lieder au f der Flucht«] Ein Gedicht (XII) aus dem Schlußzy­
klus von Anrufung des Großen Bären spielt in Form und Inhalt auf
PCs im Oktober 1950 entstandenes »Ins Nebelhorn« an.
2/8 Stellenkommentar

53
HAN/ÖNB Mappe 3, B l 1 1 - 1 4 (1. Brief), Mappe 3, B l 3 (z. Fort­
setzung au f einem Kuvert ab »1. X. [statt X L ] 57«) und Mappe 3,
B l 15 (Kuvert): hs. Briefteile an: »Mademoiselle Ingeborg Bach­
mann / Pension Biederstem / M ü n ch en / Biedersteinerstraße
2 1 A / Allemagne«, Paris, 2 .1 1 .1 9 5 7 (Luftposttarif).

26ten] Während eines Deutschland-Aufenthalts (erst 3 .- 11.12 .


1957) war PC vom 7. bis zum 9. in München (NkPC).
>In Ägyptern] Vgl. Nr. 1.
Hamburg] Nach der Tagung in Niendorf (vgl. Nr. 32).
Tübingen [ ...] Düsseldorf] Zu PCs Tübinger Lesung vgl. Nr. 56;
am 5.5.1958 las er in Düsseldorf auf Einladung der dortigen
Volkshochschule.
Frankfurter Zeitung \ das Gedicht] Heute bei einem späteren
Brief (Nr. 98) abgelegt ist ein Zeitungsausriß aus der FAZ mit IBs
»Aria I« und »Aria II«, denen ein kurzer Hinweis auf die Urauf­
führung von Henzes Nachtstücke und Arien bei den Donau-
eschinger Musiktagen 1957 vorangestellt ist (3 1.10 .19 5 7 ). Beide
Gedichte sind dort vertont, »Aria I« ist die dafür um eine Strophe
erweiterte Fassung von »Im Gewitter der Rosen«, das wohl Nr. 42
beilag. Vgl. die später gesandte Fassung (Nr. 98).
>Köln, Am H o f] Vgl. Nr. 47.
Hollerer [ ...] Akzente] PC übergab das Gedicht dem Schrift­
steller und Literaturwissenschaftler, den er und IB 1952 in Nien­
dorf kennengelernt hatten, am 21. 10. 1957 für die von diesem
mitherausgegebene Zweimonatsschrift (NkPC, vgl. Nr. 72).
>Geträumten<] V. 2 von »Köln, Am Hof«, vgl. Nr. 47.

54
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 8 und Mappe 8, Bl. 1 (z. Kuvert): hs.
Gedicht (= HKA 5.2, 253/327 H 3) an: »Mademoiselle Ingeborg
Bachmann / Pension Biederstein / M ü n ch en / Biedersteinerstra­
ße 2 1 A / Allemagne«, Paris, 3. [ 1 1 .] i9[57]·

Allerseelen] Der Titel ersetzt den gestrichenen Titel »Bericht«.


Ein weiteres Dokument für das Gedicht im NIB: Ts., dat. »Paris,
Briefe Nr. 53-55 279

am 2. November 1957.« (HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 9, = HKA


H 2a); vgl. auch Nr. 66/Anm.

55
HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 16 -ij: hs. Luftpostbrief an: »Mademoi­
selle Ingeborg Bachmann / Pension Biederstein / M ü n ch en /
BiedersteinerStraße 21 A / Allemagne«, Paris, 6 .11.19 5 / (vgl.
Abb. 13).

M arvell] Einer der Hauptvertreter der englischen Metaphysi­


cal Pöetry. PC zitiert die beiden Schlußstrophen aus der am Vortag
erworbenen Anthologie Metaphysical Lyrics & Poems o f The Se­
venteenth Century: Donne to Butler (Selected and edited with an
Essay by Herbert J. C. Grierson, London 1956, S. 78, das Gedicht
beginnt S. 77; BPC). Der Band enthält S. 74 Übersetzungsversuche
zu Donnes Gedicht »To His C oy Mistress«; ein Zeitungsausriß
mit dem Artikel von E. E. Duncan-Jones, »The Date of Marvell’s
>To his C oy Mistress<« (>The Times Literary-Supplement<) ist bei-
gelegt.
Dezemberwoche] Korrigiert aus: »Januarwoche«.
kleine Übersetzung] PCs Übersetzung Notizen zur Malerei der
Gegenwart, ein kurzer Essay des abstrakten französischen Malers
Jean Bazaine (Paris 1953), erschien erst 1959 (Frankfurt a. M.:
S. Fischer Verlag).
Gisèle [ ...] tapfer] Zur Reise vgl. Nr. 53. Von GCLs >Tapferkeit<
zeugen ihre Tagebucheintragungen vom Januar 1958 (PC/GCL II
92/3; vgl. Nr. 216).
drei Bücher] Das dritte Buchgeschenk konnte nicht identifi­
ziert werden.
Buber] Geschichten des Rabbi Nachman. Ihm nacherzählt von
Martin Buber (Frankfurt a. M. 6i922, BIB, auch in BPC). PC war
ein passionierter Leser des Philosophen und Erzählers, ließ ihm
schon 1954 Mohn und Gedächtnis schicken und traf ihn persönlich
am 14.9. i960.
englische Anthologie] The Oxford Book o f English Verse 1250-
1918 (hrsg. von Sir Arthur Quiller-Couch, Oxford 1939, mit Er­
werbsdatum von fremder Hand »London Feb 1951«; BIB). PC
280 Stellenkommentar

besaß kein eigenes Exemplar; er hatte den Band von seinem


Freund, dem Englischlehrer Guy Flandre, einige Zeit ausgeliehen
(Lesespuren von PC).
Anthologie [ ...] in Wuppertal] Die von Plans Hennecke heraus­
gegebene Anthologie Gedichte von Shakespeare bis Ezra Pound,
in die PC auch Übersetzungsentwürfe für das im folgenden ge­
nannte Gedicht notiert hat (Wiesbaden 1955, S. 82, BPC), hatte er
vielleicht schon 1955 bei seinem ersten Aufenthalt in Wuppertal
bekommen.
To His Coy Mistress [ ...] Donne] PC schenkte IB später eine
Reinschrift seiner Übertragung »An seine stumme Geliebte«
(5 .1.19 5 8 , HAN/ÖNB 25.202 c, Bl. ir/v-2) sowie hs. Überset­
zungsentwürfe (17 .10 . - 30 .10.19 57; 25.202 c, Bl. 3-8). Erst Ende
1968 übersetzte PC John Donnes »The Curse« (»Der Fluch«).

56
HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 18: hs. Brief; HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b,
Bl. 6-y (nicht publizierte Beilagen): Ts., jew. mit dem Vermerk
»Übertragen von Paul Celan«; Kuvert nicht identifiziert (vgl.
Nr. 48).

zwei Übersetzungen [ ...] Anthologie] Die beigelegten Übertra­


gungen erschienen in der Anthologie der französischen Dichtung
von N erval bis zur Gegenwart (hrsg. von Flora Klee-Pälyi, Wies­
baden 1958, S. 17 und 277), dort auch PCs Übertragungen »Epi­
taph« und »>Das letzte Gedicht<« von Robert Desnos (S. 318-321).
Die ungarisch-jüdische Graphikerin und Übersetzerin Flora Klee-
Pälyi, Überlebende von Theresienstadt, lebte seit 1927 in Wupper­
tal. Bei der Tagung des Bundes im Oktober 1957 (vgl. Nr. 44) war
PC bei ihr (Boltenbergstraße 10) untergebracht. Sie widmete sich
vor allem der Vermittlung französischer und deutscher moderner
Dichtung. PC war mit ihr diesbezüglich seit 1949 in Kontakt.
Ihr Uhren tief in uns] Schlußvers von »Köln, Am Hof« (vgl.
Nr. 47).
Tübingen] Für die Buchhandlung Osiander las PC in der Alten
Aula der Universität.
Briefe Nr. 55-58

57
DLA D 90.1.2829/3: hs. B rief an: »[masch.] M. Paul Celan /2 9 bis,
Rue de Montevideo / P a ris j 6 e_ / France«, München, 8. 11. 1957.

Diese Woche ist zu arg] Ihre ökonomisch unhaltbar gewordene


Situation als freie Autorin zwang IB im September 1957 dazu, eine
feste Anstellung als Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen in
München, einer Abteilung des Bayerischen Rundfunks, anzuneh­
men, die sie als »Zwangsarbeit« (an Hermann Kesten, 3.9 .1957,
Literaturarchiv Monacensia München) empfand. Aktuell hinzu
kam der Termindruck für die Fertigstellung von D er gute Gott
von Manhattan.
Pension] Pension Biederstein, Biedersteiner Str. 21a. Der für
den 1.12 .19 5 7 geplante Umzug in die Wohnung in der Franz-
Joseph-Str. 9a, ebenfalls in Schwabing, verzögerte sich bis zum
1 6 .12.19 57.

58
HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 19-20 und Mappe 3, Bl. 1 (z. Kuvert): hs.
Luftpostbrief an: »Mademoiselle Ingeborg Bachmann / M ü n ch en
13 / Franz Joscphstr. 9 A / Allemagne / [von frem der Hand: z. Zt.
Fremdenheim / Biederstem / Biedersteinerstr. / 2 1. A.]«; Paris, [xx.
xx.] 195-7 (vgl. Abb. 15).

78 rue de Longchamp, Paris i6 e] Erste Eigentumswohnung von


PC und GCL.
ersten Besuch] Datum nicht bekannt (entgegen PC/B.O., S. 14).
deutschen Beiträgen [ ...] Texte treffen \ Dunkel und Verbor­
genheit] Der deutschsprachige Teil von Heft XXI (1958, BPC: ei­
nige Druckfehlerkorrekturen) wurde, ohne daß dies dort vermerkt
ist, tatsächlich von IB und PC verantwortet (mit Ausnahme der
»Fragmente« von Rezzori, S. 379ff., die Moras beisteuerte, PC aber
ebenfalls lektorierte). Weitere sechs Autoren und ein Übersetzer
sind versammelt: Georg Heym mit dem Gedicht »Der Tod des
Schauspielers« (S. 370), N elly Sachs mit acht Gedichten (»Siehe
Daniel«, »Schon schmeckt die Zunge Sand im Brot«, »Und du
riefst und riefst«, »Das Kind«, »Kein Wort birgt den magischen
282 Stellenkommentar

Kuss«, »Staubkörner rede ich«, »Röchelnde Umwege«, »Ach dass


man so wenig begreift«; S. 3 71 ff.), Arthur Rimbaud mit »Das trun­
kene Schiff«, Deutsch von Paul Celan (S. 375ff., vgl. Nr. 99), Wal­
ter Hollerer mit sechs Gedichten (»Vogel Roc«, »Bein und Eisen«,
»Eiben«, »Für eine flüchtige Freundin«, »Antlitz, geflochten«,
»Gläsern«, S. 4o8ff.), Günter Grass mit »Der Kuckuck« (2. Akt
von Onkel, Onkel; S. 4 13ff.) und Hans Magnus Enzensberger mit
sechs Gedichten (»Gespräch der Substanzen«, »Die großen Erfin­
dungen«, »Memorandum«, »Plädoyer für einen Mörder«, »Das
Ende der Eulen«, Trennung«; S. 425ff.). Der Titel der Zeitschrift
(wörtlich >dunkle Geschäfte< im konkreten wie übertragenen Sinn)
nimmt die römische Redaktionsadresse auf, den Palazzo Caetani
in der Via Botteghe Oscure 32.

DLA D 90.1.2829/4: hs. Luftpostbrief an: »M. Paul Celan / 29 bis,


Rue de Montevideo / PARIS i6 e / FRANCE«, München, 1 5 .1 1 .
1957·

»Montevideo«] Rue de Montevideo, PCs Adresse in Paris bis


Ende November 1957.
herrlichen Bücher] Vgl. Nr. 55.
Tübingen] Vgl. Nr. 56.
»Zikaden«] IB beendete Die Zikaden bereits im Winter 1954/
55 in Neapel (Ursendung: 5. 3.1955, NWDR). BBC 3 brachte am
30. 7. und 1.8 .19 5 7 eine englische Fassung.
Klaus zu B.O.] In Heft XIX (1957) waren Demus’ Gedichte
»Meerstern«, »Vorüber zieht im Himmel« und »Gipfelkalmen«
erschienen (S. 455-459).

60
HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 2 1-2 2 : hs. Luftpostbrief an: »Mademoisel­
le Ingeborg Bachmann / Pension Biederstein / M ü n ch en / Bie-
dersteinerstraße 2 1 A / Allemagne«, Paris, 16 .11.19 5 7 .

Enzensberger] PC begründete die Bitte mit dem Hinweis, der


damals in Norwegen lebende deutsche Dichter könne die Zeit-
Briefe Nr. 58-64 283

schrift durch Rundfunksendungen in Deutschland bekannt ma­


chen (18 .10 .19 5 7 , NPC). PC hatte im April 1955 in Paris seine
Bekanntschaft gemacht; die freundschaftliche Beziehung zwi­
schen ihm und IB intensivierte sich erst Ende der 1950er Jahre.
Jens] PC und IB hatten den Tübinger Schriftsteller und Philo­
logen 1952 in Niendorf (vgl. Nr. 32.1) kennengelernt und in Wup­
pertal wiedergesehen.

61
DLA D 90.1.2829/5: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, rue de
Longchamp / PARIS i6 e / FRANCE«, München, 18 .11 .19 5 7 .

nach Tübingen] Nach PCs Lesung (vgl. Nr. 56).


Samstag] 1 6 .1 1 . 1 9 57.
Wiener Stadtpark] Vgl. Nr. 4.

62
DLA D 90.1.2829/6: hs. Eilbrief an: »M. Paul Celan / 78, rue de
Longchamp / PARIS i6 e / FRANCE«, München, 2 2 .1 1 .1 9 5 7 und
Paris, 2 3 .11.19 5 7 .

Vor sieben Jahren] PCs 30. Geburtstag am 23. 11. 1950 feierten
sie, kurz bevor IB Paris verließ.
dorthin] Die Wiederaufnahme der Liebesbeziehung zwischen
IB und PC im September 1957 bedeutete für dessen Ehe mit GCL
eine große Belastung; aus diesem Grund wollte IB kein Geburts­
tagsgeschenk in die Rue de Longchamp schicken.

63
HAN/ÖNB Mappe 3, Bl. 23-24: hs. B rief an: »Mademoiselle Inge-
borg Bachmann / Pension Biederstem / M ü n ch en / Biederstei-
nerstraße 2 1 A / Allemagne«, Briefmarke abgerissen.

64
DLA D 90.1.2829/7: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / P A R IS i6 h/ FRANCE«, München, 4 .12 .19 5 7 .
284 Stellenkommentar

Tübingen] Vgl. Nr. 56.


Franz Joseph Straße 9a] Vgl. Nr. 57/Anm.

HAN/ÖNB Mappe 1, B l 1 1 und Mappe 3, B l 25 (z. Kuvert): hs.


Eilbrief an: »Fräulein / Ingeborg Bachmann / M ü n ch en / Franz-
Joseph Str. 9 a [von frem der H and ersetzt durch: Pension Bieder­
stein / Biedersteiners Str. 2 1 a]«, Stuttgart, 5 .12 .19 5 7 ; »/Rückseite,
von frem der Hand] Empf. Bachmann Franz-Josephstr. 9a / noch
nicht eingezogen zur Zeit / Pension Biederstein«, München, 5 .12 .
1957-

Stuttgart] PC war zu Gast bei seinen Freunden Hanne und


Hermann Lenz (Birkenwaldstraße 203).

66
HAN/ÖNB Ser. n. 25.170 N 8000: hs. Widmung a u f einem Doppel­
blatt als Umschlag zu N 8001-8030 mit Ts. von »Zuversicht« (HKA
5.2,90 H 2e), »Stilleben mit B rief und Uhr« (96 H 2a), »Unter ein
Bild von Vincent van Gogh« (108 H 2m), »Heim kehr« (112 H 2a),
»Heute und morgen« (127 H 2a), »Schliere« (139 H 2c), »Unten«
(119 H 3a), »Stimmen« (67 H 9a), »Sprachgitter« (188 H lc), »Tene­
brae« (149 H 2e), »Blume« (156 H 3a), »Weiss und Leicht« (17 1 H 2a),
»Schneebett« (auch Ds., 194 H 2a/=c), »Matiere de Bretagne« (217
H 2a), »Windgerecht« (201 H lc), »Nacht« (auch Ds., 2 12 H la/=c),
»Schuttkahn« (225 H 1?), »Köln, Am Hof« (231 H 1^), »In die Ferne«
(auch Ds., 233 H 2a/=c), »In Mundhöhe« (auch Ds., 238 H 3a/=c) und
»Allerseelen« (auch Ds., 253 H le/f), denen eine au f den 2 .12 .19 5 7
datierte Liste dieser Titel (46f) vorangestellt ist; das Konvolut
wurde wohl in München übergeben.

¿7
DLA 9 5.12 .1: hs. Widmungen (jew. oben links) S. 8, 24, 27, 28, 29,
3 °, 33 , 43, 44>4 $, 49, 5 °, 55, 5 &, 57, 5 $> 59, ¿8, 7*, 73, 74, [76] sowie
70 in »Mohn und Gedächtnis«, Stuttgart: Deutsche Verlags-An­
stalt 21954.
Briefe Nr. 64-69 285

»Mohn und Gedächtnis«] Der Band kam durch Christine Ko-


schel ins DLA. Zum Exemplar der Erstausgabe vgl. Nr. 37.
f. D. \ u .f D .] (und) für Dich.

68
DLA BPC: hs. Widmung au f der Rückseite des Vorsatzblattes von
»Die gestundete Zeit. Gedichte«, München: R. Piper & Co. Verlag
21957; das Buch wurde wohl in München übergeben.

Lesespuren: S. 9 (»Abschied von England«) unten Auslassungs­


zeichen (der Schlußvers der Erstausgabe, »Alles bleibt unbesagt«,
fehlt); S. 12 (»Paris«) Randanstreichung an V. 9L, Unterstreichung
in V. 14 (»fliehende«); S. [32] (leer) Notiz von PC mit Auslassungs­
zeichen: »Beweis zu nichts« (das Gedicht aus der Erstausgabe
fehlt); S. 37 (2. Teil von »Psalm«) Ausrufezeichen und doppelte
Randanstreichung an der 1. Strophe, die nur in dieser Auflage ge­
genüber der Erstauflage verändert ist (»Da alles eitel ist: - / vertrau
dir nicht mehr / und übernimm kein Amt. / Verstelle dich nicht
mehr, / um der Bloßstellung zu entgehen«). Einlage: S. 30/31 Zei­
tungsausschnitt mit elf, von der Buchausgabe (vgl. Nr. 188) z.T.
abweichenden Übertragungen IBs von Gedichten Giuseppe Un-
garettis: »Universum«, »Sich gleich«, »Eine andere Nacht«, »Ein­
samkeit«, »Trennung«, »San Martino del Carso«, »Zerknirscht«,
»Brüder«, »Wache«, »In Memoriam«, »Schlafen« (NZZ, 3.12 .
1961). Zum Exemplar der Erstausgabe vgl. Nr. 42.
München, Am H of] Vgl. PCs »Köln, Am Hof« (Nr. 47).

69
HAN/ÖNB Mappe 1, B l 8-10: hs. B rief Kuvert fehlt.

Frankfurt, Montag nacht] PC traf am 9 .12 .19 5 7 aus München


kommend in Frankfurt ein, wo er bis zum 1 1 .12 .1 9 5 7 mit Vertre­
tern der Verlage S. Fischer und Insel bzw. Suhrkamp sprach (NkPC),
u. a. in Zusammenhang mit der Publikation von Übertragungen
von Chars »Hypnos« in der Zeitschrift >Die Neue Rundschau<.
Deine Gedichte] Wohl das neue Exemplar von Die gestundete
Zeit.
286 Stellenkommentar

>Akzente<] IBs vier Gedichte »Nach dieser Sintflut«, »Hotel de


la Paix«, »Exil«, »Liebe: Dunkler Erdteil« waren gerade in Heft 6
erschienen (S. 491-495), das auch Beiträge von Hilde Domin, Gert
Kalow, Heinz Piontek und Wolfdietrich Schnurre enthält. IB wie
PC hatten seit dem ersten Jahrgang (1954) in der von Walter H o l­
lerer und Hans Bender gegründeten Zeitschrift für Dichtung<
publiziert.
Gedichtbände] Mohn und Gedächtnis und Von Schwelle zu
Schwelle.
Hindorf] Es konnten keine Publikationen von ihr nachgewie­
sen werden. In ihrem einzigen Brief an PC bedankt sie sich für
Neujahrs grüße, drückt ihre Bewunderung für seine Gedichte aus
und fährt fort: »Und jetzt erst weiss ich, dass ich Ingeborg Bach­
mann nicht nur liebe, sondern auch ihr Wesen zu erfassen ver­
mochte. Dies waren grosse Geschenke, die mich meine Einsamkeit
vergessen Hessen und meine Seele mit einem frohen Klang erfüll­
ten« (Köln, 26 .12.19 57 , NPC).
Kaschnitz] PC hatte die deutsche Schriftstellerin Marie Luise
Kaschnitz 1948 bei Paris kennengelernt; sie veranlaßte 1949 die
erste Publikation von Gedichten PCs in Deutschland und wurde
deshalb später von PC gebeten, die Laudatio bei der Büchnerpreis-
Verleihung zu halten. IB verband mit ihr seit ihrem ersten Rom-
Aufenthalt eine beständige Freundschaft; in ihrer Poetikvorlesung
»Uber Gedichte« bezog sich IB auf Kaschnitz5 Antikriegsgedicht
»Bräutigam Froschkönig« (IBW 4,206-208).
Schwerin] Der Sohn des am Attentat vom 20. Juli 1944 betei­
ligten Offiziers Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin war damals
Redakteur beim S. Fischer Verlag. PC lernte ihn im Sommer 1954
im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung von Chars Gedich­
ten kennen. Bei den in seiner Wohnung in der Frankfurter Rai-
mundstr. 21 gesehenen Bänden handelt es sich sicher um IBs Die
gestundete Zeit und Anrufung des Großen Bären sowie PCs Mohn
und Gedächtnis und Von Schwelle zu Schwelle.

70
DLA D 90.1.2829/8: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, München, 12 .12 .19 5 7 ,
vgl. Abb. 14.
Briefe Nr. 69-72 287

Leuchter] Vgl. V. 9 von PCs »Ein Tag und noch einer« (Nr. 73).
dieser Frau] Margot Hindorf.
Piper] IBs Verlag in München seit Anrufung des Großen Bären
(1956).
Blaues Haus] IB wohnte einige Tage in dem traditionsreichen
Hotel (Hildegardstr. 1), weil sie aus unbekannten Gründen zum
vereinbarten Zeitpunkt nicht in die neue Wohnung in der Franz-
Joseph-Straße einziehen konnte (vgl. Nr. 57/Anm.).

71
HAN/ÖNB Mappe 3, B l 26: Telegramm an Ingehorg Bachmann,
Franzjosephstr 9a Muenchen, Paris 12 .12 .19 5 7 , 12 49 und Mün­
chen, 12 .12 .19 5 7 .

Moras] Der Publizist und Übersetzer, Mitbegründer und -her-


ausgeber der Zeitschrift >Merkur<, war seit 1954 auch Redaktions­
mitglied des in PCs Verlag erscheinenden, vom Bundesverband der
Deutschen Industrie veröffentlichten Jahrbuchs >Jahresring<. PC
selbst schickte ihm kurz vor Weihnachten 1957 »Stimmen« für
den Jahresring (Bd. 58/59, S. i98f., dort auch IBs D er gute Gott
von Manhattan«, S. 96-138). PC und IB hatten Moras gemeinsam
in München getroffen (NPC).

72
HAN/ÖNB Mappe i y B l 6-7, Mappe 1, B l 4-5 (z. Fortsetzung, ab
»Ingeborg, Ingeborg«) und Mappe 3, B l 27 (z. Kuvert): 2 hs. Brief­
teile an: »Fräulein / Ingeborg Bachmann / M ü n ch en / Franz-
Joseph Str. %a/ Allemagne«} Paris, 12 .12 .19 5 7 .

Rosen [ ...] sieben] Vgl. die 2. Strophe von PCs »Kristall«.


Bremen] Von der Zuerkennung des Bremer Literaturpreises
hatte PC sicher telefonisch berichtet. PC blieb nur drei Tage in
München bei IB (28.-30.1.1958, NkPC).
Akzenten] Die am 12 .12 .19 5 7 an Hollerer gesandten Gedichte
»Schneebett«, »Windgerecht«, »Matière de Bretagne«, »Nacht«,
»Allerseelen« und »In Mundhöhe« sowie »Köln, Am Hof« (vgl.
Nr. 53) erschienen im Februarheft 1958 (Heft 1, S. 18-24, BPC).
288 Stellenkommentar

Huchel] PC hatte dem deutschen Dichter bei der Tagung in


Wuppertal (Nr. 44) die Gedichte »Schneebett«, »Windgerecht«,
»Matière de Bretagne« und »Nacht« für seine Ostberliner Zeit­
schrift >Sinn und Form< übergeben. Weil PC durch Dritte erfuhr,
daß das Erscheinungsdatum noch nicht feststand, informierte er
ihn am 12. 12. 1957 über seine Entscheidung für die >Akzente<.
Hennecke] PC traf den deutschen Publizisten und Übersetzer
am 10 .12 .19 5 7 (NkPC).
versprochenen Hefte] Vgl. Nr. 60.
Sachs] Die in Berlin geborene jüdische Dichterin lebte seit 1940
in Stockholm; die Beteiligung an >Botteghe Oscure< war für PC der
Anlaß, an einen Briefkontakt von 1954 anzuknüpfen.

75
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b, Bl. 4: hs. Gedicht (= HKA 5.2 235/326
H 5), Kuvert fehlt.

Ein Tag und noch einer/ Vgl. »für einen Tag, für einen zweiten«
in Nr. 63. Weitere Dokumente für das Gedicht im NIB: ein »Paris,
am 13. Dezember 1957.« datiertes Ts. (HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b,
Bl. 5, = HKA H 4a) und ein undatiertes Ts. (HAN/ÖNB Ser. n. 25.202
b, Bl. 11 , = HKA H 2).

74
DLA D 90.1.2829/9: hs. B rief an: »M. Paul Celan / j8 , Rue de
Longchamp / P A R IS i6 ème / FRANCE«, München, [i]y. 12.
195 [7], von: » [...] Klagenfurt, Henselstr. 26, Österreich«.

als ich einzog] In die Wohnung in der Franz-Joseph-Str. 9a.


das G eld] Dem Widmungsexemplar von Die gestundete Zeit
lag S. 46 ursprünglich die Quittung einer Postanweisung über
400 DM bei, abgesandt am 1 1 .1 2 .1 9 5 7 aus Frankfurt (vgl. Nr.
42/Anm. BK III).
das Gedicht] »Ein Tag und noch einer«.
B.O.] >Botteghe Oscure<.
Briefe Nr. 72-77 289

7;
BIB: hs. Widmung (S. 5) in Sonderdruck mit Celans Übertragungen
von drei Gedichten Guillaume Apollinaires (»Salome«, »Schinder­
hannes«, »Der Abschied«), aus: >Die Neue Rundschau<, Jg. 1954,
Heft 2, S. 1-5 [Paginierung im H eft S. 3 16 -32 1], Kuvert fehlt.

76
DLA D 90.1.2829/10: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8, rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, München, 2 8 .12 .19 5 7 .

Die Bücher] Als Geschenk bekannt ist nur der IB gewidmete


Sonderdruck von Apollinaire-Gedichten.
einer Arbeit wegen] Wohl im Rahmen der Tätigkeit beim Baye­
rischen Fernsehen.
Wien] Die Einladung zur Lesung am 1 1 .1.19 5 8 im Kleinen
Theater in der Josefstadt (vgl. Nr. 83-84).

77
DLA D 90.1.2837/1: hs. B rief an: »[masch.] M. Paul Celan / 78, Rue
de Longchamp / P a ris_ i6 e_ / France«, München, 1. 1. 1958.

Eich] PC und IB lernten den deutschen Lyriker 1952 in Nien­


dorf kennen. IB war mit ihm und seiner Frau Ilse Aichinger bis
1962 eng befreundet.
Heissenbüttel] IB kannte den Verlagslektor, Rundfunkredak­
teur und Autor experimenteller Texte von Tagungen der Gruppe
47·
B.O.] >Botteghe Oscure<.
Prinzessin heute schreibt] Caetani schrieb u. a.: »We have not
received any manuscripts yet and as I wrote Celan we would like
everything by Jan. 15 at latest - [Wir haben noch keine Manu­
skripte bekommen, und, wie ich Celan schrieb, bräuchten wir alles
spätestens am 15. Januar]« (undatiert, NIB).
Holthusen] Der Lyriker und einflußreiche Kritiker hatte IB für
den Studienaufenthalt in Harvard im Sommer 1955 empfohlen; zu
ihren Gedichten äußerte er sich erst später öffentlich (»Kämpfen­
der Sprachgeist. Zur Lyrik Ingeborg Bachmanns«, in: >Merkur<,
290 Stellenkommentar

Juni 1958, S. 563-584). Von seiner SS-Mitgliedschaft wußte PC


durch Hanne Lenz; er schätzte dessen Kritik von Mohn und G e­
dächtnis zu Recht als von den Plagiatsvorwürfen C. Golls beein­
flußt ein (»Fünf junge Lyriker II«, in: >Merkur<, Mai 1954, S. 378-
39°; vgl. Nr. 89/Anm.).
Grass] IB lernte den Schriftsteller, Maler und Graphiker auf der
Tagung der Gruppe 47 im Mai 195 5 in Berlin kennen; er illustrierte
ihre Büchnerpreis-Rede Ein Ort fü r Zufälle (Berlin: Wagenbach
I 9 &5>- Quarthefte 6; BPC mit Notiz von PC auf dem Vorsatzblatt
»von Klaus Wagenbach / 5. 3. 65« und Lesespuren S. 52). IB und
Henze engagierten sich 1965 in seiner Wahlkampfinitiative für
Willy Brandt. PC lernte Grass während dessen Pariser Zeit
(1956-1959) kennen, er unterstützte ihn bei der Arbeit an Die
Blechtrommel, dieser ihn im Rahmen der Goll-Affäre.

78
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 1-2 : hs. B rief Kuvert nicht identifiziert
(möglicherweise HAN/ÖNB Mappe 8, Bl. 4 an »Mademoiselle In-
gehorg Bachmann / M ü n ch en 13 / Franz-Joseph Straße 9a / Al-
lemagne«, Luftpost).

Nach Wien] Vgl. Nr. 76.


Österreichische Galerie] Demus arbeitete als Kunstwissen­
schaftler in der im Wiener Schloß Belvedere untergebrachten
Österreichischen Galerie des 19. und 20. Jahrhunderts.
Berlin [ ...] Hamburg, Kiel] Lesereise, die einzelnen Termine
konnten nicht geklärt werden.
Sachs, Hollerer; Enzensberger] Hollerer schickte seinen Beitrag
am 19., Sachs am 21. und Enzensberger am 26. 12. 1957 (NPC).
K. L. Schneider (Heym-Nachlaß)] Der während seiner Stu­
dienzeit im Widerstand gegen das Naziregime engagierte Ham­
burger Germanist bereitete gerade eine Heym-Werkausgabe vor
(Nachlaß in der Staatsbibliothek Hamburg). IB und PC hatten
Schneider in Wuppertal kennengelernt (vgl. Nr. 44).
Briefe Nr. 77-81 291

79
HAN/ÖNB Mappe 3, B l 2: hs. Brief, Kuvert nicht identifiziert (vgl
Nr. 78). Dem B rief lagen ev. die Gedichte »Aber« und »Entwurf
einer Landschaft« bei (vgl. Nr. 80).

Jens] Am 7 .1.19 5 8 (Poststempel) antwortete Jens zunächst


ausweichend (NPC); der Text konnte nicht identifiziert werden.
Graß] Am 30 .12 .19 5 7 (NPC).
Schroers] PC und IB hatten den Schriftsteller, Publizisten und
Verlagslektor 1952 in Niendorf kennengelernt. Als Lektor bei der
Deutschen Verlags-Anstalt trug er zur Publikation von PCs Ge­
dichtband Mohn und Gedächtnis bei.

80
DLA D 90.1.2837/2: hs. Eilbrief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / P A R IS i6 eme / FRANCE«, München, 7 .1.19 5 8 und
Paris, 8 .1.19 58 .

Schreib [ ...] Wien] Nicht aufgefunden.


lese [ ...] um 17 h] Vgl. Nr. 76.
Walser] PC und IB kannten den deutschen Romancier von der
Tagung in Niendorf. Später schrieb PC über ihn: »Walser gehört zu
Deutschlands bestem Feder-Vieh und ist, mit Enzensberger, einer
der Grundpfeiler des Suhrkamp Verlags« (27. 5.1966, PC/GCL 445).
Kalender] Nicht aufgefunden.
Gedichte] Im NIB finden sich zwei kurz zuvor entstandene
Gedichte, die entweder mit Nr. 79 oder separat geschickt wurden
(Faltspuren): »Aber« (3 1.12 .19 5 7 , Ts.: HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b,
Bl. 12, = HKA 5.2,245, H 4a) und »Entwurf einer Landschaft« bzw.
»Landschaft« (3 .1.19 5 8 , Ds. und Entwurfshandschrift: HAN/
ÖNB Ser. n. 25.202 c, B l.9 bzw. HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl.
12, = HKA 5.2,257, H lb bzw. H 4).

81
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b, B l 9-10: hs. Gedicht au f einem Kuvert
(= HKA 5.2 244/327 H 2a) an: »Mademoiselle Ingeborg B a c h -
m ann / M ü n ch en 13 / Franz-Joseph Straße 9 a / Allemagne«, Pa­
ris, 7 .1.19 5 8 (Kuverts identisch).
292 Stellenkommentar

82
DLA D 90.1.2837/3: masch., u. a. hs. korr. und ergänzter B rief an:
»[masch.] M. Paul Celan / 78, Rue de Longchamp / P a ris j 6 è™e_ /
France«, München, 8 .1.19 58 .

A ber wenn [ ...] diesm al... \ Nach [ ...] Gott lob] Jeweils hand­
schriftlich hinzugefügt.
Du musst f . ..] vor allen andren] Zu PCs Beteiligung vgl. Nr. 58/
Anm.
Walter] Der amerikanische Journalist, Schriftsteller und Über­
setzer war Redakteur der >Botteghe Oscure<.

*5
HAN/ÖNB Mappe 1, Bl. 12 und Mappe 4, Bl. j (z. Kuvert): hs. B rief
an: »Fräulein Ingeborg B a ch m a n n / M ü n ch en 13 / Franz-Jo­
seph Straße 9a / Allemagne«, Paris, 11 .1.1 9 5 8 .

Du liest jetzt] Vgl. Nr. 76.

84
DLA D 90.1.2830/1: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme/ France«, Wien, 14 .1.19 5 8 .

Wien] Vgl. Nr. 76.

DLA D 90.1.2830/2: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / PARIS / France«, München, 19 .1.19 5 8 , vgl. Abb. 17.

D er Proust ist angekommen] Die dreibändige Ausgabe in der


BIB enthält keine Widmung: A la recherche du temps perdu (Texte
établi et presenté par Pierre Clarac et André Ferré, Bibliothèque de
la Pléiade, Paris 1954).
anriefst] 14 .1.19 5 8 , beide Anrufe vermerkt (NkPC).
Bremen] Zur Preisverleihung vgl. Nr. 72.
Briefe Nr. 82-89 293

86
HAN/ÖNB., Mappe 4, Bl. 1 1 - 1 2 : hs. Luftpostbrief an: »Mademoi­
selle Ingeborg B a ch m a n n / M ü n ch en 13 / Franz-Joseph Straße
9a / Allemagne«, Paris, 2 1.1.19 5 8 .

Köln \ Hamburg] PC war vom 23. bis zum 30 .1.19 5 8 in


Deutschland. In Köln traf er am 24 .1.19 58 seine Freunde Hein­
rich Böll und Paul Schallück (NkPC). Zur Preisverleihung in Bre­
men vgl. Nr. 72, zum Hamburg-Aufenthalt das Telegramm Nr. 88.
häßliche Papier] Blatt eines linierten Abreißblocks.
München] Vgl. Nr. 72/Anm.

87
DLA D 90.1.2830/3: Telegramm an Paul Celan, Gaestehaus des
Senats Bremen, München 26. 1.19 5 8 , 14 19 und [Bremen] 26. 1.
1958, 14 23.

2 6 .1 . 1958] IB hatte 1957 am gleichen Tag den Bremer Litera­


turpreis erhalten. PC übergab IB den Text seiner Bremer Rede
wohl in München (Ds., HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b, Bl. 2-3).

88
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 6: Telegramm an Ingeborg Bachmann,
Franzjosephstr. 9a Muenchen/13, Hamburg 2 7 .1.19 58 , 18 12 und
[München] 2 y. 1. 1958, 18 56.

89
DLA D 90.1.2830/4: hs. B rief an: »M. Paul CELAN / 7 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCE«, München, 3.2 .19 5 8 .

Arbeit] D er gute Gott von Manhattan.


G oll-Unfall] Erhart Kästner hatte in seiner Laudatio unter den
für PC relevanten Einflüssen das Werk von Yvan und Claire Goll
genannt. In der FAZ vom 3 1 .1.19 5 8 war in einer Teilwiedergabe
der Rede diese Stelle nicht, wie von Kästner versprochen, geändert
worden. PC wurde von Claire Goll seit 1953 beschuldigt, in Mohn
und Gedächtnis das Spätwerk ihres verstorbenen Mannes Yvan
294 Stellenkommentar

Goll plagiiert zu haben; tatsächlich aber kamen die dortigen Ähn­


lichkeiten mit PCs Frühwerk nach Bearbeitung der z. T. fragmen­
tarisch hinterlassenen Gedichte Golls durch seine Witwe zustan­
de, die im Besitz von D er Sand aus den Urnen war. Sie hatte zudem
PCs ungedruckte Übersetzungen von drei französischsprachigen
Gedichtbänden Golls für eigene Übersetzungen verwendet (vgl.
Nr. 179).
»Facile«] Im 2. Kapitel von Malina erscheint das enigmatische
Wort (frz. und ital. >leicht<) ebenfalls (IBW 3,195). Aus dem G e­
dichtband Facile von Paul Eluard (Erstdruck mit erotischen Fotos
von Man Ray, Paris 193 5) hatte PC »Nous avons fait la nuit« über­
setzt (vgl. Nr. 93). In der BIB ist keine Ausgabe vorhanden.
Köln] Vgl. Nr. 47/Anm.
Tübingen. A u f Deinen Spuren] Im Rahmen einer Lesereise las
IB in Tübingen am 4 .2.19 58 in derselben Reihe wie PC (vgl.
Nr. 56) für die Buchhandlung Osiander.

90
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 7: hs. Brief; nicht publizierte Beilagen:
HAN/ÖNB Ser.n. 2 5 .1/ 1 N 8034-8054, Ds. (Block) und 2 5 .1/ 1 N
8055, oben rechts a u f den / .2 .19 5 8 datiertes, u.a. hs. korr. Ts.
(Jessenin), Kuvert fehlt.

Düsseldorf] Datum nicht geklärt.


Gedicht der Revolution] PC übersetzte den Gedichtzyklus Die
Z w ö lf von Block in wenigen Tagen (2.-4. 2.1958, NkPC).
Jessenin] PC faßte seine Jessenin-Übertragungen 1961 in der
Auswahl Gedichte zusammen (Deutsch von Paul Celan, Frankfurt
a. M.: S. Fischer Verlag; kein Widmungsexemplar in der BIB).
Hörspiels] D er gute Gott von Manhattan entstand im Sommer
und Herbst 1957 (Ursendung 29.5.1958).

91
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 8: hs. B rief Kuvert nicht identifiziert (vgl.
Nr. 7 8).

Gedichtbände] Die gestundete Zeit und Anrufung des Großen


Bären (vgl. Nr. 217).
Briefe Nr. 89-95 29 5

5^
DLy4 D 90.1.2830/5: hs. B rief an: »M. Paul Celan / j8 , Rue de
Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCE«, München, /7.2. 1958.

Bücher] Die gestundete Zeit und Anrufung des Großen Bären.


»Zwölf«] Vgl. Beilage zu Nr. 90.
Jessenin-Gedicht] »In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern«
(vgl. Beilage zu Nr. 90).
Tübingen und Würzburg] Stationen der Lesereise (vgl. Nr. 89/
Anm.), in Würzburg las IB in der Dante-Gesellschaft am 3.2.1958.

93
HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 b, Bl. 13 und HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 9
(z. Kuvert): hs. Gedichtübertragung (= publizierter Texty GW IV
812-813, Erstdruck >Insel-Almanach< 1959y S. 32), an: »Mademoi­
selle Ingeborg B a ch m a n n / M ü n ch en 13 / Franz-Josephstraße
9 a / Allemagne«, Paris, 4.3.1958 .

2 / .2 .19 5 8 \ P a u l E lu a r d ] Das Datum entspricht dem der


Reinschrift; die Übertragung aus Facile (vgl. Nr. 89) entstand be­
reits am 24 .12.19 5 7 . PC hatte schon in Bukarest Gedichte des
französisch-jüdischen surrealistischen Dichters übersetzt; nur die­
ses hat er publiziert.

94
DLA D 90.1.2830/6: hs. B rief an: »M. Paul Celan / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6ème / FRANCE«; München, 5.3.1958.

Berlin] Zur Lesereise vgl. Nr. 78. Als IB beim folgenden Berlin-
Besuch (vgl. Nr. 96) für Henze den Förderpreis des Berliner Senats
entgegennahm, holte sie die abgesagte Lesung nach.

HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 10: Telegramm an Ingeborg Bachmann,


Franz-Josephstr. 9a München 13, Paris, 14. [3.1958], 1 1 05 und
[München], 14 .3.19 58 , 1 1 41.
296 Stellenkommentar

HOERSPIEL] Die mit Nr. 90 erbetene Abschrift von D er gute


Gott von Manhattan wurde nicht aufgefunden, vgl. aber das Wid­
mungsexemplar des Drucks Nr. 108.

96
DLA D 90.1.2830//: hs. B rief an: »M. Paul Celan / /8 Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, München, 3. 4. 1958.

seit Berlin] IB kehrte wohl am 23. 3.1958 von Berlin nach Mün­
chen zurück (NIB).
Stempel \ Papieren] Formalitäten zur Verlängerung des abge­
laufenen Aufenthaltsvisums in der Bundesrepublik (NIB).
Rundfunk] Als Träger des Bayerischen Fernsehens (vgl. Nr. 57/
Anm.).
Anstellung] Eine Festanstellung IBs beim Bayerischen Rund­
funk war geplant, kam aber nicht zustande.
Deutschland] Diskussion um eine Atombewaffnung der Bun­
deswehr; IB hatte in der Münchner >Kultur< (1.4.19 58) gerade
den Aufruf von Kulturschaffenden »Niemals Atomwaffen für
Deutschland!« unterzeichnet (vgl. Nr. 122/Anm.).
8 Tage weg] Wohin IB fuhr, ist nicht zu klären.
Mai] Vom 4. bis zum 8.5.1958 war PC für Lesungen in Deutsch­
land, am 7. 5.1958 traf er IB in München (NkPC/GCL). Genau zehn
Jahre nach ihrer Wiener Begegnung scheint das Treffen mit einer
Änderung im Charakter ihrer Beziehung zusammenzufallen.

97
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 13, HAN/ÖNB Ser. n. 25.202 a, Bl. 13
(z. Kuvert): hs. Luftpostbrief an »Mademoiselle Ingeborg B a c h -
m ann / M ü n ch en 23 / Franz-Joseph Straße 9a / Allemagne«,
Paris, 6. 6.1958.

Unruhige Zeiten \ gearbeitet] Spiegel der kritischen politischen


Situation in Deutschland, aber auch in Frankreich (Kriegsgefahr
im Rahmen der Algerienkrise) sind PCs gerade entstandene G e­
dichte »Ein Auge, offen« und »Oben, geräuschlos« sowie wenig
später »Welt« (HAN/ÖNB 25.170, Bl. 8031-33, wohl Ende Juni in
Paris übergeben).
Briefe Nr. 95-99 297

ä fonds perdu] Wörtlich: >ohne den Einsatz wiederzubekom-


men<.
Mandelstamm] PC übersetzte seit dem 11.5 .19 5 8 Gedichte des
russisch-jüdischen Dichters Ossip Mandelstamm, und zwar:
»Dein Gesicht«, »Es tilgen«, »Petropolis«, »Diese Nacht«, »War
niemands Zeitgenosse«, »Das Wort bleibt ungesagt«, »Silentium«,
»Schlaflosigkeit«, »Venedigs Leben«, »Der Tannen«, »Keine
Worte«, »Diebsvolk«, »Meine Zeit«, »Die Priester«, »Der Schritt
der Pferde«, »Die Muschel«, »O Himmel, Himmel« und »Die
Luft« (NIB, vgl. Nr. 102).
Gedichtband] Zu den letzten Gedichten für Sprachgitter siehe
Nr. 103.

95
DLA D 90.1.2830/8: hs. B rief an: »M. Paul CELAN / -78, Rue de
Longchamp / PARIS i6 éme«, Paris, 24. 6.1958; Beilage: Ds.; der
B rief enthielt ev. weitere Beilagen (höheres Porto), dies kann nicht
der heute beim B rief abgelegte, in Nr. 53 erwähnte Zeitungsaus­
schnitt gewesen sein (andere Faltspuren).

Paris] Den Eltern gegenüber begründete IB den Aufenthalt am


15. 6. 1958: »Ich gehe jetzt nach Paris, aber so, daß es niemand
weiß, weil ich Ruhe zum Arbeiten haben muss bis zum 1. Septem­
ber«. IB verließ München am 18.6.1958 und wohnte im Hotel
Parisiana, 4, Rue Tournefort, 5e (PNIB).
Deutschland] Zusammen mit GCL war PC in Wuppertal, Düs­
seldorf und Frankfurt (14.-20. 6 .1958).
Café George V.] IB und PC haben sich dort am 25. um 16 h
tatsächlich getroffen (NkPC).
meinen 22.] Vgl. Nr. i/Anm.
»Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen«] Ursprüng­
liche Fassung (HAN/ÖNB 317/1409) des von Henze vertonten
Gedichts »Aria I« (vgl. Nr. 53/Anm.).

99
BIB: hs. Widmung (S. 375) au f Arthur Rimbaud, »Das trunkene
Schiff«, Deutsch von Paul Celan, Estratto da Botteghe Oscure X X I
(S- 375-378).
298 Stellenkommentar

Ju n i 1958] Wohl bei IBs Besuch in Paris Ende Juni übergeben.


Zur Publikation vgl. Nr. 58/Anm. Im NIB fand sich ein auf den
8.9.1957 datiertes Typoskript (HAN/ÖNB 25.173 N 8083-92).

100
DLA D 90.1.2830/9: hs. B rief an: »M. Paul Celan / y8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / F RAN CIA«, Napoli, 17. 7 . 1958.

Neapel] IB fuhr von Paris aus über Zürich und München nach
Neapel, um in Henzes Wohnung ungestört arbeiten zu können.
wegen dem »Aufenthalt«] Nicht zu klären.
Arbeit] Das Libretto für Henzes D er Prinz von Homburg nach
Kleist sowie Das dreißigste Ja h r (vgl. Nr. 187).
Krieg] Vgl. Nr. 96 und 97.
Ile St. Louis] Am 30. 6. 1958 (NkPC).
Kind] Eric Celan.

10 1
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. 18: hs. B rief Kuvert fehlt; HAN/ÖNB
Cod. Ser.n. 25.202 b, Bl. 14 und 15 (z. Beilagen): jew. hs. korr. Ts.

Dein B rief Deine Briefe] Ist ein Brief verloren?


Jessenin-Gedichte] Die Texte der beiden Übertragungen wei­
sen sowohl Abweichungen gegenüber dem Erstdruck (>Merkur<,
H. 8, 1959, S. 719L und 7 1 8f.) als auch gegenüber dem Druck in
Gedichte (vgl. N r.90/Anm., S. i8f. und 17) auf.
I l y aura toujours VEscale] >Es wird immer den Nothafen, das
Escale geben<. Gemeint ist wohl auch (zunächst schrieb PC »es­
cale«) das Weinlokal L’Escale auf der Ile Saint-Louis (1, rue des
Deux-Ponts, 4e).
aufs Land] Vgl. Nr. 219.

102
DLA D 90.1.2830/10: hs. Luftpostbrief an: »M. Paul CELAN / 7 8,
Rue de Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCIA«, Napoli, ι ι . 8.1958.
Briefe Nr. 99-103

im Mandelstamm] Im NIB liegt ein wohl Ende Juni in Paris


übergebenes Konvolut mit 24 Gedichtübersetzungen vor (HAN/
ÖNB 25.172, z.T. abweichend von den Erstdrucken bzw. dem
Druck in Gedichte); zu den in Nr. 97 genannten 18 Gedichten
kamen dort »Man gab mir«, »Gestrafft«, »Nein, nicht den Mond«,
»Der Dämmer, herbstlich«, »Nachts« sowie das nicht von PC pu­
blizierte »Nicht Triumph«. Zur Buchausgabe vgl. Nr. 154.
Jessenin-Gedichte] »Ihr Äcker, nicht zu zählen« und »Der Früh­
lingsregen weint«, davon im folgenden V. 22.
Gisele] Vgl. Nr. 219.

103
HAN/ÖNB Mappe 4, B l 14 -16 : hs. B rief an: »Mademoiselle Inge-
horg B a ch m a n n / Via Generale Parisi-6/ N a p o li / Italic / Priere
de faire suivre! [Bitte nachschicken] / [von frem der Hand] Porto-
venere / (La Spezia) / fermo posta / [von der H and Henzes] Scri-
vim i / fin quando rimani l a - / Affetuositä [Schreib mir; bis wann
Du da bleibst - Herzlich] / Hans«, Paris, 1. 9. 1958 und Napoli,
3.9 .1958 .

Neapel] Vgl. das Kuvert, IB traf sich im Spätsommer 1958 mit


MF an der ligurischen Küste.
vier Gedichte] Im August entstanden »Bahndämme, Wegrän­
der, Ödplätze, Schutt«, »Sommerbericht«, »Niedrigwasser« und
»Ein Holzstern«; von diesen letzten Gedichten für Sprachgitter
sind nicht, wie von allen anderen außer »Engführung«, Einzelma­
nuskripte oder -typoskripte im NIB vorhanden (vgl. Nr. 66 und
Nr. 97/Anm.). Seine gleichzeitig entstandenen Übersetzungen er­
wähnt PC hier nicht: Mandelstamms »Der Sterne Einerlei« und
»Die Städte, die da blühn« (beide 4. 8.1958) und Jessenins »Fall
nicht, Stern« (12. 8.1959).
Aufregung] Bezieht sich PC auf die Publikation von »Das trun­
kene Schiff« bzw. »Die Zwölf« im September?
Neske \ Sch allplatten-Aufnahme] PC war mit dem Pfullinger
Verleger philosophischer und literarischer Werke, u. a. Martin
Heideggers, seit 1957 persönlich bekannt. Das von Neske produ­
zierte Doppelalbum Lyrik der Zeit mit Aufnahmen von IB, Heis-
3oo Stellenkommentar

senbüttel, Krolow und Eich sowie Arp, PC, Grass und Hollerer
erschien Ende 1958 (NPC-Paris, vgl. Nr. 140).
Karte] Nicht auf gefunden.
etwas schicken] IB arbeitete an Das dreißigste Jahr\ erst am 1. 2.
i960 schickte sie daraus »Alles« (vgl. Nr. 156).
Abreise] IB verließ Paris vor Mitte Juli 1958, vgl. das Datum
von Nr. 100.
Prinzessin \ Honorare \ B rief erhalten] In einem Brief aus Rom
(18 .11.19 5 8 ) teilte Caetani IB mit, daß sie noch immer auf deren
versprochenen Brief mit der Liste der deutschen Beiträger warte:
»I am always waiting for a list with what I should pay the last issue
with Germans [Ich warte immer noch auf eine Liste mit dem, was
ich für die letzte Ausgabe mit Deutschen zu zahlen habe]«. Die
Frage der nicht bezahlten Autorenhonorare für >Botteghe Oscure<
(vgl. Nr. 58/Anm.) beschäftigt die Korrespondenz noch im Januar
i960 (Nr. 155), obwohl PC >schon< am 17 .10 .19 5 9 notierte: »End­
lich!!! / (Honorare B.O.)« (NkPC)
»Akzente«] Vgl. Nr. 69/Anm.
Krolow] PC und IB hatten den deutschen Lyriker bereits 1952
in Niendorf kennengelernt; er hielt sich zwischen April und An­
fang September in Paris auf, wo ihn PC regelmäßig sah (BK III).
Böll] PC hatte den Kölner Schriftsteller 1952 kennengelernt
und stand mit ihm seit September 1957 in Briefkontakt. Böll, der
zu IBs persönlichen Freunden gehörte, kam Ende Juni nach Paris,
wo er am 24. 6.1958 PC traf (NkPC).
Spanien] Möglicherweise diente IBs Dritten gegenüber geäu­
ßerter Reiseplan nur dazu, in Neapel (vgl. Nr. 100/Anm.) unge­
stört arbeiten zu können.
kommt Klaus] Ab dem 10.9.1958 (NkPC).
>Engführung< \ Manuskript] Nach »Ein Holzstern« kam kein
weiteres Gedicht zu Sprachgitter hinzu; die schon im Juli 1957
begonnene und im September 1958 weitgehend abgeschlossene
»Engführung« steht dort als eigener Zyklus an letzter Stelle. PC
sandte das Manuskript erst am 3 .11.19 5 9 an den S. Fischer Verlag.
Briefe Nr. 103-105 301

104
DLA D 90.1.2830/11: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / PARIS i6 kme / FRANCE«, München, 6. 10. 1958.

unruhigen Pariser Tagen] Im Vorfeld des Verfassungsreferen­


dums in Frankreich und der Abstimmung in den Kolonien über
deren Integration als unabhängige Staaten in eine französische
Gemeinschaft (jeweils 28.9.1958) gab es seit Mitte September in
Paris eine neue Welle terroristischer Anschläge durch die radikale
algerische Freiheitsbewegung FLN.
das Neue \ Max Frisch] Anläßlich einer Aufführung des Zür­
cher Schauspielhauses von MFs Biedermann und die Brandstifter
mit Die große Wut des Philipp Hotz in Paris begegnete IB dem
Autor (2. und 3. 7.1958, der 3. 7.1958 spielt in Malina eine Rolle,
IBW 3,254f.). IB lebte mit dem Schweizer Schriftsteller ab Novem ­
ber 1958 vier Jahre zusammen. Die Trennung im Herbst 1962
führte bei IB zu einem psychischen Zusammenbruch (vgl. Nr.
195 )·
Rue de Longchamp] Anläßlich ihres Paris-Besuchs Ende Juni /
Anfang Juli (vgl. Nr. 98) war IB auch erstmals bei der Familie
Celan zu Gast (vgl. Nr. 219).
Rom] Wegen der Honorare für >Botteghe Oscure< (vgl. Nr.
103).
Paris und Trier] In Trier hatte Demus den Preis des Kulturkrei­
ses im Bundesverband der deutschen Industrie erhalten (9.9.
1958); nach einem Besuch bei PC in Paris war er aus dienstlichen
Gründen (5.-7.10.1958) in München.

105
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 17 -18 : hs. Luftpostbrief an: »Mademoisel­
le Inge borg B a ch m a n n / M ü n ch en 13 / Franz-Joseph Straße 9a /
Allemagne«, von: »Paul Celan, 78 rue de Longchamp / Paris i6 e«,
Paris, 8. 10.1958.

9. Oktober] Vgl. den Poststempel!


3° 2 Stellenkommentar

106
DLA D 90.1.2830/12: hs. B rief an: »M. Paul Celan / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«} München, 26. 10.1958.

Gedichte] Vgl. Nr. 103.

/07
DLA D 90.1.2830/13: hs. B rief an: »M. Paul CELAN / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Zürich, 2 0 .11.19 5 8 .

Dein Geburtstag] Der 38. am 2 3 .11.19 5 8 .


genau zu sein] Vgl. Nr. 1.

108
DLA BPC: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Der gute Gott
von Manhattan. Hörspiel«> Piper & Co. Verlag: München 1958, =
Piper Bücherei i2 y , Kuvert fehlt.

109
BIB: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von: Arthur Rimbaud,
»Bateau ivre / Das trunkene Schiff«. Übertragen von Paul Celan,
Insel-Verlag: Wiesbaden 1958, Kuvert fehlt.

24. XL 1958] Die Datierung gleich nach PCs Geburtstag läßt an


eine Reaktion auf ein Geburtstagsgeschenk denken (Nr. 108?). Die
Ende Juli 1957 entstandene Übertragung erschien schon Anfang
September 1958 (vgl. den Erstdruck, Nr. 99). PC legte zwei Exem­
plare von Demus’ Das schwere Land bei (TbPC, vgl. Nr. 111) .

11 o
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 19 und 2 1 (z. Kuvert): hs. B rief an: »Ma­
demoiselle Ingeborg B a ch m a n n / Z ü ric h / Feldeggstr. 2 1 / bei
Honegger / Suisse«, Paris, 1.12 .19 5 8 .

Honorare] Brief mit diesem Stichwort im TbPC vermerkt (vgl.


Nr. 103).
Briefe Nr. 1 06-113 303

111
DLA D 90.1.2830/14: hs. B rief an: »M. Paul Celan / y8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Zürich, 2 .12 . 1958.

fo r a hit (?)] IB liest in Caetanis schwer lesbarer Schrift »hit«


anstatt »list« (vgl. Nr. 103/Anm.).
Gedichte von Klaus] Die Publikation von Demus’ Gedicht­
band Das schwere Land hatte PC beim S. Fischer Verlag vermittelt
(Frankfurt a. M. 1958). In der BIB ist ein von Demus gewidmetes
Exemplar erhalten: »Inge von Herzen / Dez. 1958 Klaus«.

112
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 20: hs. Brief; Mappe 14, Bl. 9 (z. Beilage):
Ts. mit hs. Randanstreichung, Kuvert fehlt.

Bonner Lesung] Lesung am 17 .11.19 5 8 an der Universität


Bonn. Mit dem ersten Doktoranden über sein Werk, Jean Firges
{Die Gestaltungsschichten der Lyrik Paul Celans ausgehend vom
Wortmaterial, Köln 1959), korrespondierte PC seit 1957; die Bei­
lage ist ein Auszug aus Firges’ Brief vom 19 .11.19 5 8 (vgl. PC/RH
58f.). Ähnliche Sendungen gingen am selben Tag an Hollerer, Böll,
Schallück und Schroers (TbPC).

1 1 2 .i
Erhardts] Beliebter deutscher Komiker der 1950er und 1960er
Jahre.
Hosiannah-Stelle] V. 155-165 in »Engführung«; die Unter­
schrift zur Zeichnung bezieht sich auf Mt. 21,9.

113
DLA D 90.1.2830/iy. hs. Eilbrief an: »M. Paul Celan / j8> Rue de
Longchamp / PARIS i6 kme / FRANCE«, Zürich, 2 3 .12 .19 5 8 .

Praktikum] Praktikum im Rahmen des Geologiestudiums von


Heinz Bachmann.
Prinzessin \ 100 Dollar] Zu den Honoraren für >Botteghe Os-
cure< vgl. Nr. 103.
30 4 Stellenkommentar

114
B K III/2 ohne Standortnummer: ursprünglich eingelegt zwischen
S. 24/25 von »Anrufung des Großen Bären. Gedichte«, München:
R. Piper & Co. Verlag 1956 (S. [2] von PC: »Köln, Oktober 1956.«,
DLA BPC; Karte nicht mehr auffindbar, Text nach BK).

Pour Gisèle, pour Paul] >Für Gisèle, für Pauk Das zugehörige
Geschenk konnte nicht identifiziert werden.

BIB: hs. Widmung in: Alexander Block, »Die Zwölf«. Deutsch von
Paul Celan, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1958 (S. [1]), Kuvert fehlt.

Block] Vgl. den Dank in Nr. 117 ; die Übertragung erschien be­
reits im September 1958. Es handelt sich möglicherweise um ein
Weihnachtsgeschenk (vgl. Nr. 113). Bei einer auf den 6. 2.1959
datierten Notiz zu einem an IB abgesandten oder von ihr erhalte­
nen Poststück (TbPC) kann es sich nicht um dieses Widmungs­
exemplar handeln; sie hätte die Sendung nicht schon am 8.2.1959
(Sonntag) in Händen gehabt.

116
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. 1: hs. Brief, Kuvert fehlt.

Bonner Sache] Vgl. Nr. 112 .


Deutschland] PC war vom 17. bis zum 20. 3.1959 für eine Le­
sung aus Sprachgitter in Frankfurt a. M. (19. 3.1959, NkPC).

117
DLA D 9 0 .1.2831/1: hs. Eilbrief an: »M. Paul Celan / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCE«, Zürich, 9 .2.19 59 und Paris,
10 .2.19 59 .

Begegnung] Eine erste Begegnung ergab sich am 19. 7.1959


(vgl. Nr. 135). Vorher war eine solche wohl vermieden worden;
von einem Paris-Aufenthalt von IB und MF Anfang Dezember
1958 wußte PC nur durch Dritte: »Überraschung (und auch nicht):
Briefe Nr. 1 14 -119 305

hat Ingeborg vor zwei Tagen im Café Odéon gesehen, mit Max
Frisch. Freude der Zürcher, daß größter deutscher Prosaschrift­
steller größte deutsche Dichterin heiraten soll. (Frisch läßt sich
scheiden.) Erheiternd« (TbPC).
Blok] Die Z w ö lf (vgl. Nr. 115).
unserer Zeit] Zu Sprachgitter, in dessen viertem Zyklus die IB
zugeschriebenen, zwischen Oktober 1957 und Januar 1958 ent­
standenen Gedichte enthalten sind, vgl. Nr. 124.
Umschlag] PC legte auf die Ausstattung großen Wert; im Fall
von Sprachgitter hatte er schon am 2 6 .11.19 5 8 Hirsch gegenüber
seine Wünsche geäußert.

118
HAN/ÖNB Mappe 5, B l 4: hs. Postkarte, Paris, 11.2 .19 5 9 .

Am H of] Vgl. »Köln, Am Hof« (Nr. 47). Die Karte hat keinen
weiteren Text als die Adresse von IB, diese z. T. in Kurrent (im
Druck Fraktur), »wie ichs«, so PC an Hermann Lenz, »vor vielen
Jahren von meiner Mutter gelernt habe« (PC/HHL 136).

119
DLAD 90.1.2831/20 undD LAD 90.1.2831 (z. Kuvert): hs. B rief au f
Ansichtskarte (Tarquinia, Tomha degli Auguri [Grab der Augu­
ren]) an: »M. Paul Celan / 7 8, Rue de Longchamp / PARIS i6 éme /
France«, Zürich, 18 .2.19 59 .

Tomba degli Auguri] PC erinnerte sich vielleicht an diese Karte,


als er am 30.4.1964, nach einer Lesung in Rom, wo er auch MF traf
(NkPC) und von wo aus er die bedeutende etruskische Nekropole
Cerveteri besichtigte, »Mittags« schrieb.
kleiner Aufsatz] Erstpublikation im Almanach Musica Viva
(hrsg. von K. H. Ruppel, München 1959, S. 161-166). Wohl ein
Sonderdruck davon lag ursprünglich hinten im Widmungsexem­
plar von Die gestundete Zeit (vgl. Nr. 42; BK III).
Versuche, die augenblicklichen] Eher als die Fertigstellung des
Librettos D er Prinz von Homburg (Henze dankte am 20. 2.1959
für die Übersendung) dürften hier Erzählungen gemeint sein (z. B.
Stellenkommentar

»Jugend in einer österreichischen Stadt« für >Botteghe Oscure<


XXIII).

120

HAN/ÖNB Mappe 5, B l 2-3: hs. B rief an: »Mademoiselle Ingeborg


B a ch m a n n / Z ü ric h / Feldeggstraße 2 1 / bei Honegger / Suis-
se«, Paris, 19 .2.1959.

adressiert] Vgl. die falsche Hausnummer in Nr. 118 .


gleichen Stelle \ Gedicht] Vgl. die Ortsangabe in der Datierung
von »Köln, Am Hof« in Nr. 47.
Mandelstamm] Seit Jahresanfang hatte PC mindestens sechs
Gedichte übersetzt, am 18. 2. 1958 selbst »Die Freiheit, die da
dämmert«. Zur Buchausgabe vgl. Nr. 154.
Klaus [.. .] Fischers] Demus las im Haus des S. Fischer Verlags
aus Das schwere Land (vgl. Nr. m /A n m .).

12 1
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. y. hs. Brief, Kuvert fehlt.

Weigel \ Deutschen Verlags-Anstalt \ beschimpfen] Die u. a. die


»Todesfuge« betreffende Anfrage (14.2.1959) für die Anthologie
Neue Lyrik (nicht erschienen?) wurde vom geschäftsführenden
Direktor des Verlags Gotthold Müller am 20.2.1959 an PC weiter­
geleitet (NPC). Er drückte im Begleitbrief seine große Enttäu­
schung über PCs Wechsel zum S. Fischer Verlag aus.
Piper] Vgl. Nr. 70.

122
DLA D 90.1.283 T^2: masch., hs. korr. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8,
Rue de Longchamp / P a ris _ i_6e_ / France«, Zürich 3 .3.19 5 9 .

Kritik \ Klaus3 Gedichte] Unter dem Titel »Neue österreichi­


sche Lyrik« schrieb Horst Bienek zu Demus’ Das schwere Land
(vgl. Nr. m /A n m .) u.a.: »Die Schwierigkeit seiner Verse ent­
springt aber nicht etwa jener poetischen Wahrheit, die ein echtes
Kunstwerk oft >schwer zu verstehen< macht, sondern einer flüch­
Briefe Nr. 1 19-122 307

tigen, unkontrollierten Assoziation. Dabei fehlt es ihm nicht an


Wortmagie, sondern einfach an poetischer Substanz« (FAZ, 28. 2.
1959 )·
Raeber] IB war mit dem Schweizer Schriftsteller und Essayi­
sten befreundet, der in den 1950er Jahren ebenfalls in Rom und
München lebte.
Weber] IB dürfte den Feuilletonchef der NZZ (1951-1973) vor
allem als Förderer und Freund von MF kennengelernt haben.
Durch IBs Vermittlung stand auch PC seit 1959 in regelmäßigem
Kontakt mit ihm.
erster Band] Die erste Rezension von Die gestundete Zeit über­
haupt war der ungezeichnete Artikel im >Spiegel< vom 18. 8.1954,
»Bachmann. Stenogramm der Zeit« (S. 26-29, mit Foto auf dem
Titelblatt), der als Auftakt zu IBs frühem Ruhm gelten kann.
Moras] Im Almanach Jahresring 1958/59 publizierte Moras
drei Gedichte von Demus: »Der Tiefe traumklar eingewachsen«,
»Im Gelb der Sonnen hängt« und »Einer Gestalt, oder zweier«
(Stuttgart 1958, S. 35-37).
Schwab-Felisch] IB kannte den Feuilletonchef der FAZ (1956-
1961) von Tagungen der Gruppe 47. PC stand mit ihm seit 1958 in
Briefkontakt.
andere Wohnung] Vgl. die oben im Brief genannte Adresse.
Rom ] Der Plan von IB und MF verzögerte sich infolge von MFs
Erkrankung (vgl. Nr. 132).
Buch] Das dreißigste Jahr.
nach Paris] 1959 sahen sich PC und IB nicht.
Char- Übersetzung] Es handelt sich wohl um »Hypnos« (>Neue
Rundschau<, Heft 4, 1958, S. 565-601, erst im Februar 1959 er­
schienen); ob und wann IB einen Sonderdruck von PC bekommen
hat, ist nicht zu klären. Die Buchausgabe René Char, Poésies/Dich­
tungen (hrsg. von Jean-Pierre Wilhelm unter Mitarbeit von Chri­
stoph Schwerin, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1959) mit PCs Über­
tragungen »Einer harschen Heiterkeit« und »Hypnos« ist in der
BIB nicht als Widmungsexemplar von PC, sondern mit Signatur
von René Char erhalten. PC hatte den französischen Dichter und
Widerstandskämpfer schon 1953 kennengelernt und übersetzte
seit 1954 aus dessen Werk.
308 Stellenkommentar

Anpöbelungen] Weigel hatte IB wegen des von ihr Unterzeich­


neten Aufrufs (vgl. Nr. 96) angegriffen (»Offener Brief in Sachen
Unterschrift«, in: Forum, Heft 54, Juni 1958, S. 218).
Dein Buch] Sprachgitter, vgl. Nr. 124. Der Satz ist handschrift­
lich ergänzt.

123
HAN/ÖNB Mappe j, Bl. 6-7: hs. B rief an: »Mademoiselle Ingeborg
B a ch m a n n / Z ü ric h / Feldeggstr. 2 1, bei Honegger / Suisse«,
Paris, 12 .3.19 5 9 .

Preis] Am 11. 3.1959 meldete die FAZ, daß IBs D er gute Gott
von Manhattan für den Hörspielpreis der Kriegsblinden ausge­
wählt wurde.
Gemeinheiten [ ...] Char] Nicht zu klären. PC hatte Char am
2 7 .1.19 5 9 getroffen (NkPC).

124
BIB: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Sprachgitter«,
Frankfurt a. M.: S. Fischer 1959; in den Band eingelegt ist eine
Eintrittskarte in den Frankfurter Palmengarten und ein kleines
getrocknetes Zweiglein, Kuvert fehlt.

Palmengarten] Die 1868 gegründete Sammlung exotischer


Pflanzen liegt im Westend.
20. März 1959] Der Band erschien unmittelbar vorher (Sen­
dung im TbPC vermerkt, vgl. Nr. 235).

HAN/ÖNB Mappe j , Bl. 8-9: hs. B rief au f Ansichtskarte (Palmen­


garten Frankfurt a. M.) an: »Mademoiselle Ingeborg B a c h -
m ann / Uetikon bei Zürich / Haus zum Langenbaum, / Seestra­
ße / Suisse«, Paris, 23.3.19 59 .

Buch] Sprachgitter.
Freitag] 20.3.1959.
Briefe Nr. 122-129 309

126
DLA D 90.1.2831/3: Telegramm an Paul Celan, y8 Rue de Long-
champ Paris 16, Uetikon am See, 23.3. [1959], 1 1 55 und Paris, 23.3.
1959, i 3 30·

GEDICHTEN] Sprachgitter (vgl. Nr. 117 / Anm. und 124).


EINTRITTSKARTE [ . . .] PALMENGARTEN] Vgl. Nr. 124.
NOUS DEUX EN CORE] U .a. Anspielung auf Michaux5 G e­
dicht und PCs Übertragung »Noch immer und wieder, wir bei­
den«.

DLA D 90.1.2831/4: hs. B rief an: »M. Paul Celan / -78, Rue de
Longchamp / PARIS i6 hme / FRANCE«, M ännedorf (Zürich), 15. 4.
1959 ·

Mittwoch also] D. h. am 23.4.1958; zum Grund für den Besuch


vgl. Nr. 197, dort auch zu einem Telefon-Versuch am 13.4.19 59 .

128
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. 10: hs. B rief Kuvert fehlt.

15 .4 .5 9 ] Siehe den Brief an MF mit demselben Datum (Nr.


199), der nur am 18. 4.1959 geschrieben sein kann; im vorliegen­
den Fall spricht IBs Antwort (Nr. 129) für eine fehlerhafte Datie­
rung. PC trug jedoch auch in sein Tagebuch beide Briefe unter dem
//. 4.1959 ein.
Tante] Anlaß für den ab 21.4 .19 5 9 geplanten, dann jedoch
nicht realisierten Besuch bei Berta Antschel war Pessach, das am
22.4.1959 begann (vgl. Nr. 199).

129
DLA D 90.1.2831/5: hs. B rief an: »M. Paul Celan / j8 , Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Männedorf (Zürich), 21. 4.
1959 -
3 10 Stellenkommentar

/3 °
HAN/ÖNB Mappe 5, B l 1 1 - 1 2 : hs. B rief an: »Mademoiselle Inge-
borg Bachmann / Haus zum Langenbaum / Seestraße / Uetikon
bei Zürich / Suisse«, Paris, 22. 4.1959, von: »Paul Celan, /8, rue de
Longchamp, / Paris i6 e«.

22. April 1959] Brief im TbPC vermerkt.


England-Reise] Vgl. Nr. 128.
Mandelstamm-Übersetzungj PC bestätigte Hirsch (S. Fischer
Verlag) am selben Tag, er werde den Abgabetermin für die Aus­
wahl Gedichte einhalten können.

13 1
DLA D 90.1.2831/6: masch., hs. korr. B rief Kuvert fehlt.

Donnerstag] 21. 5.1959.


Greifensee mit dem Landvogthaus] See und Landstadt östlich
von Zürich, früher Sitz der Landvögte.

132
DLA D 90.1.2831/-/: masch., hs. korr. B rief an: »M. Paul C e la n /
Gasthof Walderwirt / Wald bei Krimml / (Land Salzburg) / Öster­
reich«, Zürich, 2. 6.1959.

Freitag] 22.5.1959.
Chianciano] Thermalbad südöstlich von Siena.
Campagna] Landschaft bei Rom.
Krimml] Vgl. Nr. 135.1 /Anm.

133
DLA D 90.1.2831/8: masch., hs. korr. B rief an: »M. Paul Celan /
Pension Chaste / Sils-Maria [statt Sils-Baselgia] / Engadin / SVIZ-
ZERA«, Roma, 9 .7 . 1959.

Via della Stelletta] Die >Sternchenstraße< befindet sich im


Stadtzentrum.
Telegramm] Nicht aufgefunden.
Briefe Nr. 130-135

Bad Mergentheim] Kurort in Nord-Württemberg; MF brach


die Kur dort fluchtartig ab (PC an Hildesheimer, 23.12.19 59 ).
Thalwil] Ortschaft im Kanton Zürich.
Flugreise] IB sollte im Auftrag des SDR und des NDR eine Re­
portage über eine »Doppel-Weltreise in Düsenflugzeugen« schrei­
ben (an Andersch, 16. 6. 1959, DLA), die als »erster Zivilflug« in
»80 Stunden alle 5 Kontinente« bewältigen sollte (an Baumgart,
i. 7.1959, Archiv Piper). Zur Absage vgl. Nr. 139.

134
HAN/ÖNB Mappe 5, B l 16: masch., hs. korr. Brief \ Kuvert fehlt.

Sils \ bis zum 24.] Das Bergdorf Sils im Schweizer Engadin hat
zwei Ortsteile: Sils-Maria (vgl. Nr. 137) ist als Aufenthaltsort
Nietzsches bekannt; in Sils-Baselgia hielt sich PC bis zum 23.7.
1959 auf (vgl. Nr. 135.1).
honoriert] Vgl. Nr. 103.
Grass] PC traf ihn wohl um den 1.7 .19 5 9 , beide nahmen an
diesem Tag an einer Bootsfahrt auf dem Zürichsee teil.

135
HAN/ÖNB Mappe 4, Bl. 3-4, HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. iy (z. Ku­
vert): hs. Luftpostbrief an: »Mademoiselle Ingeborg Bachmann /
Via della Stelletta 23 / Roma / Italie«, Sils Segl [xxx], 20. y. 1959;
Mappe 5, B l 13 -15 (z. Beilage), HAN/ÖNB Mappe 8, B l 5 (z. Ku­
vert zur Beilage): hs. Brief; an: »Mademoiselle Ingeborg Bach­
mann / Via della Stelletta 23 / Rome / Italie«, von: »Paul Celan,
Pension Chasté, Sils-Baselgia / Suisse«, unfrankiert.

Allemanns] Beda Allemann und seine Frau Doris kannte PC


aus dessen Zeit als Lektor an der ENS (Rue d’Ulm, 1957/1958);
dem Schweizer Literaturwissenschaftler, den er am 30.6. und 1.7 .
1959 in Zürich getroffen hatte (NkPC), vertraute PC testamenta­
risch die Herausgabe seiner Gedichte und Übersetzungen an (vgl.
Nr. 234).
Jeune Parque] PC übersetzte das berühmte philosophische G e­
dicht des französischen Dichters Paul Valéry zwischen Anfang
312 Stellenkommentar

Januar und dem 15. 7.1959. Seine deutsche Erstübertragung Die


junge Parze (vgl. Nr. 160) geht auf eine gemeinsame Anregung von
Fritz Arnold (Insel-Verlag) und Peter Szondi zurück (vgl. auch
Nr. 135.1).
Schreiben] Zwischen »Bei Wein und Verlorenheit« (15. 3.1959)
und »Es war Erde in ihnen« (27. 7.1959) schrieb PC kein eigenes
Gedicht.
Frankfurter Dozentur] Am 11. 7.1959 hatte die FAZ über die
zunächst vom S. Fischer Verlag getragene Poetik-Dozentur
(»Frankfurter Vorlesungen«) an der Frankfurter Universität be­
richtet.
Düsen-Weltflug] Vgl. Nr. 133.
Paris] Von Sils-Baselgia fuhr PC über Zürich (23.7.1959) nach
Hause (NkPC).

13
Sternchengasse] Vgl. Nr. 133/Anm.
Regenwochen [ ...] Zürich] In Wald bei Krimml im Salzburger
Land blieb PC vom 26.5. bis zum 28.6.1959, unterbrochen von
Aufenthalten in Wien (5.-12. 6.1959) und Innsbruck (22.-24.6.
1959). Nach einigen Tagen in Ligurien fuhr er über Zürich
(30.6. - 3. 7.1959) nach Sils-Baselgia.
Sauter] Die Kunsthistorikerin, Schriftstellerin und Übersetze­
rin, die am französischen Kulturinstitut in Innsbruck arbeitete,
hatte PC wohl Anfang Juli 1948 in Innsbruck kennengelernt.
»Camarado [ . . . ] Menschen!« \ chthonisch [ . . .] Bund] Das Zitat
aus dem Schlußgedicht »So long« der Leaves o f Grass von Walt
Whitman (BPC: London 1909, S. 460) erscheint auch in den Ma­
terialien zum Vortrag »Von der Dunkelheit des Dichterischen«,
den PC im Oktober beim Wuppertaler Bund halten - also selbst
über Poetik sprechen - wollte, tatsächlich aber absagte (PN 130-
152, bes. 138). A uf der gemeinsam besuchten Tagung des Bundes
I957 (vgh N r-44) war der kurz vorher gestartete Sputnik I G e­
sprächsthema (PN 106); dem ist hier die Erdgebundenheit entge­
gengestellt (als Zitat nicht nachgewiesen).
Seelenfortsätze] Vgl. V. 8 von »Rheinufer. Schuttkahn II« (Nr.
46).
Briefe Nr. 135 -137 313

Honorare] Vgl. Nr. 103.


erschießen] PC erinnerte sich noch am 2 1 .12 .19 6 1 an das Zitat
aus Nietzsches mit »Dionysos« unterschriebenem Brief vom 4. 1.
1889 an seinen Freund Franz Overbeck und dessen Frau: »Nietz­
sche: C ’est bien en hommage à lui que j’ai traduit, à Sils, la Jeune
Parque - Et je me rappelle la lettre à Ingeborg, écrite là-bas (là-
haut!), où je lui citais le passage sur tous les antisémites qu’il fau­
drait faire fusiller [Ich habe die Junge Parze in Sils ja als Hommage
an ihn übersetzt - Und ich erinnere mich an den da unten (da
oben!) geschriebenen Brief an Ingeborg, wo ich die Stelle über alle
Antisemiten, die man erschießen sollte, zitiert habe]« (TbPC).
Enzian [ ...] Rapunzeln] Vgl. die Blumennamen (u. a. Rapun­
zel) in der im August entstandenen Erzählung »Gespräch im Ge-
birg« (siehe Nr. 165).

136
HAN/ÖNB Mappe B l 19-20: hs. Brief \ Kuvert fehlt.

Paris] Der Brief gehört zu den ersten nach der Heimkehr ge­
schriebenen (TbPC).
Mittwoch] 22. 7.1959.
Chasté] Halbinsel im Silser See.
Alp Grüm] Am 21. 7.1959 hatte PC einen Ausflug zu der auf
2091 m gelegenen Bahnstation der Berninalinie gemacht (NkPC).
Poggioli] Es handelt sich um eine Aufsatzsammlung vorwie­
gend zu russischen Autoren, aber u. a. auch zu Kafka; der Beitrag
zu Mandelstamm S. 113 - 13 2 (nicht in BPC).
Flinker] Vom Czernowitzer Martin Flinker betriebene deut­
sche Buchhandlung in Paris.
Geburtstagsbuch] Geschenk zum 3 3. Geburtstag am 2 5 .6 .19 59,
der im NkPC vermerkt ist (vgl. Nr. 139).

T37
DLA D 90.1.2831/9: m aschhs. korr. B rief an: »M. Paul C e la n /
y 8, Rue de Longchamp / P a ris _i6è™eJ / France«, Männedorf (Zü­
rich), 8. 8.1959.
314 Stellenkommentar

Rom ] IB hatte in.Rom für sich und MF eine Wohnung gesucht.


Am 22. 7.1959 schrieb sie aus Neapel an die Eltern: »ich fahre am
Montag, den 27. aus Rom weg nach Uetikon« (PNIB).
Scuol] Ort im Schweizer Engadin, deutsch Schuls, in dem sich
MF zur Behandlung aufhielt.
Sils Maria] Vgl. Nr. 134/Anm.
Kaschnitz \ Walser] Beide waren im neuen Heft XXIII (1959)
der >Botteghe Oscure< vertreten.
Honorar] Vgl. Nr. 103.
Flugreise] Vgl. Nr. 133.
Frankfurter Semester] Die »Frankfurter Vorlesungen«. Nach
»Fragen und Scheinfragen« (9. 12. 1959) folgten »Uber Gedichte«
(wo sie u. a. über PC sprach; zum Datum vgl. Nr. 15 5/Anm.), »Das
schreibende Ich« (Datum nicht bekannt), »Der Umgang mit N a­
men« (10. 2. i960) und »Literatur als Utopie« (24. 2. i960).
Heidegger-Festschrift] Martin Heidegger zum siebzigsten G e­
burtstag (hrsg. von Günther Neske, Pfullingen 1959) enthielt kei­
ne Beiträge von IB und PC; IBs Gedicht »Anrufung des Großen
Bären« war allerdings im Beitrag von Jens vollständig abgedruckt
und ausführlich interpretiert (»Marginalien zur modernen Litera­
tur. Drei Interpretationen«, S. 225-231, bes. 229L). PC und der
Philosoph waren seit Ende der 1950er Jahre durch gegenseitige
Büchersendungen in Kontakt. Von ihrem ersten persönlichen
Treffen im Juli 1967 gibt das kritische Gedicht »Todtnauberg«
Zeugnis; PCs Auseinandersetzung mit dem Werk des Philosophen
seit den frühen 1950er Jahren dokumentieren die ausgedehnten
Lesespuren in der BPC.
Heidegger-Arbeit] IBs Dissertation Die kritische Aufnahme der
Existentialphilosophie Martin Heideggers war als Arbeit gegen die­
sen konzipiert, mündet aber im Sinne des Heideggerschen Denkens
in eine Apotheose von Kunst und Literatur als den eigentlichen
Ausdrucksformen existentieller Erfahrung. Heidegger hatte sich
IBs lyrischen Beitrag für seine Festschrift persönlich gewünscht.
Bitten um derartige Beiträge schlug IB auch anderweitig aus.
politische Verfehlung] Vgl. Nr. 138.
Wittgenstein-Ausgabe] Die erste Ausgabe von Wittgensteins
Tractatus logico-philosophicus und von Philosophische Untersu­
Briefe Nr. 137-138

chungen (,Schriften, Bd. 1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp i960) ist


maßgeblich von IB initiiert worden. Dem von Unseld geäußerten
Wunsch (12. 6.1959, Archiv des Suhrkamp Verlags, Universität
Frankfurt), auch die Herausgabe zu übernehmen, kam IB jedoch
nicht nach. PC, der ein Beiheft zum Band besaß, scheint den aus
Österreich stammenden Philosophen, der in Cambridge lehrte,
erst 1967 durch Franz Wurm wahrgenommen zu haben.

138
HAN/ÖNB Mappe B l 2 1-2 2 : m a sch u . a. hs. korr. B rief Kuvert
fehlt.

vor ein paar Tagen] In seinem Brief vom 29.7.1959 (NPC) ver­
band Neske die Bitte an PC, doch ein Gedicht zur Festschrift bei­
zutragen, mit der Information, Heidegger sei gerade intensiv mit
Sprachgitter beschäftigt und würde sich über einen Beitrags PCs
besonders freuen.
Liste] Nicht nur PC, auch IB stand auf der Liste, dazu eine
Reihe von gemeinsamen Freunden sowie Personen, denen PC sehr
kritisch gegenüberstand (vgl. Nr. 140).
Freiburger Rektoratsrede] Wann und in welcher Form IB und
PC Heideggers Rede vom 10 .5 .19 33 im Wortlaut kennenlernten,
ist nicht bekannt. Der Philosoph hatte dort die Machtergreifung
ausdrücklich mit den Worten begrüßt: »Wir wollen uns selbst.
Denn die junge und jüngste Kraft des Volkes, die über uns schon
hinweggreift, hat darüber bereits entschieden«, und von der
»Herrlichkeit« und »Größe dieses Aufbruchs« gesprochen {Die
Selbstbehauptung der deutschen Universität, hrsg. von Hermann
Heidegger, Frankfurt a. M. 1983, S. 19).
Böll \ heute./ Am 3.4.19 59 hatte Böll auf einen ebenfalls am
2 .12 .19 5 8 geschriebenen Brief (vgl. Nr. 112) mit Firges’ Bericht
über die Bonner Lesung geantwortet, sein nächster Roman werde
eine wirkliche Antwort darauf enthalten. Auf PCs bittere Vorhal­
tungen vom 8.4.1959 schrieb Böll ebenso bitter zurück (vgl.
Nr. 197). Am 10. 8.1959 konnte PC in der FAZ als 14. Folge des
dort vorabgedruckten Romans Billard um halbzehn lesen, was
Böll wohl gemeint hatte. Aus der Perspektive des Ich-Erzählers
3i 6 Stellenkommentar

ist an dessen Onkel erinnert, der vom Ruhm träumte, »den er sich
von gelungenen Versen erhoffte; Traum, auf Moorwegen ge­
träumt, zwei Jahre lang [...], ein Quartheft mit Versen blieb, ein
schwarzer Anzug«; im wenig später in Worte gefaßten Bild des
Erzählers von sich selbst läßt sich der PC der zeitgenössischen
Fotos erkennen: »zart war ich, fast klein, sah aus wie etwas zwi­
schen jungem Rabbiner und Bohemien, schwarzhaarig und
schwarzgekleidet, mit dem unbestimmten Air ländlicher Her­
kunft«.
Andersch] PC hatte gegen den Erstverleger von Die gestundete
Zeit Vorbehalte, seit dieser auf seinen die Goll-Affäre betreffenden
langen Brief vom 27. 7.1956 nicht näher eingegangen war; er hielt
im übrigen Anderschs Roman Sansibar oder der letzte Grund für
latent antisemitisch (an Hermann Lenz, 21.3.19 59 ).
Schnabel [ ...] getan habe] Vom Honorarverzicht des Autors
von Spur eines Kindes wußte PC aus einem Bericht über die dem
Buch zugrundeliegende Rundfunksendung (FAZ, 11.3 .19 5 8 ). In
einem anredelosen, versehentlich ins Jahr 1958 datierten Brief
(8.4.1959) kritisierte er ihn, weil er als Juror Rezzoris Roman
Ein Hermelin in Tschernopol den Fontane-Preis zuerkannt hatte
(FAZ, 26. 3.1959). PC warf dem in Czernowitz geborenen Roman­
cier vor, darin von »Miasmen der Gossen in den Judenhöfen« und
gleichzeitig, wie Andersch, von »schönen mandeläugigen Jüdin­
nen« zu schreiben (PN 200.1 Anm.).
Oxford] PC spielt auf den Artikel »Poeta doctus« in der >Welt<
an: »In England, an der erlauchten Universität Oxford, gibt es eine
Professur für Dichtkunst« (Dg., 14. 7.1959).
»drittes«] Der NDR, dessen Mitarbeiter Schnabel war, betrieb
seit Ende 1956 ein Kulturprogramm (>Drittes Programm<), in dem
Rezzori u. a. mit der Sendereihe Idiotenführer durch die deutsche
Gesellschaft vertreten war.
finstern Himmeln] Vgl. den »Brief an Hans Bender« (18.5.
i960).
Flug] Vgl. Nr. 133.
Wuppertal] Vgl. Nr. 13 5 .1/Anm. Der Satz ist mit dem Datum
handschriftlich hinzugefügt.
Briefe Nr. 138-140 317

*39
DLA D 90.1.283 i / io : hs. B rief an: »M. Paul Celan / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, [xx. xx.] 1959.

Flug] Vgl. Nr. 133.


Frankfurt] Die »Frankfurter Vorlesungen«.
» Valéry« \ Übersetzung] Paul Valéry, Poésies. Album de vers
anciens - La Jeune Parque - Charmes - Pièces diverses - Cantate
du Narcisse - Amphion - Sémiramis (Paris 1942; BIB, auch in BPC).
Zu PCs Übertragung Die junge Parze vgl. Nr. 160.
damals, in Paris] Meint IB ihre Aufenthalte 1950/51 oder ihren
Besuch im Sommer 1958?

140
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. 23-24: hs. B rief Kuvert fehlt; zur Beilage
vgl. Nr. 142.

Frankfurt] Die »Frankfurter Vorlesungen«.


Schallplatte] Vgl. Nr. 103. Bei den schlechten Erfahrungen
denkt PC an eine von der Absprache abweichende Anordnung
der Autorennamen und das bisher nicht bezahlte Honorar (PC
an Neske, 1 2 .1 1 . bzw. 28. 8.1959; NPC).
Friedrich Georg Jünger] Der jüngere Bruder von Ernst Jünger
(dieser auch auf der am 29. 7.1959 gesandten Liste, vgl. Nr. 138)
stand in den 1920er Jahren nationalsozialistischen Kampfbünden
und der NSDAP nahe; er beeinflußte Heidegger u. a. durch seine in
den 1940er Jahren gegen die technisierte nationalsozialistische Ge­
sellschaft entwickelte Technikkritik.
7j. Geburtstag] Aus diesem Anlaß wurde keine Festschrift pu­
bliziert. Über seinen Vorschlag hinaus, schrieb PC an Neske: »hät­
ten Sie mir doch, wie Sie es mir vor über einem Jahr versprachen,
rechtzeitig geschrieben! Aber Sie schreiben erst jetzt, im letzten
Augenblick, meine Bestände an Unveröffentlichtem sind mittler­
weile zusammengeschrumpft, ich habe wirklich nichts, das einen
Beitrag zur Heidegger-Festschrift darstellen könnte. Und ich kann
auch nichts vom Zaun brechen, wirklich nicht, das wäre alles an­
dere als ernst - und Heidegger fordert Ernst und Überlegung«
(28.8.1959, NPC).
318 Stellenkommentar

»Hirte des Seins«] PC versah in Heideggers »Brief über den H u­


manismus« (1946; in: Wegmarken, Frankfurt a. M. 1967; BPC) die
Formulierung »Der Mensch ist der Hirt des Seins« mit Rand-
anstreichung.
Rundschau-Korrektur] V. 1-17 3 der Übertragung »Die junge
Parze« erschienen 1959 in Heft 3 der >Neuen Rundschau<, die
Umbruchkorrektur ging am 7.9.1959 an den S. Fischer Verlag
(mit dem Brief an IB vermerkt im TbPC).
Mandelstamm [ ...] schlechte Erfahrungen] Eine Reaktion auf
PCs Übertragungen in der >Neuen Rundschau< (Heft 3, 1958, NIB
ohne Widmung) war die Zusendung einer antisemitischen Zeit­
schrift (an Hirsch, 22.4.1959). Zur Buchausgabe Gedichte vgl.
Nr. 154.
Wuppertal] Vgl. Nr. 13 5.1 /Anm.
Burgtheater-Matinee] Helmut Schwarz vom Burgtheater frag­
te PC am 27. 8.1959 nach seiner Bereitschaft zu einer Lesung in der
Spielzeit 1959/60. Beunruhigt durch die Goll-Affäre verzichtete
PC Ende Dezember i960 auf die Teilnahme an der inzwischen als
gemeinsame Lesung mit IB und Ilse Aichinger geplanten und in die
folgende Spielzeit verschobenen Veranstaltung.
Deutsch-Lektor-Stelle] Vom 1.10 .19 5 9 bis zu seinem Tod ar­
beitete PC als Deutsch-Lektor an der Elitehochschule Ecole nor­
male supérieure (Rue d’Ulm).
Stummsein] Zwischen »Es war Erde in ihnen« (27. 7.1959) und
»Zürich, Zum Storchen« (30.5. i960) schrieb PC kein eigenes G e­
dicht.

14 1
HAN/ÖNB Mappe y Bl. 2 y hs. B rief Kuvert fehlt.

22. 9. 59] Brief im TbPC vermerkt.

142
DLA D 9 0 .1.2 8 31/11: hs. Eilbrief an: »M. Paul Celan / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCE«, Zürich, 28.9.1959, von:
»Ingeborg Bachmann, Kirchgasse 33 Zürich«, Paris, 29.9.1959;
DLA D 90.1.490 (z. Beilage): 6 Bl. hs. korr. Umbruch, oben rechts
mit Markierung »—i—« (jew. PC).
Briefe Nr. 140-143.i 319

Kirchgasse 33 \ Gottfried Kellerhäusern] IB bezog im Oktober


eine Wohnung in dem Haus, in dem der Schweizer Dichter 1861
bis 1876 gelebt hatte.
Anmerkungen] PC nahm IBs Korrekturvorschläge nicht auf.
Wuppertal] Vgl. Nr. 135.1/Anm . Ob IB tatsächlich nicht ein­
geladen wurde, ist nicht geklärt.
Lektor-Stelle] Vgl. Nr. 140.
Zwingli-] Der Schweizer Reformator wohnte ab 1525 in der
Kirchgasse 13.
Büchner-] Das Haus Spiegelgasse 12, in dem der deutsche
Schriftsteller und Revolutionär ab Oktober 1836 lebte, ist mit
dem Haus Kirchgasse 33 durch eine Querstraße direkt verbun­
den.

*43
HAN/ÖNB Mappe f, B l 26-27: hs. B rief an: »Mademoiselle Inge-
borg Bachmann / Zürich / Kirchgasse 33 / Suisse«, Paris, [xx. xx.]
I 959, von: » Celan, yS r. Longchamp / Paris i6 e«; HAN/ÖNB Mappe
14, B l 3 (z. Beilage): Ds. mit u. a. hs. (Ds.) Korrekturen und H er­
vorhebungen von PC.

Besprechung] Blockers Sprachgitter-Rezension erhielt PC durch


seine in Berlin lebende Bekannte Edith Aron (Brief vom 14 .10 .
1959, NPC). PC sandte den Text am selben Tag nur noch an Schroers;
am 23.10 .19 59 vermerkte er, daß er auf die Sendung bisher von
keinem eine Antwort erhalten habe (jew. TbPC). PC schrieb am
2 1.10 .19 5 9 in »Wolfsbohne«: »Mutter, ich habe / Briefe geschrie­
ben. / Mutter, es kam keine Antwort. / Mutter, es kam eine Antwort.
/ Mutter, ich habe / Briefe geschrieben an -« (V. 39-44). Zu PCs
Antwort auf den Artikel vgl. Nr. 201.1.

14 3.1
Gedichtbandes] Sprachgitter, im Original »Lyrikbandes«; PC
setzte sich in den unmittelbar vorher entstandenen Arbeiten
zum Vortrag »Von der Dunkelheit des Dichterischen« (vgl. Nr.
135.1/Anm .) ausdrücklich vom Lyrikbegriff ab (PN 245, 246, 253).
Zw ei [ ...] Fahnen] Im Original werden die V. 3 -11 von »Die
320 Stellenkommentar

Welt« ohne Auslassung zitiert, aber ohne Hinweis auf das Fehlen
der ersten Strophe; deshalb wohl die Schrägstriche.
suchend.«] Schluß der Bremer Rede (GW III 186).

144
DLA D 90.1.2831/12: hs. B rief (hs. Datum von der H and PCs) an:
»M. Paul Celan / j8 , Rue Longchamp / PARIS i6^me / France«,
Zürich, 10 .11.19 5 9 , oben links au f dem Kuvert von der H and PCs:
»Paris, 12. XI. 59«.

Deutschland] Teilnahme an der Tagung der Gruppe 47 auf


Schloß Elmau bei Mittenwald (23.-25.10.1959).
Max an Dich] PC charakterisierte MFs Antwort (vgl. Nr. 203)
mit den Worten: »Feigheit, Verlogenheit, Infamie« (12 .11.19 5 9 ,
TbPC).
Blöcker] Von PCs Brief an Blöcker wußte IB durch MF (vgl.
Nr. 201.1).
Kritiken [ ...] zweiten Gedichtband] Im PNIB ist Blockers Sam­
melrezension mit Unterstreichungen (IB?) im Abschnitt zu A n­
rufung des Großen Bären erhalten: »Ist die Autorin durch Erfolg
ermattet oder leichtsinnig geworden? Sie gestattet sich Nachgie­
bigkeiten, verfällt streckenweise in ein breites Psalmodieren. Die
Bilder stehen nicht immer so stark und unangreifbar im Raum wie
früher. Das Ideogrammatische erscheint zuweilen musikalisch er­
weicht: ein etwas verschwommener Sibelius-Ton macht sich breit.
Manches ist zu allzu weitmaschigen Sprachmustern auseinander­
gezogen, der Band wirkt ein wenig gestreckt. Hier und da gibt es
sogar schon Selbstzitate.« (»Unter dem sapphischen Mond«, >Ta-
gesspiegel·, 7. 7.1957).
2j\ u. 26. Novem ber in Frankfurt] Zur Eröffnung der Poetik­
dozentur vgl. Nr. 137.
nach Paris] Zum von IB vermiedenen Treffen anläßlich ihrer
dritten der »Frankfurter Vorlesungen« vgl. Nr. 155.

145
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. 28-29: masch., hs. korr. B rief an: »Made­
moiselle Inge borg B a ch m a n n / Z Ü R IC H / Kirchgasse 33 /
Briefe Nr. 14 3.1-14 7

SUISSE«, Paris, 13 .11.1 9 5 9 , von: »Paul Celan, 7 8 me de Long-


champ, Paris i6 e«; DLA D 90.1.2820/1 (2 Ds.): hs. Korrekturen nur
in einem Exemplar.

an Max Frisch \ Notzeile] Vgl. Nr. 201.


»Alles«] Vgl. Nr. 156. PC hatte der FAZ entnehmen können,
was IB als »Beweis ihres großen Könnens« gelesen hatte (Hans
Schwab-Felisch: »Lyriker lesen Prosa«, 29.10.1959).
von Max Frisch] Vgl. Nr. 203.
Mutter \ Gisele und das Kind] Friederike Antschel wurde im
Winter 1942/43 in einem deutschen K Z ermordet. Sie und seinen
Sohn Eric evoziert PC im Zusammenhang mit Blockers Kritik in
»Wolfsbohne«: »Unser / Kind / weiß es und schläft. // (Weit, in
Michailowka, in / der Ukraine, wo / sie mir Vater und Mutter
erschlugen: [...]«.

146
HAN/ÖNB Mappe 5, Bl. 30 -31: hs. Eilbrief an: »Mademoiselle In-
geborg Bachmann / Z ü ric h / Kirchgasse 33 / Suisse«, von: »Paul
Celan, 78, rue de Longchamp / Paris i6 e«, Paris, 1 7 .1 1.1 9 5 9 und
Zürich, 18 .11.19 5 9 .

Literatur] Wohl Bezug auf die Tagung der Gruppe 47 (vgl.


Nr. 144/Anm.). Am 1.10 .19 5 9 notierte PC Informationen, die er
von Grass über die Tagung erhalten hatte: »Ingeborg hat die Blök-
kergeschichte mit keinem Wort erwähnt« (TbPC).
literarisch interessant] Vgl. Nr. 203.
Schroers] Wohl seit dem 13 .11.1 9 5 9 (NkPC).

147
DLA D 9 0 .1.2831/13: hs. Eilbrief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / PARIS i6^me / FRANCE«, Zürich, 18 .11 .19 5 9 und
Paris, 19 .11.19 5 9 .

Gisele] Vgl. Nr. 221.


Brief, der schlecht war] Vgl. Nr. 144.
von hier] D. h. im Verhältnis mit MF.
3 22 Stellenkommentar

148
DLA D 90.1.2831/14: Telegramm an Paul Celan, y 8 Rue de Long-
champ Paris/16, Zürich, 1 8 .1 1 . [1959], 15 13 und Paris, 18 .11.19 5 9 ,
1635.

149
DLA D 90.1.2831/i y Ansichtskarte (Zürich. St. Peterskirche) an:
»Paul Celan / PARIS i6 eme / y 8, Rue de Longchamp / France«,
Zürich, 2 1.1 1.19 5 9 .

Klaus] Demus kam von einer Dienstreise aus Luxemburg.

150
DLA D 90.1.2831/16: Telegramm an Paul Celan, y 8 Rue de Long­
champ Paris/16, Zürich, 23. [11.19 59 ], o i36und Paris, 23 .1 1 .1 9 5 9 ,810.

MUSIK] Wohl separat versandte, nicht identifizierte Schallplat­


te (vgl. Nr. 221).
GEBURTSTAG] Der 39. am 23. 11 . 1959.

*5 *
DLA D 90.1.283 i/ iy : hs. B rief an: »M. Paul Celan / y 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Zürich, 22. [12 .] 1959.

Montag \ heut Nachmittag Gisèle] Montag war der 2 1.12 .


1959; vielleicht wurde der Brief gegen Mitternacht begonnen,
vgl. den auf den 20 .12 .19 5 9 datierten Brief an GCL (Nr. 222).
Schwierigkeiten hier] Die Krise zwischen IB und MF.
Klaus gestern abend] Demus hatte auf einer Dienstreise am
19 .12 .19 5 9 kurz in Paris Station gemacht (NkPC).
B rief von Max] Vgl. Nr. 203.
verletzende Absage] Vgl. Nr. 145.
Deinem ersten Brief] Meint IB Nr. 143?
Hildesheimer] Als Mitglied der Gruppe 47 gehörte der Schrift­
steller und Maler, der, 1946 aus dem Exil nach Deutschland zu­
rückgekehrt, Lektor bei Piper war, seit 1953 zum engeren litera­
rischen Bekanntenkreis von IB. Für sie und Henze wurde er bald
Briefe Nr. 148-153.1 323

zu einem der wichtigsten politischen Gesprächspartner. Ein lang­


jähriger ironisch-freundschaftlicher Briefwechsel zwischen ihm
und IB belegt ihre Verbundenheit. Für PC dürfte es sich hier um
den ersten persönlichen und brieflichen Kontakt mit ihm handeln
(an Hildesheimer, 23.12.19 59 ). Er besuchte das Ehepaar Celan im
Dezember 1959 in Paris. In einem »Ende November« datierten
Brief kündigte er IB seinen Besuch in Zürich an (NIB).
diese Lasten, Frankfurt] Die »Frankfurter Vorlesungen«.

152
DLA D 90.1.2831/18: hs. B rief an: »M. Paul Celan / /8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / France«, Zürich, 29. 12.19 59 .

Buch] Das dreißigste Jahr.


Manuskript] Vgl. Nr. 156.

153
DLA D 90.1.2831/19: masch., hs. korr. B rief an: »M. Paul Celan /
j8 , Rue de Longchamp / Paris_i6lm _e / France«, Zürich, 30.(2) 12.
1959; Beilage: hs. korr. Ds. (gedruckt in: D er Bremer Literaturpreis
1954-198/. Reden der Preisträger und andere Texte, hrsg. von
Wolfgang Emmerich, Bremerhaven 1988, S. 88).

Schroers [ ...] Bremer Affaire \ Grass] Der Bremer Senat verhin­


derte den Bremer Literaturpreis für Die Blechtrommel von Grass
durch sein Veto. PC hatte Schroers (Jurymitglied als Vorjahres­
preisträger) ausdrücklich gebeten, für Grass zu stimmen (3.12.
1959, Nordrhein-Westfälisches Staatsarchiv Münster). Schroers
informierte PC zunächst telefonisch; in einem Brief berichtete er
PC dann über seine parallele Kontaktaufnahme mit anderen Preis­
trägern, u. a. mit IB (28.12.1959, NPC).

I 53-1
vor drei Jahren] Vgl. Nr. 87/Anm.
Wiese] Der Bonner Germanistikprofessor, Mitglied der Jury,
war mit PC wegen der Dissertation von Firges in Kontakt (vgl.
Nr. 112).
324 Stellenkommentar

Hirsch] Der Schriftsteller und Mitarbeiter des S. Fischer Ver­


lags (Verlagsdirektor 1954-1963) stand mit PC seit Mai 1952 in
persönlichem Kontakt. Ein umfangreicher Briefwechsel zeugt
von kritischer Verbundenheit.
H err Senator] Wohl der damalige Bildungssenator Eberhard
Lutze.

154
HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 1-2: hs. B rief an: »Mademoiselle Ingehorg
Bachmann / Z ü ric h / Kirchgasse 33 / Suisse«, von: »Paul Celan,
7 8 rue de Longchamp, Paris i6 e«, [Paris], 3 .1.19 6 0 .

Mandelstamm] PC sandte den im November erschienenen


Band Gedichte (Aus dem Russischen übertragen von Paul Celan,
Frankfurt a. M.: S. Fischer 1959) am 1.1.19 6 0 (dies und der Brief
im TbPC vermerkt). In der BIB fand sich kein Widmungsexemplar
von PCs Übertragung, sondern ein von Klaus und Nani Demus
geschenktes.
Hildesheimer] Vgl. Nr. 15 1; in einem Brief an Hildesheimer
vom 2 3 .12 .19 5 9 dementierte PC, das Wort »suspekt« in Zusam­
menhang mit MFs Reaktion auf die Kritik von Blöcker benützt zu
haben. Hildesheimer erklärte das Wort am 2 7 .12 .19 5 9 (Durch­
schlag an IB) als seine Interpretation des von PC Gesagten und ent­
schuldigte diesen Gebrauch als »zu hart«. PC antwortet am
2. i . i960 mit der Bestätigung der Freundschaft. An Demus schrieb
PC in bezug auf den vorliegenden Brief mit der Bitte, das an IB nicht
weiterzugeben: »Ich habe Ingeborg und Max Frisch noch jenes
>helle< Wort gesagt - umsonst, Klaus, umsonst...)« (25.1.1959).
Bremer Senat] Vgl. PC/HHL 232 sowie die Abbildung in »Der
Bremer Literaturpreis« (S. 88, vgl. Nr. 153/Anm.).

155
DLA D 90.1.2832/1: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 kme / France«, Zürich, 2 3 .1.19 6 0 (lag ur­
sprünglich im 2. Band der frz. Werkausgabe von Pin dar, »Pythi-
ques«, Paris 31955, S. 83; BK IV 73).
Briefe Nr. 153.1-158 325

Frankfurt] Zur dritten der »Frankfurter Vorlesungen«. An De­


mus schrieb PC bitter zu seiner Lesung von Die junge Parze am
1 6 .1 . i960 in Frankfurt: »(Ingeborg war zwei Tage vorher dage­
wesen, konnte aber, obwohl sie wußte, daß man mich erwartete,
nicht länger bleiben...« (25.1. i960). PC war am 15 .1.19 6 0 in
Frankfurt eingetroffen.
Char- und Valéry üb ersetz ungen \ Block] »Hypnos«, Die junge
Parze und Die Zwölf,
fü r Dich arbeiten] Zu PCs Schreibhemmung vgl. Nr. 140/Anm.
vergangenen ]ahr entstanden] Die Erzählungen für Das drei­
ßigste Jahr.
Honorar] Vgl. Nr. 103.

i ;6
DLA D 90.1.2832/2: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, rue de
Longchamp / Paris i6 ème / France«, Zürich, 2.2. i960; Beilage: 23
Bl. hs. korr. Ds. (gedruckt in: »Das dreißigste Jahr«, S. 77-104).

157
DLA D 90.1.2832/3: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, Rue de
Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCE«, Uetikon, 19.2. i960, oben
links au f dem Kuvert von der Hand PCs: »Bravo Blöcker! / Bravo
Bachmann! / 20.2. 60«.

158
DLA D 90.1.1661: jew. hs. Grüße (Datum von der H and PCs,
Kartentext und Adresse Hans Mayer) au f Ansichtskarte (Messe­
stadt Leipzig, Völkerschlachtdenkmal; geknickt, unfrankiert) an:
»Herrn Paul Celan / 78, rue de Longchamp / Paris 16 e / Frank­
reich«, Kuvert fehlt.

Leipzig] IB nahm an einem von Mayer geleiteten Lyrik-Sym-


posium in Leipzig teil (29. 3. - 3 1.3 . i960). Mayer, Jens, Huchel
und Enzensberger waren Teilnehmer der Wuppertaler Tagung
1957 (vgl. Nr. 44). Ein möglicher Begleitbrief von Mayer oder
einem anderen Unterzeichner konnte nicht identifiziert werden.
Mayer] PC hatte den deutsch-jüdischen Literaturwissenschaft­
3 16 Stellenkommentar

ler, der zu diesem Zeitpunkt noch in Leipzig unterrichtete, im


Februar bei einem Büchner-Seminar an der ENS erlebt.
Maurer] Den Namen des in Siebenbürgen geborenen, in der
DDR lebenden Lyrikers kannte PC aus einem 195 6 von Claire Goll
anonym verschickten Brief. Dort wurde zur angeblichen Abhän­
gigkeit PCs von Yvan Goll auf eine Rede Maurers verwiesen (vgl.
GA i98f.); dieser dementierte die Formulierung »Meisterplagia­
tor« später (GA 198, vgl. Nr. 179).
Ernst Bloch] IBs frühe Auseinandersetzung mit dem jüdisch­
deutschen Philosophen, der zu diesem Zeitpunkt noch in Leipzig
unterrichtete, zeigt sich in ihrem Utopiebegriff; vgl. die fünfte der
»Frankfurter Vorlesungen« »Literatur als Utopie«. PCs Interesse
bezeugen Lesespuren wie Gedichte in Die Niemandsrose (vgl. KG
678-682, 688 und 692).
Krauss] Der deutsche Romanist, engagierter Gegner des Hitler-
Regimes, war Professor in Leipzig. PC hatte keinen Kontakt zu
ihm.
Karola Bloch] Die polnisch-deutsche Architektin und Publizi­
stin war mit dem Philosophen Ernst Bloch verheiratet.
Schubert] Assistent von Hans Mayer.
Kretzschmar] Damals geschäftsführende Sekretärin des P.E.N.-
Zentrums Ost und West (d. h. der DDR).
Inge Jens] Deutsche Germanistin und Anglistin, verheiratet
mit Walter Jens.
Hermlin] Der deutsch-jüdische Schriftsteller lebte nach seiner
Emigration nach Palästina (1936) seit 1947 in Ost-Berlin. Persön­
liche Kontakte zu PC bestanden nicht.

HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 3: masch., hs. korr. Brief, Kuvert fehlt;


DLA D 90.1.2820/2 (Ds.): hs. Korrekturen nicht vollständig.

/Poincare 39-63/ \ miteinander sprechen] IB telegrafierte GCL


am 24. 5. i960 (vgl. Nr. 223), dem folgte ein Telefongespräch; vor­
her hatte PC am 2 1.5 . i960 zweimal erfolglos versucht, IB telefo­
nisch zu erreichen (NkPC).
Ich schreibe D ir] PC notierte, daß er einen Durchschlag behielt
(TbPC).
Briefe Nr. 158 -161 327

Abreise] Vgl. Nr. 103.


Evidenz] Anfang Mai waren unter dem Titel »Unbekanntes
über Paul Celan« die Vorwürfe von C. Goll, PC habe Y. Golls
deutsches Spätwerk plagiiert, erschienen, die im Zusammenhang
mit der Wahl PCs zum Büchnerpreisträger (Pressemeldung 19.5.
i960) eine umfangreiche Pressekampagne (Goll-Affäre) auslösten;
tatsächlich plagiiert hatte C. Goll selbst (vgl. Nr. 179). Es ist un­
klar, worauf PC hier konkret anspielt; IB kannte die Publikation
sicher noch nicht.
Blöcker [ ...] nachts«] Vgl. Nr. 144 und 153.
Geschehenen«] Vgl. Nr. 157.
24. [.. .] Sachs] Die Dichterin nahm von Zürich aus in Meers­
burg am 29. 5. i960 den Droste-Preis in Empfang; PC traf tatsäch­
lich am 25.5. i960 in Zürich ein. Er wußte aus Sachs’ Brief vom
6.5. i960, daß u.a. IB sie am Flughafen abholen wollte. Ob PC
tatsächlich, mit oder ohne Hinweis auf IB, an Sachs schrieb, er
könne nicht zum Flughafen kommen, läßt sich nicht klären, da
ein Brief auf seinen Wunsch hin vernichtet wurde (PC/Sachs 4of.).

160
BIB: hs. Widmung (S. [1]) von: Paul Valéry, »Die junge Parze«,
Deutsch von Paul Celan, Wiesbaden: Insel-Verlag i960, Kuvert
fehlt.

jo . Mai i960] Sendung in TbPC vermerkt; die Übertragung war


schon im März erschienen.

16 1
DLA D 90.1.2832/5: hs. B rief an: »M. Paul Celan / j8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 ème / FRANCE«, Zürich y.(f) 6. i960.

heimgekommen] Aus Zürich. Anläßlich der Drostepreis-Ver­


leihung an Sachs gab es mehrere Treffen zwischen PC und IB,
teilweise waren auch GCL und MF anwesend (vgl. Nr. 224-225).
Störungen] IB war sicherlich mündlich über die neuen Plagiats­
vorwürfe (vgl. Nr. 159/Anm.) informiert worden und wußte um
PCs große Beunruhigung über das Wiederauftreten der seit 1953
schwelenden Goll-Affäre.
3 28 Stellenkommentar

den i j . J Sachs blieb dann bis zum 17. 6. i960 in Paris.


noch hier] PC verließ Zürich am 28.5. i960, Sachs fuhr wohl am
2. 6. i960 von Zürich nach Ascona.

162
DLA D 90.1.2832/6: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Uetikon, 11 . 7. i960.

Buch] Guillaume Apollinaire: Œuvres Poétiques (hrsg. von


Marcel Adéma und Michel Décaudin, Bibliothèque de la Pléiade,
[Paris] 1959; BIB), geschickt am 22.6. i960, dazu »Glückwünsche«
(nicht aufgefunden, TbPC).
Geburtstag] Der 34. am 25.6. i960.
Land] PC machte mit seiner Familie Urlaub in der Bretagne
(10.-24. 7. i960).

163
DLA D 90.1.2832/y: hs. B rief an: »M. Paul Celan / j8 y Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Zürich, 28. 8. i960.

halb fertigen Briefe \ Telefon \ Stockholm] IB erzählte PC am


25.8. i960 von zwei Briefen (Entwürfe nicht aufgefunden), die sie
abzusenden versprach. Thema des Gesprächs war zum einen IBs
Kritik am Ton der »Entgegnung«, zum ändern Sachs’ dramatisch
verschlechterter Zustand: PC erfuhr am 9. 8. i960 (TkPC) von ihrer
Einweisung in eine psychiatrische Krankenhausabteilung. Uber
die Kranke war schon am 11. 8. i960 gesprochen worden (NkPC).
Familie] M. Bachmann, als Lehrer in Österreich schon pensio­
niert, nahm i960 eine Anstellung in einem Internat in der Schweiz
an; O. Bachmann kam später nach.
Bobbie] Von der schweren Erkrankung der langjährigen Freun­
din erfuhr IB im März i960; Elisabeth Liebl starb am 25. 5.196 1.
APPELTOFFT] Stockholmer Freundin von N elly Sachs; auch
ein Brief von Sachs an PC trägt diesen Absender (PC/Sachs 126).
Mittwoch \ M adrid/ IB und MF unternahmen im September
i960 eine Spanienreise, die sie auch nach Marokko führte. Mitt­
woch war der 31.8 . i960.
Briefe Nr. 161-166

Entgegnung von Klaus] Auf diese Form der Stellungnahme ge­


gen die Vorwürfe C. Golls (vgl. Nr. 159/Anm.) hatten sich PC,
Hirsch und Demus im Mai i960 geeinigt; den Text hatte Demus
gemeinsam mit PC verfaßt (vgl. PN 886), IB zeichnete den Text erst
Ende September.
in dieser Form, nur schädlich] IB bezieht sich auf ein nur von
Demus gezeichnetes Typoskript (H A N /Ö N B , Mappe 14, Bl. 5-8).
Demus gegenüber war sie deutlicher: »Ich halte die Entgegnung,
der Formulierungen wegen, für ungünstig, ja für unselig, sie würde
Paul schaden« (28. 8. i960, N PC ). Vielleicht nach Kenntnisnahme
dieses Briefes schrieb PC über den vorliegenden: »Verlogen-feiger
Brief von Ingeborg« (30. 8. i960, N kPC ).
Manuskript \ Kaschnitz] Demus hatte Kaschnitz am 12. 8. i960
einen Durchschlag des Textes zur Gegenzeichnung zugeschickt,
sie stimmte am 16. 8. i960 mit einzelnen Einwänden zur Wortwahl
zu.

164
DLA D 90.1.2834/1: Luftpost-Ansichtskarte (Goya, E l Pelele [Die
Puppe]) an: »M. et Mme Paul CELAN / 7 8, Rue de Longchamp /
PARIS i6^me / FRANCIA«, M adrid, 11. 9. i960.

165
BIB: hs. Widmung au f dem Deckblatt von »Gespräch im Gebirg«,
Sonderdruck aus >Die Neue Rundschau<, Heft 1, i960, S. 199-202.

29. Oktober i960] Der Sonderdruck wurde wohl am 30.10.


i960 persönlich übergeben, als PC nachmittags im Hotel du Lou­
vre IB, MF und Unseld traf (NkPC). Das Heft war im August
erschienen. An Demus schrieb PC zu diesem Treffen: »Vor drei
Tagen habe ich hier Ingeborg und Max Frisch getroffen und sie um
Verzeihung gebeten« (1./ 2 .11. i960).

166
HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 4-y. hs. B rief au f Bütten-Briefkarte an:
»Mademoiselle Ingeborg B a ch m a n n / Haus zum Langenbaum,
Seestraße / Uetikon bei Zürich / Suisse / Faire suivre s.v.p. / Bitte
33 ° Stellenkommentar

nachsenden!«, Paris, iy. n . i960, von: »Paul Celan, y8 rue de


Longchamp, / Paris i6 e«; der B rief enthielt möglicherweise eine
Beilage in Verbindung mit einer Bütten-Briefkarte mit Aufschrift:
» In g e b o r g « (HAN/ÖNB Mappe 6, B l y).

Zürich [ ...] Weber] PC war vom 25. bis zum 27. 11. i960 für
Gespräche über die Goll-Affäre (vgl. Nr. 159/Anm.) in Zürich;
mit IB sprach er an jedem der Tage, mit Weber am 2 6 .11. i960.
Es sind die letzten persönlichen Begegnungen zwischen IB und
PC. Informationen über den Plan von IB und MF, nach Rom über­
zusiedeln (vgl. »urbi et orbi«), besaß PC von einem Treffen in Paris
am 30.10. i960 (vgl. Nr. 165/Anm.).
>Welt< [ . . .] »Christ und Welt«] Unter dem Titel »Umstrittener
Ausflug in die Vergangenheit« nahm der Doktorand Rainer Kabel
(als Rainer K. Abel) in der >Welt< die Vorwürfe von C. Goll aus
dem >Baubudenpoet< (vgl. Nr. 179) auf; der Artikel hatte das Ziel,
die Büchnerpreis-Verleihung an PC noch zu verhindern, erschien
aber erst am 1 1 . 1 1 . i960. Am 27.10. i960 hatte Kabel in >Christ
und Welt< unter dem Titel »Jeder ist Orpheus« vorsichtiger noch
nicht von Diebstahl gesprochen und noch nicht die »Todesfuge« in
die Vorwürfe mit einbezogen. Eine maschinenschriftliche Notiz
IBs zu beiden Artikeln mit der Verlags-Adresse von >Christ und
Welt< in ihrem Nachlaß deutet darauf hin, daß sie einen Leserbrief
plante (HAN/ÖNB Mappe 14, Bl. 4).
Infamie] Von PC gebrauchter Begriff für die Goll-Affäre.
Eure Entgegnung] Der von Kaschnitz, Demus und IB gezeich­
nete Text erschien um den 2 0 .11.19 6 0 im 3. Heft der >Neuen
Rundschau<.

/6/
DLA D 90.1.2832/8: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8, rue de
Longchamp / PARIS i6 hme / FRANCE«, Uetikon, 18. 11. i960.

Regentag in Paris] Wohl der 30.10. i960 (vgl. Nr. 165/Anm.).


Szondi] Es handelt sich um den Artikel »Anleihe oder Ver­
leumdung? Zu einer Auseinandersetzung über Paul Celan« in
der NZZ ( 1 8 .1 1. i960, Fernausgabe am 19 .11.19 6 0 ). PC stand
Briefe Nr. 16 6-171 33 1

mit dem Schweizer Literaturwissenschaftler ungarisch-jüdischer


Herkunft seit April 1959 in persönlicher Verbindung.

168
D LA D 90.1.2832/9: Telegramm an Paul Celan, Rue de Longchamp
Paris/16, Uetikon, 23. 11. [1960], 1 3 05 und Paris, 23. 11. i960, 14 n.

GEBURTSTAG] Der 40. am 23. 11 . i960.


PAECKLEIN] Vgl. Nr. 170.

169
HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 6: Telegramm an Ingeborg Bachmann,
Haus Langenbaum Seestrasse Uetikon am See bei Zürich, Paris,
2 4 .11. [i960], io 13 und Uetikon, [24.] 11 . i960, n ° \

Urban] Bei seinem Zürich-Auf enthalt (Nr. 166) wohnte PC


nicht, wie sonst häufig, im Hotel Urban (vgl. Briefpapier von
Nr. 224), sondern im Hotel Neues Schloss, Stockerstr. 17.

170
DLA D 90.1.3606: hs. Widmung au f Briefkarte, ursprünglich in:
Gertrude Stein, »Drei Leben«. Berechtigte Übertragung von Mar­
lis Pörtner; mit einem Nachwort von Marie-Anne Stiebel, Zürich
i960 (BPC); au f der Rückseite befand sich wohl ursprünglich ein
Foto.

Geburtstag \ Novembertagen] Die Karte wurde bei PCs Z ü­


rich-Aufenthalt persönlich übergeben, vielleicht mit dem Buch
(vgl. Nr. 168).
Gertrude Stein, »Drei Leben«] Die amerikanische Schriftstel­
lerin erzählt über drei weibliche Leidenswege. Außer einem G e­
schenkbändchen (S. 84^) enthält PCs Exemplar keine Benutzungs­
spuren (auch in BIB).

17 1
DLA D 90.1.3291: Telegramm, ediert nach einer hs. Tagebuchnotiz
von PC unter dem Datum des 2 .12 . i960, mit der Präzisierung »2^
332 Stellenkommentar

Telegramm an Ingeborg«; der Telegrammtext steht in Anfüh­


rungszeichen, gefolgt von einem Gedankenstrich (Originaltele­
gramm nicht au f gefunden).

nicht länger] Der nach der Rückkehr aus Zürich abgesandte


Brief PCs zu einem Briefumschlag mit Poststempel vom 2 9 .11.
i960 (HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 8), auf den er eine Reaktion erwar­
tet, wurde nicht aufgefunden. Vgl. auch Nr. 226.

17 z
DLA D 90.1.2832/10: Telegramm an Paul Celan, 78 Rue de Long-
champ Paris/16E, Uetikon, 3 .12 . [i960], oo30 und Paris, 3. [12.
i960], 655.

GEHEIMNUMMER] Maßnahme, um sich vor unerwünschten


Anrufen, vor allem im Zusammenhang mit der Goll-Affäre, zu
schützen.

173
DLA D 9 0 .1.2832/11: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8, Rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, Uetikon, 5 .12 . i960.

an Gisele] Vgl. Nr. 227.


Hirschfeld] Der deutsch-jüdische Regisseur war Dramaturg
am Zürcher Schauspielhaus.
Herausgeber] Es geht wohl um den Herausgeber der >Welt<,
Axel Springer (im Brief von Hirschfeld an PC vom 19 .12 . i960
genannt, NPC), und einen Leserbrief von Enzensberger dort, der
schon am 1 1 . 1 1 . i960, dem Erscheinungstag von Kabels Artikel
(vgl. Nr. 166/Anm.), geschrieben, aber immer noch nicht publi­
ziert worden war, sondern erst am 16 .12 . i960 veröffentlicht wur­
de (neben einem im Auftrag von C. Goll verfaßten Artikel von
Dietrich Schaefer).

174
DLA D 90.1.2832/12: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8 rue de
Longchamp / PARIS i6 eme / FRANCE«, M ännedorf (Zürich), j. 12.
i960.
Briefe Nr. 17 1-17 7 333

5 - 1 1 - 60] Vgl. Poststempel!


Unterlagen] Hirschfeld schrieb PC am 19 .12 . i960, daß ihm IB
noch nicht alles versprochene Material gegeben habe (NPC).
»Tat«] Erst am 17 .12 . i960 erschien in der Zürcher Tageszei­
tung Möhlers Artikel »Zu einer Kampagne. Ein notwendiges
Wort« (vgl. Nr. 226).
Frankfurt] IB besuchte eine Aufführung von Henzes Oper Der
Prinz von Homburg und traf sich mit Adorno und Kaschnitz.

175
DLA D 90.1.2832/13: hs. Gruß au f Kärtchen in unbeschriftetem
Kuvert (wohl zu einem Geschenk).

1 76
DLA D 90.1.2834/2: Telegramm an M. et Mme Paul Celan, bei
Wüst Les Fougeres Montana Wallis, Roma, 24. 12. [1960], 14 15
und Montana-Vermala 2 4 .12. i960, /7.

177
DLA D 90.1.2822/1: hs. B rief (Durchschrift, Original nicht au f ge­
funden).

Montana] Die Familie Celan verbrachte vom 15 .12 . i960 bis


zum 4 .1.19 6 1 ihre Winterferien im Schweizer Wallis.
Telegramm] Nicht auf gefunden.
Via Giulia] IB und MF wohnten seit Dezember in Rom, die
richtige Hausnummer ist 102.
Telephon] Telefongespräche am 12. und 13 .12 . i960 sowie ein
weiterer trotz Verabredung erfolgloser Anruf am 14 .12 . i960, je­
weils wohl im Zusammenhang mit einer geplanten weiteren Ent­
gegnung IBs im Rahmen der Goll-Affäre (vgl. Nr. 166/Anm.). Am
13 .12 . i960 notierte PC: » 1311 Ingeborg angerufen (ob sie etwas in
der Entgegnung ändern könne...)« (NkPC).
Zürich] Am 30. 12. i960 traf PC dort Szondi.
Leonhardt [ ...] antwortete] Ein Artikel Kabels für die >Zeit<
(»Es gollt in Celans Lyrik. Wird Paul Celan zu Recht des Plagiats
bezichtigt?«, GA 292-301) wurde u. a. von IB verhindert, die den
334 Stellenkommentar

Feuilletonchef der Wochenzeitung auf Szondis Argumente (vgl.


Nr. 167) hinwies (15 .12 . i960, H A N /Ö N B , Mappe 13, Bl. 4-5). PC
erhielt Kabels Text als Fahne von Leonhardt mit dem Hinweis, er
habe IB und MF erfolglos gebeten, einen Gegenartikel zu schrei­
ben, und der Bitte, selbst zu reagieren (19 .12 . i960, N P C ; Artikel
auch im Nachlaß IB, H A N /Ö N B , Mappe 14, Bl. 10 -11).
Beck] PC kannte García Lorcas Übersetzer, der Deutschland
1933 verlassen hatte und in Basel lebte, wohl seit Juli 1957.
»Kultur«] In der Münchner Zeitschrift erschien erst im De­
zember 1961 ein Beitrag zur Goll-Affäre (Reinhard Döhl: »Deut­
sche Herausgebersitten. Einige notwendige Angaben zur Ausgabe
der >Dichtungen< von Yvan Goll«, S. 6f.). Zur tatsächlichen Publi­
kation vgl. Nr. 179.

1 78
D LA 90.1.2833/1: hs. Brief; D 90.1.2832/14 (z. Beilage): masch., hs.
korr. Brief; Kuvert fü r Beilage an: »M. Paul Celan / bei Frau
Wüst/ Les Fougeres / M o n ta n a / Wallis / Svizzera« (gefaltet,
nicht ab ge stempelt), Kuvert fehlt.

3. Jänner 19 6 1] Erhalt des Briefes am 9 .1.19 6 1 (N kPC).


Commerce-Hefte] Vierteljährlich erscheinende, von Paul Valé-
ry, Léon-Paul Fargue und Valéry Larbaud zwischen 1924 und
1932 in Paris herausgegebene und von Caetani finanzierte inter­
nationale Literaturzeitschrift, in der wichtige Autoren der euro­
päischen Moderne publizierten, u. a. der von IB übersetzte Unga-
retti oder der von PC übersetzte Michaux.
Dr. Weber D ir in Zürich] Wohl nur Telefongespräch am 24.12.
i960 (N kPC).
Erklärung der Büchner-Preisträger] Der Preisträger von 1958,
MF (vgl. Nr. 205), hatte mit K. Edschmid, G. Eich, E. Kreuder, K.
Krolow und F. Usinger eine im Januar 1961 als dpa-Meldung
durch die deutsche Presse gegangene Erklärung unterzeichnet,
die PC »menschliche und literarische Unbestechlichkeit« bestätig­
te (GA 325). Aktuell notierte GCL: »Texte des »Büchner-Preisträ­
g e r - insignifiant, n’attaquant rien, incroyablement mauvais.
Honteux - Krolow et Max Frisch ne se sont pas fatigués ni engagés
Briefe Nr. 177-179 335

trop loin accordant à Paul son intégrité - [Text der »Büchner-Preis­


träger - nichtssagend, ohne gezielten Angriffspunkt, unglaublich
schlecht. Beschämend - Krolow und Max Frisch haben sich weder
verausgabt noch zu sehr engagiert, indem sie Paul seine Integrität
zusprechen]« ( 13 .1.19 6 1, N k P C /G C L ). Vgl. Nr. 209.

178.1
Nachricht] Nicht aufgefunden.
A bel [ ...] richtigstellen \ geschrieben \ antworten] Kabel ent­
schuldigte sich als einziger der Beteiligten innerhalb eines Artikels
von Eckart Kleßmann in >Christ und Welt< (9.6.1961) und mit
einer eigenen »Erklärung« in >Die Welt< (12.6 .19 6 1). A uf seinen
Brief (nicht aufgefunden) antwortete IB wohl nicht (vgl. Nr. 180).

179
HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 10 - 1 1: masch., hs. korr. Eilbrief an: »In-
geborg Bachmann / Roma / Via Giulia 102 / Italie«, Paris, 9 .1.
1961, von: »Paul Celan, 78 rue de Longchamp / Paris 16 e«, Roma,
1 1 . 1 . 19 61; DLA D 90.1.2820/3 (2 Ds.): hs. Korrekturen nur in
einem Exemplar vollständig, eine weitere Korrektur fehlt im Ori­
ginal; HAN/ÖNB Mappe 14, Bl. 1-2 (z. Beilage): Photokopie aus
>Baubudenpoet<, H eft j, März/April i960, S. u r f., miths. Hervor­
hebungen sowie unten Ergänzungen durch PC.

Rue d ’Ulm] Vgl. Nr. 140/Anm.


Abels \ Szondi] Die Artikel (vgl. Nr. 166-167) wurden im N IB
nicht aufgefunden. PC erwartete wohl, daß IB eine Kopie von
Abels Brief beilegen würde (9 .1.19 6 1, N kP C /G C L ).
>Die Zeit<] Vgl. Nr. 177/Anm.
Maurer] Unter dem Titel »Meisterplagiator?« (>Die Welt<,
3 1.12 . i960, vgl. Nr. 15 8/Anm.).
Nachlass [ ...] bekannt] C. Goll hatte die von Y. Goll hinterlas-
senen deutschen Gedichte und Fragmente im Stil von PCs Der Sand
aus den Urnen bearbeitet und durch Übersetzungen aus dem fran­
zösischsprachigen Nachlaß Y. Golls sowie durch Eigenes ergänzt;
PCs unveröffentlichte Goll-Übersetzungen (.Malaiische Liebeslie­
der, Pariser Georgika sowie Iphetonga Elegie und Aschenmasken)
33 ¿ Stellenkommentar

verwendete sie für eigene Übersetzungen. Die Entstehungsanga­


ben in den Nachlaßpublikationen (1951 Traumkraut, 1956 Pariser
Georgika, i960 Dichtungen), seit 1956 bei Luchterhand, zeigen
eine sukzessive Rückdatierung 1948. PC hatte den Verlag be­
reits 1956 über die Manipulationen informiert.
>Bauhudenpoet<] Vgl. Nr. 159/Anm. (N PC: Heft in 3 Exempla­
ren, zahlreiche Kopien und Abschriften des Artikels). Doppelt
angestrichen ist von PC auf der Photokopie der Satz: »Seine trau­
rige Legende, die er so tragisch zu schildern wusste, hatte uns
erschüttert: die Eltern von den Nazis getötet, heimatlos, ein grös­
ser, unverstandener Dichter, wie er unaufhörlich wiederholte ...«;
außerdem korrigiert er die unsauber zitierten Gedichttexte und die
zu hoch angegebene Universitätsposition Richard Exners, beides
typisch für C. Golls manipulative Argumentationsstrategie. Der
amerikanische Germanist hatte C. Goll 1953 auf Ähnlichkeiten
zwischen Gedichten Golls und PCs aufmerksam gemacht.
>Kultur<] Vgl. Nr. 177.
>Panorama<] Nicht aufgefunden wurde PCs Brief mit einem
Hinweis auf den nicht gezeichneten Artikel »Plagiat« in der
Münchner Zeitschrift >Panorama< (Heft 12, i960, S. 7; N PC ), in
dem auf die »erstaunliche Übereinstimmung« zwischen PC und
Goll verwiesen und die Presse mit »Beeinflussung«, »Abhängig­
keit« und »Meisterplagiat« zitiert wird.

180
DLA D 90.1.2833/2: masch.y hs. korr. B rief Kuvert fehlt.

20 - i - 19 6 1] Den wohl erst am 2 4 .1.19 6 1 erhaltenen Brief


resümierte G C L : »Trois lignes de Ingeborg, ne parle de rien mais
veut dire: Je suis à Zurich, seule, tu peux m’appeler, et pour finir:
J ’espère que tu viendras à Rome bientôt [drei Zeilen von Ingeborg,
nichtssagend, möchte aber sagen: Ich bin in Zürich, allein, Du
kannst mich anrufen, und am Schluß: ich hoffe, daß Du bald nach
Rom kommst]« (N kP C /G C L ).
Fischer-Verlag \ »Neue Rundschau«] Zur »Entgegnung« siehe
Nr. 163.
B rief zu entwerfen] Nicht aufgefunden.
Briefe Nr. 179-184 337

Lesungen] IB las u.a. am 2 1.2 .19 6 1 im Festsaal der Tübinger


Universität (angekündigt für den wesentlich kleineren Hörsaal 9)
»Undine geht« und Gedichte.

181
DLA D 90.1.2833/3: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 7 8 rue de
Longchamp / Paris i6 eme / FRANCE«, M ännedorf (Zürich), 27. 1.
1961; Beilage: Originalartikel aus »Notizen«, Tübingen, Nr. 3 1,
Februar 1961, S. 8.

27 - i - 6 1] GCL notierte am 2 8 .1.19 6 1 zu diesem Brief: »V2


ligne [Zeile]« (NkPC/GCL).
NOTIZEN] PC hatte den Artikel vom Autor selbst bereits er­
halten (mit Brief vom 2 2 .1.19 6 1, NPC); im Heft auch IBs »Geh,
Gedanke« und »Die große Fracht«.

182
DLA D 90.1.2833/4: hs. B rief an: »M. Paul Celan / 78, rue de
Longchamp / PARIS i6 hme / FRANCE«, Uetikon, 2 9 .1.19 6 1.

Szondi] »Zu einer Auseinandersetzung über Paul Celan«


(>Neue Deutsche Heftes Januar 1961, S. 949^), Szondi sandte PC
am 1 1 . 1 . 1961 einen Sonderdruck.
Neue Rundschau] D.h. die »Entgegnung«.
»Das Schönste«] Karl Krolow, »Deutsch mit französischem
Schliff. Die lyrische Sprache des Dichters und Übersetzers Paul
Celan« (>Das Schönstes Februar 1961, S. 42f., NPC).
Maurer] Vgl. Nr. 179.

183
DLA D 90.1.2834/3: Telegramm an Paul Celan, rue de Longchamp
78 Paris, Roma, 25. [4.196 1], 0230 und Paris, 2 5 .4 .19 6 1, 820.

184
HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. 12: hs. B rief au f Papier mit gedrucktem
Briefkopf (hier kursiv), Kuvert fehlt; DLA D 90.1.2822/2: masch.
Abschrift (hs. Vermerk »hdgeschrieben«) mit kleinen Varianten.
33 « Stellenkommentar

Hiersein und Hierbleiben] Siehe den Briefkopf mit der Pariser


Adresse, ein in dieser Korrespondenz einmaliges Material.
Sonntag au f Montag] Ein konkreter Anlaß für diese Überle­
gungen am 23./24.4.1961 war vielleicht die Publikation von Rein­
hard Döhls Untersuchung »Geschichte und Kritik eines Angriffs.
Zu den Behauptungen gegen Paul Celan« im >Jahrbuch 196CX der
Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt 1961,
S. 10 1-132), die PC zu Recht für unsorgfältig und dadurch schäd­
lich hielt; sie war Grund für PCs Überlegungen, seinen Büchner­
preis zurückzugeben, und für die Ablehnung einer Akademie-
Mitgliedschaft. Der Band war am 22.4 .19 6 1 für die Mitglieder
ausgeliefert worden.

185
DLA D 90.1.2823: masch. Brief; der Text au f der Rückseite ist nicht
Teil des Briefes: »Ich bin, in Erinnerung an Georg Büchner, so frei
gewesen, diese von dem Taufpaten der genannten >Untersuchung<
zutelegraphierte Mitgliedschaft zurückzuweisen« (Ts.).

Kaschnitz \ Kasack \ Martini] PC nahm an, daß Kaschnitz als


seine Büchnerpreis-Laudatorin wissen wollte, warum er die ihm
am 24 .4.1961 durch den Präsidenten Hermann Kasack telegra­
phisch angetragene Mitgliedschaft bei der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtung abgelehnt hatte (PC an Kaschnitz, 27.4.
1961, jew. NPC); Kasack, Initiator der Untersuchung im Jahrbuch
der Akademie, hatte ursprünglich den Stuttgarter Professor für
Germanistik Fritz Martini, ehemals N SD A P- und SA-Mitglied,
um die Untersuchung gebeten, dieser gab den Auftrag an seinen
Assistenten Döhl weiter.

1 86
DLA D 90.1.2833/y. hs. Luftpostbrief an: »M. Paul Celan / y8, rue
de Longchamp / PARIS i6 hme / FRANCE«, Roma, 2. 6.1961.

VIA de NOTARIS 1 F] Die lange gesuchte Wohnung, nördlich


der Villa Borghese.
Griechenland] Anläßlich von MFs 50. Geburtstag.
Briefe Nr. 184-188 339

Fischer-Verlag] Verlag der >Neuen Rundschau<, in der die »Ent­


gegnung« erschienen war.
Claire Goll-Brief] Den gleichen Brief erhielt Demus (vgl. GA
6o8f.).
Büchner-Rede] Die am 22.10. i960 in Darmstadt gehaltene Re­
de war mit dem Titel »Der Meridian« wie der Aufsatz von Döhl im
Akademie-Jahrbuch erschienen (vgl. Nr. 184/Anm., S. 74-88). Der
im Januar 1961 erschienene Erstdruck (Frankfurt a. M.: S. Fischer
1961) fehlt in der BIB.
alle Jessenin-Gedichte] Sergej Jessenin, Gedichte (Ausgewählt
und übertragen von Paul Celan, Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag
1961, fehlt in der BIB) erschien im März; einzelne Jessenin-Ge­
dichte hatte PC Briefen beigelegt (vgl. Nr. 90 und 101).
Ungaretti-Versuchen] Zur Buchausgabe Gedichte vgl. Nr. 188;
einzelne Blätter sandte IB nicht. PC konnte allerdings einzelne
Übertragungen aus dem von Enzensberger herausgegebenen M u­
seum der modernen Poesie kennen, an dem er selbst beteiligt war
(Frankfurt a. M.: Suhrkamp i960; BPC), sowie durch eine Publika­
tion in der NZZ (3.12. i960, vgl. Nr. 68/Anm., dort Supervielle-
Übertragungen von PC).
Gisele] Zu diesem Brief notierte GCL: »Lettre de Ingeborg,
anodine et fausse (Enz. et eile sans doute en route pour Zürich
pour la >Soiree de Poesie< du Schauspielhaus [Brief von Ingeborg,
harmlos und falsch (Enzensberger und sie sicher auf dem Weg nach
Zürich für die Gedicht-Soiree im Schauspielhaus]« (5.6.19 6 1,
NkPC/GCL; Brief in NkPC vermerkt).

187
DLA BPC: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Das dreißigste
Jahr. Erzählungen«, Piper & Co., München 1961, Kuvert fehlt.

188
DLA BPC: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von Giuseppe Un-
garetti, »Gedichte«. Italienisch und deutsch. Übertragung und
Nachwort von Ingeborg Bachmann, Frankfurt am Main: Suhr­
kamp Verlag 1961, = Bibliothek Suhrkamp yo, Kuvert fehlt. Ur­
sprünglich lag zwischen S. 30/31 (»Tramonto« / »Sonnenunter­
340 Stellenkommentar

gang«) eine Seite aus >Die Welt der Literatur< mit einer Rezension
dieses Bandes durch Ingeborg Brandt vom 3 0 .1 1 .1 9 6 1 (nach BKII,
ohne Nr., zwischen j8 o und y 8 i).

189
DLA D 90.1.2821: hs. Brief.

Vorwärts-Provokation] Zu den Publikationen von Rolf Schroers


und Felix Mondstrahl in der SPD-Zeitschrift >Vorwärts< vgl. den
ausführlicheren Briefentwurf an MF (Nr. 207).

190
HAN/ÖNB Mappe 6, Bl. i y hs. Brief, Kuvert fehlt; DLA
D 90.1.2820/4 (Durchschrift).

Bücher] Das dreißigste Ja h r und Ungarettis Gedichte (vgl. Nr.


187 und 188).
Frisch] Vgl. Nr. 2 1 o.

19 1
HAN/ÖNB Mappe 10, B l 10 - 1 1: masch., nicht immer eindeutiger
Briefentwurf mit zahlreichen Schreibfehlern. Vgl Abb. iy.

wie schlecht es D ir geht] PCs ernsthafte psychische Probleme


sind im Zusammenhang mit der Goll-Affäre zu sehen.
vergangenen Ja h r] Zu den Schwierigkeiten wegen Blockers
Kritik vgl. Nr. 143 und 147.
alle Erklärungen, jedes Eintreten] IB denkt sicher an die u. a.
von ihr gezeichnete »Entgegnung« und an die von MF gezeichnete
Erklärung der Büchnerpreisträger (vgl. Nr. 178), aber auch an die
Stellungnahmen von Szondi (vgl. Nr. 167 und 182), Schroers (vgl.
Nr. 207), Enzensberger (vgl. Nr. 173/Anm.), Mohler (vgl. Nr. 174/
Anm.) und Maurer (vgl. Nr. 179), die Untersuchung von Döhl
(vgl. Nr. 184/Anm.) sowie die in Österreich erschienenen Texte
von Wieland Schmied (»Literarischer Rufmord. Zum Streit um
Paul Celan und Iwan Goll«, in: >Wort in der Zeit<, Graz, 1961,
Nr. 2, S. 4-6) und den unten erwähnten im >Forum<.
Briefe Nr. 188-191 341

Du verlierst auch Freunde] Tatsächlich schrieb IB: »Du ver­


lierst ach Freunde nicht«.
Wuppertal] Vgl. Nr. 44.
Kritik von Blöcker] Vgl. Nr. 143.
Buch, bzw. Büchern] Das dreißigste Ja h r und Ungarettis G e­
dichte.
Blöckerkritik] Im Septemberheft des >Merkur< resümierte
Blöcker IBs Entwicklung negativ, indem er ihre Gedichtbände ge­
gen Der Prinz von Homburg und Das dreißigste Ja h r ausspielte
(»Nur die Bilder bleiben«, S. 883-886).
Forum \ Verteidigung] Von neun weiteren österreichischen A u­
toren, darunter gemeinsamen Bekannten wie Doderer und Dor,
Unterzeichnete Erklärung in Sachen Goll-Affäre von Franz Theo­
dor Csokor und Friedrich Torberg (»In Sachen Paul Celan«, in:
>Forum<, Wien, Januar 1961, S. 23). Zu Angriffen in der Zeitschrift
durch Weigel auf IB vgl. Nr. 122.
verleide D ir Deine U eb erSetzungen] Kritische Rezensionen zu
PCs Die junge Parze gab es von Karl August Horst (»In Ketten
tanzen«, FAZ, 9.4. i960) und Peter Gan, die auf Intervention Drit­
ter im >Merkur< schließlich nicht gedruckt wurde, die PC aber
kannte (jetzt in: Celan wiederlesen, hrsg. vom Lyrik Kabinett
München, München 1998, S. 85-96); zu Jessenins Gedichten von
Karl Dedecius, »Slawische Lyrik. Übersetzt - übertragen - nach­
gedichtet« (»Osteuropas März 1961, S. 165-178), Horst Bienek,
»Der Dandy aus Rjasan« (FAZ, 20 .5.19 61) und Günther Busch,
»Zecher am Tisch der Geschichte« (SZ, 3-/4.6.1961).
Bösartigkeit [ ...] Fehler] Drei Rezensionen zu Ungarettis G e­
dichten in überregionalen Zeitungen lagen schon vor. In »Christ
und Welt< wird die Übersetzungsleistung übergangen (K-nn, »Die
eigene schöne Biographie«, 28. 7.19 61), in der FAZ ausgesprochen
gelobt (Horst Bienek, »Archipoeta der Moderne«, 19. 8.1961); nur
Günther Busch in der SZ kritisiert Manierismen (»Ungarettis ly­
rische Kurzschrift«, 26V27. 8.1961).
Szondi [ ...] Motto] Dem Versuch über das Tragische sind zwei
Motti vorangestellt: »Si tu nous fais du mal, il nous vient de nous-
mêmes. [Wenn du uns weh tust, kommt das von uns selbst]« von
Agrippa d’Aubigné und »En me cuidant aiser, moi-même je me
34 2 Stellenkommentar

nuits. [Indem ich es mir einfach zu machen gedenke, schade ich


mir selbst]« von Jean de Sponde (Frankfurt a. M. 1961).
Gedicht, diese Mordbeschuldigung] IB bezieht »Gestern / kam
einer von ihnen und / tötete dich / zum ändern Mal in / meinem
Gedicht« aus PCs »Wolfsbohne« (V. 21-25, im NIB nicht aufgefun­
den) auf sich. Mit dem >einen< spielt PC aber zweifellos auf Günter
Blöcker und dessen Aussagen zur »Todesfuge« an (vgl. Nr. 143
und 145).
Hotel du Louvre] Vgl. Nr. 165/Anm.

192
DLA D 90.1.2833/6: hs. B rief an: »Paul Celan / 7 8, Rue de Long-
champ / PARIS i6 hme / FRANCE«, Basel, 2 6 .10 .19 6 1.

nach Paris] IB und PC haben sich im Herbst 1961 nicht getrof­


fen.
meine Bücher] Das dreißigste Jah r (Nr. 187) und die Übertra­
gung Ungaretti, Gedichte (Nr. 188).
The aterarbeit fü r Max] Die Proben für die Uraufführung von
Andorra (vgl. Nr. 212) am Zürcher Schauspielhaus (2 .11.19 6 2 ).

193
DLA D 90.1.2833/-/: hs. Brief, Kuvert fehlt.

Rückreise [ ...] Reise dazwischen] Noch von Zürich aus fuhr IB


im November nach Berlin, wo ihr im Rahmen einer Lesung der
Literaturpreis der Deutschen Kritiker für Das dreißigste Ja h r ver­
liehen wurde (vgl. Abb. 9).
Gesundheit bewahren] Vgl. Nr. 19 1.
Unsre Lektionen [ ...] lernen] GCL notierte die beiden Sätze im
Zusammenhang mit IBs Brief, wobei sie »Unsre« unterstreicht
( 1 1 .1 2 . i96i,N kPC/GCL).

194
DLA D 90.1.2834/4: hs. Gruß, wohl zu einem Geschenk (Nr. 212?),
Kuvert fehlt.
Briefe Nr. 19 1-19 5 343

*95
HAN/ÖNB Mappe 7, Bl. 1-2 : hs. Luftpostbrief an: »Mademoiselle
Inge borg B a ch m a n n / Berlin-Grunewald / Königsallee 3 5 / Ber­
lin - Secteur Occidental«, Paris, 2 1.9 . 1963, von: »Paul Celan, 78
rue de Longchamp, Paris i6e«.

Rußland \ Petersburg] Am 21.8.19 6 3 nannte der >Spiegel< in ei­


nem Bericht über den Auftritt des sowjetischen Autors Ilja Ehren­
burg bei einem Schriftsteller-Kongreß in Leningrad (!) Anfang Au­
gust (»Nicht auf Kafka schießen«, S. 74) Enzensberger, Hans Werner
Richter und IB als Teilnehmer aus der Bundesrepublik (!); die FAZ
hatte schon am 12. 8.1963 darüber berichtet, ohne IB zu nennen.
Ende August [ ...] Wagenbach] PC war Ende August für eine
Lesung in Deutschland (Tübingen, 25.8.1963); wann und wo er
den Kafka-Spezialisten und Lektor bei S. Fischer getroffen hat, ist
nicht bekannt.
Krankenhaus] Im Juli/August 1963 wurde IB im Martin-Lu­
ther-Krankenhaus in Berlin behandelt. Nach der Trennung von
MF im Herbst 1962 war sie gesundheitlich in eine schwere Krise
geraten.
kein Telephon] IB war seit Frühjahr 1963 auf Einladung der
Ford Foundation in Berlin, zuerst in einer Gästewohnung der
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, ab 1.6 .19 6 3 in einer
eigenen Wohnung in der Königsallee 3 5.
nicht ganz erfreuliche Jahre] Im Zusammenhang mit der Goll-
Affäre war PC um die Jahreswende 1962/63 selbst erstmals zur
Behandlung in einer psychiatrischen Klinik.
neuer Gedichtband [ ...] einverwoben] Die Niemandsrose er­
schien Ende Oktober (Frankfurt: S. Fischer Verlag 1963; BIB ohne
Widmung). An seinen Verleger Gottfried Bermann Fischer schrieb
PC: »Bitter, ja, so sind diese Gedichte. Aber im (wirklich) Bittern
ist schon das Nicht-mehr- und Mehr-als-Bittre - nicht wahr?«
(4 .12.196 2, GBF 633).
»kunstfernen« Weg] Vgl. die Gegenüberstellung von »Kunst«
und »Dichtung« am Anfang der Büchnerrede »Der Meridian«.
344 Stellenkommentar

196
HAN/ÖNB Mappe 7, Bl. 3-4: Luftpostbrief an: »Fräulein Ingeborg
B a ch m a n n / Via Bocca di Leone 60 / Roma / Italien«, Frankfurt
a. M., 30 ./. 1967, von: »Paul Celan dzt. Frankfurt am Main, /
Suhrkamp Verlag, Grüneburgweg 69«, Rom, 2. /967.

Unseld] Leiter des Suhrkamp Verlags, dessen Autor PC Ende


1966 geworden war.
Freiburg] Anläßlich seiner Lesung an der Universität Freiburg
(24. 7.1967) traf PC auch Martin Heidegger.
Achmatowa-Affäre \ Spiegel] IB hatte ihrem Verlag PC als
»kongenialen Übersetzer« der russischen Dichterin Anna Achma­
towa vorgeschlagen und war von Piper weggegangen, weil dieser
Hans Baumann, den Verfasser des NS-Liedes »Es zittern die mor­
schen Knochen«, mit der Übertragung beauftragt hatte (>Spiegel<,
24. 7.1967, S. 95f·)· IB schrieb am 18. 3.1967 an den Piper Verlag:
»Ich ziehe die Konsequenzen aus den Briefen und dem, was im
Verlag im Zusammenhang mit der Achmatowa-Übersetzung vor­
gefallen ist. Ich gehe weg« (NIB). Malina erschien im Suhrkamp
Verlag. Im NPC liegen keine Achmatowa-Übertragungen vor.
Adresse] PC war am Ende eines Zwangsaufenthalts formell
noch Patient der Pariser Psychiatrischen Universitätsklinik, unter­
richtete aber bereits wieder.

197
MFA V III / Celan, Paul: hs. B rief an: »Monsieur Max Frisch / Haus
zum Langenbaum / Uetikon bei Zürich / Seestraße / Suisse«, von:
»Paul Celan, 78 rue de Longchamp / Paris i6 e«, Paris 14. 4.1959.

14. April] Brief im TbPC vermerkt.


wie schon einmal] Nicht zu klären.
Böll] Siehe Nr. 138.
Österreich] Vgl. Nr. 135.1 /Anm.

198
DLA D 90.1.1487/1: masch. B rief mit einer hs. Korrektur, Kuvert
fehlt.
Briefe Nr. 196-201 345

von Inge] Nr. 127.


spontanen] Entwurf nicht auf gefunden.

*99
MF A V III / Celan, Paul: hs. Brief] Kuvert fehlt.

15. April 1959] PC dankt für Briefe vom 14. (Nr. 127) und 16.4.
1959 (Nr. 198); warum er sich beim Tag täuscht, ist nicht zu klären
(vgl. Nr. 128).
Neffenpflicht [ ...] Tante] Zum Besuch bei Berta Antschel vgl.
Nr. 128.

200
DLA D 90.1.1487/2: hs. B rief Kuvert fehlt.

Schuls \ Ärzte] Vgl. Nr. 13 1-13 2 .


Sils-Maria f . ..] Silser-See] Zu den Treffen zwischen MF und PC
am 19. und 22.7.1959 in der Umgebung von Sils-Baselgia vgl.
Nr. 135 und Nr. 136.
Frau] Gisèle Celan-Lestrange.

201
MF A V III / Celan, Paul: hs. B rief in sehr großer Schrift (MFB 201);
Beilage: masch. Ds. (PN 188); weitere Beilage (nicht publiziert):
masch. Ds. (Abschrift, im Ergebnis identisch mit dem Text des
Artikels, Berliner Tagesspiegel, 11.10 .19 5 9 , siehe Nr. 143.1); Ku­
vertfehlt.

Rychner] Der Feuilletonchef der Zürcher Tageszeitung >Die


Tat< publizierte 1948 als einer der ersten Gedichte PCs im Westen.
Die Verbindung zwischen ihm und Blöcker ist nicht zu klären.
Kafka- und Bachmann-Aufsätzen] Blockers Sammelband Die
neuen Wirklichkeiten enthält ein »Franz Kafka« überschriebenes
Kapitel (Darmstadt 1957, S. 297-306). Uber IBs Neuerscheinungen
hatte Blöcker von Anfang an berichtet, zuletzt über D er gute Gott
von Manhattan (»Ein vorbildliches Hörspiel. Der besorgte Bom­
benleger läßt Liebende in die Luft fliegen«, >Die Zeit<, 17.10.1958).
34 ^ Stellenkommentar

202
MFA V III / Celan, Paul: masch. Briefentwurf mit u. a. hs. Korrek­
turen und einer hs. Ergänzung (MFB 200-202).

nicht gesendet] Handschriftlich hinzugefügt.


vierte Versuch] Weitere Entwürfe wurden nicht auf gefunden.
Vgl. den abgesandten Brief Nr. 203 (dort Kommentare zu über­
nommenen Teilen).
Gedichte] Sprachgitter.
Krankenhaus] Vgl. Nr. 132.
Böll] Vgl. Nr. 197.

203
DLA D 90.1.1487/3: masch., u. a. hs. korr. Brief, Kuvert fehlt (MFB
2 03f.); MFA V III / Celan: Ds.

6 .11. 59] Zu den Schwierigkeiten zwischen IB und MF in Zu­


sammenhang mit dem Brief und zu dessen Beurteilung vgl. Nr. 144
und 147.
Anti-Nazi] MF reagiert hier ganz ähnlich wie Böll, auf den MF
im ersten Versuch zu diesem Brief abschließend verweist, in der
Firges-Affäre (Nr. 197).
Kritik von Blöcker] Vgl. Nr. 143.1.
Sils] Vgl. Nr. 135-136.
Freundschaft] PC beruft sich darauf in Nr. 207.
H IT L E R E I [ . . .] SCH IRM M U ETZEN ] Vgl. Nr. 201.
Ihre Entgegnung] Vgl. Nr. 201.1.

204
DLA BPC: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Glossen zu
Don Juan«, Illustrationen von Walter Jonas, Zürich [1959]; Ex.
2 17 von 250 numerierten Exemplaren, hinten signiert von Max
Frisch und Walter Jonas, Kuvert fehlt.

Glossen zu Don Juan] Separat publiziertes Nachwort zu MFs


Don Juan oder die Liebe zur Geometrie (Suhrkamp Verlag: Frank­
furt a. M. 1953).
Briefe Nr. 202-206 347

Ende eines wirren Jahres] Bei einem Telefongespräch am 23. 12.


1959 dankte PC wohl für die Sendung (TbPC). Zur Hepatitis-Er­
krankung und den u. a. durch PC verursachten Verwerfungen in
der Beziehung zu IB kam für MF 1959 die Scheidung von Trudy
Frisch von Meyenburg, mit der er schon seit 1954 nicht mehr
zusammenlebte.

20J
DLA BPC: hs. au f Sonderdruck »Emigranten. Rede zur Verleihung
des Georg-Büchner-Preises 1958«, S. 49-66 (ohne Herkunftsanga­
be).

Emigranten] Es handelt sich um den Erstdruck der Rede in:


Schauspielhaus Zürich 1938/39-1958/59. Beiträge zum zwanzig­
jährigen Bestehen der Neuen Schauspiel AG (hrsg. von Kurt
Hirschfeld und Peter Löffler, Zürich 1958).
27. V. 60] Wie sich PC noch Anfang 1962 erinnerte (TbPC),
wurde das Exemplar bei einem Treffen in Uetikon übergeben,
als sich PC wegen N elly Sachs in Zürich aufhielt (vgl. Nr. 16 1/
Anm.). Zu diesem Zeitpunkt wußte PC bereits, daß er selbst
zum Büchnerpreisträger i960 gewählt worden war.

206
MFA VIII / Celan, Paul: hs. B rief (Teildruck MFB 236) an: »Mon­
sieur Max Frisch / Haus zum Langenbaum / Uetikon bei Zürich /
Seestraße / Suisse«, Paris, 29. 5. [i960], von »Paul Celan, 78 rue de
Longchamp, Paris 16 e«, au f der Rückseite, von der Hand MFs:
»Pariserzug [gestrichene Zickzacklinie, darüber] 2-75010 // (17 /
15 / 16 / 18 Juillet / Serreau«; DLA D 90.1.780/1: masch., u. a. hs.
korr. Abschrift, oben links als »Abschrift« gekennzeichnet.

»Abschrift«] Brief und Abschrift in TbPC vermerkt.


Serreau] Notizen für ein Treffen mit dem Leiter des Pariser
Théâtre Lutèce, in Zusammenhang mit der Pariser Aufführung
von Biedermann und die Brandstifter im selben Jahr.
In-der-Zeit-Stehen der Dinge \ »Schicksal« \ Berührung] In
Entwürfen zu »Der Meridian«, mit deren Vorarbeiten er zu die­
348 Stellenkommentar

sem Zeitpunkt begann, nannte PC das Gedicht »schicksalhaft be­


stimmte Sprache« bzw*. postulierte, »es steht in die Zeit hinein«
(TCA/M Nr. 340 .und 17); zum Begriff Berührung vgl. auch das
Whitman-Zitat in Nr. 135.1.

207
DLA D 90.1.781/2: masch. Briefentwurf.

Trebabu par Le Conquet] Ferienadresse an der Westspitze der


Bretagne (Anfang Juli bis 5.9.1961).
Schroers-Mondstrahl-Veröffentliehung[.. .] Fälschungen] In »Li­
teraturskandal« (>Vorwärts<, 28.6.1961) hatte Schroers einen Zu­
sammenbruch PCs angedeutet. Felix Mondstrahl, der C. Goll zu
ihren im >Baubudenpoet< publizierten Vorwürfen (vgl. Nr. 179)
angeregt hatte, bestritt daraufhin, daß PC »in gar keinem Gedicht
ein Epigone und Epigauner ist« (»Eine sehr merkwürdige Sache«,
>Vorwärts<, 19. 7.19 61); zur Bestätigung zitierte er einen Gedicht­
vergleich aus dem >Baubudenpoet<. PC hatte wenige Monate vorher
mit »Eine Gauner- und Ganovenweise« auf die Verleumdungen
geantwortet. Zu den Fälschungen vgl. Nr. 179/Anm.
unglaublichstem Ort [ ...] provocateur \ Hirsch] PC brach den
Kontakt mit dem Direktor des S. Fischer Verlags im Juli 1961 ab;
die Verdächtigungen sind nicht nachvollziehbar.
Blocker-Artikel] Vgl. Nr. 143.1 und 201.1.
Freundschaft] Vgl. Nr. 202 und 203.
Es ist viel] PC hinterließ einen ganzen Koffer voller Material
zur Goll-Affäre.
»Entgegnung«] Vgl. Nr. 163.

208
DLA D 90.1.781/1: masch. Briefentwurf ein Ds. ist erhalten.

Nachlass-Schwindel] Vgl. Nr. 179.


alliterierenden Superlativen] Vgl. Schroers5 Bemerkung im
>Vorwärts< zur Zeitschrift >Baubudenpoet< (vgl. Nr. 179), »in der
allerlei Geschwätziges und Gesinnungshaftes sich genialisch auf­
blähte; dazu mußte die Diskriminierung des echten Genies gehö­
ren« (vgl. Nr. 207, Hervorhebung Hrsg.).
Briefe Nr. 206-211 349

209
DLA D 90.1.781/3: hs. Brief’ eine /75. Durchschrift ist erhalten.

Schroers] Vgl. Nr. 207.


Infamie] Vgl. Nr. 166.
»jüdische« Beteiligung] PC dachte hier nicht nur an C. Goll
selbst, sondern auch an R. Hirsch (vgl. Nr. 207).
Erklärung der Büchnerpreisträger] Vgl. Nr. 178.
Nelly Sachs-Hommage] PC hatte am 5.6.19 61 Enzensberger,
dem Initiator der Festschrift zum 70. Geburtstag, mit der Begrün­
dung abgesagt, nicht neben Autoren wie Kasack stehen zu wollen,
die sich an der Goll-Affäre beteiligt hätten; am 27.9 .19 6 1 bot er
aber doch sein Widmungsgedicht »Zürich, Zum Storchen« an
(Nelly Sachs zu Ehren. Gedichte - Prosa - Beiträge, Frankfurt
a. M. 1961, S. 32); vgl. Nr. 2 11. MF ist nicht in der Festschrift, IB
mit dem Gedicht »Ihr Worte« (S. 9f.) vertreten.
Pinthus] Angeregt durch C. Goll, schrieb Kurt Pinthus in der
Neuauflage der von ihm 1920 erstpublizierten Anthologie
Menschheitsdämmerung'. »[...] es wird viel getraklt, gebennt und
gegollt« (Hamburg 1959, S. 15). In der von C. Goll stammenden
Bibliographie zu Y. Goll waren dort eine Reihe von Titeln auf­
geführt, die keiner Ausgabe entsprechen. Pinthus ist an der Hom­
mage schließlich nicht beteiligt.

210
DLA D 90.1.780/2: nur als hs. Durchschrift erhalten, das Dokument
fehlt in MFA.

Köln] PC hatte schon am 24 .5.19 6 1 in der >Welt< gelesen, daß


MF in der kommenden Saison dramaturgischer Berater der Städti­
schen Bühnen Köln würde (NkPC/GCL).
an Ingeborg] Vgl. Nr. 190.

2 11
DLA D 90.1.780/3: nur als hs. Durchschrift erhalten, das Dokument
fehlt in MFA.
35 ° Stellenkommentar

Unseld [ ...] Nelly Sachs-Hommage] Vgl. Nr. 209.


Gespräch] Am 12. 10. 1961 notierte PC: »Vorgestern Frisch an­
gerufen, ihm gesagt, ich bräuchte seine Freundschaft...« (N kPC,
vgl. Nr. 202-203). PC und MF trafen sich 1961 nicht mehr, später
jedoch gelegentlich, so am 18.4.1964 in Rom und am 19 .9.19 67 in
Zürich (NkPC).

212
DLA BPC: hs. Widmung au f dem Vorsatzblatt von »Andorra«.
Stück in zw ölf Bildern, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1961;
Einlage hinten: Friedrich Torberg, »Ein furchtbares Mißverständ­
nis. Notizen zur Zürcher Uraufführung des Schauspiels >.Andorra<
von Max Frisch«, Blatt aus >Forum<, Dezember 19 6 1, S. 4 5 $ f; Ku­
vert fehlt.

Andorra \ XII. 19 6 1] Das Buch (ein Geschenk zu Nr. 194?)


erschien im Fi erbst 1961 (Uraufführung 2 .11.19 6 1) ; PC erhielt
die Sendung am 3 .1.19 6 2 (TbPC). In einem Aphorismus spielt
PC auf Andorra als »Stück über das Verjuden« an (PN 37). G C L
notierte für PC: »le personnage principal aurait dû être un vrai Juif
et non pas un non-juif faisant le Ju if [die Hauptfigur hätte ein
wirklicher Jude sein müssen, kein Nicht-Jude, der den Juden
spielt]« und »Lu >Andorra< pièce bassement allégorique, rehaussée
par quelques naturalismes sexuels. Le judaïsme ravalé au niveau de
la petite bourgeoisie, dotée, pour la circonstance, d’un bout de
mauvaise conscience à perspective parareligieuse. Cela fera la joie
des Allemands, de leurs intellectuels stalino-gomulkistes, catholi­
ques de gauche et réunificateurs pangermaniques [>Andorra< ge­
lesen, ein platt allegorisches Stück, aufgepeppt mit einigen sexuel­
len Naturalismen. Das Judentum ist auf das Niveau des Klein­
bürgertums heruntergezogen, für die besondere Gelegenheit
ausstaffiert mit einem Stück schlechten Gewissens parareligiöser
Ausrichtung. Das wird den Deutschen eine Freude sein, ihren
stalinistisch-gomulkistischen Intellektuellen, den linken Katholi­
ken und den pangermanischen Vereinigern]« (2 6 .12 .19 6 1 bzw.
6 .1 . 1962, N k P C /G C L ). An den Rand des Zeitungsberichts »N o­
tizen von den Proben. Dramaturgisches zu >Andorra<« (NZZ
Briefe Nr. 2 11-2 16 35*

10. 3.1962, N PC ) schrieb PC »salaud et antisémite*) [Dreckskerl


und Antisemit]« sowie »voir ds son Journal le passage sur There­
sienstadt, / v. sa lettre à propos Blocker [vgl. in seinem Tagebuch
die Stelle über Theresienstadt, vgl. seinen Brief wegen Blocker [Nr.
2°3J]«. Schon anläßlich seines Zürich-Besuchs im Mai i960 no­
tierte PC, daß M Fs »Einstellung zum Jüdischen an irgend etwas
krankt« (N kPC).

213
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 14: hs. Brief \ Kuvert fehlt.

vor Weihnachten] G C L wußte seit Mitte Oktober 1957, daß PC


seine Liebesbeziehung zu IB nach dem Zusammentreffen in Wup­
pertal (vgl. Nr. 44) wieder aufgenommen hatte.

214
NGCL: hs. B rief an: »Mme Gisèle Celan / 78, rue de Longchamp /
PARIS i6 eme« [keine Briefmarken]. Nadelstiche au f Umschlag und
Karte, d. h. mit Blumen zugestellt; im Umschlag liegen Blätter und
Blütenblätter roter Rosen. Das Ensemble war in GCLs Tagebuch
eingelegt.

2 15
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 1-2: hs. B rief an: »Mademoiselle Ingeborg
Bachmann / München 13 / Franz-Joseph Straße 9a / (Allemagne)«,
Paris, 2 9 .12 .19 5 j , von: »Madame P. Celan / y 8 rue de Long­
champ / Paris 16 e«.

216
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 3-4: hs. B rief an: »Mademoiselle Ingeborg
Bachmann / München 13 / Franz-Joseph Straße 9a / (Allemagne)«,
Briefmarke ausgerissen.

23 janvier 1958] G C L s Tagebucheintrag vom selben Tag zeigt


ihre Schwierigkeiten, PCs Haltung zu akzeptieren (vgl. P C / G C L II
92/3), der an diesem Tag nach Deutschland, u. a. zu IB, aufgebro­
chen war (vgl. Nr. 86).
352 Stellenkommentar

J ’ai lu vos poèmes] Zur Lektüre von Die gestundete Zeit


(Nr. 42) und Anrufung des Großen Bären (Nr. 114/Anm.) vgl.
GCLs Tagebuch aus dem Januar (PC/GCL Bd. II 92/3).

2 17
DLA BPC: hs. Widmungen au f dem Vorsatzblatt von »Die gestun­
dete Zeit. Gedichte«, R. Piper & Co. Verlag: München 1957,
2. Aufl., und von »Anrufung des Großen Bären. Gedichte«, R.
Piper & Co. Verlag: München: 1956, j. Tausend 1957.

Anrufung des Großen Bären] Zahlreiche Lesespuren von G C L ,


vor allem im Gedicht »Curriculum vitae«; einige Markierungen im
Inhaltsverzeichnis könnten auch von PC stammen (an den Gedich­
ten »Erklär mir, Liebe« und »Tage in Weiß«). G C L notierte sepa­
rat, sicherlich unterstützt von PC, etwa zwanzig auf Mai bzw.
August 1958 datierte Rohübersetzungen von Gedichten aus dem
Band in ein Heft (N G C L ).
sous les ombres: les roses] Anspielung auf IBs »Schatten Rosen
Schatten«.

2 18
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 5-6: hs. B rief an: »Mademoiselle Ingeborg
Bachmann / München / Franz Josephstr. 9a / (Allemagne)«, Paris,
10. 4.1958.

livres] Die gestundete Zeit und Anrufung des Großen Bären.

219
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 7-8: hs. Luftpostbrief an: »Mademoiselle
Ingeborg Bachmann / Via Generale Parisi 6 / N A P L E S / (Italie)«,
Paris, [xx]. 7. 1958, Napoli, 6. 8.1958.

Le Moulin] Die etwa 50 km südwestlich von Paris gelegene alte


Wassermühle ist Besitz von GCLs Schwester Monique Gessain
(vgl. Nr. 1 01-102).
gentille lettre] Nicht auf gefunden.
chez nous ä Paris] Vgl. Nr. 104.
Briefe Nr. 216-223 353

Moyen-Orient] Am 14 .7.19 58 wurden im Irak die Monarchie


beseitigt, die königliche Familie ermordet und die Republik aus­
gerufen. Wegen der Gefahr einer Destabilisierung der ganzen Re­
gion schickten die USA Truppen in den Libanon und Großbritan­
nien nach Jordanien.

220
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 10: hs. Brief ’ Kuvert fehlt.

WALD] Vgl. 135.1/Anm .


Frisch] Zu MFs Krankheit vgl. Nr. 13 1- 13 2 und Nr. 200.

221
HAN/ÖNB , Mappe 18, Bl. 2-3: hs., stark korrigierter Briefentwurf.

iy. (?) 11.19 5 9 ] Vgl. Nr. 147. Zu diesem Brief ist ein weiterer,
erheblich kürzerer hs. Entwurf vom 15 .11.19 5 9 erhalten (HAN/
ÖNB, Mappe 18, Bl. 1); dort anschließend ein Briefentwurf an
Klaus Demus: »Kann leider erst am 25. nach Frankfurt, vorher
unmöglich / Briefe an Nani und Sie unterwegs nach Wien - Ist
Zürich Zürichreise nicht möglich? / Ihre Inge / Kirchgasse 33,
Zürich«.
lettre de Paul] Vgl. Nr. 145.
ma lettre] Vgl. Nr. 144.
sans désavouer Max] Vgl. Nr. 15 1.
petit paquet] Vgl. Nr. 150.

222
N G C L : hs. B rief an: »Mme Paul Celan / y 8, Rue de Longchamp /
PARIS i6 eme / FRANCE«, Zürich, 22. 12. 1959.

Vous savez probablement] Vgl. Nr. 147.


pas rencontrées] Vgl. Nr. 132.

223
DLA D 90.1.2832/4: Telegramm an Madame Paul Celan, y 8 rue de
Longchamp Paris, Uetikon am See, 24. 5. i960, 1630, Paris, 24. 5.
i960, iy 30.
354 Stellenkommentar

R EN TR EE] IB kam von der Uraufführung von Henzes Der


Prinz von Homburg an der Hamburgischen Staatsoper, für den
sie das Libretto verfaßt hatte (22.5. i960). Das Telegramm (in
N kP C eingetragen) reagiert auf Nr. 159 wegen des Treffens mit
N elly Sachs; IB vermutete PC wohl schon in Zürich.

224
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 9; hs. B rief (Briefkopf: Urban Hotel Gar-
ni Zürich, Stadelhoferstr. 41), Kuvert fehlt.

tres malheureux] U. a. durch die neuerlichen Plagiatsvorwürfe


(vgl. Nr. 159/Anm.) und die Erfahrungen mit Firges und Blocker
(vgl. Nr. 112 und 143).
avec Paul] Vgl. Nr. 161/Anm . PC kommentierte das Treffen
mit IB an diesem Abend: »Ingeborg (Kirchgasse). - Konturloses,
darum noch unglücklicher machendes Gespräch« (TbPC).

N G C L : hs. B rief an: »Mme Paul C ELAN / 7 8, rue de Longchamp /


PARIS i6 eme / FRA N CE «, Zürich [Briefmarken mit Reststempel
herausgerissen] von: »[I]ngeborg Bachmann, Kirchgasse 33 / Zü­
rich«.

Nelly Sachs] Vgl. Nr. 161.


je travaille] An Das dreißigste Jahr, besonders »Unter Mör­
dern und Irren«.
VEspagne] Vgl. Nr. 163.
Scuol] Vgl. Nr. 137.
cirque de Zürich] Im Mai i960 waren PC, G C L und Eric mit IB
in einer Zürcher Vorstellung des Zirkus Knie; auf dem kleinen,
sicherlich im Zirkus gekauften Taschentuch waren Clowns zu se­
hen.

226
H AN/ÖNB , Mappe 9, Bl. 1 1 - 1 3 : hs. Eilbrief an: »Mademoiselle In ­
geborg Bachmann / Haus zum Langenbaum / Seestraße / Uetikon
bei Zürich / (Suisse)«, Paris, 2. 12. i960.
Briefe Nr. 223-227

allé à Zurich [ ...] ainsi que Weber] Vgl. Nr. 166.


les gens a comprendre] Vgl. Nr. 166/Anm. und 177/Anm.
Depuis sept ans] Die auf die »Entgegnung« anspielende Formu­
lierung meint die Zeitspanne zwischen der ersten von C. Goll in
einem Rundbrief formulierten Plagiatsanschuldigung (1953, Ci A
187-198) und ihrem Artikel im >Baubudenpoet< auf dem Höhe­
punkt der Affäre (i960, vgl. Nr. 179).
dans les journaux] Zu späteren Celan verteidigenden Texten
vgl. Nr. 19 1/Anm.
N.Z.Z.] In der »je« signierten Notiz »Blick in die Zeitschriften«
vom i. 12. i960 wird die »Entgegnung« in der >Neuen Rundschau<
erwähnt als Text, der »entschieden gegen die auf Paul Celan ge­
richteten Angriffe Stellung nimmt«.
Mohler] Vgl. Nr. 174/Anm. Der rechtskonservative Schweizer
Publizist, der 1942 aus der Schweizer Armee mit dem Ziel deser­
tiert war, der Waffen-SS beizutreten, hatte schon 1951 als Sekretär
von Ernst Jünger mit PC Briefkontakt und lernte ihn Mitte der
1950er Jahre in Paris als Korrespondent für verschiedene deutsche
und Schweizer Zeitungen persönlich kennen.
Kasack [.. .] preuves] PC notierte den Anruf am 2 9 .11. i960
(NkPC). D er Sand aus den Urnen, vor PCs Ankunft in Paris ent­
standen, enthielt die meisten von C. Goll inkriminierten Gedichte
(vgl. Nr. 179/Anm.).
Todesfuge] Vgl. Nr. 166/Anm.
Burgtheater] Tatsächlich geht es um Kurt Hirschfeld, den D i­
rektor des Zürcher Schauspielhauses (vgl. Nr. 173).
Téléphonez-lui] IB telephonierte wohl erst am 12 .12 . i960 (vgl.
Nr. 177).
M^ Fischer] PC sollte die Mitinhaberin des S. Fischer Verlags
beim französischen Germanisten Pierre Bertaux am 4 .12. i960
treffen (NkPC); welche Freunde von C. Goll ebenfalls zu dem
Essen eingeladen waren, konnte nicht geklärt werden.

227
N G C L : hs. Eilbrief an: »Mme Paul Celan / 7 8 rue de Longchamp /
PARIS i6 ème / FRA N C E «, Uetikon am See, j. 12. i960, von »Inge-
borg Bachmann / Uetikon am See, Suisse«, Paris, 6.12. i960.
3 5^ Stellenkommentar

3 - i i - 60] Vgl. Poststempel!


départ de Paul, lundi] PC hatte Zürich am Sonntag, dem 1 7 . 1 1 .
i960, verlassen (vgl. Nr. 166/Anm.).
Varticle de Szondi] Vgl. Nr. 167.
erreur de poste (Kirchgasse!] Vgl. Nr. 225.
directeur du Schauspielhaus] Hirschfeld.

228
N GCL: hs. Brief, Kuvert fehlt. Karte mit zwei Nadelstichen am
oberen Rand, d. h. mit Blumen, zugestellt.

229
N GCL: hs. Widmung a u f dem Vorsatzblatt von »Das dreißigste
fahr«. Erzählungen, R. Piper & Co., München /961; Kuvert fehlt.

Rome, 4 - 6 - 6 1 ] Vgl. Nr. 187.

230
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 15 und 17: hs. B rief an: »Mademoiselle
Ingeborg BACHM ANN / Via Bocca di Leone 60 / ROM E / Italie«,
Paris, 12. 5.1970, von »Gisèle CELAN, 78 rue de Longchamp, Paris
16«, Roma, 13. j. 1970; HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 16 (Beilage): hs.
Bericht von der H and Jean Bollacks.

4 mai [.. .] dans la Seine] PC stürzte sich (wohl unweit seiner


Wohnung vom Pont Mirabeau) in die Seine. Seine Leiche wurde in
einem Rechen auf der Höhe von Courbevoie, einem nördlichen
Vorort von Paris, gefunden. Im N IB fand sich der redaktionelle
Nachruf der FAZ vom 6.5.1970, »Die magische Formel. Zum
Tode von Paul Celan« (H A N /Ö N B , Mappe 12, Bl. 1) sowie anläß­
lich der Todesnachricht ein Interview mit Weber in der NZZ: »Paul
Celan« (10 .5.1970 , Fernausgabe; H A N /Ö N B , Mappe 12, Bl. 2).

230.1
Bollack] GCL ließ sich von dem in Paris lebenden, mit PC be­
freundeten Hellenisten hinsichtlich der Verwaltung von PCs Werk
beraten; PC hatte ihn 1959 durch Peter Szondi kennengelernt.
Briefe Nr. 227-232 357

Thiais] Auf dem Friedhof für Paris, der südlich der Stadtgrenze
liegt, sind auch der erste Sohn der Celans, François (1953), un(J
GCL selbst (1991) beerdigt.
quelques amis] U. a. Klaus Demus.

23 i
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 18: hs. Brief, Kuvert fehlt.

23 novembre] 1970 wäre PC 50 Jahre alt geworden. Im NIB


fand sich aus diesem Anlaß in der Presse Erschienenes: eine Zu­
sammenstellung von kleinen Prosatexten PCs in der >Welt<: »Jüdi­
sche Einsamkeit (1969)«, »Das grauere Wort (1958)« und »Dop­
pelzüngigkeit (1961)« (21. 11 . 1970; HAN/ÖNB, Mappe 12, Bl. 3),
d. h. die Ansprache vor dem hebräischen Schriftstellerverband und
die beiden Antworten 1958 und 1961 auf eine Umfrage der Librai­
rie Flinker, Paris.
votre petit [mot]] Nicht aufgefunden.
a Paris] IB und GCL haben sich nicht mehr in Paris getroffen.
depuis deux ans] Nach seinem Zwangsaufenthalt in der Pariser
Psychiatrischen Universitätsklinik (Januar-Oktober 1967) kehrte
PC nicht in die gemeinsame Wohnung zurück.
vous n'alliez pas bien] Neben der Fertigstellung von Malina
hatte IB mit wiederholten Erkrankungen und kleinen Unfällen
zu kämpfen.
Vos fleurs [ ...] envoyées] Vgl. Nr. 214-215.

HAN/ÖNB Mappe 9, Bl. 19-20: hs. B rief an: »Madame Ingeborg


BACH MANN / Via Bocca di Leone 60 / ROME / (Italie)«, Paris,
2 1.12 .19 7 0 .

fêtes] GCL schrieb deutsch auf die letzte Seite ihres Taschenka­
lenders: »Ende des Jahres, / endlich!« (NGCL).
Rome] GCL brach am 2 3 .12 .19 7 0 nach Rom auf.
vous rencontrer] GCL traf IB am 27. und 29 .12.19 70 (NGCL).
KRAISKY] PCs Bekannte aus Bukarest (1945) kannte GCL von
ihrem Rom-Aufenthalt im Januar 1965.
35 « Stellenkommentar

¿33
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl%2 i-2 2 : hs. B rief an: »Madame Ingeborg
BACHMANN / Via Bocca di Leone 60 / (interno 2) / ROME«,
Roma, 2 . 1 . 1971.

Francfort [ ...] nouveau départ] IB traf Unseld im Zusammen­


hang mit ihrem Wechsel zu Suhrkamp als Publikationsort für Ma-
lina.

234
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 23-24: hs. Brief, Kuvert fehlt.

histoire d ’épaule] IB hatte sich bei einem Sturz die Schulter ver­
letzt (vgl. 231/Anm.).
votre livre \ en français] Malina erschien im März 1971 (Suhr­
kamp Verlag: Frankfurt a. M. 1971, NGCL). Der Roman enthält
eine Vielzahl von Anspielungen auf das Leben und Werk von PC.
GCLs Exemplar der französischen Übersetzung durch Philippe
Jaccottet (Seuil: Paris 1973; Erwerbsdatum »23 juillet 1973«,
NGCL) enthält zahlreiche Lesespuren, z.T. in Zusammenhang
mit PC.
gouaches] Drei dieser Gouachen sind im Katalog der Tübinger
Ausstellung A l ’image du temps - Nach dem Bilde der Zeit. Gisèle
Celan-Le stränge und Paul Celan abgebildet (hrsg. von Valéry La-
witschka, Eggingen 2001, Nr. 25-27).
travail gagne-pain] GCL war seit 1968 Sekretärin des Germa­
nisten Claude David, des Direktors des Institut d’Etudes germa­
niques (Paris, Sorbonne) im Grand Palais.
millions pour ce travail] Finanzierung der Vorarbeiten für die in
Bonn, wo Allemann einen germanistischen Lehrstuhl innehatte,
entstehende Flistorisch-Kritische Ausgabe von PCs Werken durch
die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Allemanns Assistenten
Rolf Bücher und Dietlind Meinecke hielten sich mehrfach in Paris
auf. Die ersten Bände der Ausgabe erschienen erst ab 1990.
à Paris? [ ...] à Rome] Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß
sich IB und GCL wiedergesehen haben.
travail [ ...] appartement] GCL kündigte im Sommer 1971 ihre
Briefe Nr. 233-23 6

Sekretärinnenstelle, erst 1976 zog sie aus der Wohnung in der Rue
de Longchamp aus.
à 100 km de Paris] GCL fuhr in das 1962 erworbene Landhaus
in Moisville (Eure).

HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 25: hs. Brief, Kuvert fehlt.

18 mars 19 7 1] Am Tag darauf wurde GCL 44 Jahre alt.


Rome et Vienne, chez soi à Paris, on est plus seul!] Oder meint
GCL: »on n’est plus seul! [ist man nicht mehr allein!]«? Sie spielt
u. a. auf die Geburtstagsgrüße von Mihal und David Seidmann,
einem in Tel-Aviv lebenden Studienkollegen und Freund PCs aus
Czernowitz, IB und M. Kraisky (Rom) sowie K. und N. Demus
(Wien) an.
Szondi] Der Inhalt der sicher mündlich überbrachten Nach­
richt ist nicht bekannt. IB war Szondi seit 1959 freundschaftlich
verbunden und hatte ihn 1968 in Rom getroffen.
Mercure de France [ ...] André du Bouchet] Für Streite. Poèmes
suivis du Méridien et d ’Entretien dans la montagne hatte PC noch
selbst Gedichte und Prosa ausgewählt und deren Übertragungen
durch André du Bouchet, Jean-Pierre Burgart und Jean Daive
geleitet (»guidées«, so du Bouchet in der Plerausgebernotiz); die
Auswahl erschien schon am 15 .3 .19 7 1. Mindestens zwei Bände
wurden zu Lebzeiten von PC um den 19. März publiziert: Sprach-
gitter (vgl. PCs Widmung, PC/GCL) und Schwarzmaut (1969, PC/
GCL), das ganz bewußt am 19. 3.1969, ihrem 42. Geburtstag, aus­
geliefert wurde. GCL behielt Verbindung zu dem französischen
Dichter du Bouchet, der PC in seinen schwierigen letzten Lebens­
jahren nahe gewesen und gleichzeitig Übersetzer PCs war sowie
von ihm übersetzt wurde.
nouveau livre [ ...] Allemagne] IB fuhr zum Erscheinen von
Malina nach Frankfurt.

236
HAN/ÖNB, Mappe 9, Bl. 28: hs. Gruß, Kuvert fehlt.
Stellenkommentar

»Fin d ’année 19 7 1« ] N ur die zweite der drei Radierungen wur­


de aufgefunden (Besitz .Christian Moser), IB besaß jeweils das
Exemplar Nr. 10 (vgl. Abb. 18).

2 37
H AN/ÙNB 3 Mappe 9, B l 26-27: hs. B rief Kuvert fehlt.

Depuis quatre ans] D. h. seit der Trennung von PC.


vivre avec et continuer de vivre] Die Schwierigkeiten führten
im Lauf des Jahres zu einem Selbstmordversuch GCLs.
ami autrichien] Der Maler und Radierer Jörg Ortner, mit dem
PC seit 1963 in Verbindung stand.
Allemann [ ...] à Bonn] Wegen derartiger Probleme verwaltete
GCL das Werk von PC bis zu ihrem Tod selbst. In ihrem Tagebuch
bilanzierte GCL die Treffen mit Allemann in Bonn vom 24. bis
zum 27. 3.1973.
l ’Autriche [ ...] l ’Afrique] Die gebürtige Österreicherin hatte
nach 1953 fast ausschließlich im Ausland gelebt, in Deutschland
(München und Berlin), in der Schweiz (Zürich) und in Italien
(Neapel und Rom). Die für Frühjahr 1973 vorgesehene Afrikareise
wurde nicht verwirklicht.
»vers 1973«] Die Radierung wurde nicht aufgefunden.
Zeittafel

23. November 1920


Geburt von Paul Celan in
Czernowitz, Bukowina, in
einer deutschsprachigen
jüdischen Familie.

25. Juni 1926


Geburt von Ingeborg
Bachmann in Klagenfurt;
Geschwister: Isolde (1928)
und Heinz (1939).

1932
D er Vater tritt der NSDAP
bei.

12. März 1938


Einmarsch von Hitlers
Truppen in Klagenfurt.

September 1939
Einberufung des Vaters zum
Kriegsdienst.

Juni 1942
Deportation der Eltern
Friederike und Leo Antschel
(Tod im Winter 1942/43 im
deutschen Vernichtungslager
Michailowka, Ukraine).

Mai/Juni 1945
Begegnung mit Jack
Hamesh, einem aus Wien
stammenden britisch-jüdi­
schen Besatzungsoffizier.
3¿2 Zeittafel

Oktober 1946
Fortsetzung des in Innsbruck
und Graz begonnenen
Philosophie-Studiums in
Wien; Wohnadresse:
Wien III, Beatrixgasse 26.

17. Dezember 1948


Ankunft in Wien nach der
Flucht von Bukarest aus über
Budapest.

16. Mai 1948


Erste Begegnung von Ingeborg
Bachmann und Paul Celan.

20. Mai 1948


Beginn der Liebesbeziehung.

Ende Juni 1948


Abreise aus Wien über
Innsbruck (5.-8. Juli 1948)
nach Paris.

13. Juli 1948


Ankunft in Paris, Adresse
ab August (?): 31, rue des
Ecoles (V).

August (?) 1948


Edgar Jene. Der Traume vom
Traume.

September 1948
Der Sand aus den Urnen.

Juni 1949
Umzug: Wien III, Gottfried-
Keller-Gasse 13.
1946-1952

23· März 1950


Promotion (Thema der
Dissertation: Die kritische
Aufnahme der Existential­
philosophie Martin Hei­
deggers).

14. Oktober 1950 bis Mitte


Dezember 1950
Aufenthalt von Ingeborg
Bachmann in Paris.

Ende Dezember 1950 bis


Februar 1951
Von Paris aus Aufenthalt in
London.

23. Februar 1951 bis 7. März 1951


Aufenthalt von Ingeborg Bach­
mann in Paris, danach Rückkehr
nach Wien.

April bis August 1951


Arbeit bei der Amerikani­
schen Besatzungsbehörde.

September 1951 bis Ende Juli


1953
Mitarbeit am Sender Rot-
Weiß-Rot als Script-Writer,
später als Redakteurin.

Anfang November (?) 1951


Erste Begegnung mit Gisèle
de Lestrange.

28. Februar 1952


Ursendung von Ein Geschäft
mit Träumen.
364 Zeittafel

2i. Mai bis 6. Juni 1952


Aufenthalt in Deutschland,
u. a. in Niendorf bei der
Tagung der Gruppe 47.

23.-27. Mai 1952


Zusammentreffen in Niendorf und
Hamburg.

i. November 1952
Begegnung mit Hans Werner
Henze, mit dem sie ab 1953
zeitweise zusammenlebt.

23. Dezember 1952


Heirat mit Gisèle de
Lestrange.

Dezember 1952 / Januar 1953


Mohn und Gedächtnis.

Mai 1953
Preis der Gruppe 47 (Mainz).

Juli 1953
Umzug: 5, rue de Lota (XVI).

August 1953
Erste Plagiatsbeschuldigun­
gen durch Claire Goll,
gesandt an Kritiker, Rund­
funkleute und Verleger in
Deutschland.

August bis Oktober 1953


Bei Henze auf Ischia. Weitere
längere Aufenthalte bei
Henze im Winter 1954/5 5,
Februar bis August 1955.
I 952 - I 957

Oktober 1953 7./8. Oktober 1953


Umzug nach Rom: Geburt und Tod des ersten
Piazza della Quercia 1. Sohnes François.

Dezember 1953
Die gestundete Zeit.

25. März 1955


Ursendung von Die Zikaden
mit Musik von Hans Werner
Henze.

Mai 1955
Literaturpreis des Kultur­
kreises im Bundesverband
der deutschen Industrie.

6. Juni 1955
Geburt des Sohnes Eric.

Juni 1955
Von Schwelle zu Schwelle,
mit der gedruckten Wid­
mung »FÜR GISELE«.

Juli/August 1955 Juli 1955


Teilnahme an einem Umzug: 29 bis, rue de
Internationalen Seminar Montevideo (XVI).
der Harvard University Einbürgerung in Frankreich.
in den USA, N ew York-
Besuch.

Oktober 1956
Anrufung des Großen Bären.

November/Dezember 1956
Parisaufenthalt, Hotel de la
Paix, rue Blainville 6, ohne
Celans Wissen.

Januar 1957
Rom, Via Vecchiarelli 38.

;
3 66 Zeittafel

26. Januar 1957


Literaturpreis der Freien und
Hansestadt Bremen.

April 1957
Die gestundete Zeit, zweite
Auflage.

September 1957 bis September 1957


Mai 1958 Literaturpreis des Kultur­
Dramaturgin beim Bayeri­ kreises im Bundesverband
schen Fernsehen in Mün­ der deutschen Industrie.
chen. Wohnung zunächst
Biedersteinerstr. 21a.

11.- 13 . Oktober 1957


Wiederbegegnung bei der Tagung
»Literaturkritik - kritisch be­
trachtet« beim Wuppertaler Bund.

14. Oktober 1957


Treffen nach der Tagung in Köln.
Neubeginn der Liebesbeziehung
(bis Mai 1958).
Danach gemeinsame Verantwor­
tung für den deutschen Teil in
Heft X X I1958 der mehrsprachigen
Zeitschrift >Botteghe Oscure<.

November 1957
Umzug: 78, rue de Long-
champ (XVI).

7.-9. Dezember 1957 2 .-11. Dezember 1957


Aufenthalt Celans in Reise nach Deutschland.
München bei Bach­
mann.

Mitte Dezember 1957


Umzug: Franz-Joseph-
Str. 9a.
1957-1958

28.-30. Januar 1958 23.-3°. Januar 1958


Aufenthalt Celans in Reise nach Deutschland,
München bei Bach­ u. a. nach Bremen (Bremer­
mann; diskrete hand­ Literaturpreis 26. Januar
schriftliche Widmun­ 1958).
gen einzelner Gedichte
in Mohn und Gedächt­
nis (2. Auflage 1955).

April 1958
Beteiligung am Prostest
gegen die atomare
Bewaffnung der Bundes­
wehr.

7. Mai 1958 4.-8. Mai 1958


Aufenthalt Celans in Reise nach Deutschland.
München bei Bach­
mann, Ende der
Liebesbeziehung.

29. Mai 1958


Ursendung von Der gute
Gott von Manhattan.

23. Juni 1958 bis Anfang Juli 1958


Bachmann in Paris, Treffen mit
Celan am 25., 30. Juni und 2. Juli
1958. Erstes persönliches Treffen
zwischen ihr und Gisèle Celan-
Lestrange.

3. Juli 1958
Begegnung mit Max Frisch
in Paris.

November 1958 September 1958


Der gute Gott von Arthur Rimbaud,
Manhattan. Das trunkene Schiff
(Übertragung).
Alexander Block, Die Zwölf
(Übertragung).
36 8 Zeittafel

November 1958 bis Herbst


1962
Lebensgemeinschaft mit
Frisch; zunächst Zürich,
Feldeggstr. 21, ab März 1959
Uetikon am See, ab Juni 1959
längere Romaufenthalte,
z.T. mit Frisch.

Anfang Dezember 1958


Der Doktorand Jean Firges
rechtfertigt eine antisemiti­
sche Karikatur von Bekann­
ten nach einer Lesung Celans
in Bonn (17. November
x95 8)-

3. Dezember 1958 Ende 1958


In Paris mit Frisch, ohne Schallplatten-Album
Celan zu benachrichtigen. Lyrik der Zeit mit
Sprechaufnahmen von
Bachmann und Celan.

17. März 1959 März 1959


Hörspielpreis der Kriegs- Sprachgitter.
blinden, Dankrede:
Die Wahrheit ist dem
Menschen zumutbar.

19. und 22. Juli 1959


Erste persönliche Begegnungen
Celans mit Frisch in Sils.

Oktober 1959 Ab Oktober 1959


Arbeitswohnung in Deutschlektor an der Ecole
Zürich, Kirchgasse 33. normale supérieure, rue
d’Ulm.
1958-1960 369

i i . Oktober 1959
Von Celan als antisemitisch
empfundene Rezension von
Sprachgitter durch Günter
Blöcker im Berliner »Tages­
spiegel·.

25. November 1959 bis November 1959


24. Februar i960 Ossip Mandelstamm,
Poetikdozentur in Frankfurt. Gedichte (Übertragung).

Mitte Januar i960


Dritte von Bachmanns »Frankfur­
ter Vorlesungen« (13.?); Celans
Lesung aus Die junge Parze (16.)
in Frankfurt a. M. Kein Treffen.

März i960 März i960


Teilnahme an einem Paul Valéry, Die junge
Lyrik-Symposion in Leipzig. Parze (Übertragung).

22. Mai i960 April/Mai i960


Uraufführung von Henzes Plagiatsvorwurf von Claire
Der Prinz von Homburg Goll in der Münchner Zeit­
mit Bachmanns Libretto. schrift >Baubudenpoet<. Im
Mai Beratungen mit Vertre­
tern des S. Fischer Verlags
und Klaus Demus in Frank­
furt a. M.: Plan einer »Ent­
gegnung« in der >Neuen
Rundschau<.

25.-28. Mai i960


Aufenthalt Celans in Zürich an­
läßlich der Verleihung des Droste-
Preises an N elly Sachs; mehrere
Treffen mit Bachmann, teilweise
sind auch Gisèle Celan-Lestrange
und Max Frisch anwesend.
370 Zeittafel

August i960
»Gespräch im Gebirg«
erscheint in der >Neuen
Rundschau<.

22. Oktober i960


Verleihung des Georg-Büch-
ner-Preises in Darmstadt.

30. Oktober i960


Treffen im Hotel du Louvre,
anwesend sind auch Frisch und
Siegfried Unseld.

Etwa 20. November i960


Die »Entgegnung« auf die
Plagiatsvorwürfe gegen Celan
erscheint in >Die Neue Rundschau<
mit den Unterschriften von Bach­
mann, Klaus Demus und Marie
Luise Kaschnitz.

25.-27. November i960


Celan in Zürich: Tägliche Gesprä­
che im Zusammenhang mit den
Plagiatsvorwürfen in der überre­
gionalen Presse. Es sind die letzten
persönlichen Begegnungen.

Januar 1961
Büchnerrede Der Meridian.

März 1961
Sergej Jessenin: Gedichte
(Übertragung).

Juni 1961
Das dreißigste Jahr.
In Rom mit Frisch: Via de
Notaris 1 F.
1960-1964 371

Sommer 1961
Giuseppe Ungaretti:
Gedichte (Übertragung).

Ende 1961 letzter Brief Bach­


manns, ein Weihnachtsgruß mit
Max Frisch an Celan und Gisèle
Celan-Lestrange.

Herbst 1962
Trennung von Frisch, in der
Folge ernsthafte psychische
Probleme.

Ende 1962/Anfang 1963 Ende 1962/Anfang 1963


Klinikaufenthalt in Zürich. Erste stationäre Behandlung
in einer psychiatrischen
Klinik.

Frühjahr Î963 bis Ende 1965


Berlin, Wohnung zunächst in
der Akademie der Künste, ab
Juni 1963 in Berlin-Grune-
wald, Königsallee 35.

Juli/August 1963
Klinikaufenthalt in Berlin

Ende Oktober 1963


Die Niemandsrose.

1964 16. April 1964


Beginn der Arbeit an Treffen Celans mit Frisch
Todesarten, Konzept­ in Rom.
änderungen, Abbrüche,
Neuansätze bis zu
ihrem Tod.

17. Oktober 1964


Verleihung des Georg-Büch-
ner-Preises in Darmstadt.
3 72 Zeittafel

12. Dezember 1964


Begegnung mit Anna
Achmatova in Rom.

1965
Büchnerrede Ein Ort für
Zufälle mit Zeichnungen von
Günter Grass.

7. April 1965
Uraufführung von Henzes
Der junge Lord mit Bach­
manns Libretto.

Februar/März 1965, 24. November 1965


November 1965, Mai und Mordversuch an Gisèle
Spätsommer 1966, Celan-Lestrange, danach
Februar 1967 Zwangseinweisung in
Jeweils mehrwöchige verschiedene psychiatrische
Klinikaufenthalte in Kliniken (bis 11. Juni 1966).
Baden-Baden.

Juni 1966
Verläßt den S. Fischer Verlag,
von dem er sich in der Goll-
Affäre nicht ausreichend
vertreten sieht, Wechsel zum
Suhrkamp Verlag.

Herbst 1966 bis Ende 1971


Rom, via Bocca di Leone 60.

30. Januar 1967


Mordversuch an Gisèle
Celan-Lestrange und Selbst­
mordversuch, danach N ot­
operation Celans und
Zwangseinweisung in eine
psychiatrische Klinik (bis
17. Oktober 1967). Im April
bittet Gisèle Celan-Lestran­
ge um die Trennung.
1964- 19 7° 373

1 8. März 1967
Trennung vom Piper Verlag,
weil der Autor mit Nazi-
Vergangenheit Hans Bau­
mann als Achmatova-Uber-
setzer Celan vorgezogen
wird; Wechsel zum Suhr-
kamp Verlag.

30. Juli 1967


Letzter Brief Celans an
Bachmann.

19. September 1967 September 1967


In Zürich wohl letztes Atemwende.
Treffen Celans mit
Frisch.

September 196
Fadensonnen.

21. November 1968 November 1968 bis


Großer Österreichischer Februar 1969
Staatspreis. Letzter Zwangsaufenthalt in
einer psychiatrischen Klinik.

Etwa 20. April 1970


Selbstmord in der Seine.

Juni 1970
Lichtzwang.

Sommer 1970
Das nach Celans Tod ge­
schriebene Märchenkapitel
»Die Geheimnisse der Prin­
zessin von Kagran« wird in
die bereits vorliegende Rein­
schrift von Malina eingefügt.
374 Zeittafel

27. und 29. Dezember 1970


Gisèle Celan-Lestrange und
Ingeborg Bachmann treffen sich
in Rom.

März 1971
Malina.

September 1971
Simultan.

Seit Anfang 1972


Wohnung in der Via
Giulia 66, Palazzo Sacchetti.

2. Mai 1972
Anton-Wildgans-Preis der
österreichischen Industrie.

2. Januar 1973
Letzter erhaltener Brief von Gisèle
Celan-Lestrange an Ingeborg
Bachmann.

14. März 1973


Tod des Vaters.

Mai 1973
Lesereise durch Polen.
Besuch des Vernichtungs­
lagers Auschwitz.

Sommer 1973
Französische Übertragung
von Malina durch Philippe
Jaccottet.

25V26. September 1973


In der Nacht schwerer
Brandunfall.
1970-1991 375

17· Oktober 1973


Tod in einer römischen
Klinik.

4. April 1991 9. Dezember 1991


Tod von Max Frisch (*19 11) Tod von Gisele Celan-
in Zürich. Lestrange ("'1927) in Paris.
376

Siglen
(sofern nicht anders vermerkt, werden im Kommentar
Seitenzahlen angegeben)

A ZS Alliierte Zensurstelle (Zensurbehörde im besetzten Öster­


reich 1952/53).
BIB Bibliothek Ingeborg Bachmann (Privatnachlaß Kärnten).
BK Bonner Arbeitsstelle für die Celan-Ausgabe: Katalog der B i­
bliothek Paul Celans (Paris und Moisville), erarbeitet in den
Jahren 1972-1974 (Paris) und 1987 (Moisville) von Dietlind
Meinecke und Stefan Reichert u. a., transkribiert mit Korrek­
turen, Ergänzungen und kritischen Bemerkungen u. a. zum
heutigen Standort der Bücher von Bertrand Badiou (unver-
öff., + Band + laufende Nummer).
B PC Nachlaßbibliothek Paul Celan (Deutsches Literaturarchiv,
Marbach).
D LA Deutsches Literaturarchiv Marbach.
EN S École normale supérieure (45, rue d’Ulm, Paris).
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung.
GA Wiedemann, Barbara: Die Goll-Affäre. Dokumente zu einer
>Infamie<, Frankfurt a. M. 2000.
GN Paul Celan, Die Gedichte aus dem Nachlaß, hrsg. von Ber­
trand Badiou, Jean-Claude Rambach und Barbara Wiede­
mann, Frankfurt a. M. 1997.
GCL Gisèle Celan-Lestrange.
GBF Bermann Fischer, Gottfried und Brigitte: Briefwechsel mit
Autoren, hrsg. von Reiner Stach unter redaktioneller Mit­
arbeit von Karin Schlapp, mit einer Einführung von Bern­
hard Zeller, Frankfurt a. M. 1990.
G ul Bachmann, Ingeborg: Wir müssen wahre Sätze finden. G e­
spräche und Interviews, hrsg. von Christine Koschel und
Inge von Weidenbaum, München und Zürich 1983.
GW Paul Celan: Gesammelte Werke in fünf Bänden, hrsg. von
Beda Allemann und Stefan Reichert unter Mitwirkung von
Rolf Bücher, Frankfurt a. M. 1983 (+ Band).
H A N /Ö N B Handschriftenabteilung der Österreichischen Nationalbi­
bliothek.
HKA Paul Celan: Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von der Bon­
ner Arbeitsstelle für die Celan-Ausgabe, Frankfurt a. M.
i99off. (+ Band).
IB Ingeborg Bachmann.
Siglen 377

IBW Ingeborg Bachmann, Werke, hrsg. von Christine Koschel,


Inge von Weidenbaum und Clemens Münster, München
und Zürich: Piper 1978 (+ Band).
KG Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in
einem Band, hrsg. und kommentiert von Barbara Wiede­
mann, Frankfurt a. M. 2003.
MF Max Frisch.
M FA Max Frisch-Archiv (Zürich).
M FB Frisch, Max: Jetzt ist Sehenszeit. Briefe, Notate, Dokumente
1943-1963, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Ju ­
lian Schütt, Frankfurt 1998.
NDR Norddeutscher Rundfunk.
NGCL Nachlaß Gisèle Celan-Lestrange (Eric Celan, Paris).
NHW Brief-Nachlaß Hans Weigel (Wien-Bibliothek des Wiener
Rathauses; IBs Briefe 1948-1953: ZPH 847).
N IB Nachlaß Ingeborg Bachmann (Österreichische Nationalbi­
bliothek, Wien).
N kPC Notizkalender PCs (DLA).
N k P C /G C L Notizkalender PCs, in der Handschrift von G C L (DLA).
NPC Nachlaß Paul Celan (DLA).
NPC-Paris Nachlaß Paul Celan (Paris, Eric Celan).
NW DR Nordwestdeutscher Rundfunk.
NZZ Neue Zürcher Zeitung.
Ö LA Österreichisches Literaturarchiv in der Österreichischen N a­
tionalbibliothek.
ÖZS Österreichische Zensurstelle (Zensurbehörde im besetzten
Österreich bis 1953).
PC Paul Celan.
PC/B.O . Pizzingrilli, Massimo: »>Votre aide qui est / m’est si précieu­
ses Paul Celans Mitarbeit an der Zeitschrift >Botteghe Oscu-
re< und sein Briefwechsel mit Margherite Caetani«, in >Celan-
Jahrbuch 9 (2003-2005)<, S. 7-26.
P C /G C L Paul Celan - Gisèle Celan-Lestrange, Correspondance
(1951-1970). Avec un choix de lettres de Paul Celan à son fils
Eric, hrsg. von Bertrand Badiou in Verbindung mit Eric Ce­
lan, [Paris] 2001. Paul Celan - Gisèle Celan-Lestrange, Brief­
wechsel. Mit einer Auswahl von Briefen Paul Celans an sei­
nen Sohn Eric, aus dem Französischen von Eugen Heimle
und Barbara Wiedemann, hrsg. von Bertrand Badiou in Ver­
bindung mit Eric Celan, Frankfurt a. M. 2001 (es folgen,
wenn nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet, die für bei­
de Ausgaben geltenden Briefnummern zu Bd. I, Hinweise auf
378 Siglen

Bd. II werden bei abweichenden Anmerkungszahlen durch


Zusatz »frz.« oder »dt.« gekennzeichnet).
PC /H H L Paul Celan - Hanne und Hermann Lenz: Briefwechsel, hrsg.
von Barbara Wiedemann in Verbindung mit Hanne Lenz,
Frankfurt a. M. 2001.
PC/Sachs Paul Celan - N elly Sachs. Briefwechsel, hrsg. von Barbara
Wiedemann, Frankfurt a. M. 1993.
PN Paul Celan, >Mikrolithen sinds, Steinchen<. Die Prosa aus
dem Nachlaß, Kritische Ausgabe, hrsg. von Barbara
Wiedemann und Bertrand Badiou, Frankfurt a. M., Suhr-
kamp 2005.
PN IB Privatnachlaß IB, Kärnten.
SDR Süddeutscher Rundfunk Stuttgart.
SZ Süddeutsche Zeitung.
TA Ingeborg Bachmann: »Todesarten«-Projekt. Kritische Aus­
gabe, unter Leitung von Robert Pichl hrsg. von Monika A l­
brecht und Dirk Göttsche, München und Zürich 1995
(+ Band).
TbPC Tagebuch Paul Celans (DLA).
TCA /M Paul Celan: Der Meridian. Endfassung - Entwürfe - Mate­
rialien, hrsg. von Bernhard Böschenstein und Heino Schmull,
= Tübinger Ausgabe, Frankfurt a. M. 1999.

Abkürzungen und Transkriptionszeichen:

Ds. Durchschlag (Ts.).


Hs./hs. Handschrift bzw. handschriftlich,
korr. korrigiert.
masch. maschinenschriftlich.
Ts. Typoskript.
z. zugeschrieben.
(!) Hinweise auf Korrekturen in Zitaten.
[] Ergänzungen der Herausgeber.
[xxx] Nicht lesbares (Teil-)Wort bzw. nicht lesbare Buchstaben.
379

Bibliographie der herangezogenen


biographischen Quellen

i. Briefe und primäre Quellen

Bachmann, Ingeborg: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und


Interviews, hrsg. von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum,
München und Zürich 1983.
Bachmann, Ingeborg: Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie
Martin Heideggers (Dissertation, Wien 1949). Aufgrund eines Textver­
gleichs mit dem literarischen Nachlaß hrsg. von Robert Pichl. Mit einem
Nachwort von Fritz Wallner, München und Zürich 1985.
Bachmann, Ingeborg: »Todesarten«-Projekt. Kritische Ausgabe, unter
Leitung von Robert Pichl hrsg. von Monika Albrecht und Dirk Gött-
sche, München und Zürich 1995.
Bachmann, Ingeborg: Kritische Schriften, hrsg. von Monika Albrecht und
Dirk Göttsche, München und Zürich 2005.
Ingeborg Bachmann - Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft,
hrsg. von Hans Höller, mit einem Vorwort von Hans Werner Henze,
München und Zürich 22qo6.
Barnert, Arno: »Paul Celan und die Heidelberger Zeitschrift >Die Wand-
lung<. Erstveröffentlichung der Korrespondenz« [mit Briefen von Marie
Luise Kaschnitz], in: Textkritische Beiträge, Heft 6, 2000, S. m - 12 0 .
Barnert, Arno: »Eine >herzgraue< Freundschaft. Der Briefwechsel zwi­
schen Paul Celan und Günter Grass«, in: Textkritische Beiträge, Heft
9, 2004, S. 65-127.
Barnert, Arno und Hemecker, Wilhelm: »Paul Celan und Frank Zwillin-
ger«, in: Sichtungen 2000, S. 56-70.
Bonner Arbeitsstelle für die Celan-Ausgabe: Katalog der Bibliothek Paul
Celans (Paris und Moisville), erarbeitet in den Jahren 1972-1974 (Paris)
und 1987 (Moisville) von Dietlind Meinecke und Stefan Reichert u.a.,
transkribiert mit Korrekturen, Ergänzungen und kritischen Bemerkun­
gen u. a. zum heutigen Standort der Bücher von Bertrand Badiou (un-
veröff.).
Böttiger, Helmut (unter Mitarbeit von Lutz Dittrich): »>Mich freuen sol­
che Bitterkeiten und Härten<. Die Beziehung zu Paul Celan«, in: Ele­
fantenrunde. Walter Hollerer und die Erfindung des Literaturbetriebs,
Berlin 2005, S. 43-51.
Celan, Paul: La Bibliothèque philosophique - Die philosophische Biblio­
thek. Catalogue raisonné des annotations établi par Alexandra Richter,
Patrik Alac, Bertrand Badiou, Préface de Jean-Pierre Lefebvre, Paris
2004.
380 Bibliographie

Celan, Paul: >Mikrolithen sinds, Steinchen<. Die Prosa aus dem Nachlaß,
Kritische Ausgabe, hrsg. von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou,
Frankfurt a. M., Suhrkamp 2005.
Paul Celan - Gisèle Celan-Lestrange (1951-1970): Correspondance. Avec
un choix de lettres de Paul Celan à son fils Eric, hrsg. von Bertrand
Badiou in Verbindung mit Eric Celan, [Paris] 2001. Paul Celan - Gisèle
Celan-Lestrange: Briefwechsel. Mit einer Auswahl von Briefen Paul
Celans an seinen Sohn Eric, aus dem Französischen von Eugen Helmlé
und Barbara Wiedemann, hrsg. von Bertrand Badiou in Verbindung mit
Eric Celan, Frankfurt a. M. 2001.
Paul Celan - Klaus und Nani Demus: Briefwechsel. Mit einer Auswahl von
Briefen Gisèle Celan-Lestranges an Klaus und Nani Demus, hrsg. von
Joachim Seng, Frankfurt a. M. (erscheint 2009).
Paul Celan - Hanne und Hermann Lenz: Briefwechsel, hrsg. von Barbara
Wiedemann in Verbindung mit Hanne Lenz, Frankfurt a. M. 2001.
Paul Celan - N elly Sachs: Briefwechsel, hrsg. von Barbara Wiedemann,
Frankfurt a. M. 1993.
Paul Celan - Peter Szondi: Briefwechsel. Mit Briefen von Gisèle Celan-
Lestrange an Peter Szondi und Auszügen aus dem Briefwechsel zwi­
schen Peter Szondi und Jean und Mayotte Bollack, hrsg. von Christoph
König, Frankfurt a. M. 2005.
Paul Celan - Franz Wurm: Briefwechsel, hrsg. von Barbara Wiedemann in
Verbindung mit Franz Wurm, Frankfurt a. M. 1995.
Eckardt, Uwe: »Paul Celan (1920-1970) und der Wuppertaler >Bund<«
[Briefe an Jürgen Leep], in: Geschichte im Wuppertal 1995, Neustadt
an der Aisch 1995, S. 90-100.
Bermann Fischer, Gottfried und Brigitte: Briefwechsel mit Autoren, hrsg.
von Reiner Stach unter redaktioneller Mitarbeit von Karin Schlapp, mit
einer Einführung von Bernhard Zeller, Frankfurt a. M. 1990.
Frisch, Max: Jetzt ist Sehenszeit. Briefe, Notate, Dokumente 1943-1963,
hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Julian Schütt, Frankfurt a.
M. 1998.
Hildesheimer, Wolfgang: Briefe, hrsg. von Silvia Hildesheimer und Diet­
mar Pley er, Frankfurt a. M. 1999.
Huchel, Peter: Wie soll man Gedichte schreiben. Briefe 192 5-1977, hrsg.
von Hub Nijssen, Frankfurt a. M. 2000.
Mayer, Hans: Briefe 1948-1963, hrsg. von Mark Lehmstedt, Leipzig 2006.
Pichl, Robert (Hrsg.): Registratur des literarischen Nachlasses von Inge-
borg Bachmann. Aus den Quellen erarbeitet von Christine Koschel und
Inge von Weidenbaum, masch., Wien 1981.
Pichl, Robert: Ingeborg Bachmann als Leserin. Ihre Privatbibliothek als
Ort einer literarischen Spurensuche [Druck in Vorbereitung"].
Bibliographie 381

Pizzingrilli, Massimo: »>Votre aide qui est / m’est si precieuse<. Paul Celans
Mitarbeit an der Zeitschrift >Botteghe Oscure< und sein Briefwechsel mit
Margherite Caetani«, in: Celan-Jahrbuch 9 (2003-2005) [mit Briefen von
und an Eugene Walter und Auszügen aus Briefen von K. L. Schneider,
H. M. Enzensberger, H. Heißenbüttel und W. Hollerer], S. 7-26.
Richter, Hans Werner: Briefe, Hrsg. von Sabine Cofalla, München und
Wien 1997.
Barbara Wiedemann: Die Goll-Affäre. Dokumente zu einer >Infamie<,
Frankfurt a. M. 2000.

2. Erinnerungen

Doderer, Heimito von: Commentarii 1951 bis 1956. Tagebücher aus dem
Nachlaß, München 1976.
Milo Dor, Auf dem falschen Dampfer. Fragmente einer Autobiographie,
Wien und Darmstadt, 1988.
Fried, Erich: Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land. Uber
Ingeborg Bachmann - Erinnerung, einige Anmerkungen zu ihrem G e­
dicht »Böhmen liegt am Meer« und ein Nachruf, Berlin 1983.
Kaschnitz, Marie Luise: Orte. Aufzeichnungen, Frankfurt a. M. 1973.
Kaschnitz, Marie Luise: Tagebücher aus den Jahren 1936-1966, hrsg. von
Christian Büttrich, Marianne Büttrich und Iris Schnebel-Kaschnitz,
mit einem Nachwort von Arnold Stadler, Frankfurt a. M. und Leipzig
2000.
Schwerin, Christoph Graf von: Als sei nichts gewesen, Berlin 1997.
Spiel, Hilde: Kleine Schritte. Berichte und Geschichten, München 1976.

3. Andere Literatur

Albrecht, Monika: »Die andere Seite«. Zur Bedeutung von Werk und Per­
son Max Frischs in Ingeborg Bachmanns »Todesarten«, Würzburg 1989.
Bachmann-Handbuch, hrsg. von Monika Albrecht und Dirk Göttsche,
Stuttgart und Weimar 2002.
Beicken, Peter: Ingeborg Bachmann, Stuttgart 2001.
Briegleb, Klaus: »Ingeborg Bachmann, Paul Celan - Ihr (Nicht-) Ort in der
Gruppe 47 (1952-1964/65). Eine Skizze«, in: Bernhard Böschenstein und
Sigrid Weigel (Hrsg.), Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Poetische
Korrespondenzen. Vierzehn Beiträge, Frankfurt a. M. 1997, S. 29-81.
>Displaced<. Paul Celan in Wien 1947-1948, hrsg. von Peter Goßens und
Marcus G. Patka, Frankfurt a. M. 2001.
382 Bibliographie

Emmerich, Wolfgang: Paul Celan, Reinbek bei Hamburg 1999.


Encarnagäo, Gilda: »Fremde Nähe«. Das Dialogische als poetisches und
poetologisches Prinzip bei Paul Celan, Würzburg 2007.
Fremde Nähe. Celan als Übersetzer. Eine Ausstellung des Deutschen L i­
teraturarchivs, Ausstellung und Katalog von Axel Gellaus, Rolf Bücher,
Sabria Filali, Peter Goßens, Ute Harbusch, Thomas Heck, Christine
Ivanovic, Andreas Lohr, Barbara Wiedemann unter Mitarbeit von Petra
Plättner, = Marbacher Kataloge 50, Marbach am Neckar 1997.
Gehle, Holger: NS-Zeit und literarische Gegenwart bei Ingeborg Bach­
mann, Wiesbaden 1995.
Gersdorff, Dagmar von: Kaschnitz. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1992.
Hapkemeyer, Andreas: Ingeborg Bachmann. Entwicklungslinien in Werk
und Leben, Wien 1990.
Hoell, Joachim: Ingeborg Bachmann. München 2001.
Höller, Hans: Ingeborg Bachmann, Reinbek bei Hamburg 1999.
Ivanovic, Christine: Das Gedicht im Geheimnis der Begegnung. Dichtung
und Poetik Celans im Kontext seiner russischen Lektüren, Tübingen
1 996.
Koelle, Lydia: »>... hier leb dich querdurch, ohne Uhr<. Der >Zeitkern< von
Paul Celans Dichtung, in: »Im Geheimnis der Begegnung«. Ingeborg
Bachmann und Paul Celan, Iserlohn 2003, S. 45-68.
Schardt, Michael Matthias (in Zusammenarbeit mit Heike Kretschmer):
Über Ingeborg Bachmann. Rezensionen - Porträts - Würdigungen
(1952-1992). Rezeptionsdokumente aus vier Jahrzehnten, Paderborn
1994.
Stoll, Andrea: Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstandes im
Werk Ingeborg Bachmanns, Frankfurt a. M. u. a., 1991.
Stoll, Andrea (Hrsg.): Ingeborg Bachmanns »Malina«, Frankfurt a. M.
1992.
Weigel, Sigrid: Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnis­
ses, Wien 1999.
Wiedemann, Barbara: »Paul Celan und Ingeborg Bachmann: Ein Dialog?
In Liebesgedichten?«, in: »Im Geheimnis der Begegnung«. Ingeborg
Bachmann und Paul Celan, Iserlohn 2003, S. 21-43.
Wiedemann, Barbara: »Sprachgitter«. Paul Celan und das Sprechgitter des
Pfullinger Klosters, = Spuren 80, Marbach 2007.
Wolf, Christa: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Frankfurter
Poetik-Vorlesungen, Darmstadt und Neuwied 1983.
3«3

Register

Als Bezugspunkt für die im Register erfaßten Werke dienen die Briefnum­
mern. Findet sich der Bezug ausschließlich in den Anmerkungen zum
Brief, erscheint die Briefnummer kursiv. Haupteinträge im Personenregi­
ster erscheinen in halbfetter Schrift. Vorkommen in den Nachworten ist
mit »N«, in der Zeittafel mit »Z« angegeben.

Werkregister
i. Ingeborg Bachmann
i . i Werke

Abschied von England (IBW 1,30) Der Fall Franza —» Das Buch
,
30 68 Franza
Alles (IBW 2,138-158) 103, 14 5,156 Der gute Gott von Manhattan
Anrufung des Großen Bären (IBW 1,269-327) J7, 7 1 , 89, 90, 95,
(Band) 52, 69, 70, 91, 92, 114, 144, 108, 123, 20 1 , Z
216, 217, 218, N , Z Der junge Lord (IBW 1,375-432) Z
Anrufung des Großen Bären Der Prinz von Homburg (Libretto
(Gedicht, IBW 1,95) 137 für Henze, IBW 1,331-368) 100,
Aria I (Liedtext für Henze, IBW 119, 174, 191, 223,7,
1,160) 52, 53, 9$, 98, N Der Umgang mit Namen
Aria II (»Freies Geleit«, Liedtext (4. Frankfurter Vorlesung, IBW
für Henze, IBW 1,161) 52, 53 4,238-254) 137
Ausfahrt (IBW i,2 8 f.)jo Die gestundete Zeit (Band) 33, 39,
Betrunkener Abend (IBW 1,14) 4 42, 53, 68, 69, 74, 91 , 92, 119, 122,
Beweis zu nichts (IBW 1,25) 41, 68 138, 216, 2 1 7, 218 , N , Z
Botschaft (IBW 1,49) 39 Die gestundete Zeit (Gedicht) N
Curriculum Vitae (IBW 1,99-102) Die große Fracht (IBW 1,34) 181
Die kritische Aufnahme der Exi­
Das Buch Franza (TA II) N stentialphilosophie Martin Hei­
Das dreißigste Jahr /00, 103 , 122, deggers IO.I, 137 , Z
152 , 155, 156, 187, 190, 191, 192, Die Wahrheit ist dem Menschen
193 , 225, 229, Z zumutbar (IBW 4,275-277) N , Z
Das Gedicht an den Leser (IBW Die Zikaden (IBW 1,217-268)
4,307f.) N 59. Z
Das Lächeln der Sphinx (IBW 2,19- Dunkles zu sagen (IBW 1,32) N
22) 4 Ein Geschäft mit Träumen (IBW
Das schreibende Ich (3. Frankfur­ 1,177-216) 26, 30 , Z
ter Vorlesung, IBW 4,217-237) 137 Ein Ort für Zufälle (IBW 4,278-
Das Spiel ist aus (IBW I,82f.) N 293) 7 7 . Z
384 Werkregister Ingeborg Bachmann

Einem Feldherrn (IBW 1,4 yf.) 39 Literatur als Utopie (5. Frankfurter
Erklär mir, Liebe (IBW 1,109]·.) 217 Vorlesung, IBW 4,255-271) 137,
Exil (IBW 1,153) 69 158
Fall ab, Herz (IBW 1,31) 39, 41 ,
Malina (IBW 3,9-337) 89, 104 196,
Fragen und Scheinfragen ,
231 233, 234, 235, N , Z
(1. Frankfurter Vorlesung, IBW Malina (Übersetzung Philippe
4,182-199) 137 Jaccottet) 234,2.
Frankfurter Vorlesungen (IBW Mirjam (IBW 1,155) 52
4,18 1-271) 135, 137,139, 140, 144, Musik und Dichtung (IBW 4,59-62)
27/, i j j , 158, N , Z 119 , N
Früher Mittag (IBW i,44f.) 33 Nach dieser Sintflut (IBW 1,154)
Geh, Gedanke (IBW 1,157) 69
Gestundete Zeit —» Die gestundete Nebelland (IBW ijio jf.) 52
Zeit Paris (IBW 1,33) 42, 68
Große Landschaft bei Wien (IBW I, Psalm (IBW 1,54h) 41 , 68
59-61) 39, N Requiem für Fanny Goldmann
Hotel de la Paix (IBW 1,15 2 ) 52, 69 (T A I 285-333) N
Ihr Worte (IBW i,i62f.) 209 Schatten Rosen Schatten (IBW
Im Gewitter der Rosen (IBW 1,56) M 33)2J7
42, S3 , N Simultan (IBW 2, 283-486) N , Z
Im Himmel und auf Erden (IBW Stadt ohne Namen (Romanprojekt,
2,15-18 )4 unveröffentlicht) 14, 18, 42
Jugend in einer österreichischen Sterne im März (IBW 1,38) 39
Stadt (IBW 2,84-93) I 8-I> I J 9 Tage in Weiß (IBW 1,11 2 ) 2 / 7
Karawane im Jenseits (= Die »Todesarten«-Projekt (TA) N , Z
Karawane und die Auferstehung; Über Gedichte (2. Frankfurter
IBW 2,23-27)4 Vorlesung, IBW 4,200-216)
Liebe: Dunkler Erdteil (IBW 69, 137
1,15 8f.) 52, 69 Undine geht (IBW 2,253-263) 180
Lieder auf der Flucht (IBW 1,138- Unter Mördern und Irren (IBW
147) 52, N 2,159-186) 225
Lieder von einer Insel (IBW 1,12 1- Wohin wir uns wenden im Gewit­
12 4 ) 52, N ter der Rosen —> Aria I

1.1 Übertragungen

Brüder (Ungaretti, IBW 1,537) Einsamkeit (Ungaretti, IBW 1,561)


68 68
Das Herrschaftshaus (Wolfe, IBW Gedichte (Ungaretti, 1961) 186,
I, 445-512)30 188, 790, 191, 192 , Z
Eine andere Nacht (Ungaretti), In Memoriam (Ungaretti, IBW
IBW 1,563) 68 1,521/523) 68
Werkregister Paul Celan 385

San Martino del Carso (= St. Mar­ Trennung (= Riß, Ungaretti, IBW
tin vom Karst, Ungaretti, IBW 1,550 68
1,549) 68 Universum (Ungaretti, IBW 1,549)
Schlafen (Ungaretti, IBW 1,561) 68 68
Sich gleich (Ungaretti, IBW 1,577) Wache (Ungaretti, IBW 1,527) 68
68 Zerknirscht (Ungaretti, IBW 1,5 5 1)
Sonnenuntergang (Ungaretti, IBW 68
M 31) 188

2. Paul Celan
2.1 Werke

Aber (KG 106) 80 Brief an Hans Bender (GW III


Allerseelen (KG 107) 54, 55, 59, 66, i 7 7 f ·) U#
72 Büchner-Rede —» Der Meridian
Ansprache anläßlich der Entge­ Corona (KG 39) 6, 7, 18.1, 67, N
gennahme des Literaturpreises Das ganze Leben (KG 37h) 67
der Freien Hansestadt Bremen Der Meridian (GW III 187-202) 14,
(GW III 1 8 5f.) 87, 143 ./, N 186, 1 95, 206, N , Z
Ansprache vor dem hebräischen Der Sand aus den Urnen (Band) 2,
Schriftstellerverband (GW III 203) 3, 6, 10.1, 42, 89, 179, 226, Z
*31 Der Sand aus den Urnen (Typo­
Antwort auf eine Umfrage der skript) 25,35
Librairie Flinker, Paris, 1958 Der Tauben weißeste (KG 47) 67
(GW III i67f.) 231 Deukalion und Pyrrha —» Spät und
Antwort auf eine Umfrage der Tief
Librairie Flinker, Paris, 1961 Die Ewigkeit (KG 49) 3 1
(GW III 175)231 Die feste Burg (KG 47) 67
Atemwende Z Die Jahre von dir zu mir (KG 36)
Auf Reisen (KG 42) 67, N 3 *> 67
Aus Herzen und Hirnen (KG 49f.) Die Niemandsrose 14, 158, 195,
42, 67 N, Z
Bahndämme, Wegränder, Die Welt (KG 110) 97, 143.1
Ödplätze, Schutt (KG 112 ) 103 Drüben (KG 13) zo.z, N
Bei Wein und Verlorenheit Dunkles Aug im September (KG
(KG 126) 135 33*·)-2/
Bericht —» Allerseelen Edgar Jene und der Traum vom
Blume (KG 98) 66 Traume (GW III 15 5 -16 1)2 , Z
Brandmal (KG 43) 67 Ein Auge, offen (KG 109) 97
Brandung (KG 49) 2 5 Ein Holzstern (KG 1 1 1 ) 103
Bremer Rede —» Ansprache anläß­ Ein Lied in der Wüste (KG 27)
lich der Entgegennahme [...] 5^
386 Werkregister Paul Celan

Ein Tag und noch einer (KG 105) Lob der Ferne (KG 37) 67
70, 7 3 >7 4 Mache mich bitter —» Zähle die
Eine Gauner- und Ganovenweise Mandeln
(KG i3 jf .) 207 Mandorla (KG 142) N
Eine Hand (KG 106) 81 Marianne (KG 28) 37
Engführung (KG 1 1 3 - 1 1 8 ) 103, Matière de Bretagne (KG 102) 45,
112 .1, 14 3.i 66, 72
Entgegnung (PN 207-210) 163, M it B rief und U hr (KG 93f.) 45, 66
166, 17 8 .1, 180, 182, 186, 191, 207, Mittags (KG 187^) 779, N
226, Z M ohn und Gedächtnis (Band) 2, 6,
Entw u rf einer Landschaft (KG 107) 33,34, 37,38, //, 67, 69, 77, 79, 89,
80 Z
Erinnerung an Frankreich (KG Mohn und Gedächtnis (Zyklus) 6
34f.) 1, 67 Nach dem Lichtverzicht (KG 265)
Es kamen Jahre, eh du kamst 30
(H K A 1 1,391) N Nacht (KG io if.) 45, 66, 72, 143.1
Es war Erde in ihnen (KG 125) 13 5, Nachts ist dein Leib (KG 27f.) 67
140 Nachts, wenn das Pendel (KG 4 5f.)
Fadensonnen Z 67
Flimmerbaum (KG 1 37f.) N Nachtstrahl (KG 36) 67
Gegenlicht (Zyklus) 37 Niedrigwasser (KG ii if .) 103
Gespräch im Gebirg (GW III 169- Oben, geräuschlos (KG io9f.) 97
173) i 3S-i> l6h z Rheinufer. Schuttkahn II (HKA
Gewieherte Tumbagebete (KG 239) 5.2,227) 46, 135.1
78 Schlaf und Speise (KG 48) 32
Heimkehr (KG 94) 66 Schliere (KG 96) 66
Heute und morgen (KG 95) 66 Schneebett (KG 100) 45, 66, 72
Hüttenfenster (KG 157-159) 6 Schuttkahn (KG 103) 46, 66
Ich komm —» Schneebett Schwarze Flocken (KG 19) N
In Ägypten (KG 42) 1 , 32, 53, 67, N Schwarzmaut 235
In die Ferne (KG 104) 49, 66 Sie kämmt ihr Haar (KG 51) 25, 67
In Mundhöhe (KG 105) 50, 66, 72 So bist du denn geworden (KG 46)
Ins Nebelhorn (KG 42f.) 52 67
Köln, Am H of (KG 104) 47, 52, 53, So schlafe (KG 46) 25, 67
j6, 59, 66, 68, 72, 118, 120 , N Sommerbericht (KG i n ) 103,
Köln-Gedicht —> Köln, Am H of 14 3.1
Kristall (KG 44) 25, 37, 67, 72 Spät und Tief (KG 38) 2, j
Landschaft (KG 51) 67 Sprachgitter (Band) 14, 46, 66, 97,
Landschaft —» Entwurf einer 103, 116, 117, 122, 124, 125, 126,
Landschaft 138, 143, 143.1, 202, 235, N , Z
Les Dames de Venise (KG 534) 22 Sprachgitter (Gedicht, KG 99f.) 66,
Lichtzwang Z N
Werkregister Paul Celan

Stille! (KG 52) j 1, 67 schen (PN 130-152) 141.1


Stilleben mit Brief und Uhr —> Mit Von Schwelle zu Schwelle 69, N, X
Brief und Uhr Vor einer Kerze (KG 73t.) 52
Stimmen (KG 91 f.) 66, 7 1 Wasser und Feuer (KG 52I.) 25, 26,
Strette. Poèmes suivis du Méridien 3 3 - 67, N
et d’Entretien dans la montagne Weiß und Leicht (KG 98f.) 45, (>(>
(Übersetzungen von André Du Wer sein Herz (KG 44) j, 2j, 33,
Bouchet, Jean-Pierre Burgart und 67
Jean Daive) 235 Wer wie du (KG 43) j-
Tenebrae (KG 97) 66 Wie sich die Zeit verzweigt (KG 59)
Todesfuge (KG 4of.) 29, 32, 121,
143.1, 145, 191, 201.1, 226, N Windgerecht (KG 10 1 ) 66,72
Todtnauberg (KG 282) 137 Wolfsbohne (KG 455-457) 143,
Unstetes Herz (KG 50) 25 i 45>
Unten (KG 95) 66 Zähle die Mandeln (KG 53) 3 1, 33,
Unter ein Bild von Vincent van 67
Gogh —» Unter ein Bild Zürich, Zum Storchen (KG i26f.)
Unter ein Bild (KG 94) 66 140, 209
Von der Dunkelheit des Dichteri­ Zuversicht (KG 93) 66

2.2 Übertragungen

Apollinaire-Übertragungen Der Frühlingsregen weint (Jesse­


(GW IV 781-793) 19 nin, G W V 191/193) 10 1, 102
A n seine stumme Geliebte Der Schritt der Pferde (Mandel­
(Marvell, G W V 377/379) 55 stamm, GW V 63) 97
>Das letzte Gedicht< (Desnos, Der Sterne Einerlei (Mandel­
GW IV 803) 56 stamm, GW V 71) 103
Das trunkene Schiff (Rimbaud, Der Tannen (Mandelstamm,
GW IV 102-109) 58, 79, 99, 1 03, G W V 51)9 7
109, 1 1 1, Z Die Cydalisen (Nerval, GW IV 807)
Das Wort bleibt ungesagt (Man­ 56
delstamm, GW V 1 1 5) 97 Die Freiheit, die da dämmert
Dein Gesicht (Mandelstamm, (Mandelstamm, G W V 103) 120
G W V 73) 97 Die junge Parze (Valéry, GW IV
Der Abschied (Apollinaire, 114-16}) 13 5 ,135 .1, 139, 140, 14 1,
GW IV 7 9 1 ) 7 ; 142, 155, 160, 1 6 1 , 19 1 , Z
Der Dämmer, herbstlich (Man­ Die Luft (= Die Luft - vertrunken;
delstamm, GW V 77) 102 Mandelstamm, G W V 81) 97
Der Fluch (Donne, G W V 4 15 /4 17 ) Die Muschel (Mandelstamm,
55 GW V 67) 97
388 Werkregister Paul Celan

Die Priester (= Die Priester. Und Malaiische Liebeslieder (Y. Goll,


inmitten er; Mandelstamm, G A 70-108) 779
GW V 10 1)9 7 Man gab mir (Mandelstamm,
Die Städte, die da blühn GW V 53) 702

(Mandelstamm, G W V 85) /03 Meine Zeit (Mandelstamm,


Die Zw ölf (Block, GW V 10-45) 9 °> G W V 127/129 ) 97
92, /03, 115 , 117 , z jj, Z Nachts (= Nachts, vorm Haus;
Diebsvolk (= Diebsvolk, nachts; Mandelstamm, G W V 125) 102
Mandelstamm, GW V 79) 97 Nein, nicht den Mond (Mandel­
Diese Nacht (= Diese Nacht: nicht stamm, G W V 75) 702
gutzumachen; Mandelstamm, Nicht Triumph (Mandelstamm,
GW V 9 5 ) 97 unveröffentlicht) 102
Einer harschen Heiterkeit (Char, Noch immer und wieder, wir bei­
GW IV 562-595) 122 den (Michaux, unveröffentlicht)
Epitaph (Desnos, GW IV 801) j6 J 2 , 726
Es tilgen (= Es tilgen Feuerzungen; Notizen zur Malerei der Gegen­
Mandelstamm, GW V 87) 97 wart (Bazaine) 55
Fall nicht Stern (Jessenin, GW V Nous avons fait la nuit (Eluard,
267/269) /03 GW IV 813) 89, 93
Gebet (Artaud, GW IV 797) 56 O Himmel, Himmel (Mandel­
Gedichte (Jessenin, 1961) 90/707, stamm, GW V 69) 97
z#6, 797, Z Pariser Georgika (Y. Goll, GA 110 -
Gedichte (Mandelstamm, 1959) I 51) 179
702, /30, 140, 154, 155, Z Petropolis (= Petropolis, diaphan;
Gestrafft (= Das horchende, das Mandelstamm, G W V 93) 97
feingespannte Segel, Mandel­ Salome (Apollinaire, GW IV 78 5) 75
stamm, GW V 59) 7 0 2 Schinderhannes (Apollinaire,
Hypnos (Char, GW IV 437-561) 69, GW IV 787/789) 7 ;
1 2 2 ,7 ;; Schlaflosigkeit (= Schlaflosigkeit.
Ihpetonga-Elegie und Aschen­ Homer; Mandelstamm, GW V 91)
masken (Y. Goll, G A 28-69) 97
Silentium (Mandelstamm,
I79..
Ihr Äcker, nicht zu zählen (Jesse­ G W V 57) 97
nin, GWV 189) 10 1, 7 0 2 To his coy Mistress —» An seine
In meiner Heimat leb ich nicht stumme Geliebte
mehr gern (Jessenin, GWV 173) Venedigs Leben (Mandelstamm,
90, 92 G W V 1 1 1 / 1 1 3 ) 97
Jeune Parque —» Die junge Parze War niemands Zeitgenosse (Man­
Junge Parze —> Die junge Parze delstamm, GW V 1 51) 97
Keine Worte (Mandelstamm, Zwölf —» Die Zwölf
G W V 55)9 7
Werkregister Paul Celan 3X9

3. Weitere Gedichte im Celan-Konvolut des Nachlasses Bachmann,


HAN/ÖNB (nicht in der Korrespondenz und den Anmerkungen erwähnt)

Abzählreime (PC: KG 12 1 , Ser. n. 25.202 b, Bl. 1)


A uf Reisen (PC: KG 42, Ser. n. 25.202 a, Bl. 2 und Ser. n. 25.202 c, Bl. 1 3, -
H KA 2-3.2,205 H 4 und H 5 )
Aus dem Meer (PC: KG 67, 25.174 N 8153, = HKA 4.2,75 H ld)
Der Pfeil der Artemis (PC: KG 17, Ser. n. 25.202 a, Bl. 1, = HKA 2-3.2,97 H ’)
El Desdichado (PC: Übersetzung Nerval, GW IV 809; Ser. n. 25.202 a,
Bl. 1 1)
Erinnerung an Frankreich (PC: KG 34f., Ser. n. 25.202 c, Bl. 14, = HKA 2-
3.2,177 H 10')
Ich hörte sagen (PC: KG 63, 25.174 N 8145 und 8146, = HKA 4.2,51 H 3 und
H le)
Im Spätrot (PC: KG 63E, 25.174 N 8152, = HKA 4.2,54 H le)
In memoriam Paul Eluard (PC: KG 82f., 25.174 N 8147, = HKA 4.2,178 H 2f)
Landschaft (PC: KG 51, Ser. n. 25.202 c, Bl. 12, = HKA 2-3.2,255 H la)
Mit wechselndem Schlüssel (PC: K G 74, 25.174 N 8149, = H KA 4.2,131
H lb)
Nächtlich geschürzt (PC: KG 80, 25.174 N 8 151, = H KA 4.2,170 H 2d)
Nähe der Gräber (PC: KG 17, Ser. n. 25.202 a, Bl. 3, = HKA 2-3.2,94 H 1*)
Und das schöne (PC: KG 76, 25.174 N 8150, = HKA 4.2,145 H ld)
Wo sich der schwere Atem (Autor nicht identifiziert, HAN/ÖNB, Mappe
11 , Bl. 10)
Zu zweien (PC: KG 70, 25.174 N 8148, = HKA 4.2,98 H le)

4. Weitere Bücher aus Celans Nachlaßbibliothek, Ingeborg Bachmann


betreffend (nicht in der Korrespondenz und den Anmerkungen erwähnt,
wenn nicht anders präzisiert: DLA/BPC)

Aichinger, Ilse; Bachmann, Ingeborg; Böll, Heinrich; Eich, Günter; H il­


desheimer, Wolf gang; Rys, Jan: Hörspiele [von Bachmann: Die Zika-
den\, Mit einem Nachwort v. Ernst Schnabel, Frankfurt a. M./Hamburg
1961 (= Fischer Bücherei 378; Privatbesitz).
Bachmann, Ingeborg: Eine Einführung [mit Bachmanns »Literatur als
Utopie« und Texten von J. Kaiser, G. Blöcker, S. Unseld, W. Rasch, W.
Weber, H. Beckmann, und einem biographisch-bibliographischen A b­
riß], München: R. Piper & Co. Verlag 1963.
Bachmann, Ingeborg: Gedichte - Erzählungen - Hörspiel - Essays, Mün­
chen: R. Piper & Co Verlag 1964 (= Bücher der Neunzehn 111) .
Barlach, Ernst: Die Dramen, in Gemeinschaft mit Friedrich Droß hrsg.
390 Personenregister

von Klaus Lazarowicz, München: R. Piper & Co. Verlag 1956. R. Piper
& Co. Verlag; S. 414 inliegend Karte: »[Druck] Überreicht mit den be­
sten Empfehlungen / R. Piper & Co. Verlag. München \ [hs] Im A uf­
trag von Frl. Bachmann«.

Personenregister

Abel, Rainer K. —» Kabel, Rainer Bachmann, Olga (1901-1998) /, 6,


Abt, Georg 41 72, 7 j , /#.3, 30,9#, 113 , /37, /63, N
Achmatowa, Anna (1889-1966) Basil, Otto (1901-1983) N
196, N , Z Baumann, Hans (1914-1988) /96,
Adéma, Marcel 162 N, Z
Adler, W. 19 Baumgart, Reinhard (1929-2003)
Adorno, Theodor W. (1903-1969) ¡33
174 Bazaine, Jean (1904-2001) 55
Aichinger, Ilse (*1921) /, 3 1,7 7 ,140 Beck, Enrique (Heinrich Beck,
Allemann, Beda (1926-1991) 135, 1904-1974) 177
2 3 4 >2 3 7 Bender, Hans (*1919) 69
Allemann, Doris 135 Benn, Gottfried (1886-1956) 30
Andersch, Alfred (1914-1980) 133, Bermann, Dr. —» Bermann Fischer,
138 Gottfried
Anouilh, Jean (1910-1987) 26 Bermann Fischer, Brigitte /20, 226
Antschel, Berta (1894-1981) 22 , Bermann Fischer, Gottfried (1897-
12 8, /99 1995) 14, 120, 195
Antschel, Friederike (1895-1942?) Bernoulli, Carl Albrecht (1868-
14s, z 1937)
Antschel, Leo (1890-1942?) Z Bertaux, Pierre (1907-1986) 226
Apollinaire, Guillaume (1880- Bienek, Horst (1930-1990) / 2 2 , 191
1918) 19, 75,76, 162 Bloch, Ernst (1885-1977) 158
Appeltofft, Hella 163 Bloch, Karola (1905-1994) 158
Arnold, Fritz (1916-1999) 135 Block, Alexander (1880-1921) 90,
Aron, Edith 143 H 5> ” 7. i J 5. z
Arp, Hans (1886-1966) 103 Blöcker, Günter (1913-2006) 143.1,
Artaud, Antonin (1896-1948) 56 144, 145, 146, 154, 157, 159, 19 1,
Artmann, Hans Carl (1921-2000) 39 201, 201.1, 202, 203, 207,2/2,224,
Aubigné, Théodore Agrippa d’ N, Z
(1550-1630 ) 19 1 Blok —» Block, Alexander
Bachmann, Heinz (*1939) 11 3 , Z Bobbie —» Liebl, Elisabeth
Bachmann, Matthias (1895-1973) Böll, Heinrich (1917-1985) 86, 103,
/, 6, 12, 18.3 , 30,98, 113 , 137, 163, 7 7 2 , 138, I97, 202, 203

N, Z Bollack, Jean (* 1923) 230.1


Personenregister

Brandt, Ingeborg 188 Décaudin, Michel (1919-2004) /62


Brandt, Willy (1913-1992) 77 Dedecius, Karl (*19 21) /9/
Buber, Martin (1878-1965) 55, 138 Demus, Klaus (*1927) 4, 5, //, 12,
Bücher, Rolf 234 13, 18, 18.2, 18.3, 20, 21, 25, 26,
Büchner, Georg (1813-1837) 142, 26.1,29, 2 9 .1,3 0 ,3 1,3 2 ,3 3 ,3 4 ,3 5 ,
158, 185 38, 39, 40, 59, 78, 80, 84, 103, 104,
Burgart, Jean-Pierre ("'1933) 235 109, I I I , 120, 122, 149, 15 1, /54,
Busch, Günther 191 I55, 163, 166, 186, 221, 23O.1, 2J5,
Busta, Christine (= Christine N, Z
Dimt, 1915-198 7)39 Demus, Nani (*1925) 4, 1 1 , 12, 13,
Caetani, Marguerite, Prinzessin 16,18, 18 .i, 20, 21, 23, 26, 26.1, 29,
von Bassiano (1880-1963) 52, 58, 29.1, 30, 32, 33, 34, 35, 38, 39, 40,
59, 60, 72, 74, 77, 78, 79, 82, 103, 78, 84, ij4 , 221, 235, N
104, IIO, I I I , 113 , 134, 13 5 .1, 137, Desnos, Robert 56
178 Dg. 138
Castaldi, Elvira 41 Dingeldey, Helmut 33
Celan, Claude François Eric Dirks, Walter (1901-19 91 ) 33
("19 55)i 2, 100, 1 0 2 ,1 1 3 ,1 3 0 ,1 3 1 , Doderer, Heimito von (1896-1966)
132, 137, 138, 145, 15 1, 163, 219, 18, 18.2, 19, 20, 43, 191
222, 224, 225, 228, 230, 230.1, 231, Döhl, Reinhard (1934-2004) 177,
232, 234, 237, Z 184, i8 f, 186, 191
Celan, François (1953) 230.1, Z Domin, Hilde (= Hilde Palm,
Celan-Lestrange, Gisèle (1927- 1909-2006) 69
1 991) 28,33, 34, 38, 40, 49, 52, 55. Donne, John (1572-1631) 55
58, 62, 70, 8 9 ,9 1,9 8 ,10 0 ,10 2 , 105, Dor, Milo (= Milutin Doroslavac,
114 , 123, 13 1, 132, 145, 147, 15 1, 1923-2005) 18 .i, 26.1, 28, 30, 31,
152, 159, 161, 163, 164, 173, 176, 32, 32.1, 34, 191
1 80, 181, 186, 19 1, 192, 193, 194, Droste-Hülshoff, Annette von
200, 212, 213-237, N , Z (x797“ 1 848)N
Cézanne, Paul (1839-1906) 1 du Bouchet, André (1924-2001)
Chagall, Marc (1887-1985) 6 235
C .G . —»· Goll, Claire Duncan-Jones, E. E.
Char, René (1907-1988) 69, 122, Ebner, Jeannie (1918-2004) 39
123, 155, Edschmid, Kasimir (1890-1966)
Chesterton, Gilbert Keith (1874- 1 78
1936) / Ehrenburg, Ilja (1891-1967) 195
Clarac, Pierre 85 Eich, Günter (1907-1972) 3 1, 77,
Comte, Auguste de (1798-1857) 49 78, 79, 80, 103, 178
Csokor, Franz Theodor (1885- Eisenreich, Herbert (1925-1986) 39
1969) 191 Eliot, Thomas Stearns (1888-1965)
Daive, Jean (*1941) 235 26
David, Claude (1913-1999) 234 Eltern —» O. und M. Bachmann
392 Personenregister

Eluard, Paul (= Eugène Grindel, García Lorca, Federico (1898-


1895-1952)59,93 1936) 177
Emmerich, Wolfgang (*1941) 153 G C L —> Celan-Lestrange, Gisèle
Encarnaçâo, Gilda N Gessain, Monique (*1921) 219
Enzensberger, Hans Magnus Giacometti, Alberto (1901-1966)
(*1929) 44, 58, 60, 72, 74, 78, 79, 22
80, 13 5 .i, 137, 158, /73, 186, 191, Gisèle —» Celan-Lestrange, Gisèle
19 2 0 9 Goll, Claire (1890-1977) 77, 89,
Erhardt, Heinz (1909-1979) 112 .1 138, 140, 158, 159, 161, 163, 1 66,
Exner, Richard (*1929) /79 /72, 173 , / 7 7 , 1 7 9 » ι86> Ι 9 Ι, ¡ 95»
Fargue, Léon-Paul (1876-1947) /7# 207, 2°9> 226, N , Ζ
Ferré, And