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Zu Andersons Artikel 1

Es ist wohl über keinen Gegenstand der Freimaurerei so viel und so heftig debattiert worden, wie über die
erste Alte Pflicht. Insbesondere der Satz vom "stupid Atheist and irreligious libertine" ist Gegenstand
zahlloser Untersuchungen gewesen. Und dabei liegt der Kern der Frage doch ziemlich klar: mit der
Abfassung der Alten Pflichten wurde ein Dissentergeistlicher, der Reverend James Anderson, betraut.
England hatte zu dieser Zeit eine regierende Staatskirche und kirchliche Minoritäten, die aus den
Religionskriegen des letzten Jahrhunderts stammen. Ganz kurz sei hier die Religionsgeschichte Englands
gestreift. Heinrich VIII. (1509-1547) löst England von Rom. Sein Nachfolger Edward VI. (1547-1553)
ändert das katholische Dogma um. Seine Schwester Maria (1553-1558) stellt die katholische Kirche wieder
her. Deren Schwester Elisabeth (1558-1603) geht auf die Kirchenordnung Edwards VI. zurück, die
anglikanische Kirche wird Siegerin. Jakob I. von Schottland (1603-1625) war Protestant, trat aber zur
Hochkirche über, unterhielt daneben Beziehungen zu Rom.

Das schottische Presbyterium gewinnt Einfluss in England. Sein Nachfolger Karl I. (1625-1649) versucht,
die Hochkirche auch in Schottland einzuführen und entfesselt dadurch einen Aufstand der Schotten. Die
Independenten unter Cromwell und Milton stürzen den König. Der Lordprotektor Cromwell (1649-1658)
regiert mit Hilfe der Puritaner, die sich unter seinem Sohn spalten, Katholiken und Presbyterianer werden
unterdrückt. Unter Karl II. (1660-1685) müssen alle Staatsbeamten das Sakrament nach anglikanischer
Weise empfangen. Sein Bruder Jakob II. tritt offen zur katholischen Kirche über und gewährt seinen
katholischen Freunden zuliebe eine Art Gewissensfreiheit (1687).

Whigs und Tories vereinigen sich gegen ihn und berufen Wilhelm von Oranien auf den Thron (1689-1702).
Mit ihm siegt der Protestantismus über die Hochkirche; wohl versichert er in einer Toleranzakte
Religionsfreiheit, aber Katholiken bleiben ebenso wie Gottesleugner von Staatsämtern ausgeschlossen.
Seine Nachfolgerin, Anna II., Tochter Jakobs II. (1702-1714) stützt sich auf die englische Hochkirche, 1710
werden die whigistischen Beamten und Dissenters aus den Staatsämtern entlassen, die Regierung bringt
mehrere Gesetze ein, die alle Dissenters von Staatsämtern und Lehrstühlen ausschließen. 1714 wird der
Kurfürst von Hannover König von England. Noch immer bestehen zahlreiche Verordnungen, welche die
Bürgerrechte der Dissenter, Nonkonformisten beschneiden. Man vergleiche Buckle, "Geschichte der
Zivilisation in England", um zu sehen, dass von 1739 angefangen eine zweite, geistige Reformation unter
Whitefield und Wesley anhob, die für die Rechte der Dissenter den Kampf begann.

Anderson war Vertreter einer unterdrückten Glaubensminorität; Toleranzprogramme sind seit jeher das
Vorrecht der Minoritäten gewesen.

Nicht dass er Toleranz forderte, ist also das Sonderbare. Viel eigenartiger ist es, dass die Männer der jungen
Großloge ihm zustimmten, indem sie dieses freimaurerische Toleranzpatent des Jahres 1723 guthießen.
Auch Locke hatte seine Toleranzforderungen erhoben. Aber die Katholiken hatte er ausgeschlossen. Hier
wird zum ersten Mal von einer Religion gesprochen, in der alle Menschen übereinstimmen. Dieser Satz ist
das Fundament der Freimaurerei geworden, und dieser Satz allein sichert den "Alten Pflichten" ihren
verbindlichen Wert auch für unsere Tage. Anderson flüchtet aus den Glaubenskämpfen seiner Zeit in das
Allgemeinverbindende des ethisch Differenzierten. Er schließt sich jener Forderung an, die man in seinen
Tagen die Religion des sittlichen Menschen schlechtweg nannte. Modern ausgedruckt: Religion ist
Privatsache, sofern sie in der praktischen Übung sittliche Folgerungen zeitigt. Das meint Anderson mit der
"religion in which all men agree". Gottesleugner lehnt er ab, ebenso Sittenlose, Libertiner.