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Mehrsprachigkeit,Trauma und Resilienz

Brigitta Busch und Luise Reddemann

Zusammenfassung
Die Autorinnen gehen davon aus, dass MigrantInnen Ausgehend davon, dass Erinnern eng mit
über eine Vielfalt sprachlicher und kommunikativer Spracherleben zusammenhängen kann,
Ressourcen verfügen, auf die sie kontext- und situ- stellt sich zunächst die Frage, in wie weit
ationsadäquat zurückgreifen können, wenn sie ihre
mehrsprachiges Repertoire bewusst nutzen. Aus der
bestimmte Sprachen, Codes oder Akzente
Perspektive des erlebenden und sprechenden Subjek- im Stande sind, traumatisch Erlebtes unver-
tes wird es möglich, jene leiblich-emotionalen Dimen- sehens aufzurufen, also sogenannte flash-
sionen, aber auch jene Sprachideologien und Diskurse backs und andere als belastend erlebte Erin-
über Sprache in den Blick zu nehmen, die entschei-
denden Einfluss darauf ausüben, welche Sprachen
nerungsfragmente auszulösen. Dies könnte
oder Sprechweisen in bestimmten, Situationen als (re) unter Umständen auch eine Erklärung dafür
traumatisierende Erfahrungen wirksam werden oder sein, warum es in Fällen von traumatischem
als Resilienzfaktoren zur Verfügung stehen. Erleben gehäuft zu Sprachaufgabe oder
Schlüsselwörter Sprachwechsel kommen kann, wie das Mo-
Trauma; Resilienz; Mehrsprachigkeit nika Schmid (2004) in ihrer Forschung mit
Überlebenden des Holocaust gezeigt hat
Multilingualism, Trauma and Resilience und wie sich dies immer wieder in Biogra-
phien von AutorInnen zeigen lässt.
Summary
The authors state that migrants dispose of a variety
of linguistic and communicative resources, on which
Es ist auch danach zu fragen, welche im
they can build according to specific contexts and si- Repertoire vorhandenen sprachlichen Res-
tuations, thus making use of their multilingual reper- sourcen zur Verfügung stehen, um über
toire. Taking the perspective of the speaking subject it traumatisches Erleben zu sprechen. In wel-
is possible to focus on the corporal-emotional dimen-
sion of language experience as well as on language
chen Fällen stehen gerade emotional stark
ideologies and discourses about language which besetzte Sprachen dafür nicht zur Verfügung,
have an impact on whether languages or modes of sondern eher solche, mit denen sich eine
speaking are related to (re)traumatizing experiences Distanz herstellen lässt? Diese Frage ist so-
or can be mobilized as a factor of resilience.
wohl im Zusammenhang mit Sprachwahl im
Keywords Rahmen einer Therapie wichtig als beispiels-
trauma; resilience; multilingualism weise auch im Asylverfahren. Und schließ-
lich: Wie können im sprachlichen Repertoire
In dieser Arbeit möchten wir als Sprachwis- vorhandene Ressourcen als Resilienzfaktor
senschaftlerin und als Psychotraumatologin zur Stärkung von Abwehrkräften im Thera-
einigen grundsätzlichen Fragen nachgehen, pieprozess gezielt genützt werden? Können
die sich uns in der Begegnung mit trauma- „entlastende“ Drittsprachen dabei helfen,
tisierten MigrantInnen stellten. Auch wenn sich beispielsweise einem durch Loyalitäts-
eine systematische Erforschung zur Thema- konflikt erzeugten Druck zu entziehen oder
tik Mehrsprachigkeit und traumatisches Er- einen „sicheren Ort“ jenseits sprachlicher
leben noch aussteht, so lässt sich doch eine Zuordnungen zu schaffen? Wie kann sprach-
Reihe von Fragenkomplexen identifizieren, liche Diversität mobilisiert werden, um im
an denen sich künftige Forschung orientie- Sinn von Reddemann (2001) einen inneren
ren kann. Dialog mit früheren (und künftigen) Ich-An-
teilen zu unterstützen?

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Klinisches Beispiel: Eine Patientin aus Kor- me, beinahe ohne es zu merken. Aber man
sika, die schon lange in der Bundesrepublik stelle sich vor, dass man statt in einem ge-
lebt, berichtet von einigen Bedrohungen in wohnten plötzlich in einem fremden Zimmer
der Kindheit, genau genommen geht es um steht, oder einem fremden Haus, und wahr-
mannigfaltige traumatischen Erfahrungen in- nimmt, dass das mitgebrachte sprachliche
nerhalb und außerhalb der Familie. Dies führt Repertoire nicht „passt“ . Sich der eigenen
dazu, dass die ansonsten stabile Patientin bei Mehrsprachigkeit bewusst werden heißt ei-
entsprechenden Triggern in kaum kontrollier- nerseits, sich eines größeren Potentials be-
bare Zustände gerät. Die Therapeutin bittet wusst zu werden und zugleich, sich besser
sie, ihren inneren kindlichen Anteilen zu erklä- in die von anderen Menschen hineindenken
ren, dass sie jetzt in Deutschland in Sicherheit zu können. Im obigen Beispiel, musste die
seien. Die Patientin scheint sich mit ihrem In- Patientin erst daran erinnert werden, dass
neren zu beschäftigen, nach einer Weile sagt sie ja mehrsprachig war und ist, um ihr wei-
sie, es gehe nicht. Darauf fragt die Therapeu- terhelfen zu können.
tin, in welcher Sprache sie mit diesen kindli-
chen Anteilen denn spreche. „Auf Deutsch.“
„Und verstehen die das?“ Sie schaut ganz Zwischen dem Eigenen und dem Fremden
erstaunt und meint, „nein, die konnten nur
Korsisch“ . „Wie wäre es dann, wenn Sie mit In den letzten zehn Jahren haben wir über
ihnen in dieser Sprache sprechen?“ Etwas hundert Sprachbiographien gesammelt und
ungläubig meint die Patientin, sie könne es ausgewertet. Eine weitere wichtige Quel-
ja versuchen. Nach einer Weile schaut sie le waren literarische Texte mehrsprachiger
die Therapeutin erstaunt und erfreut an. „Es Autor_innen (Busch & Busch, 2008). Unab-
funktioniert. Sie können ja nur Korsisch und hängig von der Form ist in jeder einzelnen
jetzt verstehen sie mich. Jetzt geht es ihnen dieser Darstellungen von Spracherleben
viel besser!“ „Und Ihnen?“ … nachdenklich: irgendwann die Rede von der Erfahrung,
„Mir auch, ich kann es fast nicht glauben.“ dass das eigene sprachliche Repertoire nicht
gepasst hat, dass eigene Sprechweisen als
Vor uns liegt ein weites Feld, das nur interdiszip- auslösende Momente für Gefühle des Nicht-
linär bearbeitet werden kann und es lohnt sich, Dazugehörens, als Grund für Ausschlüsse
damit zu beginnen. In diesem Aufsatz möchten erlebt wurden.
wir uns in erster Linie auf sprachwissenschaft-
liche Überlegungen beziehen und diese durch Das Motiv des sprachlichen Nicht-Zugehö-
psychotraumatologische ergänzen. rens kommt auch in biographischen Erzäh-
lungen vor, die von Erzähler_innen, weil sie
Michail Bachtin beschwor einen des Lesens sich als einsprachig sehen, als „unbedeu-
unkundigen russischen Bauern herauf, dessen tend“ apostrophiert werden.
sprachliches Repertoire dennoch durch Rede- Eine Studentin, die zunächst meinte, sie sei
vielfalt geprägt ist, da es auf unterschiedliche einsprachig aufgewachsen, schildert den Mo-
Welten verweist, von denen jede auf ihre ment des Schulwechsels vom Dorf in das in
Weise sprachlich und ideologisch verfasst ist: der Landeshauptstadt gelegene Gymnasium
die vertraute der Familie, die altkirchenslavi- als jenen, wo sie zum ersten Mal bewusst
sche der Orthodoxie, die papiersprachene der die Erfahrung der Nichtzugehörigkeit macht:
Bürokratie oder die städtische des Arbeiters, „Es war eine sehr hierarchisch strukturierte
der zu Besuch in das Dorf seiner Herkunft Klasse, die meisten Schülerinnen kamen aus
kommt. (Bachtin (1979 [1934-1935], S. 187) eher ‚höheren Schichten‘ und gegenüber
Man wechselt ständig Kommunikationsräu- manchem ‚landeshauptstädtischen Hoch-

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deutsch‘ kam ich mir mit meiner ländlichen Im Beispiel der Studentin (und auch in dem
Umgangssprache sehr unsicher und ein we- der Korsin) geht es um das Machtgefälle
nig defizitär vor.“ Ähnliches berichtete uns zwischen der „Hochsprache“ und dem dörfli-
auch die korsische Patientin, die beim Schu- chen Dialekt. Im Fall von traumatisierten Mig-
leintritt Französisch sprechen sollte. Was ihr rantinnen um die Erfahrung der Macht durch
zunächst sehr schwer fiel. die Repräsentanten der Macht im neuen
Land. Und es geht darum, welches sprach-
Der Satz „Niemand ist einsprachig“ meint liche Repertoire Sprecher_innen in einen
genau dies: eine Erfahrung, die jede_r kennt, spezifischen Interaktionskontext mitbringen,
jene des Dazu-Gehörens oder eben nicht Da- also u. a. auch in der Psychotherapie.
zu-Gehörens aufgrund unterschiedlicher Ar-
ten des Sprechens. Einsprachig wäre dem-
nach nur, wer diese Erfahrung nie gemacht Sprachenportrait
hat, wer sich im Sprechen nie als „anders“
erlebt hat. Es geht darum, wie sprachliche Bei dem im Folgenden vorgestellten Spra-
Variation dazu dienen kann, Zugehörigkeit chenportrait haben wir es mit der visuellen
oder Differenz zu konstruieren und vor allem, Darstellung eines sprachlichen Repertoires
wie solche Konstruktionen als sprachliche zu tun, das von Flucht und Migration geprägt
Aus- und Einschlüsse erlebt werden. ist und in dem eine Vielzahl von Codes sicht-
bar werden. Wir beziehen uns auf eine multi-
Zugehörigkeit ist für MigrantInnen wichtig. modale Erhebungsmethode, die andernorts
Sie erleben sich aber in aller Regel durch beschrieben wurde (Busch, 2010b, 2010c).
die Schwierigkeiten, die das Gastland ihnen Zur Methode: Was man hier sieht oder wo-
bereitet, als nicht zugehörig. Dazu trägt die von erzählt wird, zeigt nicht das sprachliche
Mühe, die das Erlernen der Sprache des Repertoire, „wie es ist“, sondern kombiniert
aufnehmenden Landes macht, bei. Sind eine visuelle und narrative Repräsentation
MigrantInnen durch Krieg, Vertreibung und des Repertoires, die in einem spezifischen
Flucht traumatisiert, wirkt sich der rüde Um- Kontext, in diesem Fall einem sprachbio-
gang mit ihnen retraumatisierend oder i. S. graphischen Workshop, entstanden ist. Wir
einer kumulativen Traumatisierung aus (s. laden TeilnehmerInnen ein, über ihr sprachli-
Keilson, 2001; Eichenberg & Harm, 2008). ches Repertoire nachzudenken, über sprach-
Die neue Sprache, die gelernt werden soll- liche Ausdrucksmittel, die in bestimmten
te, repräsentiert die Feindseligkeit der Um- Situationen, mit bestimmten Personen eine
gebung, macht Angst. Es wird leider wenig Rolle spielen oder gespielt haben. Was sie
darüber nachgedacht oder gar geforscht, als Sprache definieren, bleibt ihnen überlas-
wie sich diese Umstände auf das Erlernen sen. Im Fall des hier wiedergegebenen Por-
der neuen Sprache auswirken. Curricula ei- traits zum Beispiel werden auch die Sprache
nerseits ebenso wie der Umgang in den der Religion, die Sprache der Gefühle oder
Sprachkursen müsste diesen Gegebenhei- der Literatur als Kategorien verwendet.
ten aber dringend Rechnung tragen. Ein
von Psychologinnen, Sprachlehrerinnen und Die bildliche Darstellung und die Erzählung von
der Sprachwissenschafterin Brigitta Busch Frau S., die als Angehörige der armenischen
konzipierter Sprachkurs konnte zeigen, wie Minderheit im Iran aufgewachsen ist und ge-
sich ein an Alltagsnarrativen- und Kompeten- lebt hat und später als Asylbewerberin nach
zen orientierter Sprachunterricht Resilienz Österreich gekommen ist, zeugen von einem
stärkend auf MigrantInnen ausgewirkt hat mehrsprachigen und vielstimmigen Repertoire
(Brock, 2011). mit komplexer zeiträumlicher Schichtung.

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Abb. 1: Portrait von Frau S.

Armenisch hat Frau S. rot als Herz sowie im Persisch lernt Frau S. in der Schule kennen,
Kopf einzeichnet und sagt darüber, sie sei da- es wird zur Sprache ihrer Bildung, ihres All-
mit „auf die Welt gekommen“ und von Kind- gemeinwissens, ihres Kontakts zur Umwelt
heit an aufgewachsen. „Das hat mich geprägt, außerhalb der des armenischsprachigen
damit bin ich vertraut geworden.“ Sehr deutlich Verwandtschafts- und Bekanntenkreises,
wird auch der leibliche Bezug zu Armenisch, zur Verkehrssprache mit Kolleg_innen und
das sie als ihre Muttersprache bezeichnet: „normalen persischen Leuten“ . Sie brauche
„Diese Sprache ist Teil meines Körpers, das es mit Hand und Fuß. Persisch nimmt, sagt
sind meine Erinnerungen.“ Dann fügt sie einen sie, einen wichtigen Platz in ihrem Kopf und
Satz hinzu, der auf eine mit dem Armenischen ihrem Leben ein, besonders „Hochpersisch“,
verbundene historisch-politische Dimension das sie mit Literatur und Dichtung verknüpft.
hinweist: „Das ist meine Kultur und meine Aber ihr Verhältnis zu dieser Sprache ist
Herkunft, die armenische Herkunft.“ Noch ambivalent, gebrochen: Es ist zugleich die
deutlicher wird diese Dimension, wenn sie von Sprache der islamischen Revolution, eine
ihrer Aversion gegen das Türkische spricht, die Sprache der Politik, des Fanatismus, die Frau
sie seit der Kindheit mit sich trage und sie mit S., um sie vom „anderen“ Persisch abzu-
dem Genozid an der armenischen Bevölkerung grenzen, auch anders benennt: Farsi. Farsi,
zur Zeit des Ersten Weltkriegs begründet. Die- sagt sie, trage den Geruch von Blut, es rufe
se leidvolle Erfahrung, sagt sie, sei immer „in „eine große Bedrücktheit“ in der Seele her-
unserer Vorstellung und in unserem Gefühl“ . vor. Die Überschneidung des Historischen
Das Trauma des Völkermords bleibt, von einer und des Biographischen zeichnet Frau S. in
Generation zur anderen tradiert, im kollektiven ihr Sprachportrait als zwei durchgestriche-
Gedächtnis ebenso verhaftet wie in ihrem indi- ne Augen, die für das traumatische Erleben
viduellen Sprachrepertoire. stehen, das immer wieder „wie ein Foto“ in

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ihren Kopf kommt und das sie – wie es beim Und schließlich gibt es in dem von Frau S.
Sprechen über traumatische Ereignisse nicht angefertigten Portrait noch eine Gruppe von
selten der Fall ist – mit der Formulierung als ressourcenvoll erlebten Sprachen, die
„Krieg und Unruhe – Erinnerung daran“ im sie, ganz im Gegensatz zum Deutschen,
Vagen lässt. eher im Vorbeigehen aufgelesen hat und mit
Mit beiger Farbe, die für Deutsch steht, füllt Fröhlichkeit und Leichtigkeit assoziiert: Italie-
sie Arme und Beine aus. Sie möchte die deut- nisch, das für sie „wie ein Meer“ ist, „für die
sche Sprache „in perfekter Weise“ sprechen Ruhe meines Leibes und meiner Seele“ , oder
lernen und damit vertraut werden „wie mit Arabisch, das sie mit Musik und Tanz verbin-
einer zweiten Muttersprache“. Eindringlich det und als Teil ihrer selbst wahrnimmt, oder
schildert sie, wie sie sich bei ihrer Ankunft in Dari, die in Afghanistan gesprochene Varie-
Österreich, weil sie sich nicht verständigen tät des Persischen, in der sie ihre Therapie
konnte, während des Asylverfahrens und absolviert. Kraft und Ruhe schöpft Frau S.,
bei einem Krankenhausaufenthalt als völlig wie sie sagt, auch aus der Literatur und aus
hilflos, abhängig und ohnmächtig erlebt hat: der Religion, die sie als eigenen sprachlichen
„Ich habe verstanden, dass ich selbst null Resonanzraum erlebt, wenn sie eine Kirche,
bin, ich kann nicht selbst sprechen, nicht gleich welcher Konfession oder Liturgiespra-
selbst die Formulare ausfüllen.“ Aus dieser che, betritt. Die sprachlichen Zeichen und
Erfahrung heraus richtet sie ihr ganzes Ver- Laute dieser letzten Gruppe bilden zusam-
langen darauf, sich Deutsch anzueignen, das men eine Art dritten Raum, einen entlasten-
sie wie eine Verlockung als „süß“ und „lie- den Gegenpol zu jenen anderen Sprachen,
benswürdig“ bezeichnet. Zugleich ist es für die mit Anstrengung verbunden, als bedroh-
sie „ein bisschen düster und dunkel“ wegen lich empfunden oder mit traumatischem Er-
der Mühen, die mit dem Lernen verbunden leben verknüpft sind.
sind, und der „Unmöglichkeit“ das selbst
gesteckte Ziel zu erreichen, das immer „auf Gesamthaft betrachtet wird aus dem Sprach-
der anderen Seite“ ist: „Zur Zeit, mein gan- portrait von Frau S. so wie aus anderen, die
zer Körper, mein Hirn, meine Seele, das alles im Lauf der Jahre erhoben wurden, deutlich,
hat sich auf Deutsch konzentriert. Weil es wie unzulässig es ist, ein komplexes hetero-
ein Ziel ist. Und mein Leben und meine Zu- glossisches Repertoire auf simple Dichoto-
kunft hängen von dieser Sprache ab. In dem mien wie jene zwischen Herkunftssprache
Moment, wo ich Deutsch kann, gewinne und Zielsprache, zwischen Erstsprache und
ich mein Selbstvertrauen wieder, ich kann Zweitsprache, zwischen Minderheiten- und
mein Recht einfordern.“ Noch deutlicher tritt Mehrheitssprache reduzieren zu wollen. Viel-
die leibliche Dimension dieses Verlangens, mehr erschließen uns die Sprachenproträts
das auch als Bemühen verstanden werden vielfältige Möglichkeiten sowohl im Umgang
kann, sich vom Vergangenen zu lösen, in mit Erzählungen von traumatischen Erfahrun-
der folgenden Formulierung hervor: „[...] gen wie zur Erkundung von Resilienzfaktoren.
und meine Augen und meine Zunge, mein Im Fall von Frau S. sprach die Dolmetscherin
Mund, meine Hände und meine Füße, all Dari, so dass die Übersetzung in einer für Frau
diese Teile sind bewegt, sind bemüht, auch S. nicht vertrauten, aber gut verständlichen
meine Ohren für das Hören der Artikel, das Sprachvarietät stattfand, die von ihr nicht mit
richtig Aussprechen, all diese Teile arbeiten der Sprache der Täter gleichgesetzt wurde.
zusammen, damit ich mein Ziel erreiche.“ Der Frage, in welche Sprache in der Therapie
Der Bericht zeigt, mit wie vielen Hoffnun- (oder in einzelnen Phasen der Therapie) gedol-
gen und Ängsten Frau S. die neue Sprache metscht wird, sollte generell besondere Auf-
besetzt. merksamkeit gewidmet werden.

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Überschrift tig, dass BegleiterInnen sich bewusst ma-


chen, dass sie nicht herrschaftsfrei sprechen
Sprache ist kein neutralesTransportmittel. Mit können, so lange die neue Sprache verbun-
Bachtin (1979 [1934-1935], S. 185) gehen wir den ist mit leidvollen Erfahrungen von Nicht-
davon aus, dass sprechen (genauso wie sch- anerkanntwerden und Demütigungen und
reiben) immer dialogisch und intertextuell ist: dass dies Auswirkungen auf die therapeuti-
Bedeutung entsteht erst im wechselseitigen sche Arbeit haben kann, wenn dieser Punkt
Prozess von Äußerung und „antwortendem nicht beachtet wird (Brown, 2011).
Verstehen“. Mit jeder Äußerung nehmen wir
auf bereits Gesagtes Bezug – zustimmend,
widersprechend oder aufgreifend und wei- Der Repertoire-Begriff
terentwickelnd – und nehmen mögliche Ant-
worten antizipierend vorweg. Das Verbale Nach Gumperz umfasst das sprachliche
immer nur in Verbindung mit anderen Modi Repertoire „alle anerkannten Arten, Mittei-
auftritt; das gesprochene Wort zusammen lungen zu formulieren. Es stellt die Waffen
mit Prosodie, Mimik, Gestik usw., das ge- der Alltagskommunikation zur Verfügung.
schriebene in Verbindung mit Schriftbild und Sprecher wählen aus diesem Arsenal im
Layout, oft auch mit visuellen Darstellungen. Hinblick auf die Bedeutungen, die sie ver-
Bedeutung entsteht im Zusammenspiel aller mitteln wollen.“ (Gumperz 1964: 138, Übers.
zum Einsatz gebrachten Modi. B. B.) Diese kriegerische Metaphorik wird
dem Erleben von MigrantInnen durchaus
So nutzt Rose Ausländer (1967, S. 213), wenn gerecht. Gumperz zufolge wird „die soziale
sie die Bedeutung des Raumes zum Atmen Etikette der Sprachwahl [...] gleichzeitig mit
hervorheben will das Schriftbild, wenn sie den grammatikalischen Regeln gelernt und
dichtet: wird, wenn sie einmal internalisert ist, Teil
der sprachlichen Ausrüstung.“ (ibd.)
Noch ist Raum
für ein Gedicht Gumperz' Konzept stellt einen wichtigen
Schritt dar, weil es von der in sprachlichen
Noch ist das Gedicht Interaktionen herrschenden Vielfalt ausgeht.
ein Raum Das Repertoire-Konzept bedarf aus heutiger
Sicht aber einer Erweiterung, weil Sprach-
wo man atmen kann. wahl nicht nur von Regeln und Konventio-
nen geleitet wird, sondern auch unter dem
Wie wichtig ihr dieser Raum ist, erklärt sich Einfluss dessen steht, was man mit Sprach-
u. a. damit, dass sie sich lange in einem Erd- erleben bezeichnet. Um in der Sprache von
loch versteckt halten musste, um den Nazis Gumperz zu bleiben, stehen MigrantInnen
zu entgehen. häufig unbewaffnet einer waffenstrotzenden
Umgebung gegenüber.
Jedes Sprechen widerspiegelt, was Bachtin
Heteroglossie nennt: die gesellschaftlich
vorhandene Redevielfalt, die in einer Vielfalt Spracherleben
konkurrierender gesellschaftlicher Diskurse
[raznorečie], individueller Stimmen [raznogo- Schon ein Schuleintritt oder ein Schulwechsel
losie] und sprachlicher Codes [raznojayzčie] kann im Sinn von Gumperz als Problem bei
Ausdruck findet. Für die Arbeit mit traumati- der Sprachwahl erlebt werden, als überra-
sierten MigrantInnen ist es daher u.a. wich- schende, irritierende, manchmal erschüttern-

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de Wahrnehmung, dass das mitgebrachte Migrationshintergrund berichten von scho-


eigene Sprachrepertoire nicht oder nicht ganz ckartigem Erleben, angesichts der Erfahrung
passt. Ein Gefühl von Out-of-place-Sein, De- im fremden Land nicht ein Wort verstanden
platziert-Sein, sich mit der falschen Sprache zu haben. Kommt dann noch eine feindselig
am falschen Ort zu befinden. In den im Lauf ablehnende Haltung der Umgebung dazu,
der Jahre erhobenen Sprachbiographien wird wie sie bei Behörden beinahe die Regel ist,
der Moment des Schuleintritts immer wieder lässt sich ahnen, wie erschütternd solche
als ein solches Schlüsselerlebnis themati- ersten Spracherfahrungen sein können. So
siert, als auslösendes Moment der Irritation beschreibt Appelfeld, wie er das Hebräische
in Bezug auf das eigene Sprachrepertoire. Die als feindlich erlebte, obwohl er ja nach Israel
Konstellationen, in denen sich diese Irritation gelangen wollte. Lange Zeit beschäftigt er
bei Schuleintritt oder Schulwechsel im kon- sich daher mit dem Jiddischen, der Sprache,
kreten Fall manifestiert, können sehr vielfältig die ihm besonderen Halt und Geborgenheit
sein. Für die einen ist es die Erfahrung, im Un- vermittelte (Appelfeld, 2005).
terricht zum ersten Mal mit der Normativität
von Standardsprache konfrontiert zu werden. Jede Darstellung von Spracherleben ist
Für andere besteht die Herausforderung um- singulär. Dennoch lassen sich einige grund-
gekehrt darin, mit einer standardnahen Fami- legende Achsen identifizieren: Zum einen
liensprache auf eine Peergroup zu stoßen, die geht es um das Verhältnis von Selbstwahr-
ihnen die Aufnahme verweigert, weil sie sich nehmung und Fremdwahrnehmung, wobei
über einen lokalen Dialekt definiert. Wieder häufig davon berichtet wird, wie Sprechen-
andere werden bei Schuleintritt in eine Um- de sich beim Reden selbst beobachten,
gebung versetzt, in der sie so gut wie nichts wenn sie eine für sie ungewohnte Sprach-
verstehen und sich nicht verständlich machen varietät benützen. Wir stoßen hier auf den
können. Und einige stellen mit Erstaunen fest, Versuch, sich resilient sprachlich anzupas-
dass andere nur eine Familiensprache haben, sen, was gleichzeitig aber als Selbstverlust
und nicht wie sie selbst eine Mutter- und eine erlebt wird. Wird die neue Sprache auch als
Vatersprache. Wenn schon ein geringfügiger Schutzraum erlebt, kann die Selbstdistanzie-
Wechsel der Sprachumgebung als Belastung rung allerdings auch als hilfreich erlebt wer-
empfunden werden kann, wie umso mehr die den, quasi als Ermöglichung einer neuen von
Erfahrung von Migration! Traumatisierungen unbeschadeten Existenz
oder Identität. Weiters geht es auch um die
Spracherleben ist eben nicht neutral, es ist Frage nach Zugehörigkeit oder Nichtzugehö-
mit emotionalen Erfahrungen verbunden, rigkeit. Und schließlich geht es um das Erle-
damit, ob man sich in einer Sprache bzw. im ben sprachlicher Macht oder Ohnmacht. Das
Sprechen wohl fühlt oder nicht. Das emotional Verstummen ist eine Reaktion, die in vielen
besetzte Spracherleben ist ein Aspekt, dem Sprachbiographien zur Sprache gebracht wird
in der Beschäftigung mit Mehrsprachigkeit und die sich auch in der Therapie der Korsin
und in Zusammenhang mit gedolmetschten zeigte. Dabei handelt es sich nicht immer um
Therapien oft zu wenig Beachtung geschenkt ein Zum-Schweigen-gebracht-Werden, son-
wird, weil der Fokus zu exklusiv auf Sprach- dern manchmal auch um den Versuch, trot-
kompetenzen liegt. Es kann auch deutlich zendes Schweigen als Gegenmacht zu etab-
werden, dass hier auch traumatische Er- lieren. Wir finden also unterschiedliche Arten
fahrungen von Ohnmacht, Ausgeliefertsein, von Anpassungsversuchen, die mit erhöhter
Hilflosigkeit und daraus sich ergebender Resilienz einhergehen können. Eindrucksvoll
Angst und Panik resultieren können, wenn wurden diese Erfahrungen von Agota Kristof
auch nicht müssen. Viele PatientInnen mit in ihrer autobiographischen Schrift „Die An-

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alphabetin“ beschrieben. Hier schildert sie – erst dann auch ein kognitiver Akt von Re-
ihre Anstrengungen, Französisch möglichst präsentation und Symbolisierung. Sprache
schnell und möglichst gut zu lernen. Dies ist in der leiblich-emotionalen Gestik veran-
erlaubte ihr, in dieser neuen Sprache sich kert und sie ist Teil der Intersubjektivität, also
sogar schriftstellerisch zu betätigen, jedoch der Projektion von einem Ich zu einem Du
scheint sie die Sprache nie wirklich gemocht – von der ersten grammatikalischen Person
zu haben. (Kristof, 2005) zur zweiten. Sie gehört zu jenem Bereich,
den Merleau-Ponty als den der Zwischen-
Erst wenn wir in den Repertoire-Begriff leiblichkeit bezeichnet.
die Ebene des Spracherlebens einziehen,
können auch Dimensionen in den Blick ge- Das sprachliche Repertoire, ließe sich dar-
nommen werden, die aus einer Außenper- aus folgern, ist nicht beliebig und auch nicht
spektive, also der bloßen Beobachtung von ohne weiteres austauschbar, es haftet dem
Interaktionssituationen, nicht ausreichend leiblichen Subjekt an, ist ihm einverleibt. Ver-
gefasst werden können. Im Folgenden soll gangenes Erleben bleibt, wie Merleau-Ponty
nun solchen Dimensionen des Sprachreper- mit Verweis auf Marcel Prousts Suche nach
toires nachgegangen werden, die über das der verlorenen Zeit ausführt, dem Leib ein-
verinnerlichte Wissen grammatikalischer und geschrieben und kann durch eine Körperhal-
pragmatischer Regeln hinausweisen: die leib- tung, eine Geste, einen Geschmack, einen
liche Dimension, die emotionale Dimension Laut, unvermutet wieder gegenwärtig wer-
und die historisch-politische Dimension. den. Diese leibliche Komponente von Spra-
cherleben und Sprachrepertoire tritt auch im
biographischen Text der weiter oben zitierten
Die leibliche Dimension Studentin zu Tage, wenn die Studentin darü-
ber berichtet, wie sie sich als Schülerin beim
Die Bewegung des Leibes ist Merleau-Ponty „Hochdeutsch“-Reden wie von außen zu-
(2009 [1945]) zufolge die Basis, des Vermö- hörte und sich wie eine Schauspielerin fühl-
gens, sich in Bezug zur Welt zu setzen, sich te. Sie hatte, so könnte man es mit anderen
auf sie einzulassen. Die Hand, die nach einem Worten sagen, den Eindruck, nicht in ihrem
Gegenstand greift, „weiß“ , wonach und wohin Leib zu sein und mit ihrem Leib zu sprechen,
sie greift, auch ohne dass das Bewusstsein sondern in eine fremde Rolle, einen fremden
die Punkte, die die Hand durchläuft, in ei- Leib zu schlüpfen. Im Extremfall entstehen
nem Raum-Zeit-Diagramm berechnen müss- aus solchen Erfahrungen Depersonalisati-
te. Eine Bewegung wird erlernt, indem der onserfahrungen, die Menschen über lange
Leib sie „kapiert“, indem er sie sich einver- Zeiten begleiten und dann teils als Schutz,
leibt. Nicht das „ich denke“ (je pense) steht teils aber auch als massive Behinderung er-
Merleau-Ponty zufolge am Anfang unseres lebt werden können.
Zur-Welt-Seins, sondern ein „ich vermag“ (je
peux) (Merleau-Ponty 2009 [1945], S.171).
Die emotionale Dimension
Die Relevanz dieses Ansatzes für das Ver-
ständnis des sprachlichen Repertoires ergibt Traditionell nahmen Vorstellungen von Spra-
sich daraus, dass Merleau-Ponty zufolge cherwerb und Sprachverarbeitung den
auch das Sprechen primär leiblich begründet Einzelnen als Ausgangspunkt und waren
ist. Wie die Gestik, wie die Emotion ist Spra- mentalistisch geprägt, d. h. sie gingen von
che zuerst und vor allem ein Sich-in-Bezug- Modellen aus, die nicht das Intersubjektive,
Setzen, eine Projektion hin zum Anderen das Soziale in den Vordergrund stellen.

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Die Verbindung Sprache–Emotion ist vielfäl- in die Normativität der Sprache, durch das
tig. Sprache spielt nicht nur eine Rolle im Be- Vermögen zur Symbolisierung begründet.
nennen von und Sprechen über Emotionen, Dieser symbolischen Funktion stellt Kriste-
sondern es wird auch im Sprechen Emotio- va eine semiotische Dimension gegenüber,
nalisierung zum Ausdruck gebracht bzw. her- die durch Heterogenität gegenüber Sinn und
vorgerufen. Emotionale Prozesse können auf Bedeutung, durch Unbestimmtheit oder Viel-
allen Ebenen der Sprachproduktion wirksam deutigkeit charakterisiert ist. Diese mit dem
werden. Auf der phonetisch/phonologischen Vor- oder Unbewussten, dem Leiblich-Affek-
zum Beispiel durch Vokaldehnung oder die tiven verbundene semiotische Dimension,
Verwendung von lautmalerischen Wörtern, die Kristeva auf das frühkindliche Brabbeln
auf der morphologischen etwa durch Ver- und rhythmische Intonieren zurückführt,
stärkungs- oder Diminutivaffixe, auf der lexi- wird im Aufwachsen zunehmend von der
kalisch/semantischen beispielsweise durch symbolischen Funktion verdrängt, bleibt
Metaphern, auf der syntaktischen durch aber Kristeva (2002) zufolge in jedem Spre-
Exklamationen oder auf der pragmatischen chen präsent.
durch soziolektale Einsprengsel, Ironie und
ähnliche Mittel. Auf der paraverbalen Ebene Eines der ersten dokumentierten Zeugnis-
kann man beobachten, dass bei Angst nicht se zu Mehrsprachigkeit und psychoaffekti-
nur Atmungsrhythmus und Herzschlag un- vem Erleben ist der Fall der Anna O. (Breuer,
regelmäßig und erhöht sind, sondern auch 1895). Über Monate konnte die Patientin ihre
dass sich Stimmintensität, Tonhöhe, Stimm- Erstsprache Deutsch nicht mehr sprechen
rhythmus und Betonung verändern. Aus All- und zeitweilig auch nicht verstehen und griff
tagsbeobachtungen wissen wir zudem, dass stattdessen auf das später erlernte Englisch,
Aufregung zu Stottern, Verhaspeln, Abbrü- manchmal auch auf Französisch oder Itali-
chen usw. führen kann und dass sich diese enisch zurück. Heute wird hierzu die Über-
Phänomene weitgehend der Kontrolle ent- legung angestellt, ob die unterschiedlichen
ziehen. Beim Versuch, über traumatisches Sprachen von verschiedenen ego states aus-
Erleben zu sprechen, kann es zu dem Phä- gingen und ob es sich bei der Patientin Anna
nomen des „speechless terror“ kommen, O. um jemand mit einer dissoziativen Identi-
was bedeutet, der Mensch erfährt innerlich tätsstörung gehandelt haben könnte.
zwar sehr vieles, was ihn quält, kann es aber
sprachlich nicht ausdrücken. Insgesamt wurde der Frage von Mehrspra-
chigkeit und Sprachwahl aber auch in der
Früher schon wurde zur Verbindung von Psychoanalyse verhältnismäßig nur geringe
Emotionalität und Sprachlichkeit aus psycho- Aufmerksamkeit geschenkt (Amati Mehler
analytischer Warte argumentiert. Besonders et al., 2010). Angeschnitten wurde dieser
interessant in dieser Hinsicht sind die Arbei- Themenkomplex vor allem von durch den
ten von Julia Kristeva, die eine psychoana- Nationalsozialismus ins Exil gezwungenen
lytische und eine linguistisch-semiotische Psychoanalytiker_innen. Heute stellen sich
Betrachtungsweise verknüpft. Sie trifft die all diese Fragen primär im Zusammenhang
Unterscheidung zwischen zwei Dimensi- mit Therapien von Personen mit Migrations-
onen, die sie der Sprache zuweist: Auf der oder Fluchtbiographien.
einen Seite sieht sie die dem Kognitiven
zuzuordnende sinnstiftende Verbindung von Man könnte das Repertoire als einen Raum
Bedeutung, Zeichen und Bezeichnetem, die der Potentialität sehen, der von sedimentier-
sie die symbolische Funktion nennt: Das tem leiblich-emotionalem Erleben sowohl
Subjekt wird als solches durch den Eintritt aufgespannt als auch eingeschränkt wird. Das

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MEHRSPRACHIGKEIT, TRAUMA UND RESILIENZ

Repertoire wird nicht nur dadurch bestimmt, nicht als legitime Sprecher_innen einer be-
was ein sprechendes Subjekt „hat“ , sondern stimmten Sprache anerkannt werden oder
manchmal gerade dadurch, was nicht zur Ver- sich selbst nicht als solche wahrnehmen.
fügung steht und sich in einer gegebenen Si-
tuation als Leerstelle, Bedrohung oder Begeh- Ein Gefühl von Dislokation, ein Gefühl, nicht
ren umso mehr bemerkbar macht: Sprachen, (mehr) die „richtige“ Sprache zu sprechen,
die mit dem tiefen Wunsch verbunden sind, kann sich einstellen, ohne dass Sprecher_in-
sich mit einem anderen zu vereinen oder zu nen ihren Aufenthaltsort wechseln. Eine Ver-
identifizieren; Sprachen der Sehnsucht, aus änderung politischer Machtkonstellationen
denen man durch Exil, durch Untersagung, kann dazu führen, dass bestimmte Sprachen
durch freiwillige oder aufgezwungene Assi- oder Sprechweisen anders bewertet werden
milation vertrieben wurde; Sprachen, vor de- als zuvor. So wurden bestimmte Begriffe oder
nen man zurückscheut aus Sorge sich bloß- Bezeichnungen, die sich in der DDR abwei-
zustellen, oder weil man fürchtet, sie könnten chend vom Sprachgebrauch in der Bundesre-
eine andere verdrängen, um deren Stelle ein- publik eingebürgert hatten, nach der Wende
zunehmen; Sprachen, die man meidet oder zu einem markierten Erkennungsmerkmal, um
fürchtet, weil sie mit negativem oder sogar Sprecher_innen als „Ossis“ zu identifizieren.
traumatischem Erleben verbunden sind, mit
dem Verlust von Autonomie und Handlungs- Auch wenn Sprachideologien einem ständigen
macht. Die Erforschung solcher Phänomene, Wandel unterworfen sind, ändert das nichts
aus der neue Erkenntnisse über die emotio- daran, dass immer wieder – wenn auch ande-
nale Dimension von Sprache gewonnen wer- re – Kategorisierungen vorgenommen werden.
den könnten, steht noch in den Anfängen. Diese Kategorisierungen üben dadurch Macht
aus, dass sie immer wieder aufgerufen und im-
mer wieder durchgespielt werden. Sie lassen
Die historisch-politische Dimension sich nicht einfach wegwünschen.

Judith Butler geht in ihren Arbeiten zu Gen-


der, Diskriminierung, Macht und Performati- Ausblick
vität von der Ambiguität des Subjektbegriffs
aus, der zufolge das Subjekt nicht nur ein Wenn wir uns die zuvor angestellten Überle-
handelndes ist, sondern auch ein unterwor- gungen zu Nutze machen, zeigen sich neue
fenes, ein sub-jectum – wobei die Unterwer- Möglichkeiten zum Verständnis von traumati-
fung unter die Macht bereits vorhandener sierten MigrantInnen und erweitern so unser
Diskurse, bereits gesprochener Sprache therapeutisches und sprachliches Repertoire
dem Agieren vorangeht. Die Normativität um eine weitere Dimension. Die AutorInnen
von Sprache legt fest, was gesagt werden sind daran interessiert, sich mit anderen zu ver-
kann und was nicht. netzen, die an den hier angerissenen Fragestel-
lungen weiter denken und forschen wollen.
Über Sprachideologien werden soziale, ethni-
sche, nationale und andere Zugehörigkeiten
konstruiert. In Bezug auf das sprachliche Re- Literatur
pertoire bedeutet dies, dass die einschrän-
kende Macht sprachlicher Kategorisierungen Amati Mehler, Jacqueline, Argentieri, Simona und Ca-
nestri, Jorge (2010). Das Babel des Unbewussten.
besonders dann wahrgenommen wird, wenn
Muttersprache und Fremdsprachen in der Psycho-
Sprache nicht wie selbstverständlich zur Ver- analyse. Gießen: Psychosozial-Verlag.
fügung steht, wenn Menschen zum Beispiel

32 ZPPM Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, Psychologische Medizin 11 JG. (2013) HEFT 3
BRIGITTA BUSCH UND LUISE REDDEMANN

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