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Reinhard Meßner

Innsbrucker theologische Studien


-
in Verbindung mit den Professoren der Theologischen Fakultät
herausgegeben von
Emerich Coreth . Walter Kern' Hans Rotter
Die Meßreforrn Martin Luthers
und die Eucharistie
der Alten Kirche
Band 25

Ein Beitrag zu einer


systematischen Liturgiewissenschaft

1989

'yro,lia-\!p"loO' . Innsbruck-Wien
Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Herbst 1987 am Institut für Liturgiewissenschaft,


christliche Kunst und Hymnologie der Universität Graz als Dissertation angenom-
men. Für den Druck wurde sie leicht überarbeitet. Das Thema, ein Vergleich von
Theologie und Liturgie des Abendmahls nach Luther mit der altkirchlichen Eucha-
ristieauffassung, ergab sich sozusagen auf dem Weg zu einer anderen Thematik; eine
Vorarbeit machte sich selbstäf.l:dig. Ein Rekurs auf die (theologisch ernstgenomme-
nen!) Kategorien der Liturgie der Alten Kirche hat sich im ökumenischen Dialog
als durchaus fruchtbar erwiesen, wie vor allem das "Lima-Dokument" zeigt. In
ihrem Licht kann die Meßreforrn Luthers anders beurteilt werden als im Sinne einer
Zerstörung bzw. glücklichen Überwindung der römischen Messe. Ich bin mir der
Unvollständigkeit und Unvollkommenheit der Arbeit bewußt, hoffe aber dennoch,
daß die vorgelegten Ergebniyse einigermaßen fundiert sind und nicht bloß "from-
men" ökumenischen Illusionen entspringen. Eine Konvergenz in Theologie und
Feier der Liturgie wäre jedenfalls für die (hoffentlich) weitergehenden ökumeni-
~ /1$1f schen Bemühungen zwischen evangelisch-lutherischer und römisch-katholischer
\!jlllv@ml~ll~ Mtl!löh<!llli K.irche höchst fördernd.
iEV. - 'l'l'liilOJ. FlilKUlliH
IllllJllliul1. l(lrm"lI'l@Ii!$lCllIOOilll Mein Dank gilt an erster Stelle meinem Lehrer. Herrn Univ.-Prof. Dr. Philipp
Harnoncourt, der die Dissertation betreut und gefördert hat, und dem Korreferen-
Mitglied der Verlagsgruppe "engagem~t"
ten Univ.-Prof. Dr. J. B. Bauer.' Es' ehrt mich außerordentlich, daß die Arbeit mit
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek dem "Karl-Rahner-Preis für theologische Forschung" des Jahres 1989 bedacht
worden ist, was die Aufnahme in die "Innsbruckertheologischen Studien" ermög-
Meßner, Reinhard: licht hat. Ihren Herausgebern möchte khan dieser Stelle meinen Dank abstatten.
Die Messrefotrn Martin Luthers und die Eucharistie der Alten Kirche:
ein Beitrag zu einer systematischen Liturgiewissenschaft I
Ich widme die Arbeit meinem amtsbrüderlichen Freund Mag. Gerald Krempl.
Reinhard Messner. - Innsbruck; Wien: Tyrolia-Verl., 1989
(Innsbrucker theologische Studien; Bd. 25)
ISBN 3-7022-1699-5
NKGT Judenburg, im August 1988
Reinhard Meßner
Gedruckt mit Unterstützung von:
Bischof Dr. Johann Weber, Diözese Graz-Seckau
Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Wien

Alle Rechte bei der Verlagsanstalt Tyrolia, Gesellschaft m.b.H.,


Innsbruck, ExIgasse 20
Gesamtherstellung in der Ve:dagsanstalt Tyrolia,
Gesellschaft m.b.R.; Innsbruck
11
"
Ii Inhaltsverzeichnis 7
i":

1 2 DER RÖMISCHE KANON, SEINE INTERPRETATION


11
' Inhaltsverzeichnis
i' IM MITTELALTER UND DEREN FOLGEN

I:
I'
2.1 Interpretation des römischen Kanons im Licht der
altkirchlichen Tradition. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 84
I1
I; 2.1.1 Einordnung und Struktur des römischen Kanons. . . . . . . . . . . . . . .. 84
i 2.1.2 Die Anamnese '. . . . . . .. 85
Ii,I 2.1.3 Die Darbringungsaussage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 86
" 2.1.4 Die Epiklese. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . . . . . .. . .. . . . . . .. . . .. 87
i: EINLEITUNG
2.2 Interpretation des römischen Kanons im Mittelalter. . . . . . . . . . . . .. 91
Systematische Liturgiewissensc;haft , . 9
2.2.1 Die Wende in der Theologie der Eucharistie
11 Schrift und Tradition . 12
am Übergang zum Mittelalter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 91
11 Bedeutung des Traditionsprinzips in der Liturgiewissenschaft . 16
2.2.2 Die allegorische Meßerklärung -und die Psychologisierung der
'i Systematische Lutherforschung , , . 18
1
Anamnese. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 95
~
Fragestellung der vorliegenden Arbeit . 23
I 2.2.3 Das Auseinanderklaffen lyon Zeichen und Wirklichkeit 98
2.2.4 Die Folgen für das Verständnis des Meßopfers 102
1 THEOLOGIE DER MESSE NACH DER LITURGISCHEN 2.2.5 Der Verlust der EpiKlese " 109
!
11
ÜBERLIEFERUNG DER ALTEN KIRCHE 2.2.6 Das Verhältnis von Eucharistie und Kirche 110
iI 1.1 Zum Herrenmahl im Urchristentum . 25
il 1.2 Die modellhafte Struktur der Eucharistia Hippolyts . 33
2.3 Liturgische Folgen und Mißstände. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 113

1.3 Zum Wandel vom urchristlichen Herrenmahl zur Messe . 38


11 1.3.1 Wie kam es zur Messe? '.' . 38 3 LUTHERS MESSREFORM IM LICHT DER
1.3.2 Zur Legitimität dieses Wandels yom biblischen Zeugnis her . 43 ALTKIRCHLICHEN THEOLOGIE DER EUCHARISTIE
I 1.4 Die Entfaltung der Struktur der Eucharistia Hippolyts
3.1 Die Rechtfertigungslehre als Kriterium des Gottesdienstes 117
in den altkirchlichen Eucharistiegebeten . 45
1.4.1 "memores": Die Anamnese als fundamentale Kategorie der 3.2 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens 119
Eucharistiefeier . 46 3.2.1 Die Relation promissio-fides als Grundstruktur der Rechtfertigung
1.4.1.1 Die Bedeutung von Anamnese . 46 (Rechtfertigung als Wortgeschehen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 119
1.4.1.2 Die Danksagung vor dem Einsetzungsbericht . 50 3.2.2 Rechtfertigung als Prozeß _. . . . .. 127
1.4.1.3 Die spezielle Anamnese: ..memores" . 53 3.2.3 Rechtfertigung als dialogisches Geschehen:
1.4.2 ..offerimus": Der Vollzug der Anamnese ("Meßopfer") . 55 Die Bedeutsamkeit des Gebetes . . . . . . . . . . . . . . .. 134
1.4.2.1 Die Bedeutun'g der Kategorie "Opfer" für das Verständnis 3.2.4 Rechtfertigung und Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 141
der Eucharistie , . 56 3.3 Die Struktur: "memores offerimus ,.. et petimus"
1.4.2.2 llu<ria lllvEaEOl<;, 6uaill "OytK~, lluaill Ka6apa . 59 in der Theologie Luthers 147
1.4.2.3 Die Gabendarbringung als liturgischer Tatvollzug der 3.3.1 Glaube und Anamnese 148
"OytK~ lluaia . 61 3.3.2 Der Mensch in der Rechtfertigung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 153
1.4.2.4 Die Darbringungsaussagen der Eucharistiegebete . 63 3.3.3 Epiklese und "extra nos" 160
1.4.2.5 Resümee . 66
1.4.3 "petimus": Die Verwirklichung der Anamnese (die Epiklese) . 67 3.4 Luthers Abendmahlverständnis als katholische Möglichkeit? . . . . . .. 163
1.4.3.1 Das Zeugnis der antiochenisch-byzantinischen Anaphora . 70 3.4.1 "Summa et compendium evangelii": Die Messe
1.4.3.2 Das Zeugnis der alexandrinischen Anaphora . 74 als hervorragender Ort der Rechtfertigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 163
1.5 Eucharistie und Kirche nach Augustinus: ein Nachtrag . 78 3.4.2 Die Präsenz Christi. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 169
1.6 Zusammenfassung: Die Eucharistie als dialogisches Geschehen 3.4.3 Luther als Theologe des Meßopfers?! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 172
zwischen Gott und Mensch . 81 3.4.4 Abendmahl und Kirche 186
8 ! nhaltJverzeichnis

3.5 Luthers 1vIeßreforrn im Licht seiner Rechtfertigungslehre 189


3.5.1 Welchen Gottesdienst reformierte Luther? . 189
3.5.2 Luthers liturgische Vorschläge 190
3.5.2.1 "Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeine" .. 190
"Formula Missae er Communionis" . 191 "(en,at.isclIB Liturgiewissenschaft
3.5.2.2
3.5.2.3 "Deutsche Messe" . 198
3.5.3 Der positive Ertrag von Luthers Meßreforrn 202
Litu,rgie\\ds:;erLscha.ft ist gegenwärtig auf dem Wege der Selbstfindung, zu einer
3.5.4 Negative Folgen . 205
Sicht ihres Gegenstandes, ihres Kompetenzbereiches im Kreis der
t\eOl<)gLscnen Disziplinen. Hatte sich die liturgiewissenschaftliche Forschung im
AUSBLICK ",ete'ge des 19. Jahrhundertsfast ausschließlich der Liturgiegeschichte zugewandt
Luthers Meßreform und die heutige katholische Liturgie .. 207 auf diesem Felde mit wahrhaft imponierender Erudition großartige Ergebnisse
Die evangelische Liturgie aus der Sicht systematischer so ist heute vor allem die flut (leider oft nicht so imponierende
Liturgiewissenschaft . . . . . . . . . . . . 213 tcl:ucllt1on verratender) "pastoralliturgischer" Veröffentlichungen kaum noch über-
Die "Lima-Liturgie'< . 217 schaubar. Man wollte und will damit die so einschneidende Liturgiereform nach
Resümee . 222 dem II. Vatikanischen Konzil theoretisch wie vor allem praktisch fundieren, för-
dern, verbreiten ... Die Arbeitskraft der Liturgiewissenschafter war in den letzten
Abgekürzt zitierte Sammelwerke . 224 zwanzig Jahren vor allem von der gewaltigen Aufgabe der liturgischen Reformen
Literatufvcrzeichnis 224 - d. h. zunächst der Reform der liturgischen Bücher - in Anspruch genommen. An
Register der J,iturgicn 234 den Universitäten wird die Liturgiewissenschaft (oder "Liturgik") sehr häufig zur
Sachregister . 235 sogenannten "Praktischen Theologie" gerechnet und neben Pastoraltheologie, Ho-
Personenregister . 238 miletik, Katechetik ... eingeordnet. Die eigentliche lehrhafte ("dogmatische") Fun-
dierung holte man sich von der systematischen Theologie, vom zur Dogmatik
zählenden "Sakramententraktat".
Es ist hingegen heute hoch an der Zeit, sich ernsthaft zu fragen, ob dieses
Zwitterdasein der Liturgiewissenschaft zwischen historischer (als Liturgiegeschich-
te) und praktischer Theologie (als Pastoralliturgik oder gar "eigentlicher Liturgik")
der Bedeutung des Gegenstandes dieser Wissenschaft, also der Liturgie, gerecht
wird. Diese ist doch nach der vielzitierten Formulierung der Konstitution über die
heilige Liturgie des Ir. Vatikanischen Konzils "Sacrosanctum Concilium" "der
Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all
ihre Kraft strömt" (culmen, ad quod actio Ecclesiae tendit et simul fons unde omnis
eius virtus emanat: SC 10). Müßte daher nicht auch die Liturgiewissenschaft etwas
von dem Charakter des "culmen" und des "fons" im Kreise der theologischen
Disziplinen aufweisen? "Culmen" der Theologie ist nach traditioneller Auffassung
wohl die systematische Theologie, insbesondere die Dogmatik, "fons" vor allem
(völlig zu Recht!) die Bibelwissenschaft. Doch eröffnet die Liturgie der theologi-
schen Reflexion wohl so viele .,fontes",daß die Wissenschaft von der Liturgie
legitimerweise auch irgendwo zunächst des "culmen" anzusiedeln ist!
Welche Identität hat die nun seit einigen Jahren zur selbständigen akademi-
schen Disziplint aufgestiegene Liturgiewissenschaft zu finden, um ihrer Aufgabe

In der evangelischen Theologie ist diese Verselbständigung der Liturgiewissenschaft


leider nicht vollzogen. Die Liturgik fristet im Rahmen der "Praktischen Theologie" ein
zumeist recht kümmerliches Dasein und ist auf die spezifische Interessenlage des jeweili-
10 Einleitung !}stematische Liturgiewissenschaft 11

tatsächlich gerecht zu werden? Romano Guardini hat bereits im ersten Band des per4 und füreinander existieren, so wären Dogmatik und systematische Liturgie-
"Jahrbuchs für Liturgiewissenschaft"2 die Erarbeitung einer "systematischen Wissenschaft zwei spezifische Arten der theologischen Reflexion über den einen
Liturgiewissenschaft" gefordert, die der praktischen "Liturgik" an die Seite zu (ilauben und Schwesterdisziplinen im Rahmen der systematischen Theologie.
stellen ist. In bezug auf die Verwirklichung dieser systematischen Liturgiewissen- Wie nun systematische Liturgiewissenschaft zu entwickeln ist, zeigen uns
schaft' bleibt sein Aufsatz freilich unklar. zunächst einige theologische (z. T. Lebens-)Werke, die einer solchen zuzurechnen
Die Grundidee Guardinis jedoch ist heute aufzugreifen und energisch in die Grundlegend sind zweifellos die Werke Odo Casels5, die - bei aller Kritik
Tat umzusetzen: Die Liturgiewissenschaft muß als systematische Disziplin etabliert einzelnen und auch im Grundsätzlichen6 - ein rechtes Verständnis und eine
werden und gleichberechtigt neben die Dogmatik treten, Dogma und Liturgie sind Wertung der Liturgie in unserem Jahrhundert überhaupt erst ermöglichten.
in den Kirchen des Westens in den letzten Jahrhunderten (ja vielleicht in nuce schon nennen sind vor allem die Arbeiten zur Eucharistielehre von Johannes Betz7 ,
immer) unheilvoll auseinandergetreten. Diese Diastase hatte für das eine wie für das besonders von den (griechischen) Kirchenvätern ausgehend seine Synthese
andere recht schlimme Folgen: Das Dogma wurde nicht mehr als gelebtes, gefeiertes entwickelte. In der Gegenwart versucht Lothar Lies B, Schüler von Betz, dessen
Dogma gesehen, sondern degenerierte· zur isolierten, verabsolutierten, ungefragt Ansätze weiterzuführen; er hat Betz' Unterscheidung von Aktualpräsenz und Real-
,.zu glaubenden" Formel (wobei dem ein intellektualistischer Glaubensbegriff ent- präsenz um die sehr beachtenswerte Kategorie der Verbalpräsenz bereichert. Von
sprach: Glauben heißt, eine Reihe von Sätzen - Dogmen - für wahr halten). Die eminenter Bedeutung sind scWießlich einige Arbeiten von Hans-Joachim
Liturgie anderseits wurde weniger als bedeutendste Form des Glaubensvollzugs der Schulz9, der die Theologie der Liturgie, besonders der Eucharistie, konsequent
Kirche --in der Gemeindefeier ~ betrachtet, sondern als zu absolvierendes Pflicht- von den liturgischen Texten selbst her entwickelt und dessen Arbeiten, soweit ich
pensum, durch das man sich Gnade quasi abholt und seine Kirchlichkeit unter sehe, weit über die Liturgiewissenschaft hinaus für die Dogmatik tO und besonders
Beweis stellt. Weiterhin gerät die juridisch verstandene, tatsächlich unverstandene für die ökumenische Theologie reiche Anregungen enthalten. Was von Schulz vor
Liturgie allzuleicht in wenig tiefe Gewässer privater Frömmigkeitsformen - die allem zu lernen ist, ist das Prinzip, die Theologie der Liturgie von der Liturgie selbst
Quelle des christlichen Lebens wird trübe. her zu entwickeln (natürlich unter der kritischen Norm der Schrift) und nicht durch
Diesem Auseinanderkla-ffen von Dogma und Liturgie nach Möglichkeit abzu- zeitgebundene, abstrakte Lehrentwicklungen und -formulierungen die Liturgie
helfen,.ist heute eine der dringendsten Aufgaben nicht nur der (wissenschaftlichen) einer Zwangsinterpretation zu unterwerfen.
Theologie, sondern der Kirche überhaupt. Eine zu sinnleerer Pflichterfüllung Eine adäquate Zuordnung der Aussagen der Schrift, der Liturgie und der
erstaqte Liturgie führt zu leeren Gotteshäusern - ein absolut gesetztes, formelhaftes dogmatischen Sekundärtradition (wobei, wie vor allem die Forschungen von Betz
Dogma, das .,man glauben muß", führt zum (keineswegs von vornherein unberech- ergeben haben, die griechischen Kirchenväter hiebei die führende Rolle spie~en) ist
tigten) Vorwurf des ideologischen Dogmatismus. also das Fundament der systematischen Liturgiewissenschaft, auf welchem sie ihre
Eine systematisch'verstandene Liturgiewissenschaft hat also die Aufgabe und wesentliche Aufgabe lösen kann: eine Theologie der Liturgie zu entwerfen. Dieser
die Chance, die Liturgie selbst wieder in ihren gebührenden Rang im kirchlichen Theologie der Liturgie steht als zweiter, aber ihr untergeordneter Pol die Erfor-
Leben zu installieren; die nachvatikanische Liturgiereform hat ja den ersten Schritt
dazu getan, das letztlich Entscheidende kann freilich nicht allein durch liturgische Wie das Dogma aus der Liturgie lebt, sieht man etwa an der Funktion des Taufbekennt-
Reformen erreicht werden, sondern ist Aufgabe von Verkündigung und Katechese nisses in der frühen Dogmenbildung (Nicaeno-Constantinopolitanum); wie die Liturgie
und muß auch durch den liturgischen Vollzug selbst wachsen. Sie kann außerdem aus dem Dogma lebt, zeigt z. B. die stark lehrhafte Jakobos~Anaphora.
auch dogmatischen Einseitigkeiten zu steuern helfen. 3 Wie Dogma und Liturgie Vor allem: Die Liturgie als Mysterienfeier (= EcOra 9). Freiburg3- S1923; Das christliche
Kultmysterium. 4. durchges. u. erw. Aufl. Hg. B.Neunheuser. Regensburg 1960; Opfer-
also als2weije spezielle Zeugnisse des einen Glaubens anzusehen sind, die auseinan- mysterium.
Es ist überraschend, daß die zweifellos (gelinde gesagt) sehr unglückliche Pneumatologie
Casels (mit ihrem Bezug auf die Christologie) seinem Verständnis der Liturgie kaum
Abbruch getan hat.
gen praktischen Theologen angewiesen. Dies wirkt sich selbstverständlich auf die VgI. vor allem seine große historische Arbeit: Die Eucharistie zur Zeit der griechischen
.konkrete Feierder Liturgie aus, die auch von der Ausbildung der für sie,Verantwortli- Väter, welche als historische Grundlage eine imponierende systematische Zusammen-
ehen abhängig ist. schau ermöglichte (in MySal IVj2), weiter seine Lexika-Artikel in HThG und SM(D).
Guardini, Systematische Methode. Vgl. seine Arbeit über Origenes: Wort und Eucharistie bei Origenes; weiter seinen
Vgl. z. B. bezüglich der von der Dogmatik (nicht nur in der Vergangenheit) oft in Aufsatz in der Festschrift für J. Betz: Verbalpräsenz, sowie einige Aufsätze in ZKTh, vor
beängstigender Einseitigkeit von der potestas-Lehre her (vgI. die klassische Mißdeutung allem: Euiogia.
der Ordinationsliturgie im Decretum pro Armenis des Florentiner Konzils: DS 1326) Vgl. vor allem: Ökumenische Glaubenseinheit; Christusverkündigung und Opfervoll-
entwickelten Amtstheologie den Aufsatz von H.-J. Schulz, Hirtenamt; vgl. auch ders., zug; Darbringungsaussagen.
Ökumenische Glaubenseinheit 87-122. 10 Vgl. Anm. 3.
12 Einleitung und Tradition 13

schung,derAnthropologiederLiturgiegegenüber>Diese hat klarzustellen - mit den praktisch überhaupt nichts zu sagen hätte, ja weitgehend (zwischen
Mitteln der modernen Sprach- und Kommunikationswissenschaften, auch der Psy- und der Reformation) Zeugnis eines Niederganges wäre, noch von einer der
chologie: usw~.,....> wie das theologische Konzept der Liturgie, das für die Feier letzte kath,oli"cllen Theologie geHihrlieh naheliegenden ununterscheidbaren Verschrän-
Norm sein muß,· konkret sei zu verwirklichen ist, daß.die Liturgie als Feier von von Schrift und Tradition (und dem Lehramtl), die immer zu einer Überord-
Menschen und als Feier für Menschen in einer den feiernden Menschen adäquaten von Tradition und interpretierendem Lehramt tendiert13 .
Weise zu realisieren ist. Die Spannung von Theologie und Anthropologie der Das Verhältnis von Schrift und Tradition muß wohl von der dialektischen
Liturgie istgrundgelegt im Ereignischarakter der Liturgie, in der ja am dichtesten der Einheit und Unterschiedenheit beider Größen au,sgehen. 14 Der
(aber freilich· keineswegs ausschließlich) die· personale Begegnung zwischen Gott Schrift und der Tradition voraus liegt als die endgültige Offenbarung Gottes in
und Mensch sich vollzieht. Wie in dieser Begegnung immer Gott der Ansprechende, Jesus Christus das Evangelium, dessen Inhalt eben Jesus Christus als das eschatologi-
der die Beziehung Herstellende und sie Durchtragende ist und Gottesdienst daher sche Wort Gottes ist, das zu seinem Wirksamwerden freilich der Verkündigung, der
immer zuerst Dienst Gottes am Menschen understaufgrund und infolgedessen Predigt, also menschlichen Wortes bedarf. "Schrift und Tradition sind zwei Manife-
auch respondierender Dienst des Menschen vor Gott ist, so hat in der wissenschaft- stationsweisen des einen Evangeliums Gottes. "15 Sie bezeugen also beide dassel-
lichen Reflexion über die Liturgie die Theologie der Liturgie Vorrang gegenüber be. besser: denselben - Jesus Christus. Nun liegt der Schrift als literarischem
der Anthropologie. Auf der Basis heider in ihrer rechten Zuordnung ist dann die Produkt eine mündliche Tradition voraus, die apostolische. urkirchliche Predigt,
praktische Liturgik zu entfalten, die als Umsetzung der akademisch-wissenschaftli-; die' Jesus als den K yrios bezeugt. Insofern ist die Tradition ursprünglicher als die
ehen Erkenntnisse auf die konkrete liturgische Feier das eigentliche Ziel der Litur- Schrift (die ja schriftlicher Niederschlag von Tradition ist) und die Schrift Teil der
giewissenschaft darstellt. Zur Erreichung dieses Zieles darf aber keine Stufe über- Tradition.I 6 GrundlegencLjedoch ist: Die schriftgewordene Tradition ist als die
sprungen werden. geistgewirkte Tradition des Anfangs, als apostolische Tradition, also als Tradition
Da. die vorliegende Arbeit sich zum Ziel setzt, die theologischen Aussagen
Martin Luthers auf ihre Bedeutung für eine Theologie der Liturgie zu.befragen und 12 Deutlichste Konsequenz eines solchen unhistorischen Schriftverständnisses ist die von
Luthers Stellung in der liturgischen Tradition zu ermitteln, gebe ich einige Hinwei:- der lutherischen Orthodoxie entfaltete Lehre von der Verbalinspiration; vgl. die kritische
se zur grundsätzlichen Problematik der Entwicklung einer (systematischen) Theolo- Stellungnahme von Thielicke, Theologie des Geistes 253-257.
13 Vgl. die Aussage des Tridentinum zum Verhältnis von Schrift und Tradition (DS 1501):
gie der Liturgie. Bei der Erwähnung der Arbeiten von Hans-J oachim Schulz wurde ... hanc veritatem et disciplinam contineri in libris scriptis et sine scripto traditionibus
bereits«estgestellt, daß das wichtigste Prinzip ist, diese aus der Liturgie selbst zu ... omnes libros tarn Veteris quam Novi Testamenti ... nec non traditiones ipsas ...
entwickeln und nicht dogmatische Sekundärtraditionen oft recht gezwungen auf die pari pietatis affeetu ac reverentia suscipit et veneratur. Beide, Schrift und Tradition,
vorliegendeliturgische Tradition zu applizieren. Es muß also die (die Liturgie betreffen- dürfen nur im Lichte der Interpretation durch das kirchliche Lehramt verstanden
de) dogmatische Tradition im Lichte der liturgischen Tradition interpretiertwerden und nicht werden: vgl. DS 1507. Dasselbe im 1. Vatikanum: DS 3006f. Dieselbe Tendenz, Schrift,
Tradition und Lehramt ineinanderfließen zu lassen, läßt auch noch die Offenbarungskon-
umgekehrt. l1 stitution des 11. Vatikanischen Konzils "Dei Verbum" sagen (DV 10): Patet igitur Sacram
Traditionern, Sacram Scripturam et Ecclesiae Magisterium, iuxta sapientissimum Dei
consilium, ita inter se connecti ct consociari, ut unum sine aliis non consistat omniaque simul
singula suo modo sub actione unius Spiritus Sancti, ad animarum ~alutem efficacite;
Schrift und Traditidn
. I
conferant. Diesen Text (bzw. das ganze 2. Kap. der Konstitution) kann man wohl auch
anders interpretieren, als dies K. Rahner tut (Schrift und Tradition 445): "... so daß man
also lehren kann, die nachbiblische Tradition habe allein die Aufgabe, die Schrift als
solche zu tradieren, zu interpretieren, zu aktualisieren und ihre Implikationen zu entfal-
Eine Arbeit, in der von der Theologie Martin Luthers gehandelt wird. kann es sich ten, oder (vorsichtiger formuliert): die Tradition geschehe immer und in allem im Hören
freilich noch weniger als jede andere leisten, ein theologisches System unkritisch aus ~er Schrift, unter der Schrift als der kritischen Norm, die immer und in allem notwendig
der Tradition zu entwickeln. Es müssen hier deshalb einige Überlegungen zum 1st, um die ,göttliche' Tradition als Paradosis der Offenbarung in Christus von menschli-
vieldiskutierten Verhältnis von Schrift undTradition vor allem in seiner Relevanz chen Traditionen zu unterscheiden."
für .die Erforschung der Theologie der Liturgie angestellt werden. Die heutige " Vgl. die Ausführungen von Lengsfeld, Tradition und Hl. Schrift 475-494.
Ebd.493,
Theologie kann dabei zweifellos weder von einer in der lutherischen Theologie oft " In. diesem Sinne verwendet etwa O. H. Fesch in seiner theologischen Anthropologie (Frei
vorgenommenen diametralen Gegenüberstellung der beiden Größen ausgehen,
" sem aus Gnade. Theologische Anthropologie. Freiburg 1983) das Wort "Tradition"; vgl.
wobei die Tradition gegenüber dem unhistorisch verstandenen Zeugnis der z. B. das 5. Kap. (115-151) mit der Überschrift: "Der Mensch in der Sünde im Verständ-
nis der Tradition", wo auch die Sünde im AT und NT abgehandelt wird. Freilich betont
~esch die kritisch-normative Funktion des Schriftzeugnisses (nicht gegenüber, sondern)
11 Vgl. dazu H.-].Schulz, Hirtenamt 209-213, bes. 212f. lOnerhalb der so verstandenen Tradition (vgl. ebd. 40).
Einleitung 15

10,41), als "konkrete Gestalt ztlich in der "Konvergenz-Ökumene" überhaupt) die "Auflösung des Schriftprin-
hint,er1i:al,b:are Norm (norma non normata), s in das Traditionsprinzip"2t, indem etwa die Einsetzung der Sakramente nicht
jegli"he,",veiter,en 1'ra,litioDn. Zwischen Schrift und (nachfolgen- ehr in den der Kirche (nur) gegenüberstehenden Worten des historischen Jesus,
cle,n, b,esser: n:.dlfo,lg,en,JeJl 1r",di"io,nen besteht also ein unumkehrbares ndern in der Gemeindetradition gesehen wird, welche im Wirken Jesu "verwur-
G,er:!llle": aus der alle weiteren Traditionen entspringen; lt ist". Dadurch seien die Einsetzungsworte des Abendmahls nicht mehr Worte
prüfen, ob sie das Wasser aus der Schrift wohl noch hristi, die den Charakter der Verheißung tragen und die von der Kirche nur im
lauben angenommen werden können, sondern Gebetsworte der Kirche, wodurch
Tradition, kann nicht bloß darin bestehen, die Schrift zu wie- 'e ihre kritische Funktion verlieren und die Relation promissio - fides aufgelöst
d,erh()len, sondern sie hat den Inhalt der Schrift ~ also das Evangelium von Jesus Die Kirche ist dann nicht mehr Gegenüber, sondern Repräsentantin Chri-
Christus.7""" in der jeweiligen Zeit, unter den jeweiligen Denkvoraussetzungen und
Lebensbedingungenzu verkünden, also neu auszulegen, aber nicht neu zu schaffen. Hinter diesen kritischen Betrachtungen Slenczkas steht zweifellos ein berech-
Nun gehen Evangeliumsverkündigung (und Theologie) und die jeweiligen Denk- tigtes 23 Anliegen. Ihnen ist jedoch folgendes entgegenzuhalten: Es ist heute nicht
voraussetzungen und Lebensbedingungen eine enge Symbiose ein, sodaß eine klare mehr möglich (wie vielleicht noch in ·der Reformationszeit), innerhalb des Neuen
Scheidung.oftmals kaum durchführbar ist. Hier ist die Schrift das Kriterium dafür, Testaments die Worte Christi .klar abzugrenzen - weder indem man alle als solche
daß das Evangelium nicht verfälscht wird, daß es rein bewahrt wird, d. h. daß die überlieferten für historisch erklärt noch indem man mit Hilfe historisch-kritischer
Verkündigung mit dem Zeugnis der Schrift übereinstimmt. Eine solche mit dem Methoden die "ipsissima vox Christi" rekonstruiert (was bedeuten würde, den
Zeugnis der Schrift übereinstimmende Tradition ist nun auch selber Norm für den Glauben dem jeweiligen Stand der theologischen Wissenschaft auszuliefern). Hinter
Glauben (norma normata). die Verbindung Christus ~ glaubende Gemeinde als Trägerin des Kerygmas von
Das "sola scriptura" als unaufgebbarer Bestandteil des "reformatorischen Christus, ohne das es kein Christentum gäbe, kommen wir nicht zurück.24 Das
Propriums" scheint mir in der skizzierten Auffassung gewahrt. 19 Es wird jedoch Zeugnis von Christus ist uns nur durch die Verkündigung der Gemeinde zugäng-
von einer Reihe evangelischer Theologen (die natürlich in dieser - entscheidenden lich, und diese ist schon Interpretation der historischen Worte und Fakten. Das
- Frage ganz besonders sensibilisiert sind) quasi absolut gesetzt, sodaß die Schrift "reine Gottes- (oder Christus-) Wort"· ohne die Interpretation der Kirche gibt es also
in derartigen Konzeptionen aller Geschichtlichkeit enthoben und als monolithischer nicht.
Bloc~ jeglicher "Menschentradition" gegenübergestellt wird. Hinter diesem Ver- Aber, und das ist entscheidend: Diese Interpretation der Kirche ist ja nicht
ständrus des Schriftprinzips steht das zentrale Anliegen. (dem. sich die evangelische beliebig, sie ist gläubige Interpretation und deshalb Verkündigung; sie ist nicht Werk
Theologie im. allgemeinen bewußter stellt als die katholische). das Gegenüber von der Kirche, sie ist Werk des Heiligen Geistes, der in der Kirche und durch die
HerrundGemeinde, von Christus und Kirche zu wahren, also der Grundansatz der Kirche wirkt und das Wort Gottes immer wieder vergegenwärtigt. Die Verkündi-
Ekklesiologie~ Mit einer dßrartigen Auffassung ist in jüngster Zeit Reinhard Slencz- gung der· Kirche nun, die sich in der Schrift niedergeschlagen hat. ist sicher als
ka· gegen die Lima-Texte zu Felde gezogen. 20 Nach ihm zeigt sich in diesen (wie geistgewirkt anzusehen und deshalb nicht hinterfragbare Norm jeder anderen Ver-
kündigung. Grundsätzlich gilt aber für jede Verkündigung das gleiche: sie ist geistge-
17 Rahner, Schrift und Tradition 447. wirkt, wenn sie wahr ist - wenn sie wahr ist. Um die wahre von der falschen
18 Mir scheint es daher nicht ganz sachgemäß, wenn P. Lengsfeld postuliert (Tradition und Verkündigung (und die wahre von der falschen Kirche) unterscheiden zu können,
Hl. Schrift 487): "Vorausgesetzt, daß Schriftaussage und Dogmaaussage tatsächlich
dieselbe ,Sache' meinen, dürfte im Konfliktsfall eine Interpretation des Dogmas von der ist uns die Schrift (als gewiß wahr) Richtmaß und letztes Kriterium. Aber schon in
Schrift her ebenso legitim sein wie die Interpretation der Schrift vom Dogma her." der Schrift sind Christus und glaubende Gemeinde nicht voneinander zu trennen,
Woher nimmt man im KonfLiktsfall die Sicherheit, daß Schrift und Dogma dieselbe Sache ist das Wort Gottes nur im Kerygma der Gemeinde anwesend und nicht in einem
meinen?
19 Vgl. dazu Gloege, Art. Schriftprinzip 1541, zum "sola scriptura" bei Luther: "Die drei
durch dk ,particula exclusiva' (,allein') ausgezeichneten Größen bestimmen sich wechsel-
seitig: das )soJa scriptllra' wird nicht nur interpretiert, sondern auch qualifiziert durch das "
22
Ökumenische Erklärungen 217.
Vgl. Konvergenzerklärungen 16f.
mit dem personal verstandenen ,sola gratia< identischen ,soills Christus'. Beide aber 23
Nämlich nicht bloß das Anliegen, das reformatorische Proprium aufrechtzuerhalten,
werden durch das )soJa ftde' auf den Vollzug des Glaubens verwiesen, in dem der h1. Geist eben weil es reformatorisch ist. Es ist das schon erwähnte Grundanliegen, das jede
Christus als die wirksame Wahrheit der Schrift vergegenwärtigt. Luther kennt also kein Ekklesiologie entscheidend bestimmt und vor allem auf katholischer Seite viel mehr
absolutes Schrift-Prinzip, sondern nur das Miteinander der drei ,Prinzipien': Christus ~ Beachtung finden müßte, als dies bislang der Fall ist: die Priorität Christi gegenüber der
Schrift - Glaube." Kirche (die zwar sein Leib ist, aber Christus zum Haupt hat) nicht nur zu behaupten,
20 Vgl. seine beiden Aufsätze in KuD: Konvergenzerklärungen (1985), vor allem 15-18; sondern auch durchzuhalten.
Ökumenische Erklärungen (1986), vor allem 217. Vgl. dazu Thielicke, Theologie des Geistes 258-263.
16 Einleitung (iti.onsPrin,,,'P in der Liturgiewissenschaft 17

,,:An sich", das hoch über jedem menschlichen Wort schwebt. Tradition ist somit die olgend (vor allem auf katholischer Seite28) - völlig unterschiedliche Schluß-
immer neu gesprochene Verwirklichung des Kerygmas, das in ,ein für allemal erungen gezogen. ..
gültiger Weise in der Schrift vorliegt. Heute läßt die Einsicht in die uns vorliegenden Uberlieferungen über das
Es scheint mir deshalb eine legitime Vorgangsweise zu sein, systematische hiedsmahl, die nicht einfach miteinander harmonisierbar sind29 , nicht mehr
Theologie aus so verstandener Tradition zu entwickeln, wenn (freilich: nur wenn) on einer ganz klar erhebbaren Absicht Jesu auszugehen. Was uns überliefert
darauf die Gegenprobe -durchgeführt und ein derartiges -System mit dem letztlich <spiegelt letztlich die katechetische' Praxis der Gemeinden. Es ist also nicht
normierenden Zeugnis der Schrift konfrontiert wird. Im Konfliktsfalle ist zweifellos glich, eine Theologie der Eucharistie aus einem absoluten Stiftungswillen Jesu
immer die Tradition bzw. die Theologie nach der Schrift zu korrigieren. nicht die pzuleiten, der dann jede liturgische Tradition normiert. Wir haben vielmehr bereits
Schrift im Lichte einer späteren Tradition (oder lehramtlichen Entscheidung) zu nerhalb des Neuen Testaments die (geistgewirkten!) Gemeindetraditionen auf
interpretieren; letzteres würde zu einem verderblichen Dogmatismus führen. ~inen dahinterliegenden Stiftungswillen Jesu zu befragen und haben dann die.ganze
so bedeutsame Mahlpraxis des vorösterlichen und des auferstandenen Jesus ins
Auge zu fassen.3 0 Es ist eine unverständlich apologetische, ja dogmatistische
Bedeutung des Traditionsprinzips in der Liturgiewissenschaft Haltung, wenn etwa sich betont. lutherisch gebende Theologen diese exegetische
Situation überhaupt nicht in Rechnung stellen und die Einsetzungsworte Jesu -
weil es eben so sein muß, sonst wäre das reformatorische Proprium verloren -
Es ist nun auf das erwähnte Prinzip systematischer Liturgiewissenschaft zurüc,kzu-
isoliert allem Tun der Kirche (ungeschichtlieh) gegenüberstellen. 31
kommen, daß eine Theologie der Liturgie zunächst aus der liturgischen l)adition
Zu diesen Schwierigkeiten, die schon innerhalb der Schrift grundgelegt sind,
zu entwickeln ist, und die Frage zu stellen, wie sich diese zu den Aussagen der
kommt ein weiteres Faktum: Wie noch zu zeigen sein wird, hat sich im zweiten
Schrift verhält. Wäre es nicht richtiger oder sogar einzig richtig, von den Aussagen
Jahrhundert innerhalb der Kirchengeschichte und also auch in der Liturgiege-
der Schrift auszugehen und sodann die liturgischen Traditionen aufihre Überein-
schichte eine tiefe Zäsur ereignet, der Übergang vom fundamental charismatischen,
stimmung mit ihnen zu befragen?
prophetischen, zentral von der Naherwartung bestimmten Christentum zur "früh-
Einer solchen, an sich natürlich am nächsten liegenden Vorgangsweise stellen
katholischen Kirche"32, die sich in der Welt etablieren muß (ohne "von der Welt"
sich jedoch beträchtliche Schwierigkeiten in den Weg:
zu sein), die die apostolische Tradition, das apostolische Kerygma bewahren und
Betrachtet man zunächst die, umfangreiche bisherige Diskussion ,i,iber das
weitergeben muß, die daher ein in dieser Form der "Urkirche" fremdes Amt
Herrenrttahlverständn,is (bzw. die Berrenmahlverständnisse) im Neuen Testa-
entwickelt (das aber in dieser neuen Situation für die Kirche konstitutiv ist) und die vor
ment 25, g~winnt ,man zuerst einmal den',Eindruck, eines heillosen Durcheinap.de~s.
allem darauf zu achten hat, daß sie nicht aus der kirchlichen Tradition lebt, weil es
Ein Konsens darüber ist nicht in Sicht., Wovon ,hat man,auszugehen?,KlaS,sisch~r
eben die kirchliche Tradition ist, sondern aus dem immer neu gesprochenen Wort
Ausgangspunkt war immer das "Abs<;hiedsmahlO< ]esu mit seinen ]-tingern,alsPclas
Gottes, Wort Christi selbst, das sie je neu im Glauben annimmt. Dies letztere, der
Mahl" anläßlichdessen uns die Evangelien die ,;Einsetzungsworte~'übet:lieff:rn~26
Grund und Fels der Kirche, wird ganz wesentlich auc!J33 von der Liturgie gewähr-
Obgleich evangelische wie katholische Theologie das Abschiedsmahlals "erste
leistet. Die Liturgie erfahrt deshalb etwa ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts eine
Messe" ansah27, wurden (und werden) daraus -einem dogmatischenVorverst~nd-
sehr wesentliche Umgestaltung, und erst in dieser Gestalt liegen uns die liturgischen
Traditionen vor, wenn man von den einzigartigen Texten der Didache (K~p. 9 und
25 Vgl. die Übersicht bei Feld, Abendmahl4-76.
10) absieht. Was die Eucharistiefeier betrifft, so ist das älteste uns erhaltene Euchari-
" Vgl. die Ausführungen des Trienter Meßopfer-Dekrets: DS 1739----:174,l.NochJung-
mann, Missarum Sollemnia I 9-12, geht als selbstverständlich davon aus.
Für die evangelische Seite vgl. das berühmte liturgische Prinzip Luthers: Iam Missa
quanta vicinior et similior primae omnium Missae, quam Christus in caena fedt, tanto 28 Hier sah man bereits im Abendmahl ein Opfer! Vgl. DS 1740: [Christus] corpus et
Christianior (WA 6/52325f, De Captivitate 11 WA 6/3553f, Sermon von dem Neuen sanguinem suum sub spedebus panis et vini Deo Patr.i obtulit .. : .
Testament). Auf katholischer Seite sah man ~ vom heutigen Standpunkt aus·muß rrian 29 Vgl. die verschiedenen Fassungen des Kelchwortes bel Mk/Mt emerseItS, Pl/Lk ander-
fast sagen: absurderweise - im Abschiedsmahl nicht nur die erste Messe, sondern auch seits.
die Priesterweihe der Apostel durch Christus (DS 1752). VgI. noch aus der Homilie Papst 30 Vgl. den Ansatz bei Kühn, Art. Abendmahl 201f; ebens~ Panne~~erg, Lima ~ 1.
]ohannesPauls II. in der Chrisam-Messe am Gründonnerstag (12.4.) 1979: ;"Proprio 31 So tun es Beißer, Thesen 26; Volk, Mahl des Herrn 37f, in threr Kntlk an den Llma-Tex-
oggi siamo chiamati a vivere questo giomo: festo dei sacerdoti. Oggi padano nuovamen- ten.
te ai nostri cuori i misteri del cenacolo, dove Cristo, con la prima Eucarestia, ha 32 Leider ist dieser Begriff negativ belastet; es muß vor allem dem Mißverständnis gewehrt
pronunciato: ,Fate questo in memoria di mee, istitllendo COSt' il Sacramento dei sacerdozio" werden, dieser "Fruhkatholizismus" laufe notwendig auf den römischen Katholizismus
(AAS 71 [1979] 576). Auch die wohl äußerst problematische "Erneuerung der Bereit- hinaus.
schaftserklärung zum priesterlichen Dienst" in der Chrisam-Messe weist in diese Richtung. 33 Natürlich etwa auch vom sich nun bildenden Kanon der Heiligen Schriften.
18 Einleitung Sysüm,ati.rche Lutherforschung 19

stiegebet das der "Apostolischen Überlieferung" Hippolyts aus dem Anfang des Die Attacke, die Peter Manns 1967 gegen Pesch geritten hat35, gipfelt in der
dritten. Jahrhunderts, .und dieses zeigt . eine theologische Struktur, auf die sich entscheJidendenThese: "Von einem katholischen ,Konsens' mit Luther kann nur die
letztlich alle ,bedeutenden großenLiturgietypen - vor allem die syrisch-antiocheni- sein, wenn er sich als theologisch und inhaltlich bestimmte Übereinstimmung
sehe· Hochgebetstradition,'· deren· bedeutendste Formulare die Basileios- und die historischen Luther mit der zeitgenössischen Lehre der Kirche erweisen
Chrysostomosanaphora der byzantinischen Liturgie· sind....:. zurückführen lassen. läßt. "36 Sie hat sicherlich dazu beigetragen, Berechtigung und Methode der
Dies hat für die Entwicklung einer. Theologie der Eucharistie im Sinne syste- systematischen Lutherforschung weiter zu überdenken und zu präzisieren. Heute
matischer Liturgiewissenschaft folgende Konsequenzen: Ich werde ausgehen von dürfte woW deutlich sein, daß die angeführte These von Manns so nicht haltbar ist,
den großen liturgischen Traditionen - kommentiert (aber nicht eigentlich interpre- würde sie doch letztlich darauf hinauslaufen, daß die katholische Theologie (ung die
tiert in: dem Sinne, daß sie notfalls dieser Interpretation akkomodiert. werden katholische "Frömmigkeit") von Luther - den niemand anderer als eben Manns
müssen) von den Vätern. Es muß dann aber als unerläßliche Gegenprobe die "Vater im Glauben" genannt hat37 - höchstens insoweit zu lernen hätte, als bei
Durchleuchtung der dabei gewonnenen Ergebnisse durch die Aussagen der Schrift Luther "katholische Reste", "katholisches Gut" anzutreffen sind, nicht jedoch vom
sich anschließen; es müssen sich also die liturgischen Traditionen nicht nur als dem eigentlichen "reformatorischen Proprium", etwa vom Luther von 1520 ("De capti-
Zeugnis der Schrift nichtwidersprechend, sondern als dort schon angelegt erweisen vitate"!). Genau diesen Ansatz, dler grundgelegt wurde von Joseph Lortz, zeigen die
lassen (wenn auch nicht zwingend, denn die· Situation, in der die Liturgien entstan- teilweise überraschend eigenartigen Ausführungen von Erwin Iserloh in einem
den sind, unterscheidet sich eben grundlegend von der "apostolischen Zeit" der 1981 in Tutzing gehaltenen Referat mit dem Untertitel: "Ist das Reformatorische
Schriftentstehung). kirchentrennend?"38 Der Zentralsatz Iserlohs lautet (84f): "Nach meiner Meinung
Das··bedeutet konkret, daß als erster Teil, beginnend mit dem paulinischen kommen wir hier wie mit Luther überhaupt nur zurecht, wenn wir die polemischen
Herrenmahl, eine Skizze (um mehr kann es sich hier nicht handeln) der geschichtli- Positionen Luthers von 1519/21 als situationsbedingt relativieren und als von ihm
chen Entwicklung und der theologischen Aussagen der Liturgien (d. h. hier vor wie von den Bekenntnisschriften nicht durchgehalten aufzeigen. Dann müssen wir
allem der Eucharistiegebete) in der frühen Kirche vorgelegt wird; damit bereits es uns aber auch verbieten, immer wieder auf die Auffassungen des Luther von
verbunden, wird das Fundament in der Schrift wenigstens aufzuzeigen versucht. 1519/20 zurückzugreifen, auf Ansichten, die vom späteren Luther, erst recht aber
Diese historische Skizze muß bis auf die· Zeit Luthers ausgedehnt werden, um die von der Confessio Augustana, längst überwunden sind." Stimmt man dem zu, muß
spezielle Situation des Reformators, die ja doch Ergebnis auch vieler Fehlentwick- man konsequenterweise Luther als für die katholische Theologie irrelevant abha-
lungenund Einseitigkeiten ist, zu verstehen. In diesem Rahmen müssen sodann die ken. Es kann doch niemand ernsthaft bestreiten, daß in Luthers Aussagen von
liturgischenund theologischenBemühungen Luthers nach ihrem Stellenwert erör- 1519/21 die Mitte seiner Theologie zu suchen ist; ein um das verkürzter Luther ist
tert werden. verharmlost, für einen zweifelhaften katholischen "Hausgebrauch" zurechtgestutzt,
letztlich uninteressant. Vor einer solch einseitigen Beschäftigung mit der Theologie
Systematische Lutherforschung Luthers warnte wieder niemand anderer als - Peter Manns, der hier eine "Ökumene
auf Kosten Luthers", ja ohne Luther befürchtet. 39
Die umrissene Fragestellung ist nun freilich rein historisch inadäquat. Es soll ja
nicht bloßversucht werden, Luthers Gottesdienstverständnis Vor dem Hintergrund
zeitgenössischer (leicler allzu häufig Fehl-) Entwicklungen als deren Konsequenz
bzw. Negation darzulegen, eventuell seine etwa einseitigen (wenn nicht falschen, 35 Manns, Lutherforschung heute.
respektive häretischen) Konzeptionen zu entschuldigen. Es soll vielmehr der positi- 36 Ebd. 43 (Hervorhebung von mir).
ve Beitrag Luthers zu einer systematischen Liturgiewissenschaft erhoben werden, 37 Vgl. z. B. Manns, Gültigkeit und Tauglichkeit des Lortzschen Ansatzes 37f.
38 Iserloh, Luther und die Kirchenspaltung. Vgl. seine Bemerkungen zum Kirchenbegriff
und das geht nur in Konfrontation mit einer genuinen Theologie der Liturgie, die
83f, vor allem zum Amtsverständnis 84-86. Iserlohs Äußerung: "der Luther von 1520
jedoch nicht aus der liturgischen Tradition (und Praxis) desSpätmittelalters und kennt kein Amt göttlichen Rechts über das allgemeine Priestertum hinaus" (84) läßt sich
auch nicht aus den zeitbedingten Dekreten des Trienter Konzils gewonnen werden etwa ein Satz aus der Hir Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum wichtigen Schrift
kann. In die systematische Beschäftigung mit Luther eintretend beschränke ich mich "An den christlichen Adel" entgegenhalten: "Ich wil reden von dem pfarr stand, den got
zu deren Begründung unter Bezugnahme· auf· den Meister dieses Faches, Ütto eingesetzt hat, der ein gemeyn mit predigen unnd sacramenten regierenn muß ..." (WA
6j44124f). Daß Luther die göttliche Stiftung des Amtes später wesentlich deutlicher zur
Hermann . Pesch34 , auf knappste Bemerkungen. Sprache brachte, hängt sicherlich mit der veränderten Frontstellung zusammen; die
Front, an der er 1520 zu kämpfen hatte, bestritt die göttliche Stiftung des Amtes
Vgl. vor allem seine riesige Arbeit: Theologie der Rechtfertigung; ferner: 20 Jahre natürlich nicht.
katholische Lutherforschung; Gerechtfertigt aus Glauben 95-144. 39 Vgl. Manns, Katholische Anerkennung der CA.

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20 Einleitung Systematische Lutherforschung 21

Ohne damit den "Lortzschcn Ansatz" insgesamt als überholt anzusehcn40, Thema darauf zurückführen lassen muß.45 Es ist selbstverständlich, daß wie jeder
muß doch festgehalten werden: Um Luthcr für die katholische Theologie fruchtbar Theologe so auch Martin Luther eine Entwicklung durchgemacht hat, daß sich in
zu machen, ist es notwendig, über den rein historischen Vergleich mit der zeitgenös- seinen AnHingen vieles erst (immer auch unter konkreten Einwirkungen von außen,
sischen Lehre der Kirche hinauszugehen und die Anliegen, Anfragen, Kritiken, vor allem im Streit mit der Papstkirche) klären mußte, aber ich gehe davon aus, daß
Konzeptionen Luthers aus heutiger Sicht zu prüfen. \X/as diese Prüfung besteht, hat wenigstens die Römerbrief-Vorlesung schon als vollgültiges Zeugnis der Theologie
auch für die heutige katholische Theologie Relevanz, hat das Recht, ernst genom- des "ganzen Luther"" zu gelten hat. 46 Gerade in der Römerbrief-Vorlesung findet
meD zu werden. Dabei ist der gam-:c Luther zu fragen, nicht nur der frühe, "vorrc.- sich der Satz, den ich' als Leitmotiv über die ganze Theologie Luthers schreiben
formatorische", noch "katholische", auch nicht nur der späte, eventuell wieder würde: "Und so wandelt er uns in sein Wort, nicht aber sein Wort in uns" (WA
"katholisierende", der um die Positionen der entscheidenden Jahre um 1520 ent- 56/22740. Freilich gilt trotz dieser grundsätzlichen Bewertung, daß die für die
schärfte Luther. Theologie Luthers charakteristischen und ihr ihre Eigenart gebenden (wenn man so
Der letzte Satz impliziert die sehr diffizile, kontroverse Frage: Was ist der will: "genuin reformatorischen") Positionen in einer Reihe wichtiger Fragen (gerade
"ganze Luther"? Diese Frage ist zweifach, so:zusagen einmal in quantitativer, dann auch in der hier besonders wichtigen Sakramententheologie) in den Jahren um 1520
in qualitativer Hinsicht zu stellen. bezogen sind. Die Schriften dieser Ja1:lre - etwa vom ziemlich allgemein schon für
In quantitativer Hinsicht ist es die berühmte Frage nach der "reformatorischen "voll reformatorisch" gehaltenen "Sermo de duplici iustitia" (wohl Palmsonntag
\X/ende" Luthers. 41 Peschs Unterscheidung :zwischen "reformatorischer \Xlende", 1518) bis 1521/22 - haben daher kriteriologische Bedeutung für die Erhebung der
die 1514/15 anzusetzen ist42 , und "reformatorischem Durchbruch" im Frühjahr Theologie des "ganzen Luther"'.47 Positionen des Frühwerks, die in diesen Schrif-
1518 vor dem "Sermo de duplici iustitia"43 hat sich grundsätzlich als durchaus ten eindeutig revidiert sind,gehören also nicht dazu. Umgekehrt läßt sich jedoch
hilfreich erwiesen. Was den Inhalt und somit auch die Relevanz dieses "reformatori- nicht sagen, daß Aussagen, die im Frühwerk sehr deutlich herausgestellt werden
sehen Durchbruchs'" betrifft, so zeigen die verschiedenen vorgelegten Antworten und später mehr oder weniger zurücktreten, eo ipso als "vorreformatorisch(' und
ganz klar, daß eine solche entscheidend von einem Vorverständnis über das "refor- deshalb für die Theologie Luthers höchstens entwicklungsgeschichtlich interessant,
matorische Proprium" abhängt. 44 Die Diskussion hierüber scheint mir einigerma- nicht aber tatsächlich relevant sind: 48 Das wird besonders bei der Bewertung des
ßen verfahren zu sein, eine allgemein anerkannte Lösung zeichnet sich nicht ab. Weil Abendmahlssermons von 1519 zu berücksichtigen sein.
ich auf diese Problematik nicht im einzelnen einzugehen, sondern vor allem zu Wenn man von "reformatorischer Wende" oder "reformatorischem Durch-
fragen habe, welche von den "Frühschriften" Luthers (vor 1518) als für den "gan:zen bruch'( spricht, so meint man damit meistens die endgültige Gewinnung der
Luther" maßgeblich zitiert werden dürfen, beschränke ich mich auf :zwei Bemerkun- eigentlich reformatorischen Theologie, die zur katholischen Theologie (entweder
gen: zur zeitgenössischen oder -leider häufiger - zu einem absolut gedachten "Katholi-
Ich gehe aus von der grundsätzlichen Einheit der Theologie Luthers. Ich sehe zismus") in Gegensatz steht, manchmal hat man fast den Eindruck: zu stehen hat.
keinen Bruch etwa zwischen einer frühen, "vorreformatorischen" Humilitas-Thco- Es wäre also die Wende Luthers weg von der katholischen Position zur "evangeli-
logie und einer "reformatorischen" oder "voll reformatorischen" Theologie, die schen Wahrheit"; die Betonung liegt auf "Wende"..Mir legt sich immer mehr die
z. B. vom Wort als Gnadenmittel (E. Bizer) oder von der zentralen Bedeutung der Vermutung nahe, eine sachgerechte Behandlung des Problems sollte die Betonung
Relation promissio - fides (0. Bayer) so bestimmt ist, daß sich praktisch jedes andere auf "reformatorisch" legen. Was hieße das? Die Wende Luthers liegt nicht so sehr
in einer mit einer zeitlos verstandenen .,katholischen Wahrheit" (bzw. von ortho-
dox-lutherischem Standpunkt gesehen: einem "katholischen Irrtum"') unverträgli-
'" Zu der im Lortzschen Ansatz steckenden Dynamik die beim erwähnten Referat
Iserlohs leider nicht zum Tragen kommt - vgl. Manns, Gültigkeit und Tauglichkeit des chen Theologie - obwohl die Theologie, daran ist nicht im geringsten zu zweifeln,
Lortzschen Ansatzes, vor allem 32 39. Höchst beachtlich sind Manns' Ansätze zur
Betrachtung der "Häresie" Luthers: Luther ist "simul Haereticus et Pater in Fide", er
wird "um der \X'ahrheit willen Häretiker", "womit der Häresie-Begriff analog zum 45 Eine solche klare Scheidung von Humilitas-Theologie (auch noch in der Römerbrief-
Sünden-Begriff im ,Simul' zweifellos eine neue Qualität erhält" (38). Freilich: Ist ein Vorlesung) und "reformatorischer Theologie" wird auch von M. Brecht im ersten Band
so gebrauchter Häresie-Begriff nicht cloch zumindest mißverständlich? seiner Luther-Biographie durchgeführt (Brecht, Luther I z. B. 129-137).-Freilich bestrei-
Vgl. dazu vor allem die bciden Forschungsüberblicke von Pesch: Luthers reformatori- tet niemand, daß schon in der insgesamt "vorreformatorischen" Humilitas-Theologie
sche Wende; Neucre Beiträge. reformatorische Elemente oder Ansätze stecken.
Vgl. Pesch, Neuere Beiträge (1984) 125. 46 Was die "Dictata super Psalterium" betrifft, so maße ich mir darüber kein Urteil an; ich
V gl. ebd. 124f. werde sie in dieser Arbeit nicht heranziehen.
Mit sympathischer Offenheit wird diese Grundtatsache von Baver, Prornissio, zugege- 47 Vgl. die Darlegungen von Pesch, Theologie der Rechtfertigung 20f.
ben. Das Kriterium Bayers ist die Relation promissio -- fides, wie sie klassisch io."De 48 Dieses Prinzip wird auch von Mc eue, Mass as S,acrifice 209, der Untersuchung zugrunde
captivitate" formuliert ist. gelegt.
22 Ein/eittmg Fragestellung dieser Arbeit 23

das Fundament der reformatorischen Wende darstellt sondern zunächst in der Ecclesiae" - und zwar in der Konzeption: Gott rechtfertigt den sündigen Menschen
Tatsache, daß der Punkt erreicht war, an dem Luther klar wurde, daß die Reforma- durch sein im Glauben ergriffenes Wort, das Jesus Christus ist. Jesus Christus als
tion kommen müsse. Dieser Punkt war damit erreicht, daß Luthcr von der Schrift das Wort Gottes, das uns rettet, steht also in der Mitte der Theologie Luthers 52,
her theologische Grundeinsichten gewonnen hatte, die cr in der damaligen Kirche auf ihn muß alles in den einzelnen "Lehrstücken" bezogen werden, in jeder der
nicht ernstgenommen sah, ja gegen die die Kirche als ganze - jedenfalls ihre Einzellehren muß die Rechtfertigung "propter Christum" "sola fide" durchschei-
offiziellen Vertreter mit dem Papst an der Spitze - heftigst ankämpfte, ganz offenbar nen.
etwa beim Verhör Luthers vor Cajetan im Herbst 1518 49 . Dieser Kampf der
Kirche gegen das, was für Luther das Zentrum des christlichen Glaubens war,
brachte neue Einsichten, ja überhaupt neue Themen auf dem Felde der Ekklesiolo- Fragestellung der vorliegenden Arbeit
gie mit sich. Erst dadurch, durch die Notwendigkeit der Reformation der Kirche
und durch für die damalige Kirche unannehmbare (was aber nicht heißt: schlechter-
ding.r unannehmbare) ekklesiologische Positionen 50 haben die theologischen Ent- Dies hat zur Folge, daß der Liturgiker Luther nicht isoliert zu betrachten ist, nicht
würfe Luthers reformatorischen Charakter. Nicht die Herausarbeitung einer spezifisch nur die Vernetzungen der Gottesdienstvorschläge Luthers mit dem zeitgenössi-
"reformatorischen Theologie", die aus sich heraus auf die Reformation der Kirche schen liturgischen Leben zu beachten sind, nicht nur die Verwurzelung der Sakra-
drängte, sondern deren situations bedingte tragische Kollision mit der damaligen, mententheologie Luthers in der scholastischen zu untersuchen ist, sondern daß die
vermeintlich einzig wahren Kirchenlehre hat zur so verstandenen "reformatori- Gottesdienstreform Luthers nur im Hinblick auf das Zentralanliegen, die Rechtfer-
schen \X/ende" geführt. tigung sola fide, sachgerecht zl..lerfassen ist. Es hilft also wenig weiter, nur Luthers
Dies hat zur Konsequenz, daß dringend zu fragen ist, ob die spezifisch "refor- liturgische Formulare mit den traditionellen Liturgien zu vergleichen oder einzelne
matorischen" Positionen Luthers tatsächlich ex scse kirchenrrcnnend sind oder nur liturgische Reformen wie die Einführung der Volkssprache grundsätzlich zu begrü-
in der damaligen speziellen (für die Papstkirche wahrlich nicht allzu günstigen) ßen. Um Luthers Stellenwert ftir die systematische Liturgiewissenschaft festzustel-
Situation faktisch kirchentrennend \varen. \X/ir haben also heute zu prüfen, ob das len, ist es vielmehr nötig, Luthers ganze Theologie, besonders aber seiIle Rechtferti-
"reformatorische Proprium" nicht auch eine Möglichkeit der katholischen Theolo- gungslehre einzubeziehen und nach Strukturen im Vorgang der Rechtfertigung zu
gie ist - und damit sind wir "\vieder bei der Berechtigung, ja Notwendigkeit fragen, die eine Aufgabe haben, die traditionellerweise die Liturgie zu erfüllen hat.
systematischer Lutherforschung angekommen. Dahinter steht letztlich diq Überzeu- Es muß also der "ganze Luther" in diesem Sinne befragt werden, um effektive
gung, daß die Theologie Martin Luthers ein gewaltiges ökumenisches Potential Resultate zu erhalten, die auch ökumenisch tragfahig sind, denn mit bloß partiellen
darstellt. Übereinstimmungen in Einzelaussagen ist ein etwa vorhandener "Grunddissens"
Es ist nun die Frage nach dem "ganzen Luther" in qualitativer Hinsicht 7.U keineswegs aufgehoben.
beantworten. Es geht hiebei um das Problem der Mitte von Luthers Theologie, um An diesem Fehler der Isolierung der Fragestellung leiden meines Erachtens
sein 7.cntrales Anliegen, im Verhältnis zu den EinzeUehten und -aussagen. Friedrich zwei Arbeiten katholischer Autoren, die der ThemensteIlung dieser Arbeit nahe
Wilhelm Kantzenbach hat 1966 als Grundansatz einer kontroverstheologisch kommen. Ferdinand Pratzner (Messe und Kreuzesopfer. Die Krise der sakramenta-
fruchtbftren Llltherforschllng postuliert: "Wir müsscn I.llthers Gesamtanliegen, len Idee bei Luther und in der mittelalterlichen Scholastik) hat überzeugend nachge-
nicht einzelne seiner Allßerungen, mit dem heutigen Katholizismus konfrontie- wiesen, daß die altkirchliche Konzeption des Sakraments, die ganz zentral von der
ren. "51 \"XTenngleich natürlich in einer Arbeit nur einzelne Aspekte der Theologic Anamnese bestimmt ist, in der Scholastik (letztlich seit karolingischer Zeit) auf-
Luthers hcrausgegriffen werden können, so muß deren Darstellung und Interpreta- grund der nur mehr psychologisch gedeuteten Anamnese nicht mehr verstanden
tion (und Konfrontation, in diesem Fall mit der systematischen Liturgiewissen- wurde. Pratzner kommt dann für Luther zum gleichen Ergebnis, indem er seine
schaft) immer im Blick auf dieses Grundanliegcn durchgeführt werden. Dieses liegt liturgischen Schriften und Aussagen analysiert: Weil Luther wegen seines falschen
nach Luther selbst in der RechtfertigungsIchre, dem "articulus stantis et cadcntis Anamnese-Begriffs die Einheit von Messe und Kreuzesopfer nicht sehen konnte
(wie eben die Scholastik auch), so hat er - konsequenterweise - den Opfercharakter
V gl. dazu Pesch, Neue Kirche bauen. der Messe verworfen. Luther ist also letztlich Opfer der Krise der sakramentalen
Es ist keinesfalls ein Zufall, wenn sich das heutige ökumenische Gespräch gerade immer Idee und konnte deshalb keinen positiven Beitrag zur Sakramententheologie leisten.
wieder auf ckkJesiologische Fragen konzentriert, die an sieh zweitrangig sind, jedoch der Zum praktisch gleichen Ergebnis kommt aus liturgiemstorischer Betrach-
Kirchenspaltung anscheinend vom ersten rvfoment an zugrunde liegen, und zwar als das
tungsweise Hans Bernhard Meyer in seiner Untersuchung: Luther und die Messe.
eigentliche Zentralthema. Der entscheidende Kontroverspunkt war wohl letztlich nie die
RechtfertigungsIchre an sich, sündern das Verhältnis von Rechtfertigung llnd Kirche.
Kantzenbach, Lutherfofschung 351. 52 V gl. dazu Maurer, Einheit der Theologie Luthers.
24
Einleitung

Eine liturgiewissenschaftliche Untersuchung über das Verhältnis Luthers zum Meß-


wesen des späten Mittelalters. Luther sah wohl vieles im spätmittelalterlichen
Theologie der Messe nach dem Zeugnis der liturgischen
Meßwese~. was reforrnbedütftig war, protestierte auch gegen vieles in Theologie Überlieferung der Alten Kirche
~d ~~a~s, aber letztlich blieb er Gefangener des Systems: Er führte Ansätze, die
~m Spatnut~elal~er gegeben waren, sogar bis zur letzten Konsequenz durch und war
~:denfalls mehr l~sta~de, die Meßpraxis des Spätmittelalters durch eine theologisch Zum Herrenmahl im Urchristentum
uberzeugende LltUrglereform zu überwinden.
Hans-Christoph Schmidt-Lauhers Buch "Die Eucharistie als Entfaltung der die hier mit dem Wort "Urchristentum" (notdürftig) zusammengefaßte Zeit bis
ve:ba. test~menti" trägt der für die Abendrnahlsauffassung und -reform Luthers zur Mitte des 2. Jahrhunderts, der als Zeit der Abfassung des neutestamentli-
kI1te!lol~glschen Bedeutung der Rechtfertigungslehre in größerem Ausmaß Rech- Schrifttums (2 Petr ums Jahr 140), als Zeit der Apostel und charismatischen
nung. SeIn Vergleich des lutherischen Gottesdienstes mit der altkirchlichen Eucha- Propheten grundlegende Bedeutung zukommt im Hinblick auf Lehre und Leben
ristie fragt jedoc.h zu ~nmittelbar nach strukturellen Analogien. ohne gebührend zu der Christen, stehen uns für die Eucharistiefeier nur sehr spärliche Quellen zur
beachten, daß die gleIche Idee sich in verschiedener Weise in konkrete liturgische Verfügung. Dieses Material, das uns im wesentlichen in der Apostelgeschichte und
Gestalten umsetzen kann. Sein· Urteil über die Luthersche Meßreform rallt daher in den paulinischen Briefen, auch in den synoptischen Evangelien1 sowie in der
recht negativ aus, da die altkirchlichen Strukturen im lutherischen Gottesdienst des Didache vorliegt, ist sehr disparat und läßt es nicht zu, von einer einheitlichen Feier
16. ~a~rhun~e~ts nur in bescheidenem Ausmaß aufzufinden sind - dieser ist ja in und Theologie des Hettenmahls zu sprechen.
expliZIter KrItIk an der herkömmlichen Meßstruktur entstanden. Was zunächst die Jerusalemer Urgemeinde betrifft, so haben wir bloß die
Alle ,drei Ar~eiten" die im Ra~en ihrer Fragestellung durchaus folgerichtig dürftigen Hinweise der Apostelgeschichte 2,42: "Sie hielten an der Lehre der
a~guqlen~Ieren. hatten Jedoch meInes Erachtens zu einem positiveren Resultat Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und an den Gebeten"; sowie
~uhr:n konnen,· wenn sie ihre Fragestellung erweitert und Luthers Gesamtkonzep_ 2.46: "Sie brachen KU't' oIKov das Brot". Was mit dem "Brotbrechen" gemeint ist,
tlo,n InS Aug~ gefaßt hätten. Es soll deshalb in dieser Arbeit gefragt werden, ob es läßt sich nicht mehr erheben, es handelt sich jedenfalls um eine Mahlzeit2 , zu der
bel Luther mcht doch Strukturen gibt, die ihre genuine Heimat in der Liturgie nach Apg 2,46 die Gemeinde täglich "häuserweise" (oder "zu Hause": KU"!"' otKOV)
haben ~d deshalb heute für den Aufbau einer systematischen Liturgiewissenschaft zusammenkam. Das Mahl hatte schon für Jesus und seine Basileia-Verkündigung
nutzbar gemacht werden können. Dies soll so vor sich gehen, daß, ich Luthers eine sehr bedeutsame Rolle gespielt, seine Mahlzeiten gerade mit den Sündern waren
Auffassung von der Rechtfertigung als Wortgeschehen, als Prozeß, von der Bedeut- Zeichen der durch sein dienendes Wirken (Mk 10,45; Lk 22,27)3 angebrochenen
samkeit de.~ G~betes in diesem Prozeß (der damit dialogischen Charakter hat) und eschatologischen Gottesherrschaft bzw. der Annahme gerade der Sünder durch
vom Verhältrus von Rechtfertigung und Kirche zu skizzieren versuche53 um in Gott. 4 Das Motiv der endgültigen Herrschaft Gottes spielt auch im Abschieds-
e~nem z:veit~n Schritt in dieser Konzeption Strukturen ausfindig zu machen: die für mahl Jesu eiue wesentliche Rolle (Mk 14,25/Mt 26,29; Lk 22,16.18). Das "Brotbre-
dIe altklrchhche Liturgie fundamentale Bedeutung haben. Diese Strukturen sollen ehen" der Urgemeinde stand sicherlich in Kontinuität mit den Mahlfeiern Jesu und
s~dann auch in Luthers Eucharistielehre gesucht werden, und auf dieser Basis kann seiner Jünger, setzte diese fort und war von eschatologischer Erwartung und
~e Meßreform Lutpers dann beurteilt und in die liturgische Gesamttradition Freude geprägt (Apg 2,46: tv aran",,,,,'). Ob freilich darüber hinaus das
eingeordnet werden,- Abschließend sei in einem Ausblick auf die Relevanz dieser
~efor~ bz:v. des dahinterstehenden theologischen Konzeptes .f~r unsere heutige Von einer Auswertung des Joh (vor allem der der "kirchlichen Redaktion" zuzuschrei-
SituatlOn hingewiesen. benden Verse 6,51c-58: vgl. Bultmann, Das Evangelium des Johannes [KEK 11. Abt.].
Göttingen 161959, 162, und Becker, Joh-Ev. 1 219-221) wird hier abgesehen. Vgl. die
kurze Übersicht bei Delling, Art. Abendmahl 57f, oder Feld, Abendmahl 67-74.
2 Ob dabei nur Brot gebrochen wurde, wie Lietzmann, Messe und Herrenmahl 239f,
annimmt, ist fraglich. Vgl. F. Hahn, Urchristliches Herrenmahl 556f.
L\WKOVEiV bedeutet sehr oft das Bedienen bei Tisch. In den Mählern Jesu konkretisiert
sich sein ganzes Lebenswerk. Vgl. Roloff. Heil als Gemeinschaft 98f.
4 Vgl. Marxsen, Abendmahl 20; F. Hahn, Urchristlicher Gottesdienst 21f; ders., Urchristli-
ches Herrenmahl 553. Zur alttestamentlich-jüdischen Mahlmetaphorik vgL Klauck,
Herrenmahl 64-66.
53 Vgl. Bultmann, Art. ayctAAtaOllctt: es ist "die eschatologische Heilstat Gottes, der der
Dabei k.ann ich insofern nicht "Lutherforschung" leisten, als keine sensationellen neuen Jubel gilt" (19). Cullmann, Urchristentum und Gottesdienst 18f, unterstreicht die Ver-
Er~ebnJ,sse zu erwart~n sind. .Mein.e A.ufgabe ist es vielmehr, die vorliegenden Ergebnis- bindung dieses in ayctAAictcrt~ gefeierten Mahles mit dem Auferstehungsgedanken
se 1m Llcht systematIscher LltUrglewlssenschaft zu interpretieren und zu werten.
allgemein und mit den nachösterlichen Mählern Jesu mit seinen Jüngern im besonderen.
26 Herrenmahf im Urchristentum 27
1 Kor

"Brotbrechen" das Proprium der Tradition vom Abschiedsmahl ]esu, nämlich die etschmarl1 und Wengst t2 , die Eucharistie im Sättigungsmahl selbst zu .s~­
Beziehung auf seinen Tod, zur Sprache (bzw. zur Darstellung) brachte, ist unsicher. en.13 Die Eucharistie hat keinerlei Bezug zum Tod Jesu, wie er für das pauh~t-
Aus den Andeutungen der Apostelgeschichte ist dies keineswegs zu entnehmen.6 he Herrenmahl konstitutiv ist, sie ist ein "in eschatologischer Hochspannung 14
Es sieht vielmehr so aus, daß die Urgemeinde ein .,sakramentales" Herrenmahl (in C' in der Naherwartung lebenden Gemeinde gefeiertes Mahl, i~ de~ um ~as
dem Sinne, wie wir es bei Paulus finden) nicht gekannt hat. ammen des Herrn und die damit gegebene Vollendung der Ktrche tm Reich
Ein ebenfalls stark eschatologisch bestimmtes christliches Gemcinschaftsmahl, ortes gebetet wird.1 5 Wengst schließt daher scharf, abe~ m. ~. nicht u~z~tref­
das anscheinend ohne Bezug auf ]esu Tod (und also auch auf ]esu Abscruedsmahl ~nd: Die Eucharistie in der Didache ist nichts anderes als etne leicht verchtlstlichte
gemäß den Synoptikern) gefeiert wird, lassen uns die in Didache 9 und 10 erhaltenen j~diS~h-hellenistischeMahlzeit.... Es liegt .~ei i~r also etwas völlig and:res .vor ~ls
Gebete über den Becher, über das Brot und nach der Sättigung erschließen. Die 'n der paulinischen und markinischen Tradtuon uber das ~erren~ahI. Fur dieses 1st
Feier wird Did 9,1 euxaptcrtia genannt. Kap. 9 teilt uns zunächst eine kurze ja'der Bezug auf den Tod Jesu konstitutiv. Genau ~avon 1st aber.~n d~~6Anordnun-
Benediktion über den Becher mit, anschließend eine etwas längere über das Brot, gen der Didache über die Eucharistie nicht das nundeste zu spuren. .
das als das eine Brot als Bild (Ölcmep... oötmc;) für die eine Kirche verstanden Neben diesen vor allem eschatologisch ausgerichteten MaWzeiten steht el~e
wird.7 Nach der Anordnung in 9,5, daß nur die Getauften von der Eucharistie liturgische Feier, die wesentlich an das Abschie~smah,:Jesu ank~üp~t b~w., ,~as 1st
essen und trinken dürfen, gibt Kap. 10 ein ausführliches Nachtischgebet, das die für entscheidend den Tod Jesu als die Tat Gottes "fur uns (oder: "fur dIe VIelen .) zum
die späteren Eucharistiegebete grundlegende (nicht erst spezifisch christliche) zwei- zentralen Inh~lt hat. Diese Feier, die ebenfalls die Struktur einer M~Wze~t hat.
teilige Struktur: anamnetischer Teil (in diesem Falle zutreffender: eucharistischer innerhalb welcher aber eine Brot- und Kelchhandlung mit auf den histortschen
Teil) (10,2-4) - epikletischer Teil (10,5-6)' aufweist. Es endet mit der Bitte um Jesus zurückgeführten ,:Deutew6rten" deutlich hervorge~oben ist, wir.d uns ,;?n
das Kommen des Herrn (10,6): "Es komme die Gnade9 und vergehe diese Welt" Paulus in 1 Kor sowie von den Synoptikern in ihren "Etnsetzungsbertchten 1m
und "Maranatha". Rahmen der Passionserzählung bezeugt. Diese Feier wird von Paulus "Herrenmahl"
Wie hat man sich diese Feier vorzustellen? Es ist zunächst zu berücksichtigen, (KuptaKOV Oet1tvov: 1 Kor 11,20) genannt. Ich sehe von den Verschiede~heitender
daß es sich bei der Didache um eine Zusammenstellung unterschiedlicher Texte einzelnen Überlieferungen (PaulusfLukas auf der einen, MarkusfMatthaus .auf.der
handelt, nicht um eine genau geordnete Agende. Träfe letzteres zu, dann würde anderen Seite) ab17 und beschränke mich auf die Darlegung einiger wlchuger
10,6: "Wer würdig ist, trete herzu" es nahelegen, die eigentliche sakramentale Gesichtspunkte in der Auslegung des Paulus.1 8
Handl~g erst an das Nachtischgebet anzuschließen, diese wäre also in der Didache
überhaupt nicht mitgeteilt; die Gebete von Kap. 9 und 10 wären bloße .,Agapenge-
bete".tO Dies scheint mir wenig wahrscheinlich. Vielmehr hat man wohl doch, mit 11 Art. Abendmahlsfeier 232.
12 Didache 53. .
l2 Anders Lietzmann, Messe und Herrenmahl, 233: "Wir haben also. eme Agape vo~ uns,
Für Behm, Art. KA.Um 729, ist das Brotbrechen der Drgemeinde eine der Formen in welche durch Eucharistiefeier eingeleitet wird." Lietzmann schretbt al~o dem Trln~en
denen sich das Gemeinschaftsbewußtsein der ersten Christengemeinde ausdrückt ohne des Bechers und dem Essen des Brotes gegenüber dem eigentlichen SättLgungsm~hl e~.ne
eig~ntlichen gotte~dienstlichen Charakter, aber durch die Erinnerung an die Ti~chge­ selbständige Bedeutung zu, analog der Brot- und Kel::hhandlung bei Paulus. DLes laßt
memschaft ]esu mtt den Seinen wähtend seiner Erdentage mit religiösem Inhalt erfüllt". sich m, E. aus der Didache zumindest keinesfalls zwtngend herauslesen (vgl. Wengst,
Anders Delling, 4rt. Abendmahl 56f, der aus der Bezeichnung "Brotbrechen« in Apg 45f).
20,7.11 (wo Paulus die Feier vollzieht) schließt, "daß Lukas nur eine Mahlfeier gekannt 14 Behm Art. KA.Um 742. .
hat" und "daß es sich dabei um die Gestalt des Abendmahls handelt, fü,:r die sich aus den 15 VgL Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier 233: "Der Blick ist auf die Zukunft, dLe Gottes-
vier Einsetzungstexten eine erhebliche Gemeinsamkeit ergibt". F.Hahn, Urchristliches herrschaft gerichtet". , hl
Herrenmah1556, geht auf die Problematik leider nicht ein, er resümiert kurz: "Denn daß Wengst, Didache 53. In genau gleichem Sinne schon Lletzmann, Messe und Herrenma
das ,Brotbrechen' keine eigene Mahlfeier im Unterschied zu der Feier des Herrenmahls
war, ist heute weitgehend anerkannt ..." 238. d V h'
17 Vgl. dazu Delling, Art. Abendmah150-55;.Fel,d, Abendmahl 31-39. ,:"or en ersc Le~
Diese Reihenfolge Becher - Brot entspricht übrigens der Kurzform des lukanischen denheiten stehen die fundamentalen überetnstLmmungen: vgl. Schwelze.r, Art. A~.en~
Einsetzungsberichtes, den uns D it überliefern (heute ziemlich allgemein als sekundär mah110f, der in allen Traditionen drei gemeinsame theologische Motive steht: VerkundL-
angesehen: vgl. Feld, Abendmahl 19 - das letzte Wort darüber scheint mir dennoch noch gung des Todes jesu, Bekräftigung des Bundes, Vorwegnahme des kommenden Mes-
nicht gesprochen); in ihm liegt das Schwergewicht auf dem eschatologischen Becherwort
siasmahles. A f" h d
, Lk 22,17f; vgl. Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier 233.
Vgl. Giraudo, Struttura letteraria 250~253.
18 Vgl. insgesamt zur paulinischen "Abendmahlslehre" neben den us u rungen er
9
Kommentare (von mir eingesehen: Lietzmann [HNT], Conzelmann [KEK], Wol~
10
Die koptische Übersetzung hat statt "Gnade": "der Herr". [ThHK]) die Monographien von Neuenzeit, Herr~n.mahl, und Klauck, H~rrenmah,
Diese Ansicht vertreten z. B. Bultmann, Theologie des NT 153; G. Bornkamm, Herren-
cl azu.. Beh t KAum.
m,Ar 737-740'
, Käsemann, Paultntsche Abendmahlslehre,
cl" h . G.Born-
mahl 144; Goppelt, Apost. und nachapost. Zeit 31. kamm, Herrenmah1; Delling, Art. Abendmahl 55f; F. Hahn, Herrenge ac tms.
28 lIerrenmah! im Urchri.rtentu!I1 Todes Jesu 29

1. Das Herrenmahl ist Anamnese des Todes JesH. Das historische I'aktum des rinken des Weines erhalten wir gemeinschaftstiftende Anteilhabe (koinonia)28
Todes Jesu ist das Zentrum dessen, was im Herrenmahl gefeiert wird. Dies unter- Blut Christi (d. h. am Tod Christi), durch das Essen des Brotes Anteilhabe am
scheidet das christliche Herrenmahl wesentlich 'von den mythologisch begründeten db Christiß Mit O'ro~a ist hier zweifellos nicht die Gemeinde als Leib Christi
Mysterienkulten. 19 Erinnerungsmähler an Tote waren im he11enistische~ Kultur- emeiilt wie in der weiterführenden Interpretation des Paulus in V.173o , sondern
31
bereich weit verbreitet, und in ihrer Stiftung hat man sicherlich eine Wurzel der er in den Tod gegebene Leib Christi, der zugleich der Leib des Erhöhten ist.
paulinischen "Aoamnesis" zu sehen. 20 Doch geht es im Herrenmahl nicht bloß um mTraditionsstück 1 Kor 10,16 ist also der Sinn des Herrenmahles als sakramentale
eine Erinnerung an einen Menschen, sondern um das Wirksamwerden des Todes ommunio der Feiernden mit dem Herrn ausgesprochen32, ein Gedanke, der in
der für uns das Heil bedeutet. Die Gabe des Herrenmahls ist 1"0 aooJlU 1"0 urrep 6J.l&~ den helleristischen Mysterien seine Analogien hat. 33 Diesen Gedanken erweitert
(1 Kor 11,24), d. h. der in den Tod gegebene Leib Jesu 21 bzw. die KatVT] ow9ft K ll Paulus nun in V.17, wo er sagt, daß wir durch die Anteilhabe am Leib des
ev 'tQl ellQl atllan (1 Kor 11,25), der neue Bund kraft des Blutes, d. h. des Todes sterbenden und erhöhten Herrn selbst ein Leib werden, der Leib Christi, d. h. die
3
Jesu. Das Herrenmahl ist die Anamnesls dieses Todes22 , und Anamnesis deutet Kirche. Dieses "ein Leib" ist nicht nur ein Bild für die Einheit der Christen 4,
Paulus als Verkündigung (1 Kor 11,26). Die Anamnese erfordert also auch eine sondern dureh den sakramentalen Akt konstituierte Realität, und zwar keinesfalls
Worrgestalt23, \velche später zum Eucharistiegebet ausgestaltet wird (und im eine bloß soziologisch zu verstehende-Realität, sondern "der Herrschaftsbereich des
Tischgebet, dem EuXaptIT1"ijITac; von 1 Kor 11,24, wurzel~:). Diese Verkündigung Christus"3s, in den die Feiernden sich im Glauben hineinnehmen lassen. Die
des Todes ist gegenwärtig setzende Proklamation, ist zugleich an Gott gerichtetes Glaubenden werden so in die Hingabe Christi hineingenommen, ihre Existenz ist
preisendes Bekenntnis und Ansage der durch den Tod Jesu angebrochenen Gottes-
herrschaft an die Welt. 24 Die in der Feier des Herrenmahles erfolgende Anamnesis
in Gestalt der Verkündigung ist so repräsentativster Ausdruck des Glaubens der
28 KOlvrovia ist hier sicher mit ,,(gemeinschaftstiftende) Anteilhabe" zu übersetzen, nicht
Ge~eind~, nicht ~twa magisch wirkende Formel; die Zuwendung des Heils g~_
mit "Gemeinschaft", wie aus 10,17 "JlE"tEXOIlEV" hervorgeht. D~s Zie~ der Anteilhabe .an
schIcht mcht quasI automatisch durch den korrekten Vollzug der Feier, sondern Leib und Blut Christi ist freilich die personale Gemeinschaft mit ChrIstus und unterem-
durch den sich in diesem Vollzug gleichsam verleiblichendcn Glauben.25 ander (vgl. Klauck, Herrenmahl261).
2. Im Herrenmahl erhalten wir Koinonia 26 am Leib Christi. 1 Kor 10 16 ruft 29 Dies ist (mit Lietzmann, Komm. 48; G~Bornkamm, Herrenn:-ahll64) so zu ~~rstehen,
Paulus den Korinthern die bekannte27 Vorstellung ins Gedächtnis: du:ch das daß die Gaben des Blutes und Leibes in Wein und Brot gereIcht werden, freilIch ohne
daß man ein spezifisches Interesse des Paulus an den eucharistischen Elementen als
solchen, gar unabhängig von ihrem usus, herauslesen darf (vgL G. Bornkamm, e.bd. 165).
Paulus geht es nicht um Substanzen, sondern um den Mahlvollzug (vgl. Schweizer, Art.
Dem Aufwei~. der .hi~tori~chen Verankerung de~ J-lerrenmahles dient auch das "in der crrollu 1056.1065). Überzogen urteilen allerdings Mausen, Abendmahl 1.1-~3, ~nd
Nacht, da er uberltdert wurde" 1 Kor 11,23; vgl. G. Bornkamm, Herrenmahl149. Roloff, Heil als Gemeinschaft 102f, die den "Elementen" Brot und Wem Jegliche
Vgl. Lietzmann, Komm. 58; G. Bornkamm, Herr~nmahI158f. Dies hat man freilich nicht Eigenbedeutung absprechen wollen. Für Marxsen, ebd. 15, liegt d::nn allerdings .im
als "Ableitung" zu verstehen in dem Sinne, als sei dadurch das christliche llerrenmahl markinischen Einsetzungsbericht mit seiner Parallelisierung von O"roJlu - ul~a eme
bloß als eine Abart hellenistischer Totengedächtnismähler erwiesen. sakramentale Deutung der Elemente vor. Die Tendenz, daß man den Elem~nten In: La~f
Marxs.en, Abend~l1a~1 1.2f~ deutet crw~a hier wie in 1 Kor 10,16 ekklesiologisch auf die der Zeit immer größere Aufmerksamkeit zuwendet, ist von Marxsen zweIfellos nchug
Gememde als Leib Chnstl. Im vorpaulinisehen "Einsetzungsbericht" ist diese Deutuno- beobachtet.
so gut wie auszuschließen. ~ 30 Diese wohl schon durch die parallele Verwendung von UtllU - crroJlU in 10,16 "höchst
:ron der Bedeutung .von .Anamne~is (vor allem vom Alten Tcstament her) wird im unwahrscheinliche" (Schweizer, Art. crroJlU 1067 A. 436) Ansicht vertritt etw~ Kümmel
Zusammenhang der hturglschen Anamnese als Teil des Eucharistiegebetes noch genauer im Anhang zu Lietzmanns Komm.~ S. 182, als Korrektur der Auslegung .LIet~manns.
dIe Rede sein. V gl. dagegen etwa Betz, Art. Eucharistie 341: "Die gesegnet~n Mahlgab:n smd m~ht nur
Vgl. Bultmann, Theologie des NT 314; G. Bornkamm, llerrenmahl 160· Betz Aktual- Sinnbild der Mahlgemeinde, sondern die sakramental-wirkhche Erschemungsweise des
präsenz 152f; Wolf!", Komm. 91. Klauck, Herrenmah1319, betont die V~rbindung von Gekreuzigten und Auferstandenen, der mit ihnen sein blutiges Erlösungswerk den
\Vort Imd Handlung; Stuhlmacher, Herrenmahl 22, hält es für möglich, claH dicse Christen zuwendet, die Kirche als seinen ,kommunialen' Leib aufbaut, die Empf<inger zu
\Xrortgestalt die Rezitation der Passionsgeschichte war. - einem christusgemäßen Ethos des Füreinander verpflichtet." .
Vgl. G. Bornkamm, Herrenmahl 160. - 31 Vgl. Bultmann, Theologie des NT 149; G. Bornkamm, !"1:rrenmahI164; SchweIzer, Art.
Vgl. Pesch, Sakramente 284: "Die .Einladung zum Glauben und zum Glauben alleifl crrolla 1066. Verkürzt ist die Meinung Käsemanns, Paulimsche Abendmahlslehre :6f, der
ist ... die große neue Grundaussage des Neuen Testaments, mit der das Neue Testament nur die Anteilhabe am Leib des erhöhten Herrn als Gabe des Abendmahls anmrnmt.
s,teht u~d f,;'illt-:' Ebd. 286: Die Sakramentc sind nach dem NT "die von Gott gestiftete 32 V gl. Bultmann, Theologie des NT 148f.
Form, Ul der 51Ch gewlssermaBen der Glaube der Kirche vet"leiblichte". 33 Vgl. Buhmann, ebd. 150; auch hier kann für diese Communio "Kotvrovia" stehen: vgl.
Zum ßcgriff Koioonia vgl. Klauck, Herrenmalll 260f. Klauck, Herrenmahl 260 mit Anm.121.
Vgl. Käscmann, Paulinische Abendmahlslehre 12; Conzelmann, Komm. 20H; Klauck, 34 So Wolff, Komm. 54.
Herrcnmahl 262. 3S Käsemann, Paulinische Abendmahlslehre 20.
30
!!erretJ!1Jahl jm UnhriJlent#JIl ndere paulinische Aspekte 31

dadurch vom öntp in seiner doppelten Ausrichtung auf den Vater und die \Xielt t beraten, der theologischen Bedeutung des Sättigungsmahles gebührend Rech-
bestimmt - der Tod Christi wird an ihnen wirksam, als Gabe und Aufgabc,J6 ung zu tragen - daran hing in Korinth nach 1 Kor 11 alles: ob man das Herrenmahl
3. 1m Herrenmahl muß etwas von der neuen, christusförmigen Existenz der m Heil oder zum Gericht ißt.
Christen zum Ausdruck kommcnY Es handelt sich bei ihm nicht um ein magisch 4. Das Herrenmahl steht, wie vor allem die eschatologischen Worte der
wirkendes Geschehen, das unter völligem Absehen von der konkreten brüder1i~hen synoptischen Einsetznngsberichte (Mk 14,25/Mt 22,29; Lk 22,16.18) zeigen, stark
Existenz der Feiernden das Heil vermittelt. Um diese Tatsache einzuschärfen, hat 'n eschatologischer Ausrichtung. Es ist Vorwegnahme des endgültigen Mahles im
Paulus in 1 Kor überhaupt über das HerrcnmahJ geschrieben. Es sind in Karinth Reiche Gottes. Es hat also auch den Sinn, der sich für die Mahlzeiten derUrgemein-
Mißstände aufgetreten, die nicht darin bestehen, daß man dem sakramentalen de sowie der "Eucharistie" von Didache 9f als deren JHauptsinn nahegelegt hat. Bei
Charakter des Herrenmahles nicht Rechnung trägt, sondern im Gegenteil darin, daß Paulus findet sich im Einsetzungsbericht kein ausgeführtes eschatologisches
man den sakramentalen Akt so verabsolutiert, daß das mit diesem verbundene Wort44, die eschatologische Dimension wird jedoch in dem Zusatz ,.bis er
Sättigungsmahl zur egoistischen Schlemmerei wird. 33 Von Brüderlichkeit ist da ·kommt" in der Erläuterung des Paulus zum Anamnese-Befehl 1 Kor 11,26 klar
nichts rnehr zu sehen. Das ist dann nicht "das Herrenmahl essen" (1 Kor 11,20), ausgesprochen, Das paulinische Herrenmahl ist zwar durch 1 Kor 11,26"an die Zeit
sondern ein in solch unbrüderlicher Atmosphäre gegessenes Herrenmahl wird zum der Kirche gebunden"45, aber es ist bei der für die paulinischen Gemeinden
Gericht verzehrt (1 Kor 11,29), da man "den Leib nicht unterscheidet". Dies ist bestimmenden Naherwartung nicht anders denkbar, als daß dies doch nur als kurzes
wohl mit Bornkamm So zu verstehen: "Christi Leib in seiner Besonderheit acht~n, Interim angesehen wurde, letztlich also doch immer in Blickrichtung auf die Parusie
da~ heißt verstehen, daß der für uns hingegebene und im Sakrament empfangene Eucharistie gefeiert wurde. 46
LeIb Chrrsti die F.':mpfangenden zum,J .eib' der Gemeinde zusammenschließt und sie 5. Abschließend sei noch -darauf hingewiesen, daß in 1 Kor das Herrenmahl
in der Liebe füreinander verantwortlich macht."39 Das Herrenmahl unhrüderlieh (einzig im Neuen Testament) mit den qaben des Geistes in Verbindung gesetzt
essen, hieße also soviel wie glauben, ohne zu lieben; solcher Glaube gereicht nicht wird. 47 1 Kor 10,1-4 spricht Paulus von den Vätern in der Wüste, an denen das
zum Heil, sondern zum Gericht.
in Christus präsent gewordene eschatologische Heil schon verborgen am Werk war.
Liturgisch betrachtet, kommt der Aspekt der brüderlichen Liebe weniger in Die Väter haben geistliche Speise (1tVEUflUnKov ßp&flU) gegessen (10,3) und
der sakramentalen Brot-. und Ke!chhandlung, sondern im mit dieser verbundenen geistlichen Trank (nvSUj.lUttKOV noj.lu) getrunken (10,4), und zwar BK 1tVSU~
Sättigungsmahl zur Darstcllung. 4n Nachdem ursprünglich die Brot- und die flunKfj<; O-KOAou8oucn]<; ""'pu<; (10,4), nämlich ans Christus. Wie in 10,2 der
Kelchhandlung vielleicht (1) das Sättigungsmahl eingerahmt haben41, geht schon Durchzug durch das Rote Meer auf die Taufe bezogen ist ("alle wurden auf Mose
aus 1 Kor hervor 42 , daß man die beiden Handlungen zusammengefaßt und ans getauft"), so sind mit der .,geistlichen Speise" und dem "geistlichen Trank" die
Ende des Sättigungsmahles verlegt hat. 43 Die Liturgiewissenschaft ist jedenfalls Gaben des Herrenmahles (mit)gemeint. Christus ist der geistspendende Fels, der uns
in den Gaben des Herrenmahles die Gaben des Geistes schenkt und uns dadurch
36
Vgl. die Formulierung; von \X'olff, KOlnm. 53: ,,' .. es geht ... um das Mithineingenom-
Anteil gibt an der pneumatischen Seinsweise des Erhöhten.
menwerden der Glaubenden in dic Dahingabe des Christus in den Tod." Vg-1. allch Wie ist nun dieser Befund: Herrenmahl als Verkündigung des Todes Jesu auf
Stuhlmacher, Jlerrenmahl 20. . der einen Seite, "Brotbrechen" mit zentral eschatologischer Ausrichtung auf der
Vgl. Stuhlmacher, ebd. 20:"Eine Herrenmahlsfeicr, die nicht sichtbarer Ausdruck der anderen Seite, zu werten? Eine Sicht, die in diesen urchristlichen Feiern nur die eine
Christus- und Lehensgemeinschaft ist, in die die Gemeinde gestellt ist, hat nach PaulLls
keInen Wien!" "Eucharistiefeier" (im klassischen Sinn) in etwas verschiedenen Ausprägungen
Vgl. G. Bornkamm, Herrenmahl 167; Klauck, J-lcrrenmahl 297; Roloff, Heil als Gemein- erblickt48 erscheint mir zu undifferenziert. Die klassische These Lietzmanns von
schaft 11 Of. Roloff hebt die Bedeutung des Gemeinschaftsgedankens Hir das paulinische zwei völlig selbständigen "Urtypen", dem Jerusalemer Typ (.,Brotbrechen'~) und
l-Jerrenmah1 sehr stark, leIder etwas einseitig, hervor.
G. Bornkamm, Hcrrenmahl 169. Vgl. auch F Hahn, f-lerrengedachtnis 173; Klauck,
Herrenmahl 326f.
44 Vgl. dazu Klauek, Herrenmahl 320-323.
Vgl. auch Goppelt, Apast. und nachapost. Zeit 145f. 45 Käsemann, Paulinische Abendmahlslehre 23.
Vgl. da~ "nach dcm Mahl" der paulinisch-lukanischen Tradition des EinsetzLlngsberich_ 46 Vgl. F. Hahn, Herrengedächtnis 172: w .. der Blick richtet sich in die Zukunft auf ~as
tes (11\...0I" 1 ~ ,25; Lk 22,20). Zeugmsse für diese Gestalt der Feier haben wir allerdings gemeinsame Mahl in der Vollendung." Klauck, Herrenmahl 323: "Nach Paulus wtrd
k~lfle (v?1. Stuhlmacher, Herrenmahl 14). Falls diesc Entwicklung stattgefunden hat, beim Herrenmahl somit nicht nur die Gegenwart des K yrios empfunden, sondern auch
konnte sledufch den tbcrgang des i\fahles aus dem judenchristlich-palastinensischen in seine Abwesenheit ..."
den hellenlStlschen Raum bedingt sein. Der Ak;(cnl verjagen sich vom gemeinschaftli- 47 Vgl. zum Folgenden Käsemann, Paulinische Abendmahlslehre 15f; F. Hahn, Herrenge-
ch.en J\.'~ahlvollzug mehr auf die "sakratnentalc Handlung" mit Brot und Kelch. dächtnis 175f; Klauck, Herrenmahl 252-255.
Dies Wlrd von Roloff, Heil als Gemeinschaft 11Of, unverstandJkherweise bestritten. 48 So Cullmann, Urchristentum und Gottesdienst 31f; F. Hahn, Urchristliches Herrenmahl
Vgl. Schiirmann, Gestalt 85---88.
556f.
32
Ilerrenmah/ im Urch,.,stentum "Urtypen((? 33

~em pauli~ischcn Typ ("Herrenmahl"), die praktisch beziehungs los nebeneinander n, die sicherlich auch für das urchristliche "Herrenmahl" konstitutiv waren, aber
(m versch.lcdcoen
. ,,/
Gemeinden!)
.. . . '
bcstandcn49 , cntha"lt w 0 hl V]C
. ,I R' h '
Je tlgcs.
W as an i dessen Umgestaltung zur Messe in den Hintergrund traten: die eschatologische
Ihr .d~r Korrektur bedurftlg 1st, ist (abgesehen von der wohl Zu schematischen usrichtung (die freilich zumindest in der ostkirchlichen Eucharistiefeier niemals
Auftel1~ng der Feiern un~ i~rer völligen gegenseitigen Isolierung) Lierzmanns :erlorengegangen ist) und die Gemeinschaft (Koinonia) - das Gemeindemahl diente
metho.tiJsches Vorgehen bel seInem Versuch, die ägyptische Meßlirurgie, wie sie vor er Oikodome des Leibes Christi. und das heißt letztlich: der Vereinigung der
allem 10 der Anaphora des Euchotogions des Ps.-Serapion von Thmuis und in der 'rehe (Gemeinde) mit ihrem Haupt Christus. 54 Gerade dieser letzte Aspekt ist
Markusanapl:of.a vorlie.gt (der Straßburger Papyrus 254 war Lietzmann ja noch .ine Anfrage an die Entwicklung der Eucharistiefeier ab der Mitte des 2. Jahrhun-
unbekannt), l~ Ihrem Kern auf den ,,]crusalemer Urtypus" nuückzuführen.50 Die erts und eine immer aktuelle Anfrage an unsere Feiern heute. Je mehr diese der
Annahme z~cler nicht einfach gleichzusetzender Feiertypen, deren Gemeinsamkeit Oikodome dienen (das heißt natürlich mehr als Verbrüderung), dest~ mehr nähern
n~be~ de~ Gestalt oes ~la~les in ihrer eschatologischen Ausrichtung bestand S1 sich dem an, was sie nach dem biblischen Zeugnis sein sollen.
lhe Gememdeo standen Ja 1rl der Naherw<utung! - scheint aufgrund der vorhande-
nen Quellen 2 T p" genann-
. . durchaus plausibel.5 Die von Lietzmann " Jerusalcmer
y
te Fe~er, ehe uns vor allem in Didache 9f vorliegt, ist jedoch im Verlauf der Die modellhafte Struktur der Eucharistia Hippolyts
,E~t\l/l~klung der altkirch~iche~ ~llcharistiefeier vom anderen Typus gleichsam
absorb~ert worden (und dles durfte tatsächlich in Ägypten und eventuell auch in Wir machen nun einen Sprung vom paulinischen f:Ierrenmahl zum ältesten uns
?stsynen gesc~.ehen sein!), was zweifellos mit dem Schwinden der Naherwanung erhaltenen Eucharistiegebet der Alten Kirche, das uns in der (wahrscheinlich) vom
10 d~r er.sten J:Ialfte ~e~ 2. .Ja~rhunderts zusammenhängt. Die sozusagen klassische römischen Presbyter Hippolytos Anfang des 3. Jahrhunderts verfaßten "Apostoli-
altktrchllche Euchanstlefeler 1St wesentlich von der für das paulinische Herrenrnaht sehen Überlieferung" vorliegt. Erst daran anschließend soll der darin zutage treten-
zentra[.~n Idee der Anamnese des Todes JesLl geprägt und enthält (in den allermei- de Wandel in der Feier und in der Theologie der Eucharistie skizziert unlauf seine
sten Fallen) den "Einset~u~gsbcricht" als Angelpunkt des Eucharistiegebetes. s3 theologische Legitimität befragt werden.
Obwohl' .also. vom urchnstllchen ,, Brotbrechen"
. keine dl'rekte LI' n I' e zu. unserer Die Eucharistia Hippolyts 55 ist sicherlich ein uns zufällig erhaltenes Doku-
Euchanstlefeler führt, so hat dieser Feiertypus doch zwei Dimensionen aufzuwei- ment der altkirchlichen Liturgie, ihre regionale Einordnung ist umstritten 56, doch
zeigt eine Analyse ihrer Struktur, daß wir es hier mit dem frühesten uns bekannten
Beispiel für jenen Typ des Eucharistiegebetes zu tun haben, der in allen großen
'" Vgl. Lietzmann, Messe und Ilerrenmahl 249--255.
Ehe!. 260f. altkirchlichen Anaphoren vorliegt. Das gilt in erster Linie für die antiochenisch-
VgJ. ebd. 252. byzantinische Hochgebetstradition57 , insbesondere für ihre zwei bedeutendsten
-;2
:Tgl. die .Ausführu~gen K.retschmars, Art. Abendmahlsfeier 240, der von zwei Überliefe- Formulare, die Chrysostomos- und die Basileiosanaphora (welch letztere wohl als
lUng~~trangen spncht: Dldache und apokryphe ApOStelakten einerseits, die Eucharistia das theologisch gewichtigste Eucharistiegebet der Alten Kirche anzusehen ist), aber
~Ie.r I\..lr~henordnun? f !Jppolyts (dle freilich schon einer späteren Zeit angehört) ander- auch für die alexandrinischen Hochgebete, die eine etwas veränderte Makro-Struk-
se.l~s. DIes deu.te~ Kretschmar J.edoeh m. E. zutreffend (gegen Lietzmann) __ nicht in
~lchtung a~f eln:n doppelten l.~rsprung: des Abendmahls, sondern die Differenz "ergibt tur 58 aufweisen (Einsetzungsbericht im epikletischen Teil). Freilich stellen diese
H
steh aus hden bel· den Hauptstromen der urchristlichcn
., Mi~cI'"n"
J J" .
u- .
J '.me Interessante

y~ot ese legt Wllkcns, AnHinge, vor. Danach sei der markini.~che Bericht vom Ab- 54 V gl. Cullmann, Urchristentum und Gottesdienst 28f.
s~hle~J.sm~h~ Jes~ o.hne das l)eutcwo~t zum Kelch die illtcste Form des Einsetzungshe_ 55 Text bei Botte, Tradition apostolique 12-16, PE 80f; die fur die theologische Deutung
rlchtes (dles erscheInt durchaus plaUSIbel) Diesen sieht W',lken0 010 d C' b wichtigsten Ausführungen bei H.-J. Schulz, Glaubenseinheit 35-45; vgl. weiters Lietz-
. h d·. . . _. ,. .' "''' en -'-~lnsetzllngs e-
nc t" er Jerusalemer Urgememde, dle 1m "Brotbrechen" ein "apokalyptisches Sakra- mann, Messe und Herrenmahl 174-186; Hanssens, Liturgie d'Hippolyte 425-441; AI-
ment, ohne. Bez~g auf den Tod .Icsu gehabt habe. Der Inhalt dieses Sakramentes sei denhoven, Darbringung und Epiklese 96-117; Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier
gewesen: "elle Teilhabe durch und in Christus am eschatologischen Reich (13rotwort V 235-237; Giraudo, Struttura letteraria 290-295.
22) un~ dessen K~mmen in Kilrze (eschatologIscher Ausblick Vs. 25)" (59). Diese r-ei~~~ 56 V gl. die kurze Übersicht bei Kretschmar, ebd. 237. Es geht sicherlich nicht an, sie wegen
entspricht
· also Lletzmanns
.. '" Jcrusalemer Tvp" geht b
~'<-. a er nac
h \X"lk'I 'ens auf Jesu Ab- der Verfasserschaft durch den römischen Presbyter Hippolyt selbstverständlich als
sc Illedsmahl zurllck. In den griechisch sprechenden C· . d " cl d ' Zeugnis der stadtrömischen Liturgie anzusehen, wie dies Schmidt-Lauber, Eucharistie
h , \1 ," I . . - :.-emeJn eo seI ann as stauro]ogl-
sc e erstanl11lS des f-1errenmahlcs aufgekommen· hier sei dem Brotwo t d ' , ; passim, tut.
, -" f.' , . " . r as ,,'CO um::p
uj.I(üv ange ugt worden und das Deutewort zum Kelch Dadu,cll hob I
'h auscem Direkt von der Eucharistia Hippolyts abhängig ist das große Eucharistiegebet im 8.
I . .'''' ",-eslc 57
Jerus.a emer Typ das paulinischc Herrenmahl (mit dem Tod Jesu als zentralem lnh lt) Buch der Apostolischen Konstitutionen (häufig als praktisch nicht verwendetes Idealfor-
entWIckelt. a
53 mular angesehen, quasi als umfangreiche Materialsammlung, so etwa Kretschmar, Art.
Die ostsyrische Anaphora der Apostel Addai und lvfari die (olle A h' h
. . r h) k - -.- ._, ,..!TI nse em nac Abendmahlsfeier 256; vorsichtig Ligier, CeIebration 169f).
ursprung lC cll1en hmscrzungsberieht hat ist ebenfalls nicht direkt aus cl J I 58 Zur Makro-Struktur des Eucharistiegebetes vgl. Giraudo, Struttura letteraria, der als
mer Typ" J-ietzmanns herzulciten. ' , , , em" erusa e-
Grundstruktur die schon in der alttestamentlichen tödih vorhandene Abfolge: geden-
34 Die Eucharistia Hippotyts 'tlgJmg und Anamnese 35

Anaphoren. gegc::nüberden>knal?pe.n.z~ T. archaisch wirkenden59 Formulierungen ,eben dadurch als der Kulminationspunkt des anamnetischen Teiles des Euchari-
~erl-:IippoIytsch~nE?,ucharistiateilweise sehr weitschweifige Entfaltungen des glei- ebetes und als die Quelle, aus der vorrangig das Verhältnis von Christus und
ch!'Jl Typs dar. e in der Eucharistie theologisch zu entwickeln ist.
Die,Eucharistia beginnt mit dem in fast allen Liturgien üblichen Einleitungs- Folgen wir nun dem Wortlaut der Anaphora, so ist zuerst die Rede von der
dialog zwischen Vorsteher und Volk, darauf beginnt der anamnetische Teil mit haffenden Wirklichkeit des Todes und der Auferstehung Christi. deren Ana-
"gratias -tibi referimus" -(eÖxaptenOÜJl&v) wie das Nachtischgebet in Didache se wir begehen (memores igitur mortis et resurrectionis eius). Diese Wirklichkeit
°.
10,66 Der Inhalt dieser Eucharistia61 ist ganz christologisch bestimmt. Christus also für die Feiernden Gegenwart werden, diese sollen in sie aufgenommen
ist der ,.dilectus puet", den uns der Vater als salvator und redemptor gesandt hat, den.
er ist "verbum tuum inseparabile", durch das der Vater alles geschaffen hat. Darauf Diese für die Feier der Eucharistie entscheidende Realität, welche in der mit
wird der Inkarnation gedacht (quique in utero habitus incarnatus est), und die mores" (IJEIlVll)ltvOl) gebildeten Partizipialkonstruktion zum Ausdruck ge-
Partizipialkonstruktionen "qui voluntatem tuam conplens et populum sanetum tibi eht wird, tritt in dem und durch den liturgischen Vollzug der feiernden (komme-
adquirens" (letzterer Gedanke ,bringt schon die Ekklesiologie mit der Christologie prierenden) Gemeinde in die Gegenwart ein und erweist sich so als heilstiftend für
in Verbindung) leiten über zu~ zentralen Thema, der Passion (extendit manus cuml ieFeiernden. Dieser liturgische Vollzug. der also Medium für die Aktualisierung
pateretur), die ihr Ziel in der Auferstehung erreicht, die in einem Finalsatz mit sechs ~d Vergegenwärtigung der inteD:dierten göttlichen Wirklichkeit ist und nicht etwa
Kola umschrieben wird (ut mortem solvat et vincula diaboli dirumpat, et infemum ~in Teil dieser selbst (als "Fortsetzung" des Heilsgeschehens, das ja ein für allemal
calcet et iustos inluminet, et termmum figat 62 et resurrectionem manifestet). yollendet ist). wird in der speziellen Anamnese von Hippolyts Anaphora mit zwei
Dieses zentrale Geschehen von Passion und Auferstehung, das den größten Teil der Ausdrücken beschrieben., die ihn als Tat- und Wortvollzug differenzieren, ohne
Eucharistia ausmacht, wird gleichsam zusammengefaßt durch den Einsetzungsbe- diese beiden Aspekte zu trennen. Der Tatvollzug wird mit dem Wort "offerimus"
richt. der sich völlig organisch in den Danksagungsteil einfügt und so den End- und (1tpomptpotJ,EV) bezeichnet, ist also eine Darbringung. Das Objekt dieser Darbrin-
Höhepunkt der Danksagung darstellt. Er endet mit dem Anamnesebefehl: "Quando gung ist nun nicht etwa Leib und Blut Christi - eine solche Konzeption würde den
hoc facitis, meam commemorationem facitis." liturgischen Vollzug und die göttliche Realität vermischen -. sondern Brot und
Der Anamnesegedanke wird im folgenden Teil, der "speziellen Anamne- Wein, die natürlichen Gaben64, durch die wir dann später - nach ihrer "Konsekra-
se"63, aufgegriffen; hier wird nun die liturgische Verwirklichung des in der tion"65 - Anteil an Leib und Blut Christi erhalten. Die Darbringung von Brot und
Eucharistia inhaltlich entfalteten Gedächtnisses beschrieben, diese aber deutlich
unte't,~chieden von der durch sie intendierten Wirklichkeit (memores ... offerimus).
Dieser Teil der Anaphora, in dem das Verhältnis des liturgischen Vollzuges zur 64 Schultze, Dreifache Herabkunft 115, meint - kurioserweise - in der Darbringungsaussa-
Realität des, Todes und der Auferstehung Christi zum Ausdruck kommt, erweist ge Hippolyts das Opfer von Leib und Blut Christi ausgedrückt zu finden. Vgl. auch ders.,
Eucharistielehre 123-135. Zur Darbringungsaussage der Anaphora des 8. Buches der
Apostolischen Konstitutionen (die der Hippolytschen nächstverwandt ist) sagt er ebd.
kender (anamnetischer) Teil- bittender (epikletischer) Teil (meist mit in einen der beiden 127: "Die Worte: ,wir bringen dar ... dieses Brot und diesen Kelch' sprechen zwar noch
Te~e eingeschobenem "Embolismus": Nennung des konkreten Stiftungsgrundes der von Brot und (Wein als) dem Inhalt des Kelches, sind aber mit dem Folgenden ver~un­
Feier) feststellt und daher die Eucharistiegebete in "anafore anamnetiche" und "anafore den, dem ,Dank sagend dir (Gott) durch ihn (Christ,us)'. Damit geht der !ext scho~ e~n~
epicletiche" ei~teilt, wobei als Kriterium die Stellung des Einsetzungsberichtes ( Embo- Schritt weiter. Denn diese letzten Worte besagen Ja, daß Brot und Wem ,euCharlStIert
lismus") dient;(274). " werden und zwar durch den Dienst des Bischofs, und daß sie eben dadurch - abgesehen
So z. B. die a~ch in Did 9,2 u. ö. vorkommende Bezeichnung Jesu als 1tu{r; (puer) oder von jeder Geist- oder Logos-Epiklese - nach dem Auftrag Christi Fleisch und ~lut
als "angelus voluntatis tuae" (vgl. den Introitus der dritten Weihnachtsmesse in der Christi wurden. So betrachtet sind also die vorliegenden Gaben, ist also das Opfer nIcht
römischen Liturgie: "magni consili angelus" gegenüber der Vulgata: "consiliarius"). mehr nur Brot und Wein." Diese Ausführungen Schultzes sind ein exemplarischer Fall,
Girau:~o zählt die. Hippolytsche A~aphora zum selben Gebetstyp, dem das jüdische wie dogmatische Vorurteile historische Betrachtungen beeinflussen können.
~acht1schgebet. dIe blrkat hammazon angehört (Struttura letteraria 311-313) _ die mit 6S Dies ist natürlich keineswegs im Sinne der späteren westlichen Lehre von der "potestas
Ihr engstens verwandte "ClementinischeC< Anaphora des 8. Buches der Apostolischen consecrandi" zu verstehen, nach der der ordinierte Amtsträger (vor allem als Priester,
Konstitutionen gehöre dagegen zum Typ der Festtags-tefillä; daraus erklären sich die sacerdos verstanden) kraft seiner Weihe durch die Rezitation der Einsetzungsworte als
markanten Unterschiede der beiden Anaphoren, vor allem auch das Fehlen des Sanctus "forma ~onsecrationis" die"Wandlung" bzw. Transsubstantiation von Brot und ~ein in
in der Hippolytschen (dieses entspricht der qedub der tefillä). Leib und Blut Christi bewirkt. Als Terminus für das Handeln des Bischofs zur ErbIttung
61
Eucharistia hier im engeren Sinn des bis zum Einsetzungsbericht reichenden Danksa- der (durch Gott selbst bewirkten) Umstiftung der natürlichen Gaben Brot und Wein in
gungsteils verstanden. das "Gleichbild" (civtitlJ1to~, lat. exemplum, bzw. Öl!oirop.u, lat. similitudo: vg~. Botte,
62
Botte, Tradition apostolique 15: ,Je sens demeure obscur". Tradition apostolique 55) von Leib und Blut Christi hat die Apostolische überheferu~g
63
Zur speziellen Anamnese der Hippolytschen Eucharistia vgl. H.-]. Schulz, Christusver- eOluplO'tsiv, lat. gratias agere (Botte 54). Vgl. zum Ganzen H.-J. Schulz, Glaubensem-
kündigung 94-98; 'zur Darbringungsaussage Aldenhoven, 101-111. heit 44. 'Die "eucharistierten" Gaben heißen "sancta" (in der Epiklese).
36 Die Eucharistia HippolYts 37

Wein durch die Gemeinde66 ist kein Opfer von materiellen Gaben67 , sondern also klar, daß die Liturgie, bevor sie "Werk der Kirche" ist, immer Werk
Ausdruck der Hingabe, der Opfergesinnung, welcher die Feiernden als Getaufte s ist, sie zeigt die durchgehende göttliche Initiative im liturgischen Gesc~ehe~;
kraft der Hingabe Christi (des "Opfers" Christi) Hi.hig sind. 68 Die Darbringung t eben nicht in der Macht der Kirche, die göttliche Realität in der LIturgIe
(der Opfervollzug) ist so meht Folge der "Konsekration" (wie bei einer Konzep- h wirksam werden zu lassen; sie kann nur darum bitten. Nicht der geweihte
tion, in der der Priester Leib und Blut Christi opfert), sondern eher deren Vorausset- er durch seine "Konsekrationsgewalt", sondern der Heilige Geist ist es, der
zung. 69 Der der Gabendarbringung entsprechende Wortvollzug ist im auf "offeri- Gaben Brot und Wein (als Ausdruck unserer Hingabe), wandelt (umstiftet)
mus" bezogenen Partizip "gratias agentes« genannt, worunter das ganze Euchari- eib und Blut Christi (und das heißt: auch uns wandelt in den Leib Christi).
stiegebet zu verstehen ist. 7o Die für alle Epiklesen der altkirchlichen Eucharistiegebete kennzeich~en~e
Besondere Beachtung verdient der mit dem "gratias agentes" verbundene Satz: ,ktur liegt in der Epiklese der Hippolytschen E~~harist~a be~eits vo,~: SIe 1st
quia nos dignos habuisti adstare coram te er tihi ministrare. Mit "ministrare" ist in llOdlungs"- und "Kommunionepiklese".?3 Der HeIlige GeIst wIrd.zu,~achst auf
der lateinischen Übersetzung, wie uns die erhaltenen griechischen Fragmente zei- , Opfer der Kirche herabgerufen: "in oblationem74 sanct~e .eccleslae , und das
gen, der griechische Terminus lBpUtBUBtv wiedergegeben. Dieser ist kulttechnisch 'ßt, ohne daß hier schon wie später in den großen Eucharistiegebeten der Alt~n
zu verstehen im Sinne von "Priesterdienst leisten" (dies ist aber interpretiert durch rehe ausdrücklich davon die Rede ist, der Geist möge die Gaben Brot und Wem
das offene; der christliche Priesterdienst ist Teilhabe an der Hingabe, der "Proexi- -tvandeln". Freilich sind in der Formulierung der Hippolytschen Eucharistia die
stenz" Christi!). Das iepUT&UetV kommt der ganzen Gemeinde zu, der liturgische aben ( Elemente") als solche nicht isoliert betrachtet, unter "oblatio" (npom:po-
Vollzug der Eucharistie ist also Funktion des "allgemeinen Priestertums" aller pO:) hat "man den gesamten Darbringungsvollzug z~ versteh75"cl en., messen Rh . a -
Gläubigen! Von· der Idee, die Darbringung des eucharistischen Opfers sei aus- men die Gaben Brot und"Wein eben vor allem als ZeIchen der HIngabe der Kirc~e
schließlich einem "Weihepriestertum" vorbehalten, kommt in der Anaphora Hippo- anzusehen sind. So impliziert also auch diese "Wandlungsepiklese" bereits dIe
lyts gar nichts zum Vorschein. 71 Bedeutung: der Geist möge die Gläubigen verwandeln, h~t also auch die .Fu~ktion,
An die spezielle Anamnese schließt sich die Epiklese an. Ging es bisher um
die der sogenannten "Kommunionepiklese" zukommt. DIese besteht bel Hlppolyt .ß U
Danksagung und Gedächtnis, so jetzt um die Bitte (et petimus) um Aktualisierung in der Bitte, daß alle, die von den ,eucharistierten' Gaben (den sancta) genIe en ,
und Verwirklichung dessen, wessen wir gedenken und woftir wir danken. Mit der vereint und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden zur Stärkung des Glauben~,
Epiklese beginnt also der zweite, "epikletische" Abschnitt des Eucharistiegebetes, damit sie den Vater loben.?7 Durch die Teilnahme an der Eucharistie werden dIe
wobe\sich inder Eucharistia Hippolyts an die Epiklese sofort die Doxologie
anschließt. Da die Aktualisierung des Werkes Christi in der Kirche Werk des
73 Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier 236, bezeichnet sie unverständlicherweise nur als
Heiligen Geistes ist, ist die Epiklese Bitte um den Heiligen Geist. 72 Die Epiklese "Kommunionsepiklese" (siel). Ähnlich Schn;emelcher, Epi~l~se 73.. ..
Das erhaltene griechische Fragment hat 9u01a; Botte, Tradltlon apostohque 17, konJ1~
ziert (als griechisches Äquivalent zu "oblatio") npocr<po.pa. , .
Der Plural "offerimus" meint die gesamte Gemeinde, welche die Gaben spendet (Aus- 75 Vgl. zum speziellen Aspekt der Wandlung der Gaben 10 der EpI~lese Hlp~olyts H:-
gangspunkt des .offertoriums der römischen Messe), die in der Eucharistiefeier von den J. Schulz, "Wandlung" 274f. Schulz betont ~utreffend, ~aß ~ie Wl~kun~.' d~e auf dle
Diakonen dem Bischof überreicht werden (Ausgangspunkt des "Großen Einzugs" der Gaben herabgefleht wird; insofern von der Wakung a~f dIe K~rche (dle G.laublgen), von
byzantinischen Liturgie), der dann die Gabendarbringung durch das Sprechen des der anschließend die Rede ist, spezifisch abgehoben' 1st, als dIe Gaben etne "Umwand-
Eucharistiegebe,tes vollendet. lung" erfahren und nun (als mit Heiligem Geist e~~nte) "sancta" genan?t w~rd~~, also
67 So mit Recht Aldenhoven, Darbringung 110. letztlich eine Neuschöpfung (gegenüber der Realttat von Brot u~.d ~etn) s~nd, In der
68 Vgl. H.-J.Schulz, Glaubenseinheit 45. Kommunionepiklese ist die angesprochene Geister~üllung der ,?lau~lgen, dIe von de~
69 Vgl. H.- J. Schulz, Christusverkündigung 98. "sancta" genießen, nicht insofern als Wandlung bezelchne~, d~ dIe Kirche vo~ da ~n mlt
;0
V gl. ebcl" 97" einem anderen Wort umschrieben werden müßte. Doch dIes hegt damn, daß dle, dl~ ,von
71 Dies geht auch aus dem Bischofsweihegebet hervor, wo die liturgische Tätigkeit des den "sancta" genießen, schon vor diesem Akt des Genus~es als Getaufte v~,m ~etligen
Bischofs als apxu:pa:teuetv (nach dem Text der Epitome im 8. Buch der Apostolischen ," t en··llt und daher Neuschöpfung" sind. Schulz spncht zu selbstverstandhch von
G es
Konstitutionen, die lateinische Übersetzung hat "primatus sacerdotii") bezeichnet wird. u" bl'''d
der Geistwirkung auf "die Gaben" und beachtet zu wenig, daß mit ,,0 artO er ganze
'IEpatEuew kommt nach dem Eucharistiegebet (das im Zusammenhang mit der Bi- Darbringungsvollzug gemeint ist. .. . " .
schofsweihe angeführt wird) der gesamten Gemeinde zu. Der Bischof als Hirte der 76 "Omnibus qui perdpiunt sanctis" heißt nicht: "allen Hedlgen, di;,empfangen " sonder~.
Gemeinde, auf- den im Weihegebet der .,principalis spiritus" (TJYEIlOVtlCOV nveolla) "allen, die von den sancta, den eucharistierten Ga..ben, empfangen, (Bottes ~~nlektur fur
herabgefleht wird, leitet die Darbringung der Gemeinde und vollendet sie, indem er im den griechischen Text: toiC; J.l.EtaAallßavoücrt trov ay{rov O"OU: Botte, TradItIon aposto~
Namen der Gemeinde das Eucharistiegebet spricht (vgl. zur Interpretation des Bischofs-
weihegebetes H.- J. Schulz, Hirtenamt 214-237). lique 17)" """ ""cl"k cl" k "
77 Die lateinische Fassung ist nicht ganz leIcht zu ubersetze-?, ,da das Pr~ ~ at" es. elO
Von der Logos-Epiklese etwa in der Anaphora des Euchologions des Ps.-Serapion von Objekt hat: in unum congregans des omnibus qui perclptunt sancUs 10 repletlonem
Thmuis wird noch die Rede sein. spiritus sancti ad confirmationem-fidei in veritate, ut te laudemus ...
38 I/Om HerrenmahJ Zur Messe in 39

Feiernden also die Gemeinschaft im Heiligen Geist, weil ihnen in der Feier Anteil Ehe ich auf die Frage, wie es zu diesem Wandel kam, eine (hypothetische!)
gegeben wird am Heilswerk Christi. Diese Communio der Gläubigen mit Christus twort zu geben versuche und im folgenden den neuen Typus ..Messe" (gegen-
(und dadurch auch untereinander), um welche in der Epiklese gefleht wird, ist also r dem urchristlichen Typus: Herrenmahl) auf seine biblische Legitimität (ansatz-
das letzte Ziel der Eucharistiefeier. 'se) überprüfe, soll dieser Wandel noch verdeutlicht werden durch das älteste
Fassen wir kurz zusammen: Die Grundstruktur der Eucharistia des Hippolyt rarische Zeugnis, das wir für ihn besitzen80 , nämlich einige Passagen aus dem
ist also Anamnese der (geschichtlichen) Heilstaten Gottes, gipfelnd in Tod und ialog mit Trypho" und aus der (ersten) Apologie des Justin.8 t Justin bezeugt
Auferstehung Jesu Christi (memores) im liturgischen Vollzug (offerimus). der Tat- rarisch genau den Feiertypus, den wir in der Kirchenordnung Hippolyts in seiner
und Wortvollzug (gratias agentes) ist) und Epiklese, d. h. Bitte (petimus) um die :Jurgischen Ausgestaltung vorfinden. Darüber hinaus findet sich bei ihm zum
Aktualisierung der Heilstaten Gottes für die feiernde Gemeinde durch den Heiligen .isten Mal die Verbindung des Leidens Christi mit der Gabendarbringung, also die
Geist, damit diese "ein Leib und ein Geist" (vgl. Eph 4, 4) werde. Diese Struktur theologische Interpretation des ..memores offerimus" der speziellen Anamnese.
ist grundlegend fUr alle großen altkirchlichen Eucharistiegebete und wird in diesen Im ..Dialog mit Trypho" bringt Justin das Mehlopfer der vom Aussatz Gerei-
weiter entfaltet. nigten (vgl. Lev 14,10) mit dem eucharistischen Brot in Verbindung: ..Das Opfer
(1tpompopa.) des Weizenmehles,' welches nach der Überlieferung für die vom
Aussatz Gereinigten dargebracht wurde, war ein Vorbild ('t(>1tO~) des Brotes der
1.3 Zum Wandel vom urchristlichen Herrenmahl zur Messe
Eucharistie, dessen Vollzug Jesus Christus, unser Herr, angeordnet hat (öv ...
1tOpt5roKB 1totBiv) zum Gedächtnis des Leidens (B!<; äV<ll'v'lo"tV tüu 1t<lOou<;), das
1.3.1 Wie kam es zur Messe?
er erduldete rur die, we1che sich von jeder Sünde gereinigt haben. "82 Das ..Ge-
dächtnis des Leidens" besteht also im 1t01siv 'tov äptov 'tii~ söxaptcrtia~! Da das
Wenn wir die Gestalt des urchristlichen Herrenmahles mit der Gestalt der Euchari-
WeizenmeW als Typos des eucharistischen Brotes ..dargebracht" wird, besteht das
stiefeier in der Kirchenordnung Hippolyts vergleichen, so ergeben sich markante
..Tun" ebenfalls in einer Darbringung83 , die man allerdings keinesfalls von der mit
Unterschiede. In der Gestalt, die bei Hippolyt vorliegt, haben wir das älteste
ihr verbundenen Eucharistia trennen darf. 84 Es umfaßt also, wie uns schon die
Beispiel für die "Messe", in der das Schwergewicht nicht mehr allein beim MaW wie
Analyse von Hippolyts Eucharistia gezeigt hat, Tat- und Wortvollzug und steht
noch bei Paulus, sondern auch beim Eucharistiegebet über den Gaben Brot und
daher nicht in Widerspruch zum paulinischen Verkündigen als Erklärung von
Wein liegt, die in der Feier eine ..Umstiftung" erfahren und, indem sie vom Heiligen
Anamnesis! Das Verständnis der Eucharistie tendiert also dahin, in einer Darbrin-
Geist i~Besitz genommen werden, Leib und Blut Christi (bzw. dVti'tu1to~ und
gung (verbunden mit Danksagung) den als Opfer verstandenen Tod Christi bildhaft
öJ.10iroJ!a von Leib und Blut Christi, wie es bei Hippolyt heißt) werden und dann
zu vergegenwärtigen. 85 Justin bezeichnet in diesem Zusammenhang auch schon
an die Feiernden ausgeteilt werden. Was ist geschehen? Das HerrenmaW wird nicht
direkt die Eucharistie als Opfer; nach der Zitation von Mall,10-1Z (die KaBapa
mehr im Rahmen eines Sättigungsmahles gefeiert, dem, wie wir gesehen haben,
konstitutive Bedeutung zukam, sondern in die Mahlstruktur hat sich eine andere
Gestalt, eine Darbringungsgestalt, hineingeschoben. 78 Die Eucharistie wird nun Daß der berühmte Brief X 96 des Plinius an Trajan "das älteste greifbare Zeugnis für eine
als ,.Opfer" verstanden; in der Darbringung von Brot und Wein, denen nun als Trennung von Gemeindemahl und Eucharistie" (Schürmann, Gestalt 92) ist, scheint mir
aufs allerhöchste fragwürdig.
selbständige Elemente, die in den Leib bzw. das Blut Christi "umgewandelt" 81 Zur Auffassung der Eucharistie bei Justin vgl. Casel, Opfermysterium 103-115; Frank,
werden, größere Aufmerksamkeit entgegengebracht wird als dem umfassenden Opferverständnis 45--48.
Mahlvorgang, sieht man ein Medium der Vergegenwärtigung des Opfers Christi am
Kreuz. Außerdem hören wir jetzt erstmals ausdrücklich von der Verbindung des
"
83
Dia141,1 (ed. Goodspeed 138). Vgl. zur Stelle Kattenbusch, Art. Messe 673f.
In der Darbringung von Brot und Wein, die zwar durch die Eucharistie Fleisch und Blut
Herrenmahles mit einem Wortgottesdienst. Es liegt bereits die Struktur der Messe Christi werden, aber als solche nicht dargebracht werden (gegen Casel, Opfermysterium
109)! Frank, Opferverständnis 47, übersetzt 1toteiv völlig unzulänglich mit "machen«
vor: Wortgottesdienst - Gabenbereitung - Eucharistiegebet über die darzubringen- und bestreitet, daß das eucharistische Brot dargebracht wird. Aber in Dial 41,3 wird
den Gaben Brot und Wein - Kommunion. Der Wandel ist zweifellos sehr beträcht- 1tpocrl'pspetv eindeutig auf das Brot und den Wein der Eucharistie bezogen, wie Frank
lich, und vor allem die Anwendung der Kategorie ..Opfer" auf das Herrenmahl selbst, ebd., feststellt. Aber schon im nächsten Absatz (48) schreibt Frank wieder: "Brot
veranlaßt viele protestantische Autoren, hier einen Niedergang (oder wenigstens und Wein als materielle Gaben werden nicht Gott dargebracht, sondern den Menschen
gereicht. Gott wird die Danksagung dargebracht." Brot und Wein werden den Menschen
den Ansatz dazu) zu sehen, der erst durch die Reformation überwunden wurde.79
jedoch gerade nicht als bloß materielle Gaben gereicht!
84 Vgl. H.-J.Schulz, Christusverkündigung 99, der 1tOleiv als "sakrifizielles Handeln an
78
Vgl. dazu Schürmann, Gestalt 92-99, der von einer gebrochenen, irritierten Mahlgestalt Brot und Wein unter gleichzeitiger Danksagung über die Gaben" umschreibt. Vgl. auch
spricht (95). Casel, Opfermysterium 111.
Vgl. etwa Goppelt, Apost. und nachapost. Zeit 150f; Volk, Mahl des Herrn 43. Vgl. Casel, ebd. 112.
40 Vom Herrenmahl zur Messe 41

6ucria)86 in 41,2 fahrt er fort (41,3): "Diese Prophezeiung bezieht sich auf die von Eucharistiegebet (und in der korrelierenden Handlung, der Gabendarbringung)
uns Heiden Gott an jedem Orte dargebrachten Opfer, das ist auf das Brot der wird also um die göttliche Gabe des Fleisches und Blutes Christi gebetet, welche die
Eucharistie und ebenso auf den Kelch der Eucharistie; nach seiner Erklärung ehren 9läubigen wandeln soll; diese wird dann in der Kommunion ausgeteilt.
wir seinen Namen, während ihr ihn entehrt. "87 Es ist woW zu beachten, daß der In 67,3-5 94 bezeugt uns Justin schließlich, daß mit der sonntäglichen Eucha-
Sinn des eucharistischen Opfers die Verherrlichung des Gottesnamens ist, das Opfer ristiefeier ein Wortgottesdienst verbunden ist, welcher die Struktur aufweist: Le-
also Lobopfer, das gegen die gotteslästerlichen Opfer der Juden scharf abgegrenzt sung ("die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten werden
wird. vorgelesen, solange es angeht") - Predigt ("der Vorsteher gibt in einer Ansprache
Außerdem spricht Justin noch in den Kap. 65-67 seiner (ersten) Apologie von eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten") - Gebet
der Eucharistiefeier. In der Beschreibung von 65,3-5 ist diese mit der Taufe ("darauf erheben wir uns alle zusammen und senden Gebete empor"). Diese für die
verbunden. Zuerst werden Brot und Wein bereitgestellt (Gabenbereitung): "Darauf Messe typische Verbindung von Wortgottesdienst und Eucharistiefeier ist hier
werden dem Vorsteher der Brüder Brot und ein Becher mit Wasser und Wein erstmals greifbar.
gebracht, und dieser nimmt das Brot, sendet Lob und Preis dem Vater des Alls Ich will nun versuchen, eine notwendigerweise im Bereich der Hypothesen
durch den Namen des Sohnes und des Heiligen Geistes88 empor und spricht eine angesiedelte Antwort auf die Frage nach der Ursache dieses markanten Wandels in
lange Danksagung dafür, daß wir dieser Gaben von ihm gewürdigt worden sind." Feier und Theologie der Eucharistie zu geben. Die hiefür üblicherweise vorgeschla-
Das Volk antwortet mit "Amen". Hat er die Gebete und die Danksagung (ta<; gene Lösung, die möglichen Mißbräuche beim Sättigungsmahl, die schon von
euxa<; Kui TJ1V euxaptO"tiuv)89 beendet, so gibt das ganze anwesende Volk seine 1 Kor bezeugt werden und die bereits Paulus daran denken lassen, man solle das
Zustimmung mit dem Wort ,Amen'." Schließlich wird die Kommunion ausge- Mahl zu Hause einnehmen (1 Kor 11,33f), hätten zu seiner Abtrennung von der
teilt. 9o Eucharistiefeier geführt, worautbin der im Urchristentum selbständige Wortgottes-
Die Konzentration der Theologie auf die Elemente Brot und Wein zeigen dienst mit dieser zur Messe vereint worden sei95 , scheint mir die Differenz der
Justins Ausführungen in 66,291 , wo gesagt wird, daß das eucharistische Brot und eigentlichen eucharistischen Feier, insbesondere die so bedeutsame Schwerpunkt-
der eucharistische Wein nicht KOtvO<; ÜPTO<; und K01VOV 1tOJ.lU sind, sondern Öl' verlagerung vom Gemeinschaftsmahl zur über die d~rzubringenden Gaben zu
eux~<; AOY01) tOD nup' autou 92 euxaptO"'tTj8EiO"u tp0<Pll. Die Gaben Brot und sprechenden Eucharistia, die später selbst den Namen "Darbringung" erhält (Ana-
Wein erfahren also durch das Eucharistiegebet (dem als ganzem "konsekratorische phora), nicht erklären zu können. Was den Wortgottesdienst betrifft, so hat Cull-
Kraft" e~gnet, wenn man sich so ausdrücken will) eine "Umstiftung", "Umwand- mann wahrscheinlich gemacht, daß ein solcher schon immer mit dem Herrenmahl
lung" - ~diese wird nach Analogie der Inkarnation gedacht - und sine dadurch verbunden war, welcher freilich nicht nach synagogalem Vorbild gestaltet, sondern
Fleisch und Blut des fleischgewordenen Jesus, deren Genuß auch uns umwandelt: von charismatischen Elementen wie Zungenrede, Prophetie usw. (vgl. 1 Kor 14)
,,[Tpo<j>11], SS ~<; ull'U Kui crUpKB<; KUTU I'BTUßOAT]V TpSepOVTal (*&V",93 Im geprägt war. 96 Ein tatsächlich dem Synagogengottesdienst angepaßter Wortgot-
tesdienst, wie er wohl schon bei Justin erscheint (obwohl das "solange es angeht"
86
Die Anwendung dieser Stelle auf die Eucharistie begegnet auch Did 14,1 und wird usus bei den Lesungen die Freiheit der Gestaltung - keinerlei Perikopensystem! -
communis. Ich komme darauf bei der Behandlung des "Meßopfers" noch zurück. beweist)97, ist wohl auch kein Ersatz für das Sättigungsmahl, das als theologisch
"
88
Ed. Goodspeed 138.
Das Eucharistiegebet ist trinitarisch aufgebaut: vgl. bezüglich der Eucharistia Hippolyts
bedeutsames Element nicht einfach entfallen konnte. Das, was im Typus "Messe"
an die Stelle des urchristlichen Sättigungsmahles tritt98, scheint mir vielmehr die
H.-J. Schulz, Glaubenseinheit 37--43.
89 genannte Darbringungsstruktur (Gabendarbringung und Eucharistiegebet) zu sein,
Ob diese Ausdrucksweise (Bitten und Dank) auf die Zweiteiligkeit des eucharistischen
Hochgebetes (anamnetischer Teil - epikletischer Teil) anspielt (so Giraudo, Struttura
letteraria 273, hier noch einige Stellen)? Freilich ist die Reihenfolge immer Bitte - Dank,
während im Eucharistiegebet der Danksagungsteil immer vorausgeht! se ist, also die "Wandlung" der Gaben im Hinblick auf die Wandlung der Gläubigen
90 Ed. Goodspeed 74. erbittet. Anders Betz, Aktualpräsenz 272.
" Ebd. 74f. Vgl. zu diesem schwierigen Satzteil die Ausführungen Kretschmars, Art.
Abendmahl 67; Betz, Aktualpräsenz 268-272. '" Ed. Goodspeed 75.
95 Vgl. etwa ]ungmann, Missarum Sollemnia I 26; Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier 242f
92
Diese zweideutige Formulierung wird uns noch im Zusammenhang der Epiklese be- ("die einleuchtendste Hypothese").
schäftigen. % Vgl. Cullmann, Urchristentum und Gottesdienst 29-34.
Diese Formulierung ist freilich recht dunkel. Kretschmar, Art. Abendmahl 67, optiert 97 Die spätere Anpassung des Wongottesdienstes an den Synagogengottesdienst konze-
vorsichtig für die im Text vorausgesetzte Deutung: der Satzteil "zielt auf die ,Umwand- diert auch Cullmann, ebd. 32.
lung' des ganzen geschichtlichen Menschen durch eben diese besondere Speise, die 98 Das eucharistische Mahl, das nun in der "Kommunion" vorliegt, ist jetzt ein stilisiertes
Eucharistie - was mir hier eher den Sinn zu treffen scheint", Diese Interpretation Mahl. Dies ist als Hellenisierung des Herrenmahles zu betrachten, die hellenistischen
konveniert auch mit der Struktur der Epiklese, die Wandlungs- und Kommunionepikle- Mysterienmähler waren durchwegs stilisierte Mähler (vgl. Klauck, Herrenmahl 164).
42 Vom Herrenmahl zur Messe als neues Paradigma 43

wenngleich freilich das Eucharistiegebet keine eigentliche Neuerung, sondern die gabe der Menschen an Gott (und aneinander), die kraft der Hingabe Christi
Entfaltung einer schon urchristlichen Eulogie99 ist.
mäglicht ist, (und später in bildhaften Riten wie Brotbrechung und Proskomidie!)
Um diesen Wandel, den man als liturgischen Paradigmenwechsel vom urchrist- .102 Daß auch der Wortgottesdienst nun institutionalisiert und dem Synagogen-
lichen Paradigma "Herrenmahl" zum altkirchlichen Paradigma "Messe" bezeichnen ttesdienst angepaßt wurde, die geistgewirkten Elemente durch Schriftlesungen
könnte, zu begreifen und zu würdigen, muß man die das ganze Christentum tief setzt wurden, paßt in dieses Bild.
umprägende, deutliche kirchengeschichtliche Zäsur sehen, die sich um die Mitte des Freilich ist die Messe keine völlige Neuerfindung, kein unerhörter Bruch mit
2. Jahrhunderts ereignete. tOO Das Urchristentum hatte in der Naherwartung gelebt, em HerrenmaW: Die Idee der Anamnese des Todes Jesu ist paulinisch, und die
war davon zutiefst geprägt. Sein Leben entwarf es von der Zukunft her101, vom rwartung des Herrn als endgültige Erfüllung der Kirche ist auch in der Messe
Kommen Christi, das demnächst erwartet wurde. Die Gemeinden waren zentral vorhanden (nicht zuletzt in der Gebetsostung!). Aber die Akzente haben sich
eschatologisch ausgerichtet, die Liturgie vom Maranatha bestimmt. Man betete um deutlich vedagert103 , und die Gestalt der Feier hat sich daher erheblich gewandelt.
die Vollendung der Kirche im Reich Gottes, also um ihre Aufhebung (Did 9,4). theologische Deutung der Feier setzt ein und bringt neue Kategorien ins Spiel,
Auch das Herrenmahl in den paulinischen Gemeinden, das nach dem Zeugnis von die auf das urchristliche Herrenmahl nicht anwendbar sind, so vor allem die
1 Kor 11,26 Anamnese des Tades des Herrn war - Hereinholen der Vergangenheit Deutekategorie ..Opfer" .104 Ein Verrat am- biblischen Zeugnis?
in die Gegenwart -, war begrenzt durch das "bis er kommt", und das heißt: durch
das demnächst sich ereignende Kommen. Für das Leben dieser in der Naherwartung 1.3.2 Zur Legitimitiit dieses Wandels vom biblischen Zeugnis her
stehenden Gemeinden spielten charismatische Gaben wie Prophetie, unmittelbar
geistgewirkte Phänomene die entscheidende Rolle, nicht ein institutionalisiertes, in Die zentrale Idee des Paradigmas "Messe", die Anamnese, steht als wesentlicher
feste Formen gebrachtes kirchliches Amt. Gedanke des paulinischen Herrenmahles in ihrer biblischen Legitimität außer
Im Laufe des 2. Jahrhunderts kam die Naherwartung in die entscheidende Zweifel. Was als im Neuen Testament schon keimhaft angelegt (wenn auch nicht im
Krise. Die späteste Schrift des Neuen Testaments, der ,,2. Petrusbrief' (um 140), speziellen Zusammenhang mit der Feier des Herrenmahles) zu erweisen ist, ist (1.)
spiegelt diese wider (vgl. 2 Petr 3,8-10). Ungefahr um die Mitte des Jahrhunderts die Verbindung der Anamnese mit der Opfer-(Darbringungs-)Vorstellung, d. h. die
ist die Naherwartung weitgehend geschwunden. Die Kirche muß sich in der Welt Auffassung, daß die Eucharistie das Opfer Christi darstellt (repräsentiertlOS) und
einrichten. Dazu braucht sie eine Richtschnur - natürlich Jesus Christus, der (2.) selbst (im Rahmen der umfassenderen Mahlstruktur) einen Darbringungsvoll-
historische Jesus Christus. Wo aber hat man die Gewähr, daß die Verkündigung zug kennt, in dem das Opfer Christi bildhaft repräsentiert wird, sodaß (3.) die
dieses Christus richtig ist? Es bildet sich langsam der Kanon des Neuen Testaments, darzubringenden Gaben (Brot und Wein) eine hervorgehobene Stellung einnehmen;
es entsteht ein kirchliches Amt, das in dieser Form der Urchristenheit nicht eigen schließlich (4.), daß die Anamnese durch das Wirken des Heiligen Geistes zustande
war, zur Wahrung der apostolischen Paradosis, und - das Verständnis des Gottes- kommt, der in der Epiklese auf die Gaben (bzw. die ganze Darbringung) herabge-
dienstes wandelt sich. War der zentrale Inhalt des urchristlichen Herrenmahles das fleht wird.
eschatologische Kommen des Herrn gewesen (also das Transzendieren, die Aufhe- Der letzte Gedanke, daß der Geist es ist, der die Anamnese verwirklicht (bzw.
bung der Kirche), so ist die zentrale Idee der Messe: die Anamnese des historischen im letzten der Vater durch den Geist), ist grundgelegt in Joh 14,26: "Der Beistand
Heilswerkes, gipfelnd in Tod und Auferstehung Jesu Christi, in der Kirche. Hatte aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch
sich im Herrenmahl die eschatologische Gemeinschaft der Kirche mit Christus, die
die Brüderlichkeit der Gläubigen untereinander impliziert, im Sättigungsmahl abge~ 102 Neben der Stilisierung des Mahles bedeutet auch die Gewichtigkeit des Darbringungs-
bildet, so bildet sich nun in der Messe die Hingabe Christi und sein als "Opfer" vollzugs wohl eine Hellenisierung des HerrenmaWs, das nun in größere Nähe zum
"dromenon" der Mysterien gerät.
verstandener Tod in der durch die Darbringung von Brot und Wein bezeichneten
103 Vgl. Kretschmar, Art. Abendmahl 63: "Im Mittelpunkt der eucharistischen Frömmig-
keit der alten Kirche, jedenfalls der Großkirche, stand nicht die Hoffnung auf eine noch
ausstehende Zukunft, sondern die durch Jesus eröffnete neue Lebenswirklichkeit, die alle
Vgl. 1 Kor 10,16: Ta 1tOtT)PlOV Tfj<; €öA.oyia~ Ö 8ÖAOYOU~€V und auch das XatuyyeAA€- Zukunft in sich schließt."
1:8 von 1 Kor 11,26.
wo 104 Gerade diese veranlaRt natürlich viele protestantische Autoren, schon die frühkirchliche
Vgl. zum Folgenden Aland, Geschichte der Christenheit I 91-96; Buhmann, Theologie Eucharistiefeier als Niedergang gegenüber dem biblischen Zeugnis anzusehen. Vgl. z. B.
des NT 464-470.
101 Goppelt, Apost. und nachapost. Zeit 150: "Die. OpfertJorste/lung aber führte in ihr~n
Vgl. Aland, ebd. 91: "Denn bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts und noch darüber hinaus älteren Formen als spekulative Erweiterung vom Eigentlichen der Feier weg und gertet
leben die Christen nicht in der Gegenwart und für die Gegenwart, sondern sie leben in in ihrer letzten Form in Widerspruch zu dem apostolischen Evangelium."
d.er ~ukunft und für die Zukunft, und zwar so, daß die Zukunft in die Gegenwart 105 Zum Zusammenhang von Anamnese und "Repriisentation" vgl. Marxsen, Repriisen.tati-
emfbeßt, daß Zukunft und Gegenwart eins werden, und zwar selbstverständlich eine on, der resümiert: "Wer dem Abendmahl den Gedanken der Repräsentation abspncht,
unter dem Vorzeichen der Gegenwart des Herrn stehende Zukunft." nimmt ihm damit einen seiner wesentlichsten und entscheidendsten Züge ..." (78).
44 Vom Herrenmühl Zlfr Messe Legitimität dieses Wandels 45

alles lehren und euch an alles erinnern (urroIlVt'jcrcl), was ich euch gesagt habe." Es bleibt nun noch die Verbindung der Gabendarbringung mit dem als Opfer
Hier wird der Geist ausdrücklich mit der !\namnescvorstellung in- Verbindung verstandenen Tod Christi als biblisch legitim aufzuweisen. Wie wir gesehen haben,
gebracht, der Geist, den der Vater sendet. Der Geist ist es, der "für die Präsenz und ist das "Opfer" Christi als seine Selbsthingabe an den Vater als Konsequenz seiner
unbegrenzte Kontinuität des Werkes des Irdischen sorgt"lO(,. Hier ist gam: allge- Liebe zu uns anzusehen; und die Darbringung von Brot und Wein ist letztlich
mein ausgesagt, was im Rahmen der Eucharistiefeicf in der speziellen Epiklese zum Zeichen für diese Selbsthingabe, Darbringung unser selbst. Ein Ansatzpunkt114 für
Ausdruck kommt: Der vom Vater gesandte Heilige Geist schafft die Anamnese die Idee, daß in unserer Selbsthingabe die Hingabe Christi "repräsentiert" wird, ist
(lJ1WIlVllaet) des Werkes Christi (mlvw ä dnov Uj.llv), über das hinaus es keine der Gedanke der "Nachahmung Christi«, welcher in Eph S,lfausgesprochen wird:
Offenbarung gibt. "Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und liebt einander, wie auch Christus
Was nun die Opfervorstellung betrifft, so kommt entscheidende Bedeutung der uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefillt."
schon im Neuen Testament erscheinenden Deutung des Todes bzw. des ganzen Hier wird die "Nachahmung", die im Wandel in der Liebe besteht, direkt auf das
Werkes Christi als Opfer 2U. 107 Hicr ist 7.U verweisen auf 1 Kor 5,7 ("Als unser Opfer Christi bezogen! Wir sind (als Getaufte) ermächtigt, ja verpflichtet, Christus
Paschalamm ist Christus geopfert worden"), Eph 5,2 ("weil auch Christus uns in seiner Selbsthingabe "nachzuahmen", und dies hat bedeutende ethische Konse-
geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer - napEDwKev quenzen (Eph S,lf steht in paränetisch~m Zusammenhang). Die Repräsentation des
SUUtov ... 1tpocrq>opav Kat 8ucriav -, das Gott gefallt") - das Opfer als die I-lingabe Opfers Christi in unserer Hingabe (die durch die Gabendarbringung und das
an den Vater wird parallel gesetzt mit der Liebe zu UOS 10 8 , also ganz unkultisch Dankgebet zeichenhaft dargestellt wird), ist letztlich nur die Übertragung dieser
verstanden - und auf die mehr kultischen Vorstellungen des Opfers Christi im hier ethisch verstandenen Konzeption auf die Liturgie. Diese Andeutungen mögen
Hebräerbrief. Hier löst das einmalige (f:q>6.Jtu~: Hebr 7,27) Opfcr Christi alle (nicht beweisen, aber wenig~..tens) aufzeigen, daß zwischen urchristlichem Herren-
alttestamentlichen Opfcr ab - es gibt kein neues Opfer mehr; das f:<pcma~ erweist maW und altkirchlicher Messe kein entscheidender Bruch liegt, sondern eine auf-
jegliche Konzeption einer "W"iederholung" (oder "Ergänzung") des Opfers Christi grund der veränderten Situation erfolgte Akzentverlagerung ~ ein Paradigmen-
durch die Kirche als unchristlich. Von größter Bedeutung ist, daß der Opferbegriif, wechsel.
wenn er auf den Tod Jesu angewendet wird, nicht bloß kuitiseh109 zu verstehen
ist, sondern als "martyriales Opfer"llO, als die gehorsame Selbsthingabe Christi an
den Vater als let7:ter Ausdruck seiner (und damit von Gottes!) Liebe zu uns.111
Unmittelbar im Zusammenhang mit dem Herrenrnah! steht die Vorstellung vom
Opfer Christi im Kelchwort des markinischenjmatthäischen Einsetzungsberichtes 1.4 Die Entfaltung der Struktur der Eucharistia Hippolyts
Mk 14,24jMt 26,28: "Das ist mein Bundesblut, das für die viden vergossen '-vird." in den altkirchlichen Eucharistiegebeten
Kommt im "vergossen für die vielen" die (unkultische) Sühnevorstellung entspre-
chend Jes 53 zur Sprache, so verweist das "Bundesblut" auf das Bundesopfer Ex
Die ab dem 4. Jahrhundert entstehenden großen Liturgien, die sich von den
24,3-8 112 ; Jesu Tod wird also auch hier als Opfer gedeutet. Die Anglcichung der
kirchlichen Zentren (Jerusalem, Antiochia, Alexandria, Rom, Byzanz) aus in den
"Dcuteworte" zu Brot und Kelch bei Mk/Mtdurch die Parallelisierung: Leib- Blut (im
von diesen abhängigen Gebieten durchsetzen, teilen sich (wenn man von der
Unterschied zu Leib - Bund bei PlsjLk) weist auch schon auf die Ideen des Fleisches
ostsyrischen Apostelanaphora und ihren Verwandten absieht) bezüglich der Struk-
und Blutes Christi hin, die in Brot und \"Vein dargcreicht werden (vgL auch 1 Kor 10, 16),
tur ihrer Anaphoren in zwei große Gruppen: Der antiochenisch-byzantinische
und somit auf die wachsende Eigenbedeutung dereucharistischen "Elemente" .113
Typus (vor allem Jakobos-, Basileios- und Chrysostomos-Anaphora) hat eine
WO
"anamnetische Anaphora"l15, der alexandrinische Typus (vor allem die Anaphora
Becker, Joh-Ev. II 472; vgl. 469.
107
Vgl. F. Hahn, Opfer im NT 72-81.
aus dem Euchologion des Ps.-Serapion von Thmuis, die Markus-Anaphora, die
lOS
Vgl. ebd. 76.
~enz, Opfer Christi 29, spricht von einem "reflexiven Opferbegriff"; dieser geht weit chen Wesen nach wegen dieser Beziehung ein Opfer sei, sich ausgebreitet haben." V gl.
uber den beschränkten Bereich des Kultischen hinaus und kann sich durchaus mit einer auch Klauck, Herrenmah1311.
antikultischeIl Tendenz verbinden. 114 Ein anderer möglicher Ansatzpunkt wäre die Idee der Gottebenbildlichkeit Christi, an
Setz, Art. Eucharistie 350. der wir Anteil bekommen, indem Gott uns "au~~6pcpou~ tfi~ EiK6vo~ wü uioo uuwo"
Vgl. FHahn, Opfer im NT 77; Schneider, Opfer 95 -97. (Röm 8,29) macht. Also ist unsere Hingabe Abbild der Hingabe Christi, und Abbild
Vgl. P.Hahn, ebd. 87f. heißt im NT: reale Anteilhabe; im Abbild erscheint real das Urbild, also in unserem
Vgl. Kattenbusch, Art. Messe 673: "Seit die Ideen des ,Leibes und Bundes' in die des Zusammenhang: in unserer Hingabe (Darbringung, Opfer) erscheint real die Hingabe
,Fleisches und Blutes' Christi umgesetzt waren, wird auch der Gedanke, daß die Euchari- (Opfer) Christi.
stie eine Repräsentation des Golgothaopfers einschließe, ja zuoberst und seinem eigentii- Vgl. oben S. 33 58 .
46 Die altkirchJichen Bucharistiegebete Bedeutung der Anamnese 47

Anaphora des Papyrus von Der Balyzeh) eine "epikletische Anaphora". Alle diese Formulierung 120 des christlichen Kerygmas durchaus geeignet war, in gewisser
Anaphoren116 sind gleich gebaut wie die Eucharistia Hippolyts. d. h. in ihrem Hinsicht sogar besser als der alttestamentlich-jüdische Gedächtnis-Begriff.121
Zentrum stehen (im Anschluß an den Einsetzungsbericht) die spezielle Anamnese Dieser ist für das theologische Verständnis der paulinischen Anamnesis der
und die Epiklese; sie. bringen also eine Entfaltung der grundlegend schon in der entscheidende Hintergrund. zkr (Gedenken)l22 ist in theologischer Verwendung
Hippolytschen Eucharistia klar vorliegenden Struktur und theologischen Aussage. ..Begriff für das wechselseitige Verhältnis zwischen Jahwe und Israel bzw. dem
Diese Entfaltung soll nun dargelegt werden; ich gehe dabei vor nach den Leitwör- Einzelnen in Israer'123. zkr kann von Gott ausgesagt werden, Gott gedenkt seiner
rem von Anamnese und Epiklese: "memores", "offeiimus", "petimus". Großtaten in der Geschichte124, vor allem des Bundes mit seinem Volk (vgl. z. B.
Jer 14,21), oder er gedenkt einzelner Personen (wie des Noach in Gen 8,1) bzw. des
1.4.1 "memorel': Die Anamnese als die fundamentaJe-'Kategorie der Eucharistiefeier ganzen Volkes (z. B. Ps 74,2). Dabei bedeutet zkr nicht nur eine bewußtseinsmäßige
Erinnerung, sondern impliziert ein Verhalten Gottes zum Menschen, dessen er
Das Partizip "memores" kennzeichnet in der Eucharistia Hippolyts das in den gedenkt, -bringt ein neues Eingreifen Gottes hervor. d. h. läßt eine vergangene
Verben "offerimus(( und ..petimus(( ausgedrückte liturgische Tun der Gemeinde als Heilstat Gottes für den Menschen Gegenwart werden. 125 Subjekt von zkr kann
anamnetisches, d. h. auf das Heilsereignis "Jesus Christusn (kulminierend in Tod aber auch der· Mensch sein126, der vor allem Gottes bzw. seiner geschichtlichen
und Auferstehung, welche bei Hippolyt als einziger Inhalt der Anamnese angegeben Heilstaten gedenkt. Dabei kann zkr (im Hiphil) die Bedeutung von "preisen,
werden) bezogenes Handeln (Feiern). Es qualifiziert also das ki'rchliche Handeln, ist verkünden" annehmen (vgl. Jes 48,1; Ps 45,18).127
die übergreifende Kategorie, in deren Licht der liturgische Vollzug sachgemäß zu Für unseren Zusammenhang am wichtigsten ist die Verwendung von zkr im
verstehen ist. Die Feier der Eucharistie ist Anamnese Christi (memores), welche im kultischen Bereich. 128 ~kkaron bezeichnet ein "von Menschen geübtes Gedächtnis
Tun der Gemeinde (offerimus) von Gott, den die Gemeinde darum bittet (petimus), als religiöses und kultisches Tun"129. Im kultisch-liturgischen Feiern gedenkt der
verwirklicht wird. Mensch bzw. die Gemeinde der geschichtlichen Großtaten Gottes, und dadurch ist
sie im liturgischen Tun bei den Heilsereignissen dabei. Markantes Beispiel dafür ist
1.4.1.1 Die Bedeutung von Anamnese das Passa130 als Gedächtnisfeier der Errettung Israels aus Ägypten (vgl. Ex 12,14).
Die Teilnehmer am Passa werden in das historisch einmalige Ereignis hineingenom-
Die Anamnese war schon der zentrale Gedanke des paulinischen Herrenmahles und
men, dieses wird für sie zur heilbringenden Gegenwart. Es handelt sich beim
hat sich als die entscheidende Konstante auch nach dem Paradigmenwechsel im
kultischen Gedächtnis also um eine "Vergegenwärtigung'( (Repräsentation) im
Laufe'q.es 2. Jahrhunderts in der Messe erhalten. Um ihre Bedeutung klarzustellen,
hat ma~ also von 1 Kor 11,25f auszugehen und zunächst zu fragen, welche' Vorstel- weitesten Sinn. um die Herstellung von Gleichzeitigkeit zwischen einem geschicht-
lung hinter dem "ai~ ö.va~Vll(nV" steht. Lietzmann117 hat auf die im hellenisti-
schen Raum weit verbreiteten Totengedächtnismähler118 verwiesen. Die Parallele 120
Natürlich ist eine völlige Scheidung von "Formulierung" und "Sache" unmöglich, es
zum christlichen Herrenmahl ist offensichtlich: Man feiert zum GediichtniJ einer gibt keine "an sich" zu betrachtende Sache, die dann in verschiedenen Formulierungen
verstorbenen Person ein Mahl; der für das Herrenmahl entscheidende Gedanke der vorliegen kann, sondern die Sache gibt es nur in (verschiedenen) Formulierungen, von
sakramentalen Communio ist in den Totengedächtnismählern freilich nicht gege- denen nicht abstrahiert werden kann (vgl. dazu Berger, Exegese 163f.187f).
121 Vgl. Klauck, Herrenmahl317: "Unter dem ganzen alttestamentlich-jüdischen Material
ben. Dennoch liegtin ihnen zweifellos eine Analogie119 zum Herrenmahl vor, eine
findet sich keine Stelle, die eindeutig auf eine einzelne Person und auf ein GedächtnismahJ
Vorstellung, die vor allem den heidenchristlichenGemeinden geläufig und zur Bezug nehmen würde. Genau das aber trifft beim hellenistischen Stiftungsmahl zu. Unter
theologischem Aspekt ist es zwar nicht ausreichend fur eine Sinndeutung des Abend-
116 Der römische Kanon wird im 2. Teil der Arbeit gesondert behandelt, was nicht bedeutet, mahls, aber auch nicht so völlig ungeeignet, wie man es oft hinstellt." Vgl. auch
daß er einen völlig anderen Typ des Eucharistiegebetes darstellt. Hagemeyer, "Tut dies ... !" 112f.
122 Vgl. zum Begriff zkr Marxsen, Repräsentation; Schildenberger, Gedächtnischarakter
117 Lietzmann, Kor 58.
118 Vgl. auch Klauck,.HerrenmahI83-86; Hagemeyer, "Tut dies ... !" 108f. 75-87; Groß, zkr; Eising, Art. zkr; Schottroff, Art. zkr; Hagemeyer, "Tut dies!"
119 Das bedeutet - man muß das leider immer wieder betonen - keine "Ableitung" des 102-104.
123 Schottroff, Art. zkr 513.
Herrenmahls aus dem hellenistischen TotengedächtnismaW. Vgl. zur Methodik des
religionsgeschichtlichen Vergleichs allgemein Berger, Exegese 186-201; zur Analogie im I"
125
Vgl. Groß. zk r 227-230; Eising, Art. zkr 578-581; Schottroff, Art. zkr 513-516.
besonderen ebd. 191: "Es gibt offenbar die Möglichkeit paralleler Entwicklungen in Vgl. Groß, zkr 228.
126 Vgl. Groß 230f; Eising 575-578; Schotttoff 516-518.
benachbarten Bereichen aufgrund gleichartiger historischer und sozialer Voraussetzun M

gen. Ce Und: "Der Nutzen dieser Betrachtungsweise liegt vor allem darin, daß auf dieser '" Vgl. Ei,mg 583.
Basis dann Einwirkungen und Entlehnungen verständlich werden. Die Einwirkung 128 Vgl. Groß 231-237.
125 Eising 589.
erfolgt nicht im leeren Raum, die Ariknüpfungsmöglichkeiten werden durch die vorgän-
gige analoge Entwicklung und durch ähnliche, gemeinsame Probleme geschaffen." 130 Vgl. dazu Schildenberger, Gedächtniscltarakter 75-82.
48 IJie altkirchfichen Eucharistiegebete Bedeutung der Anamnese 49

lieh vergangencn Ereignis und der feiernden Gemeinde. 131 Marxsen hat in diesem Handeln Gottes. und Gott nimmt ihn in die Realität seines Heilswirkens hinein.
Zusammenhang auf das hebräische Zeitverständnis hingewiesen 132 , welches er indem er den gedenkenden (dankenden, verkündenden, bittenden) Menschen (bzw.
folgendermaßen charakterisiert: "Für den Hebräer ist die Gcgcmvart nur ein Punkt die feiernde Gemeinde) mit seinen als geschichtlichen einmaligen Setzungen gleich-
im großen Geschehen, der nicht dadurch überbewertet wird, daß man ihn als zeitig setzt. 135 Gott ist in der Gedächtnisfeier also prinzipal tätig, und zwar
Mittelpunkt sicht. Andererseits gibt es keinen Stillstand. Das in der Vergangenheit heilwirkend tätig, der Mensch respondierend, und zwar dankend für die schon
Gesetzte ist nicht nur für sich da, sondern in seiner Wirkung weist es auf die geschehenen Heilstaten und bittend um ihre Aktualisierung für ihn, für den als ein
Zukunft, damit in die Gegenwart hinein und über sie hinaus."133 Die Gedächtnis- der Zeit unterworfenes Wesen sie irreversibel vergangen sind.
feier ist also ein Brennpunkt, in dem sich Vergangenes (der Inhalt des Gedächtnis- Diese Bedeutung und diese Grundstruktur (unter besonderer Hervorhebung
ses), Gegenwart (die feiernde Gemeinde) und Zukünftigcs 134 (das messianische des Momentes der Verkündigung) ist auch für den paulinischen Anamnesis-Begriff
Mahl) in einem Geschehen treffen. konstitutiv, wobei insbesondere in Hinblick auf die grundlegende Tatsache. daß es
Die Herstellung von Gleichzeitigkeit zwischen historisch einmaligen Ereignis- ..sich beim diristlichen Gedächtnis um die Gegenwart einer Person handelt, auch im
sen kann natürlich nur Gott bewirken, vor dem seine Heilstaten ewig gegenwärtig hellenistischen Raum Analogien vorliegen, die man zu beachten hat. Zum Verständ-
sind. Der Mensch (bzw. die Gemeinde) kann in seinem zeitlich gebundenen Han- nis des Zustandekommens der Gleichzeitigkeit von (historischem = vergangenem
deln, in seinem Cedenken nur darum bitten (aufgrund der schon geschehenen und erhöhtem = zukünftigem) Christus und der das Herrenmahl feiernden Ge-
Zuwendung Gottes, als Antwort darauf). Er kann Gott für seine Großtaten danken, meinde hat Neuenzeit auf die paulinische Pneuma-Vorstellung hingewiesen. 136
kann sie verkünden und um die "Vergegenwärtigung" beten: Anamnese ist so Diese wird von Paulus zwar nur 1 Kor 10.3f direkt mit dem Herrenmahl in
zugleich Eucharistia und Epiklese. \X/enn der Mensch den Namen Gottes preisend Verbindung gebracht (wo nich.! von Anamnesis die Rede ist), hat aber genau die
anruft, darf er sicher sein, daß Gott ihm _Anteil an seinem HeiJswirken gewährt (vgl. Funktion der Sicherung der Gegenwart des Herrn. die im liturgischen Kontext von
Ex 20,24). Das Gedächtnis (und besonders die kultisch-liturgische Gedächtnisfeier) 1 Kor 11 der Anamnesis zukommt.
ist also ein dialogisches Zusammenwirken von (;ott und Mensch: Gott setzt seine Der Geist als ..1tvauJ.1u tOU uiou" (Gal 4,6) ist ..die Art und Weise, in der der
heilschaffenden Taten als Ausdruck seiner Zuwendung und Liebe zum Menschen K()pl0~ der Gemeinde gegenwärtig wird"137. Er schafft also die Verbindung Christi
(und z\.vat wirkt er in die konkrete menschliche Geschichte hinein) und gibt dem mit der Gemeinde, ist Grund der Gegenwart Christi in der Gemeinde. Wenn die
Menschen den Auftrag, dieser Taten zu gedenken. Der Mensch antwortet auf das Gläubigen durch das Herrenmahl in den Leib Christi eingegliedert werden (1 Kor
10,17), so deshalb. weil es ein Geist ist, der sie verbindet. wie Paulus in Hinblick auf
Schottroff, Art. zkr 517, wendet sich geg-en die Vorstellung einer "kultdramadschen die Taufe 1 Kor 12,13 ausführt: ..Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe
Verg-egenwärtigung". Eine solche, d. h. die Vergegenwärtigung- des (mythischen) Ge- alle in einen einzigen Leib aufgenommen. "138 Durch die Eingliederung in den Leib
~chicke~ einer Gottheit und die Anteilhabe daran durch ~ymboli~che Handlungen (dro- Christi gerät der Gläubige in den Herrschaftsbereich Christi, damit in das Kraftfeld
menon) liegt in den hellenistischen Mysterien vor (vgl. Casel, Mysteriengedächtnis 139f). seines Todes und seiner Auferstehung.t 39 Er ist dadurch .•,in Christus". und das
Der wesentliche Unterschied zum alttestamentlichen Gedächtnis und dessen "Vergegen-
heißt zugleich ..im Geist"140, bzw. Christus ist in ihm. und das heißt zugleich: der
wärtigung" besteht darin, daß im hellenistischen Mysterium ein unhistorisches, mythi-
sches Geschehen je Gegenwart wird - hier kann nicht von Herstellung von Gleichzeitig- Geist wohnt in ihm. Besagt also der Geist auf der einen Seite die Wirklichkeit der
keit die Rede sein. Da das christliche Gedächtnis fundamental vom historischen Kreuzes- Gegenwart des erhöhten Herrn, so auf der anderen Seite die neue...pneumatische"
tod Jesu bestimmt ist, kann das hellenistische Mysterium nicht als entscheidende Deu·· Existenzweise der Gläubigen, die in den Leib des Herrn eingegliedert sind.t 41 Der
tungskategorie herangezogen werden (von "Ableitung" kann hier ohnehin nicht die Geist wirkt im Gläubigen, und er bewirkt auch. daß er, der als Sünder Gott nicht
Rede sein), wie es Casel in allen seinen Arbeiten getan hat. Das heißt natürlich nicht, daß
nicht von hier Einfhisse auf das Eucharistieverständnis der Alten Kirche gekommen
sind. -- Schottroff beschreibt das kultische Gedächtnis des Alten Testamentes als "das V gI. Groß, zkr 232: "Es handelt sich beim Menschen also um ein korrespondierendu Tun
erinnernde Eintreten in elen Geschehenszusammenhang mit durch Verkündigung oder oder Verhalten gegenüber einer Stiftung und Setzung Goues."
Zeichen vergegenwärtigten Ereignissen der Vergangenheit". Das W'ort "Vergegenwärti· 136 V gI. Neuenzdt. Herrenmahl 152.
gung" trifft also schon die gemeinte Sache (Eising 593 redet von "kultischer Gegenwär-
tigsetzung"), spezifisch für das alttestamentlieh-jüdiseh-christliche Gedächtnis ist die
'" Schweizer, Art. 1tVEÜIl-U 432. VgI. 431: Die Kraft des Geistes "ist identisch mit dem
erhöhten Herrn, wenn man diesen nicht an sich, sondern in seinem Handeln an der
G"Jeicbzeitilf,keit zweier historisch einmaliger Geschehnisse, die durch das Gedenken Gemeinde betrachtet".
zustande kommt. V gI. 1 Kor 6,16f, wo der "eine Leib" der Hure und dessen, der ihr anhängt, parallelisiert
m Marxsen, Repräsentation 73---75; vgl. auch Neuenzeit, HerrenmahI150--152. ist mit dem "einen Geist", den Christus und der ihm Anhängende bilden.
Ln 1larxsen, ebd. 74. 13' V gI. Schweizer, Art. 1tVEÜfla 423.
Dieser schon in der jüdischen Gedächtnis-Vor>tellung enthaltene Aspekt der Gegenwär- Vgl. die synonyme Verwendung beider Begriffe in Röm 8,1-11.
tigsetzung zukünftiger Ereignisse (vgl. Marxsen, ebd. 74) ist für das christliche Herren-
""
141 Vgl. Bultmann, Theologie des NT 337: "Vielmehr zeigt alles, daß durch den Begriff
mahl noch wesentlich bedeutsamer. 1tVEÜll-a die eschatologische Existenz bezeichnet wird, in die der Glaubende dadurch
50 Die altkircblichen h"uchariJlie/!,lfbete fiamnese im danksagenden Wort 51

die gebührende Antwort auf seine Zuwendung geben kiinnte (vgl. R6m 8,7f), sich nfang des Eucharistiegebetes auch ausdrücklich genannt: uJ.lvsiv und suxaplcrtsiv
zu Gott hinwenden und seinen Namen anrufen kann (vgL RÖ01 8,15), also Cott für der Chrysostomos-Anaphora (Br 321jPE 224) oder alveiv, ullveiv, euxaplCneiv,
seine Heilstat danken und ihn bitten blOO, daß er in sie (und das heißt in Chrisrus) V90I'0Aoyei,,9m in der Markus-Anaphora (Br 125/PE 102). Während etwa in der
hineingezogen wird im liturgischen Kontext: daß er die Anamnese als verkün- rysostomos-Anaphora Dank und Lobpreis ineinander verschränkt sind146 , sind
dende Eucharistia und Epiklese tun kann. Das, was der Mensch in der anamneti- anderen Eucharistiegebeten die beiden Teile "Preisung des Namens Gottes" und
schen Feier der Eucharistie vollzieht (in W·ort und Handlung), ist also Tat des in ihm panksagung für die geschichtlichen Heilstaten Gottes" deutlich unterschieden und
\vohnenden Geistes und kann daher niemals als menschliches (kirchliches) Handeln 2;umeist durch das Sanctus, welches der Höhepunkt des Lobpreises ist, wo sich die
mit dem Handeln Gottes konkurrieren, kann sich nie an die Stelle des Handelns ,feiernde Gemeinde mit dem Lobpreis der himmlischen Heerscharen vereintl47 ,
Gottes setzen. Der kirchliche Vollzug der Anamnese ist vielmehr Ausdruck des getrennt, so vor allem in der ]akobos-Anaphora und in dem wohl theologisch
Glaubens, dcssen Kraft der Geist ist H2 , also die antwortcnde Annahme eies allcin bedeutsamsten der altkirchlichen Eucharistiegebete, der byzantinischen Basileios-
heilwirkenden Tuns Gottcs in Jesus Christus. 'Anaphora. 148
Höhepunkt des lobpreisenden Teils ist in der Basileios-Anaphora eine trinitari-
1.4.1.2 Die Danksagung vor dem Einsctzungsbcricht143
sche Preisung, die über die apophatisch~n Aussagen, die zumeist den Anfang des
Der liturgische Voll7:ug der Anamnese wird schon im Eucharistiegebet Hippolyts Danksagungsteils ausfüllen l49 , hinaus die spezifisch christliche Anrufung des Got-
mit der der spc:ziellen Anamnese der meisten großen altkirchlichen Anaphoren tesnamens darstellt: "Vater unseres Herrn Jesus Christus, des großen Gottes und
zugrundcliegenden Formel: "memores ... offerimus" beschrieben. Er umfaßt, wie Retters unserer Hoffnung. Dieser ist das Bild deiner Güte; das Siegel der Gleichheit,
schon gesagt, Wort- und Tatvollzug. BeieIes ist nicht zu trcnnen, doch soll zunächst das in sich den Vater zeigt, _das lebendige Wort, wahrer Gott von Ewigkeit,
der Blick auf den \Xiortvollzug gerichtet werden, als welcher das ganze Eucharistie- Weisheit, Leben, Heiligung, Kraft und wahres Licht. Von ihm erschien der Heilige
gebet anzusehen ist, das also insgesamt Anamnese ist. Im "memores" der speziellen Geist, der Geist der Wahrheit, das Gnadengeschenk der Kindschaft, das Unterpfand
Anamnese wird der Inhalt des Gedächtnisses genannt, die in der Eucharistiefeier der künftigen Erbschaft, der Erstling der ewigen Güter, die lebendigmachende
intendierte Heilswirkl1chkeit, in die die feiernde Gemeinde hineingcnommen wird. Kraft und die Quelle der Heiligung. "150
Was dort aufzählend zusammengefaßt ist, ist im ersten Teil des Eucharistiegebetcs,
im Danksagungsteil vor dem Einsetzungsbericht (dcr in den anamnetischen Ana-
146 Vgl. Ligier, CeU=bration divine 145f.
phoren der antiochenisch-byzantinischcn Tradition dessen Zicl- und Hi:ihepunkt ist)
147 Vgl. die Einleitung zum Sanctus in der byzantinischen Basileios-Anaphora: "Von ihm
mehr oder weniger breit entfaltet. Dieser Teil soll daher vor der Behandlung der {dem Heiligen Geist] gestärkt, dient dir jedes vernünftige und geistige Geschöpf und
spezie!lenl\namnese kurz betrachtet werden. sendet zu dir ewige Lobpreisung empor, weil alles dir dienstbar ist. Denn dich loben die
\V"ar der Danksagungsteil bei Hippolyt noch rcin christologisch gehalten, also Engel, Erzengel, Throne, Herrschaften, Mächte, Gewalten, Kräfte und die vieläugigen
auf den unverzichtbaren Kern der christlichen Danksagung (reduzie;t bzw.) kon- Cherubim. Rings um dich stehen die Seraphim, von denen jeder sechs Flügel hat; mit
zweien bedecken sie das Angesicht, mit zweien die Füße und mit zweien fliegen sie. Mit
zentriert, so umfaßt er in den ab dem 4. Jahrhundert entstandenen Anaphoren (von unermüdetem Munde und mit nie schweigender Lobpreisung ruft einer dem anderen den
Ausnahmen natürlich abgesehen) grundsätzlich die ganze Heilsgcschichte von der Siegeshymnus zu, indem sie singen, rufen, schreien und sprechen: Heilig.,." (Br
Schöpfung (die auch bei Hippolyt kurz erwähnt \vird, wobei Christus als der 323/PE 232).
Schöpfungsmittlcr erscheint) über die Patriarchen und Propheten des Alten Bundes 148 Im 8. Buch der Apostolischen Konstitutionen sind die beiden Teile zwar auch deutlich
unterschieden, jedoch steht der im engeren Sinn danksagende Teil vor und mich dem
his hin zur eschatologischen Heilstat Gottes in ]esus C.hristus. Das ganze Heilsw'ir-
Sanctus. Die Einteilung, die Ligier, Celebration divine, vornimmt, wonach diese Ana-
ken Gottes ist als eine große Einheit gefaßt. 144 Dazu, zum eigentlich gedenkenden phora neben die Jakobos- und die Basileios-Anaphora zu stehen kommt, ist schon von
Teil, der als Danksagung (Eucharistia)l45 gestaltet ist, tritt noch explizit das daher gesehen recht problemati~ch. Man kann auch nicht etwa die Markus-Anaphora als
1fomeot der Preisung des Gottesoamens, das schon im alttestamentlichen zkr ein Beispiel eines epikletischen Hochgebetes der alexandrinischen Tradition unmittelbar mit
wesentlicher Aspekt des Gedächtnisses ist. Diese heidcn Dimensionen werden am der anamnetischen Chrysostomos-Anaphora vergleichen und diese beiden einem Typ
zuordnen (so Ligier 143-149).
149 Vgl. vor allem den Anfang der Anaphora des 8. Buches der Apostolischen Konstitutio-
versetzt worden ist, daß er sich die in Christus geschehene f-lcilstat zu eigen gemacht nen. In der Basileios-Anaphora: "Anfangloser, Unsichtbarer, Unbegreiflicher, Unbe-
hat. " schreiblicher, Unveränderlicher" (Br 322/PE 232).
'" Vgl. Schweizer, Art. 1CVEUJ.l.U 422--425. 150 Br 322f (PE 232). Nach dem Sanctus steht der kürzer gefaßte trinitarische Lobpreis in
'" Vg1. dazu vor allem Lietzm:mn, Messe und HerrenmahI122174; Hetz, Aktualpriisenz der Jakobos-Anaphora: "Heilig bist du, König der Ewigkeit und Herr und Verleiher
169 183; Llgier, Cckbration divine; Arranz, L'economic du salut. jeder Heiligkeit; heilig ist auch dein eingeborener Sohn, unser Herr Jesus Christus, durch
Vgl. Ligier, ebd. 171f. den du alles gemacht hast; heilig ist auch dein Heiliger Geist, der alles ergründet, selbst
14.'
Zum Verhältnis von Anamnesis und Eucharistia vgl. Bctz, Aktualpräsenz 158--160. die Tiefen der Gottheit" (Br 51/PE 246).
52 Die al/kirchlichen Eucharistiegebete
Anamnese als Danksagung und Lobopfer 53

Inhalt der Danksagung ist die ganze Heilsgeschichte 151 - außerordentlich


preisen.« Die liturgische Eucharistia ist nur eine spezielle, freilich - da die Euchari-
umfangreich entfaltet in der Anaphora des 8. Buches der Apostolischen Konstitutio-
stiefeier exemplarisch Kirche zur Darstellung bringt - die vornehmste Form des das
nen -, wobei die immer nach dem Sanctus stehende Danksagung für das entschei-
ganze christliche Leben prägenden Lobopfers, das "Verleiblichung" des allein
dende Heilstun Gottes in Jesus Christus unverzichtbarer Kern iSt. 152 Diese führt
rechtfertigenden Glaubens ist.
in den anamnetischen Eucharistiegebeten unmittelbar zum Einsetzungsbericht, der
alles, wofür wir danken, zusammenfaßt und in dieser Hochgebetstradition also der
1.4.1.3 Die spezielle Anamnese: memores
Höhepunkt der Danksagung ist. Als Beispiel sei die entsprechende Partie der
]akobos-Anaphora angeführt: "Später aber hast du selbst deinen eingeborenen Was Anamnese bedeutet, wird konzentriert ausgedrückt in der an den Einsetzungs-
Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, in die Welt gesandt, damit er durch seine bericht bzw. an dessen Wiederholungsauftrag anschließenden speziellen Anamnese
Ankunft dein Bild erneuere und erwecke. Dieser kam vom Himmel herab, nahm aus mit der Grundstruktur "memores ... offerimus". Da am "offerimus" der kontro-
dem Heiligen Geist und aus Maria, der Jungfrau und Gottesgebärerin, Fleisch an, verstheologisch immer noch umstrittene Opfercharakter der Eucharistie hängt,
verkehrte mit den Menschen und tat alles zum Heile unseres Geschlechtes. Als sich werden die Darbringungsaussagen eigens behandelt, sodaß zunächst nur das Parti-
der Sündelose für uns Sünder dem freiwilligen und lebendigmachenden Tod am zip "memores", das das offerimus wesentlich charakterisiert, mit seinen inhaltlichen
Kreuz unterziehen wollte, nahm er in der Nacht... (Einsetzungsbericht)" Bestimmung~n kurz besprochen werden soll. Die in der speziellen Anamnese
(Br SI/PE 246). genannten Gedächtnisinhalte fassen nur noch einmal den ausführlichen Danksa-
Um sich über die Bedeutung des Danksagungsteils klarzuwerden, scheint mir gungsteil vor dem Einsetzungsbericht zusammen, stellen die entscheidenden Statio-
eine Formulierung aus der Anaphora des 8. Buches der Apostolischen Konstitutio- nen der Heilsgeschichte Gottes mit d~n Menschen ~ und zwar nur die das Christus-
nen am hilfreichsten zu sein. Am Ende des christologischen Teiles der Danksagung ereignis betreffenden - heraus. So werden in der speziellen Anamnese von Hippolyts
als Überleitung zum Einsetzungsbericht steht der Satz: ,.Eingedenk (J.1SJ.1VTJJ.1EVot) Eucharistiegebet nur die für die Christen zentralen Ereignisse von Tod und Aufer-
nun dessen, was er für uns erduldet hat, danken (SUXaPlCY'WUJlSV) wir dir, allmächti- stehung Christi genannt, in deren Licht alle anderen Heilstaten gesehen werden
ger Gott, nicht soviel wir sollen, sondern soviel wir können, und erfüllen seine müssen.
Anordnung. Denn in der Nacht... (Einsetzungsbericht)" (Br 20/PE 92). Die Erfül- Die Anaphoren der antiochenisch-byzantinischen Hochgebetstradition sind
lung der Anordnung Christi (otata~t~) im liturgischen Vollzug wird genau nach Erweiterungen des bei Hippolyt vorliegenden Schemas, neben Tod und Auferste-
dem Schema der speziellen Anamnese (memores offerimus) beschrieben; während hung werden in der Jakobos-Anaphora (ganz ähnlich in der Chrysostomos- und der
dort auf den TatvolIzug (die Darbringung) abgehoben wird, steht hier der Wort- Basileios-Anaphora) das Leiden, das Kreuz, das Begräbnis, die Himmelfahrt, das
vollzug im Blickpunkt: J.1SJ.lVTJJ.1EVot...SUXaptO"-rOUJ.1sv. In der Danksagung, im Sitzen zur Rechten Gottes und die Parusie genannt. Diese Anaphoren gehören alle
Eucharistiegebet tun wir als feiernde Gemeinde, was uns von Christus aufgetragen schon der Zeit der Reichskirche an und die Entfaltung der speziellen Anamnese t53
ist, wir antworten auf die Heilstaten Gottes mit unserem Dank dafür, und in diesem ist im Licht von Entwicklungen in Liturgie und Theologie zu sehen, die durch die
dialogischen Geschehen wird das Christusereignis, ja die ganze eine Heilsgeschichte neue Situation nach der konstantinischen Wende eingesetzt haben.t 54 Eine Paralle-
für uns wirksame Gegenwart, werden wir in sie hineingezogen. Der Wortvollzug, le liegt vor in der ab dem 4. Jahrhundert entstehenden KirchenjahrfeierIss, die eine
Lobpreis des Namens Gottes und Dank für sein konkretes Wirken in einem, ist als Historisierung des Gedächtnisses mit sich bringt, aber in der Eucharistiefeier in den
Ausdruck des Glaubens (wie der Tatvollzug des Darbringens) der menschliche Kirchen des Ostens nicht zu einer Auft~ilung der Gedächtnisinhalte auf die einzel-
Anteil zur Konstituierung des rechten Gottesverhältnisses; daß es sich dabei um nen Feste führt. Beide Entwicklungen, die Ausfaltung der Anamnese wie die
Dank handelt, stellt ganz klar, daß dieser nur in der Antwort auf Gottes allein Kirchenjahrfeier, gründen sich auf die Interpretation der Anamnese als Mimesis -
heilschaffendes Tun bestehen kann. Der Mensch (bzw. die Kirche) bringt in der
Eucharistiefeier Gott sein Lobopfer dar, gemäß Hebr 13,15: .,Durch ihn [Jesus
Christus] also laßt uns Gott allezeit das Opfer des Lobes (eu(Jiav aivEcrs(O~) '" Zur Entfaltung der Gedächtnisinhalte der speziellen Anamnese vgl. Botte, Anamnese
20f. Botte macht auf den Einfluß der Symbole bezüglich der Formulierungen der
darbringen (&va<pEproJ.1SV), nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen speziellen Anamnese aufmerksam: "L'anamnese prend l'aspect d'une profession de foi
christologique" (21).
,,, ,,, Vgl. H.-J.Schulz, Byzilntinische Liturgie 35*f: "Die neue Sichtweise der liturgischen
Dies ist ein wesentlicher Unterschied zum später zu behandelnden römischen Kanon, wo
und ekklesialen Wirklichkeit ist über ihre Verflechtung mit der Dogmengeschichte
die Danksagung in den wechselnden Präfationen entsprechend den Festen des Kirchen-
jahres partikularisiert ist. hinaus sicher noch mehr ein Reflex der seit Konstantin und Theodosios so gründlich
Vgl. zu diesem Teil Arranz, L'economie, der die wichtigsten biblischen Anknüpfungs- veränderten kirchlichen Situation mit ihren neuen Möglichkeiten einer sakralen Weltge-
staltung, die Irdisches nun zum Spiegelbild des Göttlichen zu machen und Gottesreichdi-
punkte nennt: Ga14,4f (Sendung des Sohnes), Joh 3,16 (Gottes Liebe zur Welt), Hebr
1 (Offenbarung Gottes durch den Sohn). mensionen in diese Weltzeit hineinzuholen vermag."
Vgl. ebd. 36*-38*.
54 Die aftkirchlichen Eucharistiegebete ~mnese in Wort- und Tatvollzug

Nachahmung - des Heilsgeschehens. 156 In der Liturgie kommen die historischen ~kens für die konkreten Heilstaten geprägt als vom Lobpreis Gottes 162 - und
Ereignisse bildhaft zur Darstellung. Bei Johannes Chrysostomos ist die zentrale onen demgegenüber den Tatvollzug des Darbringens von Brot und Wein als
Kategorie der Liturgiedeutung die des Mysteriums. 157 Er verwendet den Begriff iro~a des Todes (bzw. des Blutes) Jesu. 0lloirollU ist der wahrnehmbare Vor~
"Mysterium" meistens im Plural und bezeichnet damit die anamnetisch in der pg, also in diesem Fall: das liturgische Handeln (n:01EtV163), das die dahinterste-
Liturgie gegenwärtigen Heilsereignisse. 15B Die Liturgie wird zur Schau der Heils- Jlde Wirklichkeit des Todes Jesu gleichzeitig enthüllt und verhüllt.1 64 Die
geschichte, aber auch der eschatologischen Wirklichkeit - was sich auch auf Kir- turgiefeier ist also Abbild des Todes Jesu, Abbild freilich in dem Sinn, daß es uns
chenbau und -ausstattung auswirkt. Dies führt in der Folge dazu, daß die Liturgie- l1teil gewährt an der abgebildeten Wirklichkeit (Realsymbol).
deutung die einzelnen repräsentierten Mysterien auf die einzelnen Teile der Euchari- Während also das Anamneseäquivalent Ps.-Serapions auf den Tatvollzug ab-
stiefeiet aufteilt (allegorische bzw. rememorative Meßerklärung), das erste Mal bei ebt, heben die Anamnesen des Papyrus von Der Balyzeh und der Markus-Anapho-
Theodor von Mopsuestia. 159 Es besteht kein Zweifel, daß in diesen Konzeptionen a den Wortvollzug deutlich hervor. Die Anamnese des Papyrus enthält keine
Ansätze zu (möglichen!) Fehlentwicklungen liegen. Es hat auch tatsächlich der arhringungsaussage, sie besteht in dem Satz: "Deinen Tod verkünden wir, deine
rituelle Verlauf der Eucharistiefeier von der Gabenübertragung (ja von der Prosko- uferstehung preisen wir" (PE 127). Die Anamnese ist Verkündigung und Homo-
midie) bis hin zur Kommunion ein solches Eigengewicht erhalten, daß das eigentli~ logese; KU't"UYYSAAO~EV und ölloAoyou~evbezeichnenbesondere Aspekte des
ehe Ziel der Eucharistie, das Mahl als Abbild der eschatologischen Gottesgemein- tJ.EJlVTJJlEVOl der antiochenisch-byzantinischen Anamnese und sind mit ihm völlig
schaft, sehr in den Hintergrund getreten ist und die Kommunionhäufigkeit abge- äquivalent - schon Paulus hat 1 Kor 11,26 UVUIlVTlcrtc; mit KatuYYEAAetv
no.mmen hat. Doch die liturgischen Texte implizieren solche unglücklichen Folgen interpretiert. Als Inhalt des Gedächtnisses sind im Papyrus wie in der Eucharistia
ke1neswegs. Die spezielle Anamnese der antiochenisch-byzantinischen Eucharistie- Hippolyts nur Tod und Auferstehung genannt. 165 Demgegenüber ist die Anamne-
gebete besagt nichts anderes als ihr Äquivalent bei Hippolyt und nichts anderes als se der Markus-Anaphora eine Erweiterung desselben Schemas mit einer Darbrin-
die Anamnese im paulinischen Herrenmahl: Wenn wir des Heilswirkens Gottes gungsaussage. Zu KU't"UYYEAAE1V und Ö~OAOYEtv tritt noch U1tEKOEXecr9at, und
glaubend gedenken (was Gabe des Geistes ist), Gott dafür danken, seinen Namen der Gedächtnisinhalt wird analog den antiochenisch-byzantinischen Anamnesen
preisen, nimmt uns Gott in die Gegenwart seines Heilswirkens hinein, d. h. in die entfaltet (Br 133). Gerade die Anamnese der Markus-Anaphora zeigt sehr deutlich
Gegenwart Christi, indem er uns Anteil gibt an Christi Leib und Christi Blut, durch die Einheit von Wort- (Verkündigung, Lobpreis) und Tatvollzug (Darbringung) als
das Essen des Brotes und das Trinken des Weines - in der Kommunion. Erfüllung des Wiederholungsauftrags, als die angemessene menschliche Antwort
Etwas anders,~ls die antiochenisch-byzantinischen sind die Anamnesen in den auf das heilschaffende Wirken Gottes, in das die Gemeinde im liturgischen Vollzug
alexandrinischen Eucharistiegebeten 160 beschaffen. Eine einzigartige Stellung immer neu hineingenommen wird.
nimmt die Anaphora im Euchologion des Ps.-Serapion von Thmuis ein. Sie kennt
keine spezielle Anamnese nach dem Einsetzungsbericht, die aus dem Wiederho- 1.4.2 "offerimul': Der Vollzug der Anamnese ("Meßopfer")
lungsauftrag herauswächst, sondern in ihr sind Einsetzungsbericht und Anamnese
verschränkt; das Anamneseäquivalent, das kein JlEIlVTIIlEVOl (bzw. ein verwandtes Ist die eucharistische Danksagung, die im ersten Teil des Eucharistiegebetes vor-
Partizip) aufweist, liegt vor in den Sätzen: "Deshalb haben auch wir das Glei~hbild liegt, der worthafte Vollzug der Anamnese durch die Gläubigen (als Ant-Wort auf
des Todes vollziehend (ÖlloicoIlU ...1tOWÜVtEc;). das Brot dargebr~che' nach dem das vorgängige, allein heilschaffende Wort Gottes), so bringt das "offerimus" der
Brotwort (ohne Wiederholungsauftrag) und: "Deshalb haben auch wir den Kelch speziellen Anamnese den Tatvollzug als Handeln an den Elementen Brot und Wein
dargebracht. das Gleichbild des Blutes darbringend" nach dem Kelchwort (ebenfalls zum Ausdruck, wobei dieser als Darbringung, Opfer gedeutet wird. Dadurch wird
ohne Wiederhol u ngsauftrag).t 61 Diese Formulierungen lassen die Worthaftigkeit in das Eucharistieverständnis eine neue Kategorie - Opfer - eingebracht, die dem
der Anamnese, die im JlEIlVTJJlf:VOl der antiochenisch-byzantinischen Anamnesen
deutlich zum Vorschein kommt und im Danksagungsteil vor dem Einsetzungsbe- 162 PE 130; das Wo:rt e-UxaptO"1"e\V erscheint nicht am Anfang des Eucharistiegebetes, dort
richt entfaltet ist, zurücktreten - freilich hat auch die Anaphora Ps.~Serapions einen ist nur die Rede von atveiv, ÖJlVStV, ÖO~oA.o'Ysiv.
Danksagungsteil als Wortvollzug, dieser ist jedoch weniger vom Moment des 163 Vgl. dazu Casel, Opfermysterium 108.
164 Vgl. Bett, Aktualpräsenz 180f.
165 Daß in der alexandrinischen Liturgie (Der Balyzeh, Ps.-Serapion) die Anamnesen wenig
'" Vgl. Kretschmar, Art. Abendmahl 78f. entfaltet sind (außer in der in der Formulierung der speziellen Anamnese syrisch beein-
'" Vgl. H.-J. Schulz, Byzantinische Liturgie 36-39; Case!, Mysteriengedächtnis 151-154. flußten [vgl. Lietzmann, Messe und Herrenmahl 56f] Markus~Anapho:ra), liegt daran,
""
159
Vgl. H.-].Schulz, ebd. 38.
VgL ebd. 39--44; Betz, Aktualpräsenz 232-234.
daß das Thema der anamnetischen Vergegenwärtigung der historischen Heilstaten in der
alexandrinischen Theologie (aufgrund ihrer ganz vom Logos bestimmten Christologie)
Vgl. Lietzmann, Messe und Herrenmahl 54-57. gegenüber der antiochenischen Theologie überhaupt weniger Aufmerksamkeit findet
PE 130; vgl. dazu Betz, Aktualpräsenz 178---181. (vgl. Betz, Aktualpräsenz 187.241).
;6 Die altkirchlichen Eucharistiegebete namnese- Vollzug als Opfer 57

lrchristHchen Herrenmahl fremd war166 , die aber jetzt in der Alten Kirche eine eren eigentlichen Inhalt auf den Begriff zu bringen. Daß die Messe ein Opfer ist,
:entrale Bedeutung erhält, was den Anschein erweckt, als sei die Messe als "Opfer- st also kein notwendiger Satz jeder Eucharistielehre, sondern Interpretament eines
eier" ein Verrat am urchristlichen Mahlgeschehen. Im ökumenischen C-espräch mfassenderen Geschehens. Dieses kann man etwa auch mit dem Begriff der
reht daher die Frage des "Meßopfers" an sehr prominenter Stelle; und Luthers ;imitatio Christi" als grundlegende Bestimmung des Christen umschreiben170,
deßreforrn ist im wesentlichen eine "Reinigung" der Eucharistiefeier von allen obei freilich die imitatio nicht moralisch, sondern sakramental als Gnadenge-
)pfervorstellungen - daß die Messe ein Opfer sei, ist für Luther unüberwindliches, schenk zu verstehen ist. Im nachahmenden Tun wird uns Gottes Heilswirklichkeit
irchentrennendes Hindernis. 167 Im Rahmen der Fragestellung dieser Arbeit Sdie geschichtlichen Heilstaten wie die eschatologische Vollendung ~ gegenwärtig,
ammt daher diesem Abschnitt besonderes Gewicht zu. freilich nicht durch den äußeren Vollzug, sondern durch den Glauben, der das
Heilsangebot Gottes annimmt und sich in der imitatio Christi vollzieht.
.4.2.1 Die Bedeutung der Kategorie "Opfer" für das Verständnis der Eucharistie Mit diesem Begriff .,imltatio" beschreibt Cyprian in seinem berühmten 63. Brief
)a das "offerimus" vom "memores" bestimmt, also ein gedenkendes Tun der
das MeAopfer: ..Denn wenn Christus ]esus, unser Herr und Gott, selbst der
:lrehe ist, kein eigenmächtiges, wird die Vorstellung vom Meß-"Opfer" nur vom Hohepriester Gottes, des Vaters, ist und sich selbst dem Vater als Opfer dargebracht
~ntralen Inhalt der Meß-Anamnese, dem Tod Christi, her verständlich. Daß die
und geboten hat, daß dieses zu seinem Gedächtnis geschehe, so vertritt doch
[esse ein Opfer ist, kann nur gesagt werden, wenn man den Tod Christi (bzw. sein sicherlich der Bischof in Wahrheit Christi Stelle, der das, was Christus getan hat,
lllzes Heilswirk~n. das im Tod gipfelt und in der Auferstehung als vom Vater nachahmt, und er bringt in der Kirche Gott, dem Vater, ein wahres und vollkomme-
Igenommen erwiesen wird) als Opfer versteht. 168 Dieses wird im "Opfer" (in der nes Opfer nur dann dar, wenn er es in der Weise tut, wie er sieht, daß Christus selbst
'arbringung) der Kirche vergegenwärtigt, und das wiederum ist nur möglich, weil es dargebracht hat."l71 Das Opfer der Kirche,ist also Nachahmung des Opfers
e Gläubigen, die die Darbringung vollziehen, als Gerechtfertigte Anteil an Christi Christi, d. h. ihr Hineingenommensein in das Opfer Christi; die Kirche 172 vollzieht
erben erhalten haben (vgl. Röm 6,3-11; Phil3,1O) und "Nachahmet Gottes" (Eph es, weil Christus es ihr angeordnet hat.!73
2), Ebenbilder Christi (vgl. Röm 8,29; 1 Kor 15,49; 2 Kor 3,18) und als solche in Deutlicher als Cyprian, bei dem das genauere Verhältnis von nachahmendem
lriSti Opfer (durch den Heiligen Geist, der in ihnen wohnt) hineingenommen
Opfer der Christen und dem Opfer Christi nicht geklärt wird, spricht Gregor d. Gr.
Id. Der der "Meßopfer"-Vorstellung zugrundeliegende Opferbegriff ~das ist als vom Meßopfer alsimitatio, durch das wir.,in mysterio" Anteil an der Wirklichkeit
~sentliches Faktum festzuhalten - ist also nicht irgendein allgemein-re1igionsge-
des Opfers Christi erhalten: .,Denn gerade dieses Opfer rettet uns in besonderer
bichtlicher, sondern ei(l- zutiefst personaler, welcher die liebende Hingabe Christi Weise vom ewigen Untergang, da es uns den Tod des Eingeborenen in geheimnis-
den Vater für uns und - daraus folgend - die Hingabe der Gläubigen an Gott voller Weise erneuert; denn wenn er auch ,auferstanden ist und nicht mehr stirbt
d untereinander bezeichnet. 169 und der Tod keine Gewalt mehr über ihn hat' (Röm 8,9), so wird er doch in seinem
Da "Opfer" nur eine mögliche (und sicherlich nicht die älteste) Intetpretation
s in der Eucharistiefeier anamnetisch vergegenwärtigten Heilswerkes Christi ist, 170 Vgl. dazu Laurance, Eucharist as Imitation.
die Deutung der Eucharistie als Opfer ebenfalls nur eine Interpretation des sich 171 CSEL 3/2, 713: Nam si Christus Iesus Dominus et Deus noster ipse est summus sacerdos
rt vollziehenden Geschehens der gegenseitigen Hingabe von Gott und Mensch. Dei patris et sacdlicium patd se ipsum optuHt et hoc lied in sui commemorationem
.s "Meßopfer" ist also keine fundamentale Kategorie der Eucharistie wie die praecepit, utique ille sacerdos vice Christi vere fungitur qui id quod Christus fecit
imitatur et sacrilicium verum et plenum tune offert in ecclesia Deo patd, si sic incipiat
lamnese, sondern der "Opfercharakter" ist eine Miiglichkeity diese zu deuten bzw. offerce secundum quod ipsum Christum videat optulisse.
172 Freilich kommt bei Cyprian an dieser Stelle der Opfervollzug dem Bischof zu, der Blick
Die in den synoptischen Einsetzungsberiehten zutage tretenden Anklänge an die Opfervor_ ist eingeengt von den Gläubigen als Darbringenden (so in allen Liturgien) auf ein
stellung (s. oben S.44) betreffen nur die Deutung des Todes Christi, also des Inhaltes des spezielles, sazerdotal verstandenes "Weihepriestertum", das "vice Christi fungitur".
Herrenmahles, als Opfer. Es ist jedoch niehtmögHch, das urchristliche Herrenmahl ein Op- Diese Idee Hegt etwa in der "Apostolischen Überlieferung" Hippolyts noch nicht vor;
fer zu nennen (im Sinne von Opfer der Kirche), wie es aufdas Paradigma ,,Messe" zutrifft. das h::pa't"&u&tV kommt nach Aussage des Eucharistiegebetes allen Gläubigen zu; der
Vgl. Schmalkaldische Artikel, 2. Teil, Der ander Artikel: WA 50/2007-20424; Luther Bischofals Vorsteher der Eucharistiefeier hat die Aufgabe, dieses Handeln aller zu leiten,
resümiert nüchtern: "Also sind und bleiben wir ewiglich gescheiden und widernander« seine liturgische Funktion wird im Bischüfsweihegebet als apXt&pa't"&UStv bezeichnet; er
(20419~21). tut also als Hirte der Gemeinde das gleiche wie die Gläubigen, die insgesamt "vice
Vgl. oben S. 44. Christi" agieren.
V gl. Schneider, Opfer 97f; ebd. 99: "Ganz allgemein kann man im Blick auf die Kirchen- 173 "Imitatio" hat bei Cyprian auch eschatologische Bedeutung: Wir ahmen jetzt nach, was
geschichte sagen, daß die Verkündigung des eucharistischen Mysteriums um so genauer wir in der Vollendung wirklich sein werden: per Dei indulgentiam recreati spiritaliter et
auf der Linie der apostolischen Aussage blieb, je personaler die Sicht des Opfers war, und renati imitemur quod futuri sumus: habituri in regno sine interventu noctis solum diem
daß sich immer sofort eine erhebliche Gefahrdung der biblischen Auffassung bemerkbar sie nocte quasi in luce vigilemus, oraturi semper et acturi gratias Deo hic quoque orare
machte, wenn sich eine sachlich-dingliche Betrachtungsweise in den Vordergrund schob." et gratias agere non desinamus (De dom. orat. 36: CSEL 3/1, 294).
58 Die aftkirchlichen Eucharistiegebete ogosgemäßer" Gottesdienst 59
unsterblichen und unverweslichen Leben in dem Geheimnis des heiligen Opfers rdeutlicht werden anhand spezifischer Opferbegriffe, die in der Eucharistiefeier
aufs neue für uns dargebracht, wird sein Leib darin genossen, sein Fleisch zum Heil d -deutung eine besondere Rolle erhalten haben.
des Volkes ausgeteilt, sein Blut vergossen, nicht mehr in die Hände der Ungläubi-
gen, sondern in den Mund der Gläubigen. Bedenken wir darum, was dieses Opfer .2.2 Bucriu ulvEcrsOl<;, Bucriu AOYIKi], Bucriu KuBupa
für uns für eine Bedeutung hat, da es um unserer Erlösung willen das Leiden des
eingeborenen Sohnes immerdar nachbildet! Denn wer von den Gläubigen möchte as eucharistische Opfer ist zunächst Lobopfer, 9uaia aivEaeroc;, das die Christen
daran zweifeln, daß gerade in der Stunde des Opfers auf die Stimme des Priesters ~ch Hebr 13,15 darzubringen haben als dankende Antwort auf Gottes Heilshan-
hin die Himmel sich auftun, daß bei diesem Geheimnis Jesu Christi die Chöre der }:::ln. Wie schon dargelegt, ist das Lo~opfer vor allem im Wortgeschehen des
Engel zugegen sind, daß oben und unten sich verbinden, daß Himmel und Erde 'sich §ucharistiegebetes verwirklicht176 , welches also auch "Opfer" ist, doch ist das
vereinigen, Sichtbares und Unsichtbares eins wird? Es ist aber notwendig, daß wir Wortgeschehen der Danksagung vom Tatvollzug der (Gaben-)Darbringung nicht
während dieser heiligen Handlung uns selbst Gott opfern in Zerknirschung des abzulösen, sodaß auch letztere unter die Kategorie "Lobopfer" fällt.t 17 Die Qualifi-
Herzens; denn wenn wir die Geheimnisse des Leidens des Herrn feiern, müssen wir zierung auch der Darbringung, des Tatvollzuges, also des kirchlichen Handelns, als
nachahmen, was wir begehen. Dann also wird es vor Gott wahrhaft ein Opfer für Lobopfer bewahrt vor einer Verselbständigu:9g des liturgischen Vollzuges und
uns sein, wenn es uns selbst zu einem Opfer gemacht hat."174 seiner Isolierung als eigenmächtiger menschlicher Tat, die neben die Tat Gottes
.~ieser Text weist neben der Verwendung des imitatio-Begriffes für das Meßop- bzw. Christi oder sogar an 'ihre Stelle tritt. Die Eucharistie als ganze, auch die
fer eln1ge Aspekte auf, die das "offerimus" der Liturgie verdeutlichen: die Gegen- Gabendarbringung, ist Antwort auf das vorgängige Handeln Gottes und keines-
überstellung von "in se" und "pro nobis" als Ausdruck des Verhältnisses von wegs eigenständiges Sühnopfer. Das_einzige Sühnopfer, das Opfer Christi, wird
Kreuzesopfer und Messe 175 , die Bezeichnung der Heilsgegenwart Christi als Ge- vielmehr im Lobopfer der Kirche aktualisiert, welches die gläubige Annahme des
genwart "in mysterio", also nur dem Glauben zugängliche Präsenz, vor allem die Sühnopfers ist.
a:sdrückliche Beschreibung des kirchlichen Meßopfervollzuges als Selbsthingabe, Daß das eucharistische Opfer in Wort- und Tatvollzug kein menschliches Werk
mcht Opferung Christi durch die Kirche (nosmetipsos Deo ... mactemus) und die ist, lehrt uns der für das Verständnis des "Meßopfers" wohl wichtigste Opferbegriff:
deutliche Unterscheidung von Opfer der Kirche und Opfer Christi als zwei nicht 9uaia AoyrKiJ.178 In dieser Idee drückt sich radikale Kritik am äußeren Kult aus,
~teinander zu vermengende Vollzüge im letzten Satz: Indem die Gläubigen ihre die. konsequente Ethisierung und Spiritualisierung des Gottesdienstes durch die
Hmgabe an Gott v?llziehen, die Werk Gottes ist (nos ipsos hostiam fecerit), wird griechische Philosophie und Mystik.t79 Solche Tendenzen sind auch im Judentum
das wahre Opfer "für uns" (das Opfer Christi) Gegenwart. Hier liegt schon eine wirksam, in der prophetischen Kultkritik oder in einigen Psalmen (Ps 49; 50). Von
Synthese dessen vor, was das liturgische "offerimus" meint. Dies soll jetzt weiter besonderer Bedeutung ist die Idee der AOytKl) 9uaia im hermetischen Schrifttum:
Hier ist sie nicht bloß der "geistige" oder .. logos-gemäße" Gottesdienst, sondern der
Gottesdienst (Opferdienst), das Gebet des Logos selbst, der im Mysten wohnt180 ,
Dial IV 60,2-·61,1 (SC 265, 200/2): Haec namque singulariter victima ab aetetno interitu wobei anstelle von Logos auch von Pneuma die Rede sein kann. 181
animam.sa!vat, quae ill.am nobis mortern Unigeniti per mysterium reparat, gui licet surgens
Im Neuen Testament tritt uns die AOytKl) 9uaia an zwei Stellen entgegen: In
~ mortuu. zam non hJ.orztur et ,!,~~s ci lI~tra non dominabitllr [Röm 6,9], tamen in se ipso
1Omortahter atque 1Ocorruptlbihter Vlvens, pro nobis iterum in hoc mysterio sacrae Röm 12,1 ermahnt Paulus ~ie Römer: "euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer
obla.tionis . immolar~r. Eiu.s qu.ippe ibi corpus sumitur, eius caro in populi salutem (Bucriuv) darzubringen, nämlich tTJV AOYIKi]v AUtpsiuv ö~&v". Die AOYIKi] Bucriu
partltur, elUS sangUls non lam 10 manus infidelium, sed in ora fidelium funditur. Hinc
ergo pen.sem~~ q~~~e sir pro r:obis hoc sacrificium, quod pro absolutione nostra passio- V gL Lies, Wort und Eucharistie 149-186 mit vielen Belegen vor allem aus Origenes, z. B.
~em Un~ge~lt1 Flltl semper lm~tatur. Qws enim :6delium habere dubium possit ipsa
RÖm-Komm. I 9, wo suXaptO''tEtV ausdrücklich mit der enai« aivBcreroc; in Verbindung
ImmolatlOnlS hora ad sacerdotls voeem caelos aperiri, in illo Iesu Christi mysterio gebracht wird: Agere autem Deo gratias, hoc est sacri6dum laudis offerre; et ideo addit
a~~e~~rum chor~s a.d~s~~, summ.is ima sodari, terram caelestibus iungi, unum quid ex Per ]esum Christum, velut per Pontifieem magnum. üportet enim seire eurn gui vult
:1Slblh~us atque. I~VISlblhbus :6erl? Sed necesse est ut, eum hoc agimus, nosmetipsos Deo offerre sacrificium Deo, quod per manus pontificis debet offerre (PG 14,854).
In cordls. c~nt~lt1one m~ctemus, quia qui passionis dominicae mysteria celebramus, m Zur Eucharistie als Lobopfer vgl. auch Gamber, Saeri6cium Missae 19-23. "Sacrificium
debemus lmltan quod aglrnus. Tune ergo vere pro nobis Deo hostia erit eum nos ipsos laudis" kann auch Terminus für die Messe insgesamt sein (ebd. 20).
hostiam fecerit. '
m 178 Vgl. dazu Casel, Oblado rationabilis; ders., AOytK1) 8ucria.
Di: Formulieru.ng: ,,~ro nobis iterum immolatur" ist freilich theologisch unkorrekt, doch 1" Vgl. Casel, AOytKT} Guut« 38; Beispiele aus der griechischen Philosophie: ders., Oblatio
meInt Gregor slcherhch keine Wiederholung des Kreuzesopfers; vgl. Kattenbusch, Art. rationabilis 431-434.
Messe 682: "Man hat hier die drastischesten Ausdrücke über das was in der Messe in ,"0 VgL das Material, das Lietzmann, Röm 103, bietet, etwa Corpus Hermeticum XIII 18~
Bezug auf Christus geschehe, vor sich, die die alte Zeit kennt 'und es ist doch kein 6 aoe; Ä.oyoC; Ot' EJ.10Ü OlJ,vei' crs, 01.' E:J.10U 8E~at"'CO 1ttlV A,oyq> AOYlKTJV 8ucriav. Vgl.
Zw~ifel, daß Gregor d. Gr. Christus nicht abermals irgend e:was ,leiden' läßt. Der auch Casel, Oblatio rationabilis 433f.
sakrilikale Akt als solcher vollzieht sich als eine imitatio."
Vgl. Casel, AoytKtl 9ucria 40.
60 Die altkirchlichen Eucharistiegebete abendarbringung als Anamnese- Vollzug 61

ist hier die Bewährung im christlichen Alltag, die tägliche Hingabe des Gläubigen ellen, daß diese ein Opfer ist (im Sinne der prophetischen Kultkritik, die ja auch
an Gott und an seinen Mitbruder. Die Verbindung von Gottesdienst und Alltag ist .eht einfachhin alle Opfer verwarf), muß aber sicherlich inhaltlich näher bestimmt
für den Christen konstitutiv, sein Gottesdienst vollzieht sich im Alltag, d. h. sein werden durch die euala a1.VecrEo)~ und die AOytKl1 8ucrla: Die Eucharistie ist so das
ganzes Leben ist Gottesdienst, und im Gottesdienst im engeren Sinne, in der ~eistgewirkte Lobopfer, das Gott wohlgefallt und von Gott aufgetragen ist, welches
Liturgie, verdichtet sich das Leben des Christen, stellt sich dieses ganz bewußt und sich konkretisiert im liturgischen Vollzug der Gabendarbringung in untrennbarer
rein dar. In 1 Pett 2,5 sind die .,geistlichen Opfer", die die Christen darzubrin-gen erbindung mit dem Eucharistiegebet. In diesem Lobopfer wird - und das ist das
haben, Folge des Priestertums. an dem die Gläubigen Anteil haben. Diese Opfer Entscheidende der Eucharistiefeier - das einzige heilschaffende Opfer, das Opfer
vermögen die Christen freilich nur durch ]esus Christus darzubringen, der also der Jesu Christi, für die Feiernden Gegenwart.
eigentliche Urheber des geistlichen Opfers ist. Ist hier von einer Beziehung auf die
Feier der Eucharistie noch nicht die Rede, so wird diese im 2. Jahrhundert von den 1.4.2.3 Die Gabendarbringung als liturgischer Tatvollzug der AOytKT} eucrla
griechischen Apologeten hergesteUt. 182 Die Eucharistie gilt nun als das logosgemä- Bezieht sich alles bisher Gesagte auf das ganze liturgische Handeln der Gemeinde,
ße 183 Opfer der Christen, d. h. als das Opfer des in den Gläubigen wirkenden auf Gebet und Darbringung, so ist nun vor der Behandlung der Darbringungsaussa-
Logos bzw. des Heiligen Geistes, der in ihnen wohnt. Der entscheidende Gedanke gen der Liturgie auf den speziellen Tatvollzug der Darbringung von Br~t und Wein
der AOY1K~ Bucria ist also der, daß der eucharistische Wort- und Tatvollzug nicht himuweisen. Bei Justin und in der Eucharistia der Kirchenordnung Hlppolyts war
selbstmächtiges Menschenwerk, sondern Werk des Heiligen Geistes ist. uns dieser Aspekt schon deutlich begegnet: Die Gemeinde bringt Gott Brot und
Klassischer Beleg für die göttliche Stiftung des eucharistischen Opfers wurde Wein dar, also die Elemente, unter denen sich die Gegenwart Christi vollziehen soll,
für die Väter Mal1,lOf. 184 Die Ku6apa 8ucriu (so der LXX·Text) von Mal 1,11 indem das Brot der Leib Christi und oer Wein das Blut Christi wird. Ab dem
wird erfüllt in der christlichen Eucharistiefeier. Die Stelle wird zum Beweis dafür, 2. Jahrhundert wird 1tpOmpepEtV (offerte) zu ~nem zentralen Begriff für das
:laß die Opfer der Juden Gau nicht wohlgefallig sind und vom christlichen Opfer, liturgische Tun in der Eucharistiefeier, 1tpompopa (oblatio; synonym wird auch
:ler Eucharistiefeier, abgelöst werden. Die Anwendung des Begriffes 9ucria Ku9apa 9ucria, sacrificium, verwendet) zur Bezeichnung sowohl der Eucharistiefeier als
tuf die Eucharistie beginnt um die Mitte des 2. Jahrhunderts, also zur Zeit des Darbringung, Opfer, als auch der Opfergabe.t 88 Darbringung bezeichnet dabei
Jaradigmenwechse1s vom Herrenmahl zur Messe. Vielleicht das früheste Zeugnis ist grundsätzlich die ganze eucharistische Handlung 189 in ihrer zweifach~n Dimensi~n
)idache 14,3 (Datierung unsieher).185 Bei Justin ist uns die Mal-Stelle schon von npompopa Christi als die intendierte Wirklichkeit und 1tpompopa der GemeIn-
legegnet 186, eine weitere Zitation liegt in Dial 117,1-3 vor; aus dieser Stelle ist
, de als Medium, in dem die 1tpompopa Christi Gegenwart wird.
leutlieh zu entnehmen: daß das Opfer der Christen im Wortvollzug und in der Der Aspekt der Darbringung der Gemeinde, des Opfers der Kirche, das, wie
:;abendarbringung besteht, also nicht nur Gebetsopfer ist.t 87 Das eucharistische betont, immer nur Antwort auf das Opfer Christi, Ausdruck des Glaubens, ist,
)pfer in Wort (Gebet) und Darbringung löst also die alttestamentlichen Opfer ab, konzentriert sich in Theologie und Liturgie auf die konkrete Darbringung materiel-
's ist allein das "reine Opfer", das Gott woWgefallt. Zur Reinheit des Opfers gehört; ler Gaben, Brot und Wein (immer in Zusammenhang mit dem anamnetischen
laß es nicht bloß in einem äußerlichen Vollzug besteht, sondern eine diesem Eucharistiegebet!). Daß hier keine Verdinglichung des Opferverständnisses vor-
ntsprechende ethische Haltung voraussetzt; schon in Didache 14,3 steht die 9ucrla liegt,' kein Absinken der christlichen AOY1Kl1 eucrla in heidnische Opfervorstellun-
:a8apa in Zusammenhang mit dem Sündenbekenntnis und der Versöhnung mit gen, gewährleistet das in der speziellen Anamnese die Darbringung qualifizierende
:em Nächsten. Die Anwendung der Mal-Stelle auf die Eucharistie soll also sicher- ..memores". Die Betonung der materiellen Darbringung steht in Zusammenhang
mit der großkirchlichen Abwehr gnostischer Leibfeindlichkeit. 19o Auch der Leib,
"
;;
Vgl. Casel, Oblatio rationabilis 434--436; ders. AOytKi] 8ucria 41'--43. auch die Materie als gute Schöpfung Gottes wird Gott hingegeben, nicht als ob
Zu dieser Übersetzung von AOytK6~ vgl. Lietzmann, Röm 103: "Das Eigentümliche Gott das brauchte, sondern als Ausdruck des Dankes dafür, daß er uns die Schöp-
dieser Stellen ist nicht die Ueberordnung des Sittlichen über das Kultische ... sondern die
fungsgaben geschenkt hat. Wesentlich ist nicht die äußere Darbringung, sondern die
Betonung, dass .~ie Art des Opfers dem Wesen des A6yo~ entsprechen muss.« Die
weitverbreitete Ubersetzung (Luther!) "vernünftiges Opfer" ist abzulehnen. hinter dieser stehende Haltung, die Ausdruck des vom Heiligen Geist bestimmten
Vgl. dazu Frank, Maleachi. Lebens der Gläubigen sein muß. Die materielle Gabendarbringung ist nur Zeichen
Hier ist zu betonen, daß die Aussage von Did 14 keineswegs in einen unmittelbaren dieser liebenden Hingabe, des Glaubens der Christen, der - selbst Gottes Geschenk!
Zusammenhang mit Did 9f gebracht werden darf. - Voraussetzung für die heilschaffende Präsenz Gottes ist, die auch in leiblichen
Siehe oben S.39f.
Dia!. 117,1 (ed. Goodspeed 234): "Von allen Opfern nun, welche in diesem Namen [Jesu
Christi] dargebracht werden und welche nach der Vorschrift Jesu Christi geschehen, d. h. 188 Vgl. dazu Betz, Prosphora 104-113.
von der ~~charistie des Brotes und des Kelches, die an jedem Ort der Erde gefeiert 189 VgI. ebd. 111.
werden ... 190 VgI. Jungmann, Missarum Sollemnia I 3Sf; Betz, Prosphora 105.
62 Die altkirch/ichen IJllchar;stje,~ebete abendarbringung aiJ· Anamnese- Vollzug 63

Medien, in der kirchlichen Handlung bzw. speziell in den Schöpfungsgaben Brot Christ Gott schuldig ist, ist Ausdruck der christlichen Existenz in Glaube, Hoffnung
und Wein, sichtbar \vird. und Liebe. Die Darbringung der materiellen Gaben ist also die liturgische Dimen-
Klassischer Zeuge dieser Sicht der Gabendarhringung ist Irenäus. In Adversus sion der ganzen christlichen Existenz; die Hingabe der Leiber als AOytKt) Aatpeiu
Haereses IV 17,5 gibt er Grund und Grundbedeutung der kirchlichen Darbringung (Röm 12,1) wird in der Liturgie, in der Feier der Eucharistie durch die unter
an: "Auch seinen Jüngern gibt er den Rat, die Erstlinge aus der Schöpfung Dankgebet vollzogene Darbringung von Brot und Wein bezei<;:hnet.
darzubringen, nicht als ob er dessen bedürfte, sondern damit sie nicht unfruchtbar und
undankbar sind. Er nahm das Brot, das aus der Schöpfung stammt, sagte Dank und 1.4.2.4 Die Darbringungsaussagen der Eucharistiegebete
sprach: Das ist mein Leib ... Und er übergab das neue Opfer des nenen Testamentes, In klassischer Einfachheit hatte die Eucharistia Hippolyts den kirchlichen Darbrin-
welches die Kirche von den Aposteln empfangt und in der ganzen Welt Gott gungsvollzug beschrieben: .,offerimus panem et calicem gratias tibi agentes". Die
darbringt."J91 Die Darbringung hat ihren Grund in der Stiftung Christi, der beim Gemeinde als priesterliches Volk (das zum iEpUteUetv beHihigt ist) bringt als.
Abschiedsmahl Brot und Kelch als seinen Leib und sein Blut erklärte; ihre Bedeu- Ausdruck ihres Dankes Brot und Wein dar, auf welche sie anschließend in der
tung liegt darin, daß sie Zeichen der Fruchtbarkeit des Glaubens und der dankbaren Epiklese den Heiligen Geist herabruft, damit die natürlichen Gaben zu den "sancta"
Annahme der Gaben Gottes ist (neque infructuosi nequc ingrati). Daß die Darbrin- werden und zur Heiligung der daran teilhabenden Gemeinde führen. Die umfang-
gung Ausdruck der ethischen Haltung der simplieitas und innocentia ist, wird IV reiche Anaphora im 8. Buch der Apostolischen Konstitutionen hat praktisch densel-
18,1 ausgeführt: "Der Herr will aber, daß wir in aller Einfalt und Unschuld opfern; ben Text (mit ganz geringfügigen Erweiterungen).195
deshalb sagt er: \)V'enn du also deine Gabe darbringst ... (Mt 5,23f)"192. Den Sind hier die Elemente Brot und Wein als notwendige Bestandteile der Eucha-
eindeutigen Vorrang der Haltung vor dem Opfer besagt IV 18,3: "Also nicht die ristiefeier als Objekt der Darbringung genannt, so läßt die insgesamt recht unbe-
Opfer machen den Menschen heilig, denn Gott bedarf keines Opfers, sondern das stimmte Formulierung der ]akobos-Anaphora keinen Zweifel offen, daß die kirchli-
Gewissen des Opfernden heiligt das Opfer, wenn ersteres rein ist, und bewirkt, daß che Darbringung nicht auf das Sachopfer von Brot und Wein reduziert werden darf:
Gott es wie von einem Freund annimmt."1,)3 Und IV 18,4 heißt es: "Weil also die 1tpompSpOJ.l,EV 0"01 ÖSO"1tOtU tt)v epOßEpaV Kai. aVUiJ.l,UKtOV 6uO"iuv.196 Die 6uO"ia
Kirche in Einfalt opfert, so wird ihre Gabe mit Recht von Gott als reines Opfer muß als das genuin christliche Opfer interpretiert werden. als die AoytKt)8uO'ia, die
angesehen.... Denn es geziemt sich, daß wir Gott ein Opfer darbringen und in allen in Gegensatz zu den blutigen Opfern der]uden und Heiden steht, als der logosge-
Stücken gegen Gott, unseren Schöpfer, dankbar erfunden werden, in reiner Absicht wirkte und logosgemäße Opferdienst, der in der Lebenshingabe besteht und sich
und aufrichtigem Glauben, in fester Hoffnung, in glühender Liebe die Erstlinge vorzugsweise im eucharistischen Dankgebet vollzieht und auch in der Darbringung
seiner Geschöpfe ihm darbringend. Und dieses reine Opfer bringt allein die Kirche von Brot und Wein eine - für die Eucharistiefeier freilich konstitutive - Konkretion
dem Schöpfer dar, indem sie ihm unter Danksagung aus seinen Geschöpfen op- findet. euO'iu als Darbringungsobjekt anstelle der (eher statisch verstehbaren)
fert."194 Gaben von Brot und Wein maeht deutlich, daß es in der Eucharistiefeier, auch auf
Irenäus schreibt nicht: "opanet nos oblationem Deo faeere, ut in omnibus grati seiten des kirchlichen Vollzuges, um ein dynamisches Geschehen geht, eben um die
inveniamur", sondern die oblatio ist Ausdruck, Verlcibliehung des Dankes, den der liebende Hingabe der feiernden Gemeinde, worin die Elemente Brot und Wein eine
Komponente darstellen. Auf dieses ganze Opfergeschehen wird anschließend in der
Epiklese der Heilige Geist herabgerufen.
'" SC 100, 590/2: Sed er suis discipulis dans consilium primitias Deo offerre cx suis crcaturis, Die beiden byzantinischen Anaphoren bringen weiter entfaltete Darbringungs-
non quasi indigenti, sed ut ipsi neque in/rJlctuo_fi nequc inp,rati slnt, eurn gui ex creatura est
aussagen. 197 Die unmittelbar mit dem J.l.EJ.l,VTJI.U3VOt zusammenhängende Aussage
panis accepit er gratias egit dicens: Hoc est Oleum corpus ... et novi Testamenti novam
doeuit oblatianern; quam Ecclesia ab Apostolis accipierls in universo munda affert ist beiden Hochgebeten gemeinsam: ta O'a EK tmv O'mv O'oi. 1tpoO'epspovte<;; (Br
Deo. 329). Dargebracht werden die Gaben der Schöpfung, Brot und Wein, die als solche
Ebd. 596; ... guod in omni simplicitate et innacenria Dominus volens nos offerre Gott gehören und deren Darbringung also letztlich Dank ist dafUr, daß die Gaben
praedicavit elicens: Cum igitllr offeres munus tuum. uns von Gott geschenkt sind. Von diesen Geschenken Gottes sondert die Gemeinde
193
Ebd. 604/6: Igitur non sacrificia sanctificant hominem, non cnim indiget sacrificio Deus,
see! conseientia ejus qui offert sanctifieat sacrificium, rum exsistens, et praestat acceptare Brot und Wein aus, damit sie nach In-Besitz-Nahme durch den Heiligen Geist zu
Deum quasi ab amieo.
1'!4 Ebd. 606: Quoniam igüur eum simplicitate Ecclesia offert, juste munus cjus purum 195 Text bei Br 20f (PE 92). Hier wird deutlich ausgesprochen, daß die Darbringung nicht
sacrificiulll apue! Deum deputatum est ... üportet enim nos oblationem Deo face re ct in ein angemaßtes Tun der Gemeinde ist, sondern Erfüllung des göttlichen Auftrags: sie
omnibus gratos invcniri Fabricatori Deo, in sentcmia pura et fiele sine hypocrisi, in "pe geschieht Kata tilv autoG ouital;tv.
firma, in dileetione ferventi, primitias earum guae sunt ejus creaturarum afferentes. Et 1% Br 53 (PE 248). Vgl. dazu Tarby, Priere eucharistique 145-151.
hane oblationem Ecclesia so la puram ofrert Fabricatori, offerens ci cum gratiarum actionc 197 Vgl dazu H.-J. Schulz, Christusverkündigung 104--107; ders., Darbringungsaussagen
ex creatura ejus. 16-19.
64 Die al/kirchlichen Eucharistiegebete Gtibendarbringung als Anamnese;.Vollzug 65

den "äytu", den "konsekrierten Gaben" - Leib und Blut Christi - werden. In der Auf diesen Vollzug wird dann der Heilige Geistherabgefleht (Epiklese), damit:er
an diese Darbringungsaussage anschließenden Volks-Akklamation wird das Opfer die schon gegebene, 'die·.Hingabeerst ermöglichende Christusgemeinschaft.mehr
der Kirche als Lob- und Dankopfer charakterisiert - die Akklamation ist wohl als und mehr 'vertiefe, und zwar mittels der dann verwandelten Gaben Brot und· Wein; die
eine Erweiterung des Hippolytschen "gratias übi agentes" anzusehen198 : "Dich ktift göttlicheI' Umstiftung ·Leib und Blut Christi sind:
rühmen wir, dich preisen wir, dir danken wir. Herr, und bitten dich, [du] unser Die',Darbtingungsaussagen der beiden byzantinischen Anaphoren lassen,uns
Gott" (Br 329). a1so die 'kirchliche Gabendarbringung in ihrer Grundbedeutung der Selbsthingabe
In der überleitung zur Epiklese gehen die heiden Anaphoren eigene Wege, ·der darbringenden' Gemeinde, die damit ihr allgemeines· Priesterttimausübt,.erken-
heide bringen aber noch einmal die kirchliche Darbringung zur Sprache. In der nen. Diese ist freilich selbst geistgewirkt und kann daher nur von Getauften
Basileios-Anaphora ist zunächst eine Abwandlung der Hippolytschen Formulierung vollzogen. werden. ,Sie -ist· Voraussetzung der Gegenwart. Christi-unter den darge-
- gratias tibi agentes quia nos dignos habuisti ... tibi ministrare (tepUteUelv) - brachten Elementen, die wegen ihrer Hinordnung auf diese ihre, eigentliche Funk-
bemerkenswert: oi Katll~troflEVte<; Aettoupyeiv tcp ayifQ o'ou fluO'taO'tllpiq,l.(Br tion in der Eucharistiefeiervon Anfang anavti't'u1ta (Ikonen) von Leib und Blut
329/PE 236). Auch hier ist kein Zweifel, daß die ganze Gemeinde kraft ihres Christi:sind.'Die.personale, reale Präsenz Christi ini MaW geschieht- dort, wo eine
"allgemeinen Priestertums" Subjekt der Darbringung ist (zum Opfervollzug also gläubige Gemeinde die ihr aufgetragene Christusnachfölge, die' letztHch Geschenk
keinerlei "potestas ordinis", "potestas consecrandi" oder Ähnliches notwendig ist). ist und :nicht., bloß' moralisch verstanden werden darf; und-damit· den Anamnesis:-
Schließlich nennt die Basileios-Anaphora unmittelbar vor der Epiklese noch einmal, Auftrag·verwirklichL· In der' saktamentalenEucharistiefeier stellt sich diese,das
präziser als durch "das Deine aus dem Deinen", das Objekt der Darbringung: ganze' Leben prägende~ aus dein· Glauben fließende2 01 Nachahmung Christi.zei-
npofltv'te<; 'ta av'titunu '['ou ayiou O'roIlU't'o<; Kai 1l1IlU'['O<; 'tou XptcrtOU crou (Br chenbaftdar als liturgischer Wort--und Tatvollzug, der ·Antwort auf die immer
329/PE 236). Hatte Hippolyt unter den avtit'u1t1l noch die volle sakramentale 'vörgängigeZuwendung Gottes··in JesusChristus ist: Sie ist das Lob- und Dankop-
Wirklichkeit des Leibes und Blutes Christi verstanden 199, so meint der Ausdruck fer, das det.'Glaubende Gott. darbringt, indem 'er das' Opfer Christi ,annimmt, und
hier die Elemente Brot und Wein, "insofern diese vorgängig zur Konsekration ratifiziert. 202 Der liturgische Vollzug der Kirche wird deutlich von der in ihm
schon Bildzeichen und symbolische Vorausdarstellung der sakramental zu erfüllen- vergegenwärtigten Heilswirklichkeit der erlösenden Tat Christi -,die akDarbrin-
den Wirklichkeit sind"2oo. Die Bezeichnung der Gaben als aVti'tU1tll von Leib und ~pg.(.El?h 5,2), Opfer, interpretiert wird - untersc~ieden;.,es erfolgtkeine,Y~~~i­
Blut Christi weist auf ihre von Anfang an vorliegende Beziehung zur sakramentalen ?c'~ung der. ?~iden Eb,en.en" ,:e1che dne falsche Identifizierung. von CIllist~~,~f;l.d
Wirklichkeit hin, auf ihre Funktion als Medium der ,.somatischen Realpräsenz" I<ir~~~ pedeuten würde.20~,Als ?bjekt der kirchlichen Darbri~g~ngersch~~n~~
Christi (Betz), die s~~ schon beim Abschiedsmahl Jesu innehatten. Insgesamt beto- 'i~fiI~r, Bn~t und~ein, die m'aterü~llen G~ben, ,die ,erst injoJge der. Darbringung,v()~
nen die Darbringungsaussagen der Basileios-Anaphora die materiellen Gaben und 'Fi~~1igen ,Gcistt:rg~iff~nund ~u Lei?~nd Blut,Christi werden. Daß di~J<jrcheLei~
lassen die Dimension der Selbsthingabe der Gemeinde, die damit unlöslich verbun- ;ulld Bhlt,Christi 4arllring~, istein der liturgischen Tradition frem~er Gedin~e.~04
den ist, zurücktreten. pagegen ~pricht''~u~h. ni<:~t. ~ie..vieh:itierte St~~le, aus. d~n Je~usalemer mystag~gl­
Diese andere Dimension betont dagegen die Überleitung zur Epiklese in der s<:h~n, I<.~techesen.(K'yriII 'o~er.Johann{:s):' ..Wir bringen den rur u~sei'e, Sünden
Chrysostomos-Anaphora: "En 1t'POcr<pEpOJ,.tEV O'Ot tilv AOytKi]v tUutllv . KilL $~schlac1ltet(;:n,Christusdar." (SC 1-?6?160). Abge,sehi;n davon, daß e~ unzuläss~gis~,
availlaK'üv l.atpeiav ... (Br 329/PE 226). Die Darbringung det materiellen Ga-
ben Brot und Wein, der Geschenke Gottes, ist die AOytKi} A.1l't'pEia von Röm 12,1,
wo als ihr Inhalt die Hingabe der Leiber bezeichnet wird. Hier ist die Forderung 201 VgL Röm ·'1,17: "der Gerechte'wird aus Glauben·lehen".
christlichen Lebens, Christus in seiner Hingabe an den Vater für uns nachzufolgen, 202 Vgl. Betz, Art. Eucharistie 350: "DtirchdieFeier des Abendmahls. ratifizie'ren die
Menschen das in Stellvertretung rur sie erfolgte Opfer Christi, sie aktivieren ihr zunächst
die Paulus ganz allgemein stellt, in die Liturgie übertragen; der liturgische Vollzug passives Hineingenommensein in Christi Repräsentanz, machen die Tat Christi auf
von Gabendarbringung und Dankgebet ist die Verwirklichung der AOY1Kl] Alltpeia sakramentale Weise zu ihrer' eigenen."
katexochen. Die Hingabe der Gemeinde an Gott und aneinander ist die eigentliche 203 Vgl. H.-]. Schulz, Liturgischer Vollzug 250: "Während die Kategorie der Anamnesis von
Erfüllung des Anamnesis-Auftrages, ist die kirchliche Realisierung der Anamnese. der Bedeutung des Wortes her das gesamte eucharistische Geschehen (einschließlich
seiner sakramentalen Vollendung)·zu .umspannen vermag, reflektiert die ojferimus-(repocr-
cptpoJ1ev-)Aussage die zeichenhafte Verwirklichungsweise." VgI. auch ebd. 253f.
,204' VgI. auch .Gamber;. Sacrmcium.Missae 25:· "Die unter Danksagung vollzogene wd ditrchdas
198 So Lietzmann, Messe und Herrenmahl 51. Opfer des Melchiiedech vorgebildete Darbringimg von BrotundU7ein ist das eigentliche Opfer der
199 Siehe oben S. 3565 • Kirche, SOJJleit es sich um ihr Tun handelt. Es ist zugleich das von Malachias vorherverkünde-
200 H.-]. Schulz, Ch:ristusverkündigung 106; vgl. auch Betz, Aktualpräsenz 225; H.-]. te ,reine Opfer', und zwar als das sichtbare Zeichen unseres·Dankes,unseter Anbetung
Schulz, Darbringungsaussagen 18. Das 7. Ökumenische Konzil hat gegen die Ikonokla- und Hingabe, wodurch es·also letztlich doch nicht·als ein materielles Opfer, sondern als
sten diese Stelle ebenso gedeutet: Mansi, Sacrorum Conciliorum ... Collectio XIII 265. ein ,geistiges Opfer' gekennzeichnet erscheint."
66 Die altkirchlichen Eucharistiegebete Anamnese und Epiklese 67

die liturgischen Aussagen durch unscharfe und bloß andeutende Predigt- und Die ganze Fülle der mit dem "Meßopfer(' gemeinten Wirklichkeit der anamne-
Katecheseaussagen vor Neugetauften zu interpretieren, man vielmehr umgekehrt tischen Verbindung von Selbsthingabe der darbringenden Gemeinde und der einzig
vorzugehen hat, steht diese auf den ersten Blick eindeutige Aussage im Verlauf der heilwirkenden, sühnenden Hingabe Christi bringt ein Text des Gregor von Nazianz
Katechesen nicht in Zusammenhang mit der speziellen Anamnese, von der in den zur Sprache: "Da mir dies bekannt war und ich wußte, daß niemand des großen
Katechesen gar nicht die Rede ist, sondern mit den auf die Epiklese folgenden Gottes und Opfers und Hohenpriesters würdig ist, der nicht zuerst sich selbst Gott
Interzessionen und verwendet wohl einen keineswegs technischen, präzis die kirch- als lebendiges und heiliges Opfer dargestellt, den logosgemäßen, wohlgefälligen
lich-liturgische Darbringung meinenden 1tpom:popa-Begriff, da im gleichen Satz als Dienst erwiesen und Gott ein Opfer des Lobes und einen zerknirschten Geist
Objekt von "darbringen" die Fürbitten genannt sind. 205 geopfert hat, das einzige Opfer, welches Gott, der alles gibt, von uns fordert, wie
Daß die kirchliche Darbringung Voraussetzung der Umstiftung der Gaben zu hätte ich den Mut haben sollen, ihm das äußere Opfer darzubringen (1tpocrcpspetv
Leib und Blut Christi ist und nicht deren Folge, zeigen auch die Darbringungsaussa- aö<4\ <i1v ei;coeev), das Gleichbild (unh01tOv) der großen Mysterien" (SC 247,
gen der alexandrinischen Anaphoren. Hier stehen sie im epikletischen Tell, in dem 212/4).
bereits um die Umstiftung der Gaben in Leib und Blut Christi gebeten wird. Der kirchliche Opfervollzug ist Voraussetzung für die Hineinnahme ins "gro-
Deshalb heißt es hier nicht im Präsens "wir bringen dar", sondern die Darbrin- ße Opfer", er wird beschrieben als Selbsthingabe zum lebendigen und heiligen
gungsaussage steht im Aorist, die Gaben werden als die schon dargebrachten Opfer, als die Gott wohlgefällige AOytKi} Aa'tpsia, als die 9ucrta a1.VEcr8ro~. Schon
bezeichnet: In der Anaphora im Euchologion des Ps.-Serapion von Thmuis steht der Bezug auf die Ä.oytKll Ä.utpeia verbietet es, im kirchlichen Opfer ein Werk des
mehrmals: 1tpoc:rrlvsYKa~sv206, und sogar in der Markus-Anaphora, deren speziel- Menschen zu sehen, welches neben das Werk Christi treten könnte; es ist Werk des
le Anamnese deutliche Anklänge an das antiochenisch-byzantinische Schema Logos und als solches Antitypos der ,,,großen Mysterien" unserer Erlösung.
(lleIlVllllsvOl ... 1tpocr~spollev) aufweist, heißt die entsprechende Wendung: 0"01
BK 'rmv arov oroprov [='tu au EK tmv amvl] npoe9i}Kullev evo:mt6v aou 207 • 1.4.3 )}pelimus": Die Verwirklichung der Anamnese (die Epiklese)

1.4.2.5 Resümee Die unter lobpreisendem und für die konkreten geschichtlichen Heilstaten danksa-
gendem Gebet durch die Gemeinde vollzogene Gabendarbringung ist Ausdruck
Abschließend soll die Bedeutung des "Meßopfers" noch einmal durch zwei Väter- der Se1bsthingabe der Glaubenden, zu der diese durch ihre in der Taufe geschenkte
stellen illustriert werden, welche in Kürze alle Dimensionen zusammenfassen. Die
Christusförmigkeit befaWgt sind. Sie stellt zeichenhaft die menschliche Antwort auf
erste Stelle stammt'v:on Eusebius, Demonstratio evangelica I 10,38: "Wir opfern und das Heilshandeln Gottes dar, die Aufnahmebereitschaft der Gemeinde für die
weihräuchern, einmal indem wir das Gedächtnis des großen Opfers (ti}v IlVTlI..tllV Gegenwart Christi, für das Kommen des Reiches Gottes - schon in dieser Weltzeit.
'rOD JlEYUAOU eUllatO~) nach den uns von ihm übergebenen Mysterien vollziehen Letztlich ist sie Verleiblichung des Glaubens, der die von Gott angebotene, durch
und die zu unserem Heil gereichende Eucharistie durch fromme Hymnen und Jesus Christus ermöglichte Gottesgemeinschaft, die im Heiligen Geist Wirklichkeit
Gebete Gott darbringen (eÖxaptcrtiav ... 1tPocrKolli~ovte<;), zum anderen da- wird, annimmt. Das in der Anaphora folgende Gebetsstück, die spezielle Epiklese,
durch, daß wir uns ganz für ihn heiligen und uns seinem Hohenpriester, dem Logos, bittet nun um die Verwirklichung der Gottesgemeinschaft durch den Heiligen
mit Leib und Seele weihen" (GCS 23,49). Das eigentliche "Meßopfer", das gefeiert
Geist. 209 Gewährleistet die Anamnese mit ihrem "memores" den dem christlichen
wird, ist das "große Opfer", das Opfer Christi, dessen Anamnese wir begehen. Diese Glauben unverzichtbaren Bezug auf die historische Heilstat, auf die geschichtliche
wird durch Danksagung verwirklicht, welche letztlich eine Konkretion der die
Wirklichkeit des Kreuzes, an dem vorbei es keine Gottesgemeinschaft gibt, so
christliche Existenz bestimmenden Selbsthingabe ist. 208 erfleht die Epiklese das Wirksamwerden der gescWchtlichen Ereignisse an der jetzt
feiernden Gemeinde, also die Gleichzeitigkeit der einmaligen erlösenden Tat Christi
205 Ebd. 158. In genau gleichem Sinn interpretiert diese Stelle Gamber, Älteste Eucharistie- und der Feiernden, was oben als der wesentliche Inhalt der Anamnese herausgestellt
gebete 185f. wurde. Die Epiklese ist also in ihrer Grundbedeutung die Bitte um das Kommen
206 PE 130. Vgl. auch Schulz, Liturgischer Vollzug 14f. Capelle, Anaphore de Serapion 434, des Reiches Gottes, um die Präsenz Christi für uns, ist nichts anderes als der
hat nicht recht, wenn er den Aorist als persönlichen Zug des Verfassers der Anaphora
urchristliche Ruf Maranatha. 210
wertet.
207 Br 133 (PE 114). R.Storf hat diesen Satz in seiner Übersetzung der Markus-Anaphora
in: Griechische Liturgien (BKV 5). München 1912, 180, falsch übertragen: "legen [Prä- 209 Die Epiklese ist also die Vollendung der Danksagung (und der Gabendarbringung); Vgl.
sens!] wir das Deinige von Deinen Gaben vor das Angesicht"! H.~J. Schulz, Liturgischer Vollzug 253.
208 Freilich spricht der Text die enge Verbindung von Anamnese und Selbsthingabe nicht 2>0 Vgl. Wenz, Opfer Christi 37: "Die Epiklese bewahrt mithin die Erinne,rung davor, sich
so deutlich aus wie etwa die Darbringungsaussagen der Chrysostomos-Anaphora, "ver- in sich selbst zu verschließen; sie eröffnet dem Andenken] esu Christi vielmehr den Blick
bindet" er doch die beiden mit 'tO'tE - 'to'tE:. auf dessen eschatologische Geistherrlichkeit und läßt so die Erinnerung aussein auf die
68 Die altkircb/i/hen Eucharistiegebete Epiklese 69

Da die PräsehzChfisti,die::sa.kramentak' Cohünuniö 'd~r Feiernden mit jhrem fa.cimus in t.uo nomine et caritate. ·qui ad tuam yocem· sumus corigregati .. ;", 216
Herrn,. das: .zier
der ganzen' Liturgie,:der' Feier der EUchatistie ist; 1st griuldsätzlich piese:,Epiklese,. urs'prünglich gnostisch (Anrufung .der"Mutter"), hier.·katholisiert,
die ganze Eucharistieepikletisch g:eprägt~ istitisbe~ohderedas~anze Eucharistiege- z!cigt uns, die zwei wesentlichen ,Charakteristika der Epiklese, überhaUpt:>dieNen-:
bet,epikletisch~211 Alle Eucharistiegebete ha~~die Struktur Ariamnese;:~'Epiklese, n'!lng <:les: Namens Gottes (nomen tuum -invocare),und das Herbeirufen:der'Gottheit"
und das Kernstück .des epikletisclien Tei1~sjstdie spezielle, Epikl~se, die\l!lS, schoh das:Erfl~hen ihres' Kommen.s (cummumca' 'UQbiscum);?17 Epiklese. kann' zwar' aUch
in der Eucharistia' Bippolyts als' Bitte um· den Heiligen Geist' zur Wandlung der eine magisch. wirkende' Formel bedeuten218,' doch ,für: die christliche Bpiklese ist das·
Gaben, letztlich aber zur Herstellung "der:Gemeinschaft GötteSmit, den-Gläubigen Moment'der bittenden· Anrufung Gottesc·konsdtutiv ,","' die, speziellen Epiklesen der
(als .,Kommunionepildese")' entgegengetreten" ist. Liturgien beginneriin der Regel mitoeoJ..leeu,: ä~touJ..le:v oder'ähnIich~. der' Mensch
Diese:·klassische -Gestalt' der' speziellen "Epiklese 1st .freilich nicht' die' Urfor'm. stellt die· Verwirklichung. der Göttesgemeinschaft :Gott selbst 'anheim; So ist ,die "
Als Bitte um den: 'Heiligen Geisf"'ist'die EpiltIesein ihrer' -inden'aitkirchllchen Epiklese ,Ausdruck für die völlige Abhängigkeit des Men:scheri von Gott, ,der allein.
Eucharistiegebeten vorliegenden Entfaltung nur möglich aufgrund einer' 'schein die sakramentale· Gemeinschaft herstellen kann; Das: eschatologische I(ommen des';
entwickelten: Pneumatolögie212;. auch 'die "den Geistnenheride Epiklese:' Hippolyts Herrn als die Erfüllun~ des R~i~he,s ,Gottes" kannv()m ,Menschell, v0 rrl e-Iäubigen"
kann·nicht·mit den'pneurI:iatologischen und trirütäts'theolog1schefi Kategorien des nur erbeten werden, die 'Epiklese 'stellt klar, daß das Rdch Gott'es nicht machbar,
4. Jahrhi.mderts·: gedeutet·. werden,'" s()nder~'nut iin',Lichte' der:' 'Trinil:ätstheologie soridernGottes freies 'Gnadengeschenk'ist. :Der' Mensch stellt· sich, indem er darum'
Hippolyts,' in der die"Eigenpersönlichkeitdes Heiligen Geistes noch- nicht 'scharf bittet und im Gla:uben auf die Erhörung seiner Bitte ver'traut,. Gott zur- Verfügung,
erfaßt· ist, sondern .'Pneuma 'im :wesentlichen:·· den Logos -meint;··,~sofetn'er' ~"eiri.e nimmt Gottes Gabe :an. 219
GöttlichkeIt in 'der' 'Oikönom1a,' "in: der· Inkarnation'· aus Maria; den .' Menschen Epiklesejn,':,dies~m ··Sinn' ist, das' ganze .Eucharistiegebet22o :,' Es .ist in 'seiner:
sichtbar macht"213. Die Geistepiklese Hippolyts ist also sachlich nicht von der in trinitarischen Struktur (Preisiing' des Vaters .,..c,: Dank für das Christusereignis ----, Bitte'
der vornizänischen' Zeit' 'bezeugten .Logos-Epiklese21'4:'verschieden;21s," um: den, Heiligen Geist22l } Nennung,'desgöttlichen"'Namens222' überden;Gaben,
Eine. de~,. Th~mas~~kten entno mene ,~ogos-Epiklese sehr altert~tnlichen die: als ·Zeichen der,Hingabe.der Feiernden :Gott übereignet werden; und 'eS ist13itte
l11
Charakters<bietet ein'jm'7. Jahrhundert in"Itland geschriebe~es Sakramentar: "ecce um. die Gegenwart Chris~i: in:derFeier, .ih Brot 'und Wein, letztlich ,aber in, den
r
alldelhus ac~ide~ead'tuariieucharigi~m sic!]'- etn01TIentUllm'invo~are:veni: erSo Gläubigen selbst.22,3
cummunica nobis~ulll','; da~folgen'acht~dte~e~it"veni" b,~ginne~de Anrufun- Die spezielle Epiklese als Explizierungdieses. Grriridcharakters der: ganzen>
gen, darauf wieder:" veni cummunica nobiscum in tua' eucharitia [sic!J, quam Feier hat sich, wie gesagt,; 'von einer Anrufung des Logos'(was;im liturgischen Beten
1 . .
"

21.6: Das..irische Palimpsestsakramentar' im.·Clm·14429 der 'Staatsbibliothek München.' Hg.:


A,.Dold - ,I.... Eizenhöfer
(TA-B 53/54).: Beuron •.196.4, 4:4;,vgL, Ga01ber,;Christus.", und
G~ist~Epiklese_136::-p~. ".' .•.... :," c , . ' ,
Z.~kunf~ desGekomme,nen.. Ebenjefles ~erinnernde,Aus~Sein' aber ,w~lches ~en ~hristli­
,' '. '
2!7 V gL Casel, Epiklese; de'rs., Neue B'eitriige 170-173;, Bet2;, AktuaIprä;:;enz. 320::-328.
ch~,nC;laubeilau~machtund seille ,~eit~pann<,~e~timmt; ist die W~ise~in .~e1cher eÜe 218 Vg1. Casel, Neue Beiträge 170; Laager, Art: Epiklesis 581f.
Wirklichkeit Jesu Christi dem Menschen> gegenwärtig wird 'und im Jetzt schon Ztirri Epiklese hat auch - vor alIem im Sprachgebrauch der LXX - die Be.deutung von
Vor~Scheirikommt.", '" "übereignung einer Person oder Sache an Gott".(13etz, ,Aktualpräsenz 321).'
211
Vg1.. Ritter,' Epiklese "164.169;.' Be'tz,. Aktualpräseni, 328-334; 220 Es gibt tatsächlich überreste von Eucharistiegebeten, die.mit.B1ttKaA.OüJ.wtcrs· beginnen:
'" Zum Ve.rh~ltrüsyon..:Epi~les~,ullqPfleu.tp.atoIogie,vgtBd. Schulz, Byzall tinische Litur-
gi~}l-~~.· " .' " . " 221
vgl.Gamber, .christus~ und .C;eist-Epiklese, :134..
VgL R~J.Schu1z, Ökumenische.'Glaubenseinhei,t .37--43.
'"
114
Betz, Aktualpräsenz 339.
Schon die ForrniIlieriIng'jus'üns; A~?L 166,2, daß Brot undWeiil ,;Öt iEOXfj~.:~6'YOlYtOÜ
222
223
ZurNamens-Epiklesevgl., Laager{'Ar:t. Epiklesis, 587-589.
Den Charakter der ganzen Anaphora'alsEpikIese betontCase1,Neuere Beiträge173f. Es
ltap' aOtoü" ,eucharistierte' Speise :sind (ed. Goodspeed; 74), könnte'aufeine' Logos- geht, jedoch nicht" wie Casel dies' tut ,(Epiklese lOH), :den epikletischen 'Charakter des
Epiklese,hinweisen, ü,bersetzt: ,;durch ~in Gebet,um'.~enA,6'Yo(;«(S9:Betz, Aktualp'räsenz g~zen-Eucha.ristiegebetes gegen .die (hachCase1, Epiklese 101, ahdem 4. Jahrhundert
270; Schneeme1cher, Epiklese BOf); doch ist die Ube!setz,ung:, "dprch,eirt, ,\Vo,I}: ß~s sich entwickdnde, ,aber:' doch schon· bei Hippolyt. ganz, deutlich. vorliegende!},spezielle
Gebetes" ebenso möglich (vgl. Kretschmar, Art. Abendmahl 67). Zeugnisse für die Epiklese auszllspieIep. Diese sprichtnur.die epikletische Dimension des.E,uchadstiegebe-
frühchristliche Logos-Epiklese. bei Betz, AktuaIp.räsenz 334-336.. In .~e~ erhalte~en tesexplizit aus und ,führtkeineswegszQ.r Entwertung·der Einsetzungsworte. Eine
Liturgien kommt eine Logos~Epiklese'außerinde1?- apokryphenApost~lgesc:hi~hten in tatsächlich einseitige HervOrheQung. der Epiklese als ,;Konsekrationsm0ment'~ (eine der
der Anaphora im EuchoIogion des PS.-Serapi?n vor und indennicht-'römischen westli- altkirchlkhehLiturgie,fremde Vor:>teIIung) liegt':nuritl'gewissen ostkirchlichenReaktio-
chen Liturgien (vgl. Gamber~ 'Christus- und Geist-Epiklese135-14q). Zur Logos- henauf die westliche, Bestimmung des. KonsekrationSniQmentes, durc.h die' Rezitation der
Epiklese -vg1.' auch Laager,.·· Art~ Epiklesis 592;' verb~ .testamenti, vor (im, "Epiklesenstreit")· - vgl,'H.-J Schuh; Chdstusverkündigung
15 Vg1.· Betz, AktiIalpräsenz' 336~340: 116,
. .,pik/ese: antiochenisch-!:ryzantinische Anaphoren 71
70 Die altkirchlichen Bucharistiegebete

Die Epiklese ist deutlich zweigeteilt: Es handelt sich um die Herabrufung des
eher selten vorkommt, dieses ist zumeist - nicht immer! - an den Vater gerichtet)
eiligen Geistes auf die oblatio, also die "Opferfeier", in die die Gaben eingescWos-
oder einer Bitte um den Logos ab dem 4. Jahrhundert mit der Entfaltung der
en sind, damit die Teilnehmer Früchte davon genießen. Dies ist die bereits bei
Pneumatologie zur spezi:6.schen Bitte um den Heiligen Geist entwickelt, welcher die
ippolyt vorliegende Struktur, neu ist die Einführung von Wandlungstermini
Gegenwart des erhöhten Herrn bewirkt, indem er die Feiernden christusförmig
benedicere, sanctificare)228, anders als bei Hippolyt ist die Aufzählung der Kom.,.
macht. 224 Die Epiklese ist daher die Versprachlichung der pneumatischen Dimen-
sion des Gottesdienstes22S, welche das Ineinander226 des Handelns Gottes als des munionfrüchte: vom Standpunkt des noch in dieser Weltzeit Lebenden aus wird die
Sündenvergebung genannt, vom eschatologischen Standpunkt aus die Auferste-
die Gemeinschaft herstellenden und des Handelns der Kirche als der die Gemein-
hung und das neue Leben im Gottesreich. Klar ist der Gedankengang der Epiklese:
schaft annehmenden ermöglicht; denn auch die Kirche, die feiernde Gemeinde,
Der Heilige Geist soll die Darbringung der Kirche ergreifen und sie wandeln
handelt im Heiligen Geist. In dieser Gestalt der Bitte um den Heiligen Geist liegt
(sanctificare, ayta~E1.v), damit die Feiernden Vergebung der Sünden und ewiges
die Epiklese in den altkirchlichen Liturgien vor, und als solche wollen wir sie nun
als Entfaltung der bei Hippolyt schon zutagegetretenen Grundstruktur betrachten. Leben erlangen. Die "Wandlungsepiklese" hat also die "Kommunionepiklese" zum
Ziel, auf letzterer liegt deutlich der Schwerpunktjdie Wandlung der Elemente ist
1.4.3.1 Das Zeugnis der antiochenisch-byzantinischen Anaphora Mittel, um das Ziel der sakramentalen Commu:gio als Erfüllung der Eucharistiefeier
Die antiochenisch-byzantinischen Anaphoren bringen in Abhängigkeit von der zu erreichen. 229
Entwicklung der Pneumatologie eine Entfaltung der Struktur der speziellen Epikle- Die antiochenisch-byzantinischen Epiklesen haben vor allem den bei Hippolyt
se Hippolyts. Diese ruft den Heiligen Geist auf die oblatio herab, d. h. auf die ganze und in der ostsyrischen Apostelanaphora230 recht undifferenzierten Wandlungsteil
Feier und deshalb auch auf die Gaben Brot und Wein ("Wandlungsepiklese") zum weiter entwickelt. 231 Die älteste Stufe in dieser Entwicklung repräsentiert die
Zwecke der Heiligung der Gemeinde, die an den vom Geist ergriffenen und dadurch Epiklese der ägyptischen Basileios-Anaphora: "Und wir rufen und flehen zu dir,
zu Leib und Blut Christi umgestifteten Gaben (die Hippolyt in der Epiklese "sancta" Menschenfreundlicher, Gütiger, Herr, wir, deine sündigen und unwürdigen Knech-
['tu äyw] nennt) teilhat ("Kommunionepiklese"). Diese Teilhabe geschieht in der te, und wir verehren dich in deiner wohlwollenden Güte: Es komme dein Heiliger
~ommunion, in der also die Eucharistiefeier ihren Höhepunkt und ihr Ziel findet,
Geist auf uns, deine Diener, und auf diese deine [I] vorliegenden Gaben und heilige
m der Einung der kommunizierenden Gemeinde mit dem Heiligen Geist, wodurch sie und offenbare sie als das Allerheiligste (O:YUIO'at Kat dva3Ei~at äYla ayirov).
die Kirche als der Leib Christi immer neu konstituiert wird. Und würdige uns, Herr, teilzuhaben an deinen heiligen Mysterien zur Heiligung
Eine speziell~ Epiklese, die der Hippolytschen recht ähnlich und also von von Seele, Leib und Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden und am Erbe
hohem Alter ist, bringt die ostsyrische Anaphora der Apostel Addai und Mari:
"Es komme, 0 Herr, dein Heiliger Geist und ruhe auf dieser Darbringung deiner
Diener, und er segne und heilige sie; damit sie uns gereiche, Herr, zur Versöhnung
der Schuld und zur Vergebung der Sünden und zur großen Hoffnung auf die in das ostsyrische Eucharistiegebet einzutragen. Er geht davon aus, daß die Stücke vor
Auferstehung aus dem Totenhaus und zum neuen Leben im Himmelreich mit allen lind nach der Epiklese ("Et nos quoque ..." und "Et propter omnem dispensatio~
die vor dir Gefallen gefunden haben. 227 ' nem ...") eine einheitliche spezielle Anamnese darstellen, welche ursprünglich auf einen
Einsetzungsbericht gefolgt sei, doch scheint mir die Deutung des ersten dieser Textstük-
ke als "Quasi~Embolismus" (Einsetzungsberichts~Äquivalent) - übrigens von Engber-
Vgl. Bobrinskoy, Pneumatologie du Culte 30; Ritter, Epiklese 170.
ding, Anaphorisches Fürbittgebet 113-120, als von der Theodor-Anaphora abhängiger
Vgl. dazu Bobrinskoy, ebd. passim.
sekundärer Einschub qualifiziert - und des zweiten als Doxologie, welche Giraudo, ebd.
Vgl. dazu Ritter, Epiklese 165: "Vielmehr ist dies gerade das Geheimnis des Gottes- 329-331, gibt, überzeugender. Außerdem weist auch die der ostsyrischen Apostelana-
dienstes, daß hier im menschlichen Tun Gottes Handeln wirksam ist, daß es sich bei
phora nah verwandte Anaphora "Petrus III" die Epiklese auf (Text bei Giraudo 326) -
diesem doppelten Geschehen nicht um ein Nebeneinander oder ein Nacheinander
vgl. dazu auch Engberding, ebd. 120; Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier 258.
sondern um ein unlösbares Ineinander handelt." '
Lateinischer Text nach W. F.Maeomber, The Oldest Known Text of the Anaphora of 228 Zu den Wandlungstermini vgl. Betz, Aktualpräsenz 300-318.
'" the Apostles Addai and Mari, in: OrChrP 32 (1966) 369: Veniat, Domine, Spiritus tuus
229 Von den Elementen spricht die Epiklese der ostsyrischen Apostelanaphora. überhaupt
nicht explizit, sogar die Epiklese Hippolyts ist deutlicher, wenn sie im zweiten Teil die
Sanctus, et requiescat super oblationem hane servorum tuorum, et eam benedieat et
gewandelten Elemente "sancta" nennt, die die Feiernden empfangen (qui percipiunt
sanctificet, ut sit nobis, Domine, in remissionem debitorum, et veniam peceatorum,
sanccls). Die Anaphora "Petrus III" nennt immerhin die Feiernden "percipientes eam
spemque magnam resurrectionis a mortuis, et vitam novam in regno caelorum, curo
omnibus qui placiti fuerunt coram te. (Einen sachlich völlig gleichen, im Wortlaut etwas [oblationem]" (Giraudo, Struttura letteraria 326).
230 bie weiteren ostsyrischen Anaphoren, die nach Theodor von Mopsuestia und Nestorios
verschiedenen Text bietet Botte, L'epiclese 51f.) - Ich meine mit Giraudo Struttura
benannt sind, weisen ähnliche, aber westsyrisch beeinfl.ußte Epiklesen auf (Texte bei
letteraria 333, gegen Botte 69, daß die Epiklese zum Grundbestand der Anaph~ra gehört.
Botte versucht m. E. zu Unrecht, westsyrisch-antiochenische Strukturen (Einsetzungs- Botte, L'epiclese 51f; dazu 60f).
bericht - Anamnese - Epiklese, bzw. Einsetzungsbericht - Anamnese - Interzessionen) 231 Vgl. die Untersuchung Bottes, ebd. 53-61.
72 Die altkirchfit'hmEuchtlristie..f!,ebete Epiklese:'antiochenisch~ryzantinische Anaphoren 73

!\ntcil erhalten mit allen Heiligen, die von Ewigkeit vor dir Gefallen gefunden Epiklese. schließt ,nicht so, organisch an die Anamneseart-wie:in' der ägyptischen
habcn."2.\2
Basileios-Anaphora, und. bei Hippolyt" -'sie wirkt, insgesamt 7"". vor allem. durch, den
Die Epiklese schließt wie bei Hippülyt an die Anamnese an, erweist sich als nicht, Zitierten,.langen. pneumatologischen Einsehub- relativ: künstlich236. Dei.
deren logische Fortsetzung ("et petimus" bei Hippolyt, "Kai 080j...lE8a" bei Basi- Aufbau ist ganz klar: Der, Vater,wirdgebeten,' den HeiligenGeist herabzusenden auf.
leios) und bittet im ersten Teil (,,\Vandlungsteil") um die Herabkunft des Heiligen die ,feiernden ,und die Gaben: wie -in, der .' ägyptischen: Basile:ios.,.Anaphora wird'
-0-

Geistes auf uns (1) und - das ist neu - speziell auf die vorliegenden Gaben, da~it s_chon, hier arri Beginn :det: Epiklese durch das"auf uns~' 'die fundamentale· Einheit
sie geheiligt und geoffcnbart233 werden -- d. h. verwandelt - als ärm uyicov, wie von Wandlungs- und, Kommunionepiklese hetont 237 ,.,.-, damit er das Brot,zumLe:ib'
die volle sakramentale Wirklichkeit von Leib und Blut Christi schon bei Hippolyt Christi:und den Wein. zum Blut Christi wandle (1tQvr)Gu}mit dem. Ziel, ,daß die,' die'
genannt wird (saneta). Die "Wandlungsepiklese" nennt also Ausgangspunkt (o&pa) an ,Leib ·.und, ·Blut,'Christi :,Ante:il'- haben, Sündenvergebung ,und ewiges :Leben
und Ziel (äyw ayimv) des Wandlungsvorgangs, der mit spezifischen Wandlungster- erlangen,' weitets::-Heiligung, ,von 'Seele und Leib, Fruchtba,rReit'in guten Werken
mini (dyuiaat, avaoE1~at) als Wirken des Heiligen Geistes beschrieben wird. Die sowie:-'auch dieser letzte, oben nur teilweise zitierte Absi::hnitt.wirkt etwas lehrhaft':'
sofort anschließende "Kommunionepiklese" (bzw. besser der "Kommunionteil" der künstlich'~Il<f"stigpngder apfden Fels des. Glapbens gegründeten (vgUvlt16,18)
Epiklese) nennt das Ziel der \Xlandlung der Gaben: die Gemeinschaft der Heiligen, Kirche;
welche (durch die Kommunion, die Anteil gibt an Leib und Blut Christi, den . Die Epiklese derChrysostomoscAnaphora (Ilr329fIPE226) gleicht in ihrem
gewandelten Gaben) ein Leib und ein Geist sind. 234 Der Inhalt dieser Epiklese ist, WandlungsteiLweitgehend der'1akohos-Anaphora" bringt aber einen Zusatz, ,der,
auf eine Forme! gebracht, die "communio sanctorum" in ihrer Doppelbedeutung: diese: Epiklese: zur,·zugespitztesten :Wandlungsepiklese. der altkirchlichen· Euchari.,.:
Durch die Anteilhabe an den saneta, an Leib und Blut Christi, welche durch das stiegebeteJ,l1acht:.~E'tflßaA.<'OV ;tip 1tv&u~a'ti (jOD -ripayiqk Zusätzlich zur Nennung
Wirken des Geistes konstiwiert werden, erwächst die Gemeinschaft der Heiligen, des' Ausgangs-: ;undLZielpunktes dereuchariscischeh' Umstiftungwird der Gedanke
der sancti, die Gemeinschaft im Geist ist. Der Geist wandelt also die Gaben, damit detWandlung·hier ganz' explizit ausgesprochen, Als :weiteres interessantes Moment'
er die Feiernden, die an den gewandelten Gaben kommunizieren, wandle zur dieser -Epiklese sei noch ,aus ,dem KommunionteiI: der Gedanke: der Kotvroviu'tov
communio sanctorum. ario\) ,-1tv&u.~a't:Qs :hervorgehoben238 ; ,welcher ,alle: ,in,. den,:,einzelnen:, Epiklesen
Eine weitere Verdeutlichung des Wandlungsteils der Epiklese, was die Nen- erbetenen- . KQmmunionwitkungen-zu_sammenfaßt;2~9- ,In· der. Eucharistie: -wird.: die:
nung von i\usgangs- und Ziclpunkt des Handelns des Geistes an den Gaben betrifft, Gerrieinsc;haft des 'Heiligen,Geistes:Witklichkeit, ,immer neu Wirklichkeit,•.in,qem.:
liegt in der Epiklese der jakobos-Anaphora vor. Ersten literarischen Niederschlag der Geist die: s:elbst· schon, geistgewirkte, Hingabe .derfe:iernden, _Gemeinde"als
hat diese Epiklese in den ]crusalemer mystagogischen Katechesen gefunden: "W'ir Anteilhabe an der Hingabe Christi, welche in der Gabendarbringung bezeichnet
bitten den menschenfreundlichen Gott, den Heiligen Geist auf die Gaben zu senden, wird, ergreift und umwandelt,· speziell die-die Hingabe 'symbölisiefenden' Gaben
damit er das Brot zum Leib Christi, den Wein zum Blut Christi mache" (SC 126,154). W'and.dtjfldie:R~alsymbol~:,:von.Leib.~nd' B~ut ~hristi"du_rchq~ren Genuß, in. der'
Die Epiklese nennt also ganz klar Brot und \X/ein als Ausgangspunkt der \X/andlung, K:()mmu.tlioll,:di~ Fe~ernd~n, Mteil, ~rn göttlicheniLepen,erhalten,~,durch den
Leib und Blut Christi als Endpunkt, als Ergebnis der W'irkung des Heiligen Geistes. Heiligen :Geist. :
So lautet die Epiklese der ]akobos-i\naphora: "Erbarme dich unser, Gott, Allherr- So_.qgipt:sich ,uns, als~inn,der,.E[Jikkse; Hatte ip.: einer ersten Phase d~y
scher, und sende auf uns und auf diese vorliegenden Gaben deinen Heiligen Geist G.y.tp.eind~,a,l~_ in, df::n ,Leib :Cl1riSti (durch; ,qie.Taufe) eingegliederte ihre Hingabe an
rpneumatologischer Einschub], damit er komme und dieses Brot zum heiligen Leib
Christi und diesen Kelch zum kostbaren Blut Christi mache, damit sie allen, die an
""'Te'xtfOlgi zum' ~roß:en'Tei1. der'syrischen· Rezension,' nur di~ Sündenvergeburig und das
ihnen teilhaben, zur Vergebung der Sünden gereichen, zum ewigen Leben, zur
ewige -Leben als' erbetene ~ommunionwirkungen,hatder"Syrerindie Wandlungsaussa-
HeiJigung von Seele und Leib, zur Fruchtbarkeit in guten W'erken, zur Befestigung gen ,<;,:i:ngebal.1t: :"damit ..:.e;r'·· dieses_Brot: ,zum .. '. Leib Jesu Christi mache, den. darari
der heiligen Kirche, die du auf den Felsen des Glaubens gegründet hast ... "235 Die !~habendeI1 z~r,Vergebung der Sünden ufld,zum e'.\'igen.L,eben" (Lietzmann, ebd.~ 7pf)
,'. (d~sGI~iche)eitnJ(elc~). , . ' _ ,'_:' ,:' . , :
232
236 Di~' griechisthc;:.Rezf:nsion, ?och ~ehr" da, hier nach ~:em pIleumatolögisehen Einschub'
PE 352. Der Passus nach "ayw ayiOJV": "Kat noti]cru ... " ist, wic Botte, ebd. 56, .eine'aus der" Gtegorio-s-Anaphora- stammende- (bzw. hier ursp'rünglicher vorliegende)
nachgewiesen hat, sekundäre Übernahme aus der Jakobos-Anaphora. Dublette erscheint (vgl. Botte,L'epiclese_ 53).
233
Zum Wort "avaoci~aL" als Wandlung-sterminus vgl.-J. Schulz, Ökumenische Glaubens- 237,. Vgl.,auc;:h}i.:-], Sch;q.lz;9kumenische GIaubenseinhei~Sl: ,,;., ..,91!'=s bedeutet ein gewisses
einheit 55. G,~get1ge'ficht zu ,ei9:e~ ~berspitztel1Kons~lcratiQnsautfassut1gund: ein,en ~eitrag ~u e.iner,
Mit "ein Leib und ein Geist" beginnt Eph 4,41 V gl. H.- J. Schulz, Darbringungsaussagen ek~I~sioI6gischen Eucharistielehre, dessen Bedeutu~g noch sehr. Z,ll beachten sein wird;"
13f. 238" DieSer Gedartke erscheint au'ch-in der bYzantinischen'Basildos-Anaphora.
Text nach Lietzmann, 1-Iesse und Herrenmahl 70f, gemäß der Rekonstruktion des 239 Vgl. hierzu Bobrinskoy, Pneumatologie du Culte 32-35, der auch den Zeon~Ritus der
ältesten erreichbaren Textes (5-16. Jahrh.) durch Tarby, Priere eucharistique 65--68. Der byzantinischen Liturgie, auf die "Gemeinschaft des HeiligenGeistes"d~utet,
74 Die altkirchlichen Bucharistiegebete Epiklese: alexandrinische Anaphoren 75

Gott als Antwort des Glaubens und als im Glauben angenommene Wirkung der den vorliegenden Anaphoren daher die Anaphora Ps.-Serapions zu repräsentieren.
Rechtfertigung dargestellt (im ..Opfer" der Kirche, der Gabenoblation, und in dem Die ,,1. Epiklese" (vor dem Einsetz~ngsbericht)entwickelt sich - charakteristisch
damit verbundenen Preis- und Dankgebet zum Gedächtnis der Heilstaten Gottes, für die gesamte alexandrinische Überlieferung ~ im Anschluß an das Sanctus (das
besonders der eschatologischen Heilstat in Jesus Christus), so bittet sie nun um die in Ägypten nicht durch das Benedictus ergänzt ist). Die Anaphora nimmt das Wort
Umwandlung ihrer Hingabe in die Wirklichkeit der allein rechtfertigenden Hingabe "voll" des Sanctus auf ("Voll ... ist der Himmel, voll ist auch die Erde von deiner
Christi, die am Kreuz vollendet wurde und in den vom Heiligen Geist ergriffenen großartigen Herrlichkeit, Herr der Gewalten") und entwickelt hieraus eine Epikle~
Gaben symbolisiert wird (im Sinn von Realsymbol), damit sie mehr und mehr in das se: "Erfülle (1tf.:i}poo(Jov) auch dieses Opfer mit deiner Kraft und deiner Teilhabe.
Leben Gottes, in die Liebe Gottes hineingezogen wird, indem sie in der Kommu- Dir haben wir nämlich dargebracht ... " (PE 130). Es handelt sich hierbei nicht wie
nion durch die manducatio oralis von Leib und Blut Christi mit Christus, ihrem im ersten Teil der antiochenisch-byzantinischen Epiklese um eine "Wandlungsepi-
Herrn, durch den Heiligen Geist vereinigt wird. Der ,.Wandlungsteil" der Epiklese, kIese", von der Wandlung der Gaben ist gar nicht die Rede, sondern die ..Kraft"
der um die Wandlung der Gaben Brot und Wein bittet, hat keine Eigenbedeutung wird auf das Opfer241 herabgerufen, und der Text blickt schon voraus auf die
unabhängig vom "Kommunionteil", dieser ist das Ziel von jenem. Man sollte daher "Teilhabe" der Kommunion, die ja das Ziel der Epiklese bzw. der ganzen Euchari-
nicht von "Wandlungsepiklese" und "Kommuruonepiklese" sprechen, als seien dies stie ist. Die 1. Epiklese Ps.-Serapions ist also__ nicht Wandlungs-, sondern "Opfer-
zwei verschiedene Gebete, sondern es handelt sich um zwei Aspekte ein und epiklese('242, eine Bitte für die Darbringung, die oblatio der Gemeinde, die als
desselben Gebetes, die keineswegs auseinandergerissen werden dürfen. Die Wand- ganze mit der Kraft Gottes erfüllt werden soll.243 Es handelt sich um eine undiffe-
lung der Gaben geschieht nur im Hinblick auf die entscheidende Wandlung der renzierte, noch keine spezifische Wirkung an den Gaben oder an den Feiernden
Feiernden zur Gemeinschaft der Heiligen, die als Gerechtfertigtegrundsdtziich schon erbittende Epiklese.
gewandelt sind, aber als noch Unvollendete, als noch Pilgernde einer dauernden Die inhaltlich der antiochenisch-byzantinischen Epiklese entsprechende For-
Wandlung bedürfen, einer wachsenden, erst im Reich Gottes endgültigen Hinein- mel steht nach dem Einsetzungsbericht, also, wenn man die bei Ps.-Serapion einzig-
nahme in das Leben und die Liebe Gottes. Diese Wandlung ist Geschenk Gottes, artige Verschränkung von Einsetzungsbericht und spezieller Anamnese berücksich-
ist Wirkung des Heiligen Geistes und kann von der Kirche nur erbeten werden. Die tigt, an der schon bei Hippolyt begegnenden Stelle für die Epiklese. Die 2. Epiklese
Epiklese zeigt also die fundamentale Abhängigkeit der Kirche von ihrem Herrn, Ps.-Serapions ist nun nicht eine Geist-Epiklese, sondern eine Logos-Epiklese244 :
zeigt, daß die Kirche von sich aus nichts vermag, daß sie über den Heiligen Geist ..Es soll herabkommen, 0 Gott der Wahrheit, dein heiliger Logos, über dieses Brot,
nicht verfügt, daß sie nur um ihn - in vertrauender Gewißheit - bitten kann. auf daß dieses Brot der Leib des Logos werde, und über diesen Kelch, damit der
\
1.4.3.2 Das Zeugnis der alexandrinischen Anaphora 241 So auch bei Hippolyt in der Epiklese nach der speziellen Anamnese: oblatio.
Die alexandrinischen Eucharistiegebete sind "epikletische Eucharistiegebete", d. h., 242 Dieser Begriff stammt von H.-J. Schulz, Christusverkündigung 10533 • Verheul, Priere
eucharistique 49: "une epiclese tres generale apropos de l'offrande".
ihr epikletischer Teil beginnt bereits vor dem Einsetzungsbericht, welcher nicht wie 243 Vgl. H.-J.Schulz, Ökumenische Glaubenseinheit 61.
in der antiochenisch-byzantinischen Anaphora Höhepunkt der Danksagung ist, 244 Botte, Eucologe de Serapion, hat wahrscheinlich gemacht, daß das Euchologion von
sondern gegenüber der Epiklese, der Bitte um die Verwirklichung der Anamnese, einem arianisch und vor allem pneumatomachisch gesonnenen Verfasser stammt (viel-
motivierende Funktion hat und daher meist als Kausalsatz (ön) formuliert ist. Was leicht um 400, eventuell auch später). Vgl. aber auch Cuming, Thmuis revisited. Die
Logos-Epiklese schreibt Botte, ebd. 55, den speziellen pneumatomachischen Tendenzen
nun die spezielle Epiklese betrifft, so fallt sofort auf, daß eine solche zweimal
des Verfassers zu, sie sei nicht altes ägyptisches Gut: "L'epiclese de Serapion est treS
vorkommt, einmal vor dem Einsetzungsbericht, dann nach der speziellen Anamne- nettement du type syrien tel qu'll apparait dans l'anaphore de saint Jacques; mais l'auteur
se, also an der Stelle, an der die Epiklese schon bei Hippolyt steht. Die Aufhellung a substitue le Verbe au Saint-Esprit, .." Diese Schlußfolgerung Bottes scheint mir
der Entwicklungsgeschichte der alexandrinischen Epiklese ist nach dem heute keineswegs zwingend zu sein. Der Verfasser der Anaphora hat sich sicherlich auf
vorliegenden Material nicht befriedigenderweise möglich, da die drei wichtigsten vorhandene Tradition gestützt, und für diese ist, wie gesagt, die Logos-Epiklese anzu-
nehmen. Vgl. PG 26,1325: "Wenn- aber die großen Gebete und die heiligen Bitten
Zeugen, die Anaphora aus dem Euchologion des Ps.-Serapion von Thmuis, die hinaufgesendet werden, steigt der Logos herab auf das Brot und auf den Kelch, und es
Anaphora des Papyrus von Der Balyzeh und die Markus-Anaphora, ganz unter- wird sein Leib." Für die wahrscheinliche Abfassungszeit freilich ist diese schon anachro-
schiedliche Ausformungen der Epiklese aufweisen. nistisch. Capelle, Anaphore de Serapion 439--443, schreibt die Logos-Epiklese einer
Die älteste Epiklese der alexandrinischen Tradition scheint eine Logos-Epikle- suspekten Tendenz des Verfassers zu, die Rolle, die üblicherweise der Heilige Geist
spielt, dem Logos zuzuweisen. Die Anaphora sei kein repräsentatives Zeugnis alter
se gewesen zu sein240 - für Ägypten, dessen Theologie noch im 5. Jahrhundert so
alexandrinischer Tradition (ebd. 438; so auch Verheul, Priere eucharistique 50f). Capelle
sehr vom Logos beherrscht ist, keine Überraschung. Ein altes Stadium scheint unter weist für das 3. Viertel des 4. Jh.s und für Alexandrien (Zeugnisse von Petrus von
Alexandria und Theophilos von Alexandria) eine Geist-Epiklese nach. Doch dies
2<0 Vgl. Betz, Aktualpräsenz 334f; Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier 261. schließt wohl nicht aus, daß die Anaphora Ps.-Serapions älteres Gut überliefert.
76 ,Die· altkirch!ichen"Euch~ristiegebe# Epik!ese~" alexandrinische Anaphoren 77

Kelch dasBJut,d.er Wahr:heit':werde. Und:mache,dliß alle Teilnehmer·:dk.Atznei des eingeleitete Epiklese,- deren· WancUun'gsteil allerdings· nicht erhalten-ist; die :jeden-
Lebens. empfangen.:zur -Hei.lllng' ·je:der-Krankheh:und zur: Kräftigung. jedes :Fort~ falls ·inir: eiriem Kommliniortteil schließt ünd also 'die übliche Struktur 'der' Epiklese
schrittS·).l11d:jeder :Tug~d;,nicht.zum, Gericht; o,,'Gott-der Wahrheit; und 'nicht :zur' aufzuweisen· hatte.' Es iSt nkht und:enkbar, 'd~ßdiese:Epiklese eine 'Logos..Epiklese
Schmach.; u-Q,d: Schand~~,<:,(PE,.J3:0);, Dies.e: Epildese:hat genau die" Strukt!Jrder war und: daß die ·Gestalt der: L·Epiklese 'Folge eiher nach dett!. Vorbild der syrischen
antiochenisch-byzantinischen Epiklesea, mit.. den. untrennbar zusammengehörigen 'Geist--'Epiklese, und 'zwar nach deteh',Wandhingsteil; 'erf6Igten: . .,:. ungeschicktenl -
Teilen "Wandlungsepiklese',',', und -"Komqmnio'.tiepiklese"-. Überarbeitung-:ist: 249 .
Wohl im L3.uf des4. -J ahrh1J-ndertsist'die'alt,e LogQs:,:Epiklese9:urch die'det: 5,iGh Deutlkhe·Zeichen;syrischbeeinflußter·.Über~rbeitungen zeigt: schließlich auch
n.un entwickelnden Trinitätstheolögiebesser entsprechende _,' Geist-Bpiklese nach: die: Bpiklese' der: Markus'--Ariaphorn, ·dies'e' ä1lerdings' in' der::2 ..-Epiklese.Die:' 1.
antiüchenischem YÖJ:bild ersetzt: worden. :Dl;lbei scheint, man verschiedene .Wege Epiklese ist ·wie·bei Ps~~Seiapiori eihe':..~Öpferepiklese";"ein: Gebet um; die'Herab-
gegangen:,zu sein.. Bin- inte.ressantes -Dokument :für 'den, Übergang' von der Logos":": 'kunft des' Geistes (bei Ps.-'Serapion:noch: der öuva~t~) auf die Darbringungder
zur Geist-Epiklese: ist,einikoptisches,Papyrusfragmentaus dem British Museum.:Z45 Kirche:, "Erfülle (nA. 1) proaov);o' Gott;· auch; dieses' Opferniit: dem Segen,: der von
Dieses. bietetc;in~ -Epikles.e (nach der ,speziellenAriamnese), w.el~h~_auch_im,Prdthe~ 'dir kommt, durch die Ankunft deines Heiligen Geistes" (Br 132/PE 112). Die 2.
sis":"Geb(;:t deJ.;' GhrysO,stOrrios-Litutgie nach dem Codex BarberiniGr, :,336 an fremder Epiklese:naeh der-Artamnese'istdie Wandlungs''::' und, Kommuniönepiklese:',;Und
Stelle, (nQch·vollständigerals im Papyrus)' erhalten -ist. Diese,cIst ,an den L.ogos :wir"flehen: undtüfen 'dich 'an,' .Menschenfreundlicher"und, Gütiger, ,sende ,','; den
ge:dchtet (1) und lautet nach dem Prothesis-Gebet: {AnredeJ246, "Blicke aufuns und 'Tröster;'deh,Geist' der Wahrheit, den heiligen;,. ~,;;Schaüaufuns un'd auf die'se,Brote
auf:.dieses :BrQt tl.nd: aMf dies'eu 'Kdch-und mache sie zu _- d,ei,nem,unbefleckten Leib und' diese:Kelcheddnen' Heiligen Geist [siel], ·damit ,er sie 'heilige und vollende als
und deinem kostbaren Blut zur Veränderung von Seele und Leib" (Br,309)., Im alhnächtlger' Gott:und 'd~sBrot zum--l:.eib mac-he,' ,den ,Kelch zum Blut ,des:,neuen
koptischen: Papyrus schließt: sjch:an, -dies.e Epildese, einc::: ,zweite, Und: _zwar: eine ,Buhdes ,des' Herrn und Gottes 'und RetterS und Allherrschets J esus: .Christus; damit
Geist";Epiklese.syrischen:,-1'yps;,an.247 sie ün's;allen;"die än:lhhen 'teilhaben:,; gereichen:züm Glauben,' zur:Nuchternheit, zur
.ICI).:,Papy.rus. von D&r Balyzehhat sich der.Einflußder syrischen· Geist-Epiklese HeilUrig;":zur ,Verständigkeit; ,zlir·Heiligung; zur Etneuerungvon,-Seele" Leib und
der,'l;.' ,EpikleSe vor-idem _Einsetzungsbericht,.bemächtigt: und ,daraus. einö--reitlc Ge:ist~ zur Gemeinschaft 'der' Seligkeit:des :ewigen' Lebens 'und der' Unsterblichkeit,
Wändhmgsepiklese gemacht::.,;Erfülle:(1tf:.~proa:ov):auchup-sm it der Herrlichkek, zur'- Verherrlichung deihes., allheiligen : Namens. ~ zur Vergebung' der:, Sünden'.' ; ."
clie, von ,dir kommt,.·und "sendc:::. gnädiß' ,dcinen Heiligen Geist,a;uf diese Elemente (Bt133f/PE'114),
(1C't'~cr~a!a}'und,:m~che das .Brot, zum Leih· unse-rcs.H(:xrn und::Erlösers, Jesus 'Im;Wa-ndlungsteil 'dieser Epiklese scheint, deutlich die 'oben angeführte' Epi-
Christus, den Kelch ium Blut des neuen Bundes" (PE 126). kleseitn Pi:öthesis'-Gebetder' Chry'sostorriös-Li:turgie' durch (,;schaü auf:uns .,;,.~').
Dieser ,FaUeine.r:y:ord~rIl>,~in~etz}lngsberic4t $tehendc::1}: jsoliert~:o. .Wandc- Bihe sokh~ ah'denLogös :gerichtete,Epiklese' könnte (!)'daher.die utsprlingliche der
lungsepiklese istfastein.p:ütlig.:'!48 Mankanri aus: ihm: nicht'aufe1rieTrennung vOn Matkus-Anaphora 'g'ewesen: seih, weIche später- ,unter·syrischein' Einfluß'zuivodie-
Wandlungs- und Komiriunionepiklese Schließen'{de.ti'n der Papyrus hat'auch'an der gertden Geist~Epiklese::aüsgestaltet-' wÜrden' :wäre}50 :Allerdings" darf nicht ,vei:-
traditiopellen Stelle nach derspezIellen Anamriese eine kla'~sischriiit"Kat' OEÖ~E9a'~ 'schwiegen 'werdert,daß die:Gestaltder ·Epiklese: imPapyrus:465' der John, Rylands
Library (Manche'ster), welcher ein Zeuge für die :Matkus-Liturgie aus dem 6.
'45
W. f'; Crum, Catalogue of the Coptic' Manuscriptsin theariüsh,Museum. London,190S, Jahrhundert ist251 , diese Hypothese nicht gerade begünstigt. Denn der Papyrus
Nr.)50. VgL qazu, Engbel'<ling,.Nel,les,Licht 51~5!·(gIiechischeRückübersetzung des bringt eine viel • kürz'ere' Geist-Epiklese252,,'die"wohl" überzeugend' für' älter als" die
Textes. ehd.. 52f);. :Khs.,..Bur:me~ter;. ,Offertory"Consecratory. Praye,r.
'4' Im koptischen ,Papyrus ;sGhlie,ßtdie Epiklese . klassisc1?erweise mi~, ..Kai ,ÖEO»EHa~~. (vgl. entfaltete Epiklese der späteren Handschriften der Markus-Li~urgie anzusehen ist,
Hippolyt) an die spezielle Anamnese ,an. '
'4' Text(griechische Rückü,bersetzung)·bei Engbe.rding,Neues Licht 59-\55.;Diese Epiklese
ist·anden Logos: gerichtet,:wasa~fm,onophysitis<::he.H.er~l1nft ..(ca,4507550?) ,schließen 249 So auch Aldenhoven, ebd. 162f.
läßt., Bezügli~h dieses Punktes ist. ElJg-berdings grjecNsch~' E~s:sung falsch. piese:Epikle- 250 So 'Engberding;: Neues Licht, 57 ~68;. Eine' solche ,an d~n Logos ,geric~tete :Epiklese
,·se weist.Übrige.ns, . übe.teinstimmuC).g~n: mit·, der: sy~ischen,R.ezension,'.qe,r, ,]akobos- :könnte :die"Utform'" det' a1exand:dnischen' Epiklesen gewesen sein: . Der Übergang von
Anaphora auf,'.welche :Engberding nicht ve:rmerktllat; es '.h;mdeIt ,sich: urn:,die· Zeilen der Anamnese zur Epiklese im obe~'· envähnten· koptis~hen.' 'Papyrus aus, dem British
,,1 19:-,122, 123f. upd 136---,--,139 des Textes .bei.Engberding 6E5.:. ~;: .", :~, Museum entspricht genau dem Übergang im Papyrus von Dei Balyzeh., Im koptischen
248 Ererscheint-noch in eine.maus:dem.6;.Jah:rhun,der-t stamme~d~n, ~n:Low~n.pe6ndlichen Papyrus: "wir bekennen deine Auferstehung und dei~e Himmelfahrt und bitten.",", im
koptischenPapyrusfragmep1;, ,hg. v.L.,;r.-Lef9rt, <:optica, L()yani~nsia;jn: Mus~on 53 "'Papynis v'on Der Balyzeh: ;'; .'t11vavucr't"(lcriv [crou Öj.lOA.OYOUJ.l.]sv Kai oSOlls8a" ..; hier
(1940) ·22.,.-:24,.,FraozQsische Übersetzung der:Epiklese. bei: C()q~~-n,.l\naphore" 6837. konilte sich durchaus eine (wie dadiS6JlS8a!ran den Logos gerichtete Epiklese in der
Gr:iechis,che -Rückübersetzung. bei Aldenhoven, parpringung lq,l. Der'sekundäre.Cha- Weise des· koptischen Papyrus ("schau ... ,"'oder·ähnlich) angeschlossen haben.
rakteJ; d~eser, Epiklese erh~Ut ganz ein,deutigails der TatsaCI1~;daß ihr alJ.!=hdic;:,sp.e.zielie 251 Vgl. Coquin, Anaphore 56f. '
Anamn~se 'vorangestellt ~s~ (vpr denl,Einsetzungsberichtl). 252 Text bei EI1gberding, Neues Licht 59~65.
78 Die altkirchlichm Eucharistiegebde Eucharistie und Kirche 79

so daß hier keine sekundäre Kürzung vorlicgt. 2S3 \Xi'ic immer es sich damit nun werden, der schon öfter angeklungen ist, nämlich die Erbauung der Kirche als Leib
wirklich verhält: Die 2. Epiklese der Markus-Anaphora ist eine klassische Wand- Christi durch die Feier der Eucharistie. So hat sich uns als wesentlicher Inhalt der
lungs- und Kommunionepiklese an der klassischen Stelle nach der speziellen Ana- Epiklese (und damit als Ziel der ganzen Feier) der ägyptischen Basileios-Anaphora
mnese, liegt also ganz auf der Linie der amiochenisch-byzantinischcn Epiklesen. die "communio sanctorum" gezeigt. Bei Augustinus mit seiner Betonung des Leibes
Wie ist nun das Vorhandensein zweier Epiklesen in den alexandrinischen Christi, welcher zusammen mit seinem Haupt den ..Christus totus" bildet, hat die
Anaphoren zu werten? Lietzmann hat als einzige ursprüngliche Epiklese der alexan- enge Verbindung von Eucharistie und Kirche einen besonderen Ausdruck gefun-
drinischen Tradition die 1. Epiklese vor dem Einsetzungsbericht angesehen; die 2. den.
Epiklese sei syrischer Import. 254 ]ungmann hat sich dieser Meinung angeschlos- Wie die liturgische Tradition betont Augustinus die Notwendigkeit der Selbst-
seo. 255 Co<-]uin sieht ebenfalls in der 1. Epiklese die ursprünglich einzige, aufgrund hingabe der christlichen Gemeinde, die das eigentliche Opfer der Christen ist, das
syrisch-antiochenischer Einflüsse habe sich einerseits - wie im Papyrus von Der sie durch Christus, ihren Hohenpriester, darbringt und in der Eucharistie speziell
Balyzeh - eine spezifische Wandlungsepiklese vor dem Einsetzungsbericht heraus- "verleiblicht": "Es ergibt sich ohne weiteres, daß die ganze erlöste Gemeinde selbst,
gebildet, anderseits - wie in der Markus-Anaphora - die 2. Epiklese nach dem das ist die Versammlung und Gemeinschaft der Heiligen, als allumfassendes Opfer
Einsetzungsbericht. 256 Gegen diese Theorien spricht, daß die 1. Epiklese aus dem Gott dargebracht wird durch den Hohenpriester, der sich in seinem Leiden auch
Sanctus herauswächst, dessen Einfügung in das ägyptische Eucharistiegebet wegen selbst für uns dargebracht hat, damit wir der Leib eines so großen Hauptes seien,
der großen Ähnlichkeit der Einleitung in allen Anaphoren wohl nicht allzu früh nach seiner Knechtsgestalt. Diese hat er nämlich dargebracht, in ihr ist er darge-
anzusetzen ist; sie ist ein Überleitungsstück zum Einsetzungsbericht. Mir scheint, bracht worden, denn nach ihr ist er der Mittler, in ihr ist er Priester, in ihr ist er
wie skizziert, die Verschiedenheit der Ausprägung der alexandrinischen Epiklesen Opfer. Nachdem uns also der ApOstel ermahnt hat, unsere Leiber darzubringen als
das Ergebnis der Umbildung der ursprünglich (wie noch bei Ps.-Serapion) nach lebendiges, heiliges, Gott wohlgefalliges Opfer, als unseren geistigen Gottesdienst,
dem Einsetzungsbericht stehenden Logos-Epiklese zur Geist~Epiklese zu sein. Die und uns nicht dieser Welt gleichzumachen, sondern uns umzugestalten in der
beiden Epiklesen der alexandrinischen Anaphoren haben nicht die gleiche Funkti- Erneuerung unseres Sinnes: um zu erweisen, was der Wille Gottes sei, daß wir selbst
on: Die 1. Epiklese vor dem Einsetzungsbericht ist sehr allgemein gehalten und als das gute und woWgefallige und vollkommene, daß wir selbst das ganze Opfer sind.
"Opferepiklese" anzusprechen, die 2. Epiklese ist das genaue Äquivalent zur antio- ... Das ist das Opfer der Christen: die vielen ein Leib in Christus. Das begeht die Kirche
chenisch-byzantinischen Epiklese, also die eigentliche "spezielle Epiklese" der alex- auch in dem den Gläubigen bekannten Sakrament des Altares, wo ihr vor Augen
andrinischen Eucharistiegebete in ihrer Einheit von \Xfandlungs- und Kommunion- geführt wird, daß in dem, was sie darbringt, sie selbst dargebracht wird. "259
bitte.2s7 Die isolierte Wandlungsepiklese des Papyrus von Der Balyzeh (und des Die Kirche bringt sich also in ihrem ganzen Leben, aber speziell in der
Löwener Papyrusfragments) ist demgegenüber einer ungeschickten Bearbeitung Eucharistie, Gott als lebendiges Opfer dar - Augustinus bezieht sich auf Röm
zuzuschreiben und keineswegs repräsentativ für die alexandrinische Tradition der 12,1 -; sie vermag das freilich nur als Leib Christi, infolge des Opfers Christi, der
Epiklese. Insgesamt gleicht das Zeugnis der alexandrinischen Epiklese gcnau dem ihr Haupt 1st, wodurch sie an seinem Opfer teilhat. Die Kirche kann ihr Opfer nur
antiochenisch-byzantinischen 258 ; für die Theologie der Eucharistie ergeben sich durch Christus, ihren Hohenpriester, darbringen. Durch ihre Selbsthingabe durch
keine grundlegend neuen Aspekte. Christus werden die vielen ein Leib in Christus, und das ist der eigentliche Sinn des
christlichen Opfers.
1.5 Eucharistie und Kirche nach Augustinus: ein Nachtrag Deutlicher als an dieser Stelle spricht Augustinus das Verhältnis von Opfer
Christi und Opfer der Christen aus in De civ. Dei X 20: "Dadurch ist er [Christus]
Als kleiner Nachtrag zu dieser Skizze einer aus den altkirchlichen Eucharistiegebe-
ten erhobenen Theologie der Eucharistie soll hier noch ein Gedanke angefügt 259 De civ. Dei X 6 (eChr. SL 47,279): profeeto efficitur, ut tota ipsa redempta civitas, hoc
est congregatio societasque sanctorum, universale sacrificium offeratur Deo per sacerdo~
253 tem magnum, qui etiam se ipsum obtulit in passione pro nobis, ut tanti eapitis corpus
So muß Engberding, ebd. 68, schließen: "Das alles drängt zu dem Schluß: die Gestalt
der Epiklese des lohn Rylands Papyrus gehört bereits einer stark entwickelten Stufe an." essemus, secundum formam servi. Hanc enim obtulit, in hac oblatus est, quia secundum
'"
m
Vgl. Lietzmann, Messe und Herrenmahl 76.
Vgl. Jungmann, Missarum Sollemnia 11 241.
hane mediator est, in hac sacerdos, in hac sacrif1cium est. Cum itaque nos hortatus esset
apostolus, ut exhibeamus corpora nostra hostiam vivam, sanctam, Deo placentem,
'" Vgl. Coguin, Anaphore 77. rationabile obsequium nostrum, et non conformemur huic saeculo, sed reformemur in
'" Ygl. H.-J. Sehulz, Ökumenische Glaubenseioheit 62; Kretschmar, Art. Abendmahlsfeier
261; Giraudo, Struttura lctteraria 344:"... la prima essendo uo'epiclesi di transizione ehe
novitate mentis nostrae: ad probandum quae sit voluntas Dei, quod bonum et bene
placitum et perfecturn, quod totum sacrif1cium nos ipsi sumus.... Hoc est sacrif1cium
riehiedc in maniera generica ]'inrcrvcnto divino e la seconda un'epiclesi speeifiea per Ja Christianorum:nJHlti unum corpus in Christo. Quod etiam sacramento altaris fidelibus noto
trasformazione eseatologiea dei partecipanti." frequentat ecclesia, ubi ei demonstratur, quod in ea re, quam offett, ipsa offeratur. Vgl.
Zu diesem Ergebnis kommt auch Aldenhoven, Darbringung 150-·-169. zu diesem Text Strider, Opfer Christi.
80 Die al/kirchlichen Eucharistiegebete Eucharistie und Kirche I Zusammenfassung 81

auch Priester, er selbst der Darbringende, er selbst auch das Opfer. Das Sakrament 1.6 Zusammenfassung: Die Eucharistie als dialogisches Geschehen
dieser Sache sollte nach seinem \'V'iHen das tägliche Opfer der Kirche sein, die - zwischen Gott und Mensch
nachdem sie der Leib des Hauptes ist -'-- lernt, sich selbst durch ihn daIzubrin~
gen. "260 Das Opfer de:r Kirche ist Sakrament, heiliges Zeichen, der Wirklichkeit
Aus dem bisher zurückgelegten Weg ergeben sich als die für die Theologie der
des Opfers Christi: Indem sich zeiehenhaft die Kirche als der Leib Christi .hingibt,
Eucharistie fundamentalen Verstehenskategorien Anamnese und Epiklese264 . Die
realisiert sich die Hingabe Christi. Im Opfer der Kirche (Zeichenebene) opfert
Anamnese ist die das ganze eucharistische Geschehen umgreifende Dimension. Sie
Christus sich selbst (Wirklichkeitsebene). Die Kirche als Leib kann nur zeichenhaft
meint ein korrespondierendes Handeln von Gott und Feiergemeinde, in dem diese
nachvollziehen, was das Haupt getan hat; Haupt und Leib werden nicht einfachhin
immer die angesprochene und als solche respondierende ist. Durch ihren Vollzug
identifiziert.
entfalten die historisch einmaligen Heilsereignisse für die je Feiernden ihre Heils-
In der Eucharistie gibt die Kirche sich aber nicht als das hin, was sie ist - Leib
wirksamkeit. Die Epiklese hingegen ist auf die Anamnese hingeordnet als Bitte um
Christi _., sondern sie empfangt auch, was sie ist, den Leib ChristL In seinen
deren tatsächliche Realisierung, die ja nicht in der Macht der Kirche steht, sondern
Katechesen an die Neugetauften betont Augustinus diesen Gedanken immer wie-
als freies, gnadenhaftes Tun Gottes nur im/Gebet erfleht werden kann. Anamnese
der: "Wenn ihr also der Leib Christi und die Glieder seid, liegt euer Mysterium auf
bedeutet also, daß die Feier der Eucharistie ein dialogisches Geschehen ist, in dem
dem Tisch des Herrn: ihr empfangt euer Mysterium."261 Daraus folgt die Mah-
Gott und die Gemeinde aktiv tätig sind265 ; die Epiklese sichert das unumkehrbare
nung: "Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid!"262 Die Kirche, die der Leib
Gefälle von heilschaffender Tat Gottes und heilannehmendem Tun der Kirche. Die
Christi ist; wird aufgebaut, immer enger mit ihrem Haupt verbunden, indem sie den
katabatische' Dimension der Eucharistie - und der ganzen Liturgie - geht der
Leib Christi emptangt.
:anabatischen' notwendig voraus, macht sie überhaupt erst möglich.
Die Eucharistie ist deshalb das große Zeichen der Einheit. Der eine Leib Christi
Die katabatische Dimension ~ oder anders gesagt: die Präsenz Christi in der
erwächst aus dem einen Brot, an dem die vielen teilhaben. Augustinuszitiert in
Eucharistie - ist nicht zu beschränken auf die klassischerweise einfachhin "Realprä-
diesem Zusammenhang immer wieder 1 Kor10, 17. Die Eucharistie istsacramentum
senz" genannte Gegenwartsweise in den Elementen, sondern ist umfassender zu
der Einheit des Leibes Christi, ist der vorzügliche Ort, wo sich die Kirche mit ihrem
bestimmen als die Gegenwart der Person Christi in seinem erlösenden Wirken (von
Haupt Christus zum "totus Christus" vereint: "Daher wjlJ er diese Speise und diesen
Betz "Aktualpräsenz" genannt266) mittels verschiedener Medien267 : Die umfas-
Trank auf die Gemeinschaft des Leibes und seiner Glieder verstanden haben; das ist
sendste Gegenwartsweise, die kommemorative Aktualpräsenz, bedient sich des
die heilige Kirche in den Prädestinierten und Berufenen, den Gerechtfertigten und
Mediums der ganzen eucharistischen Handlung, d. h. der ganzen MaWhand-
den verherrlichte'n Heiligen und ihren Gläubigen ... Das Sakrament dieser Sache,
lung268 , nicht bloß der Gabendarbringung unter Danksagung, die "somatische
d. h. der Einheit des Leibes und Blutes Christi ... wird auf dem Tisch des Herrn
Realpräs~nz"269 des Mediums Brot und Wein. Lies hat im Zuge seiner Beschäfti-
bereitet und vom Tisch des Herrn genommen. "263
gung mit der' Eucharistielehre des Origenes noch die Kategorie der "Ve~balprä~
senz", der Präsenz Christi mittels des Mediums "Wort" eingeführt270 , welche bel
Origenes mit einer gewissen Abwertung der somatischen Realpräsenz einher-
200
eChr. SL 47,294: Per hoc et sacerdos est [Christus], ipse offerens, ipse et oblatiö. Cuius
rei sacramentum cotidianum esse voluit ecc1esiae sacrificium, guae curn ipsius' capitis
corpus sir, se ipsam per ipsum discit offerre. 264 Das Verständnis der Eucharistie als Anamnese und Epiklese gewinnt auch in der
'" Obras completas de San Agusdn 24 (BAC 447) 767 (sermo 272): Si ergo vos estis corpus
Christi et membra, mysterium vestrum in mensa Dominiea positum est: mysterium
evangelischen Theologie an Bedeutung: vgl. etwa Brunner, Lehre vom Gottes~ienst;
Kühn, Art. Abendmahl 199-203; Schmidt-Lauber, Eucharistie: Anamnese und EpIklese;
vestrum accipitis. Weoz, Opfer Christi 37--41. . . . . . . .
'" Ebd. 768: Estote quod videtis, et accipite guod estis. Vg1. Senno Denk 3,4: Accipere
ergo incipitis guod et esse coepistis. (S. Augustini Sermones post Maurinos Reperti ed.
265 Hierher gehört der Begriff des Mysterion, der elnerseits dIe hlstonsch emmahge Hellstat,
anderseits die anamnetische Feier der Heilstat bezeichnet. Vgl. Schulte, Einzelsakramen-
G. Marin [Miscellanea Agostiniana I]. Rom 1930,463) und SermoDenis 6,1f (ebd. 30). te 70-93.110-113.139-145; Hotz, Sakramente 22-63.
Sermo 227: Si bene accepistis, vos estis guod accepistis (Se 116,234). 266 Betz' wichtigste Ausführungen hierzu finden sich in MySal: Eucharistie 267-274 (z~r
Tract. in Joh. XXVI 15 (CChr. SL 36,267): Hunc itaque cibum et potum societatem vult "prinzipalen Aktualpräsenz"); 274-288 (zur "memorialen Aktualpräse?z"). Vgl. au~ dle
intellegi corporis et membrorum suorum, guod est sanctaecc1esia in praedestinatis et Zusammenfassung der einschlägigen Aussagen von Betz durch Lles, Verbalprasenz
vocatis, et iustificatis, et glotifitatis sanctis, et fidelibus eius.... Huius rei sacramentum, 79-84.
id est, unitatis corporis et sanguinis Christi ... in dominica mensa praeparatur, et de 267 Vgl. Lies, ebd. 93.
mensa dominica sumitur. Vgl. Sermo 227: Apostolus enim dicit: Unus panis, II1l11m corpus 268 Dies betont Schneider, Opfer 104.
multi sumUJ. Sic exposuit sacramentum mensae dominicae: Unus panis, 'lnum corpus multi 269 Vgl. Betz, Eucharistie 289-310; Lies, Verhalpriisenz 84-88.
SIlJl/fiS. Conmendatur vobis in isto pane quomodo unitatem amare debeatis (SC 116,236). 270 Vgl. Lies, Wort und Eucharistie; ders., Verbalpräsenz 88f.92.
82 Die al/kirchlichen Eucharistiegebete Zusammenfassung 83

gcht 271 , aber insgesamt von hoher Bedeutung ist als Mahnung vor einer auf die Selbstdarbringung der Gläubigen, die auch das Bekenntnis der Sündhaftigkeit
"Realpräsenz" eingeengten Sicht, welche das eucharistische Wortgeschehen - die einschließt274, wird vollendet durch das einzig heilbringende Opfer Christi, das im
Verkündigung im Wortgottesdienst und das Eucharistiegebet -- in den Hintergrund Opfer der Kirche Gegenwart wird.
treten läßt. In der Feier der Eucharistie erfährt der Glaubende also die personale Zuwen-
Die Präsenz Christi als Communio mit den Feiernden erfordert nun die Ant- dung Gottes und antwortet ihm mit seiner immer Stückwerk bleibenden Gegenlie-
wort der Gläubigen. Diese die anabatische Dimension der Eucharistie ist be. Im Glauben hat sich der Christ Gott überantwortet, im Glauben ist er hineinge-
wesentlich dadurch charakterisiert, daß die Feier von schon Gerechtfertigten, von nommen worden in Gottes Heilstat. Die Sakramente sind nichts' anderes als Kon-
Getauften, begangen wird. Diese haben durch die Taufe bereits Anteil erhalten am kretionen des Glaubens275 in der Feier. Zu dessen Vollzug ist der Christ berufen
Priestertum Christi, sind durch Christus ab sacramentum ("Ursakrament"), dem sie und beHihigt: In der Taufe wird die Rechtfertigung dem Menschen zugeeignet, aber
in der Taufe gleichförmig gemacht worden sind, berufen und befahigt, Christus als die Rechtfertigung dauert das ganze Leben, und jede Feier der Eucharistie ist eine
exemplum nachzufolgen. 272 In der ~~ucharistie sind daher die katabatische und die Stufe in diesem Prozeß, im Verlauf dessen der Christ immer enger mit Christus
anabatische Linie ineinander verschlungen, aber nicht unuoterscheidbar ineinander- verbunden wird. Anruf Gottes ~ Antwort des Glaubens: das ist die Grundstruktur
geflossen. Das anabatische Tun der Kirche, interpretiert als das Opfer der Kirche, der Eucharistie. Die Antwort der Kirche'auf Gottes Wort, ihr Dankopfer, mündet
geht in der Eucharistiefeier dem konkret erflehten \X/irken des Heiligen Geistes in die Bitte um je neue, immer weitergehende Verwirklichung der "communio
voraus; aber es ist ja selber schon durch denselben Geist, der in den Feiernden als sanctorum", die ihr in der Kommunion, in der Anteilhabe an den "sancta", den mit
schon Gerechtfertigten wohnt, gewirkt. Das Tun der Kirche in der Eucharistiefeier dem Heiligen Geist erfüllten und dadurch umgestifteten Gaben, an Leib und Blut
ist niemals selbstmächtiges Tun, es ist das Tun der am Priestertum Christi Partizi- Christi, gewährt wird. Die Eucharistie ist eine Station auf dem Wege "aus Glauben
pierenden. Kraft ihres Priestertums ist die Gemeinde befähigt, sich selbst Gott zu Glauben" (Röm 1,17), ist schon Vorauskosten des Zieles dieses Weges, das den
darzubringen in der Nachfolge Christi, das Opfer der Kirche zu vollziehen. 273 Glauben durch das Schauen ablösen, wird.
Dieses ist also kein als Leistung zu qualifizierendes versöhnendes Handeln, sondern
die Folge aus dem einzig versöhnenden Opfer Christi. Es ist das Lobopfer, das
Dankopfer, die AO'YtKij 8ucria, die letztbch der Logos selbst vollzieht. Es findet
seinen konkreten Ausdruck in der Darbringung der Gaben Brot und \X/ein (Ana-
mnese: memores ... offerimus) und ist verbunden mit eier Bitte, die Darbringung
der Kirche (und damit auch die Gaben) mit dem Heiligen Geist zu erfüllen, damit
die Gaben Leib und Blut Christi werden (worüber die Kirche nicht verfügen, die
sie also auch nicht darbringen kann) zum Ziele der Gemeinschaft des Heiligen
Geistes, des Fortschreitens im Prozeß der Rechtfertigung, der in diesem Leben
immer uoabgeschlossen ist (Epiklese: et petimus). Die immer unvoHkommene

VgI. Lies, Verbalpräsenz 88f: "Die materiellen \X!irklichkeiten Brot und \Xiein enthalten
nicht Fleisch und Blut Christi somatisch-substantiell, sondern in und als Sinn worte
(logoi), mit denen diese eucharistischen Gaben gedeutet werden. Diese Sinnworte
enthalten anamnetisch alle jene Heilsereignisse, die der Logos-Christus in historischer
Zeit in und mit seinem Leib zu unserem Heil wirkte ... Diese geistigen \Xiorte sind also
\-X;iorte, die vom Logos ausg-ehen, logoshaft sind und anamnetisch Inkarnation, Tod und
Auferstehung Jesu enthalten. Als solche Logosworte z. B. stehen sie in der Heilsvermitt-
lung noch vor der Eucharistie bzw. sind der Grund, warum die Eucharistie heilswirksam
ist." Vgl. auch Betz, Eucharistie 344.
Zu "sacramentum et exemplum" vgl. z. B. Leo d. Gr., Tract. 63,4: linde Salvator nnster
Filius Dei universis in se credentibus et sacramentum condidit et cxemplum, ut Uilum
adprehenderent renascendo, alterum sequerentur imitando (eCht. SL 138A,384f). 274 V gl. Schmaus, Eucharistisches Opfer 20f.
273 Vg-L Case1, Opfermysterium 18: Jesus Christus "ist das einzige Opfer, das Gott an- 275 Vgl. besonders Pesch, Sakramente passim. Vgl. auch Betz, Eucharistie 273: "Die Integra-
nimmt ... 'V'?cr an ihn glaubt und sich ihm anschließt, wird gerechtfertigt: und erst wer tion in das Opferereignis Jesus Christus wird verwirklicht grundlegend im Glauben ...,
gerechtfertigt ist, kann Gott ein Opfer darbringen. Doeh auch jetzt kann er es nicht aus sakramental-seinshaft im Menschen bewirkt in der Taufe, die in den Leib Christi
eigenem, sondern nur durch Gott, nur in Verbindung mit Christus." Vgl. au eh Betz, eingliedert ..., ethisch aktuiert durch das Lebensopfer der Christen (Röm 12,1), am
Eucharistie 266. intensivsten aktuiert durch die Eucharistie ..."
'Hktur des römischen Kanons 85

2 Der römische Kanon, seine Interpretation im Mittelalter och wird die Präfation seit der ZäWung der Meß-Gebete durch Isidor von Sevilla
und deren Folgen räfation: oratio quinta, Kanon: oratio sexta), bzw. seit ihrer Übertragung auf die
"mische Messe, vom mit "Te igitur" beginnenden epikletischen Teil des Kanons
getrennt; und nur mehr dieser zweite Teil, der ja nicht ohne Anamnese denkbar
Na~h dieser, Skizz~ ~er .aus den alt kirchlichen Eucharistiegcbcten erhobenen Theo- (welehe freilich noch in der "speziellen Anamnese" erhalten bleibt), wird als der
l~)gle .der Euc~anst1e 1st nun zu zeigen, wie diese im römischen Kanon ihren anon, das eucharistische Hochgebet, angesehen. 3
l~turglschen. NIederschlag gefunden hat, in der mittelalterlichen Kanonimerprcta- Der Kanon nun ist nicht so organisch geformt wie die ostkirchlichen Anapho-
tlon ab.er. Clnem tiefgreifenden Wandel unterworfen wurde, sodaß die Feier der
n, sondern besteht aus mehreren Einzelgebeten, die sich um den Kern des
~uchanstle zur ~eit I . . uthcrs einem den altkirchlichen Liturgien und der authenti-
insetzungsberichtes lagern. Mir erscheint deshalb die Fassung des zentralen Ka-
schen InterpretatIon des Kanons nicht mehr entsprechenden Verständnis ausgesetzt ,nonabschnittes, die uns die mystagogischen Katechesen "De Sacramentis" bieten,
~ar, gegen welches (und nicht gegen den "Kanon an sich") die Kritik Luthers sich
wegen ihrer größeren Kohärenz als älter und ,ursprünglicher' als die Fassung der
10 aller Schärfe richtete. Sakramentare, obwohl diese nicht vom .Wortlaut in "De Sacramentis" unmittelbar
abhängig sein dürfte. 4 Als eine ,ursprünglichere' Fassung ist der Text in "De
Sacramentis" jedenfalls für die authentische Interpretation des römischen Kanons
2,1 Interp~etation des römischen Kanons im Licht der altkirchlichen von sehr hoher Bedeutung, gerade bezüglich der umstrittenen Gebete "Quam
TradItIOn oblationem'<, "Supra quae" und "Supplices".

2.1.2 Die Anamnese


2.1. 1 Einordnung und Jlrtfktur des riilllüchen KanoJlS
Die worthafte Entfaltung der Anamnese im Danksagungsgebet erreicht, wie ange-
Der römische Kanon ist .~.inEucharistiegebetdes epik!etischen Typus und ist schon deutet, im römischen Kanon nicht die universale Weite der ostkirchlichen Anapho-
daher, abgesehen von ElOzelheiten, zunächst nicht mit: antiochenisch-bvzantini- ren, da die Präfation je nach Festanlaß wechselt. Im sogenannten "Leonianum" ist
sehen !\na.~ho~en,. son~ler~ mit dem alexandrinischen Eucharistiegebet zu' verglei- eine Fülle von verschiedenen Präfationen enthalten (267), freilich nicht alle von
chen. Tatsachltcb 1St tbe Verwandtschaft zwischen diesem und clen1 I""anoo unver- hoher Qualität; v~r allem Präfationen von Heiligenfesten lassen bisweilen kaum
.
kennbar, un.cl es ~estcht ohne Zweifel nicht: bloß eine Strukturanalogie, sondern ein mehr das für die Feier der Eucharistie so zentrale Danksagungsmotiv erkennen,
konkr:ter ll.turglegeschichtlicher Zusammenhang zwischen beiden Traditionen.! sondern erzählen die (Leidens-)Geschichte des Heiligen oder sind als Lobreden
~.lle~dlngs smd auch gewichtige Unterschiede festzustellen, und es wäre falsch den gefaßt.5 Im Hadrianum ist die Zahl der Präfationen auf 14 reduziert; für die
r~mIschen Kanon quasi als Repräsentanten des alexandrinischen Tvpus des Euc'hari- Messen ohne Eigenpräfation (auch für die Sonntage!) hat sich die "praefatio com-
stlegebetes zu betrachten. - munis" herausgebildet, die unter völligem Verzicht auf jede besondere Nennung der
Ein wesentlicher Unt~rsc~ied n~~ht nur zum alexandrinischen Hochgehet, Heilsereignisse nur mehr den allen Präfationen gemeirisamen Rahmen umfaßt,
sonder~ zur gesal~tcn ostkJrchlJchen Uberlieferung westliches Proprium, ~la im sodaß der Danksagungsteil ganz und gar verkümmert ist. Weiterer Abbruch ge-
altspanIschcn und 1m altgallischen Ritus der gleiche Befund vorliegt ist die Varianz schah der Anamnese durch die erwähnte Abspaltung der nun als "Vorrede" verstan-
des. Danksagun?steiles, also der als Lobopfer verstandenen großen Anamnese des denen Präfation vom mit "Teigitur" beginnenden Kanon, sodaß man insgesamt der
HeJ1s,:erke~. DIeser .Abschnitt, die "praefatio" (in der altspanischen Liturgie: illatio römischen Messe (im mittelalterlichen Verständnis) einen weitgehenden Verlust der
alt~alhsch: Immolatlo, contestatio), die je nach Anlaß nur mehr einen Teil de; Dimension der worthaften Anamnese, des Opfers des Lobes, zur Last legen muß.
Hel~~werkes nennt - cin~ recht zweifelhafte Partikularisierung der Danksagung _: Diese Dimension wird in dem, was man im Mittelalter unter dem Kanon
gehort als ga~z .wesentllcher Bestandteil eines Eucharistiegebetes natürlich zum verstand, nur mehr in der speziellen Anamnese gewahrt, die wie die Anamnesen der
Gan~en d.es .ra.mIschen Kanons, und so stcht etwa im Alt-Gelasianum die Über-
schnft: "lnelP!t canon actionis" vor dem die Präfation einleitenden Dialog.2 3 Zu dieser Entwicklung vgl. Jungmann, Missarum Sollemnia II 128-133.
4 Dafür spricht vor allem die Fassung des Brot- und des Kelchwortes: In "De Sacramenus"
lautet das Brotwort: "hoc est enim corpus meum, quod pro multis confringetur" (PE
Vgl.
M' dazu SdieI1 eingehende
. Analyse Baumstarksivlcßkanon
' - " bes
. 21 ;)- J
",232',ungmann 421), in den Sakramentaren: "hoc est enim corpus meum" (PE 433). Umgekehrt ist das
l Issarum, 0 emOJa I 71f. Es ist nicht auszuschließen daß di'" V""m"ttI
'h I" .. " ,. u ung a'I exantI flOl-
.' Kelchwort in "De sacrarnentis" einfacher als in den Sakramentaren. V gl. zur Frage auch
sc en ~lturglegutes uber Nordafrika stattgefunden hat (vgl Gamber iY[,'N'a 1'0 ' Gamber, Missa Rornensis 59.73f, der im Wortlaut von "De Sacrarnentis" das Eucharistie~
59---62). - . - " .,." ... rnenSlS
gebet Nordafrikas vermutet.
Ed. Mohlberg (RED. F 4) S. 183.
Vgl. Jungmann, Missarum SoHemnia II 148--150.
Riimischer Kation lind a/tkirchliche Tradition Spezielle Anamnese 87

akx:tndrinischcn
. . Liturgien im epikletischen Teil .steht , aI, Jer an d ers aI s (lese
I' ganz mit Selbstverständlichkeit annahm1o, beweist die Textfassung in "De Sacramen-
(IClll
. . antlochemsch-byzantinischen Schema ( . i I ' )
memores ... Ollertmus entspncht.6
>. , tis«: offerimus tibi hanc immaculatam hostiam, rationabilern hostiam, incruentam
Dcr .erste Tell, das "memores", ist eine maßvolle Entfaltung der schon bei Hippolyt hostiam (PE 421f). Der zentrale Begriff ist "rationabilis hostia", also die AO'YtKt)
vorh~gcnd.en. G:e~.talt.: U nd~ ~t m~mores 7 , Domine, nos tui servi sed et plebs tua 9umu, das logosgewirkte Opfer der Gemeinde, das.in der Hingabe der Leiber (des
sancta C~ns:l Fdll t~l Domlm Det nastri tarn beatae passionis nec non et ab inferis Lebens).in der Nachfolge Christi besteht. Von der "rationabilis et llcruenta hostia"
resurrccttolllS sed et 1n caelos gloriosae ascensioot'"-'... (PE'434)
. . AI s G ed'ac h tnJSln
" ha- I spricht auch die Chrysostomosananaphora ('t't)v AO'YtKl)V 'tuu't'TlV Kui avuillUK't'OV
te
A werden also nur
. . das I,eiden (was den Tod einschlt'cßt) , d ..
- In cn agyptlsc en , h AU't'pEiuv) unmittelbar vor der eindeutig die Wandlung der Gaben erflehenden
namnese~ n:rgends. vorkommend, sondern typisch syrischE ---, die Auferstehung (IlE't'UßUAOOV) Epiklese.tl Das Zeugnis des römischen Kanons stimmt in diesem
und, als emzlge weItere Entfaltung gegenüber Hippolvt die H',mm Jr h Punkt also genau mit den ostkirchlichen Anaphoren überein, die Fassung in "De
9D.' .' eürtge-
n.~n~t. as MotiV .der, ParusJe fehlt - bezeichnend für die Gesamthaltung der Sacramentis" freilich noch eindeutiger als die der römischen Sakramentare.
rom~schen Messe. DIe dIe Anamnese Vollziehenden werden eigens genannt: nos tui Die dritte Bezeichnung der darzubringenden Gaben schließlich ist eine Entfal-
s~rvl s~d et plebs. tua ~ancta", a~so die ganze Gemeinde, aber die Aufteilu~~ weist tung der Aussage der Eucharistia Hippolyts: panem sanctum vitae aeternae et
sl.cherlJch sc~on In RIchtung elOer Klerikalisierung - in "De Sacramentis" fehlt calicem salutis perpetuae. In "De Sacramentis" heißt es noch einfacher: panem
(beses
d' Textstuck
. . noch. Schließlich ist zu bemerken . ' daß von D an k sagung h"ler nlC h t sanctum et calicem vitae aeternae (PE 422); Die älteste Form scheint aber in einer
Ie Rede Ist, 1m Gegensatz zur Anamnese f-Tippolyts und vieler ostkirchlicher Anamnese im Missale Gothicum vorzuliegen (Missa dominicalis 5): hune panem
Anaphoren (vor allem der byzantinischen). sanetum et calicem salutarem12 . Hier ist das "panis et calix" Hippolyts durch zwei
Epitheta bereichert, wobei das "salutaris« als Beiwort zum Kelch auf Ps 116,13
2.1.3 Die Darbringl-mgsfltlssflge anspielt. Die Wendung meint also die Gaben Brot und Wein, wobei die Zusätze der
endgültigen Fassung: "panis vitae aeternae" und "calix salutis perpetuae" die Bild-
haftigkeit der materiellen Gaben ausdrücken, ihre Bestimmung auch schon vor der
Die D.ar.bringungsaussagc der speziellen Anamnese hat wie die antiochenisch-
,Wandlung' (d, h, der Ergreifung durch den Heiligen Geisr), Symbol- Ö~O(Ol~a,
byzan:lOls~,h~n A~amnesen im Gegensatz zu den alexandrinischen das Verbum
av't'ltu1toC; - von Leib und Blut Christi zu sein und als dann ,gewandelte' ewiges
~~ffenm~s 1m ~rasens - der ~ömische Kanon ist eben kein Eucharistiegebet aus
nem Guß. Sle entfaltet (he Nennung des. Obl'ektes der- D ~nngung
b' bel'
Leben und ewiges Heil zu vermitteln. 13
.
Hlppolyt noc~ eIn~ach "panis et calix" - in einer dreifachen Aussage: offerimus
praeclarae
h . . rnalestatl tuae de tuis donis ac datis hostiam
. puram " hostiam sane t am
2,1.4 Die Epiklese
;stlarn lm~aculatam, p~nem sanctum ~itae :eternae et calicem salutis perpctua~
(. ~ 434~. Die erste BezeIchnung "de tutS doms ac datis" ist uns schon in der Ba- Eine ausgebildete Geist- (oder Logos-)Epiklese, wie sie allen ostkirchlichen Ana-
~:lelO~-, In d.er Chrysostomos- sowie in der Markusanaphora begegnet und bezieht phoren zueigen ist, weist der römische Kanon nicht auf. Doch wäre ein völliges
sIch eIndeutlg auf Brot und Wein als Gaben der Schöpfung, die die Gemeinde Gott Fehlen der speziellen Epiklese ein gegenüber der gesamten übrigen altkirchlichen
als Dankopfer darbringt. Tradition ganz und gar eigener, höchst überraschender Tatbestand, und tatsächlich
.. Sodann .nennt d~r K.anon das Objekt der Darbringung "hostiam puram, zeigt eine eingehendere Betrachtung des Kanons, daß er durchaus eine solche (bzw.,
hostlam sanctam, hostlam Imm~culatam" und meint damit wie die Darbringungs- wenn man unter "Epiklese" nur die Geistepiklese verstehen will, ein Epi-
aussage der ]akobosanap~ora DIcht bloß die Gaben, sondern den ganzen Darbrin- klese-Äquivalent) enthält. Da der Kanon dem alexandrinischen Hoehgebet nächst-
gungsvollzug, das gam~e Itturgische Handeln der Kirche. Daß damit nicht d' , h
k k · · lescon 10 Missarum Sollemnia II 280f.
anse nerten Gaben, also Leib und Blut Christi, gemeint sind, wie noch ]ungmann
11 V gl. dazu Case1, Kultwort SE. - Der speziellen Anamnese des Kanon-Stücks in "De
Sacramentis" verblüffend ähnlieh ist eine Formulierung am Ende des anamnetischen
Diese T~ts~chc bewcist, daß man den römischen Kanon nicht insgesamt als Zwei) der Abschnitts der Markusanaphora: ", .. dankend bringen wir diesen logosgemäßen und
alexandrlnlschen Hochgebetstradition betrachten kann, was die Ausführungen B~um­ unblutigen Dienst dar, .." (PE 102). &UXaptcrtOUVt&C; ... npompi:poJ.l&V ist das Schema
starks, Ivleßkanon, suggcrieren. einer speziellen Anamnese. Als solche könnte man den Satz im Papyrus Straßburg 254
~as im Tc~t in P~ an.gefügte "sumus" ist woht sekundär (oder eine schlechte Überset- (PE 116) werten. Liegt hier die Erklärung für den "syrischen" Charakter der speziellen
zung a:ls elOer gnedllSchen Vorlage?), es fehlt in "De Sacramentis". Anamnese des römischen Kanons (präsentische Darbringungsaussage)?
VgI. Lletzmann, Messe und Herrenmahl 58. 12 Vgl. Case1, ebd. 1326 ; Jungmann, Missarum Sollemnia II 281 4 °.
Eine Anamnese aus dem Missale Gothicum (Ed. 1vfohlberg nr. 527) ein Parall 1 .. k 13 VgL zur Deutung der Darbringungsaussagen insgesamt Aldenhoven, Dar~.ringung und
Ana I'· - h" ., e stliC zur
. mnese (es romlSC en Kanons (m der Fassung von "Oe Sacramentis") nennt nur Epiklese 173-181; H.-J. Schulz, Christusverkündigung 102-104; ders., Okumenisehe
LeIden und Auferstehung. Glaubenseinheit 68f; ders., Darbringungsaussagen 21.
RÖ11liJcher Kanon und altkirchliche Tradition Epiklese 89

~cl'wanclt ist, ist zunächst einmal nach einer eventuellen crsten Epiklese vor dem Wie ist diese eindeutige Opferannahmebitte bzw. deren zweiter Teil zur Wand-
Einsetzungsbericht zu fragen, und das Objekt dieser Befragung ist das unmittelbar lungsbitte geworden? Dies hängt wohl damit zusammen, daß das "figura" als
vor den "verba testamemi" stehende Gebet "Quam oblationem".14 Ausdruck der Beziehung des Opfers der Kirche zum Opfer Christi im Sinn der
Dieses lautet in der endgültigen Fassung der Sakramentare: Quam oblationem altkirchlichen Bildtheologie mißverständlich wurde oder gar nicht mehr verständ-
tu, Deus, in omnibus, quaesumus, benedictam, ascriptam, ratam, rationabilem lich war im Zuge der Verflachung des Symbolverständnisses und durch die realisti-
acceptabilemque facere digneris, ut nobis corpus et sanguis fiat dilectissimi Filii tui schen Ausdrücke "corpus et sanguis Domini nostri 1. Chr." ersetzt wird. Dabei kann
Domini Dei nostri Iesu Christi. Qui pridie ... (PE 433), und es ist in seinem zweiten man natürlich - da die Opferannahmebitte ja eindeutig vom Opfer der Kirche, nicht
Teil (ut ... fiat) eindeutig Wandlungs bitte. Man hat deshalb im "Quam oblationem" vom Opfer Christi spricht - nicht mehr sagen: Die Darbringung ist Leib und Blut
die Wandlungsepiklese des Kanons erkennen wollen, korrespondierend etwa der Christi (bzw. die Gaben als konkrete Gestalt der Darbringung sind - in diesem
Wandlungsepiklese vor dem Einsetzungsbericht im Papyrus von Der Balyzeh.t5 Augenblick schon - Leib und Blut Christi), sodaß man das "est" durch "fiat"
Aber das Gebet ist im ersten Teil nicht Wandlungs-, sondern Opferannahmebitte, ersetzen mußte; die Kirche bittet ja in der Eucharistie um die Umstiftung der Gaben
und die Fassung in "De Sacramentis" beweist, daß dies der ursprüngliche Sinn des bzw. der ganzen Darbringung zu Leib und Blut Christi. Schließlich wurde das
ganzen Gebetes war: Fac nobis hanc oblationem scriptam, rationabilem, acceptabi- "quod" bzw. "quae"20 durch das "ut" abgelöst, welches wohl nicht final (oder
lern, quoel est figura corporis et sanguinis Domini nosrri Iesu Christi. Qui pridie ... konsekutiv), sondern im Sinne von "utinam", als Wunschsatz, zu verstehen ist. 21
(PE 421). Der erste Teil besagt: Nimm dieses Opfcr an, mache es zu einem gültigen, Die beiden Bitten. aus denen sich nun das "Quam oblationem« zusammensetzt:
rechtmäßigen, d. h. dcm Anamnesis-Eefehl entsprechenden Opfer16, wobei mit Opferannahmebitte und Wandlungsbitte. sind also gleichgeordnet. Die Wandlungs-
oblatio die danksagende Darbringung der Kirche gemeint ist. Der zweite Teil nennt bitte, die als Vedegenheitslösung angesehen werden muß, ist nicht auf einen
das Motiv für elie Annahmebitte, wobei es keine Rolle spielt ob man das guod" bestimmten Punkt im liturgischen Ablauf festgelegt. d. h. sie bezieht sich nicht
als Relativpronomen ("guae")17 oder als Konjunktion (,,~eW')18 deute:: Gott speziell auf die Einsetzungsworte als Konsekrationsformel, sondern ist ganz allge-
möge das Opfer annehmen, weil es ja (auch der Relativsatz hätte kausale Bedeutung: mein zu verstehen und schließt eine nach den Einsetzungsworten stehende, auch
welches ja) figura 19 - avTi:wrro<;; - von Leib und Blut Christi ist, d. h. die einen ,Wandlungsteil' enthaltende Epiklese keineswegs aus.
stiftungsgemäße Erfüllung des Anamnesis-Auftrags. Das Gebet bittet also um die Die nächste Parallele zum "Quam oblationem" ist daher nicht die sich aus dem
Annahme des Opfers der Kirche als Betätigung des allgemeinen Priestertums, kraft Sanctus entwickelnde erste Epiklese des alexandrinischen Eucharistiegebetes, son-
dessen die Gemeinde sich selbst in der Nachfolge Christi (durch Anteilhabe am dern als nächstverwandt ist die Aussage Ps.-Serapions anzusehen: "Dir haben wir
Opfer Christi) darbringen kann.
dieses Brot dargebracht, das Gleichbild (ÖJloiroJlu) des Leibes des Eingeborenen.
Dieses Brot ist das Gleichbild des heiligen Leibes, weil [Einsetzungsbericht]"
(pE 130). Genau wie in "De Sacramentis" wird hier die Darbringung der Kirche als
~gl. da~u Cascl, Quam ?blationem; ders., Kultwort 9 18; H.-J. Schulz, Christusverkün-
Symbol (OJlOÜDJlU) des Leibes Christi angesehen, und sie ist dies aufgrund der
drgung 108-111; ders., Okumenische Glaubenseinheit 59-61; ders., Darbringungsaussa_ Stiftung Jesu beim Abschiedsmahl; der Einsetzungsbericht steht in einem Kausal-
gen 20f. - satz (Ps.-Serapion) bzw. in einem kausalen Relativsatz (römi~cher Kanon).
Vg]. ctwa Baumstark, Meßkanon 224f; Jungmann, Missarum Sollemnia 11 238. Nachdem also das "Quam oblationern" kein Epiklese-Aquivalent ist, haben
CaseI, Kultwort 10-14, möchte (mit z. T. beachtlichen Gründen) "rationabi]is" als nicht
wir ein solches an der charakteristischen Stelle nach der speziellen Anamnese zu
ursprünglich ansehen, sondern als von der Anamnese ins "Quam oblationem" herüber-
gewanderte Bestimmung, die als solche eine gegenüber dem in der "rationabilis hostia" suchen und dabei stoßen wir auf die beiden Gebete "Supra quae" und "Supplices":
der Anamnese noch vorliegenden Sinn als AOYIKt) 8ucria im Sinne der ostkirchlichen Supra ~uae propitio ac sereno vultu respicere digneris et aceepta habere, S1cUti
Anap.~orenßeänderteBedeutung voraussetzt: rationabilis meint dann den wesensgemä- accepta habere dignatus es munera pueri tui iusti Abel et sacrificium patriarchae
ße~,.auß.erhch k~rrekten Opfervollzug (vg!. ebd. 15-17). Casel hat allerdings das Post nostri Abrahae et quod tibi obtulit summus sacerdos tuus Melchisedech, sancturn
Prldlc L1ber Ordmum, ed. Ferotin co!. 321f, falsch zitiert. Dort ist das rationabilem"
keineswegs durch "acceptabilem" ersetzt. Jedenfalls ist "rationabilis" im ,,'Quam oblatio-
sacri:6.cium, immaculatam hostiam. Supplices te rogamus, omnipotens Deus. iube
nem" nicht im Sinne der AOYIKT] 8uaiu zu verstehen (gegen H.-J. Schulz, Darbringungs_ haec perferri per manus angeli tui in sublime altare tuum in conspectu divinae
aussagen 20), sondern als ein Adjektiv, das die Annahme der AOYUCT] Buaia von seiten maiestatis tuae, ut quotquot ex hac altaris participatione sacrosanctum Filii tu!
Gottes als stiftungsgemäß vollzogen bezeichnet.
So Cascl, Quam oblationem 100.
So H.-J. Schulz, Darbringungsaussagen 20. 20 Die Fassung der Wandlungsbitte mit "quae" (quae nobis fiat) war Zwischenstufe in der
f?a~ .erwähnte n:'0zarabiseh~ .Post-Pridie-Gebet hat den Wortlaut: quae est imago et Textentwicklung: vgl. Casel, Kultwort 12; Jungmann, Missarum Sollemnia II 23715 (z. B.
sfmdltudo corpons et sangUlms Icsu Christi filii tui ac redemptoris nos tri. [mago = im sogen. Stowe-Missale: PE 465).
dKWV, similitudo = 0J.loiwJ.lu.
21 V gl. Casel, Quam oblationem 98.
Römischer Kanon und altkirchiiche Tradition :pikiesel Der riimische Kanon im Mittelalter 91

iSllffiiPs<:rilmlS, omni benedictione caelesti et gratia repleamur schon in der ostsyrischen Apostelanaphora begegnet. Das "Supplices" is.t als~
chlußtcil des "Supplices": "ut quotquot ..." liegt deutlich eine die Epiklese bzw. das Epiklese-Äquivalent des römischen Kanons27~ wobeI freI-
n.l0riepiklese" (bzw. der Kommunionteil einer Epiklese) vor, und als
lich die Anordnung von "Supra quae" als isolierter Opferannahmebitte u~d von
soehe hat das ganze Gebet (neben der Opferannahmebitte im "Supra quae") schon
S pplices" in der endgültigen Fassung diese seine Funktion verdunkelt, wahrend
]ungmann verstanden. 22 Doch ist uns in den altkirchlichen Anaphoren nirgends ,u Zusammenhang von Anamnese und Epikl~se in "De Sacramentls ·"d~~chde n
'der
der Fall einer isolierten "Kommunionepiklese" begegnet, und das legt nahe, daß das
klassischen Anschluß: "et petimus" ganz deutlich zum Ausdruck kommt.
ganze "Supplices" eine einheitliche (Wandlungs- und Kommunion-)Epiklese ist,
Insgesamt entspricht also der römische Kanon in.der Abfolge Dan~sag~ng­
zumal der Kommunionteil organisch aus dem ersten Teil des "Supplices" heraus-
Einsetzungsbericht - Anamnese - Epiklese dem Zeugms der alt- und ostktrchli~~e~
wächst (ut) genau wie in den meisten ostkirchlichen Anaphoren (iva).
Liturgien und unterscheidet wie diese deutlich das anamnetisch zu vergegenwar~­
Zur authentischen Interpretation VOn "Supra guae" und "Supplices" ist wie-
gende Opfer Christi vom bildhaft vergegenwärtigenden (bzw. besser: um die
derum - und gerade hier - der Wortlaut in "De Sacramentis" heranzuziehen,
Vergegenwärtigung bittenden) Opfer der K~rche, ,:el:~es Ausdru:k des Glaub~ns,
welcher deutlich als älter und ,ursprünglicher' erkennbar ist, da er mit der speziellen
der Christusnachfolge als Anteilhabe am Btld ChnstI. 1st und kemes.wegs me.nto..;
Anamnese viel organischer verbunden ist: Et petimus et precamur, uti hane oblatio-
tisch· verstanden werden darf. Durch die dem römischen Kanon eIgenen VIelen
nem suscipias in sublime altare tuum per manus angelorum tuorum, sieut suscipere
Opferannahmebitten29 tritt das als (keineswegs unverzichtbares) Interpreta~ent
dignatus es munera pueri tui iusti Abel et saerificium patriarchae nostri Abrahae et
aufzufassende Motiv des Opfers allerdings stark in den Vordergrund und bIetet
guod tibi obtulit summus sacerdos Melchisedech (PE 422). Hier erwächst der
Ansatzpunkte für gravierende Miß~erständnisse.
Abschnitt organisch aus der speziellen Anamnese wie die Epiklese Hippolyts und
die vieler ostkirchlicher Anaphoren (Kai oeoJ.L88a Kai napaKUAOUJ.LEV oder ähn-
lich); die Anordnung von ..Supra quae" und "Supplices" im endgültigen Kanontext 2.2 Interpretation des römischen Kanons im Mittelalter
ist deutlich sekundär. 23 Dies beweist auch die fast wörtliche Abhängigkeit des
Textes in "De Sacramentis" von einem (auf ein Offertorium bezogenen) Passus aus Ist also der römische Kanon als solcher durchaus eine genuine, wenn auch nic~t
dem Interzessionsgebet der Markusanaphora: "Die Opfer, die Gaben, die Danksa- "b
uerausu gl··ckliche (Partikularisierung der Danksagung; Inkohärenz des dEuchatl-
.. h
gungen der Darbringenden nimm auf, 0 GOtt, auf deinen heiligen, himmlischen und stiegebetes durch Aufteilung in Einzelgebete; Vermischung von alexa~ rln~sc -
geistigen Altar in die Höhe der Himmel durch den Dienst deiner ErzengeJ24 ••• , epikletischem und antiochenisch-anam~e~schem Hoch~e~etstypus). l1turglsche
wie du angenornriIen hast die Gaben deines Gerechten Abel, das Opfer unseres Ausdrucksform der altkirchlichen Eucharlsueauffassung ffi1t Ihrer deut~lchen Unter-
Vaters Abraham ... "25 scheidung von Opfer Christi und Opfer der Kirche, so setzte mit den: Üb~rgang der
Der Text in "De Sacramentis" ist eine klassisch aus der Anamnese heraus- römischen Liturgie ins Frankenrekh ein einschneidender Wandel. ln selnem. V~r­
wachsende Epiklese, deren Wandlungsbitte freilich eine ganz andere Fassung hat als ständnis und damit im Verständnis der Eucharistie überhaupt elO. Er~t d.le 1m
die alt- und ostkirchlichen Logos- und Geistepiklesen. Die Wandlung wird erbeten Mittelalter ausgebildete Interpretation des Kanons, nicht ~ess~n urs~rüngl1chlnten-
als Folge der Aufnahme des Opfers der Kirche (haec), der Gaben, auf den himmli- dierte Aussage, und die daraus folgenden liturgisch.e~ MIß~tan~e smd der ~nsatz_
schen Altar; und dort erfolgt die Umstiftung, indem Gott auf die Gaben blickt und punkt für Luthers Meß- und insbesondere Kanonkrlök SOWl~ seme GottesdIenstre-
sie so in seinen Besitz nimmt. Erst jetzt, im Kommunionteil der Epiklese, ist von form. Diesen Wandel gilt es daher in einigen groben StrIchen anzudeuten, um
Leib und Blut Christi die Rede, an denen die Gemeinde partizipieren darf zur Luthers Anliegen und Reform zu verstehen.
Erfüllung mit himmlischem Segen und Gnade. 26 Die vorgregorianische Fassung
des römischen Kanons (z. B. Stowe-Missale, Missale Franeorum) hat sogar einen 2.2.1 Die Wende in der Theologie der Eucharistie am Obergang zum Mittelalter
Wandlungsterminus, da es hier statt "ex hac altaris participatione" heißt: "ex hoc
altari sanctificationis" (PE 435, im Apparat). "Heiligen" im Sinn von "wandeln" ist Grundgelegt ist dieser Wandel im germanisch-fränki~che~ Unverstän.d~s ode:
zumindest Mißverständnis des für die alt- und ostklrchl1che EuchaI1sue,lehre

" Missarum Sollemnia II 292.


Z7 Dies bestätigt auch Aldenhoven, Darbringung un~ Epi~lese .170-186. .
" Lietzmann, Messe und Herrenmahl121, behauptet unverständlkherweise das Gegenteil.
Der Frage, ob auch der römische Kanon einmal etne Geistepiklese gehabt hat (dle nur
" Wie schon das "angelorum tuorum" in "De Sacmmentis" klarstellt, ist mit dem "angelus" " eine Descendat-Epiklese" sein könnte: vgl. Lietzmann, Messe und Herrenmahl 93-96),
der endgültigen Fassung ganz eindeutig nicht Christus oder der Heilige Geist, sondern
ein Engel gemeint. kan~'hier nicht nachgegangen werden; vgl. dazu Alde~oven, e?d. 186-189; Gamber,
Christus- und Geist-Epiklese 141-146. Mir scheint dle vernetnende Stellungnahme
" PE 108. Auf diesen Zusammenhang macht u. a. aufmerksam Baumstark, Meßkanon 230.
Jungmanns, Missarum Sollemnia II 24~, doch richtig zu sein.
" Vgl. H.- J. Schulz, Ökumenische Glauhenseinheit 64; ders., Darbringungsaussagen 22f.
Zu diesen vgl. Fiala, Prieres d'acceputlOn.

(
92 Der riimische Kanon im Mittelalter Die theologische Wende zum Mittelalter 93

grundlegenden (neu-)platonischen Bilddenkens, das in der Sprache der Liturgie in stiere" (Hippolyt), konsekriere, wobei die spezielle Epiklese das explizit ausspricht
den (auch im Eucharistiegebets-Zitat in "De Sacramentis") immer wieder angetrof- - als Bitte, wodurch die göttliche Urheberschaft der "Wandlung" der Gaben
fenen Termini av'tiw1toC;, ÖI..lOtCOJ.lU usw. klaren Ausdruck findet. Die Kategorie sichergestellt wird -, einer neuen Auffassung der eucharistischen Konsekration
des ..Mysteriums", unter die (sicherlich unter wesentlicher Einwirkung der helleni- Platz machen mußte, welche schließlich zur Fixierung eines Konsekrationsmomen-
stischen Mysterien30) die Eucharistie gefaßt wurde, ist ein durchaus dynamischer tes führte, nämlich zur Wertung der von Christus beim Abschiedsmahl gesproche-
Begriff, der den Bezug einer kirchlichen Handlung, also einer Feier, auf ein dieser nen Deuteworte als hic et nunc bei der Eucharistiefeier durch den Priester (der allein
zugrundeliegendes Geschehen - das Werk unserer Erlösung in Jesus Christus, aufgrund seiner "Weihe" die "potestas consecrandi" hat) in persona Christi gespro-
zentral Christi Tod und Auferstehung, das "mysterium paschale" - beinhaltet; dabei chene Formel (die in der aristotelisch geprägten Sakramentenlehre der Hochschola-
ist im gefeierten Mysterium das erlösende Mysterium real anwesend, aber in einem stik zur "forma sacramenti" wird).36 Diese Konsekrationsauffassung liegt (natür-
Modus, der zugleich - da noch nicht vollkommen, sondern nur dem Glauben lich nur ansatzweise) das erste Mal vor in "De Sacramentis"37, entspricht aber
zugänglich - Abwesenheit einschließt. Diese aus der platonischen Bildtheölogie nicht den Liturgien, welche alle (einschließlich des römischen Kanons, gerade auch
entspringende ,sakramentale Idee' kann jedoch bei einem bloß signifikationsherme- des Kanonstückes in "De Sacramentis") die "Wandlung" der Elemente dem korre-
neutischen Bild- und Zeichenverständnis nicht mehr richtig verstanden werden. spondierenden Handeln der Kirche (ihre dankende Selbsthingabe als Zeichen der
Eine gewisse Beeinträchtigung erlitt der Mysterien-Gedanke schon durch den Hingabe Christi), welche um die "Wandlung" bittet, und Gottes (des Heiligen
lateinischen Begriff "sacramentum", der neben "mysterium" das griechische j..luQ'- Geistes), welcher die "Wandlung" (durch In-Besitz-Nahme der Gaben) vollbringt,
'tTWlOV wiedergibt. Denn "sacramentum" ist ein mehr dinglicher Begriff, der den insgesamt zuschreiben und dies in der Abfolge Danksagung - Anamnese - Epiklese
Ereignischarakter des J.luatl;ptov in den Hintergrund treten läßt3! und einer versprachlichen.
Verengung des Blickes auf das äußere Zeichen Vorschub leistet, das etwas anderes Die Deutung der Worte Christi als "Wandlungsformel" setzt sich im Westen
bedeutet, als es ist.32 Das Mysterium ist wesentlich eine Feier33, das Sakrament seit karolingischer Zeit langsam durch. Sie begegnet uns bei Paschasius Radbertus
mehr oder weniger eine Sache, die gespendet und empfangen wird34 . Mit dem im 15. Kapitel seiner Schrift "De corpore et sanguine Domini".38 Seine Ausfüh-
Übergang ins Frankenreich wird zum entscheidenden Faktor das nicht im Sinn der rungen müssen freilich noch nicht ganz verengt auf eine "Formel" hin ausgelegt
Alten Kirche bildhafte, sondern dinghafte, materialistische germanische Den- werden, er zielt ab auf die schöpferische Macht des Wortes Gottes, das bewirkt, was
ken3S, infolgedessen sich das Interesse der Theologen bezüglich der Eucharistie es ausspricht. Freilich geht die Tendenz39 eindeutig schon in Richtung der
fast ausschließlich au( die somatische Realpräsenz konzentrierte - welche für die späteren "forma sacramenti", wenn er die Worte Christi deutlich vom übrigen
Reflexion der Alten Ki~che im umfassenderen Rahmen der Aktualpräsenz gestanden Eucharistiegebet trennt: "Somit haben wir auf Christi Worte zurückzugreifen und
war-, auf das Verhältnis der materiellen Elemente Brot und Wein zu Leib und Blut zu glauben, daß die Wirkung von eben seinen Worten ausgeht. Alles übrige, was der
Christi, also auf die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Wirklichkeit, wObei Priester sagt oder der Klerus singt, ist nur Lob und Danksagung oder auch Bitte,
d~ese beiden im Mysterium vereinten Dimensionen getrennt wurden. Gebet und Flehen der Gläubigen. Christi Worte aber sind als Gottesworte so
Von hoher Bedeutung ist für unseren Zusammenhang die mit der einseitigen wirksam, daß nichts anderes geschieht, als was sie befehlen, da sie ja ewig sind. "40
Betonung der somatischen Realpräsenz zusammenhängende Entwicklung, wonach
die Auffassung der Alten Kirche, daß das ganze Eucharistiegebet die Gabe "euchari-
36 Zu dieser Entwicklung vgl. Geiselmann, Abendmahlslehre 86-156.
37 De Sacr. IV 5,22f: Vide: illa omnia verba evangelistae sunt usque ad ,accipite', sive
corpus sive sanguinem. lnde verba sunt Christi: ,accipite et bibite ex hoc omnes; hic est
30 Vgl. Hotz, Sakramente 26-29. enim sanguis meus.' Et vide singula: ,Qui pridie', inquit, ,quam pateretur, in sanctis
31 Vgl. Hotz, ebd. 57-63; Lubac, Corpus mysticurn 60-65. manibus suis accepit panern.' Antequam consecretur, panis est; ubi autem verba Christi
31 So der berühmte Satz des Augustinus: ldeo dicuntur Sacramenta, quia in eis aliud accesserint, corpus est Christi. Denique audi dicentem: ,Accipite et edite ex hoc omnes:
videtur, aliud intelligitur (sermo 272: Obras completas de San Agustin 24 [BAC 447] hoc est enim corpus meum.' Et ante verba Christi calix est vini et aquae plenus; ubi verba
767). Vgl. dazu Schulte, Einzelsakramente 105: "Denn seit ihm [Augustinus] (jedenfalls Christi operata fuerint, ibi sanguis efficitur, qui plebem redemit. Ergo videte, quantis
für uns seit ihm deutlich faßbar) wird immer mehr auf das Sakrament als ein ekklesial generibus potens est sermo Christi universa convertere. (CSEL 73, 55f) - Dieser Text
vollzogenes Zeichen geschaut. Der in der älteren Theologie noch sehr lebendige, vom schließt sich unmittelbar an das Kanon-Zitat an.
Kreuzesereignis her verstandene Geschehnis-Charakter der Sakramente als Lebensvoll-
38 Vgl. Geiselmann, Abendmahlslehre 95-97; Seraphim, Darbringung 158-165.
zug der Kirche im Sinne etwa des Epheserbriefes tritt in den Hintergrund."
J9 Mehr darf man für diese frühe Zeit nicht behaupten, die Entwicklung hin zur zeitlichen
33 Vgl. die Liste der Verba, die mit "mysterium" verbunden werden, bei Lubac, Corpus Fixierung eines Konsekrationsmomentes ist erst in der Frühscholastik des 12. Jh.s
mysticum 66 105 • abgeschlossen; vgl:- Geiselmann, ebd. 118-121.
Vgl. ebd. 66 104 • Noch für lsidor von Sevilla ist "sacramentum" per definitionem eine
40 CChr. CM 16,92f: Propterea veniendum ad verba Christi et credendum, quod in eiusdem
Feier (vgl. Geiselmann, Abendmahlslehre 165f). verbis ista conficiantur. Reliqua omnia quae sacerdos dicit aut clerus canit,nihil aHud
Vgl. Gerken, Theologie der Eucharistie 97-100. quam laudes et gratiarum actiones sunt aut certe obsecrationes fidelium, postulationes,
94 Der römische Kanon im Mittelalter Die theologische Wende zum Mittelalter 95

Neben der Isolierung der "Wandlungsworte" ist bei Paschasius auch der zweite anwesend gewußt wurde, so wirkt in der mittelalterlichen KOU2eption Christus
konstitutive Faktor für die Auffassung einer "farma sacramenti" festzustellen: das vermittelt durch den Priester, der aus der Gemeinde herausgehoben und als Gna-
Agieren des Priesters in persona Christi im Gegenüber zur Gemeinde, wodurch der denmittler betrachtet wird. Konstitutiv rur die Feier wird also ein Tun der Kirche
Priester eine MittlersteIlung einnimmt: "Weil nun der Priester die Mittlerstelle (nämlich des Priesters), das mit dem Tun Christi zusammenzufallen droht; die
Christi z-..yischen Gott und dem Volk sichtbar einnimmt ... "41 Ich kann daher die Relation Christus - Kirche als Verhältnis von Haupt und Leib ist in Gefahr, einer
Meinung Seraphims42, für Paschasius sei die Konsekration nach dem Einsetzungs- Identifizierung von Christus und Kirche zum Opfer zu fallen.
bericht noch nicht abgeschlossen,. nicht teilen. Vielmehr scheint ,mir bei ihm die Die Konzentration auf die durch den Priester gesprochenen "Worte der Wand-
:::rste, noch nicht ganz deutlich und konsequent zu Ende gedachte konzeption der lung" führt schon bei Paschasius zu einer Abwertung der übrigen liturgischen
"Wandlung" durch Applikation der durch den Priester aufgrund seiner Weihevoll- Wortgestalten (von den Zeichengestalten gaU2 2U schweigen!). Bereits Amalar hält
macht gesprochenen Worte auf Brot und Wein vor2uliegen, also die Fixierung eines in der praefatio zum 3. Buch seines ..Liber Officialis" fest, daß eigentlich die
Konsekrationsmomentes. Alle Aussagen des Kanons nach dem Einset2ungsberichJ "Wandlung" 2ur Feier der Messe genüge: "Darin sollen wir über die Messe lernen,
müssen im Lichte eines solchen Konsekrationsverständnisses auf die konsekrierten welchen Sinn diese Mannigfaltigkeit habe, die hier geschieht, während doch ohne
Gaben, auf Leib und Blut Christi, gedeutet werden. Kantoren und Lektoren und dem Übrigen, wa,s hier geschieht, allein die Segnung
Eine vielleicht von Faustus von Riez stammende "Homilia de corpore et der Bischöfe oder Priester genügte, um Brot und Wein 2U segnen, womit das Volk
;anguine Christi" spricht diese Auffassung ganz deutlich aus: "Denn der sichtbare zum Heil der Seelen genährt wird, sowie es inden ersten Zeiten geschah bei den
Priester wandelt sichtbare Geschöpfe in die Substanz seines Leibes und Blutes durch Aposteln ... "44
lein Wort in einer geheimen Vollmacht, indem er sagt: Nehmt ... Wie also auf den Nicht anders denkt Thomas vonAquin: "Daher ist 2U sagen: Wenn der Priester
Befehl des Herrn sofort aus dem Nichts die Höhe der Himmel, die Tiefen des Meeres nur die genannten Worte spräche mit der Intention, dieses Sakrament zu vollziehen,
,md die Weite der Erde entstanden sind, so gibt seine Kraft den Worten in den so würde dieses Sakrament gültig vollzogen, denn die Intention würde bewirken,
~eistlichen Sakramenten die gleiche Vollmacht, und die Wirkung erweist sich an der daß diese Worte als gleichsam in der Person Christi gesprochen verstanden werden,
Sache."43 Die "Wandlung" besteht darin, daß der die potestas (consecrandi) auch wenn dies mit den vorausgehenden Worten nicht gesagt würde; dennoch
)esitzende Priester durch die Rezitation der Worte Ch1isti Brot und Wein zu Leib würde ein Priester, der das Sakrament so vollzieht, schwer sündigen, da er ja den
md Blut Christi umschafft (wobei natürlich 2U ergäU2en ist, daß durch den Priester Ritus der Kirche nicht einhält. "45
:::hristus handelt). Die Problematik dieser Auffassung besteht in der der altkirchli-
:hen Liturgie fremde~\Vermischung von Tun der Kirche und Tun Christi. per 2.2.2 Die allegorische Meßerklärung und die PrychoJogisierung der Anamnese
?riester, der doch Glied der Kirche ist, kann etwas vollbringen (kraft seiner Weihe
md der dadurch verliehenen "Gewalt"), was die Laien nicht können, obwohl doch Eine ganz wesentliche, für die Theologie der Eucharistie verderbliche Beeinträchti-
Llle Glieder der Kirche Anteil am Priestertum haben. Handelte nach der Auffassung gungerlitt infolge des fehlenden Verständnisses für die lebendige Relation zwischen
ler altkirchlichen Liturgie die ganze Gemeinde in persona Christi, da sie als Urbild und Abbild die 2entrale Kategorie der Anamnese, die das Mysterium der
:ommunio sanctorum Anteil an Christus hat, wobei also das Handeln der Gemeinde Erlösung in seiner historischen Einmaligkeit und die wiederholte Feier der Euchari-
~ild (Realsymbol) für das Handeln Christi war, der selbst als der Mahlherr real süe als Feier, und das heißt Mit-Feier, des einen Mysteriums 2usammenhielt. Die
Realpräsenz des Leibes und Blutes Christi in den Elementen Brot und Wein wurde
petitiones. Verba autem Christi sient divina sunt, ita efficacia, ut nihil aliud proveniat gerettet, indem man die "verwandelten" Gaben als "veritas" erklärte, als identisch
quam quod iubent, quia aeterna sunt.
Ebd. 79: Ceterum sacerdos quia viees Christi visibili specie inter Deum et populum agere 44 Ed. Hanssens (StT 139) 257: ... in quo discamus de offido missae, quid rationis in se
videtur ... contineat diversitas illa quae ibi agitur, cum satis esset, sine cantoribus et lectoribus et
42 Darbringung 165. ceteris quae ibi aguntur, sola benedictio episcoporum aut presbyterorum ad benedieen-
42 PL 30,272: Nam visibilis sacerdos, visibiles creaturas in substantiam corporis et sanguinis dum panem et vinum,-quo reficeretur populus ad animarum salutem, sieut primevis
sui, verbo suo secreta potestate convertit, ita dicens: Accipite ... Ergo ut ad nutum praecipi- temporibus fi.ebat apud apostolos ...
entis Domini, repente ex nihil0 substiterunt excelsa coelorum, profunda fluetuum, vasta 45 S.Th. III 78,1 ad 4: Unde dieendum est quod, si sacerdos sola verba praedicta proferret
terrarum: ita parern potentiam in spiritualibus sacramentis ,yerbis praebet virtus, et rei cum intentione conficiendi hoc sacramentum, perficeretur hoc sacramentum, quia inten-
servit effectus. Allerdings scheint auch hier noch die alte Auffassung von der "eu,chari- tio faceret ut haec verba intelligerentur quasi ex persona Christi prolata, etiamsi verbis
stierenden" Kraft des ganzen Hochgebets durchzuschimmern, wenn es später heißt: ita praecedentibus hoc non recitaretur; graviter tamen peccaret sacerdos sie conficiens hoc
quando benedicendae verbis coelestibus creaturae sacris altaribus imponuntur, antequam sacramentum, utpote ritum Ecclesiae non servans. Aus dieser Haltung heraus hielt man
invocaJione sui nominis consecrantur, substantia illic est panis et vini, post verba [!] autem es auch für möglich, daß ein Priester etwa das Brot im Schaufenster einer Bäckerei
corpus, et sanguis est Christi (ebd. 275). konsekriere: vgl. Iserloh, Wert der Messe 59.
96 Der riiJlJische Kanon im Mittelafter PrychoJogisierung der Anamnese 97
mit dem historischen Leib, doch die umfassendere Aktualpräsenz des Heilshandelns Denkens zugestanden52 , und seine Meßerklärung ist sicherlich für seine Zeit eine
Jesu, die zu ihrer theologischen Durchdringung der Kategorie "Bild" im Sinn von beachtliche Leistung. So stellt er zu Beginn das Sakrament als die "memoria" der
Realsymbol unbedingt bedarf, da sie nicht dinghaft festzumachen ist wie die somati- Wahrheit des Leidens Christi heraus, wobei nichts von einem rein psychologischen
sche Realpräsenz, wurde aufgelöst in die psychologische Erinnerung an die einsti- Anamnese-Begriffzu spüren ist: "memoria celebratur", die Messe ist Gedächtnisfei-
gen Heilstaten. Die Anamnese im Sinne von Herstellung der Gleichzeitigkeit wurde er53 . Das Mysterium wird noch als heilige Handlung aufgefaßt, durch die Ge-
zum "Denken an etwas" degradiert. 46 dächtnis und Verkündigung geschieht: "Die Darbringung jenes Brotes und Kelches
So verbindet Paschasius Radbertus die im Gegensatz zur "veritas" gedachte also ist Gedächtnis und Verkündigung des Todes Christi, die nicht so sehr durch
"figura" mit dem durch "recordatio" bezeichneten Gedächtnis: "Wirklichkeit, so- Worte als durch die Mysterien selbst geschieht, durch welche jener kostbare Tod
fern aus der Substanz des Brotes und Weines der Leib und das Blut Christi in der unserem Geist tiefer und stärker eingeprägt wird. "54 Das Gedächtnis ist heilsnot-
Kraft des Geistes durch sein Wort wird; Bild dagegen, sofern zur Erinnerung an das wendig, kann also nicht "bloßes Bild" im Gegensatz zur Wahrheit sein: "Darin
heilige Leiden, das nur einmal geschehen ist, auf dem Altar täglich das Lamm besteht nämlich unser ganzes Heil und Leben, wenn wir unablässig gedenken. "55
geopfert wird, wobei der Priester äußerlich scheinbar etwas anderes tut. "47 Nicht Freilich zeigt die Meßerklärung auch, daß sie nicht mehr selbstverständlich im
nur die Verbindung von "figura" (als Gegensatz zur "veritas"), "exterius" und genuinen Anamnese-Denkender Bibel bzw. im altkirchlichen Realsymbol~Denken
"recordatio" (als subjektives Erinnern) ist bezeichnend, sondern vor allem der entstanden ist - sie ist weitgehend eine Väterkompilation -, sodaß auch theologisch
Gedanke, daß Christus täglich geopfert wird: die notwendige Folge aus dem Verlust unglückliche Gedanken. wie sie das neue Verständnis des Kanons nahelegt, ausge-
der recht verstandenen Anamnese als Band zwischen dem ein für allemal geschehe- sprochen werden, wie z. B. daß Christus "für uns in diesem Mysterium des heiligen
nen Kreuzesopfer und dessen Mit-Feier (durch Herstellung von Gleichzeitigkeit) in Opfers erneut geopfert wird"56:-Insgesamt bleibt der Eindruck eher zwiespältig.
der Messe. (Freilich darf man hier nicht den Gedanken einer als solchen sühnenden Viel negativer zu beurteilen ist freilich die allegorische Meßerklärung Amalars,
Wiederholung des Kreuzesopfers eintragen48 , aber die theologische Konzeption die aus seinem subjektivistisch-psychologischen Anamnese-Begriff resultiert: "Im
wird schief, und verderbliche Mißverständnisse --. vor allem in der Frömmigkeit- Sakrament des Brotes und Weines und auch in meiner Erinnerung ist das Leiden
sind die Folge davon.) Christi sichtbar. Er selbst sagt: ,Sooft ihr dies tut. werdet ihr es zu meinem
Konsequenz dieser Fehldeutung der Anamnese ist die westliche allegorische Gedächtnis tun', d. h., sooft ihr dieses Brot und diesen Kelch segnet, erinnert ihr
Meßerklärung. Die Gedächtnisinhalte, die nicht mehr als real präsent angesehen euch meiner Geburt nach der Menschheit. meines Leidens und meiner Auferste-
wurden, mußten mit den einzelnen Riten und Zeremonien der Messe, deren Mittel- hung. Deshalb sagt der Priester mit seiner und des Volkes Stimme: ,Eingedenk
punkt die "Wahrheit" des Leibes und Blutes Christi war, im Sinn des subjektiven also ... ' "57 Das Leiden Christi ist gegenwärtig in der Wahrheit des Sakraments und
Sich-Erinnerns in Verbindung gebracht werden unter Absehung von deren eigentli- auch in der subjektiven Erinnerung der Gläubigen, die an die Geburt, das Leiden
chem Sinn. 49 In den einzelnen Abschnitten der Messe soll der Gläubige im Geiste und die Auferstehung denken (recordatio wie bei Paschasius). Jeder Teil der Messe
-. nicht real präsent! - das Leben Christi betrachten, aber die eigentliche Wirklichkeit ruft den Gläubigen eine Station des Lebens Jesu ins Gedächtnis. und so läuft die
der Messe ist nur der wahre Leib und das wahre Blut Christi, das vom Priester in Erinnerung neben der Wahrheit des Leibes und Blutes Christi einher. 58 Die von
Nachbildung des Opfers Christi in der Messe dargebracht wird. 50
Inaugurator der allegorischen Meßerklärung war Amalar mit seinem "Liber 52 V gl. ebd. 451.
Officialis", der deshalb von Florus von Lyon scharf bekämpft wurde. 51 Florus 52
PL 119,20: Hujus sacrificii caro et sanguis ante adventurn Christi per victimas similitudi-
wird zumeist noch ein lebendiges Verständnis des platonischen Urbild-Abbild- 'ne promittebatur, in passione Christi per ipsam veritatem reddebatur, post ascensum
Christi per sacramentum memoria celebratur. .. Ecclesia ... hoc sacrificium offert, quo
Christus jam passus ostendifur ...
54 Ebd. 54: Illius ergo panis et calicis oblatio mortis Christi est commemoratio, et annuntia-
41i Vgl. die Nachweise bei Pratzner, Messe und Kreuzesopfer 52-83. tio, quae non tarn verbis quam mysteriis ipsis agitur, per quae nostris mentibus mors iHa
47 eCht. CM 16,28: Veritas ergo dum corpus Christi et sanguis virtute Spiritus in verba pretiosa, altius et fortius commendatur.
ipsius ex panis viniquc substantia efficitur, figura vero dum sacerdos quasi aliud exterius 55 Ebd. 56: Haec est enim tota salus nostra et vita, si incessanter memores simus.
gereos ob recordationem sacrae passianis ad aram guod semel gestum est, cotidie 56 Ebd. 55: ... pro nobis itemm in hoc mysterio sacrae oblationis immolatur.
immolatur agnus.
48 So auch Pratzner, Messe und Kreuzesopfer 123. " L. Off. III 25,1 = ed. Hanssens (StT 139) 340: In sacramento panis et vini, necnon etiam
in memoria mea, passio Christi in promptu est. Dixit ipse: "Haec quotiescumque
49 Vgl. Iserloh, Art. Abendmahl 90: "Die verschiedensten von anderswoher gewonnenen feceritis, in mei memoriam facietis", id est quoties hunc panem et calicem benedixeritis,
Vorstellungen und frommen Gedanken wurden der Eucharistiefeier sozusagen überge- recordamini meae nativitatis secundum humanitatern, passionis ac resurrectionis. Quare
stülpt und damit der Zugang zum sakramentalen Geschehen selbst verbaut." subdit sacerdos ex voce sua et plebis: "Unde et memores sumus ..."
50 VgL ebd. 58 Zu Amalar vgl. neben Kolping, Amalar und Floms 428-444, der vor allem den Mysteri-
51 Zu Amalar und Flatus vgl. Kolping. enbegriff Amalars untersucht ("Die kultischen Riten werden nicht mehr so angesehen,
98 Der römische Kanon im Mittelafter AuseinanderklaJlen von Zeichen und Wirklichkeit 99

Florus noch heftig bekämpfte allegorische Meßerklärung setzte sich im Mittelalter Blut Christi in den Gestalten von Brot und Wein im Blickfeld liegt, ergibt sich als
allgemein durch. 59 Folge: In der Eucharistie müssen der wahre Leib und das wahre Blut Christi
gegenwärtig sein65 ; der wahre Leib Christi ist freilich der historische Leib, der am
2.2.3 Das Auseinanderklaffen von Zeichen und Wirklichkeit Kreuz gelitten hat - also identifiziert Paschasius den historischen Leib Christi mit
dem eucharistischen. 66 Freilich ist die Wahrheit des Leibes Christi in der Euchari-
Eine der Hauptursachen für das veränderte Verständnis der Eucharistie im Mittel- stie eine Wahrheit "in mysterio": der wahre Leib ist unter der Gestalt des Brotes
alter ist der gegenüber der alt- und ostkirchlichen Tradition ganz andere Bildbegriff. verborgen, und aus diesem Grund ist die Eucharistie auch Bild (figura).67 Während
Das Bild wurde im Rahmen einer Signifikationshermeneutik6o vom Urbild, von nun in der Alten Kirche mit ihrem Bildverständnis Bild und Urbild (Wahrheit)
dem, was es bezeichnet, getrennt und nur als Hinweis auf das Urbild verstanden; die durch die Teilhabe des Bildes am Urbild verbunden sind, sodaß im Bild das Urbild
Wirklichkeit lag jenseits des so verstandenen Bildes (Zeichens). Klassischer Zeuge real präsent ist, weil es Bild des Urbildes ist, das Mysterium der Eucharistie also
des psychologisierten Bildverständnisses sind die .,Libri Carolini", die von fränki- deshalb Vergegenwärtigung des Mysteriums des Heilswerkes Christi ist, weil es
schen Theologen als Antwort gegenüber den bilderfreundlichen Entscheidungen dessen Gleichbild (ÖJWiffiJlU) ist, so ist für Paschasius das Mysterium eine aus Bild
des H. Nicaenum verfaßt wurden. In ihnen wird die Kategorie "Bild" (imago) als und Wahrheit zusammengesetzte Größe. 68 Das (gefeierte) eucharistische Mysteri-
dem Mysterium der Eucharistie unangemessen zurückgewiesen: "Denn das Myste- um ist also nicht deshalb Repräsentation, gegenwärtige Verwirklichung des Myste-
rium des Blutes und Leibes des Herrn ist nun nicht Bild zu nennen, sondern riums Christi, weil es dessen Bild ist, sondern weil es dieses als die Wahrheit enthiilt,
Wahrheit, nicht Schatten, sondern Leib, nicht Vorbild des Künftigen, sondern das, allerdings nicht unverhüllt, sondern verborgen unter der Hülle der figura. Es ist
was durch die Vorbilder voraus abgebildet wurde."61 Bild und Wahrheit hz'?l. daher ,.simul veritas et figura"69.-Der eucharistische Leib ist also zugleich der
Zeichen und Wahrheit treten in Gegensatz zueinander. wahre Leib (d. h. der historische Leib) und Bild (als Brot und Wein), die Unterschei-
Um das Verhältnis von Wahrheit und Zeichen in der Eucharistie ging- es im dung zwischen Urbild und Abbild ist sozusagen in das Abbild selbst verlegt: Dieses
sogenannten 1. Abendmahlsstreit, wobei die verschiedenen, aber keineswegs kon- ist nur Abbild,- weil es das Urbild in sich enthältJo Diese Verhältnisbestimmung
tradiktorisch gegeneinanderstehenden Konzeptionen von Paschasius Radbertus von Wirklichkeit (veritas) und Bildhaftigkeit als ein Zugleich im eucharistischen
und Ratramnus deutlich die Umbruchsituation im 9. Jahrhundert widerspiegeln. Leib führt im Hochmittelalter folgerichtig zur Transsubstantiationslehre.
Die Blickverengung auf die somatische Realpräsenz, auf Leib und Blut Christi, war Ratramnus 71 hat wohl das Verhältnis Wahrheit - Bild (Urbild - Bild) im Sinn
die Voraussetzung dafür, daß es überhaupt zur unglücklichen Fragestellung kom- der Väter besser getroffen als Paschasius. Er vereinigt nicht beide Realitäten in einer
men konnte, deren"'Beantwortung das Werk des Ratramnus diente: "Ob das, was in Sache (dem Mysterium), sondern er unterscheidet deutlich zwischen Urbild und
der Kirche durch den Mund der Gläubigen empfangen wird, Leib und Blut Christi, Bild, wobei aber - und das ist das entscheidend Neue gegenüber der Auffassung der
so fragt Eure hohe Exzellenz, im Mysterium geschieht oder in Wahrheit."62 Alten, Kirche - zumindest ei_~e deutliche Tendenz zur Signifikationshermeneutik
Paschasius Radbertus 63 geht von einem theologischen Wahrheitsbegriff aus:
"Christus ist Wahrheit, die Wahrheit aber ist Gott. "64 Von daher muß er natürlich
festhalten, daß diese Wahrheit, das Mysterium des Heilswerkes Gottes, in der
65 Ebd.: Et si Deus Veritas est, quicquid Christus promisit in hoc mysterio, utique verum
est. Et Ideo vera Christi caro et sanguis quam qui manducat digne, habet vitam aet~rnam
Eucharistie gegenwärtig ist. Da nur mehr die somatische Realpräsenz von Leib und in se manentem.
Z. B. CChr.CM 16,30: Si carnem illam vere credis de Maria virgine in utero sine semine
daß sie Mysterien sind, als daß sie Mysterien enthalten" [442]), noch Franz, Messe potestate Spiritus Sancti creatam, ut Verbum caro fieret, vere crede et hoc quod confidtur
353-359. in verboChristi per Spiriturn Sanctum corpus ipsius esse ex virgine.
59 Vgl. Franz, ebd. 407-457. Ebd. 27. Vgl. 28: Unde quia ,mysticum est sacramentum, nec figumrn illud negare
60 Ob schon bei Augustinus eine Signifikationshermeneutik zur Trennung von Zeichen possumus. Sed si figura est, quaerendum quomodo veritas esse possit.
und Bezeichnetem führt, wie etwa Zur Mühlen, Augustinische Sakramentsformel 51f, Vgl. Geiselmann, Eucharistielehre 161: "Symbol und Realität sind für Radbert nicht
behauptet, kann hier nicht näher untersucht werden. parallele Größen, sondern eine reale res, indem das Symbol als äußere sinnenfallige Seite
61 MGH. Conc t. II supp!. 199: Non enim sanguinis et corporis Dominici mysterium imago auf die im Innern vorhandene geistige unsichtbare Realität hinweist."
nunc dicendum est, sed veritas, non umbra, sed corpus, non exemplar futurorum, sed id, 69 CChr. CM 16,29: Sed si veraciter inspicimus, iure simul veritas et figura dicitur, ut sit
guod exemplaribus praefigurabatur. figura vel caracter veritatis quod exterius sentitur, veritas vero quicquid de hoc mysterio
62 PL 121, 129: Quod in Ecclesia ore fidelium sumitur, corpus et sanguis Christi, quaerit interius recte intellegitur aut creditur.
vestrae magnitudinis excellentia, in mysterio fiat an in veritate. VgL Gerken, Theologie der Eucharistie 106f. Pratzner übersieht diese Tatsache und
63 Zu Paschasius vgl. Geiselmann, Eucharistielehre 144-170; Pratzner, Messe und Kreuzes- kommt deshalb zu einer. zu positiven Wertung des Paschasius, der nach ihm noch das
opfer 119--127. Zum Ganzen vgl. auch Gerken, Theologie der Eucharistie 102-111; Bilddenken der Kirchenväter vertritt.
Neunheuser, Eucharistie 15-19. Zu Ratramnus vgl. Geiselmann, Eucharistielehre 176-218; Pratzner, Messe und Kreu-
64 CChr.CM 16,18: Christus est Veritas, Veritas autem Deus est. zesopfer 127-132.
Der römische Kanon im Mittelalter Auseinanderklaffen von Zeichen und Wirklichkeit 101

. h. das Bild ist nur mehr hinweisendes Zeichen auf die eigentlich vom ten, immer wieder fallt Ratramnus in die Signifikationshermeneutik und hat so
tgelrennte Wahrheit. Durch das Bild soll die Wahrheit in Erinnerung gerufen letztlich Zeichen und Wahrheit als zwei verschiedene Wirklichkeiten beschrieben,
erden, bzw. das Erkennen des Bildes soll zum Erkennen des Urbildes - und d. h. wobei dem Zeichen diese Funktion zukommt: "was in der Vergangenheit geschehen
zum Glauben - führen. Die Wahrheit ist "der klare Erweis einer Sache, welche nicht ist, gegenwärtig ins Gedächtnis zu rufen<C80.
durch Schattenbilder verhüllt, sondern durch reine und klare und - um noch In der Folgezeit hat sich die Konzeption des Paschasius mit ihrer Unterschei-
deutlicher zu sprechen - natürliche Zeichen mitgeteilt wird, wie wenn man etwa dung zwischen Wahrheit und Bild innerhalb der Eucharistie - und das heißt inner-
sagt: Christus ist geboren aus der Jungfrau, hat gelitten, ist gekreuzigt worden, halb der eucharistischen Speise - durchgesetzt, wobei sich aber der bei Paschasius
gestorben und begraben worden"72. Die figura ist die Verhüllung der Wahrheit, noch wesentlich vom Mysterium bestimmte theologische, christologische Wahr-
genauer gesagt: eine Realität, die die Wahrheit anzeigt (aber letztlich nicht in heitsbegriff in Richtung auf den bei Ratramnus begegnenden sensualistischen ver-
irgencleiner Weise selbst ist, indem sie daran Anteil hat): "Das Bild ist eine Verdun- schoben hat.81 Der eucharistische Leib, bei Paschasius "corpus mysticum" ge-
kelung, indem es durch gewisse Hüllen das zeigt, was es meint."73 Die Beispiele, nannt (CChr. CM 16,38), ist das "corpus verum", das unter den species, den äußeren,
die er dann bringt, resümiert er: "Denn dies alles sagt etwas anderes und kennzeich- sinnlich wahrnehmbaren Gestalten von Brot und Wein, verborgen, aber.....,. identisch
net etwas anderes. "74 Daher ist der eucharistische Leib keineswegs identisch mit mit dem historischen Leib, der am Kreuz gelitten hat - real gegenwärtig ist.82 Die
dem historischen Leib, sondern "unter der Verhüllung des leiblichen Brotes und des ganze Feier der Eucharistie, die ganze Handlung wird nicht mehr als Bild des
leiblichen Weines existiert der geistliche Leib und das geistliche Blut"75. Mysteriums Christi im Sinn der Aktualpräsenz angesehen, sondern ist "nur Bild",
Und doch, trotZ der Betonung des aliud - aliud, der Trennung von Zeichen "nur Symbol", das auf eine vo~ Bild getrennte Wirklichkeit hinweist, diese in
und Bezeichnetem, liegt bei Ratramnus noch keine völlige Entgegensetzung von Erinnerung ruft. Die eigentliche Wahrheit in der Eucharistie ist das "corpus ve-
Bild und Wahrheit vor, kein reiner Symbolismus in dem Sinn, daß der eucharistische rum", das im schlimmsten Fall dinghaft gedacht werden kann, kapharnaitisch
Leib .,nur" (hinweisendes) Symbol auf das corpus verum ist. 76 Bild und Wahrheit mißverstanden83 , welches selbst sacramentum einer nochmals verschiedenen
stehen in realer Verbindung durch die "spiritualis operatio"77 bzw. die "divini Wirklichkeit, der durch es vermittelten Gnade, ist. So schreibt Hugo von St. Victor:
potentia Verbi"78, d. h. durch den Heiligen Geist, der also durchaus im Sinn der "Denn obgleich es ein Sakrament ist, gilt es hier dreierlei zu unterscheiden: nämlich
altkirchlichen Liturgien die materiellen Gestalten Brot und Wein ergreift und durch die sichtbare Gestalt, di<!Wahrheit des Leibes und die Kraft der geistlichen Gnade.
diese wirkt. Durch diese pneumatologische Betrachtungs~eise kann Ratramnus Etwas anderes nämlich ist die sichtbare Gestalt, we.1che sichtbar wahrgenommen
sogar zu einer Ausdrucksform finden, die die altkirchliche Anamnese im Sinn der wird; etwas anderes ist die Wahrheit des Leibes und Blutes, welche unter der
Aktualpräsenz al~' noch nicht ganz aus dem Horizont entschwunden bezeugt: "Er sichtbaren Gestalt unsichtbar geglaubt wird; und etwas anderes die geistliche
[Christus) hat sich nämlich einmal für die Sünden des Volkes dargebracht, dennoch Gnade, die mit dem Leib und Blut unsichtbar und geistlich empfangen wird. Denn
wird dieses selbe Opfer durch die Gläubigen an jedem einzelnen Tag gefeiert, aber was wir sehen, ist die Gestalt von Brot und Wein; was wir aber unter dieser Gestalt
im Mysterium, damit das, was der Herr Jesus Christus erfüllte, indem er sich ein glauben, ist der wahre Leib Christi, der am Kreuz gehangen, und das wahre Blut
einziges Mal darbrachte, durch die Feier der Mysterien zum Gedächtnis seines Jesu Christi, da's aus seiner Seite geflossen ist. "84
Leidens täglich vollzogen werde."79 Aber diese Sichtweise ist nicht durchgehal-
Christus semel se offerens adimplevit, hoc in ejus passionis memoriam quotidie geratur
per mysteriorum celebrationem.
PL 121,130: ... rei manifesta demonstratio, nul1is umbrarum imaginibus obvelatae, sed 80 Ebd. 170: ut quod gestum est in praeterito, praesenti revocet memoriae.
puris et apertis, utque planius eloquamur, naturalibus significationibus insinuatae; ut 81 Zu dieser Entwicklung vgl. Lubac, Corpus mysticum 237-275.
pote cum dicitur Christus natus de Virgine, passus, crucifixus, mortuus et sepultus. 82 Vgl. aus der "Epistola ad Geraldum abbatem" (PL 149,433): Credo sacrosancturn corpus
Ebd.: Figura est obumbratia quaedam quibusdam velaminibus quod intendit astendens. Dominicum quod in altari quotidie ex sacerdotis officio conseeratur ... veram ejus car-
Ebd.: Haec enim omnia aliud dicunt et aliud innuunt. nem esse quae passa est in cruee; et verum ejus sanguinem qui manavit ex latere.
Ebd. 134f: sub velamenta corporei panis corporeique vini spirituale corpus spiritualisque 83 Vgl. die von Humbert da Silva Candida verfaßte Professio fidei, die 1059 Berengar
sanguis existit. Vgl. 155. anerkennen mußte: scilicet panem et vinum, quae in altari ponuntur, post consecratio-
So beurteilt vor allem Pratzner Ratramnus; auch Geiselmann und Neunheuser liegen nem non solum sacramentum, sed etiam verum corpus et sanguinem Domini nostri Iesu
nicht viel anders. Christi esse, et sensualiter, non solum sacramento, sed in veritate, manibus sacerdotum
n PL 121,140: In hoc itaque mystedo corporis et sanguinis, spiritualis est operatio, quae , tractari et frangi et fidelium dentibus atteri ... (DS 690).
vitam praestat, sine cujus operatione mysteria illa nihil prosunt .. 84 De Sacramentis christianae fidei II 8,7 (PL 176,466): Nam eurn unum sit sacramentum,
Ebd. 153: Patenter ostendit secundum quod habeatur corpus Christi, videlicet secundum tria ibi discreta proponuntur: species videlieet visibilis, et veritas corporis, et virtus
id quod sit in eo Spiritus Christi, id est divini potentia Verbi. Vgl. auch ebd. 147. gratiae spiritualis. Aliud est enim visibilis species quae visibiliter cernitur; aliud est
Ebd. 144: semel enim pro peccatis populi se obstulit [Christus], celebratur tamen haec veritas corporis et sanguinis quae sub visibili specie invisibiliter creditur, atque aHud
eadem oblatio singulis per fideles diebus, sed in mysterio, ut quod Dominus Iesus gratia spiritualis quae cum eorpore et sanguine invisibiliter et spiritualiter percipitur.
102 Der riimische Kanon im Mittelafter Das mittelalterliche Meßopferverständnis 103

Die mittelalterliche Lösung der Frage nach dem Verhältnis von Bild u~d sodaß sich die Auffassung - durch den nicht unmißverständlichen Wortlaut der
Wirklichkeit in der Eucharistie wurde die Transsubstantiationslehre, welche die speziellen Anamnese nicht fernliegend - durchsetzen mußte, es sei hier schon von
dinghaft (zumindest miß-)zllverstehende Realpräsenz der "veritas corporis", des den conseCql.ta, von Leib und Blut Christi, die Rede, diese seien also die Opfergabe
"verum corpus" nach der durch das Aussprechen der als "Wandlungsworte" aufge- der Kirche, die der Priester kraft seines besonderen Priestertums, das ihn von den
faßten Deuteworte Christi durch den dazu aufgrund seiner "potestas ordinis" Laien unterscheidet, Gott in Darstellung des Opfers Christi darbringt. Das Meßopfer
befahigten Priester erfolgten Wandlung von Brot- und Wclnsubstanzin die Sub- ist in dieser Konzeption nicht die bildhafte Anamnese des Kreuzesopfers (die
stanz des Leibes und Blutes Christi dogmatisch festschrieb. Leib und Blut Christi Gläubigen bringen sich selbst dar in Nachahmung der Selbsthingabe Christi),
wurden damit als Realitäten angesehen, an denen der Priester - und nur er- sondern· es ist die Darbringung der Realität des Leibes und Blutes Christi (des
unmittelbar handeln konnte, und das heißt vor allem: die er opfern konnte, wodurch "verum corpus") durch den nicht in nomine ecclesiae, sondern in persona Christi
das Opfer Christi dargestellt werden sollte. Die Auffassung, daß in der Messe der agierenden Priester, welcher der Gemeinde gegenübersteht. Es liegt eine Vermi-
Priester als ..alter Christus~' die sakramentalen Realitäten von Leib und Blut Christi schung von Zeichen- und Wirklichkeitsebene vor: die Kirche opfert Christus, der
darbringt - die gravierendste Uminterpretation der mittelalterlichen Eutharistieleh- zeichenhaft Handelnde opfert die heilstiftende Wirklichkeit. Das "besondere Prie-
re -, ist also Folge der isolierten Sicht der .,Wahrheit" des Leibes und Blutes Christi stertum", die "Opfergew~lt" des Amtsträgers,-lst die logische Folge aus dieser Meß-
im Unterschied zur (nur) bildhaften Realität der gesamten eucharistischen Hand- opferlehre, denn es sichert die Identität von Opferndem und Opfergabe. Während
lung. Diese Konzeption ist schon bei Paschasius Radbertus ausgesprochen85. Sie in den frühmittelalterlichen Meßerklärungen durchwegs die Kirche kraft ihres
ist nun in ihrer Entwicklung zum Gedanken, daß die Messe ein Sühnopfer sei, etwas (allgemeinen) Priestertums als Suhj::kt des Meßopfers erscheintB6 , ist es in der
näher zu beleuchten. Scholastik der Priester kraft seines besonderen (Weihe-)Priestertums.
Die altkirchliche Meßopfer-Konzeption tritt uns noch in manchen karolingi-
2.2.4 Die Folgen für das Verstiindnis des Meßopfers schen Meßerklärungen entgegen, so in der anonymen Meßerklärung "Quotiens
Die Messe ist nach Ausweis der altkirchlichen Liturgie, auch des authentisch contra se", in der zur Präfation ausgeführt wird: "Er [Christus] sitzt zur Rechten des
interpretierten römischen Kanons, insofern ein Opfer der Kirche, als die Kirche in Vaters, wie der Apostel sagt, und tritt für uns ein als unser Priester, dem gesagt
das einzig versöhnende Opfer Christi hineingenommen wird, d. h. Anteil hat am wird: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung des Melchisedech, der auf der
Priestertum Christi und daher sich selbst hingeben kann, wie Christus sich für die Erde sich selbs.t für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer für Gott zum Wohlge-
Seinen hingegeben h~,t. Die Liturgie unterscheidet deutlich das Opfer Christi, das ruch, damit auch wir unsere Leiber hingeben können als lebendiges, Gott wohlge-
vergegenwärtigt wird, vom Opfer d~r Kirche, welche um die Vergegenwärtigung .fälliges Opfer, als unseren geistigen Gottesdienst, nicht Kälber, nicht das Blut von
bittet, indem sie. des Opfers Christi gedenkt. Der Opfervollzug der Kirche ist die Stieren und Böcken, denn es steht geschrieben: Aus deinem Haus nehme ich keine
AOytKTJ eucria, das vom Logos selbst gewirkte Opfer, die eucria aivtcrEo)~, das Kälber an, aus deinen Herden keine Böcke. Und: Soll ich denn das Fleisch von
Lobopfer, welches die Heilstaten Gottes verkündigt, schließlich die zeichenhafte Stieren essen oder das Blut von Böcken trinken? Aber das Folgende: Bringe Gott
(bildhafte) Darbringung von Brot und Wein als Ausdruck der Selbsthingabe der ein Opfer des Lobes dar, weihe dem Höchsten deine Gelübde! Denn das sind jene
feiernden Gemeinde. Dies ist also auch der Inhalt der Darbringungsaussage des geistigen, von Gott angenommenen Opfer, von welchen der Apostelfürst Petms
römischen Kanons, welche die Darbringung der Kirche nennt: de tuis dOrlls ac darls sagt, daß wir sie durch Jesus Christus Gott darbringen müssen. Zu diesen geistigen
hostiam puram, hostiam sanctami, hostiam immaculatam, panem sancturn vitae Opfern gehört auch die Danksagung."87
aeternae er calicem salutis perpetuae. Letztere Ausdrücke meinen, wie wir gesehen
haben, die noch nicht konsekrierten Gaben, die consecranda.
Nun stehen diese Worte nach dem Einsetzungsbericht. Diesem (bzw. den 86 Vgl. die Nachweise bei Schulte, Messe passim.
87 PL 96,1491: Sedet [Christus] ad dexteram Patris, sicut ait Apostolus, et interpellat pro
Deuteworten) wurde im Mittelalter der Moment der Konsekration zugeordnet,
nobis, ut sacerdos videlicet noster, cui dicitur: Tu es sacerdos in aeternum secundum
ordinem Melchisedech, qui in terra positus tradidit semetipsum pro nobis oblationem et
Quod enim videmus, species est panis et vini; quod autem sub specie illa credimus, hostiam Deo in odorem suavitatis, ut et nos possemus exhibere corpora nostra hostiam
ve~m corpus Christi est, et verus sanguis Jesu Christi quod pependit in cruce, et qui viventem, Deo placentem, rationabile obsequium nostrum, non vitulos, non sanguinem
fluxtt de latere. taurorum aut hyrcorum, quia scriptum est, Non acdpiam de domo tua vitulos, neque de
85
CChr.CM 16,54: Quia ergo redemptor noster hoc totum quod tempore passionis suae gregibus tuis hyrcos; et, Numquid manducabo carnes caurorum, aut sanguinem hyrco-
semel gessit, adhuc usque hodie cotidiana eiusdem beatae passionis commemoratione rum potabo? sed illud quod sequitur, Immola Deo sacrificium laudis, et redde Altissimo
peragit, hanc inprimis praecipuam esse causam puto, quare nos sacrosanctae mortis eius vota tua: istae enim sunt mae spiritales hostiae accepcabHes Deo, quas nos princeps
recordationem sacratissimum eorp"s cf sang"incm ipsi"s catidie super altaris aram immolantcs apostolorum Petms Deo per Jesum Christum didt offerre debere, ad quas spiritales
assidue replicamus. hostias quia etiam actio pertinet gratiarum.
104
Der römische Kanon im 111ittelalter
Das mittelalterliche Meßopjerverstiindnis
105
Und am Ende der (kurzen) Ausführungen über den Kanon wird Gregor d. Gr.
zitiert: "Dann also wird es wahrhaft ein Opfer für uns sein, wenn es uns selbst zum Kirche im Sinne der durch das wahre Opfer Christi ermöglichten Selbsthingabe
Opfcr gemacht hat. «S8 Das Meßopfer ist Lob- und Dankopfer, AOY1Kl1 euaia, denken; auch die Ausführungen zum "Supplices« scheiden die Darbringung des
und es wird deutlich vom einmaligen Opfer Christi unterschieden. Opfers (der Kirche) von der Konsekration: "Wir müssen nämlich unablässig und in
ln nicht mehr so klassischen Bahnen bewegt sich die Mcßcrklärung des Flatus höchster Demut bitten, daß die Opfer, welche von uns auf diesem leiblichen Altar
von Lyon. "Was also die Kirche darbringt, bringt sie durch ihn [den Mittler dargebracht und durch die Hände der Priester konsekriert werden, von dem Engel,
Christus] dar: daß Gott dieselbe Kirche in Frieden bewahren, beschützen, vereini- der bei dem gegenwärtigen heiligen Geschehen anwesend ist, aufgenommen und
gen wolle, wird durch ihn gewährleistet: durch ihn steigen unsere Gelübde auf zu durch seine heiligen Hände auf den hohen Altar Gottes gebracht werden. "93
Gott, durch ihn steigen die göttlichen Gaben herab zu uns. "89 Diese Stelle, mit Zuerst werden die Gaben also dargebracht, dann werden sie konsekriert. Doch sind
der vor allcm Seraphim die Auffassung des Meßopfers als Lobopfer, als Selbsthinga_ die Aussagen der Meßerklärung - das gilt wohl für die ganze karolingische Zeit _
bc der Gemeinde, begründet 90, steht im Kommentar zum "Te igitur". Die Erklä- keineswegs eindeutig, ja ziemlich verschwommen, weil sie die Vergegenwärtigung
rung der Darbringungsaussage in der speziellen Anamnese hebt auf die Gabcnbe_ von Leib und Blut Christi den Einsetzungsworten zuschreiben und dadurch die
zeichnungen "pauem sanctum vitae aeternae" und "calicem salutis perpetuae" ab. nach dem Einsetzungsbericht st'ehenden Worte nicht problemlos auf die consecran-
Diese sind es, die den Kommunizierenden Anteil am ewigen Leben geben __ also die da beziehen können.
consecrata: "Denn dieses Opfer, das wir reines, heiliges, makelloses Opfer ncnnen, Bei Amalar hat sich wohl schon der Gedanke der Darbringung des Leibes und
d. h. das hcilige Brot des ewigen Lebens und den Kelch dcs immerwährcnden Blutes Christi durch die Kirche (bzw. den Priester) durchgesetzt. Er bemerkt
Heiles, gereicht den Teilhabenden zum ewigen Leben. "91 Bei Florus ist sicherlich lapidar: "Das Brot des ewigen Lebens und der Kelch des immerwährenden Heiles
noch kcine klar entwickelte Auffassung einer Darbringung von Leib und Blut ist Christus. "94 Seraphim berii'erkt zu den Ausführungen Amalars: "Zwar gelten
Christi durch dic Kirche festzustellen, doch eine gewisse Vermischung von Zeichen- auch für Amalar die consecrata. noch als Ausdruck des Hingabewillens der Darbrin-
und Wirklichkeitsebene ist unübersehbar. - genden, aber von seiner realistisch-gegenständlichen Bestimmung der Gaben nach
Recht zweideutig ist auch der Kommentar zur speziellen Anamnese in der der Konsekration läßt sich kaum mehr absehen. Wohl deshalb führt er trotz
Meßerklärung "Primum in ordine" aus dem 9. Jahrhundert: "Nun aber, Herr, Übernahme des Lobopfergedankens in augustinischen Formulierungen keine eige':"
bringen wir das ,reine Opfer" d. h. das von allem Sauerteig der Bosheit und ne Interpretation aus dieser Sicht mehr durch wie Florus. Statt dessen zeigt sein
Schlechtigkeit freie, reinen Herzens deiner Majestät dar, denn so wie jene glau bten, Leitgedanke, daß er die consecrata theologisch ernst nimmt. Denn wenn Leib und
von dir Hilfe zum Sieg zu erlangen, so glauben auch wir, durch den Leib deines Blut Christi gegenständlich ,vorhanden' sind und aufgrund des Textes die Gabe
Sohnes, der das wahre Opfcr ist, das Heil unserer Seelen zu erreichen. ,Heiliges darzubringen ist und man zugleich die Identität von Priester und Opfergabe
Opfer', d. h. durch die himmlische Gabe durch die Annahme des Leibes unseres festhalten muß, dann ist die Übernahme der Rolle Christi durch den Darbringenden
Herrn ] esus Christus geheiligt... «92 Hier könnte man noch an das Opfer der zwingend. "95
----- Im Hochmittelalter ist jedenfalls der Gedanke der Darbringung von Leib und
Ebd. 1496: Tune ergo vere pro nobis hostia erit, eum nos ipsos hostiam feeerit. Vgl. Blut Christi durch den Priester selbstverständlich. Relativ zurückhaltend sind die
ein ähnliches B~ispiel bei Aldenhoven, Darbringung und Epiklese 177. kommentierenden Zusätze zur speziellen Anamnese in der "Gemma Animae"
PL 119,47: Quod ergo offen Ecclesia, offert per iJJum [Christum mediatoremj; guael (1106) des Honorius Augustodunensis: .,Reines + Opfer, insofern es sich auf den
.Deus camdem Ecc1esiam pacifieare, eustoclire, adunare dignetur, praestat per ilJurn: per
Leib, heiliges + Opfer, insofern es sich auf das Blut, makelloses + Opfer, insofern
tpsum nostra ad Deum vota aseendunt, per ipsum divina ad nos dana descendunt.
Seraphim, Darbringung 68: "Für ein Darbringen des Leibes Christi an Gott durch uns es sich auf beide bezieht. Anders: Reines + Opfer, nämlich von anderen Opfern
i~t in dieser Konzeption kein Platz. Wenn etwas an Gott dargebracht werden kann, dann abgesondert. Heiliges + Opfer, d. h. uns heiligend. Makelloses + Opfer, d. h. von
stnd es als Ausdrucksgestalten der vota Brot und Wein ... " Ebd. 48: "Die sacrijicia sind Makeln reinigend. Heiliges + Brot des ewigen Lebens, nämlich durch welches
also Brot und Wein, die ,in mysterio' für die Glaubenden als Gedächtniszeichen des
Opfers Christi gelten und deshalb bei ihrer Darbringung als Bestandteile des Lobopfers
zu verstehen sind."
per assumptionem Corporis Domini nostri Jesu Christi sanetifieatam ... - Vgl. zur Stelle
PL 119,56: Haee namque hostia, guam hostiam puram, sanetam, immaculatam dieimus, Seraphim, Darbringung 125-128.
id
est.est panem sanctum vitae aeternae et eaJieem salutis perpetuae, sumentibus vita aeterna 93 PL 138,1183: Incessanter enim nobis, et eum summa humilitate postulandum est, ut
sacrificia, quae a nobis in hoc eorporaJi altare offeruntur, et per manus Sacerd~t~m
PI. 138,1182: Nunc autem Domine Hostiam puram, id est, omni fermento malitiae et consecrantur, ab angele in presenti adsistente saneto suscipiantur, per manusque tlhus
neguitiae carentem majestati tuae corde puro offerimus, guia sieut iJlj auxilium a te sanetas in sublime altare Dei.
crcdebant impetrare victoriae, ita et nos per Corpus Filii tui, gui est vera hostia salutem 94 L. Off. III 25,3 = Ed. Hanssens II (StT 139) 34017 : Panis vitae aeternae et caJix salutis
nostrarum nobis credimus promereri animarum. Hostiam sanetam, id est, eoe1esti dono perpetuae Christus est. .
95 Darbringung 154. Vgl. auch Schulte, Messe 153f (unter Bezugnahme auf Kolptng).
Der römiJche Kanon im Mittelalter Das mittelalterliche Meßopferverständnis 107

ernährt wir ewig werden sollen, und den Kelch + des immerwährenden Heiles, Wie selbstverständlich diese Meßopfer-Konzeption zur Zeit Luthers war, zeigt
d. h. durch dessen Genuß wir das ewige Heil erlangen mögen. "96 Wesentlich dessen eigene Kanon-Erklärung ..Von dem Greuel der Stillmesse, so man den
massiver äußert sich Rupert von Deutz: "Nicht nur Brot und Wein also, welche Canon nennet" von 1525. Oder man betrachte die Kanonerklärung Michael Hel-
leiblich gesehen werden, sondern auch, was nur mit den Augen des Glaubens dings (um die Mitte des 16. Jahrhunderts): ,,Das reine Opfer.... das Opfer vom
wahrgenommen wird, das Wort Gottes, den Sohn Gottes bringt die heilige Kirche dar, ein Fleisch und Blut deines Sohnes, in sich das allerreinste ... Das heilige Opfer. Alles
neues und wahres Opfer darbringend... "97 heiligend, von dem alles, was im Himmel und auf der Erde heilig ist, seine
Ganz eindeutig ist auch die Erklärung der speziellen Anamnese in einem der) Heiligkeit schöpft ... Das makellose Opfer. Es ist nämlich das Lamm ohne Makel,
bedeutendsten mittelalterlichen Meßkommentare, der umfangreichen Schrift .,De im reinsten Schoß der unbefleckten Jungfrau ohne Beistand eines Menschen, allein
Sacro Altaris Mysterio" des nachmaligen Papstes Innozenz IU. CV 2): "Aber die durch das Werk des Heiligen Geistes empfangen ... Das heilige Brot des ewigen
Worte beziehen sich nicht auf die zu konsekrierende Euchatistie, vielmehr beziehen Lebens. Nicht mehr das natürliche, sondern das übersubstantielle und himmlische,
sie sich auf die konsekrierte Eucharistie in folgender Weise: Wir, deine Diener, das der Welt das Leben schenkt .. ' Und den Kelch des immerwährenden Heiles. Der
nämlich die Priester, und dein heiliges Volk, nämlich das christliche Volk (denn was die Seelen der Heiligen trunken macht, immerwährende Freude gewährt und in
das Volk ,voto' tut, das vollziehen die Priester ,mysterio'), bringen deiner ganz ihnen das volle Heil vollbringt. "99
herrlichen, d. h. vor allen übrigen herrlichen, Majestät dar... Von deinen Geschen- Ganz am 'Rande und vereinzelt hat sich der Gedanke der Darbringung von
ken, d. h. von den Früchten des Feldes, bezüglich des Brotes, das zum Fleisch Leib und Blut Christi durch die Kirche auch in der Liturgie sprachlichen Ausdruck
konsekriert worden ist. Und von deinen Gaben, d. h. von den Früchten der verschafft, und zwar in wenigen mpzarabischen Post-Pridie-Gebeten. Deren über-
Gewächse, bezüglich des Weines, der zum Blut ko.nsekriert worden ist. Von diesen wiegende Fülle bezieht sich wie die altkirchlichen speziellen Anamnesen und der
und jenen bringen wir dar ein reines Opfer, ein heiliges Opfer, ein makelloses Opfer, römische Kanon auf das Lobopfer, das in der Darbringung von Brot und Wein eine
d. h. die Eucharistie, unberührt von aller Schuld, Erbsünde, läßlicher und Todsün- spezielle Konkretion erfahrt. IOO Aus diesem Rahmen Hillt etwa dieser Text: Pascha-
de, oder rein bezüglich der Gedanken, heilig bezüglich der Worte, makellos bezüg- lium gaudiorum deliciis delectati, offerimus tibi, domine, sancte pater, corpus et
lich der Werke, denn er hat keine Sünde begangen, und in seinem Mund fand sich sanguinem filii tui ... 101 Solche Formulierungen dürften durch die ihnen zugrunde-
keine Falschheit (Jes 53). Das ist: das heilige Brot, d. h. heiligend, Spender ewigen liegenden, nicht mehr verstandenen liturgischen Aussagen von der ..similitudo"
Lebens bezüglich des Kleides des Fleisches, und der Kelch des immerwährenden (ö~oi(O~a) des Leibes und Blutes Christi, die uns des öfteren begegnet sind, zu
Heiles bezüglich des ~leides der Seele. Nach dem Wort: Ich bin das lebendige Brot, erklären sein. Seraphim zieht folgendes Gebet (Liber Missarum de Toledo,ed.Janini
das vom Himmel heiabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird leben in . 745) als Parallele heran: ... ut hanc hostiam in similitudinem corporis et sanguinis
Ewigkeit (Joh 6)."98 Ein Kommentar erübrigt sich. eius tibi oblatam ... sa~ctifices et benedicas ..." (110f). Er spricht die wohlbegründe-
te Vermutung aus: ,.Es könnte also sein, daß man im österlichen Jubd das Selbstver-
ständliche nur verkürzt ausgedrückt hat, daß der Verfasser die obiaHa in similitudine
PL 172,578f: Hostiam + puram, quantum ad corpus, hostiam +sanctam, quantum ad
sanguinem, hostiam + immaculatam ad utrumque pertinet. Aliter: Hostiam + puram, corporis ef sanguinis meinte, aber von der obiaHa corporis et sanguinis sprach" (111).
scilicet ab aliis hostiis separatam. Hostiam + sanctam, id est, nos sanctificaritem.
Hostiam + immaculatam, id est a maculis emundantem. Fanem + sanctum vitae ad stolam carnis; et calicem salutis perpetuae, quantum ad stolam animae. Secundum
aeternae, scilicet quo pasti aeter~i efficiamur, et calicem + salutis perpetuae, videlicet illud: Ego sum panis vivus qui de coelo descendi. Si quis manducaverit ex hoc pane vivet
cujus gustu aeternam salutem consequamur. in aeternum (loan. VI).
De div. off. II 2: PL 170,34: Non ergo solum panem et vinum, quae corporaliter videntur, 99 Sacri Canonis Missae paraphrastica explicatio, cum declaratione ceremoniarum. Et brevi
sed et quod non nisi fidei oculis aspidtur, verbum Dei, Filitlm Dei offert sanct« Ecclesia ad populum exhorration"e, tnter ipsum Sacrum habenda. Per Michae1em [Helding]
novum et verum immolans sacrificium ... Suffraganeum Moguntinum, aq Cleri et populi utilitatem conscripta. Augustae VindeIi-
PL 217,888: Sed verba non pertinent ad· eucharistiam consecrandam, imo pertinent ad corum o. J. (1547J48]: Hostiam puram.... de Filij tui carne et sanguine hostiam, et in se
eucharistiam consecratam hoc modo: Nos tui servi, videlicet sacerdotes, et plebs tua mundissimam ac purissimam .. ' Hostiam sanctam. Omnia sanctificantem, a qua sancdta-
sancta, sdlicet populus Christianus, (nam quod populus agit voto, sacerdotes peragunt tem hauriunt, quaecunque sive in coelo, sive in terra, sunt saneta ... Hostiam immacula-
mysterio) offerimus praedarae majestati tuae, id est prae caeteris dame ... De tuis doms, tam. Agnus enim est sine macula, intra purissima Virgims intemeratae viscera sine
id est de frugibus segetum, quantum ad panem qui consecratus est in carnem. Ac datis, ministratione hominis, sola Spiritus sancti operatione conceptus ... Panem sanctum vitae
id est de frugibus arborum, quantum ad vinum quod est consecratum in sanguinern. De aeternae. Non iam naturalem, sed supersubstantialem et coelestem, qui dat vitam mun-
his, inquam, et illis oIferimus hostiam puram, hostiam sanctam, hostiam immaculatam, do ... Et calicem salutis perpetuae. Qui animas sanctorum inebrians, perpetuam prestat
id est eucharisriam, immunem ab omni culpa vel peccato originali, veniali, et criminali, letitiam, et plenam in illis consummat salutern.
vel puram quantum ad cogitationem, et sanctam, quantum ad locutionem; immaculatam, 100 Vgl. die Analyse Seraphims, Darbringung 104-114. Die altgallische Liturgie liefert
quantum ad operationern, quia peccatum non fedt, oec est inventus dolus in ore ejus (Isa. denselben Befund: vgl. ebd. 114-120.
LUI). Hoc est, panem sanctum, id est sanctificantem; datorem vitae aeternae, quantum 101 Liber Missarum de Toledo, ed. Janini 636. Vgl. Liber Ordinum, ed. Ferotin col. 370.
108 Der römüc!Je KanoN im lvIilte/alter 109

Ein weiterer Ausgangspunkt für diese iirurgiethcoJogisch (zumindest) frag- Es gilt freilich wohl zu bedenken, daß - wenigstens in der "großen" Theologie
würdigen Pormulierungcn dürfte eine in den nicht··römisch--wcsdichen J -iturgicn - solche Konzeptionen nicht auf die Wiederholung des Opfers Christi hinauslaufen,
verbreitete Formel sein, die etwa im "Missale Gothicum"in der Contestario der nicht daran gedacht ist, durch Menschenwerk Sühne zu leisten, sondern daß letztlich
Missa Dominica!is III erscheint: "Dignum er iustum esr, invisibilis, inaestimabilis, dahinter durchaus eine - wenn auch mehr oder minder depravierte - Idee von
immense deus er pater domini nos tri Iesu Christi, qui /orJJ!(JtJ/ sacrijitii perenlliJ- Anamnese steht. So antwortet Thomas von Aquin auf die Frage, "ob bei der Feier
im/i/liens h05tiam sc tibi primum abtuhr er primus dom!! offerri .. . 102" oder anders- dieses Sakramentes Christus geopfert wird", einerseits mit dem Bildgedanken: "Die
wo unmittelbar dem Einsetzungsbericht vorausgeht: "Qui formam sacrificii peren- Feier dieses Sakramentes aber ... ist ein Bild, das das Leiden Christi darstellt,
nis instituc! cam primus optlllir er a no bis iussit ofFeni: Qui pfidie ... "103 Gamber welches seine wahrhafte Opferung ist"106, anderseits mit dem Hinweis auf die in
interpretiert die Formel auf die liturgische Darbringung von Brot und \X!ein1IH, der Messe erfolgende Austeilung der Frucht (effectus) des Kreuzesopfers (S. Th. III
doch ist sie zweifellos mißverständlich und kann so aufgefaßt werden, daß Christus 83,1). Jedoch liefert die Vorstellung von der Darbringung Christi durch die Kirche
der Kirche befohlen hat, ihn selbst zu opfern. Liturgische Gebete, die wie das (bzw. durch den Priester) mannigfachen Anlaß zu massiven Fehlverständnissen und
erwähnte mozarabische Post-Pridie-Gebet vom Opfer Christi durch die Kirche Veräußerlichungen, zur Betrachtung des Meßopfers als menschlicher Leistung -
sprechen, sind aber jedenfalls (bis zur nach vatikanischen Liturgiereform!) alles etwa als Sühne für die täglichen Sünden, während das Kreuzesopfer nur für die
andere als repräsentativ und stehen isoliert am äußersten Rande der liturgischen Erbsünde Sühne geleistet hat 107 -, als äußeres Werk. Gegen solche veräußerlichten
Tradition. Auffassungen vom Sühnopfer im Spätmittelalter, dem man ein deutliches Vakuum
Um so stärker aber wirkte in der theologischen ReHexion diese Konzeption auf der theologischen Reflexion über die Eucharistie zur Last legen mußlOB, weit
die Theologie der Eucharistie. Kann man nach dem Zeugnis des Neuen Testaments verbreitet unter Klerus (der vielfach ungebildet war) und Volk, richtete sich Luthers
nur den (nicht notwendig!) als Opfer verstandenen Tod Christi als "Sühnopfer" scharfe und berechtigte Kritik. 109
verstehen, dessen Anamnese die Messe ist, so wird im Hochmittelalter auch die
Messe, in der ja der Priester Christus opfert, so gedeutet. Die i'vIesse ist ein 2.2.5 Der Verlust der Epiklese
Sühn opfer nun nicht mehr (nur), weil das einzige Sühnopfer Christi vergegenwär-
tigt \vird, sondern weil in ihr jedesmal der Priester Leib und Blut Christi darbringt Daß in der westlichen liturgischen Tradition die Epiklese nicht in ihrer eigentlichen
und - freilich "in persona Christi" - ein Sühnopfer vollzieht. So nennt lnnozenz ru. Bedeutung verstanden wurde, zeigen die altgallischen und mozarabischen Epiklesen
in seiner Meßerklärung drei Arten von Opfern, die in der Messe dargebracht bzw. Epiklese-Äquivalente. Diese haben z. T. altes östliches Gut bewahrt110, doch
werden, deren eine das Sühnopfer ist: "Weiter gibt es drei Opfer der Kirche, die im insge,samt gilt für sie das Urteil Lietzmaons (98f): "Zusammenfassend läßt sich
Alten Testament angezeigt sind durch das Sühnopfer, die Räucherpfanne und den sagen, daß die gallikanische Epiklese nur noch formelhaft fortgeführt, nicht mehr
Altar, nämlich das Opfer der Buße, das Opfer der Gerechtigkeit und das Opfer der
Eucharistie ... Auf dem Altar wird Fleisch geopfert, in der Räucherpfanne wird 106 Celebratio autem hujus sacramenti ... imago quaedam est repraesentativa passionis
Weihrauch verbrannt, 'wm Sühnopfer wird BIut vergossen. Fleisch wird geopfert Christi, quae est vera eins immolatio. Vgl. zu dieser Stelle Pratzner, Messe und Kreuzes-
opfer 71-74, der bei Thomas den Verlust der altkirchlichen Anamnese-Idee konstatiert:
in der Reue, \'\/eihrauch wird verbrannt in der Andacht, Blut wird vergossen für die "Gegenüber anderen Meinungen ... halten wir am Ergebnis unserer Untersuchung fest,
Er!ösung auf dem Altar des Leibes, in der Räucherpfanne des Herzem, zur Vers()h- daß Thomas den Begriff memoria und repraesentalio im Zusammenhang mit dem Meßopfer
nung Gottes des Vaters. Diese drei Opfer bringt der Priester in der Messe vielfach in einem subjektiven bzw. bildlichen Sinn gebraucht. Das Opfer, das wir täglich
dar."105 - in der Meßfeier darbringen, ist also nach Thomas nicht das Opfer Christi selbst, als
vielmehr ein Gedächtnis und ein Bild jenes Opfers, in dem aber jenes eine Opfer Christi
nicht mehr gegenwärtig gesehen wird" (74).
107 Freilich darf nicht verschwiegen werden, daß die akademische Theologie solchen Fehl-
'"' Missale Gothicum ed. Mohlberg (= RED. F 5). Rom 1961, nr. 514 (S. 119). verständnissen Ansatzpunkte liefert. Vgl. eine Stelle aus "De sacramentis" des Alger von
'" Das Sakramentar im Schabeodcx M 12 Sup. der Bibliotheca Ambrosiana, hg. u. bearb. Lüttich (I 16): Iteratur autem quotidie haec oblatio, Hcet Christus semel passus sit, quia
v. A. Dold (TAB 43). Beuron, 1952, 6*. Vg-1. zum Ganzen Gamber, Älteste J-~:ucharistie­ quolidie peceamus, saltem peccatis, sine quibus mortalis infirmitas vivere non potest. Et ideo
gebete 182 185. quia quotidie labimur, quotidie Christus pro "obis mystiee immolatur. Hanc autem immolatio-
W, Gamber ebd. 183.
105
nem non vero, sed imaginario actu passionis et mortis fieri, et tarnen veram salutem
PL 217,842f: Porto tria sunt Eeclesiac sacrificia, quae significata sunt in Veteri Testamen- operari ... (PL 180,788).
to per propitiatorium, thuribulum et altare, vidclieet sacrificium poenirentiae, sacrificium 108 Vgl. den Überblick bei Iserloh, Art. Abendmahl 99-103.
justltiae, er sacrificium cucharistiac. Super altare earo mactatur, infra thuribuJum thus 109 Man kann freilich nicht die angeblich richtige Lehre der Theologen von der falschen
adolctur, ad propitiatorium sanguis infertuL earo mactatur in contritione, thus adoletur Praxis und Verkündigung in der Seelsorge völlig trennen, wie es Lortz, Reformation I
in devotione, sanguis infertur pro redemptione super altare corporis, infra thuribulum 397-399, und Arnold, Meßopferdekret 121-126, tun.
cordls, ad propitiatorium Dei Patris ... Haee tria sacrificia sacerdos affert in missa. 110 Vgl. den Überblick bei Lietzmann, Messe und Herrenmahl 93-113.
110 Der römische Kanon im Mittelalter Verlust der Epiklese / Eucharistie und Kirche 111

in ihrer ursprünglichen Bedeutung lebendig empfunden wird. Auch in der mozarabi- Eucharistie; die Anteilhabe an Leib und Blut Christi, dem corpus mysticum (Pascha-
schen Liturgie liegt es klar zutage, daß die Epiklese ein Rudiment älterer Zeit ist, sius), ist das Mittel zur Verwirklichung des corpus ecclesiae.
welches in seiner ursprünglichen Bedeutung theologisch nicht mehr verstanden, Im Mittelalter löste sich die untrennbare Verbindung von corpus ecclesiae und
mannigfach abgeschwächt, variiert, umgestellt, auch gelegentlich vervieWiltigt wird corpus eucharisticum. Wie schon gesagt, ist der Blick fast nur noch auf die veritas
und eine, wenn auch eifrig gepflegte, so doch mehr dekorative Rolle spielt.« des Leibes Christi, und das heißt auf die Realpräsenz des historischen Leibes in der
Der römische Kanon hat, wie gesagt, eine Epiklese im ,.Supplices", doch ist Messe, gerichtet. Der Sinn der Messe wird in der ..Verwandlung" von Brot und
diese keine Geistepiklese wie die der ostkirchlichen Anaphoren und daher als Wein in die Wirklichkeit des Leibes und Blutes Christi gesehen, die Oikodome der
Epiklese (vor allem in der Anordnung: spezielle Anamnese - Supra quae - Supplices Kirche als letztes Ziel der eucharistischen Feier verliert man fast aus den Augen. H2
der endgültigen Kanon-Fassung) nicht leicht erkennbar. Als man die Frage nach In den altkirchlichen Epiklesen kommt das Verhältnis von eucharistischem Leib als
dem Konsekrationsmoment stellte und diesen auf den Augenblick der Rezitation Mittel und kirchlichem Leib als Ziel aufs deutlichste zum Ausdruck in der Verbin-
der Deuteworte Christi durch den Priester fixierte, mußte notwendigerweise eine dung von Wandlungs- und Kommunionbitte, wobei diese aus jener zumeist als
um die Wandlung der Gaben bittende Epiklese nach dem Einsetzungsbericht ihre Finalsatz (iva, ut) herauswächst. Wie sich im Mittelalter das ..corpus verum" , Leib
Funktion verlieren. Daher wurden "Supra quae" und "Supplices" in den mittel- und Blut Christi, vom "corpus ecclesiae",_ das nun "corpus mysticum" genannt
alterlichen Meßerklärungen zumeist als Opferannahmebitten gedeutet 111 ; von der wird l1 3, getrennt hat, kann hier nur an einem Beispiel illustriert werden: an der
speziellen Epiklese blieb nur die Kommunionbitte. Es entfallt die für die altkirchli- Unterscheidung innerhalb der "res sacramenti" zwischen .,res contenta et signi6ca-
che Liturgie bezeichnende Spannung von Einsetzungsbericht, also Wort Christi, als ta" und .,res significata et non contenta"114. Diese treffen wir z. B. in den Sentenzen
eigentlichem Grund der Eucharistiefeier, also auch der Wandlung von Gaben und des Petrus Lombardus: "Die res .-dieses Sakramentes ist aber eine doppelte: eine
Gemeinde, und spezieller Epiklese als der Bitte um die hier und jetzt geschehende nämlich, die enthalten und bezeichnet, eine andere, die bezeichnet und nicht enthal~
aktuelle Verwirklichung dessen, was durch die Einsetzung Christi ermöglicht ist ten ist. Die enthaltene und bezeichnete res ist das Fleisch Christi, das er aus der
und was in der Anamnese in Wort und Tat verkündet wird. "Wandlung", die Jungfrau empfangen, und sein Blut, das er für uns vergossen hat. Die bezeichnete
Verwirklichung der Anamnese, geschieht nach dieser Konzeption nicht mehr als und nicht enthaltene res aber ist die Einheit der Kirche in den Prädestinierten,
Werk des Heiligen Geistes, um das die ganze Gemeinde bittet, sondern kraft der Berufenen, Gerechtfertigten und Verherrlichten. "115
"potestas ordinis" des Priesters, der die "Wandlungsworte" als "alter Christus" Die Kirche ist also nur mehr in der Eucharistie ,.bezeichnet". Und das heißt im
spricht, d. h. die"forma sacramenti" der "materia" appliziert. Wieder liegt die Horizont der für das Mittelalter konstitutiven Signifikationshermeneutik: Die Eu-
Gefahr nahe, Chri~'tus und Kirche zu identi6zieren, das kirchliche Handeln, hier charistie ist nur Hinweis auf die Kirche, Eucharistie und Kirche sind getrennte
speziell das Handeln bzw. Sprechen des Priesters, vom göttlichen Wirken, von der Realitäten, der Gedanke, daß sich die Kirche aus der Feier der Eucharistie auferbaut,
operatio Spiritus sancti, nicht deutlich zu unterscheiden. ist weitgehend verlorengegangen. Lubac (302) resümiert diese Entwicklung poin-
tiert: ". . .im gleichen Zug, in dem man die Kirche aus dem corpus verum ausstieß,
begann man auch, die Kirche aus dem mysterium ftdei auszustoßen."
2.2.6 Das Verhältnis von Eucharistie und Kirche

Schon das paulinische Herrenmahl und auch die aItkirchliche Liturgie waren ganz
zentral auf die Oikodome, die Auferbauung des Leibes Christi, ausgerichtet. Durch '"
m
Zu dieser Entwicklung vgl. Lubac, Corpus mysticum.
Vgl. ebd. 127-132. Erstmals im "Tractatus de sacramentis" eines Magister Simon (Mitte
die Feier der Eucharistie werden die Gläubigen in der Kirche zusammengeführt und des 12. Jh.s): In sacramento altaris duo sunt: id est, corpus Christi verum, et quod per
mit Christus, ihrem Haupt und ihrem Herrn, vereint. In der liturgischen Feier illud significatur: corpus eius mysticum, quod est Ecclesia (zit. n. Lubac 130). Hier sind
also "corpus verum" und "corpus mysticum" schon gegenübergestellt und nur durch
erhalten sie schon als Angeld (pignus) Anteil an der zukünftigen Herrlichkeit des
"significatio" verbunden, wobei das mittelalterliche signifikationshermeneutische Zei-
Reiches Gottes. Das corpus Christi, das die Kirche ist, ist die tiefste Wirklichkeit der chenverständnis in Rechnung zu stellen ist.
,,. VgI. Lubac, ebd. 291-303 unter dem Titel: "Entwertung des Symbols".
m L. IV dist. VIII 4 (PL 192,857): Hujus autem sacramenti gemina est res: una, scilicet,
'" Zur Interpretation des "Suppliees" im Mittelalter vgl. Botte, Ange du sacrifice. Manche
A;utoren deuten das "Supplices" im Sinn einer Wandlungsbitte, aber von einer authenti- contenta et significata; altera significata et non contenta. Res contenta et significata est
schen Interpretation des Gebetes kann man in diesen Fällen nicht sprechen; so bezeichnet caro Christi, quam de Virgine traxit, et sanguis quem pro nobis fudit. Res autem
etwa Odo von Cambrai unmittelbar zuvor im Kommentar zur Anamnese mit aller nur significata et non contenta est unitas Ecclesiae in praedestinatis, vocatis, justificatis, et
wünschenswerten Deutlichkeit Christus (bzw. Leib und Blut Christi) als das Opfer der glorificatis. Vgl. Petrus Cellensis, Sermo 40 (PL 202,768): Tertio de sacramento et re,
Kirche (PL 160,1066f). Als Epiklese im altkirchlichen Sinn wurde das "Supplices" im 14. quorum alterum, id est sacramentum dicitur proprie illa visibilis species panis et vini, ut
Jh. von Nikolaos Kabasilas in seiner Erklärung der Göttlichen Liturgie verstanden (SC jam dictum est, res vero contenta et significata, caro Christi; aut res significata et non
4 bi" 191-199). contenta, ut unitas Ecclesiae in praedestinatis, vocatis et justificatis.
112
Der riimüche Kanon im Mittelalter Eucharistie und Kirche / Liturgische Mißstände 113

Dazu kommt noch (wohl als Ursache und Wirkung dieses Sachverhalts) die werden. Auch muß Wasser in einer so kleinen Menge beigemischt sein, daß es vom
A.uflösung des Kirchenbildes vor allem im Spätmittelalter116 mit seinem Zug zum Wein absorbiert wird. Wann immer diese vier genannten Dinge, nämlich die
[ndividualismus, sodaß der Einzelne in den Vordergrund des Interesses ,zu stehen Materie, der Ordo, die Worte und die Intention zusammentreffen, wird das Sakra-
mm und die Eucharistie vor allem als Gnadenmittel, durch das dem Einzelnen die ment vollzogen, zu welcher Stunde und an welchem Ort auch immer, auch ohne die
:;'nade zukommt, angesehen wurde. 117 Ihm fließen aus seiner Teilnahme, die viel heiligen Gewänder, auch ohne Altar, denn der Herr hat gesagt: Sooft ihr dies tut.
nehr passiv, schauend und empfangend, als actuosa participatio, priesterlicher Diejenigen, die diese Feierlichkeiten unterlassen, sündigen aber schwer:'121
)ienst vor Gott 118 ist, Früchte zu, wobei diese z. T. erschreckend äußerlich
nateriell gesehen werden. 119 Die Messe als das Mysterium des christlichen Glau~
2.3 Liturgische Folgen und Mißstände!22
lens wird vom Priester allein gefeiert, der einzelne Gläubige holt sich durch sein
)abeisein, durch fromme Betrachtung, durch das Schauen der Hostie die Gnade ab
Die dinghafte Betrachtung des Sakraments, das nicht gefeiert (ce1ebratur), sondern
so könnte man etwas überspitzt sagen. 120 Die Eucharistie ist nicht mehr die
"zustandegebracht" oder "vollzogen" wird (conficitur), in Verbindung mit dem
Terwirklichung von Kirche katexochen, ihr zentraler Vollzug, in dem sie, mit
individualistischen, subjektivistischen, ethizistischen Geist vor allem des späten
:hristus ihrem Haupt verbunden, Gott das Dankopfer darbringt und durch Anteil-
Mitte1alters123, führte zu einer gegenüber der Alten Kirche (und den .?stkirchen)
abe an den Gaben des Leibes und Blutes Christi, den ,.sancta", zur "communio
doch ziemlich deutlich veränderten liturgischen Frömmigkeit und zu Anderungen
mctorum" mehr und mehr zusammengeschlossen wird. Sie kann vielmehr quasi
in der konkreten Feier. Die bedeutendste rituelle Neuerung in der Messe war die
inghaft betrachtet werden, als Applikation einer "forma sacramenti" auf die
Elevation, die ab dem 13. Jahrhundert als Ausdruck des Glaubens an die somatische
nateria" durch den dazu befähigten Priester - der Glaube tritt deutlich in den-
intergrund. Realpräsenz,; ausgehend von Frankreich, sich allenthalben durchsetzte und zum
Höhepunkt der Messe wurde. 124 Die Messe war nicht mehr die zentr~le kir~hliche
Beispielhaft für die Art, wie man über die Messe schreiben konnte, ist die
Handlung der feiernden Gemeinde mit dem Höhepunkt der Kommuruon als 1mmer
bhandlung des späteren Papstes Coelestin V. aus dem Ende des 13. Jahrhunderts,
neuer Konstituierung der communio sanctorum, sondern aus der Kommunio~­
~r die Frage: .,Was zum Vollzug dieses Sakramentes erforderlich ist" so beantwor-
frömmigkeit entwickelte sich eine Schaufrömmigkeit. Das Anschauen der Hostle,
t: "Zum Vollzug des Sakramentes des Leibes Christi ist viererlei notwendig,
der soeben transsubstantiierten Gaben, brachte dem einzelnen Betrachter reiche
imlich die Reinheit der Materie, denn der Herr hat sich mit dem Weizen verglichen:
Gnadenfrüchte, sodaß sich der Meßbesuch oft auf die Elevation beschränkte 125
;:nn aber ein Korn eiIler anderen Art beigemischt ist, besteht Gefahr, wenn es
eht so klein ist, daß es vom Weizen völlig absorbiert wird: denn damit wird das
121 Opusc. VIII 4,1,2: Bibliotheca"Maxima ~atru.~ 25,83~: Ad con~ciendu.m Sacramen~um
krament vollzogen. Der Ordo, denn nur der Priester kann das Sakrament vollzie- Corporis Christi, quatuor sunt necessarla, .scllicet p~rttas m~tenae, gu~a co~paravtt se
n; die Worte, welche sowohl von Gott als auch von der Kirche festgelegt sind. Da Dominus frumento: si autem granum altenus genens commlxtum fuent, periculum est
er der eine Evangelist eine andere Form der Worte hat als der andere, kann der nisi tarn parvum sit quod penitus absorbeatur a frumento: quia inde eonfieitur Sacrame~­
ib Christi nur mit den Evangeliumsworten vollzogen werden, welche von der tum. Ordo, quia nonnisi Sacerdos potest conficere; Verba, et a ~~o e~ ab EccleSIa
eonstituta. eum autem in uno Euangelista aHa sit forma verborum, aha lß aho, non potest
rehe verordnet sind, denn größer ist die Autorität der Kirche [1]. Die Intention eonfiei Corpus Christi, nisi tantum in verbis Euangelici~ ab Eccl~sia. pr?p~sitis, quia
l1ießlich ist notwendig, denn wenn 1emand spielerisch die heiligen Worte rezitiert, maior est auctoritas Ecclesiae [1]. Intentio iterum neeessana est, gUla SI ahquls ludendo
llzieht er nicht das Sakrament. Zu beachten ist auch die Reinheit des Weines daß dicat verba sacra, non confieit Sacramentum. Attendenda est etiam munditia vini ne .sit
nicht sauer ist, denn mit e!nem solchen kann das Sakrament nicht vollz~gen acerosum, quia ex taH non creditur confici Sacramentum. Item debet in t.am m~~lca
quantitate aqua apponi, ut absorbeatur a vino. Haec autem quatuor.supradIcta, sClheet
materia, ordo, verba, et intentio quandocumque occurrunt, confieltur Sa~rament.um,
quacumque hora, Ioco, etiam sine vestibus sacris, et etia~ sine. Altari, q~la DOml?US
Vgl. Mayer, Kirchenbild. dixit, Haec quotiescumque feceritis. Peccant autem enormlter qut praeterrruttunt hulUs-
Vgl. Jungmann, Liturgisches Leben modi solemnitates. .
Vgl. das ü:pU1"eUEtv bei Hippolyt. 122 Vgl. Franz, Messe 3-292; Mayer, Liturgie und Geist der Gotik; Lo!tz, Re~orm~tlon
Zu diesem recht dunklen Kapitel vgl. Franz, Messe 36-72. Ebd. 71: "In den ,Messfrüch- 69-138; ders., Mißstände; Jungmann, Liturgisches Leben; Iserloh, Innerklrchltches
ten' sind Wahrheiten und Irrtümer, wohlbegründete Hoffnungen und törichte Erwartun- Leben; Meyer, Art. Abendmahlsfeier; Moeller, Frömmigkeit. .
gen, fromme Meinungen und geFährlicher Aberglaube bunt durcheinander geworfen." 123 Vgl. Mayer, ebd. 70. Diese Haltungen waren anfanghaft schon ~lt de~ ~bertragun~ des
Vgl. die treffende Formulierung Mayers, Liturgie und Geist der Gotik 93: "Der Endsinn Christentums und der Liturgie in das Germanentum gegeben, ketne vollig neue Gelstes~
der Mysterienhandlung ... erfuhr eine Umstellung: er lag nach dem Denken von Klerus haltung nur des Spätmittelalters: vgl. Mayer, Liturgie und Germanenturn. .
und Volk nicht mehr in der Vereinigung mit Christus ..., nicht mehr im Aufgehen in das 124 Zur Elevation vgl. Jungmann, Missarum Sollemnia II 256-262; Meyer, Luther und dte
Corpus mysticJlm, sondern im Erwerb geistlicher, ethischer und ... nicht selten auch Messe 261-279.
weltlicher Güter." 125 Vgl. Franz, Messe 18.
114 Der römische Kanon im Mittelalter Liturgische Mißstande 115

und man von einer Elevation zur nächsten ging, um sich möglichst viele Früchte das Opfer durch den Priester dargebracht wird, dessen Intention nie vollkommen
zu sichern 126 . Die Auflösung der Feiergemeinschaft in viele die vom Priester allein ist, und weil die Gläubigen nie mit vollkommenem Glauben die Messe hören, wurde
vollzogene Messe "hörende" und sich dadurch (nicht nur geistliche!) Vorteile der Messe als Sühnopfer ein begrenzter Wert zugeschrieben. 134 Die Früchte. die in
verschaffende Einzelne ist eine der gravierendsten mittelalterlichen Tendenzen in der Messe zur Austeilung gelangen, waren limitiert, d. h. der Gläubige erhält bei
der eucharistischen Frömmigkeit und ließ vielerorts, vor allem in der Volksfrörn- einer Messe in einer kleinen Pfarre mit wenigen Seelen mehr Fruchtanteil als in einer
migkeit, ein Leistungsdenken aufkommen, das am Glauben mehr oder weniger großen.t35 Um möglichst viele Meßfrüchte zu erlangen, trachtete man daher,
vorbeiging. 127 möglichst viele Messen zu feiern, wobei die Voraussetzung dafür die seit dem
Die Messe war weniger Feier der Kirche als Akt der persönlichen Frömmig- Frühmittelalter - aus anderen Gründen - aufgekommene "Privatmesse" war, wel-
keit. Dies führte zu einer Trennung von eigentlicher Mysterienfeier durch den che im Mittelalter zur Normalmesse wurde. Der viel zu zahlreiche Klerus, in
Priester, der weitab vom Volk "die Messe las", und parallel dazu einherlaufender manchen Städten bis zu 10% der Gesamtbevölkerung136 , schlecht ausgebildet und
Betrachtung des Volkes, das durch Gebete und Gesänge (deutsche Kirchenlieder) z. T. ein geistliches Proletariat bildend, feierte ungeheuer viele Messen 137 , ein
eine eigene "Paraliturgie" vollzog. Ein Kennzeichen der mittelalterlichen liturgi- Faktum, das nach außen hin als Zeichen tiefer Frömmigkeit aufgefaßt werden
schen Frömmigkeit ist also ein zentrifugaler Zug an die Peripherie; um das Zentrum könnte,' in Wirklichkeit jedoch der "U~fähigkeit. sakramental zu denken"138,
des eucharistischen Mysteriums lagerten sich immer zahlreicher neue periphere entsprang.
Gottesdienstformen und Andachten128 ; und sie überlagerten das Zentrum, das Festzuhalten ist auch der Stand der Predigt im Spätmittelalter. 139 Es wurde
nicht mehr verstanden wurde (Fremdsprache, Leisebeten des Kanons). Zu diesem sehr viel gepredigt, aber auch da"Q.ei ist der Zug zum Peripheren nicht zu übersehen.
Zug zur Peripherie gesellte sich als dessen Schwester der Hang zur Massierung, zur Daß das Predigtwort heilwirkendes Wort ist, Wort Gottes, das zum Glauben führt,
Häufung des Peripheren, womit man den Schwund der echten geistlichen Substanz konnte aufgrund des signifikationshermeneutischen Wortverständnisses nicht mehr
zu kompensieren suchte. 129 Die Volksfrömmigkeit, die sich von der kirchlichen wahrgenommen werden. 14o Der Inhalt der Predigt verlegte sich daher stark auf das
Feier der Liturgie weitgehend löste, ist natürlich immer in Gefahr, abzusinken in Moralische, oder es wurden scholastische Lehrpredigten gehalten, die unverstanden
Leistungsdenken, in Veräußerlichung, in magische Anschauungen - bis hin zur blieben; die schriftauslegende Homilie ging weitgehend verloren. Die Predigt
Blasphemie. 13o Diese verderblichen Tendenzen der Volksfrämmigkeit. ins letztlich trennte sich auch mehr oder weniger von der Messe; es entstanden eigene Predigt-
Unchristliche, ins Abergläubische abzufallen, begünstigt durch das Fehlen eines gottesdienste, die innerhalb bzw. während der Messe, an verschiedenen Stellen
wirklich tiefen, qriginellen, selbständigen geistlichen Schrifttums 131 , sind "gefähr- (nach dem Evangelium, beim Offertorium, vor der Kommunion) gehalten werden
licher Mißstand"132, denn irregeführte Volksfrämmigkeit ist nicht unter Hinweis konnten, aber auch ganz losgelöst von der Messe etwa am Sonntagnachmittag. In
auf eine intakte akademische Theologie (die es ja freilich auch nicht gab, auch diese diesen Predigtgottesdiensten hat das deutsche Kirchenlied eine Pflegestätte gefun-
war mit peripheren Fragen beschäftigt133) zu entschuldigen, sie ist eindeutig auf ein den, auch das Fürbittgebet hatte hier eine neue Heimat; es wurden die Stücke des
Versagen der Kirche zurückzufUhren. auf mangelhafte Katechese, mangelhafte Kat'echismus (Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Dekalog) gesprochen. Doch war
Predigt; und sie ist Folge einer mangelhaften Theologie. eben das eigentliche Wesen der Predigt, heilschaffendes Wort Gottes zu sein, in
Deutlichste Erscheinung der angesprochenen Massierungstendenz war die Vergessenheit geraten, und dies kann auch ein an sich durchaus positiv zu wertender
ungeheure Vermehrung der Messen. Auch diese war eine Folge der Theologie: Da liturgischer Rahmen nicht verdecken.
,
'"
127
Vgl. Iserloh, Innerkirchliches Leben 684. 134 Vgl. Iserloh, Wert der Messe.
Vgl. Jungmann, Liturgisches Leben 97: "Das Anhören der Messe ... wird zu einer 135 V gl. ebd. 61.
äußeren Leistung herabgedrückt, mit der man sich ohne viel Mühe irdische und himmli- 136 Vgl. Lartz, Reformation I 86. .
sche Güter glaubte sichern zu können." 137 Vgl. die Zahlen, die Mayer, Kirchenbild 292, als Beispiel anführt (8422 Messen 10 15
128 Vgl. Mayer, Liturgie und Geist der Gotik 92. Wochen).
'" Vgl. Lartz, Mißstände 16: "Für die Peripherierung ist die Gefahrdung ohne weiteres 138 Iserloh, Art. Abendmahl 101.
klar: es ist Substanzschwund mit der gleichzeitigen Tendenz, durch Häufung von 139 Vgl. den überblick bei Iserloh, Innerkirchliches Leben 687-690; Meyer, Art. Abend-
weniger Wichtigem das Fehlen echter Kraft zu verdecken." mahlsfeier 90-94.
So wenn man Messen zu dem Zweck lesen ließ, um jemanden zu Tode zu bringen Vgl. zu Thomas von AquinPesch, Wort bei Thomas. Ebd. 464: "Das Wortverständnis
"" ("Totbeten"): vgl. Pranz, Messe 99f.
140
des Thomas ist, wie man heute sagt, ein ,signifikationshermeneutisches' Wortverständnis
Vgl. MaeHer, Frömmigkeit 18, der als Kennzeichen des geistlichen Schrifttums um 1500 _ mit allen anthropologischen Schwächen eines solchen: das Wort ist Zeichen für Begriff
'" Vereinfachung, Verharmlosung, Popularisierung nennt. und Sache; sein Geschehnischarakter bleibt im Vordergrund der Überlegungen ver-
m Lortz, Mißstände 273. deckt." 453: "Weil der Glaube gnadengeschenkte Erkenntnis ist, kann die Predigt nur
133 Vgl. Iserloh, Art. Abendmahl 99-103. äußerlich vorlegende Lehre sein."
116 Der riimische Kanon im Mittelalter

Insgesamt ist dem späten Mittelalter eine fast beispiellose geschlossene Kirch-
lichkeit zuzugestehen. 141 Aber die Individualisierung des Kirchenbildes, die einsei-
3 Luthers Meßreform im Licht der altkirchlichen Theologie
tige, z. T. gefahrliche (Sühnopfer!) Theologie der Eucharistie mit ihrer Konsequenz der Eucharistie
der Verdinglichung des Sakramentsbegriffes, die überzogene, vom besonderen
Priestertum her entworfene Amtstheologie mit der Folge der Trennung von Klerus
und Laien führten dazu, daß die reichlich vorhandene Frömmigkeit allzu oft in 3.1 Die Rechtfertigungslehre als Kriterium des Gottesdienstes
zumindest fragwürdige Kanäle geleitet wurde, z. T. in eindeutig unchristlich-aber-
gläubische. Ein der paulinischen Rechtfertigungslehre klar widersprechendes Lei-
Wenn im folgenden Teil die Meßreform Martin Luthers am Kriterium der altkircWi-
stungsdenken zeigt sich allenthalben. Die Messe ist nicht Feier des Glaubens
ehen Theologie der Eucharistie geprüft und beurteilt werden so!!, so kann dies nicht
sondern Gnadenmittel, durch das man sich aufgrund entsprechender Leistunge~
so vor sich gehen, daß man die altkirchliche Liturgie und die Lutherschen liturgi-
(Messehören, Hostieschauen) geistliche und materielle Vorteile verschafft.
schen Formulare (bzw. die lutherischen Gottesdienstorpnungen) einfach gegen-
überstellt und unmittelbar miteinander vergleicht. Denn die Liturgiereform Luthers
ist nicht sozusagen endogen, d. h. sie nimmt ihre Prinzipien nicht aus der Liturgie
selbst bzV/_ aus einer aus der Liturgie erhobenen Theologie der Liturgie (und
unterscheidet sich dadurch wesentlich von der nachvatikanischen Liturgiereform
der römisch-katholischen Kirche), sondern sie hat ihren Maßstab im zentralen
Glaubensartikel, und dieser Maßstab wird kritisch an die vorgefundene römische
Liturgie1 angelegt, und nach ihm wird diese "gereinigt".
Der zentrale Glaubensartikel und Maßstab aller Lehre und eben auch des
Gottesdienstes ist die Rechtfertigungslehre als angewandte Christologie. A!!ein der
Glaube an Christus, an seinen Tod "umb unser Sünde willen" und seine Auferste-
hung "umb unser Gerechtigkeit willen"2, nicht Werke des Gesetzes rechtfertigen
den Menschen. "Von diesem Artikel kan man nichts weichen oder nachgeben, Es
falle Hirne! und Erden, oder was nicht bleiben wil" (199 22- 25). Und dieser Artikel
ist auch der Grund für Luthers Kampf gegen die l?apstkirche, und er ist Maßstab
aller christlichen Lehre und allen christlichen Lebens. 3 Nachdem Luther so die
Christologie und Rechtfertigungslehre als den "ersten und Heubtartikel" dargelegt
hat, beginnt er sogleich den "ander Artikel": "Das die Messe im Bapstum mus der
grösseste und schrecklichste Grewel sein, als die stracks und gewaltiglich wider
diesen Heubtartikel strebt ..." (2008- 12).
I Von anderer Perspektive aus betrachtet, fordert auch Luthers Sakramentsbe-
griff die Berücksichtigung der Rechtfertigungslehre als Kriterium für die Beurtei-
lung der Liturgik: Das Sakrament wird von der die Rechtfertigung bestimmenden
Relation promissio - fides her verstanden, und nur von daher: "Man kann nicht
glauben, wenn keine Verheißung da ist, und eine Verheißung wird nicht aufrechter-
halten, wenn sie nicht geglaubt wird. Sind aber beide aufeinander bezogen, so geben
sie den Sakramenten die wahre und sicherste Wirksamkeit. Die Wirksamkeit des

Ich beschränke mich auf die Messe, weil sie sowohl in der römischen wie in der
lutherischen Kirche der Hauptgottesdienst ist. Die Abhandlung der Nebengottesdienste
wie Predigtgottesdienst oder Katechismusgottesdienst würde keine neuen Aspekte brin-
gen.
WA 50/19826- 28 (Schmalkaldische Artikel, 1538).
"Und auff diesem Artikel stehet alles, das wir wider den Bapst, Teufel und Welt leren und
'" Vgl. MaeHer, Frömmigkeit 6f.
leben" (WA 50(19931 -200 1).
Luthers Rechtfertigungs/ehre Rechtfertigungs/ehre als Kriterium des Gottesdienstes 119

Sakramentes abseits von Verheißung und Glaube suchen heißt daher sich umsonst te: "memores ... offerimus ... et petimus" entsprechen. Von diesen Strukture~ her
mühen und die Verdammnis finden. "4 wäre dann die Abendmahlslehre Luthers zu interpretieren, und erst auf diesem
Noch ein weiterer Blickwinkel, unter dem die Liturgie als angewandte Recht- Fundament kann seine praktische liturgische Arbeit gewürdigt werden. Es ist also
fertigungslehre erscheint, läßt sich angeben: Der Gottesdienst wird von Luther, die erste Aufgabe, die Grundstruktur der Rechtfertigung als Verhältnis von Wort
weit über alles Liturgische hinaus, als die Erfüllung des ersten Gebotes bezeichnet: und Glaube zu skizzieren.
"Gleich wie das wort ,Ich byn deyn Gott' das mas und ziel ist, alles was von Gatts
dienst gesagt mag werden ... "5 Gott die Ehre geben, Gott Gott sein lassen: Das
ist der wahre Gottesdienst. dessen Ausdrucksforrn (nicht die einzige!) die Liturgie 3.2 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens
ist. Aber genau das ist auch der letzte Sinn von Luthers Rechtfertigungslehre: die
Gottheit Gottes. 6 Wieder ist es ein außerliturgisches Prinzip, das die Liturgie und
3.2.1 Die Relation promissio ~ jides als Grundstruktur der Rechtfertigung (Rechtfertigung
die Liturgik bestimmt - wieder ist es der Hauptarükel, die Rechtferügungslehre. die
auch den Gottesdienst und folglich die Liturgie normiert.7 als Wortgeschehen)
Von diesem Ausgangspunkt aus war die Meßreform Luthers also eine Kritik
"Die,ganze Gerechtigkeit des Menschen für sein Heil stammt ;1~S de~ Wort durch
an der römischen Messe gemäß dem zentralen GlaubensartikelS, nach dem alle
den Glauben und nicht aus dem Werk durch eigenes Streben. 10 D1eser Satz auS
Werkgerechtigkeit zu verdammen ist. Weil aber in Luthers Augen die römische
der Römerbriefvorlesung tt gibt bereits das Generalthema der Theol~gie Luthers.
Messe als "Opfer" gerade von dieser bestimmt ist, ist die Reform der Messe im
den Kern seiner Rechtfertigungslehrean: Der Mensch wird gerechtferttgt durch den
wesentlichen eine Reinigung von allen gesetzlichen Zutaten. Gleichzeitig wird der
Glauben an das Wort. Die Rechtfertigungslehre wird bestimmt durch die unlösbare
übriggebliebene Kern (die verba testamenti und die Kommunion) deutlich von den
Relation promissio - fides. In der Römerbriefvorlesung ~reilich findet sich diese
ihn umgebenden Zeremonien geschieden und letztere als nicht in den artlculus
endg~ltige Konzeption (wozu wesentlich die U~terscheldun? vo.n Geset~ u~d
iustificationis gehörig relativiert und weitgehend freigestellt. 9 Deshalb sind die
Evangelium gehört12 ) noch nicht13 ; die Rechtferttgungslehre 1st h1er als .,lUStln-
liturgischen Strukturen nicht mehr theologisch so bedeutungsvoll wie in den
catio Dei passiva" gefaßt l 4, d. h., der Mensch wird gerechtfertigt, wenn ~~ Gott
altkirchlichen Liturgien und als unmittelbares Vergleichsobjekt zu den Eucharistie-
rechtfertigt, wenn er Gottes Wort zustimmt, und zwar Gottes Urteil über ihn ~ls
gebeten wenig geeignet. Hier müßte man sofort ein gewaltiges Defizit in der
Sünder. Doch stehen schon hier die Pole "Wort" (sermo) und .,Glaube~' (fides)lffi
Liturgiereform Luth~rs konstatieren. Doch nachdem die Rechtfertigungslehre die
Zentrum: ..Aber dann wird Gott in seinen Worten gerecht gemacht, wenn sein Wort
Eucharistielehre besti'inmt, ist es legitim zu fragen, ob sich in der Rechtfertigung
von uns als gerecht und wahr anerkannt und angenommen wird. Das geschieht
nicht' Strukturen finden, die der Grundstruktur der altkirchlichen Eucharistiegebe~

WA 6/53332- 36 (De captivitate, 1520): Neque enim credi potest, nisi assit promissio, nec 10 WA 56/41522f: Tota Iustitia hominis ad salutem pendet ex verbo per fidem Et non ex
promissio stabilitur, oisi credatur. ambae vero si mutuae sint. faciunt veram et certissi- opere per scientiam.
mam efficatiam sacramentis. Quare e1ficatiam sacramenti citra promissionem et fidem Zur Worttheologie der "Dictata super Psalterium" vgl. Junghaus, Wort Gottes, wonach
querere est frustra niti et damnationem invenire. " das Wort schon dort eine überragende Bedeutung spielt, sodaß Junghans sagen kann:
WA 18/6921 - 23 (Wider die himmlischen Propheten, 1525); vgl. WA 301/13430-38. Vgl. r' Somit wäre die Rechtfertigungslehre nur ein Teil von Luthers Worttheologie ..." (172t)
dazu Vajta, Theologie des Gottesdienstes 3-32. .: Was· die Entwicklung der Worttheologie betrifft, so ist hinzuwei~en .auf die eng.e
Vgl. Althaus, Gottes Gottheit; ders., Theologie Luthers 109-118. Verbindung mit der Exegese Luthers; die Worttheologie - und SO~1t dIe R~c~tfert1­
Zur Spannung von Gottesdienst als Erfüllung des ersten Gebotes, letztlich als Glaube gungslehre überhaupt - hat sich nicht zuletzt aufgrund ?erme~eutlsche: EInsichten
verstanden, und Liturgie vgl. Allwohn, Gottesdienst 94-99. Allwohn resümiert (99): herausgebildet: der Gleichsetzung von Literalsinn und cht1stologlsc~em Smn (vgl. Fr.
"Trotz dieses Hinemwirkens eines endzeitlichen Zielgedankens behält also in Luthers Hahn, Luthers Auslegungsgrundsätze 191f; Ebeling, Art. HermeneutIk 252) und de~sen
praktischem Verhalten doch die Spannllng zwischen Gottesdienst und Litllrgie, zwischen Gott unlösbare Verbindung mit dem tropologischen Sinn (dem "für uns"). Vgl. Ebeltng,
und Mensch, das letzte Wort. In ihr beruht auch allein das Wesen des evangelischen Evangelienauslegung 276f; ders., Art. Hermeneutik 251 ("Die e~ge Verbindung von
Gottesdienstes, denn die Lehre von der Rechtfertigung des Siinders in Glauben, oder, mit Bezug sensus litteralis [Christus] und tropologicus [lides Christi] wurde dIe Urf~rm reformato-
auf den Kultus, die Lehre von der Hinweistdtg der Liturgie durch den Glauben, ist der rischer Rechtfertigungslehre"); Liebing, Art. Schriftauslegung 1528f; Betntker, Verbum
articulus stantis et cadentis ecc1esiae." Ich werde allerdings den Begriff "Gottesdienst"
weitgehend synonym zu "Liturgie" verwenden. Domini 165. ... . /338 -
Diese findet sich gelegentlich schon 10 der Romerbrlefvorlesung: vgl. WA 56 18 20..
Vgl. Cornehl, Art. Gottesdienst 55f: "Die Prinzipien, nach denen die Neuordnung des "
13 Gelegentlich wird sie allerdings auch hier bereits ausge~pr~)Chen. Vgl. WA 56/45 15f: Q~la
Gottesdienstwesens erfolgte, lassen sich als angewandte Rechtfertigungslehre beschrei- fides et promissio sunt relativa; ideo cessante promlsslOne cessat et fides et aboltta
ben." promissione auffertur et fides et econtra.. .
Vgl. Niebergall, Auffassung vom Gottesdienst 29. Vgl. Holl, Rechtfertigungslehre; Peseh, TheologIe der Rechtfertigung 166f.
120 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung als Wortgeschehen 121

durch den Glauben an seine Worte. «15 Freilich wird neben dem Glauben als niemals hat Gott (wie ich gesagt habe) anders mit den Menschen verkehrt oder
Voraussetzung der Rechtfertigung die Demut (humilitas) genannt 16 , sodaß man verkehrt er als durch das Wort der Verheißung. Wiederum können wir niemals
die Rechtfertigungslehre der Römerbriefvorlesung öfters als vorreformatorische anders mit Gott verkehren als durch den Glauben an das Wort seiner Verhei-
Humilitas-Theologie betrachtet, in der nicht der Glaube, sondern die Tugend der ßung. "23 Dabei ist das Wort nicht die vorausgehende Bedingung für den Glauben,
Demut rechtfertigt, die aus dem Glauben fließt. 1? Es ist aber klar festzuhalten, daß denn dann wäre der Glaube ein Werk, sondern Wort und Glaube sind zugleich, sind
mit humilitas nicht eine ..Mönchstugend« gemeint ist, sondern eine göttliche Akti- letztlich zwei Seiten derselben Sache; das Wort schafft den Glauben: "Der Glaube ist
vität, "die in sich auch eine menschliche einschließt"18, die als Wirkung Gottes als aber nichts anderes als das, was Gott verheißt oder sagt, zu glauben ... Daher sind das
Grund der Rechtfertigung bezeichnet werden kann. 19 Als göttliches Werk ist die Wort und der Glaube notwendigerweise zugleich, und ohne das Wort kann der
Demut in der Römerbriefvorlesung klar gegen jede Werkgerechtigkeit abgegrenzt Glaube unmöglich da sein, wie es Jes 55 heißt: Das Wort, das aus meinem Mund
und letztlich wohl identisch mit dem Glauben, allerdings unter dem Aspekt der kommt, wird nicht leer zu mir zurückkehren USW."24 Der Glaube ist also kein·
Wirkung am Menschen betrachtet. Auch die endgültige Konzeption mit ihrer Zweites zusätzlich zum Wort25 , sondern ist die Aufnahme eben dieses Wortes, die
zentralen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium betont als Amt des Gesetzes aber nicht der Mensch steuern kann, sondern nur Gott selbst ermöglicht. Das Wort
die Hinftihrung zur Erkenntnis der Sündhaftigkeit und infolgedessen die Selbstan- ist nämlich nicht bloß informierendes Wort, das dem Hörer etwas vorlegt, was es
klage und die Demut und unterscheidet sich wohl nicht wesentlich von der spezifi- selbst nicht ist; sondern das Wort Gottes, die promissio, bewirkt, was eS verheißt.
schen Fassung der Rechtfertigungslehre in der Römerbriefvorlesung. 2o Es er- Luther hat die das Mittelalter bestimmende SigniEkationshermeneutik überwun-
scheinen jedenfalls bereits hier Formulierungen, die das "sola fide" beinhalten und den. 26 Das Wort ist also sakrame.t;:tales Wort: "Und das ist es, was ich sakramental
den absoluten Geschenkchamkter der Rechtfertigung außer Zweifel stellen: "Aber nenne, d. h. alle Worte, alle Geschichten des Evangeliums sind gewissermaßen Sakra-
nur im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbar ... allein durch den mente, d. h. heilige Zeichen, durch welche Gott in den Glaubenden das bewirkt, was
Glauben, mit dem an das Wort Gottes geglaubt wird. "21 jene Geschichten bedeuten."27 Das Wort wird von Luther den Sakramenten völlig
Die klassische Ausprägung der Rechtfertigungslehre als Verhältnis von Wort gleichgestellt, da in ihm das Heil gewirkt wird: "So wie die Taufe ein Sakrament ist,
und Glaube, promissio und fides, Enden wir einige Jahre später. Ende 1519 schreibt durch das Gott den Menschen erneuert usw., wie die Buße ein Sakrament ist, durch
Luther an Spalatin: ,,'" denn ohne das Wort des Verheißenden und den Glauben des das Gott die Sünden vergibt, so sind die Worte Christi Sakramente, durch die er unser
Annehmenden ka1\n es für uns kein Verhältnis zu Gott geben. "22 Ganz klar entwik- Heil wirkt. Daher ist das Evangelium sakramental zu verstehen, d. h. die Worte
kelt ist diese Konzeption in den Schriften des Jahres 1520. Wort und Glaube sind die Christi sind gleichsam als Symbole zu betrachten, durch welche eben jene Gerechtig-
grundlegende, die einzig mögliche Weise des Verkehrs von Gott und Mensch: "Denn keit, jene Kraft und jenes Heil gegeben wird, das die Worte in sich enthalten."28

WA 56/21226- 28 : Sed tune Iustificatur Deus in sermonibus suis, quando Jermo eius a nobis WA 6/516 30- 32 (De captivitate, 1520); Negue enim deus, ut dixi, aliter cum hominibus
lustus et verax reputatur et suscipitur, quod lit per jidem in eloquia eius. VgL WA unquam egit aut agit quam verba promissionis. Rursus, nee nos eum deo unguam agere
56/226 23- 25 . aliter possumus quam .lide in verbum promissionis eius. Vgl. WA 6/3563- 19; WA
"17 WA 56/2134f: Iustificatur ergo in iis, gui humiliati sensu suo cedunt et huic credunt. 9/4467 - 11 ; WA 7/32135.-322 12•
So vor allem Bizer, Fides ex auditu 51f; ihm folgt u. a. Brecht, Luther I 135-137. WA 2/13 18- 22 (Acta Augustana, 1518): Fides autem est nihil aliud guam illud, guod deus
" Wertelius, Gratio continua 249. promittit aut dicit, credere .. '. Ideo verbum et lides necessario simul sunt et sine verba
" Vgl. die Formulierungen mit "propter": z; B. WA 56/26928f; Deo autem propter hanc
confessionem peccati eos reputanti Iusti; WA 56/28721 ; WA 56/28921. Vgl. auch WA
impossibile est esse .lidem, ut Isa: Iv. Verbum, quod egreditur de ore meo, non revertetur
ad me vacuum ete. WA 6/514 13- 16 : Ubi enim est verbum promittentis dei, ibi necessaria
56/370 19f: Et ista humilitas et compunetio in bonis operibus facit ea esse grata. Es findet est fides acceptantis hominis, ut clarum sit initium salutis nostrae esse lidern, quae
sieh übrigens auch beim späteren, unbestritten "voll-reformatorischen" Luther ein pendeat in verbo promittentis dei.
"propter fidem"; z. B. WA 40I/40829- 32 . Vgl. Holl, Rechtfertigungslehre 105. 25 Vgl. Ebeling, Evangelienauslegung 382: "Der Glaube bringt nichts Neues zu dem Wort
'"21 Vgl. Pesch, Theologie der Rechtfertigung 203.
WA 56/171 2&-172 1: Sed in solo euangelio revelatur Iustitia Dei ... per solam lidem, qua
hinzu, sondern ist das Wirksamwerden des Wortes als das, was es zu sein beansprucht;
als Gottes Wort."
Dei verbo creditur. Vgl. WA 56/227 18-228 2 : Iustifieatio Dei passiva et activa et lides seu 26 VgL WATR 4/6668f (Nr. 5106) (1540): Duplicia sunt signa: Philosophica et theologiea.
credulitas in ipsum sunt idem. Quia Quod nos eius sermones Iustilicamus, donum ipsius Signum philosophicum esr nota absentis rei, signum theologicum est nota praesentis rei.
est, ac propter [1] idem donum ipse nos Iustos habet i.e. Iustilicat. Et sermones eius non WA 9/4402- 5 (Predigt am Weihnachtstag 1519): Atgue hoc est, quod dieo sacramentali-
Iustificamus, nisi dum credimus eos Iustos etc. - Die "iustificatio Dei passiva" erscheint ter, hoc est, omnia verba, omnes historie Euangelice sunt saeramenta quedam, hoc est
auch noch in späteren Predigten Luthers gelegentlich: vgl. Seeberg, Luthers Theologie sacra signa, per gue in credentibus deus efficit, quieguid ille historie designant.
11 289. WA 9/4407- 12 : Sieut baptismus est sacramentum quoddam, per guod deus instaurat
22
WABr lj595 23f (Brief an Spalatin v. 18. 12. 1519): ... cum sine verba promittentis et fide hominem etc., Sicut absolutio est saeramentum, per guod deus dimittir peccata, Ita verba
susdpientis nihil possit nobis esse eum Deo negotii. Christi sunt sacramenta, per que operatur salutem nostram. Itague sacramentaliter
122 Struktur des Rechtjertigungsgeschehens 123
Rechtfertigung als Wortgeschehen

Der Grund dafür, daß das Wort wirkt, was es enthält, daß es also den Glauben "Jenes innere [Wort] aber ist im Klang, in der Stimme, in den Buchstaben eingewik-
schafft, ist die Tatsache, daß im Wort der Geist zum Menschen kommt.29 Der kelt wie der Honig in der Wabe, der Kern in der Schale, das Mark in der Rinde, das
Geist ist nicht absolut, aber aus dem Offenbarungswillen Gottes· heraus30 an das Leben im Fleisch und das Wort im Fleisch.«35 Größten Nachdruck legt Luther auf
Wort gebunden. 3! Im Wort der Verkündigung ist der Geist enthalten, und er den Primat des äußeren Wortes vor dem inneren - wobei das innere nach wie vor
wirkt den Glauben. Gegen die Schwärmer, gegen ihre Auffassung von der Umrut- das Ziel des äußeren Wortes bleibt, aber eben nur durch das äußere Wort gewirkt
telbarkeit des Geistes, betont Luther immer wieder die Wortgebundenheit des wird - im Kampf mit den Schwärmern, so in "Wider die himmlischen Propheten":
Geistes, so etwa in der gegen Karlstadt gerichteten Streitschrift "Wider die himmli- "So nu Gott seyn heyliges Euangelion hat auslassen gehen, handelt er mit uns auff
schen Propheten" von 1525: "Zu erst vor allen wercken und dingen höret man das zweyerley weyse. Eyn mal eusserlich, das ander mal ynnerlich. EusserIich handelt
wort Gottes, Darynn der geyst die wellt umb die sünde strafft, Joan. 16. Wenn die er mit uns durchs mündliche wort des Euangelij und durch leypliche zeychen, alls
iünde erkennet ist, höret man von der gnade Christi, ] m selben wort kompt dergryst da ist Tauffe und Sacrament. Ynnerlich handelt er mit uns durch den heyligen geyst
rindgibt den glauben, wo und wUchern er will, Darnach geht an die tödtung und das und glauben sampt andern gaben. Aber das alle§, der massen und der ordenung, das
:reutz und die werck der liebe. Wer dyr eyne andere ordnung furschlegt, der die eusserlichen stucke sollen und müssen vorgehen. Und die ynnerlichen hernach und durch
~weyffel nicht, es sey der teuffel, wie dieser Carlstater geyst ist ... " (WA 18/13920~26). die eusserlichen kamen, also das ers beschlossen hat, keinem menschen die ynnerli-
Der Glaube ist also Werk des Heiligen Geistes im Wort32 , aber der Geist. wirkt ehen stuck zu geben on durch die eusserlichen stucke. Denn er will niemant den
:lieses sein Werk eben nur durch das Wort. Dadurch wird nicht nur die schwärmeri.,. geyst noch glauben geben on das eusserliche wort und zeychen, so er dazu eynge-
;che Geistunmittelbarkeit abgewehrt, sondern es wird auch gewährleistet, daß der setzt hat ..."36 Die klassische Formulierung findet sich in den "Schmalkaldischen
Jeist immer dem Menschen gegenübersteht, daß er nie in den Besitz des Menschen Artikeln": "Und jnn diesen stücken, so das mündlich, eusserlich wort betreffen, ist
ibergeht, sodaß dieser ,über den Geist verfügen könnte. 33 Das Wort trifft der fest darauff zu bleiben, das Gott niemand seinen Geist oder gnade gibt on durch
~enschen von außen, so bleibt der Geist immer "extra nos", das ganze Rechtfertl- oder mit dem vorgehend eusserlichem wort, Damit wir uns bewaren fur den
~ungsgeschehen im Verhältnis von Wort und Glaube bleibt Gottes Werk,-ist in Enthusiasten, das ist geistern, so sich rhümen, on und vor dem wort den geist zu
:einer Phase von der persönlichen Disposition des Menschen abhängig. haben, und darnach die Schrifft oder mündlich wort richten, deuten und dehnen jres
Die Externität des rechtfertigenden Handelns Gottes durch sein Wort ist gefallens .. /'37 Das äußere Wort ist also das "Vehikel"38, das den Geist bringt,
;esichert, weil das gliubenschaffende Wort immer das äußere Wort ist, verbum es vermittelt das innere Wort, und die Rechtfertigung des Sünders beruht letztlich
xternum, d. h. konkret das mündliche Wort der Predigt, das einen immer von auf .diesem, das doch ausschließlich durch das äußere Wort vermittelt ist. 39 Ist
ußen trifft. Schon in einer frühen Predigt - am Weihnachtstag 1514 -'unterscheidet dieses immer neu ergehendes aktuelles Geschehen, so ist das, was es enthält, die
,uther zwischen "verbum internum" und "verbum externum", wobei das innere Konstante, der immer gleich bleibende Grund der Rechtfertigung: Jesus Christus.
Vort als das eigentliche Ziel34 in das äußere Wort gleichsam eingewickelt ist: Die Identität von Wort und Christus40 ist das Fundament der Worttheologie,
damit der Rechtfertigungslehre Luthers. Das Wort ist letztlich Christus, das äußere
notandum eSt Euangelium, idest verba Christi sunt meditanda tamquam symbola, per
que detur illa ipsa iustida, virtus, ~alus, quam ipsa verba pre se ferunt. Vgl. 44223-28. _ '35 WA 1/2913-15: Interius illud [verbum] autem sono, voce, literis est involutum, sicut mel
Zur Sakramentalität des Wortes vgl. H. Bornkamm, Wort Gottes 18f; Ebeling, EvangeIi- ~infavo, nucleus in testa, medulla in cortice, vita in came et verbum in carne.
enauslegung 371f; Peseh, Sakramente 297; Zur Mühlen, Augustinische Sakramentsfor- 36 WA 18/1369-18. Vgl. WA 43/7133-37: Nemo igitur consequetur salutem spiritualibus, ut
mel 73; Slenczka, Art. Glaube 321. vocant, speculationibus, sine externis rebus. Verba attendendum est, Baptismus peten-
Vgl. H.Bornkamm, ebd. 9-18; Prenter, Spiritus Creator 107-132; Pinomaa, Sieg des dus. sumenda Eucharistia, absolutio requirenda. Haec quidem omnia externa sunt, sed
Glaubens 125-134; Pesch, Theologie der Rechtfertigung 259f; Führer, Wort Gottes 118f. in verbum inclusa. Igitur sine eis spiritus sanctus nihil operatur (Genesis-Vorlesung
Hier spielt zweifellos der noqlinalistische Gedanke der "potentia Dei ordinata", wie auch 1535-45). Vgl. WA 401l{4111-9.
sonst oft bei Luther (wohl auch im Amtsverständnis: der Amtsträger hat für diegcordnctc 37 WA 50/2451-9. Vgl. WA 50/24624-29: "Darumb sollen und müssen wir darauffbeharren,
Wortverkündigung und Sakramentenspendung zu sorgen), eine wichtige Rolle. das Gott nicht wil mit uns Menschen handeln, denn durch sein eusserlich wort und
Vgl. Prenter, Spiritus Creator 126. Sacrament. Alles aber was on solch wort und Sacrament vom Geist gerhümet wird, das
WA 11/11211 - 15: Spiritus autem imprimit hanc praedicationem incm, ut haereat. Chri- ist der Teufel."
stus fecit omnia:, martern superavit, dominus omnium per eum etc. sed thesaurus non est 38 WA 25/33634-36: Euangelion igitur est ceu vehiculum quoddam, per quod ad nos
dispersus, sed spiritus sanctus hoc fadt et dicit in cor tibi, ut fateri debes te unum esse defertur Christus cum iusticia sua et omnibus donis suis (Jesaja-Vorlesung).
ex his, quas Christus redemit, turn cor hominis wirt lustig erga deum ... (Predigt am 39 Vgl. Zur Mühlen, Nos extra nos 229.
Pfingstsonntag 1523). 4{l Vgl. dazu H.Bomkamm. Wort Gottes 21f; Seeberg, Luthers Theologie 11 248f.338f;
Vgl. Hauschild, Art. Geist 209. Vajta, Theologie des Gottesdienstes 120; Peseh, Theologie der Rechtfertigung 224f;
WA 1/2321 - 23: primum est internum, guod propriissime dicitur verbum, et perfectissi- Beintker, Luthers Gotteserfahrung 51 (,,]esus ist der Christus Gottes als Verbum
mum est et repraesentativum et indicativum Filii Dei. Domini, und Gott ist in ]esus Christus offenbar durch sein Wort").
124 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung als Wortgeschehen 125

Predigtwort bringt Christus als das "innere Wort" an den Menschen heran" das solo Gottes, für den je Hörenden vom "verbum incarnatum" unterschieden ist. Diese
verbo" - "sola fide" wurzelt im "solus Christus".41 Christus ist ei~ige
die Perspektive entwickelt Luther etwa in einer Tischrede von August 1540. Nachdem
Möglichkeit, durch die der Mensch Gott finden kann, denn mit dem .,Deus nudus" er die Einheit des Wortes Christi mit dem Wort des kirchlichen Amtsträgers
kann er nicht kommunizieren. Deshalb hat Gott sich mit dem Wort "bekleidet" und festgestellt hat, wird er gefragt: "Herr Doktor, aber besteht nicht ein Unterschied
tritt so, als Wort, als fleischgeworclenes Wort4 2, mit dem Menschen in Verhin- zwischen dem Wort, das Fleisch geworden ist, und dem Wort, das von Christus oder
dung: .,Deshalb verstehe niemand David dahingehend, daß er mit dem absoluten dem Amtsdiener ausgesprochen wird? - Durchaus!. antwortete er. Jenes ist das
Gott spricht, sondern er spricht mit Gott, der sich mit seinem Wort und seinen inkarnierte Wort. das von Anfang wahrer Gott war; dieses ein ausgesprochenes
Verheißungen bekleidet hat, damit vom Namen Gottes Christus nicht ausgeschlossen Wort. Jenes Wort ist wesenhaft Gott; dieses Wort bezüglich der Wirkung, es ist die
wird, über den die Verheißung von Gott an Adam und die anderen Patriarchen Macht und die Kraft Gottes, nicht wesenhaft Gott, denn es ist Gehabe eines
ergangen ist. "43 Dieses Wort, mit dem sich Gott bekleidet und durch das er sich Menschen, Christi oder des Amtsdieners. Aber dennoch bewirkt es alles, was es
offenbart, ist eben Jesus Christus, und zwar als der Inkarnierte und Gekreuzigte. 44 sagt. Denn durch dieses Werkzeug handelt Gott mit uns, bewirkt er alles und reicht
Dies betont Luther vor allem in seinen Auslegungen zu joh 1, so in der Festpostille uns alle seine Schätze. "47 Das mündliche Wort ist das Instrument, dessen Gott sich
von 1527: "Hie nympt nu Sanct Johannes das dritte gleichnis und nennet yhn ein bedient"8',um das allein heilschaffende Wort--Christus den Gläubigen zuzuwenden,
wort ... Mein wort, das ich rede, ist nicht anders denn eyn syge1 und bylde meins es enthält Christus, vergegenwärtigt ihn für den gläubigen Hörer des Wortes. 49
hertzen, das, wer mich höret, der sihet, was ich ym hertzen habe. "45 Durch den Das Heil hat sich in Christus schon ereignet, aber der Schatz Christi muß ausgeteilt,
Glauben an dieses Wort, das Christus ist in seiner einmaligen Geschichtlichkeit, "in den Brauch gebracht" werden. 50 Luthers Worttheologie ist daher sehr wohl
wird der Mensch gerechtfertigt. 46 vom heilsgeschichtlichen Denker: bestimmt, ist nicht dessen Auflösung in ein
Das aktuale, konkrete Rechtfertigungsgeschehen durch das äußere, mündliche aktuaJistisch-existentiales Wortgeschehen, wonach die Offenbarung Gottes sich
Wort der Verkündigung vereinigt also zwei Ebenen: das Wort im Vollsinn, das immer erst je ganz neu in der aktualen Realisierung der Wort-Glaube-Beziehung am
letztlich allein heilschaffende Wort, ist Christus, der durch sein Kreuz und seine einzelnen Menschen ereignet.5 1
Auferstehung die Gerechtigkeit vor Gott erworben hat. Dieses Wort, das "innere
Wort" (wie Luther freilich nicht durchgängig sagt), ist der Grund für die Heilswirk- 47 WATR 4/695 16-6922 (Nt. 5177): Domine Doctor, sed interestne inter verbum illud,
guod care factum est, et verbum a Christo prolatum vel aministre? - Maxime! inguit.
samkeit des konkr~"ten Wortes der Predigt, welches als Austeilung des inneren
Illud est verbum incarnatum, guod fuit a principio verus Deus, hoc verbum prolatum;
Wortes durch den Geist, als Applikation des Heilswerkes Christi, des Wortes illud verbum cest substantialiter Deus, hoc verbum effective, est potentia Dei et virtus,
non substantialiter Deus, nam est habitus hominis sive Christi sive ministri. Sed effidt
Vgl. Ebeling, Art. Luther 506. Bei Ebeling findet sich der Hinweis auf die Identität von tarnen omnia, guae dicit. Nam per hoc instrumentum Deus oobiscum agit et facit omnia
Wort und Christus als Grund für die heilschaffende Macht des aktualen Wortgeschehens et offert nobis QInnes suos thesauros.
selten, freilich fußt seine hermeneutische Betrachtungsweise auf der Identität von sensus 48. Daher die göttliche Stiftung des kirchlichen Amtes als "ministerium verbi"!
litteralis und sensus christologicus. 49 Vgl. Prenter, Spiritus Creator 126f; Kinder, Art. Rechtfertigung 834f.
Vgl. die Unterscheidung zwischen "verbum increatum" und "verbum incarnatum" in 50 r' Vgl. WA 171/72-6 (Predigt v. 8. 1. 1525): Si vis Christum reperire, oportet adeo nudus
der Römerbriefvorlesung: WA 56/29927-3005. sis, Ut etiam cadas ab humanitate eius, nempe guod sapiens et gratia plenus. Si centies
WA 40II/32926- 29 (Enarratio ps. LI, Druck 1538): Quare nemo intelligat Davidem loqui crucifixus esset, nihil esset, nisi verbum accedat eum cruci6xum et sepultum. Nihil
cum Deo absolute, sed loquitur cum DeQ veslilo el indulo verbo el promissionibus suis, ne invenies solatii nisi per verbum dei, quod deus per Christum loquitur et Apostolos. - WA
excludatur a nomine Dei Christus, de guo a Deo est facta premissio ad Adamum et alios 26/29631-2979 (Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis, 1528): "... wie die geschieht und
Patriarchas. VgL die handschriftliche Fassung (1532): Qui vult salvus fieri, relinquat brauch des leidens Christi nicht ein ding sey, factum et applicatio facti seu factum et usus
deum in Maiestate, guia iste et humana creatura sunt inimici. Sed illum deum apprehen- facti, Denn Christus leiden ist wol nür ein mal am creutz geschehen, Aber wem were das
das, quem David, qui est vestitus suis promissionibus, ut Christus adsit ... Den Gott mus nütz, wo es nicht ausgeteilet, angelegt und ynn brauch bracht wurde? Wie sols aber ynn
man haben, oe sit nudus deus da cum nudo homine (WA 40II/3299-3302). Vgl. Iwand, brauch komen und aus geteilet werden on durchs wort und sacrament?" Vgl. WA
Luthers Theologie 210: "Das Dasein des Wortes Gottes unter uns ist das Dasein Gottes 9/66624-26; WA 301/1886- 17 .

.. Ein aktualistisch-existentiales Wortverständnis findet Mann, Abendmahl 48-55, in Lu-


51
mitten uoter uns. Und ein anderes Dasein Gottes gibt es nicht."
Vgl. Fr. Hahn, Luthers Auslegungsgrundsätze 193f. thers Ausfuhrungen über die Messe als "testamentum" Christi. In solchem Zusammen-
45 WA 17II/31427- 30 . Vgl. 315 11 - 14; 31626- 33 ; WA 46/5439-13. hang spricht Luther vom Kreuzestod Christi als "Zeichen und Siegel" der Verheißung,
WA 17II/3261H6: "Da beschleussit ers nu alles, wie es alles umb unsern willen zu thuen als ob die Sündenvergebung nicht historisch durch den Kreuzestod gewirkt wäre,
" ist, Weil wir Gottes kinder solten werden durch den glauben an das WOrt, hat sich das sondern nur aktuell im Glauben des je Einzelnen an das Verheißungswort sich ereigne:
wort müssen uns offenbaren und fleisch, das ist, ein natürlicher mensch werden, Und hat vgl. WA 6/358 18-23; WA 6/51314-33; WA 9/447 13- 15 (Est ergo hec sentencia verborum
unter uns gewonet, das ist, ist mit uns umbgangen, alle menschliche notturfft und Christi: Ego testor aut lego vobis iam moriturus remissionem peccatorum. Et 1/1 certi sitis
geprechlickeit angenomen, ja sich geeussert der Göttlichen Maiestet. .." Vgl. WA testamentum meum irrevocabile esse, ecce iam moriar. Predigt v. 8. 4. 1520). Mann
°.
46/631 27- 3 folgert: "Glaube ist allein Annahme des la"gtich neu von Gott selbst an mich ergehenden
126 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung als Wartgeschehen 127

Das glaubenschaffende Wort, das Christus ist, bewirkt den "fröhlichen Wech- evangelii", trifft und in ihm den allein heilsnotwendigen Glauben schafft, gerecht-
sel" zwischen Christus und dem Sünder: Christus nimmt die Sünde des Menschen spricht, indem er ihm die iustitia Christi anrechnet - die Rechtfertigung ist also ein
auf sich, der Mensch erhält die Gerechtigkeit Christi zugesprochen. Sachlich er- trinitarisches Geschehen, und das ist das Tiefste, was von ihr ausgesagt werden
scheint die Vorstellung vom Wechsel schon in der Römerbriefvorlesung52, termi- kann. Luthers Theologie ist nicht christomonistisch, sondern Gott als der Dreifalti-
nologisch ist sie zuerst in den "Operationes in Psalmos" greifbar (AWA 2/45125), ge vollbringt sein begnadendes Werk am Sünder, der in reiner Passivität dieses
klar entwickelt wird sie in der Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" Gnadenhandeln an sich geschehen lassen muß. Diese trinitarische Perspektive legt
(WA 7/2534.:-26 12). Christus und der Gläubige sind wie Bräutigam und Braut, welche Luther natürlich weniger in seinen polemischen Schriften vor, wo er gegen die
alles gemeinsam haben. Dadurch beginnt Christus im Gläubigen zu leben und zu falsche Werkgerechtigkeit das Werk Christi (über-)scharf betonen muß, aber in den
wirken: "Denn der Glaube an Christus bewirkt, daß er in mir lebt und sich bewegt zusammenfassenden Darlegungen seiner Lehre kommt sie in aller Deutlichkeit zum
und handelt, nicht anders als eine heilsame Salbe auf einen kranken Körper wirkt; Vorschein, wie z. B. im Großen Katechismus, wo er seine Erklärung des Glaubens-
und wir werden mit Christus ein Fleisch und ein Leib durch die innigste und bekenntnisses unter dieser zentralen Sicht zusammenfaßt: "Denn er [der Vater] hat
unaussprechliche Umwandlung unserer Sünde in seine Gerechtigkeit - sowie es uns uns eben da zu geschaffen, das er uns erlösete und heiligte, und uber das er uns alles
das ehrwürdige Altarsakrament darstellt, wo Brot und Wein in Christi Fleisch und geben und eingethan hatte, was yhm hymel utJ-d auff erden ist, hat er uns auch seinen .
Blut umgewandelt werden. "53 Hier ist vom Prozeß der Rechtfertigung die Rede, San und· Heiligen geist geben, durch welche er uns zu sich brechte. Denn wir
vom ständigen Verwandeltwerden, wovon im nächsten Abschnitt zu handeln ist. künden ... nymer mehr dazu kamen, das wir des vaters hulde und gnade erkenneten
Und diese Wandlung wird in der eucharistischen Wandlung repräsentiert: wie in den on durch den HERRN Christum, der ein spiegel ist des veterlichen hertzens, ausser
altkirchlichen Epiklesen mit ihrem Wandlungs- und Kommunionteil. welchem wir nichts sehen denn einen zornigen und schrecklichen Richter. Von
Die Rechtfertigung als Wortgeschehen ist letztlich Tat Gottes des Vaters, der Christo aber kündten wir auch nichts wissen, wo es nicht durch den Heiligen geist
den Sünder "propter Christum", wegen des Verdienstes seines Sohnes, 'im Heiligen offenbaret were. "54
Geist, der den Menschen im mündlichen Wort der Verkündigung, der "viva vax Diese Skizze der Rechtfertigung solo verba - sola fidehat nicht alle konstituti-
ven Aspekte zur Sprache gebracht, vor allem bezüglich des Glaubens (ndes specia-
Verheißungswones, eine Annahme, welche ihrerseits durch eben dieses Verheißungs- list). Sie muß im nächsten Teil, wenn nach dem Verhältnis des Lutherschen Glau-
wort bewirkt wird, indem mir Gott mit diesem seinem Wort den Glauben eingießt" (55, bensbegriifes zur altkirchlichen Anamnese gefragt· wird, entsprechend entfaltet und
Hervorhebung von R. M.). Eine solch einseitige Sicht preßt jedoch einige in einem ergänz~ werden. Doch hat sie für unsere Fragestellung klargestellt, daß die liturgi'7
bestimmten KotH;ext stehende Aussagen, welche auf die Idee der Messe als Testament
abzielen und nicht auf die Bedeutung des Kreuzestodes, während doch sonst überall ganz sehe Gestaltung des Gottesdienstes, in dem Gott an uns handelt, am Kriterium des
deutlich die eimigartige Heilsbedeutung des Todes Christi entgegentritt. Es ist verfehlt, Wortes zu bemessen ist, daß die Liturgie nur als Wortgeschehen recht zu verstehen
Luther aufgrund dieser Stellen - wenigstens für die Zeit um 1520 - heilsgeschichtliches ist und nicht die Riten und Zeremonien nach ihrer möglichen Nähe (oder Ferne) zur
Denken abzusprechen, wie es Mann tut (ebd. 50). Eine solch einseitige Worttheologie liturgischen Tradition der Alten Kirche zu befragen sind. Neben das Wort als
findet sich auch bei Bizer, Fides ex auditu 122: "Aber nicht das Kreuz ist die Gnade, auch Gnadenmittel tritt bei Luther nicht der Ritus (die Feier), sondern das Sakrament im
nicht das im Glauben angeschaute oder gedeutete Kreuz und nicht das geduldig getrage-
ne Kreuz, sondern das Wort und der Glaube an das Wort." Als ob man Wort und Kreuz mittelalterlichen, dinghaften Sinn als leibliches Zeichen, das nicht zu feiern, sondern
trennen könnte! Diese verzerrenden Einseitigkeiten ergeben sich aus der Nicht-Beach- zu empfangen ist, in der Messe also die in und unter Brot und Wein gegenwärtigen
tung der fundamental christologischen Bedeutung des Wortes. ~ Auch das Offenba- Gaben des Leibes und Blutes Christi. Der' Gottesdienst ist also wesentlich ein
rungsverständnis. das E. Herms in "Einheit der Christen in der Gemeinschaft der pe'rsonales Geschehen zwischen dem durch seine "promissio" redenden GOtt und
Kirchen" (Göttingen 1984) als das genuin reformatorische bezeichnet (96-108), krankt
am gleichen Mangel. Offenbarung wird von Herms nur als ein je neu sich ereignendes dem durch die "fides" antwortenden Menschen, dem die eher dinghaft gedachte
Geistesgeschehen am einzelnen Menschen gesehen; das historische Heilswerk Christi ist somatische Realpräsenz zugeordnet ist. Auch der Gottesdienst wird bestimmt durch
nicht selbst Offenbarung, sondern nur deren Inhalt. Hier ist tatsächlich vom heilsge- die grundlegende Relation "promissio - fides".
schichtlichen Denken sehr wenig zu spüren.
52 WA 56/20417- 21 : Hic autem satisfedt, hic Iustus est, hic meadefensio, hic· pro me
mortuus est, hic suam iusddam meam fedt et meum peccatum suum fecit. Quod si 3.2.2 Rechtfertigung als Pr'zeß
peccatum meum suum fecit, iarn ego illud non habeo et sum libero Si autem Iustitiam
suam meam fedt, iam Iustus ego sum eadem Iustitia, qua ille. Die "solo verba - sola fide" erfolgende Rechtfertigung des Sünders ist nicht mit der
AWA 2/547 16- 21 (Operationes in Psalmos): Fides enim in Christum facit eum in me grundlegenden Imputation der Gerechtigkeit Christi (bzw. mit der Nicht-Imputa-
vivere et moveri et agere; non secus atque salutare ugentum in aegrum corpus agit
efficimurque cum Christo una caro et unum corpus per intimam et ineffabilem transmuta- tion der Sünde) in dem Augenblick, in dem der Mensch glaubt (d. h. in dem das Wort
donem peccati nostri in illius iustitiam ~ sieut nobis repraesentat venerabile altaris
sacramentum, ubi panis et vinum in Christi carnem et sanguinem transformantur. 54 WA 301/19136--1928. Vgl. WA 26/5053&-50612; WA 7/21825 - 32 •
Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung als Prozeß 129

Glauben schafft), abgeschlossen. Durch diese Imputation ist der Sünder es ein ins Krankenhaus eingelieferter Halbtoter anzeigt, der nach der Versorgung
sic:he:rlich total unter die Gnade Gottes gestellt, von Gott angenommen und total seiner Wunden nicht als Gesunder, sondern als Gesundzumachender aufgenommen
gerechtfertigt. Aber dieser Akt Gottes läßt im Menschen einen Prozeß beginnen, in ist. "58 In diesem Text ist sehr deutlich die Bedeutung des Gebetes im Prozeß der
dem er mehr und mehr fortschreitet (d. h. durch das Handeln Gottes hingeführt wird) Rechtfertigung ausgesprochen, welche Thema des nächsten Abschnittes sein wird.
auf die endgültige Gerecht~gkeit, die "nova creatura", die erst im Tod erreicht wird. Schon aus der Römerbriefvorlesung erkennen wir: Der Gerechtfertigte steht in der
Der Gerechtfertigte bleibt, solange er lebt, Sünder und kann als solcher das Gesetz Spannung zwischen dem Schon-gerechtfertigt-Sein, und zwar ganz, nämlich impu-
nicht erfüllen, aber der ihm im Wort geschenkte Heilige Geist bringt bereits gute tativ, und dem. Noch-Nicht der vollen Gerechtigkeit, zu der er durch das Werk des
Werke hervor, wirkt die "sanatio", die .,vivificatio", "sanctificatio" des Gerechtfer": Heiligen Geistes hingeführt wird, die aber zeit seines Lebens nie seine eigene·
tigten. 55 Dieser lebenslange Prozeß der Rechtfertigung, in dem der Mensch steht, Gerechtigkeit ist, die er nur als immer neues Wirken Gottes erbitten kann.
soll nun anhand einiger bedeutender Schriften Luthers nachgezeichnet werden. Die Liebe Gottes, die Erfüllung des ersten Gebotes, als die Vollendung der
Schon in der Römerbriefvorlesung56 erscheint die ftir diesen Zusammenhang Rechtfertigung kann durch den Menschen selbst, auch im Status des "simul iustus
klassische Formel "simul iustus et peccator". Der Sünder ist durch die "reputatio" et peccator", nicht erbracht werden; nur durch Christus ist ihm diese Gottesliebe
Gottes schon gerechtfertigt, aber er bleibt ~ vom Menschen aus betrachtet - Sünder, anfanghaft geschenkt. In der Hebräerbriefvorlesung, im Scholion zu Hebr 1,9, stellt
er ist ..peccator in re, iustus in spe" r:tl A 56/269 30 ). Doch die Sünde hat im .,simul Luther Christus als den einzigen, der die Gerechtigkeit liebt und das Unrecht haßt,
iustus et peccator" keine Macht mehr, sie herrscht nicht mehr (WA 56/27131-2721). dem Menschen gegenüber, der die Gerechtigkeit haßt und das Unrecht liebt. Der
Der Gerechtfertigte ist imputativ von der Sünde befreit, aber er ist noch nicht durch die Rechtfertigung mit Christus verbundene Christ kann aber durch Christus,
vollkommen geheilt; er hat das "initium iustitiae", aber noch nicht die volle und zwar nur durch Christus, beginne'lf, die Gerechtigkeit zu lieben, indem die Liebe
Gerechtigkeit erlangt. 57 Solange er lebt, bleiben in ihm Sündenreste, die es Christi die anfanghafte und daher immer unvollendete - deshalb auch in keiner
auszutreiben gilt. Zwischen der das rechte Gottesverhältnis konstituierenden Ge- Weise verdienstliche, das erste Gebot wirklich erfüllende ~ Liebe des Gerechtfertig-
rechtsprechung am Anfang und der Vollendung, die erst im Tod gegeben ist, gibt ten·~rsetzt.59 Das christliche Leben ist ein ständiges Beginnen, Gott zu lieben, ist
es ein Interim, in dem der Mensch als "initiurn novae creaturae" (Jak 1,18) sich in immer auf das Ziel der vollkommenen Liebe hin unterwegs,.aber niemals im Leben
einem Prozeß des Fortschreitens (profectus) befindet, wie ein Kranker, der auf dem wird die seine Mangelhaftigkeit ersetzende Liebe Christi Besitz des Christen, wird
Wege der Heilung ist: "Wenn es nicht dergestalt Überreste der Sünde in uns gäbe sie seine Liebe. Die Rechtfertigung ist immer imputativ, ist immer Anrechnung der
und wir rein Gott s"uchten, so würde sich der Mensch sicherlich alsbald auflösen, Liebe (der Gerechtigkeit, des Verdienstes) Christi, die Gerechtigkeit des Menschen
damit die Seele zu Gbtt flöge. Daß sie aber nicht fliegt, ist ein Zeichen dafür, daß ist also immer eine "iustitia aliena"60, eine "extra nos" und d. h. zugleich .,in
sie noch an einem Leim des Fleisches hängt, bis sie durch die Gnade Gottes losgelöst Christo" gelegene Gerechtigkeit. Freilich: durch die "iustitia externa" wird die
wird, was im Tod zu erwarten ist. Inzwischen gilt es allzeit mit dem Apostel zu Identität des Menschen nicht aufgehoben, auch "extra nos" sind wir "nos extra
seufzen: ,Wer befreit mich vom Tod dieses Leibes?' Es ist immer zu fürchten, daß
er aufhöre, weiter hineingetaucht zu werden. Daher heißt es immer beten und
58 WA 56/25811-22: Quia si non essent huiusmodi reliquie peccati in nobis et pure Deum
arbeiten, daß die Gnade und der Geist wachse, der Leib der Sünde aber abnehme quereremus, Certe mox dissolveretur homo et evolaret anima ad Deum. Sed quod non
und zerstört werde und das Alte vergehe. Denn er hat uns nicht gerecht gemacht, evolat, signum est, quod Viseo aliquo camis adhue heret, donee per gratiam Dei
d. h. als vollendet Gerechte losgemacht, sondern er hat erst begonnen, uns zu absolvatur, guod in morte expeetandum est. Interim semper gemendum eum Apostolo:
vollenden. Daher sagt Jak 1: ,Damit wir ein Anfang seiner Schöpfung seien.' So wie ,Quis me liberabit de marte corporis huius?' Semper timendum, ne deserat amplius
immergi. Ideo semper orandum et operandum, Ut crescat gratia et spiritus, deerescat
autem ac destruatur corpus peccati et deficiat vetustas. Non enim Iustificavit nos i. e.
perfecit et absolvit Iustos ac Iusdtiam, Sed incepit, ut perficiat. Unde Iacob. 1.; ,Ut
WA 5°/62521 - 26 (Von den Konziliis und Kirchen, 1539): "Aber Ecclesia sol heissen das essemus initium aliquod creature eius.' Sicut homo Semivivus traditus stabulario indicat,
heilig Christlich Volck ... in welchem Christus lebet, wirckt und regirt per redemptio- Qui alligatis vulneribus non sanus, Sed curandus susceptus est. Vgl. 25914-20.
nem, durch gnade und vergebung der sunden, Und der Heilige geist per vivificationem 59 WA 57 (Hebr)/11019-24: Igitur Christi est solius diligere iustidam et odisse iniquitatem,
et sanctificationem, durch teglich ausfegen der sunden und erneuerung des lebens ..." hominis autem est diligere iniquitatem et odisse iustidam. Christiani autem hominis est
56 Vgl. dazu besonders Holl, Rechtfertigungslehre. Vgl. aber zu Holls Interpretation auch incipere odisse iniquitatem et diligere iusticiam, nee diligit nisiper Christum, hoc est, guod
Althaus, Theologie Luthers 210; Zur Mühlen, Nos extra nos 123. Christus, dileetor iustide, sua dilecdone supplet indpientem dlleccionem nostram.
57 WA 56/272 16- 21 : Nunquid ergo perfecte Iustus? Non, Sed simul peccator et Iustus; 60 So schon in der Römerbriefvorlesung im Scholion zu Röm 1,1: Deus enim nos non per
peccator re vera, Sed Iustus ex reputatione et promissione Dei certa, quod liberet ab illo, domesticam, Sed per extraneam Iustitiam et sapiendam vult salvare, non que veniat et
donec perfecte sanet. Ac per hoc sanus perfecte est in spe, In re autem peccator, Sed nascatur ex nobis, Sed que aliunde veniat in nos, Non que in terra nostra oritur, Sed que
Initium habens Iustitie, ut amplius querat semper, semper iniustum se sciens. Vgl. auch de celo venit. Igitur omnino Externa etaliena Iustitia oportet erudiri (WA 56/158 10- 14).
die Unterscheidung von "remissio peccati" und "ablado peccati" WA 56/2748f, Zur Deutung dieser Stelle vgl. Zur Mühlen, Nos extra nos 93f.
131
130 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung als Prozeß

nos"61; das Ich des Menschen wird durch die Rechtfertigung nicht zerstört. de Gerechtigkeit wird in der Schrift gewöhnlich als die innerste Wurzel angesehen,
sondern nach dem Bild Christi, der "exemplar" ist (nicht nur "exemplum"), neu deren Früchte die guten Werke sind. Diesen Glauben und die Gerechtigkeit beglei-
gestaltet, indem es durch den Glauben Christus anhangt. Das Leben des Gerechtfer- tet die Gnade oder Barmherzigkeit, die Gunst Gottes, gegen den Zorn, welcher der
tigten ist ein Prozeß der Umwandlung in das Bild Christi (Röm 8,29): "Darin zeigt Begleiter der Sünde ist, damit jeder, der an Christus glaubt, einen gnädigen Gott
sich schön die Weise, wie wir erlöst werden, nämlich durch Christus wie durch die habe ... So wie der Zorn das größere Übel ist als die Verderbnis der Sünde. so ist
Idee und das Urbild, nach dessen Bild alle gestaltet werden, die erlöst werden. Denn die Gnade das größere Gut als die Heilung der Gerechtigkeit. .. Denn die Verge-
Gott der Vater hat Christus zum Zeichen und zur Idee gemacht, damit die ihm bung der Sünden und der Friede ist der Gnade Gottes zueigen. dem Glauben aber
Anhangenden durch den Glauben in dasselbe Bild umgewandelt und so von den kommt die Heilung der Verderbnis zu. Denn der Glaube ist das innere Geschenk
Bildern der Welt losgelöst werden. "62 und Gut, der Sünde entgegengesetzt. die er austreibt ... Die Gnade Gottes hingegen
In der Schrift gegen den Löwener Theologen Latomus ("Anti-Latomus", ist das äußere Gut, die Gunst Gottes, dem Zorn entgegengesetzt."66
1521) entwickelt Luther die Rechtfertigung als Prozeß anhand der Unterscheidung An diesem Text sind einige Aspekte hervorzuheben: die Bedeutung des Gebe-
von "gratia" und "donum"63, die auch sonst öfter anzutreffen ist64. Luther geht tes, das durch die SündenerkenntDis durch das Gesetz ermöglicht wird; die guten
aus vom Begriff der Sünde, die nichts anderes ist als das, "quod non est secundum Werke als Frucht des ..donum dei«; die. Verhältnisbestimmung von gratia und
legern dei" (WA 8/8326 - 29). Die Sünde, also die Unfähigkeit der Gesetzeserfüllung, donum bzw. ira und corruptio. Die Relationen ira und gratia konstituieren das
bleibt auch im Gerechtfertigten, im Getauften, aber in ihm hat sie keine Macht mehr Gottesverhältnis. damit aber den ganzen Menschen.61 Der Mensch sub ira ist -
(913 5--40). Daher wird unterschieden zwischen "peccatum regnans" (im Nicht- unabhangig von seiner qualitativeE- Beschaffenheit - der verlorene•. verd~mmte
Gerechtfertigten) und "peccatum regnatum" (im Gerechtfertigten, also im "simul Mensch, der Mensch sub gratia ist der Gerechtfertigte, wiederum unabhäng1g von
iustus et peccator") (944- 15). In der Taufe sind alle Sünden vergeben, aber noch seiner Qualität, d. h. unabhängig von der in ihm bleibenden Sünde. lra und gratia
nicht alle getilgt (»remissa« - "abolita").65 Die Rechtfertigung geschieht durch das sind also unteilbar, betreffen den Menschen ganz. 68 Hier gibt es keinen Fort-
Wort in der Zweiheit von Gesetz und Evangelium. Das Gesetz deckt die Sünde auf, schritt, der Mensch unter der Gnade ist voll und ganz gerechtfertigt - von der
und es entdeckt zweierlei, nämlich "corruptionem naturae et iram dei" (10335- 39). Perspektive Gottes aus. Gott möchte den Menschen aber auch von seiner Verderb-
Die Verderbnis der Natur ist die Folge der Sünde auf seiten des Menschen, der Zorn nis heilen, und deshalb gibt er ihm das "donum", die iustitia Christi, die die Sünde
Gottes die Folge für das Gottesverhältnis. Letzterer ist daher viel gravierender als von Tag zu Tag mehr und mehr austreibt, sodaß der Mensch schließlich - aber erst
die Verderbnis de\. Natur (104 17- 21 ). Ist die Sünde durch das Gesetz aufgedeckt, im' Tod! - als von seiner Perspektive aus vollkommen Gerechtfertigter dasteht. Die
beginnt das Werk des Evangeliums; dieses bringt als Gegenmittel gegen den Zorn Gnade ist daher eine externe Realität, d. h. ganz und gar außen, die Beziehung
Gottes und die Korruption der Natur gratia und donum: »Das Evangelium hinge- Gottes zum Menschen (favor dei). Sie bringt aber mit sich, daß auch im Menschen
gen behandelt die Sünde so, daß es sie wegnimmt, und so folgt es aufs schönste dem ein neues Wirken beginnt und immer mehr fortschreitet, eine innere Realität (die
Gesetz. Das Gesetz nämlich hat uns zur Sünde geführt und uns mit ihr überladen
durch ihre Erkenntnis. wodurch es bewirkt hat, daß wir bitten, von ihr befreit zu 66 10536..-10622: Euangelium contra sic tractat peccatum, ut ipsum tollat, ~~ sic pul~herrime
werden, und uns nach der Gnade sehnen. Denn das Evangelium predigt und lehrt legern sequitur. Lex enim introduxit et nos obruit peccato per cognltlO~em ~us, quo
auch zweierlei, die Gerechtigkeit und die Gnade Gottes. Durch die Gerechtigkeit fecit, ut ab illo liberad peterernus et gratiarn suspiraremus. Nam Euange~1Um etlam duo
praedicat et docet, iustitiam et gratiam dei. Per iustitiam sanat corrupttonem naturae,
heilt es die Verderbnis der Natur - durch die Gerechtigkeit aber. die eine Gabe iustitiam vero, quae sit dOl1l1m dei, fides scillcet Christi ... Et haec iustitia peccato co~trari~
Gottes ist, nämlich der Glaube an Christus ... Und diese der Sünde entgegenstehen- in scripturis ferme pro intima radice accipitur, cuius fructus sunt bona opera. H~lC fidel
et iustitiae comes est gratia seu misericordia, favor dei, contra harn, quae peccatl comes
v gl. Zur Mühlen, ebd. 222: Die Formel "nos extra nos" ist "die präzise Fassung der est, ut ornnis qui credit in Christum, habeat deum propitium... Proinde sicu~ ir~ ~aius
Wendung extra nos". malum est, quamcorruptio peccati, ita gratia maius bonum, quam sanitas luStlttae ...
62 WA 57 (Hebr)/1249- 14 ; In quo pulchre ostenditur modus, quo salvamur, seil. per Nam remissio peccatorum et pax proprie tribuitur gratiae dei, sed fidei tribuitur sanitas
Christum ut per ideam et exemplar, ad cuius irnagine;m conformantur omnes, qui corruptionis. Quia lides est donum et bonum internum oppositurn peccato, quod
salvantur. Nam Deus pater Christum fedt, ut esset signum et idea, cui adherentes per expurgat ... At gratia dei est externum bonum, favor dei, opposita irae.
fidem transformarentu! in eandem imaginem ac sie abstraherentur ab imaginibus mundL 67 Deshalb ist die Rechtfertigung nach Luther immer "forensisch", was aber ihren san:tiven
Die Verwendung des Begriffes "signum" in diesem Kontext zeigt, daß Luther kein (effektiven) Charakter nicht aus-, sondern einschließt. Vgl. dazu Pesch, Theologie der
signifikationshermeneutisches Zeichenverständnis hat. Rechtfertigung 175-187. .
Vgl. dazu vor allem Iserloh, Gratia und donum. 68 10637-1073; Iam sequitur, quod illa duo ira et gratia sie se habent .(curn S1n~ extra nos),
Vgl. z. B. WA 29/359 11 ; WA 40II/42P~lO (in der Druckfassung [421 28) auch Charismen ut in totum effundantur, ut qui sub ira est, totus sub tota ira est, qUl sub gratla, totus sub
genannt); WADB 7/9 10-22 . tota gratia est, quia ira et gratia personas respiciunt. Quem enim deus in gratiam. recipit,
966-11. Vgl. oben Anm. 57 zur Römerbriefvorlesung. totum recipit, et cui favet, in totum favet. Rursus, cui irascitur, in totum irascltur.
132 Struktur des Rech{fertigungsgeschehens Rechtfertigung als Prozeß 133

Gabe) tritt zur äußeren hinzu. Dieses "internum" darf aber nicht so verstanden beschrieben: "Wir meinen, daß der Mensch gerechtfertigt wird, daß der Mensch
werden, daß das neue Leben Werk des Menschen ist, sondern es ist vielmehr Werk noch nicht gerecht ist, sondern gerade in der Bewegung oder auf dem Weg zur
Gottes - Werk Christi, dem der Gerechtfertigte durch den Glauben anhangt - im Gerechtigkeit sich befindet."73 Der Gerechtfertigte bleibt Sünder, wird aber
Menschen, bleibt also insofern auch immer extra nos: "Gabe Gottes ist dieser Glaube, "plene et perfecte" als gerecht angesehen durch die Barmherzigkeit Gottes (These
der uns die Gnade Gottes erlangt und jene Sünde austreibt und uns heil und gewiß 24) (8318f). Die Reste der Sünde im Gerechtfertigten werden nicht angerechnet,
macht, nicht durch unsere, sondern durch Christi Werke, damit wir bestehen und auf ewig sondern "remissione interim tolli" (These 34) (83 37f). Daher hat die Sünde ihr Gift,
bleiben können. "69 Durch dieses Werk Christi im Menschen wird der Gerechtfer- ihren Stachel verloren und schadet dem Gerechtfertigten nicht. "Und nun sagen
tigte in Christus verwandelt (11129-1123). Der Prozcß der Rechtfertigung betrifft wir, daß die Erbsünde bis zum Tod bleibt, solange wir leben, aber wir müssen
also nicht die Grundrelation zu Gott, diese ist schon durch den favor dei, der vom gereinigt werden und von Tag zu Tag in guten Werken wachsen und dennoch
ersten Augenblick der Rechtfertigung an gegeben ist, richtig, er betrifft die ständige wissen, daß wir unter der Barmherzigkeit leben, wo wir den Frieden des Gewissens
Umwandlung des Glaubenden als Folge dieser richtigen Gottesbeziehung durch haben. "74 Erst am Jüngsten Tag wird die Erbsünde im Feuer verbrannt (95 16 - 19).
den in uns wirkenden Christus (bzw. den Heiligen Geist70 ). Dieses erneuernde In der Zwischenzeit steht der Gerechtfertigte in der Behandlung des Arztes Christus
Wirken ist in keiner Phase menschliches Werk, ist aber insofern \'V'irken des Gerecht- und wird von ihm der endgültigen Heilung zugeführt. Die Arzneien Christi in
fertigten, als dieser mit Christus unlöslich verbunden ist. d~esem Heilungsprozeß sind das Wort, das Gebet, das Sakrament (113 20-1144). Hier
Eine ähnliche Konzeption findet sich auch in der "Enarratio psalm i LI" (1532, wird uns deutlich, welchen Stellenwert der Gottesdienst für Luther hat: Er ist
Druck 1538). Auch hier stellt Luther als Grundsatz fest, daß die Sünde auch nach notwendiger Bestandteil des Prozesses der Rechtfertigung, Station auf dem Weg des
ihrer Vergebung (remissio) in der Taufe bleibt (WA 40 IIj350 11 -351 4). Doch zur Christen zu seiner vollkommenen-Heilung von der Sünde, Etappe auf dem Weg des
remissio soll auch noch die abolitio peccati kommen, das Austreiben des alten Adam ,,:magis et magis iustificari".
(351 6- 12). Zu diesem Zweck gibt Gott den Geist ins Herz des Menschen, der das '- Denn die Rechtfertigung, obschon durch die Reputation Gottes endgültig
"reliquum peccati" reinigt (35310f). Die Rechtfertigung besteht grundlegend im konstituiert und insofern nicht entwicklungsfähig, ist in ihrer Auswirkung auf den
Anhangen an der Gnade Gottes, "aber du hast noch eine Zeit lang daran zu arbeiten, Menschen erst im Tod abgeschlossen. Diese Vollendung ist Gegenstand der Hoff-
denn die Befleckungen des Geistes sind da, denn der Satan läßt nicht ab und der nung: ,.Wir erwarten im Geist aus dem Glauben in Hoffnung und Sehnsucht die
Verstand will keineswegs nach dem reinen Wort Gottes regiert werden"71. Der Gerechtigkeit, d. h. wir sind gerechtfertigt, und dennoch sind wir noch nicht gerechtfertigt,
Prozeß der Rechtfertigung ist also ein ständiger Kampf mit dem Teufel, zu diesem denn unsere Gerechtigkeit besteht bislang in der Hoffnung, Röm 8: ,In der Hoff-
Kampf übt der Geist den Menschen, damit dieser zu immer größerer Heiligkeit nung sind wir heil geworden'. Solange wir nämlich leben, haftet die Sünde an
gelange; auch die äußeren Bedrängnisse sind Anreize, diesen Kampf zu führen: unserem Fleisch, ,bleibt das Gesetz im Fleisch und in den Gliedern, das Gesetz
"Dazu dient das Kreuz und die Rottengeister, die Tyrannen, Kerker, Gefahren, daß unseres Geistes bekämpfend und uns in den Dienst der Sünde versklavend'. Wäh-
das Fleisch gezähmt werde, daß der Heilige Geist mit seinen Gaben in unseren rend jene Affekte des Fleisches sich austoben und uns im Geiste widerstreben, bleibt
Herzen wohne und die Oberhand gewinne, 2 Kor 10; und danach übt dieser Heilige -dort der Ort der erhofften Gerechtigkeit. Wir haben freilich begonnen, durch den
Geist unseren Leib zur Mühe, zum Gebet, das heißt, daß der Heilige Geist Herz und Glauben gerechtfertigt zu werden; ... aber wir sind noch nicht vollkommen gerecht.
Seele übe, daß es heiliger und heiliger werde."72 Es ist noch ausständig, daß wir vollkommen gerechtfertigt werden, und das hoffen
Werfen wir noch einen Blick auf die "Disputatio de iustificatione" von 1536! wir. So besteht unsere Gerechtigkeit noch nicht in Wirklichkeit, sondern bislang in
In These 23 der 3. Thesenreihe zu Röm 3, 28 wird die Rechtfertigung als Prozeß der Hoffnung. "75 Die Rechtfertigung hat also einen Anfang, ein Fortschreiten und

112 12 - 14 ; Ecce haec fides (st don um dei, quae gratiam dci nobis obtinet et peceatum illud WA 39IJ8316f; Iustifieari enim hominem sentimus, horninem nondum esse iustum, sed
expurgat, et salvos certosque facit, non nostris, sed Christi operibus, ut subsistere et esse in ipso motu seu eursu ad iustitiam.
permanere inaeternum possimus. 74 11125-1126: Et nune sie dieimus, quod manet peceatum originale usque ad martern,
Vgl. Peseh, Theologie der Rechtfertigung 301: "Wenn Luther auch nicht selten Gott quoad vivimus, sed debemus expurgari et ereseer~ de die in diem in bo~is ~peribus, et
oder Christus als Subjekt des erneuernden Wirkens nennt, so ist ihm die Wirklichkeit tarnen seire, quod vivimus sub misericordia, ubi habemuS paeem eonselentlae.
dieses erneuernden Wirkens doch mit Vorzug der Heilige Geist." 75 WA 40IIJ2413-22 (Großer Gal-Kommentar): Nos spiritu ex fide expeetamus spe et
355 10- 12 : sed hast noch ein Zeit dran zu arbeiten, quia inquinamenta spiritus sind da, quia desiderio iustieiam, Hoc est, sumus iustificati, ct tamen nondum sumus iustificati, quia iustieia
Satan non ccssat et ratio minime vult regi secundum purum verbum dei. nostra pendet adhue in spe, Ro. 8.: ,Spe salvi facti sumus'. Donee enim vivimus, haeret
356 3 - 7: Da dient zu Crux et spiritus Rottenses, tyranni, carceres, pcricula, ut caro adhuc peceatum in earne nostra, ,manet lex in carne et membris, repugnans legi mentis
domerur, spiritus sanctus eum suis donis habitet in cordibus nostris, superer, 2. Cor. X.; nostrae et captivans nos in obsequium peccati'. Illis affectibus carnis furentibus ac nobis
et post spiritus sanctus iste exercet corpus nostrum ad laborandum, orandum, das heist, Spiritu reluetantibus manet ibi loeus spemtae iusticiac. Ineepimus quidem iustificari fide;
quod spiritus sanctus exerceat cor er animam, ut fit sancr.ior et sanctior. .. ' sed nondum perfecte iusti sumus. Reliquum est, ut perfecte iustificemur, hocque
134 Struktur des Rechifertigungsgeschehens Rechtfertigung und Gebet 135

eine Vollendung76, und alle Aspekte zusammen sind erst die Rechtfertigung im stellenden Gottesgemeinschaft ist das Gebet. In der Vorrede zum "Betbüchlein"
Vollsinn. 77 (1522) nennt Luther die notwendigen "Stücke" der Rechtfertigung. Es handelt sich
um die Dreiheit Gebot (Dekalog. Gesetz) - Glaube (Symbolum, Evangelium) --:
3.2.3 Rechtfertigung als dialogisches Geschehen: Die Bedeutsamkeit des Gebetes Gebet (Vaterunser)80: "Alßo leren die gepot den menschen seyn kranckheyt
erkennen, das er sihet und empfindet, was er thun und nit thun, lasszen und nit
Der Gerechtfertigte wird durch den Glauben Braut Christi. Die Rechtfertigung als lassen kan und erkennet sich eynen sunder und boßen menschen. Darnach helt yhm
die Herstellung der Lebensgemeinschaft zwischen Christus und dem Menschen ist der glawb fur und leret yhn, wo er die ertzney, die gnaden finden sol, die yhm helff
ein dialogisches Geschehen, ein Gespräch zwischen Christus und dem Menschen, frum werden, das er die gepott halte. Und tzeygt yhm gott und seyne barm-
wobei Christus der Anredende, der Mensch der Antwortende ist. Die menschliche hertzickeyt ynn Christo ertzeygt und angepotten. Zum dritten leret yhn das vater
Antwort ist freilich kein Werk, sondern die Folge der Anrechnung der Gerechtig- unßer, wie er die selben begeren, holen und Zu sich bringen .roll, nemlich mit ordenlichem,
keit Christi durch Gott, die den Menschen zur Annahme des Wortes Gottes befreit. demütigem trostlichem gepett, ßo wirts yhm geben, und wirt alßo durch die
"Daher erhebt sich durch die erste Gerechtigkeit die Stimme des Bräutigams, erfullung der gepot gotis selig. Das sind (He drey dingk yn der gantzen schrifft."81
der zur Seele sagt: ,ich bin dein', durch die zweite aber die Stimme der Braut, die y:erechtfertigt wird der Mensch allein durch den Glauben an das Evangelium, aber
sagt ,ich bin dein'; dann ist die Ehe fest, vollkommen und vollzogen, wie im diese Wirksamkeit des evangelischen Wortes vollzieht sich im Gebet. Diese oft
Hohenlied: Mein Geliebter zu mir und ich zu ihm, d. h. ,mein Geliebter ist mein übersehene Perspektive82 , von Luther in seinen unpolemischen Schriften unbe-
und ich bin sein'."78 Es ist also die "zweite Gerechtigkeit" als Folge der "ersten< fangen entwickelt. erlaubt es uns, auch den Gottesdienst als Ineinander von kataba-
der iustitia Christi, die dem Menschen angerechnet wird, die Auswirkung der ersten tischer und anabatischer Linie anzusehen.
Gerechtigkeit im Menschen, der nun mit Christus verbunden ist, weil er ihm im Das Gebet spielt eine entscheidende Rolle im Prozeß der Rechtfertigung schon
Glauben anhangt, die den Dialog ermöglicht. Zu beachten ist freilich, daß diese in der Römerbriefvorlesung 83• und dieses Thema bleibt im 'ganzen Schrifttum
zweite Gerechtigkeit nicht insofern die Wirksamkeit der ersten am Menschen ist als Lgthers von erheblicher Bedeutung. Der auch im Gerechtfertigten (Begnadeten,
ob die menschliche Antwort Werk des Menschen mit meritorischem Charakter von Gott als gerecht Angesehenen) verbleibenden Sünde entspricht das ständige
wäre, auch sie bleibt lebenslang außerhalb des Menschen, wird nicht sein Besitz, Gebet als Mittel im Kampf gegen die Sünde: "Je stärker dagegen der Fromme seine
seine qualitas. Ei~ solches Mitwirken des Menschen, auch des Gerechtfertigten, im
Prozeß der Rechtfertigung gibt es nach Luther nicht. auch dieses ist Werk Gottes.
80 Vg1. auch die gleiche Anordnung in Luthers Katechismen, wobei dort noch die Sakra-
aber eben doch Werk Gottes im Menschen, welches als äußeres Geschehen, als mente Taufe und Eucharistie hinzukommen. Auch dadurch zeigt sich die zentrale
mündliches Wort ~ mündliche Ant-Wort ~ eine Aktivität des Menschen nicht aus- Bedeutung des Gebetes in der Theologie Luthers: vg1. Beintker, Leben des Christen 17.
sondern einschließt. 79 ' 81 WA 1011/3774-13. Dieselbe Stellung des Gebetes gleichsam zwischen Gesetz und Evan-
Die Realisierung dieses Dialogs als Vollzug der durch die Rechtfertigung gelium, also als Vollzug der Wirksamkeit des Evangeliums, haben wir schon im Anti-
Latomus gefunden (s. o. S. 130f): Lex enim introduxit et nos obruit peccato per
hergestellten und im Verlaufe des Heiligungsprozesses immer neu und tiefer herzu~
cognitionem eius, quo fecit, ut ab illo liberari peteremf/j et gratiam suspiraretlJfu. Nam
Euangelium etiam duo praedieat ... (WA 8/10537- 39).
speramus. Sie iustitia nostra nondum est in re, sed adhuc in spe. Vgl. WA 391/2525-12 82 Vgl. dazu vor allem Beintker, Leben des Christen; Wertelius, Oratio continua 225-279;
(Promotions-Disputation v. Palladius und Tilemann, 1537): Nos sumus haeredes vitae Hermann, Rechtfertigung und Gebet (für die Römerbriefvotlesung). Ansonsten pflegt
aeternae .in s~e. Nondum apparuit, sed cum apparuerit, similes ei erimus, inquit Iohan- man das Wort Gottes und das Gebet klar zu trennen, das Gebet sei ,nur' Antwort auf
nes. Iustrficatlo ergo nostta nondum est completa. Est in agendo et fierL Es ist noch ein das allein heilschaffende Wort Gottes und gehöre nicht in den Vorgang der Rechtferti-
baw. Sed complebitur tandem in resurrectione mortuorum ... gung: vgl. etwa F. Schulz, Art. Gebet 71: "Das Gebet ist nicht Mittel und Werk, um
WA 2/14632~3S (Sermo de duplici iustitia, 1518): Et ita Christus expellit Adam de die in Gottes Gnade und Hilfe zu erlangen, sondern Antwort des Glaubens auf das, ,was Gott
diem magis et magis, secundum quod cresdt illa fides et cognitio Christi. Non enim tota an uns gewendet hat' (Luther):' Dieser Satz ist richtig, insofern er ein Werk zur
simul infunditur, sed incipit, pro6cit et perficitur tandem in fine per mortem. Erlangung der Rechtfertigung ausschließt, betrachtet aber das Gebet einseitig als eben
" Vgl. Althaus, Theologie Luthers 205. solches menschliches Werk, menschliches Tun, wo es doch in Wirklichkeit Werk Gottes
'" WA 2/14726 -JO (Sermo de duplici iustitia, 1518): Igitur per iusticiam priorem oritur vox im Menschen ist.
sponsi gui dicit ad animam ,tuus ego', per posteriorem veto vax sponsae quae dicit ,tua • 83 Vg1. dazu Hermann, ebd.; Beintker, ebd. 24-27. ~ WA 56/419 19- 21 : Ore autem Confessio
ego': tune factum est 6rmum, perfectum atque consummatum matrimonium, ut in 6t ad salutem, Seil. Quod fides ad Iustitiam perducens Non pervenit ad linern Iustitie seil.
79
Cantic~s: Dilectus meus mihi et ego illi, <:j.d. ,dilectus meus est meus et ego sum sua'. °:
salutern, Si non pervenit ad confessionem. WA 56/259 14- 2 Immo omnia opera Iusta et
Vgl. dIe Ausführungen von Wertelius, Gratio continua 298-316, zum Verhältnis von in gratia facta sunt preparatoria ad sequentem profectum Iusti6cationis.... Ideo Nullus
innerem und äußerem Gebet; ersteres ist das Ziel des letzteren, doch kann es ohne sanctorum se Iustum putat aut con6tetur, Sed [ustiftcari semper se petit et expectat, propter
letzteres nicht erreicht werden, wie Luther vor allem gegen die Schwärmer immer wieder quod a Deo Iustus reputatur, quia respicit humiles. WA 56/258 17f: semper orandum et
betont. operandum, Ut crescat gratia et spiritus. WA 56/2193- 11 .
Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Das Gebet um den Glauben 137

be'ständigeorist er im Gebet. Zugleich mit diesem Wissen [der dern vom Heiligen Geist zum Ausdruck.87 Diese sprechen ja nicht nur über das
Selbste"h,nrLtnis] beginnt nämlich das unablässige Gebet. Weil nämlich das Sünde~­ Gebet und seine Funktion, sie sind selber Gebet und daher die deutlichste Artikula-
bewußtsein nicht nachläßt, daher läßt auch das Flehen und das Gebet ni~ht nach tion für die Relevanz des Gebetes: ..Nu bitten wyr den heyligen geyst umb den
in·. dem um die Vollendung dieses Wissens gebeten wird. Dieses Gebet ist ke~ rechten glauben aller meyst ..." - "lern uns Jhesum Christ kennen alleyn" (AWA
Scheingefecht,·sondern das brennende Verlangen gegen jenen Kampf des Fleisches, 4, 223t). Oder: ..Kom heyliger geyst, herre Gott, erful mit deyner gnaden gutt
den wir fühlen, damit, wie das Sündenbewußtsein überfließt, auch das Bewußtsein deinet gleubgen hertz, mut unnd syun ..." (AWA 4, 205).
der Gnade und die Tröstung des Geistes überfließe."84 Dieses Gebet als Folge des Zur Stellung des Gebetes im Prozeß der Rechtfertigung sei abschließend ein
Amtes des Wortes Gottes im Gesetz (1), das nur der schon (grundlegend durch die Text aus dem "Kleinen Galater-Kommentar" von 1519 zitiert, welcher diesen
reputatio) Gerechtfertigte vollbringen kann (WA 40 IIj42818-23), ist die Danksa- Prozeß mit den Stationen Selbstverzweiflung - Wort - Glaube - Gebet - Erhörung
gung für die Rechtfertigung, die Vergebung der Sünden, welche auch die Predigt, - Geist der Liebe - Wandel im Geist - Auferstehung beschreibt, also auch das Gebet
die Verkündigung einschließt: "Nach der Rechtfertigung ist es das nächste, erste, zur Rechtfertigung (im Vollsinn) als konstitutiven Bestandteil zählt: "Diese Stücke
ewige, hauptsächliche und fortgesetzte Werk, Gott dankzusagen und eben diese sind es, die dem Volk nahegebracht werden sollten, und zwar in der Ordnung, in
Gnade zu predigen. "85 der sie vom Apostel überliefert werden, daß sie zuerst an ihren eigenen Kräften
Das Gebet ist im Prozeß der Rechtfertigung- die ständige Bitte um die Erhal- verzagen und das Wort des Glaubens hören, als Hörende glauben, als Glaubende
tung und Mehrung des Glaubens. Der Glaube wird vom Wort geschaffen, aber er anrufen, als Anrufende erhört werden, als solche, die erhört werden, den Geist der
[st im Gerechtfertigten zeit seines Lebens nicht vollendet, ist nicht frei von der Liebe empfangen, nachdem sie den Geist empfangen haben, im Geist wandeln und
Sünde, sodaß der Gerechtfertigte die Gebote nicht erfüllen kann. Das Gebet ist das den Begierden des Fleisches nicht nachgehen, sondern sie kreuzigen, als Gekreuzig-
Sich-Ausstrecken nach immer weniger unvollkommener (besser als: immer voll- te mit Christus auferstehen und das Reich Gottes besitzen. "88
wmmenererl) Erfüllung des Gesetzes: "Denn weil es also mit uns gethan ist, das Daß das Gebet in der Rechtfertigung, die ja solo verbo - sola fide geschieht,
<ein mensch die zehen gepat volkom:en halten kan, ob er gleich angefangen hat zu überhaupt eine wesentliche Funktion einnehmen kann, liegt daran, daß es letztlich
~leuben, Und sich der Teuffel mit aller gewaltsampt der welt und unserm eigenen nichts anderes ist als die Wortform des Glaubens.B9 Wie das eigentlich heilschaf-
leisch dawidder sperret, ist nichts so not, denn das man Gott ymerdar ynn ohren fende "innere Wort" - Jesus Christus - sich notwendigerweise im äußeren, mündli-
ige, ruffe und bitte, das er den glauben und erfüllung der zehen gepot uns gebe, chen Wort der Verkündigung "verleiblicht", so "verleiblicht" sich auch der Glaube
~rhalte"und ~ehre.. u~d alles was uns ym wege ligt und daran hyndert, hynweg als die qur durch den Geist mögliche Annahme des Wortes im Gebet. Das Gebet
:eume. 86 Diese Bitte um den Glauben, um die Mehrung des Glaubens, also um ist Ausdruck des Glaubens und als solcher wie der Glaube kein· menschliches Werk.
He Erhaltung der Gottesgemeinschaft, kommt besonders deutlich in Luthers Lie- Es ist "Werk des Glaubens" (was von einem Menschenwerk mit verdienstlichem
Charakter klar zu unterscheiden ist!), "Übung des Glaubens"9o, "Werk der ersten
Tafel" und als solches vom Glauben nicht zu trennen. seine äußere Seite91 , wie
WA 40IIJ39533- 39 (Enanatio ps. LI, Druck 1538): Econtra pius, quanto sentit magis
suam infirmitatern, tanto in oratione magis est assiduus. Ingreditur enim simul cum ista
sapientia [cognitione sui] continua oratio. Quia enim sensus peccati non cessat, ideo besessenen ym Evangelio sage ,0 herr, hilff meynem unglauben', und mit den Aposteln
etiam gemitus et oratio non cessat, qua petitur perfectio huius sapientiae. Haec oratio non ,0 herr, mehre unß den glauben':'
est ,Battologia" sed ardens desydeiium contra illam pugnam carnis quam sentimus ut 87 Vgl. Slenczka, Art. Glaube 321.
sicut abundat sensus peccati, ita edam abundet sensus gratiae et con~olatio spiritus. VgI: 88 WA 2/59132-37: Haec sunt quae in populo tractari oportuit et eo ordine tractari, quo ab
zum Ganzen Wertelius, Oratio continua 346-374. 361: "Das Gebet stellt ein Glied im Apostolo ttaduntur, ut primum de suis viribus desperantes verbum fidei audiant, audien-
Kampf des göttlichen Reiches gegen das Reich des 'Teufels im Menschen dar. Gott tes credant credentes invocent invocantes exaudiantur, exauditi spiritum charitatis
nimmt das Gebet des Menschen in seinen Dienst, um das teuflische Reich hinauszutrei- accipiant, a~cepto spiritu spiritu 'ambulent et desyderia carnis non perficiant sed crucifi-
ben. Diese göttliche Aktivität schließt also die Aktivität des Menschen nicht aus. Man gant, crucifixi cum Christo resurgant et regnum dei possideant.
muß hier von einem. Zusammenspiel der beiden sprechen.« 89 Vgl. dazu Wertelius, Oratio continua 366-368.
WA 4OII/435 1-:-3: Post iustificationem proximum, primum, eternum et principale et 90 WA 6/23222-24 (Von den guten Werken, 1520): "Also ist das gebet eine sonderliche
continuum opus est agere gratias deo et hane ipsam gratiam praedicare. Vgl. WA 0- ubung des glaubens, der do gewiszlich das gebet szo angenehm macht, das es entwedder
40II/4343- 5 . Zur Verbindung von Predigt und Gebet vgl. B.Jordahn, Luther und das gewiszlich erfullet wirt, odder ein bessers, dan wir bitten, dafur geben wirt."
gottesdienstliche Gebet 125, der diese anhand der Vaterunser-Paraphrase der Deutschen 91 WA 40II1/49517-26 (Enarratio ps. XC, Druck 1541): Ita vera est Regula, quod, ubicunque
Messe" nachweist. " agitur de praecepto primae tabulae seu de operibus primae tabulae (sicut Oratio cst opus
WA 301/1935- 11 . Vgl. WA 2/72036-.721 4 (Buß-Sermon, 1519): "Nu lest got den glauben primac tabu/ac) J Ibi necessario includitur fides et spes resurrectionis mortuorum. Hanc
alßo schwach bleyben: daran soll man nit vortzagen, Sondern dasselb auffnhemenn als Theologiam docuit nos Christus elicere ex simplicissimis scripturae verbis, cum dicit:
eyn vorsuchen und anfechtung, durch welch gott. probirt, reytzt und treybt den men- ,Ego sum Deus Abraham, Isaac, Iacob. Deus autem non est Deus mortuorum, sed
schen, das er dester mehr ruff unnd bitt umb solchen glauben, und mit dem vatter des vivorum'. Quicunque igitur hunc Deum co/unt, qui in eum crcdunt etorant ad eum, hi etiam
138 Struktur des Rech!;/ertz[!,unp,sgeschehens Das Gebet im Namen ChriJti 139

auch der Glaube selbst zuweilen, wenngleich selten, da mißverständlich, als Werk fihig, und sein Gebet ist Gebet "im Namen Christi": "Also hat er [Christus] fur die
(der ersten Tafel) bezeichnet wird. 92 Ja im letzten ist das Gebet nur ein anderer gantze Christenheit das wunder schon und hertzlich gebete gethan Johannis am 17.
Name für den Glauben, ist es der Glaube im Vollzug: "Denn fur war, cynem Und durch solch gebet uns erworben und mitgeteilet die krafft und verdienst seines
Christen ist kurtzlich sein leben gesagt, nemlich das er ein gut hertz tzu gott unnd Opffers, Nemlich vergebung der Sünden, gerechtigkeit und ewiges leben etc. Und
guten willen habe tzu den menschen, da steht es gar yonen. Das gut hertz unnd solch Gebet ewiglich gilt und seine krafft wircket bey der gantzen Christenheit.
glawbe lernet yhn von yhm selb, wie er betten soll. Ja lvas üt ryn solcher j!,laube, denn !tem. er füret dis Ampt noch jmerdar, das er fur Gott unser Mitler und fursprecher
~yttel gepet? Denn er vorsihet sich gütlicher gnaden on unterlasz, vorsiht! er sich aber ist, Wie S. Paulus zun Römern am 8, sagt. Denn ob es wol gnug ist, das er das Opffer
yhr, szo begerd er yhr ausz gantzem hertzen. Und das begeren ist eygentlich das ein mal volnbracht fur aller welt Sünde bis an den Jungsten tag, Doch weil wir noch
recht gepet, das Christus leret und gor fnddert, wUchs auch erwirbt und vormag alle jmer jnn sunden und schwach sind, mus er uns on unterlas gegen dem Vater
ding. Darumb das es nitt auff sich, seyne werck odder wirdickeit, szondern auff vertretten und verbitten, das uns solche Sünde und schwacheit nicht zu gerechnet
gottis lautter gutte bawet, vorlest unnd trostet, darumb geschicht yhm auch, wie es werde und da gegen stercke und krafft des Heiligen Geists geben, Denn darümb ist
glewbt, begerd, vorsihet und bittet. "93 Dieser Text spricht auch klar aus, was das er hinauff gen himel gefaren und sich zur rechten hand Gottes gesetzt, das er uns
Gebet vom "Menschenwerk" trennt: Es baut nicht auf seine eigene Würdigkeit, auf durch sein furbitt ewiglich jnn gnaden bey Gott behalte, dazu krafft und sieg gebe
seine eigene Kraft, sondern verläßt sich ganz und gar auf Gottes Wort, dem es widder der Sünde schrecken, des Teuffels, der welt und fleisches anfechtung. Und
antwortet. Wie der Glaube auf die göttliche promissio bezogen ist, ist das Gebet auf nicht allein bittet er für uns, sondern gibt auch uns, das wir thfiren und konnen selbs Zu
das (äußere) \),70rt bezogen, der Betcr ist der, der sich alles von Gott schenken läßt. Gott bitten, Und unser gebet fur Got tregt und uns versichert, das solch gebet umb
Die Stellung des Gebetes in der Rechtfertigung widerspricht daher nicht dem "sola seinen willen Gott wolgefellet und erhört wird, Wie er denn verheissen hat: ,Was
tide", sondern ist eine andere Seite derselben Realität. 94 jrden Vater bitten werdet jnn meinem namen, das wird er euch geben' etc,"97 Das
Daß das Gebet nicht auf die \Xi'ürdigkeit des Beters baut, sondern auf das Heil ist also ein für allemal durch das Opfer Christi, d. h. durch seinen Tod (und
verheißende Wort Gottes, heißt letztlich nichts andcres, als daß das Wort Gottes, seine Auferstehung) gewirkt, doch die Austeilung geschieht durch die ständige
Christus selbst es ist, der das Gebet verrichtet. Der Gerechtfertigte kann im j\.,Tamen Interzession des himmlischen Hohenpriesters Christus, und diese Interzession
Christi beten, da Christus in ihm wohnt und in ihm handelt, auch in ihm betet. 95 schließt das Gebet des Menschen nicht aus, sondern ein. Der Mensch muß sein
Nicht das Gebet als menschliche Aktivität (wiewohl diese eben auch zum Gcbet Gebet auf Christus legen, und Christus trägt es vor den Vater; darum wird es auch
gehört) läßt am Menschen das Evangelium wirksam werden, sondern das Gebet des , sicher erhört, wie den Menschen verheißen ist. Das Gebet ist also immer Gebet
einzigen wahren Hohenpriesters Christus, der schon in seinem Leben für die Seinen "durch Christus, unseren Herrn".98 Wie das Gebet die priesterliche Tätigkeit
gebetet hat und der ohne Unterlaß im Himmel für sie beim Vater eintritt. 96 Kraft Christi ist, so auch die priesterliche Tätigkeit der Gläubigen. die ja durch die Taufe
dieses hohepriesterlichen Gebetes Christi ist der Gerechtfertigte erst zum Gebet Anteil an Christi Priestertum haben. 99 Es ist also ein Geschehen auf zwei Ebenen:
Christus betet im Himmel. der Gerechtfertigte kraft der Einwohnung Christi auf
in morte vivent. Quare? Quia ~cilicet non colit/lr, non creditflr, nM adorat/lr Deus mortuorum,
Erden: "Der Sohn betet in meinem Namen im Himmel. ich in seinem Namen auf
sed vivorum. Ideo mltus Dei,fides el Gra/io vere includit articulumresurrectionis er vitae Erden,"100 Das Gebet ist so ein Moment im "fröhlichen Wechsel". der in der
aeternae. - Cultus (Gottesdieost!), fides und oratio werden hier synonym gebraucht! Rechtfertigung vor sich geht: Wie Christus die Sünden der Menschen auf sich
WA 6/20425f: "Das erste und hochste, aller edlist gut werck ist der glaube in Christum" nimmt und dem Menschen die Gerechtigkeit Christi als die seine angerechnet wird,
(Von den guten Werken, 1520).
so betet Christus im Namen des Menschen im Himmel, der Mensch im Namen
W 1\ 8/36026 - 35 (Evangelium von den 10 Aussätzigen, 1521). V gl. 361, 6f: " ... das auch
das werck der liebe namen hat, mie der glallibe desgepettis." Vgl. WA 2/14620 - 25, wo als
"nomina fidei" neben opus domini, virtus dei, misericordia, veritas, iustitia auch die 97 WA 41/19113-32 (Der CX. Psalm gepredigt und ausgelegt, 1539). Vgl. WA 20/
confessio genannt wird. 63431-635 38 .
V gl. Knolle, Luthers Deutsche Messe 192: "Der Beter kommt mit leeren Händen zu 98 WA 46/8517-24 (Das XVII. Kapitel S.]oannis, 1539): "Also fordert dis Wort ,Inn
Gott, ganz angewiesen auf seine Vergebung und schenkende Güte. So ist rechtes Beten Meinem Namen' den Glauben im gebet, das wir wissen, das uns unser eigen wirdigkeit
an sich schon ein Hinweis auf das ,Allein durch den Glauben'." zum gebet nicht fordern noch erhörung erlangen noch unser unwirdigkeit daran hindern
WA 4/645 30 -646 1 (Predigt v. 15. 8. 1517): Ac per hoc vere cognoscitur, quomodo sol, Sondern das wir allein umb Christi willen als unsers einigen Mittlers und Hohen
Christus est omnia in omnibus, omnia operatur in omnibus, et non vivimus, loquimur, priesters für Gott gewislich erhöret werden, Und also das gebet gar auff jn gestellet
agimus oos, sed vivit et agit et loquitur in nobis Christus, quia quod agimus et loquimur, werde, Also thuet die gantze Christenheit, so alle jre Bitte und anruffen beschleusset und
ipso intus agente et movente dficitur, dum eius opcribus accendimur et movcmur. versiegelt mit diesen worten: ,Durch Christum unsern Herrn'."
Auch der Hcilige Geist wird als der Urheber des menschlichen Gebetes genannt: vgl. 99 Vgl. Wertelius, Oratio continua 210. .
WA 32/41420 , 25 und Wertelius, OratlO continua 285f. 100 WA 4/624, 28f: Filius orat nomine meo in coelis, ego nomine eius in terra. Vgl. Bayer,
Vgl. ebd. 197-201; Vajta, Luther als Beter 283 286. Promissio 325f.
140 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung und Gebet 141

Christi auf Erden. lOI Daß also unser Gebet eigentlich Gebet Christi ist, ist der Die göttliche Anordnung des Gebetes beruht auf der Tatsache, daß der Mensch
Grund dafür, daß sich im Gebet die Rechtfertigung vollzieht. nicht mit dem absoluten Gott, mit dem "deus absconditus" handeln kann, sondern
Weil sich die Rechtfertigung im Gebet vollzieht, kann Luther das Gebet als nur mit Gott, insofern er sich als "deus praedicatus et cultus" offenbart. 106 Beides
.,heilthumb" bezeichnen und unmittelbar an die Seite des Wortes stellen: "Denn das gehört zur Offenbarung Gottes: die Predigt, also das äußere Wort der Verkündi-
gebet ist auch der theuren heilthumb eins, dadurch alles heilig wird, wie S. Paulus gung, qnd - als zweite Seite derselben Sache - der Kult, der Gottesdienst, als
sagt. So sind die Psalmen auch eitel gebet, darin man Gott lobet, dancket und ehret, Verleiblichung der gottgewirkten Annahme des Wortes, des Glaubens. Gott offen-
Und der Glaub und Zehen gebot, auch Gottes wort und alles eitel heilthum, dadurch bart sich als Deus cultus, als zu verehrender Gott, und daher ist der Gottesdienst
der Heilige geist das heilige volck Christi heiliget. "102 Das Gebet kann deshalb Heilsmit- Tat Gottes, die aber im Menschen wirksam wird. Predigt und Gottesdienst (Gottes-
tel sein, weil es als solches von Gott verheißen und angeordnet ist. Die Verheißung verehrung) sind voneinander nicht zu trennen, Verkündigung und Gotteslob stehen
ist es, an der alles liegt, die das Gebet aufnimmt und aufgrund deren es erhört wird sich nicht gegenüber, sondern bilden ein Ganzes, stellen beide zusammen die rechte
(WA 2/175 4- 22). Daß der Mensch betet und betend gerechtfertigt wird (was also Gottesgemeinschaft des Gerechtfertigten dar. Beide sind die zentrale Aufgabe der
nichts anderes heißt, als daß er glaubend gerechtfertigt wird), hat seinen nicht Kirche: "Er wird die Kirche haben, welche in reinem Glauben ihn verehrt und
hinterfragbaren Grund in der Anordnung Gottes, in der potentia Dei ordinata (hier predigt. "107 Gottesdienst ist daher ein dialogisches Geschehen: Wort Gottes (Pre-
kommt die nominalistische Schulung Luthers zum Tragen). In der Genesis-Vorle- digt)'- - Antwort (Gebet), wobei beide Dimensionen so ineinander verschlungen
sung entwickelt Luther diesen Gesichtspunkt in der Auslegung von Gen 19,17-20: sind, daß die die Gottesgemeinschaft allein und immer allein begründende katabatische
"Freilich gibt Gott alles aus ungeschuldeter Barmherzigkeit, und dennoch will er, daß Linie sich in der anabatischen (im Gebet) manifestiert.
gebetet wird. Es ist nämlich ein klares Gebot, durch das wir geheißen werden zu beten.
Sodann ist die Verheißung der Erhörung mit dem Auftrag"verbunden, schließlich 3.2.4 Rechtfertigung und Kirche
ist die Gebetsformel vom Sohn Gottes ,selbst vorgeschrieben. "103
Durch das Gebet wird der Mensch zum "adiutor seu cooperator Dei" (8117-22). Die Lehre von der Kirche ist erst im Zusammenhang der Reformation zum eigen-
Gott hat es verfügt, nur den Betenden seinen Heiligen Geist zu geben: "Das nämlich ständigen dogmatischen Traktat geworden. 108 Die ekklesiologischen Anschauun-
ist der geordnete Wille Gottes: Er will, daß gebetet wird, und er will den Betenden gen _des Spätmittelalters waren in ziemlich weitgehendem Ausmaß ungenügend,
den Heiligen Geist und alles Nötige geben. "104 Im Gebet erfüllt der Mensch das bzw. die Positionen waren ungeklärt. 109 Von diesen Voraussetzungen her ist bei
officium, das ihm val,( Gott zugedacht ist. 105 Luther keine systematisch voll durchgeklärte Ekklesiologie zu erwarten, und der
eindeutige Primat der Christologie und Rechtfertigungslehre rückt die Lehre von
,m Vgl. Wenelius, Oratio continua 224: "In diesem Reinigungsprozeß, in dem der Mensch der Kirche ohnehin in das (ihr auch zukommende) zweite Glied. Man wirft auf
mit Christus konform wird, ist das Gebet ein notwendiger Bestandteil. Das Verhältnis katholischer Seite Luther nicht selten einen Ausfall des Kirchenbewußtseins vor,
zwischen dem Gebet Christi und unserem Gebet ist ein Ausdruck für die Konformität
des Christen mit Christus. Das Gebet gehört zu dem Gabenaustausch zwischen dem
einen Individualismus und Subjektivismus, der kein Verständnis für die Bedeutung
Bräutigam und der Braut. Christus nimmt unser Gebet in seines auf, so daß sein Gebet
unser Gebet wird und unseres seines. Hier handelt es sich um ein mirum commercium." zu den Ausführungen über das Gebet in der Genesis-Vorlesung Seeberg, Luthers
'" WA 5°/641 25- 29 (Von den Konziliis und Kirchen, 1539). V gl. aus der kämpferischen Zeit Theologie II 455 ("man versteht Luthers Rechtfertigungslehre erst ganz, wenn man das
um 1520 WA 2/9329- 35 (Vaterun~er-Auslegung, 1519): ,,$yhe nu, wan du also ernstlich Gebet in sie mit einbezieht").
yn dich geschlagen und yn deins elends erkentenis gedemutiget bist, Dan tzum andern '06 WA 18/6853-14 (De servo arbitrio, 1525): Aliter de Deo vel voluntate Dei nobis praedica-
kumpt die trostlieh lere und recket dich widder auff, das ist, das gebet leret dich, das du ta, revelata, oblata, culta, Et aBter de Deo non praedicato, non revelato, non oblato, non
nit vortzweiffelen solt, sundern gottis gnaden und hulffbegeren. Dan du gewisz bist und culto disputandum est. Quatenus igitur Deus sese abscondit et ignorari a nobis vult, nihil
festiglich gleuben salt, das er dich darumb so hat leren beten, das er dich erhoren wil. ad nos. Hic enim vere valet illud: Quae supra nos, nihil ad nos. Et ne meam hanc esse
Und also macht das gebet, das dir got nit tzurechnet die sund, unnd nit yn der scherpffe mit dir distinctionem quis arbitretur, Paulum sequor, qui ad Thessalonicenses de Antichristo
handelet." Vgl. zur Stelle Bizer, Fides ex auditu 140: "Hier dient also das Gebet zur scribit, quod sit exaltaturus sese super omnem Deum praedicatum ef cu/tum, manifeste
Rettung aus der Verzweiflung und kann dazu dienen, weil ihm Christus Erhörung significans, aliquem posse extolli supra Deum, quatenus est praedicatus et cultus, id est,
zugesagt hat. Nicht nur der Blick auf Christus, sondern die Zusage der Gebetserhörung supra verbum el cultum quo Deus nobis cognitus est et nobiscum habet commerdum, sed
bringt die Rettung und macht das Gebet zu so etwas wie einem Gnadenmittel." supra Deum non cultum nec praedicatum, ut est in sua natura et maiestate, nihil potest
>0, extolli, sed omnia sunt sub potenti manu eius. - Zur Bedeutung der Verbindung von
WA 43/81 13- 16 : Dat quidem Deus omnia ex gratuita misericordia, et tamen vult orari.
Clarum enim praueptum extat, qua iubemur orare. Deinde promissio exauditionis cum Predigt und Kult für den Gottesdienst vgl. Vajta, Theologie des Gottesdienstes 24-27.
mandato coniuncta est, tandem orandi formula ab ipso Dei filio est praescripta. WA 25/336 18 (Jesaja-Vorlesung, Druck 1532): Habebit enim Ecclesiam, quae pura fide
>04 8129- 31 : Haec enim ordinata Dei voluntas est, quod vult orari, et orantibus date spiritum eum colet et praedicabit.
sanctum et omnia necessaria. ". Vgl. Thielicke, Theologie des Geistes 271.
'0; 8239f: Dei enim mandatum est, ut facias tuum offitium, et ipse per te vult operari. Vgl. wo Vgl. die Skizze bei Pesch, Luther und die Kirche 114L120.
142 Struktur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung und Kirche 143

der Kirche aufkommen lasse. So schrieb Joseph Lortz in seinem klassischen Werk "Daher ist dieses Leben ein Leben der Genesung von der Sünde, nicht ohne Sünde
"Die Reformation in Deutschland": "Tatsächlich hat Luther, der Mann der christli- nach vollendeter Genesung und erreichter Heilung. "115 Und darauf spricht Luther
chen Gemeinde, doch den Menschen auf sich selbst gestellt oder den Menschen von der Funktion der Kirche; sie ist der Ort des Heilungsprozesses: "Die Kirche ist
allein vor Gottes Wort. Alle Elemente einer Kirchenidee bei Luther vermögen die Herberge und das Krankenhaus der Kranken und Heilungsbedürftigen. "116
wenig gegen diese fundamentale Tatsache; sie war das Neue, sie wurde als das Die Kirche als Krankenhaus - Gott (bzw. Christus) der Arzt - Wort und
Entscheidende ins Bewußtsein aufgenommen, durch die Generationen weiterge- Sakrament die Therapie: dies ist die Rechtfertigung als lebenslanger Prozeß. Bedeu-
reicht und ausgebildet."110 Dieser Beurteilung diametral gegenüber steht ein Satz tung und Grenzen der Kirche werden hier sichtbar: Der Gerechtfertigte ist nur
des evangelischen Kirchenhistorikers Peter Meinhold: "Tatsächlich aber setzt gerechtfertigt, weil er in der Kirche ist, wo eben Wort und Sakrament gehandelt
Luthers Lehre von der Rechtfertigung und von der Heiligen Schrift als Glaubens- werden, wo Gottesdienst gefeiert wird! Nur als Glied der Kirche, nicht als Einzelner
quelle und Norm für den Christen die Lehre von der Kirche voraus. Das ,sola unabhangig von der Kirche wird er gerechtfertigt. Aber der Arzt ist Gott (Chri-
gratia', das ,sola fide' und das ,sola scriptura' können überhaupt nur auf dem Boden stus), und er handhabt die therapeutischen Mittel, er verfügt über Wort und
eines ,sola ecclesia' existieren, wie man zugespitzt formulieren darf."111 Dies ist Sakrament. Wort und Sakrament werden in der Kirche, ja sogar durch die Kirche
sicherlich nicht nur zugespitzt, sondern überspitzt formuliert, trifft aber dennoch gehandelt, aber nie so, daß diese zu Mitteln der Kirche werden, die von ihr abhängig
insofern zu, als es bei Luther keine Rechtfertigung an der Kirche vorbei, ohne sind:'Die Kirche ist Herberge und Krankenhaus; sie ist nicht "Heilsanstalt" in dem
Kirche gibt. Sinne, daß sie als "Mittlerin" zwischen Gott und die Sünder tritt und in dieser Weise
Das von Cyprian formulierte Prinzip "extra ecclesiam nulla salus" bestimmt Heil"vermittelt", weil Gott dies ihr als ihren Besitz anvertraut hätte.
auch Luthers Lehre von der Kirche. "Wer Christum finden soll, der muß die kirchen Die Kirche als der geschichtl~he Ort der Rechtfertigung und zugleich als die
am ersten finden... Nu ist die kirch nit holtz und steyn, ßondernn der hauff Gemeinschaft der Gerechtfertigten (mit Christus, dem sie alle im Glauben anhan-
Christglewbiger leutt, tzu der muß man sich hallten und sehen, wie die glewben, gen, und dadurch auch miteinander) ist nach Luther eine doppelschichtige Realität:
leben und leren; die haben Christum gewißlich bey sich, denn außer der Christlichen eine innere, die der natürlichen Erkenntnis unzugänglich ist, und eine äußere, die
kirchen ist keyn warheytt, keyn Christus, keyn selickeyt. "112 Die Kirche ist der konkrete Personengemeinschaft. Im "Sermo de virtute excommunicationis" (1518)
einzige Ort, wo die Rechtfertigung geschieht (durch Wort und Sakrament), ist also spricht Luther von einer "duplex communio": "Die Gemeinschaft der Gläubigen ist
vor dem Glauben gesetzt, ihm vorgegeben und entsteht nicht durch den nachträgli- aber eine doppelte: die eine innerlich und geistlich, die andere äußerlich und leiblich.
chen Zusammenschluß der Glaubenden. ll3 Sie ist "die geschichtliche Erscheinung, Die geistliche ist der eine Glaube, die eine Hoffnung, die eine Liebe zu Gott. Die
durch die das Evan~lium in die Menschheit eintritt"114. leibliche ist die Teilhabe an den Sakramenten derselben, d. h. den Zeichen von
Will man das Verhältnis von Rechtfertigung und Kirche auf eine kurze Formel Glaube, Hoffnung und Liebe, welche [Gemeinschaft] freilich sich weiter erstreckt
bringen, so scheint mir dazu ein Satz aus der Römerbriefvorlesung sehr gut bis hin zur Gemeinschaft der Dinge, des Umgangs, des Gesprächs, der Wohnung
geeignet. Luther beschreibt dort den Prozeß der Rechtfertigung als Heilungsprozeß und anderer leiblicher Lebensumstände."l17 Die entscheidende Ebene ist zweifellos
eines Kranken, der in der Obhut des Arztes sukzessive seiner endgültigen Heilung die innere, geistige - die Gemeinschaft des Glaubens. Im selben Glauben sind die
entgegensieht und, nach der Voraussage des Arztes, "in spe" schon geheilt ist: Gerechtfertigten mit Christus verbunden, und diese Christusgemeinschaft, die die
Gemeinschaft der Gläubigen untereinander zur Folge hat, die konkrete Auswirkun-
gen für das Leben der Christen zeitigt, ist die letzte Wirklichkeit der Kirche. Wie
110 Lonz, Reformation II 304f. Vgl'. auch ebd. I 392-396. 394: "Die Wirklichkeit ,Kirche' aber der Glaube nur durch die externa, Wort und Sakrament, zustande kommt, so
entgeht ihm. Das, was er, Luther, entdeckt hat und vorträgt, ist schlechthin das Ganze.
Und eben dieser Mangel ist Voraussetzung wie stärkster Ausdruck für Luthers Gewis- wird auch die Kirche durch die äußere Anteilhabe an den Sakramenten, welche
sens-Subjektivismus." Zeichen von Glaube, Hoffnung und Liebe sind, konstituiert. Aber diese äußere
111 Meinhold, Grundanliegen Luthers 150.
'" WA 1011/140 8- 17 (Kirchenpostille 1522). Vgl. WA 301/94 1- 9 (Katechismus-Predigt v.
10. 12. 1528): Spiritus sanctus non iustificat te extra ecclesiam. Sicut Schwermeri, non, 115 WA 56/27525-27: Igitur Ista Vita Est Vita curationis a peccato, non sine peccato finita
gui in angulum kriechen etc. Ideo statim post spiritum sanctum ponitur Ecclesia curatione et adepta sanitate.
Christiana, in qua sunt omnia eius dona. Per hanc praedicat, vocat te et macht dir 116 WA 56/27527f: Ecclesia Stabulum est et infirmaria egrotantium et sanandorum. Fortset-
Christum bekam und gibt dir ein den glauben, ut per Sacramenta et verbum dei liber fias zung: Celum verb est palatium sanorum et Iustorum.
a peccatis, et sic liber es totus in terris. Si moreris et manes in ecclesia, turn te resuscitabit 117 WA 1/6392-6: Est antem fidelium comrnunio duplex: una interna et spiritualis, aHa
et penitus te sanctificabit. Ideo Apostoli vocant Spiritum sanctum, quod omnia sanctificat externa et corporalis. Spiritualis est una fides, spes, charitas in deum. Corporalis est
et fadt in Christianitate et per Ecclesiam. partidpatio earundem sacramentorum, id est signorum fidei, spei, charitatis, guae tarnen
1B Vgl. Kinder, Evangelischer Glaube und Kirche 61. ulterius extenditur usque ad communionem rerum, usus, colloquii, habitationis aliarum-
114 Meinhold, Luther heute 35. que corporalium conversationum.
144 StrJfktur des RechtfertigungsgeschehefJJ Rechtfertigung und Kirche 145

Gemeinschaft, die Sakramentsgemeinschaft, ist (für sich genommen) noch nicht die kclt123 ist die entscheidende Bestimmung der Kirche, sondern Verborgenheit:
Kirche, sie bringt erst die Kirche als Glaubensgemeinschaft hervor. "abscondita est Ecclesia, latent sancti"124. Verborgenheit ist kein Gegensatz zur
Klassisch formuliert Luther die Unterscheidung dieser zwei Dimensionen 15Z0 Sichtbarkeit, schließt die äußere Seite der Kirche kclneswegs aus, sondern heißt: nur
in der Schrift "Von dem Papsttum zu Rom wider den hochberühmten Romanisten dem Glaubenden offenbar. Die verborgene Kirche existiert in einer sichtbaren
zu Leipzig".118 Nach der Heiligen Schrift ist die Kirche (die Christenheit) "eyn Gestalt, aber unter ihr verhüllt, nur der Glaubende kann sie darunter als Kirche
vorsamlunge aller Christgleubigeo auff erden, wie wir ym glauben betten ,Ich glcub erkennen.1 25 Wer zu ihr gehört, das weiß nur Gott allein; aber wo das Evangelium
in deo heiligenn geyst, ein gemeynschafft der heyligenn'. Diesz gemeyne addet verkündet wird und die Sakramente gespendet werden, dort ist mit Sicherheit
samlung heysset aller der, die in rechtem glauben, hoffnung und lieb leben, also das Kirche, dort sind auch mit Sicherheit Gläubige. Luther zielt darauf ab, daß die
der Christenheyt wesen, leben und natur sey nir leyplich vorsamlung, sondern ein Einheit der Kirche nicht anhand äußerer Kriterien festgestellt werden kann, daß
vorsamlung der henzen in einem glauben ..." (W A 6/29237.. 2934 ). Auf der anderen man nicht eo ipso zur Kirche gehört, weil man einer bestimmten Organisation
Seite ist die Kirche auch eine äußere Versammlung. Diese wird von Luther nicht zuzurechnen ist, sondern die Einheit (der "inneren" Kirche) ist immer schon vor
abgewertet 119 , aber in ihrem rechten Stellenwert gegenüber der "Versammlung der jeder äußeren Verfaßtheit da, sie kann nicht hergestellt, sondern nur festgestellt
Herzen im Glauben" bestimmt: als die leibliche, äußerliche Konkretion der Glau- werden.t 26 Luthers Kirchenbegriff hat daher bedeutende ökumenische Relevanz,
bensgemeinschaft; die beiden Dimensionen - "Aspektverschiedenheiten"12o - er schließt clne von Menschen ,machbare' Ökumene aus (was natürlich nicht heißt,
lassen sich nicht voneinander trennen: "Drumb ... wollen wir die zwo kirchen daß.keine konkreten ökumenischen Bemühungen notwendig sind; diese dienen aber
nennen mit unterscheydlichen namen. Die erste, die naturlich, grundtlieh, wesent- zur Feststellung, nicht zur Herstellung der Ökumene).
lich unnd warhafftig ist, wollen wir heyssen ein geystliche, yonerliche Christenheit, Da zur verborgenen Kirclle ihre sichtbare Gestalt notwendig dazugehört, muß
die andere, die gemacht und eusserlich ist, wollen wir heyssen ein leypliche, es Kennzclchen geben, an denen man das Vorhandenscln von Kirche erkennen
euszerlich Christenheit, nit das wir sie vonn einander scheydeon wollen, sondern zu kann, Kristallisationspunkte der Sichtbarwerdung der verborgenen Realität Kirche:
gleich als wen ich von einem menschen rede und yhn nach der seelen ein geistlichen, die "notae ecclesiae" .1 27 Diese liegen nicht auf der Ebene der institutionellen
nach dem leyp ein leyplichen menschen nenne ... also auch die Christlich vorsam- Wirklichkclt, der äußeren Verfaßtheit, sondern auf der Ebene der Gnadenmittel; die
lung, nach der seelen ein gemeyne in einem glauben eiotrechtig, wie wol nach dem Kirche ist also nicht daran erkennbar, was sie ist, sondern daran, was sie zur Kirche
leyb sie oit mag an einem ort vorsamlet werdenn, doch ein iglicher hauff an seinem macht. 128 In seiner ekklesiologischen Schrift von 1520 nennt Luther als notae
ort vorsamlet wirt" (29637-297 9 ). Die "ynnerliche Christenheit" ist die Kirche ihrem Taufe, Sakrament (also Abendmahl) und Evangelium - Wort und Sakrament (WA
Wesen nach, aber sie ist nicht zu scheiden von der "eußerlichen"; in der konkreten
Versammlung (in der gottesdienstlichen Versammlung!) tritt die "innerliche« Kir-
che in Erscheinung. 121 Ohne diese geschichtliche Konkretion kann die Kirche Irrtum, wenn protestantische Forscher meinen, die Unsichtbarkeit sei das Kennzeichen
nicht bestehen, denn der Glaube wird geschaffen und genährt von den äußeren der Kirche bei Luther. So ist es nicht. Sondern die sichtbare Kirche bekommt ihre
Qualifikation, ihre Bestimmtheit von der unsichtbaren Kirche her." VgL auch Althaus,
Stücken Wort und Sakrament. Ein spiritualistisches Kirchenverständnis, eine falsch
Theologie Luthers 253f; Kantzenbach, Haupt der Kirche 30; Congar, Kirche 44; Führer,
verstandene "Unsichtbarkeit" der Kirche, liegt Luther fern.J 22 Nicht Unsichtbar- Wort Gottes 138; Vajta, Kirche 14-19.
123 Die "Unsichtbarkeit« betont vor allem Doerne, Gottes Volk (69: "die Unsichtbarkeit ist
das eigentlich grundlegende Priidikat von Luthers Kirche"), ohne aber in Einseitigkeit zu
118 Vgl. dazu Kantzenbach, Haupt der Kirche 27 32; Beyer, Ekklcsiologic 93-98. verfallen, denn er weiß sehr wohl um die wesenhafte Dimension der Sichtbarkeit (73).
Abgewehrt wird nur ihre Verabsolutierung, ihre Ineinssetzung mit der wahren Kirche Unsichtbarkeit heißt bei ihm so viel wie Verborgenheit. Er wendet sich zu Recht gegen
'" ]esu Christi: "Von disser kirchen, IVO sie allein ist, stct nit cin buchstab in der heyligenn eine dogmat.ische W~rtung der organisatorischen, institutionellen Seite der Kirche, eine
schrifft, das sic von gor geordenet sey" (296-'Df). bestimmte äußere Gestalt läßt sich aus dem Wesen der Kirche nicht dogmatisch ableiten
120 Heyer, Ekklesiologie 96. (92), sondern Kirche geschieht dort, wo das Evangelium verkündet wird, und daraus
Vgl. Meinhold, Luther heute 88. folgt mit Notwendigkeit eine kirchliche Organisation, also eine sichtbare Gestalt der
Vgl. Lohse, Luther 184: "Freilich hat diese Unterscheidung zwischen geistlicher und Kirche (93). - Zur Rede von der "unsichtbaren Kirche", bei Luther recht selten, vor
leiblicher Christenheit eine mehrschichtige Bedeutung. ,Leiblich' bzw. ,äußerlich' bedeu- allem im FrÜhwerk vorkommend, vgL Kinder, Evangelischer Glaube und Kirche 94f;
tet hier 1. den Unterschied zum wahren, also geistlichen Wesen der Kirche ..., 2. die ders., Verborgtmheit 174-177; Kühn, Kirche 24f. "Unsichtbar" bedeutet demnach soviel
doppelte Existenzweise des Menschen als Leib und Seele. ", wobei zwar das Wesentliche wie: "nur im Glauben erkennbar", also das gleiche wie "verborgen".
die Seele ist, deren Existenz aber nicht vom Leibe getrennt gedacht werden kann. In den 124 WA 18/65223 (De servo arbitrio, 1525).
Darstellungen zu Luthers Ekklesiologie ist der verschiedene Gebrauch von ,leiblich' hier 125 Vgl. Kinder, Evangelischer Glaube und Kirche 96; Congar, Kirche 41f.
wie auch in Lurhers anderen Schriften nicht immer hinreichend berücksichtigt worden. 126 Vgl. Prien, Ekklesiologie 118; Lohse, Einheit der Kirche; Lienhard, Continuite.
Die Folge war und ist z. T. auch heute noch eine unzulässige Verinnerlichung des 127 Dazu vgl. Kinder, Verborgenheit 186-192; Kantzenbach, Strukturen.
Kirchenverstandnisses." Die gleiche Kritik bei Iwand, Luthcrs Theologie 249: "Es ist ein 128 Vgl. Kinder, ebd. 187f; ders., Evangelischer Glaube und Kirche 84f.104.
146 5truk/ur des Rechtfertigungsgeschehens Rechtfertigung und Kirche 147

6/3013-10); später erweitert er die Reihe der aotae, 1533 in "Von der Winkelmesse also auch der Gottesdienst, ist vom Wort her zu beurteilen, gegebenenfalls gegen
und Pfaffenweihe" auf sechs (Taufe, Evangelium, Absolution, Altarsakrament, den Papst und die ganze Amtskirche zu verurteilen. Denn nicht die Organisation
Predigtamt, Gebet) (WA 38(221 18- 35), 1539 in "Von den Kanziliis und Kirchen" auf garantiert die "wahre Kirche". sondern die göttliche Verheißung, d. h. im letzten:
sieben (Gottes Wort, Taufe, Eucharistie, Schlüssel, Amt, Gebet, Kreuz) (WA Jesus Christus, das fleischgewordene Wort Gottes. als das Haupt der Kirche, das
50/62829-643 5), 1541 in "Wider Hans Warst" auf zehn (Taufe, Altarsakrament, nicht mit dem Leib identisch ist und nicht durch den Leib "repräsentiert" wird unter
Schlüssel, PredigtamtjGottes Wort, Apostolisches Symbol, Gebet, weltliche Herr- Außerachtlassung des Vorranges des Hauptes vor den Gliedern,135 Soweit das
schaft, Leiden, Fürbitte) (WA 51/47920-48524). Dabei sind Wort und Sakrament als Haupt von den Gliedern "repräsentiert" wird, ist dies das Werk Christi selbst, der
die kircheschaffenden Mittel "konstitutiv-signifikative" notae, die andern von ihnen in den Gliedern wirkt.
abgeleitet)29 Und auch Wort (also das konkrete Wort der Verkündigung) und Die Kirche wird durch das Wort konstituiert. ja sie ist das rechtfertigende
Sakrament sind nur Konkretionen des Evangeliums, des Wortes katexochen, letzt- Wortgeschehen. Da dies einäußeres Geschehen im mündlichen Wort der Verkündi-
lich also Christi. In "Von den Konziliis und Kirchen" steht in der Reihe der notae gung u'nd in der Verleiblichung des Glaubens im Gebet ist. ist die Kirche wesenhaft
das Wort Gottes an erster Stelle und wird von Luther als "das heubtstück und das Versammlung der Gläubigen als des Volkes Gottes.l 36 Diese Versammlung, in der
hohe heubtheiligthum" (W A 50/629 2f) bezeichnet. Achtzehn Jahre früher hatte das Wort sich ereignet. in der die Kirc?-e immer wieder geschaffen wird, ist das
Luther in der Schrift gegen Catharinus drei Kennzeichen der Kirche aufgestellt: Wesen der Kirche. 137 Diese Versammlung ist das Gesammelt-Werden durch den
Taufe, Eucharistie und "omnium potissimum" Evangelium. Letzteres ist das einzige Heiligen Geist, durch das Evangelium 138 - und ist konkret das Gesammelt-Werden
ganz sichere, das vornehmste Zeichen, in dem das ganze Leben der Kirche besteht: zum Gottesdienst: Die Kirche ist die Gottesdienst feiernde Versammlung,139 Im
"Denn das Evangelium ist vor dem Brot und der Taufe das einzige, sicherste und Gottesdienst ereignet sich alsoJ<irche katexochen, indem sich in ihm das dialogi-
vornehmste Symbol der Kirche, da sie allein durch das Evangelium empfangen, sche Geschehen der Rechtfertigung: promissio - fides, Wort - Glaube, Verkündi-
gebildet, ernährt, gezeugt, erzogen, behütet, bekleidet, geschmückt, gestärkt, aus- gung - Gebet ereignet. Im Gottesdienst schart Christus die Seinen als Kirche um
gerüstet, erhalten wird, kurz, das ganze Leben und Wesen der Kirche besteht im sich; es ist nicht die Kirche, die den rechten Gottesdienst verordnen kann, da die
Wort Gottes... "130 Kirche über ihn sowenig verfügen kann wie über das in ihm konkretisierte Wort
Da die Kirche also durch das Wort Gottes entsteht - notwendigerweise Gottes.
entstehtl3l -, steht die Kirche immer unter dem Wort; dieses ergeht in der Kirche,
ist aber nicht Wort der Kirche, wie es in der Papstkirche zu sein schien. 132 Genau
um diese Differenz ging es schon 1518 in Augsburg in der Konfrontation mit 3.3 Die Struktur: "Memores ... offerimus ... et petimus" in der Theologie
Cajetan. 133 Das Wort ist das Kriterium der Kirche, nicht die Kirche der Maßstab Luthers
des Wortes. Das Wort steht unvergleichlich über der Kirche 134; das kirchliche Leben,
Nachdem wir die Struktur der Rechtfertigung als des Zentrums von Luthers
Theologie in der Relatio.g promissio-fides gefunden haben und feststellen konnten,
'" Vgl. Kinder, Verborgenheit 190f; ders., Evangelischer Glaube und Kirche 110f.
130 W A 7/721 9- 13 : Euangclium enim prae pane et Baptismo unicum, certissimum et nobilissi- daß diese Strukt~r dialogisch ist (wobei freilich immer ganz genau zu beachten
mum Ecclesiae symbolum est, cum pet solum Euangelium concipiatur, formetur, alatur,
bleibt, daß der Dialoganteil des Gerechtfertigten kein "Menschenwerk" ist, sondern
generetur, educetur, pascatur, vestiatur, ornetur, roboretur, armetur, servetur, breviter,
tota vita et substantia Ecclesiae est in verba dei ... WA 7/13029- 31 (Assertio omnium Werk Christi in ihm), versuchen wir nun in einem zweiten Durchgang die für die
articulorum, 1520): Nam ubi non est verbum dei, ibi non potest esse Ecclesia, eum per
verbum nascatur, alatur, vivat et servetur. WA 25J97 32f (Jesaja-Vorlesung): Unica enim fidem, eodemquealitur et servatur, hoc est, ipsa per promissiones dei constituitur, non
perpetua et infallibilis Ecclesiae nota semper fuit Verbum. promissio dei per ipsam. Verbum dei enim supra Ecclesiam est incomparabiliter, in qua
WA 50/62928-630 1 (Von den Konziliis und Kirchen, 1539): "Wo du ou solch wort hörest nihil statuere, ordinare, facere, sed tantum statui, ordinari, fieri habet tanquam creatura.
odder sihest predigen, gleuben, bekennen und datnach thun, da habe keinen zweivel, das Quis enim suum parentem gignit? quis suum autorem prior constituit? Hoc sane habet
gewislich dase1bs sein mus ein rechte Ecclesia sancta CathoJica ... Denn Gottes wort kan Ecclesia. quod potest diseernere verbum dei a verbis hominum. WA 171/10033f (predigt
nicht on Gottes Vo1ck sein, widerumb Gottes Vo1ck kan nicht on Gottes wort sein, Wer v. 15. 3. 1525): Verbum fadt ecclesiam et non ecclesia ordinat verbum. - WA 42/33412f
wohs sonst predigen oder predigen hören, wo kein Volck Gottes da were?" (Genesis-Vorlesung): Ecclesia enim est filia, nata ex verbo, non est mater verbi. Qui
VgL Prien, Ekklesiologie 118f: "In der Kontroverse Luthers mit Rom ist deutlich igitur verbum amittit et mit in acceptionem personarum, desinit Ecclesia esse.
geworden, daß die Altgläubigen die Kirche zwar nicht über das Wort stellen, aber doch 135 Vgl. Kantzenbach, Haupt der Kirche 39f.
Kirche und Wort so eng miteinander verbunden sehen, daß das Wort nur in der 136 Vgl. Fendt, Gottesdienstgedanke 29.
römischen Kirche in Verbindung mit dem kirchlichen Lehramt laut werden kann." 137 Vgl. Kühn, Kirche 23f.
m Vgl. Pesch, Neue Kirche bauen 658f. 138 Vgl. Kinder, Evangelischer Glaube und Kirche 82.
WA 6/56033-561 4 (De captivitate, 1520): Ecclesia enim nascitur verba promissionis per
'" 139 Diese oft vergessene Perspektive betont Vajta, Kirche 29-35.
148 Anamnese - Epzklese bei Luther Glaube und Anamnese 149

altkirchliche Liturgie fundamentale Struktur Anamnese - Epiklese in der Theologie Ähnlich wie Pratzner interpretiert Mann diese Stelle. 143 Er urteilt: "Damit
Luthers aufzuspüren, um dann von daher die Abendmahlslehre als spezifische verfallt Luther noch deutlicher als Biel der Tendenz, das Meßopfer nur psycholo-
Anwendung dieser Struktur auf ihre mögliche Übereinstimmung mit der Euchari- gisch-imaginativ zu deuten" (132). Darüber hinaus meint Mann in dem Satz "in
stielehre der Alten Kirche zu befragen. Als deren Grundkategorie haben wir die nostra oblatione fuit et nt moemoria remissionis peccatorum per verbum. quod
Anamnese gefunden, und daher ist zuerst nach dem Ort der Anamnese in der dixit: Pater, dimitte illis' ... (WA 57 (Hebr)/218 1H3) die Auflösung der Anamnese-
Theologie Luthers zu fragen. Idee i~ ein aktualistisch-existential verstandenes Wortgeschehen feststellen zu müs-
sen. Luther hat nach ihm den Gedächtnis-Gedanken vollkommen verloren.t 44
3.3.1 Glaube und Anamnese Jedoch ist die Deutung des "per verbum" auf das rechtfertigende Wortgeschehen
als aktuellen Vollzug der Sündenvergebung falsch, denn es bezieht sich nicht auf "nt
Als Bedeutung der Anamnese hat sich uns die Gleichzeitigkeit von historischem moemoria" (per verbum), sondern will den Grund der Sündenvergebung festhalten:
Heilsereignis (insbesondere Tod und Auferstehung Christi) und feiernder Gemein- das historisch gesprochene Wort Gottes. Im Gegensatz zu Manns Ansicht weist ~as
de ergeben, wodurch die Gemeinde in das Heilsereignis hineingezogen wird, dieses "per verbum" gerade auf die heilsgeschichtliche Verwurzelung des je sich vollzIe-
an ihr seine Wirksamkeit entfaltet. In der Hebräerbriefvorlesung (Scholion zu Hebr henden Vorgangs der Sündenvergebung hin, ein aktualistisch-existentiales W~rt­
9,24) beschreibt Luther in ausdrücklicher Anknüpfung an Johannes Chrysostomos verständnis kann hier noch viel weniger als anderswo, auch nicht ansatzweIse,
die Messe als Anamnese des Kreuzesopfers: "Christus ist nur einmal dargebracht gefunden werden. .
worden ... Was aber von uns täglich dargebracht wird, ist nicht so sehr Opfer als Es ist vor allem Pratzner zuzugestehen, etwas Richtiges gesehen zu haben: D1e
vielmehr Gedächtnis jenes Opfers, sowie er gesagt hat: ,Tut dies zu meinem Anamnese-Idee ist an unserer Stelle nicht konsequent und voll entwickelt, der
Gedächtnis'. Denn er leidet nicht sooft, als seiner, der [damals] gelitten hat, gedacht Begriff "memoria" bleibt unbestimmt, und das "cessavit omnino" ist eine unglückli-
wird. Dieses Gedächtnis zu wiederholen ist aber viel notwendiger als einst, als das che Formulierung in bezug auf das Opfer Christi, legt es doch tatsächlich das
wiederholte Gedächtnis des Vorübergangs des Herrn und des Auszugs auS Ägypten Mißverständnis nahe, heilschaffend für uns sei eben doch nicht das historische
vorgeschrieben war. So ist dieses Opfer des neuen Bundes, was das Haupt der Ereignis des Todes Christi, sondern nur das je neu ergehende Wort Gottes. Den-
Kirche betrifft, das Christus ist, vollendet und hat gänzlich aufgehört; das geistliche noch ist es nicht zwingend, Luther deshalb eine psychologische Gedächtnis-Vorstel-
[Opfer] aber seines Leibes, der die Kirche ist, wird täglich dargebracht, wenn sie lung zuzuschreiben. Das "cessavit omnino" ist doch wohl ein massiver Ausdruck
beständig mit Chri~tus stirbt und den mystischen Übergang feiert, wenn sie nämlich für das E<pa1ta~ des Opfers Christi, wehrt also jegliche Vorstellung einer Wiederh~­
nach Abtötung der'Begierden aus dieser Welt in die künftige Herrlichkeit über- lung des Kreuzesopfers in der Messe ab. Das Opfer der Kirche geschieht, inde~ sIe
geht."140 Pratzner141 hat diese Stelle aufgrund des "cessavit omnino" in einem beständig mit Christus stirbt, also in der Kraft seines Opfers; von einer völligen
subjektiven Sinn gedeutet: Hier liege keine Vergegenwärtigung des Opfers ~hristi Trennung des Opfers Christi und des Opfers der Kirche kann keine Rede sein. Wie
in der Feier des "phase mysticum" der Kirche vor, denn das Opfer Christi habe ja die Kirche nur in ihrer Verbindung mit Christus existieren kann, so kann ihr Opfer
aufgehört. Opfer Christi und Opfer der Kirche seien getrennt. Das Sterben "cum nur in der Verbindung mit dem Opfer Christi dargebracht werden. Das Leid~n
Christo" komme in der moemoria nicht zum Ausdruck, sondern verweise nur auf Christi ist das "Sakrament" der Abtötung des Christen145, hat also eine über dIe
die Verbindung der Christen (der Kirche) mit Christus allgemein. Nach Pratzner hat historische Aktualität hinausgehende ewige Wirksamkeit und daher auch Realität;
Luther (wie schon die Scholas~k) den altkirchlichen Anamnese-Begriff verloren, durch bloßes Erinnern kann diese Beziehung zwischen Christi Tod und dem
Gedächtnis sei für ihn "ein bloßes Sich-Erinnern an jenes Opfer Christi am christlichen Leben keineswegs hergestellt werden. Wenigstens einen Ansatz zu einer
Kreuz"142, also ein psychologisch-bewußtseinsmäßiger Vorgang. echten Anamnese-Vorstellung darf man in unserem Text wohl sehen. .
Wo diese in der Theologie Luthers tatsächlich zu finden ist, darauf weist dIe
140 WA 57 (Hebr)J21729-218 9: Christus oblatus est non nisi seme!. .. Quod autern a nobis einem Brief an Nikolaus Hausmann (vom 26. 3. 1525) beigegebene Abendmahlsver-
offertur guotidie, non tarn oblatio guam moemoria est oblationis illius, sicut dixit: ,Hoc mahnung hin: "Allerliebsten freunde ynn Christo! Ihr wisset, das unser herr Jhesus
facite in mei commemorationem'. Non enim toties patitur, guoties memoratur passus.
Hanc autem moemoriam repeti multo magis neeessariurri est quam olim, ubi repetenda
praecipiebatur moemoria phase Domini et exitus de Aegipto. Deinde oblatio haec novi 143 Mann, Abendmahl 130-132. ..
testamenti quoad caput Ecclesiae, gui Christus est, perfecta est et cessavit omnino, 144 Ebd. 68. Daß Manns Verständnis des rechtfertigenden Wortgeschehens ganz ungem~_­
spiritualis autern corporis sui, quod est Ecclesia, offertur de die in diem, dum assidue gend ist, habe ich schon angem~rkt (s. oben S. 125 51 ). Zu e~em n:gati~en Ergebn~s
moritur eum Christo et phase mysticum celebrat, seiHcet eoncupiscentiis mortificatis ad bezüglich der Anamnese-Idee bel Luther kommt auch Wattevtlle, Theologie des myste-
futuram gloriam transiens ex hoc mundo. res 79.
141 Pratzner, Messe und Kreuzesopfer 24-27. 145 WA 57 (Hebr)j22229-2231: Iden passio carnis Christi, mors et sublatio eius sacramentum
'" Pratzner, ebd. 57. est mortificandae conscientiae, mortis eiusdem.
150 Anamnese - Epiklese· bei Lulher Glaube und Anamnese 151

Christus aus unaussprechlicher liebe dis seyn abentmal zur letze hart eyngesetzt zum Der Glaube ist die Annahme der in die Gegenwart gestellten Heilsereignisse
gedechtnis und verkundigung -seynes todtes fur unser sunde erlitten, Zu welchem durch den Glaubenden. Er ist daher nicht historischer Tatsachenglaube, sondern
gedechtnis gebaret tyn festcr glaube~ der eyns iglichen gewissen vnd hertz, der seyn Glaube an die aktuelle Wirksamkeit des ins Wort gefaßten Heilswerkes am Glauben-
brauchen vnd geniessen will, sicher und gewiss mache, das also der tod fur alle seyne den, "fides specialis de praesenti effectu"149. "Das ist der glawbe, wilcher auch
sunde von Christo erlitten sey."146 Das Gedächtnis ist also eng mit dem Glauben alleyne der Christlich glawbe heyst, wenn du glewbist on alles wancken, Christus
verbunden, der Glaube vollzieht das Gedächtnis, die Anamnese. sey nit alleyn S. Petro unnd den heyligen eyn solcher man, ßondernn auch dyr selbs,
Da der Glaube nur die andere Seite des Wortes ist, das Wort aber das mündli- ia dyr selbs mehr denn allen andernn. Es ligt deyne selickeyt nicht daran, das du
che Wort der Verkündigung, setzt Luther immer wieder~ gemäß 1 Kor 11,26 - das glewbist Christus sey den frummen eyn Christus, ßondern das er dyr eyn Christus
Gedächtnis mit der Predigt gleich: ,,2 um sechsten die pflicht, gedechtniß odder und deyn sey. Dißer glawb macht, das dyr Christus lieblich gefeUt unnd süß ym
begengniß, die wir Christo halten soUen, das ist, das wir solch sein lieb und gnad hertzen schmeckt, da folgen nac};t. lieb unnd gutte werck ungetzwungen. Folgen sie
predigen, hören unnd betrachten sollenn ... "147 Das Wort der Predigt bewirkt, wie aber nit, ßo ist gewißlich dißerglawb nit da; denn wo der glawbe ist, da muß der
wir gesehen haben, was es enthält: Christus, bringt Christus zum Menschen, verge- heylig geyst bey seyn, liebe unnd gutt ynn unß wircken. "150 Das "für uns", das der
genwärtigt ihn. Es beruht auf der historischen Einmaligkeit des inkarnierten Wortes Glaube aufnimmt, verbindet das historische Geschehen, welches das Fundament des
Gottes, der historischen Geschichte Jesu Christi, seines historischen Kreuzestodes. Heils ist, ohne das es kein' Heil gibt, mit der je aktuellen Situation der Menschen,
Diese heilbringende Geschichte, das einmalige und unwiederholbare Heilsereignis, denen die historische Tat (das factum) ausgeteilt werden muß (usus facti), denn ohne
wird durch das aktuell ergehende Wort der Verkündigung Gegenwart; im Wort die Austeilung kann der Mensch nicht gerechtfertigt werden. Der Glaube an die
geschehen die Heilsereignisse jetzt für den Hörer des Wortes, für ihn werden sie Heilswirksamkeit des historischen Werkes Christi läßt dieses gegenwärtig werden,
heilbringende Wirklichkeit - aber nur, weil sie in sich schon geschehen sind. Das das Wort wirkt im Glauben, was es enthält: "Wir betrachten das Evangelium in der
Wort ist Mittel der Vergegenwärtigung Jesu Christi und seines Heilswerkes.148 Tat sakramental, d. h. die Worte wirken durch den Glauben eben das in uns, was sie mit sich
bringen. Christus ist geboren: glaube, daß er für dich geboren ist, und du wirst neu
geboren werden. Christus hat den Tod und die Sünde besiegt: glaube, daß er sie für
WABr 3/462, Nr. 847 13- 18 . Vgl. WA 6/23028-31 (Von den guten Werken, 1520): "Dan dich besiegt hat, und du wirst gesiegt haben."151 So verbindet der Glaube, der eben
was ists anders, szo du bey der messe stehist, unnd nit gedenckist odder glenbist, das dir all anamnetischer Glaube ist, den zeitlichen Abstand zwischen Christus und uns: er
da Christus durch sein testament beschiden und geben hab vorgebung aller sund." ~
macht den Christus der Historie zum Christus für uns und läßt die Gerechtigkeit
Gegen die Bedeiitung des im Sinn der altkirchlichen Liturgie verstandenen Gedächtnis-
B~griff~s (der Anamnese) in der Theologie Luthers, bes. in der Abendmahlslehre, spricht Christi unsere Gerechtigkeit werden. Im Glauben geschieht die Begegnung des
mcht dle Tatsache, daß Luther sich verschiedentlich gegen ein Verständnis der Messe als Menschen mit Christus, Christus wird dem Glaubenden gegenwärtig (praesentissi-
bloßes Gedächtnis ausgesprochen hat. So gegen Karlstadt in "Wider die himmlischen me): "Wenn du nu das Euangeli buch auffthuist,lisest odder horist, wie Christus hie
Propheten" (WA 18/19523-34.1978-19817.2033-2049), wo sich seine Polemik gegen ein als odder dahynn kommet odder yemandt tzu yhm bracht wirt, soUtu da durch vorneh-
menschliches Werk verstandenes Gedächtnis richtet. 1526 betont Luther gegen die
men die predigt odder das Euangelium, durch wilchs er tzu tfyr kommet odder du tzuyhm
Schweizer im "Sermon VOn dem Sakrament des Leibes und Blutes Christi wider die
Schwarmgeister" (WA 19/50319-505 16), daß ein Gedenken der Passion Christi nicht bracht wirdist. Denn Euangeli predigen ist nichts anders, denn Christum tzu uns komen
genügt, wenn man die Realpräsenz leugnet. Gedächtnis ist hier nicht bloß als bewußt- odder uns tzu yhm bringenn. "152 Der Glaube stellt die Realpräsenz Christi her, im
s~insmäßige Erinnerung aufgefaßt, sondern sogar im Sinn der Predigt gemeint. An Glauben begegnen wir Christus, und da Christus das Heil gewirkt hat, ist die
dieser Stelle wird von Luther die Predigt fast abgewertet gegenüber der Realpräsenz; es
geht Luther im letzten um die Leiblichkeit der Heilsvermittlung, welche von den
Schweizern geleugnet wird, wenn sie die Messe als "Wiedergedächtnis" bezeichnen. 149 WA 2/1425 (Acta Augustana, 1518).
Damit ist bei Zwingli mehr als bloße Erinnerung gemeint, aber jedenfalls ein rein >so WA 1012/242"-258 (Adventspostille 1522). Vgl. WA 1011133117-21. WA 57(Hebr)1169 1Of,
geistiger Vorgang. Schließlich protestiert Luther in einer Predigt über Joh 6 am 4. März Notandum, quod nonsatis est Christiano credere Christum esse constitutum pro homini-
1531 (WA 33/1997- 19) gegen die Gleichsetzung von Glaube und Gedächtnis bei den bus, nisi credat et se esse unum illorum. - WA 7/55326f.
A~tgläubigen, wo.bei hier ein psychologisches Verständnis von Gedächtnis angegriffen 151 WA 9/44223-26 (Predigt am Weihnachtstag 1519): Euangelium sane meditamur sacra-
Wird. An allen dIesen Stellen wird das Anamneseverständnis der Alten Kirche nicht mentaliter, hoc est verba per jidem hoc ipsum in nobis operantur, quod pre se ferunt. Christus
getroffen. Diese Aussagen schließen daher die Möglichkeit einer Übereinstimmung natus est: crede tibi natum esse, et tu renasceris. Christus vicit mortem, peccatum: Crede
Luthers mit der altkirchlichen Liturgie in diesem Punkt keineswegs aus. tibi vidsse, et tu viceris.
'" WA 6/359 29- 32 (Sermon von dem Neuen Testament, 1520). Vg1. WA 57(Hebr)/2131H6. 152 WA 1011/1319-141 (Kirchenpostille 1522). WA 401/546 21 - 28 (Großer Galater-Kommen-
Weitere Stellen bei Wisl0ff, Abendmahl 82. tar, 1535): Ea est vera fides Christi et in Christum, per quam membra 6mus corpo~is eius,
'" Vgl. Althaus, Wesen des Gottesdienstes 278; Vajta, Theologie des Gottesdienstes
131f.139f.145f; Suess, Histoire du Salut 241; Pesch, Theologie der Rechtfertigung
de carne et ossibus eius. Ergo in ipso vivimus, movemur et sumus. Ideo vana est
Sectariorum speculatio de fide gui somniant Christum spiritualiter, hoc est, speculative
217~231. in nobis esse, realiter vero in coelis. üportet Christum et 6dem omnino coniungi, oportet
Anamnese - Epiklese bei Luther Glaube und Anamnese 153

dstusbegegnung als Begegnung mit dem historischen Heilbringer für uns heil- Gotzen, sondern den rechten Gott zum rechten Gott machest, Nicht das du sein
affend. Der Glaube gibt die wahre Gottesgemeinschaft. Der wahre Gott wird in Gottliche natur machen sollest, denn dieselbige ist und bleibt ungemacht ewiglich,
i durch den Glauben geschaffen, kann Luther in extremer Formulierung sagen; Sondern, das du jhn kanst dir zum Gott machen, das er dir, dir, dir, auch ein rechter
le den Glauben stehen wir unter dem Zorn Gottes, denn Gott und die Sünde Gott werde, wie er fur sich selber ein rechter Gott ist, Das ist aber die kunst, kurtz
tragen sich nicht. Nur durch den Glauben, und das heißt durch das Wort Gottes, und gewis dargegeben: Das thut zu meinem gedechtnis, Lerne sein gedencken, das
.ches den Glauben schafft, steht Gott mit dem Sünder in Beziehung.t53 ist (wie gesagt): Predigen, preisen, loben, zuhoren und dancken fur die gnade jnn
Da der Glaube also die Funktion der altkirchlichen Anamnese hat, ist er die Christo erzeigt. Thustu das, sihe, so bekennestu mit hertzen und munde, mit ohren
damentale Kategorie des Gottesdienstes. Deshalb ist es nur konsequent, wenn und augen, mit leib und seele, das du Gott nichts gegeben habest, noch mugest,
:her in seiner Sakramententheologie dem Glauben die rechtfertigende Kraft Sondern alles und alles von jhm habest und nemest, sonderlich das ewige leben und
chreibt, denn durch den Glauben wird die letzdich rechtfertigende Präsenz unendliche gerechtigkeit jnn Christo, Wo aber das geschieht, So hastu jhn dir zum
:isti und seines Heilswerkes Realität: ..Und an dem glauben ligt es als miteynan- rechten Gott gemacht und mit solchem bekentnis seine Gottliehe ehre erhalten. "156
. der allein macht, das die sacrament wircken,was sie bedeuten, und alles war Gotteslob ist also, fernab davon, ein verdienstliches Werk zu sein, der rechte
t, was der priester sagt, dan wie du glawbst, Bo geschieht dir. "154 Der rechtferti- Gottesdienst, dessen grundlegende Struktur der Dialog ist: Wort Gottes - antwor-
de Glaube ist ja keineswegs ein subjektives Moment, ein menschliches Werk, tendes Lob als Lob des Gerechtfertigten, in dem Christus lebt und lobt; das Lob ist
dern im Gegenteil das Werk Gottes im Menschen durch sein Wort. Durch den das einzige "Werk", das wir Gott erzeigen können. 157
uben läßt Gott sein historisches Heilshandeln für den Glaubenden Realität
den. Daß der Glaube rechtfertigt, heißt also nichts anderes als die Unterschei- 3.3.2 Der Mensch in der Rechtfertigung -
g zwischen "factum" und "usus facti", zwischen "meritum" und "distributio
iti". Beide Momente werden gewahrt: die heilsgeschichtliche Begründung der Das "offerimus" der altkirchlichen Eucharistiegebete bedeutet, wie wir gesehen
htfertigung im Tod Christi und die je aktuelle Begegnung des Sünders mit dem haben, nicht eine neue, verdienstliche Opfertat der Kirche. Es besagt die menschli-
benden und auferstehenden Christus. Wie in der altkirchlichen Liturgie die che Seite der Verwirklichung der Anamnese, und zwar nicht als menschliche
,mnese diese beiden zeitlich auseinanderfallenden Pole zusammenhält, so bei Leistung, sondern als Hineingenommenwerden in das allein heilschaffende Opfer
her der Glaube. Christi, als Gleichförmigwerden dem Bild Christi und äußert sich in der AOytKT)
Der Glaube, so haber- wir festgestellt, vollzieht sich im Gebet. "Wie die Ana- 9ucria, im logosgemäßen Gottesdienst, den letztlich der im Christen wohnende
:se ein korrespondierendes Handeln von Gott und glaubendem (1) Menschen ist Logos selbst vollbringt. Das "offerimus" ist zwar die Form der Verwirklichung der
1 Ungläubigen kann die Anamnese nicht vollzogen werden), so hat auch der
Anamnese (bezüglich des Menschen), aber es verursacht nicht ihre Verwirklichung,
Jbe neben der allein heilsbedeutenden Dimension des Handelns Gottes durch diese muß in der Epiklese erst erbeten werden.
Wort die Seite der in den Dienst Gottes genommenen Aktivität des Gerechtfer- Eine entsprechende Struktur in der Rechtfertigungslehre Luthers finden wir in
~n, die eigentlich die Aktivität Christi in ihm ist ~ die Seite des Gebetes. Die der Betrachtung des von Augustinus übernommenen Themas: Christus als "sacra-
esdienstliche Realisierung des anamnetischen G~aubens ist daher neben der mentum et exemplum"158, das in der gesamten Theologie Luthers (nicht nur in
ligt (Treiben des Wortes Gottes als mündliche Verkündigung, ohne die es keine seiner Frühzeit) eine gewichtige Rolle spielt. Ich wähle einen Text aus den "Asteris-
h.tfertigung gibt) das Dank- und Lobgebet, die Preisung Gottes für seine großen ci" von 1518:· "Das Verdienst Christi kann uns auf dreifache Weise nützen. Erstens,
:n, in die er den Sünder hineingenommen und dadurch gerechtfertigt hat. daß es die Summe unseres Vertrauens und das Haupt unserer Gerechtigkeit sei, nach
her Lobpreis ist nicht Menschenwerk155 , sondern Anerkennung des vollkorn.,. dem Spruch des heiligen Paulus: Er wurde für uns von Gott zur Gerechtigkeit
en Geschenkcharakters der Rechtfertigung: "Wiltu nu ein Gott macher werden, gemacht, d. h. er ließ seine Gerechtigkeit die unsere werden sowie er unsere Sünden
om her, hore zu, Er wil dich die kunst leren, das du nicht feilest und einen die seinen werden ließ. Zweitens, daß dieselben [Verdienste] für uns Ursache seien,

156 WA 3011/60239---60312 (Vermahnung zum Sakrament, 1530). Vgl. ebd. 6013 1- 33 : "Was ist
simplidter nos in coelo versari ef Christum esse, viven cf operari in nobis; vivit autem et operatur aber sein gedencken anders, denn seine gnade und barmhertzigkeit preisen, zuhören,
in nobis non speculative, sed realiter, praesenfissime et efficacissime. predigen, loben, dancken und ehren, die er uns jnn Christo erzeigt hat?"
WA 401/36025- 27 (Gr. Gal-Komm.): [FidesJ creatdx est divinitatis, non in substantia Dei, 157 WA 8/37823-27 (Evangelium von den 10 Aussätzigen, 1521): "Aber das ist der recht
sed in nobis. Nam sine fide amittit Deus in nobis suam gloriam, sapientiam, iustitiam, Gottis dienst: widderkamen, mit grosser stym hoch loben. Das ist das groste werck ynn
veritatem, misericordiam etc. hymel und erden, datzu das eynige, das wir gott ertzeygen mugen, denn der andern darff
WA 2/715 30- 33 (Bußsermon 1519). er keynisz, ist yhr auch nit fehig, alleynn geliebt unnd gelobt mag er von unsz werden."
WA 7/5509f (Magnifikat-Auslegung, 1521): "Denn es ist kein menschen werck, got mit 158 Vgl. Bizer, Entdeckung des Sakraments 65-71; Iserloh, Sacramentum et exemplum (mit
frewden lobenn. Es ist mehr (rolich leyden und allein ein gottis werck." berechtigter Kritik an Bizer); Lortz, Sakramentales Denken 27-31.
Anamnese - Epiklese bei Luther sacramenfum ef exemplum 155

auch wir für uns wie für andere so handeln. ... Von diesen zwei Rechtfertigung, sondern die Weise, wie sie uns zuteil wird.1 62 Diese Christusför-
elsen] sagt der h1. Augustinus, De trin. III 4, daß das Leben Christi zugleich migkeit des Gerechtfertigten setzt ihn in den Stand, die Werke des Gesetzes
Sakrament und Beispiel ist: Sakrament auf die erste Weise, indem er uns ohne uns im anfanghaft (nur anfanghaft!) zu erfüllen, anfanghaft Gott zu lieben. 163 Die Gottes-
Geist gerechtmacht; Beispiel, indem er uns mahnt. auch im Fleisch Ähnliches zu liebe als der eigentliche Gottesdienst beginnt also durch die sola fide zustandege-
tun, und mit uns wirkt. Drittens, daß es [das Verdienst] - wie man sagt - die kommene Einwohnung Christi bruchstückhaft verwirklicht zu werden, der Glaube
Sündensttafen tilge. "159 Der hier vorliegende Begriff "sacramentum" entspricht setzt die Liebe frei, ohne jedoch von ihr ersetzt zu werden. Im Gegenteil: da die
dem, was man heute unter dem Titel "Christus als Ursakrament" abzuhandeln Liebe in diesem Leben immer unvollendet bleibt, hat immer nur der Glaube
pflegt. Christus als Sakrament ist der Grund unserer Rechtfertigung, d. h. das rechtfertigende Kraft, bis er in der Vollendung durch die Liebe abgelöst wird.t 64
Heilswerk Christi bewirkt in uns das Heil völlig ohne menschliche Mitwirkung, Die Stellung des Menschen im Prozeß der Rechtfertigung ist also durch zweierlei
allein durch Wort und Glauben. Weil Christus Sakrament ist, Ursache des Heils. bestimmt: durch Glauben, und nur er begründet das Heil, aber er begründet es so,
vollzieht sich sine nobis der "fröhliche Wechsel", wird Christi Gerechtigkeit die daß sich der Heilsstand schon hier auf Erden in Gottes- und Nächstenliebe, in guten
unsere, unsere Sünde die Christi. Aber Christus ist auch - in zweiter Linie! - Werken äußert. Das Leben des Gerechtfertigten ist bestimmt durch "den Glauben
"exemplum", und d. h., daß der durch Christus als Sakrament Gerechtfertigte in der an Jesus Christus und nach Empfang des- Heiligen Geistes durch den Glauben an
Lage ist, Christus nachzufolgen. Die "sakramentale", soja tide ohne jede mensch- Christus die Erfüllung des Gesetzes"165.
liche Mitwirkung zustandegekommene Rechtfertigung wirkt sich im Menschen aus, Der Glaube, der allein rechtfertigt, kann, um rechtfertigender Glaube zu sein,
d. h. der Prozeß, als den wir die Rechtfertigung verstehen müssen, wird in Gang nie allein sein, d. h. ohne Werke.t 66 In diesem Paradox ist das Verhältnis von
gesetzt. und dieser Prozeß besteht darin, daß der Gerechtfertigte christusförmig Glaube und Werken nach Luthe:fbeschlossen: ,,3. Wenn der Glaube nicht ohne auch
wird, konkret: daß der Glaube sich im guten Werk äußert. Dieses Werk, das also nur die geringsten Werke ist, rechtfertigt er nicht, ist er vielmehr gar kein Glaube.
die Rechtfertigung nicht begründet - in keiner Phase, denn auch der Gerechtfertigte 4. Es ist unmöglich, daß der Glaube ohne beständige, viele und große Werke
ist ja noch peccator, sein Werk ist also niemals vollgenügsam in den Augen Gottes ist."167 Der rechtfertigende Glaube bringt unfehlbar gute Werke hervor. Nur der
-, das aber zum Prozeß der Rechtfertigung dazugehört, ist nicht Menschenwerk im Glaube allein begründet die Rechtfertigung, aber im Prozeß der Rechtfertigung
Sinn des Leistungsdenkens, sondern Gottes Werk im Gerechtfertigten. Das "sacra- haben die Werke ihren notwendigen Stellenwert. Luther unterscheidet diesbezüg-
mentum" ist daher dem "exemplum" wesenhaft vorgeordnet 160, aber letztlich sind lich im Großen Galaterkommentar zwischen "fides absoluta" und "fides incarna-
beide konstitutiv'für die (immer als Prozeß verstandene) Rechtfertigung, insofern ta"168; "So spricht der Heilige Geist in der Schrift in verschiedener Weise über den
zwei Seiten derselben Sache.t 61 Die Konformität mit Christus durch das exem- Glauben, einmal sozusagen über den abstrakten oder absoluten Glauben, dann über
"
plum", die in den guten Werken in Erscheinung tritt', ist nicht der Grund für die

162 Vgl. ebd. 441,


WA 1/30912-22: Meritum Christi potest nobis prodesse tripliciter. Primo, ut sit nostrae 163 WA 401/40032....40119 (Gr. Galaterkommentar, 1535): üportet .e?im nos acdpere Sp!ritum
fiduciae summa et caput iusticiae, luxta illud Pauli: Qui factus est nobis iusticia a Deo, sanctum, quo illuminati et renovati ineipimus facere legern, d1l1gere Deum et proxImum,
id est, qui suam iusticiam fedt nostram esse, sieut peccata nostra fedt esse sua. Secundo, Spiritus sanctus autem non per Legern acdpitur. ", Sed per au~it~m ~dei, ho~ ~st per
quod eadem Hobis causa sinl similia faciendi, ut el nos ila lum pro nobis tum pro aNis faciamus. promissionern. üportet nos simplieit~r cum Abr~ham et fide I?S~US In promlsSl~nem
... De his duobus B. Augustinus lib. 3. tri. ca. 4. dicit, quod vita Christi est simul benediei. Confugiendum est ergo prtmum omntum ad promIssIonern, ut aU~l~m~s
sacramentum et exemplum, Sacramentum prima modo, dum nos iustificat in spiritu sine vocem benedictionis, hoc est Evangelium. Huic credendum est; ea vox promlsslonlS
nobis, Exemplum, dum nos similia facere monet etiam in carne, et operatur eum nobis. Abrahae affert Christum, quo fide apprehenso mox donatut Spiritus sanctus propter
Tertio, ut remittat (ut vocant) satisfactiones peccatorum. Christum. Turn diligitur Deus et proximus, bona opera fiunt, fertur crux.. .
16<1
WA 57 (Hebr)/114 17- 19 : Vehementer ergo erranr, qui peeeata delere parant primum per 164 WA 391/20314--19 (Thesen 16-18 der Promotions-Disputation von Pall~dlus und T~le­
opera et labores penitende, ve/ut ab exemplo ineipientes, eum deberent a saeramento ineipere. mann, 1537): 16. Lex igitur duplidter impletur, seilicet per fidem et charttatem. 17. FI~e
~iese rechte Zuordnung von sacramentum und exemplum, die schon in noch früheren impletur in hac vita, reputante interim Deo nobis per :=hristum iustit~am. seu legls
Außerungen Luthers klar ausgesprochen ist (vgl. Iserloh, Sacramenturn et exemplum impletionem gratuito. 18. Charitate implebitur in futura VIta, eum perfect1 ertmus nova
251), wird von Bizer verkannt, wenn er meint (Entdeckung des Sakraments 69): "Aber creatura Dei.
das ändert gar nichts daran, daß der Heilsweg darin besteht, daß wir Christus conform 165 WA 401/40121f: Credere in Iesum Christum et accepto per 6dem in Christum Spiritu
werden müssen, demütig werden müssen, wie er demütig war, und daß es der Zweck des saneto operari ea quae sunt in Lege.
,Sakraments' ist, den Menschen in diese Haltung der büßenden Demut zu bringen." 166 Vgl. den Aufsatztitel von Althaus: "Sola fide nunquam sola".
Tatsächlich ist die Konformität mit Christus nicht Grund, sondern Folge des Heils, das 167 These 3 + 4 der Zirkulardisputation "Utrum opera fadant ad iustilicationem" (1520; WA
wesentlich durch die Wirkkraft des Sakraments Christus zustande kommt und nicht 7/2317-9): 3. Fides nisi sit sine ullis etiam minimis operibus, non. iusti6:at, imo non est
durch dessen Auswirkungen. fides. 4. Impossibile est fidem esse sine assiduis, multis et magnts opertbus.
161 Vgl. Ebeling, Evangelienauslegung 440f. 168 Vgl. dazu Manns, Fides passim.
156 Anamnese - Epiklese bei Luther Der Glaube und die Werke 157

den konkreten, zusammengesetzten oder inkarnierten Glauben ... Um den absolu- gung ist also ein Leben in Liebe, ein Leben, das sich in guten Werken gegen Gott
ten oder abstrakten Glauben handelt es sich, wenn die Schrift absolut über die und den Nächsten äußert. Die Liebe zu Gott ist das richtige Verhältnis des Men-
Rechtfertigung oder die Gerechtfertigten spricht ... Wenn die Schrift aber von schen zu Gott, das Leben in der Rechtfertigung ist ein Anfang dieses Gottesverhält-
Lohn und Werken spricht, dann spricht sie vom zusammengesetzten, konkreten nisses, ein Hineingenommenwerden in die begründende Gottesliebe Christi. 174 Da
oder inkarnierten Glauben. "169 D~e fides absoluta ist die sola fides, die rechtfertigt, dieses Hineingenommenwerden aber erst im Tod zur Vollendung kommt, kann sich
der Grund der Rechtfertigung; die fides incarnata ist die Lebensform des Gerecht- die Rechtfertigung (deren Ziel ja die vollendete Gottesliebe ist) nicht auf die Liebe
fertigten, die Realisierung der sala tide erfolgten Rechtfertigung, gehört also we- bzw. die Werke aufbauen; diese haben vielmehr den Sinn, daß sie die Rechtferti-
sentlich zur Rechtfertigung als lebenslangem Prozeß hinzu. Ja, da fides absoluta und gung, die coram Deo sola fide geschieht, coram hominibus gewiß machen. 175
fides incamata letztlich eins sind wie Gott und Mensch in Christus, so kann nach Wie der Glaube nicht Werk des Menschen ist, sondern Werk Gottes durch das
dem Vorbild der Idiomenkommunikation auch der fides incarnata die Rechtferti- Wort, so sind auch die guten Werke, die der Glaube hervorbringt, nicht Menschen-
gung zugesprochen werden. 17o Auch der Liebe, den guten Werken, die ja sola werk, sondern Tat des im Gerechtfertigten wohnenden Christus. In der Rechtferti-
gratia möglich sind (ohne als vollkommene die Rechtfertigung begründen zu gung wird der Mensch eine Person mit Christus176, daher wird Christi Heilstat im
k?nnen), kommt also in der Rechtfertigung nach Luther eine heilsnotwendige, aber Menschen wirksam, der Gerechtfertigte leb~, als ob er die heilbringenden Werke
rucht heilsbegründende Funktion zu: "Die Werke sind notwendig zum Heil, aber sie Christi vollbracht hätte.1 77 Die guten Werke sind daher Gottes bzw. Christi Werk,
verursachen es nicht, denn allein der Glaube gibt das Leben."171 Daß Luther hier das der Mensch an sich geschehen läßt, durch das er immer mehr dem Bild Christi
sehr zurückhaltend ist und den Glauben gegenüber der Liebe so stark, zuweilen angeglichen wird: "Es ist aber der Weg Gottes, denn - wie Lev 26 sagt - er wandelt
einseitig stark, betont, liegt daran, daß die Aussage· der Heilsnotwendigkeit der in uns, d. h. er wirkt in uns, lebt in.l1ns, spricht in uns. ,Denn nicht ihr seid es', sagt
guten Werke immer das katastrophale Mißverständnis nahelegt, die Werke könnten er, ,die reden.' Dennoch spricht unsere Übersetzung mcht falscherweise von meinem
die Rechtfertigung verdienen, in der Rechtfertigung könnte man auf die . Werke Weg, denn zu Recht wird gesagt, daß, wenn Gott in uns wirkt, auch wir wirken,
bauen, also das Mißverständnis der Werkgerechtigkeit, deren Bekämpfung Luthers wenngleich dieses Wirken mehr ein Ergriffenwerden, Geführtwerden und Erleiden
zentrales Anliegen war.t 72 Das Verhältnis von Glaube und Liebe bzw. Werken ist Gottes als des Wirkenden ist, wie es dieser Vers anzeigt, wenn er sa.gt: Führe mich,
unumkehrbar: der Glaube allein rechtfertigt, der rechtfertigende Glaube wirkt gute lenke deinen Weg, womit gemeint ist, daß er nicht aus sich handelt, sondern von Gott
Werke, bringt sie hervor wie ein Baum die Früchte: "Wir schließen also mit Paulus geführt und geleitet wird. "178
daß wir allein durch~en Glauben an Christus ohne Gesetz und Werke gerechtf~rtig;
werden. Nachdem aber der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt worden ist hominem esse otiosum, sed irnpellit eum ad omnia exercitia pietatis, ad dileetionem Dei,
und Christus durch den Glauben besitzt und weiß, daß er seine Gerechtigkeit und ad patientiam in afflictionibus, Ad invocationem, gratiarum aetionem, ad exhibendam
sein Leben ist, wird er gewiß nicht müßig sein, sondern wie ein guter Baum gute charitatem erga omnes.
174 Vgl. Manns, Fides 300: "Denn wenn der Glaube in der Liebe Fleisch annimmt, um fortan
Fruchte hervorbringen. Denn der Glaubende hat den Heiligen Geist; wo dieser ist,
die geschenkte Gerechtigkeit in steigender Erfüllung des Gesetzes auch zu leben, dann
läßt er den Menschen nicht müßig sein, sondern treibt ihn zu allen Übungen der ist das nach außen in Erscheinung tretende und auf den Menschen gerichtete 0PIlS nichts
Frömmigkeit, zur Gottesliebe, zur Geduld in den Anfechtungen, zur Anrufung, zur anderes als Ausdruck jener letzten und inneren Liebeshingabe, die Gott im Gesetz von
Danksagung, .zum Liebesdienst an allen."173 Das Leben im Prozeß der Rechtferti- uns fordert und die Gott selbst zum Ziel hat."
175 WA 391/938-12. Vgl. Althaus, Sola lide 230-233; 1wand, Luthers Theologie 145.
176 WA 40I/28524-28617: Verum reeta doeenda est fides, quod per eam sic conglutineris
169
WA ~OI/~1427-41517: Ita et Spiritus sanctus in Scriptura varie de fide loquitur, iam de fide Christo, ut ex te et ipso fiat quasi una persona quae non possit segregari sed perpetuo
(~t SIe dicam) abstracta vel absoluta, iam de fide conereta, composita seu incarnata ... adhaerescat ei et dicat: Ego surn ut Christus, et vicissirn Christus dicat: Ego surn ut ille
FId~s a?sol:'"ta seu abstracta est, quando Scriptura absolute loquitur de iustificatione seu peccator, quia adhaeret mihi, et ego illi; Coniuncti enim sumus per :lidern in unam carnem
de lUSti~eat1s ... Quando vero Scriptura loquitur de praemiis et operibus, tune de fide et os, Eph. 5.: ,Membra sumus corporis Christi, de carne eius et de ossibus eius'. 1ta, ut
composlta, concreta seu incarnata loquitur. haee fides Christum et me arctius copulet, quam maritus est uxori copulatus.
170
W,A ~0I/41.624f:. Et.tam~n ut vere dicitur de Christo homine, quod creavit omnia, ita 177 WA 2/1459-21 (Sermo de duplici iustitia, 1518): Prima [iustitia] est aliena et ab extra
tnbultur etlam lUstificatlO 6dei incarnatae seu fideli facere. Vgl. WA 27/12638----1284. infusa. Haec est qua Christus iustus est et iustifieans per fidem ... Haec ergo iusticia datur
171
WA 391/966-8 (Disputatio de iustifieatione, 1536): Opera suntnecessaria ad salutem sed hominibus in baptismo et omni tempore verae poenitentiae, ita ut homo cum fiducia
non eausant salutern, quia fides sola dat vitam. ' possit gloriari in Christo et dicere ,meum est quod Christus vixit, egit, dixit, passus est,
172
Vgl. Manns, Fides 270.292 u. Ö. mortuus est, non seeus quarn si ego illa vixissem, egissem, dixissem, passus essern et
173
WA 401/265 29-36 : Concludimus ergo eum Paulo, Sola fide in Christum nos iustifieari sine mortuus essem'. Sicut sponsus habet omnia, quae sunt sponsae, et sponsa habet omnia,
lege et .operibus. P~stq~~m vero ~omo fide iustifieatus est et iam Christum fide possidet quae sunt sponsi (omnia enim sunt communia utriusque, sunt enim una cara), ita
et nOVIt eum esse lUstItlam et vltam suam, certe non erit otiosus sed ut bona arbor Christus et Ecclesia sunt unus spiritus.
proferet bonos fruetus, Quia credens habet Spiritum sanctum; ubi is est, non sinit 178 AWA 2/2604-10 (Operationes in Psalmos): Est autem via dei, quia, sicut Levitici 26,
158 Anamnese - Epiklese bei Lu/her Gottes Handeln im Menschen 159

Von diesem fern jeder Werkgerechtigkeit liegenden Begriff des Handelns des an uns vorbei handeln. In der cooperatio gewinnt das Handeln Gottes in uns seine
gerechtfertigten Menschen, das eben das Handeln Gottes im Gerechtfertigten ist, konkrete Gestalt. 183
kann Luther sogar aussagen, daß es ein Zusammenwirkendes Menschen mit Got:t Diese so verstandene cooperatio als Wirkenlassen des Werkes Gottes im
(cooperatio) ist. 179 Gott vollbringt die Rechtfertigung als sein Werk selbst in Menschen ist also der Vollzug der Gottesgemeinschaft, des dialogischen Verhältnis-
völliger Freiheit ohne ein die Rechtfertigung begründendes Tun des Menschen, aber ses Gott - Mensch, vom Menschen aus gesehen. l84 Da aber der Gerechtfertigte
er wirkt nicht ohne den Menschen. Im "Sermo de duplici iustitia"spricht Luther Sünder bleibt, ist dieser Volliug nur anfanghaft, fortschreitend auf seine Vollen-
von einer ,.zweiten Gerechtigkeit". welche durch die erste, die Gerechtigkeit Chri- dung im Reich Gottes. Er ist Hineingenommenwerden in die durch Christus
sti, die uns durch den Glauben angerechnet wird, als ihre Frucht und Folge in uns erwiesene Liebe Gottes. Wie das menschliche Mitwirken nicht das rechte Gottesver-
als die unsere generiert wird: "Die zweite Gerechtigkeit ist unsere eigene, nicht daß hältnis konstituieren kann, so kann auch das "offerimus" der altkirchlichen Liturgie
wir allein sie wirken, sondern daß wir mit jener ersten und fremden zusammenwirken. die Anamnese nur vollziehen durch die AOytKT] 9ucria als Werk des Logos im
Diese nun ist der gute Wandel in guten Werken, erstens in der Abtötung des Menschen, ihre Verwirklichung kann nur von Gott erfleht werden. Die recht verstan-
Fleisches und der Kreuzigung der Begierden gegen sich selbst ..., zweitens auch in dene coopera'tio entspricht also durchaus dem "offerimus"-Gedanken der Liturgie,
der Nächstenliebe, drittens inder Demut und Gottesfurcht. "180 Diese cooperatio sie ist Vollzug des anamnetischen Glaubens durch den im Gerechtfertigten wohnen-
ist also nicht menschliches Werk (non nos soli operemur eam), sondern die von Gott den Christus, der die Aktivität des Menschen, in dem er wohnt, in Dienst nimmt.
in Dienst genommene menschliche Aktivität, die, als Aktivität des gerechtfertigten Wie das "offerimus'< ausdrücken will, daß der Gerechtfertigte in das Opfer Christi
Sünders, nie vollkommen und deshalb nicht rechtfertigend ist, deren sich aber Gott hineingezogen wird, an ihm Anteil hat, nicht aber, daß der Mensch durch sein Opfer
bedient, um sein Werk in der Welt durchzuführen. Diese cooperatio richtet sich Anteil am Opfer Christi erlangt, so_ist die menschliche Aktivität, die die Aktivität
gegen das eigene Selbst in der Abtötung der Sündenreste, gegen den Nächsten in des untrennbar mit Christus verbundenen Menschen ist, in der Rechtfertigung, im
der Liebe und gegen Gott in der Gottesfurcht, im wahren Gottesdienst. Die Prozeß der Rechtfertigung, Zeichen der Auswirkung der göttlichen Gnade, die
operatio Gottes und die cooperatio dei in nobis CWA 18/75415) zusammen konstituie.,. allein den Menschen gerecht macht, indem sie ihn gerecht spricht und das Werk der
ren das rechte Gottesverhältnis. Denn der Mensch ist von Gott als sein Partner, als Heiligung durch den Heiligen Geist initiiert, für den Menschen, der als Gerechtfer-
sein personales Gegenüber geschaffen und kann daher zum Werkzeug des göttlichen tigter "initium novae creaturae Dei" ist. Von Luther werden nicht die Werke aus
Heilshandelns werden - dies ist der eigentliche Sinn der cooperatio-Aussagen dem Prozeß der Rechtfertigung ausgeschlossen, sondern - ~as freilich mit größtem
Luthers. 181 Gott handelt in uns nicht ohne uns 182 , denn sonst würde er letztlich Nachdruck, deshalb (unvermeidlicherweise) bisweilen nicht frei von Einseitigkeit-
\ ihr heilbegründender, verdienstlicher Charakter. Einen solchen hat jedoch auch das
ambulat in nobis, hoc est, operatur in nobis, vivit in nobis, loquitur in nobis. "Non enim recht verstandene "offerimus" nicht, und daher können wir feststellen, daß bei
vos estis", inquit, "qui loquimini". Non tarnen falsa dicit nostra translatio iJiam meam, Luther ein richtiges .,Meßopfer"-Verständnis nach dem Zeugnis der liturgischen
quia operante deo in nobis et nos operari recte dicimur, quamquam hoc operari magis Überlieferung trotz seiner so massiven Kritik am Meßopfer keineswegs auszuschlie-
sit rapi, duci et pati operatorem deum, sicut hic versus indicat dicens: Deduc me, dirige viam
tl/am, quo significat se non ex se agere, sed a deo duci etagi. - Zu Ps 5,9:' Domine, deduc ßen ist.
me in iustitia tua propter inimicos meos, dirige in conspectu tuo viam meam. Die Vulgata
hat "viarn tuam". - WA 2/5394-13 (Kleiner Galater-Kommentar, 1519): Verum sub hac
simplicitate latet non minus sublimis illa intelligentia, quod nostrum agere est pati deilm nihil facit aut conatur, quo fiat creatura, Deinde factus et creatus nihil facit aut conatur,
in nobis operantern, quo modo'videmus instrumetitum artificis magis agi quam agere, quo perseveret creatura, Sed utrunque:lit sola voluntate omnipotentis virtutis et bonitatis
quod et Isa. XXVI. omnia opera, inguit, nostrain nobis operatus es, domine: ita nostrum Dei nos sine nobis creantis et conservantis, sed non operatur in nobis sine nobis, ut quos ad
cognoscere est cognosci a deo, qui et operatus est in nobis hoc ipsum cognoscere (de :lide hoc creavit et servavit, ut in nobis operaretur et nos ei cooperaremur ... Homo antequam
enim loguitur): ergo prior cognovit nos. Et aptissime hoc utitur tropo in eos, qui iam renovetur in novam creaturam regni spiritus, nihil fach, nihil conatur, quo paretur ad
in sua iusticia niti ceperunt, quasi deumvelint praevenire operibus suis et iusticiam deo eam renovationem et regnum; Deinde recreatus, nihil fadt, nihil conatur, qua perseveret
parare, quam ab· ipso acceptam oportuit.. Qui furor communis est omnium legalium et in eo regno, Sed utrunque facit solus spiritus in nobis, nos sine nobis recreans et
ceremomalium iusticiariorum. conservans recreatos ... Sed non operatur sine nobis, ut quos in hoc ipsum recreavit et
179
Zur cooperatio vgl. Seils, Zusammenwirken; Pesch, Theologie der Rechtfertigung conservat, ut operaretur in nobis et nos ei cooperaremur. - Dazu bemerkt Seeberg,
317-320. Luthers Theologie II 313: "Es ist das Ziel des großen, mit dem Wort ,Rechtfertigung'
ISO
WA 2/14636...-1473: Secunda iusticia est nostra et propria, non guod nos soli operemur eam, umschriebenen Lebensvorgangs, das Luther hier bezeichnet: Wir, die wir durch die
sed guod cooperemur illi primae et alienae. Haec nunc est illa conversatio bona in operibus einzigartige Kraft seines Geistes in sein Reich gehoben sind, sollen Mitarbeiter Gottes
bonis, Primo in mortificatione carnis et crucifixione concupiscentiarum erga seipsum ..., in diesem Reich werden. Man versteht von Luther sehr wenig, wenn man nicht diesen
Secundo et in charitate erga proximum, Tercio et inhumilitate ac timoreergadeum. das Ganze krönenden Gedanken durchgedacht und verstanden hat."
181
Vgl. Seils, Zusammenwirken 76f.121-123; WA 23/826.-94; WA 43/6822-24. 183 Vgl. Seils, Zusammenwirken 190.
'" WA 18/7541- 15 (De servo arbitrio, 1525): Sicut homo, anteguam creatur, ut sit homo, 184 Vgl. Pesch, Theologie der Rechtfertigung 313.
o Anamnese - Epiklese bei Luther Epiklese und "extra nos" 161

~.3 Epiklese und "extra nol' Wie verhalten sich nun Wort und Geist nach Luther zueinander? Die Wirkung
des äußeren Wortes ist nicht identisch mit der Wirkung des Heiligen Geistes,
e Epiklese als die Bitte um die Verwirklichung der Anamnese sichert in der sondern es besteht ein Folgeverhältnis: "Goth gibt uns von ersten das worth, damit
kirchlichen Liturgie die Unverfügbarkeit des Heilshandelns Gottes in der Eucha'" er uns erleuchtet, darnach den H. Geyst, der in uns wircket unnd den glawben
tie. Die Anamnese kann nicht durch die Kirche, durch ihren rituellen Vollzug, anzcundt."190 Dieser zeitliche. Abstand von Hören des äußeren Wortes und Wirk-
lisiert werden, sondern Gott selbst ist es, der die historische Heilstat Christi für samkeit des Geistes sichert einmal die Freiheit des Handelns Gottes bzw. des
~ feiernde Gemeinde Gegenwart werden läßt. Dadurch verwandelt er die Gläubi- Geistes; das Wortgeschehen ist kein magisches -Geschehen, das automatisch durch
rr mehr und mehr in den Leib Christi, in den sie grundsätzlich durch die Taufe den menschlichen Vollzug funktioniert. Das äußere, mündliche Wort wird freilich
Ion eingegliedert sind, indem er ihnen Anteil gibt an Leib und Blut Christi, in von Menschen gesprochen. Und diese Aktivität des Menschen ist für die Rechtferti-
lehe er die Gaben der Gemeinde, Brot und Wein. umsriEtet, weil er· seinen gung notwendig, denn Gott rechtfertigt nicht ohne das äußere Wort, aber die
iligen Geist auf sie sendet. Wirksamkeit des Geistes im Wort ist vom Menschen aus gesehen nur Gegenstand
Die Unverfügbarkeit von Gottes Heilshandeln ist zentrales Thema von Lu- der Erwartung, des Gebetes, der Bitte. Der Mensch kann die durch den Heiligen
:rs Theologie. Gott ist durchgängig (nicht nur am Anfang) Subjekt der Rechtfer.:. Geist hergestellte Gegenwart Christi nicht erw~rken, er kann sie nur erbeten,
ung, des Prozesses der Umwandlung des Menschen in die "nova creatura-Dei"; erflehen.t91 Das Wortgeschehen schließt das Gebet nicht aus, sondern ein - das
mals kann die Kirche die Rechtfertigung vollbringen. Diesen fundamentalen wurde bereits festgestellt. Und dieses Gebet kann nun näher qualifiziert werden als
:hverhalt drückt Luther in der immer wiederkehrenden Formel "extra nos", und epikletisches Gebet, als Bitte um den Geist, der die Anamnese vollzieht, indem er
; heißt zugleich "in Christo", aus. Die Gerechtigkeit, durch die der Mensch die Gegenwart Christi als im Glauben gegebene, aber nichtsdestoweniger höchst
:echtfertigt wird, ist, eine externe Gerechtigkeit l85 , nämlich die Gerechtigkeit reale Gegenwart herstellt. Im Gebet vollzieht sich der Glaube. Er vollzieht sich, das
risti. Nicht in uns, sondern außerhalb von uns liegt unsere Gerechtigkeit: "Was haben wir schon gesehen, als Lob- und Dankgebet, als "Eucharistia" . Nun können
also die von Christus überlieferte Gotteserkenntnis? Ist also uns alles weggenom- wir hinzufügen: Er vollzieht sich auch im Bittgebet, eben in der Epiklese. Der
n und nichts übriggelassen? Wo ist also die Weisheit? Wo die Gerechtigkeit? Wo "Brauch" des Sakraments, welcher ja der Glaube ist, kann daher von Luther ganz
Wahrheit? Wo die Tugend? Nicht in uns, sondern in Christus, außer uns in im Sinne der altkirchlichen Liturgie als Anamnese und Epiklese beschrieben wer-
'rt. "186 Das "extra nos" als "Konstituante des Luthertums"187 braucht hier den: "Darumb sihe ia zu, das du dis Sacrament nicht anders denn dieser zwo weise
ht im einzelnen entfaltet werden, es genügt der Hinweis auf die einschlägige brauchest, Nemlich auff danckweise und bett weise, Opinione laudis et precis ... Aber
mographie von Karl-Heinz Zur Mühlen. 18s du solt jm Sacrament Gott dancken und helffen loben fur die vorigen gnade,
Im Geschehen der Rechtfertigung 'wird das "extra nos", die Externität'der sonderlich die dir jnn Christo erzeigt ist, und begeren und bitten umb kunfftige
ade, gesichert durch das "verbum extemum", das mündliche Wort, das den gnade fur deine notturfft. "192
nschen von außen erreicht und ihm die Gerechtigkeit zuspricht. Im mündlichen Der Inhalt der altkirchlichen Epiklese ist die Umwandlung der Gläubigen durch
lrt der Verkündigung wirkt, wie wir schon gesehen haben, der Geist; er ist es; die Teilhabe an den zu Leib und Blut Christi gewandelten Gaben Brot und Wein.
den Glauben schafft. Im äußeren Wort ist es also der Heilige Geist, der das Auch bei Luther ist die Rechtfertigung ein Prozeß der Umwandlung, der Wandlung
nere Wort", Jesus Christus, vergegenwärtigt - wie in der altkirchlichen Liturgie des alten Menschen in den "peccator iustificatus'<, die das ganze Leben währende
,
, Geist zur Verwirklichung der Anamnese auf die Gaben und letztlich durch die Wandlung des "simul iustus et peccator" (partim iustus - partim peccator) in die neue
lhabe an den Gaben, die nun Leib und Blut Christi sind, auf die Gemeinde Kreatur. Diese Wandlung geschieht durch das Wort, und sie geschieht so, daß nicht
'abgesendet wird. Gott wirkt also sein für die Kirche unverfügbares Heilshandeln das Wort in den Menschen gewandelt wird, sodaß es Besitz des Menschen wird,
:ch den Heiligen Geist: Diese Aussage ist Luther189 und der altkirchlichen
urgie durchaus gemeinsam.
1<)(l WA 9/63232f (Predigt zu Mariä Verkündigung 1521). - WA 6/35616- 19 (Sermon von dem
Neuen Testament, 1520): "gott muß zuvorkummen alle werck und gedancken, und ein
Erste BelegstelIe ist das Scholion zu Röm 1,1: WA 56/158 10. klar außgedruckt zusagen thun mit worten, wilch den der mensch mit eynem recht~n,
WA 1/13933- 35 (predigt am Matthiastag 15-17): Quae est ergo cognitio Dei a Christo festen glauben ergreyff und behalte, ßo folgt den der heylig geyst, der yhm geben WIrt
tradita? Ergo omnia nobis ablata et nihil nobis relictum? Ubi ergo est sapientia? Ubi umb desselben glaubens willen." - WA 50/2452--4 (Schmalkaldische Artikel, 1538): "das
iustitia? Ubi veritas? Ubi vinus? Non in nobis, sed in Christo, extra nos in Deo. Gott niemand seinen Geist oder gnade gibt on durch oder mit dem vorgehend eusserlichem
Iwand, Luthers Theologie 46. wort;" Vgl. dazu vor allem Prenter, Spiritus Creator 128-130; weiters Meinhold, Luther
Zur Mühlen, Nos extra nos. heute 128f; Althaus, Theologie Luthers 45f.
Für Luther hat diesen oft weniger beachteten Aspekt besonders betont Meinhold, Bases 191 Vgl. Prenter, ebd. 130; Althaus, ebd. 45.
pneumatologiques passim. Vgl. auch Hauschild, Art. Geist 209. 192 WA 30II/62317-19.23-25 (Vermahnung zum Sakrament, 1530).
162 Anamnese - Epiklese bei Lu/her Die Messe als Ort der Rechtfertigung 163

sondern so, daß der Mensch in das Wort gewandelt wird: »Und so wandelt er uns in
3.4 Luthers Abendmahlsverständnis als katholische Möglichkeit?
sein Wort, nicht aber sein Wort in uns. "193 Das christliche Leben, das Leben des
Gerechtfertigten, aber noch Unvollkommenen, ist diese Wandlung in das Wort Got- 3.4.1 "Summa et compendium evangeltl': Die Messe als hervorragender Ort der
tes, in Christus, letztlich die vollkommene Eingliederung in den Leib Christi. Rechtfertigung
. Auch di~ Verbindung von Wandlung der Gläubigen als Konstituierung der
C~nstus~eme1nschaft,der "communio sanctorum", mit der Wandlung der Gaben _ "Die Messe ist wahrhaftig und eigentlich, so wie wir von ihr sprechen, eben das
dIe Verbmdung von "Wandlungs- und Kommunionepiklese« - findet sich bei Wort der Verheißung, verbunden mit dem Zeichen von Brot und Wein. Denn wenn
Luther gelegentlich, so im Abendmahlssermon von 1519: "Dan zu gleych als das alles andere fehlt und du glaubst diesen Worten Christi: ,Das ist mein Leib, der für
brot yn ~eynen warhafftigen naturlichen leychnam und der weyn yn seyn naturlieh euch hingegeben wird', hast du wahrhaftig die ganze Messe; wenn du dann in
warhafftl~ blut v?rwandelt wirt, alBo warhafftig werden auch wir yn den geystlichen demselben Glauben das Zeichen empfängst, hast du den Nutzen und die Frucht der
leyp, das 1St yn die gemeynschafft Christi und aller heyligenn getzogen und vorwan- Messe empfangen. "195 ,.Messe" hat für Luther - neben dem auch bei ihm anzutref-
delt, und durch diß sacrament yn alle tugende und gnad Christi und seyner heyligen fenden üblichen Sprachgebrauch (Messe als die gesamte Abendmahlshandlung mit
gesetzt" (WA 2/749 10- 15 ). Oder in den "Operationes in Psalmos": "Denn der den Riten und Gebeten196) - eine spezielle Bedeutung. Sie ist die in den Einset-
Glaube an Christus bewirkt, daß er in mir lebt und sich bewegt und handelt nicht zungsworten vorliegende promissio Gottes, die, im Glauben angenommen, den
anders als eine heilsame Salbe auf einen kranken Körper wirkt; und wir werd~n mit Menschen rechtfertigt, verbunden ("besiegelt") mit dem Zeichen des "in und unter"
Christus ein Fleisch und ein Leib durch die innigste und unaussprechliche Umwand- r:w A 30 1/223 23) Brot und Wein gegenwärtigen Leibes und Blutes Christi. Die Messe
lung unserer Sünde in seine Gerechtigkeit - sowie es uns das ehrwürdige Altarsa- ist also ein spezielles promissio-~des-Geschehen, ein rechtfertigendes Wortgesche-
krament darstellt, wo Brot und Wein in Christi Fleisch und Blut umgewandelt hen, in dem Gott der allein rechtfertigend Handelnde ist, also ein katabatisches
werden, .. "194 Geschehen, in dem Gott am Menschen handelt, nicht aber der Mensch gegenüber
Wir können also resümierend feststeHen, daß auch die Idee der altkirchlichen Gott. Wie freilich die Rechtfertigung ein dialogischer Prozeß ist, so ist auch die
Epiklese in Luthers Theologie präsent ist. Die für die Eucharistie fundamentale Abendmahlsfeier (die Messe im weiteren Sinne des Wortes) ein D~alog, zu dem das
Struktu~: "memores ... offerimus ... et petimus" (Anamnese - Epiklese) hat bei antwortende Gebet des Menschen notwendig dazugehört, von Luther als "opera
Luther 1~ der Rechtfertigungslehre eine sachliche Entsprechung im Glauben, der missae" von der ,.Messe" deutlich unterschieden. Da.s katabatische Handeln ha.t
anamnetIsch, die, Gleichzeitigkeit von historischen Heilsereignissen und aktueller dabei den eindeutigen Vorrang inne (der Dialog kommt nur durch die Anrede
Situation des Mert-schen herstellend, zu qualifizieren ist; im Vollzug des Glaubens im Gottes zustande), und dieses, also die "Messe", ist nun zunächst allein ins Auge zu
Gebet ~.gegenüber Gott) und in den Werken als der "Verleiblichung" des Glaubens fassen und als anamnetisches Geschehen zu erweisen.
(gegenube.r den Menschen); in der Bitte um die Verwirklichung des Wortgesche- Die "Einsetzungsworte", in die die promissio Gottes gefaßt ist, sind das Krite-
hens, das 1mmer extra nos grundgelegt ist, d. h. in Christus, der das Wort ist und rium der Messe, von dem her alle übrigen Stücke des Abendmahlsgottesdienstes (der
das niemals aufgrund des rnenscWichen Handelns, der (äußeren Seite der) Verk~ndi­ Messe im weiteren Sinne) beurteilt werden müssen.t 97 Sie sind nicht nur Einset-
gu~g des mündlichen Wortes, sondern nur durch das in der Verkündigung sich zungsworte, verba institutionis, als solche Grund für die Feier der Eucharistie,
ereignende unverfügbare Heilshandeln Gottes durch den Heiligen Geist rechtferti- sondern zugleich evangelische Verkündigung, verba testamenti, in denen dem Hö-
gend ist. Luthers Abendmahlslehre darf daher danach befragt werden, ob in ihr renden das Heil wirksam zugesprochen wird. Sie sind ganz und gar katabatisch,
diese für die altkirchliche Liturgie zentrale Struktur Anamnese - Epiklese zum Wort Gottes, daher ist die Messe in ihrem Wesen Gabe Gottes an den Menschen,
~ragen kommt. ~enn dies der Fall ist, ist sie gewiß als katholische Möglichkeit, Dienst Gottes am Menschen - dies ist der Grundtenor jeglicher Kritik Luthers an
mcht als unkatholische Häresie anzusehen. der römischen Messe und am Meßopfer. Soweit die spätmittelalterliche Meßpraxis
die Messe tatsächlich primär als Dienst des Menschen an Gott erscheinen ließ,

"5 WA 10II/21136-2122 (Contra Henrkum regem Angliae, 1522): Missa est vere et propde,
sieut nos de ea loguimur, ipsurn verbum promissionis cum signa adiecto panis et vini.
Nam si caetera omnia desint, et credideris his verbis Christi: ,Hoc est corpus meum, guod
193 pro vobis datur', vere missam integram habes, deinde si accepeds signum eadem :lide,
WA 56/2274f: Et ita nos in verbum suum, non autem verbum suum in nos mutat. Vgl. usum et fructum missae accepisti.
schon aus den "Dictata sup.er Psalted~m" (WA 3/3979-11): Et nota, quod Scripture virtus Vgl. Vajta, Reformation und Gottesdienst 140.
est hec, guodnon mutatur In eum, gUl eam studet, sed transmutat suum amatorem in sese '"
>97 Vgl. Schmidt-Lauber, Eucharistie 93-108; Wisl0ff, Abendmahl 26-28; Vajta, Reformati~
ac suas virtutes.
on und Gottesdienst 141f; Niebergall, Art. Abendmahlsfeier 288; Sehwab, Sakramen-
'" AWA 2/547 16- 21 , Lateinischer Text s. oben S. 12653.
tentheologie 173-184.
164 Luthors Abendmahlverständnis Die Messe als Ort der Rechtfertigung 165

brachte daher die Reformation eine "radikale Umkehr im Gottesdienstverständ- Sündenvergebung und das ewige Leben. Die Zeugen sind der Heilige Ge~st und die
Oi5"198. freilich keineswegs eine Umkehr in Hinsicht auf die altkirchliche Liturgie, Apostel. Auf seiten der Erben ist zu unterscheiden zwischen dem, was. S1e empfan-
in der wir den durchgehenden Primat des Handelns Gottes klar ausgedrückt gefun- gen (also dem Erbe), und dem, was sie tun, um das Erbe zu. erhalten. D1eses le~ztere
den haben - und das gilt auch für den authentisch interpretierten römischen Kanon! Moment ist die anamnetische Predigt: "Drittens das, was d1e Testamentsempfanger
Die Messe als Ereignis von Wort und Glaube ist als solches Ort der Rechtferti~ tun, und das hat er ausgedrückt durch das Wort: ,Tut dies zu meinem Gedächtnis',
gung.l 99 Sie ist nach Luther sogar der hervorragende Ort der Rechtfertigung, denn d. h., wie der Apostel sagt: sie sollen seinen Tod verkündigen, Buße und Sündenver-
in der promissio der Einsetzungsworte ist das ganze Evangelium enthalten: "Doch gebung und ewiges Leben predigen, dann die im Testament hinterlassene Gnade
nicht vergeblich empfangen, sondern gegen cl Ie > clen anwen clen. "203 Dl>e
> Begler
die Messe ist ein Teil des Evangeliums, vielmehr die Summe und Zusammenfassung
des Evangeliums. Denn was ist das ganze Evangelium als die gute Nachricht von Messe ist danach das anamnetisch in der Predigt, in der Verkündigung vollzogene,
der Sündenvergebung? Doch was immer von der Sündenvergebung und der Barm- besser gesagt: eröffnete Testament Christi, in dem er uns die Sündenvergebung als
herzigkeit Gottes des langen und breiten gesagt werden kann, das ist in den Inbegriff des Heils hinterlassen hat. 204
Einsetzungsworten kurz zusammengefaßt. Daher sollten auch die Predigten an das Konsequent betrachtet Luther die Messe vom Testamentsgedanken aus und
Volk nichts anderes sein als Auslegungen der Messe, d. h. Erklärungen der göttli- damit von der Relation promissio - fides her im "Sermon von dem Neuen Testa-
chen Verheißung dieses Testamentes, denn das hieße den Glauben lehren und ment" und in seiner großen, für die wissenschaftliche Welt bestimmten Sakraments-
wahrhaft die Kirche aufbauen. "200 In der Messe wird also das ganze Evangelium schrift "De captivitate babylonica".2os Im "Sermon" bezeichnet Luther die Messe
206
verkündigt, dessen zentraler Inhalt die Sündenvergebung ist, die daher auch in der als die einzige von Christus eingesetzte Weise des rechten Gottesdienstes. Die
Messe im Mittelpunkt steht. In den als Verkündigung verstandenen und deshalb Messe hat ihr Kriterium in der "ersten Messe" Christi, dem Abschiedsmahl Jesu,
rechtens laut zu rezitierenden 201 Einsetzungsworten geschieht der Zuspruch des und so lautet das oberste liturgische Prinzip: ,,]he neher nu unßere meße der ersten
ganzen Evangeliums, sodaß die Predigt nichts anderes sein kann als Meßerklärung. ~eß Christi sein, yne besser sie on zweyffell sein, und yhe weytter davon, yhe
1520 entwickelt Luther seine Sicht der Messe als promissio anhand des··Begrif- ferlicher" (3553f). Daher machen nicht die Zeremonien und Riten die Mes~e .a:s,
fes des Testaments. Diese Konzeption wird in der Hebräerbriefvorlesung im Scho- sondern um diese zu verstehen, ist es notwendig, die Einsetzungsworte Chr1sulOs
lion zu Hebr 9,17 (Testamentum enim in mortuis confirmatum est) im Anschluß an Auge zu fassen, "dan darynnen ligt die meß gantz mit all yhrem weßen, werck, .n~tz
J oharmes Chrysostomos vorbereitet. 202 Der Erblasser ist Christus, das Erbe ist die und frucht on wilche nichts von der meß empfangen wirt" (355 26- 28). Darauf ZItiert

198
"
Cornehl, Art. Gottesdienst 54.
Luther die'Einsetzungsworte und entwickelt anschließend die Relation promissio -
fides als Zentrum des Reehtfertigungsgeschehens. Die Verheißung Gottes ist schon
Vgl. Pinomaa, Sieg des Glaubens 152. im Alten Testament gegeben, Christus aber hat das Neue Testament gebracht als
'"
200 WA 6/5253 6-5263 (De captivitate, 1520): At missa est pars EuangeHi, immo summa et "kurtzer begriff aller wunder und gnaden gottis durch Christum erfüllet" (357
26
?
compendium Euangelii. Quid est enim universum Euangelium quam bonum nuntium Das Neue Testament enthält die Sündenvergebung als unaussprechlichen Schatz, 10
remissionis peccatorum? At quiequid de remissione peccatoruniet miserieordia dei latissi- ihm sagt Christus dem Menschen zu: "Sihe da, mensch, ich sag dir zu und bescheyde
me et copiosissime dici potest, brevitet est in verba testamenti comprehensum. Unde et
conciones populares aHud esse non deberent quam expositiones Missae, id est declaratio-
nes proinissionis divinae huius testamenti: hoc enim esset lidern docere et vere Eeclesiam 203 WA 57 (Hebr)/21311-16; Tertio id, quod fadunt hi, quibus testatus est, et ~xpraessit, c~m
aedificare. - WA 6/3743-7 (Sermon von dem Nerien Testament, 1520): "Was ist das gantz dixit. Hoc fadte in meam commemorationem', hoc est, u.t Apostolus alt: mortem elUS
Evangelium anders, den ein vorclerung dises testaments? Christus hatt das gantz Evange- ann~;cient, poenitentiam et remissionem peccatorun: .et vitam aeternam praed,icent,
lium ynn eyner kurtzen summa begriffen mit den worten dises testaments oder saCta~ deinde gratiam testamento reEctam non invacuum acclptant, sed adversus concuplscen-
ments. Dan das Evangelium ist nit anders, den eyn vorkündigung gottlicher gnaden und tias exerceant.
vorgebung aller sund, durch Christus leyden uns geben." WA 9/44521-24 (Predigt v. 8. 4~ 204 In der Hebräerbriefvorlesung hat Luther den Testamentsgedanken und das Gedächtnis
1520): Mysterium Euchatistiae non intelligimus fadEus ac rectius ex ullo quam ex ipso sicherlich noch nicht so deutlich von der zentralen promissio-6des-Relation her entwik-
Christi sermone. Atque agite, hic defigite oculos in Christi verba, non;sunt enim eelanda, kelt wie 1520 im "Sermon von dem Neuen Testament" und in "De captivitate". Denno~h
sed evulganda, atque ita ut sdas, in ipsa positam esse tibi !lImmam sailltis. ist schon hier die Konzeption grundgelegt, daß im Gedächtnis des Testa~ents dIe
WA 6/516 17- 23 (De captivitate): Quin, quod deploramus, in hac captivitate omni studio aktuelle Verkündigung der im Testament enthaltenen Sündenvergebung als ~.hre, reale
'" cavetur hodie, ne verba illa Christi uUus laicus audiat, quasi sacratiora quam ut vulgo Zuwendung geschieht, sodaß man hier nicht Gedächtnis und aktuelle Verkundlgung
tradi debeant. Sie enim insanimus et verba consecrationis (ut vocant) nobis sacerdotibus trennen kann, wie es Schwab, Sakramententheologie 157, tut.
solis arrogamus oceulte dieenda, sie tarnen, ut ne nobis quidem prosint, cum nee ipsi ea 205 Vgl. die Analyse von Bayer, Promissio 241-253.
ut promissiones seu testamentum habeamus ad fidem nutriendam. sed nesdo, qua 206 WA 6/35421-26: ,,'" hatt er widderumb nit mehr den eyne, w~yß odder gesetz eynges,etzt
superstitione et impia opinione ea reveremur potius quam eis credimus. seynem gantzen volck, das ist die heylige Meß ... das ~u hl~furtt~r key~ ander eußerltc~e
202 WA 57 (Hebr)/211 14-21321 . V gl. Bayer, Promissio 216-219; Schwab, Sakramententheo- weyß solt sein, gott zu dienen, den die meß, und wo dle geubt Wirt, da 1st der recht gottlS
logie 156-158. dienst."
166 Luthers Abendmah/verstiindnis Die Muse als Ort der Rechtfertigung 167

dir~t dißen··worten vorgebung allerdeyner sund und das ewig leben, und das du zu betrachten, abgesehen von ihr ist er wertlos, ja mehr als wertlos: Götzendienst.
gewiß·seyest und wissest,·das solch ge1ubd·dir unwiderrüfflich bleyb, Ba wil ich Wie im "Sermon von dem Neuen Testament" faßt Luther das Wesen der Messe als
drauff sterben und meyn leyb und bluet dafur geben, und beydes dir zum zeychen durch die Predigt zu verwirklichende Zusage der Vergebung der Sünden zusam-
und sigell hyuder mir lassen, dahey du meyngedencken solt, wie er sagt ,Ba offt men: "Daher ist die Messe ihrem Wesen nach eigentlich nichts anderes als die
yhr das thut, Ba gedenckt an mich'" (35818-,24). An diesem Testament unterscheidet genannten Worte Christi: Nehmt und eßt usw., als ob er sagte: Sieh, 0 sündiger und
Luther sechs "Stücke" (359 13-3602): erstens den Testato!'-:- Christus, zweitens die verdammter Mensch, aus reiner und ungeschuldeter Liebe, mit der ich dich liebe,
~rben - die Christen, drittens das Testament selbst -die Einsetzungsworte Christi, denn so will es der Vater des Erbarmens, verheiße ich dir mit diesen Worten, vor
VIertens das Siegel - Leib und Blut Christi unter Brot und Wein, fünftens das Erbe jedem Verdienst und deinem frommen Verlangen, die Vergebung aller deiner
- Vergebung der Sünden und ewiges.Leben~'sechstensden Gedächtnisauftrag- das Sünden und das ewige Leben. Und damit du dieser meiner unwiderruflichen
ist die Predigt. Wie schon in der Hebräerbriefvorlesung ist die Messe ein, Wortge- Verheißung ganz gewiß seist, werde ich meinen Leib hingeben und mein Blut
schehen, ~as Ergehen des göttlichen Verheißungswortes in der Predigt als Anamne- vergießen und durch den Tod diese Verheißung bekräftigen und dir beides zum
se ,d.er. Hel~stat~ Gottes. 207 In der Predigt wird 'für uns die Heilstat Gottes (bzw. Zeichen und Gedächtnis eben dieser Verheißung hinterlassen. Wenn du das begehst,
ChrISti) hellswuksam, die sie enthält und zu uns bringt, Uns präsent macht Anamne- meiner gedenkst, sollst du meine Liebe und Freigebigkeit dir gegenüber predigen
se ist daher auch bei Luther die Grundkategorie der Meßfeier- sie verwirklicht sich und lobpreisen und Dank sagen. "211 Der Schlußsatz dieses Textes bringt ganz
im zusagenden Wort Gottes (promissio, testamentum) und seiner 'Annahme 'im deutlich den anamnetischen Charakter der Messe als Verkündigung der promissio
Glauben. Ich breche hier die Behandlung des "Sermons" ab, der zweite Teil über Gottes in Christus zur Sprache: Die Predigt ist nicht bloß Unterweisung - das ist
die anabatische Linie als Vollzug der "Messen wird im übernächsten Abschnitt im vom Lutherschen Wortverständnis her klar -, sie ist auch nicht bloß das von Gott
Zusammenhang mit dem Meßopfer auf seine mögliche Konvergenz mit dem alt- an den Menschen ergehende heilschaffende Wort, sondern zugleich Lob und Dank-
kirchlichen "offerimus" hin befragt werden. sagung: Eucharistia. Wie die altkirchliche Anamnese ist das promissio-fides-Gesche-
In "Oe captivitate" liegt die gleiche Konzeption in noch deutHcherer Formulie- hen ein göttliches Werk, dem aber - kraft des Werkes Gottes und ihm keineswegs
rung bezü~lich.derbestimmenden promissio-fides-Relation vor. Der rechte-Zugang unverbunden gegenüberstehend - ein menschliches Tun, das Werk des Glaubens,
~um :'erstandms der Messe kann nur über die Einsetzung Christi gefunden werden, die Danksagung korrespondiert. Dieses antwortende Gotteslob ist mit der Predigt
1m Einsetzungswort, darin und nirgendwo -sonst liegt ..vis, natura et tota substantia wesenhaft mitgesetzt, kommt zu ihr nicht etwa als ein Zweites hinzu, das gegenüber
Mi.~sa~~~ (W~ 6/512~. Die Messe ist daher das Testam~nt; das Christus seinen der allein wesentlichen Verkündigung abgewertet werden könnte. Die Zuordnung
Glaublgenhinterlasseh hat, damit es an sie ausgeteilt werde 208 ; und das heißt, daß von Wort Gottes, Predigt und Lob Gottes, Danksagung ist keine andere als die
dadurch das heilschaffende Kreuzesereignis den Gläubigen -gegenwärtig wird. Die Zuordnung von promissio und fides. Das Wort schafft den Glauben und ist insofern
Messe ist die promissio der Sündenvergebung, ist sakramentales Wort, in\dem Gott vorgängig, aber soll das Wort rechtfertigen, muß der Glaube hinzutreten, sodaß
~e ~echtfertigting-vollzieht. 209 Da die Messe promissio ist, gibt es nur einen Wort und Glaube letztlich eine einzige Wirklichkeit bilden. 212
emzigen ..Gebrauch" der Messe: sola lide. Allein der Glaube, nicht die Werke Die Messe ist also ein Wortgeschehen. Dieses Wortgeschehen verwirklicht sich "
können die Messe vollziehen21o. Damit schließt Luther den verdienstlichen Cha- aber nicht nur im mündlichen Wort (der Predigt und der verba testamenti), sondern
rakter des Meßvollzugs aus, nicht jedoch den Vollzug in Gebet und Werk über- auch im Zeichen (Leib und Blut Christi). "Wort" kann also als Oberbegriff die
haupt; der Vollzug der Messe ist n~ch der ihn bestimmenden Wort~Glaube-Re1ation Verkündigung und das sakramentale Zeichen umfassen. 213 In Anbetracht der

2"
y"gl. Vajta, Reformation und Gottesdienst 141: Der Sinn der Predigt "besteht nämlich 211 51517-26: Est itaque Missa secundum substantiam suam proprie nihil aliud quam verba
In der Ana~nese, in der ~rinr::e~ung der !leilstat Go:tes". Vajta versteht dies keineswegs Christi praedicta, ,Accipite et manducate etc.' ac si dicat ,Ecce 0 homo peeeator et
psychologlsch-bewußtselnsmaßlg; er weIst darauf hin, "daß bei Lutherdiese Anamnese damnatus, ex meta gratuitaque charitate, qua diligo te, sie volente miserieordiarum patre,
gerade einen doxologiseh-eueharistischen· CharakterhatC<. his verbis promitto tibi, ante omne meritum et votum tuum, remissionem omnium
'OB
51314-'-16: Stet ergo primum et infallibiliter,Missam seu sacramentum altaris esse testa- peccatorum tuorum et vitam aetemam, et ut certissimus de h~c mea promis~io.ne
mentum Christi, .guod moriens post se reliquit· distribuendum· suis fidelibus. irrevocabili sis, corpus meum tradam et sanguinem fundam, motte Ipsa hanc promlssto-
"" 513 34-'-36: ':'idesergo, q~od Mis.sa.quam vocamus sit promissio remissionis peeeatorum, nem confirmaturus et utrunque tibi in signum et memoriale eiusdem promissionis
a deo nobls facta, et tabs promlSSlO, quae pet mortem filii dei· nrmata sit. Daß man hier relieturus. Quod cum frequentaveris, mei memor sis, hane meam in te chatitatem et
kein Verlassen des heilsgeschichtlichen Denkens zu konstatieren hat weil Luther den largitatem praedices et laudes, et gratias agas'. .
Tod Ch~isti nur als Bekräftigung der Zusage Gottes bezeichnet, wurd~ schon angespro- 2" In diesem Sinn sind Aussagen wie die folgende aus dem Großen Katechtsmus zu
chen (s.oben S. 125). verstehen, wo Luther den Gottesdienst beschreibt: "Also das man zuhauffe korne Gottes
514 12f: Si enim promissio est; ut dictum est, nullis operibus, nulHs viribus, nullis meritis
!10
wort zu hören und handeln, darnach Gott loben, singen und beten" (WA 301/14415f).
ad eam aceeditur, sed soJa fide. Vgl. Kinder, Evangelium Gottes 17; Vajta, Reformation und Gottesdienst 141.
168 Luthers Abendmahlverständnis Die Messe als Ort der Rechtfertigung! Präsenz Christi 169

prinzipiellen Gleichrangigkeit ist daher das Verhältnis von "Wort und Sakrament" Hingabe Christi zum Ausdruck bringt, abgesehen von der Kritik am ganz anderen
zu bestimmen. 214 Im Sinne des scholastischen Sakramentsbegriffes bezeichnet Meßopfer-Verständnis des Mittelalters und der damit verbundenen Kanonkritik.
Luther das sakramentale Zeichen als "Sakrament"Z15 und ordnet es dem Wort
unter: .. Und wie im Wort eine größere Kraft ist als im Zeichen, so ist eine größere 3.4.2 Die Präsenz Christi
Kraft im Testament als im Sakrament. Denn der Mensch kann das Wort oder das
Testament haben und es gebrauchen ohne das Zeichen oder Sakrament. "216 Das Bevor wir den anderen, ebenso notwendigen Aspekt der Messe ins Auge fassen, den
Zeichen ist nichts ohne das Wort, durch das es qualifiziert wird (als Leib und Blut Vollzug der "Messe" durch die Gemeinde, der nach dem Dargelegten sola tide
Christi), das Wort kann sehr wohl ohne Zeichen bestehen. Die Unterordnung des geschieht, fragen wir nach der Präsenz Christi in der Messe, die ja der Inhalt der
Sakraments unter das Wort bedeutet keine Abwertung des Sakraments, sondern Anamnese ist. Dabei haben wir in der altkirchlichen Liturgie drei Präsenzweisen
eine Aufwertung des Wortes, dessen Bedeutung als Gnadenmittel zur Zeit Luthers festgestellt: die prinzipale Personalpräsenz, die kommemorative Aktualpräsenz und
nicht mehr realisiert wurde aufgrund des signifikationshermeneutischen Wortver- die somatische Realpräsenz. Was die Personalpräsenz bei Luther betrifft, so ist aus
ständnisses. 217 Die Unterordnung des Zeichens ist gegenüber der mittelalterlichen dem zum Wortverständnis Gesagten klar, daß im Wort Christus personal (real)prä-
Sakramentsauffassung sicherlich neu; im Verhältnis zur altkirchlichen Liturgie muß sent ist, daß im Wort die Gläubigen Christus begegnen, der ja selbst das Wort ist.
man konstatieren'- daß auch dort die somatische Realpräsenz Christi in die umfas- Die Personalpräsenz ist also bei Luther als Verbalpräsenz gefaßt, die Person Christi
sendere Perspektive der Personal- und Aktualpräsenz eingeordnet und insofern ist gegenwärtig durch das Medium des Wortes. Daß auch die somatische Realprä~
relativiert ist. Die sakramentalen Zeichen sind untrennbar mit der Wortgestalt des senz von Leib und Blut Christi in Brot und Wein neben ihrer unleugbar sachhaften
Eucharistiegebetes verbunden, in beiden realisiert sich die Gegenwart Christi. Bedeutung als Präsenz der Person Christi zu verstehen ist, sei hier nur ange-
Insofern ist die Relativierung des Sakraments durch Luther keine unerhörte Neue- merkt218 - grundlegend ist jedenfalls die Gegenwart im Wort. Die somatische
rung. Realpräsenz ist bei Luther unbestritten und bestimmte ab etwa der Mitte der
Freilich muß gesagt werden, daß der enge Sakramentsbegriff - Sakrament als zwanziger Jahre Luthers Abendmahlslehre in Verteidigung gegenüber Zwingli und
Zeichen - sich für die liturgische Gestaltung nicht günstig auswirkt. Die umfassen~ den Schwärmern sogar recht einseitig. Auf diese Frage braucht hier nicht näher
de Dimension des Sakraments als Feier, die das Wort und die ~ucharistischen eingegangen zu werden. 219 Hingegen sind einige Bemerkungen bezüglich der
Gestalten organisch integriert, kommt wenig zum Trag~. Die Elemente Brot und Aktualpräsenz nötig. 22o
Wein werden relati~ statisch als Träger der Realpräsenz gesehen, ihre Symbolik als Die Idee der Aktualpräsenz des Heilswerkes Christi, wie sie in den Liturgien
Zeichen der Hingabe der Gläubigen steht nicht im Blickfeld. Es kann sich schon der Alten Kirche und bei den Vätern vorliegt, ist im Mittelalter praktisch verloren-
deshalb in der lutherischen Liturgie keine Handlung an den Elementen unter dem gegangen bzw. transformiert worden in die repräsentierende Darstellung des Kr~u~
eucharistischen Hochgebetausbilden, die wie die Gabendarbringung (das .,Meßop- zesopfers durch den Leib und Blut Christi darbringenden, dabei in persona Chnst!
fer") der altkirchlichen Liturgie das Hineingenommensein der Ge,meinde in die handelnden Priester. Da der Anamnese-Gedanke dem mittelalterlichen Denken
fremd geworden war, stellte man die Verbindung von Messe und Kreuzesopfer
Vgl. dazu vor allem Kinder, ebd. passim. durch die reale Darbringung Christi durch die Kirche her, das Kreuzesopfer wurde
'" Z. B. WA 6/518 15 . Dies ist abernicht die einzige Bedeutung des Terminus "Sakrament«
'" bei Luther, dieser kann auch ,die ganze Sakramentshandlung .bezeichnen; vgL Lortz,
also durch die Kirche "gegenwärtiggesetzt". Urbild und Abbild wurden auf eine
Ebene gestellt: Leib und Blut Christi gehören auf die Seite des Urbildes, der Priester
Sakramentales Denken 14f.
als Stellvertreter Christi ist nur Abbild. Christus und die Kirche erscheinen grundle-
WA 6/518 17- 19: Atque ut maior vis sita est in verbo quam signo, ita maior in testamento
'" quam sacramento, Quia potest homo verbum seu testamentum habere et eo uti absque gend identifiziert: das Opfer Christi wird durch die Kirche dargebracht. Der Gedan-
signa seu sacramento. ke einer "Wiederholung" des Kreuzesopfers durch das Meßopfer liegt nicht fern.
Vgl. Wisl0ff, Abendmahl 31: "Die Gedanken von der größeren Bedeutung des Wortes Vor diesem Hintergrund - der natürlich noch weiterreichende Konsequenzen
gegenüber dem Zeichen (das Sakrament) haben in seinen Ausführungen in Wirklichkeit ftir das "Meßopfer"-Verständnis (das ja eng mit der Aktualpräsenz verbunden ist)
keinen Eigenwert, sie werden immer dann angeführt, wenn dieser oder jener bestimmte
Sachverhalt klargelegt werden soll. Sieht man dies nicht, würde man der genannten
Äußerung leicht ein Gewicht und eine Bedeutung beilegen, die sie nicht hat. Sie will 218 Vgl. Kinder, "Realpräsenz" 886f; Peters, Realpräsenz 105-112; Schwab, Sakramenten-
nichts über das Verhältnis der Realpräsenz zum Wort als Gnadenmittel sagen, sondern theologie 266-269.
dazu dienen, eine Sakramentspraxis zu korrigieren, die auf Abwege gekommen ist. Sie 219 Vgl. die einschlägige Monographie von Peters, Realpräsenz. - Das Problem der Trans-
wird benutzt, um die Notwendigkeit der Predigt in der Messe zu begründen; wenn das substantiation und ihrer Ablehnung durch Luther kann nicht Thema eines Vergleiches
Wort mehr ist als das Zeichen, warum sammelt man sich dann um das stumme Zeichen, mit der altkirchlichen Liturgie sein.
anstatt das Wort (das Sakramentswort) laut reden und dieses Wort in der Predigt deutlich 220 Vgl. zur Frage Meinhold, Abendmahl und Opfer 64-71; Kinder, "Realpräs~nz" passim;
auslegen zu lassen?" Pe ters , Realpräsenz 112f.204f; ders., Abendmahl 121f; Hof, Taufe und Hellswerk.
170 Lu/her! Abendmahlverständnis Kreuzesopfer und Priisenz Christi im Abendmahl 171

hat - ist bei Luther keine voll ausgebildete Konzeption der Aktualpräsenz des ten. Doch ist letztere (also die Aktualpräsenz) in den größeren Kontext der Perso-
Heilswetkes Christi in der Messe zu erwarten. Luther wendet sich gegen jede nalpräsenz gestellt und wird von Luther kaum deutlich ausgesprochen.
mißverständliche Gleichsetzung von historisch einmaligem Kreuzesopfer und wie- Was nun speziell das Abendmahl betrifft, so gilt auch hier, daß der präsente
derholtet Meßfeier. Er unterscheidet daher in: aller Deutlichkeit zwischen "meritum Christus nicht von seinem ..Opferl' zu trennen ist: Der Leib Christi ist der in den
Christi" und "distributio meriti", zwischen "factum" und "usus facti", Wollte man Tod dahingegebene Leib, das Blut Christi ist das für die vielen vergossene Blut. 223
freilich diese beiden Pole trennen, so wäre ein aktualistischesWortverständnis die Im Abendmahlssermon von 1519 bringt Luther ausdrücklich die im Sakrament
Folge, das bei Luther aber nicht zu finden ist. Das "factum" - die historischen gegenwärtigen Gaben Leib und Blut Christi mit Christi Leben und Leiden in
Heilsereignisse, zentral der Kreuzestod ]esu~. ist doch das, was auszuteilen ist; die Zusammenhang: .,Darumb hatt er auch nit allein eyn gestalt gesetzt, sondern
Sündenvergebung als.Frucht des Kreuzestodes kann nicht so durch das gegenwärti- unterscheidlieh seyn Heysch unter dem brott, seyn blut unter dem weyn, an zu
ge Wortgeschehen zugetei1t werden, daß der Kreuzestod für den Hörer des Wort~s tzeygen, das nit allein sein leben und gute werck, die er durch das Heysch antzeygt
praktisch keine Bedeutung mehr hat. Durch die Austellung des "factum ll des und ym Heysch gethan hatt, sondern auch seyn leyden und marter, die er durch seyn
Kreuzestodes wird vielmehr der Glaubende in den Kreuzestod hineingezogen, d. h. blutt antzeygt, yn wilcher seyn blut vorgossen ist, alles unßer sey, und wir dreyn
er wird mit dem Heilsereignis gleichzeitig, dieses wird an ihm wirksam: "Wenn du getzogen des nießen und prauchen mugen~l (WA 2/749 17- 22). Daß dieser Text eine
getauft wirst, Übergibst du dich in unsers Herrgotts Erwürgen und Töten: Ich will reale Gegenwart von Christi Leben und Leiden meint und nicht nur ein Hinweisen
tot sein und begraben mit deinem Sohn, der für mich gestorben ist, und ich folge auf dieselben, eine flache Symbolik, zeigt sein Schluß: Wir werden durch die Gaben
ihm durch die Taufe."221 Die Auferstehung ist nicht bloß ein vergangenes Gesche- des Abendmahls, durch Leib und Blut Christi, in das Werk und den Tod Jesu Christi
hen, durch das die Sündenvergebung· möglich geworden ist, sondern sie ist der hineingezogen, d. h. die historischen Heilstatsachen werden für uns Gegenwart. Im
Modus, in dem dem Menschen die Sünde vergeben wird: die Auferstehung Christi Abendmahl wird also der Tod Christi "repräsentiert", genauer: Christus, der für uns
wird in ihm wirksam: "So wie.der Sieg in Christus durch einen Kampf ist ergangen, gestorben ist, wird präsent als der, der für uns gestorben ist. Wie beim Wortver-
so auch in uns. Denn wenn seine Auferstehung in uns wirksam werden soll, wird ständnis nicht das aktual an uns ergehende Wort vom verbum incarnatum Christus
es auch der Tod ohne Kampf nicht werden. Schon hat Gott den alten 'Menschen getrennt werden darf, das der immer gleiche Inhalt des aktualen Wortes ist, besser:
fahren lassen usw. Die Auferstehung greift mich an; daß alles Unsrige nichts ist. das das aktuale Wort selbst ist, von innen gesehen, so kann das "factum'l des
Wenn ich das glaube, beginnt in mir die Auferstehung wirksam zu werden. Dort ist Heilswerks, das historisch einmalige Kreuzesereignis, nicht vom "usus facti" ge-
die Sünde und das'föse Gewissen mit Christus gestorben und die Auferstehung trennt werden; im "usus facti l< ist das "factum" selbst gegenwärtig.
wirksam geworden. baraus folgt, daß der Leib sterben muß. Ich fühle die Sünde Man kann daher sagen: Bei Luther ist die Idee der Aktualpräsenz wenigstens
und den Tod in mir, da hat der Leib Lust an den Sünden und fürchtet den Tod, und der Sache nach gegeben, obwohl sie wenig entfaltet wird. Luther hat sie in der
diesen Kampf führen wir. solange wir leben ... So liegt der Tod mit mit im Streit. Tradition, in der er stand, nicht finden können; und sein Kampf gegen die Auffas-
Ich habe Christus. der von den Toten auferstanden ist, so wie auch ich auferstehen sungen, die eine Wiederholung des Kreuzesopfers nahelegten bzw. eine Vermi-
werde. "222 Christus ist präsent als der Auferstandene (wie auch als der Gekreuzig- schung von urbildlicher Wirklichkeit und abbild1ichem Vollzug, haben ihn zur
te), als der, der die Heilstaten vollbracht hat. Christus ist von semem Heilswerk klaren Unterscheidung der einmaligen Heilstatsache und ihres Gebrauches veran-
nicht zu trennen. daher auch die Präsenz Christi nicht von der Präsenz der Heilsta- laßt. Das E<pa1ta~ des Kreuzesopfers mußte gewahrt werden. Daher ist die ansatz-
weise vorliegende Idee der Repräsentation des Kreuzesopfers in der Messe von
_Luther nicht weiter ausgeführt worden; die Sache ist aber aus seiner Theologie des
221 WA 41/3701- 3 (Predigt vom 4.;7.1535): Ideo quando baptizads, tradis te in urisers herr
Gotts· erwurgen et todten: Ich wil tod sein und begraben cum tuo filio, qui pro me Wortes nicht wegzudenken: Christus kommt im Wort als der Gekreuzigte zu dem,
mortuus, et ego eum sequar per baptismum. - WA 20/38831-33 (Predigt vom 10. 5. 1526): der an ihn glaubt. Die Personalpräsenz ist bei Luther die entscheidende Gegenwarts-
Si haberemus oculos spirituales; videremus merum Christi sanguinem. omnia in baptis~ weise, sie ist gegeben im Wort (als Verbalpräsenz) und im sakramentalen Zeichen
mo quae Christi SUDt, mors, resurrectio, quia verbum eius adest, quod adfert Christum (als somatische Realpräsenz). Sowohl die Präsenz im Wort als auch die Präsenz im
gar hin ein. -Vgl. WA 17I/3383-5; WA 41/6462-4.18-22.
222
WA 15/5194-16 (predigt zu Ostern 1524): Sicut victoria in Christo per pugnam ist Zeichen sind jedoch auch Aktualpräsenz, Gegenwart des historischen Heilswerkes.
ergangen, sie et in nobis. Nam si resurrectio eius in nobis efficax fieri debet, et mors
absque pugna non 6et. Iam deus permisit veterem hominem etc. Resurrectio greifft mich
an omnia· nostra nihilesse. Si credo hoc, incipit in me resurrectio lied efficax. Ibi 223 Vgl. Kinder, "Realpriisenz« 884f. Ebeling, Evangelienauslegung 370: "Die Sakramente
peccatum et mala conscientia mortua est cum Christo et efficax facta resurrectio. Hinc vermitteln die Frucht der Inkarnation, die Vergebung der Sünden, und zwar so, daß sie
sequitur, ut corpus mori debeat. Sentio in me peccatum et mortem, tum corpus habet lust den Christen in reale Gemeinschaft mit dem Leib Christi bringen, und zwar mit dem Leib
im peccatis et mortem timet, et hanc pugnam gerimus. quamdiu vivimus ... Ita mors cum Christi in dem entscheidenden Stadium seiner Geschichte, nämlich mit Tod und Aufer-
me oppugnat. Christum habeo, qui resurrexit a mortuis, sieut et egoresurgam. stehung Christi. 'I
172 Lu/hers Abendmah/verstiindnis Gegenwart des Kreuzesopfers 173

Gegenüber der altkirchlichen Liturgie und den Vätern liegt bei Luther sicherlich Die Fassung des hebräischen Textes bewahrt davor, das Opfer des Neuen
eine Akzentverschiebung vor - die kommemorative Aktualpräsenz rückt etwas in Testaments nach Art der Tieropfer zu verstehen, denn bei ihm handelt es sich um
den Hintergrund -, aber einen kirchentrennenden Unterschied vermag ich nicht zu nichts anderes als den Glaubensgehorsam: .,Und so wird der Sinn der sein, daß im
konstatieren; weder fehlt bei Luther etwas Entscheidendes, noch liegt gar ein Neuen Testament Gott keine Tieropfer gefallen, ja vielmehr niemals, sondern das
Widerspruch vor. Opfer und der Gehorsam des Glaubens.0<226 Das Öffnen der Ohren ist aber nicht
nur bezüglich des glaubenden Gehorsams Christi zu verstehen, also seiner Hingabe,
3.4.3 Luther als Theologe des Meßopfers?1 seines Opfers, sondern auch bezüglich derer, die an Christus glauben. Gott hat
Christus ein Volk bereitet, dem er die Ohren geöffnet hat, sodaß es an ihn glaubt,
Bei unserer Betrachtung der altkirchlichen Liturgie ist klargeworden,daß das und auch dieser Glaube ist Opfer, also Opfer der Gläubigen. z27 Der Glaube an
"Meßopfer" bloß ein Interpretament ist, das nicht notwendig Bestandteil einer Christus ist also das einzige Opfer, das Gott gefillt, das einzige, das die Gläubigen
genuinen christlichen Eucharistielehre sein muß. "Opfer" ist eine Interpretation des darbringen. Durch dieses Opfer erlangen sie das Heil. Das Opfer Christi und das
Todes Christi (die freilich schon im Neuen Testament eine beträchtlichG Rolle Opfer der Gläubigen ist eine einzige Realität, die sich einmal - dieses Opfer ist
spielt); und da in der Eucharistie der Tod Christi als das zentrale Heilsereignis sündentilgend - an Christi historischem L~ib vollzogen hat, die sich aber täglich an
präsent wird, ist die Messe insofern Anamnese des "Opfers" Christi. Da die Gläubi- seinem mystischen Leib vollzieht: ..Was also die LXX über Christi eigenen Leib
gen in den Tod Christi als den Höhepunkt seiner Hingabe an den Vater für die' gesagt haben, das sagt der Hebräer vom mystischen Leib Christi durch das Öffnen
Menschen hineingezogen werden, werden sie in das "Opfer" Christi hineingezogen der Ohren. Beides aber ist der eine mystische Leib, der beständig mit Christus
und deshalb befahigt, selbst Opfer darzubringen, wobei ihr Opfer nicht versöhnen- geopfert wird.0<228 Das historisch einmalige Opfer Christi verwirklicht sich immer
des Opfer ist - das ist das einmalige, unwiederholbare Opfer Christi -, sondern wieder im Lebensopfer, in der Hingabe der Gläubigen, die im Glauben ein Leib mit
AOYlKTJ 8ucria, glaubende Annahme des allein heilschaffenden Opfers Christi und Christus sind. Dieser Gedanke durchzieht die ganze Theologie Luthers. "So ist auch
dessen Auswirkung im Getauften, Opfer des Lobes (Hebr 13,15), das letztlich der sein Opfer lebendig, sein Leib, der einmal am Kreuz dargebracht worden ist, und
im Getauften wohnende Logos selbst vollbringt. Das "Meßopfer" ist der liturgische unsere Leiber, die täglich dargebracht werden als heiliges, lebendiges Opfer, als
Vollzug dieser AO'YlKTJ 8uaia in der Darbringung der Gaben Brot und Wein unter geistiger Gottesdienst."229
danksagendem Gebet als Zeichen der Selbsthingabe der darbringenden Gemeinde, Das Opfer Christi ist das Opfer seines historischen Leibes und unserer Leiber
also als Zeichen dessen, was Paulus Röm 12,1 AO'YlKTt AUtpEia nennt. im "rationabile obsequium" - in der AOytKT) AU'L"peia. Entscheidend dabei ist
Wie aus dem vbrhergehenden Abschnitt klar ist, ist bei Luther der-Sache nach freilich: es ist das Opfer Christi, das in uns, an uns wirksam wird, in das wir
die Gegenwart des Kreuzestodes Christi, also des "Kreuzesopfers", gegeben. Die hineingenommen werden, nicht aber ein davon gelöstes Opfer der Kirche. In der
Interpretation des Todes Christi als Opfer ist für Luther so selbstverständlich, daß Kirche vollzieht sich das Opfer Christi, und da die Hingabe der Kirche Verwirkli-
auf Nachweise verzichtet werden-kann. Jetzt ist zunächst zu fragen, ob nach Luther chungsform des Opfers Christi ist, ist es insofern "Opfer der Kirche'<; man darf aber
auch die Gläubigen so in den Tod (das Opfer) Christi hineingezogen werden, daß keinesfalls sagen, die Kirche vollziehe das Opfer Christi. Das wäre Werkgerechtig-
sie selbst Opfernde sind, also nach dem Zusammenhang von Opfer Christi und keit, ja schlimmer: Götzendienst.
Opfer der Gläubigen, Opfer der Kirche. Die Antwort darauf lege ich vor anhand Das recht verstandene Opfer der Gläubigen ist der Vollzug des allgemeinen
eines interessanten Passus aus der Hebräerbriefvorlesung, dem Scholion zu Hebr Priestertums. Durch die Taufe bekommt der Mensch Anteil am Priestertum Christi,
10,5,224 In Hebr 10,5 wird Ps 40;'7 nach der Septuaginta zitiert: hostiam et oblatio- und als Priester hat er das Amt, zu opfern. 230 Luther entwickelt seine Auffassung
nem noluisti, corpus _autem aptasti mihi. Luther macht darauf aufmerksam, daß es
im hebräischen Text von Ps 40,7 nicht heißt: corpus aptasti mihi, sondern: aures
226 2215-7: Et ita sensus erit, quod in novo testamento non placent Deo pecorum oblationes,
aperuisti mihi. Er läßt heide Übersetzungen gelten und verbindet sie miteinander als imo nunquam, sed oblatio et obedientia fideL
zwei Seiten einer einzigen Realität. DieFormulierung "corpus aptasti mihi", also 227 22112-15: ,Aperuisti mihi aures', id est fecisti, ut mihi et in me crederetur, et ita fieret per
der Wortlaut des Hebräerbriefes, verweist auf das Opfer ~hristi, welches die Sünden me, non per pecora remissio peccatorum et salus credentibus in me. Et hoc est sacriftcium,
tilgt: "Denn der Apostel folgt hier ihrer [der LXX] Lesart, indem er den,bereiteten quod- placet Deo, scilieet fldes Christi.
228 22120-23: Igitur quod LXX de eorpore Christi propria locuti sunt, hoc Haebreus de
Leib< Christi von dem Leib versteht, -der statt der Tierleiber wegen der Sünden corpore Christi mystico per aurium fossionem loquitur. Utrumque autem est unum
dargebracht worden ist. «225 corpus mysticum, quod assidue offertur cum Christo.
229 WA 8/45831 - 33 (De abroganda missa privata, 1521): Ita et sacrificium eius vivum est,
224 WA 57(Hebr)j21817-2229, Vgl. zum Folgenden Brandenburg, Solae aures. corpus suum in cruce semel oblatum, et nostra corpora quotidie oblata in hostiam
225 22020-2211: Quare eorum [LXX] sensum Apostolus hic sequitur intelligens aptatum sanctam, viventem, rationabile obsequium.
corpus Christi id esse, quod pro corporibus pecudum propter peccata.sit oblatum. 230 Vgl. Vajta, Theologie des Gottesdienstes 270-281,
174 Lu/hers Abendmahlverstiindnis Das Opfer der Gläubigen 175

vom Opfer der Gläubigen konsequent vom Priestertum her, ausgehend von 1 Petr Der Gedanke des Opfers der Gläubigen als die christliche Lebensform ist bei
2,5 sowie von der A,OytlCl] 9uaia (Röm 12,1). Wie allen Getauften das Priestertum Luther also durchaus vorhanden - und zwar in genau der gleichen Form wie in den
zukommt, so ist auch das "Opfern", die AOytKt) 8ucria, Pflicht aller Gläubigen. Das altkirchlichen Liturgien: als die AOY1Ki) 9uaia, als das Opfer des in uns wohnenden
ganze christliche Leben ist dieser "geistige Gottesdienst", ist Priesteramt, ist Opfer- Christus, das sich in der Selbsthingabe, in der Lebenshingabe verwirklicht. In den
dienst - Hingabe in der Nachfolge der Hingabe· Christi, die durch die Rechtferti- altkirchlichen Liturgien freilich ist dieser Gedanke liturgisch konkretisiert: Was
gung· im Gläubigen wirkt:· ,.Fahren· wir fort, Zeugnisse über das Priestertum des grundsätzlich das ganze Leben bestimmt, wird zeichenhaft, exemplarisch in der
neuen Bundes und seinen Dienst beizubringen! Paulus, Röm 12: ,Ich beschwöre Liturgie, im "Meßopfer'-', dargestellt. Wie sieht es in dieser Hinsicht bei Luther aus,
euch bei der Barmherzigkeit Goues, daß ihr eure Leiber als heiliges, lebendiges,. wie realisiert sich nach ihm das Lebensopfer der Gläubigen in der Messe? Luthers
Gott wohlgefalliges Opfer darbietet, als euren geistigen Gottesdienst.' Hier kann Äußerungen zur Messe sind bekanntlich fundamental von. seiner unerbittlichen
niemand leugnen, daß er den priesterlichen Dienst beschreibt, welcher die Darbrin- Kritik am Meßopfer bestimmt. Daß die Messe ein Opfer sei, ist die dritte babyloni-
gung oder die Darbietung eines Opfers und des geistigen Kultes ist, d. h. daß sie sche Gefangenschaft der Kirche, und sie ist die schrecklichste. 232 Diese radikale
nicht unvernünftige Tiere, wie die Priester des Gesetzes, sondern sich selbst darbrin- Meßopferkritik muß nun in ihrer Stoßrichtung und in ihrer Tragweite bestimmt
gen. Daher macht diese Stelle sie zu Priestern. Doch das wird gemeinhin von allen werden. Es gilt festzustellen, was Luther ~it ihr intendiert, und es gilt zu fragen,
Christen gesagt. Alle nämlich müssen ihre Leiber als heiliges Opfer und als geistigen welche Vorstellungen von ihr tatsächlich getroffen sind. Ohne die Beachtung ihres
Gottesdienst darbringen. Kannst du da dagegenlärmen, erbärrriliche Sek~e des Hintergrundes bleibt eine Analyse von Luthers Meßopferkritik je nach dem Stand-
Papstes? Wir haben durch diese Stelle mit der Autorität Pauli nicht n~r eine punkt des Analysierenden in einer pauschalen Verdammung des Opfercharakters
Aussage, was das Priestertum des neuen Bundes ist und wer seine Priester sind, der Messe stecken oder in einer Aburteilung Luthers, der das Wesen der Messe als
sondern auch was ihr Dienst und Opfer ist, nämlich sich selbst abzutöten und als Opfer einfach nicht erkannt habe und dessen Eucharistielehre daher als häretisch
heiliges Opfer darzubringen, mit welchem Wort zugleich alle Opfer des Gesetzes anzusehen sei.
mystisch gedeutet werden. Denn so hat sich auch Christus als Hoherpriester zuerst Grundsätzlich richtet sich Luthers Kritik zweifellos gegen eine gesetzliche
selbst geopfert und ist allen seinen priesterlichen Söhnen Vorbild geworden, daß sie Auffassung des Meßopfers. Die Messe darf nicht als gutes Werk Gott präsentiert
seinen Spuren folgen. Durch dieses neue Priestertum und seinen Kult 'ist das werden, um daraus Verdienste abzuleiten. Die Rechtfertigung geschieht nicht kraft
Priestertum des Gesetzes mit seinem, ganzen Kult vollkommen erfüllt. Dem stimmt der Messe als Opfer der Kirche, sondern kraft der Messe als promissio Gottes. Sie
Petrus zu, 1 Petr 2: ~nd ihr werdet als lebendige Steine auferbaut zu einem heiligen
Priestertum, indem ihr geistliche, Gott angenehme Opfer durch Jesus Christus , et sacrificium, nempe se ipsos mortificare et offerte in hostiam sanctam, qua verbo simul
darbringt.' Ist nicht auch dies gemeinhin von allen Christen gesagt? Werden nicht universa legis sacrifida mystice interpretatur [siel]. Sic enim et Christus, summus sacer~
alle als lebendige Steine auf Christus aufgebaut? Doch sie werden so auf ihn dos, prior sese sacrificavit, factus omnibus fiilis suis sacerdotibus exemplum, ut sequantur
aufgebaut, daß sie Priester sind, welche nicht leibliche Tiere, sondern sich selbst vestigia eius, sacerdotio legis cum omni suo cultu perfectissime impleto per hoc novum
sa~erdotium et cultum eius. Huic consentit Petrus 1. Pet. II. ,Et ipsi tanquam vivi lapides
nach dem Beispiel Christi als geistliche Opfer darbringen, indem sie im Geist die superaedificamini in sacerdotium sanctum, offerentes hostias spirituales, acceptabiles deo
Taten des Fleisches abtöten, Röm 8. Was werden hier die ganz erbärmlichen per Ihesum Christum'. Nonne et haec omnibus Christianis communiter dieuntur? Nonne
Abgötter sagen? Spricht Petrus hier etwa von einem doppelten Opfer, sowie jener omnes tanquam vivi lapides super Christum aedificantur? At sie aedificantur super eum,
Lügenmund ihm doppelte- Priesttpr angedichtet hat? Wir alle werden geheißen, diese ut sint sacerdotes offerentes non corporales pecudes, sed se ipsos exemplo Christi
Opfer darzubringen, was immer wir sind, denn es ist ganz und gar offenkundig,daß spirituales hostias, dum spiritu facta carnis mortificant, Ro. VIII. Quid hic dicent
miserrima idola? Nunquid hic Petrus duplicem hostiam facit, sieut duplices ei sacerdotes
allen dieser priesterliche Dienst' aufgetragen ist und daß alle Priester sind. "231 affinxit os illud mendacii? Gmnes offerte has hostias iubemur, quaecunque tandem sint,
quare omnibus officium sacerdotale hoc impositum et Olnnes sacerdotes esse evidentissi-
mum est. ~ WA 38/22929-2302 (Von der Winke1messe und Pfaffenweihe, 1533): "Von
231 WA 8/4208-:34 (De abroganda missa privata, 1521): Paremus et alterum aeque fortem et diesem Breutgam und Braut sind wir geboren durch die heilige Tauffe und also erblich
pergamus testimonia adducere de sacerdotio novi testamenti et eius offido! Paulus Rom. zu rechten Pfaffen jnn der Christenheit worden, durch sein blut geheiliget und durch
XII. ,Ohsecro vos per misedcordiam dei, ut exhibeatis co'rpora vestra hostiam sanctam, seinen Heiligen geist geweyhet, wie uns Sanct Petrus nennet jnn der ersten Petri am
viventem, placentem deo,rationabile obsequium vestrum'. Hk negare nemo potest, quin andern Capitel: ,Jr seid das königliche Priesterthum, zu opffern geistliche opffer'. Und
sacerdotale officium describat, quod est offene seuexhibere hostiam et rationabilem Sanct Paulus zun Römern am zwe1fften Ca. rhümet uns auch Priester, Denn er heisst uns
cultum, hoc est, ut non pecora irrationalia, sient legis sacerdotes, sed se ipsos offerant. ,opffern unsere leibe zum heiligen, lebendigen, angenemen opffer'. Nu ist Gotte opffern
Quare hic locus sacerdotes facit. At communiter omnibus Chdstianis dicitur. Offines allein der Priester ampt."
enim sua corporaofferre debent deo in hostiam sanctam et rntionale sacrificium. Potes 232 WA 6/5127- 9 : Tertia captivitas eiusdem sacramenti Est longe impiissimus ille abusus, quo
hic obstrepere, misera Papae secta? Habemus ergo hoc loco Pauli autoritate non solum, factum est, ut fere nihil sit hodie in Ecclesia receptius ac magis persuasum, quam Missam
quod sit sacerdodum et qui sacerdotes novi testamenti, sed et quod sit eorum officium esse opus bonum et sacrificium.
176 Luthers Abendmahlverständnis Luthers Meßopferkritik 177

ist Gabe Gottes an uns, nicht unsere Gabe an Gott. Wenn man die Messe, wie es Meßfrömmigkeit235 ist daher kein Kampf gegen ein selbsterrichtetes Feind-
nach Luther im· Papsttum geschieht, in dieser fundamentalen Verkehrung betrach- bild236 , sondern voll und ganz ernsthaftes Ringen um die Mitte des Glaubens.
tet, dann ist sie der schrecklichste Greue1. 233 Das Meßopfer als Widerspruch der Das Fundament der falschen Auffassung von der Messe als Sühnopfer (als
promissio-fides-Struktur der Rechtfertigung, das ist der Grund für Luthers Meßop- Opfer der Kirche!) ist die Opferung von Leib und Blut Christi durch den Priester.
ferkritik. 234 eine der altkirchlichen Liturgie fremde Idee. Gegen diese Idee richtete sich Luthers
Will man eruieren, wogegen sich Luthers Kritik konkret richtete, so muß man Kritik am Opfercharakter der Messe; wenn er das Meßopfer ablehnt, so lehnt er die
die zeitgenössische Theorie ins Auge fassen: Die Messe ist deswegen ein Opfer, weil Darbringung von Leib· und Blut Christi durch die Kirche ab. Denn die Kirche
in ihr der Priester, der durch seine Weihe dazu befahigt ist, die gegenwärtiggesetz- wiederholt ja ihre Darbringung; und wenn Leib und Blut Christi immer wieder
ten, also realpräsenten Gaben Leib und Blut Christi opfert. In diesem Opferakt wird dargebracht werden, so heißt das letztlich nichts anderes, als daß Christus immer
das Kreuzesopfer Christi repräsentierend dargestellt. Darin sind ein Realmoment aufs neue geopfert wird, daß das Kreuzesopfer wiederholt wird: "Sagt, wo geschrie-
(Leib und Blut Christi) und quasi ein abbildendes Moment (der Priester als Reprä- ben steht, daß die Messe ein Opfer ist! Wo hat Christus gelehrt. Gott das konsekrierte
sentant Christi) vermischt. Der Priester opfert Christus - das legt freilich sehr leicht Brot und den konsekrierten Wein darzubringen? Hört ihr? ... Ich fürchte aber, vielmehr
die Vorstellung nahe. das Tun des Priesters (das Tun der Kirche) habe versöhnende ich sehe leider. daß euer Opfern bedeutet. Christus wahrhaftig erneut darzubringen,
Kraft; die Messe sei Sühnopfer als Opfer der Kirche. Solche Vorstellungen w~ren wie es Hebr 6 vorausgesagt hat: ,Sie kreuzigen von sich aus den Sohn Gottes noch
sicherlich weniger in' der akademischen Theologie beheimatet - diese befaßte sich einmal und machen ihn zum Gespött.' Wahrlich, euer Wiederopfern ist ein ganz
mit dem Thema des Meßopfers und seines Verhältnisses zum einmaligen Kreuzes~ gottloses Wiederkreuzigen. "237 Die Messe ist ihrem Wesen nach Testament. und
opfer fast gar nicht! - als vielmehr in der religiösen Praxis. in der Frömmigkeit. Es ein Testament ist nicht etwas, ~_as man opfern, zurückgeben kann, sondern eine
geht nicht an. diese irregeleitete Frömmigkeit praktisch als irrelevant abzutun, da Gabe, die man nur empfangen kann. Da Leib und Blut Christi ins Testament
die Theologie ja das, wogegen Luther so scharf kämpfte, niemals vertreten habe. Da hineingehören, können sie nur als Gabe von Gott angenommen werden, ihre
die Theologie in dieser Frage so gut wie versagt hat, ist die Frömmigkeit von Darbringung an Gott ist die Perversion der Messe. Die Messe als Testament kann
größerer Bedeutung für die Feststellung der damals geltenden .,katholischen Lehre" nicht zugleich Opfer (der Kirche) sein. denn im Testament handelt Gott an uns; uns
als die Theologie; Luthers Kampf gegen das Meßopfer als Kampf gegen die obliegt es, das Testament im Glauben anzunehmen. Wenn wir bei Luther den
Meßopfergedanken finden wollen, so müssen wir ihn in der gläubigen Annahme der
Gabe Gottes suchen.
\ Die Messe (im engeren Sinn) ist promissio Gottes, die sola tide vom Menschen
WA 50/2008- 26 (Schmalkaldische Artikel, 1538): "Das die Messe im Bapstum mus der
grösseste und schrecklichste Grewe1 sein, als die stracks und gewaltiglich wider diesen realisiert wird. Der Glaube ist der Vollzug der Messe (als testamentum); und der
Heubtartikel strebt und doch uber und für allen andern Bepstlichen Abgöttereyen die Glaube verleiblicht sich, wie wir gesehen haben, im Gebet (coram Deo) und in den
höhest und schönest gewest ist. Denn es ist gehalten, das solch Opffer oder werck der Werken {coram hominibus). Das Gebet ist daher der rechte Vollzug der Messe. aber
Messe (auch durch einen bösen Buhen gethan) helffe den Menschen von Sünden, beide
hie im Leben und dort im Fegfewr. Welches doch allein sol und mus thun das Lamb es ist nicht die Messe. Luther unterscheidet streng zwischen dem Wesen der Messe
Gottes, wie droben gesagt. Von diesem Artikel ist auch nicht zu weichen oder nach zu und ihrem Vollzug gemäß der unumkehrbaren Vorordnung des Wortes Gottes vor
lassen, Denn der erste Artikel' leidets nicht.<' dem Glauben. Das Gebet als Antwort des (mit Christus verbundenen!) Menschen
234 Insofern hat Vajta, Theologie'des Gottesdienstes 96-112, durchaus recht. Es geht aber auf die promissio Gottes konstituiert aber die Messe (im weiteren Sinn des Wortes)
nicht an, wie Vajta das von Lu'ther entschieden (unbestreitbar völlig zu Recht) abgelehn-
te ,werkheilige' Meßopferverständnis völlig undifferenziert einfachhin als "das katholi-
sche" Meßopferverständnis zu bezeichnen. Die "katholische Lehre" ist nicht aus·ihrer 235 Vgl. Wis10ff, Abendmahl 21f.
Kritik durch Luther heraus zu entwickeln, als sei alles, was Luther kritisiert hat, "die 236 In diesem Sinn kann der berühmte Satz von Lortz verstanden werden: "Luther rang in
katholische Lehre". Man muß auf diese Tatsache leider immer noch hinweisen. (Vajtas sich selbst einen Katholizismus nieder, der nicht katholisch war" (Reformation I 17).
Buch allerdings ist vordem Konzil erschienen und hatte sicherlich noch eine andere Vgl. ebd. 436: "Luther greift in seinem entscheidenden Werden ... nicht die katholische
Meßopfedehre vor Augen, als es heute überhaupt noch möglich wäre - von Rander- Glaubenslehre an, sondern eine vermeintlich katholische These." Ähnlich der Tenor bei
scheinungen abgesehen.) Unsere Darlegungen zum "offerimus" der altkirchlichen Litur- Arnold, Meßopferdekret 121-126, und auch bei McCue, Mass as Sacrifice 232f.
gie haben jedenfalls keine,Gerechtigkeit aus Werken' erkennen lassen. - Differenzierter 237 WA 8/42115-18.25-29 (De abroganda missa privata, 1521): Dicite, ubi scriptum sit, Missas
als die Ausführungen Vajtas (in diesem Abschnitt) ist die Analyse der Meßopferkritik esse sacrificia! Ubi docuit Christus Panem c/ vinum (on.tetra/um offerrc deo? Auditisne? ...
von Schwab, Sakramententheologie 205-226. Doch fehlt letztlich auch bei ihm die Metuo autem, imo video, proh dolor, vestrum sacrificare vere esse denuo Christum
Berücksichtigung des spezifischen Verstehenshorizontes, in dem Luther stand: die mit- offerre, sicut praedixit Heb. VI. ,Rursum crucifigentes sibimet filium dei et ostentui
telalterliche Meßopfer-Konzeption, die sich, wie hier gezeigt wurde. VOn der altkirchli- habentes'. Vere vestrum resacrificare est impiissimum recrucifigere. WA 6/52224-26 (De
chen doch sehr beträchtlich unterscheidet. Schwab kommt deshalb auch zu keiner captivitate, 1520): Omnes imaginantur, sese offerre ipsum Christum deo patri tanquam
ausdrücklichen positiven Würdigung von Luthers Verständnis des Opfers in der Messe. hostiam sufficientissimam ...
178 Luthers Abendmahlverstandnis Promissio Gottes und Gebetsantwort 179

in genau gleicher Weise mit wie der Glaube das Rechtfertigungsgeschehen. Ohne zu uns durch den Dienst des Priesters und fordert den Glauben, das andere geht von
Glauben ist die promissio nutzlos. 238 Wie die Rechtfertigung ist daher auch die unserem Glauben aus zu Gott durch den Priester und fordert die Erhörung. Jenes
Messe ein dialogisches Geschehen. Dabei ist der vorgängige Charakter des an- ist absteigend, dieses aufsteigend. "245 Diese scharfe Unterscheidung von katabati-
sprechenden Redens Gottes stets durchzuhalten, aber dieses setzt die Antwort mit. scher und anabatischer Linie des Gottesdienstes ist sicherlich polemisch bedingt. Da
Gottesdienst ist Wort und Antwort in allen seinen Teilen.239 Lob und Dank ist der der schlimmste Mißbrauch der Messe ihre Verkehrung in ein (Werk-)Opfer ist, muß
Inhalt der menschlichen Antwort; der Gottesdienst ist damit in seiner Ganzheit jeder Ansatz zu einem dahingehenden Mißverständnis vermieden werden. Dabei
nicht nur testamentum, promissio, sondern auch - in seinemWesen240 - Lob- und sind Einseitigkeiten nicht zu vermeiden. Luthers Ausführungen sind nicht als
Dankopfer,241 Hier, im Vollzug der Messe als promissio im Glauben und d. h. im Trennung von "Messe" und "Werken der Messe" zu verstehen, sie sind ein Schutz
Gebet, ist nach Luther der legitime Ort des Opfergedankens. Alles, was zum gegen eine falsche Verselbständigung der "Werke der Messe", ihre Bedeutung liegt
Vollzug der Messe gehört, kann ein Opfer sein, nur die Messe (im engeren Sinn) in der rechten Zuordnung des göttlichen Handelns und des antwortenden Handelns
selbst nicht - also Leib und Blut Christi können nicht geopfert werden. 242 des Menschen. Letzteres ist ja auch Gottes Werk im Menschen, wie der Glaube
Wie stellt sich diese Konzeption nach Luther dar? Er unterscheidet die Gebete Gottes Werk im Menschen ist. Darum sind die "opera missae" kein beliebiger
der Messe vom Testament, von der "Messe", als "opera missae"243, Werke des Z\lsatz zur "Messe", der ohne weiteres weggelassen werden könnte, sondern die
Glaubens. Die "opera missae<C sind nicht der Glaube, sie sind seine Verleiblichung, konkrete Gestalt des göttlichen Handeln; in der Messe; ihr Fehlen wäre Indikator
seine Gestaltwerdung. Der Glaube ist ihr Urheber; einen Glauben, der nicht für das Fehlen des Glaubens, und damit wäre die Messe nutzlos.
solchermaßen Gestalt annimmt, gibt es nicht. Insofern gehört das Gebet als "Werk In den "opera missae" hat der Opfergedanke seinen legitimen Ort. Die "opera
der Messe" (Werk des Glaubens!) konstitutiv zum Gottesdienst. 244 Aber es darf missae" können Opfer genannt->werden. Diese Opfer sind also Vollzug der Messe
nicht mit der "Messe" als promissio vermischt werden, sonst würde sich der Mensch im Glauben bzw. die Konkretion des glaubenden Vollzugs. Diese Anwendung des
an die Stelle Gottes setzen: "Daher sind jene zwei nicht zu vermengen: Messe und Opferbegriffes findet sich vor allem im "Sermon von dem Neuen Testament" (1520)
Gebet, Sakrament und Werk~ Testament und Opfer, denn das eine kommtvon Gott sowie in der "Vermahnung zum Sakrament" (1530). Die "Meßopfer-Konzeption"
dieser beiden Schriften soll uns daher den Vergleich mit dem altkirchlichen Meßop-
238 WA 6/517 9f (De captivitate): sine fide autem promissio inutilis est. ferverständnis ermöglichen. 246
239 Vgl. Knolle, Lu~hers Deutsche Messe 200f; ders., Lutherischer Gottesdienst 136: "Das Im "Sermon" geht Luther davon aus, daß der Begriff "Opfer" in bezug auf die
Wort, das sie [die Liturgie} gestaltet, liegt vor. Und es trägt das Gesetz seiner Gestalt in
Messe im Zusammenhang mit der Agape aufgekommen ist, indem die Christen sich
sich. Wo im G~horsam gegenüber diesem Wort die Liturgie gestaltet wird, wird die
Antwort gleich initgeboren und gewinnt zugleich Gestalt.« gegenseitig mit Nahrungsmitteln unterstützt haben: "Es ist on allen zweyffel das
"0 Die "Messe" im engeren Sinn des Wortes ist in ihrem Wesen nicht Lob und Dank. Der wort ,opffern' in der meß da her kummen und bißher blieben, das zu den zeytten
Gottesdienst im ganzen (die Messe im weiteren Sinn) muß aber (sola fide) vollzogen der Apostolen, da noch ettlich ubung des alten testaments ganghafftig waren, die
werden, zu seinem Wesen gehört der Vollzug der Messe im Gebet. Christen zusammen trugen essen, gellt und nottdurfft, wilchs neben der meß wart
Dies betont sehr stark Graff, Geschichte der Auflösung I 5-8. Vgl. auch Kühn, Sakra-
'" mente 63: "Luther ist auch in der Lage, das Sakrament wesentlich als unser menschliches,
außgeteyllet deu dürfftigen" (WA 6/36526 - 30). Für diese Güter hat mau Gott
Gott antwortendes Tun zu beschreiben und zu würdigen. In diesem Zusammenhang gedankt und sie dabei emporgehoben (365 36-3662). Davon sind drei Dinge übrigge-
rückt der Begriff des ,Dankopfers' in den Mittelpunkt und damit die Frage, ob in dem blieben: das Wort "Kollekte", der Opfergang und das währenddessen gesungene
hier vorliegenden Gedankengang nicht auch eine Annäherung an das sonst von Luther "Offertorium", die Aufuebung der unkonsekrierten Hostie während des Offerto-
aufs schärfste attackierte VerStändnis des Abendmahls als Meßopfer vorliegt." Genau
riums (366 7- 19). Der Meßopfergedanke steht daher in keinerlei Zusammenhang mit
dieser Frage soll hier nachgegangen werden, wobei als Kriterium einer Annäherung
nicht, wie es meist geschieht und was gewöhnlich eine (mehr oder weniger) negative
Antwort (Ausnahme:· McCue) nach sich zieht, das mittelalterlich-tridentinische Ver- 245 WA 6/52613-17 (De captivitate): Non ergo sunt confundenda illa duo, Missa et oratio,
ständnis der Messe als "Sühnopfer« dient, sondern die Idee des Meßopfers, die in den sacramentum et opus, testamentum et sacrificium, quia alterum venit a deo ad nos per
altkirchiichen Euchadstiegebeten vorliegt. ministerium sacerdotis et exigit lidern, alterum procedit a fide nostra addeum per
242 V gl. Wisleff,Abendmahl 80. sacerdotem et exigit exauditionem. Illud descendit, hoc ascendit. - WA 6/367 19- 22
WA 6/52219- 21 (De captivitate): Haec enim non sunt missa sed opera missae, si tarnen
'" opera vocari debent orationes corms et oris, quia flunt ex lide in sacramento percepta vel
(Sermon von dem Neuen Testament): "Drumb müssen wir die meß bloß und lautter
absondern von den gepeetten und geperden, die datzu than seyn von den heyligen
aucta. vettern, und diseiben beyde ßo weyt von eynander scheyden, als hymel und erden."
2# In diesem Sinn ist auch der auf die eben (Anm.. 243) zitierte Stelle folgende Satz zu 246 Die entsprechenden Ausführungen Luthers werden sachgerecht dargelegt und positiv
interpretieren: Non enim Missa vel promissio dei impletur orando, sed solum credendo. gewürdigt von Suess, Aspect sacrificiel; ebenfalls positiv wertet sie Kühn, Zeugnis vom
Er will nicht den Glauben vom Gebet trennen, als ob das Gebet eine unwesentliche Zutat Abendmahl 147f. Dies ist auf protestantischer Seite nicht selbstverständlich. So kann
zum Glauben wäre. sondern den Primat des Glaubens als Täter gegenüber dem Gebet etwa Führer, Wort Gottes 122f, den "Sermon von dem Neuen Testament" besprechen,
als Tat festhalten. ohne die Aussagen Luthers über das Opfer zu berücksichtigen.
180 Lu/hors Abendmahlverständnis Inwiefern die Messe ein Opfer ist 181

dem Sakrament, sondern ist ein Ausdruck des Dankes. 247 Nach diesen Ausführun- chen Liturgie gefunden, insbesondere in der Eucharistia des Hippolyt, die vom
gen, die dem historischen Nachweis dienen, daß der Meßopfergedanke von seinem lEPU1:EUEtV aller Gläubigen spricht.
Ursprung her nicht die Darbringung von Leib und Blut Christi, also des Sakra- In der "Vermahnung zum Sakrament«, die Luther auf der Veste Coburg zur
ments, besagen will, deutet Luther das "Meßopfer" positiv als die AO'Y1Ktl 8oO'iu: Förderung der sinkenden Kommunionhäufigkeit verfaßt hat, kommt die Luther-
"Drumb sollen wir des worts ,opffer' wol warnhemen, das wir nit vormessen. etwas sche Konzeption der Messe als Opfer (bzw. des Opfers in der Messe) noch deutli-
gott zu geben yn dem sacrament, Bo er uns darynnen alle dingk gibt. Wir sollen cher zum Ausdruck. Die Messe ist ein Gedächtnis Christi in Verkündigung und
geystlich opffern, die weyll die leyplichen opffer abgangen und in kirchen, klöster, Danksagung; durch dieses Gedächtnis wird Gott die Ehre gegeben, d. h. dieses
spital gütter vorwandelt seyn. Was sollen wir den opffern? Uns selb und· allis was Gedächtnis ist der wahre Gottesdienst, in dem Gott als der Gott für uns, als unser
wir haben mit vleyssigem gepeet, wie wir sagen ,dein will geschehe auff der erden Gott geehrt wird, sodaß wir von Gott als seine Kinder angesehen werden: "Die
als ym hymel', Hie mit wir uns dargeben sollen gottlichem willen, das er von und ander ehre ist, Das er Christus Gedechtnis hellt und hilfft erhalten, Das ist das
auß uns mache, was er wil noch seynem gottlichen wolgefallen, dartzu yhm lob und predigen, loben und dancken fur die gnade Christi, uns armen sundern durch sein
danck opffern auß gantzem hertzen fur sein unaussprechliche süsse gnade und leiden erzeigt, Dmb welchs gedechtnis willen furnemlich Gott dis Sacrament gestifft
barmhertzickeit die er uns in dißem sacrament zugesagt und geben hat" (368 1- 10). hat, und auch solche ehre drinnen sucht U1}d foddert, auff das er jnn Christo unser
Das ,.Meßopfer" - freilich nicht nur das Meßopfer, denn dieses Opfer geht über die Gott erkennet und gehalten werde, Wie ein grosse ehre und herrlicher Gottes dienst
Messe hinaus und verwirklicht sich im ganzen Leben (368 11 ) - ist also der geistige das sey, ist droben gesagt, das damit Gottliche ehre erhalten und Gott zum rechten
Gottesdienst der Selbsthingabe, der sich ,verleiblicht' im Gebet und in der Danksa- J Gott gemacht wird. Da fur wird er on zweivel widderumb denselbigen zur Gottli-
gung. Es ist grundsätzlich der gleiche Gedanke wie in der altkirchlichen Liturgie. chen ehre bringen und auch eine-n Gott und Gottes kind draus machen" (WA 30
Dort ist das Opfer der Gläubigen die Folge des Hineingenommenseins in Christi II/60613-21). Das Moment der das Heil zusagenden Verkü!l;digung (katabatische
Opfer und deshalb ein Geopfert-Werden mit Christus, Abbild des Opfers Christi. Linie) und das des Lobens und Dankens (anabatische Linie) sind hier untrennbar
Auch dies wird von Luther ausgesprochen: "Das ist wol war, solch gepeet, lob, ineinander verschränkt; das erste hat das zweite notwendig zur Folge. Die allein
danck und unser selbs opffer sollen wir nit durch uns selbs fur tragen fur gottis durch Gott vollzogene Rechtfertigung als Wiederherstellung der .Gottesgemein-
augen, sondern auff Christum legen und yhn lassen dasselb furtragen" (36826 - 28). schaft impliziert den Vollzug dieser Gemeinschaft durch den als gerecht Angesehe-
Wir legen also unser Opfer in die Hand unseres Hohenpriesters Christus, sodaß das nen im Lobpreis Gottes, auch wenn dieser Vollzug nur anfanghaft möglich ist und
Meßopfer nicht dar~ besteht, daß wir Christus opfern, sondern daß Christus uns der immer neuen Vergebung, des immer neuen Ansehens Gottes bedarf, der
'opfert: "Auß welchen~worten wir lernen, das wir nit Christum, sondern Christus uns Heilsstand des Menschen sich daher niemals auf ihn gründen kann.
opffert, und nach der weyß ist es leydlich, yha nützlich, das wir die meß ein opffer Das anabatische Moment des Lobes und der Danksagung - der Eucharistia -
heyssen, nit umb yret willen; sondern das wir uns mit Christo opffern, das ist, das kann nun nach Luther Opfer genannt werden, aber dieses ist kein Sühnopfer,
wir unsauff Christum legen mit eynem festen glauben seynes testaments" (3693- 7). sondern Dankopfer. 249 Luther versteht das Meßopfer als Opfer des Lobes, als
"Unser Opfer· ist nach Luther also ein Geopfertwerden mit Christus, und das Annahme der dem Menschen in Christus geschenkten Versöhnung. Im Dankopfer
geschieht im Glauben, denn durch den Glauben werden wir eine Person mit nimmt der Mensch die Versöhnung an, im Dankopfer kommt ihm das einzige
Christus und erleiden dadurch Christi Geschick· an uns. Dieses Opfer ist nun ein Sühnopfer, das Opfer ,Christi, zugute.
Opfer, das jeder Gläubige zu voll;~:iehen hat, denn jeder ist eine Person mit Christus Die Messe ist daher nicht insofern Opfer, als sie Sakrament ist, denn das
- mit anderen Worten: jeder ist Priester. Ein Meßopfer, das nur der Priester kraft Sakrament ist eine Gabe Gottes an uns und nicht unsere Gabe an Gott. Nicht das
seiner "potek:tas ordinis" vollziehen kann und das allein das Opfer Christi repräsen- Sakrament ist das Opfer, sondern das Gedächtnis ist das Opfer, d. h. das Werk des
tierend darstellt, gibt es nicht: Das Opfer ist Ausdruck der priesterlichen Lebens- Glaubens ist das Opfer: .,Ich mache wedder messe noch Sacrament zum opffer,
form aller Getauften. 248 Genau dies haben wir auch im "offerimus" der altkirchli- Sondern das gedechtnis Christi, das ist die lere und glauben von der gnaden widder
unser verdienst und werck, das ist ein opffer, Und ist ein Danckopffer, Denn mit
dem selbigen gedechtnis bekennen und dancken wir Gott, das wir aus lauter gnaden
36625 - 28 : "Darumb mag und kan die meß nit heyssen noch sein ein opffer des sacraments durch Christus leiden erloset, frum und selig werden. "250 Das Sakrament - verstan-
halben, sondern der speyß und gepett zusammen getragen, darynnen gott gedanckt und
sie gesegnet werden."
3707- 11 ; "So wirts klar, das nit allein der priester die meß opffert, ßondern eynis yglichen
'" solcher eygener glaub, der ist das rechtt priesterlich ampt, durch wUchs Christus wirt fur
249 60627f: "Mit dem dancken, loben und ehren gegen Gott thut er das schonest opffer, den
hohesten Gottes dienst und herrliehst werck, nemlich ein Danckopffer."
gott geopfert [!], wilchs ampt der priester mit den euserlichen geperden der meß 250 61013-18. Vgl. 61421-26: "Ein ander ding ist das Sacrament, und ein ander ding ist das
bedeuttet, und sein alßo alsampt gleych geystliche priester fur gott." Gedechtnis, Das Sacrament sollen wir uben und thun ... und daneben sein gedencken,
182 Lu/hers Abendmahlverständnis Inwiefern die Messe ein Opfer ist 183

den als Leib und Blut Christi - ist uns von Gott gegeben; das Gedächtnis - Predigt Nach Luther ist das Opfer in der Messe also die Konkretion der Selbsthingabe,
und Danksagung umfassend - ist die Weise des Empfangs dieser Gabe. Ohne den die der Gläubige kraft der ihm zugute geschehenen Hingabe Christi - als Priester,
rechten Empfang hilft die Gabe nichts. Das Sakrament zu opfern (also: Leib und zu dem er in der Taufe geweiht ist - vollziehen kann im Lob- und Dankgebet. Die
Blut Christi zu opfern) hieße, die Gabe nicht annehmen, sondern zurückgeben, Idee ist die gleiche wie in der altkirchlichen Liturgie, die auch nicht von der
abweisen. 251 Das rechte Meßopfer ist die Annahme der Gnadengabe Gottes, ist die Darbringung des Leibes und Blutes Christi spricht, sondern von der Einbeziehung
Hingabe des Lebens kraft der uns geschenkten Hingabe Christi. Das einmalige der Gemeinde in das Opfer Christi, von der AOytKTt eucria, dem Opfer, das der im
Opfer Christi wird uns zur Sühne angerechnet, sola fide werden wir eins mit Gläubigen wohnende Logos darbringt, das sich im Gebet und in der eucria aivE-
Christus; und als eine Person mit ihm werden wir in seine Hingabe hineingezogen, crEcor; verleiblicht. Luther hat das Opfer als Konsequenz der Verbindung des
werden wir mit Christus geopfert. Dies ist die Bedeutung des Dankopfers als Christen mit Christus durch den Glauben letztlich ganz im gleichen Sinn gesehen.
Verleiblichung dieser Hingabe in Lob- und Dankgebet. 252 In diesem Sinn des Seine massive Meßopferkritik richtete sich gegen die Opferung der sakramentalen
Dankopfers läßt Luther gelten, daß die Messe (im weiteren Sinn!), genauer: der Gabe - diese Kritik kann die altkirchliche Liturgie nicht treffen. Aufgrund seiner
Gebrauch, der usus der Messe im engeren Sinn ein Opfer genannt wird: "Wolan, so Kritik neigte er zweifellos dazu, "Messe" (im engeren Sinn) und Opfer, Dank für
wollen wir das ein reumen und nicht das Sacrament selbs, sondern empfahen odder die "Messe", zu trennen, statt sie bloß (in aller Klarheit!) zu unterscheiden. Da das
brauch des Sacraments ein opifer nennen lassen, Mit solchem unterscheid und Dankopfer nur Ausdruck des Glaubens ist, der Glaube aber die Weise des Empfangs
verstand, Erstlich: das es nicht ein deut opifer odder merck opifer, sondern ein der Gabe Gottes, ohne den die Gabe Gottes nichts nützt, gehört das Dankopfer
danck opifee heisse, also, das wer d