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Mit Recht gegen rechts.

Politische und juristische Empfehlungen


für den Umgang mit der extremen Rechten
Mit Recht gegen rechts.
Politische und juristische Empfehlungen für
den Umgang mit der extremen Rechten

Herausgeber: SPD-Parteivorstand, 10911 Berlin; Projektgruppe Rechtsextremismus im Willy-Brandt-Haus


Stand: März 2006, Artikelnummer 3000 644 www.stark-gegen-rechts.spd.de

Die Bildmotive auf dem Umschlag und im Inhalt zeigen Arbeiten von Studierenden der Initiative Rechts-
radikale, raus! Eine Initiative des Fachbereichs Design der Fachhochschule Dortmund gegen rechte Gewalt.
www.artikeleins.de
MIT RECHT GEGEN RECHTS NIELS ANNEN

Inhalt Vorwort
Seite 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort

Seite 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wölfe im Schafspelz enttarnen!


Prinzipien und Orientierungspunkte für den Umgang mit dem
Rechtsextremismus (Beschluss des SPD-Parteivorstands 2005)
Liebe Leserin, lieber Leser,

Seite 10 . . . . . . . . . Umgang mit rechtsextremen Besuchern und Besucherinnen im Kampf gegen Rechtsextremismus steht niemand allein. Es gibt zigtausendfach mehr
bei öffentlichen und nichtöffentlichen Veranstaltungen Menschen in Deutschland, die sich für die Demokratie und die Zivilgesellschaft engagieren,
Handreichung der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR) als Neonazis. Das ist kein Grund zur Entwarnung, sondern ein ermutigendes Zeichen. De-
mokratie ist nicht wehrlos und wir lassen nicht zu, dass gewalttätige Nationalisten und
Seite 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mit Recht gegen Rechts rechtsextreme Ideologen friedliches Zusammenleben in Deutschland stören.

Juristische Empfehlungen für den Umgang mit der extremen Rechten In dieser Broschüre bündeln wir know how für den Umgang mit der NPD und der extre-
Seite 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Versammlungsrecht men Rechten. Dabei nutzen wir ausdrücklich gerne eine Handreichung der Mobilen Bera-
tung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR), die sie gemeinsam mit dem Kulturbüro
Seite 24 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Politisch motivierte Kriminalität
Sachsen und dem Netzwerk Demokratie & Courage Sachsen erarbeitet hat. Wir bedanken
Seite 28 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterscheidung zwischen Strafantrag und Strafanzeige uns für die gute Zusammenarbeit.
Seite 29 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zugang zu öffentlichen Einrichtungen
Die Mobilen Beratungsteams wurden - initiiert von der sozialdemokratisch geführten
Seite 31. . . . . . . . Private Vermietung von Räumlichkeiten an rechtsextreme Gruppen Bundesregierung - seit 2001 aufgebaut. Sie sind eine wichtige Stütze im Kampf gegen
Seite 31 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schutz eigener Veranstaltungen rechts - nicht nur in Ostdeutschland. Im Gegenteil: Zunehmend wird ihre Expertise bundes-
weit nachgefragt.
Seite 33 .............................................................. Musik auf Schulhöfen
Seite 33 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Presse- und Urheberrecht Die SPD setzt sich deshalb entschieden dafür ein, dass die begonnenen Projekte gegen rechts
dauerhaft fortgeführt und verlässlich finanziert werden.
Seite 40 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was tun?
Dank gilt auch Toralf Staud und dem Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln für die Ab-
Eine kleine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit der NPD von Toralf Staud druckgenehmigung aus dem Buch „Moderne Nazis“, das bereits in der zweiten Auflage er-
schienen ist. „Die kleine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit der NPD“, die Toralf
Staud geschrieben hat, rundet diese Willy-Brandt-Haus-Materialien ab.

Bitte helfen Sie weiterhin mit, dass die NPD und die extrem Rechte insgesamt bei uns kei-
ne gesellschaftliche Akzeptanz findet. Diese Broschüre will ihren Teil dazu beitragen.

Niels Annen

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MIT RECHT GEGEN RECHTS BESCHLUSS DES SPD-PARTEIVORSTANDS

Beschluss des SPD-Parteivorstandes 2005


sage der rechtsextremen Parteiführer an Gewalt ist Augenwischerei. Gewalttäter haben in der Po-
Die Wölfe im Schafspelz enttarnen! litik nichts zu suchen.

Prinzipien und Orientierungspunkte für den Umgang 6. Verfassungsfeindlichkeit hervorheben


mit dem Rechtsextremismus Das Bundesverfassungsgericht hat der NPD im Frühjahr 2003 keinen Persilschein gegeben, son-
dern das Verfahren aus verfahrensrechtlichen Gründen eingestellt. Der Ruf nach einem erneuten
Verbotsantrag ist verständlich, aber die Möglichkeiten und Aussichten müssen sorgfältig geprüft
werden. Ein etwaiges Verbotsverfahren schafft das Kernproblem nicht aus der Welt, wir dürfen
Die folgenden Prinzipien und Orientierungspunkte sollen Richtschnur für den Umgang mit dem die Auseinandersetzung nicht allein den Gerichten überlassen. Es ist unerlässlich, die Verfas-
Rechtsextremismus sein. Sie richten sich an die Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei sungsfeindlichkeit der Rechtsextremen immer wieder hervorzuheben.
Deutschlands, insbesondere an die Funktions- und Mandatsträger.
7. Der Tarnung nicht auf den Leim gehen
Menschenrechte, Demokratie und Solidarität fördern: Aufklärung und Information über Bei einem relevanten Teil der Rechten hat ein Ideologiewandel stattgefunden. Sie tarnen sich teil-
1.
die Menschenfeindlichkeit der Rechtsextremen weise als Biedermänner und ihre offiziellen Parteiprogramme sind bewusst schwammig formu-
Wer gegen dumpfe Parolen wirken will, muss selber Bescheid wissen, über die Ideologie und die liert. Wichtig ist, genau hinzuhören, was die Rechtsextremen wirklich sagen und meinen. Rechts-
verfassungsfeindlichen Ziele der Rechtsextremen sowie ihre Organisationen. Die demokratischen extreme sind Verfassungsfeinde, sie wollen eine andere Gesellschaftsordnung. Wer mit Rechtsex-
Kräfte müssen in der Lage sein, die heutigen Rechtsextremen als das darzustellen, was sie sind: tremen über Sachthemen diskutiert, läuft Gefahr, womöglich bereits ihrer Strategie auf den Leim
Verächter der universellen Menschenrechte, Nachfolger der massenmörderischen Nazis und zu gehen. In der politischen Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen muss entlarvt werden,
ohne Konzepte für die politischen Herausforderungen der Gegenwart. was diese wirklich wollen.

2. Bekämpfen statt verschweigen 8. Wehrhaftigkeit und Standhaftigkeit der Demokratie beweisen


Sechzig Jahre nach Auschwitz haben wir es in Deutschland –wie auch all die Jahre und Jahrzehn- Im Parlament kann es für uns keine Bündnisse, keine gemeinsamen Anträge, kein gemeinsames
te davor – mit Neonazis und Rechtsextremismus zu tun. Diese gesellschaftliche Realität ändert Abstimmungsverhalten mit Rechtsextremen geben. Die Demokraten müssen die besseren Parla-
sich nicht dadurch, dass sie verschwiegen wird. Umso wichtiger ist es, eine breite gesellschaftspo- mentarier sein und souverän ohne Aggressivität die Rechtsextremen in die Schranken weisen. In
litische Offensive gegen den Rechtsextremismus zu starten und dabei Ross und Reiter beim Na- der parlamentarischen Auseinandersetzung lassen wir uns deshalb von Rechtsextremen keine
men zu nennen. Der Rechtsextremismus muss mit allen zur Verfügung stehenden rechtsstaat- Themen aufzwingen. Mit Verfassungsfeinden kann es keine parlamentarische Normalität geben.
lichen und demokratischen Mitteln bekämpft werden.
9. Wer Rechtsextreme wählt, ist kein Protestwähler, sondern unterstützt Neonazis
3. Verharmlosung der NS-Verbrechen nicht zulassen Rechtsextrem wählen bedeutet den Grundkonsens unserer Gesellschaft zu verlassen. Wähler der
Eine Verharmlosung oder Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus darf es nirgendwo ge- rechtsextremen Parteien unterstützen mit ihrer Stimme deren verfassungsfeindliche Programma-
ben. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist eine bleibende Verpflichtung. tik. Das muss auch so gesagt werden und darf nicht verharmlost oder verniedlicht werden. Stimm-
Denn nur wer sich erinnert, auch wenn er keine Schuld auf sich geladen hat, kann verantwortungsbe- abgabe für die Braunen darf keine gesellschaftlich akzeptierte Protestwahl sein.
wusst mit der Geschichte umgehen. Auch wenn Erinnerung anstrengend ist, dürfen wir der Versu-
chung zum Vergessen oder zum Verdrängen nicht nachgeben. Vergangenheit können wir weder un- 10. Keine Stimmen für die Rechtsextremen
geschehen machen noch „bewältigen“. Aber aus der Geschichte lernen können wir: Antisemitismus, Mit den Rechtsextremen gibt es keine gemeinsame Basis, auch nicht in Ausnahmefällen. In den
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen keine Chance haben in Deutschland. Parlamenten darf grundsätzlich nicht mit den Rechtsextremen abgestimmt werden. Wer mit den
Rechtsextremen stimmt, macht sie hoffähig.
4. Antisemitismus nicht dulden
Vor dem wachsenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft dürfen wir die Augen nicht ver- 11. Strikte Trennlinie ziehen
schließen. Wir müssen dieser Besorgnis erregenden Entwicklung mit Entschiedenheit entgegen- Die Abgrenzung demokratischer Politiker/innen gegenüber rechtsextremem Gedankengut muss
treten. Hier gilt es aber auch, die breit gestreuten latent vorhandenen antisemitischen Vorurteile klar und eindeutig sein. Gemeinsame Auftritte mit Vertretern der NPD oder DVU auf Veranstal-
zu entkräften. Dazu gehört auch, nicht nur den Holocaust zu thematisieren, sondern auch über jü- tungen und Podien nutzen in der politischen Auseinandersetzung nicht. Es darf auch keinerlei
dische Geschichte und Gegenwart aufzuklären und zu informieren. Beiträge oder Interviews für extrem rechte Zeitschriften geben. Dies gilt insbesondere für Blätter
wie die „Junge Freiheit“ und „Criticon“, die sich damit als demokratisch legitimieren wollen.
5. Gewalttätigkeit ächten
Rechtsextreme sind vielfach gewalttätig und kriminell. Gerade bei der NPD sind zahlreiche Funk-
tionäre einschlägig vorbestraft oder müssen mit einer Verurteilung rechnen. Die angebliche Ab-

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MIT RECHT GEGEN RECHTS BESCHLUSS DES SPD-PARTEIVORSTANDS

12. Als Demokraten höhlen wir im Kampf gegen Verfassungsfeinde nicht die Grundordnung aus sollten ihnen aber kein Forum bieten, weil diese damit aufgewertet werden. Es gilt auch hier der
Ob versucht werden soll, eine Demonstration verbieten zu lassen, muss von Fall zu Fall entschie- Leitsatz von Hanns Joachim Friedrichs: „Schreiben, was Sache ist. Senden, was Sinn macht.“
den werden. Aufmärsche werden von den Gerichten meistens erlaubt, auch Rechtsextreme haben
in der Demokratie Grundrechte. Da sind die Bürgerinnen und Bürger vor Ort gefordert, mit Kre- 19. Informationen für Medien transparent machen
ativität und Vielfalt friedlich dem braunen Treiben entgegenzutreten. Die Medien dürfen den Rechtsextremismus nicht totschweigen, sondern müssen zur Erfüllung ih-
res Auftrags der informativen Grundversorgung auch über Rechtsextreme informieren. Wichtig
13. Parteilichkeit der Demokratie – Das Netzwerk der Demokraten ist es hier, Journalisten das nötige Rüstzeug dafür zur Verfügung zu stellen, partnerschaftlich Wis-
Die demokratischen Parteien und Politiker dürfen nicht selber Politik- und Parteienverdruss sen und Detailkenntnisse auszutauschen. Sinnvoll ist es auch, in regelmäßigen Gesprächsrunden
durch Fehlverhalten, Selbstbeschimpfung und Unglaubwürdigkeit befördern. Hintergrundinformationen anzubieten und so zum aufklärenden Journalismus beizutragen.
Der Kampf gegen den Rechtsextremismus darf nicht instrumentalisiert werden. Neben der legiti-
men Parteienkonkurrenz ist vielfach die übergeordnete Parteilichkeit der Demokratie gefordert. 20. Öffentlichkeit suchen
Aufgabe der demokratischen Kräfte ist es, gemeinsam gegen rechtsextremistische Positionen Stel- Die Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen muss überall stattfinden. Unter zahlreichen an-
lung zu beziehen und zu zeigen, dass Deutschland eine weltoffene, auf Frieden und Freiheit grün- deren Möglichkeiten können wir beispielsweise öffentliche Stellungnahmen dazu verbreiten so-
dende Demokratie ist. Der Einzug rechtsextremer Parteien in den Bundestag und weitere Lan- wie in Nachbarschaftsgesprächen aufklären und informieren. Beschwerde- und Leserbriefe sind
desparlamente muss gemeinsam verhindert werden. vor allem immer dann ratsam, wenn jemand rechten Parolen nacheifert. Auch lobende Briefe für
gelungene Sendungen oder Artikel können positiv ausstrahlen.
14. Grenzen aufzeigen: Intervention und Null-Toleranz
Auch wenn es nur eine Minderheit in der Gesellschaft ist, die rassistischem, fremdenfeindlichem 21. Dauerhaftigkeit statt Strohfeuer-Aktionismus entfachen
oder antisemitischem Gedankengut anhängt, wir dürfen dieser Minderheit nicht einen Fußbreit Das Engagement zur Beseitigung des Rechtsextremismus darf nicht in Eintagsfliegen oder Stroh-
Raum lassen. Wo die Grenze zur Kriminalität überschritten wird, und Straftaten begangen wer- feuer-Aktionismus versanden. Die SPD bekennt sich dazu, dauerhaft gesellschaftliches Engage-
den, muss der Rechtsstaat sich konsequent zur Wehr setzen. Polizei und Justiz müssen dafür sor- ment gegen Rechtsextremismus ideell und materiell zu unterstützen. Dies schließt die finanzielle
gen, dass strafrechtliche Tatbestände unverzüglich verfolgt werden. Förderung einer nachhaltig wirksamen politischen Bildungsarbeit ein.

15. Gesellschaftliche Bündnisse schmieden 22. Den Nährboden entziehen: Prävention und Stabilisierung
Zivilcourage zeigen, nicht weg sehen, den Rechtsextremen nicht den öffentlichen Raum überlas- Die gelebte Demokratie zeichnet sich durch Vertrauensarbeit aus. Zivilgesellschaftliche und de-
sen. Den rechtsextremen Umtrieben müssen wir mit Entschiedenheit entgegentreten. Sozialde- mokratische Strukturen müssen gefördert, Toleranz, Respekt und Weltoffenheit aktiv unterstützt
mokratinnen und Sozialdemokraten stehen oft an der Spitze von Bewegungen, die Gesicht zeigen. werden. Denn wo demokratisches Miteinander und zivilgesellschaftliche Aktivitäten zu schwach
Es gilt, breite gesellschaftliche Bündnisse zu schmieden. Jeglicher Gewaltbereitschaft ist eine kla- ausgebildet sind, finden rechtsextreme Propagandisten Platz, um ihre menschenverachtende Ide-
re Absage zu erteilen. ologie in den Köpfen der Menschen zu verankern.

16. Opfer rechter Gewalt schützen 23. Reintegration ermöglichen – zivilgesellschaftliche Alternativen aufzeigen
Rechtsextreme Gewalttäter suchen ihre Opfer häufig unter Minderheiten (Ausländer, Behinderte, Das rechtsextreme Spektrum ist kein einheitliches in sich geschlossenes Gebilde. Mitläufer sind
Obdachlose oder auch Homosexuelle). Es kann nicht hingenommen werden, dass in unserer Ge- vom harten Kern der Unbelehrbaren zu trennen. Gerade Jugendliche wissen oft nicht, worauf sie
sellschaft Menschen angegriffen werden. Wir dürfen die Opfer rechter Gewalt nicht alleine las- sich da eingelassen haben und können zur Umkehr bewegt werden. Erforderlich ist ein differen-
sen, sie genießen unseren Schutz und unsere Solidarität. ziertes Umgehen, das nicht vorschnell stigmatisiert, dämonisiert oder verharmlost. Die einzelnen
Menschen dürfen nicht verloren gegeben werden. Die Gemeinschaft muss offen sein für alle, die
17. Kein Platz für Rechtsextremismus im Wirtschafts- und Arbeitsleben den rechtsextremen Organisationen den Rücken kehren. Sie wieder einzubinden in die Zivilge-
Alle Beschäftigten haben dafür Sorge zu tragen, dass rechtsextreme Propaganda und Parolen im sellschaft ist Herausforderung und Chance zugleich, den braunen Sumpf trocken zu legen.
Wirtschafts- und Arbeitsleben nicht geduldet werden. Die Führungskräfte sind im besonderen
Maße als persönliche Vorbilder in der Verantwortung. Arbeitgeber und Betriebs- bzw. Personal- 24. Rückgrat ausbilden für den Umgang mit Rechtsextremen
räte müssen ermuntert werden, die zahlreich vorhandenen Möglichkeiten zur Bekämpfung von Wer im Parlament mit Rechtsextremen zu tun hat, muss Unterstützung durch (innerparteiliche)
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus praktisch auszunutzen. Bildungsangebote erfahren, die Wissensaufbau und Handlungskompetenz fördern.

18. Keine Plattform für rechtsextreme Propaganda in den Medien


Die Pressefreiheit ist ein grundgesetzlich verbrieftes Recht. Rechtsextreme gehören aber grundsätz-
lich nicht in Talkshows oder Gesprächsrunden in Funk und Fernsehen. In den Printmedien haben
Interviews mit Rechtsextremen nichts verloren. Medien müssen über Rechtsextreme berichten. Sie

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MIT RECHT GEGEN RECHTS MOBILE BERATUNG GEGEN RECHTSEXTREMISMUS

Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR)


mit freundlicher Unterstützung des Kulturbüro Sachsen • durch umfangreiche Wortbeiträge und Darstellungen der eigenen Positionen öffentliche Ver-
anstaltungen und deren Verlauf zu bestimmen 4;
und des Netzwerk für Demokratie und Courage Sachsen
• die Gemeinsamkeiten der demokratischen Kräfte in der Ablehnung der Rechtsextremen und
deren Meinungen zu unterhöhlen oder zu spalten.
Umgang mit rechtsextremen Besuchern
und Besucherinnen bei öffentlichen und Im NPD-Organ „Deutsche Stimme“ forderte der NPD-Vorsitzende Voigt bereits im Jahre 2003
die Wortergreifung besonders auf offiziellen Veranstaltungen und auf Veranstaltungen des politi-
nichtöffentlichen Veranstaltungen schen Gegners. Einfache Mitglieder sollen ebenso wie Führungskader besser auf die politische
Auseinandersetzung vorbereitet werden.5 Zu diesem Zweck werden in verschiedenen Bundeslän-
dern „Nationale Bildungszentren“ (NBZ) aufgebaut.6

1. Ausgangssituation 2. Fallbeispiele und Vorbereitungsmöglichkeiten von öffentlichen


Immer wieder besuchen Rechtsextreme öffentliche Veranstaltungen zu gesellschaftlichen The-
men (Demonstrationen gegen Sozialabbau, Podiumsdiskussionen über Rechtsextremismus oder
Veranstaltungen in geschlossenen Räumen
Informationsveranstaltungen). Demokrat/-innen stehen solchen strategischen Besuchen oft hilf-
los gegenüber. Diese Hilflosigkeit speist sich aus einem unsichereren Demokratieverständnis: Fallbeispiel 1: Einwohnerversammlung in Mücka/ Sachsen
Wenn Demokratie bedeutet, verschiedene Meinungen zu respektieren bzw. einen für alle offenen Mücka war seit dem NPD-Pressefest im Sommer 2004 Ort regelmäßiger Musik- und Diskus-
und fairen Wettstreit von Meinungen zu gewährleisten, gilt das dann auch für Rechtsextremisten? sionsveranstaltungen von rechtsextremen Parteien und Kameradschaften. Zur Landtags-
Dominieren Rechtsextreme unsere Veranstaltungen mit ihren Parolen, macht sich Unbehagen wahl im Herbst 2004 hatten ca. 18 % der Mückaer Bürger/-innen der NPD ihre Stimme gege-
breit. Spätestens wenn von rechtsextremen Besucher/-innen erhebliche Störungen oder gar Be- ben. Ende 2004 entstand auf Initiative des Gemeinderates ein Runder Tisch, der sich mit den
drohungen ausgehen, fragen sich die Veranstalter/-innen, wie sie mit einer solchen Situation um- rechtsextremen Tendenzen auseinandersetzen wollte. Auf dessen Einladung fand im Febru-
gehen können. Doch dann sind schon viele Chancen verschenkt, denn die meisten Möglichkeiten ar 2005 eine Diskussionsveranstaltung „Mückaer Bürger für Mücka“ statt. Hier sollte über
liegen in der Vorbereitung der Veranstaltungen. Diese Handreichung dient zur Vorbereitung auf Rechtsextremismus informiert und gezeigt werden, dass Rechtsextremist/-innen keine de-
Veranstaltungen, bei denen die Möglichkeit besteht, dass Rechtsextremist/-innen teilnehmen mokratischen Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme im Land bieten. Neben Mückaer
wollen. Bürger/-innen waren auch Rechtsextremisten gekommen: Klaus Menzel, NPD-Landtagsab-
geordneter, und Sascha Wagner, Aktivist der Jugendorganisation der NPD – Junge Nationale
(JN) und Mitbegründer des NPD Konzeptes „National befreite Zonen“ sowie Mitglieder des
Rechtsextreme Strategien zur Erlangung von Dominanz auf Veranstaltungen NPD-Kreisverbandes Görlitz. Darauf waren die Einlader nicht ausreichend vorbreitet. Es ver-
Rechtsextreme halten sich in der Öffentlichkeit formal an die bestehenden Gesetze und versuchen breitete sich Unruhe und Unsicherheit beim Veranstalter. Die Veranstaltung begann mit ei-
das Bild zu vermitteln, sich im „ganz normalen, demokratischen“ Meinungsspektrum zu befinden. nem Kurzvortrag zu Zielen, Inhalten und Strategien der NPD. Kurz danach riss der JN´ler Sa-
Indes verfolgen sie mit ihren Veranstaltungsbesuchen ein strategisches Ziel: Die Teilnahme er- scha Wagner das Wort an sich. Der Moderator konnte die Rechtsextremisten nicht bremsen
folgt gezielt mit der Absicht, die Meinungsführerschaft in solchen Veranstaltungen zu überneh- und brach die Veranstaltung ab. Die Bürger/-innen waren unzufrieden, da sie ihre Fragen und
men. Strategie der Rechtsextremen ist die „Wortergreifung immer und überall“. Diskussionen Ideen gegen das „braune Image“ ihres Ortes nicht loswerden konnten.
sollen dominiert, aktuelle gesellschaftliche Themen rechtsextrem besetzt werden.
Fallbeispiel 2: Präsentationsveranstaltung im Rathaus Berlin-Lichtenberg
Diese Strategie verfolgen geschulte Kader, um: Im Jahr 2003 fand eine Veranstaltung im Rahmen des „Lokalen Aktionsplans für Demokra-
• den politischen Gegner verbal zu attackieren, zu provozieren und möglichst bloßzustellen; tie und Toleranz, gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“
• im persönlichen Gespräch die politischen Ziele der Rechtsextremen unaufdringlich im Verwand- im Rathaus Lichtenberg statt. Auf dieser Veranstaltung sollten die Ergebnisse der Situa-
ten- und Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz und im Verein stärker als bisher in die Öffentlichkeit zu tionsanalyse zu Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Lichtenberg sowie
tragen 1; die Bestandsaufnahme der Gegenstrategien vorgestellt werden. Letzteres beinhaltete ei-
• Kontakt zu neuen (politisch interessierten) Personengruppen herzustellen; nen Überblick über zivilgesellschaftliche Strukturen, Initiativen und Personen, die sich für
• durch phantasievolle Aktionen öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, bspw. das überraschen- eine demokratische Kultur in dem Bezirk engagieren. Zu der Veranstaltung war öffentlich
de Entrollen von Transparenten im Rahmen großer öffentlicher Ereignisse 2; eingeladen worden.
• Veranstaltungen des politischen Gegners oder parteipolitisch neutrale Versammlungen kosten-
und auflagenfrei zu Propaganda- bzw. Werbeveranstaltungen für rechtsextreme Ideologien Bevor die Veranstaltung begann, betrat eine Gruppe von ca. 10 Personen den Ratssaal, un-
umzufunktionieren 3; ter ihnen auch der damalige Berliner Landesvorsitzende der NPD Albrecht Reither und sein

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MIT RECHT GEGEN RECHTS MOBILE BERATUNG GEGEN RECHTSEXTREMISMUS

Stellvertreter Jörg Hähnel. Die Rechtsextremisten verteilten sich zunächst im Saal und • sich kurz vorstellen und sich kurz fassen;
nahmen an unterschiedlichen Positionen Platz. Die Veranstalter und Bezirksvertreter/-in- • einander ausreden lassen;
nen vereinbarten daraufhin, die Rechtsextremisten aufzufordern, die Veranstaltung zu • Saalmikrofon wird von einem Ordner gehalten (ggf. an Verlängerungsstange) und nicht
verlassen. Sollten sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, würde die öffentliche Ver- aus der Hand gegeben,
anstaltung abgebrochen und als nichtöffentliche Veranstaltung in den Fraktionsräumen • rassistische, antisemitische, sexistische und diskriminierende Äußerungen werden
der PDS durchgeführt werden. unterbunden (Mikrofon wird abgedreht, Brüller werden des Saales verwiesen);
• sollten sich Personen psychisch bzw. physisch bedroht fühlen, greifen Veranstalter oder
Als die Gruppe der Rechtsextremisten aufgefordert wurde, die Veranstaltung zu verlassen, Ordner ein.
zeigte sich, dass sie sich zu einer speziellen Strategie und Rollenaufteilung verabredet hat-
ten. Während die einen Rechtsextremisten sich als Opfer stilisierten, versuchten die ande- Diese Veranstaltung erreichte so ihr Ziel auch ohne vorher den Teilnehmendenkreis zu be-
ren eine Diskussion über Demokratie zu entfachen. Im Rahmen dieser Debatte versuchte schränken.
einer der Rechtsextremisten, allen Demokrat/-innen gezielt ins Wort zu fallen und ihnen
Aggressivität vorzuwerfen.
3. Fallbeispiele und Vorbereitungsmöglichkeiten von nicht-
Da die Gruppe der Rechtsextremisten der Aufforderung zu gehen nicht Folge leisten woll-
te, wurde die Veranstaltung, wie vereinbart, abgebrochen und als nichtöffentliche Veran-
öffentlichen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen
staltung in die Fraktionsräume verlegt.
Bei nichtöffentlichen Saalveranstaltungen ist darauf zu achten, dass nur ein gezielt angesprochener
Erfahrungen nutzen Personenkreis zur Veranstaltung eingeladen und die Veranstaltung nicht über die Presse öffentlich
Grundvoraussetzung für eine gelingende Veranstaltung ist, so zeigen unsere Erfahrungen, zuerst angekündigt wird. Ein solcher Personenkreis können die Mitglieder eines Vereins, die Schüler/-in-
die Verständigung der Veranstalter/-innen und Akteure über das Ziel der Veranstaltung im Rah- nen einer Schule, die Mitarbeiter/-innen eines Betriebes, etc. sein. Hier kann der Veranstalter kon-
men der Vorbereitung. Besteht das Veranstaltungsziel darin, dass sich Bürger/-innen zum Um- sequent von seinem Hausrecht Gebrauch machen und nichtgeladene Personen ausschließen.
gang mit rechtsextremen Aktivitäten in ihrer Gemeinde/ Kleinstadt/ Bezirk informieren oder aus-
tauschen, sollte der Teilnehmendenkreis im Vorfeld eingegrenzt werden. Fallbeispiel 4:
Mitgliederversammlung zum Thema „Rechtsextremismus – aktuelle Tendenzen und
Eingrenzung des Teilnehmendenkreises Gegenstrategien“ im örtlichen Ratskeller – die Möglichkeiten des „Friedlichkeitsgebotes“
Veranstaltungen in geschlossenen Räumen eröffnen hierfür besondere Möglichkeiten. Bei nicht- Ein Vereinsvorstand lud über die Presse zu einer Infoveranstaltung über rechtsextreme
öffentlichen Versammlungen, zu denen der Veranstalter einen individuell genannten Personen- Tendenzen ein: Der Verein glaubte durch seine Ankündigung, dass die Veranstaltung in ei-
kreis einlädt, hat er das Hausrecht und kann nichtgeladene Gäste ausschließen. Grund- und Ver- nem abschließbaren Raum stattfinde, deutlich zu machen, dass es sich um eine geschlos-
sammlungsgesetz eröffnen die Möglichkeit, bestimmte Personenkreise von der Einladung auszu- sene Veranstaltung handelt.
schließen. Davon sollten Veranstalter/-innen konsequent Gebrauch machen. Bereits in der Einla-
dung (in Briefen, in E-Mails, etc.) sollten Sie darauf hinweisen, dass die betreffenden Personen Das Kriterium der Öffentlichkeit bzw. Nichtöffentlichkeit einer Versammlung ist aber der
(Rechtsextreme) nicht erwünscht sind: zugelassene Personenkreis, nicht die Art der Räumlichkeiten (abschließbar, nicht ab-
schließbar). Entscheidend ist, dass jedermann teilnehmen kann, der Teilnehmerkreis also
„Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die nicht auf individuell bezeichnete Personen beschränkt ist. Der Ausschluss nach § 6/1 VersG
rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder (beschränkter Einladungskreis) war in diesem Fall „offiziell“ nicht mehr möglich. Der Ver-
bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige Menschenver- ein hatte also auch offiziell Rechtsextremisten eingeladen. Polizei und Staatschutz hatten
achtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von Informationen darüber, dass Vertreter rechtsextremer Kameradschaften und Parteien
dieser auszuschließen.“ kommen wollten.

Fallbeispiel 3: Diskussionsveranstaltung der Gewerkschaftsjugend mit einem Aussteiger Was nun? – Kurz vor der Veranstaltung können die Organisatoren mit den Beamten – Kon-
Die Gewerkschaftsjugend einer sächsischen Stadt organisierte im Frühjahr 2004 eine öf- taktpflege ganz wichtig – mögliche Szenarien durchspielen:
fentliche Diskussionsveranstaltung mit einem bekannten NPD-Aussteiger. In der öffent- An die Eingänge zum Veranstaltungssaal werden szenekundige Menschen gestellt, die ein
lichen Ankündigung wurde darauf verzichtet, NPD-Mitglieder oder Mitglieder rechtsex- Auge auf die hereinkommenden Besucher/-innen werfen. Die Personen am Einlass können
tremer Vorfeldorganisationen auszuschließen. Der Veranstaltungsleiter begrüßte die Teil- Rechtsextremen den Zutritt verweigern, auch wenn nicht vorher darauf hingewiesen wurde.
nehmenden und gab an den neben ihm sitzenden Moderator weiter. Dieser eröffnete die Sie berufen sich dabei auf ein Gefährdungspotenzial und Erfahrungen mit jenen rechtsextre-
Veranstaltung mit dem Verlesen von folgenden Diskussionsregeln: men Personen, die gekommen sind, um die Veranstaltung zu stören oder zu verhindern.

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MIT RECHT GEGEN RECHTS MOBILE BERATUNG GEGEN RECHTSEXTREMISMUS

Hausrecht durchsetzen – juristische Möglichkeiten,


Nun haben die Rechtsextremist/-innen die Möglichkeit, die Polizei aufzufordern, ihnen Zu- Rechtsextreme von Versammlungen auszuschließen
gang zu verschaffen. Teilt die Polizei die Gefährdungseinschätzung des Veranstalters, kann
sie die in Frage kommenden Rechtsextremist/-innen von der Veranstaltung ausschließen,
denn die Polizei hat Ermessensspielräume, Versammlungen über den Weg des „Friedlich- Eingrenzung des Teilnehmendenkreises
keitsgebots“ zu schützen. Die Polizei kann also einer Person den Zutritt verwehren, wenn Versammlungen in geschlossenen Räumen eröffnen besondere Möglichkeiten. Bei nichtöffent-
diese die Verhinderung der Versammlung im Auge hat (unfriedliche Absicht). lichen Veranstaltungen, zu denen der Veranstalter einen individuell genannten Personenkreis ein-
lädt, hat dieser das Hausrecht und kann nicht geladene Gäste ausschließen.10 Diese dem Veran-
Der Ordnerdienst des Vereins schließt unmittelbar nach Versammlungsbeginn die Türen und stalter eingeräumte Freiheit findet dort ihre Grenze, wo sich mit dem Ausschluss eine Diskrimi-
weist unliebsame, verspätete Teilnehmer wegen „Überfüllung“ ab. Denn die Versammlungs- nierung (Ausschluss aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, religiöser Überzeugung oder sexueller
leitung hat die Pflicht, die Ordnung der Veranstaltung und die Sicherheit der Teilnehmer/-in- Präferenzen) verbindet.11
nen zu garantieren. Die Veranstaltung könnte so ohne größere Störung stattfinden.
Ist ein zulässiger Ausschluss bereits in der Einladung erfolgt, kann der Veranstalter die ausge-
schlossenen Personen daran hindern, an der Veranstaltung teilzunehmen. Betreten sie die Ver-
4. Gesetzliche Grundlagen sammlung dennoch, liegt widerrechtliches Eindringen im Sinne von § 123 StGB vor, wogegen
dem Veranstalter Notwehrrecht zusteht.
Versammlungsfreiheit – ein demokratisches Grundrecht
Bei eigenen Handlungsstrategien muss man sich darüber im Klaren sein, dass es nur innerhalb der Versteckspiel auflösen
oben beschriebenen Grenzen möglich ist, Rechtsextreme von öffentlichen Veranstaltungen aus- Um Rechtsextreme auszuschließen, muss man sie in jedem Fall erst einmal als solche erkennen. Die
zuschließen. Der Gesetzgeber hat aus gutem Grund hohe Hürden aufgestellt, falls das Grund- Zeiten, in denen Bomberjacke, Glatze und Springerstiefel eindeutige Erkennungsmerkmale waren,
recht der Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG) eingeschränkt werden soll.7 Die besondere verfas- sind lange vorbei. Wer sich nicht sicher ist, sollte sich auf jeden Fall szenekundige Unterstützung
sungsrechtliche Bedeutung der Versammlungsfreiheit hat ihren Grund im Prozess der öffent- holen. Akteure, die sich mit der Problematik des Rechtsextremismus befassen und selbst Veranstal-
lichen Meinungsbildung. Besonders in Demokratien mit parlamentarischem Repräsentativsystem tungen gegen Rechtsextremismus organisieren, kennen sowohl die rechtsextreme Symbolik als
und geringen plebiszitären Mitwirkungsrechten ist die Freiheit kollektiver Meinungskundgabe auch jene Personen, die in der rechtsextremen Szene besonders aktiv sind12 und können den Ord-
ein grundlegendes Funktionselement.8 nern am Einlass oder den Security-Mitarbeiter/-innen die entsprechenden Hinweise geben.

Rechtsextremes Gedankengut liegt außerhalb des Toleranzbereichs. Ausschließen von Störer/-innen


Der Ausschluss Rechtsextremer von demokratischen Veranstaltungen hat auch einen moralischen Nach §11 VersG kann der/ die Versammlungsleiter/-in Teilnehmende, welche die Ordnung gröblich
Aspekt: Rechtsextreme sind Protagonisten einer Menschen verachtenden Ideologie, die nicht vor stören, von der Versammlung ausschließen (Abs.1). Dieses Recht steht ausschließlich dem/ der Ver-
rassistischer Gewalt, bis hin zu Mord zurückschrecken. Allein von 1990 bis 2004 wurden in sammlungsleitenden zu, weder der Polizei noch Ordnern oder Bevollmächtigten. Eine „gröbliche
Deutschland 134 Menschen von Tätern mit rechtsextremem Hintergrund umgebracht.9 Men- Störung der Versammlungsordnung“ ist gegeben, wenn die Störung „nach Form und Inhalt des Ver-
schen, die bereits Opfer rechter Gewalt wurden und zum Beispiel Gäste einer Veranstaltung sind, haltens besonders schwer empfunden wird.“ Das subjektive Bedrohungsgefühl von (potenziellen) Op-
sollte eine hautnahe Begegnung mit (potenziellen) Tätern oder geistigen Brandstiftern nicht zu- fergruppen kann evtl. dieses Kriterium erfüllen. Auch die Veränderung des Versammlungscharakters
gemutet werden. Das ist sowohl von Polizei als auch von Veranstaltern bei der Abwägung der Fra- durch Wortergreifung ist möglicherweise eine gröbliche Störung der Versammlungsordnung.
ge zu beachten: „Können wir die Rechtsextremisten aus der Veranstaltung raushalten?“
„Wer aus der Versammlung ausgeschlossen wird, hat sie sofort zu verlassen.“ Das Verlassen be-
Nicht verboten = demokratisch? zieht sich ausschließlich auf die unmittelbaren Versammlungsräume, sofern ein grundsätzlicher
Dass viele rechtsextreme Parteien und Gruppierungen nicht verboten sind, bedeutet nicht, sie seien Ausschluss aus dem betreffenden Gebäude notwendig ist, muss ggf. vom Hausrecht Gebrauch ge-
demokratisch. Rechtsextremist/-innen bekämpfen die Demokratie, können aber demokratisch legiti- macht werden. Ein zwangsweiser Ausschluss von der Versammlung kann ausschließlich durch die
miert sein, denn die verbürgten demokratischen Rechte gelten auch für die Feinde der Demokratie. Polizei vollzogen werden. Personen, die Waffen bei sich führen, müssen von dem/ der Versamm-
lungsleitenden ausgeschlossen werden. Dies gilt ggf. auch für Teilnehmende, die gegen Strafge-
Rechtsextreme von Veranstaltungen auszuschließen, bedeutet aber keineswegs, im eigenen Saft zu setze verstoßen, die ein „von Amts wegen zu verfolgendes Vergehen zum Gegenstand haben“ oder
schmoren und sich nicht mit den Argumenten der Gegenseite auseinander zu setzen. Bereits bei dazu aufrufen (Zeigen verfassungswidriger Kennzeichen, Volksverhetzung, Körperverletzung,...),
Menschen aus dem breiten Spektrum der Bevölkerung finden sich oftmals diskriminierende, ras- wenn sie dieses Verhalten trotz Abmahnung fortsetzen.
sistische Vorurteile oder nationalistische Einstellungen. Mit diesen Einstellungen muss man sich
auseinander setzen, denn wer noch kein gefestigtes rechtsextremes Weltbild hat, kann sich ändern.
Davon kann bei rechtsextremen Kadern allerdings keine Rede sein. Toleranz anderer Meinungen
bedeutet nicht, Diskriminierungen oder rassistische Positionen zu dulden.

14 15
MIT RECHT GEGEN RECHTS MOBILE BERATUNG GEGEN RECHTSEXTREMISMUS

5. Checkliste für das Gelingen einer Saalveranstaltung


❏ Sollten sich Personen psychisch bzw. physisch bedroht fühlen, greifen Sie in Absprache mit der
Polizei oder den Ordnern ein.
Vorbereitung der Veranstaltung
❏ Nehmen doch Rechtsextreme an der Veranstaltung teil oder outet sich eine/r erst in der „Wor-
❏ Verschaffen Sie sich Klarheit über Ziel und Zielgruppe der Veranstaltung, schließen Sie nach tergreifung“, darf das nie unwidersprochen bleiben. Auch das müssen Sie vorher organisieren
Möglichkeit Rechtsextreme bereits in der Einladung (Flyer, Plakate, Briefe, etc.) aus, erst wenn und ggf. üben.
Sie sicher sind, dass die Veranstaltung öffentlich bleiben soll, eine Pressemitteilung machen.
❏ Begleiten Sie gefährdete Personen (bekannte Antifaschist/-innen; Personen, die aufgrund ihrer
❏ Suchen Sie im Vorfeld von öffentlichen politischen Veranstaltungen den Kontakt zur Polizei/ politischen oder journalistischen Tätigkeit gefährdet sind; Migrant/-innen, usw.) ggf. auf dem
Versammlungsbehörde und besprechen Sie Szenarien/Strategien (Sicherheitspartnerschaft). Weg von der Veranstaltung nach Hause.
Der/ die Versammlungsleiter/-in kann darauf bestehen, dass Polizei vor Ort ist, um die Ver-
sammlung zu schützen. Besinnen wir uns auf unsere Stärken!
Ergreifen Sie das Wort, wo immer sich Rechte zu Wort melden!
❏ Organisieren Sie immer einen Ordnungsdienst und sorgen Sie dafür, dass die Ordner sowohl
örtliche, als auch überregional agierende Rechtsextreme kennen. Wohin kann ich mich wenden?
Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR)
❏ Holen Sie dazu rechtzeitig Unterstützung von szenekundigen Institutionen. c/o Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK)
Chausseestraße 29
❏ Wählen Sie Security-Unternehmen (so Sie eines buchen) sorgfältig aus, um nicht Freunde der 030 – 240 45 430
unerwünschten Personengruppe mit dieser Aufgabe zu betrauen. info@mbr-berlin.dewww.mbr-berlin.de
Anmerkungen
❏ Besetzen Sie den Einlassbereich rechtzeitig vor Veranstaltungsbeginn mit einer ausreichenden
Anzahl von Personen (Ordner). 1. Vgl. Martin Laus auf der Homepage der “Deutschen Stimme“
http://www.deutsche-stimme.com/Sites/07-02-Repression.html
2. Ebd.
❏ Bitten Sie Teilnehmer/-innen aus den eigenen Kreisen, schon früher als offiziell bekannt gege- 3. Vgl. VS Bericht Berlin 2004, S. 67
ben, zur Veranstaltung zu erscheinen. 4. „Drängen wir ihnen unsere Gedanken auf, ja zwingen wir sie dazu, sich mit uns, unseren Forderungen
und Zielsetzungen zu beschäftigen.“ Udo Voigt In: Die Wortergreifungsstrategie im nationalen Befrei-
ungskampf „Arbeit – Familie – Vaterland“, Rede zum NPD-Bundesparteitag 2004, 30./31. Oktober, S. 10.
❏ Verhindern Sie das Eindringen von unerwünschten Personen – gewaltfrei, aber konsequent. 5. „Um den Kampf für die Befreiung unseres Volkes sachgerecht führen zu können, brauchen wir Men-
schen, die durch Ausbildung in die Lage versetzt werden, strategisch, operativ, taktisch und politisch
❏ Sprechen Sie (bei Versammlungen in geschlossenen Räumen) den unerwünschten Personen richtig zu handeln.“ Spendenaufruf für den „Bau eines nationaldemokratischen Bildungszentrums in
der Reichshauptstadt Berlin“, in: „Deutsche Stimme“, Nr. 08/2003
Hausverbot aus. 6. So entsteht auf dem Gelände der NPD-Bundesgeschäftsstelle in Köpenick ein solches NBZ, in Sachsen
gründete die NPD am 18. 4. 2005 das parteinahe "Bildungswerk für Heimat und nationale Identität
e.V." (i.G.). NPD-Fraktionsvorsitzender Apfel in der Presseerklärung zur Gründung des NPD-Bildungs-
werkes: Das Bildungswerk „wird zur weiteren Professionalisierung der politischen Arbeit der nationa-
Durchführung der Veranstaltung len Opposition in Sachsen beitragen und insbesondere die Denkansätze der 'Dresdner Schule' im
öffentlichen Diskurs zu popularisieren suchen. Unsere Fraktion hat für die Arbeit des Bildungswerkes
❏ Stellen Sie klare und transparente Diskussionsregeln auf (Antidiskriminierungsregel). einen Zuschuss aus dem Landeshaushalt beantragt. [...]".
7. Vgl. BVerfGE 69, 315 [346f.]
8. Dies trifft besonders für öffentliche Versammlungen und Demonstrationen (Aufzüge) unter freiem
❏ Lassen Sie das Saalmikrofon von einem Helfer/ Ordner halten (ggf. an Verlängerungsstange) Himmel zu. Während in manchen anderen Bundesländern die Teilnahme von Rechtsextremen an
und geben Sie es nicht aus der Hand. solchen Veranstaltungen verhindert wurde, wurde dies in der jüngeren Vergangenheit insbesondere
in Sachsen immer wieder durch die Behörden durchgesetzt.
9. Quelle: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, 05.11.2004.
❏ Unterbinden Sie diskriminierende (rassistische, antisemitische, sexistische) Äußerungen (Mikro- 10. Kriterium der Öffentlichkeit einer Versammlung ist der zugelassene (eingeladene) Personenkreis,
fonanlage mit Techniker besetzen). nicht die räumliche Gegebenheit. Entscheidend ist, ob jedermann teilnehmen kann, der Teilnehmen-
denkreis also nicht auf individuell bezeichnete Personen beschränkt ist, oder ob gewährleistet ist,
dass man „unter sich bleibt“. Dürfen Einladungen frei kopiert und weitergegeben werden, ist die
❏ Bitten Sie auf keinen Fall Rechtsextreme aufs Podium, bzw. bieten Sie diesen nie ein Podium Versammlung öffentlich.
(keine langen Monologe ermöglichen). 11. Vgl. Oliver Schönstedt (2002): Versammlungen in geschlossenen Räumen, in: Kriminalistik 4/2002, S. 231.
12. Vgl. Ott, Sieghart (1996): Gesetz über Versammlungen und Aufzüge. (Versammlungsgesetz).
6. neubearb. Auflage, Boorberg, S. 146ff

16 17
MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

Juristische Empfehlungen für den Umgang mit der extremen Rechten


gabe einer Meinung und hängt damit mit der ebenfalls durch die Verfassung geschützten Mei-
Mit Recht gegen rechts nungsfreiheit des Art. 5 GG eng zusammen.

Wer sich in der Öffentlichkeit engagiert und in Erscheinung tritt, wird irgendwann einmal Kon- 1.2. Grenzen der Versammlungsfreiheit
takt mit der Rechtsordnung bekommen. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein. Allerdings: Nach Art. 8 Abs. 2 GG kann ein Gesetz die Versammlungsfreiheit einschränken.

Mal möchte man sich informieren, § 15 Versammlungsgesetz (VersG) nennt dafür:


 ob eine geplante Aktion rechtlich erlaubt ist; • das Verbot,
 welche Rechte einem selbst zustehen; • die Auflage und
 ob das Vorgehen der anderen Seite von der Rechtsordnung gedeckt ist. • die Auflösung.

In diesem Kapitel werden die wichtigsten Rechtsgebiete kurz skizziert und anschaulich darge- Nach § 15 Abs.1 VersG kann eine Versammlung oder ein Aufzug verboten oder von Auflagen ab-
stellt. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht – insbesondere wegen der sich immer weiter ent- hängig gemacht werden, wenn sie die öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar gefährdet.
wickelnden Rechtsprechung – nicht.
Der Begriff „öffentliche Sicherheit“ umfasst
a) die Rechte und Rechtsgüter des Einzelnen, insbesondere auch den Schutz der Grundrechte
1. Versammlungsrecht (Leben, Eigentum, Freiheit etc.),
b) die gesamte Rechtsordnung und
c) den Schutz des Staates und seiner Einrichtungen.
Beispiel:
Die NPD hat eine Demonstration in deiner Stadt angemeldet. Die „öffentliche Ordnung“ ist kurz definiert die Gesamtheit der ungeschriebenen Regeln, deren
Was kannst Du dagegen tun? Befolgung nach den herrschenden Anschauungen als unerlässlich für ein geordnetes menschliches
Zusammenleben angesehen wird. Wegen seiner Unbestimmtheit ist die Anwendung des Begriffs
Auch wenn Aufzüge rechtsextremistischer Kameradschaften oder neonazistischer Parteien gesell- „öffentliche Ordnung“ im Versammlungsrecht umstritten.
schaftlich und politisch unerwünscht und mit den grundgesetzlichen Wertvorstellungen unver-
einbar sind, fallen sie unter den Schutz der Versammlungsfreiheit. Jedenfalls solange die Ver- Ein Verbot oder eine Auflösung einer Versammlung kommt nur zum Schutz gleichwertiger ele-
sammlungen friedlich und ohne Waffen stattfinden. Dagegen gibt es für gewalttätige Versamm- mentarer Rechtsgüter und unter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit, d.h. als
lungen überhaupt keinen Grundrechtsschutz. letztes Mittel, in Betracht. Die Behörden müssen die unmittelbare Gefährdung konkret und nach-
vollziehbar begründen.

1.1 Versammlungsfreiheit ist ein demokratisches Grundrecht FAZIT:


Das vollständige Verbot einer Versammlung kann nur angeordnet werden, wenn drohende
Art. 8 Grundgesetz: (1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis Gefahren nicht durch Auflagen abgewendet werden können.
friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

Die Versammlungsfreiheit ist ein unverzichtbarer Teil des demokratischen Rechtsstaats. Art. 8 des Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit, insbesondere Straftaten
Grundgesetzes schützt die Freiheit, mit anderen Personen zum Zwecke einer gemeinschaftlichen,
auf die Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung gerichteten Erörterung oder Kundgebung Wenn es konkrete Anhaltspunkte für einen zu erwartenden Verstoß gegen das Strafgesetzbuch im
örtlich zusammenzukommen. Rahmen einer Versammlung gibt, so liegen eindeutige Gründe für ein Versammlungsverbot vor.
Allerdings muss die ablehnende Behörde (in der Regel das Ordnungsamt) ihre Prognose auf kon-
Die Versammlungsfreiheit als ein politisches bzw. demokratisches Grundrecht hat eine erhebliche krete nachgewiesene Tatsachen stützen. Ein bloßer Verdacht oder eine Vermutung reichen nicht.
Funktion im Rahmen der politischen Willensbildung. Schließlich stellt sie eine der wenigen Mög-
lichkeiten der Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse zwischen den Wahlen dar. Die von den Behörden ausgesprochenen, oft unzureichend begründeten Versammlungsverbote
sind wegen der besonderen Bedeutung der Versammlungs- und Meinungsfreiheit nach der Recht-
Versammlungen sollen frei, auch unabhängig von einer staatlichen Genehmigung, durchgeführt sprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) meist nicht wirksam. Deswegen erteilen die
werden können. Eine öffentliche Versammlung dient in den meisten Fällen der kollektiven Kund- Behörden bei Aufmärschen von Rechtsextremisten vielfältige Auflagen.

18 19
MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

So wird es zum Teil verboten, Im Falle von Gewalttätigkeiten durch Gegendemonstrationen richten sich die polizeilichen Maß-
• Trommeln oder Fahnen mitzuführen, nahmen gegen denjenigen, der für die Gefahr verantwortlich ist, den so genannten Störer. Die
• in Marschformationen zu laufen, Gefahr von Gewalttätigkeiten durch Gegendemonstrationen bietet Anlass für polizeiliche Maß-
• Springerstiefel oder Bomberjacken zu tragen oder nahmen gegen die Gegendemonstrationen bis möglicherweise zu ihrem Verbot. Dies kann aber
• es wird eine Änderung der Aufmarschroute angeordnet, um so rechtextremistische Versamm- nicht das Verbot der Ausgangsdemonstration rechtfertigen, außer im seltenen Fall des sog. poli-
lungen aus den Innenstädten zu drängen. zeilichen Notstands.
Allerdings gelten für die Erteilung von Auflagen die nahezu gleichen Anforderungen wie für ein
Verbot (siehe oben). Eine gesicherte Gefahrenprognose ist für eine Auflage also ebenso wesent- Ein „echter“ polizeilicher Notstand liegt vor, wenn es der Polizei aufgrund der konkreten Um-
lich wie für ein totales Verbot einer Veranstaltung. stände des Einzelfalles, insbesondere ihrer eigenen Kräftelage, nicht möglich ist, die Veranstal-
tung zu schützen. Im Falle des „unechten“ polizeilichen Notstands wäre die Polizei objektiv in der
Verstoß gegen die öffentliche Ordnung Lage, drohende Gefahren abzuwehren. Dies hätte aber erhebliche Gefahren für Unbeteiligte zur
Folge. Nach diesen anerkannten Grundsätzen kann die Versammlungsfreiheit in besonderen Aus-
Beispiel: nahmefällen eingeschränkt werden, jedoch sind zur Begründung äußerst hohe Anforderungen an
Die von der NPD angemeldete Kundgebung gegen einen geplanten Synagogenbau wird die Darlegung zu stellen.
von der zuständigen Behörde wegen der zu erwartenden neonazistischen Äußerungen
verboten, das Oberverwaltungsgericht bestätigt das Verbot. Hiergegen klagt die NPD vor FAZIT:
dem Bundesverfassungsgericht. Gegendemonstrationen haben ebenfalls den Schutz der Versammlungsfreiheit – solange sie
Wie wird das Gericht entscheiden? sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen befinden. Insbesondere darf die Ausgangsdemonstra-
tion nicht verhindert werden.
In Bezug auf Verbote rechtsextremer Versammlungen gibt es in der Rechtsprechung unterschied-
liche Auffassungen. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Nordrhein-Westfalen hat sich mehrfach
für ein Verbot neonazistischer Aufmärsche wegen unmittelbarer Gefährdung der öffentlichen 1.4. § 15 Abs.2 Versammlungsgesetz
Ordnung ausgesprochen. Das OVG leitet aus der Verfassung ein generelles Verbot nationalsozia-
listischen Gedankenguts her und sieht daher in einer Versammlung von Neonazis allein wegen der Beispiel
inhaltlichen Ausrichtung eine unmittelbare Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Die NPD plant einen Aufzug, der am Denkmal für die ermordeten Juden Europas vorbei-
führen soll.
Dieser Rechtsauffassung widerspricht das Bundesverfassungsgericht, das ein Verbot von Mei- Kann dies verhindert werden?
nungsäußerungen allein wegen ihres Inhalts ausschließt, auch wenn diese sich gegen die freiheit-
liche demokratische Grundordnung richten. Nach Ansicht des BVerfG sind die Bürger „frei, Ein vollständiges Verbot von rechtsextremistischen Versammlungen ist nach der Gesetzeslage
grundlegende Wertungen der Verfassung in Frage zu stellen, solange sie dadurch Rechtsgüter an- und Rechtsprechung nur selten möglich. Eine seit April 2005 geltende Änderung des § 15 Abs.2
derer nicht gefährden“(BVerfG NJW 2001, 2069). VersG soll rechtsextreme Aufmärsche erschweren bzw. verhindern.

Das bedeutet, dass ein Versammlungsverbot zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Ord- § 15 Abs.2 VersG:
nung erlaubt ist, wenn die Gefahren nicht aus dem Inhalt der Äußerungen, sondern aus der Art Eine Versammlung oder ein Aufzug kann insbesondere verboten oder von bestimmten Auflagen abhängig
und Weise der Durchführung der Versammlung folgen. Im vorgenannten Beispielsfall durfte die gemacht werden, wenn
Kundgebung stattfinden (wegen dort gehaltener Reden gab es jedoch Strafprozesse). 1. die Versammlung oder der Aufzug an einem Ort stattfindet, der als Gedenkstätte von historisch her-
ausragender, überregionaler Bedeutung an die Opfer der menschenunwürdigen Behandlung unter der
Verbote sind jedoch dann verfassungsrechtlich unbedenklich, wenn ein „aggressives und provoka- nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft erinnert, und
tives, die Bürger einschüchterndes Verhalten der Versammlungsteilnehmer verhindert werden 2. nach den zur Zeit des Erlasses der Verfügung konkret feststellbaren Umständen zu besorgen ist, dass
soll, durch das ein Klima der Gewaltdemonstration und potentieller Gewaltbereitschaft erzeugt durch die Versammlung oder den Aufzug die Würde der Opfer beeinträchtigt wird.
wird“ (BVerfG siehe oben).
Ausdrücklich wird das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin als entsprechendes
Denkmal erwähnt. Andere Orte können Landesgesetze bestimmen.
1.3. Gegendemonstrationen

Ebenso wie die Ausgangsdemonstration ist auch der Protest dagegen vom Recht auf Versamm-
lungsfreiheit geschützt – mit den gleichen Grenzen.

20 21
MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

1.5. § 3 Versammlungsgesetz Uniformverbot allerdings eine hohe Aufmerksamkeit der Medien und bedürfen einer zielsicheren Strategie und
Mitwirkung auf breiter Ebene.
Nach § 3 VersG ist es verboten, in einer Versammlung
• Uniformen,  Kritische Begleitung
• Uniformteile oder Das Versammlungsrecht schützt auch die Teilnahme an einer Versammlung unter Widerspruch
• gleichartige Kleidungsstücke und Protest – solange nicht versucht wird, die Versammlung zu verhindern. Ganz wichtig ist hier,
als Ausdruck einer gemeinsamen politischen Gesinnung zu tragen. friedlich zu agieren und gewalttätige Reaktionen zu vermeiden. Es eignen sich sicherlich nur aus-
gewählte Veranstaltungen hierfür.
Die Aufmärsche der SA und ähnlicher Verbände waren Anlass für diese Regelung. Diese soll das
militante und einschüchternde Erscheinungsbild Uniformierter mit der Signalwirkung, andere  Gegendemonstration
Auffassungen notfalls gewaltsam zu überwinden, vermeiden helfen. Gegendemonstrationen sind, soweit sie sich innerhalb der rechtlichen Grenzen halten, ein geeig-
netes Mittel zum Ausdruck des Widerstands. Man sollte jedoch immer bedenken, dass sie die öf-
fentliche Aufmerksamkeit für die Rechtsextremen steigern.
1.6. § 17 a Versammlungsgesetz Schutzwaffen- und Vermummungsverbot
 Blockade
Ebenso ist es verboten, bei öffentlichen Versammlungen unter freien Himmel oder auf dem Weg Die Blockade einer Nazi-Demonstration ist zumindest in Einzelfällen erfolgreich und zulässig. Im
dorthin, Schutzwaffen zu tragen oder in einer Aufmachung teilzunehmen, die geeignet und dar- November 2005 blockierten zum Beispiel 2000 Bürger der Stadt Halbe in Brandenburg friedlich für
auf gerichtet ist, die eigene Identität nicht feststellbar zu machen. mehrere Stunden den (angemeldeten und gerichtlich zugelassenen) Aufmarsch von Rechtsextremi-
sten zum Soldatenfriedhof. Die Polizei griff nicht ein und die Staatsanwaltschaft verfolgte auch keine
Strafanzeigen gegen die Blockade. Das ist sicher eine Ausnahme, aber es wird deutlich, dass im ge-
1.7. Deine Rechte meinsamen Handeln von Bürgern, Initiativen, Parteien und auch Behörden eine große Chance liegt.

Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Intoleranz braucht eine politische und gesellschaftliche
Auseinandersetzung. Gegen Nazi-Demonstrationen, die mit juristischen Mitteln nur selten zu ver- 1.8. Anmeldung zur Versammlung
hindern sind, ist eine gesellschaftlich und politisch breit gefächerte, intelligente Strategie erforder-
lich. Wichtig ist, den Rechtsextremen auf legale Weise die Plattform und die gewünschte Auf- § 14 Versammlungsgesetz:
merksamkeit zu entziehen, aber auch deutliche Zeichen für Demokratie und Toleranz zu setzen. 1. Wer die Absicht hat, eine öffentliche Versammlung unter freiem Himmel oder einen Aufzug zu veran-
stalten, hat dies spätestens 48 Stunden vor der Bekanntgabe der zuständigen Behörde unter Angabe des
Im Rahmen von Nazi-Demonstrationen ist es wirkungsvoll, sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Gegenstandes der Versammlung oder des Aufzuges anzumelden.
Strategie mit anderen Akteuren unter Einbeziehung von Polizei und Medien zu einigen und für 2. In der Anmeldung ist anzugeben, welche Person für die Leitung der Versammlung oder des Aufzuges
die Neonazis unberechenbar zu agieren. Die Durchführung von Versammlungen sollte für die verantwortlich sein soll.
Rechtsextremen unkalkulierbar werden.
Bei der Anmeldung sollten mit angegeben werden:
Wenn eine rechtsextremistische Versammlung im eigenen Ort bevorsteht, gibt es verschiedene • Datum,
Strategien, die unter Abwägung aller Umstände und Konsequenzen eingesetzt werden können: • Ort,
• Marschroute,
 Ignorieren • Thema,
Dies ist besonders wirkungsvoll in Zusammenarbeit mit den örtlichen Medien und Bürgerinitiati- • AnmelderIn,
ven. Durch Entziehen jeglicher Aufmerksamkeit, d.h. keine Berichterstattung in der Presse und kei- • VeranstalterIn,
ne Reaktion durch Bürgerinitiativen oder Parteien, laufen rechtsextreme Demos ins Leere. Die Teil- • LeiterIn,
nehmerzahlen dieser Veranstaltungen sind grundsätzlich eher gering und der Gehalt ihrer Aussage • OrdnerInnen,
ist noch dürftiger und wiederholt sich, so dass das Interesse von Unbeteiligten schwinden wird. • geplanter Ablauf der Veranstaltung (des Aufzugs),
• ggf. welche Hilfsmittel, Ausdrucksformen verwendet werden sollen.
 Lächerlichmachen
Dies war im August 2001 in Leipzig eine wirkungsvolle Reaktion auf rechtsextremistische De- Je nach Bundesland ist die Versammlung entweder beim Ordnungsamt oder bei der Polizeibehör-
monstrationen. Die legalen und legitimen Gegenaktionen liefen unter dem Titel „Leipzig lacht de anzumelden. Die zuständige Behörde kann bei der Polizei oder beim Bürgeramt erfragt wer-
über den Karneval in Braun“ mit Konfettiregen und „Lachsäcken“. Derartige Aktionen bewirken den.

22 23
MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

1.9. Spontan-Versammlungen Polizei und Justiz sind gehalten, gegen Rechtsextremisten mit allen rechtsstaatlichen Mitteln vorzu-
gehen. Rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten sind konsequent zu verfolgen und zu ahnden.
Beispiel:
In eurer Stadt findet eine Veranstaltung einer rechtsextremen Organisation statt. Du Die wichtigsten Strafgesetze, gegen die Rechtsradikale am ehesten verstoßen, sind:
möchtest ein Zeichen des Protestes gegen diese Veranstaltung setzen und gehst zu dem • § 86 StGB Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen
Gebäude, in dem die Veranstaltung stattfindet. Dort haben sich mehrere Gegner der Ver- • § 86a StGB Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen
anstaltung bereits eingefunden. Ihr beschließt, sofort gemeinsam gegen die Veranstal- • § 84 StGB Fortführung einer für verfassungswidrig erklärten Partei
tung zu demonstrieren. Dürft ihr das? • § 85 StGB Verstoß gegen ein Vereinigungsverbot
• § 125 StGB Landfriedensbruch
Spontan-Versammlungen sind Versammlungen, die • § 127 StGB Bildung bewaffneter Gruppen
a) nicht geplant waren und • § 130 StGB Volksverhetzung
b) die keinen Veranstalter haben. • § 185 StGB Beleidigung
• § 189 StGB Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener
Spontan-Versammlungen entwickeln sich „aus dem Augenblick heraus“, d.h. Entschluss und
Durchführung fallen unmittelbar zusammen. Daher wird die Spontan-Versammlung von der An- § 86 StGB Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen
meldepflicht nach § 14 VersG ausgenommen. Propagandamittel im Sinne dieser Vorschrift sind Materialien, deren Inhalt sich gegen die frei-
heitliche demokratische Grundordnung oder den Gedanken der Völkerverständigung richtet.
Demgegenüber sind Eilversammlungen (auch Blitzversammlungen genannt) im Unterschied zu
Spontan-Versammlungen geplant und haben einen Veranstalter. Sie können aber nicht innerhalb § 86 StGB bestraft die öffentliche Verwendung von rechtsstaatsgefährdenden Propagandamitteln
der Anmeldefrist von 48 Stunden angemeldet werden ohne den Versammlungszweck zu gefähr- (Schriften, Ton- und Bildträger, Abbildungen) verfassungsfeindlicher Organisationen, d.h. Par-
den. Beharrte man hier strikt auf die Einhaltung der Anmeldungsfrist, wären Eilversammlungen teien und Vereinigungen, die für verfassungswidrig erklärt bzw. verboten wurden. Ausdrücklich
von vornherein unzulässig. Eilversammlungen sind demzufolge anzumelden, sobald dies möglich genannt sind auch Propagandamittel, die die Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialisti-
ist. Das ist spätestens mit dem Beschluss, die Versammlung durchzuführen, der Fall. schen Organisation fortsetzen sollen.

FAZIT: Strafbar ist neben der Verbreitung auch die Vorbereitung zur Verbreitung wie die Herstellung,
Die Abgrenzung von Spontan- zu Eilversammlung ist in der Praxis oft schwierig. Vorratshaltung, Ein- und Ausfuhr oder Veröffentlichung in Datenspeichern. Der bloße Besitz und
Um Probleme mit Behörden zu vermeiden, sollte bei Spontan-Versammlungen jeder Eindruck das Herstellen ohne Verbreitungsabsicht sind nicht strafbar. Ausgenommen von der Strafbarkeit
einer Planung und Organisation vermieden werden. Sorgfältig vorbereitete und mitgebrachte ist die Verwendung der Propagandamittel für anerkennenswerte Zwecke wie etwa der staatsbür-
Plakate lassen den Rückschluss zu, dass es sich nicht um eine Spontan-Versammlung handeln gerlichen Aufklärung, der Wissenschaft oder Lehre.
kann. Eine Anmeldung der Versammlung hätte zumindest versucht werden müssen.
§ 86a StGB Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen
§ 86a StGB bestraft die Verbreitung (auch in Schriften), die öffentliche Verwendung oder Ver-
wendung in einer Versammlung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Als Kenn-
2. Politisch motivierte Kriminalität zeichen sind ausdrücklich genannt: Fahnen, Abzeichen, Uniformstücke, Parolen und Grußfor-
men; zum Verwechseln ähnliche Kennzeichen sind gleichgestellt. Hakenkreuze in jeder Form,
Im Gegensatz zur Allgemeinkriminalität verletzen politisch motivierte Straftaten nicht nur „Führerportraits“, Hitlergruß, SS-Runen, aber auch die Schlussformel „mit deutschem Gruß“
Rechtsgüter von höchstem Wert, sondern bedrohen auch die demokratischen Grundlagen des und viele andere sind damit verboten (s. Seite 26).
Gemeinwesens. Als politisch motiviert gilt eine Tat insbesondere dann, wenn die Tatumstände
oder die Einstellung des Täters darauf schließen lassen, dass die Tat sich gegen eine Person auf- Allerdings stellt beispielsweise ein durchgestrichenes Hakenkreuz nach ständiger Rechtsspre-
grund ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, chung des Bundesgerichtshofs keinen Verstoß gegen den § 86a StGB dar, da hier eben keine Iden-
Weltanschauung etc. richtet. tifikation der handelnden Personen mit der verfassungswidrigen Organisation vorliegt.

Der Verfassungsschutzbericht 2004 stufte von insgesamt 21.178 registrierten politisch motivierten Eine ausführliche Darstellung der Kennzeichen, Symbole und Codes von neonazistischen und ex-
Straftaten 12.051 als rechtsextremistisch ein (Vorjahr 10.792). Dies ist ein Anstieg um 11,7 Prozent trem rechten Gruppen ist in den Willy-Brandt-Haus-Materialien „Versteckspiel – Lifestyle, Sym-
gegenüber dem Vorjahr. Der Großteil dieser Straftaten (8.455, 86,3%) zählt zu den Propagandade- bole und Codes von neonazistischen und extrem rechten Gruppen“ (Bestellnr.: 30000484; ver-
likten nach §§ 86, 86 a StGB (Verbreiten und Verwenden von Propagandamitteln und Kennzeichen trieb@spd.de) dokumentiert.
verfassungsfeindlicher Organisationen). Lediglich 832 wurden den Gewalttaten zugeordnet.

24 25
MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

Verbotene NS-Sybole § 84 StGB Fortführung einer für verfassungswidrig erklärten Partei


§ 85 StGB Verstoß gegen ein Vereinigungsverbot
Unter Strafe stehen danach auch das organisatorische Zusammenhalten und die Betätigung als
Mitglied oder Hintermann einer verfassungswidrigen verbotenen Partei oder Vereinigung. Das
Bundesverfassungsgericht kann verfassungsfeindliche Parteien, die Innenminister der Länder
können Organisationen, die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder den Gedanken der
Völkerverständigung richten, verbieten.
Hoheitszeichen (alt) Hoheitszeichen (neu) Standarte des Führers Partei-Abzeichen
Dies geschah in den letzten Jahren beispielsweise mit folgenden rechtsradikalen Organisationen:
Auch die Gliederungen der NSDAP sind von diesem Verbot betroffen. Aktionsfront Nationaler Sozialisten, Nationalistische Front, Wiking Jugend, Nationale Liste etc.

§ 125 StGB Landfriedensbruch


Beispiel: Die ordnungsgemäß angemeldete Versammlung einer rechten Kameradschaft verläuft
zunächst friedlich. Gegen Ende der Versammlung beginnt ein größerer Block des Aufzugs mit
Eiern, Tomaten und Flaschen zu werfen.
Sturmabteilung (SA) Schutzstaffel (SS) Hitler Jugend (HJ) NS Kraftfahrerkorps
Landfriedensbruch begeht,
a) wer sich an Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Sachen oder
b) Bedrohungen von Menschen mit einer Gewalttätigkeit, die aus einer Menschenmenge in einer
Gleiches gilt für die die öffentliche Sicherheit gefährdenden Weise mit vereinten Kräften begangen werden, betei-
Symbole angeschlos- ligt oder
NS-Studentenbund NS-Frauenschaft sener Verbände Deutsche Arbeitsfront (DAF) c) wer auf die Menschenmenge einwirkt, um ihre Bereitschaft zu solchen Handlungen zu fördern.
(NSDStB)
Es ist hierzu nicht erforderlich, dass die gesamte Menge Gewalttätigkeiten oder Bedrohungen be-
jaht; die Menge darf aber nicht nur Kulisse der Ausschreitung sein, sondern muss ihre Basis dar-
stellen.

§ 127 StGB Bildung bewaffneter Gruppen


Deutsches Frauenwerk NS Lehrerbund NS-Kriegsopfer- Reichsbund der Geahndet wird das unbefugte Bilden, Befehligen oder Sich-Anschließen einer Gruppe, die über
versorgung (NSKOV) Deutschen Beamten (RDB) Waffen oder andere gefährliche Werkzeuge verfügt. Auch steht die Versorgung dieser Gruppe mit
Waffen oder Geld oder sonstige Unterstützung unter Strafe.

§ 130 StGB Volksverhetzung


Beispiel: Du hörst aus einem Aufzug von Neonazis heraus den Satz: „ Die Juden sind Untermen-
schen“.
NS-Reichbund NS Reichswahrerbund Reichsbund Deutsche NS Volkswohlfahrt (NSV)
für Leibesübungen (NSRB) Familie (RDF) Nach § 130 StGB kann derjenige wegen Volksverhetzung verurteilt werden, der
a) zu Hass und Gewalt gegen Bevölkerungsteile aufruft bzw.
Ebenso von dem Verbot betroffen sind sonstige, einst von der NSDAP kontrollierte Organisationen: b) diese Gruppen beschimpft, verächtlich macht oder verleumdet
c) und dadurch deren Menschenwürde angreift.
d) Weitere Voraussetzung ist die Gefährdung des öffentlichen Friedens.

Eine Übersicht über alle Im Absatz 3 des § 130 StGB ist festgeschrieben, dass das Billigen, Verharmlosen oder Leugnen der
verbotenen Symbole im systematischen Vernichtung von Juden zur Zeit des Nationalsozialismus, sofern dies öffentlich
Internet unter: oder in einer Versammlung geschieht, strafbar ist; Stichwort „Auschwitz-Lüge“.
Reichsarbeitsdienst Reichsnährstand NS Fliegerkorps (NSFK) www.polizei-beratung.de
(RAD) (Landvolk) Mit der Verschärfung des Versammlungsgesetzes wurde auch das Strafrecht erweitert. Wegen

26 27
MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

Volksverhetzung macht sich nach dem seit 25. März 2005 in Kraft getretenen neu gefassten § 130 Ein Strafantrag hingegen hat eine rein rechtliche Bedeutung, denn er ermöglicht unter Umstän-
Abs.4 StGB strafbar, wer in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der den erst die Strafverfolgung. Neben den sog. Offizialdelikten, in denen die Strafverfolgung von
Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkür- Amts wegen erfolgt, gibt es die sog. Antragsdelikte, die von der Staatsanwaltschaft nicht von selbst
herrschaft billigt, verharmlost oder rechtfertigt. (= von Amts wegen), sondern eben grundsätzlich nur auf Antrag verfolgt werden. Sollte die Staats-
anwaltschaft feststellen, dass ein besonders öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht,
Der wesentlich erweiterte Anwendungsbereich dieser Vorschrift zeigt Wirkung in der neuesten kann sie auch ohne den normalerweise erforderlichen Strafantrag die Tat verfolgen.
Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG). So verbot das BVerfG im Jahr 2005
eine Demonstration der NPD, die im Gedenken an Rudolf Heß geplant war. Nach dem Verbot Antragsberechtigt ist in erster Linie die durch eine Straftat verletzte Person (abzustellen ist auf
der NPD-Demo in Wunsiedel fanden zwar Protestdemos von Nazis an verschiedenen Orten statt, eine Rechtsgutverletzung, nicht körperliche Verletzung notwendig!) oder dessen gesetzliche Ver-
die Teilnehmerzahl war jedoch im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte reduziert! treter oder Erben bzw. Dienstvorgesetzte. Der Strafantrag muss innerhalb einer Frist von drei
Monaten gestellt werden (§ 77b StGB). Im Gegensatz zur Strafanzeige kann der Antrag wieder
§ 185 StGB Beleidigung zurückgenommen werden (§ 77d StGB).
Ist eine Bestrafung wegen Volksverhetzung nicht möglich, kommt eine Beleidigung nach § 185
StGB, der die persönliche Ehre schützt, in Frage. Zur Strafverfolgung ist grundsätzlich ein Straf- Ein Strafantrag ist Verfolgungsvoraussetzung zum Beispiel für nachfolgende Delikte:
antrag des Betroffenen erforderlich. • Beleidigung (§ 185 StGB, Strafantragserfordernis in § 194 Abs. 1 StGB). Die Ermittlungsbe-
hörden werden aber von Amts wegen tätig, wenn eine öffentliche Beleidigung gegenüber ei-
§ 189 StGB Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener nem Angehörigen der Verfolgten des Nationalsozialismus begangen wurde und die Beleidi-
Verunglimpfung meint insbesondere Verleumdung, d.h. das bewusste wahrheitswidrige Behaup- gung im Zusammenhang mit der Verfolgung steht.
ten einer Tatsache über einen anderen. Hierunter fällt beispielsweise das Leugnen der Massentö- • Hausfriedensbruch (§ 123 Abs. 1 StGB, Strafantragserfordernis in Abs. 2)
tung von Juden durch Giftgas. • Körperverletzung (§ 223 StGB, Strafantragserfordernis in § 230 StGB)
• Diebstahl geringwertiger Sachen (§ 248a StGB)
• Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (§ 189 StGB). Der Strafantrag ist von den
3. Unterscheidung zwischen Strafantrag und Strafanzeige Angehörigen des Toten erforderlich. Wird ein im Nationalsozialismus Ermordeter öffentlich
verunglimpft, erfolgt die Strafverfolgung von Amts wegen.
Ohne Anzeige keine Urteile! • Leistungserschleichung (§ 265a StGB, mit Verweis auf § 248a StGB).
Immer gilt: Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft nichts von einer Straftat erfahren, kann es auch
keine Strafurteile geben. Die Bestrafung der meisten rechtsradikalen Vergehen scheitert nicht an
unwilligen Staatsanwälten oder großzügigen Richtern, sondern an fehlenden aussagebereiten 4. Zugang zu öffentlichen Einrichtungen
Zeugen. Solange die nicht wenigstens der Polizei Bescheid geben, kann das Strafgesetzbuch nicht
zur Anwendung gelangen. Beispiel:
Die NPD möchte gerne die Stadthalle einer Gemeinde für eine Wahlkampf-Veranstaltung
Oft wird in diesem Zusammenhang eine Strafanzeige mit einem Strafantrag verwechselt. mieten. Die Gemeinde ist nicht bereit, der Partei ihre Halle zur Verfügung zu stellen. Wäh-
rend des Wahlkampfes haben in derselben Halle aber schon Wahlkampf-Aktivitäten der
Mit einer Strafanzeige wird den Strafverfolgungsbehörden, namentlich der Staatsanwaltschaft, SPD, FDP und DER GRAUEN stattgefunden.
eine – möglicherweise – strafrechtlich relevante Tat mitgeteilt. Die Strafanzeige ist nicht an eine Ist die Gemeinde verpflichtet, die Stadthalle an die NPD zu vermieten?
bestimmte Form gebunden, auch wenn die Polizei ihre Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft in
der Regel auf Formblättern vorlegt. Möglich ist auch, die Strafanzeige telefonisch zu äußern. An- Gemeinden können ihre Räumlichkeiten, Säle etc. auch politischen Parteien oder Organisationen
zeige kann direkt bei der Staatsanwaltschaft, bei der Polizei oder bei den Amtsgerichten (§ 158 zur Verfügung stellen. Es handelt sich immer dann um eine öffentliche Einrichtung, wenn sie der
Abs. 1 StPO) erstattet werden. Die Anzeige kann auch anonym erfolgen. Ratsam ist es, die Anzei- Öffentlichkeit „gewidmet“ wurde. Dass heißt, sie ist für die Öffentlichkeit und nicht nur für Pri-
ge bei der Polizei zu erstatten, da die Polizei auch die dann beginnenden Ermittlungen durch- vate oder einen bestimmten Personenkreis zugänglich. Dies kann durch Satzung, durch Beschluss
führt. Es sollte ausdrücklich erklärt werden, dass man eine Strafanzeige erstatten will. Eine Straf- des Gemeinderats oder durch schlüssiges Verhalten erfolgen. Für eine Widmung durch schlüssi-
anzeige kann man nicht zurücknehmen, denn wenn Polizei und Staatsanwaltschaft erst einmal von ges Verhalten reicht es, dass die Einrichtung in der Vergangenheit z.B. für eine Wahlkampf-Ver-
einer Straftat wissen, kann man ihnen dieses Wissen auch nicht mehr nehmen. anstaltung zur Verfügung gestellt wurde.

Übrigens: Wer wissen will, was aus seiner Anzeige weiter wird, kann das bei der Erstattung der Aus dem Grundsatz der Parteienfreiheit und der Chancengleichheit der Parteien, (siehe Art. 21
Anzeige sagen. Er bekommt dann nach einigen Monaten von der Staatsanwaltschaft den Ausgang Absatz 1 Satz 2 GG, Artikel 3 GG, § 5 Absatz1 ParteiG) folgt, dass sich die Gemeinden gegenü-
des Strafverfahrens mitgeteilt. ber den Parteien strikt neutral zu verhalten haben.

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MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

Eingeschränkt wird der Anspruch der Parteien lediglich durch den Grundsatz der abgestuften Pächter von Veranstaltungsräumen für das Thema sensibilisieren und aktivieren.
Chancengleichheit (§ 5 ParteiG). Demnach kann der Umfang der Gewährleistung nach der Be- Kontakt: B. Klose, info@mbr-berlin.de, www.mbr-berlin.de
deutung der Partei bis zu dem für die Erreichung ihres Zwecks erforderlichen Mindestmaß abge-
stuft werden. Die Bedeutung einer Partei bemisst sich insbesondere nach den Ergebnissen bei den
vorausgegangenen Europa-, Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen. 5. Private Vermietung von Räumlichkeiten an
rechtsextreme Gruppen
Das bedeutet: Parteien mit verfassungsfeindlichen Zielsetzungen dürfen, solange sie nicht verbo-
ten sind, nicht anders behandelt werden als „demokratische“ Parteien. Das gilt auch für Parteien, Beispiel:
die in den Verfassungsschutzberichten der Länder oder des Bundes genannt werden. Denn allein Ihr vermietet euren Proberaum an eine junge Band aus eurer Stadt. Bei den Vertragsver-
dem Bundesverfassungsgericht steht das Recht zu, über die Verfassungswidrigkeit der Parteien zu handlungen gibt die Band an, Reggaemusik zu spielen. Nach dem Bezug des Proberaumes
entscheiden. Auch eine Ablehnung mit der Begründung, eine Partei sei nicht im Gemeinderat müsst ihr entsetzt feststellen, dass die Band Liedtexte spielt, die gegen die freiheitlich de-
vertreten und dürfe daher nur während Wahlkampfzeiten öffentliche Einrichtungen für ihre Ver- mokratische Grundordnung verstoßen.
anstaltungen nutzen, stellt eine unzulässige Einschränkung dar und ist nicht durch die bereits an-
gesprochene abgestufte Chancengleichheit gedeckt. Deshalb ist in dem Mietvertrag ein Nutzungszweck ausdrücklich festzuhalten. Denn weicht der
tatsächliche Nutzungszweck davon ab, ist es für den Vermieter relativ einfach, sich vom Vertrag
Diese von der Rechtsprechung für Parteien entwickelten Grundsätze gelten entsprechend für po- wieder lösen zu können. Dann liegt offensichtlich eine Täuschung über die tatsächliche Nutzung
litische Gruppierungen, die in aller Regel Vereinigungen im Sinne des § 2 VereinsG sind. Für die der Räumlichkeiten vor. Sofern dies auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen beruht, kann der
Gleichbehandlung bei der Zugangsvergabe zu öffentlichen Einrichtungen ist es unerheblich, ob Vermieter den Vertrag wegen einer arglistigen Täuschung anfechten oder den Mietvertrag außer-
bekannt und für jedermann offensichtlich ist, dass die Vereinigung extremistische Ziele verfolgt, ordentlich und fristlos kündigen.
solange nicht eine förmliche Verbotsverfügung ergangen ist. Das gleiche gilt für eine Ersatzorga-
nisation einer verbotenen Partei. Ansonsten ist zu prüfen, ob dem Vermieter die Fortsetzung des Mietverhältnisses zumutbar ist.
Auf eine Unzumutbarkeit lassen schließen:
Der Antrag einer Partei oder Vereinigung kann aber durch die Kommune abgelehnt werden, • Beleidigungen,
wenn zu befürchten ist, dass die Veranstaltung in einer dem Veranstalter zurechenbaren Weise zur • Tätlichkeiten,
Begehung von Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten genutzt wird. • Sachbeschädigung,
• Belästigung gegenüber Mitmietern oder Dritten,
FAZIT: • wiederholte Verstöße gegen die Hausordnung,
Eine Gemeinde kann einer Partei nicht den Zugang zu einer ihrer öffentlichen Einrichtungen mit • der Missbrauch der angemieteten Räume für Straftaten.
der Begründung verwehren, dass sie die nicht verbotene Partei für verfassungswidrig halte.
Oftmals werden sich die neuen Mieter aber gegen die Kündigung zur Wehr setzen, so dass in vie-
Aber: Um rechtsextreme Veranstaltungen in städtischen oder privatwirtschaftlichen Räumen zu len Fällen mit einer längeren gerichtlichen Auseinandersetzung zu rechnen ist.
verhindern und damit der Vorbeugung und dem Eingreifen zu dienen, ist es sinnvoll, im Kom-
munalparlament einen abwehrenden Beschluss zu fassen. Beobachtet man, dass sich die rechtsradikale Szene in einer Gaststätte oder Kneipe trifft und der
Gastwirt offenkundig selbst der Gruppe angehört, führt dies alleine nicht zum Widerruf der Gast-
Um den Beschluss mit Leben zu erfüllen, erarbeitet die Verwaltung einen Mustermietvertrag, der stättenerlaubnis. Dem Diskriminierungsverbot aus Artikel 3 Absatz 3 GG folgend, darf der Zugang
u. a. folgende Passage enthält: zu einem Beruf wegen der politischen Anschauung oder der Zugehörigkeit zu einer nicht verbotenen
„Der Mieter bekennt mit der Unterschrift, dass die Veranstaltung keine rechtsextremen, rassistischen Partei nicht behindert werden. Anders ist es natürlich, wenn sich die politische Gesinnung in strafba-
oder antidemokratischen Inhalte haben wird. D.h., dass insbesondere weder in Wort noch Schrift die rer Weise äußert. Hier besteht für die Ordnungsämter die Möglichkeit, die Erlaubnis zu widerrufen.
Freiheit und Würde des Menschen verächtlich gemacht noch Symbole, die im Geist verfassungsfeind-
licher oder verfassungswidriger Organisationen stehen oder diese repräsentieren, verwendet oder ver-
breitet werden dürfen.“ 6. Schutz eigener Veranstaltungen
Der vollständige Mustermietvertrag wurde unter juristischer Beratung erarbeitet und kann bei der Beispiel:
„Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin“ angefordert werden. Heute findet eure Veranstaltung zum Thema „Gibt den Braunen keine Chance“ statt. Kurz
bevor es losgehen soll, stellt ihr fest, dass sich Personen im Raum befinden, die ihr dem
Dem guten Beispiel der Kommune sollte auch die Privatwirtschaft folgen. Eine von Politik und braunen Lager zuordnen würdet. Was könnt ihr tun, damit eure Veranstaltung dennoch
Publizistik unterstützte Kampagne „Bei uns ist kein Platz für Neonazis“ kann Eigentümer und ohne Störungen stattfinden kann?

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7. Musik auf Schulhöfen


Um Störungen der eigenen Veranstaltungen zu verhindern, beachtet bereits in der Vorbereitung Beispiel:
folgende Punkte: Es ist kurz nach den Sommerferien. Auf dem Schulhof befindet sich eine kleine Gruppe
• Bei Hinweisen auf angebliche Störungen muss die Polizei informiert werden. Der Veranstalter von jungen Menschen, die an die Schüler unentgeltlich zum Schulstart CDs verteilen.
hat Anspruch auf Schutz seiner Veranstaltungen. Redner und Versammlungsleiter müssen je-
derzeit miteinander Kontakt halten und die Versammlung jederzeit überblicken können. In jüngster Zeit ist immer mehr zu beobachten, dass die rechte Szene den Kontakt zu jungen
Menschen im Umfeld von Schulen sucht. Neben der Ansprache von Erst- und Jungwählern soll
• Mikrofone und Lautsprecher sind so zu installieren, dass Teilnehmer an der Versammlung die hier insbesondere Nachwuchs für ihre Organisationen geworben werden. Immer erfolgreicher
Kabel nicht erreichen können. Verhindert auch, dass Saalmikrofone bereits bei Beginn einer geworden ist dabei der Erstkontakt durch Verteilen von Gratis-CDs mit rechten Liedern. Musik
Veranstaltung von Störern umlagert werden. Lichtschalter und Sicherungskästen müssen ge- ist ein wichtiges Kommunikations- und Identifikationsmittel in der rechtsextremen Szene. Junge
schützt sein. Menschen werden so mit deren Zielen vertraut gemacht.

• Besetzt wichtige und besonders gefährdete Plätze (erste und letzte Stuhlreihen, Plätze an den Bekanntestes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist das Projekt „Schulhof-CD“ deutscher
Gängen, Balkonbrüstungen, Plätze an den Türen, an Aufgängen zur Bühnen, Saalmikrofonen, Neonazis aus dem Lager der militanten Freien Kameradschaften mit einer Startauflage von
Lichtschaltern, usw.) rechtzeitig vor Beginn einer Veranstaltung mit loyalen Personen. 50.000 CDs im gesamten Bundesgebiet im Jahre 2004.

Und was ist zu tun, wenn Neonazis oder Rechtsextreme zu Veranstaltungen kommen und als „ein- Nach Verbot wegen des schwer Jugend gefährdenden Inhalts ist die Verteilung und der Vertrieb
fache“ Teilnehmer gesittet im Publikum Platz nehmen und sich dann „ordentlich“ an der Diskus- der CD unter Strafe gestellt worden. Daraufhin wurde die CD auf einer eigenen Website zum
sion beteiligen? An einigen Orten trauen sich geschulte rechtsextreme Kader mittlerweile solche Download angeboten. Da sich der Server im Ausland befand, konnten die Behörden nicht ein-
Auftritte zu. Sie tarnen ihre Gesinnung mit scheinbar harmlosen Fragen. greifen.

Zum Beispiel wurde ein SPD-Bürgermeister mehrmals von Neonazis in Bürgerversammlungen Bei den Nachfolge-CDs waren die rechten Gruppierungen vorsichtiger: Texte und optische Dar-
mit der Frage „Was tun Sie eigentlich gegen die NPD, die bei uns so aktiv ist und viele Aktionen stellungen auf dem Cover sind in der Regel nicht mehr gesetzeswidrig.
startet?“ konfrontiert.
Wenn versucht wird, die CD auch auf dem Schulhof zu verteilen, sollte der Schulleiter von seinem
Die Fragesteller wollen damit in der Regel Präsenz zeigen und provozieren. Im Ergebnis hoffen Hausrecht Gebrauch machen und die Verteiler vom Gelände verweisen. Es gilt Lehrer und Schü-
sie auf eine Gelegenheit für anschließende demagogische und polemische Erwiderungen. ler hierfür zu sensibilisieren. Solange die rechten Aktivisten allerdings nicht das Schulgelände be-
Für den Umgang empfehlen wir: treten, ist die Polizei machtlos.
• Ruhe bewahren
• Provokationen bewusst ignorieren FAZIT:
• Sich keine Themen aufzwingen lassen, sondern selbst die Themen der Veranstaltung bestimmen CDs mit rechtsradikalem Inhalt sind auf Schulhöfen verboten (Neutralitätsgebot der Schule).
Bei einem Verstoß hiergegen muss eingegriffen werden. Sensibilisierung und Aufklärung ist
FAZIT: hier ganz wichtig.
Rechtsextreme sind Verfassungsfeinde, sie wollen eine andere Gesellschaftsordnung. Wer mit
ihnen über Sachthemen diskutiert, läuft Gefahr, womöglich bereits ihrer Strategie auf den
Leim zu gehen. In der politischen Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen muss entlarvt 8. Presse- und Urheberrecht
werden, was diese wirklich wollen.
Und notfalls: Störer per Hausrecht und mit Hilfe der Polizei des Saales verweisen. Beispiel:
In eurer Stadt gibt es eine starke rechte Szene, die versteckt ihre Fäden zieht. Ihr wollt de-
ren Machenschaften mit einem Flugblatt aufdecken.
Eher kontraproduktiv wirkt erfahrungsgemäß, Was müsst ihr beachten, damit das Flugblatt nicht gegen die Rechtsordnung verstößt?
• wer den Parolenschwinger bekehren will,
• wer in einen belehrender Tonfall oder Überheblichkeit verfällt, Wer zur Vermittlung seiner Ziele und Vorhaben in der Öffentlichkeit mit Texten, Artikeln, Fotos
• wer pathetisch oder provokant Gegenpositionen vorträgt. oder Flugblättern arbeitet, sollte wissen, was aus rechtlicher Sicht dabei zu beachten ist. Dies gilt
sowohl zur Überprüfung seiner eigenen Publikationen als auch um zu sehen, ob sich andere daran
halten. Achtung: Aufkleber „Keine Werbung“ auf Briefkästen gelten auch für das Informations-
material von Parteien. Das entspricht der neueren Rechtsprechung.

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8.1. Impressumspflicht besteht bei jeder Publikation 8.3. Impressumspflicht im Internet

Nach den Landespressegesetzen müssen sowohl periodische Publikationen (z.B. Zeitung, Zeit- Für Veröffentlichungen im Internet gelten ähnliche Anforderungen:
schrift, regelmäßige Mitteilungen) wie Druckwerke, die keine periodischen Publikationen sind
(z.B. Flugblätter, Flyer, Plakate) ein Impressum enthalten. „Periodisch“ sind Publikationen, wenn Nach § 6 Teledienstgesetz müssen „geschäftsmäßig“ betriebene Internetseiten eine Anbieterken-
sie in ständiger, auch unregelmäßiger Folge und Abstand erscheinen. Sämtliche Landespressege- nung aufweisen. „Geschäftsmäßig“ handelt, wer ein Angebot nachhaltig, also auf Dauer angelegt
setze findet ihr im Internet, u.a. unter www.presserecht.de. hat und unterhält. Somit fallen praktisch alle Webseiten unter die Impressumspflicht.

Das Impressum informiert Leser über Ansprechpartner und Adressen in Redaktionen und Zei- Eine gesetzliche Vorgabe, unter welcher Bezeichnung die Anbieter-Kennung zu erfolgen hat, be-
tungsverlagen. Nur so weiß man, wohin Leserbriefe und Anfragen geschickt werden können. steht nicht. Durchgesetzt hat sich hier aber ein Menüpunkt „Kontakt“ oder „Impressum“.

Wir empfehlen, diesen Link auf der Startseite zu präsentieren, so ist er unübersehbar. Weiterhin
8.2. Inhalt des Impressums ist dafür zu sorgen, dass der Link unbedingt funktioniert. Denn er muss den Anforderungen der
ständigen Verfügbarkeit genügen. Besser ist, den Link in einer ständig sichtbaren Navigationslei-
Das Impressum muss mindestens enthalten: ste oder auf jeder Unterseite anzubringen.

 Name und
 Anschrift des verantwortlichen Redakteurs im Sinne des Presserechts (kurz: V.i.S.d.P.) – wenn Hier ein Muster für ein Internet-Impressum:
mehrere Redakteure verantwortlich sind, müssen alle mit dem jeweiligen Ressort, für das sie
zuständig sind, aufgeführt werden Impressum
 Name und Anschrift des Anzeigenleiters, Dieses Internetangebot/diese Website (o.ä.) wird unterhalten von
 Name und Anschrift des Druckers, Name der z. B. SPD-Untergliederung
 Name und Anschrift des Herausgebers oder des Verlegers vertreten durch
(bei Schülern ist das meistens die Redaktion). den/die Vorsitzende/er XY (Name und Vorname) oder andere Vertretungsberechtigten
Adresse
Auch auf Flugblättern, Flyern und anderen Werbe-Druckwerken gilt dies entsprechend. Telefonnummer
Telefaxnummer
Der V.i.S.d.P. muss seinen ständigen Wohnsitz in Deutschland haben. Er muss unbeschränkt ge- E-Mail
schäftsfähig und darf nicht jünger als 21 Jahre sein. Einige Landespressegesetze drohen mit Geld- verantwortlich gem. § 6 MDStV:
strafen für den Fall des Verstoßes gegen diese Gebote. Jedoch machen alle Pressegesetze beim Name und Vornahme (V.i.S.d.P.)
Mindestalter des V.i.S.d.P. Ausnahmen bei Publikationen, die Jugendliche für Jugendliche heraus- Adresse: entweder: siehe oben oder genaue Adresseangabe mit Telefon/evtl.
geben. Als Ordnungswidrigkeit wird geahndet, wenn die Impressumsangaben fehlen oder unvoll- Fax, Email
ständig sind. Der verantwortliche Redakteur (V.i.S.d.P.) trägt, wie der Name schon sagt, die recht-
liche Verantwortung für das Medium.
Es wird dringend geraten, auch einen Haftungs-Ausschluss anzubringen, um nicht für Inhalte an-
• Strafrechtliche Verantwortung bedeutet, dass der verantwortliche Redakteur das Druckwerk derer Internetseiten, auf die lediglich verwiesen wird, haftbar gemacht zu werden.
von rechtswidrigen Inhalten freihalten muss. Ein Verstoß gegen dieses Gebot kann nach eini-
gen Landespressegesetzen Geld- oder Haftstrafe bis zu einem Jahr bedeuten. Wir empfehlen, den folgenden Haftungs-Ausschluss zu verwenden:

• Presserechtliche Verantwortung besagt, dass sich der verantwortliche Redakteur zum Bei- Haftungsausschluss:
spiel um die Veröffentlichung einer Gegendarstellung oder die Vollständigkeit des Impressums Der Inhaber dieser Seite übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit
kümmern muss. oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen ihn, welche sich auf Schäden
materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung fehlerhafter oder un-
• Zivilrechtlich verantwortlich ist der V.i.S.d.P. nur in Fällen, in denen er seine Pflichten zur vollständiger Informationen verursacht werden, sind grundsätzlich ausgeschlossen, sofern seitens des In-
Freihaltung des Druckwerkes von rechtswidrigen Inhalten verletzt hat. So könnte eine Person habers kein nachweislich vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verhalten vorliegt.
oder ein Unternehmen gegenüber dem verantwortlichen Redakteur einen Schadensersatzan-
spruch bei beleidigenden oder verleumdenden Artikeln geltend machen.

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Bei direkten oder indirekten Verweisen auf fremde Internetseiten („Links“), die außerhalb des  Ausnahmen von dieser Abbildungsfreiheit
Verantwortungsbereichs des Betreibers liegen, käme eine Haftung lediglich dann in Betracht, Es ist zulässig, die Spitzenpolitiker der konkurrierenden Parteien auf Wahlplakaten und in Bro-
wenn der Inhaber dieser Seite von den Inhalten Kenntnis hat, und es ihm technisch möglich und schüren abzubilden, sei es, um sich mit ihnen inhaltlich auseinanderzusetzen, sei es, um sie sati-
zumutbar wäre, die Nutzung im Falle rechtswidriger Inhalte zu verhindern. risch zu zeichnen. Rechtlich problematisch wäre dies nur dann, wenn die Gesichtszüge kränkend
entstellt würden oder die gezeigte Person in ein sachlich falsches oder herabsetzendes Umfeld
Der Inhaber dieser Seite erklärt hiermit ausdrücklich, dass zum Zeitpunkt der Linksetzung keine platziert würde. Die Veröffentlichung darf also nicht regelrecht beleidigend sein.
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ge Gestaltung, die Inhalte oder die Urheberschaft der verlinkten/verknüpften Seiten hat er kei- Es wird immer wieder versucht, durch Abbildung Prominenter Wahlwerbung zu betreiben und
nerlei Einfluss. Deshalb distanziert er sich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten verlinkter/ver- damit diesen Prominenten sozusagen für den Wahlkampf einzuspannen. Davor kann nicht genug
knüpfter Seiten, die nach der Linksetzung verändert worden sind. Diese Feststellung gilt für alle gewarnt werden. Die Prominenten fühlen sich in solchen Fällen leicht missbraucht und ergreifen
innerhalb des eigenen Internetangebotes gesetzten Links und Verweise sowie für Fremdeinträge rechtliche Schritte, da sie nicht einer bestimmten Partei zugeordnet werden wollen. Ausnahme:
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Sollten Teile oder einzelne Formulierungen des Haftungsausschlusses der geltenden Rechtslage  Personen bei Versammlungen
nicht, nicht mehr oder nicht vollständig entsprechen, bleiben die übrigen Teile in ihrem Inhalt Ohne Einwilligung dürfen auch Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen,
und ihre Gültigkeit davon unberührt. an denen die abgebildeten Personen teilgenommen haben, verbreitet werden. Es ist also zulässig,
ohne weiteres Fotos einer Wahlkundgebung oder einer Demonstration zu verbreiten, selbst wenn
dabei die Teilnehmer erkennbar sind.
8.4. Verwendung von Fotos und Bildern
 Fotos von fremden Häusern
Fotos und andere Bilder haben Urheber, denen nach dem Urheberrecht Nutzungs- und Verwer- Fotos von fremden Häusern können verwendet werden, wenn die Fotografie des Hauses ohne Be-
tungsrechte zustehen. Es ist daher z.B. nicht zulässig, einfach Fotos aus dem Internet herunterzu- treten des Hausgrundstücks von einer allgemein zugänglichen Stelle aus angefertigt wurde (BGH
laden und diese für Plakate, Broschüren oder ähnliches zu verwenden. Mit dem Inhaber der Ver- vom 09.03.1989, GRUR 1990, 390). Wird dagegen verstoßen, kann dies Unterlassungs- und Zah-
wertungs- oder Nutzungsrechte, häufig eine Agentur, muss daher jeweils vertraglich vereinbart lungsansprüche des Hauseigentümers auslösen.
werden, zu welchem Zweck ein Foto verwendet werden soll und was dafür an Honorar zu zahlen
ist. Wir empfehlen, Zweck und Umfang der Verwendung exakt schriftlich festzuhalten und sich
auch genau daran zu halten. Sonst könnten später durch Nachforderungen erhebliche Mehrko- 8.5. Falsche Berichterstattung
sten entstehen.
Wer sich engagiert, freut sich darüber, wenn über seine Anliegen in der Presse berichtet wird.
Recht am eigenen Bild Manchmal kommt es aber auch hier zu bösen Überraschungen: unwahrer Sachzusammenhang,
Gemäß § 22 KUG (Kunsturhebergesetz) dürfen Bildnisse nur mit (vorheriger) Einwilligung des falsche oder lückenhafte – und somit irritierende – Zitierung. Aber auch dagegen kann und sollte
Abgebildeten verbreitet oder veröffentlicht werden. Hat der Abgebildete dafür, dass er sich hat ab- man sich zur Wehr setzen. Das Presserecht stellt verschiedene Instrumente zur Verfügung. Die
bilden lassen, eine Entlohnung erhalten, gilt die Einwilligung im Zweifel als erteilt. wichtigsten sind: der Anspruch auf Gegendarstellung und der Berichtigungsanspruch.

Von diesem Grundsatz gibt es gewichtige Ausnahmen: Anspruch auf Gegendarstellung


Der Anspruch auf Gegendarstellung wird am häufigsten gewählt. Kein Wunder, denn für die
 Personen der Zeitgeschichte Gegendarstellung ist es egal, ob die Darstellung den Tatsachen entspricht oder nicht, der von ihr
Bilder dürfen aus dem Bereich der Zeitgeschichte, also Bilder, die Personen der Zeitgeschichte Betroffene darf seine Version des Geschehens entgegensetzen. Es ist dabei unerheblich, ob das
zeigen, ohne deren Einwilligung veröffentlicht werden. Dies gilt insbesondere für sogenannte ab- Pressemedium die Behauptung als eigene aufstellt oder für sie eine andere Quelle nennt.
solute Personen der Zeitgeschichte. Darunter versteht man Personen, die durch ihre Funktion,
ihre besonderen Leistungen, ihre Taten oder ihre Herkunft aus dem Kreis der Mitmenschen her- Die Verpflichtung der Presse, Gegendarstellungen zu veröffentlichen, steht inhaltlich gleich und
ausragen und dadurch im Blickfeld zumindest eines Teils der Öffentlichkeit stehen. Spitzenpoliti- nur im Detail leicht abweichend in sämtlichen Landespressegesetzen. Auch gegenüber Hörfunk,
ker zählen dazu ebenso wie Spitzensportler, herausragende Künstler oder Manager. Fernsehen und Internet besteht dieses Recht.

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MIT RECHT GEGEN RECHTS JURISTISCHE EMPFEHLUNGEN

Der oder die Verantwortliche ist verpflichtet, zu Tatsachen, die in der Druckschrift veröffentlicht 8.5.3 Leserbriefe in SPD-Zeitungen
werden, auf Verlangen einer unmittelbar betroffenen Person oder Behörde deren Gegendarstel-
lung zu veröffentlichen. „Betroffen sein“ bedeutet, dass eine Beeinträchtigung vorliegt. Die Ebenso kann es passieren, dass man als Redaktion einen Leserbrief zugeschickt bekommt und sich
Gegendarstellung darf sich nicht auf Meinungsäußerungen oder Kritik beziehen. fragt, ob die Redaktion verpflichtet ist, den Artikel abzudrucken.

Die Gegendarstellung muss die beanstandeten Stellen bezeichnen, sich auf tatsächliche Angaben Grundsätzlich besteht bei Leserbriefen keine Abdruckpflicht. Die Redaktion entscheidet, ob sie
beschränken und vom Einsender unterzeichnet sein. Ein Anschreiben mit der Forderung nach einen Leserbrief ganz, nicht oder in Auszügen druckt. Entschließt sie sich für einen Abdruck,
dem Abdruck der Gegendarstellung ist möglichst zeitnah an das Medium zu richten. In einem muss sie ihn sorgfältig auf Wahrheit und und rechtlich relevante Inhalte prüfen. Denn für den In-
Extra-Schreiben folgt die eigentliche Gegendarstellung nach dem Schema „Falsch“ – „Richtig“. halt des abgedruckten Leserbriefes muss auch die Redaktion gerade stehen. Dies bedeutet, dass
Beide Schreiben sind mit Datum und Unterschrift zu versehen. bei einer unwahren Tatsachenbehauptung neben dem Schreiber auch das Medium haftet.

Die Gegendarstellung ist unverzüglich und grundsätzlich kostenfrei in demselben Teil des Druck- Unwahre Aussagen darf man auch dann nicht verbreiten, wenn man sie nicht selbst gemacht hat,
werks sowie derselben Schrift wie der Abdruck des beanstandeten Teils ohne Einfügungen und sondern nur weitergibt, [siehe hierzu § 186 StGB (üble Nachrede)]. Auch wahre Tatsachenbe-
Weglassungen abzudrucken. hauptungen dürfen die Medien nicht unbedingt weitergeben, wenn sie erkennbar persönlichkeits-
verletzend oder kreditgefährdend sind.
Eine Verweigerung des Abdrucks ist nur gerechtfertigt, wenn die Gegendarstellung einen strafba-
ren Inhalt hat. Wichtig ist, dass hierbei das „Alles-oder-Nichts-Prinzip“ gilt, das heißt, sollten Wer sich von einem Leserbrief betroffen oder sogar geschädigt fühlt, kann sich z.B. mit der be-
nicht alle Voraussetzungen an die Gegendarstellung erfüllt sein, kann der Abdruck insgesamt ab- reits dargestellten Gegendarstellung wehren.
gelehnt werden. Der Redakteur ist auch nicht verpflichtet, sich nach eigenem Ermessen das her-
auszusuchen, was die Redaktion für abdruckpflichtig hält. Entweder wird alles abgedruckt oder FAZIT
gar nichts. Leserbriefe sollten nur nach sorgfältiger Überprüfung durch die Redaktion abgedruckt werden.

FAZIT:
Die Gegendarstellung kann immer erwirkt werden, wenn sie sich nicht auf eine Meinungs-
äußerung, einen Kommentar oder eine Kritik bezieht und keinen strafbaren Inhalt hat. Fragen rund um dieses Kapitel beantwortet die Rechtsstelle des SPD-Parteivorstands:
Telefon 030-25991 -282

Berichtigungsanspruch
Werden in einem Pressewerk Unwahrheiten verbreitet, kann man mit dem Berichtigungsan-
spruch verlangen, dass die Unwahrheit ausgeräumt wird. Es geht bei einer Berichtigung anders als
bei der Gegendarstellung nicht darum, dem Leser die Sicht des Betroffenen zu vermitteln, son-
dern darum, objektiv falsch dargestellte Sachverhalte in geeigneter Form zurechtzurücken. Der
Berichtigungsanspruch ist – anders als das Recht auf Gegendarstellung – nicht gesetzlich fixiert.

Hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung des Berichtigungsanspruchs wird ein abgestuftes In-
strumentarium zur Verfügung gestellt:
• der Widerruf und
• die Richtigstellung.

Die einschneidenste Form ist dabei der Widerruf. Die einfache Formulierung des Widerrufs lau-
tet: „ Die Behauptung (...) widerrufe ich hiermit.“ Oftmals wird der Widerruf mit dem Zusatz „als
unwahr/unrichtig“ versehen.

Etwas schonender als der Widerruf ist die bloße Richtigstellung. Von ihr wird in der Regel Ge-
brauch gemacht, wenn der Widerruf eine Demütigung des Anspruchsverpflichteten bedeuten
würde. Mit Hilfe der Richtigstellung besteht auch die Möglichkeit, auf die Thematik weiter ein-
zugehen und weiterführende Klarstellungen zu treffen.

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MIT RECHT GEGEN RECHTS UMGANG MIT DER NPD

Toralf Staud
„Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist, ein Parlament zu säubern“, lästerte Holger Apfel
Was tun? einmal, nachdem die Abgeordneten der demokratischen Parteien hinausgestürzt waren. Die Freu-
de sollte man ihm nehmen.
Eine kleine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit der NPD
1. Nicht unterschätzen… 4. Ausgrenzen, aber nicht ausstoßen
Ein NPD-Mitglied ist nicht automatisch dumm. Und obwohl ein Teil ihrer Wähler sicherlich Die NPD ist keine normale Partei. Ihre Mitglieder und Funktionäre sind keine gleichberechtig-
Protestwähler sind, ist die NPD keine Protestpartei; sie hat disziplinierte Kader, ein geschlossenes ten Partner in der politischen Auseinandersetzung. Doch muss ihre Ausgrenzung immer begrün-
Weltbild, eine klare Strategie. Ihre Abgeordneten im sächsischen Landtag beweisen Cleverness det werden, damit sie sich nicht als verfolgte Unschuld präsentieren können: Die NPD lehnt das
bei der Auswahl ihrer Themen. Sie demontieren sich nicht selbst, wie man es beispielsweise von Grundgesetz ab. Sie erkennt die allgemeinen Menschenrechte nicht an. Sie ist es, die sich damit
der DVU gewohnt war. Sie sind fleißiger als ein Durchschnittsdemokrat, denn der ist – zum ausgrenzt.
Glück – nicht so fanatisch. Die NPD-Kader haben eine Mission, sie fühlen sich als Teil einer un-
aufhaltsamen Bewegung. Wer sich zur NPD bekennt, darf deshalb ausgeschlossen werden. Auch aus dem Sportverein, dem
Männerchor, der Gewerkschaft. Es muss abschreckend sein, bei der NPD mitzumachen. Aber der
Ignorieren hilft nicht. Inzwischen hat die NPD in etlichen ostdeutschen Kommunen einen Wäh- Weg zurück muss offen bleiben. Es wird viel schwerer, die rechte Szene zu verlassen, wenn Freun-
lerstamm von zwanzig Prozent aufgebaut. Trotzdem setzen sich die anderen Parteien und die Me- de und Familie alle Brücken abgebrochen haben. Wer sich nur noch in den geschlossenen Zirkeln
dien nicht ernsthaft mit Propaganda und Programm der NPD auseinander. Als die Partei in den der Rechten bewegt, steigert sich immer weiter hinein. Sagt sich jemand von der NPD-Ideologie
sechziger Jahren ihre erste Erfolgswelle hatte, gab es eine wahre Flut von Ratgebern und Aufklä- los, darf ihm seine Vergangenheit nicht ewig nachgetragen werden.
rungsbroschüren. Auch die CDU erarbeitete damals einen 43 Seiten dicken „Leitfaden“ für ihre
Mitglieder. Bis heute, ein Dreivierteljahr nach dem Landtagseinzug der NPD, hat zum Beispiel
die sächsische CDU nichts dergleichen zustande gebracht. Kein Wunder, dass sie immer noch 5. Null Toleranz gegenüber rechten Straftaten
völlig kopflos agiert. Wer Paragraphen verletzt, gehört bestraft. Das gilt für Rechtsextremisten nicht weniger, aber
auch nicht mehr als für alle anderen. Ein Hakenkreuz auf dem Schulranzen oder ein Tritt gegen
einen Dunkelhäutigen in der S-Bahn darf nicht toleriert werden. Von niemandem.
2. … aber auch nicht überschätzen
Ein Gutteil der NPD-Leute ist aber doch dumm; der Mangel an halbwegs fähigem Personal ist Das hat nichts zu tun mit „Pogromstimmung“, über die die NPD gern jammert. Die Prinzipien
das größte Problem der Partei. Den meisten Kadern fehlen soziale Kompetenz und politisches des Rechtstaates müssen selbstverständlich eingehalten werden. Und natürlich gilt das Grundge-
Geschick. Gerade weil sie ein hermetisches Weltbild haben und ihren „Kampf für Deutschland“ setz für jeden Skinhead, natürlich genießen Neonazis Versammlungsfreiheit. Die Änderung des
fast wie Besessene führen, sind die meisten von ihnen zu praktischer Politik nicht fähig. Demonstrationsrechts, die vor dem 60. Jahrestag des Kriegsendes hektisch durchgezogen wurde,
beschneidet Grundrechte und war bloße Symbolpolitik. In keiner KZ-Gedenkstätte kann man
Niemand in der heutigen NPD hat ein Charisma, das über die Partei hinausreicht. Die einfachen sich erinnern, dass dort je ein Neonazi demonstrieren wollte.
NPD-Mitglieder sind oft nicht einmal in der Lage, ihre Nachbarn zu einer Unterstützungsunter-
schrift für die Partei zu überreden. Die NPD glaubt in ihrem Größenwahn, sie könne den Staat Um glaubwürdig gegen Nazis vorgehen zu können, darf der Staat selbst keine Minderheiten be-
stürzen. Reißerische lllustriertenstorys und empörte Politikerrituale machen sie größer, als sie ist. nachteiligen. Solange etwa Asylbewerber in menschenunwürdigen Heimen hausen müssen, wer-
den sich Rechtsextremisten ermutigt fühlen, Brandsätze auf sie zu werfen. Im Übrigen würden die
ausländerfeindlichen Überfälle schnell aufhören, wenn jedes Opfer automatisch ein Daueraufent-
3. Korrekt behandeln haltsrecht für Deutschland bekäme.
Seien sie höflich, auch zu Neonazis! Es bringt der NPD nur Sympathien, wenn ihr – wie am
Abend der sächsischen Landtagswahl – im Fernsehen das Mikrofon weggezogen wird oder Politi-
ker aus dem Studio rennen. Für das Selbstbild und den Zusammenhalt der rechten Szene ist es un- 6. … doch die NPD gehört nicht verboten, sondern widerlegt
gemein wichtig, sich als Märtyrer aufführen zu können. Wahrscheinlich kann man außer in Diktaturen nur in Deutschland auf die Idee kommen, eine op-
positionelle Partei zu verbieten, obwohl sie nicht offen zur Gewalt aufruft. Die freiheitliche Demo-
Abgeordnete der NPD sind demokratisch legitimiert – ihre Ideologie ist es nicht. Ihre Reden dür- kratie ist das bessere System als der völkische Führerstaat, den die NPD anstrebt. Wenn Demokra-
fen nicht unwidersprochen bleiben. Doch dazu muss nicht die Geschäftsordnung des Landtags ten sich nicht mehr zutrauen, die Wähler davon überzeugen zu können, haben sie schon verloren.
geändert werden. Schon gar nicht dürfen die allgemeinen Rechte eines Abgeordneten einge-
schränkt werden – das wäre Beschneidung der Demokratie zur Verteidigung der Demokratie. Es Aber ist überhaupt noch jemand fähig, für die Demokratie und ihre Prinzipien zu streiten? Die eta-
ist nicht nur albern, sondern verkehrt, den Plenarsaal zu verlassen, wenn Rechtsextremisten reden. blierten Politiker sind (wie die meisten Bürger) grundsätzliche Angriffe nicht mehr gewohnt. Sie sind

40 41
MIT RECHT GEGEN RECHTS UMGANG MIT DER NPD

Schönwetterdemokraten und schnappen nach Luft, wenn sie mal einen echten Nazi treffen. Die Aus- mokratie integriert – in der Oppositionsrolle zwar, aber doch als Teil der Ordnung. Die NPD dage-
einandersetzung mit Rechtsextremisten ist mühsam, und Spaß macht sie auch nicht. Aber ein anderes gen will eine „neue Ordnung“, und sie kann sich nicht versöhnen mit dem Parlamentarismus.
Mittel gegen die NPD gibt es nicht. Wenn sie sich als Sozialkämpfer aufspielt, muss man ihr Konzept
einer wärmenden Volksgemeinschaft bloßstellen. Wenn sie für Umweltschutz eintritt, muss man die Praktisch jeden Tag werden in Deutschland Ausländer, Obdachlose und linke Jugendliche von rech-
zugrunde liegende Blut-und-Boden-Ideologie offen legen. Es ist nicht so schwer, das Programm der ten Schlägern überfallen. Aber es ist lange her, dass hierzulande ein Kapitalist von einem Links-
NPD zu demontieren. Dazu muss man es aber zumindest gelesen haben. terroristen ermordet wurde. Rechtsextremistische Propaganda richtet sich gegen Schwache, linksex-
tremistische gegen Starke. Wen die NPD zum Feind erklärt, der ist in der Regel schutzlos. Die Fein-
Auch praktisch wäre ein Verbot der NPD nutzlos, die harten Kader würden weiterziehen in an- de der Linksextremisten aber fahren gepanzerte Limousinen und bekommen Polizeibegleitung.
dere Organisationen. Genauso gut könnte man versuchen, sie einfach wegzuzaubern.
Wer behauptet, man müsse gleichermaßen gegen Extremisten von rechts wie von links kämpfen,
vernebelt den Blick auf die Realität. Linksextremisten muss man in Ostdeutschland mit der Lupe
7. Themen streitig machen suchen, Rechtsextremisten beherrschen vielerorts die Straßen. Will man die NPD unbedingt mit
Im Sächsischen Landtag zeigt sich deutlich, dass die NPD nur so gut ist, wie die anderen Parteien irgendwem vergleichen, dann bitte mit Islamisten. Sie stellen die freiheitliche Demokratie und die
sie sein lassen. Ihre Abgeordneten werfen sich gern auf Themen, die von den anderen liegen ge- liberale Gesellschaft ähnlich fundamental in Frage, wie es die NPD tut. Nicht umsonst besuchte
lassen werden. Chancen und Risiken der Integration von Ausländern zum Beispiel müssen offen Udo Voigt 2002 eine Versammlung der islamistischen Hizbut-Tahrir und versicherte der inzwi-
debattiert werden. Demokratiedefizite der EU sind ein wichtiges Thema. Wenn die NPD beste- schen verbotenen Organisation die „Solidarität aller aufrechten Deutschen“.
hende Probleme anspricht, hilft es kein bisschen, die Nazi-Keule zu schwingen. Und wenn sie
etwa Volksabstimmungen fordert, muss man die nicht ablehnen – sondern darauf hinweisen, dass
sie für die NPD der erste Schritt zur Abschaffung der Parlamente sind. 10. Demokratische Werte in der Gesellschaft vermitteln
Parteien wachsen aus der Gesellschaft; wenn sich dauerhaft eine demokratiefeindliche Partei eta-
Würden die anderen Parteien nur halb so viel Energie in die Auseinandersetzung mit der NPD bliert, stimmt etwas mit der Gesellschaft nicht. Mag sein, dass Politiker das nicht begreifen kön-
stecken, wie in den Streit untereinander, wäre viel gewonnen. Demokratische Politiker sollten nen, denn die harte Währung in ihrem Geschäft sind Prozente bei Wahlen. Mag sein, dass für Po-
planmäßig die Themen identifizieren, mit denen die NPD kampagnenfähig werden könnte, und litiker Rechtsextremisten erst zum Problem werden, wenn sie Plätze in den Parlamenten wegneh-
diese selbst besetzen. Bisher hecheln sie der NPD immer nur hinterher. men – und es sich erledigt hat, wenn sie dort wieder verschwunden sind.

Der wirkliche Kampf gegen die NPD muss in der Gesellschaft und von der Gesellschaft geführt
8. NPD-Wahlerfolge nicht mit sozialen Problemen entschuldigen werden, in Städten und Dörfern, auf Schulhöfen und an Buswartehäuschen. Wenn sich dort nie-
Natürlich wählen auch Arbeitslose die NPD, aber sie tun das nicht, weil sie arbeitslos sind, sondern mand für Demokratie und Menschenrechte einsetzt, haben die Rechtsextremisten schon gewonnen.
weil sie deren rassistischen Parolen glauben. Das ist ein wichtiger Unterschied. Von den Wählern, die
bei der sächsischen Landtagswahl im September 2004 der NPD ihre Stimme gaben, waren nur 20 An den Schulen sieht es oft traurig aus – gerade im Osten. Was kann dabei herauskommen, wenn
Prozent arbeitslos. Aber 96 Prozent waren der Überzeugung, von Ausländern gehe eine „Überfrem- ein desinteressierter Lehrer mit autoritärer DDR-Vergangenheit den Schülern demokratische
dungsgefahr“ aus; bei einem Anteil von gerade 2,8 Prozent nicht-deutscher Bevölkerung in Sachsen. Werte vermitteln soll? Aber auch im Westen hat kaum ein Pädagoge Ahnung von der rechten Ju-
gendkultur. Und den Bildungsministern ist die Didaktik im Mathematikunterricht wichtiger als
Wenn CSU-Chef Edmund Stoiber öffentlich die gestiegene Arbeitslosenquote und Gerhard politische Bildung – jedenfalls wird für Ersteres viel mehr Geld ausgegeben. Gegen die NPD hilft
Schröder für das Erstarken der NPD verantwortlich macht, lenkt er also vom eigentlichen Pro- es nicht, in der Schulordnung das Tragen von Springerstiefeln zu untersagen und einmal im Jahr
blem ab, nämlich dem rechtsextremen Weltbild eines wesentlichen Teils der Bevölkerung. in die nächstgelegene KZ-Gedenkstätte zu fahren.
Deutschland sei in einer Situation wie „seit 1932 nicht mehr“, sagte Stoiber mit Blick auf die Zahl
von sechs Millionen Menschen ohne Job. Das bringt wenig für die Auseinandersetzung mit der
NPD und ist historisch falsch. Die Weimarer Republik scheiterte nicht an Massenarbeitslosigkeit, 11. Alternative Jugendkulturen fördern
sondern weil die bürgerlichen Parteien damals die Demokratie nicht verteidigt haben. Die extreme Rechte hat erkannt, dass sie die Jugend mit kulturellen Angeboten am besten erreicht.
Verbote bringen wenig, dadurch wird es nur noch spannender, Nazi-Konzerte zu besuchen.

9. Die NPD nicht mit der PDS oder Linksextremisten gleichsetzen Wo Rechtsextremismus zum Lifestyle geworden ist, muss man mit Lifestyle dagegenhalten. So-
Wer die PDS mit der NPD auf eine Stufe stellt, verharmlost die Rechtsextremisten. Die Postkom- lange die Linken cooler sind und mehr Spaß haben, ist noch nicht alles verloren. Wenn der Dorf-
munisten sind längst eine staatstragende Partei geworden, die NPD aber will diesen Staat stürzen. bürgermeister sagt, Punks seien dreckig, und der Lehrer meint, bunte Haare gehörten sich nicht,
Die PDS hat in den vergangenen 15 Jahren dafür gesorgt, dass auch die Wiedervereinigungsgegner dann freut sich die NPD. Sie sieht das genauso. Es kann verheerend wirken, wenn Skaterbahnen
in der Bundesrepublik angekommen sind, sie hat die DDR-Nostalgiker in die parlamentarische De- abmontiert und Sprayer aus Jugendclubs geworfen werden. Dann haben die Rechten freie Bahn.

42 43
MIT RECHT GEGEN RECHTS

Sie geben bereits heute in vielen Gegenden Ostdeutschlands den Ton an. Wer dort jung ist und
seine Ruhe haben will, braucht sich nur rechts zu geben.

12. Initiativen gegen Rechtsextremismus unterstützen


Wer Zivilcourage gegen rechts fordert, muss sie auch fördern – oder sie zumindest nicht behin-
dern. Als vor ein paar Jahren ein Anschlag auf die Erfurter Synagoge verübt wurde, organisierten
Jugendliche eine Menschenkette und druckten Flugblätter. Die Polizei hatte nichts Eiligeres zu
tun, als Anzeige zu erstatten – die Bürger hatten auf den Flugblättern das vorgeschriebene Im-
pressum vergessen. Weitere Beispiele? Ein Bürgermeister weigert sich, den Wahlaufruf einer In-
itiative gegen die NPD im Amtsblatt abzudrucken. Eine schwarz-gelbe Landesregierung dreht ei-
ner anerkannten Anti-Nazi-Initiative den Geldhahn zu.

Die Arbeit gegen Rechtsextremismus muss langfristig geführt werden und unabhängig davon, ob
das Thema gerade in Mode ist oder nicht. Im Sommer 2000, als die deutsche Öffentlichkeit groß
über Rechtsextremismus debattierte, legte die Bundesregierung Förderprogramme gegen rechts
auf – seitdem wird Schritt für Schritt wieder gekürzt. Gerade in Ostdeutschland aber gibt es kaum
andere Geldquellen, die kommunalen Kassen sind leer, und die Wirtschaft ist zu schwach für gro-
ße Sponsoringaktivitäten. Für viele Initiativen bedeutet dies zeitraubende Betteltouren bei Spen-
dern und Stiftungen. Oder das Ende.

Auszug aus:
Moderne Nazis. Die neuen Rechten und der Aufstieg der NPD.
Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln, 2. Auflage 2006. 224 Seiten. 8,95 Euro

Über das Buch:


Die NPD ist in den vergangenen Jahren zu einer Bedrohung der Demokratie geworden – aber
nicht, weil sie bald in den Bundestag oder gar irgendwann ins Kanzleramt einziehen könnte.
Sondern weil sie – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – an einer Faschisierung der
ostdeutschen Provinz arbeitet. Dort ist sie inzwischen fest verankert („national befreite Zonen“),
hat einen stabilen Wählerstamm, sickert in die Gesellschaft. Wer dort nicht dem völkischen
Weltbild entspricht, muss im Alltag entweder sehr tapfer sein – oder er geht. Die NPD ist die äl-
teste rechtsextremistische Partei Deutschlands, aber sie ist auch die modernste. Mit der konser-
vativen Partei der sechziger Jahre hat die neue NPD nichts mehr zu tun. Mit kalkulierten Eklats
wie im Sächsischen Landtag („Bomben-Holocaust“) trägt sie Positionen in die Öffentlichkeit,
die noch vor kurzem tabu waren. Anders, als man es von rechtsextremen Parteien gewohnt ist,
nutzen ihre Abgeordneten clever die parlamentarische Bühne. Die NPD hat heute ein revolu-
tionär-antikapitalistisches Programm, sie setzt auf aktuelle Themen, sie schwimmt mitten in der
rechtsextremen Jugendkultur. Ignorieren hilft nicht mehr.

Über den Autor:


Toralf Staud, Jahrgang 1972 studierte Journalistik und Philosophie in Leipzig und Edinburgh. Als
Redakteur der ZEIT hat er jahrelang die rechtsextremistische Szene und die NPD beobachtet.

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